Henriette von Paalzow
Godwie-Castle
Aus den Papieren den Herzogin von Nottingham

Vorwort des Verlegers

Zur ersten Auflage

Die Handschrift des hier im Druck erscheinenden Buches ist aus der Ferne auf eine nicht gewöhnliche Weise in die Hände des Verlegers gekommen, und zwar ohne Namen des Verfassers, der ihm völlig unbekannt geblieben ist. So unwahrscheinlich das vielleicht auch Manchem erscheinen mag, so ist es doch die volle Wahrheit.

Was den Inhalt des Werkes anbetrifft, so werden Leser, die nicht flüchtig, sondern mit Geist und Beobachtungsgabe zu lesen gewohnt sind, die Bedeutsamkeit desselben bald erkennen, und dem Urtheil solcher schärfer und tiefer Blickenden muß es denn auch anheim gestellt bleiben, ob sie das hier Mitgetheilte als wirkliche Erlebnisse und eigentliche Denkwürdigkeiten, oder als Dichtung auffassen und betrachten wollen.

[1]
Zur zweiten Auflage

Die günstige Aufnahme, welche dieses Werk bei gebildeten Lesern gefunden, so wie die gleich bleibende Theilnahme des Publikums, machten diese zweite Auflage binnen Jahresfrist nöthig.

Obschon im Wesentlichen nichts verändert, so ist doch eine sorgfältig verbesserte Durchsicht der Sprache, wie der Sachen bei der jetzigen Auflage nicht unterlassen worden.

Die Frau Verfasserin, die zwar dem Verleger gegenüber ihre Anonymität abgelegt, dem Publikum aber nur ihr Werk, nicht ihren Namen darbieten will, wird in der fortgesetzten Theilnahme an demselben gewiß die befriedigendste Genugthuung und einige frohe Lebensstunden mehr finden.

[2]
Zur dritten und vierten Auflage

Die neueste Auflage dieses deutschen Dichterwerks, welches im Andenken gebildeter Leser sich forterhält und dessen wiederholte Lektüre den Geistreichsten unter ihnen zum Bedürfniß geworden ist, meint der Verleger nicht besser und würdiger einleiten zu können, als durch den Abdruck jener ersten Recension, welche gleich damals erschien, als das Werk noch kaum bekannt war, und als deren Verfasser Herr Braniß, Professor der Philosophie an der UniversitätBreslau, sich unterzeichnet hat. Diesem bleibt das Verdienst, der Erste gewesen zu sein, der durch sein tief begründetes Urtheil die hohe Bedeutung vonGodwie-Castle anerkannte und klar entwickelte, den Autor, dessen Name noch nicht einmal vermuthet werden konnte, freudigst begrüßte und ihm jenen immergrünen Kranz, der nur Wenigen in diesem Felde der Dichtung zu Theil geworden, zuerst darreichte.

Jene Beurtheilung, welche vor fünf Jahren, am 7. November 1836, erschien, und hier als einleitendes Vorwort wieder abgedruckt ist, wird denkenden Lesern gewiß eine werthvolle Beigabe sein.


[3] »Walter Scott's geistreiche Weise, im Romane Dichtung und geschichtliche Wirklichkeit geschickt mit einander zu verweben, hat mit Recht die Theilnahme der Lesewelt in hohem Grade erregt, und wenn diese Theilnahme jetzt sehr gesunken ist, so mag dies wohl hauptsächlich von den vielen Nachahmern Scottischer Manier herrühren, welche ohne das Talent des geistvollen Britten, doch alle seine Fehler aufgenommen haben. Solcher Fehler giebt es denn freilich auch viele. Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwähnen, welche, weit entfernt eine größere Anschaulichkeit zu bewirken, den Leser vielmehr nur seine Unfähigkeit empfinden läßt, alle die kleinlichen Elemente zueinem Gesammtbilde zu vereinen, sei hier nur des großen Mißverhältnisses gedacht, in welchem bei Scott die Dichtung zu dem gegebenen geschichtlichen Stoffe steht. Nur zu sehr in der That läßt der Dichter es uns merken, daß er selbst sich weit mehr für das Historische, als für seine eigene Schöpfung interessirt, und jemehr es ihm vermöge der Lebendigkeit seiner Darstellung gelingt, auch dem Leser ein Interesse für das Geschichtliche einzuflößen, desto dürftiger muß diesem der innerhalb mächtig hervortretender Weltverhältnisse sich abspinnende kleine Liebesroman erscheinen. [4] Ja selbst der von Scott mit großem Erfolg gebrauchte Kunstgriff, durch das geheimnißvolle Dunkel, darein er eine lockere Erfindung so lange als möglich zu hüllen weiß, die Neugier des Lesers in Spannung zu erhalten, dient nur dazu, bei endlich erfolgter Entwickelung um so mehr das Gefühl der Enttäuschung hervorzurufen, indem der lange genährten Erwartung statt einer wichtigen, weitgreifenden Katastrophe, zuletzt doch nichts dargeboten wird, als die Vereinigung eines halbwüchsigen Liebespärchens, an dem sich die großartigsten weltgeschichtlichen Bewegungen verkrümeln. – Unstreitig ist der unmittelbare und wesentliche Stoff des Romans überhaupt das Leben der Familie, wie denn dies in der Romanen-Literatur stets durch die That anerkannt worden ist. Wir erinnern nur an die älteren englischen Romane; und selbst unsere verrufenen deutschen Familiengemälde sind nicht darum so geringhaltig, weil sie das Familienleben darstellen, sondern weil sie es in seiner größtmöglichsten Dürftigkeit auffassen, weil sie die Poesie darin suchen, es aus allem Zusammenhang mit allgemeinen Interessen herauszureißen, und seine ganze Energie auf die ungestörte Erhaltung einer isolirten Existenz hinzurichten; daher denn auch Armuth bei ihnen ein so wichtiges tragisches Motiv ist, und dauerndes Familienglück hauptsächlich durch plötzlich [5] hereinscheinenden Reichthum bewirkt wird. Ein würdiger Gegenstand für die Poesie ist aber die Familie erst, wenn sie der gemeinen Noth des Lebens durch günstige äußere Verhältnisse entrückt, zu keiner Verzichtleistung auf höheren und feineren Lebensgenuß gezwungen ist. Mannigfaltigere Interessen treten dann in ihr hervor, sie selbst öffnet sich dem, was die Welt bewegt, und ohne sich an das öffentliche Leben aufzugeben, nimmt sie doch dessen Wirkung in sich auf, und entwickelt erst so ein in Gesinnung, Karakter und Thatkraft innerlich reiches, wahrhaft sittliches Dasein. Wird nun die Familie in dieser Würde und Bedeutsamkeit Gegenstand dichterischer Produktion, so kann sie nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu den Mächten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden, – wie z.B. der edle Familienkreis, in welchen Wilhelm Meister uns einführt, an Kunst, weltbürgerlicher Erziehung und großartiger Industrie die Bezüge hat, die ihn der Geringheit und Dürftigkeit eines blos selbstischen Familieninteresses entreißen – oder es muß eine bestimmte, im Leben eines Volkes bedeutsame, geschichtliche Zeit sein, in die der Dichter uns versetzt, und die er am Familienleben reflektirt zu unserer Anschauung bringt. Eben dieser letztere Gedanke liegt nun auch den Scottischen Romanen [6] zu Grunde, konnte in ihnen aber freilich nicht genügend zur Ausführung kommen, weil Scott die Familie durch die allgemeinen Interessen völlig bewältigt, weil er uns nicht die Geschichte durch die Familie hindurch, sondern umgekehrt die Familie nur in der Geschichte, sei es nun als thätiges Organ derselben, oder als leidenden Spielball der Ereignisse erblicken läßt. Es liegt zwar auch in dieser Fassung eine Wahrheit, eine solche jedoch, zu der wir des Dichters nicht bedürfen, die uns die Geschichte selbst auf allen ihren Blättern lehrt. Jene unvergängliche Seite der Familie dagegen, welche alle geschichtlichen Kämpfe und Wirren überdauert, jene in allem Wechsel des mannigfach bewegten öffentlichen Lebens sich unveränderlich erhaltende stille Macht der Liebe, Treue, Innigkeit und heiligen Vertrauens ist es, welche schon an sich gediegene Poesie, auch für die dichterische Behandlung ein unerschöpflicher Stoff ist. Wie trefflich nun dieser Stoff, wenn ein Meister ihn behandelt, sich gestalten läßt, zeigt das Werk, auf welches aufmerksam zu machen, der Zweck dieser Zeilen ist.

Wir werden durch Godwie-Castle mit einer englischen Familie bekannt, deren hoher Rang sie von alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrschern des Landes gebracht, und zur Theilnahme an der Leitung[7] des Staats berufen hat, so daß die Schicksale des Hauses vielfach durch den Gang der öffentlichen Angelegenheiten, und durch innigere, persönliche Verhältnisse zur Königsfamilie bestimmt werden. Die Personen, die wir kennen lernen, haben an dem Hofe der Königin Elisabeth und ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen, und die vertraute Freundschaft zwischen dem Haupte der Familie und dem Prinzen von Wales führt Verwickelungen herbei, wel che auf das sonst ungetrübte Familienglück einen düstern Schatten werfen, der sich erst spät zerstreut. Ueber die Begebenheiten selbst enthalten wir uns jedes Berichts, und bemerken von ihnen nur, daß sie ganz geeignet sind, die Theilnahme der Leser in hohem Grade in Anspruch zu nehmen. Desto angelegentlicher möchten wir die poetische Trefflichkeit des Werkes hervorheben. In der That sind darin alle oben an Scott gerügten Fehler auf das glücklichste vermieden. Viele höchst interessante historische Momente treten uns zwar darin entgegen: das letzte Lebensjahr Jakobs des Ersten, der sinnlose Uebermuth seines Günstlings Buckingham, die Verhandlungen wegen der Vermählung des unglücklichen Prinzen Karl, Burleigh's und Bristol's gewandte, aber in aller Staatsklugheit den Adel der Gesinnung bewahrende Politik in ungleichem Kampfe mit Richelieu's schleichenden[8] auf Hofintriguen, Weibergunst und Jesuitismus sich stützenden Machinationen – alles dieses und dem ähnliches führt der Verfasser mit dramatischer Anschaulichkeit unsern Blicken vorüber. Dennoch hält er es mit großer Besonnenheit so sehr als möglich im Hintergrunde, und läßt es nur so weit hervortreten, als es unmittelbar auf die Nottingham'sche Familie einwirkt, für welche er unser Interesse ungetheilt in Anspruch nimmt und erhält. In das Stammschloß derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der Erzählung, und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte, den großen Sinn seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswürdigem Talent, so ungetrübt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie, in welche bei solchem Anlaß Scott so leicht verfällt, daß wir darin völlig heimisch werden. Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin! Die alte Herzogin, eine wahrhaft verklärte, von keinem Erdenschmerze mehr berührbare Gestalt, auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines schönen Bewußtseins heiter zurückblickend, und jetzt nur noch in der Liebe zu den Ihrigen lebend. Ihr zur Seite die jüngere Herzogin, ein tief leidenschaftliches, von einem großen Schmerz umnachtetes Gemüth, dessen Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebändiget, nur [9] um so rührender die Fülle von Liebe, die es einschließt, und um so schöner die Stärke einer edeln Gesinnung offenbart. Wir müssen es uns versagen, diese andeutende Karakteristik fortzusetzen. Gleich den genannten Personen sind auch die übrigen, bis zur jüngsten Enkelin, welche in ihrer Kinderunschuld das anmuthigste Gegenstück zu der herrlichen Großmutter bildet, scharf individualisirt; wie verschieden aber auch in Karakter und Lebensrichtung, sind sie doch durch gegenseitige Liebe und Anerkennung, durch das Alle erfüllende Bewußtsein der Familienehre und einen für Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schönsten Einheit und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden, in welches hineinzublicken Genuß und Erhebung zugleich ist. Die schönste Zeichnung freilich ist die junge Fremde, an deren Erscheinen in Godwie-Castle sich viel Lust und Leid knüpft. Der Verfasser hat die Fülle von Liebreiz, die er über diese Gestalt ausgegossen, zugleich so durchsichtig für die ihr einwohnende hohe Seelenschönheit zu halten gewußt, daß die herzgewinnende Macht, die sie über ihre Umgebung ausübt, gewiß auch jeder Leser erfahren wird. Das liebe Mädchen muß viel leiden, so viel, daß wir mit dem Verfasser darüber rechten könnten, warum er sie über manche Widerwärtigkeit nicht sanfter hinweggeführt hat, wenn wir nicht wüßten, [10] einmal daß im Romane der Zufall sein Recht unbeschränkt behaupten müsse, und zweitens vornehmlich, daß gerade in jenen Schmerzen die größere Liebe des Dichters zu seinem Geschöpf sich kundgiebt, welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung verdanken. Seltsam genug, daß im Reiche der Poesie der Satz gilt: was der Dichter liebt, läßt er leiden. Dies zu belegen, braucht man nicht gerade an Heinrich Kleist zu erinnern, der seine Lieblinge förmlich quälen kann, selbst Göthe darf dafür angeführt werden; denn ruht nicht z.B. unter allen im Wilhelm Meister auftretenden Personen des Dichters Liebe vorzugsweise in Marianen und Mignon? Es sind diese beiden Gestalten aber auch die schönsten unter allen, wie sie die leidvollsten sind. So wollen wir denn auch unsern Verfasser dieser Dichterneigung ungestört folgen lassen, und statt unbefugt zu tadeln, lieber auf eine besondere Virtuosität desselben aufmerksam machen. Dies um so mehr, weil er sich in so strenge Anonymität zu hüllen gewußt hat, daß selbst dem Verleger, wie ein Vorwort berichtet, sein Name völlig unbekannt geblieben ist; ein kluger Leser, der sich aufs Rathen legen will, mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig erhalten. Es versteht nämlich der Verfasser nicht nur Gemälde mit der größten Gewandtheit und in anschaulichster Klarheit zu [11] beschreiben, sondern er giebt auch von einzelnen Gegenständen so pittoreske Darstellungen, und liebt es besonders, ganze Scenen in so bestimmter anmuthiger Gruppirung zu einem Leben athmenden Tableau zu gestalten, daß er sich als einen in die Geheimnisse der Malerkunst tief Eingeweihten verräth. Wir selbst wollen uns durch diesen Fingerzeig nicht zum Rathen verführen lassen, sondern uns nur des Trefflichen freuen, das die Kunst des Verfassers in dieser Beziehung uns dargeboten hat. Ein Talent, wie der Verfasser es hier zeigt, und wie wir es in anderer Weise anGöthe und Tieck kennen und bewundern, läßt es recht inne werden, daß, wie die Malerei in ihrer großen längst abgeschlossenen Zeit die Poesie in sich trug, so umgekehrt die mündig gewordene Poesie die Malerei einschließt. Und so mag man es wohl als einen richtigen Takt bezeichnen, wenn eine berühmte deutsche Malerschule unsrer Zeit sich so gern an die Dichter lehnt und ihnen in ihren Darstellungen nachstrebt; wiewol es immer eine bedenkliche Frage bleibt, wozu doch das Streben nach einem bereits Erreichten führen könne, nach einem Erreichen zumal, welches für dieses Streben ein Unerreichbares ist; denn für eine Anschauung oder Empfindung, die der echte Dichter bereits gestaltet, und der er am Worte einen geistigen, helldurchsichtigen Leib gegeben hat, [12] sind selbst Farbe und Klang zu stoffartige, trübe Darstellungsmittel. Sei dem nun wie ihm wolle, wir, die wir nichts von der Berliner Kunstausstellung abbekommen, wollen uns an unserm Lesepulte der herrlichen seelenvollen Bilder, welche der Dichter von Godwie-Castle uns vorführt, dankbar freuen.

Unerwähnt darf nicht bleiben, daß der Verfasser, was ihm sehr hoch anzurechnen, es in echter Dichtervornehmheit vorschmäht hat, den Leser mit der Auflösung der räthselhaften Begebenheit, die den Inhalt des Buches bildet, in beliebter Scottischer Weise möglichst lange hinzuhalten, und so durch Spannung einen vorübergehenden Effekt zu erzielen. Schon am Anfange des zweiten Theiles erhalten wir diese Auflösung, und wenn der Verfasser, wie er selbst sehr schön sagt, es vorgezogen hat, den Leser lieber »in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie zu vermeiden wären,weiß, und doch außer Stand gesetzt ist, schützend oder warnend einzuschreiten« – so ist es ihm mit der Erzeugung dieser Stimmung bei dem Referenten wenigstens vollständig gelungen.

Die Sprache des Verfassers hat viel Eigenthümliches; ein sehr kompakter Periodenbau, in welchem[13] durch eine zuweilen etwas ungewöhnliche Wortstellung ein klingender Rhythmus sich bemerkbar macht, der oft nahe an den Vers streift, zeichnet besonders die beiden ersten Theile aus. Im dritten läßt die auf den Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach; einzelne Stellen verrathen Eilfertigkeit, auch Inkorrektheiten laufen mitunter. Diese letzteren indeß zu rügen fällt dem Referenten gar nicht ein, vielmehr freut er sich über so eine Inkorrektheit, wie Tischbein über den Esel. Es ist nämlich in unsern Tagen nichts so wohlfeil geworden, als ein sogenannter guter Stil; Alles besitzt ihn, ja je bornirter einer ist, desto besser handhabt er ihn; eine geleckte, geschwätzige, in bestimmter fertiger Phraseologie glatt und ohne Anstoß wie auf einer Chaussee dahinrollende Redeweise ist völlig zum Gemeingut worden. Weil denn nun Alle einen guten Stil haben, und zwar Alle den nämlichen guten Stil, so steht zu befürchten, daß darüber aller Stil zu Grunde gehe, der nämlich, von dem es heißt: le style ce'st l'homme! Ein bedrohliches Zeichen, daß wir uns wirklich dem glänzenden Elend der Klassicität nähern, womit für eine Nation doch nichts anders gesagt wird, als daß sie in ihrer Literatur das Bewußtsein einer großen Vergangenheit ausspricht, ohne eine über sich hinausragende Gegenwart zu haben. Mußten wir ja sogar erst kürzlich, [14] und zwar aus der Mitte des weiland jungen Deutschlands heraus, ein Liedchen singen hören, daß die graue Nebelgestalt des alten Ramler mit den berufenen Wappenschildern von klassischem Muster, Korrektheit, Geschmack u.s.w. aus ihrer Vergessenheit heraufbeschwört. Solcher Richtung gegenüber muß man es noch für ein günstiges Symptom halten, wenn der herrliche Göthe nicht allgemein anerkannt, ja wenn er verunglimpft wird; besser so, als daß er, was von einer andern Seite her in kurzsichtiger Aesthetik geschieht, zum Musterpoeten verknöchert wird. Es hat indeß mit der Klassicität keine so große Gefahr, so lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedrängter Muße zu schaffen vergönnt ist, und so lange noch große Unbekannte, wie der Verfasser von Godwie-Castle, unsere Literatur bereichern.«

Braniß. [15]

[3] Erster Theil

Der Tag neigte sich zu Ende. Leichte Nebel stiegen aus den Thälern und verbreiteten eine seltene zauberische Beleuchtung, indem sie die Strahlen der Sonne, welche einen warmen Frühlingstag verklärt hatten, sanft verhüllten. Wer hätte nicht der Natur Momente abgelauscht, wo die wunderbare Gestaltung der Wolken oder das durch Nebel gebrochene Licht so phantastische Erscheinungen hervorruft, daß wir uns an die reizenden Fabeln erinnert fühlen, denen wir schon im Schooß der Wärterin horchten, und die mit ihren goldnen Bäumen auf Wiesen von Smaragd, ihren Palästen von Rubin und Edelstein, ihren Ursprung in nichts Anderem, als in solchen zauberischen Naturgemälden, gehabt haben mögen.

Die weite Aussicht von dem Standpunkt, an den wir hier unsere Mittheilungen hauptsächlich anknüpfen, zeigte eine entzückende Vereinigung erhabener und lieblicher Naturgegenstände, und das Auge konnte von keinem unbefriedigt zurückkehren.

Wir befinden uns in dem schönsten Theile der Grafschaft Nottingham, zwischen Chesterfield und den anmuthigen Höhen von Cheffield. Hier lag das Stammschloß der Grafen von Derbery, Herzöge von Nottingham, und bildete mit seinen weitläuftigen Wäldern und reizenden Thälern den vornehmsten Theil dieser Gegend, indem es zugleich ein prächtiges und ausgezeichnetes Denkmal verschiedener Jahrhunderte mit ihrem fortschreitenden Geschmack und erweitertem Bedürfniß darstellte. Es brachte seinen alten Namen, Godwie-Castle, aus einer so grauen Vorzeit herüber, daß selbst das alte Geschlecht, das sich jetzt seine [3] Besitzer nannte, es nicht wohl erweisen konnte, ob es einen ihrer fernen Urväter als Erbauer des eigentlichen Castells nennen dürfe, das mit seinen von der Zeit fast spurlos verwischten Wappenschildern alle Bemühungen der Heraldik vereitelte. Nicht weniger aber ward es mit einer Sorgfalt geehrt und erhalten, von der es zweifelhaft blieb, ob sie der Verehrung für die früheste Periode der Baukunst angehöre, oder dem schmeichelhaften Glauben an einen bis in die graueste Vorzeit reichenden Besitz. Gewiß blieb es aber, daß die Vergrößerungen des Schlosses, die eben so vielen verschiedenen Zeiten, als Besitzern, angehörten, stets mit einem schonenden Rückblicke auf die erste, wenn auch rohe, doch von Ausdehnung zeugende Anlage unternommen wurden. So war, von dem frühesten Bedürfniß, nur eine gesicherte Wohnung zu besitzen, bis zu der freieren Existenz in einer Zeit, die, durch öffentliche Sicherheit, Reichthum und vorschreitende Bildung, das Schöne und Angenehme forderte und zuließ, ein überall beabsichtigter, wenn auch oft schwer zu erreichender Zusammenhang unter den verschiedenen Bauwerken beobachtet worden. Das Castell, das so als der älteste Theil bezeichnet ward, lag an dem Rande einer Höhe, die unfehlbar in früheren Zeiten einen Theil der Befestigungen getragen hatte und den späteren Besitzern, welche hier nur unscheinbare Trümmer vorfanden, den weiten Raum für ihre großartigen Anlagen gab. Das Castell war noch immer der Eingang zum Schlosse geblieben, und allerdings dazu durch den Ernst und die Größe seiner Formen und die überall noch sichtbaren Befestigungen sehr geeignet. Die breiten geebneten Wege, die das Thal und den Wald in verschiedenen Richtungen durchschnitten, liefen in dem weiten grünen Raume zusammen, der sich vor den Befestigungen ausbreitete und gegen Norden hin von dem prächtigen Walde in einem Halbkreis umschlossen ward. Die wasserreichen Gräben mit ihren grünen Wällen und befestigten Brücken schienen [4] noch jetzt einer kriegerischen Macht jeden Widerstand bieten zu können, doch blieb dem gründlicheren Beobachter nicht lange verborgen, wie diese schirmenden Wälle und Gräben sich sanft hinter der Hügelreihe in den schönen Wiesengründen verloren, die dem Thal nach Süden hin mit dem Zauber der Kultur eine bessere Aussicht auf Schutz und Sicherheit gewährten. Von dort aus zogen sich die Meiereien und ländlichen Wohnungen der Fischer und Waldheger, welche zerstreut angebaut waren, in einem Kreise um den Park, der nach Abend hin einen See umschloß. Die größte Ausdehnung hatte dieser nach Norden und verband sich dort mit dem Walde, der bis dicht an die Terassen des Schlosses seine mächtigen Häupter trug und, durch roh in Stein gehauene Stufen damit verbunden, theilweis zu den Park-Anlagen benutzt war.

Noch immer unterhielt man auf den verschiedenen Brückenthürmen Wächter, welche die Ankunft von Fremden aus der Ferne schon durch den Ruf ihrer Hörner verkündigten. Aber an die grauen Thürmchen mit ihren Schießscharten und Fallgattern lehnten sich freundliche Hütten; und blühende rothwangige Kinder, in trauter Gemeinschaft mit den zahmen Bewohnern des Waldes, die die grünenden, von der Sonne beschienenen Wälle gern zu ihren Futterplätzen ersahen, schienen die einzige streitbare Macht dieser ersten Festungslinie. Doch überschritt wohl keiner die letzte Brücke, ohne einen Augenblick zu weilen und den Ueberblick zu genießen, der diese großartige Architektur zugleich als eine interessante Geschichte der Baukunst darstellte.

Den Eingang zum Castell erreichte man über eine Zugbrücke, die unmittelbar in ein hohes gewölbtes Thor führte, das von zwei sonderbar gewundenen und mit Gallerien verbundenen Thürmen gehalten ward. Man hatte alsdann den Schloßhof erreicht, und dem Eingangsthor gegenüber zeigte sich die schönste, wenn auch nicht die älteste Seite des Castells. Sie gehörte [5] einer spätern Zeit und schon bestimmt der gothischen Baukunst an; aber sie war – durch welche Begebenheiten, blieb unentschieden, – in ihrem oberen Ausbaue der Zerstörung am meisten anheim gefallen und zeigte nur noch die unteren Räume erhalten, die in drei hohen gewölbten Hallen bestanden und den Durchgang nach dem zweiten Schloßhof bildeten. Mit angenehmem Erstaunen sah man sich von hier aus dem prächtigen Wohngebäude gegenüber, das, mit allem Glanz seiner stets reichen Besitzer in dem reinsten Style errichtet, den wohlthuenden Eindruck hervorrief, als ob man die Herrschaft des Schönen unter dem Schutze civilisirterer Zeiten hier aufgeblüht sähe.

Das Schloß lag auf dem höchsten Punkte und daher höher, als das Castell, und der Schloßhof führte in breiten gemauerten Wegen die leichte Anhöhe hinan. Die Hinterseite des Schlosses lag auf der Terrasse ausgebreitet, welche von da zu dem Parke führte. Hier, von der Gartenseite aus, gewahrte man den neuesten Anbau, unter dem Großvater des letzverstorbenen Herzogs entstanden, und zwar nach seiner Rückkehr aus Italien von einer Gesandtschaft an Sixtus den Fünften, wohin ihn Elisabeth gesendet, während ihrer kurzen Freundschaft mit dem heiligen Stuhle.

Der Erbauer hatte hier den Geschmack seiner Vorfahren am meisten beeinträchtigt. Italien hatte seine Phantasie mit Bildern entzückt, die keinen Raum auf dem vaterländischen Boden fanden. Kunstwerke jeder Art waren ihm gefolgt; aber die hohen gothischen Gemächer des alten Stammschlosses, mit ihren schmalen spitzen Fenstern und dem ungewissen Lichte der in tausend Farben spielenden Scheiben, war kein Aufenthalt für die Marmorbilder, die man aus ihren heiteren Säulenhallen weggeführt, noch für Kunstwerke des Pinsels, die vergeblich eine Gemeinschaft suchten an den mit Zierrathen überladenen Wänden, wo, nächst zahllosen, in Stein und Marmor gehauenen Wappenschildern, [6] nur die düsteren Ahnenbilder, aus der Kindheit der Kunst herstammend, zu ihnen niederstarrten. Die hierdurch erregte Besorgniß des Herzogs um seine Lieblinge löste sich bald im fröhlichen Gefühl ungemeiner Mittel, und er gab ihnen in einem neuen Flügel hinter hellen Scheiben und luftigen Kuppeln die Heimat wieder, so weit dies unter Englands Nebelhimmel möglich war.

Nahm der italienische Flügel vom Hauptgebäude aus den nördlichen Theil der Terrassen ein, so hatte dagegen die Gemahlin des Herzogs, eine Gräfin aus dem Hause Devereux, an der anderen Seite der Terrasse nach Süden eine Kapelle aufgeführt, die deutlich die Einwirkung zeigte, welche der Geschmack des Herzogs durch den Aufenthalt in Italien davon getragen. Aber es war auch nicht zu läugnen, daß man sich hier von dem unreinen Geschmack berührt fühlte, der später seine Verwirrung der gothischen und griechischen Baukunst über halb Europa ausbreitete. Dessenungeachtet diente auch diese weit aus der Erde gehobene Kapelle, mit ihren schönen Portalen, herrlichen Treppen und im blumenreichsten Schnitzwerk prangenden Fenstern, nicht minder zu einer Verherrlichung des Ganzen. Es führten von hier sanfte Wege ab in die angebauten Thäler, deren Bewohner sich auf denselben nach der Kirche begeben durften. Die Kapelle war durch den südlichen Thurm unmittelbar mit dem Schlosse verbunden. Der untere Raum desselben ward die Begräbnißkapelle genannt, weil darunter sich die Familiengruft befand und der Raum darüber vor Erbauung der neuen Kapelle zum Gottesdienst gebraucht ward. Dieser fast leere Raum grenzte an die fürstlichen Hallen, die in drei Abtheilungen sowohl die Tiefe als Länge des ganzen Schlosses einnahmen. Nur um den Eingang von dem Schloßhof her zu trennen und die breiten Treppen nach den obern Gemächern zu führen, war der mittlere Saal durch prachtvolle Gitter und die Decke [7] tragende Pfeiler getheilt. Trotz seiner ungeheuern Größe und seiner verschwenderischen Ausstattung ward er weniger geachtet, und bei feierlichen Gelegenheiten mehr als stillschweigend gestatteter Tummelplatz der höheren Schloßbeamten und der zahllosen Dienerschaft angesehn.

Dagegen waren die daranstoßenden Säle mit einem überraschenden Glanze geschmückt, und trugen den ganzen Stolz ihrer fürstlichen Bewohner und allen Luxus, den England damals aufzuweisen wußte, ergänzt durch Italiens Schätze und den Kunstfleiß der vorschreitenden Niederländer, zur Schau.

Statt der Fenster öffneten sich weite Thüren nach den Terrassen hin, die, gegen die Annäherung der verschiedenen Thiere des Waldes durch goldene Gitter geschützt, Luft und Licht gar anmuthig einließen, und bei unfreundlicherem Wetter häufig zu den regelmäßigen Spaziergängen der Frauen benutzt wurden; wie denn jene Säle überhaupt allem gemeinschaftlichen oder öffentlichen Verkehr der Schloßbewohner gewidmet waren.

Die Fürsten gaben hier ihren Unterthanen oder dem Adel der Grafschaft Audienzen. Hohe Gäste wurden hier bewirthet, die fürstliche Jugend mit ihren Gespielen trieb hier ihre verschiedenen Lustvarkeiten; Familienfeste und Zusammenkünfte, in guter Jahreszeit das allgemeine Frühstück und die Tafel, Alles ward hier abgehalten; bis zu den pomphaften Leichenbegängnissen dieser Familie, welche mit ihren strengen Ceremonien den Saal zunächst dem Erbbegräbniß füllten. Dagegen schloß der nördliche Thurm im Erdgeschoß die prächtige Bibliothek in sich, und durch sie gelangte man zu den schönen Marmorstiegen, die den italienischen Flügel sogleich als das Kind einer fremden Zone ankündigten, welcher seit dem Tode des Erbauers, der ihn nie mehr verließ, die stete Wohnung der Herzöge blieb.

Die Zimmer, welche die Herzoginnen bewohnten, hatten jedoch, obwohl die alterthümliche Urgestalt weder entfernt [8] werden konnte, noch sollte, nach und nach Umgestaltungen erlitten, welche zu ihrer ursprünglichen Pracht noch das Schöne und Angenehme fügten; und wenn wir den ferner liegenden Waffensaal und den der Ahnenbilder, den man noch immer die Gallerie nannte, abrechnen, boten diese Zimmer zugleich einen schönen und imposanten Anblick dar. Das Schlafzimmer der Herzoginnen war im südlichen Thurm und von der Erbauerin der Kapelle durch einen verhüllten Eingang unmittelbar mit dem Chorstuhl verbunden, den die Herzoginnen darin einnahmen. Außerdem waren unter dem letzt verstorbenen Herzoge für den Prinzen von Wales, welcher in naher Verbindung mit ihm stand, eine Reihe Zimmer eingerichtet, eines so hohen Besuches und so freigebigen Wirthes gleich würdig, welche, wenn auch nur selten geöffnet, doch stets für die vornehmsten Gäste ihre Bestimmung behielten. Alle Theile des Schlosses waren, wenn auch mit einem großen Aufwand an Raum, außerdem bewohnt, denn es gehörte zu dem Luxus damaliger Zeit, außer der höheren Dienerschaft beider Geschlechter noch einen unübersehbaren Troß geringer Dienstleute zu besitzen. Der argwöhnischen Politik der Königin Elisabeth war es zwar nach und nach gelungen, die eigentliche bewaffnete Dienerschaft ihrer Großen zu entfernen, die freilich fast jedes befestigte Schloß zu einer kleinen Festung umschufen, doch war kaum etwas Anderes erreicht, als daß die Waffen in den Rüstkammern hingen, und diejenigen, die sonst darin geübt murden, jetzt noch unnützer und geschäftsloser umherschweiften. Die nach Außen und Innen friedlichen Zeiten hatten diese frühere Gewalt auch von selbst ihres Werthes beraubt, denn entlassen waren diese zahllosen Bedienten nicht, und Herr und Diener sahen diese Schwelgerei unbeschäftigter Vasallen als einen nothwendigen Tribut an, den sie der Hoheit ihres Standes brachten. Doch war dieser Brauch, der in die Häuser der meisten Großen den Geist der Unordnung und Zügellosigkeit brachte, [9] hier auch in Grenzen gewiesen, die in Uebereinstimmung standen mit der hohen sittlichen Strenge ihrer Oberhäupter. Geprüfte Personen, an Bildung und Rang über die Dienerschaft erhaben, sorgten in den verschiedenen Abtheilungen dieses weiten Palastes für die Befolgung der strengen Vorschriften, welche diese Schwelger in Ordnung hielten, und waren mit hinreichender Gewalt bekleidet, um ihren Geboten Nachdruck zu geben. So glich das Schloß mehr einem kleinen, wohlgeregelten Staate, worin durch Pflichttreue und Fähigkeiten Erhöhung zu erlangen, und der Dienst im Schlosse, endlich in den Gemächern der herzoglichen Familie, ein Gegenstand war, um den sich der Ehrgeiz der Schloßdienerschaft drehte; denn grenzenlos war die Verehrung für ihre großmüthigen und erhabenen Herren, durch deren Glanz sie sich selbst über die Klasse ihres Standes erhoben wähnten.

Fast theilte England die Meinung der Vasallen. Das Geschlecht der Herzöge von Nottingham hatte durch Jahrhunderte einen seltenen Rang behauptet, in der Geschichte des Vaterlandes sowohl, als in der öffentlichen Meinung, die über Tugend und Karakter entscheidet; und es war um so höher zu verehren in den unruhigen Zeiten, welche die Inkonsequenz der Beherrscher über dieses so lange den schrecklichsten Parteiungen hingeopferte Land herbeigeführt hatte.

War das Schicksal auch nicht, ohne Opfer zu fordern, an ihrer Schwelle vorüber gegangen, das Höchste war ihnen geblieben: eine feste Behauptung edler Gesinnung! Nicht dem thörichten Wankelmuth zum Raube, der England seit Heinrich dem Achten zum religiösen und politischen Spielball seiner sich stets widersprechenden Könige machte, blieben sie treu ihren Unterthanspflichten, aber bei freier Bewahrung religiöser Ansicht, und zugleich in Milde und Duldung gegen anders Denkende. So wurden sie nie in die unseligen Kriege und Zwistigkeiten [10] verwickelt, die, der Natur und ihren heiligen Gesetzen Hohn sprechend, die Bewohner eines Landes, oft eines Heerdes zu blutiger Verfolgung für einen Glauben bewaffneten, dessen kaum Einer unter Tausenden sich klar bewußt war! Sie hatten in einer ruhmvollen Reihefolge den Feinden nach Außen sich gegenüber gestellt, die Verläumdung scheiterte an ihren patriotischen Opfern für Englands Beschützung, während an auswärtigen Höfen zu allen Zeiten die oft wiederholten Sendungen geistvoller Männer dieses Hauses achtungsvolle Aufnahme fanden.

Zur Zeit der Reformation warb Ortmar, Graf von Derbery, um die Prinzessin von Cleve für Heinrich den Achten. Erleuchtet von dem göttlichen Geiste Luthers, kehrte er aus Deutschland zurück, und von ihm ging für die Familie die Aufklärung aus, welche sie in fester Ueberzeugung ihrem alten Glauben entführte, und von da an zu treuen Anhängern der unter Eduard dem Sechsten beginnenden, unter Elisabeth endlich fest begründeten anglikanischen Kirche machte. Zur Zeit der katholischen Maria vom Hofe verbannt, zu ausgezeichnet, um größeren Verfolgungen ausgesetzt zu sein, entstiegen sie in verdoppeltem Glanze mit Elisabeth ihrer tugendhaften Verborgenheit, und der Vater des eben verstorbenen Herzogs genoß mit seinem ganzen Hause alle Auszeichnungen, welche diese erhabene Fürstin für die Belohnung treuer Anhänglichkeit so sinnreich zu erdenken wußte. Gern hätte sie dazu die unmittelbare Mitwirkung des Herzogs an den Regierungsgeschäften gefügt, wäre nicht die Neigung desselben, bei zunehmendem Alter sich auf den Umgang seiner Familie zu beschränken, ihr hinderlich gewesen, worein sie sich jedoch fand, ohne ihm ihre Gnade zu entziehen. Was indessen der Vater ihr versagen gedurft, glaubte sie desto bestimmter von seinem einzigen Sohne fordern zu können, und so ward der junge und schöne Mann an ihren Hof gerufen. In den ernsten und gelehrten Cirkeln, [11] die sie selbst umgaben, legte er, als der erste ihrer Diener, durch Umgang mit den ausgezeichnetsten Personen der damaligen Zeit den Grund zu der hohen Bildung, welche sich so segensreich für seine Familie zeigte. Sie sandte ihn später mit höchst wichtigen Aufträgen an Wilhelm von Oranien und vermählte ihn bei seiner Rückkehr mit einer Gräfin von Burleigh, welche sie als das erste Fräulein ihres Hofes angesehen wissen wollte, und welche in jeder Beziehung diesen Vorzug ihrer Königin verdiente. Sie sah ihren ehemaligen Pagen, wie sie ihn gern nannte, als ihr Werk an und war eitel darauf, die Erziehung eines Mannes vollendet zu haben, wie sie sich oft ausdrückte. Als dem Grafen kurz hintereinander zwei Söhne geboren wurden, äußerte sie lebhaft ihre Freude über das Fortblühen dieses Geschlechts, und machte sich mit einem Geschenke, welches bei ihr selten vorkam, zur Pathin des ersten, und ernannte den zweiten Sohn zum Grafen von Glandford, mit Wiederverleihung einer unter Maria confiscirten Besitzung, welche früher der Familie als freies Witthum der Gräfin Devereux mit der Bestimmung zugefallen war, dem zweiten Sohne der Familie Namen, Rang und Reichthum zu gewähren. Elisabeth freute sich, diese Stiftung auf Wunsch der Oberhäupter der Familie erneuern und sanctioniren zu können, und so zugleich eine Ungerechtigkeit ihrer gehaßten Vorgängerin wieder gut zu machen. Wenige Jahre später sandte sie ihn nach Frankreich an Catharina von Medicis, wo damals Troymorton, ihr ausgezeichneter Gesandter, sich aufhielt. Sie verzögerte seine Zurückberufung um ein Jahr, ihn selbst und den arglistigen Versailler Hof, der eine Vermählung des Herzogs von Anjou mit Elisabeth beabsichtigte, durch tausend kleine Vorspiegelungen hinhaltend, hinter denen sie gern ihre wahren Absichten verhüllte.

Der Graf von Derbery fand bei seiner Rückkehr seinen Vater nicht mehr und das Schloß nur von seiner trauernden [12] Gemahlin bewohnt; er eilte nun mit seinen beiden Söhnen nach London, um zu den Füßen seiner Königin den Lehnseid zu leisten und ihr die hoffnungsvollen Jünglinge vorzustellen, die sich schon in der Wiege ihrer Gunst erfreuten, und welche sie nun augenblicklich zum Aufenthalt an ihrem Hofe bestimmte. Der letzte und sicher nicht erwünschteste Auftrag der Königin bestimmte den Grafen, an Jakob den Sechsten die Nachricht von dem Tode seiner Mutter, der unglücklichen Maria von Schottland, zu überbringen. Wahrscheinlich leitete sie, neben der Rücksicht auf die Persönlichkeit dessen, der Jakob ihren Schmerzensbrief einhändigen und ihren merkwürdigen, allerdings etwas zweifelhaften Zorn gegen die Urheber dieser That bestätigen sollte, hauptsächlich der Wunsch bei dieser Wahl, den Herzog mit Jakob, den sie schon damals in der Stille zu ihrem Nachfolger ersehen hatte, zu befreunden. Durch die Art, wie sie den Herzog dem Könige empfahl, und der ungemeinen Hochachtung vertrauend, welche er sich überall zu erwerben wußte, war sie dies zu erreichen gewiß. Sie verlangte ausdrücklich, daß seine beiden Söhne ihn begleiten sollten, und berief unterdessen die Herzogin an den Hof. Robert, Graf von Derbery, der älteste Sohn, benutzte eben so, wie Archimbald, Graf von Glandford, diese Gelegenheit zu seiner Entwickelung mit ausgezeichnetem Eifer, und Archimbald, wie zum Diplomaten geboren, begleitete schon in den letzten Jahren der Regierung Elisabeths die Gesandtschaft, die mit Heinrich von Bearn wegen Sendung von Hülfstruppen gegen die Ansprüche Philipps des Zweiten auf die Thronfolge in Frankreich unterhandelte. Sein Benehmen war hier zwar ohne Einfluß, aber so fein und schicklich, daß Elisabeth von ihm Größeres für die Zukunft prophezeite. Zurückgekehrt, lebte er unter der Anleitung seines Oheims Cecil, ganz sich diesem Fache widmend. Er war das Bild der Selbstbeherrschung! Seine Figur war mittler Größe [13] und ohne Fülle, doch von einer augenscheinlich großen Kraft, die auch jeder seiner Bewegungen die vollkommenste Gewandtheit gab. Dies ließ die Meisten sehr leicht vergessen, daß dem Ausdrücke seines Gesichtes sowohl als seiner Figur jener imponirende, die Hoheit der Seele voraus verkündigende Anstand fehlte, den man vorzüglich später, als sein Name in seinem Vaterlande, wie an fast allen fremden Höfen bekannt ward, oft mit Befremden vermißte. Er beherrschte aufs Vollkommenste seine Muttersprache und außerdem fast alle fremden Sprachen, so wie die Sitten der von ihm besuchten Höfe ihm völlig bequem waren. Die Gabe, ohne allen Anschein der Beobachtung auch das Geringste wahrzunehmen, Alle durch seine Anreden oder Antworten zu befriedigen oder zu beschwichtigen, war ihm vollkommen eigen. Im Streit, in gelehrten oder politischen Unterhandlungen, bei der größten Ueberlegenheit im Wissen, Folgern und Beschließen, wußte er doch stets in die Einkleidung das bescheidene Aufhorchen eines Lernenden zu legen. Man konnte ihm nichts sagen oder mittheilen, was er nicht im Stande gewesen wäre, als längst bekannt und selbst in seinen fernsten Resultaten vorausgesehen, zurückzuweisen. Mit höchster Ruhe vermochte er den längsten Erörterungen zuzuhören, ohne das kleinste Zeichen der Ermüdung oder der Unaufmerksamkeit zu geben, und es stand eben sowohl in seiner Macht, endlich den Beifall daran mit Gründen zu rechtfertigen, als ihm die gefährliche Gewalt zu Gebote stand, in wenigen satyrischen oder kritischen Worten die auch noch so künstlich verflochtenen Gedanken ihres falschen Scheins zu entkleiden, und in ihr Nichts zurückzuführen. Doch konnte man ihm in seinem langen Leben nie nachsagen, daß er an einer guten Sache seinen Hang zur Satyre versucht hätte. Sein Stolz hatte bei dem vollen Bewußtsein seines Ranges und Namens doch jenen freieren Karakter, der sich in ihm mehr als Kosmopolit, denn als Engländer [14] entwickelt hatte, und den zu hegen, er mehr vielleicht noch seinen Eigenschaften, als seinem Namen vergab.

Robert, Graf von Derbery, der älteste Bruder und Erbe des herzoglichen Ranges, hatte bei mancher Verschiedenheit an Geist und Bildung den Bruder nicht erreicht. Er hatte von Elisabeth trotz seiner Jugend die Erlaubniß erhalten, den englischen Truppen zu folgen, die in der Normandie bei Dieppe zur Unterstützung des heldenmüthigen Heinrichs von Navarra erschienen, und so seinen heißesten Wunsch erreicht, der ihn mit schwärmerischer Verehrung zu diesem Prinzen zog. An Heinrichs kleinem Hofe, den kein anderer Glanz, als der der Waffen, schmückte, fand er jedoch Menschen, erwärmt von der großen Empfindung für Recht und begeistert von dem Gedanken der guten Sache: Zu siegen oder zu sterben! Ihm ward die Wohlthat, die erste Idee, die ihn ausschließlich erfaßte, für eine große und erhabene ansehen zu dürfen, für die er das Leben mit allen seinen Gütern einsetzte, und sich in diesem Brennpunkt aller Kräfte, noch vor den Jahren, zum Manne zu zeitigen.

Bald nachher war England durch den Tod seiner großen Beherrscherin in die tiefste und gerechteste Trauer versenkt. Elisabeth starb am vierundzwanzigsten Mai 1603, und nachdem Jakob der Sechste von Schottland als Jakob der Erste den Thron von England bestiegen, hielten die Großen, die ihm durch frühere Verhältnisse näher getreten waren, es für nöthig, am Hofe zu erscheinen, und die Familie des Herzogs von Nottingham zeigte sich für einige Zeit in London. Zwar war Jakob umlagert von den schottischen Großen, denen er sich verpflichtet hatte, und die jetzt Hülfe forderten und fanden; aber er war dennoch gerecht gegen seine neuen Unterthanen. Mit Erstaunen sah man Cecil, den Sohn des Grafen von Burleigh, seinen wichtigen Posten ruhig weiter behaupten, ohne seines Einflusses auf den Tod der unglücklichen Königin Maria weiter zu gedenken; und [15] während Jakob eben so eilig die Essex, Howards und Devereux aus ihrer Verbannung rief, gab er seinen Prinzen die Weisung, die Söhne der Gräfin Nottingham zu ihrem Umgange zu wählen. Nicht leicht ward ein Befehl des Königs mit mehr Lust erfüllt, als dieser. Die jungen Prinzen hatten schon in Schottland bei der damaligen Sendung des Herzogs, nach dem Tode der Königin Maria, wo die Jünglinge ihn begleiteten, mit den Grafen Freundschaft geschlossen. Obgleich Beide jünger, als die Grafen, glich sich doch dies leichter aus durch die angeborne Würde der Königssöhne.

Seltsam aber und doch bei der Prüfung der Karaktere sehr natürlich, schlossen sich, wie magnetisch angezogen, die am innigsten aneinander, die durch das Alter sich ferner standen. Heinrich, Prinz von Wales, hing sich mit Enthusiasmus an den Grafen von Glandford, während Carl, der jüngere Bruder, sich nicht mehr von seinem geliebten Robert zu trennen vermochte. Jakob sah die jungen Leute, unter denen er sich stets gefiel, so viel, wie möglich, um sich, doch der Wunsch, seinen geliebten Georg Villers ihnen zuzugesellen, blieb unerfüllt. Ohne sich auszusprechen, schien es eine stillschweigende Verabredung, ihn bei aller Höflichkeit, die sie dem Lieblinge des Königs schuldig zu sein glaubten, auf eine feine Weise von sich entfernt zu halten. Der König war seltsam genug, dies für Geringschätzung gegen seinen, wenn auch alten, doch nicht sehr ausgezeichneten Namen zu nehmen, ließ häufig wohl verständliche Winke darüber fallen und sagte endlich, als er seinen Liebling zum Herzog von Buckingham erhoben hatte: Nun werden meine stolzen Prinzen und ihre Grafen den Villers schon leiden mögen. Leicht hätte er beobachten können, wie wenig er seinen Zweck erreicht hatte, wären nicht Veränderungen in den Verhältnissen der jungen Leute selbst entstanden. Der Herzog von Nottingham wünschte seinen ältesten Sohn zu vermählen, und zwar mit der [16] einzigen Tochter des Heinrich von Digby, Grafen von Bristol. Lange Freundschaft verband die Häupter der Familien, und allerdings schien es für den jungen Grafen eine leichte Wahl, da die junge Gräfin so eben in dem vollen Glanze einer erhabenen Schönheit bei Hofe erschienen war; und abgesehen davon, daß ihrer ein fürstlicher Reichthum harrte, schien ihr Geist von ungewöhnlicher Bildung, und ihr Karakter an Festigkeit und Würde fast ihrem Alter vorausgeeilt zu sein. Sie war der Mittelpunkt aller Träume und Wünsche, aller Intriguen und Huldigungen, während sie selbst mit stolzer Kälte Alle von sich entfernt hielt, und den Herzog von Buckingham blos aus Rücksicht für den König, den Grafen von Derbery aus Gehorsam gegen ihre Eltern zu dulden schien. Doch war leicht wahrzunehmen, wie Robert nur die Rücksicht beobachtete, die ihm die Verhältnisse beider Familien abnöthigten, während er mit glühendem Angesicht einem andern Sterne sich zugewendet hatte, der zur selben Zeit den Hof verherrlichte. Der König hatte die Mutter, den Bruder und die Schwester seines übermüthigen Lieblings in den Grafenstand erhoben, und auch ihnen den Namen Buckingham verliehen. Die neue Gräfin erschien mit ihren Kindern am Hofe, dem Könige zu danken und ihre Tochter der Königin vorzustellen. Die Gräfin war eine schöne, würdevolle Frau, aus einer vornehmen, schottischen Familie, durch eigenen Werth und ausgezeichnete Verbindungen zu einer bedeutenden Stellung berufen. Ihr zur Seite stand das Fräulein von Villers, ihre einzige Tochter, in einer so vollendeten idealischen Schönheit, so abweichend von allem, was man vor ihr darunter verstanden hatte, daß Jakob selbst, höchst unempfänglich für weibliche Reize, lachend sich die Hände vor ihr rieb, und höchst verlegen um einen Ausdruck, oft wiederholte, daß seine hochselige Mutter auch von großer Schönheit gewesen, nicht zum Frommen und Seegen ihres armen Landes. Gott sei ihr gnädig! fügte er stets hinzu. Dies [17] indirekte Lob gab zu verstehn, daß er die Gräfin zu einem ähnlichen Anspruch auf Schönheit berechtigt glaube. Gewiß war es, daß nicht allein der König, der seine Mutter nur nach einem Bilde aus ihrer ersten Jugendzeit kannte, sondern auch Alle, die der unglücklichen Fürstin damals persönlich näher getreten waren, die auffallendste Aehnlichkeit der jungen Gräfin mit jener durch ganz Europa berühmten Schönheit fanden. Man flüsterte, daß, als die junge Gräfin zuerst an dem Hofe der Königin erschien, und zwar wegen ihres kurz vorher verstorbenen Vaters in tiefer Trauer, der Graf von Burleigh gegen die Regeln der Etikette einige Schritte vor dem König vorausgeeilt und, als sie, dadurch erschreckt, die großen melancholischen Augen zu ihm aufgeschlagen, von einem jähen Schwindel befallen worden sei, der ihn genöthigt, Whitehall sogleich zu verlassen. Schrecken war fast auch die erste Empfindung, womit sein Neffe Robert die Gräfin ansah; aber es war das Erschrecken, welches das unentweihte Herz erschüttert, wo die Liebe zuerst ihren Zauber verbreitete. Eine Sekunde schien ihn verwandelt zu haben. Zum ernsten Nachdenken über sich von Jugend auf gewöhnt, begriff er den Taumel nicht, in dem sich selbst wieder zu finden alle Bemühungen fruchtlos schienen! Der erste Seufzer entstieg dieser lebenskräftigen Brust, voll Sehnsucht suchte er den Freund, aber beiden Prinzen hatte ihr hoher Rang an der Seite der höchsten Schönheit einen Platz verschafft, und Buckingham stand mit übermüthigem Lächeln und blickte auf den Triumph, den unbewußt die Schwester ihm erringen half. Der Platz neben der jungen Gräfin von Bristol blieb unberührt von Robert von Derbery. Er war und blieb im Saale, der diesen Zauber in sich schloß, aber er war unfähig zu einem Worte, ja, er sah die Gräfin kaum, die seltsam bleich und verändert den kühnen Annäherungen Buckinghams ein so hingebendes zerstreutes Wesen entgegensetzte, daß er weiter, wie je, gekommen zu sein schien [18] und doch unzufriedener, als sonst, aus ihrer Nähe schied. Als Robert von Derbery den Prinzen nach seinen Zimmern begleitet hatte und das Gefolge bis auf ihn entlassen war, blickten die Jünglinge zuerst sich an, und stumm und heftig sanken sie einander in die Arme! Da fühlte Carl heiße Thränen an seinen Wangen, erschrocken richtete er den Freund in die Höhe und sah fragend in das glühende schöne Gesicht seines Robert. Stumm blickten sie sich eng umschlossen an, und leise öffnete der Graf die Lippen. Das Geständniß, was seine vom Himmelsglanz der Liebe strahlenden Augen verkündigten, sollte ihnen entgleiten, als Carl zum Tode erbleichend sich aus seinen Armen riß und mit fürchterlicher Heftigkeit abwehrend, die Hand nach ihm ausstreckend, ihm fast mit Entsetzen zurief: Schweig! Um Gottes willen, schweig! Kein Wort! Beim Himmel und der Erde, kein Wort! – Starr blieben sie so stehn, alles Leben schien von Beiden gewichen, bis Robert, über den Zustand Carls von zärtlicher Angst ergriffen, seine kalten Hände faßte und an seinem glühenden Gesicht, an seinem treuen Herzen sie zu erwärmen strebte. Doch Carl lag jetzt still und wortlos an des Freundes Brust, seine Augen waren tief zu Boden gesenkt; doch Beide, von Gefühlen überwältigt, sprachen kein Wort, bis schüchtern Porter, der Kammerdiener des Prinzen, die Thüre öffnete. Der Prinz kannte dies demüthige Zeichen, womit der treue Diener oft die langen Nachtwachen des Prinzen zu unterbrechen suchte; er folgte auch dies Mal sanft, wie ein geduldiges Kind. Ohne einen Blick auf Robert zu wenden, drückte er ihm die Hand, und mit kaum vernehmlicher Stimme sagte er ihm: Bleib mir getreu! Bis in den Tod! rief der Graf und beugte ehrfurchtsvoll sein Knie, indem er die geliebte Hand an seine Lippen drückte. Der Prinz entrieß sie ihm, preßte sie mit Heftigkeit an seine Augen und war verschwunden.

[19] So lange der Hof Zeit behielt, war man damit beschäftigt, die beiden schönsten Damen des Hofes, die Gräfinnen von Bristol und von Buckingham, zu vermählen. Am nächsten hierzu schienen wieder die jungen Grafen von Drebery, der Herzog von Buckingham und noch einige minder wichtige Herren des Hafes. Aber wie dies einzurichten war, blieb ein weites Feld für die verschiedensten Muthmaßungen. Buckingham bewarb sich mit größter Zuversicht um die Gräfin von Bristol, und Niemand wagte an seinem Gelingen zu zweifeln, besonders da sein mächtigster Rival, Robert, Graf von Derbery, seit dem Erscheinen der Gräfin von Buckingham verloren schien für die übrige Welt. Ohne sich ihr bestimmt zu nähern, schien er doch in ihrer Nähe nur Luft und Nahrung einzuathmen. Ein Wort aus ihrem holden Munde, ein Blick aus ihren himmlischen Augen, die stets so ernst und freudlos umherschauten, schien Kraft und Leben in ihm hervorzurufen; und wandte sie sich von ihm, brach er zusammen, als ob sie alle Kraft mit sich hinweg geführt. Er war so kindlich, so ohne Arg seinen Gefühlen hingegeben, daß er keine Ahnung davon hatte, wie kein Wesen bei Hofe lebe, das dies Gefühl nicht längst erkannt. Er sah weder die ernsten Blicke des Grafen von Bristol, noch hörte er die sanften Mahnungen seines geliebten Vaters. Seine Mutter berührte vergeblich mit zarter Frauenart die früheren Wünsche der Familie in Hinsicht seiner Vermählung. Mit sanftem Lächeln hörte er sie ruhig an, er verweigerte nicht, er gewährte nicht. Er schaute so rührend freundlich und doch so tief traurig in ihre Augen, daß ihr das Mutterherz zu brechen drohte, und wenn er sie verließ, wußte sie nicht, ob er sie nur gehört habe. Schon oft waren die Freunde zusammen getreten, sie hatten es gewagt, sich das Scheitern ihrer Hoffnungen zu gestehen, sie liebten beide den bezauberten Jüngling väterlich, und ein zartes Mitleiden mit seinem Zustande, den die wunderbar anziehende [20] Erscheinung selbst bei den ältesten Männern zu rechtfertigen schien, nahm ihrem Unwillen seine Schärfe. Die junge Gräfin von Bristol blieb dagegen Allen undurchdringlich. Mit derselben Würde erschien sie jeden Tag in dem ausgesuchtesten Schmucke, mit der Behauptung einer völlig gleichen Laune, bei Hofe. Sie war besonnen und geistreich, ohne Heiterkeit oder Witz zu besitzen; sie war prächtig, und ihre Stirn und der hohe, kalte Blick ihrer Augen wie zu einem Diadem geschaffen. Die blühende Fülle der Jugend, die sie vom Lande mitgebracht, und die ihrer Schönheit fast hinderlich war, hatte in der Stadt und von den endlosen Lustbarkeiten, denen sie wie einer Pflicht sich willig unterzog, gelitten, ihren Wangen war das glühende Licht entschwunden und ihrer Taille der volle Umfang; sie war nur noch schöner dadurch, und Buckingham schwur tausend Mal, sie überstrahle seine Schwester, wie die Sonne den Mond!

Wenige nur theilten diese Meinung. Man kaufte sich mit der Anerkennung ihrer seltenen Schönheit los, um sich an der Gräfin von Buckingham mit allen Entzückungen der Liebe und Bewunderung zu sättigen. Aber man frug sich, warum diese himmlischen Wangen so bleich sahen, warum diese tiefen seelenvollen Augen so melankolisch blickten, dieser süße Mund so selten lächelte, da doch aus diesem Lächeln der Wohllaut eines innern Himmels hervor zu brechen schien. Ihre hohe vollkommene Gestalt, ihre Bewegungen, das einfachste Wort, was von ihren Lippen mit sanftem Tone drang, es schien so ganz anders, wie alles Uebrige; und wenn die holdeste Demuth wie bittend aus ihr sprach, schien sie die Königin aller Gedanken, die Beherrscherin der Gefühle und Meinungen. Sie war der Liebling der Königin. Der König lächelte bei ihrem Erscheinen und sah ihr durch die langen Reihen nach. Man vermuthete, er hätte sie gern angeredet, hätte er je verstanden, einer Frau sich zu nähern; aber er freute sich unter seltsamen Bewegungen des Gesichts und [21] der Hände, wenn man sie rühmte, und rief oft, sein inneres Vergnügen dem Liebling zuwendend: Stenie macht mir immer Freude! Sie gleicht ihm, setzte er hinzu; doch schnell sich besinnend sagte er: Nein, nein, sie gleicht einer Andern! Er meinte damit unfehlbar das Bild seiner Mutter, vor welches er den Herzog von Buckingham geführt hatte, in der Absicht etwas zu sagen, aber sein geheimer und großer Stolz hielt ihn doch ab, diese Aehnlichkeit auszusprechen, und so schwieg der ganze Hof.

Um diese Zeit fing Heinrich, Prinz von Wales, an zu kränkeln. Graf Archimbald verließ sein Lager nicht; Carl, der seinen Bruder zärtlich liebte, erschien nicht mehr bei Hofe, und Robert, von Freund und Bruder verlassen, kannte keinen andern Platz, als den an der Seite der jungen Gräfin. Für alle übrige Beobachtung verloren, gewahrte er doch mit dem klaren Blick der Liebe ihre zunehmende Schwermuth, unter der sie fast zu erliegen schien, und das ängstlich sorgsame Betragen der alten Gräfin, die mit den holdesten Worten mütterlicher Liebe die offenbar Leidende zu erhalten bemüht war. Da trat der Augenblick ein, der England seiner stolzesten Hoffnungen beraubte. Heinrich, Prinz von Wales, endete sein schönes, viel versprechendes Leben in den Armen seines verzweifelnden Bruders. Robert hatte in dieser schrecklichen Nacht zu den Füßen seines Carls gewacht, der in halbem Wahnsinne das Leben seines Bruders erhalten wissen wollte. Männlich fest, obwohl vom Schmerz und der langen Pflege geisterbleich, stand Archimbald in diesem Sturme. Er bereitete Jakob auf den Augenblick vor, er rief die Königin an das Sterbebette seines königlichen Freundes, und als Heinrichs letzter Seufzer sanft seinen edlen Geist entfesselte, sank er an seinem Lager nieder, verhüllte sein Gesicht in die kalte geliebte Hand und stand bald auf, Andere zu unterstützen. Den unglücklichen Carl trug man leblos von der Leiche [22] seines Bruders. Sein zerstörender Schmerz zog den Jammer der königlichen Eltern von ihrem Verluste zu ihrem jetzt einzigen Sohne, den sie in ähnlicher Gefahr wähnten. Doch Carl hatte sich erholt, er riß sich von seinem Lager auf, als seine königlichen Eltern eintraten, er sank von Thränen überströmt zu ihren Füßen, und als sie ihn laut jammernd segneten, rief er gepreßt, als ob ihm das Leben mit diesen Worten entströmte: Ja, ich weihe mich zu dem fürchterlich erkauften Range Eures einzigen Sohnes! Hier sank sein Kopf auf den Boden, und nur der Angstruf Jakobs: Rettet meinen Sohn, rettet meinen letzten Prinzen! – Er stirbt! – riß ihn vom Boden empor und gab ihm Kraft, so lange zu stehen, bis der Arzt das bekümmerte Paar entfernte, dem Prinzen Ruhe empfehlend. Ohne Widerstand ließ sich Carl auf sein Lager zurückführen, er schien die Lippen öffnen zu wollen, aber vergeblich, er schloß sie wieder. So lag er halb träumend, halb wachend eine qualvolle lange Nacht; so öffnete er die Augen, unruhig suchend erreichte sein Blick den Grafen von Derbery, der an seinem Lager mit zärtlicher Angst ihn hütete. Er winkte ihn näher und wies mit einer Bewegung die Uebrigen an, zurück zu treten. Lange blickte er den Liebling an, prüfend, denkend, und endlich sagte er ihm leise einige Worte, die ihn bald darauf aus dem Krankenzimmer führten. Doch wer den jungen Grafen durch die Vorsäle gehen sah, bleich wie der Tod, mit geisterstieren Augen, weder Grußerwiedernd, noch gebend, der glaubte, der Tod habe mit riesiger Kraft auch diese blühende Jünglingsgestalt ergriffen.

Der nunmehrige Prinz von Wales, der nachmals so unglückliche Carl der Erste, hatte sich bald erholt; er fühlte, daß er um seiner Eltern willen seinem Schmerze gebieten mußte. Zwar schien Jugend und Heiterkeit von ihm gewichen, aber er stand wie ein Mann nunmehr dem Könige, seinem Vater, [23] zur Seite. Das Einzige, was seine innere Erweichung verrieth, war seine erhöhte Liebe zu den Eltern, zu den Freunden. Niemals schien seine Seele inniger an Robert zu hängen, als jetzt; aber der Graf blieb Allen ein Räthsel. Nachdem die tiefste Trauer vorüber war, bat er den Grafen von Bristol feierlich um die Hand seiner Tochter. Zurückgekehrt zu der festen Ruhe und Sicherheit, die ihn früher über Alle erhoben, schien die Zeit seiner Leidenschaftlichkeit vorüber. Er bat den Grafen um eine Unterredung mit seiner Tochter. Zu ihren Füßen und mit heißen Thränen hatte er lange zu ihr gesprochen; er brachte den entzückten Eltern ihr Jawort, und blieb von dem Augenblicke der aufmerksamste und freundlichste Verlobte der stolzen, so schnell versöhnten Gräfin. In wenigen Stunden eilten die Väter zum Könige, um seine Erlaubniß bittend. Verlegen und erstaunt rief Jakob: Meine Lords, was thut Ihr, ich glaubte, Stenie wollte Eure Gräfin heirathen! Der Herzog hatte sich nicht erklärt, und als dies Jakob hörte, ward er heiter, gab sein Wort, rühmte die Verlobten und überließ sich seiner ganzen Gutmüthigkeit.

So einfach die Sache sich gelöst, so wunderlich lauteten doch manche nicht zu verhehlende Nebenumstände. Robert hatte an seinem Verlobungstage eine heftige Scene mit dem Prinzen von Wales. Der Prinz war von den flehendsten Bitten zur höchsten Wuth übergegangen; man hatte von Befehlen, von Arrestgeben gehört, bis endlich eine lange Stille das Fernere der Beobachtung entzogen hatte. Als sie sich trennten und Beide Arm in Arm in dem Vorsaale erschienen, trugen sie wohl noch den Ausdruck heftiger Gemüthsbewegung im Gesicht, aber zugleich den der Versöhnung. Hier erschien unangemeldet Buckingham, und nach einigen wüthenden Worten gegen den Grafen, die Niemand verstand, befahl der Prinz der Dienerschaft, sich zu entfernen. Doch der heftig geführte Streit, der sich nun erhob, schien alle Grenzen zu übersteigen. Man hörte Buckinghams [24] Stimme, wie die eines Wahnsinnigen, und wenn die Worte dem Ohre unzugänglich blieben, mußte es Augen gegeben haben, welche zu sehen wähnten, er habe die Hand gegen den Prinzen drohend erhoben, Robert habe ihn mit Riesenkraft ergriffen, gegen die Thür gedrängt, während der Prinz nach Wache schrie und den Herzog verhaften lassen wollte. Doch dies hinderte der Graf ebenso, und Buckingham, der etwas zur Besinnung gekommen zu sein schien, stürzte mit wüthenden, unverständlichen Drohungen aus den Gemächern des Prinzen. Nach einem augenblicklich darauf erfolgten Besuche des Prinzen beim Könige erhielt Buckingham Befehl, auf seine Güter zu gehen. Doch zur selben Zeit verließ der Graf von Derbery in Begleitung seines Bruders auf vierundzwanzig Stunden London. Als er zurück kam, hatte ein unruhiges Pferd ihn geschleift und seinen Arm verwundet; es liefen darüber indeß einige andere Vermuthungen. Die Gräfin von Buckingham hatte ihre Abschieds-Audienz bei der Königin. Sie ward mit großer Huld entlassen, aber die junge Gräfin war noch blässer, ihr Auge trübe und ihre Schritte wankend. Als sie, aus den Zimmern der Königin kommend, an dem Grafen von Derbery vorüber ging und ihn achtungsvoll zum Abschiede grüßte, sah die Gräfin Bristol schüchtern zu ihrem Verlobten hin; aber sein bewegtes Gesicht senkte sich, um den Gruß der Gräfin zu erwiedern, als ob eine gekrönte Fürstin an ihm vorüber ginge. Schmerzlich ruhte das Auge der Scheidenden auf diesem Gruße, und sie schwebte hinweg, um nie wieder die prachtvollen Säle von Whitehall zu betreten, in denen sie der Mittelpunkt alles Schönen und Vollkommenen gewesen war.

Bald darauf ward die Vermählung des jungen Grafen vollzogen, und da Beide nichts lebhafter wünschten, als den Hof zu verlassen, an welchem sie sich gestehn mußten, ein Gegenstand des Erstaunens und der Beobachtung geworden zu sein, gingen [25] sie sogleich nach Godwie-Castle, während der Herzog von Nottingham in London verblieb, um sich zu seiner großen Sendung nach Spanien vorzubereiten, wohin seine Gemahlin und Graf Archimbald ihn begleiteten.

Man sagte, die Trennung des Grafen von Derbery vom Prinzen Carl sei von Seiten des Prinzen eine Scene des leidenschaftlichsten Schmerzes gewesen. Er verließ einen Tag vor der Hochzeit London und sah die Gräfin erst später als Frau seines Freundes wieder. Wenige Tage nach ihrer Abreise kehrte er zurück, aber in eine für ihn ausgestorbene Welt, und der Ernst, der seine Stirn umhüllte, ging fast in Melancholie über. Dessenungeachtet war seine erste Handlung, den König um die Zurückberufung des Herzogs von Buckingham zu bitten, weil er wohl wußte, wie schwer Jakob sich zu einer solchen Demüthigung seines Lieblings entschlossen hatte; und die Freude, die Jakob bei dieser Bitte zeigte, gab dem Prinzen die traurige Gewißheit, wie der König die gröbsten Beleidigungen gegen seinen Sohn eher vergessen, als den übermüthigen Liebling entbehren könne. Nie erfuhr ein Mensch den Grund dieser wüthenden Scene. Gewiß war es, daß die junge Gräfin von Buckingham an dem Tage der Verlobung des Grafen von Derbery den Grafen von Carlisle ausgeschlagen hatte. Auf ungestüme Befehle ihrer Brüder, des Herzogs und des Grafen Buckingham, diesen Antrag anzunehmen, hatte sie bestimmt erklärt, sich nie vermählen zu wollen. Sie fügte hinzu, ihre Gesundheit habe gelitten und sie wünsche mit ihrer Mutter das Schloß zu bewohnen, das der König derselben in Buckingham verliehen, und das sie nie mehr zu verlassen gedächte. Dies Schloß lag höchst einsam an einem kleinen Flecken, von Wäldern umgeben, und obwohl es der Gräfin ein bedeutendes Einkommen gewährte, schien es doch zu einsam und düster, um je von einem Mitgliede dieser glänzenden Familie bewohnt zu werden. Die Brüder erstarrten daher [26] vor Erstaunen und Wuth über den Entschluß einer Schwester, deren kurze Erscheinung sehr ehrgeizige Pläne, auf den ihr so verschwenderisch zu Theil gewordenen Beifall gegründet, hinreichend gerechtfertigt hatte. Sie hielt die empörendsten Vorwürfe und Beschimpfungen aus, ohne sie abzulehnen oder zu erwiedern; als jedoch der Herzog mit dem bittersten Hohne ihr die unglückliche Liebe zum Grafen Derbery vorwarf und wie er sie verlassen, um einer Andern willen, gab sie bei diesen Worten den ersten Schmerzenslaut von sich, und als der Herzog, von der Erinnerung seines eigenen Verlustes noch höher gesteigert, mit rasender Wuth Gott zum Zeugen anrief, sich an dem Grafen rächen zu wollen, sank sie mit dem Ausbruche der Verzweiflung zu seinen Füßen und bat ihn unter Strömen von Thränen, dies nicht über sie zu verhängen. Doch der Wüthende schien seine gekränkte Eitelkeit bis zu Mißhandlungen getrieben zu haben; man fand die Gräfin blutend am Boden, und ihre Mutter hatte dem Herzoge gedroht, sich unter den Schutz des Königs zu stellen.

So glaubte also die Welt, daß der Streit beim Prinzen eine Fortsetzung dieser Scene gewesen war, und daß des Herzogs Verbannung der unglücklichen Mutter zu Hülfe kam, um mit ihrer Tochter unangefochten den Hof verlassen zu können.

Buckingham kam stolzer zurück, als er gegangen war. Der Prinz schien ihn nie zu sehn, doch vermied er mit fast ängstlicher Sorge jede Störung des Friedens; auch dies konnte man kaum vom Herzoge sagen, und die größte Mäßigung des Prinzen mußte oft sich den Anmaßungen Buckinghams entgegenstellen, um den äußeren Anstand zu behaupten, den der Prinz von sich und seinen Anhängern forderte.

Erst nach Verlauf mehrerer Jahre, als dem nunmehrigen Herzog von Nottingham, der ein Jahr früher seinen Vater verloren hatte, das dritte Kind, nach zweien Söhnen die erste [27] Tochter, geboren ward, sah Carl seinen Freund in Godwie-Castle wieder. Die Trennung hatte beide nicht entfremdet, sie blieben in stetem Briefwechsel, und es war um so auffallender, daß der Prinz erst so spät den Wunsch seines Freundes, ihn in Godwie-Castle zu besuchen, erfüllt hatte. Die Herzogin hatte stets unter einer Art von Ehrerbietung die Kälte verborgen, mit der sie das Verhältniß des Prinzen zu ihrem Gemahl erfüllte. Sie hatte sich beleidigt gefühlt durch die Art, wie der Prinz sich bei ihrer Vermählung betragen hatte, und die sie für Mißbilligung der Wahl ihres Gemahls nahm, was ihr stolzes Herz nicht glaubte vergessen zu dürfen.

Aber der Augenblick, den der Prinz erwählt, sie wiederzusehen, war ein sehr glücklicher. Eine Tochter ruhte an ihrem Herzen, und rief alle Milde und Güte desselben ins Leben. Sie trat dem Prinzen mit ihren beiden schönen Knaben entgegen, eine Dienerin trug das holde Mägdlein ihr nach; ihre Augen strahlten von Glück und Freude, sie wollte sich dem Prinzen so glänzend zeigen, als sie konnte; nie war über ihre fast unveränderte Schönheit ein höherer Reiz verbreitet gewesen. Der Prinz betrachtete sie fast mit Erstaunen, und was er ihr dann sagte, trug den Ausdruck einer Huldigung und Freude, wogegen die stolze Frau nicht gleichgültig blieb. Doch von ihr weg eilte er, noch ein Mal den Herzog zu umarmen, und mit Thränen in den Augen rief er: Dem Himmel sei Dank, Du bist glücklich! Dies war der Herzog wirklich geworden, und hatte es eben so sehr seinen eigenen Tugenden, als denen seiner Gemahlin zu danken. Die leidenschaftliche Liebe, welche sie hinzufügte, ward auch von ihm herzlich erwiedert. Von dieser Zeit sahen sich der Prinz und der Herzog öfter, doch selten in Godwie-Castle. Der Prinz bestimmte dem Herzog irgend eines von den vertheilt liegenden königlichen Schlössern, wo sie stets mehrere Tage ohne alles Gefolge mit einander blieben.

[28] Wir übergehen hier eine Reihe von Jahren, die nur eine stille Vorbereitung der Epoche sind, über welche wir unsere Mittheilungen zu machen haben, und indem wir uns zu dem Frühlingsabende zurück wenden, der mit seiner schönen Beleuchtung die anmuthige Gegend von Godwie-Castle so wunderbar verklärte, betrachten wir das bis hieher Gesagte als den Hintergrund der folgenden Erzählung, als die nothwendige Erwähnung von Familienverhältnissen, in die wir uns leichter auf diese Weise zu finden wissen werden.


[29] Wie schön auch Natur und Kunst den Raum geschmückt hatten, wie sehr er zum Glück und zu allen Genüssen des Lebens einzuladen schien, die Menschengestalten in dieser fröhlichen Außenwelt entsprachen solcher Hoffnung für den Augenblick nicht.

Eine Dame in der tiefsten Wittwen-Trauer der höheren Stände, von zweien Pagen in ehrerbietigster Ferne begleitet, die durch ihre schwarzen Kleider und wehenden Schulterblätter, welche die Farben des Hauses Nottingham, die Trauer über einen diese Familie betroffenen Verlust anzeigten, schritt langsam einher an dem Rande der großen Schloßterrasse. Wer hätte in der gebeugten Gestalt der Trauernden die einst so glänzende Gräfin von Bristol erkannt? Ihr Auge ruhete am Boden, und die Welt schien ihr versunken; ihr Gesicht blickte aus den tiefen schwarzen Verhüllungen mit der Bleiche des Marmors, und obgleich noch immer ihre Gestalt sich in einer besonderen Würde zeigte, ruhte doch ihr Kopf gebeugt auf dem tief athmenden Busen, und sie erhob ihn nur, um die schwermüthigen Blicke nach den großen Hallen des Schlosses zu wenden, die durch ihre goldenen Gitter die schwarz verkleideten Wände sehen ließen, und das trübe Licht der hohen Kerzen, die den Katafalk umgaben, der zunächst der Kapelle in der letzten Fürstenhalle errichtet war. Ein Katafalk, ohne die geliebte Leiche in sich zu fassen! Welch' ein Schmerz für das Herz der zärtlichen Gattin, der es nicht vergönnt ward, die freundlichen Augen zuzudrücken, die ihrem Leben geleuchtet. Der Herzog war in Spanien gestorben, wohin er sich mit seinem ältesten Sohne begeben hatte, und wo [30] damals sein Schwiegervater, der Graf von Bristol, um eine spanische Infantin für den Prinzen von Wales unterhandelte. Die Kunde seines Todes hatte die Herzogin schon vor einem Monat erreicht, und heute erwartete sie den geliebten Sohn und die theure Leiche, welche nur langsam den weiten Weg zurück zu legen vermochten. Mit welcher Empfindung, mit welcher Sehnsucht sah die unglückliche Gattin diesem Moment entgegen, welcher der letzte Trost ihres gebeugten Herzens schien.

Jeder andre, den die starke und fromme Frau finden zu müssen schien, war zurückgedrängt von dem zehrenden Verlangen, seine letzten Ueberreste zu besitzen.

Ja, sie schien gar nichts früher von sich zu fordern und blieb jedem Worte verschlossen. Darum richtete sie so oft die thränenlosen Augen nach dem Schlosse, weil sie jeden Augenblick hoffte, die mit Trauergestalten angefüllten Hallen würden sich öffnen und ihr den ersehnten Anblick zeigen. Noch ein Wesen folgte ungestört und so nah, daß es ihre Gewänder berührte, der trauernden Witwe; es war Gaston, der Lieblingshund und treue Begleiter des Herzogs, der nur dies Mal von der weiten Reise hatte zurückbleiben müssen. Er war eine von den schönsten Doggen des Königreiches, von ungewöhnlicher Größe und Schönheit des Körpers, und von einem rührend treuen Karakter. Seit die Herzogin in Schmerz und Trauer gehüllt war, hatte er seinen Platz in der Vorhalle verlassen und war nicht mehr von ihr zu entfernen.

Ernst und gravitätisch schritt er jetzt dicht neben ihr, mit so traurig gesenkten Ohren, so ohne allen Antheil für seine sonstige Lust in Garten und Wald, daß der Gedanke nicht abzuweisen war, er wisse, was auch ihn betroffen.

Es hatte etwas tief Rührendes, ihn zu sehen, wie zur Wache seiner trauernden Herrin bestellt. Am Ende der Terrasse, und so oft die Leidtragende still stand, setzte auch er sich dicht [31] vor sie hin und blickte sie an, als wollten die ehrlichen traurigen Augen Thränen weinen; schritt sie weiter, ohne ihn zu sehn, raffte er sich sogleich auf und schritt ihr in gleicher Ordnung nach. Um so auffallender war sein Betragen, als die Herzogin sich jetzt noch ein Mal dem Ende der Terrasse nach der Waldseite zu näherte und ruhend einen Augenblick an einen Sitz gelehnt blieb. Plötzlich unruhig werdend und die Herzogin verlassend schien er irgend etwas zu suchen, was ihm sein feiner Instinkt andeutete, jeden Platz um seine Gebieterin durchsuchend verschwand er plötzlich hinter der Brüstung der Terrasse nach der Treppe zu, welche in den Waldgrund führte. Bald hörte man sein wohlbekanntes lautes Anschlagen und darauf ein langes Geheul. Er sprang mit solcher Gewalt über die Terrasse zurück, daß die Herzogin, selbst davon erschreckt, aus ihrem starren Nachdenken gerissen ward. Er stürzte auf sie hin, bellte heftig, und indem er ein lautes Geheul ausstieß und mehrere Mal an ihr in die Höhe sprang, kehrte er eben so schnell zurück, um wieder an der Treppe zu verschwinden. Einen Augenblick nur hatte der Ungestüm dieses geliebten Thieres ihre traurigen Gedanken unterbrechen können. Langsam wandte sie sich zurück, als Gaston aufs Neue herbeistürzte, ihr fast den Weg vertrat, immer wieder mit lautem Geheul der Treppe zu fliegend, immer wieder umkehrend, und, als die Herzogin dennoch weiter gehen wollte, dies zu verhindern fest entschlossen schien, indem er ihr Gewand zwischen die Zähne nahm, um sie nach der Treppe hinzuziehen. So ungestüm aus sich herausgerissen, und von einem so treuen Gefährten ihres Gemahls, ward die Herzogin jetzt aufmerksam und bemerkte, daß Gaston am ganzen Leibe zitterte und den Wunsch zu erkennen gab, daß sie ihn begleiten möge. Dies erkennen und ihm sanft folgen, war eins, und nun erhob Gaston ein Freudengebell, stürzte nach der Treppe zu, stellte sich ruhig harrend hin, bis sie sich näherte, und schritt vor ihr [32] her die Stufen hinab. Eben blieb die Herzogin zweifelnd stehen, ungewiß, ob sie ihm weiter folgen solle, als mit dem ersten Schritt auf der Treppe sich ein Anblick ihr zeigte, der augenblicklich die ganze Stimmung der edlen Frau veränderte und ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm. In dem Ausrufe: O Gaston! verrieth sich das ganze Gefühl, welches die jetzt unverkennbare gute Absicht des klugen Thieres ihr einflößte. Sie schritt schnell einige Stufen weiter und befand sich jetzt vor einer weiblichen Gestalt, die, auf dem Gesicht liegend, die Arme weit vor sich hingestreckt, entweder todt oder ohnmächtig war.

Schnell überblickte sie, ob äußere Zeichen der Verletzung sich zeigten, und gewahrte, wie Gaston angstvoll um den Gegenstand seiner Sorge hertrat und sich nach dem Kopfe zu, unter das lange dichte braune Haar, drängte, dann zurück sprang und den mit Blut überzogenen Kopf zur Herzogin aufhob. Dies entriß der erschütterten Frau den ersten Schreckensruf, und ihre Diener, die nicht gewagt hatten, ungerufen herbei zu kommen, obwohl Gastons Betragen und das Verschwinden der Herzogin von der Terrasse sie besorgt näher geführt hatte, stürzten jetzt schnell herbei. Sie fanden die Herzogin, dem Umsinken nahe, an die Wand der Terrasse gelehnt und vor ihr Gaston mit dem Gegenstand seiner Sorge.

Die ehrerbietige Scheu zügelte das Erstaunen der Herbeigeeilten, und als die Herzogin mit der Kraft eines schönen Gefühls für Menschlichkeit sich erhob, eilten sie blos stumm ihre Befehle zu erfüllen. Die Unglückliche lag nämlich, durch ihren wahrscheinlichen Fall beim Erklimmen der Stufen, so am Rande des tiefen und steilen Waldgrundes, an dem die Treppe hinaufführte, daß die leiseste Bewegung sie hinabstürzen konnte, ja, es war zu glauben, daß Gaston durch Versuche, die Gestalt hinaufzuziehen, die Lage noch verschlimmert hatte, da der Boden [33] am Waldabhange frisch von seinen Pfoten unterwühlt schien, und das Gewand von dem linken Oberarm zurückgerissen und mit frischer Erde bedeckt war. Als aber die Diener sich näherten, die Gestalt vom Boden zu erheben, ergriff die Herzogin ein unaussprechliches Gefühl von Abneigung, die weibliche, offenbar junge und zarte Gestalt von Männern berühren zu lassen, sie winkte sie zurück und befahl, nach Mistreß Morton und ihren Frauen zu senden, den Doktor Stanloff zu rufen und eine bequeme Bahre an den Fuß der Terrasse zu bringen. Sie selbst blieb wie gefesselt vor dem Wesen stehn, von dem es zweifelhaft blieb, ob es noch zu den lebenden gehöre. Einige bange einsame Augenblicke ließen die Herzogin Entdeckungen machen, die ihr Interesse erhöhten. Obwohl nichts von der Gestalt zu sehen war, als Arme und Hände und eine Fülle des schönsten braunen Haares, das wie ein Mantel über sie ausgebreitet war, so ließen sich doch darunter lange schwarze Trauerkleider in dem Schnitt der vornehmeren Stände wahrnehmen, und die Arme und Hände, die vor den Füßen der Herzogin ausgestreckt lagen, waren, neben der zartesten Jugend, von einer so außerordentlichen Schönheit, daß die Herzogin sich gestehen mußte, nie etwas Vollkommeneres gesehen zu haben. Was aber ihr peinliches Erstaunen noch erhöhte, war, daß wahrscheinlich Gastons Bemühung an dem obern Theil des linken Armes ein Armband halb enthüllt hatte, welches in einer bedeutenden Breite von den prachtvollsten Juwelen an einander gereiht war. Jetzt nahte die ersehnte Hülfe. Mortons sanfte Stimme ließ sich hören, und die Herzogin streckte ihr, voll Schmerz, die Hände entgegen. O Morton! Morton! rief sie, was geschah hier? Welch' ein Unglück, welch' ein Verbrechen, vielleicht im Bereiche des Schlosses! Laß sie sanft anfassen, aber nur von Deinen Frauen. Wo ist Stanloff, daß er mir sage, ob sie lebt oder hier ohne Hülfe verscheiden mußte? – Mistreß Morton sah fast noch mit [34] größerer Bewegung, als der weisen und erfahrenen Frau das sonderbare Ereigniß abnöthigen konnte, die wohlthätige Einwirkung, welche die Stimmung ihrer Gebieterin erlitten; denn von sich selber abgelenkt schien ihr Herz in den Gefühlen der Menschlichkeit und der Theilnahme ganz aufgelöst, und Thränen, die das Uebermaaß ihres eigenen Grames bisher zurück gehalten hatte, flossen wohlthuend, durch ein fremdes Leiden hervorgerufen. Mortons sanfte Worte suchten ihre Gebieterin zu beruhigen, und während die Kammerfrauen ihren Winken folgten, führte sie die Herzogin zur Terrasse zurück. Doch weiter ging ihre Ueberredung nicht; denn sie wollte selbst sehen, ob nichts versäumt werde, und an die Brustwehr der Terrasse gelehnt, blickte sie mit höchster Unruhe hinab und sah, wie Gaston sich zu den Füßen der Unglücklichen niedergelegt hatte, und ihre nackten mit blutenden Wunden bedeckten Sohlen sorgsam nach allen Seiten hin mit seiner großen Zunge leckte. O Morton! rief die Herzogin überwältigt, welch' ein Herz in diesem Thiere, welch' ein Beispiel für uns alle! Die Kammerfrauen näherten sich jetzt mit ihrer sorgfältig emporgehobenen Bürde und legten sie sanft auf die bereitstehende Bahre, als Morton, von der Herzogin gesendet, heran trat, um das Haar von dem Gesicht zu entfernen, worauf sich ein vom Tode beschlichenes, aber wunderbar schönes jugendliches Angesicht enthüllte. Sinnend blieb sie, von einer dunkeln Erinnerung ergriffen, stehen, als das ehrerbietige Auseinanderweichen der Diener die Herzogin verkündigte, welche rasch herangetreten war. Morton wandte sich zu ihr, die Haare zurücklegend, und ward von Angst um ihre Gebieterin ergriffen, welche mit allen Zeichen der höchsten Erschütterung zurück schauderte, nachdem sie das bleiche Todtenbild einen Moment betrachtet hatte, und, indem sie fast wild in dem Kreis ihrer Diener umherblickte, mit einer lauten und heftigen Stimme rief: Heiliger Gott! wer ist dieses Weib?

[35] Niemand wußte diese Frage zu beantworten, und Alle standen erschüttert von dem Zustande ihrer Gebieterin, bis Morton, die keine weitern Zeugen wünschte, einen Wink ertheilte, sich mit der Bahre zu entfernen. Einige Augenblicke vergingen im tiefen Schweigen; langsam richtete sich die Herzogin alsdann empor, und als ob alle Spannung aus ihrem Körper gewichen, sagte sie mit matter Stimme: Führe mich, liebe Morton; ach! es ist zu viel, ich bin krank, ich will mich niederlegen. Ach! was geschieht um mich her; wie soll ich leben, wie ausempfinden, was über alles Maaß ist – kannst Du es begreifen? Morton hütete sich wohl, die zerstreute und traurige Gedankenreihe ihrer Gebieterin durch Antworten zu unterbrechen.

Seit der schrecklichen Todesnachricht hatte die Unglückliche bis auf wenige nöthige Befehle kein Wort freiwillig gesprochen, keine Thräne geweint, kein Bedürfniß der Ruhe geäußert, und der treue Doktor Stanloff hatte mit Angst die Entwickelung dieser gänzlichen Erstarrung erwartet. Morton, die seine Besorgnisse getheilt hatte, sah nun mit einem Male diese gefürchtete Katastrophe durch ein sonderbar von Außen kommendes Ereigniß herbeigeführt: ihre geliebte Gebieterin weinte, hatte gesprochen, fühlte selbst das Bedürfniß der Ruhe. Dies schienen alles glückliche Zeichen, und die treue Dienerin empfand eine Freude und einen Trost, wogegen die sonderbare und geheimnißvolle Veranlassung ganz in den Hintergrund trat. Man näherte sich langsam den Schloßhallen, und Morton hätte viel darum gegeben, wenn sie die Herzogin, die sich wankend stützte, durch einen andern Weg nach ihrem Zimmer hätte führen können, denn sie mußte fürchten, daß die schwermüthigen Trauerzurüstungen, welche diese Hallen erfüllten, die unglückliche Frau aufs Neue in ihren trostlosen Zustand versenken würden. Aber es schien etwas anderes tief in der Seele Erwecktes dem heftigen Schmerze der Herzogin das Gleichgewicht zu halten.

[36] Morton fühlte, je näher sie den Hallen kamen, ihren Schritt sich befestigen und beschleunigen, und sie richtete sich mit ihrer gewöhnlichen Strenge empor, als Stanloff am Eingange ihr hastig entgegen schritt, und ihn mit der Hand zurückweisend, sagte sie fest:Wir bedürfen Eurer Hülfe nicht; aber wo waret Ihr, da Ihr so nöthig hattet hier zu sein, um die Ungewißheit über Leben und Tod einer Unglücklichen von uns zu nehmen; die Ungewißheit, sage ich, Gott verhüte es, daß hier in der nächsten Nähe unseres Schlosses ein unerhörtes Verbrechen begangen worden sei. Sie schritt während dessen, Mortons Arm verlassend, fest in den mittlern Saal. Jepson! rief sie und winkte die Hand des Doktors zurück, als er den schwarzen Schleier, der als ein Theil ihrer Bekleidung von den Dienerinnen beim Aufheben abgedeckt und jetzt über sie geschlagen war, zurückziehen wollte, – dieser Ort scheint uns nicht passend für die wichtigen Untersuchungen, ob Leben und Tod obwaltet. Wir wünschen zu diesem Zweck den kunstreichen und erfahrenen Anordnungen unsers Doktors durch eine passende Wohnung zu Hülfe zu kommen, und bestimmen dazu die Zimmer im linken Flügel, welche die Vorzimmer zur Wohnung Seiner Hoheit des Prinzen von Wales ausmachen, und die durch den Kapellenthurm zugleich mit den Zimmern unserer Mistreß Morton verbunden sind, welcher wir, wenn Gott unser Gebet erhört und uns die Gnade gewährt, durch unsere wunderbar herbei geführte Hülfe ein Menschenleben gerettet zu haben, die besondere Pflege und Aufsicht übertragen wollen. – Jepson, der erste Vogt des Schlosses, mit seinem weißen Stabe und ebenso weißen Haupte, hörte, voll Ehrfurcht gebeugt, diese Befehle an, und begab sich alsdann, von der Bahre und mehreren von Morton beorderten Dienerinnen begleitet, nach der Vorhalle des Saales, von wo durch eine verschlossene Gallerie dieser Flügel für außerordentliche Fälle zu erreichen war. Auch Doktor Stanloff wollte sich [37] dahin entfernen, als die Herzogin ihn zurück rief und mit minder fester Stimme hinzufügte: Ich kenne Euch, Doktor, Ihr werdet all' Eure so oft bewährte Kunst, die uns manches theure Haupt erhielt, – ich sage, Ihr werdet diese Kunst auch heute anwenden, so Leben noch zu erwecken ist, und ein so schreckliches, empörendes Unglück, als ein Mord in unserm Bereich sein würde, dadurch vernichten. Sobald ich meine Zimmer erreicht habe, soll Morton Euch beistehen. – Nimm die übrigen Frauen mit Dir, Morton, und sorge vor allen Dingen, daß die Unglückliche geschont, und Alles mit Achtung und ohne Neugierde bei Seite gelegt wird, was sie noch an sich trägt und uns vielleicht, will's Gott, zur Kunde über ihre Angehörigen führen könnte.

Stanloff, der bejahrte treue Diener dieses Hauses, der seiner großen Dienste und seltenen Eigenschaften halber mehr als Freund, denn als Diener angesehen wurde, fühlte wohl das Versöhnende in den Worten der Lady, womit sie schnell zu begütigen suchte, was ihr stolzer und heftiger Sinn nur zu leicht verschuldete, doch nie ungestraft von einem zarten Gewissen und einem edlen Herzen. Dies, was Allen, die sie näher kannten, wohl bewußt war, sicherte ihr einen leichten Sieg über jeden trüb' heraufgeführten Augenblick, und flößte ihren Umgebungen eine Mischung von Furcht und Liebe ein, die sie mit vielem Geiste zu benutzen wußte, und die sie zu einer seltenen Herrschaft über die Gemüther erhob. Doch weniger als je, hatte sie Widerstand in dem sanften milden Herzen Stanloffs zu fürchten, denn er sah mit Freude in seiner geliebten Gebieterin das Gleichgewicht hergestellt, das so furchtbar noch bis vor wenigen Augenblicken zerstört war und ihn für ihr Leben fürchten ließ. Die Heftigkeit, die Ungerechtigkeit ihrer ersten Worte, waren so der natürliche Gang ihrer Außerungen, daß er einsah, ihr ganzes Wesen sei mit dieser Erschütterung in seine Bahn zurückgetreten. Er küßte voll Rührung die dargebotene Hand, wagte es noch [38] ein Mal die oft ertheilten, kaum angehörten, noch weniger befolgten Verordnungen für ihre Gesundheit zu wiederholen, und ging getröstet von dannen.

Sanft wandte die Herzogin sich zu Mistreß Morton und sagte ihr schmerzlich: Bringe mich hier weg, dieser Anblick scheint mich und meine Vernunft vernichten zu wollen. Sie wandte sich von dem Trauersaale ab, wollte sich so eben nach dem Ausgange begeben, als ein ferner Ton, wie ein Horn, an ihr Ohr traf, der nach einem Augenblick des bangen Harrens von einem näheren an der Thorbrücke, sodann zunächst von den Castellthürmen beantwortet wurde und keinen Zweifel ließ über die Ankunft der herzoglichen Leiche. Die Herzogin blieb einen Augenblick wie überwältigt, mit über die Brust gefalteten Händen und gegen die Decke gehobenen Augen stehn. Dann sank sie, wie getroffen, auf ihre Kniee nieder und beugte ihr Haupt wie zum Gebet. In einem Kreise umher kniete ihre noch immer die Halle erfüllende Dienerschaft, und die erhabene Feierlichkeit dieses Augenblicks und die tiefe Stille umher ward nur durch das sanft ausbrechende Schluchzen der Frau unterbrochen.

So fanden die beiden Töchter der Herzogin, die mit ihren Damen herbeieilten, die geliebte Mutter, die bei ihrer Ankunft das thränenbenetzte Gesicht mit schwermüthigem Lächeln zu ihnen aufhob, und sie neben sich nieder winkte. Der weite Weg, den der Zug zu machen hatte, da der erste Ruf des Hornes noch vor der Brücke, nach alter Sitte, Einlaß begehrte, füllte eine lange Zeit. Während er den ersten Hof betrat, erschien Jepson am Eingange der äußeren Halle, um der Herzogin Meldung zu machen. Als er die hohen Gitterthüren öffnete und seine erhabene Gebieterin, von ihren Töchtern und Dienerinnen umgeben, auf den Knieen sah, sank auch er stumm zur Erde und blieb so einige Augenblicke voll Andacht, dann erhob er sich, seines Amtes gedenkend, und den Arm mit dem Stabe vor sich herstreckend [39] begann er mit feierlicher Stimme: Es hat dem allmächtigen Gott in seiner Barmherzigkeit gefallen, den Weg zu beschützen, den der erhabene Sohn und Erbe dieses erlauchten Hauses in der Erfüllung seiner großen und schweren kindlichen Pflichten aus weiter Ferne angetreten, um die sterblichen Ueberreste des durchlauchtigen Herzogs, seines erhabenen Vaters, zu den Hallen seiner Väter zurückzuführen. Vor den Thoren dieses Schlosses harrt er und begehrt voll Demuth gegen seine herzogliche Mutter, unsere erhabene Gebieterin, Einlaß!

Von ihren Knieen sich erhebend, von ihren Töchtern unterstützt, antwortete die Herzogin mit tiefer Stimme: Gott segne seinen Eintritt über die Schwelle seiner Väter!

Sogleich öffneten sich auf einen Wink die äußern Thore und ließen einen Blick thun in den weiten Hof, der mit den schwarzen Gestalten des Zuges überdeckt war.

König Jakob hatte, sowohl der Witwe sein Beileid zu bezeigen, wie auch dem Wunsche seines Ministers sich gnädig zu erweisen, den Oheim des verstorbenen Herzogs, Cecil, Graf von Salisbury, nach Godwie-Castle gesendet, und derselbe war mit seinem großen Gefolge und in der Begleitung der nächsten Verwandten, die alle zum Empfang der Leiche versammelt waren, auf die eingetroffene Nachricht, daß sein Neffe die Grenzen des väterlichen Gebiets überschritten, von Godwie-Castle, wo er den Tag zuvor angekommen, ihm entgegen gegangen, und hatte ihn unterstützt in der sorgfältigen und würdigen Anordnung des Zuges, der von da an bis an die Gemächer des Schlosses mit gleicher Ordnung fortgesetzt ward. Der Sarg ward im ersten Hofe von dem Rüstwagen genommen, auf dem er seinen weiten Weg zurückgelegt, und sechs junge Edelleute trugen ihn auf ihren Schultern. Voran schritt Jepson, den Stab, das Zeichen seiner Würde, vor sich hinhaltend, ihm folgten die höhern Beamten des Schlosses und der ausgedehnten herzoglichen Besitzungen, [40] denen sich das Reisegefolge des Herzogs anschloß, zahlreiche und geprüfte Diener, unter ihnen Sir Eduard Ramsey, der als erster Kämmerer seinen Rang vor Allen hatte.

Dann erschienen die zahlreichen Edelleute der Nachbarschaft, an ihrer Spitze Sir William Ollincroft als vornehmster Edelmann der Grafschaft, zu welcher das herzogliche Geschlecht in einer Art von Oberhoheit stand. Zwölf Pagen, mit den Achselbändern in den Farben des herzoglichen Wappens, gingen zur Seite der jungen Edelleute und trugen die Insignien der herzoglichen Würde nebst den Orden und militärischen Auszeichnungen des Verstorbenen. Ihnen folgten unmittelbar hinter dem Sarge die Verwandten, und an ihrer Spitze Robert, Graf von Derbery, der älteste Sohn und Erbe des herzoglichen Ranges, begleitet von Cecil, Grafen von Salisbury, und gefolgt von den bedeutenden Personen der nächsten Verwandtschaft und einem glänzenden Zuge von Fremden, nebst der vornehmeren und geringeren Dienerschaft aller Anwesenden.

Ein kleiner Raum trennte die Herzogin von den traurigen Ueberresten ihres höchsten Glückes und von dem geliebten Sohne, für dessen Leben und Gesundheit ihre Seele so oft gezagt. Das Uebermaaß ihrer Empfindungen siegte über ihre Schwäche, statt dieselbe, wie ihre Getreuen fürchteten, zu mehren. Als der Geistliche mit seinem Gefolge aus der Kapelle an ihr vorüber ging, den Sarg an der Schwelle einzusegnen, hatte sie Kraft, ihm zu folgen. Fest ergriff sie die Hände ihrer Töchter, und emporgerichtet, als verschmähe sie es, den letzten Pfeilen des Schmerzes die blutende Brust zu entziehn, folgte sie den Dienern der Kirche mit sicherm Schritt. Man hatte den Sarg in der Mitte des Gefolges an der Schwelle harren lassen, den Segen der Kirche zu empfangen; die Herzogin blieb in gemessener Entfernung stehn; in einem Kreise um sie her ihr schwarzgekleidetes Gefolge. Als die Geistlichen auseinander traten und sich der [41] Bahre näherten, erblickte die Mutter zuerst den Sohn, dessen jugendliche Schönheit wie erstarrt schien in der rührenden Blässe eines tiefen Schmerzes; aber sein Auge sandte einen Blick zu ihr hinüber, welcher das Herz erreichte und die ganze Fülle des mütterlichen Gefühls erweckte. Der feierliche Augenblick hinderte jede Annäherung, doch mit welcher Inbrunst beugten die tief Erschütterten auf das gegebene Zeichen das Knie zum Gebet! Wer möchte sagen, es hätte der Worte bedurft, dies Gebet des innersten Herzens Gott verständlich zu machen.

Ehe jetzt der Zug sich nach dem Trauersaal begab, lag Robert zu den Füßen seiner Mutter und empfing ihren Segen, und als sie einen Augenblick lang sich umfaßt hielten, fühlten Beide die unnennbare Größe ihres Verlustes und zugleich den Trost, den die Natur ihnen in einander gewährt hatte. Von Lord Salisbury und ihrem Sohne geleitet, nahm die Herzogin Platz im Trauersaale auf einem erhöhten Sitze, dem Katafalk gegenüber, zu ihren Füßen knieten ihre Töchter, am obern Theile des Sarges ihr Sohn, am untern der Graf von Salisbury. Das übrige Gefolge nahm den weiten Raum umher ein, einen erhöhten Lehnstuhl mit der herzoglichen Krone und Decke freilassend, welcher rechts von dem Sitze der Herzogin noch unbesetzt geblieben war, doch nicht lange. Denn aus dem innern Raume der Kapelle schritt eine Dame hervor, auf zwei Frauen gestützt und von mehreren Pagen gefolgt, bei deren Anblick die Herzogin und ihre Töchter sich sogleich erhoben, und ihr mit allen Zeichen der Ehrerbietung entgegen traten. Sie war im höchsten Alter, schneeweißes Haar umzog das feine weiße Antlitz, auf dem der neue Gram nicht mehr den Frieden hatte stören können, der die geläuterte Seele schon zu einer Bürgerin höherer Welten erhob, wenn ihr Herz auch noch mit Engelsmilde die Leiden der irdisch Bewegten theilte. Es war die Schwester des Grafen Salisbury, die Gräfin von Burleigh und Witwe [42] des Herzogs Robert von Nottingham, die ehrwürdige Mutter des eben verstorbenen Herzogs. Schwer empfand sie es, den Sohn vorangehn zu sehen, aber die Hoffnung, bald mit ihm vereint zu sein, nahm dem Schmerze seine trostlose Schwere, und nur an ihre geliebte Schwiegertochter denkend und an ihre theuern Enkel, verließ sie, trotz der hohen Jahre und der damit verbundenen Schwäche, ihren Witwensitz, durch sanften Zuspruch die Leiden ihrer Geliebten zu mildern. Bis jetzt war es ihr wenig gelungen, auf die unglückliche Gemahlin ihres Sohnes zu wirken, ihr, wie Allen, blieb sie unzugänglich; ja, nachdem sie die Pflichten der Ehrfurcht gegen die ehrwürdige Mutter ihres Gemahls erfüllt hatte, so stumm jedoch, mit so traurig zerstörtem Wesen, als ob nur der Körper sich in gewohnter Ordnung bewegte, war sie mit einer Art ängstlicher Scheu aus ihrer Nähe entflohen. Doch vor dem Sarge ihres Lieblings schien die Mutter wieder in ihre alten Rechte einzutreten, und die wenigen Worte, welche sie mit Thränenerstickter Stimme der ehrwürdigen Frau zurief, zeigten auch ihr, daß die Rinde gesprungen sei, die dies beladene Herz zu ersticken drohte. Die zahlreichen Zeugen geboten dem Zartgefühl beider Frauen sich zu fassen, um die letzten Pflichten für den Entschlafenen mit der Würde erfüllen zu können, die den Frauen dieses Hauses bei den Leichenbegängnissen ihrer Gatten die harte Nothwendigkeit ihrer Gegenwart auferlegte.

Als die alte Herzogin ihren Platz eingenommen und die Witwe zu ihrem Sitze zurückgekehrt, begann der Geistliche nach dem Ritus der hohen bischöflichen Kirche die Einsegnung der Leiche, deren Verhüllung nun gehoben ward, um der Versammlung die wirkliche Ueberzeugung von ihrer Identität zu geben. Von dem kräftigen Geschlecht der Vorahnen her war es hier Gebrauch geblieben, daß die Witwe sich zuerst dem Sarge nahte und, nachdem sie die Leiche angeblickt, die Hand zur Beglaubigung, [43] daß sie wirklich gegenwärtig, empor hob; dasselbe thaten dann sofort die nächsten Verwandten, und der versammelte Adel nahm dies als eine ihm gethane Versicherung auf. Als dieser Moment nahte, sprang der junge Graf von seinen Knieen, auf denen er die ganze Zeit über in tiefer Andacht geblieben, auf, und ehe die Herzogin sich dem Sarge nähern konnte, lag er zu ihren Füßen und schien sie mit der größten Heftigkeit um etwas anzuflehn. Die Anwesenden konnten leicht errathen, daß der besorgte Sohn seiner Mutter einen zu schmerzlichen Anblick ersparen wollte, da der vor vier Wochen erfolgte Tod des Herzogs und der weite Weg, den die Leiche gemacht, trotz allen Vorkehrungen jeden wohlthuenden Zug und Eindruck verlöscht haben mußte. Aber die Herzogin schien unerbittlich, ja, zürnend, und wie ihr Sohn, von Salisbury's Worten unterstützt, ihre Kniee umfaßte, als wollte er mit Gewalt sie hindern, befahl sie ihm aufzustehn. Eine leichte Röthe belebte das blasse Angesicht, und mit vernehmlicher Stimme sprach sie wie unwillig: Hältst Du mich für schwächer, als die edlen Frauen, die vor mir diesen Gang gethan? Trostlos erhob sich der junge Mann, und sein Blick richtete sich, wie nach der letzten Hülfe, zu seiner Großmutter empor. Aber diese schien dies Mal nicht sie geben zu wollen, ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, die Herzogin würde hier sich nicht zurück ziehn. Diese Pflicht, wozu das sehnsüchtige Herz sie trieb, diese Pflicht, die sie in der Gegenwart ihrer Verwandten, Befreundeten und Untergebenen erfüllen sollte, konnte sie nicht unterlassen, ohne eine Schwäche zu zeigen, die der Würde und Seelenstärke widersprochen hätte, die ihren Karakter und ihren Ruf in der Welt bezeichnete. In ihren theilnehmenden, aber klaren Blicken lag das Vertrauen zu ihrer Schwiegertochter: auch sie würde das mit Würde vollziehen, was sie selbst und vor ihr so Viele an dieser Stelle vollzogen hatten.

[44] Sie irrte sich auch nicht, und der zärtliche Sohn hatte, ohne es zu ahnen, durch seinen Widerstand eine neue Stütze ihr gewährt; ihr Stolz war erwacht, und ein leichter Unwille über die scheinbare Störung der so wichtig erachteten Trauerceremonien gab ihr die Kraft, ihre Erweichung zu besiegen. Sie winkte ihren Sohn und den Grafen von Salisbury zurück, und näherte sich mit langsamen, würdevollen Schritten dem Hauptende des Sarges. Der Körper, überdeckt mit einem weiten Fürstenmantel, ruhete jetzt vor ihren gespannten, angstvoll geöffneten Augen unverhüllt; das theure Haupt, einst mit allem Zauber männlicher Würde und den weichen Zügen des Gefühls und der Güte geschmückt, war jetzt zu einer unscheinbaren gelben Maske vertrocknet; und der Schauder, einer völlig fremden, kaum Menschen ähnlichen Bildung gegenüber sich zu finden, drohte sinnverwirrend den Geist der starken Frau zu ergreifen. Schon durchzuckte das wildeste Entsetzen ihre Seele, und Alles um sie her verschwand aus ihrer Erinnerung, – noch solch' ein Moment, und sie wäre entflohn und mit ihr vielleicht das Bewußtsein des Geistes, das unterzugehen drohte. Schrecklich war die Angst der sorglich auf sie Blickenden, denn in ihren Zügen und dem starren Blick ihrer Augen malte sich ihr jäher Zustand. Aber Gott hielt seine segnende Hand schützend über dies schuldlose Haupt. Sehr bald minderten sich die scharfgespannten Züge, Friede kehrte zurück, sich steigernd bis zur sanftesten Rührung. Ihr Blick hing mit Zärtlichkeit an diesem grauenhaften Bilde, denn sie hatte ihn wieder erkannt an dem schönen, lockigen Haar, das der Tod nicht zu zerstören vermochte, und das er in seltener Schönheit besessen hatte. Ihre Besinnung kehrte zurück, und lange Gewohnheit einer großen Selbstbeherrschung kam ihr zu Hülfe.

Das Gefühl, ihn erkannt zu haben und jetzt gewiß seine heiligen Ueberreste zu besitzen, hob sie über ihre Natur mit einer [45] Art von Entzücken, das um so mächtiger sie ergriff, als es der plötzliche Uebergang von dem trostlosesten Entsetzen war. Sie richtete sich an seinem Haupte mit einer Art von Begeisterung empor, noch ein Mal blickte sie nieder, und ein Lächeln umzog die bleichen Lippen. Dann schauete sie, ihrer Pflicht gedenkend, mit dem Ausdrucke der glühendsten Ueberzeugung umher, und während ihre Lippen wie zu Worten sich bebend öffneten, hob sie wie eine Seherin die lilienweiße Hand empor und blieb so einen Augenblick stehn, Jeden zum Zeugen ihrer Ueberzeugung aufrufend. Unbeschreiblich war der Eindruck dieser sich folgenden Bewegungen; Bewunderung gesellte sich der tiefsten Rührung zu, und ein unartikulirtes Geräusch von vielen hundert Stimmen durchströmte die weite Halle.

Doch dies war völlig geeignet, die Herzogin aus ihrem überspannten Zustande zu wecken, sie fühlte schnell, daß sie hier der Gegenstand einer Aufmerksamkeit geworden war, die sich nach ihren strengen Begriffen mit ihrer Würde und ihrem weiblichen Gefühl gleich wenig vertrug. Sie ließ sich von ihrem Sohne und ihrem Oheime zurückführen, und ihre stolze Haltung erinnerte nicht mehr an ihre frühere Bewegung. Nachdem der Umgang um den Sarg auch von den Uebrigen vollzogen war, traten die beiden Wappenherolde vor, die zur Seite des Thronhimmels standen, vor dem der Katafalk errichtet war. Der zur linken Seite trug das aufgerollte fürstliche Trauerwappen an einem goldenen Stabe und richtete es zur Linken des Sarges auf. Indem er noch ein Mal den Tod des Herzogs, mit allen seinen Würden und Titeln benannt, verkündigte und alsdann mit lauter Stimme fortfuhr: Und so das erlauchte Haupt dieses Hauses nunmehr in ewigem Frieden hier vor uns ruhet, sehen wir den herzoglichen Stuhl erledigt, und da er leer bleibt vor unsern Augen, nachdem wir den Herrn davon als verstorben erkannt, und als ob Nachkommen und Lehnträger [46] diesem erhabenen Stamme gebrächen, fragen wir die hohen hier anwesenden Verwandten, und den hohen und niedern Adel der Grafschaft Nottingham, ob verblüht und untergegangen sei dies edle Geschlecht, und ob wir sofort, kraft unsers uns verliehenen Amtes, das Wappen zerbrechen müssen und zu ewigem Vergessen mit diesem Sarge versenken sollen? Wir fragen drei Mal: Ist der Stamm erloschen? – da trat der Graf von Salisbury als nächster männlicher Verwandte mit ernster Würde hervor, zog seinen Degen, hob ihn gegen den Herold empor, berührte dann drei Mal mit der Spitze die Brust des Verstorbenen und sprach drei Mal ein lautes Nein! Wo ist der neue Herzog von Nottingham? rief nun derselbe Herold, und in demselben Augenblicke zogen alle Anwesenden mit Blitzesschnelle die Degen aus den Scheiden, daß die hohen Gewölbe wie von einem Schreie widerhallten, und eben so schnell stand der Graf von Derbery von seinem Platze am Sarge auf, und indem er die Hand auf das Haupt des Entseelten legte, rief er drei Mal: Hier! Augenblicklich eilten glänzend geschmückte Pagen herbei und hingen den herzoglichen Mantel um seine Schultern, während der Graf von Salisbury den herzoglichen Reif von dem Kissen nahm, welches ein Page ihm reichte, und seinem Groß-Neffen damit das Haupt schmückte. Er führte ihn sodann unter den Thronhimmel und hieß ihn den leeren Stuhl darunter einnehmen, während der Freudenherold das in allen Farben prangende Wappen der Herzoge entfaltete, und den neuen Herzog laut und feierlich proklamirte. Die Anwesenden begrüßten nun vorübergehend und mit dem Degen den Boden berührend den neuen Herzog, und beurlaubten sich, tiefneigend vor den Herzoginnen, die unbeweglich während dieser langen Ceremonie in ihren Stühlen blieben. Bis die letzten Diener den Saal verlassen, und nur noch von ihren Kindern, der herzoglichen Mutter, dem Grafen Salisbury und ihrem nächsten Kammergefolge [47] umgeben, blieb die starke Herzogin aufrecht, dann sank sie ohne einen Laut, ohne alles Leben von ihrem Sessel. Entsetzt stürzten die trostlosen Kinder über sie, doch Doktor Stanloff, der mit hütendem Auge seiner Gebieterin gefolgt war, erklärte ihren Zustand für eine tiefe Ohnmacht und verlangte nichts als Ruhe, wonach sich wohl Alle sehnten nach diesem angreifenden Tage. Auch war die Nacht längst herangebrochen. Man trug die Herzogin in ihre Zimmer, und Jeder suchte die seinigen zu erreichen. – So befand sich bald um den, der sonst der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in diesen Hallen war, nur die durch eintönige Worte sich von Stunde zu Stunde ablösende Trauerwache!


Der unbewußte Zwang, den feststehende, durch lange Gewohnheit geheiligte Formen über die Gemüther der Menschen ausüben, wird oft eine wohlthätige Stütze für das durch Leidenschaften oder erschütternde Ereignisse aus seiner Bahn getriebene Innere. Von dem kleinsten Standpunkte gilt dies, und macht sich auch für den weiteren Gesichtskreis des Lebens geltend. Es belehrt uns über das lange Fortbestehen oft in sich schon bedeutungslos gewordener Formen, welche zu durchbrechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die Schaale abzuwerfen, Wenige nur berufen sind. Diese sind dann der letzte Tropfen in dem zum Ueberfließen gefüllten Becher einer neuen Erkenntniß, wozu in der Stille die Besten vieler Zeiten die einzelnen Tröpfchen beisteuerten. Sie haben keinen Maaßstab, denn sie sind die ersten dieser Art; aber leicht mißdeuten Viele in sich eine leidenschaftliche Aufregung, die ihnen das Recht zu geben scheint, umzustoßen und zu durchbrechen, was, von tugendhaften Vorältern erdacht, oft ganze Geschlechter liebevoll umfaßte und sie schützend an der rohen Willkür vorüberführte.

[48] Es ist so schwer, an die Stelle des lang Bestandenen das Bessere zu stellen, daß die hierüber leicht gewonnene Erfahrung uns versöhnlich macht gegen das Mangelhafte; und so unzureichend und oberflächlich sind die Ergebnisse jener Umwälzungen, daß ein stilles und in sich geschlossenes Gemüth sich leichter da hinneigt, wo tugendhafte Menschen seit lange Bürgschaft gaben für das Bestehende. Auch reift in der Zeit von selbst schon und allmälig eine Reformation, zu deren siegreichen Zwecken Jeder wohlthätig mitwirkt, der in sich selbst die freie Entwickelung seiner Kräfte beschloß. Was auf diese Weise von uns dennoch abfällt und nicht mehr zu uns gehören will, das ist zum Staube reif, nicht der übermüthigen Laune, sondern der Zeit ist es verfallen!

Die stärksten Gemüther erreichen am leichtesten diesen höhern Standpunkt; Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefühle der Kraft, und es ist kein Widerspruch, wenn wir den, der allenfalls die Form durchbrechen könnte, sich fügen sehen; es ist blos, daß auf seinem höheren Standpunkte ihn das Kleine nicht mehr stört und das Gefühl, die eigene Bahn sich brechen zu können, ihn zum verträglichen Gefährten macht auf dem schon betretenen Wege.

Wir fühlen uns durch diese freie Ergießung unserer Meinung unwillkürlich auf die Person hingewiesen, welche zunächst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, den zweiten Sohn der Herzogin von Nottingham, Lord Richmond Derbery, welcher einige Tage nach der still erfolgten Beisetzung des geliebten Vaters mit seinem Oheim, dem uns schon bekannten Grafen Archimbald Glandford, von einer Sendung König Jakobs an seinen unglücklichen Schwiegersohn, den Kurfürsten von der Pfalz, zurückgekehrt war und, von der Trauernachricht auf dem Rückwege getroffen, mit geflügelter Eile Godwie-Castle erreicht hatte. Wir vertiefen uns nicht noch ein Mal in die wehmüthigen und [49] erschütternden Scenen eines solchen Wiedersehens. Ueber Personen, die mit eben so viel Hochachtung, als Liebe, an einander hingen, brachten solche Augenblicke den vollen Werth einer würdigen Selbstbeherrschung, welche auch den heftigen Empfindungen des Herzens eine edle Decenz auferlegt; der tiefe Ernst, der an die Stelle leidender Aufregung getreten, zeigte sie wenig anders, als man sie zu sehen gewohnt war.

Doch hatte die Ankunft beider Männer einen unverkennbaren Einfluß auf die wiederkehrende freiere Haltung des Ganzen. Es lag in ihrer geräuschlosen Gegenwart dennoch etwas so Anziehendes und zugleich Anregendes, daß fast Jeder auf seinem Platze etwas zu leisten strebte, wie wenig auch eine Anforderung darauf hinwies. Wenn die Unbedeutenden sich dadurch angenehm erhöht fühlten und die Besseren in der schönen Freude ehrender Anerkennung lebten, gab es doch auch Andere, welche sich von einer Beherrschung gedrückt fühlten, die, wenn auch achsichtslos entstand und nie gefordert oder begünstigt schien, der stillen Herrschaft zugeschrieben werden mußte, die ausgezeichnete Geister unwillkürlich durch sich selbst herbeiführen. Zu diesen Letzteren, sich gedrückt Fühlenden, müssen wir, obwohl mit einiger Schüchternheit, den größten Staatsmann jener Zeit, den Grafen Salisbury, rechnen. Wir haben erzählt, daß er seinen Neffen, den Grafen Archimbald, bei seiner Rückkehr aus Frankreich zu bilden strebte und, die großen Eigenschaften desselben erkennend, wohl damals den Plan faßte, ihn zu seinem Gehülfen und späterhin vielleicht zu seinem Nachfolger zu erheben. Doch während dieser Entwickelung geschah etwas, das außer dem Plane und der Erwartung des Grafen lag. Er hatte seinen Neffen, den er durch Verwandtschaft und Unterricht fest an sich geknüpft wußte, eine Zeit lang in anscheinend unbedeutenden Aufträgen an die verschiedenen Höfe, an denen sich schon englische Gesandtschaften befanden, gesendet, oft damit Zwecke [50] erreichend, die auf direktem Wege Widerstand gefunden hätten, und die ihm die Fäden in in die Hände spielten, an denen er König Jakob und die übrigen Minister geschickt zu lenken wußte. Graf Archimbald hatte durch diese verschiedenen Stellungen fast den Ueberblick über alle wichtigern Angelegenheiten des damals in religiöser und politischer Beziehung so bewegten Europas gewonnen. Seine ungemein wissenschaftliche Bildung, und vor Allem der natürliche leichte und scharfe Blick seines umfassenden Geistes hatte ihn zu Ansichten geführt, die ihn über das System erheben mußten, nach welchem die kurzsichtige Politik König Jakobs mit weibischer Schwäche sich von all' den hochherzigen Bewegungen ausschloß, die von so viel Seiten her ihn zur Theilnahme aufforderten. Er verwarf sie, um den Frieden zu erhalten, der während seiner ganzen Regierung das durch Elisabeth so hoch gestiegene Ansehen Englands wieder herabsinken ließ. Daß dieser Vorwurf, den bald Europa dem Könige von England machen mußte, auch seine Minister und namentlich den Grafen Salisbury traf, an dessen Namen eine Berühmtheit hing, die er nach dem Tode Elisabeths nicht mehr behaupten zu können schien, fühlte Graf Archimbald mit tiefem Schmerze, und von dem Tadel gegen seinen König, mehr noch gegen seinen Oheim erhitzt, wagte er es, demselben Ansichten vorzulegen, die nur zu deutlich zeigten, daß die Meinungen des Neffen mündig geworden.

Der Graf konnte sich bei diesen gewagten Mittheilungen, trotz seines innern grenzenlosen Unwillens, nicht verläugnen, daß hier in dem Kreise, den er völlig zu übersehen glaubte und mit der schmeichelhaften Hoffnung beherrschte, daß der ganze Continent ihn in dieser vollkommenen Herrschaft anerkenne, sich Ansichten entwickelt hatten, die ihm nicht allein entgangen waren, sondern auf das, was er indessen gethan, ein tadelndes Licht werfen mußten. Je weniger der helle Geist des erfahrnen [51] Staatsmannes sich dies verläugnen konnte, um so unheilbarer war die Wunde, die sein stolzes Herz dadurch empfing, und die Person, die zuerst diesen tödtenden Pfeil nach ihm zu senden wagte, würde stets das Opfer dieser erregten Empfindung geworden sein, wie den Liebling nichts schützen konnte, eine mißtrauische Kälte erregt zu haben. Die Grenze des Vertrauens war von da an gesteckt; die nie geträumte Befürchtung, von seinem Neffen übersehen zu werden, erbaute, obwohl kaum eingestanden, eine ewig trennende Mauer. Mit leicht erregtem Mißbehagen sah er den Beifall, den er selbst früher auf ihn herbeigerufen hatte, und sein ewig gepeinigter Stolz ließ sein Wesen mit allen Autoritäten des Ministers und Oheims gegen ihn sich bekleiden. Schnell hatte Archimbald sein großes Versehen er kannt, und die Dankbarkeit und Hochachtung, die der Beleidigte ihm einflößte, gab ihm all' die rücksichtsvolle Ergebenheit, die überall hätte versöhnend sein müssen, nur nicht gegen ein durch Hochmuth und Schmeichelei erkaltetes Herz, dessen eitles Selbstvertrauen verletzt ward. Auch blieb hierüber bald dem Grafen kein Zweifel übrig, und ihm selbst war ein zu hoher Grad des Stolzes beigemessen, und ein nicht zu unterdrückendes und begründetes Selbstvertrauen, als daß er sich länger um die Wiederherstellung eines Verhältnisses hätte bemühen können, welches oft schon seiner Ueberzeugung Fesseln angelegt hatte, und das ihm jetzt doppelt drückend werden mußte, nachdem er einen so tiefen Blick in das kleinliche Gemüth seines Oheims gethan. Beide jedoch waren zu klug, die Welt zu Zeugen dieser innern Trennung zu machen. Der Graf von Salisbury hatte zu oft Lord Archimbald seinen besten Schüler genannt, um ihn jetzt nicht auf der öffentlichen Höhe zu halten, die ihm unter diesem Prädikat zukam; doch entfernte er ihn bald aus seiner Nähe, obwohl auf einen Platz hin, den er mit einem bedeutenden Kopfe ausfüllen mußte. So begab sich denn der [52] Graf zu Heinrich dem Vierten nach Paris. Es begleitete ihn dahin trotz seiner zarten Jugend sein zärtlich von ihm geliebter Neffe, Richmond von Derbery. Es war für den, der diese beiden Personen beobachten konnte, etwas höchst Anziehen des zu gewahren, wie Graf Archimbald an seinem Neffen mit einer Liebe hing, die er fast gegen alle Andere, besonders seit dem Tode seines Freundes, des Prinzen von Wales, und seines geliebten Vaters, zu verringern schien, und dies, wie es sich oft verrieth, um solcher Eigenschaften willen, worauf einen entschiedenen Werth zu legen, man von dem Grafen am wenigsten erwarten konnte: nämlich wegen einer hervorleuchtenden Fülle des Gemüths und einer Zartheit der Empfindungen, welche die Brust einer Frau in nicht höherem Maaße hätten zieren können. Das ganze Wesen Richmonds war geleitet von einer feinen Schonung gegen Andere. Er errieth mit der schärfsten Empfindung eben so leicht das Wohlthuende, als das Verletzende, und wußte, wo es seine Stellung irgend zuließ, das Eine, wie das Andere sanft zu vermitteln, woraus eine Sicherheit in seiner Nähe entstand, welche das Vorrecht einer schönen und edlen Individualität ist, und selbst über die roheren Seelen eine stille Gewalt übt, von der sie sich oft keine Rechenschaft zu geben wissen, und die sie unbewußt, sich selbst zu mäßigen, zwingt. Man mußte sich gestehen, daß diese Tugenden nicht unter die ausgezeichnetsten seines Oheims gehörten. Dieser verdeckte eine gewisse Schärfe und Kälte des Karakters durch die außerordentliche Selbstbeherrschung und Politur, die das Leben in den verschiedensten Lagen und unter stets großen und repräsentirenden Verhältnissen ihm gegeben hatte, aber sie ließ sich nie so ganz unterdrücken, um nicht da hervorzutreten, wo es an einem Interesse, sie zu verbergen, fehlte. Es gab Personen von feinem Takte, die sich selbst durch die freundlichste Annäherung in Ton, Wort und Miene nicht von einer kleinen Erkältung erholen konnten, die [53] sie verletzte. Indem dies eine Art Schüchternheit erregte, unterstützte es zugleich das Ansehn, das ihm überall zu Theil ward, und welches um den Preis der eigentlichen Herzens-Affectionen gewonnen zu haben, ihn vielleicht nicht sonderlich betrübte. Dessenungeachtet mußten auch ihm die Augenblicke nicht ausgeblieben sein, von denen man sagt, daß sie Jeden erwarten; die Augenblicke, in denen die Leerheit des Innern von den Außendingen nicht zu füllen ist und das ganze Gebäude stolzer Größe nicht gegen die Anforderungen ausreicht, die das Herz mahnend wiederholt, wie wenig es auch scheinbar dazu berechtigt ward. In solchen Augenblicken hatte er den Sohn des Bruders erfaßt, in dessen Eigenthümlichkeit er sich ergänzt fühlte. Er war ihm überall gefolgt und von dem Vater mit Freude, von der Mutter nur mit großer Ueberwindung ihm überlassen worden, denn sie hing mit einer ganz besonderen Innigkeit an diesem Kinde, und wenn sie auch in ihrer äußeren Haltung kaum je den Grad ihrer Empfindungen wahrnehmen ließ, war sie innerlich klar genug, das erhöhte Gefühl zu erkennen, das von früh an ihren Liebling begleitet hatte. Später söhnte sie sich mehr mit dem Gedanken aus, ihn unter fremder Herrschaft erblühen zu sehn, denn sie mußte sich sagen, daß kein Wesen geeigneter war, die geistigen Vorzüge eines Jünglings zu entwickeln, als Graf Archimbald, und daß gerade das Hervorheben dieser geistigen Entwickelung ein wohlthätiges Gleichgewicht hervorgerufen hatte gegen die zärtliche Weichheit seines Herzens. Graf Archimbald versäumte dagegen nie, das Opfer der Mutter wohl erkennend, eine Gelegenheit, den Sohn ihr zuzuführen, und die Herzogin war endlich auch nicht gleichgültig gegen die Aussicht, ihren Sohn in die Rechte des Grafen Archimbald treten zu sehen, da, wenn es auch unentschieden blieb, ob der Oheim aus Liebe zum Neffen der Ehe entsage oder die Entsagung der Ehe ihn zum Neffen geführt, doch die Hauptsache entschieden schien, daß der Graf [54] sich nicht vermählen und Richmond sein Erbe sein werde. Nach mehrjährigem Aufenthalt am Versailler Hofe wünschte der Graf auf einige Zeit in den Kreis seiner Familie zurück zu kehren, da seit dem Tode Heinrichs des Vierten er nur noch schwach sich an den Hof gebunden fühlte, und zugleich seine durch Elisabeth ihm wieder verliehenen Besitzungen zu besuchen wünschte. Die meiste Zeit brachte Richmond indessen bei seinen Eltern zu. Es war eine Zeit stiller Seligkeit für die Herzogin; denn ihr Liebling trat ihr vollständig gereift entgegen, und sie hatte Zeit, in ihm so seltene Eigenschaften vereinigt zu gewahren, daß ihr Mutterherz im fröhlichsten Stolze aufschwoll. Die Brüder waren ungemein verschieden, sowohl an Person, als an Eigenschaften; aber war man nur nicht so ungerecht, den Grafen Robert mit Richmond vergleichen zu wollen, so blieb jener doch eine liebenswürdige Erscheinung, mit seiner schönen Gestalt und dem heitern blonden Angesicht. Richmond dagegen hatte die regelmäßige Schönheit seiner Mutter. Er war so groß, wie sein Bruder, seine Gestalt war vollkommen durch die reinste Uebereinstimmung der Verhältnisse und eine daraus entspringende ungemeine Grazie jeder Bewegung. Sein erster Anblick war ernst, er hatte etwas Festes und Bestimmtes, und man hätte glauben können, dies wären die Vorboten eines stolzen und kalten Karakters, da er sich überdies nur wenig und mit Zurückhaltung äußerte. Aber diese äußeren Zeichen hingen mit den hohen Begriffen von Schicklichkeit und Mäßigung in Worten und Gefühlen zusammen, die er zur Würde des Karakters rechnete, und die allerdings bei ihm die große Herrschaft über sich selbst erkennen ließen, da das reichste und gefühlvollste Herz ihn stets zu verführen strebte. Die Ehrfurcht vor dem Willen der Eltern war um so heiliger in ihm geblieben, da er ihnen nie durch die Details der Erziehung so nahe gerückt war, ihre menschlichen Schwächen kennen zu lernen. Seine Mutter schien [55] ihm unvergleichlich die erste Frau der Welt, und an seinem Vater hing er mit zärtlicher Verehrung. Er hatte in diesem streng häuslichen Kreise eine Liebenswürdigkeit, welche die ganze tiefe Empfindung seines Herzens verrieth, und die Herzogin, die eine leichte Sprödigkeit selten ablegte, ließ sich seine anmuthigen Liebkosungen mit vieler Nachgiebigkeit gefallen, denn sie wußte wohl, wie die im Hintergrunde ruhende Ehrfurcht ihm jedes Ueberschreiten der Grenzen unmöglich machte. Er hatte die hohe Stirn, das braune lockige Haar und die dunkeln Augen der Mutter, aber der Stolz dieser Stirn hörte auf an den Grenzen seiner Augen. Ihr Glanz war von breiten Augenliedern und langen Wimpern von Außen sanft gemildert, und der Stolz, der aus den Augen der Herzogin blickte, ward hier nur durch Erregung hervorgerufen und wechselte nur selten mit dem ruhigen Ernste. Beide Brüder hingen herzlich an einander, aber der ältere erkannte in jedem Augenblick mit Stolz und Freude den jüngeren über sich. Sein fester Wille, der die schwersten Opfer für das erkannte Recht nicht einmal erwähnt wissen wollte, legte der guthmüthigen Nachgiebigkeit des älteren Bruders die Gesetze auf, nach welchen er stets ohne Wanken zu handeln bereit war, und Robert folgte wie ein heiteres Kind, da Richmond das Schwere mit einer Liebe, mit einem Verstehen der damit verbundenen Opfer forderte, daß der Genuß, sich so verstanden zu sehn, fast den Kampf überbot. Zum Grafen Salisbury verhielt sich dieser junge Mann äußerst fremd. Der Graf verstand ihn nicht, er hatte gute Berichte von ihm gelesen, er sah ihn äußerlich zum Hofmann gebildet; er wußte von seinen wissenschaftlichen Erfolgen, und hielt ihn erst, um nur mit ihm fertig zu werden, für einen jungen Hofmann, der seinen Oheim beerben will. All zu lang wollte dies nicht passen, denn er ging seinem Oheim voran nach Deutschland, und Cecil sah, der Neffe habe eigne Meinungen, er scheue sich nicht, sie gegen [56] die des Oheims geltend zu machen, er sei gerade und fest. Doch diese Weichheit wieder, dieser Gehorsam, wo es mit etwas Stolz gelungen war, dem Oheim entgegen zu treten, wozu das? Welche Inkonsequenz? Er ließ ihn fallen und den Grafen gewähren, welcher sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Doch gerade darum, weil er ihn nicht verstand und von der heimlichen Furcht in seiner Nähe sich beschlichen fühlte, daß in ihm auch ein Geist versteckt liegen könne, der sich gegen den seinigen dereinst auflehnen werde, fühlte er sich unheimlich mit Beiden und dachte den Tag nach ihrer Ankunft an seine Rückkehr nach London.

Er hatte zu diesem Zweck seiner Nichte einen Besuch gemacht und den Grafen Archimbald nach den Hallen beschieden, in denen er sich auf und nieder bewegte, die Rede überdenkend, welche er gesonnen war dem Grafen zu halten. Der schönste Frühlingstag leuchtete durch die feinen goldenen Gitter der hohen Thüren und erhellte die düstern Hallen, welche ihres traurigen Schmuckes wieder entkleidet waren. In ihrer alten Pracht auf tausend schimmernden Flächen das glänzende Licht empfangend und zurückwerfend, boten sie einen erfreulichen Anblick dar, da nur selten das Licht des Tages bei ihrer weiten Ausdehnung ihren Glanz verrieth.

Wohl schien die ernste und nachdenkliche Gestalt des alten Ministers, mit der tiefen Trauerkleidung und den glänzenden Sternen, zu dieser Umgebung zu passen, aber die Welt, die vor den goldenen Gitterthüren ihr heiteres Leben begann, ging um so gewisser für ihn verloren. Die warme Luft des Frühlings, das reine Licht des Himmels wollte überall das schlummernde Leben zur Thätigkeit erwecken. Es war der Augenblick in der Natur gekommen, der uns von Stunde zu Stunde mit süßeren Freuden zu beschenken scheint und eine unendliche Sehnsucht erregt, unter Blüthen und Blättern mitten inne zu wohnen, oder mit den geschäftigen Würmchen und Käfern der athmenden Erde [57] alle die kleinen Geheimnisse abzulauschen, die vom keimenden Halme bis zu den unschuldigen Versuchen der ersten Blümchen unsern Antheil und unsere Zärtlichkeit erwecken. Der nahe Wald, die zahllosen kleinen Gebüsche auf und an den Terrassen waren ein Tummelplatz singender und bauender Vögel, nicht minder waren die gothischen Verzierungen der Hallen mit Nesterchen bestellt, deren Bewohner, sich an den Gittern hängend und wiegend, ihr fröhliches Lied dem alten Staatsmann entgegen sangen, der in ernster Würde an ihnen daherschritt und auf nichts so wenig hörte, wie auf Vogelgesang! Noch ein Mal hatte er das Ende der mittlern Halle erreicht, und in dem fragenden Blick, den er nach dem Eingange sendete, lag aufsteigender Unwille, hier seit einigen Minuten vergeblich zu warten, als er durch die Gitterthüren, die nach der Vorhalle führten, den Grafen Archimbald eilig daher kommen sah, und um so schneller, da er ihn so eben zu erkennen schien. Lord Salisbury blieb unbeweglich stehn, seinen Neffen den ganzen Raum bis zu ihm durchmessen lassend, und Graf Archimbald, der nur den etwas vorgestreckten Fuß des Lords zu sehen brauchte, um zu wissen, daß er hier länger geharrt, als er mit seiner Würde verträglich fand, fing schon in einiger Entfernung an, sich mit einer Bescheidenheit und Höflichkeit zu entschuldigen, die sehr oft, in einem so hohen Grade ausgesprochen, eine leichte Beimischung von Ironie verräth, von der wir auch jetzt den Grafen loszusprechen uns nicht verpflichtet halten. Graf Salisbury murmelte einige unverständliche Worte und schickte sich an, das zu beginnen, warum er seinen Neffen berufen; als derselbe, mit vieler Gewandtheit diese geringe Pause benutzend, dem Grafen sein Bedauern ausdrückte, indem er, so eben von seiner Schwägerin kommend, erfahren habe, der Graf wolle dies Schloß schon morgen verlassen. Um so näher liege ihm aber auch nun eine Bitte, die er im Namen seines Neffen vorzutragen nicht aufschieben dürfe, [58] nämlich die Bitte um die Erlaubniß, in dem Gefolge des Grafen sich nach London begeben zu dürfen, um gegen den König der ihm obliegenden Verpflichtung des Lehnseides sich zu entledigen. Er würde es für eine Ehre halten, wenn auch er ihn dahin begleiten dürfe, da seine Schwägerin ihn vorläufig aus seiner Nähe entlassen und jedes Geschäft zurück gesetzt habe, bis die erste Verpflichtung ihres Sohnes gegen seinen König erfüllt sei. Der Graf von Salisbury konnte kaum den unangenehmen Eindruck verbergen, den diese schnelle, äußerst schmeichelhafte und unterwürfige Bitte seines Neffen ihm machte; denn gerade diesen selben Gegenstand hatte er eben zum Vortrag bringen wollen, und zwar mit manchen von ihm wohl überlegten Aeußerungen, welche die Bedeutsamkeit seiner Stellung hervor heben und die Nachlässigkeit andeuten sollten, die seiner Meinung nach in der Stille ausgesprochen lag, mit der bis jetzt die wichtige Pflicht des jungen Herzogs übergangen war. Durch diese schnelle ehrerbietige Erklärung des Grafen war er um die ganze Wichtigkeit dieses Augenblicks betrogen, und mußte noch überdies von der feierlichen Höhe der Mißbilligung, zu der er sich empor gehoben hatte, hernieder steigen, und billigend und gewährend das Vertrauen erkennen, welches seinem Großneffen wünschenswerth machte, in seinem Gefolge sich nach London zu begeben. Es blieb aber nur noch übrig, einen andern Anlaß zu erfinden, weshalb er seinen Neffen habe rufen lassen. Wir zweifeln nicht, daß es dem feinen und gewandten Manne gelungen wäre, einen passenden Ausweg zu finden, wäre er nicht aus dieser kleinen Verlegenheit durch ein neues Ereigniß gerissen worden, welches alle seine Gedanken von da an uneingeschränkt in Anspruch nehmen sollte. Gilbert, der erste Sekretair des Grafen von Salisbury, erschien in dem Eingange des Saales und näherte sich auf das gegebene Zeichen des Ministers, um ihm zwei Briefe zu übergeben, welche so eben mit einem Courier von London [59] eingetroffen waren. Graf Archimbald wollte sich ehrerbietig zurückziehn, aber der Graf von Salisbury erkannte, etwas erstaunt, aber doch angenehm überrascht, auf dem einen Briefe das große Privatsiegel des Königs und seine lateinische Ueberschrift, welcher Sprache er sich aus Eitelkeit häufig zu seiner Privat-Correspon denz zu bedienen pflegte. Er bat ihn daher freundlich, zu verweilen, beurlaubte Gilbert, und zu seinem Neffen gewendet eröffnete er den Brief, indem er mit einigen Worten die Gnade des Königs in diesem eigenhändigen Schreiben bemerkte. Doch er konnte nicht über die ersten Zeilen gekommen sein, als sein kräftiges Gesicht erbleichte und die hohe Haltung des alten Mannes bis zur Ohnmacht zu schwinden schien. Sein Auge streifte verschüchtert über das Blatt weg und haftete mit einem solchen Ausdrucke auf seinem Neffen, daß dieser voll Schrecken auf ihn zueilte und mit sorglicher Freundlichkeit seinen Arm ergriff. Archimbald, sagte der Graf mit matter Stimme, was hat man in meiner Abwesenheit durchzusetzen gewagt? Wie unerhört bin ich betrogen, und welch' ein Unglück ist über uns alle gekommen!

Noch ahnte Graf Archimbald die Ursache der heftigen Erschütterung nicht, in der er seinen Oheim sah, aber das unverkennbare Leiden des würdigen Mannes erweckte die volle Theilnahme, die er früher ihm so aufrichtig eingeflößt, und tilgte alle die Kälte und Zurückhaltung, welche später beide von einander entfernt gehalten hatte. Der alte Graf brauchte einen Vertrauten, und er wußte, daß er ihn in seinem Neffen zu finden vermochte. Dies war für den schweren Augenblick ein Trost, den er sich weder versagen wollte, noch konnte. Er nahm den Lehnstuhl an, den sein Neffe herbei zog, und reichte ihm dann den Brief des Königs, unfähig, wie es schien, über die ersten Zeilen hinweg zu kommen. Doch waren diese völlig hinreichend, sowohl die Erschütterung des Ministers, wie das in gleichem [60] Maaße erregte Erstaunen des Grafen zu erklären. Der König schrieb nämlich und, wie es dem völlig haltungslosen Styl anzufühlen war, selber in der trostlosesten Stimmung: »Was werdet Ihr sagen, mein lieber getreuer Cecil, wenn ich Euch schreibe, daß ich trostlos bin und ein armer, verlassener Vater, denn mein lieber Sohn und Buckingham haben sich nicht halten lassen, und sind auf und davon nach Spanien gereist, und Babi will selbst freien um seine Infantin, wie jeder andere Mann, so unschicklich das auch für ihn ist. Ich habe Euch tausend Mal zurück gewünscht, denn Ihr hättet es sicher ihm ausgeredet. Aber wie Ihr fort waret und Buckingham es erst wollte, da war kein Auskommen mehr, und ich bin nun ganz trostlos, denn mehrere Tage sind sie schon fort, aber ob meine Augen je meinen letzten Prinzen wiedersehn, das weiß Gott. Ich wünsche, Ihr wollet jetzt nicht länger mich allein lassen. Euer König Jakob.«

Der zweite Brief war vom Grafen von Herford und bestätigte die Nachrichten des Königs mit mehreren Details, woraus klar hervorging, daß zwischen Carl und Buckingham eine Aussöhnung zu Stande gekommen war, in deren Folge der Herzog den Wunsch des Prinzen, nach Spanien zu gehen, aus allen Kräften befördert und die wirkliche Abreise so unerhört schnell und heimlich in's Werk gesetzt hatte, daß der König nicht über seinen Schritt zur Besinnung kommen konnte, noch weniger einer der Minister und Räthe vermocht hätte, es zu verhindern.

O, warum war ich nicht da! rief Lord Salisbury, indem er mit der alten Kraft von seinem Sessel aufsprang, o die muthlosen entarteten Menschen, die alle an sich mehr dachten, als an das Wohl des Staates und ihres königlichen Hauses! Und hätte ich diesen Buckingham auf die Gefahr meines grauen Hauptes gefangen nehmen sollen, als Hochverräther hätte ich[61] ihn verklagt vor dem Throne meines armen schwachen Königs, und so wahr ein Gott lebt, nur über meine Leiche hätte der theure Prinz, der Stolz unseres Landes, die Grenzen seines treuen Englands überschreiten sollen, um unsern Feinden zum Spott in das fremde papistische Land seinen Fuß zu setzen. – O Archimbald, schütze uns vor Zeugen! Weißt Du uns frei von Beobachtung? Sieh, ich kann mich nicht fassen, es ist ein Schritt, der uns mindestens zum Gespötte des Auslandes macht. Gott verhüte, daß der geheiligten Person unsers theuern Prinzen etwas geschehe, was diese Menschen zu vertreten haben werden; aber selbst der glücklichste Erfolg wird uns um die Erreichung der wohl eingeleiteten Pläne bringen, welche Dir bewußt sind und zum Theil deine Sendung nach Deutschland veranlaßten, unsere Feinde werden das Uebergewicht zu benutzen wissen, was diese wahnsinnige Handlung ihnen giebt, Gott gebe, nicht noch zu schlimmeren Anschlägen. – Archimbald war ein zu eifriger Staatsdiener, um nicht ganz die Empfindungen seines Oheims zu theilen. Er übersah mit schnellem Blicke das Gewagte und Unbesonnene dieses Schrittes, und konnte den Schmerz des alten Mannes darüber nicht allein begreifen, sondern fühlte sich auch dadurch aufs Neue inniger zu ihm hingezogen. Die treue Anhänglichkeit an das königliche Haus, dem er diente, die alle zärtlichen Gefühle seiner Brust, in sofern sie ihm zu Gebote standen, ans Licht rief, gewann seine Hochachtung und Anerkennung. Nur zu wahrscheinlich zerstörte dies übereilte Entgegenkommen des Prinzen das Gleichgewicht, welches im Fordern und Gewähren beider Höfe durch die besonnene Klugheit des Grafen Bristol so meisterhaft bis jetzt erhalten war. Die beiden Männer schritten, in die sorglichsten Mittheilungen vertieft, auf und nieder, und das vertrauliche Du des Grafen und der Gebrauch des Vornamens seines Neffens, wie in der früheren Zeit, zeigten deutlich die tiefe Erregung des ehrwürdigen Lords.

[62] Beide kamen darin überein, ihre Reise unverzüglich anzutreten, da allerdings eine genaue Uebersicht an Ort und Stelle zu erwarten war, und namentlich die Instructionen für den Grafen von Bristol höchst dringend und wichtig wurden. Archimbald beeilte sich demnach, die nöthigen Befehle zur Abreise zu ertheilen, und der Graf von Salisbury begab sich zu seiner Schwester und Nichte, sie mit dem Briefe des Königs und seiner dadurch veranlaßten schnelleren Abreise bekannt zu machen.


Wir sehen demnach am nächsten Morgen das Schloß von dem männlichen Theile seiner vornehmen Bewohner verlassen, und finden Zeit, uns in die innern Gemächer zurück zu ziehen, wo manches der Beobachtung Werthe indessen sich begeben hatte. Wir wenden uns zuerst zu dem Gegenstande, welchen Gastons Bemühungen der Herzogin hatten entdecken lassen. Doktor Stanloff brachte ihr am andern Morgen die Nachricht, daß er annehmen dürfe, das Leben sei noch zurück zu rufen, da, obwohl keine Bewegung wahrzunehmen, doch eine Art von Wärme und Biegsamkeit der Glieder eingetreten sei, und selbst eine schwache Andeutung des Pulses sich mitunter zeige. Die Verletzung am Kopfe sei höchst unbedeutend, unfehlbar nur die Folge des Falles; auch könne der Blutverlust bei solcher Jugend und Gesundheit nicht diesen Scheintod herbeigeführt haben. Die mit Wunden und Geschwulst bedeckten Füße ließen aber eine große ungewohnte Anstrengung voraussetzen, die Zurücklegung eines weiten Weges, wobei die Fußbedeckung verloren gegangen; Alles führte ihn zu einer Vermuthung, welcher er nachzuforschen denke, nämlich der Befürchtung, daß langer Mangel an Nahrung diese äußerste Erschöpfung erzeugt habe. Doktor! rief die Herzogin, fast aufschreiend, welch' eine schreckliche Vorstellung! [63] Großer Gott! Könnt Ihr dies mit Wahrheit behaupten! Warum gleich so Empörendes denken, warum mich so unnütz erschrecken. Welche traurige Begebenheiten müßten den Mangel des ersten, des am leichtesten zu stillenden Bedürfnisses herbeigeführt haben.

Stanloff schwieg einen Augenblick, dann sagte er ernst: Wer nie den Mangel der einfachsten und nöthigsten Bedürfnisse kennen lernte, kömmt leicht zu dem Glauben, daß, was die Natur begehrt, auch in dem Kreise der willkürlichen Befriedigung jedes Menschen liege. Es ist leider nicht so, und Tausende ringen mit dem Leben um den einen Preis, auf dessen genußreiche Befriedigung man aufhört Werth zu legen, wenn man nie die Entbehrung desselben kannte. – Es lag etwas so Eindringliches in diesen sanften Worten, daß die Herzogin mit einem tiefen Seufzer ihren Blick zu ihm erhob. Nach einem kurzen Nachdenken indeß zu ihren früheren Gedanken zurückkehrend, fuhr sie fort: Doch in diesem Stande, bei dieser Jugend, die uns noch unter die wohlthätige Vormundschaft Anderer setzt, da bis zum Hungertode elend zu werden, gesteht, es liegt etwas Schreckliches, wenigstens Unbegreifliches darin! – Ihr habt Recht, Mylady, und ich theile Eure Ansicht, daß diesem armen und schönen Wesen viel zu Leide geschehen sein muß, das vielleicht Gott mit Absicht nun in die besten Hände gelegt hat, um es wieder gut zu machen. – Gott wird mir auflegen, was ich ertragen kann, sagte die Herzogin, während ihr ganzes Wesen von dem Wechsel der Gedanken erschüttert schien, welche diese letzten Worte in ihr hervorgebracht hatten. Sie stützte ihr Haupt schwermüthig in ihre Hand, und große Thränen rollten einzeln in ihren Schooß. Ich bin erschüttert, mein guter Stanloff, fuhr sie fort, und schwächer, als sonst meine Art ist, doch wer sollte es nicht sein, wen das erreichte, was mich gebeugt. Laute Klagen sind nicht zu meiner Erleichterung vorhanden, mich [64] ergreift darum nicht minder, was an Freude und Leid diese reiche Welt belebt. Aber wen in der Blüthe des Lebens schon der Schmerz erreichte, wen er zwang, höheren Gesetzen gehorchend, diese Schmerzen zu verschließen: der hat für immer den leichtern Erguß nach Außen hin verlernt, wodurch so Viele die Bürde schon halb abtragen, die ein schweigendes Gemüth mit sich führt, bis sie langsam in sich verzehrt ist. – Geh, guter Stanloff, treuer verschwiegener Diener, Du verstehst leicht und viel mit Deinem edeln Herzen, aber, setzte sie schmerzlich lächelnd hinzu und zog die Hand von den thränenschweren Augen, sie ihm zu reichen, was in diesem Herzen gegen Zeit und Vernunft und jede höhere Mahnung kämpft, erräth Dein heller Blick doch nicht, und wohl mir! Aber wenn Du mich oft findest – wie soll ich sagen – rasch oder heftig, ja, bitter wohl und leicht gereizt, willst Du dann gedenken, was ich Dir heut sagen mußte, weil ich es in meiner Erweichung nicht bergen konnte? – Auch der bewährteste Freund soll Ehrfurcht hegend auf der Stelle des Vertrauens stehen bleiben, die der andere ihn nicht überschreiten läßt, sagte Stanloff und küßte bewegt die Hand der edeln Frau, und kein Wort, und gäbe es die heiligste Liebe, die innigste Theilnahme ein, soll lösend oder bittend eindringen wollen, wo ihm nicht freiwillig aufgeschlossen ward. Ich bin stolz darauf, Euch, edle Frau, sagen zu können, daß ich Euch nie verkannt, öfter wohl erkannt habe, auch wo Ihr Euch selbst mißzuverstehen schien't. – Ich weiß es, ich weiß es, sagte die Herzogin mit stärker rinnenden Thränen, aber geh jetzt, guter Stanloff, ich kann mich selbst vor Dir nicht länger so aus allem Gleise gewichen sehen. Tief sich verneigend verließ Stanloff das Gemach, aber es lebten manche lang entschlummerte Gedanken in ihm auf, und er gedachte der ehrwürdigen Mistreß Morton, welche die junge Gräfin Bristol schon in ihrer Kindheit begleitet, ihre Jugend sanft behütet, am Hofe, bei[65] ihrer Vermählung, überall an ihrer Seite gewesen, und dem zuverlässigen Manne wie unter dem Siegel der Beichte Manches anvertraut hatte, um ihn bei dem geheimen Uebel der Lady, welches in oft sehr heftigen Zufällen bestand, in der Wahl seiner Mittel zu leiten. Diese anscheinend körperlichen Leiden waren nur zu oft blos gesteigerte geistige, die der stolze Karakter der Lady verborgen wissen wollte, und daher den Arzt und seine Bemühungen zu täuschen oder zu entfernen suchte. Er mußte, während er durch die langen Gallerien ging, die zu den Zimmern seiner Kranken führten, des auffallenden Eindrucks gedenken, den die Auffindung derselben bei der Herzogin erregt hatte. Dies Ereigniß war im Stande gewesen, sie aus der tiefsten Betäubung des Schmerzes zu erwecken, und wenn er auch mit Recht in dem stets menschenfreundlichen Sinne der Lady eine richtig motivirte Ursache ihrer Veränderung finden mußte, regte sich doch ganz geheim in ihm die Ahnung, daß hier ein mächtiges, dem erstern entgegen wirkendes Gefühl Raum gewonnen. Er gestand sich leise ein – und sich kaum anders, als mit Vorbehalt – daß der ganze Schmerz der Herzogin dadurch von einer Kälte beschlichen und ihr Herz, offenbar mit getheilten Empfindungen aufgestört, zum Leben zurück gekehrt war.

Er hatte, tief sinnend, nicht das Rauschen des Kleides gehört, und Mistreß Morton stand vor ihm, ehe er ihr Nahen gewahrte. – Kommt Ihr von der Frau Herzogin, Doktor Stanloff? Und muß ich Eure gefaltete Stirn als trübes Zeichen für ihr Befinden deuten? Mit nichten, sagte Stanloff, unsere edle Frau ist auf einem guten Wege. Wem erst die Natur im Schmerze Thränen giebt, den hat sie vor schädlicheren Ausbrüchen schon bewahrt. Und sie weint selten! setzte Morton ernst und seufzend hinzu; so möge ihr Gott lindernde Thränen gewähren! Euch, Doktor Stanloff, habe ich zu sagen, daß unsere Kranke nach dem Gebrauch des stärkenden Bades und dem Einflößen der Tropfen [66] sich merklich verändert hat. Sie erhob den Arm und die Hand, seitdem athmet sie vernehmlich, ihre eingefallenen Augen haben jetzt den Ausdruck des Schlafes angenommen, und ich glaube, sie wird – leben! Leben! rief Stanloff, und meine edle Freundin sagt dies Wort, das unsere Bemühungen krönt, mit einem so freudlosen Tone, als ob ein Menschenleben ihr gering schiene? Mistreß Morton hatte die Augen am Boden und schwieg, langsam ihren Handschuh glatt streichend. Dann sagte sie sanft und mit bewegter Stimme: Deutet mich nicht falsch, geehrter Freund. Gott sieht in mein zagendes Herz; ich weiß, er wird mich besser verstehn, als ich mich in meiner Befangenheit ausdrücke. Auch hätte ich das Leben jedes menschlichen Wesens gerettet, ohne ein anderes Gebot, als das vor Gott geltende, zu bedenken; aber diese ernste Pflicht ist erfüllt, und die Pflicht, die meinem Herzen am nächsten auf dieser Welt steht, nimmt nun ihren Platz wieder unumschränkt hier ein. Ich bin alt, habe viel erlebt, viel gesehen und gehört, daraus kömmt uns dann von selbst ein Verständniß noch unaufgeklärter dunkel daliegender Dinge, die Jugend nennt es Ahnung. Soll ich es Erfahrung nennen? Doktor, sagte sie, wie von banger Unruhe ergriffen, wenn wir die Kohle angeblasen, die dieses Haus in Flammen steckte? Auch dann, sagte Stanloff nach einem Augenblick des Erstaunens, indem er sie ernst anblickte und seine Hand dann fest auf ihren Arm drückte, auch dann sollte kein Zweifel meine Seele berühren über das, was wir gethan. Wer das Rechte thut, soll den Ausgang getrost an Gott verweisen! Amen, sagte Mistreß Morton, Ihr sagtet das Rechte, ich fühle es wie Stärkung in meiner Brust! So geht denn zu dem schlummernden Engelbilde, ich sah nie in meinem Leben etwas Schöneres, nur ein Mal etwas Aehnliches. Sie entfernte sich nach den Zimmern der Herzogin; der Doktor schüttelte leise den Kopf und trat zu seiner Kranken ein.

[67] Den Bitten ihrer Schwiegermutter nachgebend, hatte die alte Herzogin von Nottingham ihren Aufenthalt auf Godwie-Castle zu verlängern versprochen, bis zu der Rückkehr ihrer Enkel von London. Ihre Gegenwart war die Freude des ganzen Schlosses, denn mütterlich weilte ihr freundliches Auge noch auf jedem, den sie in ihren früheren Verhältnissen gekannt. Hülfreich und Jedem zugänglich, war sie eine reiche Quelle von Trost und Rath, und im höchsten Grade von ihren Kindern verehrt, war ihr Versprechen, sich zu verwenden, stets die Gewährung selbst. Aber ihre Güte hatte auch nichts mit der Schwäche gemein, die das Rechte oder Unrechte mit dem blos Mitleidenswerthen verwechselt. Sie erfuhr den Zusammenhang der Dinge leichter, als Andere, weil ihr eine Sanftmuth und Geduld im Zuhören eigen war, vor der die verschüchtertste Seele Muth gewann, ihre dunkelsten Vorstellungen zu entwickeln, und mit dieser sanftesten Art deckte sie oft den Zusammenhang von Dingen vor sich auf, bei denen Andere umsonst geforscht hätten. Sie war sich dessen bewußt; ihre Kinder und Enkel staunten mit zärtlicher Freude diese schöne Gewalt eines liebenswürdigen Gemüthes an, und sie wußte mit heiterm Scherze von dieser Gabe zu sprechen, als sei sie eben nur eines Scherzes werth; aber wenn sie lächelnd umher blickte und die lieben Hände den Enkeln zu tausend Küssen überließ, sagte sie wohl zuweilen: Ihr werdet schon noch an die alte Großmutter denken und sie Euch zurückwünschen! Ach, wer wußte das nicht, und wer hätte es sich nicht gern verläugnet, daß man ihrer je als einer Verstorbenen würde gedenken müssen!

Wir finden sie gegen Abend in den Zimmern des Prinzen von Wales, welche ihr stets zur Verfügung standen. Die purpurnen Tapeten und Vorhänge des schönen großen Gemachs leuchteten in dem feurigen Glanze, den einige lichte von der Abendsonne gefärbte Frühlingswolken durch die weiten offenen [68] Glasthüren warfen. Sie führten auf einen Altan, der gegen Süden hin einen freundlichen Blick auf die schönen Weidetriften und Meiereien zuließ, welche diesen Theil des Thales einnahmen. In einem großen Lehnstuhl, diesen Thüren gegenüber, saß die ehrwürdige Frau in bequemer Ruhe, und ihr klares blaues Auge schien wohlgefällig den Reiz der Gegend zu genießen. Sie war noch allein, aber sie erwartete ihre Schwiegertochter und Enkelinnen, und ähnliche Sessel waren um den ihrigen gestellt, bereit, sie zu empfangen. Wohl hatte der letzte Verlust die feinen Züge noch etwas blässer und durchsichtiger gemacht, aber es war, als empfände sie den Verlust, den ihre Geliebten erlitten, tiefer, als den eigenen. Ihre Züge verriethen noch jetzt im achtzigsten Jahre eine einst hohe und regelmäßige Schönheit, ihr schneeweißes Haar lag in Fülle glänzend und glatt wie Silber um die hohe weiße Stirn. Die einst so schönen dunkeln Augenbrauen zogen jetzt den schmalen Bogen in dem Weiß des Haupthaares, aber die klaren Augen blickten noch in dem reinsten dunkeln Blau, und aller Reiz, der diese schöne Frau einst umstrahlt, und den die Zeit von ihr genommen, schien in diesem Blick voll Huld und Güte sich vereinigt zu haben. Das feine kaum je verschwindende Lächeln, welches um die schmalen Lippen wie das Siegeszeichen eines ganz in Wohlwollen aufgelösten Innern ruhte, gab dieser ehrwürdigen Frau eine Anziehungskraft, daß nur ihr Angesicht zu schauen ein Genuß war, der zum Seufzer um ähnlichen Frieden in der eigenen Brust sich gestaltete. Die Ruhe um sie her und die erhabene Pracht des Zimmers paßte vollkommen zu der ehrwürdigen Erscheinung, und die leisen Bewegungen ihrer Gesellschaftsdame, der Mistreß Cottington, und eines alten Kammerdieners schienen den Wunsch auszudrücken, durch kein Geräusch das genußreiche Nachdenken ihrer verehrten Gebieterin zu stören. Aber auch, um sich einem solchen lange zu überlassen, war sie nicht eigennützig genug. Empfindungen [69] jeder Art hatten das Recht ausschließlichen Besitzes über sie verloren; der Uebergang von einer zur andern war leicht und milde, weil sie in leidenschaftsloser Klarheit jeder ihr Recht zu geben wußte. Sie hörte bald das leise Schaffen der beiden treuen Diener, und indem sie den Kopf um die Lehne ihres hohen Stuhles bog, schaute sie lächelnd der alten Cottington in die sorglichen Augen und sagte, halb scherzend: Und wenn nun etwas bräche oder fiele, dennkst Du mich denn so schwach, daß ich erschrecken möchte? Komm einmal hierher, liebe Cottington, und sieh, wie schön der Blick in die Landschaft ist, recht stärkend für meine alten Augen, überall das schöne Grün, und die laue Luft, so frisch und duftig von all' den jungen Blüthen! – Mistreß Cottington hatte sich freundlich genähert, den Blick verfolgend, den die Herzogin mit kindlichem Vergnügen wieder hinaus richtete. Siehst Du hier wohl das Nest zwischen den feinen Zweigen der Birke, die uns zunächst steht? Ich habe die kleinen Thierchen beobachtet, wie sorgfältig und fröhlich sie bauen; das Häuschen muß noch nicht fertig sein, denn mit großem Jauchzen brachte eben eins ein weißes Fläumchen in dem Schnabel, und hatte dann viel Arbeit, es unterzubringen. – Lovelace, sagte sie zu dem alten Kammerdiener, sei nicht so geizig mit Deinem Backwerk oder Weizenbrote, erübrige mir ein wenig für mein kleines Vogelpaar, die armen Schelme werden da draußen noch nicht viel finden und müssen nach der Arbeit wol hungrig einschlafen. Wenn meine Enkelin Lucie kommt, fuhr sie fort, die ihr dargereichten Krümchen auf dem silbernen Teller zerflückend, dann soll sie dies auf den Rand des Altans streuen, die scharfen Aeuglein da oben werden schon Acht haben und es abholen.

So beschäftigt ward sie von ihrer eintretenden Schwiegertochter und ihren beiden Enkelinnen überrascht, und, ehe sie sich zum Gruße erheben konnte, von allen dreien zärtlich auf [70] ihrem Platze festgehalten. Ihr freundliches Sträuben ging bald in die Liebkosungen über, mit denen sie alle begrüßte, als ob sie seit der Tafel lang getrennt gewesen. O komm, mein gutes Kind, sagte sie zur Herzogin, setz' Dich so, daß Du just den Blick in die Ferne hast, wie ich. Lovelace rücke meinen Stuhl; so, und nun nimm diesen hier ein. Wie geht es Dir denn? sagte sie, halb zu ihr aufblickend, doch die Herzogin hatte, ehe noch ihre Einrichtungen zu Stande kamen, ein Tabouret zu ihren Füßen geschoben und sich schnell so zu ihr gesetzt, daß sie ihren Kopf an die Armlehne des Stuhles lehnen konnte, in dem die liebenswürdige Greisin saß. Sie wollte nun freundlich dankend zu ihr aufschauen, aber ihr Blick tauchte unter in schnell hervorbrechenden Thränen, und sie senkte das Haupt in die zärtlich ihr entgegen gestreckten Hände. Geliebtes Kind, erhebe Dein Herz! sagte die alte, gerührte Mutter; diejenigen glücklich zu wissen, die wir lieben, ist ein reineres Besitzthum, als der Genuß, mit ihnen das zu theilen, was mangelhaft ist, wenigstens durch den irdischen Antheil, den wir ihm beifügen. – Ja wohl, ja wohl! seufzte die Herzogin aus überzeugter Brust, auch weiß ich kaum, ob es Schmerzensthränen sind, die Du siehst, aber Dein liebevoller Empfang, Deine Engelmilde, es löst in meiner Brust die Herbigkeit, die, – Du kennst mich ja, sagte sie, wie zagend zu ihr blickend. Ich weinte eben, ich glaube aus Sehnsucht, Dir ähnlich zu werden! – Nun schwärmst Du gar, mein liebes Herz, erwiederte die alte Lady lächelnd, und willst das sich neigende Haupt der alten Mutter noch ein Mal erheben, und gar mit dem bösesten Feinde der Menschen, mit dem Stolze. Sie strich dabei, als ob sie ein Kind vor sich hätte, mit ihren weichen, duftenden Händen die Stirn und die Wangen ihrer Schwiegertochter, und tupfte mit ihrem Tuche sanft die schönen, thränenfeuchten Augen.

Nie war die Herzogin so ganz ihrer edlern Natur hingegeben als in der Gegenwart der geliebten Mutter ihres Gemahls. [71] Sie hatte so früh die eigene verloren, daß sie das Glück, von einem älteren weiblichen Wesen ihres Standes mütterlich geliebt zu werden, erst nach ihrer Verheirathung kennen lernte. Als die Herzogin mit ihrem Gemahl und dem Grafen Archimbald aus Spanien zurückkehrte, lebten beide Frauen in Godwie-Castle bis zum Tode des Herzogs, wo alsdann die Witwe das freundliche Schloß Burtonhall bezog, welches ihr Gemahl zu ihrem Aufenthalte bestimmt hatte. Das oft Störende in dem Karakter der jüngeren Herzogin war eine ihr leicht mögliche Härte, in Gesinnung, Urtheil und Worten, eine rauhe, tugendhafte Strenge, die sie sich selbst auferlegte, aber auch von Andern mit kalter Uebergehung dessen forderte, was mildernd oder begütigend solchen Anforderungen hätte entgegen treten können. Ihr tief leidenschaftliches Gemüth verbarg sie aus Stolz unter einer kalten Miene und Haltung; aber von Jugend auf durch eine freie, uneingeschränkte Ausübung ihres Willens verzogen, überraschte sie beim leichtesten Widerstande eine Heftigkeit, die zwar nur vorübergehend, doch in ihren Folgen nicht immer gut zu machen war. Dessenungeachtet hatte sie eine schöne und großartige Karakteranlage, ein Herz, das in seinem Stolze auch eine große Reinheit bewahrte, und die Klarheit des Verstandes, die ihr einen hellen Blick auf sich gestattete. Oft ward sie dadurch unzufrieden mit sich, doch durch zu schmeichelnde äußere Verhältnisse immer wieder abgelenkt, ließ sie die Fehler altern, bis sie einen Theil ihres Selbstes ausmachten und nur noch einzelne wehmüthige Stimmungen herbeiführten, die wie Sehnsucht nach einem mildern Zustande sich regten, den sie aber, so lang verwöhnt, nicht mehr erreichen zu können wohl selbst fühlte.

Sie hatte wenig Freunde gewonnen und war meist auf die Bande eingeschränkt, womit die Natur in ihren nächsten Verhältnissen sie umgab; aber daß sie die Herzogin sich gewonnen hatte, daß diese seltne Frau, ein vollkommener Gegensatz ihres [72] eigenen Selbstes, ihr Liebe geschenkt hatte und erhielt, und nie sich durch ihre Fehler verscheuchen ließ, das war der süßeste Trost ihres Herzens, und an diesem Gefühl löste sich auch in ihrer Gegenwart am ersten die starre Haltung, die sie oft so störend gegen Andere behauptete. Nie war es dagegen irgend wem gelungen, die wahre Meinung der ältern Herzogin über ihre Schwiegertochter zu erfahren; sie liebte sie mit mütterlicher Aufmerksamkeit, ihre Fehler schien sie nie zu sehn; doch wenn ste dieselben gut zu machen suchte, so wußte man nie, ob sie dieselben wirklich bemerkt hatte, oder ob es ihr blos selbst eben um das Vergnügen war, etwas Liebes zu thun. Dankbar fühlte die junge Herzogin diese grenzenlose Schonung, die in nichts ihren Stolz reizte oder verwundete, da Alles blos von der zärtlichsten Liebe eingegeben schien.

Indessen wünschte heute die ehrwürdige Mutter nicht, die Weichheit ihrer Schwiegertochter zu vermehren, und leicht kehrte dieselbe zu der durch lange Gewöhnung ihr natürlich gewordenen ruhigen Haltung zurück. Um ihr Zeit zu gönnen, fuhr jene fort, von ihrem Sitze aus, alle zu begrüßen, die sich nach und nach in dem Zimmer versammelten, und nächst den beiden Gouvernanten der jungen Gräfinnen aus Mistreß Morton und dem Caplan des Schlosses, dem Master Copley, bestanden. Sogleich vermißte die Herzogin Stanloff, und Master Copley brachte seine Entschuldigung, daß Geschäfte ihn noch einige Stunden entfernt halten würden. Alles nahm nun Plätze ein, um die alte Lady her; die Herzogin zu ihrer Rechten, Arabella, ihre älteste Tochter, ein schönes Mädchen in der ersten Blüthe, zu ihrer Linken; dann so fort die Damen, die, aus angesehenen Familien und von vorgeschrittener Bildung, ganz dazu berechtigt waren, zu dem Familienkreis gerechnet zu werden.

Lucie, die jüngste Enkelin und ein Liebling der Großmutter, saß schon längst mit der ruhigen Sicherheit, die Kinder [73] so reizend da üben, wo sie sich geliebt wissen, vor der alten Lady auf dem rothen Fußkissen. Sie hatte ihr schönes blondes Lockenköpfchen auf beide dicke Händchen gestützt, und blickte mit großen blauen Augen unverwandt in die von der untergehenden Sonne sich färbende Gegend. Es war ein unaussprechlich reizender Anblick, das schöne blühende Kind in seinem Trauerkleidchen, die üppigen blonden Locken an den Schläfen mit schwarzen Schleifen zusammengehalten, in diesen Ausdruck ernsten Nachdenkens vertieft zu sehn, den Kinder wohl nur in einem holden Schlummer der Seele annehmen, und der uns doch erinnern will an das Verfolgen hochwichtiger Dinge, welches nur spätern Tagen aufgehoben bleibt. Sie zog die Augen Aller auf sich, und man tauschte Blicke, die das Vergnügen über diesen Anblick verriethen. Auch war es nicht die Art der alten Lady, störend auch nur in den Blick eines Auges zu dringen; daher ließ sie das holde Kind gewähren und bewahrte ihr selbst ihre Liebkosungen auf, bis sie von selber erwachen würde. Dagegen mußte Lovelace den schönen silbernen Kessel, welcher über einem zierlichen eisernen Kohlenbecken schwebte, in den Kreis stellen, und daneben den mit silbernen Kannen, Tellern und Büchsen reich besetzten Tisch. Mit der lieblichen Heiterkeit, die Alle sofort in ihrer Nähe belebte, begann die alte Lady, zur Herzogin sich wendend: Du siehst, meine liebe Tochter, meine alte Liebe bleibt mir getreu; Friedrich von Nassau besorgt noch immer meinen Theetisch mit dem feinen Aroma seiner Chinesischen Lieblinge, und ich bin ihm herzlich dankbar dafür, denn wahrlich nichts scheint mir unter den vielen schönen Gaben zur Labung und zur Stärkung unsers Körpers mehr für mich da zu sein, als diese balsamischen Blätter. Höre ich den lieblichen Ton des Theekessels, so setze ich mich erst behaglich zurecht, und mein zärtlicher Freund hätte nichts Besseres erdenken können, um sich der Gesinnung seiner alten Freundin zu versichern. – Schade,[74] liebe Mutter, sagte die Herzogin, in den heitern Ton einzugehen sich bemühend, daß auf unserm Boden nichts gedeihen mag, was dem liebenswürdigen Herzog ein ähnliches Bedürfniß angenehm befriedigen könnte; denn das Neue und Erfreuliche der fremden Welttheile werden die thätigen holländischen Meerbeschiffer uns immer noch zuerst bieten können. Den Geist, den Elisabeth bis in die Segel ihrer Schiffe zu hauchen verstand, und der unter Hug Willoughby's Anführung auch diesen lieblichen Blättchen den leichtern Weg zu erspähn wußte, wo ist er jetzt geblieben? Wer wird nach Walter Raleigh mit neuen Goldminen uns beschenken und so muthig die trügliche Wasserfläche durchziehen, die er leichter befuhr, als andere den grünen Plan der Wiesen!

Wohl wahr, seufzte die alte Lady, und eine leichte Wehmuth glitt über ihren klaren Blick. Es war ein Gruß der Liebe, den sie dem enthaupteten Freunde ihres Gemahls hinüber sandte. Seinem Andenken Frieden! sprach sie weiter; Raleigh verlor das Ziel, welches seiner schönen Jugend vorgeleuchtet, als hätte sein Auge sich getrübt; wie viel hätte er seinem Vaterlande sein können! Doch das Maaß der Schuld, dem sein Haupt verfiel, hat vielleicht dort oben, mit Vielen getheilt, für Alle Versöhnung erlangt. – Die Herzogin fühlte, daß sie hier eine schmerzlich nachklingende Saite bei der alten Lady berührt habe, und suchte durch Fragen ihre Gedanken abzulehnen. War es nicht zur Zeit der Thronbesteigung König Jakobs, daß Du dies Getränk zuerst kennen lerntest? Ich dächte, Du hättest ein Mal dessen erwähnt, frug sie unbefangen weiter. – Es war allerdings damals schon längst in England bekannt, sagte die Lady, doch mehr unter dem reichen Handelsstande, der sich die Produkte fremder Zonen fast leichter zu verschaffen wuste, als die höhern Stände; die Königin Elisabeth liebte es nie, und so blieb es am Hofe unbekannt. Als damals durch die Anwesenheit der Gesandtschaften[75] aller Höfe in Whitehall die glänzendsten Feste mit ernsten und schwierigen Unterhandlungen wechselten, hatte ich auf einem Balle, den der König gab, mich erkältet, denn es war ein kalter, trüber Sommer. Als wir uns den nächsten Tag bei der Königin versammelten, fühlte ich ein schwaches Fieber, und Friedrich von Nassau, mit dem ich mich unterhielt, errieth mein Uebelbefinden und sprach mir zuerst von seinem Lieblingsgetränk, welches er ein herrliches Mittel gegen all die klimatischen Uebel nannte, die der feuchte Holländische Dunstkreis, wie der unsere, so leicht mit sich führt. Mein Gemahl und der Marquis von Rosny traten zu uns, und nachdem Rosny, der stets mit Friedrich von Nassau sich neckte, auch dies Getränk angegriffen, das Friedrich so heilsam fand, schlug mein Gemahl vor, einen gemeinschaftlichen Versuch in unserm Palais zu machen. Da der Hof am andern Tage – wie sie es nannten – ruhte, so versammelten sich die Herren an diesem Abend in meinen Zimmern. Friedrich von Nassau; Johann von Olden-Barnevelt, der edle und tugendhafte Märtyrer seiner hochherzigen Gesinnungen; der Marquis von Rosny, jener nachmals so berühmte Herzog von Sully; Aremberg, der Gesandte Erzherzog Alberts; Taxis, von Spanien gesandt; mein Gemahl, mein Bruder Cecil, meine beiden Söhne und einige andere Herren des Hofes machten einen kleinen, aber seltenen Zirkel aus, und von dem tiefsinnigsten Ernste bis zu dem heitersten, muthwilligsten Scherze waltet der Zauber der höchsten geistigen Bildung und die Anmuth der feinsten Sitte. Barnevelt war nun eigentlich die Seele bei der Theebereitung, um die es sich handelte. Seine dicken holländischen Lakaien trugen eine im Vorsaale mit allen dazu nöthigen Bequemlichkeiten servirte Tafel herein, die aus der Wohnung des Prinzen dazu herüber geschafft war, zum ausgelassensten Jubel Rosny's. Barnevelt und Friedrich besprachen sich mit Ernst über die Quantität der zu nehmenden Blätter, und erregten[76] durch ihre fingirte Gravität unser aller Laune. Die geschlagene Sahne, die Butter ohne Salz, die Weizenbrödchen und Zimmtbrödchen, waren nach Grundsätzen hergestellt und durften zu dem Ganzen nicht fehlen. Das Ende war, daß wir das Getränk herrlich fanden, daß mein rheumatisches Fieber verschwand und Friedrich mir ein wunderlich bemaltes Kästchen von Ebenholz zurückließ, das mit diesen köstlichen Blättchen gefüllt war. Mein Gemahl hatte bald die Güte, mir einen silbernen Theetisch zu schenken, nach Barnevelts Angabe vollständig versehen; außerdem noch ein an Pracht das meinige übertreffendes reich vergoldetes Thee-Service für meinen liebenswürdigen Freund, Friedrich von Nassau, der nun seit so vielen Jahren seine Thee-Galanterie gegen mich fortsetzt. Doch wie Lovelace dies Getränk zu bereiten weiß, scherzte die alte Lady weiter, findet er auch keinen Meister. War es nicht Barnevelt selber, der Dir damals Unterricht gab? – Euer Durchlaucht, der Kammerdiener Seiner Gnaden Barnevelt hat mich darin unterrichtet, antwortete Lovelace, sich ehrfurchtsvoll mit dem freundlichen Lächeln des befriedigten Ehrgeizes verneigend. – Nun, so verstand er es herrlich! Aber Lovelace würde auch Sturm laufen, wenn ich nicht gleich erschiene, so wie im ersten Aufgusse die Blume sich entwickelt hat, wie er es nennt, und ich lasse mich stets bereit finden, diesen Genuß mir zu verschaffen. Doch heute hat unsere gute Cottington, fürchte ich, Deinen Haushofmeister Ottwey erzürnt, denn sie hat sich von ihm die Erlaubniß bei Deinem Küchenmeister verschafft, die Weizenbrödchen und Zuckerröllchen selber zu backen, die sie Dir eben anbieten wird, und wir werden uns ins Mittel legen müssen, damit die guten Leute uns nicht undankbar schelten für die köstlichen Backwerke, womit sie meinen Theetisch überschüttet haben, die sich aber für die alte Frau nicht mehr recht passen wollen. – Doch sieh, mein Liebchen, was spart' ich Dir hier auf, sprach sie, zu Lucie [77] gewendet, und hob das silberne Schälchen mit den Brodkrümchen vom Schooße; denn Lucie hatte ihre sinnende Stellung bei dem lieblichen Geruche der Zimmtröllchen verlassen und speiste schon ruhig darauf los, zur Großmutter umgewendet und ihr die lieblichen Worte aus dem Munde zählend. Sieh meinen Finger entlang dort nach der Birke zu, siehst Du das kleine Nest? – O Großmutter, rief Lucie entzückt, und so eben ein Köpfchen, – jetzt zwei! O, laß es fangen, liebe Großmama; guter Lovelace, fange die Vögelchen! – Nicht doch Lucie, dann müßten sie sterben; aber viel Besseres sollst Du selbst ihnen thun, füttern sollst Du sie, daß sie nicht Hungers sterben. Darum nimm die Brodkrümchen; streust Du sie auf den Rand des Altans, bald kommen sie dann, wenn Du wegtrittst, und holen sich die Nahrung in ihr Nestchen. – Gieb, liebe Großmama! rief Lucie und hüpfte leicht hinaus, nur auf den Zehen nach dem Rande schleichend, hold übergebogen, die Bröckchen zu streuen, wie man Engel auf alten Bildern sieht, die den Eingang zum Himmel mit Blumen bestreuen. Doch von einer neuen Idee erfaßt, wandte sie sich um, und das leere Schälchen nachlässig neben sich sinken lassend, legte sie beide Aermchen in den Schooß der Großmutter und sagte, sie ernst anblickend: Stirbt denn irgend ein Vogel aus Hunger? – Es mag wohl, mein Liebchen. Ob Gott schon freundlich für seine Geschöpfe sorgt und auch die Menschen leitet, daß sie ihren Mitgeschöpfen Nahrung reichen, doch wohl stirbt manch' Vögelchen in solcher Jahreszeit, wo die Natur noch arm ist an Nahrungsmitteln. – Lucie schwieg, dann sagte sie: Aber Hunde sterben nicht aus Hunger? Die Großmutter sah in das wehmüthig werdende Gesicht des Kindes und wollte sie eben davon ablenken, als Lucie heftig ausrief, indem große Thränen über ihre Wangen rollten: Und Gaston wird nie sterben vor Hunger! Nein, sagte die alte Lady, freundlich beschwichtigend, wir wollen ihn immer füttern. Doch [78] Lucie war noch nicht mit ihren Combinationen zu Ende, denn sie sagte bittend, als hinge Alles von den Zusicherungen der Großmutter ab: Aber Menschen, liebe Großmama, die sterben nie aus Hunger? Alle fühlten sich ergriffen von dieser ängstlichen, rührenden Frage des holden Kindes, und erst nach einer Pause sagte die Großmutter, indem sie die Stirn des Lieblings küßte: Ohne Gottes Willen fällt kein Haar von unserm Haupte; er ist nahe Allen, die ihm vertrauen. Sanft wandte sie sich weg, um dem lieben Kinde nicht länger Rede zu stehen, als ihr Blick auf ihrer Schwiegertochter ruhen blieb, die sich mit einer Art Schauder von dem leise eingetretenen Stanloff, der sich eben den Damen nähern wollte, weg wandte, indem sie mit einem Tone, in dem eine angstvolle Befürchtung ausgedrückt lag, ihm zurief: O, was bringt Ihr, Stanloff? Die Gewißheit Ihres Todes! und ist dies arme, hülflose Weib wirklich den Hungertod gestorben? Stanloff wollte eben beruhigend erwiedern, als Lucie mit einem heftigen Ausbruche des Weinens sich in die Arme der Mutter warf, angstvoll dazwischen rufend: O Mutter, Mutter, stirbt doch ein Mensch aus Hunger? Alle waren bewegt. Stanloff wiederholte einige Mal, daß sie lebe, nicht aus Hunger sterben werde, aber Luciens Phantasie war in Schrecken aufgegangen, und die Herzogin fühlte mit gemischten Empfindungen, daß ihre eigene gereizte Stimmung das liebe Wesen so hingerissen habe. Erst dem ehrenwerthen Master Copley gelang es, mit seinen verständigen Worten sich Eingang zu verschaffen. Lucie hob das Köpfchen von dem Busen der Mutter, gab Copley ihr Händchen und schaute gläubig mit den großen, in Thränen schwimmenden Augen zu ihm auf; dann stieg sie von dem Schooße herunter und ging mit ihrem geliebten alten Lehrer auf den Altan, um nachzusehen, ob die Vögelchen schon die Krümchen abgeholt hätten. Auch ließ sie sich willig finden, vom Weinen ermüdet, mit Miß Debington, ihrer [79] Gouvernante, nach ihrem Zimmer zu gehen, und nahm höflich mit kleinen holden Verbeugungen von Allen Abschied. Als sie aber an Lovelace vorüber ging, bettelte sie ihm vertraulich ein Weizenbrödchen ab, um Gaston noch damit zu füttern, bei dem sie selbst nachsehen wollte, ob er satt sei, Nach ihrem Verschwinden kehrte man zu dem Gegenstande zurück, über den man Stanloffs Mittheilungen erwartete. Sie lag seit gestern schon mehr in dem Zustande einer Schlummernden, hob er an; ich versuchte ihr stärkende Brühe und Tropfen einzuflößen, und überzeugte mich, daß sie heute erwachen müßte, da ihr Schlaf immer leichter und das Athmen freier ward. Diesen Moment durfte ich nicht versäumen, er entzog mich der Ehre, hier zu sein, und vor einer Stunde schlug sie die Augen auf. – Ein Ausruf des Antheils unterbrach hier die Erzählung. Stanloff fuhr fort: Ihre Blicke hafteten an ihren Bettbehängen, dann an dem Theile des Zimmers, der zu übersehen war; sie bewegte die Lippen, aber Schwäche schien sie zu hindern. Ich erwartete, daß sie Durst empfinden würde, und hatte zu dem Ende ein angenehm stärkendes Getränk bereitet. Alice trat an die Vorhänge mit dem Becher in der Hand, sie blickte sie lange ohne Ausdruck an. Nachdem Alice nun einige Male gefragt, ob sie zu trinken begehre, und nachdem jene das Gesagte verstanden, erhob sie die Hand nach dem Becher. Leider sah ich an der Heftigkeit, mit der sie trank, eine neue Bestätigung meiner ersten Vermuthung. – Daß sie durch Hunger so weit kam? rief die Herzogin. Ja, sagte Stanloff, ich muß es wiederholen. Als sie getrunken hatte, sagte sie zuerst: Bin ich denn krank? Warum liege ich zu Bette? Und warum nicht in meinem Zimmer? Ich kenne Dich nicht, gute Frau! Wo ist Hanna? – Ihr waret krank; seid nur recht ruhig, sagte Alice, legt Euch nieder. Ich bin sehr müde, erwiederte jene, kaum vernehmbar, und schlief sogleich wieder ein. – Und seid ihr nun beruhigt? fragte die alte [80] Lady, hofft Ihr jetzt ihre Genesung? – Ich hoffe sie jetzt, denn sie ist jung, ihr Zustand hat ihren Körper noch nicht verzehrt; es scheint vielmehr, daß Seelenleiden den Muth des Herzens gebrochen, wie dies bei jungen Personen häufig die physischen Kräfte bis zur Ohnmacht zu unterdrücken vermag.

Man blieb noch eine Zeitlang beisammen und begab sich dann durch die angrenzenden Gemächer nach der Kapelle, in der sich die Dienstleute schon versammelt hatten, um ein höchst erbauliches Abendgebet des Master Copley anzuhören. Die alte Lady zog es vor, von dort aus nach ihren Zimmern sich zu begeben, und die kleine Gesellschaft des Schlosses trennte sich, den Rest des Abends für sich zu verleben.


Wir finden nach einigen Tagen die Damen in den Zimmern der jüngern Herzogin beschäftigt mit der Auswahl von farbiger Seide zu dem noch unvollendeten Teppiche, an dem die Gräfin Arabella mit den andern Damen arbeitete, indessen Lucie die Nadeln für alle fädelte und vorgab, sehr viel zu thun zu haben, Die Herzogin mußte auch gearbeitet haben, doch ruhte das Blumenstück, an dem sie gestickt, wie es schien, vergessen in ihrem Schooße, und ihr Auge blickte in die helle Flamme des Kamins, den man heute aufgesucht, da der Frühling seine alten Neckereien begonnen, und sich in Nebel und kalte Winde gehüllt hatte. – Die Theestunde war vorüber, Lovelace mit seinem wichtigen Geschäft entlassen, und Mistreß Cottington half der alten Lady, welche zunächst dem Kamin saß, bei der beliebten Arbeit des Seidezupfens. Endlich hob die jüngere Herzogin zu Mistreß Morton an: Wie kommt's, daß Du uns heute noch nichts über unsern Gast gesagt hast? Ich hoffe, ihr Befinden schreitet vor, und wir werden bald selbst [81] ihre Bekanntschaft machen können. – Das möchte jetzt noch nicht möglich sein, sagte Mistreß Morton rascher, als ihre Art war, denn die junge Lady steht zwar seit heute aus dem Bette auf, doch der Weg bis hierher würde ihr unmöglich fallen. Nun, nun! sagte die leicht gereizte Herzogin, wir werden uns zu bescheiden wissen, da wir über den ersten Ungestüm der Jugend hinaus sind. Doch sobald die junge Lady, wie Du sie nennst, aus dem Bette uns empfangen kann, werden wir die Gesetze unserer gewohnten Gastfreundschaft auch gegen diesen unfreiwilligen Gast zu üben nicht versäumen, und uns zuerst nach ihren Zimmern begeben. Stanloff hat sich heute bei mir entschuldigen lassen, wir sind also sehr in Ungewißheit über die Angelegenheiten dieser jungen Person. Ich weiß nicht, ob Euer Durchlaucht schon wissen, wandte sie sich zur alten Lady, daß sie jetzt spricht und viel Thränen vergießt. Mistreß Cottington, erwiederte die alte Lady, welche sich mit Mistreß Morton in ihrem Zimmer ablöst, sagte mir davon; wir müssen uns, denke ich, der wiederkehrenden Zeichen von Leben und Gefühl freuen, wenn ihre Thränen auch freilich unsere Vermuthungen bestätigen, daß viele Leiden auf dies junge Leben einstürmten; ich denke dann mit Rührung an Gottes Güte, der sie Dir zugeführt hat. Ein zärtlicher Blick ihrer lieben Augen traf den schnellen Aufblick der jüngern Herzogin und erreichte, wie immer, den schönen Kern dieses festen Herzens. Lucie, die mit unbeschreiblicher Begierde jede Nachricht von der jungen Unbekannten verfolgte, verließ ihre Arbeit, und zur Mutter tretend, sagte sie bittend: Gehst Du zu ihr, liebe Mutter? Nimm mich mit, ich möchte ihr so gern sagen, daß Du mir versprochen hast, daß sie nie wieder vor Hunger sterben soll, gewiß wird sie dann nicht mehr weinen. – Wir wollen ihr diese Gewißheit bald verschaffen, sagte die Herzogin; auch hoffe ich, fürchtet sie dies wohl nicht mehr. Liebe Lucie, Du sollst sie sehen, sobald es ihre Gesundheit [82] erlaubt; sei indeß recht ruhig, denn Morton sorgt ja für sie, und ließ sie Dich wohl je hungern? – Lucie kehrte beruhigt und freundlich zu ihrem Geschäft zurück, und die Herzogin frug, gegen Mistreß Cottington gewendet, weiter: Ihr, liebe Cottington, waret bei der ersten Unterredung mit dem Doktor zugegen, wollt Ihr uns das Bemerkenswerthe mittheilen? Wie scheint Euch überhaupt ihr Karakter, ihre Erziehung? Was glaubt Ihr von dem Range, zu dem sie gehören könnte? Mistreß Morton scheint allerdings damit schon fertig zu sein, doch sagt auch Eure Meinung. – So viel ich beurtheilen kann, muß sie eine vornehme Erziehung erhalten haben, sagte Mistreß Cottington mit Ruhe, doch bleiben ihre Aeußerungen fast noch immer ohne eigentlichen Zusammenhang, wegen des großen Schmerzes, den sie zu empfinden scheint. Ihre ersten wiederkehrenden Gedanken richteten sich voll Erstaunen auf das fremde Zimmer, die Geräthe und Bedienung; sie sagte einmal höchst erstaunt: Warum hat meine liebe Tante mich denn nicht in meinem schönen grünen Zimmer gelassen? Dann bat sie, man möge Hanna rufen. Doch vergaß sie das Eine bald über dem Andern und blieb dazwischen wieder ruhig. Als Stanloff zuerst an ihr Lager trat, sah sie ihn wild an, dann warf sie sich in meine Arme und flehte mit Entsetzen mich an, sie vor diesem fremden Mann zu schützen. Doch der Schreck, den sie gehabt, schien auch ihre Besinnung etwas befestigt zu haben; denn sie hörte meinen Worten aufmerksam zu und sagte, als wollte sie es sich recht klar machen: Ein guter alter Herr und mein Arzt, der mir mein Leben erhielt! Sie wagte es, Stanloff anzusehen, und sein weißes Haar schien sie völlig zu beruhigen. Denn mit einer Bewegung der Hand hieß sie ihn näher treten und sagte dann: Verzeihet meinen Schreck! Ich weiß Vieles nicht zu begreifen, mir ist wohl sehr viel begegnet. Stanloff hielt nun für's Beste, ihr zu Hülfe zu kommen; er sagte ihr, indem er sie aufforderte, [83] sich niederzulegen, er wollte ihr Alles erzählen, was er von ihr wisse, ja, er schien mir die Absicht zu haben, sie zu erschüttern, denn er hob sogleich an: Ihr seid nicht unter Euern Angehörigen, Ihr seid für todt in dem Park der Herzogin von Nottingham gefunden worden, und in einem Zustande von Starrsucht gewesen. Ihr seid von den Frauen der Frau Herzogin bedient worden, und ich bin der Arzt dieses Hauses! – Ich muß gestehen, daß ich den Muth Stanloffs bewunderte, der so kurz und rauh ihr die schreckliche Wahrheit enthüllte, und er muß seine ärztlichen Ursachen dazu gehabt und darum Muth behalten haben, denn nie sah ich in solchem Grade einen so schnell wechselnden und sich von Augenblick zu Augenblick erhöhenden Ausdruck von Erstaunen und höchstem Schmerze.

Sie richtete sich mit Kraft auf, glühender Purpur bedeckte plötzlich das bleiche Gesicht; die Stirn zog sich in drohende Falten, ihre Augen glänzten und waren fest auf Stanloff geheftet. Dann hob sie beide Arme hoch empor und drückte die gefalteten Hände wild vor die Stirn. Ich mußte mich abwenden, meine Kniee bebten, ich zürnte auf Stanloff; ich fürchtete, Geisteszerrüttung würde die schreckliche Folge dieser jähen Aufregung sein. Doch im selben Augenblick und so schnell, daß es fast Stanloffs letztes Wort verschlang, rief sie: Ja, ich weiß jetzt Alles, sie ist todt, Hanna ist verbrannt, Gersem erschlagen – ich – ja ich – ich bin entflohn mit Gersem, bis der schreckliche Mann mich ergriff – dann – (ihre Gedanken schienen immer zu versagen) – bis ich entfloh. Ach, wie weit war der Weg? Ich weiß nicht, wie weit, aber o Gott! meine liebe, liebe Tante! – Von da an flossen ihre Thränen in heißen Strömen, und es ist leicht wahrzunehmen, daß es der Tod dieser Tante ist, der sie so heftig betrübt. Mistreß Morton hat mich alsdann abgelöst, sie wird Euer Durchlaucht weiter berichten können.

[84] Ich fand sie noch weinend in ihrem Bette, hob Mistreß Morton auf ein Zeichen ihrer Gebieterin an, doch sie war sanft und vollkommen bei Sinnen. Ich sprach ihr zu, und sie sagte mit sanfter Stimme: Ich danke Euch für Eure guten Worte, liebe Frau, doch laßt mich nur weinen, wie sollt' ich es auch nicht! Man hat mir bisher keine Zeit gelassen, die zu beweinen, um die ich nie aufhören kann zu trauern; Ihr wißt nicht, wie viel ich in ihr verlor; ich weiß es wohl selbst nicht und denke nur an mein Herz! Liebe Frau, sprach sie dann weiter, als sie mich genau betrachtet, warum trauert Ihr alle? – Auch in unserm Schlosse war Alles in Trauer, aber warum Ihr? Ich sagte es, und dies lenkte sie von ihrem Schmerze ab – sie weinte um Euch, Frau Herzogin. Sie wiederholte oft Euern Namen und frug, ob Ihr gewiß sie schützen würdet, sie könne ihr Schicksal noch nicht fassen. Aber vielleicht kommt Hanna und sucht mich, fuhr sie fort, vielleicht finde ich irgendwo Schutz, dann – sie seufzte schwer, sie schien so überrascht von ihrer Hülflosigkeit und sagte oft: Ach, Elisabeth, sähest Du Deine arme Marie so! – Elisabeth! rief die Herzogin und zuckte, als ob ein giftiger Pfeil sie berührt hätte. Dies, glaube ich, war der Name ihrer Tante, den sie nannte, doch kann ich mich irren, erwiederte Morton, und Verlegenheit und Unruhe drückte sich in ihren Zügen aus. Ich wüßte nicht, warum Du Dich irren solltest, sagte die Herzogin streng und gefaßt, klingt dieser Name nicht vom Throne bis zum Volke nieder, als bekannt, oft gehört und nicht zu verwechseln? Die peinliche Wendung, welche die Sonderbarkeit der Herzogin diesem Moment gab, ward wohlthätig unterbrochen durch Ottwey, der die Thüren nach einem kleinen Saale öffnete, wo bei unfreundlichem Wetter die Familie zu Nacht zu speisen pflegte. Sir Richard Ramsey erschien in derselben und zeigte, indem er, als Seneschall des Schlosses, ein silbernes Becken mit einer gleichen Kanne trug, den Herrschaften [85] an, daß die Tafel servirt sei. Die Damen legten ihre Arbeit bei Seite, und die Herzogin näherte sich ihrer Schwiegermutter und führte sie gegen den Saal. Hier nahmen sie die Ehrenbezeigungen des Sir Ramsey an, indem sie die Finger in das Wasser tauchten, welches er aus der Kanne in das Becken goß. Ottwey nahm Beides sodann schnell in Empfang, Sir Ramsey zog die Stühle für die beiden Damen und begab sich dann auf seinen Platz am Ende der Tafel, die Speisen zu zerlegen und vorzukosten. Doch blieb die Gesellschaft still und einförmig. Die Herzogin saß zwar in ruhiger Haltung, aber ohne Versuch, das Gespräch zu beleben. Die Damen wagten nicht, einer so düstern Stimmung eine andere Färbung zu geben. Arabella gehörte zu den Seelen, die leicht erdrückt werden von der Ueberlegenheit Anderer, und sie fühlte sich stets so ihrer Mutter gegenüber. Nur die Großmutter und Lucie brachten etwas Bewegung hinein. Lucie war in stets lebendigem Verkehr mit Allem, was sie umgab. Sie redete Alle an, sie scherzte, sie neckte, und blieben die Antworten aus, hatte sie mit der Dienerschaft ihren Verkehr, und weil sie der Liebling des ganzen Hauses war, und ein Engel an Güte und steter Heiterkeit, ruhten die Blicke Aller auf ihr, und ihre leichteste Frage blieb hier nicht unbeachtet. Heute schien ihre Laune doppelt heiter, da die allgemeine Stille ihr Raum gab. Sie neckte sich unaufhörlich mit Ramsey, und der kecke Jüngling, der ihr nichts schuldig blieb, unterhielt das Feuer ihres kindlichen Witzes, bis er endlich, sie zu necken, von ihrem Lieblinge Gaston anfing, wie er von Morgen an in der Hundehütte bei Wasser und Brod Arrest bekommen würde, weil er etwas im Dienste versehen habe. Gaston! rief Lucie und wurde glühend roth, Gaston in die Hundehütte! Wage es! rief sie und hob die kleine Hand zürnend gegen ihn auf. Aber das sage ich Dir, allein soll er da nicht liegen, Du oder ich, eins von uns beiden geht mit hinein. [86] Bei den letzten Worten kam das holde Lächeln schon wieder um den reizenden Mund, und sie frug weiter: Darf man den gestrengen Herrn fragen, was Gaston, der ihn gar nichts angeht, verbrochen hat? – Daß er seinen Posten verlassen und oben in den fremden Zimmern sich herum treibt, welches ihm stets mit der Peitsche verboten ward, da sein Platz in der Vorhalle ist. – Und wohin ich ihn sonst mit mir nehmen will, rief Lucie, und wo Deine Wichtigkeit nichts zu befehlen hat. Gaston soll, anstatt in der Hundehütte, heute Nacht in meinem Bettchen schlafen, und ich will davor auf der Decke liegen. Allen anwesenden Dienern entfuhr ein kurzes, schnell unterdrücktes Lachen. Mistreß Dedington rief schaudernd: Lucie, Lucie! mein Engel, Sie sind zu lebhaft! Aber der kleine Schalk blickte seitwärts nach dem Antlitze der Großmutter, und da dies noch in seiner ungetrübten Klarheit leuchtete, wurde sie dreister und sagte schalkhaft, das reizende Köpfchen gegen ihre Mutter beugend: Erlaubst Du, liebe Mutter, daß Gaston diese Nacht in meinem Bettchen schlafen darf, und ich davor auf der Decke? Die Herzogin zog hier ihren Blick von einem alten Wappenschilde ab, das ihr gegenüber an der Wand ihre Aufmerksamkeit gefesselt zu haben schien; er fiel, wie erquickt, auf Luciens heiteres Gesicht, und sie ließ das liebe Kind seine Worte wiederholen. Doch schnell zu ihrer alten Strenge zurückkehrend, sprach sie ernst: Wie unschicklich und kindisch ist Dein Begehren, Lucie, ich hätte nicht gefürchtet, etwas der Art von Dir zu hören! Ihr Blick streifte von dem beschämten Kinde die Tafel entlang und entzündete sich an Ramsey's lächelndem Gesicht. Ich fürchte, daß Ihr, Ramsey, mit Euren oft sehr weit gehenden Scherzen dies Kind zu dieser unziemenden Bitte gereizt habt. Ramsey wollte antworten, denn er verschwieg nie gern, was er zu sagen wußte, als Lucie mit Heftigkeit rief: Nein, liebe Mutter, schelte ihn nicht, Ramsey hat mich nicht darum gebeten, er ist ganz unschuldig, ich [87] wollte es selbst, weil Gaston sonst in die Hundehütte gesperrt wird. Bei diesen Worten drangen Thränen in die schönen Augen des glühenden Kindes, und Ramsey hätte gern zu ihren Füßen dem Engel seine Neckereien abgebeten. Die Herzogin schien nicht ganz gegen den versöhnenden Anblick unempfindlich, denn sie sagte merklich milder: Laß uns hören, Ramsey, was Gaston verbrach, vielleicht können wir die Sache vermitteln. Euer Durchlaucht muß ich unterthänig um Vergebung bitten, sagte nun Ramsey, der von dem Edelmuthe Luciens sich zu gleichen Empfindungen erhoben fühlte, ich habe es allerdings gewagt, Fräulein Lucie mit der Nachricht über Gastons Uebelverhalten zu necken; er hat nichts verbrochen, als daß er mir seit langer Zeit aus dem Gesichte gekommen ist. O du böser Ramsey, rief Lucie, hell auflachend vor Vergnügen und des Kummers nicht mehr gedenkend, daß Zeuge doch eben aus dem lachenden Auge in einer hellen Thräne über die glühenden Wangen rollte, das liebe Thier zu verläumden, ich werde es Dir gedenken! Die Herzogin fühlte sich nicht geneigt, die Sache böslich zu verfolgen, aber sie fragte, wo Gaston geblieben sei. In den Zimmern der fremden Lady, antwortete Ramsey. Sogleich änderte sich das Gesicht der Herzogin, und sich gegen Mistreß Morton wendend, welche auf ihren Teller blickte, rief sie: Wie kömmt das, wem hängt er an in diesen Zimmern, ich hörte bis jetzt nichts davon? Euer Durchlaucht halten zu Gnaden, sagte Mistreß Morton, indem ihr feines Gesicht von einer leichten Röthe bedeckt ward und sie den Blick nicht erhob, ich habe diesen Umstand nicht der Erwähnung werth geachtet. Der Herzogin Blick lag während dieser Worte unverwandt auf Mistreß Morton, sie schien sich mit Mühe Schweigen aufzuerlegen und benutzte das Ende der Tafel, um die alte Lady unter den gewohnten Formen nach den Zimmern zu führen, wo man sich nach der Abendtafel zu trennen pflegte.


[88] Stanloff ließ sich am andern Morgen bei seiner Gebieterin melden. Er fand sie mit niedergeschlagenen abgespannten Zügen in ihrem Armstuhle ruhend; sie schien geschrieben zu haben. Stanloffs schnell überschauendem Blicke entging es nicht, daß mehrere beschriebene Blätter auf dem Schreibtische lagen, welcher in einer Fensternische im Rücken der Gräfin stand. Sie schien sich am Kamin in dieser ruhenden Stellung erholen zu wollen; Stanloff sah aber mit Bekümmerniß den Ausdruck von Leiden in ihrem Gesichte, das müde Auge, das sich nicht bei seinem Nähertreten erhob. Doch wies sie seine besorgten Fragen nach ihrer Gesundheit bestimmt zurück und hieß ihn zum Feuer sich setzen. Stanloff entschuldigte sein gestriges Ausbleiben mit Geschäften in einem fernen Theile der Besitzungen, welches mit einem freundlichen Neigen des Kopfes angehört wurde. Ohne weiteren Uebergang sagte Stanloff nun: Mein Bericht über die Kranke ist heute sehr erfreulich. Er wollte fortfahren, als das Wort, das er zuletzt ausgesprochen, dumpf aus dem Munde der Herzogin wiedertönte und sie mit einem tiefen Seufzer die Augen aufschlug. Stanloff schwieg, denn er sah, sie wollte reden. Sie richtete sich auf, und sogleich trat Haltung an die Stelle der Abspannung ihres Körpers, indem sie mit einem Tone, der zwischen Schmerz und Unwillen schwankte, langsam zu Stanloff sprach: Mein guter Doktor, diese Fremde nimmt uns allen viel Zeit und Gedanken. Es ist wahrlich dahin gekommen, daß das Gefühl, das Alle in diesem Schlosse am nächsten erfüllen sollte, das Gefühl der tiefsten Trauer um ihren verehrungswürdigen Herrn, meinen theuern Gemahl, zurücktritt gegen die allgemeine Zerstreuung, die dieser Gegenstand unter uns verbreitet. Ich fühle die Pflichten, die mir hiermit auferlegt sind, etwas drückend und würde mich freuen, sie auf eine Art erfüllen zu können, die sie bald zu ihren Angehörigen zurückführte. – Sie schwieg, und ein Blick auf Stanloff sagte [89] ihr, daß sie sein edles Gefühl gekränkt habe. Doch ich habe Euch mit meinen trüben Worten unterbrochen, setzte sie hinzu; es ist eine Thorheit, zu erwarten, sich verstanden zu sehen, wenn Gefühle nach dem Maaßstabe des Glückes, das sie uns allein im höchsten Maaße gewährten, auch einen Scherz erzeugen müssen, den kein Anderer theilen und begreifen kann! Diese Worte verfehlten jedoch dies Mal den Zweck, den muthigen Mann zu versöhnen. Ihr habt Recht, Mylady, sagte er fest, wenn Ihr Gefühle nicht getheilt glaubt, die zu Euch selbst nicht gehören; Eure schöne Seele müßte sonst erkennen, daß nichts mehr das Andenken dessen ehren kann, an den mein Herz mit Liebe gedenken wird, bis es bricht, als eine freudige und aufrichtige Erfüllung der Pflichten, in denen er uns allen ein leuchtendes Vorbild war. Wenn Ihr den Antheil, den das Unglück erregt, hier in Euern Umgebungen vorherrschend findet, so denkt, daß das Verdienst seiner erhabenen Tugenden hier noch fortwirkt – denkt noch mehr, denkt, daß es Euer eigenes Beispiel ist, was die Härte Eurer ebengesagten Worte widerlegt. – Er stand auf und wollte sich fortbegeben, als die Herzogin bitter ausrief: So, Stanloff, mißbraucht Ihr mein grenzenloses Vertrauen, um mich zu kränken? Wie wenig steht es Euch an, mir Vorwürfe zu machen, da ich Euch tiefer in mein Herz sehen ließ, als Andere. Darum just, und im tiefsten Gefühle Eures Werthes, wage ich Worten zu zürnen, die Euern Gesinnungen fremd sind, rief Stanloff mit edler Wärme. Wer kann Euch mehr verehren, als ich? Wer hat es Euch öfter und ehrfurchtsvoller gezeigt? Ich vertheidige das erhabene Bild Eurer Tugenden, das ich in Wahrheit erkenne, indem ich Aeußerungen zürne, die dort nicht ihren Ursprung haben! Doch ich hatte auch Unrecht, denn mußte ich nicht wissen, daß Worte der Art nie bei Euch zu Thaten werden? – Genug, Stanloff, sagte die Herzogin in milderem Tone, und vielleicht schon mehr, als ich [90] verdiene; ich will jetzt Eurem Berichte geduldig zuhören. Stanloff nahm schweigend seinen Sitz bei dem Kamine wieder ein und fuhr fort: Mistreß Morton sagte mir, daß Euer Durchlaucht von meiner ersten Unterredung unterrichtet sind. Ich hielt diese Erschütterung für nöthig, den Zustand von Lethargie aufzuheben, der über sie verbreitet war, und ich habe mich nicht geirrt. Der Geist muß oft eben so den Mechanismus des Körpers wieder herstellen, als Hülfe noch öfter umgekehrt geleistet wird. Sie ist sich seitdem ihres Unglücks, aber auch all' ihrer Sinnes- und Geisteskräfte bewußt, und ich glaube, es tritt aus der Verwirrung, die sie umspann, ein starker, wohlgeordneter Verstand hervor; ihre körperliche Schwäche und der Gram, den sie um den Tod einer geliebten Tante empfindet, halten ihn noch in einer Art Befangenheit. Aber schon nimmt man eine feine Unterscheidungsgabe wahr, für das, was recht und schicklich ist, und ihre Haltung, ihre Worte zeugen von der Gewohnheit, einen hohen Rang einzunehmen. Sie hat uns allen auf eine höchst gefühlvolle und genügende Art für unsere Pflege gedankt. Aber so sehr sie gegen Mistreß Morton und Cottington freundlich und bescheiden ist, scheint sie doch keinen Augenblick im Irrthume über die Verschiedenheit ihrer Verhältnisse. Sie hält uns von sich entfernt, ohne allen Stolz, ja, ohne Worte, ich möchte sagen, durch den Ausdruck, den sie unabsichtlich hat, und der, wenn ich mich nicht sehr irre, ebenso ihrem Geiste, als ihrem Aeußeren anzugehören scheint. Ich wagte es, sie um Aufschluß über ihr Schicksal zu bitten. Sie bedachte sich einen Augenblick und sagte dann freundlich: Verzeiht, daß ich diese Forderung Euch nicht glaube zuerst gewähren zu dürfen, Ihr macht mir Hoffnung, daß ich meine erhabene Erretterin bald werde sehen dürfen. Ihr, glaube ich, gehören diese Mittheilungen, ihr, die über meine nächste Zukunft entscheiden muß; ihr muß ich auch das Vertrauen aufsparen, mit meinen Entdeckungen nach[91] Willkür zu verfahren. Ich habe überdem nicht viel zu sagen, ich könnte Euch und Allen bald mein kurzes Unglück erzählen, und ich bitte Euch nur um die Wohlthat, mir bald den Anblick der erhabenen Frau zu verschaffen, zu deren Füßen ich meinen Dank auszudrücken mich sehne. – Stanloff hielt inne, der Blick der Herzogin ruhte auf dem Teppiche zu ihren Füßen. Da sie nicht antwortete, fuhr er fort: Ich habe ihrer nach Euch durstenden Seele versprochen, Euch heute darum zu bitten. Die Herzogin schwieg noch immer, und Stanloff fuhr fort: Euer Durchlaucht muß ich noch eine auffallende Erscheinung berichten, sie betrifft Gaston. – Merklich fuhr hier die Herzogin zusammen. – Gaston begleitete den Zug aus dem Parke nach den bestimmten Zimmern und drängte sich überall durch, um in der Nähe der Bahre und ihrer Person zu bleiben. Als die Frauen nach meiner Vorschrift die Lebensversuche machten, war er nur mit Mühe aus dem Zimmer zu entfernen, aber er wich nur bis zur äußern Schwelle. Jeden, der heraus trat, blickte er mit einem kurzen ängstlichen Geheul traurig an, lief ihm einige Schritte nach und kehrte dann zu seinem Platze zurück. Als sie im Bette lag, blieb die Thür einen Augenblick offen. Er hatte sich schnell hinein geschlichen, und als wir aus dem Rebenzimmer traten, sahen wir ihn am Bette aufgerichtet abwechselnd eifrig ihre Hände lecken und seinen Kopf hineindrängen, als wollte er von ihnen geliebkost sein. Ich gestehe, daß mich der Anblick rührte, ich konnte ihn nicht gleich verjagen und hörte, daß er tief seufzte, wie Menschen im Schmerze. So blieb er Tag und Nacht vor der Schwelle bis sie zuerst aus dem Bette war und er sie sprechen hörte. Da stürzte er die hinaus tretende Alice beinahe zu Boden und flog mit solcher Gewalt auf die Kranke zu, daß sie, zum Tode erschreckt, sogleich ohnmächtig ward. Gaston ward mit Gewalt entfernt, und seitdem hält er sich auch ruhiger und in seinem gewöhnlichen Bereich. – Und [92] wozu diese Erzählung? fragte die Herzogin rasch, von ihrem Stuhle aufstehend und einen Blick stolzer Erwartung auf Stanloff werfend. Vielleicht, erwiederte der ruhige Diener, sich gleichfalls erhebend, daß zwischen der Lady und Gaston ein Zusammenhang statt findet, den das kluge Thier schnell erkannt hat, und der uns zu Entdeckungen führen könnte. Die Herzogin wandte ihm unwillig den Rücken, und nach dem Schreibtisch hin gehend sagte sie kalt: Ich bin nicht gelehrt, Master Stanloff, und muß Verzicht darauf leisten, Dinge zu begreifen die über die gewöhnlichen Grenzen der gesunden Vernunft zu gehen scheinen, die Gott mir allein verliehen. Ich will Euch in so wichtigen Betrachtungen mit meiner Einfalt nicht störend sein, doch muß ich bemerken, daß ich nicht wünschen kann, daß solche Dinge sich im Schlosse unter den verschiedenen ungebildeten Dienstleuten verbreiten, als von mir oder meinen nächsten Umgebungen ausgehend. Nichts ist ansteckender, als geheimnißvolle Träumereien, und nichts gefährlicher für das Glück unverdorbener Leute niedern Standes. – Ihr habt zu befehlen, was meinen Mund anbetrifft, sagte Stanloff. Die Thatsache der Aufmerksamkeit zu entziehen, lag jedoch weder in meiner Macht, noch in meinem Beruf. Die Herzogin stand bleich und bebend an ihrem Schreibtisch, und Stanloffs Herz schmolz in Wehmuth bei ihrem Anblick, obwohl er heute so oft unter ihren scharfen Worten hatte leiden müssen. Die Juwelen, welche sie trug, und das kleine Taschenbuch, habt Ihr's von Mistreß Morton erhalten? hob er an, mit dem gutmüthigen Wunsche, sie aus ihrem Zustande zu reißen, dessen Ursache er vergeblich suchte und in Gastons unschuldigem Thun nicht finden konnte. Mit beklommener Stimme sagte die Herzogin: Ja wohl, Juwelen, Stanloff, nicht unwerth, in dem Diadem einer Königin zu glänzen, ein Armband und ein Kreuz. Das Buch, sagte sie kaum vernehmlich, aber sehr hastig, war mit[93] einer Perle von großem Werthe verschlossen; es lag ein Wechsel von einigen tausend Pfund darin und noch ein Paar Zeilen. Großer Gott, was ist Euch! rief Stanloff, denn die Herzogin endete die letzten Worte in einer Art von Gestöhn und taumelte gegen die Pfeiler des Fensterbogens. Nichts! Nichts, Stanloff! rief sie wie trostlos, aber ruft Morton, und bei Eurer Pflicht, bei Eurer tugendhaften Seele, ja, so lieb Euch der Friede der Meinigen ist, wendet Alles an, dies Mädchen zu erhalten, sie herzustellen. Ich will sie sehen, heute noch sehen. Stumm verneigte sich Stanloff, Mistreß Morton zu rufen, aber sie trat ihm in dem Vorsaal schon entgegen. Sie bedarf Eurer, sagte Stanloff tief bewegt. Die beiden treuen Diener blickten sich einen Augenblick stumm und traurig an. Stanloff fuhr mit dem Tuch über die Augen, und Mistreß Morton sah, der alte Herr war um seine Fassung. Sie reichte ihm die Hand und sagte sanft: Das Rechte thun und Gott vertraun! Er nickte mit dem Kopfe und eilte aus dem Saale. Mistreß Morton fand ihre Gebieterin zwar blaß und ermüdet, doch mit wieder erlangter Fassung. Sie war seit einiger Zeit an diese plötzlich wechselnden Zustände gewöhnt und zog es vor, sie völlig unbeachtet zu lassen, überzeugt, dadurch die stolze Frau am schnellsten auf sich zurück zu führen. Auch lag in dem Sinn der alten Dienerin ein gewisser Stolz auf die Kraft und würdige Haltung ihrer Gebieterin, womit sie manche ihrer Fehler in ihren Augen versöhnte, und sie war fast empfindlich, die Lady seit einiger Zeit so oft mit Weichheit und heftigem und sichtbarem Schmerze wechseln zu sehen, welches der Würde Abbruch that, in der sie dieselbe erhalten wissen wollte, selbst um den Preis, dadurch als Dienerin in schärfere Grenzen der Zurückhaltung gewiesen zu sein. Die alte kluge Dame hatte sicher für diesen Karakter das Passendste erdacht, denn die Lady fühlte sich sehr wohl mit Mistreß Morton und schien stets zu einer ruhigeren Betrachtung [94] der Dinge in ihrer Gegenwart überzugehen. Auch heute ließ sie sich ihre stummen und angenehmen kleinen Dienste gefallen; sie nahm ohne Widerstand einige Tropfen, die ihr wie absichtslos gereicht wurden, als ahne man kaum den Zweck. Der Sessel war bequem gegen die sanfte Glut des Kamins geschoben, die Füße ruhten gemächlich auf einem Polster, und leise legte Mistreß Morton einige Bücher, Arbeiten und kleine gebrauchte Geräthschaften bei Seite, wohl wissend, daß das Auge der Herzogin ihren Bewegungen unwillkürlich folgte, aufmerkend, ob jedes seinen Platz gewönne, wodurch sie sich endlich abziehen ließ und zu einer Art von Ruhe gelangte, fast zugleich mit der wiederkehrenden Ordnung ihres Zimmers. Mistreß Morton wollte nun eben ihren Platz einnehmen und eine Arbeit ergreifen, als die Herzogin mit freundlichem, sanftem Ton sich zu ihr bog: Du scheinst fertig zu sein mit Deiner geschickten Ordnungsgabe, und ich will Dich bitten, mir Deine Gegenwart bei meinen beabsichtigten Besuchen zu schenken. Ich freue mich, daß Euer Durchlaucht so angenehm über mich befehlen, sagte nun gleichfalls Mistreß Morton heiterer, sich dem Armstuhle nahend, in dem die Herzogin noch immer mit allen Zeichen der Ermüdung ruhte. Sie hob jetzt den Kopf und fuhr freundlich fort: Es wird wohl nöthig sein, daß Du Deine Hand an meinen Kopfputz legst, denn ich muß, wie ich vermuthe, nicht sehr bedacht gewesen sein, ihn zu schonen, und da wir so eben gehen, in der Fremden eine neue Bekanntschaft zu machen, wollen wir uns nicht als eine Verwirrte ihr zeigen. Doch halt, laß sehen, liebe Morton, ob ich stehen kann? – Es geht, fuhr sie fort, indem sie mit ihrer ganzen schönen Haltung einige Schritte vorwärts that, und das Lächeln, welches auf den bleichen Lippen, während sie sprach, mit den vorherrschenden Schmerzenszügen gekämpft hatte, brach auf einen Augenblick durch, und sie versuchte zu scherzen, indem sie fortfuhr: Ich werde so schnell, wie Pons, [95] die Treppe hinab und hinauf eilen. Rufe den Knaben, er soll zu meinen Töchtern und dann zur Fremden mir vorangehen.

Als sie jedoch die Handschuhe, die ihr Morton darreichte, ergriff, sanken plötzlich ihre Arme an ihr nieder. Sie faßte die Lehne des Stuhls, und hob Kopf und Blick mit unaussprechlichem Ausdruck gegen die Decke. Da zog Pons den Vorhang, der die angrenzenden Zimmer trennte, und zeigte sein heiteres jugendliches Gesicht, das er mit Mühe in die Ehrfurcht ausdrückenden Falten zu ziehen suchte, indem er sich und seine kleine mit Federn geschmückte Mütze zur Erde neigte. Schnell war die Herzogin wieder gefaßt. Nun, Pons, sagte sie freundlich, bist Du munter, oder nach Pagenart schläfrig und unlustig, selbst den Fächer oder Schleier Deiner Dame zu tragen? Pons ließ statt aller Antwort sein Auge zu ihr aufgehen, und dies widerlegte mächtig den geäußerten Verdacht, denn was je an Schalkheit und Munterkeit in dem Hirn eines Pagen reifte, blitzte aus diesem kohlschwarzen Augenpaar. So, so, sagte die Lady lächelnd, Deine tiefe Verbeugung sollte mir blos den Schalk verbergen, der mich jetzt anblickt. Der aber nie schläfrig und unlustig ist, wenn seine erhabene Gebieterin ihn mit ihren Befehlen beehrt, flüsterte Pons. Kind, rief die Herzogin, Mortons Arm im Hinausgehen nehmend, Du sprichst, als hättest Du John Spencers Pagen-Lexikon gelesen, ein berühmtes Buch, unter Heinrich des Achten wohl dressirter Pagenzunft. Pons flog wie ein bunt gefiedertes Vögelchen in seinem zierlichen Kostüm von den Farben des Hauses durch die hohen Zimmer und Gallerien, das Nahen seiner Herrin an die in den Vorzimmern der jungen Gräfinnen harrenden Diener zu melden, und die Herzogin ward mit lauter Freude von Arabella und Lucie empfangen. Beide waren mit ihren Damen in der Gesellschaft des Master Copley, der jeden Tag einige Morgenstunden dazu benutzte, den wissenschaftlichen Theil der Erziehung der [96] jungen Gräfinnen zu leiten. Es war ein unbeschreiblich heiterer und höchst ehrwürdiger alter Mann, als Geistlicher von den gemäßigtesten Gesinnungen, von einer gründlichen wissenschaftlichen Bildung, unverheirathet und mit ganzem Herzen an der herzoglichen Familie hängend, der er seit dem Vater des letzt verstorbenen Herzogs als Schloßkaplan diente. Die Herzogin hatte heute eine anmuthige weiche Hingebung gegen Alle, sie wußte Jedem ein gütiges Wort zu sagen oder einen freundlichen Blick zu geben. Mistreß Morton war ganz glücklich, denn so war die Herzogin in ihrer besten Stimmung, milde und doch mit der Würde, die ihr hoher Rang und ihr ernster Karakter mit sich brachte. Sie wußte dann Alles um sich her in eine angenehme Stimmung zu versetzen und heilte die kleinen Wunden, die sie oft schlug, so daß selbst neue weniger schmerzten. Doch fühlte Mistreß Morton wohl, daß gegen das Ende ihres Besuches ein kleiner Kampf in ihr entstand; sie war zerstreut und blickte zuweilen ernst um sich her. Endlich erhob sie sich; doch noch zaudernd trat sie an eins der hohen Bogenfenster, das nach dem Park hinaus ging. Sie schien den Sonnenblick zu verfolgen, der die trüb' aufgehäuften Wolken eben durchbrach und langsam an den grünenden Partieen des Parkes dahin strich. Mistreß Morton sah über die Schulter Copley's, mit dem sie eifrig sprach, wie der Ausdruck in den Zügen der Lady schnell, und nichts Gutes verkündigend, wechselte, aber es ging vorüber. Muthig richtete sie sich von dem Fenstergesims empor; sie ging auf ihre Töchter liebreich zu, schloß sie in ihre Arme und blickte ihnen lange zärtlich in die Augen, küßte sie dann beide und sagte sanft: Meine geliebten Kinder, wir wollen nie Euern theuern Vater vergessen, stets seiner Tugenden gedenken und ihnen nachleben, dann werden wir alle ertragen können, was Gott verhängt. Sie entließ die tief gerührten Kinder aus ihren Armen, grüßte mit einer anmuthigen Bewegung die Uebrigen [97] und schritt mit fester Haltung, ohne Mortons Arm, aus den Zimmern, die Gallerie entlang, welche sich in einem Saale endigte, der in zwei Eingängen zu den Gemächern des Prinzen von Wales führte, deren eine Reihe die prachtvollen Zimmer enthielt, welche die alte Herzogin für jetzt bewohnte; in den andern dagegen befanden sich die sogenannten Vorzimmer, nach dem Schloßplatze hinaus gehend und jetzt von der Fremden bewohnt, welche die Herzogin im Begriff stand aufzusuchen. Pons flog schon, von seiner Meldung zurückkehrend, der Herzogin in dem Saale entgegen, aber sie schien ihn nicht zu sehen, sondern schritt an ihm vorüber in die geöffnete Zimmerreihe. Kaum hatte sie das erste Zimmer betreten, als an der Schwelle des dritten eine weibliche Gestalt erschien, die, so wie sie die Herzogin erblickte, rasch voreilte, so daß die Herzogin mit ihr in dem dazwischen liegenden Zimmer zusammen traf. Einen Augenblick ruhten Beider Blicke auf einander, dann lag die Fremde mit gebeugtem Haupte zu den Füßen der Herzogin, die in demselben Augenblicke leise wie sterbend die herzueilende Morton rief, deren Arm krampfhaft ergriff und, starr ihre Blicke auf die Knieende heftend, unfähig eines Wortes, einer Bewegung blieb. O, meine Beschützerin! rief jetzt die Knieende, und diese Worte waren von einer so melodischen Fülle des Tones begleitet, daß sie süß jedes Ohr erreichen mußten, aber die Herzogin zuckte zusammen, als ob diese Töne sie zerrissen. Doch es war das letzte Zeichen ihrer Erschütterung, ihre Besinnung kehrte wieder, und sie fühlte mit Scham und Verlegenheit, wie die Arme noch zu ihren Füßen lag. Um Gott, Mylady, was thut Ihr! rief sie lebhaft; steht auf! Knieen wollen wir, aber gemeinschaftlich vor dem liebevollen Beschützer dort oben, der Euch hierher führte, wo wir uns bemühen wollen, die Euch widerfahrene Unbill gut zu machen. Da hob die Fremde zuerst ihren Kopf von der Brust zu der Herzogin empor und zeigte ein Antlitz, [98] überströmt von Thränen, aber mit dem sanften Anhauche eines dankbaren Lächelns, das dies Gesicht, trotz seiner Lilienblässe mit dem rührenden Zauber weiblicher Schönheit belebte. Sie richtete sich vom Boden mit Hülfe der Herzogin auf und stand nun vor ihr, in einer völlig ungezwungenen und natürlichen Haltung. Aber als sie, von der Herzogin geführt, mit ihr nach einem Sessel ging, wollte es selbst Morton, der eifersüchtigen Dienerin, scheinen, als ob die Herzogin in schöner Haltung nachstehe und diese junge Gestalt allein Alles vereinige, was man darunter zu verstehen pflegt. Stanloff hat uns heute endlich die Erlaubniß gegeben, Euch sehen zu dürfen, sagte die Herzogin, indem sie Platz nahm, und ich bin hier, Euch willkommen zu heißen und Euch zu fragen, ob Ihr keine Klagen zu führen habt über irgend eine gegen Euch versäumte Pflicht, oder ob ich in irgend etwas persönlich im Stande bin, Euch zu dienen? O, Mylady! rief hier die Fremde und drückte die schönen Hände an ihre Brust, fragt nicht, ob es mir gut erging. Ich war, seit ich in diesem Schlosse bin, in den Händen der edelsten Menschen. Ihr Auge richtete sich bei diesen Worten mit einem Glanze auf Mistreß Morton, der aus der warmen Dankbarkeit eines schönen Herzens zu steigen schien und so ausdrucksvoll war, daß die ehrwürdige Dame, ganz bewegt, tiefer sich vor ihr neigte, als sie es nachher in ihrem Zimmer begreifen konnte, und die Herzogin von dieser alten und stolzen Frau nie anders, als vor sich selber, es erlebt hatte. Und Ihr, Mylady, fuhr sie fort, kommt nun zu mir armen verwaisten Kinde. Ihr wollet den großmüthigen Schutz bestätigen, den ich bis jetzt genoß. Ach, ich danke Euch für die Wohlthat Eures Anblickes; Ihr werdet mir erlauben, Euch mein Herz zu öffnen, und von Euch werde ich dann besser, als von mir selbst erfahren, wie mein Schicksal anzusehen ist. – Laßt das für jetzt, liebes Kind, sagte die Herzogin und legte sanft die Hand auf ihre Schultern, [99] nicht um Euch an Euer Unglück zu erinnern, kam ich hierher; ich darf, ohne Stanloffs Vorwürfe zu verdienen, nicht zu geben, daß Ihr Euch erschüttert. Es bedarf nicht solcher Mittheilungen, fuhr sie immer wärmer fort; schweigt über Eure Verhältnisse, Euern Namen, so lange es Euch gefällt, Ihr seid meines Schutzes gewiß, und ich bedarf, nun ich Euch gesehen, vorläufig keines Bürgen; auf dieser Stirn stehen die Vorrechte der Geburt und der Unschuld! – Der gespannten Aufmerksamkeit der Mistreß Morton war es nicht entgangen, daß die Herzogin hier in wenig Minuten das Schicksal derer theilte, die sich bisher dieser jungen Person genähert und aus ihrer Persönlichkeit denselben Glauben geschöpft hatten. Die Herzogin schien selbst zu fühlen, daß sie diesen eben bezeichneten Eindruck etwas schnell gewonnen habe; sie liebte nicht, wenn ihr Gefühl ihrem Verstande voraus eilte, vielleicht, weil sie sich des ersteren nicht als ganz zuverlässig bewußt war, und sie sah ein aufsteigendes Mißbehagen über ihre schnelle Hingebung in sich voraus, als dieser augenblickliche Ideenflug unterbrochen ward durch die Worte: Geburt und Unschuld, welche die junge Lady mit einem unverkennbaren Ausdruck von Erstaunen wiederholte. Sie schien hier vor einer neuen Idee zu stehen, die sie nicht zu verfolgen vermochte, und es lagerte sich ein zarter Anflug von Nachdenken um ihr ernster werdendes Antlitz. Doch die stets verwöhnte Herzogin, nie sehr geneigt, die feinern Empfindungen Anderer zu bemerken oder errathen zu wollen, da sie gern ihre eigenen ihren Umgebungen als Ziel zu stecken pflegte, schien auch diese unverkennbare Wirkung ihrer Worte in der jungen Lady übersehen zu wollen, setzte aber mit einem sehr wohlwollenden Tone hinzu, indem sie sich erhob: Ich darf nun, hoffe ich, ohne Euch zu sehr anzugreifen, für Eure Unterhaltung sorgen. Meine Töchter, ihre beiden Damen sollen Eure Einsamkeit Euch erleichtern helfen, bis Ihr so weit hergestellt seid, [100] in unserm Familienkreis erscheinen zu können. Lebt wohl Lady und richtet Euern Geist auf, damit Eure Gesundheit erstarken könne! – O, geht noch nicht! rief die Unbekannte, wie erwachend, und stellte sich schnell von ihrem Platze vor die Herzogin, sagt mir, edle Frau, Ihr wollt mich ferner schützen? Kein Mensch kann hier feindlich eindringen? Diese Zimmer sind ganz sicher? – Ach verzeiht mir, liebe Mistreß Morton, oft habt Ihr gütig diese Fragen mir beantwortet, ich glaubte Euern tröstlichen Worten, und doch sehnte ich mich nach der Bestätigung aus diesem Munde. O, zürnt mir nicht, Mylady, man nannte mich furchtlos sonst. Ach, man hat sich schwer getäuscht, meinem glücklichen Leben fehlte blos das Furchtbare, mit ihm lernte ich auch die Furcht kennen. – Seid unbesorgt, erwiederte die Herzogin, dies störe nimmer Eure Ruhe. Für Eure Sicherheit verbürg' ich mich; im Schooß der Euern waret Ihr nicht sicherer. – Gott lohne Euch so große Güte! rief nun das holde Wesen, und es wiederstrahlte ihr Gesicht von Dank und inniger Verehrung. Sie hatte lieblich sich gebeugt und ihre Hände kindlich auf die Brust gekreuzt. Die reichen braunen Locken umschatteten in glänzender Fülle die hohe Stirn, das liebliche Oval. Sie hob die Augen langsam zur Herzogin empor, und wer diesen Blick erkannt hatte, der mußte für immer sich ihr weihn. Auch schien die Herzogin davon aufs Neue erschüttert; noch ruhete ihr Auge darauf, als könnte sie es nicht losreißen, aber ihre Füße, ihre Arme hoben sich außer aller Haltung wie zur Flucht. Die Farbe wechselte auf ihren Wangen, und kaum vernehmlich stammelte sie ein wenig motivirtes schnelles Abschiedswort. Rasch eilte sie durch die Zimmer und blieb dann unbeweglich vor Pons stehen, der im Vorsaal harrend in seiner tief gebeugten Stellung um ihre Befehle fragte. Sie sah ihn nicht, seine Worte erreichten nicht ihr Ohr. Ihre Augen blickten trübe in die Ferne des Saales, als gewahre [101] sie dort einen Gegenstand. Pons hob bei ihrem fortgesetzten Schweigen den Kopf empor, vielleicht in guter Hoffnung einer Fortsetzung des früheren Scherzes.

Aber so auffallend war der Ausdruck in den Zügen seiner Herrin, daß er zurück sprang und die Augen scheu nach dem Raume warf, in den die Herzogin hineinstarrte. – Zur selben Zeit trat Mistreß Morton vor, und ihre Stimme erreichte ihr Ohr. Was willst Du, Morton, was habe ich gethan, wie sagst Du? rief die Herzogin jetzt schnell auf einander. Pons erwartet die Befehle Euer Durchlaucht, sagte Morton in fast strengem Ton. Die Herzogin strich mit der Hand über die gespannte Stirn und deutete dann nach den Thüren, welche zu den Zimmern der alten Herzogin führten. Pons verschwand wie der Blitz, aber die Herzogin behielt keine Zeit sich zu sammeln, denn die alte Lady, von ihrer Nähe unterrichtet, hatte schon Lovelance an die Thür geschickt, den möglichen Besuch der Schwiegertochter zu empfangen. Sie kam ihr in ihrem Wohnzimmer entgegen, aber die freundlichen Mienen und Worte, mit denen sie daher kam, erstarben, als sie die Herzogin näher anblickte. Todtenbleich mit gebrochenen Augen zuckten ihre Lippen nach Worten, aber nur ihre Hand konnte ein schwaches Zeichen gegen die Thür machen. Diese verschloß sich dem Winke, und sie ergriff mit letzter Kraft einen Lehnstuhl, darauf bewußtlos niedersinkend. Ruft Niemanden zu Hülfe, Milady, rief die besonnene Morton, und erschreckt nicht, es wird bald vorüber gehen. Ich führe Alles bei mir, was der Frau Herzogin nöthig ist. Während dem löste sie geschickt den Gürtel und die Banden an dem Kopfzeuge, und rieb Stirn und Schläfe und die zuckenden Pulse mit flüchtigen Tropfen, indeß die alte Lady, so ruhig und gefaßt, wie die alte Dienerin, mit mütterlicher Innigkeit zwischen ihren warmen Händen die erstarrten der Herzogin zu beleben suchte.

[102] Sah meine Tochter die Fremde? – Sie sah sie so eben. – Dies waren die einzigen leise gewechselten Worte der beiden Frauen. Ihren stillen Bemühungen entsprach bald der Erfolg. Die Herzogin schlug die Augen auf, und sich zusammenraffend blickte sie umher. Als ihr klar ward, was geschehen war, suchte sie sich zu erheben. Sie wollte sprechen, doch die alte Lady ließ sie nicht zu Worte kommen, sondern sagte, indem sie sanft sie zu einem Stuhl am Kamin führte und in ungestörter Ruhe, wie es schien, sich an ihrer Seite niederließ:

Muß ich nicht wieder schelten? Wie Du Deine Gesundheit wagst! Ohne Mantel bist Du über die kalten Gallerien und Säle gegangen, und die Luft ist so voll Nebel heute, daß kein Fenster dicht genug ist, ihn abzuhalten. Vergißt Du ganz, wie Deine Gesundheit jetzt zarter behandelt sein will, als sonst? Wollten wir Dich strafen, plauderten wir aus, wie leidend Du Dich machst, aber wenn Du Deinem alten Mütterchen nur künftig folgen willst, wollen wir Dich nicht verrathen, denn Deine Kinder hätten freilich groß Recht, mit Dir zu schelten.

Die Herzogin senkte den Blick, den sie, während die edle Lady sprach, fest auf sie gewendet hielt, als wollte sie die unbefangenen Worte prüfen. Doch wenn auch zweifelhaft blieb, ob sie diese jähe Ohnmacht wirklich dem Nebel in den Gallerien zuschrieb, Wohlwollen, ungekünstelt und rein, wie es in diesem Herzen vorwaltete, war der unverkennbare Ausdruck in ihren weichen Zügen, ihrem Blick, im Ton der Stimme. Der starre Ernst auf dem bleichen Angesicht der Herzogin löste sich, wie öfters an der Seite dieses warmen, hingebenden Gemüths, in eine Art von Ergebung auf. Sanft zog sie die liebende Hand an ihre Lippen und sagte mild:

Du hast mich also noch nicht aufgegeben, meine wahre, liebe Mutter? Man schilt nur da, wo man noch auf Besserung hofft. Ich will Dir so gerne folgen, hätte ich Dir immer folgen [103] können, wäre ich Dir vielleicht ähnlicher. Ach, ich bin schwach, wie ich und Andere mich wohl noch nie gesehen. Ich bin mir fremd und kann mich in mir selbst nicht finden. Welch' ein gebrechlich Ding ist, was wir oft in uns als Kraft bezeichnen möchten, weil wir ertragen konnten, was Andere um uns her erweichte; und jener eitle Wahn eines steten Muthes, weil uns lang verschonte, was uns zu beugen aufbehalten war, wenn er verfliegt, welch' einen Blick läßt er in unser Inneres thun, von dem wir ohne Vorwurf kaum uns wenden können! Es will uns mahnen, als hätten wir Vieles wohl in uns versäumt zur Hülfe aufzuziehen, da wir irrthümlich so stolz des Einen uns gesichert glaubten, was wir Kraft nannten!

Wo ist die Brust, die menschlich fühlt, geliebte Tochter, erwiederte ernst die alte Lady, und dennoch ohne Wanken in immer gleicher Fassung sich rühmen kann, dem Leben zu begegnen. Wir hören darum nicht auf, kräftigen Gemüths zu sein, wenn uns erschüttert, was Gott zur Prüfung dieser Kraft beschließt, sie wird oft erst recht wahrhaft uns zu Theil, wenn wir durchdrungen wurden von ihrer irdischen Gebrechlichkeit. Es hat mir oft scheinen wollen, als deuteten gar Viele den Begriff von Kraft wohl anders, als es vielleicht von Gott bezeichnet ward, und Du, geliebtes Kind, scheinst mir mit Deinen Klagen zuerst Dir selbst zu nahe zu treten. Kraft ist etwas Anderes, als Härte des Gefühls. Du bist nicht schwach, wenn Du tief leidend fühlst, was Gottes Hand Dir auferlegte. In Deinem Schmerze auch liegt Kraft, die Du zerstoben wähnst, weil sie Dich nicht mehr rüstet gegenihn. Nicht das ist mir als Kraft erschienen, was uns ablöst von dem Allgefühl von Schmerz und Freude, kräftig just scheint mir der Mensch gestaltet, der Raum und Anklang für den Vollbegriff des Daseins hat; Freud' und Schmerz muß Recht behalten über ihn, und Streit und Widersprüche dürfen ihn bewegen. Immer wird er [104] noch zum Bund der Starken sich zählen dürfen, denn wenn Du reich begabt in's Leben trittst, ergreift es Dich auch reich, Du trachtest es zu heherrschen, es reizt Dich, daß Du von ihm beherrscht Dich fühlst. Dies Ringen um den Preis der Freiheit ist das Ziel, das jeder starken Seele vorschwebt, und jeder Siegende muß Kämpfer gewesen sein. Was Dich alsdann erquickt, nenn' es Frieden, nenn' es Geduld, es ist so schwer, es zu erringen, daß auch der Starke es spät erst in seiner vollen Bedeutung sein eigen nennt. –

Geduld, geliebte Mutter, nennst Du dies Lammgefühl, was die Natur, ohne alle Zugabe und Verdienst, oft in die Brust des schlaffsten Wesens bei der Geburt schon legte? Nennst Du es synonym mit Kraft, während mir beide als Pole in der menschlichen Natur erscheinen? Ist denn Geduld nicht just der Mangel aller Kraft? Wird der, der Muth in sich fühlt, dem Leben die Gestaltung abzuringen, die er in sich beschlossen, als die rechte, wird er, anstatt zu thun, wozu die Kräfte ihn beriefen, als thatenloser Zeuge stehn und bloß empfangen, gut oder schlecht, was Andere statt seiner beschlossen? –

Wer hat gelebt und nicht erfahren, liebe Tochter, daß jenen muthigen Beschlüssen im Gelingen die Grenze gesteckt ist. Wir schauen das Leben an, ein lieblich Räthsel in der Jugend, von dem wir nur glückliche Auflösung hoffen. Es widerstrebt dann später, und wir entzücken uns im Widerstande, der unsere Kräfte weckt, im heißen, aber genügenden Gefühl so viel zu geben, als wir nehmen. Wer kräftig erschaffen ward, der träumt, das Leben sei in seiner kühnen Hand; nach Außen hin sieht er Hoffnungen erweckt und suchet große Dinge; doch ist kaum der Gipfel erreicht, wo er beginnen wollte, und es bricht zusammen, was in dem Bereiche dieser Trümmer lag, was er just schaffen und erreichen wollte. Gar leicht erscheint da dem Besten auch der Augenblick, wo er sich frägt, ob er die Welt, [105] ob die Welt ihn betrogen habe. Der Kräftige überlebt diesen Augenblick, und was dann in ihm ersteht, beglaubigt erst, was früher er verheißen. Zwischen Wollen und Gelingen ist die geheimnißvolle Tiefe ihm aufgedeckt. Die Grenze, die dem raschen Schritte von Außen ward gesteckt, er steckt sie selbst sich in die feste Brust. In sich zurückgewiesen, sammelt er die Schätze, die so reizend aus sich selber ihn herausgelockt; und was aus diesem züchtig eingehegten Schatze nach Außen dann wieder dringet, es will nicht sich, es will dem Guten helfend sich erweisen. Auf diesem Wege kömmt im Starken, und just allein in ihm, das große Wort zu Ehren, was ich Dir nannte: Nenne es Frieden, nenn' es Geduld! –

O Mutter, wie Wenige verdienen dann Dein heilig Wort! Wie schnöde hab' ich selber auf dies Gefühl geblickt, was aus Deinen Worten zum Heil'genschein mir wird, um eines Märtyrers vernarbte Stirn! –

Und wer auch, meine Tochter, ruft die Deutung dieses Wortes uns himmlischer zurück, als diese Muster höchster Kraft und Tugend? Lohnte ihnen denn auf ihrem Wege der irdische Erfolg? Glichen sie nicht alle, von dem Höchsten an, dem Säemann, der lang vor der Ernte dem Felde entrückt ward, das er in dürrer Zeit, den jungen Keim zu nähren, mit seinem eignen Blute sanft beträufte? War die Geduld, mit der sie schieden, nicht dieser höhere Aufschwung ihrer Seelen, war sie nicht Kraft? –

Sie war es, theure Mutter! Nie habe ich dies verkannt, und doch ist mir die Anwendung für unser kleines Leben, ich gestehe es Dir, nie ganz so klar geworden. Es ist mir, als müßte ich die Bedeutung, die heute mich davon durchdrungen, in alle Welt verkündigen, daß Keiner länger wähne, er sei in Kraft, wenn er dem Leben grolle, das von seinem eitlen Streben ihn verwiesen und eine Bahn ihn führt, die minder den stolzen Träumen genügt, die er sich selbst erschuf. –

[106] Der ist der Schwache, liebes Kind, der unablässig dem Phantome seiner Eitelkeit nachschleicht, der daran selbst sich zehrt, in ewig unbefriedigter Empfindung, und dem Individuum hassend aufzubürden strebt, was seine eigne Schwäche ihm geboren. Doch laß mich ein Ziel finden, habe ich nicht zu lange in diesem unbequemen Lehnstuhl Dich gefesselt bei Deinen Leiden. –

Glaube das nicht, geliebte Mutter! Ein Engel führte meine wankenden Schritte zu Dir, immer ist Deine liebe Nähe der Balsam für mein Herz, doch heute haben Deine Worte mich erhoben, Du weißt nicht wie, und wie just zur rechten Zeit! –

Gelobt sei Gott! sagte die alte Lady und küßte der scheidenden Herzogin die Stirn, wir müssen stets mit Rührung und mit Dankbarkeit es hören, wenn Gott sich unserer bedient, denen wohlzuthun, die er liebt.


Als die Damen sich bei der Mittagstafel wieder fanden, zeigte die Herzogin ihrer Schwiegermutter an, daß sie Briefe aus London von Lord Archimbald und ihren Söhnen habe, und daß sie in einigen Tagen schon ihren Schwager und den jungen Herzog zurück erwarten dürfe. Ihre Töchter und Mistreß Dedington und Carby forderte sie dagegen auf, den Nachmittag der fremden Lady einen Besuch zu machen. Lucie schlug entzückt in die Hände, und es war seit lange wieder das erste heitere Mittagsmahl; denn auch die nahe Ankunft des Oheims und Bruders schien auf die verschiedenen Hausgenossen nach Maaßgabe ihrer Verhältnisse belebend zu wirken. Doch Luciens Vergnügen kannte keine Grenzen. Die fremde Lady, der Bruder, der Oheim, Alles reizte ihre natürliche gute Laune, und Ramsey und Pons und Ottwey und Jepson und andere ihrer Lieblinge [107] mußten durch tausend kleine unschuldige Neckereien der Ableiter werden, bis sie die Füßchen zu ihren Sprüngen gebrauchen durfte. Mit einem Mal rief sie:

Liebe Mama, Du hast uns noch nicht gesagt, wie die fremde Lady heißt; wie sollen wir sie nennen? –

Darnach fragte ich nicht, mein Kind, denn es geziemt sich nicht, den, der unsern Schutz genießt, mit Fragen der Art zu belästigen. –

Aber warum sagte sie ihren Namen Dir nicht? fragte Lucie weiter. –

Ich wünschte nicht, daß sie Dinge spräche, die sie angriffen, da Doktor Stanloff sie geschont wissen wollte. – Lucie wollte eben weiter fragen, warum die Nennung ihres Namens angreifend sei, als die Herzogin nach einigen leisen Worten gegen ihre Schwiegermutter zugleich mit derselben sich erhob, mit dem Bemerken, sie wünsche, daß man sich beim Desert nicht stören lasse, welches ein Zeichen war, daß die beiden Damen allein sein wollten. Als die Herzogin ihre Schwiegermutter zum Kamin geführt hatte, nahm sie die empfangenen Briefe, und mit der ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit gegen ein Familienhaupt, als welches die alte Herzogin, trotz ihrer bescheidenen Zurückhaltung, immer in der Familie angesehen ward, zeigte sie ihr an, daß Lord Archimbald ihr einige Nachrichten gegeben habe, über die schon vor dem Tode ihres Gemahl mit dem Grafen von Dorset angeknüpften Heirathsangelegenheiten zwischen ihrem Sohne Robert und der ältesten Tochter des Grafen, der Lady Anna Dorset. Beide hatten sich, auf der Reise des Herzogs nach Spanien, bereits in London kennen gelernt und, wie es schien, sich gefallen. Die Väter waren sehr erfreut, ihre Wünsche so in Erfüllung gehen zu sehen, und der Oberhofmeister Graf Dorset hatte den nunmehrigen jungen Herzog mit Auszeichnung empfangen, und den Grafen Archimbald und Salisbury [108] alle dem verstorbenen Herzog geleisteten Versprechungen in Betreff der Vermählung wiederholt.

Mein Sohn jedoch, fuhr die Herzogin fort, hat es im gegenwärtigen Augenblicke unpassend gefunden, mit seinen Bewerbungen vorzutreten, und obwohl er in dem Familienkreise des Grafen Dorset erschienen ist und mit hoher Bewunderung von der jungen Lady spricht, ist doch seine Absicht darauf gerichtet gewesen, sich seiner Pflichten bei Hofe zu entledigen, um zu uns zurückzukehren. Graf Archimbald wird ihn begleiten, um ihn hier in den auf ihn harrenden Pflichten zu unterstützen; er hat aber dagegen einwilligen müssen, meinen Sohn Richmond für einige Wochen beim Grafen von Salisbury zurückzulassen, weil derselbe leidend, die Unterstützung einer zuverlässigen und ihm ergebenen Person wünschte. Hier ist Richmonds liebenswürdiger Brief, und hier die Einlage vom Grafen Archimbald.

Ich kann Dir nur Glück wünschen, erwiederte die alte Herzogin, zu der Aussicht einer Vermählung, die ich nach meiner Bekanntschaft mit der Familie Dorset heilbringend hoffen darf. Der Graf hat noch eine jüngere Tochter, welche Olony heißt, und Beide, denke ich, konnten unter der Leitung einer solchen Mutter nur gut sich entwickeln. Es müssen übrigens die reichsten Erbinnen in London sein, Olony jedoch bedeutend jünger, als Anna.

Lies selbst, liebe Mutter, sagte die Herzogin lächelnd und reichte ihr Graf Archimbalds Brief, was mein Schwager mir über Olony sagt; denn für Dich wird wohl das strenge Geheimniß nicht obwalten, das er mir anempfiehlt. Du wirst daraus selbst sehen, daß er dies junge Fräulein, das ihn ganz bezaubert hat, nicht umsonst, nächst Anna, für die glänzendste Partie anerkennt, und daß sie ihm für Richmond wie geschaffen scheint. Doch als das Nöthigste erkennt er die größte Geheimhaltung dieses Wunsches, da Richmond sich stets mit einer Art [109] von Geringschätzung über gestiftete Heirathen ausgelassen hat, und dies der erste Grund sein würde, ihn zu entfernen.

Ich war nicht ohne Gedanken darüber, sagte die alte Herzogin, es kömmt vielleicht so, ohne unser absichtliches Dazuthun, was allerdings vorzuziehn ist. Es freut mich, daß Katharine von Dorset, die Mutter dieser lieben Mädchen, welche mir kindlich ergeben ist, mir früher, als die Trauer-Nachricht zu uns kam, versprach, ihre Töchter mir zuzuführen. Ich thue daher nichts Absichtliches, wenn ich bei dem nahenden Sommer und meiner Rückkehr nach Burtonhall sie an ihr Versprechen erinnere. –

Als man sich an dem Abend desselben Tages getrennt und die Herzogin die übrigen Frauen ihrer Bedienung entlassen hatte, wendete sie sich zu Mistreß Morton, die stets bis zu dem Augenblick bei ihrer Gebieterin blieb, wo diese ihr Lager bestieg, und sagte, die Hand auf ihre Lippen legend, mit leiser Stimme:

Gehe, Morton, sieh, ob Alles in Ruh um uns ist, ob der Weg – sie stockte und legte schnell die Hand unter ihre linke Brust, als ob sie einen Schmerz fühle – ob der Weg, fuhr sie mit bebender Stimme fort, leer ist und ungestört über diese Zimmer bis zum italienischen Flügel. Ja, Morton, Du hörtest recht, erschrick nicht, es ist unwiderruflich beschlossen, setzte sie hinzu, da Mistreß Morton zurück wich und ihr Erstaunen fast wie ein kleiner Ungehorsam aussah. Schweig, ich bitte Dich! Ich möchte in diesem Augenblick nicht gern streng sein, am wenigsten zu Dir, meine treue Freundin, und doch, ich würde den Dienst, den Du mir heute noch leisten wirst, selbst mit Härte von Dir erpressen. – Mistreß Morton kannte ihre Gebieterin zu wohl, um nicht an die Wahrheit dieser Worte zu glauben, aber dies Vorhaben widerstrebte zu sehr ihrem treuen und vernünftigen Sinn, um sich ihm bereitwillig zu fügen.

Es steht in Euer Durchlaucht Gewalt, meinen Gehorsam zu erzwingen, sagte die ehrwürdige Frau und senkte bekümmert [110] die Augen zur Erde; ich fühle dies in diesem Augenblicke seit den langen Jahren, die ich Euch diene, zum Ersten Mal mit Schmerz, denn ich fürchte, Ihr fordert meinen Gehorsam gegen Euer Wohl! –

Genug, genug! Mache es mir nicht schwer, das ohnehin so Schwere! rief die Herzogin ohne Unwillen, aber mit tiefem Schmerz; sei gut, rege nicht mein Herz auch noch durch die Furcht, Dir wehe zu thun, auf. Geh, geh! Thue, was ich Dich bat, es muß geschehen! Es wird mir gut thun, laß mich nicht weiter sprechen, und geh jetzt!

Mistreß Morton fühlte, wie umsonst ihr Widerstand sein würde, aber ihr Gesicht war von den Gefühlen ihrer Brust mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes umzogen, und die Herzogin wendete sich mit einem Seufzer weg, als die alte Dame stumm eine der Kerzen ergriff und sich aus dem Zimmer begab. Sie untersuchte mit trüber Ahnung die Ruhe des Schlosses und kehrte, nachdem sie überall Alles still und ruhig gefunden, mit schwerem Herzen nach dem Schlafgemach zurück. Sie fand dies leer; aber die Thüre, die nach dem Chorstuhl in der Kapelle geöffnet war, deutete an, wohin die Herzogin mit ihrem beladenen Herzen sich geflüchtet. Voll Ehrfurcht, und erhoben von der Erinnerung an diesen höchsten Trost, faltete Mistreß Morton ihre zitternden Hände, und das kurze, aber innige Gebet ihres treuen Herzens war so uneigennützigen Inhalts, wie wohl selten zu dem Throne Gottes dringen mag. Ihre Gedanken wurden jedoch jetzt abgezogen durch die Worte, welche aus der Kapelle zu ihr drangen und der Schluß eines Gebetes zu sein schienen, das mit starker flehender Stimme gesprochen wurde:

Herr, segne den schwachen Willen meines Herzens, laß mich Milde üben und belebe mit dem Geiste Deiner unerschöpflichen Güte diese erkaltete Brust. Du siehst in die Tiefen der Seele, Du kennst die Gedanken, ehe sie entstehen! Vor Dir [111] sinkt das Gerüst des Stolzes und der Eitelkeit, wohinter wir unser Gewissen zu bergen suchen. So erwecke mich denn und rüste mich aus, Deinen Willen zu erfüllen. Nicht das geschehe, was ich in meiner irdischen Schwäche begehre, sondern das, was Du willst, das lehre mich thun, und Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn! – Es ward still, und bald erschien die Herzogin an dem Eingang der Thür, und als ihr Blick auf Mistreß Morton fiel, die mit gefalteten Händen, den Kopf in Andacht auf die Brust gesenkt, ihr gegenüber stand, schritt sie ihr entgegen und sagte mit gehobener Stimme: Amen! – Amen! erwiederte Mistreß Morton leise. Beide Blicke trafen sich, und die Scheidewand zwischen Herrin und Dienerin sank nieder in dem frommen Gefühle, womit Beide erfüllt waren. Die Herrin ruhte einen Augenblick an dem mütterlichen Busen der edlen Frau, die in der Liebe zu ihrer Gebieterin die eignen Wünsche längst verlernt hatte. Willig ließ sie sich dann gefallen, was die alte Freundin zu ihrer Verhüllung herbei schaffte, und unterdrückte das hindernde Wort, als die Sorgliche mit geheimnißvoller Hast nach dem Fläschchen griff, dessen Inhalt der Herzogin oft zu Hülfe kommen mußte. Sie nahm sodann den Armleuchter und schritt der Herzogin voraus. Der Mond leuchtete vor ihnen her durch die hohen Bogenfenster, das Licht der schwankenden Kerzen vermochte die weiten Räume nicht zu durchdringen, aber die seit Jahren so oft durchstreiften Gemächer boten kein Hinderniß dar, und man gelangte nach dem nördlichen Thurmzimmer und stand jetzt vor der Thür, die nach dem italienischen Flügel führte. Die Herzogin reichte mit gesenktem Blick an Mistreß Morton den Schlüssel, den sie unter ihrem Mantel trug, und Morton öffnete die Thüre, welche sogleich die weiten Säle überschauen ließ, die, in ihrer innern Einrichtung so abweichend von den eben durchwanderten Zimmern, die Kunstwerke aufbewahrten, welche diesem [112] Flügel seinen Namen gaben. Seit der Abreise des letzt verstorbenen Herzogs nach Spanien waren diese Zimmer nicht eröffnet. Die Herzogin bewahrte den Schlüssel dazu und hatte bis jetzt jeden Gebrauch desselben verweigert. Wer hätte denken mögen, daß sie selbst diese Stelle zuerst und zu einer Stunde betreten würde, die den Geist empfänglicher macht für die Schauer so schmerzlicher Erinnerungen. Auch schien die Lady von dem ganzen Gewichte dieses Augenblicks ergriffen und blieb wie überwältigt an der Schwelle stehn, während ihr im qualvollsten Schmerze glänzendes Auge die Räume durchflog, die, durch den Schein des Mondes, der hier durch farblose breite Fenster drang, ganz ungemein erhellt, gegen die düstern eben durchstreiften Gemächer einen so auffallenden Kontrast bildeten, daß es scheinen konnte, als liege hier die Wohnung eines verklärten Geistes, von überirdischem Lichte erhellt, vor Augen. Der Zauber des Schönen benahm so dem Düstern jegliches Grauenhafte, der Geist hob sich unter dem Einfluß dieser Magie, und die Herzogin überschritt die Schwelle, während ihre Seele auf einen Augenblick abgezogen war von dem Schmerze ihrer Brust. Leise den Kopf schüttelnd folgte ihr Mistreß Morton. Das Vorhaben ihrer Gebieterin, zu dieser Stunde die Wohnung des geliebten Gemahls wieder sehen zu wollen, schien ihr so weit die Grenzen von Vernunft und Mäßigung zu überschreiten, die sie sonst bei ihrer Gebieterin wahr zu nehmen gewohnt war, daß sie sich gestehen mußte, sie könne ihr nicht mit ihren Gedanken folgen. Es schien eine Art von Ueberspannung, eine Schwärmerei in ihrem Beginnen zu liegen, wofür die alte Dame weder in sich, noch in den bisherigen Handlungen der Herzogin einen Maaßstab fand, und sie mußte hier entweder dem Tadel Raum geben oder einer aufkeimenden Ahnung, daß noch ein anderes geheimes Motiv bei der Herzogin zu Grunde liegen könne. Sie behielt wenig Zeit zu solchen Betrachtungen, indem sie dicht hinter [113] ihrer Gebieterin in das Zimmer des Herzogs trat. Die unglückliche Gattin, plötzlich von all den theuern Gegenständen umgeben, die in ungestörter Ordnung noch seiner Ankunft zu harren schienen und die treuen Zeugen seines schönen Lebens waren, sank mit einem Strom von Thränen an dem Armstuhl nieder, in dem er so oft vor dem mit Büchern und Karten bedeckten Schreibtisch saß, Jedem, der in die gegenüberliegende Thür trat, das helle Auge zuwendend.

Welch' eine Reihe von Gedanken ergriff hier mächtig ihr gebeugtes Herz in diesem ihr fast heilig scheinenden Gemach, von seinem Fuß zuletzt betreten, von seinem Odem noch erfüllt. Die ewige schreckliche Trennung, die sie mit allen Qualen durchgefühlt, hier schien sie ihr zur Lüge zu werden. Sie hob den Kopf, sie schaute umher, die Täuschung schien von diesen theuern Umgebungen ihr Gewand zu borgen, er mußte kommen, hier konnte er nicht fehlen.

Komm! rief sie dumpf, verlaß mich nicht! Komm! O laß mich nicht allein! Sie lag noch auf ihren Knien, aber aufgerichtet mit dem Haupte, das sie über ihre Schulter nach der Seite zu gewendet hatte, wo ein dichter Vorhang den Eingang zum Schlafgemache verbarg. Es war unaussprechlich schauerlich, wie sie die Hand ausstreckte, als wolle sie die seinige ergreifen. Mistreß Morton bebten die Knie, und es rieselte kalt über ihre Gebeine. Sie war frei von den Schwächen, die der damaligen Zeit noch nicht fremd waren, an Zauber und Erscheinungen zu glauben, aber sie hatte den edlen Herzog geliebt, und die Erinnerungen, die dies Zimmer in sich schloß, hatten ihr treues Herz auf's Neue in Trauer versenkt. Sie begriff die Leiden ihrer unglücklichen Gebieterin zu wohl und hegte zu viel Ehrfurcht für dieselbe, um störend mit ihrem geringen Troste dazwischen treten zu mögen.

Aber sie schauderte, und ihr sorglicher Blick richtete sich auf das Ende so tiefer und zerstörender Leiden. Der Ausdruck [114] in den Zügen der Herzogin war milde geworden, und ihr Auge, in trübem Glanze schwimmend, von einer unaussprechlichen Tiefe des Schmerzes und der Zärtlichkeit belebt. Aber ihr langes stummes Harren blieb umsonst, der Vorhang bewegte sich nicht, nur ein tiefer Seufzer traf ihr Ohr und riß sie vom Boden empor. Sie stürzte einige Schritte vorwärts und stand vor der bebenden Morton, die sie völlig vergessen hatte, und aus deren treuem Busen der Seufzer gedrungen war, der selbst diese starke Frau bis an die Grenzen des Geisterreichs geführt hatte.

Doch der kurze Wahn, von dem sie hier umsponnen ward, war alsobald zerrissen, und die Wirklichkeit trat schmerzenbringender, als je, ihr nahe; denn die Sehnsucht war in ihrer ganzen Stärke wiederum erwacht, und die unwiderrufliche Nothwendigkeit, dies öde Dasein ohne ihn zu tragen, ergriff dies ungezähmte leidenschaftliche Gemüth in ihrer ganzen Stärke. In bittern Thränen aufgelöst, sank sie in einen Stuhl nieder, und vergeblich rang dies Herz nach Ergebung und Geduld. Der Augenblick war ganz verschieden von jenem früheren, der sie voll Andacht der Kapelle zugeführt, und was jetzt zu Gott gelangte aus der gereizten Brust, wir wollen hoffen, es fand Gnade vor dem väterlichen Richter, der mild den Schmerz der irdisch Fühlenden betrachtet.

Auch dieser Wendung ihres Kummers sah Morton lange schweigend zu, doch von den Thürmen tönte dumpf der letzte Ruf der Wächter, verkündigend, daß Mitternacht vorüber sei, und ihr Muth ward durch die pflichtgetreue Sorge um diese schrecklich nächtliche Wanderung und deren Folgen für die schwankende Gesundheit der Unglücklichen nun wiederum belebt. Sie näherte sich und wagte mit sanften Worten die Bitte, zurück zu kehren, nicht länger so zerstörend auf ihre Gesundheit einzustürmen. Die Herzogin zog die kalten Hände von dem [115] verweinten Gesicht bei dieser unwillkommenen Mahnung, und zürnend faltete sie die hohe Stirn.

Ich gebe Dir die Freiheit, zurück zu kehren, da dieser heilige Raum mit drohenden Gefahren Dir erfüllt zu sein scheint. Auch ohne Dich erreiche ich hier mein Ziel, und besser ohne hartherzige Störung der heiligsten Empfindung! Verlaß mich, ich will sorgen für Dich, wie Du für mich, so deute ich Deine Worte wohl ihrem Sinne nach. –

O wie beklage ich Euch, da Ihr so unglücklich seid, mich selbst so grausam zu verkennen, rief Mistreß Morton hier mit einem solchen Ausdruck von Schmerz, so ohne allen Unwillen, indem heiße Thränen auf die kalten Hände der Herzogin flossen, daß dieses starre Herz, was nur allzu oft erst im Bereuen sich erweichte, davon ergriffen ward. Hierdurch aus ihrem maaßlosen Gram erweckt, trat auch der Zweck ihres Hierseins aufs Neue vor ihren Geist, und mit ihm das wirksamste Mittel gegen diesen Schmerz. Langsam erhob sie sich, ihre Thränen hörten auf zu fließen.

Der Zweck, wozu ich hierher kam, liegt außer dem Bereich Deiner Beurtheilung, hob sie ernst und tonlos an; darum ermüdet mich Dein Einreden mehr, als es Deine stets gute Absicht wohl verdient. Ergieb Dich in meinen Willen, Du kömmst mir so am besten zu Hülfe. Zünde diese Kerzen an, verlaß dieses Zimmer und harre dann meiner im Vorsaal, fuhr sie zögernd und mit gepreßtem Odem fort, ich hoffe, ich werde bald Dir dahin folgen. Sollte ich jedoch in einer halben Stunde nicht kommen, so kehre Du hierher zurück, ich bedarf dann vielleicht Deiner Hülfe. – Mistreß Morton zündete, während die Herzogin in ihren Mantel gehüllt, wie völlig ruhig, in der Mitte des Zimmers stand, die Kerzen an, die in frühern bessern Tagen nur halb verzehrt dies wohnliche Gemach erleuchtet, und verließ es dann mit stummer Sorge. Jetzt war der entscheidende [116] Moment unabweisbar herangenaht. Ich bin abgefunden mit mir selbst, ich bin fest – dies lag in ihrem Sinne, es lag in ihrem Schritt, womit sie ohne Verzug den Kerzen sich nun näherte, sie ergriff und den Vorhang aufhob, der sie in das kleine Schlafgemach versetzte, das mit dem feinsten Schmucke der in Holz geschnittenen Wände eine schön gezogene Rotunde bildete. Es war auf den Zierrath dieses schönen Schmuckes eingeschränkt. Alles zur Ausstattung eines Schlafgemachs Gehörige war in den Nischen angebracht, welche die Holzwände bildeten, die getrennt von den Mauerwänden standen und durch fein gefugte Thüren, die dem Druck der Feder folgten, in sich verschwindend, zugänglich wurden. Die Herzogin berührte eine dieser Federn in dem Schnitzwerke, und sogleich theilten sich von selbst die Wände und die dunkel seidenen Vorhänge, die das Bett des Herzogs umzogen, bewegten sich, in dem feinen Zuge wallend, ihr entgegen. Sie preßte die Hand an ihr pochendes Herz und schaute fest dahin, bis der leise Hauch vertheilt war und die Vorhänge ihr schwaches Leben wieder aufgegeben hatten. Sie sah es, sie war allein, die Vorhänge hoben sich nicht von geliebter Hand, und dennoch weilte ihr Blick, ihre ganze Gestalt wie bezaubert auf jener Gegend. Sie zuckte, als wollte sie sich wenden, und doch, sie vermochte es nicht. Sie schritt endlich vor, den Armleuchter in ihrer Hand; sie setzte ihn am Bette auf einen Tisch nieder, schlug die Hände in einander und rief mit fester Stimme: Noch ein Mal wiederhole ich es Dir, o mein Gemahl, ich bin gekommen, Dir zu vergeben, Deine Ehre wird mir heilig sein! Und Alles, was Dir gehört, es sei von mir erkannt, als hätte Deine Bitte darum mein Ohr erreicht. Höre mich, kein Eid ist unverletzlicher, als der Entschluß, den meine Liebe meinem Stolze abgerungen, ich vergebe Dir! Dies wird zu Dir dringen, und wenn Dein Herz, mit dieser Schuld belastet, ungesöhnt vor Deinen Richter trat, so sei die Vergebung Deines [117] Weibes die Fürbitte an Gottes Throne, und Friede sei Deinem Geiste! – Sie war wieder sie selbst geworden unter diesen Worten. Ihr guter Engel neigte der Siegerin sich zu, der Friede senkte heilend sich in ihre Brust, sie hätte sterben können, das Irdische lag bekämpft zu ihren Füßen. So sei es, sprach sie nach einer Pause. Sie wandte sich und schritt der gegenüber liegenden Wand entgegen. Eine Blumenschnur in Holz geschnitten hing darüber hin; in dem Kelche einer Rose blitzte ein kleiner goldner Punkt, er gab dem Drucke nach, und die sanft verschwindenden Wände zeigten ein lebensgroßes Bild in reichem goldnen Rahmen. Es war eine junge Dame von engelgleicher Schönheit, die aus diesem Bilde mit einer Wahrheit blickte, daß das zauberische Lächeln um ihren Mund sich jeden Augenblick in holde Worte beleben zu wollen schien. Ein Laubdach blühender Myrten und Orangen zog wie eine Halle sich um sie her und ließ nur über ihrem Haupte einen reinen blauen Himmel durchdringen, dessen Licht die Rosenkrone zu verklären schien, die sie in den dunkeln Locken trug, welche glänzend auf ihre schönen Schultern niederwallten. Ihr Kleid war weiß, ein Purpurmantel, durch Juwelen auf ihren Achseln festgehalten, wallte bis zu den Füßen nieder; in ihren schönen Händen trug sie einen phantastisch geformten Stab, halb Dolch, halb Zepter oder Kreuz, mit Lilien und Epheuranken fest umwunden, vielleicht zum Strauße blos erdacht. Es war ein Meisterwerk der Kunst, und doch vergaß man das Verdienst des Künstlers, so hoch hatte er sein Werk gestellt. Ihm gegenüber dachte der unbefangene Beschauer nur, wie die Natur in einem Wesen so alle ihre schönsten Gaben ausgegeben habe, eine würdige Hülle, wie es schien, für eine Seele zu erschaffen, die wie ein Engelsgruß aus ihren Augen blickte.

Schon war dies zauberische Bild einen Augenblick enthüllt, und der Blick der Herzogin ruhte noch am Boden, als wären [118] ihre Augenlieder schwer belastet. Doch jetzt erhob sie dieselben, mit Hoheit sich emporrichtend, und fuhr dennoch in sich zusammen. Aber nicht mehr zu wenden war dies zagende Auge von nun an, obwohl es immer länger, immer heißere Schmerzen sog. So hast Du mich also getäuscht! rief sie endlich; ja, es ist kein Zweifel, zum zweiten Male schuf die Natur Dich nur, durch Dich! So sei mir Gott gnädig! Doch ich vergebe Dir, ich vergebe Dir, höre mich, Gott, und vergieb Du ihm auch! – Noch ein Mal blickte sie fest auf dies liebliche Gesicht, das vergeblich auf ihr ernstes Antlitz nieder lächelte; besonnen verschloß sie es dann, und die Kerzen ergreifend verließ sie das Gemach und eilte ohne Rückblick durch das angrenzende, als fürchte sie in ihrer Kraft zu wanken. Stark drückte sie die Thür, die nach dem Vorsaal führte, auf und ging ohne Aufenthalt an Mistreß Morton vorüber, welche zitternd ihr entgegen trat.

Du frierst, sprach sie fest, laß uns eilen, meine Liebe, es wird kalt, der Morgen naht, wir haben lang genug der kalten Nachtluft uns ausgesetzt. So schritt sie weiter, bemüht, ruhig zu erscheinen, nicht ahnend, wie in ihrer Hand der fremd geformte Leuchter aus dem eben verlassenen Gemache unbeachtet schwankend hing, Zeugniß ablegend gegen ihre angenommene Ruhe. Doch dem sorglichen Blicke Mortons war dies nicht entgangen. Der Leuchter mußte zurück bleiben, wenn er nicht in seiner abweichenden Form zum Verräther werden sollte. Doch zögerte das warnende Wort auf ihren Lippen. Sie fühlte, wie sich die Stimmung der Leidenden verrieth, die so stolz sich ihr zu entziehen strebte. Bald indeß vermißte die Herzogin den folgenden Schritt der Dienerin, als diese zögernd weilte; sie wandte sich, und nun streckte Mistreß Morton ihren Armleuchter ihr stumm entgegen. Schaudernd gewahrte die Herzogin ihr Versehen; sie löste die erstarrte Hand von seiner Säule. Mistreß Morton eilte damit zurück, und weniger fest ging dann die [119] Herzogin weiter, den langen düstern Weg, den kein Mondlicht mehr erhellte, dessen Stille kein Wort mehr unterbrach; nur das Geräusch der sich öffnenden und schließenden Thüren, und das Rauschen der langen Gewänder über den getäfelten Boden, der seufzend ihre Schritte wieder zu empfinden schien, unterbrach diesen geisterähnlichen Zug.


Die Fremde kannte indessen keinen sehnlicheren Wunsch, als der Herzogin über ihre Lage die nöthige Auskunft zu geben. Das Zusammensein mit dieser ausgezeichneten Frau hatte ihr die Aussicht auf ein unbedingtes Vertrauen eröffnet, nach dem sie sich lebhaft sehnte, und ihre eigne hochgestellte Individualität hatte sie vor dem Eindrucke der Befangenheit bewahrt, den die Herzogin leicht machte, und der dem Erkennen ihrer übrigen Vorzüge so hinderlich ward. Sie fühlte sich durch die Gesellschaft der jungen Damen des Hauses von allen Schrecknissen ihrer Phantasie befreit und dem harmlosen Vergnügen hingegeben, das junge Mädchen in dem Umgange mit einander finden. Ihr Verstand war jedoch zu geordnet, um die Verwirrung nicht lösen zu wollen, die in ihr Leben getreten war; sie hoffte mit Recht, sich klarer zu werden, indem sie versuchte, sich Andern so darzustellen. Die Aeußerungen der Herzogin über ihre Geburt, ihre Unschuld, hatten die Bewußtlosigkeit der Jugend über diese Punkte in ihr zerstört und sie gelehrt, auf sich selbst anzuwenden, was sie als ferne gesicherte Zuschauerin wohl von Andern hatte bezeichnen hören, und was allerdings genügend war, diese beiden großen Güter des Lebens ihr außer Zweifel zu stellen. Sie hatte dies nicht sobald erkannt, als ihr Geist daran arbeitete, die Bilder ihres Lebens zu ordnen. Ein leichtes Geschäft, wie es schien, wo in so zarter Jugend die hervorragendste [120] Begebenheit beginnt und schließt, und alles Fernere sich auf den liebevollen Umgang mit Verwandten und Erziehern begrenzt. Auch war es das erste Mal, daß sie ihr junges Leben überdachte und ihre Vorstellungen darüber auffrischte, und je länger sie dachte, je seltsamer ward ihr dabei. Widersprüche, Dunkelheiten drängten sich ihr auf, welchen zu begegnen sie sich schämte. Das höchste Vertrauen zu ihren Umgebungen hatte sie bisher von allen diesen Reflexionen abgelöst, und sie fühlte sich sehr unvorbereitet zu einer Art von Rechenschaft aufgefordert und durch ihr eigenes Ehrgefühl dazu getrieben. Daß sie aber nicht leicht sein würde, daß Räthsel vorhanden seien, darüber ließ ihr folgerechter und gebildeter Geist keine Täuschung mehr zu. Wenn indeß bei anderer Sinnesart diese Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer Erklärung gegen die Herzogin ihr hätte Befürchtungen erregen können, erhöhte sich in ihrer Seele nur das Verlangen darnach; denn von der erfahrnen Frau glaubte sie vielleicht gelöst zu hören, was nur Mangel an Erfahrung, wie sie hoffte, ihr so dunkel erscheinen ließ. Und so erbat sie am andern Tage durch Stanloff eine Unterredung mit der Herzogin, welche diese auch sogleich gewährte.

Sie bestimmte dazu die mittlere Schloßhalle, welche von der Sonne des Frühlings anmuthig erhellt war. Auf Mistreß Morton gestützt, trat die liebenswürdige Gestalt ein und begegnete dem strengen hohen Blicke der Herzogin, der sich forschend noch ein Mal auf sie richtete, mit einem so klaren, ruhigen und furchtlosen Aufblick ihrer Augen, daß die Herzogin von einer kleinen Beschämung sich ergriffen fühlte. Ihr oft erprobtes Mittel, durch diese Haltung Andere in schüchterner Ferne zu halten, ging an der wunderbaren, fast kindlichen Hoheit dieses frei entwickelten Wesens ohne alle Wirkung verloren. Das augenblicklich darüber in ihr entstehende Nachdenken ließ diesem jungen zarten Mädchen Zeit, die Herzogin anzureden, und mit der [121] Ueberlegenheit der innern Wahrheit ihr so liebevolle und ehrerbietige Dinge zu sagen, daß ihr Verhältniß zu dieser stets sich überhebenden Frau in vollkommene Gleichheit und Natürlichkeit gestellt war, ehe die Herzogin aus ihrem kurzen Nachdenken zurückkehren konnte. Der Uebergang, den sie zu finden hatte, war ihr jedoch neu und nicht ganz klar, und sie begleitete einige frostige Worte mit einem bittern Lächeln und führte die junge Dame zu einem der Lehnstühle, welche man in die Bogen der Thüren geschoben hatte, um die liebliche Aussicht der Terrassen zu genießen. Es entstand eine kleine Pause, indem Mistreß Morton sich auf einen Wink entfernte, und die Herzogin, welche sich erwartungsvoll zu ihrer Gefährtin wendete, sah jetzt auf ihrem Gesichte den rührendsten Ausdruck einer lebhaften Empfindung. Sogleich fühlte sie sich in ihre bessere Stimmung versetzt, und mit dem gewinnenden Tone, der seine Modulation in einem gütig gestimmten Herzen findet, sagte sie:

Wir haben nun Zeit und Ruhe, uns ganz nach Willkür unsere Mittheilungen zu machen; doch eilt damit nicht, Lady. Lassen wir die schöne Natur nicht unbeachtet, die sich dort vor uns ausbreitet. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich in den gefühlvollen Zügen die Liebe an solchen Gegenständen lese, auch ist kein Balsam süßer für ein leidendes Herz, als der Anblick von Gottes herrlichen Werken, wie auch kein Freund das glückliche Herz besser zu verstehen scheint und dessen Empfindung würdiger erhöht, als eben die Natur. Seht, Lady, wie schön die Sonne die fernsten Gegenstände erhellt! Seht Ihr den glänzenden Streifen, der zunächst den Horizont wie ein breiter silberner Gürtel zu umschließen scheint? Es ist der Trent, der seine schönen schiffbaren Wasser an den Grenzen dieser Grafschaft vorüber führt, und in ihm viele Vortheile, mir aber einen oft wiederholten Genuß in seinem reizenden Anblicke, da ich vor Allem die Nähe des Wassers liebe. Ich bewohne daher auch gern Burtonhall, [122] welches meiner Schwiegermutter gehört, und am Ausflusse des Trent in den Humber gelegen ist und allen Zauber eines Wasserschlosses um sich verbreitet hat.

Auch ich fühle lebhaft diese Neigung, hob hier die junge Fremde an, denn ich bin in einem Schlosse geboren und größtentheils erzogen, das meine Eltern an der Grenze von England an den schönen Ufern des Solvay-Firth in der Grafschaft Cumberland bewohnten.

Wie, Lady? rief die Herzogin, wie sagt Ihr? In Cumberland? Bei Euern Eltern? Sie hielt inne, denn deutlich leuchtete aus den erstaunten Blicken der so heftig Angeredeten das Auffallende ihres Betragens ihr warnend entgegen. Doch sich schnell fassend und einen Uebergang suchend, fuhr sie gemäßigter fort: Verzeiht, Lady! Lebhaft beschäftigt mich Euer Schicksal, wie gern möchte ich Euch dies Vertrauen, das Ihr mir schenken wollt, erleichtern, und doch, es wird Euch schwer, ich fühle es.

Ihr irrt, Mylady, wenn Ihr es in Bezug zu Euch versteht, erwiederte mit Sanftmuth und Ruhe die Fremde; aber Ihr habt Recht in Bezug auf das, was ich Euch zu sagen habe. Denn dies Euch mitzutheilen, empfinde ich eben so viel Scheu, als Sehnsucht. Mein Trost ist, daß Ihr es wissen werdet, und meine Furcht, ob ich im Stande sein werde, Euch ein klares Bild von meinem jungen Leben machen zu können. Schenket mir Nachsicht, wie Ihr mir Mitleid schenket. Ach, Mylady, ich weiß, Ihr werdet mir Beides nicht versagen. Doch laßt mich Euch darum bitten; es thut meinem Herzen wohl, zu Euch mit kindlichem Vertrauen empor zu blicken.

Ehe die Herzogin es verhindern konnte, senkte sie sich zu ihren Füßen, drückte die Hand derselben an ihre Lippen und mit beiden Händen dann innig an ihre Brust, während ein Himmel von Liebe und Vertrauen aus den thränenschweren Augen zu ihr [123] aufblickte. Das Herz der Herzogin war in Gefühlen erschüttert, die sie zwar einst mit der Zeit zu hegen gewünscht hatte, die sie aber jetzt fast gegen ihren Willen empfand, und nicht durch die Herrschaft über sich, wie sie gewähnt hatte, sondern durch die zauberische Herrschaft einer sich ihr mächtig entgegenstellenden Individualität, von der sie sich bezwungen sah. Von diesem Augenblicke an liebte sie ihre Schutzbefohlene, und welche Schattirungen auch diese Liebe späterhin gewann, dieser Moment war doch entscheidend für Beide.

Faßt Euch, liebes Kind, sagte sie weich; mein Herz ist bereit, mit Euch zu fühlen; seid offen und wahr, wie vor Euch selbst, und denket dann nicht weiter daran, wie Alles klingen mag. Alter und Erfahrung kommen verständigend Euch wohl bei mir zu Hülfe.

Und wahr will ich sein, wie vor Gott, der gegen wärtig ist und meine Gedanken leiten wird, rief die junge Lady, stand bei diesen Worten auf und setzte sich dann langsam und ruhig in ihren Sessel nieder, und das Auge in die Ferne richtend, hob sie ernst und gefaßt ihre Erzählung an:

In Cumberland, Mylady, wie ich Euch beschrieb, an dem schönen Wasserspiegel des Solvay-Firth, von weiten Gärten umgeben, dort in dem Schlosse meiner Eltern in Nordwighall ward ich geboren. Mein Vater war der Graf von Melville, der Nachkomme Robert Melville's, des Freundes der schottischen Königin. Meine Mutter war eine Gräfin von Marr, und sie hatten Schottland beide verlassen nach dem Tode meines Großvaters, seinen Willen damit erfüllend, über dessen Ursache ich nie etwas hörte, vielleicht weil Nordwighall so wunderschön gelegen, so prachtvoll erbaut war und ein Geschenk der Königin Elisabeth an meinen Großvater. Von der Zeit an, daß ich mir dies glückliche Leben zurückrufen kann, blieben mir außer meinen Eltern und den gefälligen Gästen noch einige Personen [124] zur Seite, die theils meine Erziehung oder Pflege leiteten, theils mein Glück durch ihre Liebe und ihren Umgang erhöheten. Doch vor Allen nenne ich Euch die Mutter und Schwester meiner Mutter; zwar lebten sie nicht mit uns, aber sie machten uns häufige Besuche, und oft begleitete ich sie nach ihrem Schlosse, das tiefer im Innern des Landes lag. Außer ihnen lebte mein theurer Erzieher, der Caplan meiner Eltern, um mich, und zu meiner Aufsicht war mir eine liebe Frau gegeben, die früher bei meiner Tante gelebt hatte und so unendlich gut zu mir war, daß sie stets mit Mühe und Sorgfalt jeden Dienst für mich übernahm und meine Person nie aus ihren fürsorglichen Händen ließ. Meine Zeit war, als ich aus den ersten Jahren der Kindheit trat, mit Sorgfalt eingetheilt. Meine Eltern besaßen große Kenntnisse, sie wünschten sie auf mich zu übertragen, und Master Brixton, mein gütiger Lehrer, zu Oxford gebildet und hoch angesehen, unternahm es, als Freund meines Vaters, mich in den alten Sprachen und den höhern Wissenschaften zu unterrichten. Welch' ein glückliches Leben schufen mir diese abwechselnden reizvollen Beschäftigungen. Die schönen Morgenstunden, wo ich in Brixtons kleinem Studirzimmer seinen liebevollen Unterricht genoß, und aus seinem weisen Munde das Gute und Schöne vernahm, und es, von ihm oft wiederholt, endlich auch behalten lernte. Und dann, wenn die spätern Stunden herankamen und ich schon von ferne den Schritt des Vaters erkannte, der nun kam, mich hinaus in's Freie zu führen. Die muthigen Pferde stampften den Boden und trugen uns pfeilschnell durch die schöne Gegend. Ich schoß den Vogel in der Luft, und der schwarze Punkt in der Scheibe trug manchen Bolzen von mir; ich lief mit den Kindern des Schlosses um den Preis; ich sprang von dem Rande der Terrassen und Wälle immer höher und höher, wie mein Vater es selbst leitete. O, wie gern that ich das Alles, wie fühlte ich so recht mein glückliches Herz! – Die [125] Nachbarschaft von Schottland, der nahe Hafen von ††† brachte dann oft Fremde. Nicht immer durfte ich erscheinen, denn es hätte meine Zeit verdorben, die so schön durch Brixtons immer bereite Güte ausgefüllt war; aber es waren oft Feste, wo die Jugend der Gegend sich in Tanz und Spiel auf dem Schlosse erfreute. Doch höher, als alle diese Freuden, galt mir die Gegenwart meiner Tante. O, Mylady, welch' eine Frau war dies! Bedenke ich, wie ich fühlte, so muß ich sagen, daß ich nur für den Augenblick lebte, wo ich sie wiedersehen sollte. An sie dachte ich, wenn ich in Arbeiten ermüden wollte; ihr Andenken war meine höchste Strafe, wenn ich gefehlt hatte; ihr heiliger Ernst umschwebte und mäßigte die trunkene Freudigkeit meines Herzens. Und war sie nun endlich da, die heiß Ersehnte, deren Bild mich wie mein Schutzgeist umgab, dann fand ich keine Ruhe, ehe ich nicht zu ihren Füßen meine ganze Seele befreit hatte von jeder kleinen Schuld und Uebertretung. Jahrelang behielt ich ihre Antworten. Ach, so sprach kein Mensch außer ihr, es war nie zu vergessen; es waren immer nur wenige Worte, oft ein Blick, eine leise Bewegung des Hauptes oder ein Lächeln, worin Lohn und Strafe lag, wie sie Keiner ertheilte. Ach verzeiht! rief die junge Erzählerin hier, und heiße Thränen stürzten aus ihren Augen, glaubt mir, Mylady, ich weiß nicht, wie ich leben kann, da dieses Ziel meines Daseins, dieser Zweck meines Strebens, meiner Wünsche und Hoffnungen, mir geraubt ist. Sie verhüllte ihr Gesicht, und die Herzogin ehrte den heißen Schmerz dieses feurigen Gemüthes durch mildes Schweigen. Und doch, Mylady, sie ist es allein wieder, warum ich leben kann, warum ich leben will, und Alles ertragen und handeln, als ob ihr heiliger Blick mich noch richten könnte, wie sonst. Sie würde mir zürnen, wenn ich von Gottes Erde mich weg wünschte, weil Unglück mich traf; sie hätte umsonst für mich gelebt, wenn ich dem ersten Kampfe erläge, [126] und nicht im Schmerze freudig bliebe und geduldig vor Gott. Nein, nein, ich will freudig sein, ich will – aber unendliche Thränen machten diese Angelobung der Freudigkeit unaussprechlich rührend. Bemüht, sie abzuziehen, hob die Herzogin an:

Wie, Lady, wie verhielt sich Eure Mutter zu diesem Verhältnisse? Sagt selbst, trat die Tante nicht der Liebe fast zu nahe, die Eurer Mutter, däucht mir, mehr gebührte, wie glich sich dies in Euerm Herzen aus?

Sicher so milde, als alles Uebrige unter diesen Schwestern, erwiederte unbefangen die Erzählerin, ich habe nie daran gedacht, ob ich darin fehlte, ich bin gewiß, man hätte es mir gesagt, wenn ich Unrecht damit that. Ich genoß nicht immer den Umgang meiner Mutter. Sie war kränklich und hielt mich von sich stets in einiger Entfernung; nur Musik machte ich mit ihr in ihren Zimmern, sobald sie nicht ganz danieder lag, jeden Abend, und aus der Ferne fühlte ich mich stets durch die liebevollsten Anordnungen, die von ihr ausgingen, an sie erinnert. Nein, Mylady, sicher, ich kränkte meine theure Mutter nicht durch meine Liebe zu dieser Tante. Es wird mir recht klar darüber, nun ich daran denke. Diese theure Tante war so verehrt von aller Welt, daß dies selbst auf ihre nächsten Verwandten überging. Meine Mutter behandelte sie stets mit einer Liebe, die an Ehrerbietung grenzte. Mein Vater gab ihr den Vorrang im Hause, ja, selbst meine Großmutter, welche vor mehreren Jahren starb, schien mit Stolz in ihrer Tochter ein Wesen höherer Art zu erkennen. So fand Jeder meine Liebe natürlich, und nie war die arme, leidende Mutter mir darum weniger hold. Ich habe Euch nun noch zwei theure Personen zu nennen, welche ich immer bei den lieben Besuchen fand, die ich meiner Tante abstattete. Es war der Bruder meiner Tante, mein theurer Oheim, und sein Freund, und sie sind, theure Lady, die Einzigen, die mir das Schicksal übrig ließ. Sie hoffe ich wieder zu finden, denn sie leben in [127] London an dem Hofe des Königs. Die wenigen Wochen, die wir dann mit einander lebten, sind die genußreichsten meiner Erinnerung. Wir blieben in der tiefsten Einsamkeit. Niemand, als die alten Diener des Schlosses, war um uns her, aber die Tage vergingen wie Stunden, ach, und ich zu glückliches Kind war der Mittelpunkt aller Liebe, aller Belehrung. Die Erzählungen dieser Männer belebten die einsamen Gemächer um mich her, an den Hintergrund der alten Geschichte meines Landes und Europa's reihten sie die Begebenheiten der Zeit. Ich lernte das Böse kennen, denn sie wollten mich davor behüten. Sie wußten lebendig mir alle die Wunder des Lebens zu schildern; sie prüften mich dann, daß ich in ihren Erzählungen selbst das Rechte wählen und erkennen lernte. Sie erdachten tausend Proben für mein Gefühl, für meinen Verstand, für meine Kenntnisse, und oft sagte mir mein Oheim, ich sei vielleicht bestimmt, aus dieser tiefen Stille plötzlich in das Leben am Hofe und in große Verhältnisse zu treten. Doch stets müsse ich dort so still und gefaßt bleiben, wie hier, und die Würde des Karakters und der Handlungen über jede äußere Würde stellen. Diese Andeutungen konnte meine theure Tante nie ohne Thränen hören, wie ich überhaupt bei reiferen Jahren wohl einsah, daß dieser Engel unter großen Leiden gebeugt sei. Sie war so fromm, daß sie nie klagte, sondern stets gegen Gott voll Dank und Ergebung blieb, und indem sie mir großen Gram eingestand, mich doch immer aufforderte, nie zu murren, nie das Glück als nöthig zu betrachten, da das Unglück oft eher unser Herz veredle und diese Veredlung doch allein der Zweck unsers Lebens sei. Höchst schmerzlich war jedes Mal unsere Trennung, oft blieb ich länger, als mein Oheim, oft reiste ich früher zurück. Ein Jahr ist es jetzt, daß ich glückselig unter ihnen war, als die Nachricht von dem plötzlichen Tode meines Vaters uns erreichte. Er starb in Edinburg, wohin meine Mutter sich sogleich begab, die mich [128] indessen bei der Tante zu lassen wünschte. Wir waren alle innig betrübt, und meine Thränen flossen ungestört seinem theuern Andenken. Auch blieb ich mehr unter Hanna's Aufsicht, da meine Verwandten wegen des plötzlichen Todes meines Vaters viel zu überlegen und zu schreiben hatten. Endlich kamen Nachrichten von meiner Mutter. Sie war zurückgekehrt nach Nordwighall. Die Besitzungen meines Vaters in Schottland waren entfernten Verwandten zugefallen. Dies Schloß in England mit seinen schönen Ländereien war als Geschenk der Königin Elisabeth unabhängig davon, und das Besitzthum der Witwe. Meine Tante führte mich zurück, und da die Gesundheit meiner Mutter sehr gelitten hatte, schien sie sich nicht von ihr trennen zu können, wobei meine Lage sie ebenfalls zu beunruhigen schien, indem ich durch die Entfernung des Doktor Brixton, welcher eine einträgliche Caplanstelle in Edinburg angenommen, fast einzig auf den Umgang von Hanna beschränkt war. Warum sie sich dennoch von uns trennen mußte, weiß ich nicht, da es ihr und uns allen so vielen Kummer machte. Von da an bezog ich Zimmer, welche an die meiner Mutter grenzten, und nur selten verließ sie seitdem das Bett oder diese Zimmer. Doch auch jetzt noch hielt sie mich bei aller Liebe, die sie mir schenkte, und so viel meine Bitten es ihr nur möglich ließen, von sich entfernt. Ich mußte, so oft es bei diesem Alleinstehen sich thun ließ, meinen Beschäftigungen und Vergnügungen nachhängen, doch reiten durfte ich nur in dem weitläuftigen Park, schießen nur in dem beschränkten Schloßhof, zum Tanzen gab es keine Veranlassung, und ich hatte keine Gespielin mehr. Dagegen trieb ich fleißig meine mit Brixton begonnenen Studien, besonders die alten Sprachen, die ich so gerne mag. Da brach, durch den traurigen, feuchten Winter ohne Kälte veranlaßt, bei dem ersten Hauch des Frühjahrs ein schreckliches epidemisches Fieber um uns her aus und raffte Hunderte in unserer Nähe dahin. Ach dies war [129] damals mein größter Kummer, und vermehrt durch das strenge Gebot, nicht über die Grenzen der Terrassen mich zu begeben, wo man die Luft noch am gesundesten hielt. Wie bald ward nun mein Elend von einem Punkt zum andern vermehrt!

Unglaublich war mein Entzücken, als plötzlich meine Tante eintraf. Ihr Entschluß war, bei der Nachricht von der Epidemie, die um uns her wüthete, uns entweder, wenn es die Kräfte meiner Mutter erlaubten, von Nottinghall zu entfernen oder die Schreckenszeit mit uns zu theilen. Meine Mutter wünschte sehnlich uns zu entfernen, aber mit Entsetzen erfüllte mich der Gedanke, die einsam Leidende zu verlassen. Man drang nach den ersten Versuchen nicht weiter in mich; aber die starke und zärtliche Mutter bot nun ihre letzten Kräfte auf, um abzureisen. Ach, dies große Opfer ihrer Liebe raubte sie uns auf immer. Sie ließ sich auf die Terrasse führen, die lang entwöhnte Luft zu athmen, ach, sie sog den Tod ein, der in dieser Luft seinen Hauch aussandte. Noch in derselben Nacht zeigte sich das schreckliche Fieber, welchem dieser entkräftete Körper keinen Widerstand zu leisten vermochte. Am dritten Tage war sie dahin. Ach, ich habe sie nicht gepflegt, nicht ihren letzten Seufzer gehört. Meine Tante, welche ihr Lager verließ, sagte mir, mein Anblick und die Furcht einer Ansteckung würde sie tödten; sie brachte mir ihren Segen und ihren letzten Befehl, sogleich abzureisen. Ich war in einer willenlosen Betäubung.

Wir reisten den zweiten Tag ab, denn die Folgen dieses Fiebers waren so schrecklich, daß meine Mutter schon den andern Abend nach ihrem Tode beigesetzt werden mußte. Doch so tief ich auch in Schmerz versenkt war, nur zu bald gewahrte ich an meiner theuern Tante, welch' neues Leiden über uns einbrach! Sie hatte an dem Bette ihrer Schwester die schreckliche Ansteckung eingeathmet, und das Fieber brach am zweiten Reisetage aus. Wir erreichten das Schloß, aber – laßt mich meine Gefühle [130] übergehen, denkt sie Euch. Ich sah Alles, was mir theuer war, dem Tode verfallen; der Tod bereitete sich auch in ihren Adern vor. Sie sagte mir, es sei nöthig gewesen, einem jüngern Bruder ihrer Schwester von dem Tode derselben Anzeige zu machen, er werde vielleicht erscheinen, aber sie verlange, daß ich in der Zeit mein Zimmer nicht verließe; ich würde unter dem Schutze meines ältesten Oheims stehen, von dem sie nur Nachricht erwarte, um mich alsdann in Sicherheit zu wissen. Außerdem sollte ich Hanna und Gersem, ihrem Kammerdiener, folgen, sie hätten in allen Fällen ihre Befehle für meine Sicherheit. Sie blieb noch lange bei mir und war bemüht, meinen grenzenlosen Schmerz zu mäßigen, obwohl sie selbst oft ihre Thränen strömen ließ. Gegen das Ende unserer Unterredung ward sie ohnmächtig. Man trug sie auf ihr Bett; sie verließ es nicht wieder.

Ach, was von da an mit mir geschah, so lang ich im Schlosse war, weiß ich kaum. Ich lag in dem Vorzimmer, das zu meiner Tante führte, auf den Knieen, bis sie mir ihren Tod nicht mehr verheimlichen konnten. Mich verließ die Besinnung. Als ich erwachte, saß Hanna an meinem Bette, ich durfte nicht weinen, todtenstille im verhängten Zimmer mußte ich bleiben, der gefürchtete jüngere Oheim war angekommen, Alles bebte vor ihm, man zitterte, ihm meine Gegenwart zu verbergen, man fürchtete noch mehr, sie zu verrathen. Ein mir völlig fremdes Gefühl, das der Furcht vor einem Menschen, so unbekannt, so grauenhaft, weil ich nicht errathen konnte, was ich zu fürchten hatte, ergriff mit dem Schmerze zugleich meine Seele. Noch war keine Nachricht von meinem älteren Oheim, meinem Beschützer, eingegangen, und ohne diesen durften wir das Schloß nicht verlassen. Gersem war in die Nähe des gefürchteten neuen Herrn gebannt, der indeß von Allem Besitz nahm, und dem diese Zimmer nur entgingen, weil sie ein Anbau in [131] einem kleinen Seitentheil des ganz alten Schlosses waren. Die Leiche meiner Tante war auf seinen Befehl ausgestellt, und Hanna sagte mir, sie sei schön und unverstellt, wie lebend, denn das Fieber schien, wenn auch noch tödtlich, doch seinen zerstörenden Karakter an dieser schönen Leiche verloren zu haben. Ach, diese Worte vollendeten mein Unglück. Von da an ließ meine heißeste Sehnsucht, sie noch einmal zu sehen, mir keine Ruhe mehr. Hanna blieb unerbittlich und schob endlich Alles auf Gersem, der am Abend, wenn er sich von seinem Herrn entfernen dürfte, zu uns kommen wollte. Er kam und blieb lange fest, denn der Saal, in dem sie stand, war nur durch eine Gallerie zu erreichen, an der die Zimmer lagen, die der Oheim bewohnte; aber ich trieb mit meinem Ungestüm mein hartes Geschick herbei. Zu seinen Füßen strömten meine Thränen, meine Worte. Er willigte ein. In meinen Trauerschleier gehüllt, folgte ich ihm um Mitternacht mit zitterndem Schritt. Hanna verschloß hinter uns sich in die Zimmer, die wir verließen. Glücklich erreichten wir den Saal, zu dem Gersem den Schlüssel führte. Ich sah die Züge, die mein Leben beglückt hatten, zu denen einer Heiligen verklärt. Lange betete ich an ihrem Sarge, gelobte ihr Alles, was sie lebend von mir begehrt; ihr Anblick hatte mich über den Schmerz erhoben, ich fühlte mich völlig besonnen, als ich Gersem aufschreien hörte und eine gellende Stimme an mein Ohr traf. Ich sprang auf, um zu entfliehen, aber ich fühlte mich gehalten, und ein Blick auf den, der mich ergriff, sagte mir, ich sei in der Gewalt des gefürchteten Oheims. Ach, was er sagte, kann ich nicht wiederholen, es waren wüthende Schmähungen, Spott, Gelächter an dem Sarge seiner Schwester! Verzweiflung ergriff mich, ich rang mit ihm, er behielt meinen Trauermantel, und als mein erbleichtes Angesicht vor ihm enthüllt war, glaubte seine feige Seele einen Geist zu schauen. Er schrie wild auf, verhüllte[132] sein Gesicht, und er war es nun, der fliehen wollte. Zugleich fühlte ich mich von Gersem weggezogen. Doch wir hatten noch nicht die Thüre erreicht, da hatte der Elende sich gefaßt. Du bist also kein Geist, schrie er lachend, nun so sei mir willkommen! Er entriß mich Gersem, ich schien verloren, meine Sinne schwankten, meine Kräfte brachen. Da stürzten die Diener plötzlich herein, und der Ruf von Feuer drang uns entgegen. Er ließ mich nun los und eilte nach der Gallerie, wir ihm nach, zu entfliehen. Das Feuer stürzte uns prasselnd aus der Gegend, wo wir Hanna verlassen, entgegen. Ich wollte mich hinein stürzen, Hanna zu retten; aber Gersem warf meinen wieder aufgehobenen Mantel über mich, rief Hanna's Gefahr einem Andern zu und schleppte mich mit überlegener Kraft durch die Gänge nach dem Garten. Hier gab er mir Luft, aber nöthigte mich, eilig weiter zu fliehen, bis wir, aus dem Park entkommen, einen Meierhof erreichten. Hier verhüllte er mich wieder und verbarg mich in einer hohen Hecke. Er forderte zwei Pferde, die man ihm, als angesehenen Schloßbedienten, nicht versagte. Eine Strecke vom Hause bestiegen wir sie und jagten fort. Gersem sagte mir, er wisse kaum wohin, doch nach London müsse ich. Er gab mir ein kleines schwarzes Buch; ich kannte es wohl, es gehörte meiner Tante; ich solle es auf meiner Brust verbergen, er habe es seit ihrem Tode immer bei sich getragen. Die Angst vor der wilden Nähe jenes Mannes verschlang bei mir jedes andere Gefühl, ich fürchtete nichts, als ihn. Nach London wollte auch ich, dort lebten meine Beschützer, das wußte ich. Doch es war anders bestimmt. Unsere Pferde trugen uns noch den andern Tag, doch dann nicht länger. In einer kleinen Herberge in einem Walde kehrten wir ein. Ein altes gutes Weib suchte mich zu erquicken, obwohl sie wenig besaß und ich unfähig war, Nahrung zu nehmen. Gersem pflegte unsere erschöpften Pferde. Wir mußten die Nacht rasten, obwohl kein [133] Schlaf uns erquickte, denn mein Herz war erfüllt von Schmerz, und die schreckliche Ungewißheit von Hanna's Schicksal fügte noch neue Leiden hinzu. Mit dem ersten Morgenstrahl brachen wir auf, doch unsere Eile war umsonst. Um Mittag hörten wir den Hufschlag von Pferden hinter uns. Gersem hatte keinen Zweifel, daß es unsere Verfolger seien. Da ergriff ihn blinde Wuth und Verzweiflung. Er trieb mein erschöpftes Pferd an, und die immer näher kommenden jagenden Pferde frischten auch in den unsern den natürlichen Instinkt an, jene nicht vorkommen zu lassen. Doch dieser Wettlauf blieb in einer offenen öden Gegend dennoch ohne Erfolg. Verwünschungen trafen unser Ohr, Staub hüllte uns ein, im Nu waren wir umringt. Der fürchterliche Mann ergriff meine Zügel, er wollte mich selbst ergreifen, aber mein Abscheu benahm mir jede Furcht. Ich befahl ihm, mich nicht anzurühren, und er gehorchte mir; aber er nannte Gersem Entführer, Verräther. Ach, noch mehr böse Worte folgten, und er wollte wissen, wer ich sei. – Wer sie ist, gehört nicht vor Euch und geziemt mir nicht, Euch zu sagen; aber hütet Euch, sie zu kränken, fürchterlich wird die Rechenschaft sein, die Ihr zu geben habt, fürchterlich die Strafe, die Euch erreichen wird. – Doch diese muthigen Worte, die meinen Verfolger erschrecken sollten, erhitzten ihn nur mehr. Ich mußte sehen, wie dies ehrwürdige Gesicht von einem Schlage seiner wilden Hand verletzt ward, während er mich sogleich anrief, ihm zu folgen. Doch mich in die rohe Gewalt dieses Mannes zu begeben, schien mir härter, als der Tod. Ich will nicht mit Euch, ich will nach London, dort finde ich Schutz; laßt mich weiter reisen! rief ich außer mir. Er stieß hier ein so wildes Gelächter aus, daß ich schaudernd mich wegwandte. Doch in dem Augenblick fühlte ich seinem Arm um mich. Ach, mein Angstgeschrei riß Gersem wild wie einen Löwen herbei. Er hatte den schrecklichen Mann, der mich hielt, schon ergriffen, als [134] dieser wüthend seinen Degen zog. Ich sah nur noch, daß er blitzend über Gersems Haupt flog, und die tiefe breite Wunde in seinem Schädel, mit der er niederstürzte. Als meine Besinnung wiederkehrte, hörte ich ein geistliches Lied mit leiser Stimme neben mir singen, und der feine Geruch von dem ersten Grün des Kalmus und der Weide war um mich verbreitet. Ich versuchte die Augen zu öffnen, aber ich fühlte mich so erschöpft, daß ich es erst vermochte, nachdem die wiederkehrende Besinnung mir all' die erlebten Schrecken zurück rief. Ich sah mich in einem düstern niedrigen Zimmer, spärlich von einer Lampe, mehr durch das Licht des Mondes, der in seiner Fülle durch ein offenes Fenster drang, erhellt und auf einem Lager ausgestreckt, wie man es für Sterbende von Stroh, mit weißen Tüchern bedeckt, zu bereiten pflegt. An meiner Seite saß ein Weib in armseliger Bauertracht, sie sang das Lied, welches mich zuerst erweckt, und dessen rührende Worte mir jetzt verständlich wurden. Dazwischen drang aus einem andern Theile des Hauses heftiges Gespräch und Gelächter. Ich wollte mich eben mit aller Kraft erheben, obwohl meine Glieder mir steif und todtenkalt erschienen, als das fromme Lied meiner Gefährtin durch Männerschritte unterbrochen, die Thür aufgestoßen ward, und ein Mann eintrat, dessen erstes Wort mich meinen Verfolger erkennen ließ. Kaum unterdrückte ich den Schrei des Entsetzens, doch meine Erstarrung half mir; ich schloß sogar meine Augen. Er fragte das Weib, ob ich noch kein Lebenszeichen gegeben. Sie ist todt, Sir, sagte die Alte, in der ich nun diejenige erkannte, die mich am Tage zuvor gepflegt hatte; glaubt mir, das junge Leben ist dahin. Schweig'! rief er wild, todt oder lebend, sie muß mit fort; so wie der Morgen kömmt, breche ich auf, und Ihr geht und sorgt für meine Leute! Er näherte sich meinem Lager und bog sich über mich. Welch' ein Augenblick! Ich preßte den Athem zurück, unbestimmt noch fühlte ich, dies müßte meine [135] Rettung werden. Und was ist das? rief er wild, indem er, wie es schien, einen Zweig aus meiner Hand riß, was sollen diese Todtenkräuter? Ich bestreute ihre Leiche mit dem ersten Grün, sprach das gute Weib; soll ihr junger Leib da liegen, ohne den Schmuck der Jugend? Ich glaube, ihm graute, denn er verließ schnell das Zimmer. Ich hielt den Athem an, bis seine Schritte in dem Geräusche der untern Stube verhallten, dann nahm ich alle meine Kräfte zusammen, um zu sprechen. Doch meine ersten Worte ergriffen die gute Frau, die sich in den Gedanken an meinen Tod vertieft hatte, so heftig, daß sie mich hätte verrathen können. Sie sagte mir auf meine Frage, die Leiche meines Begleiters sei am Tage vorher schon weiter gebracht, mir aber habe der Herr da unten etwas Ruhe lassen wollen, da er mich nicht für todt gehalten hätte. Doch gab sie endlich meinen Bitten nach, mich zu befreien. Ich knüpfte ein Seil, welches sie herbeischaffte, an den Fensterrahmen, um meines Entkommens Verantwortlichkeit der guten Alten abzunehmen. Dann eilte ich, ach kaum fähig zu gehen und doch von Angst getrieben, an der fürchterlichen Thür vorüber aus der Hütte. Im Walde fand ich einen Knaben, den sie mir mitgab, mich auf die Heerstraße nach London zu führen; weiter reichten meine Gedanken für's Erste nicht. Noch ehe der Mond unterging, waren wir hindurch, denn ich fühlte meine Kräfte auf's Neue erhöht. Als wir nach dem Verschwinden des Mondes bei nun eingebrochener Dunkelheit die Heerstraße erreicht hatten, verließ mich mein letzter Trost, der gute Knabe, den ich nicht aufhalten durfte, um nicht seine Mutter und mich zu verrathen. Ich war nun allein, und unter welchen Umständen? Aber Gott hielt mein Herz, er rief meine Gedanken zu sich, ich konnte zu ihm beten, und die Schrecken meiner Lage fielen ab von mir; als ob um mich her sichtbare Engel gingen, so muthig, so in der Gegenwart Gottes fühlte ich mich. Als der Morgen [136] anbrach, war ich weit vorgedrungen. In der Nacht mußte ich an der Stelle vorüber gegangen sein, wo der Mord an Gersem verübt war. Ich befand mich schon auf Punkten, die ich Tages vorher nicht gesehen, und die Straße war noch gebahnt; doch das Tageslicht erfüllte mich mit neuem Grauen. Ich bemühte mich, meine Kleider unscheinbar zu ordnen; aber endlich kamen Menschen daher, und ich erregte doch so viel Erstaunen, daß ich mich jeden Augenblick neuen Gewaltthätigkeiten ausgesetzt glaubte. Auch stellte sich bei zunehmender Müdigkeit ein unabweisbares Bedürfniß nach Nahrung ein; aber der Muth fehlte mir, bei gänzlichem Mangel an Gelde, in den Dörfern oder Hütten darum zu bitten. Ich hoffte durch Schlaf mich zu stärken und suchte in einem Gehölze hinter einer hohen Hecke einen Ruhepunkt. Aber der Schlaf mag nicht erscheinen, wo Durst und Hunger quälen; er nahte mir nicht, und mit Entsetzen fühlte ich so meine Kräfte immer mehr schwinden. Ich scheute den Tod nicht, obwohl Gott es weiß, daß ich ihm gehorsam blieb und ihn nicht rief; aber meine Gedanken stumpften sich immer mehr ab, so daß ich endlich, ganz gleichgültig gegen Alles, mich wieder weiter schleppte. Meine klarste Vorstellung ist, daß ich von der Kälte des Morgens am Rande eines Waldes erweckt ward. Meine Kleider waren naß vom Thau, ich fühlte Frost; der Wald schien mir wärmer; darauf waren meine Betrachtungen beschränkt. Ich ging weiter, denn daß ich fort mußte, lag dunkel in mir, doch wie weit noch, ehe ich diese rettende Zuflucht erreichte, das weiß ich nicht, und selbst daß ich die Treppe zur Terrasse erreicht, wie man mir sagt, wo ich gefunden ward, ist mir völlig entschwunden und muß in der Betäubung geschehen sein, die mich zuletzt meines Kummers und aller meiner Leiden überhob. Jetzt, Mylady, wißt Ihr Alles, was ich selbst in mir hervorzurufen vermochte, und ich athme leichter, nun Ihr es wißt; denn ich werde nun Eures Rathes [137] genießen, und mein Name und meine Ehre werden außer Zweifel vor Euch sein. –

Ob dem wirklich so war, wenigstens in Betreff des Namens, hätten vielleicht Alle bezweifelt, die den abgeleiteten Blick gewahrt hätten, den die Herzogin bei diesen letzten Worten über ihren Schützling warf. Er ging indeß an dieser Seele unbemerkt vorüber, und die Herzogin war zu tief von dem eben Gehörten erschüttert, um nicht sanftern Gefühlen Raum zu gönnen. Liebreich zog sie die von der Erzählung tief Bewegte an ihre Brust und führte sie gegen das warme Licht der Sonne, und das kindliche Wesen nahm so ruhig an dem Busen der Herzogin Platz, als könne diesem Haupte kein sicherer und wohlthuenderer Ruhepunkt geboten werden. Sanft verhieß ihr die Herzogin noch ein Mal Schutz, und die Lady küßte stumm und innig ihre Hände. Und nun, Mylady, flehte sie sanft, gebt mir bald Mittel, meinen Oheim von meinem Schicksale zu unterrichten.

Die Herzogin schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: Ich fühle mich allein nicht stark genug, Euch den besten Rath zu geben, doch morgen erwarte ich meinen Schwager und meinen Sohn von London zurück. Wenn Ihr mir erlaubt, so theile ich dem Ersteren Eure Erzählung in den Hauptsachen mit; er kennt alle Umgebungen des Hofes, alle Große des Landes, er wird Euch am Ersten sagen, wo ihr Euern Oheim, den Grafen von Marr, auffindet. Ich hoffe jedoch, Ihr werdet hier unter weiblichem Schutze lieber weilen, bis Euer Oheim für Euch eine ähnliche Stellung ersehen, als ihn aufsuchen, und so biete ich Euch noch ein Mal meinen Schutz auf jegliche Dauer an.

Nachdem die junge Gräfin Melville auch für die neue Gunst innig gedankt hatte, schien sie merklich ruhiger; nicht so die Herzogin. Für diese unglückliche Frau begann erst jetzt der schwerste Kampf. Mit schwankender Stimme hob sie an: Ich [138] habe Euch bis heute Euer Eigenthum aufgehoben und lege es jetzt in Eure Hände. Mit diesen Worten nahm sie ein Kästchen, welches die Juwelen der Gräfin enthielt, und fuhr dann fort: Wollt Ihr mir wohl die Bedeutung dieser schönen kunstvollen Gaben nennen? Sicher theure Andenken von eben so theuern Personen.

Ihr seid unwohl, Frau Herzogin, sprach die Gräfin, ihr in das Gesicht blickend, setzt Euch nieder; ich habe Euch ermüdet! Laßt mich Euch führen; ich setze mich zu Euch und erzähle Euch von diesen Gaben; das wird Euch erheitern, denn es sind nur schöne Rückerinnerungen. Daß Ihr sie gefunden und mir aufbewahrt habt, sagte mir Mistreß Morton; denn mit meiner Besinnung trat auch mein Schmerz über den Verlust dieser theuern Güter ein, die ich gelobt hatte nie abzulegen. Dies Buch, sprach sie weiter und hob das mit der Perle verschlossene Portefeuille heraus, gehört mir nicht; nur in den Händen meiner Tante sah ich es. Habt Ihr den Inhalt untersucht? fragte sie, und ihre Finger schienen zagend auf dem Schlosse zu ruhen; sollte es wirklich für mich bestimmt gewesen sein? Hat sich Gersem nicht getäuscht? Was glaubt Ihr? darf ich es öffnen? –

Es ist nicht leer und der Inhalt wohl sicher für Euch bestimmt, sagte die Herzogin. Ich muß Eure Verzeihung erbitten, daß ich die Bedenklichkeiten, die Euch jetzt bewegen, weniger obwalten ließ. Als man es mir mit den Juwelen, die Ihr trugt, übergab, öffnete ich es, in der Hoffnung, vielleicht dadurch mit Euerm Namen oder Euern Angehörigen bekannt zu werden, und den um Euch Bekümmerten Nachricht von Euch geben zu können. Doch ich fand, sonderbar genug, nur zwei Wechsel von tausend Pfund, ausgestellt auf das Handlungshaus Perrisson, und denkt Euch selbst, wie ich erstaunen mußte, die Adresse von unserm Schlosse in London und den Namen meines Gemahls!

[139] Wie? rief hier die junge Gräfin, und die helle Röthe der Freude verschönte ihr liebliches Gesicht. So wäre ich zu Euch hingewiesen von meiner theuern Tante, an Euch, und Ihr wäret vielleicht bekannt mit ihr oder Euer Gemahl?

Ich kannte nie eine Gräfin von Marr, erwiederte die Herzogin, und auch von meinem Gemahl hörte ich sie nie erwähnen. Doch scheint mir selbst hier ein Zusammenhang zu walten, der mir wenigstens, bis wir ihm durch Nachforschungen näher treten, das unbestreitbare Recht geben dürfte, Euch als an mich gesandt anzusehen, da der nicht mehr unter den Lebenden weilt, dem zunächst die Pflicht gegönnt war.

O welch' eine glückliche Wendung nimmt jetzt mein trostloses Schicksal! rief die Gräfin, und der in der Jugend so leicht gefundene Uebergang vom Schmerze zur freudigen Hoffnung schien auch sie belebend zu ergreifen. An Euch ward ich gesandt, und Euch mußte ich finden, ohne die Absicht, Euch zu erreichen. Durch Noth und Tod lenkte Gott die willenlosen Schritte bis zu Euch. Sagt selbst, ist das nicht recht deutlich seine ewig waltende Vaterhand? Ja, hier bin ich am rechten Platze, Gott hat es selbst vollführt, was Menschen liebend für mich erdachten, und er wird es auch ferner nun führen, wie es das Beste ist für uns Alle.

So wollen wir hoffen, sagte die Herzogin, sich unwillkürlich von den begeisterten Zügen der jungen Gräfin angezogen fühlend und die Zärtlichkeit still gestattend, mit der sie ihre Hände geküßt fühlte; und ist mein Schwager nur erst hier, dann leiten wir Eure Angelegenheiten durch ihn am zweckmäßigsten ein.

Jeder Augenblick in Eurer Nähe, versetzte die Gräfin, bringt mehr Frieden und Hoffnung in meine Brust; mir ist, als hätte ich nichts zu fürchten, wenn Ihr mir nur hold bleibt und meine Handlungen leiten wollt.

[140] Die Herzogin war nicht unempfindlich für diese Sprache der Liebe, die so vertrauend und zärtlich selten zu ihr drang, doch ihr Interesse war innerlich zu lebhaft auf ihre beabsichtigten Nachforschungen gerichtet, um diesen Gefühlen länger Raum zu gewähren, sie hob selbst die Verhüllung, welche sie um die prachtvollen Inwelen gelegt hatte, hinweg, und ein Blick auf das obenliegende Kreuz gab auch der Besitzerin andere Gedanken und Gefühle. Sie hob es an der Perlenschnur empor, drückte es an ihre Lippen und sagte:

Ich erhielt es von meinen theuern Eltern. Schmückt mich damit, fuhr sie lächelnd fort, daß es dadurch auf's Neue gesegnet zu mir gehören möge.

Die Herzogin, ihr gegenüber, schien willenlos zu werden, denn sie schlang die prachtvolle Perlenschnur um den schlanken Hals und senkte das Kreuz, das aus zwölf großen Smaragden, in Brillanten gefaßt, bestand, auf die Brust. Dann nahm die Gräfin die Armbänder und sagte, lächelnd den Blick darauf geheftet:

Der es mir gab, ihn liebte ich, wie meinen Vater. Er war der Freund meines Oheims und sein steter Begleiter. Ich sagte Euch davon, und es gehört zu den Dingen, die mir höchst auffallend sind, daß mir entweder sein Name entfallen ist, oder ich ihn nie gehört habe. –

Wie, Mylady, Ihr wißt den Namen dessen nicht, den Ihr als einen Vater liebtet, mit dem Ihr so oft beisammen waret, der Euch ein so reiches Andenken geben durfte? Ihr wollt mir sagen, daß Ihr seinen Namen nicht wißt? –

Ich wollte ja nie mehr oder anders zu Euch sagen, als ich selbst wußte, erwiederte die junge Gräfin, zwar mit ruhigem Tone, aber in ihrem Auge, das sie fest auf die Herzogin wandte, lag ein vorübergehendes Leuchten ihres verletzten Gefühles und der Verräther eines stolzen Herzens. Wenn ich nun, fuhr sie [141] fort, auch hinzufüge, daß ich nicht weiß, wie das Schloß heißt, wo meine Tante lebte, und von wo ich entflohen bin, und in welcher Gegend von England es liegt, so wird sich sicher Euer Erstaunen noch vermehren. Aber Ihr würdet Euch auch vielleicht mein eigenes denken können, als ich in Gedanken mir mein Leben zurückrief, um es Euch mitzutheilen, und ich zuerst auf diese dunkeln, mir unerklärlichen Punkte stieß. Doch gerade dies vermehrte mein Verlangen, Euch Alles zu vertrauen. Denn Ihr, in der Welt lebend und voll Erfahrung, begreift vielleicht eher hier einen Zusammenhang, als ich, die ich über manche Punkte weder Zeit fand zu fragen, noch nachzudenken, über andere aber völlig ohne Auskunft bleiben mußte. Auch begreife ich es wohl, wie die Namen mir so gleich waren; ich hörte ihn stets theurer Freund oder Graf Robert nennen. Mein Aufenthalt auf dem Schlosse aber war selten über vier Wochen ausgedehnt. Stets fanden wir bei unserer Ankunft meinen Oheim und seinen Freund, und dieses Wiedersehen war so beglückend für uns alle, daß für mich wenigstens die ganze äußere Welt versank und wir außer den Stunden des Schlafes uns fast nicht trennten. Wie man mich beschäftigte, habe ich Euch erzählt, dabei lebten wir in einer großen Zimmerreihe, mit offenen Terrassen nach dem Walde, bei stets geöffneten Thüren. Wir genossen die Milde der Luft, aber oft hörte ich sie sagen, daß sie keine Spaziergänge machen wollten, um keinen Augenblick unbenutzt zu lassen für ihre reichen und lebendigen Unterhandlungen, deren Mittelpunkt ich war, und zwar oft davon so berauscht, daß ich zu den Füßen der Tante einschlief und von Hanna wie ein Kind zu Bett geführt ward, was wieder zu den Füßen des Lagers meiner Tante stand. Sprachen wir aber zu Nordwighall von dem Schlosse, hieß es das Schloß der Tante, zuweilen mit dem Zusatze: im Innern von England, und das Nennen dieses geliebten Aufenthaltes weckte gleich eine Reihe so wonnevoller Gedanken [142] in mir, und ich war mit dieser Benennung von Kindheit an so befreundet, daß ich den Mangel daran erst entdeckte, als ich das Bedürfniß fühlte, Euch darüber Rechenschaft zu geben. Das Recht des Grafen Robert endlich, mir dies theure Geschenk zu geben, gehört für mich zu den sehr leicht erklärlichen Dingen. Denn nicht ich gab ihm jenes Recht, sondern meine Eltern, als sie ihn zu meinem Pathen ernannten. Diese Brillanten bilden einen Namenszug, den er mir später erklären wollte. Er hatte es auf mein Taufkissen gelegt, und als mein Arm hineinpaßte, legte er's mir selbst um, und ich gelobte ihm, es nie abzulegen. – Sie schlug bei diesen Worten den langen Aermel ihres Trauerkleides zurück; auf ihrem Antlitze war die sanfte Milde wiedergekehrt, die vorherrschend diese Züge zu beleben schien. Sie blickte bittend die Herzogin an, welche, ihre Stirn in die Hand gestützt, ohne Bewegung zusammen gesunken, in dem Sessel saß und diesen Blick nicht sah. Als nun die Gräfin sich beugte, um ihr Auge aufzusuchen, begegnete sie dem trostlosen, in Thränen schwimmenden Auge der Herzogin, und fürchtend für sie, obwohl ungewiß, warum, kniete sie vor ihr nieder, und sagte leise und zärtlich: Ihr leidet, seid Ihr krank, oder zürnet Ihr mir? Nein, ich zürne Euch nicht, sagte die Herzogin und blickte tief in das Gesicht der Knieenden; aber ich bin leidend. Doch vergebt, sagte sie gefaßt, ich vollende Euern Schmuck. Sie ergriff hierbei schnell das Armband und sagte feierlich: Eine theure, theure Hand legte dies Band zuerst Euch an, ich thue es zunächst und gelobe Euch, für Euch zu sorgen, wie der es thun würde, der es Euch gab, wenn es Gottes Wille so gefügt hätte. Während dieser Worte befestigte sie die Armbänder um die schönen Arme und erhob sich sogleich. Der Augenblick der Trennung schien gekommen, die Gräfin Melville erwartete das verabschiedende Wort mit ruhigem Anstande, und die Herzogin, die es verzögerte und mit sich uneins war über die Einleitung [143] des ihr zunächst Liegenden, sah unruhig vor sich nieder, und das Schweigen, welches die Bescheidenheit ihrer jungen Gefährtin nicht zu unterbrechen wagte, lastete mit drückender Schwere auf ihr. Da kamen dumpfe Töne von dem Eingange her, welche sich schon oft und wohlbekannt hatten vernehmen lassen, ihrer Unentschlossenheit zu Hülfe. Sie folgte ihrem vorausgesandten Blicke und überschritt den Saal, die Thüre öffnend, an der nun bei den näher kommenden Schritten sich ein freudiges Gebell und unruhiges Kratzen vernehmen ließ, und durch den kleinen Spalt der sich öffnenden Thür drängte sich Gaston mit solcher Gewalt hinein, daß an den Rändern der Thür Haare von ihm haften blieben. Er wollte seine ungestüme Freude an der Herzogin auslassen, die jedoch wenig gestimmt schien, sie zu begünstigen, und sie durch ein paar streng ausgesprochene Worte mäßigte, während sie sich von ihm wandte, um zurück zu kehren. Jetzt gewahrte Gaston, der sich so zurückgewiesen sah, die Gräfin Melville, welche, nach den Terrassen gewandt, in ruhigem Nachdenken der Herzogin harrte. Er hob den Kopf und Schweif hoch empor, blickte schnell vorlaufend mit seinen klugen Augen zur Gräfin hin und war mit zwei Sprüngen nicht allein an ihrer Seite, sondern mit seinen Pfoten so hoch, daß sie sich augenblicklich von ihnen umarmt sah, und dies mit einem solchen Freudengeheul, daß dieser jähe Ueberfall des großen Thieres ihr einen lauten Schrei des Entsetzens entriß. Aber diese Folge der ersten Ueberraschung ging nun sogleich in die zärtlichsten Liebkosungen über. Gaston, o mein lieber Gaston! rief sie und drückte das schwarze Gesicht an ihre Brust, und küßte seine Stirn, während Gaston ganz außer sich vor Freuden schien, wieder von ihr abließ, sie umkreisete, um immer wieder zu ihr hinan zu springen, und immer wieder ihre offenen Arme fand, und eine solche Theilnahme an seiner Freude, daß Alles, was sie beide umgab, dieser Empfindung weichen zu müssen schien. [144] Sie gewahrte nicht, daß die Herzogin krampfhaft einen Pfeilertisch, dieser Scene gegenüber, ergriffen hielt, und mit bleichen, zuckenden Zügen und starren Augen hinein sah. O Mylady, rief jetzt die Gräfin, über Gaston wegschauend, glühend und fast athemlos, o sagt mir jetzt, wo ist er? Gaston war nicht ohne ihn; Ihr verbergt ihn, Ihr habt mich vorbereiten wollen durch Gaston auf seinen geliebten Herrn! Doch ich bin jetzt gefaßt, rief sie voreilend, o laßt mich ihn sehen, fürchtet keine allzu heftige Erschütterung mehr! – Gaston unterbrach diese Worte noch immer durch seine heftigen Liebkosungen, und dies entzog ihren stets dadurch abgelenkten Blicken die Veränderung der Herzogin und verschaffte dieser zugleich Zeit, die Fassung zu erlangen, die ihr jetzt doppelt nöthig schien. Nein, Mylady, es steht nicht in meiner Macht, Euern Wunsch zu erfüllen, ich kann Euch den Besitzer dieses Hundes nicht zeigen, ja, ich muß glauben, Ihr irret, wenn Ihr dies Thier schon früher zu kennen glaubtet. – Ich mich in Gaston irren? In meinem lieben Gaston, rief die Gräfin, den ich selbst pflegte, als sein Fuß bei einem Sprunge von der Terrasse in dem Schloß meiner Tante blutete und verletzt war? Heißt er denn nicht Gaston? Und seht hier noch die Stelle, wo die Wunde war und kein Haar sich wieder darüber zog. Habt Ihr nicht gesehen, daß er mich erkannte? – Und wahrlich, Gaston schien mit allen Tönen und Bewegungen, welche diesen edeln Kreaturen verliehen sind, ihr oft so starkes und feines Gefühl auszudrücken, diesen Worten Nachdruck geben zu wollen, und die Herzogin fühlte sich selbst davon so überzeugt, daß ihr für Heuchelei nicht geschaffenes Gemüth sich von dem Vorhaben abwendete, diese Bekanntschaft, an die sie leider nur zu fest glaubte, als eine Verwechselung in Abrede stellen zu wollen. Sie gebot Gaston Ruhe, welches sie mit Mühe erlangte. Dann ergriff sie die Hand der Gräfin und führte sie seitwärts vor. Sagt mir, sprach sie [145] feierlich, wem glaubt Ihr, daß dieser Hund gehört? – Dem Freunde meines Oheims, theure Lady. Er begleitete ihn stets, ich kenne ihn, glaubt mir. – Ich zweifle selbst nicht mehr daran, erwiederte die Herzogin, doch ich stehe jetzt wie eine Bittende vor Euch. Ich fordere von Euch eine Gewährleistung, an der mir sehr viel liegt, die für's Erste nöthig ist, die ich vielleicht später wieder aufhebe, vielleicht auch nicht. Wollt ihr mir geloben, meine Bitte zu erfüllen, meine dringende Bitte? – Zweifelt Ihr, Frau Herzogin, an meiner Bereitwilligkeit? Wollt Ihr mir nicht sagen, was Ihr befehlt? Wollt Ihr nicht überzeugt sein, daß dies Herz froh sein wird, Euch zu gehorchen? Was Ihr von mir fordert, es kann nur recht sein, und ich kann sagen, ich werde Euch nicht gehorchen, um der großen Verpflichtungen willen, die ich gegen Euch habe, ich werde gehorchen aus Liebe. – Da ergriff die Herzogin hastig die Hände der Gräfin, drückte sie fest zwischen die ihrigen und sagte schnell: Nie, nie, gegen kein menschliches Wesen, nicht durch Blick oder Wort, nie, nie verrathet Eure frühere Bekanntschaft mit Gaston. Mit Gaston? stammelte, überwältigt von Erstaunen, die Gräfin. Sie hatte sich, nach dem lebhaften und feierlichen Benehmen der Herzogin, auf die Anhörung irgend einer wichtigen Mittheilung gefaßt gemacht, und jetzt sollte sie nichts als die harmlose Bekanntschaft eines Hundes verläugnen.

Doch sie besaß zu viel Gefühl für Schicklichkeit, um, der Herzogin gegenüber, nicht ein Erstaunen zu mäßigen, welches dem Betragen derselben fast zum Tadel werden mußte. Ihre wiederkehrende Besonnenheit aber ward bis zum ernsten Nachdenken erhöht, als ihrem folgerechten Verstande zunächst klar ward, daß dieser an sich unbedeutenden Bitte doch ein Umstand anhing, der sie zu keiner unwichtigen machte, nämlich das Verläugnen der Wahrheit, wenn der Zufall eine Erklärung darüber für sie herbeiführen möchte. Sie fühlte hier zuerst im Leben, [146] daß man keines Menschen so sicher sein darf, ihm ohne Vorbehalt irgend eine heilige Angelobung zu thun, noch vor der Kenntniß des Begehrten. Der Streit in ihrem Innern darüber legte ihren Lippen noch immer ein Schweigen auf, das durch ein etwas unbehagliches Gefühl gegen die Herzogin vermehrt ward, welche ihr räthselhaft und nicht so rein mehr erschien, als einige Augenblicke früher. Aber die Herzogin hatte gebeten, und diese ihr seltene Stellung ließ sie dies Schweigen beleidigend empfinden. Augenblicklich daher auf ihre frühere Hoheit zurücktretend, richtete sie sich empor, und ihr Blick heftete sich nicht bittend, sondern zürnend auf die Gräfin. Ich bat Euch, Mylady, sagte sie kalt; habt Ihr mich gehört? Ich that meine erste Bitte an Euch! Vielleicht wagte ich zu viel, Euch um die Erleichterung einer Sorge zu bitten, wobei ich Euer Wohl mit bedachte. – Sie wollte sich wenden, um den Saal zu verlassen, denn ihr einmal aufgeregter Stolz mußte seine Befriedigung haben, und jede andere Sorge stand stets dieser Anforderung nach. Da fühlte sie sich gehalten, und eine Bittende erwartend und getheilt in ihren Empfindungen, welche ihr die Angelobung ihrer Forderungen wünschen ließen, wandte sie sich. Aber sie fand ein ruhiges, nachdenkendes Gesicht, ohne Sorge, wie es schien, über ihren heftig geäußerten Unmuth. Ich bin, wie Ihr seht, in Unruhe und Zweifel, und Ihr müßt mich jetzt nicht verlassen, sagte die Gräfin ruhig und ernst; ich gestehe Euch, daß mich Eure Aufforderung in diese Stimmung versetzt hat. Ich gab Euch früher mein Wort, zu willfahren, noch ehe ich den Inhalt dieses Begehrens kannte, und wenn meine Ehrfurcht vor Euch mich es auch verbergen läßt, wie unbegreiflich mir Euer Gebot ist, und wenn ich Euch auch gern ohne Gründe vertrauen möchte, muß ich doch glauben, Ihr bedachtet selbst nicht Alles genau. Denn sagt mir, wer rettet mich vor der Gefahr einer Lüge, der ich fast unerläßlich ausgesetzt bin, wenn [147] ich Euch unbedingt gehorche? – Ihr seid sehr überlegt, Lady, in so jungen Jahren, sagte die Herzogin, noch immer streng, doch zu einer innern Anerkennung dieser reinen Ansicht fast gegen ihren Willen gezwungen. Indeß darf ich Euch wohl am wenigsten deshalb tadeln, da auch ich eine Feindin der Lüge mich nennen darf; und ich muß es beklagen, Euch nun nicht länger verhehlen zu dürfen, daß Ihr selbst es seid, die mich zuerst vielleicht im Leben zu einer mir sonst fremden Heimlichkeit und Verhehlung zwingt. Aber das ist der Fluch des Bösen, setzte sie, wie zu sich selbst redend, hinzu, und es bleibt nichts in seiner Nähe unbefleckt davon. Ich überlasse Euch, fuhr sie lauter fort, was meine Bitte betrifft, Euerm Gewissen! Das Wort, das Ihr gabt, soll nur Kraft haben bis zu dieser Grenze; doch werde ich bemüht sein, Euch die Versuchungen aus dem Wege zu räumen. Thut Ihr ein Gleiches und denkt, daß Ihr mir damit den geringsten Dienst leistet, denen aber, die Ihr die Eurigen nennt, vielleicht den größten. – Ich danke Euch, sagte die Gräfin mit ihrem wiederkehrenden klaren Blick und dem vollen Ton ihrer melodischen Stimme, Ihr habt mich wieder frei gemacht, es scheint mir nicht schwer, das zu vermeiden, was Ihr befehlt, und ich wünschte, Ihr hättet allein dabei Interesse, ich würde gern um Euretwillen recht vorsichtig und besonnen handeln. Ich sehe wohl, setzte sie sanft hinzu, Euer erfahrner Blick hat schon tiefer in mein Leben geschaut, ich bin dessen froh und will durch keine kindische Neugierde Euch lästig fallen über das, was Ihr mir noch verbergen zu müssen glaubt. – Schreitet in dieser Hoffnung nicht zu schnell vor, Lady, entgegnete die Herzogin. Ihr legt mir zu viel Scharfsinn bei. Mein Leben war sehr frei von Verwickelungen, ich verstehe mich daher wenig darauf; um so mehr habe ich aber stets bei meinen Forderungen das Vertrauen erregt, daß man sich ihnen ohne Vorbehalt überlassen könne. Gehen wir jetzt, Lady,[148] nach unsern Zimmern; etwas Ruhe wird uns nöthig sein. Ich werde Euch vor dem Abendgebet in der Kapelle in meinen Zimmern der Herzogin von Nottingham, meiner Schwiegermutter, vorstellen, und dispensire Euch lieber von der Tafel, da Ihr bis dahin Ruhe bedürfen werdet. – Die Gräfin neigte sich ehrerbietig vor der im Abgehn grüßenden Herzogin und stieg dann an Mistreß Mortons Arm, die sich sogleich zu ihr fand, die Treppen zu ihren Zimmern hinauf.


Die endlich sich gleichbleibende Schönheit des Wetters hatte am nächsten Tage die Damen zu einem Spaziergange in den weitläuftigen Anlagen des Parkes veranlaßt. Die Herzogin führte ihre Schwiegermutter die Terrassen hinauf, und man beschloß, daselbst zu verweilen und auszuruhen, während Lucie, an dem Arm der Gräfin Melville hängend, mit der sanften Arabella zugleich sich bemühte, ihr von den Merkwürdigkeiten von Godwie-Castle zu erzählen, und in der bereitwilligen Aufmerksamkeit ihrer Gefährtin eine immer steigende Aufmunterung für ihre Beredsamkeit fand. Da verkündete der wohlbekannte Ruf der Hörner von den Thürmen des Kastells die Ankunft des neuen Herzogs. Luciens Freudengeschrei beantwortete diese lang ersehnte Verkündigung, und hüpfend und tanzend nannte sie laut die Namen der Nahenden im kindlichen Gesange. Hierdurch und durch die meldenden Diener ward die Gräfin Melville von der Ankunft dieser nahen Verwandten des Hauses unterrichtet, und sie fühlte zu zart, um sich nicht in einem solchen Augenblick lieber zurück zu ziehen, da sie, den Erwarteten völlig fremd, sich in diesem Augenblick in dem engen Kreise der Familie als störend betrachten mußte. Sie beurlaubte sich daher für diesen Tag bei den beiden Herzoginnen mit einigen anspruchlosen [149] Worten, die aber doch hinreichend das feine Gefühl errathen ließen, von dem sie geleitet ward. Sie erreichte auch den Eingang der Gallerie, welche nach dem südlichen Flügel führte, ehe die Herren die Vorhalle betreten konnten, doch sah sie durch die hohen Bogenfenster, wie der Hof von empfangenden und ankommenden Dienern belebt war, in deren Mitte sich neben einem ältlichen Herrn die hohe und schlanke Gestalt eines jüngern bewegte, der mit großer Freundlichkeit die ehrerbietigen und freudigen Glückwünsche der grauen und achtbaren Diener zu beantworten sich bemühte, und so eben Sir Ramsey, der seine Hand küssen wollte, mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit die Stirn küßte. Die Gräfin blieb unwillkürlich stehen und sah dieser Scene mit einem Antheil zu, der nothwendig ein gefühlvolles Herz bewegen mußte; so aufrichtig war der Ausdruck dieser Empfindungen treuer Anhänglichkeit und lohnender Anerkennung derselben. Der alte Herr richtete nun mit Eile die Aufmerksamkeit des jüngern auf den Eingang des Schlosses, und die Gräfin enteilte in ihre Zimmer. Die Herzogin, begleitet von ihrer Schwiegermutter, ihren Töchtern und ihren Damen, erschien in den geöffneten Pforten des Schlosses, um den Sohn an der Schwelle seiner Väter, die er nun als rechtmäßiger Herr betrat, zu segnen und willkommen zu heißen. Solche Augenblicke hervorzuheben und feierlich zu machen, war ihre ganze Persönlichkeit geschaffen. Es fehlte ihrem Herzen nicht an Empfindung, und die oft so schnell darüber hingleitenden Schatten gaben ihr in den Augen der Meisten nur das Ansehen einer vornehmen Mäßigung, einer edeln Selbstbeherrschung, welche sie durch ihre ganze äußere Erscheinung wohl zu erhalten wußte. Als sie auf der Schwelle so edel und ruhig erschien, und doch mit schwimmendem Auge und vollstem Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit dem heranstürmenden Sohne entgegen lächelte, da hätten wohl Alle mit dem gerührten Jüngling vor ihr das Knie [150] beugen mögen, und in der lautlosen Stille, wie sie Ehrfurcht von selber gebot, drangen ihre Worte bis in die Herzen der Fernsten: So segne Dich Gott, mein Sohn, in dem Hause Deiner Väter, dem Du Herr sein sollst, wie sie es waren! Er segne Dich mit ihren Tugenden, die sie zu Beschützern ihrer Unterthanen, zum Glücke ihrer Familie, zum Stolze ihres Vaterlandes, zu Freunden ihrer Könige erhoben! Stehe auf, Herzog von Nottingham, und betritt Dein Eigenthum mit einem Gott geweihten Herzen! – Der junge Herzog sprang auf, aber um sogleich vor seiner Großmutter, auch um ihren Segen flehend, nieder zu knien, und betrat dann zwischen Beiden die großen Hallen, die in ihrer ehrwürdigen Pracht gerüstet schienen, noch einige Jahrhunderte die Geschlechter kommen und verschwinden zu sehen, deren schon so viele daran vorübergegangen waren.

Graf Archimbald konnte eben kein Freund von solchen feierlichen, die Empfindung hervorhebenden Scenen genannt werden, und er gönnte seiner Schwägerin nie lange die stolze Höhe, auf die sie sich nicht ungern erhoben sah, und wo sie von den an Geist und Rang ihr meist untergeordneten Umgebungen gewöhnlich so lange gelassen ward, wie es ihr selbst beliebte. Er schritt daher mit sehr heiterem Wesen, seine Nichten mit sich führend, hinterher und begrüßte, als der mittlere Saal sie alle aufgenommen und die Herzogin sich mit den hochgespannten Zügen, welche ihre Würde verkündigten, zu ihm wendete, dieselbe mit einer so heiteren und unbefangenen Freundlichkeit, als wäre er von einem kleinen Morgenritte so eben zurückgekehrt, und als wäre zu einer tiefen Erregung und einer Andeutung derselben in Worten, überall keine Veranlassung. Er wußte wohl, daß er sie damit ein wenig verletzte, aber sie ward ihm dadurch viel bequemer, und allen Umgebungen wurde zugleich die Fessel abgestreift, die sie ohnedies, wie oft, so auch dies Mal, länger getragen hätten. Es fehlte der Herzogin, selbst [151] bei besserem Willen, Freiheit und Heiterkeit um sich herzustellen, doch sehr oft an Geschick dazu, und ein dunkles Gefühl hiervon verwandelte nicht selten ihre steife Haltung in üble Laune, die sie dann, den Tadel gern von sich entfernend, noch immer für ihr zukommende Würde hielt, und damit ziemlich lästig werden konnte. Ganz anders verhielt er sich zu seiner Mutter. Dieser reine Karakter wollte und konnte nichts mehr scheinen und zeigen, als sich selbst; und die höchste Wahrheit und Natürlichkeit verrieth nur um so sicherer die harmonische Schönheit ihres geläuterten Innern. Dadurch ward ihre Nähe Jedem zur Wohlthat, und wenn sie mit der Freude, sie zu lieben, die Herzen beglückte, erfüllte sie Alle zugleich mit wahrer Ehrfurcht vor einer so hohen Entwickelung des menschlichen Geistes, Graf Archimbald kannte Menschen und Verhältnisse in den mannigfachsten Schattirungen. Er war sparsam mit seiner Anerkennung und über die meisten Täuschungen hinaus, aber wer um seine seltener ausgesprochenen Gefühle wußte, dem war nicht verborgen, daß er seine Mutter über die meisten Menschen stellte. Sie rief alle weicheren Gefühle und eine zarte, achtende Unterordnung, die ihm sonst selten einkam, in ihm hervor. So begrüßte er sie auch jetzt, und seine Schwägerin fühlte diesen Unterschied wohl, und es mußte gerade diese von ihr selbst so hoch gestellte mütterliche Freundin sein, um ihr die kleine Demüthigung zu verzeihen, welche die Frauen, im Falle sie selbige vom anderen Geschlechte empfangen, so gern am eigenen zu rächen suchen. Doch war der Graf entweder zu gutmüthig oder zu gewandt, um seine Schwägerin nicht, so bald es sich thun ließ, in eine angenehme Stimmung zu versetzen. Er achtete ihren Karakter mit allen seinen von ihm leicht begriffenen Fehlern, und noch mehr ihren Verstand, auf den er einen hohen Werth legte; vielleicht eine Folge seiner eigenen vorherrschenden Richtung, die ihn in dieser Fähigkeit eine größere Sicherheit [152] dem Leben gegenüber annehmen ließ, als sich wohl immer bestätigen mag. Er motivirte daher seine hereinbrechende Freundlichkeit durch die Mittheilung, daß er so glücklich sei, seiner Schwägerin die neuesten Nachrichten von ihrem Vater, dem Grafen von Bristol, zu bringen, indem bei seiner Abreise von London so eben ein Courier aus Madrid eingetroffen sei, der auch Briefe für die Herzogin gebracht habe, welche er ihr zu überreichen, sogleich die Ehre haben werde. Die Herzogin hatte aus langer Erfahrung gelernt, daß sie am besten ihre Haltung gegen ihn behauptete, wenn sie anscheinend die Richtung, die er derselben zu geben wußte, nicht zu bemerken schien und sich ihr mit einer Miene überließ, als sei es ihre eigene Wahl. Beiden war so geholfen, und dieser kleine Krieg, in dem sie sich vollständig erkannten, ward ohne eine weitere Erklärung und unbeschadet ihres übrigen Wohlverhaltens, stets ohne Folgen beigelegt. Auch jetzt empfing sie seine Nachrichten mit der Heiterkeit, die sie ihrer Natur nach verdienten, und man kam bald dadurch auf die öffentlichen Angelegenheiten, die allerdings ganz England in eine nicht geringe Spannung versetzten.

Gewiß, sagte der Graf, als man sich niedergelassen hatte, war man gegen die Unterhandlungen, die der König zur Vermählung seines Thronfolgers mit einem katholischen Hause anknüpfte, nicht gleichgültig, ja, wohl eher tadelnd gesonnen. Doch war eben so allgemein die Ansicht verbreitet, der Prinz von Wales empfände eine eben so große Abneigung dagegen, wie sein Volk, und füge sich nur aus kindlichem Gehorsam in den Willen des alten Königs, dem allerdings bei der vorgefaßten Meinung, daß jede Verbindung mit einer Prinzessin unter königlichem Range unebenbürtig sei, keine große Auswahl blieb, da nur Frankreich und Spanien in diesem Augenblicke Prätendentinnen der Art bereit hatten.

[153] Und glaubst Du wirklich, mein Sohn, sagte die alte Herzogin, daß der Grund der Weigerung des Prinzen von Wales, sich zu vermählen, allein seiner Abneigung gegen die fremde, seinem Volke verhaßte Kirche zuzurechnen sei? Ich erinnere mich, von dieser Abneigung Manches schon gehört zu haben, ehe noch von einer Unterhandlung mit Spanien über diesen Punkt die Rede war.

Allerdings, sagte der Graf; doch scheint sein rasches nunmehriges Eingreifen in diese Unterhandlungen jene frühere Ansicht zu widerlegen, und es ist nicht einer der unwichtigsten Nachtheile dieser Reise, daß das Volk nunmehr den Vorwurf einer Hinneigung zum Katholischen von dem alten Könige, an welchem man dieselbe ziemlich erfolglos betrachtete, auf den künftigen Herrscher scheint übertragen zu müssen; was wenigstens unbezweifelt der Infantin, sollte sie unsere Königin werden, keine freundliche Stimmung im Volke bereiten wird. Die Abneigung des Prinzen aber, sich zu vermählen, stammt aus einer früheren Zeit. Meine Verhältnisse haben mir nicht erlaubt, darin klarer zu sehen, als die allgemeine Stimme verkündigte, der Prinz habe in früheren Jahren eine heftige und unglückliche Leidenschaft für ein Fräulein von Rang gehegt, die ihn späterhin dem ganzen Geschlechte entfremdet. Wie viel daran war, möchte ich selbst bei der Wahrscheinlichkeit des Gerüchtes nicht entscheiden, obwohl die Thatsache außer Zweifel ist, daß der Prinz außer der allgemeinen ritterlichen Galanterie, die seine liebenswürdige Natur bezeichnet, nie einer Einzelnen den kleinsten Vorzug einzuräumen schien.

O, rief der junge Herzog, wie unendlich viel liebenswürdiger erscheint mir nun noch der Prinz; wenn ich mir diesen Kern des Herzens, diese treue und feste Liebe in ihm denke, die ihn gegen die Verirrungen der Jugend schützte, und ihn so mild und ritterlich zugleich darstellt. Immer war es mir, als ob in [154] seinen Augen so etwas unaussprechlich Anziehendes läge, eine Mischung von Geist und Schwermuth, geschaffen, die Gemüther in der grenzenlosesten Hingebung zu fesseln.

Er hat die Augen der Stuarts, sagte die jüngere Herzogin mit hervorgehobener Kälte; man hat stets viel und in vielen Verhältnissen und an den verschiedensten Individuen von ihrer Zauberkraft gefabelt, und obwohl sie mir diesen Eindruck nie machten, sehe ich doch, die Wirkung blieb für meinen Sohn aufgehoben. Denn wahrlich, fuhr sie fort und streckte die Hand, sich erheiternd, nach ihm hin, Du glühst in der Erinnerung dieser Augen, und Dein künftiger König mag mit Empfindungen zufrieden sein, die Dich, wie es scheint, in grenzenloser Ergebenheit an ihn fesseln werden.

Ja, theure Mutter! Ich würde für den Prinzen, den ich von Kindheit an liebte und durch des Vaters Erzählungen fort lieben lernte, mit Entzücken mein Leben geben, und er wird in mir einen Unterthanen finden, wie er ihn hoffentlich nie bedürfen wird, der seine Rechte mit Gut und Blut zu vertheidigen bereit wäre. – Er wußte nicht, wie er in diesen Worten sowohl sein, als des Prinzen späteres Schicksal bezeichnete. So wird in unserer Empfindung oft Jahre lang vorher die Fähigkeit vorbereitet, die das Leben späterhin in das Dasein ruft, und wir nehmen oft den Platz wirklich ein, den wir in der Jugend mit unsern Träumen und Wünschen umschlichen, ohne seine Erreichung für möglich zu halten. Wer möchte die Grenzen bestimmen, die unser inneres Streben, das uns oft selbst nicht deutlich wird, hier in einem höhern Willen findet; wer kann sagen, ob wir das Schicksal heranzogen durch die Richtung, die wir uns gaben; oder ob es das Schicksal war, welches uns gerade diese Richtung der Ansichten und Empfindungen aufnöthigte, deren wir oft nicht eher uns bewußt werden, als eben in dem Augenblicke, der sie zugleich in Thaten hervortreten läßt. – Die [155] begeisterten Worte des Jünglings hatten eine augenblickliche Stille des Nachdenkens veranlaßt, und vielleicht mochten in den älteren Personen sich ähnliche Gedanken regen; doch die Herzogin liebte nicht, in fremde Empfindungen einzugehen, und hielt gern sich und Andere in den ihr bereits bequem gewordenen Grenzen.

Der Prinz war der Freund meines Gemahls, hob sie an, als ob sie dadurch Alles ausdrücken wolle, was er in ihrem Antheile besitzen könnte, aber ich gestehe, daß ich mich nie bis zu einer Bewunderung dessen habe erheben können, was in meinen Augen selbst in dem Falle, der ihn in den Deinigen, mein Sohn, so zu erheben scheint, nur eine unmännliche Schwäche war. Was ist mehr Gottes unmittelbarer Wille, als der Standpunkt, auf dem wir uns durch unsere Geburt befinden? Mögen Andere mindern Ranges darüber noch in Zweifel sein, der Prinz, der künftige König, muß es wissen, daß er nicht seinen Privat-Empfindungen angehört, und der hohe Beruf, der ihm geworden, dächte ich, müßte das Herz zu größeren Empfindungen entflammen und ihm wohl einen starken Ersatz für jene kleinen Tändeleien des Herzens gewähren, fühlt er sich anders wahrhaft fähig, der großen Anforderung seiner Geburt zu genügen. Könige haben andere Gründe, sich zu vermählen, sie müssen diese Pflicht gegen ihr Volk erfüllen, und müssen, auch ohne ihr Herz, eine solche Ehe würdig zu gestalten wissen. Man sollte überhaupt auch in andern Ständen, etwa als Oberhaupt einer bedeutenden Familie, sich frei zu erhalten suchen von einer Leidenschaftlichkeit der Empfindungen, die uns nur zu leicht aus dem Gleichgewicht zieht, mit dem wir allein im Stande sein werden, ausgedehnte Pflichten zum Nutzen und Beispiele der uns Anvertrauten zu erfüllen. Ich möchte jungen Leuten, die eine Laufbahn beginnen, immer zurufen, erst den Standpunkt zu prüfen, auf den sie durch ihre Geburt gestellt wurden. Was [156] ihnen dann zulässig wäre, würden sie leichter und geschickter wählen, als wenn sie sich regellos entwickeln und ihren Verhältnissen aufnöthigen, was ihre Leidenschaften ihnen nicht zu unterdrücken gestatten. Welche unselige Verwirrungen hat dies in die ehrwürdigsten Familien geführt!

Glaubet nicht, theure Mutter, erwiederte der Herzog, daß ich solcher Verwirrung das Wort redete, aber ein Herz, welches einer tiefen und starken Empfindung in der Liebe fähig ist, müßte, dachte ich, auch den warmen Impuls der Tugend und Pflichttreue dadurch in sich verstärkt fühlen.

Ich wollte nicht tadeln, was Du sagtest, entgegnete die Herzogin; hätte es mir Unrecht geschienen, würde ich Dich ohne Einkleidung meiner Meinung gewarnt haben. Ich ehre vollkommen eine aufrichtige Liebe zu unserm Lehnsherrn, wie ich sie in Deinen Aeußerungen erkannt habe; ich würde meinen Sohn verkennen, wäre es anders. Doch laß uns auf etwas kommen, was mich zu hören verlangt; Du bist mir noch Deine Aufnahme bei'm Könige schuldig. Willst Du der Großmutter und mir Einiges darüber mittheilen?

Der König war sehr gütig, und seine Gesinnungen für unsere ganze Familie sind höchst ehrenvoll; aber die eigentliche Ceremonie ward seiner Gesundheit halber sehr abgekürzt. Auch fand ich ihn so verändert, daß ich ihn wohl unter andern Verhältnissen, die ihn weniger kenntlich gemacht hätten, kaum wieder erkannt haben würde. –

Wie? sagte die alte Herzogin, ist er leidend, oder ist schon wirklich Gefahr für unsern guten Herrn?

Dies möchte ich nicht gerade behaupten, nahm Graf Archimbald das Wort, doch hat er eben ein böses Fieber überstanden, und in seinen Jahren bleibt allerdings eine gänzliche Herstellung zweifelhaft, oder doch nur langsam zu erwarten. Ich habe die Veränderungen seiner Gesundheit auch bemerklich gefunden.

[157] Auch scheint ihn Gram und Sorge über die Reise seines Sohnes sehr erschüttert zu haben, setzte der junge Herzog hinzu; denn er redet Jeden an, um ihm darüber seinen Schmerz und seine Besorgniß auszudrücken.

Diese große Reizbarkeit läßt auf eine allgemeine Schwäche schließen, fuhr Graf Archimbald fort, denn wenigstens bis jeßt sind die Nachrichten aus Spanien so glänzend, daß es scheinen will, das Glück wolle es übernehmen, die kleine Uebereilung unsers theuern Prinzen wieder gut zu machen. Wir haben dies alle dem unvergleichlichen Benehmen des Grafen Bristol zu verdanken, der dem Prinzen eigentlich den Boden bereitete, auf welchem er siegend einher zu gehen scheint, und der auch bei der überraschenden Ankunft des Prinzen mit der größten Geistesgegenwart seine Maaßregeln besser nahm, als unsere nachkommenden Depeschen sie ihm angeben konnten.

Und so wäre diese Sache also wirklich durch den raschen Entschluß des Prinzen befördert? fragte die alte Herzogin.

Dies zu bestimmen, möchte ich vor der Rückkehr des Prinzen nicht übernehmen, sagte lächelnd Graf Archimbald, denn der Herzog von Buckingham begleitet ihn, und wer weiß, ob der Graf von Bristol seine Angelegenheiten nicht zu ruhmvoll betreibt.

Wie verstehst Du das? fragte, unschuldig ihn anblickend, die alte Herzogin.

Wozu, theure Mutter, sagte der Graf, fast zärtlich ihre Hand nehmend, wozu willst Du mit Deinem reinen Geiste Dich zu den Schlangenwegen der Politik, des Neides und Stolzes herablassen? In Deiner Nähe vergesse ich am liebsten den wunderlichen Verkehr der Außenwelt, wenn ich ihr nachher auch wieder angehöre, durch Erziehung und einmal übernommene Stellung. Meldet man uns ja doch in diesem Augenblicke aus Madrid noch die glänzendsten Dinge. Dem Prinzen ist königlicher [158] Rang eingeräumt, die Infantin hat den Titel einer Prinzessin von Wales angenommen, und der König, sein Hof und das ganze hochherzige und ritterliche Volk überhäufen ihn mit enthusiastischer Liebe, da sie allerdings diese Handlung, sie in ihrer ganzen Originalität auffassend, als den höchsten Beweis des Zutrauens zu ihrem National-Karakter ansehen.

Wenn ich Hofdame wäre oder noch am Hofe lebte, versetzte die alte Herzogin lächelnd, so würde ich mir die Stoffe zu meinen Roben aussuchen, in denen ich den Vermählungs-Feierlichkeiten beiwohnen wollte; so sicher erscheint mir die erlauchte Infantin unsere Prinzessin von Wales zu werden, und ich sehe wohl, daß ich trotz meines politischen Gemahls, Sohnes und Bruders wenig Kenntnisse gesammelt habe, da mir hier von keiner Seite mehr ein Hinderniß einleuchten will. – Sie erhob sich freundlich von ihrem Sessel, denn die Mittagszeit war nahe, und man hatte über der Freude des Wiedersehens nicht daran gedacht, sich umzukleiden. Jeder begab sich in seine Zimmer. Der Herzog weigerte sich, die im italienischen Flügel anzunehmen; wodurch er seiner Mutter eine größere Wohlthat erzeigte, als sie eingestand.


Die Gesellschaft des Schlosses hatte, obwohl nun ein längerer Zeitraum zwischen dem Tode des Herzogs verflossen war, doch ein so gedrücktes, schwermüthiges Leben fortgeführt, daß ein Bedürfniß freieren Aufathmens, lebhafteren Treibens bei den Meisten sich dringend einstellte. Auch trat die Zeit als mildernde Vermittlerin selbst für diejenigen ein, die am nächsten dabei gelitten, und machte sie wenigstens geneigt, dem wiederkehrenden Leben stille Zuschauer abzugeben. Das ewige Ergänzungs-System [159] in der Natur läßt auch eine so endlos scheinende Lücke, als der Gram über den Verlust eines geliebten Gegenstandes uns scheinbar öffnet, nicht ohne diesen wohlthätigen Einfluß. Müssen wir auch oft einen bis dahin uns theuer oder doch bequem gewordenen Kreis abschließen, ohne daß wir Grund oder Boden für einen neuen sehen – die kleine, rettende Insel steigt doch endlich aus dem leeren, wüsten Raum empor, auf der wir einen neuen Kreis ziehen, wenn auch endlich immer kleiner, wenn auch unsichtbarer, stiller und einsamer. Das große Geschäft, zu leben, löset uns vor unserm letzten Athemzuge niemals ab; und wer aus freier Kraft die Wünsche ablöst, die dem schönen, ruhigen Lauf des Daseins mit Verwirrung drohen, der fühlt endlich, daß über ihm der Kreis sich vergrößert, der da unten in der Welt sich verengt; und hat er mit diesem endlich abgeschlossen, so gähnt ihm keine bodenlose Tiefe entgegen, sondern ein heller, lichter Strahlenkreis, worin er wieder finden wird, was er verdient.

So ward die Wiederkehr des nunmehrigen Herzogs und des Grafen Archimbald den zaghaften Gewissen zur Entschuldigung der Freude, die nun bald wieder in den schicklichen Grenzen sich zeigte, welche hier mehr, als sonst, beobachtet wurden. Die anspruchlose Natürlichkeit des jungen Herzogs trug hierzu wohl sehr viel bei; er kannte es nicht, sich ein Gefühl aufzubürden, was er nicht hatte. Seinen Vater je zu vergessen, gleichgültig gegen seinen Verlust zu werden, schien ihm so außer dem Bereich der Möglichkeit zu liegen, daß er nicht fürchtete, damit beargwöhnt zu werden. Daher athmete seine Brust in neuer jugendlicher Lust empor, er freuete sich dessen, und es schien ihm dies recht natürlich, da er ja noch viel zu thun hatte, um seines Vaters willen, wozu ihm ein gesundes Herz vor Allem nöthig schien. Darum sah man ihn auch auf das Anmuthigste mit Arabella und Lucie scherzen, und Alles um sich her durch [160] die klare, heitere Miene beleben, die nicht der Ausdruck des Leichtsinns ist, sondern eines sichern natürlichen Gefühls, das Alles eingesteht, weil es nichts zu verbergen hat.

Man hätte denken können, die alte Herzogin habe diese wohlthätige Diversion vorausgesehen oder herbei gewünscht; denn offenbar unterstützte sie mit ihrer liebenswürdigen Laune das Betragen ihres Enkels, und schien sich des Erfolges zu freuen, der selbst über ihre Schwiegertochter sich langsam verbreitete, welche zu mütterlich fühlte, um sich nicht endlich dem Einfluß zu überlassen, den ihr Sohn zu verbreiten wußte, nachdem sie den unangenehmen Eindruck überwunden hatte, diesen Sohn den höchsten Rang behaupten zu sehen, der ihr selbst an der Seite ihres Gemahls, in seiner milden, gegen äußere Vorzüge gleichgültigen Stimmung, so unbestritten gewesen war. Der junge Herzog nahm überall willig das Recht in Empfang, was mit seiner Würde ihm verbunden schien. Wie deshalb aber seine Mutter einen niedern Rang, als früher, einnehmen könne, vermochte er nicht einzusehen; und eben dies, daß der Herzog dies fühlte, versöhnte sie mit den unvermeidlichen Einschränkungen ihres Einflusses und ihrer Macht. – Als man sich zur Tafel begeben hatte und Lucie noch immer ihren Liebling vermißte, brach sie sich mit ihrem klaren Stimmchen Bahn, und sich zu ihrer Mutter wendend, rief sie:

O, liebe Mama, wo ist aber unsere Lady, warum kommt sie nicht zu uns, ist sie wieder krank?

Nein, Lucie, sagte die Herzogin, und die Erinnerung an dieses geheimnißvolle Wesen weckte die stillen Qualen ihrer Brust und veränderte schnell die Farbe ihrer Wangen; fürchte nichts, sie ist wohl auf, aber zu bescheiden, ohne Vorbereitung vor diesen Herren zu erscheinen.

Meinem guten Bruder Robert, meinem lieben Oheim? rief Lucie, vor denen hätte sie immer erscheinen können, die hätten [161] ihr sicher nichts übel genommen, wenn sie auch fremd ist, wie Du sagst. Nicht wahr, Oheim? Nicht wahr, Robert?

Was meinst Du, Lucie? Wen hast Du, dem Du Protection gewährst? fragte Graf Archimbald, während Roberts Blicke sich fragend zu seiner Mutter wendeten.

Wir haben einen Gast, mein Sohn, hob die Herzogin gezwungen an, über den ich noch nicht den passenden Augenblick finden konnte, Dir meine Mittheilungen zu machen. Ich habe während Deiner Abwesenheit ihr den Schutz dieses Hauses gelobt, den sie, unglücklich und verlassen, für den Augenblick zu bedürfen scheint. Du wirst mich sehr verbinden, wenn Du meine Worte bestätigen willst.

Meine theure Mutter, rief der Herzog, und über sein jugendliches Antlitz flog die Röthe der Ueberraschung und der Beschämung, Euer Durchlaucht sind hoffentlich vollkommen überzeugt, daß es hier keine Autorität giebt, Ihre Anordnungen und Befehle zu bestätigen. – Es war vielleicht das erste Mal, daß ihn der Gedanke flüchtig berührte, wohin der stolze Sinn seiner Mutter sich verirrte, den er aber mit Erschrecken aufzunehmen schien.

Die Herzogin war mit dieser Huldigung zufrieden, und ohne sie weiter zu beantworten, fuhr sie sichtlich freier, gegen die Hauptperson sich wendend, fort: Ich habe gestern ihre rührende Geschichte gehört, sie ist von vornehmer Geburt, eine Gräfin von Melville, eine Enkelin des Sir Robert Melville, und obwohl ihre Eltern gestorben sind, lebt ihr doch noch ein Oheim, für dessen Auffindung wir Eure Güte, Graf Archimbald, in Anspruch zu nehmen denken.

Graf Archimbald verbeugte sich und wiederholte blos den Namen Melville, als säh' er in Gedanken in der großen Namenliste seines Gedächtnisses nach diesem sich um. Die Herzogin erzählte alsdann kurz und mit vieler Geschicklichkeit die Geschichte [162] der Auffindung und der Krankheit der jungen Dame, und schloß mit einem fast unwillkürlichen Lobe ihrer Schönheit und feinen Erziehung. Die Wirkung dieser Erzählung auf beide Männer war auffallend, wenigstens für die Uebrigen, an diese seltsame Erscheinung bereits Gewöhnten. Man sah hier recht, wie das Geheimnißvolle über alle Menschen eine Gewalt übt, welche zu läugnen, eben so vergeblich wäre, als ihr gänzlich entgehen zu wollen.

Da die Sache jetzt einmal in Anregung gekommen war, wünschte die Herzogin nunmehr auch die persönliche Bekanntschaft mit ihrem Schützlinge einzuleiten, und gab zu dem Ende ihren Töchtern den Auftrag, die Lady am Nachmittage zu besuchen und sie, wenn es ihre Gesundheit erlaube, um die Theestunde nach ihren Zimmern mit herüber zu führen. Dieser Auftrag ward mit Freude von den Töchtern empfangen und verwies die aufgeregte Neugierde der Herren an ein leicht zu erreichendes Ziel; während es die Herzogin selbst beruhigte, weil sie mit ihren eigenen Gedanken über die Gräfin außer Zweifel kommen wollte. Ihre Schwiegermutter hatte, trotz ihrer argwöhnischen Aufmerksamkeit bei der Vorstellung der jungen Dame, ihr durchaus keine Aufschlüsse gewährt, indem sie jene nur mit dem freundlichen Antheil empfangen hatte, der sowohl ihrer Lage, als ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit billig zuzukommen schien.

Als daher die Theestunde herangerückt war, die um der alten Herzogin willen mit großer Aufmerksamkeit gehalten wurde, obwohl dies keineswegs damals schon zu den Sitten Englands gehörte, und sie sich, von ihrem Sohne geführt, bei ihrer Schwiegertochter eingefunden hatte, konnte diese die Ankunft des Herzogs in steigender Ungeduld nicht erwarten, und Pons flog auf den ihm wohlbekannten Wink dahin, die jungen Damen abzuholen. Die Herzogin hatte in der Nähe eines der hohen Bogenfenster, welches, geöffnet, einen heitern Blick auf die [163] Gebüsche der Terrassen und die dahinter ausgebreitete Landschaft gewährte, die Sessel stellen lassen, welche die Familie aufnehmen sollten. Man saß so dem mit schönen Gemälden und kostbaren Geräthen geschmückten Saal gegenüber, der mit diesem Zimmer durch einen hohen und breiten gothischen Spitzbogen verbunden war; diesen hatte man, seines kunstreichen Schnitzwerkes und seiner prachtvollen Vergoldungen wegen, ohne Thüren gelassen, und nur durch einen reichen seidenen Vorhang die Zimmer nach dem Bedürfniß der Bewohner getrennt. Jetzt war derselbe von einander gerollt und gewährte eine schöne Aussicht in den eben erwähnten Saal, an dessen Ende sich, dem Bogen gegenüber, die breiten vergoldeten Eingangsthüren befanden. Die Herzogin hatte, ihre Schwiegermutter an ihrer Seite, ihren Teppich vorgenommen und arbeitete, wie es schien, mit der vollkommensten Ruhe an der Bildung einer künstlich verschlungenen Blume, während Graf Archimbald, vor ihr stehend, mit großer Beredsamkeit ihr die verschiedensten Mittheilungen machte über Freunde und Verwandte in London. Die Herzogin hatte ihm einige Mal schon den Sessel angeboten, der ihm die Richtung gegen den Saal zu gegeben und ihn für ihre Beobachtung bequemer gestellt haben würde, aber außer einer stummen Verbeugung hatte er sich nicht unterbrechen lassen, da er, wie es schien, zu stehen vorzog.

Jetzt öffneten sich die Thüren. Die Erwarteten zogen in bunter Ordnung durch den Saal, und Graf Archimbald sprach noch immer, mit dem Rücken dahin gewandt, lebhaft und zu laut, um das Geräusch der Nahenden zu hören, als die Herzogin in voller Ungeduld zu dem letzten Mittel griff, und mit Hand und Augen und freundlichen Mienen um ihren Schwager herum in den Saal hinein grüßte, für den Augenblick unbekümmert über die sonderbare Huld, und einzig bestrebt, ihren hartnäckigen Schwager zu wenden. Dies gelang, er trat zurück [164] und folgte der Richtung mit den Augen, welche seine Schwägerin so lebhaft anzugeben bemüht war, und der Blick, den der Graf jetzt prüfend und immer prüfender dahin sandte, und die auf seinem Gesichte unverkennbare Spur innerlicher Ueberraschung befriedigte die Herzogin zu ihrem eigenen Nachtheil vollkommen über die List, die sie sich erlaubt hatte, und über das davon erwartete Resultat.

Die jungen Damen, von ihren Gouvernanten und Master Copley begleitet, näherten sich nur langsam, sprechend und mit Lucie tändelnd, welche die Zipfel des langen durchsichtigen Schleiers ergriffen hatte, den die Gräfin Melville trug, und den sie durchaus als ihr Page dienend ihr nachtragen wollte. Dadurch aber drängte sie dieselbe vor, und es schien wirklich, als ob die sie Begleitenden ihr Gefolge ausmachten. Die Gräfin trug noch immer Trauerkleidung, welche von schwarzem seidenen Stoff auf ihren Wunsch erneut war, und nach der damaligen Mode in einem Mieder bestand, welches die Schönheit der Taille sehr vortheilhaft bezeichnete, und Schultern und Nacken enthüllte, während der Rock in feinen Falten sich bis zu den Füßen senkte. Dazu gehörten noch die weiten lang niederhängenden Oberärmel, welche, aufgeschnitten, den zierlichen Unterärmel zeigten, der eng anliegend, die Form des Armes umschloß.

Der einzige Schmuck dieser einfachen Kleidung bestand in dem uns bekannten Kreuze, welches an der Perlenschnur von ihrem Halse hinab bis auf die Spitze des Mieders hing, und dessen Werth die Besitzerin wenig kannte, obwohl vielleicht kaum ein ähnliches Geschmeide sich in dem Besitz der reichen Edelfrauen des Landes befinden mochte. Das Haar trug sie nach französischer Sitte über die Stirn gescheitelt und von den Schläfen an in vollen Locken bis zu den Schultern hinabwallend. Das dunkle und glänzende Braun dieses Haares hob die Lilienweiße ihrer Haut, welche nur einen leichten Anhauch [165] von Röthe auf den lieblich geformten Wangen zuließ und dem Lichte auf diesem Antlitze fast etwas Strahlendes gab. Es lag außerdem in jeder Bewegung und in ihrer ganzen hohen und feinen Gestalt etwas Ungewöhnliches, so daß sie die Aufmerksamkeit fesseln mußte. Sie schien jetzt ganz mit Lucie beschäftigt, und in ihren Scherz eingehend, hatte sie den schönen Kopf halb zurückgebogen, um mit ihrem kleinen lieblichen Pagen zu kosen. Auf dem dunkeln Grunde des Schleiers ruhte die feine Linie von Stirn und Nase, und zeigte das gesenkte Auge mit seinen langen schwarzen Wimpern nur in der hohen und schönen Wölbung, zu einer Vollendung der Form erhoben, welche auch ohne die Entschleierung des vollen Blickes eine Verheißung unendlichen Liebreizes war. So hatten sie sich dem Eingange spielend genaht, da erwachte Graf Archimbald aus seinem Anschaun.

Wer ist das? rief er lebhaft, unfähig, sein Auge von dem Eingange zu wenden. Meint Ihr die Gräfin Melville? sagte die Herzogin mit einer solchen Kälte und Gleichgültigkeit, daß der Graf wegen des Kontrastes mit ihrer eben geäußerten Theilnahme ganz erstaunt zu ihr sah, – und die beiden sich so wohl Kennenden bedurften hier nur eines flüchtigen Blickes, um sich gegen einander verrathen zu sehen.

Aber es war nicht Zeit zu näheren Erörterungen, denn so eben trat die Gräfin unter den Bogen des Eingangs. Sie wendete ihr Gesicht zu den Anwesenden und suchte mit ausgebreiteten Armen den Schleier aus Luciens Händen zu ziehen. Dadurch wölbte sich der schwarze Flor zu einer Nische um sie her, und als sie langsam und mit steigender Röthe die großen dunkeln Augen aufschlug und einen Augenblick stillstehend ihre nächsten Schritte zu bedenken schien, glich sie eher den idealischen Träumen eines Raphael, als einem menschlichen lebenden Wesen. Die Herzogin hörte hinter ihrem Stuhle von ihrem Sohne, der leise hereingetreten war, einen Ausruf der Bewunderung, ohne [166] dadurch überrascht zu sein; ward doch auch sie von dem Wesen beherrscht, welches dazu bestimmt schien, durch dieselben Reize, durch die sie die trübsten Gedanken der Herzogin erweckte, sie auch zu bewältigen und zu versöhnen.

Die Sprache der Bewunderung oder des Beifalls, den wir einflößen, ist, wenn auch nur in Blick und Mienen ausgedrückt, eine so leicht sich mittheilende Sprache, daß sie sich auch denen verständlich macht, die mit der ersten jugendlichen und so glücklichen Unbefangenheit sie nicht durch ihre Vorzüge herbeigeführt wähnen, aber dennoch von dem Wohlwollen sich gehoben und erfreut fühlen, das ihnen entgegentritt. Es ist dies einer der schönen Genüsse jenes Alters, wo wir weder Auszeichnung erwarten, noch verlangen, und was uns davon gewährt wird, mit großmüthigem Enthusiasmus dem Ideale zurechnen, welches wir uns von den brüderlichen Liebesbanden der menschlichen Gesellschaft entwarfen, – glückliche Träume! welche uns noch frei und lebendig in unserer eigenen Gestalt mit fröhlichem Vertrauen hervortreten lassen, während wir später oft nur den Wunsch behalten, durch gänzliche Unbemerktheit so wohl dem Lobe, als der Verfolgung zu entgehen.

Die Gräfin Melville fühlte in dem Kreise, in den sie trat, und aus den auf sie gerichteten Augen etwas ihr entgegen dringen, das ihre Seele mit Vertrauen und der unschuldigen Heiterkeit erfüllte, deren Ursache wir eben erwähnten. Er belebte ihre Züge und zog den feinen Anfang eines süßen Lächelns um ihren Mund, während sie leicht vorglitt und die kindliche Bewegung machte, der jüngern Herzogin die vorgestreckte Hand zu küssen, welches diese jedoch lebhaft verweigerte. Haben wir Euch wieder? sagte sie dabei sehr freundlich, ich sehe, Lucie hat das Sicherste erwählt, sie hielt Euch fest und that Pagendienste, daß Ihr uns nicht wieder entfliehen konntet.

[167] Weigerte sie sich denn, zu uns zurück zu kehren? sagte die alte Herzogin und küßte das liebliche Mädchen auf die Stirn, während sie einen Augenblick vor ihr auf den Fußschemel sich neigte; dann soll sie zur Strafe neben uns sitzen und mir Seide zupfen helfen.

Ich möchte gefehlt haben, um dieser Strafe nicht zu entgehen, sagte heiter und mit holdem Lächeln die Gräfin, machte mich der Fehler nicht der lieben Strafe unwerth. Doch lieber sag' ich, daß Arabella und Lucie meiner Sehnsucht zu Hülfe kamen; es war mir so bang und traurig dort oben allein, und mich verlangte die Freude zu sehen, die ich hier nun verbreitet wußte. – Hier streifte ihr helles Auge den jungen Herzog, der immer noch unbeweglich hinter seiner Mutter stand und den Blick vergeblich von einem Gegenstande zu wenden suchte, der seine jugendliche Phantasie mit allen ihren Träumen überflügelte. Von dem Ausdrucke betroffen, womit der Herzog sie anblickte, wandte sie ihre Augen schnell, um sie einen Augenblick auf dem Grafen Archimbald ruhen zu lassen.

Erlaubt, Lady Melville, daß ich Euch meinen Sohn, den Herzog von Nottingham, vorstelle, sagte jetzt die jüngere Herzogin, er freut sich, den Schutz zu bestätigen, den ich so glücklich war Euch zu gewähren. Mylord, sagte die Gräfin, als der Herzog zu antworten zögerte, und neigte sanft ihr schönes Haupt, ich bitte Gott, daß er Euch segnen wolle in diesem ehrwürdigen Hause, und danke Euch, daß Ihr mir den Schutz nicht entziehen möget, den Eure erhabene Mutter mir so großmüthig gewährte.

Die Gräfin Melville, hob jetzt der junge Herzog mit einer von Gefühl überfüllten Stimme an, ist nicht in dem Falle, um Schutz bitten zu müssen; wo sie sich zeigt, wird sie über das zu gebieten haben, was Jeder zu leisten vermag. Ihre Gegenwart ist eine Gunst des Schicksals, die zu verlängern der einzige [168] Wunsch bleiben möchte. – Er hatte sich ihr bei diesen Worten mit einer Ehrerbietung genähert, die auf seinem glühenden Gesicht einen Ausdruck hervorrief, der seine Worte noch verbindlicher machte. Seine Mutter fühlte sich unwillkürlich geneigt, ihn zu unterbrechen, und eilte, ihr den Grafen von Glanford, ihren Schwager vorzustellen. Beide Herren schienen, obwohl in sehr verschiedenem Verhältniß, doch jeder in seiner Art, der Schönheit ihren Tribut zahlen zu müssen. Graf Archimbald wußte nämlich für den ersten Augenblick sich nicht mit seiner gewöhnlichen Politur in einigen Worten auszudrücken, sondern schien, zerstreut und abgezogen, und doch ganz mit der Gräfin beschäftigt, kaum einige Ausdrücke der Höflichkeit finden zu können. Nicht so die Gräfin, welche von einem angenehmen Erstaunen ergriffen, sogleich ausrief:

Graf Archimbald Glanford, Ihr seid der berühmte Graf Glanford, der Freund des Prinzen Heinrich von Wales! Wie glücklich macht es mich, Euch kennen zu lernen! O Mylord, wie oft hörte ich von Euch erzählen, wie wurdet Ihr geliebt von meinem Oheim, meiner theuern Tante! Wie lange verehrte ich Euch schon vor diesem Augenblicke! – Sie hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen, von welcher sie jetzt selbst überrascht schien, und die Furcht, zu dreist hervorgetreten zu sein, übergoß ihr Gesicht mit Purpur und senkte ihr Auge mit wachsender Verlegenheit zur Erde. Doch der Graf war durch diese verständlichen Zeichen und die schmeichelhafte Beziehung, die darin für ihn lag, angenehm zu sich selber gekommen und eilte mit seiner ganzen Gewandtheit, ihr zu Hülfe zu kommen.

Er führte sie, höchst verbindliche Dinge sprechend, zu ihrem Sessel, und die Art von Vergnügen, welches er über ihre Mittheilung auszudrücken versuchte, beruhigte leicht das erschrockene Fräulein, welche nun die Augen mit Vertrauen und mit der holden Klugheit einer jugendlichen Beobachtung auf sein unschönes[169] Antlitz wandte, und vielleicht nicht ganz ohne Erstaunen die sehr gewöhnliche Bildung des berühmten Mannes erkannte. Doch war, was wir mit dem Worte gute Erziehung bezeichnen, bei ihr Bildung des Herzens und des Verstandes geworden. Sie unterdrückte daher nicht allein das wenig befriedigende Resultat ihrer Beobachtung, sondern ihr edles Gefühl milderte selbst gleich im Entstehen eine Regung der Art, weil sie die unsichtbare Schönheit der Seele verehren und die zufällige Hülle vergessen gelernt hatte. Auch bestürmten zugleich ihre Brust die vereinten Gefühle, welche ihr der Anblick eines von den Ihrigen gekannten und geachteten Mannes erregte, und die trostlose Trennung von all diesen Lieben, und das Gefühl der Güte, des Schutzes, des Werthes ihrer neuen Umgebungen, machte sie vielleicht nur desto weicher.

Es giebt ein unendliches Weh des Herzens, das sich von einem großen und bestimmten Kummer dadurch unterscheidet, daß es zusammengesetzt ist aus einer Mischung von Leid und Freude, die das klagende Wort vergeblich auszudrücken strebt, deren Süßigkeit wir mit dem Thau unserer Thränen netzen, die Gott uns eben für dieses halbverstandene Gefühl des Herzens verliehen zu haben scheint.

So fühlte sich die junge Gräfin, aus so großem Elend errettet, unter die edelsten Menschen versetzt, ihres Wohlwollens gewiß. Welch ein Glück! Welch' eine dankbare Verpflichtung gegen Gottes Güte! Und doch getrennt von Allem, was ihr Herz bis jetzt Glück genannt hatte, von einer Unsicherheit, einer Einsamkeit ihrer Lage überfallen, von der die Ahnung früher sie nicht hatte berühren können – welch' eine Fülle von Schmerz zugleich!

Unser Geist besitzt oft eine wunderbare Schnelligkeit, uns Alles im selbigen Momente vorzuführen, was unser Leben ferner oder näher bewegte. Ueber die Saiten in unserer Brust streift [170] die Gedankenflut daher, sie alle berührend, des erregten Chaos spottend, welches dann in ihrer Tiefe aufgährt. Wie von körperlichem Schmerze, so dehnte sich das junge Herz in dieser bangen Qual, als der Graf von Glanford, nach den Thrigen liebreich forschend, sie um die Namen seiner unbekannten Freunde fragte. Sie hob das Auge, welches redender, als ihr im Schmerz geschlossener Mund, zu ihm sich wandte, doch bald in große Tropfen sich verhüllte, die bebend auf ihre heiße Wange sich entluden und stets von Neuem aus der Fülle des gepreßten Herzens sich ersetzten. Es war etwas Unaussprechliches in der Theilnahme, womit man dies bezaubernde Antlitz bis zum Schmerze getrübt sah, um so mehr, da man es einen Augenblick früher in seiner ursprünglichen freien Schönheit und Klarheit geschaut hatte. Graf Glanford war dazu bestimmt, zum zweiten Male verlegen zu werden; denn er sah sich als die unschuldige Ursache ihrer aufgeregten Wehmuth an, und war doch wenig darauf eingerichtet, in diesen zarten Keimen des Gefühls sich zurecht zu finden, und doch zugleich wie dazu aufgefordert, sich hier vermittelnd zu erweisen.

Gewiß wären ihm die Damen, die ihre Theilnahme nicht länger zurück halten wollten, zu Hülfe gekommen, hätte nicht der klare und starke Verstand des liebenswürdigen Mädchens sich selbst die Hülfe verschafft, die ihrem überwallenden Gefühle das Maaß zu geben geneigt war.

Zürnet mir nicht, Mylord, sagte sie und brach mit Gewalt die schönen Lippen zum bittenden Lächeln, während sie die heißen Tropfen in ihren Augen erdrückte, ich bin fremd und neu in der Fülle der Traurigkeit, in die mich Gottes Wille geführt hat; aber meine theuern Erzieher sollen nicht vergeblich in Sorge und Liebe sich um mich bemüht haben, ich will stark werden auch im Unglück. Vergebt mir, ich ward jetzt überwältigt, weil meine Gedanken an Allen hinglitten, die ich geliebt und verloren habe. [171] Aber, fuhr sie völlig gesammelt und mit einem rührenden Eifer fort, ich war undankbar, so viel Schmerz zu empfinden, wo ich auf's Neue nur Ursache zu danken hatte, da ich in Euch, Mylord, eine hochverehrte und von den Meinigen gekannte Person fand. Ihr werdet den Grafen von Marr, meinen theuern Oheim, kennen, Ihr werdet ihn zu mir führen; Ihr sahet ihn vielleicht jetzt, denn Ihr kommt ja aus London, Ihr mußtet ihn sehen, denn er lebt im Gefolge des Königs.

Sie hatte diese Worte mit Hast gesprochen, während ihre Augen immer mehr vom Glanze der steigenden Hoffnung sich belebten, und jetzt zur Gewißheit einer schnellen Nachricht von dem theuern Oheime gelangt, hing ihr Blick mit freudiger Erwartung am Munde des Grafen. Aber es stand nicht in seiner Macht, diese ersehnte Auskunft zu geben, ja, er verbarg nur mit Mühe sein Erstaunen über einen Namen, den er allerdings unter dem schottischen Adel als angesehen kannte, den er aber am Hofe des Königs nie unter denen hatte nennen hören, die ihn dort umgaben; viel weniger noch war eine solche Person ihm selbst bekannt.

Mein Aufenthalt in London, Mylady, sagte der Graf mit aller Schonung, welche das ungeduldige Verlangen der Fragenden ihm auferlegte, war in dieser Zeit nur kurz und wenig um die Person unsers gnädigen Königs. Seine Gesundheit beschränkte ihn auf das fast nur augenblickliche Erscheinen bei höchst nöthigen Feierlichkeiten; er blieb sonst auf seine innern Gemächer und seine gewohntesten Umgebungen beschränkt, und da ich – wie meine Schwägerin vielleicht schon die Güte hatte Euch zu erwähnen – früher meinen Aufenthalt in Deutschland nahm, so konnte leicht mir unbekannt bleiben, daß der Graf von Marr sich am Hofe befindet. Ich kann Euch also leider für diesen Augenblick keine erwünschte Auskunft geben.

Aber, fiel hier der junge Herzog mit Ungeduld und dem Verlangen, zu dienen, ein, Euer Wunsch soll auf das Schnellste [172] in Erfüllung gehen. Ich eile meinem Bruder Richmond Eure Befehle zu übergeben, er lebt durch meinen Großoheim in unmittelbarer Berührung mit der Person des Königs, er wird so glücklich sein, Euern Oheim aufzusuchen, und ihn von dem Aufenthalt benachrichtigen, den Ihr hier anzunehmen uns würdigt. Habt die Gnade, unterrichtet mich, ob Ihr noch weitere Mittheilungen zu machen habt, bestimmt, wann ich den Boten absenden soll.

Sehr verschieden war der Eindruck, den diese ganze Scene bis auf die letzten Worte des Herzogs, auf die Anwesenden hervorbrachte.

Die junge Gräfin wandte sich von der untergehenden Hoffnung in dem Grafen, der neu erweckten in des Herzogs thätigen Verheißungen zu, und wer hätte auch nicht aus dem aufrichtigen, zuverlässigen Ausdruck dieses Gesichts Hoffnung schöpfen wollen! Die Gräfin selbst, so hingebend und empfänglich gebildet, fühlte sogleich ein fröhliches Vertrauen zu ihm aufleben, und ihr schönes Auge dankte ihm, noch ehe die holden Lippen es vermochten:

Ihr seid so großmüthig, so mitleidig mit meiner kindischen Unschuld! Er wird ja ebenso, wie ich, sich bestreben, mich zu suchen. Ich könnte es erwarten, aber viel freudiger wird mir doch sein, wollt Ihr gütig thun, wie Ihr so eben sagtet; dann wird sich leichter und schneller dies ersehnte Wiederfinden treffen, und ich werde Euch viel danken, ach, unendlich viel, setzte sie innig hinzu, unendlich viel, wie diesem ganzen Hause! –

Dessenohngeachtet, sagte die jüngere Herzogin, möchte ich bitten, die Sendung, die Du zu machen denkst, noch so lange aufzuhalten, bis daß ich die mir mitgetheilte höchst anziehende Geschichte unserer jungen Freundin dem Grafen Archimbald, ihrer Erlaubniß gemäß, mitgetheilt haben werde; denn es wird dann, denke ich, die Art, wie die Nachfragen nach [173] den Verwandten der Gräfin einzuleiten sind, besser sich bestimmen lassen.

Mit diesem Ausspruch schien Niemand zufriedener, als Graf Archimbald, welcher lebhaft darein einstimmte. Unverkennbar war dagegen ein leichter Anflug von Erstaunen in den Zügen der jungen Gräfin, welches zu sagen schien, was es noch einer besondern Art der Nachfrage bedürfe, wo der Weg so einfach vor Augen liege; und der junge Herzog, dem dies in der gespannten Aufmerksamkeit, mit der er sie betrachtete, nicht entging, fühlte sich eben nicht dadurch zu einer unbedingten Beistimmung veranlaßt.

Wenn die Gräfin Melville gern und ohne Zwang in diese Zögerung willigt, sagte er ernst, aber ehrerbietig gegen die Herzogin geneigt, wird Euer Wille, wie immer, mir Befehl sein; doch bitte ich Euch, thut Euerm Herzen nicht Zwang an, sagt ein Wort, und ich eile in dieser Stunde noch, Boten nach London abzusenden.

Nein, Nein! Mylord, seid nicht so rasch, rief hier die Gräfin, denn ihr kluges Auge hatte schnell den stolzen Blick der Herzogin aufgefaßt, der der kleinste Widerstand zur Kränkung ward. Nie möchte ich gegen den Willen Eurer verehrten Mutter handeln wollen. Wie kann ich übersehn, was sie in ihrer weisen Güte als Recht erkennt? Nein, Mylady, bestimmt es selbst, wann dieser Schritt geschehen soll, ich will nicht mit kindischer Ungeduld Euch lästig werden, und Euch vertrauen, lieber und ruhiger, als mir selbst.

Diese Worte, so wahr und rein aus dem Innern kommend, gingen wie ein Engelgruß von Herz zu Herzen. Der ernste Anflug, den die Erwähnung so wichtiger Umstände hervorgerufen, schien von ihr, die ihn veranlaßt hatte, ebenso wieder gebannt zu werden. Die alte Herzogin half stets eine freie und ruhige Stimmung begünstigen, die jüngere Herzogin war versöhnt und [174] suchte ihre innere Unruhe zu bekämpfen. Graf Archimbald mischte sich um so schneller in das Spiel leichter Worte und Scherze, als er alle Gefühlsscenen gern vermied, und die bescheiden zurückgezogenen Töchter und Damen des Hauses fühlten sich zur willkommenen Theilnahme angeregt; nur der junge Herzog war verändert, und seine ganze Fähigkeit schien in ein tiefes Anschauen der Gräfin Melville aufgelöst. Aber auch er widerstand dem Zauber nicht, den sie über Alle übte. Sein Interesse weiblich zart errathend, sah sie darin nur eine willkommene Veranlassung, gütig den zu behandeln, der sich ihr theilnehmend gezeigt. Unschuldig begegnete sie seinem Blicke, fragte das Wort so oft ihm ab, daß er, selbst endlich redend, heiter zum seligsten Gefühle seines erhöhten Selbstes kam, und nun in einer Belebung der Gedanken und Gefühle dahin wogte, daß er wieder Allen, die ihn kannten, verändert erschien, nur der jungen Gräfin nicht, die ihn recht lieb haben mußte und sich recht froh gestand, wie gut doch Alle waren, die dies Haus umschloß.


Die Gesellschaft nahm am andern Morgen in der schönen mittleren Halle, von der Lieblichkeit des Tages angelächelt, das Frühstück ein, das in ungezwungeneren Formen, als die Mittagstafel, den Damen kleine Geschäfte, den Herren Gelegenheit zu tausend höflichen Dienstleistungen verschaffte, die nicht durch Vorschneider und Mundschenk besorgt werden durften, wie es die Etikette der Tafel verlangte. Man saß, weil man wollte, man schlüpfte von einem zum Andern, es war erlaubt, und die ungezwungene Laune waltete mit der leichtern Form lieblich über Allen.

Die in der Haus-Livree, nicht in Gala, die erst zu Mittag eintritt, versammelten Diener sind um diese Zeit, von den [175] Stühlen entfernt, zu der Bedienung des Schenktisches versammelt, oder paradiren in stummer Aufmerksamkeit, bis ein Pfeifchen, ein Wink, ein Ruf von der Tafel herschallt, der ihre Hülfe begehrt. Jeder kennt den ihm eigen zugehörigen Dienst, und kein unruhiges Sausen der sich überrennenden Diener stört die freie Bewegung der Herrschaften und ihre heiter waltende Laune. Die Dienste, welche diese sich leisten und dadurch in das Amt der Diener eingreifen, werden auch für diese Klasse der Anwesenden eine unendliche Quelle scherzhafter und launiger Bemerkungen und Beobachtungen. Was beim Frühstück geschah, wird für sie oft die Veranlassung fröhlicher Gespräche für den übrigen Theil des Tages, wo die Schloßbedienten endlich am Kaminfeuer mit der geringeren Dienerschaft im Kleinen die vornehmen Manieren und herablassenden Scherze nachahmen, die sie am Morgen ausspenden sahen.

Seit lange schien kein Tag fröhlicher zu beginnen, als dieser. Die jungen Damen fühlten ihre Laune belebt durch die gewandte Heiterkeit des jungen Herzogs. Graf Archimbald verstärkte durch einzelne eingestreute Worte die harmlosen Witzfunken der jungen Leute. Die alte Herzogin saß mit ihrem feinen Angesichte, wie die Quelle unschuldiger Heiterkeit, oben an. Sie erzählte kleine Züge von alten, längst vergessenen Sitten, ja, sie sang sogar mit einem feinen Silberhauche der Stimme den Vers einer Ballade, den sie oft ihrer Mutter, der Gräfin Burleigh, von der armen Spinnerin Josseline singen mußte, welche für ihren Fleiß dadurch belohnt ward, daß ihre eignen schönen blonden Locken sich in Goldfäden verwandelten, die sie täglich unverringert spinnen durfte und so die Gemahlin eines Fürsten ward. Nicht ohne Wahrscheinlichkeit, sagte sie lachend, daß sie nicht gar unsere Stamm-Mutter ist; denn mütterlicherseits war es ein angesehenes altes Geschlecht, dem mein Vater seine Tugenden zugesellte. Wer hätte bei dieser Erzählung[176] nicht unwillkürlich auf Lucie geblickt, deren goldlockiges Köpfchen aus dem Arme der Großmutter über die Tafel sah und an die Ahnfrau denken ließ, die so liebliches Lockengespinnst auf diesen reizenden Nachkömmling verpflanzt zu haben schien. Doch Luciens Seele hing mit Begierde an der Erzählung von Josseline. Sie wußte nicht, daß sie blonde Locken habe, und kannte das Dasein derselben nur aus den Bemühungen der Miß Dedington, wenn diese sie glänzend zu kämmen und mit Schleifen zu durchschlingen pflegte, auf Unkosten der ganzen Geduld der dadurch sehr sich gequält fühlenden Kleinen. Du siehst, Lucie, sagte ihre Mutter, zu ihr hinüber lächelnd, wie Fleiß und Tugend immer belohnt werden, Du sollst mir künftig den Vers von Josseline singen, wenn Miß Dedington Dir ein gutes Zeugniß giebt, und kann ich Deine Locken auch nicht in Gold verwandeln, zum Lohne finde ich doch wohl Manches, was statt des kostbaren Gespinnstes Dir Freude macht. Das entzückte Lächeln Luciens verschwand, als sie die von geheimer Schuld gelenkten Blicke auf Miß Dedington wandte, welche, zwar nicht ungütig, aber doch Lucien bemerklich, schnell mit dem Finger drohte und dann fortfuhr, ihr Frühstück zu halten.

Ein breiter kindischer Seufzer machte sich aus Luciens kleinem Herzen Luft, und sie sagte ganz ernst und nachdenklich:

Das ist Alles lang her; müssen wir denn immer immerfort fleißig sein, ist denn nicht Einer, der doch den lieben Gott lieb haben kann und nicht immer zu arbeiten braucht? – Graf Archimbald hatte schon einige ketzerische Worte in Bereitschaft, unendlich ergötzt durch die unbewußte Ironie, womit Lucie sich gegen den harten Preis ihrer Gottesliebe auflehnte, aber der lächelnde Mund wendete sich ab, als die alte Herzogin mit liebender Hast ihr sanftes Nein sprach und einige Worte hinzufügte, die das holde Kind wieder aufblicken ließen. Besonders half dazu das Versprechen, ihr die Ballade von Josseline zu lehren, [177] damit sie im zu hoffenden Falle doch die Mutter an ihr Versprechen erinnern könne. Und dann, rief Lucie, wenn ich zuerst Josseline singe, was schenkst Du mir dann? Nun? sagte die Mutter wieder fragend, was möchte wohl Luciens Herz erfreuen? Lucie hielt die kleinen Hände jauchzend vor den Mund und blickte schelmisch zu ihrer Mutter herüber, dann rief sie überlaut, die Händchen hoch ausstreckend: Ein Pferd, Mama! ein schönes kleines Pferd! Ein Pferd? rief es von allen Seiten, und lautes Lachen tönte den Worten nach, und Lucie flog im frohen Jubel um die Tafel, ihren Wunsch unablässig wiederholend, den sie von Allen mit Scherz und Lachen aufgenommen sah. Hat man je gesehen, daß ein solches Kind ein Pferd besteigt, rief der junge Herzog und fing Lucie in seine Arme auf, mit zärtlicher Liebe sie an sein Herz drückend. Du wildes Kind, so erwarb Josseline ihre goldenen Locken nicht.

O scheltet sie nicht, Mylord, sagte Lady Melville und zog Lucie, strahlend von eigener jugendlicher Heiterkeit, zu sich heran; ich, Lucie, bin ganz Deiner Meinung. Nichts Schöneres giebt es, als ein muthiges, leichtes Pferd, welches uns mit seinem raschen Fluge dahin trägt, als ob Schwingen uns entführten, dessen klugem Blicke wir vertrauen können, das unsere Liebe versteht, und den feurigen Willen mit Treue und Güte dem leichten Zucken unsers Fingers fügt; ein schönes, herrliches Geschöpf Gottes!

Zu Pferde! Zu Pferde! rief der junge Herzog und sprang mit lauter Freude von seinem Sessel, entzückt von der Lobrede, welche von so schönem Munde seinem Lieblingsvergnügen gehalten ward. Alles erhob sich. Die schöne reine Morgenluft, der sonnige Himmel, die grünende Erde im zartesten Schmucke des Frühlings, Alles schien die Stunde zu einem fröhlichen Ritt zu begünstigen. Die ältern Damen gewährten freundlich den jüngern dies Vergnügen, an dem sie nicht mehr Theil nahmen; [178] ein Wort der Herzogin hielt Graf Archimbald gleichfalls zurück, und so wurde dem jungen Herzoge die Anordnung übergeben, welcher sogleich mit Ramsey fortstürmte, selbst die Befehle dem Stallmeister zu ertheilen und das schönste Pferd für die zu wählen, die so feurig seine Tugenden zu erkennen wußte.

Die jungen Damen entfernten sich mit Mistreß Corby, um sich zu diesem Vergnügen zu rüsten. Lucie bekam von Miß Dedington das Versprechen, die Damen von dem Altan der Großmutter in das Thal reiten zu sehen. Dahin begaben sich auch die drei älteren Personen, da die jüngere Herzogin um Erlaubniß gebeten hatte, ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Gräfin Melville mittheilen zu dürfen.

Kaum hatte man den Altan erreicht, als die fröhliche Cavalcade um die Wälle des Kastells herum kam und sich in der freiesten Bewegung in dem lieblichen Thale ausbreitete, welches mit seinem grünen Wiesengrunde den leichten Hufschlag der Pferde elastisch wieder zu geben schien.

Arabella war eine geschickte Reiterin, sie saß mit Ruhe und Festigkeit im Sattel, und wußte ihr schönes, frommes Pferd mit leichter Hand in jede ihr gefällige Richtung zu lenken. Sie sah schön aus, wenn ihr blühendes Antlitz unter den dunkeln Locken vorblickte und die jugendliche Gestalt sich leicht im Sattel trug. Auch liebte sie voraus zu reiten, und ihr Stallmeister, der, stolz auf seine Schülerin, ihr gern zur Seite blieb, durfte ihr Künste vormachen, die sie geschickt nachzumachen wußte. Man gewahrte sie auch jetzt beide zuerst um den Vorsprung der Mauer biegen; sie machte mit ihrem Pferde die Ehrenbezeugungen nach dem Altan hinauf und flog dann wie ein abgeschossener Pfeil in den Thalgrund.

Der Herzog hatte der Gräfin Melville die Wahl gelassen zwischen drei gleich schönen Pferden. Aber wie hätte sie, die Kennerin, unter ihnen das weißgeborne zarte Rößlein mit dem [179] hohen schlanken Halse und den feinen Beinchen sehen können, und nicht mit Entzücken seinen Zügel ergreifen sollen. Es schnaubte sie an und warf den Hals königlich zurück, und die rosenrothen Nüstern und das volle, schäumende Gebiß, die zuckenden röthlichen Oehrchen und die hellen braunen Augen, womit es klug und treu die Gräfin anblickte, waren für die Bewunderin dieser herrlichen Thiere eben so viele Reize, an denen sie sich erfreute. Als die eben so gerötheten Hufe wie auf glühendem Boden sich spielend ablösten, nirgends mehr Ruhe habend, strich sie mit den zarten Händen die feinen, aus den Flechten gekämmten Mähnen zurück, und ehe der Herzog hinzueilen konnte, den Steigbügel zu halten, flog sie leicht, ohne Sprung oder heftige Bewegung, als ob eine Feder den Boden unter ihrem Fuße leicht gehoben, in den Sattel, hatte eben so den Zügel besonnen gefaßt und belohnte mit einem Ausruf der Freude den Bogensprung des lebhaften Thieres.

Die sind einander werth, sagte der alte Stallmeister des Herzogs, ihr wohlgefällig nachsehend, indem er ihm sein Lieblingspferd zuführte, jedes in seiner Art ein Meisterstück! Meinst Du? lächelte entzückt der junge Herzog, und schon flog er dem leichtfüßigen Schimmel nach, welcher, der geschickten Hand sich bewußt, ein Muster war an Muth und leichter Bewegung, an Gehorsam und Beobachtung des leisesten Winkes. Als sie nun beide schnell hinter einander um den Vorsprung bogen, empfing sie Luciens Freudengeschrei, die an ihrer geliebten Lady Maria mit ganzer Seele hing. Die Gräfin hielt sogleich den stürmenden Galopp ihres Pferdes an und ließ es zierlichen Schrittes unter dem Altan dahin tanzen, indeß sie das schöne Antlitz, von unschuldiger Freude belebt, empor hob und ihnen ihre Grüße zurief.

Dann eilten sie fröhlich, Arabella einzuholen, die ihnen jedoch umkehrend entgegen flog, und so bildete sich der kleine [180] Zug, an den sich Master Corby, Stanloff, der Stallmeister des Herzogs und einige Diener anschlossen. Die Zurückgebliebenen konnten sich von dem reizenden Anblick nicht trennen. Der Morgenwind hob die wallenden Federn auf den Barets, in der reinen Luft zeigten sich die Umrisse der feinen Gestalten; Anmuth und Heiterkeit schien über Alle verbreitet, und der etwas schwere Nachtrab verdarb diesen Eindruck nicht, den die drei Voreilenden erregten.

Man schien ohne Verabredung auf dem Altan bleiben zu wollen, bis die Hügelreihe von Cheffield die Reitenden dem Nachblicke entziehen würde, als die Herzogin einen kurzen Schrei ausstieß, unwillkürlich eine heftige Bewegung gegen die Brüstung des Altans machte und dann schnell versuchte, Gaston zurück zu rufen, der die ferne Stallhütte bei dem Geräusch der Abreitenden gesprengt hatte und jetzt zum Nachsetzen mit wilder Hast sich auslegte, fast mit seinem Leibe den Boden berührend. Der Ruf der Herzogin ging zwar nicht ganz verloren, und Luciens kleine Stimme unterstützte ihn mächtig, doch Gaston stutzte wohl einen Augenblick, sah nach dem Altan hinauf und äußerte seine Freude durch einige ungeschickte Sprünge; als er aber einsah, er solle bleiben, stieß er eine Art Jammergeschrei aus, blickte hinauf, als bäte er um Gnade, und stürzte im selben Augenblick mit verdoppelter Schnelligkeit den Reitenden nach. Die Herzogin hielt den Athem an und die Augen auf die Scene vor ihr gewendet, denn nur zu bald hatte er den Hintertrab durchbrochen, und im selben Augenblick sprang er an dem Pferde der Gräfin Melville hoch in die Höhe, sie selbst, wie es schien, umarmen wollend. Doch das Pferd der Gräfin, nicht wenig erschreckt, machte einen Satz vorwärts in die Luft, so daß es der ganzen Geistesgegenwart der Gräfin bedurfte, um nicht aus dem Sattel zu fliegen. Der zweite Schrei, den hier die Herzogin vernehmen ließ, motivirte schnell den ersten. Das wilde Thier! rief sie, [181] ich fürchtete gleich Unglück von seinem Ungestüm. Gaston fuhr indessen, nachdem er seinen Herrn und Arabella gleichfalls begrüßt hatte, immer fort, der Gräfin alle möglichen Liebkosungen zu machen, und Graf Archimbald bemerkte in einigen Worten gegen seine Schwägerin diese auffallende Freude an einer Fremden. Die Herzogin mußte nun antworten, und vielleicht fühlte sie, daß die ängstlichen Zweifel der Gräfin über diesen Gegenstand nicht ohne Grund waren; denn sie selbst konnte nur mit der höchsten Ueberwindung und abgewendetem Gesicht sich zum Antworten entschließen.

Gaston, Mylord, sagte sie gedrängt, war es, der die Gräfin auf der Terrasse entdeckte, und seitdem durch sein mitleidiges Herz und die dankbaren Liebkosungen der Gräfin sich außerordentlich an sie attachirt hat. – Ja, Oheim! rief Lucie, davon will ich Dir erzählen, wie Gaston, mein lieber, guter Gaston, nicht von ihr ging, bis sie erwachte, und dann. – Laß das jetzt, Lucie, sagte die Herzogin freundlich, aber unabweisbar, nicht umsonst sind die Brodkrümchen wohl in Dein Schürzchen gepflückt; füttere jetzt Deine kleinen Schützlinge, sie harren schon dort und haben mit ihren klugen Aeuglein längst gesehen, daß ihre kleine Lucie ihnen wieder Futter bringt. Lucie ging sogleich in diese erfreuliche Gedankenreihe ein, jauchzend hüpfte sie an den Rand, wo die nun schon belaubtere Birke das liebe Nestchen beschützte, streute ihr Bröckchen und ging dann, von Miß Dedington sanft erinnert, wie ein sehr artiges Kind, unter höflichen Grüßen von dannen. Man nahm an den geöffneten Thüren Platz, und die Herzogin erzählte nunmehr ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Gräfin Melville, wie sie uns bereits bekannt ist.

Die Pause, die nach Beendigung derselben eintrat, und worin der Graf eine Bemerkung seiner Mutter zu erwarten schien, ward endlich von ihm selbst unterbrochen. Es schien ihm nicht [182] ganz leicht, das rechte Wort zu finden, denn auf den eingefallenen Wangen und erschöpften Zügen seiner Schwägerin, welche sich auffallend schnell während ihrer Erzählung gebildet hatten, lag für den feinen Beobachter ein Commentar zu der Mittheilung, die sie mit der strengsten Wahrheit wieder zu geben bemüht gewesen war, den er aber noch nicht zu enträthseln vermochte. Man spricht indeß häufig am ehesten das aus, was sich eben unsern Gedanken mittheilt, wenn es uns zweifelhaft bleibt, wodurch wir die Anwesenden schonen oder beschwichtigen können, und es scheint, der Graf befand sich in demselben Falle.

Ich glaube, sagte er mit der höflichen Miene, wo durch er stets seine Anreden eröffnete, uns allen kann es nicht entgehen, daß die junge Dame über ihre wahre Lage entweder selbst getäuscht worden ist oder, was ich ungern hinzufüge, uns zu täuschen versucht hat. Was sie von Namen und Ort mitgetheilt hat, fürchte ich, wird sich eben so wenig bestätigen, als ihre Unbekanntschaft mit denen, die sie nicht zu nennen weiß, sich einigermaßen wahrscheinlich zeigt. Ich glaube, daß es dem Scharfblick der Damen nicht entgangen ist, daß ich mit einer Antwort über den Grafen von Marr nur Zeit gewinnen wollte, denn allerdings hätte ich ihr sogleich bestimmt sagen können, daß Keiner dieses Namens am Hofe und in der Nähe des Königs lebt. Die Familie wird Ihnen, wie mir selbst, sehr wohl bekannt sein; sie spielte keine unbedeutende, wenn auch eine etwas zweideutige Rolle in den Unruhen Schottlands unter der Regierung ihrer unglücklichen Königin Maria. Ich habe einen Grafen von Marr gekannt, aber er war ein Greis, als ich in der ersten Jugend mit meinem Vater, auf Befehl der Königin, nach Schottland ging, wo er an Jakobs Hofe, gebeugt und kaum noch lebend, sich zuweilen zeigte. Doch nachdem die traurige Botschaft des Todes der Königin Maria, welche mein verehrter Vater so ungern überbrachte, von ihm gehört ward, zog er sich [183] auf sein Stammschloß nahe bei Edinburg zurück, und man sah seinem Tode alsbald gewiß entgegen. Dieser Graf hatte aber nur zwei Töchter aus zwei verschiedenen Ehen. Seine erste Gemahlin war eine französische Dame, welche mit Marie von Guise, der Gemahlin Jakob des Fünften, nach Schottland gekommen und eine ziemlich nahe Anverwandtin der Königin war. Die älteste Tochter aus dieser Ehe kennen wir. Sie heirathete den Ritter Villers, wie ich glaube, gegen den Willen ihres Vaters, und lebte in tiefer Abgeschiedenheit, man sagt sogar in Armuth, bis nach dem Tode ihres Gemahls ihr Sohn an unserem Hofe eine Stellung einnahm, die auch seine Verwandte erheben mußte, und wir haben diese Dame als Gräfin von Buckingham damals gesehen. Die zweite Gemahlin war eine Engländerin, fuhr er rasch fort, aber ich bin unsicher über ihren Namen. Auch diese gab ihm eine Tochter; die Mutter starb jedoch bei der Geburt derselben, so daß der Graf ohne weitere Erbin blieb, sich aber, glaube ich, später in soweit mit seiner ältesten Tochter aussöhnte, daß er ihr die viel jüngere Stiefschwester zur Erziehung übergab. Dies ist Alles, was ich seit gestern mit meinem Nachdenken über diese Familie habe herausbringen können, und es scheint wenig zu der Erzählung der jungen Dame zu passen. Denn selbst angenommen, die jüngste Tochter des Grafen Marr habe den Grafen Melville geheirathet, und sie sei die Tochter aus dieser Ehe, welches leicht zu erfahren sein wird, wo bekam die Gräfin Melville eine jüngere Schwester und zwei Brüder her, da sie nur eine ältere Stiefschwester hatte? Und doch, fuhr der Graf fort, immer lebhafter in die Auseinandersetzung dieser Geschichte sich vertiefend, doch ist dieser unwahrscheinliche Theil ihres Geständnisses noch der bei weitem klarste desselben; denn allerdings hat sie großes Recht, selbst über ihre Unwissenheit hinsichtlich des zweiten Theils zu erstaunen. Sie kennt den Namen eines Ortes nicht, welcher [184] das Ziel ihrer Wünsche, ihres Strebens war, den sie jährlich ein Mal, vielleicht öfter besuchte; sie hörte nie den Namen des besten Freundes, ihres Verwandten, sie begnügt sich damit, ihn Graf Robert zu nennen. Eine wahrlich sehr naive, vertrauensvolle Hingebung, die aber, däucht mir, nicht verletzt worden wäre durch die natürliche und einfache Bitte um die Namen so geliebter Gegenstände, als hier beide, Ort und Person, ihr waren. Die unnatürliche Verfolgung des einen Oheims, während der andere so liebevoll erscheint, ist auch schwer in Uebereinstimmung zu bringen und scheint auf eine merkwürdige Unkenntniß des Individuums sich zu gründen, die durch den alten Kammerdiener so leicht gehoben werden konnte, wenn man auch annehmen will, daß das Fräulein selbst durch Schreck und Furcht abgehalten ward, sich als die Nichte dieses erzürnten Mannes anzugeben. Ist sie wirklich eine Gräfin Melville, mußte ihr dies doch wohl einiges Recht auf Schutz geben, und dies konnte auch ihrem Diener bei der größten Einfachheit nicht entgehen. – Nimmt man nun leicht wahr, daß diese letzten Umstände, wie der Tod des Kammerdieners, völlig dazu geeignet sind, über ihre Ankunft hier ein räthselhaftes Dunkel zu verbreiten und jede unserer Nachforschungen unsicher zu machen, da alle Bestätigung des Einen oder Andern nur in der jungen Lady uns aufbehalten ward, so finden wir uns dadurch unläugbar ganz in ihrer Hand, und wenn ich damit auch keineswegs gegen ein so liebenswürdiges und junges Wesen Verdacht erregen möchte, scheinen doch so viele Widersprüche eine sehr sorgsame Nachforschung zu verlangen.

Er wandte sich gegen das Ende seiner Worte ausschließlich gegen seine Schwägerin, wie es schien, sie zur Theilnahme aufzufordern, aber die Herzogin blieb unbeweglich, die Augen auf die Erde geheftet, mit völlig entfärbten Wangen, die Spitzen der Finger an ihr Kinn gelegt, es gleichsam stützend. Doch [185] schien die alte Herzogin bemüht, die Aufmerksamkeit ihres Sohnes von der geliebten Schwiegertochter abzulenken. Sie richtete sich in ihrem Stuhl empor. Gewiß, mein Sohn, sprach sie, giebt's hier ein Dunkel, welches, zum Nachtheil für dies liebenswürdige Mädchen, über ihre Angelegenheiten verbreitet ist. Aber gegen den Verdacht einer absichtlichen Täuschung ihrerseits schützt sie, däucht mich, ihre eigene Aufzählung dieser Widersprüche, ihre so natürliche Betrübniß darüber, ihr kindlicher Wunsch, von uns über alles das, was sie beunruhigt, Aufschluß zu erlangen. Sollte man wohl annehmen können, selbst wenn wir das beredte Zeugniß ihres unschuldigen Antlitzes und ganzen Betragens verwürfen, sie habe einen Plan gemacht, unser Interesse zu erwecken, da derselbe uns doch nicht zu übersehende Data angiebt, der Wahrheit nachzukommen, die selbst durch den plötzlichen Tod der nächsten Verwandten doch nicht an Wichtigkeit verlieren, ja, wie mir scheint, uns eine Wahrheit mehr an die Hand geben; denn wir hörten ja von dem traurigen epidemischen Fieber, welches in Folge der bedeutenden Ueberschwemmungen ausgebrochen war.

Wohl, sagte Graf Archimbald lebhaft, fast alle Küstenländer sind davon heimgesucht gewesen, und namentlich in Cumberland sind oft ganze Familien ausgestorben; aber allerdings liegt in der allgemein verbreiteten Kenntniß dieser traurigen Umstände auch eine große Leichtigkeit, sie für die eigenen Begebenheiten anzuführen. – Laß mich Dir weiter bekennen, fuhr die alte Lady fort, daß die vorerwähnten Unwahrscheinlichkeiten für mich eigentlich nicht da sind. Wohl ist es lange her, daß ich jung war; dennoch kann ich mir sehr gut ein junges, feuriges Wesen denken, die über der Liebe zu den Personen, die ihre Aufmerksamkeit, wie mir scheint, absichtlich so ausschließlich in Anspruch nahmen, Ort und Namen und auch wohl noch mehr vergessen könnte.

[186] Du lächelst, Archimbald, setzte sie selbst lächelnd hinzu, aber wer über siebzig Jahr hinausreicht, dem dämmert wieder die Jugend auf. Mir ist, als könnte ich heute noch durch den Werth von Personen, zu denen ich käme, so entzückt werden, daß ich Ort und Namen zu erfragen vergäße. Dies ist ja ein Hauptvorzug der Jugend und gerade diesem liebreizenden Wesen, in welchem sich sogleich beim ersten Anblick ein innig hingebendes und, tiefes Gefühl ausspricht, am leichtesten zuzutrauen. Dies gab sie wohl ohne Vorbehalt den Anregungen hin, die sich ihr darboten;ihr vor Allen traue ich diese kindliche Hingebung ganz zu, die man auch unfehlbar benutzt hat, sie, ohne gerade Lügen zu erdichten, an der Wahrheit vorüber zu führen.

Möchte doch der Himmel Jedem, den er lieb hat, einen Vertheidiger zuführen, wie Dich, sagte Graf Archimbald, zärtlich seiner Mutter in die klaren Sterne ihrer sanften Augen blickend. Ich bin zu Allem erbötig, bereit, mich in Alles zu fügen, was die Damen in der Art bestimmen wollen, wie sie mich zu gebrauchen denken, und wie ich ihnen den Umständen nach etwa nützlich werden kann. Ich glaube allerdings, daß unser Schützling mehr das Opfer von Planen geworden ist, die entweder schlecht berechnet waren oder durch unvorhergesehene Fälle eine jähe Wendung nahmen. Denn, wie ich höre und zum Theil auch sah, ist sie im Besitz von Kostbarkeiten, welche auf eine reiche Ausstattung und höhern Stand ihrer bisherigen Beschützer schließen lassen, und es ist zu erwarten, daß wir bei der zärtlichen ihr erwiesenen Liebe, obgleich dieselbe nur noch in der Person des einen Oheims existirt, doch uns entgegen kommende Nachforschungen hoffen dürfen! Nur am wenigsten möchte ich sie für eine Gräfin Melville halten.

Nicht so rasch, Mylord! rief hier die Herzogin stark und rauh, und riß sich mit Gewalt in ihrem Stuhl empor, während in ihrem bisher so todten Auge ein Strahl der verschiedensten [187] Empfindungen sich Bahn brach. Welche Consequenz kann uns zwingen, an ihr den härtesten Raub zu begehen, ihr sogar das Vorrecht eines Namens zu nehmen? Damit müssen wir nicht anfangen, ihrem Schicksale zu Hülfe zu kommen; das hieße im Voraus Alles werthlos machen, was wir ihr Liebes thun möchten im Uebrigen! Und nicht edel ist es von Euch, auf diese Weise Eure Hülfe anzubieten. – Sie versank nach diesen Worten wieder in sich, unbekümmert, wie es schien, über den Eindruck, den ihre Heftigkeit erregen mußte.

Auch war diese Wirkung sehr verschieden bei den beiden noch anwesenden Personen. Während nämlich die alte Herzogin mit dem höchsten Ausdruck von Liebe und Besorgniß auf sie blickte, lagerte sich die eisigste Kälte auf die Gesichtszüge des Grafen Archimbald, und seine breiten, unschönen Lippen verfeinerten sich und zogen sich unter einem Lächeln zusammen, das nur noch verwunden konnte.

Und will Euer Durchlaucht mich belehren, hob er mit frostiger Höflichkeit an, über die Consequenz, von der diese so eben gehörte Ansicht ausgeht? Es ist allerdings höchst wichtig, so sie zu erweisen, daß sie für Alle, die meine geehrte Schwägerin sich zur Hülfe ersehen, erwiesen dastehe, und wir sind über die größte Schwierigkeit hinweg, wenn ich meine Nachforschungen mit der Gewißheit anfangen kann, daß sie die Gräfin Melville ist. Indeß, setzte er mit einer Art Verneigung hinzu, darf ich nicht verhehlen, daß Euer Durchlaucht sich zu einigen Gründen werden herablassen müssen, da ich nicht Scharfsinn genug besitze, diesen Punkt weniger schwankend, als die übrigen zu finden.

Graf Archimhald besaß die furchtbare Waffe der Höflichkeit, womit man tiefer reizt und beleidigt, als mit dem offenen Worte des Zorns. Sie ist die schillernde Hülle ganz entgegengesetzter Gefühle, in der feigen Atmosphäre der Höfe anerzogen und durch [188] die Bedingung der äußern Sitte herbeigeführt, die nur zu oft in keinem sittlichen Innern wurzelt. Die Herzogin schauderte, von Jemand sich in so kalter Weise übertroffen zu sehen; aber es mußte so rücksichtslos züchtigend kommen, wie der Graf, und er allein, es ihr zuweilen bot, um sie nachgiebig zu machen.

Zerstreut blickte sie auf, aber ihre Heftigkeit, ihr Trotz war gebrochen, es war, als ob über ihre feste Stimme ein leiser Anhauch von Furcht schlich, und als ob jetzt erst die Anspannung nachließ, womit sie mächtig erregte Empfindungen niedergekämpft hätte.

Ich hoffte dennoch, Ihr würdet einen Grafen Marr kennen, welcher der Oheim dieser Unglücklichen sein könnte, hob sie an, sich mit einem tiefen Seufzer und trostlosen Ausdruck zu dem Grafen wendend, und, wie es schien, ganz übersehend, wie außer Zusammenhang mit dem Vorangegangenen diese Worte waren. Ich habe mich zu sehr darauf verlassen, ich weiß nichts weiter. Erschöpft sank ihr Kopf auf die bebende Brust, und Graf Archimbald war entwaffnet; denn Personen, die selten vom Gefühle sich überwältigt zeigen, wie dies bei der Herzogin der Fall war, behaupten alsdann durch ihr Erliegen einen desto sicherern Einfluß auf ihre Umgebungen. Der natürliche Ausdruck seines Gesichts, dem es nicht an einem gütigen Zuge fehlte, kehrte wieder, und es war, als ob nun Alle erst zu einem Zweck wirkend sich zusammen fänden, als ob aus dem bisher geführten Wortgefecht sich jetzt erst die wahre Meinung Aller entwickelte. Aber trotz des wiedergekehrten bessern Willens der beiden Hauptberathenden, war es dennoch keine freie Mittheilung, welche mit einem aufrichtigen Tausch der Gedanken über die zweckmäßigsten Mittel, das Bessere zu erreichen sucht. Die Herzogin befand sich in einem Falle, wo man nur zu leicht sich und Andere mit Tadelsucht und lästigen Schwierigkeiten quält, sie wußte sich selbst nicht zu rathen.

[189] Sie verwarf daher oft mit rücksichtslosem Tadel, was Graf Archimbald oder ihre Schwiegermutter ihr vorschlugen, und Beide bestanden sicher keine kleine Probe ihrer Geduld, wenn die zweckmäßigsten Mittel, welche unläugbar zum Ziele führen mußten, von ihr mit Ungeduld verworfen wurden. Hatte Graf Archimbald aber einmal für irgend eine Sache seine Stellung genommen, so besaß er die zäheste Geduld; man hätte sie für das etwas schadenfrohe Bewußtsein einer Ueberlegenheit nehmen können, die ihm um so eher ward, je mehr Heftigkeit er zu bekämpfen vorfand. Er sah sehr wohl, seine Schwägerin lag im Versteck; er ging daher mit dem größten Scharfsinn alle irgend zu ergreifende Mittel durch, um sie durch die Art, wie sie darauf einging oder sie zurückwies, herauszulocken. Doch fand er eine gefaßte Gegnerin, die ihn genug kannte und sich hier lieber zum Nachtheil ihres Karakters einige Launen mehr aufbürden ließ, als daß sie ihn hätte allzu tief blicken lassen.

Die alte Lady war zwischen Beiden wie das gute Princip; sie hätte das kaum Geduld genannt, was sie aus Liebe und Sorge ihrer Schwiegertochter entgegenstellte, da ihr die heftige Aufregung derselben nicht entging. Es war ihr allerdings auffallend, ihre Vorschläge verwerfen zu hören, die mit der Vernunft im Bunde schienen; aber warum sollte man nicht verschiedener Meinung sein? Vielleicht konnte in dieser Stimmung jener Manches anders erscheinen, als ihr oder dem Grafen; so hatte ihr mildes Herz tausend Entschuldigungen für die geliebte Schwiegertochter. Nun, Mylady? fragte der Graf endlich und zog seinen Stuhl, nachdem man eine Stunde lebhaft und vergeblich conferirt hatte, was befehlen Euer Durchlaucht zunächst?

Ich dächte doch, mein liebe Tochter, hob hier die alte Lady sanft vermittelnd an, Ihr erlaubtet, daß mein Sohn an Master Brixton nach Edinburg schreiben, und ihn um die näheren Lebensumstände der Familie Marr und Melville befragen dürfe. [190] Es scheint damit doch ein Anfang und ein richtiger gemacht, da es immer das Wesentlichste bleibt, ob sie das ist, wofür sie sich hält und sich uns angegeben hat. – Dies wird leicht geschehen können, wenn Euer Durchlaucht darein willigen, wiederholte Graf Archimbald mit der größten Geduld das oft Gesagte, denn da Master Brixton eine Caplanei in Edinburg übernommen, wie das Fräulein angiebt, wird durch den Bischof von Lincoln, der mir befreundet, mein Brief leicht in seine Hände kommen, und ohne ferneres Aufsehen die Antwort zu uns zurückkehren. –

So sei es denn, sagte die Herzogin gedehnt und mit vieler Ueberwindung, doch wünsche ich, daß Ihr es so geräuschlos, wie möglich, einrichten wollt. Es scheint mir, als könnten die Anfragen vorzüglich so gestellt werden, daß der Aufenthalt derjenigen, die sie betreffen, nicht genannt, und hauptsächlich, daß jede Art von gerichtlicher Einmischung vermieden würde. –

Ich will nicht weiter widersprechen, sagte Graf Archimbald, doch wäre dies vielleicht der sicherste Weg, sich schnellen Aufschluß zu verschaffen.

Aber, sprach die Herzogin, es würde gerade das herbeiführen, was ich aus vielen Gründen vermieden wünsche. Es scheint mir auch, als läge es ziemlich außer unserer Machtvollkommenheit. Die Fügung des Himmels hat sie einstweilen unter unsern Schutz gestellt, wir haben unsere Pflicht und unser Recht erfüllt, wenn wir die Verwandten ihr auszuforschen suchen, die sie zu haben vorgiebt. An diesen wird es dann sein, ihre übrigen Rechte wahrzunehmen; die unsern erstrecken sich erst dann so weit, wenn sie unserer Hülfe überlassen bleiben sollte.

Die alte Herzogin lächelte diesen Worten, welche bei weitem das Folgerechteste ihrer Aeußerungen dieses Morgens waren, ihren Beifall zu, und es schien, als habe die Herzogin sich mit denselben aus ihrer Unentschlossenheit herausgesprochen.

[191] Graf Archimbald hatte noch immer das Lächeln um den Mund, welches andeutete, er habe noch etwas im Rückhalt. Er fügte auch bald hinzu, daß es doch nicht unwichtig sei, wenn man einmal den in der Erzählung angeführten Thatsachen folgen wolle, über den letzten Aufenthalt des Fräuleins Erkundigungen einzuziehen, auch könne dies eigentlich nicht schwer sein. Durch die Angabe der Zeit, die das Fräulein auf dem Wege zugebracht, lasse sich einigermaßen die Entfernung bestimmen. Fehle auch die Richtung, so sei doch abzunehmen, daß er von der Küste entfernt, ohngefähr drei Tagereisen von Cumberland, etwas weiter als eine Tagereise von der Heerstraße nach London liegen müsse. Bis zum Waldhäuschen habe das Fräulein, zu Pferde und nach Mitternacht das Schloß verlassend, diesen Rest der Nacht und den folgenden Tag im strengsten Ritte gebraucht. Dahin zurückgeführt, habe sie, wie aus dem nur unvollständigen Bericht sich annehmen lasse, zwei Nächte und zwei Tage zugebracht, und zwar zu Fuß und äußerst erschöpft. Am dritten Tage aber sei sie, wie es scheine, schon Morgens am Forste des hiesigen Parkes erwacht, da es nicht wahrscheinlich sei, daß sie in dem Zustande von Bewußtlosigkeit, den sie geschildert, noch einen weiteren Weg habe machen können, als etwa durch diesen zunächst liegenden Wald bis zur Terrasse, welches auch eher denkbar sei, da leicht zu erkennende breite Wege bis dahin durch ihn hinführten.

Fangen wir nicht zu viel auf einmal an, unterbrach ihn die Herzogin mit sichtlicher Unruhe. Ich habe ihr namentlich versprochen, sie zu schützen gegen ihren wüthenden Oheim, wer weiß nun, wen wir bei diesen Entdeckungen mit aufscheuchten, und ehe wir den Beschützer entdeckt, auf den sie hofft, hätten wir dann nicht einmal das Recht, sie dem Manne zu verweigern, der so wild in ihr Leben griff, und bei dessen Andenken sie das höchste Entsetzen befällt.

[192] Wir wollen nicht untersuchen, wie lange Graf Archimbald das Beschneiden und Zurückweisen aller seiner Aeußerungen von einer Frau ertragen hätte, mit der er gern zu gleichen Waffen kämpfte, hätte nicht die alte Lady sanft das Wort genommen, bemüht, die nächsten nöthigen Schritte, unter dem Wust von Für und Wider, Verwerfen und Annehmen, hervorzuziehen und zur allgemeinen Klarheit zu bringen. Uebrigens ward eingesehen, daß man das Fräulein davon unterrichten müsse, es lebe kein Graf von Marr am Hofe, zweitens wollte man es ihr freistellen, einen Einschlußbrief an Master Brixton zu schreiben, und ihr diesen beabsichtigten Entschluß als den zunächst nöthigen darzustellen suchen.

Die alte Lady erbat es sich, am andern Tage ihr diese Mittheilungen machen zu dürfen. Denn, setzte sie liebreich hinzu, meine liebe Tochter hat schon zu viel allein in dieser Sache übernehmen müssen, und wohl mag sie der alten Mutter auch ein kleines Verdienst dabei gönnen. Ich werde meine Sachen schon ordentlich machen, fuhr sie lächelnd fort, bemüht, der allzu ernst gewordenen Unterredung ein milderes Ende zu geben.

Die Herzogin schien sehr willig, ja erleichtert bei diesem Vorschlag, und Graf Archimbald übernahm es; dem jungen Herzog das Wichtigste mitzutheilen, um seinem Eifer Grenzen zu setzen und ihn zu bewegen, das fernere Verfahren dem Grafen und den beiden Damen zu überlassen.

Man trennte sich in leidlicher Stimmung, und Graf Archimbald führte die Herzogin nach ihren Zimmern, in denen sie eingeschlossen bis zur Tafel blieb, blos von Mistreß Morton umgeben, deren leises wohlthätiges Walten uns bekannt ist.


[193] Wer sich damit begnügte, die Personen zu zählen, die Stunden des Beisammenseins oder der Geschäfte zu beobachten, mußte behaupten, es sei nach einigen Wochen auf Godwie-Castle noch Alles in eben dem gleichmäßigen Gange, wie wir es an jenem Morgen unserer letzten Mittheilung verließen. Die schickliche Form, in welcher sich seit langer Zeit zu bewegen, eine Familie gewöhnt ist, ist ein wohlthätiger Damm gegen die dahinter eingefangenen Wogen der Leidenschaft. Wenn auch jene Macht nur bis zu gewissen Grenzen reicht, schützt sie doch gegen die gänzliche traurige Auflösung des Individuums, welches sich immer dadurch gehalten fühlt, daß Andere ruhig das Langgewöhnte thun und an ihn selbst diese stille Forderung täglich sich erneut. Gewiß waren in diesem Falle minder oder mehr einige der bedeutendsten Mitglieder des Familienkreises in Godwie-Castle.

Verändert in ihrem Innern, verändert in ihren Beziehungen zu einander, verändert endlich in ihren Plänen und Hoffnungen für die Zukunft, finden wir die Familie nichts desto weniger um das Frühstück in der Halle ohne Ausnahme versammelt, und die wenigen Unbefangneren mußten den Uebrigen zu Hülfe kommen, um sich leidlich zu zeigen und den Anschein des Frohsinns zu erhalten, der sonst hier so natürlich waltete. Wer hat nicht Aehnliches erlebt, wer kennt nicht die ernsten zerstreuten Züge der mühsam Gehaltenen, über die das Lächeln, welches sie sich abringen, wie ein Schmerz hinzieht, den Blick, der eben auf nichts mit Nachdenken geheftet ist, die zerstreuten Antworten und selbst die unheimliche Lustigkeit, welche die Wunden innerlich größer reißt und doch keine Hülle wird für den leidenschaftlich bewegten Kern des Herzens.

Die alte Lady hatte ihre Aufgabe so schön gelöst, als zu erwarten stand. Die Gräfin Melville war nun unterrichtet, daß ihr kein Oheim am Hofe lebte, den sie zu nennen wußte. [194] Obwol man ihr es schonend vorenthalten hatte, sie mit dem Zweifel an dem Dasein der Grafen von Marr überhaupt bekannt zu machen, da man die Antwort Master Brixtons abwarten zu müssen glaubte, so fühlte sie doch mit dem tiefsten Schmerze diese fehlgeschlagene Hoffnung, und mit einer Art von Schauder das Verlassene ihrer Lage. Doch wußte sie auch hier, nach einem warmen und gerechten Ergusse ihres Gefühls gegen die alte Lady, in dem Danke Grenzen zu finden, welchen sie für den Schutz empfand, den Gott ihr in ihren neuen Wohlthätern angewiesen; und die alte Herzogin konnte nicht ohne Thränen den rührenden Brief lesen, den die Gräfin demnächst ihrem Lehrer Brixton schrieb und mit kindlichem Vertrauen in ihre Hände legte.

Er trug den Stempel tiefen und zarten Gefühls. Dies mußte um so werthvoller erscheinen, da ihr Verstand eine Schärfe und Consequenz zeigte, die ihrer Jugend nach unbegreiflich war. Doch erinnerte es von selber an die Erziehung, welche ausgezeichnete Personen ihr zu geben vereint bemüht gewesen waren, mit besonderer Rücksicht auf Bildung ihres Scharfblicks und ihres Urtheils, wie wir das schon aus den eigenen Mittheilungen der jungen Gräfin wissen. Sie war vollkommen einverstanden mit dem Willen ihrer Beschützer, Master Brixton's Rath zu vernehmen, und hätte sie mit Graf Archimbald unterhandelt, würde sie auch um jeden Preis das Schloß aufgesucht haben, aus dem sie entflohen war. Sie wagte darum sogar eine schüchterne Bitte, welche die alte Lady aber, und vielleicht auf Kosten ihrer Ueberzeugung, mit der Befürchtung zurückwies, daß sie dadurch dem Manne verrathen werden könne, der sie so gemißhandelt habe. Die kleinste Erwähnung dieser Person, die sie so sehr erschreckt und empört hatte, war hinreichend, die Phantasie des armen Kindes mit tausend neuen Schrecken zu erfüllen und sie von jenem Wunsche abzuziehen.

[195] Graf Archimbald faßte, nach der Mittheilung, die seine ehrwürdige Mutter über das Geschehene ihren beiden Anverwandten machte, eine sehr vortheilhafte Meinung von dem Verstande der jungen Dame, da die alte Lady es ihr schuldig zu sein glaubte, ihre geäußerten Bemerkungen gleichfalls wieder zu geben, obwol sie damit den streitigen Punkt zwischen der Schwiegertochter und dem Sohne ungern berührte.

Doch war Graf Archimbald zu großmüthig, um sich eines erlangten Triumphes zu überheben. Er schien im Gegentheile kaum darauf zu merken, berichtigte aber innerlich von diesem Augenblicke an seine Meinung über die junge Lady, wie wir erwähnt haben. Auch konnte die alte gute Herzogin ihre Erzählung nicht schließen, ohne daran zu erinnern, daß nun wohl keine Ursache mehr zu einem persönlichen Verdachte gegen die Lady vorhanden sei.

Nicht so leicht war der junge Herzog mit dem zu beschwichtigen, was sein Oheim über die Gräfin ihm anvertraute. War es das Gefühl einer neu erlangten Macht, die er zu prüfen wünschte, war es jugendlicher Ungestüm, war es überhaupt sein gutes edles Herz oder ein anderes geheimes Gefühl, das ihm die Sorge und Thätigkeit für sie zum Genusse umschuf, genug, es schien ihm Alles viel zu langsam, viel zu theilnahmlos, was seine Verwandten beschlossen hatten. Wir wollen nicht untersuchen, welches Motiv den Grafen leitete, als er endlich, da, wie es schien, durch nichts mit seinem Neffen zu Ende zu kommen war, ihm Vorsicht anempfahl; indem sie ja kein Recht besäßen, das Fräulein zurückzuhalten, wenn der fernste Angehörige sich zu ihr meldete, und sie dadurch nicht allein von einem Orte entfernt würde, wo sie Schutz und Trost fände, sondern auch in Hände kommen könne, in denen sie unglücklicher würde, als man es bis jetzt anzunehmen hätte.

[196] Dies wirkte. Graf Archimbald gönnte ihm überdies noch den Trost, die Briefe an den Bischof von Lincoln nach Edinburg selbst abzusenden, und dazu den treuesten Diener und das rascheste Pferd zu wählen.

Was uns indessen nicht länger zu verbergen gestattet ist, sprach sich allen Andern schon längst als Ueberzeugung aus, die von Stunde zu Stunde sich steigernde Liebe des jungen Herzogs zur Lady Melville. Er gab sich dieser Empfindung mit einer Naivität hin, daß man fast glauben mußte, er sei sich selbst derselben nicht bewußt. Aber wer je in eigener Brust einen Anklang dieser schmerzlichen Seligkeit gefühlt, mußte wohl sagen, die Stunde des jungen Mannes habe geschlagen. Mit der tiefsten Erschütterung mußte seine Mutter endlich sich das Geständniß hierüber machen. Sie sah sich hier in ein Labyrinth verstrickt und so unerwartet, daß ihr Geist den Sorgen zu unterliegen begann, die sich um sie her thürmten, und die sie allein tragen mußte; denn jeden Tag erschwerte sie sich ihre Bürde durch das innere Gelübde, in keinem Falle durch Kundgebung der Wahrheit eine Entscheidung zuzulassen.

Ob Graf Archimbald, der wenigstens aus Beobachtung das Gefühl der Liebe kennen mußte, es bei seinem Neffen errieth; ob sein Schweigen die Klugheit war, mit der man den taumelnden Nachtwandler nicht anruft, hoffend, er finde ohne diese erschreckende Hülfe wol besser den Rückweg; ob es überall Gleichgültigkeit gegen Herzens-Affectionen war, – wer konnte das bestimmen! Er bekam reichlich Briefe von Richmond, schrieb viel und eifrig diesem zurück, und seine allgemach aufsteigende Verstimmung konnte leicht politischer Natur sein, da man sehr wohl wußte, dies sei doch eigentlich der Kern seines Lebens.

Nur die alte Herzogin und der Gegenstand, der alle diese Sorgen veranlaßte, die junge Gräfin Melville selbst, schienen an alles das nicht zu glauben. Die Herzogin hatte die Idee [197] aufgefaßt, ihr Enkel liebe Anna Dorset. Wie dabei noch von einem zweiten, gar stärkeren Gefühle die Rede sein könne, begriff ihr reines Engelherz nicht, und was sie sah, glaubte sie auf Rechnung der ausgezeichneten Persönlichkeit eines Mädchens setzen zu müssen, der sie sich selbst ganz ergeben fühlte, und welcher der Herzog als Herr des Hauses allerdings Beweise der höchsten Achtung schuldig schien.

Doch entging ihr die überhandnehmende Mißstimmung ihrer Schwiegertochter nicht, und es trübte ihre sonstige Heiterkeit, sie von Sorgen bewegt zu sehen, die sie mit Niemand theilen zu wollen schien. Die Gräfin Melville dagegen war das vollkommenste Bild eines jungen unschuldigen Mädchens und eines ganz freien Herzens; sie sah sich überall von der zärtlichen Aufmerksamkeit des Herzogs umgeben und erstaunte oft selbst, wenn er ihre Wünsche, ihre Gedanken errieth. Sie kannte diese Empfindungen nur aus den sehr discreten Mittheilungen ihrer Anverwandten und aus ihrer eigenen gewählten Lectüre, woraus wir doch selten dies Gefühl wieder erkennen lernen, ehe aus unserm eignen Herzen die gleichen Anklänge sich den verwandten Gefühlen, gleichsam suchend, entgegendrängen.

Die Beobachtungen, welche die jüngere Herzogin unablässig anstellte, und welche ihr immer die vollkommene Ueberzeugung von der Herzensruhe der Lady Maria gaben, trösteten sie zwar etwas, aber sie hätte gewünscht, es wäre die Kenntniß seiner Neigung damit verbunden gewesen, denn sie wußte, daß dies sich immer gleich edel und liebenswerth zeigende Wesen alsdann in ihrem Betragen gegen den Herzog Manches geändert haben würde.

So aber legte sie ihm die Dankbarkeit, die er ihr einflößte, mit einem so unschuldigen freundlichen, oft innigen Betragen an den Tag, daß der junge Herzog dadurch nur höher erregt ward und, von den süßesten Hoffnungen belebt, seinen Empfindungen [198] bald keinen Zwang mehr auferlegte. Dazu kam, daß die Gräfin, seit der letzten Unterredung mit der alten Lady, sich einer wehmüthig ernsten Stimmung nicht mehr erwehren konnte, und die holden Zeichen früheren jugendlichen Frohsinns immer seltener ein Uebergewicht über die milde, aber tiefe Wehmuth ihres Herzens geltend zu machen vermochten.

Welch' eine reiche Gelegenheit für ihren jungen zärtlichen Verehrer, Alles anzuwenden, die Stimmung zu verscheuchen, die den zarten Rosen ihrer Wangen das Leben zu kosten schien. Es gelang ihm oft, dies unbefangene, lebhaft und tief fühlende Wesen, welches ihren Kummer nicht mit kränklichem Eigensinne festzuhalten strebte, zuweilen zum jugendlichen Frohsinn zu erwecken; deshalb war sein Bemühen darum auch unablässig.

An jenem Morgen hatten die beiden Herzoginnen und Graf Archimbald so eben Briefe empfangen, und waren beschäftigt, sich mit dem Inhalt bekannt zu machen. So störte nichts das Gespräch, welches der junge Herzog mit Lady Maria angeknüpft hatte, und worin er mit einem übervollen Herzen die tiefe, sehnsüchtige Zärtlichkeit desselben für sie auszudrücken strebte. Er sagte ihr, daß er Pläne für den Park gefunden habe, zu Erweiterungen und neuen Anlagen um den See her, die sein Vater für die Arbeit dieses Sommers bestimmt gehabt; daß er die Arbeiter dorthin bestellt, und sie bitte, an Ort und Stelle diese Pläne zu besichtigen, da er sie ganz nach ihrem Geschmacke einrichten möchte und sie vielleicht Einiges zu ändern wünsche. Lady Maria willigte zwar ein, mit Arabella und Lucie dahin zu gehen, aber sie sagte ihm unbefangen, daß, ihr Urtheil darüber gelten zu lassen, wol in keiner Art ihr wünschenswerth sein könne, da der Plan seines Vaters ihm sicher heilig sein müsse und ihr Geschmack in dieser Rücksicht ganz ungeprüft sei. Ach, Mylord! setzte sie schwermüthig hinzu, wie habt Ihr mir mit Euern freundlichen Worten doch nur zu sehr [199] verrathen, wie Ihr meine Lage anseht! Deuten diese Pläne, in die Ihr mich zu verflechten sucht, nicht darauf hin, wie unbestimmt Ihr meine Zukunft seht, wie wenig Ihr glaubt, ich fände noch eine andere Heimath, als diese, die ich helfen soll auszuschmücken?

Nicht ganz lag dies in meinem Sinne, sagte der Herzog, und das Herz schlug ungestüm den entscheidenden Worten entgegen, die jetzt Raum gewonnen zu haben schienen; ich sehe der Aufklärung Eurer Verhältnisse mit der ruhigen Ueberzeugung entgegen, daß sie nicht ausbleiben kann. Aber sollte ich darum nicht doch hoffen und heiß wünschen dürfen, Ihr suchtet nie eine andere Heimath, als diese, die Ihr dadurch zum Paradiese schmücken würdet, und wo Euch die treuesten Herzen in der zärtlichsten Liebe schlagen?

Der junge Herzog glaubte sich deutlich genug ausgesprochen zu haben, er hoffte, sie wisse jetzt, daß er sie liebe und sie zur Beherrscherin seines Lebens begehre. Aber er irrte. Ein junges weibliches Herz, das noch nicht beschlichen ist von dem Wunsche, solche Empfindungen zu erregen, kann die deutlichsten Liebeserklärungen anhören, ohne sie zu verstehen, wenn ihr eigenes Herz nicht in verwandten Anklängen dem Worte entgegenschlägt. Es giebt bis dahin eine un endlich frostigjungfräuliche Fähigkeit, alle solche Worte in die Weite und Ferne und aus der intimen Beziehung zu sich selbst hinweg zu deuten. So sah Maria in den Worten des Herzogs nichts als seine holde gastfreundliche Güte und die Bestätigung, daß sie von allen den Theuern seiner Familie und so auch von ihm selbst geliebt sei, und sie wollte eben in diesem Sinne ihm antworten, als die alte Herzogin die Stimme erhob und ihrem Enkel zurief: Hierher, mein lieber Freund! Ich habe Dir willkommene Nachrichten zu geben. Die Gräfin von Dorset wird mich mit ihrer ganzen Familie in Burtonhall besuchen, und wie zu hoffen steht, setzte sie lächelnd [200] hinzu, wird sie nicht gerade Anna Dorset davon ausschließen, und so darf ich wol auf Deine Gegenwart unter all den lieben hiesigen Gästen am ersten rechnen, und verdiene mir hoffentlich mit dieser Nachricht ein sehr freundliches Gesicht von meinem lieben Enkel. – Der junge Herzog fühlte sich wie durch tausend Schmerzen aus dem süßesten Traume seines Lebens zu einem Dasein erweckt, das ihn mit Erstaunen und Verwirrung zu Verhältnissen zurückführte, welche ihm gänzlich aus den Gedanken verschwunden zu sein schienen.

Wir wollen nicht untersuchen, wodurch er in der letzten Zeit zu der Ueberzeugung gelangt war, Anna Dorset sei ihm so fremd, wie jede andere Dame des Königreichs. Zwar war er von den Unterhandlungen beider Familien unterrichtet, hatte sich auch nie mit einem Worte dagegen erklärt, ja, er schien sie bestätigt zu haben, durch den Beifall, den er der Lady Anna ertheilte, und der ihm vielleicht früher ganz hinreichend erschienen war, um sie seine Braut zu nennen. Jetzt aber war dies Verhältniß weit zurückgetreten, und die Kenntniß des wahren Gefühls der Liebe, das ihm Worte eingab, die Anna Dorset nie von ihm gehört hatte, überredete ihn, so oft er gemahnt ward, dessen zu gedenken, daß er nie Hoffnungen erregt habe, die er als rechtlicher Mann genöthigt sei zu erfüllen, und die Sehnsucht, sich den zärtlichen Empfindungen seiner Brust gegenüber frei zu sehen, überredete ihn, es zu sein. Was hätte die eigenthümliche Logik der Liebe, die den Anfang ihrer Folgerungen immer in dem Gefühle selbst findet, nicht fertig gebracht, selbst in noch verwickelteren Fällen, als der vorliegende! Auch war er nach einem Augenblicke völlig gerüstet und entschlossen, und es ist nicht unwahrscheinlich, anzunehmen, gerade das harte Nebeneinanderstellen der erwähnten Momente habe von seinem Entschlusse die letzte Unsicherheit abgestreift.

[201] Meine theure Großmutter, sprach er mit ernster Festigkeit, ist sicher immer überzeugt, die freundlichsten Empfindungen in ihrem Enkel zu erregen, und es bedarf dazu nie eines Nebenumstandes, wozu überdies die Gräfin Anna Dorset mir am wenigsten geeignet scheinen würde, da ich nicht wüßte, wie sie die Liebe theilen oder erhöhen könnte, die mich für Euch erfüllt.

Gewiß, lachte sorglos die alte Herzogin, verlangt sie selbst auch nicht darnach, eben die Gefühle, wie Du für die alte Großmutter bewahrst, zu theilen; doch wirst Du ihr vielleicht ein anderes Plätzchen in Deinem Herzen einräumen können, mit dem sie besser zufrieden sein wird.

Ihr irret, theure Lady, erwiederte schnell der Herzog. Anna Dorset ist ein edles, achtungswerthes Mädchen, doch in meinem Herzen kann und wird sie nur den Platz einer ehrenden Anerkennung einnehmen; ich kenne kein Verhältniß, was mich anders oder näher zu ihr stellte.

Verzeih'! sagte die alte Lady, jetzt ernster werdend, daß ich mich habe von meiner guten Laune hinreißen lassen, Dich mit Verhältnissen zu necken, bei deren Behandlung Du mich mit Deinem Zartgefühl weit übertriffst; Du mußt der alten Großmutter schon etwas zu gut halten, und bist doch wol ein gutes Kind und besuchst mich in Burtonhall, wo ich mich dann besser betragen will.

Der Herzog sprang auf, die gütige Hand zu küssen, die sie ihm mit einem Engelslächeln darbot, und gern hätte er jetzt gleich vor ihr das Knie gebeugt und sein Herz erleichtert durch das feurige Bekenntniß seiner Liebe; aber er hatte noch kein Recht dazu, denn das ersehnte Wort war von den Lippen der Geliebten noch nicht gedrungen. Er wendete daher seine Blicke mit dem ganzen Verlangen einer endlichen Entscheidung auf die junge Gräfin, die mit so unschuldig klaren, fast kindlich neugierigen Augen in diese Scene schaute, daß wol für den unbefangenen [202] Beobachter kein Zweifel blieb, wie wenig sie sich in dieselbe verflochten wähnte, und wie sie das ruhig kühle Herz noch unentzündet in sich trug. Er nahm seinen Platz neben ihr ein. Doch Graf Archimbald sagte, sichtlich erheitert, indem er seine Briefe zusammen legte: Wir dürfen Richmond erwarten; gleich nach der Rückkehr des Prinzen aus Spanien wird er zu uns eilen, und jene erwartete man bei Abgang dieses Briefes schon binnen zwei Tagen. Gott Lob, sprach die Herzogin aus tiefer Brust und von der Erstarrung sich erholend, worein die vorangegangenen Vorfälle sie versetzt hatten; so wird mir Trost und Freude kommen.

So auffallend diese Worte sein mußten, so wenig wurden sie beachtet, da die meisten Anwesenden von eigenen Gefühlen und Gedanken in Beschlag genommen waren.

Die jungen Leute erhoben sich, um nach dem See sich zu begeben; die alte Lady und Lord Archimbald wollten ihre Briefe beantworten, und die Herzogin begab sich mit Stanloff, welcher einige Tage abwesend gewesen war, nach ihren Zimmern.

Was bringst Du uns für Nachrichten, Stanloff, sprach die Herzogin und setzte sich abgewendet von ihm in einen Sessel; warst Du glücklich in Deinen Nachforschungen?

Euer Durchlaucht zu Befehl, erwiederte Stanloff, alle Nachforschungen, die ich anstellte, treffen mit den Einzelheiten in der Geschichte der jungen Dame überein; es muß das Schloß der Gräfin von Buckingham sein, aus dem sie entflohen.

Gründe, Gründe! rief die Herzogin, Gründe will ich wissen. –

Sie sind in meiner Erzählung. Ich begab mich zu Pferde dahin und erreichte den großen parkartigen Wald, in dessen Mitte das Schloß liegt, am Mittage des dritten Tages. Den Park umgiebt, nach der Landstraße zu, eine Meierei. In dieser sprach ich ein und fand dort eine zahlreiche Familie, die verheiratheten[203] Kinder der noch lebenden Eltern, die sich in die Herrschaft des Hauses und in die Geschäfte getheilt hatten. Man hatte sich bei meiner Ankunft um eine große Tafel gelagert, um zu Mittag zu essen, und mir ward ohne weitere Bemerkungen an derselben ein Platz angewiesen, der mir Muße gab, eine Unterredung über die Bewohner des Schlosses anzuknüpfen. Doch war dies nicht leicht; meine Frage, ob die Herrschaft gegenwärtig, beantwortete man mit Nein und fuhr sogleich fort, unter sich über eigene Angelegenheiten zu sprechen. Schnell war die Mahlzeit von den jüngeren Leuten geendet; sie standen auf, um sich an die verschiedenen Stellen zu vertheilen, die ihrer Sorgfalt übergeben waren, und die Eltern blieben allein zurück.

Ich fragte aufs Neue, ob das Fieber diese Gegend auch verheert habe, und die alte Frau nannte nun sogleich als das einzige dieser Krankheit gefallene Opfer die Gräfin von Buckingham. Weniger glückte es mir, über andere Dinge Auskunft zu erhalten, und noch bleibt es mir ungewiß, ob Unkunde oder andere Gründe dies so erschwerten. Den jetzigen Besitzer des Schlosses kannten sie nicht; sie gaben zu, daß es der Bruder sein könne; dagegen bestätigten sie, Gersem zu kennen; ob er aber lebe oder todt sei, wußten sie nicht. Von dem Feuer jedoch sprachen sie, daß es den alten Theil des Schlosses verheert habe; daß Jemand zu Schaden gekommen sei, verneinten sie. Meine Fragen nach der frühern Lebensweise der Gräfin, die ich in der Hoffnung einleitete, dann zu den Gästen des Schlosses übergehn zu können, beantworteten sie blos mit dem großen Lobe ihrer Wohlthätigkeit und Güte; doch Gäste, behaupteten Beide, seien nie auf dem Schlosse gewesen, die Herrschaft habe jedoch öfter Reisen gemacht. Ich suchte nun von ihnen los und in den Park zu kommen, und erreichte so das Schloß selbst, wovon nur ein kleiner Theil, der in einem ganz versteckten Hofraume lag, vom [204] Feuer gelitten hatte, dessen Spuren überall deutlich zu sehen waren, ohne daß, wie es mir schien, man irgend Sorge getragen hatte, sie zu beseitigen. Ich näherte mich dem Eingange des völlig einsamen Schlosses, aber meine Bemühungen, hinein zu dringen, waren umsonst. Ich wollte eben zurückkehren, als eine kleine Thür unter einer Treppe aufschlug und ein junges Mädchen in ländlicher Tracht herausflog, in der Richtung über den Hof laufend, in der ich mich befand. Sie stand vor mir, ehe sie mich sah, schrie jetzt laut auf und wollte entfliehn, ich hielt sie aber mit sicherer Hand fest und bat sie, mir Einlaß in das Schloß zu verschaffen. Um Gott, Herr! was denkt Ihr? Es darf Niemand hinein, Alles ist verschlossen, und der Herr Aufseher verreiset. – Ist das Gersem? fragte ich schnell. Gersem? wiederholte das Mädchen, sichtlich erschreckend; nein, Herr, sprecht nicht so, laßt mich los, ich darf Euch nichts von Gersem sagen, kein Mensch darf von ihm sprechen! – Gut, ich will Dich nicht quälen; aber das darfst Du mir doch sagen, ob er im Schlosse ist? – Gersem? O Herr, laßt mich, ich bin des Todes, wenn Ihr mich nicht los laßt! – Nun, sagte ich, ich will Dich gleich los lassen, so wie Du mir sagst, ob ich nicht die Frau Hanna sprechen kann? – Mistreß Hanna? Großer Gott, sie will täglich sterben. Kein Mensch darf zu ihr, und sie erkennt Niemand; nein, Herr, das geht um die Welt nicht. – Ich ließ sie jetzt und habe mich vorläufig damit begnügt, Euch diese Nachrichten zurück zu bringen, da mir Euer Durchlaucht Befehle nicht weiter zu gehen schienen. – Ich weiß genug! sagte die Herzogin, winkte ihm, sich zu entfernen, und blieb in ihrem Stuhle sitzen, daß, wer sie einige Zeit lang beobachtete, in ihr kein lebendes Wesen zu sehen gewähnt hätte.

Doch ward sie bald genöthigt, sich an dem Leben langsam wieder aufzurichten. Pons flog herein, den Grafen Archimbald [205] zu melden, der so unmittelbar hinter ihm eintrat, und mit so sichtlichen Zeichen von Gemüthsbewegung, daß die Herzogin nur eines mühsam auf ihn gelenkten Blickes bedurfte, um von der Ahnung neuer Leiden ergriffen zu sein. Ihr erster Gedanke wendete sich auf Richmond, diesen letzten Hafen, in dem sie Ruhe und Schutz hoffte, diesen Balsam auf die brennenden Wunden ihres Herzens. Es schien ihr gewiß, ihm mußte etwas begegnet, auch in ihm sie noch verwundet worden sein, und sie blickte in die gänzliche Trostlosigkeit dieses abgeblätterten Daseins fast mit Genuß; mit dem Genuß, den dann die Gewißheit des Untergehens noch im Stande ist zu gewähren. Graf Archimbald hinderte sie aufzustehen, er schob ein Tabouret an ihre Seite; er sah ihr verändertes Gesicht, er fühlte, daß sie litt, und er konnte nicht annehmen, daß das, was er kam ihr zu sagen, sie ruhiger stimmen werde; aber diese Wahrnehmungen gaben ihm die Güte und Wärme des Gefühls, die ihn seine Worte bedenken ließ.

Sagt es schnell, Mylord, ich bin auf Alles gefaßt, sagte sie tonlos und kalt, und vernehme lieber das Unvermeidliche ohne alle Einkleidungen.

Ich kann allerdings annehmen, daß Ihr schon längst eine Ahnung von dem habt, was ich gesandt werde Euch mitzutheilen, erwiederte der Lord, doch bitte ich Euch dringend, Euch nicht so davon zu erschüttern, vielmehr den Antheil vorwalten zu lassen, den Euch die Wünsche Eures Sohnes, die an sich nichs Unwürdiges und Euch Kränkendes enthalten, einflößen dürfen. Ich muß allerdings mich als überrascht bekennen; denn ich kann nicht leugnen, daß ich die Verbindung zwischen Robert und der Lady Anna Dorset für entschieden hielt.

Und was, Mylord, rief die Herzogin und richtete sich heftig empor, was hat diese Ueberzeugung, die ich mit Euch theilte, was hat sie in Euch geändert?

[206] So sehe ich also, sagte Graf Archimbald, daß ich mich irrte, indem ich Euch auf die Wünsche vorbereitet wähnte, die allein jetzt noch Euern Sohn erfüllen, und welche die Gräfin Melville zur ausschließlichen Besitzerin seines Herzens erhoben. Ein dumpfer Schrei der Herzogin war ihre Antwort, sie sank sogleich leblos zusammen, und wahrlich unter wenig glücklichen Umständen. Denn der Graf fühlte sich höchst verlegen. Die Sorge abgerechnet, welche ihm die heftigen Gemüthsleiden seiner edeln Schwägerin gaben, wußte er sich wenig bei solchen Zufällen zu helfen und betrachtete daher die Ohnmächtige einige Augenblicke in der Hoffnung, sie werde sich erholen. Als er sich hierin aber getäuscht und nun zur Thätigkeit aufgefordert sah, öffnete er die hohen Fensterflügel und überließ dem Strom der Luft das Wiederbelebungsgeschäft, da er einmal entschlossen war, diesen Zustand nicht zur Kenntniß eines Andern außer ihm selbst kommen zu lassen.

Er hatte sich auch nicht getäuscht. Die Herzogin fuhr zuckend aus ihrer Ohnmacht empor; ihr Auge streifte wild umher und blieb an Graf Archimbald haften, indem hiermit alle die traurigen, abgerissenen Gedanken zurückkehrten, womit sie sich gezwungen sah ihren Geist zu beschäftigen, so sehr sie sich dagegen sträubte. Sie winkte, die Fenster zu schließen, und, wohl ahnend, was geschehen, dankte sie in der Stille dem Grafen für seine kühle Beharrlichkeit bei ihrem Zustand, wodurch dieselbe einer größeren Aufmerksamkeit entzogen geblieben war.

Sagt mir jetzt, hob sie leise an, was ist geschehen? Was seid Ihr gekommen mir zu sagen? Ich bin gefaßt, auch das Härteste zu vernehmen.

Ich kenne Eure Ansichten nicht genug, verehrte Schwägerin, um zu wissen, in wiefern Euch meine Mittheilungen beunruhigen mögen; daher muß ich mich auf den Bericht der Thatsachen beschränken und nur wünschen, daß es Euch bald [207] gelingen möge, die bessere Seite daran hervor zu heben. Robert ließ mich um eine Unterredung bitten und erklärte mir, daß er entschlössen sei, der Gräfin Melville seine Hand anzubieten, da sie seine ganze Zuneigung besitzt, und er sei in der Absicht zu mir gekommen, für die nun folgenden Schritte Rath und Beistand von mir zu erbitten, da ihm allerdings nicht entgehe, wie die Angelegenheit mit der Familie Dorset von einigen Schwierigkeiten begleitet sein möchte.

Ich gestehe, Mylord, hob nun die Herzogin an, daß der Grad von Erstaunen, den mir Eure Erzählung erregt, fast dem Unwillen gleich kömmt, womit sie mich erfüllt. Doch wird dies Alles übertroffen von dem gekränkten mütterlichen Gefühl, Euch, Mylord, an der Stelle zu sehen, die einzig nur mein Sohn einnehmen durfte, hätte diese unselige Leidenschaft nicht, wie es scheint, jedes bessere Gefühl in ihm ersterben lassen. Wo und wie ich anfangen soll, meinen Tadel über das Vergangene auszudrücken, bin ich verlegen. Mein Sohn hat Euch zur Mittelsperson zwischen seiner Mutter und sich gewählt. So geht denn und sagt ihm, nie wird ihm meine Einwilligung zu dieser empörenden Verbindung zu Theil werden. Ich werde sie zu hindern suchen mit aller Macht und allen Kräften, die Gott und Menschen in meine Hände gelegt haben, um Schande und Verderben von einem Hause abzuwenden, dessen Ehre ich berufen scheine noch länger aufrecht zu erhalten, da die, denen sie zunächst anvertraut ward, wenig mit ihren hohen Anforderungen bekannt scheinen.

Graf Archimbald eilte nicht, sie zu unterbrechen. Einige etwas zu stark aufgetragene Aeußerungen abgerechnet, fühlte er ihren Unwillen natürlich und wohlbegründet; er konnte sogar nicht läugnen, daß sie schneller auf den wahren Standpunkt gelangt sei, als er, da er, mit ganz anderen und öffentlichen Dingen beschäftigt, in großer Zerstreuung seinem Neffen zugehört [208] und, von dessen jugendlichem Ungestüm überjagt, keinesweges die Umstände so scharf erfaßt hatte, um darin etwas Ehrenrühriges für das hohe Haus oder Beleidigendes für das Herz der Mutter zu entdecken. Nichtsdestoweniger hielt er es für unzweckmäßig, daß die Herzogin ihrem Sohne so stolz und bestimmt widersprechend entgegen trete, da sanfte Gemüther, wenn sie einmal Muth gefaßt, einen bestimmten Willen zu haben, selten durch stolze Härte, welche ihnen nichts gestatten will, davon abgebracht werden, vielmehr um so hartnäckiger im Widerspruch sich zeigen, als diese Stimmung fast den ganzen Karakter aus seiner Bahn treibt. So ungern er sich auch zum Lenker dieser heftigen Frau aufwarf, so glaubte er doch dies nicht unterlassen zu dürfen, um eine wirklich befriedigende Ausgleichung herbei zu führen. Er sammelte sich daher und rückte der Erzürnten näher, um sie mit der ganzen ihm eigenen Feinheit darauf aufmerksam zu machen, wie nöthig es sei, dem jungen Herzoge milder entgegen zu treten. Man könne ihm doch unmöglich und namentlich in seiner jetzigen Stellung das Recht bestreiten, die wichtigste Wahl des Lebens nach eigener Ueberzeugung zu treffen. Hierbei unterstütze ihn sogar das Testament seines Vaters, welches ausdrücklich verfüge, daß alle seine Kinder ihrer eigenen freien Neigung bei ihren Verheirathungen überlassen bleiben sollten. Die Unterhandlungen mit der Gräfin von Dorset betrachtete er nur dann als seinem Wunsche gemäß, wenn die Neigungen beider jungen Leute ebenfalls hierin überein kämen. Er verkenne übrigens nicht die Schwierigkeiten einer Erfüllung des eben geäußerten Wunsches des jungen Herzogs, und er glaube gewiß, daß die liebevolle Stimme der Mutter sein Herz erreichen und seinen Willen beugen werde.

Ja, Mylord, erwiederte die Herzogin mit mehr Ruhe, deren Nothwendigkeit ihr selbst aus den klugen Worten ihres Schwagers klar geworden war, ich will meine Stimme flehend [209] an sein Herz dringen lassen, ja, der Sohn soll seine Mutter als Bittende vor sich sehen; denn niemals, niemals darf sie ihm gewähren! Doch sagt mir, fuhr sie fort, erzählte er Euch von der Gräfin? War sie von seinen Absichten unterrichtet und theilte sie seine unseligen Wünsche?

Er hatte sich noch nicht erklärt, und ich erinnere mich, ihn aufgefordert zu haben, es bis dahin aufzuschieben, wo ich Gelegenheit fände, Euch seine Wünsche mitzutheilen. –

So gebe Gott, daß er dieser Forderung willfahre, denn je wenigere um seine Verirrung wissen, desto leichter wird sie auszulöschen sein! –

Es entstand eine augenblickliche Pause, in der die Herzogin nicht undeutlich wahrnahm, wie Graf Archimbald von irgend einer Idee beschäftigt, keine Anstalten machte, sie zu verlassen. Sie glaubte bei einigem Nachdenken die Ursache darin zu finden, daß es ihr noch oblag, ihren lebhaft ausgesprochenen Widerwillen näher zu bezeichnen und dessen Gründe scharf genug hervorzuheben, um jeder weiteren Erwägung ihrer Wichtigkeit vorzubeugen.

Wir sind gewiß alle einig, Mylord, hob sie an, ihn scharf beobachtend, daß die Natur kaum je ein weibliches Wesen reicher ausstattete, als eben diese Fremde, die der Wille des Himmels an unsern Schutz verwies; aber wie unser Eifer und unsre Menschlichkeit sich auch abmühe, ihr einen bürgerlichen Standpunkt einzuräumen, Ihr könnt gewiß nur mit mir die Befürchtung theilen, dies werde nie so vollständig gelingen, um jeden Schatten von ihrem Namen, wenn sie auf irgend einen Anspruch hat, zu verscheuchen, und brauche ich Euch an den, seit Jahrhunderten fleckenlosen Glanz dieses Hauses zu erinnern, um Euch meine Abneigung gegen eine solche romaneske Verirrung des nunmehrigen ersten Trägers dieses erlauchten Namens anschaulich zu machen? Dies wäre allein hinreichend, fuhr sie [210] stolzer fort, als Graf Archimbald noch immer abgezogen, wie es ihr schien, sich blos stumm gegen diese hochbegeisterten Ansichten verneigte, aber mein Sohn ist durch sein Erscheinen im Hause Dorset, nachdem er zur herzoglichen Würde und Selbstständigkeit erhoben war, und durch den öffentlichen Beifall, den er der Gräfin Anna gezollt, stillschweigend in die Wünsche der Familien eingegangen, und Herzoge von Nottingham feilschen nicht, wie ehrlose Spekulanten, um die Deutung eines Wortes; die Gesinnung, die sie in einer ehrenvollen Sache andeuten, bindet sie so stark, wie das Wort der rohen Menge. So muß ich denn meinen Sohn als den Verlobten der Gräfin Dorset betrachten, so lange sie nicht zurücktritt, und der Bruder meines Gemahls wird meine schwachen Kräfte unterstützen wollen, diese innere Ehre unseres Hauses zu erhalten.

Gewiß, Mylady, sagte der Graf etwas ungeduldig, war ich nie im Zweifel, was ich dem Namen, dem ich angehöre, schuldig bin, und es giebt allerdings in dem Leben eines Mannes, der mit seiner Thätigkeit der Oeffentlichkeit verfallen ist, oft Gelegenheit, die Stärke solcher Anforderungen kennen und in ihrer Wahrheit würdigen zu lernen. Sollte die Gräfin namenlos oder eines befleckten Namens sein, würden die Familiengesetze dieses Hauses sie schon hindern, zu uns zu gehören; doch sah ich diese Befürchtung noch nicht bestätigt, und Ihr selbst hattet mich ja gewarnt, hierin zu schnell zu sein. Doch, denke ich, ist vorläufig diese Ungewißheit Grund genug, meinen Neffen aufzuhalten, und eine so kluge und gütige Mutter wird indessen Mittel finden, ihre Wünsche und Ansichten dem Sohne geltend zu machen. Auch dürfen wir Richmonds Beistand entgegen sehn, der stets besser, als ich, sich verstand, auf Herzen einzuwirken, und obwol ein Jahr jünger, als Robert, stets den Einfluß eines Aelteren über ihn behauptete. – Der Graf sah nach diesen Worten, die Richmond berührten, wie sie diesem [211] Troste horchte und ihn wirklich ergriff. Er schob nun vertraulich seinen Stuhl näher, indem er fortfuhr: Graf Burleigh hat mir Briefe des Grafen Bristol gesendet, die auch Euch angehen, und die väterliche Autorität, die ich mit mir führe, mag mich entschuldigen, wenn ich Euch mit einigen Fragen lästig werde.

Ihr seid meiner Aufmerksamkeit stets gewiß, und mein Vater hat über mich zu befehlen, erwiederte die Herzogin in wieder gewonnener Fassung.

Nun, sagte Graf Archimbald lächelnd, so muß ich Euch zuerst in ein Staatsgeheimniß einweihen, welches, wie ich fürchte, nur zu bald eine nicht mehr zu verbergende Oeffentlichkeit erhalten wird. Unsere Angelegenheiten in Spanien haben eine sehr ungünstige Wendung genommen, und die jahrelangen, weisen, nicht genug zu rühmenden Unterhandlungen unseres größten Geschäftsmannes, des Grafen Bristol, scheinen ganz gegen ihr Verdienst erfolglos zu werden! – Aber um Gott, Mylord, rief hier die Herzogin erschrocken, was sagtet Ihr und alle übrigen offiziellen Nachrichten uns denn bisher so verschwenderisch vom Gegentheil? Welche chimärische Träume waren dies, wer hat denn hier betrogen sein wollen, daß man so geschäftig war, es zu thun?

Weder das Eine, noch das Andere, antwortete der Graf; Alles ging von Seiten des Prinzen und des Hofes in Wahrheit so vor sich, wie es uns gemeldet ward. Aber Ihr werdet Euch wohl erinnern, wie die Begleitung des Herzogs von Buckingham mich sogleich über die ganze Angelegenheit in Zweifel setzte, da es wohl unmöglich war, einen ungeschicktern und übelwollendern Begleiter für den Prinzen aufzufinden. Der Erfolg hat nun alle dadurch auch beim Grafen Bristol erregten Besorgnisse bestätigt, und schon nach den ersten Tagen war der Herr Graf, der Buckingham beobachten ließ, überzeugt, daß es der bestimmte Wille des Herzogs war, durch die zügelloseste Aufführung und [212] die absichtlichste Beleidigung aller höheren dabei interessirten Personen, den Prinzen trotz seines eigenen makellosen Betragens in Mißkredit zu bringen. So bewundernswürdig klug Graf Bristol alle diese Dinge für den Prinzen unschädlich zu machen suchte, so wenig vermochte er doch die gerechten Befürchtungen der königlichen Familie zu unterdrücken, daß der unläugbare Einfluß dieses Mannes auf den Prinzen die Lage der Infantin höchst bedenklich machen müsse. – Woher aber dieser Einfluß so plötzlich? unterbrach ihn hier die Herzogin; weiß ich doch, daß der Prinz früher eine in der That nur allzu furchtbare Beleidigung ihm nie vergeben zu können glaubte, und später nur aus kindlicher Rücksicht für seinen Vater ihn ertrug, ohne doch seine Verachtung gegen ihn unterdrücken zu können.

Graf Archimbald wußte entweder hierüber selbst noch nichts, oder zog vor, diese Aufklärungen nicht zu geben; genug, er begnügte sich, seine Absicht weiter verfolgend, ruhig fortzufahren. Dessenungeachtet ist die Thatsache nicht zu läugnen, Buckingham ist im Vertrauen des Prinzen, und so doppelt mit Ansehen ausgerüstet, überschreitet seine Unverschämtheit alle Grenzen. Er hat sich dem vortrefflichen Herzoge von Olivarez, der bisher unser eifriger Freund und der Beschützer dieser Bewerbung war, öffentlich als Feind erklärt und ihn dabei so beleidigend behandelt, daß der Herzog, da man Buckingham vor der Abreise des Prinzen nicht vom Hofe entfernen darf, diesen bis dahin vermeidet. Des Grafen Bristol Einmischung hat die Sache nur verschlimmert, obwol sie mit seiner gewohnten Umsicht geschah. Denn Buckingham hat sich die abscheulichsten Ausbrüche gegen die Gesandschaft des Grafen erlaubt, und der Graf zog sehr richtig, fürchte ich, daraus den Schluß, daß des Herzogs Neid im bösesten Grade erregt sei, in Bezug auf das durch den Grafen so glücklich eingeleitete gute Vernehmen beider Höfe, und daß er dieses Verdienst nicht durch eine Vermählung noch erhöht [213] sehen wollte. Wie dem auch sei, der Hof hat sogleich nach Abreise des Prinzen die Unterhandlungen, um höchst unbedeutender Ursachen willen, fürs Erste bei Seite gelegt, wenn man sie nicht schon jetzt richtiger abgebrochen nennen soll. Graf Bristol fühlt sich dadurch äußerst gekränkt und wünscht, wie natürlich, irgend einen neuen Anknüpfungspunkt aufzufinden. Hierzu möchte er durch Euch einige Nachrichten erhalten, die ihm jetzt wichtig werden könnten.

Durch mich? fragte die Herzogin fast spottend. Wie kann ich meinem theuern Vater, entfernt vom Hofe, gehüllt in Trauer, über diese Angelegenheiten, die auch den dort Lebenden nicht immer klar sein mögen, den geringsten Aufschluß geben? Nein wahrlich, ich kann nur als Tochter und Engländerin seinen Unwillen theilen, aber ihm Licht über das Dunkle dieser Sache zu geben, ist außer meinem Bereich. –

Es beziehen sich die Nachrichten, die der Graf wünscht, auf die Reise meines theuren Bruders, Euers Gemahls. Der Graf, dem über die eigentliche Ursache Zweifel entstanden, glaubt bei dem ausgezeichnet vertrauten Verhältniß zu Euerm Gemahl von Euch Näheres erfahren zu können. –

Schwermüthig sank der Kopf der Herzogin nieder, und mit einem Seufzer hob sie an: Mylord, Ihr berührt hier eine schmerzliche Erinnerung! Mein Gemahl durfte von mir einer Treue gewiß sein, die seine Geheimnisse, so er mich würdigen wollte, sie zu theilen, zu einem Heiligthume gemacht haben würden, an dem selbst der mächtige und stets ehrwürdige Wille meines Vaters hätte scheitern müssen. Aber ich habe bei seiner unglücklich übereilten und durch nichts gerechtfertigten Reise diesen Vorzug nicht genossen, und ich darf daher nach dem Willen meines Vaters handeln, dessen Scharfblick sich nicht trog, denn auch mir ward es eine unleugbare Gewißheit, daß ihn ein anderes Motiv, als das der Sehnsucht, meinem Vater seinen [214] Sohn vorzustellen, trieb. Er fühlte auch selbst zu wohl, wie wenig mir dieser Grund zur Befriedigung dienen konnte, und er achtete mich und sich zu sehr, um ihn vor meinen Ohren zur Wahrscheinlichkeit aufschmücken zu wollen, wohl wissend, daß mir die Ehrfurcht vor seinem stets reinen Willen nicht erlauben würde, ein Vertrauen erzwingen zu wollen, welches seiner treusten Freundin vorzuenthalten, er wichtige Gründe haben mußte.

Und, rief Graf Archimbald, aufs Höchste gespannt, hatte er kurz zuvor eine seiner gewöhnlichen Zusammenkünfte mit dem Prinzen? Verhehlt mir nichts! Euer Scharfsinn hat Euch können errathen lassen, ob der Prinz vielleicht Einfluß auf seinen Entschluß hatte. Dies grade ist es, was Euern Vater beschäftigt, worüber er von Euch Auskunft hofft. –

Da ich einmal angefangen habe zu sprechen, in der Hoffnung, meinen Gemahl dadurch nicht zu beleidigen, und in der Gewißheit, daß mein Vater stets die Gefühle der Gattin in mir schonen wird, so will ich jetzt, wofern sich auch meinen Worten irgend etwas gegen die Absicht meines Gemahls enthüllen lassen sollte, Euch Alles sagen, was mir selbst davon bekannt werden konnte, ohne die Grenzen überschreiten zu dürfen, die mir wohlanständig waren. Der Herzog empfing in meiner Gegenwart einen Courier vom Prinzen und reiste schon am Abende ab, indem er mir sagte, daß der Prinz ihm Dinge von Wichtigkeit mitzutheilen habe. Es hat in Bezug auf den Prinzen immer unter uns diejenige Zurückhaltung in unsern Mittheilungen geherrscht, die man sich auch in den nächsten Verhältnissen schuldig ist, wenn das Interesse Anderer dabei betheiligt ist, oder eine uns bekannte und nicht auszugleichende Verschiedenheit der Meinungen obwaltet. Ich suchte nie meinen Gemahl von diesen Zusammenkünften abzuhalten, die ihn mir oft und auf lange raubten. Ich fragte nie nach der Zeit seiner Rückkehr, wenn er nicht die Güte hatte sie mir selbst anzuzeigen; aber eine [215] lange Erfahrung ließ mich stets eine Trennung von mehreren Wochen fürchten. Ich ward daher sehr überrascht, als ich ihn den nächsten Tag zurückkehren sah, und der unwillkürliche Schrecken, der mich ahnend zurückbeben ließ, fand sich nur zu sehr gerechtfertigt durch das veränderte Ansehen meines Gemahls. Seine edeln, offenen Züge waren der Verstellung unfähig, und ich sah in ihnen einen sanften Schmerz, einen Ausdruck von Unruhe und eine besorgte Zärtlichkeit um mich, die mir das Herz um so mehr belastet, da ich vergeblich einer Aufklärung entgegen sah. Erst nachdem er sich und mich bis zum andern Tage mit seinem Schweigen beunruhigt hatte, erhielt ich durch die Anzeige seiner Reise nach Spanien eine theilweis traurige Auflösung. Er sagte mir nämlich, er wolle den lang genährten Wunsch meines Vaters erfüllen und ihm Robert vorstellen. Nach diesen Worten schwieg er, und ich mit ihm, denn von dem Augenblicke an ergriff mich der namenlos bittere Schmerz seines Verlustes, und die Qual des Geheimnisses, das über diesem Ereignisse ruhte, zerschnitt mir das Herz. Ich wagte ihn an die Jahreszeit, an die Abwesenheit Richmonds zu erinnern, wodurch der Wunsch meines Vaters nur halb erreicht werden könnte. Er schwieg, nahm liebevoll meine Hand und sagte mit einem Tone der Weichheit, der nie aus meinem Gedächtniß kommen wird: Ich muß dennoch reisen! Ich nahm nun all meinen Muth zusammen und erwiederte ihm: So sei Gott mit Euch, ich werde aller Welt sagen, daß Ihr unsern Sohn meinem Vater vorstellen müßt. Nach dieser Ergebung in seinen Willen sagte er mir tausend Worte der Liebe, die mir seine Dankbarkeit verriethen, daß ich ihn schonen wollte. Aber ich täuschte mich so wenig, als er selbst. Wir wußten bei unserer Trennung, daß wir uns nicht wiedersehen würden; unser Schmerz konnte durch nichts als durch diese Ahnung gerechtfertigt werden. Ihr wißt jetzt Alles. Es blieb mir nie ein Zweifel, [216] daß der Prinz ihn zu dieser Reise bestimmt, zu welchen Zwecken jedoch, ist mir, wie Ihr seht, unbekannt und muß auch meinem Vater unbekannt geblieben sein, denn er kam ja nur zu ihm, um sein Sterbelager zu besteigen.

Graf Archimbald fühlte sich nach der Beendigung dieser Erzählung von Theilnahme und Achtung für seine edle Schwägerin erfüllt; dies verlieh ihm jene Wärme und Güte des Ausdrucks, der, leicht verständlich, dem Herzen so wohlthuend, besonders wenn er von Personen kommt, zu deren Gefühl man sonst schwer Zugang gewinnt. Er hat bei dem wahren und tiefen Ausdruck von Schmerz und Edelsinn, womit die Herzogin gesprochen, fast ganz den politischen Zweck der Sache vergessen, und die gefühlvollen Worte, womit er die Leidende zu ehren wußte, führten diese beiden einander so würdigen Personen für einige Zeit ohne das gewöhnliche Rüstzeug ihres Verstandes zu einander.

Die Herzogin erinnerte ihn selbst an seinen Zweck, indem sie ihn bat, ihr zu sagen, ob ihr Vater aus den letzten klaren Tagen des Herzogs vor der Zunahme seiner Krankheit, die so bald seinen schönen Geist verdunkelte, über seine eigentlichen Absichten habe Schlüsse machen können, und Graf Archimbald theilte ihr nun, theils erzählend, theils lesend, Stellen aus den Briefen des Grafen mit. Der Herzog war erkrankend angekommen, dennoch nach einer kurzen Zwischenzeit, die er dem Erguß der verwandtschaftlichen Gefühle gegönnt, hatte er nach allen, auf die im Werke stehende Vermählung des Prinzen und der Infantin bezughabenden Umständen gefragt. Als aber der Graf seinerseits von ihm, als dem genauesten Freunde des Prinzen, über dessen Stimmung habe Auskunft haben wollen, sei er von ihm auf spätere Mittheilungen verwiesen worden, die nachher nicht mehr erfolgen konnten. Während seiner Phantasien war er stets mit seiner Vorstellung bei Hofe und einer Privat-Audienz bei der Infantin beschäftigt. Zuletzt rief er [217] noch mit qualvoller Angst den Prinzen, bis Alles ohne Deutlichkeit in der Nacht seines zerstörten Geistes untertauchte.

So fürchte ich, hob die Herzogin nach einer Pause an, wird mein Vater seinem eigenen Scharfsinn überlassen bleiben. Aber sagt mir Mylord, so ihr es dürft, ist über die Wünsche des Prinzen, die er, wenn ich offen mich erklären darf, so abenteuerlich durch seine Reise nach Spanien an den Tag gelegt, ein Zweifel? und worüber? und wohin gewendet?

Wie sonderbar und widersprechend es auch erscheinen möge, erwiederte Graf Archimbald, so glaubt dennoch Graf Bristol, daß grade der Prinz in seinem Innern am entschiedensten gegen diese Verbindung ist, daß seine Reise sowol, wie seine Versöhnung mit Buckingham das letzte Mittel war, um eine Störung in diese Angelegenheit zu bringen, ohne durch eine offene Weigerung den König, seinen Vater, zu beleidigen. Der Graf konnte während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit den Prinzen zu keiner offenen Erklärung über eine Sache bringen, die ihn doch allein dorthin geführt zu haben schien. Er er zählte dem Grafen unaufhörlich, wie es ihn überrascht habe, in Spanien, das jüngst noch gegen England entbrannt war, bei seiner plötzlichen Ankunft, auf die das Land von Hofe aus unmöglich vorbereitet sein konnte, auf kein Hinderniß oder irgend eine Beleidigung gestoßen zu sein. Es glich dies Erstaunen fast einer getäuschten Erwartung. Ebenso war, bei der übrigen Kälte des Prinzen, sein Verlangen, um jeden Preis die Infantin allein zu sprechen, so dringend, von Buckingham so unschicklich heftig unterstützt, daß man eine geheime, damit verknüpfte Absicht dahinter hätte ahnen mögen; und Graf Bristol wußte es der unüberwindlichen Etikette Dank, daß sie die Sache unmöglich machte. Eben so wenig suchte der Prinz den Zügellosigkeiten Buckinghams entgegen zu treten. Er theilte sie zwar nicht, aber es fiel ihm doch unläugbar zur Last, daß die nächste Person [218] seines Gefolges, und die einzige von Range überhaupt, unter seinen Augen dergleichen wagen durfte. Vergeblich aber war des Grafen Bitte, wenigstens den Herzog von Olivarez zu versöhnen, gegen den der Prinz ein höchst unzeitig beleidigtes Wesen annahm, und diesen stolzen Mann, den des Grafen Bristol unendliche Klugheit uns eben erst gewonnen, zum unversöhnlichsten Feinde umschuf. Der Courier, den der Graf mir mit diesen Andeutungen gesendet, übereilt den Prinzen um einige Tage, da der despotische Wille Buckinghams den Prinzen durch Frankreich wieder zurückführt, als ob er die Höfe Europa's, denen es am vortheilhaftesten scheinen könnte, eine so wichtige Person, als den Thronerben von England, bei sich fest zu halten, diese Probe ihrer völkerrechtlichen Tugend zu seiner eigenen Belustigung bestehen lassen wolle. Jedenfalls bewahren wir der Nachwelt eine seltene Probe unserer Klugheit auf, und einer Lächerlichkeit des Betragens, die uns um ein Jahrhundert vor Elisabeth zurückversetzt, deren Nachfolger zu sein, wir uns doch rühmen wollen.

Der Graf hielt hier inne, er besaß nicht die Pedanterie politischer Geheimnißkrämerei, und am wenigsten vor einer Frau, die ihm eben Proben ihrer Selbstbeherrschung gegeben. Aber er fühlte selbst ein gewisses Unbehagen, die Handlungen ins Licht treten zu lassen, die seinem Altenglischen Herzen so kränkend waren. Er mußte indeß der sehr dadurch beschäftigten Herzogin noch Rede stehen, die nun zu wissen wünschte, ob man ihrem Gemahl dieselbe Ansicht mit Buckingham und dem Prinzen beimessen könne.

Wir können nur Thatsachen an einander stellen, erwiederte Graf Archimbald. So viel dürfte für uns Gewißheit sein, daß der Prinz die Veranlassung zur Reise meines Bruders ward, welches eine ähnliche Absicht anzudeuten scheint, wie der Prinz später so dringend verfolgte. Ebenso scheint die letzte Zeit, wo[219] er sich noch äußern konnte, eine Beziehung zu den Angelegenheiten des Prinzen hinlänglich zu verrathen, wozu ich rechne, daß er sich gegen Graf Bristol über den Prinzen ausweichend äußerte, und daß sein Bestreben gleichfalls darauf ausging, die Infantin allein zu sprechen.

Unmittelbar nach der Nachricht von dem Tode des Herzogs trat dann die Versöhnung mit Buckingham und die Reise des Prinzen ein. So scheint es, daß der Prinz, als der Herzog nicht vollziehen konnte, was er von ihm gehofft, eines andern Vertrauen bedurfte, der ihn dann zur eignen Ausführung antrieb. Doch werdet Ihr selbst einsehen, daß wir hier nur unbestimmte Muthmaßungen haben, eine aus der andern geleitet, aber sämmtlich des Hauptanhalts entbehrend, der Kunde vom unbegreiflichen Zweck aller dieser Anstrengungen! –

O Gott! seufzte hier die Herzogin schmerzlich auf, so wäre also das Glück meines Lebens dennoch an dem Willen des Prinzen zertrümmert, der stets als ein finsterer Geist neben dem Lichtbilde meines Gemahls stand, und mit dem ich das Recht des Besitzes zu theilen stets gewärtig sein mußte. Wir wollen denken, Graf Archimbald, fuhr sie fort, indem sie sich fast geisterhaft bleich von ihrem Sessel erhob, daß in Gottes Hand der letzte Augenblick des Menschen ruht, und ich sage mir, daß dies geliebte Wesen reif war, hin über zu gehen, und hier im Schooße der Seinigen so sicher ereilt worden wäre, wie unter den Beschwerden und Sorgen dieser Reise. Dennoch mag vielleicht stolzes Ueberbieten geistiger und physischer Kräfte schneller den Augenblick herbei führen können, den Gott ohne solche menschliche Verschuldung noch entfernter gestellt haben würde, und vielleicht war das der Fall auch hier. Mylord, o begreift es, wie schwer bei diesen Gedanken mir die Ergebung wird, wie der Gram die schreckliche Zugabe des Vorwurfs gegen die Verschulder desselben erhält!

[220] Geht hierin nicht zu weit, Mylady, sagte der Graf Archimbald milde, laßt den Gedanken vorwalten, daß Gottes Hand hier lenkte und bestimmte, und machet den Dienst der Freundschaft, der wol ohne Vorahnung dieser Folgen gefordert und gewährt werden konnte, den Beiden nicht zum Vorwurf, die stets ein wahrhaft schönes Bild dieser reinen Empfindung darstellten.

Es sei so, sagte die Herzogin sich empor ringend, und es mag Zeit sein, den Gedanken ihr Ziel zu setzen, die mich ergreifen wollen über den geheimnißvollen Einfluß, den dieser Freund meines Gemahls auf ihn ausübte. Denn ich darf ja jetzt am wenigsten vergessen, daß die Stelle leer ist, die er zum Schutz und zur Leitung seiner Familie so würdig einnahm, und, setzte sie leiser hinzu, vielleicht sollte ich schon jetzt die Güte Gottes erkennen, die wenigstens sein Herz vor dem Schmerz bewahrte, der mir in der Verirrung meines Sohnes droht, – ach! welch' ein Schmerz wäre das für ihn geworden!

Ihr Blick voll düsterer Melancholie traf hier Graf Archimbald, der trotz aller zarten Theilnahme, die ihm bis dahin gegen die edle Leidende so natürlich gewesen war, dennoch den Schmerz seiner Schwägerin über die Ansichten ihres Sohnes etwas übertrieben finden mußte. Sie gewahrte augenblicklich diese Gedanken, wenn auch fast unmerklich in seinen Zügen ausgedrückt, und wider ihren Willen rief sie wie überwältigt aus: Ich gelte Euch so eben als eine Thörin, die, den Anforderungen ihres Schicksals nicht gewachsen, sie phantastisch vergrößert, ihr Unvermögen damit zu verhüllen; aber könntet Ihr die Größe dieses Schmerzes so durchschauen, wie es mir aufbehalten war, Ihr hieltet mich nicht für ein allzuschwaches Weib.

Und dessen seid in jedem Fall gesichert! Ihr habt mir eben durch Eure verehrungswürdigen Mittheilungen eine Lehre der Mäßigung in Bezug auf die Geheimnisse Anderer gegeben, die [221] Euch zu hoch in meinen Augen stellt, als daß Ihr sie nicht gegen Euch zuerst befolgen möchtet. Aber vergeßt nicht, daß es der Bruder Eures Gemahls ist, der stets mit allen seinen Kräften Euch zur Seite bleibt, und dem Ihr vertrauen dürft, wie der es that, den ich mit Euch so schmerzlich vermisse. –

Der starke Mann zollte hier einen Augenblick dem tief verschlossenen Gefühl seiner Brust einen ehrenvollen Tribut, aber er kürzte gern solche, ihn stets überraschende Momente ab, und Beide trennten sich stumm grüßend, mit dem Gefühl einer erhöhten Achtung und Freundschaft.

Weniger genügend für beide Theile fiel eine Unterredung der Herzogin mit ihrem Sohne aus. Sie hatte nur zu viel Veranlassung, der Menschen-Kenntniß des Grafen Archimbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seine Befürchtung wegen der hartnäckigen Entschlossenheit sanfter Gemüther, die durch Leidenschaften in ihren Empfindungen erhöht sind, zu theilen. Es ward ihr manche, bis dahin noch vorenthaltene Kenntniß der Grenzen älterlicher Macht über die Gewalt individueller Empfindungen, der Ohnmacht des Willens und der Bitte bei anders Fühlenden. Ihre Lage war um so drückender, da ihr nicht vergönnt war, mit der vollen Kraft der Wahrheit zu ihm zu reden. Denn wiewol glühend überzeugt von der Unmöglichkeit der Sache, mußte sie es sich doch versagen, ihren Sohn durch dieselben Gründe zu überzeugen, welche in ihr dies Resultat hervorgebracht. So blieb ihre Lage ihm gegenüber von der Halbheit beschlichen, die kräftige Gemüther um so tiefer verletzt, je nöthiger ihnen stets in Rede, wie in That jene rechtfertigende Consequenz ist, wovon sie sich des oft geprüften Erfolges gesichert wissen. Sie sah ihren Sohn dadurch, daß er seine volle Seele in Wahrheit und ohne allen Rückhalt vor ihr entlud, in einem ihr nachtheiligen Vortheil über sich, und mußte auch das sonstige Uebergewicht ihres Verstandes vor ihm einbüßen, da [222] sein ganzes Wesen, in Liebe erhöht, seinem Geiste eine Glut und Kraft der Combinationen verliehen hatte, die dem kindlich schlummernden früheren Zustande nicht mehr gleich kam.

Ein für die Herzogin namenlos schmerzliches Gespräch mehrerer Stunden hatte sie um nichts ihren Wünschen näher gebracht. Es war noch immer der liebevolle, ehrende Sohn, der treffliche Mensch, aber zugleich ein zum ersten Mal im Leben Wollender, unterstützt in diesem Willen von der ganzen Ueberredungsgabe eines zuerst liebenden Herzens. Dagegen schien die Herzogin wenig Anderes als Vorurtheile und Stolz in die Waagschale legen zu können, und gegen das Ende dieser qualvollen Unterredung mußte sie entmuthigt sich das ihr so neue Geständniß machen, sie sei sich selbst hier nicht genug und ihr Einfluß auf ihn nur noch bedingt.

Sie hatte nur die Versicherung von ihm erlangt, daß er sein Gefühl der Gräfin verschweigen werde, bis die Familie Dorset mit schonender Achtung entfernt sein werde, und bei dieser Bitte fand sie den Sohn so nachgiebig, so durchdrungen von den Anforderungen der Ehre und Wohlanständigkeit, daß sie ihm nicht einmal zürnen konnte, sondern ihn seiner edeln Erziehung vollkommen entsprechend finden mußte. Der Herzog verließ endlich seine Mutter mit weit mehr Hoffnung, als er nähren durfte. Denn er hielt ihren fast erschöpften Zustand für Nachgiebigkeit in seine Wünsche, und für ihn lagen alle Schwierigkeiten allein in der möglichen Beleidigung der Familie Dorset.

Zu einer milden Ausgleichung dieses Punktes hoffte er seine geliebte Großmutter zu bestimmen und vertraute diese Absicht auch der Herzogin, von der er so kindlich liebevoll schied, daß die Thränen der zärtlichen Mutterliebe über das schöne Gesicht des knieenden Jünglings flossen. Aber kaum war er ihren Blicken entschwunden, so rang sich die Klarheit ihres Geistes [223] aus der weichen Betäubung empor, worein ihr Herz sie verstrickt hatte, und der jähe Schmerz, den ihr der Ueberblick der wirklichen Lage der Sache gab, erschien ihr jetzt um so schrecklicher, da die Unterredung, von der sie so viel gehofft, vorüber war und sie sich sagen mußte, sie sei dadurch eher zurück, als dem Ziele näher geschritten. Sie machte sich in ihrer Heftigkeit selbst die bittersten Vorwürfe, ihrem Sohn auch nur einen Schatten von Hoffnung für diese Verbindung gelassen zu haben; sie glaubte sich dem Elende einer Entdeckung ihres Geheimnisses nahe gebracht, und rief in fieberhafter Angst Gott auf ihren Knieen um Beistand an und um Herbeiführung eines Ausweges. Thränen sandte ihr vorerst Gott, und als diese ihr banges Herz erleichtert, stand auch der rettende Engel, den Gott gesandt, ihr zur Seite. Sie hob den Kopf empor, sich von ihren Knieen zu erheben, und stand vor ihrer ehrwürdigen Schwiegermutter, die, von ihr ungehört, das Zimmer während ihres heftigen Weinens betreten und, über den Zustand, worin sie die Herzogin sah, erschrocken, so eben sich ihr genähert hatte.

Die Herzogin fuhr zusammen, und dann mit einem so überspannten Ausdruck zurück, daß ihre starren Augen zu fragen schienen: Bist du ein Mensch? Ach, bist du der Ausweg, um den ich Gott anrief? seufte ihr Herz, und sogleich wiederholten es auch ihre Lippen, und vor der alten Herzogin aufs Neue niedersinkend, rief sie wie begeistert: Du bist es, ja, Du bist es! Dich sendet mir Gott, vor Dir soll ich mein Herz von seiner erdrückenden Bürde befreien, Du bist der Ausweg, den er mir sandte; in Deiner reinen Seele wird sich das Rechte vom Unrechten scheiden, und was sein muß, wird meine rathlose Seele von Dir erfahren. – Sie sprang zugleich mit einer Heftigkeit auf, welche dem krankhaften Zustande zu widersprechen schien, in dem sie sich befand, und war bemüht, ihre erstaunte und bekümmerte Schwiegermutter zu einem Ruhebette zu ziehen, [224] auf dem sie sich sogleich mit einer Hast dicht neben ihr niederließ, welche von der regellosen Aufregung ihres Innern zeugte.

Die alte Herzogin war ihr willig in all' ihren stummen Anordnungen gefolgt, aber die Besorgnisse, die dies seltsame Verfahren ihr gab, raubten ihrem stets gegenwärtigen Geiste dies Mal die Leichtigkeit, sich in lindernden Worten auszudrücken. Sie fühlte sich unfähig, einen Eingang zu dem Vertrauen zu finden, das die geliebte Leidende mit einer räthselhaften Angst und Uebereilung ihr zu schenken bereit schien, und sie blickte blos, in unendliche Liebe und das tiefste Mitgefühl aufgelöst, in die zerstörten Züge der Herzogin. Diese schwieg ebenfalls noch; dicht neben der mütterlichen Freundin sitzend, ihre Hände zwischen den ihrigen drückend, die von Thränen geschwollenen Augen an den Boden geheftet, schien sie von eigenen Gedanken noch zu überfüllt, um reden zu können; sie schien in sich vor allen Dingen die Ordnung herstellen zu wollen, die ihr nöthig war.

Sie hob endlich die Augen zu ihrer Schwiegermutter auf, und ward durch einen Blick in dies liebevoll besorgte Antlitz wie von jeder Qual befreit und in die Arme gezogen, die sich ihr so mütterlich öffneten. Höre mich erst, seufzte sie dann, ehe Du mich thöricht schiltst; aber höre mich! Länger kann ich die Qual dieses Geheimnisses allein nicht tragen, ich bedarf auch Deines Beistandes, und Du hast ja fast dasselbe heilige Interesse, wie ich selbst, geheim zu halten, was ich Dir sagen muß. Aber dennoch, setzte sie bang und flehend hinzu, dennoch kann ich nicht eher das mir gethane Gelöbniß ewiger Verschwiegenheit brechen, ehe Du nicht großmüthig Dich meiner Angst erbarmst und mir heilig gelobst, das, was ich Dir sagen muß, als unverbrüchliches Geheimniß in Dir zu bewahren, so, als hätte Dich nie eine Ahnung davon erreicht.

Alles gelobe ich, was Dich, mein armes Kind, beruhigen kann, sagte schnell die bekümmerte alte Dame, und bin gewiß, [225] Du wirst mir nun ohne Sorge vertrauen und mich die Bürde mit Dir tragen lassen, die Dich so grausam zerstört. O eile, geliebtes Kind, Dein Herz zu erleichtern, und Gott wird mir Kraft verleihen, Dir eine wahrhafte Stütze zu sein.

Ach, seufzte die Herzogin, wie weit in die Vergangenheit muß ich zurückgehen, denn wie sehr ist das, was ich Dir sagen will, in das Gewebe meines ganzen Lebens mit einem unabgerissenen, mir allein stets sichtbaren Faden verflochten. Wie hat es mit seinem stillen und doch unläugbaren Dasein mir den Muth zur Klage, wie zum völlig reinen Genusse des Lebens geraubt! O, wie tief fühle ich seinen Einfluß auf mein ganzes Wesen, wie ließ es in mir die Fehler ergrauen, von deren Dasein ich zu meiner Qual mir stets bewußt blieb, während ich ihnen doch die Herrschaft wieder gönnte, die mich zu verhärten schien gegen die geheimen Schmerzen dieser Brust. Mutter, wenn es ein Frevel werden kann, ein menschliches Wesen zu sehr zu lieben, so hab' ich ihn vielleicht begangen; aber, den ich so über alle Grenzen hinaus liebte, – es war Dein Sohn, und an Deinem Herzen rufe ich um Nachsicht.

Du weißt, daß mein verehrungswürdiger Vater nach dem Tode meiner Mutter das zehnjährige Mädchen ganz in seine Obhut nahm, nur Mistreß Morton blieb mir als weiblicher Schutz zur Seite, und sie war, obgleich noch jung und schön, doch nur in der Liebe zu mir lebend, allen den Pflichten vollkommen gewachsen, die mein Vater ihr mit vollständigem Vertrauen übertrug. Wir theilten jede Stunde, die ich entfernt von meinem Vater lebte, aber dem früh vereinsamten Manne war es süßer Trost, das einzige Andenken seiner Liebe um sich zu haben, und meine Tage schwanden in dem Studirzimmer des Vaters hin in wortkarger Einförmigkeit. Der Ernst dieses Lebens widerstrebte jedoch meiner Sinnesart nicht; ich fügte mich nicht allein, sondern ich ahmte bald in Wort und Zeichen [226] einen Ernst und eine Würde nach, die mein Vater in seiner reichen Natur mit einer heitern Lebendigkeit des Geistes und einer zärtlichen Empfänglichkeit des Herzens verband. Von dieser war mir nur wenig verliehen, und sie wurde daher unter seinen Eigenschaften leichter von mir übersehen, als sein Ernst und sein Stolz, der in meinem Gemüthe reichern Anklang fand. Alle meine Umgebungen huldigten bald den Anforderungen dieses jugendlichen Dünkels, der mich bei der Strenge meines Karakters nie zu Bedrückungen verleitete, die im Stande gewesen wären, meinen Vater aus dem zärtlichen Liebestraum über die Vorzüge seines Kindes zu wecken. Meine theure Morton war das lindernde Prinzip. Sie liebte ich, und an ihrer zärtlichen Brust verschwand der Ernst, den ich überall fest hielt; ich ward jung in ihrer wohlthätigen Nähe und lernte weiblich fühlen. Vielleicht schon damals stimmte der bloße Name des Mannes, den ich später so grenzenlos lieben sollte, mein Herz so empfänglich für Mortons weiblich heitere Gespräche, denn sie, von den Plänen zu dieser Vermählung unterrichtet, bereitete in sorgloser Geschwätzigkeit mein Herz zu diesem Glücke vor. Mein Vater, der seit dem Tode meiner Mutter dem öffentlichen Leben standhaft entsagt hatte, bis zu meiner Vermählung, glaubte endlich mit Deinem Gemahle, der Augenblick hierzu sei gekommen. Morton sagte mir, daß beide Familien ihre Kinder bei Hofe vorstellen wollten und ich den sehen würde, der in mir seine Braut zu finden hoffte. Aehnliches, obwol ferner angedeutet, sagte mir mein Vater, und ich zürnte jedes Mal dem ungestümen Schlage meines Herzens, als der stolzen Würde widersprechend, die überall zu behaupten ich mir auferlegt. Ach, nur zu bald und immer mehr ward dieser angenommene Grundsatz in mir erprobt. Wir sahen uns, nachdem ich zuerst Deinen Segen, als von der Freundin meiner Mutter, in Deinem Hause empfangen, zuerst am Hofe. Obwol der Augenblick, wo ich[227] zuerst ihn sah, mir deutlich ist, als wär's der gegenwärtige, könnte ich Dir doch die stürmische Gewalt nicht schildern, womit auf ewig sich dies heißgeliebte Bild in meine Seele senkte. Was ich gehofft, geträumt, geahnet, lag wie ein Schattenbild, verschmolzen mit dem ganzen Zeitraum der Jugend, den ich durchlaufen, wie leblos hinter mir. Er nahte mir, sein hold leuchtendes Auge erreichte wie ein unendlicher Wohllaut mich, wir redeten, und tausend Mal gab ich an diesem Abend ihm die Seele hin. Als bei der Rückkehr mich der Vater mit einem Segenskusse lächelnd von sich ließ und Morton mir am Eingange meiner Zimmer bewegt entgegeneilte, trat sie erstaunt zurück, die Arme, die ich ihr entgegenstreckte, erreichten sie nicht, denn sie schien ungewiß, ob ich es sei, und trat nun, mich zu sehen, vor meiner Umarmung zurück; aber ich suchte das liebevollste Herz, und mit einer an Triumph grenzenden Freude rief ich ihr zu: Ich habe ihn gesehen! – Welche Tage begannen nun! Ach, es waren nur wenige, aber selige Tage. – Auch Ihr theiltet wol in älterlicher Zärtlichkeit die Bestätigung Eurer Hoffnungen. Denn nahte Robert mir auch nicht in Liebe, war ich doch die Liebste in dem weiten Kreise des Hofes ihm, und ich, so sicher ihn als mein betrachtend, ersetzte mit dem Reichthum meiner Empfindung die Lücken, die damals sich schon hätten finden lassen. Da rief der König die Familie seines übermüthigen Lieblings an den Hof, und Ihr wißt, was da geschah. Aber die Qualen meines Innern blieben Euch und aller Welt Geheimniß. An jenem Abend, wo die schöne Schwester des Herzogs von Buckingham am Hofe erschien, geschah in meinem Innern eine gewaltsame und fürchterliche Umänderung. Ich kann sagen, daß meine Entwickelung, gehemmt und für immer aus dem schönen Reiche sanfter, leidenschaftsloser Weiblichkeit verdrängt, den kalten Mächten wieder anheim fiel, denen die Liebe mich entzogen, vielleicht für immer entzogen hätte,[228] wäre es mir beschieden gewesen, sie zu der ungetrübten, tugendhaften Höhe führen zu können, deren sie werth und fähig war. Aber gestört, so grausam gestört, bei so grenzenloser Hingebung, war mein Karakter nicht geschaffen, in Milde diesen heißen Schmerz zu wandeln, und ich bin es mir bewußt, daß ein ganzes folgendes Leben, reich an süßem Glücke und jeglicher Befriedigung, den jähen Umsturz meiner damals keimenden besseren Natur nicht wieder ins Gleiche bringen konnte.

O Mutter, wende Dich nicht von mir, rief die Herzogin hier in Thränen der sichtlich erbebenden mütterlichen Freundin zu, und zürne nicht, daß ich Dich zum Beichtiger meines ganzen Lebens mache. Das Andenken dieser Tage, ja, das nie vordem Geschehene, daß meine Lippen zur Enthüllung ihrer Leiden sich öffnen, reißt mich mit sich fort, daß ich, so innig Dir vertrauend, so nie von Dir zurückgeschreckt, nicht mehr verhindern kann, zu sagen, was mir in trauriger Erkenntniß meiner selbst nur zu oft zur schmerzlichen Gewißheit wurde.

Kaum hatte diese Schönheit sich gezeigt, so sah an meiner Seite ich an Robert die Wirkung, die bald Allen kein Geheimniß blieb. Ach, der mich durch sich gelehrt, was Liebe sei, ließ jetzt an sich dasselbe mich erkennen, von einer Andern eingeflößt, was ich in jeder Beziehung allein von ihm zu fordern berechtigt schien! Ich kam nach einem kurzen Wehe namloser Schmerzen schnell zur Ueberzeugung, daß ich verloren sei, daß der, den ich noch wenig Stunden früher mit jubelndem Entzücken mein Eigenthum genannt, von mir gewendet war, mich völlig zu sehen aufgehört. Sorglos, wie ein Kind den Schmetterling erjagt, und vor und neben sich nichts mehr gewahrt, den Blick allein gefesselt an das Ziel, so folgte er den Schritten dieser Gräfin Buckingham, als wäre dies das einzige ihm aufgegebene. Geschäft des Lebens. Denkt Euch, daß hier zuerst jene wilde, dämonische Feindin unserer Ruhe, die Eifersucht, in mir aufstand; daß mir ein unaussprechliches Gefühl von [229] Kälte gegen der Gräfin leuchtendes Verdienst, ein bitteres, stolzes dünkelvolles Etwas die Seele völlig trübte; denkt Euch, daß ich vergeblich Roberts Wiederkehr harrte, daß ich den wilden Buckingham, unfähig in meiner schmerzlichen Auflösung, die frühere stolze Kraft ihm entgegen zu stellen, durch mein sterbendes Stammeln zu einem kühnern Betragen berechtigte, und malt Euch dann den Zustand, worin ich bei der Rückkehr leblos meiner edlen Morton in die Arme sank. Ich brachte die Nacht am Rande des Wahnsinns zu. Morton erfuhr nur langsam, unter Convulsionen, die seitdem mir blieben, das eben Erlebte, und nur der Hoffnung, die sie mehr liebevoll, als klug in mir wieder zu beleben wußte, verdankte ich die Wiederkehr meines Verstandes und den Entschluß, ferner am Hofe zu erscheinen, ganz entgegen meiner ersten heftigen Entschließung. Ach, ich kehrte wieder, um mit jedem Male gewisser von meinem Unglück mich zu überzeugen. Ich erhielt von diesem Augenblick nicht einen seiner holden Blicke mehr. Er ehrte mich nur mit brüderlichem Wohlwollen, während ich die glühend heiße Liebe, deren er fähig war, an ihr erkennen mußte. Sie, die unter den sie umrauschenden Huldigungen kaum einen Blick, ein Lächeln für den übrig fand, der, diese seltene Gunst nicht zu entbehren, doch an den Saum ihres Kleides gefesselt, verloren für die ganze übrige Welt, sich kaum der Existenz bewußt war! Meine Nächte brachte ich in Thränen in Mortons Schooße hin, aber wenn der Tag und die Stunde erschien, wo der Hof sich versammelte, dann rief ich allen Geschmack der Mode herbei, meine nach und nach verfallende Gestalt, meine bleicher werdenden Wangen gegen den Verdacht eines Grams zu schützen. Denn gewaltig war mein Stolz erwacht. Verschmäht zu sein im Angesicht des ganzen Hofes, als verschmäht bezeichnet durch die kühnen Schritte Buckinghams, ach, selbst von Deiner zarteren Liebe und den schwermüthigen Blicken meines Vaters als so bezeichnet, war es die Aufgabe, die ich mir stellte, wenigstens [230] über meine geringe Theilnahme an dieser Kränkung keinen Zweifel übrig zu lassen. Die Ueberreizung, in die ich so nothwendig kommen mußte, gab mir, wenn der oft fürchterliche Schritt aus meinen Gemächern gethan war, eine größere Leichtigkeit und mehr Leben und anscheinende Heiterkeit, als wol früher, wo ich natürlich sein durfte.

So trat die Trauerzeit ein, die auf den Tod des Prinzen Heinrich folgte. Der Hof hatte aufgehört, in Festen sich zu vereinigen, die Trauer hob jede Verbindung auf. Nur die befreundeten Familien sahen sich ohne Geräusch, und ich sah Dich in Deinem Hause, aber nie mehr dort Deinen Sohn, der den Prinzen nicht mehr verließ. Doch diese Zeit gänzlicher Trennung belehrte mich erst vollständig über die Stärke meines Gefühls für ihn; denn ihn nicht zu sehen, erschöpfte all' meinen Muth. Es gab Augenblicke, wo ich mir denken konnte, daß ich das Leben eher ertragen würde, wenn ich ihn selbst als Gemahl dieser Buckingham nur sprechen könnte.

Die Trennung raubte mir all' die Energie, mit der ich mein Leiden beherrscht hatte. Es kam eine bittere, tödtende Verzweiflung über mich; in London blieb ich nur, weil dieselbe Stadt auch ihn noch umfing. So, theure Mutter, fühlte ich mich, als mir Morton den Grafen von Derbery anmeldete, der mich um eine geheime Unterredung bitten ließ. Ich war so überwältigt von der Aussicht, ihn zu sehen, daß ich fast an das Auffallende dieser Bitte nicht dachte. Morton entfernte sich. Ich hörte ihn eintreten, ich blickte nach ihm hin und sank mit einem Schrei in meinen Stuhl zurück; denn aus dem blühenden, hochgefärbten Jünglinge mit dem jugendlich lachenden Antlitz war ein bleicher, ernster Mann geworden, in dessen frischen Zügen der Schmerz seine ersten Furchen gezogen hatte. Er sah mein Erschrecken, aber er ließ sich auf keine Deutung ein, sondern lag im selben Augenblick zu meinen Füßen und flehte mich an, die Wünsche unserer Familie zu erfüllen und ihm meine Hand zu reichen.

[231] Ich war sprachlos vor Erstaunen, und Liebe und Stolz kämpften hart in mir, aber nur zu wohl fühlte ich, daß Liebe ihn nicht zu mir geleitet, und ich raffte all meinen Muth zusammen, ihn von mir zu weisen. Nach diesen ersten Worten gewann ich das volle Uebergewicht meines beleidigten Stolzes, ich hielt ihm in kalten Worten seine völlige Entfremdung von mir vor, ich erinnerte ihn endlich, gesteigert in Schmerz und Zorn, an seine Liebe zur Buckingham, die der ganze Hof mit mir gesehen. O Mutter! ich glaubte, ich hätte ihn mit diesen Worten getödtet; sein Kopf sank in seine Hand, seine Figur brach zusammen, und ein krampfhafter Laut entglitt seinen todtenbleichen Lippen. Dieser Anblick entriß mich all meinen stolzen Vorsätzen; ich eilte auf ihn zu, ich zwang ihn, sich nieder zu setzen. Ich hätte jetzt zu seinen Füßen sinken mögen, und was der nächste Augenblick mich hätte thun lassen, mag ich nicht bedenken. Aber er erholte sich und zeigte sich nun in der ganzen Glorie seiner edeln wahrhaften Natur! Er selbst gestand mir jetzt seine Liebe zur Gräfin Buckingham, und daß sie in ihm noch jetzt lebe, wo er mich um meine Hand bitte: aber unüberwindliche Hindernisse, die er mir jedoch nie nennen dürfe, trennten ihn von der Gräfin. Nie könne sie seine Gemahlin werden, und diese Ueberzeugung hätte ihn von all seinen Wünschen geheilt und zu der heiligen Pflicht zurückgeführt, welche verehrte Verwandte so großmüthig und beglückend für ihn ersonnen. Er fragte mich, ob ich es wagen wolle, ihm zu vertrauen; er sagte mir, daß er mich höher achte und verehre, als alle andern Frauen der Erde; daß nur dies Gefühl ihm Muth gegeben zu dem außerordentlichen Schritte, den er gewagt zu thun; daß er nur an meiner Seite, nur in Erfüllung dieser Pflicht, nur indem er sich bestrebe, Alles zu vergüten, was er verschuldet, Ruhe finden könne, nur Glück hoffen dürfe, wenn ich ihn aufnähme, und mit schwesterlicher Liebe sein Herz dulden und heilen wolle. Er erinnerte mich an die Wünsche unserer [232] Eltern, die wir dadurch zu beglücken vermochten, und ich – liebte! Was er mir bot, sicherte mir fürs Leben seine theure Nähe! Was er mir entdeckt, erhöhte nur meine Achtung für ihn, und gab meiner Seele das süßeste Vertrauen zu den Versicherungen hochachtender Freundschaft, die nach der trostlosen Verarmung, in der ich mich gefühlt, so unendlich viel mir schien. Mein Stolz war für den Augenblick verschwunden, er empfing mein Jawort, und Du weißt es, daß der König, von beiden Vätern angesprochen, noch denselben Tag seine Einwilligung gab; doch was Du vielleicht nicht so bestimmt weißt, erfahre es jetzt: Buckingham erschien eine Stunde später bei mir, bot mir mit der vollen Sicherheit eines verzogenen und eiteln Mannes seine Hand. Mit welchem innern Triumph durfte die Braut des Grafen von Derbery ihn jetzt zurückweisen! Wie genoß ich das Erstaunen, womit er aus meinem Munde den Grund seiner Zurückweisung erfuhr!

Es war ein kurzer, sehr unweiser Triumph, der die schrecklichsten Folgen hatte, indem er diesen verzogenen Mann zum Wütherich machte. Er hielt seine Schwester für entehrt, weil die Welt sie mit Robert verlobt dachte, welchen er nun überdies für die Ursache seiner eben erlebten Zurückweisung ansah. Erst mißhandelte er die unglückliche Schwester; dann suchte er in Wuth den Grafen auf, und Du weißt, daß sein damaliges Verfahren ihm eine kurze Verweisung und ein Duell mit meinem Verlobtenzuzog.

Wir wurden vermählt. Du und Dein Gemahl gingen nach Spanien, wir nach Godwie-Castle. Dein Sohn war ein Engel. Ach, nicht ohne Vorwurf kann ich dagegen an mein Betragen denken. Ich besaß ihn jetzt, und dieses heiße Verlangen meines Herzens war erfüllt; aber es lebte in mir fort, daß er aus Liebe sich mir nicht vermählt, und daß ich allzu rücksichtslos mein glühend Herz ihm hingegeben. Mein Stolz erwachte, ein nie zu tödtender Verdacht lebte in mir auf, und Geringes war genug, mich ungerecht gegen ihn zu machen oder [233] mich im Geheim den heftigsten Zuständen der Eifersucht zu überliefern. Jetzt werde ich Dir sagen müssen, theure Mutter, was zur Nahrung dieser unglücklichen Empfindung diente, damit nicht allzu hart meiner eigenen Thorheit die Leiden anheim fallen, die heimlich an mir nagten.

Gewiß weißt Du, daß des Prinzen auffallendes Betragen bei unserer Vermählung zu tausend thörichten Vermuthungen Anlaß gab, gewiß bleibt es, daß der Prinz bis zur Wuth gerieth, bei der ihm von Robert selbst gebrachten Nachricht seiner Wahl: aber der Grund blieb mir so fremd, wie jedem Andern. Da verrieth ein Zufall mir, daß vor unserer Vermählung der Graf mit dem Prinzen die Gräfin von Buckingham, die ich auf ihren Gütern glaubte, in der Nähe von London, in einem dem Prinzen gehörigen Schlosse, gesehen hatte, und daß sich dann Alle nach verschiedenen Seiten hin mit großem Schmerz getrennt. Es war an meinem Hochzeitstage, als eine meiner Frauen beim Ankleiden mir, unbefangen schwatzend, dies erzählte, was die Kastelanin jenes Schlosses, ihre Tante, ohne Arg ihr mitgetheilt. Mein Herz erstarrte und umzog sich mit einer Rinde; ach, wie viel verschuldete dieser Augenblick.

Vergeblich hoffte ich hierüber eine Erklärung von meinem Gemahl; er schwieg, ja, er wich der Gelegenheit, die ich ihm gab, sich zu erklären, mit Aengstlichkeit aus. Einige Jahre gingen darüber hin, in denen sich mein Glück immer mehr zu befestigen schien; aber wie innig ergeben mir auch mein Gemahl war, ich ward nie ganz frei von den Unruhen des Verdachts. Reisen von einigen Tagen, deren Ursache er verschwieg, Briefe, die ein Bote brachte, der in den Zimmern meines Gemahls blieb, bis dieser ihn selbst mit Briefen zurücksendete, ließen mir stets die Ueberzeugung eines geheimen Verhältnisses, das er meinen Blicken entzogen wünschte, und welches für mich nur die eine unglückliche Deutung zuließ, die meine eifersüchtigen Qualen vermehrte. Vergeblich zogen Liebe und Achtung für [234] den stets mir verehrungswürdiger erscheinenden Gemahl mich von diesem beleidigenden Verdachte ab; mein Herz krankte an ihm fort. Wir waren auf Euern Wunsch nach London gegangen und brachten schon Richmond, unsern zweiten Sohn, mit uns, während ich noch eine neue Hoffnung nährte. Mein Gemahl zeigte hier eine gesteigerte Unruhe, die an Bekümmerniß grenzte, und die durch nichts aus unserm Verhältnisse zu erklären war. Es herrschte nicht die unbefangene Offenheit unter uns, die eine Bitte oder Frage unter solchen Umständen wagt, denn jedes Unverständliche beantwortete mein unglücklicher Verdacht stets so genügend, daß ich mir großmüthig erschien, an ihn keine Frage zu thun. So hörte ich es auch mit bitterem, aber ihm völlig verborgenen Schmerze, als er mir abermals eine kleine Reise ankündigte, deren Dauer er nicht bestimmen könne. Nach einigen Wochen empfing ich von ihm einen zärtlich innigen Brief, worin er mir acht Tage später seine Rückkehr ankündigte. Denselben Tag ließ sich der Juwelier meines Gemahls bei mir melden, und da ich ihn nicht annehmen wollte, brachte mir Morton die von meinem Gemahl bestellten Armbänder. Es waren zwei Brillant-Armbänder, deren ausgezeichnete Schönheit und ganz wunderbare Arbeit mir so auffallend war, daß ich sie lange Zeit mit der Hoffnung betrachtete, es sei eine mir von meinem Gemahle zugedachte Ueberraschung. Aber nicht lange überließ ich mich dieser ruhig beglückenden Vorstellung. Wohin sich meine Gedanken aufs Neue verirrten, könnt Ihr denken. Morton mußte die Armbänder zurücktragen; dem Juwelier, welcher betheuerte, der Herr Graf habe sie selber so ausgesucht und die Zeichnung verändert, um einige kostbare Juwelen noch hinzuzufügen, wurde das strengste Verbot auferlegt, nicht die Uebersendung an mich zu entdecken, da mein Gemahl mich damit zu überraschen dächte; und der Juwelier, der selbst eigenmächtig gehandelt hatte, indem ihm von einer Ablieferung nichts geboten war, hielt um so sicherer Wort.

[235] Er kam zurück mit der alten Liebe, strahlend von Güte und Zärtlichkeit, sorgsam und edel für mich und Alle, die ihm anvertraut, – aber ich empfing die Armbänder nicht. Morton gab mir die traurige Gewißheit, daß sie wieder in die Hände meines Gemahls gekommen waren, der Juwelier hatte es ihr voll Freude erzählt, und Morton, die sie nun am selben Tage in meinen Händen glaubte oder die Freude mir doch nahe wähnte, sagte mir, daß mein Gemahl sie selbst abgeholt habe.

Wir kehrten nach Godwie-Castle zurück. Doch mein Gemahl, welcher Pferde in London gekauft und sie mit sich führen ließ, hatte mit einem derselben kurz vor Godwie-Castle einen Unfall, der ihn heftig am Kopfe beschädigte. Er ward nach seinen Zimmern gebracht; da Stanloff aber in dem Schlafzimmer bei nahendem Abende das Licht fehlte, die Wunde zu untersuchen, ward mein Gemahl in dem angrenzenden Saale verbunden. Ich entfernte mich während dessen auf die dringende Forderung Stanloff's wegen meines Zustandes, aber nur bis zu seinem Schlafgemache, wo ich ihn erwarten wollte, und zwar ließ mich Schmerz und Sorge, die ich empfand, Niemanden mir zur Seite dulden. Ich war allein und lehnte dem Bette gegenüber an eine mit Schnitzwerk bekleidete Wand, und unruhig in meinen Bewegungen, matt und abgespannt von Sorge, ergriff ich eine vorspringende Blume in den Verzierungen, um mich daran zu halten. Aber wie groß war mein Schrecken, als sie nachgab, das Getäfel hinter mir sich in die Wände schob und mich, die Schwankende, fast zur Erde geworfen hätte. Ich eilte den Lehnstuhl an dem Bette meines Gemahls zu erreichen und sank so ermattet hinein, daß ich meine Augen schloß. Aber die Furcht, ihn, wenn er mich so fände, zu erschrecken, raffte mich auf, ich richtete mich empor, ich schlug die Augen auf. O Gott, was erblickten sie! Eine weiße hohe Gestalt, mit Blumen geschmückt, in dem Glanze einer mir nur zu wohl bekannten Schönheit, schien aus dem aufgedeckten Raume der Wand zu [236] mir hernieder zu schweben; ja, Mutter, es war das völlig gleiche Bildniß der Gräfin von Buckingham, welches dem Bette meines Gemahls gegenüber mich anlächelte, und welches Du heute noch auf derselben Stelle finden kannst. Ich weiß nicht, wie es kömmt, daß oft der größte Schmerz, der unser Leben zu zerstören droht, uns eine Wiederbelebung geben kann, die uns, im Falle der Nothwendigkeit zu handeln, physische und geistige Kraft dazu verleiht. Es ging ein kurzes Gelächter, das mich vor mir selber schaudern ließ, aus meinem Munde; dann fiel mir ein, das Bild wieder zu verhüllen. Ich stürzte auf die Wände zu und erkannte die Blume, welche mich die Entdeckung machen ließ. Es gelang; die Wände fügten sich so leise und fest in einander, daß nichts verrathen ward, und ich stand vor der Wand, die dies Geheimniß barg, als hätte ich geträumt. Als man meinen Gemahl in sein Bette führen wollte, lag ich auf dem Boden ohne alles Leben. In der Nacht gebar ich Arabella; ein hitziges Fieber schloß sich daran und brachte mich an den Rand des Grabes. Als mein Bewußtsein wiederkehrte, erkannte ich meinen Gemahl und Morton. Er hatte seine Wunde nicht in seinem Bette, sondern an dem meinigen geheilt, wo er Tag und Nacht mit Morton mir zur Pflege gewesen. Ach, meine Phantasien mußten ihm oft meine geheimen Qualen verrathen haben! Wir erklärten uns dennoch nicht, und Mortons Lippen waren versiegelt. Aber nie hat ein menschliches Wesen ohne Worte beredter zum Herzen gesprochen, als mein Gemahl; sein ganzes Wesen flehte Verzeihung, sein ganzes Thun bezeugte Liebe und Treue. Ja, ich hätte von da an mich glücklich nennen können, hätte der Prinz, der uns nun besuchte, nicht mir als ewig störender böser Geist dagestanden, da er nicht abließ, meinen Gemahl zu Reisen zu verführen, die mich nie ohne schmerzlichen Verdacht ließen. Ich wußte nämlich, die Gräfin von Buckingham war unvermählt geblieben und hatte das Schloß bezogen, das dem unsrigen zunächst gelegen ist. [237] Muß ich mich nun auch überzeugt halten, daß der Prinz die Veranlassung zu jener geheimnißvollen Reise nach Spanien ward, die uns auf immer trennte, und bedenke ich, daß meines theuern Gemahles ganzes übriges Leben keinen Schatten des Vorwurfes zuließ, war er auch in dem einen, mir Kummer und Verdacht erregenden Punkte zu fehlen im Stande gewesen – so sagt mir eine innere Stimme, dem Hasse verwandt, dieser Prinz leitete und beförderte das einzige, was ihm zum Vorwurfe gereichen kann. –

Theures Kind! unterbrach hier die alte Herzogin ihre Schwiegertochter, welche diese lange und angreifende Erzählung mit einem Eifer und einer Glut der Gefühle bis hierher geführt hatte, die kein Wort dazwischen einzuschalten zuließ, theures Kind, wie tief erschüttern mich Deine Mittheilungen! Wie schmerzlich und als ein Versäumtes will mir die Vergangenheit erscheinen! So habe ich mich in der Hoffnung Euers ungetrübten Glückes gewiegt, indeß Dein edles Herz so manchen geheimen Schmerz erlitt um meinen Sohn, der mir jetzt mit dem besten Theile seines Daseins in ein unheimliches Dunkel gehüllt erscheint! Großmüthiges edles Wesen, das lieber den Schmerz in sich durch Verschließen verdoppelte, als den dennoch geliebten Gemahl in den Augen Anderer herabgesetzt sehen wollte! Auch als Mutter fühle ich mich Dir so innig verpflichtet; Du hast in Wahrheit meinen geliebten Sohn beschützt. –

Und habe ich das, gleichviel ob in Wahrheit oder nur in Euerm liebevollen Glauben? rief hier lebhaft die Herzogin, habe ich das bisher allein und in eigener Kraft? O, so kommt mir nun zu Hülfe, da mein Werk noch nicht vollendet, da, nachdem sein geliebtes Leben an meiner Seite mich nicht mehr stärken und jedes stille Opfer versüßen kann, mir doch noch das größere und schwerere auferlegt ist. Mutter! sagte sie leiser mit strömenden Augen und glühenden Wangen, die unstäten Blicke umhergleiten lassend, Mutter! das Mädchen, das der Wille des Himmels mich retten ließ, das ich todt zu meinen Füßen fand, sie, die [238] wir Gräfin Melville nennen, ist – wenn Gott nicht ein Wunder schickt, einen Lichtstrahl, um die dunkeln mir jetzt nicht erkennbaren Wege zu erhellen, ist seine und der Gräfin Buckingham Tochter!

Ein Schrei entfuhr den Lippen der alten zitternden Mutter, und die Herzogin drückte ihr erhitztes Haupt in den Schooß der unglücklichen Greisin; aber sogleich fuhr sie wieder empor. Zu heftig war sie erregt, sie konnte noch keinen Ruhepunkt finden, und wenig den heftigen Eindruck berücksichtigend, den sie bei ihrer Zuhörerin hervorgerufen, fuhr sie immer schneller fort: Ein Blick auf diese Züge, obwol noch von Ohnmacht entstellt, zeigte mir eine so völlige Gleichheit mit denen jener schönen Gräfin, daß ich wähnte, sie selbst zu sehen; aber kurzes Nachdenken ließ mich erkennen, daß die Zeit ihr nicht still gestanden haben könne, und daß dies schöne Wesen vor meinen Augen noch in der zartesten Jugend sei. Da ergriff mich ein unaussprechliches Gefühl. Wenn sie es nicht selbst ist, so kann es nur ihre Tochter sein, so riefen alle Stimmen meiner Brust. Aber mehr noch, als dies, nenne es Ahnung, nenne es den nie bekämpften Argwohn dieses Herzens, daß sie auch seine Tochter sei, das tönte zugleich ohne Aufhören in mir, und dies Gefühl leitete all' meine Schritte. Ach, ich hatte ein ahnendes Herz! Als man sie entkleidet, brachte mir Morton mit allen Zeichen schwer bekämpfter Unruhe die Juwelen, die man an ihr gefunden. Da sahen meine Augen die Armbänder wieder, die mein Gemahl so kunstreich bestellt hatte, die mir vom Juwelier überbracht waren, und die man nicht verwechseln kann, wenn man sie je gesehen. Auch Morton hatte sie erkannt; aber die edle bescheidene Freundin ehrte meine stummen Gefühle. Als ich sie entlassen, öffnete ich ein Portefeuille, was dazu gehörte. Ich fand einen unvollendeten Brief mit der Adresse an meinen Gemahl; er enthielt nur diese Worte: Der Tod ereilt mich, eile und rette unser Kind, ehe es in die Hände meiner Brüder fällt! O, warum wird mir nicht der Trost, in [239] Deinen Armen zu sterben, und warum suchen Dich meine Gedanken überall vergeblich, so lange ohne Nachricht. – Hier hörten diese Zeilen auf, die in der höchsten Erschöpfung geschrieben schienen. Dabei lagen zwei Wechsel, jeder von tausend Pfund, auf den Banquier meines Gemahls. Ich habe den Brief herausgenommen. Zu diesem Dokument seiner Verirrung durfte ich mich als Erbin erklären. Doch wären mir noch Zweifel geblieben, was wohl unmöglich ist, so hat Gaston übernommen, mich völlig zu enttäuschen. Er entdeckte und erkannte sie, und war dann nicht mehr von ihr zu trennen. Aber vor meinen Augen wiederholte sich die Erkennungsscene, und sie selbst nannte, ihn mir als den steten Begleiter der beiden einzigen Männer, die je ihre Tante besuchten. Außerdem sendete ich Stanloff, auf dessen schweigsame Treue ich bauen kann, nach dem Schlosse der Gräfin von Buckingham, und alle Anzeichen treffen hier vollständig mit der Erzählung des unglücklichen Mädchens überein; aus diesem Schlosse ist sie entflohen! Ach, und trotz alle dem, wirst Du es glauben, trotz dieser Zeichen, deren eins schon mich überzeugen mußte, dennoch hoffte ich auf Rettung von dieser Ueberzeugung! Daher meine Hoffnung, Archimbald solle ihren Oheim kennen; darum die Pläne, in die ich einging, Näheres von ihrer Geburt zu erfahren, und dann wieder die qualvollste Angst, diese Nachforschungen würden die von mir so gefürchtete Wahrheit ans Licht führen. Graf Archimbald erkannte sie überdem schon als das Ebenbild der Gräfin Buckingham; dies sah ich seinem Erstaunen an. Er fühlte auch, daß ich ihm nicht offen bin. Aber was ist dies alles gegen die Verzweiflung, die mir die Nachricht giebt, daß Robert, vermöge einer scheußlichen Verirrung der Natur, seine Schwester liebt und sie von mir zum Weibe begehrt, Dich zur Lösung seiner frühern Verpflichtung gegen Anna Dorset zu gewinnen hofft. –

Großer Gott! was sprichst Du aus, Tochter! Kind, halt ein! Mein alter Kopf erfaßt es nicht, und mein Herz droht zu [240] brechen, rief hier erblassend die alte Herzogin und sank in die Kissen zurück.

Fasse Dich, theure Mutter, entgegnete die Herzogin mit der Hast und Ungeduld, welche, eine Folge ihrer Ueberreizung, sie verhinderte, die Leiden zu erkennen, die sie ihrer Schwiegermutter erregt hatte; fasse Dich, wir müssen uns nicht trennen, ohne zu beschließen. Ich bedarf Deines Muthes, Deiner Kraft, Deiner Besonnenheit. Es ist so, wie ich Dir sagte, Robert verließ mich so eben, voll dieser Vorsätze. Ein zwei Stunden langer Kampf, in dem er mir überlegen war, da ich ihm die entsetzliche Ursache meiner Weigerung nicht entdecken durfte, hat uns um nichts weiter gebracht, und ich muß das Empörendste, was die Natur in sich schließt, vor meinen Augen sehen, ohne ihm wirksam Einhalt thun zu können.

Die alte Herzogin bemühte sich mit großer Anstrengung, ihre Fassung wieder zu gewinnen, aber dies war nicht so leicht. Denn nächst der dringenden Lage des Augenblicks war ihr ein tiefer Schmerz dadurch geworden, daß das Andenken des geliebten, so hoch gestellten Sohnes durch einen Verdacht getrübt ward, dessen Gewicht sie sich nicht läugnen konnte, den sie vielmehr, gleich ihrer unglücklichen Schwiegertochter, nur zu begründet finden mußte. Aber ihr frommes und starkes Gemüth fand doch bald einen Ausweg; mit einem tief gefühlten Schmerze nahm sie von dem ungetrübten Bilde ihrer Vergangenheit Abschied. War an dieser nichts mehr zu retten, waren doch vielleicht die Folgen von dem, was ihr daraus so eben entgegen getreten, noch für die Zukunft zu mildern, indem neues Unheil verhütet ward, eine Schuld vielleicht verringert, die ihr mütterliches Herz so nahe anging.

Sie reichte tief bewegt ihre kalte Hand der glühenden Herzogin und sagte mit dem ernsten Tone der Ergebung: Nimm zuerst die Versicherung erhöhter Liebe und Hochachtung, meine [241] edle Tochter! Gott hat Dir ein großes und tiefes Leid gegeben, mitten in einem reichen Leben voll vielseitiger Befriedigung. Vielleicht ist es eine unerkannte Wohlthat mehr, wenn wir Gelegenheit fanden, Geduld und Großmuth zu üben, und wir wollen hoffen, daß Gott der Seele dessen gnädig ist, der so sich vor ihm verschuldete – um des unläugbar Guten und Edeln willen, das ja Dich schon verzeihlich gegen ihn stimmte, wie viel mehr den Vater aller Liebe und Erbarmung. Aber da uns Gott sichtlich auffordert, das Verschuldete in seinen verderblichen Folgen aufzuhalten, so hast Du Recht, mich aufzurufen. Es ist nicht die Zeit, den Gefühlen Raum zu gestatten, wir müssen klar in die Gegenwart schauen, um das, was uns Gott als Recht wird anerkennen lassen, mit festem Muthe zu vollführen.

So höre denn, was ich gefühlt und früher schon mir angelobt, sprach die jüngere Herzogin mit schon festerem Tone. Das Kind, das ich als das seinige mir denken muß – und ist auch seine Mutter jene Buckingham, die mir den ersten Kampf des Bösen in dies Herz geschickt, ich kann es nimmer lassen! Heilig ist mir, was von ihm stammt, theuer selbst, wie seltsam auch mit Grauen fast gepaart. Es ist mir oft, als ob im Traume, ja, wachend selbst, sein freundliches Auge flehend mir begegne; ich weiß, er bittet um meinen Schutz für seine Waise. Ich weiß, er baut im Himmel selbst auf die Liebe dieser treuen Brust, in der er sich nie trog, und ich könnte keinen Frieden finden, wenn ich dies mir fast theure Wesen, das ich ja jetzt an meine Großmuth einzig noch verwiesen weiß, während sie in unschuldiger Hoffnung noch von Andern Schutz träumt, ihrem unverschuldet harten Schicksale überließe. Ich will daher ihr mütterlich gesinnt verbleiben, aber das Geheimniß ihrer unglücklichen Geburt, das darf sie nie und Keiner, wer es sei, erfahren. Es scheint, wir werden keine Antwort von Master Brixton erhalten; schon zu lange blieb sie aus, um noch erwartet [242] werden zu können, und weiter dürfen unsere Forschungen nicht gehen. Zu uns im stillen Kreise der Familie dachte ich sie zu zählen, geschwisterlich geliebt von meinen Kindern, ich wollte die Zukunft ihr zu sichern suchen durch eine nur allzu gerechte Abgabe unsers irdischen Besitzes, und so des Weiteren harren, hoffend, daß Gott an meiner Statt ihren seltenen Reizen und ihrem Seelenwerth einen dauernden Beschützer zu finden wissen werde. O, wie bald ward dieser friedliche Plan zerstört, der an uns allen und Dir zugleich, die ich so gern mit diesem Leid verschont hätte, dies drohende Unglück sanft vorüber zu führen bestimmt war. Was thun wir jetzt, um Robert zu entfernen, ohne unser Geheimniß zu verrathen? Denn er ist hier allein zu beachten. Die Gräfin, an Gedanken und Gefühlen unschuldig wie ein Kind, theilt auch nicht die Ahnung des Verlangens, das Robert ihr in jedem Worte, in jedem Blicke gesteht.

So laß uns denn, erwiederte die alte Herzogin, den Augenblick erwarten, wo Robert mir sein beabsichtigtes Vertrauen schenkt, ich will alsdann mit all dem Ernste, der hier nur zu sehr gerechtfertigt ist, meine Meinung über seine Verpflichtungen gegen die Gräfin Anna ihm vorhalten. Ich würde so in Wahrheit handeln müssen, wenn ich auch nicht Theilnehmerin Deines traurigen Geheimnisses geworden wäre; denn ich kann Robert den Brief der Gräfin Dorset zeigen, worin sie von diesem verwandtschaftlichen Verhältnisse, das uns näher noch zu vereinen bestimmt sei, als von einer ausgemachten Sache spricht. Beweis genug, wie sie durch das Benehmen Roberts über jeden Zweifel sich erhoben wähnt. Auch dürfen wir, wo dies nicht ausreichen sollte, auf Richmond hoffen, der stets so viel Gewalt über seinen Bruder hatte, und dessen zartes Ehrgefühl und richtiger Verstand uns seine Mitwirkung verbürgt. Doch scheint mir vor Allem eine Trennung nöthig. Hier bei einander, verführt durch jeden Augenblick, gelingt Robert der Sieg über [243] sein Herz so leicht wohl nicht, besonders da die Gräfin unschuldig freundlich, unbewußt ihm stets neue Nahrung giebt, und sie aus ihrer Sicherheit zu wecken, möchte zweifelhaft für uns alle sein. Ich habe wohl gehört, daß keine größere Gefahr dem edeln weiblichen Herzen droht, als die Liebe zu erkennen, die sie in einem edeln Manne unbewußt erregte! die süße lockende Gewalt, die dadurch in ihre Macht gegeben wird, ihn zu beglücken, verführt zur Theilnahme. Daher glaube ich, daß meine nahe Abreise eine leichtere Gelegenheit bietet, sie zu entfernen, ohne ihre Lage dabei zu gefährden. Du vertraust mir wohl Deinen unglücklichen Schützling an. Sie, die mir so freundlich ergeben scheint, folgt meinen Bitten wohl, mich zu begleiten; Robert und Ihr alle gewinnt indessen Zeit, Euch in das Unabänderliche zu schicken, und nach Maaßgabe seiner Fassung begleitet er Euch dann zu mir, wo er die schöne Anna zum Ersatze findet; oder Ihr denkt, ist seiner Heilung noch nicht zu trauen, einen andern Weg aus, ihn länger noch von ihr zu trennen.

So sei es! rief die Herzogin und athmete tief, als habe eine schwere Bürde sich von ihr gehoben, so bleibe ich ihr gerecht und schütze den Namen des theuern Freundes vor den Zweifeln seiner Kinder! Jedoch wenn auch die nächste Zeit damit gerettet scheint, das müssen wir uns immer sagen! es wird der letzte Kampf nicht sein, den wir in dieser trüben, dunkeln Sache zu bestehen haben. Zunächst wird uns jetzt der Vorwurf treffen, daß wir dem Schicksale unsers Schützlings den für seine Lösung nöthigen Eifer entziehen. Dies wird nicht ohne große Schwierigkeiten zu vermeiden sein, und wir werden gar leicht mit ihr selbst dafür zu sorgen haben, außerdem aber mit Archimbald und Robert; und hier will meine Seele sich empören gegen die mir so fremden und meinem Karakter so wenig passenden Ausflüchte, deren ich dann nicht entbehren kann, um die Wahrheit dem Auge zu entziehen. O Mutter, kann es eine heilige, dringende Anforderung [244] der Tugend werden, von der Wahrheit uns zu trennen! Trügt diese Stimme nicht, die mir gebietet, um diesen großen Preis den Gatten in seinem größten wichtigsten Besitzthume, in seiner Ehre, die nach seinem Tode noch bedroht wird, zu beschützen?

Mutter! wenn ich mich dennoch täuschte, wenn die Motive, die mich leiten, nicht alle rein, wenn der Stolz in dieser Brust, der nur zu viel Gewalt darin geübt, wenn er mich triebe, gleich stark vielleicht, die Verirrung des Geliebten zu verhehlen, um selbst nicht offenkundig als Verschmähte, Vergessene zu erscheinen, die mit langer, nur zu wohl bekannter Liebe, mit ihrem ganzen Werthe, den Mann ihrer Liebe dennoch nicht zu fesseln vermochte? –

Es ist wohl schwerer, als wir wähnen, erwiederte die alte Herzogin, die Motive unserer Handlungen ganz zu beherrschen und sie frei zu erhalten von selbstischem Einfluß! Der schönste Zustand, der das Rechte sowol in Handlungen, als Gedanken vereint, scheint vollkommen hier nicht errungen werden zu können, und unserer Seele scheint die Fähigkeit, ihn uns zu denken und herbei zu sehnen, nur verliehen, um auf dem Wege dahin nicht allzufern hinter ihm zurück zu bleiben. So möchte ich, Dir Dein Gefühl, wie menschlich und weiblich gerecht es auch sei, auslegend, Dich gegen jeden nachtheiligen Einfluß gesichert halten. Der Fall, der uns so ungewöhnlich in Anspruch nimmt, kann uns gar leichte Befürchtungen für unsere eigene reine Selbstbehauptung eingeben, ja, vielleicht erregt Gottes Güte absichtlich solch' Bedenken in uns, um von verderblicher Sicherheit uns abzuhalten, denn allerdings bleiben bei unserer fast zweifellos guten Absicht die Schritte, die wir vielleicht genöthigt sind zur Täuschung Anderer zu thun, ein schwer zu lösendes Problem! Doch laß uns jetzt enden. Nur zu sehr, will es mich bedünken, bedarfst Du der Ruhe.

Beide Frauen wollten sich jetzt erheben, aber nur der alten Lady gelang es. Denn die Anspannung, welche die Herzogin bisher aufrecht erhalten hatte, war in dem Maaße verringert [245] worden, als sie ihre Sorge von der würdigsten Seite her getheilt sah. Daher trat ihre bisher und seit lange vorbereitete physische Erschöpfung eben in dem Augenblick ihrer geistigen Erleichterung unabweisbar hervor; ohne einen Laut sank sie zurück.

Die alte Herzogin hatte Gelegenheit genug, hier ihre Besonnenheit zu zeigen. Die eigene Erschütterung überwindend, eilte sie, Mistreß Morton herbeizurufen. Es zeigte sich aber bald, daß diese Hülfe nicht ausreichend war, und daß an die Hülfe Stanloffs gedacht werden mußte. Seine Beobachtungen sagten ihm auch bald, daß dies ein Zufall sei, der die höchste Schonung und stärkere Mittel nöthig machte. Vor allen Dingen verordnete er daher augenblickliche Ruhe der Herzogin im Bette.

Erst hier und nach mehreren Stunden, unter immer steigendem Gebrauch der stärksten Mittel und nach Oeffnung einer Ader, erwachte die Herzogin aus ihrer Starrsucht, die jedoch eine fast ebenso gefährliche Erschöpfung und Reizbarkeit des ganzen Körpers zurück ließ.

Es war bei der Hülfe, die man in Anspruch nehmen mußte, unmöglich gewesen, den Zustand der Herzogin den übrigen Bewohnern des Schlosses zu verbergen, und so fanden sich bald ihre Kinder, so wie Graf Archimbald, der nie eine angemessene Theilnahme verabsäumte, im vordern Raum des Schlafzimmers ein, mit besorgtem Herzen dem Ausspruch Stanloffs horchend, der noch immer in schweigender Thätigkeit mit den Kammerfrauen um die Kranke beschäftigt blieb. Der junge Herzog stand bleich mit unterschlagenen Armen und krampfhaft geschlossenen Lippen dieser bangen Scene zunächst, und die Qual seines Herzens zeigte sich in jedem Zuge, wie er auch männlich ringen mochte, sie zu bekämpfen. Er schien für Alles um sich her verloren und weggewendet von der rührenden Gruppe seiner Schwestern, die in den Armen der weinenden Gräfin Melville ihren Schmerz ergossen, für diese keinen Blick zu haben. Graf Archimbald saß neben seiner erschütterten Mutter, liebevoll eine [246] ihrer kalten Hände in den seinigen haltend, und halb gerührt und halb verlegen über eine Lage, in der er sich so wenig Geschick zutraute, schaute er zuweilen nach dem ernsten, gesenkten Auge der alten Lady empor, die, in trüben Gedanken verloren, mit Ergebung, aber tiefem Kummer der Entscheidung harrte. Der Abend war indeß herabgesunken, nur undeutlich hoben sich noch die einzelnen Figuren aus dem dunkeln Raume, und vermehrte das Bange und Beklommene des Augenblicks. Eben hatte Gräfin Melville ihre jungen Freundinnen, auf Stanloffs Bitte, aus dem Zimmer geleitet, da schoben sich behutsam die Vorhänge von dem Eingange zurück. Eine männliche Gestalt trat hastig hindurch, und, ohne von den Anwesenden abgehalten oder nur bemerkt zu werden, hatte der Eintretende in leichten, raschen Schritten das Bett der Herzogin erreicht. Man sah ihn Stanloffs Arm ergreifen, man ahnte den Inhalt der Zeichen, in denen Antwort und Frage sich begegneten, und sah im nächsten Augenblick den jungen Herzog an seine Brust sich stürzen.

Richmond ist angekommen, sagte in diesem Augenblick Graf Archimbald mit einer plötzlich von Freude bewegten Stimme zu seiner Mutter, die nun zur Bewegung wiederkehrend die Augen erhob, um beide Brüder in einer Umarmung zu sehen, die der Schmerz um die geliebte Mutter fast unauflöslich zu machen schien. Ich habe sie getödtet, Richmond, seufzte der Herzog, ich habe über dies noch so tief bekümmerte Herz neue Leiden gebracht, von mir werdet Ihr die Mutter fordern!

Unverständlich, wie diese Worte für Richmond sein mußten, sah er in ihnen blos die Exaltation des Schreckens und der Besorgniß, und erwiederte schnell und leise: Fasse Dich, Robert; Stanloff verbürgt ihr Leben, ja, ihr Zustand scheint ihm kaum gefährlich. Doch laß uns eilen, die hier Versammelten zu entfernen, Stanloff verlangt bei ihrem nahen Erwachen die höchste Ruhe, und keiner der Anwesenden würde in der Stimmung sein, sie ihr zu gewähren. – Doch auch die Worte [247] wurden sogleich unterbrochen, denn von dem Bette her drangen plötzlich die weichsten Töne der Liebe herüber, welche den Namen Richmond zwar leise, aber deutlich aussprachen. Fast im selben Moment kniete der so rührend Gerufene an dem Bette der mit diesem Namen aus ihrem Todesschlaf erwachten Herzogin, und das von Erschöpfung fast blinde Auge suchte den Liebling und fühlte von seinen Küssen ihre Hände belebt, von seinen zärtlich kindlichen Worten das kranke Herz erquickt, und der feine Zug eines Lächelns, womit sie ihm lohnen wollte, bannte wenigstens die starren Züge des Krampfes von ihrem Gesicht, wenn auch der Versuch, zu sprechen, sich aufs Neue nur auf seinen geliebten Namen beschränkte. Stanloff, der die Ergießung des Gefühls nicht ungern sah, drang doch jetzt darauf, sie abzukürzen. Die Herzogin ließ sich dies auch sogleich gefallen, und Richmond, zu tief erschüttert, um sich jetzt seiner Familie mitzutheilen, enteilte durch eine ihm wohlbekannte Thür in die Zimmer der Mistreß Morton.

Graf Archimbald und Stanloff hatten indeß genug zu thun, um den jungen Herzog zu entfernen, der, von unbestimmter Angst getrieben, an ihrem Bette bleiben, und jede Pflege mit Stanloff und den Frauen theilen wollte. Er gab endlich nach, von den ersten Worten seiner Großmutter ergriffen, die, zu einer ihr sonst fremden Strenge sich erhebend, ihn fragte, ob es noch Liebe sei, wenn man durch hartnäckige Behauptung seines Willens Gefahr laufe, mehr zu schaden, als zu helfen? Aber als die Familie sich nun in den untern Sälen beisammen fand, fühlte Jeder die traurige Stimmung des Andern zu sehr, als daß eine leidliche Haltung hätte eintreten können, und man sah sehnsüchtig der Rückkehr Richmonds entgegen, dem alle Herzen entgegen schlugen; durch sein Ausbleiben ward namentlich die Ungeduld der Schwestern, die sich auch von dem Troste der Lady Maria verlassen sahen, aufs Höchste gesteigert. Doch war eine ungestörte Ergießung ihrer Liebe ihnen heute nicht vergönnt, [248] denn Ottwey erschien mit seinem ceremoniösen Wesen, der alten Herzogin, in Abwesenheit seiner Herrin, die Meldung eines Reisezuges zu machen, der zwei Pagen zur Ankündigung seiner unverzüglichen Ankunft vorangesendet habe. Die alte Herzogin erlaubte, mit Zuziehung des Herzogs, die Einführung der Pagen, Graf Archimbald schlich sich leise davon, in der Hoffnung, auf Richmond zu stoßen, nach dem er fast ein ungeduldiges Verlangen trug. Er sehnte sich überdies mächtig aus dieser schwülen Luft, in der er nur auf leidenschaftliche Gefühlsaufregungen stieß, zurück in die kühle Atmosphäre des Verstandes, die ihm den Gebrauch seiner wahren Natur verstattete. Aber sie verfehlten sich, denn Richmonds Herz trieb ihn schnell von jener ersten Erweichung zu den Pflichten gegen seine übrige Familie zurück, um so mehr, da er ebenfalls ihnen über die nahenden Reisenden, denen er nur vorangeeilt war, seine Mittheilungen zu machen hatte. Mit den Pagen zugleich von verschiedener Seite eintretend, faßte er sich kurz im herzlichsten Empfang der Seinigen und eilte dann, die beiden jungen Edelleute seiner Großmutter und dem Herzoge, seinem Bruder vorzustellen.

Sofort trat einer der jungen Pagen hervor und redete die Lady an: Mein Gebieter, Seine Herrlichkeit, der Graf Ormond, und sein verehrlicher Begleiter, der Lord Membrocke, haben die Ehre genossen, von Seiner Königlichen Hoheit, unserm erlauchtesten Prinzen von Wales, zu dem ehrenvollen Auftrag erwählt zu sein, der Durchlauchtigsten Familie seines von ihm tief betrauerten Freundes, des verstorbenen Herzogs von Nottingham, sein tiefstes Beileid zu bezeigen, und in dieser hohen Eigenschaft wagen die Grafen, unsere Gebieter, sich diesem Schlosse zu nähern, und bitten durch uns, ihre Ehren-Pagen, um eine gnädige Aufnahme.

Bezeige Du, mein Sohn, in Abwesenheit Deiner Mutter, diesen Herren unsere Gesinnungen in meinem und Deiner Mutter Namen, sprach die alte Herzogin sich erhebend. Indem ich [249] zugleich den Herren mein Vergnügen über ihre Ankunft ausdrücke, muß ich mir für heute die Ehre versagen, die Bekanntschaft der Herren Abgesandten zu machen, da meine Gesundheit mir Ruhe gebietet. – Holdselig Alle begrüßend, und von ihren Enkelinnen und den Damen gefolgt, ward sie mit der höchsten Ehrfurcht vom Herzoge und von Graf Richmond bis an den Ausgang geführt, wo sie Beide zurücksendete, um ihre Pflichten gegen die Fremden zu erfüllen.

Der junge Herzog eilte nunmehr, die beiden jungen Edelleute mit den schmeichelhaftesten Worten zu entlassen, und Sir Richard Ramsey ward sogleich mit einem zahlreichen Gefolge den Ankommenden entgegen geschickt, indessen Ottwey mit einer ganzen Armee ihm untergebener Diener sich zur Einrichtung der Zimmer anschickte, die für die ausgezeichneten Gäste bestimmt wurden.

Der junge Herzog fühlte sich jedoch wenig in der Stimmung, die gastliche Freundlichkeit mit der sorglosen Heiterkeit auszuüben, die allein den Gästen die Ueberzeugung des Willkommenseins verleiht, welche durch keine äußere Beobachtung der schicklichen Formen ersetzt wird, wenn sie ihrer Bestätigung in den Augen des Wirthes ermangelt. Richmond, von der besonders bewegten Stimmung seines Bruders, die ihm nun, da er mit ihm allein geblieben, zum zweiten Male auffiel, überzeugt, bat ihn mit liebevollem Ernste, über Leben und Gesundheit ihrer Mutter nicht länger besorgt zu sein, da Stanloff, dem er auf dem Wege zu diesem Saal begegnet, ihn noch ein Mal versichert, daß der ruhige und süße Schlaf, in den sie jetzt verfallen, ihre völlige Genesung vielleicht schon auf Morgen erwarten lasse, da ihr ganzer Zufall mehr erschreckend, als gefährlich gewesen.

Und dennoch, Richmond! rief der junge Herzog, dennoch zerreißt dieser unglückselige Vorfall mit tausend Schmerzen mein Herz, und wirft mich in ein Chaos widerstrebender Empfindungen! Ich muß fürchten, daß Wünsche, die ich ihr einige Stunden früher mittheilte und trotz ihres Widerstandes vor ihr[250] behauptete, sie, die noch erschöpft von Gram und Kummer über unsern theuern Vater ist, in diesen Zustand versetzt haben.

Wie kann das sein? rief Richmond lebhaft, ich verstehe Dich nicht in dieser ausschweifenden Erweichung. Was kann sie, die stets liebevolle Mutter, in einem Begehren, das schwerlich unmöglich oder gar kränkend sein konnte, finden, was sie zu dieser Aufregung hätte führen können, die, nur zu wahrscheinlich aus früheren geistigen Leiden hervorgegangen, jetzt rein physisch zu nennen ist.

Nein, nein! sagte der Herzog mit dem trostlosesten Ausdruck; sie nimmt das heißeste Begehren meines Herzens fast mit Abscheu auf und macht mich dadurch zum unglücklichsten Manne der Erde!

Ich verstehe Dich nicht, mein theurer Bruder, sprach Richmond, aus seiner sorglosen Ruhe erwachend und wohl begreifend, daß hier mehr zum Grunde liegen müsse, als ihm bis jetzt bekannt. Er hielt fragend inne, des Vertrauens gewiß, das ihm noch nie von diesem geliebten Bruder versagt worden. Aber es schien diesmal nicht so leicht, wie bei ihren früheren kleinen Geheimnissen. Der Herzog verfiel in ein Schweigen, welches nicht undeutlich eine Verlegenheit durchblicken ließ, die, zwischen ihm und Richmond sonst so ungewohnt, diesen nur noch aufmerksamer machte. Schon dachte er ihm durch eine Bitte um Vertrauen die Mittheilung zu erleichtern, als der Herzog mit einem unaussprechlichen Gefühl von Rührung seine Hände ergriff, sie zwischen die seinigen drückte und mit unsicherer Stimme rief: Sei mein Schutz, sei Vermittler zwischen diesem Herzen und der Welt, die dessen Gefühle anfeindet! Richmond, ich liebe! Zum ersten Male ergreift dies wunderbar mächtige Gefühl meine Brust, und schon treffe ich auf Widerspruch und Verfolgung, obwol ich die Welt mit ihren Schätzen heraus fordere, mir einen Gegenstand zu zeigen, der würdiger wäre, jedes Gefühl des Herzens in Anspruch zu nehmen!

[251] Robert, sagte Richmond schnell, was kann geschehen sein? Eile, mir mitzutheilen, was hier die Gesinnungen gegen eine Wahl erregt hat, in der Du ja früher, ehe Dein Herz sie heiligte, die Wünsche Deiner Familie erfülltest, und die durch Deine letzten Auszeichnungen für jene Familie zu einer Gewißheit erhoben sind, daß man mich schon als nächsten Verwandten ansah und dem gemäß behandelte.

Großer Gott! rief der Herzog hier, indem er mit Heftigkeit beide Hände vor seine Augen drückte und dann mit steigendem Eifer fortfuhr, was sprichst Du aus, auf wen beziehst Du mein Gefühl, was für Verpflichtungen machst Du geltend, mich auch um den Trost Deiner Theilnahme zu betrügen? Richmond! nicht diese Gräfin Dorset, die Du unbezweifelt meinst, die ich nie geliebt, der ich keine Hoffnungen erregt, die mir gänzlich fremd ist, nicht die meine ich. Den Engel, den ich anbete, umschließt dies Schloß; es ist die Gräfin Melville, deren wunderbare Auffindung auf den Terrassen dieses Gartens meiner Mutter aufgehoben war. Ach, und gerade diese wendet nun von ihr, die fast durch ein Wunder uns gesendet, die geschaffen ward, das Herz ihres Sohnes mit allen Seligkeiten zu beglücken, ihr Herz weit ab, als könnte sie den ehrwürdigen Platz entehren, den ich ihr anbieten will!

Du, Robert? rief Richmond, und Ueberraschung und Erstaunen malten sich gleich stark in seinen Zügen, Du wolltest dies unglückliche Mädchen zu Deiner Gemahlin erheben? Ist es möglich, mein theuerster Bruder! Wie viel hat ein unbewachtes Gefühl Dich übersehen lassen, daß Dir ein solcher Schritt möglich und wünschenswerth erscheinen konnte. Vergieb, setzte er ernst hinzu, dem Herzog nachgehend, der halb zürnend, halb schmerzlich sich von ihm gewendet hatte, wenn ich Dich kränken muß; aber was wären wir beide, und wo fände ich mich wieder, wenn die Stimme der Wahrheit unter uns nicht mehr gälte? Laß es nie zu! rief er mit warmer Liebe, [252] daß uns eine entgegengesetzte Meinung zum Schweigen brächte; Robert, wende Dich zu mir, mache es Deinem treusten Freunde nicht so schwer, Dir nützlich zu sein!

Robert widerstand nicht länger; er wandte sich, ergriffen von dem tiefen melodischen Ton dieser schönen und ihm so theuern Stimme, und schaute mit seinem glühenden Angesicht und dem von Schmerz getrübten Blicke in so lichte, offene Augen, in so edle, ernste und doch mitleidige Züge, daß er, davon erschüttert, jenen schnell umschloß und mit dem vollen Ueberströmen eines zärtlichen Bruderherzens seinen Namen unter tausend liebevollen Zunamen ausrief. Ja, Richmond, seufzte er dann, ich bin außer mir, ich fühle es; ich kannte vor wenigen Wochen diesen Zustand nicht; ja, ich hätte ihn für mich unmöglich gehalten. Aber sieh' sie nur erst, dann wirst Du mich begreifen und sie des Platzes werth halten, den ich ihr bieten will. Es war, als ob Richmond zurückschauderte; der Gedanke, eine namenlose Fremde, wie er die Gräfin aus den Briefen seines Oheims hatte ansehen lernen, auf dem Platze zu sehen, den seit Jahrhunderten die edelsten Frauen aus den vornehmsten Geschlechtern des Landes eingenommen, erschreckte sein stolzes Herz. Dem Haupte des erlauchten Stammes schien in seinen Augen eine Verpflichtung auferlegt, die ihm gegen jede Affection des Herzens, die dieser Würde zu nahe träte, eine Art von Schutzwehr geben müsse. Es kam ihm zugleich unmännlich vor, so in die Gefühle für ein Weib sich zu verlieren. Denn ungeachtet einer hohen Verehrung für dies Geschlecht, liebte er es doch bis jetzt fast noch ausschließlich in seiner Mutter und Großmutter, und nur die Reife, die er in Beiden antraf, schien ihm befriedigend; ein jüngeres Wesen dagegen, wie er die zahllosen Schönheiten der Mädchen im In- und Auslande beobachtet, schien ihm ganz außer Stande, eine so unmännlich erscheinende Hingebung zu rechtfertigen.

Er hatte sehr häufig im Ernste geäußert, was man ihm als Scherz ausgelegt, daß er viel lieber seine Großmutter [253] heirathen würde, als die reizendste Schönheit unter zwanzig Jahren. Ihm schien eine Verbindung in den festen Grenzen vollkommener Hochachtung vollständig genügend, da er stets überzeugt war, mit den zärtlichsten Gefühlen seines Herzens bis zu dem späteren und reiferen Alter seiner einstigen Gemahlin verwiesen zu sein. Es war ihm daher ein zürnender Schmerz gegen seinen Bruder um so weniger zu verargen, als Robert, zu eigener Feststellung seiner Meinung nicht so geneigt, mit der sorglosen Laune eines, der da denkt, es habe damit wenig auf sich, bisher den Ansichten seines Bruders sich angeschlossen und dadurch in Richmond die Hoffnung geweckt hatte, daß jede Gefahr dieser Art für ihn aufgehört habe. Die zärtliche Liebe jedoch, die Richmond für ihn trug, und die wohl etwas den Karakter eines Beschützers hatte, veranlaßte dies sonst so edle und gerechte Gemüth wohl zu dem Versuch in dieser Angelegenheit, den größeren Theil des Vorwurfs von seinem Bruder ab und auf jenes fremde Mädchen hinüber zu leiten. Ihre ganze Lage erschien ihm so zweifelhaft, daß es ihm beinahe unmöglich ward, sie anders, als in einem zweideutigen Lichte zu sehn; ja, es schien ihm, in dieser Empfindung weiter gehend, beinahe gefährlich und unbesonnen, daß dies unbekannte Wesen zur Gesellschaft des Schlosses und namentlich zum Umgange seiner Schwestern gezählt ward. Diese Gedankenfolge bildete sich freilich schneller in ihm, als wir Zeit gebrauchten, sie hier nieder zu schreiben, und sie bestimmte die Antwort, die er, erhoben durch die Wichtigkeit dieser unglücklichen Verirrung, mit Schonung und Festigkeit aussprach.

Laß mich hoffen, mein theurer Robert, daß, wie ausgezeichnet auch an Naturgaben diese fremde Dame sein möge, ihr Anblick doch in mir nicht die Grundsätze erschüttern wird, die wir beide zu gleichen Theilen von unsern verehrten Aeltern zuerst, und in einer ferneren, nicht minder dringenden Mahnung von den unbefleckten Tugenden unserer makellosen Vorfahren [254] empfingen. Robert, sagte er freundlicher, seinen Arm ergreifend, was nützt das Geheimniß eines Stammes, dessen hohes Alter bis in die graueste Vorzeit reicht, wenn es nicht das Andenken ihres wohlverdienten Ruhmes wäre, das sich noch den spätesten Enkeln warnend vor jede Handlung stellt, die da Gefahr brächte, ihren Namen nicht in voller Reinheit weiter zu vererben. Du, setzte er, immer heiterer werdend, hinzu, Du mit Deinen blonden Locken und Deinen blauen Augen, ein geborner Nottingham, in dessen jugendlichem Angesicht die Züge des ersten Ahnherrn liegen, als Gewähr für seine auf Dich verpflanzten Tugenden, Du solltest der Erste werden, der dem eben so glorreichen Geschlechte unserer Ahnmütter ein, wenn auch noch so schönes, doch ein namenloses, ein zweifelhaftes Mitglied zugesellte? Sag, was Du willst, ich glaube diesen Worten nicht, ich glaube Deinem bessern Selbst und Deiner männlich festen Seele. Du wirst siegen; denn es mag sein, daß die Gefühle des Herzens eine seltsame Tyrannei über uns ausüben, aber wo wäre die männliche Brust, die sich nicht gegen jede Gewalt aufgelehnt fühlte, die uns zu beherrschen droht? Laß uns mit einander Alles wohl bedenken, entziehe Dich mir nicht.

Richmond, erwiederte der Herzog, es ist dies das Einzige, was ich Dir versprechen kann, aber ich hege eben so fest die Hoffnung, Dich zu meiner Meinung überzuführen, wie Du jetzt von mir dasselbe hoffest; ich sage Dir noch ein Mal, sieh sie nur erst! –

In ihrer Liebenswürdigkeit werde ich gewiß die Rechtfertigung Deines Gefühls finden, denn das Unedle und Gemeine konnte Dich nie verführen. Doch nie werde ich in ihr die Rechtfertigung eines Wunsches finden, der die Grenzen anerkennender Gerechtigkeit gegen sie überschreitet und Dich gegen Verpflichtungen blind macht, die Du in Wahrheit gegen die Familie Dorset eingegangen bist, und an deren Erfüllung Niemand mehr zweifelt. Du selbst, mein theurer Freund, hättest [255] nicht zugegeben, daran zu zweifeln, bevor dies unglückliche junge Mädchen Dein natürliches Rechtsgefühl umwandelte. –

Der Herzog schwieg und wendete sich in einem unbeschreiblichen Zustande von seinem Bruder. Es giebt vielleicht kein Gefühl der menschlichen Brust, welches so grausame Widersprüche zu erregen vermöchte, als dies eine der Liebe. Es theilt gleichsam unser Wesen in zwei streitende Personen, und während uns die Liebe mit ihren gesteigerten Anforderungen ein heiliges unbestreitbares Recht zu besitzen scheint, Alles umzustürzen, was ihr störend entgegen tritt: bleibt uns oft zu unserer größten Qual ein richtiges Wahrnehmungsvermögen für die Wichtigkeit solcher Schwierigkeiten.

Der junge Herzog fühlte sich in dieser Lage. Er mußte sich gestehn, daß sein Bruder ihm nur in Erinnerung brachte, was er selbst einst mit Ueberzeugung anerkannt hatte; aber das Verlangen seines Herzens, dem er sich so unbesonnen hingegeben, übte eine Gewalt über ihn, die er nicht anders als überwältigend nennen konnte.

Richmond merkte den unstäten Bewegungen und Blicken des Herzogs diesen Zustand des unbehaglichsten Schwankens nur zu sehr an. Es war eben sowol Klugheit, als jenes liebevolle Vertrauen, welches edeln Menschen anräth, die Vollendung des Angeregten in der eigenen Entwickelung des Anderen zu erwarten, was Richmond abbrechen ließ. Beide Brüder gaben sich alsdann den äußeren Pflichten hin, welche die Ankunft der Gäste ihnen auferlegte.

[1]

Zweiter Theil

Wir sind geneigt, den Leser aus dem Familienkreise, in dem er sich bereits bekannt fühlen mag, auf einige Zeit zu entführen, um ihn an einem andern Orte für die Ereignisse vorzubereiten, von denen wir die Familie Nottingham später erreicht sehn werden, zugleich aber über das bereits von ihr Erlebte einen Aufschluß zu ertheilen, der ihr selbst erst am Ende der uns vorliegenden Zeit gegeben war. Da wir nicht beabsichtigen, die uns mitgetheilten Papiere und ihren einfachen Inhalt mit schlagenden romanhaften Hauptentwickelungsmomenten zu verzieren, so hoffen wir den Leser dadurch, daß wir ihm die Fäden in die Hände geben, die er später zu bedrohlichen Verwickelungen sich verwirren sieht, in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie zu vermeiden wären, weiß und doch außer Stand gesetzt ist, schützend oder warnend einzuschreiten.

Diese Absicht auszuführen, müssen wir einige Zeit zurückgehn, und treffen mehrere Tage nach der Ankunft des Prinzen von Wales aus Spanien in dem alten Stadttheil von Westmünster, dem glänzendsten und prachtvollsten Theile Londons, ein. Es ward damals, wie jetzt, dieser dem alten Whitehall, der Wohnung des Königs, zunächst gelegene Stadttheil als ein privilegirter Wohnsitz des höhern Adels angesehen, der sich noch als ausschließlich geschaffen betrachtete, sowol die Person des Königs zu umgeben, als auch eine Vormauer zu bilden gegen das Volk. Wie wenig auch von der eigentlichen Veranlassung, [1] die dieser Vorstellung in frühester Zeit einigen Rechtsgrund verliehen haben mochte, durch die Entwickelung, die sich über alle Stände nachgrade zu verbreiten begann, übrig geblieben war: die damit verknüpften Vorrechte und Auszeichnungen blieben ein ängstlich vom Adel bewachtes Gut, in dem Maaße vielleicht ängstlicher bewacht, als eine unlustige Wahrnehmung sich hin und wieder aufdringen mochte, wie das Volk zu einem festeren Verbande mit seinem Fürsten herangereift war. Der Adel war damals jeder Zügellosigkeit hingegeben, in seiner moralischen Kraft herabgekommen, untereinander entzweit und sich verfolgend bis an die Stufen des Thrones, und nur das alte Herkommen sicherte ihm noch seine Bevorrechtung. Auch fand diese noch wenig Widerstand in der allgemeinen Stimmung des Volkes, welches mit größerer Langmuth, als seiner Einsicht entsprechend schien, sich gegen diese Vorrechte bezeigte, denn es liegt in dem Geiste eines Volkes, das sich seiner Geschichte bewußt wird, eine rührende und unauslöschliche Dankbarkeit gegen Namen, an die sich vaterländische Erinnerungen und Triumphe knüpfen. Es erklärt sich am besten, wie ein zum Volksbesitze erhobener Name noch lange ein schützendes Panier bleibt für die Entartung des Nachkömmlings, unter welchem er die ererbten Vorzüge zu genießen wagen kann, die er selbst zu erwerben nimmer vermocht hätte. Elisabeth, die klügste und eifersüchtigste Selbstherrscherin, hatte die Umgrenzung, womit ihr stolzer Adel ihren Thron zu umgeben sich für angewiesen hielt, schon dadurch zu durchbrechen gesucht, daß sie den Bürgerstand in seinen Rechten zu heben suchte, Talente in ihm für möglich hielt, sie folglich auch antraf, und zu sich erhob. Die Stütze, die sie auf diese Weise sich in den mittlern Klassen ihres Volkes bereitete, das hierdurch mit schon entwickelten Kräften Ziel und Richtung seines Strebens fand, gab ihr, ehe der Adel in seiner eingebildeten höheren Natur sich dieser ihm entgegenstrebenden [2] Kraft bewußt ward, eine von ihm unabhängigere Stellung, die ihn, als er sie erkannte, einsehen lehrte, daß er seine Vorrechte an dem Throne durch etwas Anderes vertheidigen müsse, als durch die Länge des Besitzes.

Aber gegen das Ende der Regierung König Jakobs war es kaum möglich, eine der unsterblichen Einrichtungen jener königlichen Frau in der Gestalt wieder zu finden, wie sie von ihr diesem Nachfolger überliefert waren. Der wohleingerichtete Mechanismus eines Staates läuft indessen, dem Anschein nach, eine Zeit lang noch ungestört in seinen Gleisen fort, wenn schon die leitende Hand fehlt, die ihm seine ursprüngliche Thätigkeit gab. Es ist dies oft wahrzunehmende scheinbare Fortbestehn unter der Bürgschaft einer gewesenen Größe nur allzu geeignet, diejenigen in selbstgenügendes Vertrauen einzuwiegen, die von Segnungen sich noch erreicht fühlen, welche sie schon längst aufgehört haben auch ihren Nachkommen weiter vorzubereiten.

König Jakob besaß eine Menge ausgezeichneter Kenntnisse, die aber in ihm zu keinem Resultat von Bildung gediehen waren und ihn bloß mit der lächerlichsten Eitelkeit erfüllten, wozu schwache Geister sich stets durch die Anstrengungen berechtigt halten, die ihnen das Erlernen verursachte, und wodurch sie sich geneigt fühlen, ihnen einen überschätzten Werth beizulegen, wie dürftig sie auch dem leicht sich befruchtenden Genie zur Seite stehn. Seine schwache, durch Erziehung und langjährig beugende Verhältnisse völlig erdrückte Natur hatte keine Kraft, sich durch die hohe Stellung zu elektrisiren, zu welcher der Tod Elisabeths ihn rief. Ohne wahre Kraft war er eben so wenig fähig, ein Tyrann, als ein Wohlthäter seines Volks zu sein, und stets der Spielball Anderer, behielt er sich so wenig eigne Ideen vor, daß diese ihm unbestritten verblieben, da sie nur dienten, ihn über seine gänzliche Willenlosigkeit desto leichter zu täuschen.

[3]

So nahm denn auch bald der Zustand bürgerlicher und geselliger Ordnung die hieraus nothwendig sich ergebende Umgestaltung an.

Der Adel verbaute gar bald aufs Neue den Zugang, den Elisabeth sich zu jeglichem Verdienst zu eröffnen gewußt, und ohne Rivalität mit diesen Emporkömmlingen, ohne Aufmunterung von Oben zu einer höhern Entwickelung, abgeschnitten durch Jakobs weibisches Friedenssystem von jeder Kraftübung nach Außen, sank er nur zu bald in die rohe Ausgelassenheit zurück, aus der er kaum sich zu erheben angefangen.

Alte Namen, Reichthum, äußere Schönheit ersetzten die Eigenschaften, die Elisabeth nöthig gemacht hatte. Die Folge hiervon waren Günstlinge, die sich jeden Uebermuth, jede Zügellosigkeit gegen das Volk, ja selbst gegen ihres Gleichen, und bis vor das Angesicht des Königs ungestraft erlauben durften. Der mittlere Bürgerstand, in seine frühere Beschränkung zurückgedrängt, gab entweder seine freiere Entwickelung auf, oder widmete sich ihr doch nur ohne eine belebende Beziehung zu höherer Anerkennung, und der einzige Stand, welcher Vortheil dabei zu ernten schien, war der Handwerksstand, der, aufgemuntert von den ausgedehnteren Luxusbedürfnissen der Großen, Vortheil davon zog und in seinem äußern Aufwand bei weitem den unterdrückten Mittelstand überbot.

So war denn allmälig die feine, bescheidene und ernste Haltung verschwunden, welche zur Zeit der königlichen Herrscherin selbst über die Feste und Gelage des Adels verbreitet sein mußte, sollten sie ihrem scharfen Tadel entgehen. Oft war eine ganze Straße, selbst ein Viertheil der Stadt, worin ein Großer ein Fest anstellte, in Unruhe und Aufruhr gebracht, und man sah zur Zeit, wo die Züge der Gäste mit ihren zahllosen Gefolgen von Dienern, Pagen und Anhängern sich zum Vereinigungspunkt begaben, die Läden geschlossen, die züchtige Jugend der [4] Weiber und Mädchen versteckt, und die Hauptthüren selbst, die solche verführerische Besitzthümer beschützten, von Außen noch besetzt mit den wehrhaftesten Männern des Hauses. Diese geräuschvollen Zusammenkünfte, mit ihrer über ganze Gemeinden verbreiteten Unordnung, begünstigten nur zu oft die geheimen verbrecherischen Nebenabsichten, die, mit schamloser Gewalt unternommen, nur der Gewalt wichen und, ungestraft von Oben, zu kleinen Kriegen Anlaß gaben, die leider nur zu oft zum Nachtheil der Geringeren ausfielen. Das niedere Volk spielte dabei am häufigsten die Rolle der nur sinnlichen Eindrücken hingegebenen Kinder. Der Edelmann, der die schönste Gestalt, die schönsten Kleider, die zahlreichsten und kostbarsten Diener und die vornehmsten Anhänger besaß, war sicher, von seinem Beifallsgeschrei jeden Fußbreit Weges begleitet zu werden. Man hätte diese vornehmen Herren fast bemüht nennen mögen, dies noch zu vermehren, denn sie übten in geckenhafter Ausgelassenheit auf ihrem Wege tausend Dinge, welche die gute Laune des Volkes vermehren mußten, welches entzückt war, diese ihrem Standpunkte so weit entrückten Personen Handlungen begehn zu sehen, die sie ihnen näher stellten, wenn auch der redliche und gebildete Bürger sich mit Scham und Unwillen davon wegwandte.

An dem Tage, wo wir unsere Leser in London einführen, umleuchtete den Vorplatz eines glänzenden Palastes ein Feuermeer von Pechfackeln und brennenden Holzstößen, deren Glanz die angrenzenden Straßen und den Himmel mit seinem düstern Nebelschleier erreichte. Man hätte wähnen können, dem Brande einer Stadt sich zu nähern, wenn man von ferne das tobende Geschrei der Menge vernahm, die sich diesem Schauspiele entgegen drängte, theils als Zuschauer, theils als Theilnehmer. Aber es war nur eins der früher erwähnten Feste.

Der Herzog von Buckingham versammelte zuerst nach seiner Rückkehr aus Spanien die Großen des Landes, und seiner [5] Einladung war man mit größerem Eifer entgegen gekommen, da allerdings die Macht und Gewalt des gefürchteten Mannes verdoppelt schien durch die ausgesprochene Freundschaft des Prinzen, die ihm seine unselige Herrschaft auch nach dem Tode des jetzigen Königs zu sichern schien. Seine zahllosen Feinde, unter die sich mit Recht die Besten der Nation zählten, gaben die Hoffnung auf, in der Zukunft das Ziel seines verderblichen Einflusses zu sehn, und Karl der Erste konnte später seine Thronbesteigung unter kein unglückseligeres Zeichen setzen, als das seiner Freundschaft für einen Mann, der in den Augen des ganzen Landes als Ursache aller dasselbe heimsuchenden Uebel galt.

Dessen ungeachtet war zur Zeit, die wir erwähnen, sein Einfluß unantastbar, und für irgend einen Widerstand nicht der Augenblick da. Das sagten sich die Besten mit den Schlechten zugleich, und man sah sie dieselben gefügigen Schritte thun, bloß darin unterschieden, daß es dem Einen ein patriotisches Opfer dünkte, während der Andere sich und seinen Vortheil damit zu fördern oder zu schützen suchte. Buckingham kannte alle seine Feinde. Zahllose Spione durchkreuzten für ihn jeden ihm wichtig scheinenden Punkt; jeder schändliche Dienst der Art ward mit einem Aufwande belohnt, der die Erfüllung der nächsten Anforderung schon im Voraus sicherte. Jeder war um so pünktlicher in seinem Dienste, als über den Beauftragten ein zweiter ihm unbekannter Wache hielt, und wie Buckingham Verrath zu bestrafen wußte, darüber raunten sich selbst die Mitglieder dieser Bande nur mit Grauen ihre Erfahrungen zu.

So erreichte oft den edel Zürnenden in der Zurückgezogenheit, die er dem fahlen Glanze des Hofes vorzog, die Strafe für ein gerechtes Wort, welches die Noth und Verwirrung des Landes ihm abgepreßt: und das Mißtrauen, das sich so in die innigsten Verhältnisse drängte, und keine Einigkeit der [6] Meinungen und Ansichten sich herstellen ließ, war eine der teuflischen Absichten Buckinghams, die er leicht erreichte.

Zu seinen kleinen Belustigungen gehörte es, bei seinen Festen oft alle die zu bitten, die ihm als einander bitter grollend bezeichnet waren. Er wußte, daß sie lieber einen Feldzug unternommen hätten, als den kurzen Weg zu seinem Palaste, und er schwelgte in der Freude, sie nun doch dem Zwange sich beugen und vor ihm erscheinen zu sehen.

Sie hatten an einem solchen Tage oft alle Schattirungen des Uebermuths zu ertragen, und waren bald der Gegenstand seiner kindischen Neckereien, bald seiner gröbsten Vernachlässigung. Man wußte oft, daß Frauen, zweideutig in Ruf und Sitte, Königinnen des Festes, die edelsten und vornehmsten Damen ihnen nachstehen, und ihren Launen und Wünschen unterworfen sein würden. Dennoch wagten diese hier weniger wegzubleiben, als aus den Gemächern der Königin; denn welche hätte nicht einen Gatten, Sohn, Vater oder Bruder zu schützen gehabt, und wer konnte nachweisen, daß Buckingham eine Vernachlässigung verziehen oder übersehen hätte!

Schon hatten sich am erwähnten Abend die glänzenden Räume in allen Richtungen mit den ausgezeichnetsten Personen des In- und Auslandes gefüllt. Die schönsten Frauen in dem kostbarsten Putze, die Männer mit Allem, was ihnen Auszeichnung verleihen konnte, und einem zahlreichen Gefolge von Pagen und Dienern, welche die Vorhallen einnahmen, Alles drängte sich durch und in einander, und suchte mit Höflichkeit oder mit Gewalt den Vortheil eines Platzes zu erringen, der dem Range oder Interesse des Geladenen entsprechend schien. Aber obgleich die Mehrzahl sich schon beisammen fand und die Zeit bedeutend vorgerückt war, fehlte doch dem Ganzen sichtlich der Mittelpunkt, der Wirth selbst, der allein so viele sich widerstrebende Elemente, wie diese Säle umschlossen, zu verbinden [7] unternehmen konnte. Es war deutlich zu sehen, wie beim langen Harren, das den Gästen auferlegt war, und das sie als eine neue Anmaßung und Kränkung des übermüthigen Mannes anzusehen hatten, die scheinbare Heiterkeit oder Ruhe und Würde, womit der denkende Theil der Gesellschaft beim Erscheinen sich ausgerüstet hatte, dem Gefühl des Ueberdrusses und des unwilligen Erstaunens wich.

Nur die völlig gedankenlose Jugend schwärmte in gewohnter Weise lärmend und neckend umher, und brachte Bewegung um die in festen Gruppen sich zusammenziehenden Gleichgesinnten. Vergeblich bemühten sich die zahllosen Anhänger und bevollmächtigten Gesellschafts-Kavaliere mit dem glänzenden Troß vornehmer Hausdiener des Herzogs, Leben in dies sterbende Fest zu bringen. Der Herzog selbst nur konnte die Last heben, die sich, je länger, je mehr auf Alle niedersenkte. Selbst die Marquise von St. Pol, die, im vollen Besitze seiner Gunst, sich als die Königin des Festes ansehen durfte, und zu deren Füßen Buckingham die Anordnung dazu, von ihr bestimmt oder genehmigt, verfügt hatte, unterlag allmählig der übeln Laune, die diese Vernachlässigung ihr gab, und ließ sie die Bemühungen aufgeben, womit sie bisher ihre und des Herzogs Anhänger unterstützt hatte.

Die Gesellschaft, eines allgemeinen Interesses beraubt, gerieth daher auf die Verfolgung ihres eigenen und besondern, was vielleicht noch anziehender und beglückender für die Mehrzahl war; doch waren genug unter den Anwesenden, die mit argwöhnischem Hasse aus dieser neuen Beleidigung des gesammten höchsten Adels, mit Einschluß der Minister und nächsten Umgebungen des Königs, das über jede Rücksicht hinaus gestiegene Ansehn des gefährlichen Günstlings sich prophezeiten; Andere wieder, die sich in banger Furcht ihr Sündenregister überhörten und sich schaudernd fragten, welche Rolle sie in dieser[8] allgemeinen Verdammniß übernehmen würden, während die Edelsten und Besten mit Scham und Unwillen sich an einem Platze sahen, der sie zu einer solchen Kränkung verdammte, und den zu verlassen, sie jeden Augenblick von ihrem bessern Gefühl sich aufgefordert fühlten, wäre nicht Gefahr vorhanden gewesen, dadurch eine Verfolgung über sich und die Ihrigen herbei zu rufen, welche abzuwenden, außer aller menschlichen Macht lag. So entstand ein fast allgemeines, aus den verschiedensten Interessen hervorgehendes Verlangen, den Herzog zu erblicken, woran sich die Jugend mit der Hoffnung auf die endliche Eröffnung des Tanzes und die Hungrigen mit der Sehnsucht nach den Freuden der Tafel anschlossen. Doch dies Verlangen ward immer aufs Neue getäuscht, und das drückende Gefühl der stolzen englischen Barone steigerte sich noch durch das Hinzukommen der fremden Herren, welche Spanien und Frankreich mit großem Aufwande und in bedeutender Anzahl an dem Hofe des Königs unterhielt, welche Buckingham herbeigerufen, sein Fest zu verherrlichen, und welche nun die ersten Personen des Königreichs unter der unartigen Nachlässigkeit eines Mannes sich scheinbar beugen sahen, dessen unbeschränktes Ansehen sie dadurch anzuerkennen schienen.

Man sah die spanischen Herren, an deren Spitze sich der junge und schöne Herzog von Samalca befand, nach einer sehr ernsten Erwägung der vorwaltenden Umstände sich in die kalte und steife Haltung begeben, die den Urheber der Beleidigung zu erwarten schien, und der junge Herzog, der sonst gegen die blonden Schönheiten Englands nicht unempfindlich war, wollte, seiner Haltung nach, nur der Gesandte Spaniens sein. Ganz verschieden war dagegen das Benehmen der französischen Herren. Diese schienen sich ganz ihrer heitern unbefangenen Natur hinzugeben, und die Unbill, die ihnen nebst der ganzen versammelten Gesellschaft widerfuhr, entweder noch gar nicht zu [9] bemerken, oder sie als einen neuen muthwilligen Scherz des liebenswürdigen Herzogs ansehn zu wollen.

In ihrer Mitte befand sich ein Mann, dessen Kleidung den Geistlichen verrieth, und dessen unscheinbare Bildung, so wie sein zurückhaltendes Betragen, ihn leicht hätte übersehen lassen können, wäre er nicht der Gegenstand großer Aufmerksamkeit seiner Gefährten gewesen, die nicht aufhören konnten, ihn mit Fragen, Anreden und Mittheilungen, wie es schien, eher zu belästigen, als zu erfreuen. Sein braunes, breites Gesicht, in allen Verhältnissen verzeichnet, bewegte sich beim Sprechen fast gar nicht, seine tiefliegenden Augen waren außer ihrer Kleinheit noch halb geschlossen, also fast nicht gegenwärtig, und nur ein breiter Mund entwickelte bei einem schnell vorübergehenden Lachen, beinah erschreckend zwei Reihen glänzend weißer Zähne, die während des Sprechens sich niemals zeigten.

Man sah den Grafen von Salisbury sehr bald den Weg zu ihm finden und ihn mit einer Auszeichnung begrüßen, die er sonst nur in politischer Beziehung anzudeuten pflegte, und die augenblicklich die Stellung dieses unscheinbaren Mannes für die Anwesenden bestimmte. Er mußte dem Grafen folgen, um einigen andern Personen vorgestellt zu werden, und es ließ sich bald erkennen, daß seine Herüberkunft aus Frankreich erst kürzlich erfolgt sei.

Selbst Lord Membrocke, der Gefährte Buckinghams und mindestens so übermüthig, wie sein Beschützer, eilte ihm eine Ergebenheit zu bezeigen, die ihm selten eigen war; und daß die kleinen Augen des Fremden Ausdruck gewinnen konnten, zeigte der wunderlich schnelle und stechende Blick, womit er den Kavalier überlief, und die feine Weise, womit er den Lord zwar als Bekannten, doch mit einer kühlen Zurückhaltung empfing, die zum ersten Mal einen Stolz durchblicken ließ, den seine frühere Haltung kaum hatte ahnen lassen.

[10] Lord Membrocke schien jedoch hierauf wenig zu geben und im Gegentheil entschlossen, sich ausschließlich seiner Person zu bemächtigen, als Lord Saville ihm etwas zuflüsterte, was die Farbe Membrocke's änderte und ihn bald den Augen der Menge entschwinden ließ. Ein unbeschreiblich verächtliches Lächeln glitt über das starre Gesicht des Fremden. Sein Auge verfolgte einen Augenblick die Richtung, in welcher der Lord davon eilte, während ein Unbekannter an ihn selbst ein Wort zu richten schien, dessen Empfang er mit einem leichten Neigen des Kopfes andeutete.

Doch wenn auch, wenigstens für einen Theil der Gesellschaft, die Ankunft der Fremden eine Art von Zerstreuung gewährt hatte, so kehrten doch bald Alle zu dem lastenden Gefühl der Beleidigung zurück, die mit jeder ablaufenden Stunde drückender und nicht mehr durch die Versicherung gemildert ward, daß der Herzog noch bei Hofe sei; indem Jeder wußte, daß der Hof wohl von Buckingham, aber Buckingham nicht vom Hofe abhänge. Unruhe und Verdrießlichkeit erreichte schon die Dienerschaft an den Portalen des Schlosses, als plötzlich die dienstthuenden Vorreiter des Herzogs in den Hof sprengten, die Wachen ins Gewehr traten und alsbald die Karosse des Herzogs mit dem lang ersehnten Gebieter daher flog. Seine erste Bewegung war, dem Thürsteher, der so eben seine Ankunft donnernd verkündigen wollte, Schweigen zuzuwinken, und, anstatt die Treppen nach den Gesellschaftssälen hinauf zu steigen, bezeichnete er dem voraneilenden Diener den Weg über eine Seitentreppe nach seinen Gemächern. Erschrocken fast blickte Maxwell, der erstere Kämmerer des Herzogs, seinen Herrn an, als er ihn in ungeordneter Kleidung und mit nachdenkenden Mienen, ohne einen der ihn sogleich umgebenden Diener zu sehen, durch die halb erleuchteten Gemächer nach seinem Schlafzimmer eilen sah, als habe er von der Richtung seiner Schritte kaum Kenntniß. [11] Maxwell, sogleich ein besonderes Ereigniß ahnend und eben so entschlossen, sich allein in dessen Kenntniß zu setzen, entfernte aus eigener Machtvollkommenheit die sich ihm nachdrängenden Dienstbeflissenen.

Er fand bei seinem Eintritt in das Schlafzimmer des Herzogs denselben bereits aller der Kleidungsstücke entledigt, welche die Bequemlichkeit hinderten, und beschäftigt, einen großen seidenen Mantel um sich zu ziehen, worin er sich, von Maxwell unterstützt, sogleich zur behaglichen Ruhe in die Kissen seines Ruhebettes warf.

Maxwell, der dies für die Vorbereitung einer frischen Toilette hielt, beeilte sich, vor den Augen des Herzogs einige neue sehr kostbare Anzüge auszubreiten, in steigender Ungeduld das erste Wort des launenhaften Mannes erwartend, der indessen mit halb geschlossenen Augen und fast träumend die Gegenwart seines Dieners nicht zu bemerken schien. Doch eben so schnell aus einem Zustand in den andern übergehend, flog er nach einigen Augenblicken wie ein Blitz empor und forderte mit einer bis zum Zorn gesteigerten Ungeduld ein Kästchen, was Lord Saville abgegeben haben müsse.

Es stand vor seinen Augen, und seine unscheinbare Hülle rechtfertigte sehr wenig das grenzenlose Entzücken, womit der Herzog es jetzt an Brust und Lippen drückte, und nun mit den Händen und Maxwells Hülfe und allen zur Hand sich findenden scharfen Werkzeugen eine Hülle nach der andern löste, bis endlich ein seidenes Tuch von Purpurfarbe, mit goldenen Lilien besäet, dem Herzog in die Augen fiel. Er stieß nun die Hände Maxwells zurück, um es mit den zärtlichsten Liebkosungen zu bedecken, die er nur unterbrach, um ein in Gold und purpurrothen Sammet gefaßtes Kästchen hervorzuziehen, welches beim schnellen Oeffnen das Bild einer schönen Dame im glänzendsten Schmucke gewahren ließ.

[12] Wir enthalten uns, die Ausbrüche einer leidenschaftlichen Liebe, wie sie der Herzog von Buckingham zu empfinden vermochte, hier aufzuzeichnen. Maxwell, an solche Scenen gewöhnt, dachte mit einem höhnischen Lächeln der Marquise von St. Pol, die noch gestern in Person der Gegenstand von Aeußerungen war, die jetzt einem todten Bilde und einem seidenen Tuche verschwendet wurden. Zu genau diese Zustände kennend, um den Herzog früher davon abziehen zu wollen, als diese Emfindungen in ihm von selbst sich erschöpften, und hinreichend belehrt, daß dies seine Geduld nicht über Gebühr in Anspruch nahm, zog er sich hinter die Barriere der aufgerichteten Prachtkleider zurück, jeden Ausruf des Herzogs mit einem Lächeln des Spottes und der Verachtung begleitend. Aber der Herzog schien dies Mal die vorwaltende Liebesangelegenheit mit Gedanken ernsterer Natur vereinigen zu müssen; es schien in ihm ein Streit zu walten, der nur dann einzutreten pflegte, wenn ihm Zweifel kamen, welches ihm das Vortheilhafteste, Bequemste oder Belustigendste sein möchte.

Offenbar neigte sich aber dem abwesenden Gegenstande, der sich ihm in dem reizenden Bilde personifizirte, sehr bald die Wage, und er brach in einige gottlose Eidschwüre aus, ihrem Besitze jedes andere Interesse der Erde zu unterwerfen. Welche lächerliche Träume einer empfindsamen Knabenwelt, setzte er lachend hinzu, sind überdies diese sogenannten Bande der Natur, und existiren sie hier noch? Einem unbekannten Wesen, dessen Dasein man mir zu verhehlen wagte, als es mir noch von Werth sein konnte, sollte ich jetzt vielleicht dieses Wiedersehen opfern? Dieser Knabe Karl, der die blödsinnige Vorstellung hegte, mir ein albernes Geheimniß zu entziehen, und die strafenswerthe Kühnheit, es wirklich auszuführen! Ihren Plänen, nachdem sie ergraut und in sich selber zusammengefallen, sollte ich die Hand bieten, da sie sich selbst dem Grabe verdammt haben, [13] und damit zugleich dem süßesten Glücke, welches mir in Dir, Du himmlisches Bild, lächelt, selbstmörderisch entgegentreten? Die Entscheidung ist nicht schwer, und sie ist geschehen, rief er mit einer gellenden Stimme, die das ganze Grauenhafte eines überschrienen Gewissens in ihrem Laute trug. Zurück sank er in seine Polster, und indem er das Kästchen mit dem Gemälde nach allen Richtungen drehte und schob, sprang plötzlich der Deckel von einander, und ein fein geschriebenes Blatt, eng mit farbiger Seide umstrickt, fiel dem Herzoge entgegen. Doch das Glück, sich in den Besitz des Inhalts zu setzen, sollte ihm verzögert werden, denn nach einem kurzen tobenden Gepolter im Vorzimmer und dem Gezänk abwehrender Diener ward die Thür des Kabinets rasch geöffnet, und Sir John Saville stürzte, bis an die Schwelle von den Dienern verfolgt, in dasselbe herein. Maxwell, froh über eine Dazwischenkunft, die den langweilig werdenden Zustand des Herzogs hoffentlich unterbrechen mußte, verschloß schnell hinter dem Eingedrungenen die Thür, neugierig der Bewegung Beider lauschend. Doch keineswegs schien der Herzog gesonnen, das dreiste Verfahren seines Quasi-Freundes gütig aufnehmen zu wollen.

Und darf man fragen, sprach er, sich in den Kissen aufrichtend und zornig blickend, was Lord Saville mit der angenehmen Vertraulichkeit, die er sich eben herauszunehmen beliebt, andeuten will? Haben meine Diener das Versehen gemacht, Euer Gnaden herbei zu rufen, so bitte ich mir den Schurken zu bezeichnen, der mich veranlaßt, Euch selbst jetzt ankündigen zu müssen, daß ich allein sein will. Ja, wollen Euer Gnaden sich verantworten oder sich lieber entfernen?

Ich habe das Erstere nicht nöthig, brauste Saville mit roher Stimme auf, und erkläre, das Letztere nur in Eurer Gesellschaft zu thun. Es überschreitet fast das Maaß der Möglichkeit, den von Beleidigungen sprechen zu hören, der in demselben [14] Augenblicke nicht allein mich, sondern alle Herzöge, Grafen und Barone, inklusive der sämmtlichen Großwürdenträger der Kirche der drei vereinigten Königreiche mit Schmach und Beleidigungen überschüttet und seine besten Freunde unter der Marter nutzloser und verachteter Höflichkeitsspenden zur Verzweiflung bringt.

Euer Liebden, unterbrach ihn Buckingham, ohne allen Zorn sich behaglich dehnend und an den Seidenfäden des entdeckten Briefchens zupfend, Euer Liebden scheinen sich übel zu befinden. Man spricht in London von böslichen Fieberanfällen, die eine schnelle Zerstörung des Gehirns bewirken. Oder habt ihr an einem Schenktische repräsentirt? Oder haben die nächtlichen Gelage einer Woche Euch zu einem Tags-Träumer gemacht? Ich nehme vielen Antheil an Eurem bedenklichen Zustande. Maxwell, wo stehst Du, unthätiger Schuft, während mein bester Freund in so betrübter Lage sich befindet. Einen Lehnstuhl! eile! eile! öffne sein Wamms; wo sind die heilsamen Tropfen der Mutter Kleratri, welche selbst gegen den Tod an den luftigen Balkonen der zeitlichen Gerechtigkeit sich unfehlbar zeigen! Oder seid ihr nüchtern, Mylord, und durch eifrige Studien über die Tischzeit getäuscht? wie Gelehrte denn pflegen, aus Hunger geistreich und belehrend zu werden; ich bitte Euch, befehlt! – Maxwell, Couverts! Laßt auftragen, wenn in diesem elenden Junggesellen-Hotel heute schon Feuer auf dem Heerde brannte.

Spart Cure jämmerlichen Späße, Mylord, rief immer erhitzter Saville, und glaubt nicht, mich damit zu täuschen. Ihr wißt sehr wohl, daß ihr eure Diener mit Einladungen durch London gejagt, um heute einen Hof in Eurem Hause zu halten, bei dem Euch die vornehmsten und wichtigsten Personen des Landes den Tribut ihrer abgezwungenen Unterwerfung darbringen sollen. Ihr wißt sehr wohl, daß Ihr die empörende Unverschämtheit habt, dies Fest seit vier Stunden ohne den Wirth [15] bestehen zu lassen; Ihr wißt, daß Ihr Euch damit so viele Feinde macht, als dies Haus Häupter zählt, während Ihr wie ein Kind in Euern seidnen Windeln liegt und Seide zupft. Doch Alles wird sein Maaß finden, und Ihr werdet dieses Fest mit Verfolgungen bezahlen müssen, die zahlloser sein werden, als die Haare Eures Hauptes. An ihrer Spitze steht mit drohenden Blicken schon jetzt die entthronte Königin des Tages, die Marquise St. Pol. Dies Fest, das Ihr durch alle Künste der Ueberredung ihr als ein Geschenk zur Annahme aufdrangt, sie sieht es jetzt als eine öffentliche boshafte Beschimpfung von Euch an. Der Kreis der zurückweichenden Damen, der sie zu Anfang wie ihr Gefolge umgab, wird immer weiter, und immer kälter wenden sich die Blicke von ihr; denn man wagt eben so wenig die zu verachten, die Buckingham ehren will, als man sie zu beschützen denkt, wenn er sie aufgiebt. Doch alle tragen eine und dieselbe Last der Beleidigung, Alles trägt mit der Marquise denselben heißen Wunsch, sich zu rächen und zu entfernen. Die Gesellschaft ist in Parteien getheilt, die Minister des Königs, Salisbury an ihrer Spitze, die Grafen von Cumberland, Sussex, Clifford, Sommerset, Clarendon stehen als Oberhäupter und beherrschen mit ihren zornigen Blicken ihre um sie versammelten Anhänger. Die schottischen Barone, die irischen Pairs blicken erstaunt auf dies Schauspiel einer vor ihren Augen geschehenen Demüthigung ihrer stolzen englischen Nachbarn und nehmen dann, so viel ihr mattes Ehrgefühl es zuläßt, ihr Theil für sich davon, während die Bischöfe, Dechanten und Kapläne mit Nasen, an deren zorniger Gluth Ihr Eure Kapaunen rösten könntet, umhergehen, und vergeblich den besänftigenden Geruch Eurer Tafel erwarten. Auf, thörichter Mann, fuhr Saville fort, in seinen früheren Unwillen verfallend, aus dem er sich selbst fast herausgeschwatzt hatte, auf, beeilet Euch, wieder gut zu machen, was noch möglich ist!

[16] Aber ihm schallte statt der Antwort ein so übermäßiges Gelächter des Herzogs entgegen, so heftig, so anhaltend und ausgelassen, daß Saville, dessen völlig gehaltloser Karakter unfähig war, eine Meinung irgend einer Art gegen den prachtvollen übermüthigen Buckingham festzuhalten, zuletzt mit fortgerissen, ihm gegenüber in einen Sessel sank und, in dies Gelächter des Herzogs einstimmend, kaum einzuhalten im Stande war, als Buckingham schon die thränenden Augen sich zu trocknen begann.

Saville, Krone aller lustigen Spaßmacher meines frivolen Hofstaats, kein Königreich nehme ich für den unsäglichen Spaß, den Du vor mir vorüber führst! Welch ein Fest konnte die erschöpfte Kasse Deines herzoglichen Freundes schaffen, welches nur den hundertsten Theil des Vergnügens abwarf, das diese Deine unvergleichliche Beschreibung über meinen Geist verbreitet. Wahrlich, ich bin erquickt, als hätte ich in Aether gebadet, meine Nerven haben Elastizität gewonnen, und es scheint mir werth, diesem abgenutzten Leben noch einen Gedanken zu widmen.

O des bezaubernden Anblicks, diese stolzen Gesellen wie die Schulknaben im Sonntagsputz gedemüthigt zu haben; sie sich selbst züchtigen zu sehen, Einer in der eingebildeten Größe des Andern; ihre ohnmächtigen Rachegedanken zu errathen, die Keiner länger Muth hat zu verfolgen, als so lange ich fern bin; diese hochmüthigen Ladys, die vergeblich ihre Tugendlarven abzogen, meiner kleinen Favorite zu huldigen, und die nun in der Enttäuschung sich selbst herabgesetzt sehen! Höre auf zu lachen, armseliger ausgebrannter Kopf, und sage mir, wenn es Dir möglich ist, ob Du oder ich oder irgend ein Mensch der Erde sich ein so reizendes Vergnügen ausdenken konnte, wie hier sich im Reiche des Zufalls gestaltete.

O Du unvergleichlich liebenswürdiger Bösewicht, lallte hier Saville, aus seinem Lachen sich heraus kämpfend, wie war es möglich, dieser tragischen Begebenheit die allerlächerlichste [17] Seite abzugewinnen und mein vom Zorn exaltirtes Blut so abzukühlen? Ja, es ist wahr, Buckingham, sie gehen mit tollen Gesichtern umher, und wir, Membrocke, Cork und Norris, haben uns oft die Handschuhe in die Zähne gestopft, um nicht über ihre jämmerlichen Fratzen laut aufzulachen; aber dessenohngeachtet sage ich Dir, es war ein lästiger Spaß für uns, Deine Marschälle des Bankets! Ich dachte, sie würden uns an die Gurgel fassen für jede Artigkeit, die wir hervorbrachten. Besonders seit die spanische Grandezza aufgezogen ist und sich gleichfalls, mit ihrem Knaben von Herzog an der Spitze, beleidigt stellt, wollen die Andern vor Bosheit vergehen; sie denken, ihre Schmach kömmt nun ins Ausland. Nur die französischen Herren sind liebenswürdig geblieben.

Was sprichst Du, unterbrach ihn hier Buckingham, mit beiden Beinen zugleich vom Lager aufspringend, die französischen Herren? Sie sind anwesend, erschienen? Wie konnte ich das vergessen! – Kleider! Kleider, Maxwell, Kleider! Wo bist Du? Geschwind! – Fort, Saville, in die Säle zurück, ich bin so eben angekommen, ändere nur die Kleider, war am Bette des Prinzen von Wales, der, bis jetzt bedeutend krank, meiner Pflege bedurfte. Fort! fort! Verbreite an jeder Ecke des Saales diese Nachrichten und schicke mir sogleich Membrocke; einige Andere sollen im Vorzimmer warten.

Membrocke! Membrocke! weißt Du, was Du sprichst? sagte in dumpfer Verwunderung Saville; kannst Du die Krankheit des Prinzen beweisen? Willst Du eine Thorheit durch eine andere, die Dir wichtiger werden könnte, gut machen?

Jämmerlicher Schwätzer, schweig und wage es nicht, mit Deinem stupiden Geiste dem meinigen die Richtung geben zu wollen! schrie Buckingham, außer sich vor Ungeduld, während er die Kleider fast zerriß, die Maxwell, an diesen Ungestüm gewöhnt, ihm mit der größten Schnelligkeit anzulegen suchte. [18] Eile und vollziehe meine Befehle, daß nicht meine eigne Hand Dich aus diesen Zimmern werfe; augenblicklich soll Membrocke hier sein! Fort mit Dir, oder ich erdrücke Dich!

Ich gehe, sagte Saville mürrisch und ohne sich zu beeilen, ob aber Membrocke kömmt, magst Du erwarten, denn bis jetzt macht er den frère servant bei einem breitschultrigen französischen Kaplan, der, heute erst angekommen, auch unter Deinen französischen Herren sich befindet.

Buckingham blieb stehen, wie vom Blitz getroffen; die Augen traten ihm stier aus dem Kopfe, und eine jähe Glut überschlug sein schlaffes Gesicht. Wer ist es? Wie nennt er sich, den Du so bezeichnest? brach er hervor, indem er Saville an beiden Schultern ergriff. Bei allen Teufeln sprich, wie heißt der, den Du Kaplan nennst?

Laßt mich, sagte Saville, sich den Herzog derb abschüttelnd, Ihr habt mich heute genug gequält, ich habe es satt; seht ihn Euch selbst an, oder fragt Membrocke, mit dem er bekannt ist, es ist ein Monsignore und sein Name Mar – Mas –

Mazarin? schrie Buckingham, außer sich. Kann sein, sagte Saville, schon halb im Vorzimmer, und die Thür fiel klirrend zwischen Beiden zu. Aber Mazarin? dieser Name klang noch so oft aus dem Munde des so plötzlich veränderten Herzogs, als müßte er sich durch den Klang von seinem wirklichen Dasein überzeugen. In einen Sessel geworfen, schien er Alles außer diesem Laut vergessen zu haben, und Maxwell wagte nicht, die halbvollendete Toilette zu beendigen.

Doch währte dieser äußere Stillstand nicht lange, die geöffnete Thür zeigte den schönen eleganten Grafen von Membrocke, den ausschweifendsten und sittenlosesten Gefährten und Vertrauten Buckinghams. Sein beschränktes Vermögen und sein grenzenloser Aufwand hatten ihn, trotz seines Hochmuths und bei dem Glanze eines hundert Mal ältern und vornehmeren Namens, [19] doch zu einer Art von vornehmen Miethling des Herzogs gemacht, und nur die Schönheit und Anmuth seiner Person hatte ihm ein Ansehn erhalten, welches er zu sichern suchte, indem er das Entehrende seiner Verhältnisse zu Buckingham in die Reihe der spaßhaften Verlegenheiten eines Mannes von Welt verwies.

Mazarin? rief Buckingham, so wie er ihn sah, aus seinem Nachdenken auffahrend und fragend auf Membrocke zueilend.

So ist es, erwiederte der Graf, mit einem schnellen Blick das Ruhebett überlaufend, auf dem noch der In halt des empfangenen Päckchens lag, und wie ich sehe, der Bote süßer Gaben! In Wahrheit, ich möchte wetten, er ahnt nicht, daß er Euch als Handlanger diente, und ich muß die Feinheit eines liebenden weiblichen Herzens bewundern, die den Gegenstand Eurer Eifersucht wegschickt, um Euch Alles zu senden, was Euch in der Ferne beglücken kann. Mensch, was gab Euch diese Gewalt über die stolzeste der Frauen! Schickt mich nach Deutschland, Mylord, vielleicht schließt dies Land noch ähnlichen Zauber in sich. Ich kenne sie sonst alle und kenne die Scenen, die man mit ihnen durchzuspielen hat, so auswendig, daß ich vor Langerweile dabei vergehe.

Aus Buckinghams Zügen verlor sich die Starrheit in dem Maaße, als er den Worten Membrocke's lauschte. Du hast durch Deine Worte die aufsteigenden Dämonen dieser Brust beschworen, und mich von der Wuth und Verzweiflung der Eifersucht erlöst, rief er endlich. Ha, diese abscheuliche Mißgeburt, die Beleidigung der menschlichen Gestalt, und dieses Meisterwerk der Schöpfung, dies Weib, von jeder Schönheit, jedem Zauber umgeben, den der herrlichste Geist in dem schönsten Körper zu schaffen vermochte! Wer hat es ausgedacht, Beide im Zusammenhang zu glauben, ohne zugleich der ganzen Ordnung der Dinge Hohn zu sprechen? Und doch! Und doch, Membrocke, doch ist der Zweifel da, dennoch, dennoch [20] zittre ich, in dieser Mißgeburt meinen Nebenbuhler zu sehn! –

Weil Du es vorziehst zu zittern, weil Dir der Sieg fast zu bequem ohne Schwierigkeiten erscheint, und der schöne glänzende und stets siegende Buckingham lieber einen Pavian, als gar keinen Nebenbuhler, haben möchte. Halt ein jedoch und laß die Grillen fahren, die in Wahrheit weder Grund haben, noch Dir und dem Andenken Deiner Göttin ziemen. Jage nicht im blinden Eifer dieser einen Phantasie nach und laufe an dem Ziele vorüber, das indessen der, der Dich wild gemacht, vielleicht ohne Hinderniß erreicht!

Zu toll ist es von Dir, den weggesandten Nebenbuhler noch zu fürchten; ergründe lieber, was dieser feine schleichende Prälat in England zu verrichten hat, – wahrscheinlich mehr, als Dir dies Bild, dies Tuch, dies übersponnene Brieflein auszuliefern. –

Ha, Membrocke, Du hast Recht! Schon wieder holt Dein ewig gegenwärtiger Verstand den meinen ein. Ich bin ein thöricht unbesonnener Knabe. Wie kann ich träumen, der Freund, der Vertraute dieses Teufels Richelieu betrete diesen Boden, ohne die Fußangel vor mir auszubreiten, in der ich mich gefangen geben soll. Höll' und Teufel! Wen ließ ich zurück, mir Bericht zu senden über jener Machinisten reges Spiel? Wer blieb zurück? Hilf mir, wer hat gewagt, so schlecht mich zu bedienen, daß dieser Dämon die Stiegen dieses Palastes betrat, ehe ich die Ahnung seiner Ankunft erhielt! Hier unter meinem Dache, Membrocke, ehe ich es ahnte! Begreifst Du es? Ich, Buckingham, betrogen, überlistet! Wer hat dies Bubenstück erdacht? Wer hat gewagt, mir diesen Streich zu spielen? So wahr ich lebe und den Namen trage, vor dem die Mitwelt zittert, es soll sein letzter sein!

[21] Schreckbar von Wuth entstellt, die zitternde Hand am Gefäße seines Degens, den er den Händen Maxwells entrissen, schien sein Auge lechzend den Gegenstand seiner Wuth zu suchen und fiel auf die schöne glänzende Gestalt des Grafen, der mit der feinen Kälte der Ueberlegenheit am Kamin lehnte und mit gleichgültiger Miene für sich zu denken schien. Ohne den Herzog anzublicken oder den Ton zu heben, verwies er ihn zur Ruh. Ihr werdet begreifen, fuhr er fort, daß kein Athemzug dem Kardinal Eure Ueberraschung verrathen darf. Eilt schnell, Euch als Protektor ihm aufzuwerfen, ehe wer Anders Euch zuvorkommt. Schon beugte vor dem Freunde des mächtigen französischen Ministers Salisbury den starren Rücken, und Clarendon und Sussex lauschten seinen Worten. Ihr müßt es ihnen zuvorthun, so eifrig ihn bewachen, daß er zum freien Athmen keinen Raum behält; um so sicherer könnt Ihr ihn beobachten. Doch laßt uns zur Gesellschaft eilen. Maxwell, thut Eure Schuldigkeit! Ich sehe hier an diesem Meisterstück von Wamms und Mantel ein schlecht gewähltes Gürtelband. Wozu dies matt gehaltene Geschmeide von Türkissen zu diesem pfirsichfarbnen Sammet? Warum nicht jene Smaragden in Juwelen? Sie sind bei weitem passender. Das Neueste ist, man trägt die Quaste auf der Schulter unter der Agraffe des Mantels; seht, so wie diese hier. Buckingham, Du Ideal der Mode, Du Angelpunkt aller Augen, die sich mit Eleganz und Feinheit bereichern wollen, muß ich Dich belehren? Setze Maxwell auf Pension, ins Spital mit ihm, sein Sinn wird stumpf! Doch sag', hat Saville meine Nerven umsonst erschüttert mit der Nachricht, den Prinzen habe der Schlag gerührt? –

Ich hoffe, er hat diese Thorheit Dir nur allein ins Ohr geraunt, Dich aus dem Saal zu locken; er sollte es sonst büßen. Doch nur zu gewiß ist, daß ich dies Mal unfreiwillig mein Gastmahl ohne Wirth gelassen; der Prinz erkrankte plötzlich und [22] liegt danieder. Der König heult an seinem Bette, und es war schwer zu entkommen; auch kam ich nur, um dies Gewühl von Gästen aufzulösen und dann zu ihm zurück zu kehren. Doch es entfiel mir Vieles über dem Vielen, was ich heute gehört, und endlich Alles über diesem inhaltreichen Kästchen, ha! Und endlich auch dieses über dem Ueberbringer! Sag', ist Ormond anwesend! –

Er spielt die Rolle Josephs auch heute meisterhaft! Und darum just, rief lachend Buckingham, hab' ich ihn Dir zum Gefährten erwählt. Erstaune nicht; Du folgst mir nach Whitehall und bleibst die Nacht, ich habe Dir viel zu sagen. Jetzt laß uns gehn, ich bin so kalt jetzt, so ruhig und besonnen, wie nach zwölf Stunden Schlaf. Diese stolzen Herren werden an fünf Stunden Aerger, hoff' ich, jetzt schon zu viel haben, um durch meine, leider nur zu gut begründete Entschuldigung sich beruhigen zu lassen; und das ist mein Trost. Nur ungern wollte ich den süßen Spaß entbehren, sie so toll gemacht zu haben; und müßte ich diesen Mazarin nicht heute noch umstricken, ich hätte ihnen die volle Ladung nach Hause mitgegeben und lieber Verse an den Mond gemacht, als daß ich unter ihnen noch erschienen wäre!


In einem kleinen Thurmzimmer des französischen Gesandtschaftshauses finden wir einige Stunden später den bedeutenden Mann wieder, der durch seinen bloßen Namen Buckinghams Leichtsinn erschütterte. Seine Erscheinung, als Freund des mächtigen Richelieu, sicherte ihm schon damals die Huldigungen aller derjenigen, die irgend die Wichtigkeit des eben auf seiner höchsten Höhe stehenden französischen Ministers zu beurtheilen verstanden. Wenig schien Mazarin durch die Art, wie er [23] überall auftrat, diese Auszeichnungen zu unterstützen und noch weniger zu verrathen, wie er einst wirklicher, als irgend ein gekröntes Haupt Europa's, die Herrschaft führen und alles seinen Plänen unterthan machen werde. In seiner unscheinbaren, mehr geistlichen als weltlichen Kleidung gelang es ihm vornehmlich, sein Aeußeres fast unbedeutend erscheinen zu lassen, da die Natur ihn wenig mit körperlicher Schönheit begabt hatte. Seine athletische Gestalt und seinen späterhin berühmt gewordenen Anstand, der durch frühere militärische Dienste entwickelt war, hielt er bis jetzt noch rathsamer, vor den Augen der Welt in die sanften gebeugten Manieren eines guten bescheidenen Mannes einzuhüllen.

Dessen ungeachtet hatte Buckingham Gelegenheit genug gehabt, seinen weitreichenden und großen Einfluß kennen zu lernen. Sie waren sich bei des Ersteren Anwesenheit in Frankreich auf einem Felde begegnet, wo der schlaue Julio Mazarini sich um jeden Preis zu behaupten entschlossen war, so wie Buckingham seinerseits in dieser Beziehung weder einen Gegner in dieser Gestalt gefürchtet hatte, noch ihm zu weichen dachte. Wenn jedoch diese Macht, die Mazarin für sich in der Stille warb, der Welt und namentlich dem Auslande vorerst noch ein Geheimniß bleiben mußte, so war in der Art, wie Richelieu wohl Mazarin als den einzigen ihm gleichkommenden Kopf zu bezeichnen pflegte, diesem ein Ansehn zugegeben, welches ihm, auf welchem Platz Europa's er auch erscheinen mochte, eine weit über seine äußere Stellung reichende Auszeichnung sicherte. Doch war mit seiner Erscheinung auch stets ein gewisses Aufmerken, vielleicht nicht ganz ohne einen Zusatz heimlicher Befürchtung, verbunden. Richelieu gebrauchte ihn stets zur Ausführung von Plänen, die nur ein Ohr zur Mittheilung fanden, eben das seinige, und die kleinen schmeichelhaften Sendungen, die Richelieu in seinem oder seines Königs Namen durch Mazarin [24] an die verschiedenen befreundeten Höfe ergehen ließ, hatten oft für Richelieu eine so überraschende Kenntniß der wichtigsten Geheimnisse eines solchen beschickten Hofes zur Folge gehabt, daß man langsam anfing, die starke Beobachtungsgabe dieses Boten einzusehn und ihn wenigstens in der möglichst besten Laune zu erhalten wünschte, da man in der Regel zu ungeschickt war, ihn unschädlich zu machen.

Richelieu war dies Mal über die Nückreise des Prinzen von Wales in so zärtlicher Besorgniß gewesen und so entzückt über dessen glückliche Ankunft, daß Mazarin von ihm gesendet ward, seine und des Königs Freude dem Prinzen auszudrücken. Alle, denen dies mitgetheilt ward, schienen über so viel Antheil und Freundschaft entzückt, während Alle mit angehaltenem Athem einander fragten, was er wohl noch vorhaben möchte. Mazarin war über den ersten Eindruck, den er bei seinen jedesmaligen Sendungen hervorrief, keinen Augenblick ungewiß; aber er besaß neben seiner schnellen und untrüglichen Menschenkenntniß eine so ausdauernde unbesiegbare Ruhe, Sanftmuth und Geduld, daß die Befürchtungen sich wie von selbst an ihm entkräfteten, und er fing erst dann seine Pläne zu verfolgen an, wenn er alle ihm in den Weg gelegten und alle im Voraus ihm bekannten Proben als ein guter harmloser Mann bestanden hatte. Richelieu's große, erhabene Natur war einer solchen, seinem ganzen Naturell widerstrebenden Operation unfähig, aber er benutzte an seinem Gefährten diese Fähigkeit und wußte sie als eine unschätzbare Gabe zu achten, wenn auch ohne sie ihm zu beneiden.

Mazarin hatte sich dem Zwange der Geselligkeit entzogen, und es war leicht wahrzunehmen, daß ihm dies zu einer größeren Entwickelung seiner eigensten Natur geholfen. Das lange geistliche Kleid war über einen Sessel geworfen, und die kräftige hohe Brust und die breiten Schultern wurden vortheilhaft von[25] einem Wammse von violetter Seide mit feiner Goldstickerei gehoben. Im Geschmack der Zeit, mit sorgfältiger Vermeidung jeder geckenhaften Uebertreibung, war auch seine übrige Person in dieselben Farben gekleidet, und eine feine goldne Kette um seinen Hals war mit den Enden in das Wamms geknöpft. Der Knopf indeß, der dies zusammenhielt, hätte fast den besondern Werth dessen, was er verschloß, errathen lassen; denn es war ein ungewöhnlich schöner und großer Diamant.

Im Hintergrunde des Gemachs waren zwei Pagen damit beschäftigt, die goldnen und silbernen Geräthschaften, welche sich in einem Reisefutteral befanden, auszupacken, und ihre sorgfältige Vermeidung jedes Geräusches schien sich auf den Eifer zu beziehen, womit Mazarin an einem Tische, zwischen zwei Kerzen, mit der Abfassung eines Briefes beschäftigt war. Doch konnte der Gegenstand des Briefes unmöglich ein ernster sein. Die Heiterkeit, die bis zu einem breiten Zug von Lächeln um seinen Mund gestiegen war, und anderseits die Zerstreuung, in der er, oft aufblickend, die Augen nach einer kleinen gothischen Thür, ihm gegenüber, richtete, zeigten hinreichend, der Inhalt sei bequem und leicht so nebenher abzufassen.

Ein kaum merkliches Geräusch ließ sich jetzt vernehmen. Mazarin erhob sich und ging auf die Pagen zu, die, mit ihrem Geschäft zu Ende gekommen, schweigend seiner Befehle harrten. Ich danke Euch für heute meine Lieben, sprach er sanft und freundlich; ich werde nur noch Benville bedürfen, der im Vorzimmer warten mag, bis ich ihn rufe. Bei Euch wird der Schlaf nach dem anstrengenden Reisetage wohl nicht auf sich warten lassen. Gute Nacht, gute Nacht! Der Herr segne Euch, setzte er hinzu, als die Knaben niederknieten, um seine Hände zu küssen, die er alsdann segnend auf ihr weiches Lockenhaupt legte. Er blickte ihnen nach bis die Thüre des Vorzimmers sich geschlossen, und vielleicht war das Gefühl, womit er die süßen, [26] schlaftrunkenen Kinder ihrer sichern Ruhe übergab, und welches unverkennbar seine Züge auf einen Augenblick einnahm, sogar der Wehmuth verwandt. Doch die Welt der Gefühle war bei ihm in den Hintergrund gedrängt; er wollte sie nur kennen, in so fern sie ihm als Menschenkenner zu seinen Schlüssen und Urtheilen nöthig waren; sich selbst gebot er als erste Lebensregel, über allen ihren Anforderungen bloß als Beschauer dazustehn. Unläugbar hatte er von diesem kühlen Standpunkte aus sich einen sehr gesicherten Einfluß über Andere erworben. Ob es indessen möglich sei, sich selbst ganz dieser großen Beherrscherin der Menschheit zu entziehn; ob man nicht in der Beobachtung und Erkennung der Gefühle Anderer die eigenen immer wieder mit auferziehe; ob jene göttliche Liebe, die unsere Entwickelung nie aus den Augen verliert, eine ihrer schönsten Gaben ganz unterdrücken lassen möchte, wer wollte es fürchten, und nicht lieber glauben, uns sei bloß gestattet, die Außenseite von ihren Erscheinungen frei zu erhalten, innerlich bleibe der kleine Heerd, um den, selbst gegen unsern Willen, sie, unverletzlichen Hausgöttern gleich, ihre Plätze behaupten, wenn auch bei dem Einem zur lieblich sich mittheilenden Geselligkeit erhoben, bei dem Andern zum ernsten Schweigen verdammt, immer doch ihres unzerstörbaren Daseins Zeugniß ablegend.

Gern nehmen wir den vorliegenden Moment als eine Bestätigung dieser Ansicht, da es überdies leicht die einzige sein könnte, die dieser merkwürdige Mann uns mitzutheilen veranlaßt. Denn schon sehen wir ihn, weggewendet und der alten Heimath seiner Gedanken zurückgegeben, jene mienenlose Ruhe gewinnen, die seine Feinde und Beobachter zur Verzweiflung brachte. Er berührte nur zu einem Klange die Glocke auf seinem Tische, und langsam öffnete sich die kleine von ihm beobachtete Thür, und in einen weiten Mantel gehüllt, trat ein ältlicher Mann ein, der sofort, Mazarin erblickend, den Mantel zur Erde [27] warf und, auf ihn zueilend, ganz überwältigt, wie es schien, zu seinen Füßen niedersank.

Benedicas! rief er mit leiser, bebender Stimme.

In majorem Dei gloriam! antwortete Mazarin mit feierlichem Ton und segnete das tiefgesenkte Haupt des alten Mannes.

Steh auf, Porter, setzte er sanft, aber ernst hinzu, wir dürfen uns nicht erweichen; es ist lange her, daß wir uns zuletzt sahen, aber so dies leibliche Auge Dich nicht erreichen konnte, traf mein geistiges doch stets auf einen getreuen und eifrigen Diener im Namen des Herrn und unserer heiligen Sache!

Porter, der von uns bereits erwähnte Kammerdiener des Prinzen von Wales, erhob sich jetzt von seinen Knien, und zeigte eine kleine, magere und gebeugte Gestalt in einer grauen Kleidung ohne alle Abzeichen. Sein längliches, blasses Gesicht war von einem trüben Ernste gefurcht, und ein sparsames weißes Haar lag dünn um die schmale Stirn. Seine matten blauen Augen, die den rührenden Ausdruck des Kummers aussprachen, hatten sich noch nicht zu seinem, in der Vergleichung mächtiger noch erscheinenden Gefährten erhoben, sondern ruhten schwermüthig am Boden. Mazarin durchschaute vielleicht nur zu schnell aus ihm bekannten Gründen den Gemüthszustand des alten Mannes, und suchte durch die freundlichste Herablassung sein Herz zu ermuthigen.

Doch was seh' ich, alter Freund, wie bist Du Deinen Jahren vorangeeilt. Weißes Haar und dieser gebeugte Rücken? –

Porter schlug jetzt mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, und sie blieben auf Mazarins kräftiger Gestalt einen Augenblick ruhen, indem er mit dem Ausdruck des Schmerzes hinzufügte: Nicht an Allen geht die Zeit spurlos vorüber!

Sage vielmehr, an Keinem, antwortete Mazarin, diese Worte wie einen Vorwurf empfindend; wenn auch der Himmel [28] oft die wunderbar zu kräftigen weiß, die in ihrem schweren Berufe vor ihm getreu und gehorsam und der besondern Kraft benöthigt sind!

Ja wohl, sprach Porter, der Herr mißt Jedem sein Maaß, und ich murre nicht, daß er das meine nur gering bestimmt zu haben scheint: denn mein Leben war ein nutzloser und trüber Kampf zwischen zwei geheilgten Pflichten, welche zu vereinigen mir nie gelang, und denen ich dadurch vielleicht gleich unnütz ward.

Selbstgerechtigkeit sich in irgend einer Angelegenheit anmaßen zu wollen, sprach Mazarin streng, gehört zu dem Ungehorsam, welchen Deine Vorgesetzten Dir in ihrer heil'gen Machtvollkommenheit als die gefährlichste Klippe unserer geistlichen Tugenden untersagt haben. Welcher Hochmuth heißt Dich Dein Leben nutzlos nennen, so Dir noch vergönnt ist, an der kleinen Stufenleiter unserer Befehle, Deinen Fähigkeiten gemäß, hinanzuklimmen? Du bist von der Regel abgewichen, und ich könnte Dich strafen, wenn nicht Milde und Geduld mit den Gebrechen der Menschheit unser erstes Gesetz wäre, und wenn Du nicht die Strafe Deiner Vergehungen schon in jenem muthlosen Trübsinn trügest, womit der Beschützer unserer heiligen Vereinigung alle die heimsucht, die sich zu eigner Beschauung verführen lassen! –

Ach, hochwürdiger Herr, leget nicht die Bürde Eures Zorns auf mein schwaches und gedrücktes Herz! Gott, dessen Augen die Herzen prüfet, er weiß allein, wie ich um Kraft und Muth gefleht zur Vollführung des Willens meiner erhabenen Obern. Er weiß, wie ich nicht denken wollte, da es mich nur zu oft auf Abwege führte. Aber der Versucher ist mir in jeder Gestalt erschienen; in der Gestalt eines erhabenen Herrn zuerst, den ich gegen meinen Willen lieben mußte, ach, selbst in der Gestalt meiner geheiligten Religion, die ich verläugnen und entbehren mußte, und die mich zu fragen schien, ob ich das [29] Rechte um solchen Preis zu thun vermöge. Ach Herr, Herr! ich bin ein Sünder und dem Zorn der heiligen Gesellschaft verfallen. Ich fühle es, und nur Ihr könnt mich retten, wie Ihr es oft thatet, indem Ihr meinen wankenden Glauben stützt. –

Ja wohl, sprach Mazarin mit dem Tone des Vorwurfs, der doch schon eine allgemach zu hoffende Verzeihung ankündigt, wohl hast Du mir es schon oft zur traurigen Aufgabe gemacht, Dich mit Dir und Deinen Pflichten auseinander zu setzen, und Dein gebleichtes Haar und Deine gefurchten Wangen scheinen mich noch nicht dieser Sorge ablösen zu wollen.

Hochwürdiger Herr, sprach der Alte, fast ihn unterbrechend, während eine leichte Röthe um das blasse Gesicht zog und es erhellte, wie der Abglanz eines fernen, längst abgetödteten Ehrgefühls, wollet wenigstens bedenken, daß diese Wangen, daß dies spärliche Haar Gestalt und Farbe im Dienste des geheiligten Ordens Jesu erhielten.

Ich kam her, dessen zu gedenken, erwiederte Mazarin sanft, und wenn kein Winkel der Erde den Pflichtvergessenen vor unserer gerechten Strafe zu sichern vermöchte, so erreicht unser Lohn auch den treuen und gehorsamen Diener unter allen Verhältnissen des Lebens, und die Höchsten des Ordens steigen zu ihm nieder als Freunde und Brüder, und er steht den Mächtigen der Erde gleich in dem Heiligthum ihrer geheimen Welt; Ich komme und bringe Dir den Segen des göttlich erleuchteten Claudius Aquavia; er giebt Dir seinen erhabenen Beifall und erlaubt Dir durch meinen Mund im Namen dessen, an den wir alle glauben, fortzufahren in dem Dienste, dem er Dich bis jetzt gewidmet. Er erlaubt Dir, um der wichtigen und Gott gefälligen Zwecke willen, die sein erhabener Wille, uns unbewußt, zu erreichen gedenkt, ferner die heilige Kirche zu verläugnen und vor den Augen der kurzsichtigen Menge Dich jenen Verirrten anzureihn, die Gott in ihrem sündigen Verstande anbeten. Er[30] sendet Dir in dieser goldnen Kapsel, fuhr er fort, indem er aus seinem Busen ein kleines wohl verwahrtes Kästchen zog, eine von Urban selbst geweihte Hostie, die ich kraft seines Willens Dir zu Deiner geistigen Erquickung nach den Regeln unserer heiligen Kirche zu reichen befugt bin.

Der Eindruck dieser Rede und der darauf folgenden Gabe auf den alten unglücklichen, seiner Pflicht erliegenden Mann war unbeschreiblich; wahrhaft schrecklich für den, der nicht wie Mazarin damit sein Ziel erreicht sah, sondern blos die fürchterliche Macht dieses halb despotischen, halb schmeichelnden Ordens darin erkennen mußte. Die von Gewissenszweifeln eingesunkenen und zernagten Züge schienen sich zu glätten, die gebeugte Gestalt hob sich, den starren, trüben Augen entsprühte ein fanatisches Feuer, welches seinen zitternden Körper in Bewegung setzte. Sich anbetungsvoll niederwerfend, streckte er die Hände nach dem Heiligthum aus, das er so lange entbehrt, wonach er sich so inbrünstig gesehnt, und das nun in höchst möglichster Würde und Kraft ihm zu Theil werden sollte. Er war mit allen seinen Zweifeln und Sorgen am Ende, und in diesem Augenblicke nichts weiter, als der eifrige und unterworfene Diener der Väter des Kollegiums zu Clermont. Mazarin hatte diesen leichten Sieg zu oft und mit denselben Mitteln erreicht, um etwas Weiteres, als die Beendigung eines gewöhnlichen Geschäfts, darin zu sehen. Nach einigen leichten Vorkehrungen schickte er sich an, die Berichte Porters zu hören, die kaum in etwas Anderem bestanden, als in den eben vernommenen Regungen seines Gewissens, welche er, nun ausschließlich dem Interesse der Gesellschaft Jesu wieder zugewendet und ihre Gewalt als eine göttliche verehrend, als Versuchung des bösen Feindes ansah, und welcher Qual Beschwörung er von dem Genusse der geweihten Hostie mit Zuversicht erwartete. Mit welchen Gründen Mazarin diese Hoffnungen zu unterstützen suchte, lassen wir unberührt. Das [31] Resultat genügt uns, daß Porter, indem er fortfuhr, die kleinsten von ihm ausgespähten Handlungen seines unglücklichen Prinzen rücksichtslos zu verrathen, nur die höchste Verpflichtung der Erde zu erfüllen, und der Tugend und dem Prinzen selbst in getreuster Liebe zu dienen wähnte.

Den Tod der Gräfin Buckingham erfuhr ich erst bei meiner Landung, führte Mazarin ein angefangenes Gespräch weiter, Lazarino hatte sich zu den Ruderern gesellt, die mein Boot herüber brachten. Vielleicht machte diese Nachricht meine Herüberkunft weniger nöthig, und nur Deine Abwesenheit entschuldigt diese späte Mittheilung. –

Hochwürdiger Herr, mein Amt ist schwieriger, seit der Herr Herzog die Person des Prinzen unablässig umgiebt; dessen ungeachtet hatte nach Euerm Befehle ich alle Mittel benutzt, Euch so schnell, wie möglich, zu dienen, während ich aber Pater Lorenzo bei Euch glaubte, erfuhr ich seinen Hingang! Die Verzweiflung des gnädigsten Prinzen bei der Nachricht des Todes der hohen Dame war grenzenlos und ich fürchte, der Anfang einer großen Krankheit. Der Herr Herzog haben sich gänzlich seiner bemächtigt, haben mich zu Bett geschickt, den Leibarzt ins Vorzimmer. Seine Majestät den König selbst haben Sie wie ein Kind, gleich welchem der alte Herr sich auch laut weinend geberdete, durch die Gemächer nach seinen Zimmern geschleppt und ihn hier, wie man einen Buben bedroht, zur Ruhe verwiesen. Sie versehen jeden Dienst selbst, und Lord Membrocke bedient wieder den Herzog. Ich sah dem Wesen lange zu von einem sichern Plätzchen aus, fügte er lächelnd hinzu, bis die Stunde schlug, die mich zu Euch rief. –

Erzähle mir jetzt genau, von welcher Zeit Du die Vertraulichkeit des Prinzen und des Herzogs rechnest, und ob Du glaubst, daß Buckingham von Allem unterrichtet ist, was des Prinzen geheime Verbindung betrifft. –

[32] Ehe wir nach Spanien gingen, wußte er sicher hiervon nichts. Beide hatten ein verschiedenes, gegenseitig geheim gehaltenes Interesse, die Bemühungen des Grafen Bristol zu verwünschen. Der Herzog von Buckingham war beleidigt, überall mit Bewunderung und Verehrung den Namen des Gesandten zu hören; der alte Haß, den die Tochter Bristols, die Frau Herzogin von Nottingham, durch ihre Vermählung gegen alle Mitglieder dieser Familie in ihm angezündet, ward aufs Neue genährt durch so viel scheinbares Glück und Verdienst, und alle nur erdenklichen bösen und gottlosen Reden über diese papistische Betschwester, wie er die allergnädigste Infantin zu nennen pflegte, gingen so rücksichtslos über seine Lippen, daß sie nur zu oft das Ohr meines Prinzen erreichten, aber anstatt den Prinzen zu kränken, was sonst der Herr Herzog auch eben nicht ungern veranlaßte, fand er den Prinzen auf seine Ansicht fast eingehend. Ihr könnt Euch denken, wie dem armen Herrn das Herz schwellen mochte, wenn er eine Schwierigkeit nach der andern sinken sah und, vom alten Könige bedrängt, jede neue Ausflucht mit dem Zorne des Vaters erkaufen mußte. Seine letzte Hülfe war der Herzog von Nottingham. Sie sahen sich, und er, der am besten die verzweiflungsvolle Lage des Prinzen kannte, willigte ein, nach Madrid zu gehen. Als Schwiegersohn des Grafen Bristol konnte seine Reise nicht auffallen, und er war vom Prinzen zu jedem Mittel autorisirt, das diese gefürchtete Verbindung trennen konnte; ja, im letzten Falle sollte er der Großmuth der Infantin, von welcher der Prinz eine sehr gute Meinung hatte, sein ganzes Verhältniß vertrauen, doch vorher bei dem Herrn Grafen von Bristol Alles erschöpfen, ihn davon abzuschrecken. Diese unglücklichen Ketzer besprachen sich in meiner Gegenwart über das beste Mittel, dem Herrn Gesandten die Vermählung mit einer Katholikin als verderblich fürs Land darzustellen! Ihr wißt, Hochwürdiger Herr, wie [33] der arme Herzog Madrid nur erreichte, um an einem auf der Reise ausgebrochenen Fieber, worin er aus Eifer für seinen gnädigsten Prinzen sich nicht geschont, zu verscheiden. Als die entsetzliche Nachricht hier eintraf, die der erleuchtete Provinzial Manzori um zwölf Stunden früher an mich gelangen ließ, ohne daß es in meiner Macht stand, den Prinzen vorzubereiten, – denn dies hätte den geheimen Weg verrathen können, auf welchem ich davon in Kenntniß gesetzt worden, befanden sich eben der Herr Herzog von Buckingham bei Seiner Königlichen Hoheit. Den gnädigsten Herrn überwältigte der Schmerz auf das Heftigste, und ich sah ihn in die Arme des Mannes stürzen, den er so lange Jahre vermieden hatte. Ach, Herr, die Hand stützte ihn, die sich einst freventlich gegen ihn erhoben! Aber der arme erschütterte Herr verrieth in seinem Schmerze, warum der Herr Herzog nach Spanien gereist; denn in der Verblendung dieses Schmerzes nannte er sich den Mörder seines Freundes. Von diesem Augenblicke an vertrat Buckingham die Stelle des Vertrauten. Er erfuhr aber dennoch nicht den versteckten Anlaß zu dem Widerwillen des Prinzen und ahnte ihn auch nicht. Denn der Herr Herzog sind wohl böswillig und äußerst listig, aber auch oft von großem Leichtsinne besessen, und übersehen leicht die Ursachen, die Andere leiten, wenn Sie selbst nicht in Absichten gehindert sind, deren Erfolg Sie eben mit Eifer betreiben. Genug, er war es, der den Entschluß des Prinzen, nun selbst nach Spanien zu gehen, zuerst aussprach und den gnädigen Herrn dergestalt zu reizen wußte, daß er sich fast mit Gewalt von dem Könige die Erlaubniß nahm. Er versprach dem Prinzen, daß er diese Verbindung stören wolle, indem er unverholen seinen Haß gegen den Grafen von Bristol und dessen Ruhm und Ansehn aussprach; ferner, wenn sie nach Spanien kämen, solle der Prinz dabei die Freiheit haben, sich als der liebenswürdigste Herr zu betragen, wobei er tausend Mal Ehre [34] und Leben verpfändete, den Prinzen unangefochten durchzubringen. Und Ihr wißt, wie er vollständig sein Wort gelöst hat. –

Ja, unterbrach ihn Mazarin, von unwillkürlichem Verdruß ergriffen, weil die Väter Jesu ihn nicht hindern wollten, und den eiteln Thoren unbewußt nach ihrer Genehmigung und ihrem Willen handeln ließen. Sie waren es, die seine Reise beschützten, und die zahllosen Gefahren von seinem und des Prinzen Haupte abwendeten. Doch weiter, weiter, setzte er hinzu, von seinem Unmuthe, wie es schien, selbst überrascht.

Die Gräfin, fuhr Porter fort, sollte über die Reise Seiner Königlichen Hoheit getäuscht werden, wie man sie schon früher über die Reise des Herrn Herzogs von Nottingham getäuscht, was aber damals leichter möglich gewesen war, da sie eben auf einer Reise nach Schottland sich befand, um ihre Tochter abzuholen. Denn stets war diese edle Dame bereit, dem Prinzen die Freiheit wieder zu geben, und nie würde sie seine Schritte gegen den Willen des Königs genehmigt haben. Seine Königliche Hoheit sandten daher, da ihre baldige Rückkehr erwartet werden durfte, ihr die Bitte entgegen, seine längere Abwesenheit wegen Krankheit des Königs zu entschuldigen und nicht eher Briefe zu senden, als er sie abfordern werde. So war der Gefahr vorgebeugt, daß diese wichtigen Mittheilungen in fremde Hände kämen, zugleich aber auch der armen Dame bei herannahendem Ende jedes Mittel geraubt, ihre Lage kund zu geben und ihre Tochter in Sicherheit zu bringen. Der einzige Schritt, den sie that und thun konnte, den Herzog von Nottingham, unter dessen Namen alle ihre Briefe an den Prinzen gingen, zu unterrichten, brachte ihr die Nachricht seines Todes zurück. So kam es denn, daß die Nachricht von ihrem Ende durch die Beamten ihrer Güter dem allein anwesenden Grafen von Buckingham mitgetheilt ward, welcher sich sogleich beeilte, einen wohl bedeutenden Nachlaß der Schwester in Beschlag zu nehmen.

[35] Bei unserer Rückkehr erfuhr ich sofort, was ich Euch über den Tod der Frau Gräfin und die Flucht und das Verschwinden der jungen Lady mitgetheilt habe; denn der Herr Herzog hatten Ihren alten Kammerdiener zurückgelassen, und Davenack wußte nichts, was ich nicht auch erfuhr. Da der Prinz selbst nicht an die Reise zu der Frau Gräfin denken konnte, indem ihn theils Seine Majestät der König, theils der Herr Herzog nicht aus den Augen verloren, war er im Begriffe mich abzusenden, um die, die er noch am Leben und sich, vermöge seiner Kämpfe um sie, näher gestellt wähnte, zu begrüßen. Denn die arme Dame war so von der Welt vergessen, daß ihr Tod für den Hof nur eine Fortsetzung ihres Lebens war und Niemand davon wissen konnte, da Niemand mit ihr in Verbindung stand. Da kam der Graf von Buckingham, der indessen, wie gewöhnlich, von einem Orte zum andern geschwelgt hatte, zurück und verkündete zuerst dem Herrn Herzoge den Tod der Schwester. Da der Herr Herzog sie seit ihrer Entfernung von London nicht wieder gesehen hatte, war ihm ihr Tod nun auch höchst gleichgültig, und so war es mehr der Zufall, als eine zu lösende Verpflichtung, daß der Herzog Seiner Majestät es anzeigte und nun des Anstandes halber dem Prinzen eine gleiche Meldung machte. Da ich jeden Augenblick etwas der Art erwartete, blieb ich stets in der Nähe Seiner Königlichen Hoheit, und so war ich Zeuge dieser traurigen Scene. Der Prinz blieb starr und bleich wie Marmor vor ihm stehen, dann fuhr er mit der Hand nach dem Herzen und stürzte ohnmächtig zu Boden. Ich verschloß sogleich die Thüren, und wir brachten ihn beide nach langen vergeblichen Bemühungen in's Leben zurück; aber der Wahnsinn, in den der gnädige Herr gerieth, entdeckte Buckingham das ihm lang entzogene Geheimniß. Als der arme Herr anfing sich zu erholen, suchte sein gutes Herz Trost an dem Herzen des Bruders und fiel in die ausschweifendsten Pläne, jetzt noch der Verstorbenen jede Ehre zu [36] erweisen, die er ihrem Leben nicht mehr hatte gewähren können; namentlich aber wollte er die junge Lady für seine Tochter erklärt haben und dem Könige darüber sogleich seine Bitte vortragen. Der Herr Herzog widersprachen ihm nicht, denn Sie waren doch anscheinend sehr überrascht und wohl ganz ungewiß über die von der Sache zu fassende Ansicht. Doch beruhigten Sie Seine Königliche Hoheit durch die Zusicherung jeder Mitwirkung, die in ihren Kräften stände; auch unterstützte ein zweiter Anfall, den der Prinz bekam, und dem eine gänzliche Abspannung folgte, das Bemühen des Herzogs, vor allen Dingen Zeit zu gewinnen. Die Aerzte wurden nun gerufen, der König benachrichtigt, und obgleich der Herzog Alles that, um müßige Personen zu entfernen, erscholl doch bald das ganze alte Schloß von der traurigen Nachricht dieses gefährlichen Erkrankens. –

Und was, fragte Mazarin weiter, was hörtest Du von der jungen Lady, die so schnell verschwunden, und deren Sicherheit durch den Grafen Buckingham so arg bedroht schien. –

Davenack, sprach Porter, hat mir darüber, was er von dem Kammerdiener des Grafen herausholen konnte, erzählt.

Nachdem nämlich der Herr Graf die Anzeige von dem Tode seiner Schwester erhalten hatte, glaubte er in Abwesenheit des Herrn Herzogs, der am selben Tage London mit Seiner Königlichen Hoheit verlassen hatte, dahin abgehn zu müssen, nicht undeutlich die Hoffnung verrathend, irgend einen Nachlaß zu finden, der ihn für diese langweilige Reise entschädigen könne. Er hatte dieselbe auch so lange verzögert, daß er die Schwester im Sarge fand. Eines Abends, als er im Buckingham – Park noch bis zur Nacht schwelgend an der Tafel saß, meldete ihm sein Kammerdiener, es hätten sich vermummte Gestalten nach dem Paradezimmer, worin die Leiche der Frau Gräfin stand, geschlichen. Immer schien er die Ahnung irgend eines Geheimnisses zu haben. Daher gebietet er sogleich mehreren Dienern, [37] ihm zu folgen, und findet die junge Lady an dem Sarge ihrer Mutter; er entreißt ihr den Schleier, der sie umhüllt, und die Aehnlichkeit mit seiner Schwester, die sich nun ihm zeigt, verwirrt ihn so, daß er einen Geist zu sehen glaubt. Feuergeschrei giebt ihr Gelegenheit, mit Gersem zu entfliehn. Das Feuer leitete den Grafen nach einem vorher übersehenen Theile des Hauses; er fand eine halb verbrannte Frau; Mistreß Hanna war es. In den Flammen, welche die von ihr im Schlaf umgestoßene Kerze entzündet hatte, erwacht und von Außen eingeschlossen, hatte sie ein Fenster aufgerissen, wodurch das Feuer nur mehr um sich griff, bis die Thür verbrannt einstürzte und Hülfe von Außen kam. Kaum war die Gefahr vorüber, so vermißte der Graf die Flüchtlinge. Schloß, Garten und endlich die angrenzenden Gehöfte wurden durchsucht; ein Hirtenknabe verrieth die Fliehenden, die, um schneller zu entkommen, Pferde in einer Meierei genommen hatten.

Die Schönheit des Fräuleins, das Geheimnißvolle ihrer Auffindung und Flucht, Alles bringt den Herrn Grafen in Wuth, er selbst setzt sich mit mehreren Dienern zu Pferde und bald hat er sie erreicht. Gersem setzt sich zur Wehre; ein Hieb über den Kopf streckt ihn nieder und giebt das sterbende Fräulein in die Gewalt des Grafen. Da ihr Leben entflohn zu sein scheint, kehrt er zur Nacht in eine Hütte ein, um Wiederbelebungsversuche zu machen, während der schwer verwundete Gersem nach dem Schlosse voran gesendet wird. Aus jener Hütte nun ist das Fräulein aufs Neue durch ein Fenster entflohn, und ob nun der Herr Graf durch das bereits Geschehene etwas die Lust verloren hatte oder die Unglückliche wirklich bald in Sicherheit kam, genug der Herr Graf kehrte nach mehreren Versuchen, sie aufzufinden, unverrichteter Sache zum Schlosse zurück. Er fand hier viel zu thun, das Feuer brannte noch; Gersem und Mistreß Hanna waren sterbend. Er schickte nach einem Arzt,[38] dem er empfahl, das Schloß nur nach der Genesung Beider zu verlassen; allen Hausgenossen aber ward über das Geschehene, bei Verlust des Dienstes, das strengste Geheimniß anbefohlen. Sodann reisete er ab, ich denke, ein wenig verlegen, wie der Herr Herzog die Sache beurtheilen werden, da dieselben oft in Bezug auf die Handlungen Anderer kritischer sind, als nach ihren eignen zu erwarten stände.

Der Herr Graf hatte übrigens gewünscht, dem Herrn Herzog Nachricht über die junge Lady zu geben, über deren Zusammenhang mit der verstorbenen Dame er nicht ohne Verdacht geblieben war. Bei Gersems angehender Besserung versuchte ein Abgesandter des Herrn Grafen ihn auszuforschen; aber Gersem war ganz unerbittlich. Auf die Frage, wer sie sei, hat Gersem geantwortet, daß er es nicht wisse; auf die Frage, wo sie sei, hat der Schmerz, den er geäußert, nur zu sehr bestätigt, daß er sie selbst verloren habe, und das Einzige, was er nicht verborgen, war sein früherer Entschluß, die Lady nach London zu bringen.

Dessen ungeachtet ist es gelungen, den Aufenthaltsort der jungen Dame auszuforschen, denn der Herr Graf wünschten sie wieder in Verwahr zu nehmen, und ließen daher von Alois und seinen Leuten die Gegend ausspähen, da zu erwarten stand, daß diese junge und zarte Dame nicht sehr weit vorgedrungen sein könne, ohne Schutz und Hülfe in der Nachbarschaft zu finden, was ihre Entdeckung erleichtern mußte.

Dies bestätigte sich auch bald. In der Gegend von Cheffield stieß nämlich Alois in Bettlertracht auf eine glänzende Cavalcade von Herren und Damen, in deren Mitte die junge Lady Maria, die Alois sogleich wieder erkannte. Es waren Damen und Herren aus Godwie-Castle, und der junge Herzog von Nottingham an der Spitze des Zuges. Eingang in das Schloß zu gewinnen, war zwar leicht, da jedem Bedürftigen[39] Nahrung gereicht wird, aber die junge Dame von dort zu entführen, schien unmöglich, da sie im Schooß der Familie von allem, was die Etikette und die Sicherheit erfordert, umgeben lebt, und der Graf haben nunmehr das Weitere bis zur Ankunft des Herrn Herzogs aufgeschoben. –

Mazarin hatte mehrere Male, während der Alte, ohne einzuhalten, seine Berichte mit der aufs Neue bestätigten Devotion gegen die Befehle des Ordens ihm vortrug, auf einer kleinen Tafel neben sich einige Worte notirt, während sein scharfes Auge, dann wieder halb gesenkt, keinen Zug, keine Bewegung des verführten Greises verabsäumte. Auch gehörte die Mimik des Alten sehr wesentlich zu seinen Worten. Obwol zu dem blassen, dürftigen Ausdruck, der in seinen Zügen herrschend war, zurückgekehrt, und ohne den Blick beim Sprechen aufzuschlagen, hatte er eine Art, mit der seitwärts am Leibe niederhängenden Hand hinterwärts ganz wenig und blitzschnell in die Luft zu haschen; und diese Bewegung war, von einem Lächeln um den Mund begleitet, so bitter und verächtlich, daß es die innere Verdammung der Sache andeutete, wenn auch die Worte seines Mundes nie über die devote Sprache des demüthigen Dieners sich erhoben.

Mazarin sah so vor seinen Augen die Personen bezeichnen, gegen die der Privathaß des Alten den Eifer unterstützte, zu dem er im Bunde des Ordens verpflichtet war. Wenn er auch im Ganzen einen solchen Verrath innerer Meinungen tadeln mußte, als eine mangelhafte Ausbildung an einem Schüler der heiligen und strengen Väter, deren erste Regel die vollkommene Beherrschung des Aeußern war, so glaubte er sie doch weniger in diesem Falle rügen zu dürfen. Die Zeit hatte hier längst jeden Verdacht entkräftet, da der Greis mit dem vollständigsten Verrathe seines Prinzen zugleich eine Sorgfalt und aufopfernde Liebe für denselben verband, von der er zu viele Beweise gegeben, [40] um nicht von ihm als ein völlig geprüfter und bewährter Diener zum Theilnehmer an den wichtigsten Beziehungen seines Lebens gemacht zu wer den.

Auch hüteten sich die klugen Väter sehr wohl, den Alten auf Proben des Gehorsams zu setzen, die gegen die scheinbare Treue, welche sich Porter in der persönlichen Behütung des Prinzen vorbehalten hatte, stritten, fürchtend, der Gehorsam desselben könne sich dort zu ihrem Nachtheil zeigen, da seine oft erregten Gewissensskrupel schon jetzt der Gesellschaft des Prinzen zuzurechnen waren, dessen reiner, gerechter und tugendhafter Sinn auf die sophistischen Lehren und Grundsätze, welche Porter erzogen hatten, bedenklich einwirkte. Im Gegentheil wußte man ihm sein schweres Amt stets aus dem Gesichtspunkt einer aufopfernden Liebe für den Prinzen darzustellen; derselbe solle geschützt werden gegen Feinde des Thrones, er solle dadurch dem Einfluß der heiligen Väter erhalten werden, die bei ihrer großen Liebe zu dem hoffnungsvollen Prinzen ihn aus der schrecklichen Gefangenschaft der Ketzerei dereinst zu erlösen hofften.

Weiter reichten die wohl erwogenen Fähigkeiten Porters nicht; hierzu hatte er aber die den geringeren Ständen oft in hohem Grade eigene Beobachtungsgabe, und seine Meldungen haben bewiesen, daß er weder etwas Wesentliches übersah, noch über die Mittel, sich in Kenntniß zu setzen, verlegen war. Er war so im Mittelpunkt des Hofes eine unschätzbare Person geworden, die man dabei mit nichts weiter zu nähren hatte, als mit den fanatischen Mitteln der heiligen Kirche und der gleich großen Furcht, welche die vornehmen und mächtigen Ordensbrüder ihm einzuflößen wußten. Sein natürlicher Hang zur Intrigue, der, von Jugend auf in ihm entwickelt, jetzt der einzige Reiz seines öden, von allen wärmeren Beziehungen des Lebens völlig entblößten Daseins ausmachte, unterhielt diese Absichten.

[41] Vorerst, sprach Mazarin mit der Kälte des Obern, welcher den befohlenen Bericht angehört, wirst Du mir jetzt zu hinterbringen wissen, was Buckingham über das heut Erfahrene beschließt, ob er den Aufenthalt der Lady kennt, und was er ihr zugedacht? Zweitens, setzte er hinzu, indem ein etwas rötherer Glanz um seine Züge spielte und einer jener stechenden Blicke hervor brach, wodurch er zuweilen sein Herz erleichterte, zweitens will ich jeden Boten, jeden Brief, den Buckingham oder Membrocke in dieser Zeit absendet, vorher gesehn haben. Devenant wird dies als eine kleine vorläufige Begrüßung ansehn, setzte er hinzu, einen schweren grünseidnen Beutel Porter darreichend. Solltest Du, mein ehrlicher Freund, für den solche Dinge keinen Werth haben, solltest Du nicht Auslagen gemacht haben? Der Orden würde es verweigern, Deine Rechnungen zu sehen, da Du aber an der Kasse heiliger Zwecke Deinen Antheil hast, so nimm dies vorläufig; Du darfst solche elende Mittel nicht schonen. – Porter nahm mit völlig gleichgültiger Miene eine ähnliche Summe, indem er mit Stolz hinzusetzte: Bemerkt wohl, nicht in meinem Interesse empfange ich dieses elende Mittel, wie Ihr mit Recht sagt.

Ohne zu antworten, wandte ihm Mazarin den Rücken. Er hatte Erfahrungen genug gemacht über die Wirksamkeit dieser Mittel, und hatte nie ermangelt, die Empfänglichkeit dafür in seinen Werkzeugen zu unterhalten, wenn es auch bei Porter nur zu den Nebenwirkungen diente, die nicht ausbleiben durften. Dieser hatte die Befehle für seine nächsten Dienste mit aller Unterwürfigkeit empfangen und sich dann auf demselben geheimen Wege entfernt, der ihn sicher hierher geführt, während Mazarin sich den Händen Benvilles übergab, um nach einem höchst bewegten Tage sein Lager und den Schlaf zu suchen, wenn erdem willig erscheinen möchte, vor dessen Seele das Leben gerade nur so viel Werth und Bedeutung hat, als er durch eignen [42] Willen hinein legt. Diese Ansicht macht allerdings die Sorge für den kommenden Tag zu einer Aufgabe unserer Willkür, jenen Frieden, jene Ruhe fern haltend, welche willig nur den erreichen, dem die Ueberzeugung von der eignen Kraftbegrenzung zum freudigen Vertrauen wird auf eine höhere, überall ausreichende Kraft.


Es würde schwer sein, in das Chaos der Gedanken, welche in Buckingham wogten, einzudringen; er fühlte jedoch die Nothwendigkeit eines zu fassenden Entschlusses, weil das wiederkehrende Bewußtsein des Prinzen sogleich entscheidende Anforderungen hervorrufen konnte, denen irgend eine Richtung zu geben, er alsdann gerüstet sein mußte.

Die Ueberzeugung erbitterte ihn, daß ihm ein so wichtiges Geheimniß entzogen ward, daß seine heimlichen Spione eine so große Begebenheit in seinem nächsten Interesse übersehen konnten, daß der Prinz, den er so lange als einen unmündigen Knaben aus Gnade geduldet und geschont hatte, ebenso seine Schwester, die als unbrauchbar von ihm verachtet und vergessen war, daß Beide ihn so zu täuschen vermocht, ihm das entzogen hatten, was seinem Ehrgeiz aufs Höchste geschmeichelt und ihn zum Meister alles Glanzes erhoben haben würde. Dies Mittel, Bristol mitten in seinen Operationen tödtlich zu treffen und die Familie dessen auf die höchste Stufe zu heben, welchen dieser unerschütterliche Mann stets mit der verdienten Nichtachtung behandelt hatte; dies Ereigniß endlich, welches er selbst herbeizurufen bemüht gewesen war, ehe die Erhebung des Prinzen zum Thronerben ihn an der Möglichkeit hatte verzweifeln lassen, welches nun ohne seinen Willen, seinen Schutz dennoch geschehen; dies alles und die hieraus hervorgehende beschämende Ueberzeugung, [43] daß seine Macht nicht überall ausreiche, brachte in ihm einen Groll, eine Wuth hervor, die jeder andern Rücksicht vorherrschen wollte. Daß dies Gefühl gemäßigter in ihm geworden wäre, hätte seine Schwester noch gelebt, und wäre das noch zu erringen gewesen, was ihm so große Befriedigung verhieß, scheint uns allerdings wahrscheinlich. Ihr Tod aber machte den Prinzen wieder zu einem freien Eigenthum des Staates, und er sah voraus, daß diese versäumten Vortheile, wenn sie bekannt würden, ihn in den Augen seiner Feinde mehr lächerlich, als beneidenswerth machen würden. Er mußte sich mit Zähneknirschen gestehen, daß er dem Prinzen bei der Reise nach Spanien als Werkzeug von Plänen gedient, die ihm so nahe lagen, und worüber ihm dennoch das Vertrauen entzogen ward, während er wähnte, den Prinzen zu dieser Reise in dem Interesse seiner Pläne gegen Bristol benutzt zu haben. Für so viele Demüthigungen und so vielen möglich gewesenen Vortheil schien ihm eine königliche Nichte ein trauriger Ersatz. Sie war ihm in seinen bis jetzt verfolgten Plänen sogar lästig und hinderlich, und alle Kränkungen, welche sein stolzes Herz durch die Urheber ihres Daseins empfangen zu haben glaubte, vereinigten sich in Widerwillen gegen dies unschuldige Wesen, das zu opfern, ihm nur eine sehr geringe Befriedigung der Rache für so viele ihm zugefügte Unbilden schien.

Zwar mußte er sich sagen, daß die Erklärung ihres rechtmäßigen Daseins vor der Welt, in Spanien nur vollenden mußte, was er begonnen, aber diese Sache war für ihn abgemacht; denn Spanien hatte bereits Noten überreicht, die nicht nur jede Täuschung über etwaige freundschaftliche Verbindungen oder nähere Verhältnisse aufhoben, sondern sogar auf offene Feindschaft deuteten; ja, er wollte diesen Bruch, den er, über Bristol triumphirend, sich allein zuzuschreiben trachtete, nicht scheinbar der Bekanntwerdung einer allerdings unter allen [44] Umständen beleidigenden und trennenden Veranlassung beigemessen wissen.

Man sollte sagen: Buckingham habe diese Verbindung nicht gewollt, also hat er sie getrennt. Ebenso wenig paßte die Lautwerdung dieser geheimen Verbindung zu den neueren Absichten Buckinghams, die er angeknüpft, um das große Werk einer Vermählung des Prinzen nicht allein dem Grafen Bristol zu entreißen, sondern sich selbst anzueignen.

Er hatte die unbesonnene Reise des Prinzen nach Spanien durch Frankreich geleitet, und indem er den Hof Ludwigs des Dreizehnten durch die natürlichen Vorzüge des Prinzen gewinnen ließ, und der Prinz die aufblühende Schönheit der Prinzessin Henriette, der reizenden Tochter Heinrichs des Vierten, kennenlernte, wußte er Richelieu für eine Verbindung Beider zu stimmen, ihm den Prinzen schon jetzt liebend zu schildern und, was seinen Besuch in Spanien betraf, der wahren Absicht die Lüge unterzuschieben, daß es dabei auf Henriettens Besitz abgesehen gewesen sei.

Richelieu hatte für den Augenblick kein Bedenken, zu thun, als ob er Buckingham Alles glaube. Diese Verbindung war ihm gelegen. Was ihr entgegen stand, kannte Richelieu besser, als Buckingham. Er war jedoch weit entfernt, diese Schwierigkeit hervor zu heben, die er im Gegentheil sehr bemüht gewesen war Buckingham verbergen zu helfen, zumal da deren Kenntniß damals, wo die Schwester des Herzogs noch am Leben war, nur zu gewiß in den Plänen desselben eine Diversion gemacht hätte. Richelieu war daher entschlossen, erst dann den Herzog die Entdeckung machen zu lassen, wenn er weit genug die Sache betrieben haben würde, um dann aus Stolz sie fortsetzen und nothgedrungen selbst die Hindernisse entfernen zu müssen. Wenn jedoch der Herzog von Buckingham seinen Stolz darein setzte, als eine mächtige diplomatische Person dazustehn, war [45] sein Karakter doch zu sehr die Beute aller Leidenschaften, um eine solche Stellung mit Consequenz und Ueberlegenheit durchführen zu können, und der Leichtsinn und der Uebermuth seines ganzen Wesens verstrickte ihn oft zur selben Zeit, wo er das ernsteste Ziel verfolgen wollte, in tausend Nebendinge, die es dem Zufall anheim gaben, was aus der Hauptsache werden sollte.

Daß dessen ungeachtet ihm so viel gelungen, stand er nicht an, seinen Talenten beizumessen, wie sehr es auch nur seinen geschickteren Emissären oder der Furcht vor seiner zügellosen Rachsucht zuzuschreiben war.

Auf gleiche Weise wußte er dieser mit Frankreich angeknüpften Verbindung auch dies Mal eine Beimischung einer Thorheit zu geben, die allein hinreichend war, über seine Person die tödtlichsten Gefahren zu bringen, und ihn völlig untauglich machen mußte, die Rolle des Unterhändlers, wonach sein ganzer Ehrgeiz trachtete, weiter durchzuführen.

Anna von Oesterreich, die Gemahlin Ludwig des Dreizehnten, lebte an dem Hofe ihres Gemahls wie eine Verstoßene. Dreizehn Jahre lang war eine der schönsten und geistvollsten Frauen, die jemals einen Thron geziert, der Gegenstand eines unüberwindlichen Widerwillens ihres Gemahls gewesen. Jung und von stolzer Gemüthsart, ertrug sie ihr hartes Loos nur mit tiefstem Verdruß, und wußte ihren Wandel nicht vor dem Vorwurf zu bewahren, daß sie ihr Loos verdient habe. Wie konnte Buckingham einer Frau, deren sonderbare Verhältnisse kein Geheimniß waren, und deren bezaubernde Schönheit ihn augenblicklich zum Thoren machte, gegenüber stehen, ohne sich jeden Versuch zu erlauben, den die freche Zügellosigkeit eines verwöhnten Wüstlings ersinnen mag, das Herz und Gewissen eines leidenschaftlichen Weibes zu bethören.

Daß Richelieu auch dies kannte, war gewiß, da er jede Verbindung der unglücklichen Königin wußte, ja, leitete; aber [46] er hatte, durch die Launen des Herzogs begünstigt, hier einen Wächter gefunden, wie ihn Buckingham sich nicht träumen ließ, und der ihn deßhalb um so sicherer durchschaute und umstrickte.

Mazarin, dessen unschönes Aeußere jeden Verdacht der Art von ihm zu entfernen schien, hatte durch den langsamen Zauber der Gewöhnung, durch einen vielseitig gebildeten Geist, durch ein sanftes, von kleinen Launen und Eigenheiten pikant gemachtes Wesen, und vor Allem durch den dargelegten Ausdruck einer anbetenden unglücklichen Leidenschaft für die Königin, endlich das eitle und stolze Herz dieser leidenschaftlichen Frau erweicht. So stark gefesselt, und stets noch mehr sie unterjochend durch seine scharfen und launenhaften Sonderbarkeiten, die zu ertragen er sie gewöhnte, blieb er, wenn auch in Wahrheit mit italienischer Wärme sich hingezogen fühlend, doch stets Beherrscher dieser Empfindung, um sie den Umständen und äußern Verhältnissen unterzuordnen. So war ihm der mächtige Einfluß gesichert, der ihm aus dieser Empfindung für die Zukunft erwuchs. Aber er besaß, bei aller Ruhe, womit er unter den Augen und mit der Beistimmung Richelieus diese Verbindung zu seinen Absichten zu lenken wußte, doch einen Grad von Eitelkeit, der sich bei unschönen Männern um so heftiger zeigt, als sie gezwungen sind, dieselbe eben um der ihnen verweigerten äußern Vorzüge willen zu verbergen. Er fühlte sich innerlich unsäglich geschmeichelt, dieser schönen geistreichen und hochfahrenden Königin eine Leidenschaft eingeflößt zu haben, durch die ihr ganzer Karakter aus den Fugen trat und zum willenlosen Spiel seines Willens ward. Die Gefahr eines Verlustes der so errungenen Gewalt für unmöglich zu halten, war vielleicht die größte Täuschung dieses klaren Geistes, und es konnte nur der feinen Phantasmagorie seiner erwähnten Eitelkeit gelingen, ihn darüber sicher zu stellen.

[47] Wie mußte er daher Buckingham ansehen, der, ohne in ihm seinen Gegner zu ahnen, ihn fast überrennend, mit der rücksichtslosesten Zuversichtlichkeit und dem ganzen Ungestüm des schönen Mannes dem Ziele zustürmte, welches er für einen Andern fast nicht erreichbar wähnte. Noch war Buckinghams Besuch zu kurz gewesen, noch trieb die zärtliche Frau, Mazarins Eifersucht in ihrer tödtlichen Stärke ahnend, nur Spott mit seiner tollen Leidenschaft; aber schon gefiel sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung des wegen seiner Schönheit und Galanterie berühmten Mannes. Mazarin sah sie mit ihm die kleinen Künste treiben, die ihn freilich nur verführen sollten, um ihn zu verspotten, aber geweckt aus seiner wohlgefälligen Sicherheit, ließ er sich nicht mehr täuschen, und fand sich zum ersten Male durch das mächtigste Gefühl in seinen politischen Ansichten und Beschlüssen gestört. Richelieu durchschaute ihn sogleich und ertheilte ihm in der Stille nur noch eine bedingte Wirksamkeit in den Angelegenheiten, welche die Höfe von Frankreich und England nach Buckinghams Absichten näher verbinden sollten.

Doch war es Buckingham bei seiner Rückkehr vorbehalten, den Gegner zu erkennen und zugleich die ans Fabelhafte grenzende Leidenschaft der Königin für diesen fast häßlichen, ernsten und abgemessenen Sonderling. Seine Wuth darüber kam nur dem Verlangen gleich, diesen ihm so unwürdig scheinenden Günstling zu stürzen, und die Eitelkeit der Königin unterstützte nur zu sehr die Unternehmungen des wilden Mannes.

Der Herzog verließ Frankreich mit dem Versprechen, als öffentlicher Gesandter und Bewerber um die königliche Prinzessin wieder zu kehren, und ein Verhältniß alsdann fortzuführen, welches der Leichtsinn der Königin schon jetzt begünstigte. So übermüthig er aber seine Absichten betrieb, fühlte er dennoch, daß seine Lage nicht ohne Schwierigkeiten sein würde. Richelieu war stets sein heimlicher Feind gewesen, stellte sich ihm jetzt [48] aber als von gleichem Interesse und den schmeichelhaftesten Gesinnungen belebt gegenüber. Wie wenig er indeß demselben trauen durfte, zeigten die von der Königin empfangenen Warnungen, die ihn zwangen, vorerst schneller abzureisen, um unter einem offiziellen und seine Sicherheit sanctionirenden Karakter wiederzukehren. Auch war dieser ganze Vermählungsplan vorerst Eigenthum seines Kopfes, womit er jedoch leicht fertig zu werden meinte, da er damit am sichersten König Jakobs Schmerz über die Zerstörung seiner Pläne in Spanien zu beruhigen dachte. Auch durfte er bei der Schönheit der Prinzessin Henriette die Einwilligung des Prinzen um so eher zu erhalten hoffen, als dieser von der freisinnigen Bildung dieser Fürstin keinen nachtheiligen Einfluß derselben als Katholikin zu fürchten hatte.

Schon hatte Jakob, unfähig, dem halb zürnenden, halb schmeichelnden Buckingham zu widerstehen, zu Allem seine Einwilligung gegeben, während die Bewunderung des Prinzen für die bezaubernde Henriette von Frankreich ihm zur Zeit die seinige gleichfalls zu sichern schien; genug, der ersehnte Augenblick war nah, der ihn in dem vollen Glanze eines Bewerbers für seinen Prinzen an den Hof zurückrief, wo er hoffen durfte, unter dieser äußern Bestimmung die geheimen Wünsche und Absichten seines sittenlosen Herzens zu verfolgen. Wie mußte er daher die Hindernisse aufnehmen, die sich ihm durch die Mittheilungen des Prinzen einzuleiten schienen, und wie die Ankunft des verhaßten Mazarin, der sich nie ohne wichtige Absichten einzuführen pflegte und den er in so vielen Beziehungen zu fürchten hatte. Aber Hindernisse sind für intriguante Menschen nur ein erhöhtes Lebensprinzip, durch sie wird dem Verlangen, ihre Absichten zu erreichen, noch die besondere Freude, ihre Gegner zu demüthigen, beigesellt.

[49] Wir verlassen einstweilen diesen Schauplatz der Leidenschaften, uns mit den Andeutungen begnügend, deren weitere Entwickelung dem Verfolg unserer Mittheilungen vorbehalten bleibt.


In Burton-Hall hatte sich außer dem Familienkreise des Grafen von Dorset eine zahlreiche Gesellschaft von jüngern und ältern Personen aus der Nachbarschaft gesammelt, welche das gastfreie Schloß der allgemein verehrten alten Herzogin in seiner weiten Ausdehnung anfüllte, und das heitere Leben eines fortlaufenden Festes darin verbreitete.

Die schönen Tage des Herbstes und die großen wildreichen Forsten, die Burton-Hall umzogen, waren eine reiche Quelle von Vergnügungen für die Herren der Gesellschaft, und selbst die Damen verschmähten in der damaligen Zeit keinesweges, diesen Freuden mit einiger Begrenzung ihrer persönlichen Thätigkeit beizuwohnen. Ein Jagdzug gewann allerdings dadurch an mannigfachem Interesse, da in Gegenwart schöner Augen es oft noch ein lockenderes Ziel galt, als mit dem ersten sichern Schusse den zierlich dahin fliegenden Hirsch oder den wüthend hervorbrechenden Keiler zu erlegen, und wenn auch dies Gelingen nicht fehlen durfte, suchte man doch mit gehöriger Kraft und Anmuth Pferd und Waffe dabei zu regieren, ein andres Ziel noch außer diesem im Sinne tragend. Denn wo die Schönheit der Frauen in der Brust des Mannes ein erhöhtes Leben verbreitet, da freut er sich, ein stolzes, wildes Pferd zu besteigen, das von seiner Kraft und seinem Muthe sich bändigen lassen muß, und sein Herz jauchzt der kleinen Gefahr, wenn er im schlauen Aufblick das holde Antlitz der ängstlich Lauschenden sich entfärben sieht, oder den zarten Lippen der Laut des Schreckens entschwebt.

[50] Doch war so leichter Ruhm in jener Zeit, in welcher wir mit unserer Gesellschaft uns befinden, nicht wohl zu gewinnen, denn muthig, gewandt und mit mancher Gefahr des fröhlichen Waidwerks vertraut, waren auch die englischen Damen damals gewohnt, zu Rosse sich lustig zu tummeln, und es galt die volle Anstrengung der zärtlichen Kavaliere, durch ihre Thaten Beifall oder Antheil zu erregen.

Diese Freuden, welche Burton-Hall so schön begünstigte, wurden durch den reich begabten See, der gegen Süden, zunächst dem kleinen Flecken Burton, den Park begrenzte, anmuthig vervielfacht, und nach dem Umherschwärmen im Freien luden die Hallen und Gemächer des Fürstlichen Hauses zu anmuthigen Spielen und Tänzen für die Jugend, während die älteren Männer und Frauen in den angrenzenden Gemächern um die alte Herzogin in traulich ernstem Gespräch versammelt blieben.

Noch immer beobachtete die jüngere Herzogin von Nottingham in diesem Kreise die ernste, verschlossene Haltung der trauernden Witwe. Sie suchte zwar vermöge der feinen Weise ihrer Erziehung die Heiterkeit um sie her nicht zu stören, und wußte stets mit vollkommener Hochachtung gegen den Willen der heiteren, verklärten Aeltermutter ihr eigenes Gefühl einer anständigen Willfährigkeit unterzuordnen. Aber sie konnte nicht wohl irgendwo erscheinen, ohne den Einfluß ihres Karakters selbst gegen ihren Willen um sich zu verbreiten, und Jeder glaubte eine Anforderung zur Beherrschung seiner eigentlichen Stimmung in ihren kalten, strengen Augen zu lesen.

Wenn die Jugend sich hiervon ausgenommen zeigte, so war es die Unbefangenheit und die geringere Wahrnehmung fremder Individualitäten, die diesem glücklichen Alter noch eigen ist, auch wol die natürliche Entfernung, in der Alter und Rang die Herzogin hielt, und welche zu verringern, sie weder die [51] Neigung, noch das Geschick ihrer liebenswürdigen Schwiegermutter besaß. Zwar vermißte sie die Abwesenheit ihrer beiden Söhne in diesem Zirkel, der sonst alle die einander befreundeten jungen Leute umschloß, mit mehr Schmerz, als sie sich eingestehen wollte. Die Erweichung indeß, welche der große Gram um den Tod ihres Gemahls, und die folgenden uns bereits bekannten Umstände in ihr hervorzurufen vermochten, war diesem Gemüthe ein zu fremder Zustand, als daß mit der anscheinenden Entfernung dieser letzten, ihr bereits so nah gerückten Sorgen nicht die stolze Sicherheit wiedergekehrt wäre. In der langen Verwöhnung des Glücks war sie ihr zu sehr eigen geworden, ja, es mochte Augenblicke geben, in denen sie das rücksichtslose Vertrauen gegen ihre Schwiegermutter bereute und voll Erstaunen des Zustandes gedachte, der sie an ihrer eigenen Kraft hatte verzagen lassen. Sie suchte sich mit ihrem Stolze, mit dem unläugbar untergrabenen Zustand ihrer Gesundheit zu entschuldigen, und in einem völlig entschlossenen und kühlen Benehmen sich selbst der ferneren Theilnahme ihrer Schwiegermutter zu entziehn. Wie schonend und wahrhaft gütig diese edle Frau auch dies Vertrauen aufgenommen hatte, so nahm doch keine Gewalt der Herzogin das verletzende Gefühl, vor ihr als eine ungeliebt gewesene Gattin dazustehn, die nur den zweiten Platz in dem Herzen des langbesessenen Gatten zu erringen gewußt. Auch lastete die Gegenwart des Wesens, dem sie eine so wichtige Beziehung geben zu müssen glaubte, auf ihr, und hinderte nicht allein für den Augenblick das Vergessen dieser schmerzlichen Stunden, sondern hielt stets eine nagende Furcht vor der Zukunft in ihrem Busen fest.

Gewiß war die strenge Rechtlichkeit, welche diesen Karakter auszeichnete, nöthig, das bittere Gefühl, welches sich gegen die junge Lady in ihr regte, so weit zu beherrschen, daß sie das hülflose Wesen nicht zu entfernen suchte und ihr eine [52] Existenz geben ließ, den Ansprüchen gemäßer, die alle äußern Umstände ihr anzuweisen schienen.

Der Bischof von Edinburg hatte schon längst die Abwesenheit des Master Brixton angezeigt, welcher sich mit besonderen Aufträgen der schottischen Kirche seit längerer Zeit in London befand, dieser Antwort jedoch die bestimmte Erklärung hinzugefügt, daß der Graf und die Gräfin von Melville kinderlos verstorben, und ihre weitläuftigen Besitzungen in Schottland an eine entfernte Linie gefallen seien, die Verfügung über ihre kleinere Besitzung an der Grenze von Schottland befinde sich indeß zu einer noch unbekannten Bestimmung unter Administration des Staates; welches alles, nächst den veranlaßten kirchlichen Nachweisungen, überall das Dasein eines natürlichen Erben zu verneinen schien. So waren Maria's Ansprüche, diesen Erklärungen zufolge, vorläufig in ein trostloses Nichts zerfallen, und der Herzogin ein vollständiges Recht gegeben, eine junge Person, über deren ganzer Existenz so viel Dunkel ruhte, mindestens aus dem Kreise ihrer Familie zu entfernen. Das Gegentheil mußte als eine fast zu weit getriebene Großmuth erscheinen; auch fürchtete die Herzogin, diese Handlungsweise möchte sich tadeln lassen und der streng behaupteten aristokratischen Würde ihres Hauses nicht angemessen erscheinen. Aber wenn sie auch, so von äußeren Umständen unterstützt, unter dem Gedanken aufathmete, sie könne wohl diese so schmerzlich störende Person in eine anständige Zurückgezogenheit von sich und ihrer Familie verbannen, dann traten wieder die geheimen, aber von ihr selbst zugestandenen Rechte dieser Unglücklichen vor ihre Seele, und das Bild dessen, dem sie im Leben aus unbegrenzter Liebe so viel vergeben, schwebte ihrem Geiste vor und unterstützte den rechtlichen Muth, der in ihr so oft die Regungen der Leidenschaft besiegte.

Nach solchen Siegen konnte sie sogar ihren Anblick ohne Bitterkeit und mit jenen ernsten Regungen von Gefühl ertragen, [53] die jene ihr abzugewinnen gewußt hatte; ja, es lag, ihr vielleicht unbewußt, in dieser milderen Fassung noch jetzt ein mit dem Todten fortgesetzter Kampf um das Verdienst seiner alleinigen Liebe. Sie hatte vorläufig ihrem Schützlinge ohne weitere Beschränkung den Platz gelassen, auf den ein von der Natur verliehenes Recht sie anzuweisen schien; und wie auch die stärksten Geister in ihrer eigenmächtigen Schicksalsführung an Grenzen gerathen, die sie eine außer sich wirkende Macht anerkennen lassen, so fühlte die Herzogin auch hier sich an einer Grenze, jenseits welcher ihr Geist keine Haltungskraft mehr fand. Sich so häufig von diesem Gegenstande ermüdet fühlend, kam sie endlich zu der bis dahin ziemlich fremden Hoffnung, dem Zufall seinen Antheil an dieser Begebenheit zu gönnen, während sie sonst stets sich geschickt geglaubt hatte, seine Darbietungen zu leiten und zu benutzen.

Es war ihrem geliebten Richmond gelungen, den jungen Herzog von der Unzulässigkeit seiner Verbindung mit dem unbekannten Wesen zu überzeugen, welche wohl seine menschliche Güte in Anspruch nehmen, ihn aber nie von einer so weit gediehenen und mit seiner Ehre verflochtenen Verbindlichkeit abziehen dürfte, wie seine bereits anerkannte Verbindung mit Anna Dorset war. Glücklich hatte auch die wohl überlegte, schnelle und heimliche Abreise der alten Lady mitgewirkt, welche den Gegenstand dieser unglücklichen Leidenschaft mit sich führte, ohne daß dem Herzoge Zeit zum Abschiede geblieben wäre; denn Richmond selbst hatte, ihren Anblick vermeidend, sich zum beständigen Begleiter seines trostlosen Bruders gemacht und ihn so am besten von jeder neuen Erschütterung abzuhalten gewußt.

Was auch der Himmel an mannigfachen Leiden in den Tagen der Jugend an unserem Leben versuchen mag, die eigentliche Weihe zum Schmerz empfängt das arme Herz erst in dem Kummer hoffnungsloser Liebe! Der bunte Teppich des Lebens [54] entfärbt sich, die Schwermuth ruht wie ein großer, mächtiger Vogel mit ausgebreiteten Flügeln auf unserer Stirn. Unter seinem Drucke scheint unser Geist zu schwinden, und die Klarheit des Himmels verhüllt sich in seinem weichen Flügelschlag. Je wunderbarer die Erhöhung des ganzen Daseins durch eine wahrhafte Liebe wird, und die Kraft und den Muth der Jugend zu den idealsten Bestrebungen reift, desto tiefer greift alsdann das Absterben dieses Antriebes in das innerste Leben ein. Wir begreifen nicht, wie wir weiter leben können, und was überhaupt noch in der Welt für uns zu thun sein könnte, und es ist ein dürrer, öder Pfad, der von da an uns zu wandeln angewiesen wird, und der nur langsam endlich in die breiten, heiteren Wege des Lebens wieder einlenkt.

In dieser Stimmung folgte der junge Herzog seinem Bruder und dem Grafen Archimbald nach London, wohin diese sich eilig zu begeben hatten, da die Lage des Grafen von Bristol in Spanien die Thätigkeit seiner Verwandten in England allerdings nöthig zu machen schien.

Es war kein Geheimniß mehr, daß Buckinghams Wille die wohl eingeleitete Verbindung des Prinzen von Wales mit der Infantin getrennt hatte. Keinen Zweifel hatten die Freunde des Grafen Bristol, daß dies hauptsächlich zu seiner Kränkung geschah, und eben so wenig zweifelten sie an den weiteren Schritten des durch Bristols Tugenden beleidigten Buckingham.

Noch war Spanien nicht gesonnen, um der Privat-Sache dieser englischen Lords willen die Beleidigung weniger zu empfinden, die, nach dem auffallenden Schritt des Prinzen von Wales, eine allzu große Kränkung für die Infantin war, um nicht eine ernste und drohende Stellung dort zu rechtfertigen. Schon waren gegenseitige Demonstrationen erfolgt, die Bristols Weisheit nicht mehr hoffen durfte gegen den persönlich beleidigten Herzog von Olivarez zu friedlicher Ausgleichung zu bringen. [55] Doch mit Schmerz mußte er gewahren, daß ihm dies unverschuldete Unvermögen durch Buckinghams Einfluß zum Verbrechen gemacht wurde, und er den Ausbruch eines Krieges, dessen Wahrscheinlichkeit vor Augen lag, mit seiner Zurückberufung und Anklage würde bezahlen müssen, von deren Ausgang er unter den obwaltenden Umständen wenig zu hoffen hatte.

Die bedrohte Lage des hochverehrten Vaters blieb der Herzogin von Nottingham bis dahin noch ein Geheimniß, und die politischen Beziehungen, die durch die Auflösung der Verbindung beider Höfe ganz England beschäftigten, motivirten auch die Gegenwart ihrer Verwandten in London hinreichend, und waren ihr in einem Augenblick willkommen, wo es ihr um die Entfernung und Zerstreuung des jungen Herzogs zu thun war, die nicht füglicher, als im Interesse für den geliebten Prinzen von Wales, zu erreichen standen. Sie war daher überrascht, in einem spätern Briefe die baldige Ankunft Richmonds angezeigt zu finden, da sie ihn fast lieber in der Nähe seines Bruders gewußt hätte, obwol ihr der Gemüthszustand des letzten als gemäßigt und ergeben geschildert ward.

Der Schlag war indessen geschehen. Bristol war zurück gerufen, und Richmond war nur von seinen Anverwandten bestimmt, im Fall die Nachricht sich verbreitete, die unglückliche Tochter auf das vorzubereiten, was alsdann nicht ganz mehr zu verhehlen war.


Es war um eine spätere Stunde des Nachmittags, als Lord Richmond mit seinem Gefolge sich dem Schlosse der geliebten Großmutter nahte.

Das blühende Küstenland, das er den letzten Tag durchzogen, die Schönheit der Gegend, in der er sich eben befand, [56] und woran sich so theure Erinnerungen seiner Jugend knüpften, endlich der Anblick des Schlosses selbst, das von den höchsten Zinnen seines altväterlichen Baues bis in die kleinsten Winkel seiner innern Räume die heiteren Bilder einer glücklichen Kindheit ihm darbot, Alles wirkte vereint, sein Herz zu erheitern und es mit der ungeduldigen Sehnsucht zu erfüllen, womit wir einem gewissen Glück entgegen eilen. In fröhlicher Hast versuchte er die Schnelligkeit seines Rosses, welches, gleich seinem Herrn die behagliche Stelle ahnend, ihn im flüchtigen Lauf vor die Thore des Schlosses trug.

Ein eisgrauer Pförtner ruhte an dem geöffneten Eingange und ließ sich von den röthlichen Strahlen der herbstlichen Sonne bescheinen. Ein Bild des tiefen Friedens, der hier zu walten schien, statt der Thore und Fallgatter und geschickten Bogenschützen, die früher in dem Haushalte eines mächtigen Herrn nicht fehlen durften, um den Eingang zu behüten. Doch alsbald weckte den friedlich Träumenden der Hufschlag der Rosse, und lustig schwenkte er sein Mützchen, als er in dem Nahenden den Enkel seiner geliebten Herrin erkannte, der stets jedem Diener ein willkommener Gast war, von welchem jeder seinen Antheil freundlicher Worte und Blicke gewiß hatte. Geschäftig eilte er alsdann ihm in den innern Hof voran, seine Ankunft laut verkündend.

Hier war das bunte, heitere Leben der Geselligkeit auch unter den Dienern der Gäste, welche das Schloß erfüllten, verbreitet, und die noch theilweis gedeckten Tische, die vollen Kannen und Becher und die heitere Stimmung Aller bekundete hinreichend die freigebige Haushaltung der alten Dame. Die neuen Gäste erhöhten nur die allgemeine Freude, und Richmond drängte sich, langsam und freundlich die herzlichen Begrüßungen erwiedernd, bis zu der großen Halle hin, in der er voll Ehrfurcht von dem ehrenwerthen Master Lovelace bewillkommt [57] ward, der, in das Innere des Schlosses ihn führend, für die Meldung seiner Ankunft sich kurzen Verzug erbat, weil die beiden Herzoginnen sich für einige Stunden zurückgezogen hatten, einer kleinen Ermüdung nachgebend.

Richmond ließ sich von dem verlegenen Diener, der fast in Versuchung gerathen wäre, das Gebot bei einer solchen Veranlassung zu umgehen, seine Zimmer anweisen, und ermahnte ihn, die bestimmte Zeit der Ruhe für beide Damen nicht zu unterbrechen.

Bald hatte er dann seine Reisekleider abgeworfen, und eilte nun, mit steigendem Vergnügen, in einem Gange durch die wohlbekannten Räume des alten Wohnsitzes, ganz in der Stille das Fest der Erinnerung zu feiern. Die Stunde des Tages war ihm günstig, die Gesellschaft zu Pferde und Wagen hinausgeeilt, um das schöne Wetter zu genießen, und Lord Richmond konnte sicher sein, den Theil des Schlosses, wohin sein Herz mit kindlicher Lust sich sehnte, zu erreichen, ohne vor dem Besuch bei den Herzoginnen mit den andern Bewohnern zusammen zu treffen.

Die Zimmer, die er zu besuchen wünschte, stießen zunächst an die Wohnung der alten Herzogin, und man gelangte zu ihnen durch eine Gallerie, die eine zahllose Reihe alter Ahnenbilder aus dem Hause Nottingham und den nach und nach damit verbundenen Häusern, welche die Frauen zu diesem berühmten Geschlecht geliefert hatten, enthielt. In dem Alter ihres Daseins stellten sie außer dem Stammbaum ihres stolzen Hauses auch noch die stufenweise Entwickelung der Kunst dar, wo hier von den naivesten Versuchen einer dürren Angabe von Kopf und Händen bis zu den entzückenden Schöpfungen eines Holbein und van Dyk die Uebergänge zu finden waren. Zu diesen Studien hatte Richmond offenbar keine Andacht mitgebracht, denn er schlich eilig an ihnen hin, als fürchte er ihre Ansprüche [58] an seine Theilnahme, und schnell sehen wir ihn in einer Hauptthür verschwinden, die nach der Frontseite des Schlosses führte.

Er stand jetzt einsam und seinen Gefühlen überlassen in dem großen Gemach mit purpurrothen Sammettapeten, das in seiner stillen Pracht und hergebrachten Ordnung sich behauptete, trotz der Jahre, die über ihm hingegangen. Die Fenster waren große Thüren, durch deren helle Scheiben ein klares Licht ein fiel, und die zugleich einen Ausblick gewährten auf einen breiten, an mehreren Zimmern hinlaufenden Altan. Ein steinernes Geländer umzog diesen luftigen Raum und zeigte in regelmäßiger Entfernung schlanke Strebepfeiler, welche einen leichten Ueberbau, mit reicher Stuckatur versehen, trugen, der den Altan deckte, und ihn zu einem offenen und doch gegen die Unbilden des Klimas in etwas gesicherten Saal machte, dessen angenehm geschützte Lage ihn zum Lieblingsaufenthalte für die Morgen- und Abendstunden der alten Herzogin bestimmt hatte.

Die tiefe Stille, die hier herrschte und nur durch den Gesang der Vögel unterbrochen ward, welche in den dichten Laubgebüschen unter dem Altan nisteten, machte ihn zu einem Asyl der Heimlichkeit und Ruhe. Doch beherrschte der Blick, weit über diese Waldeinsamkeit hinaus, das Land in großartigen Massen, mit dem glänzenden Bande des breiten Stromes und den schönen Berglinien des ferneren Hochlandes, ein weites und geräuschvolles Bild des Lebens entfaltend, dessen Einwirkung an der grünen Oase dieses friedlichen Ruhepunktes zu enden schien.

Hierhin sehnte sich Richmond, hier wollte er wieder der süßen Zwiesprache lauschen, die er als Knabe mit seiner Sehnsucht und seinen Träumen gehalten. Diese Räume schienen für ihn geweiht durch das Andenken an entscheidende innere Entwickelungsmomente. Hier hatte er Stundenlang in ungestörter Einsamkeit geweilt, um unermüdet in die Ferne zu blicken und ihrem unb estimmten Nebelgrunde die warmen, farbenreichen [59] Bilder seiner Phantasie einzuprägen. Hier war der Augenblick ihm eingetreten, der uns zum Selbstbewußtsein weckt und uns dem Leben alsabgesondert gegenüber stellt. Wer kennt die Stelle, wo dies Wunder ihm offenbart ward, und betrachtet sie nicht als Heiligthum, geweiht für alle Zeiten?

Zum Manne gereift, durch früh erlangte innere Mündigkeit den Jahren weit vorangeeilt, sah er sich nach langer Trennung auf der heiligen Stelle, als ob seit diesen Jahren kaum eine Nacht verflossen; so hatte hier die Zeit am wohlgegründeten Besitz ihr Recht verloren. Vor allem aber blickte er fast zärtlich auf den hohen, breiten Lehnstuhl der theuern Großmutter, der mit seiner hohen Lehne weit über den Sitzenden ragte und ihn vor jedem Luftzug schützte.

Auf dem Boden und auf dem Rande des steinernen Geländers lag zerstreutes Vogelfutter, die kleinen Gäste aus dem Park zu locken, die, ihre Wohlthäterin schon kennend, in ganzen Schaaren zu ihren Füßen den Bedarf sich sammelten. Daneben stand das kleine alterthümliche Tischchen mit dem Ebenholzkästchen, worein sie Seide zupfte. Alles deutete auf kürzlichen Gebrauch, und daß dies Plätzchen noch immer in seinem vollen Rechte bei der Besitzerin stand.

Eine bunte Gedankenreihe war es, die auf dieser Stelle an dem jungen Manne in sehr abwechselnden Erscheinungen vorüber zog. Der weiche Ausdruck kindlicher Hingebung in seinem schönen Antlitz ging langsam in jene feste, ernste Miene über, womit wir im glücklichsten Falle dem Leben die Kenntniß seiner Ergebnisse bezahlen, und als er den langen Blick aus der Ferne zurückzog, brachen sich die festen Lippen in einem Hauche, einem Seufzer ähnlich, und sein Auge blickte feucht.

Von Stimmen aufgeschreckt, die aus dem eben verlassenen Zimmer zu ihm drangen, eilte er schnell in das daneben liegende Kabinet, das nächste Ziel seiner Wanderung. Hier hingen [60] Bildnisse, welche die alte Lady zu ihren kostbarsten Besitzthümern zählte. Sie waren theils Geschenke, die ihr Gemahl der hohen Gunst seiner Souveraine verdankte, theils von ihm selbst um hohe Preise von den ersten Künstlern erworben, und Abbildungen der bedeutendsten Personen aus der königlichen Familie von England.

Diese schönen Bilder hatten auf den jungen Richmond stets einen Zauber ausgeübt, der zusammentraf mit seinem lebhaften Interesse für die Geschichte seines Vaterlandes, und am liebsten vor ihren ausdrucksvollen Zügen rief er sich zurück, was von ihrem Leben schon abgeschlossen in dem Spiegel der Geschichte aufgefaßt erschien.

Das ganze Zimmer war von feiner, sorgfältiger Einrichtung, daß es mit seinen hell polirten Wänden und Fußboden und den reichvergoldeten Stuckaturen einem Schmuckkästchen glich, wozu noch der feine Duft des reichlich darin verwandten Cedernholzes kam, und einige bequeme Sessel von purpurfarbnem Sammet, die in stets unverrückter Ordnung seit einem halben Säkulum voll Ehrfurcht die gewählten Gäste zu erwarten schienen, die sich einer so hohen Versammlung zu nähern wagen würden. Auch war Richmond fast der einzige unter seinen Geschwistern, dem als Kind erlaubt gewesen war, allein hier einzutreten, und er fühlte sich selbst heute noch mit scheuer Freude erfüllt, als er die schön gefugte Thür aufdrückte, durch deren große Scheiben das Licht in vollem Glanze diese Bilder zeigte.

Er lauschte dem eigenthümlichen Laute, womit die glatten Angeln der Thür sich stets zu drehen pflegten, und der ihn auch jetzt sogleich begrüßte, ihn einzutreten einlud und wie durch einen Zauber ihn in die Gemeinschaft mit den lebensvollen Gestalten des vergangenen Jahrhunderts einführte.

Er blieb am Eingange stehen, den Raum gleichsam befragend, ob er derselbe sei, und mußte bald sich eingestehen, [61] verändert sei nur er, um ihn dagegen sei Alles in unerschütterlicher Ordnung geblieben. Er sah sie noch alle vor sich, die großen Gefährten seiner damaligen Einsamkeit; sie blickten aus ihren breiten goldenen Rahmen noch mit denselben Blicken nieder und schienen noch jetzt zufrieden, in so vollkommener Abbildung der Nachwelt überliefert zu sein. Doch anders war der Antheil gestellt, womit der Mann die Ansprüche, die ihnen in Wahrheit zustanden, abwog, zuerkannte oder verweigerte; und wenn er von manchen ihrer Sünden sich mit Verachtung wegwandte, hatte er dagegen nicht minder für ihre Herrschertugenden und das durch sie bewirkte Gute ein vaterländisch anerkennend Herz.

Er wandte sich, wie absichtlich, von dem ihm zunächst befindlichen Bilde und eilte dem entgegen, das, als die Krone aller, der Thür gegenüber die Hauptwand einnahm.

Es war das Bild der Königin Elisabeth, ihr Pathengeschenk bei der Geburt des letztverstorbenen Herzogs, von einer unbekannten Meisterhand im vollsten Zauber von Farbe und Licht dargestellt.

Die stolze Frau liebte auf ihrer unbestrittenen Höhe, zur frühern Ungunst des Geschickes sich zurück versetzt zu sehen, und Woodstock, wo sie in philosophischer Zurückgezogenheit und Verbannung den Wissenschaften lebte, blieb wohl zu allen ihren Bildern der selbstgewählte Hintergrund. Auch hier gewahrte man das kleine feste Schloß, von dessen Terrassen sich ein breiter Weg bis zu dem schönen Eichbaume hinzog, unter dessen Schatten sie einst die Gesandten Englands empfing, die sie auf den Thron ihrer Väter riefen.

Sie selbst saß auf diesem Bilde vor einem violetten Vorhange, der an der rechten Seite aufgezogen, die erwähnte Gegend zeigte. Ihre Physiognomie trug den lebhaften und geistreichen Ausdruck, der ihren großen und männlichen Gesichtsformen [62] ein wahrhaft königliches Ansehen gab, und, in Betracht ihrer hohen Bestimmung, jeden Anspruch auf weibliche Schönheit leicht aufgeben ließ.

Ihr reiches Kleid von Silberstoff war mit einem Latz von Perlen und Juwelen um ihren vollen Körper in der freien Mode damaliger Zeit so geordnet, daß ihre schönen Schultern unverhüllt und von dem hohen Spitzkragen zart umsäumt erschienen.

Sie hatte den Kopf hoch gehoben und etwas zur rechten Seite gewendet; ihr glänzendes röthliches Haar war frei empor gekämmt und zeigte die große, runde Stirn mit den hochgewölbten Augenbrauen. Auf der Mitte des Kopfes nach hinten über saß eine brillantene Krone, und die Fülle von Locken, die ihr reiches Haar zuließ, fiel von da, wie es scheinen sollte, in leichter Nachlässigkeit von beiden Seiten nieder. Die Lippen waren wie zu einer rednerischen Bewegung geöffnet, und die rechte Hand, von großer Schönheit, hielt in ihrem Schooße die Oden des Horaz. Etwas zur Linken zeigte sich auf einer Terme die Büste des Plato und darunter, aus dem Bilde schon herausgehend, so daß man nur einen Theil eines Tabourets gewahrte, sah man den königlichen Hermelin, auf den Elisabeth so eben, wie der Horaz in ihrer Hand andeutete, den Musen huldigend, mit ihrer linken Hand den Zepter niederlegte.

Wie reich und bedeutungsvoll dies Bild auch in seinen Beiwerken sein mochte, es war dem Künstler doch vollkommen gelungen, sie sämmtlich der mächtigen Persönlichkeit der königlichen Frau unterzuordnen.

Dieser kühne, überzeugte Blick, diese stolz gehobenen Lippen kündigten vollkommen sie als diejenige an, die Sixtus der Fünfte nächst sich selbst und Heinrich dem Vierten zu den drei einzigen Selbstherrschern rechnete, und gewiß mußte vor ihrem Bilde ein Jeder in seinen Ausruf einstimmen: Un grand cervello di principessa!

[63] Links ihr zur Seite hing das Bild ihres Vaters, Heinrich des Achten, von seinem Liebling Holbein mit aller Kunst und Sorgfalt dieses großen Meisters ausgeführt. Er war zur Zeit der Vermählung seiner Schwester mit Ludwig dem Zwölften bei dem Hoflager zu Calais gemalt, zur schönsten Zeit seines männlichen Alters und in dem vollen Glanze des damals unermeßlichen Kleideraufwandes.

Er saß zurückgekehrt in einem thronartigen Sessel, einen kleinen mit Juwelen besetzten und mit einer Feder aufgeklappten Hut halb zurückgeschoben auf dem hohen Kopfe; die eine Hand über die auf einem Tische seitwärts stehende Krone gelegt, hielt er in der andern seine eigne Uebersetzung des Neuen Testaments.

Sein Gesicht schaute halb lächelnd grade aus. Es lag mehr Hohn und Triumph, als Freude oder Heiterkeit darin, und dem Beobachter mußte leicht der Uebergang zu finden sein von diesen noch jugendlich überwölbten Zügen zu dem wilden Gepräge des später so blutdürstigen Tyrannen.

Ihm gegenüber hingen die Bilder seiner beiden Kinder, Eduard des Sechsten und dessen grausamer Schwester, der nachherigen Königin Maria.

König Eduard war als Knabe abgebildet, er hatte seinen Lieblingshund, ein großes weißes Windspiel, mit dem rechten Arme umfaßt und schien die zarte, schwankende Gestalt an ihm zu stützen. Seine dichten braunen Locken hingen schlicht um das bleiche, kranke Antlitz, und die großen dunkeln Augen blickten aus dem wasserblauen Grunde mit einer Wehmuth, als wollten sie im Voraus das trübe Loos des künftigen schwachen Königs beklagen.

Weit hinter ihm in der gothischen Halle, die den Raum des Bildes füllte, lagen auf einem kleinen Polster die Insignien der ihn einst so drückenden königlichen Würde.

[64] Schmerzliches Loos! rief Richmond, wenn die Natur im Widerspruche mit dem Berufe, den uns der Himmel durch die Geburt zu überweisen scheint, die Mittel uns versagt, ihn zu erfüllen; und besser doch Dein trübes, schwaches Walten in Kraftermangelung, als jener Mißbrauch empfangener Gewalt, um die Höllengeister Deines Innern ins Leben zu rufen. Wer würde Dein Loos nicht preisen vor dem Bilde Deiner Schwester!

Sie war in ihrem acht und dreißigsten Jahre nach ihrer Verlobung mit Philipp dem Zweiten von Spanien gemalt. Der Hintergrund des Bildes, vielleicht durch Zufall von einem schlicht niederfallenden blutrothen Vorhange bedeckt, erhöhte wunderbar den grauenhaften Eindruck, den das Ganze machte. Denn wer konnte das Bild dieser blutdürstigen Frau erblicken, ohne zu denken, sie tauche aus den Bächen von Blut auf, welche sie mit Freuden um des Glaubens willen strömen ließ. Sie saß auf einem Stuhle, auf dessen hoher Lehne links das Wappen Spaniens, rechts das von England thronte. Nach der bigotten Weise ihres Lebens war sie in das schwarze Gewand einer Karmeliterin gekleidet, doch über der verhüllten Stirn war die kleine brillantene Königskrone befestigt, über der wieder ein feiner schwarzer Flor bis auf den Boden niederfiel. Zur linken Seite stand ihr ein rother behangener Tisch, auf dem ein Andachtsbuch, ein Kruzifix, und zu dessen Füßen das Zepter, doch, über Alles dies hinweg, eine scharf gezeichnete Geißel lag.

Ihr Arm ruhte auf diesem Tische, und die Enden der Geißel waren durch die Finger gezogen, während ihre rechte Hand das Bild des damals sechs und zwanzig jährigen Philipps von Spanien hielt, für den sie eine allzu heftige Neigung nährte.

Ihr bleiches, schlaffes Antlitz, von jedem Reize der Jugend oder Schönheit weit entfernt, trat in erschreckender Wahrheit aus den dunkeln Hüllen hervor, und zeigte den vereinten Austritt stumpfen Geistes und fanatischer Bosheit.

[65] Richmond hatte ihr fürchterliches Unrecht und das Elend, das sie in fünfjähriger Regierung über sein Vaterland gebracht, mehr noch, als früher, empfinden lernen, und wenn er als Knabe sich zwang, vor diesem Bilde, das er haßte, so lange festzustehen, bis es ihm schien, als erhöbe sie drohend sich und wolle ihn ergreifen, so wandte voll Verachtung sich der Mann von diesen Zügen, die der Nachwelt, könnte der Name auch verloren gehen, noch sagen werden, was sie war.

Und auch wie damals, wenn der Knabe für das Schrecken, das er sich herauf beschworen, Beschwichtigung suchte, wandte er sich. Denn hier hing neben Heinrich dem Achten, ihrem Großohm, das Bild der siebenzehnjährigen Königin von neun Tagen, das erste blut'ge Opfer der schrecklichen Maria, die schöne tugendhafte Johanna Grei.

Wie ein Engel, als Bote eines bessern Lebens der Welt auf kurze Zeit gesandt, so blickte aus diesen tiefen blauen Augen der Himmel in der eignen Brust. Fünfzehnjährig schon Gemahlin des ihrer so würdigen Guilford, war sie als Braut dargestellt. Im Weggehn aufgehalten, wie es schien, stand sie mit leichter Grazie aufgerichtet vor einem Sessel und blickte mit dem vollen Antlitze aus dem Bilde. Die feine jugendliche Gestalt, die kaum die Grenzen der Kindheit überschritten, war in die Farben des väterlichen Hauses Suffolk, in weißen Silberstoff mit himmelblauer Robe gekleidet. Ihr wunderschönes blondes Haar floß wie gesponnenes Gold in zarten Wellen ohne Zwang den halb gewendeten Rücken entlang, und reichte über die Hälfte der kindlichen Gestalt; an den Schläfen von der weißen Stirn gescheitelt, war es mit blauen Schleifen zierlich aufgebunden, und auf dem Hintertheile des Kopfes ruhte die herzogliche Krone. Eine Säulenhalle zog bis in die weite Ferne sich als Hintergrund, und am Ende derselben sah man perspektivisch verkleinert Lord Guilford daher eilen.

[66] Ach, rief Richmond, von so viel Unglück und so viel Tugend tief bewegt, hätte nie Dein kindlich Haupt ein schwereres Diadem belastet, als diese leichte Herzogskrone, das unbestrittene Erbtheil Deiner Väter!

Noch blieb er sinnend stehen, dem spiegelhellen Boden zugewendet. Es blieb ein Bild noch zu betrachten übrig, er wußte es wohl. Doch zögernd verschob er seinen Anblick, als müßte er erst das eigne Herz betrachten und seinen schnelleren Schlägen lauschen. Sollt' er als Mann erfahren, was ihn als Knabe schon bewegt? Mußt' er es eingestehn, daß das wunderbare Loos ihm gefallen sei, an ein Bild die süßesten Regungen des Gefühls verschenkt zu haben? Nein, rief er, dem Knaben gehört diese Schwärmerei! Er wandte sich muthig, er stand davor, und wie am Strahl der Sonne der leichte Nachtfrost einer Mainacht zu einem Thautropfen sich verwandelt, so verschwamm in seinem ersten Blick Wille, Absicht, jeder Widerstand der Ueberlegung, und Herz und Seele sogen sich fest an ihren alten Wahn.

Dicht an der hellen Eingangsthür, und wie in einem Schreine, da die Holzwand herausgehoben war, es einzulassen, hing ein Brustbild, dessen Rahmen in einem runden Medaillon das lebenvolle Antlitz der schönen unglücklichen Königin von Schottland umfaßte. Der Rahmen trug in Gold und Farben und reichen Edelsteinen die drei Wappen, welche die unglückliche Frau mit Eigenthumsrecht behauptete. Die Wappen Schottlands und Frankreichs waren an dem obern Rande, unter der dreidoppelten Krone im Mittelpunkte des Rahmens, das Wappen Englands, das zu behaupten, ihr so großen, nur mit Blut gesöhnten Haß der eifersüchtigen Elisabeth zuzog, unter den beiden ersteren. Reich mit Laubwerk und Emaillen war das Kunstwerk dieses Rahmens ausgeführt, und enthielt in Arabesken-Form noch viele Anspielungen auf den hohen Geist der königlichen Frau. [67] Das Ganze war umschlungen von einem emaillirten Bande, auf dem in goldner Schrift die Namen Plato, Aristoteles, Horaz, Pindar, Homer, Dante und Ariost, als der Gefährten ihrer Einsamkeit, zu lesen waren, und wie vorzüglich auch das Bild zu nennen war, der Rahmen an sich blieb ein schätzbares Kunstwerk.

Aus einem tiefen, saftigen Hintergrunde, einer Tapete von grünem Damast ähnlich, trat der in wunderbarer Wahrheit aufgefaßte Kopf der Königin hervor. Das hellbraune Haar war frei weggehoben und zeigte die ganze Schönheit der königlichen Stirn. Die lichtvollste Freiheit der Gedanken schien diese schöne Wölbung selbst gebildet zu haben, und das glänzende Licht, das von Innen aus diese reine Form zu durchdringen schien, hätte auch ohne den Ausspruch dreier Kronen sie zur geistigen Beherrscherin ihrer Zeit erhoben. Von den feinen leicht eingedrückten Schläfen bildete sich der Kontur des zarten Kopfes im reinsten Oval, bis zu dem vollen jugendlichen Kinn, über dem mit allen Grazien der schön gewölbte Mund die holde Mähr von ihren Scherzen, ihrem feinen Witze zu erzählen schien.

In den vollen, leicht gefärbten Wangen ruhte der feine Anfang eines zarten Grübchens, geschaffen, um ihres Lebens Liebesglück und Schmerzen zu verrathen.

Ihr waren zuerst die Augen verliehen, die, seitdem ein Erbtheil ihres unglücklichen Stammes, mit einem Zauber jeden zu fesseln wußten, auf wen sie einmal in Liebe sich geheftet.

Unter einer kaum merklichen Wölbung der feinen Augenbrauen ruhten weit und schön geschnitten die großen braunen Augen, die klar und tief den hohen Geist, der ihnen inne wohnte, von Lieb' und Sehnsucht halb bezwungen zeigten. Sie schienen wider Willen der hohen Abkunft von Mißgeschick zu reden, und die langen schwarzen Wimpern hingen auch beim vollsten Aufblick wie ein leichter Trauerschleier um den vollen Glanz.

[68] Dazwischen hob sich an der Stirn breit und voll die feine griechische Nase, und verstärkte mit ihrer edeln, festen Form den hohen geistigen Ausdruck ihrer Züge. Ihr wunderschönes braunes Haar war ohne Schmuck der Königin, sich selbst in seiner seltenen Fülle die Krone flechtend, doch zeigte es unverdeckt in einem hohen Spitzkragen die runde, schlanke Säule des Halses, auf welcher der Kopf so leicht und zierlich ruhte, daß beide je zu trennen, nur ein Barbar zu denken wagen konnte. Hier hörte das Bildniß auf; leicht in den Schulterlinien war ein schwarzes Sammetkleid angegeben, das unter dem Kragen mit einem in Brillanten eingelegten rothen Stein befestigt war.

Ungezählt entflohn die Augenblicke vor diesem Bilde, und das innere geheimste Leben Richmonds trat hervor und ließ sich nicht mehr zur Rechenschaft ziehen vor dem Geiste der Ueberlegung, der fragend, ja, mißbilligend es anschaute. Es war da! und hatte sich zum sichersten Bewußtsein in diesen Augenblicken aufgeschwungen; es lebte! und sein Leben ward eingestandene Wonne. Still und mit Rührung gelobte sich Richmond, der Welt, dem rohen Vertrauen der Menschen ewig verhüllt, wollte er selbst nimmer mehr mit diesem Gefühle hadern, sondern hoch es halten. Eine kleine glückselige Insel sollte es in ihm fortan bilden, worauf er landen wollte, aus der Wirklichkeit verschlagen.

So sich jugendlich überspannend, störte es ihn nicht, Gesang und Harfenton vom Altan her zu hören. Die schönen vollen Frauentöne, das kunstreich ausdrucksvolle Spiel der Harfe, es schlich sich ein in seine Träume, verwebte sich darein, als ihnen angehörend. Mit steigendem Entzücken hörte er die Worte des göttlichen Shakespeare, dieselben, welche die Frauen der Königin in Heinrich dem Achten der unglücklichen Katharina am Vorabend des Gerichts singen.

Orpheus sang:

[69] 1.

Der Bäume Wipfel
Und der Berge starre Gipfel
Beugte seiner Laute Macht.

2.

Pflanz' und Blum' entsproß voll Wonne,
Als hätt' Regenguß und Sonne
Ew'gen Lenz hervorgebracht.

3.

Jedes Wesen ward Gehör,
Selbst die wilde Well' im Meer
Hing das Haupt und legte sich.

4.

Tonkunst, deine Zauberein
Hört der Gram und schlummert ein,
Hört dich fort und stirbt durch dich.

Mit feierlichen Akkorden schlossen diese rührenden Worte und weckten den glücklichen Träumer. Nein, sie war es nicht selbst, die unglückliche Königin Maria, die dies Lied gesungen! Er war nicht zu Stirling, zu Holyrood-House; er war in Burtonhall, in der Nähe seiner Familie, und nur ein paar Schritte vielleicht führten ihn in ihre Mitte.

Bewegt von der Wirklichkeit und von seinen Träumen, öffnete er die Thür und stand am Ende des Altans seinen Lieben gegenüber.

Die jungen Damen des Schlosses hatten sich hier zu einiger Muße aus dem größeren Kreise der Gesellschaft zurückgezogen, und alle sich mit dem Wunsche um Lady Melville versammelt, sie zur Harfe singen zu hören. Dies war auf die erwähnte Weise geschehen. Sie saß jetzt ausruhend in ihrer schwarzen Kleidung auf dem Lehnstuhl der alten Herzogin. Die Harfe ruhte seitwärts geschoben noch in ihrem Arme; auf dem purpurrothen Sammet des hoch über ihr emporragenden Stuhles hob sich der schöne Kopf in seiner ganzen regelmäßigen Zierlichkeit, [70] und belebt vom Gesange und dem lobspendenden Zuspruch der lieblichen Gefährtinnen, leuchtete von ihm der volle Zauber ihres lebhaften Geistes. Sie hatte sich zu der ihr rechts stehenden Gruppe gewandt, welche Arabella und Anna Dorset sich im Arm haltend zeigte; zu ihren Füßen, und den Kopf in zärtlichem Schmachten zu der Sängerin aufgehoben, saß Ollonie Dorset, wärend Lucie von Hinten den Stuhl erklommen hatte und eben mit Jubelgeschrei ihren blonden Lockenkopf herüberzog, um ihren Liebling von da aus zu umfassen. Schnell und leicht sprang Lady Maria jetzt auf, zog den kleinen Engel zu sich herüber, und nun sogleich von Allen umfaßt, stand sie wie die Göttin der Liebe und Freude da.

Die reichen braunen Locken zurückschüttelnd, richtete sie das Haupt empor, da erblickte ihr Auge den Lord am Ende des Altans ihnen gegenüber in stiller Anschauung vertieft, und nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet, streckte sie die schöne Hand nach ihm deutend aus und rief: Sieh da, Lord Richmond!

Augenblicklich wandten sich alle Köpfe, und im selben Augenblick flogen die Schwestern und Cousinen auf ihn zu, und unter den freudigsten Begrüßungen der Uebrigen hing sich Lucie an seinen Hals und versuchte durch den lautesten Ungestüm sich in sei nen Besitz zu setzen.

Unter den liebenswürdigsten Scherzen erwiederte er die zärtlichen Begrüßungen seiner Verwandten und eilte dann in ihrer Mitte der Gräfin Melville entgegen. In der anmuthigsten Ruhe lehnte sie an der Brüstung des Altans, während ihr Antlitz von der unschuldigen Freude leuchtete, womit die Scene vor ihr sie theilnehmend erfüllte. Hold lächelnd richtete sie sich jetzt dem Nahenden entgegen, Richmond aber eilte den Uebrigen voran. Hier, rief Lucie hervorspringend, hier, Richmond, hast Du meinen Engel Marie!

[71] Und welchem glücklichen Zufall habe ich es zu danken, der Lady Melville bekannt zu sein? sprach Richmond.

Bekannt? erwiederte sie. In Wahrheit, Mylord, ich sah Euch nie vor diesem Augenblick. Aber, setzte sie mit dem ruhigen Ausdruck natürlicher Unschuld hinzu, als ich Euch gewahrte, wußte ich gleich, daß Ihr es sein müßtet.

Richmond hatte unwillkürlich seine bewegten Augen, während sie sprach, zur Erde gesenkt, er genoß den Ton dieser klangvollen Stimme, und schon schwieg sie, aber der gewandte junge Mann schien um die Antwort verlegen. Er hob die Augen zu ihr auf, sein Blick traf den ihrigen, und zwei schöne Seelen hatten sich erkannt.

Möchte Lady Melville das Wohlwollen, welches sie meiner Familie schenkt, auch auf den übertragen, der sich erst so spät darum zu bewerben vermag, sprach er endlich mit furchtsamer Stimme. –

Es würde mir schwer werden, Euch, Mylord, als einen Fremden anzusehen; die Liebe, die Ihr in Eurer Familie genießt, erhält Euch auch während Eurer Abwesenheit darin gegenwärtig. Ich könnte Euch von Euch erzählen, wäret Ihr etwa Euch fremd geworden, setzte sie lächelnd hinzu.

O! rief Richmond lebhaft und heiter, Ihr dürft nicht zweifeln! Wer bliebe nicht der Wahrheit am getreuesten, wenn er eingestände, von sich am wenigsten zu wissen; werdet Ihr aber wirklich den sich selbst Entfremdeten belehren wollen, wenn ich einmal um diese Belehrung in Wahrheit bitten will?

Lord Richmond, erwiederte das schöne Mädchen, ich habe viel von der großen Kunst gehört, die Wahrheit verschweigen zu können, aber bis jetzt selbst noch so wenig Fortschritte darin gemacht, daß Ihr viel Hoffnung habt, sie zur Zeit von mir zu hören. –

[72] Und möchte dieser schöne Mund nie durch so falsche Kunst entweiht werden, sprach eine männliche Stimme, ehe Richmond antworten konnte, hinter seinem Rücken.

Amen! sagte lächelnd Lady Marie, hell aufblickend, und im selben Augenblick lag Richmond in den Armen des liebenswürdigen Grafen von Ormond, welcher, ohne von der lebhaft beschäftigten Gruppe bemerkt zu werden, sich herbei geschlichen hatte.

Bald füllte sich nun der Altan mit mehreren Gästen, durch die Nachricht von Richmonds Ankunft herbei gezogen, und eben erschien Lovelace mit der Bitte der beiden Herzoginnen, nach dem Ballsaale sich zu verfügen, welcher willkommenen Einladung man auf das Heiterste sogleich folgte.

Der Ballsaal war eine offene weite Halle, welche mit dem Parke gleich lag und zu den verschiedenen Spielen der Jugend diente, besonders aber zum geschickten Werfen des Balles nach dem Ziele benutzt ward und davon ihren Namen hatte.

Der davorliegende weite Rasenplatz verstattete eine Ausdehnung der Spiele, und ein kleines Schießhäuschen mit allen Arten von Gewehren bis zur Armbrust hin, reizte sehr oft die Geschicklichkeit der jungen Leute beiderlei Geschlechts.

Auch heute ging man bei der Schönheit des Wetters sogleich zu den Spielen auf dem Rasenplatze vor dem Hause über, und Alles schien von einer besonders heitern Stimmung belebt. Man stellte Wetten an, wer das Ziel in der Scheibe treffen würde, wobei die Damen theilnehmend mitwirkten, und als Richmond von den Herzoginnen, die mit der älteren Gesellschaft die Halle vorzogen, beurlaubt ward, schloß er sich mit seiner anerkannten Geschicklichkeit dem fröhlichen Schwarme an. Gräfin Melville, von Jugend auf in allen möglichen Leibesübungen erfahren, trug nicht allein über die Damen stets den Sieg davon, sondern über die meisten der anwesenden Kavaliere. [73] Dies sollte sich jedoch bei Richmonds Ankunft ändern, denn bei dem ersten Schuß war der Mittelpunkt der Scheibe durchbohrt, und gleich nach ihm sendete er den kleinen Pfeil von der Armbrust, daß seine Spitze unversehrt durch das von dem Schusse gebohrte Loch drang. Lauter Beifall folgte dem trefflichen Gelingen und brachte neuen Eifer in die Bemühungen der Uebrigen. Lady Melville traf zwar mit ihrem Pistol die Federn des Pfeiles im Ziel, doch mußte Richmond für den Sieger anerkannt werden.

Lord Richmond schien sich zwar äußerlich der allgemeinen Geselligkeit hinzugeben und an allen Anwesenden gleichen Antheil zu nehmen, er konnte sich aber nicht enthalten, fortwährend Lady Melville zu beobachten, deren dunkles und sonderbares Schicksal, eben wie ihr Einfluß auf das Herz seines Bruders, ihn zu einem Interesse für sie bewog, welches durch ihren Anblick nicht verringert werden konnte.

Er hatte sich trotz dem, was ihm über ihren Werth reichlich von allen Seiten mitgetheilt ward, nicht zu ihrem Vortheil einnehmen lassen; denn die Angaben, welche sie über ihre Geburt und ihr Leben gemacht, waren von keiner Seite bestätigt und mußten gar leicht dem Argwohn gegen die Glaubwürdigkeit ihrer Person Raum geben. Dabei fühlten sich sein Herz und seine strengen Grundsätze von Ehre und Pflicht unbeschreiblich verletzt durch den Zustand, worin er seinen zärtlich geliebten Bruder fand. Die Leidenschaftlichkeit, worin dies schöne, geregelte Gemüth aufgelöst schien, und die Entschlüsse, die daraus entstanden, und die zum Nachtheil aller seiner bisher beobachteten Grundsätze einzig über dies fremde, namenlose Wesen Glück verbreiten sollten, steigerten sein Mißtrauen, und ließen ihn an ihrer Unwissenheit und Absichtslosigkeit einigen Zweifel hegen, welches ihm um so leichter ward, da hiermit die schmerzlich von ihm empfundene Schuld des Bruders sich [74] merklich verringerte und ihn mehr als einen Verführten erscheinen ließ.

Das Einzige, woran er unbezweifelt glaubte, war ihre Schönheit, aber auch diese nahm ihn gegen sie ein, denn nur mittelst dieser konnte sie seinen Bruder verführt haben. Nichts aber haßte er mehr, als wo diese göttliche Gabe des Himmels von Frauen benutzt ward, das Herz der Männer zu bestricken, und obwol seine Gerechtigkeit ihn hinderte, diesen Fall hier bestimmt anzunehmen, war er doch entschlossen, ihn für möglich zu halten und sie einer scharfen Beobachtung zu unterwerfen.

Er fand sich nun von ihrem Anblick selbst überrascht und hatte in wenigen Stunden viel von dem, was er früher über sie gedacht, innerlich widerrufen. Ihre Schönheit war auffallend und mußte die Bewunderung eines Jeden erregen; aber ihr Auge hatte nichts von der eitlen Verschämtheit, womit die ihrer Schönheit sich Bewußten den Blicken der Männer begegnen. Ruhig, klar und offen ertrug sie jedes Auge, und schaute wie ein Kind fest zu Jedem auf. Sie hatte keinen Begriff von der angelernten Sitte der Frauen, gegen Männer sich anders zu betragen, als gegen Frauen; ihre Freundlichkeit trat ohne die traurige Verkrüppelung der Gefühle hervor, die mit der unbestimmten Furcht vor einem ungekannten Uebel die Unschuld des Herzens bedroht, ehe noch die Schuld selbst es zu berühren vermochte. Die unschuldige Neugier, womit sie Richmond fast aufsuchte, um mit ihm zu sprechen, hatte zwar etwas Abweichendes von dem Bilde, welches er sich von der zarten Zurückhaltung einer Jungfrau geschaffen, aber es ward ihm bei ihr nicht zur Störung, ja, es setzte ihn in Nachdenken, ob er nicht sein Ideal nach dieser einfachen Natur korrigiren müsse.

Dessen unerachtet erfüllte ihn das Fräulein mit Erstaunen, welches noch denselben Abend sich steigern sollte, als die Gesellschaft nach dem schnellen Ausbruch eines Gewitters in die [75] erwähnten Prachtzimmer des Schlosses sich zurückgezogen hatte. Die jungen Leute nahmen plaudernd von dem Gemälde-Kabinet Besitz, und Lady Melville lehnte sich an die Glasthür, dem Bilde der Königin von Schottland gegenüber. Lord Richmond konnte sich hier eines vergleichenden Blickes nicht enthalten, und zu Lord Ormond gewendet, sprach er sein Erstaunen über die unbezweifelt große Aehnlichkeit dieses Bildes mit der Lady aus.

Es ist uns allen aufgefallen, erwiederte der Lord, sich zum Bilde der Königin wendend, und wenn Ihr es bestätigt, der Ihr dies Bild so lange studirtet, dann dürfen wir unserm Urtheil wohl vertrauen.

Marie ward dadurch aufmerksam.

Erlaubt, sprach Richmond, Euch meine Ueberraschung über die genaue Aehnlichkeit dieses schönen Bildes mit Euch selbst, auszudrücken.

Es ist mir nicht neu zu hören, ich weiß es, entgegnete sie ruhig und blickte dabei mit einem wehmüthigen ernsten Ausdruck zu dem Bilde hin, welches die höchste Schönheit repräsentirte, und wobei die Anerkennung der eignen Aehnlichkeit damit ein ziemliches Bewußtsein ihrer Schönheit auszudrücken schien.

Dies fühlte Richmond mit der gehässigen Laune der Männer, die zwar nie unterlassen mögen, dies Bewußtsein mit verführerischen Worten zu wecken, doch die daran verloren gehende Unbefangenheit der Frauen bitter tadelnd dann vermissen.

Es schien ihm so schwer, diesem Bilde zu ähneln. Er hatte es vor wenigen Stunden noch für unmöglich gehalten. Zwar hatte er es nun selbst ausgesprochen; aber es verletzte ihn dennoch, es als etwas Gewisses und lang Bekanntes angenommen zu sehn. Er hätte es in diesem Augenblick gern sich und dem Gegenstande verläugnet, und die Kälte, die seine Züge sogleich ausdrückten, wäre nicht schwer zu erkennen gewesen; aber die Lady merkte nicht darauf, ihre Gedanken hatten eine [76] weit andere Wendung genommen. Sie verließ ihren Platz und setzte sich auf ein Tabouret seitwärts dem Bilde nieder.

Diese Bewegung war offenbar der Aehnlichkeit noch vortheilhafter; aber Richmond, unangenehm aufgeregt, hielt dies für beabsichtigt und war im Begriff sich wegzuwenden, als die Gräfin, ganz in das Anschaun des Bildes versunken, mit einem wehmüthigen Ausdruck der Stimme fortfuhr: Wie oft hat der glückliche Zufall dieser Aehnlichkeit meine theuern Verwandten beschäftigt und erfreut. Man schmückte mein Haar, wie es die Königin zu tragen pflegte, mit der kleinen Spitzenhaube, man kleidete mich nach der Sitte jener Zeit, und ließ mich gehen und stehen und niedersetzen, wie von ihr gesehen zu haben die Freunde und Anhänger sich noch genau erinnerten, obwol unter meinen Verwandten nur mein Vater, der Graf Melville, sie gekannt hatte. Er wußte Stundenlang von ihr zu sprechen, denn er war Edelknabe bei ihr zu der Zeit, da diese drei unglückseligen Kronen noch mit vollem Rechte ihr unschuldiges Haupt schmückten.

Gewiß, sprach Lord Ormond dazwischen, ist und bleibt diese unglückliche Frau eine höchst ausgezeichnete und anziehende Erscheinung, und die schwärmerische Anhänglichkeit, welche sie ihren Freunden und Anhängern einzuflößen wußte, vermehrt die Zweifel, ob ihr grauenvolles Schicksal ein verdientes war.

Wie tief hat mich stets ihr Schicksal ergriffen, fuhr sie fort und hob die schwermüthig gesenkten Augen empor, wie habe ich meine kindischen Gedanken zerquält mit Plänen, wie sie hätte gerettet werden können, wie hab' ich sie geliebt und alles Gute, was ich zu fassen vermochte, ihr beigelegt. Als nun endlich das geheim gehaltene Glück der Aehnlichkeit mir anvertraut ward, wie tief erschüttert war ich da! Warum lebte ich nicht, als sie zu Tewksbury in ihrem Kerker schmachtete? Ich wäre zu ihr eingeschlichen, in meinen Kleidern wäre sie entflohen, ich, [77] ihr so ähnlich, wäre an ihrer Statt auf jenem Blutgerüst gefallen.

In Wahrheit, Lady Melville, rief hier die junge verwittwete Marquise Danville, Euer großmüthiger Enthusiasmus ist ein um mehr als dreißig Jahr verspäteter, ziemlich bequemer Tribut der Dankbarkeit für das Glück, der schönsten Frau zu ähneln, die gleich der griechischen Helena die Welt in Brand und Unheil stürzte.

Ihr habt Recht, Mylady, sprach die Gräfin, durch den grellen Ton der Mißgunst unsanft aus ihren Kinderträumen geweckt, wohl ist dies ein nutzloser oder, wie Ihr sagt, ein bequemer Enthusiasmus. Vergeblich selbst hätte ich zu jener Zeit gelebt. Wie würde, was den Edelsten meines Landes nicht gelang, dem schwachen Mädchen durch den zufälligen Schein der Aehnlichkeit gelungen sein? Doch ich liebte sie früher, als ich von meinen Zügen wußte; inniger aber mußte ich seitdem mich zu ihr hingezogen fühlen. Ich bin mir des ersten Einflusses wohl bewußt, der mich aus meinen eignen Zügen mahnend anzureden schien. Fast beschämt fühlte ich mich von dem Glücke, ihr zu gleichen; ich fürchtete, zu strengerer Rechenschaft bestimmt zu sein, und, fuhr sie sich selbst belächelnd fort, ich wünsche den köstlichen Gefäßen gleich zu sein, deren Form zerspringt, sobald ein Tropfen Gift hinein geschüttet wird. –

Es entstand eine Pause, in der Alle, die sie allmälig umgeben hatten, mit den verschiedensten Empfindungen, doch voll Antheil auf sie blickten. Lord Ormond drückte Richmonds Arm, und die Glut der tiefsten Empfindungen ruhte auf seinem edlen Angesicht, während Ollonie Dorset mit erblaßten Wangen bald ihre feuchten Augen auf die Lady, bald auf Lord Ormond und Richmond wandte, welcher letztere nicht mehr den Ausdruck unbilliger Kälte trug. Doch wenn diese Männer, sichtlich ergriffen, [78] ihr eben nichts zu sagen wußten und hiermit sie ehrten, kam derlei zartere Bedenklichkeit nicht in die Seele Lord Membrockes, der sich ihr sogleich näherte, um mit dem flachen Wortschwall des eiteln Weltmannes sie zu versichern, Maria Stuart sei zur rechten Zeit geboren und gestorben, denn die Schönheit habe sie mit siegreicheren Kronen geschmückt, als die dreifach gekrönte Königin.

Sogleich erhob sich die Lady, und als sie so emporgerichtet stand, und ihr plötzlich so stolzer Blick über den schönen, sieggewohnten Lord hinstreifte, schien sie Allen noch viel mehr der königlichen Maria zu gleichen, deren hoher Sinn durch keine Gewaltthat des Schicksals zu beugen war.

Sie zog leicht die schönen Augenbrauen, und Anna Dorsets Arm ergreifend, wehrte sie ihn mit der Hand: Laßt das, Mylord, Ihr habt nicht Einsehen, wie ich's meine, und ich muß Euch darum verzeihn, wenn Ihr mir weh thut, denn wir sind uns fremd.

Lord Membrocke suchte seinen gekränkten Stolz hinter ein lautes Applaudiren dieser kühnen Rede zu verbergen und ihren Witz zu rühmen, während ihm das stolze Mädchen schon längst den Rücken gewandt hatte und in den Nebensaal entschwunden war.

Als sich die Gesellschaft getrennt, erwartete Lord Ormond, in einem Saale des Erdgeschosses lustwandelnd, seinen geliebten Richmond zu einem traulichen Zwiegespräche, nach dem sich Beide sehnten.

Lord Ormond war der Bruder der Lady Dorset, und, wenn auch bedeutend jünger, als seine Schwester, doch in der Mitte der dreißig und mit vollem Rechte in dem Besitze der allgemeinsten Anerkennung. Als Kämmerer des Königs machte diese Stellung, die ihm als Irischen Pair zur Auszeichnung gereichte, ihn zum fast beständigen Bewohner Londons, und den einzigen [79] Ersatz für diesen Zwang gewährte ihm das Haus seiner Schwester, der die Würde ihres Gemahls dieselbe Lebensweise aufnöthigte.

Lord Ormond war der Liebling seiner Schwester, er theilte jede Freude, jeden Schmerz dieser schüchternen Frau, die, von dem erhabenen Ernst ihres Gemahls erdrückt, nur an dem sanften und liebevollen Herzen des Bruders ihre unbestimmte Gefühlswelt erschließen konnte. Sein Rath, den er stets in ihrem wahren Interesse ertheilte, machte ihn zum wohlthätigen Dolmetscher zwischen den beiden sich so ungleichen Ehegatten. Der Graf Dorset, der, in die Interessen seiner hohen Hofstelle vertieft, sich gar nicht in die schüchternen Anforderungen seiner Gattin finden konnte, da sie ihm mehrentheils unverständlich blieben, fühlte sich durch seinen Schwager, dessen ausreichendem Schicklichkeitsgefühle er vertrauen durfte, der Sorge enthoben, seine Gewahlin verstehen zu müssen. Was sie wünschte, erfuhr er meist durch ihn, denn aus ihrem eigenen Munde ging eine solche Mittheilung stets so von Nebengedanken und Gefühlen verwirrt hervor, daß der gute Lord, trotz einer höflichen Anerkennung ihrer Rechte, doch selten im Stande war, in seinen Antworten ihr Genüge zu thun, wodurch ihr wieder auf lange die Lippen versiegelt wurden und der Gemahl sich leicht für beunruhigt in seiner Pflichterfüllung ansehen konnte.

Die Erziehung seiner beiden Töchter hätte offenbar seinen Blick häufiger auf seine Häuslichkeit richten müssen, wären ihm nicht dieselben, da ihre Geburt ihn zwei Mal in der Hoffnung eines Erben getäuscht hatte, herzlich gleichgültig gewesen.

Seine Gemahlin schien ihm, außer dem Fehler, keinen Sohn geboren zu haben, die leidlichste Gefährtin, die ein vornehmer Mann sich nur zur Gattin wünschen könnte. Er folgerte, unter ihrer Leitung müßten die beiden Töchter sich ihr ähnlich bilden, und so war er fertig und außerdem überzeugt, [80] daß Lord Ormond für einen etwa abweichenden Fall schon Alles berichtigen würde.

Er war dessen ungeachtet nicht blöde, es ganz seinem Verdienste um die Erziehung seiner Töchter zuzurechnen, als der Herzog von Nottingham seinen ältesten Sohn für Lady Anna vorschlug. Den Zusatz, im Falle die jungen Leute Neigung zu einander gewönnen, acceptirte er mit dem mitleidigen Lächeln des überlegenen Mannes, denn er schien ihm nur auf das richtige Schicklichkeitsgefühl Beider zu deuten. Es freute ihn, Beide gleich gut auf diese Weise versorgt zu wissen, ohne übrigens in Bezug auf seine Tochter über die blinde Voraussetzung hinaus zu gehen, daß sie eine eben so stille Kreatur, als ihre Mutter sei. Von ihrem künftigen Gemahl Genaueres zu wissen, als seine dereinstigen Titel und Einkünfte oder seine jetzige vortheilhafte Aufnahme bei Hofe, würde ihm sogar unschicklich erschienen sein.

Lord Ormond fand um so nöthiger, die lückenhafte Stellung seines Schwagers in dessen Familie zu ergänzen, da es ihm in der Kinderstube seiner Nichten schon klar ward, daß sie Beide nicht umsonst die Töchter dieses stolzen und heftigen Mannes waren, und seine sanfte Schwester eine eben so schwache Beurtheilung der Karaktere ihrer Kinder besaß, als ihr Gemahl.

Lord Ormond war durch eine bittere Täuschung in der Liebe von dieser zerstreuenden und abziehenden Thätigkeit der Seele früher, als seine Jahre es natürlich machten, auf das ernstere Leben innerlicher Reflexionen verwiesen worden. Er erschien dadurch älter, ja, er war es; denn die Leidenschaft hatte anscheinend ihr Recht zu einer Zeit über ihn verloren, wo gewöhnlich dieser Streit noch längst nicht abgethan zu nennen ist.

Er hatte sich bemüht, aus der trostlosen Verödung des Schmerzes sich durch eine muthige und vollständige Resignation [81] empor zu heben. Er hatte dem Leben erklärt, daß es ihm für sich nichts mehr zu gewähren vermöchte; er hoffte so ein Bollwerk aufgeführt zu haben zwischen sich und einer möglichen Wiederholung so leidenschaftlicher Zustände, an die er nach Jahren nur mit Schaudern denken konnte, in dem Bewußtsein, unter ihrem Einflusse, dem Himmel, sich selbst und dem Leben auf das Trostloseste entfremdet gewesen zu sein.

Seine schöne, vom Himmel so reich begabte Natur folgte willig der Anweisung, sich einem allgemeinen Interesse wohlwollend hinzugeben, und er erkannte die Welt als vollständiger und reichhaltiger in dieser uneigennützigen, bezuglosen Ansicht.

Wer aufgehört hat, sich selbst in den Beziehungen des Lebens zu suchen, der gewinnt bald einen feinen und scharfen Blick für das Bedürfniß Anderer, und die kleinsten Anforderungen üben über ihn dasselbe Recht der Theilnahme, als die breit in das Leben einschreitenden Begebenheiten, die Jeder erkennt.

Die Kinder seiner Schwester erfüllten ihn mit einer Zärtlichkeit, die durch das Gefühl, ihnen nützlich sein zu können, erhöht ward. Als er seine Nichten zuerst wiedersah, war Anna vierzehn und Ollonie zehn Jahr.

Er mußte sich bald überzeugen, daß, wenn auch Anna ihm eben so innig anhing, als Ollonie, doch sein Einfluß auf sie ein bedingter sein würde, da sie, so alt geworden, ohne von irgend wem in der Bildung ihres Karakters geleitet zu sein, jetzt ihn schwerlich noch in die Grenzen zurückzuführen vermochte, die doch, ihrer gefährlichen Anlage nach, nöthig schienen. Ihr Herz gehörte zu den stillen Organen ihres Wesens, denen man zwar das Leben nicht absprechen kann, die aber nicht stark genug wirken, um der übermüthigen Verstandesthätigkeit das Gleichgewicht zu halten. Die Folge davon war ein jäh aufwachsender Egoismus, ein stets vorherrschender Stolz und ein zu allen Leidenschaften vorbereitetes Wesen, das nur der Gelegenheit [82] bedurfte, um in ungezügelter Lebendigkeit ins Leben zu treten.

Ihr Oheim, gerührt durch den gefahrvollen Zustand des schönen Wesens, wollte ihre Fehler unter einander sich bekämpfen lassen, und nachdem er bald durch Theilnahme ihre Liebe erworben, behandelte er sie mit einer schonenden Achtung, die stets das Gute, das er ihr wünschte, als schon vorhanden annahm und die Erreichung des Besten als in ihrer Natur liegend voraussetzte.

Ihr Stolz hatte ihre Wahrhaftigkeit behütet, und ihr Verstand war ein unbestechlicher und scharfer Beobachter. Sie unterlag der nicht zu läugnenden Betrachtung, daß sie das nicht war, was dieser geliebte Oheim ihr zugestand, aber indem sie ihn selbst höher achten mußte, als alles bisher Bekannte, rief ihr Stolz den Entschluß ins Leben, sein ehrendes Urtheil wirklich zu verdienen.

Das hatte der Menschenfreundliche gewollt. Jetzt sah er bald, daß sie zur Selbstbeobachtung geführt war und zur Wahrnehmung ihrer Fehler gelangte, womit er Alles eingeleitet zu haben glaubte, wodurch diesem lang verwöhnten Gemüth aufzuhelfen war. Auch hatte er später die Freude, bei dem Entstehen ihrer Liebe zum jungen Herzog von Nottingham die ungemein wohlthätige Hülfe zu sehen, die dies wärmere und lebhaftere Dasein ihres Herzens ihrer ganzen Natur verlieh. Ihre Fehler waren zusammengesunken, der Athem des Wohlwollens hob die Brust, und die Sicherheit ihres Blicks tauchte unter in dem scheuen Glanz einer sehnsüchtigen Hoffnung. Also, seufzte ihr Oheim, die Liebe, die so Vielen zum Verderben wird und die Leidenschaften aus ihrem Bande reißt, legt diesem ungezähmten Kinde wohlthätige Fesseln an. Sie war wohl noch dieselbe, aber gewiß blieb, daß sie eines starken Gefühles fähig war, und somit für diesmal gerettet.

[83] Ganz anders war sein Gefühl und sein Verhältniß zu Ollonie. Dies holde Kind hing sich bald mit der ganzen Fülle ihres zärtlichen Herzens an den geliebten Oheim, und Ormond schaute mit Entzücken und auch mit heimlicher Sorge in dies feurig gefühlvolle Herz. Es schien ihm den Stempel des Leidens von der Natur empfangen zu haben, er wußte am besten, welchen Gefahren sie unschuldsvoll dies zarte, empfängliche Innere entgegen trug, und seine Zärtlichkeit, seine Sorgfalt für sie, trug den Karakter der Hingebung, womit wir den lieben, den wir von einem harten Schicksal bedroht wissen. Ganz im Gegentheil von ihrer Schwester war der Lord hier einzig bemüht, die vorlaute Gewalt ihres Herzens zu mäßigen und ihren Verstand vor einer Unterdrückung zu behüten, zu der die Gelegenheit sich stets geschäftig zeigte. Er betrieb selbst ihren Unterricht; nur aus seinen Händen empfing sie ihre Lektüre, ihre Noten, ihre Vorbilder zum Zeichnen.

Ihre Zeiteintheilung, Arbeit und Belustigung, Alles war von ihm angeordnet, und er liebte dies endlich in ihm nur lebende Wesen mit einer Innigkeit, von welcher der eigene Vater keine Ahnung in sich fühlte.

Jetzt war Ollonie fünfzehn Jahr, in großer Schönheit erblüht, und wenn auch stets noch phantastisch und überwallend, und einer gleichmäßigern Entwickelung ihrer Natur nach vielleicht nicht fähig, doch gerade um so interessanter in dieser bewegten, geistvollen Abschweifung von dem Gewöhnlichen.

Ormond behielt den holden Zögling stets im Auge, ihre Zukunft erfüllte ihn noch immer mit Sorge, und er kannte nur einen Mann, dem er sie gönnte, nur einen, welchem er den so von ihm gehegten Schatz übergeben mochte, und dies war, sein Liebling eben so sehr als Mann, wie Ollonie als Weib, kein anderer, als Lord Richmond.

Graf Archimbald hatte ebenfalls für seinen Neffen und dereinstigen Erben diese Wahl getroffen, und es hatte Ormond [84] seinen ganzen Einfluß gekostet, der beabsichtigten Abschließung dieser Angelegenheit die nähere Bekanntschaft der jungen Leute vorausgehen zu lassen.

Die Anwesenheit Aller in Burtonhall, wohin auch er mit Erlaubniß des Königs, der ihn gern zu jener Sendung an die Familie Nottingham beurlaubt hatte, sich begeben durfte, sicherte ihm die Hoffnung, selbst die Herzen seiner jungen Freunde beobachten zu können, da Graf Archimbald sich sehr bereit zeigte, seinen Neffen im Auftrage dahin zu senden, und Ormond zweifelte nicht an dem Gelingen dieser so wünschenswerthen Angelegenheit.

In diese Gedanken vertieft, sehen wir ihn seinen jungen Freund erwartend umher wandeln, als plötzlich die Thüren sich öffneten und die junge schöne Marquise Danville eintrat, die, begleitet von einem Pagen, der ihr vorleuchtete, durch diesen zur Verbindung mehrerer Gemächer dienenden Saal eilte, um sich nach ihren Zimmern zu begeben. Sie gab ein mächtiges Erschrecken vor, hier dem einsam wandelnden Lord zu begegnen, aber die Bewegungen des Erstaunens kleideten sie so ungemein gut, daß sie dieselben über Gebühr verlängerte, und es sei uns der Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit um so eher vergeben, da Lord Ormond vornehm, reich und mit allen persönlichen Vorzügen geschmückt war, die von dieser geschickten Frau nicht übersehen werden konnten.

Auch hatte das Schicksal die Lady bisher schlecht bedacht. Im vierzehnten Jahre war sie bereits dem alten Marquis Danville vermählt, und obgleich jetzt Witwe und Besitzerin eines bedeutenden Vermögens, wünschte die junge Leidtragende doch in aller Billigkeit die Vernachlässigung, die ihre Jugend erfahren, durch den Besitz eines Mannes nach ihrem Sinne auszugleichen. Wenn nun auch Lord Membrocke sich fast bereit zeigte, durch Darreichung seiner Hand sich in Besitz ihrer Reichthümer [85] zu setzen, und wenn sie es auch nicht aufgeben mochte, ihn als ihren Bewunderer gelten zu lassen, hatte sie doch Verstand genug, Lord Ormond für eine bessere Partie anzusehn. Sie war daher während ihres Beisammenseins mit ihm schon alle mögliche Versuche, ihn zu fesseln, durchgegangen, ohne ihrem Ziele näher gerückt zu sein.

Ha, rief sie, Lord Ormond, Ihr seid böse, mich arme, erschütterte Frau so zu erschrecken, wie konnte ich Euch hier ahnen!

Ich bin bekümmert, Mylady, rief der Lord, ihr höflich entgegen tretend, und gebe zu, daß meine Gegenwart unerwartet ist; aber erlaubt mir nun, Euch meinen Arm zu geben, um Euch nach Euern Gemächern zu geleiten.

Der Lady war dies zwar ganz recht, daß der Lord sie aber nun wirklich ohne Weiteres mit aller Höflichkeit und unaufhaltsamen Schrittes durch den Saal zu führen begann, zertrümmerte alle ihre Hoffnungen, die auf ein so interessantes Zusammentreffen gestützt waren, welches bisher gefehlt hatte und jetzt unbenutzt vorübergehen sollte.

Die kühlen, höflichen Worte Ormonds ließen nämlich nicht die kleinste Scene einleiten, und so hatten die in so getheiltem Interesse Wandelnden die Gallerie erreicht, woran die Zimmer der Dame stießen, als Beider Gedanken abgelenkt wurden, durch eine vor ihren Augen sich begebende Scene.

Sie sahen nämlich deutlich eine Dame die Gallerie hinabeilen, an ihrer Seite im lebhaften Gespräch einen Mann, den sie Beide augenblicklich für Lord Membrocke erkannten. Jetzt blieb die Dame stehen, sie wendete sich und schien ihren Begleiter entfernen zu wollen; Lord Membrocke kniete nieder und schien flehend ihre Theilnahme zu fordern.

Die Dame beugte sich, ob zum Abwehren oder Erhören seiner Bitten, blieb unentschieden, da Beide jetzt erschreckt auffuhren, indem Lord Richmond, der sich zu Lord Ormond begeben [86] wollte, sie fast erreicht hatte und durch seine absichtlich lauten Schritte sich jetzt kund gab. Die Dame verschwand rasch in einer Thür, und Membrocke eilte grüßend an Richmond vorüber.

Die Heuchlerin! rief die Marquise, dieser Hochmuth vor den Augen der Welt, und doch eine Intrigue mit diesem sittenlosen Lord!

Wen meint Ihr, rief Ormond heftig bewegt; wie könnt Ihr entscheiden, wer diese Dame war, da das Mondlicht allein die Gallerie erleuchtet und wir uns irren können, sicher irren.

Irren? rief die Lady stolz und kalt, indem sie ihren Arm aus dem seinigen zog, irren? Wo wäre denn zum zweiten Mal diese neu erstandene Maria Stuart, die Ihr selbst wohl hinreichend kennen müßt, da Eure Augen sie stets begleiten und jetzt Eure Furcht vor ihrer Beschimpfung Euch hinreichend verräth. Ja, glaubt nur, Mylord, diese Erbin von Maria's Reizen ist auch die Erbin ihres bösen Blutes, ich durchschaute sie schon längst. –

Um Gotteswillen, Lady, mäßigt Euch und seid nicht so grausam voreilig, es kann nicht sein, sicher Ihr irrt, es war nicht Lady Melville. –

Mit Hohn blickte die erzürnte Dame in das Gesicht des Grafen, dann rief sie bitter lächelnd: Unser Streit wird bald zu schlichten sein. Dort kömmt Lord Richmond; er war ihnen ganz nah, er wird entscheiden können, wer diese zweideutige Dame war. Hierher, Lord Richmond! Meine Schritte sind gehemmt durch Erstaunen und Unwillen. Wie ist es möglich, daß Lady Melville sich zu diesem Liebhaber verstehen konnte? Erzählt uns, habt Ihr gehört, was sie sprachen? Wollte er sie umarmen, erhörte sie sein Flehen? – Unter diesen stürmischen Fragen der Lady war Richmond näher gekommen. Aber auch die listige Stellung ihrer Fragen sollte ihr zu keiner Bestätigung helfen; denn Richmonds zartes Gefühl erkannte mit Widerwillen die [87] heftige Schadenfreude, womit sie das Böse zu vernehmen trachtete, und war sogleich entschlossen, ihr diese nicht zu gewähren. Lord Membrocke habe ich erkannt, erwiederte er ihr daher in gemessenem Tone, über die Dame aber, in deren Nähe er sich befand, kann ich nicht urtheilen, da das Licht in der Gallerie zu unbestimmt ist, wie Euer Gnaden selbst bemerken werden.

Ein kurzes, bitteres Gelächter brach hier aus dem Munde der höchlichst getäuschten Lady. Nun, Mylords, rief sie heftig, wenn Ihr Beide Eure Augen nur habt, wenn es gilt, diese Abenteuerin zu bewundern, so seid sicher, mein Auge war scharf genug, diese angebliche Lady Melville zu erkennen, und ich weiß jetzt genug von ihr. Ich wünsche Euch angenehme Träume, fügte sie spöttisch hinzu und verschwand in der Thüre, die zu ihrem Zimmer führte.

Die beiden Freunde kehrten schweigend nach dem Saale zurück, wohin sie zu kommen sich verabredet hatten, aber ohne der ersehnten traulichen Mittheilung zu gedenken, wandelten sie neben einander mehrere Mal auf und ab, bis endlich Lord Ormond Richmonds Arm ergriff und mit einer tief bewegten Stimme ihn anredete: Sprich, Richmond, giebt es keinen Zweifel, bist Du gewiß, daß sie es war?

Sie war es! erwiederte er ernst, denn sie ist nicht zu verkennen.

Großer Gott! rief Ormond heftig, welch' ein Zusammenhang knüpft dies Wesen an den nichtswürdigen Buben? Ich kann nicht glauben, was diese Danville auszusprechen wagt; ein anderer trauriger Zwang muß sie beherrschen. Sie steht verlassen ohne natürlichen Beistand da, jung und unerfahren; welch' ein Höllengedanke, daß es dem gelenken Bösewicht gelingen könnte, diesen Engel zu verlocken!

Und, sagte Richmond, bist Du wirklich sicher, daß sie dieses gute Vorurtheil verdient? Hast Du seither im täglichen [88] Verkehr sie so genau geprüft? Ich kann mich zum Vertrauen noch nicht stimmen lassen, obwol ich es theilnehmend anerkenne, daß es ein hartes Loos ist, so da zu stehn, wie sie. Der kleinste Zweifel an der Reinheit einer Frau hängt sich verunstaltend um sie, wie ein böses Schlinggewächs um der Säule ebenmäßigen Bau; und Zweifel mindestens hat sie erregt. Kannst Du die Räthsel lösen, die ihr Leben, ihr Erscheinen unter uns begleiten? Kannst Du des Argwohns Dich überheben, wenn Du sie kennst?

Ich kenne diese geheimnißvollen Umstände, ergriff nun ruhiger Ormond das Wort, und weiß sie nicht zu lösen, doch fern bleibt von mir jeder Argwohn. Kenne sie nur erst und laß sie selbst Dir Zeugniß ablegen von der unverfälschten Reinheit ihrer Seele! Sie fühlt den Schmerz, der ihrer Lage zugetheilt ist, nur als das trostlos plötzliche Vereinsamen eines in Liebesfülle aufgeblühten Kindes; doch fern liegt ihr die Ahnung einer ihr dadurch aufgedrückten Zweideutigkeit. Sie hat den festbegründeten Stolz der Unschuld und jenes rührende Vertrauen in die Wahrheit noch, durch deren offne Enthüllung sie sich selbst und uns allen glaubt Genüge gethan zu haben. Sie lebt so ohne Furcht vor uns in diesem Kreise, daß sie sich um nähere Enthüllung ihres geheimnißvollen Lebens nur deshalb sorgend müht, weil sie der Unruhe ihrer Freunde über ihr Verschwinden denkt und es sich selig träumt, diejenigen der Ihrigen, die sie noch am Leben hofft, uns zuzuführen. Daß uns das Erscheinen dieser Freunde zum Zeugniß über sie auch nöthig scheinen könnte, ahnt ihre Seele nicht. Und wer muß ihren unbekannten Freunden nicht Zeugniß hoher Einsicht ablegen, wenn er die Erziehung dieses Mädchens kennt? Die Natur hat an dieser schönen Hülle sich nicht erschöpft; frei, großartig und edel ist jeder Trieb in dieser Brust, doch wie hat auch die Erziehung mit höchster Weisheit, mit Ehrfurcht fast vor dieser natürlichen Gestaltung, gegen [89] alle Verkrüppelung sie bewahrt! Ich kenne die Pläne, die Berechnungen ihrer Erzieher nicht, darum kann ich nur sagen, es scheint, sie ist zu einer großen Bestimmung auferzogen, und ihrer Natur eine völlig freie und eigenthümliche Entwickelung gegönnt. Sie hat die Formen, die wir an Frauen lieben, die von der feinsten Sitte der vornehmen Welt erzogen wurden, und dennoch ist es, als ob sie nichts von allem diesen wüßte, als ob ihr hohes weibliches Gefühl sie jedes Mal die Formen erfinden ließe, die dann dem strengsten Richter genügen müssen. Sie geht ruhig, arglos wie ein Kind, unter all diesen verschiedenen Gestalten hier umher und weiß sich überall zu finden; aber ein unedles Wort reizt schnell dies sorglose Kind, sie hat ein kräftiges Herz, des edeln Zornes fähig, und wunderbar tritt dann ein ächter Stolz aus ihr hervor. Dann fühlt man erst, wie völlig wahr und natürlich sie gebildet ist, und denkt mit Freuden der schönen Natur, die sie so mäßig, klar und ruhig in allen Verhältnissen bleiben läßt. Nein, ich kann den Glauben an ihre reine Abkunft nicht aufgeben; es wird noch Licht über sie kommen; diese Ungerechtigkeit, sie der Mißdeutung preis zu geben, begeht der Himmel nicht an seinem Liebling!

Richmond drückte, bewegt von dem warmen Eifer des edeln Freundes, seine Hand, er hatte das schöne Bild, welches aus seinen beredten Worten vor ihm aufgestiegen, mit einem unaussprechlichen Gefühl als ein bekanntes, zum Leben auferstandenes in seinem tiefsten Gemüthe aufgefaßt und fühlte sich davon zu sehr gerührt, um ruhig plaudernd, wie es die Absicht dieses Beisammenseins verlangte, auszuharren.

Auch schien Lord Ormond davon wie von etwas Ausgesprochenem überzeugt. Freundlich, innig preßten sie sich, Abschied nehmend, an einander und Jeder eilte, reich mit eigenen Gedanken ausgestattet, zur willkommenen Einsamkeit.

[90] Erst als Ormonds Blicke hier in seinem Zimmer auf eine kleine Zeichnung von Ollonie's Hand fielen, gedachte er, wie so ganz er bei jenem Zusammensein mit Richmond seine Absicht außer Acht gelassen, ihn aufmerksam auf Ollonie zu machen. Er blieb betroffen stehn, dann schien ihn plötzlich Schreck und Schmerz zu überwältigen, er hob die Hände gepreßt gegen die Stirn, und wir verlassen ihn, um Richmond zu belauschen, der, sein Zimmer durchmessend, seufzend mehr als ein Mal zu sich sprach: Du armer Bruder!


Längst war das Ereigniß, das ihrer Feindin und ihren Freunden so auffallend ward, aus den Gedanken Maria's entschwunden; wir finden sie in ihrem Zimmer, halb entkleidet, auf einem Tabouret, vor dem mit ihrem Schmuck belegten Nachttisch sitzen, und die alte, ihr zugetheilte und sie zärtlich liebende Kammerfrau beschäftigt, das schöne braune Haar, das wie ein seidner Mantel um ihre Schultern hing, zur Nacht zu kämmen und in Flechten aufzubinden. Doch immer zog sie kopfschüttelnd den Kamm zurück; denn immer berührte er fünf weiße, schlanke Finger, die trotz der wiederholten Verletzung stets bemüht waren, das zarte Haupt zu stützen, das, schwer von Gedanken, einem unergründlichen Geheimniß nachzusinnen schien.

Vergeblich hatte die gute alte Errol gehustet, bei Berührung des Kammes um Verzeihung gebeten, ihre sonst stets heitere, auf die alte Pflegerin aufmerksame Gebieterin blieb heute den kleinen, sonst so leicht verstandenen Bemühungen, eine Unterredung anzuknüpfen, unzugänglich.

Ihr seid müde, theure Lady, hob sie nun endlich lauter an, und wenn Ihr Eure liebe Hand zurückziehn wollt, will ich Euch bald zur Ruhe helfen, aber ich muß doch Eure Haare aufbinden. [91] Ein holdes, aber stummes Lächeln war die ganze Antwort, aber die schöne Hand ruhte nun friedlich neben der andern im Schooß und die alte Errol eilte ungestört ihr Werk zu vollenden.

Kein Wunder, fuhr sie fort, noch immer bemüht, ihr Rede abzugewinnen, daß Ihr so müde seid; habt Ihr doch heute Nachmittag gar viel Bewegung Euch gemacht. Wahrlich, Euch kann Niemand übertreffen. Die jungen Damen, so zierlich sie sind, keine weiß bei allen Spielen das zu leisten, was Ihr vermögt, und wäre Lord Richmond nicht gekommen, auch die Kavaliere hättet Ihr besiegt, aber der, das liebe Kind, von Jugend auf war er der Klügste, Beste und Geschickteste!

Lord Richmond, so tönte es jetzt über die Lippen der schweigsamen Lady, Lord Richmond, ja wohl, Du mußt ihn kennen, Du warst ja von Jugend auf in Godwie-Castle. –

Ja, Mylady, zu Befehl; und Anne, meine liebe jüngste Schwester, die an den Master Jepson verheirathet ist, die war seine Amme. Es war von Geburt an ein schönes begabtes Kind, und heute, wie er mit Euch um die Wette durch das seidne Tau lief, da war es mir, als sähe ich ihn wieder als Knaben vor mir. –

Aber wo warst Du, Errol, ich sah Dich nicht, als wir heute spielten? –

Euer Gnaden, der Master Lovelace hatte uns erlaubt, die obere Gallerie, die an den Speisesaal stößt und gerade auf den Platz sieht, zu besuchen, denn Alle wollten gern den jungen Herrn sehen. –

Während dem war die alte Errol mit ihrer Arbeit zu Ende gekommen. Sie küßte jetzt die schönen Hände, da die junge Dame stets ohne Hülfe ihr Bett bestieg, und entfernte sich, froh, daß sie ganz so freundlich, wie gewöhnlich, von ihrer jungen Herrschaft entlassen worden war.

[92] Maria fand sich nun allein. Sie dachte, daß der Augenblick zu beten gekommen sei, und hoffte dann durch den Schlaf ihrer sonderbaren Stimmung enthoben zu werden. Sie kniete in hoffnungsvoller Erwartung des Gebets vor ihrem kleinen Pulte nieder; aber es blieb Alles stumm in ihr, ihr ganzes Innere schien still zu stehen, und sie selbst stand, wie vor etwas Fremdem, in erstaunensvolle Selbstbeschauung aufgelöst. Wie die Hallen an einem Feierabend vor dem Feste, so war ihr Herz mit dem vollsten Schmucke angethan, aber die lautlose Stille darin zeigte an, daß der Morgen noch nicht angebrochen war, der dieser stillen Vorfeier Namen und Bedeutung verleihen sollte.

Kindlich geängstigt von dem Gedanken, nicht beten zu können, hob sie flehend ihre Hand zum Himmel. Herr, mein Gott und Vater! rief sie aus tiefer Brust, sieh mich an und sei mir gnädig!

Dann senkte sie ihr schönes Haupt lange auf das Pult, küßte endlich inbrünstig ihr kleines griechisches Evangelium, das ihr zur Erbauung diente, und legte sich beklommen und sich selbst entfremdet auf ihr Lager. Da flossen endlich die Thränen, die sie bisher aus Scham bekämpft, und sie wehrte ihnen nicht länger, obwol sie es tadelte, so ohne Ursach zu weinen; und wie ein unschuldiges Kind weinte sie sich in die Arme des Schlafes hinüber.

Die Sonne Englands leuchtet nur selten am frühen Morgen mit dem hellen, farblosen Lichte anderer Länder. In Nebel und feuchte Dünste gehüllt, verbreitet sie ein weniger helles und wärmendes, aber alsdann von der zartesten Rosenfarbe magisch verklärtes Licht. In langen schmalen Streifen sendete sie am andern Morgen ihren zauberischen Glanz durch die bunten gothischen Fenster in das Schlafgemach der hold noch Träumenden. Auf dem glänzenden Tafelwerk an Wänden und Fußboden schienen die farbigen Scheiben ihr Licht als zerstreute Blumen [93] zu malen, gleichsam neckend, um die Schläferin zu wecken. So ruhte das schöne Kind, ganz übergossen von den bunten Lichtern, auf ihrem Lager, dessen Vorhänge, weit zurückgezogen, ihnen vollen Einzug gönnten. Doch schon zuckten zuweilen die zarten Augenlieder, und eben wollten die feinen Hände die blendenden Lichter aus den Augen streichen, da vollendeten diese selbst das angefangene Werk, und zwei klare Augen öffneten sich dem heitern Morgen.

Mit einer unbeschreiblich süßen Empfindung ward sie sich ihrer selbst bewußt. Wie ein Kind, das liebes Spielzeug wieder erkennt, schaute sie, lächelnd aufgerichtet, umher in das lieblich gefärbte Gemach, den Gegenständen ihre anmuthigen, wohlbekannten Erscheinungen aufs Neue ablauschend. Als sie auch ihr weißes Gewand und sich selbst mit bunten Lichtern übergossen sah, entschlüpfte sie leichten Fußes dem so lustig bestreuten Lager, und hinaus in die Frische des herrlichen Morgens sehnte sich die heiße Brust. Jugendlich erquickt und erfreut durch den gesunden Schlaf, gedachte sie nicht ihrer Empfindungen am Abend, oder glaubte sie doch, nach flüchtiger Erwägung, glücklich beseitigt. Ein doppelt und dreifaches Leben an seliger Heiterkeit füllte ja heute die gestern so beklommene Brust; sie mußte ja niederknien, und dies Mal fehlte das Gebet ihr nicht; ja, ein Hymnus von Dank und Liebe gegen Gott strömte aus dem seligen Herzen, und als sie, von Freude und Andacht leuchtend, aufstand, da schien sie die andächtig harrende Errol zu fragen: Ist es nicht eine Seligkeit zu leben?

Mit dem heitersten Lächeln strich sie über das alte liebe Gesicht, und ein Kind kann nicht theilnehmender nach der Nachtruh der Mutter forschen, als jetzt das schöne Fräulein die alte Dienerin befrug.

Dazwischen lauschte sie stets nach den Fenstern hin, und das erwachende Leben in der Natur entging ihren aufmerkenden [94] Sinnen nicht. Zwar war die Zeit des Sommers schon dahin, aber der Herbst hatte noch sein eigenthümliches Leben nicht verloren, und sie hörte von fern den Reiher über dem Moore sich mit vereinzeltem Geschrei erheben, der Drossel nahen sanften Ton und der Seemöwe weitgetragenen, gellenden Ruf. Hell lachte sie den Schwalben nach, die, aus dem Mauergesimse emporschwirrend, sich erst an den glänzenden Scheiben mit dem Kopf stoßen mußten, ehe sie den rechten Weg in das Weite fanden. Hinter ihnen her strebte ihre Seele mit Ungeduld und schnell half sie selbst sich in die zierliche Morgenkleidung hüllen. Dem Klima und der Sitte gemäß, bestand diese weder in Mousselin, noch seidenem Stoffe, sondern sie wählte einen dunkeln Sammet, dessen Ränder mit feiner Goldstickerei zu dem goldnen Netze paßten, das die glänzenden Zöpfe umschloß und von einem kleinen Federhute überbaut wurde, der so leicht wie ein Heiligenschein um den Kopf saß, weder der Sonne, noch dem Sturme zu wehren vermögend. Während dies in eigentlicher Schnelligkeit bald beendigt ward, hatte sich zu wiederholten Malen ein Geräusch an der Thüre hören lassen, das zwar einen ungestüm Harrenden andeutete, aber zugleich von einem Willkommenen herrühren mußte, denn jedes Mal blickte Lady Maria mit dem schalkhaften Lächeln zur alten Errol auf, die dann jedes Mal lachend nach der Thür hinnickte.

Jetzt war das schöne Wesen von Kopf bis zu Fuße geschmückt, und trotz des dabei waltenden Eifers doch von keinem andern Gefühle bewegt, als dem der gehörigen Abfertigung eines nöthigen Geschäfts. Rasch und von eigener freudiger Ungeduld übereilt, flog sie gegen die Thür, und sogleich stürzte sich Gaston ihr mit dem ausgelassensten Jubel entgegen, und nachdem sie seine Liebkosungen empfangen, jagte er, die kühnsten Sprünge wagend, und in langen Bogen sie umkreisend und wieder erreichend, um sie her, während sie selbst, wie ein flüchtiges [95] Reh, über die Stiegen und Gallerien mit ihm hinab eilte in den herrlich ihr entgegen leuchtenden Park.

Aber welch' ein Morgen schien ihr der heutige. Welch' ein Licht, welch' ein Farbenglanz und welch' eine leichte balsamische Luft, von der sie sich wie getragen fühlte! Welch' ein Gefühl von Glück und Muth und Hoffnung schien ihr von ihm auszugehen. Ihre Seele war befreit von dem Kummer, der seine schwere Hand nach ihr in der Einsamkeit auszustrecken pflegte, die Bilder der verlorenen Lieben ihr vorführend und ihr eigenes vereinsamtes Loos.

Ach! wohl gedachte sie ihrer Lieben; aber heute mehrten sie nur die unschuldige Seligkeit des Herzens, und statt ihrer sonst in Thränen gehüllten Bilder verklärten sie sich jetzt in heiter blickende Engel, die aus dem glühenden Morgenhimmel sich schützend und segnend über sie herab neigten.

Ja, ich muß glücklich sein! rief sie sich zu, denn dies wollten sie ja von mir; und zum ersten Male fiel es ihr ein, wie sie ihr das Glück, das aus einer wahrhaft harmonischen Entwickelung des Menschen hervorgehen müsse, und das sie jetzt empfand, als die Aufgabe des ganzen Lebens gestellt hatten.

Sie fühlte, daß sie an diese Aufgabe zu wenig gedacht, aber heute wollte sie dieselbe zugleich lösen. Sie hielt den Schmerz für besiegt in sich oder doch für aufgelöst in kindlicher Ergebung, und dankte im ausgesprochenen Gebete Gott für das Glück, zu leben. Zu leben! setzten ihre Gedanken das Gespräch des kindlichen Herzens fort, und zu leben unter den edelsten und besten Menschen.

Sie sandte ihnen allen tausend zärtliche Grüße zu, als sie so eben, eine Höhe ersteigend, das in der Ferne über den Bäumen des Parkes sich erhebende Schloß gewahrte. Ach, mit jenen vereint den Tag zu verleben, schien ihr ein nun erst von ihr verstandenes, geschätztes, unnennbares Glück zu sein.

[96] An dem Fuße einer großen Eiche, die noch vollbelaubt mit ihren weit ausgebreiteten Zweigen die Anhöhe beschattete, befand sich ein kleiner Sitz, den Lady Maria am liebsten bei ihren frühen Spaziergängen einnahm. Von hier aus hatte sie einen weiten Blick in die reizende Gegend, die für sie einen besonderen Zauber trug, denn hier konnte sie mit ihren scharfen Augen die fernen Gebirgslinien des Cheriot und die Grenzen Schottlands erspähen. Der Solway, an dessen Ufern sie als Kind gespielt, war zwar verdeckt von dem Gebirge des Peek; aber diese fernen malerischen Linien, diese ersten Grenzwarten des schönen Landes, das sie als ihr Vaterland ansehen mußte, gaben ihrer Phantasie stets die Bilder der Heimat, und es war ihr eine Pflicht geworden, täglich hinüber zu schauen, und sie wie liebe Verwandte zu begrüßen.

Sie mußte sich heute, wie manchen Morgen damit trösten, die Himmelsgegend aufzusuchen; denn so fern hin ruhten noch dichte Nebelschleier um den Horizont. Aber auch dies gab ihrem lebhaften Sinne Genuß, denn gleich einem ungeheuern Oceane breitete sich der Nebel-Hintergrund aus, während der Punkt, wo sie stand, in seiner saftigen Frische wie eine Oase daraus hervor leuchtete.

Voll athmete sie dem schönen Naturbilde entgegen, und Alles ward ihr heut zum Troste oder zur Freude, und jeder Schatten versank, denn ihr Busen war aus gefüllt von einem einzigen, unendlichen Wohllaut!

Gaston, an das Ziel der Wanderung seit lange gewöhnt, hatte voranstürmend sie hier erwartet, und saß nun aufgerichtet gleich einer Schildwache zu ihren Füßen und schaute mit seinen klugen Augen, wie verständig, in die Gegend hinein.

Doch jetzt zog er die Ohren horchend an, wandte unruhig und knurrend den Kopf, und ohne sich von der schmeichelnden Hand seines Schützlings beruhigen zu lassen, schlug er plötzlich [97] hell an und fuhr, seinen großen Körper rasch erhebend, pfeilschnell nach dem Waldwege hin, der von dort aus gleichfalls zu der Höhe führte.

Lady Marie folgte seinem Laufe mit den Augen und sah, wie Gaston sich in seiner ganzen Länge aufgerichtet gegen einen Mann gedrängt hatte, dem er auf diese Weise verwehrte weiter zu schreiten, da sein wildes Gesicht, gegen das seinige gehalten, ihm jede Bewegung mit einem drohenden Knurren erwiederte.

Gaston, Gaston! rief Lady Marie, furchtlos für sich und erschreckend über des Thieres Wildheit, komm zurück, komm zu mir!

Gaston wandte den Kopf nach ihr zurück, und schnell dem Rufe der lieben Stimme gehorchend, stieß er den Mann, ihn eben so heftig loslassend, fast rücklings über und war im selben Augenblicke liebkosend zu ihren Füßen. Noch mit ihm beschäftigt, blickte Lady Marie erst auf, als ste den Schatten des nahenden Mannes vor sich am Boden sah, und jetzt erkannte sie zu ihrem lebhaften Mißvergnügen Lord Membrocke.

Wer die schnelle Verwandlung ihrer Züge und ihrer ganzen Gestalt jetzt betrachtete, mußte der Worte des Lord Ormond gedenken, denn mit geröthetem Antlitze hob sie sich so stolz empor, daß ihr leuchtender Blick den Mann vor ihr zu bedrohen schien.

Je mehr sie in einer traumähnlichen Bewußtlosigkeit sich den süßesten Gefühlen hingegeben und die Wirklichkeit nur in dem schmückenden Gewande dieser Stimmung erblickt hatte, desto ferner war ihr das Andenken an einen Mann getreten, der ihr so viel Veranlassung zum Zürnen gegeben hatte, und ihren Argwohn und ihre Ungeduld unablässig erregte.

Doch der Lord schien nicht geneigt, den Zorn des schönen Fräuleins bemerken zu wollen, sondern näherte sich ihr mit der schlauen Ehrfurcht und Unterwürfigkeit, die ihm allein übrig [98] blieb, um sich in der Nähe dieses stolzen und klugen Kindes erhalten zu können.

Mylady, sprach er, sie ehrfurchtsvoll grüßend, ich muß Euch sehr für Eure Befreiung von meinem Feinde danken, da ich, allerdings überrascht, auf einem friedlichen Spaziergange so fest an der Gurgel gepackt zu werden, mir wenig zu helfen wußte. –

Ich erkannte Euch nicht, Lord Membrocke, als ich Gaston zurück rief, unterbrach ihn Lady Melville, kalt sich von ihm wendend und in die Gegend blickend; es war eine ganz gewöhnliche Handlung des Antheils und vielleicht überflüssig, da Gaston Niemand verletzt und mir nur diesen Platz gern einsam zu erhalten trachtet. –

Ich könnte gehen, wollt Ihr sagen, um Gastons handfeste Bemühungen nicht vergeblich zu machen, setzte er spöttisch hinzu; ich bin also offenbar hier zuviel, und hättet Ihr gewußt, daß Lord Membrockes Gurgel unter seinen Krallen zusammen geschnürt war, so hättet Ihr vielleicht es nicht der Mühe werth erachtet, ihn abzurufen. Mylady, erlaubt mir Euch zu sagen, Euer Stolz thut hier Euerm schönen Herzen mehr Schaden, als er verantworten kann. Ihr haßt Niemand so heftig, selbst den armen Membrocke nicht, um ihn gleichgültig irgend einer Gefahr ausgesetzt zu sehen, wenn Ihr sie mit einem Laute Eurer holden Stimme abwenden könntet.

Es lag zu viel Wahres in diesem Vorwurfe, als daß er nicht das offene und bescheidene Gemüth Maria's hätte treffen sollen. Sie glaubte ohne Grund eine unweibliche Härte begangen zu haben, und die früheren Veranlassungen ihrer nöthigen Zurückhaltung über diesen Vorwurf vergessend, wandte sie sich mit milderem Wesen zu ihm.

Mylord, sprach sie, in den ruhigen Ton der Höflichkeit übergehend, Ihr vertraut meinem Herzen nicht zu viel; ich [99] hoffe, daß es sich nie vom allgemein menschlichen Wohlwollen zu gehässiger Ausschließung verirren wird. Sollten meine Worte in der ersten Ueberraschung gegen Euch das Gegentheil ausgedrückt haben, so mögt Ihr mir verzeihen.

Lord Membrocke jauchzte innerlich, dies stolze Wesen gegen sich in Nachtheil gebracht zu haben, und hätte Lady Maria das boshafte Lächeln gesehen, womit er hinter ihr stehend sie betrachtete, sie hätte vielleicht bereut, auf seine Worte gehört zu haben.

Was könntet Ihr noch sagen, Mylady, erwiederte er sanft zurückhaltend, was härter wäre, als das grenzenlose Mißtrauen, womit Ihr mich behandelt, seitdem Euer bezaubernder Liebreiz aus dem geheimen Abgesandten Eurer Freunde Euren zärtlichsten und unglücklichsten Anbeter machte.

Ihr habt mir befohlen darüber zu schweigen, fuhr er fort, als die Lady sich augenblicklich anschickte, die Höhe hinabzusteigen, indem er ihr ehrerbietig, aber nahe genug folgte, um ihr Ohr noch zu erreichen, – und ich werde Euern Befehl befolgen, so lange meine schwache Kraft es vermag; aber ich beschwöre Euch noch ein Mal, wendet um dieser unschuldigen, unfreiwilligen Vergehung meines Herzens nicht Euer Vertrauen ganz von mir. Denkt, ich wiederhole es Euch, daß ich der Einzige bin, dem sich Euer unglücklicher Oheim vertrauen durfte, um Euch, dem letzten ihm gebliebenen Troste, von ihm Kunde zu geben. Er ist umstellt, verfolgt und jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt, seine Sicherheit durch Flucht bewirken zu müssen. Bedenkt, was Ihr thut, indem Ihr mir versagt, Euch zu ihm zu führen, und so die Zeit vergehen laßt, die ich viel nützlicher an seiner Seite zubringen könnte.

Mylord, sprach hier Lady Melville, ohne still zu stehen, Ihr behandelt mich auf eine unverzeihliche Weise. Eure unschicklichen Verfolgungen lassen mich nichts für wichtiger halten, [100] als wie ich mich denselben entziehen soll, und das wenigstens darf ich nicht bezweifeln, daß mein Oheim Euch nie zu seinem Vermittler gewählt haben würde, hätte er ahnen können, mich dadurch in die beleidigende Vertraulichkeit mit einem Manne zu bringen, der damit anfing, mich zum Gegenstande einer unehrerbietigen Neigung zu machen. Aber davon abgesehen, daß das Vertrauen eines der edelsten Menschen Euch hätte bewegen müssen, mich mit Achtung zu behandeln, muß ich jedenfalls einen Mann gering achten, der eine Lage, wie die meinige, zu benutzen sucht, um, während ich meines natürlichen Schutzes beraubt bin, mir Vorschläge zu thun, an die ich nicht denken darf, ohne Eure Nähe gleich der einer giftigen Schlange zu fliehen. Seitdem Ihr meinen Zorn empfunden habt, erst seitdem tretet Ihr als Gesandter auf, und unter der Autorität der Namen, die mir heilig sind, sucht Ihr mein verscheuchtes Vertrauen wieder zurück zu bringen. Vielleicht hatte ich Unrecht, Euch noch ein einziges Mal Gehör zu geben, aber ich bin noch zu jung, zu wenig gewohnt mich selbst zu leiten, und war zu überwältigt von dem Gedanken an die Möglichkeit dieses letzten, einzigen Schutzes, der mir geblieben, um dem nöthigen und allzusehr gerechtfertigten Mißtrauen sogleich Gehör geben zu können. Ihr habt, auf diese theure Namen hin, mich mit ungekannten Schrecknissen bedrohend, eine Verschwiegenheit von mir erpreßt, die mich unaufhörlich beleidigt, die mich wie eine Schuld gegen die edle Familie belastet, der ich das unbedingteste Vertrauen schuldig zu sein glaube, und welche Ihr mir ohne alle Gründe als Gefahr bringend schildern wollt. Aber seid sicher, mein Herz verwirft diese falsche Stellung jeden Tag lebhafter, und eben heute fühle ich es unerläßlich, mich wieder rein zu stellen; heute noch soll die Herzogin von Nottingham erfahren, was Ihr von mir verlangt, in wessen geheimer Vollmacht Ihr hier zu sein vorgebt, und hat sie für mich geprüft, [101] dann mögt Ihr immerhin unter dem Gefolge Euch befinden, das sie mir ersehen wird, um mich an den Ort meiner Bestimmung zu führen.

Nun, rief hier Membrocke mit einem Zorn, den er längst einmal gegen das muthige Mädchen zu versuchen entschlossen war, und wozu er sich ziemlich durch ihre wegwerfende Antwort geneigt fühlte; nun so folgt denn Euerm übermüthigen Sinn und seid es dann selbst, welche die letzte Hand an das Schicksal Euers Oheims legt. Wisset, daß das erste Wort, was mich als den geheimen Freund Eures Verwandten vor dieser Frau bezeichnet, mich zwingen wird, ihn ihr zu nennen und seinen Aufenthalt zu entdecken, und wisset, daß es derselbe ist, der, in die Angelegenheiten des Grafen von Bristol verwickelt, von diesem durch ein einziges Wort zum Schaffot geführt werden kann.

Lady Melville bebte hier unwillkürlich zusammen, und als sie ihr schönes Antlitz zu ihm wandte, war es erblaßt, und ihr großes Auge schaute voll Entsetzen zu ihm auf.

Ja, vollendete Membrocke, die ihn erfreuende Wirkung beobachtend, ja, Ihr wollt nicht geschont sein, und sollt es denn endlich wissen, wie schrecklich die Lage Euers Oheims ist, wie sehr sie geschont sein will. Gewiß habt Ihr den Namen Buckingham nennen hören, und müßt ahnen, daß Eure Verwandten nur zu nah mit diesem erlauchten Geschlechte verbunden sind. Eben jetzt ist Graf Bristol zurückgekehrt; wegen der spanischen Zwistigkeiten sucht er sich zu rechtfertigen, indem er den Herzog von Buckingham anklagt. Nur zu leicht würde ihm das gelingen, könnte Graf Bristol den Aufenthalt Euers Oheims entdecken und ihn vor Gericht laden. Genug Zeugnisse werden gegen ihn reden, denn sein edles vertrauungsvolles Gemüth hatte ihn an Schritten theilnehmen lassen, deren Aufdeckung, nach der gänzlich verfehlten, sicher guten Absicht, jedem Theilnehmer [102] den Tod bringen muß, da es die Auflösung der spanischen Vermählung und den daraus sich jetzt entwickelnden Krieg betrifft. Das Parlament ist versammelt. Graf Bristol muß seine Anklagen beweisen, wenn er nicht das gezückte Schwert über sein eigenes Haupt rufen will. Es blieb Euerem Verwandten nichts übrig, als Flucht. In tiefster Verborgenheit an der Grenze des Königreichs harrt er, ob die Nachforschungen Bristols ihm nahen werden, um dann sogleich allein, trostlos und verlassen von aller Liebe, in ein fremdes Land zu fliehen. Die ganze Familie Nottingham unterstützt diese Nachforschungen; denn sie verhehlen sich nicht, daß ohne diese Beweise die Lage des Grafen sehr bedenklich wird. – Geht jetzt hin und entdeckt selbst der Tochter des Grafen Bristol, wohin sich der geflüchtet, den sie um den Preis ihres halben Lebens suchen würde, und wenn dann das Henkerbeil ihn erreicht, so laßt mir wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich Euch warnte.

Lord Membrocke hatte mit der vollen Sicherheit gesprochen, die er in der Ueberzeugung gewann, sie erschüttert zu haben; aber seine Berechnungen sollten immer an einem solchen weiblichen Karakter scheitern, von dem er überhaupt keine Vorstellung hatte. Die heftige Erschütterung des ersten Augenblicks bemeisternd, suchte ihr an klares Nachdenken gewöhnter Geist diese überraschenden Thatsachen zu prüfen, und, unterstützt von ihrem Widerwillen und ihrem Mißtrauen gegen den Erzähler, weigerte sich bald ihr ganzes Innere, ihm Glauben beizumessen.

Ich kann nicht denken, daß die Lage meines theuern Oheims so ist, wie Ihr sie darstellen wollt, und niemals kann ich annehmen, daß dieser stolze und reine Karakter in irgend eine Handlung verwickelt sein sollte, die ihn zu einer so schimpflichen Verborgenheit zwingen könnte. Hätte dieser Engel von Milde und Güte sich aber zu einem Schritte weiter verleiten lassen, den er bereuen müßte, nimmer würde er geduldet haben, [103] daß ein anderer dadurch in Gefahr geriethe; er wäre der Erste gewesen, der dem Parlament als sein eigner Ankläger sich gegenüber gestellt hätte. Graf Bristol hätte in ihm selbst seinen Vertheidiger gefunden, ob auch das Henkerbeil, wie Ihr sagt, dann über seinem Haupte zuckte. Ha! rief sie, begeistert von dem Tugendzeugniß, das sie diesem geliebten Andenken abgelegt, gesteht es nur, Ihr habt eine schlechte Mähr ersonnen, mich von denen zu entfernen, bei denen ich nur allein Schutz und Hülfe finden konnte gegen Euern bösen Willen, und Gott mag Euch vergeben, daß Ihr dazu mir so heilige Namen mißbrauchtet.

Wieder eilte sie heftig erzürnt den Weg vor ihm her, welcher nun in einen breiten Laubgang einlenkte, der aus den Frühstückssaal zuführte, in dem bereits alle Mitglieder des Hauses und der Gesellschaft versammelt waren. Nun so rette Euch Gott, halsstarriges Mädchen, rief Membrocke, und Du, theurer unglücklicher Freund, magst mir vergeben, daß ich Dein mir so heiliges Vertauen an ein so trotziges, wildes Wesen verrieth, auf dessen Liebe Du zu viel bautest.

Lady Melville blieb stehen. Trotz der Gewalt, die sie ihrem Herzen anthat, ihre Besonnenheit zu erhalten, ward doch durch die früheren Worte Membrocke's in ihr eine Angst erregt, die sie nicht mehr zu beschwören vermochte. Tief aber traf sie der letzte Vorwurf selbst aus diesem Munde.

Gott, Du bist mein Zeuge, rief sie, indem ihre Stimme bebte, daß, könnte ich Euch glauben, ich zu Fuß als Bettlerin, ja, selbst mit Euch, bis an den fernsten Punkt der Erde wandeln würde, ihn aufzusuchen und ihm mit meiner Liebe innig zu dienen, aber – Sie schwieg, und Schmerz und Unruhe lagen so unschuldig rührend in diesen holden Zügen ausgedrückt, daß Membrocke, selbst einen Augenblick davon ergriffen, beschloß, sie zu seiner wirklichen Gemahlin zu erheben, und nach dieser [104] tugendhaften Entschließung um so dreister seine bösen Geister aufrief, sie durch alle erdenklichen Täuschungen in seine Gewalt zu bringen.

Wie kann ich nun wieder diesen Betheuerungen glauben, sprach er mit unverstellter Anmaßung, da überhaupt Eure ganze Theilnahme für Eure natürlichen Freunde in derjenigen untergegangen zu sein scheint, womit Euch hier diese fremde Familie fesselt?

Einen Tag früher hätte Maria diesen Vorwurf mit Unwillen zurückgewiesen; heute bebte sie innerlich davor, aus einem ihr selbst noch nicht bekannten Grunde, wie vor einer Wahrheit zurück.

Ich weiß, fuhr Membrocke fort, durch den Mund Eures Oheims, daß Ihr noch nicht den Namen desselben kennt, Ihr irrt, wenn Ihr ihn für einen Grafen von Marr haltet, Ihr beginnet selbst dies zu ahnen und wißt, daß Eure Beschützer ebenso daran zweifeln. Warum war aber Euer Antheil so lau, daß Ihr nicht von mir eine so wichtige Nachricht vernehmen wolltet, die doch wohl unzweifelhaft mir bekannt sein muß?

Marie erglühte bei dem Gedanken an diese Art von Rechenschaft, die der fremde verhaßte Mann von ihr zu fordern schien.

Erinnert Euch, Mylord, rief sie stolz, daß aus mei nem Munde an Euch nie ein anderes Wort ergangen ist, als was ich, von Eurer Zudringlichkeit gezwungen, aussprechen mußte; daß ich mich nie zu einer Frage herabließ, die den verhaßten Zwang Eurer Nähe mir hätte verlängern können, daß ich vor Allem nie anerkannt habe, Ihr könntet irgend etwas von denen wissen, die ich zu hoch verehre, um Euch als ihren Abgesandten ansehen zu mögen. Ein Name, wie wichtig mir auch der rechte sein möchte, würde, aus Euerm Munde gehört, für mich keinen höhern Werth haben, als jener, den ich jetzt schon als [105] einen von mir irrig angenommenen ansehen muß. Laßt die Vertraulichkeit, womit Ihr mir Rechenschaft abzufordern geneigt seid, Ihr seid und bleibt mir völlig fremd.

Sie eilte vorwärts, bis zur Hälfte schon die Allee zurücklegend, und Membrocke fühlte nun mit Unwillen, wie schwer ihm hier jeder Schritt gemacht würde, wie er auch jetzt wieder einlenken müßte. Er suchte sie daher zu erreichen, und trotz dem, daß Gaston sich zwischen ihn und seine Gebieterin gedrängt hatte, versuchte er doch so nah und vertraulich, wie möglich, neben ihr zu schlendern, da er im Angesicht des angefüllten Saales hoffen durfte, bemerkt zu werden. Dies unterstützte seine Absicht, den Schein eines Einverständnisses mit ihr zu erwecken und die in Bezug auf sie gefaßte gute Meinung zu erschüttern, welches ihn hoffen ließ, eine Spaltung hervorzubringen, die sie hilfloser und isolirter machen mußte.

Euer Zorn, hob er aufs Neue an, obwol ich immer dessen Ziel sein muß, legt gegen Euern Willen Zeugniß von Euerm treuen kindlichen Herzen ab, das ich nöthig hatte, um Euch nun bald Beweise geben und anvertrauen zu können, um deren Wirkung ich sicher bin. Bald erwarte ich meinen Pagen von da zurück, wo er lebt, der mich bei Euch beglaubigen muß. Bis dahin hört auf meine letzte flehende Bitte, und um des Andenkens willen, das Ihr so hoch haltet, schweigt gegen Jeden, der Euch auch noch so würdig des Vertrauens scheint. Hört Ihr, mein Page sei zurück, und ich weiß Euch nichts Genügendes zu sagen oder zu geben, dann sollt Ihr selbst den Tag meiner Abreise bestimmen, ich kann Euch nur dem Schutze des Himmels empfehlen.

Lady Melville würdigte ihn keiner Antwort, sondern suchte ihm voran zu eilen, und während sie jetzt sich dem Saale näherte, gewahrte sie die ganze Gesellschaft um den fröhlichen Genuß des Frühstücks versammelt.

[106] Wie, rief die Marquise Danville, sehe ich recht? Eilt dort nicht unser kleines Geheimniß, Lady Melville, daher, wenn ich nicht irre, am Morgen in derselben Gesellschaft, von der ich sie am Abend begleitet fand? Doch man hat mir gestern Abend bewiesen, daß ich zu schwach sehe, um mich auf meine Augen länger verlassen zu können. Lord Ormond, wollt Ihr mir wohl sagen, da jetzt anstatt des Mondes die Sonne am Himmel steht, wer die beiden vertrauten Personen sind, die dort die Allee entlang zu uns eilen? Oder Ihr, Lord Richmond? fuhr sie in bitterem Spotte fort; denn seht, unserm lieben Lord Ormond erstirbt die Antwort auf den Lippen.

Ohne Zweifel, ergriff Lord Ormond fest und kalt das Wort, ist dies Lady Mellville und Lord Membrocke. Lady Melville liebt früh in dem Genusse der schönen Natur ihr Gemüth zu erheitern und ihre Nerven in der Morgenluft zu stählen, welches ihr die bezaubernde Gesundheit des Körpers und des Geistes erhält, der wir uns alle freuen.

Während dem war Richmond fast ungestüm von seinem Sitze geeilt, der nun eintretenden Lady Melville die Thür zu öffnen, und Ormonds Aufmerksamkeit zog sich einen Augenblick auf Ollonie, die mit einer seltsamen Ueberspannung in Maria's Arme stürzte, sie heftig küßte und dann an ihr vorüber aus der Thür verschwand.

Als Maria am Eingange des Saales einen Augenblick hold grüßend stehen blieb, und ihre alsbald wieder klar werdenden Augen freundlich über Alle hinglitten, da war es ihr, als ob ein böser Dämon ihr gefolgt, der erst hier in der Nähe dieser edlen Menschen seine Macht über sie verliere. Ihre Brust entlud sich der herauf beschwornen Noth, und Friede und süße Hoffnung auf Schutz und Glück unter ihnen, zog wie der Gruß eines Engels in ihr Herz.

[107] Mit einem unbeschreiblichen Gefühle kindlicher Ehrfurcht und Liebe näherte sie sich den beiden Herzoginnen, die am Ende des Saales in der Nähe des Kamins mit dem älteren Theile der Gesellschaft sich niedergelassen hatten, und innig ihre Hände küssend, ward sie von Beiden nach einer Jeden Art und Weise freundlich begrüßt.

Hierher, Mylady, rief jetzt Lady Danville; hier ist ein Platz für Euch. Wahrlich, Ihr macht es den Leuten schwer, Eure Gesellschaft zu genießen. Heute Morgen, als ich Euch mit Gaston in den Park fliegen sah, als ob Ihr wer weiß welche Eile hättet, da suchte ich Euch nachzukommen, begierig von Euch die Freuden eines nebligen Herbstmorgens zu erlernen; aber ich fand bald, daß Ihr Euch für heute einen andern Schüler erwählt hattet, und ich fürchtete zu stören, als ich Lord Membrocke desselben Weges Euch nacheilen sah. Ich kehrte daher schnell zu diesem warmen Zimmer zurück, hätte auch auf keinen Fall einen so langen Lehrgang ausgehalten, wie Ihr mit Lord Membrocke zurückgelegt.

Maria hatte sich zu Anfange dieser Rede der Lady genähert. Während des Verlaufs ihrer Worte blieb sie stehen und blickte voll Erstaunen in die bitter lächelnden Züge der Marquise. Sie war sich eines gegen sie gerichteten bösen Willens so wenig gewärtig, daß sie im ersten Augenblicke zweifelte, ob sie recht höre; als sie sich überzeugen mußte, ihr Zusammentreffen mit dem verhaßten Lord werde als ein verabredetes angesehen, und laut und mit Hohn als solches beleuchtet, fühlte sie sich empört. Ihr Antlitz ward von einer hohen Röthe überdeckt, ihre schlanke Gestalt hob sich zu einer edeln Majestät, und der ernst gebietende Glanz ihrer Augen setzte Richmond in Staunen. –

Ich muß zwar annehmen, Mylady, daß Ihr so eben scherzen wolltet; aber Ihr habt in Eurer guten Laune übersehen, daß Ihr einen Gegenstand wähltet, der selbst im Scherze das [108] Gefühl einer Frau beleidigt, und ich bin beschämt, Euch an diesen Mißgriff erinnern zu müssen.

Haltet zu Gnaden, stolzes Kind, rief die Marquise, hochroth von Zorn; glaubt Ihr in mir einen so lehrbegierigen Schüler zu finden, wie in Lord Membrocke, so seid Ihr im Irrthum. Erlaubt, daß ich Euch auf diesen Mißgriff Eurerseits aufmerksam mache. Ihr aber, Lord Membrocke, seid kühl geworden in Euerm Ritteramte; warum bekennt Ihr denn nicht den Zufall, dem wir Euer empfindsames Zusammentreffen zuschreiben sollen. Könnt Ihr nicht? setzte sie lachend hinzu, da Membrocke mit einem zweideutigen Lächeln die Achseln zuckte.

Wie dürfte mein Mund widersprechen, zischelte er, wo die schöne Lady Melville sich so bestimmt erklärt hat.

Diese Worte wurden mit Willen halb leise gesprochen, wenn auch deutlich genug, um von den zunächst Stehenden verstanden zu werden, und das Gelächter, welches die Marquise ihnen nachschickte, vollendete das Beleidigende derselben. Aber schon erreichten sie nicht mehr das Ohr des unschuldigen Opfers dieser Bosheiten. Denn die alte Herzogin, auf alle ihre Gäste ein wachsames Auge habend, hatte die erhöhten Stimmen am Ende des Saales bemerkt, und, der schutzlosen Maria stets mütterlich gewogen, hatte sie schnell ihren Pagen gesandt, sie an ihre Seite zu rufen. Schon hatte das liebliche Mädchen, ihre Leiden vergessend, neben der alten Lady Platz genommen, ohne die Vollendung einer Beleidigung zu ahnen, die sie muthig von sich abgelehnt zu haben wähnte.

Richmond war ihr gefolgt. Wie auch seine innere Empfindung über dies neue Zusammentreffen mit dem Lord sein mochte, dessen bekannter Karakter dem Rufe einer jeden Frau schaden mußte, die man in irgend einem Verhältnisse zu ihm denken konnte: jedenfalls hatte die Art, wie Lady Melville von der boshaften Marquise angegriffen ward, ihm empörend [109] gedünkt. Wenn er sich seine Meinung auch vorbehalten zu müssen glaubte, wollte er doch nimmer dulden, daß man in seiner Gegenwart und in dem Hause seiner Verwandten ein junges schutzloses Wesen zu beleidigen wage. Der Achtung sich wohl bewußt, die man seinem Karakter zollte, widerlegte er durch die ehrfurchtvollste Höflichkeit gegen die eben Beschuldigte in den Augen der meisten Anwesenden das eben Gehörte. Er bediente sie selbst mit der liebenswürdigsten Galanterie bei dem Frühstück, und der anfängliche Zwang und die Absichtlichkeit, die er sich auferlegte, wichen bald dem Vergnügen, das Keinem in der Nähe Mariens fremd bleiben konnte. Ihr Geist besaß heute eine besondere Elastizität, und die Freude hatte zu vollständig in dem lebhaft erregten Herzen Raum gewonnen, um nicht bald über Alle dazwischen getretenen Eindrücke zu siegen. Diese Erschütterungen selbst trugen bei, sie noch lebhafter und anziehender erscheinen zu lassen, da sie ihr ganzes Wesen in Aufregung gebracht hatten. Ihre wundervollen klaren Augen wechselten mit einem fesselnden Ausdruck, und ihr leicht bewegtes Mienenspiel deutete schon, ehe noch Worte ihn bezeichneten, den Gegenstand ihrer Empfindungen an.

Es war Richmond nicht möglich, die Augen von ihr zu wenden, obwol er sich einstweilen mehr noch ein Beobachter, als ein Bewunderer, dünkte.

Und warum war denn meine liebe Maria so erzürnt, als ich sie zu mir rufen ließ? frug jetzt die alte Lady, zärtlich Lady Melville anblickend.

Unsanft berührt mitten in dem heiteren Gespräch mit Richmond, schien sie ihm fast zusammen zu schrecken, und schnell ernst und erröthend niederblickend, blieb sie die Antwort zu lange schuldig, um nicht dadurch aufzufallen.

Ich war unhöflich, fuhr die alte Herzogin gütig fort, ich hätte Dich nicht stören sollen, da Du eben heiter warest; aber [110] das war nur die Neugierde der alten Frau, auch möchte ich nicht zugeben, daß Dir etwas zu Leide geschehe; denn ohne Grund erzürnst Du Dich nicht.

Innig küßte Maria ihre Hand. Das Gefühl dieses Schutzes sollte mich sanft lassen, unter welchen Umständen es sein möchte, aber ich habe viel mit meinem ungestümen Herzen zu kämpfen. –

Die alte Herzogin ward so eben angeredet und drückte nur noch die Hand ihres Lieblinges zur begütigenden Antwort. Lady Melville wandte sich aber sogleich zu Richmond; ihr Gesicht glühte, und ihre Augen standen in Thränen.

O Mylord, rief sie, wie hasse ich in mir diese leicht veranlaßte Heftigkeit, und wie wenig vermag ich sie noch zu zügeln, trotz dem, daß ich ihrer so lebhaft mir bewußt bin. Wir sollen wohl nicht gleichgültig bleiben, wenn uns das Unnöthige aufgenöthigt wird, aber diese Selbstvertheidigung läßt stets einen Stachel in uns zurück; denn selten bleibt uns die Gelassenheit, die bloß das Rechte überhaupt vertheidigt. Leicht mischt sich Beschämung des Andern in unsere Worte, und so wird aus der Vertheidigung eine Art von Rache, die uns dann wieder selbst verwundet und vor uns selbst herabsetzt.

Gewiß, versetzte Richmond, ist hierin die Lage einer Frau noch viel zarter, als die eines Mannes. Wir sind in den vielseitigeren Beziehungen unsers Lebens in viel größerer Gefahr der Mißdeutungen, und wir müssen uns fast an diese Voraussetzung gewöhnen und sie ertragen lernen, um unsere Handlungen nicht endlich beschränkt zu sehen von dem gefährlichen Ehrgeiz, jene zu vermeiden. Oft geht der Weg zu einer feststehenden Achtung und Anerkennung nur durch Ertragung uns fern liegender Anschuldigungen, und es gehört gewiß der wahre Muth der Tugend dazu, wenn wir schweigend unsere Rechtfertigung allein der Gerechtigkeit vertraun, die im Laufe der [111] Zeit jedem wahrhaften Bestreben vorbehalten ist. Doch, wie auch dieser Grundsatz als ein allgemeiner Jedem gelten möge, in den meisten Fällen leidet eine Frau zu sehr unter dem leisesten sie treffenden Argwohn, als daß sie nicht eilen möchte, ihn von sich abzuwehren; und ist der Zorn irgendwo Ihrem Geschlechte erlaubt, möchte es hier sein.

O nein, auch da nicht! rief Maria lebhaft. Ich träumte jetzt schon von der Erreichung einer so stillen in sich begründeten Würde, einer Sanftmuth der Seele, die in dem Ankläger oder Verläumder allein den Leidenden, den zu Beklagenden sieht; dann aber muß der Zorn fern bleiben, und unsere Worte werden um so mehr den Karakter der Ueberzeugung tragen. Doch als die größte Sünde sollten Männer sich fürchten, eine Frau überhaupt in die böse Stimmung des Zorns zu versetzen. Denn wäre auch das größte Recht auf unserer Seite, wir werden uns doch stets im Nachtheil befinden, eben weil wir aus unserer Natur heraustreten. Es bleibt ein Mißlaut in uns zurück, hätten wir auch den glänzendsten Sieg davon getragen. Wüßten die Männer doch, wie dankbar wir denen sind, in deren Atmosphäre wir rein und furchtlos aufathmen, und sorgenlos unserer Natur uns hingeben können, ihres Schutzes gewiß und ihrer edeln Beobachtung aller feinen Begrenzungen unserer dann so glücklichen Existenz!

Richmond hob den sinnend niedergeschlagenen Blick bei diesen Worten zu ihr auf. Ein unbeschreibliches Gefühl sagte ihm, daß er es sei, den sie in der Lebhaftigkeit ihrer Rede bezeichnet hatte; es ward ihm zur höchsten Süßigkeit, sich sagen zu können, er werde von ihr verstanden und anerkannt, und als sein Blick, belebt von dieser Empfindung, den ihrigen suchte, da sank er hinter den feinen Schleier der langen seidenen Augenwimper.

Es blieb ihnen keine Zeit, diese zarte Verlegenheit zu bekämpfen; die jüngere Herzogin erhob sich und forderte Richmond [112] auf, sie nach ihren Zimmern zu begleiten. Er wußte es wohl, daß ihm hier das schwierige Geschäft oblag, seine leicht gereizte Mutter mit der bedrohten Lage ihres Vaters bekannt zu machen, und es kostete ihm in dem gegenwärtigen Augenblick eine besondere Ueberwindung, aus dem weichen Zustand, in dem er sich fühlte, zu all der Besonnenheit zurückzukehren, die der vorliegende Gegenstand nöthig machte.

Es gelang ihm jedoch besser, als er sich zugetraut hatte; ja, er fand heute sogar ein fast neues Talent in sich, das einer leichteren Auffassung der verwickeltesten Umstände, und da er auch seine Mutter von ihrer Sorge um seinen Bruder erleichtert antraf, der in einem langen kindlichen Briefe seiner Verbindung mit Anna Dorset mit der ruhigen Würde des entschlossenen Mannes gedacht hatte, fand er sie in einer ansprechenden Stimmung.

Sie sah der Ankunft ihres Vaters mit kindlicher Freude entgegen und setzte zu viel Vertrauen in seinen hohen Ruf, um nicht jede Anklage dadurch entkräftet denken zu müssen. Vielleicht hätte es in Richmonds Auftrage gelegen, ihr diese stolze Sicherheit um etwas zu verringern; aber sein stets gegen diese geliebte Mutter so zärtliches Herz vermochte es nicht, sie aufs Neue schon heute zu beunruhigen, wo sie eben erst eines solchen Gefühls in Bezug auf ihren ältesten Sohn sich entledigt hatte. Er glaubte nähere Nachrichten von seinem Oheim abwarten und ihre ihm so heilige Ruhe noch eine Zeitlang bewahren zu können.

Ein Versuch, seine Mutter zu einiger Mittheilung über Lady Melville zu bewegen, scheiterte jedoch, da sie ihm mit der kühlen Ruhe einer Selbstherrscherin erwiederte, daß sie die etwa nöthigen Bestimmungen über dies Fräulein sich selbst vorbehalten und daher alle anderweitigen Bemühungen, ihr Schicksal aufzuklären, sich verbeten habe, indem solche der Ehre und dem Glück des armen Wesens wenig ersprießlich schienen. Sie ziehe [113] vor, ihr auch ohne weitere Aufklärung ihren Schutz zu bewilligen; worin sie sich jetzt bestärkt fühle, da die Befürchtung, durch sie die Ehre ihrer Familie bedroht zu sehn, nach Roberts männlicher Fassung verschwunden sei. Dagegen sprach die Herzogin sich sehr wohlwollend über ihre künftige Schwiegertochter aus, unterließ auch nicht der reizenden Ollonie zu erwähnen. Es ward ihr leicht, zu erkennen, wie fern Richmond jeder Gedanke an die Pläne seiner Familie liege, da er von der heranblühenden Jungfrau wie von einem lieben Schooßkinde sprach und in jener gleichgültigen Laune, die weder Lob noch Tadel widerlegen mag, den Versicherungen seiner Mutter zuhörte, daß sie von ausgezeichneten Tugenden des Geistes und Herzens sei. Auch schwieg die Herzogin gar bald, denn sie sah in dieser Vernachlässigung eines Mädchens, der sie im Geheim die Ehre zugestanden, ihre Schwiegertochter zu werden, eine Beleidigung sowol für sich, als für Ollonie's jungfräuliches Gefühl; und sie konnte das selbst ihrem Sohne nicht schnell genug vergeben, um ihn so freundlich zu entlassen, als er es erwarten durfte. Doch auch dieser Wink sollte dies Mal verloren sein, denn Richmond ging in Gedanken vertieft von dannen, er frug sich nur, wie die Erwähnung der Lady Melville, die doch jetzt aufgehört habe, seiner Mutter Besorgniß zu erregen, sie so auffallend habe verstimmen können?


Die alte Herzogin wünschte die Gesellschaft um sich fest zu halten, bis sie selbst mit ihrer Familie nach Godwie-Castle zurückkehren würde, und sie war daher unermüdlich, in den Vergnügungen und Beschäftigungen um sich her die angenehmste Abwechselung zu erhalten.

[114] Es konnte ihr das nicht fehlschlagen, da ihr die reichsten Mittel nach Außen zu Gebote standen, da ihre stets gleiche Laune und ihre heitere Milde überall belebend eingriff, und Jeder durch ihren Beifall sich belohnt sah, wenn er zur Heiterkeit des Ganzen die Hand geboten hatte. Trotz diesem über alle wehenden Panier der Freude kann wohl Niemand bezweifeln, daß nicht allen das Herz zu dieser einen Losung schlug und Viele, von eignen Betrachtungen beschwert, nur jene schickliche Haltung beobachteten, die nirgends das eigene Interesse geltend zu machen sucht.

Lord Ormond befand sich vornehmlich unter diesen letzteren, denn er war sich seiner bewußt geworden, und hatte sich mit einer unbeschreiblichen Erschütterung eingestehen müssen, durch Lady Melville aufs Neue mit einem Gefühl bekannt geworden zu sein, dem er sich nicht mehr zugänglich gewähnt hatte. Ja, er mußte diese Empfindung dies Mal in sich von einer Hochachtung und einer Theilnahme unterstützt fühlen, wie bei seiner früheren, so unglückselig leidenschaftlichen Liebe niemals der Fall gewesen. Er hatte anfänglich noch die Schwierigkeiten erwogen, die bei seiner Stellung und seinem Range in der Verbindung mit einem unbekannten Wesen, über dessen Leben noch so viel Dunkel und Zweideutigkeit lag, ihm zu besiegen oblagen. Aber er erkannte jetzt nur eine Schwierigkeit, nur die eine Furcht, ob er, der so viel ältere Mann, das Herz dieses Engels je gewinnen könne, und war zu jedem andern Opfer bereit, wenn er dies eine erlangt haben würde. Er wollte, im Fall man etwa Bedenken trüge, seine Gemahlin bei Hofe zu empfangen, seinen Abschied nehmen, und seine Güter durch allen Zauber von Kunst und Kultur zu einem würdigen Boden für sie umschaffen. Aber diesen wichtigen Augenblick, der darüber entscheiden sollte, wagte er nicht herbei zu führen ja, tausend Bedenklichkeiten ließen ihn vielmehr denselben stets[115] weiter hinaus schieben. Er hörte indeß nicht auf, sie mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit zu bewachen, und erkannte nur zu bald mit Sorge, wie die kindliche Ruhe und das herrliche Gleichgewicht ihres ganzen Wesens von ihr zu weichen begann, und bald einer schwermüthigen Stimmung, bald einer überreizten Lebhaftigkeit Platz machte, was auf einen innerlich leidenden Gemüthszustand schließen ließ. Er suchte sie stets zu unterstützen, seinen Worten ohne Beziehung einen allgemein beruhigenden Karakter zu geben, sie vor der neugierigen Zudringlichkeit Anderer zu bewahren und ihre eigenen Aeußerungen, die immer mehr den Ausdruck des Leidens trugen, vor Mißdeutungen zu schützen.

Sie schien die Nähe eines sorgsamen Freundes in ihm zu ahnen, und es war ihm, als ob sie ihn stets unter allen ihren Umgebungen suche und in seiner Nähe allein zu der harmlosen Ruhe zurückzukehren vermöge, die sonst ihr eigenstes Element war. Wie konnte Ormond sich enthalten, auf diese ihm so süße Wahrnehmung die Erfüllung der Hoffnungen zu bauen, die ihn jetzt einzig belebten. Und dennoch wagte er das entscheidende Gespräch noch nicht mit ihr einzuleiten. Jeden Versuch, tiefer in ihr Vertrauen einzudringen und namentlich sie über ihr, ihm stets unbegreiflicher werdendes Verhältniß zu Lord Membrocke zum Vertrauen zu wecken, blieb nicht nur ohne Erfolg, sondern schien sogar jedes Mal so viel Unruhe, ja, Schmerz ihr zu verursachen, daß er nicht oft sich überwinden konnte, dazu erneute Veranlassung zu geben.

Wie nahe aber auch dieses Interesse seinem Herzen lag, Ormond hatte sich zu lange gewöhnt, seinen Umgebungen eine größere Theilnahme, als sich selbst, zu schenken, um auch nicht jetzt noch für Alle theilnehmend zu bleiben, und so lag ihm zunächst ob, Ollonie zu beobachten, welche ihn in die schmerzlichste Unruhe versetzte.

[116] Das holde leidenschaftliche Kind schien jetzt über alle Grenzen erregt, in einem beständigen krampfhaften Zustande zwischen Lachen und Weinen zu schweben. Auch hier, wo sonst Ormond das unbedingteste Vertrauen fand, ward er jetzt zurück gewiesen, und seine väterlich ernsten Vorstellungen, ihr sonderbar übertriebenes Wesen mehr zu beherrschen, hatten sie laut weinend, wie in einem Zustande von Verzweiflung, zu seinen Füßen geführt; ja, viele Tage später durfte nur sein Blick sie aufmerkend erreichen, um neue Thränen aus ihren Augen zu locken.

Immer von der einen Idee erfüllt, in Richmond und Ollonie dereinst ein Paar zu sehen, begann Ormond ihren Zustand auf ihr erwachtes Gefühl für Richmond zu beziehen. Daß dies Gefühl bei dem geliebten Kinde für ihr ganzes Leben bedeutend sein würde, hatte der zärtliche Freund stets erwartet, und nur den Himmel angerufen, sie glücklich in ihrer Liebe sein zu lassen, da ihm die Leiden einer unglücklichen Liebe für dies Gemüth höchst gefährlich erschienen. Welches aber ihr Loos bei Richmond sein würde, das blieb ihm immer, je länger, je mehr ungewiß, denn Richmond hatte ein vorherrschend ernstes Betragen angenommen und hielt sich mehr, als gewöhnlich, von dem nähern Umgange der Dame zurück. Selbst eine frühere Vermuthung, daß Richmond, von den Reizen der Lady Melville hingerissen, sein Herz an diese verloren habe, bestätigte sich nicht, indem er auch sie zu vermeiden schien, und, sich auf seinem Zimmer in Bücher und Schriften vergrabend, den melancholischen Ernst seiner Züge hinreichend vor ihm durch die Sorge um Lord Bristol rechtfertigte, dessen Lage immer bedrohlicher sich zu gestalten schien.

Ein auffallendes Ereigniß bestimmte endlich Ormond, den letzten, ihm so gewagt erscheinenden Schritt bei Lady Melville zu versuchen.

[117]

Der jüngere Theil der Gesellschaft hatte sich durch eine Morgen-Promenade zu Pferde erheitert, und man hatte so eben den Schloßhof erreicht, als Lord Membrocke seinem Pferde die Sporen gab und pfeilschnell auf einen Jüngling in Reisekleidern zusprengte, der im Hofe harrend unter den übrigen Dienern stand und, sogleich dem Lord den Steigbügel haltend, ihm beim Absteigen ein Packet überreichte.

Zwischen Ormond und Lady Arabella ritt Lady Melville still und gedankenvoll zunächst in den Schloßhof ein. Als sie sich so eben aus dem Sattel gehoben hatte, nahte ihr Lord Membrocke mit triumphirender Miene, hob das Briefpacket in die Höhe und rief, bedeutungsvoll sich neigend: Ich habe die Ehre, Mylady, Euch anzuzeigen, daß mein Page so eben von seiner Reise zurückgekehrt ist.

Sogleich legte sich Todtenblässe über Maria's Angesicht; aber als Membrocke noch einen Schritt näher trat, stieß sie einen herzzerreißenden Schrei des Entsetzens aus und sank, ohne daß die überraschten Anwesenden es hätten verhindern können, auf den Boden nieder. Sogleich ward Alles thätig. Mit einer wüthenden Heftigkeit stieß Richmond Lord Membrocke, der ihr zunächst stand und sie berühren wollte, zurück und richtete sie selbst auf, indem er mit lauter Stimme nach einem Sessel rief. Denn obwol sie vom Boden aufgehoben worden, so zeigte sie dennoch, daß ihre Besinnung noch nicht vollständig genug war, um sich auf den Füßen halten zu können.

Sie öffnete jetzt die Augen und blickte Richmond an; dann schlossen sich diese wieder, und sie schien aufs Neue ihrer Sinne beraubt. Richmond eilte, die Lady auf den herbeigetragenen Stuhl sanft aus seinen Armen niederzulassen, dann übergab er sie der Sorgfalt der Frauen, bestieg sogleich sein Pferd und ritt, die Herren flüchtig grüßend, langsam über den Hof, in der Richtung des eben zurückgelegten Weges.

[118] Von der heftigsten Bewegung ergriffen, brachte Ormond mehrere Stunden einsam in seinen Zimmern zu. Nein, er durfte dies geliebte Wesen nicht länger schutzlos den Verfolgungen des Mannes hingeben, der über sie ein unbekanntes Recht auszuüben schien, das sie mit Entsetzen erfüllte, und das sie doch anzuerkennen gezwungen schien. Noch heute wollte er ihr den Schutz anbieten, den seine ehrerbietige Liebe ihr gewähren konnte; als ihr Verlobter hatte er das Recht, ihre Sorgen zu theilen und jeden ihr Ueberlästigen zu entfernen. Länger damit zurückzuhalten, schien ihm feigherzige Schwäche, und er eilte hinweg, um über ihr Befinden Erkundigung einzuziehn.

Lord Membrocke begab sich indessen mit seinem wichtigen Paket nach seinem Zimmer, wohin ihm sein gewandter Page folgte. Er hob aus einem Briefe Buckinghams, zu seiner unsäglichen Freude, einen zweiten hervor, der, mit dem Siegelring des Prinzen von Wales verschlossen, die Aufschrift: An Lady Maria Melville, zeigte. Dies schien ihn so vollständig zu befriedigen, daß er fast Buckinghams Brief zu lesen übersah, indem er seinem Pagen unaufhörlich Aufträge gab, die, von dem listigen Knaben wohl verstanden, auf eine schnelle Abreise hindeuteten. – Wir wollen uns indessen mit dem Inhalte des ungelesenen Briefes bekannt machen, wie es der Lord, wenn auch später, doch wol schwerlich unterlassen haben wird.

»Du hast aufs Neue gezeigt,« schrieb Buckingham, »daß Du eigentlich zu nichts taugst, was über den Gesichtskreis einer kopflosen Weiberintrigue reicht, und könnte ich in dem alten Eulennest bei diesen lächerlichen Tugendhelden, diesen Nottinghams, einen andern meiner Geschäftsleute brauchen, so würde ich Dir befehlen, angesichts dieses das Feld zu räumen. Denn wie Du auch die Sache einhüllst, es ist nur zu klar, Du hast wie der jämmerlichste Stümper das Mädchen verschüchtert, ehe Du sie sicher hattest. Du hattest vergessen, daß ich Dir befohlen, [119] sie zwar zu entführen, aber dabei eingedenk zu bleiben, daß Du meine Nichte entführtest, die etwas zu weit über Deine Person erhaben ist, als daß Du mit Deinen gewöhnlichen Plänen an ihr nicht Deinen Hals wagen würdest. Genug, Dir bleibt nur das eine Verdienst, daß Du, als ein ausgearteter Verwandter dieser Familie Nottingham, auf eine Zeitlang unter ihnen geduldet werden kannst, und ich entsetze Dich Deines Amtes nicht, damit es Dir vergönnt bleibe, durch Dein ferneres Betragen mir noch einige Proben von Deinem bis jetzt nicht verspürten Witze abzulegen.

Dein Einfall mit dem Briefe ist nicht übel, und wenn sie Dir darauf freiwillig folgt, so bist Du im Fall der Verfolgung gedeckt; und erkenne ich sie später an, möchte es wenig darauf ankommen, ob auch die ganze Welt wüßte, sie wäre mit Dir davongegangen. Außer vor dem hohen Areopagus der Nottinghams wird die Nichte Buckinghams wol überall ihre volle Geltung behalten. Ein Hauptspaß ist es dabei, daß ich ihnen so, ohne daß sie es ahnen, einen Gegenstand aus den Händen spiele, den sie jetzt mit vornehmer Pietät dulden, und der ihnen so wichtig scheinen würde in ihrer verwickelten Angelegenheit mit Bristol! So viel ist gewiß, Karl seufzt nach diesem Mädchen, wie eine Mutter nach ihrem Schooßkinde, und wären diese Nottinghams seine ärgsten Feinde, wie sie es überdies nicht sind, er würde ihnen den Dienst, ihr Leben gerettet zu haben, mit nichts glauben vergelten zu können und selbst auf meine Kosten mit diesem Bristol sie bezahlen. Dabei rückt die Zeit immer näher, welche das Wollen und das Können ineine Hand geben wird; denn Vater Jakob sieht aus wie die verschossenen Gobelins im Ahnensaale, und selbst die große Abschließung von Babys Vermählung mit Frankreich vergißt er jeden Augenblick wieder, und glaubt, die Infantin werde erwartet.

[120] Beeile Dich jetzt, sie wegzubringen; ich habe mehr zu bedenken, als dies Mädchen, und doch muß sie in meinem Gewahrsam bleiben, bis die französischen klugen Herren mir ihre Prinzessin überliefert haben und dieser Prozeß, der den hochmüthigen Bristol stürzen soll, beseitigt ist. Dann soll Frankreich, welches schon über meinen Einfluß zu triumphiren glaubt, erfahren, daß Buckingham gegen die Reize ihrer Prinzessin ein Gegengift in dem Besitz einer berechtigten Nichte hat, und die stolze Herzogin von Nottingham, die einst Buckingham verschmähen durfte, soll bejammern lernen, daß sie Buckinghams Nichte nicht früher erkannt hat, um ihren Vater damit retten zu können.

Wenn Du Dich klug und bescheiden beträgst, wird Dein Verdienst beim Vater des Mädchens einzukleiden sein; aber sei schnell und lasse mich nicht länger hören, daß Du sie mit Gewalt nicht entführen darfst. Folgt sie Dir nicht willig, so befehle ich Dir, entführe sie mit Gewalt; denn sie muß verschwunden sein, ehe die Ahnung ihres Werthes laut wird. Bedenke, daß ich keinen Fuß eher aus England setze, bis ich sie gewiß habe. Du findest in Berrystreet Alles zu ihrem Empfange bereit, und wie es der Rang fordert, den sie beim Eintritte in mein Haus einzunehmen berechtigt ist. Du aber wirst sogleich mir selbst die Nachricht des glücklichen Gelingens überbringen, und dann die Ehre haben, mich nach Frankreich zu begleiten, wohin ich mich begebe, die Hand der königlichen Henriette zu empfangen und die schönste der Frauen wieder zu sehen.

Warum hast Du mir nicht lachen helfen, als Tomson mit seiner geübten Feder den rührenden Brief verfaßte, der meine kleine spröde Nichte in meine Hände liefern soll. Ich schwöre Dir, daß ich, der ich täglich die Handschrift des Prinzen sehe, sie nicht unterscheiden konnte. Den Siegelring kennt sie auch, [121] denn Karl schwatzt den ganzen Tag von den Wundern, die er und der steife Narr, der Nottingham, an dem Dinge wollen erlebt haben.

Nun, mir kann es recht sein. Dabei merke ich wohl, daß diese Korporation von Heiligen mich als den nahen Blutsverwandten selbst in eine Art Heiligthum gehüllt hat, und daß sie meinen Namen mit gehöriger Hochachtung betrachtet. Viel zu viel habe ich Dir nach Maßgabe Deiner geringen Verdienste geschrieben, ich fürchte fast, es ist ein bischen Langeweile dabei, mitunter denke ich, daß Du mir fehlst. Deine Schulden sind abermals bezahlt, der Kastellan von Berrystreet hat für Dich einige Wechsel. Buckingham.

NB. Damit Du den Inhalt des rührenden Oheims- Briefes kennst, erfolgt hier die Abschrift.« –

Sie lautete, wie folgt:

»O, weigere Dich nicht länger, dem Einzigen zu folgen, der sich dem gefährlichen Unternehmen unterzog, Dich zu mir zu führen!

Ein schreckliches Geschick macht die edelsten Menschen zu meinen bittersten Feinden; Du darfst Dich ihnen nicht vertrauen, ohne großes Elend über mich zu bringen. Glaube nicht, daß ich über die Thorheiten dessen blind bin, dem Du Dich vertrauen mußt, aber es blieb mir keine Wahl. Mir ist er ergeben, davon habe ich Proben; muthig und treu ist sein Sinn. Folge ihm ohne Verzug, ohne Sorge, nur an Deinem Herzen kann ich die Schmerzen ausweinen, die mich zerreißen. Ich unterschreibe mich nicht, Du kennst Handschrift und Siegel.«

Zwar war Membrocke vom Inhalte beider Briefe wenig erbaut; doch sein Leichtsinn ließ ihn bloß im Hintergrunde die Reise nach Frankreich sehn und im nächsten Augenblicke die Sicherheit, jetzt das stolze Fräulein in seinen Besitz zu ziehen. Trotz Buckinghams Droh-Brief behielt er sich doch vor, die [122] Angelegenheiten hier nach seiner Ansicht zu ordnen und, so viel sich nur erreichen ließ, für sich zu gewinnen, denn bei seinem Mangel an aller Achtung für Frauen zweifelte er nicht, daß eine Fluchtreise tausend Verhältnisse herbeiführen müsse, welche dann zu seinen Gunsten zu leiten, ihm immer noch ein Leichtes schien. –

Für den Rest des Tages blieb Lady Maria in Gesellschaft der Lady Arabella auf ihrem Zimmer. Lord Ormond und Membrocke mußten beide daher ihre Ungeduld bis zum andern Tage zügelu.

Als Lady Maria am andern Morgen zum Frühstück erschien, trug sie den unverkennbaren Ausdruck des tiefsten Grames; ihr Antlitz war blaß, und ihre Augen schauten so groß und kalt und mit einem so trostlosen Ausdrucke umher, daß sie Niemand ohne Antheil sehen konnte. Sie blickte von Einem zum Andern in gleicher Theilnahmlosigkeit, und schob ihren Sitz zwischen die jungen Damen ein, die sie alle mit Beweisen der größten Zärtlichkeit überhäuften.

Ormond blieb in der bewegten Stimmung, die ihm der so nah rückende wichtige Augenblick gab, lieber fern von ihrer Nähe. Membrocke aber genoß die stolze Sicherheit des nahen Gelingens und fragte wenig nach der kleinen Gunst, die zu erringen hier sehr zweifelhaft war. Er kündigte dagegen der alten Lady seine Abreise nach London an, da Seine Majestät die Gnade gehabt habe, ihn zu der Gesandtschaft zu ernennen, die zur hohen Vermählungsfeierlichkeit sich mit dem Herzog von Buckingham nach Frankreich begeben werde.

Man hörte die Nachricht mit so wenig Betrübniß an, als irgend die Höflichkeit gestattete, und der Lord wendete nun seine gnädige Aufmerksamkeit ausschließlich der Marquise Danville zu.

Richmond allein näherte sich der Lady Maria. Als er sie anredete, bebte seine Stimme, und als Maria ihre schwermüthigen [123] Augen, von der seelenvollen Stimme ergriffen, zu ihm aufschlug, da strahlte ihr eine solche Fülle des Gefühls aus seinen Zügen entgegen, daß augenblicklich das verschwundene warme Leben in ihren Busen zurückkehrte, und ihre Züge den bezaubernden Ausdruck wieder annahmen, der ihnen so eigen war.

Richmond konnte diese von ihm bewirkte Veränderung nicht verkennen, und er gab sich dem verführerischen Vergnügen hin, an dem Geiste dieses schönen Wesens sich zu erfreuen.

Sie hatten beide ziemlich die Welt um sich her vergessen, und Richmond gewahrte zu spät, daß die Augen seiner Mutter in starrer Prüfung auf ihm ruhten. Er hörte nicht mehr, was Maria ihm sagte, noch ein Mal blickte er sie an, als wollte er den Ausdruck ihrer Züge mit sich hinweg nehmen, dann verließ er sie mit der kalten Höflichkeit, die er seit lange allein für ihr Verhältniß passend erachtet hatte. Maria versank aufs Neue in die Apathie, aus der sie nur augenblicklich gerissen schien, und als Lord Membrocke sich ihr mit Zuversicht näherte und sie um eine Unterredung bat, neigte sie bejahend ihr Haupt mit einer Ergebung, als könne keine Gewalt der Erde mehr das drohende Schwert von ihrem Haupte abwenden.

Was ich jetzt von Euch noch zu hören habe, macht es kurz, Mylord! sprach Lady Melville, als sie in einer halb offenen Säulenhalle, die der Lord zu seiner Audienz erbeten hatte, ihn sich ihr nahen sah. Sie hatte alle ihr noch mögliche Kraft und Besonnenheit hervorgerufen, um sich durch nichts überraschen oder verführen zu lassen, und hoffte noch immer, er werde die ihm. über sie verliehenen Rechte nicht genügend beweisen können.

Lord Membrocke fand es leicht, den bescheidenen Mann zu spielen, da er im nächsten Augenblicke seinen Triumph feiern konnte, und indem er ihr ehrerbietig einen Sessel zuschob, blieb er in gemessener Entfernung vor ihr stehen.

[124] Mylady, hob er an, meine Worte sollen Euch nicht länger belästigen. Ich bin nur der Ueberbringer eines Schreibens, das wahrscheinlich beredter zu Euch sprechen wird, und ich bin blos hier, um zu hören, was Ihr, nachdem Ihr den Inhalt kennt, mir zu befehlen haben werdet.

Mit diesen Worten entfaltete er langsam vor den ihn scharf beobachtenden Augen der Lady ein Portefeuille, aus dem er den verhängnißvollen Brief hervorzog. Leichenblässe und hohe Glut wechselten in den Zügen Maria's, als er ihn ehrerbietig. hinhielt. Sie griff darnach, als sie ihn aber gefaßt hatte und die ewig theuern Züge der Handschrift dieses geliebten Oheims zu erkennen glaubte, als diese Ueberzeugung noch durch den Anblick des Abdrucks seines Siegelringes verstärkt ward, unterlag sie ihren mächtig sie überraschenden Empfindungen, und mit einem Strom von Thränen sank sie in den Sessel zurück. Ach, sie hätte sich verachtet, wäre noch ein Zweifel in ihrem unschuldigen Herzen geblieben; und ehe sie noch den Inhalt kannte, war sie schon entschlossen, jede Bedenklichkeit zu unterdrücken und Alles zu befolgen, was ihr darin aufgegeben würde.

Mit der kindlichsten Ehrfurcht las sie nun die liebevollen Worte, die so viel Schmerz und so viel Liebe und Vertrauen zu ihr ausdrückten; sie preßte sie endlich an ihre Brust, hob die in Thränen schwimmenden Augen wie zu einem kurzen Gebete zum Himmel und erhob sich dann völlig entschlossen von ihrem Sessel.

Ich bin jetzt überzeugt, daß mein Oheim mich selbst zu sich beruft, daß er selbst meine Verschwiegenheit gegen meine Wohlthäter verlangt, daß mir kein anderes Mittel übrig bleibt, die Befehle meines einzigen mir gebliebenen Verwandten zu erfüllen, als – Euch zu folgen und heimlich zu folgen. Sie sprach diese Worte mit einem Widerstreben, daß sie trotz der Absicht, den Vertrauten ihres Oheims nicht mehr zu beleidigen, doch nicht zu unterdrücken vermochte.

[125] Ich war dieses Eurer so würdigen Entschlusses gewiß, erwiederte Membrocke, und habe daher Alles zu meiner Abreise vorbereiten lassen. Ich werde, wenn es Euch also gefällt, morgen Mittag öffentlich abreisen, am Abend zurückkehren, und Euch mit einem raschen Pferde und sicheren Gefolge am nördlichen Ausgang des Parkes erwarten. Ihr müßt Euch dahin begeben, so bald Ihr Alles in Ruhe wißt; denn uns bleibt in dieser ersten Nacht ein bedeutender Weg zurück zu legen, um uns vor den gewiß erfolgenden Nachstellungen verbergen zu können.

Er hatte sich beeilt, Alles, was nöthig war und sie in seinen Einzelheiten erschrecken mußte, in diesen Augenblicken der ersten Ueberraschung vor ihr auszusprechen. Sie stand sprachlos vor ihm und er hätte noch lange sprechen können, ohne daß sie ihn unterbrochen hätte; denn sie schauderte, während er seinen Plan vor ihr entwarf, über die schreckliche Lage, in die sie sich durch diesen Entschluß versetzte. Ihre kindliche Liebe, ihr Pflichtgefühl, alles, was einen Augenblick früher sie über jede Rücksicht erhoben hatte, reichte nicht mehr zu, wenn sie nun zugleich der Vertraulichkeit und Gewalt gedachte, die sie diesem Manne einräumte, und des schmählichen Verdachtes, den sie in dem Kreise ihrer bisherigen Beschützer über sich zurück ließ. Die theuern Gestalten in all ihrer ernsten Tugend gingen mahnend an ihr vorüber. Ach, wie schwer war es, auf ihre Achtung zu verzichten! Wie erschwerte es die Trennung von ihnen, die auch ohne diese Zugabe ihr Herz zu zerreißen drohte, so grausam! Sie erwog die Möglichkeit, sich rechtfertigen zu können, sie wollte einen Brief zurücklassen, der ihre Unschuld betheuern sollte, aber auch dazu sank ihr der Muth, da sie fühlte, daß nur Angabe der Gründe ihres Schrittes sie rechtfertigen konnte, indem die Flucht mit diesem Manne eine Handlung war, die jede allgemeine Versicherung ihrer Unschuld entkräften mußte.

[126] So blieb ihr denn nichts, als völlige Ergebung, und ihr reines Herz hob sich voll Vertrauen zu dem empor, der ihre Unschuld kannte, und in dessen Hand es lag, sie von jeglichem Verdachte zu retten. Sie gedachte mit tiefer Wehmuth der Worte Richmonds, daß das muthige Ertragen des bösen Verdachts, im Gefühl einer höheren Absicht, in einzelnen Fällen als eine allgemein Jedem gestellte Aufgabe anzusehen sei, und daß sich daran die Würde des inneren Bewußtseins stärke. Diese Aufgabe nun war ihr so bald zu Theil geworden, und ach, ihm nicht einmal durfte sie es sagen, daß sie sich der Prüfung unterzog. Sie fühlte die ganze Bitterkeit dieses Schmerzes, und ihre junge Brust ergriff ihn mit aller Kraft eines neuen Gefühls. Aber der Schmerz verleiht auch Kraft, und ihn muthig in seiner ganzen drohenden Gestaltung anblicken, bewaffnet uns unwillkürlich gegen ihn. Maria fühlte etwas dem Aehnliches. Sie hatte, wähnte sie, das Schmerzlichste durchgefühlt; jetzt trat das Bild ihres leidenden Verwandten wieder vor ihre Seele, und mit edelm Muthe beschloß sie, auch um so hohen Preis ihm Alles zu sein.

Es mag so bleiben, wie Ihr sagtet, sprach sie zu Lord Membrocke, der, noch immer ohne Antwort, in dem schnellen Wechsel ihrer Züge ihre Entschließungen zu lesen versucht hatte.

Ich bitte Euch überdies um Verzeihung wegen meines Betragens; Ihr müßt mich mit den Fehlern entschuldigen, die Ihr ohne Zweifel bei der Art gemacht habt, wie Ihr mich von Eurer Sendung unterrichten wolltet. Ich habe jetzt den besten Willen, Euch zu vertrauen, sorget durch Euer Betragen dafür, daß es mir möglich bleibe, wozu der einzige Wunsch sein kann, daß ich nie etwas Anderes, als den Gesandten meines Oheims, in Euch wahrnehme. – Er kniete nieder, um sein spöttisches Gesicht zu verbergen, und ihre Hoheit persiflirend, küßte er den [127] Saum ihres Kleides, indem er rief, eine gekrönte Königin solle ihm nicht heiliger sein!

Ein kurzer Schrei Maria's schreckte ihn auf. Sprachlos vor Schreck, deutete sie seitwärts, wo eben eine weibliche Gestalt, der Marquise Danville nicht unähnlich, nach den inneren Gemächern zu verschwand, während am Ende des Kreuzganges Lord Ormond an Richmonds Arm gelehnt sich zeigte.

Steht auf, rief sie heftig, und entehrt mich nicht vor der Zeit durch Euer Betragen! Lord Membrocke erfüllte dies so beleidigende Gebot gerade mit so viel Muße, wie nöthig war, um gewiß zu sein, daß beide Lords ihn zu ihren Füßen gesehen hatten, und entfernte sich dann, sie vertraulich grüßend. Dies entging der unglücklichen Maria, denn bei dem Anblick dieser beiden Männer und der Stellung Membrocke's war sie einer Ohnmacht nahe, und überwältigt von der schrecklichen Ueberzeugung, daß ihre Verurtheilung schon jetzt und eben damit angefangen habe. Sie fühlte aufs Neue ihre Kraft sinken, noch ein Mal fragte sie angstvoll ihr Gewissen, ob es nöthig sei, sich selbst so grausam anzuklagen; ja, es fiel ihr sogar der bis dahin nicht möglich geachtete Zweifel an der Forderung ihres Verwandten ein. Sie fühlte, daß Kummer und Unglück diesen edeln Mann etwas aus seiner Höhe herabgezogen haben müßten, da er nicht anstand, sie einer so zweideutigen Lage hinzugeben. Aber, rief ihr edles Herz, eben darum muß ich zu ihm; heilen muß meine Liebe dies edle Wesen! Abermals war sie entschlossen, und ein lauter, tiefer Seufzer beendigte diesen schrecklichen Kampf.

Und warum theilt Lady Maria mit Niemand den tiefen Gram, dem sie zu unterliegen scheint, sprach hier eine sanfte, gerührte Stimme, und Maria, die den Nahenden nicht bemerkt hatte, blickte in Lord Ormonds theilnehmendes Antlitz. Maria schüttelte nur langsam das Haupt, ihre Lippen blieben verschlossen.

[128] O, theure Maria! rief er jetzt lebhafter, warum hat nur ein Einziger das Recht, Euer Vertrauen zu genießen, ein Einziger, ach, und ein so Unwürdiger! während Lady Maria von den treusten und redlichsten Freunden umgeben ist, die keine Aufgabe zu schwer halten würden, ihr Ruhe und Heiterkeit wiederzugeben. O Mylady, habt Erbarmen mit Euern Freunden, mit Euch selbst! Die Bürde, die Ihr tragt, ist für Euch allein zu schwer, wählt einen von uns, daß er so glücklich werde, sie mit Euch tragen zu können!

Das steht in Gottes Hand! seufzte Maria und schlug die Augen in trostvollem Glauben zum Himmel auf; dann wandte sie sich, überwältigt von der innigen Sprache des edeln Mannes, zu Lord Ormond und reichte ihm sanft die Hand.

Doch, was auch ein unerbittliches Geschick über meine Handlungen bestimmen mag, seid sicher, Mylord, Euer werde ich gedenken, und dieser Stunde Eures treuen, thätigen Mitgefühls, und so unmöglich ich Euer Anerbieten annehmen kann, so sicher seid, daß ich seinen Werth tief empfinde, um so tiefer, als ich den hochachte, der es mir so großmüthig darbietet.

O, rief Ormond dringend, wenn Ihr mich achtet, wenn Ihr Vertrauen zu mir habt, so steht nicht an, mich zu Euerm Beschützer anzunehmen! O sprecht, was knüpft Euch an diesen sittenlosen Mann? Warum könnt Ihr Euch seinem Einflusse nicht entziehn? Glaubt mir, kein Zweifel an Eurer engelgleichen Reinheit trübt meine Verehrung gegen Euch, ich bin gewiß, höllische Täuschungen haben Euch umsponnen, hintergangen seid Ihr, ein Irrthum der Tugend ist es, der Euch von diesem Manne abhängig macht. Redet, sagt nur ein Wort, sagt, daß Ihr selbst Euch von ihm trennen möchtet, und ich will ihn zwingen, daß er nie wieder von diesem Augenblicke an Euch nahen darf.

O nein, nein! rief Maria, haltet ein mit Eurem Eifer, laßt ihn in Frieden, verfolget ihn nicht, ich darf es nicht veranlassen, [129] nicht zugeben. Ormond wandte sich ab mit einem Schmerze, der ihn zu sehr übermannte, um sogleich wieder reden zu können; aber das Gefühl, daß sie unglücklich sei, und der schreckliche Gedanke, daß sie sich in der Gewalt eines Mannes zu befinden schien, von dem er nur das Nachtheiligste voraussetzen konnte, dies überwältigte jede andere Betrachtung, wie sehr er auch durch ihre anscheinende Theilnahme für diesen Mann zu leiden begann. Er konnte sie nicht verlassen, mit erneutem Antheil wandte er sich zu ihr:

Theure Lady Maria, seht mich als Euern besten Freund an, und dann und in dieser Beziehung würdigt meine Worte Eurer Aufmerksamkeit! Mein Herz leidet zu heftig bei dem Zustande, in dem ich Euch sehe. Ich würde Euch Eurem eigenen Gutdünken überlassen können, wenn Ihr glücklich wäret, aber Ihr seid es nicht, dieser unglückselige Mann hat Euch nicht Frieden und Glück mit dem Vertrauen zu sich einflößen können, darum können Eure Freunde nicht ruhig bleiben, und glaubt mir, wer Lord Membrocke kennt, fühlt Sorge um Euch. – Er hielt in der Hoffnung einer Antwort inne; aber nur bleicher und bleicher ward ihr schönes Angesicht, ihre Lippen öffneten sich, aber sie schienen keine Worte sprechen zu können, nur bange Seufzer entschwebten ihnen.

Jetzt stand der unglückliche Mann vor der Vermuthung, die ihm am schwersten ward auszusprechen, und die sich ihm doch endlich unwiderstehlich aufdrängte.

Ich kann Euch nicht verlassen, sprach er, als sie einen schwachen Versuch machte, hinweg zu gehen, und ihm mit der matt erhobenen Hand das Gleiche anzudeuten suchte, ich kann Euch nicht verlassen, Ihr habt mir Freundesrechte zugestanden; o zürnt mir nicht, wenn ich, von meiner Sorge um Euch getrieben, Euch zu dringend erscheine, laßt mich die größte Angst meines Herzens Euch gestehn und rechnet auch in diesem [130] Falle auf meine grenzenlose Ergebenheit, auf jeden Beistand, dessen Ihr benöthigt seid. – Ich frage Euch, hat die liebenswürdige Außenseite dieses Mannes, hat sein munterer Geist Eindruck auf Euer junges, unerfahrenes Herz gemacht, liebt Ihr ihn?

Als ob ein elektrischer Schlag das Fräulein getroffen, so fuhr sie jäh empor, und ihr ganzes Leben schien aus den Zauberbanden der Apathie, worin sie im vorigen Momente gefangen lag, zu seiner vollen Energie erwacht; ihre Wangen und ihre Augen hatten Licht bekommen, hoch stand sie sogleich auf, und die Hände an die Brnst gedrückt, rief sie laut und aus tiefer Brust: Gott sei mir gnädig, Mylord, wohin führt Euch Euer erfinderischer Geist? Wie war es Euch möglich, dahin zu gelangen? Nein! nein! Seid sicher, ich liebe ihn nicht und kann ihn nie lieben! nein, die Gerechtigkeit laßt mir widerfahren, dies für unmöglich zu halten.

Sie hatte sich mit einem so engelreinen Unschulds-Eifer zu ihm hingebeugt, daß seine Seele jubelnd ihr Glauben schenkte, und hätte sie für den Ausdruck seiner Züge Sinn gehabt, sie hätte darin das hohe Entzücken erkennen müssen, das er bei dieser Wahrnehmung empfand. Sein Augenblick war nun gekommen. Ich glaube, sprach er zitternd, – o vergebt mir, wenn ich Euch beleidigte, zürnt mir nicht, aber laßt mich um so dringender fortfahren, wenn Euch kein Gefühl an ihn bindet, Euch vor ihm zu warnen.

Edler Freund, wenn Ihr Glauben an meine Unschuld habt, erwiederte Maria sanft und ernst, so unterwerfet diesen der Probe, mir ohne Gründe zu vertrauen. Ich hoffe zwar vor Gott gerechtfertigt zu sein; aber es ist mir versagt, so auch vor Menschen dazustehen. Ich muß dies Mal der Stimme meines Gewissens folgen, ich stehe – allein, setzte sie voll Wehmuth hinzu, und von allem natürlichen Beistand getrennt. –

[131] Nein, rief Ormond, hier sie unterbrechend, Ihr steht nicht allein, nur von Euch hängt es ab, Euch demjenigen, den Ihr Freund genannt, durch die heiligsten Bande auf ewig zu nähern. Ja, theure Maria, ich will es Euch nicht länger verschweigen, ich liebe Euch – sagt, daß Ihr mein sein wollt, und macht mich zum glücklichsten Manne. O, vertraut mir, ich will Euch ehren, schützen und lieben, und die ganze Bürde Eures unverdienten Schicksals, wie groß sie auch sein möge, auf mich nehmen, damit Euer Engelherz wieder frei athme und Ihr das Entzücken empfinden möget, namenlos zu beglücken.

Maria hatte ihn mit einem Ausdruck angesehn, der nur zu deutlich mehr Schreck als Freude andeutete; sie drückte jetzt die flache Hand gegen die Stirn, als wollte sie sich zu einem klaren Bewußtsein wecken, während Ormond mit einer Erwartung an ihren Zügen hing, die nur zu deutlich seine tiefe Erschütterung ausdrückte.

Ihr – Ihr liebt mich? stammelte sie endlich tonlos, und das schöne Auge floß in Thränen über, die auf Ormonds gefaltete Hände fielen, der, seiner nicht mehr mächtig, zu ihren Füßen gesunken war. O Lord Ormond, warum liebt Ihr eben mich? fuhr sie mit einem tiefen Schmerzenstone fort, o warum mich? Doch nein, es kann nicht sein, es wird nicht sein, es ist Euer großmüthiger Eifer, der Euch zu diesem Glauben führt. Nein, nein, Ihr liebt mich nicht, aber retten wollt Ihr mich, aus der trostlosen Vereinsamung, in der ich dastehe, wollt Ihr mich erretten. Ihr wollt Euch zum Opfer bringen, um mich von dem Einfluß jenes Mannes zu befreien, den Ihr mir so verderblich schildert. O ich habe Euch errathen und erkenne den ganzen Umfang Eures großmüthigen Herzens! Doch, wie auch Alles kommen mag, ich kann nicht, kann dies großmüthige Opfer von Euch nicht annehmen. O steht auf, rief sie dringend, als Ormond den Kopf senkte und seine Stellung nicht änderte.

[132] Es war kein Opfer meinerseits, was ich Euch zu bringen dachte, ich war es, der von Euch ein Opfer begehrte, sprach Ormond, nach Fassung ringend, indem er von seinen Knien aufstand. Ich, der Vereinsamte, suchte die Gemeinschaft eines Engels, der alternde Mann beging die Thorheit, die Gefühle der Jugend zu hegen und ihre Erwiederung für möglich zu halten – ich bin bestraft, und was ich leiden werde, ist die Buße meiner Thorheit. Ihr liebt mich nicht, ich sehe es klar, wenn Ihr das Wort auch gern mir sparen möchtet, doch verstanden habe ich Euch und werde versuchen, es zu überleben!

O um Gotteswillen, sprecht nicht so! rief Maria hier, von tödtlicher Angst ergriffen, und eilte ihm nach, da er bleich und schwankend an einen Pfeiler sich zu stützen suchte. Thränen des tiefsten, schmerzlichsten Antheils stürzten über ihre Wangen. Von aller Schüchternheit verlassen, sah sie nur den edeln Leidenden, ach ihrethalben Leidenden; sie ergriff seine Hand und drückte sie zwischen den ihrigen; sie suchte bittend sein Auge, um durch die zärtlichste Theilnahme ihm Linderung zu verschaffen, und hätte Ormond das wärmste Gefühl der Freundschaft in diesem schrecklichen Augenblick zu schätzen gewußt, es hätte ihn schön und tröstend aus ihren Blicken ansprechen müssen.

Er rang mit dem jähen Wechsel seiner Hoffnungen; er versuchte die körperliche Erschütterung, die ihn selbst überraschte, zu besiegen; er richtete sich an ihrer zarten Hand, die sie ihm kindlich lieh, empor, er wagte es, den schweren trüben Blick aufzuschlagen und blickte, unwiderstehlich hingezogen, zu ihrem lieben Antlitz auf.

Engel, sprach er, tief gerührt, als er ihre unschuldige, zärtliche Sorge um ihn erblickte. Du kannst nicht weh thun, und wenn Du auch das blühendste Paradies der Zukunft mir in einer Sekunde zur öden Steppe der Wüste verwandelt hättest! Nein, ich will leben lernen und mich so leidlich, wie möglich, [133] schicken, und wenn es nur wäre, um Dir keinen Seufzer mehr zu kosten, diesem klaren Auge keine Thräne! Vergeßt, was ich Euch sagte, aber vergeßt nicht, daß ich Euer wärmster Freund geblieben, versprecht mir, ach als kleinen Ersatz für das, was ich eben verlor, versprecht mir, daß ich Freundes Rechte auf Euch behalten soll.

Sie legte sanft und ernst die Hand in die ihr dargebotene. Mein edler und großmüthiger Freund! sagte sie dann mit innigem Tone, vielleicht kömmt bald der Augenblick, wo nicht mein Mund, doch das Andenken an diese mir geschenkten Rechte Euch mahnen wird. Sie schwieg und fühlte aufs Neue die Last des eignen Geschicks. Doch Ormond blieb nun wieder stehn, und muthig von dem eigenen Schmerze sich erhebend, wendete er ihrer geheimnißvollen Lage sich wieder ausschließlich zu.

Muß ich Eure Worte deuten, als ob uns von Euch eine Trennung drohe? Was hat man gethan, Euch von hier wegzuscheuchen? O glaubt mir, von Allen seid Ihr geliebt; jedes Glied dieser Familie achtet sich glücklich, Euch ehrenvollen Schutz zu verleihen, bis die Zeit Euch über Eure Verhältnisse aufklären wird. Warum wollt Ihr nicht den Schutz annehmen, der den Gewährenden nur Freude schafft? – Maria lehnte, sich immer müder in ihrem Geiste fühlend, gegen einen niedern Fenstersitz. Antworten konnte sie nicht; sie fühlte sich übermannt von den Bildern, die in ihrem Geiste auftauchten und verschwanden. Ormond blieb, sie betrachtend, vor ihr stehn, und selbst heftig erregt, sprang sein Geist in Bezug auf sie von einem kühnen Schlusse zum andern.

Da war ihm plötzlich, als risse die Binde vor seinen Augen. Sie liebt! rief eine Stimme in ihm, und willenlos fast rief sein Mund: Ihr liebt, Maria, jetzt weiß ich Alles, Ihr liebt!

Maria zuckte bei dem Worte zusammen und legte die Hand scheu auf ihr Herz, dann blickte sie Lord Ormond voll Erstaunen fragend wie ein Kind in die Augen.

[134] Ihr liebt, theures Mädchen, sagte er noch ein Mal mit höchster Theilnahme, denn sie schien auf diesen Laut aus seinem Munde zu warten, und wie begabt mit höherer Erkenntniß, setzte er mit überzeugender Gewalt hinzu: Ihr liebt Richmond!

Irr' flammte ihr Blick bei diesen Worten auf, dann sank sie, die Hand schnell aufs Herz drückend, ohne Laut ohnmächtig nieder. Ormond bezwang, so mächtig in Anspruch genommen, leicht seine eigne Stimmung. Er öffnete die Scheiben und richtete sie sanft in dem Fenstersitz empor. Bleich, ohne alle Farbe, glich sie einem schönen Marmorbilde. Wunderbar rührend spielte das seltsame Lächeln der Ohnmacht um den zarten Mund, während der tiefe Ausdruck des Leidens in der schmerzlich gezogenen Stirn ausgedrückt lag und die herbstliche Sonne, mit blassen Lichtern eindringend, in leichten Goldstreifen das blasse Heiligenbild verklärte.

Bald schien es dem Lord, die Ohnmacht habe sie verlassen. Ruhig, wie bei einer Schlafenden, hob sich der Athem ihrer Brust immer süßer ward das Lächeln ihres Mundes, und aus den sanftgeschlossenen Augenliedern drangen einzelne Tropfen und fielen wie Perlen auf den Schooß; aber sie öffnete sie nicht, und Ormond blieb, gefesselt von Erwartung, ihr stumm gegenüber. Fürchten konnte er ihren Zustand nicht, denn auch die Stirn begann sich jetzt zu lichten, Engel schienen mit ihr zu spielen, so süß ward jeder Zug des lächelnden Gesichtes.

Gewaltsam hatten Ormonds Worte das Geheimniß ihrer Brust entschleiert und durch diesen Namen ihm ein so mächtiges Recht verliehen, daß sie dem schnellen Bewußtsein unterlag. Kaum war's eine Ohnmacht zu nennen, was sie überkam, seltsam war Traum und Bewußtsein in ihrer Seele jetzt verschwistert. Sie wußte wohl, sie ruhte, sanft von der Sonne Strahl bespielt, im Fenstersitze, sie nahm es wahr, daß Ormond gütig schützend [135] ihr zur Seite stand; doch eben so ohne Erstaunen, ohne einen Uebergang von Vorstellungen, die sie der Wirklichkeit entfremdeten, schaute sie, wie die Bogen des Fensters vor ihr sich auseinander schoben und ihr ein freier Blick in die herrlichste Natur ward. Auf einer weiten Höhe schien ihr Sitz zu stehen, sie blickte in ein blühend Land, reich an schönen Städten, mächtigen Schlössern und hohen Thürmen und Kathedralen.

Weit ins Land hinein sah sie mit klaren Augen das bunte Treiben eines reichen, weit verbreiteten Volkes, doch der vergangenen Zeit gehörend. Ein Festtag schien für Alle angebrochen; denn festlich glänzend zog die Bevölkerung nach einer Richtung hin, und aus der weiten Ferne hatte sie Begriff von rauschendem Getöne, von Musik, von Menschenstimmen, vom Geräusch der Waffen und vom Jubelruf der Freude.

Ein schmelzend Grün bedeckte die Höhe, auf der sie ruhte, und einsam schien es hier, als reiche der Fuß des Hügels nicht zur Erde hin. Sie fühlte ein seliges Genügen, ein himmlisches Erlöstsein von aller irdischen Sorge; nichts schien ihr obzuliegen, als selig lächelnd zuzuschauen, wie schön gestaltet Alles um sie war. Da sah sie eben näher nun am Rand des Hügels einen Eichenwald, die Sonne schien hinein, der Boden schimmerte vom saftigen Grün des Mooses, und Blätterschatten tanzten wie dunkle Blumen drüber hin; da hörte sie den Chorgesang der Geistlichen, ein Agnus Dei sangen sie, und bald erschienen in den breiten Wegen sie paarweis mit dem Allerheiligsten, mit holden Knaben, die aus Silberbecken die leichte blaue Wolke des Räucherwerks um sich kräuselten. Die Ritter folgten im goldenen Harnisch und mit langen wehenden Federn; auf ihren Schultern trugen Andere den hellen Silbersarg mit goldener Krone, und die Zipfel des königlichen Purpurmantels hielten Knaben in Gold und düsterer Seide. Viele waren, die in hoher Trauerpracht noch folgten, dann war der breite Weg [136] des Waldes wieder leer, und nur die Sonne spielte mit den Blättern auf dem frischen Grunde. Doch liebliche Töne klangen jetzt; der Wald verhüllte noch die neue frohe Mähr, nur Hörnerharmonien in heiterer Weise, zu einem Hochzeitsreigen wohlgeschickt, eilten froh voran, dann kam der Zug in bunter Pracht. Wie spielten nun im Glanz der Sonne die bunten goldenen Stoffe der Herren und Frauen, der Edelsteine, der bunten Federn zauberisch Farbenspiel. Der leichte Schritt der schön geschmückten Rosse schien mehr begeistert von den Hörnerklängen, als gelenkt vom leichten Druck des goldenen, Zügels taktmäßig hinzuschreiten. Die Schönheit ziert hier die Pracht, und Glück und Lust entsproß in zarter Harmonie, und endlich bot der Mittelpunkt des Zugs sich dar. Zwei schöne Knaben führten den milchweißen Zelter, auf dem die junge Schönheit lächelnd ruhte, die, in dem Schmuck der Königin, wie eine Nymphe des Waldes mit Blatt und Moos und Blumen zu tändeln schien, und einer langen Ranke zarte Fäden um einen schönen, königlichen Mann geschlungen hatte, der innig ihr ergeben, gefesselt schon an ihren Augen hing. Der Zug schien sich zu nahen, den Hügel zu ersteigen; die holde Frau nickte nach Maria hin, sie hob die zarte weiße Hand empor und steckte fünf kleine Finger in den goldenen Reifen einer Krone, die sich hoch dann ihr entgegen streckte. Da hob der Mann an ihrer Seite sein Angesicht und sah Maria zärtlich an.

Mein Oheim! rief sie. Verschwunden war das Bild, der ganze süße Traum. Sie stand plötzlich aufgerichtet vor Lord Ormond, der zu ihren Füßen lag, und flehend sie beschwor, zum Bewußtsein zu erwachen. Sie sah ihn an mit dem holdesten Lächeln, ihre Augen leuchteten, wie von einem tiefen innern Lichte erhellt, und sanfte Röthe ergoß sich um ihr Angesicht. Ja, sprach sie, als ob Lord Ormond jetzt erst das verhängnißvolle Wort gesprochen, Ihr habt es mir gesagt, jetzt weiß ich [137] es, ich liebe ihn! Dies angstvolle Geheimniß ist nun fort aus meiner Seele, ja, ich liebe ihn! – Sie hatte die Hände auf ihre Brust gedrückt, als wollte sie sich das Eigenthumsrecht an dieser Ueberzeugung sichern. Sie hatte, wie es schien, vergessen, was Lord Ormond über sich selbst ihr gesagt, und war jetzt nur bemüht, ihn zum Vertrauten ihres nun erst verstandenen Gefühls zu machen. Ormond senkte, noch immer kniend, sein Gesicht auf ihre Hand, die sie ihm willig ließ, von unnennbaren Gefühlen fast betäubt. Da riß sie aus ihren geisterhaften Schwärmereien ein lautes, helles Schluchzen dicht an ihrer Seite. Ormond sprang auf; Maria blickte hin. Ollonie Dorset stand mit schlaff niederhängenden Armen ihnen gegenüber, und mit dem Ausdruck der Verzweiflung im bleichen Gesicht weinten ihre schönen Augen Ströme bitterer Thränen.

Als sie sich bemerkt sah, flog sie auf Maria zu, umschlang in voller Qual ihren Nacken und seufzte: Du liebst ihn! O Du Glückliche! Und Dich, wie liebt er Dich! O nimm ihn, nimm ihn! Ollonie kann sterben für Euch beide. Ja, Ihr gehört zusammen, es mußte so kommen; wie konnte er mich lieb behalten neben Euch. O Maria, ich selbst, ich wollte Euch hassen, wie Ihr so sorglos mein Glück zerstörtet; doch auch ich, auch ich konnte Euch nicht hassen! Ja, ich mußte Euch nur heftiger lieben, denn liebenswerther scheint Ihr mir noch durch das Lob seiner Liebe.

O Gott! rief Ormond hier, ganz außer sich, das theure Wesen in diesem Schmerz zu sehen. So war denn ausgesprochen, was er aus ihrem Zustande nur zu wahr errathen; sie hatte Richmond in der Stille lange geliebt und erst ihr Gefühl verrathen, seitdem sie ihn für Maria glühend wähnte. Wie theilte sich in diesem Augenblick sein Herz zwischen diesem geliebten Mädchen und dem theuren Gegenstand seiner Liebe! Still hielt [138] Maria das holde Kind an ihrem Busen fest, ohne Worte, tiefsinnend. Sie wird ohnmächtig, sagte sie dann leise und hob sie mit Ormonds Hülfe auf ihren Sitz.

O! seufzte Ormond tief und schmerzlich, mußt Du schönes Herz auch die Qual unglücklicher Liebe leiden! Wie habe ich vergeblich gefleht, es möchte ihr erspart bleiben; doch immer ahnte ich ihre Liebe, ja, ich wünschte sie, ehe ich wähnen konnte, daß meinem edlen Richmond der höchste Preis zu Theil geworden.

Still, sprach Maria leise, Ihr seid im Irrthum, Lord Richmond liebt mich nicht, und mein Gefühl, das Ihr mich kennen lehrtet, hat damit nichts gemein. Doch Ollonie liebt Richmond nicht, Euch liebt sie, theurer Ormond, Euch! Und unbegreiflich habt Ihr Euch getäuscht und dies bis diesen Augenblick übersehen. Ohne Euch zu nennen, hat sie mir längst ihr Geheimniß verrathen, und ich hoffte, Ihr theiltet ihr Gefühl.

Ormonds Erstaunen raubte ihm die Sprache. Ihre einfachen und bestimmten Worte ließen keine Mißdeutung zu, und vor ihm selbst that sich die Ueberzeugung auf, mit tausend schnell gegenwärtigen Beweisen. Doch er behielt nur wenig Zeit, diese Gedanken zu verfolgen. Die leichte Erschöpfung wich von Ollonie, sie schlug die Augen auf und blickte Beide zärtlich an; dann nahm sie Ormonds Hand, drückte sie sanft in Maria's Rechte, und lispelte leise und schwach: So gehört Euch denn! Und Du, lieber, bester aller Menschen, Du werde glücklich!

Sie wollte aufstehen, aber matt geworden, ward sie von Beiden unterstützt.

Ollonie, sagte Maria sanft, Du hast zwei Hände vereint, die es schon in Freundschaft waren; nicht Liebe wird ihr folgen. – Nun aber überlaßt mir die Pflege unserer theuern Ollonie, ich führe sie sicher.

[139] Ormond drückte in stummer Sprache die Hände Beider an sein Herz und eilte dann mit seiner vielfach angeregten Qual von dannen.


Der Tag, der diesem Morgen folgte, war nun der letzte, den Maria unter dem ehrwürdigen Schutze ihrer großmüthigen Freunde verleben sollte, und es war ihr die Aufgabe gestellt, unter einem ruhigen Aeußern ihr tief bewegtes Herz zu verbergen. Wenn etwas diesen überwältigenden Umständen das Gleichgewicht zu erhalten vermochte, war es die bestimmte Richtung, die seit Ormonds Worten das Gefühl ihres Herzens erhalten hatte. Sie gewann, trotz den andrängenden äußern Umständen Zeit, sich hierüber mit sich völlig zu verständigen. Wie sie es so lange in sich als unverstandenes Geheimniß hatte tragen können, überraschte sie, und sie bat sich selbst um Verzeihung, daß sie in Verworrenheit und Unruhe und unverständlichem Wechsel von Freude und Leid hatte verderben können, was nun, verstanden, zu einem schönen vollständigen Schatz ihrer Seele gehörte, sie adelte und ihr eine neue erhebende Weihe zu geben schien. Daß zur selben Zeit diesen Empfindungen der Eintritt ins Leben und jede glückliche äußere Beziehung abgeschnitten ward, erkannte bei flüchtiger Betrachtung ihr klarer Verstand zu bestimmt, um eine Träumerei darüber zuzulassen, und sie fühlte, daß sie nur dann, ihrer selbst würdig, sich als Besitzerin dieses Gefühls anerkennen könnte, wenn sie eben so bestimmt und aufrichtig ihm die vollständigste Resignation zur Seite setzte. So heiligte sie beide Gefühle in ihrer Brust, und als sie nach diesem festen Abschluß mit sich das übrige Leben anblickte, fühlte sie sich ihm viel ruhiger gegenüber gestellt, als früher, und nur, ob sie das Rechte zu thun vorhabe, [140] das nur flößte ihr Bedenken oder Sorge ein, nicht mehr die damit verknüpften Opfer. Nur der Brief, der die theuren Schriftzüge trug, konnte immer wieder aufs Neue die Bedenklichkeiten besiegen, die in jeder andern Beziehung ihr der bevorstehende Schritt einflößte. Aber ihren Widerwillen, sich auch nur in vorübergehende Gemeinschaft mit diesem Mann zu setzen, diesen zu überwinden, fühlte sie sich außer Stande. und ließ darin endlich ihr Herz gewähren.

Seltsam traf sie Richmonds Anblick, als sie ihn bei der Tafel zuerst wieder sah, und sie würde ihn schwerlich ohne den Tribut der Weiblichkeit ertragen haben, hätte ihre wahrhaft feste und vollständige Resignation ihn nicht ohne alle Beziehungen zu sich, blos als das schöne Urbild ihrer Liebe ihr erscheinen lassen.

Als er sie anblickte, drang das unaussprechlichste Gefühl der Befriedigung durch ihr Herz, und sie gewahrte den tiefen schwermüthigen Ausdruck seines Blickes mit der schmerzlichen Ueberzeugung, daß er dem Mitleiden angehöre, womit er sie in Bezug zu Membrocke sah. Bald, sagte sie sich, wird der Schritt geschehen, der mich fürs Leben aus Deiner reinen Nähe treibt und meinen Namen den Verworfenen beigesellen wird; Du wirst erröthen, mich unter diesem Dache einst gesehen zu haben. Ein Seufzer bezeichnete die Schwere des Opfers, das ihr auferlegt war, und sie fühlte sich fast getröstet, daß ihr Gefühl nie in seinem Herzen Wiederklang gefunden, und so ihm der Schmerz erspart blieb, an ihr sich scheinbar geirrt zu haben.

Fast war es ein Glück, daß Ollonie's Zustand ihre Sorgfalt erforderte. Maria besaß vollkommen die Eigenschaft der Frauen, das eigene Interesse zurück zu drängen, und frei und hingebend sich einem fremden aufzuschließen. Ihr war mit der gütigen Empfindung zugleich der Takt verliehen, unscheinbar und ohne den Leidenden außer eigne Thätigkeit zu setzen, blos[141] ergänzend oder stützend einzutreten, und namentlich war sie, schnell Olloniens Wesen überschauend, sie zur Kraft zu wecken bemüht.

Eine lange Unterredung, in der sie doch, die eigentliche Vertraute zu werden, vorsichtig vermied, hatte Ollonie nicht allein überzeugt, daß Maria sich ihrem theuern Oheim nicht vermählen wolle, sondern auch in ihr jene jungfräuliche Empfindung geweckt, die sie fürs Erste zur Selbstbeherrschung zwingen konnte.

So hoffte Maria sie aus dem leidenschaftlichen Zustand zu erlösen, den ihr die Eifersucht gegeben, und für Ormond Zeit zu gewinnen, von der sie das Glück Beider hoffen zu dürfen glaubte.

So dem fremden Interesse hingegeben, hatte die junge Heldin fast keinen Blick für ihre eigene Zukunft übrig, fiel er aber darauf, dann schaute sie in ein undurchdringliches Dunkel, worin sie nur das eine Bild ihres theuern verfolgten Oheims als Ziel und Lichtpunkt erblickte. Dahin wandten sich dann alle Kräfte ihrer edeln Seele, und verliehen ihr den ruhigen Ernst, der zwar alle Blüten des Glückes verschließt, aber desto freier und stärker jede Tugend der Seele zur Reife bringt. Sie schien sich seit diesem Morgen weit über die Zeit der Jugend hinaus entrückt, und wie jede Bewegung ihrer Seele sich ihrem Aeußeren mittheilte, so trug ihr ganzes Wesen jene ernste und ruhige Würde, welche die Abfindung mit dem Leben bezeichnet.

Membrocke konnte dies nicht übersehen, und es gehörte nicht zu seinen angenehmen Beobachtungen; er hätte sie lieber hinfällig und außer sich erblickt. Diese feste Haltung schien ihm wenig Rechte über sie lassen zu wollen, und er verwünschte dies ihm stets neue Aufgaben bereitende Mädchen.

Als die Tafel aufgehoben war und die jüngeren Personen sich dem fröhlichen Beisammensein überlassen wollten, fühlte [142] Maria sich unfähig, daran Theil zu nehmen. Ihr Herz sehnte sich mit kindlicher Innigkeit nach dem Beisammensein mit der Herzogin von Nottingham. In ihrer Nähe wollte sie die letzten Stunden durchleben und sich stärken zu dem großen Schritt, der ihr bevorstand.

Schaudernd sah sie, wie Membrocke sich nach der Tafel von Allen beurlaubte. Indem er sich auch ihr ehrerbietig zum Abschiede näherte, warf er ihr einen vertraulichen Blick zu und flüsterte: Um neun Uhr bin ich zurück.

Maria vergaß, tief beleidigt, ihr ganzes Verhältniß zu ihm und antwortete ihm blos durch einen Blick voll Verachtung. Aber ihr Gesicht war, Allen sichtbar, mit Blut übergossen, und Richmond wendete sich von ihr ab und verließ die Gesellschaft.

Als die beiden Herzoginnen sich entfernt hatten, blieb Maria in dem schmerzlichen Gefühl, alle hier Versammelten zum letzten Male zu sehen, wie gefangen zurück. Von Allen nahm sie im Geiste Abschied; ach, Keiner schien ihr mehr unbedeutend oder unliebenswürdig. Selbst die Pagen, die Diener, die noch mit dem Dienste beschäftigt hin und wieder gingen, Alle flößten ihrer Seele das schmerzlichste Interesse des nahen Abschieds ein. Lucie hing sich in ihre Arme und begehrte morgen früh den Spaziergang mit ihr, und nun ward sie von allen Mädchen umgeben, die sie liebevoll drängten, den Jagdzug mitzumachen, den Richmond für morgen vorgeschlagen und Maria, unfähig ihn zu belügen, abgelehnt hatte. – Da entschlüpfte sie rasch den ungestümen Liebesbeweisen, die ihre Brust zerrissen, und eben so wenig fähig, allein zu bleiben, führte sie ihren Vorsatz aus, zur jüngeren Herzogin sich zu begeben, in deren ernster, gemäßigter Nähe sie gegen neue Erschütterung der Art sich gesichert hielt.

Als sie, von dem meldenden Pagen geführt, in das lange gothische Zimmer eintrat, in dessen Fenstervertiefung die [143] Herzogin saß, gewahrte sie zu ihrer Ueberraschung Lord Richmond vor ihren Füßen auf einem niedern Fensterbänkchen sitzen.

Willkommen, Lady Maria, sprach die Herzogin, während Richmond schnell aufsprang. Ihr seid gütig, mir Euern Nachmittag schenken zu wollen, da Alle, wie ich höre, sich auf eine Cavalcade begeben. Damit reichte sie Maria die Hand entgegen, welche diese mit beklommenem Herzen an ihre Lippen drückte.

Und doch, Mylady, sprach Maria, fürchte ich, seid Ihr zu gütig gewesen, mich anzunehmen. Ihr hattet liebe Gesellschaft, Ihr hattet vielleicht Geschäfte, setzte sie hinzu, auf Richmond blickend, der, mehrere Papiere in der Hand haltend, stumm grüßend ihr gegenüber stand.

Ich hätte in diesem Fall es Euch aufrichtig gesagt, erwiederte die Herzogin. Wen ich willkommen heiße, der darf auch dessen sicher sein. Setzt Euch, fügte sie hinzu und zog Maria auf einen kleinen Sessel, der nächst ihrem Lehnstuhl stand, und Du, Richmond, nimm Deinen alten Platz hier ein und lies mir das Ende Deines Briefes vor. Meine liebe Maria wird sich so lange mit sich unterhalten.

Richmond that, wie ihm geheißen, und obwol er erst nach einigem Verzuge die Stelle wiederfinden konnte, bei welcher Maria's Ankunft ihn unterbrochen hatte, las er, doch mit einer Stimme, die noch lange vergeblich nach Festigkeit strebte, weiter: »Ich kann unter diesen Umständen nicht genau angeben, wann mir das Glück zu Theil werden wird, Dich, meine geliebte Tochter, zu umarmen. Keinesfalls kann ich indeß wünschen, daß Du nach London kommest, da in der Hoffnung, die sich uns jetzt darbietet, mir vielleicht vergönnt sein wird, nach Godwie-Castle zu kommen. Daß ich diesen Zeitpunkt herbei sehne und Alles, was in meinen Kräften ist, anwenden werde, ihn zu beschleunigen, wird Dir gewiß sein, und meine Tochter [144] wird nicht wünschen, daß etwas in einer Sache übereilt werde, wovon die Ehre ihres Vaters abhängt.«

Da sei Gott vor, sprach die Herzogin und legte den Brief des Grafen von Bristol, den Richmond ihr reichte, ehrerbietig zusammen: doch bin ich der Meinung, daß mir am allerwenigsten zustehe, mit Besorgniß an diese Beweisführung zu denken. Nicht als Tochter fühle ich mich um die Ehre meines Vaters besorgt, als Engländerin bin ich besorgt und beschämt; denn sagt, wohin muß es mit einem Lande gekommen sein, in dem sich die Männer, die sich die Säulen des Staates nennen dürfen, an die sich die Verehrung zweier Generationen und die Hochachtung fremder Staaten knüpft, vertheidigen müssen, gleich als wären sie unbekannte, dem Zweifel unterworfene Emporkömmlinge, für welche keine Thaten reden können. England wird erstarren an der Nachricht, Bristol stehe vor dem Richterstuhle eines Parlaments, und neues Weh wird den Namen Buckinghams treffen, der so grenzenloses Elend verbreitet, und mit welchem die Nachwelt alles Unglück und alle Schande dieser Zeit bezeichnen wird.

Maria schauderte zusammen. Die bittern, strengen Worte der gekränkten Frau bezeichneten die Katastrophe, in die ihr eignes Schicksal nun so geheimnißvoll und gefährlich verflochten war; sie nannten zugleich den Namen Buckingham in derselben Beziehung, als Membrocke es gethan, und bestätigten die Wahrheit seiner Angaben.

Ich habe Euch, theure Mutter, noch Einiges über die Vermuthungen des Grafen Archimbald mitzutheilen, hob jetzt Richmond an.

Seine Thätigkeit hat keinen Augenblick gerastet, und so große Hindernisse ihm die Wachsamkeit Buckinghams auch in den Weg legte, ist es ihm mit Hülfe eines mächtigen und geheimen Feindes von Buckingham dennoch gelungen, dem Lord [145] Saville auf die Spur zu kommen, der, nach der Ueberzeugung Euers Vaters, die wichtigen Dokumente entwandte, die von der Hand des Herzogs von Olivarez unterzeichnet, das bestimmte und durchaus ehrenvolle Benehmen des Grafen bestätigen. Gewiß ist eine traurige Zeit gekommen, wo Lord Bristol eines Dokuments bedarf, sich freizusprechen von dem schmählichen Verdachte, sein Vaterland muthwillig und um persönlicher Genugthuung willen in einen so gefährlichen Krieg verwickelt zu haben; aber es ist dahin gekommen, wollen wir uns immer freuen, daß es der Unschuld nie an Freunden fehlt, und daß Lord Bristol die Besten des Landes unter die seinigen zählt. –

Du sagst ein wahres Wort, mein Sohn; aber ich wiederhole es, ich trage Leid um England, das auf dem Wege ist, dem Auslande ein Spott zu werden! –

Graf Archimbald, fuhr Richmond fort, scheint überdies die Auflösung des Königs zu erwarten. Die Fieberanfälle haben sich wiederholt, und die Idee des Krieges mit Spanien ist ein Schreckbild geworden, dem der unglückliche, schwache Greis, dessen ganze kleine Politik – Zeit seines Lebens – in dem Bündniß mit Spanien bestand, zu unterliegen droht.

Buckinghams Abschluß der Vermählung unseres Prinzen mit der französischen Prinzessin soll fast wider Willen des Königs und des Prinzen geschehen sein. Den König hat dieser verwegene Mann zittern gelehrt und das Jawort des Prinzen während einer hitzigen Krankheit erhalten, die ihn gleich nach der Rückkehr von Spanien überfiel und über deren Ursache, obwol Buckingham den Prinzen fast ausschließlich umgab, doch sehr seltsame Gerüchte umlaufen.

So viel ist gewiß, daß der Prinz, stets Allem gnädig, was unsere Familie angeht, Alles angewendet hat, diesen Prozeß von dem Grafen Bristol abzuwenden, daß der König aber, von Buckingham verhärtet und außer sich über den [146] Gedanken, am Ende seiner Laufbahn noch einen Krieg zu erleben, den er stets so ängstlich vermieden, den Grafen als die einzige Ursache davon ansieht. –

Nun, rief die Herzogin, so erhalte Gott sein Leben nur noch so lange, bis er seinen besten und getreusten Diener gerechtfertigt vor sich sieht. O, ich ertrüge es nicht, wenn dies gekrönte Haupt zur ew'gen Rechenschaft gerufen würde, ehe er dem sein irdisch Recht gesprochen, der sich um ihn so wohl verdient gemacht.

Hier entglitt dem Busen der unglücklichen, gequälten Maria ein tiefer Seufzer. Der gerechte Wunsch, dieser edeln Frau, ihrer Wohlthäterin, der Mutter Richmonds, dieser heil'ge Wunsch, für dessen Erfüllung auch sie ihre Hände hätte zum Himmel erheben müssen, er enthielt das Todesurtheil über den einzig ihr gebliebenen Verwandten, über den theuern Oheim, an den sie trotz des Scheines von Schuld, der ihn zu treffen schien, nicht ohne die tiefste und zärtlichste Bewegung des Herzens denken konnte. Ihr blieb jetzt kaum ein Zweifel, daß es der verfolgte Lord Saville war, dem sie diese Rechte zugestehen mußte, daß Lord Membrocke ihr Wahrheit gesagt und sie im Begriff sei, zu dem zu fliehen, der den Verfolgungen ihrer Beschützer preisgegeben war.

Riesenhaft groß trat ihr hartes Schicksal vor sie hin, bereit, alle die zarten Fäden zu zerreißen, die sie mit diesen geliebten Menschen hier verbunden hatten.

Die Herzogin mißdeutete dieses Zeichen tiefer Theilnahme, und ihre Hand sanft drückend, sprach sie: Gott behüte Euch vor ähnlichen Sorgen, liebes Kind, Euer allzu weiches Herz erläge solchen Leiden.

Die Schicksale der Menschen, sprach hier mit tiefer Bewegung Richmond, sind verschieden; nicht zweien wird ein gleiches zu Theil; aber der Schmerz findet zu jeder Brust den [147] Weg, und nur, wie er uns innerlich gefaßt findet, macht den Unterschied. Doch die geringsten Schmerzen bleiben immer jene, die das eigne verfehlte Glück uns giebt. Wer widersteht aber mit dauerndem Muthe, wenn er das Edelste und Liebste, was die Erde für ihn trägt, in der Gewalt einer bösen Macht leiden und untergehen sieht, ohne daß ihm das Recht verliehen ward, es zu schützen oder zu vertheidigen.

Wir wollen damit schließen, so heftige Auskunftsmittel, wie Deinem jugendlichen Eifer zusagen, nicht für nöthig zu halten, sagte die Herzogin mit beschwichtigendem Tone und schien nicht zu gewahren, wie Richmonds Augen an den bleichen, kummervollen Zügen Maria's hingen. Maria sah diese Augen nicht, denn die ihrigen hafteten melancholisch am Boden; aber seine Stimme drang zu ihrem Herzen, und ein wunderbar wonnevoller Schmerz durchzuckte sie.

Das gebe Gott! seufzte er tief auf, und vergeben mögt Ihr meinen trüben Worten. Aber ich glaube, setzte er, zur Heiterkeit sich zwingend, hinzu, der Nebel dieser letzten Tage thut es bei mir, ich bin nicht mehr ich selbst, ich fühle es wohl, denn trübe liegt auf mir die Erwartung jedes nächsten Morgens.

Maria's Haupt senkte sich hier auf die Armlehne des Stuhles, in dem die Herzogin saß. Doch diese sah die fallenden Thränen nicht, die sie zu verbergen strebte, sondern ganz Mutter, schaute sie besorgt ihrem Liebling ins Angesicht und prüfte mit ihrer Hand ängstlich die kalte Stirn.

In Wahrheit, Du bist krank, ich selbst habe, glaub' ich, übersehen, daß wir vielleicht zu lange hier verweilten. Laß uns zurückkehren nach Godwie-Castle. Seine hohe gesunde Lage wird Dich am besten wieder herstellen, auch sind wir dort London um so viel näher, und leicht läßt sich jetzt dort ein Kreis versammeln, der Dir Zerstreuung und Erholung giebt. –

[148] O, sorgt nicht um meinetwillen, theure Mutter, rief Richmond, nicht diese Luft ist's, die mein Herz so preßt, und keine andere Luft lindert dies Weh. Glaubt und vertraut mir nur, aus mir selbst muß ich mich erheben, und ich werde es! Doch Eurem Plan, nach Godwie-Castle zu gehn, widerspreche ich nicht. Wir sind dort London näher, das sage ich auch, und dort muß unser aller Schicksal sich jetzt lösen. – So gieb denn Befehl zu unserm Empfange dort! sprach die Herzogin, noch immer ganz von Besorgniß eingenommen.

Alle hatten sich erhoben, Richmond wollte gehen. Maria stand vor dem Augenblick, der sie auf immer von ihm trennen sollte. Kaum trugen sie noch ihre wankenden Füße, und sie hielt sich an dem Lehnstuhle der Herzogin, welche, an einen Tisch getreten, noch einige Papiere für den Sohn zurecht legte.

Richmond betrachtete Maria, er sah ihre Erschütterung und trat ihr näher.

Und wird Lady Maria noch länger ihren besten Freunden das bisherige Recht zugestehn, sie mit sich zu führen? Darf ich ihre Zimmer in Godwie-Castle bereit halten lassen? –

Maria versuchte umsonst zu antworten. Nach einigen vergeblichen Bemühungen, die bebenden Lippen zu öffnen, schüttelte sie leise das Haupt.

Ihr wollt uns nicht folgen, fuhr er nun bewegter fort; Ihr verschmäht die Herzen, die Euch so innig ergeben sind, die Ihr durch Eure Nähe habt vergessen lassen, daß ohne Euch zu leben möglich sei? Es ist Euch Niemand etwas unter uns, Niemand darf sich des Glückes rühmen, Euch so nöthig zu sein, wie Ihr es uns geworden. Ihr seid so gut, so großmüthig; aber gefühlvoll wenigstens nicht. – Er schwieg; seine Stimme bebte zu heftig und Maria vergingen bei dieser nie gehörten Sprache fast die Sinne. Wie mit einem Siegel waren ihre Lippen verschlossen, und nur die Angst dieses Verstummens [149] hielt sie aufrecht. Sie drückte die Hand endlich auf ihr Herz und hob die Augen zu ihm auf, die das ganze Geheimniß ihres Herzens trugen.

Ich verstehe nicht, sagte die Herzogin und wandte sich, wollt Ihr nicht mit nach Godwie-Castle, Lady Maria?

Ich habe keinen freien Willen, erwiederte jetzt Maria mit dem Ausdrucke der Ergebung.

Gewiß! sagte die Herzogin, welche Kleinmüthigkeit! Was ist Euch? Womit haben wir es versehen, und worin haben wir Euch Zwang aufgelegt? Bestimmt ganz nach Gefallen, ob Ihr uns begleiten oder später mit meiner Schwiegermutter folgen wollt? –

Ich empfinde tief Eure Güte und habe Euch nur aus voller Seele zu danken für die unendliche Großmuth, die Ihr mir unablässig beweist. Seid sicher, daß ich nirgends lieber bin, als wo Ihr seid, daß es die süßeste Empfindung meines Herzens wäre, Euch zu dienen, um nur Eure Nähe nicht zu entbehren. –

Die Herzogin fühlte sich geschmeichelt, vor ihrem Sohne der Gegenstand von so vieler Liebe zu sein, und ungewöhnlich freundlich zog sie Maria zu sich und küßte ihre Stirn.

Ihr seid ein liebes gefühlvolles Kind, sprach sie dabei, ich lege gleichfalls Werth auf Euern Umgang und sehe es gern, wenn Ihr mit uns geht.

Maria's Herz unterlag hier. Sie sank vor ihr nieder, und ihre Hände ergreifend, rief sie flehend: O, in dieser glücklichen Stunde gebt mir Euern Segen, daß er auf meinem Haupte unwiderruflich ruhen möge! Was auch mein dunkles Schicksal über mich verhängen möge, widerruft ihn nie! Dann werde ich hoffen, daß ein guter Engel mir zur Seite bleibe. – Ihre Augen vergossen Thränen, und sie hatte etwas so unwiderstehlich Dringendes, daß die Herzogin ohne Widerstand [150] die Hände auf ihr Haupt legte. Gott segne Euch, liebes Kind! sprach sie dabei mit sichtlicher Ueberraschung. Aber laßt das, steht auf und seid nicht so heftig! Ihr seid ohne Ursache so feierlich, als ob uns das jüngste Gericht bevorstände; wir sollen stets über unsere Gefühle strenge Disziplin halten, gar leicht werden wir sonst bei geringen Veranlassungen davon überrascht.

Maria stand auf und trocknete ihre Augen, sie fühlte die Ruhe des Todes. Mit dieser letzten Erschütterung schien ihre Seele ausgekämpft zu haben; sie kam sich wie eine Sterbende diesen geliebten Menschen gegenüber vor; sie konnte keinen Schatten von Hoffnung haben, je wieder mit ihnen vereint zu werden; ihre Trennung schien ihr vollständig und unwiderruflich, wie durch den Tod. Aber dieses Ueberdenken ihres traurigen Geschicks gab ihr für den nächsten Augenblick alle Fassung wieder. Sie blickte auf zu Richmond, als er sich jetzt entfernte, und begleitete ihn mit ihren Augen, bis er in der Thür verschwand. Ich habe ihn zuletzt gesehn, sagte sie dann zu ihrem getödteten Herzen.

Sie blieb, bis die alte Herzogin erschien, um ihre Schwiegertochter zur Abendgesellschaft abzurufen. Beide waren von Maria's Blässe überrascht und gönnten ihr, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn. Still küßte diese Beiden zum letzten Mal die Hand und ging dann langsam an der Versammlungshalle vorüber, aus der eine Heiterkeit schallte, die für sie nicht mehr vorhanden war.

Als sie in ihr Zimmer trat, verabschiedete sie die gute getreue Errol und blieb dann allein, sich zu ihrem großen Unternehmen vorzubereiten. Sie hatte nur wenig Anordnung zu treffen; alle gingen darauf hin, sie so unabhängig, wie möglich, von Membrocke zu machen. Sie legte ihre Juwelen und eine bedeutende Summe Geldes, die ihr aus den Wechseln ihres Taschenbuches mitgetheilt war, nebst einem zweiten vollständigen Anzug zusammen, kleidete sich selbst in ein festes Reisekleid und [151] harrte dann, bis die Glocken des Schloßthurmes Neun schlugen. Dann stand sie auf und warf sich vor dem Betpult nieder, an dem sie nie wieder knien sollte; aber fern von ihr war jede Erweichung. Ihre Züge schienen von Marmor, hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn, und die Freiheit der Seele, die aus einer klaren und unabänderlichen Anschauung des Pfades, den uns die Pflicht führt, entsteht, selbst wenn wir ihn mit Gefahren umstellt erblicken, diese ward ihr zu Theil und ließ sie erkennen, daß nach der Trennung von den ihr so theuren Menschen nichts mehr der Rührung werth sei.

Sie flehte Gott um Schutz an: Meine Seele behüte und nimm sie in Deine Obhut; gieb mir Kraft, daß ich zu Deiner Ehre vollende, was mir obliegt. Herr, Dein Wille geschehe!

Nach diesem kurzen Gebet stand sie auf, hüllte um Kopf und Schultern ihren weiten Mantel, ergriff ihr kleines zusammen gepacktes Eigenthum und eilte aus ihren Zimmern.

Sie wußte die Gesellschaft noch beisammen und mußte jeden Augenblick ihr Auseinandergehen erwarten; aber sie war fest entschlossen, es mit furchtloser Gleichgültigkeit zu wagen.

Als sie, um die Gesellschaftshalle zu vermeiden, an welcher vorüber sie den Park auf kürzerem Wege erreichen konnte, durch die Gallerie ging, in der sie am Morgen die entscheidensten Augenblicke ihres Lebens durchkämpft hatte, dachte sie noch ein Mal mit tiefer Wehmuth an Ormond, und als sie an die Stelle gekommen, wo sie die Ergießungen seines edlen Herzens empfangen, blieb sie einen Augenblick gefesselt stehen. Da hörte sie vom Park her deutlich nahende Schritte und bald mehrere Stimmen. Ihre Lage ward schrecklich, den Nahenden wurden Windlichter vorgetragen, und der Fensterbogen, in den sie treten konnte, war so groß und vom Monde erleuchtet, daß ihre schwarze Gestalt bei dem flüchtigen Blicke erkannt werden mußte. Wie durfte sie aber an diesem Aufblick nach diesem [152] Fensterbogen zweifeln, da sie unter mehreren Stimmen die des Lord Ormond erkannte, bei dem sie dasselbe Andenken an diesen Platz voraussetzen mußte. Doch blieb ihr keine Wahl, als dem Zufall zu vertrauen, und da die Nahenden sie jetzt erreicht hatten, drückte sie sich fest verhüllt in die Ecke des Fensters, mit starrer Erwartung des nächsten Augenblicks.

Die Herren hatten den morgenden Jagdzug geordnet und sprachen von ihren Pferden. Richmond ging mit einem der Herren voran, und als er rasch an dem Fenster vorüber streifte, sprach er: Nein, Sir Francis, wählet, welches von meinen Pferden Euch ansteht, dies Pferd gehört Lady Melville, und ich hoffe, sie wird uns begleiten. Indem strich Ormond vorüber, aber das Haupt auf die Brust gesenkt, schien die Erinnerung des hier Erlebten viel zu mächtig in ihm zu sein, um noch Sinn für ein äußeres Zeichen zu haben. – Sie waren vorüber, nur einzelne Streifen Licht glitten noch über den Boden hin. Maria entfloh nun, so schnell sie vermochte, ihrer Haft.

Die dunkeln Schatten des Parks waren erreicht. Sie näherte sich dem verabredeten Platze und hörte bald die leisen, im welken Laube rauschenden Schritte ihres Gefährten. Ein unbeschreibliches Entsetzen erschütterte sie, als er vor sie hintrat, sie zu begrüßen.

Seid Ihr bereit, Mylord? So eilt denn und führt mich den dornigen Pfad der Pflicht, und denkt, daß, wie ich hülflos auch scheinen möge, doch über mir Gott im Himmel wacht, wie über Euch er einst richten wird.

Eure Hülflosigkeit, theure Lady, ist eine eingebildete; im Gegentheil wird dies der erste Schritt zu der ausgezeichneten Stellung sein, wozu Euch Eure Geburt berechtigt. Der mächtige Buckingham und Euer edler Oheim werden siegreich hervorgehn aus allen ihnen von dieser stolzen Familie bereiteten Bedrängnissen, daran zweifelt nicht!

[153] O schweigt, ich bitte Euch, von Triumphen, die mit dem Unglück meiner Wohlthäter erkauft sind! Wie könnt Ihr, ein Verwandter dieser edeln Familie, an ihr Unglück mit Gleichgültigkeit denken, da ich es selbst nicht vermag, selbst um den Preis nicht, den theuern Oheim gerettet zu sehn.

In Wahrheit, ich hätte nicht Vorwürfe erwartet, rief Membrocke, daß ich Eurem Interesse lebhafter zugethan bin, als dem meinigen; aber ich sehe ein, daß Lady Melville für alle Bewohner der Erde mehr Großmuth und Gerechtigkeit hat, als für mich selbst.

Es ist jetzt nicht der Augenblick, einen Wortstreit zu führen, erwiederte Maria ernst, und ich bin nicht in der Stimmung, mir eine richtige Erwägung der Zukunft zuzutrauen. Man findet für gut, sie in ein Dunkel zu hüllen, welches mich zu sehr der Willkür eines Einzelnen hingiebt, um mich ihm nicht schärfer beurtheilend gegenüber zu stellen, als unter gesicherten Verhältnissen der Fall sein würde. Ich will Euch meine Dankbarkeit aufheben, und sie soll nicht gering sein, wenn Ihr mich meinem natürlichen Schutze übergeben haben werdet. Laßt uns jetzt unsere Reise beeilen.

In einer kleinen Schlucht, die sie jetzt mit schnellen Schritten erreichten, fanden sie die Pferde und zwei gleichfalls berittene Diener. Schnell und sicher hob. sich Lady Maria in den Sattel, und die Kappe ihres Mantels tief über ihr Gesicht ziehend, überließ sie den Zügel Lord Membrocke, welcher ihr zur Seite ritt, während ein Diener den Zug anführte und der andere ihn beschloß.

So blieb Maria stumm in sich selbst verloren, nur des Einen sich bewußt, daß ein neues Leben für sie angegangen war, und daß ihre Jugend von nun an abgeschlossen hinter ihr lag.

Als der Tag anbrach, befanden sie sich bei einer einsam liegenden Meierei, wo Lord Membrocke eine Sänfte für Maria [154] bestellt hatte und sie nöthigte, einige Erfrischungen zu sich zu nehmen. Noch war es ihm nicht gelungen, sie in ein Gespräch zu ziehen, eben so wenig sagte ihm ihre ganze Haltung zu. Ruhig und gemäßigt waren ihre Antworten; sie ließen eben so wenig Vertraulichkeit, als Vorwürfe zu und hielten ihn beständig in der begrenzten Zurückhaltung eines Begleiters.

Die feuchte Nacht, die Kälte des Morgens und der angestrengte Ritt hatten indessen Maria eine kleine Erholung nöthig gemacht, und sie sah die Ankunft einer Sänfte nicht ungern, da sie ihr noch mehr Abgeschiedenheit zu sichern schien und ihrer großen Ermüdung zu Hülfe kam. Sie benutzte die Gelegenheit, dem Lord ihren Dank für seine sorgfältigen Reiseanstalten auszudrücken, da sie sich selbst zu einer milderen Stimmung für ihn zu bewegen wünschte.

Lord Membrocke war entzückt über diese sanfteren Worte, wie er sie noch nie aus ihrem Munde gehört, und leichtsinnig und thöricht glaubte er sich jetzt den Hoffnungen auf ihre Gunst überlassen zu können. Er verdoppelte seine Bemühungen, welche der traurige Zustand der Meierei wenig begünstigte. Zwar brannte ein hohes Torffeuer in dem weiten Kamine, der den Hausgenossen zugleich als Heerd diente, aber der Rauch schien keinen andern Weg zu kennen, als durch die morschen Fenster und Thüren der großen Halle selbst. Ein Haufen ärmlich gekleideter Kinder, ihre düster blickende Mutter und einige sehr wild aussehende Männer theilten diesen Raum mit den Reisenden und schienen in der Ueberzeugung, so vornehmen Leuten nichts zu ihrer Erquickung bieten zu können, auch gänzlich gleichgültig gegen ihre Erscheinung zu sein. Membrocke ließ indessen Alles herbeischaffen, was seine Reiseküche vermochte, er bereitete selbst Maria's Sitz am Heerde und trocknete mit Sorgfalt ihren feuchten Mantel. Er durfte ihr aber keine lange Rast gönnen, und Maria fürchtete selbst[155] eine Unterbrechung ihrer Reise zu sehr, um nicht sogleich bereit zu sein.

Sie bestieg nun ihre Sänfte, und Membrocke setzte sich an die Spitze des Zuges, welcher mit doppelter Eile vorwärts ging, und noch um zwei Diener vermehrt war.

Es war Maria aber nicht vergönnt, zu größerer Ruhe zu gelangen. Sie fühlte ein ungemein heftiges Brennen ihres Kopfes und ein so ängstliches Klopfen des Herzens, daß ihr Athem zu stocken begann. Die Ruhe ihres Geistes verwandelte sich in eine qualvolle Erregung von Angst und Furcht. Sie bebte bei jedem Geräusch zusammen und wünschte zuletzt nur noch, das neue ungekannte Uebel möchte sie erreichen, da sie das Härteste besser ertragen zu können glaubte, als diese Furcht, für die sie keinen Namen hatte. Es machte ihr daher keinen stärkeren Eindruck, als sie um die Mitte des Tages den nachfolgenden Diener herbei sprengen hörte, worauf sogleich Membrocke, nachdem er seinen Bericht angehört, den Zug zur größten Eile antrieb. Sie glaubte an den Bewegungen ihrer Sänfte errathen zu können, daß man Seitenwege einschlug, und zweifelte nun nicht länger, daß sie verfolgt würden. Doch wer verfolgte sie? dieser eine Gedanke löschte alle übrigen Betrachtungen aus. Sie wagte nicht, Membrocke zu fragen, der, wie sie hörte, unruhig hin und her sprengte. Auch blieb ihr wenig Zeit zu Schlüssen übrig, denn das wilde Heranjagen von Pferden überzeugte sie, daß sie eingeholt wären. Nach einigen Versuchen, die Eile zu verdoppeln, hielt plötzlich die Sänfte, von einem verworrenen Stimmengeräusch umgeben.

Halt! Halt! schrie eine wohlbekannte Stimme, und sogleich hörte sie Membrocke in einem heftigen Wortwechsel mit Lord Richmond und Ormond. Mit entsetzlicher Ruhe beantwortete Membrocke die Vorwürfe seiner Verfolger. Er fragte sie mit kaltem Hohne, welches Recht sie hätten, ihn und die Lady [156] zu verfolgen, und sie von ihm zurück zu fordern, da es ihm doch wohl ohne den Willen der Lady selbst nicht hätte gelingen können, sie zu entführen.

Haltet ein mit dieser Verläumdung, rief Richmond, außer sich; sie ist Euch nicht freiwillig gefolgt. Geraubt habt Ihr sie, mit Gewalt entführt, und ich fordere sie von Euch zurück im Namen der Herzogin von Nottingham, deren Haus Ihr durch solche That zu beschimpfen wagtet! Augenblicklich übergebt das Fräulein uns und steht uns dann Rede über die Beleidigung, die Ihr derselben anzuthun gewagt.

Ueberlaßt die Wahl dem Fräulein selbst, lachte Membrocke; sie mag bestimmen, wem sie folgen will; sie mag sagen, ob sie mir freiwillig gefolgt, oder ich sie entführt habe. Wahrlich, Mylords, wir ereifern uns sehr unnütz, da ein Wort aus dem Munde des schönen Fräuleins Euch besser aufklären wird, als meine eifrigsten Bemühungen, und glaubt mir, ich bin ganz bereit, Euch die Lady zu überlassen, wenn sie Euch nur folgen will!

Es lag eine Sicherheit in Membrockes Betragen, die Ormonds Herz mit den entsetzlichsten Zweifeln erschreckte, während sie Richmonds Zorn nur erhöhte.

Haltet ein mit Euern Schmähungen, rief er, Euer Mund kann die reinste Tugend nicht beschimpfen! Er stürzte zu der Sänfte hin und riß die Thür derselben auf.

Maria hatte jedes Wort der schrecklichen Unterhandlungen gehört und, empört über Membrockes boshafte Benutzung ihrer Lage, nur zu wohl erkannt, daß ihr keine Rettung von dem schmählichen Verdachte blieb. Als sie Richmond erblickte, glühend und außer sich, mit Seelenangst auf ihre Entscheidung harrend, da verließ sie ihre Besinnung, und ihre erste Bewegung war, sich aus der Sänfte zu stürzen.

Bleibt, Mylady, sagte Membrocke kalt, und beantwortet die Fragen dieser gestrengen Richter! Sagt, folgt Ihr mir aus [157] eignem Antriebe, habt Ihr mich zum Begleiter dieser Reise angenommen, oder habe ich Gewalt gebraucht und Euch entführt?

Entführt? wiederholte mit Abscheu Maria, nein! nein! Er entführt mich nicht, o eher den Tod!

Und doch, schrie Richmond, doch seid Ihr mit ihm! Nun seht Ihr wohl, lachte Membrocke, mit Gewalt erlangt man nichts über das stolze Kind.

Lady, sprach Richmond, indem er erblassend sich an den Schlag der Sänfte hielt, wie kamt Ihr in seine Gewalt? Nicht um meinetwillen frage ich, mir steht kein Recht zu; sondern um meiner Mutter willen, die um Euch trauert, wie um ihr eigenes Kind. Ich beschwöre Euch, antwortet mir, warum verließt Ihr uns, warum finde ich Euch in der Gewalt des Lord Membrocke? – Er schwieg, sichtlich erschöpft; seine abgebrochenen Reden, seine am Boden ruhenden Augen zeigten nur zu deutlich die tiefe Bewegung seiner Seele.

Maria fühlte jedes seiner rührenden Worte als eine neue Wunde ihrer Brust. Auf seine Achtung verzichten zu müssen, gegen ihn nicht die Rechtfertigung erwähnen zu dürfen, die ihr Andenken bei ihm rein von Schuld erhalten mußte, – sie glaubte diesen Gedanken in seiner ganzen Qual schon früher erschöpft zu haben; aber wie ganz anders war es jetzt, ihm gegenüber, von seinen rührenden Worten, von dem viel rührendern Ausdruck seiner Stimme und Mienen begleitet. Noch ein Mal fragte sie sich, ob es hier keinen Ausweg gebe, noch ein Mal seufzte sie nach Rettung; aber die Antwort, die ihr klarer gegenwärtiger Verstand ihr gab, blieb dieselbe. Alsbald kam ihr die Kraft zurück, die schon halb entschwunden geschienen.

Sagt Eurer ehrwürdigen Mutter, theurer Lord, sprach sie dumpf, aber fest, mein Leben würde ein Dankgebet bleiben für meine Wohlthäter; sagt ihr, ich verdiene noch immer den [158] Segen, den sie auf mein Haupt niedergelegt, noch ein Mal flehe ich sie an, ihn nicht zu widerrufen. Ein Mehreres habe ich zu meiner Rechtfertigung nicht. Ich bitte Euch, verzögert meine Reise nicht und überlaßt mich dem Schutze des Lord Membrocke.

Großer Gott! rief Richmond mit der höchsten Heftigkeit, wie schrecklich müßt Ihr betrogen sein, da Ihr so im Rechte zu sein glaubt! Wie können wir Euch verlassen, da wir hieran nicht zweifeln dürfen! Mylady, hier ist Lord Ormond; er genoß Euer Vertrauen; ich beschwöre Euch, laßt ihn die Umstände prüfen, die einen mindestens so auffallenden Schritt veranlaßten. Ormond, tretet näher; ich bitt' Euch, redet, bewegt das Fräulein, Euch zu vertrauen. Gewiß, Ihr werdet hintergangen; o, mißtrauet Eurer Jugend, Euerm Mangel an Erfahrung; Euer tugendhafter Muth, Euer offener Karakter haben Euch verlockt.

Ormond war zwar näher getreten, aber wie gelähmt von dem Vorgefallenen und ihren eben gehörten Erklärungen. Die Worte erstarben ihm; er hob nur seine Augen zu ihr auf, in denen der Vorwurf mit dem Schmerze um den Vorrang kämpfte.

Es ist genug, rief Maria, allen ihren Muth sammelnd, ich werde nicht betrogen; unläugbare Beweise haben die traurige Nothwendigkeit bestätigt, der ich mich jetzt unterwerfe. Ich muß schweigen, aber vielleicht würdigt mich noch Gott dereinst des einzigen von mir ersehnten Glückes, mich vor Euch gerechtfertigt zu sehen; ja, vielleicht ist es mir durch diesen mich niederbeugenden Schritt dereinst noch möglich, meinen theuern Wohlthätern nützlich zu werden. Laßt mich jetzt, Mylords, und richtet nicht, wenn es Euch möglich ist.

Ihr wollt fort von uns, stammelte Richmond, fort von Euern Freunden? Ihr verschmähet unsern Beistand, Maria, theure Maria?

[159] Die Unglückliche verhüllte ihr Gesicht, ihr Muth war dahin, ihre Sinne schwanden, sie hörte nichts mehr.

Es scheint mir, Mylord, daß ich Euch alle Geduld und Nachsicht bewiesen, auf die Ihr irgend Anspruch machen konntet, sprach endlich Membrocke. Ich fordere jetzt, daß Ihr zurücktretet und die Lady ihrer freien Wahl überlaßt, die, wie Ihr gesehen, zu meinen, nicht zu Euern Gunsten ausfiel.

Noch immer ruhten Richmonds Augen auf Maria, die mit verhülltem Gesicht auf ihren Knien in der Sänfte lag und kein Zeichen des Lebens gab, das, den Andern unbewußt, von ihr gewichen war.

Ormond ergriff, von Richmonds Zustand gerührt, seinen Arm und zog ihn zurück, wohl einsehend, daß ihre Macht vorläufig hier nicht ausreiche, doch fest entschlossen, Membrocke nicht aus den Augen zu verlieren.

Membrocke benutzte dies, verschloß die Sänfte und setzte den ganzen Zug in rasche Bewegung.

Als sie dahin zogen und kein Zeichen des Widerstandes in der Sänfte noch eine Hoffnung übrig ließ, stürzte Richmond an Ormonds leidende Brust, und Beide hielten sich im Bewußtsein eines großen Schmerzes fest umschlungen. – Wir müssen Beide jedoch sich selbst überlassen und der unglücklichen Maria folgen, die wir mehrere Tage später in einer völlig veränderten Lage wieder finden. Lord Membrocke nämlich, nachdem er sie bis dahin mit leidlicher Haltung geführt hatte, übergab sie eines Morgens beim Aufbruch zur weiteren Fortsetzung der Reise einem andern Begleiter, der angeblich auf einige Zeit ihre Reise leiten würde, da es ihm jetzt obliege, voran zu eilen, um ihren Oheim von ihrer nahen Ankunft zu unterrichten.

Alles, was Lady Maria von der Gegenwart des Lord Membrocke befreite, schien ihr glaublich und annehmbar. Sie fügte sich daher ohne Gegenrede in diese Anordnung und [160] trennte sich mit erleichtertem Herzen nach kurzem höflichen Abschiede. Ihrem Oheim durch diesen Mund den Gruß ihrer Liebe voran zu schicken, konnte sie sich nicht überwinden.

Der Tag, an dem wir uns ihr wieder zugesellen, war einer der angestrengtesten der ganzen Reise. Die anbrechende Nacht verhüllte von Außen die Gegenstände und gestattete keine Wahrnehmungen mehr über den Weg, den Lady Maria in ihrer kleinen Sänfte zu verfolgen hatte. Die unwillkürliche Zerstreuung, die der Tag ihr gewährte, hörte hiermit auf, und zurück gedrängt in ihren Sitz, ward sie aufs Neue von allen Bedenklichkeiten über ihre Lage ergriffen.

So sehr sie sich durch die Entfernung des Lord Membrocke erleichtert fühlte, konnte sie doch daraus keinen beruhigenden Schluß ziehn. Aufs Neue entzog sie ihm vielmehr ihr mühsam geschenktes Vertrauen, um zu erforschen, ob sie endlich doch von ihm betrogen worden sei. Aber was ward dann aus dem Briefe des Oheims, denn sie nicht bezweifeln konnte? Warum überließ er sie ohne Widerstand jetzt einer andern Obhut; was konnte ihm eine Entführung aus dem Schlosse ihrer Beschützer nützen, wenn er sich nicht dadurch seine Gewalt über sie sichern wollte? Und in welcher Gewalt war sie jetzt? Setzte sie ihre Reise nach Lord Membrockes Bestimmung fort, sollte sie dennoch ihren Oheim erreichen, oder war noch irgend ein ihr unbekanntes Interesse für ihre Person, das jetzt über ihr waltete? Oft erschreckte sie der Gedanke, jener wilde Lord, welcher sie zwang, aus dem Schlosse ihrer Tante zu entfliehen, könne jetzt über sie gebieten; aber wie wenig stimmte dafür die Art ihrer Behandlung, wie wenig paßte das Wesen des Mannes, der ihr Reisegefährte war, zu den bösen Absichten, die sie dann hätte fürchten müssen.

Der Fremde, der sie begleitete, hatte allmälig ihre Achtung und ihr Vertrauen gewonnen.. Obwol er erst im mittleren [161] Alter stand, war dennoch der Ausdruck seines Gesichts von einem tiefen schwermüthigen Ernst, und seine scharfen edeln Züge wurden durch die Blässe seiner Farbe noch erhöht. Er lächelte nie, aber sein Ernst war mit so viel Milde gepaart, sein Organ so wohltönend, daß eine mehr hervortretende Freundlichkeit nicht vermißt ward. Er war weit davon entfernt, gegen Lady Maria die Dienstbeflissenheit eines galanten Mannes anzunehmen. Ruhig nahm er wahr, was ihr nöthig oder angenehm sein konnte, und er ertheilte darnach seine Befehle, ohne jemals selbst sich einer Dienstleistung zu unterziehen. Ihre Anfangs dringenden Aufforderungen, sich über seine Absichten und Vollmachten zu erklären, und ihr zu sagen, ob sie noch das frühere Ziel ihrer Reise erreichen werde, wußte er ganz von sich abzulehnen, indem er mit der höchsten Milde immer aufs Neue wiederholte, daß sie ohne Furcht und Sorge seiner Führung vertrauen könne, daß keine Art von Widerwärtigkeit sie treffen solle, so lange sie unter seinem Schutze sei, und daß ihr wahres Wohl bei dem Ziel ihrer Reise jetzt mehr bedacht werde, als früher. Dabei nöthigte er sie aber, ohne Unterbrechung dieselbe fortzusetzen, und ihre Nachtlager waren nicht mehr in wohl eingerichteten Schlössern, sondern in Schlupfwinkeln und Ruinen oder unscheinbaren Hütten, die bei ihrem ersten Anblick wenig Aussicht aus eine menschliche Wohnung gaben. Hier fanden sich Personen, welche so wenig zu ihren Umgebungen zu gehören schienen, daß Maria's edles Zartgefühl erschrak, als sie dieselben zu den niedrigen Diensten ihrer Aufwartung sich herablassen sah. Sie hörte hier auf den hölzernen Sitzen, bei mühsam verstopften Thüren und Fenstern, und einem elenden Gericht von grobem Mehl, die hohen würdevollen Reden der gebildeten Welt und bemerkte eine Vertrautheit mit allen Formen dieser höhern Kreise, verbunden mit einer stoischen Verachtung der daran haftenden Eitelkeit. Wenn auch häufig in [162] gleichem Maaße die tiefste Bitterkeit dabei hervortrat, erfüllte doch das Elend, wozu so gebildete Geister verdammt waren, das Herz Maria's mit Theilnahme, welche sie zur Verzeihung, ja, zur Vertheidigung jeder dadurch erzeugten Härte stimmte. Sie ahnete bald, daß sie allein unter Personen sich befand, welche der verfolgten katholischen Kirche angehörten, die geneigter waren, im Vaterlande zu darben, als in andern Ländern geduldete Flüchtlinge zu sein. Auch schienen ihr die kolossalen Ruinen, in denen sie zu verschiedenen Malen einen mühsam geschützten Wohnort finde, trotz der Nacht, die sie hinführte und oft wieder vor dem Morgen davon wegrief, den zerstörten Klöstern anzugehören, wovon sie in der Geschichte von der Ausrottung der katholischen Religion in England so viel gehört hatte.

Ihr Zartgefühl und die Achtung für ihren schwermüthigen Gefährten hielt sie ab, sich darüber Gewißheit zu verschaffen; ja, sie fühlte bald ihr eigenes Herz so von Theilnahme für diese Märtyrer erfüllt, daß sie nur der eigenen Achtung für sie genügte, wenn sie in ein ehrendes Schweigen alle weitern Ansprüche auf Erläuterungen begrub und damit das Vertrauen vergalt, das man ihr bei ihrem jedesmaligen Empfange bezeigte.

Sie zweifelte eben so wenig, daß ihr Begleiter, seiner Gesinnung nach, zu jenen Unglücklichen gehöre, und sein Reisegewand, obwohl es keine bestimmte Form der Kleidung erkennen ließ, erinnerte sie doch, ebenso wie sein kahles Haupt, an das Kostüm der Priester jener Kirche. Auch ward ihre Reise durch sehr unbesuchte Wege fortgesetzt, und es schien ihr ebenso sehr das Bestreben ihres Begleiters, sich und sein Gefolge wie sie selbst zu verbergen. Außerdem suchte er, während des Tages an dem Schlage ihrer Sänfte reitend, sie zu unterhalten, und dies auf eine so ausgezeichnete Art, daß der Lady oft die Stunden im Fluge vorüber gingen. Auch wußte er sie selbst zu[163] Mittheilungen zu veranlassen, und bekannt mit allen Personen von Bedeutung, die in die Zeit seines Lebens gehörten, beantwortete er alle ihre Fragen auf das Genügendste und mit mancher feinen Gegenbemerkung.

Hauptsächlich lenkte er oft seine Unterredungen auf religiöse Gegenstände und entwarf die erschütterndsten Gemälde von den Leiden und Unterdrückungen, welche die Katholiken in England von der Härte und Unduldsamkeit der Protestanten zu erleiden hatten.

Er wußte die Verfolgten zu Helden ihrer Ueberzeugung zu machen, und die Stärke und Fülle des Trostes hervorzuheben, der ihnen aus ihrem Glauben erwachse; wogegen er mit einzelnen scharfen Zügen die Gegenpartei schilderte, als in einer von Gott verlassenen ruchlosen Verdorbenheit versunken.

Diese Erzählungen rührten um so mehr das Herz der Zuhörerin, da sie in ihrer eigenthümlichen Zusammenstellung den Stempel der Wahrheit trugen. Auch konnte es an Stoff hierzu nicht leicht fehlen, bei der noch frischen Erinnerung an die wirklichen Greuel der Verfolgung, die unter Elisabeth den vom Volke gehaßten Glauben vertilgen sollten. Auch Jakob war noch zu manchen ähnlichen Verordnungen durch die öffentliche Meinung gezwungen worden, wenn auch er, obwol selbst eifriger Protestant, Toleranz gern übte. Eigentliche Verfolgungen wurden gewiß von ihm weder gebilligt, noch veranlaßt, aber dennoch zu wenig gehindert, um nicht zu den traurigsten Bedrückungen Gelegenheit zu lassen.

Maria fand sich bei diesen Unterredungen auf keinem fremden Boden; ihre Erzieher hatten die höchste Toleranz in religiösen Beziehungen gepredigt, und sie kannte sehr wohl den verschiedenen Standpunkt des Religionswesens unter den Regierungen seit Heinrich dem Achten. Sie so vorbereitet und klar zu finden, erregte offenbar die besondere Aufmerksamkeit [164] ihres Begleiters, und seinen geschickten Bemerkungen that sich bald die ahnungslose Seele seiner jungen Gefährtin zu einer unbefangenen Erzählung ihrer Erziehung und einer begeisterten Schilderung ihrer Erzieher auf; wodurch ihm mancher unerwartete Aufschluß über die geheimsten Religionsansichten der wichtigen Person kam, die das Fräulein als ihren Oheim bezeichnete.

Der Weg, den die Reisenden an dem vorliegenden Abend zurücklegten, war so verdorben und uneben, daß ihr Begleiter sich voraus begeben hatte, um die Gefahren zu untersuchen, die dem Transport einer Sänfte bevorstehen konnten. Langsam nur zogen die müden Thiere über den immer ungleicher werdenden Boden. An Maria's Ohr drangen von Zeit zu Zeit dumpfe Töne, die sie zwar bei dem Fortbewegen des Zuges, dem Anrufen der Pferde und Diener untereinander, nicht verfolgen konnte, die ihr aber zu wohlbekannte Jugenderinnerungen wiedergaben, um sie nicht endlich zu überzeugen, daß sie in die Nähe der Küste gekommen, und daß es das Meer sei, das sein majestätisches Wellengeräusch zu ihr herüber trug. Diese Ueberzeugung versetzte sie in eine unbeschreibliche Aufregung. Es schien ihr gewiß, daß sich jetzt ihre nächste Zukunft entscheiden mußte. An die Küste hatte man sie geführt und also Wort gehalten, denn hier durfte sie auch ihren Oheim erwarten. Dies geliebte Bild trat mit einem Male, mit dem ganzen Zauber kindlicher Liebe ausgestattet, vor ihre Seele und unterdrückte darin jedes andere Bild, jede andere Beziehung zum Leben. Mit Enthusiasmus ward sie sich der süßen Pflicht bewußt, für ihn zu leben und sein Schicksal mit ihm zu theilen. Indem sie in dem kleinen Raum der Sänfte niederkniete, stieg ein Gebet aus ihrer Seele, welches Gott Dank sagte für den heiligen Beruf, den er ihr verliehen, und worin sie ihn anflehte, ihre Seele zu kräftigen, um Alles zu vollenden zu seiner Ehre.

[165] Sehr überrascht war daher ihr Begleiter, als er den Zug ausruhen ließ und, zur Sänfte mit einer Fackel zurückkehrend, die Lady ohne alle Spuren der Ermüdung fand, und mit so leuchtenden Augen, mit so heiterer Stirn, in so fester Stellung überhaupt, daß die Worte der Theilnahme, die in Bezug auf die Beschwerden des Weges ihm auf den Lippen schwebten, erstarben und er, von Erstaunen überwältigt, eine Frage nach der Ursache wagte.

Denkt Ihr, Sir, antwortete ihm entzückt lächelnd das schöne Mädchen, ich höre die Stimme des Meeres nicht? Es hat mich in der Wiege zur Ruhe gesungen, es war der Takt zu meinen Jugendträumen; wo ich es höre, scheint mir die Heimath! Verwandte, Glück und Sicherheit ahne ich, wo ich seinen Gruß vernehme, und mit der Zuversicht, die ich jetzt empfinde, will ich Euch danken, ehrwürdiger Mann, daß Ihr Wort hieltet, daß Ihr mich mit rastloser Güte und Großmuth beschütztet und mich jetzt meinem großen Beruf entgegen führt. O sagt offen, wann werde ich zu ihm gelangen? Ist er mir schon nah? Werde ich bald seinen Segen empfangen?

Wer den Gang ihrer Gedanken so wohl zu erforschen gewußt, wie ihr Begleiter, konnte nicht lange mißverstehen, was sie jetzt bewegte, und sein augenblickliches Erstaunen wich einem sehr milden Gefühl von Theilnahme und Wehmuth, welches in sich wahrzunehmen, ihn vielleicht selbst überraschte.

Er mußte unwillkürlich daran denken, wozu die Natur sie berufen habe, und wozu der Wille der Menschen sie jetzt bestimme, und er sah trübe zu Boden, als der fragende Blick aus diesen klaren Augen seine Antwort ihm abzufordern trachtete.

Habt Geduld, liebe Lady! sagte er mit verlegenem Ausdruck, Ihr habt recht gerathen, wenn Ihr am Ziel Eurer Reise Euch glaubt. Das Fernere werdet Ihr dort durch Andere, als [166] mich, hören; mir selbst ist nicht bekannt, ob Euern Hoffnungen die Erfüllung nah oder fern liegt.

Nun so laßt uns weiter reisen, rief das Fräulein, damit mir endlich Sicherheit werde, und ich handeln darf, oder erfahren, wer für mich so uneingeschränkt zu handeln strebt; mein Geist sehnt sich hinaus, ich fühle Kräfte und den Willen, sie meiner Pflicht zu weihn.

Die schnell gegebenen Befehle zur Fortsetzung der Reise unterbrachen diese kurze Unterredung, und bald erreichte der Zug einen Weg, der geebneter schien und, jetzt durch das Hervorbrechen des Mondes sicher erhellt, keine weitern Schwierigkeiten darbot.

Alsbald durchzog man noch ein kleines Waldgehege von dürftigem Fichtenholze, und unmittelbar dahinter erkannte die scharf aufmerkende Reisende das Felsenufer des Meeres und die oberen Dächer und Thurmspitzen eines Bauwerks, welches, zwischen die Felsspalten hineingedrängt, unterhalb den Blicken noch entzogen war.

Maria drückte die bebende Hand auf ihr Herz. Sie schien sich zu entsetzen bei diesem Anblick, der sie mit der Ahnung einer großen Lebensentscheidung erfaßte. Aber tief blau ruhte jetzt der aufgehellte Himmel über den weißen Kreidefelsen, und unzählige freundliche Sterne blickten mit ihren wohlbekannten Namen und Bildern wie alte Bekannte. Ein süßer Trost zog in ihr bewegtes Herz, und als sie gerade über der höchsten Thurmspitze das Zeichen des Himmelswagens stehn sah, der so auch über den Zinnen von Burtonhall und dem Waldschlosse der Tante stand, lächelte sie, wie Kinder, die geliebte Spielkameraden wieder sehn.

Es zeigte sich jetzt bei dem Einzug in die felsigen Küstenschluchten ein bequemer Weg, der fast unmerklich ansteigend bis zum Schlosse fort lief, welches nun auf einer Plattform [167] großartig und geräumig sichtbar ward. Auf der einen Seite mit seinem Unterbau in das Meer reichend, von der andern Seite genugsam von dem Felsen entfernt, um eine freie Stellung und einige Anlagen von Gärten zu erlauben, die, so gut es die Rauheit der Küste zuließ, Versuche der Kultur zu beabsichtigen schienen, hatte das Ganze ein wohlerhaltenes und festes Ansehn. Für Lady Maria, welche an die rauhe Lage solcher Besitzungen gewöhnt war, zeigte sich darin nichts Abschreckendes. Im Gegentheil schweifte ihr Auge mit Entzücken über das Schloß hinweg, nach dem dunkeln Spiegel des Meeres, das in majestätischer Ruhe, nur seinen eigenen ebenmäßigen Bewegungen gehorchend, wie erzürnt von dem Widerstand der kreidigen Ufer, seine dumpfe, gebieterische Stimme vernehmen ließ.

O Du lieber Gefährte meines Lebens, seufzte sie sehnsuchtsvoll, stehe mir bei und sei mein Schutz!

Da ward ihr der liebe Anblick entrückt; die Sänfte lenkte ein, und bald erreichten die Reisenden ein wohl verschlossenes Brückenthor, vor dem man anhielt, und das sich erst dem ziemlich oft wiederholten Schalle des Hornes öffnete, welches einer der Diener ertönen ließ.

Alsbald thaten sich die mächtigen Thorflügel der innern hohen und festen steinernen Mauer auf, welche von dem Flügel des Schlosses aus einen weitläuftigen, regelmäßigen Hof umschloß, der in sehr gefälliger Eintheilung mit Taxus-Hecken und geschnittenen Bäumen der leicht durchwinternden Cypressen zu Spaziergängen und Ruheplätzen im Freien bestimmt schien. Um den Theil aber, der sich unterhalb des Schlosses befand, führte ein in offene Bogen eingetheilter Gang, der als eine spätere Anlage sehr zierlich und wohlerhalten zugleich in der Mitte das große Eingangs-Portal zeigte, dem sich jetzt die Reisenden auf einem ringsumlaufenden gepflasterten Wege nahten.

[168] Der Begleiter der Lady, der von einigen Dienern bis hierher geleitet war, hob die Lady aus der Sänfte und führte sie schweigend in die wohlerleuchtete große Halle ein, die nach allen Seiten Thüren und zwei Haupttreppen zeigte, und die Verbindung des ganzen Hauses zu enthalten schien. Hier empfing sie ein alter gebeugter Diener in zierlicher einfacher Kleidung, der sich vor Maria's Gefährten bis zur Erde beugte und seine Hand zu küssen strebte, welches dieser aber zu verhindern wußte. Dann warf er einen schnellen Seitenblick auf die Lady und blieb verlegen stehn.

Nun, Miklas, sprach der Begleiter, wie steht es mit unserem Empfange? Willst Du für die Lady auf das Beste sorgen?

Miklas aber schwieg und zuckte die Achseln, dann hob er italienisch an, in der Hoffnung, dadurch seine Antwort der Lady zu entziehn: Ihr seid noch nicht so weit, wie Ihr hofft, sie weigern sich, die Signora zu empfangen, ihr Obdach zu geben. Ihr müßt das erst bewirken, ehrwürdiger Herr, denn Ihro Gnaden sind mehr erzürnt, als willfährig zu nennen.

Genug, genug! erwiederte der Andere, welcher wohl wußte, daß Maria den alten verstanden hatte; führt die Lady in ein Zimmer und mich zu Eurer Gebieterin! Seid gewiß, Lady, fuhr er zu Maria gewendet fort, daß ich auch jetzt treulich für Euch sorgen werde.

Der Alte führte die Lady unterdessen gegen eine der Thüren des Untergeschosses, und indem er sie öffnete, rief er laut hinein: Margarith, empfange diese Dame!

Maria trat in ein kleines gewölbtes Gemach, dessen hohes Fenster fast bis zur Erde reichte und nach dem hell vom Monde beleuchteten Bogengange des Hofes hinaus ging, und das in seiner übrigen Ausstattung, wenn auch reinlich und anständig, doch das Zimmer eines Hausvogtes zu sein schien, wofür sie den Alten sogleich gehalten hatte.

[169]

Mit allen Zeichen der Verlegenheit und der Ueberraschung sprang ein junges Mädchen aus der Fensternische ihr entgegen, die gleichfalls wohlhabend, aber in die Tracht geringerer Stände gekleidet war. Dicht vor der Lady stehend, konnte sie die Augen nach einem flüchtigen Blick nicht wieder erheben, und begann ein verzweifeltes Spiel der Hände mit ihren silbernen Brustlatzketten.

Maria vergaß, dem schönen, verlegenen Kinde gegenüber, sogleich Alles, was sie selbst in diesem Augenblick bewegte, und mit der ganzen holden Freundlichkeit ihres für jeden Bedrängten stets offenen Herzens, ergriff sie das verlegene Mädchen bei der sich sträubenden Hand und redete ihr zu: Sei nicht bange, mein Engel, Du sollst in mir keinen unfreundlichen Gast haben; gewiß, fuhr sie fort, bist Du des Hauswarts Tochter, und hast wol noch mehr Geschwister oder eine liebe Mutter, die Du mir wol rufen kannst? Laß doch Deine Angst, sieh, ich setze mich selbst, da Du versäumst, mich zu nöthigen; doch laß nur Deine Unruhe, dann wollen wir uns noch viel erzählen, bis der Vater mich abruft.

Ein tiefer Seufzer stieg hier aus dem Busen der Geängstigten; sie blickte auf und dann schnell nach dem Fenster zurück. Es war eine so auffallende Qual auf ihrem Gesichte wahrzunehmen, daß Lady Maria sie vorerst aufgab und sich ohne Weiteres fast dicht bei der Thür auf einen ledernen Stuhl niederließ, um ihrer jungen Gefährtin Zeit zur Besinnung zu lassen. Aber es schien, als ob dies kleine Räthsel damit sich nicht beruhigen könnte. Denn anstatt sich zurück zu ziehen, stand sie noch immer vor Maria, und während sie oft sich nach dem Fenster umsah, schien sie darauf ihre Stellung vor der Lady abzuändern, daß sie den Anblick desselben ihr entzöge.

Endlich brach sie in Thränen aus und lief mit der Schürze vor den Augen zum Fenster zurück.

[170] Als Maria sie ein Weilchen hatte weinen hören, gewann ihr Mitleiden über ernstere Betrachtungen die Oberhand.

Es ist mir leid, daß ich Dich so betrübe, liebes Kind, hob sie sanft an; kann ich auch den Grund nicht errathen, will ich Dich doch gern erleichtern, wenn Du mir nur einen andern Platz zeigen willst, wo ich der Rückkehr meines Begleiters warten kann.

Das Schluchzen hörte auf, mit leisen Schritten nahte sich das Mädchen. Ach! sprach ein tief betrübtes Stimmchen, theure Lady, was müßt Ihr von mir denken; ach, ich Unglückliche, wie habe ich Euch so schlecht behandelt. Indem fuhr sie erschrocken zusammen und schaute nach dem Fenster um, an dem Lady Maria ein leises Klirren gehört, wodurch aber die Angst des Mädchens sich wieder aufs Höchste zu steigern schien. Nein, Lady, brach sie endlich mit gejagter Stimme los, hier könnt Ihr nicht bleiben, es ist hier – kalt, es ist hier so unwürdig für vornehme Leute, ich werde Euch hinführen, wo es besser ist.

Wie Du willst, mein Kind, sagte Maria sanft und stand sogleich auf, der Kleinen folgend, die nun zur selben Thür hinaus, fast fliegend vor ihr her in einen Eingang trat, der einen erleuchteten Gang verschloß, an dessen Seite sie eine hohe Thür öffnete, die Lady einzutreten nöthigte und dann eben so schnell davon lief, als sie vorangeeilt war.

Maria sah sich jetzt in einem ziemlich langen, aber nicht breiten Gemache, welches an der einen Seite der Länge nach vier hohe Fenster zeigte, die so in der Mauer verloren waren, daß sie schmale Kabinette bildeten. Das Zimmer war gewölbt und mit reicher Architektur versehen. Vom Gebälk hing eine große, schön gearbeitete Lampe herab und verbreitete über die nächsten Gegenstände ein klares Licht. Zwei lange Tafeln standen in einiger Entfernung von einander, um den ledernen daran geschobenen Sitzen Raum zu lassen. Die Tische waren [171] mit feinen weißen Tüchern bedeckt, und in schicklichen Zwischenräumen mit leeren silbernen Geräthschaften zum Gebrauch der Tafel bestellt.

Am obern Ende, wo die Tafeln zusammen liefen, stand ein hoher Lehnstuhl von Eichenholz, der, ein wenig erhöht, fast einem kleinen Thron ähnlich sah. Ein rothes Sammetkissen lag auf dem Sitze und zu den Füßen, und davor stand ein kleines Tischchen, ebenfalls mit Tafel-Geräthen besetzt.

Lady Maria konnte daher nicht zweifelhaft sein, daß sie sich in dem Eßzimmer des Hauses befand, und zählte zwölf Lehnstühle, woraus sie auf die Zahl der täglichen Hausgenossen schloß, und den übrig bleibenden Patz an den Tafeln auf öftern größeren Zuspruch beziehen konnte.

Sie ging am Ende des Saales einer Fensternische zu, in der sie ermüdet auf einen Sitz niedersank und von hier aus noch ein Mal den Raum überblickte. Ach, dachte ihr kindliches Herz mit Zärtlichkeit, ist dies auch Dein Wohnort, geliebter Mann, den ich vergeblich zu erreichen strebe? Ist an dieser Tafel Dein Platz, und in welcher Beziehung lebst Du hier? Von da hinweg fiel jetzt ihr Blick gegenüber auf eine sonderbare Einrichtung. In dem ganz steinernen Zimmer sah sie am Ende des Saales, dem erhöhten Platze gegenüber, eine Wand von geschnittenem Eichenholz, noch ein Mal so hoch und breit, als die Eingangsthür, aber für einen solchen Zweck gewiß nicht bestimmt; denn es war eine flache Wand, vor der eine kleine Treppe vom selben Holze bis zur Hälfte des Ganzen in die Höhe lief. Oben bildete sie einen Absatz, der einen Balkon mit einer Brustlehne hatte, und darüber hing eine silberne Lampe, welche nicht brannte.

So sonderbar diese Einrichtung war, konnte sie die junge Lady doch nur vorüber gehend fesseln; denn das Fenster, woran sie ruhte, ging nach der Seite des Meeres hinaus. Die [172] tiefen regelmäßigen Töne, womit dieses sich am Fuße des Schlosses brach, drangen zu ihr hinauf und zogen ihre Blicke nach. Der Mond leuchtete hell, und Maria sah nun, wie schön das Schloß in einer Art Bucht gelegen war, an beiden Seiten von vorspringenden Felsufern gegen das Ungestüm des Meeres geschützt. Unter den Fenstern, fast dicht daran grenzend, lief eine Terrasse, die von vergeblichen Versuchen zeugte, den Stürmen des Ozeans gegenüber dem Boden etwas Vegetation zu entlocken. Ach, welche weit abziehenden Erinnerungen traten damit vor ihren Geist! Wie gedachte sie der Kindheit, wo sie selbst als eifrige Blumistin so unermüdlich mit den rauhen Elementen ihres Wohnorts gekämpft hatte, ihm einige Blüthen zu erziehen. Voll Theilnahme blickte sie nieder, um zu prüfen, wie weit man hier damit gelangt sei, und so von Bild zu Bild geführt, versank sie in ein tiefes Sinnen über die wunderbare Gestaltung ihres Lebens. Das erste Bedürfniß zarter Jugend, sich vertrauend anzuschließen und die zweifelhaften Schritte ins Leben nach der gereiften Ansicht schützender Freunde lenken zu können, dies mußte sie in den schwierigsten Augenblicken ihres Lebens entbehren, und ihren eigenen Geist aufrufen, ihr Stütze und Hülfe zu sein.

Wenn sie einen Blick auf ihre Erziehung warf, mußte sie oft glauben, ihre Erzieher hätten ein solches Schicksal für sie geahnet, da sie mit besonderer Sorgfalt sie über das Leben aufzuklären bemüht gewesen waren, und ihren Geist auf Selbstständigkeit und eigene Erkennung der Wahrheit gerichtet hatten. Ach, und doch wie wenig mochten sie ihr Schicksal voraus gesehen haben. Wie war sie aus dem Kreise gerissen worden, in dem sie so sicher sie geborgen glaubten! Wie mußte sie sich sagen, daß die Umstände hier alle Berechnungen vernichtet hatten, weil sonst ihre Lage nicht so bis auf das Letzte hilflos hätte sein können. – Mit ihrer innern Freiheit des Geistes [173] hatten sie ihr Hülfsmittel für das Leben geben wollen, aber alle andern Mittel, sich ehrenvoll zu behaupten, waren ihr durch dieselbe Liebe entzogen.

Der Name, den sie beibehielt, er sogar war ihr in Zweifel gestellt. Sie durfte es nicht wagen, sich irgend Jemandem verwandt zu nennen, ohne auf schlecht verhehlte Bedenklichkeiten zu stoßen, und oft hätte sie die Stirn berühren mögen und sich fragen, ob ihre ganze Jugend ein spurlos verschwundener Traum gewesen, oder ob jetzt sie ein solcher Zustand quäle, aus dem sie vergeblich zu erwachen strebe.

Das erste Zeichen, das sie in der fremden Welt, in die sie so jäh gestoßen war, aus jener frühern erhielt, wie ward es ihr zu Theil, und wo führte sie es hin? Konnte sie übersehen, daß sie unermeßlich viel gewagt, dem Manne zu folgen, der damit begann, sich frech ihr zu nähern? Konnte sie sich jetzt geborgen halten, da der Empfang in diesen Mauern so gar kein Zeichen der Theilnahme zeigte, deren sie doch gewiß sein mußte, im Fall ihr Oheim sie hier erwartete? und wo Schutz hoffen und suchen, wenn sie verrathen war? Hier erfüllte sich ihr unschuldiges Herz mit einem tiefen Schmerze, es war das Andenken an ihre großmüthigen Wohlthäter auf Godwie-Castle, welche für sie verloren waren. Sie waren für sie verloren; ihre strenge Tugend eben schied sie auf immer.

Heiße Thränen drängten sich dieser Ueberzeugung nach, und in ihnen tauchte das Bild des edlen Richmond auf, wie er flehend an ihrer Sänfte stand und sie zurückzuführen strebte. Ach, es trat aus diesen letzten Augenblicken ein unvergeßlicher Ton seiner Stimme in ihre Erinnerung, ein Blick seiner seelenvollen Augen. Wenn sie, in heiliger Einsamkeit mit sich, ihn jungfräulich schüchtern herauf zu rufen wagte, dann öffneten sich die Pforten ihres Herzens, von seiner sel'gen Fülle aufgesprengt, und ihr ganzes Wesen blieb lauschend stehen und horchte [174] den Wundern, die einen magischen Kreis, sanft betäubend, um sie zogen. Sie verhüllte schüchtern ihr Haupt. Denn eben ungerufen kam der süße Zauber, und trocknete die bittern Thränen und ließ das tief betrübte Herz erquickt zurück, aufs Neue mit sanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen ausgeschmückt.

Ein leichter Fußtritt in der Nähe ließ sie schließen, daß sie nicht mehr allein sei. Sie zog den Mantel zurück und erblickte nun eine ältliche Frau, welche sich aus einem anderen Theile des Zimmers der Eingangsthüre nahte und dieselbe sorgfältig mit einem Riegel verschloß. Sodann zündete sie mehrere an den Wänden hängende Lampen an, doch nur auf der Wand, die den Fenstern gegenüber, und ehe Maria, die so eben sich erheben wollte, um sich ihr kund zu geben, dazu gelangen konnte, rollte sie den hohen Lehnstuhl bei Seite und zog einen Teppich weg, worunter sich eine Fallthür zeigte, die sie mit großer Schnelligkeit öffnete und so von einander schlug, daß sie zwei Lehnen bildete, woran sie sichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe stieg.

Maria fühlte sogleich, daß sie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimnisses gewesen, und unangenehm davon bewegt, schwankte sie, ob sie sogleich das Zimmer verlassen oder die Rückkehr der Frau erwarten solle.

Sie entschied sich für das Letztere, da die verriegelte Thür ihr den Wunsch anzeigte, von Außen jede Störung zu verhüten, und sie nicht berechnen konnte, welch größeres Unheil sie anrichte, wenn sie durch ihre Entfernung diesen Eingang unbeschützt ließe. Die Fremde erhielt das Fräulein lange in unerfülltem Harren, und bald drängte sich ihrem Geiste eine Möglichkeit auf, dies Ereigniß mit demjenigen in Verbindung zu denken, den sie überall anzutreffen hoffte. Aber wie schauderte sie bei dem Gedanken, daß unter der Erde seine Wohnung [175] sei; welch ein Loos mußte ihm dann gefallen sein, wenn seine Gegenwart in solch strenges Geheimniß gehüllt ward.

Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermuthungen, denn durch ein Geräusch wurden ihre Blicke der eichenen Wand zugerichtet, an der sich außerhalb Schlösser zu rühren schienen. Plötzlich thaten sich vor ihren erstaunten Blicken oberhalb der kleinen Treppe die eichenen Wände auseinander, und zeigten eine kleine Thür, welche die Einsicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewölbten Gange zuließ.

In dem alten Manne, der hier hervortrat, erkannte Lady Maria den Hausvogt, der sie empfangen hatte, und der damit beschäftigt, den Eingang durch das Ineinanderschieben der Holzwände zu erweitern, jetzt wieder in demselben Augenblicke verschwand, als sie ihn anrufen wollte. Dennoch blieb sie entschlossen, sich um jeden Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauscherin zu ziehen. Eben erhob sie sich, um dem alten Manne nachzugehen, als sich ihr ein so überraschender Anblick darbot, daß sie von Erstaunen gefesselt in ihren Fenstersitz zurücksank, der sie, in tiefe Schatten gehüllt, jedem Blicke entzog.

Es zeigten sich nämlich plötzlich in dem kleinen Eingange der Treppenthür zwei Knaben in Chorhemden mit reich gesticktem Skapulier, welche, lange Wachskerzen tragend, die kleine Treppe hinab in den Saal schritten.

Ihnen folgte eine große hagere Frau, welche, in der Kleidung einer Ursuliner-Nonne, mit dem Rosenkranze in der Hand, von einem Geistlichen in der Tracht des Ordens Jesu beim Niedersteigen unterstützt ward. Als er den Saal erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete, erkannte Lady Maria ihren Reisegefährten, aber ihr Erstaunen fesselte jede ihrer Bewegungen und machte sie jetzt wirklich unfähig, sich zu erkennen zu geben.

[176] Diesen Personen folgten nun mehrere Frauen, alle in vorgerücktem Alter, und alle als Ursulinerinnen gekleidet.

Sie zogen in gemessener Ordnung durch den Saal der Fallthür entgegen und stiegen schweigend, ohne die Köpfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu machen, als das langsame Fortschleppen alter schwacher Personen erfordert, die verborgene Treppe hinab.

Der Hausvogt verschloß die Wände, wie die Fallthür hinter sich, so daß die Lady nach einigen Momenten, die noch der Ueberraschung gehörten, zweifelte, ob sie dies Alles wirklich gesehn oder aufs Neue von den Bildern ihrer Phantasie überwältigt worden sei. Als sie endlich gewiß war, sich nicht getäuscht zu haben, strömte damit zugleich eine Fülle von Beziehungen auf ihr eigenes Schicksal über sie ein, und ahnend stieg in ihr der Gedanke auf, daß hier in einem scheinbar heimlich erhaltenen Nonnenkloster ihr Oheim unmöglich Schutz und Hülfe gesucht haben könne. Diese Folgerungen wurden plötzlich durch ein ungestümes Klopfen und Hämmern an der verschlossenen Eingangsthür unterbrochen, dem gleich darauf ein ängstliches Rufen folgte:

O öffnet, öffnet die Thür, habt Erbarmen und kommt hervor, wenn Ihr noch hier seid! Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weinerliche Stimmchen überzeugten Maria bald, daß es Margarith sei, welche sich einzudrängen bemühte, und da sie selbst nichts lebhafter wünschte, als diesen Zufluchtsort fremder Geheimnisse zu verlassen, so eilte sie hervor und schob mit leichter Mühe den Riegel zurück.

Margarith stürzte nun todtenblaß herein, und verwildert die Blicke umherwerfend rief sie: O, theure Lady, haben sie Euch gesehen? O sagt es mir; ich bin verloren, wenn sie Euch sahen!

[177] Sei ruhig, Kind, ich ward, sehr gegen meinen Willen, von Niemand gesehen, aber bringe mich hier fort, denn ich möchte diese, meiner so unwürdige Rolle nicht weiter spielen.

Ja, ja! ich führe Euch fort, rief Margarith, noch immer bleich und zitternd: nichts will ich Euch mehr verbergen; denn Ihr werdet mich nicht unglücklich machen, und ich muß ja doch verzweifeln! Angstvoll die Hände ringend und seufzend ließ sie sich jetzt von Maria zur Thür hinausdrängen, und bald hatten Beide das kleine Zimmer erreicht, aus dem sie von dem wunderlichen Kinde zu Anfang fast vertrieben worden war.

Kaum hatte sich die Thür hinter ihnen geschlossen, als die Kleine vor Maria auf ihre Knie niederfiel, und in Thränen ausbrechend in dem flehendsten Tone kindischer Angst sie beschwor, ein ewiges Schweigen über das Erlebte zu bewahren.

Ach! Ihr wißt nicht, wie schrecklich ich bestraft werden würde, wenn man wüßte, daß ich so unbesonnen die Geheimnisse des Hauses verrieth. Ich dürfte nicht frei und, wie jetzt, um meinen guten Vater bleiben; ich müßte auch in die Gewölbe beten gehn und mich einsperren in die kleinen Zimmer. Ach! Ihr würdet mich tödten, wenn Ihr Euch gegen den Vater verriethet; ach, und Euch selbst träfe auch gewiß ein trauriges Loos.

Du brauchst mich nicht an eigne Gefahr zu erinnern, sprach schmerzlich gerührt Lady Maria; Dein Schmerz ist mir genug, und ich werde ihn nicht durch unbesonnenes Schwatzen erhöhen. Aber bist Du auch sicher, daß Niemand weiter, als Du, um meine Anwesenheit dort weiß? Kann mich Niemand überführen, daß ich die Wahrheit verhehle?

Nein, nein! stammelte Margarith, offenbar wieder verlegen werdend; wenn Ihr es selbst nicht sagt, wird es Niemand erfahren. –

[178] Nun so nimm mein Wort, liebes Kind, daß ich schweige, und verscheuche nun jede Furcht und Sorge vor mir, denn Niemanden will ich betrüben, am wenigsten ein so liebes Kind, wie Dich. – Sie neigte sich dabei, sie sanft emporzuheben, und drückte einen leichten Kuß auf die Stirn des sich nun verklärenden lieblichen Mädchens. Bei dieser entwickelte sich jetzt erst ihre ganze Natur in einer höchst anmuthigen Geschäftigkeit um Lady Maria. Sie nahm ihr den Reisemantel ab, und suchte es ihr auf alle Weise leicht und angenehm zu machen. Die Flamme nagte bereits behaglich an einem reichlichen Torfaufsatze im Kamine. Margarith schob nun den großen bequemen Lehnstuhl dahin und ein Bänkchen zu dessen Füßen, und ruhte nicht, bis Maria alle eigenen Bemühungen für ihr Reisegeräth aufgegeben hatte und in dem Sessel sich der Ruhe überließ.

Hierzu fühlte sie sich auch hinreichend durch die Strapazen des Tages aufgefordert. Es machte ihr Vergnügen, während sie behaglich ruhte, die Kleine mit den Augen zu begleiten, die so anmuthig und geschäftig sich umher drehte, bis sie endlich an einem kleinen Tischchen seitwärts vom Kamine Platz nahm und an einem seidenen Netze eifrig zu knöpfeln begann. Dabei schauten die klugen hellen Augen oft zur Lady lächelnd auf, und guckten dann nach dem Fenster und scheu wieder auf ihre Arbeit zurück.

Da wir nun doch in so kurzer Zeit Freunde und Vertraute geworden sind, liebes Kind, hob Lady Maria endlich an, so möchte ich wohl erfahren, warum Du mich zuerst fast aus diesem Zimmer hinausgejagt hast. Es muß Dich doch dazu ein wichtiger Grund getrieben haben, indem Du vielleicht das Ereigniß voraussehen konntest, was ich erlebt. Nun, werde nicht wieder ängstlich, fuhr sie fort, da sie sah, daß Margarithens Kopf glühend roth auf die Brust sank, und alle Qualen der Angst und Beschämung sie zu ergreifen schienen. Wenn es [179] Dich sehr ängstigt, will ich warten, bis Du mehr Vertrauen zu mir fassest, sollte ich hier überhaupt lange verweilen.

Ach! seufzte Margarith und hielt die Hand an die Stirn, ich möchte es Euch lieber sagen, als gegen eine so gütige Dame so einfältig und undankbar erscheinen; aber Ihr werdet eine gar böse Meinung von mir bekommen, und doch sind wir Beide ganz unschuldig.

Beide, sagte Maria, was meinst Du denn? Ja, rief Margarith, schnell aufstehend, komm nur hervor, Lanci, wir wollen der lieben Dame Alles sagen.

Voll Ueberraschung wandte die Lady den Kopf, und sah nun aus der Fenstervertiefung einen Jüngling in feiner Jagdkleidung mit einem kleinen gefiederten Mützchen in der Hand hervortreten, der, gleich Margarith, in den glühendsten Purpur der Beschämung gehüllt, schüchtern neben ihr stehen blieb.

Kinder, sagte Maria, trotz der hier am Tage liegenden Intrigue, ganz bezaubert von dem Augenblicke dieser schönen jungen Leute, was habt Ihr denn vor? Weiß denn Dein Vater darum?

Ach, das ist es eben, seufzte Margarith, glaubt Ihr wohl, daß er es nicht leiden will, daß Lanci mich besucht? Lanci ist mein Vetter, wir wurden groß zusammen, und darum haben wir uns so lieb. Mit eins mußte Lanci aus dem Schlosse, blos weil man zugesehen hatte, wie wir uns jagten auf dem Abhange. Sie thaten ihn zu dem alten Förster im Walde, und er soll mich nicht besuchen. Liebe Lady, da paßt er denn zuweilen auf, wenn Reisende kommen, wie oft geschieht, und kommt so mit herein.

So, so, lächelte Maria, und da habe ich ihn heute Abend wohl hier eingeführt?

Ein schneller freundlicher Blitz aus seinen dunkeln Augen, welcher die Fragende traf, sagte Ja, und Margarith setzte nun [180] verschämt hinzu: Seht, liebe Lady, das war meine Angst, als Ihr kamet. Denn Lanci, der schnell wie ein Reh ist, hatte mir schon das Zeichen gegeben, daß ich ihn einlassen sollte, und er klopfte immer wieder, weil er nicht wußte, was mich hinderte zu öffnen.

Und auf welche Weise wird denn Lanci eingelassen? fragte die Lady weiter. Beide schauten nach dem niedrigen Fenster und konnten dann ein kleines Lachen nicht unterdrücken, was sie als schuldlos spielende Kinder bezeichnete, daß Maria unwillkürlich mitlachen mußte.

Aber, sprach sie dann, sich zum Ernst zwingend, Ihr seid doch recht leichtsinnige Kinder. Hat es der Vater einmal verboten, so wird es großen Lärm geben, wenn er Lanci findet, und mich däucht, das kann jeden Augenblick geschehen, und dann, Margarith, bist Du doch immer ungehorsam.

Ja, sagte hier der Jüngling, der gute alte Vater ist es aber gar nicht, der uns trennt; er muß es nur thun, weil es Ihro Gnaden haben wollte. Er hat es mehr als hundert Mal gesagt, wenn ich ein ordentlicher Mann würde, sollte Margarith meine Frau werden.

Schweig doch davon, Lanci, rief Margarith dazwischen, wer wird davon sprechen.

Aber, sagte Lanci, die liebe Dame denkt sonst, wir sind schlechte Kinder. Wir thun es aber blos heimlich, damit, wenn's herauskommt, der Vater sagen kann, daß wir beide Schuld haben, und wird Margarith dann fortgejagt, so heirathe ich sie gleich.

Nein, sagte Margarith, nicht eher, als bis Du Jäger bist; das thue ich dem Vater nicht zu Leid, so lang Du Bursche bist.

Lanci warf den Kopf hinten über, wie Jemand, der es besser weiß und seiner Sache sehr gewiß ist.

[181] Aber wenn Ihr doch auch dem Vater davon nichts sagen wolltet, setzte jetzt Margarith besorgt hinzu.

Wahrlich, sagte Maria, lächelnd den Kopf schüttelnd, ich werde ganz schwer von allen Deinen Geheimnissen. Wenige Stunden bin ich erst hier, und zwei wichtige Dinge willst Du schon mich zu verhehlen zwingen. Weißt Du wohl, daß das Letzte mir wichtiger scheint, als das Erste?

Beide sahen sich erstaunt und besorgt an, und rückten dann unwillkürlich dem Sitze Maria's näher, sie flehend anblickend.

Sieh, ich kann es gar nicht leiden, wenn junge Leute heimlich sind, fuhr Maria fort; gewiß habt Ihr schon zuweilen, um Eure kleinen Besuche zu verbergen, allerlei List und Lügen sagen müssen, und das ist immer gottlos und kann Euch verderben. Solltet Ihr Euch denn nicht treu bleiben, wenn Ihr Euch auch nicht sähet? Und wenn Lanci Jäger ist und ordentlich um Dich wirbt, wird er Dich schon zur Frau bekommen, da der Vater ihn lieb hat.

Treu bleiben, das ist nicht schwer, sprach Lanci, sich männlich aufrichtend, und wenn ich sie zanzig Jahr nicht sehn sollte, bliebe ich ihr treu; aber wenn ich nicht manch Mal hierher zu dem armen kleinen Dinge komme, dann hat sie gar keinen Spaß mehr, und muß ganz umkommen in dem alten finstern Schlosse. Das könnt Ihr nur glauben, gnädige Lady, so um gar nichts bestehn wir all' die Gefahr nicht; gelogen hab' ich auch noch nie darum, und vielleicht bewahrt mich Gott davor, da er sieht, daß ich es aus guter Absicht thue.

Maria fühlte sich unwillkürlich von dem Gemisch von Liebe und kindlicher Reinheit gerührt, das aus Beider Wesen und Worten sprach. Margarith dagegen war durch des Geliebten Vertheidigung wieder traurig angeregt. Maria fühlte wohl, wie schwer die Furcht einer Trennung auf sie wirke, und da sie den Verhältnissen, von welchen diese jungen Leute bedrängt [182] wurden, noch so neu und fremd war, stellte sie gern ihr Richteramt ein, hoffend, der gute Engel, der so lange mit ihnen war, werde sie ferner schützen.

Gott sei Euch gnädig, sagte sie sanft, wie kann ich Euch rathen, da mir Alles hier fremd ist? Ich kann mich nur durch Schweigen unschädlich machen, das will ich. Betet Ihr zu Gott, daß er Euch behüte und Euer Herz nicht in Unwahrheit verstricke! Ich will Euch nicht stören, mein Kopf ist ohnehin müde, laßt mich hier ausruhen, und sagt Euch ungestört, was Euer Herz erfreut.

Freundlich dankten die wieder kindlich erheiterten jungen Leute und zogen sich in den tiefen Fenstersitz zurück, während Maria ungestört ihren Gedanken nachhing.

Aber häufig geschieht es, daß unsere Phantasie aufhört thätig zu sein, wenn die Gegenwart mit ihren Erscheinungen uns so nah gerückt ist, daß wir uns jeden Augenblick als selbst thätig erwarten können. Wir schließen dann im Gegentheil uns wie eine Knospe zusammen, um der Wirklichkeit die gesammelten Kräfte darbieten zu können, und das ablockende Spiel der Phantasie erbleicht mit seinen bunten Bildern an der Erwartung des nächsten Augenblicks.

So kam es, daß es Maria unmöglich ward, ein Bild hervor zu heben für ihre eigene Lage, und unbestimmt angeregt, sank ihr müdes Haupt zurück, und sanfter Schlummer wiegte sie bei dem leisen Geflüster der jungen Leute ein.

Aus einem farblosen Traum erweckte sie der Strahl eines Lichtes, der ihre Augen traf. Vor dem Tischchen der Tochter, an dem die letztere wieder saß, stand der alte Vogt, einen Armleuchter mit Kerzen haltend, und sprach leise in die freundlich aufmerkende Tochter hinein.

Gern, bester Vater, beantwortete das gute Kind die Anrede des Alten, gern will ich für die arme Dame sorgen, und [183] viel lieber, wenn sie nicht jenen alten Damen anheimfällt, und die freundlichen Zimmer bezieht; denn ich hoffe doch, da wird sie nicht auch geplagt werden.

Schweig, unterbrach sie der Alte, strenger blickend; thue, was vor Dir liegt, sei dankbar für das Vertrauen Ihrer Gnaden und laß Deine unschicklichen Bemerkungen. Die gnädige Frau hat dem ehrwürdigen Herrn erlaubt, Alles nach seinem Gutdünken einzurichten, und wir waren bis jetzt damit beschäftigt, und ...

Halt, lieber Alter, unterbrach ihn hier Lady Maria, unfähig, durch anscheinenden Schlaf sich hinter die geheimen Verhältnisse des Hauses zu stehlen, wenn Deine Worte nicht für mich sind, so fahre nicht fort, denn ich habe, wie Du siehst, ausgeschlafen.

Ueberrascht, aber mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit, wandte sich der Alte schnell zur Lady, und sich bis zur Erde beugend, sagte er in der angemessenen Haltung eines Schloßvogts:

Meine gnädigste Frau, die Besitzerin dieses Schlosses, beehrt mich, Euch, Mylady, hierselbst willkommen zu heißen, und da der vorgerückte Abend der gnädigen Dame nicht mehr erlaubt, Euch eine Audienz zu ertheilen, ersucht sie Euch, die Zimmer in Besitz zu nehmen, die sie zu Euerm Empfang hat einrichten lassen, und über Dero Diener zu befehlen, die alles Mangelnde zu ersetzen bemüht sein werden.

In Wahrheit, guter Alter, erwiderte Maria, indem sie sich mit ihrer eigenthümlichen Hoheit erhob, das Willkommen der Dame, deren Gast ich wider Willen bin, kömmt so spät und nach so unziemlicher Vernachlässigung, daß ich so einladende Worte mehr auf Eure gute Sitte, als auf die Eurer Herrin beziehen möchte. Doch sei es darum, ich sehe mich nicht ungern blos an Euch und Eure Tochter gewiesen, und bin bereit Euch zu folgen.

[184] Der alte Herr sah mit einigem Erstaunen auf diesen stolzen Anspruch an seine Gebieterin. Aber Domestiken, die alt geworden im Dienste, sehen nicht ungern an denen, die sie bedienen sollen, einen hohen Anspruch auf äußere Achtung hervortreten; sie fühlen sich selbst dadurch gehoben und glauben sich weniger zu vergeben gegen Personen, die sich selbst zu ehren wissen.

Der Alte mochte noch außerdem Gründe haben, unserer jungen Heldin Ehrfurcht zu bezeigen, denn es schien, er fühle sich nun ganz an seinem Platze. Er erwiderte mit stummer Verbeugung die Worte der Lady und schritt dann mit dem hoch gehobenen Leuchter voran, als sie, in ihren Mantel sich hüllend, bereit schien ihm zu folgen.

Auf dem entgegengesetzten Flügel im Erdgeschoß des Schlosses öffnete Miklas jetzt eine Thür, welche die Lady einlud, in ein großes Vorzimmer zu treten, das an seinen leeren weißen Wänden die kostbarsten Stuckaturen, von einem großen Feuer in dem weiten Kamin erleuchtet, zeigte.

Der Alte durchschritt dies Zimmer und bat die Folgenden, in ein daran stoßendes Kabinet zu treten, wohin nur Margarith die Lady begleitete. Auf das Angenehmste fühlte sich Maria von dem ersten Anblicke desselben überrascht. Es gehörte zu den Zimmern, die uns sogleich einladen zu bleiben und uns Alles darzubieten scheinen, was ein sinniges Leben erfordert. Es war angenehm erwärmt, und nur ein mildes Kohlenfeuer glühte noch in dem Marmor-Kamin, der den ganzen Hintergrund des schmalen Zimmers einnahm. Davor standen auf einem schönen Teppiche mehrere bequeme Sessel, ganz, wie die Wände und Vorhänge des Zimmers, mit grünem Damast und goldenen Borten bedeckt. Es schien, als hätten Freunde so eben von traulicher Zwiesprache sich erhoben, und Maria konnte sich nicht enthalten, voll Hoffnung und Sehnsucht nach ihren leeren Sitzen zu blicken.

[185] Gegenüber zeigte sich das breite hohe Fenster, das in seine tiefen Wände eine kleine Biblothek aufgenommen hatte, wovor ein schön geformtes Lesepult stand, mit allen Einrichtungen zum Schreiben versehn, und an ein kleines Ruhebett war zu ihrer freudigen Ueberraschung eine Harfe gelehnt. Mehrere Bilder, an den Wänden passend vertheilt, schienen alte Portraits und Heiligenbilder, und entgingen vorerst ihrer Betrachtung, da der Schein der Kerzen ihre finsteren Tafeln nur schwach erhellte. Auch drängte Margarith, begierig die Lady mit ihrer Wohnung bekannt zu machen, sie in das Nebenzimmer, das eben so hoch und schmal, als das erstere, durch ein großes damast-behangenes Bett sich als Schlafzimmer ankündigte.

In der Fensternische war hier eine schwerfällige, aber reich besetzte Toilette angebracht, und ein ungeheurer venetianischer Spiegel vortheilhaft gegen das Fenster aufgestellt. Was aber sogleich Maria's Aufmerksamkeit anzog, war eine der Thür gegenüber eingelegte Nische von schwarzem Marmor, worin, von zwei Wandleuchtern, auf denen Kerzen brannten, erleuchtet, sich das Bild einer Mutter Gottes mit dem Kinde zeigte, von einer so himmlischen Schönheit in Ausdruck und Farbe, daß Margariths Bewegung, womit sie sich augenblicklich davor bekreuzte und das Knie beugte, natürlicher erschien, als ihr schnelles Uebergehen zu den andern Gegenständen des Gemaches.

Das Bild ruhte auf einem Untersatz von ebenfalls schwarzem Marmor, welcher ziemlich deutlich die Form eines Altars hatte, vor welchem ein kleines Betpult stand, worauf sie ein aus ihrer Reise-Equipage entlehntes griechisches Neues Testament erkannte.

So schön und sinnig auch diese Einrichtung getroffen war, fühlte Maria doch mit ihrem richtigen Gefühl eine Absichtlichkeit heraus, die sie fast verletzte, und früher als der Gegenstand es verdiente, wendete sie sich davon ab, ihr kleines liebes Eigenthum [186] von dem Betpulte wegnehmend und es auf ein Tischchen neben ihr Bett legend.

Nun, theure Lady, rief innig befriedigt Margarith, seid Ihr denn nicht ganz zufrieden mit Eurer Wohnung, und wollt Ihr die kleine Margarith als Eure gehorsame Dienerin annehmen?

Beides, beides, sagte freundlich Maria, sogleich jugendlich in die heitere Stimmung ihrer kleinen Dienerin eingehend, und nun bitte ich Dich, mein Gepäck etwas zu ordnen, welches ich hier angehäuft sehe.

Ja, theure Lady, vertraut das mir, erwiederte Margarith, und erlaubt vorerst, daß ich Euch Eure Haube abnehme und ein wenig Eure Reisekleider wechseln helfe, denn das wird Euch erquicken und Lust machen zur Abend-Mahlzeit, die mein Vater indessen für Euch servirt.

Mit vielem Geschick unterzog sich die Kleine jetzt ihren neuen Dienstleistungen, wobei ihr die unendliche Fülle und Schönheit von Maria's Haar manchen Ausruf des Erstaunens entlockte, wie sie überhaupt jetzt erst die hohe Schönheit ihrer neuen Herrin er kannte und von einer fast scheuen Ehrfurcht davor erfüllt ward.

Maria fühlte sich von dem langentbehrten Behagen an einer gewohnten weiblichen Bedienung und den kleinen Annehmlichkeiten einer bequemen Einrichtung erheitert, und stets sich ihren Empfindungen hingebend, ermüdete sie nicht, anmuthig scherzend ihre kleine Dienerin anzuleiten, so daß, als endlich der erquickliche Wechsel der Kleider beendigt war, Beide mit heiterer Stirn der Einladung folgten, welche der alte Herr zum Abendbrod ergehen ließ.

An der Thür des Vorzimmers, welches zu ihrem Speisezimmer bestimmt war, schulterte der alte Vogt und überreichte ihr auf einem silbernen Teller einen fein gebrochenen Streifen [187] Papier, auf dem sie in italienischer Sprache die Worte fand: Hoffet und seid getrost!

Dazu fühlte sie sich in ihrem Innern vollkommen geneigt, denn ihr war in hohem Grade die glückliche Gabe zu Theil geworden, mit jedem Augenblicke abzuschließen und, immer klar in ihrer Stimmung, Jedem sein Recht, sei es in Schmerz oder Zufriedenheit, zu gönnen. Ihr junges, unerfahrenes Leben machte sie noch kindlich sicher, den guten Worten vertrauend, die man ihr bot, und diese jugendliche Hingebung fand doch Schranken in einer seltenen Schärfe der Beobachtung und einem höchst zarten und weit reichenden Gefühlsvermögen. Sie verlor daher nur selten ihre Sicherheit und Ruhe, was, ihr unbewußt, in diesen Eigenschaften begründet und, vielleicht früh von ihren Erziehern erkannt, so schön entwickelt worden war.

Freundlich das Streifchen in der Hand zerdrückend, schritt sie vor und ergötzte sich an den schönen Verhältnissen des hohen, hell erleuchteten Gemachs.

In der Mitte desselben stand ein kleines Tischchen, mit einem Couvert belegt, wovor ein unermeßlich hoher Lehnstuhl gerückt war, dessen goldene, mit bunt benähtem Sammet bedeckte Wände verschiedene erblichene Wappenschilder zeigten.

In einiger Entfernung stand ein mit reichem Silbergeschirr bedeckter Schenktisch, auf dem die angerichteten Speisen dampften.

Ei, sprach Lady Maria, freundlich alle diese Anordnungen beobachtend, Du hast sehr angenehm für meinen Hausstand gesorgt, lieber Alter! Ich muß Dir Dank sagen, wenn Du Haus-, Hof- und Küchenmeister zugleich warst; es ist Alles aufs Beste eingerichtet, um nach einer beschwerlichen Reise angenehm ausruhn zu können.

Sie richtete dabei ihre Augen huldreich auf Miklas und fand ihn in ihrem Anschaun so ganz verloren, daß er kaum ihre [188] Worte verstanden haben mochte, und wir müssen es unentschieden lassen, ob etwa eine andere Gedankenverbindung in ihm bei dem vollen Anblick des Fräuleins aufstieg. Als sie sich indeß dem Tische näherte, eilte er herbei und rückte ihr den Stuhl, sie ehrfurchtsvoll bedienend.

Die durch manche Entbehrungen erregte Eßlust des jungen Fräuleins gewährte dem Vater und der Tochter hinlängliche Genugthuung für ihre Bemühungen. Sie lobte die trefflichen Seefische und die saftigen Waldschnepfen, indem sie neckend einige Fragen über Jagd und Jägerei des Schloßgeheges hinwarf, und die erglühende Margarith sogleich wegschickte, um ihr die auf dem Schenktisch stehenden in Zucker eingelegten Früchte zu holen.

Dem Alten ging, je länger, je mehr das Herz auf, seinem lieblichen Gast gegenüber. Wie stolz und ernst und ihrer Würde sich bewußt sie ihm zuerst erschienen war, sah er doch noch nie in einer und derselben Persönlichkeit so viel kindliche Unbefangenheit, eine so sorglose Sicherheit und eine Heiterkeit vereinigt, welche die Umgebungen in ihren Kreis zog, ohne ihnen je eine Verwechselung der Verhältnisse möglich zu machen.

Als er ihr am Ende des Mahles in einem zierlich getriebenen Silber-Geschirr einen kühlen Wein des überseeischen Frankreichs darbot, konnte er sein Entzücken kaum hinter seiner Ehrfurcht bergen, als sie lieblich lächelnd ihn auf der Zunge prüfte und dann dem alten Wein-Kenner ein wichtiges Zeugniß über die Güte desselben abgab.

Wolle Gott Euer Gnaden jeden Tropfen zum Segen werden lassen! rief er fast gerührt.

Amen! erwiederte sie, sich rasch erhebend, indem er mit mehr Gewandtheit, als er sich noch zugetraut, bis zu ihrer Thür voranschritt, sie zu öffnen, und ihr jede Courtoisie eines alten, wohlerzogenen Dieners zu erweisen strebte.

[189] Als Maria sich für die Nacht entkleidet hatte und ihre junge Dienerin entfernen wollte, blieb diese erstaunt stehen und zeigte ihr an, daß sie entschlossen sei, in ihrer Nähe zu bleiben.

Denkt Ihr, Lady, es sei nicht besser, zu zweien in diesem Schlosse zu wohnen? Nein, weiset mich nicht zurück, Ihr wißt noch nichts von diesem bösen Schlosse. Gott sei uns gnädig, fuhr sie fort, sich bekreuzend, ich bin nicht befugt davon zu sprechen, aber besser ist es, Ihr behaltet mich bei Euch. –

So, sagte Maria lächelnd, Du willst also mein Schutz und Schirm sein, und in Deiner Nähe hältst Du mich für sicherer vor all Deinen angedeuteten Fährlichkeiten? Sage mir doch wenigstens, ob Du Dich bei meiner Beschützung als Geisterbannerin zeigen mußt, oder bewaffnet mit Degen und Pistolen, damit ich erfahre, welcher Art meine Gefahren sein werden.

Ach, theure Lady, spottet nicht, fuhr Margarith ängstlich fort; Ihr mögt wol sehr muthig sein, aber was hier zuweilen geschieht, sträubt wol Männern das Haar, und Ihr würdet es nicht so leicht ertragen, als Ihr glaubt. –

Wenn dem so wäre, glaubst Du, daß Dein alter Vater uns hier verlassen und uns schutzlos der Gefahr Preis geben würde? Geh, geh, Margarith, Du hast zuviel Ammenmährchen gehört, ich aber kenne thörichte Furcht nicht und verlange allein zu schlafen. –

Nein, nein, liebe Lady, Ihr werdet das nicht wollen, ich müßte ja den Weg allein zurück machen, und überdies – sie stockte.

Nun überdies? fragte die Lady, überdies bist Du eigensinnig und willst nicht gehorchen.

Ach Ihr zürnt, theure Lady, ich aber bin unschuldig an Euerm Unwillen, denn seht, ich kann wol dieses und jenes Zimmer verlassen, aber weiter nicht, denn – denn wir sind ja eingeschlossen.

[190] Eingeschlossen? rief die Lady, und nie sah Margarith schneller veränderte Züge, als bei diesem Worte. Gefangene! fuhr das Fräulein in höchster Ueberraschung fort, ist es möglich? Margarith, was treibt man mit mir, wer wagt es, so mich zu behandeln, mit welchem Rechte verfügt man über die Freiheit meiner Person? Sprich! Ich befehle Dir, mir zu sagen, wer ist die Besitzerin des Schlosses? Wo bin ich? und was weißt Du von den Absichten auf meine Person? Doch Du träumst, Mädchen, Deine abergläubische Furcht will mich einschüchtern, damit Du Deinen Willen behältst; ich selbst werde untersuchen, ob Du mich zu täuschen denkst.

Mit flüchtigem Fuße eilte sie, ein Licht ergreifend, durch das angrenzende Zimmer nach dem großen jetzt wieder völlig leeren Vorzimmer, das ohne Kerzen, von der Flamme des Kamins nicht mehr erhellt, ein ödes geisterhaftes Ansehn hatte. Aber das Fräulein, voll Erwartung und erzürnt über die Möglichkeit, daß Margarith Recht haben könne, nahm wenig davon wahr; sondern froh nur, die große Eingangsthür zu erkennen, eilte sie mit schnellen Schritten darauf zu. Doch sie drückte vergeblich an dem breiten eisernen Schlosse hin und her, und ihr Licht dazu erhebend, erkannte sie bald den einfachen Mechanismus eines von Außen befestigten Riegels.

Die Ueberzeugung von der Wahrheit dessen, was sie als eine große persönliche Beleidigung ansah, überwältigte ihren Geist für den Augenblick bis zu einer Art von Betäubung. Sie lehnte den Kopf gegen den Arm und an das verhängnißvolle Schloß, als müsse sie auf dieser Stelle Mittel zu ihrer Befreiung ausdenken. Das Licht hing unbeachtet in der andern niedergesunkenen Hand, und die kleine Flamme suchte an ihrem langen niederhängenden Nachtkleide eben weitere Nahrung, als seufzend und mit unterdrücktem Weinen die näher geschlichene Kleine es aus ihrer Hand zog.

[191] Ach, Lady, kommt hier weg, schluchzte sie leise, ach, zürnt nicht länger.

Halt! rief Maria aufschreckend, ich höre Schritte, hörst Du es, Margarith?

Heiliger Gott, sei uns gnädig! stammelte Margarith und strebte die Lady mit sich zu ziehn.

Nein, sprach Maria, ich werde diesen späten Wanderer anrufen, er soll augenblicklich Deinen Vater herbei holen und sagen, daß man mich hier als Gast und nicht als Gefangene behandele!

Nein, nein! o schweigt, rief Margarith, sich vor ihr niederwerfend.

Aber Maria war aufgeregt und zürnend, und als die Fußtritte jetzt vor der Thür anzuhalten schienen, als ob das Geräusch, welches Maria absichtlich an dem Schlosse machte, sie festhielte, rief sie:

Wendet Euch hierher! Habt die Güte, diese Thür von Außen zu öffnen, so Ihr könnt, oder Miklas, den Hausvogt, zu rufen!

Sogleich schien Jemand von Außen mit Ungestüm gegen die Thür zu fahren, und nach einigen ungeschickten Versuchen, sie so aufzudrücken, rasselte es heftig an dem Schlosse, welches zitterte und nachgab.

Maria riß der niedergesunkenen Margarith das Licht aus der Hand, und es hoch hebend blickte sie der aufgestoßenen Thür entgegen. Doch voll Grauen bebte sie zurück, als ein Weib eindrang, dessen verwildertes Ansehen eine Wahnsinnige bezeichnete. Ihre grauen Haare hingen unter einem schwarzen Schleier lang hervor und in dünnen Strähnen über ihre furchtbar hohe Gestalt, welche nur von nothwendiger Kleidung gedeckt, Hals, und Brust und Arme in widriger Abzehrung zeigte.

Aber vor Allem furchtbar war die Grabesfarbe des Gesichts, die stieren, glanzlosen Augen, und das Lächeln des [192] Wahnsinns um den lippenlosen Mund. Schaudernd trat Maria zurück, aber angezogen schien die gräßliche Erscheinung von ihrem Anblick, sie folgte ihr nach, den mehrarmigen Leuchter gegen sie vorstreckend, und je länger sie mit ihren furchtbaren Augen sie anblickte, desto mehr gewann ihr starres Gesicht einen gemischten Ausdruck von Erstaunen und Wuth.

Wer bist Du? sagte sie mit heiserer Stimme, ich muß Dich kennen! Sie rieb die Stirn, und wieder vordringend, rief sie, höllisch lachend: Du bist so ein Spuk aus der großen Welt, woraus sie mich vertrieben. Ha, jetzt kenne ich Dich! Doch von wannen kommst Du? Wer brachte Dich hierher? Sendet Dich der Knabe Villiers, den sie Herzog nennen? Ha, ha, ha, ha! Du bist es, und kennst Du mich, die schöne Franziska Howard?

Komm, komm! Du entgehst Deinem Schicksal nun nicht, bist Du doch von seinem Blute! Ha, die Rache ist süß, sehr süß. –

Gierig streckte sie die Hand aus und ergriff Maria's Gewand, welche, vergeblich mit dem Entsetzen kämpfend, ihre Knie wanken fühlte und, als die kalte Hand des Weibes ihren Hals umspannte, ihrer Sinne beraubt zur Erde sank.

Als sie die Augen wieder aufschlug, leuchtete der frühe Morgen matt durch das hohe Fenster. Langsam kehrte ihr Bewußtsein zurück, und sie sah nun, daß sie in dem großen Himmelbette ihres Schlafgemachs lag, und daß mehrere Personen um sie beschäftigt waren. Ein Versuch, sich zu bewegen, ließ sie einen Schmerz und eine Lähmung ihres Armes fühlen, und jetzt überzeugte sie sich, daß man daran eine Ader geöffnet, woraus das Blut sich vor ihr in ein Becken ergoß.

Es waren dies Alles die Wahrnehmungen eines noch halb ohnmächtigen Geistes, der sich selbst noch nicht wieder vereinigt fühlt mit den Zuständen des Körpers.

[193] Sie erkannte den Reisegefährten, der die Lanzette geführt hatte; sie sah Margarith auf ihren Knien, das Becken haltend; sie fühlte sich in den Armen einer fremden Frau, deren mildes schneeweißes Gesicht sich dicht neben dem ihrigen zeigte; aber sie hätte sich nicht gleichgültiger dabei fühlen können, wenn sie eine mit diesen Gegenständen bemalte Holztafel gesehen hätte. Nachdem der nöthige Verband umgelegt war und sie aus den Armen der Frau sanft in die Kissen sank, und die grünen Vorhänge des Bettes sie in eine angenehme Dämmerung hüllten, sanken ihre Augenlieder ermattet nieder; der Schlaf trat an die Stelle der tiefen Ohnmacht und vereinigte den durch Schrecken verstörten Geist mit dem genesenden Körper.

Nach einem langen und erquickenden Schlaf erwachte das Fräulein mit der angenehmen Empfindung wieder hergestellter Kräfte. Die Ruhe, die außerhalb der Vorhänge ihres Bettes herrschte, war indeß eine Wohlthat, welche sie sich zu verlängern suchte, da ihr Geist sogleich zu arbeiten begann, um theils die Begebenheiten der letzten Stunden sich zurück zu rufen, theils ihre Beziehungen zu sich selbst herauszufinden. Aber ihre Phantasie hatte vor dem letzten Ereigniß einen zu tiefen Eindruck empfangen, um nicht immer darauf zurück kommen zu müssen. Der Name Franziska Howard, den die grauenvolle Erscheinung sich beigelegt, gehörte einem Wesen, dessen Name mit jenem tiefen Abscheu in England genannt ward, womit man Verbrechen bezeichnet, die in einer zu hohen Sphäre sich begeben, um in ihrer ganzen Wahrheit zur Anschauung des Volkes zu gelangen.

Maria war damit unbekannt, aber wenn sie den Aeußerungen dieser elenden Frau nachdachte, ward ihr die Ahnung eines durch Gewissensvorwürfe gestörten Geistes. Schaudernd dachte sie an die Nähe dieser Furie, die in ihren Phantasien sie zu einem bekannten Gegenstande ihrer Wuth gestempelt hatte.[194] Natürlich prüfte sie jetzt ihre ganze übrige Lage, und was unter so bedrohlichen Umständen ihr etwa noch für Schutz geblieben sei, und bei dem Zurückkommen auf diesen Gegenstand, fühlte sie sogleich eine lebhafte Anerkennung der von Margarith und Miklas ihr bewiesenen Sorgfalt.

Es war klar, daß Miklas die Thür verwahrt hatte, sie vor dem umherwandernden Spucke zu schützen, daß Margarith, davon unterrichtet, vielleicht um sie nicht zu beunruhigen, den Grund verschwiegen, ihr eigener Ungestüm aber diese gütige Vorsorge verhindert hatte, da durch ihr Geräusch an der Thür und ihr Rufen offenbar der schreckliche Gegenstand herbei gezogen worden war.

Erwärmt von dem Gefühl, hier eine ihr zugewendete gute Absicht anerkennen zu dürfen, und lebhaft bewegt von dem Wunsche, das dabei von ihr selbst Verschuldete gut zu machen, griff sie schnell in die Vorhänge des Bettes, und sie zurückdrängend, sah sie Margarith an dem Fußende ihres Bettes auf einem niedrigen Stühlchen sitzen und an dem Netze knöpfeln, das auf ihren Knien ruhte.

Ein freudiger Ausruf des lieben Mädchens begleitete ihr Aufblicken, und an dem Bette niederstürzend küßte sie kindlich jubelnd die Hände ihrer Lady und konnte nicht müde werden, sich über ihre gehoffte Genesung zu freuen.

Aber, setzte sie schüchtern hinzu, theure Lady, zürnt Ihr mir und meinem alten Vater auch nicht mehr?

Gutes Kind, erwiederte Maria, wie rührt mich Deine Sanftmuth und Güte, da ich allein die bin, die über Dich so viel Schrecken brachte, indem ich die Vorsorge Deines Vaters und Deine eigene Schonung verkannte, in meiner Heftigkeit nur mir selbst folgte und Alles dadurch herbei zog, wogegen Ihr mich zu behüten trachtet. Vergieb Du mir dagegen und sei gewiß, ich werde Deine guten Absichten nicht wieder mißverstehn.

[195] Ach, theure Lady, Ihr seid wie ein heil'ger Engel, rief Margarith, wie hätte ich Euch wol zu vergeben? Gottes Gnade und die heil'ge Jungfrau haben uns ihren Schutz verliehen, sonst wären wir freilich unterlegen. Aber wie konntet Ihr auch das ahnen, was wir erlebt? Wer es kennt, glaubt es kaum! –

Sage mir, liebe Margarith, wenn es Deine Pflicht nicht überschreitet, unterbrach sie Maria, wer war die gräßliche Person, die uns erschreckt hat, und warum genießt sie bei ihrer Geisteszerrüttung die Freiheit, hier umher zu gehn? –

Ach, theure Lady, wer möchte die ihr nehmen, da sie die Herrin des Schlosses, unsere gnädige Gebieterin ist. –

Die Herrin des Schlosses? rief Maria erschrocken. –

Ja, so ist es. Die Lady ist sehr reich, und ihr Gemahl nun schon viele Jahre im Grabe, obwol ich noch recht gut mich des lieben schwermüthigen Herrn erinnere. Gott sei seiner Seele gnädig! Glücklich war er auch nicht, die Leute sprachen Allerlei von ihm. Er mußte viel Trauriges erlebt haben; denn rührender seufzte kein Mensch. Ach, und dann hörten wir ihn eben so die Nächte durch umher wandern und tief, tief seufzen. Des Morgens fanden ihn die Bedienten oft auf den kalten Steinen der großen Halle oder auf den Treppen eingeschlafen liegen. Alt konnte er dabei nicht werden, das könnt Ihr denken; aber er that keinem Kinde was zu Leide, ja, er liebte sie zärtlich, und ich und Lanci und einige Fischerkinder, wir saßen gern um ihn her, und er schnitt uns Bilderchen und knetete uns Püppchen von Wachs.

Mit der gnädigen Frau war es damals noch nicht so weit, wie jetzt, aber lieben thaten sich die Herrschaften nicht. Man sagt, der gnädige Herr sei ein Ketzer gewesen, und die gnädige Frau habe ihn gern durch die heilige Kirche von seiner Schwermuth befreien wollen; aber das sei ihr nicht gelungen, und [196] darum schrien sie oft fürchterlich gegen einander und blieben dann wieder getrennt.

So kam es auch, daß die gnädige Frau es gar nicht merkte, als Mylord eines Morgens verschwunden war; und als sie spazieren gehen wollte, fand sie die Leiche des gnädigen Herrn vor einer kleinen verschlossenen Thür dicht vor ihrem Schlafzimmer. Seitdem ist Mylady sehr unruhig, und geht häufig des Nachts umher und beabsichtigt Mylord zu suchen, von dem sie jetzt noch denkt, er schlafe irgendwo und werde sich erkälten. Aber es sind nun fast zehn Jahre, daß der arme Herr zur Ruhe ist, und Mylady weiß dies auch bei Tage und so lange sie gesund ist, aber häufig vergißt sie es wieder. –

Das Unheimliche des Eindrucks, den Maria empfangen, ward durch diese Mittheilungen nicht gemildert, und vor Allem schrecklich schien es ihr, in der Gewalt eines sinnberaubten Wesens zu sein. Sie fühlte die größte Ungeduld, sich über die Verhältnisse, in die man sie gegen ihren Willen gezwängt, Auskunft zu verschaffen, und sich vollkommen gesund fühlend, verlangte sie das Bett zu verlassen. –

Liebe Lady, verzieht einen Augenblick, Pater Clemens will erst Euern Puls untersuchen, ehe er dies zugiebt; ich rufe ihn sogleich. –

Wer ist Pater Clemens? sprach Maria. Laß das, liebes Mädchen, ich fühle mich ganz wohl und wünsche nur, daß Du zu Deinem Vater gehst und ihn aufforderst, mir meinen Reisegefährten herzusenden, den ich nothwendig sprechen muß.

Nun, liebe Lady, sagte Margarith, das ist ja eben Pater Clemens, derselbe, der Euch diese Nacht zu Hülfe kam und Euch nachher zur Ader ließ.

Maria war von dieser Entdeckung nicht sehr überrascht, und wünschte um so mehr das Bett zu verlassen, da sie Sehnsucht trug, sich selbst in unabhängiger Thätigkeit [197] zu fühlen, diesem unsichern, geheimnißvollen Umherschleichen gegenüber.

Ehe es daher Margarith hindern konnte, ergriff sie die seidene Decke ihres Bettes, und sich hineinhüllend, stand sie pfeilschnell auf ihren Füßen, und betrieb nun selbst mit Geschick und Schnelligkeit ihr Ankleiden, wobei sie doch bald Margariths Beistand nöthig fand, da der Arm, an dem man die Ader geöffnet, noch ziemlich unbrauchbar war.

Als sie sich dann den sorgfältigen Händen der neuen Kammerjungfer entzogen, eilte sie der Nebenthür zu und als sie in ihr Wohnzimmer trat, fand sie die Lehnstühle an ihrem Kamine nicht mehr leer, sondern in der einfachen Kleidung des Ordens Jesu saß ihr Reisegefährte einer Frau gegenüber, die Maria auf den ersten Blick für dieselbe erkannte, in deren Armen sie erwacht war.

Beide schienen in ihr Gespräch vertieft und nicht wenig überrascht, als Maria blühend, vollständig gekleidet, und mit jenem klaren und festen Ausdruck des ganzen Wesens, der vom guten Rechte zeigt, vor sie trat.

Pater Clemens, wie wir ihn nun nennen müssen, schien auch nicht sogleich den rechten Ton finden zu können, und sein Gesicht war mehr verlegen, als ernst.

Ihr überrascht uns, Mylady, sagte er, vor sich niedersehend; ich will wünschen, daß Ihr Euch nicht zu früh für gesund erklärt habt. Ich war gesonnen, Euch Ruhe anzurathen.

Ruhe, Sir? antwortete Lady Maria, Ruhe bedarf nur noch mein Geist; über das Gefühl der Gesundheit giebt man sich selbst das richtigste Zeugniß!

Die blasse Frau machte hier eine kleine Bewegung und zog Maria's Aufmerksamkeit dadurch auf sich. Ich irre mich wohl nicht, fuhr sie gegen diese gewendet fort, wenn ich mich Euch verpflichtet halte für Euern liebreichen Beistand, den Ihr mir in dieser Nacht geleistet?

[198] Ohne die Augen zu erheben, verbeugte sich die Angeredete bloß mit dem Kopfe.

Pater Clemens hatte mich zu diesem Dienst ersehn, erwiederte sie leise; Ihr seid mir nicht dafür verpflichtet.

Maria konnte, trotz dieser kalten Antwort, ihre Blicke nicht sogleich von der anziehenden Person abwenden, die diese Worte sprach, und deren hohe und schlanke Gestalt in der eng anschließenden schwarzen Kleidung, die sie trug, noch sehr wohl als schön zu erkennen war. Ihr milchweißes Angesicht von der feinsten Regelmäßigkeit, mit seinem demüthigen und frommen Ausdruck, rief unwillkürlich das Andenken an jene rührenden Heiligenbilder zurück, die in ihrem kleinen Schrein das ganze Leben zugebracht zu haben schienen, um einem einzigen frommen Gedanken nachzuhängen, Ihr Kopfputz aber erinnerte Maria an die Nonnen, die sie zur Nacht gesehn, obgleich dieser jetzt Schleier und Skapulier fehlten, und allein die eng anliegenden weißen Binden um Stirn und Kinn geblieben waren.

Als sie aus Schicklichkeit die Augen abzog, begegnete sie den Blicken des Pater Clemens, welcher mit sichtlichem Vergnügen den Eindruck zu erwägen schien, den Maria empfing.

Sir, sprach sie hierauf mit Festigkeit, Ihr müßt begreifen, daß ich von Euch über sehr viele Dinge Aufklärung erwarte und die von Euch selbst mir gewünschte Ruhe nicht früher möglich ist, wie es überhaupt wohl scheinen mag, sie möchte vorerst eben nicht mein Loos sein!

Ich bin bereit dazu, erwiederte der Pater, obwol ich Euch im Voraus bitten muß, in mir nur den bevollmächtigten Vollzieher höherer Befehle zu erkennen, denen ich selbst willenlos unterthan bin.

Es beliebt Euch vielleicht, hochwürdiger Herr, mich zu entlassen, sprach hier die blasse Frau, schüchternd sich dem Pater nähernd; ich würde meinen, einige andere Pflichten zu haben.

[199] Geht, liebe Tochter, sprach Pater Clemens, haltet Euch aber gern bereit, die Einsamkeit dieser Eurer Schutzbefohlenen zu theilen!

Ich habe weder eigene Zeit, noch eigenen Willen; selig, wer gewürdigt wird zu gehorchen, antwortete sie, und ohne ihr stilles Gesicht zu verändern, beugte sie ihr Haupt, welches der Pater segnend berührte, worauf sie leicht wie ein Geist an Maria hinschwebte, ohne sie bei dem Gruße ihres Hauptes anzublicken.

Maria sah diesem ganzen Abschiede mit einem anschwellenden Gefühle zu, welches, als die Thür sich hinter der demüthigen Gestalt schloß, sich Luft zu machen strebte.

Ich bin also in der Gesellschaft von Katholiken? Ihr seid ein Priester jenes Glaubens, und jene Frau gehört zu den Schwestern der heiligen Ursula?

Mit Ruhe setzte sich Pater Clemens bei diesen Worten nieder, ihr den Armstuhl anweisend, der so eben verlassen worden war, und erwiederte dann, seine Augen andächtig erhebend:

Ja, Mylady, Ihr habt es gesagt. Hierher, in diese verpönten Mauern hat sich eine kleine fromme Gemeinde geflüchtet, um, dem alten heiligen Glauben ihrer Väter treu bleibend, dem vaterländischen Boden ein Samenkorn jener ausgerotteten heiligen Frucht zu behüten, zu Gottes allmächtiger Verfügung, am Tage, der da zeigen wird, wessen Reich die Erde Englands ist!

Es ist kein Grund mehr vorhanden, Euch dies zu verbergen; denn für Verrath bürgt uns Eure Gesinnung mehr noch als die übrige erlangte Sicherheit. –

Ehrwürdiger Herr, sprach Maria, ich weiß, daß Eure Verbindungen gegen die Gesetze meines Vaterlandes laufen, und es kann mir keine angenehme Entdeckung sein, mich für den Augenblick darein verwickelt zu sehen. Indeß, weit davon [200] entfernt, die Treugesinnten Eures Glaubens zu tadeln, bedaure ich vielmehr, daß man die Würde unserer Kirche dadurch zu erhalten dachte, daß man verfolgend gegen die Eurige aufträte.

Sehr wahr, sprach Pater Clemens, sichtlich belebt, es war das Gefühl, welches jeder Verblendung der Art folgt, daß, wer einmal aus den Segnungen unserer Kirche tritt, nur durch weltliche Macht Siege erringen könne.

Dies ungerechte Mittel gegen eine tief begründete Ueberzeugung und den Rath des Gewissens ist zu allen Zeiten und von allen Partheien benutzt worden, erwiederte die Lady, und wir dürfen es sicher dem Wesen der Kirche nicht zurechnen, was nur der Despotismus der Unduldsamkeit verschuldete. Aber wenn ich bis so weit sprach, geschah es hauptsächlich, Euch zu überzeugen, wie ich von Innen heraus den Geist der Kirche, der ich angehöre, für unverträglich mit den harten Mitteln halte, die angewandt sind, die Eure zu vertilgen. Ich würde aus dieser Ueberzeugung nie die Hand bieten, Aehnliches zu veranlassen, und darüber keinen weltlichen Richter anerkennen. Jetzt aber sagt mir, auf welche Weise hat mein Schicksal diese Wendung genommen, und was wißt Ihr mir über die Absichten zu sagen, die mich hierher leiteten?

Euch aus den Händen des schwärzesten Verraths zu befreien, erwiederte Pater Clemens mit Betonung; aus Mitleid für Eure Jugend und Unschuld, die dem Elende bestimmt war. Wer von Oben her ein so weitreichendes Interesse an Eurem Leben nimmt, weiß ich Euch jedoch nicht zu sagen; ich bin ein beglaubigter Priester des heiligen Ordens Jesu, mir ist nur das blinde Vollziehn dessen gestattet, was jederzeit das Rechte und Beste ist. –

Was meint Ihr? unterbrach ihn Lady Maria, heftig bewegt. Ich ward betrogen? Von wem? Sagt, ich bitte Euch, von wem?

[201] Daß nur von Lord Membrocke die Rede sein kann, darüber könnt Ihr gewiß nicht im Zweifel sein, antwortete Pater Clemens, von ihm, der, um Euch aus der Obhut der Familie zu entführen, in deren Kreise Ihr lebtet, kein anderes Mittel wußte, als jenen erlogenen Brief.

Großer Gott! seufzte hier das unglückliche Mädchen, in ihren Sitz zurückfallend, so hätte ich recht geahnet? Doch wie könnt Ihr den Brief erlogen nennen, rief sie alsbald, sich erhebend, der seine Handschrift zeigt, mit seinem Siegelring gesiegelt, den ich so oft an seiner Hand gesehn? –

Armes Kind, es war leicht, Euch zu betrügen, denn die Höllenkünste ahnet ihr nicht, womit gewandte Schreiber eine jede Handschrift nachzuahmen wissen, und daß man Siegelringe stehlen könne, war Euch auch wohl kein vertrauter Gedanke.

Schaudernd verhüllte Maria ihr erblaßtes Angesicht und ein Gefühl von Trostlosigkeit, eine Verlassenheit, ein Elend nöthigte sich ihrem Geiste mit dieser Entdeckung auf, wie sie es nie empfunden, und ihre erste Flucht, ihr Alleinsein auf der Landstraße, an Hunger und Müdigkeit erliegend, schien ihr nun ein glücklicher Zustand, da sie damals die Hoffnung trug, ihr lebe der Oheim und in ihm aller Schutz, alle Liebe, aller Trost.

Nach einigen Augenblicken tiefster Erschütterung, die der Pater Clemens, in ernstes Sinnen verloren, nicht zu unterbrechen suchte, rang sich ihr Geist mit neuer Anstrengung empor, sie zog die Hände weg, und den Verkündiger dieser trostlosen Nachrichten schmerzlich anblickend, rief sie mit dem Tone der wahrsten Seelenangst:

Vergebt mir, wenn ich, so grausam betrogen, wie Ihr sagt, und verlassen von Allen, die mir die Natur zum Schutze bestimmte, jetzt die Qual des Mißtrauens kennen lerne und sie auch gegen Euch, von dem ich um so viel lieber Gutes [202] dächte, da ich nur Gutes von Euch erfahren, nicht ganz zu bemeistern vermag.

Beweiset mir, edler Sir, was Ihr sagtet, denkt mit Nachsicht, daß, wenn ich annehmen dürfte, Ihr allein betrügt mich jetzt, dadurch mein Leben minder hoffnungslos würde und eine Aussicht mir bliebe, den Schutz zu erreichen, nach dem ich mich sehne. Denkt, setzte sie mit hervorbrechenden Thränen hinzu, daß, wenn Lord Membrocke mich betrogen hat und mein Oheim nichts von mir weiß, mir fast jede Hoffnung schwindet, ihn aufzufinden.

Und nun sprecht, ich beschwöre Euch, sprecht die Wahrheit. – Haltet ein, rief sie angstvoll, als Pater Clemens die Lippen öffnete, hört mich weiter! Man sagt, die Theilhaber Eurer Kirche halten Alle meines Glaubens für ausgeschlossen aus dem Verbande christlicher Pflichten. Ich kann es nicht denken, ich will es namentlich von Euch nicht denken; aber es könnte sich doch in Euerm Geiste eine Geringschätzung gegen das Schicksal eines Wesens einstellen, das Ihr Ketzerin nennt. Ich verlange nicht, daß Ihr gegen mich wärmer fühlen sollt, als Euer Glaube zulässig hält; aber bedenkt, Sir, daß wir die Wahrheit zu sagen uns selbst schuldig sind, daß jede Seele sich selbst vergiftet, die zu Gunsten irgend eines Planes den heiligen Pfad der Wahrheit verläßt. O Sir, also um Euer selbst willen, um des heiligen Namens willen, den der Orden trägt, zu dem Ihr Euch bekennt, redet die Wahrheit, denkt, daß ich an diesen Namen glaube, gleich Euch, und daß wir durch ihn Strafe oder Vergebung empfangen werden. –

Der Pater hatte sie nicht ohne Theilnahme gehört, und vielleicht hatte manche Mahnung ihn nicht ohne Verlegenheit gelassen, aber die Erinnerung an den Orden, dem er verpflichtet war, heilte schnell alle Verletzungen des Gewissens und führte ihn zu seinen Verpflichtungen zurück, die, auf Gott gefällige Zwecke gerichtet, über die Mittel keinen Zweifel gestatten.

[203] Könntet Ihr übersehen, hob er mit Würde an, wie vorsorglich diejenigen gegen Euch gehandelt, die Euch meiner Obhut vertrauten, wie würdet Ihr dadurch am besten jenes traurige Vorurtheil widerlegt fühlen, welches die Feinde unserer heiligen Kirche verbreitet haben, um die Seelen zu verscheuchen, die ohne Befriedigung jener abgefallenen Kaste angehören und nach dem Mutterschooße unsrer Kirche sich zurücksehnen.

Die Diener und Dienerinnen dieser vom Heilande stammenden Lehre gehen verfolgt, beleidigt und im Elende schmachtend noch immer, gleich den Jüngern des Herrn, über die vom falschen Wahn ergriffene Erde, und suchen, wie der Hirt im Evangelium, das verirrte Schaf. Wer Euer beklagenswerthes Loos meinen Obern entdeckt habe, kommt mir zu wissen nicht zu. Eure Unschuld indeß rührte die erhabenen Männer Jesu, und da ihr Einfluß eine noch unsichtbare, aber nicht geringe Macht ist, erhielt ich das Zauberwort, welches Lord Membrocke von Euch abzustehen zwang. Ihr selbst mögt durch unbefangene Aeußerungen und die daran geknüpften Nachforschungen Eurer Freunde Lord Membrocke zu dem Plane Veranlassung gegeben haben, der ihm Eure Entführung gelingen ließ. Glücklicher, als Eure Freunde, hatte er den entdeckt, den Ihr zu finden strebtet, seine Handschrift ward von einem geschickten Bösewicht nachgemacht, der Siegelring ihm entwendet, und Beides in des Lords Hände geliefert. Ihr ließet Euch täuschen, obwol keine Zeile dieses Briefes die Gesinnungen des Mannes verrieth, dessen Handschrift man wohl nachzuahmen vermochte, aber nicht den Ton seiner Liebe. –

O, Ihr sprecht wahr! rief hier Maria, überwältigt von der fremden Bestätigung ihrer eigenen Empfindungen. –

Und so triumphirte das Böse, und Ihr folgtet dem elenden Verführer, der Euch verkauft hatte an einen vornehmen Wüstling, dem er Euch zuführte. –

[204] Und jetzt, rief Maria, alles Andere übergehend, wie werde ich es jetzt anfangen, um mich so bald als möglich unter den Schutz meines Verwandten zu begeben? Soll gegen Euch, Sir, der Ihr so viel für mich gethan, und gegen diese geheimen Freunde, die sich meinem Danke entziehen, meine Verbindlichkeit noch höher steigen? Soll ich Euch das Glück dieser Wiedervereinigung verdanken? –

Mylady, Ihr findet mich hier an der Grenze meiner Wirksamkeit und Macht. Euch hierher zu führen, lauteten meine Vorschriften, ich erwartete hier weitere Bestimmungen zu finden, die jedoch ein ungewöhnlicher Zufall verspätet haben muß, und die Euern unfreundlichen Empfang verschuldet haben. Wenn die Vorschriften ankommen, werden sie enthalten, was mit Berücksichtigung Eurer Sicherheit in Bezug auf diesen höchst gerechten Wunsch und seine mögliche Ausführung zu beschließen ist. Geduldet Euch bis dahin, und überseht nicht, in nutzloser Sehnsucht nach jenem Ziele, die Annehmlichkeiten, die Euch hier ein ruhiges, ungefährdetes Leben sichern. –

Und wißt Ihr wenigstens nicht mir zu sagen, ob mein Oheim bereits Nachricht von meinem Schicksal und jetzigem Aufenthalte erhielt. Denn nachdem man gewagt hat, diesen theuern Namen zur Ausführung so böser Absichten zu mißbrauchen, wie Ihr sagt, und wie tausend von mir nur mühsam unterdrückte Ahnungen mir bestätigen, zweifle ich nicht mehr, daß die ganze Erzählung über seine politische Stellung mit zu den Erfindungen jenes Verräthers gehört. Sie einen Augenblick geglaubt zu haben, gereicht mir zur tiefsten Beschämung, da sie den erhabenen Karakter des Mannes befleckte, den ich nie so anzugreifen hätte gestatten sollen. –

Das Schicksal dieses Mannes liegt mir zu fern, als daß ich Euch darüber Auskunft geben könnte; aber ich glaube annehmen zu müssen, daß es eine Wendung genommen, die ihn [205] vielleicht augenblicklich aus der Lage setzt, Euch selbst Dienste zu leisten. Es wird ihm sehr zur Beruhigung gereichen, Euch in einer vollkommenen Sicherheit und in den anständigsten Verhältnissen zu wissen, da, wie sehr auch das Letztere in dem Hause der Herzogin von Nottingham der Fall war, doch Eure Sicherheit sich als unzulänglich erwiesen hat. –

O Sir! seufzte hier Maria, wen trifft der Vorwurf anders, als mich selbst? Meine eigne leichtgläubige Thorheit hat mich dem Schutze entzogen, der sonst ausreichend für alle andern Fälle war. –

Ihr habt darin nicht Unrecht, und ich mag es Euch um so weniger ausreden, da Euer Selbstvertrauen in den meisten Fällen weiter geht, als sich mit Eurer zarten Jugend und dem Mangel an Vertrauen verträgt, der nothwendig damit verknüpft ist. –

Maria fühlte sich von diesem sanften Verweise des bejahrten Mannes, dessen Grundsätze und Ansichten sie mit Verehrung angehört hatte, wohlthätig berührt, und da junge und gut geartete Personen sich stets zu denen hingezogen fühlen, die sie schonend auf ihre Fehler aufmerksam machen, so hätte Pater Clemens nichts vortheilhafteres wählen können, wenn es überhaupt sein Wunsch war, sich in der Gunst des Fräuleins festzusetzen. Sie hob ihre Augen mit einem so demüthigen Ausdruck zu ihm empor, als hätte sie ihn allein beleidigt, und sagte mit sanfter Stimme:

Ich sehe es wohl ein, daß Ihr ganz recht habt, und Eure Güte, mich daran zu erinnern, ist sehr groß. Ich bin viel zu früh dem Rathe meiner Verwandten entzogen worden; alle meine Fehler sind daher unbeachtet geblieben, und ich selbst habe versäumt, mit Ernst darauf zu wirken. Aber gewiß will ich von jetzt an, da Gottes Güte mir eine Warnehmung durch Euch schickt, dagegen nicht länger nachsichtig sein. Darf ich Euch [206] indeß nun einen Wunsch gestehn, der sehr lebhaft in mir wird, seit ich weiß, daß ich betrogen ward.

Redet, liebe Tochter, erwiederte der Pater Clemens mit dem väterlichen Tone, in den das Fräulein ihm selbst so eben hineingeholfen hatte, mit Antheil will ich alle Eure Wünsche hören und fördern, was möglich ist.

Maria öffnete die Lippen, aber ein tiefes Roth deckte plötzlich ihr unschuldiges Angesicht, und ihr Kopf sank auf ihre Brust. Nach einigen verlegenen Augenblicken hob sie schüchtern an:

Glaubt Ihr, verehrter Sir, daß eine aufrichtige Darstellung der Wahrheit und meiner damit verflochtenen Thorheit die theure tugendhafte Familie versöhnen könnte, die ich durch meine unbesonnene Entfernung so tief beleidigt habe? und könnt Ihr mir, dies zu bewirken, einen Weg zeigen?

Pater Clemens hielt mit der Antwort zurück, und hätte Maria nicht eben abgeschworen, ihrem Urtheil unbedingt zu vertraun, so hätte sie nicht übersehen können, daß dieser Gedanke ihm sichtlich widerstrebte.

Es wird zu Eurer Rechtfertigung im Laufe der Zeit sich sicher eine Gelegenheit finden, erwiderte er nach einigem Bedenken; doch jetzt müßt Ihr durchaus Euch von Allen Schritten nach Außen zurückhalten, da vor erst nur die spurloseste Zurückgezogenheit Euch vor den Nachstellungen des mächtigen Mannes bewahren kann, gegen dessen weitreichenden Einfluß selbst Euer Oheim Euch nicht zu schützen vermöchte. –

Nennt mir, theurer Sir, diesen furchtbaren Mann, der so verhängnißvoll für mein armes Leben ward, und zugleich seine Gründe, gerade mich zu verfolgen. –

Solltet Ihr nie den Namen des Herzogs von Buckingham haben nennen hören? Er ist es, der Euch verfolgt. Laßt Euch damit genug sein, daß er Euer Verderben wollte, und verlangt [207] nicht, daß ich nähere Angaben mache, die zu erwähnen weder meiner geistlichen Würde ziemt, noch Euch sie anzuhören.

Maria schwieg, wie gelähmt vor Schrecken und Abscheu; erst nach langer Bekämpfung der dadurch erregten Schmerzen fuhr sie schüchtern fort:

Und bin ich hier sicher? Werde ich hier nicht erreicht werden? und wer läßt mir hier Schutz angedeihen? Wem habe ich nächst Euch zu danken? –

Den mächtigen Obern meines Ordens, die in diesem Hause, welches unter ihrer besonderen Macht steht, schon manche von der Welt verfolgte Unschuld gerettet haben, denen seid auch Ihr verpflichtet. Aber kümmert Euch um diese Verpflichtungen nicht, Euer Verwandter wird diese Ansprüche dereinst anerkennen und sie zu belohnen wissen. –

Und, Sir, fuhr sie fort, und Unruhe und Bekümmerniß malte sich in ihren Zügen, stehe ich nicht unter dem Einfluß der schrecklichen Frau, oder wie bin ich vor ihr zu sichern? –

Ihr werdet derselben Frau im Laufe des Tages noch vorgestellt werden und Euch dann selbst überzeugen, daß, wer nicht bei Nacht sich muthwillig ihr entgegen stellt, bei Tage nichts von einer Unglücklichen zu leiden hat, die bei uns allen den höchsten Anspruch auf Mitleiden und sogar auf Achtung besitzt. Ein höchst bewegtes und der weltlichen Begierde ergebenes Leben sucht sie gut zu machen durch eine fromme Hingebung an die heilige Mutterkirche, und sie hat ihr väterliches Schloß seit dem Tode ihres Gemahls, der so wirksamer Reue unzugänglich war, zu einem Aufenthalt der ehrwürdigen Schwestern gemacht, in deren Kloster sie als Kind erzogen ward, und zu denen sie jetzt sich mit heiligen Gelübden wieder bekannt hat. Ihr werdet unter den Frauen dieses Hauses würdige Gesellschaft finden, und vor allen in dem Umgang mit Schwester Electa, die Ihr hier saht, ein wahrhaftes Vorbild christlicher Tugenden und [208] weiblicher Demuth erkennen. Wie auch Eure Glaubens-Meinungen abweichen mögen, zweifle ich doch nicht, Ihr werdet der frommen Eintheilung des Tages Euch anschließen, da sie Euch eine würdige Beschäftigung mit den höchsten Gegenständen menschlicher Betrachtungen sichert. Um ein mögliches Aergerniß schwacher Seelen zu verhüten, namentlich um die ängstliche Empfindlichkeit Eurer Wirthin nicht zu reizen, die sich schwer überzeugen ließ, daß Ihr Euch hier nicht als Spötterin eindringen wolltet, bitte ich Euch sogar die einfache Kleidung des Hauses anzulegen und so den Frieden zu sichern, den man Euch dann ungestört wird genießen lassen.

Wie, rief Lady Maria mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit, ich sollte das Gewand einer Nonne anlegen? Ich, eine Protestantin, sollte, wenn auch nur in dieser Aeußerlichkeit, den Schein einer Handlung annehmen, die mich von der Kirche trennte, der ich durch Geburt und Ueberzeugung angehöre? Nein, Sir, das ist nicht Euer Ernst, oder Ihr denkt sehr gering von dem Eifer, den wir unserer Lehre zuwenden. Ich will mich der Ordnung des Hauses, das mir Schutz verleiht, fügen, aber ohne mich Gebräuchen anzuschließen, die man mich gelehrt hat, als unverträglich mit der reinen Lehre des Evangeliums anzusehn. Sicher verspreche ich Euch, durch ein ehrerbietiges Betragen jede Besorgniß wegen einer unwürdigen Spötterei zu verbannen; aber in dem Maaße, wie ich dies thue, soll man auch meine Ueberzeugung ehren und sie nicht als verächtlich ansehn, daß sie sich hinter einen Schein von Lüge verbergen müßte.

Als Maria Alles gesagt hatte, was ihr aufschwellendes Herz ihr eingab, gewahrte sie erst den ernsten, vorwurfsvollen Blick des Priesters, womit dieser die heftigen Worte der Gereizten begleitete. Nachdem sie sich gesammelt, schien ihr, diesem stillen Vorwurf gegenüber, ihre ganze Rede nur der Ausbruch einer Heftigkeit, die sie sonst stets in sich anfeindete.

[209] Das Stillschweigen, welches Pater Clemens zu beobachten fortfuhr, verstärkte den Vorwurf, den sie sich aufnöthigte, und schnell zu ihrer eigensten Natur zurückkehrend, redete sie mit ruhiger, doch schüchterner Stimme fort:

Ich fühle, was Ihr sagen wollt, ehrwürdiger Herr, und sehe ein, daß ich heftiger war, als Euer Vorschlag rechtfertigt. Wenn ich Euch tadelnswerth erscheine, so verzeiht mir; der eigne Vorwurf hat mich erreicht, und Euch wollte ich nicht wehe thun.

Schweigend senkte Pater Clemens das Haupt und erhob sich langsam, indem er gesonnen schien, das Fräulein über die Aufnahme ihrer Entschuldigung im Zweifel zu lassen. Sein Auge hing am Boden, er grüßte sie feierlich und verließ das Zimmer ohne die geringste Erwiderung.

Als die Thür sich hinter ihm schloß und die unglückliche Maria sich allein sah, da überwältigte sie das Gefühl ihrer trostlosen Lage, und sie sank in Thränen aufgelöst auf den Teppich hin, ihren Kopf in den Polstern des Lehnstuhls bergend. So verlassen hatte sie sich noch nie gefühlt. Das Zürnen des Paters, die Art, wie auch er sie jetzt verließ, machten ihr erst fühlbar, welch eine Stütze er ihr geworden, und wie erschreckend und trostlos sich ihr Leben gestaltet hatte, da ein Blick über dasselbe ihr sagte, daß alle ihre Hoffnungen niedergesunken und sie von Allen getrennt sei, denen sie vertrauen durfte, und die es früher oder später jemals gut mit ihr gemeint.

Zum ersten Male fühlte sie in ihr sonst so gesundes Herz eine Muthlosigkeit einziehn, wovor sie bisher ihr starker Karakter, ihre Jugend und alle ihr vorschwebenden Hoffnungen bewahrt hatten. Körperlich ermattet, von den Eindrücken dieses Hauses, zu dessen düstern Geheimnissen sie sobald gelangen mußte, erschreckt, verfiel sie in eine bisher unbekannte Furcht, und unbestimmte Sorgen für ihre persönliche Sicherheit nahmen ihr völlig die Freiheit des Geistes, die ihr sonst eigen war.

[210] Sie fühlte dies selbst; aber sie konnte nicht einsehn, wie viel sie ihrer Körperschwäche davon zurechnen mußte. Doch alle Umstände ihrer Lage schienen ihr allein schon geeignet, sie nieder zu beugen, und diese Ansicht versenkte sie in eine widerstandlose Betrübniß.

Sie ließ ihren Thränen freien Lauf, und eine Fülle von Wehmuth drängte sich aus ihrem Busen. Weinend liegen zu bleiben, bis alle Schmerzen ausgeweint wären und sie sterbend sich auflöse, schien ihr das Einzige, was ihr übrig geblieben. Dies hoffte sie in der schmerzlichen Abspannung ihres Geistes, dahin deutete sie die überhand nehmende Schwäche ihres angegriffenen Körpers, darnach sehnte sich ihr ermüdetes Herz. Aber es ist selten der Wille des Himmels, unsern Körper zur Zerstörung an unsere Seelenschmerzen zu übergeben. Nur wer zum ersten Male den Umfang einer Trostlosigkeit kennen lernt, die ihn schnell von allen gewohnten Banden des Lebens ablöst, hofft und erwartet sie durch den Tod gelöst zu sehen. Eine andere Wechselwirkung ist uns aufgegeben, ein anderer Sieg dem schmerzbeladenen Geiste aufgehoben! Gegen unsern befangenen Willen bleibt die zarte Körperhülle für die in ihr tobenden Stürme ausreichend, bis wir den Frieden mit allen Erscheinungen in und außer uns schließen, und, erstarkt im Kampfe, weder unsere Auflösung hoffen, noch sie zu wünschen wagen. Wer aber einen tiefen, umfassenden Schmerz erlebt, der ihn aus allen Freudentempeln der Vergangenheit scheuchte, der erwacht zum Weiterleben, wie ein Verbannter, der fern von dem Boden der Heimat, wo sein Glück und seine Lieben wohnen, an der fremden Stelle nichts sucht und erwartet, und als ein stiller theilnahmloser Gast, als ein neid- und freudloser Beobachter die Schätze der Erde nicht mehr für sich vorhanden glaubt. Oft geht der Unglückliche diesen Weg, ohne zu ahnen, daß es der Weg zu einer lichtvolleren Erkennung des Lebens ist.

[211] Lady Maria stand nach einigen Stunden erschöpfenden Schmerzes von ihren Knien auf, und blickte sich kalt und gleichgültig an, als ihr blasses, leidendes Gesicht aus dem Spiegel zurücksah. Sie hätte keine Fremde gefunden, die ihr gleichgültiger geschienen hätte, als sie sich selbst. Nur eine dumpfe Vorstellung des Erlebten und der augenblicklichen Lage war ihr nach so vielen Anstrengungen und Erschütterungen geblieben, nur eine klagenlose Ergebung, eine völlige Muthlosigkeit, gegen ihr Schicksal anzukämpfen; und hätte man jetzt den Schleier der Ursulinerinnen über sie geworfen, sie würde ihn lächelnd als eine Wohlthat empfangen haben. Diese Stimmung hatte Zeit um sich zu greifen, denn ob absichtlich oder zufällig, ihre Einsamkeit ward bis zur Mittagszeit nicht gestört.

Margarith meldete ernst und schüchtern, daß das Mittagessen aufgetragen sei, und sie folgte ohne Erwiderung der Meldung. Aber der alte Diener, der heute in ein festes Schweigen gehüllt sie bediente, mußte voll Erstaunen die leidenden Züge des schönen Fräuleins und ihr gänzlich verändertes Wesen betrachten. Sie grüßte mit dem müden Haupte, ohne daß ein Lächeln den stummen Gruß belebt hätte; unberührt blieben die Speisen vor ihr stehn, und sanft wies ihre Hand den kleinen goldnen Becher zurück, dessen Inhalt sie noch gestern so wohl zu schätzen gewußt. Miklas und seine Tochter wechselten Blicke, und auch der Vater konnte die Theilnahme nicht unterdrücken, die sich in einzelnen Tropfen aus den Augen der Tochter stahl. Längst hatte man auch die letzte Schüssel unberührt hinweggenommen, und harrte, daß Maria sich erheben würde; aber in tiefes Sinnen verloren, gab sie kein Zeichen, daß sie sich ihrer Lage bewußt war. Mit der ganzen Geduld wohlerzogener Diener hielt der Alte diese Probe aus; doch ehe er es verhüten konnte, kniete Margarith neben dem Fräulein nieder.

[212] Liebe, theure Lady, wollt Ihr Euch niederlegen, sprach sie weinerlich, Ihr müßt sehr krank sein.

Als ob ein Schuß an ihr Ohr gefallen, so schreckte die gebeugte Gestalt Maria's bei diesen Worten empor, und schnell aufstehend rief sie hastig und tonlos: Was willst Du? Wie? Wo soll ich hin?

Wollt Ihr nicht ruhen, liebes Fräulein? sprach Margarith, noch schüchterner durch die Aufnahme ihrer ersten Worte. Ihr scheint der Ruhe zu bedürfen.

Ja, Ruhe, Ruhe! seufzte Maria, die habe ich nöthig, sehr nöthig; wo aber sagst Du, daß ich sie finden soll?

Auf Euerm Bette, erwiederte die Kleine ermuthigt, laßt mich Euch dahin führen.

Träumerisch blickte Maria die geschäftige Dienerin an, und mit einem Seufzer, der ihre Brust zu sprengen schien, ließ sie sich hinwegführen.

Der Abend breitete schon seine Schatten über das Schlafzimmer Maria's, auf dessen Bette sie unruhig athmend lag, in jenem Zustande von Fühllosigkeit, womit wir oft einen Zeitraum füllen, in dem geistige und körperliche Ermüdung uns wohlthätig gegen den Schmerz abstumpfen, dessen Opfer wir wurden. Maria dachte wenig, und die tiefe Stille, die sie umgab, da Margarith, ob aus eigenem oder fremdem Antrieb, schweigend in einem Eckchen ihrer Befehle harrte, ließ sie eine Abfindung mit dem Leben träumen, eine Trennung von der Welt, an die sie mit Befriedigung dachte. Sie schauderte daher erschreckt auf, als ein dunkler Schatten vor dem Fenster vorüber nach ihrem Bette glitt, denn sie fühlte Furcht vor neuen Erschütterungen, und ihr erster Gedanke war, das grauenhafte Wesen der Nacht zu sehn. Beschwichtigend drangen daher die sanften Sprachlaute der Schwester Electa zu ihr nieder.

[213] Der Friede des Herrn sei mit Euch, Mylady, so redete die feine Gestalt sie an, indem sie, über den Fußboden hinschwebend, dem Bette nahte. Ich wollte Euch meine Dienste anbieten, fuhr sie fort, und Euern Arm verbinden.

Maria richtete sich mühsam auf, erwiederte leise den ersten Gruß und gab sich willig den Bemühungen hin, welche der weibliche Arzt mit großer Geschicklichkeit übernahm. Als dies Geschäft beendigt, zögerte die Schweigende noch einen Augenblick und betrachtete das bleiche Gesicht ihrer Pflegebefohlenen mit Theilnahme.

Ihr seid auch im Uebrigen leidend, liebe Lady, und Eure Hände haben Fieberwärme; soll ich Euch einen kühlenden Trank bereiten? –

Habt Dank, erwiederte Maria, mir ist ganz wohl, und nur mein Kopf entbehrt Ruhe, Ruhe! es ist schwer, sie zu finden, daher bin ich geduldig, daß sie mir fehlt.

Ruhe, hob Electa an, Ruhe kehrt nur ein, wo wir mit frommem Vertrauen, was außer uns liegt, an die Regierung dessen verweisen, der über alle Erscheinungen der Erde wacht.

Ich hoffe, sagte Maria, ich befinde mich noch auf dem Wege des Vertrauens, den Ihr bezeichnet, aber ich bin jetzt keines klaren Bewußtseins fähig. Eben mein Kopf hindert mich; es ist Alles abgerissen, ohne Folge und Ausdauer; nur hier, setzte sie seufzend hinzu, ihre Brust berührend, hier fühle ich eine niederbeugende Last.

Nichts beugt uns tiefer, erwiderte die ernste Gefährtin mit Sanftmuth, als wenn wir von der unruhigen Begierde, das Leben nach unserm Willen zu lenken, abstehen müssen und unsere geringen Kräfte kennen lernen, welche Jugend und Unerfahrenheit uns überschätzen lassen. Doch diese Erkenntniß ist mehr, als alles Andere, eine Gnade des Himmels, und kein süßeres Glück ist, als still harren auf den Willen des Höchsten.

[214] Ja, sagte Maria, unwillkürlich Antheil nehmend, ich habe eine Ahnung von dem Frieden der Seele, in dem jeder Widerstand sich auflöst, weil der Einklang gefunden ist mit uns und der Außenwelt. Aber dies ist das Ziel, nicht der Weg. Nimmer mögen wir dahin gelangen, wenn wir uns nicht in der Theilnahme aller unserer Kräfte, kämpfend und wieder kämpfend, und zu immer neuen Fragen ans Leben bereit erhalten, bis wir alle Antworten vernommen haben, die möglich sind, und nöthig zum Frieden mit uns selbst; und wenn dazu Muth und Kräfte schwinden, setzte sie schwermüthig hinzu, dann ist uns das Härteste geschehen.

Ach, seufzte Electa nach einer kleinen Pause, junges kühnes Gemüth, wie gefährlich ist ein dergestalt herausforderndes Treiben. Der Frieden, den ich meine, ist ein Gnadengeschenk des Himmels, das hernieder fließt, ohne unser Verdienst, ohne unser kühnes Ringen. Ich verstehe Euch zum Theil nicht, doch, wie mir scheint, glaubt Ihr diese Gabe Euch selbst mit Euern menschlichen Kräften erwerben zu können. Vergebt, aber mich schaudert vor dem Gedanken, das höchste Gnadengeschenk durch den Hochmuth der Menschen verunglimpft zu sehn. Die Welt ist die Versuchung, der wir entsagen sollen, um Frieden zu finden. Wir können nicht mit der Welt im Einklang sein und zugleich auch mit dem Willen Gottes, denn die Welt verlockt uns stets zum Widerspruch gegen denselben, ehe wir Alles in ihr als eine Versuchung zum Bösen ansehen lernen und ihr gänzlich absagen.

Mein Geist ist müde und schwach, erwiederte Maria sanft, und ich möchte Euch kein Aergerniß geben, da Ihr sicher gefunden habt, was Ihr als ein unmittelbares Gnadengeschenk Gottes anseht.

Nein, nein! unterbrach Electa hier die angefangene Rede mit mehr Eifer, als Maria diesem stillen Wesen zugetraut. [215] Nein, glaubt nicht, daß ich zu den Gewürdigten des Herrn gehöre, denen er seinen Frieden gab. Wenigen nur wird so großer Lohn zu Theil, Wenigen nur; und ich trage den Fluch der Welt noch auf meinem verlockten Geist, und mein Gebet ist unfruchtbar und kann diese Seligkeit nicht hernieder flehen. Zehn Jahre sind es, daß ich in wahrer reumüthiger Erkenntniß einer Welt entsagt, die den Gesetzen christlicher Demuth Hohn spricht, und die empfangene Sünde hat noch ihren Stachel in mir zurückgelassen. Und Ihr, armes junges Wesen, scheint in dieser Welt und unter allen ihren zahllosen Verlockungen die Erlangung des Friedens zu hoffen, der selbst da ausbleibt, wo alle Versuchungen der sündigen Welt vor diesen heiligen Mauern umkehren.

Maria konnte nicht ohne Theilnahme die tiefe Zerknirschung, den peinlichen Zustand der armen Seele sehn, die unter dem Schleier stiller Ergebung ein so unruhig kämpfendes Herz barg.

Es ist nichts so wirksam, ein edles Gemüth aus den Banden des eignen Kummers zu erlösen, als der Blick auf ein fremdes Seelenleiden, welches bei jungen Personen überdies noch stets den Wunsch belebt, einwirkend zu helfen; während längere Erfahrung uns die Unzulänglichkeit dieses frommen Eifers einsehen läßt und uns mehr blos zum theilnehmenden Zuschauer macht.

Ihr fandet also auf dem eingeschlagenen Wege nicht den Frieden, nach dem Ihr trachtet? hob Maria nach einer kleinen Pause gutmüthig forschend an. Ihr hättet Euch in der Welt erst mit ihr versöhnen müssen, jetzt steht sie wie eine Feindin hinter Euch, und der Haß, den Ihr empfindet, stört eben Euern Frieden, und er kömmt nimmer von Gott. Seine Welt ist eine heilige Offenbarung, und unsere Unvollkommenheit ist es, wenn wir sie mit Sünden belastet sehn.

Sprecht nicht so, Ihr wißt nicht, was Ihr sagt, und daß Ihr im Irrthum seid! Es ist Gottes Wille, daß wir die [216] Welt hassen sollen, um uns davon los zu reißen und dem Himmel in seiner reinen Herrlichkeit uns zuzuwenden. Um der Unsterblichkeit unserer Seele willen müssen wir den ewigen Tod der Sünde fliehen; uns kann nur Ruhe in dieser Welt, Versöhnung in jener werden, wenn wir die Versuchung hassen lernen und im Gefühl unserer Schwäche davor fliehen. Ihr seid noch in der unglücklichen Sucht befangen, Euch selbst zu berathen, daher hofft Ihr so weltlich, weil das Weltliche Eurer sündigen Neigung zusagt. Erst wenn wir uns selbst verlassen und die ganze Last unserer Verantwortung einem Gotterfüllten Führer anheim stellen, erst dann sehen wir ein, wie nutzlos wir uns abmühten in der eigenen regellosen Thätigkeit. Eine Gnade Gottes ist der geistliche Gehorsam, dem wir allein dann angehören, und von bevorrechteter geistlicher Erkenntniß gelenkt, werden wir von der Sünde entfernt. –

Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr, sprach Maria, daß jene Gotterfüllten, bevorrechteten Führer fähig wurden, uns Irrende zu leiten und verantwortlich für uns zu werden? Glaubt Ihr nicht, daß sie mit sich selbst erst anfingen und der Selbstberathung nicht überhoben waren, um ihren Geist zu der Höhe zu führen, die sie nun erst für Andere zu einem schützenden Vormund ihrer schwächern Seele macht?

Die heilige Kirche, erwiederte Electa, verleiht ihren Dienern, ohne sie durch die befleckenden Wege gewöhnlicher Menschennoth zu führen, die Höhe und Heiligkeit, von welcher den Schwächern mitzutheilen sie berufen sind. Ein ganzes Leben, in heiliger Einsamkeit und Unschuld zugebracht, ein Leben, an das nie ein irdisches Verlangen streifte, ein Leben, daß durch die Satzungen der Kirche über uns so weit erhoben ist, soll von uns nicht mit dem Maaßstabe gemessen werden, der unser eignes irdisches, unvollkommenes Dasein uns giebt. Wenn ihnen Kämpfe aufgegeben sind, wie uns allerdings die Geschichten[217] der Heiligen sagen, so sind diese so weit über denen, die wir zu bestehn haben, daß ihrer theilhaft zu werden, schon eine Heiligung für uns wäre. Die Noth, die uns beugt, liegt als ein unbekanntes Gebiet weit ab von ihrer Bahn; und doch suchen sie den Seufzenden dort auf, doch wissen sie ihn zu finden, und die reine Atmosphäre ihrer Nähe, zu der sie uns hinziehn, ist der Anfang, womit sie uns Schauder erregen vor unserer weltlichen Gestaltung. Denn allgemach zu dem Muthe zu erstarken, die Seele aufzuthun, die Sünde auszusprechen, von der wir uns selbst nur ein lügenhaftes Geständniß abzulegen vermögen, die Wahrheit aufgedeckt zu hören von dem geheiligten Munde des Reinen, Untadeligen und uns selbst baar von jeder Täuschung zu erkennen; ferner in der Angst und Qual der Sünde, die uns dann befällt, an ihn uns festhalten und uns nicht verloren halten zu dürfen, so lange wir ihm gehorchen, ja von ihm die Last unserer Sünde getragen zu fühlen, ihn verantwortlich dafür gemacht zu sehen, wenn wir blos befolgen, was sein heiliger Mund gebietet – wie wäre damit die eitle Sucht zu verbinden, die Retter unserer Seele selbst auf eine Linie der Betrachtung mit uns zu stellen, da sie doch so hoch über uns stehn.

Es muß ein schönes Loos sein, das gefunden zu haben, was Ihr schildert, erwiederte Maria. An einem hochbegabten reinen Geist in unserer Nähe uns aufzuranken und in seiner Klarheit leicht zu erkennen, wo in uns selbst es dunkel blieb; Wahrheit gebend und empfangend, sich auszuheilen von dem leicht gehegten Schein derselben, das ist ein seliges Loos; wer es gekannt, und einsam dann verbleiben muß, der welkt am Boden früher hin.

England, rief hier Electa mit heiligem Eifer, ist arm geworden an dem heil'gen Troste, den ich meine, und darum verwirrt ein irres Suchen dies arme Land. Der Sünder will vom [218] Sünder Schutz, der von derselben irdischen Noth belastet seufzt, und der für den Leidenden an seiner Seite nur dieselbe Qual zum Austausch der Empfindung, nicht aber die Kraft zu entsündigen erhalten hat. Alle, die dem neuen Geiste fröhnen, alle die, gleich Euch, Mylady, wie mir däucht, an weltliche Bande denken bei dem, was ich auf jene höhern Geistlichen bezog, die werden welk werden vor der Zeit. Denn es ist zwar noch die Wurzel, die ihrer inneren Natur gemäß Zweige und Ranken treibt, aber die Hand des Gärtners fehlt, die sonst empor das strebende Gewächs gezogen hätte; sich selbst überlassen, überwächst sich der Keim, erstickt in eigener ungeregelter Fülle und welkt am Boden hin. –

Dies Gleichniß scheint Ihr, gute Schwester, auf unsere Kirche zu beziehen, und fragen möchte ich Euch dagegen, ob Ihr denn die Eure noch auf dem Standpunkte glaubt, den Ihr so eben schildertet, und der sich allerdings in ihrer früheren Entwickelung vorfand. Nie habe ich ohne Achtung und Verehrung der frommen Männer denken können, welche zuerst die Inbrunst ihrer Liebe und Anbetung unter jenen Formen darzustellen strebten, worin nach ihnen so viele Tausende mit gleicher Inbrunst ihr heißes Andachtsgefühl versenkten, und es heiligten und heilig übertrugen, durch das unschuldige Verlangen, das Höchste, was uns gegeben ward, zu ehren. Sie hatten sicher einen göttlichen Ruf empfangen, und erstaunenswürdig bleibt, was ihnen in einer Weltherrschaft gelungen, welche ohne Beispiel in der Geschichte steht, und deren Segensfülle in allen Richtungen nachzuweisen ist. Doch eben sie, die Geschichte, lehrt uns auch die ganze Stiftung als ein Menschenwerk betrachten, das der Welt seine großen Dienste that, und, des Inhalts entledigt, den das Bedürfniß erheischte, nun leer geworden ist und den Gang alles Irdischen, allmäligem Verfall entgegen geht. Noch sind einzelne Seelen mit ihrer frommen reinen [219] Liebe vermögend, einen Sinn hinein zu legen, dem ihrer ersten Stifter ähnlich. Aber dies ist individuell, es ist nicht mehr das Werk, der Geist der Kirche! Haltbar ist nicht, was Basis einer Weltentwickelung war, die, erreicht, nun ein anderes Bedürfniß sucht und findet; und so, erlaubt es mir zu denken, ist die Reformation entstanden, nicht Menschenwerk dem Menschenwerk entgegen, sondern nothwendige Entwickelung der Menschheit in sich, das Bedürfniß eines höheren Lebens im Geiste, unabhängig von dem Verhältniß berechtigter Menschen, der Priester, zu unberechtigten, den Laien: mit einem Wort, ein Leben mit Gott durch den freien Genuß des Evangeliums.

So bin ich gelehrt worden zu denken, und so sehe ich Eure Kirche nicht tadelnd, aber als ein ehrwürdiges Vergangenes an, und weiß gar wohl von ihrem wahren Inhalt zu trennen, was nothwendig mit ihrem Verfall als Sünde sich von ihr aus verbreitet hat. –

Unglückseliges Kind, sprach hier Electa, sich bekreuzigend, welch ein Geist spricht aus Euch? Ach, Herr, Herr! Du prüfst mich hart in dieser Versuchung, warum muß ich, die Schwache und Ohnmächtige, unsere heilige Kirche angreifen hören? Warum muß ich in ein Gemüth blicken, das sicher geworden ist in so schrecklicher Verläugnung! –

Es war nicht meine Absicht, Euch weh zu thun, unterbrach Maria die Erschütterte in ihren Klagen; ich war eben nicht in der Stimmung, so ernste Dinge mit Euch zu erwägen. Ihr selbst habt mich dazu belebt, und die einmal gewonnene Ueberzeugung zu unterdrücken, fehlt mir jede Anlage. Glaubt nicht, in mir eine verhärtete Seele zu finden, ich hoffe eine Christin zu sein, und mein Herz ist voll von dem Glauben an die Offenbarung. Laßt uns damit beschließen; wir möchten sonst weit über unsere Befugniß uns hinausreden.

[220] Und jetzt trat Pater Clemens zu ihnen, von dem es ungewiß blieb, ob er ein Zuhörer gewesen, da sein gelegenes und geräuschloses Herzutreten die Antwort der jetzt sich entfernenden Schwester Electa verhinderte, und es im Zweifel blieb, ob sie nachgiebiger oder zurückstoßender ausgefallen sein würde.

Maria richtete, sichtlich erfreut, sich ihm entgegen, und es war nicht zu übersehen, wie sie, hold ihn anlächelnd, auf dem einzigen ihr gebliebenen bekannten Gesicht ein Wohlwollen suchte, das sie bei der Fremdheit und Verlassenheit ihrer Lage festzuhalten strebte. Aber Pater Clemens vermied den Blick dieses wiederbelebten Auges, und nachdem er sanft, aber kurz nach ihrem Befinden gefragt, kündigte er ihr trocken an, daß er komme, ihr Lebewohl zu sagen, da er vor Nacht das Schloß verlassen werde.

Bei dieser Nachricht fühlte sich Maria wie von einem betäubenden Schlage gelähmt, und gleich darauf von einer Fluth so niederschlagender und angstvoller Vorstellungen überwältigt, daß sie fast einen Schrei ausstieß und wie vor einem Schreckbilde ihr Gesicht verhüllte. Pater Clemens fuhr indeß, ohne sich davon scheinbar bewegen zu lassen, mit Ruhe fort: Ihr findet hier ehrenvollen Schutz und alle Gelegenheit, Euern Geist in die Stimmung zu bringen, die Eurer Zukunft die entsprechendste ist. Es wird Euch an belehrendem Umgang nicht fehlen, Ihr werdet Euch Liebe und Wohlwollen erwerben können, und jede Theilnahme finden, die der Tugendhafte stets für alle wahren Interessen des Lebens empfindet. Vor Allem aber denket mit Dankbarkeit gegen Gott daran, daß Ihr durch die Boten seiner Gnade auf Erden aus den Fallstricken des Lasters errettet seid.

Indem mein Auftrag an Euch hiermit vollendet ist, setzte er mit weicherer Stimme hinzu, empfehle ich Euch dem Schutze des Himmels und will Gott bitten, Euerm Geiste diejenige Stimmung zu verleihen, die Euch den Frieden in Euch und [221] zu Euern Umgebungen sichert. Der Herr segne Euch und – – – Maria fühlte eine kalte Hand auf Ihrem Scheitel, und den angefangenen Segen, dem nun die schnelle Trennung folgen sollte, unterbrechend, ergriff sie die Hand des Mönches und zeigte ihm mit dieser raschen Bewegung ihr rührendes, von Schmerz und Angst entstelltes Angesicht.

Nein, nein! Ihr könnt mich nicht verlassen wollen, rief sie bebend, so den letzten Trost nicht von mir ziehen; Ihr wollt mich bestrafen für meine Ungeduld am Morgen, mich noch mehr erschrecken. Nein! rief sie lebhafter, seine Antwort unterdrückend, Ihr könnt mich in dieser fremden Welt nicht ohne Schutz lassen. Bleibt nur hier, ich bitte Euch! Still will ich sein und Euch gehorsam, wie ein Kind dem Vater; Alles will ich thun, was die schreckliche Gebieterin verlangt, denn mein Inneres kann ich behüten, und das Aeußere zu befolgen, soll mich Demuth lehren und Nachsicht gegen fremden Willen. Ich will das düstere Nonnenkleid anlegen, fuhr sie fort, die steigende Bewegung des Pater Clemens nicht sehend, ja, ich will hinab steigen in die finstere Gruft, wo Ihr Gott dient, und hier, wie da, werde ich beten können. Aber geht nicht fort, wenn Ihr nicht den Tod über meinen geängstigten Geist hernieder rufen wollt; oder müßt Ihr fort, so nehmt mich mit. Fürchtet nicht für mich auf einer vielleicht beschwerlichen Reise. Ich will Alles entbehren, was die Pflege des Körpers erheischt, ich will mit Euch zu Fuße wandern; ich habe Kräfte, glaubt mir. Ach, erdrückt nur nicht den Geist in mir, raubt dem Herzen nicht den letzten Hoffnungsstrahl, und Ihr sollt mich ausdauernd finden und unermüdlich in Allem, was Ihr begehrt.

Pater Clemens hatte nicht ohne Rührung und Erstaunen ihren Worten gehorcht. Maria hatte in ihrer Angst die Kenntniß der unterirdischen Kirche verrathen, und ihm zugleich eine Anhänglichkeit und ein Vertrauen gezeigt, daß er seinem Herzen [222] nicht wehren konnte, zu überlegen, ob den Geboten Genüge zu leisten sei, die ihn von ihr vertrieben. Aber es konnte nur ein kurzer Kampf mit seinem menschlichen Gefühle sein; schnell kehrte der gewohnte Einfluß des Gehorsams wieder, und er suchte sich mit der Hoffnung zu trösten, ihr Schicksal könne noch in dem höhern Willen seiner Obern eine bessere Wendung nehmen.

Ich muß Euch zwar hier verlassen, hob er daher bald gefaßt an, als ihr Blick ängstlich seiner Antwort entgegen sah, doch geschieht dies mit der innigsten Ueberzeugung, daß für Euer Wohl damit gesorgt ist. Ich habe bei dem, was Ihr mich thun seht, keine freie Wahl, mir steht nicht zu, zu ändern und zu klügeln, mir fehlt die Uebersicht von dem, was nöthig ist; es wird erreicht, indem ein Jeder ohne Einspruch auf seinem Platze das Befohlene thut. Dies genügt uns und ist Erfüllung unseres Berufs.

Ha! rief Maria, sich erhebend und mit glühenden Wangen vor ihn tretend, wo ist die fürchterliche Gewalt, die Euern hellen Geist in solche Knechtschaft zwängt? Wer seid Ihr, daß Ihr das hohe Recht der Menschen aufgegeben, frei der eigenen Ueberzeugung zu folgen? Wie hat man es vermocht, Euch so in Fesseln einzuschlagen, daß Ihr Euch der freien Berathung mit Euch selbst entzieht, und blind und ohne Zweck ein abgerissenes Dasein lebt, unwissend, ob der Weg, den Ihr mit festgeschlossenen Augen geht, derjenige sein wird, auf dem Ihr vor Gott dereinst wünschen werdet Euch befunden zu haben! Ist das die Stimme des Gewissens, der wir folgen sollen, die Euch von dem verlassenen Wesen fortruft, welches, verlockt durch falsche Kunst, aus ehrenvollem Schutz getrieben, hier unter grauenhaften Umständen von neuen, dunkel drohenden Gefahren sich umgeben sieht? O, werft ein so fremdes Wesen von Euch, gehorcht dem heiligen Geiste, der in der Brust des bessern [223] Menschen Thun und Lassen richtet! O, daß ich Euch rührte, für Euch selbst, für mich!

Es entstand eine Pause. Der Pater war in eine Stimmung gebracht, die ihn entsetzte; doch in dem Maaße, als er, was er eben vernommen, innerlich wie eine harte Versuchung zu bezwingen trachtete, riß er sich mit seiner ganzen Kraft davon los, und erwiederte mit mehr Kälte und Härte, als zu erwarten war:

Haltet ein mit Euern unbesonnenen Reden; Euer Verstand ist ein keckes Ding und überbietet mit leichten Worten schnell jedes Maaß, womit Ihr wenigstens trachten solltet, das zu würdigen, was fremd oder widersprechend erscheint. Lernt erst begreifen, daß, wer zu gehorchen vermag, in sich einer größern Kraft bedarf, als zum Widerstehen gehört, daß nur der mit Ruhe die äußere Freiheit aufgiebt, der sie nach Innen gesichert hält, und daß der Weg kein fremder ist, auf welchem das Panier des Heilandes weht. Eben darum verstummt die neugierige Frage, ob seine Bahn auch rauh und öde, über Fels und Trümmer, durch stille, nie bemerkte Thäler führe. Ihr wißt es selbst nicht, wie ich in Euerm Wesen eben jetzt die Weisheit derjenigen verehre, die Euch hier zur Erkenntniß Eurer selbst die Gelegenheit geben. –

Scheltet mich, wie Ihr wollt, rief Maria, schnell seine weitere Rede hindernd, aber verlaßt mich nicht; stellt mich so unmündig dar, wie Ihr wollt, überzeugt Euch nur, daß ich um so mehr Eures Schutzes bedarf. Ich glaube, daß Ihr mich kennt, und Eurer Weisung will ich gehorchen; aber schweigt mir von der fremden Macht, von der ich mich gekannt denken soll. Oder, fuhr sie plötzlich ernster fort, ich muß glauben, wer ich bin, zu wem ich gehöre, ist nur ein mir vorenthaltenes Geheimniß, und jene Obern tragen irgend eine Absicht, mich, die Freigeborene, hier als Gefangene verschmachten zu lassen. [224] O entsetzliches Loos! Könnt Ihr es denken, dauert Euch meine Jugend nicht, nicht der Schmerz derer, die mich vielleicht zu finden trachten, und denen ich hier widerrechtlich vorenthalten bin?

Ihr werdet mit dieser Art, die Umstände anzusehen, erwiederte der Pater, unter die Ihr Euch fügen müßt, Euer Loos schwerer machen, als es der Wahrheit nach zu nennen ist. Nehmt die Dinge so einfach, wie sie vor Euch liegen, und überlaßt es der Zeit, die Veränderungen darin hervor zu rufen, die der Himmel Euch bestimmt. –

Ach, welch ein Rath, für ein Herz, das in so kurzer Zeit alle Gefahren einer schutzlosen Lage durchkämpfen mußte, und sich nicht verhehlen kann, daß es auf sich, auf seine eigenen Kräfte angewiesen ist, auf eine Erfahrung, so jung und ungeprüft, die, muß ich Euern Worten glauben, so unzulänglich sich erwies, daß es einer fremden Einwirkung bedurfte, um die schrecklichen Folgen des ersten selbst gelenkten Schrittes abzuwenden. –

Ihr solltet daraus lernen, wie wenig Ihr zur eignen Lenkung Euers Schicksals berufen seid, und dankbar anerkennen, daß Eurer Jugend diese Hülfe von einer Seite kömmt, wo mit der reifsten und weit reichendsten Erfahrung der Wille sich verbindet, sie zu Euerm Nutzen anzuwenden. –

Nein, nein! Ihr überredet mich umsonst, diese heimlich waltende Macht als eine wohlthätige anzusehen; ihre Anordnungen sind im eigenen Interesse, mit Beschränkung der Freiheit dessen angeordnet, dem sie zu helfen vorgiebt. Ich will mich frei erklären. Ich verlange über mich Gewalt zu haben; diese Mauern will ich verlassen, und heute noch; ich will von Gott geschützt den suchen, der allein ein Recht hat, mir zu gebieten. –

Da Ihr denn selbst diesem heiligen Schutze entsagt, so danket Gott, daß Niemand in diesen Mauern lebt, der Euch [225] zu willfahren berechtigt ist. Ich warne Euch noch ein Mal, ergebt Euch mit Gelassenheit in Eure Lage. Der Widerstand möchte eine Aufmerksamkeit erregen, die Euer Schicksal auf eine Weise bestimmte, wie Ihr sie am meisten fürchtet, und wie sie jetzt vielleicht noch abzuwenden ist, wenn Ihr still ergeben Euern aufstrebenden Geist verberget. –

Ihr sprecht in Räthseln und laßt doch ahnen, man habe mich zu andern Zwecken hierher gebracht, als mich der Schande zu entziehen. Ihr wißt mehr. Es ist gewiß, Ihr kennt die Absicht, die über mich bestimmt, und seid nicht ohne Mitleid, ohne Theilnahme. Erbarmt Euch denn und thut mehr; entreißt mich dieser Lage, die so viel Bedrohliches in sich schließt. Ich muß Euch vertrauen, obwol Ihr Euch so klein, so gering als Diener jener fremden Macht bezeichnet. Ihr habt ein Herz, ich weiß es: Ihr könnt es nicht so sehr im Gehorsam ersticken, daß es Euch nicht sagte, was menschlich und gerecht ist. Fürchtet nichts von meiner heftigen Weise, die stärker ist, als ich sie sonst in mir kannte, was ich jetzt wohl fühle; denn die Kräfte des Menschen, wenn sie erweckt werden, treiben gute und böse Früchte, und, eingehegt von treuer Liebe und belebt vom reinsten Vertrauen, kannte ich den Widerstand nicht, den ich heftig in mir sich regen fühle, wo Beides aus meinem Leben nun verschwunden ist. Doch ich will mich gegen Euch ganz bezwingen lernen; denn Euch muß ich am meisten jetzt vertrauen, wenn ich auch wünsche, Ihr vertrautet in höherem Grade Euch selbst. Es sind erst Stunden verflossen, seit mein Geist von einer Schwäche befallen war, die, mir sonst fremd, mich jetzt mit Angst erfüllt. Ich glaubte sonst, der äußern Noth zu widerstehen, sei das Schwerste; aber ein tödtliches Grauen umschleicht mich, wenn ich denke, der Geist wird endlich müde und schläft ein; im Schlaf könnte er geschehen lassen, wovor ihm beim Erwachen grauete. Seht, sagte sie leiser und mit kindlicher [226] Furchtsamkeit ihm nahend, ich zittere für das Heil meiner Seele! Ihr könnt nicht läugnen, ehrwürdiger Herr, hier wird ein anderer Glaube, als der meine, streng geübt, man wird mich ungern als anders Glaubende hier dulden, man wird den Uebelstand durch Bekehrung heben wollen, und seit heute Morgen fehlt mir der gute Muth, ich könnte siegend mir selbst getreu verbleiben. Ich sehnte mich zu sterben in meinem Schmerze, und konnte nicht recht beten, und jeder Trost, der lebenskräftig sonst aus meinem Glauben mir entgegen trat, war mir so fern, wie hinter Nebeln ein Freund, den man nur schwach erkennt. Das könnte wiederkehren; ich weiß nicht, wie ich sagen soll; sterben möchte ich, nur nicht den Rückschritt thun zu Eurer Kirche, und möglich halte ich ihn blos, weil mir die neue Erfahrung geworden ist von meiner Geistesschwäche. –

Unglückliches Kind! sprach nach einer Pause der Geistliche mit mehr Gefühl, als er sich gestatten wollte, Ihr rührt mich, so sehr ich Euch im Irrthume sehe, und darum desto mehr. Warum ward Euerm fähigen Geiste nicht von Jugend auf die sanfte Lenkung unsrer Kirche zu Theil? Nicht Furcht, nicht Zweifel beugten dann Euern Muth; Ihr würdet in jedem Glaubensbruder die Verwandten wieder finden, die Euch entrissen sind, wie Tausenden vor Euch. Das ist der Fluch von jener Spaltung der wahren, vom Heilande eingesetzten Kirche, daß Mensch vom Menschen geschieden steht im irren Zweifel, daß der Eine seiner Seele Heil nur dann behütet glaubt, wenn er gering hält und verachtet, was dem Andern heilig erscheint. Wo ist der Anhalt in Eurer Kirche, wenn der Geist ermüdet unterliegt, wie Ihr eben an Euch selbst gewahrtet? Der Hochmuth Eurer Selbstgerechtigkeit treibt Euch hinaus, weit über die Grenzen Eurer wahren Kraft. Ihr unterliegt in dem eiteln Treiben der Welt, und nirgends findet Ihr den Anhalt in dieser Wüste, nirgends den sichern Port, in dem Ihr ausruhen [227] könnt, und Schutz und Hülfe findet. Er ist nur im Schooße unserer Kirche, nur Eigenthum der frommen Männer, die in heiliger Betrachtung der göttlichen Dinge den Maaßstab für die richtige Würdigung irdischer Noth gefunden. Sie allein vermögen uns zu stützen, wo wir erlahmen in dem wilden Jagen nach eitler Lust; und Ihr fürchtet diese Stütze, Ihr fürchtet sie in dem Augenblicke, wo Ihr Euch schwankend fühlt in Eurem stolzen Alleinsein. –

Genug, ehrwürdiger Sir, unterbrach Maria hier den Eifernden schnell; zu sehr mahnt mich Eure Rede daran, daß ich nicht umsonst fürchtete, in diesem Hause den Angriffen Eures Glaubenseifers ausgesetzt zu sein. Nicht zum polemischen Kampfe fühle ich mich gerüstet, und billig solltet Ihr meinem Geschlechte und meiner Jugend dies erlassen wollen, obwol, verhehlen will ich's Euch nicht, mir Einiges beifällt, das darthun möchte, die Erde sei überall des Herrn, und Hinfälligkeit drücke ihren Stempel auf alles Menschen-Werk. Der Glaube, dem ich angehöre, giebt mir Kraft, und eben jetzt, mich aufzulehnen gegen falsches, unklares Treiben. Frei bin ich geboren, und einem hohen Geschlechte gehöre ich an, wenn über seinen Namen mir auch ein Gewebe gezogen ist, in welchem ich Wahrheit von Trug nicht mehr zu trennen weiß. Dem gemäß darf ich nicht leiden, daß ich zu unbekannten Zwecken unbekannter Menschen diene und müßt Ihr mich verlassen, so begehre ich mindestens durch Euch die kennen zu lernen, die hier gebieten, auf daß ich mich offen mit ihnen selbst verständigen könne.

Maria hatte ihre volle Energie wieder erlangt; ihr schönes Antlitz zeigte Licht und Farben, ihr schlanker Wuchs hob königlich sich höher, und der Ton ihrer Stimme hatte die bebende Tiefe, die aus einem gekränkten Herzen kömmt.

Pater Clemens übersah dies nicht und fühlte wohl, wie wenig fürs Erste diese Stimmung geeignet sei, ihrem Schicksal [228] eine bessere Wendung zu geben; aber diese Betrachtung war zugleich mit einem warmen Gefühl der Theilnahme verbunden und machte es ihm unmöglich, ihren Vortheil ganz zu übersehen, ja, ihn beschlich sogar ein Gefühl von Furcht vor derselben Macht, der er diente, als müßte er sie davor zu schützen suchen. Vielleicht hätte ein etwas ruhigeres Nachdenken ihn dieser menschlichen Empfindung entzogen und ihn wieder zum Sklaven seiner aufgenommenen Pflicht gemacht. Häufig indeß übt eine wahrhaft edle Natur auf ein mühsam bezwungenes Gemüth, worin der edle Keim, überbaut von Absicht und Sophisterei, begraben liegt, die magische Gewalt, belebend zu dem halb Erstorbnen einzudringen. Es entstehen so oft Zeichen eines höhern Daseins in einem sonst leer davon befundenen Leben, wunderbarer, als die Oasen in der Wüste, und vergänglicher und leichter überschüttet von dem heißen Sande des ringsum herrschenden Bodens. Genug, der Pater zögerte nicht, ein Mensch zu sein.

Wünscht diese Zusammenkunft nicht in dieser Stimmung, sagte er leiser, und laßt Euch warnen, den Geist nicht zu zeigen, der Euch belebt. Man fürchtet eben Euer hochstrebendes Gemüth, und wenn man sich davon überzeugt hielte, würdet Ihr nie mehr diese Mauern verlassen dürfen. Erschreckt nicht so heftig, sprach er begütigend weiter, da er die blasse Stirn, den Schreck des edeln Wesens sah, Ihr sollt nicht umsonst mir Vertrauen geschenkt haben. Haltet mich nicht zurück. Ich kann Euch nützlicher sein in der Ferne, und ich will es, wenn Ihr mir dagegen feierlich gelobt, Euch hier mit Klugheit zu verhalten, durch keinen Widerspruch eine zürnende Aufmerksamkeit auf Euch zu lenken, still ehrend Electa's und der Andern Glaubenseifer zu begegnen, und ruhig den kühnen Geist in Fesseln einzuschlagen. Dann, fuhr er schwankend fort, glaubt man vielleicht, wenn ich zu Eurer Freiheit Euch das Zeugniß des beschränkten Sinnes gäbe – doch genug, unterbrach er sich [229] sichtlich beängstigt. Die Theilnahme macht mich geschwätzig; ich hoffe, Ihr werdet mich nicht mißverstehn. Ich ehre jede Absicht meiner Obern und hoffe ihnen nicht zu nah damit zu treten, daß ich zu Duldung und Gehorsam Euch ermahnte.

O, bereut nicht, edler Mann, was Euer menschlich Herz Euch sagen ließ, rief kindlich zärtlich hier Maria. Ihr habt genug gesagt. Kann ich auch den Grund von diesem Verfahren nicht erkennen, so weiß ich doch die Absicht und will mich wahren, mit Gottes Beistand, obwol ich niemals absichtlich zu täuschen gelernt, sondern es stets verschmäht habe. Ich will Gott bitten, daß er mir eingebe, was nöthig ist, die Feinde hier zu täuschen; denn Freiheit ist so süß, und jenseits dieser Mauern lebt noch so manche heitere Hoffnung. Ach, helft mir sie erringen, und glaubt mir die schöne Welt, die Gottes Offenbarung war, sie ist nicht sündig, und Sünde nur ist, was sie von Gottes Ebenbild trennt.

Thränen flossen auf die Hand des Priesters, die Maria mit den ihrigen fest umschlossen hatte, und so lebensvoll, so überzeugt sprach sie ihm zu, daß es fast schien, als habe sie vielmehr das Werk der Bekehrung an ihm versucht und sei weiter darin vorgedrungen, als mit seinem Berufe sich vertragen wolle; denn das niedergeschlagene Auge konnte nicht ganz verbergen, was seine ausdrucksvollen Züge von innerem Widerspruch und tiefer Rührung sagten.

So laßt uns scheiden, sagte er sanft, und Gott behüte Euch und lenke Alles nach seinem Wohlgefallen.

Sanft beugte Maria das Haupt, und segnend berührte er es einen Augenblick. Leise, aber fest, verließ er das Gemach, und Maria blieb nicht so trostlos zurück, wie er sie gefunden. Ein Strahl von Hoffnung erhellte die düstern Räume ihres Herzens, in welche mit der vollen Kraft der Jugend das [230] Vertrauen wiederkehrte und der Muth, dem Widerwärtigen zu begegnen. –

Wir wollen nicht behaupten, daß Maria's Muth derselbe blieb, als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug und ihre Gedanken darauf fielen, daß Pater Clemens längst aus diesen Mauern entfernt sei und sie allein Allem gegenüber stehe, was ihr fremd und besorglich erschien. Aber der gesunde Schlaf der Jugend hatte nicht umsonst ihren Körper erquickt; frei lebte er auf, und in ihm fand die Seele Ruhe.

Margariths Vater bereitete das Frühstück an dem lodernden Feuer des Kamins, während Maria sich mit Hülfe der Tochter im Nebenzimmer ankleidete. Bei ihrem Eintritt empfing sie eine sehr feierliche Einladung des alten Dieners, der Herrin des Schlosses sich vorzustellen.

Ich bin bereit, erwiederte Maria mit leichtem Wechsel der Farbe; sagt Eurer Dame meine Willfährigkeit, ihr aufzuwarten. Sie wird die Stunde Euch vielleicht bestimmt haben, wann sie mich empfangen will, denn wenig kenne ich noch die Ordnung des Hauses.

Ihro Gnaden bedürfen einer langen Morgenruhe, sprach der alte Diener, die Augen niederschlagend. Schwester Electa wird Euch, Mylady, abrufen, wenn Ihro Gnaden dazu bereit sind.

Schön, mein guter Alter, erwiederte Maria; wir sind erst kurze Zeit Bekannte, ich habe Euch aber Dank zu sagen für die Sorgfalt und Güte, die Ihr mir bei einigen Zufälligkeiten erwieset.

Schuldigkeit, durchaus Schuldigkeit, murmelte der alte erfreute Mann und schob den Sessel zu dem Tischchen, worauf ein Frühmahl bereitet stand, das der Schloßküche Ehre machte und nichts vergebens aufgestellt war für Maria's angeregte Eßlust.

[231] Sie beschäftigte sich alsdann damit, die Einrichtung ihrer Zimmer zu mustern, und untersuchte besonders ihre Bibliothek, die, allerdings von einseitiger Auswahl, Maria aufs Neue die unheimliche Ueberzeugung gab, daß man auf alle Weise ihrem Geiste jene Richtung zu geben trachte, welche in diesem Hause die allein geduldete war.

Eine kleine Ausgabe des italienischen Homers war hinter andern Büchern verborgen, offenbar eine Abweichung vom vorgeschriebenen Plan, die Pater Clemens sich erlaubt. Es erfreute sie dies um so mehr, da sie eine tröstliche Zusage seiner milden, wohlwollenden Gesinnungen darin wahrnahm, das einzige Unterpfand aller Hoffnung für ihre Zukunft.

Diese Beschäftigungen wurden von der Schwester Electa unterbrochen, welche erschien, sie zu dem bevorstehenden Besuche abzurufen. Maria empfing sie mit der ihr eignen huldvollen Güte, und fest entschlossen, den Rath des Pater Clemens nicht zu vergessen, so lange es sich mit ihrer Würde vereinigen ließe, eilte sie mit Margariths Hülfe, ihre Kleidung in eine ernste Form zu bringen, was ihr leicht gelingen konnte, da sie, zum Wechsel ihrer Reisekleider, nur die bei sich führte, die sie als Trauer für ihre Verwandte getragen. Ihre Juwelen ließ sie zurück, und die Fülle ihrer schönen Locken verbarg sie unter einer schwarz sammetnen Haube, die, an der Stirn mit einer Spitze anliegend, in zwei kleinen Bogen bis zu den Wangen sie umschloß, und wenn auch allerdings zur herrschenden Welttracht gehörend, doch ein ungemein einfaches und ernstes Ansehn verlieh. Sie suchte während dieser Anordnungen ihr Gemüth zu sammeln und den Schauer zu überwinden, der jeden Augenblick, bei dem Andenken an das Erlebte, ihre Fassung zu überwältigen drohte; ja, sie ermahnte sich, höchst vorsichtig in ihren Aeußerungen zu sein und Alles genau zu beobachten, was um sie her vorgehe.

[232] Als sie bereit war, folgte sie der in großen Ernst versenkten Gefährtin, welche sie zu dem Hausflur führte, von wo breit geschwungene, schwerfällig verzierte eichene Treppen in die obern Zimmer des Schlosses gingen. Ueberall zeigte sich der prachtliebende Sinn der Erbauer oder Bewohner, und die polirten Stufen stimmten vollkommen mit den dunkeln eichenen Wänden überein, an denen in goldenen Rahmen eine Reihe Bilder hingen, unterbrochen von künstlich verzierten Wandleuchtern, welche doch schwerlich mit ihren dicken gelben Kerzen die dunkeln Räume erhellen mochten, die keinen lichten Gegenstand zum Reflex ihrer Strahlen darboten. Der trübe Morgen erhellte nur sparsam diese Gegenstände, denn sein an und für sich schwaches Licht fand keine Unterstützung in den Scheiben von gemaltem Glase, die keinen Blick nach der Gegend gestatteten, wohin sie führten. Auf der breiten saalartigen Brüstung, wo sich beide Treppen oben vereinigten, brannten ein paar schwache Kaminfeuer, und hier fand sich ein Diener, der, dem leisen Befehl der Schwester Electa folgend, hinter einem großen, sehr roh gezeichneten Gobelin verschwand, welcher den Haupteingang zu den innern Gemächern zu verbergen schien.

Mit einem schrillenden Ton fuhr alsbald diese Vorwand zurück, und von dem stummen Diener angewiesen, traten Beide in das Innere ein.

Der große Saal, der sie aufnahm, schien gänzlich unbenutzt, denn der weiße Marmor seiner Wände zeigte sichtlich die trübe Farbe des Staubes und der Feuchtigkeit, wovon die Luft durchdrungen war, und die fast erschreckend die Eintretenden anfiel.

Es folgte auf der rechten Seite, wohin sie sich wendeten, eine Reihe von Zimmern, die reich mit Sammet, seidenen und goldenen Tapeten behängt und ausgestattet waren, zugleich aber, unfehlbar aus einer neuern Zeit herstammend, eine Reihe [233] Gemälde aus der Heiligen- und Legenden-Geschichte enthielten, die jedes feiner ausgebildete Gefühl für Kunst empören mußten. Vor der letzten Thür blieb Electa, welche alle diese Räume mit gesenktem Haupte durchwandert und bei ihrem raschen Vorschreiten Maria nur wenig Zeit gelassen hatte, Beobachtungen zu machen, einen Augenblick stehn, und Maria's Näherkommen erwartend, sagte sie leise: Ehrwürdige Frau wird sie genannt.

Sie drückte die Thür auf, und Maria stand in einem kleinen leeren Raum, der, von oben Licht empfangend, einen Flur bildete, von wo eine schmale Wendeltreppe aus den untern Räumen in die Höhe führte. Augenblicklich rief dieser Anblick ihr die Erzählung Margariths von jener Treppe zurück, wo der unglückliche, wahnsinnige Herr des Schlosses seinen verzweifelnden Geist ausgehaucht hatte, und die kleine spitze Thür, der sie sich näherten, schien mit ihrer breiten Schwelle und tiefen Nische das Sterbelager des Unglücklichen zu sein, auf dem seine Gemahlin ihn am Morgen vergeblich zu erwecken suchte. Schaudernd blieb Maria stehn, und nahm wahr, wie Electa's Schritte gleichfalls zögernd inne hielten, und sie erst nach einem kurzen Gebet, einer Bekreuzigung und Besprengung aus dem an der Thür aufgehängten Weihkessel sich zum Vorschreiten anschickte.

Fast wider Willen folgte ihr mechanisch Maria, und sie standen nun wirklich in einem düstern Schlafgemach, mit dunkeln grün-damastenen Tapeten und einem ungeheuern Himmelbett versehn. Das Zimmer, in enger, halbrunder Form, durch einige schmale, hohe Fenster matt erleuchtet, war das Innere eines Thurms, zu dessen anderer Hälfte eine etwas größere Thür führte, der sie sich jetzt näherten.

Dies zweite Gemach war von einem hellen Kaminfeuer sowol erwärmt, als erleuchtet, denn der Tag blickte auch hier nur sparsam, kaum eingelassen, durch die hohen, aber schmalen gothischen Fenster. Das hell vorspringende Feuer bewirkte aber, [234] daß Maria, im ersten Augenblick geblendet, außer Stand war, die sie umgebenden Gegenstände zu erkennen, und mit gebeugtem Kopfe an der Thür stehn blieb. Als ihre Augen sich von dem schnellen Wechsel erholt hatten, sah sie sich in einem etwas größeren, run den und gewölbten Zimmer, an dessen getäfelten Wänden und Fußboden das Licht des Feuers zu erblinden schien, da das dunkle Eichenholz mit noch dunklern Tafeln behangen war, welche gefühlverletzende Darstellungen von Märtyrergeschichten enthielten, die eben keinen vortheilhaften Begriff von dem Sinn und Geschmack der Bewohnerin erwecken konnten. Eine Nische von kunstreich durchbrochenem Holze umschloß ein besser gelungenes Bild des Erlösers, vor dem zugleich ein Altar und ein Betschemmel standen. Einige hohe Sitze, welche gleich Chorstühlen zwischen den Fenstern hinliefen und ein eben so verzierter Schreibtisch waren der zunächst zu übersehende Inhalt des Gemaches, wovon Maria's Aufmerksamkeit indeß abgelenkt wurde, da Electa sie ermuthigte vorzuschreiten. Zunächst dem Kamin, doch so, daß sein Schatten sie deckte, gewahrte sie nun in einem der hohen Chorstühle eine weibliche Gestalt, welche mit hohler trockener Stimme sie nöthigte, näher zu treten. Kein Ton erinnerte Maria an die schrecklichen Laute des Wahnsinns, die sie gefürchtet hatte zu vernehmen, und der Anblick der Person, so traurig und abschreckend er war, paßte zu keiner der furchtbaren Erinnerungen. Sie war ohne alle Abweichung von Schnitt und Farbe in ein prachtvolles Nonnengewand gehüllt, dessen kostbare Stoffe aus ihrer höhern Würde sich erklären ließen, welches übrigens blos ihr schlaffes, gelbes Angesicht und ihre hagern, langen Hände sehen ließ, die von einem Rosenkranz umschlossen, müde vor ihr niederhingen.

Maria, die eine Anrede erwartete, sah sich den prüfenden, stechenden Blicken der düstern Erscheinung ausgesetzt, die, ohne alle Rücksicht auf Gastfreundlichkeit, blos das helle Licht des [235] Kamins, in dessen Beleuchtung Maria stand, zu benutzen schien, um die Persönlichkeit ihres Gastes vollständig zu erforschen.

So beleidigend dies auch war, so fühlte Maria doch eine Beklemmung und Bangigkeit, die es ihr unmöglich machten, selbst diesen kränkenden Empfang zu unterbrechen; ja, ihr Auge hing fast mit derselben Achtsamkeit an dieser unheimlichen Gestalt, als müßte sie ihre Bewegungen bewachen, um sich vor ihr zu schützen.

Dies lange Examen ihrer Augen kündigte sich als beendigt an durch ein verächtliches Lächeln, welches plötzlich das leblose Gesicht der alten Lady überschlich. Halb sich seitwärts wendend, redete sie sodann einen Mann an, der hinter ihrem Stuhl bis auf den Kopf verborgen saß:

Es ist dieselbe eitle Schönheit, die ich an ihr wahrnehme, und die ihre Herkunft mehr bestätigt als die Versicherungen der Betheiligten. Eine gute Aufgabe, wenn der Sinn ihrer Ahnenfrau sich auf sie übergetragen hat! Ihr könnt dann Eure Weisheit zusammen nehmen, denn zur Zeit reichten alle festen Schlösser von Schottland und England nicht hin, das zu hüten, was unter so einer weltlichen Haube hockte. – Ein kurzes heiseres Lachen vollendete die unverständliche Rede.

Wir vertrauen auch keiner weltlichen Hülfe, erwiederte der Angeredete, sondern dem Einfluß und der Fürbitte unserer gebenedeiten Mutter Gottes, welche Vorsorge trägt für die Verirrten ihres Geschlechts, wie Ihr in Demuth anerkennen werdet.

Ein ziemlich mißlauniges Gesicht bog sich von dem Antwortenden weg, während die Hände ohne Säumniß ein paar Kreuze schlugen und einige Kügelchen des Rosenkranzes abzählten.

So ist es, hochwürdiger Herr, sprach sie sodann sehr gleichgültig; die Heiligen haben das Vollbringen, und wer dies Geschlecht kennt, wie ich, der muß hoffen, daß sie sich alle vereinigen werden, es zu vertilgen. Bei den letzten Worten [236] zuckte ein wildes Feuer aus ihren Blicken, und sie schleuderte sie wie einen Blitz auf Maria hin.

Es ist zwar nicht meine Wahl, daß Ihr hier seid, begann sie jetzt, zu dieser gewendet; denn dies Haus genießt eine Heiligung, die durch profanen Besuch nicht verletzt werden sollte. Da man mich aber versichert, Ihr würdet durch das Beispiel der hier waltenden heiligen Kirche bald von Euern Irrthümern zurückgebracht werden, so darf ich die Hand zu einem Werke nicht verweigern, dessen Verdienstlichkeit ich in Demuth erkenne. Ich habe Euch demnach vor mich gefordert, um Euch die Erlaubniß zu ertheilen, unter uns zu erscheinen und durch das, was Ihr sehen werdet, Euern Geist in die Stimmung zu bringen, die Euch mit Eurem Gewissen versöhnen wird.

Maria kämpfte während dieser trocknen, unfreundlichen Rede mit aller Macht gegen ihr beleidigtes Gefühl; ihre Wangen rötheten sich, und ihre Augen füllten sich von diesem schmerzlichen Kampfe.

Ihr werdet ohne Zweifel wissen, erwiederte sie jetzt mit bewegter Stimme, wie ich hierher gekommen, und wie wenig es in meine Willkür gestellt worden ist, Euer Haus zu suchen oder zu vermeiden; wenn Ihr aber Gründe habt, den Anordnungen derer, die mich hierher führten, zu folgen, so rechnet es mir nicht an, wenn ich Euch lästig bin. Ich werde Eure Gastfreundlichkeit, wenn Ihr mir sie gewähren wollt, nicht durch ein störendes Betragen vergelten und, so lange ich hier bleiben muß, ehren, was Andern ehrenwerth erscheint, wenn meine Erziehung mir auch eine andere Richtung gab. –

Ihr macht vor allen Dingen zu viel Worte. Lange Erwiderungen sind überall unpassend, wo strenger Gehorsam das Einzige ist, was verlangt wird, und man Eurer Versicherungen nicht bedarf, da sich von selbst versteht, daß Ihr keinen Einwand zu machen habt. – Ich muß bekennen, ehrwürdiger [237] Herr, fuhr sie fort, mit demselben kalten, verächtlichen Tone sich wieder rückwärts wendend, ich finde mich blos aus Achtung für Eure und des Pater Clemens höhere Erkenntniß darein, dieser jungen und, wie mir scheint, äußerst übermüthigen Person eine Bevorrechtigung zu gewähren, die nur alle jene eiteln weltlichen Gedanken nähren wird, von denen ihr Kopf sichtlich erfüllt ist; auch muß ich mir einige Bestimmungen über die Dauer solcher Nachsicht vorbehalten.

Die Bestimmungen, denen wir beide gehorchen müssen, werden nicht ausbleiben, erwiederte eben so trocken der Angeredete; und die vorzüglichste Dienerin der heiligen verfolgten Kirche wird über ihre Stellung zu diesen Willens-Meinungen nicht im Zweifel sein.

Auf dem Gesichte der Lady zeigte sich während dieser Worte ein Kampf widerwilliger Art, und es kostete ihr sichtliche Mühe, eine Mäßigung zu behaupten, wie dieser aufgenöthigte Gehorsam sie ihr auflegte. Doch war es unverkennbar, daß die ältere Gewohnheit tyrannischer Eigenherrschaft sich mächtig gegen die strengen Anforderungen eines Gehorsams auflehnte, an den sie sich nie ohne Bitterkeit erinnert fühlte. – Genug, genug! Ich sage nicht, daß es für jetzt anders sein soll; nur, wie lange, werde ich mit Eurem geistlichen Rathe in Ueberlegung ziehn; denn allerdings ist es das Schloß der Howards, in dem wir uns befinden. –

Ja, vollendete der Hochwürdige diese Rede, und im Besitz der hochwürdigen Aebtissin zur heiligen Ursula.

Höhnisch warf sie den Kopf zurück, und die immer noch stehende Maria nun wieder ins Auge fassend, sprach sie heftig und rauh:

Die weltliche Haube will ich nicht wieder sehen; Schwester Electa wird Euch einen passenden Kopfputz bringen. Eure Kleider habe ich Euch noch für einige Zeit gestattet. Ihr werdet [238] früh zur Messe erscheinen, im Refectorium zu Mittag essen und die Vesper halten; dazwischen wird der hochwürdige Pater Johannes Euch Unterricht ertheilen, und in dem Maaße, als Ihr fortschreiten werdet in der Entsagung von Euern Irrthümern, werdet Ihr – –

Ueberlaßt mir das Weitere, unterbrach sie Pater Johannes, der die Vollendung ihrer Rede nicht zu wünschen schien, und wahrnahm, wie Maria, von dieser übeln Behandlung erschüttert, kaum aufrecht zu stehen vermochte. Er näherte sich, aus seinem Versteck hervortretend, dem zitternden Mädchen und führte sie selbst, von Electa unterstützt, zur Thür hinaus.

In dem kleinen Schlafzimmer hielt er sie an. Laßt Euch, sagte er beruhigend, durch den lobenswerthen, aber etwas heftigen Eifer der hochwürdigen Frau nicht erschrecken. Ihr werdet darunter nicht zu leiden haben, so Ihr Euch sanft und aufmerksam zeigt.

Maria wollte reden, gleich auf der Stelle wollte sie jeden Zweifel aufheben über das, was man von ihr zu erwarten habe, aber ein krampfhaftes Schluchzen war der Tribut, den ihre geängstigte Natur verlangte. Vergeblich bemühte sie sich, deutlich zu sprechen, sie brachte nur abgerissene und unverständliche Worte hervor.

Ich sehe Euch wieder, unterbrach Pater Johannes diese mißglückenden Versuche; überlegt wohl, was Ihr sagen wollt, Euch wird weder Rath, noch Trost fehlen, aber hütet Euch, durch Widerstand in Kleinigkeiten Eure Verhältnisse hier muthwillig schlimmer zu machen. – Schwester Electa, ich vertraue die Bekümmerte Eurer Vorsorge und Euerm Troste. – Geht, geht, setzte er abwehrend hinzu und verschwand hinter der Thür in das Gemach, das sie verlassen, während Maria, von Electa geführt, den Weg nach ihren Zimmern zurücklegte.

[239] Ich denke, man hat uns da eine schwere Pönitenz auferlegt, hochwürdiger Herr, begann die erzürnte Lady, völlig ihrer übeln Laune hingegeben, als der Pater Johannes mit ernstem und ruhigem Antlitze eintrat. Ein Aergerniß, denke ich, für Alle, die zu einer höhern Begnadigung in dies Haus gelangt sind.

Wenn die Aufgabe schwer ist, die man uns gab, so ist es nicht an Euch, dies zu rügen, erwiederte in gänzlich verändertem, strengem Tone der Geistliche, da nur schwierige und widerstrebende Ausübungen Euch die Wohlthat erzeigen können, Euren Geist von den Makeln der Welt zu erretten, die noch in zu großer Stärke Euch anhängen. Ich denke, es gehörte nicht zu Euern Aufgaben, die junge Person, die wir Euch zuführten, mit einer Strenge zu empfangen, die sie verschüchtern und gar zum Widerstand reizen wird. Sie mußte zutraulich gemacht werden, sie mußte die wohlwollendsten Gesinnungen bei uns annehmen können, dann sicherten wir uns ihre Aufmerksamkeit, ihre Nachgiebigkeit und Gewöhnung, und der Einfluß eines einförmigen, von aller Zerstreuung fernen Lebens, dem sie hier anheim fiel, ward dem heiligen Vorhaben günstig. Ihr habt jedoch, gleich dem hochmüthigen Kinde der Welt, Euerem eiteln Herzen und seiner Lust, zu kränken und zu verachten, Genüge gethan, und wahrscheinlich mehr Unheil in wenigen Minuten angerichtet, als in unserer Macht liegen wird, je wieder gut zu machen. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wie weit Ihr dadurch Euch von den Pflichten entfernt habt, deren strenge Erfüllung doch das einzige Mittel ist, Euch hier den Schutz zu sichern, dessen Ihr bedürft, dort aber die Vergebung Eurer Sünden und die Errettung von ewiger Verdammung.

Diese harte und strenge Rede wirkte gleich einer Bannformel über das gereizte Wesen der Lady. Erschreckt von dem bloßen Tone ihres Beichtigers, senkte sie beim Anfange seiner [240] Rede schon das Haupt, aber die harten Worte verletzten so sichtlich ihr verwöhntes Gemüth, daß sie bald wieder auffuhr, und mit Blick und Mienen ihre Empörung anzudeuten suchte. Da der Geistliche aber die Streiche seiner Worte schärfte, trat nach und nach die Furcht ein, welche man durch die stärksten Mittel als das einzig mögliche Joch ihr übergeworfen hatte, und alsbald zeigte sich auch Zerknirschung, welche ihr die zuletzt gebrauchte Drohung um so lebhafter erregte, als ihr entnervter Geist, von den Vorwürfen eines schwer belasteten Gewissens bedrängt, nur zu empfänglich für die Androhung künftiger Strafe war.

So geschah es, daß ohne Gegenrede sich angstvolle Seufzer aus ihrem Munde drängten, und zu allen Trostmitteln ihrer Kirche schreitend, murmelte sie die Gebete ihres Rosenkranzes und schlug mit blindem Eifer Stirn und Brust.