Theodor Gottlieb von Hippel
Lebensläufe nach aufsteigender Linie
nebst Beilagen A, B, C.

Erster Theil

Erster Theil.

[1] Ich – Halt! – Ein Schlagbaum – Gut – wohl – recht wohl – Ein wachhabender Officier! – wieder einer mit einem Achselbande zu Pferde – zu Fuß – von der Leibgarde – von der Garde der gelehrten Republik – ich ehr' Ihre Uniform, meine Herren, und damit ich Sie der Mühe überhebe, mir die üblichen Fragstücke vorzulegen, mögen Sie wissen, daß ich, wie der Paß oder Taufschein es ausweiset, ein Schriftsteller inaufsteigender Linie bin. In den folgenden zwei Bändchen, welche ich, wenn Gott Leben und Gesundheit und Lust und Liebe zum Dinge verleihet, künftige Messe zu liefern willens bin, wird mein Lebenslauf, bis zu einer sächsischen Frist vor der Messe, fortgesetzt werden. Im vierten Bändchen werde ich den Lebenslauf meines Vaters, und im fünften den Lebenslauf meines Großvaters erzählen, auch alles nach Gestalt und Gelegenheit der Umstände mit unumstößlichen Urkunden belegen. Dieser Plan soll darum noch mehr Eigenes haben, weil ich den Lebenslauf meines Vaters und Großvaters Berg ab erzählen will, da wir jetzo nur Berg auf zu gehen gewohnt sind. Ich werde von der Zeit, da mein Vater Pastor in Curland war, anfangen und bei seiner Wiege aufhören, und so soll's auch mit meinem Großvater werden, der in meiner Geschichte eher sterben als geboren werden soll. Wurzeln, Zweige und Blätter haben einerlei Struktur. Begrabe die Zweige in die[1] Erde, und laß die Wurzel in die freie Luft gen Himmel sehen: es wird ein Baum.

Vorderhand sey es meinen Lesern genug in Beziehung auf mich von dem vierten und fünften Bändchen, wobei ich die Beilagen nicht ausschließen will, zu wissen


HVIC

MONVMENTO

VSTRINVM

APPLICARI

NON LICET


Ich rathe zu keiner Justinianischen Uebersetzung dieser Stelle 1. 2. §. 27. Cod. de vet. jur. enucl. κατὰ ποδὰ, und da Vorrede die Nachrede hindert, mögen sich meine Leser wohlbedächtig merken:


Ὁ δυνάμενος ϑέλειν, δύναται καὶ μὴ ϑέλειν


welche Stelle sie nach Herzenslust verdolmetschen können.

Es ist die höchste Zeit, daß ich wieder auf mich selbst und auf den Daumen, Zeige- und Mittelfinger dieses Werks zurückkehre. Gibt es nicht, wie es am Tage ist, sogar der heiligen Schrift Spötter? Wie sollt' ich also wohl nach Art jenes Pharisäers mit den Worten an den Altar treten:


Οὐδ᾽ ἄν ὁ Μῶμος (ἔφη) τόγε τοιοῦτον μέμψαιτο.


Uebrigens gestehe ich herzlich gern denen Erzählern ein vorzüglicheres Verdienst, sowohl in Absicht des Ellenmaßes als der Würde zu, welche bei jedem merkwürdigen Vorfall außerhalb ihren Grenzen einen Wegweiser aufrichten und ihre Leser zur Nutzanwendung auf Lehre und Trost bringen. Ich werde mich so nehmen, wie ich mich finde. Wer auf eine Schüssel mehr oder Salat, Sardellen, Caviar, Austern und andere Zusätze Leckerbissen und Noten lüstern ist, lasse sich anrichten, was ihm gefällig ist, und thue, was er nicht lassen kann. So lange meine Leser gehen können, will ich ihnen keine Krücke geben; wenn sie selbst eine Dose haben, warum [2] soll ich ihnen mit meinem St. Omer an die Hand gehen (es braucht vielleicht mancher Espagnol, Tonka, Havanna-Rapee), und wenn sie selbst wissen, daß sie Menschen sind, wie sollt' ich sie wohl all' Augenblick mit einemStehe Wanderer oder Leser pfänden, und ihnen wiederholen, daß sie sterben müssen, auf daß sie klug werden.

Mein Wahlspruch ist: I licet.

So wie aber die Grabmäler der Alten, wo man seit einiger Zeit (einige setzen hinzu »Gott sey gelobt,« andere »Gott sey's geklagt«) auch in Gott ruhet, nachdem man sich vor diesem scheute der selige L. Annaeus Florus, der wohlselige C. Plinius Caec. Sec., der hochselige M. Tullius Cicero und der höchstselige Marcus Aurelius Antoninus, Armenicus, Parthicus, Maximus zu sagen.

So wie die Grabstätten der Alten mit den allgemeinen Landstraßen verbunden waren, um den Reisenden anzuhalten, so ist es zwar Regel für mich, den geneigten Leser sich selbst zu überlassen,


coelo tegitur, qui non habet urnam.


Doch wo ist Regel ohne Aber? Was sich ein paar handelnde Personen auf dem Theater unter vier Augen sagen, gehört ohnehin mit zur Handlung, und mir stand es wohl am wenigsten zu, in einer wahren Geschichte Leuten das Wort aus dem Munde zu nehmen und ihnen ein Stillschweigen aufzulegen.

Gott mit Ihnen, meine Herren, und auch mit meinem kleinen Leopold, der mir eine Sündfluth mit dem Tintefaß gemacht hat.

Die Mutter will dich –

Laß mich hier, lieber Vater –

So laß das Tintefaß –

Ich will auf deine Schulter –

Nur nicht ins Buch –

[3] Der kleine Junge hätte vielleicht Ursach, es übel zu nehmen, daß ich die erste Stufe überschreite und nicht von ihm anhebe. Ich könnte freilich bemerken, daß er kein Sanguinolentus gewesen, sondern fast wieClodius Albinus ganz sauber und schön zur Welt gekommen, wenn er sich nicht eben jetzo mit Tinte besudelt hätte. Wenigstens bist du, lieber Junge –

(Fall nicht,

»ich werd' nicht«) beim Publikum nicht präscribirt, ich habe dich einschreiben lassen, und ein größeres Pflicht- oder Kindertheil gebührte dir in diesem Werke nicht. Der arme Junge! gestern war er zwei Jahr und heute zwei Jahr und einen Tag; bisher war er gesund wie ein Fisch und auch beinahe ein so großer Liebhaber von kaltem Wasser wie ein Fisch! heute! –

»Was schreibst du« –

daß du ungeduldig auf die Zähne bist, die sich melden lassen und nicht kommen wollen!

Daß ihr nur, wenn ihr kommt einem Pfirsichkern zu seiner Zeit zeigen könnet, wer ihr seyd; und daß eine Kraft von achtzehn bis neunzehnhundert Pfund in euren Grenzen wohne. Der Himmel helfe meinem Leopold und mir! und uns allen!

Ha! eine andere Art dienstbarer Geister, ungebetner Gäste, unlieblich anzusehen – zu dienen – damit es die Herren Besucher und Versucher, Thorschreiber, Acciseeinnehmer, Cassirer, Rendanten und überhaupt alle Zöllner und Sündergesellen nur auf einmal wissen, ich, und kein anderer hat dieses Buch geschrieben. Wer von den Herren sich aufs Würdigen versteht, wird es schwerlich auch selbst auf den ersten Blick für Contrebande und auswärtiges Gut, sondern für das, was es ist, deutsche Fabrik halten. Hiesige Wolle, ich bitte Hand aus Werk zu legen (den Puls dieses Buchs anzufühlen, kann ich nicht sagen, so sehr ich ihnen auch Quacksalberehre zu erzeigen Lust habe), hiesiger Stuhl, hiesige [4] Zeichnung, alles hiesig – die Herren selbst aber scheinen nicht von hier zu seyn, und sich auf Blick und Griff, Auge und Hand nicht verlassen zu können – Nun so verlassen Sie sich auf mich, und wenn's wider Ihre theure Amtspflicht ist, sich auf ehrliche Leute zu verlassen, schreiben Sie in Ihre Kladde, in Ihr Hauptbuch, Diarium und Exercitienbuch – was die Feder will. Diese Worte werden wohl, wie ich glaube, an Ort und Stelle seyn. VonAristarch hat keiner einen Zug, wohl aber vom bankerottirten Kaufmanne, Sprachmeister, Zeichendeuter, Altflicker u.s.w. Von ἀστερίσκοις und ὀβελίσκοις hab' ich also nicht reden können, womit derHomer plombirt wurde; denn, da wett' ich,Homer ist Ihnen eben so unbekannt, als es, meine insbesondere Hochzuehrende Herren, meine Wenigkeit bis heute wird seyn, der – – gewesen. Berge und Thäler kommen nicht zusammen! wir aber sind leider! so nahe bei einander, daß wir uns mit der Hand reichen und eins versetzen können. Ich weiß, Sie verschonen nicht Säuglinge, nicht Ungeborne, wie sollte also mein Leopold auf der Schulter ohne Kopf- ober Magensteuer (wie man's nennt) abkommen! Wenn's einmal Sitte in Deutschland ist, so sey's. Du sollst dem O-, der da drischet, nicht das Maul verbinden. Item, ein Arbeiter ist seines Lohnes werth, schreibt Dr. Martin Luther in seiner Haustafel etlicher Sprüche für allerlei heilige Orden und Stände, dadurch dieselben, als durch ihre eigene Lektion ihres Amts und Diensts zu ermahnen. Die Rechnungsableger lassen oft mit gutem Bedacht Fehler stehen, um den Abnehmern zu Noten Zeit und Raum zu lassen. »Sonst,« sagen die klugen Haushalter, »fangen diese Notenkünstler es bei der Person an, da sie doch nur bei den Zahlen bleiben sollten.« Das hatte ich noch auf dem Herzen, eh' ich mich empfehlen konnte.

Plus cautionis in re est quam in persona, heißt auf [5] deutsch: beschließen Sie, was Sie wollen über mein Buch, meine Herren, nur meine Person lassen Sie in Ruhe.

Sey mir tausendmal willkommen süßes, oder besser angenehmes Wort. (Man sagt angenehme Ruhe.) Schlafen Sie wohl, oder eigentlich gesund, meine Herren. Claudatur Parenthesis würde ich sagen, wenn ich nicht den wahren Antipoden von einer Parenthese gebraucht und eben hiedurch ein neues epochemachendes Interpunktionszeichen erfunden hätte.

Was meinet ihr Herren majorum gentium, soll ich mit einem großen I anfangen, oder mit einem kleinen?

Den Schlagbaum auf!

Ich bin in Curland auf dem Kirchdorfe *** geboren, wo mein Vater Prediger oder, nach der deutschen Landessprache, Pastor, nach der curischen Basinzas Kungs oder Basingkungs, wie die Letten der geliebten Kürze wegen sprechen, war. Zu seinem Zeichen, würde ich hinzusetzen, wenn dieser Ausdruck nicht so viel Devalvation gelitten, daß ich meinem Vater dadurch keine sonderliche Ehre einbringen würde. Es war seine Kirche eine Kirchspielskirche oder eine solche, wobei wegen des Compatronat-Rechts des Adels manche Pistole, wiewohl nur nach väterlicher Weise in die freie Luft, losgeschossen worden, bis solches endlich unter einigen Daumschrauben dem Kirchspielsadel (ich glaube von Herzog Friedrich Casimir) zugestanden worden. Ich kann nicht sagen, daß mein Vater eine vorzügliche Neigung gegen mein Vaterland hatte; und wenn ich einem Erdbeschreiber hiedurch irgend einen Gefallen zu erzeigen wüßte, was könnt' ich nicht für ein Breites und Langes über die drei Namen Curland, Lettland und Semgallen an ihn endossiren? welches aber alles zu keiner Lobrede auf Curland dienen würde. So viel ist gewiß, daß mein Vater niemals zugeben wollte, daß Curland vom Flusse Chronus herkäme, wodurch die Memel angedeutet würde; obgleich ihm solches sehr wahrscheinlich [6] vorbuchstabirt wurde. Die Curländer, sagte man, wohnten um den Chronus, sie wollten ihr Land von Preußen unterscheiden, und bearbeiteten und drechselten so lange die Buchstaben und Sylben, bis endlich, so wie in der heiligen Schrift, herauskam, was zu suchen war. Es ist viel von Gottes Wort zu sagen, sagte mein Vater. Ein guter Freund von Curland und von meinem Vater spielte eine andere Karte aus, »so stammt es von Cur oder Cursemme, welches so viel als ein Land, das an der See liegt, andeutet,« allein er gewann sein Spiel nicht. Nichts sagte mein Vater. Der gute Freund fuhr fort: »vom kleinen Könige Curo? von den Curaten oder von den Curiaten? oder« – »Nichts, alles nichts – Es würde nicht verlohnen, diese Fibel über den Namen von Curland weitläuftiger zu machen, und sie wegen Lettland und Semgallen, über welche Namen mein Vater eben so wenig nachgebend war, mit Anhang und Zugabe zu verstärken. Mein Vater hatte, nach dem Ausdrucke eines Weisen des Alterthums, zwei Vaterlande, eines, wo er geboren war, und eines, wo er lebte, eines der Natur und eines des Schicksals, und man traf bei ihm, was man gewöhnlich zu treffen pflegt, daß man das Vater land der Geburt dem andern, oder die Mutter dem Vater vorziehet. Wenn der gute Freund am Ende zum Unwillen überging, wurde mein Vater ein Philosoph. Zum Curländer konnten ihn weder gute noch böse Gerüchte bringen.

So wollen Sie denn, fing der Freund an, nachdem mein Vater mit vieler Gelehrsamkeit die Geburt und Abkunft der Namen Curland, Lettland und Semgallen bestritten hatte, so wollen Sie denn den Herzogthümern Curland und Semgallen die ehrlichen Namen absprechen?

Lieber curischer Freund, antwortete mein Vater, unbiegsam wie der curische Käse, doch auch so dicht und fest wie er. Niemand kommt aus seinem Vaterlande. Seitdem die neue Welt entdeckt [7] worden, ist sie ein Theil von unserm Geburtsorte. Bin ich im Gefängnisse, beim Gastmahl, am Hofe, in der Stadt, auf dem Lande, in Mitau, im – – Pastorat, ich bin beständig zu Hause. Ein Thor sagt, daß er vertrieben sey, ein Weiser hat nur eine Reise unternommen, wenn er im Exilium ist. Oft ist man in seinem Vaterlande ein Sklave und im Exilio in Freiheit. Kann man denn mehr als leben und sterben, man sey in Rom oder inTunis! Tristia und Briefe aus Ponto sind Räusche eines Dichters. Ein Weiser kann selbst Ach nur halb aussprechen, wenn er leidet; obschon das Wort nur dritthalb Buchstaben, und wenn man ganz ehrlich seyn will, kaum eine ordentliche Sylbe im Vermögen hat. Wer sich angewöhnt hat, bloß zu essen was sättiget, und bloß zu trinken was den Durst stillet, findet überall eine offene Tafel. Wo mir wohl ist, da ist mein Vaterland, und der Gerechte ist auch im Tode getrost. Wer aus Athen ist, weiß nicht, von wannen er kommt, und wohin er fährt. Der Weise ist aus der Welt –«

Auf die Frage: Was für ein Landsmann? antwortet Diogenes für mich: κοσμοπολίτης; die Sonne, Freund! ist die Fahne, der wir geschworen haben. Die Erde ist unser aller Mutter. Saure Grütze und Bierkäse, ein paar curische Original-Essen, sind, wie Pfirsichen und Melonen, eine Gabe Gottes. Wer's mit Danksagung empfähet, ist ein Weiser. Auch in Curland gibts Knochen, die Mark haben. Gott ist überall, er, der nicht Lust hat an Cavallerie oder Stärke des Rosses, noch Wohlgefallen an Infanterie und jemandes Beinen, sieht nur auf die, die seinen Namen fürchten und auf seine Güte hoffen. Heute ist ein Land frei und morgen liegt's einem Tyrannen zu Füßen, der seine Hand ins warme Blut des Erstgebornen, eines Vertheidigers seines freien Vaterlandes, eintaucht, um das schreckliche Jahr, da die Freiheit unterging, am aristokratischen Altar, am Rathstisch anzuzeichnen. Freund! was [8] meinen Sie, wenn wir je solche Blutzahlen sehen sollten? Lassen Sie alles ruhig im Vaterlands seyn; ein Prophet gilt doch nicht, wo er geboren ist. Wie ging's dem Aristides, dem Epaminondas? In der Fremde seyn, heißt in die Hand Gottes fallen; in seinem Vaterlande ist man, wenn's hoch kommt, in der Hand der Menschen, gemeinhin in der Hand seiner Feinde. Und wie soll man sich gegen sein undankbares Vaterland führen? Wie gegen einen Vater, der eine Mutter ohne Ursach verstößt, wie gegen eine Mutter, die zum zweitenmale heirathet? Diese bleibt Mutter, jener Vater. Bei diesen Sprüchen war's dem Freunde so, als wär' er selbst nicht mehr in Curland, als hätte er der Sonne geschworen. Es schien ihm, mein Vater hätte das Feld behalten; der kleine König Curo aber und die Curaten oder Curiaten wären in die Flucht geschlagen. Mein Vater befestigte, was er erobert hatte, mit ein paar griechischen Sprüchen, die seinen Feind um so mehr abhielten, weil er kein Wort griechisch verstand.


Ἀνδρὶ σοφῷ, fing mein Vater an, πᾶσα γῆ βατή,

ψυχῆς γὰρ ἀγαϑῆς πατρὶς ὁ ξύμπας κόσμος.


Und gleich darauf:


ἐπεὶ τὶ δεῖ βροτοῖσι, πλὴν δυοῖν μόνον,

Δήμητρος ἀκτῆς, πώματος δ᾽ ὑδρηχόου.

ἅπερ πάρεστι, καὶ πέφυχ᾽ἡμᾶς τρέφειν.


Es pflegte der gute ehrwürdige Mann von Curland zuweilen als von einer Herberge zu reden, wo man sich oft länger als man wünscht, weil der Reisewagen gebrochen ist, aufzuhalten gezwungen sieht. Bei mir zu Hause essen wir um diese Zeit Spargel, pflegte er zu sagen; bei mir zu Hause raucht man um diese Jahreszeit eine Pfeife Tabak in der freien Luft, bei mir zu Hause hat man Trauben und den Wein bei der Quelle. So ungern er also auch im Herzen in Curland zu seyn schien, und so oft er im Stillen durchs Fenster gesehen haben mag, ob der Reisewagen [9] noch nicht in Ordnung wäre, so hielt er dennoch mit seiner Abneigung zurück. Der Freund, mit dem sich mein Vater auf der vorigen Seite duellirte, und noch ein Secundant waren die Hauptsiegel-Bewahrer dieses Geheimnisses und auch die einzigen, mit denen er griechisch sprach, ohne daß die guten Leute es verstanden. Wer ihn aber nach seiner Heimath fragte (sein Weib und Kind und seine zwei griechischen Freunde nicht ausgenommen), setzte ihn und sich selbst einer großen Verlegenheit aus.

Bei mir zu Hause fing er, wie gewöhnlich, an – und ich war noch im zartesten Alter, als ich ihn fragte, lieber Vater, wo ist dein Haus! wir wollen hin, du, die Mutter und ich! Ist es wohl so schön als dieses hier? Ich zeigte ihm meines von Blättern. Nimm mich ja mit, wenn du nach Hause gehst, oder laß mich, wenn ich größer werde, allein – Wo? Wo? – rief er ganz ängstlich. Meine Mutter, welche eben seinen Kragen zurecht legte, ließ diesen heiligen Halsband fallen, sprang schnell auf und ging davon, als ob sie auf allen Antheil von meiner Frage und der künftigen Antwort Verzicht thäte. Sie war indessen, wie ich es offenbar merkte, nach der Weiberweise, nur bloß dem Auge meines Vaters entgangen. Ob's mein Vater gemerkt habe, zweifle ich, denn er hatte sich auf dem Wege nach seinem Hause so sehr verirrt, daß er nicht aus noch ein wußte. Vielleicht sagt er es dem unschuldigen Kinde, dachte meine Mutter ohne Zweifel, da sie sich in der besten Ordnung zurückzog, wovon er dir allemal ein Geheimniß gemacht hat. Lieber Sohn, fing mein Vater an, als ob er von einem Vorbeigehenden wegen seiner Reise eine Auskunft erhalten, oder in eine Reisekarte gesehen hätte – und meine Mutter machte die Kammerthüre, hinter welche sie sich weislich gestellt hatte, drei Zoll weiter auf – im Himmel ist unser wahres Vaterland, hier unten sind wir Fremdlinge und suchen das, was droben ist. Wir sind in Hinsicht unseres Körpers Gottes Pilger, [10] in Hinsicht unserer Seele Gottes Bürger. Als die Pilgrime! heißt es, darum führet einen guten Wandel

Zu Hause nimmt man sich vieles so übel nicht. Man vernachlässigt sich; thun Sie doch, als ob Sie zu Hause wären, sagt man. Auf der Reise sind wir auf uns aufmerksamer. Die Welt ist für einen klugen Reisenden höchstens eine Hauptstadt. Er läßt sich das Merkwürdige zeigen; für einen Gelehrten eine öffentliche Bibliothek, er sieht die Titel. Beide bestellen Postpferde. Plus ultra.

Hiebei sahe mein Vater so gerührt aus, daß, wenn ich nicht seinen Worten geglaubt hätte, ich jedennoch jedem ehrwürdigen Zuge seines Gesichts hätte beipflichten müssen, auch wenn ich noch einmal so alt gewesen wäre, als ich's nicht war. Wie böse meine Mutter über den Himmel geworden, weiß ich nicht, allein ich hörte, und mein Vater, der nun wieder an Ort und Stelle war, mußte es auch hören, daß sie die Thüre zuzog, als ob sie nicht die mindeste Lust zum Himmel hätte. Ohne Zweifel hat sie dieses unvermerkt thun wollen, um ihre Neugierde zu verbergen; indessen machte das plauderhafte Schloß ein unzeitiges Geräusch und wurde dafür den folgenden Tag, da mein Vater eine Beichtandacht besorgte, ausgebessert. So viel ist gewiß, daß der liebe Mann durch diese Antwort, die zwar mich, nicht aber meine Mutter befriedigen konnte, mich, wiewohl ohne daran Schuld zu seyn, auf den Gedanken brachte, daß man im Himmel früher als in Curland Spargel äße, gleich früher in der freien Luft eine Pfeife rauche, Trauben hätte, und den Wein aus der Quelle schöpfen könnte. Tausend andere Dinge, die er nachher meiner Mutter erzählte, wie es bei ihm zu Hause wäre, kamen alle bei mir auf die Rechnung des Himmels, und ich war zuletzt dort eben so bekannt als auf unserm lieben Dörflein, wo ich über jedes Huhn hätte urteln können, wenn über dessen Eigenthum ein Streit gewesen [11] wäre. Manches kam mir freilich sehr bedenklich vor, worunter zum Exempel war, daß man bei ihm zu Hause ohne Nacht- oder Unterhemde ginge und zu seiner Zeit lange Manschetten (die meine Mutter Handblätter nannte) getragen hätte. Eines Tages, da ein Literatus (welches in Curland eben keinen Gelehrten, sondern ein unselig Mittelding von Edelmann und Bauer bedeutet) mit ungewöhnlich langen Manschetten bei uns des Mittags aß, mußte ich glauben, daß er ein Himmelsbürger und Landsmann meines Vaters wäre, und wegen des ganz ungewöhnlichen Maßes seiner Handblätter schon etwas mehr als ein andrer im Himmel gelten müßte. Kaum hatte er nach meiner Meinung das Jammerthal unseres Pastorats mit den seligen Wohnungen der Gerechten verwechselt, kaum, sag' ich, war er fort, so fragt' ich meinen Vater, was ihm der gute Freund für Nachrichten aus dem Himmel gebracht hätte, und mein Vater nahm Gelegenheit, mir die wahren Begriffe von jener Welt beizubringen, denen mein Herz und Seele auf dem halben Weg entgegen kam oder beide Glaubenshände zureichte, so daß mithin dieser Literatus, der des Mittags bei uns einen vortrefflichen Kalekutschen Hahn verzehren geholfen, meinen falschen Himmel zu reiten mitnahm.


Mein Vatter war, wenn ich so sagen soll, geboren, von der andern Welt zu reden. Seine Seele, man fühlte es, war im Buche des Lebens eingeschrieben und einer Veredlung durch den Tod so gewiß, daß, wenn er davon sprach, man glauben mußte: er würde verklärt. Drei Viertheil war er dort und nur ein Viertheil hier. Gott schenke mir, wenn mein Stündlein vorhanden ist, die Empfindungen, die damals in meiner Seele hervorschossen, als er mir den Himmel zeigte. Mir fielen die Worte aufs Herz: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen – Mein Vater war ein Kind, um mit einem Kinde zu reden, und [12] ich fand an mir erfüllet, was von den Kindern geschrieben steht: ihrer ist das Reich Gottes.

Aber wo muß denn das Haus meines Vaters seyn, dachte ich; allein ich unterstund mir nicht, darnach zu fragen, denn, so jung ich war, so merkt' ich doch, daß er seine Ursachen haben müsse, es zu verschweigen.

Meine Mutter, wie ich sowohl diesesmal als bei andrer Gelegenheit sehen konnte, hatte mein Vater gleichfalls keinen Daumenbreit über fünfzig Meilen in die Länge, und zehn, zwanzig bis dreißig in die Breite, als so viel die Grenzen von Curland ausmachen, mitgenommen, daher sie eben so wenig als ich den Ort seiner Geburt wußte. Die neue Welt, pflegte sie zu sagen, ist entdeckt, deines Vaters Vaterland würde dem Columbus mehr Schwierigkeiten gemacht haben.

Was bei dieser väterlichen Verschwiegenheit einem jeden besonders vorkam, war die Gewohnheit meines Vaters, alle Augenblicke zu erwähnen, wie es bei ihm zu Hause sey. Er kam darüber bei Leuten in Verlegenheit, die er nicht wie mich mit dem Himmel abfertigen konnte; allein ehe man sich's versah, war er nicht mehr in Curland.

Ich bemerkte auch, nachdem ich größer war, daß die Leute über diesen Punkt mit dem guten Manne ein förmliches Mitleiden zu haben schienen, so daß sie dabei die Achseln in die Höhe zogen, als über einen Menschen, der so lange vernünftig wäre, bis er auf sein Vaterland käme, und alsdann scheu würde. Es war daher zum Sprichwort bei vielen geworden »das ist so unbekannt als des Pastors – Vaterland.«

Oft traf es sich, daß die ganze Tischgesellschaft still ward, so bald er nur die Anfangsworte: bei mir aussprach, und dieses ist die natürliche Folge, wenn jemand roth zu werden Ursach gefunden. Ein einziger hat nur die Elektrisirstange angefaßt, allein sie fühlen [13] alle den Schlag. Es herrscht eine feierliche. Stille, jedes spielt mit Messer und Gabel, oder dreht sich Pillen von Brod. Nach einer Weile putzt der, welcher zu den wenigsten Empfindungen aufgelegt ist, das Licht, wenn es Abend ist, oder hustet, wenn zu Mittage gegessen wird; ist's außer Tisch, so spricht er »besondere Witterung,« oder bittet um Tabak, »der meinige,« setzt er hinzu, »ist so dürr wie Sand;« dieses alles that gewöhnlich meine liebe Mutter, wenn mein Vater einen Kreuzzug über Land unternommen hatte, allein gewiß nicht, weil sie dabei unempfindlicher, sondern weil sie's gewohnter war wie alle übrige, und weil sie die beklommene Gesellschaft gern wieder ins Freie in die frische Luft bringen wollte. Oft stand ich mit dem Gedanken auf, und schlief mit dem Gedanken ein, warum sagt er denn nicht wenigstens seiner Familie, wo man um diese Jahrszeit Spargel ißt, wo man um diese Zeit eine Pfeife in der freien Luft raucht, wo man Trauben hat, den Wein bei seiner Quelle genießt und (welches mich am meisten interessirte) lange Manschetten trägt.

So geheim mein Vater mit seinem Vaterlande und seiner Familie war, so freigebig war meine Mutter, so oft sie von ihrer Familie etwas zu erzählen Gelegenheit hatte. Sie wußte sich sehr viel damit, daß sie, wie sie sagte, aus dem Stamme Levi wäre, und zählte fünf Priester- oder (damit die in Curland herrschende lutherische Kirche kein Aergerniß nehme) Prediger-Ahnen von Vater- und vier von mütterlicher Seite. Einer ihrer Ahnherren war Superintendent, und zwei waren Präpositi gewesen. Sie rechnete sich, wiewohl von der Seitenlinie, zu den Verwandten des Superintendenten Paul Einhorn, dessen Vater Alexander Einhorn, der zweite curländische Superintendent gewesen war, und wenn sie an den Eifer dachte, mit welchem der Ehren Paul Einhorn sich der Annehmung des gregorianischen Calenders widersetzte, so schien es, daß sie der nämliche Einhornsche Eifer beseelte. [14] Es hat dieser würdige Eiferer sich die Calendermärtyrerkrone errungen, indem er im Jahr nach Christi Geburt 1655 Dominica XI. post Trinitatis auf der Kanzel mitten in einer Calenderpredigt blieb und sein ruhmvolles Leben mit den Worten: »verflucht sey der Calend« – sanft und selig endigte. Mein Vater schien beständig besorgt zu seyn, es würde meine Mutter eine Märtyrerkrone in ihrem Bluträchereifer überraschen, weßhalb er sie bei der Hand zu nehmen und zu sagen pflegte: »fasse dich, mein Kind, die Sache ist beigelegt, wir schreiben heute den – VI –.« Meine Mutter hielt indessen bis an ihren Tod den gregorianischen Calender für ein ketzerisches Buch, und ließ sich nie Ader, wenn im Calender das Zeichen zum Gutaderlassen stand. Es mußte kein Haar im Pastorat verschnitten werden, wenn der Calender hiezu anrieth, und alles, was sie nur erreichen konnte, mahnte sie ab, Holz zu fällen, Kinder zu entwöhnen, oder sonst eine Medicin zu brauchen, wenn der Calender es gut fand. Es war ein Glück für sie, daß diese ungestempelten Tage die meiste Zeit für sie und die lieben Ihrigen gut ausfielen; es war aber ein Unglück für den gregorianischen Calender, denn sie nahm eben hiedurch einen Grund mehr, dawider zu reden und dem Herrn Superintendenten Einhorn zu parentiren.

Ich würde mich um alles in der Welt nicht unterstehen, in Absicht der Ahnen meiner Mutter einSchriftsteller in aufsteigender Linie zu werden, und meine Leser verlieren auch durch die Erzählung der rühmlichen Thaten, Schlachten und Siege nichts, wodurch sich meine Vorfahren mütterlicher Seits, von der geraden und Seitenlinie, um die Kirche verdient gemacht. Sie nannte sie oft Kirchensteine, um alles zusammen zu fassen. Dieser hatte lettische Lieder, wie sie sagte, aus freier Faust gesungen, jener einige übersetzt, ein anderer hatte sich dem Superintendenten Daniel Hofstein, welcher den Exorcismus bei der Taufe der fürstlichen Kinder weggelassen, mit Hand und Fuß (ich brauche ihre [15] eigenen Ausdrücke) widersetzt und ihn dem Teufel übergeben, der nach seiner wohlehrwürdigen Meinung die Complimente nicht erwiedern würde, die ihm der Herr Superintendent machte; ein anderer hatte die Ostereier in seiner Gemeine abgestellt, welches, wie meine Mutter behauptete, ein aus andern Ländern nach Curland gebrachter, nicht allgemein im Schwange gehender, unchristlicher Gebrauch wäre, und dieser gute Mann war in Kupfer gestochen. Ich weiß bis diesen Augenblick nicht, wie er zu dieser Ehre gekommen war. Meine Mutter hatte diesen Kupferstich lange verwahrt, ohne davon einen andern Gebrauch zu machen, als daß sie, wie sie sagte, dieses Bild alle heilige Abende vor Ostern eine Stunde angesehen. Sie behauptete, daß ich etwas ähnliches in der Gegend um die Augen von diesem so ehrwürdigen als beherzten Manne hätte, obgleich ich davon nicht die mindeste Spur zu entdecken im Stande war.

Es sey nun dieses oder etwas anderes die Ursache, genug, meiner Mutter wandelte auf einmal der Einfall an, diesen Kupferstich unter Glas zu setzen und unter den Spiegel zu hängen, der im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen hing.

Mein Vater widersprach diesem Gedanken, da ein Glaser unsere Straße zog, und ist also dieser gute Mann, obgleich er die Ostereier abgebracht, nicht der Ehre gewürdigt worden, im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen unter dem Spiegel zur Schau gestellt zu werden. Sie war etwas ungehalten über meinen Vater, obgleich sie sich solches nicht weiter mer ken ließ; indessen war es nicht das erstemal, daß sie sein Conto mit einer Schuld belastete. Sie faßte dieses und beinahe alles, was sie sonst noch auf ihrem Herzen und Gewissen hatte, die Noth des ganzen Pastorats zusammen, und schrieb's flugs unter die Rubrik:nicht aus dem Stamme Levi. Ihrem Zorne brachte sie ein Opfer, das sie nachher sehr bereuete. Sie schickte eben so flugs den Rahmen abzusagen, den sie für den Kupferstich bestellt hatte, und war verbunden, obgleich [16] der Nahmen noch nicht zur Hälfte fertig war (und dieses gab zu neuem Aergerniß Gelegenheit), ihn ganz zu bezahlen. Nachdem sie ihre zu Paaren getriebene Ideen wieder zu Hauf gebracht hatte, entwarf sie einen neuen Operationsplan, der ihr auch glücklich einschlug, nämlich diesen verdienstvollen Mann in der Speisekammer aufzuhängen. Hier, sagte sie, kann er sich ohne Rahmen behelfen und niemand wird zu ihm sagen: Freund! wie bist du hereinkommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?

Ich kann es nicht schicklicher anbringen, daß meine Mutter bei aller Gelegenheit feierlich war. Es ward im Pastorat mit nichts anderm als mit Weihrauch geräuchert; alles, was meine Mutter vornahm, ward besungen. Dieses ist der eigentliche Ausdruck. Die Natur hatte sie mit einer sehr melodischen Stimme ausgestattet. Das Bewußtseyn dieser Mitgabe der Natur war indessen nicht die Ursache ihres treufleißigen Gesangs. Meine Mutter wird die Ursache hievon gelegentlich selbst angeben. Sie fing, sobald ihr etwas zu Herzen ging, einen Vers eines geistlichen Liedes in bekannter Melodie aus freier Faust (um ihren Einhornschen Ausdruck nicht zu verfälschen) zu singen an, den alles, was zu ihrem Departement gehörte, mit anzustimmen verbunden war. Sie sang mit Kind und Rind. Es war daher natürlich, daß jedes, so bei ihr in Diensten war, Probe singen mußte, weil außer dem Hausdienst auch eine Art von Küsterstelle durch jedes Hausmädchen vergeben wurde. Vor diesem hatte meine Mutter, nach ihrer selbst eigenen Relation, die Gewohnheit gehabt, einen jeden herzlichen Vorfall mit einem ganzen Liede zu bezeichnen; mein Vater indessen, der anfänglich bemüht gewesen, diese Gewohnheit völlig abzuschaffen, hatte sie doch am Ende nachlassen müssen. Sie ward aber von ihm bis auf einen Vers eingeschränkt, den meine Mutter nicht um die Herzogthümer Curland und Semgallen gelassen hätte.

Ich hab' es oft erfahren, daß mein Vater zuweilen den zweiten [17] Diskant extemporirte und meiner Mutter zum Munde sang, so daß er mithin von seiner vorigen Meinung a posteriori abgegangen war. Meine Mutter rechnete ihm diese Bekehrung im Conto sehr hoch an, und je lauter er mitgesungen hatte, je mehr wurde ihm zu gut geschrieben. Sie wußte sogar den Zeitpunkt anzugeben, wenn mein Vater, der, wie die Folge zeigen wird, keine Anlage zum Geistlichen besaß, aufgehört hätte ein Liederstürmer zu seyn, und diesen Zeitpunkt werden wir übermorgen (ich rechne nach mir und bitte meine Leser deßfalls um Verzeihung) erreichen. Meine Mutter wußte den Rückfall meines Vaters, den sie des zweiten Diskantes unerachtet noch immer befürchtete, so sehr zu verhindern, daß sie seine Lieblingslieder den ihrigen vorzog, obgleich sie es auch mit ihren Lieblingen nicht verdarb, unter denen einige waren, bei denen mein Vater unmöglich den andern Diskant singen konnte.

Das Lied: Ich bin ein Gast auf Erden, schien für meinen Vater gemacht zu seyn, und fast ward kein Glas gebrochen, ohne daß meine Mutter nicht anstimmte:


Die Herberg' ist zu böse,

Der Trübsal ist zu viel;

Ach, komm mein Gott und löse

Mein Herz, wenn dein Herz will;

Komm, mach ein sel'ges Ende

Mit meiner Wanderschaft,

Und was mich kränkt, das wende

Durch deinen Arm und Kraft.


Ich wette, wenn meine Mutter mit diesem Liede meinen Vater gleich zu Anfang bestochen hätte, sie würde nicht auf einen Vers begrenzt worden seyn. Kaum hatte einer der zwei Streiter über die Namen von Curland, Lettland und Semgallen Abschied genommen, und gleich sang ihm meine Mutter nach:


[18]

Wo ich bisher gesessen,

Ist nicht mein rechtes Haus;

Wenn mein Ziel ausgemessen,

So tret' ich frei heraus.

Und was ich hier gebrauchet,

Das leg' ich alles ab;

Und wenn ich ausgehauchet,

So scharrt man mich ins Grab.


Gern, das weiß ich, hätte sie unter der Predigt: vom Vaterlande, wie an hohen Festen diesen Vers angestimmt, wenn sie geglaubt hätte, meinem Vater hiemit einen Liebesdienst zu erweisen. Seine Singzeit indessen war noch nicht gekommen, und außerdem hatte er den Grundsatz: die Andacht gehör' ins Kämmerlein. Der Gesang blieb also bloß unter den Hausgenossen.

Wer keine Einbildungskraft hat, sagte mein Vater, hat auch kein Gedächtniß. Ein großes Gedächtniß kann die Urtheilskraft schwächen, allein auch stärken. Wer sich durch hundert Meinungen, die er weiß, nicht stören läßt und noch eine für sich besitzt, hat viel Gedächtniß und viel Urtheilskraft. Die besten Köpfe klagen am meisten über Gedächtniß. Sie sehen ein, wie viel noch zurückbleibt, was sie nicht wissen, und wollen sich auf eine Art, die ihnen am wenigsten zu stehen kommt, bei Ehren erhalten. Ein Mann von starker Beurtheilungskraft macht sich nur Merkzeichen durch die Vernunft, die Imagination ist bei ihm bloß Köchin. Was sollte ihn also zurückhalten, ohne roth zu werden, über schwaches Gedächtniß zu klagen? Manche, um auch für tiefe Denker gehalten zu werden, machen es nach, obgleich die guten Leute weit eher über schlechten Verstand klagen könnten.

Zum recht guten Gedächtniß gehört, etwas ins Gedächtniß fassen, behalten und sich wieder erinnern. Sieh bei der Sache [19] auf Ursach und Wirkung, inoculire alles auf dein Lieblingsstudium, und es ist dir auch im spätesten Alter, als hättest du es vorm dreißigsten Jahre, bis zu welcher Zeit beim Menschen alles in der Blüthe steht, gelernt. Witzige Leute haben schreckliche Gedächtnisse. Ueberall finden sie eine Aehnlichkeit – weil diese aber oft zu schwach ist, oder weil sie mit einem Blick zehn Aehnlichkeiten finden, vergessen sie alles; das Bewußtseyn, fassen zu können was man will, thut bei einem Genie oft größere Dinge, als wenn's schon ein gerüttelt, geschüttelt und überflüssiges Maß im Kopfe hätte. Ich habe noch keinen Dichter gekannt, der nicht schnell gefaßt hätte, was er gelesen. Beim mündlichen Vortrage gelingts nicht allen. Prosa behalten sie leichter als Verse. Bei andern Leuten ist es umgekehrt. Man würde behaupten können, ein Original müßte wenig Gedächtniß haben, wenn es nicht Leute gäbe, die im Vergessen eben so stark als im Fassen sind. Fassen und Behalten wird im gemeinen Leben für eins genommen, allein ganz unrichtig. Ein jeder Originalkopf muß schnell fassen und schnell vergessen. Etwas bleibt zurück, und nur eben so viel, als nöthig ist, um nicht bloß Abschreiber (Copist) zu seyn. Ein Großmaul hat ein behaltendes, ein Kopf ein fassendes Gedächtniß. Wer viel plaudert, kann auch viel behalten; ein guter Kopf kann nur viel erzählen, wenn er trunken oder verliebt ist; er darf sich indessen beides nur einbilden zu seyn. Wenn ein Poet nicht gut faßt, kommts oft daher, weil er sehen und hören kann und zwar mit Augen und Ohren des Genies, und auch dieser Umstand trägt sein Theil bei, daß er so leicht vergißt. Er kann nichts lesen und hören, was er nicht sogleich mit dem Seinigen bereichert. Er verzinset oft einen Gedanken mit fünfzig Procent, oft mit mehr. Er weiß beständig viel, nur nicht immer was andere wissen. Wer Jahreszahlen und Geschlechtsregister behalten kann, ist kein Dichter.

Lieber Vater, hier macht die liebe Mutter eine Ausnahme. [20] Anlage zur Hauspoesie ist ihr nicht abzusprechen, und wer ihr ein gutes, massives Gedächtniß zugestehen wollte, dem vergäße sie diese Beschuldigung selbst im Himmel nicht, und wenns auch nur bloß darum wäre, um ihr Gedächtniß zu beweisen. – Was sie behält, ist eisern. Meine Mutter wußte nicht nur alle mögliche Lieder aus- und inwendig, sondern besaß auch eine so genaue Lebensbeschreibung von vielen Liederdichtern, daß sie beinahe den Schöpfungstag von jeder Strophe wußte. Es war ihr von vielen Jahr und Tag bekannt, und was das allermeiste war, sie konnte sagen, was jede ihrer Herzensstrophen bei diesem oder jenem für eine Wunderkur gemacht hatte.

Mein Vater, der von dergleichen Dingen nicht das mindeste wußte, hörte ihr (ohne Zweifel von dem Zeitpunkte, da er den zweiten Diskant zu singen anfing) andächtig zu, und schien an ihrer Zufriedenheit über dieses geneigte Gehör theilzunehmen.

Die singende christliche Hausgemeine war noch an den Worten:


Und was mich kränkt, das wende

Durch deinen Arm und Kraft,


und frisch fing meine Mutter an, als wenn sie festen Fuß fassen und occupiren wollte:


»von Paul Gerhard


War mein Vater nicht unter ihren Zuhörern, pflegte die Leichenpredigt länger und erbaulicher zu seyn, und beständig fand sie alsdann auf ihrem Wege Umstände, die mit Umständen, so Leuten aus ihrer Familie begegnet waren, eine Aehnlichkeit hatten. Reiste mein Vater mit, war der Weg wie auf der Diele, und nie sprach sie bei einem Anverwandten auf der Landstraße an, es wäre denn zuweilen bei ihrem sel'gen Herrn Vater oder Großvater, um ihnen aus Kindespflicht die Hände zu küssen.

[21] Paul Gerhard hatte Berlin wegen des Streits der Lutheraner mit den Reformirten verlassen, nachdem er aus Lüben (denkt an Liebau, sagte sie, wenn euch der Name zu schwer fällt) nach Berlin gekommen, und ihr seliger Herr Vetter war, um allen allerlei zu werden, vom Landpastorat nach Mitau als Stadtpastor gegangen und hat in Mitau ein Bein gebrochen. Doch warum nicht sie selbst? Damit meinen Lesern die Zeit nicht zu lang werde, soll mein Vater ab- und zugehen.

»Es ist ganz besonders, daß Herr Paul Gerhard – sein Sohn, Paul Friedrich Gerhard, war Magister; auch gut! allein, so viel ich weiß, kein Liederdichter. Schade!) Es ist ganz besonders, sag' ich, daß Herr Paul Gerhard, welcher als Ober- oder Primarpastor 1676 den siebenzehnten, und nicht den siebenundzwanzigsten Mai, im siebenzigsten Jahre seines reifen Alters unter die himmlischen Sänger aufgenommen ward, kein Lied gemacht hat, das mit C anfängt, obgleich wir sonst viele vortreffliche Lieder haben, die mit diesem Buchstaben anheben. Ich laß jeden Buchstaben in seiner Ehr' und Würde, allein unter den Consonanten ist C mein Liebling. Hat dein Vater je sich des Unterdrückten, des Nothleidenden (sie wandte sich zu mir) angenommen, so war's, indem er behauptete, der Buchstabe C sey so gut deutscher Bürger im ABC als irgend einer, und indem er den Candidaten – ohne C widerlegte. Da die Letten ohne C sind, so könnte man den Herrn Oberpastor Paul Gerhard einen curischen, einen lettischen Sänger nennen, wenn er anders damit zufrieden wäre, woran ich zweifle. Wer Gerhards Lebensgeschichte mit leichter Mühe und ohne Kopfschmerz zu behalten Lust hat, merke sich vier Sieben.«

»Im Jahre sechzehn hundert sechs und siebenzig, den siebenzehnten Mai, im siebenzigsten Jahre, und in Hinsicht des Zweifels wegen seines Sterbetages sieben und zwanzig. Dieser Zweifel hat, wie mich dünkt, einen Druckfehler, eine[22] Schwachheitssünde zum Grunde. Wer kann wissen, muß jeder, der ein Buch schreibt, bekennen, wie oft er fehle.«

Da hast du ganz recht, liebe Mutter; und ich, der ich zweihundert Meilen vom Druckorte entfernt bin, setze bei dieser Gelegenheit mit einer Verbeugung an alle Recensenten hinzu: Verzeihet die verborgenen Fehler. (Meine Mutter fährt fort:)

»Gott weiß, wie die Worte in der Ausgabe des Herrn Feistking lauten. Es ist diese Ausgabe für mich ein Licht unter einem Scheffel. Das Manuscript hat Herr Johann Heinrich Feistking vom Herrn Magister Paul Friedrich Gerhard erhalten.«

Meine Mutter bedauerte, daß sie nicht selbst der Herr Johann Heinrich Feistking bei dieser Gelegenheit gewesen, und wär's auch nur, setzte sie hinzu, der grünen, rothen und blauen Grenzzeichen und Fähnchen halber. Die Autorzeichen brachten sie auf die Tintarten, welche sie alle so wie eine Mehl- und Milchspeise oder Grütze anrichten zu können vorgab. Mein seliger Großvater, sagte sie, konnte ohne alle diese Tinten kein Concept zur Predigt vollenden. Mein seliger Vater brauchte nur die rothe, und jetzt bin ich bis auf die schwarze, und auch die (mein Vater war die ganze Zeit abwesend) wird wenig gebraucht, außer Uebung.

Der holdselige Mann, Paul Gerhard, hat das Feistking'sche Exemplar mit allem Fleiß revidirt. Sein letzter Federstrich war in dieses Buch, und eben schrieb ein Erzengel


seinen Namen auf's beste

in's Buch des Lebens ein.


Ich habe die Vorrede des Herrn Feistking nicht gelesen, sondern nur in ein anderes Buch eingebrockt gefunden; indessen gehört es eben nicht zum Stern und Kern dieser Vorrede, daß Paul Gerhard daselbst mit dem Dr. Martin Luther proclamirt und gepaart worden, und daß man sogar (unter uns gesagt) den Wunsch [23] äußert, daß Gerhard dem Dr. Martin Luther beim Reformationswerk geholfen hätte. Ich thue Einspruch, Herr Feistking, nicht des Buchstabens C, sondern des auserwählten Rüstzeugs Dr. Luthers wegen, der auch wußte, was Sang und Klang war. – – Hier eine Lobrede auf Luthern, der darum, wie meine Mutter sagte, zu Eisleben geboren, weil ihn Gott das Eis zu brechen erkoren. Wir! wir! (sie sang diese Worte in der Melodie: wir glauben all' an einen Gott) wir, – setzte sie ohne Sang fort, – die wir aus Bescheidenheit den Zunamen Lutheraner angenommen, sollten mit dem Vornamen Reformatoren heißen; gewisse andere Leute aber, die nicht paulisch oder kephisch seyn wollen, können beim Namen Reformirte bleiben. Nach dem Luther (mein Vater kommt) muß ich gestehen, keinen bessern Liederdichter als Gerharden zu kennen. Er und Rist und Dach sind einKleeblatt, das auserwählte Rüstzeug Luther aber die Wurzel. Gerhard dichtete während dem Kirchengeläute, könnte man sagen. Ein gewisser Druck, eine gewisse Beklommenheit, eine Engbrüstigkeit war ihm eigen. Er war ein Gast auf Erden, und überall in seinen hundert und zwanzig Liedern – ich wünschte wohl, es wären ein hundert und siebenzig wegen der sieben – ist Sonnenwende gesäet. Diese Blume drehet sich beständig nach der Sonne und Gerhard nach der seligen Ewigkeit. Schwermüthig –

Recht, sagte mein Vater; allein weißt du auch warum?

»Warum?« meine Mutter, »weil er nach dem vorgesteckten Kleinod blickte.«

Weil er ein böses Weib hatte. – Sobald ihn Gott von dieser bösen Sieben erlöste, war keine Sonnenwende mehr in seinem poetischen Gärtchen. Er sang; allein es sang kein Gerhard mehr. Was die Xantippe dem Sokrates war –

Dieser Blitz traf das Wort auf der Zunge meiner Mutter; [24] es bebte noch eine Minute auf der bläulichen Oberlippe, allein es war so matt, daß es in der Geburt seinen Geist aufgab. Meine Mutter, die sich ihres Geschlechts überhaupt anzunehmen gewohnt war, mußte von meinem unlevitischen, unpoetischen Vater, der zum zweiten Diskant nur par bricole gekommen war, erfahren, daß er die Asche einer Oberpastorin entheiligte und ein Sacrilegium beging. Das war mehr als sie tragen konnte! – Sie verstummte vor ihremScherer, und nach einer guten Viertelstunde allererst, nachdem das Herzgespann nachgelassen, sang sie, ohne zu sagen, von wem das Lied gedichtet war:


Wenn böse Zungen stechen,

Mir Glimpf und Namen brechen,

Will ich bezähmen mich;

Das Unrecht will ich dulden,

Dem Nächsten


(meine Mutter sang dieses Wort mit einem tiefen Seufzer)


seine Schulden

Verzeihen gern und williglich.


Dieses war für heute genug am Gemälde meiner Mutter. Daß sie Gedächtniß und, wo nicht ein poetische Puls-, so doch Blutader, wo nicht prasselndes Odenfeuer, so doch eine glühende Kohle vom Altar gehabt, werden meine Leser selbst gefunden haben. Noch einen Zug um die Nase herum, der sich eben bei mir meldet, und es übel nehmen könnte, wenn ich ihn nicht, so spät es auch ist, beherbergen sollte. Meine kreuzbare Mutter war eine so große Verehrerin der Reime, daß sie sogar ein Gelübde abgelegt hatte, gewisse Worte nie zu trennen. Kern und Stern,Rath und That, Kind und Rind. Hack undPack, Dach und Fach, Knall und Fall u.s.w. waren nach ihrer Meinung Zwillinge, Doppelbrüder. Außer diesem behauptete sie, daß gewisse Reime für einander geboren, im Himmel geschlossen wären und durchaus [25] ins Eheband treten müßten, als da sind Stank und Dank, Mund und Pfund,Glimpf und Schimpf, Noth und Tod,Kleider und Schneider, Student und Recensent, Schelm und Helm. – »Was Gott zusammenfügt,« pflegte sie zu sagen, »soll der Mensch nicht scheiden. Wer solche Reime trennt, scheidet eine Ehe; und wer einen andern Reim in diese Stelle aufnimmt, heirathet im verbotenen Grade.« Sie behauptete, die Reime wären gleichsam die Riemen, durch welche das Gedicht verbunden würde, und muß ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie bei ihrem poetischen Trichter, oder dem in sechs Stunden einzugießenden Unterricht zur deutschen Dicht- und Reimkunst 1 die Regel gab: trachtet am ersten nach dem Reime der zweiten Reihe, der erste wird euch zufallen, und es wird der Vers wie gegossen seyn. –

Jetzt in die Speisekammer auf ein Gericht Eier.

Der Himmel helfe uns ad mala. Es wird für meine Leser und für mich, glaub' ich, das Beste seyn. Sollte indessen meinen Lesern das Schälchen, das ich aus gutem Herzen nach nordischer Art zum Willkommen herumreichen lasse, Appetit machen und Promulsis (der erste Gang) nicht mißfallen, so hoff' ich, caput coenae (die Hauptschüssel) dieses Theils wird auf ein gleiches Glück Hoffnung machen können. Ein Thaliarchus, ein Credenzer, Disponent, ein Gläserzähler, ein Taktschläger ist mir bei der Mahlzeit eine unausstehliche Creatur.

Meine Mutter läßt zur Canonisation läuten, die einen ihrer Vorfahren treffen soll. Die Reliquien dieses Candidaten zur Standeserhöhung bestehen in einem Kupferstiche, und obgleich, wenn er nach den neuesten päpstlichen Grundsätzen behandelt werden sollte, ihm rechtlich entgegenstände, daß er noch nicht hundert Jahre gestorben, [26] so wird doch bei dieser protestantischen Ceremonie dieser Einwand keine Bedenklichkeit abgeben.

Es war ein Sonnabend – denn dieses war ein Tag, den meine Mutter unter den Tagen, so wie die C unter den Consonanten (alles Widerspruchs des Kandidaten ohne C unerachtet), schätzte. Die C, um aufrichtig zu seyn, weil die Letten diesen Buchstaben nicht haben; den Sonnabend, den heiligen Abend, weil sie selbst, im Fall ich mich so ausdrücken darf, ein heiliger Abend – wenn man nur hinzusetzt, welches einem Sohne nicht zusteht, so haben sie meine Leser in einem Zuge ganz – also nur ein heiliger Abend war. Meiner Mutter gebührte allerdings eine Glorie, allein nur vom Mondschein. – Wegen des Sonnabends muß ich noch bemerken, daß sie von meinem Vater alsdann wegen der Beichtvesper am wenigsten einen Einbruch zu befürchten hatte, und daß der Sonnabend bei allen Priesterweibern dies festus, ein hervorragender Tag ist.

Es war ein Sonnabend, da mich meine Mutter mit dem ersten Verse des Liedes:


Freu dich sehr, o meine Seele,

Und vergiß all' Angst und Qual –


aufsang und nach dessen Vollendung mich also anredete: »Ich weiß, daß dieses Lied einem armen Sünder zugeschrieben wird, der in Hamburg wegen begangener Nothzüchtigung eines neunjährigen Mädchens enthauptet worden. Allein außerdem, daß dieser arme Sünder Doctor in der Medicin gewesen, so glaub' ich auch die ganze Armensündergeschichte nicht. Es ist vielmehr dieses Lied eine Messerspitze von den geistlichen Liedern des Simon Graf, die er unter dem schönen Titel: Geistliches edles Herzpulver, in drei Theilen herausgegeben hat, 2 und dann [27] am Ende, liebes Kind, sind wir alle arme Sünder, – allein wir haben nicht alle ein neunjähriges Mädchen genothzüchtigt, sind aber alle in Sünden empfangen und geboren.«

»Was ist Nothzucht, liebe Mutter?«

»Nothzucht, mein Kind!« sagte meine Mutter, und ich war voll Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, – »ist Nothzucht. Leg dein Feierkleid an, streu Puder auf dein Haupt, und wenn keiner vorhanden ist, Weizenmehl, und sieh heute wie man dem thut, den deine Mutter ehren will aus dem Buche Esther, im sechsten Capitel und sechsten Verse.« Nach einer langen Deliberation, wie die feierliche Handlung vollzogen werden sollte, ging dieser Triumph, oder Oration, oder Leichenconduct an. Io Triumphe! derTriumphator, welchem diese Ehre in effigie erwiesen wurde, lag auf zwei Folianten, und auch dieses kam von ungefähr, sonst würde selbst diese Spur von Triumphwagen nicht gewesen seyn. Bei meiner Uebermessung, die mit einer curischen Elle geschah, fand es sich, daß kein Stuhl hoch genug für mich war, den Kupferstich dem Himmel nahe genug zu bringen, wie meine Mutter sich ausdrückte, welches Ziel aber durch Beihülfe dieser Folianten erreicht werden konnte. Da die Folianten inzwischen einmal im Spiele waren, legte sie selbige kreuzweise so, daß also nicht einer auf dem andern lag. Sie spreitete endlich ein weißes Tuch über sie. – Man kann, sagte sie, auch dabei seine erbaulichen Gedanken haben. Noch gehörten zu diesem Ehrenwerk vier flimmernde Nägelchen und vier Streifen schwarzes Papier. Eine Leichenrede wurde deßhalb entkleidet, die auf einen reformirten Geistlichen gefertigt war. Die Nägelchen und die vier Streifen legte meine Mutter wie Ehrenzeichen neben den Kupferstich. Auf dem Wege von dem Ort, wo ihm der Platz unterm Spiegel gegen Morgen war abgeschlagen worden, wurden Tannenreiser bis in die Speisekammer gestreut. Unterweges war meine Mutter, wie man [28] in der Affekthitze zu seyn pflegt, still. Der Fall war zu groß, um Sang und Klang zu verstatten. Stille Begräbnisse kommen überhaupt der Natur am nächsten, wenn anders der Verstorbene keine lachende Erben nachläßt. Meine Mutter trug die Füße, ich das Haupt, und so kamen wir ins Delubrum, ins Sacrum, ins Gewölbe. Es kam mir unterwegs besonders wegen des weißen Tuches, welches bei meinen Lesern noch im frischen Andenken flaggen wird, so vor, als ob ich eine Leiche trug, und meiner Mutter muß es eben so vorgekommen seyn, denn sie sagte (dies war alles, was geredet wurde): den Weg, mein Sohn, müssen wir alle, und konnte wohl unmöglich die Speisekammer darunter verstehen. Ich merkte aus allem, daß meine Mutter eine Rede an mich halten wollte, und kann vielleicht dieser Umstand mit das Seinige zur Stille beigetragen haben, wodurch diese Handlung geweihet wurde. »Er hat gelitten und hat gesiegt,« fing sie an, »er ist gestorben und sieh! er lebt.


Schau't, die Sonne geht zur Ruh',

Kommt doch morgen wieder;


aus dem Liede: einen guten Kampf hab' ich auf der Welt gekämpfet.« Diese Citation oder eine Wehmuth, die uns Beide anwandelte, lenkte sie vom rechten Wege.

»Dein Ebenbild,« sagte sie, »mein Sohn, wie ein Ei dem andern; – sey ihm an reiner Lehre und reinem Windel gleich, auch« (hier fehlt ohne Zweifel viel) »nimm dich vor harten Eiern in Acht, sie sind schwer zu verdauen.«

»Erinnere dich an die Leiter Jakobs,« sagte sie, nachdem sie sich vom Stickfluß erholet hatte, und die Folianten wurden abgedeckt und das Leichlaken sein säuberlich zusammengelegt. »Zu niedrig,« sagte sie, indem ich die Höhe erstiegen hatte und zu hämmern anfing. »Es stockt in der Speisekammer,« »zu hoch,« gleich darauf: »denn ich kann weiter nichts als vier Sterne sehen.«

[29] Sterne dacht' ich, liebe Mutter. – Sechs für einen Vierding.

Endlich traf ich die rechte Stelle, und nachdem das Monument fertig war, welches diesem Ehrenmanne um so angemessener schien, als es gerad' über einem Eierbehältniß stand, stieg ich herab und meine Mutter umfing und küßte mich. Es war dieses eine feierliche Umhalsung, eine Accolade und nun? – Meine Leser werden es mir verzeihen, daß ich sie so lange im Finstern gelassen, ohne zu bemerken, daß meine Mutter vier Lichter auf dem Tische angezündet hatte, auf welches Castrum Doloris der Wohlselige, nachdem wir ihn von den Folianten abgehoben, eine ganz kurze Zeit zur Ausruhe hingestellt wurde. Drei von diesen Lichtern löschte meine Mutter so aus, wie andere Leute ihre Lichter auslöschen. Das vierte, ein abgebrannter Stumpf, war während dieser Zeit dem Verlöschen nahe.


»Komm! sieh und lerne sterben!«


sagte sie zu mir. Ich sah ein ausgehendes Licht, und meine Mutter betete mit einer Inbrunst, die mir durch die Seele ging:


– Und wenn mir die Gedanken

Vergehen wie ein Licht,

Das hin und her thut wanken,

Bis ihm die Flamm' gebricht;

Alsdann fein sanft und stille

Laß mich, Herr! schlafen ein

Nach deinem Rath und Willen.

Wann kommt mein Stündelein.


Ich sah, was meine Mutter sagte, und oft! oft! hab' ich mein Licht so ausbrennen lassen, um dieses Fest zu wiederholen.

Meine Mutter legte die Hände, sobald alles aus war, auf mich, um mich priesterlich zu segnen. Wir weinten beide. – Nach einer Weile fing sie an (ich glaube, es sind alles dieses [30] Brosamen, die von ihrem reich besetzten Tische fielen, Stücke von der verunglückten Rede): »die lobwürdigste Fürstin Henriette Louise, Markgräfin zu Brandenburg, ließ sich dieß Lied vorsingen, und obgleich alles um sie herum weinte, starb sie doch ohne Ach und Weh sanft und selig zu Onolzbach im Jahre Christi 1650, ihres Alters sieben und zwanzig Jahr. Gott! laß es nur ein Stündlein und nicht eine ganze Stunde seyn, wenn wir heimfahren aus diesem Elend!« Wir brachten die Folianten zu Hause und meine Mutter sang, ohne zu bestimmen, ob's auf Folianten, oder auf Kupferstich, oder auf alle papierne Monumente und Denkzettel gezielt wäre:


Man trägt ein's nach dem andern hin,

Wohl aus den Augen und aus dem Sinn,

Die Welt vergisset unser bald,

Sey jung oder alt,

Auch unsrer Ehren mannigfalt.


Seyd getrost, verdienstvolle Männer (ich will meiner verstummten Mutter aushelfen). Habt ihr nicht das Glück, am Spiegel zu hängen, so ist noch die Speisekammer übrig. Stockt es hier gleich, es schadet nicht, das Bild kann hoch geschlagen werden. Beschert euch nur der Himmel Augen, die vier kleine Nägel für Sterne ansehen, habt ihr gewonnen Spiel.

Nach dieser vollbrachten Arbeit verlangte meine Mutter, daß ich diesen Tag in einem feinen, guten Herzen behalten, und ihn jeden heiligen Abend vor Ostern durch eine Wallfahrt in die Speisekammer (wie sie sich ausdrückte) feiern und erneuern sollte; dieses ist, sagte sie, die Aussaat; vor Ostern, den heiligen Abend, sollst du ernten. Der Geber aller guten und vollkommenen Gaben verleihe dir gutes Wetter oder ein Herz nach seinem Herzen zur Ernte.

Daß aber der ausgesäete Weizen nie zur Reife gekommen und [31] aus dieser Wallfahrt nie etwas geworden, ist einer von uns beiden Schuld, der frommeSchweppermann oder ich. Meine Mutter zog mich wegen eines Epitaphiums zu Rathe, und mir mußte zum Unglücke einfallen:


Dem Mann ein Ei,

Dem frommen Schweppermann zwei;


weil Schweppermann nicht Superintendent in Curland, sondern


Ein Ritter, keck und fest,

Der zu Gnadersdorf im Streit' that das Best',


gewesen, so bekam der Vorschlag meiner Mutter eine andere Wendung. Der bestimmte heilige Tag fiel aus, allein nicht zu meinem Nachtheil, denn wenn ich nach der Zelt ein Stück Geräuchertes zu ernten Lust hatte, wallfahrtete ich Hand in Hand mit meiner Mutter nach dem Mausoleum (oder nach einer ehrlichen deutschen Uebersetzung) in die Speisekammer. Es hing der Tag unseres Eierheiligen von der Angabe meines Magens ab, und war, so oft mich außer der Mahlzeit hungerte. Je nachdem ich Appetit hatte, ward auch die Feierlichkeit zur Ehre eines Mannes zugeschnitten, der nach der Bemerkung meiner Mutter, die sie mehr als einmal anbrachte, »so wie die Speckseiten und Würste, seine Nachbarn, gekommen wäre aus der Rauchkammer dieses Lebens.«

Zur Steuer der Wahrheit steh' es hier wie eine Ehrensäule, daß meine Mutter, wider die Gewohnheit aller Weiber, nicht geizig war. Sie wollte nicht die Eier abschaffen und Hühner dafür einführen, sondern die Rechtgläubigkeit, wie sie sagte, lag ihr hiebei bloß am Herzen.

Mein Vater (damit ich sobald als möglich die vacante Stelle besetze), den meine Mutter durch diesen an seinen Ort gestellten Kupferstich ohne Zweifel auf den Gedanken brachte, daß im Prunkzimmer, zur rechten Hand unter dem Spiegel, kein unrühmlicher Ort im Pastorat wäre, vocirte den Kupferstich des Eugen an [32] diesen ledigen Platz. Er ließ meine Mutter vorderhand bei ihrer voreilig gefaßten Meinung, daß dieser Kupferstich der Herzog Gotthard wäre, welchen sie für den größten Helden hielt, der je in der Welt gelebt hätte, und dem allein sie den Rang über den Superintendenten gestattete, obgleich sich die Herzoge von Curland wir von Gottes Gnaden schrieben und Landeshoheit haben. Es war mein Vater sich als ein Deutscher diese Huldigung schuldig, und nie hat er es verfehlt, dem Namen eines Deutschen Ehre zu machen. Das erste Wort, was er mich aussprechen lehrte, war, aller seiner Kenntniß in fremdem Sprachen unerachtet, ein schweres deutsches. Deutsch eben darum, warum Eugen im Pastorat zur rechten Hand unterm Spiegel des Prunkzimmers hing, schwer, weil mein Vater in allen Dingen die Gewohnheit hatte, mit dem Homer anzufangen.

Damit aber meine Leser ja nicht Realinjurien begehen und an den Gedanken grenzen, als ob mein Vater auch nur stillschweigend eine Unwahrheit verübt, so muß ich ihn bei dieser maßgebenden Gelegenheit rechtfertigen und ihn über jenen Heiden herausbringen, dem man zur Steuer der Wahrheit nachsagt, daß er auch nicht im Scherze unrichtig geworden, welches in unserer galanten Mundart ungefähr heißen würde, daß er keine einzige Equivoke gesagt habe. Wer weiß es nicht, daß eine stillschweigende Lüge eine himmelschreiende stumme Sünde sey, der feinste Meuchelmord, und eben darum der gewöhnlichste. Was meinet ihr, lieben Leser! mißt mein Vater nicht einen Zoll und einen Strich mehr?

Gotthard, sagte meine Mutter, der Held der Helden. Nicht also, fiel mein Vater ein. Eugen! ein Deutscher, der in seiner Jugend Theologie studirte und schon wirklich Candidatus theologiae war, ein rundes Perückchen trug und gepredigt hatte. Dieß brachte meine Mutter zur Andacht. Warum, sagte sie, ging er von der engen Straße, die zum Leben führt? Um der Religion [33] bessere Dienste zu thun, erwiederte mein Vater; um sein Schwert wider die zu ziehen, welche jetzo die Wache zum heiligen Grabe geben und das Schlafgemach unseres Herrn und Meisters usurpiren. Eugen hieß der kleine Abt in Frankreich, und ward ein großer Mann in Deutschland. Die mittelmäßige Statur ist die Gestalt der Helden. – Unser Sohn wird, Gottlob! groß werden, sagte meine Mutter. – Gottlob! er wird es nicht werden, erwiederte mein Vater. Die Titel des Eugen sind, fuhr er fort, Herzog von Savoyen und Piemont, Markgraf zu Saluzzo, Ritter des goldenen Vließes, der römisch kaiserlichen und königlich katholischen Majestät wirklicher Geheimer- und Conferenz-Rath, Hofkriegsraths-Präsident, General-Lieutenant, und des heiligen römischen Reichs Feldmarschall, General-Vicarius der sämmtlichen italienischen Erbkönigreiche und Lande.

Meine Mutter machte, da mein Vater sich bei jedem neuen Ehrenworte beugte, eine Gegenverbeugung, – ohne daß man eigentlich bestimmen konnte, ob's meinem Vater oder dem Eugen galt, und da die Heldengeschichte eben kein Studium für meine Mutter war, so kam manches vor, was sie zum erstenmale hörte. Bei meines Vaters Bemerkung, Eugens Mutter wäre des bekannten Cardinals Mazarini Nichte gewesen, konnte meine Mutter anfänglich nicht begreifen, wie ein Cardinal eine Nichte haben könnte? – Es fühlte Eugen (fuhr mein Vater fort und sah meine Mutter lieblich an) im Gemüthe und Geblüte väterliche Regungen, und dieses Gefühl war unfehlbar die Hauptursache, warum er das Brevier mit dem Degen vertauschte. Ob nun gleich meine Mutter, was den Punkt der heiligen Ehe betraf, sehr protestantisch dachte, so schüttelte sie dennoch wegen dieses Tausches das Haupt. Bei dem eingeweihten Degen, den Papst Clemens der XI. dem Eugen schickte, und beim Anfange seines Anschreibens: Unsern Gruß und apostolischen Segen zuvor, geliebter Sohn, edler Mann! – warf [34] sie die Frage auf: wie doch wohl der curische General-Superintendent an den Eugen geschrieben haben würde?

Mein Vater schloß die Standrede über Eugen, um sich meine Mutter, die nicht ohne Neid den Eugen unterm Spiegel sahe, zu verpflichten: daß dieser unüberwundene Held den ein und zwanzigsten April zumewigen Jubilate eingegangen.

So waren also die beiden Monumente für Eugen, der nie geschlagen worden, und meiner Mutter Ahnherrn, der durch Abschaffung der Ostereier sich unsterblich gemacht, errichtet! Der liebe Gott schenke beiden (dieß sagte meine Mutter, da mein Vater den Rücken gekehrt hatte) in der Erde eine sanfte Ruhe und am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung, wo es sich ausweisen wird, ob Eugen oder der gute Pastor eher verdient, unter dem Spiegel gegen Morgen im Prunkzimmer zu hängen, wenn gleich auch unser Anverwandter sich über sein Plätzchen in der Speisekammer nicht beschweren darf.

Ich habe zwar von meinem Vater, da ich nicht capitelfest bin, nur wenig und das im Beilauf gesagt, meine Leser aber werden schon hieraus die verschiedenen Denkungsarten meines Vaters und meiner Mutter einsehen und ohne Note sich vorstellen, daß ihre Erziehungsart gleichmäßig nicht übereinstimmen konnte. Meine Mutter wollte mich zu einem Geistlichen machen, und wenn man kein Edelmann und doch ein Mensch in Curland ist, kann man keinen andern als diesen Stand wählen, einige weltliche Stellen ausgenommen, deren aber zu wenig sind, als daß viele darauf rechnen könnten, und die, bis auf die Advokatenstellen bei dem Land-Obergerichtshofe in Mitau, noch obenein adeliche Posten sind, und also als in Verfall gerathene Familien angesehen werden, welche ihren Adel mit leichter Mühe erneuern können. Mein Vater schien mich zu etwas anderm bestimmt zu haben. Meine Leser mögen rathen, wozu? denn, in Wahrheit, ich selbst muß mich bei diesem Umstande[35] mit Rathen behelfen, obgleich ich es nicht läugne, mehr Data als meine Leser zur Auflösung meines Räthsels in der Hand zu haben. Er sah es sehr gern, wenn ich Ball schlug, und erlegte selbst mit mir Kegel. Ich hatte zu Anfang Mühe, die Kugeln zu heben; indessen fand sich mit der Zeit eine Stärke in meine Arme, daß das Spiel zwischen meinem Vater und mir ungewiß und eine Wette wurde, und wir abwechselnd gewannen und verloren. Er hatte es gern, daß ich mich herumbalgte, und hierin that ich mich mit dem Benjamin, dem Sohne des altenHerrn, hervor. Sowohl von Vater als Sohn wird sogleich gehandelt werden! Meine Mutter ermahnte mich, so oft ich gerungen hatte, und fügte hinzu, daß jedes Haar auf meinem Haupte gezählt sey.

Ich arbeitete beständig, allein ich wußte es nicht, ich hätte eben so gut glauben können, daß ich beständig spielte. Mein Vater konnte sich über nichts so sehr ärgern, als daß über der Seele der Leib vergessen würde, und daß man das eine bei Hochwohlgebornen Kindern lernen, und das andere spielen hieße. Es ist alles Spiel oder alles Arbeit, pflegte er zu sagen. Die Unvermögenheiten des Leibes hielt er alle für ansteckend in Absicht der Seele. Es ist ein schlechter Wirth, sagt' er, der sein Zimmer mit Seide ausschlägt und von oben einregnen läßt. Vom Kleide auf den Mann, setzte er hinzu, vom Hause auf den Herrn, vom Leibe auf die Seele schließen, ist kein unrichtiger Schluß. Wenn man seinen Körper, den man sieht, vernachlässigt, wie will man an seine Seele denken, die man nicht sieht. Mark macht's aus, setzte er, um sich zu erklären, hinzu, nicht Lange und Breite, Dicke und Höhe. Ein jeder Erfinder ist wenigstens an dem Tage, da er erfand, ein Mann gewesen, und hätte eben so gut ein gesundes Kind in die Welt setzen als erfinden können, und alles, was in der gelehrten Welt Methusalems Alter erreichen und noch älter werden soll, alles, was eigentlich auf die Nachwelt bleibt, hat ein Gesunder gedacht und [36] geschrieben. Die Helden-und Staatsaktionen des Herkules leisteten meinem Vater auf diesem Wege gute Dienste, und er konnte sich sehr freuen, wenn ich Unwillen zeigte, daß ich nicht auch Gelegenheit gehabt, zweien Schlangen in der Wiege das Lebenslicht auszudrücken. Die Geschichte vom Antäus, dem Riesen, war mir ein Brand im Busen; mein Vater goß Oel dazu, und maß mir seine Länge vor. Ich stieg auf den Tisch, um sie recht zu sehen, und so wie ich mich über die Art des Antäus freuete, sich einen Löwen zum Braten zu fangen, so gratulirte ich dem Herkules, daß er diesen Löwenjäger todt zu drücken die Ehre gehabt. Meine Mutter war so wenig mit der Geschichte vom Riesen Antäus, als mit der von der Schlange zufrieden. Bei der Schlange fiel ihr beständig die im Paradiese ein, wobei sie es dem Noa etwas übel nahm, daß er für sie eine recht holländische Toleranz in seinem Kasten gehabt. Sie äußerte bei dieser Gelegenheit die Meinung, daß das Auszischen sich aus dem Paradiese herschriebe, wo der Teufel unsern ersten Eltern auf diese Art übel begegnet hätte, nachdem die armen Betrogenen den letzten Bissen Apfel genossen. Was den todtgedrückten Riesen betraf, fand sie's anstößig, daß er nicht Goliath hieße. Ich war sehr fürs Todtdrücken des Riesen, aber mein Vater zeigte mir das Erhabene, das Göttliche bei der Geschichte des David, und ich lernte nebenher, wie unrecht es sey, mehr Mittel, und wär's auch nur ein Gränlein, anzuwenden, als man Zweck hat.

Wenn meine liebe Mutter den Eifer bemerkte, der mir bei Erzählung vom Herkules unter die Arme griff, so daß ich vor ihren sichtlichen Augen am Tisch und Stühlen ein Exempel statuiren wollte, pflegte sie mich zu ermahnen, meine Arme zum Kanzelschlage zu schonen und sie nicht an unschuldigen Stühlen und Tischen zu entweihen.

Erziehen, sagte mein Vater, heißt aufwecken vom Schlafe, mit Schnee reiben, wo's erfroren ist, abkühlen, wo's brennt. Wer nie [37] ein Kind unterrichtet hat, wird nie über das Mittelmäßige hervorragen. Docendo discimus ist ein großes und wahres Wort! In gewisser Art lernen wir mehr von den Kindern, als die Kinder von uns. Wer ein Auge hat, lernt hier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht, kann sie der Blick umfassen. Wer kann in sie sehen, wenn's Hochmittag ist? –

Wenn ich auf etwas durchaus und durchall bestand, überließ mich mein Vater meinem Eigensinn, und ich sah aus den natürlichen Folgen, wie thöricht ich gehandelt, daß ich seinen Fingerzeig aus der Obacht gelassen. Er behauptete, daß keine natürliche Strafe gleich einer Todesstrafe wäre, und so ließ er nach dieser großen Vorschrift auch mich nur durch Buße bekehren und leben. Ich verbrannte mich am Licht, ich verdarb mir den Magen unterm Pflaumenbaum. Wie der himmlische Vater es mit uns macht, pflegte er zu sagen, so sollten es auch leibliche Väter machen. Welch einen Einfluß diese Lehrart auf mich gehabt, ist unaussprechlich. – Ich lernte Natur, die wir leider bei dem allgemeinen Fall oder Verfall der Menschenlernen müssen. Ich lernte sie im Kleinen und im Großen. Wenn ein Genie allein auf dem Lande geht, pflegte mein Vater zu sagen, bleibt es nicht lange allein, die Natur geht ihm an die Hand. Sie faßt es an, und es versteht die Blume, wenn sie sich neigt, und den liebevollen Hopfen, der sich hinaufranket. Es bewundert den Regenbogen, das Ordensband, das Gott der Erde als ein Gnadenzeichen umhing. Da sehen dann Genies einen gewissen Zusammenhang zwischen Gott und dem Menschen, und sind Seher, von Gott Angehauchte. Dieß ist unendlich mehr, als ein Autodidaktos, ein Selbstgelehrter. Dieser lernt aus Büchern, ein Seher lernt von Gott und aus seiner für ihn aufgeschlagenen Welt.

Mein Vater ließ es nie zu Thätlichkeiten bei seinen Strafgerichten kommen, denn ich verurtheilte mich selbst, und er bewirkte [38] eben hierdurch eine große Absicht. Er erzog nicht einen Sohn, sondern einen Menschen.

Meine Mutter hielt einen Gnadenstoß für nothwendig, und wenn sie mir mit ihrer theuern Rechten einen Ritterschlag versetzte, pflegte sie zu sagen: Besser so als anders! – eine freie Uebersetzung von: besser Ritter als Knecht – und dann sagte sie wieder: Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem Kalbfelle. – In der Hauptsache stimmte sie mit meinem Vater, sie zog nur durch einen andern Weg in eben dasselbe Land. – Regen, der ihr kam, wenn sie die große Wäsche vorhatte, die mein Vater scherzweise Fegefeuer nannte, das war ihr Gottesschlag, und immer wußte sie, mit welcher Sünde sie diesen Regen beim lieben Gott verschuldet hatte.

Ich entsinne mich, als wär's heute, daß sie meinetwegen einen Stock ergriff, – feierlich wie einen an einer Kreuzfahne, allein sie besann sich, wie Diogenes, der einen armen Jungen mit der Hand Wasser schöpfen sah, – sie murmelte: »wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen,« und ich habe also nie unterm Gefreitenstock gestanden, sondern nach Prinzenart, da doch niemand ohne Schläge groß wird, bloß Weiberhänden diesen Tribut bezahlt. Meine Mutter nannte diese Zucht Licht undRecht, und hatte eine sehr feine Distinktion zwischen dem Stabe Sanft und dem Stabe Wehe, womit meinen Lesern aber wenig gedient seyn kann.

Die Sprachen rechnete mein Vater zum Departement des Leibes und der Seele. Man muß, pflegte er zu sagen, nur Eine vollkommen besitzen, das ist reden, schreiben und in ihr denken können. Ein Gott, Eine Taufe, Eine Sonne, Ein Weib, Ein Geist, Ein Leib, Ein Freund, Eine Sprache.

Es gibt, sagte er, keine nackte Wahrheit. Worte finden, heißt denken. Worte sind was Körperliches, was Sinnliches, sie sind die [39] Kleider der Gedanken – Beiwörter der Besatz, Worte der eigentliche Anzug. Wer deutsch gedacht und lateinisch geschrieben hat, ist, wenn er gleich der beste Lateiner wäre, doch ein Deutscher. Cicero würde ihn für keinen Landsmann halten. Um französisch zu schreiben, muß man Franzose seyn, um englisch, Engländer. Wer fremde Sprachen zu etwas mehr braucht, als sich andern Leuten, die nicht unsere Mutter kennen, verständlich zu machen, ist allemal ein schwacher Kopf. Es fehlt ihm wo, es sitze das Uebel, wo es wolle.

Mein Vater war bei alle dem so wenig wider viele Sprachen, daß er sie vielmehr nach dem Thurm zu Babel so nothwendig, als vielerlei Essen nach dem höchstbetrübten Sündenfalle hielt. Viele Sprachen, bemerkte er, sind viele Creditbriefe. Zeige sie vor, du bist überall willkommen. Kein Türke schlägt einen Christen todt, wenn der Christ türkisch kann, und wenn es noch so viel Religionsverdienst wäre. Die Sprache ist eine Herzensschlinge. Man ist bestrickt, man weiß nicht wie. Doch, warum soll ich alles wiedersagen, was mein Vater sagte? Seine Behauptungen waren außer der Weise. Er glaubte, es müßte zu kennen seyn, was bei Licht oder am Tage, was des Morgens und was des Abends gedacht wäre, wenn's nämlich aufgeschrieben worden. Morgengedanken waren bei ihm wie die Erstgeburt heilig. Da ich mehr mit Credit, als mit eignem Vermögen in der Welt handeln sollte, führte mich mein Vater fleißig zu fremden Sprachen an, und ich mußte beinahe alle diese Sprachen zu gleicher Zeit lernen. Alles ohne Donat und Grammatik. Zum Schulmäßigen gewöhnte er mich allererst im vierzehnten Jahre, und konnte ich's folglich als Proben ansehen, die man in der Rechenkunst erfunden, um zu sehen, ob richtig gerechnet sey. Mein Vater hielt viel auf wörtliche Uebersetzungen in Sprachen, die noch leben. Hieraus, pflegte er zu sagen, lernt man eine Nation auf ein Haar kennen, und die feinste Politik und Weltkenntniß ist hier verborgen. Dieß ist der Chiffer zu den Geheimnissen [40] der Völker. Auch sieht man aus der Sprache, ob's im Lande kalt oder warm, neblicht oder klar sey. – Er ging hier noch weiter, ich befürchte aber, meine Leser werden nicht weiter gehen wollen. Bei abgeschiedenen Sprachen, fuhr er fort, tödtet der Buchstabe, der Geist aber macht lebendig. Die Griechen nannte er Kirchenväter der Natur und ihre Sprache den Grundtext des Geschmacks. Wenn man uns zugehört hätte, würde man uns für ein paar Maurergesellen vom Thurm zu Babel gehalten haben. Alles durch einander und doch alles in einander. Mein Vater nahm, wenn er fremde Sprachen mit mir redete, auch fremde Arten an, und das war mir mehr als ein Lexikon! Ich hatte für jede Sprache ein ander Gesicht, eine andere Zunge, eine andere Hand, einen andern Fuß, und besonders eine andere Nase. Worte mußte ich lernen, und er war nicht mit der Lehrart zufrieden, bei Worten das Gedächtniß zu stützen und sich Merkzeichen zu machen. Man hat, sagte er, alsdann Bild und Wort zu behalten. Ein Stammvater von Worten aber diente mir zum Leitfaden bei tausend, zum Nagel im Kleiderschrank, wo man zehnerlei aufhängt. Ich lernte den Stammvater, und wußte Sohn, Enkel, Urenkel, und Ururenkel und Ur Ur, so viel man will.

Die lettische, curische oder undeutsche Sprache lernte ich von meiner Mutter und dem Herrn Jachnis (Johann), dem Aufseher über die Pastoratsbauern oder den Gottes-Berat. Das Pastoratshaus nannte ihn Herr Jachnis und sein Weib Frau Masche (Margarethe), er aber meinen Vater, wenn er gleich deutsch mit ihm sprach, Zeenigs machzitajs (wohlgelahrter und hochzuehrender Lehrer), und aus diesen Namen, die er gab und die ihm gegeben wurden, werden meine Leser ersehen, daß man diesen Menschen halb lettisch, halb deutsch nahm. Es hatte Herr Jachnis den semgallischen Dialekt, der um Mitau herum residirt, und außer diesem semgallischen Dialekte, nach welchem die Bibel ins Lettische gedolmetscht worden, [41] hatte er noch ein Flick von einem Brusttuch, welches einer seiner Vorfahren aus der eigenen Hand des Herzogs Gotthard erhalten, da er ihm das Evangelium am Sonntage Palmarum in undeutscher Sprache aufsagen können.

Mein Vater unterstützte die hohe Idee, die Herr Jachnis, der sich auch wohl von den Pastoratsbauern Amtmann nennen ließ, von dieser Reliquie hatte. Er ließ es sich zuweilen zeigen und ermahnte ihn, sein geistliches Ordensband wohl zu bewahren. Hiezu brauchte Herr Amtmann Jachnis keine Aufmunterung, denn er machte kein Geheimniß draus, daß diesesRitterflick bis an den lieben jüngsten Tag beim Aeltesten in der Familie bleiben sollte.

Meine Mutter ärgerte sich, so oft davon geredet wurde, und versicherte auf Ehre, Pflicht und Gewissen, daß dieses Stück Gewand fünf und mehrere Male verwechselt wäre, und hierin schien sie auch um so mehr Recht zu haben, als es noch ziemlich ungebraucht war. Sie legte es ihm zur Last, daß seine Vorfahren nicht lieber ein Stück von dem Psalmbuche zurückgelassen, welches der gottselige Herzog Gotthard zum Druck befördert, allein gewiß bloß darum, weil einer ihrer poetischen Vorfahren sich darin ein Gedächtniß gestiftet hatte. Mein Vater widerlegte meine Mutter nicht, allein er klopfte dem Herrn Jachnis auf die Schulter und sagte: gut ist gut, besser ist besser. Dieses legten beide, meine Mutter und Herr Jachnis, für sich zum Vortheil aus, so daß sich beide durch ein freundliches Lächeln bei meinem Vater bedankten.

Es lebte meine Mutter überhaupt mit dem Herrn Amtmann in beständigem Streite, obschon sie im Grunde gute Freunde waren. Sie gab ihm an Stärke in der undeutschen Sprache nicht einen kleinen Finger breit nach, allein sie sah diese Sprache aus dem nämlichen Standpunkte, wie ein Deutscher einen Letten. Weil Herr Jachnis auch ein Deutscher war, sprach er zuweilen von ABC, und gleich brachte ihn meine Mutter in eine solche Enge, [42] daß er nicht aus noch ein wußte. Erzen Er pflegte sie ihm nachzuspotten (denn, das H fehlet der lettischen Sprache, so wie das C) sagt ABD, sonst würde man euch wegen Dieberei in Anspruch nehmen.

Die Letten haben einen unüberwindlichen Hang zur Poesie, und ob ich gleich gewiß glaube, dieser Umstand habe den poetischen Samen in meiner Mutter ausgestreut, welche schon in ihren Vorfahren mit diesem Volke zusammen Früchte eines Feldes gegessen und Wasser eines Flusses getrunken, war sie doch in diesem Stücke unerkenntlich. Sie bestritt indessen nicht, daß die lettische Sprache schon halb Poesie wäre. Sie klingt, sagte sie, wie ein Tischglöckchen, die deutsche aber wie eine Kirchenglocke. Sie konnte nicht läugnen, daß die gemeinsten Letten, wenn sie froh sind, weissagen oder in Versen reden, und wenn sie das Gegentheil hätte behaupten wollen, würde Herr Jachnis mit den lieben Pastorats-Angehörigen den Gegenbeweis geführet haben. Herr Jachnis und seine Untergebenen ließen keine Ernte, keine Hochzeit, keine Leichenwache vorüber, wo nicht geweissagt wurde. Bei allen Talcken oder Tagesarbeiten, wo die Leute im Schweiße ihres Angesichts herrlich nach lettischer Art bewirthet wurden, bewiesen sie, daß sie poetischen Geistes Kinder wären. Meine Mutter fand, dem Herrn Jachnis zum Hauskreuz, an dieser poetischen Blumenlese, die ihr zugeeignet wurde, beständig etwas zu rügen, und wenn's auch nur das I und U gewesen wäre, welches die Nothhelfer der Letten sind, so oft es an einer Sylbe gebricht.

Es sind viele, welche behaupten, die Letten hätten noch Spuren von Heldenliedern, allein diesen vielen widerspricht mein Vater: »Das Genie der Sprache, das Genie der Nation ist ein Schäfergenie. Wenn sie gekrönt werden sollen, ist's ein Heu- oder höchstens ein Kornkranz, der ihnen zustehet. Ich glaube, Helden [43] gehören in Norden zu Hause, wo man härter ist und fast täglich wider das Klima kämpfen muß: die Letten könnten also hierzu Anlage haben, wo ist aber ein Zug davon? – Würden sie wohl seyn und bleiben, was sie sind, wenn nur wenigstens Boden zur Freiheit und zum Ruhme in ihnen wäre? In Curland ist Freiheit und Sklaverei zu Hause.«

Mein Vater war eben kein großer lettischer Sprachkünstler; wer aber eine Sprache in ihrer ganzen Länge und Breite versteht, kann über alle Recht sprechen. Er versicherte, nie Fußstapfen von Heldenliedern aufgefunden zu haben, wohl aber Beweise, daß schon ihre weitesten Vorfahren gesungen hätten: und wo ist ein Volk, fragte er, das nicht gesungen hat? Er hatte (wie er's nannte) eine Garbe zärtlicher Liedlein gesammelt, wovon ich seine Uebersetzung besitze, die ich vielleicht mittheilen kann, und wodurch dem undeutschen Opitz des Herrn Pastors Johann Wischmann kein Abbruch geschehen soll. Wenn ich nicht diese Garbe in Händen hätte, würde ich doch vom Urtheil meines Vaters, der kein Curländer war, die Appellation einzulegen anrathen. In diesen Liederchen herrscht bäuerisch-zärtliche Natur und etwas dem Volke eigenes. Die Uebersetzung ist noch meines Vaters Manier.

Weil wir bei den Sprachen sind, muß ich noch bemerken, daß mein Vater nur blutwenig hebräisch, arabisch und chaldäisch u.s.w. aber gar nicht wußte. Er hatte sich wegen des Hebräischen im Anfange vielen Nachreden ausgesetzt, da er so ehrlich gewesen, die Grenzen seiner Kenntnisse nicht zu verbergen. Nach der zehnten Hauptverfolgung, die mein Vater dieserhalb in Curland erlitten, zog ein sehr geschickter Conversus (jüdischer Christ oder getaufter Jude) unsere Straße, und dieser brachte meinem Vater das Jüdisch-deutsche in wenigen Stunden bei. Er hatte den Einfall, auf diese Art an einen seiner Herren Amtsbrüder, der über ihn den größten Stock gebrochen hatte, zu schreiben, und da es dem guten [44] Manne unmöglich fiel, diese Schrift aufzulösen, kam mein Vater in einen so großen Ruf wegen der Grundsprache, daß dieser böse Herr Amtsbruder mit dem großen Stocke meinen Vater für einen getauften Rabbiner gehalten haben würde, wenn meinem Vater damit gedient gewesen wäre. Ob nun gleich dieser Conversus meinen Vater wie einen Brand aus dem Feuer zog, und meine Mutter die Aufmerksamkeit bemerken konnte, die mein Vater für diesen seinen Retter faßte, war sie doch anfänglich sehr wenig mit diesem Hieronymo a sancta fide zufrieden. Sie probirte seinen Glauben täglich mit Schweinefleisch, und da mein Vater ihr diese Mode verwies, andere Gerichte anordnete und den ehrlichen Sprachmeister von dieser Tortur und christlichen Daumenstöcken befreiete, war sie der Gesinnung jenes Königs von Spanien, welcher gesagt hat: drei Wasser verdürben; das süße Wasser im salzigen Meer, das Wasser im Weine, das Taufwasser auf dem jüdischen Kopfe. – »Das Wasser im Weine,« sagte mein Vater, »mit Erlaubniß Sr. katholischen Majestät: der Wein im Wasser.« – Meine Mutter gab nicht sogleich die Allianz mit dem Könige von Spanien auf; indessen wurde am Ende alles beigelegt, und die liebe Frau ging einen für ihren Gast sehr vortheilhaften Frieden ein. Sie fand sogar ein rührendes Vorbild in dieser Einigkeit von der Bekehrung der Juden vor dem jüngsten Tage, welche der Conversus steif und fest nach seiner Versicherung glaubte, und worüber mancherlei und manches geredet wurde. Meine Mutter war sehr für schriftliche Aufsätze, mein Vater, wie alle Leute seiner Art, fürs Mündliche. Die gute Frau war entschlossen, dem Converso eine schriftlich abgefaßte Instruction mitzugeben, da er fröhlich seine Straße zog; indessen blieb es doch bei einer mündlichen.

»Wanken Sie weder zur Rechten noch zur Linken. Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig. Die Beständigkeit sey um Sie wie ein Kleid, das Sie anhaben, und wie ein Gürtel, womit [45] Sie sich gürten. Wie ein frisches Hemde am schwülen Tage sey Ihnen der Trost des christlichen Gewissens. Vater und Mutter haben Sie verlassen, aber der Herr hat Sie angenommen. – Sie werden nicht bloß ein Grasbürger, ein Einwohner der Vorstädte in der Stadt Gottes seyn, sondern mit Ehren und Schmuck werden Sie in die Hauptstadt eingehen: Ihr Kern und Stern bleibe das Lied:


Keinen hat Gott verlassen,«


setzte sie hinzu, »Sie sind ihm diese Dankbarkeit schuldig.«

Der Conversus hatte ihr erzählt, daß für ihn dieß Lied der Wecker zur christlichen Religion gewesen, und ohne Zweifel war diese Erzählung der Eckstein zur Aufsage des guten Vernehmens mit Sr. katholischen Majestät. Sie gab ihrem Freunde den Hauptschlüssel zu allen Versen dieses Leibliedes, aus welchen, wie sie sagte, summa summarum Catharina herauskäme. Das Wort Akrostichon mußte ihr mein Vater vorschießen, sie hatte es nicht im Vermögen, und da sie selbst Catharina hieß, so wird man desto leichter einsehen, warum Se. katholische Majestät nunmehr keine Bundesgenossin mehr an meiner Mutter hatte.

Mein Vater wünschte schlechthin eine glückliche Reise und gab seinem Sprachmeister, statt des Schatzkästleins von Stoßsprüchen, einen Zehrpfennig. Eigentlich war's, in Hinsicht des mit ihm getroffenen Contrakts, ein Gottespfennig, denn er bat, nicht zu vergessen, was er mit einer Handlobung versprochen hätte. Unfehlbar hat dieser Contrakt darin bestanden, gewissen Geistlichen in Curland keine Lection zu geben, oder wenigstens die ihm gegebene zu verschweigen.

Das Einträglichste bei dieser Sache war, daß die benachbarte Clerisei ihre Verfolgungen einstellte, und da zuvor das dritte Wort beständig eins aus der Grundsprache war, verstummten, von Stund des jüdischdeutschen Briefes an, die Orakel. Mein Vater hatte andere Ursachen, seinen Herren Amtsbrüdern kein Rappier [46] anzubieten oder sie kämpflich zu grüßen, und wußte sich so vortrefflich, ohne die geringste Unrichtigkeit sich zu Schulden kommen zu lassen, bei Ehren zu erhalten, daß, so oft er irgend einen Confrater zum Zuhörer hatte, er den Grundtext tapfer citirte und oft zwei bis drei Verse aushob. Wenn es gleich auf Treue und Glauben eines Andern, wo nicht Dritten, geschah, und sein Grundzeugniß beständig von Hörensagen war, so hatte er doch seine Leute viel zu gut kennen gelernt, und war bei dieser Proclamation kein Einspruch zu fürchten, so daß er sich zuletzt ganz dreist ein Beholzungsrecht, oder die Befugniß, in des andern Walde Holz zu fällen, zueignete. Die griechische Sprache, wovon die Herren Amtsbrüder nicht vielmehr als die beiden griechischen Freunde wußten, war nicht hinreichend, meinem Vater Ruhe zu schaffen. Sie hielten es mit dem alten Testament bis zur Ankunft des Conversus, und nun war jeder furchtsam, in meines Vaters Gegenwart an die heilige Schrift zu denken, und jeder wunderte sich, warum er mit seiner hebräischen Sprachkenntniß so lange hinter dem Berge geblieben.


Personen:

Mein Vater;

Meine Mutter;

Der Ritter Jachnis;

Conversus putzt Licht;

Der alte Herr;

Minchen, seine Tochter;

Benjamin, sein Sohn.


Ich habe gestern Abend meinen Lesern den Auftrittdes alten Herrn und seines Benjamins versprochen. Den alten Herrn habe ich in meinem Leben nie unter einem andern Namen, als dem des alten Herrn, kennen gelernt. Wer mich also nach seinem Vor- und Zunamen fragt, erhält eine abschlägige Antwort. [47] Seine Lebensgeschichte kann von keinem besondern Belang seyn, indem sein ganzes Wesen allem, was man Belang heißen kann, geradezu entgegen war. Er selbst behauptete von sich, so oft man's ihm so nahe legte, daß es ihm an den Fingern brannte: er sey ein Literatus. Meine Mutter, die sich nicht stark genug dünkte, ihm diese Ehre abwendig zu machen, ließ ihn zwar Literatus seyn, indessen pflegte sie ihn in Rücksicht dieser Würde eine geschwächte, eine zu Fall gekommene Person zu heißen. Es ging die Rede, daß er das Schneiderhandwerk gelernt hätte; wenigstens übte er dieses Handwerk aus, und alle meine Schlafröcke und täglichen Kleider sind durch seine gelehrte Hand gegangen. Was die Feierkleider betraf, konnten sie freilich keinem Literato anvertraut werden; der Umstand indessen, daß er Schneiderarbeit verrichtete, schien nicht hinreichend, das Gerede, daß er ein Schneider wäre, außer allen Zweifel zu setzen, denn er war im Grunde genommen ein Tausendkünstler.

Er hatte sich bei einigen hochwohlgeborenen Herren zum Hofnarren, zum Kammerherrn, zum Forst-und Jägermeister brauchen lassen, und nachdem er am Ende einsah, daß es besser sey, ein Schneider als ein Hofnarr zu seyn, zog er sich in bester Ordnung zurück, nahm seine letzten Kräfte der Hofkunst zusammen und war so glücklich, seine Herren Principale dahin zu überschwatzen, daß ihm zeitlebens einstandesmäßiger, das heißt ein höchst nothdürftiger Unterhalt angewiesen wurde. Die Alten starben und die Jüngeren ließen ihn im Besitz, ohne den Canon von Witz einzufordern, den sich ihre Antecessoren jährlich hatten bezahlen lassen. Es legte sich der alte Herr auf den Unterricht der Kinder, stand mit den Pastoren der Gegend in gutem Vernehmen, und verrichtete, sogar einige heilige Handlungen, wobei die Herren Geistlichen substituiren können, zuweilen rührte er das Positiv, welches in einer unserer benachbarten Kirchen stand. Dieses aber [48] mußte wenigstens vierzehn Tage zuvor bestellt werden, und dann war es doch nur ein Gastpräludium.

Er behauptete, daß man sich auf ein Präludium eben so sehr, als auf eine Predigt vorbereiten müsse, und wie der Klang der Worte – wenn er mit der auszudrückenden Sache wie ungefähr der erste und zweite Diskant harmonire – die Originalsubstanz der Sprache bewiese, so verriethe es einen großen Musikus, wenn man das Evangelium so zu sagen ins Präludium setzen und es so deutlich in Noten ausdrücken könnte, daß wer das Präludium hört, auch zugleich das Evangelium wissen müßte.

Hierüber wurden dem alten Herrn von meiner Mutter verschiedene Einwendungen gemacht; allein er behauptete, er hätte nur neulich das Vater Abraham erbarme dich mein so natürlich auszudrücken gewußt, daß der ganzen Gemeinde darüber Furcht und Schrecken angekommen wäre; und da ihm meine Mutter das Evangelium von der Beschneidung, von den viertausend Mann und vom steinichten Acker entgegen setzte, und ihn befragte, wie er Weizen und Kornland, fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein in der Musik ausdrücken könnte, wollte er zwar im Anfange behaupten, daß alles dieß in die Musik zu übersetzen wäre, nachher aber schämte er sich über sich selbst. Sie warf ihm sehr oft den steinichten Acker, die viertausend Mann, die fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein vor, obgleich sie an die Beschneidung, ich weiß nicht warum, weiter nicht dachte. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, zu bemerken, daß meine Mutter sich vor der satyrischen Ader des alten Herrn gar nicht fürchtete, so furchtbar ihn auch in der ganzen Gegend seine Einfälle gemacht hatten.

»Eine Schneidernadel,« pflegte sie zu sagen, wenn er einen Einfall wider sie hatte, und wenn sie ihn recht ärgern wollte, nannte sie ihn Tonkünstler, welchen Ausdruck er weniger als [49] alles leiden konnte, indem er sich hierdurch zu einem Töpfer erniedrigt zu seyn dünkte, und sich hierbei um so mehr getroffen fand, als er dieses Handwerk in den langen Abenden, wie er versicherte, bloß seine Augen zu schonen, die freilich durch Noten und Fäden gelitten haben können, trieb. Er verstand auch etwas vom Schuhmachen, allein nicht das mindeste von der Poesie. Meine Mutter pflegte daher von ihm zu sagen: er hätte den kalten Brand. Es war ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er etwas suchte, auf den Tisch zu klopfen, welche Mode die Schneider haben, wenn sie die Scheere suchen; auch wackelte er beständig mit dem Fuße, welches den Töpfern eigen seyn soll. Vom Schuster hatte er das weite Ausholen mit den Händen, vom Spielmann aber einen taktmäßigen Schritt. Da er für die poetische Gelehrsamkeit meiner Mutter Respekt hatte, unterstand er sich nicht, aus seinem alten Kramladen ihr zum Nachtheil eine witzige Antwort herauszusuchen. Er saß vielmehr, wenn sie ihn böse gemacht, ganz still, und wie meine Mutter sagte, so gerade, als wenn er sich barbiren ließ. Obgleich er als Organist, welches in Curland ein seltener Vogel ist, oder als Schullehrer ankommen können, so hatte er jedennoch alles verbeten, indem er glaubte, daß er sich hierbei aus den Augen setzen und zugleich allen Universitäten einen Brandmark geben würde.


Die Kinder, so er erzog, nahm er nicht anders als bittweise an. Zwar that er sehr unzufrieden, wenn er seine Zahl nicht vollständig und seinen Lehrsaal nicht ganz besetzt hatte, inzwischen schien er nicht darum böse, weil ihm keine Kinder in die Schule gebracht wurden, sondern weil er nicht gebeten war, sein täglich Brod zu verdienen.


Er brachte freilich seinen ihm vertrauten Kindern nicht viel bei; da er indessen mit für körperliche Uebungen war, konnte ihn [50] mein Vater leiden, obgleich er mich seinem Unterrichte so wenig, als meine Feierkleider seiner Nadel anvertraute.

Da der alte Herr übrigens podagraische Zufälle hatte, welche nach meiner Mutter Meinung nur ein Edelmann und Literatus haben könnte; da ferner der ehrliche Nicolaus Herrmann vom Zipperlein geplaget gewesen, welches aus dem letzten Verse des Liedes: »Wenn mein Stündlein vorhanden ist,« erhellet.


Wer ist, der uns das Liedlein sang?

Ist alt und wohl betaget;

Dießmal kommt er nicht aus der Statt,

Das Zipperlein ihn plaget.

Oft seufzt er und hat Gott im Sinn;

Herr, hol' den kranken Herrmann hin,

Wo jetzt Elias lebet.


Da auch noch ferner der alte kranke Herrmann viele gute Chorale gemacht und ein bewährter Tonkünstler und Cantor gewesen, so beehrte meine Mutter zuweilen den alten Herrn mit dem Namen Nicolaus Herrmann, obgleich ihm die Haupteigenschaft des Nicolaus Herrmann fehlte und der alte Herr den kalten Brand hatte. Oft sang sie ihm:


Wer ist, der uns das Liedlein sang


vor, und so wie sie es dem wirklichen Nicolaus Herrmann übel nahm, daß ihm nicht für


»Dießmal kommt er nicht aus der Statt«


die Schulbank eingefallen und er gesungen:


Dießmal kommt er nicht von der Bank,


als wodurch ohnehin der Reim »sang« sein bescheiden Theil erhalten hätte, so empfahl sie dem alten Herrn auch anstatt der letzten Reihe


»Herr, hol' den alten Herrmann hin,

Dort wo es ewig taget


[51] Die Verbesserungsfreiheit nahm sie sich indessen sehr selten heraus, denn sie war keine Liebhaberin von Liederänderungen, und mochte nicht, wie sie sagte, den Saft und Kraft des Alten wässern undentkräften.

Die Zuschrift, so der ehrliche Herrmann seinen Liedern vorgesetzt, parodirte meine Mutter auf den alten Herrn. Ich muß sie hersetzen. Sie verdient's. Die Herrmannsche Dedication ist nur in zwei Reihen geändert:


»Ihr allerliebste Kinderlein,

Seht, das Choralbüchlein

Soll eu'r und keines andern seyn.

Es ist fein albern und fein schlecht,

Drum ist es für euch Kinder recht;

Alt' und g'lehrt' Leut' bedürfen's nicht,

Und die zuvor sind wohl bericht't.

Gott will durch der Säuglinge Mund

Gepreiset werden alle Stund';

Drum o ihr Christenkinderlein!

Durch euch will Gott gelobet seyn:

So g'wöhnt euch nun mit allem Fleiß,

Daß ihr Gott singt Lob, Ehr' und Preis,

Und hebt bald in der Jugend an;

Was ich euch dazu dienen kann,

Das will ich thun bis an mein Grab,

Und weil ich geh'n kann an ein'm Stab;

Ob ich gleich wenig bring' davon,

Und Kinderarbeit gibt Kinderlohn,

So wird's doch alles machen gleich

Der liebe Gott im Himmelreich,

Dem sagt allzeit Lob, Ehr' und Preis

Niclas Herrmann, der alte Greis.«


[52] Der alte Herr war indessen nicht der Herr C.F., wie er in den lettischen Gesangbüchern bezeichnet ist, welches Christoph Fürecker heißt, denn dieser der Gottesgelahrtheit Beflissener war ein unbezweifelter Literatus und Poet, der aus Liebe zu den lettischen Declinationen und Conjugationen, wie ich unlängst gelesen, ein Märtyrer ward, und eine wiewohl bemittelte undfreie lettische Bauerwittwe (hübsch wird sie ohne Zweifel auch gewesen seyn) heirathete, um recht unter das Lettische zu kommen. Ihm hat die lettische Grammatik den Eckstein, die Kirche aber sehr schöne Gesänge zu danken. Ehre, dem Ehre gebühret! sagte der alte Herr; und so wenig ich es zugeben würde, daß dem alten Herrn was abginge, eben so wenig will ich auch meine Leser bei einem Irrthum lassen, der sich sehr leicht bei ihnen hätte zur Miethe anbieten können.

Ehe ich vom alten Herrn zum jungen übergehe, noch ein Wort an den herzlich geliebten Leser, den wider mein Verschulden der Gedanke befallen, daß die Charaktere in dieser Geschichte so ziemlich übereinstimmend wären:

Da mein Vater sein Vaterland und der alte Herr seinen Namen verschwiegen;

Da meine Mutter sich eben sowohl über den Ritter Jachnis, als den Cantor und respective Schneider, Töpfer und Schuster, Nicolaus Herrmann genannt, aufhielt; da – – –

Allein hierauf dienet dem geneigten Leser zur dienstlichen Antwort, daß ich die Sache erzähle, wie sie war, und nicht, wie man sie wünschen könnte. Wenn ich einen Roman schriebe, wäre es was anders. – Haben nicht sogar Völkerschaften gewisse ähnliche Züge? und jede Stadt und jedes Dorf durch die ganze Welt halten unter einander wieder ihr Abzeichen. Würde es mir zuzuschreiben seyn, wenn die Unergründlichkeit wirklich der Hauptcharakter unseres Kirchspiels gewesen wäre? und wäre dieses nicht um so [53] begreiflicher, da mein Vater hierzu den Ton angeben können? wo hab' ichs indessen je gesagt, daß der alte Herr seines Namens wegen in Anfechtung gewesen? oder daß er ihn verschwiegen? Ist dennalter Herr zu heißen nicht eben so gut, als Caspar und Melchior? und ist's einerlei, lettische Verse machen, welches in Curland was allgemeines ist, und ein Positiv schlagen, welches selten vorkommt? – Wenn ich ganz aufrichtig seyn soll, hast du dich gewaltig geirrt, lieber Leser, denn du kennest den alten Herrmann nicht weiter, als wo er von meiner Mutter überflügelt war. Dieser Uebergriff entscheidet nichts – und was ist's am Ende für Kunst, Physiognomien zu beurtheilen, wo der eine eine Habichts- und der andere eine Mopsnase hat, – wo der eine ein Verschwender und der andere ein Harpagon ist. Sieh aber leibliche Brüder, sieh Natur- und Staatsbrüder – find'st du noch Bedenklichkeiten; bist du ein Recensent, und da verlohnt's nicht, zu streiten, daß du nur nicht hingegeben im verkehrten Sinn, zu schreiben, was nicht taugt, mir, um dein vorgeschriebenes Recensionsmaß voll zu machen, ein gegebenes Aergerniß andichtest. – Ich verfluche jedes Wort, das der Religion und ihrer Mutter, der Tugend, nachtheilig seyn könnte; allein ich glaube, die Religion in der Kirche verschließen und sie nicht ins gemeine Leben bringen, heißt alle Wärme, alle Empfindung des Herzens aus der Welt verbannen, und Tugend an einen Ort verlegen, wo denen, die nicht Geistliche sind, weiter keine Handlung übrig bleibt, als öffentlich in den Seckel zu legen, und kein anderes Verdienst, als still zu sitzen. Ich wette, die mich auf diese Art zeihen, vergessen, daß wir nur aus der Kirche eine glühende Kohle vom Altare heimholen sollen, um im gemeinen Leben Gott Opfer der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit zu bringen, die allein ein süßer Geruch vor dem Herrn sind und werth geachtet in seinen Augen. Auch seine Heiligen sind nicht rein vor ihm, und warum soll ich [54] also meine Mutter anders darstellen, als? – Ich bin zu bewegt, als daß ich heute mehr könnte als die Sonne untergehen, und wenn ich ins Bett' mich lege, nach meiner Mutter Weise ein Licht ausbrennen – sehen.


Geschrieben an einem schönen

Abend den – 17 –


Benjamin gefiel mir unter allen Jungen unseres Kirchspiels am besten, und da ich vollkommen entschlossen war, aus ihm den Darius (den kleinen oder letzten) zu machen, so muß ich gestehen, daß ich viel Mühe befürchtete, durchzukommen. Zum Glück fiel mir die Thronerhöhung eines seiner Vorfahren ein. Wie kann Benjamin Darius werden? sagte das Heer. Hier sind acht Jungen, die gerade Beine haben, und außerdem, daß dem Herrn Benjamin (so nannten sie ihn schon, weil er Candidat des Throns war) das Bein nicht an der rechten Stelle sitzt, hat er den Fehler, daß er link ist. Nehmt sieben, sagt' ich, nach Anzahl der sieben Fürsten, welche den König Smerdis mit seinem Anhange ausrotteten, und der, dessen Pferd, wenn ihr beim Spital angeritten kommt, am ersten beim Aufgange der Sonne wiehern wird, sey Darius. Gut, sagten die sieben Candidaten zur königlichen Würde; allein sie wußten nicht, daß der königliche Candidat es so einrichten ließ, wie es Darius, des Hystaspis Sohn, oder vielmehr dessen Stallmeister einrichtete, und wie man es noch bis auf den heutigen Tag bei allen Wahlen, man wähle einen König, einen Landesdeputirten, einen Priester, einen Küster einrichtet. Es wird überall gewiehert. Kurz Benjamins Pferd wieherte zuerst, und die Krone war sein, damit ich sie ihm durchs Recht der Waffen, welches das besonderste Recht von allen ist, nehmen könnte. Er nahm die Glückwünsche an, und da ich bei dergleichen Dingen erschrecklich gelehrt war, brachte ich noch so viel Umstände aus der Geschichte bei, daß ich nunmehr, wiewohl zu spät, aus der Bewunderung[55] des Volks einsah, wie ich um eines Darius wegen eben kein Pferd hätte wiehern lassen, sondern bloß meine Zunge tapfer brauchen dürfen. Einen Alexander durften wir nicht suchen, denn die heilige Taufe hatte mir dazu ein Recht gegeben. – (Das Glück ist nicht viel auseinander, einen Freund oder einen Feind zu haben, der uns Ehre macht, und wenn ich also den Benjamin zu meinem Feinde anzunehmen kein Bedenken trage, was wollten denn die Jungen?) – Fast schäme ich mich, da ich meinen Lesern so spät eröffne, daß ich Alexander heiße. Um indessen diese Verspätung gut zu machen, will ich dabei bemerken, daß meine Mutter mit diesem Namen den Alexander Einhorn, zweiten Superintendenten in Curland, mein Vater aber den wirklichen Alexander, oder den Alexander Magnus, den Alexander, gegen den alle andere Alexander es nicht sind, zu verstehen schienen. Meine Mutter hielt sogar das Wort Einhorn für eine freie Uebersetzung des Namens Alexander, und rief mich daher sehr oft Einhörnchen, obgleich mein Vater nicht sonderlich damit zufrieden war. Sie hätte um alles in der Welt willen nicht Olympias seyn wollen. Es war ihr sehr unangenehm, daß wir heidnische Historien aufführten, daher sie, sobald sie Kriegsgeschrei im Dorfe hörte, uns die Historie vomJoseph in Vorschlag brachte, wozu sie unter andern den Grund hernahm, weil ich einen bunten Rock hatte. Indessen bestärkte mein Vater meinen Entschluß, Alexander zu werden, und war dabei so zufrieden, daß ich den guten Mann als Feldpropst hätte mitnehmen können, wenn Alexander einenFeldpropst gehabt hätte.

Zum Aristander war mein Vater nicht als ein christlicher Geistlicher zu brauchen, eine so wichtige geistliche Rolle auch Aristander zu seiner Zeit in der Geschichte Alexanders spielte. Gelegenheiten machen Diebe, Gelegenheiten machen Helden, und es ist nicht zu läugnen, daß auch Alexander Gelegenheit gefunden. [56] Aristander indessen, das wett' ich, hat eben so viel gethan als Alexander, obgleich der erste eigentlich nur ein Gelegenheitsmacher war. Von der Auslegung des Traums des Philippus an, welchem vorkam, daß er den Leib seiner königlichen Gemahlin Olympias mit einem Wappen, worauf ein Löwe gegraben war, versiegelt, als welchen Traum Aristander auf einen Sohn, der ein Löwe seyn würde, auspunktirte, bahnte er durch alle seine Auslegungen unerhörte Wege. Es ging wie beim Religionskriege zu Aristander gab dem Alexander, seinem Generalfeldmarschall Bucephalus und der ganzen Armee den Sporn. Die Auslegung, als man ihm meldete, daß eine Bildsäule des Orpheus geschwitzt hätte, gefiel seinem christlichen Herrn Collegen, meinem Vater sehr übel. Es sollte dieses nach des Aristanders Deutung anzeigen, wie die Poeten bei der Alexandriade schwitzen würden. »Daß dich,« – sagt mein Vater, »Aristander hat bei dieser Auslegung selbst geschwitzt.« Ich kann es jetzt zwar meinen Lesern nicht ohne Lachen erzählen, durch den Umstand sehr aufgefordert zu seyn:


Daß in der Nacht, da ich geboren, ein Backhaus durch einen Brand zerstört worden.


Indessen brauchte mein Vater diesen Vorfall sehr zu meinem Vortheil. Es war das Gerüste, auf das ich stieg, um gut dazu zu kommen, die Leiter, mich, so jung und klein ich war, doch künstlich groß zu machen. Der Vorfall diente ihm meine Lebenskarte zu illuminiren, und es half mir diese Fiction bei Sprachen und bei Schlachten. Wenn gleich ich mir nicht einbilden konnte, daß die Diana nicht Zeit gehabt, das Backhaus in Protection zu nehmen, da sie bei meiner Mutter Hebammendienste verrichtete, schien's mir doch was Denkwürdiges. Das Feuer vom Backofen war mir eine Leuchte auf manchem sauern Vocabelnwege, und nimmermehr würd' ich dieses alles so herzlich erzählt haben, wenn nicht bei tausend [57] Merkwürdigkeiten, die in der Welt geschehen, ein abgebranntes Backhaus der Entstehungsgrund wäre. Eine Art Bucephalusgeschichte veranstaltete mein Vater, da er einem Pferde diesen Namen verehrte, das wie alle andere Pferde war, das seines Schattens wegen nicht in Unordnung kam, und das eben nicht werth war, im besondern Verstande von der Sonne beschienen zu werden. Meinem Tempel der Diana indessen war der Gaul sehr angemessen. Ich sah verschiedenes, was man beim Bucephalus sah, allein ich konnte es nicht ändern, daß ich nicht auch verschiedentlich etwas anders sah. Mein lieber Vater sah alles mit.

Was der Herr von Voltaire in seiner Geschichte »Alexander Magnus« vom Bucephalus unter andern im sechsten Buch und fünften Kapitel sagt, daß nämlich Alexander denselben non eodem quo caeteras pecudes animo aestimabat, das traf bei mir auf das genaueste ein; wenn ich ihn abrichten wollte, daß, wenn ich aufstieg, er die Knie beugen und empfinden sollte, wer ihn zu besteigen ihm die Ehre erwiese, war er doch zum Kniebeugen nicht gelehrig, und wenn ich die aufrichtige Wahrheit sagen soll, viel zu steif; wie ich denn auch blind seyn müssen, falls ich behaupten sollen, daß ers empfunden, wenn ich oben war, wen er trüge, wie Herr von Voltaire in dem angezogenen Roman vom Bucephalus des Alexanders berichtet, et regem, quum vellet ascendere, sponte sua genua submittens excipiebat, credebaturque sentire, quem veheret.

Ueberhaupt war es ein sehr alltägliches Pastoratspferd, und darf ich's also nicht bemerken, daß mit der Reiterei bei meinen Feldzügen es nur sehr schlecht bestellt gewesen. Dies ist ein unverlöschlicher Beweis, daß ich zu keinem Roman, wo beständig ein merkwürdiges Pferd nöthig ist, wohl aber zur Geschichte, wo man mehr zu Fuße ist, (wie's am Tage und an mir erfüllt wird) Stoff abgeben könne. FürTalente war mein Bucephalus nicht [58] gekauft; mein Vater konnte auch nicht sagen, da ich ihn zum ersten male unter meine Füße gebracht, daß sein Pastoratzu klein für mich wäre; indessen hatte ich das Unglück, dieses Pferd, wiewohl Alters wegen, während dem Kriege zu verlieren. Es starb nicht den rühmlichen, den schönen Tod fürs Vaterland; indessen heißt der Ort, wo es mit andern seines gleichen, welche aber nicht den großen Namen Bucephalus geführt, begraben ist, Bucephalia bis auf den heutigen Tag. Das ist alles, was ich mich unterstehe, in einer wahren Geschichte von einem Pferde zu erzählen.

Der gordianische Knoten war für mich ein wahrer Knoten, denn außerdem, daß ich zuweilen meiner Mutter, wegen meiner kleinen Hände, beim Stricken, wenn etwas verknüpft war, kindliche Dienste geleistet, war mir kein gordianischer Knoten vorgekommen, obgleich ich mich schon in dieser Erwartung im Knotenlösen so geübt hatte, daß mir so leicht nichts zu sehr verknüpft war. Ich hatte den Stolz, den Knoten nicht symbolisch, nicht witzig, sondern künstlich lösen zu wollen. Da ich indessen eine geraume Zeit vergebens auf einen gordianischen Knoten gewartet hatte, führte mich die Knotensucht auf das Geistige. Ich legte diesen Umstand in der Geschichte des Alexander so aus, wie man vieles auszulegen gewohnt ist. Ich deutete es auf schwere Stellen in den Autoren, die man durchaus witzig lösen muß. Mein Kopf war hiebei so fertig, als meine Hand beim Strickzeug; und wie Alexander, nach dem Berichte des oberwähnten Romanenstellers, sagt: nihil interest quomodo solvatur: so konnte man auch, was loco citato hinzugefügt wird, von meinen meisten kritischen Erzählungen sagen: oraculi sortem vel elusit vel implevit.

Es würde ferner eine Unwahrheit seyn, wenn ich meinen Lesern erzählen sollte, daß ich meinen Vater beneidet und mit Thränen bedauert, daß er mir keine Sünder zu bekehren übrig ließe.

[59] Mein Vater legt' es auch nicht an, einen Alexanderden Großen aus mir zu ziehen, ich sollte nur Alexander werden.

Unter dem Orden Groß, sagte er, liegt etwas Seelenverderbendes, es trage diesen Orden ein Monarch unterm oder überm Kleide, oder ein Privatmann am Knopfloche. Hüte dich vor dem, den Gott gezeichnet hat.

Regenten, die sich so peinlich, wie Alexander der Große, bemühen, Groß zu heißen, leben nicht der lieben Unsterblichkeit wegen. Sie tragen Fesseln, die ihnen die Dichter und Redner anlegen. Wenn es gleich das Ansehen hat, als ob die Dichtkunst und Geschichtskunde auch den Huldigungseid abgeleistet hätte, wissen sie doch, daß einer von diesen Zünften sie bei einer Lampe in einer Stunde um eines ganzen Lebens Ruhm bringen könne. Sie zittern vor einem jeden, der Reime kommandiren, oder: es war einmal ein Mann etc. schreiben kann.

Wie Alexander des Homers Schriften verehret, weiß jeder, welcher weiß, daß Homer und Alexander in der Welt gewesen. Homers Schriften waren sein Gesangbuch, das er auf Reisen mitnahm, und da er ein güldenes Kästchen erbeutet, antwortete er denen, die ihn fragten: »wozu?« den Homer hinein zu legen. Das waren mehr als silberne Clausuren.

Den Nachkommen des Pindars ließ er Salvegarden anschlagen, und beehrte auf diese Art das Haus dieses Dichters, und damit der Maler Apelles selbst das Aeußere eines Alexanders nicht verunstalten möchte, schenkte Alexander, wie man erzählet, ihm eine seiner vorzüglichsten Inclinationen. Des Malers wegen that er's nicht. Der gute Apelles sollte diese Schönheit nackt in forma probante vidimiren, und konnte nicht der Liebe widerstehen. Alexander merkte diese Neigung und befriedigte sie.

Die Gewalt, die sich die Großen des Nachruhms wegen anthun, die sie zu Knechten ihres ganzen Lebens macht, [60] ist von der Hofmanier ungefähr wie ein Tänzer vom Fechter unterschieden. Alles ist solch eines Großen wegen da, bis auf den lieben Gott, den er aber auch nur der Curialien halber in Ehren hält. Thut er was Gutes, plaudert es nicht nur seine Rechte der Linken aus, sondern es wird ausgetrommelt, als wenn man in einer Glücksbude oder Lotterie was gewonnen hat. Bei ihrem Gutsthun sieht's so wie beim stolzen Geiz aus, der aus Noth gedrungen ist ein Mahl auszurichten. Es soll was seyn! sagen die Leute. Ein großer Privatmann ist noch unerträglicher. Riegelt die Thüren eurer Herzen zu, wenn er sich melden läßt, und laßt ihn höchstens ein Visitenblatt einreichen. Ich wollte mit ihm nicht unter einem Dache wohnen, wenn gleich er mir den rechten Flügel seines Schlosses aufräumen würde. Lieber will ich beim Lot auf dem Boden schlafen. Jonathan Wild ist noch der leidlichste unter Großen dieser Art.

Warum war ich denn Alexander?Respondetur eben darum, weil Eugen unterm Spiegel hing, und weil man bei meinem Vater zu Hause eher als in Curland Spargel ißt, in der freien Luft eine Pfeife raucht, Wein braut und lange Manschetten trägt. Ich sollte zwar nicht groß werden, allein ich sollte auch nicht klein bleiben. Hier hatte er eine feine Distinktion, die ich mir nicht getraue wiederholen zu können. Sie würde mir untern Händen bleiben.

Mein Vater war – wie ich schon meinen Lesern bei einer andern Gelegenheit reinen Wein aus seinem Geburtsorte, wo man ihn bei der Quelle trinkt, eingeschenkt – sehr für mannhafte tapfere Leute, mithin lag ihm der Soldatenstand nicht aus dem Wege. Alles war bei ihm nach Soldatenart. Er hatte zum Exempel die Gewohnheit, alle Jahre seinen Büchervorrath, den erArmee oder seine Macht nannte, auszustäuben. Dieß hieß, in seiner Sprache, sie mustern und Revue halten. Alle acht Tage [61] (nach russischer Art) zogen zehn Bücher auf die Wache. Es war ein besonderer Ort, wo sie aufgestellt wurden. Seine Absicht war, diese zehn zu durchlaufen. Meine Mutter fand hiebei viel Anstößiges, weil auch geistliche Bücher sich diesen Kriegsdienst gefallen lassen mußten. Vielleicht liegt der Umstand, den ich noch anführen will, nicht sehr aus dem Wege.

Mein Vater mochte gern wilde Thiere zähmen. Er sagte zwar: »wir sind auf die Art Menschen geworden; Gott weiß, was aus ihnen wird.« Indessen warf er hierbei einen Seitenblick auf den monarchischen Staat und den Soldatenstand, wofür er im Grunde des Herzens war.

Das sind die Data, die ich meinen Lesern, in Hinsicht seines Entwurfs zu meiner künftigen Bestimmung, bis hierher mit dem Mantel der Liebe und mit dem Pelz der Verschwiegenheit bedeckt habe.

Warum aber, wenn ich zu mir selbst komme, diese Hüllen? Meine Leser werden, das weiß ich, von meiner Ehrlichkeit keinen bösen Gebrauch machen, da sie nunmehr wissen, was ich weiß.

Für einen Mann aber wie du, lieber Vater! ein unerwarteter Plan, daß ich aus dem Stahl und Stein deines Feuerzeuges keinen einzigen Funken mehr herausschlagen kann.

Zwar weiß ich, daß die Bürger zu viel Zeit brauchen, Zeitungen zu lesen, um selbst zu Zeitungen Gelegenheit zu geben, daß sie zu weichlich sind, um sich das Auge und den Rücken frei zu halten. Indessen, lieber Vater, sieh an die Thiere, von denen wir durch die Kunst verdorbene Menschen leider die Natur absehen müssen, haben sie einen Obersten? einen Hauptmann? einen Lieutenant, einen Fähndrich? und außer dem Zank unter sich und mit andern Thieren ist der Mensch ohnehin ihr Türke, ihr Erbfeind. Ein jedes Thier wehrt sich seiner Haut; und wenn wir uns zusammenarmen, wir! die wir durch Boden und Sonne vereinigt [62] sind, um das nämliche zu thun, würden wir dann nicht vernünftige Thiere seyn? Ein jeder wäre Soldat und Bürger, jeder hätte Leib und Seele. Der Gelehrte würde abgehärteter, der Soldat vernünftiger seyn, und allen wäre geholfen.

Meine Leser werden, das sehe ich im Geiste, die Köpfe schütteln, wenn sie den dritten Theil meiner Geschichte mit dieser Stelle in einem Gliede marschiren sehen werden. Sie können mir indessen nicht verargen, daß ich ihnen den Schlüssel vom fünften Akt verhalte, denn warum sollten sie einem Feuerwerk des Mittags um zwölf Uhr zusehen, das erst um zwölf Uhr in der Nacht abgebrannt werden soll?

Die Kriege wurden griechisch geführt, die Reden respective lateinisch, und wegen des Ekels des Benjamin gegen diese Sprache, lettisch gehalten.Recht wurde nach Leonhart Fronspergers kaiserlichen Kriegsrechten gepfleget. Rechne, lieber Leser! alles dieses zusammen, schwerlich ist Summa Summarum: Soldat, wenigstens bleibt der Zweifel, was für ein miles? (Soldat) togatus oder sagatus, ein Soldat mit dem Haarzopfe oder mit der Alongenperücke. Die Behauptung meines Vaters, daß man aus den römischen Gesetzen, und was ihnen anhängt, lateinisch, und aus den alten deutschen Gesetzen und ihren Verwandten deutsch lernen könnte, stützt den gegebenen Zweifel; allein meines Vaters Bibel wird den Ausschlag geben.

Mein Vater hatte alle Schriftstellen, wo von Soldaten geredet wird, gezeichnet. Im zweiten Buche der Maccabäer, im dreizehnten Kapitel und fünfzehnten Verse, sagt' er, wird die Parole ausgegeben. »Und er lagerte sich bei Modin und gab diese Worte ihnenzur Losung«: »Gott gibt Sieg!« Jetzt, sagt' er, hat sich die Parole, recht als ob sie ihm selbst war gegeben worden, von dieser Art sehr gändert, indessen könnte diese Manier im Kriege mit Nutzen gebraucht werden, um das sinkende Rohr aufzurichten[63] und den flimmenden Docht aufzufrischen. – Von Feldgeschrei wird im Buche der Richter im siebenten Kapitel vom achtzehnten bis zwanzigsten Verse geredet: hier lag ein großes Zeichen: »Wenn ich die Posaune blase, und alle, die mit mir sind, so sollt ihr auch die Posaunen blasen um's ganze Heer, und sprechen: hie Herr und Gideon! Also kam Gideon und hundert Mann mit ihm an den Ort des Heeres, an die ersten Wächter, die da verordnet waren, und weckten sie auf, und bliesen mit den Posaunen und zerschlugen die Krüge in ihren Händen. Also bliesen alle drei Haufen mit Posaunen und zerbrachen die Krüge. Sie hielten aber die Fackeln in ihrer linken Hand, und die Posaunen in ihrer rechten Hand, daß sie bliesen und riefen: hie Schwert des Herrn und Gideon!«

Es fand mein Vater im zweiten Buch der Chronik im dreizehnten Kapitel im vierzehnten Verse ein Bataillon quarré:


»Da sich Juda umwandte, siehe, da war vorn und hinten Streit. Da schrien sie zum Herrn und die Priester trommeteten mit Tromme ten«,


wie er denn auch mit dieser Spruchstelle bewies, daß die Priester ehemals Hautboistendienste verrichtet; diesen Spruch führte er beständig an, wenn er vom geistlichen Priesterthume redete, und legte ihn von dem Muthe aus, den ein Christ dem andern bei den Feldzügen und Scharmützeln dieses Lebens zuzublasen verbunden wäre, um ihn wenigstens zu betäuben. Ueber die Werbung, Handgeld undMusterung hatte er im zweiten Buche der Chronik im fünfundzwanzigsten Kapitel den fünften und sechsten Vers gezeichnet:

»Und Amazia brachte zuhauf Juda, und stellete sie nach der Väter Häusern, nach den Obersten über tausend und über hundert unter ganz Juda und Benjamin, und zählete sie von zwanzig Jahren und drüber, und fand ihrer dreihunderttausend auserlesen, [64] die ins Heer ziehen mochten, und Spieße und Schilde führen konnten. Dazu nahm er aus Israel hunderttausend starke Kriegsleute um hundert Centner Silbers.«

Jethro, sagte er, hat die ersten Patente alsOberster und Kapitän gegeben, und von ihm schreiben sich die Herren Stabs- und andere Officiere her, im zweiten Buche Mosis im achtzehnten Kapitel vom neunzehnten bis zum siebenundzwanzigsten Verse heißt es also:

»Aber gehorche meiner Stimme, ich will dir rathen und Gott wird mit dir seyn. Pflege du des Volks vor Gott, und bringe die Geschäfte vor Gott, und stelle ihnen Rechte und Gesetze, daß du sie lehrest den Weg, darin sie wandeln, und die Werke, die sie thun sollen. Siehe dich aber um unter allem Volke nach redlichen Leuten, die Gott fürchten wahrhaftig, und dem Geiz feind sind, die setze über sie, etlicheüber tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn, daß sie das Volk allezeit richten. Wo aber eine große Sache ist, daß sie dieselbe an dich bringen, und sie alle geringe Sachen richten. So wird dir's leichter werden, und sie mit dir tragen. Wirst du das thun, so kannst du ausrichten, was dir Gott gebeut, und alle dieß Volk kann mit Frieden an seinen Ort kommen. Mose gehorchte seines Schwähers Worten und that alles, was er sagte. Und er wählete redliche Leute aus ganz Israel und machte sie zu Häuptern über das Volk, etliche über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn. Daß sie das Volk allezeit richteten, was aber schwere Sachen wären, zu Moses brächten, und die kleinen Sachen sie richteten. Also ließ Mose seinen Schwäher in sein Land ziehen.«

Das Exerciren bewies er aus dem andern Buche der Könige im fünf und zwanzigsten Kapitel im neunzehnten Verse:

»Und einen Kämmerer aus der Stadt, der gesetzet war über die Kriegsmänner, und fünf Männer, die stets vor dem Könige [65] waren, die in der Stadt funden wurden, und Sopher, den Feldhauptmann, der das Volk im Lande kriegen lehrte, und sechzig Mann vom Volk auf dem Lande, die in der Stadt funden wurden – –«


Gern hätte ihm meine Mutter diese Zeichen insgesammt wie Spreu in die Luft zerstreuet; allein sie schien diese Schriftstellen selbst als bewaffnet anzusehen,


und nun sollen sie so lange wie Fahnen in der Kirche hängen. Da liegt sie vor mir, diese vä terliche Bibel, wo Stunde, Tag und Jahr meiner Geburt von meinem Vater eingeschrieben ist. Sey mir gesegnet, göttliches Buch!


Bei meinem Namen steht: eine schwere Geburt! der Name des Herrn sey gelobt! Feierlich bete ich Amen dazu! Theure Bibel, jedes Zeichen in dir, ob's gleich eine Menschensatzung ist, bleibt mir doch unschätzbar. Es enthält für mich einen Zug vom Bilde meines Vaters, der überwunden hat. Laßt mich einen Augenblick, damit ich meine Hände zu den Bergen hebe, von welchen uns Hülfe kommt. Unsere Hülfe kommt im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat! – –

Ich finde Oerter mit einer solchen papiernen Schildwache versehen, wo


vom Schwerte,

von Pfeilen,

Bogen,

Lanzen,

Panier,

Trompeten, geredet wird;

wo ein Fähnlein wehet,

ein Gezelt im Lager stehet,

Gold ausgetheilt wird,


[66] und wo das Wort ausziehen, welches nach seiner Erinnerung marschiren und nicht laufen bedeutet, gebraucht ist.

Ferner liegen Zeichen bei den Worten: Kriege,Kriegsknechte, Streiter, Streitgenossen oder Kriegskameraden;

bei List, Hinterhalt, Schlagen, Fechten, Streiten, Wagenburg, Sturm und Beute;

beim Hauptmann von Capernaum und bei drei Obersten.

Ihr sollt unversehrt bleiben, ihr! nur lieben Zeichen, und so oft ich dich, theure Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, die erschrecklich begriffen ist, im Haupt-Exemplare sehe, und sonst lese und höre, seh' ich und les' und hör' ich meinen Vater.

Hierauf wollen meine christlichen Leser mit theilnehmender Herzensandacht verlesen hören: die Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, wie sie beschrieben stehet in der Epistel an die Epheser im sechsten Kapitel und zehnten Verse, und wie sie in unserer deutschen Uebersetzung lautet:

»Zuletzt, meine Brüder, seyd stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniß dieser Welt herrschen mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Um deßwillen so ergreifet den Harnisch Gottes, auf daß ihr, wenn das böse Stündlein kommt, Widerstand thun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget. So stehet nun, umgürtet eure Lenden mit Wahrheit, und angezogen mit dem Krebs der Gerechtigkeit, und an Beinen gestiefelt, als fertig zu treiben das Evangelium des Friedens, damit ihr bereitet seyd. Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem [67] ihr auslöschen könnet alle feurige Pfeile des Bösewichts, und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.«

Wenn ich mir die Seelenfreude vorstelle, mit welcher mein Vater über diese Epistel predigte, empfind' ich ein groß Stück dieser Seelenfreude. Meine Mutter sagte zwar: »Heute geht er gestiefelt und gespornt, wie ein geistlicher Ritter, auf die Kanzel.« Laß ihn, liebe Mutter! den hochwürdigen und gestrengen Herrn. Es ist ein Mann, mein Vater! Wenn es gleich aus der heiligen Schrift ziemlich deutlich hervorgeht, daß er für den Soldatenstand sey, bin ich denn darum schon in Reih' und Gliedern? – Warte, wenn ich bitten darf, den dritten Theil meiner Geschichte ab – und am Ende, liebe Mutter! heißt es: Gebet dem Kaiser was des Kaisers, und Gott was Gottes ist! Sind wir nicht geistliche Soldaten, die sich zum Himmel durchschlagen müssen? Die klugen Israeliten mußten mit dem Könige vorn Willen nehmen, da die Pluralität einen begehrte. Gott gab allen einen König. Sapienti sat.

Clitus, damit es meine Leser nur ja wissen, ist auch nicht in unserm Kirchdorfe erstochen, vielmehr ist er noch jetzt am Leben und sitzt auf dem väterlichen Acker. Er hat mir nicht das Leben gerettet, auch ist seine Schwester nicht meine Amme gewesen. Dieß Trauerspiel ward also als ein Lustspiel vorgestellt, wie man es mit den meisten Trauerspielen machen kann. I nunc ad Philippum et Parmenionem et Attalum, wurde nüchtern gesagt, und blieben daher die Bußtage aus, vielmehr wurde ein allgemeines Gelächter, weil Clitus so frisch und gesund seiner Wege ging, wie unsere Schauspieler, wenn sie erstochen, er schossen und mit Gift vergeben sind. Seneca, das fällt mir eben ein, hätte sich die Todesart wählen sollen, im Trauerspiele am fünften Akt zu sterben. Es wäre seinem Leben und seinen Schriften angemessener [68] gewesen, und leichter muß es auch seyn, als wenn man sich alle Adern öffnen läßt.

Die schönen Redeübungen, doch nur von Alexanders Seite, womit der beredte Curtius seine Leute ausstaffirt, konnte ich auf ein Haar. Benjamin hielt alles, was er hielt, aus oben angezeigten wichtigen Gründen in curischer Sprache; ich habe dem Q. Curtius Rufus eben den christlichen Namen Voltaire beigelegt, um diesem letzten mit Ehren grau gewordenen Dichter und Geschichtschreiber, Comödien- und Tragödiensteller, den ich von Person kenne, vorzüglich wegen seiner Geschichte bei dieser Gelegenheit ein Compliment zu machen.

Dieser große Mann trägt's auch am Knopfloche, und wenn er als Geschichtschreiber auftischen läßt, fehlt's an gesundem, unverfäschtem Weine. Gebackenes die Menge. Da heut eben sein Geburtstag ist, hoffe ich von ihm, wegen dieses kleinen Andenkens, Toleranz, und von meinen Lesern Verzeihung!

Es ist schon gesagt, daß die Nüchternheit bei unserm Alexanderspiel beobachtet wurde; indessen tranken wir Wasser aus dem Hute, wenn's in der Rolle vorkam, daß getrunken werden sollte; und der Hut stellte des Herkules Becher sehr gut vor. Ich konnte also nicht durch das Gift des Weins ums Leben kommen, sondern lebte den Curtius einigemale durch und durch.

Ich zog mit wenigen Jungen oder Pfefferkörnern dem Benjamin Darius und seinem Mohnsamen auf den Hals.

Wir lieferten alle Schlachten, die Alexander geliefert hat.

Bei Issus in Cilicien, welches über Feld lag, verlor Benjamin Darius eine Menge Volks, und ich bekam seine Frau Mutter Majestät, seine Frau Gemahlin Majestät und seine Kinder königliche Hoheiten zu Kriegsgefangenen. Die königliche Frau Mutter stellte, auf Befehl meines Vaters, unsere alte Köchin vor, und meine Mutter sagte: »kann sie nicht lieber die Potiphar machen?« [69] Benjamins Schwester war die älteste Prinzessin Tochter, und des Ritter Jachnis Frau und Tochter stellten die königliche Frau Gemahlin und Tochter vor. Wegen des Prinzen waren wir nicht verlegen, denn hierzu hatten wir viele Jungen im Dorfe. Mit der Schlacht bei Arbela hatte die persische Monarchie ein Ende.

Der Tod des Darius ward nicht vorgestellt, weil Benjamin über den Tod nicht spaßen wollte, und aus Todesangst sehr leicht untern Händen bleiben können. Es fehlte uns auch eine Kleinigkeit, die goldnen Ketten. Wenn alle Schlachten zu Ende waren, fingen wir sie von Anfang an, obgleich, wenn wir an die Gefangennehmung der königlichen Familie kamen, wegen der königlichen Frau Mutter der Verdruß unvermeidlich war. Meine Mutter beklagte sich über die Köchin, daß sie wenigstens drei Tage bei dieser königlichen Gelegenheit den Gehorsam aufsagte und vorzüglich alles versalze. Desto besser, sagte ich, sie macht ihrer Stelle Ehre. Die Frau Potiphar würde sie besser machen, antwortete sie, und ich brachte ihr das Salzfaß, ging mit ihr in die Speisekammer, aß unterm Eier-Monument ein Stück Schinken, und die Köchin blieb die königliche Frau Mutter.

Die Jungen im Dorfe nannten diese feierlichen Tage Talken, allein ich brachte diesen unheiligen Namen ab und pflanzte so viel Griechisch im ganzen Dorfe, daß derjenige, welcher der lettischen Sprache die Ehre that, sie aus meiner Welt zu beurtheilen, die griechische Sprache für Mutter, Schwester, Tochter oder was weiß ich für was für eine nahe Blutsverwandtin von der lettischen halten mußte.

Die königlichen Gefangenen waren bei mir so gut als beim Alexander aufbewahrt. Ich war eben so wie Er justus hostis und misericors victor. Die königliche Frau Gemahlin würde auch schwerlich jemanden, wenn gleich er sie nicht so gut als [70] Alexander und ich besessen, in Versuchung geführt haben, da sie bei den Blattern um ein königliches Auge gekommen war.

Nach dieser Anzeige darf ich auch nicht bemerken, daß die dreihundert sechzig Pellices (Kebsweiber) nicht angebracht werden konnten; wie denn auch deßhalb nicht zu behaupten war, Pellices CCC et LV totidem quod Darii fuerant, regiam implebant. Denn Benjamin wußte in diesem Stücke eben so wenig wie ich, was gut oder böse sey. Ich vermied mithin den Vorwurf des Lagers: daß ich mehr verloren als gewonnen hätte, und daß, obgleich ich den Darius überwunden, ich doch von ihm in diesem Stücke wäre überwunden worden (ex Macedoniae Imperatore Darii satrapem factum).

Bei dieser Gelegenheit indessen, und vorzüglich weil Darius seine Gemahlin so sehr, wie Hans seine Grete geliebt, sah ich seine und des Alexander und des Königs Salomo Kebsweiber für Lexika an, die man, um ein Wort nachzuschlagen, nöthig hat.

Außer den Soldat- und Sprachabsichten hatte mein Vater auch eine moralische, woran ihn sein Priesterkleid auch bei einer heidnischen Geschichte erinnerte. Es ward oft mitten in der Schlacht ein Porisma ober ein Komma gemacht, womit ich aber meine Leser nicht belästigen, mir selbst aber nicht in die Rede fallen will.

Die Geschwindigkeit, z.E. in der Ausführung, ist für jeden Alexander eine Haupteigenschaft. Ist's möglich, nimm Postpferde, sagte er, wenn du thust – allein denk erst! Kannst du Courierpferde haben, desto besser! Was geschwind geschieht, vergeht geschwind, kann nur von Planen verstanden werden, oder über die ganze Regel, wie über viele, ein Schwamm! Wer bald gibt, gibt doppelt, und wer schnell thut, ahmt Gott nach, der sprach und es ward.

Unter anderem behauptete er auch, daß Aristoteles durch den Alexander und Alexander durch den Aristoteles so groß geworden, als sie's wirklich waren. Mali corvi malum ovum! Einer [71] war stolz auf den andern; wie er denn auch der Meinung war, daß solche außerordentliche Leute, wie Alexander, an dem nichts mittelmäßig als seine Gestalt war, und der unter den Großen der Flügelmann ist, nicht vierzig Jahre alt würden, und daß große Eigenschaften auch große Laster, oder wenigstens große Fehler zu ihren Waffenträgern hätten.

Alexander, sagte er, thäte alles der atheniensischen Avisen wegen, allein er nehme mir nicht übel, daß ich ihm nicht beitreten kann. Er, welcher die ganze Welt für eine Festung ansah, wo ihm nur verstattet worden, auf den Wällen herumzugehen, sollte des Wandsbecker Boten wegen in Athen? – – – Nein, die späteste Nachwelt war sein Ziel; unser Dorf, wo Er gespielt wurde, war seine Aussicht, und wahrlich, wir sind nicht die ersten Kinder, und werden auch nicht die letzten seyn, die den Alexander spielen. Diese Geschichte hat viel Unheil in der Welt angerichtet, vom Brudermörder Caracalla an bis auf den heutigen Tag wird sie ins Große und ins Kleine gespielt, allein es geht, leider! dabei nicht so ruhig zu, wie in – und in unserm Dorfe, wo Gottlob! kein Blut vergossen wird.

Und ich? warum vergieß' ich Tinte, warum ergreif' ich die Feder? warum bin ich Alexander und Q. Curtius Rufus in einer Person? Das ist ein gordianischer Knoten im ganz besondern Sinne! Einer wird sagen, um in der – gelobt oder (wie ich vorlaut bin!) recensirt zu werden, ein anderer, um über tausend Jahre den Jungen im Dorfe zum Marionettenspiele zu dienen, ein anderer – die Zeit wird's lehren.

Schon vor vierzehn Tagen sagte ich übermorgen! und legte also eine schriftliche Zusage ab, an diesem Uebermorgen meinen Lesern den Zeitpunkt zu bestimmen, wenn mein Vater den zweiten Diskant rühmlichst mitzusingen angefangen, um sie in diesem Sinne nicht länger absque die et consule zu lassen. Ich hätte [72] keine Stundung ober Tagung vonnöthen gehabt, wenn nicht ein guter Freund, der nach Gastrecht zu behandeln war, diesen Aufschub veranlasset. Heute will ich meine Schuld abtragen, wenn ich zuvor meinem guten Freunde eine glückliche Reise gewünscht habe.

Damit ich alles siguire, war's in meinem vierzehnten Jahre, da ich ohne Hoffnung krank darnieder lag. Mein Vater konnte nicht begreifen wie's zuging. Bei einer solchen Bewegung an Leib und Seele, sagte er, wo kommt das Uebel her?

Vom betrübten Sündenfalle, half ihm meine Mutter aus, denn alles Böse war bei ihr ahnenreich und vielschildig.

Vom betrübten Sündenfalle, seufzte mein Vater, und meine Mutter sang aus vollen Seelen- und Leibeskräften:


Heut' sind wir frisch, gesund und stark,

Sieh, morgen liegen wir im Sarg;

Heut' blüh'n wir wie die Rosen roth,

Bald krank und todt,

Ist allenthalben Müh und Noth.


Mein Vater, der diesen Vers mit vieler Andacht gehört, doch aber noch nicht mitgesungen hatte, verfolgte seine Zweifel. Seine Meinung, um sie zu filtriren, war, daß ein Mensch, der der Natur getreu wäre, und ihrem Fingerzeige folge – denn es ist Gottes Finger, setzte er hinzu – daß ein solcher Mensch, der seiner Seele und seinem Körper nicht zu viel, nicht zu wenig thäte, nicht krank werden, und ehe er achtzig erreicht hätte und das Gewicht abgelaufen wäre, auch nicht sterben könne.

Allein die Thiere, sagte meine Mutter, sind krank, ehe ihre Stunde schlägt.

Thut alles nichts zur Sache; Hausthiere sind wie Menschen am Hofe. Sie sind verwöhnt. Wilde Thiere, das wäre ein Einwand, allein nur ein scheinbarer, denn der Mensch hat Verstand.

[73] »Nur nicht in seiner Kindheit; selbst wenn er älter wird, verdirbt er sich den Magen.«

Dafür hat ein Kind Vater und Mutter. Der Eltern Verstand ist der seinige. Ist er erwachsen und übertritt sein bescheiden Theil, trifft's meine Regel nicht.

»Aber wenn Vater und Mutter schon krank sind, ehe sie ein Kind in diese Hütten Kedars setzen; ich sag's nicht von uns beiden.«

Du hast Recht. Gottlob! aber wir sind frisch, gesund und stark, wie du gesungen hast.

»Indessen etwas fehlt einem jeden, und wenn er ein Gesicht wie ein Stettiner-Apfel hätte. Wir haben alle einen Schaden und der kommt von Adam her, du magst sagen was du willst. Siehst du, wie ich durch die offene Thüre beim betrübten Sündenfalle bin. Hast du nicht selbst gesagt, Thoren! sie wollen das Fleischessen auf einmal abbringen! das Kind kommt schon mit Fleischhunger und Bischofsdurst auf die Welt. Allmählig und durch fünf Generationen (wars nicht so?) muß es erst zur Natur reducirt werden. Da siehst du, wie ich deine Prose behalte. Ich habe noch in meinem Leben nicht so geistlich mit dir gesprochen, wie jetzt. Gott Lob für diesen Tag!«

Wenn du so den Fall Adams nimmst, hast du Recht; kann aber der liebe Junge nicht aufstehen? Arbeit ist die beste Arznei wider den Tod. Auch ein Kranker sollte arbeiten, wenn's nur so viel ist, als er zu seiner Beköstigung braucht. Das ist wenig! Die Natur hat ihm nicht mehr auferlegt, als er ertragen kann. So allmählig, als ein Kranker Appetit bekommt, fängt er auch an besser zu werden.

Ich. Vater, ich kann nicht mehr auf, kann auch nicht mehr essen.

[74] Mein Vater. Armer Junge! (Geht ab. Ich wollte versuchen aufzustehen.)

Meine Mutter. Bleib, bleib! Es ist immer besser, die Krankheit trifft uns auf dem Bette, als auf dem Felde. Davon weiß ich auch ein Lied zu singen! Gewisse Krankheiten wollen wie vornehme Leute behandelt werden; man muß ihnen entgegen – ein Flußfieber nimmt's so genau nicht.

Mein Vater kam wieder, faßte mich an die Stirn und Hände, und ich konnte an seinen Augen in Frakturschrift lesen, was er, sobald er merkte, daß ich hereinsah, vor mir verbarg.

So sehr mein lieber Vater wider die Aerzte war, die er wie die Beichtväter und Gewissensräthe für etwas hielt was uns und unsern Gott und die Natur, sein Werk, von einander schiede, so gab er doch dem Verlangen meiner Mutter nach, die sich ihr Votum nicht nehmen ließ.

Oft habe ich ihn sagen gehört, ohne Arzt stirbt man leicht und schnell. Mit einem Arzte stirbt man täglich. Wer bis in seinen letzten Augenblick lebt, wer beharrt bis aus Ende, stirbt nicht – er wird lebendig gen Himmel geholt, und dieß alles kann man nur ohne Arzt. Dieß und noch mehr sagte er sehr oft, allein jetzt blieben diese schönen Sprüche weg, er schrieb an denDoctor Saft, der sechs Meilen von meinem Puls entfernt war, und machte ein Gesicht als ein Referent, der von seiner Meinung durch die Mehrheit abgestimmt ist.

Die Antwort des Doctor Saft traf ihm das Herz. Er war nicht mehr. Er bestätigte mit seinem Beispiele, daß uns die Aerzte feig machen, indem sie Gefahren aufdecken, die vor uns verborgen sind.

Meine Mutter hingegen war so sanft wie ein Lied. Er nahm sie an der Hand, zeigte ihr den saftischen Brief, und sie, ohne Schrei ohne Ach, stimmte an, ihre Augen gen Himmel:


[75]

Da wird uns der Tod nicht scheiden,

Der uns jetzt geschieden hat;

Gott der Herr wird selbst uns weiden

Und erfreu'n in seiner Stadt.

Ewig, ewig für und für,

Ewig, ewig werden wir

Mit einander jubiliren

Und ein englisch Leben führen.


Noch sang mein Vater nicht mit. Seine Seele war versunken in Schmerz. Meine Hoffnung, sagte er, die der Herr bei meinem stummen Gram mir in einem fremden Lande aufgehen ließ: ein Nachtfrost, und siehe da –

Er hat große Hitze, sagte meine Mutter.

Gütiger Gott! laß ihn mir, laß ihn einem Unglücklichen, der für sich lange die Wünsche aufgegeben, zu dem Staube seiner Väter versammelt zu werden.

Herr Superintendent Alexander Einhorn, fiel meine Mutter ein, liegt in Curland begraben, –

O mein Sohn! sagte mein Vater;

und meine Mutter: er hat die Kirchenordnung im Jahre ein tausend fünf hundert und siebenzig verfertigt; –

O mein Sohn! sagte mein Vater;

und nach ihm blieb die Superintendenten-Stelle vierzehn Jahre unbesetzt.

O mein Sohn! beschloß mein Vater, der sich in seinem Gebete nicht hätte stören lassen, wenn's eingeschlagen hätte. O mein Sohn, mein Sohn! wollte Gott, ich könnte für dich sterben!

Hierauf sagte meine Mutter kein Wort.

Ich sah bei dieser Gelegenheit, was ich oft gesehen, daß das schlecht und rechte Christenthum eine edle Gleichgültigkeit, einen gewissen Liederton im Leben wirkt, der uns bei allem in der Welt, [76] wär's auch ein Alexander-Verlust, Ruhe ins Herz weht. Mein Vater schlug wie Petrus mit dem Schwerte drein. Seine Religion war ein höheres Halleluja, welches aber für die Vollendeten gehört, und das für die Zeitlichkeit nicht zu seyn scheint. Bald sind wir zwar, wenn wir uns in diesem höhern Chor befinden, entzückt bis in den dritten Himmel, bald aber schreien wir: Herr hilf uns, wir verderben!

Lange stand mein Vater mit gelähmter Seele, allein meine Mutter brach diesen Seelenschlaf durch einen freundlichen guten Morgen.

Eins, sagte sie, lieber Mann, bedaur' ich.

Ich mehr als Eins, sagte mein Vater; und was ist dieses Eine? mein Kind! fuhr er mit einer bedeutenden Miene fort.

Meine Mutter nahm ihn (ohne ihm zu antworten) bei der Hand, und drückte ihm ein wiederholtes liebliches: Was denn? heraus.

»Daß ich ihn predigen gehört.«

Mein Vater seufzte laut, ohne ein Wort zu sagen.

Nach ihrer Meinung hätte mir eine Predigt einen gewissen Rang im Himmel zutheilen müssen. Ob ich nun gleich nicht die Kanzel bestiegen, so versicherte mich jedennoch meine Mutter, da mein Vater mit gekreuzten Händen hinausgegangen war, daß sie mir ebenfalls ein Monument in der Speisekammer errichten würde. Der alte Herr, sagte sie, soll deinenNamen in Mitau zum Druck befördern, und da du von deinem lieben Vetter eine schreckliche Aehnlichkeit hast, ist euch beiden geholfen.

Von den sechs Nägeln für einen Vierding sind noch zwei übrig. Verlaß dich auf deine Mutter!

Dieser an sich unbeträchtliche Umstand von den zwei übriggebliebenen Nägeln fiel mir so auf, daß ich von dieser Minute an den letzten Rest meiner Hoffnungen einbüßte, und meinen ungezweifelten [77] Tod in den zwei Nägeln sah. Wären wohl zwei Nägel übrig geblieben, wenn es nicht darum gewesen wäre, deine Grabschrift zu befestigen, dacht' ich, und warum würden wohl sechs Nägel für einen Vierding zu haben seyn, wenn ich nicht dießmal sterben sollte? Ich war kein Alexander mehr, und ich fühlte es, daß die Medicin mit der Einbildungskraft stritte und dieses letztere überwand. Es schlug nichts an.

Wenn er nur ein einzigesmal gepredigt hätte, wiederholte meine Mutter; und mein Vater, der bei dergleichen Irrthümern sonst ein sehr heftiger Widerleger war, that nichts weiter als seufzen. Eine totale Sonnenfinsterniß lag auf seiner Seele, sein Herz konnte nicht ins Geleise gebracht werden. So vergingen drei bis vier Tage. Werde ich sterben? fragt' ich. Gott kann dir helfen! sagte er; und meine Mutter, wie Gott will! und beide, Amen!

Nach einer Weile zog ich meine Mutter fest an mich: »Ei, die zwei Nägel?« Sie glänzten mir so schrecklich, als die Kometen dem gemeinen Manne. Wie verstellt die Verzagtheit, die Mutter der Hypochondrie, die Geberden eines jeden Dinges?

Meine Mutter, ohne die Frage in ihrem Umfange zu denken, antwortete: Sie sollen dein!

Ach! war meine Antwort;

Und hilft dir Gott, fuhr sie fort, hänge ich deine Lieblingswürste dran.

Die, sagte ich, Liebe, die – ich konnte sie vor Freuden nicht bestimmen.

Eben die, erwiederte sie.

Das war Medicin. Ich sammelte mich. Die Kometen verloren ihren Schein. Ich sah, anstatt meines Namens im Druck, zwei kleine Würste. Ich bekam Appetit und hätte gewiß alle beide aus freier Faust aufgegessen, wenn nicht alsdann die beiden Nägel wieder vacant geworden wären. Ich schlief die Nacht, und wenn [78] mein Vater nicht noch ganz verfinstert gewesen wäre, würd' er aus meinen Augen eben so viel gelesen haben, als ich zuvor aus den seinigen las.

Ehe noch das Fatale interponendae und introducendae abgelaufen und mein Leben ober Tod res judicata (eine rechtskräftige Sache) war, bekam mein Vater einen Brief, für den er viel Postgeld bezahlen mußte, und dieser Brief brachte ihm den zweiten Diskant mit, den meine Leser ihn sogleich singen hören werden.

Er las diesen Brief, las ihn wieder, und da er ihn zum drittenmale anfing, rief er mit wehmüthiger Stimme: Licht! Es ist aus! – Gott! – schrie ich – aus! und meine Mutter: aus!

Wenn er lieber auf die Würmer curirt hätte? fragte meine Mutter meinen Vater; nicht wahr? lieber auf die Würmer?

»Es ist aus!« sagte mein Vater. Der Stärkste in seiner Kunst ist Saft nicht, fuhr meine Mutter fort. Ich wette, er ist da Doctor geworden, wo der alte Herr Literatus gewesen ist. »Gottes Wege sind nicht unsere Wege!« sagte mein Vater. »Im fünf und vierzigsten Jahre seines Alters im Herrn entschlafen!« Wer? fiel meine Mutter ein, Doctor Saft? ist er todt, der geschickte Mann? Curland verliert viel an ihm!

Mein Vater. Die letzte Stütze des Hauses!

Meine Mutter. Er hat noch einen Bruder!

Mein Vater. Licht! Licht! Licht! Licht!

Meine Mutter. Wie! todt? am Schlagfluß?

Mein Vater. Alles todt! alles todt!

Meine Mutter. Mit Weib und Kind?

Mein Vater. Licht! Licht!

Man brachte ein Licht.

Noch eins! sagte er, und nachdem er beide Lichter (es war heller Tag) hingestellt hatte, nahm er eine Handvoll Papiere, die [79] sich mit dem neuen Briefe, für den er eben so viel Postgeld bezahlt hatte, begrüßten, und nachdem er diese Papiere allzusammen gen Himmel gehalten, sagte er: »wie du willst, unbegreiflicher Gott!«

Er steckte an, und noch hör' ich die wehmüthige Stimme! Wir sind Staub, und unsere Hoffnungen Staub und alles Staub! Hier verbrannte er sich die Finger, indem er das eine Papier nicht zeitig genug fallen lassen. Heilige Asche, diese Thräne sey Weihwasser für dich. Mit dir, geweihter Staub! will ich den Sarg meines Sohnes begrüßen. Du bist Erde und sollst zur Erde werden.

Cleopatra, die eine Perle austrank, sagt' er nach einer Weile, hat nicht mehr verzehrt, als ich heute, und kein Lucius Plaucius hat die andere Perle gerettet.

Die Nägel fingen wieder an zu blinken, ich sah meinen Tod vor Augen, und empfand, wie es einem jungen Menschen von vierzehn Jahren zu Muthe ist, wenn er sterben soll.

Freilich hätte mir einfallen können, daß ein Brief vom Doctor Saft und so viel Postgeld nicht im Verhältniß wären; doch fiel es meiner Mutter so wenig wie mir ein.

Mein Vater zog mit dem Doctor Saft über mein Leben schriftlich Schach. Mein Vater schrieb ihm seinen Zug, der Doctor den seinen, und die Verwirrung, die mein Vater durch das Wort aus, welches ein schreckliches Wort ist, und durch die zwei Lichter am hellen Tage, welche zum Worte aus eben so schrecklich abstechen, erregt hatte, brachten meine Mutter und mich auf den Gedanken, Doctor Saft hätte Schachmatt gesagt. Das Feuer ist ein vernichtendes Element! Noch schaudert mir die Haut, da ich diese Papiere brennen und in Asche, ohne Leben und Bestand und Saft, verwandeln sehe; solch einen Eindruck machte dieses Feuer auf mich. Ich würde meinen Leib um alles nicht verbrennen lassen, und viele[80] meiner Leser, welche bedenken, daß die Verwesung zugleich eine Geburt sey, werden mir beitreten.

Die Art, wie mein Vater anfänglich die Sache betrieb, ließ mich vermuthen, Doctor Saft hätte unbedachtsam gezogen, und was mich noch freut, ist dieß, daß ich dem Doctor Saft nicht fluchte.

Gott verzeihe ihm, sagte ich, und meine Mutter setzte hinzu: aus Barmherzigkeit!

Nachdem wir beide, meine Mutter und ich, aus den abgebrochenen Reden einen andern Schluß zogen, Doctor Saft wäre nämlich vorausgegangen, wünschten wir ihm beide aus gutem Herzen eine glückliche Reise; ich will ihm abbitten, sagte ich, wenn ich ihn im Himmel sehe, daß ich ihn unrecht verdacht habe. Nach vollbrachtem Opfer sah ich eine Thräne nach der andern die Wangen meines Vaters herabfließen und die Papierasche, die sonst verflogen wäre, anleimen.

Es sey nun das weinende Auge meines Vaters, oder das unrichtig vermuthete Schachmatt des Doctors, oder sein selbsteigener tödtlicher Hintritt die Ursache, die meine Mutter zum Singen brachte, sie fing an:


Gott eilet mit den Seinen –


und bei der zweiten Strophe fiel mein Vater im zweiten Diskant ein (zum erstenmale hören ihn also meine Leser mitsingen):


Läßt sie nicht lange weinen

In diesem Jammerthal.


Wenn ich jetzt die Sache überlege, finde ich, daß ich eigentlich damals nur einen Sterbenden vorstellte; ich starb schön, ich starb poetisch, denn mein Körper hatte sich von den zwei kleinen Würsten erholt. Mein Herz war aber aller der Vorgänge wegen im fünften Akte des Trauerspiels. Ich war bewegt – ich sah alles mit mir [81] sterben; bis auf die Lichtputzerin zu weinte alles (ich weiß nicht, ob es die königliche Frau Mutter oder ein anderes Geschöpf war).

Eine Bitte habe ich an Vater und Mutter, fing ich nach einer langen Stille an.

Meine Mutter, die unfehlbar sich vorstellte, daß es wegen des Monumentes in der Speisekammer wäre, fragte leise: »an beide?« Ja, liebe Mutter, und gleich, lieber Vater, sagte ich laut. Sprich, sagten sie beide. Verlasset – hier weinte ich zärtlich – Minchen, des alten Herrn Tochter, nicht. Gut, sagte mein Vater; warum? fiel meine Mutter ein. Weil ich sterbe und mich ihrer in dieser Welt nicht annehmen kann, liebe Mutter. Schade, daß ich es nicht kann! Wie ich Alexander und sie die Tochter des Darius war – denke nicht mehr daran, sagte meine Mutter; wollte Gott, du wärest Joseph und die alte Babbe (Barbara) Potiphars Weib gewesen – hab' ich gefunden, daß sie verdiente, Königin zu seyn. Ich habe ihr nie gesagt, daß ich ihretwegen des Amtmanns – – Christoph zwei Finger gelähmt – Gott stärke sie, wenn es dem Christoph nützlich und selig ist. Ich meine seine beiden Finger. Christoph behauptete, Minchen sey verwachsen; das ist sie nicht, sagt selbst, liebe Eltern! Das ist sie nicht! versicherten beide, und ich fügte noch einmal hinzu: das ist sie nicht. Nach meinem Tode, fuhr ich fort, entdecke ihr, liebe Mutter, meinen Streit mit Christoph und daß ich ihr gut gewesen bis in den Tod; denn ich möchte gern, daß sie mich nicht vergäße und mir auch gut wäre bis in den Tod. Meinen Benjamin grüßt von mir, auch den Christoph. Die Sonne ging nicht unter während unserm Zorn. Grüßt das ganze Heer! – Nicht wahr, mein Vater, jetzt kann kein anderer als Benjamin im Dorfe Alexander werden? (Joseph, willst du sagen, sagte meine Mutter, und drückte mir die Hand.)

Alexander, erwiederte ich, will ich sagen. Meine Mutter sah meinen Vater an, mein Vater sah auf die Erde. Benjamin, fuhr [82] ich fort, hat zwar die rechte Hand nicht in seiner Gewalt, allein sonst ist's ein guter Junge. Ehrlich und treu wie der Wiederhall. Das Bein verwächst sich vortrefflich; und fallen gleich die lateinischen Reden weg, im Lettischen ist er Alexander. Minchen, Benjamin und ich waren Castor, Pollux und Helena. Ein Drittel dieses Dreiblatts welkt, Gott segne die Zurückgebliebenen mit dem Thau seiner Gnade. Wenn Minchen heirathet, ich möcht' es nicht gern, wenn aber – sehet zu, liebe Eltern, daß sie einem ehrlichen Kerl ihre Hand gibt, und nun – und nun – hier stockt' ich – lebt wohl, meine theuern, lieben, gütigen Eltern, lebt wohl! lebt wohl! Hier nahm ich alle ihre Hände zusammen und küßte sie und sagte: Gott vergelte euch alles Gute. Dir, liebe Mutter, das Geräucherte unterm Kupferstich. Seyd Minchen und Benjamin gut, liebe Eltern, und wenn es seyn kann, laßt mich hinter der Kirche an dem großen schwarzen Kreuze begraben, wo mein liebstes Lager war. Lieber Vater, du weißt den Platz so gut wie ich.Minchen wird, das weiß ich, sich gern auch da begraben lassen – wenn anders ihr Mann es zugibt; und auch ihr, meine lieben Eltern, wenn ihr so gütig seyn wollet, ruhet zusammen mit mir bis an den Morgen des jüngsten Tages. – Dann gehe ich mit Minchen, wie ein Bräutigam mit seiner Braut, aus der Schlafkammer. Eine lange Brautnacht. – Mein Herz bebt vor dem Worte lange zurück! Gott schenke uns allen eine angenehme Ruhe! – Wir weinten alle. Die Thränen meiner Mutter flossen sanft, so sanft als ein warmer Mairegen. Mein Vater war heftig. Stirb, sagte er, im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat! und meine Mutter: Amen! und ich: Gott mit euch in alle Ewigkeit! und wir alle drei zusammen: Amen! Amen!

Nach einer kleinen Weile fragte mich mein Vater, ob ich noch Minchen, oder Benjamin, oder beide zusammen sehen wollte? – Minchen? sagt' ich heiter, Minchen? Nein – Minchen nicht, [83] lieber Vater, sie würde sich zu sehr grämen, wenn sie ihren Gemahl Alexander sterben sehen sollte. Sie hat mich bloß als Ueberwinder gesehen. Benjamin? auch nicht, er würd's ihr vorwimmern, was er gesehen, gehört und empfunden hat; Benjamin ist ein guter Junge, nicht wahr, lieber Vater? Er muß Alexander werden! Lange genug ist er Darius gewesen – und, in Wahrheit, es ist nicht viel, Darius zu seyn. Er und ich waren guteFeinde zusammen, eine Seele in zwei Leibern.

Dieses alles brachte mich auf ein Codicill. Ich änderte mein Testament und bat meine Eltern, Minchen nichts, auch nichts vom Christoph, auch nichts vom großen Kreuze zu eröffnen, wenigstens die Publication des Testaments noch viele Jahre auszusetzen. Meine Mutter, die mit der Anfrage meines Vaters, die zwei Lieblinge meines Herzens noch in dieser Welt zu grüßen, unzufrieden geworden, freute sich, daß alles so vortrefflich beigelegt und der vorige Druckfehler verbessert war. Er ist schon ein Engel, sagte sie, und es war völlig klar in ihrem Gesichte. Werden wird er's, sagte mein Vater. Bei ihm sah es noch sehr finster aus. Der Platzregen hatte aufgehört, allein eine Gewitterwolke hielt ihn zurück, und man hörte von ferne ein Donnerwetter murmeln. Ich bin ruhig, sagte er, und das ist immer der größte Beweis, daß man's nicht ist. Nichts ist so leicht anzusehen, als Ruhe. Ein Hofmann selbst könnte sie nicht verbergen, wenn er die Ruhe je zu kennen die Gnade gehabt. Im Grunde war er so ruhig als ein Mann, dem Haus und Scheuern abgebrannt sind, und dem ein gutgesinnter Nachbar ein Kämmerlein mit einer Klinke eingeräumt hat.

Mein Feierabend bricht heran, willst du nicht, sagt' ich, Licht bringen, liebe Mutter! das hin und her thut wanken, bis ihm die Flamm' gebricht, alsdann fein sanft und stillelaß, Herr, mich schlafen ein!

[84] Meine Mutter setzte hinzu: Nach seinem Rath und Willen, wann kömmt dein Stündelein!

Mein Vater wurde von dieser letzten Oelung unterrichtet, ohne daß man dabei des Eierheiligen dachte, und seine Seele war gerührt. Es fielen große Tropfen.

Noch nicht, sagte meine Mutter zu mir, dein Auge ist noch zu hell. Dies soll das Letzte seyn, damit du die letzten Worte noch im Himmel singen kannst.

Mein Vater ermannte sich nach einer Weile, um mich mit der Stadt Gottes bekannt zu machen. Er hatte einen andern Himmel für ein Kind, einen andern für meine Jahre. Wir sprachen viel. Ich fragte ihn so, als ob er schon dagewesen, und er antwortete mir so. Ich will nur etwas anführen:

Seine Meinung war, daß die Verwandlung eben so groß nicht seyn würde. Wir können, sagte er, nichts mehr durch ein Seherohr sehen, was wir nicht schon durch's Auge gesehen haben.

In dieser Welt sehen wir in der Ferne eine Menge Menschen wie Dünste aus der Erde steigen, wie Gesträuch – im Himmel kommen wir diesem Menschenklumpen näher, wir kennen sie, wir geben ihnen die Hand; indessen blieb uns wohl auch in der Welt ein Haar auf ihrem Haupte verborgen? In der Welt ist alles gezeichnet, dort ist's ausgemalt. Was wir hier im Kleinen sahen, geht uns dort im Großen auf. Was ist in der Welt für eine Wissenschaft, die nicht schon in unserer Seele läge? Nur Licht hereingebracht und alles ist aufgedeckt – der gemeinste Mensch begreift alles, noch mehr, er weiß alles, was du ihm sagest. Gib ihm den ersten Buchstaben, er gibt dir den zweiten. Wir lernen nichts, was eigentliche Wissenschaft, bleibende Kenntniß, himmlische Wahrheit ist. Die Seele ist ein gestimmtes Instrument, das nur gespielt werden darf; und wenn du die Kunstwörter von der Sache abnimmst, diese Rüstung, die einem kleinen Körper das Ansehen [85] eines Riesen gibt, find'st du nichts Unerwartetes. Wenn du die Tressen vom Kleide absonderst, ist's dem gemeinsten Mann, als hätte er sein eigen Kleid an. Quantum est in rebus inane! Die Gelehrten bemühen sich weislich, dieses ihr Kunststück nicht zu verrathen, weil sie damit auf die Märkte ziehen, und große bunte Zettel drucken lassen, um sich für Geld zu zeigen.

Ist's denn Wunder, wenn der Gelehrte dem Ungelehrten in der andern Welt nichts nachgeben wird! O ihr Thoren, die ihr glauben konntet, ein Gelehrter würde dort schon eine höhere Klasse der himmlischen Glückseligkeit betreten, als ein Bauer. Der letzte wird in Wahrheit nur ein kleines nöthig haben, um dem Gelehrtesten gleich zu seyn. Der einzige Unterschied zwischen einem Gelehrten und Ungelehrten in der andern Welt wird seyn, daß der erstere mehr vergessen muß als der letztere, um himmlisch zu wissen, was er weiß; und was ist schwerer? vergessen, was man nicht halb, nicht ganz wußte, oder gleich die Sache beim rechten Ende fassen? Der Literatus (welches in Curland gemeinhin ein gekaufter Titel ist), wenn ihm auch dieses Diplom seiner Geschicklichkeit wegen ohne Geld und gute Worte zugestanden werden kann, hat nicht Ursache stolz zu seyn, denn der Unwissende unterscheidet sich von dem Wissenden bloß dann, daß dieser sagen, aussprechen kann, was beide wissen, und das erste Capitel von dem, was sie beide nicht wissen. Ein schönes Buch, das wirklich schön ist, das vom Herzen kommt und zu Herzen geht, was meinst du? Hast du das nicht alles gedacht, was drin steht? Du hast nur – eine Kleinigkeit – nicht das Buch selbst geschrieben. Du hast nichts gelernt, sondern nur mit diesem Buch Feuer in deiner Seele angefacht.

Mein Vater nahm Gelegenheit diese Sätze auf Vernunft und Religion anzuwenden.

Aber die Sprachen, sagte ich, lieber Vater?

[86] Nur eine ist da, und keinem wird ein Wort fehlen. Sieh! wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtlich bei einander wohnen, wird's von Gedanken und von Worten heißen. Es werden Zwillinge seyn, wie Nachbarskinder werden sie zusammenhalten.

Hier, fuhr er fort, lernen wir Sprachen, um mit der Natur umgehen zu können. Wir wollen uns ihr gern bequemen, und da ihre Hofsprache unbekannt ist, halten wir viele Sprachen in Bereitschaft, und kommen, da kein Mensch mehr als Eine Sprache recht wissen kann, mit einem Frachtwagen voll Grammatiken und Wörterbüchern, um bei der Königin Natur, mit Beihülfe dieser Dolmetscher, Audienz zu haben!

Die Natur versteht, wie Gott der Herr, eben so gut deutsch, als griechisch und lateinisch; auch sie will nicht mit Worten, sondern im Geiste und in der Wahrheit verehrt seyn. Eine Sprache ist der Hauptstuhl, das eigentliche Capital, die andern sind die Zinsen.

In dieser Welt sprachst du mit Gott deutsch. Jachnis spricht lettisch mit ihm. Wenn ein Deutscher französisch betet, läßt er sich vom lieben Gott französische Vocabeln überhören. Die letzten Worte sind alle in der Muttersprache, auch die letzten Seufzer so. Da kommt gemeinhin alles an Stell' und Ort. Man sagt sogar, daß sich das ganze Gesicht im Sterben verändere und der Hofmann wie ein anderer Mensch aussehe, und der Cain ohne Zeichen da läge, alles in Gottes Gewalt.

Zu jeder Sprache, das weißt du, lieber Junge, denn du hast außer der commandirenden deutschen mehr als eine, gehört eine andere Zunge und ein anderer Mensch. Von der in der andern Welt läßt sich, glaube ich, kein einzig Wort, auch nicht einmal lieber Gott, mit einer Menschenzunge aussprechen. Da fehlt's [87] am R, am H, am L, und an jedem Buchstaben. Eine Engelzunge ist uns vonnöthen.

Meine Mutter sang mitten unter dieser Predigt, da mein Vater Athem holte:


Wie herrlich ist die neue Welt,

Die Gott den Frommen vorbehält!

Kein Mensch kann sie erwerben.

Doch ist zu jener Herrlichkeit

Auch ihm die Stätte zubereit,

Herr! hilf sie ihm ererben.

Einen

Kleinen

Schall von jenen

Freudentönen

Schenk dem Schwachen,

Ihm den Abschied leicht zu machen.


Mein Vater lehrte mich nachdrücklich das Irdische, das Hinfällige, das Hektische in dem größten Theile der menschlichen Kenntniß, und da er nur ein wenig anhielt, fing meine Mutter wieder an:


Herr! wir wallen sämmtlich hier,

Da der Leib uns hält verschlossen,

Brüder! Menschen! was sind wir?

Fremd' und Reichsgenossen.

Unsers kurzen Wandels Lauf

Geht hinauf,

Da wir her entsprossen.


Historie, fuhr mein Vater fort, ist darum gut, damit sich nicht die Kaufleute freuen, wenn Kinder und Narren zu Markte kommen; und Erdbeschreibungen und Reisen zu Wasser und zu [88] Lande und Weltentdeckungen, damit wir uns selbst entdecken und kennen lernen.

Ich lese, das weißt du, sehr gern Reisen, um in mich selbst zu kehren; ich freue mich über jede neue Völkerentdeckung, weil ich hierdurch den Schlüssel zu mir selbst und zu meinem Nachbarn finde. Vom Anbeginn ist's so nicht gewesen, wie es jetzt in der Welt ist.

Meine Mutter hatte vieles in dieser Predigt gefunden, was ihr zu prosaisch war. Ihr Himmel bestand aus einer Schaar heiliger Sänger und Sängerinnen. Da, pflegte sie sonst zu mir zu sagen, werden wir nicht reden, sondern alles wird Musik seyn. Lauter Duettos und Terzetten, Recitative und – sie wandte indessen jetzt nur bloß mit dem Kopfe ein, den sie zuweilen von der Linken zur Rechten, wie die meisten Menschen ihre Köpfe zu schütteln gewohnt sind, schüttelte.

Wenn mein Vater nur etwas still hielt, wollte sie anstimmen, indessen konnte sie keinen Takt zu Ende kommen, mein Vater griff beständig plötzlich an.

Es ist ein Gott! deine Seele ist sein Hauch, er ist! er war! er wird seyn! Sein Bevollmächtigter ist das Gewissen. Du fühlst diesen Machthaber, wenn du ihn gleich nicht siehest, als einen gegenwärtigen Zeugen, wenn du im Stillen Gutes oder Böses thust. Er ist mit dir, er geleitet dich, um dich dort als Bürger in der Stadt Gottes einschreiben zu lassen mit einem neuen Namen, der über alle Namen in der Welt ist.

Gottes Güte, seine Gerechtigkeit ist's, daß wir im Tode nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat kein Ende! Neu ist sie am Morgen der Ewigkeit! Welch eine Sonne, die dann aufgeht! Welch ein Wort, Ewigkeit! Etwas ohne Ufer und ohne Grund.

Dort haben wir nicht nöthig, uns um einander zu bekümmern. [89] Die Eltern brauchen keine Pflege, die Kinder keine Stütze: Ganze wird unser Gegenstand seyn.

Gott, der in uns angefangen hat das gute Werk, wird's vollenden in Ewigkeit. Wir werden ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, jetzt sehen wir ihn im Spiegel, der seine Welt ist, den er uns vorhalten ließ, und da unser Standort dunkel war, sahen wir nur wenig, nur daß er war! Dort werden wir sehen, was er ist!

Selig sind die Todten, die im Herrn sterben! Sie stärken sich durch einen sanften Schlaf zu himmlischen Beschäftigungen, um zu erwachen nach Gottes Bilde. Muß der Mensch nicht hier immer im Streite leben? Seine Tage sind wie eines Tagelöhners. Man legt ihn in die Erde, und wenn man ihn morgen sucht, beschämt ihn der Stuhl, wo er saß, das Buch, das er eben gelesen hat, denn er ist dahin; den Sucher ergreift ein Schauder. Heil dem, der in der Jugend vollendet wird! Er kommt froh zum Grabe, wie Garben mit Jauchzen eingeführt werden zu ihrer Zeit – du wirst liegen und schlafen ganz mit Frieden, denn allein der Herr hilft dir, daß du sicher wohnest – –

Zu allem diesem sprach meine Mutter den Segen. Empfange, sagte sie mit gerührtem Herzen, hierauf den Segen des Herrn:

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über euch und sey euch gnädig! – und da kein Chor antwortet, setze ich, sagte sie, selbst hinzu: Der Herr erhebe sein Antlitz auf uns und gebe uns seinen Frieden, Amen!

Sie sprach diese Worte mit einer so zuversichtlichen Segensstimme, daß meine Seele das Licht sah, das mir leuchten sollte bei dem schrecklichen Todesgange, und die Hülfe empfand, die mir helfen würde bei dem allerletzten letzten Todesstoß.

Kaum hatte sie ihn aber mit Herzen, Augen, Mund und Händen ausgesprochen, ihr Auge war gen Himmel gerichtet, ihre [90] Hände hatte sie auf mich gelegt – kaum hatte sie Amen gesagt, so ward sie des Segens wegen verfolgt, weil der Candidat mit den langen Manschetten, der vor vieler Zeit, wie meine Leser sich erinnern werden, einen kalekutischen Hahn verzehren geholfen, während des Segensspruchs ins Zimmer getreten war. Es war dieser gute Mann in der Bauskeschen Präpositur, welche, so wie die Seelburgsche, den dreigliedrigen Segen angenommen hatte.

Der Herr Superintendent Alexander Gräven, unter dessen Regierung, wie meine Mutter zu sagen pflegte, ich leider! das Licht der Welt erblickt, hatte im Jahr eintausend siebenhundert und achtzehn den dreigliedrigen Segen eingeführt; indessen blieb meine Mutter, so wie beim alten Kalender, so auch beim alten Segen, wenn er gleich ein Glied weniger hatte.

Meine Mutter, die, wie Brutus, nicht mehr auf den Sohn ihres Leibes, sondern auf's Unsichtbare und Allgemeine, und was noch mehr war, die Ehre der Kirche und ihre Ordnung sah, gerieth in Paul Einhornschen Eifer, sprach wider die Regierung, nicht des Herzogs Ferdinand, sondern des Gräven, ärgerte sich, daß ich und er Alexander hießen.

Er, weil ein würdiger Einhorn so geheißen.

Ich, weil man außer vielen andern Bedenklichkeiten, die sie hatte, auf den, wie sie sagte, unseligen Gedanken kommen könnte, daß ich von diesem dreigliedrigen Alexander Gräven den Namen empfangen haben könnte.

Dem Herrn M. Adolph Grot, Pastor in Windau, der sich des alten Gebrauchs angenommen, setzte sie eine Märtyrerkrone auf, und dem Herrn Pastor Christoph Sennert, der des dreigliedrigen Segens wegen Kreuzzüge thun mußte, und in gewisser Art Fähnchenführer war, hatte sie keinen Segen auf den Weg gewünscht, wenigstens sollten seine Gebeine nicht im Vaterlande verwesen, welches auch nur, wie sie sagte, zweigliedrig wäre: Curland und Semgallen.

[91] Ich will nicht hoffen, daß eben wegen dieses Unsegens (Fluch war es nicht) dieser Grävensche Adjutant unstät und flüchtig geworden, und auch wirklich in der preußischen Grenzstadt Memel sein unruhiges Leben, wiewohl schlüßlich, wie Paul Einhorn, sanft und ruhig geendigt hat.

Es würde kein Segen für meine Leser seyn, wenn ich ihnen den Streit meiner Mutter und des Herrn Candidaten auseinander setzen sollte.

So viel zur Nachricht, daß dieser Segensstreit in Curland durch den landtäglichen Schluß vom einunddreißigsten Julius eintausend siebenhundert und dreiunddreißig, und durch die Verordnung vom neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreißig, in der Art beigelegt worden, daß meine Mutter zwar nach der Zeit einsah, es sollte in Curland nicht mehr zweigliedrig gesegnet werden, indessen was sind Edikte und landtägliche Schlüsse dem Gewissen? Sie lebte und starb nach dem alten Kalender und nach dem alten Segen, und wenn sie gleich oft und viel nicht wider den Strom schwimmen konnte, hoffte sie doch, es werde alles ein Ende gewinnen, daß wir's könnten ertragen.

Den Ungläubigen, die vielleicht auf den Gedanken kommen könnten, daß ich ein Mährlein erzählet, zur Beschämung, will ich wörtlich die segensreiche Verordnung unter die Augen setzen, welche den neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreißig in der Residenz Mitau gegeben worden:

»Von Gottes Gnaden Wir Ferdinand, in Liefland, zu Curland und Semgallen Herzog, geben allen Einsassen dieser Herzogthümer zu vernehmen, daß in diesem letzten landtäglichen Schluß vom einunddreißigsten Julius jetztlaufenden Jahres wohlbedächtig, und alle bisherige Discrepance und angewachsene Streitschriften unter den Geistlichen in diesen Herzogthümern einmal zu heben, den dreifachen Segen beizubehalten und durch Publicationes festzusetzen,[92] beschlossen worden. Dahero Wir denn, kraft dieses unsers Patents, sowohl dem wohlehrwürdigen und hochgelahrten Herrn Alexander Gräven, Superintendenti und pastori primario zu Mitau, als allen ehrwürdigen und hochgelahrten Präpositis dieser Herzogthümer, auch sämmtlichen übrigen würdigen und wohlgelahrten Pastoribus in Gnaden befehlen, daß sie solchen dreifachen Segen, der in verschiedenen Kirchen allhier bereits angenommen, sofort, wo es noch nöthig, gleichfalls einführen und den zweifachen künftighin nachlassen mögen. Gewärtigen auch ein Gleiches von den Priestern der adeligen Kirchen, und wollen gnädigst, daß zu aller Wissenschaft dieses Patent drei Sonntage nach einander in deutscher und undeutscher Sprache von den Kanzeln verlesen, auch nachgehends ad valvas templi affigiret werden soll. Urkundlich unter dem fürstlichen Insiegel und unserer Unterschrift. Gegeben in der Residenz Mitau den neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreißig.«

Mein Vater, der es beständig mit dem weltlichen und nicht mit dem geistlichen Arme hielt, mischte sich gar nicht in diesen Segensstreit des Herrn Candidaten und meiner Mutter, obschon ich aus anderweitigen Aeußerungen weiß, daß er's dem Herrn Superintendenten nicht verzeihen konnte, daß derselbe eigenmächtige Veränderungen zu machen sich unterfangen hätte. Er war so gleichstimmig mit der wohlgebornen Ritter- und Landschaft, daß man glauben sollen, er selbst hätte den landtäglichen Schluß vom einunddreißigsten Julius eintausend siebenhundert und dreiunddreißig entworfen, den ich meinen Lesern aber nicht vor die Augen stellen will.

Jetzt war mein Vater während dem Segensrauch ganz still und blickte zuweilen auf mich, seinen zweigliedrig eingesegneten Sohn. Da es sich zum Waffenstillstande anließ, der dem Herrn Candidaten um so rathsamer war, als er während dem Streite [93] fallen lassen, daß er heißhungrig sey, indem invita Minerva wohl schwerlich ein kalekutischer Hahn wieder sein Theil geworden wäre.

Da, sag' ich, der Herr Candidat ins Winterquartier zog, nahm mein Vater das Präsidium bei diesem Disputationsactu und sagte etwas, was weder den Opponenten noch Respondenten traf.

Von Gott, fing er an, kommt aller Segen. Meine Mutter nahm dies Wort; wollte Gott, sagte sie, Sie hätten Segen für meinen Sohn mitgebracht!

»Hier ist ein Brief von Doktor Saft und er selbst wird auch noch heute hier seyn.«

Er lebt? sagte meine Mutter.

Und ich zu gleicher Zeit: er lebt! indessen setzte ich noch das Wort also hinzu. Wir hätten auch fragweise: lebt er? die Sache nehmen können, und ich hätte das also alsdann vielleicht gespart; indessen, wollten wir ohne Zweifel den Accent auf Er legen, und es war ein Frag- und Verwunderungszeichen bei den Worten: er lebt! an Ort und Stelle.

Der Candidat, der nicht zu wissen schien, ob vom geistlichen oder leiblichen Leben die Rede wäre, zog seine Handblätter weiter heraus, denn diese Frage war ihm in alle Wege so besonders, daß er die Antwort hervorziehen mußte.

Meine Mutter kam ihm entgegen und setzte die Frage durch eine andere ins Licht.

Ist er nicht todt? und nun waren die Manschetten heraus und die Antwort:

»Ich habe ihn frisch und gesund gelassen –«

Und woher todt? fragte mein Vater.

Diese Frage befremdete meine Mutter noch mehr, als ihre und meine Frage den Herrn Candidaten. Sie wollte indessen meinen Vater keiner Lüge beschuldigen und ihn öffentlich beschämen.

Mein Vater las den Brief und sagte mit einer Stimme: [94] außer Gefahr, daß es mir auffiel, mein Leben sey ihm nach den verbrannten Papieren gleichgültiger geworden. Es war ihm so, als wenn ein Sterbender eine Pension bekäme, auf die er zwanzig Jahre gehungert, oder wenn jemand, dem alle sein jetziges und künftiges Habe und Gut heut confiscirt ist, morgen hundert tausend Dukaten durch einen Rechtsspruch gewinnt.

Ich habe es oft erlebt, daß der beste Freund, wenn er seinen sterbenden Jonathan beweint hat, im Anfange gleichgültig ist, wenn er hört, dein Freund Jonathan lebt. Er schließt nach seinem erlittenen, nach seinem überwundenen Schmerze auf den, der ihm noch bevorsteht. Bei meinem Vater wie oben.

Welch eine Veränderung bei ihm! welch eine bei mir! Meine Mutter blieb, wie sie war; ich fühlte mich die Minute besser, da diese Worte ausgesprochen wurden. Es war Schlag auf Schlag. Die Krankheit hatte mich schon vorher verlassen, nur ich nicht die Krankheit. Ich getraute es mir nicht zu glauben, daß ich gesund wäre. Lieber Herr Candidat, Sie hätten, unter uns gesagt, den Segen zuletzt lassen sollen, wie es Sitte in der Christenheit ist.

Warum soll ich's läugnen, daß mir jetzt mein letzter Wille zusammt dem Codicill, in Absicht Minchens, herzlich leid zu thun anfing; ich möchte wissen, was die Ursache war? Ich wurde Mal auf Mal im Bette blutroth, als wenn mir das Gewissen ins Gesicht sähe. Um alles in der Welt willen hätte ich das Testamentum nuncupativum zurück gehabt.

So gern meine Mutter es wissen mochte, wie das ganze Briefmißverständniß entstanden wäre, unterfing sie's doch nicht, die Auflösung in des Candidaten Gegenwart abzufragen. Die verfluchten Briefe! überall, wo sie sind, sind Falten und Verwicklungen! Spitzet nicht eure Federn, Kunstrichter, wenn sie in Romanen und auf dem Theater große Rollen spielen. Es ist wahr, sie sind der faule Knecht für unsere Theaterdichter, denn wo [95] würden sie ohne Briefe einen gordischen Knoten hernehmen? Und wie würden sie die Knoten so alexandrisch, als durch eine Antwort auf diesen Brief entzweihauen? Allein, siehe da! wie die Natur spielt, auch in einer wahren Geschichte ein Brief! und gewiß nicht der letzte.

Die blanken Nägel waren mir nicht mehr im Wege, ich bekam Appetit, eine von den Würsten zu essen, die meine Stelle vertreten sollten.

Aus dem Bette, sagte mein Vater, wenn du essen willst! Kein Mensch muß im Bette essen und trinken. Es ist schon zuviel, daß man darin schläft oder stirbt. Wer auf der Erbe stirbt, stirbt auf dem Bette der Ehren. Er nimmt's mit der Krankheit auf.

Da stand ich, wie mich Gott geschaffen hat, bis auf's Hemde –

Obgleich meine Mutter es gern gesehen, wenn ich der Krankheit standeshalber das Geleite gegeben, übersah sie dennoch diese Sünde wider die Etikette, um vielleicht meinen Vater zur Erkenntlichkeit in Beschlag zu nehmen, welche darin bestehen sollte, daß er ihr zu seiner Zeit das Geheimniß des Briefes und der Feuersbrunst entdecken möchte. Ich glaub's schwerlich, liebe Mutter, wenn du nicht durch die Künste der Palingenesie – –

Der Doktor fand mich beim Geräucherten, und das war meinem Vater gewonnen Spiel. So, sagte er, sollte der Doktor jeden treffen; gelt! wir würden weniger Patienten und – mit Erlaubnis Herr Doktor – weniger Doktores haben. Der ehrliche Saft schämte sich, dem Puls die Hand zu geben. Nach einem Bedenken nahm er sein ganzes Doktoransehen zu Hülfe, fühlte wirklich Schande halber nach dem Pulse, indessen that er's verstohlen und so ungefähr, als ein hochwohlgeborner Herr, wenn er eines ehrlichen Bürgers Tochter geheirathet, seinem Herrn Schwiegervater die Hand gibt. – Ich riß mir die Hand los, um das abgeschnittene [96] Stück an seinen Ort zu stellen. – Der Herr Schwiegervater sollt's auch so machen.

Warum aber Geräuchertes? fragte der Doktor. »Weil er's gewollt« (mein Vater und meine Mutter). Hierin war meine Mutter mit meinem Vater gleichlautend, denn sie hatte Beispiele, daß viele Leute mit Sauerkraut von hitzigen Fiebern, und kalten Fiebern, und faulen Fiebern, und Flußfiebern, und Seitenstechen, und Entzündung der Lunge, und Entzündung der Leber, und Entzündung des Gekröses, und Frieseln und Schlagflüssen, und Herzgespann und vielen Suchten und Gichten kurirt wären. Die Stimme des Magens war ihr eine heilige Stimme.

Der Doktor Saft und sein Freund, der Herr Candidat, fanden für gut, drei Tage bei uns zu bleiben. Ich will nicht hoffen, Herr Candidat, um auch hierin dreigliederig zu seyn! Meiner sonst gastfreien Mutter waren sie unausstehlich, denn sie ward wegen des Briefstaubes durch die Gegenwart entsetzlich gemartert. Es zog der Doktor Saft während dieser drei Tage mit andern Leuten in der Nachbarschaft Schach, und war fröhlich und guter Dinge, als ob er immer gewönne.

Schon ehe der Doktor angekommen war, hatte mein Vater den Staub, der mich am allerersten als seines Gleichen bewillkommen sollte, in weißes Papier eingesargt; ich glaube, es war ein großer Bogen Postpapier, weil, wenn gleich die Thränen nicht alles zurückhalten können, und vieles in die Luft gesprengt war, doch immer von einer Handvoll Papier ziemlich viel geweihete Asche zurückbleiben mußte.

Es schien mir indessen, da ich zusahe, daß mein Vater diese Asche nur vorderhand in sein Nußbaumschränkchen beisetzte, weil der Paradesarg noch nicht fertig war.

Kaum hatte der Doktor, der unvermuthet nach drei Tagen zum Uhrwerk eines andern Pulses zu reisen nothwendig fand (sonst [97] wär' er länger geblieben), mit seiner Hand meinem Vater und Mutter zum letztenmale einen Kuß zugeworfen und sich tief herausgebogen, kaum war er ihrem Auge entfahren (der Candidat, sein Freund, war eine Stunde früher ohne eine solche feierliche Begleitung und ohne einen Kußwurf abgereiset), fing meine Mutter an:

Der Brief – – – Um Verzeihung, liebe Mutter! warum? Schach dem Könige! warum gleich mit dem Hauptworte? Eine Hauptschlacht ist bei einer solchen Gelegenheit nicht immer das rathsamste. Warum so geradezu und nicht durch ein Strategem? Für Helden, die in einem Jahre die Geographie so unbrauchbar machen können, wie den vorjährigen Kalender, ist freilich kein Strategem; eine liebe Frau Pastorin aber, die keinen Beruf zur Amazonin hat, kann den Vogel im Neste greifen.

Was für ein Brief? erwiederte mein Vater. Mich dünkt eine schlechte Deckung auf Schach dem Könige. Meine Mutter war auf diese Frage unvorbereitet, indessen verlor sie noch nicht den Muth; sie hatte Hülfsvölker in Bereitschaft.

Den du eingeäschert hast, sagte sie, und setzte in einem Tone: mein Kind, dazu, daß man wohl einsah, wie sie, wenn es nicht anders wäre, auch zum edeln Frieden bereit sey. Noch streckte sie indessen nicht das Gewehr. Ich hielt ihn, sagte sie, für einen Brief vom Herrn Doktor Saft (sie nannte ihn Herr, welches sie mit Anwesenden selten that, es wäre denn, daß sie vom Herrn Superintendenten gesprochen hätte; auch die Herren Praepositi hatten schon diesen Vorzug, nur der Bauske'sche und Seelburg'sche ausgenommen, die Dichter hatten alle Herr).

Dieser Brief hat uns alle in Unordnung und Verwirrung gebracht. Ich dachte, Saft sey todt.

Du hast unrecht gedacht, mein Kind.

Aber der Brief, sagte meine Mutter. Sie war einmal in Unordnung, und wie eine Uhr, die unrichtig ist, so lang von eins bis [98] zwölf immerfort schlägt, bis das Gewicht abgelaufen ist, war auch sie mit ihrem: der Brief.

Glaube mir, mein Kind, erwiederte mein Vater, es gibt nicht Aerzte, Wundärzte gibt's hier und da einen. Hier folgte ein langes Kapitel für und wider die Aerzte, wodurch meine Mutter in eine solche Enge gebracht wurde, daß sie nicht aus noch ein wußte.Ehre den Arzt, sagte sie in der Verwirrung; allein welch eine allgemeine Ursache? erwiederte mein Vater; denn der Herr hat ihn gemacht. Wenn dem Arzte keine andere Ehre zukommt, so sind sie eben nicht hochgeehrt! Was thun sie auch? Sie sind unsere Peiniger. Sie suchen eine Ehre darin, daß wir durch ihre und nicht durch die Hand der Natur sterben. Sie sind privilegirte Giftmischer und subtile Todtschläger, die ein Recht promovirt haben, tödten zu können; und wenn's ihnen glückt, wenn sie einen Menschen auf ein halb Jahr befristen, ist's ein Mensch? eine Mißgeburt ist's, ein im Reich der Todten Angeworbener. Wer einen Arzt annimmt, hat vom Tode Handgeld genommen. Aerzte sind seine Werber! Mein Vater sprach den Recepten Ehre und Redlichkeit ab. Hätte die Natur nicht gemischt, wenn die Mischung nöthig gewesen? Er wollte, daß man den Aerzten den Proviant abschneiden und die Apotheken zerstören sollte. Den Arzeneien aus dem Pflanzenreiche ließ er Gerechtigkeit widerfahren. Wenn ein Arzt, fuhr er fort, krank wird, kurirt er sich nicht selbst, sondern ersucht seine Herren Kollegen, Standrecht über ihn zu halten. Er selbst weiß wohl, daß er nichts weiß; indessen mit der Kunst geht's ihm wie einem Lügner mit der Lüge, die er oft und viel für Wahrheit ausgegeben – wie einem Schwarzkünstler. – Der Arzt hält die Kunst am Ende selbst für Wahrheit, und denkt, die Unwissenheit hab' an ihm gelegen. Ein kranker Arzt schickt also zu andern Aerzten, und diese, wenn gleich sie den Kranken wegen seiner zeither geleisteten vielen Wunderkuren, wodurch er sie bei [99] weitem übertroffen, von Herzen beneiden, denken doch, heute mir, morgen dir! und würden dem Herrn Kollegen gern helfen – wenn sie nur könnten. Wenn die Natur sich selbst nicht mehr helfen kann, ich möchte den Arzt sehen, der Naturstelle vertreten könnte? – Wie kann er den Weg wissen, den die Natur will? Geht sie zur Rechten, so will er zur Linken. Geht sie zur Linken, will er zur Rechten, und am Ende – da sie sieht, man traue ihr nicht, man haue sich Brunnen, wo kein Wasser ist, wird sie der Neckerei überdrüssig, und dieß ist das Gericht der Verstockung im leiblichen Sinn. – Am Ende weiß er, was nicht alle wissen wollen, die Signa mortis, obgleich auch selbst hiebei viele Ungewißheiten vorfallen.

Wie meiner Mutter bei allem diesem zu Muthe gewesen, kann ich mir sehr klärlich vorstellen.

Sie wollte indessen noch einmal eine Schwenkung mit der Fahne versuchen; wer weiß, dachte sie, ob sich die zerstreuten Leute nicht sammeln. Sie sagte, was sie schon oft gesagt hatte, und was ich meinen Lesern nicht mehr sagen mag; weiter nichts, als –der Brief – und mein Vater machte ihr ein Gesicht, das ich einem jeden Ehemann als ein probates Hausmittel empfehlen würde, wenn seine Frau zu oftder Brief sagt, und wie eine verdorbene Uhr in einem Zuge von eins bis zwölf schlägt, wär's auch das beste Weib in der Welt und eine liebe – – Ein Gesicht dieser Art hat seinen guten Nutzen. Eigentlich sollte ich nur sagen das linke Auge, denn über das ganze Gesicht darf es sich nicht verbreiten, auch das rechte Auge kann frei bleiben, oder darf diese feindliche Einquartierung nicht einnehmen. Dieß ist das einzigste, was ich einem Manne von seiner Herrschaft zugestehen kann. Es ist dieß Gesicht so sehr von Zorn entfernt, daß der Ehemann hiebei seiner Frau die eine Wange küssen kann.

So oft mein Vater dieses Gesicht machte, blieb meine Mutter plötzlich still, und das geschah oft mitten im Wort, so daß sie zuweilen [100] a – anfing, das ber indessen hatte das linke Auge meines Vaters getroffen. Arme Mutter! wenn du nur besser angefangen hättest. Warum eben »der Brief!«

Kurz, meine Mutter erfuhr nicht, wo der Brief herkäme, und wie's mir vorkam, konnte sie auch nicht einmal auf Spuren kommen; so total war sie aufs Haupt geschlagen. Sie zog ohne Ehrenzeichen aus ihrer Festung, ohne Unter- und Obergewehr, ohne klingendes Spiel, ohne fliegende Fahne, brennende Lunten, Kugel im Munde, und ohne zwölf Schüsse für ihr Gewehr, großes und kleines –

Ich aber war völlig bei mir überzeugt, daß dieser Brief daher käme, wo man die Spargel früher als in Curland ißt, gleich früher in der freien Luft eine Pfeife raucht, den Wein mit der Hand aus der Quelle trinkt, und lange Manschetten trägt.

Wenn man die Augen zuhält, kann man genauer und richtiger überlegen. Zum Erfinden muß man sehen, zum Anordnen kann man blind seyn. Ein großer Kopf, der sehen und blind seyn könnte, wenn's die Umstände erfordern, müßte größer als Homer werden.

Die Umstände, die mein Vater mit dem feierlich verbrannten Briefe machte, und andere während meiner Krankheit von ihm verstreuten Worte, brachten mich auf den Gedanken, daß er von seiner Familie schlechte, unerwartete Nachrichten erfahren haben müßte. Mehr unbekannte Zahlen konnt' ich aus den gegebenen nicht heraus bringen, und gewiß, ich war weiter als meine arme Mutter, die noch nicht einen Finger breit näher vorrücken konnte, als sie ausgezogen. Meine Besserung indessen vergnügte sie so sehr, als sie meinem Vater gleichgültig schien.

Kaum war ich gesund geworden, so ermahnte mich mein Vater, daß ich mich auf die Theologie legen und mehr Fleiß als zeither darauf verwenden möchte. Ein Geistlicher, fing er an, ist der glücklichste Mensch in der Welt. In seiner Seele ist beständig Frühling, wo es weder zu kalt noch zu warm ist. Die Leidenschaften kommen [101] nie bei ihm in gewaltige Bewegung. Dinge der Zukunft sind seine Beschäftigung, und ein Mensch, der nicht von Stande ist, kann keine bessere Lebensart als diese ergreifen, wobei er hoffen lernt. Er beklagte, daß er keine Gelegenheit gehabt, die Grundsprache ex professo, wie er sagte, zu erlernen, segnete das Andenken des Conversus, der ihn jüdischdeutsch gelehrt hatte. Wenn's auch nur wäre, weil der Herr und Meister unserer Religion die hebräische Sprache geredet hätte, sollten wirs thun (nämlich hebräisch lernen) zu seinem Gedächtniß.

Wie vergnügt meine Mutter über diese theologischen Anstalten war, kann man sich sehr leicht vorstellen. Sie dachte nicht weiter an meines Vaters Vaterland, noch an den eingeäscherten Brief.


Lobt Gott mit Herz und Munde


sang sie, und mein Vater sang den andern Diskant:


Für das er euch geschenkt;

Das ist ein' sel'ge Stunde,

Darin man sein gedenkt,

Sonst verdirbt alle Zeit,

Die wir zubring'n auf Erden,

Wir sollen selig werden

Und bleib'n in Ewigkeit.


Wie sehr sich alles im Pastorat nach diesem änderte, kann ich nicht beschreiben. Gegen die vorige Zeit war kein Stein auf dem andern. Alexander und Darius ward nicht mehr gespielt.

Mein Vater, der sehr für die Quellen war, lehrte mich die christliche Religion aus der Bibel, die wenigsten lernen sie draus, pflegte er zu sagen. Das, was dir abgeht, fuhr er fort, werden dir die Schriftgelehrten beibringen. Er schien selbst nichts mehr zu wissen, als was die Fülle seines Herzens und eine andächtige Lesung der heiligen Schrift in ihm gewirkt hatte.

Von seinen vorigen Heldenthaten blieb ihm noch ein gewisser [102] Ausdruck; er nannte ihn adelich – er war feierlich dem Gedanken treu und nicht jedermanns Ding. Dem Adel und dem weltlichen Arm blieb mein Vater getreu bis in den Tod. Ich nahm täglich in Kenntnissen der Schrift zu, wenigstens war mein Herz ein Schriftbefolger. Meiner Mutter zu gefallen, mußte ich meines Vaters Kragen anlegen, und ein andermal seinen Mantel, und dann wieder ein anderes geistliches Kleidungsstück anpassen, damit sie sähe, wie es mir ließe. Eines Tages, da mein Vater viel Beichtkinder hatte, und ich meiner Mutter zu Ehren bis auf die neue Perücke meines Vaters zum Geistlichen investirt war, fing der Gedanke, der schon oft wie die Sonne auf- und untergegangen war, hell zu scheinen an. Ist es denn nicht möglich, sagte sie, daß ich dich, ehe du auf Universitäten ziehest, predigen hören kann?

Die Brodstudien haben mit den Handwerkern alles nur mögliche gemein, und meine Mutter hatte nicht ganz Unrecht, daß sie auf ein Gesellenstück bestand, ehe ich losgesprochen werden sollte. Es war ausgemacht, daß ich über einige Zeit als Geselle auf meine Künste und Wissenschaften reisen, oder, wie man es in Curland nennt, ausreisen und das Haus meines Vaters verlassen sollte. Mein Vater war einen Sonntag gegen Abend recht vergnügt, und überhaupt pflegte er nach abgelegter Sonntagsarbeit, wie ein Taglöhner alle Abend ist, zu seyn. »Das,« sagt' er selbst, »hat ein Taglöhner vor mir voraus, daß er so alle Abend ist; allein meine Freude ist eine Sabbathsfreude.«

Dieser Sonntagsfreude bediente sich meine Mutter, die ihm um diese Zeit die Gesichtsbewegungen seiner Zuhörer zu erzählen pflegte, die sie bei dieser oder jener Stelle seiner Predigt bemerkt hatte.

Was denkst du, mein Lieber! fing sie an, wär' es nicht gut, daß unser Sohn Alexander Einhorn (Alexander sagte mein Vater), ehe er uns verläßt, eine Predigt hielte? Eine Predigt? sagte mein [103] Vater, und schwieg stille, nicht aber, als ob er abbrechen wollte, sondern weil er sich nicht so geschwinde auf eine Antwort besinnen konnte. Da nun meine Mutter sein Stillschweigen eben so verstand, klopfte sie zum andernmal an, und balgte sich mit allen Zweifeln meines Vaters, die ohnedem alle sehr leicht nachgaben, weil er selbst keine Lust zu zweifeln hatte. Der alte Herr beging hiebei einen tückischen Streich, denn da ihn meine Mutter über diese Sache ebenfalls zum Vertrauten gemacht hatte, schlug er ihr den fünften Vers aus dem zehnten Kapitel des zweiten Buchs Samuelis zum Text vor. »Ich will's vortragen, Herr Cantor Herrmann,« sagte sie. Sie hielt Wort, und da man nachschlug, fanden sich die Worte: »bleibet zu Jericho bis euch der Bart gewachsen ist, so kommet dann wieder;« das war gewiß mehr als eine Schneidernadel! Dominica III. post Epiphanias ward beschlossen, daß ich Dominica Judica meine erste Predigt in unserer Dorfkirche ablegen, oder, wie es meine Mutter in der Sprache ihrer Ahnherren nannte, mich hören lassen sollte. Ich entwarf die Predigt selbst, mein Vater gab das Imprimatur, nachdem er sie befeilt hatte. Meine Mutter sonderte mir die Lieder aus. Dieses macht' ihr viele Mühe. Ein Lied war um einen Vers zu lang, ein anderes war wieder um einen zu kurz; bei manchem war die Melodie nicht der ersten Predigt angemessen, bei noch einem war noch was anderes zu bedenken: endlich getroffen. Ich habe den sehr bescheidenen Autorausdruck: befeilen, gebraucht, die Wahrheit aber zu gestehen, that mein Vater mehr. Ich hatte den Styl so sehr von den Feldreden beibehalten, daß alles Trommel und Trompete war, und zum Kammerton herabgestimmt werden mußte.

Bei der Nutzanwendung z.E. gab ich Kanonenfeuer auf die Sünder, ich versicherte sie, daß sie im Pfuhl, der mit Pech und Schwefel brennt, o Solon! Solon! rufen würden. Den Pech und [104] Schwefel strich mein Vater, und setzte: in den Flammen des Gewissens. Den Solon, Solon ließ er stehen.

Die ersten vierzehn Tage erzählte meine Mutter mir vielerlei Begebenheiten, die ihren verstorbenen Hochwohlehrwürdigen Ahnherren begegnet, und durch die Tradition bis auf den heutigen Tag unverloschen bei der Familie geblieben wären. Ein Literatus hätte nämlich sehr pathetisch seine heilige Rede angefangen, allein er wäre gleich beim ersten Theile in die Irre gerathen. Mein seliger Aelter- oder Großvater hätte ihm lateinisch zugerufen: ab initio (von vorn) und der Literatus wäre wieder nur bis auf diese unglückliche Stelle, wo er schon einmal den Faden verloren, gekommen. Noch einmal hörte der nun Trostbange die Stimme ab initio, und da er wieder diese unglückliche Stelle berührte, fiel (meine Mutter sagte dieß mit vieler Theilnehmung) ihm das Amen zu rechter Zeit ein. Das Dorf, welches das ab initio für bravo! gehalten, hatte dem Herrn Candidaten, der aus Angst gewaltig geschwitzt, das Zeugniß beigelegt, lange keine so gute Predigt gehört zu haben.

Ein andrer Candidat hätte aus Angst die Kanzel verfehlt, und anstatt beim letzten Wir glauben all' auf die Kanzel zu steigen, wär' er geradezu aus der Kirche gegangen. Mein lieber Herr Großvater hätte also ex tempore seine Gemeine bewirthen müssen. Ein dritter hätte die vierte Bitte zweimal gebetet, woraus man geschlossen, daß er zwei Magen hätte. Noch ein dritter hätte, und dieß schien ihr die traurigste Begebenheit zu seyn, das Vater Unser nach der Predigt zu beten vergessen. Der arme Mann! Er hat keine Kanzel weiter bestiegen. Dein lieber seliger Großvater rieth ihm zu einer andern ehrlichen Handthierung, indem derjenige, der vergäße das Vater Unser auf der Kanzel zu beten, mit Zuverlässigkeit es als ein Omen ansehen müßte, daß er nie mit Ruhm in den Priesterorden aufgenommen werden könnte.

Endlich wär' es einem in der Predigt vorgekommen, der Herr [105] Pastor, der mit ihm in die Kirche gekommen, sey in ein Bildniß, wie Loths Weib in eine Salzsäule, verwandelt. Die Geschichte verdient gelesen zu werden, obgleich sie nicht in der Familie meiner Mutter sich begeben hat. Der Herr Pastor hatte sich bei lebendigem Leibe in Lebensgröße malen lassen, und dieses Bild war so getroffen als die Trauben desZeuxis, welche die Vögel lüstern machten. Der Herr Pastor war da mit Leib und Seel.

Damit ich meinen Lesern die Bemerkung meiner Mutter nicht verhalte, so kam die Ehre der Aehnlichkeit nicht dem Künstler, sondern dem Herrn Pastor zu. Er hatte etwas im Gesicht von Karl XII. und Martin Luther, die jeder Töpfer trifft, wenn er sie auf den Teller hinwirft, und die der liebe Gott mit einem besondern Gesicht ausgerüstet hat. Ich, sagte sie, möchte sie treffen, obgleich ich nicht weiß, was ein i-strich in der Malerei ist.

Beim zweiten Theil fällt dieses Bild dem armen Candidaten ins Auge. Wer eine Predigt im Kopfe hat, und zum erstenmal pro candidatura sich hören läßt, kann nicht alle Ideen in ihre rechte Fächer bringen. Ein Duodezbändchen kommt dann wohl zum Folianten zu stehen. Dem armen Mann kommt's vor, er sähe ein Gesicht, er wird bleich, und mit den Worten: Herr Pastor, Herr Pastor, Herr Pastor, die immer schwächer nach dem Grade der Ohnmacht werden, fällt er rückwärts von der Kanzel. Doch Gottlob! setzte sie hinzu, ohne sich weiter am Leibe Schaden zu thun.

Die Woche vor der letzten ließ meine Mutter nach, ihre Gespensterhistörchen zu erzählen.

Ich wußte die Predigt ganz fertig und war gezwungen, aus kindlicher Liebe, wiewohl gegen ein schönes Stück geräucherten rohen Schinken pro honorario, gerad' unter dem schon genug gepriesenen Bildniß, das ich mit Ehren dem Himmel zugebracht, Probe zu halten.

[106] Dieser Ort war Kebla für meine Mutter. Nach meiner Meinung war dieses eine Goldprobe. Bin ich hier bewährt und komm' ich in der Speisekammer nicht aus dem Concept, wo mich der Geruch auf allerlei Dinge führt, wird es in der Kirche noch besser zum Amen kommen. Es ging in der Speisekammer alles bis in den dritten Theil gut. Da warf der Wagen um. Meine Mutter fiel nicht mit ab initio ein; allein nach glücklich erreichtem Ende sagte sie mir im Vertrauen, daß mein Vater weit besser gethan haben würde, es bei drei Theilen bewenden zu lassen. Er hat ja selbst, setzte sie hinzu, im vorigen ganzen Kirchenjahre nur ein einzigesmal vier Schüsseln oder Theile aufgetragen. Indessen war der vierte Theil so wenig Schuld daran, als ich mein Schnupftuch zu Hülfe nehmen und husten mußte, daß mich vielmehr der angenehme Rauchgeruch aus der Fassung brachte. Ich besann mich bald wieder, und meine Predigt kam in der Speisekammer mit vielem Beifall zum Ende. Meine Mutter hatte herzlich geweint. Wie ich die Sünder anredete, mußte ich das Gesicht gegen die weißen Erbsen wenden (sie waren dieses Jahr sehr wurmstichig). Sobald ich aber von diesen auf die Frommen kam, die ich in meiner Predigt meine Brüder nannte, mußt' ich das Gesicht meiner Mutter zukehren, welche anfänglich durchaus verlangte, ich sollte auchmeine Schwestern dazu setzen, bis ich sie durch die heilige Schrift selbst auf andere Gedanken brachte. Sie umarmte und segnete mich, wiewohl wieder zweigliedrig mit beiden Händen, so daß jede Hand ein Segensstück sich zueignete. Die Zeit der Ernte ist vorhanden! sagte sie, weißt du noch, was ich dir hier an dieser heiligen Stätte gewünscht habe? Meine Ermahnungen sind auf ein gut Land gefallen. – –

Ueber diese Zurückerinnerungen bei diesem Erntefest vergaß ich das Stück rohen Schinken, welches mir meine Mutter für diese Cabinetspredigt versprochen hatte. Sie selbst hatte bei der in der [107] Speisekammer genossenen Seelenspeise den Leib ganz und gar vergessen. Ich habe indessen diese Schuldpost mit Zinsen usque ad ultimum solutionis momentum zurückerhalten. Die ganze letzte Woche vor der Predigt wurde von meiner lieben Mutter so wie der heilige Abend vor einem der drei hohen Feste angesehen. Sie feierte Weihnachten, Ostern, Pfingsten meinetwegen auf einmal, und alles ging auf Zehen. Am Freitage führte mich mein Vater zwischen zehn und eilf des Abends in die Kirche, und setzte mich mit meiner Mutter, die eine kleine Laterne in der Hand hielt, in seinen Beichtstuhl. Ich wurde durch diesen Schein der Lampe in ein so heiliges Feuer gesetzt, daß ich meine Predigt mit einer solchen Rührung ablegte, als ich bei der ordentlichen Ablegung nicht empfand, bei welcher ich nur auf die Gesichtszüge dieses oder jenes merkte, und insbesondere nicht vergaß auf Nr. 5 zu sehen, wo mein liebes Minchen saß.

Im Vorbeigehen will ich bemerken, daß wenn gleich Minchen aufgehört hatte die königliche Prinzessin und ich Alexander zu seyn diese alte Liebe, wiewohl unter anderm Namen, fortgelodert habe.

Mein Vater war außerordentlich mit dieser Predigtprobe zufrieden. Predige, so lange du lebst, mit einer solchen Rührung, mit einem solchen Gott ergebenen Herzen, sagte er, so wirst du dir und denen nützlich werden, die dich hören.

Diese Probe in der Kirche war inzwischen, so spät sie auch anfing, einem Paar Leuten aus unserm Dorfe nicht entgangen. Die Laterne in der Hand meiner Mutter hatte einen solchen Wiederschein geworfen, daß in der ganzen Gemeine das Gerede ging, es würde sich ein bedeutender Todesfall ereignen, welches auch nach einer geraumen Zeit durch das Ableben eines Cavaliers unsers Kirchspiels und der Frau des alten Herrn in Erfüllung ging.

Am Sonnabende vor der ersten Predigt war im Pastorat alles so feierlich still, als es noch nie gewesen; meine Mutter sagte [108] selbst, »wie vor der Erschaffung der Welt.« Meine Mutter hatte die Lieblingsschüsseln auf den andern Tag für mich bestellt, und entdeckte mir wohlbedächtig schon Sonnabends am Hühner-oder Polterabend, womit sie mich Sonntags erfreuen würde. Auch der liebe Gott, setzte sie hinzu, erfreut seine Kinder in dieser Welt mit leiblichen Gaben. Wer am ersten nach seinem Reiche trachtet, erhält diese Zugaben und empfähet sie mit Danksagung und Wohlgefallen.

Bald hätte ich einen Zug vergessen, der mir sehr rührend und eben so lächerlich vorkam. Ungefähr um eilf Uhr in der Nacht auf den Sonntag, da meine Mutter in der festen Meinung war, ich sey schon eingeschlafen, kam sie in meine Kammer, und nachdem sie das Concept zu meiner Predigt sehr andächtig aus der Bibel genommen, legte sie's mir unters Kopfkissen, murmelte einige mir unverständliche Worte und ging davon. Schon war ich im Griff nach der Hand dieser lieben Mutter, um sie zu drücken und zu küssen. Ich konnte diese – ich will sie Brautnacht nennen, nicht schlafen, und war also ein Augenzeuge von diesem Vorgange, wenn ich gleich meine Augen bis auf ein kleines Ritzchen verriegelt hatte.

Des Morgens erfuhr ich den Aufschluß dieser Ceremonie, die sich von der Schwester der Mutter meiner Mutter herschrieb, welche behauptet hatte, daß das Concept unterm Kissen sehr das Gedächtniß stärke. Ich glaub's nicht, fügte meine Mutter hinzu, indessen ist's in der Familie beibehalten bis auf die vorige Nacht.

Ich hielt meine Predigt mit erwünschtem Glücke, allein ohne Rührung, indem, wie ich schon bemerkt habe, mein Auge herum wankte und bei Nr. 5 sich lagerte.

Ich sah ein, was mein Vater oft zu behaupten pflegte. Ein Geistlicher muß wie ein Vater zu seinen Kindern reden. Wenn er sich's aufschreibt, muß er's nicht der Gemeine, sondern seines [109] Gedächtnisses wegen thun. Auch ein Vater macht sich wohl ein Promemoria, wenn er viel mit seinem Sohne zu sprechen hat.

Meine Predigt nannte er eine Kirchenchrie, ein Exercitium, und sehr richtig.

Wer, pflegte er zu sagen, sich ein Gebet auswendig lernt, spottet Gott des Herrn. Entweder muß man gar nicht auf der Kanzel beten, oder man bete nach der göttlichen Vorschrift: »ihr sollt nicht viel plappern.« Sonst war mein Vater der Meinung, daß junge Leute nicht eher die mindeste Ausarbeitung machen sollten, als bis sich ihre Seele entfalten könne. In jedem Menschen, sagte er, liegen Zurüstungen und Triebfedern zu allen Charakteren. Die erste Schrift die ein junger Mensch entwirft, muß der Kupferstich seiner Seele seyn. Notabene der Kupferstich. – Wer die Tropen und Figuren erfand, erfand Masken für Diebe, Verräther, Mörder und Ehebrecher. Man schreibt sich jetzt nicht aus, wenn man schreibt, sondern man hat eine Vorschrift. – Auf die erste Predigt ist wenig von dem, was ich gesagt habe, zu deuten. Schwerlich, wenn sie auch ohne Lineal gemacht wird, kann daraus mehr erhellen, als ob der junge Mensch zum Gesetz-oder zum Evangelienprediger gedeihen werde.

Meine Mutter hätte gern gesehen, wenn ich ein Paar Verse nach mütterlicher Weise eingewirkt hätte, allein es ging ihre Meinung nicht durch. Warum predigt man denn nicht mitten im Liede? fragte mein Vater. Meine Mutter konnte nichts dagegen singen.

Alles, was man wünschen konnte, wünschte mir Glück, nur Minchen nicht, diese ging aus Nr. 5, als ob sie nichts gehört hätte. Ihr Scherflein, ein verstohlener Blick, galt aber mehr, als alle übrige klingende Münze. Sie hatte mich nach dieser Predigt noch lieber als ehemals, ohne daß ich einsehen konnte, was eine Predigt auf die Liebe für einen Einfluß haben könne.

Nach der Zeit erklärte ich mir dieses Räthsel. Das Frauenzimmer [110] liebt Leute, die öffentlich reden und Geschäfte treiben; vielleicht weil es Herzhaftigkeit verräth, vielleicht weil die Ehre, die auf den Verehrten fällt, auf sie zurückprallt. Kurz ich gewann beiMinchen. Ich hatte sie in der Predigt angesehen, ich hatte Gott in der Kirche (so kam es ihr vielleicht vor) hierdurch zum Zeugen unsrer Liebe angerufen. Wir waren nur eine Seele vor der Predigt, nach der Predigt war ich der Mann ihrer Seele und sie das Weib der meinigen. Im Küssen kamen wir uns nach dieser Predigt oft auf dem halben Wege entgegen, an mehr dachten wir beide nicht.

Der alte Herr wollte wieder mit einem Spruch bei meiner Mutter gut machen, was er mit einem Spruch verdorben hatte. Man kann vom jungen Herrn, versicherte er, nicht sagen, was man vom Herrn Pastor in – sagte, der die Gemeinde von seinem Herrn Vater erbte, und mit ihr des Vaters Concepte. »Alles, was der Vater hat, ist sein, und von dem Seinen wird er's nehmen, und euch verkündigen.«

Meine Mutter sprach gleich nach eingenommenem Mittagsmahl von Universitäten, allein mir schienen Universitäten ein sehr unnöthig Ding zu seyn. Ich wiederholte ihr das, was mein Vater darüber verkündigt hatte.

Müssen denn alle Bäume, die ihr Haupt emporheben sollen, ehe sie an Stelle und Ort kommen, in einer Baumschule ihre Jahre stehen? Wo Gott und die Natur ist, da ist eine hohe Schule. Gott wohnet nicht in Tempeln, mit Menschenhänden gemacht, nicht in Jerusalem, sondern in ihm leben, weben und sind wir.

Wer läugnet, daß auf Universitäten geschickte Männer sind; allein ich glaube, daß ein geschickter Mann sein Licht nicht bloß auf der Universität leuchten lassen, sondern schreiben werde. Professor Sokrates schrieb nicht; allein, es schrieben andere für ihn,[111] und sobald ein Professor schreibt, warum sollen wir hin, ihn zu sehen? – Warum soll ich einen Geistlichen bitten, die Predigt zu halten, die gedruckt ist? Ist's wo, damit ich reden höre, kann ich denn nicht laut lesen?

Da griff mich meine Mutter. Dein Vater und sein Wort in Ehren, nur in diesem Stücke hat er Grundsätze, daß man beinahe glauben sollte, er wäre auf keiner Universität gewesen.

»Wollte Gott, er wär's nicht, denn in Wahrheit, er verdient so sehr Pastor zu seyn, als die auf zehn gewesen sind.«

Alles gut, allein beim Hebräischen stehen die Ochsen am Berge.

»Ein Conversus.«

Sag mir nichts vom Conversus, Gott leite den unsrigen auf meinen Instruktionswegen! Besser wär's für ihn gewesen, wenn ich ihn schriftlich instruirt hätte. Was kann (um auf deinen Vater zurück zu kommen), was kann, im Grund genommen und aus der Tiefe geschöpft, was kann ein Conversus? Muß man nicht in die Kirche, obgleich Predigtbücher feil sind?

»Doch nicht jeder?«

Nicht jeder?

»Nein.«

Nicht?

»Der Prediger.« –

Hätt' ich meiner Mutter einen Augenblick Zeit bei dieser Antwort gelassen, wär' ich verloren gewesen, allein ich erklärte mich, daß ein Prediger nicht hörte, sondern redete, und mithin eigentlich nicht in der Kirche wäre.

Diese Erklärung öffnete ihr viele Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß er erst sich und dann andere zu bekehren zur Pflicht hätte, wie er denn sich auch selbst hörte, im Fall er nämlich nicht taub wäre. Ich oder eigentlich mein Vater fuhr fort:

[112] »Es ist unmöglich in drei Jahren alles zu lernen, was fünfzehn Professores wissen.«

Wer sagt's, antwortete sie, du sollst nur erfahren, wo du weiter nachschlagen kannst.

»Das sagt mir aber jedes Register.«

Das liest du in jedem Register, willst du sagen.

»Und liebe Mutter! unsere jungen Herren, die von Universitäten kommen? – –«

Alles recht, allein du sollst ein Vorbild werden der Heerde – du hast Talente, die müssen auf einer privilegirten Wage gewogen und das Gewicht durch ein beglaubtes Testimonium bezeichnet werden. Es wird in schönem Latein gegeben.

Die Talente brachten mich auf ein weites Feld, ich sagte zwar nichts, was nicht mein Vater schon öfters gesagt hatte; ich sagte aber, wovon ich überzeugt war. Man klagt überall über Unterdrückung der Talente, und daß so viele Lichte unterm Scheffel bleiben. – »Glaubt's nicht,« pflegte der gute Mann zu sagen. »Wer ein recht Talent hat, brennt sich durch den Scheffel durch, dessen Flamme so weit nicht reicht, bleib' unterm Scheffel, oder bleib im Lande und nähre sich redlich.« Muß denn, wer ein Talent hat, gleich ein Buch schreiben? Kann man nicht ein Talent haben und den Pflug führen? Ein Talent ist Hefen. – Er macht, daß sich der Teig hebt, wenn er herein gelegt wird.

Protagoras, der Taglöhner, legte und band sein Holz so künstlich, daß er dem Demokritus ins Auge fiel, der ihn die Wissenschaften so legen und binden lehrte, und so findet jeder Protagoras seinen Demokritus, obgleich noch die Frage bleibt, hat Demokritus dem Protagoras eine Last abgenommen oder aufgelegt?

Niemand als Minchen machte mich so beredt, und da endlich meine Mutter mir entgegensetzte, daß, wenn ich nicht auf Universitäten gewesen, ich nicht Pastor werden könnte, kam ich auf andere [113] Gedanken, und das (wie zuvor) auch Minchens wegen. Ich sah, wie ein Erleuchteter, auf einmal alle Gründe meiner Mutter ein, und hatte keinen Zweifel mehr als den: Muß denn jeder in der Fremde als Gesell arbeiten und wandern, eh' er Pastor wird? Diesen Zweifel löste mein Vater.

Was er wider die Universitäten gesagt hatte, war vorm Brande geschehen. Jetzt war er zwar eben kein Apologist der hohen Schulen, denn so sehr konnt' er nicht seinen Grundsätzen untreu werden; allein er war der Meinung meiner Mutter, die ihn sehr bat, mir andere Gedanken einzuäugen, die aber schon wirklich, ohne daß es meine Mutter gemerkt hatte, bei mir in Blüthe standen.

Kinder, sagte mein Vater, sollte man keinem Menschen anvertrauen, der nicht auch Kinder hat oder gehabt hat, so wie man keine Hebamme anzunehmen pflegt, die nicht weiß, wie es einer Gesegneten zu Muthe sey. Wenn ich ja einem Arzt ein Ohr zuneigen sollte, ich sage mit Fleiß ein Ohr – obgleich ich Gott lob beide brauchen kann – müßte er selbst die Krankheit haben, die er curiren will. In diesem Fall wird mir ein Hufschmied und eine entzahnte Matrone eben so willkommen, als ein rother Mantel seyn.

Seht da! warum ich dem alten Herrn, der Schuster, Schneider und Töpfer ist, alle diese Handwerke auf Herz und Seele der ihm anvertrauten Jugend anzuwenden gestatte. Sein Sohn Benjamin und seine Tochter Wilhelmine haben ihn examinirt und tüchtig befunden. Es sind gut gezogene Kinder.

Bei dem Worte Wilhelmine zog ich mein Schnupftuch aus der Tasche, ohne sonst zu wissen warum, als des Namens Wilhelmine wegen.

Man muß alles von sich anfangen. Selbst wenn die Schulgelehrten die Existenz Gottes beweisen wollen – Schande ist's zu sagen, daß sie's wollen – fangen sie von sich an: ich bin, sagen sie, [114] also ist auch Gott der Herr. Es sind gewisse Geheimnisse, welche die Natur, obschon der Kunst viel verrathen worden, doch für sich behält, und dahin gehört die Kinderzucht. Man wird in dieses Geheimniß allein durch die Vaterschaft initiiret. Ich glaub' es steif und fest, daß jeder Vater, wär's gleich ein Bürstenbinder, und jede Mutter, wär's gleich eine Bürstenbinderin, ihre Kinder erziehen können, und es also nicht nöthig haben, andern Unterricht für die kleinen Bürstenbinderchen in einem öffentlichen Laden zu kaufen. Wie sollte wohl die Natur so ungerecht seyn, das Größere zu geben und das Kleinere zu versagen? Du weißt, Alexander, was dein Vetter, der große Summus Alexander (an diese Vetterschaft hatte er lange nicht gedacht) seinem Lehrer, dem Summus Aristoteles für ein Compliment machte, im rechten Sinne ein Compliment: er hätte ihm mehr als seinem Vater Philipp zu danken. Sobald Alexander bleiben wollte, was sein Vater war, hatte er Unrecht. Wollte er aber die Grenzen seines Reichs erweitern, und nicht Bürstenbinder bleiben, setzte meine Mutter hinzu, hatte er Recht. Da liegt der Grund von dem Leben der Erziehung. Der Vater, der aus seinem Sohne mehr machen will, als er selbst ist, muß freilich einen andern Weg einschlagen. Indessen sollte dieser andere Weg keinem Vater verstattet seyn, der nicht Alexanders zu Kindern und Aristoteles zu Lehrern aufweisen könnte. In diesem Falle müßte, aller Beispiele vom Gegentheile ungeachtet, die Jugend, die Gnadenzeit, der Morgen nicht versäumt werden.

Der Staat braucht viel Hände, aber wenig Köpfe. Ein politischer Kannengießer ist ein schlechter Kannengießer und ein schlechter Bürgermeister; die Kenntnisse des gemeinen Mannes müssen bei der Hand bleiben und nicht bis zum Kopfe kommen. Wer dem Menschen das Denken nehmen will, setzt ihn herab. Denken kannst du, du kannst denken, das Grübeln, das Weiterhinausdenken als vier und zwanzig Stunden, zwölf in die Länge und zwölf in die [115] Breite, ist dem Menschen schädlich, und Tinte und Feder, Papier und Presse sind eben solche Verheerer des menschlichen Geschlechts, als Bomben, Kartätschen und Pulver und Schrot und Büchsen und Säbel.

Mein lieber Vater war über diesen Gegenstand ein Verschwender, er gab ungezählt – ich will bedachtsamer zu Werke schreiten und mit geiziger Kürze nur etwas von seinen Grundsätzen ausgeben. Der Himmel gebe, daß es lauter seltene Schaustücke wären, ich würde sie meinen Lesern herzlich gönnen.

Daß jeder Kinderlehrer verheirathet seyn müsse, wissen wir schon. Man hat, sagt' er, lange auf Verbesserung der niedern Schulen gedacht, und freilich müssen diese eher verbessert werden, als hohe, wo du, mein Sohn, dein Heil versuchen sollst; allein man sollte noch eine Stufe heruntertreten und mit der Verbesserung der Mütter dieses gute Werk anheben. Man sollte Töchter ziehen, ehe man noch an Söhne kommt. Jetzt ist die Erziehung, wenn man an die Männer appellirt, gemeinhin schon in der ersten Instanz von unwissenden und ungeschickten Sachwaltern verdorben, und die Kur einer von der Mutter verfälschten Seele. – Was in so vielen Generationen verdorben ist, muß wieder allmählig verbessert und zu seinem anfänglichen Wesen gebracht werden. Desperate Mittel sind eben so viel gewisse Morde. Bliebe der Mensch bloß Mensch, er müßte sehr alt werden und beinahe unsterblich seyn. Jetzt aber, da ihn die Vernunft verleitet, von der Landstraße bald zur Rechten, bald zur Linken abzuweichen, und theils seinem Leibe, theils seiner Seele zu viel zu thun, fällt er eher wie ein wurmstichiger Apfel ab. Er hat einen Wurm, der ihn zehrt.

Den rechten Weg abzustecken und auf dessen Erhaltung zu sehen, wäre die Pflicht der Gelehrten. Sie sollten Wegcommissärs für das menschliche Geschlecht seyn. Wer einmal den rechten Weg verschlägt, kommt immer weiter vom Ziele.

[116] Ein Vater kann mehr als ein Kind haben und ein Lehrer mehr als einen Schüler; allein seht euch nur um. Der von zehn Jahren ist eben so weit als der von fünfen.

Man kann den Privatunterricht nicht verachten. Schulen haben ihr Gutes; der Privatunterricht, der der Natur näher verwandt zu seyn scheint, auch.

Elementarbücher sind sehr gut, allein ein Elementarlehrer ist noch besser. Für wen sollen Elementarbücher geschrieben werden? für Genies, oder für Mittelmäßige, oder für Marode? Will man sie für Mittelmäßige schreiben, um die Mittelstraße nicht zu verfehlen, auf der viele wandeln, leiden andere, die den schmalen Weg anzutreten Herz haben und die enge Pforte nicht scheuen weil sie zum Leben führt. Die Bibel ist das einzige Buch, das für alle Menschen paßt, ein göttliches Elementarbuch.

Ein poetischer Kopf darf nur vieles durchblättern, von allem nimmt er Zoll. In der ganzen Natur schreibt er Schatzung aus. Er befindet sich in den Wissenschaften auf Reisen, wo ihn oft etwas aufhält, worauf der Eingeborene, das Landeskind, der Philosoph nicht kommt. Ein denkender Kopf weiß weniger, allein seine Aecker kennt er auf ein Haar. Er thut, wenn ich so sagen darf, was der Dichter weiß. Ein großer Kopf ist eine Mischung von beiden. Selig sind, die wissen! Seliger die thun! Und am seligsten die wissen und thun! So viel Köpfe, so viel Sinne; so viel Alexander, so viel Welten; so viel Planeten, so viel Bahnen; so viel Genies, so viel Methoden.

Es ist unerhört, daß unsere Schulhalter lauter Geistliche sind. Sehr klug für die Geistlichen, besonders in der monarchischen Kirche. – Unsere Knaben werden alle erzogen, als ob sie Schulmänner werden sollten, unsere Töchter, wenn's köstlich gewesen, als Mamsells (als französische Hofmeisterinnen).

Jedes Mitglied des Staats muß sein Votum haben, wenn [117] eine allgemeine Schulanstalt im Staate erbaut werden soll. Bei Töchtern dürfen nur drei ganz gewöhnliche Weiber votiren. Diese Weiber müssen gesund seyn, jede einen Sohn und eine Tochter haben, auch NB. jede nur einen Mann. Jünglinge haben viele Zwecke; Mädchen nur den, Weiber und Mütter zu werden. Ein gutes Weib ist auch immer eine gute Mutter.

Schule und Welt ist jetzt zweierlei. Schulbegriffe sind mit einem Worte solche, denen die Erfahrung widerspricht. In der Schule sind Worte. Sachen, Nadel und Zwirn sind ein Kleid, Mittel ist der Endzweck.

Schullehrer! bleibt nicht auf der Bank mit euren Schülern, sondern zieht mit ihnen in die freie Luft der Natur, werdet Peripatetiker. Lehrt sie im Angesicht Gottes – oder laßt sie nur herumgehen; die Natur selbst wird sie besser unterweisen als ihr, wenn ihr Gottes Wetter nicht ertragen könnt.

Die Gabe zu unterrichten (donum docendi) hat jeder Mensch. Wer durch die rechte Thür gekommen ist, wird auch wieder durch die rechte Thür herausfinden. Wer eine Treppe in die Höhe steigen kann, wird sie auch herabsteigen. Bergab ist immer leichter. Wer eine Sache halb weiß, kann nur ein Viertheil beibringen. Wer nur ein Viertheil weiß, ist ein Miethling. – Je länger ich studire, je kürzer ist die Predigt. Bedenkt den Haufen Holz, und Stein, und Ziegel, und Dachpfannen, und Glas, und Kalk und tausenderlei, eh' es ein Haus wird. Steht das Haus; alles hat sechzig Fuß in die Länge und dreißig Fuß in die Breite Raum.

Je schöner aber die Rede, desto weniger behältst du. Das Gedächtniß hat keine Zeit, anzuhalten, keine Ruhe. So was Schönes kann nur die Kunst machen, wo kein Punkt, kein Komma, kein Semikolon ist. In der Natur hat die Sonne selbst Flecken. Ein Dichter hat das kleinste Donum docendi, setze ihn auf einen[118] Lehrstuhl, auf welchen du willst. Er wirst Strahlen, allein die meiste Zeit ist er umwölkt. Aratus hat ein berühmtes Gedicht über die Astronomie geschrieben, ohne daß er sie verstand. Er würde kein Gedicht, wenigstens kein berühmtes darüber geschrieben haben, wenn er sie verstanden hätte. So nachlässig der Anzug eines Dichters ist, so sieht's auch mit seinem Wissen aus. Da fehlt ein Hemdknöpfchen, da hat das Kleid einen Kaffeeflecken und an den Beinkleidern fehlt vorzüglich bei jedem Dichter was. Bitt' ihn, sein Stubenfenster zuzumachen, er riegelt nichts zu, er zieht nur an. Es ist kein gemeines, sondern ein heiliges Dunkel, so den Dichter umgibt. Eine schöne Dämmerung, und nach Bewandtniß der Umstände Morgen oder Abend.

Wer vielerlei weiß, ist biegsam, wer einerlei weiß, ist stolz. Jener steht ein, wie viel ihm fehlt, dieser ist ein Hahn auf dem Miste.

Haben wir mehr Wege zur Seele als Empfindung und Reflexion? Wer dieß die hohe und jenes die untere Schule nennt, hat sich übel erklärt.

Das Wohlfeile, das Schlechte dieser Erziehungsanstalten meines Vaters ist, mich dünkt, sehr auffallend; es sind alles Hausmittel (simplicia).

Allein bei alledem, lieber Vater, ist dieß nichts mehr als eine gute Unterlage. Noch bist du nicht immatriculirt, und meine Leser haben von Mutterleibe ausgehen müssen, um endlich auf die Börse der Gelehrsamkeit zu kommen, wo der Cours

vls. bestimmt und Dukaten und harte Thaler nach der Zahl der Liebhaber gewürdigt werden. Die Herren Geistlichen machen sich in jeder Predigt eine kleine Bewegung vom Paradiese aus, und keuchen daher gemeinhin, wenn sie an die Herzen ihrer lieben Gemeinde anklopfen. Wenn mein Vater nur nicht keucht, anstatt daß er von der Leber wegreden sollte. Den Stand der Unschuld, den Stand [119] der Sünden, den Stand der Gnaden und den Stand der Herrlichkeit wollen wir ihm verzeihen.

Die Akademien, mein Sohn (Gottlob, Land!), sind gut und nicht gut, so wie alles in der Welt. Niemand ist gut als der alleinige Gott.

Die Akademie ist das, was bei den Zünften und Handwerkern die Fremde ist.

Ich habe nie, das weißt du, der Akademie gejubelt und Lobopfer gebracht, allein auch nie habe ich mich wider sie durch eine niedergelegte Akte verwahrt. Die Wahrheit zu gestehen, wollt' ich mit dir anfänglich zum andern Thore hinaus. Es hat große Leute auf Akademien gegeben, obgleich Newton ein Münzmeister, Copernikus ein Domherr und Leibnitz ein Hofmann war.

Mein Vater warf die Frage auf, wer auf der Universität den Kürzern zieht, der Lehrling oder der Lehrer? Allein wenn er gleich über den Lehrer länger als über den Schüler den Kopf schüttelte, so sah er doch auf den Schüler in Seelen- und in Leibesgefahr. Professores sind, damit ihn meine Leser wieder selbst hören, Sklaven, die an Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre gebunden sind. Es sind Körper in der gelehrten Welt, die nicht ihr eigenes Licht haben, sondern die vielmehr ihr Licht gemeinhin von dem Vivat junger, roher Leute erhalten; Körper, die ihren Lauf alle halbe Jahre unselig vollenden, Uhren, die zu Ostern und Michael ausgestäubt werden. Professores sind stehende Wasser, die faul werden. Ich will es, wie ich schon oft gethan, kürzen, wenn auch der Zusammenhang dabei ein paar Grane einbüßt. Ein akademischer Lehrer muß, wenn er seine Kenntnisse gut verzinsen will, marktschreien und durch eine Universalpille die Leute an seine Bude locken. Die meisten haben ein Arcanum, ein Mysterium, das sie empfiehlt, wovon sie zwei Drittheile alle halbe Jahre für sechs bis acht Thaler schwer Geld verhandeln, ein Drittheil behalten sie[120] noch zurück. Man erfährt also das Ganze nicht eher, als bis es im Druck erscheint, und siehe da! kein Mensch findet das, was der Professor fand. Es ist ein gewöhnliches Compendium.

Weiß ein Professor nur einerlei, ist er ein Pedant. Seine Wissenschaft ist der Despot, der über ihn herrscht. Weiß er (und dies ist gemeinhin der Fall, weil er mit seinen Herren Amtsbrüdern oft eine Lanze brechen muß) mehr, ist's bloß so so. Das wenigste ist Wissenschaft, was wir haben, das meiste ist Muthmaßung, Weg, den man gehen muß, um zur Wissenschaft zu gelangen. Es geht mit den Wissenschaften wie mit der Liebe: die verstohlne ist die angenehmste. Das Handwerk wird einem jeden so geläufig, daß er auf keine Erfindung kommen kann? Per aspera ad astra. Würden die Professores bloß von regierenden Herren bezahlt werden, so dürften die Wissenschaften zwar gewinnen, allein die Lehrlinge würden alles verlieren. Wie die Nonne den Psalter singt, würde gelesen werden. Die Lehrer würden nur auf das denken, was gedruckt werden soll. Jetzt aber die Metaphysik für wenige Thaler kaufen, ist unschicklich. Ein Professor, der ein Autor ist, – und wer ist nicht beides? – hält es nicht der Mühe werth, junge Leute zu unterrichten. Die Welt ist sein Auditorium, und da sitzen Kaiser, Könige, Fürsten u.s.w. auf den Bänken. Ein Autor ist ein so stolzes Ding, daß er mit dem ganzen menschlichen Geschlechte spricht.

Ein Professor spickt (lardirt) seinen Vortrag. Er ist oft gezwungen, über gesunde Speisen ungesunde und unschmackhafte Brühen zu gießen.

Und dem akademischen Jüngling! was legt sich nicht in den Weg, ihn zu stören! Da ist ein Ständchen zu bringen; da kommt ein Landsmann; da hat er sich zu schlagen; da dem Professor, der die Privilegien schmälern will, die Fenster einzuschlagen. – Die Freiheit ist ihm der Weg zur Ungezogenheit. Seine Mitbrüder [121] ersticken bei ihm den Trieb, sich empor zu arbeiten. Will er ein ehrlicher Landsmann seyn, muß er, wie der Haufen, nichts lernen. Es sind kleine Höfe auf den deutschen hohen Schulen errichtet; der Prinz, der Reichsgraf halten sich Kammerherren, Stallmeister, Hofmarschälle u.s.w.

Auf Universitäten sagt dir jeder Lehrer, nicht was du zu wissen nöthig hast, sondern was er weiß. Da lernst du den Werth der Wissenschaft nicht von dem, der sie vorträgt, sondern von seinem Nachbar, einem andern Professor, der sie verachtet.

Erinnerst du dich, was der Herr Candidat von einem benachbarten Könige erzählte, der seinen Professor der Moral selbst prüfte. Herr, sagte er, moralisir' er mir was vor, damit ich seh', ob er was weiß. Ich fand hier viel richtiges gesagt, und noch eins auf den Weg von einem Professor der Moral, der durch seinen Wandel seine Lehren mit Gift hinrichtete. Was hör' ich von ihm? sagte der dirigirende Minister dieser hohen Schule. »Verzeihen Ew. Excellenz, ich bin nur Extraordinarius.«

Diese Rede widerrief nun zwar, mein Vater nicht, indessen lenkte er jetzt alles zum Besten, da er, wie er sich ausdrückte, durch ein anderes Thor mit mir hinaus wollte. Es muß, sagte er, eine Zeit seyn, wo man einsehen lernt, was man nicht weiß, und kein besserer Ort dazu ist, als eine hohe Schule. Ein Professor kann, wenn er seine Wissenschaft nicht bis zum Handwerk treibt und sie zuweilen ein Jahr ruhen läßt, unendlich weit kommen. Diese Wissenschaft ist eine liebe Frau, die man nach einem Jahre Entfernung wieder in seine Arme schließt; da ist's, als würde man auf's neue kopulirt. Ein Professor sieht, ob seine Saat gut sey, vor sich, er lernt eine Bewirthschaftung guter Köpfe, und wird ein Financier in der Gelehrsamkeit. Wer hat mehr Gelegenheit, Proben zu machen, als er? und seine Begriffe bis zum Anschauen deutlich, wer seine Wissenschaften mehr unüberwindlich [122] zu machen, als er? Durch alle fünf Species der Rechenkunst rechnet er seine Wissenschaft durch. Der Glaube kommt durch die Predigt. Steht der Professor hoch im Cours, so bringt er auch seine Wissenschaft in den nämlichen Werth. Er erleuchtet eine ganze Provinz, und macht, daß man seinen Namen annimmt, z.E.Wolfianer. Ein würdiger Professor hört sich in wohlgerathenen Schülern von der Kanzel, liest sich im Urtheil, sindet sich am Krankenbette.

Er ist in einer beständigen Wärme, wenn andere Gelehrte durch ihren Beruf sich erkälten und Mühe haben, wieder in gelehrte Transspiration zu kommen.

Auch die Alten hatten ihre Schulen, und so wie Kirchen gut sind, obgleich Gott überall ist, so sind Akademien nicht zu verwerfen. Wo habt ihr's denn her, daß ihr so gelehrt auf Akademien schelten könnt, wie ihr's thut. Beinahe könnte man sagen: die Deutschen wären Universitäts- oder akademische Köpfe. Warum wollt ihr eure Mutter verachten, weil sie nicht so gut gekleidet geht, als eure junge Frau?

Ist denn der Wetteifer nichts, wozu man auf Akademien Gelegenheit hat?

In der Schule locirt der Herr Präceptor, auf der Akademie locirt ihr euch selbst.

Es gibt auf Universitäten Gelegenheit, ohne ein beschwerliches Lexikon in die Hand zu nehmen und den Buchstaben und Zahlen nachzuschlagen, gleich zu lernen, was man nicht weiß. Ein Wort, das oft ein Lehrer im heiligen Enthusiasm verlor, das heißt, das er sagte, ohne es beinahe zu wissen – gewiß aber ohne es zu behalten; ein solches Wort fällt nicht auf die Erde. Der Jüngling faßt es; aus dem Meeresschaum wird eine Venus.

Eine Universität ist ein gewisses Ganzes der Gelehrsamkeit, eine Messe, wo man nicht an den Stadtkrämer gebunden ist, wiewohl [123] es auch hier oft heißt: Wenn die Narren zu Markte kommen, freuen sich die Kaufleute.

Freilich kann man Meister werden, ohne gereist zu seyn; allein wer achtet einen Meister, der nicht Certificate von fremden Ländern aufweisen kann? Die bekannte Authentica habita Cod. ne filius pro patre, welche sich vom römischen Kaiser Friedrich herschreibt, sagt ausdrücklich: Omnibus, qui causa studiorum peregrinantur, scholaribus et maxime divinarum atque sacrarum legum professoribus, hoc nostrae pietatis beneficium indulgemus. Was ist das? fragte meine Mutter auf Luthers Art, und mein Vater antwortete: Dieß Privilegium kommt nur gelehrten Wandersburschen zu. Gott geleite sie, sagte meine Mutter, und bringe sie gesund zu den lieben Ihrigen.

Man hat daher auch den gelehrten Zweifel aufgeworfen, fuhr mein Vater fort, ob diejenigen, welche auf einer Universität geboren werden, sich dieses Privilegiums zu erfreuen hätten? und ob auch Lehrer hierunter zu begreifen, die nicht divinarum atque sacrarum legum professores wären? Allein man ist der gelehrten Meinung ad eins gewesen, daß alsdann die Reise aus Mutterleibe unter den Worten: qui causa studiorum peregrinantur, zu verstehen sey, wenn man auf einer hohen Schule geboren würde, wie denn ein Professor aller Fakultäten, wenn gleich er haussäßig ist, jedennoch schon darum unter dem Privilegio Raum hat, weil er mit seinen Gedanken in die Kreuz und in die Quer verreist, und immer, er sey auch Doktor aller Fakultäten, ein scholaris bleibt. Das Wort maxime entscheidet ad zwei die gegebene akademische Frage so deutlich als möglich.

Alles dieses, mein Kind, sind akademische Gedanken, und kann ich dir einen Commentarius Auctore Helfrico Ulrico HUNNIO, doctore et in inclyta Academia Giessena Juris [124] Professore publico et ordinario, in die Hand spielen, woraus du dir eine Reisekarte zu zeichnen im Stande seyn wirst.

Hier ist eine große Lücke. Meine Leser werden die andere von selbst bemerkt haben. So viel noch hinzu. Meine Mutter traute dem Panegyrikus meines Vaters auf den Universitäten in usum Delphini nicht ganz. Sie merkte es ihm ab, daß er seine Zweifel nicht völlig los werden konnte.

Plato hat, wie erzählt wird, die Schriften des Comödienschreibers Aristophanes geliebt, und da er gestorben war, fand man noch im Bette die Schriften dieses gekrönten Comödienschreibers, der sich mit Sokrates wie ein paar Professores und ein paar bekannte Hausthiere vertrug. Dieß ist genug zur Vertheidigung meines Vaters bei seinen Seitenblicken.

Akademie (mein Vater läßt sich vernehmen) hieß der Ort, wo Plato seine Philosophie lehrte, die so schön war als der arkadische Garten dieses Unsterblichen. Wär's auch nur seinet- und des alten Herkommens halber, müßte man Universitäten besuchen.

Sollte nicht, sagte meine Mutter, die mit dem alten Herkommen und dem Plato noch bei weitem nicht zufrieden war, sollte nicht, da Adam und Eva doch wirklich relegirt wurden, schon das Paradies die erste Akademie –?

Und die Schlange und der Seraph mit dem bloßen Schwerte: fragte ich, liebe Mutter?

Wenigstens versetzte sie, war doch Eli Samuels Professor und Gamaliel des Paulus und die Prophetenkinder Studenten. – Und Stephanus, fiel mein Vater ein, voll Glaubens und Kräfte, that Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Da stunden etliche auf von der Schule, die da heißt der Libertiner und der Cyrener und der Alexandrier und derer, die aus Cilicia und Asia waren, und befragten sich mit Stephano, und sie vermochten [125] nicht bei dieser Inauguraldisputation zu widerstehen der Weisheit und dem Geiste des, der es redete.

Meine Mutter war außer sich über diesen Text, nur die Alexandrier hätten sie gerne relegirt. Die gute Mutter! Sey ein Stephanier, sagte sie, lieber Sohn, ein Stephanier.

Mein Vater kettete seine Stammtafel der hohen Schule, von den Griechen und Römern an bis auf die gegenwärtige Zeit, zusammen, und ward diese akademische Stunde von Seiten meiner Mutter mit der Bemerkung beschlossen, daß ihres Wissens kein Doctor theologiae kurisches Brod gegessen, es müßte denn einer von den Herren Einhorns diese Würde incognito gehabt und aus heiliger Demuth sie verschwiegen gehalten haben. Mein Vater erklärte beiläufig nach seiner Weise die adelichen Rechte, welche denDoctoribus zustünden –

So wie den Literatis (meine Mutter verstand ihrenCasum), sagte meine Mutter, in Curland. Sie behauptete, es sey gleichviel, adelich behandelt werden und adelich seyn. Allein ich sagte: königlich essen, liebe Mutter, und König seyn, ist zweierlei. Und mein Vater war, zum Bedruck meiner Mutter, unerschöpflich über die Ehre des Adels. Er erklärte, was vierschildig sey, und ließ so viel auf der Ritterbank und an der Ehrentafel sitzen und in den deutschen, Marianischen, Johannis- und Maltherserorden, und in hoch-und andere adeliche Stifte aufnehmen, und die Grandes vor dem Könige von Spanien den Hut aufsetzen, bis meine Mutter zu Curlands Ehren behauptete, daß der Herzog beim Lehen sich auch einige Augenblicke bedecken könnte, wenn er wollte.

Laß den Braunen satteln, sagte mein Vater, um nach – zu reiten. Es sind zehn Jahre, daß ich den Herrn v. G. – nicht gesprochen habe. Meine Schuld ist es nicht, und die seinige, das hoff' ich, auch nicht. Die Zeit wird an's Licht bringen, was noch im Finstern verborgen ist. Herr von G – – will, daß du[126] mit seinem Sohne, der auch reisefertig und universitätsreif ist, diese Reise unternehmen sollst. Der alte Herr ist der Mäkler in dieser Sache gewesen.

In acht Tagen bist du vielleicht nicht mehr in dieser Hütte –

Pastorat, sagte meine Mutter. Deine Wäsche ist bereitet, setzte sie hinzu. Sechs Dutzend Oberhemden, sechs Dutzend Unterhemden, zwei Dutzend für den Sonntag, ein halbes Dutzend für hohe Feste. Meine Mutter registrirte noch mancherlei, was für mich bereitet wäre, allein mein Vater blieb bei den Hemden stehen, auf die meine Mutter gleichfalls einen besondern Accent legte. Sie dachte sich die weißen Kleider unter dieser Hieroglyphe, womit wir im Himmel angethan seyn würden. Was meinen Vater zum Stillstand vermochte, war etwas Irdisches. So viel Hemden, sagte er, haben zwölf Prinzen vom Hause nicht. Je vornehmer der Mann, je schlechter die Hemden, fuhr er fort, im monarchischen Staate, wo man nur auf das, was vor Augen ist, siehet. In der Schweiz, in Holland, in England feine Wäsche, und je vornehmer der Mann, je feiner. Wo ein Tyrann, ein Despot herrscht, will ich das Hemde nicht sehen. Die Menschen achten ihren Leib nicht, der ihnen nicht zugehört. Je näher auf den Leib in monarchischen Staaten, je schlechter der Anzug. Für einen Despoten ist ein grobes Isabellenhemde gut genug.

Also Sonntags- und Montagshemden, liebe Mutter, und wie Gott will! Sterbehemden und Prophetenkinderhemden; nur eins (das wett' ich) nicht – ein Brauthemde.

Da bin ich eben, wo ich seyn muß, um meinen Lesern den Schlüssel zur akademischen Ehrenpforte und zum Stall des Braunen getreulich einzuhändigen. Ein Schlüssel öffnet alles – die Eltern eilen gemeinhin mit ihren Söhnen aus dem Hause, sobald die Natur die Fabel vom Storch widerlegt. Ich will es nicht ausmitteln, in wie weit es gut sey, Kinder der Natur in diesem Stücke [127] an Heim zu geben, um die Frage unbeantwortet zur rechten Hand liegen zu lassen, ob es Kinder ins Treibeis bringen hieße, wenn man ihnen im zartesten Alter dieß Storchgeheimniß erklärt, und sie so altklug macht, daß sie selbst die Natur, wenn sie sich zum Belehren meldet, belehren und mit ihr disputiren können? Vom Blatterninoculiren haben wir guten Erfolg. Hier müßte auch Erfahrung entscheiden.

So viel dient nur hier zur Sache, daß Eltern, sobald sie den Sohn vaterfähig halten, ihm eine glückliche Reise anwünschen, recht als ob sie eine Befugniß zur besondern Oekonomie in optima juris forma bewilligten. Sie besorgen, die Söhne wollen sich an ihrem Hause einen Flügel anbauen lassen, und sehen es gern, wenn der Sohn reich heirathet, dieses letzte eben darum, warum viele Leute kein Testament machen. Hier ist der Beleg zu diesem Eingange.

Meine Mutter war nach meiner Krankheit zuweilen die dritte Person, wenn ich mit Minchen allein zu seyn Lust hatte. Die Liebenden, wenn sie lieben, glauben insgemein, es wüßte niemand, daß geliebt würde, und oft sieht's alle Welt. Sie bilden sich ein, ihre Liebe sey die einzige in ihrer Art, da aber jeder die nämliche Methode hat, und Adam selbst mit den Augen die erste Anwerbung gethan hat, so schläft der Verräther nicht. – Meine Mutter merkte, mein Vater merkte. – Beide sagten mir aber kein Wort. Meine Mutter, weil sie es für unmöglich hielt, daß die Liebe des Sohnes eines Literatus, des Anverwandten Paul Einhorns und Alexander Einhorns, des zweiten curischen Superintendenten, Wurzel fassen könne, wenn er die Tochter eines Töpfers, der zugleich Schuster und Schneider ist, liebt. Mein Vater, weil er wegzusehen sich verpflichtet hielt. Er verlangte von mir ein gänzliches kindliches Vertrauen; Minchen nahm er aus. Wie richtig ist Regel und Ausnahme? Kann man nicht das Recht lernen, ehe [128] man Recht spricht? Lehrt, Eltern, eure Kinder wählen, ehe die Natur sie lieben lehrt. Es ist eine unüberdachte Behauptung, daß Söhne kein Geheimniß (die Liebe nicht ausgenommen) vor ihren Eltern haben sollten; Irrthum – wer Liebe nicht ausnimmt, gibt seinen Söhnen im Lügen Unterricht. Der Sohn, der fühlt er könne Vater werden, ist von der Natur emancipirt, er hat in diesem Stücke keinen Vater mehr. Töchter behalten Vater und Mutter, bis sie einem zu Theil werden, dem sie als ein heiliges Depot überliefert werden müssen.

Ich hatte die Gewohnheit, zuweilen mit Minchen in ein benachbartes Wäldchen spazieren zu gehen, und nichts war mir angenehmer, als wenn ihre natürlich schöne Stimme die Nachtigallen zum Concert aufforderte und wenn sie von den Vögeln des Himmels accompagnirt wurde. Hätte sie bei einem Italiener Stunden genommen, keine Nachtigall hätte sich mit ihr eingelassen. Jetzt sang die ganze Natur mit, weil sich gleich und gleich gesellte, und ihr Gesang Natur war. Ich hatte Minchen umgefaßt, sie war mein. Mein Auge sagte laut: Ewig mein! und das ihrige antwortete: Ewig dein! – In dieser Stellung und während diesem Augengespräch und dem Concert, das die Natur dirigirte, traf uns mein Vater wie ein Blitz. Ich hatt' ihm sonst nie in diesem Wäldchen begegnet. Mich zu belauschen hatt' ers nicht angelegt, daß weiß ich. Da standen wir und sahen uns an. Lange hielt ich meinen Arm wie um ihren Hals geschlungen. Sie zog sich aus der Schlinge; allein ich hielt meinen Arm noch immer in der Höhe, als ob er ihren Hals hätte, und sie – die der liebe Gott so himmelan gebildet hatte, stand, wie mich dünkt, noch immer so von der Seite, so übergebogen, so angeschmiegt, als ob sie noch nicht auf freiem Fuße wäre, oder als ob sie sich nach mir geformt hätte. – Wie ich endlich meinen Arm fallen ließ, war's mir, als wenn die Welt fiel, so angst war mir. Wie ihr gewesen, da sie wieder ins gerade [129] Geleise kam, konnte sie nie angeben. Wir armen Kinder der Natur! Ich sehe ein, wie es dem Adam zu Muthe gewesen, da er zum erstenmale inne geworden, er sey nackt. Wer nicht empfinden kann, was Minchen und ich empfunden, thue mir den Gefallen und lese nicht weiter. – Ich glaube, ich werde den Eindruck nie verlieren, und hab' ich ihn gleich nach der Zeit nicht so stark empfunden, war es mir doch, so oft ich daran dachte, als ständ' ich mit Minchen im Wäldchen. – Ich empfand's, die Nachtigallen schwiegen und alles, was eben wachsen wollte, machte Stillstand und sah uns an. – Mein Vater war in der nämlichen Verlegenheit und hielt mit uns völlig das Gleichgewicht. Entweder wollte er sich heraushelfen, oder er wußte nicht, was er sagte. »Ist der Herr Vater nicht hier?« wendete er sich zu Minchen, und sie: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen.« Kann wohl was Unschuldigeres auf die Frage: Ist der Herr Vater nicht hier? geantwortet werden, als: nein, er ist auch nicht hier gewesen. Das war kein Feigenblatt zur Schürze! O Minchen! Minchen! welch eine Süßigkeit ist's, dich zu lieben! Für dein: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen,« verdientest du schon den Lohn der Unschuld, und könnte ich den Ton hinschreiben, in dem du dieses sagtest – du verdientest bis ans Ende der Welt gemalt und gezeichnet zu werden, mit der Umschrift: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen.«

Wenn ich diese Naturscene, sowie sie ringsherum empfunden worden, getroffen hätte – (Was kann aber der Vater dafür, wenn ihm sein Kind nicht ähnlich ist?) Chodowiecki! es wäre dir mit Minchen gegangen, wie Adam mit Eva, Adam sah sie – Bein von seinem Bein, Fleisch von seinem Fleisch – sah sie wieder, küßte sie und – Du hättest diese Seite durch und durch gehüpft, sie gelesen und ihr Handgeld zur doppelten Unsterblichkeit gegeben.

Minchen, wie sie allmählig gen Himmel wächst – nicht [130] weil sie Gewitterwolken sah, weil sie aus Furcht dem Himmel auswich, weil sie Trost bei der Erde suchte, die, wenn der Vater im Himmel schilt, wie eine wahre Unser aller Mutter keinen Blick verschmäht, womit Schuld und Unschuld sich zu ihr wenden, nicht darum, sondern

Chodowiecki! Schwestersohn der Natur, deutscher Mann! Du weißt dieß sondern so gut als ich. Zeichne diese Scene eben um des sondern willen, das dir dein Herz in Aug' und Hand dictiren wird – und dann liest man nicht Minchen bloß, man sieht – Da steht sie! und ich, froh darüber, fliege über Jahrhunderte zu Jahrtausenden, und juble und sage zu meinem Buche: fürchte dich nicht vor denen, die den Leib tödten und die Seele nicht tödten mögen. – Auch wenn der Leib Jahrhunderte lang zerstreut, und, wenn's hoch kommt, in Anleitungen zur Dicht- und Redekunst in wahre Gebeinhäuser gesammelt wird, wo man nicht kennt den Gerechten und Ungerechten. Ich bin's gewiß, es kommt die Stunde, in welcher eine Posaune des Geschmacks die Barbarei wegscheucht und dieß Buch zur Auferstehung und Leben aufhaucht, dann sey dieß Blatt, um Minchens wegen, das erste, das wieder lebendig wird!

Wir gingen alle zusammen nach Hause, und unterwegs erzählte uns der gute Mann wider seine Weise, was er künftigen Sonntag, geliebt's Gott! seiner lieben Gemeine vorsetzen würde. Das Ende dieser Geschichte war den folgenden Tag die Predigt von den Universitäten und die Nutzanwendung:


»Laß den Braunen satteln.«


Ich ging zu Minchen, der ich einen großen Theil von dem Werthe der Universitäten vorsagte, um sie zu meiner Abreise vorzubereiten. Ich erklärte ihr die Authentica habita Cod. ne filius pro patre. Omnibus, sagt ich, qui causa studiorum peregrinantur. Sie sah ein, was sie schon zuvor eingesehen hatte, daß [131] es gut sey, daß ich hingehe. Um Pastor zu seyn, ziehst du von hinnen, sagte sie. Zieh hin in Frieden.

Ich weiß, daß sich mancher den Kopf hart an dem Latein stoßen wird, das ich Minchen vorsagte, allein um Verzeihung! dieser Mancher versteht nicht, was Liebe ist, und ich hätte nicht ein Wort Latein von derAuthentica habita Cod. ne filius pro patre auf dem Herzen behalten können – die Liebe erträgt keinen Rückhalt, sie will alles, was man hat, alles, was man kann, es sey lateinisch oder deutsch. Daß ich indessen mit einer Uebersetzung, so treu als unsere Liebe, Minchen unterm Arm gefaßt, muß ich um des Schwächern willen anführen. Keine Manche, die geliebt hat, wird sich am Latein den Kopf stoßen oder das Aermchen streifen.

Der alte Herr, der mir ein tiefunterthänigstes Kompliment an Se. Hochwohlgeboren mitgab, that, was Mäkler thun, wenn sie den Käufer und Verkäufer angeführt: er wünschte mir Glück und Segen, wobei er aber nicht bloß meine Reise nach –, sondern auch die auf Universitäten verstand. Die Frau des alten Herrn, ein gutes Weib, zwar nicht aus dem Stamme Levi, doch aus dem Stamme der christlichen Einfalt und Ehrlichkeit, gab mir die Hand, da ich wegging. Gott geleite Sie, sagte sie, und segne Sie, und geleite Sie und segne sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!

Da ich noch auf eine längere Zeit nach – reisen werde, will ich mich, in Rücksicht meiner Leser, nicht lange in – aufhalten, obgleich ich drei Tage zu bleiben gezwungen war. Ich lernte den jungen Herrn mit Flinte, Jagdtasche und Hirschfänger kennen, sein Vater – ein rechter echter heller klarer Mann. Wie hat der Mann zehn Jahre meinem Vater den Rücken kehren können? Seine Gemahlin, eine gnädige Frau –

Ich will nicht vorfassen –

Die Frau v. G. – – brachte mich auf den Wunsch, wenn [132] Minchen so ein gewisses Etwas hätte, das man in der großen Welt in zwei Stunden lernt, wenn man in Purpur und köstlicher Leinwand geht, einen Gönner am Hofe und Geld auf Zinsen hat, und wozu man längere Zeit braucht, wenn eins von diesen Stücken gebricht. – Eine Viertelmeile von der gnädigen Frau war ich von diesem Etwas und meinem voreiligen Wunsche zurückgebracht. Ich überrechnete die Eigenschaften, die bei Minchen hierdurch leiden könnten, und was dacht' ich, da ich das Schöne der Natur rings um mich sah. Was ist diese künstliche Dreistigkeit – gegen die der Natur! Was ein Garten gegen Wald und Feld! Ein Junge, der ehemals unterm Phalanx gedient hatte und in Gnaden verabschiedet war, ließ mich wegen der Nachricht, daß Minchens Mutter gestorben, nicht ausdenken. Plötzlich sagte er, niemand konnte sich's vorstellen. Eben ist sie kalt geworden. Die Worte: »Gott geleite Sie und segne Sie, und geleite Sie und segne Sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!« fingen mir so lebhaft an zu werden, daß ich diese alte gute Mutter sah – und Minchen, sagt' ich? Ihro Königliche Hoheit, antwortete er, befindet sich wohl, außer daß sie halb todt wegen des Todes der Alten ist.

Mein ehrlicher Helm (er hieß eigentlich Wilhelm, seiner Tapferkeit wegen war ihm indessen die erste Sylbe allergnädigst erlassen) sagte dieß mit so viel Subordination (diese und nicht Ehrfurcht verlangte ich von den Meinen), daß er in jedem Wort Takt hielt. Er bemerkte unmaßgeblich, daß dieser Todesfall vor einiger Zeit durch ein Licht in der Kirche zwischen eilf und zwölf sehr richtig vorher verkündiget wäre, allein ich belehrte ihn, daß dieses Licht meiner Mutter Handlaternchen gewesen; ich, fuhr er fort, habe diesem An- und Vorzeichen nicht geglaubt. Desto besser, erwiederte ich. Unterthänigsten Dank, beschloß Helm, für die Parole »Handlaternchen«, ich werde sie weiter geben. – Gut! sagt' ich. [133] Soll ich mit, fragte Helm, und zeigte Briefe, die er wegschnellen sollte; ich winkte ihm ab, und mein Pferd, als ob es den Helm verstanden hätte, hielt am Trauerhaus. Ich fand Minchen die Hände ringen und laut, laut wimmern; meine Mutter! meine Mutter! Meine liebe Mutter!

Sobald ich ins Zimmer trat, artete ihr Schmerz in Kunst aus. Sie veredelte ihre ersten natürlichen Aufwallungen; sie schrie nicht aus, sie seufzte nur ein sanftes Ach! Sie weinte zwar, allein sie schluchzte nicht. Sie goß nicht Thränen, sie thaute sie nur; sie rang nicht mehr die Hände, sie faltete sie. Sie bedauerte ihre Mutter, allein sie war bemüht, dabei auch ihrem Vielgetreuen zu gefallen. Im allerersten Affekt hätte ich dieses vielleicht nicht über sie erreicht, jetzt aber opferte sie mir ihren Schmerz auf. Sie verließ ihre Mutter, um an mir zu hangen. Alle poetischen Uebel geben der Liebe Zuwachs. Ein Mädchen, das einen Bräutigam hat, kann unmöglich über den Tod ihrer Mutter anders als dichterisch betrübt seyn. Ihr Schmerz ist ein schöner Schmerz. Sie übersetzt den Schmerz, wenn ich so sagen soll, in wohlklingende Verse: Alles was sie that, gehörte der Seligen und mir zur Hälfte.

Hätten Sie sie sterben gesehen! Einen Gruß über den andern an sie. Sie ging so schön wie die Sonne unter; ich hätte was drum gegeben, wenn sie diese untergehende Sonne noch beschienen hätte. Gewiß sind Sie ihrem Geist begegnet.

Ich bin ihm begegnet, ich hab' sie gesehen, ich hab' sie gehört. Gott geleite sie und segne sie, und geleite sie und segne sie jetzt und in Ewigkeit! Ich hör's noch.

Da sah und hörte mich mein Vater. Alexander! rief er, und ich war kein Sonntagskind mehr, ich kam von meiner Mondsucht zurück. Mein Vater! antwortete ich –. Er hatte der Seele dieser frommen Alten mit einem andächtigen Zuspruch das Geleite gegeben, und selbst so etwas von Vollendung, von Himmel im Gesicht. [134] – Er sah selbst selig aus. Seine Erzählung war mir neu, ob er gleich erzählte, was ich wußte, was ich sah. Nach dieser Entzückung in den dritten Himmel kamen wir aufs Irdische, und ich erzählte ihm, daß ich erst in fünf Monaten abreisen würde. Willst du, sagte er noch zu guter Letzt, eine Leichenrede – darf ich bitten, sagte der alte Herr. – Minchen bat mich nicht, ich entschuldigte mich, und gewiß hätt' ich beim Sommergetreide eingebüßt, was ich beim Wintergetreide, bei der Predigt, eingenommen und eingeerntet, wenn ich bei dem Grabe Minchens und meiner Mutter eine Leichenrede übernommen. Dieß war wohl der größte Beweis, daß mein Vater nicht wußte, wie es mit Minchen und mir stünde. Er hielt's ohne Zweifel für Alexander- und Dariusspiel. Mein Vater ging zu Hause, ich blieb noch einen Augenblick zurück und ging mit Minchen ans Bett ihrer Mutter. Nie sah' ich die Aehnlichkeit, die diese Verklärte mit Minchen hatte, so klar als jetzt. Zwar ein Schattenriß, doch Minchen! und mir sollte grauen? – Ich nahm die mütterliche kalte Hand und rief sie zum Zeugen über mich, daß ich Minchen liebe und lieben würde. – Sie fahre über mich, sagte Minchen, so kalt sie da ist, wenn ich einen andern liebe, und tödte mich, wenn ich nicht Minchen liebe, jetzt und bis vor Gottes Thron, setzte ich hinzu.

Wir schieden dießmal von einander, als wenn wir Probe stürben! So gerührt! so –

Mein Vater, der gute Mann, der mich bei meiner Mutter angemeldet hatte, war so gütig gewesen, ihr zu verschweigen, wo er mich und den Braunen getroffen. Sonst war sie von den fünf Monaten und daß ich die Redeübung ausgeschlagen, unterrichtet und über beides erbaut. Die fünf Monate gaben ihr noch zu einer Rubrik unter den mitzugebenden Hemden Gelegenheit, und meine abschlägige Antwort? – ich erzähl' es ungern, daß meine Muttter hieraus meine Gleichgültigkeit gegen Minchen, wie aus [135] einmal eins eins heraus brachte. Liebe Mutter! die Liebe hält keine Reden!

Die fromme Alte wurde in aller Stille beerdigt, und ihr Grabmal war das heilige Kabinet, wo Minchen und ich in Liebesangelegenheiten zusammenkamen. Ein Engel mehr, sagten wir, der uns hört, ein uns so verwandter Engel.

Um meine Leser wegen der Rede schadlos zu halten, bin ich bereit, einem jeden, der hören will, eine von anderer Art vorzufechten. Liebe und Tod grenzen überall zusammen, im Roman und in der Geschichte.

Ich bin der festen Meinung, daß jedes, was schreiben kann, wenn's liebt, auch Liebesbriefe schreibe, geschrieben habe, auch schreiben werde. Die Liebe ist eine völlige Opferung, eine Universalsocietät. Man gibt alles, was man hat, man thut alles, was man kann. Man sagt alles, was man weiß, die Authentica habita Cod. ne filius pro patre nicht ausgenommen. Ein Bauer kritzelt den Namen seiner Grete in den Sand. Die Harke ist seine beste Feder. Schrammt er ihn in Kürbiß, schmeckt ihm dieser am süßesten. Schnitzelt er ihn in eine Linde, schmatzt er den Saft aus, der aus den Buchstaben quillt. Grete steht überall, wenn er's bis zu fünf Buchstaben gebracht hat; wenn nicht, ist der erste Buchstabe des Vornamens sein. Er pflügt ein G, er springt ein G, er geht ein G – und Grete? nennt ihn zwar Hans, allein sie näht den ersten Buchstaben seines Zunamens ins Tuch, das sie ihm schenkt. Hans Ficht heißt ihr Adonis, und sie streut ihre Tannen ins F, und kommt sie an die Blumen der Venus, von der sie aber Gottlob! nichts weiß, an Rosen und Myrthen, legt sie sie ins F. Selten weiß sie mehr als den ersten Buchstaben, allein den näht und streut sie – wie gedruckt. Sie sticht ihn mit Nadeln ins Eichenblatt, in alle Blätter. Die Rinde kommt dem Hansen zu; im Kürbißkabinet aber leben sie [136] in Gemeinschaft der Güter. Hier steht F und dort G. Das kleine gnädige Junkerchen macht Greten für die erste Handvoll Kuhblumen oder ein Eichhörnchen zum F die Vorschrift, oder Sr. Wohlehrwürden kleiner Benjamin, und dieser letzte gegen einen Maikäfer oder jungen Häufling.

Wenn nur eins schreiben, beide aber lesen können, ist das, was bloß liest, weit verliebter, wenn's zum Klappen kommt, als das, was lesen und auch schreiben kann. Das Schreiben zeigt von Bedachtsamkeit und Beständigkeit. Ein Philosoph will immer schreiben, allein selten kommt er dazu. Ein Dichter kann sich zur Noth, wo Gott für sey! auch ohne Schreiben behelfen. Dahero kommt's, daß oft große Dichter unrichtig buchstabiren. Der größte Philosoph schämt sich nicht und hat's auch wahrlich nicht Ursache, buchstabiren zu können. Er setzt die Worte, der Dichter wirft sie hin.

Man kann nur füglich im Stehen oder Sitzen schreiben, und es setzt eine gewisse Bedachtsamkeit zum voraus, welche die Liebe sehr bei der geliebten Person vergrößert, die nur geglaubt hatte, es wäre ein Ueberfall. Die Natur schlägt in der Liebe eine beliebte Kürze und Einfalt vor. Sie faßt die Frucht an, reif ißt sie sie vom Baum. – Die Kunst hat diesen Weg erweitert, und bald hätt' ich gesagt, verschö nert; es kommt auf den Geschmack an. Die schönsten Früchte von der Spitze des Baumes (welche die Hand nicht ohne Verlängerungsstange reichen konnte; der Mund kann gar nicht heran), die schönsten Früchte werden ausgewählt, auf porcellanene Teller gelegt, mit Blumen und Blättern, die, wenn man lang am Tische sitzt, vor unsern Augen den Geist aufgeben und welken, geschmückt, und so auf eine mit Spiegelglas und Puppen gezierte Tafel gesetzt. – Hier tanzt man, dort ging man. Die gnädige Frau, die das Obst aus der Hand des lieben Gottes nicht vertragen kann, der's Blähungen macht, läßt's verzuckern und [137] candisiren, und Mumien im ägyptischen Sinn daraus sieden. Pfefferkuchen ist ihr besser als Honig. Da man indessen sich heut zu Tage leider! fein sauber wäscht, anstatt daß man sich baden sollte, und wir unmöglich bis auf die erste Natur zurückgestimmt werden können, wo wir tausend und abermal tausend Dinge vergessen müßten, die wir jetzt wissen, dient das Schreiben zur Verfeinerung. Fühlt ihr also einen Ekel, die Früchte unterm Baum im Garten zu essen; schreibt Liebesbriefe, nur schreibt sie nicht aus dem Talander, und wenn er auch nur seit vierzehn Tagen in Paris gedruckt wäre, sondern aus dem Herzen. – Hier haben Sie den Schlüssel zu den folgenden vier oder sechs Seiten – ich weiß nicht, wie viel es, wenn's gedruckt wird, betragen werde – wenn Ihnen, Durchlauchtigste Prinzessin! gnädigste Gräfin! – diese Hausmannskost Blähungen macht, es sind, glaub' ich, auch eingemachte Sächelchen da. Finden Sie nichts – ich rathe zum Talander, es thut nichts zur Sache, ob's französisch oder deutsch ist, ob's 1697 oder 1776 gedruckt ist, was Ihnen das Herz verdirbt – ihr aber, meine Lieben! die ihr schmecket und sehet, wie freundlich Mutter Natur ist, denkt von meinem Vorbericht, was ihr am Ende von allen Liebesbriefen denkt, die man nicht selbst geschrieben hat. Und hiermit fünf Briefe von meinem Minchen, nach der Anzahl der Feierhemden, die mir meine Mutter bereitet hat, wenn sie mir nicht jetzt, wegen der Fünfmonatfrist, wider Vermuthen noch eins dazu legen sollte.


* * *


Sie an Ihn.


O du lieber, lieber Junge! – Was hast du für eine gute Art zu schelten! Es ist so was Herzliches drin, daß ich es mit [138] Fleiß auf ein Scheltwort von dir anlegen werde. Du bist ein ganzer Junge! ein Gott und sein Weib liebender Junge. Mein All, All, All, Alles bist du. Ich lese deinen Brief und schreib' an dich beinahe alles zusammen. – Was kann aber die Liebe nicht! du schiltst, daß ich durch Nähen und Stricken mir den Finger wund gemacht. Soll ich denn die Hände in den Schooß legen? da würd' eine Närrin aus mir werden, obgleich ich jetzt dein Weib bin. – Was Klügeres kann kein Mädchen in der ganzen weit und breiten Welt seyn, als dein Weib. Der Finger ist auch wohl behalten und heil, und sieht aus wie – neu hätt' ich bald geschrieben – wie zuvor. Er hat keinenschwarzen Band mehr. Die Trauer ist schon gestern abgelegt. Was willst du mehr? – Fast wünscht' ich, du möchtest noch mehr wollen, damit du schelten könntest. Schilt doch, lieber herzlieber Junge, schilt doch was rechts auf. – Die Musik war bei der Fingertrauer nicht verboten. Soll ich meine Doris missen, kann ich dir so herzbrechend singen und spielen: du sollst's hören. Mein Vater wunderte sich über den schnellen Gang in der Musik. Der gute Mann weiß nicht, daß ich eigentlich in der Schule der Liebe bin, und von ihr Klavierspielen lerne. – Gott im Himmel und dich in der Welt! Wie kann ich Gott lieben, den ich nicht sehe, wenn ich dich nicht lieben sollte, den ich sehe. Ich liebe Gott in dir. Es ist unaussprechlich, wie ich dich liebe. Du bist Gottesbote an mich. Gott gab mir dich. Meine Seele ist dein, und unsere beide Seelen sind Gottes. Heut sehen wir uns; allein nicht ganz, wir sprechen uns allein schwerlich drei Viertheil. Du müßt' es denn machen wie neulich. Deine Mutter braucht aber nicht alle Tage Pfefferkraut. Was ist doch die Liebe für eine Lehrerin? Wir sonderten uns vor aller Leute Augen ab, die mit uns gingen, und kein Mensch dachte Arges in seinem Herzen. Es fehlte nicht viel, deine Mutter selbst hätte darum gebeten, und das Beste war, wir fanden gleich so viel Kraut, [139] daß wir Zeit genug hatten, uns viel, viel zu sagen. Findst du aber, daß es weniger wird, was noch rückständig ist, und was wir uns noch zu sagen haben? ich nicht. – Wir zahlen nicht einmal alle Zinsen ab; diese werden noch Capital. Wann wird uns Gott in Stand setzen, Capital und Zinsen richtig zu machen. Wenn du Pastor bist und ich Pastorin. Dein Weib bin ich lang. Gott und alle seine heiligen Engel waren auf unserer Hochzeit, und die sind ständig beinahe sichtbar um uns, wenn wir allein sind. Es kann nur wenig, sehr wenig daran fehlen, um sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. – Da kann man wohl mit Recht über den betrübten Sündenfall klagen. Ist's denn Sünde, so zu lieben, als wir? und liebt nicht Gott unsere Liebe? Seine heiligen Engel sind ja unsere guten Männer gewesen, und wir sind nicht so verbunden – (ich wollte nicht verheirathet schreiben, allein ich ärgere mich über den Anstand, den ich drüber genommen, und schreib's zweimal hin) so verheirathet, wie die verkehrte Welt, sondern wieAdam und Eva. Gott selbst hat uns getraut, und sag': hat je ein böser Gedanke dein Herz verfälscht? mir ist keiner vorgekommen. Je frömmer ich bin, je inbrünstiger denk' ich an dich. In der Kirche höre ich deine Stimme unter hundert, und ich singe schnell mit, damit wir beide zusammen zu Gott kommen. Aus der ganzen Fülle meines Herzens bin ich dir gut. Bin ich nicht dein Weib, dein treues Weib, du Einziger, du Eva's Adam! Sag es mir tausendmal und wieder tausendmal, daß du mein Mann und ich dein Weib sey. Das lernt man immer schöner aussprechen, je öfter man es ausspricht. Wenn du es sagst, ist's mir himmlische Musik, Kirchengesang. – Jetzt sind wir nur beim lieben Gott bekannt. Ueber ein Kleines oder über ein Großes – mir ist's gleich, wird Gott uns auch unter die Leute helfen. Ich liebe deine Seele, und du die meinige. Du bist der Mann meiner Seele, und ich das Weib deiner Seele, sonst könnten die Engel mit uns [140] nichts mehr zu schaffen haben. Leb wohl! – Zu Mann und Weib hat uns der liebe Gott gemacht, zum Herrn Pastor und Frau Pastorin müssen es die Menschen thun. Da ist das ganze Räthsel.

N.S. Zur rechten Hand. Das Pfefferkraut würd' ich zum Kraut der Liebe machen, so gut bin ich ihm.

N.S. Zur linken Hand. Warum hast du deinen letzten Brief so weitläufig geschrieben? Wenn du mir so gut nicht wärst, als ich weiß, daß du es bist, würd' ich mir Gedanken machen. Hab' ich es nicht von dir: »je kälter, je weitläufiger, wenn man Briefe schreibt.« »Wer liebt, läuft immer über. Er kennt nicht Maß und Gewicht.« Aber so bist du! auf deine Finger siehst du nicht, allein die meinigen sollen nicht trauern. Könnt' ich dann nicht dich und du mich lieben, wenn auch alle unsere zwanzig Finger in tiefer Trauer wären. Ich komme wieder aufs Vorige. Wer war es denn, der sagte, die Natur liebt eben die Finger nicht weiß. Rothe Wangen, starke Hände, wo gesundes Blut durchscheint, ist Naturuniform: wer war es? Ich muß noch ein Stück Papier mit der Nadel anheften. – Lieber Mann, ein Naturmensch, wie du, sollte nicht auf weiße Finger sehen. Das nenn' ich! ich! ich! nenn' das schelten! Grüße alle deine Finger von mir – sie sind meine Finger. Du bist ganz mein, ich ganz dein. Wir sind eins, ich habe deine Briefe unter meine Bibel gelegt. Erst Gott, und dann mein Mann. So gehört und gebührt es sich. – Ihr Männer, dünkt mich, seyd zum Reden und zum Schreiben. Wir Weibchen zum Thun, und wenn's hoch kommt, zum Lesen. Das wirft du wohl finden, ohne das ich's nöthig gehabt habe zu schreiben.


Sie an Ihn.


Wie du vom Alexander zum lieben Jungen erniedrigt, oder besser, erhöht bist! Unsere Liebe hat sehr gewonnen, jetzt da dein [141] Vater den zweiten Diskant singt. Ich wette, er hat mit dir zuvor etwas Großes im Schilde geführt. Gottlob! daß du jetzt Pastor wirst. So sind wir doch so sehr nicht auseinander. Lieber, lieber, lieber Junge! was meinst du? Die Regenten müssen sich doch auch zuweilen so nennen, wie wir, oder sie wissen nicht, was Liebe heißt, und dann sind sie ärmer, als wir, und ärmer, als alle Bettler in unserm Dorfe. Ich weiß doch auch, wie es einer Prinzessin zu Muthe ist; allein ich tausche nicht mit der Königin Elisabeth, da ich dich habe – und du nicht mit Alexander, da du mich hast. Wir würden jetzt schlecht Alexanderchen spielen! die alte Babbe würde die königliche Frau Mutter besser machen, als wir Alexander und Frau Alexander. Außer der Liebe, das fühl' ich, ist alles Possen und Unwesen in der Welt. Du hast recht, ganz recht, »die Liebe macht gleichgültig gegen Ruhm und Glanz, allein gegen die Menschlichkeit nicht. Sie schränkt das Herz ein, allein sie erweitert es auch. Eins liebt nur eins, wie Mann und Weib, alle Menschen aber, wie Schwester und Bruder. Einen Verliebten, glaub' ich, kann jeder Mann betrügen, er hält alles für ehrlich, was ihm begegnet, die Liebe ist stark Getränk für die Seele. Sie betrinkt sich in ihr, und Verliebten geht's kein Haar besser, als Leuten die ein Gläschen über'n Durst getrunken haben. Es ist ihnen alles besser, wie zuvor. Sie sehen alles in den besten Jahreszeiten, alles im Junius.« So weit du. Eine schöne Antwort auf deinen Brief. Ich schreibe ab, was du geschrieben hast. Mich dünkt aber – das ist die rechte Art für ein Weib. Sie ist eine Kopistin des Mannes, wenn sie schreibt. Denn dieß ist ihr Fach nicht. Das war wieder eine Abschrift von dir, und überhaupt bin ich ganz nur eine Abschrift von dir. Du hast mir gestern geschrieben, daß ich deine Buchstaben nachmache, und daß sie mit der Zeit wie deine seyn würden. Lieber Junge! ich leg' es nicht dazu an, ich mache sie nicht nach. Es kommt von selbst, ungebeten. – [142] Ich lese deine Briefe mir ins Herz und in die Hand. Wenn du morgen zu mir kommen willst, komm um vier; von vier bis sieben sind nur drei Stunden. Ich habe dir viel von der Liebe zu sagen, worauf mich dein Brief gebracht hat. So was muß man sich sagen; schreibt man, ist's so, als wenn man Schlagwasser aufs Schnupftuch gießt. Ich denke, die Liebe ist noch das Einzige, was in der Welt von ihrem Stande der Unschuld, und von der Zeit, da sie aus der lieben Gottes Hand kam, übrig ist. Und du lieber Gott! bei dem allen glaub' ich, daß nicht drei Paar in ganz Curland sich lieben, wie man recht liebt, sich lieben wie wir. – Du wirst über vieles lachen, was ich mir im Kopf gezeichnet, über vieles wirst du mich aber küssen. – Im Lande, schreibst du, wo man sich in der Landessprache nicht auf gute Weise dutzen kann, liebt man nur so so – – recht! ganz recht, lieber Junge, und wann hättest du nicht bei mir Recht? Das Dutzen ist so was zum Herzen, daß ich's nicht sagen kann. Was das hübsch ist, daß du deinen Vater und deine Mutter du zu nennen das Herz hast. Meinem Vater dürft' ich so nicht kommen, der Muttter wohl – darum liebst du auch deinen Vater mehr, als ich den meinigen. Unsere Mütter lieben wir, glaub' ich, gleich. – Den kleinen Finger von der Liebe, womit wir uns lieben, auch der nicht! – Ich habe schon gedacht, ihr Männer könnt nimmer so zärtlich seyn, als wir. Hörst du? als wir. Wo ich alles vernehme, was ich schreibe, mußt du besser wissen, als ich – denn in Wahrheit, wenn ich mich an das Papier setze, weiß ich kein Wort. Morgen von vier bis sieben! Ich würde nicht eine Sylbe an dich schreiben, wenn du es nicht so wolltest, aber du müßtest ohne Ende und ohne Ziel an mich schreiben, sonst wüßte ich nicht, was ich anfinge. Ich finde in keinem Buche das, was ich in deinen Briefen finde. – Was du aber in meinen findest, kann nicht viel seyn.

[143] N.S. Komm ja um vier; mich ärgert, daß ich alles so voll geschrieben habe, ich möchte dich gern noch einmal, und noch einmal drum bitten: um vier.


Sie an Ihn.


Sie an ihn! diese Erfindung macht dir Ehre. Du und ich, ich und du. Mehr ist für uns nichts in der Welt. Mir kommt's wenigstens so vor. Es geht dir mit meinen Sachen, wie mir mit den deinen. Ich könnte nicht leben, wenn ich nicht was von dir bei mir trüge. Ich sehe dieß als ein Pfand an, das du mit einem Kusse auslösen mußt. Den letzten Brief trage ich immer im Busen, bis ihn der folgende ablöst. Dein Tuch aber kann ich in der Hand halten und küssen, und mich damit vor aller Welt Augen erfreuen. – Mein Tuch und meine Feder, und mein Buch und das Band auf meinem Kopfe, das du nicht berührt hast, ist mir als ein ungetaufter Heide. Was du angefaßt hast, ist mir eingesegnet und geweiht. Die Stadtleute, die nicht wissen, wie schön es ist, Blumen an der Wurzel zu sehen – geben sich einander Blumen. Ihr Blumengeschenk – das habe ich von dir – ist ein Bild ihrer Liebe, die auch bald dahin stirbt. Ich möchte nicht in der Stadt wohnen um vieles! Die Leute, glaub' ich, haben da den lieben Gott nur in der Kirche, wir – der Name des Herrn sey gelobt! – haben ihn überall. – In Mitau werde ja nicht Pastor. Werd' es auf dem Lande. Da hast du halb predigen, und wir leben doppelt. In der Stadt ist man, wie's in der Bibel steht, lebendig todt. Man lebt sich da, wie du sagst, krank und todt. Daß du mir ja keine neue Feder mehr schickst. Ich will keine, mit der du nicht schon geschrieben, und die du nicht schon in Gang gebracht hast. Und was ich noch mehr will, das hätt' ich bei einem Haar vergessen. – Der alte Herr geht morgen aufs Land und bleibt drei Tage. –

[144] N.S. Um acht Uhr des Morgens kommt der Wagen nach ihm; um neun ist er gewiß nicht mehr hier.


Sie an Ihn.


Gestern, lieber Mann meiner Seele! Einziger! habe ich den Geburtstag unserer Liebe gefeiert. Im Buche der Lebenden, das vor dem Throne Gottes liegt, sind wir gewiß von Anbeginn in einer Reihe zusammengeschrieben. Ich zittere und freue mich. Es schaudert mich und ich bin entzückt, da ich an das zurückdenke, was gestern neu geboren ward. Der erste Kuß und mit ihm der Schwur: »Ewig mein!« ich habe meinen Schutzengel sehr gebeten, es dir einzuflößen, was ich gestern empfunden habe, es ist unausschreiblich! Denkst du auch noch zurück? Unsere Augen waren die ersten Bekannten; sie waren immer zusammen, wenn sie sich erreichen konnten. Eh man sich liebt, ist das Auge, wie du sagst, als eine Sonne mit Wolken belagert. Die Liebe steckt das Auge an, zuvor ist es eine unangezündete Kerze. Kaum brennt's, so ist auch der ganze Mensch hell. – Alles stufenweise in der Liebe! Nach dem Blick eine Berührung. Ich denke noch oft daran, wenn sich unsere Finger berührten, da du mir was reichtest, oder ich dir – die Funken spritzten mir bis in die Seele, so oft wir so Feuer anschlugen, und da ich dein Glas wie aus Versehen nahm, und du das meinige, und da ich mit gutem Bedacht an eben der Stelle trank, wo du getrunken hattest. Himmel, was trank ich! ich trank dich, ich war von dir betrunken, und mein ganzes Blut ward davon entzündet. Endlich das hohe Fest, dessen Jahrestag gestern war! Sprachen wir oder sprachen wir nicht? Ich glaube: Nein. Sprache und Liebe bestehen nicht sonderlich, das habe ich oft erfahren. Die Sprache ist ein ungetreuer Dienstbote. Gott, wie du mich küßtest und drei Blüthen vom Baume herabfielen, um diesen Ort zu heiligen, und die Nachtigall schlug, und wir dieß [145] alles nur halb sahen, nur halb hörten, bis wir uns von diesem Kusse erholt hatten! O Mann, o lieber Mann! welch ein Fest! Wie hab' ich gebetet, daß Gott mit unserer Liebe sey! Er, der die Liebe ist, sey mit unserer Liebe! Er weiß das Ja, das wir stammelnd vor seinem Angesichte ablegten, die Sonne beschien es, der Altar war mit Vergißmeinnicht bordirt und mit Blumen geschmückt, die so schön zusammenstanden, als ob sie auch untereinander vermählt und zusammen getraut wären. An diesem Tage, lieber Mann! müssen wir auch einmal, wenn Zeit und Stunde ist, vor der Welt zusammengegeben werden. Dieser unser Welthochzeittag sey uns ein untergeordnetes Fest, und also am nämlichen Tage! – Man muß Gott mehr lieben als die Menschen – ich habe sehr, sehr für dich gebetet. Ich bin deinetwegen beim lieben Gott Sturm gelaufen. Laut, laut schrie ich: Gott sey mit ihm, mit ihm! Ich nenn' dich immer zum lieben Gott Er. Gott weiß ja alle Dinge. Einmal – das muß ich dir ohrbeichten – kam mir der Alexander in den Mund, und ich ward so zurückgesetzt – ich schämte mich so vorm lieben Gott, daß ich in zwei Tagen kein Wort hervorbeten konnte. Ich denke, es kommt daher, weil wir Alexander gespielt haben, und weil der liebe Gott das Herz und kein Spiel haben will. Weißt du woher anders? schreib's mir. Es war doch nicht ein Schelmenstück, daß du den Alexander machtest, und mein Bruder Benjamin den Darius. Du heißt ja leider Alexander. Da bin ich wie deine Mutter! Ich gäbe was drum, wenn du Johann oder Gottlieb hießest. – Ich vergess' es nicht, was der Herr Candidat * sagte, der als Volontair nur einem der Feldzüge zusah, den dein Vater mitmachte: »Gut wär's, wenn überhaupt König nur gespielt würde!« Dein Vater schüttelte Nein! warum nein? – Ich bin des Herrn Volontairs Meinung.

Es hat doch bei unsern Schlachten kein Junge ein Bein gebrochen, und die Jungens sind alle so vollkommen, so stark. Benjamins [146] Fuß ist obenein gerader geworden; was fällt aber nicht, wie man hört und liest, im Kriege? Im Anfange glaubte ich, daß in der Geschichte die Zahlen verdruckt wären, ich fand's aber oft ganz ausgedruckt. Die Leute sollten's nicht so deutlich machen, damit man wenigstens denken könnte, es wäre eine Null zu viel. Da seh' ich, was ich zusammen geschrieben habe. Wenn du oder ein anderer Alexander das, was ich geschrieben, schreiben, oder besser zusammenlegen sollten, wär's ordentlicher und kürzer, glaube ich, aber nicht herzlicher. Ich streiche nichts. – Mögt ihr doch streichen, wenn ihr nur nicht das Herz herausstreicht, wie ich glaube, daß es die meisten von euch thun. Da fiel's mir neulich beim Pilatus ein: »was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.« Gott verzeihe mir's. Ich dachte – das Weib – er, als Landpfleger, hätte ja streichen können. Wie ich froh bin, lieber Junge, das wird dir dein Schutzgeist sagen. Der meinige hat ihn heute gewiß mehr als einmal besucht und es ihm erzählt. Wenn wir sie kennen lernen werden, das wird eine Lust seyn. Mir ist's sehr, sehr angenehm, an den Tod zu denken. Ei wie denn dir? Gott segne dich und behüte dich in alle, alle Ewigkeit! Amen! Amen!

(An der einen Seite:)

Heute gewiß einen Brief von dir. Es ist Geburtstag. Die Briefe werden sich begegnen. Ist er noch nicht abgeschickt, laß ihn den meinigen küssen; ich werd's empfinden; und eh' die Briefchen einmal, wenn wir zusammen sind, auch zusammen kommen und sich paaren, wird's noch eine Zeit dauern. An unserm Welthochzeittage wollen wir sie zusammen legen. Eben denk' ich dran, wie furchtsam unser erster Kuß war, um dir zugleich eine gute Lehre zu geben. Jetzt ist's so, als wenn du mir das Aug' austrinken wolltest, wenn du es küssest. – –


[147] Sie an Ihn.


Ich habe zum erstenmale einen Menschen sterben gesehen! und gleich zum erstenmale eine Mutter. Nun würde folgen, selbst zu sterben, und das Entsetzlichste – von deinem Tode zu hören. Denn dich sterben sehen, wär' unmöglich. Lieber Junge, alles auf einmal! Du wirst weg – meine Mutter ist schon weg. – Du kommst zwar wieder, allein meine Mutter nicht mehr. Du weißt, wie ich sie geliebt habe, und wie sehr ich Ursach dazu gehabt. Wenn wir zu einem Briefträger einen Vertrauten nöthig gehabt, wäre sie es gewesen. Du hast mir's gesagt und geschrieben: Ein Mädchen kann zur Vertrauten in der Liebe niemand anders als eine Mutter nehmen – höchstens einen Bruder. Wie wird's jetzt werden, da du dem Benjamin unsere Liebe nicht entdecken willst? – Du schreibst, ein guter, sehr guter Junge, nur ist er gewohnt in die Flucht geschlagen zu werden. Wer Geheimnisse bewahren will, muß des Siegens gewohnt seyn. Wir armen Leutchen! jetzt schreiben wir einander und tragen die Briefe selbst an Ort und Stelle. Wenn du aber nicht mehr dreißig Schritte für Männer, und sechzig Schritte für Weiber, und fünf und vierzig Schritte, wenn wir beide zusammen gehen, von mir entfernt seyn wirst, wie werd' ich dir meine Briefe im Buche reichen oder in die Hand drücken, oder auf diese oder jene Stätte legen, welche der liebe Gott bloß unserer Briefe wegen so dick mit Gras bewachsen ließ, um unser Geheimniß zu decken. O Gott! wenn ich an deine Abreise denke, ist's mir so, als wenn ich meine Mutter sterben sähe, und doch wirst du wieder kommen, und dein Weib bekennen vor den Menschen. Gott helf' uns dieses Bekenntniß vor dem Altare ablegen, wo wir ehemals unser Glaubensbekenntniß gen Himmel ablegten! Du mußt auf eine Universität, das hast du mir bewiesen, also gehe hin. – Ich werde dir noch viel, viel mitgeben, daß du dich meiner erinnern kannst! – Du armer Junge! ich behalte doch mehr zurück. [148] Dein Vater hat deine Finger, als wenn ich sie sehe. Wie werd' ich darnach blicken, selbst wenn er mir die Hand beim Beichtstuhle auflegen wird, selbst da werd' ich an deine Hand denken. Das ist keine neue Sünde! Was behalt' ich nicht noch mehr! Alle die Oerter, wo du gingst, wo du kamst. Wo Alexander siegte, wo ich deine Gefangene war, wo unsere Augen einen Bund machten; den Altar, wo wir getraut wurden; den Ort, wo wir Concert hielten; wo du oft, oft mich zusammennahmst und küßtest, und wo ich dir durch einen bescheidenen Kuß für deinen heftigen dankte; wo wir uns freueten, daß es Frühling war, und das erste Veilchen, die erste gelbe Blume, den ersten Schmetterling bewillkommten. Der Ort, wo dein Vater uns überfiel, lieber Junge! – ich glaube noch immer, du magst mir so viel sagen als du willst, der hat viel zu deiner Abreise beigetragen. – Der Tod sucht Ursach. Gott sey Dank! noch fünf Monat. – Was wimm're ich Thörin! du gehst hin, um beständig bei mir zu seyn, um Stroh zum Nestlein für uns zu holen. – Flieg denn aus, find bald dein Stroh, und denk, daß deine Sie auf dich wie eine von den klugen Jungfrauen wartet. Schick' mir dann und wann eine Taube mit einem Oelzweig. Wir müssen noch verabreden, wie wir's mit den Briefen halten wollen! – ich kann dir nicht sagen, wie mir ist! – So sind wir Menschen! Wer stirbt gern, wenn er gleich weiß, daß er dadurch zum ewigen Leben kommen soll? – Das Letzte ist gewiß. Leute, die recht sehr fromm sind, müßten hier schon wie dort seyn. Sie studiren die himmlische Geographie, und sind im Himmel so, wie ich in Gedanken auf all' den Universitäten seyn werde, wo du wirklich seyn wirst. – Wer stirbt aber gern? Wer? Warum ich eigentlich an dich schreibe, hab' ich dir noch nicht gesagt. Ich habe meine Mutter vor dir nicht sehen können; ich will sie unsere Mutter nennen, meinen Vater aber nie, nie unsern Vater. Der meinige ist er, weil's Gott hat haben wollen; warum sollst du dich [149] aber mit ihm beschweren? Gott verzeihe mir's! wenn ich hiedurch dem vierten Gebote zu nahe trete – du hast mich als Mann darüber losgesprochen und die Grenzen abgemessen: »Bis dahin und weiter nicht.« Als Pastor mußt du diesen Losspruch noch bestätigen und vollführen, Amen! Wieder von unserer Mutter ab – ich hab' dir noch etwas Schriftliches von ihrem Abschiede versprochen, weil ich's dir mündlich nicht sagen konnte.

Wisse also, mein lieber Junge, daß ich ihr, kurz eh' sie starb, unser Liebesgeheimniß entdeckt habe – ich habe vor der Minute gezittert, da es hieße: Vollbracht – nachdem ich ihr aber unser Geheimniß gesagt hatte, zitterte ich auch für ihre Besserung. – Ist's nicht gut, daß ich's ihr gesagt habe? – Sie hätt's doch im Himmel erfahren, und dann hätte sie Ursache gehabt, es mir zu verdenken, wenn dieß Wort im Himmel nicht verboten ist. – Was weiß ich – ich dachte, es wäre unrecht, sie ohne dieß Geheimniß sterben zu lassen. – O lieber Junge, welchen Segen hat sie über uns ausgesprochen. Sie war schon lange wie todt, hatte lange sprachlos gelegen, da ich ihr aber unsere Liebe erzählte, bekam sie ihre Sprache wieder. Zacharias fiel mir ein mit seinem – »er soll Johannes heißen.« Sie nannte dich Sohn. Das hätte sie in dieser Welt nicht das Herz gehabt, wenn ich gleich wirklich die Frau Pastorin gewesen wäre. Sie fühlte aber, wer sie war! Sie fühlte ihre Beförderung zum Engel. Sohn! Sohn! Sohn! sprach sie, als ob sie sich dabei was zu gut thäte, und blieb im Segnen. – – Gewiß hat sie's mit himmlischen Worten fortgesetzt, was sie mit irdischen angefangen; und was sie in Schwachheit begann, geendigt mit Kraft. Gott schenk' ihr die himmlische Seligkeit, die sanfte, ewige Ruhe der Auserwählten! Auf ihrem Grabe will ich oft Rath holen, wenn ich in deiner Abwesenheit Rath bedarf – du mußt noch oft, oft, – so schwarz, so nackt, so unbegrast, so unbeblümt es gleich da ist – (wer wird sich aber [150] vor Staub, vor seinesgleichen fürchten?) oft mußt du noch an ihr Grab mit mir wallfahrten. O Lieber! mir ist so – so – rings ums Herz, als wenn ich meiner Mutter bald folgen werde – und hätt' ich dich nicht – wie gern! wie gern! ich hätte diese letzten Zeilen gern weg! Aengstige dich nicht. Du kennst mich so gut, wie ich mich selbst kenne!

Du schreibst mir: »Schone dich! ich weiß, du bist in dein Leben nicht verliebt – schone dich meinetwegen!«

Junge! deinetwegen, deinetwegen, deinetwegen will ich leben, leiden und sterben! –

Da hab' ich ihn mit einem Griffe deinen lieben Brief, den ich aufsuchen wollte.

»O Mine, wenn doch unsere Väter alle Nächte den Himmel observiren möchten. – Was war das für eine Nacht! Mine – was für eine Nacht! Mine, was für eine Nacht! Wie feierlich, zwischen eilf und zwölf auf dem Kirchhofe zu seyn! mit dir! mit dir allein auf dem Kirchhofe.« – – Ich vergesse dieseszwischen eilf und zwölf in meinem ganzen Leben nicht. – Die Alten sahen auf der andern Seite des Kirchhofs nach den Sternen, und ich? »sah dich – dich – dich – doch warst es du? Sag, warst du entzückt, oder warst du wie sonst? Ein Mondstrahl umleuchtete dich – ich stand im Dunkeln und sah ein Gesicht im prophetischen Sinne. – Nie hab' ich so was gesehen! du warst verklärt, und dein Gesicht war wie eines Engels Angesicht: so – so – wie ich dich nach der Auferstehung der Todten sehen werde in alle Ewigkeit!«

Wozu diese Abschrift? – gleich, lieber Junge.

Gestern standst du in der Sonne! Sie beschien dein edles Angesicht – sanft und zurückhaltend war ihr Strahl, so als wenn Gott mit Menschen spricht. – Die Sonne blitzte nicht, sie hatte einen Augenschirm vor, und ich! kurz lieber Junge, wie es dir mit [151] dem Monde ging, ging es mir mit der Sonne; ich sah dich, ich kannte dich, allein du warst wie Moses, indem er vom Berge kam und mit Gott gesprochen hatte, und ein Gesicht voll Sonnenglanz mitbrachte – da dacht' ich: Sonne und Mond ist Mann und Weib. – Da sah ich uns beide im Himmel, dich in die Sonne, mich in den Mond gekleidet – ich weiß nicht, wie mir war! mir kam es so vor, daß ich bald stürbe, und daß meine Mutter ein Mondgewand in der Hand hielt, mir das Sterbehemde auszog und mich himmlisch einkleidete. Ich war in Wahrheit außer mir! – das hab' ich noch behalten, daß es selig wäre, selig, selig wäre zu sterben – wenn du mit stürbest. – Gottes heiliger Wille geschehe!

Oben wo sie angefangen hatte (das andere ist so voll geschrieben, daß kein Wort mehr Raum hat): Was haben wir nicht noch abzureden, ehe du gehst. Fünf Monate sind zu kurz, wenn wir von vier des Morgens anfingen und um neun aufhörten. Wie kommt's, daß wir nicht zum Worte kommen, wenn wir zusammen sind.


Dixi!


Und wenn gleich meine Mutter drei Hemde-Rubriken mehr während der Zeit erfunden hätte. Dixi!

Euch, gute Seelen, die ihr den Hänfling, den ein Bube aus dem Neste stahl, um ihn mit aufgeweichtem Brode zum Sklaven zu füttern, versteht, wenn er, seinem Kerker entflohen, auf dem benachbarten Kastanienbaume seinem Tyrannen Hohn singt;

Euch, gute Herzen, die ihr einer Pflanze die Wollust ansehen könnt, wenn der Gärtner sie aus dem Blumentopf in die weite Erde bringt, oder einen Feigenbaum, wenn der Besitzer in nördlichen Gegenden ihn vom Fenster in den schönen sanften Regen setzt;[152] Euch wenigen Edeln! die ihr, wenn die Bohne in eurem Garten eine schwere Geburt hat, ihr nachhelft und die Schlauben abstreift, um ihr Luft zu machen, und die Blume, die der Sturm wie eine Wittwe beugt, mit tröstender Hand aufrichtet, damit sie, so wie ihr selbst, gen Himmel sähe, euch, die mein Vater Seher, von Gott Angehauchte, nennen würde; Euch, die ihr höret und sehet, was Viele mit offnen Augen nicht sehen, mit offenen Ohren nicht hören, schreib' ich diese Briefe zu. Schützt sie wider Hof- und Stadtleute, die Ach und Weh über sie kreischen, wider die Schwätzer und Trunkenbolde in der Liebe, die, gewöhnt an italienische Musik, die kein Schäfchen blöken, keine Nachtigall schlagen, keine Biene schwärmen, keinen Käfer brausen hören können.


* * *


Es war eines Sonnabends – wie hätt' es wohl ein anderer Tag seyn können? – da mich meine Mutter bei der rechten Hand nahm, welche sie dieAuserwählte zu nennen pflegte, und sich folgendergestalt verlauten ließ: Mein Sohn, heute König, morgen todt. Es ist leicht möglich, daß, wenn deine Noviciatsjahre geendigt sind, und du dich, zu Ablegung der heiligen Gelübde, nach Curland zu den Altären deiner Väter mütterlicher Seits einfindest (mein Vater hätte gesagt: wenn du deine Jahre der Wanderschaft zurückgelegt und ans Meisterrecht denkst), du mich nicht mehr in dieser irdischen Hütte siehst. – Dort sehen wir uns gewiß und wahrhaftig; indessen hab' ich noch viel auf meinem Herzen für diese Welt, das ich nicht gern wie einen Haufen Reiser zusammenraffeln, sondern mit Zuckererbsen zur Saat lesen und sondern und dir ins Ohr säen, oder, nach dem ein und vierzigsten Psalm im achten Verse, raunen möchte.

Ich glaubte, daß dieser aufgespannte Pfeil Minchens Geschichte treffen würde, allein ich betrog mich am Ende, obgleich ich meine Mutter, um ein anderes tödtliches Gewehr anzuführen, Pulver auf [153] die Pfanne streuen und zielen sah, da sie von den Vorzügen eines guten, ehrlichen Herkommens sprach. Sie lenkte auf meinen Vater, ihren vielgeliebten Eheherrn, und legte es mir so nahe als möglich, daß ich sie fragen möchte, was sie wohl von seiner Abkunft dächte? Wir bogen beide zur Rechten und kamen nicht zusammen. Freilich hätt' ich auch gern gewußt, was meine liebe Mutter, baß als ich, von dieser Sache wußte. Ich befürchtete aber Aufträge zu gewissen Fragen an meinen Vater, und wie hätt' ich einen Mann foltern, oder wie meine Mutter sprach, stöcken sollen, der so väterlich war, mir wegen Minchen keine Frage ans Herz zu legen? Sie mußte also durch einen andern Weg in ihr Land. Ueber deinen Vater, sagte sie, habe ich tausend und abermal tausend Thränen vergossen. Selten wird ein Frauenzimmer das Wort Thränen trocken aussprechen, und ohne es anschauend zu machen, was Thränen sind.

Ich weiß zwar nicht, wo er her ist, und wer seine Eltern gewesen, bald hätt' ich liebe Eltern gesagt; Gott weiß aber, ob sie's verdient hätten und ob's nicht unschlachtig Volk gewesen. – Ich vermuthe, daß sie ihm eben keine Ehre machen können, denn sonst wüßte ich nicht, warum er so zurückhaltend über diesen Punkt zu seyn Ursach hätte. Hier fing sie so bitterlich an zu zeigen, was Thränen sind, daß ich sie herzlich tröstete. Sie jammerte mich von ganzer Seele.

Was ich weiß, will ich dir sagen; wollte Gott, daß es ohne die größte Bewegung meines Herzens geschehen könnte.

Ich verbat ihre Erzählung, da ich sah, wie sehr es sie angriff.

Nein, um des Himmels willen, nein, aber nein, rief sie aus, und wenn mir drüber das Herz brechen, wenn ich gleich sterben sollte, mußt du alles erfahren, was ich gewiß weiß, was ich hoffe, was ich glaube, was ich fürchte, und noch manches was mehr.


[154]

Nichts war es spät und frühe


sang sie –


Um alle meine Mühe;

Mein Sorgen war umsonst. –


Und nach Vollendung dieser Herzstärkung fing sie an: Du weißt, wie sich die Lebensläufe unserer in Gott ruhenden Vorfahren anfangen: »Was nun anlangt« – ich kann diesen Anfang nie, ohne Lust aufgelöst zu werden. – beten –

»Was nun anlangt die ehrliche Geburt, den Tauftag, den geführten christlichen Lebenswandel und die selige Sterbestunde unserer in Gott ruhenden Glaubensschwester, der weiland viel ehr- und tugendsamen Frauen, Frauen – – so ist selbige – – von christlichen Eltern geboren. Ihr Herr Vater war der weiland Wohlerwürdige, und ihre Mutter die weiland – – leibliche Tochter des weiland Wohlehrwürdigen – ihr Herr Großvater war der weiland Wohlehrwürdige – so viel Weilands Wohlehrwürden ohne Ende und Ziel.« Bei deinem lieben Vater ist ehrliche Geburt und alle Wohlehrwürden in die Rappuse gegeben. Gott gebe, daß dieser Gedanke ihm sein Sterbelager nicht schwer mache.

Es war im Jahr nach Christi Geburt 17 – den – da er zu deinem lieben, seligen Großvater gegen Abend um sieben Uhr ankam. Es schlug eben unsere Stubenuhr, die so katerhaft brummte, eh' sie eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben herauswürgte, daß ich kein Wort von den Erstlingen deines Vaters zu vernehmen im Stande war. Er schien mir mehr mit dem Rücken als mit dem Munde zu sprechen. – Es war der kälteste Winter, den ich je erlebt habe. Ich sehe noch, wie dein Vater that, als wüsch' er sich die Hände. Drei Aepfelbäume rührte der Frost in unserm Gärtchen, auch den letzten Zahn, wie es deine Großmutter nannte, oder den letzten Pflaumenbaum. Dein seliger Großvater pflegte im Scherz zu sagen, so viel wäre wohl außer Zweifel, daß das [155] Paradies nicht in Curland gestanden hätte – im Scherz sag' ich, denn er war sonst, wie sich's eignet und gebühret, mit Haut und Haar, mit Herzen, Mund und Händen, Curländer.

Deine liebe Großmutter, so gastfrei wie ich, bat abzulegen. Dein Vater that's nicht eher, als bis er die Anwerbung angebracht hatte – nicht um mich, so weit sind wir noch nicht, sondern um die Informatorstelle, die im Kirchspiele offen war – Hofmeisterstelle, sagte dein Großvater, und belehrte zugleich deinen Vater, daß ein Prediger Pastor hieße, und deß bin ich herzinniglich froh, und verehre im Staube die wunderbare Schickung Gottes in Curland; denn kein Titel hat solche Verkürzungen erlitten, als Pastor auf deutsch. Erst hieß es Pfarrherr, mithin Herr von vorn und Herr von hinten, wie's billig ist: Herr Pfarrherr. Nachher Pfarrer und jetzt Pfarr. Daß sich Gott erbarme! wer nicht buchstabiren kann, schreibt Farr, und das ist ein einjähriger Ochse. In der Aussprache ist so kein Unterschied, wenn man auch drei Ohren hätte. Mein Vater war bei Sr. Hochwohlgeboren, der für seinen Sohn einen Hofmeister suchte, Hähnchen im Korbe. Sehr gern, sagte mein Vater, wenn wir einig werden. – Jetzt spannte dein Vater sich aus, rauchte sein Pfeifchen und that eine Mahlzeit, daß meine Mutter nachher zu mir (auch im Scherze, denn sie hungerte vor Freuden, wenns ihrem Gaste schmeckte) sagte: wäre der Candidat unter den vier tausend Mann gewesen, so viel Körbe wären nicht übrig geblieben.

Dein Vater muß es selbst gemerkt haben, denn er bewies sehr gelehrt, daß man im Winter bessern Appetit, als im Sommer hätte, so wie eine übermäßige Kälte auch schläferig mache. Das eine hatte er weidlich bewiesen, das andere war er im Begriff zu thun.

Mir strahlte dein Vater, ich muß es frei gestehen, gleich ins Herz, obgleich eine übermäßige Kälte, so wie eine übermäßige [156] Hitze, schläfrig macht. Ich sah nicht mehr gerad aus, sondern sehr oft von der Rechten zur Linken, und war dein Vater, der uns oft besuchte, gegenwärtig, so konnte mich das mindeste roth machen. Ein gestohlenes Schaf machte mich über und über roth, wenn man den Dieb nicht wußte und die Frage aufwarf: wer kann es wohl gestohlen haben? Wenn mich dein Vater fragte: ob ich wohl geruhet hätte? war Feu'r im Dach – und ich konnte wohl aus dem schönen Liede:


Ich Erde, was erkühn' ich mich,


bei jeder Sylbe, die er sprach, mit Recht singen: Sie sang –


Ganz feurig wirb mir mein Gesicht,

Und das, was meine Zunge spricht,

Kann kaum mein Ohr vernehmen!

Ich bin voll Angst und Schämen. –


Ich weiß nicht, ob ich schon an- und ausgeführt habe, daß dein lieber Vater Hofmeister wurde. Man hatte es ihm sehr nahe gelegt, ein Frauenzimmer, das der Frau vom Hause Gesellschaft leistete, schön zu finden; allein er fand weder sie, noch irgend eine Dirne also. Einige glaubten, daß er die seltene Gabe der Enthaltsamkeit hätte, davon war ich durch sein dringendes, feuriges Auge eines bessern belehrt. Er blieb nicht lange Hofmeister; sondern in kurzem starb sein seliger Antecessor, und er bekam das Pastorat, wo er noch bis diese Stunde Gottes Wort rein und lauter (das muß man ihm lassen) verkündigt.

Kaum hatte er diese Stelle, kam er wieder einen Abend und wusch sich abermals die Hände. Dießmal konnt' es schwerlich aus Frost seyn, denn es war Sommertag. Die drei Aepfel- und der letzte Pflaumenbaum haben sich nie wieder erholt und den Kuckuk nicht mehr schreien gehört, denn der Garten war ohne Windkenntniß angelegt, wie dein lieber Großvater zu sagen pflegte. Meine Mutter hätte noch nie gebeten abzulegen, da er mit der Anwerbung [157] um mich anfing. – »So viel Neigung als Dankbarkeit« – Gut, sagte meine Mutter, Herr Pastor! allein, ehe man Ja sagt, muß man sich bedenken. Beim Nein kann man eher fertig werden. Sie sehen, wie sehr ich zum Ja mich neige. Sie verlangte zu wissen – und das konnt' ich ihr nicht verdenken – wo er her wäre? wer seine Eltern wären? ob sie noch am Leben? ob er Geschwister hätte? – und auf tausend antwortete der Herr Bräutigam nicht eins. Er liebte weder die seltenen noch gemeinen Fragen meiner Mutter, und wollte nicht mit der Sprache heraus, und da die Sache weiter getrieben wurde, erklärte er mit Ja und Amen: eher unglücklich zu seyn, und weder Theil noch Anfall auf mich zu haben, als diesen Vorhang aufzuziehen.

Deine selige Großmutter war das im ganzen Hause, was ich in der Küche bin, und wollte dein seliger Großvater wohl oder übel, er mußte den Kopfschütteln. Zum deutlichen Nein konnte sie es nicht bringen. – Das war ein Fersenstich für deinen Vater. Er war gekommen, einen Salz-einen ewigen Bund zu machen, und nun zerriß er alles aufs schierste. Starken Laufs, ohne Schnauben oder Drehen, ohne den Staub von seinen Füßen zu schütteln, ohne das Wasser glum zu machen, zu reden aus Ezechiel zweiunddreißig Vers zwei, ging er verstummt von seiner Scheererin von dannen. Man sah, was er litt, und gern hätt' ich ihm hülfreiche Hand geleistet. Der Abschied war kalt und warm, sauer süß, und weg war er.

Dein seliger Großvater hielt groß von deinem Vater und liebte ihn zu sehr, als er so ganz gelassen dabei bleiben sollen. Es war dein Großvater ein grundgelehrter Mann, der aber außer der Kirche nur bloß in seinem Studirstübchen Potentat war, und es auch nur hier seyn wollte, obgleich deine selige Großmutter auch hier zuweilen ihr Licht leuchten ließ, wowider er selbst nichts hatte. Was ich von seltnen Fragen und Antworten weiß, ist von ihr. [158] Sie hatte hiervon ein Naturalienkabinet, das nicht gemein war. Ich hab' oft gedacht, sie gäbe ihrem Manne manche Nuß aufzubeißen, darum ihre gelehrten Fragen! ich im Druck! und darum mein Gesang! Sie wußte, was für eine Farbe das Kleid gehabt, das der liebe Gott dem Adam gemacht, und behauptete, es wäre grün gewesen. Sie wußte die Apfelart, die Adam und Eva gegessen; wo das Paradies gestanden, und empfahl die Birnen als eine unschuldige Frucht, die auch allen Menschen besser thäte. Wenn ich's aufrichtig sagen soll, so geberdete sie sich bei Aepfeln und Birnen so, als ob diese ohne Erbsünde, jene mit Erbsünde behaftet wären – ich finde hiebei, wenn man's dazu anlegt, viel Erbauung. – Sie wußte, ob Rahel weiß oder braun gewesen; was für Federn Gabriel in seinen Flügeln gehabt; ob Adam mit einem Nabel versehen gewesen; ob David ein Adagio oder ein Allegro vor Saul gespielt; ob die Schriftgelehrten Doctores in der Theologie oder der Rechte gewesen, und ob Pilatus sich mit Seife gewaschen; wie vielmal Sela in der heiligen Schrift vorkäme.

Meinem Vater fehlt es weder an Seel' noch Leib, um meine Mutter so zu umzäunen, als ich es bin, allein, warum er nachgab, war um sich selbst ein Kreuz aufzulegen. Er behauptete, er hätte sein Lebtag keine Niete gezogen, sondern wär' allstets glücklich gewesen; und da man durch viel Trübsal zum Reiche Gottes eingehen müßte, so litt er gern diese Ungemächlichkeit, beklagte sich nur gegen mich, nachdem ich mein neunzehntes Jahr erreicht, und gegen einen einzigen guten Freund – ohne Trost anzunehmen, wohl wissend, es werde seiner lieben Frau jedes unnütze Wort noch vor Sonnenuntergang gereuen, was sie geredet hatte. Dieß geschah auch anfänglich; allein nach der Zeit weiß ich mich zu besinnen, daß es in wichtigen Fällen bis zweimal vier und zwanzig Stunden währte, alsdann aber war auch draußen schlecht Wetter, und die Sonne blieb im Bette, ohne einmal aufzustehen und zu [159] sehen, was für Wetter es sey. Hier ist der Schlüssel zu deines Großvaters Charakter.

Polykrates. Erbherr auf Samos, tödtete seinen jüngsten Herrn Bruder, und den Bruder schickte er nach Sibirien, um allein auf Samos zu wohnen. Polykrates war der älteste. Alles, was er wollte, ward.

Ich versicherte meine Mutter, die sonst Stationes liebte, daß ich diese Geschichte zur Noch wüßte, allein sie hatte, wie meine Leser es ohne Fingerzeig, so gut wie ich, merken werden, auf ihren Vortrag studirt. Bring mich nicht aus der Melodie, antwortete sie, dein Vater hat meinen Styl ohnedem ins Bockshorn gejagt. Sonst pflegten hahn und lahn und stahn meine Busenwörter zu seyn – jetzt aber muß ich genau auf die Noten sehen, um nicht aus der Weise zu kommen.

Sein guter Freund – des Polykrates nämlich – den das Glück seines Freundes nicht eifersüchtig, sondern besorgt machte, bat ihn sehr, er möchte doch Brunnenkresse zum Rehbraten essen, und nur etwas weniges sein Leben verbittern. Polykrates wirft seinen Ring ins Meer. Nach wenigen Tagen fäht ein Fischer einen ungewöhnlich großen Fisch, verehrt ihn dem Hofe und der Koch findet den Ring. Der gute Freund, der ihm gerathen, sich unglücklich zu machen, kündigt ihm nach diesem Vorfalle seine Freundschaft auf, weil er keinen so glücklichen Freund haben wollte, indem er ein so großes Unglück für ihn befürchtete, daß er ihm nicht würde beistehen können. So gesagt, so geschehen. Er fängt Krieg an. Seine Tochter warnte ihn, weil sie seinetwegen einen Traum gehabt. Es kam ihr nämlich vor, daß ihr Herr Vater vom Gott Jupiter gebadet und von der Sonne gesalbet worden. Er verwarf diesen Wink und lachte über den Finger seiner wahrsagenden Tochter. Allein siehe! Er zog nach Magnesiam, wo er von den Einwohnern jämmerlich getödtet und hernach aus Kreuz [160] geschlagen worden. So ward er, wenn's regnete, gebadet, und wenn die Sonne schien, gesalbet. – Diese Geschichte ist uns zur Lehre geschrieben, dachte dein seliger Herr Großvater. Er hatte in seinem Sinne die Hülle und Fülle und hielt sich so glücklich wie Polykrates, obgleich er nie einen Ring ins Meer geworfen und, wenn das Jahr um war, keinen Dreier übrig hatte.

Ich fand, sagt' er, von jeher die erste Rose, das erste Veilchen, die erste reife Pflaume; ging ich zu Bett, schlief ich; stand ich auf, war ich munter. Die bösesten Hunde kamen, mir die Hände zu küssen, um mir zu huldigen. Mein seliger Vorfahr hat den Pastoratsgarten bloß angelegt, um dem Winde ein Spielwerk zu machen; doch glaub' ich, wenn ich ihn so, wie er da ist, bepflanzen sollte, die curischen Stürme würden sich mit ihm vertragen; darum pflanze ich nicht wieder, was ausstirbt. Einen neuen Garten leg' ich nicht an, um dem Boden nicht, meiner glücklichen Hand wegen, Frohndienste aufzulegen. – Was ich in meiner Jugend setzte, ging alles auf. Eine Bohne, wenn sie gleich hektisch aussah, wuchs und trug gesunde Kinder. Schieß' ich, treff' ich! schießt ein anderer, weiß ich beinahe mit Gewißheit am Schuß, ob's Niete oder Gewinnst ist. Komm' ich nach Mitau, grüßt mich ein jeder, der mir begegnet, und ein jedes eher als ich. Bei allen meinen Examens ward ich über das gefragt, was ich den Abend vorher gelesen hatte. Ich schlage mit einer Klatsche wenigstens zwei Fliegen. Oft bemühe ich mich recht geflissentlich nur einer aufs Haupt zu schlagen, allein, indem ich den Streich vollführen will, kommen Freiwillige dazu; dieß macht mich aufmerksam. Erst dreißig fette Jahre, dreißig Jahre ununterbrochenes Glück, und drei Jahre darauf mager wie Pharao's Kühe. Wer nimmt sie? Dreißig magere Jahre aber voraus, und drei fette hernach, dürfen nicht öffentlich licitirt werden, man nimmt mit beiden Händen. Ich wollte nicht in der letzten Zeit meines Lebens [161] ausstreichen, was ich die vorigen Jahre geschrieben, und wie sollt' ich meinem Glücke Zaum und Gebiß in den Mund legen. Ich bin gesund, habe Nahrung und Kleider, und was noch mehr ist, habe mich von jeher damit begnügen lassen. – In Gottes Hände konnt' ich also nicht fallen, ich mocht's machen, wie ich wollte. Was war zu thun? ich gab selbst Gelegenheit, in Menschenhände zu kommen. Meine Ehegenossin muß schweigen in der Gemeinde, und ich schweige in meinem Hause.

Es war also, lieber Leser, mein Großvater mütterlicher Seits, wie es scheint, ein christlicher Sokrates; meine Großmutter aber keine Xantippe, und übrigens eine so ächte Pastorin als meine Mutter, nur jede von anderer Art.

Ein Mann soll meine Tochter heirathen, der nicht Schuster und Rademacher werden kann, sagte deine Großmutter, – der aber (sagte dein Vater im sanften Tone, als wenn er auf der Kanzel zu den Bußfertigen redete), der aber Pastor ist. Schlecht genug, schrie sie aus, daß er durch deinen Vorschuß es geworden. Ich weiß sehr wohl, daß er keinen Dreier hebräisch besitzt. Hierin hatte sie Recht. Ein Pastor, ohne die Sprache Gottes zu wissen! Da mein Vater wohl aus dem Tone hörte, daß es Zeit wäre entweder seines Leidens ein Ende zu machen oder sich zurückzuziehen, ging er gelassen aus dem Zimmer in sein Studirstübchen, wo er auch drei Stunden eingeschlossen blieb. Während dieser Zeit fing meine Mutter Bürgerkriege mit mir an. Bald war mein Kopf ein Wetterhahn, bald hatte ich läppische Angewohnheiten, und andere sieben Sachen mehr. – Der Zorn wider deinen Vater hatte sich gelegt, und sie schien es mir sehr deutlich zu verstehen zu geben, daß, wenn ich nur den Kopf gerade gehalten, mein Bräutigam wohl gesagt haben würde, wer sein Vater wäre. Endlich sprang ihr Zorn, so wie das Fieber, wenn's nicht mehr so heftig ist, das von deinem Vater auf deinen Großvater, und von deinem [162] Großvater auf mich gekommen war, von mir auf die Kathrine. So fuhr der Satan, meiner Mutter nicht zu nahe geredet, in die Säue. Kathrine hatte ihr, statt des Salzfasses, Pfeffer gereicht, woran sie freilich nicht gut reichte, denn meine Mutter schüttete so viel Pfeffer in die Fische, als sie Salz gebraucht haben würde. Pratz! eine Ohrfeige, und nun war der Zorn gelöscht. Zwar zischt' es noch, als wenn Wasser auf den glühenden Herd gegossen wird, indessen ward es zuletzt ganz, ganz mausestille.

Dieß Pratz war eben keine Christenpflicht; indessen was denkst du vom Pratz der Fr. v. ***, welche bei ganz kaltem Blute jedes neue Dienstmädchen, wenn es zum erstenmale Hand aus Porcellan legt, mit einem Pratz bewillkommt. Warum, gnädige Frau? »Damit ihr ein Andenken habt, so oft ihr das Porcellan zur Hand nehmt.«

Meine Mutter mochte dieser Blutreinigung wegen gern das alte Gesinde behalten, und ich bin ihrer Meinung. – Es muß doch wo einschlagen, und ersticken würd' ich! ich! Kreuzträgerin! wenn ich mich nicht ausschelten könnte. – Babbe wäre den andern Tag abgestellt, nachdem sie die königliche Frau Mutter gemacht hatte, wenn man mit neuem Gesinde so herumspringen könnte, als mit altem. – Ich weiß nicht, gegen das gemeinste Volk hab' ich, bis ich bekannt bin, rückhaltende Achtung; ich glaube, das macht das Bild Gottes, das es trägt.

Das Gebet vor Tische, welches dreimal so lang war, als leider das unsrige ist, betete meine Mutter ungewöhnlich laut mit, und das war schon immer ein gutes Zeichen, denn wenn sie das ganze Haus beinahe in einander geworfen hatte, betete sie am lautesten und inbrünstigsten, als wenn sie hiemit den Himmel versöhnen wollte, und alsdann war es alles wie abgeschnitten. Dieser ihrer Gemüthsruhe bediente sich mein Vater, deinem Vater eine Lobrede zu halten; sie gab kein Wort darauf.

[163] Auf einmal fing sie von selbst an: Er liebt zu sehr, als daß er sie verlassen sollte, und man sehe sie, wer kann dreißig seyn, ohne stehen zu bleiben und sie zu lieben (Gott hatte mich schön gebildet, wie es noch am Tage ist). Wie gerade sie sich hält, fuhr deine selige Großmutter fort, welche feine Arten! Er wird sich besinnen und sagen, von wannen er kommt. Es ist ein sehr geschickter, feiner Mann. Man kann mit Wahrheit sagen, das Hebräische ausgenommen, dein Geist, lieber Mann, ruhe zwiefach auf ihm. Du Elias, er Elisa. Ich hatte diesen Gedanken gleich, da du ihm deinen alten Mantel verkauftest.

Denk das nicht, mein Kind! sagte dein seliger Großvater, der über den Namen Elias sich vergnügte, ich habe wenig Aussicht, denn er hätte gewiß, da er in die freie Luft kam, ein freundlich Wort fallen lassen; allein – meine Mutter blieb, der freien Luft unbeschadet, bei ihrer Hoffnung, und that unwillig, daß dein Großvater mir nicht einen Vater gönnte, dem dieser Unwillen hinreichend war, auch Hoffnung zu fassen.

Das Gespräch wurde auf die hebräische Sprache gerichtet, von welcher dein lieber seliger Großvater behauptete, daß sie eben nicht so nöthig für einen Diener des göttlichen Worts an einer christliebenden Gemeinde sey, und daß er selbst nicht einen Punkt zu verborgen, sondern nur zur höchsten Noch hätte. Dieser letzte Umstand beruhigte meine Mutter, und mich machte er noch betrübter als ich schon war, denn das einzige was mich bei dem Vorfall, wenn dein Vater mich verlassen, getröstet hätte, war der Umstand, daß er nicht hebräisch konnte, und also nicht alle gesunde Gliedmaßen als Geistlicher hätte.

Hier hielt meine Mutter an, und nachdem sie mich befragt, ob ich wozu Appetit hätte, und ich für alles gedankt, wandte sie sich nach dieser Vorbereitung ganz zärtlich zu mir, und bat mich dringend, dieser Umstände ungeachtet, alle nur mögliche Sorge auf [164] die hebräische Sprache zu verwenden, welches ich ihr auch feierlich versicherte. Es ist alle Vermuthung, daß dieß die Sprache der andern Welt ist, und dann darf ich meinen Sprachmeister nicht weit suchen. Ich war jetzt neugierig geworden, ihre Helden-, Staats- und Liebesgeschichte zu Ende zu hören, und hatte nicht Ursache, hierum zu bitten.

Wir gingen ein jeglicher seinen Weg ins Bette; allein, welche Vigilien für mich! So wie das Bild der Sonne im Auge fortdauert, wenn man die Augen gleich zuschließt, so sah ich auch, was ich, um zu schlafen, nicht sehen sollte. Eine arme Sündernacht war diese Nacht –


In welcher Nacht ich lag so hart,

Mit Finsterniß umfangen;

Von all'n meinen Sünden geplaget ward,

Die ich mein Tag begangen.


Gottlob, dacht' ich, die Sonne! Allein sie war mir nicht zum Glück aufgegangen.

Noch muß ich dir bei dieser erwünschten Gelegenheit vertrauen, daß eben dieser Zeitpunkt der war, da ich die geistlichen Lieder als das probatste Mittel, mein aufgewiegeltes Herz zu beruhigen, kennenlernte. Befiehl du deine Wege – Was Gott thut, das ist wohl gethan – Keinen hat Gott verlassen: das löschte meinen Durst bei meiner Angst. Wenn die Zunge an meinen Gaumen klebte, und ich zwischen der hebräischen Sprache, meiner Mutter und deinem Vater getheilt war, fing ich an zu singen. Fühlt' ich gleich nicht die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange:


Wenn ich ein Lied von Herzen sing,

So wird mein Herz recht guter Ding,


so ward ich doch gottergebener und weicher, und da mein ganzes übriges Leben zwischen Thür und Angel ist, und ich nie aus diesem [165] Drang gekommen – sing' ich weiter, bis ich kommen werde zum hohen Halleluja vor dem Throne Gottes:


(Sie sang's)

Da, da,

Da ist Freude,

Da ist Weide,

Da ist Manna,

Halleluja! Hosianna!


Den andern Morgen ein Brief!

Ein Brief, sagte meine Mutter. – Hab' ich's nicht gesagt? Sie wog ihn – das Geschlechtsregister liegt drin. – Meine Mutter irrte; es war ein Brief an meinen Vater, und einer an mich.

Auch gut, sagte meine Mutter, laß hören.

Der Brief an meinen Vater enthielt eine Danksagung für alle Freundschaft. Das Herz redete darin. Dem wohlehrwürdigen Mann flossen Thränen die Wangen herab. Jede von diesen sanftabschleichenden Zähren verdiente in eine Perle verwandelt zu werden. Wenn er gestorben wäre, setzte mein Großvater hinzu, würd' ich nicht weinen; ich habe noch nie über einen Todten geweint, denn er ruhet in Gottes Hand; allein ich weine über ihn, weil er nicht todt ist.

Es ist ein sehr rührender Anblick, einen glücklichen Mann weinen zu sehen! – Ich glaube, wenn er je gewünscht, ein Kreuzträger anderer Art zu seyn, so war es jetzt. An deine Großmutter hatte dein Vater einen kostbaren Ring beigelegt, den er, wie er schrieb, für seine Braut bestimmt gehabt, und den er jetzt nicht besser, als auf diese Art anzuwenden wüßte. Mein Vater behauptete, dieses wäre das letzte Lebewohl; meine Mutter, es sey ein frischer Wurm zum Hamen. Mein Vater und meine Mutter behaupteten jedes seine Meinung, und ich ärgerte mich übern Wurm, wie Jonas über den, der ihm den Kürbiß stach.

[166] Würde er wohl, sagte meine Mutter mit entscheidendem Tone, solchen Ring beigelegt haben, wennn er nicht unter der Wildschur ein anderes Kleid hätte. – Ich weiß nicht, warum mir dieser Grund gleichfalls sehr wahrscheinlich auffiel; allein desto heftiger war mein Entsetzen, da ich vernahm, daß er den Pastor L – fleißig besuchte, und daß er die jüngste von seinen Töchtern, welche ein sehr lustiges und hübsches Mädchen war, heirathen würde. Diese Zeitung blitzte und traf; ich fiel, so lang ich war, zu Boden, und ward herzlich, jawohl herzlich krank. Die ganze Gegend wußte jetzt, daß dein Vater die Gabe der Enthaltsamkeit nicht hatte, desto besorgter war ich; denn so unangenehm es wir war, daß dein Vater nicht hebräisch konnte, wovon leider! manches geredet ward, so sehr lieb war es mir dagegen, daß man ihm die seltene Gabe der Enthaltsamkeit andichtete. Ich stand entsetzlich viel aus. Zu dem Gerüchte wegen der jüngsten Tochter des Pastors L – kam ein Traum, dessen ich mich jetzt erinnerte, und den ich, von der Stunde der Erinnerung an, Tag und Nacht in eins weg träumte. Die Nacht auf den Abend, da dein Vater die erste Mahlzeit bei uns aus allen Kräften that, und da er zu seiner Entschuldigung behauptete, daß man im Winter besseren Appetit hätte als im Sommer, die Nacht auf diesen Abend träumte mir, daß die jüngst Tochter des Pastors L – mir Gift eingäbe, und da es wirkte, billigte ihr Vater dieses Verfahren, und wollte mir noch eine vergiftete Pille von derselben Art im Säftchen beibringen, um, wie er sich großmüthig ausdrückte, mich nicht lange quälen zu lassen; allein seine Tochter ward des Landes verwiesen, und er ward Präpositus – wie besonders doch ein Traum ist. – Er Präpositus! Sie des Landes verwiesen! Daß ich das Säftchen des Herrn Pastor L – verbat, weiß ich! allein ob ich von dem Gifte seiner Tochter gestorben, oder nicht! konnt' ich mich nicht besinnen. Ich hatte bis dahin keine andere als biblische, oder solche Träume gehabt, [167] die in der heiligen Schrift vorkommen. Die sieben fetten und die sieben magern Kühe des Pharao zum Exempel, und die Sonne, Mond und Sterne des Josephs waren oft vorgefallen, und kein ehrliches Mädchen muß, ehe sie Braut wird, anders als biblisch träumen. Dieser Gifttraum richtete mich völlig hin. Zwar erzählte dein lieber Vater eben diesen ersten Abend, daß er den Pastor L – und sein Haus kenne, und hätte sich freilich alles natürlich erklären lassen; indessen ist und bleibt dieser Traum immer was besonderes. Man sage von den Kometen, was man will, sie sind und bleiben doch Kometen. Mein Blut siedete auf. – Ich hört' es kochen, wie das Wasser in einer Theemaschine, allein deine Großmutter hörte nicht sieden, nicht kochen. Sie nahm die ganze Sache auf die leichte Schulter, bis sie zu ihrem Erstaunen sah, daß mir das Herz zu brechen anfing. Jetzt dachte sie auf eine Kur, und diese glaubte sie mit dem Ringe auszurichten, allein sie goß Oel ins Feuer. Ich lag in einer Ungewitterhitze. Es kam ihr vor, es hätte sie etwas abgekühlt, und nun glaubte meine Mutter, wäre es Zeit, die Medicin einzunehmen. Sie schenkte mir den Ring und ich mußte ihn anlegen; allein sie goß Oel, siedend Oel zum Feuer. Bon dem Spitzchen, wo der Ring seinen Lauf angetreten, gings durch alle Adern – wellenschlagend! und ich schien außer Hoffnung. Man nahm mir den Ring ab, allein das Feuer, das er angezündet hatte, wüthete fort. Das Feuer ist ein schreckliches Element! In der Hitze wollte ich durchaus hebräisch lernen, und um mich zu beruhigen, mußte dein seliger Großvater mich darin unterrichten. Wenn ich zu mir selbst kam, seufzte ich nicht über meine Mutter, sondern über des Pastors L – jüngste Tochter. Der liebe Doktor Saft, dessen Sohn dir nächst Gott geholfen, half mir. Sein Recept war dein lieber Vater, und eine Mixtur von seiner eigenen Erfindung. Er war in der Medicin, so wie in Liebesangelegenheiten gleich stark und brauchbar. Sein Herr Sohn ist ihm [168] in der letzten Kunst nie gleich gekommen. Der alte Doktor Saft hat Wunderkuren durch Heirathen gethan.

Er verhieß es feierlich, deinen lieben Vater zurück an Ort und Stelle zu bringen. Ich sah zwar noch nicht, allein ich fühlte die Farben wie Blinde. – Wie viel hätte ich darum gegeben, wenn meine Mutter den Doktor Saft sogleich seine Straße ziehen lassen.

(Ich will meine Mutter, ihrer Lunge und der Geduld meiner Leser halber, ablösen, und das in Kurzem sagen, was sie im Langen gab.) Allein meine Großmutter und Doktor Saft gaben sich noch schwere Fragen auf: vom Kleide Adams und von seinem Nabel, vom Apfel, den er gegessen, von der Gesichtsfarbe der Rahel, und über den Punkt, ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, obgleich meiner Mutter in ihrer Verfassung mit nichts weniger als schweren Fragen gedient war.

Mein Vater kehrte um und erhielt Ja von Mutter und Tochter, ohne daß er sagen durfte, von wannen er käme. Wer am wenigsten damit zufrieden war, ist keine kritische Frage. Der Doktor Saft sagte, indem er fortging:


Wär' dieser Trost nicht kommen,

So hätt' es große Noth.


Diese Spötterei hätt' ich ihm vergeben, versicherte meine Mutter, wenn sie bloß mich und nicht zugleich ein geistliches Lied betroffen hätte. Pastor L – war bitterböse, obgleich seine Tochter ohne hitziges Fieber davonkam und ihr Vater das Hebräische in der Fieberhitze nicht prostituiren durfte. Er hielt als Beichtvater die Traurede bei dem Myrthenfeste meines Vaters, wobei er die Vorzüge der ehelichen Geburt abhandelte. Hierbei fielen so viele Satyren auf meinen Vater, daß der arme Mann zum allgemeinen Gelächter wurde. Eine gewisse Frau v. – warf den ersten Stein und nahm Gelegenheit, in öffentlichen Gesellschaften zu behaupten, [169] er sey, wie sie sich ausdrückte, vom Kanapee und nicht aus dem Ehebette. Sie schadete sich indessen mit diesem Steinwurf. Sie warf ihn so unglücklich, daß er auf Ihro Gnaden zurückfiel.

Denn es kam bei dieser Stammgelegenheit aus, daß ihr Herr Vater seliger nicht wirklich Vater gewesen, sondern einer seiner Leute, den Hofmeister, Jäger, die Bedienten, Vorreiter ausgenommen, Vaterstelle vertreten – und so ging's bei dieser Gelegenheit sehr vielen, an deren ehelicher Abkunft vorher niemand gezweifelt hatte, in deren Augen, Nase, Mund und andern Gesichtsstellen man aber jetzt einen andern Vater lesen wollte.

Ein Ausdruck des Pastor L – war meinem Vater am gefährlichsten geworden: Nach der Weise Melchisedech. Meine Mutter sagte ihn mir ins Ohr. Mein Kind, setzte sie hinzu, dieser Name hat mir tausend und abermal tausend Thränen gekostet, und unter uns gesagt, wär' es kein Vorbild, ich hätte gewünscht, es wär' an Melchisedech nicht in der heiligen Schrift gedacht. Mein Vater wußte, daß ihn die ganze Gegend mit diesem Beinamen bezeichnete, und das ging ihm so nahe, daß er, wie meine Mutter versicherte, darüber seines Lebens müde ward.

(Hier muß ich wieder meiner Mutter den Lauf lassen.)

Melchisedech war ein König zu Salem, sagte sie ganz leise und auf Zehen, ein Priester des Allerhöchsten, oder Herzog und Superintendent von Curland in einer Person. Da dein Vater kein König ist, paßt der Name von dieser Seite nicht, allein sonst paßt viel: kein Mensch weiß, wo Melchisedech geboren, wer sein Vater gewesen, sein Geschlecht, sein Tod, alles geheim. – Als Abraham von der Verfolgung der vier vereinigten Könige, welche die Könige zu Sodom und Gomorra überwunden, und den Lot, seinen Vetter, mit sich als Kriegsgefangenen geführt, heim kam, ging ihm Se. Hochwürdigste Majestät Melchisedech bis ins Thal Sare entgegen (dieses Thal ward Königsthal benannt), ließ dem Abraham eine [170] schöne Tafel decken und sprach folgenden Segen über ihn: Gesegnet seyst du, Abraham, dem höchsten Gott, der Himmel und Erde besitzt, und gelobt sey Gott der Höchste, der deine Feinde in deine Hand beschlossen hat. Abraham gab dem Segnenden den Zehnten von allem, und mehr wissen wir von Melchisedechs Geschichte nicht. Wohl aber spricht der Psalmist im einhundert und zehnten Psalm und dessen vierten Vers: »du bist ein Priester ewiglich, nach der Weise Melchisedech.« Im Briefe an die Hebräer im fünften Kapitel und dessen sechsten und zehnten Vers, und im sechsten Kapitel und zwanzigsten, im siebenten und dessen ersten, zweiten und dritten Vers entwickelt sich dieses näher, welches du, wenn dein Vater nicht dabei ist, weiter nachlesen kannst.

Ich fand die Bemerkung meiner Mutter sehr bewährt, daß mein Vater weder öffentlich noch häuslich diesen Namen ausgesprochen. Die Nachrede vom Kanapee, welche die Frau Schwiegermutter ihrem Herrn Schwiegersohn getreulich, und oft wohl mit bittern Salzen, wie meine Mutter sagte, vorsetzte, hätten meinen Vater unfehlbar auf den Kirchhof gebracht, so daß sein Tod gewiß kein Melchisedechs Tod gewesen wäre, wenn er sich nicht plötzlich ermannt und über die Worte: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet, eine Predigt gehalten hätte. In dieser Predigt, sagte meine Mutter, war so viel Salz undSchmalz, daß alles wie Schnecken, wenn sich ein Blättchen rührt, die Hörner einzog. Sein blutübertragenes Herz bekam Luft, und er genas. Nach der Predigt ward das Lied: In dich hab' ich gehoffet, Herr, gesungen, welchem M. Jakob Daniel Ernst in der historischen Confecttafel die rührende Befreiung des Herrn Andreas Steinberg, wohlverdienten Pfarrers zu Budin in Böhmen, zuschreibt, und wider welches ich kein Wort habe, außer daß mir der dritte Vers zu kriegerisch vorkommt.


[171]

Mein Gott und Schirmer steh' mir bei,

Sey meine Burg, darin ich frei

Und ritterlich mag streiten.


(Sie sang die drei letzten Strophen, die sich anfangen:)


Mir hat die Welt trüglich gericht't

Mit Lügen und mit falschem Gedicht –

Viel Netz und heimlich Stricke; – –


Hätte es deinem lieben Vater gefallen, mich bei dieser Liederwahl zu Rathe zu ziehen, so würden die Lieder einen ebenso allgemeinen Beifall gefunden haben, als die fanden welche ich bei deiner Predigt erkor. Jedes sprach von deines Vaters Predigt, niemand aber dachte an die Lieder, und doch gehört zurSeelenmahlzeit Essen und Trinken, Predigt und Gesang. Geschehene Dinge waren nicht zu ändern. Ich konnte nichts mehr thun, als zu Hause, um feurige Kohlen auf deines Vaters Haupt zu sammeln, einige treffendere Strophen singen. Ich sang:


(sie sang auch jetzt)


Woher wollt' ich den Aufenthalt

In dieser Welt erlangen?

Ich wäre längst schon todt und kalt,

Wo mich nicht Gott umfangen

Mit seinem Arm,

Der alles warm,

Gesund und fröhlich machet;

Was er nicht hält,

Das bricht und fällt,

Was er erfreut, das lachet.


Und gleich darauf stimmte sie an:


Er weiß viel tausend Weisen,

Zu retten aus der Noth,

[172]

Er nähret und gibt Speisen

Zur Zeit der Hungersnoth;

Macht schöne, rothe Wangen

Oft bei geringem Mahl,

Und die da sind gefangen,

Entreißt er dieser Qual.


Das Lied: mein Dankopfer, Herr! ich bringe, ist wie auf diese Predigt gemacht.

Dich Lied sang indessen meine Mutter nicht, sondern empfahl es mir zum Nachlesen. Was es heiße, fuhr sie fort, er predigte gewaltiglich, hab' ich in dieser Predigt gelernt. Dein Vater trieb seine Feinde zu Paaren, zu Einzeln trieb er sie, ihre Stätte war nicht mehr. Melchisedech und Kanapee waren nun wieder Melchisedech und Kanapee. Gott sey dafür gelobt und gebenedeit! Meine Mutter versicherte mich hierbei mit Thränen, daß sie in der kritischen Zeit keinen Menschen aufs Kanapee zu nöthigen das Herz gehabt, wie sie denn auch auf die Rechnung Melchisedechs schrieb, daß ich erst im dritten Jahre nach ihrer Verheirathung das Licht der Welt erblickt (in parenthesi: ich war die erste und letzte Geburt).

Es werden nicht viele seyn, welche die eheleibliche jüngste Jungfer Tochter des Herrn Pastor L –, die ein Komet in dieser Geschichte ist, weiter interessirt, als daß sie ohne hitziges und hebräisches Sprachfieber abgekommen; indessen um alle Gerechtigkeit zu erfüllen, mag der geneigte Leser observiren, daß mein Vater ihretwegen auch nicht ein Wort beiher fallen lassen. Es war auch in diesem Pastorat erschollen, daß mein Vater die Gabe der Enthaltsamkeit nicht hätte, und dieß bewog den Pastor L – und die Pastorin (ob die Töchter daran Antheil gehabt, wußte meine Mutter nicht), meinen Vater zum Gastmahl einzuladen. Er kam und begrüßte die jüngste Tochter des Pastor L – eher als ihre [173] ältern Schwestern, und auf diesen Umstand gaben ihre Eltern die Einwilligung. Sie gefiel nach der Zeit dem – v. –, und da sich dieser mit seinen Lippen schon oft und viel zu ihr genaht, obschon sehn Herz fern von der heiligen Ehe war, geschah es, daß er sich einstmals noch mehr nähern wollte, und sie – gab ihm mit tugendhafter Hand eine Ohr –. Die Sache ward ruchbar und machte in Curland großes Aufsehen. Einige von den alten Häusern votirten, daß der jüngsten L – die Hand abgehauen werden sollte; andere Häuser, wo eben die Söhne von Universitäten gekommen waren (denen vielleicht dergleichen Ohrfeigen nichts Ungewöhnliches waren), votirten, daß die Hand eines artigen Mädchens keinen Cavalier entehren könnte. Die Stimmen waren sehr getheilt. Die Sache indessen ward zum Vergleich ausgesetzt, und schloß, wie sich die Komödien alle schließen, mit der Heirath. Der Herr v. – heirathete, o Wunder über Wunder! die jüngste Tochter des Pastor L –. So kann man auch zum Ehemanne und nicht bloß zum Ritter geschlagen werden! In Curl- konnte aber dieser Gräuel von Seiten des – v. – nicht von der Sonne beschienen werden. Der Pastor gab Geld und die Tochter – der Geschlagene nichts als Ja – weil er nichts weiter hatte und ein Krippenritter war. Das Paar reiste ab. Glückliche Reise! Mein Gifttraum, sagte meine Mutter, war wenigstens von Seiten der jüngsten Tochter des Pastors L – pünktlich erfüllt, obgleich der Pastor L – niemals Präpositus geworden ist und es auch schwerlich werden wird. Sein Säftchen war der Melchisedech, welches du ohne Auslegung verstehen wirst. Meine Mutter nahm mich beim fünften Westenknopf, von oben gezählt, und hielt mir wegen des Namens Alexander eine sehr lange Rede, die mir zugleich aufklärte, warum sie mich, wie es meine Leser selbst gehört, statt Alexander Einhörnchen genannt. Diese Aufklärung bin ich meinen Lesern zu ihrer gleichmäßigen Aufklärung schuldig. Meine Mutter war im [174] Grunde auch nicht zufrieden, daß der Ehren Einhorn, weiland zweiter Superintendent in Curland, Alexander geheißen, vielmehr sagte sie, welches mich erschrecklich befremdete, Herr Superintendent Einhorn hätte besser gethan, wenn er bei der heiligen Schrift geblieben wäre. Ich kann's nicht bergen, fuhr sie fort, daß ich dem NamenHabakuk vorzüglich zugethan bin, und wenn du so hießest, ich würde den silbernen Becher missen, der noch von meinem Großvater ist. Wenn ich's ändern könnte, Habakuk sollte mir gewiß nicht unter den kleinen Propheten seyn. War aber der Name Habakuk Sr. Hochwürden dem sel'gen Herrn Superintendenten nicht genehm, warum nicht einer von den großen Propheten, Jesaias, Jeremias, Klagelieder Jeremiä, Ezechiel oder Daniel? Warum denn Alexander? ein Name, der in der heiligen Schrift nicht sonderlich angeschrieben ist, und von dem es in der zweiten Epistel an den Timotheum, im vierten Kapitel und vierzehnten Vers, etwas mißlich heißt: Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses beweiset, der Herr bezahle ihm nach seinen Werken; vor welchem hüte du dich auch, denn er hat unsern Worten sehr widerstanden.

Ich sah deinen Namen nicht anders als einen Höcker an. Damit ich mich indessen über diesen Auswuchs einigermaßen beruhigen möchte, nannte ich dich Einhörnchen, und dachte, geschieht dieß am grünen Holz, am Ehren Einhorn, weiland zweiten Superintendenten in Curland, was will am dürren, deinem lieben Vater, werden, von dem man außer, daß er in seiner Jugend früher Spargel gegessen als in Curland, nicht viel mehr weiß, was hierher gehören könnte.

Wie unzufrieden meine Mutter mit dem Alexanderspiel, wobei ihre Köchin Babbe die königliche Frau Mutter vorstellte, gewesen, hab' ich nie so deutlich als jetzt erfahren. Sie bezeugte ihren Todhaß gegen denHerkules, den mir mein Vater, wie sie sagte, [175] so süß vorgepfiffen, daß ich's bedauert, nicht auch Schlangen in der Wiege erdrückt zu haben. Herkules ist am Ende, sagte sie, ein blinder Heide, und Alexander auch. Ich freue mich, daß dein lieber Vater selbst in diesem Stücke seine Voreilung einsieht, und dich nicht mehr Alexander, sondern mein Sohn heißt. Du bist, Gott sey gedankt, schier ein guter Prophetenknabe, zierlich, manierlich! allein noch besser würdest du seyn, und nicht so oft in Gedanken, Geberden, Worten und Werken trommeln und querpfeifen, du würdest deine Meinung ohne Schäumchen aufgießen, wenn dein lieber Vater dich gleich mein Sohn, und nicht Alexander aufgerufen. Sobald ich dir anrieth, Särge zu schnitzeln, und Leichen zu begraben, lehrt' er dich Spieße und Bogen machen, und noch ganz klein stellte er türkische Bohnen wie Soldaten, von denen du Gottlob! damals keinen Begriff hattest. Wenn dich Leute küssen wollten, stieß er sie von dir. Brecht die Rose nicht, damit sie nicht welk werde. Er schien zu meinen, daß dir durch Küsse das Fett abgeschöpft würde. Wenn er lieben wird, setzte er hinzu, kann er küssen. Ich gab dir die wohlgemeinte Lehre, wenn eine große und kleine Pforte zu einem Wege führt, gehe durch die kleine, und hab' auch hiebei erbauliche Gedanken – Dein Vater sagte durch die große –

Ich: wenn du gähnst, schlag ein Kreuz und halt' die Hand vor.

Dein Vater: schlag kein Kreuz und laß jedem deinen Mund sehen (in diesem einzigen Stück hab' ich ihm nach der Zeit Recht eingeräumt).

Ich: wenn dir Brod oder Bibel, Gesangbuch und Luthers Katechismus, aus den Händen fällt, küß Brod, Bibel, Gesangbuch und Luthers Katechismum.

Dein Vater: küß weder Brod, Bibel, Gesangbuch noch Luthers Katechismus; heb auf, was fällt und Aufhebens werth ist, was Erd ist, laß zur Erde werden.

[176] Ich gratulir' am ersten Adventssonntag zum neuen Jahre; denn es ist der erste Tag im Kirchenjahre, und wünsche nicht nur dieses, sondern noch viele neue Kirchenjahre in Seelen- und Leibeswohlergehen anzufangen und zu beschließen. Ihm ist der erste Advent, wie der erste Sonntag nach Trinitatis – mir nichts, dir nichts. Kaum daß er am Laien-Neujahrstage, das ist den ersten Januar, Glück wünscht. Was ich eine Nickel und unehrlich nenne, heißt er unehelich. Bei dem letzten Umstande denk' ich mehr, als ich sagen kann.

Aus dem schnaubenden Saul ward ein frommer Apostel Paul, und auch du, mein Lieber! kann gleich aus keinem Alexander ein Habakuk werden: fleißige dich dennoch bei Leibesleben Superintendent in Curland zu werden. Der Name selbst würde, da schon zwei Alexanders Superintendenten geworden, wohl etwas von seiner Härte verlieren, wie Senf durch Zucker. – Hier sah man meiner Mutter eine gewisseSohnsfreude an, die bei Müttern die einzige ihrer Art ist. Wo ist ein Maler, der die Marienfreude ausgedrückt hat? Sie hätte keinen heiligen Schein nöthig, wenn dieß ein Maler treffen könnte! Man rechne, so genau man will, sagte meine Mutter schlüßlich, ein kleiner Bruch bleibt bei einem jeden Menschen übrig. – Er aber, der in dir angefangen hat das gute Werk, woll' es durch seinen heiligen Geist in dir bestätigen und vollführen, und dich kräftigen und gründen; ihm sey Ehre und Lob und Preis! Amen, Amen.

Was mich betrifft –

Sie sang:


Ich bin's gewiß und sterbe drauf,

In meines Gottes Händen:

Mein Kreuz undganzer Lebenslauf

Wird sich noch fröhlich enden.


[177] und nach dieser Strophe:


Thu wie ein Kind und lege dich

In Gottes Vaterarme,

Und laß nicht nach, bis daß er sich

Dein väterlich erbarme;

So wird er dich durch seinen Geist,

Auf Wegen, die du jetzt nicht weißt,

Nach wohlgehaltnem Singen

Aus allen Sorgen bringen.


Im Liede steht Ringen anstatt Singen. Wer wird indessen meiner Mutter diese Aenderung verdenken? Lieber hätte sie, das weiß ich, nach wohlgehaltenem Takte gesungen, sie mußt' aber den Reim bedenken.

Sie schloß in Prosa mit wiederholentlichem Amen, Amen.

Nach dieser Erzählung und diesen mütterlichen Wünschen las sie mir einen Aufsatz vor, den zum größten Theil ihr Vater für ihren Bruder aufgesetzt hatte, welcher aber in der Kinderlehre geblieben, wie sie sich ausdrückte. Vieles, sagte sie, ist deines Vaters, das meiste gehört mir. Ich will es meinen Lesern zum Besten von mächtiger zu mächtiger Stätte, von treuen zu treuen Händen mittheilen.

Noch nie war mir die Geschichte meines Vaters so sehr aufgefallen, als jetzo, wo mir die kleinsten Umstände nicht Adiaphora mehr waren, obgleich ich Summa Summarum nicht viel mehr erfahren, als ich schon wußte. Zu dem Spargel und der Pfeife in der freien Luft und den langen Manschetten war nur ein Kanapee und der königliche Priester Melchisedech gekommen. Ein Name, den ich noch nicht ohne Bangigkeit, man möcht' ihn übel deuten, ausspreche, und den ich meinen Lesern, so oft er vorgekommen, ins Ohr geschrieben habe.

[178] Denkzettel an den, der unter meinem Herzen und an meiner Brust lag, welche niemand außer seinem Vater (und der nur beiläufig) vor und nach ihm gesehen hat, der den – – – 17 – in einem kalten Winter meinen Leib öffnete und schloß, den ich die Hände falten und Gott aussprechen lehrte, und den ich in diesem Jammerthal, wo man auch bei frühem Spargel nicht an Ort und Stelle ist, nicht mehr sehen werde, aber – dort bei dem Herrn! allezeit.


* * *


Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sey, nicht ein Kranz, der Firne-Wein anmeldet wo doch nur Heerlingssaft ist, und suche nicht Ruhm bei Leuten durchs Weiße in deinem Auge, und durch ein Aussehen, als wenn du den Tag zuvor Medicin genommen. Die ganze Natur ist fröhlich und guter Dinge. Ehre Vater und Mutter mit der That, mit Worten und Geduld, auf daß ihr Segen über dich komme; denn des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißet sie nieder. Ihr Unwillen beschädigt das Dach, und es regnet ein ewiglich. Wie kann der Gott lieben, den himmlischen Vater, der nicht die liebet, die das wohlgetroffenste Bild vom Schöpfer und Erhalter an sich tragen; ehre Vater und Mutter, damit dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Sprich, wenn du Melchisedech sagen willst,der königliche Priester, so wie man den David den königlichen Propheten heißt, obgleich er auch in der Apostelgeschichte, im zweiten Kapitel, im neunundzwanzigsten Vers, Erzvater genannt wird. Gedenke, wenn du Spargel ißt, oder eine Pfeife in freier Luft rauchest und lange Manschetten siehst, oder Wein an der Quelle trinkest: deinen Vater ehren ist deine eigene Ehre, und deine Mutter verachten, heißt einen stinkenden Odem haben. Ein gutes Gewissen ist besser als zwei Zeugen. Es verzehrt deinen [179] Kummer, wie die Sonne das Eis. Eis ist ein Brunnen, wenn dich durstet, ein Stab, wenn du sinkest, ein Schirm, ein Riga'scher Pastorhut, wenn dich die Sonne sticht, ein Kopfkissen im Tode. – Der Herr, unser Gott, ist der Allerhöchste, und er schuf Löwen und Frösche, Adler und Mücken, und alles was auf Erden kreucht. Kein Sperling fällt ohne seinen Willen, und in ihm leben, weben und sind wir. Gleiche Brüder, gleiche Kappen. Gleichheit, sagt dein Vater, ist das Winkelmaß der Menschheit. Wer nicht über andere wegsieht, und am Tisch sich oben ansetzt, und nach der Hechtleber langt, erregt keinen Neid, und niemand spricht zu ihm: weiche diesem. Der größte Hümpler, die meisten Späne. Keine Antwort ist auch eine Antwort. So wie das Wasser Feuer löscht, so überwältigt die Bescheidenheit den Stolzen. Sie ist der Ring, den man dem Bären durch die Nase zieht. Gut macht Blut, Blut macht Muth, Muth macht Uebermuth. Es ist eine schwere Sache um die ächte Schamröthe. Bei vielen ist sie Schminke, und Pfui über die viele. Wenn sie aber auch gesundes, unverfälschtes Blut ist, kann man sich schämen, daß man Sünde daran thut, und kann sich schämen, daß man Gnade und Ehre daran hat, vor Gott und Menschen. Wer A sagt, muß B sagen. Aus Scham sterben heißt eben so viel, als aus Furcht sterben. Die Schamröthe bleichet nach einer Weile aus, wie eine sechsstündige Provinzrose. Kirchenbuße ist kein Staupenschlag. Wasch mir den Pelz, und mach ihn nicht naß. Wer ein Tiger in seinem Hause ist, pflegt ein Schaf außer demselben zu seyn. Sey langsam zu reden, schnell zu hören und langsam zum Zorn, denn des Menschen Zorn thut nicht, was vor Gott recht ist. Kaltes Blut hat mehr Unheil gestiftet als der Zorn! Thue nichts Böses, so widerfährt dir nichts Böses. Halte dich vom Unrecht, so trifft dich kein Unglück. Was bös' ist, bleibt böse, wenn's gleich viele thun. Wie das Bett, so der Schlaf Ringe nicht nach Gewalt bei Fürsten, denn sie sind Menschen und [180] können nicht, wenn sie auch wollten. Sey fröhlich mit den Fröhlichen, und weine mit denen, die zerschlagenen Herzens sind; denn Gott schuf uns all aus einem Erdenkloß, und blies uns einen lebendigen Odem in die Nase, und da ward eine lebendige Seele. Verzweifle nicht, wenn die Glocken um deinen Freund gezogen werden, und wenn es von ihm heißt: er ist versammelt zu seinen Vätern. Freue dich nicht, wenn dein Feind stirbt, gedenke, daß wir alle sterben werden,


Müss'n all' davon,

Gelehrt, jung, reich, alt, oder schön.


Willst du den Frevler kennen, steh ihn, wenn seinFeind den Arm bricht. Artet sein Herz zum Jubel aus, und raucht sein Haupt wie eine Flasche alter Wein, wenn man die Pfropfe herausgezogen, so hast du ihn auf ein Haar, wie dein Vetter getroffen ist im Kupferstich. – Wenn gleich der Gottlose in einem Palaste wohnet, irre dich nicht. Sein Palast ist wie das Haus der Spinne und wankender, wie ein Schauer, das der Wächter sich gemacht hat. – Es kommt die Stunde, da Schrecken ihn treffen, wie Wasser! Ein Platzregen kommt über ihn, wenn er ein seidnes Kleid anhat. Ohne Ordnung fällt man über ihn her, wie durch ein gesprengtes Thor; wie eine eingenommene Feste wird man ihn umzingeln. Ist nicht Tag und Nacht, Sommer und Winter, kalt und warm? Es liegt alles fingerdick in der Welt, das Gute und das Böse. Harre auf den Herrn, deine Seele hoffe auf ihn, er wird's wohl machen. Gott zerschmeißet und seine Hand heilet. Aus sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in der siebenten wird dich kein Uebel rühren. Er wird deine lassen Hände stärken, damit du zu deiner Predigt den Takt schlagen könnest zur rechten Zeit, und wenn deiner Seele widert, den dunkeln Weg zu gehen, den kein Vogel entdeckt, und keines Geiers Auge gesehen; wenn es stockfinster ist, sey Gottes Wort deine Leuchte und das Licht auf deinem Wege! Er! der den Winden den Weg wies, führet seine Heiligen [181] zwar wunderlich, doch selig. Unsere Kraft ist nicht steinern, unser Fleisch nicht ehern, das weiß der uns schuf, und wird unser Lager leichtern und dir einenDr. Saft senden, wenn du krank bist, und einen Tröster, wenn deine Seele wimmert. Nichts kann uns mehr verstimmen, als das Geschrei kleiner Kinder! Die leiblichen Eltern finden es unerträglich, denn dieErbsünde ist's, die aus dem Kinde schreit, und sein Weinen verräth Unverstand und Eigensinn. So ist unser Weinen und Heulen dem lieben Gott – Kindergeschrei!

Wer am Wege baut, hat viele Meister. Leihe nicht einem Gewaltigern denn du bist; leihest du aber, so acht' es gestreut auf einen undankbaren Acker. Brich den Hungrigen dein Brod, und so du einen nackt siehst, glaube, daß ein Loch in deinem Strumpfe sey. Nackend bist du von deiner Mutter Leibe gekommen, und nackend wirst du auch heimfahren aus diesem Elend. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Halleluja! Ein neuer Freund ist ein neuer Wein, laß ihn alt werden, und dann koste ihn und siehe da, solch ein Wein erfreut des Menschen Herz, daß er jung wird wie ein Adler. Wer Pech angreift, besudelt sich, wer mit Leidenschaft spielt, hat Lust zu betrügen, und wer oft tanzt, will heirathen. Sey züchtig, wenn von Dingen die Red' ist, die die Natur selbst mit Feigenblättern verhangen hat. Gewöhne dich nicht zur Sängerin, daß sie dich nicht mit einem Triller in die Flucht schlage, und dich zum schimpflichen Gefangenen mache für und für. Höre lieber eine Nachtigall, eine Lerche, oder so etwas, und dein Gemüth wirdgesund zu derselben Stund. Mit Ringen zu spielen ist nur dem Doge zu Venedig am Himmelfahrtstage erlaubt, wenn er sich mit der adriatischen See verlobet. Ich halte selbst dieß Spiel für sündlich und anstößig, wenn's gleich der heilige Dreifuß oder Sorgstuhl, auf dem dein Namensvetter, Papst Alexander der Dritte saß, im Jahr 1174 verordnete. Man muß [182] sich nicht verloben, wenn man nicht heirathen will; man muß keiner adriatschen See einen Ring geben, die nicht unsere Frau werden kann. Du verstehst, was du hörest und liesest, mein Sohn! Merke wohl, was ich sage!

(Die adriatische See war ohne Zweifel Minchen.)

Wehe dem Jüngling, der einer Dirne verspricht, was er nicht erfüllt, der mit ihr handgemein wird, wenn er nicht herzgemein mit ihr zu werden in den Umständen ist. Leute dieser Art meiden das Land wie die jüngste L – an der mein Traum erfüllt ist, und ihr Krippenritter, von dem mir nie etwas geträumt hat. Falsche Jünglinge bauen ein Gerüste von Schmeicheleien, und wenn ihr Gebäude fertig ist, zerstören sie das Gerüste, und seine Stätte ist nicht mehr. Du nicht also!


Wenn dich der böse Feind anficht

Zur linken und zur rechten Hand,


empfehl' ich dir das Tintenfaß, nicht wie unser Glaubensvater, ihm damit den Kopf zu bläuen, obgleich diese Tintenflecken an der Wand die schönste Malerei sind, die ein Christenauge in der Welt sehen kann. Der Teufel, da er schon an sich tintenschwarz ist, hatte keinen Flecken davon. Nicht des Wurfes wegen, sondern um eine Predigt oder geistliche Betrachtung daraus abzufeuern. Tinte sey dein Pulver, die Feder Flinte, die Sandbüchse Schrot. Vom Weihrauch thut dem Teufel der Kopf weh; es ist nicht fein, wenn ein Geistlicher mit etwas anderm räuchert. Um die Tinte gut zu kochen oder Teufelspulver zuzubereiten, werd' ich dir ein Recept zu deiner Wäsche packen. Es hat Kranke gegeben, auf die der Anblick des Recepts die nämliche Wirkung gemacht hat, als die Medicin, die darauf charakterisirt war. Sie schwitzten, sie gingen zu Stuhl. Der Teufel müßte sein Spiel haben, wenn dieß Recept in deine Wäsche Tintenflecken machen sollte. Stecke die Manschetten unter, wenn du schreibst, denn es steht nur einem alten wohlerfahrenen [183] Gelehrten an, mit Tintenftecken zu prangen. Leute, die die Sünde aus ihrem Fleische, wie den Staub aus ihren Kleidern herausklopfen und sich casteien, kennen den inwendigen Menschen nicht. Verse zu machen, mein Kind! ist ein probates Mittel wider die Erbsünde und die bösen Fleischeslüste, die man bloß durch Seelenmotion dämpfen kann. Es müssen die Verse aber gereimt, im Schweiß des Angesichts erarbeitet oder erjagt seyn. Dein Vater sagt, im Reimwörterbuch nachschlagen, heißt hetzen. Weg mit den Hunden; allein wo ist ein Jäger ohne Hunde? Ein Mensch, der die schmutzigsten Verse schreibt, wenn sie ihm wohlgerathen, läuft ihnen wie den unkeuschen Dirnen nach, die er besungen hat. Jammer und Schade um die Poesie! Sonst aber für jedes eine Reihe, für den Verstand eine, und für den Reim auch eine. Gib dem Verstande, was des Verstandes, und dem Reim, was des Reimes ist. Dichter probirt man wie irdenes Zeug durch's Klingen. Kein großer Sänger singt, wenn er in Gedanken ist, wie es die meisten thun, die nicht große Sänger und große Philosophen sind. Die letzteren reden mit sich selbst, und machen mit der rechten Hand eine Bewegung. Dichter pfeifen. Dein Vater. Nationen, die singend reden, und deren Sprache so ist, als wenn die Orgel gestimmt wird, singen schlecht. Alles dein Vater. Auch hab' ich von ihm die deutsche Sprache, sey nicht also. Der selige Herr Dr. Martin Luther sagt, der Teufel ist ein Trauergeist und macht traurige Leute; daher flieht er die Musica, und bleibt nicht, wenn man singt. Das Loblied Moses, der Prophetin Debora und Barak, als Sissera geschlagen ward, der gottseligen Hanna, das Loblied Hiskia, als er wieder gesund geworden, und des Jonas, da er aus dem Wallsische angelandet war, beweisen, daß nicht nur Männer, sondern auch Weiber heilige Lieder gesungen, und im neuen Testament singt der Priester Zachariä und auch die heilige Jungfrau. Durch die Instrumentalmusik spricht ein Stummer. Der Kranke [184] geneset, das Alter verjüngt sich. Durch die Stimmmusik zertheilen wir die Wolken und dringen zum Herrn. Nur die Engelstimmen gehen über Menschenstimmen. Wenn Barbaren, die kein Wort deutsch können, uns überfielen: singt! Wenn man eine Wagenburg schlägt, und euch an allen Orten ängstigt: singt! sag' ich, und abermals sag' ich's, singt! Gesang ist ein niederschlagendes Pulver, Cremor Tartari für die Seele. Mein Sohn, wenn auch ein anderer über dieß Schatzkästlein käme, er wüßte von jedem Worte, wessen Geistes Kind es sey, ob mein oder deines Vaters und deines Großvaters. Bei vielen hab' ich gesagt: dein Vater, bei vielen hab' ich's gedacht. Dein Großvater und Vater haben gepflanzt, ich habe begossen, Gott gebe das Gedeihen!

Plato und Pythagoras waren zwar blinde Heiden; indessen glaubten sie, daß der Lauf der Sterne ein Concert spiele. Lobe den, der sie in Melodie setzte. Alles was Odem hat, lobe den Herrn! Dein Vater sagt, wer dieses Sphärenconcert nicht hört, wenn er ein Loblied singt, ist ärger denn ein Heide. Die Traurigkeit macht feig; ein Lobgesang macht lustig. Durch den Gesang redet der Leib der Seele zu: Sey gutes Muths, kleine Närrin! Siehe die Lilien auf dem Felde, sie säen nicht, sie spinnen nicht, Gott nährt sie doch; sind sie denn mehr wie du? Ich sing', indem ich schreibe, und will, daß du singest, indem du liesest.


Was den Odem holet,

Jauchze, preise, singe!

Blick herauf und blicke nieder!

Er ist Gott,

Zebaoth!

Er ist hoch zu loben,

Hier und ewig droben!


Wer Gott dankt, um ihn zu bestechen, der dankt sich selbst. Mit dem Gebet kann man Gott nicht so schänden, als mit Lobopfer. [185] Bete wie ein klein Kind: Abba, mein Vater! dank auch so. Ich grüße euch, ihr englischen Sänger in der Stadt Gottes, wo alles lieblich zusammenstimmt! ich segne dich zweigliedrig, du Pforte des Himmels! du hast mir mein Herz genommen, himmlisches Jerusalem, mit deiner Süßigkeit, und die Lieblichkeit der Stimme des Vollendeten hat mich gefangen. Ich habe Lust zu singen ein Lied im höhern Chor, und den andern Diskant beim heilig, heilig, heilig! zu versuchen. Böse Gesellschaften verderben gute Sitten, und Buhlerblicke sind Pfeile, die die Seele verwunden, und da hilft nicht Kraut noch Pflaster. Hüte dich! die Buhlerin spielt dir dein Herz aus der Tasche. Hier steht sie, dort liebäugelt sie. Betrug ist ihr Gespinnst und Gewinnsucht ihr Zeitvertreib. Sieh nicht an eine Dirne, die betrübt ist, und ihr Auge niedergeschlagen hat. Wie die Gelehrten ihr Auge von der Sonne nicht wenden, wenn sie verfinstert ist, so zieht auch eine verfinsterte Schönheit die Jugend an. Jugend hat keine Tugend, und gleich und gleich gesellt sich gern. Das Werk lobt den Meister. Wie der Regent ist, so sind auch seine Amtleute; wie der Rath, so die Bürger. Ein wüster König verdirbt Land und Leute, wenn aber die Gewaltigen klug sind, gedeiht die Stadt. So wie unser Herr und Meister mit Zöllnern und Sündergesellen zu Tische saß, vermeide es auch nicht, mit Großen der Erde umzugehen. Ziele nach diesen Leuten, sonst trifft man sie nicht, und fleißige dich, den rechten Fleck zu treffen. Bücke dich, allein zerbrich nicht das Bein; sey höflich, allein nicht beschwerlich. Wende dich an die Frau, wenn du an den Mann ein Gesuch hast. Krieche nicht, denn du hast gesunde Füße. Bete nicht an güldene Kälber der Erde.


Du bist ja ein Hauch aus Gott,

Und aus seinem Geist geboren:

Darum liege nicht in Koth;

Bist du nicht zum Reich erkoren?


[186] Sprichst du mit einem König, denke, du bist ein geistlicher König; sprichst du mit einem großen Gelehrten, du bist ein geistlicher Prophet, und mit dem Superintendenten in Curland, du bist ein geistlicher Priester. Dränge dich nicht nach oben, oder zur Rechten; allein verrichte auch nicht Lakaiendienste. Hüte dich, daß dein Fuß nicht einschläft, wenn du beim Vornehmen sitzst, und zerbrich keinen Teller, wenn du ihn dem Nachbarn aufdringst. Höre mein Kind auf eine Geschichte, die ich nicht erzählen kann, ohne daß Feuer in meinem Gesichte auskommt. Ein Literatus wollte bei seinem Gönner um eine Stelle anklopfen. Da der Herr verzog, glaubte der gute Candidat Zeit und Raum zu haben, seine Strümpfe zu spannen, die nachgelassen hatten; und siehe! eben nun kommt sein Gönner und erblickt das entblößte Knie und das Strumpfband, das zum Unglück ein Bindfaden war, in des Literatus Rechten. Das Amt ging vor ihm vorüber, als Wolken vom Winde getrieben, und der Gönner sprach, da er mit seinen Freunden zu Tische saß: in der Jugend eine Hure, im Alter eine Hexe. Aus einem Funken wird ein groß Feuer, und ein Lügner und Mörder sind Nachbars Kinder. Iß keine Rüben, wenn du zu Sr. Excellenz gehst, und lege deinem Magen ein Gebiß an den Mund, sonst sieht es aus, als ob du zum Essen kömmst. Eine alte Weste und neuer Rock sind wie eine alte Tresse und ein neues Kleid, zusammengebrachte Kinder. Schlucke nicht, und wenn's auch Wasser wäre, daß es aussieht, als wolltest du den Jordan austrinken. Willst du einen beständigen Gönner haben, mache, daß er dir eine Wohlthat erweist, die bekannt wird im Volke. Dieß bindet wie Kitt. Er läßt dich nicht, als ob er von seinem Vorschuß Zinsen haben wollte. Leihe dem Armen ohne Zinsen, dann bezahlt's Gott. Lern ein Glas leeren, nur mit Maaßen, damit du dich nicht aufreibst. Männer, die an einer großen Tafel keinen Tropfen trinken können, sehen aus wie Verschnittene am [187] Hochzeitstage. Sich am Wein warm trinken, heißt menschlich werden. Wenn ich mir zuweilen ein Schälchen nehme, ist's mir, als ob ich Menschenliebe getrunken hätte. Ein böses Gewissen ist ein Ofen, der immer raucht, ein Gewitter ohne Regen; es ist Kläger, Richter, Henker, in einer Person. Die Nachtigall singt dir: du bist ein Dieb; die Lerche: du hast gestohlen. Eine Krähe beißt der andern die Augen nicht aus, und wo der Bürgermeister ein Bäcker ist, backt man das Brod klein. Wenn ich streiten sollte, es gäbe im Stamme Levi keine zerbrochene Töpfe, die laufen lassen, würd' ich Krebse angeln. Was sich im grünen Kleide mit Gold schickt, schickt sich nicht in der Reverende, und auf der Kanzel muß man anders reden, als wenn man seine Füße unter einem gedeckten Tische beherbergt, und seiner Nachbarin eine Gesundheit zubringt, welches die Tischreden unseres Glaubensvaters sehr lebhaft bestätigen. Sey allen allerei, wie eine Citrone, die man von innen und außen brauchen kann. Leute, die sich völlig vor der Welt verschließen, die nur mit ungefallenen und in der Wahrheit gebliebenen Geistern Umgang haben, sehen oft, wo andere nichts sehen, und hören noch öfter, wo andere nichts hören; denn das Ohr ist leichtgläubiger als das Auge. Ein Pastor dieser Art hatte seiner Gemeinde das Nasenschneuzen und Husten abgewöhnt. Ich erzähle dir diese Geschichte mit den nämlichen Worten, wie mein seliger Vater sie mir erzählt hat. Es war in der Kirche dieses Pastors eine besondere Mannszucht, eine so heilige Stille, wie des Morgens bei schönem Wetter um vier Uhr. Ehe er zur Nutzanwendung überging, war es, wie ein Commando: präsentirt's Gewehr! Der Herr Pastor gab mit seiner Nase ein Zeichen, und alle Nasen folgten ihm, auch die, so es nicht nöthig hatten, aus Provision, oder weil's der Nachbar und der Herr Pastor that. Es begab sich, daß ein Fremder, der diese Straße zog und nichts von dem Uebergange zur Nutzanwendung wußte, und [188] die Sitten und Naseart dieser christlichen Gemeine nicht kannte, den natürlichen Wink seiner Nase befolgte. Der Pastor beschlug die Contrebande mit den Worten: wer grunzt in der Gemeine? allein der gute Pastor mußte, weil der Gast von Adel war, diesen Beschlag sehr theuer büßen, und schriftlich versichern, das Wort Grunzen nicht im bösen Sinne genommen, sondern vielleicht selbst gegrunzt zu haben, und vor's künftige ward der Herr Pastor angewiesen, seineNase in die Bibel zu stecken. Der Mensch ist gut, die Welt böse. Gehe fleißig in die Kirche und siehe zu Menschen beerdigen. Gedenke, wie er gestorben ist, mußt du auch sterben. Heute mir, morgen dir. Zeit liegt von Ewigkeit einen Sabatherweg, eine Viertelmeile, die den Kranken im alten Bunde zu reisen erlaubt war. Wenn du einen Kirchhof offen findest, gehe herüber, wenn du auch einige Schritte Umweg machst. Sieh die offene Thüre als eine Erinnerung an, daß auch du dem Kirchhofe, dem Zollhause der Ewigkeit geben wirst, was ihm gebührt. Wenn die Glocken gezogen werden, sprich: Gott schenke mir eine selige Stunde! Huste nicht im Vorzimmer des Großen, um dich hören zu lassen. Der Wein ist die Wage des Menschen; lege deinen Freund drauf, und prüfe, wie viellöthig er ist. Denke an den Tod des Tycho Brahe, der leider! unter seinem Stande heirathete, und verdamme nicht die Natur: sie leidets nicht. Plaudere nicht bei der Musik, denn predigen und singen hat seine Zeit. Die behagliche Genügsamkeit ist reich ohne Mühe. Den Edelstein fasse in Gold, und beim Wein singe. Gib fröhlich, was du gibst. Ein Geber, der nachdenkt über das, was er geben soll, gibt's nicht von Herzen, sondern vom Verstand. Wenn du den Weg nicht kennst, nimm einen Wegweiser. Ehre im Menschen das Bild Gottes. Diene mit Rath und That. Ehrliche Einfalt ist besser als spitzbübischer Witz. Man sagt von Geistlichen: Kinder und Bücher. Dein Vater und ich haben einen Sohn, wie [189] Abraham den Isaac, und der sey dem Herrn geopfert! Ein junger Mensch muß sich so in Gesellschaft der Alten führen, als einer, dem Geld zugezählt wird. Gehe nicht um mit Uebermüthigen. Was soll dir der irdene Topf bei dem ehernen? denn wo sie an einander stoßen, zerbricht jener. Wächst wohl Schilf, wo es nicht feucht ist? und wer hat gegen einen Großen einen Zeugen? Ein Wolf und ein Schaf ist wie der Reiche und der Arme. Ein Gottloser, wenn er arm ist, redet viel Böses; ein Frommer hat immer Schätze. Schicke keinen Hund nach Fleisch, und verpfände nicht das Lamm beim Wolfe; der Mensch verschießt wie ein Kleid, und wenn man alt ist, kann man nicht genießen, was man gesammelt hat. Darum freue dich in dem Herrn, und abermal sag' ich dir, freue dich! Denk an den Armen, wenn du deinen Geburtstag feierst, und laß ihm seine Wunden von deinem Barbier verbinden. Sprich nicht zum Goldklumpen: mein Trost, und zum sechslöthigen Silber: meine Hülfe. Ein Armer genießt selbst dieses Leben mehr als ein Reicher; denn ein Glücklicher und ein Reicher lebt bloß des Gedankens wegen nicht: Mensch, du mußt sterben. Wer täglich stirbt, hat den Tod lieb gewonnen, wie man ein häßliches Gesicht mit der Zeit gewohnt wird. Der Reiche zieht seine Zinsen in dieser Welt, und die meiste Zeit mehr, als die landüblichen. Der Arme hebt in diesem Leben die Zinsen nicht, sondern läßt sie beim lieben Gott stehen, der ihm sicher ist, und der ihm seine Zinsen fein zum Capital schlägt, für die andere Welt. Jeder Reiche fühlt, daß der Arme, wenn er stirbt, reich wird, es stehen ihm die Haare hiebei zu Berge, und wenn es so anginge, würd' er dem Armen wohl zehntausend Thaler Albertus leihen, um einen Wechsel auf ihn im Himmel zu haben. Allein bedenke, Reicher! dein Tod ist ein Bankerott. – Mein Sohn! theile in dieser Gnadenzeit den Leckerbissen mit dem Dürftigen. Das beste Mittel, gut zu verdauen, ist einen Armen essen sehen![190] Wirf deine Magentropfen zum Fenster hinaus, und brauche dieses Mittel. Dein Vater. Wenn dir ein Unglück begegnet, greift die Seele nach einem Geländer, wie der Körper nach einem Stab. Schilt im Podagra auf den Wein, beim üblen Wetter auf's schlechte Steinpflaster, im Tode auf's Leben. Was ist der Mensch, wenn er nicht unsterblich ist? Unser Leben währt siebenzig Jahr, wenn's hoch kommt, sind's achtzig Jahr, wenn's köstlich gewesen, ist's Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon. Wir bringen unsere Jahre zu, wie ein Geschwätz. Hüte dich, Hiobsposten zu bringen; man haßt den Verräther, und liebt die Verrätherei. Wer heut ein Spiel gewinnt, verliert morgen siebenfältig, und mancher gibt mit einem Auge, und mit sieben sieht er, was er wieder erhalte. Wem das Glück wohl will, den macht's zum Narren. Die Narren haben ihr Herz im Munde; aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen. Wer mit einem Narren redet, redet mit einem Mondsüchtigen. Hüte dich vor dem, der sich selbst gezeichnet hat. Ueber einen Todten trauert man, denn er hat das Licht nicht mehr; aber über einen Narren sollte man trauern, weil ihm das Lämpchen im Verstände, wie den fünf thörichten Jungfrauen, ausgegangen. Der Schweiß eines Aussätzigen ist besser, als der Ambra eines Narren. Gin gelehrter Mann ist in Gesellschaft wie der Mond, bald voll, bald halb, bald ein Viertheil; in seinem Hause ist er immer eine Sonne. Lerne selbst, ehe du lehrst, und ahme nicht die Aerzte nach, die wie Schneider den Schnitt am fremden Tuch lernen. Kühle dein Müthlein nicht, wie deine liebe Großmutter, an Vater, Tochter oder Köchin, sondern lerne von deiner Mutter, auch ohne Schläge, dem Zorn ein Opfer bringen. Diene wieder deinem Knecht, der dir dient. Die Biene ist ein klein Vögelein, und gibt doch die allersüßeste Frucht. Wenn dir's wohl geht, denke, daß dir's übel gehen könne, und wenn dir's übel geht, denke, daß dir's wieder wohl gehen könne.


[191]

Auf Regen folget klare Zeit;

Auf Leid die frohe Ewigkeit.


* * *


Ich weiß, wen Gott will herrlich zieren,

Und über Sonn' und Sterne führen,

Den führet er zuvor herab.


Das Lied:


Warum betrübst du dich, mein Herz,

Bekümmerst dich und trägest Schmerz,


hat viele von übler Laune, von der Unzufriedenheit und der Schwermuth geheilt, und wenn dein Herz nicht verdorben ist, wenn du kein böses Gewissen hast, wirst du auch geheilt werden. Hast du ein böses Gewissen, so schlägt keine Seelenmedicin, kein Lied an. Beim siebenten Vers erinnere dich der Leiden, die deine Mutter des Namens Alexander wegen erduldet hat.


V. 7.


Des Daniels Gott nicht vergaß,

Da er unter den Löwen saß.

Seinen Engel sandt' er ihm,

Und ließ ihm Speise bringen gut,

Durch seinen Diener Habakuk.


Der zwölfte Vers aus diesem Herzensliede ist ein Universalmittel.


V. 12.


Alles was ist auf dieser Welt,

Das Seel' und Leib gefesselt hält;

Reichthum und zeitlich Gut,

Das währt nur eine kleine Zeit

Und hilft doch nichts zur Seligkeit.


[192] Traue deinem Feinde, wenn er sich gleich mit dir versöhnt, so wenig, als ein Leiter seinem Bären. Leide keinen Schmeichler, wie der Cypressenbaum keine Würmer leidet. Ein frommes Kind ist besser denn hundert, die den Herrn nicht fürchten, und es ist besser ohne Kinder sterben, als gottlose Kinder haben. Wer satt ist, wird wieder hungrig, wer des Morgens ausgeschnarcht hat, geht des Abends wieder zu Bette. Ein Reicher kann arm werden. Des Ungerechten Söhne wurzeln nicht, und seine Töchter sind Feigenbäume ohne Frucht. Kinder ziehen heißt gerade oder ungerade spielen. Erziehen heißt ein Fundament legen, wo unter der Erde gearbeitet wird und nichts zu sehen ist. Ein gut gezogenes Kind ist eine Rechnung ohne Probe. Der Jüngling muß beweisen wie die Zucht war. Lege dein Almosen nicht besonders, denn es segnet dein anderes Geld, daß es dir gedeihe für und für. Kleiner Topf, kleine Stürze; großer Vogel, großes Nest. Gesunder Leib ist besser denn eine Tonne Goldes. Die Sonne geht auf mit Hitze, und das Gras welkt und die Blume fällt ab: so verwüstet ein Reicher, wenn er verschwendet, sich, seinen armen Nachbar und deßgleichen. Sausen und Brausen macht siech, und was hilft ein güldener Galgen, wenn man hängen soll. Was ist ein schön Gericht für einen Kranken, dem schon der Geruch Blähungen macht? Der Tod ist besser als ein sieches Leben. Ein fröhlich Herz ist besser als Magenelixir, und eine Mahlzeit mit Wohlgefallen ist die sicherste Blutreinigung. So lange du selbst Töpfe und Schüsseln hast, untergib dich nicht dem Tische eines andern. Ziehe dich nicht eher aus, als bis du zu Bett gehst. Das Hemde ist dir näher als der Rock. Eigener Herd ist Goldes werth. Rathen macht Schuld, und du stellst Wechsel aus, wenn du Rath gibst. Die Naseweisheit ist, wenn man die Nase höher hält, als sie gewachsen. Nimm dieses zu Ohren und Herzen, denn du hast eine Nase, die was gilt unter den Leuten. Die Nase ist der Text zum Menschen, die Stirne [193] der erste Eingang, die Lippen das Thema, worüber in gegenwärtiger Stunde soll gepredigt werden. Wein und Weiber bethören die Weisen. Männerlist ist behend, Weiberlist ohn' End. Kleider, Scharrfuß, Lachen und Gang melden den Menschen an. Kluge Leute wissen schon, was am Jüngling ist, wenn sie ihn sehen die Nase schneuzen. Ein Thor ist schwerer als Blei. Krebs ist kein Essen auf der Post. Hilf dir selber, ehe du andere arzneiest. Was niemand wissen soll, sage keinem. Wer einen übeln Rausch hat, verscheucht seine Freunde, wie ein Schuß die Vögel. Erst Rauch, dann Feuer; so Scheltworte, dann Schläge. Der Arzt ist der Sünde Scharfrichter, ehre ihn, denn der Herr hat ihn geschaffen, und er trägt das Schwert nicht umsonst. Hüte dich vor böser Nachrede, denn die Welt liegt im Argen. Wenn man des Morgens von da herausgeht, wo man des Abends hinein gegangen, sagen die Leute, man sey die ganze Nacht da gewesen. Der Schlund der Welt ist ein offenes Grab; mit der Zunge handeln sie trüglich. Ottergift ist unter den Lippen, der Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Die Obrigkeit ist des lieben Gottes Soldatenstand, die Priester sind sein Civilstand. Es ist traun! ein Weib aus dem Stamme Levi eine helle Lampe auf dem heiligen Leuchter. Mein! heirathe keine andere, denn sie hat ein gut Muster gehabt. Schone dein Auge für die hebräischen Punkte, und gaffe nicht nach Dirnen der Stadt. Denk nicht eher an eine Hausfrau, bis du ein Haus hast. Wo kein Zaun, ißt jeder das Obst, eh es reif ist; so auch bei einem Pastor ohne Pastorin. Leib und Seele können nicht zu gleicher Zeit essen und verdauen. Wer mit der Seele arbeitet, kann den Pflug nicht führen. Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden. Item, ein Lehrer ist seiner Calende werth. Wer säet, erntet in zwölf Monaten. Wer Gottes Wort verkündigt, erntet in Ewigkeit. Heil dir! du hast beim lieben Gott offene Tafel, du wirst einst vom Altar leben, und hier gedeihen, [194] wie' 's am Tage ist. Brosamen sind besser als Leckerbissen an den Tafeln der Abgötter, deren Bauch ihr Gott ist. Du bedarfst keines Theils in Israel; der Herr ist dein Theil und Erbe! Das Land Gottes trägt mehr als du bedarfst. Brich aber dem Hungrigen dein Brod, so wird es dir gehen wie der Oelwittwe. Wer den Armen segnet, spottet sein, wenn er diesen Segen nicht selbst in Erfüllung zu setzen anfängt. Dieser Unmensch will Gott Lehren geben. Erinnere dich, was man vor kurzem vom Herrn v. – erzählt, und erzähl' es deinen Kindeskindern, auf deinem Schooß, damit sie segnen lernen, wie Gott sein Volk segnet, der seine Fenster öffnet, und Früh-und Spatregen gibt, und in dem wir leben, weben und sind. Es strandete ein Holländer (wäre es nicht ein Holländer gewesen, wie viel mehr leid würd' es mir gethan haben; Holland ist der Strand von Europa), und der Herr v. –, der das Recht der Seestraßenräuberei hat, nahm ihm alles, was er hatte, bis auf einen holländischen Käse (der Herr v. – hatte oft Steinschmerzen) und ließ den geplünderten Holländer ziehen seine Straße, wie Hr. v. – sich ausdrückte,fröhlich; denn er schrieb ihm folgendes Certificat, das er einen christlichen offenen Wechsel nannte: »Da der Clas – – das Unglück gehabt zu stranden, und alles werthe Seinige einzubüßen, so wird ihm nicht nur Gottessegen zu seinem künftigen Fortkommen von mir herzlich gegönnt, sondern auch jeder, dem dieser offene Brief vorgezeigt wird, ersucht, ihm christlich fortzuhelfen und ihm, so viel er kann, unter die Arme zu greifen, wohl bedenkend, daß, wer dem Armen hilft, dem Herrn leihe, der es ihm zu Wasser oder Lande verdoppeln kann und wird, als welches ich dem armen Clas – aus christlicher Liebe anwünsche.« Den Herrn v. – möcht' ichfluchen hören, sagte Clas – und sah seinen Käse an. Der Holländer hatte keinen Steinschmerz. – Wer sich als abgebrannt und beraubt angibt, um Leute warmherzig zu machen, und sie zum Mitleiden [195] zu betrügen, ist ärger als ein Räuber und Brandstifter! Wehe dem, der auf diese Art Brandschatzung ausschreibt. Er bestiehlt nicht den Menschen, sondern die Menschheit. Sorge nicht für den andern Morgen, es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigne Plage habe. Mache des Geldes wegen auf der Kanzel keineGans zum Schwan, keinen Häring zur Sardelle, und keinen Hasen zum Löwen; denn die Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz, wie die Sonne immer und ewiglich. Gott ehrte Aaron, und gab ihm alle Erstlinge. Seine Nachkommen aßen des Herrn Opfer, und wurden gespeiset an seinem Tisch. Gott war ihr Theil und Erbe, und darum hatten sie kein Theil am Lande. Wenn Kaffee aufs Kleid gegossen wird, ist's kein Kaffee mehr, sondern Schmutz. Es kommt viel auf Zeit, Ort und Gelegenheit an. Wenn du einem Edelmann Heil wünschest, sprich nicht: Gott, der den Wurm unterm Felsen erhält, sondern: der Allmächtige, der die Welt aufrief; wenn er in Diensten gewesen, und es bis zum Hauptmann gebracht, setze hinzu: und Helden in seinem Volke erwecket.

Ein Mensch, der keine Stimme hat, muß nicht den Adler und den Löwen auf die Kanzel bringen, er wird schon Thiere für sein Stimmchen in der Bibel finden. Ich selbst habe einen Diskantisten über die Worte:Sieh, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda, predigen gehört. Es gibt Diskant-, es gibt Baßpredigten. Ein Geistlicher muß Gedächtniß haben. Wenn er liest, steht's aus, als ob er die Predigt auf drei Viertelstunden geliehen hätte. Auch Gras muß ein Pastor wachsen hören.

Ein Geistlicher sprach, da er zum zweiten Theil überging, indem er die Kanzelsanduhr, welche mehr als andere Sanduhren ein Sinnbild unsers Lebens ist, umkehrte: Noch ein Gläschen, meine Geliebten! und man nannte ihn, wie einen faulen Käse: Bierbruder.

[196] Man kann zwar auch hiebei erbauliche Gedanken haben; indessen hatte der Pastor L – nicht Gras wachsen gehört, da er die Frau v. – auf ihrem Krieg und Siegbette besuchte, und ihr die Worte Matthäi im einundzwanzigsten Capitel, im zweiten Vers, ins Herz schob: löse sie auf und führe sie zu mir. Noch größer ist's Uebel, wenn der Geistliche satyrisch auf der Kanzel seyn will; er verliert alsdann den Stachel, wie die Biene, wenn sie sticht.

Wenn du einen Umstand lange suchen müssen, fang ihn an: Wem ist's nicht bekannt; dadurch bestrafst du den Umstand, daß er sich versteckt hatte, und kein Mensch glaubt, daß du so lange gesucht hast. Dein Vater würde sagen: Windbeutelei, faul Holz statt Licht; allein klimpern gehört zum Handwerk. Einem Geistlichen steht's am wenigsten an, zu sagen, ich will dieß und das thun. Er steht in Gottes Dienst. Sage also, zu reden aus Jakobi im vierten Capitel und fünfzehnten Vers: So der Herr will und ich lebe, will ich dieß oder jenes thun. Fliehe die vergängliche Lust der Welt; denn nur hiedurch wirst du theilhaftig werden der göttlichen Natur. Um eines faulen Astes willen reiß nicht Stamm und Wurzel aus. Jeder Mensch hat was Gutes. Lege auf die Fingerspitze, wo der verdorbene Saft aus der Hand sich hingezogen, und wo er schwärt, Kraut und Pflaster, so behältst du die Hand. Brich hervor wie ein Feuer, und dein Wort brenne wie ein Kirchenlicht (ein Wachsstock ist nur eine Pfeife zu entzünden). Tröste den Bußfertigen, und laß über ihn aufgehen den Regenbogen mit seinen schönen Farben. Wenn dich eine Kälte im Ausdruck überfällt, wärme dich an ein paar Psalmen in der heiligen Schrift, und wenn böse Buben auf die Bibel lästern, denk daran, daß es Gottes Schulbuch sey, woraus groß und klein, arm und reich, vornehm und gering, alt und jung, unterrichtet werden sollen, und dann laß den Lästerer ein Buch [197] nennen, das so wie dieß zu diesem Zweck eingerichtet, und für all zusammen und für jeden einzelnen ist. Gott laß dich nie vor Narren zum Spott werden, noch deinen Rücken zur Brücke, worüber jeder geht. Wachse wie ein Palmbaum am Wasser, und dein Geruch sey süß vor dem Herrn, wie der Weihrauch im Studirstübchen deines Vaters. Er, der die Erde mit Schnee und Reif salzet, bereite dich zu seinem Knechte in seinem Weinberge: wenn aber das Salz dumm oder unkräftig wird, womit wird man salzen? Verrichte deine Andacht vor Gott und nicht vor Menschen. Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. Himmlische Glorie umstrahle dein Haupt, wenn du auf der Kanzel bist, damit man's fühle, daß du nicht von dir selber redest. Ein roh Ei (wenns angeht ein Kibitzei) hilft viel zur guten Predigt; wer wie ein Engel spräche und nicht verständlich wäre, fruchtet weniger als ein ausgelernter Staar, oder das Getöse der Glocken, das ich nie ohne Herzensschlag und Erbauung hören kann. Ich wünschte wohl, die Glocken, wenn ich begraben würde, hören zu können. Alte Kirchen haben dunkle Fenster, indessen weiß jeder seinen Stand. Ein Prediger dem die Zähne ausgefallen, muß sich nicht von einer andern Gemeinde vociren lassen. Man hat mir erzählt, daß Demosthenes und Cicero von Natur schlechte Stimmen gehabt; durch Kunst haben sie schön reden gelernt. Ich hätte sie nicht hören wollen. Mancher Pastor kann sich hören, mancher sich lesen lassen. Es kann also auch Redner geben, die stumm sind. Deine erste Predigt schlürftest du bei der Probe in der Speisekammer, als wenn du weiche Eier äßest. In der Kirche ging's besser. Lerne deine Gemeinde so kennen, wie ein Gelehrter die Sprache, der bei jedem Worte daswarum und darum weiß. Ein Pastor, der seine Gemeinde nicht kennt, und sich nicht wie der gemeine Mann ausdrücken kann, ist ein Miethling. Brauen und Backen geräth nicht immer. Allemal kanns nicht was Neues vom [198] Jahr seyn. Schneid an eine alte Predigt ein Zwiebelchen, lege Butter dazu, es ist eine frische Schüssel. Hunger ist der beste Koch. Ein Eierkuchen macht Appetit allen, die vorübergehen. Ein einzig faules Ei verdirbt die ganze Pastete. Wenn es mit deiner Predigt nicht fort will, und von drei bis in die Dämmerung gefischt und nichts gefangen ist, laß Licht anzünden, und es wird dir auch ein Licht aufgehen. Wenn du übern Tod predigst, mache deine Predigten nie am Tage, sondern des Abends. Predigst du vom Lobe Gottes, steh Morgens um vier auf. Wenn gleich das Andenken deiner Trübsal verwächst, suche eine Narbe zu behalten, damit du an Gottes Hülfe denken, und ihn in deinem Kämmerlein und in der Gemeinde des Herrn preisen könnest. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der, die Waisen und Wittwen in ihrem Trübsal besuchen, und sich von der Welt unbefleckt behalten. In deinen Predigten lehre Himmel und Hölle; sey nicht bloß Brenn-, sondern auch Bauholz. Halte dir selbst Wort, mein Lieber! so wirst du auch andern es halten. Narren ins Fegfeuer, Gottlose in die Hölle. Weide die Heerde und siehe wohl zu, nicht gezwungen, sondern williglich, nicht um schändlichen Gewinnes willen, sondern von Herzensgrund; nicht, als die über das Volk herrschen, sondern werd' ein Vorbild der Heerde, so wirst du, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Ehren empfahen. – Siehe das übrige Taufwasser nicht als bloß gemeines Wasser an, sondern mache die Verfügung, daß es auf einen besondern oder heiligen Platz gegossen werde. Du wirst das Gras darauf sehen! im Paradiese könnt' es kaum grüner seyn! der Kirchthurm ist ein Finger, der gen Himmel zeigt, denk, so oft du einen siehst, an den Finger Gottes, ohne den nichts geschieht, was geschieht, und durch den ist, was ist. Am Martinstage iß eine Gans; es ist ein alter wohlhergebrachter Gebrauch, und denk an den unglücklichen BischofMartin, der durch eine Gans verrathen ward. Der Hahn ist [199] der richtigste Kalender, und was die Sonnenuhr im Zeigen ist, das ist ein Hahn im Schlagen: das richtige Zeitmaß. – Der Hahn, der zuerst kräht, ist Superintendent unter den Hähnen. Alles, was krähen kann, kräht ihm nach, so lahm und candidatenmäßig es auch zuletzt herauskommt. Ein Hahn hilft oft zu Thränen. Dein seliger Großvater hat eine Hu – auf diese Art zur Reue gebracht. Alle seine Ermahnungen waren vergebens; zum Glück krähte ein Hahn; diesen Umstand griff dein seliger Großvater, und sie weinte bitterlich. Findest du mühlsteinerne Herzen, verzweifle nicht – Gott kann dir aus Steinen Kinder erwecken. Rufe getrost! schone nicht! Lerne recht fürchterlich:wer da? schreien, wenn der Teufel herumgeht wie ein brüllender Löwe, und suchet, welchen er verschlinge. Wer bösen Leumund macht, vergeht am Ende wie das Unrecht.


Die Welt kann doch nichts geben,

Was wahre Ruhe gibt;

Wer hier und dort will leben,

Ist! Vater! der dich liebt!


Wenn du im Consistorio sitzst, rede niemand mehr nach deinen Worten, außer daß gesagt werde: du habest wohl gesprochen. Die Alten müssen sich freuen über deine Weisheit, und die Jungen müssen auf dich warten wie auf den Regen, und ihren Mund aufsperren, als auf den Abendregen. Sey des Blinden Auge, des Lahmen Fuß, des Verzagten Arm. Wenn du einen Brief schreibest, vergiß nicht A und O auf griechisch obenan zu setzen, das ist der geistliche Stempel. Aergere dich nur deiner Gesundheit wegen, und eben darum, warum man Gift in Arzeneien mischt. Dein Vater lernt alle fünf Jahre eine Sprache, um dem Gedächtniß eine Bewegung zu machen. Versuch, ob's deinem Gedächtniß gesund ist. Denk nicht zu scharf über einen Namen, und spiel nicht blinde Kuh mit ihm. Ich hab' gehört, daß jemand darüber den [200] Verstand verloren, und ihn eher nicht wieder bekommen, als bis ein andrer diesen Namen von ungefähr ausgesprochen. Es ist die Frage, ob sich ein solcher Andere so leicht findet? Wenn du betest, falte die Hände, denn dieß hilft, auch die Gebauten zusammen halten. Bist du betrübt, bete; bist du vergnügt, singe. Der Arbeiter ist seines Lohnes werth, und der Arbeiter Lohn, die euer Land eingeerntet haben, und von euch abgebrochen ist, schreiet, und das Rufen der Ernter ist kommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. Richte nicht, so wirst du nicht gerichtet; vergib, o wird dir vergeben; gib, so wird dir gegeben. Alles, was du willst, das dir die Leute thun sollen, thu ihnen auch. Wer selbst Fenster hat, schlage sie nicht dem Nachbar ein. Die Zunge ist ein klein Glied und richtet große Dinge an. Sieh ein kleiner Funken, welch einen Wald verwüstet er! Die Zunge singt Gott Lob und Preis, und die Zunge kann von der Hölle entzündet werden. Aus einem Munde blasen wir kalt und warm; aus einem Munde geht Loben und Fluchen. Wir loben Gott den Vater, und fluchen den Menschen nach Gottes Bilde gemacht.

Kann auch ein Feigenbaum Oel oder ein Weinstock Feigen tragen? Klügle nicht über deine Reverende, sondern trage sie wie deine Vorfahren mütterlicher Seits sie getragen haben. Die Banise in schwarz Corduan mit goldenem Schnitt sieht wie ein Gesangbuch aus. Wer Possen in geistlichen Melodien singt, zieht diesen eine Reverende an. Wehe dem, der diese Maske erfindet. Ein Geistlicher in seinem Geschmeide kann von einem Engel ungefähr unterschieden seyn, als ein Küster vom Priester. Der Küster muß aber entweder die Altarlichte anstecken, oder sie mit einem Löschnäpfe bedecken und auslöschen. Dinge, die oft im Munde am angenehmsten, sind am schwersten zu verdauen. Wenn du viel Austern gegessen, iß Käse darauf. Warum aber sinnenarme Austern? Wenn du etwas mit Umschweif zu sagen hast, fang's an mit dem [201] Worte: Kurzum, oder endlich, das befördert die Andacht. Wer nicht Tabak schnaubt und raucht, ist ein Republikaner, ein Curländer, ein freier Mensch. Wer kann den Hunger durchs Andenken an ein vorjähriges Gastmahl befriedigen? Denke am kürzesten und längsten Tage im Jahre an Zeit und Ewigkeit. Sey mausestill, wenn dich Jungen mit Koth bewerfen. Wer eine Ehrenstelle erhält, hat ein neu Kleid angezogen, und überall ist steife Leinwand. Zieh nie Sonntags ein neu Kleid an, denn dieser Tag ist verloren. Halt dir aber dein Alltags- und dein Feierkleid; ein Mensch, der Sonntags nicht ein ander Kleid anlegt, ist auf dem Wege, ein Freidenker zu werden. Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, auch die im Verborgenen geschehen sind, und den geheimsten Rath des Herzens offenbaren, dann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren. Die Hühner- und Elsteraugen schneide aus, doch so, daß du dabei vorsichtig zu Werke gehst; es sieht sonst so aus, als wäre man gichtbrüchig; und so sehr gut die Gicht einen alten Mann kleidet, so häßlich ist's, wenn ein Jüngling gichtbrüchig wandelt. Geizige Leute erhenken sich, um das Pulver zu sparen, und den Strick andern guten Freunden, und vor allen Dingen ihren lieben Erben, zurück zu lassen. Ein Geizhals ist leicht zur Bürgschaft zu bringen. Er will Gutes thun, ohne daß es ihn einen Heller kostet; allein der Geiz ist auch hier die Wurzel alles Uebels. Verbürge dich nicht, bezahle lieber für den Dürftigen; so hast du einen freien Kopf und ein freies Herz. Schreib deinen Vornamen nicht aus, damit die Leute das A für Adam, Abraham und andere biblische Namen halten. Streue nicht auf fremden Acker, wenn du willst ernten siebenfältig. Ich habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen und seine Kinder nach Brod gehen. Wenn du Obst gegessen, nimm ein wenig Brod, ehe du trinkest. Man sagt, es sey Wahn, allein es hilft. Wenn du des Nachts reitest, nimm einen Schimmel, er dient dir zur Laterne. Neckereien [202] machen gewitzt, Erfahrungen klug, Noth lehrt beten. Sieh nicht aufs Handgeld, sondern auf den Herrn. Der Teufel gibt Silberlinge, allein das Ende ist Verzweiflung. Hüte dich vor Prozessen in Curland. Gott weiß! wie es anderswo ist, denn am Ende heißt's, Esaias im achtundzwanzigsten Kapitel, im zehnten Vers: gebeut hin, gebeut her, gebeut hin, gebeut her, harre hie, harre da, harre hie, harre da, hie ein wenig, da ein wenig. Wer Gewalt übet bei Gericht, schändet sein Mündel, das er bewahren soll. Die Sachwalter machen's wie die Fischer; sie trüben das Wasser, eh sie angeln: bei hell und klarem Wetter ist nichts zu fangen. Sey gerecht gegen jedermann, gib auch, wenn du geschwinde schreibst, dem u seinen Strich, dem i seinen Punkt. Ich habe kein u um das Seinige betrogen, und mich ärgert, wenn man gewissen Worten den großen Buchstaben nehmen will, als bei Stubenuhr schreib ich S und U mit großen Buchstaben. Ehre, dem Ehre gebührt. Uebe dich auch mündlich abzuschlagen, was du nicht leisten kannst: schriftlich kann's jeder Narr. Bist du unentschlossen, ich setze zum voraus, daß dieß oder jenes nichts böses ist, worüber du getheilt bist! zerbrich dir nicht den Kopf, recipe zwei Loose: in eins schreib flugs Ja, ins andere flugs Nein. Mache sie sich einander gleich, greif eins, und thue, was du gegriffen hast, dieß ist eben so gut, als wenn du lange gedacht, und Ja und Nein auf einer Goldwage abgewogen hättest. Es ist eine Art von göttlichem Regiment, von Theokratie. Heißt es nicht so? Auch der Weiseste greift in einen Glückstopf. Glück und Glas, wie bald bricht das. In der Demuth stolz seyn, heißt falsch spielen. Wenn die Menschen Methusalems Alter erreichen könnten, würde man mit Gewißheit sehr früh behaupten können, wer gewiß hängen würde. Kluge Leute lesen ihre Briefe von hinten. Singe an deinem Geburtstage Neujahrslieder; sie haben was Tröstliches in sich. So wie der Geiz seinen eigenen Händen nicht traut, so traut auch der Kluge [203] seiner Vernunft nicht. Ein Bettler gab einem andern die Lehre: sprich keinen an, der allein geht; gehen zwei, geben beide; wäre jeder allein gegangen, hätte keiner gegeben. Die ungefärbte Menschenliebe ist erkaltet, und Stolz führt bei der Gabe die Hand. Der Weg zum Himmel ist mit lauter gutem Willen gepflastert. Guter Wille gilt bei Gott und allen ehrlichen Leuten so viel als die That. Zwinge dich nicht ohne Geld auszugehen, das heißt, aus einem guten ein schlechter Mensch werden wollen. Gib mit der Rechten, ohne daß es die Linke weiß, und sieh nicht, wie man's nimmt. Es ist schwer, gut zu geben, noch schwerer aber, gut zu nehmen. Tausche gegen einen Pfeifenkopf nichts, was Leben und Odem hat. Thiere, sagt dein Vater, sind unsere Gränznachbaren. Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes. Pflanze keinen Baum, wo er ausgehen muß. Heirathe keine Mondsüchtige, wenn sie auch Superintendentens Tochter wäre. Schneide keine Blume ab, wie kämst du zum Köpfen? und die Blume, geköpft zu werden? sondern pflücke sie, wenn's nicht anders seyn kann, sonst aber laß sie ihren reisen Samen ausstreuen, und den Tod der Guten sterben, die ihr Ziel nicht verrücken, und ihr Leben durch Unmäßigkeit verkürzen. Ein Fleischer ist immer grausam; Blut ist ihm am Ende Blut. Gewisse Haare werden nie grau, und Alter schützt vor Thorheit nicht, decke aber die Schande des Alten. Ueber ein Wort muß man sich nicht den Hals brechen. Wort um Wort, Zahn um Zahn, Hals um Hals. Ein Arzt, der sein Latein falsch spricht, kurirt auch falsch; warum sagt er nicht lieber, ich weiß es nicht? und ein Geistlicher, der nicht die Grundsprachen versteht – – (daß sich Gott erbarm!) – – Einfältig heißt von einer Falte: So sey dein Herz gegen Gott und gegen deinen Nächsten; nicht wie ein Fächer, der vielfältig ist, und nicht wie eine Reisekarte, die man in ein Beinkleidertaschenformat legt, und wenn sie ausgekramt ist, deckt sie einen Tisch auf vier Personen. Edle Einfalt [204] war beim Anfang der Welt, und wird, wie ich nach der Liebe hoffe, bei der Welt Ende seyn. Eine Heerde und ein Hirte. Lobe nicht Leute, die nicht lobenswürdig sind. Ein Thor denkt nie beim unverdienten Lobe: »weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leite.« Falsche Freunde sind Schwalben, die nur des Sommers da sind; Sonnenuhren, die nur brauchbar sind, so lange die Sonne scheint. Der Mensch geht in dieser Welt in die Schule beim lieben Gott. Der Tod befördert ihn zur Akademie. So wie du gewartet hast, ehe dir das Licht angezündet ward; so wart auch, bis es ausbrennt, oder ausgelöscht wird, und denk an die Sonne der Gerechtigkeit, die nach der Zeit über deinem Haupt aufgeht, ohne unterzugehen in Ewigkeit. Der Herr wird uns erlösen von allem Uebel, und aushelfen zu seinem ewigen himmlischen Reich; denn sein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, von Ewigkeit, zu Ewigkeit, Amen. Wir sterben lieber in jeder Stunde, als daß wir die Hoffnung aufgeben sollten, wir halten täglich mehr aus, als den Tod, um der Hoffnung willen, noch länger zu leben, und müssen doch einmal recht aus dem Grunde sterben. Nimm dir recht vor zu sterben, so stirbst du am wenigsten und hältst beinahe die Stunde. Stirb als hättest du deinen Tod auswendig gelernt, und sieh nicht ins Concept; stirb von ganzem Herzen, so stirbst du den Tod der Gerechten, und deine Seele ist in Gottes Hand, und keine Qual rühret sie an. Wer so stirbt, der stirbt wohl! Sieh die du liebst zuweilen schlafen, damit du nicht trauerst um deinen Todten. Denke dir deinen ärgsten Feind im Himmel, damit du ihm verzeihest. Wem es so und nicht anders ist, ob sein Freund stirbt, und ob seine Pfeife ausgeht, ist nicht werth, einen Freund, wohl aber eine Pfeife zu haben. Diese Welt ist nicht ein Klima für den Frommen. Geht's ihm gut, so hört er's auf zu seyn; geht's ihm übel, so ringt er sich die Hände wund. Ist's dann nichts:


[205]

Aller Engel Schaar,

Und die lieben Seinen,

Sprechen immerdar,

Nirgend über Weinen,

Ohn' Gefahr und Pein,

Undim Himmel seyn.


Dein Vater sagt: Stirb, als wenn du den Tod observiren wolltest; so stirbst du nicht, sondern machst Observationen – ich nicht also. Sey getreu bis in den Tod, so wird dir die Krone des Lebens gegeben, und es wird heißen: Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig treu gewesen, ich will dich über viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude! Wähle nie ein Amt, das größer ist als du, damit du hervorragest, und kannst du in eine Stelle kommen, die vor dir ein unbedeutenderes Männchen, als du, bekleidet, hast du gewonnen Spiel. Brauch' griechische, hebräische, arabische, chaldäische, lateinische Worte in deiner Predigt, die vertragen sich; um des Himmels willen aber kein einziges französisches, das ist in einer deutschen Predigt wie Katz und Hund. Die französische Sprache ist die zweite Erbsünde. Der geringste Uebelstand auf der Kanzel ist ein Flecken auf deinem weißen Kragen. Es scheint überhaupt die französische Sprache nicht für den Himmel und den schmalen Weg eingerichtet zu seyn. Wohl dem unter diesem Volke, der noch eine andere Sprache weiß! Diene deiner Gemeinde mit allen fünf Sinnen. Man meint, der Geschmack sey so ein Geizhals, daß ein anderer nichts davon hat; allein wer den andern mit Geschmack essen sieht, bekommt auch Lust. Willst du deine Gemeinde zu Abtragung der Calende bewegen, brauch Worte, diese rühren plötzlich. Willst du sie in den Himmel bringen, trag Sachen vor; diese wirken langsam, aber sie bleiben. Eine gute Predigt muß nicht zu breite Tressen haben, das Tuch muß zu sehen seyn. Wer eine gute Predigt drucken läßt, die er gehalten hat, hat geschaffen und erhalten. Bestimme, was [206] deine Kinder werden sollen, und wenn's seyn kann, die Erstgeburt der Kirche! Eltern, die ihren Kindern die Wahl lassen zu bestimmen, was sie werden wollen, irren; du wärst Alexander geworden, und jetzt gehst du auf dem Wege zur Superintendentur. Was süße schmeckt, hat einen übeln Nachgeschmack, und schleimt obenein; was herb zu Anfang ist, wird lieblich am Ende. Das gilt von der Tugend und vom Rheinwein. Pflanze nicht im Garten, ehe dein Feld bestellt ist, und mach dir keinen Schatten, bis du ein zinsbares Kapital haft. Beständige Ruhe ist keine Ruhe. Wenn's geregnet hat, ist's in freier Luft am schönsten. Wenn der Regen gerade herunterfällt, ist er am fruchtbarsten; man könnte sagen, die Natur hab' eine gute Geburt; so müssen auch deine Worte fallen. Kreise nicht, sprich aber gerade herunter. Ein junger Geistlicher muß seine Predigt blöd' anfangen, und dreist vollenden, dann hat er alles, was ihn hört, wie eine Klette am Kleide. Der Geruch hat seine Moden, die ein Pastor nicht mitmachen darf. Bisam und allerlei wohlriechende Wasser sind nicht für ein schwarzes Kleid. Willst du wohl riechen, so sey's nach Himmelschlüsseln, Rosen und Nägelchen (nicht Nelken, wie etliche wähnen). Diese Gerüche bekommen wie täglich Brod alle Menschen, und keine schwangere Frau wird darüber ohnmächtig am Beichtstuhle werden. Sey stark am inwendigen Menschen. Deine Seele sey wacker, dein Herz ohne Falsch, so wird auch der auswendige Mensch blühen und Früchte ansetzen. Die Seele ist der Gärtner, der Leib ist die Pflanze, die gezogen wird. Sprich zuweilen laut, sonst glauben die Leute nicht, daß es Ernst ist. Ich habe dir in deiner Jugend angerathen, das Skelett von den Butterblumen auf einmal wegzuhauchen. Es stärkt die Lunge. So wird Gott, der gerechte Richter, die Welt weghauchen! Ein jeder Lehrer muß mehr sagen, als im Concept ist. Was aus dem Herzen kommt, geht wieder zum Herzen; was aus dem Munde kommt, [207] geht wieder in den Mund; was aus dem Concept kommt, geht ins Concept, und was aus dem Buche, ins Buch. Ende gut, alles gut! Ich werde dir nicht erscheinen, mein Kind! wenn ich heimgehe – es würde dir und mir beschwerlich seyn; allein ich komme dir gewiß entgegen. Der Herr sey mit dir im Leben, und wenn du leidest, und wenn du stirbst. Geht's mit dir zu Ende, sey es mit dem Schluß deines Lebens, wie mit dem Jahresschluß, wo die Tage kurz sind! – Des Abends muß man einen schönen Tag loben. Amen, das heißt: Ja, ja, es soll also geschehen! Amen ist des lieben Gottes großes Siegel und der Frommen Zuversicht. Ich beschwöre dich beim Amen, daß du diese Regeln aufbehältst und sie befolgest, und sie alle Vierteljahre liesest, und vor der Lesung singst:


O Gott, du frommer Gott,


und nach der Lesung:


Groß ist, Herr, deine Güte. Amen!


Dieß war der Abschied, den meine Mutter von mir schriftlich nahm, wie sie ihn auch gern vom Conversus genommen hätte, und den sie, eben so wie den Tod, nicht auf die letzte Stunde ausgesetzt. Von meiner Mutter hab' ich, und auch meine Leser, in diesem Theil Abschied genommen.

Gute Nacht also, liebes Weib! Lebe wohl, liebe, theure Mutter. Deine heilige Harfe soll mein Herz in eine heilige Ruhe spielen, wenn es trotzig' oder verzagt' Ding seyn will, wenn es sich bäumt und wenn's sinkt. Ruhe der Religion der Vollendeten, du bist die Diät für Leib und Seele! Bin ich bestimmt, sechs Tage meines Lebens Last und Hitze zu tragen, laß mich wenigstens am siebenten ruhen von dieser Arbeit, und eine Seelen- und Leibeserlösung kosten. An diesem Sabbath soll dein heiliges Bild, liebe Mutter! vor meinen Augen schweben! Ich will dich hören, wie du das erste der drei großen Feste, als die Lerche den Frühling, mit dem:


[208]

»Dir, dir und deiner Güte,

Dir, dir, mein Gott, allein,

Dir, dir soll mein Gemüthe«


begrüßtest.

Wie du am heiligen Abend vor Weihnachten die Hirten des ganzen Kirchspiels vor das Pastorat versammeltest, und »Vom Himmel hoch, da komm' ich her etc.« anstimmen ließest – wie du dieß arme Volk, das seiner Sommergesellschaft am Ende ähnlich wird, zu christlichen Schäfern verschönertest, und in ihnen vor der ganzen Gemeinde ein Licht anzündetest, so daß jedes, auch im Weihnachten, Achtung für den Hirten hatte, da er nach dem Laufe der Natur am wenigsten gilt.

Deine Wörter: hahn, stahn, lahn, sollen mir besser klingen, als die weichlichen Worte der schwelgenden Poesie. Dein Titel: Weib Lobe san, den du dir selbst beigelegt hast, ist köstlicher als alle Welttitel. Ich will weit eher in den Vorhöfen des Herrn in der Halle wohnen, wozu dir dein Schutzgeist den Schlüssel für dich und deine Nachkommen gab, als in den Palästen der Gottlosen! Deine alten Worte: Wohlgemuth, fürbaß, und pflag, und traun! und schier! bezeichnen mir die Einfalt der Alten der güldenen Zeit, da die Menschen Gottes Nachbarn vorstellten, ihm über'n Zaun in seinen Himmel sahen, vor ihm wandelten und fromm waren, und wie sollt' ich diesen Kern gegen den Prunk dieses versilbert blechernen Jahrhunderts vertauschen? – Am Ende, wenn mir die Gedanken vergehen, wie ein Licht, das hin und her thut wanken, bis ihm die Flamm' gebricht, soll der Tod mir ein sanfter Schlaf seyn! Amen, das heißt: ja, ja, es soll also geschehen!

Dieß war ungefähr das Gefühl, auf Worte herabgesetzt, das in mir brannte, da diese Anrede von meiner Mutter zum erstenmal verlesen ward. Beim eigentlichen Abschiede bezog sie sich auf die [209] schriftliche Haustafel, wie sie's nannte. Diese Hand, sie gab mir ihre Rechte, reich' ich dir nicht wieder, als in der Ewigkeit, nicht mehr beim Abschiede. – Dieß ist der Abschied, mein Sohn, das eigentliche Begräbniß. Wenn du wirklich von hinnen ziehst, wird nur der Paradesarg beigesetzt.

Von Minchen nahm ich Abschied, wie der Sommer vom Frühlinge; man merkt's nicht. Zehnmal dachten wir, es sey das letzte Lebewohl; allein es kam noch ein Lebewohl – und dann noch eins, bis eins, ohne daß wir's beide wußten, das allerletzte war. Wir hatten schon vorher verabredet, daß nicht Sie anIhn, sondern Er an Sie den ersten Brief schreiben sollte. Dieser erste Brief sollte an den guten Benjamin, um aus der Noch eine Tugend zu machen, zur Beförderung gerichtet werden, und der Brief an Benjamin sollt' eine Einlage eines Briefs an den Herrn Hermann seyn. Wie sehr wir über diesen Plan gedacht, kann ich nicht beschreiben. Er ist das Resultat von vielen Stunden. In diesem ersten Briefe sollt' ich meiner lieben Mine den Weg zeigen, an mich zu schreiben, denn da noch nicht ausgemacht war, welcher Universität wir anvertraut werden sollten, so konnte der Plan füglich nicht anders eingerichtet werden.

Die ehrlichen Jungens, die tapfern Griechen, hatten sich bei meiner Abreise versammelt, hielten sich gerade, Helm ragte vor, und alle sahen ihrem Könige nach, der avanciren und Student werden sollte.

Wir kamen gegen Abend in *** an, und für ein paar Leute, die sich in zehn Jahren nicht besucht, wohl aber, so oft sie sich nur reichen können, mit Gedanken, Geberden, Worten und Werken (wiewohl alles in Ehren, und wie es ein paar so klugen und so rechtschaffenen Leuten ansteht) gepfändet hatten, war der Empfang sehr freundschaftlich. – Wo bleiben Sie so lang, lieber Herr Pastor? ich hab' schon zehn Jahre auf Sie gewartet, sagte der Herr [210] v. G – und mein Vater wie aus der Pistole: eben so lange, einen halben Tag, den ich zur Reise nöthig hatte, abgerechnet, habe ich Ew. Hochwohlgeboren Briefe entgegengesehen. Hier eine Umarmung, und von der Frau v. G – ein tiefer Knix, vom jungen Herrn ein russischer, und von seinem Hofmeister ein französischer Bückling – und zwar so durcheinander, daß niemand wußte, wem eigentlich die Verbeugung oder der Scharrfuß gelten sollte. Nach diesem Zeichen der Wiedergeburt einer seit zehn Jahren verfallenen Freundschaft hätte man glauben sollen, es wäre zwischen Sr. Hochwohlgeboren und Sr. Wohlehrwürden alles berichtigt; allein es ging diesen beiden Leuten so wie Richtern, die sich zwar geeinigt haben, wer von beiden Kläger oder Beklagter, gewinnen oder verlieren soll? nachher aber über die Entscheidungsgründe, und die Gegengründe die Köpfe schütteln, und zuweilen an einander stoßen, um ein Urtheil zu formen. Alle Augenblick war ein Knoten, den keiner von beiden lösen konnte, den aber auch keiner von beiden so geradezu spalten wollte. Ich muß gestehen, daß ich nicht viel von dem beherzigt, was diese beiden streitführenden Mächte mit ein ander ausgefochten. Ich weiß kein Wort weiter, als daß wegen Hut und Trift kein Wort weiter vorfallen sollte, und daß eine Koppelweide brüderlich verabredet wurde. Man ging Hand in Hand zur Tafel. Der Vergleich war zugesäet, wurde mit einem ächten Glase Wein aus einem Schäuer begossen, und trug noch den nämlichen Abend tausendfältige Früchte. Morgen, denn heute seh' ich alles über Bausch und Bogen, will ich meine Leser mit den Charakteren dieses hochwohlgebornen curischen Hauses und seiner Art bekannter machen, oder wie es mir eben einfällt, sie sich selbst bekannt machen lassen. Ich will versuchen, diesen Tag nachzuschreiben; wenn ich gleich nicht ein Verballexikon, einen Wörterkram, über das, was damals geredet ward, besitze, so habe ich doch ein sehr richtiges Reallexikon, und hier darf ich nur klopfen, und es wird aufgethan. Hausrath [211] ist bald angeschafft, wenn man liegende Gründe hat. Wäre dieser Lebenslauf kein Lebenslauf, hätt' ich von der Kanzlei des Sir Karl Grandison einen Kanzlisten auf zwölf Stunden zum Anlehen erbeten; allein einem Lebensläufe schlägt er's ab. Wo hätte ich aber, wenn Sir Grandison fiat wie gebeten gesagt hätte, wo hätte, ich dem Ehrenmann Ort und Stelle anweisen sollen? Im ganzen Hause des Herrn v. G – war zur Ehre des Hauses keine spanische Wand und keine Vorhänge, als vor den Fen stern, auch die nur gegen Mittag. Die Gespräche sind originalisirt. Wer's versteht, was ein Eid de credulitate ist, wird wissen, was ich sagen will, wenn ich behaupte nach bestem Wissen und Gewissen meine Leser behandelt zu haben.


Der Schauplatz

in unserm Schlafzimmer.


Dieses Zimmer ging gerade auf eine Wildniß, einen Haupttheil des – Gartens, wo sich ein Blumenbeet, welches wie ein verschönertes Wiesenstück aussah, an einer alten Eiche zu halten schien, um die kleines Gesträuch rings herum stand, als wenn's in die Schule ginge, und lernen wollte auch so groß zu werden. Es war alles wie Wiese und Wald, was man sehen konnte, und doch war's nicht Wiese und Wald. Die Blumen anders, und wenn sie gleich nicht in Reih' und Gliedern standen, waren sie doch in einer entzückenden unordentlichen Ordnung. Bäume hinderten das Auge nicht, den Wald zu sehen, und es fiel von oben ein reines Wasser, [212] wie ein starker Regen, und schlenkerte durchs Blumenstück, und aus ihm heraus, wie ein Betrunkener.


Personen.

Vater. Ich.

ICH. Guten Morgen, Vater.
VATER. Dank, Alexander. Wie im Edelhofe geschlafen?

ICH. Nicht wie im Pastorate. Blinde Kuh gespielt. Zugegriffen, nichts erhascht. Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. – Gewollt und nicht gekonnt.

VATER. Die erste Nacht am fremden Orte ist immer eine Brautnacht. Niemand schläft sie aus.
ICH. Wie kommt das?

VATER. Betten und Nester müssen nicht kalt werden. Ein neuer Bezug kostet mir zu Hause zwei schlaflose Stunden, ein neues Bett anderthalb Nächte.

ICH. Ich habe den neuen Bezug mit einer halben Stunde bezahlt, vom neuen Bette weiß ich erst seit sechs Stunden mitzureden.

VATER. Hätten wir keine Betten, würden wir nicht diesen Schlafzoll bezahlen. Es ist viel davon zu sagen. Wenn ja der Mensch nicht in sich selbst Wärme hätte, sollt' er nach Vorschrift der Natur auf Haarbetten ruhen.

ICH. Ich will's versuchen.

VATER. Wenn's nur nicht zu spät ist. Deine Mutter trägt die Schuld, daß dein Blut Federn kennt. Mich freut's, daß du diese Nacht so wenig mit dem Schlaf gezankt. – Wir haben beide gethan, als schliefen wir. Wer sich mit dem Schlafe überwirft, zieht immer den kürzern.

[213]

ICH. Aber mit einmal Aufstand machen, und dem Schlaf zeigen, daß man sein Sklave nicht sey. Was meinst du, Vater?

VATER. Recht! in allen Fällen; nur nicht, wenn ein neues Bett daran schuld ist. Der Schlaf kann nicht büßen, was unsere Weichlichkeit verschuldet hat. – Wer, wenn er schnell aufwacht, nicht gleich herausspringt, versteht nicht Winke der Natur. Der zweite Schlaf ist ein Postscript, das keinem Manne ansteht. Mittagsschlaf ist ein brennend Licht am Tage. Achtung, Alexander! Schlag an, Feuer! bist du heraus?

ICH. Wie Blitz!

VATER. Merk's dir ewig. Wer einen Fuß aus dem Bette setzt, und den andern nachholt, arbeitet auch nur mit halbem Kopf.

ICH. Wie kann's anders? Ich hätte mögen den Dr. Luther hören und sehen das Walt sprechen, und aus dem Bette fahren.

VATER. Er fuhr gewiß mit sechs.
ICH. Aber das Kreuz, das er schlug, wäre nicht nöthig gewesen.

VATER. Wer's vertragen kann, des Morgens und des Abends, kann's nicht schaden. Deine Mutter hatte die Gewohnheit zu kreuzen, wenn sie gähnte und den Mund hielt. Diese Kreuzschläge habe ich ihr so aus dem Grunde abgewöhnt, daß sie's nach der Zeit für Sünde zu halten schien, und den Schlagbaum des Mundes, um die vorigen Kreuze zu verbüßen, noch weiter aufriß, als es nöthig war. Das Kreuz war die gemeinste Strafe, womit man bei den Syrern, Aegyptern, Römern und andern Völkern einen Missethäter von der Welt brachte. Aus Schande ist Ehre geworden. Deine Mutter nannte dieß einen Triumph der christlichen Religion. Ein Kreuz ist ein Ritter- und Ehrenzeichen; es hat so was Edles in und an sich, als die liebe Sonne, die alles glänzend macht, was sie bestrahlt. Häng' es um ein schlecht' Gewand: [214] es übertrifft Purpur und köstliche Leinwand. Die Wappenkunst gehört zwar nicht zu Kanzelgaben; indessen rath' ich dir dieß Studium an, und da wirst du ein Andreaskreuz, ein Schächerkreuz, ein Ankerkreuz, ein Kleekreuz, ein Krückenkreuz, ein Lilienkreuz, ein Patriarchenkreuz und noch viele Kreuze kennen zu lernen die Ehre haben.


Eine Stille! Wir sahen beide zum Fenster, und jeder stieß eins wie auf's Kommando auf; – noch eine

Stille! –


VATER. Hast du gebetet?

ICH. Zweimal angesetzt, einmal vollendet. Aber keinen Morgensegen, denn ich habe nicht geschlafen. Ich kann dem lieben Gott für nichts danken, was ich nicht auch empfangen habe. Die sagen können: Wir danken Gott für seine Gaben, die wir von ihm empfangen haben, wenn sie vor Hunger sterben möchten, sind, denk' ich, Schmeichler, Heuchler, Schriftgelehrte und Pharisäer.

VATER. Zum Dank hat der Mensch, wie zum Trost, immer Gelegenheit. Auch das größte Unglück ist nicht so groß, daß man sich nicht noch ein Stockwerk drüber denken könnte. Der Armbruch ist nicht so arg als der Halsbruch. Viele Leute aber glauben freilich, so mit dem lieben Gott umzuspringen, als mit ihres Gleichen. Herz, Ehrlichkeit ist das, was Gott angenehm ist; ich denk', er verzeiht hundert Flüche eher, als ein Gebet und Lob von dieser Weise. Er will eigentlich nur die freudige Empfindung über das Gute, das wir gethan haben. Versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere. Thue was Gutes, und du betest – die ganze Natur betet und singt und die Raben selbst nicht ausgenommen. Siehst du einen schönen Abend, einen schönen Morgen, so fehlen nur Worte zum Gebete, und die sind nicht nöthig. Leute, die es auf bloße Worte anlegen, zaubern im eigentlichen Sinne; sie betrügen die Umstehenden, und erwerben sich Almosen, das nicht [215] immer ein Stück Brod und ein Vierting ist, sondern auch ein Bückling, ein Ehrenwort seyn kann, »das ist ein frommer Mann.« Es hat weise Heiden gegeben, die dafür hielten, man sollte laut beten, damit Gott nicht mit unklugen Bitten belästigt würde; allein die Herren mögen es mir verzeihen. Gott ist unser Vater, und wir können ihm alles sagen. Wir bleiben gegen ihn bis an's Ende kleine Kinder. Wir sollen Gott lieben! Liebe ohne Aufopferung von der geliebten Seite ist schwer zu denken. Gott opfert sich, wenn er uns Gutes thut, nicht auf. Es kostet ihn keine Mühe, wenn er Früh- und Spätregen und fruchtbare Zeiten gibt, wenn er uns die Hand reicht. Es wäre also nur Ehrfurcht, was wir gegen ihn hätten, wenn wir nicht beten dürften. Das Gebet hilft uns zu einer Liebe, die anders ist, als alle Lieben in der Welt. Christus hat die Lehre vom Gebet so vortrefflich abgehandelt. – Betet im Glauben; bestimmt nicht; laßt's Gott über. Plappert nicht; betet im Kämmerlein.


Mein Vater betete das Vater unser und sah zum Fenster, und ich betete mit; wir beteten sehr laut.

ICH. Das war gebetet.
VATER. Amen.

ICH. Viele Leute schämen sich, den lieben Gott auszusprechen. Sie sagen: der Himmel. Ich sag' ja nicht Mitau, wenn ich den Herzog meine. Einige sagen: die Vorsicht, das sind mir schon die rechten, nicht wahr, Vater?

VATER. Nicht immer wahr. Da muß man sehr duldend seyn. Ich sage gern, herzlich gern heraus: Gott, mein Gott, und freu' mich, daß ich nach meiner Religion darf. Andere Leute mögen andere Weisen haben. Man nennt oft nach der Hauptstadt den Hof, der Wiener Hof – ich werde bei meiner Weise bleiben.

ICH. Und ich auch in Ewigkeit.
[216]
VATER. Eine Nacht gewach macht munter. Wir werden beid' einen herrlichen Tag haben.

ICH. Ich dacht', es wäre des ersten Ausflugs wegen. Der erste Ausflug aus dem Neste muß Alten und Jungen was Angenehmes seyn. Du verstehst mich – nach dem lieben Gott bist du mein Vater.

VATER. Sey gut, Alexander, und das wirst du seyn, wenn du Gott von Herzen Vater nennst.


Vater. Tafeldecker. Ich.

TAFELD. Wünsch' unterthänigen Morgen.
VATER. Guten Morgen, guter Freund.
TAFELD. Gnädiger Herr und gnädige Frau und gnädiger Junker bitten zum Thee.

VATER. Gleich – aber, lieber Freund, das Wasser hier ist von gestern. Nur Thee fehlt, so ist's Theewasser. Können wir nicht kaltes, frisches Wasser –

ICH. Mit Eis, wenn's angeht, ich hab' vom Eiskeller gehört.
TAFELD. Wird nicht gut thun.
ICH. Ich bin's gewohnt, Eis im Wasser, Speck im Kohl, Ehr im Leibe, Gewissen im Herzen.
TAFELD. Das sind vier gute Schüsseln, wollt' ich sagen, ja, ich weiß nicht was? bin der Tafeldecker.
ICH. Herr Tafeldecker, ich bin sehr hitzig auf's Eis.
TAFELD. Sollen haben. Geht ab.

VATER. So oft ich taufe, ärgre ich mich, daß wir nicht untertauchen. Das wäre was für Leib und Seele.

ICH. Wenn wir so mit dem Feu'r umspringen könnten, Vater! wenn wir so die Sonne wie ein Kaminfeu'r ansehen, und, wär' sie näher, herantreten könnten, ohne von der Flamme ergriffen zu werden –

[217]

VATER. Die offenbare See –

ICH. Ich möcht' mich doch da eher baden, als die Hände dicht am Sonnenkamin wärmen. Was auf der Erde ist, gehört uns, hast du mich gelehrt –

VATER. Das erste Feuer auf der Erde muß eine schreckliche Wirkung auf Menschen und Vieh gemacht haben. Ein Blitz schlug's vielleicht an, und die Menschen unterhielten ein heiliges Feuer, deß; sich jedes bediente, bis sich's jedes selbst anschlagen lernte. Der Mensch hat sich ohne Zweifel vorgestellt, die Sonne wäre herabgekommen und wandle unter uns.

ICH. Eine große Vorstellung!

VATER. Ich vergebe den Heiden, daß sie die Sonne angebetet. Sie ist eins von den großen Lichtern, die im Saal Gottes brennen. Wir haben sie noch so ziemlich aus der ersten Hand; in wenig Minuten ist der Strahl auf der Erde.

ICH. Ich wünscht', ich hätt' das erste Feuer auf Erden gesehen.

VATER. Auch ich; ich denk', der erste Feuerlärm ist die Ursache, warum wir noch immer ins Feuer sehen, wo wirs finden. Wir feiern das Fest des ersten Feuers. Kaminfeuer verdirbt das Auge, sagt man, und was thut denn der Rauch der Oefen? das Unwürdigste, was je die Menschen erdacht haben, höchstens für schwangere Weiber gut. Der Kreißstuhl steht am Ofen. Ich bin kein Republikaner, allein ich bin ein Mensch. Kein Mensch, der sich frei fühlt, sollte einheizen und sich die Haare stecken oder sie kleben. Wer nicht mit der Hand in die Haare kann, und mit unverwandten Augen ins Feuer sieht, und sich Feuer zu machen versteht, ist wenigstens kein Engländer. Ich bin für den monarchischen Staat, das weißt du, allein auch da gibt's Freiheit. Du weißt die Fabel vom Prometheus?

ICH. Dem Feuerdieb, ja!

[218]

VATER. Man läßt es nicht, ins Feuer zu sehen, und wenn man seinen Augen drüber einen Bund macht, so sieht man nicht, man schielt, man stiehlt – die Thiere selbst machen große Augen und staunen das Feuer an. – Wie ich mich freue, wenn ich Spuren der Natur finde, das ist unbeschreiblich; ich denk' immer Gottes Finger zu sehen, wenn ich Natur sehe.

ICH. Ich sehe Gottes ganze Hand.

VATER. Junge! Tausendmal hab' ich gedacht, mein Ebenbild! nur etwas rauher, dünkt mich. – Schadet nichts, du bist in Curland geboren und ich in einer bessern Gegend. Du jung, ich – alt. Söhne, die der Mutter ähnlich sind, bekommen ihre Fähigkeiten und Neigungen, allein in höherm Maße. Sie sind Birnäpfel, ich würde sie alle zu Geistlichen bestimmen. Sie haben bis zum Papst Anlage, nur keinen Schuß vertragen sie. Hättest du etwas, Alexander, von diesen Wachsjungen, ich gäbe was drum.

ICH. Und warum, Vater?
VATER. Das eine Frage! du sollst nicht mit Feuer, sondern mit Wasser taufen.

ICH. Gott braucht auch Luthers im Dienst, nicht bloß Melanchthons, Vater! Ich wette, Luther sah seinem Vater ähnlich, wie ich dir, und Luther, das wett' ich auch, wär' ein so guter Generalfeldmarschall geworden, als er jetzt Glaubensvater ist, und hätt' so gut Sieg' erfochten, als einen Katechismus geschrieben.

VATER. Es würde manchmal gut seyn, wenn sich ein Geistlicher mit einem Narren von Freigeist herumschießen könnte. Gewiß würd' er mehr durchs Pulver als durch Gründe frommen, besonders in Curland, wo alles nach Pulver riecht – allein wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen –

ICH. Mit Dreien nehm' ichs auf – ich meine mit Freigeistern, sonst weiß ich auch, wer Herz hat.

[219]

VATER. Feigheit fällt in alle fünf Sinne, man steht sie im Finstern. Einen muthigen Mann kennt man nicht so leicht. Er trägt nicht Spieß und Lanze. Gemeinhin sieht er blöde aus. Seine Miene ist sanft und edel; wenn er spricht, ist's, als spräche man mit einem Frauenzimmer.

ICH. Wer hat, darf nicht borgen.

VATER. Ein muthiger Mann ist ein vermögender Mann, und darum braucht er kein Creditkleid, keinen Empfehlungsbrief. – Er ist überzeugt, daß es ihm nicht fehlen könne. Muth ist ein edles Bewußtseyn, von dem einige Leute sehr einfältig sagen, er sey anzusehen. Stolz ist anzusehen, allein kein edles Bewußtseyn –

ICH. Wie kommt's aber, Vater! daß auch den Herzhaftesten der Muth zuweilen verläßt, und daß er nach einer Zeit wieder muthig wird?

VATER. Weil er krank war und wieder gesund wurde! das ist aber eine Krankheit ohne Namen, etwas Kolik ist immer dabei. – Ost kommt's, weil der Held mit einer Schlafmütze sein Haupt bedeckt hat, da er eben angegriffen wird. Er sollte selbst im Hute schlafen.

ICH. Im Hut oder im bloßen Kopf. – Vater, ich will dein Sohn nicht seyn, wenn ich je anders zu Bette gehe.

VATER. Du warst Alexander! jetzt bist du es nicht mehr, kannst es nicht mehr seyn, mußt es nicht seyn! Ich dacht' anders und Gott dacht' anders. Setze immer eine Schlafmütze auf und bekämpfe dich selbst, dann hast du Muth, auch ohne den Degen in der Faust und im Schlafrock und Pantoffeln. Muth braucht man, wie Salz, zu allem, und beim Kammertod mehr als auf dem Bette der Ehre, wo Wuth und Verzweiflung oft die Herzhaftigkeit einfeuert. Dieß ist ein eingeheizter Muth. Ist der Ofen kalt, ist alles kalt.

[220]

ICH. Ich weiß, Vater, wie ich das Loch hier am Kopf kriegte, was es heiße, auf dem Bette der Ehre ein Loch kriegen, und wie ich krank war, was ein kalter Ofen heiße. Das Loch war mir weniger, als wenn ich mir das Hemde vorbei ins Fleisch gestochen. Ich wollt' drüber was Schriftliches aufsetzen, so weiß ich's. Sich selbst bekämpfen, Vater, und eine Hopfenstange seyn, ist doch zweierlei.

VATER. Sich in wagerechten Stand setzen und immer im Gleichgewicht halten, ist unmöglich. Wer nicht Leidenschaften hat, ist kein Mensch. Unser Herr und Meister jagte Käufer und Verkäufer aus Gottes Tempel. Wer im Sitzen schelten, und wenn er sich stößt beten kann, ist ein Mensch, mit dem ich nichts zu theilen haben will. Ich werd' gewiß betrogen. Ich hab' mich als Pastor zu dem »daß dich der Tausend« bequemen müssen, »daß dich der Teufel« sagt man, soll gesunder seyn. Es soll wie ein Glas Wasser abkühlen. Die Natur kühlt sich auch durch Donner und Blitz. Um dem Teufel nicht so viel Ehre anzuthun, sollte man ein ander Wort erfinden. Es kommt alles auf Begriffe an. Augustinus und Lactanz konnten sich nicht überreden, daß die Erde rund sey, weil sie die Schwere der Körper nicht kannten und –

ICH. Vater, was du mir sagst, ist mir, Augusti nus und Lactanz ausgenommen, so bekannt, als ob ich's gewußt hätte, und doch lernte ich's erst.

VATER. Das ist der größte Beweis der Wahrheit. Der Vers ist gut, den man auf einmal behält, und eine Sache, die, wenn wir sie gehört, uns so dünkt als hätten wir sie schon zuvor gewußt, ist gewiß wahr.

ICH. Du bist mir Philippus und Aristoteles in einer Person.

VATER. Wenn man den Kindern auf alle ihre Fragen antwortet, [221] kurirt man sie durch Aderlassen. Man macht sie schwach. Wenn du A frugst, antwortete ich B, und hierdurch gewöhnt' ich dir ab, zu fragen, und an, selbst zu denken. Wer immer in seiner Jugend gefragt hat, fragt auch, wenn er alt wird. Hättest du noch einen Bruder gehabt, hätt' ich ihn negativisch erzogen, und ihm nicht gesagt: hier geht der Weg, sondern: hier geht er nicht. – Wenigstens, Alexander, hast du einen mündigen Ausdruck. Du bist ein Mensch, der bei der Natur in die Schule gegangen, ein Stück vom Seher! – Wer bloß die Alten liest, ist ein Gläubiger; du kannst sie auch zur Noch lesen, diese erste Version der Natur. Laß uns jetzt gehen – der Thee ist schon erwünscht kalt.

ICH. Vater, ich möcht noch zehn Stunden hören.

VATER. Und ich bin lang' nicht so ein Vielwisser gewesen wie heut, und auch du umfassest alles, du sprichst so behend, und jedes Wort ist Schach dem König. Das machen die neuen Betten und die Nacht ohne Schlaf.

ICH. Noch eins, Vater: ha, Wasser!
VATER. Ströme! desto besser, für dich einen und für mich auch einen – –

* * *


ICH. Das noch eins hab' ich nicht ersäuft; die gnädige Frau ruft mich Monsieur.

VATER. Besonders daß Monsieur bei den Deutschen zwei Pfund weniger als Herr, und Mamsell zwei Pfund mehr wiegt als Jungfer.

ICH. Immerhin, Vater! Ein Franzose mag ein Monsieur seyn, aber nicht ich. Zwei Pfund weniger oder mehr, ich ehre das Wort Jungfer.

VATER. Ich auch, Alexander, und auch darum mit, weil es sich rein hält und mit keinem Reim in Gemeinschaft tritt. Das [222] sind für mich königliche Wörter; sie geben sich nicht mit erst was ab.

ICH. Wer meine Schwester –
VATER. Wenn du eine hättest!

ICH. Mamsell hieße, der sollte eine Ohrfeige mit dieser Hand haben, oder ich will Monsieur seyn. – Und immer in der dritten Person spricht die gnädige Frau. Wird Monsieur nicht haben wollen, will Monsieur nicht ein Glas Bier? Bin ich denn kein Du oder Sie werth! Kann sie mir nicht grad' ins Gesicht sehen, wenn sie mir zuspricht. Warum stößt sie denn nicht das Glas mit mir an. Sie schielt nur von der Seite herab. Gottlob, daß sie nicht mit Er herumwirft, ich wüßte nicht – Vater! – Wenn fängt man denn an, Literatus zu seyn?

VATER. Es ist nicht überall gleich. Im Mitauschen Kreise früher, im Bauskeschen Kreise später, im Seelburgschen Kreise noch später, im Doblehnschen Kreise früher als im Mitauschen, und so weiter durch alle Kreise.

ICH. Ihr Mann, Vater, hätte verdient den linken Flügel meiner Phalanx zu commandiren. Zum Parmenio. Vater, nicht wahr? Er weiß doch, was einem seligen Alexander zustehet. Von ihr, dünkt mich, kann's heißen: ihr Wurm wird nicht sterben, und von ihm: sein Feuer nicht verlöschen.


Im Garten.


Die Frau v. G. Die Vorigen. Herr v. G.


FRAU v. G. Sehr erfreut, Herr Pastor – Wohl geruht? Ich bitte Platz zu nehmen. Herr v. G. hat einem Sperling das Leben abgesprochen, und ist unten, ihm das Wort zu halten. Monsieur, bitte zu sitzen – Ohne Umstände. Gartenfreiheit! da sind wir alle gleich.

[223]

ICH. Vom Paradiese her.


Mein Vater bückte sich bis ans Wort halten, ich

von Monsieur an.


FRAU v. G. Kaffee?
VATER und ICH. Unterthänigen Dank.
FRAU v. G. Thee?
VATER UND ICH. Gehorsamst.
FRAU v. G. Niemals?
VATER. Niemals, gnädige Frau.
FRAU v. G. Und warum?

VATER. Jedes Volk hat, was es bedarf, gnädige Frau, kann Original seyn, darf nicht Thee und Kaffee trinken.

FRAU v. G. Aber Wein?

VATER. Der ist vom lieben Gott fürs ganze menschliche Geschlecht eingesetzt, und dann, gnädige Frau! wächts nicht Wein in Curland?

FRAU v. G. Vielleicht würd' auch Thee und Kaffee wachsen.

VATER. Nimmer; und wenn es wäre: wie kann wohl die Natur mit Bohnen und Strauch die Absicht verbunden haben, die man jetzt damit verbindet?

FRAU v. G. Aber angenehm ist wenigstens Kaffee im Grünen?.
VATER. Warum nicht eine Mahlzeit aus natürlichen gesunden Speisen?
FRAU v. G. Es ist zu warm.

VATER. Des Abends. In Curland geht's mit dem Frühstück beinah wie in England, und das hat, ich muß gestehen, sehr viel Verführerisches. Alles kommt ungeputzt zusammen, wie bei einer Brunnenkur, und mit einem so freien unverfäschten Kopf, daß es eine Lust ist, gute Leute frühstücken zu sehen. Die Seel' ist so wie der Leib im Negligé, und wenn's früh ist, ist der Tag selbst so. Sein Schleier ist ein liebenswürdiger wonnevoller Anzug – nicht immer [224] aber, gnädige Frau! können wir in Pyrmont seyn, und den Brunnen trinken, und unsrer Seele und dem Tage bei der Toilette aufwarten. Wir haben Geschäfte: die Morgenstunde –

FRAU v. G. Ich halte Kaffee und Thee nicht für gesund.
VATER. Ich auch nicht.
FRAU v. G. Die Aerzte sind indessen getheilt –

VATER. So wie in allem, was die Diät betrifft, die ein jeder Arzt nach dem Schnitt seines Magens beurtheilt.


Ein Schuß; gehört und gesehen.

FRAU v. G. VATER. ICH. Der Sperling.

HERR v. G. einen todten Sperling in der Hand. Ha, willkommen im Grünen! Herr alter und Herr junger Pastor.

FRAU v. G. Gelt! Monsieur ist erschrocken.
ICH. Ueber einen Schuß?

HERR v. G. Er erschrickt über dich, und ich auch, gnädige Frau. Für erst bitt' ich Herr statt Monsieur! Wer nicht vor einem Schuß erschrickt, ist kein Monsieur. Sieh ihm ins Gesicht. Ist er erschrocken?

FRAU v. G zu mir. Sie haben gepredigt?
HERR v. G. Das heißt ein Seelenschuß. Ich habe Sie weit und breit rühmen gehört.
ICH. Ohne Verdienst und Würdigkeit.
VATER. Ew. Hochwohlgeboren –
HERR v. G. Herr Pastor, lassen Sie mir den Hochwohlgebornen weg oder –
FRAU v. G. Wenn der Herr Pastor sich's aber angewöhnt hat.
HERR v. G. So muß er's sich abgewöhnen.
FRAU v. G. Falls es ohne Mühe geschehen kann.
HERR v. G. Wenn's auch Mühe macht.
FRAU v. G. Das nenn' ich Zwang.
[225]
HERR v. G. Es hängt von Ew. Gnaden ab. Herr Pastor! Sie wollten von der Predigt sagen.
VATER. Wenn Sie sie gehört hätten, würden Ew. –

HERR v. G. Herr Pastor, ich bitt' – ich nehm's für ein heimliches Verständniß mit meiner Frau, wenn Sie nicht thun, was ich bitte, was ich will. – Wenn ich sie gehört hätte, würde ich –

VATER. Eine gute Suppe und einen guten Nachtisch gefunden haben. Ein paar schöne Lieder, die seine Mutter ausgesucht hatte. Die Predigt war nur, um zu versuchen, ob Stimme und Anstand – nur des Leibes Nahrung und Nothdurft wegen, wenn ich so sagen darf.

FRAU v. G. Ich würde bitten, sie im Grünen zu wiederholen.
HERR v. G. Warum nicht gar? Eine Predigt in die Kirche, eine Pfeife Tabak im Grünen.
ICH. Ich glaub' auch, ich würd' im Grünen von der Natur überschrien werden.
HERR v. G. Recht! – schon warm Wasser getrunken?
VATER. Wir haben gedankt, wir trinken nur kalt Wasser ohne Gewürz, wie's Gott bescheert.

HERR v. G. Das ist brav! ich auch so – da siehst du, Frau! was brave Kerls sind Indem er den Sperling wegwirft. Ein Dieb weniger in der Welt.

VATER. Ein wahrer Dieb. Unstet und flüchtig, wie das böse Gewissen.

HERR v. G. Indessen kommt's auf Erziehung an, und der Sperling singt, wie einer der schönsten Sänger unter den Vögeln, Dieb würd' er freilich auch bei einer Sirenenstimme bleiben. Ich selbst habe Proben, und der Schluß ist richtig. Kein Vogel hat eine eigenthümliche ihm von Gott verliehene Singstimme, sondern [226] nur Flöt'traversansatz, Fähigkeit zu allem vögelmöglichen Gesang. Es kommt auf den Cantor an: wie die Alten sungen, so zwitschern nach die Jungen! – Wo ist Fritz mit seinem halbehrwürdigen Hofmeister geblieben?

FRAU v. G. Der Junker Der Aceent auf Junker. kleidet sich an. Der Hofmeister leistet ihm Gesellschaft. Sie haben sich das Längste –

HERR v. G. Der Jung' ist gut, nur nicht viel Herz, und das hast du Schuld.
FRAU v. G. Besser kein Herz, als keinen Verstand.

HERR v. G. Nichts geredet. Verstand ist des Herzens Spürhund. Ich kenne noch keinen beherzten Mann, der nicht mindestens fürs Haus Verstand hätte; aber verständige kluge Schurken kenn' ich dir so gut, als meine Kugel, Schrot, Wind-, Bürschbüchsen. Gewehr auf ein Haar. Ich weiß den Unterschied zwischen beherzt und gutherzig; allein Herz ist hol' mich – Herz. Es kommt alles auf eins. Du wirst dein Lebtag nicht einen beherzten Mann kennen, der nicht mitleidig, großmüthig, gutthätig ist, und sein paar Tropfen weinen kann. Verstand! Sieh doch! was ihr Weiber dieß Wort in den kleinen Mund nehmt. Dieß Wort ist mit Ew. Gnaden Erlaubniß generis masculini, oder wenn du es im Deutschen haben willst: Es hat Haar um den Bart.

FRAU v. G. Wird aber oft kahl geschoren.

HERR v. G. Einfall! Euretwegen aber wächst wieder. Ha, gnädige Frau, wie gefällt Ihnen meine Predigt in der freien Luft? Die Anwendung werden Sie selbst machen.

FRAU v. G. Sie ist gemacht.
HERR v. G. Darf ich wissen?

FRAU v. G. Mich dünkt, es zeigt wenig Verstand, Böses von seinen Kindern zu sprechen. Monsieur – der Herr – wollt' ich sagen, wird sich einen schönen Begriff vom Junker machen.

[227]

HERR v. G. Böses? sagt' ich nicht guter Junge –

FRAU v. G. Junge! Schon dieß Wort in gewisser Gegenwart, Auf die Bedienten weisend. ich denk' doch, er hieße so gut Herr v. – als Ew. Hochwohlgeboren?

HERR v. G. Es scheint, Ew. Gnaden wollen mein Schiff entern. Gehorsamer Diener, so nah sind wir noch nicht. Weißt du, was entern ist? frag's nach in Liban!

FRAU v. G. Entern hier, entern da, es schickt sich wenig –

HERR v. G. Albern! es muß sich schicken. Er ist Edelmann, weil ich einer bin, dabei ist wenig auf seiner Seite.

FRAU v. G. Der Adler ist darum Adler, weil sein Herr Vater einer war.

HERR v. G. Warum Adler; warum nicht Gans? so bleibst du in der Landsmannschaft – Adler! ha! ha! ha! Engel haben keinen Zunamen; Teufel auch nicht. Wenn nicht Zunamen wären, würden mehr Menschen seyn. Weißt du wohl, wie lang es ist, daß Zunamen sind. Der Teufel hol' den Schlingel, der sie zuerst aufbrachte. Man thut darum selbst nichts, und sieht vor oder hinter sich. Hat doch dieser und wird doch jener – In Curland besonders, in Curland ist ein Edelmann ein Erdschollen, glebae adscriptus, nicht wahr, Herr Pastor?

VATER. Ich hab's oft gesagt, da ist aber nicht der Edelmann, Curland und Semgallen sind Schuld. In diesem Fall hat ein Literatus den Vorzug, daß er, wie die Apostel, in alle Welt geht. Befällt ihn ja das Heimweh, er stirbt wenigstens nicht auf der Stelle, wo er geboren ist. Mit ihm ist's Komma, Kolon, Semikolon, mit dem Adel Punktum.

HERR v. G. Recht, Punktum, ein groß Punktum, man kann es einen Klecks nennen; da wo ich geboren bin und sterben werde, sind schon sieben geboren und gestorben, und mein Jung' wird den Punkt nicht verrücken.

[228]

FRAU v. G. Warum denn nicht?

HERR v. G. Will er nicht kann, und kein Curländer es kann. – Für ihr Vaterland Korn und Weizen säen, das ist alles, was in ihrer Macht ist. Darum Punktum! Punktum! Punktum!

FRAU v. G. Der Himmel gebe, du machtest Punktum, und wir singen was anders an.

HERR v. G. Mit dir, wenns Ew. Gnaden gefällt. Aber, Herr Pastor, wie kommt's, daß es mit gelehrten Leuten in gewisser Art nicht besser geht?


Die gnädige Frau ging beim Wort: gelehrten Leuten, sehr freundlich ab. Ihr Compliment für mich zeigte, daß ich Herr und nicht mehr Monsieur in ihren Gedanken war.


VATER. Sie haben Recht. Ein Gelehrter hat selten einen Sohn, der seinem Bilde ähnlich ist. Mit ihm fängt's an, mit ihm hört's auf; allein dieß gilt nur von Gelehrten majorum gentium, von halb Engeln; ganz Engel gibt's nicht unter Menschen, die Fleisch und Bein haben; Copernikus, Newton, Kepler, Leibnitz – –

HERR v. G. Das waren Kerls! dem Copernikus bin ich am gutsten, Gott weiß warum. Seinetwegen wünscht' ich ein Preuße zu seyn.

VATER. Es ist wahr, Copernikus schloß den Himmel auf. Es war ein Petrus, zu dem Gottes Stimme erscholl: ich will dir des Himmel reichs Schlüssel geben. – Newton aber war chargé d'affaires des menschlichen Geschlechts, im Himmel und auf Erden, und unter der Erden. Licht war sein Blick, und was er machte, das gerieth wohl. Kepler, ein Haushalter über Gottes Geheimnisse, Siegelbewahrer der Natur; und Leibnitz, ein Kammerherr unter ihnen, ein Mann, der allen allerlei war, der erfinden konnte, ohne Bleifeder und Schreibtafel in der Hand zu [229] haben, der, wie man von Newton erzählt, keinen Damenfinger, so viel ich weiß, verbrannt hat.

HERR v. G. Kein Mensch weiß von dieser Leute Kinder, und doch ist Nachruhm entweder gar nichts, oder Erbgut. Wer keine Kinder hat, thut thöricht, sich von fremden Leuten nachrühmen zu lassen: »Er hatte Verstand, er hatte Geld

VATER. Geld wirst keinen Nachruhm ab. Es trägt nur Zinsen, so lang man lebt. Ein Reicher ist, so lang er lebt, Souverain in diesem Jammerthale. Er kann sich alles kaufen, vielleicht gar ruhiges Gewissen und Gesundheit. Ist er geizig – und wo ist ein Reicher, der es nicht wäre? – wird er wenigstens seltener krank, wie ein andrer. – Kein epischer Dichter hat solch eine Einbildungskraft, wie er. Er genießt alles in der Einbildung. Kein Wunder, daß er sich nie den Magen verdirbt. Er sieht seinen Geldkasten an, und da steht er Wagen und Pferde, da steht er seinen Tisch mit allem Neuen vom Jahr besetzt – Leckerbissen und seine Weine! Das sieht man in keinem optischen Kasten, was der Geizhals alles steht. Hier ist der Hals übel gepaart, der Geizige müßte denn am fremden Orte seyn, wo es ihm nichts kostet. Geld sollte das Mittel seyn, um zu genießen; allein der Reiche hat gemeinhin Mittel, um sich neue Mittel zu erwerben, und am Ende Mittel über Mittel; allein keinen Zweck. – Im Tode heißts: »Sohn, du hast dein Gutes empfangen in deinem Leben,« es thut nichts, ob in Prosa oder im Gedicht, ob wirklich oder in Einbildung. Das Geld bleibt zurück, und wenn man ja an den seligen Herrn denkt, so heißt's der Geck! so schönes Geld! und ein so schlechter Keller! Mit dem Nachruhm des Gelehrten ist's eine andre Sache. Verstand trägt Zinsen bis an der Welt Ende. Newton hat keine Kinder nöthig. Jeden Gelehrten hat er über die Taufe gehalten, ist's ein Jude, hat er ihn beschnitten. Jeder seiner Schüler ist sein Sohn. – Ein Gelehrter dieser Art hat das [230] Glück, lauter wohlgerathene Kinder zu haben, es sind Seelenerben, die er mit Geist und Wahrheit nährt – Er darf weder Gastwirth, noch Schwertfeger, noch Fechtmeister, noch Wäscherin für sie bezahlen.

HERR v. G. Alles gut, lieber Pastor, was hat aber Newton und alle von seinem Gelichter davon?

VATER. Ein doppeltes ewiges Leben – in jener Welt eins, in dieser Welt eins. Ein Gelehrter, der sich seiner Unsterblichkeit bewußt ist, hat einen Beweis mehr in sich, daß er nicht aufhören werde. Diese Unsterblichkeit und jene Unsterblichkeit sind verwandt – und rechnen Sie dieß Bewußtseyn für nichts, ehe solch ein doppelt Unsterblicher den Weg geht, den alle gehen? Er lebt doppelt – schmeckt sterbend doppelte Kräfte der künftigen Welt.

HERR v. G. Pastor, es ist mir nicht anders, als wenn ich losdrücken will, und der Vogel stiegt davon – ich bin so nahe an der Ueberzeugung; allein weg ist der Vogel.

VATER. Ich bitte, lassen Sie ihn nicht stiegen.
ICH. Ich hab' ihn im Fluge getroffen, Vater!
VATER. Die Sache ist geistig, und will geistig gerichtet seyn.
HERR v. G. Bei gelehrten Familien laß ich den Nachruhm gelten.

VATER. Allein, in Wahrheit, er ist nicht andenkenswerth. Die Historie wird mit der Zeit ein Familienstück werden, und es wird heißen: dort linker Hand wohnt die Historie in sechs Häusern – die gelehrten Familien aber aus dem Fuß, wie wir sie bis jetzt kennen – vielleicht viel Vorruhm: allein desto weniger Nachruhm. Die meisten Menschen halten den Nachruhm für Nachhall: allein gefehlt! sehr gefehlt! Aufrichtig, ich kenn' bis jetzt keinen stiftsfähigen Familiengelehrten. Der Sohn lernt beim Vater das Handwerk aus, und hat Vorzüge beim Meisterwerden. Der Sohn [231] behält des Vaters Leisten, und alles ist nach väterlicher Weise. – Man nennt dieß Wissen: Familiengelehrsamkeit.

HERR v. G. Gelt! die ist nicht viel über eine Elle besser als Familienwitz.
VATER. In die Länge oder Breite.
HERR v. G. Wie ist das?
VATER. Gelehrsamkeit halt' ich breit, Witz lang.
HERR v. G. Dank für gute Nachricht.

VATER. Witz erfindet, Urtheilskraft behandelt. Wer Witz hat, kauft den Acker. Wer Urtheilskraft besitzt, theilt die Felder ein, säet und umzäunt. Der Witzige vergleicht, der philosophische Richter verknüpft oder trennt. Der Witzige macht allem, was schön ist, die Aufwartung. Der Philosoph ist für Verlobung und Beilager, und was er zusammengefügt hat, soll der Witz nicht scheiden. Der Mensch ist stumpf, heißt: er hat nicht Witz. Der Mensch ist dumm, heißt: er hat nicht Urtheil.

HERR v. G. Setzt man nicht Kopf dazu, Dummkopf, Stumpfkopf?

VATER. Ja! allein sehr unrichtig. Man entweiht den Namen Kopf, denn er deutet Scharfsinn an. Das ist ein Kopf, heißt: er ist scharfsinnig. Er ist kein Kopf, heißt: er ist es nicht.

ICH. Aber, Vater, wenn man von einem Kinde sagt: es hat einen Kopf?

VATER. Ein Kopf seyn, und einen Kopf haben, ist zweierlei. Beim Kopf seyn, fingirt man sich, der Mann sey lauter Kopf, a potiori fit denominatio. Einen Kopf hat jeder.

ICH. Aber, Vater! in welchem Jahr stellt sich denn der Scharfsinn ein, und wenn kann man von einem, der einen Kopf hat, sagen: er sey ein Kopf?

VATER. Nicht an der Mutter Brust, allein oft früh, oft später.
[232]
ICH. Also, Gottlob! kann auch Kind und Jüngling Kopf seyn?

VATER. Allerdings! in Hoffnung! man sieht, was die junge Seele werden wird, so wie im Frühling die Ernte, des Morgens den Tag! Die meisten Knospen haben den Geschmack der künftigen Frucht.


Hier machten wir uns alle drei Complimente, und stießen die Köpfe im Guten an einander. Der geneigte Leser wird mir diese Stöße gern erlassen. Es würde auch unartig gewesen seyn, wenn einer dem andern den Kopf abgesprochen hätte.


VATER. Gedächtniß, Schärfe der Sinnen, sind beim Witz und Urtheilskraft Gesellschaftskavaliere, Sekretärs, Haushofmeister u.s.w. Verstand hat dasVotum decisivum.

HERR v. G. Gott ehr' mir den Witz, weil er zu lachen macht; das Klügste, was die Menschen können.

VATER. Ueber Witz lacht man. Die Urtheilskraft aber macht seelenfroh. – Die Seelenfreude ist eine ganz besondere Freude. Man kann hiebei auf seine eigene Hand, wie ein König, vergnügt seyn. Dieß ist der einzige Fall, da man sich auch ganz allein einen geistigen Rausch antrinken kann. Der Witz liebt Gesellschaft. Bei der Urtheilskraft erfreut man sich über die zurückgelegten Schwierigkeiten, wenn wirklich die Sache uns schwer gewesen. War sie uns leicht, so freut man sich der Leichtigkeit wegen, und macht sich selbst ein Compliment.

HERR v. G. Beim Witz muß alles wie von ungefähr kommen.
ICH. Alles ex tempore und pro tempore aus dem Ermel. Es blitzt, ohne baß man vorher Wolken sieht.

HERR v. G. Wenn ich vier Köche und Jungens ohne Zahl mit weißen Schürzen herumlaufen sehe, ehe die Flügelthüren zur Tafel geöffnet werden, sag' ich schon vor Tische: prosit. Mir [233] schmeckt es nicht. Auf Hochzeiten ess' ich am wenigsten; ich könnt' immer Medicin einnehmen, eh' ich zur Hochzeit führe. Ich denk', Herr Pastor! Witz und Vergnügen ist wie Vater und Sohn, und Vergnügen, wenn's gleich noch so viel kostet, muß so aussehen, als wenn es Geschenk wäre.

VATER. Jeder Einfall hat die Natur, daß er uns in der Erwartung betrügt; im gemeinen Leben gehört ein Gesicht dazu, Einfälle zu sagen. Es gibt Witz, der im Anfang nicht ausfällt, allein in der Folge wird man überrascht, und das ist der regelmäßigste, der beste. Er gefällt im Nachgeschmack; wir wußten nicht, wohin man uns führte; allein auf einmal ein schöner Platz. – Mancher Witz kommt von vorn, mancher von hinten, dieser ist englisch, jener französisch. – Wie die Seidenzeuge in England und Frankreich, so auch englischer und französischer Witz. – Der Engländer hat Baß-, der Franzose Diskantsaiten. Aus einem englischen Gedanken macht der Franzos ein halb Dutzend.

HERR v. G. Und der deutsche Witz?

VATER. Noch ist nicht viel von ihm zu sagen. Er soll aber, wenn uns Gott leben und ge sund läßt, die Tenorstimme haben, halb französisch, halb englisch. Witz müßte des Deutschen Erholungsstunde werden; Gründlichkeit, Ordnung, sein eigentliches Kopfwerk. Zwischen Einfall und Einsicht ist ein so großer Unterschied, als zwischen nachthun und nachmachen, zwischen Form und Materie, zwischen Ursache und Folgen. Ein Genie – stößt mich fort, ein Philosoph leitet mich. Unsere Kinder werden sehen und hören, was wir in Deutschland noch nicht sahen, noch nicht hörten.

ICH. Der liebe Gott verleih' uns Aug' und Ohr an Leib und Seele.
HERR v. G. Und bescher' uns auch was zu hören und zu sehen, mit Leib und Seele.

VATER. Wüßt' ich, daß meine Erwartungen mich nicht [234] trügen, ich würde wie Simeon sagen: Herr, nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren!

HERR v. G. Ich auch, obgleich ich eigentlich kein Diener Gottes, sondern des lieben Gottes Fröhner bin. – Wissen Sie, Pastor, was ich mir für Begriffe von Verstand mache? Vernunft ist major, Verstand ist minor, bei der Conclusio gehen Verstand und Vernunft paarweise.

VATER. Ich habe nichts dawider. Verstand urtheilt, Vernunft schließt. Vernunft ist Urtheil a priori, Verstand a posteriori.

ICH. Auf die Art ist Vernunft grob Geld, Verstand klein Geld.

HERR v. G. Was ist das aber für ein Ding, wodurch man heilige und unheilige Scribenten auslegt? – kann man's Witz nennen?

VATER. Witz, Herr v. –, allerdings Witz; allein Witz den man im Schlafrock sitzend, ein Knie übers andere gelegt, haben muß. – Eine Federmütze kann nichts dabei verderben. Witz, bei dem man so langsam geht, als wenn man einer Leiche folgt, und in Wahrheit folgt man einer Leiche.

HERR v. G. Lassen Sie uns aufräumen, Pastor, Sie sind ein Mann, der zum Menschen menschlich redet. Viele der Herren Philosophen haben da erst so einen Wörterkram, daß mir der Kopf darüber bricht, und was sollt' ich mir den Kopf über Worte brechen! Ueber Sachen mit Freuden. Man muß erst drei Jahre schweigen, ehe man ein Wort mitreden kann. Sie sind immer bis an die Zähne verschanzt. Sie sind die Priester, die lateinisch zu Werke gehen. Wir armen Leute wissen nur Amen und Gospodipomila. Sollte denn nicht alles, was gelehrt ausgedrückt wird, auch in der gemeinen Sprache Raum haben? Es kommt nur, dünkt mich, darauf an, daß die Herren Philosophen sich den Kopf [235] zerbrechen, anstatt daß sie ihn uns brechen lassen. Was ich sagen wollte, betrifft ein paar Worte: Naiv und Laune, meine Frau und mich. Sie braucht das Wort Naiv, ich Laune; allein was beides eigentlich sagen will, wissen wir, hol' mich der – beide nicht; ob wir es gleich gewiß so wissen, wie man das meiste weiß. So viel aber glaub' ich, daß man nur von einer Frau sagen kann, sie wäre naiv: von unser einem aber, wir hätten Laune.

VATER. Um Sie beim Wort zu halten, wenn man etwas Philosophisches, etwas Richtiges in der gemeinen Sprache sagt, ist man, dünkt mich, naiv. In Einfalt richtig denken und thun, heißt naiv seyn. Philosophie ohne Kunstwörter würde ich eine naive Philosophie nennen. Launig ist man, wenn man, ohne auf sich Acht zu haben, oder wenigstens diese Achtsamkeit merken zu lassen, spricht und handelt. Man kann auch durch seinen Anzug, durch die Farbe im Kleid Laune verrathen. Man könnte sagen, man wäre launig, wenn sich die Seele ohne Spiegel angezogen hat.

HERR v. G. Von der Laune auf die beste Welt. Wenn man dem Worte das Menschliche nimmt: könnte man sagen, Gott habe die Welt bei Laune gemacht. – Was will man eigentlich mit der besten Welt? Leibnitz hat keiner Dame den Finger verbrannt, sagten Sie, und ich sage, er selbst hat sich auch nicht die Finger verbrannt. – Ich wünschte von Herzensgrund, die Welt wäre die beste! Zu sehen ist's nicht.

VATER. Mit dem sterblichen Auge nicht, wohl aber mit dem unsterblichen. Leibnitz hat mit diesem Gedanken kein Licht anzünden wollen, er hat nur ein schon brennendes geschneutzt, oder höchstens ihm den Räuber genommen. Es brannte dieses Licht im Auditorio, wo vom Ursprünge des Bösen disputirt wurde, und dieß Zimmer wollte er helle machen. Mit diesem Schuß mußt' er das Ziel erreichen. Die Sache also war da, er wandte sie nur an. [236] Das Kleid war fertig, er setzte nur Knöpfe darauf, und zwar Knöpfe mit Gold besponnen.

HERR v. G. Aber konnte Gott nicht machen, was er wollte?

VATER. Warum sollt' er aber wollen, das Schlechtere dem Bessern vorziehen? So will kein lieber Gott. Es ist gewiß, daß der liebe Gott in seinem Verstande sich Risse von allen möglichen Welten machen könne; denn sonst würde man seine Erkenntniß verschränken.

HERR v. G. Concedo.
VATER. Ergebenster Diener.

HERR v. G. Ich kann ja über jedes einzelne Ding poetisch oder schön denken, ich meine, es von der Spreu reinigen, es sichten wie den Weizen, und das muß auch in der Summe angehen. – Ich kann mir vorstellen, wenn der liebe Gott dem Blitz und Donner keine Macht und Gewalt beigelegt, und Blitz und Donner bloß Gottes Feuerwerk wäre, daß ich's mit Wonne sehen würde, über die nichts ist. Ich liebe Blitz und Knall.

VATER. Ergebenster Diener. Also kann Welt über Welt gedacht werden.

HERR v. G. Aber gelt! Ein Gedanke, wie aus der Pistole. Können nicht zwei gleich gut seyn? So wäre nicht die beste, nur eine gleich gute da. – Können sie nicht al pari seyn, wie die Kaufleute reden?

VATER. Das will sagen, eine so vollkommen als die andere.

HERR v. G. Vollkommen! der Henker, Herr Pastor, nein, das will was anders sagen, wenn ich nicht irre. Ich bin nicht so roh, als mir das Haar auf die Stirn gewachsen, ich hab's gehegt; was soll mir eine höhere Stirn, als der liebe Gott wollte? Ich denke aber, vollkommen ist, wenn alles auf eins herausläuft, wenn viele Mannigfaltigkeiten unter Eine Regel sich wenden, diese mag seyn, welche sie will, Peter oder Paul. Es ist mir so als [237] ein monarchischer Staat: daß sich Gott erbarm; alles zu Einem. Ein Dieb ist, mit der Herren Philosophen Erlaubniß, vollkommen; ein Betrug ist mit der Herren Philosophen Bewilligung vollkommen. Es hat mir nie, unter uns gesagt, von den guten Herren gefallen, daß sie so was vollkommen heißen, indessen ist dem nicht also, Herr Pastor?

VATER. Im respektiven, nicht aber im absoluten Verstande. In diesem letzten Sinne stimmen die Philosophen mit Ihnen. Sie nennen etwas nur vollkommen, in sofern das Mannigfaltige den Grund einer Realität in sich enthält. Je größer diese, je größer die Vollkommenheit. Wie wollen Sie aber Realität von Realität als Realität unterscheiden?

HERR v. G. Wie ich alles unterscheide, durch zehn Dinge, die in jener nicht sind, und in dieser sind.

VATER. Schon ein Ding würde den Unterschied machen.
HERR v. G. Ganz recht.
VATER. In einer Realität setzen Sie Etwas.
HERR v. G. Eine Realität ist eine Eins, das Gegentheil eine Null.

VATER. Wenn Sie also zwei Welten von einander unterscheiden wollten, müßten Sie in einer etwas annehmen, was in der andern nicht wäre. In dieser wär' eine Null, eine Verneinung; in jener ein Eins. Realitäten unterscheidet man durch den Grad derselben, durch Größe und Schranken.

HERR v. G. Können denn nicht zwei Raritäten, oder Realitäten – ich wünschte, ich könnte bei der Eins bleiben – allein es läßt sich nicht – können nicht zwei Realitäten von gleichem Grade in ihrer Beschaffenheit sich von einander unterscheiden?

VATER. Nein, denn eben hierdurch würd' in einer etwas seyn, was in der andern nicht ist; hier eine Eins, dort eine Null. [238] Da haben Sie den Mangel, den Zaun, die Verneinung, und die Probe des Unterschiedes von Seiten des Grades.

HERR v. G. Ich verstehe so halb und halb; um es ganz und gar, durch und durch, oder das Netto provenü zu verstehen, würd' ich ohne Kopfschmerz nicht abkommen. In der besten Welt, der besten Welt wegen Kopfweh, das würd' ich der besten Welt, und die beste Welt es mir übel nehmen, ich könnte schon was drüber reden, schreiben aber nicht – das ist in meiner Sprache, zwar losschießen, nicht aber gut treffen. Nach meiner Art denk' ich, und mich dünkt, ich fasse die Sache wie den Stock, das ist beim Knopf: Gott ist das gütigste, das weiseste Wesen, und kann also nicht werden heißen, was diesen Eigenschaften nicht ähnlich ist. Ueber die Möglichkeit und Unmöglichkeit, denk' ich, ist keine Frage, denn die Welt ist da – ich sehe Sonne. Mond und Sterne, Fische im Meer, Vögel in der Luft, und den Menschen.

VATER. Recht! ganz recht! Sie fassen die Sache beim rechten Ende, und ich – ich weiß selbst nicht wo. Sie reden von der Leber, und ich plaudre aus der Schule. Wider Sie ist kein Zweifel, wider mich aber noch ein Berg. – Ein Philosoph des Alterthums meinte, ehe die Leiber waren, existirten die Seelen. Gott ließ die Seelen loosen, und was kann er dafür, wenn dieses oder jenes eine Niete zog. Indessen das Ende vom Liebe. Wenn ich unter Irrthum wählen soll, will ich lieber eine gütige Nothwendigkeit, als eine Freiheit, die das Beste verwirft.

HERR v. G. Herr Pastor, nur nicht auf den monarchischen Staat angespielt! Da haben wir gestern Halt gemacht, und ich möchte nicht gern meiner Liebe zur Freiheit durch einen monarchischen Thron zu nahe kommen lassen. Noch etwas Philosophisches, Herr Pastor! Wir wollen aber englisch Dame ziehen, und hin und zurückschlagen – ich will mich schon anstrengen. – Auf Ehre, [239] manches Wort von Ihnen, lieber Pastor, ist mir eine Nominaldefinition. – Heißt es nicht so?

VATER. Gehorsamer Diener, Herr v. –

HERR v. G. Aber, Pastor, sagen Sie, sind wir nicht ein Paar Verneinungen, ein Paar Nullen, ein Paar Narren gewesen, daß wir uns und so manchen Realitäten sieben Jahre, wenn's nicht mehr ist, den Rücken gekehrt? Ich glaube, wir hätten schon ein neu System, einen neuen Kalender in der gelehrten Welt während dieser Nullenzeit eingeführt. Ein immerwährender ist unter euch hochgelahrten Herren nicht möglich. – Lassen Sie uns einmal von uns selbst eins plaudern. Wir verdienen, daß wir uns eins versetzen, wir wollen aber das ganze Geschlecht zur Gesellschaft mitnehmen. Ich hab' es, glaub' ich, von Ihnen, wer gen Himmel fahren will, muß erst Höllenfahrt halten. Wer Gott erkennen will, erkenne sich erst selbst. Nosce te ipsum. Das ist die Lehre von Buße und Glauben.

VATER. Das Wörtchen ich ist ein Gemälde der Seelen! Es will mehr sagen, als Singularis. Es ist der Singularis im Superlativo. Ich ist natürlicher Werth, du, er, wir, ihr, sie, nur in so weit ich voraussieht. So lange es heißt ich, ist's recht, sagt man aber ich selbst, so ist man krank, und recipe: den Menschen von sich selbst abzuziehen. Bei der Noth meines Nachbars denk' ich an meine Sicherheit; wenn man den Nachbar wegen seines Eheprocesses beklagt, denkt man an seine Frau. Dem Reichen immer den ersten Stuhl; man könnte ihn, denkt man, doch wohl nöthig haben. Die Gegend aus meinem Fenster ist die schönste, das Landgut meines Freundes das schattenreichste. Ein Gereister lobt in seinem Vaterlande die Fremde, in der Fremde sein Vaterland. Die Faulheit ist oft der Sporn des Fleißes: die künftige Gemächlichkeit, nicht das Edle der Arbeit, treibt. Kein Sohn läßt den Vater begraben, ohne vorher die Nachlaßbalance zu [240] ziehen, und die Bücher zu schließen, und wenn auch der Verstand zuweilen Recht sprechen will, das Seihst vertritt ihm den Weg Rechtens. Je mehr man dieses ich versteckt, je mehr Welt hat man. Die Selbstschätzung besteht nur darin, daß uns andere nicht gering schätzen. Sogar, wenn man in Gesellschaften sich selbst tadelt, ist's verdrießlich; man will lieber mit einem Tubus nach Sternen sehen, und aus einem indifferenten Standpunkt die Welt betrachten, als andere Leute ich aussprechen hören. Man glaubt, dieses ich spotte uns nach, und mache uns Männchen. Der Mensch ist zum Tausch geboren, er möchte seinen Stand, seine Seele, seinen Leib, nur nicht sein ich vertauschen. – Wenn man ein Buch schreibt, kann man ich brauchen, ohne daß es so übel genommen wird, denn die größten Dinge sind durch Selbstbilligung entstanden. Diese wirst ein Licht auf alle Gegenstände, die uns beschäftigen. Wir haben einen heitern guten Tag durch dieses Licht. Es ist schade, daß die deutsche Sprache drei Buchstaben beim ich hat. Man kann aber, wie meine Frau zu sagen pflegt, bei allem erbauliche Betrachtungen haben. Beim Schmerz leidet das ch, ist man betrübt, leidet das i.

HERR v. G. Herr Pastor, ich habe noch nie vom ich so viel sprechen gehört, ohne daß man sich meint, als Sie. Ihr ich ist bloß Bild aller Menschen; das Selbst ist das Ziel, wornach wir alle schießen, mancher trifft in's Schwarze, mancher dicht bei, mancher weit davon. Aber darüber eine Erklärung: warum gehört zur Beobachtung sein Selbst Anleitung! Warum Kunst, sein eigener Zuschauer zu seyn? obgleich man sich vor der Nase hat.

VATER. Warum muß man die Alten lesen, um zur Natur zu kommen? Warum brauchen wir Dolmetscher, da die Natur doch Deutsch versteht?

ICH. Warum studirt man Medicin?
HERR v. G. Um kuriren zu können.
[241]

ICH. Und wenn wir nicht kuriren wollen, sollten wir Medicin studiren, um dem Arzte zu sagen, was uns fehlt.

HERR v. G. Fast dächt' ich, es wäre nöthig, und darum so viel Gräber, weil sich beide nicht verstehen. Der Doktor spricht aus dem Buch, der Kranke spricht aus dem Leben – jener Latein, dieser Deutsch.

VATER. Die Aerzte müssen entweder Menschen, oder alle Menschen müssen Aerzte werden.

ICH. Viele Menschen, denk' ich, Vater, besehen sich bloß, wie man sagt, er hat die Welt gesehen oder besehen.

VATER. Sie sind in einem Naturaliencabinet, in einer Bibliothek ohne Kenntnisse. Sie lassen sich alles zeigen; sobald sie heraus sind, weiß kein Mensch ein lebendig Wort, höchstens todte, wie ein Reise- Journal geschrieben.

HERR v. G. Ueberhaupt, denk' ich, ist das Reisen nicht die Art, Menschen zu kennen. Zu den meisten Reisenden könnte man sagen: bindet ihm Hände und Füße, und werft ihn in sein Vaterland. Der Mensch versteckt sich, so wie das Wild. – Kein Bild ist ihm ähnlicher, als das in der heiligen Schrift: »Adam versteckte sich unter die Bäume im Garten,« machte sich grüne Vorhänge. Er ward aus einem Freunde Gottes ein Wilder.

VATER. Ich glaube keinem Gereisten, wenn er von den Menschen spricht. Unsere meisten Reisebeschreiber zeichnen das Zimmer, wo sie abgetreten, die Wirthin oder ihre Tochter, den Herrn Wirth oder seinen Wildfang von Sohn. Eher wollt' ich aus dem Hervorgeruch der Apotheken, wenn ich vorbeigehe, schließen, was für Krankheiten in Stadt und Land gang und gäbe sind. Aus einem Wirthshause geht der Weg in die Welt, allein nicht in die Nation. Reisende, selbst Entdecker neuer Völker, sollten nur erzählen, was sie gesehen und gehört, was ihnen vorgekommen und vorgefallen, ohne Vor- und Nachklang; denn was thut man nicht[242] einem guten Einfall, einer Wendung, einem Lieblingsgedanken zu Gefallen. Dem Beschreiber sind keine Glocken zu gestatten; er muß nie läuten lassen.

ICH. So wär's wohl am besten, daß jemand aus dem Volke selbst das Volk beschriebe.

VATER. Ja, wenn er gereist ist, ohne an eine Reisebeschreibung fremder Länder gedacht zu haben, wenn er kein Amt und doch zu leben hat, wenn – und noch viele Wenns.

HERR v. G. Aber, lieber Pastor, um wieder an Ort und Stelle zu kommen, sind denn nicht alle Menschen Menschen, und hat man nicht alle, wenn man sich hat?

VATER. Wahr, gewisse äußere Dinge, Verzierungen, Schnitzwerk, Ein- und Ausgänge ausgenommen.
HERR v. G. Wer hat sich aber?
VATER. Jeder, der je die Menschen getroffen, hat in seinen Busen gegriffen.

HERR v. G. Indessen, denk' ich, ist's gut, zuweilen zu phantasiren, im musikalischen Verstande, und das liebe ich an den Nagel zu hängen; es versteht sich, an einen festen, der nicht reißt; bei sich nicht Feuer zu machen, sondern beim Nachbar essen zu gehen. Bete und arbeite, das heißt: lerne dich und andere kennen.

VATER. In einer sehr freien Uebersetzung. Alle Merkzeichen, wodurch man an den Tag legt, man gebe auf sich selbst Acht, man sey auf dem Observatorio, geben unsern Handlungen ein linkes, steifes, gebrechliches, bucklichtes Ansehen.

HERR v. G. Und der vornehme Mann will ohne dieß, daß man auf ihn, und nicht auf sich selbst Acht geben soll. Da denk' ich an das Irrlicht, von dem die gemeinen Leute erzählen, es ließe sich dabei eine Stimme hören: hier her, hier her! und wenn man sie befolgt, bumbs! liegt man im Sumpfe. Wie kommt's, lieber Pastor, wer mit Frauenzimmern umgehen kann, versteht es [243] auch mit Fürsten und Gewaltigen, und mit den Herren der Welt? – alle Welt sagt von ihm: er hat Lebensart.

VATER. Vornehme und Frauenzimmer haben sehr viel Aehnliches; sie wollen geschmeichelt seyn, und wir thun's gern, weil wir sie übersehen. Männer sehen auf das, was man von ihnen denkt; Weiber, was man von ihnen sagt. Wir huldigen dem Geschlecht, nicht der Dame; wir huldigen dem Amt, nicht Sr. Durchl. Lebensart ist Geschick schwere Sachen leicht vorzutragen, durch treffende Beispiele sie zu erleichtern, sie faßlich zu machen, ein Buch, anstatt es zu lesen, es zu durchbildern. Die Franzosen sind diejenigen unter Europens Nationen, welche Lebensart haben. Ihre Schriftsteller haben in der Philosophie nur die Bilder gesehen. Schönheit und Farben setzen eine Substanz voraus, worauf sie angebracht werden sollen. Schöne Wissenschaften ohne Philosophie ist Farbe ohne Leinwand und Pinsel. Der Verstand muß der Sinnlichkeit, und nicht diese jenem untergeordnet seyn. Er ist der Compaß, der die Weltgegend zeigt, das Schiff commandirt und ihm die Richtung gibt. Weltkenntniß heißt Menschenkenntniß, wie das Haus nach dem Herrn, und nicht nach Weib und Kind.

HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor? – Man führt die Weiber bei der Rechten, um sie obenan zu lassen. Unding! ich denke, Se. Durchl. zur Rechten, allein ein Weib müßt' uns zur Linken gehen, zum Beweis, daß sie Schutz bedarf, und daß wir sie begleiten oder beschützen. Es ist ein unnatürliches Compliment, sie an der rechten Hand zu führen. Bei der Trauung ist's, glaub' ich, nicht so!

ICH. Das Herz liegt ohnedieß zur Linken (ich dacht' an Minchen).

HERR v. G. Zumich, lieber Pastor, gehört auch Lachen und Weinen; das eigentliche Lachen, das Lachen mit Leib und [244] Seele, ist bloß dem Menschen eigen – ich halte viel aufs Lachen, und sind's fürs beste Digestiv.

VATER. Jammer und Schade daß wir gleicher Meinung sind, denn sonst würd' es doch noch was zu lachen geben. Ueber Wahrheiten muß man mit fröhlichem Munde, mit dem Munde der Wahrheit streiten. Alle Menschen, wenn sie sich malen lassen sehen freundlich aus, zum Beweise, daß dieß die beste Miene sey. Einem von Leidenschaften gefesselten Menschen vorpredigen, heißt: einen Galeerensklaven Glück greifen lassen. Ich hasse einen tapfern offenen Feind; ich verachte, was an sich keinen Werth hat. Die Art, Laster verachtungswerth vorzustellen, ist die beste. Wer es hassenswürdig macht, thut oft der Menschheit Schaden, und zieht Menschenfeinde. Der Mensch ist durch Hang zum Scherz geboren. Er hat viele, viele Thorheiten; allein die größte ist, wenn er sie zu wichtigen Dingen macht.

HERR v. G. Es steht nicht geschrieben, daß Christus gelacht habe; allein er nannte den Herodes einen Fuchs, und das setzt ein Lächeln zum voraus. Die Schrift spricht: der Herr lacht ihrer, ich glaube gar Pastor, es wäre nicht übel, auf der Kanzel selbst so ein Fuchswörtchen zu verlieren.

VATER. Dazu gehört mehr Geschicklichkeit, als ich praktisch glaube.
HERR v. G. Freilich muß es nicht der Herr Pastor G – seyn – die verdammte Traurede!

Als Adam hackt' und Eva spann,

Ei, wo war da der Edelmann?


Meine Frau kann, ohne Lebensbalsam in der Hand, daran nicht denken. – Ist's also nicht auf der Kanzel, so doch, wenn man herunter kommt – die ganze Natur lacht.

VATER. Nur nicht laut.
[245]
HERR v. G. Das kann doch aber zuweilen der Lehnsherr der Natur, um sich hören zu lassen.

VATER. Ich glaub' es selbst – und gute Menschen finden, daß, wenn sie fröhlich sind, alles um sie herum froh ist. Der Mensch lacht, wenn andere lachen, und oft noch lauter, als der, so den Ton angab. Die Traurigkeit des andern rührt; allein mit Schluchzen und großen oder Platzthränen können wir nicht dienen. Die Mitfreude, das Mitleid beweist, daß wir alle einen Gott und Vater haben, und alles, was Augen hat, kann sympathisiren.

HERR v. G. Jeden Menschen aber, lieber Pastor, kleidet das Lachen nicht; ich glaub', es gehört dazu, wie zu allem, Uniform, was ordentlich seyn soll. Einem kleinen dicken Mann steht's herrlich – das sollten sich die Luftspieler merken, und keinen langen, groß gewachsenen Menschen Possen reißen lassen.

VATER. Man freut sich, daß der kleine dicke Mann eben wegen seines lustigen Wesens so dick und fett geworden. Ein groß gewachsener Mann ist schon zum Beschatten, zum Anlehnen geboren; es ist eine Stange, an die sich der Feigenbaum und die Bohne schmiegt und ranket.

HERR v. G. Vernünftig lachen ist schwer.

VATER. Mich dünkt, vernünftig weinen noch schwerer. Vielleicht kann es jeder Mensch, wenn er gleich seine siebenzig erreicht, nur zweimal in seinem ganzen Leben; wenigstens hat der fürs menschliche Geschlecht ein größer Verdienst, der es zu lachen macht, als der Thränen preßt; indessen ist viel beim Lachen zu erinnern. Es entsteht aus einem Widerspruch. Man lacht, wenn jemand fällt, und sich nicht Schaden thut; besonders lachen dann gemeine Leute, die nicht feinere Widersprüche begreifen können. Man lacht über Kleidung, wenn Eitelkeit und nicht Armseligkeit zu sehen ist. Wenn jemand, der aufziehen will, wieder aufgezogen wird, und den Kürzern zieht, so, daß ihm zum Nachtheil der Vorhang fällt, [246] klatscht alles in die Hände. Ist's aber nicht Eitelkeit und armseliger Stolz, über armselige Ungereimtheiten sich zu ergötzen? Sollte man wohl darüber lachen, weil man klüger als ein anderer ist? Hier gibt's so viele Feinheiten, daß ich gewiß glaube, das Lachen sey die Probe vom Menschen; – wie und wenn er lacht, zeigt was er ist, obschon das Gesicht das Protokoll vom Charakter, und die andern Theile das Protokoll vom Temperament sind. – Scheint es Ihnen nicht auch, der menschlichste Mensch, der beste Lacher, begeht einen Widerspruch, wenn er über einen Widerspruch sich freut, das ist, wenn er lacht. – Jemanden mit weinenden Augen lachen sehen, ist ein schöner Anblick. – Ein Regenbogen ist's. – Schriftsteller, die Thränen mit dem Lachen kämpfen lassen, so, daß keines die Oberherrschaft erhält, treffen das Leben eines Weisen.

HERR v. G. Citronensaft mit Zucker. Ich für meinen Theil liebe nichts Sauersüßes. Es lebe das fröhliche Herz. Ist das Lachen gleich Widerspruch, auch da ist das Leben getroffen, wenn gleich nicht das weise Leben. Was ist in der Welt ohne Widerspruch? Sind doch bei uns im Sommer oft kalte Tage, regnet es doch, wenn wir ernten wollen, und doch ist diese Welt die beste! Wer mir selbst die heiligsten Sachen mit finsterer Stirne sagt, wird mein Herz nicht aufschließen, und hat's nie aufgeschlossen. Daher denk' ich, mit Ew. Hochwohlehrwürden Erlaubniß, richten die Herren Geistlichen so wenig aus. Der Pater von Sancta Clara hat mehr Gutes gestiftet, als zehn Kopfhänger.

VATER. Er lächelte noch seinem Todesengel entgegen, der ihn zum Demokrit abholte.
HERR v. G. Eine glückliche, glückliche Reise!

VATER. Betrübniß kommt gemeinhin aus dem hohen Begriff, den sich der Mensch vom Leben macht. Beim Schmerz leidet der [247] Leib, bei der Betrübniß die Seele, und wenn die Herrschaft trauert, trauert der Bediente mit, nicht aber umgekehrt.

HERR v. G. Ich denk' die Traurigkeit oder Betrübniß, oder was weiß ich, wie es recht heißt, kommt aus der gar zu großen Ordnung, die man sich vorschreibt.

VATER. Beide recht! Warum sagt man aber sein Geheimniß lieber einem unordentlichen guten Jungen, als einem abgemesseneren nach Maß und Gewicht, oder nach Grundsätzen, gut Handelnden?

HERR v. G. Weil jedes Geheimnis etwas Unordentliches, etwas Unregelmäßiges an sich hat. Ich hab' immer gedacht, Geheimniß und Wunder sind mit einander verwandt.

VATER. Warum wählt man den unordentlichen guten Jungen lieber zum Freunde?
HERR v. G. Weil er ein Freund fürs Geheimniß ist.

VATER. Und warum eine Mutter just den wildesten, aufgewecktesten unter ihren Buben zum Liebling, der Vater den gesetztesten?

HERR v. G. Die Weiber brauchen Leute, die sich balgen; die Männer Leute, die vernünftig eine Pfeife rauchen.

VATER. Ich wollte fragen und antworten; allein meine Fragen haben ihren Mann gefunden.

HERR v. G. Nun geb' ich Karten? was denken Sie von dem monarchischen Staat? – (daß dich! wie komm' ich auf den monarchischen Staat?) ich wollte sagen vom Despotismus der Empfindung?

VATER. Wir empfinden nichts, was nicht sinnlich ist – wer es sich gemächlich als Philosoph machen will, nennt dunkle Vorstellungen: Empfindungen, und anstatt sie zu entwickeln, thut er seine Augen nicht auf, sondern schlägt an seine Brust, und spricht: ich empfinde!

[248]
ICH. Gott sey dem Sünder gnädig –
HERR v. G. Und barmherzig.
VATER. Amen!
HERR v. G. Solch ein Empfinder kann doch nicht mit Recht behaupten, ich soll ihm nachempfinden.

VATER. Durch die Evidenz und öftere Wiederholung der Vernunftideen werden diese geläufiger, so, daß sie uns von selbst anwandeln. Wir kennen sie im Dunkeln. Diese Kette dunkler, hurtigfolgender Ideen nennen wir Empfindungen.

HERR v. G. Das laß ich gelten – und Ordnung, lieber Pastor?

VATER. Ordnung ist nur Mittel, an sich hat sie keinen Werth. Es ist das Schweißtuch, worin man das vergräbt, was man erhalten hat. Es ist ein Bücherschrank mit Glasthüren. Weiber müssen ordentlich seyn. Reinlichkeit und Ordnung, oder die Entfernung des Fremdartigen sind ihre Fächer. Die Weiberordnung muß aussehen wie gesucht, die Männerordnung wie in der Lotterie gewonnen, von selbst zugefallen. Ordnung ist übrigens bloß das Formale; daher kann man den größten Theil der Wissenschaften, ich hätte bald gesagt die ganze Philosophie, das Formale nennen.

HERR v. G. Wie kommt's aber, daß die Menschen die Formen höher schätzen als die Materialien?

VATER. Die Form gibt die Kunst, das Geschick, die Materialien die Natur. Jedes Kind schätzt den Vater höher als die Mutter, und den, der regiert, höher als den, der ernährt. Den Verstand hält man höher als die Sinnlichkeit, ohne die doch der Verstand unthätig wäre.

HERR v. G. Aber das Genie? wer schätzt es nicht höher als den Fleiß?
VATER. Fleiß und Kunst ist zweierlei.
[249]
HERR v. G. Zur Kunst gehört Fleiß.

VATER. Und Genie. Ein Verstand, der seine Erkenntnisse sinnlich zu machen weiß, ist für mich vorzüglicher Verstand; wenn er Sinnlichkeit den Verstandesbegriffen ertheilt, macht er sie anschauend, und ein solcher Verstand heißt ein gesunder Verstand.

HERR v. G. Und steht aus, wie alles, was frisch und gesund ist. Nicht wahr, er kennt keine Terminologie?

VATER. Er kocht freilich nicht aus der philosophischen Speisekammer, sondern nimmt's aus der Welt. Er gibt nichts Geräuchertes; Früchte, Geküche trägt er auf.

HERR v. G. Sinne sind die Bauern. Sie stehen zwar unter der Obrigkeit, indessen, wenn sie nicht wären? Ich ärgere mich, wenn man die Sinne wie das liebe Vieh nimmt und herabsetzt – bald hätt' ich mich verredet und gesagt: sie sind ja auch Menschen – Sie verstehen mich schon, Pastor.

PASTOR. Vollständig!
HERR v. G. Warum sind wir unerkenntlich gegen die Sinne?

PASTOR. Ich habe schon einen Grund angegeben; hiezu kommt, weil wir alles hassen, was uns unsere Freiheit raubt, und sie einschränkt. Gelt! das ist ein Grund für einen Monarchenfeind. Beinahe eben darum würd' ich allen Herren Moralisten, weß Standes, Alters und Ehren sie seyn mögen, anräthig seyn, die Tugend nicht in ihrer erhabenen Hoheit, im hohen Lichte zu zeigen, sondern liebenswürdig. Nicht als einen König im Diadem, sondern als ein hübsches Mädchen; denn selbst wofür wir Respekt zu haben verbunden, wird uns beschwerlich. Lieber bei Freunden, als Gönnern.

HERR v. G. Ich wenigstens kann auch das Laster nicht martern sehen, aber wie wir erst abvotirten – in der Narenkappe.

PASTOR. Das ist der wahre Standpunkt; denn der Mensch kann nichts weniger ausstehen als Spott. So denkt jeder, der gut [250] erzogen ist, oder eigentlich, der sich selbst erzogen hat. Wir sind beinahe wieder, wo wir ausgingen; fröhlich zogen wir unsere Straßen, fröhlich sind wir wieder zurück.

HERR v. G. Wo ich »Vivat das Lachen hoch!« rief. Es lebe! – Hoch! hoch! aber sagen Sie mir die Lustigkeit.

PASTOR. Die Lustigkeit ist die Fertigkeit im Lautlachen. Das Ueberlautlachen –
ICH. Ein Vivat höher als hoch, das höchste.

PASTOR. Sie ist mehr als Zufriedenheit; allein wer mehr Mittel, als nöthig sind, zur Glückseligkeit anwendet, ist der glücklicher? Ueber seine Bedürfnisse etwas haben, macht das reich? In der Sparsamkeit liegt so viel Stoff zur Glückseligkeit, daß es unaussprechlich ist. Ein Verschwender verzählt sich alle Augenblick in seinem Vergnügen; er wird in seiner Lust betrogen. Die Sparsamkeit hat Vor- und Nachgeschmack und Genuß – der Verschwender höchstens Genuß, höchstens Wollust für einen gegenwärtigen Augenblick. Die Lustigkeit ist was Convulsivisches, was Erschöpfendes. Ein Lustigmacher ist ein Mensch, der zu tausend Gerichten ohne Hunger und bei verdorbenem Magen verdammt ist. Da will ich lieber bei Wasser und Brod sitzen.

HERR v. G. Ich denk' aber, Pastor! wir leiden darum einen Lustigmacher nicht, weil wir ihn beneiden; wenn er sich zum Narren macht, stehen wir ihn aus, denn wir verlangen nicht, uns mit ihm zu vertauschen.

ICH. Ich glaube, weil wir ihn verächtlich finden, weil er unser Bild verächtlich macht, weil wir uns den Grad seiner Verzagtheit vorstellen, wenn es ihm übel ginge, weil seine Lustigkeit keinen Wiederhall abgibt. Schmerz und Freude sind gesellig; allein wenn sie das Mittelmaß überschreiten, werden sie uns unnatürlich. Wir wollen uns nicht betrinken, sondern nur trinken.

[251]

HERR v. G. Aber, Pastor, wie kommt's, daß die liebe Jugend so sehr auf Tragödien hält, das Alter auf Comödien?

PASTOR. Die Alten lassen der Jugend nicht die Maschinen sehen, durch welche die Oper der Welt gespielt wird. Um sich selbst bei ihr im Ansehen zu erhalten, müssen sie vieles bei Ehren halten. Ein jedes Mädchen ist dem jungen Menschen eine verwünschte Prinzessin, und er glaubt sie vom feuerspeienden Drachen zu erlösen, sie zu entzaubern, wenn er sie heirathet. Er sieht Vorfälle in der Welt, allein er sieht sie nicht in Verbindung.

HERR v. G. Wie ich jung war, dacht' ich, wie schwer muß es fallen, Herzog zu seyn; allein jetzt: man mache mich heute zum Kaiser, und ich wette, ich will Kaiser seyn wie irgend einer. Sie haben Recht, Pastor! Die Jugend fliegt, macht sich tausend Chimären. Sie kennt die Menschen zu wenig, drum setzt sie alles in Feuer und Flammen.

PASTOR. Wer bloß zusieht, findet Gaukeleien unerträglich; wer mit agirt, dem ist der Hanswurst ein allergnädigst privilegirter Witzling, eine bedeutende Staatsperson, und wo ist ein großes Haus, wo ein Hof ohn' ihn? – Man schafft hie und da Titel vom Hofnarren ab; allein die Hofwürde bleibt, und ich verdenk' es keinem großen und kleinen Herrn, der gut verdauen will, daß er sich ein Lachen bereiten läßt. Lachen ist das beste Desert. Am Ende kommt heraus, daß die Thränen ein Beweis von unsrer eingeschränkten Weltkenntniß sind. Wo die Jugend Schicksal sieht, schimmert dem Alter eigene Schuld hervor.

HERR v. G. Aber machen wir diesen Jüngling Auf mich zeigend. nicht zu klug? Geben wir ihm nicht die Waffen wider uns in die Hand?

PASTOR. Ich befürchte nichts. Talent und Verdienst des Verstandes ist so unterschieden wie Wissen und Thun. Insoweit der Verstand den allgemeinen und verhältnißmäßigen Werth der [252] Dinge schätzt und hiernach wandelt, heißt's: Verstand kommt nicht vor Jahren. So was muß Erfahrung lehren.

ICH. Oder bestätigen, Vater! Ich habe keinen Beruf zur Altklugheit. Ich denke, das heißt Klugheit ohne Erfahrung. Wie es mir vorkommt, muß man alt, wie ein Mann seyn, um einen Mann beurtheilen zu können – ich wollt' auch nicht meine Jugend verklügeln, um wie viel.

HERR v. G. Sie kommt freilich nicht wieder.
PASTOR. Der Frühling ist das beste Stück im Jahr.

HERR v. G. Und was ist's am Ende! Es ist ein elend, jämmerlich, kränklich Ding mit aller Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden. Das Alter und die Jugend sind krank. Das Alter ist hektisch, die Jugend hat das hitzige Fieber. – Die Lunge hat keine Nerven.

PASTOR. Besonders aber ist's, daß Leute, die vorzüglich im Trauerspiel weinen können, es selten bei Vorfällen des gemeinen Lebens thun. Sie haben sich verwöhnt; sie sehen im gemeinen Leben keinen König, keinen Kaiser leiden, und wer leidet so schön, als im Trauerspiel, wer so großmüthig! In der Tragödie sieht man eine Sonne unter Wolken; drei Ungewitter begrüßen sich um sie herum, und machen Allianz und verschwören sich. – Die Sonne aber, ihrer Größe bewußt, ruht, und dann und wann blickt sie auf, um die verwaisete, um ihre Königin bekümmerte Erde zu trösten. – Da ist ja schon ein Trauerspielsanfang. – Wer in der Comödie lacht, lacht auch im gemeinen Leben; denn wahrlich, wenn sie gut ist, trifft sie die Welt bis auf Coloritskleinigkeiten. Wenn man sich sehen lassen will, zieht man ein Feierkleid an. Wer will aber das Kleid, und nicht den Mann?

HERR v. G. Und endlich, Pastor, da wir einmal im Schauspielhaus sind, hab' ich gefunden, daß eine Tragödie im Lesen, eine Comödie in der Vorstellung gewinne.

[253]

PASTOR. Weil man zwar für sich tragisch und betrübt, nicht aber anders komisch vergnügt seyn kann, als in Gesellschaft. Eigentlich sollt' ein Lustspiel ein Spiel seyn, wo das Ende nach meinen Wünschen ausfällt, und so würd' auch manches Trauerspiel ein Lustspiel werden.

HERR v. G. Liebster Pastor, Dank für Ihren Unterricht. Nun was aus dem Roquelaurärmel.
PASTOR. Mannigfaltigkeit ist Reichthum.
HERR v. G. Ich glaube, der liebe Gott hat manches bloß der Mannigfaltigkeit wegen gemacht.

PASTOR. Schwerlich, obgleich wir bei vielem keine andere Summe ziehen. Ich liebe die Abwechselung, die Mannigfaltigkeit durch verschiedene Zeiten. Wer im Bett immer auf einer Stelle liegt, schwitzt ohne Bezoarpulver.

HERR v. G. Wenn man immer auf einerlei bleibt, wird man stehend Wasser. – Das glaub' ich sind, mit Ehren zu melden, alle Einsiedler und Weltflieher gewesen, und sind es noch.

PASTOR. In der Welt außerhalb der Welt seyn, das ist Weisheit. Ein Diogenesfaß in der Vorstadt und nicht in der Wüste verdient den Namen Auditorium. Ein beständiger Hunger nach Neuem ist eine Zeitungskrankheit, ein verdorbener, verzärtelter Appetit. Eine Kriegslist gilt nur einmal, eine Medaille bezeichnet einen Tag. Kann man aber nicht denselben Gegenstand von einer andern, und wieder von einer andern Seite, und von tausend andern Seiten sehen, ihn durch und durch ganz und gar sehen, und zeigt dieß nicht mehr Scharfsinn, als immer einen neuen haschen? Ein Gedanke, der an sich leicht und natürlich ist, den man endlich so oft sagt, daß ihn der gemeine Mann gefaßt hat, verliert von seinem Ansehen. – Feine Irrthümer sind ein Reiz für die Eigenliebe, man will nicht offenbare Wahrheiten, weil sie auf allen Straßen feil sind, man will Erkenntnisse; sind sie gleich ungesund,[254] wenn sie nur was kosten, und nicht gar zu gut Kauf sind. – Darum von einem aufs andere.

HERR v. G. Darum die Liebe zum Seltenen.

PASTOR. Mit der Seltenheit ist's, wie mit dem Magnet, was mit ihm bestrichen wird, zieht auch an. Ein Mensch, der viele Seltenheiten gesehen hat, wird auch für selten gehalten.

HERR v. G. Man sieht ihn indessen bloß wie Meerwunder an, man will nichts weiter als ihn sehen.

PASTOR. Man glaubt, er sey nur für Seltenheiten, und traut ihm nicht. – Noch mehr! Je mehr Bekannte man hat, je weniger Freunde findet man. Leute, die sich öffentlich zeigen, haben selten Busenfreunde. Wer das Publikum zum Freunde hat, hat wenige oder keinen Privatfreund.

HERR v. G. Man glaubt, daß die Herzensflügelthüren eines solchen Menschen schon zu oft auf- und zugemacht sind, als daß sie noch zusammenhalten könnten.

PASTOR. Bei Feierlichkeiten gehen die Menschen paarweise. Ich denk' Ein Weib und Ein Freund – das übrige dient nur zur Folie.

HERR v. G. Ich glaube, Pastor, das weibliche Auge, das einen jungen Menschen zum erstenmal electrisirt, ist sein Ideal der Schönheit, seine Venus, denn jeder hat seine. Die Liebe kommt auf einmal, sie wohnt parterre. Die Freundschaft steigt Treppen, und es gehören Jahre dazu, ehe ein Freund ein Freund wird. Ein Zorniger und ein rasend Verliebter sind stumm, keiner kann erzählen, was ihm fehlt. Sehen Sie, Pastor! ob ich nicht auch was weiß; über Freundschaft und Liebe könnt' ich schon zur Noth mitreden. Nun sind wir für mich an Ort und Stelle. Ich bin Ehemann und Freund, beides wie es sich eignet und gebühret.

PASTOR. Die Liebe ist Natur, die Freundschaft Kunst. Nase und Augen sind Natur, Stirn und Mund, und Hand und Fuß [255] sind zu Kunst geworden. Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht; allein er sucht viele Künste. Wir sehen einem Menschen, den wir wollen, ins Gesicht, vorzüglich in die Augen. Seine Affekte liegen auch im Naturtheil, und rings herum. Wer sich sehr verstellen kann, treibt sie nach unten, und immer zugleich in Hand und Fuß. Fuß und Hand sind wie Mann und Weib ein Leib; Fuß der Mann, Hand das Weib. Das Gesicht ist das Bild und die Ueberschrift der Seele. Um den Mund herum liegt die Mienensprache, zu fordern und abzuschlagen, um die Augen herum, zu bejahen und zu verneinen. Dieß ist die verehrungswürdigste Sprache, die alle Welt versteht, die auch ein guter Theil Thiere faßt. Mein Gott! Warum lernt man sie nicht mehr?

HERR v. G. Sie würd' uns das Herz abstoßen. Das ABC, was wir haben, ist schon so herzbrechend.

PASTOR. Es würde aber viele Kunst dazu gehören, um diese Natur auszuspähen. Ihre Probe wäre, daß sie von aller Welt gleich verstanden würde.

HERR v. G. So hat sie ja eine gleiche Probe mit dem Guten, nicht wahr? Da muß auch das Urtheil allgemein seyn? beim Schönen nicht. Was die Sonne am Himmel, das ist das Auge dem Menschen; indessen hab' ich gefunden, daß die Größe nicht immer gleich ist; ich selbst hab's bald groß, bald klein – oft Augenfinsterniß.

PASTOR. Wenn die Augenlider weiter aufgethan sind als gewöhnlich, ist der Mensch heiter – froh. Wenn er einen großen Gedanken faßt, sind die Augen nur halb offen, zum Zeichen, daß dieser Gedanke von innen komme, und daß man ihn da gern sehen möchte, wenn's möglich wäre.

HERR v. G. Aber wieder was von der Liebe, Pastor, mir zur Ehre, denn da habe ich Sitz und Stimme. Was ist hübsch?

PASTOR. Was ohne Reiz gefällt. Viele Mädchen haben [256] Reize, die nicht hübsch sind – bei einem hübschen Mädchen ersetzt die Natur, die Geschlechterneigung, das Fehlende. Reiz gehört zur Liebe. Rührung zur Furcht, zur Achtung.

HERR v. G. Ich glaube, das andere Geschlecht ist nie so häßlich als das unsrige: wer die Häßlichkeit nicht verzeichnen will, muß eine Mannsperson wählen, und doch flieht alles ein altes Weib. Einem alten Mann gibt man eher die Hand; wie kommt das?

PASTOR. Man vergleicht ein Weib mit Weibern, kein Wunder, wenn es verliert. Man lasse aber einen alten Kerl Weibskleider anziehen, wir bleiben länger bei Odem. Es geht uns länger nach der Männerweise, als ihnen nach der Weiberweise. Der Mann ist in einem Stück ganz gemacht, das Weib ist zusammengesetzt. – Es ist mit Deckel und Schraube.

HERR v. G. Kein Wunder also, daß es ein starkes und schwaches Werkzeug ist.

PASTOR. Sie haben Recht, in der Ehe ist der Mann gegen das Weib stark und schwach, wie man's nimmt. Daß er physisch stark gegen sie ist, zeigt der Augenschein; allein wer gibt nach?

HERR v. G. Ein gemeiner Mann schickt seine Frau, so oft es zu reden gibt.

PASTOR. Weil die Weiber eine natürliche, zum Herzen gehende Beredsamkeit besitzen, und an wen schickt er sein Weib ab? an Männer. Gewiß kommt aber der Mann selbst, wenn z.B. die gnädige Frau eine Wittwe ist, und den Gütern vorsteht. Eine gesunde gute Saat ist nicht hinreichend, es muß auch ein gutes Land seyn, wohin sie gestreut wird.

HERR v. G. Das läßt sich hören. Die Geschlechterneigung kömmt also mit in die Erklärung, und in tausend Fällen ist sie die Feder, die das Werk regiert. Warum aber, Pastor, sind die Weiber [257] stolzer wie die Männer? Meine ist es auf eine übertriebene Weise, aber im Grunde sind sie es alle.

PASTOR. Weil ihr Rang sehr zweideutig ist. Der Fürst ist gegen einen Grafen stolzer als gegen einen Edelmann. Ist des Mannes Rang dazu auch zweideutig, ist er z.B. ein neuer Edelmann, so ist ihr Stolz gränzenlos.

HERR v. G. Warum putzen sich die Weiber, wenn sie gleich schon an sich gefallen?

PASTOR. Nicht unsertwegen. Gegen Männer brauchen sie ihre natürlichen Waffen; andere ihres Geschlechts zu verdunkeln, andere zu überglänzen, darum der Putz.

HERR v. G. Pastor! das nenn' ich fragen und antworten wie gedruckt! wie abgeredt! und eben so als ein Buch, das frag- und antwortweise abgefaßt ist. Was ich über die Liebe gelesen und gedacht habe, ist viel; was ich gethan habe, ist wenig. Man denkt und liest von dieser Art das meiste in blanko (ich bin ein halber Kaufmann, das hören Sie wohl, ich handle und wandle wie wir eurische Cavaliere alle handeln und wandeln –). In blanko, wahrlich in blanko, denn wie es zum Ausfüllen kam, fand sich's, daß meine gnädige Hausehre eben nicht erdacht und erlesen war! Sie könnte besser seyn, – Pastor! dafür steh' ich del credere (da ist wieder der Libauer Kaufmann), daß man ohne Theorie heirathen müsse. Nur um des Himmels willen kein dummes Weib, denn wie die Mutter, so die Söhne, wie der Vater, so die Töchter.

PASTOR. Nicht allemal.
HERR v. G. Mutatis mutandis. Etwas ist immer da.

PASTOR. Eher haben die Großeltern auf den Geist der Großkinder Einfluß, auch der Leib ist mehr der Großeltern Abdruck. Hierüber habe ich Bemerkungen von besonderer Art gemacht. Oft ist der Körper auf ein Haar die Mutter, die Seele aber der Vater und umgekehrt.

[258]

HERR v. G. Mein Sohn – Zu mir. – den ich Ihnen empfehle, er selbst wird es schwerlich – ist die Mutter in meinem Jagdrock. – Der Jung' ist nicht ich. Was ist zu machen? Die Welt ist nicht die beste.

PASTOR. Die beste –
HERR v. G. Noch eine Frage, Pastor! warum ist meine Frau geizig?
PASTOR rückhaltend. Gehorsamer Diener!
HERR v. G. Warum sind die Weiber allzumal geizig?

PASTOR. Weil sie selbst nichts erwerben, und von Zinsen leben. Jedes Zinsenleben ist vom Geiz begleitet.

HERR v. G. Die Schlußfrage Wir hörten die Kommenden. warum sprechen Sie nicht Zu mir. mit?

ICH. Weil ein junger Mensch in Gesellschaft der Alten nicht anders als Secretär ist, der aufschreibt.


Da sehen meine Leser, wie es zugegangen, daß ich so viel behalten habe. Erst Sekretär! dann Rath! So geht es in allen gesitteten freien Reichsstädten. Jetzt wird es große Lücken geben. Ich kann nur wieder sagen, was ich gehört, und wiederholen, was ich selbst dazu beigetragen habe, also je nachdem ich gegangen, je nachdem ich gestanden, je nachdem ich gesessen.


Da ist der Herr v. W., seine Frau, ein kleines Fräulein. Mein Herr Schwiegervater, reitend beim Wagen, den Hut alle Augenblicke unterm Arm. – Herr v. G – und sein Haus, ihnen entgegen. Mein künftiger Herr Reisegefährte und sein Herr Hofmeister, die sich nicht lang mehr haben werden, schließen sich an. – Noch eine Ladung, und noch eine! noch eine! – ich armer Schreiber! wenn es anginge, wünschte ich Diensterlassung. Für ein so großes Kollegium hat mich die Natur mit zehn Fingern zu wenig ausgerüstet. – Meine Leser (ich werde mich protestando verwahren), werden finden, daß ich gethan, was ich gekonnt.


[259] Im Zimmer.


HERR v. W. Um Verzeihung, Herr Bruder, daß ich dem Herrn Bruder noch einen Gast mitbringe.

HERR v. G. zum HERRN v. W. Bei mir hat gebetener und ungebetener denselben Platz – Zum Literatus. ich gratulire zum Hermann! Herr, alter Herr!

HERMANN. (So will ich von Stund an meinen vielbenannten oder namenlosen Schwiegervater nennen.) Ich dank' unterthänigst.

HERR v. G. Wie aber zum Hermann. Wie Saul unter die Propheten?
HERMANN. Des Zipperleins wegen –
HERR v. G. Das lass' ich gelten.
HERMANN. Der edeln Musica halber.

HERR v. G. Das läßt sich hören. Sonst war der rechte Hermann ein frommer stiller Mann, aber der alte Herr ist ein geborner Hofschranze von Kindesbeinen an gewesen.

HERMANN. Ich bitte unterthänigst um Vergebung, ich habe oft zu sehr die Wahrheit geliebt, ich habe sogar die Ehre gehabt, Märtyrer der Wahrheit zu werden.

HERR v. G. Hier! Herr Hermann, hier ist Pulver auf die Pfanne – ich weiß, Sie mußten zum Beispiel drei Tage und drei Nächte wachen.

HERMANN. Der reinen Wahrheit wegen. Ew. Hochwohlgeboren haben die Gnade, mich recht zu gelegener Zeit daran zu erinnern, oder wie Sie es zu nennen geruhen, mir Pulver auf die Pfanne zu reichen. Ich setzte dem Herrn v. – eine Grabschrift: Hier schläft ein Mann, der nie gewacht hat; höchstens that er, als wacht' er. Genau genommen sprach er im Traum. Wanderer, bete für ihn, sonst verschläft er den jüngsten Tag.

HERR v. G. Wahr, allein warum wahr? weil der Todfeind [260] des Herrn v. – dem Grabschriftsteller wohlthat. Wie oft, lieber alter Herr, haben Sie sich auf den Mund geklopft, und sich eine Palinodie recantatio und Widerruf gefallen lassen müssen, so was geschieht nicht salva fama. Herr! Sie waren klug genug, die Lebendigen leben zu lassen, Sie trieben nur Muthwillen an den Todten! indessen fand sich doch noch hie und da ein Grabrächer, und Ew. Hochedeln mußten, ihrer Grabschriften ohne Censur wegen, den selig Verstorbenen ehrenerklären. – Ei, denken Sie noch an Ihre selbsteigene Grabschrift: Das nenn' ich Retorsion und Beleg zu der güldenen deutschen Regel: Auf eine Lüge eine Maulschelle.


»Hier wacht der lebendig Todte


HERMANN. Die Zeiten sind gottlob! vorbei.

HERR v. G. Zu Grabschriften freilich, allein Sie waren, wie ich merke, erst mehr ein Fechter, jetzt mehr ein Tänzer. Wenn ich wie mein Schwager v. W – wäre, ich würd' Ihnen die Bücklinge abgewöhnen – und dann würden Sie ein brauchbarer Mann seyn! allein mein Schwager liebt die Höflichkeit – die Schmeichelei – wie soll es heißen?

HERR v. W. Höflichkeit und Schmeichelei sind zwei unterschiedene Dinge.

HERR v. G. Herr Bruder! da kommen wir in zehn Jahren nicht von einander. Ich weiß, bei dir macht die Seele mit dem Leibe, und der Leib mit der Seele Umstände. – Du sagst zu dir selbst, wenn du allein im Walde bist und niesest, Gott helf! und wenn das Echo nachsagt: Gott helf! sprichst du, ich bin ergebenst verbunden; wenn du dich am Baum stößest, bückst du dich mit den Worten: ich bitte tausendmal um Vergebung. – Das ist einmal deine Weise: Gott helf dir mit dem Petrus an der Himmelsthür aus einander! Was darf aber Herr Hermann accompagniren? und sich wie eine Klinge biegen, die man probirt?

[261]

HERMANN. Ich bitte unterthänigst um Verzeihung.

HERR v. W. Ich nicht – ich fordere dich auf deine eigene Klinge heraus. Klingen, die sich biegen, springen die wohl? Herr Hermann, richten Sie sich nach der Jahreszeit. – Beim Herrn v. G. – ist alle Mühe vergebens. Glaub mir, Herr Bruder, du verfehlst deinen Zweck – du willst ein Deutscher seyn; die deutsche Sprache ist dir eine Fundgrube, und du erniedrigst sie. Wo ist eine, in der mehr Samen zur Höflichkeit keimt?

HERR v. G. In meiner deutschen Sprache nicht.

HERR v. W. So sprichst du die curländisch-deutsche, das ist, eine Sprache, die man so gut, wie die curische, undeutsch nennen könnte.

HERR v. G. Wenn du behauptest, die deutsche Sprache sey höflich, so behaupt' ich, sie sey grob, wenigstens ist sie beides in gleichem Grade. So lange das verdammte Wort Dero drin ist, hat das Genie einen Todfeind in der Sprache. Entweder alles Sie, oder alles Du, sonst – daß Euch der Teufel mit Ew. Hochwohlgeboren –

HERR v. W. Herr Bruder, das ist noch der einzigste Beweis, daß wir der Deutschen Nachbaren sind – sonst wären wir Barbaren, in diesem verfluchten Du-Lande.

HERR v. G. Wir sollten hier in Norden kurz seyn. Die Worte frieren sonst im Munde.

HERR v. W. Und ich denk', in Süden hat man nicht Lust, den Mund zu bewegen. Reden ist eine Bewegung.

HERR v. G. Es kann seyn; indessen ist die Bewegung, die Ew. Hochwohlgeboren sich dabei machen, höchstens stubenlang. – Du bleibst immer auf einer Stelle. Man sagt von den Seeleuten, wenn sie sich gleich Landgüter von vielen Meilen kaufen, daß sie nur so weit spazieren gingen, als ihr Schiff lang war. – Du sprichst, wie die Seeleute gehen.

[262]

PASTOR. Indessen ist die Bewegung dieselbe. Der Mensch nimmt zwar gern einen entfernten Ort, wohin er gehen will; dieses Ziel leistet ihm Gesellschaft. – Er unterhält sich mit ihm, er fragt es: werd' ich bald da seyn? – Geht er mit Freunden und Freundinnen, geht er wie der Schiffsmann; denn die Gesellschaft ist Seelenbewegung, die geht über die körperliche. Sonst aber glaub' ich, je weiter das Ziel, desto entschlossener der Kopf. Auch bei Erholungen will man Zweck.

HERR v. W. Da siehst du, Herr Bruder –
HERR v. G. Daß Ew. Hochwohlgeboren keinen entschlossenen Kopf verrathen.
HERR v. W. Einen Admiralskopf –
HERR v. G. Der sein Schnupftuch vorhält, und sich Segel macht, wenn er zu Pferde steigt.

HERR v. W. Das allgemeine Du in Curland ist und bleibt mir unerträglich; alles ist Bruderherz und Du.

HERR v. G. Das Menschlichste, was ich weiß.
HERMANN. Ich mache mir Bedenken, den Hund eines alten Edelmanns zu dutzen.

HERR v. G. Und der Hund eines alten Edelmanns ist erkenntlich, und dutzt auch nicht. – Herr! um Ihnen ganz deutsch zu sagen, Sie sind –


* * *


Schade! – der junge Herr von G – nahm mich, und wir gingen im Garten eine grüne Straße auf und ab, wie ein Paar Schiffsleute.


Im Garten.


DER JÜNGERE HERR v. G. Jagen Sie?
ICH. Nein.
DER JÜNGERE HERR v. G. Was werden Sie denn auf der Universität machen?
[263]
ICH. Studiren.

HERR v. G. Ich, jagen und studiren. Man wird doch wohl einen akademischen Jäger, einen Nimrod treffen, der Jagdcollegia liest. Fechten und Jagen ist gut, Jagen ist der Mittelpunkt. Ich wünschte, der Vater gäbe mir den Satan mit.

ICH. Den Satan?
HERR v. G. Den großen Jagdhund. Ich hab' ihn so benannt.

ICH. Ich bin kein Jagdfreund, ich werd' es nie seyn. Man lernt da auf Unschuld anlegen und zielen, und meuchelmorden.

HERR v. G. Essen Sie kein Wild?

ICH. Gern – ich lass' aber das Jagen, wie das Schlachten und Kochen, andern über. – Mein Vater sagt, jede Köchin sey grausam. Das Kochhandwerk ist ein Handwerk für Männer, die sich auch, sobald es ins Große geht, nicht von ihrem angebornen, ihnen angestammten Recht abbegeben. Jagen und Kochen, denk' ich, sind sehr nahe verwandt.

HERR v. G. So weich, und haben Krieg geführt?

ICH. Um meinen Arm auszuarbeiten. Hätt' ich einen göttlichen Beruf gehabt, Soldat zu werden, zum ersten Schlage würd' ich nicht seyn, allein zum zweiten Herr v. – wie der Donner auf den Blitz. Hätte mein Vaterland den ersten Schlag erhalten, wär' ich verbunden gewesen, es zu freien – und zu Kopf, zu Händen und zu Füßen hätte der Muth heraus gewollt. – Im gemeinen Leben muß man oft erweichende Mittel brauchen; im Kriege würde man uns darüber als Narren auskrähen, wenn wir die Segel streichen ließen. Der Feind heißt Legion; ihrer sind viele.

HERR v. G. Ich schieße nichts, was nicht vor den Schuß läuft.

ICH. Das sind Jägergrundsätze; ein laufender Feind ist keinen Schuß Pulver werth. Im Kriege muß man schießen, was steht.

[264]

HERR v. G. Das ließ' ich brav bleiben! ich würde das Spiel durchsehen, fänd' ich es zweifelhaft, was ist natürlicher, als die Karten zusammen zu legen.

ICH. Das heißt laufen.
HERR v. G. Mag es doch.

ICH. Ich würde kein Menschenjäger, sondern Soldat, Held, wenn Sie wollen, würd' ich seyn. In der Hölle muß man nicht Waffenstillstand machen, sondern auf den letzten Mann steuern und wehren. Wäre noch ein Mittel, den Teufel zu bekehren, wär' es dieß; ich habe Krieg gespielt, aber nach dem Leben.

HERR v. G. Und ich bin wirklich auf der Jagd gewesen, und habe manchen Wildbraten bereitet. – Laßt uns Brüderschaft machen!

ICH. Wir dienen nicht Einer Fahne – unsere Herzen schlagen nicht einerlei Wirbel; indeß auf's näher kennen, Bruder! –

HERR v. G. Bruder!
ICH. Die Hand!
HERR v. G. Die Hand! – Mich dünkt, ich werde Soldat,
ICH. Ich nicht Jäger.
HERR v. G. Ich fühl' Herz! Mich sollte wer anheulen.
ICH. Du red'st vom Wolf, Bruder!

HERR v. G. Beleidigen, wollt' ich sagen! ich wollt' ihn! – Herr Bruder, du wirst mich nicht verlassen.

ICH. Ich merk's, noch hab' ich dir nicht Muth genug in die Hand geschlagen.
HERR v. G. Auf einmal kann's nicht kommen.

ICH. Das Herz immer auf einmal. Das weiß ich, Bruder! – Ich hab' zwar nicht von unten auf gedient; allein ich hab' mich von unten auf gedacht, und als Alexander oft gemeine Dienste gethan. Wenn ein Feldherr nicht gemeiner Kerl seyn kann, ist er nicht des Ordens werth. – Er wird nicht wie ein Ruderknecht [265] schreien, nicht betäuben; allem er wird ein gemeiner Kerl zum Malen werden. Er wird ihn allerliebst machen; es seyn, darf er nicht.

HERR v. G. Ich hab' gehört, daß ein General, der schon im Felde gewesen, nicht mehr so viel Herz habe. – Junge sollen die besten seyn.

ICH. Junge kennen vielleicht die Gefahr nicht, und da sie schon Heldenphysiognomien kennen, so verzagen sie, sobald sie Züge davon entdecken. Blindhereinhauen ist ein Kunstwort, und ein wahres Wort.

HERR v. G. Eine Jagd, Herr Bruder, müssen wir noch zusammen machen, lieber heut' wie morgen! Es wird dir gefallen.

ICH. Ich zweifle. Mir gefällt zweierlei: Kühe und Rinder auf einer Wiese. Das ist der edle Friede, und eine Wiese voll wiehernder Pferde, das ist der edle Krieg.

HERR v. G. Zur Probe, Herr Bruder!

ICH. Meinetwegen. Herr laß weg – bei Bruder schickt es sich nicht. Ich werde dich so nicht nennen; Bruder ist kein Herr; Herr Bruder ist halb Bruder. Pfui! über halb! –


Die Gesellschaft hatte sich während dieser Zeit in den Garten verfügt, und ging an uns paarweise vorbei.


Der Herr v. W. und mein Vater.

Der Herr v. G. und Hermann.


Ich kann also nur wieder erzählen, was ich beigehend vernommen. Mein Vater pflegte zu sagen: Man hört im Sitzen besser, man sieht im Stehen schärfer, im Gehen ist Ohr und Auge nicht zuverlässig.


DER JÜNGERE HERR v. G. Wann, Bruder?
ICH. Auch heute Nachmittag. – Du kommandirst bei der Jagd.
DER JÜNGERE HERR v. G. Du bist Gast.
HERR v. W. Ehre dem Ehre gebührt.
[266]

PASTOR. Wenn man nur nicht am Ende glaubt, ein verbindliches Wort sey die That selbst. Wünsche müssen kommen, wenn unser Vermögen zu helfen aufhört. – Todten muß man wünschen.

HERR v. W. Warum soll man aber nicht Canel auf die Grütze streuen, und seine helfende Hand mit einem weißen Handschuhe bekleiden, den Wein mit Zucker und Pomeranzen veredeln, und Butter aufs Brod streichen.

ICH. Wo ist denn dein Hofmeister?
DER JÜNGERE HERR v. G. Unbeschwert, sag' gewesener.
ICH. Vater bleibt Vater.

DER JÜNGERE HERR v. G. Bruder, du würdest doch nicht leiden, daß dein Fibelrektor dich bis an dein Lebensende meistern sollte?

ICH. Das thut auch kein Vater einem Sohne, der in gewissen Jahren ist.

HERMANN. Und stellte in aller Einfalt und Kürze, »Gott gebe,« setzt' er hinzu, »zu aller Seelen Erbauung und Besserung,« vor:


»Die beste Kur des Podagra.«


Im ersten Theil: Der Patient muß, wie der Gichtbrüchige im unserm Evangelio, einsehen, daß er aus sündlichem Samen erzeugt sey; er muß zweitens Vergebung suchen, und drittens aufstehen und wandeln.


HERR v. G. Ich hatte nicht Kirchenpatron seyn sollen.
HERMANN. Witz ist wie ein Aal, er windet sich heraus.

HERR v. G. Ich hätt' ihn schon gehalten. Man wird doch wohl in der Gemeinde mit Ehren die Gicht haben können?

DER JÜNGERE HERR v. G. Auf den ersten Gegenschlag kommt viel an.

ICH. Alles, Bruder. Eine Hauptregel beim Kampf. Gib [267] zuerst den guten Wein, und wenn dein Gegner trunken, den geringern. Der erste Schlag ist die erste Frage beim Examen. Die erste Antwort entscheidet.

DER JÜNGERE HERR v. G. Ich denk' immer, Bruder, ein Armer ist allein herzhaft.

ICH. Hat er denn weniger zu verlieren als ein Reicher? Leben ist Leben! – Zu viel Herz macht kühn, zu wenig Herz macht desperat. Der Kampf ist in beiden Fällen blutig.

DER JÜNGERE HERR v. G. Ein General hat das beste Theil erwählt. Er ficht nicht allein; er weiß, wer ihn umgibt. Das möcht' ich seyn!

ICH. Ein Adler fliegt allein, Bruder. Küh' und Schafe gehen zusammen. Ein General ist der Hahn, der die Veränderung des Wetters zuerst merkt, der den Ton angibt. Meine Mutter meint, der Hahn, der zuerst kräht, sey der Superintendent unter den Hähnen. Der Generalstitel steht dem Hahn besser an. Hiemit genug vom Muth. Es sieht thrasonisch aus, viel über den Muth zu sprechen. Der Muth hat seine Theorie; er fängt mit der Praxis an und hört mit der Theorie auf.

DER JÜNGERE HERR v. G. Bruder, du red'st wie ein Buch. Was ist thrasonisch?
ICH. Prahlhänsisch. – Kein Wort vom Muth mehr.
DER JÜNGERE HERR v. G. Meinetwegen.
HERR v. W. Die Art, Geschenke zu machen –

PASTOR. Das hab' ich nie geläugnet. Es ist der Schlüssel zum geheimsten Herzenskämmerlein; der eine drückt in die Hand, der andere legt es unvermerkt auf den Tisch; dieser gibt in Papier gewickelt, der in Geld, der in Geldes Werth; dieser wird roth, der blaß – der steht freundlich aus, der als ob er im Spiel verloren, der andächtig, als wenn er etwas in den Gotteskasten legt, und vom lieben Gott einen Wechselbrief entgegen nimmt, oder ihn[268] bezieht, der als wenn er die Musikanten bezahlt und von ihnen erwartet, daß sie ihm den Dank vorgeigen möchten. Jeder Griff bei allen diesen Arten ist aus dem Herzen genommen. Wenn ich einen Menschen gesehen ein Geschenk geben, so müßt' ich mich sehr irren, wenn ich seinen Charakter nicht auf ein Haar treffen sollte.

HERR v. W. Also die Manier, der Anstand, die höfliche Art – Herr v. G. – würde das Geschenk an den Kopf werfen.

PASTOR. Vielleicht edler, als es mit überdachten Worten geben, und den Nehmer noch in mehr Schuldigkeit setzen – die höfliche Art macht es nicht.

HERR v. W. Ei! Ei! Herr Pastor – die Höflichkeit ist zu allen Dingen nütze.
PASTOR. Die Gottseligkeit, wollen Ew. Hochwohlgeboren sagen.

Diese beiden Leute schieden sehr höflich auseinander, und so wie Wasser zu Wasser, so flossen Herr v. W. und Hermann zusammen.


DER JÜNGERE HERR v. G. Wirst du viel Bücher mitnehmen?

ICH. Sehr wenig. Ich bin sehr für geliehene Bücher. Hat man selbst das Buch, glaubt man: ein andermal. Man sieht es im Schranke und denkt: wenn ich gelegenere Zeit haben werde. Ein Bibliotaphus, ein Büchergeiziger, ist, nach meines Vaters Ausdruck, ein Teufel, ein Seelenverderber.

DER JÜNGERE HERR v. G. Wenn man ein Buch leiht, sagt mein Hofmeister, ist es am sichersten, sich Auszüge zu machen; ich glaub', es hilft dem Gedächtnis.

ICH. Einerlei, ob das Buch oder der Auszug sanft im Schranke ruht. Ich bin für keinen Auszug.
DER JÜNGERE HERR v. G. Ein Rückhalt, Bruder, ist eine gute Sache. Wenn man es vergißt –

ICH. So ist das Buch da. Auszug, wenn er ja den Namen [269] verdient, ist eine Brühe. Ich bin nicht für Brühen, solang ich gesund bin.

HERR v. W. Ich leide keine Uebertreibung. Einem Kinde, was todt auf die Welt kommt, den Verstand ansehen wollen, find' ich zu hoch geflogen.

HERMANN. Wenn es indeß die Züge des Vaters hat, und der Vater –

ICH. Manches Buch soll uns nur die Stirn lichten – von manchem dürfen wir nur die Thaler Alberts behalten. Ist es nöthig, daß ich etwas bis auf Ort und Vierding weiß, kauf' ich mir das Buch, um mir nachzuhelfen, um einen Stab zu haben, an dem ich gehe.

DER JÜNGERE HERR v. G. Erst Gewehr, dann Bücher. – Leib und Seel', sagt alle Welt, und nicht Seel' und Leib.

ICH. Beim Edelmann Leib und Seele, beim Literatus Seel' und Leib, wenn es gleich wider den Redegebrauch ist.

HERR v. G. Je reiner und dünner die Luft, hab' ich wo gelesen, je feiner die Köpfe.

PASTOR. Mich dünkt, zu schönen Künsten; zur Philosophie ist rauhe Witterung die beste. Man ist an Schwierigkeiten und an Unerschrockenheit und Stärke, sie zu überwinden, gewohnt, und Schönheit gehört unter einen sich immer gleichen Himmel; man zieht nicht das Gesicht vor Kält' und Wärme; man kämpft nicht mit seinen Gesichtsmuskeln. Frauenzimmer, die in Einer Luft bleiben, haben eine schöne Haut. – Mustern Sie in Curland gemeiner Leute Köpfe, werden Sie wohl einen Bauernkopf finden, der in ein historisches Gemälde passe? Ich kenn' ein Volk, wo ich alle Götter und Göttinnen des Alterthums in kurzem zu finden wetten will. Haben Ew. Hochwohlgeboren in Curland auch nur einen Venuszug gesehen? Eben so wenig ist ein Altarstück, ein [270] Marienzug zu haben. Was ich in Curland von Schönheit bemerkt, schränkt sich auf den Wuchs ein. Schönheiten für Bildhauer, allein für Maler nicht.

HERR v. G. Wenn alles bei kleinen Leuten proportionirlich ist, kann man ihnen den Ehrennamen schön nicht absprechen.

PASTOR. Kein Zweifel, und so auch mit wohlproportionirten Erkenntnißkräften – und die Anwendung? –


Sie bogen sich so, daß ich keine Sylbe haschen konnte.


HERR v. G. Ich will nicht vorurtheilen; aber daß die Leute im demokratischen Staate klüger sind als im monarchischen, Pastor, das müssen Sie zugeben.

PASTOR. Gern – weil sie an der Regierung theilnehmen, weil sie mitsprechen. In England gibt es einen sehr klugen gemeinen Mann, und das machen die Zeitungen. Dieß Staatsmittel könnt' auch im monarchischen Staate probirt werden.

HERR v. G. Im monarchischen Staate gibt's keine Zeitungen. – Wenn die Regierung Zeitungen schreiben läßt, sind es Seifenblasen, womit die Kinder in der Sonne stehen.


Sie blieben eine Weile auf einer Stelle.

ICH. Bibel und Gesangbuch nimmst du doch mit?
DER JÜNGERE HERR v. G. Ja, die Bibel hab' ich vom Vater, das Gesangbuch von der gnädigen Mutter.
ICH. Warum gnädige?
DER JÜNGERE HERR v. G. Es ist mir zur andern Natur. Meine Mutter wollte durchaus gnädig heißen.

ICH. An gnädig erkenn' ich sie. Eine gnädige Mutter, Bruder, ist ein Unding. Bei Bibel und Gesangbuch seh' ich deinen Vater. Bibel und Gesangbuch muß man sich nicht kaufen, sondern von den Eltern haben, und eben so wie du, so auch ich, Bibel vom Vater, und Gesangbuch von der Mutter.

DER JÜNGERE HERR v. G. Dein Vater und der meinige –
[271]
ICH. Sind wie Herz und Seele gegen einander.
DER JÜNGERE HERR v. G. Dem Vater Seele, der meinige Herz. Nicht wahr?
ICH. Beide Seel' und Herz.
DER JÜNGERE HERR v. G. Dieser mehr Herz, jener mehr Seele.

ICH. Sie waren vieljährige Freunde; sie schieden sich, wie mein Vater sagt, von Tisch und Bett, allein ihre Herzen blieben gebunden.

DER JÜNGERE HERR v. G. Wir wollen uns nie von Tisch und Bett scheiden. Kommen wir von Universitäten, wirst du mein Pastor, und dann wollen wir leben wie auf der Universität – du studiren! ich jagen.

HERR v. W. Es ist ein Cavalier.
HERMANN. Das ist die Sache.
HERR v. W. Und mein Schwager.
HERMANN. Das ist die Hauptsache.

HERR v. W. Es scheint unhöflich. Doch wie der Ast, so der Hieb. Man muß sich über den Herrn v. G. wegsetzen.

HERMANN. Kriechend zu mir?

HERR v. W. Ich hätte Worte mit Hänkelchen? Traget die Groben, weil ihr höflich seyd. Es sind, unter uns gesagt, manche Ausdrücke in der Bibel, die nicht auf unserer Seite sind.

DER JÜNGERE HERR v. G. Wenn ich das Wort Schreck höre, empfinde ich es. Was wollte dein Vater gestern Abend damit sagen, daß der Schreck der Anfang zu allen Leidenschaften sey?

ICH. Schreck, sagt' er, ist die Vorbereitung, das Präludium zu allen heftigen Affekten, und das ist wahr. Hast du dich je recht sehr über eine Sache erfreut, ohne daß du vorher erschüttert warst? Alle heftigen Leidenschaften sind wie ein kaltes Fieber, Frost, Kälte, dann Hitze.

[272]

DER JÜNGERE HERR v. G. Du hast es besser behalten wie ich.

ICH. Er führte Beispiele an, daß Leute vor Freuden gestorben wären, und daß kein großes Loos in der Lotterie, ohne den Gewinner auf eine kleine Zeit zurückzusetzen, von jeher gewonnen sey. Der Mensch, sagt' er, traut sich nicht recht die Freude in dieser Welt zu. Er besinnt sich erst, ob er ihr sein Herz öffnen, ob er sich freuen könne. Er läßt sie von hinten und verstohlen ein. Seine Freude scheint eine Entfernung des Schmerzes, und wer läßt einen alten guten Freund ohne Bewegung von sich?

DER JÜNGERE HERR v. G. Du hast ein könig liches Gedächtniß.
ICH. Ein gemeines, aber vortreffliches Beiwort.

DER JÜNGERE HERR v. G. Es ist von meinem Vater – Aber was dein Vater vom Vergnügen und Schmerz anmerkte –

ICH. Weiß ich auch. Er widerlegte sich selbst. Er glaubte, Vergnügen sey die Empfindung von Lebensbeförderung, und Schmerz Empfindung von Lebenshinderniß, und wenn es schon so weit gekommen wäre, daß man die Lebenshindernisse nicht überwinden und das Feld behalten könnte, meint' er, sey Vergnügen die Kunst, sich selbst von sich zu entfernen, die große Kunst, nicht an sich zu denken.

DER JÜNGERE HERR v. G. Ich bin noch im Schreck, in der Vorbereitung, denn bis jetzt fass' ich's noch nicht.

HERR v. G. Was meinen Sie, lieber Pastor! wenn wir nur negative weise und gut sind, ist es nicht schon viel, und sollte man nicht diesen Gedanken auszuüben suchen?

PASTOR. Ich weiß nicht. Wissenschaften, die bloß Irrthümer widerlegen, sind, wenigstens was mich betrifft, unangenehm. Der [273] Mensch ist von Natur träge und negativ, durch Grundsätze wird er thätig.

HERR v. G. auf den Herrn v. W. und Hermann zeigend. Licht und Lichtknecht.


Alles lagerte sich auf einen Rasen, und war so still, daß man sah, was ich oft gesehen. Die Natur behauptet ihre Rechte, sobald wir ruhig sind, sobald wir Zeit haben sie anzuhören, sobald wir uns auf's Gras, ihren Lehnstuhl, setzen. Alles verstummt und empfindet. Gott! warum fallen wir der Natur so oft unzeitig in's Wort!


Für uns, den jungen Herrn v. G. und mich, war kein Raum in diesem Naturaudienzzimmer. Herr v. G. der Jüngere ging zur gnädigen Mutter, ich einen grünen finstern Gang – was ich hörte (ich konnte nicht bemerkt werden) will ich aufschreiben.


FRAU v. W. Und das Geld?
KLEINE. Verschenkt, gnädige Mutter.
FRAU v. W. Wem?
KLEINE. Einem bösen, bösen Jungen.
FRAU v. W. Damit er gut würde?

KLEINE. Ja, gnädige Mutter! damit er gut würde; er hatte dem lieben Gott einen Vogel weggestohlen, den bot er mir zum Kauf an. Der Vogel schrie zum lieben Gott (singen könnt' er nicht mehr) sehr ängstlich, und der Junge hielt ihn in der Hand, und wollt' ihn nicht gen Himmel schreien lassen. Der Junge muß sich wohl gefürchtet haben, daß der liebe Gott schelten würde. Es bezog sich, wo er stand, als wären es Gewitterwolken.

FRAU v. W. Und du?

KLEINE. Ich gab dem Jungen das Geld und den Vogel gab ich dem lieben Gott wieder. Es wurde gleich so klar, wenigstens mir vor den Augen, ich bildete mir ein (sie sprang dabei), daß ich [274] den lieben Gott sähe, wie er sich darüber freute. Der Junge mag es wohl aus Noth gethan haben.

FRAU v. W. Das denk' ich auch.
KLEINE zur Begleiterin. Desto besser, daß ich dem Jungen alles gab.

EIN FRAUENZIMMER, DAS DIESE LIEBE KLEINE BEGLEITETE. Wir sind im Streit, Ew. Gnaden. Das Fräulein gab ungezählt; so denk' ich, gibt man einem Bettler, allein keinem Dieb.

KLEINE. Wer hat nun Recht?

FRAU v. W. Du nicht völlig, meine liebe Seele! Ei, wenn gleich wieder so ein böser Junge mit des lieben Gottes Vögelchen gekommen wäre, und du hättest kein Geld gehabt?

KLEINE. Dann wär' ich zu Ihnen gekommen, Gnädige!
FRAU v. W. Und wenn ich auch kein Geld hätte?

KLEINE. Ja, dann hätt' der liebe Gott den Vogel strafen wollen. Setzt man doch auch Menschen in's Gefängniß.

FRAU v. W. Mit Recht, aber auch mit Unrecht. – Man muß nicht für sich, sondern auch für andere sparen. Um mehr Gutes zu thun, kann man dingen. Gottes Geschöpf – wer kann das bezahlen? Hätte der Junge den Vogel nicht minder lassen wollen, wär's ein anders. – Was war's für ein Vogel?

KLEINE. Ich habe nicht gefragt, Gnädige! Ich weiß nur, daß es ein Vogel war, und daß er fliegen konnte. Haben Sie's mich nicht gelehrt, man muß nicht nach dem Namen fragen, wenn man Gutes thut. Sie hätten nur sehen sollen, der Vogel konnte vor Freuden nicht recht fliegen! Er war betrunken, aber der Junge mußt's mir versprechen, ihn nicht mehr zu haschen.

FRAU v. W. Du hast gut hausgehalten. – Hier ist wieder Geld.
[275]
KLEINE. Dank, gnädige Mama! Ich glaub' es war eine Nachtigall.
DAS FRAUENZIMMER. Ich nicht.
KLEINE. Sehen Sie nur, gnädige Mutter! Lieschen ist dem Vogel nicht gut.

DAS FRAUENZIMMER. Seit der letzten Nachtigall im Garten ist ihr jeder Vogel eine Nachtigall. Ew. Gnaden waren so gnädig zu sagen, Mensch ist Mensch, aber Vogel ist nicht Vogel.

KLEINE. Wie sie den Vogel verfolgt! da hören Sie selbst, gnädige Mutter!
FRAU v. W. Kind, du hast eine Seele.
KLEINE. Die Ihrige, liebe Mutter!
FRAU v. W. Gott segne dich.
KLEINE. Auch Sie! liebe Mutter, auch Sie reichlich und täglich!

FRAU v. W. Aber, was meinst du, Kleine! Des Jungen wegen sollst du Lieschen Recht geben. Sah er dir denn so bös aus, daß er eine Nachtigall dem lieben Gott stehlen könnte?

KLEINE. Bös' wohl! aber freilich so bös' nicht.
FRAU v. W. Ich denke, Judas der Verräther hat in seiner Jugend die erste gefangen.
KLEINE. Lieschen hat Recht – ich Unrecht! es war keine Nachtigall.
FRAU v. W. Also hat Lieschen Recht?

KLEINE. Recht! und ich Unrecht, ein so betrübtes Vögelchen, als eine Nachtigall! o! wer kann das drücken – ich möcht' es gern trösten, wenn ich könnte.

FRAU v. W. Es scheint zuweilen, daß es sich selbst tröstet; als wenn es schluchzt und wieder lacht.

KLEINE. Ja, Gnädige! und dann bin ich so froh! so froh! aber wie kann man im Augenblick weinen und lachen?

[276]

FRAU v. W. Lachen und Weinen hat einerlei Züge, mein Kind! Sey darum auf die Nachtigall nicht böse. Es ist weit leichter, daß Einer, der weint, lacht, als Einer, der ernsthaft ist. Wenn wir einen Betrübten zum Weinen bringen, haben wir ihn bald zum Lachen – das trifft uns Weibchen mehr, als das andere Geschlecht.


* * *

Ich konnte nicht länger verborgen bleiben, und legt' es dazu an, daß wir zusammenstießen.

FRAU v. W. Der Garten ist schön.
ICH. Gnädige Frau! ich hab' ihn nirgend schöner gesehen, als im ersten Buch Mose.
FRAU v. W. Da haben Sie ihn auch nicht schöner gesehen, sondern schöner gelesen.
ICH. Ich bitt' um Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich die Bibel lese, seh' ich alles, was ich lese.
FRAU v. W. Mich dünkt, ich sehe den Herrn vom Hause, wenn ich diesen Garten sehe. Sein Ebenbild –
ICH. Jeder Garten, gnädige Frau! glaub' ich, ist des Eigenthümers Ebenbild, oder sollt' es seyn.

FRAU v. W. Sollt! allein wer legt seinen Garten nach der Natur der Gegend und des Landes an? – Ein Garten, der die Ehre gehabt, in's Geschrei zu kommen, ist die Vorschrift zu zehn und zehn, zu fünfzig und fünfzig, zu hundert. Durch Gärten kann man, denk' ich, noch weit eher, als durch Haus und Hof Geschmack zeigen. Umstände sprechen hier mit, und die Mode hat keine Stimme.

ICH. Der beste Garten indessen ist ein Gefängniß, wenn er umzäunt ist. Das Paradies war die Welt, und die Welt das Paradies.

FRAU v. W. Sind wir aber bestanden in der Wahrheit?
[277]
ICH. Die gnädige Frau sagen da einen großen Gedanken! Der Sündenfall war der erste Zaun.

FRAU v. W. Jetzt können wir schwerlich uns ohne Zaun behelfen. Er kann sich aber allmählig verlieren – und dann lasse ich ihn gelten. Hecken sind mir weit unausstehlicher.

ICH. Ein lebendiger Zaun!

FRAU v. W. Ein schönes Leben, das unter der Scheere des Gärtners steht. Mir kommt jede Hecke wie ein Tanzboden vor, man lehrt die armen Bäume die Beine gerade setzen, in die Quere treten, Brust heraus, und andere Possen mehr – und wenn man noch dazu Hecken an seine Fenster anlegt, ist's mir völlig unerträglich. Ich habe einen Amtmann, der sich eine Fensterhecke von einem armen Feigenbaum gemacht hat. Die Kleine da sagte, der Feigenbaum sey ans Kreuz geschlagen.

KLEINE. War er's denn nicht, Gnädige?
FRAU v. W. Ja, mein Herz.
KLEINE. Und ganz unschuldig?
FRAU v. W. Ganz.
ICH. Gnädige Frau, das Sprichwort:

Fische fangen und Vogelstellen

Verdirbet manchen Junggesellen.


erklärt mein Vater vom Herzen.

FRAU v. W. Und sehr richtig. Wer in der Jugend Vögel in die Festung bringt und Fische anführt – wird ein Betrüger, und wenn es hoch kommt, grausam und –

ICH. Ich weiß nicht, gnädige Frau! ob ein Amtmann, der dem Feigenbaum Daumen schraubt und ihn torquirt, es mit den Bauern nicht so zu machen Lust hat, als mit dem Feigenbaum? – Dem Baum fehlt nur ein lebendiger Odem.


Die gnädige Frau ward abgerufen, und ich sah mich mit der kleinen Fräulein an, ohne daß wir alle beide mehr thaten, als lächeln. Ich [278] weiß nicht, wie das kommt, daß junge Mannspersonen gegen Kinder so blöde sind! Frauenzimmer sind in diesem Stücke dreister. Sie können eher an ihre Bestimmung denken, als es uns nach der jetzigen Einrichtung erlaubt ist. Oft, wenn ich auf diese Art mein unschuldiges Minchen mit kleinen Kindern sich abgeben und spielen sah, fielen mir die Worte ein: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht

des himmlischen Vaters. Daß ich gegen eine große Dame nicht blöde gewesen, siehe oben. Das Daumenschrauben und Torquiren hätte ich unterwegs lassen können, wie es mir gleich, nachdem ich's gesagt hatte, einfiel. – Die Frau v. W. kam wieder.


FRAU v. W. Was ist dir?
KLEINE. Liebe Mutter, da flog es – das Mückchen hat mir viel Blut abgezogen.
FRAU v. W. Ich hoff' auf eine gute Manier.
KLEINE. Nicht völlig, noch nie hat's mich so geschmerzt.
FRAU v. W. Bist du böse?
KLEINE. Nein, liebe Mutter! ich wünsch' ihr wohl zu bekommen.

FRAU v. W. Gut, mein liebes geduldiges Kind. Sehr gut! dein Bruder hätt' es morden können, allein wir Frauenzimmer müssen keine Mücke tödten. – Wir sind zur Geduld geboren. Verjagen höchstens.

KLEINE. Das wollt' ich schon, ich überwand mich doch.
FRAU v. W. Bist du nicht froh drüber?
KLEINE. Sehr froh.
FRAU v. W. So ist's immer, wenn man sich selbst was abgeschlagen hat.
KLEINE. Und nun sticht's auch nicht mehr.
FRAU v. W. Alles Leiden ist kurz, Mückenstich –
KLEINE. Im Himmel werden keine Mücken seyn! Meinetwegen könnten sie – stechen werden sie da nicht.
[279]
FRAU v. W. Gewiß nicht.

KLEINE. Und wenn auch, ich bin's gewohnt. Der liebe Gott helfe nur dann meinem Bruder, der den Mückentodtschlag in der Hand hat.


Wir gingen, ohne zu reden, eine lange Weile.

FRAU v. W. Das werden späte Erbsen werden.
KLEINE. Die da ging eben auf, wie ich hinsah.

FRAU v. W. Das nicht, mein Kind! man sieht nichts aufgehen. Man sagt daher, Gras wachsen hören; zum Sehen hat's keiner gebracht.

KLEINE. Die beiden dort sind, so wie mein Bruder und ich, nach der Größe.

FRAU v. W. Sieh nur her, wie behutsam diese Aufgehende die Erde auf ihrem kleinen Rücken trägt. – Sie hebt sie, sie ehrt ihre Mutter.

KLEINE. Das ist ihre Schuldigkeit.
FRAU v. W. küßte ihre Tochter herzlich.

* * *


KLEINE. Sehen Sie doch, Gnädige, wie hoch der Baum ist. Der babylonische Thurm war wohl weit höher?
FRAU v. W. Weit.
KLEINE. Den hätte ich sehen mögen!
FRAU v. W. Ich auch!

ICH. Mein Vater erklärt ihn so: Gott wollte, die Leute sollten nicht zusammenbleiben, nicht in die Höhe bauen, sondern in die Länge, und die Erbe benutzen, die Gott ihnen angewiesen hatte.

FRAU v. W. Ich hab' oft gedacht: dadurch, daß sich die Menschen vertheilten, entstand die Verschiedenheit der Sprachen.

ICH. Wollte Gott, wir sprächen alle Eine.
[280]
FRAU v. W. Dann würden viele nicht in den Himmel wollen, so schön würd' es in der Welt seyn.
KLEINE. Des Thurmes wegen muß ich auch französisch lernen!
FRAU v. W. Hast du Ursach', dich zu beklagen?

KLEINE. Nein, Gnädige! ich beklage nur Sie – und doch könnt' ich öfter herumlaufen – wäre der babylonische Thurm und das Französische nicht.


Es war Mittag und alles fand sich von selbst zusammen. Frau v. G. – hielt bei allem Hochdünkel sich nicht zu vornehm, die Tafel zu bereiten; die Küche nicht – und das steht keiner Dame an; höchstens einen Ueberblick.


FRAU v. G. Darf ich bitten –

HERR v. G. Was meinen Sie Zu meinem Vater. das sagt meine Frau gutherzig und allerliebst. Ich habe sie bloß dieses darf ich bitten wegen geheirathet. Ich hall's ihr bloß nach, darf ich bit ten. – Herr Bruder, Herr Pastor, Herr Bruder, Herr Bruder, wie ihr alle steht.

FRAU v. G. Ich bitt' –


Man ging Hand in Hand, ich mit der Kleinen v. W. – und (ich rede von der Tischgegend, wo ich war) wir saßen. Der Herr v. W. – (er hatte sich herunter genöthigt), gradüber wohlbedächtig Herr Hermann. Der Herr v. G. –, die Kleine v. W. –, mein Vater, der junge Herr v. G. –, noch allerlei vom Unterhause und Ich.


HERR v. W. Alle Feierlichkeiten, Herr Bruder, gehen zuletzt auf Schmausereien hinaus.

HERR v. G. Beim Tisch macht alles Friede, da verliert matt das Uebel und das Gute empfindet man lebhafter.

HERR v. W. Ich glaube, daß man nach Beschaffenheit des Gemüths auch den Tisch einrichten müßte.
HERMANN. Und ihn mit Cypressen oder Myrthen bestreuen.

HERR v. G. Ich nicht! jeder Tisch muß fröhlich seyn, wir [281] müssen mit Danksagung empfahen und zu uns nehmen, und uns auf Gott verlassen lernen.

PASTOR. Alles, was groß ist, geschieht bei Tische. Das Paradies ging bei Tische verloren, Monarchien und Regenten entstanden und gingen unter bei Tafel; alle Ehen werden im Himmel und bei Tische geschlossen. Jemanden zu Tische bitten, ist die feinste Art zu bestechen; hat man den Revisionscommissarien nur einmal zu essen gegeben, ist das Spiel gewonnen. Bei Tische kommt der Mensch seinem natürlichen Zustande näher. Der Vornehme sieht, daß er hier mit dem Geringern gleichen Appetit hat; da er mit ihm aus Einer Schüssel ißt, aus Einer Flasche trinkt, fängt er an, ihn für seines Gleichen zu halten. Alle Herzenssachen, wozu ich den größten Theil der Religion zähle, gehören vor einen weißbedeckten und mit Essen und Trinken besetzten Tisch. Die christliche Religion gibt uns hiezu viele Gelegenheit.

HERR v. G. Recht, lieber Pastor! Magen und Herz sind Nachbarskinder, sowie sich die Drüsen im Munde und Magen verwandt sind. Was jene reizt, bringt diese in Bewegung. Bei Tisch lernt man thun, wirken, in den Schulen lernt man reden. – Mit meinem Freunde muß ich genießen.

PASTOR. Die herzliche Beredsamkeit, wo eine Einsylbe oft mehr gilt als ein prahlendes: Allerseits nach Stand und Würden, ist auch bei Tisch zu Hause. Bei Tisch wird man nicht alt. Sehr richtig. Was uns hiedurch an Zeit abgeht, ersetzen Stärke, Gesundheit und eine lachende, alles leicht findende Stirn. Hiedurch richten wir in einer Stunde mehr aus, als ein Kurzesser in einem halben Tage.

HERR v. G. Es lebe Luther und seine Tischreden! – Ein schönes Stück von ihm, eine Ehrensäule für die Menschheit. – Hätt' er die nicht nachgelassen, ich würd' ihn lange nicht für das halten, was er war. Die Fröhlichkeit, die Freundschaft an einem [282] wohlbesetzten Tisch, die Gerechtigkeit, lieber Pastor, und ihre Ausübung, an einem rothbehangenen unbesetzten Tisch.

PASTOR. Sie muß nüchtern verwaltet werden. Wer am besetzten Tische Recht spricht, beugt das Recht. – Viele Leute sind der Meinung, man müsse nüchtern schwören, und halten es für Mißbrauch des Namens Gottes, wenn sie gefrühstückt haben. Ein Richter muß aber keinen Wein trinken, wenn er Recht spricht. Er sieht gleich alles anders an. Mit der Gerechtigkeit ist es eine besondere Sache, ein einzig Gläschen macht oft einen andern Menschen; wer mitleidig ist, weicht vom Wege ab und –

HERR v. G. Mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ich glaube, daß es zu manchen Begebenheiten auch besondere Gerichte gäbe. Unsere lieben Alten sind uns darin rühmlichst vorgegangen.

HERMANN. Eben hierdurch wird das Essen schmackhaft. Vielleicht könnte man trostgebende, glückwünschende Gerichte erfinden.

HERR v. W. Ich habe noch niemand frische Milch mit saurem Gesicht essen gesehen.

PASTOR. Die Natur hat zwar jedem Essen seine Jahreszeit angewiesen, alle aber kommen am Ende darin überein, daß wir dabei fröhlich und guter Dinge seyn sollen. Nennen Sie mir eine Schüssel, die Thränen auspreßt?

HERR v. W. Der Grad des Vergnügens indeß könnte verschieden seyn.

HERR v. G. Hiebei kommt viel auf die Einbildung an. Nachdem eine Schüssel selten, das ist vornehm gehalten wird.

Aber, meine Herren da unten, die Suppe wird Ihnen kalt.

HERR v. W. Freilich! bei ihr sollte nicht gesprochen werden.

PASTOR. Wer sie ißt, wird sich von selbst hüten. – Man [283] kann leicht dabei den Weg verfehlen. – Suppe geschickt zu essen, ist sehr schwer – ich esse keine.

DREI STIMMEN, BASS, TENOR, DISCANT. Keine?
PASTOR. Alexander auch keine.
WIEDER DREI STIMMEN. Keine?

PASTOR. Suppen sind für Kranke, es sind Fleischessenzen, und für Leute, die kein Fleisch mehr verdauen können.

HERR v. G. Ich bin nicht darauf gefallen, aber der Pastor hat Recht. – Braten ist das natürlichste, wenn von Fleisch die Rede ist.

PASTOR. Wer Fleisch und die davon erpreßte Suppe ißt, ißt den Kern und nachher die Schale, genießt den Saft und hinterher die Hülse.

HERR v. W. Wenn Sie mir gleich nicht besondere Festtagsgerichte gestatten, Nationalspeisen werden Sie mir wenigstens zugeben?

PASTOR. Gern, und da ist beim Engländer Braten, bei dem Deutschen Mehlspeise, beim Franzosen Kraut auf dem Felde. Die Deutschen sind Männer des Tisches. Sie sitzen lange dabei, ihr Tisch ist der beste. Kein Wunder, daß sie am längsten dabei weilen. Sie sind die gastfreiesten, die menschlichsten Esser und Trinker.

HERR v. G. Katholiken kochen vortrefflich Fische.

PASTOR. Noch lehrt beten. Wenn ich zu reformiren hätte, müßte das schöne Geschlecht, wenn es ja kochen soll, mit strenger Ausschließung alles dessen, was Odem gehabt, sich auf Milchspeisen und Gemüse einschränken. Kein Fleisch und Fische müßten sie kochen, sondern bloß natürliche Gerichte würden zu ihrem Departement gehören. Obst aus Frauenzimmerhänden ist beinahe wie vom Baum.

[284]

HERR v. G. Obst, Pastor, denk' ich, sey die natürlichste Speise in der Welt.

PASTOR. Es ist ein paradiesisches Essen, ein Manna, das noch vom Himmel fällt, wonach alle Kinder einen Erbgeschmack mit auf die Welt bringen.

HERR v. G. Obst ist die gesundeste Speise unter allen. Nach Obst Milch und Honig.

PASTOR. Ich bin nicht von denen, die schon das liebe Brod in der Welt zu gekünstelt finden, und sich auf die allerersten Naturelemente reduciren wollen. Wer mir aber Obst verachtet –

HERR v. G. Ist ein verderbter unnatürlicher Mensch. Er hat seine Unschuld verloren und trägt davon das Malzeichen an sich. Pastor, ein Glas Wein aus den Händen eines Frauenzimmers –

PASTOR. So wie ein Glas Wasser und aller Trank aus ihren Händen. Der Trank ist mehr der Kunst entgangen als die Speisen, und aus Gottes Händen ziemlich unverfälscht auf uns gekommen. Ein Glas Wein bei der Quelle.


Wie bange mir bei dem Worte Quelle ward, können sich meine Leser nicht vorstellen. Ich habe wenigstens ein Quartblatt, dicht geschrieben, drüber verhört, und doch ging es glücklich ab, obgleich eine allgemeine Stille darüber ward.


HERR v. G. Säle sind gut, nach Tische hineinzugehen. Beim Speisen ein schmales Zimmer, um nah zusammen zu seyn. Man hat sich mehr.

PASTOR. Daher ein runder, ein Artustisch und eine kleine Gesellschaft. – Wir sitzen hier an einer deutschen Tafel in allem Betracht.

HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor, von den vielen Schüsseln? Ist nicht Eine genug?

PASTOR. Viele Schüsseln verlängern den Tisch und mithin [285] auch das Vergnügen. Es ist wahr, es reizt mehr zu essen; indessen liegen in uns auch vielerlei Appetite. Sobald es wahr ist, daß wir Fische, Fleisch, Obst, Gemüse essen können, daß die Natur eine Schatzkammer für uns sey, so seh' ich nicht ab, warum wir geizen sollten.

HERR v. G. Es ist auch schwer, ein einziges Gericht, das für sich selbst besteht, zu nennen.
HERR v. W. Fleisch mit Rüben.
HERMANN. Das sind schon zwei mit Ew. Hochwohlgeboren Erlaubniß.
HERR v. W. Braten und Salat.
PASTOR. Ohne Salat wollen Ew. Hochwohlgeboren sagen.
HERR v. W. Ja, ohne Salat.

PASTOR. Ich esse auch keinen Braten mit Salat. So eine Hauptschüssel, so eine natürliche Schüssel braucht keine Anreizung.

HERR v. G. Und warum? Beim Tanz muß Spiel seyn.
PASTOR. Beim Tanz, allein beim Gange nicht.

HERR v. G. Ich hab' es von einem Beobachter, der im Vorzimmer eines vornehmen Mannes bemerken konnte. Ein Franzose kam, ging an den größten Spiegel im Zimmer und schnitt Capriolen; ein Engländer setzte sich aufs Kanapee, ein Deutscher stellte sich an den Ofen, ein Russe ging an den kleinsten Spiegel und zog sich die Haare in Ordnung. Wär' ein Curländer gekommen, der hätte sich die Stiefeln aufgebunden, und ein Pole den Bart gestutzt. So, lieber Pastor, sind diese Leute auch am Hofe, an der Tafel, als Schriftsteller.

PASTOR. Um Verzeihung! ich würd' in Europa nur vier Völkern Sitz, Tisch und Stimme erlauben: Engländern, Franzosen, Deutschen – und einem Volk in Norden. – Vier Hauptwinde, der Engländer Ost-, der Franzose Süd-, der Deutsche Westwind, und das Volk in Norden der Wind seines Namens.

[286]

HERR v. G. Curland würde dieses Volk wohl schwerlich heißen – aber, Pastor, der Tischstyl ist allgemein – leicht, nicht wahr? – Man könnte den französischen zum Muster vorschlagen.

PASTOR. Warum das? je nachdem der Mann, der spricht, je nachdem das Gastmahl, je nachdem der Styl. Der hört die Austern wie einen russischen Fuhrmann pfeifen, der läßt sie erst verstummen vor ihrem Scheerer, der ißt sie mit Haut und Haar, der barbiert sie erst! Fremde Gewürze verderben das Essen und das Gespräch; die liebe Natur muß bei Tafel präsidiren.

HERR v. G. Ich bete nicht eher, als bis Salz auf dem Tische ist. – Es ist ein Sinnbild vom Verstande, und ich denke, gewisse Art Leute müssen bei Tisch nie anders reden, als daß es zur Noth aufgeschrieben werden könnte. Der Tischstyl und der Briefstyl sollte freilich aus der ersten Hand seyn; wer kann Natur genug predigen? Wir sind wie Affenleiter, wie Bärenleiter, die ihre Thiere schlagen, wenn sich selbige vergessen und zur Natur kommen. Gemeine Sprache ist Wassersuppe. Ausgesuchte Worte sind Canel, Muscatennuß; es fällt auf die Zunge; allein es macht Hitze. – Lieber Pastor! gießen Sie Oel in meine Lampe, sonst geht sie aus.

PASTOR. Sie brennt trefflich!


Der junge Herr v. G. fing an, mir etwas leise zu sagen.

Der alte Herr v. G. verlangte, daß er's laut sagen sollte und der junge Herr v. G. verstummte.

Eine Weisung vom Herrn v. G. dem ältern, bei Tische nicht leise zu reden. Es sieht, sagte der alte Herr v. G., nach Verräthern aus.

Herr v. W. setzte hinzu: und ist ein Verstoß wider die Höflichkeit.

Obgleich eben diese ungebetene Anmerkung ein dergleichen Verstoß war.

[287] Wir waren bei Fischen. Herr v. G. behauptete, es gäbe Gerichte, bei denen man nicht sprechen müßte.

Sie leiden es nicht, sagt' er, und wollen durchaus, daß man sich mit ihnen allein beschäftigt. Sie sollen auch besser schmecken, wenn sie still gegessen werden. – Fische, fuhr er fort, sind von der Art.


PASTOR. Es gibt Augenblicke, wo man auch beim Fleisch, beim Brode nicht sprechen kann. Anakreon starb, weil ihm eine Traube in die unrechte Kehle kam.

HERR v. G. Lassen Sie uns Probe essen.
HERMANN. Du bist stumm wie ein Fisch, sagt man.
HERR v. G. Dumm, wie ein Stockfisch, sagt man auch.

Man machte eine Pause, und die Sache blieb nach einem langen Stillschweigen unausgemacht, obgleich beinahe jedes Gräten bekam, weil sich keins des Lachens enthalten konnte. Ich gewinne bei diesem Carthäuser-Silentio, und meine Leser, furcht' ich, auch. Am Ende blieb es unausgemacht, weil ein verabredetes Stillschweigen keine Probe seyn könnte. Herr v. G. war dieser Meinung.


PASTOR. Wer mit mehr als zweien bei Tische spricht, muß sehr lustig seyn, sonst verliert der vierte. Mit zweien muß man sprechen; denn man ist freilich bei Tische nicht immer in den Umständen sprechen zu können. Drei wechseln sich beständig um. Unvermerkt kommt's an jeden. Sind vier, spricht selten mehr als einer. Zwei können nur streiten, der dritte entscheidet; dieses aber muß nicht als gravissimus praeses, sondern als Nachbar seyn.

HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor! wie man spricht, ißt man, wie man ißt, kleidet man sich.

PASTOR. Nicht immer. Ein Stolzer kleidet sich prächtig, ißt schlecht, und spricht schwülstig; ein Wollüstling –

HERR v. G. Wird zugegeben, ich mein' es anders.
PASTOR. Alles dreies zeugt von Geschmack.
[288]

HERR v. G. Das meint' ich. Was gebilligt wird ist gut, was vergnügt ist angenehm, was gefällt ist schön. Ich glaube, wir thun dem Herrn v. W. einen Gefallen, wenn wir von Kleidern sprechen. Er wechselt drei- bis viermal an manchem Tage.

HERR v. W. Niemals ohne Ursache, Herr Bruder. Ich geb' jedem Tage, jeder Stunde, was recht ist.
HERR v. G. Das ist eine gute Uebung in der Gerechtigkeit.
HERR v. W. Herr Bruder, du hast, wie Christianus der Zweite, im Mutterleibe geweint.
PASTOR. Wie Christiernus.
HERR v. G. Und was weiß ich, wie wer im Mutterleibe gelacht.

HERR v. W. Ich schicke mich in die Zeit, und bin ein festlicher Mann, das ist: die vergnügten und traurigen Vorfälle meines Lebens sind mir beständig im frischen Andenken. Oft traur' ich an demselben Tage und bin fröhlich an demselben Tage.

PASTOR. Sehr natürlich! – Selten ist ein Tag, der nicht seine Plage hat.

HERR v. W. Alles dieses drück' ich durch Kleider aus. Man hat Trauer-, warum denn nicht Freudenkleider?

HERR v. G. Da hat der Herr Bruder einen guten Gedanken, an Freudenkleider denkt niemand, und doch sollte man Freudenfarben und Freudenkleider erfinden, und sie dazu privilegiren. So was hat Einfluß auf uns. Wenn ich Pleureusen, Trauersäume –

PASTOR. Pharisäersäume!

HERR v. G. Gehe, ich bin betrübt. – Es erinnert mich an alles Trübe des Lebens – ich fühle die Krankheit von weitem, an der ich sterben werde. Das, glaub' ich, fühlt jedes, wenn es betrübt ist.

[289]
HERR v. W. Man theilt die Trauer in halb und ganz ein; ich theile sie in Viertheil –
HERR v. G. Das ist, nach dem Monde – ich bin nach der Sonne, immer ganz, Herr Bruder!

PASTOR. Nur nicht immer Mittagssonne oder Mitternacht! – Sind Morgen- und Abendröthen nicht die schönsten Stücke am Tage? Gibt's nicht eine gewisse Ruhe, die besser ist als Tanz und Jubel? Warum immer Adagio, oder Allegro? – Das männliche Alter ist die Mittagssonne. Die Jugend aber hat ihren Reiz, und das Alter hat auch sein bescheidenes Theil. Das Alter genießt, es verweilt, wenn die Jugend herumwankt und vom Hoffnungswinde hin und her getrieben wird.

HERR v. W. Ew. Wohlehrwürden bin ich ergebenst für diese Hülfsvölker verbunden.
HERR v. G. Ein Viertheil oder halb ergebenst – ganz ergebenst sagst du wohl nur zum Präpositus.
HERR v. W. Getroffen! Alles sein Gewicht, und Wage!

HERR v. G. Gott erbarm! So ein Curländer! Solang das Land steht, hat es solche höfliche Männer nicht gehabt, als dich und deinen Waffenträger, den Hermann. Wir gehen in Stiefeln! und du, Herr Bruder, wie ein Papst, in Pantoffeln. Schuhe sind dir schon zu schwer.

HERR v. W. Die Frage ist, wie's sich leichter geht? – Wir haben darüber schon so oft und viel gesprochen – ich behalte meine Weise, und lass' jedem die werthe seinige.

HERR v. G. Eins indessen, Herr Bruder, mit deiner Erlaubniß. – Warum bleibst du im Cirkel deiner Familie? Du solltest ein Path' und Leichenbegleiter und Hochzeitsgast von der ganzen Welt seyn, und als ein Kosmopolit –

HERR v. W. Das Hemde, ob es gleich nur von Linnen ist, bleibt uns näher als das Kleid. Wenn die Noth der ganzen [290] Christenheit mit der meinigen stimmt, und wenn ich sie weiß, accompagnir' ich gern. So auch mit der Freude.

HERR v. G. Und wenn ich sie weiß? Geschichte, Herr Bruder, Geschichte –
HERR v. W. Aber Zeit! Geschichte ist Zeitvertreib.
HERR v. G. O! du edle Zeit! Kein Missethäter wird so behandelt, als du!

HERR v. W. Von ungefähr hab' ich manches erfahren, und ich läugne es nicht, es gibt gewisse an sich rothe Tage, im Staats- und Hof-, so wie im Hauskalender, als da ist der einunddreißigste Julius.

HERR v. G. Darf ich –

HERR v. W. Benedictus I., der LXII. römische Papst, starb an diesem Tage, und auch Ignatius Lojola im fünfundsechzigsten Jahre seines Alters. Mein Großvater ist am nämlichen Tage, gleichmäßig im fünfundsechzigsten, meine Mutter am nämlichen Tage im zweiundsechzigsten Jahre verstorben.

HERR v. G. Das ist ja ein rechter Pesttag.

HERR v. W. Nicht genug. Mein Sohn Casimir bekam am nämlichen Tage die ersten Zahnsprossen, und starb acht Tage nach diesen Todeskeimen. Meiner Mutter Bruder brach ein Bein, und –

HERR v. G. Spare deinen Zinnober, schon roth über roth! – Zweiundsechzig und fünfundsechzig! Du sprachst die Zahlen so feierlich, so groß aus, daß ich ordentlich römische Zahlen hörte – ich kondolire von Herzen. An dem Tage wohl ganz tiefe Trauer?

HERR v. W. Du willst spotten – allein man lebt nur durch dergleichen Kunstgriffe, sonst betrügt man sich um das Leben. Kleider sind das, was Ceremonien in der Kirche sind.

HERR v. G. Das letzte mag seyn, das erste nicht also. Du, hochzuverehrender Herr Bruder, du! du selbst bist der größte Lebensbetrüger, [291] den ich kenne, du lebst die vorige Zeit so vielmal, du wiederholst dich selbst so oft –

HERR v. W. Ich mische Wasser und Wein, Herr Bruder, das Vergangene und das Gegenwärtige.
HERMANN. Wasser macht weise, und fröhlich der Wein.

HERR v. G. Wer weise ist, Herr! ist auch fröhlich. – Weg mit diesen Zusammenfügungen, die die Natur nicht selbst veranstaltet, mit diesen elenden Kupplereien. Wasser allein, Wein allein.

HERMANN. Aber mit Ew. Hochwohlgebornen Erlaubniß –


Hier ist wieder etwas außerhalb der Linie. Dieß Etwas gehört auf die Rechnung der Frau v. G. Sie winkte mir, um mir einige Festfragen wegen meiner Predigt der Frau v. W. zur Lehre und Trost vorzulegen. Meine Leser haben über diese Predigt schon mehr als eine Predigt gehört. Ich antwortete der Frau v. G., bückte mich gegen die aufs Wort merkende Frau v. W., und gern hätt' ich dieses Predigtwasser mit dem weinreichen Gespräch des Herrn v. G. gemischt, wer hat aber Cäsars Fähigkeit? der lesen, schreiben und seine sieben Sachen diktiren konnte. So viel weiß ich, daß Herr Hermann zum förmlichen Waffenträger des Herrn v. W. installirt wurde. – Herr v. G. war Brabevta. Um in der obigen Figur zu bleiben, muß ich es eine Taufe nennen. Jetzt sitz' ich wieder, meinen Lesern zu dienen, an Ort und Stelle.


HERR v. G. Einen Tag, Herr Bruder, will ich dir noch aus der Geschichte zum Geschenk machen. Wenn ich nur, so wie du, römische Zahlen aussprechen könnte. Den achtzehnten April

ICH. Ist Alexander Magnus gestorben.
HERR v. G. Und wer mehr?

ICH. Diogenes aus Sinope, der Cyniker, dem Alexander, obgleich Alexander klein war, doch schon zu viel Schatten machte. Diogenes ist Alexander unter den Philosophen.

[292]

HERMANN. Und auch der Tempel zu Ephesus wurde an diesem Tage eingeäschert.

HERR v. G. Ei! Ei! Herr Hermann, das war ein Pathenpfennig von der Göttin Diana, da Alexander geboren ward.


Man lachte allgemein über Herrn Hermann.

HERMANN. Ich bitte tausendmal um Verzeihung.
HERR v. G. Warum das? Sie haben das Feuer nicht angelegt.
HERR v. W. und FRAU v. W. Zusammen. Der achtzehnte April! unsrer Kleinen Geburtstag.
HERR v. G. Damit ans ihr ein Alexander stamme! Es war eine Gesundheit.
FRAU v. G. Und sie einen Alexander heirathe! Ein allgemeiner Gläseranstoß.

HERR v. W. Du weißt, Herr Bruder, für wen ich sie bestimmt habe Auf den Herrn v. G. den jünger zeigend.

FRAU v. G. zur Frau v. W. Auch ich habe es die Ehre, zu wissen.
FRAU v. W. zur Frau v. G. Warum die Ehre?
HERR v. G. Dann heirathet sie keinen Alexander, der Himmel erfülle also meine Gesundheit.
HERR v. W. Das würde mir ein Fest seyn!
HERR v. G. Das Myrten- oder das Wiegenfest?
HERR v. W. Beide! beide!
HERMANN. Ew. Hochwohlgeboren nehme mir die Erlaubniß, meine aufrichtigsten Glückwünsche –
HERR v. G. Alle guten Dinge, nur kein Glückwunsch.

Eine Gesundheit.


Zusammen: alle gute Dinge!

HERR v. W. Diesen guten Tag muß ein Kleid bezeichnen, das gefallen soll. Du spottest über meine Kleider, Herr Bruder! [293] Alles, was Augen hat, soll diesem Ehrenkleide den gegenwärtigen und den künftigen Alexander ansehen, und alles –

HERR v. G. Gefallen soll, Herr Bruder? Wird, willst du sagen. Man kann nicht sagen: es soll gefallen, sondern wenn es hoch kommt: es wird.

HERR v. W. Da hast du Recht. Mit dem Geschmack muß man complimentiren, ich beicht' und widerrufe mich.

HERR v. G. Pastor! mit Ihrer Erlaubniß, eine kleine Wiederholung über die Farben von gestern Abend; ein Versuch, ob ich behalten habe. Bei den Farben gibt's heilige Zahlen. – Es sind drei Hauptfarben: roth, blau, gelb. Roth ist die älteste Farbe in der Welt; das Chaos war ohne Zweifel roth. Blau ist die Leibfarbe der Erde, gelb die Leibfarbe der Sonne. Die weiße Farbe ist die Seele, das Licht zu allem. – Was denken Sie, Pastor?

PASTOR. Daß wenig oder gar nichts von diesem allem auf meine Rechnung gehöre.
HERR v. W. Theorie, meine Herren, ich bearbeite dieses Feld praktisch.

PASTOR. Mein Satz ist: folg der Natur! Sieh die Lilien auf dem Felde. Die Natur hat nichts, was sich nicht passen sollte. Die Blüth' ist das Kleid; der Spiegel die Weste.

HERR v. W. Schön! wahr! viel gesagt! Wenn ich ein halb trauriges, halb lustiges Fest habe, roth und schwarz – und da kann man Feinheiten anbringen. – Ist der Uebergang von der Trauer zur Freude, so ist das Kleid licht, die Weste dunkel; ist's von Freude zur Trauer, umgekehrt; ist's allmählig, so auch der Uebergang, so allmählig, daß man nichts merkt.

PASTOR. Das erste nennt man es schreit, als wenn ihm auf den Fuß getreten wäre, das andere könnte man: es spricht, nennen, und so könnt's bis ins Ohr so leise herunter kommen.

HERR v. G. Es geht mit den Farben der Kleider vielleicht [294] wie mit den Festen meines Freundes. Es widerspricht sich oft, es paßt nicht alles.

PASTOR. Wenn eine Farbe der andern beinahe gleich ist, sieht es aus, als falle sie ihr ins Wort. Es hat das Ansehen, als wenn eins so wie das andere werden will, und nicht werden kann. Das verdrießt den Zuschauer, er sieht keinen erwünschten Ausgang ab. Der Knoten bleibt geschürzt. Also eine solche Farbenwahl, daß wegen ihres Unterschieds kein Zweifel bleibt.

HERR v. G. Blau und roth! Die preußische Uniform!

PASTOR. Ganz recht; allein die Weste sollte roth, das Kleid blau seyn, und das der Vermischung wegen. Diese entsteht, wo die Farben recht zusammenstoßen; denn hier wird selbst diese Vermischung eine begreifliche in rerum natura existirende Farbe. Ist das Kleid roth, die Weste blau, gibt die Vermischung ein schmutziges, ein ekles Roth. Es sollte jedes Land seine Uniform haben, jetzt tragen sie höchstens die Soldaten.

HERR v. G. Jede Uniform kleidet. Wenn ein Officier seinen Dienstrock auszieht, ist's oft so, als wenn er Anstand und Geschmack und alles mit ausgezogen hätte.

PASTOR. Uniform kleidet. – Sie haben Recht, allein warum? Die meiste Zeit, weil sie Gesetz ist. Man nimmt's nicht so genau. Man weiß, daß man sie tragen muß. Ist dieser Zwang vorbei, sieht man den Menschen in naturalibus.

HERR v. G. Pastor, Sie hatten gestern Abend den Einfall, daß die Worte Kleider der Gedanken wären, und daß man sich auch hier Farben denken könnte. Wahrlich, manches Wort ist wie ächte, manches wie unächte Farbe, manches Wort ist ein violettes, grünes, rothes Kleid.

HERR v. W. Ich hab' indessen Leute gekannt, denen vom Rothen übel ward. Es war ihnen ein Ach und Wehgeschrei.

PASTOR. Es ist die härteste Farbe, der Stand der Natur, [295] der Stand der Wilden. Die Jugend scheinen helle, einfache, das Alter zweifelhafte, vermischte Farben zu kleiden. Jene könnte man kühne, diese bedächtige Farben nennen. Den Blonden kleiden blasse, oder ganz schwarze Farben; jenes wegen der Harmonie, dieses wegen des Contrastes. Den Brünetten kleiden harte Farben. So gibt's auch seidene, baumwollene Gesichter, und Gesichter von Garn. – Ich halte dafür, ein jeder Mensch, ich sage Mensch, muß seine königliche, priesterliche und prophetische Stunden, und auch so seine dreierlei Kleider haben. Meine Frau hat mich darauf gebracht. So stimme ich mit dem Kleiderschmuck Sr. Hochwohlgeboren des Herrn v. W., und so weich' ich von ihm ab. König geht eigentlich auf die vergangene, Priester auf die gegenwärtige, Prophet auf die künftige Zeit; indessen gibt es Zeiten, wo die Minute, wo der Augenblick den König, den Priester, den Propheten fordert.

HERR v. G. Pastor, die Idee gefällt mir, ich glaube, jeder kluge Junge, das heißt doch eben so viel, als jeder Mensch, ich sage Mensch – ist König, Priester und Prophet, wenigstens weiß ich mir Zeitpunkte zu besinnen, wo ich König, Priester und Prophet gewesen, und wäre mir das Wort König nicht so gehässig – würd' ich nicht gern mit Cromwell: anstatt dein Reich, deine Republik komme! beten; König wäre meine Lieblingsuniform.

PASTOR. Sie können immerhin ihre republicanischen Fasces beibehalten. Sie dürfen kein nigscher werden, um im Geiste König zu seyn – ich bin für Könige, das heißt was anders, als froh wie ein König seyn.

HERR v. W. Schicket euch in die Zeit, ich schlage Herzog, Priester und Prophet vor.
HERR v. G. In dem Sinn, wie der Pastor es nimmt, ist Herzog von Curland viel zu wenig für mich.

Hier breche ich ein Politisches Gespräch ab, das wie ein Heckenfeuer heraussprang, und wobei mir viel entging. Wie sich dieß Gespräch auf [296] den Aufschlag am Kleide reducirte, weiß ich nicht. Das Ende vom Liede war, daß Curland ein Aufschlag von Polen sey, und daß, wenn ja ein anderer Aufschlag, als von dem nämlichen Tuche, seyn

sollte, er lichter seyn müßte.


HERR v. G. Das wahre Verhältniß von Polen gegen Curland.


* * *


PASTOR. Geschmack ist die Bemühung, unser Urtheil mit andern allgemein zu machen. Die Deutschen werden es nie zu viel Genies bringen, welche Flügel der Morgenröthe haben; sie besitzen aber sehr große Anlage zum Geschmack; alles zu berichtigen, ist ihre Sache. Man könnte den Geschmack eine Galanterie des Verstandes nennen; er will sich bequemen. Der Mensch hat Appetit, heißt: der Wirth ißt an seiner Tafel gut; der Mensch hat Geschmack, heißt: er macht, daß andere mit Appetit bei ihm essen. Ein Genie trägt einen rothen Rock, oder so was; ein Geschmackvoller eine sanfte Farbe. Er will alle Leute bestechen, wenn man so sagen darf. Engländer haben Genie, Franzosen Geschmack, Deutsche beides. Wem es in einem Stück an Geschmack fehlt, wird schwerlich irgendwo Geschmack zeigen. Der Geschmack ist aristokratischer Staat. Geschmack ist das allgemeine Gefallen, Gefühl ist ein Privatgefallen. Geschmack ist das Geschick, die Fähigkeit zu wählen, was jedem gefällt. Gefühl hat man, Geschmack lernt man.

HERR v. G. Von wem aber?

PASTOR. Die Pluralität entscheidet, nicht aber die Pluralität des Volks, sondern von Leuten, die Gelegenheit gehabt haben sich in der Welt umzusehen. Geschmackvolle Leute wissen zu treffen, was allgemein gefällt. Man hat indessen Geschmack bloß anderer wegen. Alles Schöne sucht und liebt man für die Gesellschaft, und man kann es sich kaum vorstellen, was man nicht der Gesellschaft alles zu Gefallen thut. Man wählt ein schönes Weib nicht seinetwegen; [297] man nimmt sie, damit sie andern auch gefalle. Der Eifersüchtige macht hier keinen Einwand, sondern auch er wählt nicht anders.

HERR v. G. Sonderbar, aber wahr.
Oben: hi hi hi ha ha ha! Ein Gelächter in allen ganz und halben Tönen.

PASTOR. Ein Garten gefällt in Gesellschaft; Wald, wenn wir allein sind. Ungesellige haben keinen Geschmack. Man sollte glauben, der Geschmack habe keine Regel, allein er hat seine Regeln. Man kann indessen nur durch Erfahrung darauf kommen.

HERR v. G. Wenn man Freunde hat, sendet man nicht zuvor Kundschafter aus, um zu fragen, was jeder essen will; indessen müßt es doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht eine Mahlzeit anrichten sollte, die jedem gefiele.

PASTOR. Der nicht krank ist.
HERR v. G. Für den kochen die Aerzte. Der arme Schelm!
PASTOR. Griechen und Römer sind Muster des Geschmacks, und werden es bleiben in Ewigkeit.
HERR v. G. Da bitt' ich um Vergebung.
HERR v. W. Und ich tausendmal wegen der deutschen Sprache.

PASTOR. Wenn Sie ihr das Leben absprechen, gut! so kann auch die deutsche Sprache zu der Ehre kommen, welche der griechischen und lateinischen, eben weil es selige und vollendete Sprachen sind, zusteht. Solang eine Sprache lebt, wird dieß Wort adelich, dieß bürgerlich, dieß bäuerisch, nachdem es die Mode will. Es geht mit den Worten, wie mit den Familien: dieß kommt empor, jenes fällt. Heut' ist es am königlichen Hofe, in der Epopee, willkommen, morgen findet man es schon bis im Schäfergedicht unausstehlich. Gedankenwendung, Denkart, alles ist im ägyptischen Diensthause der Mode. – Gewinnsucht, Eigensinn in der Nation, kann [298] Worte erhöhen und erniedrigen. Alle Münzen in einer lebendigen Sprache sind der Reduction unterworfen – und wenn dann die Tyrannei triumphirt, und Götzengräuel die heiligen Stätten schändet, wenn von den Tempeln des Geschmacks kein Stein auf dem andern ist, wenn Barbarei das Land deckt, sind Homer und Pindar, Virgil und Horaz

HERR v. G. Wenn aber der Geist der Weltweisheit in einem Volke wohnt, welcher Tyrann kann da das Land verheeren?

PASTOR. Philosophie ist Festung, ich gesteh' es, wo ist aber eine, die unüberwindlich wäre? Die Wissenschaften, sie mögen bloß schön oder zugleich gründlich seyn (Kolorit, Geschmack, muß jedes Buch haben, wenn es nicht mathematisch ist), sind mit einander verwandt. Hatten denn die Alten kein Licht in der Weltweisheit? Wo bist du Sonne blieben, singt die christliche Kirche, und meine Frau mit ihr. Die schönen Künste und Wissenschaften sind die Mobilien, die Pretiosen. Die Hände der Noth greifen sie zuerst an; allein am Ende verbreitet sich die Tyrannei über alles – dürr ist das Land, das Volk in Ketten, der Priester des Wütherichs Gevatter – bis ein Heerführer in der Nation hervorragt, Feuer sieht, und nach den Schätzen der Alten gräbt – dann kommen auch tabulae naufragae der Natur zum Vorschein.

HERR v. G. Der Himmel wende diese Gefangenschaft von Deutschland und seinen Gränzen ab, und wenn Deutschland ja Ziegel streichen muß, und ihre Knaben in der Geburt erstickt werden, schenk' er ihnen Mosen, und führ' sie zurück nach Kanaan!

HERR v. W. Ohne durch eine Wüste zu gehen.

PASTOR. Noch ist Deutschland im Werden. Ein schönes Gewächs! wird man bald sagen. Noch ist es weit vom Luxus, der wie das eigene Fleisch und Blut der ärgste Feind ist, ein innerlicher Fresser, ein Bürgerkrieger. – Solang es einfältig ist, [299] schlecht und recht, wie die Natur einhergeht, wer kann es verwüsten?

HERR v. G. Deutschland fing mit Blitz, Donner und Hagel an, und das war (so finster es rings umher aussah, wie kann es anders bei Donner, Hagel und Wolken?) ein deutscher Anfang. Die asiati sche Banise, meiner Frau Leibroman, ist –

HERR v. W. Blitz, Donner, Hagel reinigt die Luft, und alles gedeiht wohl.

HERR v. G. Ich weide mich an der Vorstellung, daß Deutschland, das so vortrefflich zu blühen anfängt, auch Frücht' ansetzen werde zum ewigen Leben.

PASTOR. Wir sehen den Mai, so manches Erste, so manches Neue vom Jahr.
HERR v. G. Deutschland – wie ein Feuerwerk brannt' es ab, Deutschland!
PASTOR. In deutschem Wein.

Wer französischen Wein hatte, ließ sich zu Deutschlands Ehre deutschen geben.

HERR v. G. Wird euch auch so deutsch ums Herz als mir?
Wir tranken noch einmal: Deutschland! und zum drittenmal: Deutschland!

Wir feiern, fing Herr v. W. – an, als ob er den Faden gefunden hätte, den Herr v. G. – und mein Vater verloren, wir feiern das selige Andenken unserer in Gott ruhenden Vorväter, die, wenn gleich sie ein Glas über Durst tranken, dieß und noch mehr in Ehren thaten, und Wein und ein Kuß in Ehren, soll niemand wehren.

HERR v. G. Sie gaben Gott was Gottes, dem Kaiser was des Kaisers, dem Freunde was des Freundes, ihren Weibern was der Weiber war.

PASTOR. Sie waren tapfer, ohne durch ein Aushängeschild [300] ihren Muth zu verkündigen. Frisches, unvergiftetes Blut röthete ihre Wangen, sie liebten ihre Weiber wie Menschen, ihre Freunde wie Engel, wie starke Geister. Sie waren beglaubt ohne Schwur. Wollte Gott, daß ihre Kinder eine solche Denkungsart nie unter das alte Eisen legen möchten!

HERR v. G. Wir feiern die selige Zukunft, da sich die Wissenschaften zu diesen deutschen Eigenschaften wie Weib zum Manne gesellen, und nichts soll dieses Paar scheiden! Jeder, der in Curland deutsch spricht, empfinde, daß er ein deutscher Nachbar, ein Mitdeutscher sey!


Mein Vater schien einwenden zu wollen; allein es blieb beim Schein.

Dieser Gedanke sey der verborgene Hebel, der uns in Bewegung setze, deutsch zu seyn!

HERR v. W. Damit wir uns dem Genie einer Sprache bequemen, die zur Bescheidenheit und zur Höflichkeit, zum Unterschiede zwischen Herr und Knecht geboren ist. So rauh auch unsere Vorfahren waren, so rauh ihre Sprache auf uns gebracht worden, die noch bis diesen Augenblick nicht über alle Botmäßigkeit des Vorwurfs erhaben ist; so sehr unterscheidet sie sich von allen Sprachen, wegen des in ihr liegenden Originalstoffs zur Höflichkeit. Was schadet ein harter Ton, wenn die Kraft der Sprache ihn widerlegt?

Hier entstand Krieg und Kriegsgeschrei. Endlich hatt' alle Fehd' ein Ende. Ein Friedensartikel war, daß Herr v. W. – diesen Tag, als Fest der Deutschen, auf Kindeskind bringen würde.Omne trinum perfectum perorirte Herr Hermann, dem es mit diesem lateinischen Brocken besser ging, als mit dem Tempel der Diana. Fest der Deutschen, fuhr Hermann fort, mütterlicher Geburtstag (die Mutter des Herrn v. W. – hatte an diesem Tage das Licht der Welt erblickt), vorläufiger Verlobungstag. – Man dachte auf feierliche Einweihung dieses Festes, und es ward ein Schäuer gebracht, welchen der Herr v. G. – zu leeren anfing [301] und den er die Runde gehen ließ. Herr v. W. – war außer sich wegen dieser feierlichen Anstalten. Ich hätte dieses wissen sollen, sagte er. An ihn kam der Schäuer zuletzt. Sein Dank war rührend. Der gute Mann jammerte mich, und, wie ich hoffe, wird er alle meine Leser jammern. Er ließ eine Thräne in den Wein fallen, die er lange gesammelt hatte. »Diese heilige Thräne,« fing er an, »Allerseits Hochwohlgeborne, Wohlehrwürdi ger und Hoch-Edler, Hoch- und Werthgeschätzte Herren und Freunde, diese heilige Thräne,« mehr erlaubte ihm die Wehmuth nicht. – Da man einsah, daß Herr v. W. – kein Wort mehr in seiner Gewalt hatte, fing mein Vater an:

PASTOR. Wer allein trinkt, schämt sich. Wer in Gesellschaft trinkt, stärkt sein Leben. – Wir bringen uns durch den Trunk in Norden in ein besseres wärmeres Klima. Wir sind im Geist in dem Lande, wo der Wein gewachsen ist, den wir trinken; Branntwein macht heimlich, Bier schwer, Wein gesellig.

HERR v. G. Im Weine ist Wahrheit.

PASTOR. Das Temperament nicht, aber die Gesinnung kann man durch den Trunk beim Menschen erkennen – allein auch das Essen verändert den Menschen, und öffnet verborgene Kammern. Leute, die sich im Trinken vor Spionen hüten, sind nur auf einer Seite gedeckt. Ist der Mensch trunken, so ist er schwach, und das ist Glück für ihn, sonst würde er seinen Phantasien nachlaufen und Schaden nehmen; so wie ein Nachtwandler, wenn er die Augen brauchen könnte. Der Wein löst die Zunge bei Leuten, die in sich gekehrt sind. Schwätzern, die einen witzigen Einfall zu verbeißen für Kindermord halten, und ihre Schwangerschaft nicht verheimlichen, sondern lachen, ehe sie noch entbunden sind, Schwätzern stopft der Wein den Mund. Es ist diese Wirkung eine besondere Sache; indessen bestätigt sie die Erfahrung. Jeder kluge Mann spricht, wenn er ein Glas getrunken, und jeder Narr verstummt, und [302] wenn er ja zu sprechen sich erkühnt, ist es so etwas Unausstehliches, daß niemand lacht, als er selbst. – Anderer Art Narren, die sich nur dadurch von ihm unterscheiden, daß sie nicht lustige Rollen spielen, sondern stillnärrisch sind, selbst die achten sich zu gut, Theil an ihren beredten Landsleuten zu nehmen. – So unterschieden, wie Bauern und Astronomen den bestirnten Himmel ansehen, so unterschieden ist hier die Wirkung des Weins.

HERR v. G. Pastor, für dieß Wort zu seiner Zeit. Das Wort zu seiner Zeit!


Sie tranken alle.


PASTOR. Leute, die eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die im Staat bezeichnet sind, können sich nicht betrinken, ohne sich verächtlich zu machen – wie zum Exempel Pastores und Juden. Alles läuft ihnen nach. – Man sieht den Noa, wenn man einen trunkenen Pastor und Juden sieht. In England, wo ein Prediger kein Erzvater ist, würde es weniger anstößig seyn, einen kopfhängenden Pastor in betrunkenem Muthe zu sehen.

HERR v. G. Ein Schwärmer ist ein Seelentrunkener. Wenn ich schon nüchtern unter Trunkenen seyn soll, will ich lieber unter Leibes- als Seelentrunkenen seyn. Betrunkene verstehen sich unter einander; so auch Schwärmer.

PASTOR. Durch den Körper haben wir Anschauung. Wer mit der Seele sieht, ist ein Schwärmer, ein Geisterseher. Ein Enthusiast ist ein edler Phantast. Ein Phantast glaubt etwas zu empfinden, was er sich einbildet. Insofern sein Ideal sein Maximum, das er sich ohne Sinnen aus sich selbst denkt, einen ruhmwürdigen Gegenstand trifft, ist's Enthusiasmus. Ueber Schwärmerei und Seherei muß man reden, wenn man, wie wir, ein paar Gesundheiten getrunken hat.

HERR v. G. Lieber Pastor, ich habe mir unter einem Schwärmer einen Menschen vorgestellt, der tanzen will, und nicht Takt [303] halten kann. So wie die Biene um eine Blume herumsummt, und hie und da was herauszieht, so auch ein Schwärmer mit seinem Gegenstande. Nicht jeder Schwärmer kommt an einen Lindenbaum. Honig macht er gar nicht.

PASTOR. Ein Schwärmer rechnet, ohne das Einmaleins der Seele zu wissen, er baut, ohne ein privilegirter Architekt zu seyn. Die Philosophen bedenken sich oft zu lange, ein Schwärmer oft zu kurz. Der Philosoph sieht nach der Uhr, der Schwärmer nach der Sonne. Der Schwärmer ist eher Feldherr, als ein Philosoph; oft zeigt der Schwärmer dem Philosophen kühne Wege; der Philosoph pflastert sie, und dann geht sie jedermann. Der Tag gehört dem Philosophen, so wie die Nacht dem Schwärmer.

HERR v. W. Das Gallakleid der Mannsperson, das Negligé der Dame.

HERR v. G. Hab' ich Recht, Pastor, ein Hypochondrist ist ein Mensch, der sich selbst, wie ein Geiziger seinen Kasten, bewahrt der sein Leben lieb hat. –

PASTOR. Und es eben darum verliert.

HERR v. G. Ich würde, wenn der Mensch an der Seele krank ist, die Kur des Leibes, und wenn er am Leibe hinfällig ist, die Seelenkur vorschlagen. Diese sympathetischen Mittel sind nicht zu verachten.

PASTOR. Wo aber die Aerzte?
FRAU v. W. zur Frau v. G. Wollen Sie meiner Kleinen erlauben, den Salat anzurichten?
FRAU v. G. Wenn ich meine Schwiegertochter nicht bemühe?

Die Kleine schritt ohne Umstände zum Werke.


FRAU v. W. Das strengste Augenmaß und Händegewicht, so ich kenne, Oel, Essig, Salz. – Jeder Blick, jeder Griff trifft. Sie schneidet alles ohne Elle. Sie mißt kein Band.

[304]

HERR v. G. Wir wollen, um sie auf die Probe zu stellen, alle Augen auf sie richten, ich wette, sie ärgert sich, und gibt zu viel Essig.


Das Fräulein v. W. lächelte bei diesem examine rigoroso, ohne aus der Fassung zu gleiten. Der Salat erhielt allgemeinen Beifall. Der Braten ward hinterher gegessen, wie erwiesen war. Bei dieser Gelegenheit votirten wir ab (da dieses den obigen Grundsätzen nicht entgegenstand), daß alle Speisen und Getränke, die öffentlich abgebrauen und angerichtet würden, durch Frauenzimmerhände gehen müßten. Es ist, sagte.


HERR v. W. Feierlicher.
HERR v. G. Es schmeckt besser.
PASTOR. Die Natur ist eine Dame.

Das Fräulein v. W. mit dem vortrefflichen Augenmaß und Handgewicht bat, nachdem sie ihre Salatpflicht, die sie vielleicht noch so lange zurückgehalten, mit dem Salze vollendet, Erlaubniß von ihrer Mutter, frische Luft zu holen. Ihre Bitte that sie sehr beredt mit dem rechten Auge. Sie erhielt, was sie wollte; ich drang mich auf, sie zu ihrer Aufseherin zu begleiten. Sie ging, wie aus einer belagerten Stadt. Der jüngere Herr v. G. würde mir diese Ehre der Begleitung gern ganz abgetreten haben, wenn seine gnädige Mutter ihn nicht zu seiner Bräutigamspflicht aufgefordert hätte. Wir gingen und kamen, ohne eine Sylbe zu sagen. – Indem ich mich setzte.


HERMANN. Schön, sagte der Jude, nachdem er das Porcellan gesehen. Ich bitte, damit Sie sich nicht mehr als einmal ärgern, einen Tag anzusetzen, an dem alles auf einmal in Stücken gebrochen werde.

HERR v. G. Ich kann den Herrn v. –s mir vorstellen. Der witzige Jude hat indessen Unrecht. Selbst die Art, womit man dergleichen zerbrechliche Dinge behandelt, machen sie angenehm. Man denkt mehr daran, man genießt sie also mehr. Pastor, Sie [305] sprachen gestern wider die Gleichförmigkeit bei Trink- und Eßgeschirren? –

PASTOR. Jedes meiner Hühner ist von anderer Art. Jede Tasse sollte eine andere Malerei auszeichnen. So wie Tapeten zu einem Zimmer voll Schildereien, so mein Vorschlag zu einem Service. Beim Service liegt eine gewisse Idee vom Geiz, der sich aber auch hier wie allemal im Wege ist, denn wenn ein Stück aus dem Service zerbricht, hat das Ganze keinen Werth mehr.

HERR v. G. Was auf bloßen Nutzen ausgeht, muß gleichförmig seyn. Die Franzosen zeichnen alle nach einem Muster; die Engländer auch. Alles ist Service bei ihnen, ihre Werke sind Tapeten. In Deutschland, wie verschieden ist Klima und Regierungsform. Sie können werden, Pastor, wie Ihre Hühner. Sie können Schildereien aufstellen.

HERR v. W. Die Gesundheit unserer lieben Frauen –
HERR v. G. In was für Wein befehlen Sie, meine Gnädigen?
FRAU v. W. Ich denk' in Rhein –
FRAU v. G. Ich in Champagner. Die übrigen Damen: in Champagner! die Frau v. W. mußte beitreten.

Es ward Champagner gebracht, und ein anderer Pokal klar wie Krystall. Mein Vater hatte (ich ergänze mein Protokoll) bei dem ersten Pokal die Bemerkung gemacht, daß nichts unstimmiger, unrichtiger wäre, als geschliffenes Glas zum Trinkgeschirr. Der Wein, sagte er, ist für das

Auge eben so, wie für Nase und Mund.


Man trank das Wohl aller ehrlichen Wei ber.

Herr v. W. hätte das Weiber gern zierlicher gegeben, und es in Damen verwandelt, wenn er nicht besorgt hätte, wegen Diebshehlerei vom Herrn v. G. in Anspruch genommen zu werden, der ihn sich wegen des Festes der Deutschen bis zur Thräne verpflichtet hatte. Auch das Beiwort ehrlich war dem Herrn v. W. [306] anstößig; indessen rügte er auch diesen Verstoß nicht, des Festes der Deutschen wegen.

Herr v. G. leerte noch einen Pokal voll Rheinwein auf die Gesundheit der Frau v. W. rein aus, und ich bückte mich tief, als ob ich daran Theil nähme.

HERR v. W. blieb diese Höflichkeit nicht schuldig, sondern erwiederte sie, mit allen Zeichen der Dankbarkeit, durch ein gerüttelt, geschüttelt und überflüssig Maß Champagner, den er nicht wie Herr v. G. eingoß; sondern einsprudelte.

HERR v. G. Warum Wind, Herr Bruder?

HERR v. W. war dieser Frage wegen in Verlegenheit, antwortete keine Sylbe, sondern bewies durch eine Nagelprobe, daß er den Pokal geizig, bis auf den letzten Tropfen, geleert halte.

Es kam bei dem Herrn v. X. noch ein Staatsfeuer aus, welches aber gleichfalls, durch die vortrefflichen Anstalten, sogleich in der Geburt erstickt ward, und da die Herren v. X., Y., Z., die außer curischen Staatsangelegenheiten nichts mehr als höchstens von Pfeifenköpfen und Hunden zu sprechen wußten, sehr viele lange Weile gehabt, so fing Herr v. G., um die Herren v. X., Y., Z. zu entschädigen, an, ein Kappfenster bei der gepreßten Luft, welche diese Leute umzingelt hatte, zu öffnen.

HERR v. G. Es ist wohl kein Land in Europa, wo die Hunde so viel geachtet werden, als in Curland und Semgallen.

Die drei Herren fielen mit Hundeshunger dieser Unterredung zu. Die Transplantation des Gesprächs war, wie in der Heilungskunst, magnetisch, magisch – ich müßt' indessen eine Unwahrheit begehen, wenn ich behaupten sollte, daß ich bei dem Jagd- und Waldgeschrei der Hochwohlgebornen Jäger v. X., v. Y., v. Z. alles in Dach und Fach hätte bringen, und mir hinter das Ohr schreiben können. Ihr Gespräch war ein Gesammtkauf, nicht eine Klapper, sondern eine Geschreijagd. Einer schoß dem andern [307] das Wort von dem Munde. – Mein Vater pflegte zu sagen: »Ein gewisser Stand in Curland am Pfropfenzieher, ein gewisser anderer am meerschaumenen Pfeifenkopf.« Ich würde, wär' ich so ein Antagonist wider Curland wie er gewesen, die Hunde nicht übergangen haben. Die Herren von X.Y.Z. begnügten sich nicht mit ihren sehr gesunden Jagdkehlen. Während der Zeit, daß Herr v. G – ihnen so liebreich entgegen gekommen, hatt' einer von ihnen einen Ueberfall veranlaßt. Es ließen sich zwei Waldhornisten, zum höchsten Verdruß des Herrn v. W –, der nur Kammermusik liebte, hören. Herr Hermann trug die Schleppe dieser Meinung nach, und rümpfte, wiewohl, da er nicht einmal die Hunde der Herren von X.Y.Z. zu duzen sich unterfangen hätte, wenn er mit diesen Hunden conversiren sollen – nur unter der Serviette die Nase.

Mein Reisegefährte war begeistert, und konnte nicht sitzen bleiben.

Die Herren v. X.Y.Z., die den Hunden, nach Landesmanier, gleich nach dem Literatenstande den Rang anwiesen, behaupteten in corpore, daß der Hund wegen seiner Treue ein weltberühmtes Thier sey.

PASTOR. Auch wegen seiner Gierigkeit, seines Neides, und seiner Nicken. Vater- und Kindermördern ward er beigepackt.

CAVE CAVE CANEM.


X.Y.Z. Der Hund bewacht' im Kasten Noa die ganze Welt.

HERR v. G. Ei, der Archenhahn und die Gans, von welcher in gerader Linie die aus dem Capitolio abstammte.

Bei dem Capitolio brauchten die Herren v. X.Y.Z. eine Fähre zum Ueberfahren.

X.Y.Z. Hunde sind die Auxiliartruppen vom Menschen, [308] durch deren Allianz er die meisten Thiere zwingt, die nach dem Fall Adam seinen Commandostab verkennen.

HERR v. G. Warum sind sie aber wider ihres Gleichen?
X.Y.Z. Was ist treuer als ein Kettenhund?
HERR v. G. Eine Treue an der Kette ist auf zweierlei Art verdächtig.

X.Y.Z. Was ist fleißiger, als ein Spürhund, behender als ein Windhund? Dieß ward von allen zugegeben. Der jüngere Herr von G – schlug an seine Brust und betheuerte. Herr v. G – der ältere war selbst ein großer Freund, nur kein Sklave von der Jagd, und ich merkte zum erstenmale an meinem Vater, warum er sich lieber des meerschaumenen Pfeifenkopfs und des Pfropfziehers als der Hunde bedient, um gewisse Stände in Curland zu bezeichnen. Mein Vater hielt die Hunde für wohlhergebrachte adeliche Thiere. Die Herren v. X.Y.Z. waren mit den erschrienen Trophäen befriedigt, ihre gnädigen Frauen aber hatten noch eine Frage: »Was ist schmeichelhafter als ein Schooß-, ein Zimmerhündchen?«

FRAU v. W. Wer wird sich schmeicheln lassen? Wer sich verwöhnen? Wir haben Engel bei uns. – Wer wird Thiere in ihre Gesellschaft bitten – solang ich noch Menschen zu Freunden haben kann, warum zu Thieren? Warum soll ich nicht eher des Hirts Liese, die Gottes und mein Bild an sich trägt, erziehen, als den Fripon?

Sie sagte dieses nicht im Lehrton, wie ich's herschreibe, sondern allerliebst! – sie trieb auch zur Freude ihres Mannes die gnädigen Damen X.Y.Z. in die Enge; die Frau v. G – wollte die Frau v. W – ins Weite bringen, und nahm sich ihrer verstummten Gesellschaft an, mit der sie in Absicht dieses Punktes gleich dachte, über die sie sonst aber (sie hatt' einen G – zum Gemahl) unendlich erhaben war. Wir, beschloß die grundgütige Frau [309] v. W –, wir können schon in dieser Welt Engel werden, das Thierische ganz ablegen und auferstehen.

Dieses brachte meinen Vater geraden Weges auf die Seelen der Thiere, auf die himmlischen Sternbilder dieses Namens, und auf das Schicksal der Thiere in der andern Welt. Die Frau v. W – fand nichts dabei einzuwenden, die andern Damen aber, so sehr sie auch ihre Jolichens liebten, desto mehr. Sie lebten mit der Idee in Todfeindschaft, daß sie dort mit Kammerzofen in Einem Paar gehen, und in Gemeinschaft der Güter leben sollten, und dachten in ihrem Innersten: Stände müßten seyn. – Jetzt, da sie die Pforten der andern Welt sogar den Thieren geöffnet sahen, die ungefähr das dort vorstellen sollten, was hier der gemeine Mann; so waren sie über diese himmlische Toleranz so bitterböse, daß sie die andere Welt für ein Linsengericht verkauft hätten. – Diese Unterredung würde Schatten zu Herzenssilhouetten von diesen Damen abgeworfen haben; allein Herr v. W – hatte schon geraume Zeit darauf gedacht, einen Tag, eine Mahlzeit, die alleinannum siderum platonicum verdiente, nicht so unangemessen zu schließen. Dieser Tag war ihm merkwürdiger als der achtzehnte April, an welchem Alexander und Diogenes gestorben waren; die Herren v. X.Y.Z. schienen ihm wieder in Schlachtordnung, und sie waren es wirklich. Herr v. W – fing daher zur Zerstreuung von der Musik an, wozu ihm die Waldhörner Gelegenheit zubliesen. Herr Hermann fand sich hiebei getroffen, und wünschte nichts mehr, als ein Spinet, damit die Meinung des Herrn v. W – bestätigt würde, die darin bestand, daß die Feldmusik bloß zu Krieg und Jagd zu verbannen wäre. Mein Vater ließ den Harfenschläger Arion auf einem Meerschweine vorreiten. Die Herren v. X.Y.Z., gewohnt an die Jagdfolge oder das Recht, ein bereits angeschossenes Thier, welches auf eines andern Grund und Boden entflieht, zu verfolgen und zu erlegen, [310] waren eben bereit, die Waldhörner, um sie zu vertheidigen, zu überschreien. Von diesem Plan wären sie nicht abgegangen, wenn selbst das erwünschte Spinet, wie lupus in fabula geheult hätte; allein das Meerschwein und Arion kamen ihnen so unerwartet, als ein Wild oder Hirschkalb. – Sie waren, außerdem daß sie jagdgerechte Weidmänner waren, auch gute Stallmeister, und wunderten sich höchlich über diesen Ritt. Herr v. W – machte von diesem Zeitpunkt Gebrauch, und befragte meinen Vater, was er überhaupt von der Musik dächte?

PASTOR. Ich bin für die Musik der Seelen, so nenn' ich ie Poesie, für die Harmonie der Sphären, die dem platonisch-philosophischen Ohre hörbar ist. – Was die andere Musik betrifft, so fällt mir oft dabei ein, wie Dionysius einen Musikus behandelte. Er versprach, ihn reichlich zu belohnen, und da er den Lohn abforderte, verwies er ihn aufs Gehör, um Null mit Null aufgehen zu lassen.

Der Herr v. W – fand diese Antwort für einen Dionysius viel zu sein, und gewiß würde er die Waldhornisten, so höflich er übrigens war, anders abgefertigt haben. Aus Angst und Noth Der natürliche Weg zum Wortspiel. kam Herr V. W – aufs Spiel, und freute sich herzlich, da er das Interesse bemerkte, das die Herren v. X.Y.Z. an diesem Worte nahmen.

Der Herr v. G – war über die Lage des Herrn v. W – schalkhaft still vergnügt.
PASTOR. Ein jeder Kopf lernt schwer spielen; auch das leichteste Spiel macht ihm Mühe.
HERR v. W. Woher kommt das?

PASTOR. Es verdrießt ihn, daß er es nicht gleich mit einem Blick umzingelt, und eben dieser Verdruß zerstreut ihn.

HERR v. G. Das Kartenspiel ist ein Krieg. Alle Leidenschaften ziehen zu Felde. Man hat über die Moralität des Spiels [311] gestritten, allein oft aus sehr falschen Gesichtspunkten. Einem Mann, der von Zinsen lebt, ist das Spiel ein Amt, und so etwas von Amt ist nöthig, um die nöthige Portion Galle in den Magen zu sprengen.

Herr v. W – glaubte sein Spiel hierdurch gewonnen zu haben, allein die Sache wurde den Herren von X.Y.Z. nicht nach ihrem Sinn abgehandelt, und sie fingen auf gut weidmännisch den Hafen zu anatomiren an. Mein Reisegefährte wußte so gut wie sie, was Balg, Löffel und Sprünge hieße, und was es sagen wolle, der Hase drückt sich. – Man handelte die Hohe-, Mittel- und Niederjagd ab. Ich ärgerte mich nicht wenig, daß Lerchen und Wachteln mit Mardern und Heistern zur Niederjagd gehören; allein der Herr v. W – ärgerte sich noch weit mehr, daß er aus dem Regen unter die Traufe gekommen war. – Alles war über und über. – Herr v. W – mußte also aus der Noth eine Tugend machen, und bracht' eine Gesundheit auf die glückliche Reise des jungern Herrn v. G – in Vorschlag. Ich hatte die Ehre mit eingeschlossen zu werden, so wie unsere beiden Väter. Diese Gesundheit wurde unter dem Vorsitz des Herrn v. W – geblasen – und zwar, nach des Herrn v. W. – Anordnung, auf die Art, als wenn Kanonen gelöset würden. Es war ein jämmerlicher Ton. Dem wohlmeinenden Herrn v. W – ging er durch die Seele. Er hatte noch etwas wegen der Kuchen anzubringen. Das Resultat seiner Meinung war, daß gewisse Signaturen dabei angebracht, und Trauer- und Freudenfeste darauf bezeichnet werden könnten. Herr v. G – widersprach. Frau v. G – brachte das Wappen in Vorschlag, welches sie in jeder Serviette gewebt hatte. Die Waldhörner hörten nicht auf, und der Herr v. W – bekam Seelenkrämpfe, die ihm mein Vater, wiewohl nur auf eine kurze Zeit, durch eine freundschaftliche Theilnehmung linderte.

Der Name Waldhorn deutet schon an, sagte mein Vater, daß [312] dieß Instrument im Walde zu Hause ist, wo Dissonanzen so nicht zu bemerken sind. Das war dem Herrn v. W – Balsam; indessen griff der vorige Schmerz wieder um sich, und Herr v. W – schien zu meinem Vater das Zutrauen zu verlieren, da mein Vater wider alle Tafelmusik sich erklärte. Es ist ein schlechtes Compliment, das der Wirth sich selbst und seinen Gästen macht, erinnerte mein Vater, wenn er das Gespräch an der Tafel durch Musik unterbricht. Hr. v. G – glaubte die Tafelmusik, wenn es eine Kammermusik, wäre bei gewissen Festen nöthig, und fand also nirgend Trost. – Das letzte. Mittel war, die Tafel aufzuheben. Herr v. W – griff so schwer dazu, als man zum Trepan greift. Was war zu machen? Die Herren von X.Y.Z. hatten, ohne die öffentlichen Gesundheiten abzuwarten, reichlich den Werth des Weins bewiesen, und die Tafel mußte (Herr v. W – mochte wollen oder nicht) aufgehoben werden.

Die letzte Gesundheit und Schluß der Tafel war Luthers Gesundheit:

»Daß es uns wohlgeh' auf unsre alte Tage!« Der Herr v. G – wollte noch besonders des seligen Dr. Luthers Gesundheit in Rheinwein trinken, es war aber schon alles auf den Beinen.

Herr v. W –, dem Profit die Mahlzeit viel zu unhöflich war, wollte ganz was besonders sagen; allein könnt' er vor den Waldhörnern? Alles ging seinen eigenen Weg. Ich, zu meinem Vortheil, quartierte mich in ein klein Zimmerchen ein, wo ich den heutigen Tag in Kürz' und Einfalt wiederholen wollte. Dieser Umstand ließ mich hören, was meine Leser lesen sollen.

HERR v. G. Warum laßt ihr einen so guten Alten nicht geradezu? Bediente gehen ab.
DER ALTE griff ein. Gnädiger Herr! Sie wollten – ich aber wollte nicht.
[313]
HERR v. G. Und warum?

DER ALTE. Ich schäm' mich es zu sagen, da ich Sie sehe. Es ging mir, wie dem ungerechten Haushalter – ich schämte mich zu betteln.

HERR v. G. Vater! – wäret Ihr mein leiblicher Vater, ich würd' mich Eurer nicht schämen. Dieß habt Ihr aber freilich nicht wissen können. Ich habe gute Freunde bei mir, seyd so gut, einer davon zu seyn.

DER ALTE. Nein, Herr, wenn sie auch alle wären wie Sie, ich habe nicht Zeit.
HERR v. G. Was habt Ihr denn zu thun?

DER ALTE. Was wichtiges, Herr! zu ster ben – ich will es wohl alles sagen, wenn wir allein sind – (ich hielt den Odem zurück), ich habe nur höchstens acht Tage zu leben.

HERR v. G. Wie wißt Ihr das?

DER ALTE. Das weiß ich so – ich kann es selbst nicht sagen – weil ich es weiß, weil ich es fühle, weil es gewiß ist – und nun! Meine Tochter und ihr Mann haben mich zwei Jahr ernährt.

HERR v. G. Da haben sie ihre Pflicht gethan.

DER ALTE. Ich hatte mir so viel Geld gesammelt, um niemand aufs Alter beschwerlich zu fallen. Wie ging's? Ich lehnte dieß Gelb einem Cavalier; der aß und trank und war fröhlich und guter Dinge, bis er nichts wiedergeben konnte. Verzeihen Sie, gnädiger Herr! Sie sind ein Cavalier, allein ich sage die Wahrheit.

HERR v. G. Und ich höre sie so gern, beträf' es mich selbst, als Ihr sie nur sagen könnt.

DER ALTE. Klüger wär's gewesen, wenn ich mich zu Tode gearbeitet hätte. – Da fiel ich einmal blaß und bleich hin, und das hielt ich für Gottes Wink, in dieser Welt zu schließen. [314] Gnädiger Herr, ich habe nicht die Arbeit gescheut; wie ich jung war, kurirt' ich mich mit Arbeit, ich habe nie andere Medicin gebraucht. Was einen in der Jugend stärkt, schwächt im Alter – ich konnte nicht, Herr, ich hatte schon ein halb Jahr bloß gebetet und gesungen, da ging mein Gelb verloren; ich versuchte meinen Arm, ich fing an zu wollen, ich wollt' im ganzen Ernst; allein ich könnt' nicht, ich konnt' nicht – verzeihen Sie diese Thränen. Ich habe keine betrübtere Stunde als eben diese Probestunde gehabt, wo ich so schlecht bestand.

HERR v. G. Da gingt Ihr zu Euren Kindern?

DER ALTE. Ja, Herr, und sie kamen mir entgegen. Ich habe nur eine Tochter, ich fand aber an ihrem Mann einen Sohn. Was sie hatten, hatt' ich. Sie pflegten mich, obgleich ich ihnen keinen Dreier nachlassen konnte. Gott labe sie dafür an seinem himmlischen Freitisch auch aus Gnad' und Barmherzigkeit, wie sie's hier an mir gethan.

HERR v. G. Und jetzt, Vater, sind sie gegen Euch kälter?

DER ALTE. Nein, Herr, das nicht! aber sie sind arm geworden. Das Gewitter schlug ihr Häuschen zu Grunde. Sie hatten etwas zu meinem Begräbniß abgelegt – ich bin so ein alter Geck auf ein ehrliches Begräbniß, und diesen Sterbepfennig, Herr, haben sie angegriffen – darum geh' ich betteln. Wenn ich sterbe, sollen sie die unvermuthete Freude haben, mein Begräbniß bestellt zu finden. Sie hatten geborgt, Herr, um mir nach meinem Tode zu Gefallen zu leben, das weiß ich; allein das wollt' ich nicht. So bin ich, Herr, ein alter Mann, allein ein junger Bettler!

HERR v. G. Wo wohnt Ihr denn?
DER ALTE. Herr, Verzeihung! das sag' ich nicht, meinet- und meiner armen Lieben wegen!
[315]
HERR v. G. Verzeihung, Alter, daß ich es gefragt habe; Gott züchtige mich, wenn ich Euch nachsehe.

DER ALTE. Das ist brav, gnädiger Herr! In acht Tagen sehen Sie gen Himmel, dann (Gott sey gedankt), dann ist meine Wohnung nicht mehr geheim.

HERR v. G. Aber wo glauben Euch jetzt die Eurigen?

DER ALTE. Ich sagt', ich hätt' ein Gelübde auf mir und müßte nach Gottes Welt sehen; sie wissen, daß es mein letzter Gang ist.

HERR v. G. Nehmet, Vater, Gott sey mit Euch!

DER ALTE. Herr, so viel! Nein, Herr, so war es nicht gemeint. Ich brauche nur noch zwei Orte, das übrige hab' ich nicht nöthig. Im Himmel brauch' ich nichts.

HERR v. G. Gebt's Euren Kindern.
DER ALTE. Behüte Gott, Herr! Meine Kinder können noch arbeiten – sie selbst brauchen nichts.
HERR v. G. Zum Haus, Alter!
DER ALTE. Es steht schon.
HERR v. G. Ihr macht mich roth, Vater!

DER ALTE. Nun dann sind wir's beide. Ich bin es auch über und über, weil ich zwei Ort' angenommen. Sparen Sie, gnädiger Herr, das übrige für Leute, die länger für Sie beten können als ich.

HERR v. G. Ihr bewegt mich, Vater!
DER ALTE. Ich hoff, ich hab' auch Gott bewegt, der lass' es Ihnen nicht missen!
HERR v. G. Wollt' Ihr was essen?
DER ALTE. Ich habe schon gegessen, Milch und Brod.
HERR v. G. Aber mitnehmen?

DER ALTE. Nein, Herr, ich will dem lieben Gott nicht ins Amt fallen. Alle Leute, die mich sahen, boten mir Essen an. Ich [316] habe mir aber den Magen nicht verdorben. Es wär' ein schlechter Dank beim lieben Gott, wenn ich jetzt mitnehmen sollte. Doch – ein Glas Wein, ein einziges!

HERR v. G. Mehr, Vater!

DER ALTE. Nein, Herr, nur eins. Mehr trag' ich nicht. – Sie sind es werth, daß ich zum letztenmal vom Gewächs des Weinstocks bei Ihnen trinke. Es soll der letzte Weintropfen seyn, den ich in der Welt nehme, sonst würd' ich nicht gefordert haben. Nun kann ich im Himmel erzählen, wo ich den letzten Labetrunk genossen. – Lieber Gott, ein Glas kalt Wasser bleibt schon nicht unvergolten.


Der Herr v. G – holte den Wein selbst, der alte Mann hob seine Hände gen Himmel, da er allein war, und sprach.


Den letzten Wein! Das Nachtmahl hab' ich schon vor acht Tagen genommen. Lieber Gott, erquicke den Geber, wenn ihn kein Trunk mehr erquickt!


Der Herr v. G – brachte Wein.

HERR v. G. Hier, Vater. Ich hab' mir auch ein Glas mitgebracht, wir müssen zusammen trinken!

DER ALTE gen Himmel. Habe Dank, lieber Gott, für alles Gute, für diese Welt habe Dank! Er trank etwas. jetzt Zum Herrn v. G –, sie stießen zusammen. Gott schenke Ihnen ein sanftes Ende, wie ich's gewiß haben werde!

HERR v. G. Vater, bleibt diese Nacht hier, ich bitt' Euch. Kein Mensch soll Euch sehen, wenn Ihr es so wollt.

DER ALTE. Nein, Herr, ich kann nicht. Meine Zeit, Sie wissen, ist edel.
HERR v. G. Gott, großer Gott, womit kann ich Euch noch dienen?

DER ALTE. Herr, ich wünscht' Ihretwegen, daß ich noch mehr brauchte. Sie sind ein guter Herr; allein ich hab' auf der [317] Welt nichts mehr als – noch einen Handschuh nöthig. Ich hab' ihn verloren.

HERR v. G. Gleich.
DER ALTE allein. Zum letztenmal gelabt! dort wird es besser seyn!
HERR v. G. bracht' ihm ein Paar Handschuhe. Hier, Alter!
DER ALTE. Den einen brauch' ich nicht, nur einen hab' ich gefordert.
HERR v. G. Warum den andern nicht auch?

DER ALTE. Dieser Hand fehlt nichts. Es ist bloß die Linke, so die Luft nicht vertragen kann. – Ich werd' an Sie denken!


Er gab dem Herrn v. G – die rechte bloße Hand.

HERR v. G. Und ich auch an Euch! – O Alter! mir ist es schwer, mein Wort zu halten.
DER ALTE. Desto besser, Herr, für Sie, wenn Sie's halten.
HERR v. G. Noch einmal Eure Hand, Alter. Es ist Angriff, es ist Segen Gottes drin.
DER ALTE. Gott segne Sie!
HERR v. G. Und helf' Euch!

Noch war ich dieses Gesprächs wegen in einer unaussprechlichen Bewegung, in einer schwermüthigen Wonne – auf einem schönen baumreichen Kirchhofe, als Herr v. G – der jüngere mich im Namen meines Vaters aufsuchte. Ich flog, mein Vater reichte mir die Hand entgegen und ging mit auf unser Zimmer, stieß ein Fenster auf und fing an: »Ich dachte, Alexander, noch vierundzwanzig Stunden um dich zu seyn; mein Amt will mich. Der – ist im Letzten.«

Dieser arme Mann war ein Bekannter von uns. Das erst' und letztemal, da er eine Flinte losdrückte, oder vielmehr, da sie ohne sein Vorwissen und Mitwirkung in seiner unerfahrnen Hand losging, erschoß er seinen Sohn. Er wollte seiner Frau Bruder, [318] der auf Vogelwild ausgegangen war, eine unerwartete Freude ma chen und ihm in Jägeruniform entgegenkommen. – Das Trauerspiel geschah in dieses Jagdverständigen Hause und also nicht in unserem Kirchspiel, wo, wie meine Mutter zu sagen pflegte, die Erde keinen Tropfen unschuldig Blut (er wäre denn von einem Barbier verspritzt) getrunken hätte. – Knall und Fall! Die Gerichte sprachen ihn frei, allein er sich selbst nicht. Er hat sich nie in der Welt ein Lachen bereitet. Sein Weib starb aus Gram, mehr über den Gram ihres Mannes, als über den Verlust ihres einzigen Sohns. Dieser Unglückliche war jetzt in Seelenangst. Ich soll meinen Gerg sehen, rief er mal über mal. Er wollte, mein Vater sollt' ihm an die Hand gehen, wie er sich gegen seinen Sohn in der andern Welt führen sollte? Gott helf' ihm über, sagte mein Vater. Es ist schwer, wenn ein Vater seinem Sohn im Himmel abzubitten hat.

Ich erzählte meinem Vater den Vorgang zwischen dem Herrn v. G – und dem Alten. Diese Vorfälle (ich will mir die Ehr' erweisen und unsere Trennung mit in diese Summe bringen) brachten meinen Vater, der sonst, wie meine Leser wissen, sehr beredt war, zu einer rührenden Kürze. Ich lag an seiner Brust. Ob es hier am rechten Ort steht, kümmert mich nicht; allem ich habe nie meinem Vater die Hand geküßt. Küsse für Weiber, pflegt' er zu sagen.

Hier, fing er an, eine versiegelte Schrift! Oeffne sie nicht eher, als wenn du in der größten Noth bist. Ich wollt' ihn dieser versiegelten Schrift wegen, die zur Aufschrift ἀνέχου καὶ ἀπέχου hatte, befragen, allein er fuhr fort:

Unser Herr und Meister sagte zu seinen Jüngern: ich hab' euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es nicht tragen. Uns sind allen beiden die Thränen nahe. Der alte Mann mit dem einen Handschuh, der in acht Tagen sterben wird, und der Kreuzträger, der wegen des Grußes, womit er seinem Sohn im Himmel begegnen soll, verlegen ist (ich glaube, der Herr v. W – würd' es selbst seyn, wenn er in der Stelle dieses Armen wäre) haben uns äußerst bewegt. Ein Abschied, der auf einen nassen Boden fällt, bringt keine Früchte. Es ist ärger als der steinige Acker, den der alte Herr in Musik gesetzt hat. Ueberhaupt redet kein Mensch ein kluges Wort, wenn er Thränen in den Augen hat. Sey ein guter [319] Streiter, ein Alexander, kämpfe recht, so wirst du die Lebensessenz, das ist die Krone des Lebens, hier und dort empfahen!Amen.


* * *


Amen! auch in Absicht des ersten Bandes. Ich hoffe die folgenden zwei, die Ich noch zu laufen hab', in kurzem zu vollenden. Ueber diesen ontologischen Theil hätt' ich noch viel zu sagen; vielleicht aber heißt es auch von vielen meiner kritischen Leser, wie von meinem Vater und mir:


ihr könnet es nicht tragen!


Da jede Stadt, jeder Flecken zwei Thore hat, eines beim Eingang und eines beim Ausgang, so sey es mir erlaubt, denen, die in diesem Theile zu wenig Geschichte gehabt, schließlich den Trost zu lassen, daß die folgenden Bände sie entschädigen werden. Wer Romane liest, sieht die Welt im optischen Kasten, ist in Venedig, Paris und London, je nachdem die Bilder vorgeschoben werden. Dieses sey ein Wort ans Herz für die, welche meinen Lebenslauf zu sehr als Lebenslauf finden, wo dieEinheit der Zeit und des Ortes zu eng das Vergnügen verschränkt; denn wenn gleich meine Leser oft nur Thal, Berg und Gesträuch gesehen haben, so war es doch wenigstens nicht durchs Glas. Ein andermal von der gerechten Klage über die verkehrte Welt, daß Geschichte in vielen Fällen Roman, und Roman Geschichte geworden.

Ich wiederhole, daß ich mich befugt glaube, auf einforum privilegiatum Anspruch machen zu können, und nicht verbunden zu seyn, überall Recht oder Unrecht nehmen zu müssen. Druckfehler wolle der gerechte Richter (ich habe schon anderswo, eben da mir eineLese- und Buchstabirrecension über ein gewisses Buch zu Gesichte kam, gesagt, wie weit ich vom Druckorte bin, und füge diesem Umstande noch hinzu, daß ich sehr unleserlich schreibe) nicht rügen und der geneigte Leser selbst verbessern. – Mein Weib undKind bitten zu grüßen. Es mag übrigens dieser Nachtrag, wenn er nicht als ein zierlicher Nachbericht gelten kann, als ein Codicill, als eine donatio mortis causa, als ein Avertissement aufBlaupapier oder eine Nachricht für denBuchbinder angesehen werden.

Fußnoten

1 Nürnberg, gedruckt bei Wolfgang Endter 1650.

2 Leipzig, 1632.

Zweiter Theil

An den geneigten Leser und an den ungeneigten Kunstrichter
An den geneigten Leser
und an den ungeneigten Kunstrichter.

Dieß Gespräch ist über Bausch und Bogen, wie mir alles war, was bei meiner Ankunft in – –, dem Hause des Herrn v. G., vorfiel.

Mein Vater betete weniger, als er vom Gebet sprach, und es gefiel mir seine Anmerkung, die er zu einer Zeit machte, daß vom Gebet reden auf gewisse Weise beten heißen könne. – Wenn diese Anmerkung richtig ist, so wird man fast behaupten können, es wär' ohn' Unterlaß in dieser Geschichte gebetet worden. – Dieses Gespräch hätt', ich gesteh' es, überschlagen werden können, ich wollt' indessen ehrlich bei dieser Sache verfahren, und so wie in der ganzen Schrift verfahren ist. Des ungeneigten Kunstrichters wegen (der geneigte Leser wird es so genau nicht nehmen) muß ich anführen, daß dieses alles und jedes nach der Tafel an dem Tage vorgefallen, da wir nach – zum Herrn v. G. kamen, und zwischen Herrn v. G. und meinem Vater eine Koppelweide brüderlich verabredet ward, und da dieser Vergleich mit einem ächten Glas Wein aus einem Schäuer begossen ward, und wo ich, quod bene notandum, alles überBausch und Bogen sah und hörte, wovon der Schluß dieses Gespräches einen hinreichenden Beweis zu geben im Stande ist.

Dieß ist also das Datum

zum Gebetsgespräch,

zur Frage wohin?

Zur Antwort: Königsberg vorderhand – der Pietisterei des Codicis Fridericiani und der Instruktion unerachtet,

Königsberg vorderhand.

[84] Göttingen nachderhand.

Dieß nachderhand aber sag' ich meinen Lesern ins Ohr, wie ich es mit mancher Nachricht aus gutem Herzen gemacht habe.

Herr v. G. wollte nicht, daß wir den andern Tag zeitig unsere Reise antreten sollten.

Große Reisen, sagt' er, immer nach Mittage. Tagereisen fangen des Morgens an. Er war sehr kurz in den Ermahnungen an seinen Herrn Sohn.

Er rieth ihm nach Anleitung meines Vaters an, lebendige Thiere zu halten. Sein theurer Herr Sohn hatte schon, wegen des Satans, den er gern mitgenommen hätte, eine abschlägige Antwort erhalten, und war also seine etwas störrische Frage sehr natürlich:

Was für Thiere?

Der junge Herr v. G. hielt den Hund für ein Compendium aller nützlichen Thiere, für ein lebendiges Thierκατ᾽ ἐξοχὴν.

Noch eine andere Bemerkung, eh' ich die Antwort auf die störrische Frage: was für Thiere? mittheile. Es hatte der gute Herr v. G. der ältere viele Hühner. Aus seinem geschmackreich gebauten Hühnerhäuslein und der Weise des Herrn v. G., sie selbst zu füttern, hätte man schließen sollen, daß er das alte Wahrsagerprincipium angenommen, und daß er aus der Begierde, womit die Hühner fraßen, so, daß die Körner auf dem Boden herum tanzten, Glück oder Unglück sagen könnte.

Hühner, antwortete der Herr v. G. seinem Sohne. Alles, was Odem und Leben hat, zieht an, fing ich an. Die Sympathie hat im Odem ihren Hauptsitz. – Im Odem ist Leben und Tod.

Der Herr v. G. der ältere löste mich ab und wandte sich zu seinem Sohne.

Du wirst bei deinen Hühnern bleiben, wenn du dir Hühner anschaffst und meinen Rath befolgst, du wirst mancher Gesellschaft [85] eine abschlägige Antwort geben. Der Satan hätte dich zur Jagd verführt, ob er gleich auch Odem hat und mit dir sympathisirt; – auf der Akademie keine Jagdhunde!

In Polen halten sich einige Familien ein Paar, um die Teller zur zweiten, dritten und vierten Schüssel stehenden Fußes rein lecken zu lassen. – Das wirst du nicht nöthig haben. Die Reinlichkeit hat man überall umsonst.

Hast du Hühner und Tauben, fuhr er fort, und hat der Wirth ein Gärtchen beim Hause, verdopple die Miethe. – Jeder Mensch muß einen Zeitpunkt in seinem Leben haben, wo er zu Hause bleibt. Laß dir den Vorfall mit deiner Braut, der lieben Kleinen, zur Lehre dienen – und thue der Jagd einen Possen und schieß' und hetz' in drei Jahren nicht. – Conversation ist dem Studiren und selbst der Lectüre spinnefeind. – Vergeßt nicht (sein Blick traf uns beide), daß ihr aus einem freien Lande seyd. – Die Monarchie hat viel Verführerisches; allein sie versäuert das Herz, sie nimmt Seele und Gewissen in Beschlag. – Ein Monarch! ja, was so ein Herr nicht alles thut! Wunder über Wunder! – Es ist aber auch darnach. – Das leichteste Stückchen Brod ist es, das Gott gibt. Sie säen nicht, sie ernten nicht, wie die Lilien auf dem Felde, und Gott nährt sie doch. – Der Pastor, Ihr Vater (Herr v. G. der ältere wandte sich zu mir), der mich ehegestern beten gelehrt, wird mich nie, nie dahin bringen, in dieser Rücksicht etwas anderes zu beten, als daß Gott der Herr Curland womöglich noch unabhängiger mache, als es jetzt, Gott sey Lob und Preis, schon ist! – Je unabhängiger, desto mehr Gott ähnlicher. Ich hab' einen Franzosen gekannt, der von Curland sagte, das elendeste Land, das ich kenne! Man kann im Sommer nicht seinen Winterrock versetzen. Das Wetter wechselt wunderlich. – Du guter Schlucker! Ich will dir dein Land und deinen allerchristlichsten König lassen. – Gott ehre mir mein schlecht und rechtes Haus, [86] wo manche priesterliche Schwalbe nistet. – Du sollst so viel Freiheit haben, wie ich gutes Ding, wohlehrwürdiger Vogel! Seht nur, Kinder! wie die mich da eben ansieht! ich kann den Schwalben nichts nachsagen, und außer dem Umstande, daß sie den Todtengräber Tobias blind gemacht – weiß ich nichts Böses von ihnen!

Preußen hat einen geborenen König, dem man nicht X vor U machen kann, der königliche Gaben hat; allein roth, blau und grün machen schwarz, kohlschwarz. – Gern hätt' ich den Herrn v. G. gebeten, mir dieses Räthsel zu lösen, allein er hielt inne.

Nach einer Weile fuhr er fort: Der Staat, dem ihr zueilt, hat – ich gesteh' es, einen Philosophen und einen König zum Beherrscher. Er hört jeden, er sieht jeden, er hilft, so weit seine lange Königshand es kann – jeden! und es ist mir ordentlich bange, daß er euch die Monarchie in einem zu vortheilhaften Lichte zeigen werde. – Prüfet alles, und das Gute behaltet. Eine Schwalbe macht keinen Sommer!

Die Monarchen sollten nur angeloben, zu hören, physisch zu hören; allein thun sie es? Sie messen ihre Superiorität nicht mit ihren allerunterthänigsten treugehorsamsten Knechten, sondern mit andern Monarchen, und da mag der Teufel Unterthan seyn. Sie haben keinem Rechenschaft zu geben, als dem lieben Gott in der andern Welt und den Poeten und Geschichtschreibern in dieser. – Die letzten haben nicht aufs Recht geschworen und nehmen Geschenke an, und mit dem lieben Gott hat's Zeit genug, daß sie ihm im Titel den Rang lassen! Kommt Zeit, kommt Rath!

Der Herr v. G. der ältere hielt diese Anrede mit einer unaussprechlichen Wärme. Er schien im Ernst zu fürchten, wir würden uns in Preußen werben lassen und Königische werden.

Noch muß ich bemerken, daß er sich während der Zeit, da er Curland pries, aufs grüne Gras geworfen hatte, als wenn er der freien Erde seinen Dank ablegen und sie umarmen, umfassen wollte. [87] – Es schien, da er geendigt hatte, als besorgt' er, nicht aufstehen zu können.

Dieß bewog den alten Herrn, ihm unter den Arm zu greifen; allein Herr Hermann kam beim Herrn v. G. jederzeit zu kurz, er mocht' es anlegen, wie er's wollte. Es riß Herr v. G. den allezeit dienstfertigen Hermann auf Gottes Erdboden. Da lag mein Schwiegervater so lang er war. Herr v. G. stand auf, so frisch, als ein Jüngling von fünfzehn Jahren. – Es war bei diesem Niederriß nicht Gewaltthätigkeit, sondern nur Stärke. – Es war schön anzusehen!

Den Abschied durchaus im Freien! Er verfliegt eher, sagte Herr v. G. Es ward auch im Freien Abschied genommen. Wollte Gott, fuhr Herr v. G. fort, wir könnten auch so den letzten Abschied nehmen und im Freien sterben! Und warum sollten wir es nicht? Wo ist uns am meisten Gutes geschehen? Der Geist sucht das Freie und wird dort nicht wohnen in einem Hause mit Menschenhänden gemacht. Der Tod würde nur halb so schwer seyn. Wahrlich, der Mensch entzieht sich zu sehr Luft und zieht eben dadurch Leib und Seele eine Art von Stockung zu. Ward unser Geist denn nicht, wenn er das Freie sucht, schon entzückt, obgleich ihn der Leib wie ein Bleigewicht zur Erde zog?

Die Frau v. G. hatte noch viel auf ihrem Herzen, indessen empfahl sie ihrem Sohne, das Alter zu ehren, und es macht' ihr viele Mühe, die Sache endlich zu drehen, wohin sie sie wollte. Sie sagte, daß sie für einen alten Baum, für einen alten Mann (an eine alte Frau dachte sie nicht) und für eine alte Familie große Hochachtung hätte.

Also auch für eine alte Familie? Ein neuer Edelmann, setzte sie, um es noch eindrücklicher zu machen, hinzu, ist ein Baum, der noch nicht die Blattern gehabt, der noch nicht oculirt ist. – Weiter ließ sie ihr Gemahl nicht; das paßt, sagt' er, wie [88] die Faust auf's Auge, und in Wahrheit, du weißt nicht, wer Koch oder Kellner ist.

Von der Frau v. W. wieder einen Blick – von ihrer liebenswürdigen Tochter ein Lächeln. Leben Sie wohl und glücklich! sagte die Frau v. W. – und glücklich! hallte die liebe Kleine nach. – Die Worte fielen auf den jungen Herrn v. G., allein das Auge auf mich.

Ich weiß nicht, wer auf den Gedanken kam, daß mein Reisegefährte seiner kleinen Braut einen Kuß geben sollte. Ihrem Retter auch einen, sagte Herr v. G. und die Frau v. W., als wenn sie darauf gewartet hätte; freilich, kleine Undankbare, das solltest du von selbst thun. – Ich nahm mich sehr ungeschickt dabei. Die arme Kleine ward roth über roth – und da ich mich zum letztenmal gegen sie beugte, trat ihr eine Thräne in ihr blaues schönes Auge, welches so durchschimmerte, wie ein Veilchen durch ein Thautröpfchen. – Gott segne die gute Frau v. W. und ihre Tochter, dachte ich, und den Herrn v. G., der mir zum Kuß verhalf und zu der schönen Thräne!

Jetzt war die Reihe an dem Herrn v. W. und dem Herrn Hermann. Ich hatte schon einigemal mich an den Herrn v. W. gewendet, allein er hatte es sehr höflich verbeten, weil es – wie er sich auszudrücken gefälligst beliebte –


noch nicht an ihm wäre.


Er umarmte meinen Reisegefährten und that mir, wiewohl mit steifem Arm, eine gleiche Ehre an. – Hiebei machte er (weil es eine Abschiedsumarmung war) ein griesgrämisches Gesicht.

Bei meiner Umarmung weniger, bei des jungen Herrn v. G. mehr.

Der Herr v. G. der ältere sagte: Herr Bruder, du siehst ja aus, als ob du vom verbotenen Baum gegessen hättest!

[89] Laß mich, sagte er, und that so peinlich, als verlöre er ein Glied vom Finger.

Es ist, fing er an, es ist – er unterbrach sich wieder mit einem tiefen Seufzer!

Es ist mein Herr Schwiegersohn, brach er endlich heraus, und die heißesten Wünsche, daß der große Gott ihn auf seinen Reisen begleiten, seine Studien zu seiner Ehre und des Vaterlandes Nutzen segnen und ihn zu seiner Zeit in die Arme seiner kleinen Braut gesund zurückbringen wolle! – Das, das ist ein Theil, der kleinste, von der Empfindung.

Zieh ein Paar weiße Handschuhe auf, sagte Herr v. G., solch eine Rede verdient es; deine Briefe sind alle auf Postpapier mit vergoldetem Schnitt und –

Dieser Eingriff war sehr erwünscht, um den Herrn v. W., der viel zu leiden schien, zurechtzubringen. Ich bin ein Diener der deutschen Sprache, sagte er, Herr Bruder! allein ein gewisses je ne sais quoi suche ich in Gedanken, Geberden, Worten und Werken.

Das ist auf deutsch, du suchst nichts, rein nichts, erwiederte der brave Herr v. G.

Mir konnte Herr v. W. nichts mehr sagen, als Dank! und tausend Dank! – Sein Compliment war noch nicht ausgeknetet.

Du hast mich gestört, sagte er zum Herrn v. G., wie ehegestern die Waldhörner. – Das wundert mich, fiel Herr v. G. ein, du fährst ja sonst immer mit fünf Rädern; auf allen Fall eins aufgebunden – du hättest ja das fünfte abbinden können.

Der alte Herr drängte sich vor, um mich vor aller Augen zu küssen. Ich that es, dieser Schwachheit unerachtet, doch, und – das ganz ehrlich, ich entzog ihm nichts.

Grüßen Sie, sagte ich ihm –

Ich werde, erwiederte er.

[90] Ich. Tausendmal –

Er. Tausendmal.

Dieser Gruß gehörte nicht Vater, nicht Mutter, sondern bloß Minen, bloß ihr, alle tausend ihr, alle ihr. – Mir kam es vor, daß der alte Herr es fühlte, wem es galt, und für dieses Gefühl drückte ich ihm die Hand, und er schien überaus mit mir zufrieden zu seyn; ich sagte ihm ganz leise: tausendmal, tausendmal!

Herr v. G. sah mich an, und sein Blick wollte in Beziehung auf meinen herzlichen Abschied vom alten Herrn sagen: Junger Mensch, dir fehlt Erfahrung! Man sieht's; sonst würdest du den Hermann so nicht herzen und küssen, den ich nur eben körperlich zur Erde riß; mit seiner Seele mache ichs alle Augenblicke so. Der gute Herr v. G. irrte dießmal mit dieser Geberde. – Zwar hatte er, wie meine Leser so gut wissen als ich, einen naturfindenden umfassenden Blick, daß er aus diesem Abschiede hätte wissen können und sollen, Hermann habe eine Tochter, deren Freund, deren Seelenmann ich sey – allein dießmal fand er nicht den rechten Weg.

Die Frau v. G. konnte sich nicht des Lachens erwehren, da sie meinen Feldkessel, den mir mein Vater mitgeben lassen und den meine Mutter nicht zu kennen die Ehre hatte (sonst wäre er gewiß nicht mitgekommen), aufbinden sah. – Der junge Herr v. G. hatte alles nach Jagdmanier, als ob er auf eine weite Jagd sich begeben sollte, obgleich der Herr v. G. der ältere den Satan seinem Sohn abgeschlagen und ihn versichert hatte, »daß jeder Mensch einen Zeitpunkt in seinem Leben haben müßte, wo er zu Hause bleibt,« obgleich er ihm die Jagd wohlmeinend widerrathen und ihm Hühner empfohlen, um nach der Meinung meines Vaters etwas, was Odem hat, um und neben sich zu haben.

Obgleich – so war doch der Sohn wie ein Jäger ausstaffirt.

[91] Der gute Herr v. G. der ältere that dieß in seiner Unschuld. Seht da einen Originalzug von Curland, dem Herr v. G. der ältere nicht ausweichen wollte und konnte. – Die grüne Farbe ist Trumpf.

Herr v. W. schlug eine Begleitung aus Höflichkeit vor, allein Herr v. G. verbat sie nachdrücklich. – Es blieb alles so lange stehen, als man uns sehen konnte, und da wollte ich wetten, Herr v. W. noch ein wenig länger.

Sobald wir ihrem Nachblick entfahren waren, küßte mich mein Reisegefährte von freien Stücken herzlich. – Wir wollen uns einander alles seyn – Vater und Mutter, sagte er – ich seufzte, denn ich dachte an Minchen.

Wir langten in der Haupt- und Residenzstadt Mitau an, um hier mit einem Königsbergschen Fuhrmann (man nennt dergleichen Leute Riga'sche Fuhrleute) die Fahrt bis Königsberg zu verabreden. – Ich fand in dem Fuhrmann und seinem Untergebenen ein Paar so gesunde und starke Menschen, daß ich wohl einsah, wie man auch im monarchischen Staat, der Ermahnung des Herrn v. G. auf dem curischen Grase unerachtet, seinen stattlichen Schritt haben, gerade aussehen und sich wohlbefinden könne. – Ich konnte nicht aufhören, diese Menschen zu fragen und sie anzusehen, so daß ich die Haupt- und Residenzstadt Mitau darüber vergaß, die am Ende auch nur zur Johanniszeit unter die sichtbaren gehört, und gewiß unter den sichtbaren nicht die vornehmste ist. Um Johanni ist eine allgemeine Wallfahrt nach Mitau; dann läßt der Edelmann, in Begleitung eines Theils Bauern, die Eßwaaren und sogar Möbeln an diesen Johannisort nachbringen. Dem Vorreiter ist auf dem linken Arm ein Silberblech aufgenäht, worauf das hochadliche Wappen steht, um Mitau Ehre zu machen.

Ich hatte mir, die Wahrheit zu sagen, einen zu großen Begriff von Mitau gemacht, woran meine Mutter zum größten Theil [92] Schuld war. Dieß bitte ich zu den preußischen Leuten hinzuzurechnen, um das unbeträchtliche Interesse herauszubringen, das ich an Mitau nahm. – Das vom Herzoge Ernst Johann angelegte Schloß, wozu 1738 den vierzehnten Junius der Grundstein gelegt worden, und welches an der Stelle des alten verwüsteten, seit 1269 gestandenen, errichtet worden, stand da zum glänzenden Beweise, daß Plan und Ausführung, Verlobung und Hochzeit, zweierlei sind. Diese Betrachtungen führten mich zu Minen, und was führte mich nicht alles zu ihr?

Meine Mutter würde es mir sehr verdacht haben, daß das anschauende Erkenntniß meinen Begriff von Mitau so sehr herabgestimmt. Wohnet denn, würde ohne Integralrechnung ihre Bemerkung gewesen seyn, wohnet denn nicht der Herr Superintendent hier?

Mein Reisegefährte war im Mittelpunkt und konnte nicht aufhören zu sehen. Mitau schien ihm


Terrarum Dea gentiumque Roma,
Cui par est nihil et nihil secundum.

Die Hauptstadt der Welt! – obgleich es nicht Johanni war. Die Residenz ist für jeden Edelmann das Treibhaus im kalten Klima. So wie's Arzeneien gibt, die nur durch das heilige himmlische Feuer der Sonne gekocht, gebleicht und getrocknet werden können, so ist auch die Residenz die Insolation in Absicht des Edelmannes. Mein Reisegefährte empfand alle Nepos wollas, die er in seinem Leben geben würde, und Adam hätte nicht auf die Schwangerschaft von allen Seelen, die in ihm lagen, so stolz seyn können, wenn man ihre Fortpflanzung per traducem sich träumet, wie Herr v. G. auf alle Nepos wollas, als die Insignien eines Edelmannes in Polen und Curland. Was ist denn, fing ich an, in Mitau? Man muß es zu Johanni sehen! erwiederte er. Dann ist's illuminirt, erwiederte ich, und wann die Lichter ausgebrannt [93] sind, was ist's dann? Kennst du ein Johanniswürmchen? fragte ich zur Wiedervergeltung; ich will es dir präsentiren. Es ist ein Würmchen, grünlicht auf dem Bauch. – Hier hat es auch ein kleines Bläschen, welches einen grünlichen hellen Glanz wirft; sobald dieß Bläschen sich einzieht – weg ist ihr Glanz. Die Existenz dieses Würmchens währt nur einige Sommernächte. – Mein Reisegefährte lachte – ich mochte nun denken, daß der Superintendent in Mitau sey oder nicht, so war es mir doch so, als ob ich nicht in Curland, sondern da zu Hause gehöre, wo man früher Spargel ißt, eine Pfeife in der freien Luft raucht, den Wein bei der Quelle hat und lange Manschetten trägt. Kein Wunder also, daß Mitau nicht meine Residenz war. In Curland gehörte ich in unserm Pastorat und auf dem Gute des Herrn v. G. zu Hause. Ueberhaupt scheinen die Curländer zu keiner Stadt Lust und Liebe zu haben. Sie gehören auf's Land, wo sie auch Geschmack anzubringen wissen. – Sie sind gestiefelt und gespornt, und es läßt keinem Curländer, wenn gleich er sich in Unkosten setzt und Schuhe und Strümpfe anlegt. Sie sind geborne Cavalleristen. Wenn sie geputzt sind, muß es ihr Pferd auch seyn. Ich habe allerliebste Reit-und Jagdkleider in Curland gesehen, die Mitgabe meines Reisegefährten kann hier zum Beleg dienen, unerachtet sein Herr Vater durchaus keinen Jäger auf der Universität haben wollte, seinem Sohn den Satan abschlug und unter lebendigen Thieren die Hühner in Vorschlag brachte.

Unsere Preußen verzögerten uns beinahe zwei Tage, ehe wir endlich die curische Residenz verließen. Das herzogliche Schloß hat so wenig Verhältniß zu dem übrigen Theil der Stadt, als das Mitausche Pflaster zur Regelmäßigkeit und Ordnung. In Wahrheit, wenn man die Nation beschreiben wollte, müßte man Mitau beschreiben. Ich fiel auf den Gedanken, indem ich dieß niederschrieb, ob nicht jede Residenz das Land im verjüngten Maßstabe [94] sey, allein ich habe mich geirrt; es gibt so viel Ausnahmen, so viel ungerathene Söhne bei dieser Regel, daß die Regel selbst den Mutternamen Regel nicht verdient. – Unter dem Alltäglichen, was auf der Reise vorkommt, fielen mir die armen Menschen auf, die an Hecken sitzen und sie den Reisenden öffnen. In Wahrheit, dachte ich, das können nicht alles Leute von niedriger Geburt seyn. Ich sah einen alten Mann in einem dergleichen Diogeneshäuschen an der Hecke, der einen so vortrefflichen Kopf hatte. – Das war wenigstens ein Literatus! und wo anders sah ich ein armes krankes Weib, das in der größten Behendigkeit aus ihrer Behausung kam und Hand ans Werk legen wollte, allein krämpfige Zufälle lähmten ihr stehenden Fußes die Hand. – Es war rührend anzusehen. Die Preußen wollten ihr keinen Schilling geben, weil sie ein altes Weib war und der Krämpfe wegen die Hecke nicht öffnen konnte; ich entschädigte sie zwar, allein ich mußte die Entschädigung auf Gottes Acker, auf die Erde, werfen. – Nicht Geld konnte sie halten. Dafür ward ich im Wagen ausgelacht – und wer weiß, was noch der Kritikus thut?

In Wahrheit, wenn sich jemand finden sollte, die Lebensläufe aller dieser Unglücklichen in Diogeneshäuschen zu schreiben, auf einer Reise, die freilich nicht durch die Welt seyn dürfte, wie ohnedem noch niemand gereiset ist, gewiß, er wäre ein vortrefflicher Schriftsteller und würde gelesen werden bis an den lieben jüngsten Tag.

Ich hatte, um mir eine Bewegung zu machen, den Wagen verlassen, und hiezu kam noch dankbare Empfindung gegen mein freies Vaterland, die ich unmöglich sitzend aushalten konnte. Ich sah die Gränzscheidung, und da ich eben einen grünen Platz fand, beredete ich meinen Gefährten, Curland zu umarmen. Wir legten uns hin, so lang wir waren. – Der Wagen fuhr langsam weiter, so unvermerkt, wie aus einer Monarchie Despotismus wird, wenn [95] sie es nicht schon an sich ist, worüber die Gelehrten noch uneins sind.

Lebe denn wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Ich danke dem Himmel, daß dein freier Boden das erste war, was mein Fuß betrat. Das fühlte ich noch! noch! daß er frei war, und ich wünschte, meine Leser möchten es auch, wo nicht überall, so doch wenigstens an einigen Stellen gefühlt haben. Natur und freier Staat sind Geschwisterkind und vertragen sich wie Kinder. – Etwas reine klare Natur muß bei jedem Werke der Kunst seyn, und dieß Etwas eignet sich Seelenwürde zu; es ist Seele, es ist göttlicher Hauch, lebendiger Odem in die Nase. Die Kunst, die Verschönerung, ist Leib. – Man kann in Wahrheit auch die Menschenseele durch den Menschenkörper verschönern. – Nun leider heut zu Tage wird der Körper nicht verschönert, sondern geschwächt. Ich läugne es nicht, daß dadurch, daß der auswendige Mensch gelitten, der inwendige Mensch zum Theil zugenommen, wir haben mehr Seele und weniger Körper bekommen; es frägt sich aber, ob wir gewonnen oder verloren haben? Wir haben aufgehört zu genießen und haben angefangen zu denken!

Wer lacht, macht zu lachen, wer weint, macht zu weinen. Denn es gibt kein gefährlicheres Thier, den Affen selbst nicht ausgenommen, als den Menschen; allein wer darstellt, wer handelt und handeln läßt, bereitet ein Lachen von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kräften, und auch solch ein Weinen. – Wer im gemeinen Leben keinen Blick hervorlacht, sondern nur durch sein Handeln mit Fleiß zum Lachen Gelegenheit gibt, ist komisch im hohen Grade. Und in Wahrheit, ein verstohlenes Ach gilt mehr, wenn man darauf vorbereitet ist, das ist, wenn man leiden gesehen und es nicht bloß gehört, als eine Sündfluth von Thränen. Prüft nach diesen Angaben die Dichter alter und neuer Zeit. Ich für meinen Theil wollte hier nur sagen, so wie Darsteller [96] vom Selbstlacher und Selbstweiner unterschieden ist, so wie Werk vom Wort, so monarchischer Staat vom freien. Wer es fassen kann, der fass' es.

Ich merk' es, daß ich meinem grünen Platz entlaufen bin, und will mich gleich wieder, so lang ich bin, hinstrecken, um mein Vaterland zu Ende zu segnen. – Der Mensch ist zum Scheiden geboren. Sterben lernen und philosophiren ist von jeher für einerlei gehalten worden; denn in Wahrheit, diese Welt ist entweder ein Vorbereitungsort, oder wir sind die elendesten unter allen Geschöpfen! Drum nehme ich so gern Abschied auf die Art, wie vom Vaterlande, wenn ich schon weg bin. – Ich empfand wahrlich mehr, als ich sagen kann, und was noch mehr als sagen ist: schreiben kann. – Noch wo ich grün sehe, kommt mir vor, als sähe ich Freiheit. Seht, was ich diesem Scheidewändchen zwischen Curland und Preußen und dem grünen Fleck, auf dem Herr v. G., der ältere, uns belehrte, daß wir Curländer wären, zu verdanken habe!

Ich wünsche allen König'schen, weß Standes und Geburt sie seyn mögen, sonder Arglist und Gefährde, etwas Grünes, damit sie wenigstens einigermaßen wissen, was Freiheit sey. Monarchischer Staat ist wie eine Lanze, oben klingt es, unten ist Holz, wie ein Kegelspiel, das die Kugel nicht trifft. – Was Se. Majestät nicht allerhöchst eigenhändig fällt, das thun die fallenden Kegel, einer wirft den andern mit. – So wie gesteiftes und ungesteiftes Kleid, so Monarchie und freier Staat. Hier stammen wir in gerader Linie von der Mutter Natur ab, dort höchstens von der Seitenlinie. Im monarchischen Staate wächst, was noch in die Höhe schießt, wie eine Bohne an der Stange. Im freien Staate, sagt man, sind die Menschen wild, das heißt mit andern Worten: im monarchischen Staat sind die Menschen Menschen. Warum denn alles nach der Regel de tri? Ein König'scher, ein Unterthan, ist ein [97] zahmes Thier, das aus der Hand frißt und nicht weiß, was es erst thun soll, ob fressen? oder die Hand küssen? Er sitzt beständig auf den Tod und wartet nur auf den Appetit seines Allergnädigsten. Ruft nicht Pensionärs! Im freien Staat ist wenigstens ebenso viel Sklaverei als Freiheit. Dieß hat mich Herr v. G. besser gelehrt, der meines Wissens keine Pension zog. Wo Weizen wächst, wächst Unkraut, und je besser der Boden, desto besser schießt beides hervor. – Die ganze Natur ist für und wider sich; alles kreuzt sich in der Welt, Vögel und Aeste. Was sich neckt, das liebt sich. – Seht da wieder Natur im freien Staat, Homer'sche, Shakespeare'sche Natur! Das Lobopfer, das ihr der Monarchie bringt, ihr Professores Poeseos! was ist's? Erbauliche Gedanken neben einer Hecke, die eben geköpft ist, auf die Melodie: Nun sich der Tag geendet hat und keine Sonn' mehr scheint.

Lebe wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Du hast mich gelehrt, die Freiheit schätzen, obgleich du selbst bei weitem noch nicht frei bist, sondern dich zu Polen verhältst, wie ein Aufschlag zum Kleide. – Frevelhafte Beschuldigung ist es, daß man in deinem Schooß wie eine Flinte sey, die nicht mehr, nicht weniger knallt, es fall' ein Sperling oder ein Mensch, nach Gottes Bilde gemacht. Es gibt monarchische Staaten, wo man sich über den Kopf eines Mörders wenigstens zwölf Monate bedenkt, so, daß das Publikum die Verbindung zwischen Verbrechen und Strafe vergißt, und der Pastor loci recht gemächlich Gelegenheit nehmen kann, den Geist und die Kraft der Religion an diesem Bösewicht ad oculum zu demonstriren. Alle Mörder sterben alsdann wie der Schächer am Kreuze! Dagegen fließt in diesen Staaten das Blut von tausend Edlen im Kriege. Niemand löthet die Wunden der Redlichen. – Es gibt Thiere, sagte mein Vater, die im Marmor, aber nicht im Leben gefallen, und so wie der Bienenschwarm, so der freie Staat. [98] – Nicht also, mein Vater; ich glaube, daß das Denken im monarchischen Staat und das Reden im freien zu Hause gehöre, oft auch das Thun – so wie ein Sklave nur eigentlich unverschämt seyn kann; im freien Staat kennt man dieß Wort nicht.

Meine Leser werden ohne Fingerzeig einsehen, daß ich dieses nicht auf dem grünen Platz schreibe, sondern in einem Staat. – Bald hätte ich zu viel gesagt. Ich empfand auf diesem grünen Platz, und zwischen Empfinden und Denken ist oft so ein Unterschied, wie zwischen Wachen und Träumen. Ein schöner Traum! ich gäb' einen Tag drum unbesehens.

Meine Empfindungen wurden den Preußen, dem Fuhrmann und seinem Untergebenen, zu lange – Ichschlief ihnen zu viel. Sie schrien mich heraus und gaben mir zu verstehen, daß hier guter Weg sey, wo der Wagen ohne Noth aufgehalten würde, und daß schon Stellen vorfallen würden, wo ich Gelegenheit haben würde, mich zur Ruhe zu begeben (eigentlich zu empfinden).

So gründlich gleich diese Aufforderung war, so verdroß mich doch dieses Commando, und ich konnte nicht umhin, ich weiß selbst nicht, wie ich darauf fiel, zu fragen, warum sie denn nicht Soldaten wären? Ich hätte doch gehört, daß alles, was einen stattlichen Schritt in Preußen hätte, gerade ausseh' und sich wohlbefände, Soldat wäre, daher auch zärtliche Mütter Gott auf Knien danken sollten, sobald sie aus dem Wochenbette auf die Füße kämen, wenn er sie einen Krüppel auf die Welt zu bringen gewürdigt, weil dieser allein das Recht hätte, eine Stütze der Familie zu werden. – Herr! sagten die Preußen, wer Ihnen das gesagt hat, ist ein H-t. Beim höchstseligen Herrn gings zuweilen in diesem Stück bunt über Eck – und da konnte man manches nicht spitz kriegen. Gott laß ihn höchstselig ruhen! Unser jetziger Herr, sie zogen ihre abgekrempten Hüte ab, braucht Fuhrleute und Generale, und es thut in Preußen nichts, ob man einen Orden oder eine Peitsche [99] umgehangen hat. (Sie hatten die Peitschen wirklich auf Ordensart.) Ich lasse keinem Menschen die Mittelsteine, wenn ich nicht will. Ein General oder Corporal geht mich mit keiner Ader an. – Ich für mich, sie für sich. – Wer dem Herrn die Abgaben gibt, ist ihm angenehm, so wie dem lieben Gott, wer recht thut, und wenn die Soldaten zur Revue sind, verstehen Sie mich (der Alte sprach), junger Herr Curländer, so bin ich während der Zeit Major von der Cavallerie, und dieser, mein Schwestersohn, ist Junker, und ich versichere den Herrn, daß wir unsern Säbel führen (er machte Luftstreiche und der Junker gleichfalls) wie Einer.

Es fiel mir eben, da die preußische Glänze anfing, eine große Eich' ins Auge, die sich nicht um das, was unter ihr war, bekümmerte. Sie hatte sogar gegen unten keine Schattenäste für ihre Unterthanen. – Stolz wuchs sie gen Himmel, und selbst ich hatte Mühe, ihren Gipfel zu erreichen – Sieh da einen Monarchen, sagte ich zum jungen Herrn v. G., und er verstand die Eiche und mich auf ein Haar.

Ich wünschte, daß mein Vater diese königlichen Fuhrleute gesehen hätte – denn ich selbst war so begeistert, daß ich gern Luftstreiche mit diesen tapfern Preußen um die Wette gewagt hätte, wenn mir nicht mein Reisegefährte heimlich auf den Fuß getreten und eben so heimlich die rechte Hand gedrückt hätte, als wollt' er treten und drücken – Bruder, laß den Major und Junker, den Fuhrmann und seinen Untergebenen.

Es war gleich alles wie abgeschnitten. – Unsere Heerführer waren so sehr von allem Eifer zurückgebracht, daß sie uns herzlich versicherten, wie die Fuhrleute und Studenten in Königsberg Schwäger und Freunde wären! Trotz dem grünen Platz und dem kleinen Streit, der zuweilen vorfiel. – Sie bewiesen uns ihre aufrichtige schwägerliche Verwandtschaft, daß sie den folgenden Tag schon um drei Uhr Halt machten, um uns oder eigentlich mir, [100] Zeit und Raum zu lassen, eine Leichenbeerdigung zu hören und zu sehen.

Wir waren eben im Begriff, in – – Mittag zu machen, da die Glocke gezogen ward. – Ich verstand auf den ersten Anschlag, daß es Trauertöne werden sollten.

Wer ist todt? fragte ich den Hauswirth. Fragen Sie, antwortete er, wer wird begraben? Auch das, erwiederte ich, und wer?

Schön, fuhr er fort, nun werd' ich Sie fragen, wer wird begraben?

Ich sah den unwitzigen Mann ernsthaft an, und wenn nicht eben eine Sturmglocke für mein Herz zu hören gewesen wäre, es wäre schwerlich beim Anblick geblieben. – Der Hauswirth war indessen so gefällig, mir sogleich auf meinen ersten Augenschlag (der Herr v. G. trat und drückte mich wieder) aus dem Traume zu helfen. Mein Herr, setzte der Hauswirth im Geschichtsstyl hinzu, es ist ein Fremder, ein Unbekannter. Niemand weiß, wo er her ist. Unfehlbar hat er nicht nach Hause reichen können, denn man sieht ihm sein hohes Alter an. – Er hat ein sehr gutes Aussehen – weil man einige Gulden und eine Schreibtafel (beides hat der Pfarrer gleich an sich genommen) bei ihm gefunden, so wird er mit einer Leichenpredigt begraben.

Gott, schrie ich, das ist der Alte! Alt ist er, sagte der kupfernasige Hauswirth ganz gelassen.

Ich konnte nicht mehr – ich will hin, ich will hin – und seine kalte starre Hand angreifen. – Noch ist Segen Gottes darin. – Da die Gebeine jenes Mannes, den man in Elisa's Grab warf, die Gebeine des Propheten berührten, wurden sie lebendig – und es trat der Mann auf seine Füße.

Ich will hin, ich will hin – und wenn ich seinen einen Handschuh erben könnte! – O welch eine Erbschaft hätt' ich gethan!

[101] Der Hauswirth nahm, während dieser heiligen Entschlüsse, Tabak und zog ihn sehr hoch in die Höhe.

Jetzt erst wandt' ich mich zu unsern Fuhrleuten, um sie zu überreden, den Mittag und Abend in einem weg zu halten.

Abgemacht,

Der Herr v. G. erkundigte sich nach Wild – und ich ging spornstreichs in die Kirche.

Eben hatte der Pfarrer den Text, den er zu der Leichenpredigt ausgesondert hatte, verlesen. Den Spruch fand der Leichenprediger in der Schreibtafel des Seligen aufgeschrieben und dreimal unterstrichen. Er steht in der zweiten Epistel an die Corinther im sechsten Capitel, vom vierten bis zehnten Vers:

»Sondern in allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes, in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöthen, in Aengsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in Keuschheit, in Erkenntniß, in Langmuth, in Freundlichkeit, in dem heiligen Geiste, in ungefärbter Liebe, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken, durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Verführer und doch wahrhaftig, als die unbekannten und doch bekannt, als die Sterbenden und siehe wir leben, als die Gezüchtigten und doch nicht getödtet, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viel reich machen, als die nichts inne haben und doch alles haben.«

Ein Thema pflegt bei den Geistlichen ein leeres Haus zu seyn, wo man mancherlei und manches anschlagen kann, ein Nagel, an den man viel hängt; ich weiß nicht, ob man nicht auch in diesem Sinn sehr richtig sagen würde: man muß nicht zu viel an einen Nagel hängen.

Das Ziel, nach dem der Pastor loci anlegte, war der Schein [102] und das Seyn des Christen! Meine Mutter hätte, wenn sie selbst diese Leichenpredigt gehalten, kein gereimteres Thema gefunden; ich für mein Theil hatte alle Fassung nöthig, um mich zurückzuhalten. – Ich brannte vor Begierde, den Sarg dieses Seligen aufzusprengen und mir einen Segen abzufordern. Es war sehr zu merken, daß ich dem Pfarrer ein Meteor war und ein unverhoffter Gast – er haspelte seine Predigt in höchster Eile herab; indessen verzählt' er alle Augenblicke die Fäden, und dieß zwang ihn, von neuem zu zählen. – Endlich die Nutzanwendung zumSchein und Seyn.

Meine Geliebte! der selig Verstorbene schien uns anfänglich ein Mann nach der Weise Melchisedech. Ich fragt' ihn nach dem Namen, Geburtsort, Vaterland; ob er noch in dieser Welt etwas zu berichtigen hätte? Auf alle diese Fragen nicht eins zur Antwort.

(Ich ward über und über roth, und nun erschien mir der Pfarrer als ein Meteor und ein ungebetener Gast, und das Aergste bei dieser Verlegenheit war, daß ich nicht haspeln konnte. Nichts ist einem Verlegenen heilsamer, als wenn er reden kann; er fällt zwar immer tiefer darein, indessen ist es ihm Labsal, reden zu können, wenn er auch nur stammeln und stottern sollte. Er ist wenigstens vor einer Seelenlähmung sicher, die eben so, wie eine körperliche, oft zeitlebens auf die Seele einen Einfluß hat. Die Zunge ist in solchen Fällen Ventilator in einem stockigen Zimmer. – Sie bringt frische Luft herein.)

Da ich einsah, fuhr der Leichenprediger fort, daß unser Seliger Ursachen zur Zurückhaltung hatte, wandt' ich schnell um und klopft' an eine andere Thür, die zum Seelenheil führt. Hier blieb er mir kein Wort schuldig. – Nach seinem seligen Hintritt klärte sich alles auf. Er fand nicht für gut, zu erzählen, was seine Schreibtafel enthielt, er wollte sich nicht die Augenblicke entwenden, [103] die er himmlisch anwenden konnte. Sein Wandel war nicht von hier, sondern von droben. – Das erste, was ich öffnete, war seine Schreibtafel, die wie ein Communionbuch gebunden war. Seinen Geldbeutel, worinnen vierzig Gulden waren, öffnete ich nachher.

(Ich war im preußischen Gelde ganz unerfahren, und ich muß mich noch hüten, um ja hiebei nicht wider das Costüm zu sündigen.)

In seinem Communionbuch von Schreibtafel fand ich mehr als ich gefragt hatte. Man pflegt oft in Schreibtafeln das Geheimste, das man oft seinem geheimsten Rathe nicht entdeckt, zu finden. Es ist der Männer Schooßhündchen.

Unser Seliger heißt – – – – – –

Ha! kunstrichterlicher Leser! da hattest du schon deine Bleifeber zum Strich gespitzt. – Wieder einerohne Namen, eine unbenannte Geschichte! Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen, und damit ich bei dieser Gelegenheit auch an eine andere Thür anklopfe, die zum Seelenheil führt, bet' ich ein Vater unser für dich! – damit du nicht vielleicht ohne Namen dahin fährst in deinen Sünden. – Halt den Hut vor!


Ne nos inducas in tentationem,
Sed libera nos a malo. Amen.

Unser Seliger heißt – – – – – – wie er seinen Namen ganz mit allen Punkten und Clauseln ausgeschrieben.

Er fährt fort:

Ich war reich – ich hatte so viel, daß meine großstädtische Freunde zuweilen zu mir kamen und sich ländlich vergnügen konnten.

Ich ward arm, fährt er fort, der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sey gelobt! Wie er um das Seinige gekommen, meine Lieben, ist nicht angeführt. [104] In seinem Wohlstande hatt' er zum Aufbau eines Lusthauses und Lustgartens für eben diese Freunde, wenn sie ihr stockendes Blut wieder in Fluß bringen wollten, zweitausend Gulden angeliehen, schwer Geld.

Da er arm geworden, erließen sie ihm die Schuld und gaben ihm seinen Schuldbrief zurück. Sie bedachten vielleicht, daß er nur ihretwegen diesen Bau unternommen. – »Was dankt' ich Gott,« schreibt der Selige, »daß ich unter meinen Freunden Menschen fand. So in der Nähe, dacht' ich. – Gott schlägt, Gott heilt, Halleluja!« Unser Seliger hatte zwar nicht das Glück des Hiobs, der zwiefältig so viel bekam, als er gehabt hatte, und außer dem schönen Groschen und dem güldenen Stirnband, so ihm seine Brüder und Schwestern und Bekannten verehrten, noch vierzehntausend Schafe und sechstausend Kameele, und tausend Jochrinder und tausend Esel – wie er denn auch nach seinem gehabten Unfall einhundert vierzig Jahre lebte und Kinder und Kindeskinder sah, bis in das vierte Glied. Unser Seliger konnte zwar nicht seine Freunde zum ländlichen Vergnügen mehr einladen, sein Gärtchen und sein Lusthäuschen waren in fremden Händen; allein er hatte doch Nahrung und Kleider! – Seine Freunde hatten auch nach der Zeit sichbitter und sauer Brunnen angewöhnt, welchen sie die nämliche Kraft, als guter frischer Milch und einem Gartenhäuschen und einem Lustgarten, beilegten. – Der Selige hatte sich indeß so weit herausgewunden, daß er viertausend und siebenzig Gulden nach Königsberg nehmen konnte, um seinen Verkehr durch einige neue Waaren zu verstärken. Bei viertausend und siebenzig Gulden baar Geld konnt' ein so ehrlicher Mann, als er, auf noch einmal so viel Credit rechnen. – Seine Anverwandten hörten von den viertausend siebenzig Gulden und nahmen ihn allein.

Sie fragten nach der Handschrift. Hier, sagte er, und zog sie aus der Schreibtafel. Solang ich lebe, soll auch diese Handschrift [105] leben; ich könnte vielleicht aufhören dankbar zu seyn, wie viele Menschen, wenn sie zu satt werden, Gottes vergessen. – Hier, sagt' er, ohne Flecken, ohne Runzel, oder deß etwas, so wie ich sie gestellt hatte und zurück erhielt.

Der Senior Familiae, ein alter herzloser Mann, nahm sie entgegen, und es ward dem Dankbaren angedeutet, daß, da man von den viertausend Gulden, ohne an die siebenzig zu denken, gehört, er wohl ihre zweitausend Gulden, zusammt den Verzögerungszinsen, entrichten könnte.

Freunde, fing er an; allein man droht' ihm mit dembreiten Wege Rechtens, der zur Verdammniß führt, und viele sind, die darauf wandeln.

Freunde, fing der Selige wieder an; allein (und dieß kränkt' am meisten) sie machten ihm Vorwürfe, daß er noch dazu die zweitausend Gulden zu Lusthaus und Garten verwendet hätte.

Aber – fing er wieder an, und der Senior Familiae fiel ihm ins Wort: Freilich hatte Sie Gott damals reichlich gesegnet und Sie konnten an Lust denken, jetzt aber bei viertausend siebenzig Gulden müssen Sie an Zahlung denken. – Denkt, sagte der Selige.Zahlt, sagten die Verwandten, die Unseligen. Sie hatten ohne Flecken, ohne Runzel oder deß etwas, das Document und er hatte keinen Beweis der Schenkung, und wenn ich auch, schreibt er, Beweis der Schenkung gehabt hätte – und wenn auch –

Er bezahlte.

»Nur die Zinsen!« es macht' auf jeden der Herren eine Kleinigkeit.

Keinen Dreier! sagte Senior Familiae. Es sind dieusurae morae (die Verzögerungszinsen); er hatte diesen Bissen Latein von einem Rechtsgelehrten erhandelt!

Der Selige mußte von Heller zu Pfennig Capital und Zinsen [106] berichtigen, und da einige andere von seinen unbeträchtlicheren Gläubigern, die ihm aber nichts erlassen, sondern theils auf seine Verbesserung wegen der alten Schuld gewartet, theils ihn mit neuem Flickvorschuß unterstützt hatten, dieses hörten, verlangten auch sie Geld und reservirten sich quaevis juris competentia contra quem vel quos, wenn der Arme nicht noch so viel übrig behalten hätte, daß ihr neuer Vorschuß hinreichend berichtigt werden könnte. Es fehlten ihm dreihundert Gulden; der Arme ging zum Senior Familiae, und dieser? Er hatte nur eben Zeit zu einem Vorschlage, der dem Seligen bis in die Seele ging. Er schlug ihm vor, seinen Wagen und vier Pferde zu verkaufen, um auszulangen.

Vierzig Gulden war alles, was unser Selige erübrigte, und ein paar Füße, die seine schwermüthige Seele mit genauer Noth tragen konnten. Sein Leib wog nicht vier Pfunde.

»Vierzig Gulden,« sagt' er zu sich selbst und sah seinen ledig gewordenen Geldbeutel an. Er hob ihn und fühlt' es, daß auch er noch zu schwer für seine Füße war. – Wenn sich doch Gott erbarmen wollte! rief er; hier in der Welt ist's mit der Erbarmung aus! Wenn doch Gott sich erbarmen wollte! – Wenn er doch meine Thränen so zählen wollte, wie die Schlucker mein Geld! Er hatt' auf diesen sauern Tag eine angenehme Nacht; es träumte ihm, daß das Lusthäuschen und das Gärtchen, welches, wie er verarmte, subhastirt ward, ihm wieder zufielen, und alles so grün, so schön, daß es ihm dünkte, als hör' er die Stimme: Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude.

Was das für eine Freud' im Traum war, schreibt er, ist unaussprechlich! So was kann man nicht leben, so was muß man träumen. Er ging zu Fuß aus Königsberg, und es sey, daß die [107] Ungewohnheit, ein Fußgänger zu seyn, oder daß der gerechte Schmerz über dergleichen Verfahren ihn noch tiefer als sein hohes Alter angriff, unser Seliger ward in – – krank. Ich fühlte, schrieb er, beim ersten Stich in der linken Seite, daß mein Stündlein vorhanden sey und die Erfüllung des Traumes: Geh' ein zu deines Herrn Freude.

Diese Worte wiederholte der Sterbende unzähligemal, und allemal mit einer Freude, die wie Kraft der zukünftigen Welt aussah.

Er hatte in Rücksicht seiner Wohnung nichts weiter auf seinem Herzen, als die Bitte, seinen Tod in – –, wo er zu Hause gehörte, zu melden und alle, die sich seiner erinnern sollten, grüßen zu lassen.

Er hatte nicht Frau, nicht Kind. Gehabt zwar beides, allein beides war vorausgegangen, um ihm dort entgegenzukommen. Gott ruft mich, schreibt er, zu rechter Zeit. Ich habe meine Schulden bezahlt und bin keinem weiter als dem lieben Gott schuldig, der mit mir wahrlich, das hoff' ich, anders rechnen wird, als meine Verwandten. – Die mir zu tragen schwergewordenen vierzig Gulden bleiben zu meinem Begräbniß und für

Und für waren seine letzten Worte.

Ich hätte diesen Bruch, fuhr der Pfarrer fort, heben und es so erklären können: und für den Pastorem loci; denn ich hab' ihn zweimal mit Gottes Wort besucht und den glimmenden Docht der Hoffnung, die in ihm war, so wenig ausgelöscht, daß ich ihn vielmehr vollends anfachte; – allein ich hab' Euch auch all' an diesem und für Theil nehmen lassen wollen. Den Organisten und die Leichenbegleiter – und an uns allen verdient der Selige einen Gotteslohn!

Mir fiel eine natürliche Erklärung des und für ein. Da schon des Begräbnisses erwähnt war, so hat der Selige, dacht' ich, [108] mit seinem und für die Dorfarmen gemeint; denn in Wahrheit, das waren bei seinen Umständen seine nächsten Anverwandten. – Es gehen freilich verschiedene Sterbende, die noch viel Unrecht auf ihrem Herzen und Gewissen haben, zur Beichte, um am Himmel nicht aufgenommen zu werden; sie lassen sich hier plombiren, um dort bei der Himmelspforte sich keiner Revision auszusetzen, und da trägt es sich freilich wohl zu, daß dem Geistlichen, dem Besucher, etwas in die Hand gedrückt wird. – Unser Todter, das wett' ich, nicht also!

Wohl dem! rief unser Pfarrer aus, wohl dem, der, solang er mit seinem Bruder auf dem Weg ist, das heißt, so lange sie beide die Straße dieses Lebens gehen, ihm ersetzt, was er ihm Unrecht gethan, dem abbittet, den er beleidigt, den in integrum restituirt, den er beschädigt hat. Wohl dem, der alles mit warmer Hand abträgt! denn wie leicht kann der Gläubiger sterben? und die Ersetzung ist alsdann nicht möglich; wie leicht kann der Lebens' lauf des Schuldners gehemmt werden und wie leicht kann es kommen, daß sie aufhören, einen und denselben Weg zu wandeln? Weh' alsdann dem Schuldner! Alles ist aus! – Er kann nicht mehr bezahlen, so gern er auch wollte. Seine Münze galt nur in dieser Welt, mit einem ewigen Vorwurf geht er in die Ewigkeit über. Diese Stelle überwog die ganze Predigt. Wer sie liest, der merke drauf, solang er eine warme Hand hat, solang er noch auf dem Wege mit seinem Gläubiger ist und mit ihm lebensläuft!

Es starb der Selige (meine Leser hören wieder denPastorem loci), seines Lebens müd' und satt, mit der dringenden Bitte, ihm auf unserm Gottesacker ein Räumlein zu gönnen, bei frommer Christen Grab. So wie Abraham zu den Kindern Heth, nach dem ersten Buch Mose im dreiundzwanzigsten Capitel, im vierten Vers sprach:

[109] Ich bin ein Fremder bei euch, gebet mir Begräbniß; so sprach auch unser Seliger, und obgleich er nicht vierhundert Sekel Silbers, das im Kauf gang und gebe war, wie Abraham zu bezahlen im Stande war, so war unser Alter doch auch nicht der Abraham und wir nicht die Kinder Heth. – Das Plätzchen, das wir ihm verstattet, ist kein Erbbegräbniß, wer wollt' auch seine Anverwandten mit den zweitausend Gulden Capital und den Verzögerungszinsen zur Nachbarschaft haben! Man erzählt, daß Hände, die ihre Eltern geschlagen, nicht verwesen, sondern aus dem Grabe herauswachsen, obgleich ich viele ungerathene Kinder, bisher aber, leider! noch keine herausgewachsene Hand gesehen habe. – Wahrlich, wir würden alle die Hände der Anverwandten unseres Seligen sehen, wenn diese Sage wahr wäre – und die Hand des Senioris Familiae, hager und ungestaltet, mit langen, unabgeschnittenen Nägeln. – Wie schrecklich! – Nein – nicht für hundert Sekel Silbers, das im Kaufe gang und gebe ist, nicht für tausend! – Für dich aber, Seliger, machet die Thür unseres Kirchhofs weit und die Thore hoch, damit er bei uns einziehe! – Wenn der Fall nicht so, wie er wirklich ist, gewesen wäre, wir hätten keinen Dreier für dieses Plätzchen genommen. – Die Kirche dankt dir, lieber Seliger, für das, was sie durch meine Hand erhalten hat, und ich danke dir für das, so uns allen zugewendet worden, bis auf den letzten Träger. Judas verrieth wegen dreißig Silberlingen seinen Meister. – Hier sind freilich nur vierzig Kupferlinge, und es ist allerdings mehr Schein als Seyn dran, indessen, wie bald wird sein abgetragener Leib in einer Hand Raum haben. – Diese Handvoll ehrliche Erde gibt er uns ohnehin als Agio von den vierzig Gulden.

Uns allen lehre der Herr unseres Lebens bei dieser Gelegenheit unser Schein und Seyn, das heißt, er lehr' uns wohl bedenken, [110] daß wir nicht wissen, wann der Herr kommt. – Darum wachet! So gesund wir scheinen, so ist doch nichts gewisser, als daß es ein Ende mit uns haben müsse, daß unser Leben ein Ziel habe und wir davon müssen. Das ist unser Seyn!

Ihr Gebeugten im Volke, freuet euch in dem Herrn, und abermals sag' ich euch: freuet euch, denn ihr werdet sterben! und eben dann, wenn ihr nicht aus noch ein wißt, wird euch der Herr gen Himmel zeigen – da werdet ihr Friede haben und nicht hören die Stimme des Steuereinnehmers, da werden getrocknet werden die Thränen von den Wangen der Wittwen, da werden die Gottlosen aufhören mit Toben, und sanft ruhen die des Lebens Last und Hitze getragen haben. – Fasset eure Seelen in Geduld, und wenn euch eine Krankheit anficht, denkt, daß sich eure Erlösung naht. Seht an den Feigenbaum und alle Bäume, wenn sie jetzt ausschlagen, so seht ihr's und merkt, daß jetzt der Sommer nahe sey, – Bei Menschenkindern ist es umgekehrt. – Wenn der auswendige Mensch stirbt, fängt der inwendige zu leben an. Gern hätt' ich diese Lebensumstände, die mir, so wie sie da sind, gewiß nicht wenig Mühe gemacht, da sehr viele Worte halb verwischt und viel unleserlich geschrieben war; gern hätt' ich, weil mir wohl bekannt ist, daß ihr lieber einen Lebenslauf als eine Predigt höret; gern hätt' ich diese Lebensumstände verstärkt, wenn ich mehr im Taschenbuche gefunden hätte. Zum Beschluß wollen wir vom einunddreißigsten Vers bis zum sechsundvierzigsten des fünfundzwanzigsten Kapitels des Evangelii Matthäi verlesen hören und verlesen:

Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heilige Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und wird die [111] Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird denn der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackend gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen und ihr seyd zu mir kommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeiset, oder durstig und haben dich getränket? Wann haben wir dich einen Gast gesehen und beherbergt? oder nackend und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir kommen? Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sag' euch, was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mich nicht getränket. Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen und ihr habt mich nicht besuchet. Da werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig oder durstig, oder einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und haben dir nicht gedienet? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sag' euch, was ihr nicht gethan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan. Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben! – –

[112] Ins ewige Leben verhelf' uns alle zusammen der Herr des Lebens, Amen!

Nach der Predigt ließ der gute Pfarrer singen:Lieber Gott, wann werd' ich sterben, und seine werthen Zuhörer, welche bis auf mich lauter Bauern und Fischer waren, sangen dieß Lied mit einem so himmlisch-sehnsuchtsvollen, der Welt abgestorbenen Herzen, daß ich sehr gerührt ward. Man hörte es ihnen genau an, daß niemand unter ihnen vierzig Kupferlinge im Vermögen hatte, und daß sie alle des Tages Last und Hitze dieses Lebens trügen. – Der Pfarrer sang ebenso herzlich, nur mit dem Unterschiede, daß er mit seiner Stimme die ganze Gemeinde commandirte.

Meinen Lesern zu Gefallen, die kein Gesangbuch haben, will ich die Stelle, die mir der Pfarrer vorzüglich ins Ohr und Herz sang, abschreiben:


Lieber Gott, wann werd' ich sterben?

Meine Zeit läuft schnell dahin,

Und des alten Adams Erben

(Wo ich auch ein Erbe bin)

Haben dieß zum Vatertheil,

Daß sie eine kleine Weil'

Arm und elend sind auf Erden,

Und am Ende Erde werden.


Ich mit allen meinen Brüdern

Lebe eine kleine Zeit,

Trag' ich nicht in allen Gliedern

Samen zu der Sterblichkeit?

Geht nicht immer da und dort

Einer nach dem andern fort?

Und wie mancher liegt im Grabe,

Den ich hoch geehret habe.


[113]

Aber, Gott, was werd' ich denken,

Wenn es wird zum Sterben gehn!

Wo wird man den Leib versenken?

Wie wird's um die Seele stehn?

Ach, ein Kummer fällt mir ein:

Wessen wird mein Vorrath seyn?


Man hätte glauben sollen, das Gewissen hätte beim guten Pfarrer wegen seiner Erklärung der Worte und für diese Reihe mitgesungen; allein ich versichere auf Ehre, das Gewissen gab seine Stimme nicht dazu. – Beinahe möcht' ich das Gewissen auf ein Haar kennen, wenn es mitsingt. – Es hält selten Melodie, singt lahm und so, als dürft' es nicht.

Schriebe meine Mutter dieß Buch, sie hätte von diesem Liede seinen Buchstaben ausgelassen; indessen will ich einigen meiner Leser diesen Gefallen thun.

Die ganze Gemeinde, o Gott! wie inbrünstig sang sie diese Zeilen:


Lieber heute noch als morgen,

Denn ich werd' einst auferstehn!

Ich verzeih' es gern der Welt,

Daß sie alles hier behält,

Und bescheide meinen Erben

Einen Gott'. – der wird nicht sterben!


Vorzüglich fiel mir ein alter Mann bei dieser Stelle auf, der unfehlbar nicht mehr Träger wegen seiner sehr hohen Jahre sehn konnte, und sich in einem etwas finstern Kirchenwinkel aufgestützt hatte. – Ich hätte mich nicht enthalten können, diesem Aufgestützten etwas aus meinem ἀνέχου καὶ ἀπέχου zu geben, wenn ich es bei mir gehabt. – Diesem alten Manne gehörte, das merkte [114] man, noch ein Haufen Kinder an, der um Brod schrie. Es war recht, als wenn alle diese Kleinen mitleierten.

Zwinge dich nicht, schreibt meine Mutter,ohne Geld auszugehen, das heißt:aus einem guten ein schechter Mensch werden wollen. – Dießmal freut' ich mich aber, ohne dieses versiegelte Schatzpäckchen gewesen zu seyn, da ich zu Hause kam; denn ich hätte mich in Wahrheit nicht gehalten und meines Vaters Auflage geradezu entgegengehandelt! »In der größten Noth!« Dieß brachte mich zum Gelübde bei mir selbst, dieß Schatzpäckchen nie bei mir zu tragen. Ohne Geld aber, liebe Mutter, werd' ich nicht ausgehen.

Bei der letzten Strophe, die ich meinen Lesern auch nicht entziehen will, war der Ton ganz anders:


Herrscher über Tod und Leben,

Mach' einmal mein Ende gut!

Lehre mich den Geist aufgeben

Mit recht wohlgefaßtem Muth!

Hilf, daß ich ein ehrlich Grab

Neben frommen Christen hab',

Und auch selber in der Erde

Nicht zu Spott und Schande werde!


Ob nun gleich der Alte, den ich bis oben zu begraben gesehen, nicht der mit dem einen Handschuh war, als welchen Handschuh ich mithin ebenso wenig als den Segen dieses Himmlischen aus seiner Hand erben konnte, so war ich doch sehr belohnt, daß Mittag und Abend in einemweg gehalten ward. – Ich dacht' anMine, wie beim Schloß in Mitau und bei aller Gelegenheit, und wie hätte wohl ein Vorfall, der mich zum Stehen, zum Denken bringen konnte, nicht zugleich Mine und ihn in einem Paar darstellen sollen? Wenn man liebt, ist überall schöne Natur für den Liebenden.

[115] Mein Reisegefährte kam eben von der Jagd und hatte drei Vögel erlegt, die wir uns braten ließen. Ich hatte noch nichts gegessen und er hatte sich weidmännlich ermüdet.

Indem wir uns niedersetzten und ich ihm von meinem Todten, er mir von seinen drei Vögeln erzählte, siehe da, der Pastor loci! und mit ihm ein Melotenpflastergeruch, so daß der Pastor die ganze Stube würzte.

Er konnte nicht unterlassen, denjenigen, der heut ihm die Ehre gethan, sein Zuhörer zu seyn, näher kennen zu lernen, und da wir aus seiner Art sich zu führen uns überzeugten, daß er nicht abschlagen würde, mit uns vor'n Willen zu nehmen, so baten wir ihn, seine Kapuse abzulegen. Der Herr v. G. erzählte, eben drei Vögel geschossen zu haben. Eben drei? sagte der Pastor und fand hiebei was Besonderes. Der Mann einen Vogel! beschloß ich, und der Pastor konnte nicht aufhören zu wiederholen: eben drei! Der arme Pfarrer entdeckt' uns gelegentlich seine recht schlechte Verfassung. – In Curland, sagt' er, sind meine Herren Amtsbrüder Edelleute! Mögen sie doch. – Wenn ich nur einen bessern Fang wie vor'm Jahr hätte!

Diesen Wunsch klärt' er uns durch die Erzählung auf, daß er auf den Drosselfang gewiesen wäre und dieses ein Hauptaccidenz bei der Pfarre sey. – Unfehlbar war dies die Ursache, warum er: eben drei! so oft sagte. Wir öffneten dem armen Pastor noch unsern Eßkorb, den uns die Frau v. G. reichlich gefüllt hatte. Unser Wein war ihm Labsal. – Ich konnte mich kaum des Lachens enthalten, da er den heut Begrabenen einen Zugvogel nannte. Da ich die Verfassung dieses ehrlichen Drosselpfarrers hörte, fand ich die Erklärung, die er von den letzten Worten:

und für

gemacht hatte, der Sache so vollkommen angemessen, daß ich überzeugt war, das Geld hätte nicht besser angelegt werden können, [116] wenn es ins Hospital gekommen wäre. Die sogenannte Pastoralklugheit ist, in einer guten Uebersetzung, eine wohlehrwürdige Bemühung, auf anderer Leute Kosten zu leben; bei unserm Drosselpastor nicht also.

Ich erkundigte mich noch nach verschiedenen Umständen des zur Ruhe Gebrachten; allein außer dem, was der gute Pfarrer in der Kirche angebracht, wußt' er kein Wort.

Ich gab dem Pastor loci für den Alten, der sich in einem finstern Kirchenwinkel aufgestützt hatte und die Worte:


Und bescheide meinen Erben

Einen Gott, der wird nicht sterben!


überlaut sang, eine Kleinigkeit, um sie ihm morgen abzugeben. So hat er, sagt' ich, zwei frohe Tage – denn wenn er gleich Alters wegen nicht getragen hat –

Allerdings, fiel der Pfarrer ein, ich habe die Anordnung gemacht, daß sie alle was zu essen und zu trinken haben. Der Alte ein Theil mehr, weil er noch außer den großen Kindern drei kleine Kinder zu Hause hat.

Da der Pastor hörte, daß wir auf die Akademie gingen, wünscht' er uns tausend Glück. Mit einer besondern Freude, die ihn wohl kleidete, erzählt' er von seinen akademischen Jahren, wo er sich alles ganz genau zu besinnen wußte, wie alle von gewissen Jahren, die nach Art von Leuten, welche trefflich in die Ferne sehen, schlecht aber in der Nähe sehen können, alles haarklein wissen, was in ihrer Jugend geschah, wenig aber oder gar nichts von dem, was gestern und ehegestern vorfiel. – Das ist die beste, beste Zeit, sagt' er, sobald man ein lastbares Geschäftsvieh wird, ist's aus. Ich pflüge zwar Gottes Acker, indessen fallen doch all' Augenblicke Menschensatzungen vor. Wohl dem, mein Herr v. G., dem die Geburt das Recht gegeben – ein Mensch zu seyn für ein Amt zu halten. »Wenn Jagden dabei sind,« fiel ihm Herr v. G. ein.

[117] Der ehrliche Pfarrer ließ sich merken, daß er herzlich gern einen Adjunctus hätte, und wenn es auch nur der Gesellschaft und der Maulbeerbäume wegen wäre, welche das ehrwürdige Consistorium ihm zu pflanzen ausgegeben hätte. Endlich kam seine Tochter Marthe hinter dem Berge hervor, und man sah wohl, daß der Adjunctus nicht bloß seiner Gesellschaft und der Maulbeerbäume halber gewünscht ward. Noch hat er keinen gefunden, der einen so überwiegenden Drosselgeschmack gehabt, daß er ihm andere Vortheile aufzuopfern kein Bedenken getragen hatte. – Man sagt, setzte er hinzu, daß man darum nicht gern ein Testament mache, damit den Erben nicht die Zeit zu lang würde; allein ich versichere auf Ehre, daß ich bei der Anfrage meines Schwiegersohns, wie ich geruhet und wie ich mich befände? keine Falschheit vermuthen würde.

Die Gegend war wüst und öde. Ich habe keine Biene gehört, und ich wollte was drum geben, daß hier kein Bienengewächs im ganzen Bezirk aufzutreiben gewesen.

Nachdem der Pastor drei bis vier Gläser Wein getrunken hatte, sang er das Studentenliedchen:


Vivat Academia!


Nach dem Liede (dacht' ich mit einem Verwunderungszeichen), nach dem Liede:
Lieber Gott, wann werd' ich sterben?

Indessen, wenn gleich ein solcher Zugvogel nicht tagtäglich kommt, so wird ein Prediger doch mit der Zeit mit dem Tode so bekannt, wie eine geübte Wöchnerin mit einer Entbindung. Muth, das bin ich vollkommen überzeugt, ist nicht Stärke der Seele, sondern Bekanntschaft mit dem Gegenstande.

Unser alter Pfarrer war nicht ohne Empfindung; er ward sehr leicht roth, wenn man ihn nur mit einem Blick etwas zu [118] hart anfühlte. Gleich roth – ist ein so sicheres Zeichen von einem empfindlichen als empfindsamen Menschen, von einem Menschen, der sich fühlt, und der auch fühlt, was um und neben ihm ist; so wie es was Sanftes, was Weibisches verräth, wenn man Musik liebt! – Der gute Pastor! in Wahrheit, er brauchte keinen andern Beweis von seiner Frömmigkeit, als sein heiteres, Gott ergebenes Auge, in dem Ruhe und Zufriedenheit lag. Ich will nicht, sagt' er, wie Israel über die Wachteln murren, und wär' es auch der vierzig Wüstenjahre, der vierzig Festungsjahre wegen – ich bin schon, fügt' er seufzend hinzu, zehn Jahre bei dieser Wachtelstelle.

Es wußt' unser Gast nicht viel von dem Zustande der Königsberger Universität, außer, daß er uns einenCatalogum lectionum aus den Intelligenzzetteln vorwies und uns versicherte, daß es noch bis jetzo nicht friedlich herginge; er war ein Inpietist, denn einen Orthodoxen kann ich ihn nicht nennen, falls nämlich die Orthodoxie, wie ich fast vermuthe, eine Strenge der Observanz ist, sich und andere an angenommene Regeln zu binden. – Ihm schien der Pietismus so sehr nicht zu Herzen zu gehen, obgleich er nicht umhin konnte zu bemerken, daß die Pietisten viel sähen, was kein Inpietist sähe, und viel empfänden, was sie nicht ausdrücken könnten. Es blieb dabei, ohne die inpietistische Partei unsers guten Pastors zu nehmen, daß Gedanken, die man nicht ausdrücken könnte, unreifes Obst wären. Bald, sagte der Pastor, hätt' ich gesagt, daß ein Wort ein verdauter Gedanke sey. – Er ward roth dabei.

So wie Gärtner ihre Blumen oft so pflanzen, daß die Farbe einer in die andere spielt, und dadurch jede einzelne verdirbt, so ist's auch auf Universitäten.

Bei dem zweiten Vers des:


Vivat Academia!


[119] ward die Frage aufgeworfen, warum man beim Trunk so gern Lärmen mache und vorzüglich Fenster einwürfe; welches auch solche Jünglinge thäten, die bei spätern Jahren einen stillen, innerlichen Rausch bekämen?

Unser Pastor nahm Abschied. Sein letztes Wort war vivat Academia! Wir verpfändeten uns schließlich, so oft wir diese Straße zögen, uns ihm aufzudringen. Dieß Wort bitt' ich zu streichen, fiel er ein; vielleicht gibt mir Gott bald ein Stück Brod anstatt der Drosseln, und alsdann bitt' ich zu mir – alles andere: Gott sey mit Euch, lebt wohl, faßt' er zusammen in das vielbedeutende vivat Academia!

Kaum hatten wir uns niedergelegt, so hörten wir einen schrecklichen Streit, den unsere Fuhrleute, die von Mittag bis Abend in einem Zuge gezecht hatten, erregten.

Ich wollte Mittler seyn, allein mein Reisegefährte verbat es dringend.

Warum, Bruder, willst du gerad oder ungerad spielen? Deine Worte werden nichts gegen diese Rosse und Mäuler verfangen. – Glaub' mir, ich zittere vor einem Lande, wo ein Fuhrmann Major, sein Schwestersohn Junker und ein Pastor ein Drosselfänger ist.

Das Ungewitter legte sich und stieg wieder auf – ich schlief vielleicht beim härtesten Schlag ein.

Habt Ihr je in einer Gesellschaft, in der alles überlaut war, auf Euerm Stuhl geschlafen? Wie süß! – Mein Reisegefährte versicherte mich des folgenden Tages, daß er noch nach meinem Einschlaf zwei Stunden gewacht hätte.

Ich. Aus Furcht, Bruder?

Er. Ich kann es nicht läugnen –

Ich. Entschließe dich, Bruder, meinem Beispiele zu folgen. Ich fürchte mich nur vor der Furcht; das scheint ein Wortspiel, [120] allein es ist ein richtiges, wahres Wort. – – Auf mein Wort gehe hin und thue desgleichen!

Unser Major und Junker waren mit den Wirthsleuten des Hauses an diesem guten Morgen so einig, daß man nichts anderes hört' als Bitten: bald, bald wieder zuzusprechen, und Versprechungen: bald! bald!

Wie schön es sich, sagte Herr v. G., nach dem gestrigen Gewitter abgekühlt hat! – Da siehst du, Bruder, erwiedert' ich. – Der Teufel traue den Preußen, beschloß er. – –


* * *


Und nun in Königsberg! Ein großer, weitläufiger Ort. – Ich fragte meine Fuhrleute, wo dieser und jener Professor wohne, die mir dem Namen nach bekannt waren. Das weiß Gott am besten, sagten sie.

Im Kneiphof gehört die Akademie in die Kirche; und vor diesem kam der Magnificus mit einem Purpurmäntelchen, es war spannenlang und mit einer goldenen Borte bebrämt, alle Michaelis und alle Ostern in diese Kirche.

Nun nicht mehr?

Nein, nun nicht mehr. Man erzählt, daß ein grober Kerl von Bauer, der von ungefähr zu dieser Ceremonie zu Maß gekommen, überlaut (der Püffel! doch was versteht ein Bauer von Safran) gesagt haben soll:

»Wie sich doch so ein alt und wohlbetagter Herr noch zum Narren macht!«

Nach der Zeit geht der Magnificus ohne spannenlanges Mäntelchen in die Kirche.

Die Kneiphofsche Kirche ist der Dom und auch die akademische Kirche. Die zur Akademie gehörigen Gebäude sind in [121] einer so vertrauten Nachbarschaft mit dieser Kirche, daß alles wie Eins aussieht. – Dieß ist eine Erklärung zur Fuhrmannserzählung.

Wir stiegen bei dem Major ab, der uns zwei Zimmer mit der Versicherung aufräumte, daß wir sie so lange gebrauchen könnten, bis wir ein gutes Quartier bekommen würden. Er für sein Theil schlüg' uns die Magistergasse im Kneiphofe vor, wo die meisten Studenten logiren – und der Name selbst schien ihm sehr angemessen. Es währte nicht drei Stunden, so waren drei Landsleute bei uns, welche die Sorge über sich nahmen, uns ein Quartier zum Küssen, wie sie's nannten, anzuangeln. Dieß Wort war damals, so wie das Wort fidel, Universitätsparole.

Diese Nacht blieben wir bei unserm Fuhrmann. Den Morgen um neun Uhr kamen schon unsere fidele Landsleute, verstärkt mit drei andern: das Quartier zum Küssen war angeangelt – und wir Burschen (um ganz akademisch zu sprechen) zogen vom Pferdephilister aus.

Ist es Hecht oder Barsch? fragt' ich, was Sie uns angeangelt haben, und sie lachten herzlich über eine so unakademische Frage.

Wir gingen unser Quartier besehen, das uns über alle Maßen gefiel. Es hatt' es ein Curländer bewohnt, der heim reiste, um nachher in französische Dienste zu gehen.

Warum in französische? sagt' ich.

Zum größten Theil der Sprache wegen. Auch gut! Ehemals verliebte man sich, um Französisch und das Feine der Sprache, das je ne sais quoi des Herrn v. W., zu lernen.

Es ward verabredet, daß die Landsmannschaft von dem Abziehenden und den Anziehenden bewirthet werden sollte. Jeder, sagten die Aeltesten und Vorsteher, gibt sein Theil, und zwar der [122] Abziehende allein so viel, als Ihr Anziehende beide – denn er kommt bald nach Canaan.

Um indessen diesen Schmaus mit Ehren zu geben, ward beschlossen, daß wir zuvor immatriculirt werden sollten.

Einer der Landsleute begleitete uns zu Sr. Spectabilität, wie man den Decanus der Facultäten nennt, zum Examen.

Curländer? fanden Se. Spectabilität, der Decanus der philosophischen Facultät für gut zu fragen, als wollten Sie zugleich andeuten, daß das Examen darnach eingerichtet werden würde. Man hat überhaupt die Gewohnheit, Fremde entweder ganz und gar nicht, oder höchstens nur sehr wenig zu examiniren. – Es sind, wie sich unser ehrlicher Pastor in – – ausgedrückt haben würde, Zugvögel.

Se. Spectabilität schienen ohnedem überschwenglich lustig, und, wie wir nach der Zeit erfuhren, waren Sie die Nacht vorher Großvater geworden. – Sie kamen uns mit einem Mund voll Latein entgegen und erkundigten sich in dieser Sprache nach unserm Namen, Geburtsort und Alter. Ich antwortete sehr behende, und da das lateinische Gespräch bloß zum Spaß angehoben, von mir aber im Ernste fortgeführt wurde, so wollten Se. Spectabilität es durchaus nicht glauben, daß ich ein Curländer wäre. – Nachdem ich ihm dieses in lateinischer, nachher aber, um es desto kräftiger zu machen, auch in deutscher Sprache versicherte, fand er für gut, mich zu fragen: ob mein Vater ein Curländer wäre? Dieß setzte mich aus aller Fassung, besonders da er diesen Ausfall in reinem Deutsch that, und meinem Reisegefährten diese verfängliche Frage zu Ohren gekommen war. Ich ward blutroth – und nach einer Weile (dergleichen Empfindung ist immer wie ein kaltes Fieber) fühlte ich, daß ich wie eine bleich gewordene Rose ausgesehen haben müßte. – Der Professor (das merkte ich auch) sah mich so an, wie man eine bleich gewordene Rose anzusehen gewohnt ist – mit [123] einer großen Theilnehmung. Er trieb diese Frage nicht weiter; allein ich war bestimmt, bei Sr. Spectabilität aus dem Regen in die Traufe zu kommen.

Erst einige Fragen nach Art meiner Großmutter mütterlicher Seits, z.B. wie sich latinum von latinitas unterschiede?

Was der Magister Saliorum für eine Würde bekleidet? Was für ein unlauteres, unorthodoxes Wort dem Tiberius Gewissensbisse gemacht, da er Neujahrsgeschenke verbeten und darüber ein Edict erlassen?

Wie Attejus Capito, dem er darüber gebeichtet, ihn absolvirt?

Was Marcus Pomponius Marcellus, als der zweite Hofprediger, ihm im Beichtstuhl gesagt?

(Jener meinte, das Wort könnte wohl dem Kaiser zu Gefallen auf- und angenommen werden, dieser aber war so stockorthodox, daß er dem Kaiser geradezu sagte, er könne zwar den Menschen das Bürgerrecht ertheilen, allein den Worten nicht.)

Was den Virgilius bewogen, wie er selbst gesagt,aurum ex Ennii stercoribus legere, und warum er nicht, da doch Ennius ingenio maximus, arte rudis gewesen, lieber geradezu, zur Natur oder zumHomer, gegangen, der für uns Adam der Natur ist, ob es gleich in diesem Stück Präadamiten gegeben?

Bei jedem großen Werk müssen zwei Köpfe arbeiten, wenn auch der eine nur den Kalk löschen, oder einen Grundstein legen oder abmessen sollte. Moses und Aaron sind gemeinhin nöthig. Einer erfindet, der andere sagt. Einer schafft den Leib, der andere die Seele. Einer weiset den Weg, der andere geht. Niemand, der sterblich ist, kann ein selbstständiges Genie seyn!

Hier ein Wort von der Natur des Dichters und von dem Lande, wo er sie pflückt.

[124] Er pflückt seine Natur, denn der Ort, wo er sie nahm, ist, wenn man die Natur wieder sucht, die der Dichter beherzigte, wie abgemäht, man sieht höchstens die Stätte; das, was der Dichter sah, ist es wohl mehr ersichtlich?

Des Dichters Natur ist unsterblich. Sie macht die Seele, die Monaden in seinem Werke.

Man sagt, und in Wahrheit, kluge Leute sind unter diesem Man sagt inbegriffen: Ergiebiger Boden zieht nicht Genies, sondern schwieriger. – Nicht also! Reiset nach Holland, um nur eine einzige Reise vorzuschlagen, hier hat der Fleiß alles gethan. Wie das Land, so die Köpfe. Ein schwieriger Boden zieht Kritik, ein ergiebiger Genies.

Wieder eine Frage.

Was den Casimirus, den vierten König in Polen, zum Befehl bewogen, die lateinische Sprache in Polen zu treiben?

In wie viel Tagen Josephus Justus Scaliger, des Jul. Cäs. Scaliger Sohn, den ganzen Homer, und also 63,000 griechische Verse, durchgelesen und zwar so, daß die Frage wegfiel: verstehst du auch, was du liesest? Es waren, glaub' ich, einundzwanzig. Elias, setzten Se. Spectabilität hinzu, oder, wie er sich schreibt, Helias Putschius, der, sobald er auf die Welt kam, herzlich zu lachen anfing, bis in sein vierzehntes Jahr kein Latein konnte und eben drum als Grammaticus und Criticus es so weit brachte wie Einer, nennt den Joseph in seiner Epistola dedicatoria vor den zweiunddreißig Grammatiken, die er kommandirt,


illustrem et incomparabilem virum.


(Wir sollten, bemerkten Se. Spectabilität, alle später die Wissenschaften anfangen, alle wie Putschius sein Latein. Wir wären auf Ehre weiter! – Frühzeitige Unterrichte sind seine Ketten, die uns binden, oft so sein wie Seidenfäden. – Bei spätern Anfängen [125] würde der Schüler, wo nicht selbst was erfinden, so doch den Lehrer drauf bringen.)

Die Scaliger bildeten sich ein, aus dem Geschlecht der Fürsten de la Scala abzustammen, sagten Ge. Spectabilität. Jammer und Schade, fuhren Sie fort, Putschius vergaß sein Latein bald, denn er starb im sechsundzwanzigsten Jahre, so, daß er also nur etwas über zehn Jahre Latein gekonnt hat. – Se. Spectabilität kamen wieder auf Ihre Räthselaufgaben und wandten sich zur Auflösung Notarum und vorzüglich juridicarum, und so wie unser Großvater sich herzlich aufhielt, daß man Aut verkürzt durch A. Ante durch AN. Auctor durch AVCT. Est durch E., so gab er mir vielerlei Abbreviaturknoten zu entziffern und zu lösen. – Ich ließ mich mit einer Bemerkung hören, wie man ein Volk aus der Sprache kennen lernen und beurtheilen kann; so sind, sagt' ich, in der Sprache vorzüglich diese Abbreviaturen, sobald sie ins Allgemeine gehen, eine Findgrube. Sie sind das Volk in compendio. Jeder Mensch hat indessen seine eigenen Abbreviaturen, und dieß ist ein Grundriß eines jeden Menschen. – Bei dem Abbreviaturknoten bewies ich mich als Alexander, und da das meiste, so bis dahin verhandelt war, lateinisch zwischen uns vorfiel, so konnte mein Reisegefährte und Begleiter nicht wissen, wo ich ging und wo ich stand – mithin wußten sie nicht, was aus dem Kindlein werden würde.

Kann was Aehnlicheres zwischen meiner Großmutter mütterlicher Seits und diesem seit der vorigen Nacht gewordenen Großvater seyn? Meine Großmutter ist mir seit der Zeit eben so spectabilis (sichtbar) als ein Decanus. Seltene Fragen sind seltene Fragen. Räthsel sind Räthsel. Knoten sind Knoten. Die Sprache thut hiebei nichts.

Ich rechne nicht bloß auf Leser, sondern auf Leserinnen, und diese guten Kinder haben nicht nöthig, mit fremden Kälbern [126] zu pflügen und ihre Liebhaber wegen einer Uebersetzung, die ohnehin stutzerfrei ausfallen dürfte, in Anspruch zu nehmen; denn was der Magister Saliorum für eine Würde bekleidet, heißt mit andern Worten, was der Engel Gabriel für Federn in seinen Flügeln gehabt? und alles, was sie von Tiberius, Ennius, Attejus Capito und Marcus Pomponius Marcellus gelesen, betrifft den Nabel des Adams, die Farbe Rahels, die Frage: ob David ein Adagio oder ein Allegro vor Saul gespielt? Ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, und wie viel Selas in der heiligen Schrift vorkommen?

Durch die Auflösung der Abbreviaturen, wo ich – meine Leser wissen warum? ging und nicht amBerge stand, wetzt' ich alle gemachte Scharten aus, und Se. Spectabilität beliebten mich wirklich auch für ein sichtbares Geschöpf zu halten, wofür ich Sr. Spectabilität noch jetzt dienstergebenst verbunden bin.

Nun ließen mich Se. Spectabilität einige Stellen aus den Carminibus saliariis ins Latein künsteln, und sodann dieses Kunststück mit einigen Stellen aus denzwölf Tafeln machen.

Meinem Reisegefährten bot er auch einen lateinischen Rapier an; allein er erhielt eine abschlägige Antwort, und ich nahm das Wort für ihn.


Ὡς αἰεὶ τὸν ὁμοῖον ἄγει ϑεὸς ὡς τὸν ὁμοῖον,


sagten Se. Spectabilität, und ich weiß nicht, ob diese Stelle, oder ein Hund, der auf der Straße sich hören ließ, und eben dadurch den Herrn v. G. aufsprengte und ans Fenster zog, Se. Spectabilität auf die Frage brachte: Ob auch im Griechischen?

Der ehrliche Noster holte seinen Homer – nicht aus einem rußigen Bücherschrank. Homer war so wenig wie die Bibel, die neben ihm lag, bestäubt. Ich dachte, wenn ja ein Mann Großvater zu werden verdient, ist er's. Er ließ mich eine der Lieblingsstellen meines Vaters, die ein adliches Thier anging, übersetzen, [127] ich wußte sie, eben weil es eine väterliche Lieblingsstelle war, fast auswendig. Sie fängt an:


Ὡς οἱ μὲν τοιαῦτα πρὸς ἀλλήλους ἀγόρευον,
Ἂν δὲ κύων κεφαλήν τε καὶ οὔατα κείμενος ἔσχεν,
Ἄργος, Ὀδυσσῆος ταλασίφρονος, ὅν ῥά ποτ᾽ αὐτὸς
Θρέψε μέν, οὐδ᾽ ἀπόνητο πάρος δ᾽ εἰς Ἴλιον ἱρὴν
Ωἴχετο. τὸν δὲ πάροιϑεν ἀγίνεσκον νέοι ἄνδρες
Αἶγας ἐπ᾽ ἀγροτέρας, ἠδὲ πρόκας, ἠδὲ λαγωούς. – –

Mein Vater hatte die Gewohnheit nicht angenommen, die häufig grassirt, das Griechische zu verlateinen, ich mußt' es verdeutschen, und diese Gewohnheit behielt ich bei, und mein Reisegefährte lernte den Hund Argos kennen, der nach zwanzig Jahren seinen Herrn Ulysses erkannte, sich von seinem Sterbelager aufrichtete, mit dem Schwanze wedelte, indessen nicht mehr das Vermögen hatte mit seiner Zunge seinen Herrn zu berühren, um ihm Dank zu lecken. – Dieser weinte.

Argos aber, der seine starren Augen noch angestrengt hatte seinen Herrn zu sehen, starb, nachdem er ihn gesehen hatte, in Frieden. – Gott hab' ihn selig, sagte Herr v. G., und eine Thräne blinkte in seinen Augen – denn es war ein Hund, von dem geredet war. – Herr v. G., Sie haben mich etwas sehen lassen, sagte der Großvater, was eben so gut ist, als griechisch verstehen. – Wollte Gott, antwortete Herr v. G., ich könnte griechisch, des Argos wegen. – Es sind mehr schöne Stellen im Homer, fuhr der Großvater fort. – Herr v. G. wiederholte: Des Argos wegen.

Endlich singen Se. Spectabilität (auch dieß, weit Sie Großvater geworden waren) etwas aus der lieben Weltweisheit an. Es sah so aus, als wenn wir einen Ritt dran wagen wollten.

Quid est –

Wenn Ew. Spectabilität es im Deutschen erlauben?

[128] Der gute Mann stimmte bei, und aus unserm Examen ward ein Gespräch, ein Piknik, wo jeder sein Schüsselchen gibt.


* * *


Die Philosophie und die deutsche Sprache – wollte Gott, dies; könnt' ein Paar werden für und für! – Wollte Gott, unsere Philosophen möchten solche Gewissenskoliken haben, als Tiberius über jenes Wort im Edict, und über daß Wort Monopolium, von welchem mir bekannt ist, daß er es mit salva venia verbrämt, und über das Wort ἔμβλημα, welches er, wie Se. Spectabilität beiläufig anzumerken beliebten, aus einem Edict ausradiren lassen.

Es gibt Naturphilosophie und Kunstphilosophie. Leben! Leben! Leben! und Schulweisheit. Philosophie, die bloß weiß, und Philosophie, die weiß und thut, gelehrten Wust und Weisheit. Aristoteles war ein Künstler, Epikur, Diogenes (mit Fleiß zusammen) waren Naturalisten und Sokrates deßgleichen. – Die künstliche wird ganz und gar gelehrt, bei der natürlichen ist nur eine gewisse Methode, die gezeigt wird. Das Faß des Diogenes, der Brei des Epikur, wie verehrungswerth! – Die Fenster im Auditorio, wo natürliche Weisheit gelehrt wird, gehen all' ins gemeine Leben. – Die natürliche lehrt die Zeit gebrauchen, die künstliche sie vertreiben. Die Naturphilosophie ist fließend Wasser, Springwasser, die künstliche ist Wasser, welches steht. Die Kunstphilosophie treibt Commissionshandel, die Naturphilosophie hat bloß eigenes Product. Das Leben der Naturphilosophie ist eine Copia vidimata ihrer Grundsätze, und zu ihren Angaben ein solch erklärender nachhelfender Beleg, daß ohne Beilage sub Vide ihre ganze Lehre wie gar nichts ist. Wohl dem, der von diesem Wasser des Lebens getrunken hat! Die Idee der Weisheit liegt der Naturphilosophie zum Grunde, die nicht gleichgültig, sondern gleichmüthig macht. – Ist wohl ein passenderes Motto zur künstlichen Philosophie, als »die Herren werden [129] doch wohl Spaß verstehen?« Will man ein Emblem, so ist's ein optischer Kasten.

Vom natürlichen Philosophen sagt man, er philosophirt. Ein künstlicher Philosoph hat Philosophie. Er hat sie für Geld und gute Worte zum Verkauf und zur Pacht. – Man muß es bei der Philosophie nicht anlegen, ein Buch, den beliebten Autor, sondern die Sache zu verstehen. Man will sich vorzüglich selbst verstehen und das Buch Gottes, die Welt – Diese Philosophie kann nicht auswendig gelernt werden; es ist was Inwendiges, ein Philosoph zu seyn. Denken und leben heißt: philosophiren. Wenn man die Wissenschaften in die der Gelahrtheit und die der Einsicht eintheilt, so würd' ich die künstliche Philosophie zur Gelahrtheit rechnen, und so wie man z.B. von einem Historikus sagen kann: er sey ein Gelahrter, er habe viel gelernt, so auch von einem Kunstphilosophen. Die natürliche Philosophie besteht nicht in Nachricht, sondern in Einsicht. Man kann nicht vom natürlichen Philosophen sagen: er habe viel gelernt, allein er kann viel lehren. Alle Vernunfterkenntniß aus Begriffen gehört zwar zur Philosophie, allein der Philosoph ist eigentlich ein Führer der Vernunft, und bringt den Menschen an Ort und Stelle. Der Mensch ist nicht bei sich, heißt oder sollte heißen: er habe diesen eigentlichen philosophischen Weg verfehlt. Die Bestimmung des Menschen, und die Mittel, dahin zu gelangen, das ist das Ziel, wo alle philosophische Erkenntniß zusammentrifft. Es ist die Probe der Philosophie. Der gemeine Mann meint undwünscht, und selbst dazu ist er ex speciali gratia privilegirt; der Weise denkt und will. Verstand und Wille zusammen ist eine Seele. Wer kann die Seele halbiren? Der Mann hat Geist und Leben, das heißt: der Mann ist ein Philosoph natürlicher Art. Zwar sagt man auch, dieß Buch hat Geist und Leben, allein alsdann denkt man, der Verfasser, ein Philosoph her besagten Art, hat es geschrieben und es sich so ähnlich[130] gemacht, daß er ihm etwas Geist und Leben abgegeben. Er hat es angehaucht – wie Gott den bis auf die Seele fertigen Adam. Der Mann ist im Buche getroffen! – – – Oft hab' ich gehört, wenn man den Mann sieht und sein Buch, sollte man sie wohl für Vater und Sohn halten? Ja – und wenn ihr sie nicht dafür haltet, liegt es an euch. Wie der Autor, so das Buch,per omnia saecula saeculorum. Jeder Physiognomist muß den Autor aus dem Buche abziehen und zum Reden treffen. Das Buch hat Hand und Fuß, der Mann hat Hand und Fuß, heißt ein Mann mit Winkelmaß und Wage, der alles mißt und paßt, und ein Buch von der nämlichen, richtigen, abgemessenen Weise, wo weder Mangel noch Ueberfluß ist, sondern just die erforderlichen Gelenke. – Die Naturphilosophie ist keine Feindin von reinen Vernunftsbegriffen, allein sie bestätigt sie, wenn ich so sagen soll, auf der Stelle. – Sie schafft sich gleich einen Abdruck – wie Gott die Welt. – Die Religion fängt heut zu Tage mit dem Katechismus, und die Philosophie mit einem Compendio an. – Allein in Wahrheit, man sollt' auf ein lebendiges Erkenntniß dringen, dann würde man doch einmal einen Philosophen zu sehen bekommen.

Rousseau, damit ich eine Bemerkung mache, die in unsern Tagen zu Hause gehört, Rousseau (Schade, daß er todt ist!) war wirklich eine Spectabilität unter den Philosophen. – Der bloße philosophische Künstler weiß nichts Rechtes, nicht daß ein Gott ist; der arme Schelm! Man könnte die natürliche: Philosophie και᾽ ἐξοχὴν die künstliche: Vernünftelei nennen. Die Vernünftelei und die Zweifelsucht sind Grenznachbaren. Ein Zweifler und ein Abergläubischer sind Schwester und Bruder. – Ein Zweifler macht sich sein Leben nicht gemächlich. – Nein, er hat sich mehr aufgelegt. Er hat Ja und Nein zu tragen, wenn er denkt. Im Fall er aber bloß spaßt, ist er nur ein Scheinzweifler, und ein Mann, [131] der alles der Nachfrage wegen hat. Man glaubt gemeinhin, ein Zweifler sey kein Vielwisser, allein er ist es im eigentlichsten Verstande, und es kann gemeinhin von ihm heißen:das Wissen bläset auf. Wer Dinge, die gäng und gäbe sind, beprüft, und keinen Stein auf dem andern läßt, ist kein Zweifler, sondern ein Prüfer, im Fall er nämlich aus pro und contra, aus links und rechts, sich etwas auspunktirt, was Stich hält. Solch ein Mann ist nicht aufgeblasen, sondern bescheiden. Seine Zweifel leiteten ihn auf den rechten Weg zur Ueberzeugung, zur Wahrheit und zum Leben. – Ein Lehrer der Naturphilosophie kann von sich und seinen Jüngern sagen: Ich leb' und ihr sollt auch leben. Wer hat je mit dem Pietisten über die Wahrheit der christlichen Religion gestritten? Wer so lebt als er lehrt, darf nur bitten, ihm die Ehre zu thun, bei ihm einzusprechen. Man ist heut zu Tage von der Naturphilosophie so abgekommen, daß man den, der so lebt als er lehrt oder glaubt, einen Schwärmer nennt. – Sehr unrichtig!

Meine Leser werden, hoff' ich, nicht vergessen haben, daß sie zu einem Piknik geladen sind, wo nur Se. Spectabilität und ich (meinen Vater kann ich immer mit einrechnen) ihr Schüsselchen austrugen. Wenn ein Koch diese Schmauserei angeordnet hätte, wär' es freilich abgemessener gewesen – ob schmackhafter, weiß ich nicht.

Ich bemühe mich auch hier, Lebensläufer zu seyn, und diese Abschrift ist dem Original ähnlich. – Wir fielen von einem aufs andere. Wir scheitelten die Haare nicht. Würd' ich nicht einen Roman schreiben, wenn ich nicht auch von einem aufs andere fallen und die Haare scheiteln sollte? Ein Roman! fern sey er von mir!

Die Eintheilung der Philosophie in die natürliche und künstliche ist die Haupteintheilung, die philosophische Eintheilung der [132] Philosophie. Sonst gibt es Eintheilungen Gott weiß wie viel! – In Absicht der Kräfte des Menschen, in Absicht der Principien, in Absicht der Objekte, der Erkenntnisse.

Ein Philosoph muß das Allgemeine in concreto und das Einzelne in abstracto erwägen, und wenn man gleich gern zugibt, daß bei jeder Wissenschaft die Idee des Ganzen die Avantgarde macht, und daß aus der Eintheilung des Ganzen die Theile entstehen, und daß, um die Theile zu wissen, man erst das Ganze von Personen zu kennen die Ehre haben müsse, so ist doch nicht gut, wenn ein erschrecklicher Eingang präludirt und prologirt wird, ehe man zum Thema schreitet, auch wenn die Präludia, wie die des Hermanns, noch so ausstudirt sind. Wozu die Prolegomena und das erschreckliche Geschrei: da werden Sie sehen! da werden Sie sehen! Gleich das Lied ist am besten! Wenn ich heißhungrig bin, und der Wirth, der mich geladen hat, zeigt mir erst seine drei Porcellanservice und sodann sein Silberzeug, und endlich seine Fayence, bis ich mich überhungert und keine ordentliche Mahlzeit thun kann, wie wenig Ursache hab' ich, den Wunsch einer gesegneten Mahlzeit anzunehmen und mich ergebenst zu bedanken; ich wollt' anbeißen und nicht mit der Gabel anspießen. Warum nicht kurz präsentirt:Herr Gott, dich loben mir. Befiehl du deine Wege. Philosophie! Verstandes- und Willensphilosophie, theoretische und praktische, wenn es ja nach der alten Leier gehen soll. Vernunft-und Erfahrungsphilosophie. Empirische und rationale, und damit die Eintheilung in Rücksicht des Objekts nicht vernachlässigt werde – Philosophie der engelreinen Vernunft und der menschlichen Sinne. Die Philosophie der Sinne heißt die Naturlehre. Die Sinne sind zweifach, innerlich und äußerlich. Was ich mit dem innerlichen Sinn gewahr werde, ist einzig und allein meine Seele. Also gibt's Seelennaturlehre und Körpernaturlehre. – Empirisch und rational kann jene und diese seyn, und [133] was kann nicht alles so seyn? – – Ich kann zwar nur mit mir selbst Seelenbetrachtungen anstellen, allein ich kann nach dem Kennzeichen der Uebereinstimmung auf andere schließen. Welch ein großes Wort: Lerne dich selbst kennen! – Mancher Philosoph, der sich auf die Seelennaturlehre legt und viel darin philosophirt. kommt endlich zu einer Art nota bene, zu einer Art von Geisterseherei, von Anschauung vom Platonismus und mystischem Wesen. Es wird entzückt, und wenn man gleich mit dem Verstande nicht sehen, sondern nur denken kann, so ist er doch in einer Verfassung, wo es heißen könnte: Es hat kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, es ist in keines Menschen Herz kommen, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben. Oft versehen sich diese guten Leute so, daß sie an ihren Ort gestellt werden, der nicht der angenehmste ist. – Biegen oder brechen ist die Losung dieser Seher. Jammer und Schade, daß es gemeinhin bricht!

Ist denn in den äußern Sinnen Wahrheit, ihr Sinnengläubige? Gehet die Sonne an, geht oder steht sie? Selbst wenn unser Urtheil mit der Erscheinung übereinstimmt, und wenn man sagen kann, die Sache ist wahrscheinlich, ist sie darum so und nicht anders?

Gott allein kann die Gegenstände mit dem Verstand anschauen, denn sie sind durch ihn und in ihm. – Er hat alles in originali, wir uns selbst nur so. – Was heißt: Gott schauen und in Gott alle Dinge? – – Durch eine einzelne Vorstellung erkennen, könnte man anschauen nennen, durch allgemeine Begriffe erkennen, würde denken heißen. Man kann physisch und mystisch schauen, durch Körper- und Seelenaugen. Die Seele hat, nach der Mystiker mystischem Dafürhalten, wie die Cyclopen nur ein Auge.

Die Logik ist Verstandesgrammatik. Die lehrt uns von keinem Gegenstande etwas – selbst vom Verstande nichts; allein sie lehrt uns von Dingen, die wir gar nicht kennen, viel, und was noch [134] mehr ist, gelehrt – reden. Von Dingen, die man weiß, von denen man überzeugt ist, spricht man nur wenig. Man handelt wie oben gezeigt worden. Dingen aber, von denen man nicht überzeugt ist, legt man durch eine gewisse Hitze einen Grund bei. Man legt es recht dazu an, sich dadurch, daß man den andern überzeugt, auch selbst zu überzeugen, und oft ist man hiebei glücklich, so daß man in der That auch hier durchs Lehren lernt. Es kann eine allgemeine Grammatik aller Sprachen geben, so auch eine des Denkens, die nämlich allgemeine Regeln des Denkens enthalten müßte. Was thun Wörter zur Grammatik! Allgemeine Regeln der Sprachen würde eine allgemeine Grammatik seyn. Vielleicht hätte die lateinische dazu alle Anlage. Die Dialektik ist die Logik des Scheins. Wahrheit ist der Inhalt der Erkenntnisse, mithin kann sie durch die Dialektik nicht erkannt werden. Die Dialektik trägt die Livree des Verstandes, sie ist die Kunst des Scheins, die Wissenschaft der Sachwalter und der Skeptiker. – Die Römer waren nicht speculativisch in der Philosophie, sondern gesund. Sie waren nicht Aristoteliker, sondern Menschen. Den Cicero machten die Wissenschaften ruhig, denn er sprach wenigstens, wie Sokrates lebte, und schon diese von der Naturphilosophie entzündeten Worte wehten ihm Ruhe zu. – Durch die Scholastiker ist dem Summus Aristoteles ein Ehrengedächtniß gestiftet. Der Ausleger weiß immer ein Drittel mehr, als sein Autor; so geht es immer, und so ging es auch hier. Man findet von diesem Greuel der Verwüstung noch Ueberbleibsel und vorzüglich sind diese Antiquitäten noch in der Logik zu sehen. – Da gibt es Alterthümer die Menge. (Einen Winckelmann bei den Antiquitäten der Logik wünschte ich bloß der Seltenheit wegen; dieses ist ein Wunsch, der ohne Fingerzeig weit jünger als mein Examen ist.)

Des Aristoteles, Gott verzeih' mir meine Sünden! oder vielmehr seiner Ausleger wegen – denn wahrlich, er für seine [135] Person war ein Mann, der sich gewaschen hatte – sollte man eine Feindschaft wider alle undeutsche Namen in der Philosophie haben. – Die Ausleger! was sind sie meistentheils und was sind sie in casu besonders? Kanäle in die Kreuz und Quer, die dem Lande die feuchte Kraft nehmen und den Reisenden hindern.

Viele behaupten, daß wir mit Erkenntnissen auf die Welt kommen, die man allmählig herausspinnt, wie Garn aus Flachs, Diese halten die Seele für eine beschriebene, andere halten sie für eine unbeschriebene Tafel. Beide für Tafeln von Wachs, und nicht von Stein wie die Tafeln Mosis. Alle Sünden aus der Erbsünde herleiten, heißt: eben dadurch eine wirkliche Sünde mehr begehen. Es waren schon Weise des Alterthums, die der Meinung waren, daß alles noch Ueberbleibsel von unserer vorigen Gemeinschaft mit Gott wäre, daß alles, damit ich mich deutlich und christlich ausdrücke, aus dem Paradiese herkäme. Was mein Vater von angebornen Begriffen dachte, konnte ich nicht anbringen, Se. Spectabilität überkreischten mich, und was Se. Spectabilität davon dachten, ergibt sich ziemlich deutlich aus dem Vorigen. Sie glaubten, der Tisch sey nicht mit Essen und Trinken besetzt; allein auf dem Tisch stände ein Beutel mit Ducaten und Thalern, groß und klein Geld, je nachdem die Fähigkeiten sind, Essen und Trinken anzuschaffen. Die Erkenntnisse mögen nun aus den Sinnen geschöpft werden, oder die Sinne mögen bloß Gelegenheitsmacher seyn; dieß sey der Weg zur Erkenntniß.

Es ist die Frage, ob wir alle gut, alle böse, oder bald gut, bald böse auf die Welt kommen?

Wenn wir in die Höhe wollen, müssen wir steigen. – Wenn der Mensch alles aus dem lieben Gott beweiset, so will er ohne Leiter auf den Kirchthurm; glückliche Reise! So philosophiren, nenne ich einen leichtsinnigen Eid schwören. Man muß sich nicht anders auf Gott berufen, als bis Noth am Mann ist. Du sollst [136] den Namen deines Gottes nicht unnützlich führen! – Eure Rebe sey ja, ja, nein, nein, was drüber ist, ist vom Uebel. So wie sich Gott durch die Werke offenbart hat, und der Mensch von allen Geschöpfen, die wir die Ehre haben zu kennen, sein Meisterstück ist, so will er auch keinen Sprung zu ihm hinauf, sondern will, daß es sein in dem Geleise der Natur bleibe, die nicht springt. Die Instanzen, die Gott angeordnet hat, müssen nicht übergangen werden. Schein ist ein Urtheil, das aus der falschen Anleitung des Verstandes entspringt, Wahrheit ist die Uebereinstimmung der Erkenntniß mit dem Gegenstande. Wenn also gefragt wird, was ist Wahrheit? reine gediegene Wahrheit? so kann man nicht besser drauf antworten, als Wahrheit ist Wahrheit. Wenn mir nicht ein Gegenstand gegeben wird, so kann ja auch keine Probe der Uebereinstimmung gezogen werden. Eine Erklärung der Wahrheit in der Art zu geben, daß sie auf alle Objecte ohne Unterschied paßt, ist unmöglich. Jeder hat seine Uhr, jeder seine Brille, jeder sein Pferd – und jeder seinen Hund, seinen Argos, setzte Herr v. G. hinzu. Ein allgemeines Wahrheitsmerkzeichen, wo ist es? Eine Regel, die alle Objecte umfaßt und sie herzt und küßt, wo ist sie? Ich muß vergleichen Erkenntniß und Gegenstand; wenn ich aber keinen Gegenstand habe, wie kann ichs? Vielleicht könnte sie die Uebereinstimmung der Erkenntniß mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft heißen, und der Irrthum, der Widerstreit der Erkenntniß mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft – vielleicht!

Die Seele in jeder Sache, oder dasjenige in der Erkenntniß von ihr, was in allen Vorstellungen, die wir von der Sache haben können, gilt, ist daß Wahre darin.

In so weit sich eine Sache nicht widerspricht, in so weit ist eine Seitenwand zum Wahrheitsgebäude fertig, in so weit ist eine Bedingung da, unter der etwas wahr ist. Wer kann und will aber sagen: Alles, was sich nicht widerspricht, ist wahr? Es [137] kann wahr werden. Es ist in Gott wahr, jeder Gedanke bei ihm steht da. Das Principium des Widerspruchs ist immer ein negatives Wahrheitskennzeichen. Es ist nur eine Laterne in der Hand, allein es gehört mehr dazu, als meiner Mutter Handlaternchen, wenn man hier sicher und unangefallen an Stelle und Ort kommen soll.

Die Sinne lehren das Formale eines Dinges, der Verstand das Materiale. Das, wodurch das Mannigfaltige auf gleiche Art gedacht werden kann, heißt Regel. Der Verstand ist das Vermögen der Vorstellungen nach Regeln. Wir haben viele Vorstellungen, die wir nicht wahrnehmen, deren wir uns nicht bewußt sind. Man kann mit einem Menschen sprechen, ohne daß man weiß, was er für ein Kleid hat, und man kann denken, ohne daß man es wahrnimmt. Ein abstrakter Kopf ist, der so denkt, daß er nur immer auf das sieht, was den Begriffen gemein ist. Das Vermögen, sich Dinge durch Begriffe vorzustellen, heißt denken. Einen Begriff analysiren, ihn klar machen, ist ein Hauptstück der Philosophie. Sie macht Gold; denn wenn es aus der Erde kommt, ist es Erde, durch Läuterungen wird es Gold. – Ein Moralphilosoph kann keinen Buchstaben mehr als dieß. Läge der Begriff der Tugend nicht in uns, wie könnten wir von ihm überzeugt werden? Wie? – Begriff, Urtheil, Schluß,major, minor, conclusio! Ein Uebergang von einem Urtheil zum andern heißt Schluß. Major enthält mehr in sich, als das Subject quaestionis. Es ist der Vater vieler Kinder, Söhne und Töchter. Ehe man sein Zimmer bezieht, steht man den ganzen Palast. – Das Prädicat ist größer als das Subject. – Es behaupten einige: Empfindung wäre die größte Wahrheit; allein sie gibt nur Stoff zum Urtheil. Die Sinne urtheilen nicht, die Vernunft urtheilt. Die Sinne sind Stahl, Feuerstein und Zunder. Zum Irrthum (Heil mir und meinem Buche!) gehört so gut als zur Wahrheit Verstand. Die Unwissenheit [138] allein kann sich ohne ihn behelfen. Der Verstand wird beim Irrthum anders gewendet. Beim Irrthum ist Illusion des Verstandes. Sinne und Verstand sind Wasser und Wein. Wer hat Wein ohne Wasser getrunken? Schon in der Traube ist Wasser.

Jedes muß sein Maß und Gewicht haben. Die Schranken des Verstandes bringen nicht Irrthümer hervor, sondern nur weniger Erkenntnisse. Ein engbegrenzter Verstand irrt weniger als ein großer! Bei Gelehrten sind mehr Irrthümer, bei gemeinen Leuten aber mehr Vorurtheile. – Wenn man den Menschen bindet, so läuft er nicht davon. – Man sagt von großen Genies, ihre Irrthümer, ihre Fehler wären schön. – Schmeichelei!

Ein Kleid hebt das Gesicht. Ein kleines Männchen kann so richtig gebaut seyn, als der größte; es kommt nur auf das Verhältniß unter den kleinen Theilchen an. Irrthum, wenn ihn ein Kluger begeht, ist Taschenspielerei; es gehört ein Auge dazu, den Trug zu entdecken, und dieß Auge hat nicht jeder. Irrthum liegt oft in Sätzen, oft in der Anwendung dieser Sätze. Ein Fehler in Absicht der Sätze heißt wirkliche, in Absicht der Anwendung Schwachheitssünde.

Erst buchstabiren, dann lesen, sagten unsere lieben Alten. – Erst ein Urtheil über Bausch und Bogen, dann ein richtiges. Erst der Läufer, dann der Herr. Wer in seinen vorläufigen Urtheilen das rechte trifft, heißt: ein Glückskind, oder sollte es eher heißen, als der, in dessen Familie viele alte Tanten sind. Es wäre wohl werth, ein Buchstabirbuch in diesem Verstande, in diesem Sinn, herauszugeben, und über die vorläufigen Urtheile eine Anleitung zu ertheilen. Die Franzosen sind vorläufige Urtheiler. – Der erste Gedanke ist oft der beste, und in Wahrheit, es gibt vorläufige Urtheile, die werth sind in Rahmen gefaßt zu werden.

Vorurtheile sind Urtheile aus der bloßen Sinnlichkeit, die man für Urtheile aus dem Verstande hält. Die Sinnlichkeit läuft dem [139] Verstande vor. Den Grund, den wir haben, von einer Sache zu urtheilen, der aber nicht aus den Gesetzen des Verstandes genommen ist, heißt ein Vorurtheil. Die Eltern haben Vorliebe zu ihren Kindern, hieraus entsteht eine Vorsprache, welches die Redekunst des Vorurtheils ist.

Ein Vorurtheil ist eine Lüge, nur daß sie nicht immer vom Vater, dem Teufel, ist.

Große Köpfe stiften viel Gutes, allein auch wahrlich viel Unheil, denn sie werden verehrt, und niemand untersteht sich, weiter zu gehen. Sie sind ein Wall, den kein Remus zu ersteigen sich unterfängt. Jeder Mensch hat seinen Hang, seine Meinungen andern mitzutheilen, und der Gelehrteste ist nicht gleichgültig gegen das Urtheil seiner Wäscherin und seines Ofenheizers. Die Methode ist dogmatisch über apodiktische Wahrheiten, und dieß ist die Methode der Unterweisung und Behauptung. Die Methode ist aber skeptisch, polemisch, wo man erst untersucht, ob etwas apodiktisch heißen kann. Dieß ist die Methode der Untersuchung, Beprüfung oder Kritik. Die polemische Methode ist die Läuterung, das Sterben, die Verwesung in der Kenntniß, ehe wir zum Licht und Leben kommen. Die skeptische Philosophie ist hievon unterschieden, von welcher wir oben loco congruo schon ein Wörtchen gewechselt. Zweifeln und sein Urtheil aufschieben ist so unterschieden, als vorurtheilen und nachurtheilen.

Hier eine schöne Predigt über die Worte: der Glaube kommt durch die Predigt, viva vox docet.

Ein mündlicher Vortrag verräth die Art zu denken. Sie zeigt den Lehrer unangekleidet. Beim Hören denkt man immer mehr als beim Lesen. Hören ist auch natürlicher als Lesen. Zwar können auch Bücher erbauen, allein es ist hier das nämlich Verhältniß wie zwischen Kirchen- und Hausandacht.

Man muß beim Lesen die Seele des Buches suchen und der [140] Idee nachspüren, welche der Autor gehabt hat, alsdann hat man das Buch ganz. Zuweilen ist freilich die Seele schwer zu finden, wie bei manchem Menschen sie wahrlich auch schwer zu finden ist. Der Verfasser selbst würde Mühe haben die Seele aus seinem Buche herauszurechnen – indessen hat jedes Buch eine Seele, etwas Hervorstehendes wenigstens, und gemeinhin pflegt sich hiernach das übrige zu bequemen.

Es scheint in der Welt bei allen Sachen eine Fibel nöthig zu seyn, überall ein gewisser Mechanismus, überall eine Schule, eine Akademie. – Wer nur ein Buch liest, vergißt, daß das Jahr vier Jahreszeiten und daß jeder Tag vier Tageszeiten habe. Man lese vier Bücher auf einmal, und man wird finden, daß dieß dem Gemüthe Erholung sey. Ein einziges Buch lesen heißt im Seelenverstande den Pflug führen oder dreschen. – Neue Beschäftigung ist wahrlich Erholung. Warum ist die Gesellschaft Erholung? Weil ein kluger Mann hier mehr als ein Buch liest. Der hat es weit gebracht, der Menschen lesen kann!

(Gott weiß, dieß ist ein großes Studium! Die schönste Gegend, was ist sie gegen einen Menschen? Und wer die Gesellschaft aus diesem Gesichtspunkt nimmt, kann gelehrt werden ohne ein gedrucktes Buch, das ohnehin selten Leben hat.)

Es gibt einen gewissen Lesegeiz, alles, was man liest, in seinen Nutzen zu verwenden. – Einen Lesevielfraß, alles zu verschlingen – und da ereignen sich oft Kopfdrücken und Verschleimungen. Sich in einem Buche betrinken heißt: darüber Sehen und Hören vergessen und es so vorzüglich finden, daß nichts drüber ist. – Wenig und gut lesen ist großen Köpfen eigen. Es ist schwerer so schreiben als so reden, daß es einen interessirt. Das beste ist, sich selbst herausdenken, nicht bei Hand- und Lehrbüchern, sondern bei seinem Genie in die Schule gehen und ihm Folge leisten, und die Logik dem natürlichen Gange seines selbsteignen Geistes, sowie [141] die Moral seinem Gewissen zu verdanken zu haben. Wohl dem, der sich von allem entkleiden kann, was nicht er selbst (das letzte Hemde nicht ausgenommen) ist! Wohl dem, der seine Willkür dem Gesetz der Wahrheit und der Tugend unterwirft; wohl dem, der Wesen vom Schein, Schatten vom Licht absondert; Menschenfurcht, Menschenehre und den ganzen unwürdigen Troß von Vorurtheilen, sie mögen gleich die höchste Stufe des menschlichen Lebens und ihre Achtzig erreicht haben und mit dem regierenden Hause in Einverständniß leben, vom Hauptpastor canonisirt und vom Professore Philosophiae ordinario als ein Anhang vom Catechismus der Vernunft beigebunden seyn, für das hält, was sie sind – Menschensatzungen und Tand! – – Wohl –

Alles Rationale zusammengenommen heißt Metaphysik. Sie ist die Seele der Philosophie. Die Metaphysik enthält Urtheil des Verstandes, abgesondert von aller Erfahrung und von allen Verhältnissen der Sinne, wenn z.B. von der Möglichkeit, Zufälligkeit u.s.w. gehandelt wird. Hier reden, wir nicht vom Schein, sondern vom Seyn, um dem Drosselpastor nachzuahmen. Die Metaphysik hat kein Verhältniß zu den Sinnen. Es will hier alles geistig gerichtet seyn. Sie ist ein Lexikon der reinen Vernunft, ein Versuch, die Sätze des reinen Denkens in eine Tabelle zu bringen. Was in der Logik Urtheile sind, sind in der Ontologie Begriffe, unter die wir die Dinge setzen, Titel des Verstandes, Inhalt der Vernunft. Die Metaphysik muß kritisiren. Ihr Gebrauch ist negativ, wenn –

Wir waren im Begriff, uns recht viel Metaphysik ins Auge zu streuen, allein, siehe da! die Hausmütze Sr. Spectabilität, die Großmutter, würgte die Thür auf und blickte durch ein Ritzchen. Man sah, daß die alte Frau noch einen Brand im Auge hatte. Sie schlug einen Strahl ins Zimmer. Dieser Wink sollte ihren lieben Ehegatten zum Schluß bringen, weil sie unfehlbar beim [142] Großsohn den Abend versprochen waren. Man sah es Sr. Spectabilität an, daß Sie wußten, was man einem Blick durchs Ritzchen schuldig wäre. Es ging über und über. – Ich weiß nicht, ob ich dieß über und über schriftlich werde nachmachen können.

Die moralischen Maximen, singen Se. Spectabilität nach diesem Blick durchs Ritzchen (ich weiß nicht warum?) an, zeigen, wie ich der Glückseligkeit würdig werden könne, die pragmatischen zeigen, ihrer theilhaftig zu werden. Die Moral lehrt, der Glückseligkeit würdig zu seyn; ihrer theilhaftig zu werden, ist eine Lehre der Geschicklichkeit. Es ist nicht möglich, die Regeln der Klugheit und der Sittlichkeit zu trennen. Es ist kein natürlicher Zusammenhang zwischen dem Wohlverhalten und der Glückseligkeit; um es zu verbinden, muß man ein göttliches Wesen annehmen. Ohne dieß kann ich keine Zwecke in der Welt finden, keine Einheit. – Ich spiele in der Welt blinde Kuh. – Ohne Gott hab' ich keinen Punkt, wo ich anfangen soll, nichts, was mich leitet. Gott ist groß und unaussprechlich! – – Die Menschen bedienen sich ihrer Vernunft a priori zum Nachtheil des praktischen Gebrauchs, wenn sie nicht durch künstliche Schranken zurückgehalten werden. Dieses ist auch die Pflicht der Metaphysik.

(Zehnmal singen Se. Spectabilität quid est? an, und zehnmal macht' ich eine Verbeugung, um ihn vom Fragen abzubringen.)

Das erste, was ich bei mir gewahr werde, ist das Bewußtseyn, dieß ist kein besonderes Denken, sondern die Bedingung und die Form, unter der wir denkende Wesen sind. Wie schön bauen und wirken nicht manche Thiere, wie nah' kommen sie uns nicht auf die Seele; allein eins, was nicht ersetzt werden kann, das Bewußtseyn, fehlt, und wahrlich, es fehlt wenig, und es fehlt viel! [143] Mein Reisegefährte wollte wegen der Hunde einwenden, indessen konnt' er nichts mehr als husten.

Alles, was da ist, ist im Raum und der Zeit. Raum und Zeit sind Formen der Anschaunngen, sie gehen den Erscheinungen vor, wie das Formale dem Wesentlichen. Ich muß Zeit und Raum haben, damit, wenn Erscheinungen vorfallen, ich sie hinstellen und beherbergen könne. Die Objecte der äußern Sinne werden im Raum, die der innern Sinne in der Zeit angeschaut. Hier ein ganz kleiner Commentarius über den theologischen terminum technicum Zeit und Raum zur Buße, der, wie Se. Spectabilität sich ausdrückten, nicht außerm Wurf läge. Wie vielen Dingen mußten wir auf der Stelle, des Blicks durch die Ritze wegen, einen Scheidebrief geben. Wir nannten bloß ihre Namen und behalfen uns damit, daß wir diese Namen nannten und uns einander zulächelten. – Ein wahres Examen!

Bei reinen Verstandesbegriffen haben wir keine Begriffe von Sachen, sondern nur Titel, worunter wie uns eine Sache denken können. Durch diese Titel können wir nichts ausrichten, außer wenn wir sie auf Gegenstände der Erfahrung und Anschauung anwenden. Wer kann aber, ohne die Titel des Verstandes vorauszusetzen, wer kann Erfahrungen anstellen? wer Fische ohne Netz oder Hamen fangen? Die Metaphysik enthält alles und enthält nichts. Sie macht nichts von den Gegenständen aus, allein ohne sie kann man nichts von Gegenständen ausmachen. Sie ist das Zollhaus, die öffentliche Wage der philosophischen Erkenntniß. Sie enthält Titel des Denkens, allein keine Prädicata der Dinge. Nur die Erscheinungen verleihen Begriffe von den Dingen.

Vernünftelei (Se. Spectabilität wurden von einer Mücke verfolgt, die um sie herumsauste und sich nicht haschen ließ) ist das, was kein Object hat. Was eine Bedingung der Vorstellung und des Begriffs vom Gegenstande ist, machen wir oft zur Bedingung [144] des Gegenstandes selbst, die subjective Bedingung zur objectiven. – Die Mücke verhinderte Se. Spectabilität, dieses Thema weiter auszuführen. Im Ernst, die Mücke hätte nicht besser ihre Sache machen können, wenn sie von der Frau Gemahlin Sr. Spectabilität wär' auf den Hals geschickt worden.

Der analytische Theil der Metaphysik enthält Definitionen meiner Begriffe, der synthetische Bereicherung von Erkenntnissen. Der Begriff von den Monaden muß billig nur auf denkende Wesen gedeutet werden, singen Se. Spectabilität mit einem frischen Athemzuge nach einer geendigten Cadenz an, und schienen noch sehr viel Metaphysik auf Ihrem Gewissen zu haben, allein die Thüre ging auf. – – Wir sahen ein Großmütterchen in Sterbensgröße, denn sie war so zusammengefallen, daß man Kegel mit ihr schieben können, wie Hr. v. G. bemerkte. Was für Feuer im rechten Auge! Damit hatte sie durch die Ritze geblitzt; das linke Auge war schon aus der Welt gegangen, es war stumpf und todt, als wenn eine Blatter darauf gefallen wäre, allein das war es nicht. Die Zeit hatte es so abgefeilt. – Die Tochter, fing sie an, und ohne sie auszuhören, schrie die überfallene Spectabilität – gleich, gleich! – Nur das Signum depositionis. Er schrieb uns einen Passirzettel, einen Freibrief, womit wir uns noch bei Sr. Magnificenz zu melden hätten.

Während der Ausfüllung dieses gedruckten Zettels wandt' er sich zu mir:

Sie, fing er an, werden sich wohl der Universität widmen?

Ich? fragte ich etwas einfältig.

Der Herr v. G. nicht, erwiedert' er.

Ich auch nicht!

Alles, was geschieht, hat seine Ursache, fuhr er fort, und warum?

[145] Es war sogar, mit Ew. Spectabilität Erlaubniß Streit, ob ich gar auf eine Universität gehen sollte?

Dieser Streit war wohl gewiß generis feminini, und die Frau Mutter?

Ich. Wenn sie daran Theil nahm, so geschah es bloß, um den Akademien Ruhm, Preis und Ehre zu geben und Stärke und Kraft, denn sie behauptete, daß das Paradies die erste Universität gewesen, weil die ersten Eltern relegirt worden.

Der neue Großvater lachte herzlich über diesen Einfall und – machte mir viele Complimente auf Rechnung meiner lieben Landsleute.

Der eine der Landsleute, der uns zu Sr. Spectabilität begleitet hatte, war die ganze Zeit über in Seelennoth gewesen. – Es waren ihm alles böhmische Wälder, bis aus Casimirus IV., König von Polen, welcher vom König in Schweben, Carolo Canuto, in Danzig examinirt ward, und mit seinem ganzen Hofstaat kein Latein verstand. Diesen König kannte er par renommée, alles übrige war ihm dicke Finsterniß. Er erzählte mir beim Weggehen, daß er gefürchtet hätte, der Professor würd' ihn aus Höflichkeit ein Wörtchen mitfragen.

Und wenn? sagt' sich.

Bruder, erwiederte er, Deutsch, Latein und Griechisch – alles war mir gleich unverständlich.

Wegen der zwölf Tafeln fragt' er mich im Vertrauen, wie der gute Professor auf zwölf Tafeln gefallen wäre, da ihm doch nur zwei steinerne Tafeln bekannt wären? – und mußt' ich ihm erklären, daß Se. Spectabilität nicht von den Tafeln Mosis geredet hätten.

Ich erinnere mich an ein Versprechen zurück. Den Regen kennen meine Leser, allein die Traufe bin ich ihnen noch schuldig.

Nachdem das Signum depositionis unterschrieben und besiegelt [146] war, und wir uns der Gewogenheit Sr. Spectabilität, als unseres Vorgesetzten, empfohlen hatten, sagten Se. Spectabilität lächelnd zu mir:

So wünsch' ich Ihnen denn ein Secessum, Secretum, Angulum das ist ein Pastorat in Ihrem Vaterlande, damit Sie bald Ihre zurückgelassene Schöne heirathen können.

Das war die Traufe. Ich weiß nicht, was ich geantwortet, nur das weiß ich, daß es nicht griechisch, nicht latein, nicht deutsch war, und daß ich mich gern noch einmal lieber examiren lassen wollen, als –. Se. Spectabilität beschlossen den ganzen Actum mit einer güldenen ABCregel: Minus est actionem habere, quam rem.

Unser Begleiter begegnete mir mit einer ganz vorzüglichen Achtung. Beim Schmause sagt' er der ganzen Landsmannschaft, was ich für ein Kerl wäre, und daß ich von zehn Tafeln mehr wüßte, als er bis heute gewußt hätte. Man versicherte mich, daß kein Curländer bei Menschengedenken durch so viel Trübsal des Examens in das akademische Reich eingegangen wäre, und daß besonders Se. Spectabilität gar kein beißiger Hund wären.

Wer Henker, setzt er hinzu, konnt' es wissen, daß er eben die Nacht vorher Großvater geworden. – Ich dachte bei dieser Gelegenheit an den Backofen, der bei meiner Geburt, – wie der Tempel zu Ephesus, als Alexander geboren ward – abbrannte, und hatt' in Verbindung mit diesem Examenvorfall, nach meiner Mutter Anweisung, recht erbauliche Gedanken. Das Testimonium unseres Begleiters setzte mich in eine solche Achtung bei meinen Landsleuten, daß ich dux, fax et tuba war, und kein Duell konnte vorfallen, keine Fackel angezündet, keine Musik gebracht werden, wo mir nicht, der zwölf Tafeln wegen, ein votum decisivum wär' eingeräumt worden.

Bald hätt' ich Se. Magnificenz vergessen, wohin uns Se. [147] Spectabilität sandten. Gott verzeih' mir meine Sünd', ich dachte, von Pilatus zu Herodes.

Se. Magnificenz sahen den weißen Stein, den wir aus den Händen Sr. Spectabilität mit hatten, und wollten uns anfänglich auf den Stein und Bein des Albrechts, Stifters dieser hohen Schule, schwören lassen, allein sie besannen sich eines andern, eines Bessern, und verwandelten den Eid in einen Handschlag – worauf wir die akademischen Gesetze erhielten und mit großen Siegeln zu den lieben Unsrigen nach Hause kehrten, wo uns die Landsmannschaft mit einem curischen Liedchen bewillkommte. Jede Strophe ward mit einem Lihgo oder Frohlocken beschlossen. Es war mir, als wär' ich mit dem Ritter Jachins und seinen Leuten zusammen.

Unsere Landsleute besahen die großen Siegel und die Schriften; als wenn sie ihnen was neues wären, und bliesen den Sand von unsern Taufscheinen. – – Kinder, hieß es am Ende, ihr kriegt darauf nicht einen Dreier geborgt.

Ich muß noch einen Vorfall nachholen, der in dem Hause Sr. Magnificenz auf mich zukam.

Der Edelmann, sagten Sie, zahlt doppelt, und hat die Ehre, einen Degen zu tragen, der in preußischen Staaten dem bürgerlichen Studenten wegen vieler vorgefallenen Schlägereien verboten ist. – Die auswärtigen Familien sind uns indessen nicht so bekannt (mit einem Fragzeichen), also beide Edelleute? Mein Reisegefährte nahm hier das Wort, wie ich beim Latein. Beide, sagt' er. – Verzeihung, Bruder, erwiedert' ich –

Es verdroß mich, daß ich in einem fremden Lande, wo ich mein Geld und, im Fall der Noth, mein ἀνέχου καὶ ἀπέχου auszugeben Willens war, und wo es keinen was anging, ob ich als Edelmann oder als Bürger äß' und tränke, durchaus Adel oder Unadel documentiren sollte – und wie? dacht ich, hat man [148] hier zur Ruhe des Degens, wenn ihn der Edelmann trägt, ein besseres Zutrauen, als wenn ihn ein Bürgerlicher angelegt hat?

Ich bezahlte wie ein Edelmann, allein ich bat sehr, mich als Bürgerlicher in Album Studiosorum einzuführen. Dieß fiel Sr. Magnificenz nicht wenig auf. Da aber dieselben die vorige Nacht nicht Großvater geworden waren, so gaben dieselben weiter nichts darauf, sondern nahmen, was Ihnen gebührte, und wünschten wohl zu leben.

Ich konnte nicht umhin, von diesem Umstande gegen meine bürgerlichen Landsleute Gebrauch zu machen; allein diese lachten herzlich über meine Einfalt. – »Den Edelmann dir so nah zu legen und ihn nicht zu nehmen!« – Und eine Lüge? »Sie wird ja bezahlt.« – Und wenn ich heim komme? »Ja, dann müssen wir freilich Ew. Hochwohlgeboren oder mein Gönner sagen, indessen sind wir doch Literati.« – Daß euch Gott helfe, dacht' ich, Literati, ohne von keinen Tafeln mehr als von den zweien des Moses zu wissen!

Der Abend ward mit Essen und Trinken und Musik zugebracht. – Einige gaben dem Abreisenden das Geleite, und da in der ganzen Straße, so weit nur das Gesicht reichte, die ganze Nacht hindurch Licht brannte, so brachte mich dieses auf die Frage: was diese Erleuchtung und nachbarliche Aufmerksamkeit zu bedeuten hätte? Die Antwort unseres Vorfahrs war: Seht da, Kinder! so viel Lichter, so viel Mädels, die ich euch unentgeldlich lasse; indessen will ich wohlmeinend anräthig seyn, daß sich jeder eins oder zwei aussondere und die andern fahren lasse. Sonst geht es euch wie mir! Diese, jene, dort, hier, die, da, diesseits, jenseits, links, rechts, kurz, in all' den Häusern, die ihr seht, sind Mädchen, die den ganzen ausgeschlagenen Tag, von früh bis in die sinkende Nacht, im Fenster liegen und liebäugeln, die guten Dinger! Man sieht ihnen den Verdruß an, daß sie nicht Mittag [149] und Abend am Fenster halten können. – Ihr könnt es nicht glauben, wie die Mädchen unserer Landsmannschaft treu, hold und gewärtig sind. Ein Präsentchen, und ihr habt das ganze Spiel gewonnen. – Glaubt mir, die all' zusammen, wo ihr Licht seht, waren mein! Sie sahen mich so steif und fest an, als ob sie mich mit den Augen fassen wollten. Die guten Dinger! Und ich sah sie all' zusammen so (der Himmel weiß, wie mein Aug' auf diese Art ausfiel), daß jede glaubte, ich sähe nur sie an. Ich regierte hier wie ein Sultan, hol' mich der Teufel! nur daß jedes Fenster glaubte, es hätte mein Schnupftuch. – Die guten Dinger! Die eine da, ein Aug' in Himmelsblau getaucht – der, den sie mit diesem Aug' ansieht, glaubt, er sähe den Himmel in Miniatur. – Wenn ich sie zuweilen (denn sie verdient' es) ganz allein ansah, dann, dann! fragte mich ihr Auge so, daß es mein Innerstes hören konnte: ist's auch wahr? und wenn ihr mein Auge vorlog: ja, es ist wahr! o wie zitterte dann süße Verwirrung in ihrem Auge, recht als ob wir zur Trau gehen sollten und noch weiter. – Das ist ein Mädchen, so ich dir gönne (er wandte sich zu mir). Ihr Athem göttlich, Bruder! Wen sie anhaucht, von dem könnt' es heißen: Also ward der Mensch eine lebendige Seele! Sie spielt eine Laute, Bruder! Des Abends im Sommer, wenn sie am Fenster diesem Instrumente die Zunge löst – Zephyrs, die eben der Hitze halber Mittagsruhe gehalten – denn es ist im Sommer hier sehr heiß – flatterten ganz frisch und munter herum und brachten mir alles, bis auf die geheimste Bebung zu. Auf Ehre, in jedem Finger hat sie eine Seele! und wenn alle diese Seelen eine Ton herausbrächten – Bruder, da ist die Nachtigall ein Kind! – Leb' wohl,Amalia! leb' wohl! Ich laß dir einen braven Jungen zurück, der auch Bebungen versteht. Schau, wie sie die Laute hält und wie sie das Ordensband sich so leicht umhängt, als flöss' es, Bruder! – Die Laute ist an sich ein so [150] gutherziges Instrument. Amalia trauerte jüngst, und da kam die Weiße ihres Arms aus der Dunkelheit so abstechend hervor, daß ich sitzen blieb wie vom Schlage gerührt. Hast du bemerkt, wenn das Hemd auf dem Busen eines Dorfmädchens sich einen Finger breit verschiebt, und bei dem sonnenschwarzen Busen den weißen Fleck verräth? – Das, sagte Herr v. G., hab' ich bemerkt; meine Leser wissen, wo?

Die, sagte unser Maler zum Herrn v. G., die in diesem Hause, Bruder! schwarzes Haar, wie Ebenholz! Ein Auge, das immer drei Schritt weiter ging als meines, so stark auch meines zudrang. – Ein Busen, zehntausend Liebesgötter tanzten darauf. – Pfui, sagte Herr v. G., was muß das für ein Busen seyn! Unser Reisender hatte Mühe, ihn mit dem Busen und den Liebesgöttern auszusöhnen, die er auf zehn reducirte, wobei sich am Ende Herr v. G. zufrieden gab. Bei deiner lebt man, bei des – – (auf mich) stirbt man. Bei deiner hält man sich gerade, denn sie ist eine Göttin. Man sieht gen Himmel. – Bei deiner (wieder auf mich) legt man den Kopf von einer zur andern Seite, denn sie ist eine Schäferin! O die schönen Schäferstunden! Ich hab' noch vergessen, fuhr er zu mir fort, ihr Busen wallt so wie eine Laute, er bebt nur herauf, und, Bruder! ihre Stimme, wenn sie singt – sie thut es selten; sie hat eine blonde Stimme, du wirst mich verstehen; sie stiehlt das Herz, deine Brünette (zum Herrn v. O.) nimmt es mit Gewalt! sie raubt! – Sie kommt nicht mit vollen Segeln! Sie ist stolz und scheint sich wenig aus einem Siege zu machen, denn sie ist sich bewußt, daß sie Herzen wie Fliegen zu fangen im Stande ist. Jene streichelt, diese schlägt; allein wenn sich diese Königin herabläßt, ist's auch so, als wenn die Sonne aufgeht. Man hat sich besoffen, wenn man sie liebt, und einen Jesuiterrausch, wenn es die mit der blonden Stimme gilt. – Diese spielt kein Instrument. Die Orgel würde sie spielen, allein [151] wenn sie singt – das thut sie oft, Bruder, so prächtig wie ein Donnerwetter! – Diese beiden Auserwählten empfehl' ich euch zu Gemahlinnen, die andern – zur linken Hand und so neben an, zum Spiel. – Noch eine Warnungsanzeige, eh' ich von hinnen gehe. – Die beiden waren freilich die Hauptpersonen und meine Gemahlinnen, allein auch unter den andern gibt's Dingerchen zum Rasendwerden! Sie waren gleich in den ersten acht Tagen alle mein. Ich meine mit den Augen; und nun hielt da unten zu – ein Kaufmann Hochzeit, der die ganze Gegend und mich mit bat. Ich kam zum erstenmal mit all' diesen angeangelten Mädchen zusammen; jedes Auge forderte Rechenschaft. Da ward ich, wie Cäsar, mit dreiundzwanzig Wunden erstochen. – Sah ich eine an, so waren die andern wie Tiger auf mich und forderten Antwort über meine Untreue. O, wer da mehr Augen gehabt hätte als zwei! Ich mußte nicht aus noch ein – bis ich endlich Muth zum Entschluß faßte und mich zu vieren bekannte, und in Rücksicht der andern dieAugenehen aufhob und dieß Band trennte. Diese vier halfen mir selbst die andern abfertigen – und diesen vieren bin ich auch so treu geblieben als möglich. Sie haben sich bis an mein End' in meinem Gewahrsam befunden. Seht, da ist es am hellsten! Es blieb nicht bei den Augen in Rücksicht dieser vier, indessen dürft ihr nichts von mir fürchten.

Mich müßte der Teufel plagen, setzte der Abschiedsredner fort, ein Mädchen in Königsberg zu heirathen, wo Curländer gerad' über logirt haben! – Ihr werdet Wunder sehen und glauben! – Schaut die andern selbst, von denen ich mich, nach dem fatalen Gefechte, scheiden mußte; auch die noch Licht! – Wenn es angeht, schränke sich jeder auf zwei ein, damit kann man bestehen und bei Ehren bleiben; einer das rechte, der andere das linke Auge!

Wie wenig ich von dieser Uebergabe Gebrauch gemacht, darf ich nicht bemerken. – Herr v. G. vergaß zwar seine Dorfdirne, [152] seine schmucke Trine, nicht; indessen legt' er sich dennoch, wenn er nicht zu jagdmüde war, in's Fenster, und dann hatt' er sie, nach seinem etwas jagdfreien Ausdruck, wie am Rosenkranz. – Ich habe mich nie in Liebeshändel anderer Leute gemischt, nur das konnte mir nicht verborgen bleiben, daß er seine übrige Zeit (er hatt' indessen nicht viel übrig) den beiden von unserem Vorgänger beschriebenen Mädchen schenkte, mit denen er, wie er zu sagen pflegte, so ziemlich bekannt wäre. – Sie sind, sagt' er, meine Dorfdirne in mangelhafter Copie; allein mich soll der Teufel beim ersten Kuß, den ich ihnen zudrücke, holen, wenn ich nicht mein Dorfmädchen viel höher schätze als sie! – Ehrlicher, und das heißt genau genommen, auch schöner. Meine Trine, ausgewachsen wie eine Göttin, kein Mißglied an ihr, keins verkrümmt und verkratzt. – Alles reif, herausgegangen wie die Natur!

Redet dein Vater aus dir? fiel ich ihm ein. – Getroffen, erwiedert' er, aber meine Empfindung bestätigt seine Rede.

Mein akademischer Wandel – ich kam nicht mit Denksucht, sondern mit Lernsucht in die Hörsäle, nicht verwöhnt, sondern hungrig und durstig. Ich dachte nicht meinen Lebenslauf zu schreiben, welcher Einfall mich nur seit kurzem überfiel, sondern ich wollte leben lernen. Ich durfte nicht meine Hengste der Einbildungskraft ausspannen, die mich zu tausend Zeitungslorbeeren führen sollten; denn ich hatte sie nie angespannt. Ich flog nicht, ich ging und wußte, wie es wächsernen Flügeln, wenn sie der Sonne nahe kommen, zu gehen pflegt. Höchstens lief ich – um aus einer Stunde zeitig genug in die andere zu stürzen. Im Hörsal dacht' ich: Er hat's gesagt; zu Hause frug ich mich: Was hat er gesagt?

Ich schreibe (meine Leser werden es, wie ich nach der Liebe hoffe, wissen) Leben, nicht Schule, und was kann ich also von meinem akademischen Laufe sagen, was ein großer Theil meiner [153] Leser nicht schon selbst, wie ihren Haus- und Wirthschaftskalender, aus- und inwendig wüßte? Die Lehrer lasen, ich hörte. Ich lernte von allem was ich schon wußte, die Grammatik, auf der Reitschule, auf dem Tanzboden, in der Philosophie, in – allem. Ich lernte meinen Lehrern den kürzesten Weg zum Ziel ab und war aufmerksam auf die Straße die zu gehen, und auf die Straße die zu meiden war. Sollte man nicht überhaupt auf Universitäten mehr Polemik als Thetik in allen menschmöglichen Wissenschaften lehren? Und sollte nicht Kritik, in einem besondern Sinne, der Gegenstand der akademischen Beschäftigungen seyn? Der ist in meinen Augen der beste Professor, der am gründlichsten seinen Schülern zu sagen weiß, was nicht verlohnt gelernt zu werden, und die Titel von dem, was lernenswerth ist. Meine Hauptbemühung in Rücksicht der Gelehrsamkeit auf der Universität war, ein Lexikon zusammenzutragen, wo ich die Gelehrsamkeit weiter nachschlagen könnte, wenn ich, wie Felix, gelegenere Zeit haben würde. Gottlob! diese gelegene Zeit ist gekommen. Die Sprachen, die ich angefangen, setzt' ich fort, in so weit es von ihnen und mir heißen konnte: Der Schmied hat mehr als eine Zange. Ich wünsche, daß Sie Ihre Zeit gut anwenden mögen, war damals in dem Munde eines Professors, wenn er mit einem Studenten sprach, so viel als guten Morgen, guten Abend und gute Nacht! – Die Pietisten setzten hinzu: Gott segne ihre Studia! und mehr als dieß weiß ich von diesen Leuten nicht zu sagen.

Se. Spectabilität nannten mich, wo Sie mich reichen konnten, den curischen Philosophen und empfahlen mich Ihren Herren Collegen, wo ich nicht viel Großväter fand; indessen wünschten alle, daß ich meine Zeit gut anwenden und daß Gott meine Studia segnen möchte. Wenn sie zum Inpietismus gehörten, blieb der eingliedrige Segen weg.

Froh denk' ich noch heut (es ist eben Michaelstag) an diese [154] akademische Zeit, und rufe mit dem guten Drosselpastor: vivat Academia! Mir fehlte nichts als Mine, der Kirchhof, das Wäldchen und die andern heiligen Orte, wozu noch die gründicke Laube des Bekannten gekommen war; indessen ersetzte mir die Einbildungskraft alles. Ich las Minens Briefe, beschäftigte mich mit den von ihr eingeweihten Sachen und kam mir wie ein Wittwer vor, der seine Frau in seinen von ihr zurückgelassenen Kindern sucht. Seine schönste Zeit ist, wenn er mit ihnen spielen kann. – Meine Spaziergänge waren Kirchhöfe, Wäldchen und überhaupt Orte, die mich desto deutlicher an Minen erinnern konnten. Sie sah ich überall. Ich studirt' an ihrer Hand. – Sie beseelte mich mit Muth und war mir sans comparaison das, was jedem Ritter seine Schöne ist.

Mein lieber v. G. blieb keinem Professor einen Dreier schuldig, das ist alles, was ihm zum Ruhm im Testimonio behauptet werden können, wenn er ein dergleichen Ding nöthig gehabt hätte. Ich studirt' in seiner Seele als sein Sachwalter und erzählt' ihm des Abends im Zeitungston, was ich den Tag über im eigenen Namen und vi specialis mandati gehört hatte, worüber er, wenn er jagdmüde war, sanft einschlief. – Ich indessen setzte meine Wiederholung fort und hatte dadurch den Vortheil, mit dem gehörten Worte bekannter zu werden. Die Digestion der Wissenschaften wird eben hiedurch unendlich befördert, wenn man erzählt, was man weiß. Man lernt auf diese Art mit der Wissenschaft conversiren und sie auf einen freundschaftlichen Fuß nehmen, der Hörer sey übrigens jagdmüde oder nicht. – Was konnte Herr v. G. dafür, daß es um Königsberg solche schöne Jagdplätze gab und daß ihm davon viele Feldmarken, die durch zwei besondere Thore lagen, als plus licitanti zugeschlagen wurden? – Herr v. G. hatte sich vortreffliche Jagdbücher angelegt und war jetzo so sattelfest in der Jagdterminologie, daß er nicht allein Hochselbst für [155] Fund zeitlebens sicher war, sondern er war noch obenein im Stande, andern Fund zuzuwenden, die ihre Zeit auf der Akademie nicht so, gut wie er angewendet hatten. Mir versprach er, wenn es nöthig seyn sollte, aus Noth zu helfen; du hilfst mir wieder, setzt' er hinzu, wenn etwas vom Argos vorfällt. – Am Ende, fuhr er fort, dünkt mich, daß überall bei Eurer weltgepriesenen Gelehrsamkeit Jagdterminologie ist. – – Den mangelhaften Copien seiner Dorfdirne entging oft zu viel durch diese Jagdneigung, und gern hätten sie ihn davon abgebracht – allein so sehr hatten sie ihn nichtgetroffen, wie er sehr jagdmäßig sich gegen mich erklärte. – Die eine ließ ihre blonde Stimme hören, die andere donnerwetterte; allein es gehörte mehr dazu als Orgel und Laute, den Herrn v. G. auf mehr Sprünge zu bringen. Bei alledem war er Sieger und die beiden Schönen geschlagen. Die andern Schönen in der Straße sah er an, wie solche Feldmarken, die ihm nicht als plus licitanti zugeschlagen waren. Bruder, sagt' er zu mir, in Rücksicht der beiden, sie sind abgerichtet, sie sind dressirt, sie verstehen alles auf ein Haar. – Die werthen Eltern dieser beiden setzten die Freundschaft mit uns fort, wobei ich freilich in der Hauptsache sehr leer ausging. Diese Freundschaft war also nicht an die Personen, die hier logirten, sondern an die Zimmer gebunden, nicht eine Personal, sondern eine Realbekanntschaft, wie es jede nachbarliche Bekanntschaft ist. Freilich trug es sich zuweilen zu, daß die Dirnen den Herrn v. G. in die Enge brachten; allein er pflegte sehr richtig mir in's Ohr zu bemerken, daß die Stadtschönen, wenn gleich sie mit Witz ausziehen, doch ohne Witz in die Flucht geschlagen werden könnten, wenn nur – – Herr v. G. besaß von diesem wenn nur gerade so viel, um seinen Posten zu behaupten. – Der Schweiß Abels, hatt' er im Jagdeifer gesagt, schrie zu Gott um Rache, und unsere Stadtnymphen wollten ihm hart fallen. – Ich war Augen- und Ohrenzeuge von [156] ihrem witzigen Ausfall – er sah sie nur an, und sie, gleich in die Flucht.

Unsere Bekanntschaften waren, außer den beiden Nachbarn, das Haus eines Kreisrichters, auf dessen Haus unser Vorfahr gleichfalls seine Assignation zurückgelassen. Dieser Kreisrichter, der eine alte Frau des Geldes wegen geheirathet, hatte keine Kinder. Er braucht' ein paar junge Leute zu seinen häufigen Gesellschaften als Hausofficiere, und obgleich diese Stellen besetzt waren, so honorirt' er doch die Assignation unseres Vorfahren, dessen Andenken überhaupt im Segen war. Ich nahm selten an diesen Zeitverkürzungen Antheil; indessen lernten wir einen königlichen Rath bei dem Kreisrichter kennen, der an Leib und Seel' auffiel, und sich auch bei jedermann zu erhalten im Stande war. Er schien gegen Vierzig und hatte sehr seine Kenntnisse. Er las die Alten und kannte die Neuern. Er legt' es nicht dazu an, daß man ihm dieß anhören und ansehen möchte; allein wo er stand und ging, streut' er Funken. Er verdrängte keinen. Er vernichtete nicht Sprößlinge vom Witz der Jünglinge, die mit ihm zu Tische saßen, um den Saft den bejahrten Zweigen zuzuleiten. Witz und Verstand war ihm Witz und Verstand – es mochte hervorsprossen, wo es wollte. – Er wußte wohl, daß alles Obst nicht reif sey, das der Wind herabwirft. – Es war nicht abgezogener Geist, nicht Lebenstinktur – was er sprach. Beim Kreisrichter sprach er wie der Kreisrichter, der über nichts als Schlägereien, neue Brautschaften, Todesfälle oder dergleichen Dinge mehr, sich verlauten ließ; indessen wußt' unser Rath über die gemeinsten Dinge besonders zu seyn. Ost war er ganz still, und alsdann sah man es ihm an, daß er wohlbedächtig mit den falschen Spielern in der Gesellschaft nicht mitspielen wollte. – Ich fand, wenn er sprach, so viel Eigenes, daß ich tausendmal wünschte, wenn er doch schreiben möchte, oder wenn er doch wenigstens mehr spräche. Er verbesserte nie ein Urtheil, [157] das er in Gesellschaft hörte, und legte sich nie das Ansehen einer Appellations- und Revisionsinstanz bei. Wenn ich eine Rechtssache gehabt hätte, wäre mir sein Gutachten Entscheidung gewesen. Viele hatten dieß Zutrauen zu seinem Herzen und Verstande, und sein Laudum (sein Schiedsspruch) galt ihnen mehr als ein für Geld und gute Worte in bester Form genommenes Urtheil. – Er war unverheirathet. Man sagt', er wär' in der Liebe unglücklich gewesen. Schade! Es haben Curländer vielleicht, bemerkte Herr v. G., seiner Schönen grad' über logirt. – Mag wohl seyn! – Dieser würdige Mann war im Stande, Menschen zu lesen, und dieß schien sein Hauptgeschäft in Gesellschaft zu seyn. Durch vereinte Kraft eins seyn, ist der Zweck der großen Staatsgesellschaften, sagt' er zu mir. So im Großen, so im Kleinen! Instinkt und Vernunft lehren uns, daß ein großer Theil unserer Glückseligkeit von Menschen abhängt, und darum seh' ich Menschen, darum geh' ich nach ihnen aus und freue mich herzlich, wenn ich was Unerwartetes vorfinde. Im Collegio ist alles auf einen gewissen bestimmten Horizont calculirt.

Noch seh' ich den Mann mit seiner offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar, einem Auge, in dem man ihn im Kleinen – allein doch ganz sah. Zuweilen hatt' er kleine Abendgesellschaften, woran er mich Theil nehmen ließ. Dieses Collegium versäumt' ich nie. Ich fand einen Officier, einen königlichen Rath, seinen Collegen, einen Prediger und einen Professor; allein alle waren große Lehrer in ihrer Art für mich. – Da war er zuweilen ausgelassen. – Er warf Münzen aus, und ich muß aufrichtig bekennen, daß, wenn ich je in meinem Leben mit Leib und Seele zugleich gegessen und getrunken, so war es hier; ich wundere mich noch jetzt, daß es mir so gut bekam. Wenn er es nicht länger aussetzen konnte, gab er eine große Mahlzeit. Da that er wenig mehr als vorlegen, und hiezu braucht' er auch alsdann den [158] Officier, den königlichen Rath, den Prediger, den Professor und mich.

Ich habe schon bemerkt, daß ich das votum decisivum bei der Landsmannschaft hatte, und so lang' ich den Präsidentenstuhl bekleidete, ist kein Stein von einer curischen Hand gehoben, um ehrlichen Leuten die Fenster zu verwüsten. – Mit der Zeit wär' ich weiter, bis zum Kopf meiner Landsleute gekommen. – Fürs erste hatt' ich Ursache, mir Glück zu wünschen, daß ich über ihre Hände disponiren konnte.

Wenn ein Landsmann kam oder ging, ward ein Mahl gegeben, wozu ich zwar meine Stimme, allein nicht meinen Magen gab.

Herr v. E. war, unter vielen andern, König eines solchen Mahls. Er war von seiner Mutter, die Wittwe geworden, aus Frankreich nach Curland gerufen. Seine Geschäfte indessen hatten ihn noch ein halbes Jahr in und um Königsberg zurückgehalten, ohne daß wir uns zusammen getroffen. Kein Wunder! Er ging nicht in die Hörsäle und ging nicht auf die Jagd. Seine Geschäfte waren – wie man sich leicht vorstellen wird – Liebesangelegenheiten. Freilich hatten die Königsbergischen Schönen Ursache, einem Manne Complimente zu machen, der von Paris kam und sie nicht verschmähte. – Endlich schlug seine Stunde. – Ich war, ohne selbst zu wissen wie's zuging, bei diesem Mahl, und lernt' einen Menschen ohne Kopf und Herz kennen, der auf den preußischen Adel loszog, weil ihm niemand (die Sache ohne Allegorie vorzutragen), obgleich er angeklopft, aufgethan. – Wahrlich, dieß brachte mir eine sehr gute Meinung vom preußischen Adel bei, die ich auch nie aufzugeben Ursache gefunden. Ich brachte die Nacht, da Herr v. E. mit Extrapost abging, wider Gewohnheit schlaflos zu, und selten hab' ich einen Menschen gefunden, in dem jeder Zug mir so entgegenarbeitete. – Dem Herrn v. G. war er auch unausstehlich. [159] Er sollt' ihn bis Schacken begleiten, allein er konnte nicht. Herr v. E. kroch und war stolz; er war Franzos und Curländer. Für und wider sich – und gewiß auch Freund und Feind eines jeden, der es mit ihm anbinden wollte. – Sein Gesicht und er schienen zweierlei, und waren es auch immer. – Er fragte uns, ob wir nicht an unsere Mädchen was zu bestellen hätten? Da fuhr es mir so durch die Seele, daß ich außer mir war! – Herr v. G. sagte, daß er ihn am wenigsten zum Liebespostillon brauchen würde, weil er aus Frankreich käme; und Sie? fuhr er fort, indem er sich zu mir wandte. – Ich habe, sagt' ich, nur eben Briefe von ihr. – Er nahm es als Scherz, und ich fand dießmal, und hab' es oft gefunden, daß selbst bei dergleichen Verlegenheiten die Wahrheit am besten aushilft Ich hatte wirklich Briefe von Minen.

Sie erfüllte redlich ihr Versprechen, sie hielt ein Tagebuch, und alle Vierteljahre erhielt ich es durch den bezeichneten Weg. Das erste Päckchen kam nach Manatsfrist; ich hoffe, niemand werde fragen, warum? Er an Sie ging vor sich, sobald ich an Ort und Stelle war. Ich fühlte jeden Kuß in ihren Briefen, so warm so sonnenwarm, obgleich er seine fünfzig Meilen gereiset war. In Wahrheit, hätt' ich Minchen nicht gehabt, ich hätte nicht die Hälfte von dem auf der Universität gethan, was ich jetzt that, nicht die Hälfte vor mich gebracht.


* * *


Da bin ich an einer schweren Stelle meines Lebens, wo ich noch zittre und bebe! Der Himmel helfe mir auch in diesem Buch über! Er, der sie mir leben geholfen, helfe sie mir auch schreiben! – Ein bitterer Kelch! – Gottes Wille gescheh' auf Erden wie im Himmel!

Ich will ihm nicht fluchen, dem Vater meiner Mine, denn diese Holdselige verbietet es mir. – Ich will ihm nicht fluchen.

[160] Sie schrieb mir ehemals:

»Ich will meinen Vater nie unsern Vater nennen. Der meinige ist er, weil's Gott hat haben wollen, warum sollst du dich aber mit ihm beschweren?«

O Mine, warum warst aber du mit ihm beschwert? warum? du Dulderin, du Märtyrin! du Heilige! mit diesem Peiniger, mit diesem Tyrannen, mit diesem Unheiligen – mit diesem –

Ich will abbrechen, bis ich besser gefaßt bin, sonst würd' ich dein heiliges Gebot übertreten, du heiliger Engel! und ihm doch – fluchen.

Auf heute, morgen und übermorgen nehm' ich von meinen Lesern Abschied. – Ich will mir ordentlich Zeit nehmen, mich zu fassen – und wenn ich es in drei Tagen nicht bin, noch einen und noch einen – zugeben und bis acht Tage zu dieser Fassung aussetzen. In dieser stillen Woche soll meine Seele gen Himmel sich aufrichten, und mit meiner Mutter will ich beten:


Herr, wie du willst, so schick's mit mir,

Im Leben und im Sterben.


Rede, Herr! dein Knecht höret. – Thu mit mir, wie's dir wohlgefällt. In deine Hände befehl' ich meinen Geist.


An einem schwarz bezogenen Tage, da es Vormittags donnerte.


Ich habe meine Leser nur drei Tage allein gelassen. – Je mehr ich mir Zeit nehme mich zu fassen, desto mehr verlier' ich das Gleichgewicht. – Fast glaub' ich, daß die Fassung so schnell komme als der Schreck, die Hülfe wie die Krankheit, und wenn alle Fassung nur Betäubung wäre?

Der Gedanke hat mich am meisten in diesen drei heiligen Tagen erfrischt, daß es Tugenden gäbe, die es nicht geben würde, wenn nicht böse Menschen in der Welt wären. Wahrlich, die größten Tugenden werden hierdurch an Tageslicht gebracht. – Durch Schatten wird das Bild erhöht. Es ist, ich gesteh' es gern, [161] dieses eben nicht einer von den Gedanken, die einer göttlichen Eingebung nahe kommen; allein wenn Noth am Mann ist, schmeckt Hausmannskost am besten und bekommt auch so. – Der Unglückliche, der Furchtsame glaubt alles, wenn es nur Trost enthält.

Fluchen will ich dem Hermann nicht, allein ich will treu befunden werden.

Von dem ersten Tag an, da meine Leser den alten Herrn kennen lernten, fanden sie einen Mann (kaum kann das Wort Mann von jemanden gebraucht werden, der sich nicht nach seiner Decke zu strecken versteht. – Doch Minchens –), einen Mann, der allem, was man Belang heißen kann, gerade entgegen war. Sie fanden eine geschwächte, eine zu Fall gekommene Person, einen Hofnarren, Kammerherrn, Forst- und Jägermeister, einen Witzdiener, Positivschläger. – Einen, von dem man nicht behaupten, kann, daß er seinen Namen, wie mein Vater sein Vaterland geflissentlich verschloß (wie einer meiner Splitterrichter des ersten Bandes der Meinung gewesen), sondern den man den alten Herrn zu nennen für gut fand, und der, weil mit dem Wort Alt das WortHerr verschwägert war (womit man wahrlich in Curland nicht verschwenderisch ist), nichts mehr erwarten konnte, und mit dieser Ehre sehr zufrieden schien; und wie hatte wohl dieser Schneider, Schuster, Töpfer, Ton- und Tausendkünstler, und wär's auch nur des Podagra's wegen, welches keine gemeine Krankheit ist, wider den Ehrennamen, Nicolaus Hermann, eine Sylbe einwenden und den Kopf schütteln können? Der alte Herr war kriechend und stolz, wie die Stolzen immer zu seyn pflegen. – Obgleich er seinen Abschied als Witzdiener in höchsten Gnaden erhalten, so sprudelte doch ein schwarzes Blut in seiner satyrischen Ader auf, sobald es Gelegenheit gab. Die Ader war recht schwarz und fürchterlich aufgequollen zu sehen. – Seine ganze Geberde verstellte sich, sobald diese Ader auflief. Er pflegte [162] sich selbst einen Invaliden des Apoll zu nennen, und Dank sey meiner Mutter, die ihn, wie ich mich eben erinnere, bei dieser Gelegenheit einmal fragte: wie's mit seiner Wunde am Kopfe stünde? Die Zeiten, sagte Hermann selbst, sind gottlob vorbei, und dieß waren Zeiten, da er Gräber schändete; allein kann auch ein Mohr seine Haut bleichen und ein Parder ein Fleckkügelchen benutzen? Erst mehr Fechter, jetzt mehr Tänzer!

Ich bin der Meinung, daß sich die Physiognomisten nie eher, als in der Miene eines Pasquillanten (wär' es auch ein Recensent) und Mörders irren können. Da muß ein sehr seiner Unterschied seyn! Sie sind eines Handwerks: beide schlagen aus Gewinnst todt – und es kommt nur auf Umstände an. Beide legen Händ' an uns, und so wie es bloß von der Kürze der Jahre kommt, daß nicht jeder, dem der Strick in den Lineamenten liegt, gehangen wird, so –

Wenn ich in einer großen Gesellschaft einen Witzling sehe, der nach Landesmanier wie der dritte Mann zum Spiel gebeten wird, und der über Tisch und Stühle schreit, ist mir nichts anders, als wär' ich mit dem verstockten Schächer zusammen. Wer in einer Gesellschaft von zwölf Personen witzig seyn und sich hören und sehen lassen kann, ist ein schrecklicher Mensch. – Wo zwei und drei versammelt sind, da ist Witz an Ort und Stelle. Niemand ist geiziger, als ein wirklich Witziger. Er wirst seine Perlen nicht weg. Ein Witziger ohne Urtheil ist ein Witzling – und wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt! Vorrede genug.

Hermann hatte, nach dem Tode der Mutter meiner Mine und der meinigen, noch Lust, sich ein Hochzeitsbett anzulegen. Der Tischler, den er darüber besprach, glaubte, es sey ein Sarg, da er sich in der Stille an ihn wandte. Der Tischler wandte sich mit einem Warum? auch in der Stille an Hermann zurück. – Ich[163] hab' es von meiner Mutter, daß eben dieser Tischler in seiner Gewerksstube herzlich geweint habe, wenn er einen Sarg für einen Redlichen im Land' erbaute. Meine Mutter nannt' ihn oft des Todes Zimmermann, und gratulirte Curland und der dortigen Gegend, wohölzerne Häuser etwas Gewöhnliches sind, weil sie schon im Leben mit ihrem letzten Hause sich bekannt gemacht. – Wir sind schon im Leben im Sarge, pflegte sie zu sagen. Wir sterben täglich; Heil uns! Der eigentliche Sarg wird uns kein so wildfremdes Gemach seyn.

»Lieber Freund,« fing Herr Hermann wieder in der Stille an, und der liebe Freund ließ ihn nicht zum Worte, wenigstens nicht zum Ende kommen.

Sie sind ja, unterbrach er ihn, munter und gesund – frisch und gesund hab' ich Sie nie gekannt.

»Eben darum, weil ich munter und gesund bin.«

Recht! Es sieht uns nicht vor der Stirn geschrieben.

»Vor der Stirn?«

Sie fochten lang' in die Luft, bemerkte mein Waffenträger Benjamin, von dem ich dieß alles hab', ehe sie zusammentrafen.

»Ein Himmelbett,« sagte Hermann; allein da man einen Sarg eben so gut, wo nicht besser als ein Brautbett, ein Himmelbette nennen kann, so erwiederte der Tischler: »Schöner Ausdruck!« Der gute Tischler konnte den Sarg nicht aus dem Sinn und Gedanken bringen, und selbst, da ihm Hermann ziemlich laut (er war hitzig geworden) gesagt hatte: »Ein Brautbette,« schüttelte der Tischler noch den Kopf – und dieß Schütteln war dem Hermann widriger, als das vorige Mißverständniß vom Himmelbett und von derStirn, und von munter und gesund.

In Rücksicht der Jahre hätte freilich Hermann eher an Sarg als an Braut, oder, wie man es gewöhnlich in Curland nennt, an ein Himmelbette denken können; wenigstens hätte Hermann, der [164] ein Weib wie unsere Mutter gehabt, eine andere, der Seligen – und ihm anständigere Wahl treffen sollen. Ich will, um aller Parteilichkeit auszuweichen, an seine Tochter nicht denken, obgleich auch Töchter, wenn sie wie Mine sind, hiebei einen Blick verdienen.

Seine Schöne war eine Person, die sich in der Nachbarschaft, Gott weiß, wie? ein kleines Vermögen erworben hatte. Der Unterricht der Kinder ward dem Hermann in der Länge zu beschwerlich, und es ist freilich eine andere Sache, Kinderlehrer, und eine andere, Hofnarr zu seyn. Dieß war die Ursache, warum er zuweilen zu sehr für die körperlichen Uebungen war, und die Kinder ohne Unterricht ganze Wochen hinschleudern ließ. Hiedurch litt sein guter Ruf. Seine Selige wußte alles zum Besten zu kehren. Nach ihrem Tode war er sich ganz und gar allein überlassen, und das hieß an der Hand eines schlechten Führers seyn. – Die Schuljugend trieb sich um und der Lehrer deßgleichen. Kurz, Hermann war wieder auf der schlimmen Seite und lebendig todt, ja wohl! lebendig todt!

Ich will mir, sagte Hermann, einen ruhigen, guten Tag machen; eigentlich wollte er sich diesen ruhigen, guten Tag für baar Geld kaufen, ohne zu bedenken, daß Ruhe nicht feil sey. Immer noch überzeugt, daß es besser sey ein Schneider als ein Hofnarr zu seyn, blieb des Hermanns Losung zwar:

Gottlob! die Zeiten sind vorbei; indessen war er doch fest entschlossen, aus einem Hofnarren ein Stocknarr zu werden. Der Unterschied ist ungefähr wie zwischen Postbote und Nachtwächter.

Magdalene (so hieß die Schöne quaestionis) war nicht abgeneigt, mit diesem Manne zu ziehen. Sie hatte nicht ermangelt, weit und breit herumzublicken und ihr Augennetz auszuwerfen, allein sie hatte nichts gefangen; sie hatte, um die Sache deutlicher [165] zu machen, nicht abgesehen, daß sich ein anderer mit ihr in diesem Leben einspannen würde. – Magdalene weinte herzlich, so oft sie an den seligen gnädigen Herrn dachte, dessen gnädige, zurückgebliebene Wittwe so herzlich nicht über diesen Verlust weinte. Dieß machte Aufsehen in der ganzen Gegend, die nur eine solche Kleinigkeit von Anlaß brauchte, um laut zu sagen, was jeder längst und schon bei Lebzeiten des seligen gnädigen Herrn, da Magdalene noch nicht so herzlich weinen durfte, gedacht hatte. Man machte über diese Thränen der Magdalene bittere Anmerkungen, so daß, da der größte Theil davon an die beiden Weinenden kam, Wohlstandes wegen Magdalene weniger als die nachgebliebene Frau Wittwe zu weinen anfing. Der wunderbare Wohlstand!

Es hatte der Herr Gemahl der Frau v. E. in seinem letzten Willen die feierliche Verfügung gemacht, daß seine Gemahlin und Mamsell Dene (so ward Magdalene im ganzen Hause und überall genannt) sich nicht von einander trennen, sondern beisammen bleiben sollten, bis sie der Tod schiede. Das war ein neuer Gegenstand zu Anmerkungen, welche die ganze Gegend machte, sobald das Testament eröffnet war. Die Frau Wittwe, die vor der Eröffnung des Testaments, und vorzüglich bei Gelegenheit der Thränen, den Plan gemacht hatte, Denen in allen Gnaden zu verabschieden, war jetzo, wie sie sich ausdrückte, gezwungen diese Klette am Kleide zu leiden. Sie sah es also im Herzen sehr gern, daß Herr HermannDenen die Aufwartung machte. Zwar hatte sie sich so fest an den Willen ihres verstorbenen Gemahls gebunden daß sie keine Trennung von Denen möglich glaubte; indessen glaubte sie, durch Denens Umgang mit Hermann wenigstens die Scene zu verändern und der Nachrede eine andere Wendung zu geben. Einen Rechtsgelehrten hatte sie nicht das Herz darüber zu Rathe zu ziehen. – Es gibt Krankheiten, die man nicht gern entdeckt. Dene fand von dieser Seite nicht die mindeste Schwierigkeit, wohl aber war [166] ihr bedenklich, daß sie die Ehescheidungsstrafen, wenn sie den Aufstand anheben sollte, zu tragen würde angewiesen werden. Wenn aber die Frau v. E. anfinge, dachte Dene, was könntest du nicht für Bedingungen vorschreiben! – Dene sah wohl, wie überlästig sie der Wittwe war, sie mochte mehr oder weniger weinen als sie. Wenn Dene also nach dieser ihrer Verbindung mit dem Herrn Hermann gefragt ward, war ihre Antwort: Sie belieben zu scherzen, oder: ich bitte tausendmal um Verzeihung, oder: mir fehlt ohne den Herrn Hermann nichts auf der Welt. Roth zu werden hatte sie entweder schon längst verlernt, oder hatte es nie gekonnt. Es blieb also ihre Verbindung mit dem Herrn Hermann problematisch. Die Nachbarschaft pflegte die gnädige Frau und Denen zu nennen: Sara und Hagar. – Sowohl Sara als Hagar ärgerten sich über diese Beinamen, ohne gegen einander sich diese Aergerniß merken zu lassen.

Magdalene hatte, seit ihrer vieljährigen Praxis, alle Kniffe auf einem Schnürchen, wodurch unser in Liebesangelegenheiten abergläubisches Geschlecht gefesselt gehalten werden kann, so daß es noch diese Fesseln als Ordensketten verehrt. – Sie hatte den alten Herrn erst äußerst verliebt gemacht und war ihm in allem – wenigstens ein Viertelmeilchen (ich rede von deutschen Meilen) – zuvorgekommen. Auf einmal eine andere Dekoration. Wer A sagt, muß auch B sagen, war bei Denen keine Regel, und alle ausgelernte Coquetten denken so. Der alte Herr hatte durch eine überaus gefällige Aufnahme in dem Hause der Sara sich das Wohlleben so angewöhnt, daß, wenn auch nicht die körperlichen Uebungen seine Schuljugend, die wie Schafe in der Irre ging, zerstreut hätten, diese guten Tage sich mit den Schulstunden nicht länger vertragen haben würden. Was sollte der alte Herr anfangen? Der Unterhalt, den ihm seine verstorbenen Witzprincipale zugestanden hatten, war klein und zum Theil ungewiß. Dene hatte, [167] nach der Meinung des alten Herrn, mit Herzen, Mund und Händen A gesagt; allein nun war sie nicht aus der Stelle und bei weitem nicht zum B zu bringen, vielmehr schien sie zuweilen gar das A zurückgehen zu wollen, wenigstens ward aus dem großen A ein so kleines, daß man es beinahe dafür nicht ansehen konnte. – Ich habe, dachte der alte Herr, das unreine Wasser ausgegossen, ohne reines aufgefangen zu haben – obgleich er wirklich reines Wasser ausgegossen hatte, um unreines zu schöpfen. – – Dieß machte ihn äußerst verlegen; allein diese Scharten wetzte er zu Hause aus, und Mine, die arme Mine, hätte nicht in Aegypten mehr ausstehen können, als bei diesem wetzenden Vater, der reines Wasser ausgegossen hatte und keinen Tropfen unreines auffangen konnte, seine Zunge zu kühlen; denn es ging ihm wie dem reichen Mann in seinem Präludio. Der Frau Sara Gnaden, welche sich auf dergleichen Wendungen (meine Mutter würde Ränke und Schwänke geschrieben haben) wohl verstand, suchte dem alten Herrn Trost zuzuneigen und ihn wenigstens durch guten Fraß und Suff zu stärken und zu festigen, seine Last zu tragen. – Dene blieb indessen halsstarrig beim kleinen, ganz kleinen a, und so wie kein Unglück allein, sondern paarweise kommt, so mußte es auch dem Amtmann S. einfallen, um Denen in einem Brief, ehe ihr Trauerjahr noch um war, förmlich anzuhalten. – Diesen Amtmann, der ohnehin in den nämlichen Jahren des Hermanns sich befand, obgleich ihn kein Zipperlein plagte, würde Dene um alles nicht einem Literatus (unerachtet dieser Literatus den kalten Brand hatte) vorgezogen haben, indessen konnte ihr nichts erwünschter kommen, um den Herrn Hermann völlig aufs Haupt zu schlagen. – Hermann litt zusehends, denn er war in das Geld der Dene sterblich verliebt. – So wenig Herz auch der alte Herr hatte, so würde er doch mit diesem Amtmann eins versucht haben (nämlich in Briefen), wenn nicht die gnädige Wittwe den glimmenden Docht [168] der Hoffnung in dem Herzen des alten Herrn angefacht hätte. – Zwar brannte es sehr schwach, indessen brannte es doch. – Zu keiner kleinen Freude des alten Herrn veranstaltete die Wittwe einen Besuch beim Herrn Hermann. So viel Ehre ihm dieser Besuch war, so wußte er doch nicht, wie er seine Gäste aufnehmen würde. – Der Frau Sara Gnaden wollten mit; wie hätte auch dieviel Ehre und Tugend belobte Jungfrau Magdalene, ohne eine solche Bedeckung, zu einer los und ledigen Mannsperson kommen können? Die Frau Sara war jetzt ihre feste Burg, in welche sie sich zu werfen Willens war, wenn die böse Nachrede sie verfolgen würde. – Im Herzen konnte ihr nichts willkommener als dieser Vorschlag seyn, denn sie wollte gar zu gern ihr künftiges Bleibchen kennen lernen, und auch ihre Stieftochter, von der so viel Gutes gesagt ward. Uebermorgen also! – Der alte Herr beurlaubte sich sogleich und reiste mit Freuden und mit Kummer zu seiner Wohnung.

Mine! Mine! Mine! das arme von einem Briefe an mich verscheuchte Mädchen, kam und erfuhr die große Neuigkeit von dem Heil, das diesem Hause widerfahren sollte. Der Stolz machte ihren Vater verdrießlich; denn es war nicht nach Herzenslust in seinem Hause eingerichtet – überall blickte Dürftigkeit hervor. – Würde nicht die Hoffnung auf Denen dieser Leidenschaft Zaum und Gebiß angelegt haben; die arme Mine, was hätte sie nicht noch mehr ausgestanden, als sie ausstand! – Das arme Mädchen, das viel zu edel war, um ein einziges Wort von ihren häuslichen Verfassungen gegen mich auch nur fallen zu lassen, das sich in alles schicken konnte, das selbst auch ihren Bruder Benjamin, obgleich er das Schneiderhandwerk lernte, zu dieser Denkungsart hinauf gestimmt, der um alles in der Welt willen nichts von meinem ἀνέχου καὶ ἀπέχου angenommen hätte; dieß arme Mädchen sollte zu meinen Eltern gehen – und borgen, damit die hohen Gäste, [169] wie Hermann sie nannte, übermorgen, wie es sich eigne und gebühre, aufgenommen werden könnten. Verzeihung, Vater, das kann ich nicht! sagte Mine sehr gefaßt. Hermann stampfte, wüthete und tobte, bis ihm Mine endlich einen Plan vorlegte, der, ohne daß geborgt werden dürfte, zu bestreiten wäre. – Mag es – antwortete er, wiewohl noch unwillig – mag es – denn er konnte es Minen nicht verzeihen, daß sie zu meinen Eltern zu gehen verweigert hatte. Er gab ihr, wiewohl unter Hieroglyphen, zu verstehen, daß sie meinetwegen dieses Schrittes wegen die Peinlichkeit eben so nöthig nicht hätte. – Mine verstand nicht bloß, was er sagte, sondern auch, was er dachte; indessen verschwiegHermann meinen Namen vorsichtig, und da Mine ihren Plan gut einzukleiden wußte, überwand ihn die Hoffnung, Magdalenens Reichthum zu überzählen, endlich ganz. – Die Freude nahm Oberhand, und diese verführte ihn, Minen seine Heirath rund aus zu entdecken. Das gute Mädchen hörte keine Neuigkeit, allein sie konnte nicht umhin, ihm im Hintergrunde des Gemäldes, das so schön in seiner Erzählung aussah, die Fehler zu zeigen. Die Sache war indessen nach ihrer Meinung zu weit gekommen, als daß sie sich lange bei diesen Fehlern im Hintergrunde verweilte.

Mine hatte durch ihrer Hände Arbeit sich schon seit der Zeit, daß ihr Vater Denens wegen die Schulanstalten aufgehoben, beinahe allein erhalten. – Jetzt brachte sie von diesem ihrem kümmerlich ernähten Verdienst von freien Stücken etwas in den Plan zur Aufnahme, ohne sich einst darüber ein Verdienst zuzueignen und es dem Vater zu entdecken. Das gute Kind! – Der feierliche Tag erschien, den Sara und Hagar zum Besuch bestimmt hatten. Der alte Herr konnte diesen Mittag nicht essen, nicht trinken; er blies selbst den Staub ab, wo er noch Staub in dem Zimmer entdeckte, und vergaß so sehr, daß er Literatus war, daß er Holz gespalten haben würde, wenn es auf diesen Umstand bei [170] Minens Plan angekommen wäre. – Er trug nicht tagtäglich Manschetten, allein er legte sie, wie die Pastoren den Kragen, in die große Bibel, um die Manschetten in Züchten und Ehren zu erhalten. Dießmal nahm er ein ganz neues Paar, allein dem unerachtet mußte Mine sie ihm noch aufbügeln, und da sie's ihm nicht zu Dank machte, vollendete er dieses Werk selbst. So lang wie des Himmelsbürgers waren die Manschetten Hermanns nicht; allein Hermann war auch in Wahrheit nicht werth, meines Vaters Landsmann in dem allerentferntesten Sinne zu seyn.

Mine hatte Tannenreiser und Kalmus in die Zimmer gestreut und mit Wachholder geräuchert, da Hermann eben mit den Augen seinen Gästen entgegengelaufen war. Dieß mußte alles, bis auf das letzte Wölkchen Rauch, das sich im Zimmer herumzog – heraus, sobald Hermann wieder kam, weil es, wie er sagte, in großen Häusern nicht mehr Sitte sey, Tannen, Kalmus und Wachholderrauch zu riechen. Man spritzt, fuhr er fort, die Zimmer mit wohlriechendem Wasser aus, um den Staub eben hiedurch niederzuschlagen. Die Nase des alten Herrn fand, nachdem schon alles aus dem Zimmer war, noch so einen gemeinen und, wie er ihn nannte, Coriandergeruch, daß er durchaus Modeweihwasser verlangte, um es auszusprengen. Mine konnte ihm damit nicht dienen – sie hätte gern das Grüne im Zimmer beibehalten.

Es schlug die Stunde, da er seine Gäste erwartete, und da man nach Ortsumständen sie mit Grund erwarten konnte, allein vergebens. – Hermann, obschon er einen Boten ausgesandt hatte, um ja den hohen Gästen weit genug entgegenkommen zu können, konnte sich nicht entbrechen, auf die Zinne des Tempels zu steigen. Es konnte bei dieser Gelegenheit nicht fehlen, daß seine Unter- und Oberkleider, obgleich er die letzten durch einen Mantel von Glanzleinwand in Obhut genommen, vom Staub angegriffen wurden. – Er hatte nichts von seinen Gästen entdeckt, und das war sehr [171] natürlich. Wenn der gute Mann sein höchst unzulängliches Gesicht zuvor übermessen, so hätte er diese Mühe sparen und den Mantel von Glanzleinwand in sanfter Ruhe lassen können. – Er war von unten bis oben zu beschäftiget sich wieder zu reinigen und zu läutern, und zitterte an Händen und Füßen und über Leib und Leben, wenn er was rauschen hörte. Da sind sie! schrie er, und lief und kam wieder, und lief noch einmal und kam noch einmal wieder. ObgleichMine, die heute wohl Martha hätte heißen können, ihm eben so oft als er lief und wieder kam,»der Bote« nachschrie, so war er doch in einem solchen Gedankenconcurs, daß er nicht aus noch ein wußte. – Endlich (nachdem er schon eine halbe Stunde rein und sauber, wie aus einem Schreinchen gezogen, dastand) der Bote! – Wie ein Blitz war er fort. »Noch eine halbe Viertelmeile;« auch die halbe Viertelmeile hielt ihn nicht. – Er flog. – Regine, das Hausmädchen, schrie ihn dießmal bei aller seiner Eile zurück; unfehlbar glaubte er, daß Mine ihm noch eine Frage zu thun hätte.

Wollen Sie, sagte sie auf lettisch, nicht den Glanzleinwandsmantel überziehen? – Keine Furie kann wüthender werden, als unser alter Herr ward, und nun hätte ihn nichts zurückgebracht, nichts –

Sie kamen. – Mine war höflich, ohne sich wegzuschleudern. Sie hatte mich vor Augen und im Herzen – und der alte Herr konnte nicht aufhören, mit Geberden ihr zu verstehen zu geben, daß sie zu wenig, viel zu wenig thäte. – Er, das wissen ja meine Leser, war ein Regenwurm.

Die gnädige Sara hatte so viel mitgebracht, daß Minchens wohlgemeinter Plan völlig vereitelt ward. Die hohen Gäste hätten, dünkt mich, wenn es auch nur der guten, wohlmeinenden Hand Minchens wegen gewesen wäre, sich zu demjenigen bequemen können, was dieses gute arme Mädchen des Hausfriedens halber zum Theil [172] von ihrem Nähgelde angerichtet hatte; allein Sara und Hagar waren viel zu stolz, um sich so tief herabzulassen.

Minchen hatte den Einfall, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und nichts von dem Mitgebrachten anzunehmen; allein konnte sie's ihres Vaters wegen? Er winkte so lange, bis sie nahm und aß. – Nun hätte er zu winken aufhören können und sollen, allein er setzte es fort, und wollte durchaus, daß Mine sich den Magen verderben sollte. Das that sie nicht. – Es war ein unbeschreiblicher Stolz, womit diese Antiken, Sara und Hagar, über Minen herfuhren. Daß sie nicht von den natürlichen, wohlgemeinten Speisen nahmen, würde den beiden Damen endlich zu verzeihen gewesen seyn; allein es war unverzeihlich, daß sie sich über Gottes Gaben herüberbogen und die Nase rümpften. – Sie maßen Minen hundertmal mit ihren Augen, und hier und da hielt sich der Blick auf, als ob er ein Plätzchen gefunden hätte, das werth wäre ein wenig anzuhalten. Dieß alles war Minen unerträglich. Sie durfte nicht hundertmal auf- und abblicken, um dieses Paar völlig zu übersehen und ihre Ueberlegenheit zu fühlen. – Die Wittwe Sara that einige Fragen an sie. Womit sie sich die Zeit vertreibe? Ob sie einen Liebhaber hätte? Ob sie auch die Küche verstünde? Anzusehen, setzte sie hinzu, ist es nicht. – Ihre Hände sind so küchenrein als einer Dame von Stande. – Nicht wahr, liebe Dene?Dene enthielt sich aller Fragen, allein man konnte es deutlich bemerken, daß sie sich solche in bester Form Rechtens vorbehielt. Ihre Stunde hatte noch nicht geschlagen.

Das abgebohnte Clavier brachte die hohen Gäste auf die Musik und die gnädige Sara auf die Frage: ob Minchen musikalisch wäre? Mine beantwortete diese Frage mit der ihr eigenen Bescheidenheit. – Obgleich die hohen Gäste keinen Beweis, in wie weit sie musikalisch sey, begehrten, so bestand doch der alte Herr darauf, »Mine sollte singen und spielen,« da er es seinen hohen Gästen so nahe [173] legte, bestanden sie auch darauf, denn eine Bitte war es noch lange nicht. – Etwas Bekanntes, sagte er; denn er wußte wohl, daß ein Präludium, wenn es Hand und Fuß haben sollte, bei ihm vierzehn Tage zuvor bestellt werden mußte. – Mine sang und spielte, weil sie singen und spielen mußte. – Es war indessen keine Dedication an die hohen Anwesenden. Wenn diese Damen Gefühl gehabt, hätten sie wohl den Vogel im Bauer gehört. Indessen hatten die hohen Gäste weder so seine Ohren, noch so seine Herzen.

Dene hatte ein Paar Strahlen der Hoffnung auf den alten Herrn fallen lassen, die ihn entzückten.

Uebermorgen erwarte ich meinen Sohn, sagte die gnädige Sara zum Hermann, Sie werden doch so gut seyn und zu uns kommen? Minen fuhr es in alle Glieder. Mir war es, wie sie schreibt, als ob Sara hinzusetzen würde: Bringen Sie Ihre Tochter mit. – Ihre Befürchtung war vergebens. Der Stolz ließ diese Bitte nicht zu.

Noch ein paar Blicke von oben bis unten, und dann wieder von unten bis oben, ohne daß der Blick Minen die Ehre that, irgendwo zu weilen, und nun – Gott bewahre Sie, mein Kind! – Ein gewöhnliches Compliment. Mine schreibt: »Mir war es als hätte ich gesagt: Vor solchen Leuten – ich erschrak, allein ich hatte es nur herzlich und von ganzer Seele gedacht.« So ward hier, und so wird jederzeit das Gesetz erfüllt: Unrecht straft seinen eigenen Herrn.

Der alte Herr war in Seelenangst, auf welche Art, ohne sich zu viel herauszunehmen, er die gnädige Wittwe in den Wagen bringen sollte. – Endlich legte er Hand aus Werk. – Mit Denen ward er geschwinder fertig. Sie hatt' ihm Muth und Leben eingeflößt. – Er wollte durchaus zu Pferd' und den hohen Gästen vorreiten, allein sie verbaten es, der üblen Nachrede wegen, [174] und also begnügt' er sich, sie wieder bis auf die Stelle zu begleiten, wo er sie entgegengenommen.

Froh kam er zu Mine, allein dieß konnte die Strafpredigt nicht abwenden, die er ihr hielt, viel zu wenig, viel zu wenig sich gebückt, gesungen, gespielt und gegessen zu haben.

»Und wie gefällt dir (diese Frage außer allem Zusammenhang), wie gefällt dir Dene?«

Wie sie mir gefällt?

»Wie sie dir gefällt?«

Da sie meine Mutter werden soll – »Das ist sie schon!« unterbrach er Mine, wegen der paar Strahlen von Hoffnung, die sie auf ihn geworfen hatte – so ist es Pflicht – »diese Antwort erwart' ich von Minen.«

Es ist schwer, schreibt Mine, sehr schwer, wenn man eine so gute Mutter gehabt, einer Dene als Mutter zu huldigen, und wäre das vierte Gebot nicht –

Der alte Herr verfehlte nicht, der Einladung der gnädigen Sara gemäß sich zu rechter Tageszeit einzufinden, und wer hätte das gedacht? Der Herr Sohn der Madame Sara war kein anderer als der Herr v. E., der französische Curländer, welcher kriechend und stolz, für und wider sich, und gewiß auch Freund und Feind eines jeden Menschen war, je nachdem es die Umstände gaben. – Der Affe mit den Halbstiefeln! Der alte Herr fand ihn schon, da er ankam, und machte tausend Umstände, daß er ihm nicht entgegengekommen.

Der Teufel, Herr! wo haben Sie wissen können, daß ich kommen würde?

Die gnädige Mama!

Wir waren beim Herrn Hermann, ich undDene, fing die gnädige Mama an. Dank, Herr Hermann, für alle erzeigte Höflichkeiten! – Für den schönen Sang Ihrer Tochter! Das ist [175] wahr, Herr Hermann, Sie können sich was auf solch eine Tochter einbilden. Ist es Ihre rechte Tochter? Ein hübsches Mädchen! Nur scheint sie mir die Finger nicht in kaltes, nicht in warmes Wasser zu stecken. – Ihre Hand faßt sich wie Atlaß an.

Da war unser Ankömmling wie ein Geier auf die Taube.

Ich liebe schöne Hände, gnädige Mama, die nicht kalt und warm vertragen, die sich wie Atlaß anfassen lassen; wann sind Sie zu Hause, Herr Hermann?

Wenn Ew. Hochwohlgeboren befehlen.

Ich will meiner Mutter nicht die Ehre allein lassen, Sie besucht zu haben; denn in Wahrheit, es kann kein Mensch ein größerer Liebhaber von einer schönen Hand oder von der Musik seyn, das ist beinahe einerlei, als ich.

Die Wittwe v. E. (ich habe sie lange genug und bis zum Ueberdruß meiner Leser Sara genannt) machte ihrem Sohne Vorwürfe, daß er sie so lang' auf sich hatte warten lassen. Dein Brief aus Königsberg –

Schönste Mutter (Frau v. E. hörte dieß gern), ich fand in Königsberg noch dieß und das, und Sie wissen wohl, wenn man dieß und das findet, so kann man so geschwind nicht. – Wir wissen das dieß und das, wobei Herr v. E. um und in Königsberg, vor seiner Rückkunft nach Curland, noch zum Ritter zu werden den Beruf hatte: nicht zum irrenden, denn hiezu hat er keinen Ansatz.

Deine Mutter aber hättest du über dein dieß unddas nicht vergessen sollen, sagte die Frau v. E.

Vergessen? Schönste! vergessen? – Noch unterwegs traf ich ein hübsches, liebes Kind, und sagen Sie selbst, wie kann man eine schöne Gegend sehen und nicht wenigstens darauf athmen, und sich freuen, daß man athmen kann? Die gnädige Wittwe holte sehr tief Athem und ward durch diese und dergleichen Unterredungen, [176] die alle ergaben, daß Herr V.E. ein großer Verehrer von schönen Gegenden war, zur eigentlichen Materie gebracht. Du weißt, mein Kind, fing sie an, was dein seliger Vater wegen des Fräuleins S. noch bei seinen Lebtagen berichtigt. – Du weißt, daß dein Herz und deine Hand vergeben sind, und wenn du diese Gegend, die dir bald eigenthümlich zugehören soll, mehr in Erwägung gezogen, ich wette, du hättest deine Mutter nicht so lange warten lassen. – Im Testament denkt er an diese deine Verlobte, welche dich mehr liebt, als du dir vorstellen kannst. Sein letzter Wille setzt fest – hier nahm sie ihren Sohn, um sich mit ihm dieses Testamentswegen zur vertraulichen Unterredung einzuschließen.

Hermann hatte Gelegenheit, mit seiner Dene eine gleiche vertrauliche Unterredung anzustellen, bei der es beinahe bis zum B gekommen wäre. Es war dieses im eigentlichen Sinn für Hermann ein Schäferstündchen – denn er liebte, er liebte brennend – nichtDenen, sondern das liebe Ihrige, und davon sollt' in dem gegenwärtigen Stündchen gehandelt werden. – Es fiel sehr auf, daß die Frau v. E. sich mit ihrem Sohne, nicht seiner Heirath wegen, eingeschlossen. Diese diente nur zum Vorwand und Ueberrock;Dene war die Hauptrolle. Hermann empfand den glücklichen Vorfall, daß sich die Frau v. E. und ihr Sohn paarten; denn wo ein vertrautes Paar sich sondert, da gibt's mehr.

Sehen Sie nur, Herr Hermann, fing Dene an, es ist bei alle dem eine eigene Sache mit dem Testament, ich bin mit der gnädigen Frau wie getraut, wir können es nicht, der Tod soll uns scheiden.

Das dächt' ich, sagte Hermann, hätte nichts zu sagen.

Ein Testament!

Eine Ehescheidung!

Recht, lieber Hermann!


[177] (Hermanns Herz sing diesen Ball und freute sich, wie sich ein Kind freut, wenn es den Ball gefangen hat.)


Nun, meine Englische?

Aber die Scheidungsstrafen?

Das ist zu machen.

Und wie?

Und wie? Sie gibt Ihnen ein Jährliches, so lange Sie leben.

Wenn sie will.

Sie muß wollen.

Wenn ich zur Scheidung Anlaß gebe?

Wenn auch! – Im Herzen, glaub' ich, steht sie nicht ungern –

Daß ich gehe? – Dieß ist auch meine Hoffnung.

Zu der meinigen gehört mehr.

Was mehr?

Sie, meine Englische.

Lieber Hermann, ich dacht' eben dran.

O wie glücklich bin ich!

Ich dacht' eben, wenn die Frau v. E. diese Pension nur auf meine Lebenszeit beschränkt, so würden meine künftigen Erben –


(Hierbei hätte dem Hermann angst und bange werden können; indessen deutet' er diese Erben, wie es auch wohl gemeint zu seyn den Anschein hatte, auf sich.)


O Englische, o Gütigste! Sie denken auch nach Ihrem Tode – (Er weinte, denn das ward ihm nicht schwer. Ein Mensch wie er hätte beim Worte Tod heulen und zähnklappen sollen; allein es waren diese Thränen wie alles an ihm war. Seine Empfindungen waren Kunst. Sie ergossen sich nie, sie wurden nur durchs Druckwerk getrieben. Er hatte beides, Lachen und Weinen, in einem Behältniß – wie man wollte, wollte er mit.)

[178] O, den werd' ich, den werd' ich nicht überleben!

Dene, welcher unfehlbar der selige gnädige Herr beim Ueberleben einfiel, fing auch bitterlich zu weinen an. Hermann deutete dieses auf sich und umfaßte ihre Knie, und – da hörten diese Turteltauben die zurückkommende Frau v. E. und ihren Sohn, das Testament in der Hand.

Jedes, Dene und Hermann, gingen an ein ander Fenster. Es hatte sich schon jedes etwas kalt gewordenes Theewasser aufs Schnupftuch gegossen, um desto gründlicher alles zu verwischen.

Herr v. E. wandte sich, da er zurückkam, das Testament noch in der Hand, zu Denen. – Da find' ich, liebe Dene, fing er an, eine närrische Clausel. – Hat der Teufel je so was gehört, zwei Frauenzimmer sollen sich verheirathen! – Sie haben mir nie was Böses gethan, liebe Dene, und noch bei meines Vaters Leben, wo Sie im Hause was galten, habe ich alles Liebe und Gute, es versteht sich in allen Ehren, von Ihnen genossen; – allein so weit geht die Erkenntlichkeit nicht, und so nah sind wir, mit Ihrer Erlaubniß, nicht verwandt, daß meine Mutter eine Person im Hause ertragen sollte, die ihretwegen gar nicht ins Haus kommen sollen. Sie verstehen mich doch, Dene?

O ja, sagte Dene.

Sie haben also Ihren Abschied.

Frau v. E. Ohne daß Sie sich eben übereilen dürfen.

Herr v. E. Heute, morgen, übermorgen.

Dene. Und wegen meiner treu geleisteten Dienste?

Frau v. E. sah ihren Sohn an, als ob sie sagen wollte: Hab' ich es nicht gedacht?

Herr v. E. Es wird sich finden –

Frau v. E., die herzlich froh war, daß sie Dene so auf gute Manier, ohne einst einem Rechtsgelehrten deßfalls zu beichten, los [179] war, fiel ihrem Sohne ins Wort; Dene soll nicht drunter leiden! – Wir werden darüber eins werden!

Dene küßte der Frau v. E. die Hand und dem Herrn v. E. deßgleichen, und so war also Herr v. E. ein trefflicher Executor testamenti.

Hermann erzählte diese Geschichte, da er heim kam, seiner Tochter Minen. – Denn er war außer sich. – Kein Stein des Anstoßes mehr auf dem Wege zu Denens Herzen – aber ein großes Aber blieb ihm im Herzen stecken, weil es noch nicht berichtigt war, was Dene zum Abtrag haben sollte. Minen ergriff eine große Angst. Sie hatte beständig Ahnungen. – In dem Augenblick, schreibt sie, da mein Vater den v. E. aussprach, noch eh' er ihn aussprach, wußt' ich, daß Herr v. E. zu uns kommen würde; nur wer er war, wußt' ich nicht halb, nicht ein Viertel.

Den achten Tag, so lange hatte sich Hermann wegen kleiner podagraischer Anfälle, die ihm sehr ungelegen kamen, zu Hause gehalten, langte Herr v. E., wie er schwor, der Musik wegen, an, und nebenher zu sehen, wie Hermann sich befände. Mine that einen heftigen Schrei, da sie den Herrn v. E. sah. Er aber, nachdem er sie durch's Glas betrachtet, fand sie allerallerliebst – und das sagt' er ihr so ohne Rückhalt, als ob sie zum Kauf stände, wo jedem Vorbeigehenden frei stehet, ohne Umstände allerliebst zu sagen.

Es blieb bei diesem Allerliebst nicht. Sie war im Negligé, und da fand er das Band am Busen so sehr der Jahreszeit angemessen, daß man es nicht besser in Paris hätte wählen können. – Er packte seine drei Gläser (durch alle drei hatt' er sie gesehen) ein und schien es dazu anzulegen, Minen mit seinen leiblichen Augen zu erreichen. Er war fertig, sie in nähern Augenschein zu nehmen. Da nahm Mine ihre ganze Gewalt im Auge zusammen, [180] um ihn zur Erde zu sehen. – Er fühlte diesen Blick, obgleich er ein ganzes rundes Jahr in Paris gewesen war, und er kam wieder zurück zu seinen drei Gläsern und zum Allerliebst. Von dieser Stelle hätt' ihm das Auge der Tugend selbst nicht wegblitzen können. – Mine hatte nichts mehr nöthig, als diesen Zwitter von Franzos und Curländer zu sehen, um ihn unausstehlich zu finden. – Sie würd' über den ersten Sterblichen mich nicht vergessen haben. Sie war ganz mein. Sobald sie diesen Gecken gesehen hatte, sah sie, was sie oft gesehen, daß ihre Ahnungen nicht immer träfen. – Ein Geck dieser Art kann nicht schwer zu entfernen seyn, dachte sie, und in Wahrheit, sie dachte sehr richtig, denn mich dünkt, nichts ist einem jeden gutdenkenden Mädchen leichter, als einen Stutzer, der ein Jahr in Paris gewesen, auf seine Grenze und zu seinen drei Gläsern zu bringen – ich weiß wohl, wer unverschämter ist.

Es ist mir unbekannt, ob meine Leser schon einen curischen Franzosen gesehen haben. Werth zu sehen ist er! Franzos und Curländer reimen sich, als Chapeaubashütchen und Stallmeisterstiefel, als Sonnenschirm und Jagdtasche.

Ich habe schon die Ehre, gehabt, den Herrn v. E. als meinen Nebenbuhler zu präsentiren, und jetzt kennen ihn meine Leser noch obenein.

Herr v. E. konnte nicht ein Auge, oder eigentlich ein Glas, von Minen lassen. – Er war außer sich, steckte die drei Gläser an ihren Ort, und kam wieder an das der Jahrszeit so angemessene Band am Busen, das man in Paris nicht besser wählen können. – Mine warf ihn auch wieder mit einem Blick zu Gottes Erdboden – den Elenden! der nicht werth war, daß ihn die Sonne beschien. – Dem Kuß zum Abschiede ward ihr schwer zu entgehen; sie entging ihm zwar, indessen singen ihre Ahnungen wieder ihr Recht zu behaupten an. – Hermann selbst schien die Freiheiten, [181] die sich Herr v. E. herausgenommen, zu mißbilligen. Diesen Schein dedicirt' er indessen bloß Minen hinter des Herrn v. E. Rücken. – Uebrigens verstattete das Podagra dem Hermann nicht, so hart er sich gleich stellte, den Herrn v. E. so weit zu begleiten, als seine Geburt es mit sich brachte, und wegen dieses Umstandes konnt' er nicht aufhören um Verzeihung zu bitten.

Schon den folgenden Tag ward Hermann zur Frau v. E. gebeten; allein er konnte von diesem Ruf erst den dritten Tag Gebrauch machen. – Hermann war noch nie so bitterbös aufs Podagra gewesen als dießmal.

Herr v. E. hätte beinahe, wie er sich ausdrückte, den Verstand über Minen verloren! – Dazu, glaub' ich zwar, würde wenig erforderlich gewesen seyn, weil er gewiß keine große Summe zu verlieren hatte; indessen sah man aus allem, daß, so bereist er gleich war, er selten eine so schöne Gegend als Minchen gefunden, obgleich er ein ganzes rundes Jahr in Paris gewesen.

Da er ohne und mit den drei Gläsern gesehen, daß Minchen kein bonum vacans (erbloses, lediges Gut), wobei der Dieb galgenfrei stehlen kann, sondern zu tugendhaft wäre, um sein Allerallerliebst zu beherzigen, so fand er nöthig, einen andern Weg einzuschlagen und diese Festung, nach seinem Ausdruck, die nicht im Sturm überging, durch List einzunehmen.

Nachdem ich das Testament, fing er an, genau erwogen, find' ich Ihre Scheidung von Denen so leicht nicht, gnädige Mutter, als zuvor.


(Hermann und Dene gegenwärtig.)


Das dacht' ich wohl, erwiederte Frau v. E. in ihrer Unschuld. Ein Testament ist ein Testament. – Es ist der Wille eines Vaters! eines Gemahls! der letzte Wille – und ich glaube nicht, daß Sie sich von Denen so leicht zu trennen im Stande sind.

Die Frau v. E. würde mehr gesagt haben, wenn nicht der [182] Herr Sohn dieses Drama in Gegenwart Denens und Hermanns aufgeführt. Die Mutter schrieb diesen Umstand auf die Rechnung seines Leichtsinns, allein er gehört' auf ein unwürdigeres Blatt, auf die Rechnung einer niedrigen List. Es war dieses Drama Ausdünstung eines bösen Herzens. Die Mutter blinzte bald mit dem rechten, bald mit dem linken Auge, allein der Sohn ließ den Vorhang nicht fallen, das Glück hatte seine fünf Aufzüge – Dene und Hermann hörten wie natürlich auf. Er machte dem Hermann, auf den es bei dieser List angelegt war, so bange, daß er stehenden Fußes Minen verrathen und verkauft hätte, wenn er damit dem Testament eine günstige Wendung geben können. Dieß war das Ziel, nach welchem Herrn v. E's Rede gerichtet war.

Je mehr seine Mutter bei dieser Sache abbrach, desto weitschweifiger ward er. Sein Auge lag auf der Erde und konnt' also dem Winken der Frau v. E. nicht begegnen. – Die Mutter nahm ihn endlich bei der Hand – er küßte die Hand und fuhr fort. – Wollen wir nicht allein? sagte sie. – Warum, schönste Mutter? antwortet' er; es sind ja unsere Freunde.

Seht! was ist Recht und Unrecht? Wachs in einer warmen Hand; du aber, gerechter Gott, siehst auf alle, die auf Erden wohnen.

Nach einem sehr ausstudirten Vortrage aller der Schwierigkeiten, warum Dene nicht das mütterliche Haus verlassen könnte, sucht' er mit Fleiß eine Gelegenheit, den Hermann allein zu sprechen, um ihn vollende in sein Netz zu ziehen. Herr v. E. that, da er diese Gelegenheit hatte, als ob sie ganz von ungefähr gekommen oder, wie man sagt, vom Himmel gefallen wäre.

Nöthig hat er nicht, den Hermann über Denen auszufragen, denn alles war gegendkundig; indessen fing er an, von Denen als von einer Sache zu sprechen, bei der man wenig oder nichts verlöre. Dieß wirkte. – Er brachte den Hermann immer weiter, [183] bis er ihn endlich so weit hatte, daß er zu allem Ja zu sagen warm war; nur Dene mußte von diesem Ja abhängen. Was meinen Sie, sagte Herr v. E., würd' Ihre Tochter wohl Denens Platz vertreten? – Kurz, Mine sollte Dene werden. – Ein Engel ein Teufel. Hermann nahm nicht nur den Apfel vom verbotenen Baum und aß, sondern riß noch einen ganzen Ast mit. Er dankt' in tiefster Unterthänigkeit für die gnädige Versorgung, und es ward auf Treu' und Glauben verabredet und abgeschlossen, daß Mine die erledigte Stelle der Dene einnehmen sollte.

Bösewichter! warum starrte nicht euer Kopf, da ihr diese Verrätherei, diesen Mord dachtet, und eure Zunge, da ihr ihn ausspracht! Hermann, deine Tochter, die Gerechte, kannst du verrathen und verkaufen? Minen, die dir nicht mehr zugehört, sondern mir? Minen?

Herr v. E. brachte den Hermann krumm und gebückt zu seiner Mutter. Er trug die Sache öffentlich vor, das heißt, in Gegenwart seiner Mutter undDenens, die nun wohl einsahen, warum? Sie lächelten beide, allein sie fanden die Sache an sich sehr überdacht. – Die Frau v. E. hatte nur noch die eine Bedenklichkeit, daß, ehe Mine Dene würde, ihr Sohn sich mit dem Fräulein S. verheirathen sollte. Es ist nicht darum, sondern darum, sagte die gnädige Mutter. – Sie behauptete dergleichen Dinge zu verstehen, und endlich, nach vielen Zweifeln und Auflösungen, blieb es dabei, daß er sich, ehe Mine zur Frau v. E. zöge, wenigstens öffentlich verlobt haben müßte. Wer die Beistimmung des Hermanns zu diesem Morde für Uebertäubung gehalten, wird jetzt auf diese Entschuldigung Verzicht thun und – was vom Hermann denken? Zu Anfange sollte Hermann, dem unter dieser Bedingung sein Ja gegeben war, Minens Ja abholen. – Dene mußt' unter dieser Bedingung B sagen; allein dieser Plan ward abgeändert. Herr v. E. entschloß sich selbst in hoher [184] Person Minens Ja abzuholen. – Wenn gleich Minchen nicht eher Dene wird, sagt' er, als bis ich verlobt bin, so kann ich doch mit ihr den Contract vollziehen und ihn, um eine feste Bindung zu haben, verkitten. Warum nicht? fragte Hermann; alles fragte ihm nach. Das Strategem, dachte Herr v. E., kann nicht fehlschlagen, und du Hast das süße Vergnügen, Minen Ja sagen zu hören – »und wenn ich's auch nur durch's Glas hören soll. – Wer hört nicht gern Mädchen-Ja's! – Ich will hin!«

Herr v. E. machte jetzt einen ganz andern Auftritt als im ersten Akt. Der Knoten war geschürzt. Wer den Vogel im Käfig hat, bedarf keines Vogelleims. Ohne ihr Band am Busen der Jahreszeit angemessen zu finden, ohne die Exclamation: aller-, allerliebst! trug er Minen, die auf diesen Antrag nicht im mindesten vorbereitet war, das bewußte Brodstellchen an. – Vielleicht würd' ein weniger kluges Mädchen als Mine drei Schritte zurückgetreten und Bedenkzeit nachgesucht, oder wohl gar Ja gesagt haben, obgleich es an sich immer ein falscher, ein Pariser Zug war, diese Anwerbung selbst, und nicht durch gute Männer auf deutsche Weise zu thun. – Mine sagte Nein! – Ein so offenes Nein, ein so kurzes und gutes Nein, daß Herr v. E. nicht weiter das Herz hatte, auf ein Ja bei diesem hartschäligen Mädchen (wie er es zu nennen pflegte) zu bestehen. Hermann war bei dieser Anwerbung nicht gegenwärtig. – Herr v. E., der von Minen Ja (dieß Wortspiel von Ja, denn sie sollte den Worten nach Ausgeberin, Gesellschafterin werden) hören wollte, fand sie auch schön beim Nein. Er küßte ihr die Hand – brennend.

Ich beklage, sagt' er und wußte nicht von sich selbst, ich beklage meine Mutter, meine liebe, liebe Mutter, meine schöne Mutter, die schönste, die ich kenne. Es fährt mir durch Mark und Bein, wenn mein Finger noch so leise den ihrigen tippt. Eine aller-, aller-, allerliebste Mutter. Der Saum ihres Kleides[185] macht mich schon glücklich! – Sein Auge redete weiter. – Es war so unverschämt, so ungezogen als möglich. Viele Leute glauben zwar, daß man mit dem Auge nicht ungezogen seyn könnte. – Die Pariser!

Hermann reiste mit und kam, sobald Herr v. E. zu seiner S. abging, wieder heim. Er that Minen eine Frage, die ihr durch die Seele ging. Wie gefällt dir der Herr v. E., fing er an – allein Mine, die das vierte Gebot wußte und auf die Frage: wie ihr Dene gefiel? – »als Mutter« antworten konnte, besaß keine Fassung auf diese außer dem Gebiete des vierten Gebots liegende Frage: wie ihr Herr v. E. gefiel, zu antworten. Sie vergaß hiebei den Vater im Kuppler und sprach so gewaltiglich, so zudringlich, daß sie den Hermann aus aller Fassung setzte. – »Solch einen Antrag«, fing Mine an, ihre Zunge war feurig, »solch einen Antrag mir! War ich denn auch nicht einmal eines gefirnißten, eines verkleideten werth? Mußte mir denn dieser Entwurf ganz wie er war und nicht einmal gekrümmelt dargelegt werden? Mir! – Zwar wäre mir die Bosheit auch in ihrer Larve nicht entgangen, ich hätte das Gift auch im Wein erkannt, und wenn ich zu schwach gewesen, wahrlich! Gottes Engel hätten mir den Vorhang aufgezogen, wenn er noch so künstlich wäre gewebt worden! aber diese Dummdreistigkeit im Laster! – Gott!« – – Sie reckte ihre Hand weit gen Himmel, um sich durch diese Vollmacht zu der guten Sache zu berechtigen; sie sprach im Namen der Tugend, als ihre Machthaberin, und Hermann rang die Hände, schlug an seine Brust und versprach, sie nicht zu verrathen und zu verkaufen: sie nicht zu vertauschen, auch selbst – was konnt' er mehr versprechen? auch selbst – »wenn ich drüberDenen verlieren soll!«

Diese Bußandacht bewegte Minen, sie fiel ihm um den Hals, sie weinte, sie betete, sie versprach ihn mit ihrer Hände Arbeit zu [186] ernähren, und ihren Bruder, der bald aus der Lehre treten würde, zur Beisteuer zu bequemen, um ohne Denen leben zu können. »Diese Hände,« sie faltete sie und sprach so feierlich als wenn sie einen Eid ablegte, »diese Hände sollen Tag und Nacht arbeiten!« – Hermann war wirklich bewegt. »Ist Ihnen der Unterricht der Kinder schwer, Sie können ja nicht bloß ein Mundwerk, sondern mehr als ein Handwerk.« – Pfui, sagte der alte Herr, so gerührt er auch war. Mine wollte das Handwerk dieses Pfui's wegen verreden, allein Hermann ließ sie nicht vom Fleck. Handwerk fuhr er fort. Wie kannst du mir ein Handwerk vorrücken? Was hab' ich denn für eins getrieben? Die Schneiderei an ihren Ort gestellt, wo ich doch auch kein Kleid, keinen Ueberrock, sondern Sachen verfertigte, die nicht ins Auge fielen. Brusttücher und so was. – Von Stiefeln Schuhe, von Schuhen Pantoffeln künsteln, heißt das Schustern? Und etwas aus Thon drechseln, heißt das Töpfer seyn? Ich war, damit du's einmal für allemal weißt,Freischneider, Freischuster, Freitöpfer, so wie viele von unsern hochwohlgebornen Herren, wenn sie von Reisen kommen, Freimaurer sind. Mine gab sich alle nur ersinnliche Mühe, ihren Vater zu beruhigen, allein vergebens. Er konnt' ihr das Handwerk nicht verzeihen. Und die Schule? fuhr Mine fort. Auch nicht! erwiederte Hermann, der nicht Commißbrod essen wollte, wenn er magenverderbendes Gebackenes haben konnte. Du weißt, sagt' er ihr, daß wir die letzte Zeit jährlich eingeschustert haben – (gern hätt' er dieses Wort zurückgehabt) – Du weißt – – Mine weinte. – Sie leitet' ihren Vater auf Gott, den Brunnquell aller Gnaden. Wie ein Vater sich erbarmt über seine Kinder, so wird sich Gott erbarmen über uns, wenn wir ihn fürchten – wenn wir auf seinem Wege wandeln, seine Rechte halten und darnach thun. Ich will Nacht und Tag zu Gott empor rufen! Ich will eine Nähschule halten; ich will beten und arbeiten bei Brod [187] und Wasser. – Ich will alles, alles versuchen, was ehrlich und recht ist, vor Gott und Menschen. – – Aller Augen warten auf den Herrn! Er gibt Speise zu seiner Zeit, er thut seine milden Hände auf, sättigt alles was lebt, bis auf die himmelschreienden Raben. Sind wir denn nicht so gut als sie? – Mine sagte dieß mit solcher Zuversicht, daß Hermann ihr nicht weiter den Vorschlag von Mund-und Handwerk nachtrug.

Hermann wiederholte sein Versprechen langsam, bedächtig, als schwör' er einen Eid, Minen zu behalten, auch wenn er Denen drüber einbüßen möchte.

»Wie hätt' ich,« schreibt Mine, »ihm Glauben verweigern können? – Das Blut, das mir bei dieser Scene zu Herzen schoß, redete für ihn.« – – So weit konnt' es Mine nicht bringen, daß er nicht mehr nach – – zur Frau v. E. reiste.

Wer hingeht, sagte Hermann, muß zurückgehen; indessen wiederholte er mit einem feierlichen, Gott anrufenden Blick sein Versprechen. Es war gleich den folgenden Tag nach seinen Brustschlägen, nach seinem Blick, oder, welches einerlei ist, nach seinen Schwüren, daß er zur Frau v. E. dringend geladen ward. Mine nahm Gelegenheit, da sie ihren Vater auf dem rechten Wege hatte, ihm unsere Verbindung so deutlich zu machen, daß nur noch die Worte fehlten:Ich bin mit Alexander verlobt, wir sind Eins. – Mit Fleiß öffnete sie ihm Aussichten, wodurch er Denens wegen entschädigt werden sollte, und glaubte sie (wie sie schreibt) ihn im Geistlichen und im Leiblichen gewonnen zu haben. So unbescheiden Hermann in dergleichen Fällen war, so hascht' er doch nach keiner Sylbe mehr von mir als ihm Mine gab. Diese Bescheidenheit leistete Minen Bürgschaft für alles. – Vergessen Sie Ihre Tochter nicht, sagte Mine, da er von ihr Abschied nahm, Gott, wird Sie auch nicht vergessen, wenn Ihnen Hülfe, Trost, [188] Rath – noth ist. Es bleibt, erwiederte Hermann, und schwur wieder mit einem Blick.

Um also zurückzugehen, ging Hermann nach – und Mine war voll guter Hoffnungen, und diese gab sie, so sehr sie gleich das lange Ausbleiben des Vaters befremdete, doch noch den ganzen Tag, den Abend, die Nacht, den folgenden Mittag nicht auf.

Da aber Hermann auch den Mittag drauf noch nicht nach Hause kam, stiegen wieder Wolken oder Ahnungen auf. Sie wartete noch bis Mittag des folgenden Tages, und nun war es Minen mittagsklar, daß ihr Vater so viel Zeit nicht bedürfe, um zurückzugehen. Gegen Abend ein Brief von Hermann! – Mine wußte schon, ehe sie ihn öffnete, was drin war, und meine Leser werden es auch wissen.

»Ich bin krank, komm, deinen Vater zu sehen, denn vielleicht stirbt er, damit er dich segne.«

Das war der abscheuliche Inhalt eines Briefes, den ein Mann schreiben konnte, in dessen Mark Gichtgift verborgen lag, das oft, eh' er sich's versah, aufgährte; der mit feierlichen, Gott anrufenden Blicken geschworen hatte. – O Hermann, konntest du so mit dem väterlichen Segen spotten? und so mit dem Tode? und so mit Eiden?

Mit diesem Brief kam ein sehr gemeines Fuhrwerk, um alles desto glaubwürdiger zu belegen – und die Sache desto klüglicher zu machen. Man wollte durch diesen Einfall den vorigen zu plumpen Plan ausputzen und in einem elenden Zimmer Schildereien aufschlagen.

Mine schrieb sehr kalt an ihren Vater, bedauerte seine Zufälle, kommen würde sie nicht, die Ursachen müßten ihm erinnerlich seyn; sie hoff', er würde sein Versprechen erfüllen, und hiemit: leben Sie wohl!

Dieser Brief machte dem Hermann natürlich sehr viele Mühe, [189] um sich herauszuwinden; denn er hatt', aller seiner Betheuerungen unerachtet, auf den ersten gegenseitigen Angriff alles, alles aufgeopfert, alles – Das Wort von der Hoffnung, daß Hermann sein Versprechen erfüllen würde, das Mine eingestreut hatte, machte seiner Hermeneutik die meiste Mühe. Herr v. E. sowohl als Dene wollten daraus herleiten, daß er zweien Herren diene. Dieser saure Schweiß bei der Auslegung brachte den Hermann wider Minen auf eine höchst ungerechte und unnatürliche Art auf. Nun hatt' er mit genauer Noth diese Briefstelle gerettet und die hohen Anwesenden überzeugt, daß er nur einem Herrn diene, und nun war ihm auch nichts heilig. Der Satan fuhr in ihn. Er wollte Gift mischen und wußt' es nur nicht anzufangen. – Er entdeckte meine Verlobung mit Minen als den einzigen Grund ihres Neins. – Die Sache ward im ganzen Zusammenhang genommen, und nachdem er meine Mutter, meinen Vater und mich (Herr v. E. erinnerte sich meiner haarklein) in Lebensgröße dargestellt, so ward beschlossen, meiner Mutter Minens Liebesverständniß mit mir zu entdecken, ihr einen von meinen Briefen in der Urschrift beizulegen und Minen alle Auswege abzuschneiden, den Stricken so vieler Teufel zu entkommen.

Arme, arme Mine!

Hermann kam, um seine Krankheit desto wahrscheinlicher zu machen und Minen desto sicherer ins Verderben zu stürzen, erst nach drei Tagen nach diesem unglücklichen Brief an gerechnet, nach Hause. Was Mine während dieser Zeit ausgehalten, ist unbeschreiblich. Die erste Beschäftigung Hermanns nach seiner Rückkehr war, einen von meinen Briefen an Minen zu entwenden. Dieser Vorposten macht' ihm keine Mühe, weil Mine von dieser Seite nichts befürchtete. Vielleicht kühlt' ihn dieser Umstand, oder vielmehr die Vorstellung, daß Zorn die gute Sache verderben könne. Seine Maske war Güte und Freundlichkeit. Eine leichte Rolle für [190] einen Bösewicht. Der entwandte Brief ward sogleich an die Behörde, nämlich an meine Mutter, und zwar in Begleitung eines anonymen Briefes versandt.

Ich weiß nicht, ob meinen Lesern mit einem Theile des anonymen Uriasbriefes gedient seyn werde, womit diese Rotte Minen bei meiner Mutter anschwärzte, um ihr die letzte Trostquelle zu stopfen. Hermann war dabei der Fähnchenführer; denn obenein rächt' er sich so an meiner Mutter, ohne daß sie wußte, von wannen es kam.


* * *


»Da lesen Sie selbst, hochzuehrende Frau Pastorin. Sie kennen Bild und Ueberschrift – wahrlich, ein unwürdiger Sohn einer so würdigen, gottesfürchtigen Mutter, die genug für ihn gebetet und gesungen hat! So viel ist indessen gewiß, daß er nicht der Verführer, sondern der Verführte ist. Retten Sie seine Seele, die im Argen liegt, und machen Sie, daß er sie aus dem Argen ziehe und in seinen Händen trage. – Die ganze Gegend, und vorzüglich die in derselben, so seine Predigt angehört, ziehen über ihn die Achseln. Man glaubt, er habe Wilhelminen ein lebendiges Andenken zurückgelassen. Das wolle der Himmel nicht! Indessen war' aus den Worten: Mann und Weib, du und du, auf ein dergleichen im Verborgenen gebildetes Andenken, dem Sie, hochzuehrende Frau Pastorin, gewiß den Namen Großkind entziehen würden, nicht unsicher zu schließen. – Das beste ist, Wilhelminen – den Kauf aufzukündigen und ihr bei Hängen und Würgen alles Einverständniß mit dem Herrn Sohn zu untersagen, der in Königsberg nichts thut als Wilhelminen schriftlich lieben. Man weiß aus sicherer Hand –« Genug, ich kann nichts mehr abschreiben.

Mein Brief an Minen, den Hermann entwendet hatte und her diesem Schleichhandel den Schein des Rechts beilegte, war wie gewöhnlich treu und herzlich. – Die Stelle:

[191] »O Mine, o Weib! du bist mir wie gegenwärtig, und alles, alles ist mir gegenwärtig. Denkst du auch dran, wenn wir uns die Augen küßten, als tränken wir sie aus, wenn ich deine Hand so fest an mein Herz hielt, daß du jeden und den allergeheimsten Schlag drin fühlen konntest, den Puls der Liebe –«

Diese Stelle klammerte meine Mutter ein und nahm sie in frommen Beschlag. Zur Seite schrieb sie: »Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Uebertretungen, gedenke aber mein nach deiner großen Barmherzigkeit!« – Ueberall, wo Weib stand, zog sie einen Strich, als zöge sie einen Vorhang.

Mine konnt' es nicht über ihr Herz bringen, sich nach dem Befinden ihres Vaters zu erkundigen. Er dagegen hatt' auch kein Herz, an seine Krankheit zu denken. Hermanns Gesicht war bei aller angenommenen Freundlichkeit so durchsichtig, daß Mine wörtlich ihr Schicksal daraus abnehmen konnte.

Er fing die Lobrebe auf Herrn v. E. mit dem Eingang an: Wir haben uns geirrt, Mine. Irren ist menschlich. Wir haben uns geirrt. Herr v. E. ist nicht der Herr v. E., den wir glaubten, sondern ein ganz anderer Herr v. E. Der Text der Lobrede betraf seine Verlobung mit dem Fräulein S., und seine erd-, wand-, band-, niet- und nagelfeste Liebe zu ihr.

Ost kam die Verlobungserzählung so unzeitig, daß Mine mehr als zu deutlich sehen konnte, was diese Wiederholung sagen wollte. – Nach einer Weile fing er an: Du kannst nicht glauben, mein Kind, wie du dich durch deine Tugend dem Herrn v. E. empfohlen hast; er hat zum ersten- und zum zweitenmal ein Geschenk für dich in der Hand gehabt; allein du hast ihm so viel Achtung eingeflößt, daß er es nicht wagen dürfen –

Ein Geschenk, warum das?

Beim Geschenk, liebes Kind, fragt niemand warum?

[192] Mine konnt' und wollte nicht ihren Vater an seine Schwüre erinnern. Sie zitterte.

Wenn sich zu seiner Zeit ein Candidat fände, der dich heirathen wollte, fuhr Hermann fort, er sollte gewiß nicht lange auf ein Pastorat warten dürfen. – Hat der Herr v. E. Pastorate zu vergeben? fragte Mine bitter. – Das nicht, allein die Connexion der Edelleute unter einander –

Wieder nach einer Weile: Magdalene wird meine Frau! Das war nicht der erste Blitz, der Minen durchs Herz ging. – Meine Frank! wiederholte Hermann; ob du aber ihre Tochter werden willst, hängt von dir ab – die alte gnädige Frau will dich – du sollst nichts mit der jungen Herrschaft zu thun haben. Herr v. E. heirathet, das weißt du doch?

Ja, sagte Mine, ich weiß –

Wieder nach einer Weile: Er will, wenn du's verlangst, noch herkommen und sich wegen seines Antrages bei dir entschuldigen, den er dir sehr unzeitig gethan. Seiner Mutter kam dieser Antrag zu.

Ich sollte denken, sagte Mine –

Und dann wieder nach einer Weile: Er sieht seinen Fehler ein.

Mit oder ohne Glas? erwiederte Mine so bitter, so todesbitter, daß das weise Hofmännchen ganz aus dem Concept kam.

Mine war in einer schrecklichen Situation. – Sie sagt', ihr Plan wäre, ihre künftige Stiefmutter zu ehren, nie ginge sie in den Hof. Mein Leben, setzte sie sehr lebhaft hinzu, und meine Ehre ist eins!

»So?« sagte Hermann. Ja, Vater, sagte Mine.

»Und weißt du auch –«. Er wollte zu drohen anfangen; allein eben zu rechter Zeit fiel ihm seine Maske ein, er begnügte [193] sich daher großmüthigst, Minen den Bettelstab, Elend und Verachtung zu prophezeien.

Arme Mine, edles, unglückliches Mädchen! ich empfinde, was du empfandest – und dürft' ich doch nicht erzählen, was Mine sehr natürlich noch weit unglücklicher, noch bedauernswürdiger machen mußte.

Dieß verfolgte, unglückselige Mädchen entschloß sich, in den Armen meiner Mutter eine Freistatt zu suchen. Sie war aufs Aeußerste gebracht. Sie schrieb an sie. Den Brief hat Mine mir nie gezeigt. Es ist deine Mutter! schrieb die Holdselige und machte einen –

Ehe sie aber diesen Brief abschicken konnte, stehe da! ein Brief von meiner Mutter an Mine. Die Wirkung des Uriasbriefes und seiner Beilage. Dieser Brief fing sich an:

»Es will verlauten, daß Sie meinen Sohn verführt hätten und noch verführen –« und schon dieser Anfang lehrt, daß meine Mutter dem Uriasbriefe seine Schliche abgemerkt und den Verfasser für das, was er war – einen Schwarzkünstler, gehalten. Sie glaubte sein Hokuspokus vom lebendigen Andenken nicht, allein anstatt daß sie der verfolgten Mine, ihrer so wohlgerathenen Schwiegertochter, die Hand geben und sie in Schutz nehmen sollen, was that sie? Sie verschwieg diesen ganzen Vorgang meinem Vater, und wenn ich ihren Brief ganz meinen Lesern mittheilen sollte, würd' ich der Achtung zu nahe treten, die ich meiner Mutter schuldig bin. Sie ließ Mine aus besonderer Milde Vorzüge, nur den konnte sie ihr nicht zugestehen, die Frau eines Pastors und die Schwiegertochter einer so ahnenreichen Pastorin zu werden. Es wäre nicht das erstemal, schreibt sie, daß ein Cavalier ein armes Mädchen geheirathet hätte; sie wünschte, daß aus Scherz Ernst und Mine die Frau v. E. würde; denn unverhofft, setzte sie hinzu, kommt oft.

[194] Ein paar Stellen muß ich ungekürzt geben:

»Es wäre Stank für Dank, wenn Sie die Nachbarsrechte so gewissenlos aus den Augen setzen und meine grauen Haare so mit Schimpf und Schande hinab ins Grab bringen wollten. Ich habe etwas in originali gelesen, auf dessen Rechnung eine grau gewordene Stelle meines Hauptes gehört. Ich weiß die Minute, da sie grau ward. Gott verzeih' dem Urheberdieses Etwas in originali die graue Stelle auf meinem Haupte. – Lasset alles ehrlich und ordentlich zugehen, das, dächt' ich, hieße wohl ziemlich klar und deutlich, die Tochter eines noch zu bezweifelnden Literati könne meine Schnur nicht werden. – Ich habe schwarz auf weiß und verbitt' alle Sprünge durch einen Reif, alle Kunststücke der Entschuldigung, und kurz und gut, alles und jedes zur Antwort, die ich so warm, als ich sie erhalte, zurücksenden werde. Ihren Zuspruch muß ich noch aus einer andern Ursache mehr verbitten; auch selbst wenn Sie an der Hand meines Sohnes kämen, würd' ich für beide über Feld gegangen und nicht zu Hause seyn. So was kann nicht geschlichtet, sondern muß gerichtet werden. Ungern hab' ich an Sie geschrieben; allein um nicht Oel zum Feuer zu gießen und das allgemeine Gerede noch gemeiner zu machen, das ohnehin schon in fliegende Blätter ausartet, wie eine Raupe in einen Schmetterling – bloß darum dieser Brief, der erste und der letzte.


Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen,

Verricht' das Deine nur getreu!

Vertrau' des Himmels reichem Segen,

Und er wird jeden Morgen neu!

Denn wer nur seine Zuversicht

Auf ihn setzt, den verläßt er nicht.«


Da war nun Mine von aller Welt verlassen, diese Gerechte! Das Schwarz und Weiß und dasallgemeine Gerede, und [195] das Etwas in originali, auf dessen Rechnung eine grau gewordene Stelle gehörte, die Gott dem Urheber verzeihen sollte, waren Mine unbegreifliche Dinge, – allein die Hauptsache war desto begreiflicher. – Mine that ihren Mund nicht auf. – Zu meinem Vater sich zu wenden hatte sie kein Herz. – Es fiel ihr der Ueberfall im Wäldchen ein. – Dieser hatte bei Mine etwas zurückgelassen, was sie hielt. – Sie wollte schon, allein sie konnt' es nicht vollenden. O liebe, liebe Mine, warum nicht?

Als ich einem meiner Freunde aus freier Faust meinen Lebenslauf erzählte und an diese Stelle kam, bei der ich ihn fragte: Haben Sie das von meiner Mutter gedacht? antwortete er: Ja, Freund, denn sie konnte buchstabiren, sie setzte ihren Casum und war fromm.

Ob mein Freund recht gerichtet, mögen meine Leser nicht hier, sondern über ein Kleines beurtheilen.

Herr v. E. kam jeden Sonntag in unsere Kirche. Mine sah ihn nicht an; allein er sah sie, und wie er sah, das wissen wir schon. Er verlobte sich wirklich mit dem Testamentsfräulein; den Sonntag darauf war er in unserer Kirche mit ihr und trieb die Sache so weit mit Mine, daß alle das Kirchengestühl, wo Herr v. E. saß, und Mine in einer Reihe ansahen, so daß mein Vater selbst ein paarmal ein Wort zweimal sagen und ein anderes lang ziehen mußte, um sich auf das folgende zu besinnen, so sehr ward er gestört! Mine hörte, indem sie aus der Kirche ging: »Der Braut im Gestühl drückt er' die Hand und von Jungfer Minchen ließ er kein Auge. Was ist besser, Hand oder Auge?«

Hermann ward in dieser Verlobungszeit mit keiner Ladung beehrt, allein daß er mit dem Herrn v. E. in Verbindung war, ergab sich unter anderm daraus, weil sie häufig Briefe wechselten, weil Verschiedenes in die Küche kam, wovon aber Mine keinen Bissen aß, und weil Hermann so gefällig gegen Mine that, daß sie sich vollständig überzeugte: es ging etwas vor.

[196] Sie hatte schon oft an ihren Bruder in diesen Herzensnöthen geschrieben; jetzt schrieb sie dringender und Benjamin kam. Seine Ankunft konnte bei Hermann um so weniger Verdacht erwecken, da er selbst verlangt hatte, daß sein Sohn zur Schicht und Theilung kommen sollte. Es ist unaussprechlich, wie sich Mine freute, ihres Geliebten Bevollmächtigten, ihrer Liebe Zeugen, ihren Benjamin zu sehen. – Sie konnte sich nicht zurückhalten, diese Freude vor den Augen des Vates aufflammen zu lassen – schön, wie ein Opferfeuer!

Mine entdeckte ihrem Bruder mehr, als sie zu schreiben im Stande gewesen, und Benjamin kannte sie kaum wieder, so sehr hatte sie sich verändert. Arme, arme Mine! rief er und sah sich um, ob es auch Hermann gehört hätte. – Die ungewöhnlich starke Correspondenz ihres Vaters mit dem v. E. fiel beiden zu deutlich auf. Zwar gingen alle Briefe:

An die

Hochedelgeborne ehr- und tugendbelobte Jungfer

Magdalene –

dienstfreundlichst

in –


indessen schien sie nur überhaupt das Feigenblatt zu seyn. Bald, schreibt Mine, hatt' ich Hoffnung, es würd' ein End' gewinnen, daß ichs könnt' ertragen, bald verlor ich den letzten warmen Tropfen Muth – und ich zitterte über Leib und Leben. – So ging es auch dem Benjamin. – Ohne daß dieser seiner Schwester etwas davon sagte (wer weiß, ob sie's zugegeben hätte?), entschloß er sich, da Hermann einen guten Nachbar besuchte – (noch ward er nicht zum Herrn v. E. beschieden) – das Pult zu öffnen und eine Hand voll Briefe zu nehmen. Er rief seine Schwester, »Lies!« sagt' er. Sie konnte nicht weit kommen; es überfiel sie eine Ohnmacht nach wenigen Reihen. Meine Leser sollen einen Brief ganz lesen und eine Antwort ganz.


[197] Brief des v. E.an Hermann.


Herr, Sie sollen nicht Denen haben und wenn ich Denen selbst heirathen sollte! ich selbst! Hört der Herr? wenn ich sie selbst sollte! Ihr krummer Buckel und Ihr Händedruck macht es nicht. Für was ist das? Ich bin Sohn und will das väterliche Testament aufrecht erhalten. Das will ich! ich will das! Der Herr schreibt nicht hin, nicht her! nicht gehauen, nicht gestochen. Ich muß wissen, woran ich bin, denn ich liebe Ihre bildschöne Tochter zum Entsetzen. Unter uns gesagt, ich denk' auch nicht, daß Sie ihr Vater sind. Minchens Mutter wird sonder Zweifel so bildschön gewesen seyn, wie die Tochter noch ist, und dessen Gebeine mögen sanft ruhen, der den Weg mit der Mutter ging, den ich, wenn ich lebe und gesund bleibe, mit der Tochter gehen will. Das Mädchen hat Verstand wie ein Engel, oder besser wie ein Teufel. Gegen mich ist sie ein Teufel. Damit Sie, lieber Hermann, sich alles zurückerinnern, worauf es bei der Sache ankommt, so bitt' ich, ja nicht zu vergessen und zu versäumen, Minchen alle zwölf Stunden, und wenn es auch öfter wäre, zu sagen, daß ich heirathe, und zwar aus lichterloher Liebe. Sie wissen es anders, lieber Freund, allein Mine braucht es nicht anders zu wissen, wenn ich nicht müßte. – Es ist wenigstens ein zehnfaches Muß, das eilfte sag' ich keinem, als Ihnen, meinem vertrautesten Freunde! Ich habe Reiseschulden, und in kurzem werden ein halbes Dutzend a Datos eintreffen. Sehen Sie nur, lieber Hermann, um Sie recht von meiner ehrlichen und redlichen Absicht zu überzeugen, ich will das Testamentsfräulein und Minchen zu gleicher Zeit, mit einer Klatsche zwei Fliegen. – Sagen Sie selbst, wie mir bei der Trauung zu Muthe seyn müßte, wenn ich nicht auf den Trost Ihres Engels rechnen könnte. Ihr gutes Herz wird mich nicht verwahrlosen. Alle Welt hat Holz zu diesem Brande gelegt, und nun [198] verbrenn' ich in dieser Flamme. Ich weiß alle Fehler bei dieser Sache, denn sonst wäre Mine schon mein – ihrer stoischen Tugend ungeachtet, die eben so wenig wie heut zu Tage irgend eine Festung Stich hält. – Wir leben in überwindlichen Zeiten. – Ich knirsche mit den Zähnen vor Liebe und vor Wuth, daß ich so schlecht gespielt habe. Wenn meine Mutter Minen den Antrag gethan, hätt' ich gewonnen Spiel gehabt; allein alsdann könnten Sie, Freund, Ihre Kunst nicht zeigen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Kurz, Herr, so wahr ein Teufel in der Hölle und ich ein Cavalier in Curland bin, das ist viel gesagt, Dene ist nicht die Ihrige, wenn Minchen nicht die meinige ist! Eine Hand wäscht die andere. Wird aber Mine Dene – Sie verstehen doch deutsch? – so sollen Sie von meiner Mutter, nämlich von ihrem Wittwengehalt, von Testaments wegen, so lange Dene lebt, und wenn Dene eher als Sie stirbt, noch so lange Sie leben, achtzig Thaler Albertus haben. Gelt, das schmeckt? Außerdem geb' ich Ihnen ein- für allemal noch zweihundert Thaler Albertus, sobald Minchen sich zum Ziele legt. Die Kinder sollen als deutsche Leute erzogen werden, wie mein seliger Vater Denens Kinder erzogen hat. Um die Sache Ihnen ganz auf ein Haar deutlich zu machen: ich verlange Minen nur her, und Sie haben die Wette zum größten Theil gewonnen. Es müßte mit dem feuerspeienden Drachen zugehen, wenn ich nicht Minchen bewegen sollte. – Nur her, Herr Magister, und das übrige wird sich finden, wie eine auswendig gelernte Predigt. Wenn Minchen sich weigert, wie sich ein Ast weigert, wenn man Kirschen pflücken will: einhundert fünfzig Thaler Albertus; wenn sie nichts hören und wissen will und doch herkommt: hundert Thaler Albertus und bald vergessen. Muß man doch dem Herrn alles zu Häcksel schneiden! – – Die Kruste kann der Herr Bräutigam nicht vertragen, darum Krume, wo nicht gar Pappe. – Genug, wenn Sie sich alle Mühe, es versteht sich [199] alle erdenkliche, geben, Mine zu bequemen, und man dennoch Nein schreit und weint und klagt, ist noch ein Mittel. Ich denke doch, Sie wissen, was ein Cavalier in Curland vermag, und daß er, wie Könige, lange Hände hat? Drei verschwiegene Kerls zu Hand- und Spanndiensten sind auf einen Wink hier, und dort und da. – Das Beste wäre, Sie brächten Minchen her. – Schlagen Sie vor, was Sie für gut finden, sparen Sie keinen Fleiß. Auch auf den Fall der drei handfesten Kerls fünfzig Thaler Albertus, und in allen Fällen, wo nur Mine ist, auch Dene. Sonst aber, hol' mich der Teufel, nicht – ewig nicht! – Der Herr soll wieder seine Klippschule halten und seine Knackwurst essen und Kofent dazu trinken. So was von Minchen trifft man nicht so leicht. Ich bin nicht etwa in sie verliebt, ich bin in sie verrückt, und das kommt wohl zum größten Theil, weil ich eben Bräutigam bin und den Verliebten spielen soll (eine verdammte Rolle!) bei einer Braut, die mir so unerträglich ist, und die mir noch unerträglicher wäre, wenn ich nicht eine Mine hätte, bei der ich mich erholen könnte. Mine gehört alles, was ich der Testamentsbraut sage, und wahrlich, ich würd' ihr nichts sagen können, ich würde vergessen, was verliebt seyn und verliebt thun hieße, wenn ich Mine nicht zur Uebung hätte. Wer Minens Tugend? – Ist so etwas Tugend, so ist wenig auf der Welt – hol' mich der Teufel – wenig! – Ich schwöre nur für Eva, weil niemand als Adam da war. – In Paris und an andern Orten essen die Schäfchen aus der Hand. Nur ganz zuletzt in Königsberg hab' ich Ihnen ein Mädchen – Mündlich mehr! Einen so langen Brief hab' ich, seit dem ich schreiben kann, nicht geschrieben. Wäre Minchen nicht der Inhalt, so müßte mich der Teufel plagen, so viel zu schreiben. Das Testamentsfräulein soll, bei meiner Seele! keinen über sechs Reihen besitzen. Haben Sie nicht was Gutes von Liebesbriefsteller, damit ich daraus ein paar Briefe für die S. abschreiben kann? Ich hab' [200] aus vielen Gründen, und auch darum an sie geschrieben, weil ich dich kenne,du verzagter, argwöhnischer Hund! Nun hast du doch was Schriftliches in der Hand und kannst mich vor allen Gerichten knebeln. Neu ist's bei alledem, daß meine Testamentsbraut die Courtage für Minchen bezahlt. Glaubt mir, Hermann, ich mein' es ehrlich mit Mine. Man wird von Tag zu Tag älter und muß solid denken. – Wenn der Pastor uns, S. und mich, traut, laß Mine dabei stehen. Dem Testamentsfräulein geb' ich zwar die Hand, denn das bringt die Ceremonie so mit, aber Mine will ich ein ganzes Auge voll Ja's schenken, und hol' mich der Teufel, ich will sie selbst ansehen, wenn ich Ja zur S. sage, und dieß Ja soll so leise seyn, daß es der liebe Gott selbst kaum hören soll. Mehr, glaub' ich, kann Minchen nicht zur Gewissensberuhigung fordern, wenn sie Superintendentin wäre, und mehr kann sie nicht fordern, wenn sie zehn Jahre Jura studirt hätte. – Dieser Brief muß zerrissen werden, sobald er gelesen ist, oder ich stecke dem Herrn Hermann das Haus an. Hat Magdalene nicht öfter Wochen gehalten als meine Mutter? Und einen Mund voll Zähne abgerechnet, was fehlt ihr zur Ehre, die Frau eines Literatus zu werden? Reinen Wein, ober ich heiße nicht

– – v. E.


Wenn meine Leser die saubere Antwort auf diesen curisch-französischen Brief lesen wollen, hier ist sie:


Hochwohlgeborner Herr und Gönner!

Gnädiger Herr Baron und Gönner!


Ew. Hochwohlgeboren werden gnädigst zu verzeihen geruhen, daß ich gleich anfänglich in aller Ehrfurcht bemerke, wie ich mich wohl zu bescheiden weiß, an Briefe von gnädigen Händen nicht gewaltthätige Hand zu legen; indessen ist dieser hohe Brief für Minen wie verbrannt, und noch ärger wie verbrannt, da sie nicht einmal die übrig gebliebene Asche sehen soll. Es wird Ew. Hochwohlgeboren [201] par renommée bekannt seyn, daß es mir nicht an Witz und Fähigkeit gebricht; indessen steht mir jetzo alles still, und ich muß aufrichtigst bekennen, daß ich bei dieser Sache keinen Einfall anzubeißen weiß, wenn's mir das Leben kosten sollte. Die Ochsen stehen, mit Ew. Hochwohlgeboren Erlaubniß, am Berge. – Der Auftrag, womit Ew. Hochwohlgeboren mich zu beehren geruht, zeugt von so vielem gnädigem Zutrauen, daß ich beschämt bekennen muß, nie auf so viel Gnade gerechnet zu haben. Minen (verzeihen Ew. Hochwohlgeboren, daß ich mit dem Namen meiner Tochter den Punkt anhebe; es geschieht bloß in Aussicht der Ehre, die ihr vorsteht) hab' ich alles gesagt, was ein redlich gesinnter Vater seiner ins Verderben laufenden Tochter nur bei dieser Gelegenheit sagen kann. Sie bleibt indessen bei dem, was Ew. Hochwohlgeboren schon wissen. Ich habe leise und laut geredet, sauer und süß, Böses und Gutes gezeigt, Finsterniß und Licht; was hat's geholfen? Was die Tugend ohne Brod ist, weiß ich leider aus eigner Erfahrung, und da Ew. Hochwohlgeboren entschlossen sind sich zu verheirathen, so fällt ja alle Gelegenheit zum Verdacht weg, welches in Absicht eines Mädchens, nach meiner wiewohl unmaßgeblichen Meinung, die ganze Mädchentugend ist. Meidet den Schein, kommt mir als die ganze Mädchenordnung des Heils vor. Es ist nichts versäumt, sie ist gebeten, sie ist bedroht, sie ist gesegnet, ihr ist geflucht; allein sie bleibt bei ihrem Eigensinn. Ich sag' es ohne Ende und Ziel: Herr v. E. sind Bräutigam, und da ich es ihr schon so oft gesagt habe, thu' ich, als sagte ich's zu mir selbst: »Der Herr von E. Bräutigam! wie's ihm doch lassen wird?« u.s.w. Es wär' als mein Rath, über drei Wochen, so lange geruhen Ew. Hochwohlgeboren sich gnädigst zu behelfen, zu uns zu kommen und noch Hochselbst einen Besuch zu künsteln. Wie würd' ich mich freuen, wenn er einschlüge! Sollt' auch dieser Vorschlag vergebens seyn, so muß ich schon auf die drei verschwiegenen [202] Kerls votiren, und werd' ich alsdann mündlich Zeit und Ort zu bestimmen die Gnade haben; indessen bitt' ich, ihr diese Widerspenstigkeit nicht nachzutragen, sondern ihr sogleich zur bewußten Brodstelle zu verhelfen, und mit der Zeit sie ihrem Seelenhirten als Pastorin zu überliefern. Ew. Hochwohlgeboren können sich ganz sicher darauf verlassen, daß ich nicht zum erstenmal bei einer solchen Gelegenheit, wo drei verschwiegene Kerls dabei sind, in Dienst gewesen; nur bei einer Tochter, ich muß es zu meiner Schande bekennen, dürft' es mir schwer werden, falsch zu weinen und die Hände zu reiben. Vielleicht kann ich indessen so glücklich seyn und mir die einhundert fünfzig Thaler Albertus verdienen, daher wiederhol' ich ganz unterthänigst meine Bitte, mir und ihr annoch drei Wochen huldreichst nachzusehen. Für die Nachricht von Magdalenens glücklichen Niederkünften bin Ew. Hochwohlgeboren ich ganz dienstlich verbunden; indessen wünscht' ich doch ungefähr zu wissen, wie oft sie Dero seliger Herr Vater begnadigt, um sie desto höher schätzen zu können. Wiewohl ich ohne Stolz glaube, daß es ihr nicht gleichgültig seyn könne, daß sie einem Literatus zu Theil werde. Ew. Hochwohlgeboren Bedienter hat sich sehr schön bei diesem Briefe benommen. Er verdient das Geschenk, wozu Ew. Hochwohlgeboren ihm bedingliche Hoffnung gegeben. – Meine Tochter ist auf keinen Schatten von Verdacht gefallen, und da ich, wie ihr bekannt ist, mit der Jungfer Dene in einem Liebesverständniß stehe, so kann es sie nicht befremden, daß ich in dieser kritischen Zeit mehr schreibe, als ich sonst zu schreiben gewohnt gewesen. Wenn Mine an Ort und Stelle und (was ich unter Ort und Stelle einbegreife) zu sich selbst zurückgekommen seyn wird, so wird sie's einsehen, wie redlich gut es Ew. Hochwohlgeboren mit ihr gemeint. Ich weiß nicht, was sie bei der heftigsten Gewissenskolik (anders kann ich die Stiche nicht nennen, welche die Mädchen über dergleichen Dinge zuweilen, wenn ein Ungewitter aufsteigt, befallen) [203] mehr beruhigen könnte, als wenn sie erwägt, daß sie die Ehre gehabt, in gewisser Art selbst mit Ew. Hochwohlgeboren getraut zu werden. Das Auge ist doch wohl mehr an Menschen, als die Hand? obgleich mir noch wohl bekannt ist, daß. Ew. Hochwohlgeboren eine weiße Hand nicht verachten, wie es denn auch wohl zu seiner Zeit ein Leckerbissen seyn kann. Uebrigens rechnet Ew. Hochwohlgeboren ganz unterthäniger Diener es sich zur vorzüglichsten Ehre, daß Ew. Hochwohlgeboren ihn mit einem so langen Briefe zu beehren geruht. Von Liebesbriefen im neuen Geschmack ist mir wohl außer dem bewährten Talander nichts bekannt; indessen wenn es Ew. Hochwohlgeboren gar zu viel Mühe machen sollte, so steh' ich sehr zu Befehl, und leg' auch zu diesem Ende ein Pröbchen nach eigener Weise bei. Wenn Ew. Hochwohlgeboren so viel Zutrauen zu mir hätten, die Uebergabe der Jungfer Dene an mich gnädigst zu bewilligen, ehe Minchen übergeben wird, und ohne daß es eben Zug um Zug ginge, so könnten Sie ja Denen noch obenein den Eid abnehmen, daß Mine Ihnen allenfalls gegen einen Solawechsel, Contrakt, Revers, oder wie es in den Rechten am besten und schnellsten gilt, abgeliefert werde. Dene würde hiebei mehr als vier Kerls verschlagen; indessen ist dieses nur ein unvorgreiflicher Vorschlag, über den ich nicht entrüstet zu werden ganz unterthänigst bitte.

Ich ersterbe, nachdem ich die Hand des Gebers mit den aufrichtigsten Wünschen, daß es ihm reichlich wiedervergolten werde, geküßt, mit der tiefsten Ehrfurcht


Ew. Hochwohlgeboren,

meines gnädigen Herrn Barons und hohen Gönners,

ganz unterthänigster Knecht und Diener


Wörtlich abgeschrieben von –

abgeschickt den –


[204] Es fanden sich auch ein paar kurze Briefe, worin Montags der Termin zur Sühne angesetzt war. Hermann wollt' alsdann mitfahren und wiederkommen, und dann sollte der Ueberfall verabredet und Mine mit Gewalt fortgeschleppt werden. Der alte Herr wünschte nichts sehnlicher, als daß er die hundert fünfzig Thaler Albertus verdienen möchte. Bei diesen väterlichen Wünschen blieb es, bis auf den letzten Brief. Hier schreibt er: Ich thue jetzt auf alles Geld Verzicht, wenn Ew. Hochwohlgeboren Minen gutwillig bereden können. Ich habe sie ehegestern durchs Schlüsselloch beten gesehen und gehört. O! gnädiger Herr, ich würd' ein unglücklicher Mensch zeitlebens seyn, wenn diese Entführung übel für Minen ablaufen sollte. Um alles wünscht' ich, daß Mine nicht so kräftig, so mächtig, als ich sie durchs Schlüsselloch sah und hörte, wider mich beten möchte. Da muß Donner und Blitz wüthen, wowider sie betet. – O, gnädigster Herr, Sie werden sie wohl gutwillig an Ort und Stelle bringen!

Daß der Herr v. E. des Hermanns Vorschlag verworfen, ihm Denen zuvor zu geben, und sie auf die Entehrung Minchens in Eidespflicht zu nehmen, darf ich kaum bemerken. Herr v. E. müßte nicht in – – in – – und – – gewesen seyn, wenn er einem Eide hätte trauen sollen – und du, Bösewicht, kannst du so was auf einen Eid aussetzen? – Kannst du deine Tochter durchs Schlüsselloch behorchen, wenn sie mit Gott allein ist, wenn sie betet? – – Gerechter Gott!

Nach diesem allen, was konnte für ein anderer Entschluß gefaßt werden, als – zu fliehen? – Ohne Geld, ohne Beistand? Schrecklich! Was hilft's aber dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme Schaden an seiner Seele, oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse? – Mine war entschlossen und Benjamin war Alexander. – Mine, dieß war das Resultat, sollte zu Fuß nach – gehen. Da würde Benjamin [205] Wagen und Pferde besorgen, und sie käm' alsdann zu ihm, nicht zu seinem Meister, sondern – – und von da nach Mitau, zu einem Anverwandten ihrer seligen, seligen Mutter. Um alles desto geheimer zu machen, sollte Mine allein bis –. Bon – wollte Benjamin sie bis Mitau begleiten – von Mitau Mine wieder allein mit einem Fuhrmann nach Königsberg, nicht zu mir – – Ach, Mine! Mine! warum nicht zu mir? sondern nach L. – wieder zu einem Verwandten ihrer seligen Mutter. Von da aus einen Brief zu seiner Zeit an mich, daß ich käme und sie im Schooß ihrer Freunde spräche. – Dieser Plan ward bebetet und besungen. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke. Arme Mine! ich hätte wissen sollen! Arme –

Und wann? fragte Mine. – Dienstags, Schwester; Sonntags kannst du noch Gott in seinem Hause anflehen, daß er mit uns sey, und vor uns her eine Wolken-und Feuersäule ziehen lasse. – Gott! sagte Mine und rang ihre Hände, aus denen ein kalter Angstschweiß drang – Gott, du weißt! – Leite mich! führe mich! verlaß mich nicht! – Ich gehe deinen Weg, den Weg der Tugend! ich hoff' auf dich! – Vater und Mutter haben mich verlassen, aber der Herr nimmt mich an. Hier bin ich, mach' es mit mir, wie's dir wohl gefällt. Laß meine Seele, wenn sie schwach wird, empfinden, was geschrieben steht: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott, ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit! Amen.

Hermann war in Gedanken weggegangen und kam in Gedanken zurück. In Wahrheit, er hatte Ursache zu denken!

Mine war nachgebend gegen ihren Vater, ohne eine Lüge, auch nur mit dem Auge, zu begehen; dieß brachte ihn zu Ruhepunkten – zu Hoffnungen, hundert und fünfzig Thaler Albertus in der Lotterie zu gewinnen.

[206] Benjamin drang auf die Berechnung, weil er nicht Zeit hätte, sich länger aufzuhalten. Es war dieß Donnerstags Abends. – Morgen, sagte Hermann. – Sie berechneten sich Freitags, und diese Berechnung währte keine Stunde. Sein Erbtheil war auf den Fingern abzuzählen: es war nicht viel. Da Benjamin sehr bat, weil er der Gewerkslade Geld zu zahlen hätte, ihm den wenigen Muttertheil baar auszuzahlen, so zeigt' ihm Hermann die Unmöglichkeit. – Ich will, wenn du es durchaus und durchall nöthig hast, an den Herrn v. E. schreiben, mir dieses Anlehen auf Abschlag Denens zu geben. – Mine stieß ihren Bruder an, der es sogleich ausschlug. Mit solchem Gelde, sagten sie, da sie wieder allein waren, würden wir nicht weit kommen. – Benjamin hatte vor, dieses Geld seiner Schwester mitzugeben. Jetzt mußte der letzte Weg eingeschlagen und Minens Kleider und viel von ihren Sachen, welche ohne Aufsehen weggenommen werden konnten, verkauft werden. Benjamin besorgte dieß mit einer unbeschreiblichen Behutsamkeit. Er brachte zehn Thaler Albertus zusammen. Mine bat ihren Bruder herzlich zu bleiben und ihr noch Montags beim Termin zur Sühne beizustehen; allein er konnte nicht – sondern befahl sie dem Schutze Gottes – Dein Mann, sagte er, ist Gottes Liebling, und du bist es auch; ihr seyd beide fromm! Wie kann euch Gott verlassen? Euch, seine Kinder! – Sie weinten, da sie schieden. Zum letztenmal im väterlichen Hause, lieber Benjamin – wo ich die erste Thräne weinte, wo – sie konnte vor Thränen nicht mehr. – Auch Benjamin weinte. – – O Schwester, fing er an, du warst von jeher weit – weit besser als ich! Alexander und du haben mich zum Menschen gemacht. – Du warst nie böse, Benjamin, sagte Mine, jetzt bist du gut! gut! – Und dann wieder: Du warst nie böse! – O Gott! fing Benjamin an, wenn ich denke, wie du dich nicht bloß des Viehes, sondern der Pflanze, der Blumen auf dem Felde erbarmtest; wenn ich denke, wie du dich [207] nicht satt sehen konntest an dem grünen Grase und an den gelben Blümchen; wenn ich denke, wie du mich batest, die Rinnen zu öffnen, wenn sie verstopft waren, damit das arme Wasser, wie du sagtest, nicht aufgehalten würde; wenn ich bedenke, daß ich dir oft dergleichen Bitten abschlug und dir den Rücken kehrte, wenn du mir so was Uebermenschliches, so was Himmlischgütiges batest; wenn ich denke – Laß dieß, fiel ihm Mine ein; du warst nie böse, denke vielmehr, wo wir oft unschuldig saßen und Salat für unsere fromme selige Mutter lasen, und wo wir mit Alexandern herzlich froh waren, mit Alexandern! Denk, wo wir rothe und weiße Johannisbeeren pflückten, und ich euch den Saft mit Zucker zubereitete und wir uns einander sagten, wenn es uns herzlich schmeckte:zweierlei Wein, rother und weißer! Denk an meine Liebe zu Alexandern, und an seine zu mir! Du bleibst hier, Bruder. Laß mich jetzt Uebergabe halten, ich will alles in deine Hände geben.

Komm, da liegt unsere Mutter begraben! Ost habe ich hier gebetet, oft Gott gedankt; denn hier hat er mich manche seelenfrohe Stunde leben lassen! Sie knieten beide aufs Grab und weinten bitterlich.

Ich nehme Abschied von dir, o du mir liebes Grab! – Sie bog ihr Haupt auf selbiges, als ob sie's küßte. O möchte ich wie die Selige ruhen, die du bedeckest, liebe sanfte Erde! O möchte ich – sie konnten beide nicht mehr.

Bruder, ich beschwöre dich bei der heiligen Asche unserer Mutter, die auferstehen wird am jüngsten Tage, daß du dieß Grab ehrest. Pflege es, warte sein. – Gott erhöre dich, wenn du hier betest. – Gehe oft hin, und wenn der Vater Hochzeit hält, vergiß nicht, auf diesem Grabe zu weinen. – Wenn dich Gott aus Curland ruft, es ist möglich – gib dieß Grab in die Hände deines Vertrautesten, beschwöre ihn, wie ich dich beschworen habe, daß er [208] sein pflege und warte. O liebe, liebe Mutter! bald, bald werde ich dich wiedersehen! Ja, Benjamin, bald werde ich sie sehen und sie von dir herzlich grüßen. Du bist ihr gut, unserer Mutter. – Hier wieder eine Thränenscene.

Lebe wohl, liebes Grab, lebe wohl bis an den lieben jüngsten Tag!

Ich übergebe dir diesen heiligen Ort, wo ich mit Alexandern getraut bin, mit deinem Freunde! Gott gab uns zusammen, Menschen wollen uns scheiden; – allein sie sollen es nicht! – sie sollen es nicht! – Was meinst du, Benjamin? Benjamin schluchzte: »Sie sollen nicht!«

Hier ist der Ort, wo er mich zum erstenmal küßte! Sieh, wie die Natur ihn geschmückt hat. – Es sind mir heilige Oerter gewesen. Du weißt, wie mich Alexander liebte. – Ich weiß, sagte Benjamin. – So, so lag ich in seinem Arm, wenn er mich küßte. O seine Küsse! Wahrheit und Leben waren in ihnen! Ich sein, er mein! Wenn ich was Liebliches gegessen oder getrunken hatte, wovon der Nachgeschmack noch auf meinen Lippen war, fand er meinen Kuß nicht halb so. O der liebe, lieb Junge! Ich will dich, so natürlich, wie du bist, sagte er, und ich wollte ihn auch so natürlich, wie er war. Wir liebten beide die Natur, und wahrlich, die Natur liebte uns wieder. Sie hat viel an uns gethan! Der Bach spricht nicht, Benjamin, allein wenn wir zusammen gingen, hörten und verstanden wir ihn aufs genaueste. Die ganze liebe, gütige Natur sprach mit uns, und alles so zuthätig, so freundlich – O Benjamin, alle diese heiligen Orte befehle ich dir!

Hier, Benjamin, falte deine Hände, denn die Stätte ist heilig! Hier sah Alexander mein Gesicht, er sah mich im Mondenglanz, wie er mich nach der Auferstehung sehen wird in alle Ewigkeit. – Dort sah ich ein Gesicht, ich sah Alexandern im Sonnenglanz – ich sah uns beide im Himmel, ihn in Sonne, mich in Mond gekleidet [209] – und meine Mutter zog mir das Sterbehemde ab und kleidete mich ein zur ewigen Seligkeit. – Diese Stätte, Bruder, ist heilig und jene Stätte ist heilig! – Amen. Sie ist heilig, sie ist Gottes Haus, die Pforte des Himmels! Amen.

Die Orte, wo wir in unserer Jugend froh waren, da wir noch keinen v. E. und keine Dene kannten, laß sie dir empfohlen seyn, vergiß sie nicht! Wir haben hier den besten Theil gelebt, glaube mir, den besten Theil! – Komm! – Paulus war der jüngste unter den Aposteln, und doch ein auserwähltes Rüstzeug. – Sieh hier meinen Paulus! dieß ist der letzte Ort, den ich in deine Hände befehle, ich bin zuletzt mit ihm vertraut worden, der – (unser Bekannter) pflanzte diese Laube, seine Charlotte begoß sie. – Hier bejammerte er sie, da ihm seine Augen aufgingen, hieher wallfahrtete er täglich; du weißt seinen Lebenslauf – seinen stummen, seinen bohrenden Gram. – Gott hat seines Leidens ein Ende gemacht. – Diese Laube, Bruder, sey der Ort, wo du deine Schwester beweinen kannst. – O, hier sind schon viele, viele Thränen vergossen worden! – Gott laß es dir wohlgehen, lieber Benjamin, wenn du heirathest. Lehre hier in dieser Laube deinem Weib ihre Schwester kennen und sage ihr, daß sie unglücklich war. Lehre deine Kinder hierweinen. Es ist eine schwere Sache, Gott gefällig zu weinen. – Schreibe dir, Benjamin, alle diese Orte tief ins Herz, und Gott setz mit dir – mit meinem Alexander und mir!

So schieden Benjamin und Mine aus dem väterlichen Hause. – Er reiste Freitags gegen die Nacht.

Wörtlich von Minen:

»Sonnabends – den – –«

»Wie gerührt, lieber Mann meiner Seele, wie gerührt ich gestern war, weißt du besser, als ich es dir heute sagen könnte. O Gott, wie sehr anders bin ich heute! Felsenhart ist mein Herz, [210] gallenbitter meine Zunge! Weißt du, von wann an? Vom Abschied an, den mein Vater von Benjamin nahm. Nach einer so warm empfundenen Sonne, ein kaltes: Glückliche Reise! an Benjamin, und dann hinterher: Wenn du den Augenblick Geld zur Gewerkslade nöthig hast, will ich dem Herrn v. E. drüber schreiben. – Da fuhr all das unausstehliche Wesen, das Unwesen, was ich noch diesen Augenblick an mir habe, fuhr in mich.«

Liebe Mine, kalt und warm bekommt dem Herzen so wenig, als dem Magen. In den Worten: Glückliche Reise! sahst du deinen Vater ganz. Alle Briefe des v. E., alle Briefe deines Vaters – und nicht bloß die ersten wenigen Reihen, die du gelesen hast – bis auf die letzten, letzten Hefen, dachtest du diese Briefe, alle Briefe, den ganzen höllischen Plan, alles, alles dachtest du dir, und dir ekelte vor dieser losen Speise.

Mine befand sich den ganzen Sonnabend in einer schrecklichen Lage. Ihr Vater hätte ihr das sturmlaufende Herz ansehen müssen, wenn er ein Auge für seine Tochter gehabt hätte. Sie war mehr als unruhig; ein Aufruhr in jeder Aber, das Blut schien alle Aderdämme brechen zu wollen. Doch sie selbst:

»Gott sey gelobt und gebenedeit! ich habe überwunden! ich bin wieder ruhig und wieder gut! – O lieber Mann, man hat mir erzählt, daß, ehe die letzte Todesangst eintritt, jeder Sterbende entsetzlich unruhig sey; da er nichts weiter kann, soll er das Deckbett reißen – unsere Mutter riß es nicht. – So, lieber Mann, war ich gestern; ich riß das Deckbett und warf mich gräßlich, bald zur Rechten, bald zur Linken. – Allein nach dieser Unruhe folgt bei Sterbenden was – der Name des Herrn sey gelobt! Bei mir folgte – sanfte, sanfte Ergebung. – Ich ging noch mit einem aufgewiegelten Herzen, mit siedendem Blut. – Alle Adern schienen mir den Dienst aufzusagen und wollten springen – so ging ich in die Kirche – zum letztenmal, dachte ich! Gewiß ein rührender [211] Gedanke; mir war er's nicht. – Ich fing an zu beten, ich drückte die Augen dicht zum Gebet zu; allein konnte ich? – Die Augen rissen sich los; sie hielten nicht zusammen, und ich mußte das Kirchengestühl ansehen, wo der Verführer mich zur allgemeinen Störung buhlerisch angesehen! – Ich mußte, ich mochte wollen oder nicht, ich sah diesen Ort, und wenn Teufel drin gewesen wären, er hätte mir nicht fürchterlicher seyn können! Ich denke. Mein Liebster, ein Unschuldiger, den falsche Zeugen vom Leben zum Tode gebracht, sieht so den Richtplatz, wie ich diesen Ort – ich sah deiner Mutter Stuhl. Verzeihe, lieber Mann, zwar sah ich keinen Teufel drin; allein ich dachte doch Arges in meinem Herzen. Das eine fromme Frau! das eine heilige Sängerin! dachte ich – da kam deine Mutter. – Sie grüßte mich, allein so verstohlen, als ob sie diesen Gruß vor der Gemeinde bergen und ja nicht merken lassen wollte. Das konnte wohl freilich meine Hitze nicht niederschlagen! Gottlob, der Bösewicht blieb diesen Sonntag aus. Es verzeih mir der allbarmherzigste Gott mein steinernes Herz, das ich in sein Haus mitnahm, das sich noch mehr versteinerte, verfelsete!«

Schon beim Liede vor der Predigt:


Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt etc.


fing dieß Herz an fleischern zu werden; und die Predigt! o Gott, welch eine Arznei für mein Herz! Es war recht, als ob dein Vater von meinem Entschluß wußte, als wenn er mich, mich predigte. – Bis dahin war jede Nerve gespannt; kein Schlaf hatte die letzten zwei Nächte mein Auge gebrochen, kein Gebet brach es – es war starr. – Mein Blut schlug Wellen. O lieber Junge, diese Predigt bedrohte den Wind und das Meer, und es ward ganz stille – ich sah dich, da ich deinen Vater, den Boten Gottes, sah. Er kam herein, der Gesegnete des Herrn, er stand nicht draußen; der Name des Herrn sey gelobt! O Mein Einziger! ich wünschte [212] nicht, noch solch einen Abend, solch eine Nacht, solch einen Tag und solch eine Nacht, und noch solch einen Morgen zu leben, als vom Freitag Abend bis zur Predigt. – Eine Hitze, und keinen Tropfen Wasser in dieser Hitze, wo mir die Zunge an dem Gaumen klebte. Warum bat ich nicht Gott in dieser Dürre um Thau und Erquickung? Warum suchte ich nicht durch seine heilige Religion mich abzukühlen und in die selige Fassung zu setzen, in der ich jetzt bin, wo es, wie im Frühling, weder zu kalt noch zu warm ist? Gott ist nahe allen, die ihn anrufen, warum nannte ich ihn nicht, im Geist und in der Wahrheit. Vater, da der leibliche es ganz und gar aufgehört hatte zu seyn? Warum betete ich nicht um Thränen? Warum sang ich nicht mit Inbrunst:


Gott, gib einen milden Regen;

Denn mein Herz ist dürr, wie Sand!

Vater, gib vom Himmel Segen.

Tränke du dein durstig Land!


Warum? Ei, können! Ich mache mir jetzt Vorwürfe; allein es ist, als hörte ich eine Stimme zu meiner Lossprechung. Das Gebet ist auch eine Gabe Gottes, und Thränen sind ein unaussprechliches Geschenk! Habe denn Dank, Allgütiger, daß ich jetzt beten, daß ich jetzt weinen kann! Habe Dank für diese Gabe, für dieß Geschenk! Es ist das Schrecklichste, mein Lieber, das habe ich erfahren, wenn ein Vater zum Sohn:glückliche Reise! sagt, und wenn er seine Tochter verhandelt! Habe Mitleiden mit deiner Mine, wenn du dieß liesest, und Gott wird es mit dir haben, und dich nie solch eine Herzensdürre erleben lassen!

Gleich die erste Strophe:


Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt!

Er mach's mit mir, wie's ihm gefällt!

wie empfing sie mein Herz! Sie zogen sich ein, diese Trostworte, wie Thau auf einer welken Pflanze.
[213] Bei der dritten Strophe regnete es schon:

Es ist allhier ein Jammerthal,

Angst, Noth und Trübsal überall;

Des Bleibens ist eine kleine Zeit,

Voll Mühseligkeit!


Was ist der Mensch! Ein Erdenkloß,

Vom Mutterleibe nackt und bloß;

Bringt nichts mit sich auf diese Welt,

Kein Gut noch Geld,

Nimmt nichts mit sich, wenn er hinfällt.


Ich hab' hier wenig guter Tag',

Mein täglich Brod ist Müh' und Klag';

Wenn mein Gott will, so will ich mit

Hinfahren in Fried'!


O lieber Junge singe, wenn du dieses liesest! – Gott weiß, wenn du es lesen wirst – singe dieses schöne Regenlied!

Deines Vaters Predigt war Vollendung für mich, wie auf mich gemacht, Wort für Wort auf mich. O lieber Junge, wie glücklich ist man, wenn man todt ist – wie namenlos glücklich!

Er kam ohne Gebet mit den Worten auf die Kanzel:

»Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft, und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.«

Ich zeichnete mir diese Stelle, sie steht im ersten Buch Mosis, im zwölften Kapitel, im ersten Vers; ich zeichnete sie aber heimlich. Ein öffentliches Zeichen, dachte ich, würde mich verrathen – ich konnte in einigen Minuten nicht aufblicken. – Wahrlich, Gott redete mit mir durch deinen Vater! Wie er die Worte anfing:Gehe aus deinem Vaterlande, von deiner Freundschaft [214] und aus deines Vaters Hause, war's mir, als ob es die ganze Gemeinde nun wüßte, daß ich weggehen würde. Der erste Aufblick, den ich wagte, war nach dem Stuhle meines Vaters. Er war leer; kurz vor dem Geläute war ihm was vorgefallen. – Dieß stärkte mich; ich sah mich rund um. – O lieber Junge, laß mich noch mehr von der Predigt deines Vaters predigen, die mich so erquickt hat. Gott lindere dafür seine Todesangst, und so wie er mich gestärkt und getröstet hat, so stärke und tröste ihn der Herr, wenn er heimfährt aus diesem Elend; und so wie er die Bande lösete, die mein Herz und meine Augen hielten, so löse auch der Herr seine Bande und mache ihm alles leicht, wenn seine Stunde kommt! Die Glimme Gottes an Abraham war mir ein sicheres Geleit, ein Paß auf meiner Reise, ich war gefaßt, getrost – und so heiter, als wäre ich schon angelangt, und wo? Ich ging in meinen Gedanken nirgend anders, als in die selige Ewigkeit, aus meines Vaters Hause – aus meinem Vaterland und aus meiner Freundschaft! – Gern hätte ich communicirt, wenn es so angegangen wäre – ich war recht dazu vorbereitet, recht –

Der Text zur Predigt war Ebräer im dreizehnten Kapitel der vierzehnte Vers: Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir!

Alles auf mich! – Du kannst dir deinen Vater vorstellen, der auch nicht in Curland zu Hause ist. Er redete mitten durch's Herz. So hat er noch nie gepredigt. Es war Seelenspeise auf den Weg. – Er predigte, als wenn er auch schon den Abend von hinnen ziehen sollte.

Dein Vater führte in seiner Predigt die Geschichte vom Sohne der Wittwe zu Nain an, er erhob seine Stimme, und diese nahm sich so heraus, daß jedes aufmerkte. Als er aber nah' an das Stadtthor kam, siehe, da trug man einen [215] Todten heraus, der ein einziger Sohn war seiner Mutter. – Lukas im siebenten Kapitel, im eilften Vers.

So wenig diese Worte eine Deutung auf mich zu haben schienen, so fielen doch auch diese Worte schwer auf mich, und es war mir als sagte jemand: »Das bist du – du bist die Person des Todes!«

Wie kommt das, mein Lieber, wenn es einem so ist, als hörte man eine Stimme: Das bist du!

Nach der Predigt ward gesungen aus: Befiehl du deine Wege, die letzten Verse.

Der Anfang war:


Auf, auf, gib deinen Schmerzen

Und Sorgen gute Nacht!

Laß fahren, was im Herzen

Dir bangen Kummer macht!


Der letzte Vers ist schon längst mein Liebling gewesen, und nach dieser Leichenpredigt auf mich war er's noch weit mehr.


Mach' End', o Herr, mach' Ende

Mit aller meiner Noth –

Stärk' meine Füß' und Hände,

Und laß, bis in den Tod,

Mich allzeit deiner Pflege

Und Treu' befohlen seyn;

So gehen meine Wege

Gewiß zum Himmel ein!


O Lieber, das Amen, welches dein Vater sagte, war ein Amen für alle, allein für mich besonders – für mich! Es war ein Wink für mich, in diesem Gotteshause Abschied zu nehmen, wo wir unser Glaubensbekenntniß vor dem Altar ablegten, und [216] auch oft zu Gott in der Höhe schwuren: Wir werden uns lieben, bis vor deinen Thron! – O Gott, dieser Abschied war mir rührend, und wie rührend aus Nro. 5 zu gehen, wo ich so oft gesessen, wo ich so oft einen überzeugten Mann Gottes Wort reden gehört, wo ich so oft inbrünstig gesungen und gebetet und erhöret worden, wo ich dich predigen gehört, mein Lieber! – Gott sey für alles gelobet und gebenedeiet, Halleluia! er sey mit seinem Hause! Amen. Ich betete für dich und für mich – und riß mich endlich von Nro. 5 los. Sanft faßte ich diese Bank noch an, recht, als wenn ich ihr die Hand drückte, und nun raffte ich mich auf, um nach Hause zu gehen, da mir deine Mutter in's Auge kam. Was weiß ich, ob sie's mir ansehen können, daß ich geweint hatte, oder ob etwas anderes die Ursache war: sie grüßte mich liebreich. Zum letztenmal, dachte ich, und eine Thräne stürzte aus meinen Augen! – Deines Vaters Hand, oder die deinige, war auch das Letzte, was ich ansah, und hiermit fielen mir die Worte ein: Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Da ich zu Hause war und die Predigt deines Vaters, und den liebreichen letzten Gruß deiner Mutter mir wiederholte, überfiel mich der Gedanke, deinen Eltern lieber alles zu entdecken. Wer steht dir, dachte ich, für den Erfolg? Für deinen Vater war mir zwar seine Predigt Bürge geworden, seine Hand war mir Bürge, du warst mir Bürge; indessen schlug der Eifer deiner Mutter für den Stamm Levi diesen Gedanken nieder. Die feste Verabredung mit Benjamin, die Gewalt, die sich ein curischer Cavalier beilegt – und endlich das Wäldchen, waren Beiträge zur Entkräftung meines Muthes. – »Ich kämpfte lange, endlich siegte der Zweifel.« – –

Mine packte noch das Uebrige zusammen, berichtigte jeden Dreier, wo sie etwa für Milch oder für Früchte etwas schuldig [217] war, schenkte ihren Pathen im Dorfe viele Sächelchen, die ihr auf der Reise nichts helfen konnten.

Nichts, schreibt sie, Montags frühe, nichts ist, mein Einziger, von den gesegneten Sachen zurückgeblieben! Alles, alles, was ich von dir habe, alles, was dein Mund, deine Hand eingeweiht hat, geht mit mir Regine bat mich, da sie sah, daß ich im Austheilen begriffen war, um das Band, das dir so sehr gefallen hatte; du hattest es oft in deiner Hand. – Nein, Regine, das nicht. – Ich gab ihr ein anderes Band, und da ich kein schlechtes hatte, eins, das zehnmal höher im Weltwerth war.

Du packst ja, Mine, sagte Hermann, indem er sich Sonntags an den Tisch, der mit Schöpfenfleisch und weißem Kohl besetzt war, hinsetzte. – Mine muß es sehr merklich gemacht haben.

Ich räume auf, antwortete sie.

Schön, mein Kind; es ahnt dir vielleicht ein Besuch.

Ein Besuch?

Es könnte sich zutragen, daß Herr v. E. käme. Wenn es sich zutrüge, liebe Mine, wenn – Folge deinem Vater und sey gefällig.

Sie hatte kein Wort im Vermögen; allein sie war so ruhig, daß Hermann diese Ruhe fühlte und sie zu seinem Vortheil entgegennahm. Er klopfte ihr auf die Wange und sagte: Du bist doch ein hübsches, gutes Mädchen, und wirst eine Pastorin werden zum Küssen. Auch darüber entrüstete sich Mine nicht. – Sie blieb ruhig. Hermann zählte schon die hundert fünfzig Judasthaler in Gedanken.

Montag Nachmittag kam Herr v. E., alles, wie es geschrieben stand. Die Sühne ward eröffnet. Hermann entfernte sich, nachdem er, wie er glaubte, die Sache in Gang gebracht. Sobald die Hauptparteien allein waren, fing Herr v. E. ohne Glas [218] seine Rebe mit vielem Bitten um Verzeihung an, und machte sich als Bräutigam mit Fräulein S. bekannt. Mine gab darauf nichts als das Alltägliche. Es hatte wieder das Ansehen, daß Herr v. E. ein Geschenk in der Nähe hätte. Er wollte wagen es zum Vorschein zu bringen; allein es schien, als dürfte er's nicht. Nun nahm er einen andern Weg und bemerkte, daß er mich kenne. Zwar hätte er nur einen Abend in meiner Gesellschaft zugebracht; indessen wäre ein Abend hinreichend, wenn man Leute, wie mich, träfe. – Mine hatte sich so sehr in ihrer Gewalt, daß sie Fragen nach mir that, die Herr v. E. zu meinem Vortheil beantwortete. Mine ward dadurch aufgeräumt, und Herr v. E. ergriff diesen Zeitpunkt, im Namen seiner Mutter seine Anwerbung zu thun. So, setzte er hinzu, hätte diese Sache gleich gefaßt werden können und gefaßt werden sollen. Verzeihen Sie diesen, verzeihen Sie alle und jede Fehler – ich bin jung; allein merken Sie es nicht selbst, fügte er hinzu, bin ich nicht älter geworden, seitdem ich mich verlobt habe? Meine Mutter darf also hoffen?

Mine sagte ihm mit einem Anstande, der nicht seines Gleichen hatte, daß sie nie gewohnt gewesen, Hoffnungen zu geben, die sie zu erfüllen außer Stande wäre; sie müßte es abschlagen. – Und warum? fiel Herr v. E. hitzig ein.

Sie und mich zu schonen – und, wollen Sie noch mehr, Ihre künftige Gemahlin.

Er widerlegte sie Schritt vor Schritt mit vielem künstlichen Zubehör. Da Mine aber fest in ihrer Gottseligkeit blieb, und das segne Gott und stirb des Herrn v. E. mit englischer Geduld trug, lief Herr v. E. über und stand da, ganz wie er war. Mine erschrak, da sie die plötzliche Verwandlung der Schlange in einen Tiger sah; indessen kam sie nicht aus der Fassung.

Es scheint, Sie haben Ihrem Adonis zugeschworen, keine Mannsperson anzusehen, fing Herr v. E. nach einigen Erholungsblicken [219] spitzig und hohnlächelnd an Seine Zähne blieben unbedeckt.

Eben würde ich das Gegentheil bewiesen haben, wenn ich einen Adonis hätte, erwiederte Mine.

Du sollst nicht andere Götter haben neben mir, ist zwar, fuhr Herr v. E. fort, das erste Gebot im Katechismus; allein die Liebe hat keinen Katechismus.

Die meinige hat einen.

Herr v. E. war in Anordnung gekommen und hatte tief vergessen, was in seiner Rolle stand; er extemporirte, ward zudringlich grob, und Mine gab ihm auf eine Art seinen Abschied, daß er mitten im Wort blieb. – Ihre Hände riß er an seine Lippen, eine nach der andern, und brannt' ihnen Küsse auf. Mine fühlte in jedem Handkuß das Siegel, das er auf seinen teuflischen Plan drückte, und ein Schreckschauer ergriff sie über den andern. – Seine Handküsse brannten wie höllisch Feuer. Auf einmal faßte sich Mine zusammen und entriß ihm beide Hände. – Er zum Hermann, mit dem er heftig sprach. – Im Plane folgte, daß Hermann mitfahren sollte; allein dieß unterblieb – und Herr v. E. fuhr allein.

Hermann schien nicht zu wissen, wie er gegen Minen seyn sollte. – Er wollt' und konnte nicht. – Mine sank in eine entsetzliche Angst, denn es fiel ihr ein, daß v. E. vielleicht seinen Plan abgeändert, und der Ueberfall noch diesen Abend erfolgen könnte. – Zwar sagte ihr Hermann, daß er morgen nach – reisen würde. Er hätte mich heute schon mitgenommen, indessen sind zu viel Gäste. – Minchens Befürchtungen wurden hiedurch nicht im mindesten widerlegt. Die Art, wie Hermann sich gegen Minen betrug, bestätigte vielmehr ihre Furcht. – Masken über Masken! dachte sie und rang die Hände, betete und war in einem unaussprechlichen Zustande. Wende dich, Herr, zu mir nach deiner [220] großen Barmherzigkeit, und verbirg dein Angesicht nicht vor mir, denn mir ist angst; erhöre mich! Ich vergeh' in meinem Elende! – Wahrlich, sie verging.

Was konnte sie anfangen? Wahr oder nicht wahr, ein Entschluß mußte gefaßt werden. – Sie schloß kein Auge, blieb in Kleidern, und nach einem Gebet um Rettung, um Hülfe, frug sie bei dem Herrn ihres Lebens, bei Gott, um die Erlaubniß an (ich schaudere, da ich es schreibe), sich das Leben zu nehmen. – Sie las Todtenlieder, singen konnte sie nicht, und fand in dem Liede: Ich bin ja, Herr, in deiner Macht, Ruhe.


Ich bin ja, Herr, in deiner Macht,

(betete sie dreimal nach einander.)

Denn du hast mich an's Licht gebracht;

Du unterhältst mir Leib und Leben,

Du kennest meiner Monden Zahl

Und weißt, wann diesem Jammerthal

Ich wieder, gute Nacht soll geben

Wo, wie und wann ich sterben soll,

Das weißt du, Lebensvater, wohl!


Und nun war sie entschlossen.

O Gott, wohin kann die Tugend kommen! Mine war entschlossen, sich das Leben zu nehmen, wenn man Gewalt brauchen sollte. Freilich würd' ein Casuist feiner distinguirt und die Gränze richtiger abgemessen haben, wann und zu welcher Zeit – allein Gott, der Herr, läßt nicht durch Casuisten Recht sprechen und – sein Richter ist das Gewissen, sein Urtheil nicht: in Sachen – – entgegen erken nen und sprechen wir, sondern: kommt und geht! Ich will in Gottes Hände fallen; er ist gerecht, er ist barmherzig! Sie warf sich zur Erde und betete an, den, der gemacht hat Himmel und Erde; sie bat um Hoffnung der Seligkeit, wenn sie eine Selbstmörderin würde, um Verzeihung, wenn sie in [221] der Art fehle. Sie betete: So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer kann, wer wird bestehen? Bei dir ist die Vergebung! – Und nach einer Weile: Erforsche mich, Herr, und prüfe, wie ich's meine, wie ich's meine! Sieh, ob ich auf falschem Wege bin, und leite mich, führe mich zurecht auf den Weg zum Leben! Laß, wenn ich irre, Gnade für Recht ergehen, Gnade! Gnade! Wenn diese Hand Mörder an diesem Herzen wird und es durchbohrt – o Gott, Gnade! Gnade! – Allbarmherziger, nimm mich an zu Gnaden und laß mich selig sterben.

Denkt, empfindsame Leser, wie Minen zu Muthe gewesen! Sie suchte ein Messer, und mußte lange suchen. – Find ich es nicht, dachte sie, kann es Gottes Wille nicht seyn. Sie fand! sie fand! – schärfte das Messer, hielt es gen Himmel, flehte noch einmal zu Gott, versuchte wieder zu fingen, konnte nicht, legte das Messer, das zugeschlagen war, vor sich zur Erde und warf sich auf's Bett. Die Unruhe ihres Herzens war groß. Sie sprang schnell auf, nahm ihre Bibel, riß das Messer auf, und legte es auf die Spruchstelle im ersten Buch der Chronik, im zweiundzwanzigsten Kapitel, im dreizehnten Vers:

»Mir ist fast angst, doch ich will in die Hand des Herrn fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr groß, und will nicht in Menschenhände fallen.«

Nach einem namenlosen Seelenschmerz, nach einer wahren Todesnoth, legte sich Mine wieder auf ihr Bett in Kleidern, wie sie war.


Soll diese Nacht die letzte seyn

betete sie

In diesem Jammerthal,

So führ' mich, Herr, im Himmel ein

Zur auserwählten Zahl!

[222]

Und also leb' und sterb' ich dir,

Du starker Zebaoth,

Im Tod und Leben hilfst du mir

Aus aller Angst und Noth!


Sie legt' es nicht an zu schlafen, denn daran war nicht zu denken – sie wollte nur ruhen – auch das konnte sie nicht. Alle Augenblicke sprang sie auf, dieß Isaaksopfer! je näher aber zum Morgen, desto ruhiger. Sie fing an einzusehen, daß sie sich vergebens gefürchtet hatte. – Sie war indessen so sehr an Furcht und Zittern gewöhnt, daß auch der helle, lichte Morgen sie nicht völlig beruhigen konnte.

Da kamen Pferde und Wagen nach ihrem Vater, und diese brachten ihr die verlorene Ruhe mit. Mine dankte Gott, der Großes an ihr gethan, der bisher geholfen und alles, alles wohl gemacht hatte. – Sie konnte weder die aufgeschlagene Bibel, noch das aufgeschlagene Messer ansehen. – Mit Entsetzen wandte sie ihr Gesicht weg und machte beides zu. Es kam ihr vor, als sähe sie Menschenblut auf dem Messer. Der Ort, wo sie dieß Messer gewetzt, machte sie schwindlig, da er ihr in's Auge fiel. – Das Messer warf sie unter Dank und Gebet fort. Gott, sagte sie, laß es nie Einen finden, der es brauchen will, als ich wollte. Sie glaubte hiedurch diesen schrecklichen Vorsatz aus ihren Gedanken geworfen zu haben; allein hierin fand sie sich getäuscht. – Durch Stilleseyn und Hoffen, heißt es, werdet ihr stark seyn! Wer kann aber, o Gott, wer kann immer stille seyn und hoffen?

Während der Zeit war Hermann reisefertig.

Hermann. Leb wohl, Mine.

Mine. Leben Sie wohl, mein Vater – leben Sie wohl, mein Vater, leben Sie wohl!

Hermann. Was fehlt dir? du weinst ja?

[223] Mine. Ach Gott!

Hermann. Mine, überdenk alles, überleg! du bist klug! Du jammerst mich! Mine überleg! – Leb wohl!

Mine. Leben Sie wohl!

Mörder, wo willst du hin? Fürchtest du dich denn nicht, daß die Erde ihren Mund öffne und dich verschlinge, und die Wolken sich trennen und Feuer und Schwefel auf dich regnen lassen? – Du kennst Minen, wie Judas seinen Meister. Der Abend, da du mir die Geschichte vom Judenknaben und von den Hühnereiern erzähltest, wird wider dich zeugen, Frevler! Kuppler! Bösewicht!

Mine nahm von ihrer Zelle Abschied, und konnte nicht umhin, noch einmal nach ihrer Mutter Grab zu blicken. Hierbei ließ sie es bewenden. Sie befahl Reginen das Haus und sagte ihr, sie dürfe nicht warten, sondern könne nur immerhin zeitig zu Bette gehen, womit Reginen sehr gedient war. Ich, fuhr Mine fort, werde diese Nacht nicht zu Hause kommen; und nun ging Mine mit dem Gesang:


So gehen meine Wege

Gewiß zum Himmel ein!


aus ihrem Vaterlande, und aus ihrer Freundschaft, und aus ihres Vaters Hause, in ein Land, das ihr der Herr, wie sie glaubte, zeigen würde. – Ihre Füße und Hände zitterten; indessen fand sie sich durch die Gedanken gestärkt, daß sie den Anschlägen der Bosheit entginge. Sie fand an dem bestimmten Orte ein Wägelchen und zwei Pferde. Ohne zu fragen, wie und wohin? setzte sie sich auf. Alles verstand sich einander. Der Fuhrmann hatte selbst nicht nöthig, die Pferde zu ihrer Schuldigkeit aufzuschreien. Es ging alles seinen Gang. Bis hierher hat der Herr geholfen, sagte sie, und fing an freier zu athmen. Sie hätte schlafen können, so ruhig war sie; allein die Dankempfindungen gegen Gott verwiesen [224] den Schlaf aus ihren Augen. Arme Mine! du weißt nicht, was auf dich wartet – arme Mine! Sie kam in den Flecken, wo Benjamin war. Vortrefflich! dachte sie, und noch ein Vortrefflich dachte sie hinzu, da der Wagen nicht bei der Thüre des Meisters ihres Bruders hielt. – Alles plangemäß – nur ihr Bruder Benjamin fehlte. Zwar fand sie eine willige Frau, die sie herzlich bewillkommte; allein ihren Bruder Benjamin fand sie nicht. Anfangs fing sie an zu zweifeln, ob sie Benjamin nach der Verabredung vorfinden sollte oder nicht? Ihr Kopf, das heißt ihr Gedächtniß, hatte sehr gelitten; sie fragte sich, ob Ja oder Nein? und da sie noch mit Ja und Nein kämpfte, fing die gute Frau an: Sie werden sich doch nicht erschrecken? – Die gewisseste Art, uns einen Schreck beizubringen. – Sie werden doch nicht? – Gott! rief Mine und glaubte, sie sey verrathen und verkauft.

Nach vielen unerträglichen: Sie werden doch nicht, erfuhr die Unglückliche erst, daß ihr Bruder in den letzten Zügen wäre. Noch ehe Benjamin sich legte, hatte er in diesem Hause von seiner Schwester geredet, allein bloß vorläufig. Ist es möglich! fing Mine an. Es ist erschrecklich zu lesen, was Mine hierbei ausgestanden. – – Sie zitterte zu ihm hin, ohne an die Gefahr zu denken, der sie sich bloß gab, und da sie an sein Bette trat und seine Hand nahm – schlug er mit Heftigkeit auf sie zu. – Was Gewalt? Dene – wie, Gewalt? Bluthund! ich werde dir Gewalt lehren! Gegen Minen Gewalt, du Aftermutter? Er sprang aus dem Bett, und da er sich weder im Guten noch im Bösen beruhigen ließ, so mußt' er gebunden werden und – Mine davon Augenzeuge seyn!

»Der Meister, der mich ohne Bedenken bei meinem Namen nannte, und sich einbildete, daß ich, bloß weil ich von Benjamins Krankheit gehört hätte, da wäre, erzählte mir, daß Benjamin gleich Freitags, als er zurückgekommen, über Kopfweh geklagt. – In [225] der Nacht hätt' er eine grausame Hitze bekommen, und diese hätte Sonntag Abend seinen Verstand völlig zerrüttet. – In seiner Phantasie hätt' er: Rett' sie! rett' sie, die arme Schwester! gerufen. Seht ihr nicht Räuber? Diebe? Rett' sie! rett' sie! und dann alle Augenblicke: Spannt an! spannt an! sie kommt! spannt an! – Und dann wieder hätt' er die Hausfrau bei der Hand genommen: – Ach liebe, liebe Frau, was ich auf meinem Gewissen habe. – Sind wir auch allein? Ihnen will ich's wohl entdecken! – Ich kann keine Vergebung der Sünden haben – ich bin ein Höllenbrand! Und wissen Sie, warum? Ich hab' meinen Vater nicht todt geschlagen, und das hätt' ich sollen! – Es sind lauter Flicken, liebe Jungfer, sagte der Meister, es kann kein Mensch ein Kleid daraus machen. Sie sehen doch, wie er, leider! ist. Er kennt seine eheleibliche Jungfer Schwester nicht.«

Mine, die wohl einsah, wie alles dieses zusammenhing, und die noch überdem sehr leicht herausbringen konnte, daß ihr unglückliches Schicksal ihren Bruder so sehr angegriffen, daß er in die entsetzliche Krankheit, die einen Menschen auf eine Zeit lang aus dem Buche der Menschen streicht, gefallen – machte sich bittere Vorwürfe. Ich bin schuld an seinem Tode! schrie sie mal auf mal. Ich legt' ihm mehr auf, als er tragen konnte! Mine war so von Mitleiden und Kummer durchdrungen, daß sie nichts mehr als ein: Erbarm dich, Gott! über das andere ausrufen konnte. – Sie fiel sich indessen selbst zur rechten Zeit ein. Stirbt er, sagte sie zu den bewegten Leuten, die ihren Lehrling mit Thränen in den Augen gebunden hatten, stirbt er, werd' ich ihn finden, wo man nicht: rett' sie! rett' sie, mehr rufen darf – in den Wohnungen der Gerechten! – Bald, bald werd' ich ihm folgen! – Hilft ihm wie ich hoff und bete, so bitt' ich ihm zu sagen, daß ein Frauenzimmer bei ihm gewesen, die ihre Hände zu Gott aufgehoben, da man die seinigen gebunden hätte, die Kyrie Eleison gerufen. [226] – – Sie konnte nicht ausreden – so bewegt war sie. – Sie ging und kam wieder, saßte ihn an und sagte: Benjamin! – Er sah sie mit starrem Blick an, wollte sich losreißen – konnte nicht, und sie ging, betrübt bis in den Tod!

Benjamin hatte die Reise nach Mitau nicht bestellt. Mine dacht' aus dem: Spannt an! spannt an! sie kommt! Ja, »allein sie fand Nein,« und sah sich genöthigt alles selbst zu berichtigen. – Wer beten kann, pflegte mein Vater selbst auf der Kanzel zu sagen, kann auch mit Vornehmen und Geringen umgehen – und dieß fiel ihr ein, wie sie schreibt. – Sie fand die Bestätigung zu derselben Stunde, traf Anordnungen, schloß Contract und reiste nach Mitau. – Kurz vor der Stadt hatte Mine einen neuen Schreck, gegen den alles, was sie am Krankenbett ihres Bruders erlitten, nach ihrem Ausdruck wie gar nichts war. Sie war abgestiegen, weil der üble Weg diese Wagenerleichterung nothwendig gemacht. Sie suchte sich grüne, schöne Stellen aus, wo sie ging und wo sie mit den Vögeln des Himmels den Schöpfer lobte, in dessen heilige Hände sie sich befahl. »Wenn auch hier und da schwere Stellen auf dem Wege des Lebens sind, es gibt doch, dacht' ich, links ober rechts grüne, blumenreiche Stellen, aus denen uns die schöne Natur willkommen heißt. Gott, segne meinen Mann, hilf meinem Bruder! – So dacht' ich, oder so betete, so dankt' ich Gott,« schreibt Mine, und schnell sprengte ein Reiter auf sie zu, der sie steif ansah, und wen sollte man wohl weniger vermuthen, als den Herrn v. E.? Er war es selbst! er selbst! – Kein Erdbeben kann so erschüttern, als dieser Anblick Minen. – »Ich verlor,« schreibt sie, »gleich auf der Stelle alle Kraft, Stärke und Macht. Gott, wie unergründlich sind deine Gerichte, wie unerforschlich deine Wege! Das Messer, das ich, auf den Fall mich Räuber, Bösewichter überfallen sollten, für meinen Busen geschärft hatte, war der Dankbarkeit gegen Gott, der Liebe [227] zum Leben und dem Zutrauen, daß der, welcher bisher geholfen, auch weiter helfen würde – geopfert. Da war ich also ohne Rettung in des Mörders Händen!«

Er war es! er, v. E. selbst!

»Schon wollt' ich niederknien und von dem Bösewicht den Tod als die einzige Gnade erbetteln; Mörder dieser Art sind aber so menschlich nicht, umzubringen. Sie morden Seelen, Gewissen! Mir fielen die Worte unseres Herrn und Meisters ein: Hebe dich weg, Satan! – Schon wollt' ich knien und Abgötterei begehen, als ein Wagen kam.«

In diesem Wagen saß seine Verlobte und Frauenzimmer ihrer Verwandtschaft. Herr v. E. halte also keine Zeit, Minen näher kennen zu lernen. Allerliebste Augen, sagte er in den Wagen! Ich kenne nur noch ein Paar der Art! Unfehlbar eignete sich die Braut dieses Compliment zu, das aber Minen gehörte. Alles lachte ohne End' und Ziel im Wagen über dieses Abenteuer, und Herr v. E. mußte Schande halber sich beim Wagen, der sich zur Linken wandte, halten; indessen sandt' er unvermerkt einen seiner Getreuen Minen nach, sie zu examiniren: wohin? und woher? Mine, welche zwar in diesem Vorfall, daß Herr v. E. mit Blindheit geschlagen war und sie verließ, aufs neue gesehen hatte, daß sie auf Gottes Wegen wäre, konnte sich doch von diesem Umstande nicht erholen. – Es kam alles Schlag auf Schlag. – Da sie den Abgesand