Karl Gutzkow
Die Ritter vom Geiste

[5] Vorwort

Es wird eine lange, weite Wanderung werden, lieber Leser, zu der ich Dich auffodere! Rüste Dich mit Geduld, mit geschäftlosen Sonntagsvormittagen und einem guten aushaltenden Gedächtniß! Vergiß mir nicht morgen, was ich Dir heute erzählt habe! Werde nicht müde, wenn Du unabsehbare Ebenen erblickst, sich der Weg zwischen gefahrvolle, nicht endende Gebirgspässe zwängt oder die Landstraße plötzlich sich wie in die Wolken zu verlieren scheint!

Was Du Alles auf dieser Wanderung wirst zu sehen bekommen, die Landschaft und die Dir begegnenden Menschen, ihr Werth, ihr Charakter, ihre Wahrheit .... da sieh zu, wie Dein Geschmack mit ihnen fertig wird! Ich bitte um Schonung; aber wenn sie mir von Deiner Strenge verweigert wird, muß ich mir's schon gefallen lassen. Nur über die lange Dauer dieser Wanderung, über das weitentrückte, sozusagen atlantische Ziel, über den großen, großen Proviant von Zeit und Geduld, den ich beanspruche, muß ich Dich bitten, mir ein entschuldigendes Vorwort zu erlauben.

[5] Thu' mir nicht von vorn herein das Unrecht an und sage: Ich hätte in meinem über das übliche deutsche Maß hinausgehenden Werke die Franzosen nachahmen wollen! Der »ewige Jude«, die »Geheimnisse von Paris« sind deshalb geschrieben worden, weil in einer Zeit, wo Alles spricht, Menschen, die geneigt sind zuzuhören, eine Eroberung sind. Diese glücklichen Zeitungseroberer von Paris haben ihre Beute nicht wieder wollen fahren lassen und führten deshalb den Stil ein, den sie von den Taschenspielern auf Jahrmärkten borgten, die ihre Productionen von heute immer mit einer Ankündigung auf morgen schließen. Die Feuilleton-Romane, wie man sie drüben überm Rheine nennt, oder die Fortsetzung-folgt-Romane, wie man sie nennen sollte, sind nur für große Kinder geschrieben, zu denen man sagt: Heute war's gewiß schön, morgen wird's aber doch noch viel schöner werden!

Also Das nicht, lieber Leser! Ich wollte wol, unser strenges Publicum ahmte dem französischen an gutem Willen beim Hören und Hinnehmen nach, aber ich selbst bin nur deshalb so lang geworden, weil ich beim besten Willen nicht kurz sein konnte. Sollen wir zurückgezogenen einflußlosen Schriftsteller, die wir doch auch gewohnt sind, den Samen reeller Thatsachen von den Blüten der Erscheinung abzustreifen und in unserer Art auch Etwas für die Geschichte zu thun, die Gründlichkeit nur der Paulskirche und den Protokollen unserer Ständekammern, Interims- und Verwaltungsräthe überlassen? Schlimm genug, daß man so ernst, so nachdrücklich, so systematisch [6] mit unserer Zeit sprechen muß! Anekdoten thun's nicht mehr. Was ist Euch Boccaccio? Eine bunte Federflocke vom classischen Wind bewegt! Es finden sich ihrer allerdings genug, die der Zeit entrinnen wollen und lieber einer vom classischen Wind bewegten bunten Federflocke nachirren, als dem Jahrhundert, das sie hassen; allein mit diesen mag ich nicht reden. Ich will es mit Denen, die ihrer Zeit vertrauen, Hoffnungen auf sie setzen und die da sagen: Eine Nacht, um ein zweckloses Märchen zu hören, die hab' ich nicht, aber tausend und eine Nacht, die hätt' ich und schenke sie Dem, der sie im Scherze lehrend auszufüllen versteht!

Wohlan denn, Du wunderlicher Heiliger, ich halte Dich beim Wort! Ich sage Dir im Vertrauen, daß eine Nacht und ein Mährchen mich selbst, den Erzähler, nicht befriedigen würden. Und erzählt' ich Dir das sinnigste und Arabiens würdigste Mährchen, ich selbst würde in unsern sternenlosen Nächten dessen nicht froh, und wo dem Schöpfer nicht wohl wurde bei einem Werke, da kann's dem Beschauer ewig nur weh sein. Schönheit ist ja Ruhe; Ruhe des Gemüths quillt in den Betrachter vom befriedigten Schöpfer, und der Schöpfer, der hier dies vielleicht übervoll aufgeschossene Werk Dir vorlegt, diesen endlos scheinenden Park mit Seen und Brücken und Wasserfällen, gesteht aufrichtig, daß er jenen einzigen Wassertropfen, der jetzt die ganze Welt abspiegelte, nicht hat finden können. Er weiß wohl, es gibt Dichter, die mit einem Wassertropfen die Welt abspiegeln; und noch mehr solche, die [7] glauben, diesen Wassertropfen zu besitzen. Er ging auch hinaus vor's Thor und nahm von der Flur einen Thautropfen, der glänzte in der Sonne – grün – aber die Welt ist blau. Ein anderer glänzte blau – aber die Welt ist roth. Ein dritter glänzte gelb und grün, und die Welt schillert jetzt in allen Farben. Es ist nichts mehr mit dem Thautropfen, dachte er. Es muß mehr sein und etwas Anderes, wenn auch noch keine Douche und noch kein Regenbad.

Macht ihr Geschichte, dachte er, wir wollen Romane schreiben.

Er dachte an die Geschichtsmacher von heute, die aus dem Staube der Ruinen neue Tempel bauen wollen. Er dachte an die Flicker und Leimer, in deren Hände die Organisationen gerathen sind, und die uns nachgerade die Lust genommen haben, nur nothdürftig auf ihre Bauplätze zu blicken, mögen sie nun in Paris, Rom, Wien, Berlin oder in Gotha und Erfurt liegen. Baut ihr und flickt an den alten Welten, wir wollen neue bauen, wenigstens in der Idee. Jeder große Münster hat anfangs sein kleines Modell. Die alten Erbauer, wenn sie ein Denkmal bekamen, trugen diese kleinen Modelle in der Hand; diese mochten nicht schwerer wiegen als so ein Roman von mehr Bänden als üblich, ein Roman in dem neuen Stil, der in der That architektonisch ist, sehr mislich nachzuahmen, und auf den uns Professor Gervinus zu seinem Ärger doch noch ein literarhistorisches Patent geben soll.

Denn ich glaube wirklich, daß der Roman eine neue Phase erlebt. Er soll in der That mehr werden, als der [8] Roman von früher war. Der Roman von früher, ich spreche nicht verächtlich, sondern bewundernd, stellte das Nacheinander kunstvoll verschlungener Begebenheiten dar. Diese prächtigen Romane mit ihrer classischen Unglaubwürdigkeit! Diese herrlichen, farbenreichen Gebilde des Falschen, Unmöglichen, willkürlich Vorausgesetzten! Oder wer sagte Euch denn, ihr großen Meister des alten Romanes, daß die im Durchschnitt erstaunlich harmlose Menschenexistenz gerade auf einem Punkte soviel Effecte der Unterhaltung sammelt, daß ohne Lüge, ohne willkürliche Voraussetzung, sich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten? Die seltenen Fälle eines drastischen Nacheinanders greift das Drama auf. Sonst aber – lebenslange Strecken liegen zwischen einer That und ihren Folgen! Wieviel drängt sich nicht zwischen einem Schicksal hier und einem Schicksal dort! Und Ihr verbandet es doch? Und was dazwischen lag, Das warft Ihr sorglos bei Seite? Der alte Roman that Das. Er konnte nichts von Dem brauchen, was zwischen sei nen willkürlichen Motiven in der Mitte liegt. Und doch liegt das Leben dazwischen, die ganze Zeit, die ganze Wahrheit, die ganze Wirklichkeit, die Widerspiegelung, die Reflexion aller Lichtstrahlen des Lebens, kurz Das, was einen Roman, wenn er eine Wahrheit aufstellte, fast immer sogleich widerlegte und nur eine Thatsache gelten, siegen ließ, die alte Wahrheit von der – unwahren, erträumten Romanenwelt!

Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinanders. [9] Da liegt die ganze Welt! Da ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch! Da begegnen sich Könige und Bettler! Die Menschen, die zu der erzählten Geschichte gehören, und die, die ihr nur eine widerstrahlte Beleuchtung geben. Der Stumme redet nun auch, der Abwesende spielt nun auch mit. Das, was der Dichter sagen, schildern will, ist oft nur Das, was zwischen zweien seiner Schilderungen als ein Drittes, dem Hörer Fühlbares, in Gott Ruhendes, in der Mitte liegt. Nun fällt die Willkür der Erfindung fort. Kein Abschnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis liegt vor uns; der Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der der Wirklichkeit gegenüber. Er sieht aus der Perspective des in den Lüften schwebenden Adlers herab. Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigenthümlich, leider polemisch. Thron und Hütte, Markt und Wald sind zusammengerückt. Resultat: Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schöpfen, daß auch die moralisch umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch könne göttlich regiert werden.

Ein solcher Versuch, die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen Brennpunkt zu sammeln, ist die Geschichte, die ich Dir, lieber Leser, hier aufgerollt habe. Sie ist in den Thatsachen und dem sozusagen allegorischen Rahmen nicht neu, aber neu in der Verknüpfung. Kurz konnte sie ihrer Natur nach nicht werden, denn um [10] Millionen zu schildern, müssen sich wenigstens hundert Menschen vor Deinen Augen vorüberdrängen. Denke nur immer, daß der Zweck und die Aufgabe so lautet:

Die Missionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit sind es ihren Gemeinden schuldig, ihnen zu zeigen, wie die ganze Fülle des Lebens von ihrem neuen Lichte beschienen sein kann und wie es sich noch mit den alten Lungen athmen lasse, überall, in jedem Winkel Gottes, den der neue Luftzug der Idee, der Pfingstzeit neues Windeswehen bestreicht. Die äußere Welt ist durch Künstlerhand allein nicht zu ändern. Laßt vorläufig unsere Minister und die Soldaten dafür sorgen! Aber die innere Welt, die, welche Jeder in seiner Brust trägt, die kann schon eine umfassende, in allen Höhen und Tiefen des Lebens aus einem Gesichtspunkte betrachtete und eine festbegründete sein. Diese Allseitigkeit war mein Ziel. Ich sage nicht, daß ich ein Panorama unserer Zeit geben wollte. Wer vermöchte Das? Die Aufgabe wäre nicht zu lösen, und anmaßend erklänge es, wollte sich ihrer Jemand anheischig machen. Aber ein gutes Stück von dieser unserer alten und neuen Welt sollte aufgerollt werden, eins, gerade groß genug, um ein Menschenleben zu ermuntern, daß es nicht verzage, sondern getrost in dem einen Geiste der Freiheit und Hoffnung fortwandle und sich die laufenden, tagesüblichen Bedrängnisse der innern Überzeugung nicht zu sehr verdrießen lasse.

Laß Dich denn also von mir, lieber Leser, in diesen Blättern einspinnen, wie der werdende Schmetterling sich in [11] den Cocon spinnt, wo er Blatt und Baum, auf dem er hülflos kroch, preisgibt und sich wie in dem Vortraum seines neuen Lichtlebens begräbt. Die Kunstrichter mögen richten; die voreilige Kritik mag Dir die Lust nehmen wollen, dem Erzähler zu folgen; achte ihrer nicht und bleibe treu dem Dich einhüllenden Gespinnst, bis dem weitern Verlaufe zu die Hülle bricht, und in anschauender Prüfung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und Vesten, der Ritter vom Geiste, aufsteigt, von deren Schicksalen diese Blätter erzählen.

Dresden, am Pfingsttage 1850.

Karl Gutzkow. [12]

Erstes Buch

1. Capitel. Das Kreuz und das Kleeblatt
Erstes Capitel
Das Kreuz und das Kleeblatt

An einem heißen Sommernachmittage saß ein junger Mann, von summenden Käfern umschwärmt, das Haupt auf eine über die Knie ausgebreitete Mappe beugend, vor einer einfachen ländlichen Dorfkirche, um sie zu zeichnen. Die Formen des bescheidenen und doch ehrwürdigen Gebäudes wiesen auf einen ziemlich alten Ursprung hin. Leicht und schlank sprang der spitze Thurm in die blaue Ätherhöhe. Die alten grüngerosteten Glocken hingen in Öffnungen, deren Ränder ein zierlich geschweiftes steinernes Blätterwerk schmückte, willkommener Schlupfwinkel für ein Heer von Spatzen, das den Thurm lärmend umschwirrte. Das Schiff wölbte sich mit hervorspringenden Fensternischen mehr rund als länglich um den Glockenthurm, dessen Portal ein großes, halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte. Dieser einfache Bau, umgrenzt von grünen Haselnußhecken und gehütet gleichsam von zwei alten Lindenbäumen vor der Eingangspforte, schnitt sich an dem duftreinen Horizont so gefällig, so lieblich ab, daß man dem jungen, über seiner Arbeit träumenden Künstler nicht verargen konnte, sich [15] daraus für sein Skizzenbuch allein schon eine Erinnerung zu erhalten. Aber der alterthümliche Reiz dieser Scene wurde noch durch die Trümmer eines Gebäudes erhöht, das einst dicht an der Kirche mit ihr fast verbunden mußte gestanden haben. Noch waren einzelne verwitterte Mauern hier und da übrig geblieben und nun auf löbliche Weise zum Umbau des Friedhofs verwendet. Überall, wo eins der alten Trümmer aufhörte, begann in der Umzäunung des stillen Ruheplatzes immer ein einfacher, freilich etwas zerfallener Bretterzaun, bis diesen wieder ein morsches Stück alter Mauer mit noch halb erhaltenen Fenstern ablöste, deren Trümmer sich in das innere lauschige Gezweig von weißen, würzig duftenden Fliederbäumen, die sie überschatteten, verloren. Kirche und Friedhof lagen auf einer mäßigen, grasbewachsenen, mit weißen Sternblümchen wie bestreuten Anhöhe, die eine Fernsicht auf diejenige große und berühmte deutsche Hauptstadt erlaubte, welche der Schauplatz der nachfolgenden Mittheilungen sein wird.

Der junge Maler war nach einfachem Mittagsmahle auf dies bescheidene Dörfchen – es hieß Tempelheide – von der großen lärmenden Stadt hinausgewandert, hatte sich, rings den Hügel musternd, die günstigste Stelle für seinen Plan auserlesen, und zeichnete die Kirche und den Friedhof aus einem Interesse, das nicht blos ein künstlerisches genannt werden konnte. Er wußte nämlich, daß diese Trümmer Reste eines alten Tempelhofs waren. Das große Kreuz über der Kirche, in eigenthümlicher Form, bewies, [16] daß einst die Tempelritter, die hier gewohnt hatten, auch die Gründer und Erbauer dieser Kirche waren. In seinen Jugenderinnerungen selbst an ein altes Templerhaus, die Zierde seiner im Harz gelegenen Vaterstadt, vielfach gemüthlich verwiesen, nahm er um so lebendigeres Interesse an diesen ehrwürdigen historischen Resten, als ihm auch sein erstes Probestück beim Eintritt in die große Genossenschaft der sozusagen losgesprochenen Künstler, Jakob Molay's Feuertod, so brav gelungen war, daß er schon jetzt zu den sichersten Hoffnungen der neuern Malerkunst gerechnet werden konnte. Dankbarkeit auch gegen den glücklichen Gegenstand seines Bildes, den Märtyrertod der alten französischen Tempelherren, hatte ihn hierher nach dem Dörfchen Tempelheide geführt, wo auch einst Tempelherren gehaust, auch einst Tempelherren jene Kirche und das Profeßhaus gebaut hatten, von dem noch jene malerischen in den Friedhof verlorenen Trümmer hinterblieben waren.

Wie Siegbert Wildungen – so hieß unser junger Maler – auf einem Stein unter einer Brombeerhecke längst Platz genommen hatte und im nothdürftigen Schatten des stachlichten Gebüsches endlich einmal auch seinen breitrandigen Calabreser lüftete, um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzten Stirn zurückzustreichen, bemerkte er plötzlich, daß er nicht allein war. Aus dem gelben Kornfelde, das die Öffnung zwischen dem Hügel und dem Aufgang zu einem nahegelegenen herrschaftlichen Parke ausfüllte, erhob sich, gähnend und wie nach [17] gehaltener Mittagsruhe sich reckend, eine Gestalt, die weder oben dem herrschaftlichen Wohnhause, noch unten dem Dorfe anzugehören schien. Es war, so weit man sie im Liegen beurtheilen konnte, eine lange hagere Figur im leichten Sommerrock wie Siegbert, aber die Pantalons verwaschen, an den Knieen hervorstehend, das Hemd zerknittert, die Halsbinde weggeworfen und die Weste fast zu kurz und wie verschnitten. Die seltsame Gestalt, die sich aus dem Korn, in dem sie geschlafen hatte, herauswand, war jung und wie es schien verwöhnt bequem. Der Mittagsschläfer gähnte mit mehr Behaglichkeit, als er würde empfunden haben, wenn ihn der Bauer, dem das Kornfeld gehören mochte, in der Verwüstung seines Eigenthums betroffen hätte. Wie er den Maler entdeckte, stützte er, wieder lang sich hinwerfend, den Kopf auf den Arm und schickte sich an, in größter Ruhe seinen Nachbar keck zu beobachten. Die rechte Hand steckte er dabei behaglich in die Seitentasche seiner Pantalons; die linke kratzte sich die Ähren aus dem etwas röthlich kurzgeschorenen Haar. Statt den Maler anzureden, pfiff er sich eine Melodie, die nicht zu den gewöhnlichen gehörte und Bekanntschaft mit den Modeopern verrieth. Siegbert Wildungen war der neuesten Opern sicher unkundiger, als jener bequeme und in seinen Blicken fast zudringliche dreiste Gesell.

Während Siegbert in seiner Zeichnung fortfuhr und das Zifferblatt des Thurmes bald den vollen Schlag der fünften Stunde voraus anzeigte, hörte man einen Wagen in der [18] Nähe. Eine herrschaftliche Kutsche fuhr von der Allee, die zur Stadt führte, die Anhöhe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in Siegbert's Rücken liegenden herrschaftlichen Gartens. Er hatte des geschmacklosen kleinen Schlosses, das dem Besitzer von Tempelheide zu gehören schien, anfangs wenig Acht gehabt. Der Park, der es einschloß, schien ihm von vielem Nadelholze fast zu düster; nur ein sonderbares Etablissement am Rand desselben oberhalb des Kornfeldes hatte ihm ein Lächeln abgelockt. Es war ein großer hölzerner Regenschirm oder ein Riesenpilz, dessen Dach eine unter ihm gedeckte kleine Mittagstafel vor der Sonne schützte. Der Besitzer des Schlosses nennt unstreitig diesen Regenschirm oder Pilz seinen chinesischen Pavillon, hatte er sich gedacht und dabei eingestanden, daß ein Abendimbiß in dieser freien Luft, beim würzigen Hauche der düstern Tannen des Parkes, dem Dufte des weißen Flieders und der Linden von der Kirche her, bei alledem höchst erfreulich und ländlich-anmuthig sein konnte. Sein Nachbar schielte schon lange von Zeit zu Zeit nach dem Pavillon hinauf und dem weißen gedeckten Tische und den Gläsern und Tellern, dem Silberzeuge, den Messern und Gabeln, und sein Schweigen brechend, rief er, auf die dreißig Schritte, die er von der Brombeerhecke etwa entfernt war, in gutem geschultem Deutsch, die satirischen, auf die Kutsche bezüglichen Worte hinüber:

In der alten Carrête da haben sie gewiß schon Ziethen aus dem Busch begraben.

[19] Siegbert Wildungen verstand ganz gut, daß die »Carrête« die eben angefahrene Kutsche sein sollte, blickte aber nicht hin. An ihrem Gepolter schon hörte er, daß sie baufällig und altmodisch sein mußte. Sie aber auf den alten Ziethen »aus dem Busch« zurückzuführen, das war eine Landesanschauung, die ihm, obgleich er demselben Staate angehörte, nicht gleich ganz geläufig war. Er beantwortete die Bemerkung nicht.

Nach einer Pause lachte der junge Rothhaarige wieder hell auf und sagte:

O Je! O Je! Die alten Schindmähren hat schon Methusalem gefahren.

Siegbert Wildungen fühlte sich vom Ton des Sprechers und noch mehr von seiner Absicht, ein Gespräch anzuknüpfen, nicht eben angenehm berührt und antwortete wieder nur durch ein leichtes Aufblicken. Es schien ihm so unwürdig, sich gleichsam auf Geheiß eines solchen Menschen umwenden zu sollen und seine selbstgenügsamen Witze beifällig zu bestätigen. Dennoch regte ihn unwillkürlich die Vorstellung von Pferden, die schon Methusalem gefahren hätte, an, und es half nichts, er mußte nun über seine Mappe hin wenigstens zu dem Gesellen im Kornfelde einmal hinüberlugen. Als dieser mit spähendem Auge das erwachende Interesse des Malers bemerkte, fuhr er, wie dadurch ermuthigt, fort:

Fallen Sie nicht, Excellenz! Immer langsam voran, altes schweinsledernes Porcus Juris! So! Kommen Sie zum Handkuß bei Ew. Gnaden, Phylax und Sultan? Kätzchen [20] darf auch guten Tag sagen? Miau! Miau! Und der schwarze Spitzbub, der Rabe, hui! was der ihm wol ins Ohr geplauscht hat von Galgen und Rad! Ein Compliment von Kühnapfel und Tschech? Nicht wahr, Du alter Küster vom Rabenstein! Jetzt wird wol gefrühstückt? Laßt's Euch gut schmecken! Prosit die Mahlzeit!

Während dieser sonderbaren, mit scharfem maliziösen Ton vorgetragenen Worte schnarrte die alte Thurmuhr Fünf. Siegbert konnte jetzt nicht umhin, sich völlig umzuwenden und sich die Scene anzusehen, die ihm ebenso barock geschildert worden war.

Die mehrerwähnte Kutsche fuhr eben am Gartenstackete entlang, um in die entfernter liegende Hofthür einzulenken. Im Garten und vor dem Schlosse sah er Niemand mehr.

Schade, daß Sie zu spät kamen, sagte Siegbert's immer zutraulicher werdende Bekanntschaft.

Wer stieg denn aus? fragte Siegbert nach einer Weile mit einem ruhigen und sanften Tone.

Der, dem das Schloß da gehört, antwortete der Fremde, kennen Sie ihn nicht?

Gibt's vielleicht einen Herrn von Tempelheide? bemerkte Siegbert.

Tempelheide? Das nicht! Da wohnt der alte von Harder im Sommer.

Wer ist der alte von Harder? fragte Siegbert, ohne in seiner Arbeit aufzuhören.

Es gibt zwei Excellenzen von Harder. Eine junge und [21] eine alte. Also die Excellenzen von Harder kennen Sie nicht? Da sind Sie fremd. Die junge Excellenz verwaltet die königlichen Gärten, wie Erzengel Michael das Paradies, aber blos mit der Gießkanne und dem Rechen in der Hand. Der Alte aber trägt's Schwert und die bekannte Wiegeschale. Der ist bei uns Gottes wirklicher Stellvertreter auf Erden, wenigstens was die zeitliche Gerechtigkeit anbetrifft.

Also wol der Justizminister?

Beinahe, aber noch mehr! Es ist der Präsident des Obertribunals! Neunzig Jahr alt! Halbblind, wie's Madame Themis verlangt, wackelig wie ihr Wiegebalken. Die Der schon alle hat köpfen lassen, die würden drüben nicht auf den Kirchhof hin können! Ein Todesurteil bestätigen, ist ihm wie 'ne Prise Schnupftaback nehmen. Die Leute haben großen Respect vor ihm; mir kommt er aber kindisch vor. Man muß ihn nur sehen, wenn er mit Hunden und Katzen, besonders aber, wenn er mit einem gewissen Raben spricht.

Wer neunzig Jahr alt geworden ist unter den Schlechtigkeiten der Menschen, bemerkte Siegbert, doch angezogen von der abgerissenen Rede des Nachbars, Dem ist nicht zu verdenken, daß er uns vernünftige Zweibeine längst satt hat und sich mit den unvernünftigen Thieren unterhält. Thut er denn Das?

Der Nachmittagsschläfer pfiff sich statt der Antwort ein Lied, reinigte seinen Hut und band die Halsbinde um, dann sagte er, als hätte er die Frage erst überlegt:

[22] Schlechtigkeiten? Schlechtigkeiten ist manchmal so – so – bei der Handthiererei, dem Rechtsverdrehen.

Er sang dann weiter.

Nach einer kleinen Pause, die nun auf die letzten mit großer Bitterkeit gesprochenen Worte auch Siegbert machte, bemerkte dieser ruhig fortzeichnend:

Haben Sie wol einen Proceß verloren?

Einen? Mitunter ein Dutzend, antwortete der Fremde und setzte pfiffig hinzu:

Noch öfter aber welche gewonnen. Gerade wegen der gewonnenen Processe legt sich der Respect vor der Justiz. Aber's Obertribunal ist gut; es kommt nur darauf an, daß Einer soviel Lunge, d.h. Geldbeutel hat, um sich nicht außer Athem zu laufen, bis er bei der neunzigjährigen Unparteilichkeit da oben angekommen ist.

Siegbert antwortete nicht; auch der Fremde schwieg eine Weile, ordnete sein Hemd, zog an seinen Pantalons, an denen er die gelösten Sprungriemen wieder befestigte, zog eine Taschenbürste und strich sich sein röthliches Haar. Als diese Toilette, die er immer noch im Liegen machte, vorüber war, warf er, auf Siegbert's Arbeit deutend, leicht hin:

Sie zeichnen die Kirche? Ist denn die Kirche da hübsch?

Das müssen Sie doch selbst beurtheilen können, erwiderte Siegbert, ein wenig empfindlich über diese Bemerkung, die fast spöttisch klang.

Wie soll ich Das wissen! antwortete der Fremde. Hübsch? Der Münster in Strasburg soll hübsch sein. Er [23] ist groß, und der Dom in Köln soll noch größer werden. Auch unser Dom ist schön – Hm, hm – Die Kirche da! Ei ja! Die Linden machen sich ganz artig und bei Mondenschein läßt sich's vielleicht noch schöner an! Dann präsentirt man so was einer schönen Demoiselle, die legt's in ihr Album und schreibt darunter: Liebe mich, ich liebe dich – junger Maler – blondes Haar – Calabreser – gestern kennen gelernt, heute geliebt – morgen vergessen. Kennen Sie solche Albums?

Diese wieder mit großer Bitterkeit gesprochenen fast fein satirischen Worte aus dem Munde eines sich doch so roh geberdenden Menschen überraschten Siegbert. Waren ihm schon seine frühern Äußerungen befremdlich gewesen, so widersprach doch diese letzte so sehr der Vorstellung, die man von dem Bildungsgrade eines wie ein Vagabond sich ankündigenden Menschen haben konnte, daß er voll Erstaunen fragte:

Haben Sie sich in der großen Welt bewegt?

Wie so? lachte der Fremde höhnisch und stand jetzt auf.

Indem er seine Kleider abputzte, die Weste zuknöpfte, den zerknitterten Hut bürstete, erschien er, wenn auch kleiner, doch stattlicher als vorhin und zeigte sich als ein junger blasser Mann mit hellblauen scharf durchdringenden Augen, zartem Teint und fast weiblichen Gesichtsformen. Er war nicht so groß, als er im Korn liegend erschien. Alles an ihm war schmächtig, zart, unausgebildet. Er schien im Anfang der zwanziger Jahre zu sein, während um den Mund, um die bitter sich zuweilen aufwerfenden [24] Lippen viel ältere Erfahrungen zuckten. Das ganze Erscheinen war verstört, überwacht, wie an einem Menschen, der den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage macht.

Sie denken wol Wunder, was Einer sein muß, sagte er die Augen fast verletzt zusammenkneifend, um von Albums zu sprechen? Dazu braucht man nur ein Buchbinder oder ein Bedienter zu sein. Ein Lakai, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, könnte bessere Geschichten erzählen, als die er seinem Fräulein aus der Bibliothek zum Lesen holen muß. Übrigens bin ich weder ein Buchbinder noch ein Lakai. Adieu!

Siegbert erschrak. Er war gutmüthig genug, dem Fremden, der wirklich ging, nachzurufen:

Wer hat Sie denn für etwas so Geringes gehalten! Bleiben Sie doch, Sie empfindlicher Mann!

Seine Worte verhallten aber. Der Fremde war schon den Hügel hinaufgestiegen, weniger, wie es schien, um sich ganz zu entfernen, als um dort oben sein zweckloses Schlendern fortzusetzen.

Siegbert machte sich nun Vorwürfe, ihn verletzt zu haben. Er gehörte zu den rücksichtsvollen Naturen, die Jeden gern in seiner Art gewähren lassen. Dazu kamen seine Begriffe über die sittliche Hebung der niedern Stände, die Ideale, die auch er, wie jetzt soviel edle und träumerische Menschen, sich über die mögliche Änderung der bisherigen Zusammensetzung unserer Gesellschaft gebildet hatte.

[25]

Betriffst du dich nicht immer, klagte er sich in Gedanken selber an, auf dem Widerspruch, daß du wol die Menschheit im Ganzen und Großen liebst und den Menschen selbst geringschätzest! Du fühlst mit dem Unterdrückten, hassest diese ungerechte Vertheilung der Erdengüter, bewunderst die wohlmeinenden Geister, die das Geld abschaffen wollen, um von dem Ersatz dafür Jedem soviel zu geben, als er für sein Dasein braucht, und jedes mal, wenn du wirklich mit dem Volke in Berührung kommst, wird es dir so schwer, über schlechte Kleider, entstellte Mienen, rohe und menschenscheue Manieren hinwegzukommen!

Siegbert war über sich selbst so misgestimmt, daß er aufstand und seine Arbeit für beendigt erklären wollte.

In diesem Augenblick sah er von der Seite des Schlosses her auf den Pavillon zuschreiten eine schwarz gekleidete nicht junge Dame, die einen uralten gebückten Greis am Arme führte. Ein gleichfalls alter Diener folgte in bescheidener Entfernung. Unstreitig war dies der Präsident des Obertribunals, der wol jetzt erst unter dem Dach des Pavillons sein Mittagsmahl nehmen wollte. Die sanftblickende Dame ging schweigend, in liebevoll herabgebeugter Haltung, neben dem Greise, der noch in würdiger schwarzer Amtstracht, an den heißen Sonnenstrahlen seine Freude zu haben schien. Langsam die Stufen zum Pavillon hinanschreitend, nahm er Platz vor einem der gedeckten Couverts, die sorgende Begleiterin an dem zweiten Couvert. Der kleine sauber gedeckte Tisch war [26] nur für zwei Personen, höchstens noch einen Gast berechnet. Ein solcher saß auch schon am Tisch, kein Mensch, sondern ein großer Rabe, der mit seinem Schnabel die Ordnung des Tisches nachzumustern schien und mit klugem Ernst sich umschaute, ehe er von einigen Körnern pickte, die auf dem Tische für ihn ausgeschüttet lagen. Ehe der alte Herr nicht den Löffel zur inzwischen von einem zweiten Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte, rührte der verständige und höfliche Vogel selbst nichts an, wofür ihn die Dame mit freundlichen Worten, deren sanfter Ton bis zu Siegbert herüberdrang, ausnehmend lobte. Der junge Maler, von dem Stillleben dieser Scene wohlthuend angeregt, schob den Entschluß, sich mit der Copie der Kirche begnügen zu lassen, noch eine Weile auf und richtete seinen Standpunkt nun so ein, daß er die Kirche und zugleich den Pavillon beobachten konnte. Die hochgewachsene, edle, in jüngern Jahren gewiß sehr schön gewesene Frau schien den alten Herrn auf ihn aufmerksam zu machen. Ohne sich aber dabei umzuwenden oder ein Zeichen von Antheil an den gesprochenen Worten seiner Tischgenossin zu geben, aß der Greis ruhig die Speisen, die ihm von ihr vorgelegt und sogar geschnitten wurden. Statt aus einem Glase trank der Alte den Wein aus einem großen silbernen Becher; wie Siegbert bemerkte, wol deshalb, weil er mit beiden Händen ihn zum Munde führen mußte, so zitterten sie. Bis die Mündung eines Glases zum dürstenden Munde gekommen wäre, hätte sie lange gewährt; der Becher war [27] leichter zu treffen. Die beiden Diener verrichteten ihr Geschäft lautlos – Alles war still – nur der Rabe grammelte und krächzte zwischen den Reden der freundlichen Dame.

Sehen Sie, wie die Welt ist! sagte in diesem Augenblick wieder der Fremde, der hinter Siegbert stand.

Er mußte, während Siegbert die Blicke auf den Pavillon gerichtet hatte, von dem Hügel herabgekommen sein.

Sehen Sie, wie die Welt ist, sagte er mit schneidendem Spott. Gesetzt, der silberne Becher da, den der Alte da kaum an die Lippen bringen kann, käme plötzlich fort – Was geschähe nun? Man würde uns Beide für verdächtig halten. Sie würden nur Ihren Namen zu nennen brauchen, um gleich davon zu kommen; ich aber, weil ich ihnen ein herrenloser Bedienter zu sein scheine, würde sofort arretirt, säße sechs bis acht Wochen, bis ich nur inquirirt bin, dann würde ich in zwei Instanzen höchst wahrscheinlich mindestens zu sechs Monaten Zuchthaus verurtheilt, und erst in der letzten entdeckte der alte Methusalem da selber, daß sein Rabe es gewesen, der den Becher gestohlen hat. Und warum? Das kommt Alles daher, daß Einer von Albums spricht und selbst nicht in Goldschnitt gebunden ist.

Sie kränken mich, antwortete Siegbert, wenn Sie glauben, daß ich Jemanden seines Rockes wegen geringschätzen kann. Übrigens scheint Ihre Phantasie so mit Gerichtsscenen erfüllt, daß ich mich zu fürchten anfange und allerdings nicht zurückbleibe, falls die Herrschaften [28] da fortgehen und den silbernen Becher ohne Obhut zurücklassen.

Damit wollte Siegbert, überdrüssig der ihm nun lästigen Gesellschaft, rasch seine Mappe zusammenlegen und sich wirklich entfernen. Der Fremde streckte aber den dünnen knöchernen Finger auf sein Skizzenbuch und sagte:

Erlauben Sie erst noch, mein Herr, daß ich Ihnen zum Dank für Ihre Unterhaltung auf Ihrer Zeichnung einen Fehler sage!

Es sind deren viele, antwortete Siegbert kurz. Ich werde sie ein andermal verbessern.

Nein, nein, sagte der Fremde – den Fehler bemerken Sie doch nicht. Sie haben da am Kreuz etwas nicht richtig gemacht.

An welchem Kreuz?

Dem da über der Kirchthür. Sie haben – sehen Sie – die Enden der vier Kreuzes-Flügel bald mit einem dreiund bald mit einem vierblätterigen Kleeblatt bezeichnet. Sehen Sie aber hin; es sind immer nur vier Blätter. Nur die Tempelherren der alten deutschen Zunge hatten immer das dreiblätterige Kleeblatt.

Voll Erstaunen über diese Auskunft sah Siegbert nach der Kirche und fand die Bemerkung ebenso richtig, wie für ihn des fremden Menschen Kenntnisse in der christlichen Ornamentik überraschend waren.

Wo haben Sie diese architektonischen Feinheiten studirt? fragte er.

[29] Der Fremde sagte lachend:

Freimaurer sollte heut' Einer sein! Glauben Sie mir! – dann macht er sein Glück! Leider hab' ich's verpaßt, als ich's konnte, und jetzt nimmt mich keine Loge mehr auf. Oder bin ich zu jung? Doch was das Kreuz anlangt, so hab' ich Das von vielen Häusern her in der Stadt da unten! Diese Häuser gehörten früher dem Orden der Tempelherren an. Dann kamen sie an die Johanniter, von diesen an die Stadt. Die Stadt hat aber mit dem Staat seit Jahren einen großen Proceß darüber, bei dem Millionen auf dem Spiele stehen, viel alte Häuser und eine Menge anderer Liegenschaften aus alten Zeiten her, die aber an den Kreuzesenden Vierblätter hatten – warum weiß ich nicht – ist auch wenig daran gelegen – drei – oder vierblätterige Kleesaat – das Vieh frißt Alles durcheinander.

Damit ging er wieder, eine abscheulich gleichgültige Miene schneidend, auf die schon vorhin von ihm geknickten Kornähren zurück und warf sich, eine Arie trällernd, auf seine alte Lagerstatt, als wäre sie sein gewöhnlicher Aufenthalt.

Nun wieder zu sehr erregt und gebannt, um sich entfernen zu können, wollte Siegbert noch eine kurze Weile bleiben. Wie er so wieder zu zeichnen anfing und das Kreuz nach des Fremden Angabe verbessern wollte, kommt aus dem Garten der alte Diener zu ihm herüber und überreicht ihm im Auftrage seiner Herrschaft eine reiche Spende Weines in einem großen krystallenen [30] Wasserglase. Es ist heute heiß! war Alles, was der alte Mann als Veranlassung dieser Artigkeit dabei sagte. Siegbert, ganz betroffen, blickte zu dem Pavillon hinüber. Die holde, gute Dame grüßte gar artig, winkte lächelnd und drückte Das, was eben der Diener gesagt hatte, in freundlichen, aber ihm nicht hörbaren Worten und mit holden Blicken aus. Während sie sprach, krächzte der Rabe, als fühlte er etwas von Neid. Der greise Neunzigjährige aber zeigte auch jetzt nicht die geringste Theilnahme, und erhob sich nun von seinem kurzen Mahle, ohne von Siegbert's Gegenwart oder von dessen Dank für seine Aufmerksamkeit irgend Notiz zu nehmen. Die freundliche Dame folgte. Siegbert, befremdet über all dies Plötzliche, Unerwartete, trank. Die Hitze war aller dings sehr drückend, und fast hätte er ausgetrunken, wenn er nicht für den Fremden die theilnehmende Regung empfunden hätte, ihm Halbpart anzubieten. Er ging auf ihn zu und reichte ihm ins Kornfeld die beiweitem noch größere Hälfte des Pokals. Ein sonderbares Lächeln überlief des Fremden Züge, als er erst zögerte, dann aufstand und das dargebotene Glas mit einem Zuge leerte. In dem: Ich danke! das er vor sich erröthend hinsprach, als er Siegbert den Pokal zurückgab, lag ein Ausdruck von Gefühl, der dem jungen Maler, gewohnt, scharf zu beobachten, nicht entging. Wie sich Siegbert umwandte und mit dem leeren Becher, den Diener suchend, dastand, war der Fremde plötzlich wirklich verschwunden. Nun kam aber der Bediente heran und that sehr erschrocken.

[31] Gott sei Dank! sagte er, daß man Den da bei Zeiten entdeckte, und man läßt so sein Silberzeug unbewacht auf dem Tische liegen!

Wie so? Kennen Sie den jungen Mann? fragte Siegbert.

Ei wohl, sagte der Alte in unmodischer Livree; er hat den Präsidenten tausend mal um Arbeit ersucht und will heute gewiß wieder herein. Wir haben nichts für ihn. Es ist ein gewisser Hackert, früher Schreiber bei einem Notar. Ein verdächtiger Mensch! Sieh! Sieh! Das Silberzeug! Das Silberzeug!

Damit maß er nun auch Siegbert mit mistrauischem Blick und lehnte das Trinkgeld ab, das ihm dieser anbot. Er eilte, was er konnte, in den Garten zurück, um den mit Silberzeug bedeckten Tisch rasch abzuräumen. Siegbert schüttelte den Kopf.

Der hält mich auch für nicht geheuer! sagte er und wanderte, über die Civilisation der neuen Zeit nachdenkend, sein Portefeuille unterm Arm, den Hügel hinunter, dem Dorfe zu wo er die Allee einschlug, die ihn zur Stadt zurückführen sollte.

Noch einmal war es ihm, als säh' er durch das Kornfeld auftauchend des Fremden Hut. Doch ebenso rasch verschwand die Spur.

[32]
2. Capitel. Dankmar Wildungen
Zweites Capitel
Dankmar Wildungen

Die Pappeln der Allee säuselten von einem leichten Winde bewegt, der sich inzwischen lind erhoben hatte.

Links und rechts standen noch die Kornfelder in voller Reife oder waren von den Regenschauern in der verflossenen Woche nur in langen Schwaden niedergedrückt. Die Obstbäume, die im Felde standen, versprachen für den Herbst eine gute Ernte. Bald kam das mit einem zierlichen Gärtchen umfriedigte Häuschen des Chausseegeldeinnehmers, dann der Durchschnitt einer Eisenbahn, die sich quer über die Straße hinwegzog, und schon fingen einzelne Landhäuser die unmittelbare Nähe der Stadt zu bezeichnen an.

Siegbert's träumerisches Gemüth hing noch eine Weile an der verlebten tempelheider Scene, bald aber verwischte sich der Eindruck, und sein Auge schweifte nur noch mit jener fast bewußtlosen Ruhe umher, die reinen Seelen eigen ist. Seine Gedanken konnten von einem Stein am Wege, von einem verdorrenden Baume innigst beschäftigt werden. Was er deutlicher ansah, entlockte ihm eine Betrachtung, und da er Künstler war, hatte er den [33] Vortheil, dem Vielen, was ihm in dieser Weise gerade kein Urtheil abgewann, doch immer, wenn auch mit flüchtiger Anschauung, eine eigenste Form abzugewinnen. Eine von dem niedergeworfenen Korn erdrückte Blume, ein dunkler Schmetterling auf einer noch stolzen, hohen Ähre sich wiegend, eine kleine Wolke wie ein durchsichtiger oder zerrissener Schleier durch den blauen Äther fließend, Alles das waren für ihn Ruhepunkte des Gefühls und des innern Auges, die nur dann mit wirklich nachdenkenden Reflexionen abwechselten, wenn er einem Handwerksburschen begegnete, der ihm zu stolz schien, um sich das Almosen zu betteln, dessen er vielleicht doch bedurfte, oder wenn er steineklopfenden Chausseearbeitern oder der langsamen Arbeit zusah, wie einige wenige Hände ein Wohnhaus aufrichteten. Er glich darin den alten Künstlern, daß er sich nicht ganz auf seine Kunst allein beschränkte, sondern, wie Michel Angelo, Tizian, Benvenuto Cellini, Rubens thaten, sich an den allgemein menschlichen Dingen gern betheiligte. Und wenn man ihm auch sagte, Rubens würde sicher in seiner Färbung voller und üppiger gewesen sein, wenn er statt mit Staatsactionen sich mit seinem, wenn auch genialen, doch in der Ausführung oft flüchtigen Pinsel allein beschäftigt hätte, so erwiderte er, daß Rubens, ohne den Verkehr mit der großen Welt, in einer der Geschmacklosigkeit schon zusinkenden Zeit sich doch nicht die Fülle productiver Anschauungen würde erhalten haben, die wir an diesem reichen Geiste bewundern.

[34] Siegbert war schon der Stadt ziemlich nahe, als er aus einem rasch auf der Chaussee herrollenden Wagen sehr freundlich gegrüßt wurde. Die Dame, die ihm nickte, gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten.

Siegbert sprang hinzu und erwartete einen Befehl; denn er wußte, Frau von Trompetta gehörte zu den immer bewegten und bewegenden Naturen.

Frau von Trompetta, eine kleine, dicke, kugelrunde Frau mit immer lebhaften Geberden, gesprächig wie ein Mühlrad, saß im ceriserothen leichten Sommershawl neben einer sehr einfach und bescheiden gekleideten gefälligen jugendlichen Blondine.

Bester Wildungen, rief Frau von Trompetta, man sieht Sie ja gar nicht mehr; man hört nichts von Ihnen! Nur Ihr schrecklicher Molay vertritt Ihre Anwesenheit in der Gesellschaft, und man weiß doch, daß Sie noch andere Flammen entzünden können, als diesen entsetzlichen Scheiterhaufen, in dem Sie sich leider auch als ein Tendenzmaler gezeigt haben.

Ich bin im Atelier des Professor Berg allerdings viel öfter zu finden als in der Gesellschaft, gnädige Frau, antwortete Siegbert.

Und wenn ich käme, wenn ich Ihre neuesten Arbeiten belauschte, würden Sie wol für uns arme Sterbliche, die nur bewundern können, ein Auge haben? Man weiß es ja. Ganz erfüllt Sie nur die Eine, die Einzige, Melanie, die Unvergleichliche, oder wie Sie sie in Ihren Briefen nun anreden mögen, seit sie verreist ist.

[35] Melanie? Sie sprechen von Melanie Schlurck? Allerdings ist sie verreist, antwortete Siegbert, und seine Wangen überflog ein leichtes Roth; aber von einem Briefwechsel ist keine Rede. Ich weiß nicht einmal den Ort, wo sie sich befindet.

O Sie Heuchler! Warten Sie! Warten Sie! Zur Strafe müssen Sie einsteigen! Öffne den Schlag, Christian! Ich muß mit Ihnen plaudern.

Gnädige Frau –

Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz, sagte Frau von Trompetta, auf die junge Blondine zeigend, die neben ihr stumm und ernst im Wagen saß.

Und ohne diese ihre Begleiterin weiter zu fragen, nahm sie keinen Anstand, Siegbert aufzufodern, einzusteigen.

Wir fahren nach Tempelheide, fuhr sie lebhaft fort, zu Anna von Harder, der Schwiegertochter des alten Präsidenten. Sie lernen dort die edelsten Wesen von der Welt kennen .....

Siegbert war unschlüssig, ob er der Auffoderung folgen sollte. Aber das Gefühl, das ihn schon den ganzen Tag beherrschte und in Spannung gehalten hatte, brach sich ihm in den Worten Bahn:

Vergebung, gnädige Frau, ich erwarte heute meinen Bruder Dankmar, ich muß nach der Stadt zurück .....

Ihr Bruder Dankmar! spottete Frau von Trompetta lächelnd; immer Kastor und Pollux, David und Jonathan! Freilich ist bekannt, daß sich die Gebrüder Wildungen [36] in einem Grade lieben, der eigentlich das weibliche Geschlecht eifersüchtig machen sollte, wüßte man nicht, daß es noch eine Melanie Schlurck gibt. Aber ich muß Sie doch sprechen, trotz Ihrer Eile, und so schlage ich vor, machen wir es umgekehrt; steigen wir aus und eine Viertelstunde begleiten Sie uns. Nicht wahr, Friederike Wilhelmine?

Das junge Mädchen nickte ernst, hob ihre langen herabhängenden blonden Locken, die wie Mähnen schwer sich senkten, in die Höhe, ergriff den Sonnenschirm und war im Begriff, der etwas schwerfälligen, aber doch höchst lebhaften ältern Freundin zu folgen.

Siegbert, überrascht von der ihm ganz unerwarteten Zuvorkommenheit dieser ihm nur entfernt bekannten Frauen, öffnete den Schlag und bot ihnen beim Aussteigen die Hand. Frau von Trompetta, eine Vierzigerin, hatte mit ihren runden, genährten Formen bei dieser Operation Vorsicht nöthig. Die Blondine, in weißer Kleidung und sonderbar genug mit schwarzem Gürtelbande, zeigte sich jetzt von schlanker Gestalt. Sie war nicht mehr in erster Jugendblüte, vielleicht schon in der Mitte der Zwanziger.

Sie wüßten also nicht, wo Melanie Schlurck ihre Sommervillegiatur hält? begann sogleich Frau von Trompetta im neckenden Tone. Sie scherzen! Ein so zärtliches Verhältniß! Ich wette, Sie waren in Tempelheide, weil Sie wissen, daß die auf diesem Wege zurückkehren muß.

So sind Sie unterrichteter als ich es bin, wiederholte [37] Siegbert. Da ich drei Tage lang nicht im Atelier war, höre ich erst von Ihnen, gnädige Frau, bestätigt, daß Melanie wirklich verreist ist.

Sie ist auf dem Schlosse Hohenberg, wohin sie den Vater auf Geschäften begleitete, antwortete Frau von Trompetta. Pinsel und Palette wurden bei Seite geworfen, Mandoline und Harfe an die Wand gestellt, rasch und zauberhaft schnell entschlossen, wie in Allem, was sie thut, war auch dieser Reiseplan gefaßt. Das ist der Weg nach dem Schlosse Hohenberg. Genug, Wildungen! Thun Sie uns den Gefallen! Sie müssen noch heute mit uns zu Harders kommen. Da ist ein Park, ein chinesischer Pavillon. Da gehen Sie morgen, täglich, wieder hin, bauen sich eine Laube von Tannenzweigen, ein Weidenhüttchen, wie ich einmal aus Shakspeare bei Tieck in der Vorlesung mich entsinne, ein Weidenhüttchen – Tieck sprach das Wort so zart – und werfen, wenn Melanie auf der Rückreise vorüberfährt, ihr Rosen und Vergißmeinnicht zu. Die gute Anna Harder hilft. O Das ist etwas für Anna! Romantik! Romantik! Ach, Sie sollten diese himmlische Seele nicht schon kennen?

Ohne sich auf die Scherze wegen Melanie Schlurck, einer Schülerin des berühmten Professor Berg, Scherze, die ihn mehr zu verwunden, als zu erheitern schienen, einzulassen, bemerkte Siegbert, daß er Anna von Harder seit heute schon zu kennen glaube, und erzählte Alles, was ihm vor einer Stunde vor der Kirche zu Tempelheide begegnet war.

[38] O Das ist ja herrlich! rief Frau von Trompetta. Das ist ja ganz Mittelalter! Anna als Burgfrau, der labende Becher, Sie der Troubadour! O so ist sie nun! Jeder Zug entspricht ihrem seelenvollen Herzen. Ich habe das Bild ganz vor mir. Sie zeichnen, Präsidents speisen. Anna's holder Sinn, gehoben von der Nähe des Friedhofs und der Kirche – nicht wahr, sie trug schwarz? – zart gedenkend des andächtigen Malers, fromm gedenkend der gastfreundlichen Sprüche aus der Bergpredigt des Heilands, und der alte Johann – gelb und blaue Livrée – etwas verschossen zwar – aber liebevoll – höchst liebevoll – ein Becher Weins! Da, nehmet hin! Erquicke dich, Wanderer! Thu' es zu meinem Gedächtniß! Allerliebst!

Um Gotteswillen, rief Siegbert lachend aus. Sie thun ja so feierlich, gnädige Frau, als wenn es sich um die Einsetzung des Abendmahls handelte.

Frau von Trompetta blickte auf diese Bemerkung plötzlich sehr ernst. Friederike Wilhelmine von Flottwitz schlug gleichfalls die Augen nieder, und es trat eine Pause ein, die Siegbert gern benutzt hätte, um von der Begleitung dieser ihm wenig zusagenden Damen loszukommen. Er besann sich jetzt erst, daß Frau von Trompetta, trotz ihres leichten Tones und ceriserothen Shawls, zu jener gesellschaftlichen Fraction gehörte, die man in frivolen Kreisen Schwanenjungfrauen oder Diakonissen außer Diensten nannte. Er besann sich, daß bei Gelegenheit der Erörterungen über »innere Mission« Niemand öfter genannt wurde als Anna von Harder auf Tempelheide, Frau [39] von Trompetta, Gräfin Mäuseburg und viele andere Damen, die Siegbert theilweise persönlich kannte, und schon hoffte er, da er dieser Richtung nur sehr bedingungsweise zugethan war, mit seinem das heilige Abendmahl »profanirenden« Vergleiche loszukommen.

Es war aber nur eine vorübergehende Wolke, die sich auf die Stirn der beiden Damen gelagert hatte. Sie nahmen gerade jetzt erst den jungen schlankgewachsenen Maler, dem sein lockiges Haar, der blonde Kinnbart, sein weißer Hut, das schwarze Sammtröckchen, die weißen weiten Pantalons, das lose um den Hals geschlungene rothe Tuch sehr anziehend standen, in die Mitte, und Frau von Trompetta zögerte nicht, den plötzlich zerrissenen Faden des Gesprächs wieder weltklug anzuknüpfen.

Sie sind ein Spötter, sagte sie. Man weiß, daß Sie leider nicht zu den Gläubigen gehören. Professor Berg's Schüler wachsen alle etwas wild auf. Wissen Sie wol, daß ihm Das sehr schadet?

Freilich schadet ihm Das, sagte Siegbert, der sich nicht verstellen konnte, mit einiger Bitterkeit. Mein braver alter vortrefflicher Berg! fuhr er begeistert fort, und in der Erinnerung an den genialen, mannichfach zurückgesetzten Lehrer funkelten ihm die Augen. Armer Berg, daß du den feierlichen Empfang des Prinzen Ottokar nicht zu malen bekommen hast! Welch ein Verlust für dich, diese Uniformen, diese Guirlanden, diese weißgekleideten Mädchen, die die neue Jubelhymne singen werden! Alles [40] das sollst du nicht malen! Armer Rubens, der von Don Philipp von Spanien eine Bestellung entzogen bekommt und nichts zum Troste übrig behält, als daß er Rubens ist, ein Genius und ein freier Niederländer!

Bester Freund, sagte Frau von Trompetta, plötzlich den Ton ändernd und mit großer Bestimmtheit, während es Siegbert schien, als wenn sich die Wangen des blonden Fräuleins mit Zornesglut färbten; bester Freund, Rubens würde weit weniger übermüthig, weit weniger ehrsüchtig gewesen sein, wenn er in einer Zeit gelebt hätte, wo man malen muß, nicht was man selber will, sondern was gefällt. Ihr seid in Euerm schönen Atelier recht wild, recht zügellos! Große bewundernswerthe Talente! Aber sehr ungebundene Gesinnung!

Wir suchen das Schöne, gnädige Frau.

Und spotten der Welt!

Und unser selbst.

Bei diesem Zugeständniß kehrte Frau von Trompetta, die etwas auf dem Herzen zu haben schien, wieder in ihren frühern leichten Ton zurück, hielt, da ihr das Gehen doch sauer wurde, einen Augenblick inne und sagte mit eigen-thümlichem Ausdruck:

Ein hübsches kleines Genrebild auf der Ausstellung bewies mir, daß Sie allerdings Ihrer selbst spotten! Ha, ha! Allerliebst! Professor Berg, der einem schönen Mädchen Unterricht im Malen gibt – und die Schüler, die diese Collegin, ohne daß sie es weiß, gleich als Modell benutzen – Melanie Schlurck natürlich – Siegbert Wildungen ..... [41] ha, ha, ha – vortreffliches Bildchen. Nicht wahr, Friederike Wilhelmine?

Siegbert biß sich auf die Lippen. Dieses Bild existirte und galt in der That ihm am meisten. Die Gruppe, die Frau von Trompetta andeutete, war vorhanden und gefiel sehr. Es war ein kleines Ölgemälde von einem talentvollen Freunde, Namens Leidenfrost, das ihn und das ganze Atelier persiflirte. Denn während die im Nebenzimmer unter Blumen malende Melanie Schlurck von den Schülern auf ihren Bildern bald als Gärtnerin, bald als Tänzerin oder von Einem sogar als lockende Lurleynixe wiedergegeben wurde, hatte der portraitähnliche Siegbert, liebeglühend und liebeverblendet, sie als Modell zu einer Madonna benutzt und sie in Andacht wie der Himmlischen Eine verklärt und im Heiligenschein gemalt. Das Bild wurde auf der Ausstellung viel bewundert von Allen und vielbelacht von Denen, die die Personen kannten.

Übrigens glauben Sie mir, fuhr Frau von Trompetta fort, das Bild des Professor Lüders: »Die Einholung des Prinzen Ottokar nach Unterdrückung der östlichen Unruhen«, wird dennoch seine Schönheiten haben; hier Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz hat ihm erst heute dazu gesessen.

Himmel, nun besann sich Siegbert. Schon mehre mal hatte er den stolzen sichern Gang des neben ihm gleichgültig wandelnden Mädchens bemerken müssen. Sie warf ihr schönes Profil verächtlich in die Höhe und hörte dem [42] Geplauder ihrer ältern Freundin nur mit halber Theilnahme zu.

Siegbert erinnerte sich. Diese junge, ihn wol tief verachtende Dame war ja jene patriotische Jungfrau, die sich in den letzten Parteikämpfen den Namen einer Jeanne d'Arc erworben hatte. Tochter des pensionirten Oberstlieutenants von Flottwitz, Schwester von sieben Brüdern, die in der Armee theils als Lieutenants ersten oder zweiten Grades oder noch als Cadetten vom Staate ehrenvoll versorgt wurden, hatte sie ein hübsches Talent des Reimens zu patriotischen Huldigungen an das angestammte Fürstenhaus benutzt, auch in öffentlichen Gesinnungskundgebungen war sie bereits so oft aus dem Kreise des Gewöhnlichen heldenmüthig herausgetreten, daß man ihr unstreitig einen Anflug höherer inspirirter Schwärmerei zuerkennen und den strengen Aufschlag ihrer großen blauen Augen unter solchen Verhältnissen bedeutend finden mußte. Siegbert betrachtete sie nun nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht. Denn dies feierliche Mädchen war es ja, die neuerdings auch den sogenannten Reubund mit hatte stiften helfen. Eine Anzahl verwandter Seelen war ja aus eigenem freien Triebe vor kurzem zusammengetreten, um durch mancherlei Einwirkungen auf die öffentliche Meinung dem Fürstenhause zu erkennen zu geben, daß das Volk, für dessen wahre Vertreter sie sich erklärten, die Art und Weise, wie es bei den letzten Stürmen den Fürsten gewisse Concessionen abgetrotzt hatte, jetzt bereue. Keine Dame, die mit einem Offizier oder Beamten [43] verheirathet war, unterließ es, sich in diesen Reubund aufnehmen zu lassen, für dessen Seele und eigentliche höhere Schwinge Friederike Wilhelmine von Flottwitz gelten konnte. Wo nur irgend ein tapferes Regiment triumphirend zu empfangen, eine Kaserne mit zweckentsprechenden Blumen zu schmücken war, ordnete sie diese vom Reubunde unterstützten Manifestationen in eigener Person an. Manchen Kuß schon hatten ihre jungfräulichen Lippen auf die Hände eines tapfern alten Generals gedrückt; zu ihrer seligsten Befriedigung auch schon einen auf die silberne Schärpe des Prinzen Ottokar, als dieser von der Unterdrückung einer anarchischen Bewegung im Osten siegreich zurückkehrte.

Während sich Siegbert über diese unerwartete und jedenfalls höchst interessante Bekanntschaft in schweigende Bewunderung verlor, fuhr Frau von Trompetta mit immer festerer Bestimmtheit und ihres hohen Einflusses bewußt fort:

Ihr Bild, bester Freund, ist wunderschön, vortrefflich der Ausdruck des Molay und der Tempelherren, die mit ihm verbrannt werden, ich sage ganz hinreißend, aber -der Kunstverein ist schwierig. Wissen Sie's schon?

Ich weiß, was Sie sagen wollen, gnädige Frau, fiel Siegbert erröthend ein, Propst Gelbsattel haßt Alles, was an den Lessing'schen Huß und die Physiognomieen der Cardinäle erinnert, die ihn verbrennen ließen. Propst Gelbsattel bestimmt die Meinung des Kunstvereins; folglich wird man meinen Molay nicht ankaufen .....

[44] Es wäre nicht unmöglich, sagte Frau von Trompetta; allein, geben Sie mir den Arm – man hat Connexionen, Gelbsattel protegirt mich, und Fräulein Friederike Wilhelmine interessirt sicher auch den Reubund für den Ankauf Ihres Bildes. Aber dann muß ich mir bedingen, Wildungen, daß Sie mir auch in mein Gethsemane ein Blatt malen, hören Sie, daß ist die Bedingung! Wann darf ich Ihnen das Format schicken? Was wollen Sie malen? Und wann hab' ich Ihren Beitrag zu erwarten?

Siegbert war schon vollkommen unterrichtet, was das Gethsemane der Frau von Trompetta zu bedeuten hatte. Unter dem Titel jenes Gartens, in welchem der Heiland der Welt unter Thränen betete, ehe er den schweren Gang seiner Leiden antrat, beabsichtigte die rührige und in der systematischen Wohlthätigkeit unübertreffliche Frau ein Album anzulegen, in welches ihr die vorzüglichsten Künstler die einzelnen Blätter, wie sich von selbst versteht unentgeltlich, malen mußten. Durch diese Zumuthung war die gute Frau freilich eine rechte Plage der Kunstwelt geworden, der Schrecken aller Ateliers; allein die löblichen, von dem Hofe protegirten Zwecke dieser Dame machten eine Weigerung, ihren Ansinnen zu entsprechen, kaum möglich. Das Gethsemane sollte, wenn es vollendet war, entweder vom Hofe angekauft und im Landesmuseum niedergelegt oder auf dem Wege einer Lotterie für irgend einen glücklichen Treffer ausgespielt werden. Welchem barmherzigen Institut, welchem mildthätigen Zwecke der Ertrag dann zuzuwenden, behielt [45] sich Frau von Trompetta noch vor, und man kann sich denken, wie sehr ihr deshalb von vielen Seiten ebenso sehr gehuldigt, wie von den unglücklichen gepreßten Malern heimlich und wol auch offen geflucht wurde.

Um heute nur von ihr loszukommen und der durch diese Begegnung angeregten schmerzlichen Gefühle Herr zu werden, sagte Siegbert in Gottes Namen zu und gelobte, auch seinerseits in das Gethsemane irgend ein frommes buntes Blatt zu stiften. Als er ihr feierlich die Zusage gegeben hatte, binnen vier Wochen seinen Beitrag abzuliefern, winkte Frau von Trompetta dem Wagen, der ihnen langsam gefolgt war.

Fräulein Wilhelmine, die unterwegs jeden Krieger, der ihnen begegnete, liebevoll und fast vertraulich gegrüßt hatte (denn es war eine Hauptaufgabe des Reubundes, das durch jene erwähnten Concessionen untergrabene Selbstvertrauen des Kriegerstandes wieder mehr zu heben und zu kräftigen), wandte sich rasch dem geöffneten Wagenschlage zu, als belästige sie die Überzeugung, daß Siegbert's Gesinnung der ihrigen nicht verwandt war. Frau von Trompetta aber hatte alle strengen Falten ihres Antlitzes nun verscheucht und lobte den jungen Maler überdiemaßen, daß er sie begleitet, vortrefflich unterhalten und vor allen Dingen sich für ihr Gethsemane hatte gewinnen lassen. Beim endlichen Abfahren rief sie ihm noch zu:

Zur Belohnung, Wildungen, sage ich Ihnen, daß Ihr Bruder Dankmar angekommen ist. Ich sah ihn unter dem großen Thorweg der Lasally'schen Reitschule.

[46] Damit rollte der Wagen die Chaussee entlang, dem schon ganz nahen Tempelheide zu, dessen kleine Kirchenfenster in den goldener werdenden Strahlen der sich senkenden Sonne feurig herüberblitzten.

Mein Bruder schon da! rief es laut in Siegbert, während er sich eilends in Bewegung setzte, um die verlorene Strecke wieder einzuholen. Diese abscheuliche Frau! Sie erfuhr von mir, wie sehnsüchtig ich den Bruder erwartete, und statt mir seine Ankunft sogleich herzlich mitzutheilen, schleppt die Falsche, die Heuchlerin mich den Weg zurück nur um ihres Vortheils willen, um dieses zudringlich erbettelte Gethsemane! Welche Lüge! Welche Verstellung und wie viel erborgter Schein einer Religiosität, die eine solche Seele nimmermehr wahrhaft erfüllen kann!

Unser junger Freund war sonst zurückhaltender in seinem Urtheil über Andere. Eine Zeitlang tobte er so fort; dann tadelte er sich aber doch über den raschen Ausbruch seines Unmuthes und lachte, des Bruders gedenkend, bald freudig auf. Sein gerechter Sinn sagte ihm sogar, daß doch wol nur die große Verschiedenheit der Richtung und Gesinnung ihn bestimmte, Das als ganz lügnerisch zu verdächtigen, was er eigentlich nur bekämpfen konnte. Er fand sogar in Friederike Wilhelmine von Flottwitz einen gewissen Ausdruck der Seele, der ihn zwang, einen Augenblick langsamer zu gehen und über sie nachzudenken.

Dies Mädchen, sagte er sich mit einem leisen Anflug von [47] Ironie, ist wirklich eine mittelalterliche Schwärmerin, ja eine Roland, eine Corday! Für Das, was sie als besser und richtiger erkannt hat, glüht sie. Sie ist voll Dankbarkeit für die Wohlthaten, die ihre arme Familie vom alten Staate erhalten hat und erhält! Ohne die gestürzte Regierungsformen, die sie und in gleicher Lage der ganze Reubund wiederhergestellt wünschen, müßte sie vielleicht darben: ihrem alten Vater würde vielleicht etwas von den Subsistenzmitteln entzogen, auf die er nach den schrecklichen Mühseligkeiten des Friedensfußes von 1815 bis jetzt rechnen zu dürfen glaubte .....

Siegbert lachte für sich. Er hätte dem Professor Lüders, der den Empfang des Prinzen Ottokar malte, etwas von der Begeisterung seines Gegenstandes gewünscht; denn er wußte von diesem Künstler, daß nur die niedrigste Servilität ihn zum Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte. Er wußte, daß er das Portrait des inspirirten Fräuleins wol treffen würde in dem Momente, wie sie dem Prinzen Ottokar die Säbelquaste und Leibschärpe küßte, aber von der innern Seele, von ihrer Jeannen d'Arc-haftigkeit dabei, wußte er, würde der oberflächliche Mann nichts wiedergeben.

Mehr aber als alle diese politisch-artistischen Empfindungen, beschäftigten Siegbert das vielfache Erwähnen und die Erinnerung an Melanie Schlurck. Er hatte sich so oft gelobt, dieses Bild von seinem innern Auge wegzubannen. Er hatte so geheimnißvoll selbst dem eigenen theuren, über Alles geliebten Bruder dies Gefühl verborgen [48] gehalten, das er still für sich in seinem Herzen hegte, und so oft, so oft vergebens mit Gewalt ausreißen wollte, und nun mußte er sich mit seinem Heiligsten von dieser Frau profanirt sehen. Diese Trompetta, die seit einem halben Jahre alle Ateliers der Maler beunruhigte, hatte ihm sein Interesse für eine Schülerin des Professor Berg abgelauscht. Einige indiscrete Kunstgenossen, besonders Heinrichson und Reichmeyer, hatten leichtsinnig den Commentar zu jenem Bilde des Max Leidenfrost ausgeplaudert, das ja möglicherweise ganz etwas Anderes bedeuten konnte und im Costüme weit eher für ein Atelier Tizian's als eines modernen akademischen Professors paßte. Und auch über dem Einzigen, was ihn für diese so heraufbeschworenen Empfindungen hätte trösten können, seinem schönen, von allen Kennern, wie vom großen Publikum theilnehmend umringten Bilde, dem Feuertode des standhaften und ehrwürdigen Comthurs des Tempelherrnordens Jakob von Molay mit dem edlen Ausdruck der Zeichnung und dem farbensatten Colorit der Ausführung, hingen die trüben Wolken einer Intrigue, wie er aus den Worten jener aller Verhältnisse kundigen Frau nur zu deutlich vernommen hatte.

Ach, es trieb ihn nun recht, sich bald an das Herz seines treuen starken Bruders Dankmar zu werfen! Sehnsucht beflügelte seine Schritte. Er eilte wie Einer, den die Nacht zu überfallen drohte, und doch schlich der milde, goldene Abend nur langsam über die gelben Felder, die des Sonnenlichts nicht satt zu werden schienen.

[49] Endlich bei den Gärten und den Wirthshäusern der Vorstadt schon angelangt, entdeckte Siegbert einen Reiter von der Stadt her traben. Er erinnerte ihn sogleich an Dankmar, und er war es auch, der theure, geliebte, seit einem Monat abwesende Bruder.

Er kannte sogar das Pferd in der Ferne. Es gehörte dem Stallmeister Lasally, einem fashionablen jungen Mann, der zu den Beaux der Residenz gehörte. Siegbert, um das schnelle Vorbeischießen des Bruders zu verhindern, sprang mitten auf das Straßenpflaster, das hier schon die Chaussée ablöste. Dankmar auf seinem Thiere stutzt, hält an, steigt vom Gaule und fliegt in die Arme seines Bruders, dem er entgegengeritten war.

Mensch, wo steckst du, begann sogleich Dankmar. Ich suche dich überall, bis ich höre, du bist in Tempelheide. Ich wollte dir entgegenreiten, ich habe dir Wunderdinge zu erzählen ....

Die nicht Zeit hatten bis zum Abend? fiel Siegbert lachend ein, und hielt dabei den Gaul fest, dessen Zügel Dankmar in der Freude der Begrüßung sich fast hatte entgleiten lassen. Und ohne darauf zu erwidern fiel Dankmar ein:

Was thun wir nun mit dem Gaul? Jetzt ist das Thier fast überflüssig.

Du setzst dich wieder auf, meinte Siegbert, und ich gehe ruhig neben dir her.

Ruhig? Nebenher? Jetzt, wo ich endlich mein Herz von all den Dingen, die ich in Angerode erlebte, ausschütten, [50] erleichtern will? Ich dachte, ich überrasche dich noch in Tempelheide, stelle den Gaul dort in den Silbernen Mond, gehe mit dir ins Feld oder wir setzen uns in einen Garten, wo ich dir ungestört meine Herrlichkeiten bescheren kann –

Das können wir ja noch, fiel Siegbert sich umschauend ein. Hier sind überall Gasthäuser und Ausspannungen. Da der Blaue Engel, hier das Goldene Roß. Pappeln und Linden und Kegelbahnen die Hülle und Fülle! Wo kein Garten ist, findet sich ein Wirthszimmer ....

Sieh! Da ist der Pelikan unten! Da muß ich ohnehin anfragen, ob Peters, der Fuhrmann von Angerode, angekommen ist. Wir wollen zum Pelikan.

Damit führte Dankmar den Gaul neben sich her und begann nun, seines wunderlichen Aufzuges gar nicht achtend, wie Jemand, der sich eine wichtige Mittheilung aufspart, von gleichgültigen Dingen zu reden, vom Wetter, von der Stunde der Ankunft, von ihrer gemeinschaftlichen Wohnung in der Neustraße, ihrer überraschten Wirthin Frau Schievelbein, vor allen Dingen aber von ihrer Mutter in Angerode, die ihrem ältesten Sohne Siegbert durch den jüngern Dankmar viel, viel tausend Grüße und Küsse sandte.

Dankmar zeigte sich bald als ein leichter, lebensfroher, munterer Kopf. Er war etwas kleiner als sein älterer Bruder, erschien aber bei seiner geraden Haltung fast größer als Siegbert, der sich nicht gut hielt und gern zur Erde niederbeugte. Dankmar hatte dunkleres, fast [51] lichtbraunes Haar, scharfe braune Augen, frische Lippen, blendende, gesunde Zähne, einen um das Kinn gehenden stattlichen Bart und einen so zierlichen, ebenmäßigen Wuchs, daß ihm seine gewählte Toilette wie angegossen saß. Der leichte Reitfrack war bis zum Halse zugeknöpft mit weißen metallenen Knöpfen. An einer Stelle, wo er offen stand, sah ein rothes Taschentuch hervor. Sporen, Reitgerte, der schwarze Castorhut, Alles verrieth den sich mit Gewandtheit in der Welt bewegenden jungen Dandy, der aber in seinem Äußern nichts suchte und nicht im mindesten von seiner anziehenden Erscheinung eingenommen war. Sein Blick war geistreich, sein Lächeln schalkhaft und gleich nach den ersten Worten, die er sprach, sah man, daß der um zwei Jahre jüngere Dankmar – er war Referendar eines Gerichtshofes – den träumerischen Siegbert an rascher Combination und energischer, ihres Zieles bewußter Thatkraft beiweitem überflügelte.

Er hatte auch auf seine Umgebungen nicht die mindeste Rücksicht. Da sein Pferd am Zügel zu führen und zu plaudern, während er sich an den Sattel drückte, bot ihm nicht den mindesten Zwang.

Siegbert aber, dem alles Auffallende ängstlich war, meinte gleich, zum Pelikan sei es doch noch zu weit, er solle sich wieder aufsetzen, denn schon hatten sich Neugierige genug um sie versammelt.

Dankmar that Das nicht, und der Straßenjugend rief er zu, ob sie Maulaffen feil hätten. Noch sinnend, wozu er [52] sich entschließen sollte, hörte er sich plötzlich angeredet. Um aller Verlegenheit ein Ende zu machen, trat Jemand, der hinter ihnen hergegangen war, hervor und fragte, ob er vielleicht den Gaul in die Stadt zurückreiten sollte?

Siegbert wandte sich um und erkannte seine Bekanntschaft von Tempelheide, den ihm als Schreiber Hackert bezeichneten unheimlichen jungen Mann.

Hackert's Anerbieten wurde von seinem staubbedeckten Äußern sehr wenig unterstützt, und Dankmar wollte schon aussprechen, daß er ganz so aussähe wie Einer, dem man einen Gaul anvertrauen könne, als der Andere sagte:

Ich kenne das Thier! Es steht bei Lasally im zweiten Stalle links. Wirklich, wenn Sie zu Fuß gehen wollen, machen Sie keine Umstände, ich nehme Ihnen die Sorge um das Thier ab und reite es in den Stall zurück.

Dankmar sah sich den verlegenen Bruder an, der ihn am Kleide zupfte, als wollte er ihn warnen, sich auf das Anerbieten einzulassen.

Es ist schon gut, erwiderte Dankmar kurz, wir danken!

Ja so, fiel Hackert mit Bitterkeit ein, Sie glauben, ich könnte Ihnen mit dem Fuchs durchgehen. Ich dachte, weil mich doch der andere Herr schon kennt ....

Siegbert bejahte diese Berufung, doch mit einigem Zögern, das Dankmar in seiner Hast nicht bemerkte.

Das ist etwas Anderes! sagte er. Du kennst den Herrn? Dann steigen Sie nur auf und bringen Sie mir den Gaul gefälligst zu Lasally zurück. Sagen Sie nur dem Levi – Sie wissen doch –

[53] Dem Bereiter Levi –

Ich würde ihm sein Sattelgeld das nächste mal zahlen –

Kann's ja auslegen –

Bemühen Sie sich nicht. Bin oft auf der Bahn. Das ist ja sehr gut! So! Steigen Sie auf! Schnallen Sie sich den Riemen länger. Alle Wetter, Sie haben verteufelt lange Beine!

Siegbert war jetzt eigentlich in Verzweiflung. Im Geiste sah er diesen verlorenen Gaul schon über alle Berge; er sah den Stallmeister Lasally mit einer Rechnung von 30 Louisdors bereits vor ihnen, bereits einen fälligen Wechsel, eine Verpfändung seines Bildes –

Um Gotteswillen, raunte er dem Bruder zu, siehst du denn nicht? Das ist ja ein Proletarier!

Betroffen wandte sich Dankmar und sagte:

Donnerwetter! Was machst du mir für Dinge! Ich denke du bist mit dem Kerl bekannt.

Dabei war aber Hackert schon im Sattel und schickte sich an, mit seinen abgelaufenen geflickten Stiefeln dem Thiere sogar noch übermüthigst die Weichen zu kitzeln.

Halt da! fiel ihm Dankmar in die Zügel. So haben wir nicht gewettet. Ich glaubte –

Was denn? richtete sich Hackert auf; doch nicht, daß man ein Spitzbube ist?

So etwas allerdings! Herunter! Steigbügel vom Fuß! Sind Sie des Teufels?

Hackert ließ sich nicht irremachen und blieb. Plötzlich griff er, glühend im Gesicht wie sein Haar, in die Rocktasche, [54] holte ein schmuziges ledernes Portefeuille hervor, öffnete es in lichterlohem Zorn blitzschnell, langte ein Päckchen heraus und warf es mitten auf die Landstraße, Dankmar fast an den Kopf, mit den Worten:

Galgen und Rad! Da haben Sie hundert Thaler zum Pfand! Und nun hol' Sie der Teufel!

Damit schlugen seine dünnen Beine an und fort sprengte er mit dem Miethgaul, den Thoren der Stadt zu, zum Gelächter der vielen Gaffer, die sich schon um die lebendige Scene versammelt hatten.

Siegbert hatte das Päckchen aufgehoben. Er glaubte sicher und fest, ein Paquet Lumpen in der Hand zu haben, und war todtenblaß vor Schrecken und Erwägung ihrer ohnehin bedrängten Finanzen. Wie erstaunte er aber, als er den Pack entfaltete! Es waren in der That Thalerscheine, dicht aufeinandergelegt und ohne Zweifel betrugen sie soviel, als auf einem Papierstreifen, der sie zusammenhielt, bezeichnet war: Hundert Thaler.

Wenn Der uns durchgeht, sagte Dankmar lachend, so hat er immer noch ein gutes Geschäft gemacht. Fünfzig Thaler werden wir noch drauflegen müssen.

Nein, nein, brach Siegbert voll Beschämung und in freudigster Erregung aus, dieser Mensch ist ehrlich. Ich schäme mich, ihn so verkannt zu haben. Himmel, warum soll denn Jeder, dem die Natur rothes Haar und eine unheimliche Gestalt gab, der Zufall abgetragene und bestäubte Kleider, auch den Charakter haben, den wir in unserer Furcht, in unserm jämmerlichen Dünkel ihm [55] aufdrücken? Dieser Mensch gibt sein Letztes hin, um zu beweisen, daß er ehrlich ist! Es ist der Stolz der Armuth, der ihn fortriß. Ich schäme mich. Er war groß und wir sind klein.

Das muß ich sagen, fiel Dankmar ein. Eine schöne Armuth, die hundert wohlgezählte Kassenscheine mir nichts dir nichts aufs Straßenpflaster wirft ....

Es ist vielleicht das einzige Besitzthum dieses Menschen, fuhr Siegbert in seiner Erregung fort, ohne sich von Dankmar's leichterer Auffassung stören zu lassen. Der Zorn, von uns für unehrlich gehalten zu sein, riß ihn hin, sein Alles zu opfern. Wer weiß, welche Sorge, welche Entbehrungen an diesem Gelde kleben! Dieser Mensch ist ein Schreiber, er heißt Hackert. Ich weiß, daß er sich vergebens um Arbeit bemüht hat. Ich erfuhr, daß er dem Präsidenten des Obertribunals seine Dienste anbot. Aber man stößt ihn von sich, weil seine Augen ein unheimliches zehrendes Feuer haben. Man weigert ihm die Aufnahme in die gebildete Gesellschaft. Hätten wir ihm das Pferd anvertraut ohne Unterpfand, wer weiß, ob wir einem verlorenen verzweifelnden Gemüth nicht den Glauben an die Menschen wiedergegeben hätten! Wie bitter war sein Lachen, als er davonsprengte und seine Ehrlichkeit bezahlen mußte! Ja bezahlen mußte! Und ich selbst, ich selbst, ich ein halber Socialist, war der Mistrauischste und Kleindenkendste! Pfui, pfui! Ich schäme mich über mich selbst.

Ja, Das wird dir übel bekommen, Bruder, fiel Dankmar [56] spottend und mit großer Geistesüberlegenheit ein, wenn du einmal wieder mit Max Leidenfrost einen Handwerkerverein besuchst und mitten in einem schönen Sermon über Philanthropie und Socialismus das rothhaarige Fragezeichen da dich interpellirt, ob du der Bürger Siegbert Wildungen wärst, der dem Bürger – Hackert hieß ja wol der Kerl? – ein Pferd auf der Landstraße nur gegen eine Caution von hundert Thalern anvertrauen wollte? Armer Bruder, das kann dir deine ganze Popularität kosten!

Und mit Recht! sagte Siegbert, der Reden Hackert's auf dem Kirchhofe gedenkend; mit Recht! Spotte nur! Ich weiß, was ich verdiene ....

Dabei steckte er behutsam die Summe, die in seiner Hand geblieben war, in die Brusttasche, vorsichtig untersuchend, ob auch nirgends eine Nath aufgegangen oder eine verdächtige Falte da wäre und das ihm auf so wunderbare Art anvertraute Pfand unversehens entgleiten könnte.

Die Brüder traten nun in den Thorweg des Pelikan, um unter dessen schützenden Fittichen ein Abendessen einzunehmen. Dankmar hatte keine Ruhe mehr, über den Bruder den langverhaltenen Strom seiner Neuigkeiten auszuschütten.

[57]
3. Capitel. Der Pelikan
Drittes Capitel
Der Pelikan

Von dem wunderbaren Vogel, der sich selbst die Brust aufschlitzen soll, um seine Jungen vor dem Verhungern zu schützen, war auf dem Wirthshause, das seinen Namen trug, ein hölzernes, ziemlich verwittertes Abbild über dem Thorwege zu sehen. Auch der rothe, blutähnliche Anstrich des zweistöckigen, mit mehr Holz als Steinen aufgebauten Hauses erinnerte an jene Sage, die die Naturforscher leider nicht bestätigen wollen. Ob im Übrigen der aufopfernde Geist eines Pelikans in dieser Fuhrmannsherberge waltete, mußte erst die Rechnung ausweisen, die die Brüder später zu bezahlen hatten. Vorläufig sahen sie sich vergebens nach einem würdigen Empfange um. Der Thorweg war leer. Keine dienende Pelikanschwinge flog ihnen entgegen und schon schickte sich Dankmar, ungeduldig das Pflaster des Thorwegs stampfend, an, einige allarmirende Donnerwetter in den stillen Sommerabend, in dessen Ruhe sich auch der Pelikan wiegte, und ein jetzt ertönendes Hundegebell zu schleudern, als plötzlich einem freudigen Aufschrei auf dem Hofe folgende, im Harzdialekte gesprochenen Worte sich anreihten:

[58]

Ei der Tausend! Sind Sie's denn wirklich? Musje Dankmar und Musje Siegbert! Kennen Sie mich denn nicht mehr? Die Kathrine Bollweiler aus Thaldüren, die bei Ihrem Herrn Vater selig gedient hat? Besinnen Sie sich nur! O Gott, o Gott, wie kommen Sie denn nur daher?

So und ähnlich variirte noch der Gruß fort, mit dem die beiden Brüder beim Eintritt in den Hof des Pelikans empfangen wurden. Hier unter halbabgeladenen Fuhrmannswägen, unter Strohhaufen, pittoresken und nicht nach Alpenflora duftenden Düngerhügeln, nicht minder stark parfümirten Stalleimern wurden sie von einer kleinen Frau begrüßt, die eben aus der Küche trat mit einer Schüssel voll frischen Salats, an den dem Garten zu gelegenen Brunnen wollte, um ihn zu waschen, sie erst groß und starr anblickte und musterte und dann, die Schüssel geradezu auf den Mist stellend, in obige Worte ausbrach.

Grüß Gott! Grüß Gott! Sie ist die Kathrine aus Thaldüren! sagte Dankmar, die muntere Köchin erkennend. Das trifft sich ja gut und besser als gut! Wie kommt Sie denn funfzig Stunden weit vom Harze her in die Küche hier vom Pelikan?

Aber Kathrine konnte sich nicht sammeln. Ihre Freude hatte noch nicht kräftigen Ausdruck genug gefunden. Besonders hing ihr Auge an dem Siegbert, der ihr freundlich die Hand bot.

Musje Siegbert! rief sie einmal über das Andere. Ach, was für Herren sind das geworden! Gesehen hab' ich [59] Sie beide schon oft, wenn Sie hier vorbei gingen. Immer wollt' ich Ihnen nachlaufen und rufen: Pst! Pst! Aber ich hatt's Herz nicht und da dacht' ich: du sparst es dir einmal auf einen Sonntag Nachmittag auf, um sie lieber einmal ordentlich da zu besuchen, wo Sie wohnen; denn ich weiß, wo Sie wohnen, in der Neustraße. Nicht wahr?

Das weißt du? sagte Dankmar mit gutmüthigem Spott. Und Sonntags Nachmittags? Sieh! Sieh! Gerade das ist die Stunde, wo wir immer ganz sicher zu treffen sind! Das hätte sich ja nicht schöner machen können, Kathrine Bollweiler.

Siegbert, den es rührte, eine Magd seiner Ältern hier anzutreffen, und der Dankmar's Spott nicht leiden mochte, fiel ihm in die Rede:

Woher denn weißt du unsere Wohnung, Kathrine, und kommst nicht sogleich?

Das will ich Ihnen sagen! antwortete Kathrine und stellte die Schüssel mit Salat vom Miste weg auf einen Strohhaufen, während die Hühner gackernd herbeiliefen und der große Hofhund an der Kette, der anfangs ganz allein die Fremden mit seinem fürchterlichen Bellen begrüßt hatte, sich endlich beruhigte:

Mein Mann ist ja der Fuhrmann Peters aus Angerode, der alle Augenblicke einmal etwas bei Ihnen zu bestellen hat, und da hat er mir gleich, wie wir hierher zogen, gesagt, wo die Kinder meiner alten braven Herrschaft wohnen – aber man kommt so schwer ab.

[60] Abzugeben? Wohnen? fiel Dankmar hastig ein. Peters? Wo steckt er denn? Seinetwegen kommen wir ja hier in den Pelikan.

Ich pass' auf ihn jede Stunde! fiel Kathrine ein. Wir sollten ihn schon heute Morgen von Schönau her erwarten, was immer seine letzte Station ist, aber es muß ihm etwas passirt sein ....

Das will ich nicht hoffen! polterte Dankmar. Ich erwarte, daß er mir einen großen Schrein bringt, der mir wichtig ist ....

Weiß ich ja, sagte Kathrine pfiffig. Hat's mir ja geschrieben von Angerode. Aber das Wetter macht zu heiß. Da zieht sich's langsam im Sande. Die Gäule verschmachten und die Fliegen thun auch das Ihrige. Heute Abend kommt er aber noch ganz gewiß. Es schwant mir so.

Weißt du was, Kathrine? Wir warten hier die Erfüllung deines schwanenden Gemüthes ab. Kann man denn in diesem Pelikan ein Plätzchen finden, im Freien, ohne Stallgeruch, einen Trunk aus gutem Keller, einen Nachtimbiß aus deiner bewährten Küche? Mir brenzelt's und prasselt's im Gemüth, seit ich dich sehe, wie von Eierkuchen und andern holden Jugenderinnerungen ....

Hurtig! Hurtig! rief eine feine, sonderbar keuchende Stimme hinter ihnen. Sie wandten sich um und bemerkten eine dicke Figur, die sich inzwischen zu den Redenden gesellt hatte. Ohne Zweifel war dies der Wirth zum Pelikan. Der stattliche Herr war im leichtesten Sommernegligée. So fett, daß sein Schweiß, wie Falstaff sagt, [61] die Erde spicken konnte, beförderte er auch in seiner Kleidung diesen heilsamen Einfluß auf die Fruchtbarkeit des Bodens, Hals und Brust offen, die Hemdärmel aufgestreift. Er schien unter dem hohen Stand des Thermometers schrecklich zu leiden. Keuchend und mit dünner Stimme sagte er:

Hinter der Scheune ist ein Garten, meine Herren, und die Kegelbahn. Aber Wochentags kommt keine Gesellschaft. Wenn's Ihnen nicht zu still da ist und zu einsam ...

Grade recht, wenn's still ist, fiel Dankmar ein. Und nun, Herr Wirth, Zauberwinke! Herrscherbefehle! Bier, Wein, Cotelettes, Salat ....

Nein, Eierkuchen! fiel Kathrine lachend ein. Eierkuchen, wie man ihn in Thaldüren backt.

Eierkuchen, wie man ihn in Thaldüren backt! riefen die Brüder fast im einstimmigen Ton.

Der dicke Wirth lachte und wackelte voraus, ihnen das Gartenstacket zu zeigen. Kathrine hinterher voll seliger Freude. Sie war sauber und reinlich gekleidet; die Haube, ihren verheiratheten Stand anzeigend, bedeckte das Gesicht einer noch recht schmucken Dreißigerin. In ihrer Zerstreuung nahm sie die Schüssel voll Salat mit in den Garten.

Frau Peters, was soll denn der Salat wieder im Garten? fragte der Wirth und lachte.

Ach, ich bin ganz confus! sagte Kathrine Peters und schlug sich vor die Stirn, indem sie nun wieder nicht [62] wußte, sollte sie an den Brunnen oder in die Küche oder im Garten ihren jungen Pfarrerssöhnen aus Thaldüren einen Platz anweisen, der ihr der schönste schien.

Geh sie nur in die Küche, Frau Peters! Ich werde die Herren schon zurechtweisen!

Dies kräftige Wort des Wirths gab den Ausschlag.

Gut, Gevatter! sagte sie, nahm ihren Salat und kehrte in den Hof zurück. Eins, zwei, drei und Sie sollen prächtig bedient sein!

Durch einen kleinen Garten von Rasen, Gemüsebeeten und einigen Obstbäumen vom Pelikanwirthe geführt, fragte Siegbert:

Ei der tausend, Herr Wirth? Die Kathrine nennt Sie Herr Gevatter?

Das kann sie, antwortete der Dicke schnaufend, sie kann's, weil ich's bin. Die Peters ist sozusagen nicht blos meine Magd, sondern sie führt mir sozusagen die ganze Wirthschaft. Mein Weib ist todt, und den Spectakel mit den Mägden hatt' ich satt. Da sagt' ich zu meinem alten Freund Peters, der schon seit zwanzig Jahren bei mir einkehrt und mein Gevatter ist von Kindern, die todt sind: wüßt' ich eine brave Frau in gesetzten Jahren, die mir Ordnung im Hause hielte, ich heirathete wieder. Thue Das nicht, Alter! meinte Peters. Sieh! Ich mache dir den Vorschlag, ich ziehe von Angerode daher. Die Eisenbahnen machen unsere Fuhren immer leichter; es dauert eine Ewigkeit, bis so ein Wagen jetzt voll geladen ist und abgehen kann. Da lieg' ich denn auf der Bärenhaut und bin [63] mehr hier als in Angerode. So muß ich zwei Wirthschaften führen. Besser ich ziehe hierher und sorge nebenbei für deinen Stall, da du alter Kerl bald so dick wirst, daß du nicht mehr hinein kannst, wenn du dir keine breitere Thür baust. Nun, und Das bin ich eingegangen, und das Ende vom Lied ist, daß der Peters seine Wirthschaft hier herübergeführt hat und die kleine Gevatterin hier jetzt uns Alle im Sack hat. Mir ist's recht. Sie sehen, ich komme nicht dabei zurück.

Der behaglich schmunzelnde Wanst rückte den Brüdern am Ende der Kegelbahn dicht an einem Bach, der den Garten begrenzte, einen Tisch zurecht. Das Plätzchen lag gar angenehm im Grünen. Ein voller Apfelbaum beschattete den Tisch mit seinen zackigen Ästen. Die im Untergehen begriffene Sonne warf ihre letzten röthlichen Strahlen herüber. Käfer summten, Vögel zwitscherten von den Nachbargärten her. Sie konnten für die Mittheilungen, die dem ungeduldigen Dankmar auf der Zunge brannten, keinen stillern Ort finden. Schon kam auch Kathrine wieder zurück mit vollen Flaschen, einem Windlichte für die Cigarren und einem Teller voll groben und feinen Brotes zur beliebigen Auswahl.

So! sagte sie; da sitzen Sie ja schon traulich beisammen. So schön wie in Thaldüren ist's freilich nicht. Die Aussicht fehlt – aber so ein Plätzchen gab's doch auch im Garten hinterm Pfarrhause. Und der Herr Vater – Gott hab' ihn selig! – wie gern saß der so Abends im Freien, wenn die Sonne unterging, und sprach dann wie ein Buch, [64] trotzdem daß er's schwer auf der Brust hatte. Ich sagt's gleich, als es hieß, er ist Oberpfarrer in Angerode geworden. Ich war dazumal schon über sechs Jahre an den Peters verheirathet. Ich sagt's gleich, als er in das alte steinerne Pfarrhaus von Angerode zog, da hat's keine Luft für den braven Herrn und seine kranke Brust. Alles von Stein da und die hohen Zimmer und keine Wärme, wenn auch die Öfen groß genug waren und das Freiholz nicht gespart wurde. Wie lange hat er's drin gemacht? Zwei Jahre! Du lieber Heiland, der brave Mann! Wohnt denn die Mutter noch ihr Witwenjahr in dem Hause? Ich weiß, sie haben's ihr nehmen wollen. Feinde hatte Ihr Herr Vater immer; Das wußten Alle und Keiner begriff's warum? So ein engelguter Herr und doch sollt' er nicht in die Stadt kommen, bis es vor seinem Ende doch sein mußte und da war's sein Tod. In dem kalten Ritterhaus!

Frau Peters, der Eierkuchen! rief der Wirth zum Pelikan, der neugierig zugehört hatte, dann aber die träumerische Versunkenheit seiner Gevatterin nun im Interesse der Bedienung vom Vergangenen doch aufstören zu müssen glaubte.

Es ist auch wahr, fiel die ganz weinerlich gewordene Frau ein und lief hurtig wieder davon.

Nun lassen Sie's sich gefallen, sagte der Wirth zu den durch die Erinnerung an den Vater bewegten Brüdern; wie Sie's finden, ist's einmal, und wenn Sie Etwas wünschen, was wir haben, so rufen Sie nur!

[65] Damit setzte er seinen schwerfälligen Mechanismus in Bewegung, wieder dem Hofe zu, und ließ die Brüder endlich allein in behaglicher, stiller Ruhe.

Ein eigenes Zusammentreffen, begann Siegbert und fühlte an die Tasche, ob er sein anvertrautes Pfand, die hundert Thaler, auch noch bei sich hatte; diese Kathrine hier im Pelikan! Wir waren wol Jungen von etwa zwölf und vierzehn Jahren, als sie einen Fuhrknecht heirathete. Wir selbst kommen uns kahl und schaal, zwecklos und ziemlich unnütz in der Welt vor, und ihr gehen wir auf wie die Engel und Propheten! Der Mensch weiß nicht, was Einer dem Andern ist! Sie hat nach uns geforscht, und beobachtet, ein Wiederbegegnen mit uns für ein großes Lebensglück gehalten, das sie sich auf einen schönen Sonntag Nachmittag, vielleicht nach der Predigt, aufsparte, und ich wette, sie träumte im selben Augenblick glückselig von uns, während wir über irgend Etwas in Verzweiflung waren und keinem Menschen in der Welt von Wichtigkeit zu sein glaubten, als nur unserer Mutter und allenfalls unsern Gläubigern!

Daraus siehst du, theurer Communist, sagte Dankmar, indem er seine Cigarre an dem von Kathrine hingestellten Lichte anzündete, daß die Armen auch nicht so ganz elend sind, wie du dir denkst. Sie haben wirklich mehr Paradies als wir uns einbilden und selbst besitzen. Eine Landpartie Sonntags ist dem Handwerksmann eine so große Freude, wie dir vielleicht eine Einladung beim Prinzen Ottokar sein würde. Doch lassen wir jetzt unsere socialen Betrachtungen[66] und besprechen wir ernstere Dinge. Weißt du, bester Bruder –

Nichts weiter! unterbrach ihn Siegbert, ehe du nicht die Hauptsache berichtet hast: wie geht's der Mutter?

Sie ist wohl, sagte Dankmar und schenkte die Gläser voll. Wohlan! Das geht voran! Die Mutter lebe hoch!

Die Brüder stießen an. Die großen braunen Methgläser wollten nicht recht klingen. Der Wirth zum Pelikan schien keinen Wein zu führen. Doch war das Bier schmackhaft und ließ sich trinken.

Und nun, Bruder, fuhr Dankmar fort, höre mir zu! Es ist eine feierliche Stunde!

Ich bin begierig, welche Narrheit du auf dem Tapet hast, ergänzte Siegbert, während Dankmar sich räusperte und also begann:

Siegbert Wildungen, älterer Bruder des sehr ehrenwerthen Dankmar Wildungen, malendes Vorbild eines malerischen Referendars! Es kann dir nicht unbekannt sein, daß sich die Geschichte unsers Hauses in die ältesten Sagen der Vorzeit verliert. Ich will nicht untersuchen, ob sich schon unter den Rittern der Tafelrunde ein Wildungen durch seinen Durst – ich meine nach Abenteuern -auszeichnete; soviel ist gewiß, daß am Hofe Karl's des Großen ...

Theuerster Bruder, fiel Siegbert ein, sparen wir unsere Genealogie für lange Winterabende. Der Apfelbaum und die Johannisbeerhecken lachen uns aus, daß wir bei ihrem Duft in solchem alten Moder stöbern. [67] Johannisbeerhecken? fragte Dankmar und nahm dabei eine wichtige Miene an. Johannisbeerhecken?

Oder Stachelbeeren! Was scheidet uns da von den freundlichen Gärten der Nachbarschaft? Der Bach und die Hecken –?

Johannisbeerhecken! In der That! wiederholte Dankmar hinüberblickend. Seit ich in Angerode meine Entdeckungen gemacht habe, stutz' ich bei Allem, was an Johannes, gleichviel ob den Täufer oder den Apostel, erinnert.

Bist du Freimaurer geworden? fragte Siegbert staunend.

Gewissermaßen, ja! sagte Dankmar. Ich war so frei, in Angerode zu mauern, Wände zu durchbrechen und Johannisbeeren, ... sieh, sieh, in welchem Zusammenhange könnten wol diese Beeren mit einem der beiden Johannes stehen? Warum nennt man überhaupt diese Beeren Johannesbeeren?

Ohne Zweifel hat sie der Täufer Johannes in der Wüste gegessen, erklärte Siegbert.

Oder ... weil sie um Johannis reif sind – fiel Dankmar ein. Schade, daß meine Auslegung prosaischer ist!

Ich glaube, du bist närrisch, erwiderte Siegbert, ein wenig ärgerlich über den Humor des Bruders, der heute nicht ganz in seine Stimmung passen wollte.

Genug, lieber Bruder, Johannisbeeren oder Stachelbeeren, fuhr Dankmar fort, soviel ist richtig, daß du selbst sehr eitel auf den alten Ursprung unserer Familie bist; [68] denn auf deinem Molay hast du einen deutschen Tempelritter angebracht, der mit dem französischen Heermeister des Ordens stirbt, in deinen Flammen, die wunderschön gemalt, aber in dieser Weise historisch nicht motivirt sind.

Das that ich aus gutem Bedacht, antwortete Siegbert; denn ein Hugo von Wildungen war der Ahn unsers früher adeligen Hauses, und wenn nicht Templer, doch Johanniterherr der deutschen Zunge in einem ehemaligen thüringischen Tempelhause.

Und Gott segne diesen Hugo von Wildungen! fiel Dankmar mit Lebhaftigkeit ein. Er hat dir den anachronistischen Frevel, ihn zweihundert Jahre vor seinem in Rom erfolgten Tode schon in Paris verbrennen zu lassen, aus Anerkennung deiner dabei gehegten guten verwandtschaftlichen Absicht gnädiglich verziehen. Denn wenn ich in Halle und Berlin mein Öl nur einigermaßen nicht ganz verloren habe – oleum perdere, lieber Bruder, eine schöne lateinische Redensart für: seine Collegiengelder zum Fenster hinauswerfen –, so werden wir mit Hülfe dieses von dir verbrannten Hugo von Wildungen vielleicht Besitzer einer kleinen, runden, gemüthlichen Million.

Siegbert konnte über diese Bemerkung nicht lachen; denn Dankmar sprach sie mit einem solchen Ernste, das Blut schoß ihm dabei so in die Wangen, der Eifer trieb ihn so convulsivisch vom Tisch empor, daß er im ersten Augenblicke glaubte, sein sonst so nüchterner, nur im Praktischen lebender Dankmar wäre von einer fixen Idee befallen. [69] Du staunst? fuhr Dankmar fort. Aber ohne einen triftigen Grund habe ich keine so wahnsinnige Eile gehabt, dich zu sprechen. Ohne einen solchen Sporn hätt' ich keine Sporen angeschnallt und mich auf einen jetzt vielleicht mit dreißig oder funfzig Thalern Verlust gemietheten Lasally'schen Fuchs gesetzt. Da mußte etwas vorgefallen sein, Herz, was sich der Mühe verlohnte, den Hals zu brechen; denn ich hatte die Absicht, dich aufzusuchen, wo du nur zu finden wärst, und nur dieser rothhaarige Proletarier, diese Kathrine Peters und die Johannisbeeren des Pelikans haben mich verhindert, dir Das sogleich mit der gehörigen Feierlichkeit anzukündigen, was mir seit fünf Tagen wie glühendes Feuer im Munde flammt.

Siegbert, erstaunend über die Aufregung des Bruders, konnte nichts als, alle Gegenrede vermeidend, ihn bitten, deutlicher zu werden und in Ruhe zu erzählen, was er ihm anzuvertrauen hätte.

Wohlan! Du bist von Thaldüren und dem angeroder Lyceum zur Akademie gegangen, fuhr Dankmar, sich wieder setzend, fort, ich zur Universität: wir haben in Angerode, aber nicht im Pfarrhause gewohnt, wo der Vater uns allzu früh starb. Seine frommen Collegen gönnten ihm nicht, da zu wohnen, wo er sterben sollte: denn es war bekannt, daß er sich gern des alten Ursprungs unserer Familie rühmte und von der Pfarrwohnung in Angerode, dem ehemaligen Profeßhause der thüringischen Tempelherren, im Scherz wie von einem Stammsitz seiner Familie sprach. Bei dem kurzen Besuche, den du gerade beim Tode des Vaters in [70] Angerode machtest, wirst du dich des alten verfallenen Nebengebäudes an dem Tempelhause erinnern –

Das ganze Gebäude, ergänzte Siegbert, regte mich immer auf's lebendigste an. Das Tempelhaus zu Angerode ist einer der schönsten Reste des Mittelalters. Die herrliche Façade mit den symmetrisch geordneten Doppelfenstern, deren zwei immer ein Spitzbogen vereinigt, die beiden Giebel, ganz erinnernd an das alte, restaurirte Haus des Martin Behaim in Nürnberg, und selbst der Anbau, den man nicht zur Pfarrwohnung geschlagen hatte, obgleich verfallen und in gedrücktern Formen gehalten, doch gar lauschig und traulich. Dieser Anbau gehörte so unzweifelhaft zu dem Ensemble dieser ehrwürdigen alten Niederlassung, daß ich mich freute, zu hören, wie nun auch diese Räume bestimmt sind, mit der Wohnung des künftigen Oberpfarrers und dem Schulhause verbunden zu werden.

Und gerade in dem Augenblicke, ergänzte Dankmar, wo diese Übergabe erfolgte, kam ich nach Angerode. Man wollte der Mutter erst ihren einjährigen Witwensitz im Hause streitig machen, es wurde mir leicht, ihr Recht bei der Stadt durchzuführen. Schwieriger war es, ihr auch die Nutznießung des Anbaus zu sichern. Sie selbst verzichtete darauf. Du weißt, wie wenig sie bedarf. Aber ich wollte vom Rechte nichts vergeben sehen und bestand darauf, daß ihr auch diese jetzt freien Räume zur Verfügung gestellt wurden. Es war das Archiv und die Bibliothek des ehemaligen Tempelhauses, spätern Johanniterhofes. [71] Das war ein Hetzen mit den Gerbern und Seifensiedern der Stadt! Die Einen wollten in dem alten Gemäuer ihre Felle aufbewahren, die Andern ihre Lichtdochte. Auch die Regierung kam und reclamirte den Ort zum Besten der wollenen Socken und leinenen Kostbeutel des Militairs. Aber ich trat als Advocat auf. Ich sagte ihnen: Diese Stadt Angerode hatte einst die Ehre, der Sitz eines reichen und mächtigen geistlichen Ritterhofes zu sein. Der Orden hat die Wohlfahrt der Stadt begründet. Als er in Folge der Reformation sich auflöste, wurde bestimmt, daß seine sämmtlichen Besitzthümer in Angerode an die Pfarrei der St.-Johanniskirche übergingen. Mit dem Tempelhause selbst geschah Dies. Eure Pfarrer konnten in den kalten großen Räumen mit den steinernen Fußböden, die nur für Ritter bestimmt waren, alle eines frühen Todes an Gicht und Rheumatismus sterben, aber den Anbau nahmt ihr zu diesem und jenem profanen Zwecke. Aus dem alten Archiv und der Bibliothek machtet Ihr das Unwürdigste! Gott sei Dank! Jetzt ist der Fleisch- und Mehloctroi daraus vertrieben, denn Ihr Angeroder habt dem Staat den Mehl- und Schlachtzins durch directe Steuern abgekauft. Nun falle dieser Raum an Die, denen er gehört, an Eure Seelsorger oder deren Witwen! So sprach ich und ich hätt' es doch ohne Proceß nicht durchgebracht, wenn sich nicht politische Freunde gefunden hätten, die die Sache ordentlich nach einem Princip auffaßten. Wie Das möglich war, weiß ich noch bis zur Stunde nicht; aber die Anbaufrage wurde Tendenzfrage, [72] man machte einen Antrag bei den Stadtverordneten, und weil man Aufregung bei dem jüngern Theile der Bevölkerung und der mir rasch zugethanen arbeitenden Classe fürchtete, so hatten wir die Majorität, und die neuen Gelasse fielen nicht an die reichen Gerber und Seifensieder, nicht an die Regierung, sondern an die Geistlichkeit und deren Angehörige.

Eine seltene Ausnahme in diesen Tagen, bemerkte Siegbert, wo dieser Stand eher herauszugeben als zu gewinnen gewohnt ist.

Der Stand that da nichts, fuhr Dankmar fort, das Recht und meine Popularität entschied. Den alten angeroder Lyceisten kannten Alle, feierten Alle. Das Gefühl, mit dem die große eisenbeschlagene Eichenthür, die von unserm Schlafzimmer in den Anbau führt, von mir feierlich geöffnet wurde, entlockte der Mutter einen unwillkürlichen Seufzer, denn gerade da hatte das Sterbebett des Vaters gestanden. Da war er in deinen Armen gestorben, Siegbert, du kennst die Stelle. Die Thür krachte in ihren Angeln. Seit drei Jahrhunderten war sie nicht geöffnet worden. Der alte verrostete Schlüssel lag so lange auf dem Rathhause! Ein Schlosser hatte einen ganzen Tag daran zu putzen, ihn nur einigermaßen wieder brauchbar zu machen. Der Gewinn an Räumlichkeiten war nicht gering, aber da sie im verwildertsten Zustande sich fanden, konnte man sie jetzt schon zur Wohnung unmöglich herüberziehen. Da lagen die Acten der Mahl- und Schlachtsteuerschreiberei in Haufen aufgethürmt. Eine Auction [73] erst entfernte sie. Von der Verbindungsthür stieg man einige Stufen hernieder und befand sich dann auf einem Gange, der mit Bildern alter Heiligen geschmückt war. Ob Boisserée daraus etwas herausfinden würde, was abgewaschen und mit Lack frisch überzogen an einen König von Baiern als altdeutsche Schule sich verkaufen ließe, weiß ich nicht. Dünnbeinig genug sahen die Kriegsknechte und die heiligen drei Könige vom Morgenlande aus, die man da auf Holz geklext hatte –

Still! Still, Dankmar! Deine Frivolität wird bestraft, unterbrach Siegbert den Bruder, Kathrine hemmt deinen Redefluß und zwingt dir eine unwillkürliche Pause auf.

Dankmar sah sich um. Kathrine brachte den Salat und ihr schnittlauchduftendes Backwerk. Selbstzufrieden trug sie das gelbe Erzeugniß ihrer Kunst. Die süßesten Kindheitserinnerungen gingen den Brüdern auf. Siegbert hätte sie gern gleich ausgesprochen, aber Kathrine fiel ihm ins Wort und sagte plötzlich mit trauriger Stimme:

Eigentlich sollt' ich gar nicht vergnügt sein, Sie so bedienen zu können. Lieber Gott, es vergeht doch kein Tag, wo nicht was Schlimmes kommt! Auf eine Freude immer zehn mal ein Unglück.

Was ist denn, Kathrine? fragten die Brüder theilnehmend, schnitten aber schon tapfer ihr Gebäck in gleiche Theile.

Da fährt ja eben, sagte sie klagend, der Fuhrmann von Quedlinburg vorüber – er spannt im Engel aus – und erzählt mir ein Unglück mit meinem Peters.

[74] Das wäre! sprang Dankmar auf und seine Züge verfärbten sich.

Nein, nein, sagte Kathrine beruhigend, es ist weiter nichts, als die Achse hat er gebrochen –

Die Achse?

Und seine Ladung – Mein Schrein? rief Dankmar.

Ist Alles, wie es sein soll; beruhigte ihn Kathrine; aber so niedergeschlagen, sagt der Fuhrmann, ist mein Mann, so rabiat hätt' er ihn angetroffen, als wenn er seine ganze Fracht verloren hätte.

Das wäre mir schön! bemerkte Dankmar, sich nur mit Mühe sammelnd und auf dem Rasen hin und hergehend.

In Hohenberg ist's ihm passirt! berichtete Kathrine weiter. Wie? Das wird er wol erzählen. Er muß in einer Stunde eintreffen, so lange hat's gedauert, bis das Rad wieder hergestellt war. Aber woher kommt's? Von den schlechten Wegen. Seit die Eisenbahnen sind, geschieht nichts mehr für die Landstraßen, und doch muß man's segnen, daß es noch Gegenden gibt, wo der Gottseibeiuns selbst nicht mit Feuer und Dampf über die Wiese fährt. Schlimme Zeit! Aber jetzt lassen Sie's sich's schmecken und sowie er sich auf der Chaussee blicken läßt, meld' ich's an. Freude ist nicht viel an der Fahrt, wenn ein Fuhrmann auf eigene Rechnung fährt und ihm 's Rad bricht.

Damit ging sie. Aber Dankmar hatte eine unbeschreibliche Unruhe. Das Essen mundete ihm nicht.

Ich hätte den Schrein nicht von mir geben sollen! rief er einmal über das andere und rannte dabei auf und ab.

[75] Aber beruhige dich doch nur mit deinem Schrein, sagte Siegbert. Ist denn das die Bundeslade selbst? Du hörst ja, daß sie da ist –

Ehe ich sie nicht sehe, mit Händen greife, habe ich keine Ruhe mehr –

Siegbert mußte lachen und meinte:

In meinem Leben hab' ich nicht gesehen, Dankmar, daß dich etwas so ernst stimmen kann wie dieser Schrein. Was hat es denn mit diesem Heiligthume? Man möchte glauben, es enthielte das goldne Vließ und käme direct aus Kolchis.

Siegbert, sagte Dankmar, seit einer merkwürdigen Nacht, die ich in dem Anbau des Tempelhauses zubrachte, ist mir nichts mehr so wichtig wie dieser Schrank ...

Den du hoffentlich aus dem Eigenthum der Stadt Angerode nicht mitgenommen hast ...?

Allerdings hab' ich Das. Dieser Schrank enthält Schriften, die sich lediglich nur auf uns und unsere Familie beziehen –

Fingirte Memoiren des Johannesritters Hugo von Wildungen, sagte Siegbert lachend, deine ersten schriftstellerischen Versuche im Geschmack der Bernsteinhexe oder der schlesischen Sybille, die man so lange für echt bewunderte, bis sich entdeckte, daß irgend ein ruhmsüchtiger pommerscher Landpastor oder ein gelangweilter schlesischer Stadtschreiber diese Märchen erfunden hat!

Spotte nicht! sagte Dankmar, in drei Jahren werden wir anders sprechen.

[76] Sich setzend und ohne viel Appetit seinem Abendimbiß mäßig zusprechend, fuhr er nun in seinen Mittheilungen fort und erzählte dem erstaunenden Bruder die Entdeckung von Thatsachen, die in das Leben dieser beiden jungen Männer merkwürdig genug eingreifen und auch uns im Laufe dieser Erzählung mannichfach beschäftigen sollen, wenn wir auch gestehen, daß die Brüder selbst ohne Dankmar's Traum von einer Million beneidenswerth waren. Sie hatten Geist, Herz, Talent, jede Anwartschaft auf eine glückliche Zukunft. Ihren reichsten Schatz aber kannten sie nicht einmal. Es war dies die goldene poetische Jugend, die Jugend mit dem Zauberstabe, der Quellen aus Felsen schlägt, luftige Paläste in den Wolken bewohnbar macht und jeden schon am Gemüthe prickelnden Schmerz, jede kleine schon am Herzen nagende Täuschung mit dem Troste heilt: Du bist jung! Noch gehört dir das ganze Leben, noch gehört dir die ganze Welt!

[77]
4. Capitel. Der Schrein im Tempelhause
Viertes Capitel
Der Schrein im Tempelhause

Eines Abends, erzählte Dankmar, lockte mich der Ton der Orgel in der Johanniskirche, deren Sacristei mit dem Tempelhause durch jenen Anbau verbunden war, in den größern Saal, in welchem einst die jetzt verschwundene Bibliothek des Ordens stand, und die kleinern Nebengemächer, wo sich sein Archiv befunden haben soll. Es war eine gewisse Ordnung in das Häuschen gekommen. Die alten geistlosen Schreibereien über Rinder und Mehl waren entfernt, das Erdgeschoß war vom Schmuz, das obere Stockwerk vom Staube gereinigt. Unten sollte eine Waschküche angelegt werden, ein Trockenplatz für den Winter, oben der kleine Saal, einfach gewölbt, und die Nebenzimmer trocken und warm, standen unserer Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer. Es wäre in ihnen traulicher zu hausen gewesen als in den hohen Zimmern des großen Prunkgebäudes nebenan. Die Orgeltöne in der Johanniskirche kamen von einem jungen Schullehrer, der sich zum nächsten Sonntagsgottesdienste übte. Es war mir eine eigene Empfindung, wenn ich zurückdachte an die frühere Bestimmung dieses ganzen alten Tempelhofes. [78] Man hat noch viel zu wenig über den Zweck, die Bedeutung und die Schicksale dieser alten Ritterorden nachgedacht. Ihr Ursprung ist märchenhaft und dunkel, ihr Ende sicherlich nicht so, wie es erzählt wird und gleichsam zu Protokoll gegeben ist. Wer kennt die geheimen Fäden, die aus den Bauten der Indier herüberreichen in den Tempel Salomon's und das Grab des Erlösers, das die Tempelritter hüteten? Wer weist nach, welche noch geheimern Fäden sich von ihnen bis in die neuere Gesellschaft ziehen, während wir jetzt schon wissen, daß vielleicht die Freimaurer, trotz alles Leugnens der Forscher, das Geheimniß der Tempelweihe in sich aufnahmen! Diese geistlichen Ritterorden standen zwischen den Weltlichen und zwischen den Geistlichen in der Mitte, vom Papste und den Königen zugleich geehrt und zugleich verfolgt und immer ehrwürdig durch sich selbst, durch ihre Entsagung, durch ihre Tapferkeit. Sie retteten die Weltlichkeit vor allzu gedankenloser und unheiliger geistiger Richtung, sie retteten den geistlichen Stand vor allzu mönchischer Verdummung und thatenloser Beschaulichkeit. Das Schwert war ihre Inful, der Mantel mit dem Kreuze ihr Pallium. Laß mich's dir sagen, Bruder, heute zum ersten male in Worten, die meiner stillen Bewunderung ein lautes Zeugniß geben, daß dein herrliches Bild, der Feuertod Jakob's von Molay, auch mich tiefinnig ergriffen hat. Ich habe dir bisher nur in lauer Weise, scherzend fast, darüber gesprochen, weil du weißt, wie ich dich verehre, und wie Alles, was von deiner Künstlerhand [79] kommt, mir schon von selbst sich anpreist. Aber ich sehe ein, daß Diejenigen wenig verstehen, mit schaffenden Genien umzugehen, die nicht Alles und Jedes, was diesen entstammt, immer wieder neu begrüßen, neu anerkennen. Nichts kann im Künstler eine bloße Fortsetzung seiner einmal aufgezogenen Thätigkeit sein. Jeder Gedanke, den er verkörpert, entspringt aus einer neuen Offenbarung seines Geistes, die heute durch die Luft, morgen durch Feuer und Wasser zu ihm spricht. Vergib mir, daß ich dir erst heute so theilnehmend und hingegeben von deinem Werke rede!

Dankmar! sagte Siegbert tief gerührt und ergriffen. Eine Thräne stand ihm im Auge, er faßte zitternd des Bruders Hand, die dieser an sich zog und ans Herz drückte. Dankmar! Du bist gut! war Alles, was Siegbert sagen konnte.

Ja, fuhr Dankmar begeistert fort, die Prophezeiung, die man dir und dem so früh sich verrathenden Genius des Knaben stellte, erfüllt sich doch wunderbar. Erlebte Das der Vater, der so früh auf unsere Gaben lauschte, und in mir nur den kalten Verstand des Advocaten, in dir die Wärme und das Talent des Künstlers entdeckte! Hat er uns nicht gepflegt wie zarte Pflanzen, geschützt vor rauhem Sturme der Sorge; hat er nicht selbst gedarbt, um uns den Weg des Glücks zu bahnen?

Auch Dankmar's Augen zitterten. Auch ihm feuchteten sie sich. Seine Nerven schienen erregter als sonst. Es mußte mit dieser starken, metallenen Natur wirklich eine [80] gewaltige Erschütterung vorgefallen sein, daß sie einmal so ihre gewöhnliche Weise von sich warf. Doch war es nur ein Augenblick. Während Siegbert seinen Gefühlen der Erinnerung an einen sorgsamen, liebenden, zu früh dahingegangenen Vater freien Raum ließ, fuhr Dankmar, schon wieder gesammelt, fort:

Alles Das bewegte mich in dem Bibliothekzimmer der Tempelherren beim Klange der Orgel aus der St.-Johanniskirche. An die kahlen Wände zauberte ich mir dein Bild. In dem dunkeln, von den Flammen rembrandtisch erhellten Vorgrunde, das Antlitz König Philipp's des Schönen, der am Vorsprung eines Fensters es wagte, dem Tode der Opfer seiner Habgier beizuwohnen, neben ihm der Legat des Papstes, der seinem noch zögernden und vielleicht nicht ganz erstickten Ehrgefühl den Muth zuzusprechen scheint, diese Hinrichtung deshalb zu wagen, weil die Tempelherren falsche Götzen anbeteten und gotteslästerliche Ceremonien übten! Auf hundert Schritte von diesen beiden Köpfen, neben denen sich im Vorgrunde eine Reihe anderer mit dem gemischtesten Ausdrucke und in wunderherrlicher Flammenbeleuchtung hinzieht, der edle Ordensmeister auf dem Holzstoße, hinter und neben ihm einige andere dem Tode geweihte Ritter, alle von den Flammen umzüngelt und glücklicherweise im Rauche schon erstickend, ehe sie noch das grausame Feuer erreicht. Die weißen Ordensmäntel mit den eingestickten Kreuzen wehen schon angesengt und halb verbrannt im Winde. Hier und da sieht man unter ihnen noch einen [81] geschuppten Waffenrock und auf der Brust das Wappen der Ritter, wozu du bei einem, der dem Vater ähnlich sieht, unser altes Wappen nahmst und dir darunter Hugo von Wildungen dachtest. Über dem Ganzen aber im Wiederschein des Qualms und der Flammen gegen den reinen Äther schwebt eine wie zufällig aufflatternde Taube, die so majestätisch in dem feurigen Lichte schwebt, daß sie Jeder für das Symbol des siegreich aufsteigenden heiligen Geistes erkennen wird.

Ich entlehnte, fiel Siegbert lächelnd über des Bruders Beschreibung seines Bildes ein, ich entlehnte diesen Gedanken der Sage vom Feuertode des Johann Huß.

Gleichviel, fuhr Dankmar fort; auch von diesem Aschenhaufen des Jahres 1314 stieg die Taube der Unschuld, das Symbol der Liebe empor, wenn auch vielleicht noch nicht das der Gedankenfreiheit, in dem ich mir lieber einen Adler mit trotzig ausgebreiteten Schwingen denken möchte. Der in Frankreich, Italien und England aus Habsucht verfolgte Orden erhielt sich längere Zeit in Deutschland, wo ihn, wie manchen andern bessern Gedanken, gerade die Zerrissenheit des Staats zu retten schien. Ein Fürst gönnte des Ordens Besitzthümer dem Andern nicht und so wäre er vielleicht von allen verschont geblieben, wenn ihn eine Bulle des Papstes nicht gezwungen hätte, ein Nebenzweig des Johanniterordens zu werden. Auch im Harze hatte der Orden Tempelhöfe, und sandte von ihnen Ritter aus, die für das Grab des Erlösers in Syrien kämpften. Als die Tempelherren Johanniter wurden, kämpften [82] sie auf Rhodus und Malta. Andere standen im Dienste der Republiken Venedig und Genua, immer um gegen die Ungläubigen und für die Wiedereroberung des heiligen Grabes zu fechten. Sie gewannen dabei kostbare Schätze, die jedoch nicht ihnen, sondern dem Orden gehörten. So hatte Hugo von Wildungen dem in einen Johanniterhof verwandelten Tempelhause von Angerode die uneigennützigsten Dienste geleistet, als die Reformation sich im Harz ausbreitete, die Klöster entvölkerte und auch die Ritterorden auflösend ergriff. Noch wurde im Schooße des erschütterten Ordens die Partei, die am Papste festhielt, von dem katholischen Fanatiker Heinrich von Braunschweig geschützt. Noch fielen die Anhänger der Reformation am Fuße des Harzes auf dem Blutgerüst oder schmachteten in Heinrich's und Georg's von Sachsen tiefsten Kerkern. Aber der Geist der Zeit unterstützte alles Das nicht mehr, was nur noch durch die Schärfe des Schwertes behauptet werden konnte. Auch der Johanniterhof von Angerode rüstete sich zum protestantischen Glauben überzugehen, und wandte bereits den Ertrag seiner Reichthümer dem zum Orden gehörenden Adel als in seiner Familie erbliche Besitzthümer zu. Dagegen trat jedoch Hugo von Wildungen auf, er, der Einzige, der katholisch blieb, er, der es noch da zu bleiben wagte, als auf Heinrich und Georg Regenten folgten, die der Reformation huldigten. Nach der Schlacht von Mühlberg, als die deutschen Fürsten in Halle vor Karl dem Fünften knieeten und er ihnen zur Beruhigung zurief: »Nicht Kopf [83] abe!« bestätigte der Kaiser feierlich den St.-Johannesritter Hugo von Wildungen als Comthur und alleinigen Vertreter der Rechte des katholisch gebliebenen Johanniterhofes von Angerode. Mit dem Heere des Kaisers aber zog auch seine Macht ab. Die abtrünnigen Ritter ließen sich von einem Papier aus ihrem Raube nicht verdrängen und Hugo von Wildungen mußte weichen. Um ihm aber, den Alle achteten, einen Beweis der Verehrung zu geben, um ferner das Beispiel zu beschönigen, das sie selbst von eigenmächtiger Habsucht durch Aneignung der Güter des alten Tempelhofes gaben, setzten die übergetretenen Ritter ihrem katholischen Meister, der erst nach Baiern, dann nach Rom und Malta auswanderte, die letzten Häuser und Liegenschaften des Ordens aus, die sie noch in großen Städten, unter Anderm auch in der jetzigen Landeshauptstadt, besaßen. Die förmlich darüber aufgesetzte Urkunde schickte jedoch Hugo aus Venedig zurück, weil er erklärte, es einem Fluche gleichachten zu müssen, vom Gute des Ordens für sich zu stehlen, wie es die andern ketzerischen Ritter gethan hätten. Bis soweit reichte, wie du ja selber weißt, die Tradition unserer Familie .....

Siegbert bestätigte Dies und sagte:

Wie oft mögen unsere später auch zum Protestantismus übergegangenen, verarmten und durch sich selbst entadelten Ahnen beklagt haben, daß ihrer Familie ein so starrköpfiger Charakter angehörte, der diese wichtige Urkunde zurückschicken konnte! Und wenn sie sich auch fände, sie würde uns jetzt nichts mehr helfen.

[84] Diese schwerlich, sagte Dankmar. Die Erben des vierblätterigen Kreuzes würden immer sagen ...

Des vierblätterigen Kreuzes? fiel Siegbert befremdet ein.

Das Kreuz in seinen vier Enden, sagte Dankmar zum staunenden Bruder, mit dem dreiblätterigen Kleeblatt blieb das katholische Symbol. Die protestantischen Johanniter jener Gegend jedoch – abweichend vom gewöhnlichen Johanniterkreuze – behielten das Kreuz, setzten aber in seine Enden statt drei vier Rundungen, die das vierblätterige Kleeblatt bezeichneten. Dieser Zwiespalt währte bis zum Dreißigjährigen Krieg, wo die Ordensbekenner ausstarben und die noch vorhandenen, nicht vertheilten Güter des Ordens den aufgesparten und seinen Angehörigen vorbehaltenen Antheil Hugo's von Wildungen Dem ließen, der die Macht hatte, sie zu nehmen. Merkwürdig, daß die Häuser und Besitzungen, die die Urkunde von 1556 an Hugo von Wildungen abtrat, bis 1636 in seinem Namen und zu seinen Gunsten verwaltet wurden. Schon damals erhob sich ein Proceß, der in Wien geführt wurde. Der Papst hatte eine Bulle ausgestellt, der zufolge alle geistlichen Ritterhöfe protestantischer Lande ausnahmsweise nun wirklich Eigenthum, aber nur derjenigen Ritter werden sollten, die dem katholischen Glauben treugeblieben wären. Man hatte in Rom gehofft, auf diese Art durch das Privatrecht und dessen locale Gel-tendmachung sich einen festen Fuß in den ketzerischen Landen zu erhalten. Darauf hin hatte Hugo von Wildungen [85] später nicht nur seinen ihm an der großen Theilung freiwillig zugestandenen Antheil, sondern den ganzen Vollbesitz des Ritterhofes Angerode erb- und eigenthümlich für sich und seine Angehörigen verlangt. Der wahre Grund war der Rückhaltsgedanke, das Eigenthum bei dem Orden nur solange aufzuheben, bis ihm Gelegenheit geboten würde, sich in Zukunft wieder zu sammeln. Lieber hob man in Rom einstweilen ein kanonisches Gelübde auf, als daß man dem Protestantismus so reiche Mittel, sich zu kräftigen, freiwillig überlassen hätte. Wie viel Feindschaft auch zwischen der Priesterschaft und den geistlichen Ritterorden waltete, in den äußersten Fragen trat die Eine schützend für die Andern ein. Wie oft dacht' ich nun: Wenn jetzt eine Cession, eine Abtretung der Eigentumsrechte an seine Familie von der Hand des Ritters Hugo existirte, wenn man ein Testament finden könnte, das auswiese, der fanatische Ritter hätte nicht der Kirche, sondern den Seinigen überlassen, was er, wenn auch nur für seinen Theil, vom Vermögen des Tempelhofes beanspruchen durfte! Wären solche Urkunden da, so ließe sich darauf hin ein juristischer Feldzug eröffnen, der ...

Dankmar! unterbrach Siegbert den Bruder. Welche Träume! Welche Phantasieen! Soviel lernt' ich schon von dir, daß es in dem Rechtsleben Verjährungsfristen gibt, wo keine Klage über eine stehengebliebene Schuld mehr angenommen wird.

Wie aber, lieber Bruder, sagte Dankmar sicher und[86] bedeutsam lächelnd, wenn in dieser Angelegenheit, wie im Wallenstein'schen und andern noch schwebenden uralten Processen, merkwürdigerweise deshalb nichts verjährt ist, weil sie alle funfzig Jahre wieder aufgenommen wurde und sich in ewigen Protesten die Communen mit den Regierungen über jene Hinterlassenschaft gestritten haben? Wie, wenn sogar unser Staat, unser jetziges Ministerium mit dem Magistrat dieser Stadt hier einen Proceß wegen siebzehn alter Tempelhäuser begonnen hat, dessen Zulässigkeit in höchster Instanz längst entschieden ist? Endlich, Bruder, wie, wenn ich dir beweisen könnte, daß diese Häuser – Doch genug, höre, was ich erlebte.

Siegbert schob die Reste des Abendimbisses fort und lauschte voll gespannten aber doch zweifelnden Erstaunens.

Als ich nun an jenem Abend, begann Dankmar wieder in seine Erzählung einzulenken, in dem Anbau des Tempelhauses im Interesse der Mutter und ihrer Benutzung dieser Räume mich orientiren wollte, entdeckte ich an einigen Stellen der Wände des Archivs, daß durch die Reihe der Jahre hier und da Mörtel losgesprungen war. Mir fiel Dies auf, weil es mir vorkam, als wenn unter der obern Decke, die nur leicht überkalkt schien, sich noch eine andere befinden müßte, die man nur dürftig überzogen hatte. Ich ziehe mein Taschenmesser und fange zu bröckeln an. In der That! Es ist unter dem etwa einen Finger dicken Überwurf noch eine andere geglättete Wand, die mir immer deutlicher entgegentritt, jemehr [87] ich den spätern, jedoch sehr alten Überputz ablöse. Noch konnte diese Entdeckung auf keinen andern Gedanken führen als den, daß man vielleicht die früher schadhaften Mauern neu hatte herstellen wollen. Plötzlich aber fährt mein Messer in eine Ritze. Ich kratze sie weiter auf. Es ist ein förmlicher Spalt. Ich trenne noch mehr von der obern Wand hinweg; da wird die untere ein von Kalk bespritzter breterner Widerstand. Ich arbeite weiter. Bald entdeck' ich, daß diese Wand gefelgt ist. Ich klopfe. Es klingt hohl. Ich habe ohne Zweifel einen Schrein vor mir, einen in die Mauer gebauten Wandschrank. Jetzt hatt' ich keine Ruhe mehr. Ich mußte gründlicher untersuchen, koste was es wolle. Es war Nacht geworden. Ich kehrte über den Gang nach der alten Verbindungsthür mit dem Tempelhause zurück. Die Mutter schlief schon. In der Küche holt' ich mir ein Licht, ein Beil und einen kleinen Holztritt. So ausgerüstet, kehrte ich an meine Arbeit zurück. Bis zwei Uhr in der Nacht hatt' ich daran gearbeitet, den obern Putz des ganzen gewölbten Zimmers herunterzuschlagen; ich selbst und meine Lampe, wir erstickten fast im Kalkstaub, den ich nicht zum Fenster hinausleiten mochte, sondern wie einen Dampf durch die Thür auf den Gang und zum Kirchhofe hinausstreichen ließ. Für die erste Nacht begnügte ich mich mit der Entdeckung, daß die letzten, wahrscheinlich protestantischen Ritter, die das Tempelhaus noch bewohnten, ohne Zweifel vor den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges dies Archiv hatten schützen wollen und über die in die Wände gemauerten Schränke,[88] um sie am sichersten zu verbergen, eine ganz neue Wand gezogen hatten. Am Tage darauf setzte ich meine einsame Arbeit fort. Niemand hinderte mich, auch der Mutter entdeckt' ich nichts. Ich kannte ihre Ängstlichkeit und die allgemeine Scheu, in solchen Dingen etwas zu thun, ohne gleich der Polizei Anzeige zu machen. Die Benutzung dieser Räume stand ihr ja frei. Die Wandschränke der Zimmer, die wir im Tempelhause hatten, standen ihr ja auch offen. Auch hier fanden sich nun Wandschränke. Was sollt' ich zögern, sie, so gut es ging, für unser Bedürfniß zu öffnen! Ohne einen Schlosser war Dies freilich nicht möglich. Ich fand glücklicherweise einen, der es ganz in der Ordnung fand, daß die Mutter diese Gelasse nach Bequemlichkeit benutzen wollte. Der entfernte Schutt konnte ihn auf keinen andern Gedanken bringen, als daß hier noch einige Repositorien zur Mahl-und Schlachtsteuerverwaltung übriggeblieben waren, zu denen denn, »wie gewöhnlich«, fügte er hinzu, die Actuare den Schlüssel verloren hätten. Als der Schrank geöffnet war und wieder neue Schubläden zeigte, die dem Schlosser aufzuziehen nicht einfallen konnte, war ich geborgen. Ich entdeckte das vollständige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode, seit dem Übergang der Templerei in den Bruderorden des St.-Johannes im Jahre 1320 bis zum Jahre 1636. Alles Das, was sich auf die Geschichte des johannitischen Tempelhofes seit seinem Übertritt zum Protestantismus bezog, war auffallenderweise in einem großen eichenen braungebeizten Schrein [89] vereinigt, der auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte, dessen Enden in vierblätterige Kleeblätter ausliefen. Diesen Schrein nun –

Um Gotteswillen, rief Siegbert, den hast du doch nicht aus dem Amtsgebäude entfernt?

Dankmar wollte antworten, aber in diesem Augenblick wurde das Gebell des Hofhundes, das schon seit einigen Minuten wieder begonnen hatte, unerträglich. Die Brüder, ganz vertieft in ihre Mittheilungen, sahen sich um. Die Nacht hatte sich leise mit einem durchsichtigen Sternenkleide herabgesenkt. Johanniswürmchen funkelten schon im Grase. Alles war still, traulich, nächtlich, nur der Hofhund machte einen Lärmen, der den gereizten Nerven der Brüder förmlich Schmerz verursachte.

Die Bestie! rief Dankmar und wollte schon hinaus, um das Thier zur Raison zu bringen, als Kathrine die Gartenthür aufstieß und herüber schrie:

Er kommt!

Gott sein Dank! rief Dankmar, nahm seinen Hut und eilte über alle Beete weg den kürzesten Weg zum Hofe des Pelikan. Siegbert folgte ihm langsamer und fühlte, als umgäbe ihn geisterhafter Spuk, nach seinen Taschen. Er erstaunte, wie Hackert über das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn so richtig hatte aufklären können. Am Stil der Kirche, mußte er sich jetzt sagen, fand er, daß sie allerdings nur aus den Zeiten nach der Reformation herrühren konnte. Aber zu der Aufregung des Bruders wußte er nicht, ob er sich ihrer freuen oder betrüben [90] sollte. Sie schien ihm zu krankhaft, zu unnatürlich, an Dankmar ganz ungewohnt. Er kannte ihn nur von seiner klaren und immer helldenkenden Vernunftseite. Wenn ihn zum ersten male hier etwas täuschte, wenn er statt nach dem langsam zu erreichenden Ziele seiner gediegenen Kenntnisse und seiner freimüthigen Gesinnung nach einem Luftphantome griffe! Er folgte tief bekümmert dem Bruder, indem er die kleinen Wege einhielt, die in dem bescheidenen Gärtchen von den Beeten bezeichnet waren.

Es war fast Nacht geworden. Aber im Hofe des Pelikan wurde es lebendiger wie am Tage. Der Hofhund ließ sein Bellen nicht, ja einige kleine Kläffer hatten sich ihm noch zugesellt und führten ein ohrenzerreißendes Concert auf. Woher sie die Witterung hatten, daß der Fuhrmann Peters von Angerode, der Eheherr ihrer jetzigen Herrin Kathrine, ankam, ist schwer zu sagen. Nur das elektrisch bewegte Schalten und Walten Kathrinens, ihr plötzlicher Aufschrei: Er kommt! mußte ihnen das Zeichen gegeben haben, daß etwas im Werke und Werden war. Der dicke Pelikanwirth schlorrte, auch seinerseits insoweit erregt, als in diese Fleischmasse Leben und Bewegung kommen konnte, auf und ab. Der gute Mann mußte gewohnt sein, beherrscht zu werden, sonst würde er nach dem Tode der Pelikanwirthin sich nicht so ganz fremden, untergeordneten Menschen in die Arme geworfen haben. Kathrine zeigte sich jetzt in der Art, wie sie einen Stall- und Hausknecht zur Vorbereitung des Empfangs [91] zurechtwies und eine andere Magd schalt, die die Einfahrt des Thorwegs mit Kücheneimern und Besen verstellt hatte, als die eigentliche Herrin des Ganzen, die die Umstände dieses Gasthauses klug zu ihrem Vortheil benutzt hatte.

Doch war sie heute nicht ganz so froh, wie sonst, wenn Peters von Angerode anfuhr.

Ich weiß nicht, sagte sie, ist er so müde oder was hat er, daß er auch nicht einmal mit der Peitsche klatscht! Sonst hörte man ihn schon vom Chausséeeinnehmer her, soviel knallte er, daß es die ganze Vorstadt wußte: der Peters ist da. Und heute ... es muß wol das Rad sein. Wo soll's auch hinaus, wenn man in schlechten Zeiten auch noch die Achse bricht! Der Wagen geht ihm nahe, das ganze Geschäft! Er weiß, daß es nichts mehr taugt und in den Ofen geschoben werden muß, statt in die Remise.

Die Erwähnung der Remise brachte sie wieder darauf, daß der Hausknecht ihre Thorflügel nicht weit genug geöffnet hätte.

Muß man denn überall seine Augen haben! polterte sie sich in einen künstlichen Zorn hinein. Wird denn nichts geschafft, wenn man's nicht selber angreift und Jeden mit der Nase darauf stößt! Ja, ja, Musje Siegbert, da sehen Sie, daß es in Thaldüren nicht allein etwas zu schaffen gab! Hier fehlt uns aber so ein langer Matthes, wie auf dem Pfarrhofe, der den ganzen Tag wetterte und die Faulen anhetzte. Matthes fluchte den ganzen Tag, und wenn's der Herr Vater merkte und's ihm verwies, sagte der alte [92] Spitzbube: wo soviel gebetet wird, Herr Pfarrer, kann auch einmal ein bischen geflucht werden, sonst kommt Eins in den Himmel zu zeitig.

Siegbert freute sich der Erwähnung des alten Matthes aus ihrer Knabenzeit, Dankmar aber hörte nicht mehr darauf, so erfüllte ihn Peters' Ankunft. Er sah in dem von einigen Lämpchen erhellten Zwielicht der Landstraße den großen Wagen auf dem schlechten Pflaster langsam herantaumeln. Hohl dröhnten die krachenden großen Räder herauf. Er blieb wieder stehen, nachdem er dem Wagen einige Schritte entgegengegangen war. Kathrine, die bald in der Küche, bald im Stall, bald auf der Straße war, sagte jedesmal, wenn sie wieder ausschaute:

Ach! ach! wie 'ne Schnecke! Was wird er müde sein und wie ärgerlich! Und er klatscht nicht! Er klatscht nicht! Das ist schlimm ...

Endlich war denn der große, mit grauen Leinen überspannte Wagen dicht am Pelikan. Drei schellenbehangene Pferde zogen ihn. Peters in blauer Blouse schritt zur Linken. Er hinkte etwas. Wie der Fuhrmann beim Schein einer Laterne Dankmarn erkannte, sagte er mit sonderbarem heisern Tone:

Dacht' mir's! Dacht mir's! Guten Abend –!

Ihr habt Unglück gehabt, Peters? begrüßte ihn Dankmar. Doch Alles wohl verwahrt? Sonst keinen Schaden genommen?

Jesus! schrie auch in diesem Augenblicke seine Frau; du hinkst ja, Mensch? Du hast Schaden genommen ...

[93] Guten Abend! sagte Peters mit gedämpftem Ton und lenkte die müden Pferde in den Thorweg ein. Dem dicken Wirth galt ein zweiter Gruß. Doch hätt' er ihn bald an die Wand des engen Thorwegs anquetschen können, wenn er nicht rasch in die Wirthsstube retirirt wäre. Endlich standen Pferde und Wagen im Hof. Kathrine, Siegbert, Dankmar drängten sich an den Fuhrmann, der in dem Augenblicke, als er das Ziel seiner Fahrt erreicht hatte, einen Schmerzensschrei ausstößt und zusammensinkt.

Was ist? Gott im Himmel! Peters! so scholl es durcheinander. Kathrine wirft sich über ihren Mann. Der Wirth zum Pelikan ruft: Wasser! Siegbert tritt geängstigt näher. Dankmar faßt des in halber Ohnmacht daliegenden Mannes Hand. Was ist Euch, Peters? Seid Ihr krank? Erholt Euch!

Ich überleb's nicht, stöhnte der von innerer Qual gefolterte Mann, ich überleb's nicht.

Aber Peters, suchte ihn sein Weib zu beruhigen, erkennst du nicht die jungen Herren? Was hast du? Ist's dein Bein, was dich schmerzt? Der Wagen ist auf dich gefallen, als das Rad brach? Sollen wir Leinen in Wasser tauchen? Willst du nasse Leinen auflegen? Sprich nur was, um Gotteswillen!

Statt aller Antwort schüttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der Hand jede Hülfleistung ab.

Ich erkenne die Herren wohl, begann er endlich, als Alles gespannt lauschte, aber vergeben Sie's mir, Herr Dankmar, ... Gott ist mein Zeuge ...

[94] Peters! rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen; der Schrein –

Ist fort! sagte Peters dumpf und seine Gesichtszüge verzogen sich wie das Lächeln eines Wahnsinnigen.

Grimmiger Zorn packte Dankmarn.

Mensch! schrie er und rannte an den Wagen, um das Leintuch abzureißen. Er sah Kisten, Fässer, Ballen genug. Der Schrein ist da! Verpackt unter den andern! Du irrst, Peters!

Fort! stöhnte Peters dumpf.

Kathrine brach in ein lautes Schluchzen aus. Die Hunde bellten nicht mehr. Der Pelikanwirth mußte sich erschöpft und ermüdet auf einen Futterkasten an dem Stalle setzen. Der Hausknecht löste still die Pferde von der Deichsel und nahm ihnen die Schellenhalfter ab. Müd und wie traurig und mit bösem Gewissen schlichen die armen Gäule in den Stall. Alles stumm im Hofe und fast gespenstisch ...

Siegbert, der seinen Bruder fürchterlich leiden sah, nicht minder wie den unglücklichen Fuhrmann, ergriff endlich das Wort und sagte:

Erinnert Ihr Euch auch, den Schrein wirklich aufgeladen zu haben?

Ha! ha! war die ganze Antwort.

Wo entsinnt Ihr Euch, daß Ihr ihn zuerst vermißtet, fuhr Siegbert fort.

Hinter Hohenberg und Plessen! antwortete der Fuhrmann.

Auf freiem Feld?

[95] Im Dorfe Plessen, an der Schmiede.

Wo Ihr das Rad herstellen ließet, das gebrochen war?

Dort.

Der Wagen mußte abgeladen werden?

Das mußt' er.

Ihr waret indeß in der Schmiede, wo das Rad her gerichtet wurde?

Ich lag halbtodt.

Armer Mann! Man muß Mitleid mit Euch haben. Aber der Schrein war meinem Bruder von Werth. Er enthielt Documente von seltener Wichtigkeit. Er würde ihn selbst mit sich geführt haben, wenn er nicht noch im Harz Geschäfte gehabt hätte. Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebunden zu haben.

Er war's auch.

Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmächtig. Ihr wußtet vielleicht nicht, daß man, um das Rad herstellen zu können, die Last des Wagens erleichtern mußte. Man packte ihn ab, und als Ihr Euch erholt hattet, als das Rad fertig war und Ihr, unterstützt von den Leuten in Plessen, weiterfahren konntet, vermißtet Ihr erst das anvertraute Gut?

O nein, sagte Peters und richtete sich mühsam auf. Als ich mich erholte, schalt ich, daß man in der Schmiede so schlechte Hebebäume hatte, um nicht einmal einen so leichten Wagen unabgepackt zu lassen. Ich fluchte, wie man mir meine Fracht abladen konnte. Ich raffte, es war in der Dämmerung des Morgens – denn ich fuhr der Hitze [96] wegen in der Nacht – ich raffte gleich Alles zusammen, was um die Achse zerstreut herumlag. Ich wußte, wo der Schrein stand, ich hatte ihn immer im Auge, ihn, der mir so heilig anvertraut war. Ich faßte wol alle Stunden an die Leinwand, ob ich auch noch das Kreuz auf dem Deckel fühlte. Nach dem faßt' ich zuerst. Ich find' es nicht, das Kreuz auf dem Holze ist nicht da. In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen, Alles auf dem Wege liegen lassen und war mit dem Rad an die Schmiede gegangen, von der mir funfzig Schritte weit das Unglück passirte. O Gott! Wie war mir, als ich den Schrein nicht fand! Noch vor einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefühlt .... Um zwei Uhr Nachts fuhr ich aus. Um halb Drei brach das Rad; der Wagen stürzte so, daß mein Bein gequetscht wurde. Ich schrie auf und rief und jammerte. Man kam zur Hülfe. Eine halbe Stunde mocht' ich betäubt gelegen haben. Nachdem hink' ich und sehe mich allein unter meinen abgeladenen Gütern. Der Mond stand noch am Himmel. Alles still. Kein Mensch um mich. Nur im Schlosse Hohenberg oben entdeckt' ich helle Fenster .... Musik, wie von einem Tanz her, den sie dort bis an den Morgen hielten, und von der Schmiede hört' ich die Hammerschläge. Der Morgen graute. Ich übersehe meine Güter. Die kalten Umschläge, die man dem Bein gegeben, hatten ihm gut gethan. Ich konnte leidlich gehen. Da! Mein erster Blick sucht den Schrein, ich find' ihn nicht. Jesus! Es war mir in meiner Betäubung, als hätt' ich einen Mann gesehen, der ihn forttrug; einen Mann in einem [97] Mantel .... Ich hörte den Schrein an einem Steine poltern; denn er war schwer zu tragen, genau gewogen, sechsundvierzig Pfund und ein halbes. Ich sag' es noch – es war kein Traum – geraubt ist der Schrein. Gestohlen ist er, das schwör' ich zu Gott. Ich schlug Lärm, rief den Schmied, seinen Gesellen. Ich will den Schrein sehen! Die Leute waren halb verschlafen, hatten kaum gewußt, was sie abluden. Sie hatten nur auf mein Jammern und das Winseln meines Hundes gehört ...

Wo ist Bello? rief Kathrine, jetzt erst fühlend, was ihr gefehlt hatte.

Bello ... Bello hat bei dem Sturz ein Bein gebrochen, sagte der Fuhrmann ächzend.

Bello ist todt! jammerte sein Weib.

Wenn ihn der Schmied nicht heilt, vielleicht! sagte Peters und fuhr mühsam fort:

Das Schreien und Winseln des Thieres weckte den Schmied, ich lag in Ohnmacht. Bello blieb beim Wagen und winselte. Ich hörte ihn in meinem Zustand, als man mir die Umschläge machte. Ich frug ihn, den Bello, ja den Hund, als ich erwachte, nach dem Schrein. Das Thier verstand mich und heulte und winselte und hörte nicht auf zu bellen. Aber es hatte den Dieb nicht festhalten, mich nicht wecken können. Da lag ich elend, da lag mein treues Thier, zerstreut meine Fracht und ein Räuber umschlich uns, der, ich schwör's – uns bestohlen hat!

Sich aussprechen und sein Unglück erzählen können, schien den Fuhrmann etwas zu erleichtern. Nach einer [98] Weile fuhr er, während Dankmar starr brütend zuhörte, fort:

Das Dorf Plessen liegt am Fuße des Schlosses Hohenberg. Mit meinem hinkenden Beine schleppte ich mich an alle Thüren und rief den ganzen Ort wach. Es war vier Uhr. Oben auf dem Schlosse erloschen allmälig die Lichter. Einzelne Wagen fuhren herunter. Man hatte ein Fest gefeiert, das nun zu Ende war. Jeden Wagen hielt ich an und fragte nach meinem verlorenen Gute. Die geputzten Gäste lachten mich aus und antworteten, ich sollte sie schlafen lassen. Den Ortsvorstand holt' ich aus dem Bett. Ich verlangte, daß der Schmied und sein Gesell festgenommen würden, und doch kannt' ich Beide als ehrliche Leute seit Jahren, und ich schämte mich, sie für Diebe zu halten. Auch ließ ich sie frei und bei meinem Rade. Der Schmied ist blind, sein Sohn taub. Die sind ehrlich. Aber das ganze Dorf bot ich auf und gesucht wurde überall, hinter jedem Strauch, in jedem Graben; aber der Schrein blieb verloren. Gott weiß es, in welches Teufels Hand er gekommen! Was sollt' ich thun? Das Rad war hergestellt, der Wagen fertig, mein Hund blieb beim Schmied, der ihn heilen will. O Gott! Was sollt' ich thun? Der Ortsvorstand versprach mir auf Ehr' und Seligkeit, Alles anzustellen, um den Gaunerstreich zu entdecken. Meine Lieferungszeit für die Güter ist auf Tag und Stunde berechnet. Ich mußte fort. Die Thiere zogen den Wagen und mich. Gehen könnt' ich wenig, ich hinkte. Da bin ich nun, Herr! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Der Schrein ist gestohlen.

[99] Nach einigem Bedenken sah Dankmar nach seiner Taschenuhr. Es war halb Zehn.

Wie weit ist's bis Hohenberg und Plessen? fragte er rasch.

Wir rechnen vierzehn Meilen. Es sind dreizehn ein halb, sagte Peters.

Bin ich mit einem Einspänner morgen Mittag da? fragte Dankmar weiter.

Bis morgen Abend, wenn's ein guter Gaul ist und Sie ihm dann und wann einige Ruhe gönnen.

Herr Wirth, sagte Dankmar, ich sah in Ihrer Remise einen Einspänner stehen. Pferde haben Sie im Stall. Wollen Sie für mich einspannen lassen? In zwei, drei Tagen bin ich wieder da.

Bruder, fiel Siegbert erschrocken ein, ist dir der Verlust denn wirklich soviel werth, daß es dir an einem Aufruf in den Zeitungen und einer Anzeige an die dortige Behörde nicht genügt?

Ich bitte dich! erwiderte Dankmar mit großer Bestimmtheit. Mache gegen ein Unternehmen keine Einwendung, das mit meinen künftig wichtigsten Lebensplanen in zu naher Verbindung steht. Es ist ja nicht um diesen Schrein; es ist nicht um diesen zeitlichen Gewinn; es ist um etwas Höheres, das in mein und dein ganzes Leben eingreifen soll ...

Damit trat er näher und flüsterte dem Bruder halblaut zu:

Siegbert, hast du Geld bei dir, so gib! Oder meinst du, [100] daß der Wirth uns zwanzig Thaler vorschießt? Du schickst sie ihm morgen wieder.

Siegbert schien der Säckelmeister der Brüder zu sein. Er verwaltete das höchst schwierige Amt, zwei jungen Männern, die noch keine sichere Lebensstellung hatten, soviel Hülfsmittel durch weise Ökonomie beisammen zu halten, daß sie immer mit leidlichem Anstand in der Welt bestehen konnten.

Er murmelte einige sonderbare Worte, die wie ein keineswegs günstiger Kassenüberschlag klangen.

Die Reise nach Angerode hat Geld gekostet, sagte Dankmar ungeduldig ...

Und mein Bild ist noch nicht verkauft, fiel Siegbert in jenem murmelnden bedenklichen Tone ein, der auf eine augenblickliche finanzielle Ebbe zu deuten schien.

Aber was machen wir uns denn für Sorge! fuhr Dankmar plötzlich auf. Du hast ja hundert Thaler bei dir.

Ich – hundert Thaler? Was fällt dir ein?

Wozu die Bedenklichkeiten! Der Rothkopf ist ein Capitalist, der mit unsern Zinsen zufrieden ist. Sahst du denn nicht, daß er uns ein Zwangsdarlehen aufdrängte? Gieb nur her! Zwanzig Thaler genügen. Für das Übrige wird unser Schutzgeist sorgen.

Siegbert, fast voll Entrüstung, zögerte ... Es ist Unrecht von dir, mich in solche Versuchungen zu führen! sagte er; dein abenteuerlicher, mir jetzt noch lächerlicher Schrein! Ich verstehe dein archivalisches Unglück gar nicht, kann deine finanzielle Ungeduld gar nicht [101] schätzen .... Was weiß ich denn, was hier so Wichtiges auf dem Spiele steht! Ich will nicht sagen, daß ich – er lenkte dabei freundlicher ein – zu Hause aus unserm Staatsschatze diese zwanzig Thaler nicht wieder ergänzen könnte ...

Das kannst du? rief Dankmar. So günstig steht die Bilanz der Gebrüder Wildungen? Und da quälst du mich mit einer Miene, die aussieht wie ein österreichischer Bankbericht? Her das Packet! Zwanzig von hundert bleiben achtzig! Wir sollten geizen, wir, die wir Pferde an Landstreicher verschenken, classische Bilder malen, ohne sie zu verkaufen, wir, die wir eine Anstellung im Staate so lange verachten, bis sich der Staat gebessert hat und würdig zeigt, einem Mann von Grundsätzen jährlich achtzehnhundert Thaler Gehalt zu geben, wir, die wir die arrangirtesten jungen Weltverbesserer sind, die nur jemals das Wort Credit und das Geld überhaupt verachtet haben!

Solchem Humor konnte Siegbert nicht widerstehen. Er trat hinter den großen Packwagen, griff in die Tasche, löste das Packet und zählte dem Bruder soviel Scheine ab, als er gewünscht hatte. Währenddem wurde schon die kleine Kalesche aus der Remise gezogen, die Stalllaterne leuchtete einem Pferde voraus, das langsam mit gebücktem Halse über den Hof schlich, in die Gabel des Wägelchens vom Hausknecht eingeschoben und angeschirrt wurde. Kathrine und Peters waren inzwischen verschwunden.

[102] Und nun ... wer fährt Sie jetzt? fragte der Pelikanwirth, der mit Gutmüthigkeit an Dankmar's Verlust den innigsten Antheil nahm.

Ich selbst! Ich selbst! Nur die Peitsche her!

O, Das nicht, Herr! Das macht Sie müd und mat. Kaspar, da mein Knecht, geht mit. Die Peitsche geholt, Kaspar! Die Decke auf den Bock! Sapperlot, schläft der Kerl schon um die zehnte Stunde im Gehen! Hört und sieht nicht, was um ihn vorgeht! Kaspar!

Schon wollte sich Kaspar, aufgerüttelt von seinem Herrn, der in fremder Ermüdung nur seine eigene vertuschen wollte, anschicken, dem Befehle zu folgen, als aus der Dunkelheit eine Stimme ertönte und die Worte vernehmbar wurden:

Wecken Sie doch den Kaspar nicht aus seinen süßen Träumen, Herr Wirth. Er sehnt sich, sehen Sie nur, nach einem tiefen Chausseegraben, in den er den Herrn hineinfahren wird. Wenn Sie erlauben, meine Herren, mach' ich mir das Vergnügen und ...

Der Sprecher brach ab und trat vor. Es war Hackert. Die Stalllaterne beleuchtete seine magere Gestalt und gab ihr im Zwielicht ein unheimliches, verwittertes Aussehen. Er hatte die Hände in den Beinkleidertaschen, als fröstle ihn. Das Halstuch hing über dem zugeknöpften Frack herab in langen, losen Zipfeln.

Sind Sie schon wieder da? fragte Dankmar erstaunt, während Siegbert in eine unbeschreibliche, fast komische Angst gerieth. Er gedachte, wie es nun werden sollte, [103] wenn der sonderbare Fremde jetzt sein veruntreutes Pfand wieder verlangte.

Ich habe den Levi auf Ihren nächsten Händedruck vertröstet, sagte Hackert. Jude bleibt doch Jude und wenn er auch Sporen an den Stiefeln trägt. Der alte Schimmel, der unter Roßtäuschern groß geworden ist und mehr Hengste gewallacht hat als mancher Beschnittene Dukaten wallacht, ist mein Freund nicht. Er meinte, es hat gute Wege –

Und war doch froh, daß er sein Pferd wieder bekam? entgegnete Dankmar forschend und wiederum zu Siegbert hinüberlugend, der vor Schreck über diese rasche Wiederkehr Hackert's fast sprachlos geworden war.

Die Mähre läßt sich's schmecken, als wenn sie ein Wettrennen mitgemacht hätte. Sie sehen übrigens, daß ich mit Pferden umzugehen verstehe. Wenn's Ihnen recht ist, fahr' ich Sie nach Hohenberg und helf' Ihnen die Kiste mit dem Kreuz suchen. Sehen Sie, Herr Maler da hinten, ich bin curios, ob das ein drei-oder ein vierblätteriges Kreuz sein wird! Gleichviel, wenn wir das Ding nur wiederfinden!

Dankmar horchte hoch auf. Siegbert erzählte dem Bruder in wenig Worten, daß er die Bemerkung über ein ähnliches Kreuz an der Kirche zu Tempelheide diesem gefälligen Herrn Hackert verdanke.

Hackert! Ganz Recht! Das ist mein Name! sagte dieser, und ich denke, ich fahre Sie nach Hohenberg. Wir treffen dort Gesellschaft. Lasally und seine Jokeys sind dort – sonst freilich ...

[104] Sonst? wiederholte Dankmar, als Hackert stockte.

Sonst – sagte Hackert und griff nach der Peitsche, die Kaspar geholt hatte. Mit einer Bewegung der Arme holte er aus und knallte. Er schien die Antwort vermeiden zu wollen.

Kaspar und der Pelikanwirth schienen wenig Vertrauen zu dem aufdringlichen Mann zu haben und brummten vor sich her. Siegbert kämpfte wieder mit dem Gefühl, daß Hackert doch wol ein zweideutiger, ihres Vertrauens unwürdiger Mensch wäre, und bangte vor dem Gedanken, den geliebten Bruder mit einem im Feld herumschleichenden Tagediebe, einem abgesetzten Schreiber, allein zu lassen. Allein Dankmar, der vom Bruder besorgen mußte, daß er, um nur den Antrag Hackert's ablehnen zu können, die ihm eben zugezählte Summe von zwanzig Thalern zurückfodern würde, schnitt alle weitern Verhandlungen mit den Worten ab:

Steigen Sie auf, wenn's Ihr Ernst ist! Machen wir nun vorwärts.

Gut denn! Es ist mein völliger Ernst. Aber wenn ich nun bitten dürfte ...

Dabei hatte ihn Dankmar schon auf den Bock gehoben. Der Wirth warf die Decke und einen alten Mantel nach.

Erlauben Sie aber noch, sagte Hackert, sich zu Siegbert umwendend, erlauben Sie nur noch – zur Reise braucht man Geld – darf ich um mein Pfand bitten –

Ihr Pfand behält mein Bruder, sagte Dankmar rasch [105] entschlossen. Wer verbürgt mir, daß Sie den Gaul richtig abgeliefert haben?

Henker! Was? rief Hackert und richtete sich auf dem Bocke hoch auf. Sie wollten ...

Aber in demselben Augenblicke schlug Dankmar mit der Peitsche schon auf das Thier ein, rief: Allez! und ohne weitern Abschied zu nehmen, jagte er aus dem Thorweg hinaus, schwenkte rechts um und hielt Hackerten, der immer schrie: Halt! halt! Lassen Sie mich! auf dem Bocke fest, wie Einen, den man mit Gewalt entführt. So flogen sie von dannen ......

Siegbert wußte nicht, wie ihm dabei geschah. Es schien ihm bald, als wenn Hackert, wie er das Pferd entwendet hätte, so vielleicht auch Absichten auf das Fuhrwerk hegte. Bald schlug er sich wieder an die Stirn über die Gefahr, in die er seinen Bruder sich stürzen sah. Zuletzt mußte er lachen, wenn er bedachte, mit welcher Geistesgegenwart Dankmar plötzlich alle Verlegenheiten über die Rückgabe der hundert Thaler abgebrochen hatte. Ein Eingeständniß an Hackert, daß man von ihm das im Augenblicke so nöthige Reisegeld hätte borgen müssen, wär' ihm zu peinlich gewesen. Ihm schwindelte, wenn er bedachte, wie fast gewaltsam der Zufall heute diesen Fremden in sein Leben gedrängt hatte – und nun war er mit dem Bruder unterwegs! Der Wagen rasselte noch eine Weile. Dann keine Spur mehr.

Wer ist der Mensch? fragte der Pelikanwirth. Als Siegbert schwieg, bestätigte Kaspar, daß er während Peters' [106] Erzählung in den Hof hineingetreten wäre und zugehört hätte. Siegbert besann sich, daß er dem Bruder die zwanzig Thaler glücklicherweise hinter dem großen Frachtwagen, also von Hackert ungesehen, zugezählt hatte. Erst wieder von da hervortretend, wurden sie von ihm angeredet.

Zu dem Allem kam noch Kathrine weinend über das Elend ihres Mannes. Er hatte ihr die sämmtlichen Declarationen seiner Fracht eingehändigt und sich wie ein Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten: Mach du nun Alles ab: ich werde wol recht lange krank liegen! Von da an hätt' er nichts mehr hören und sehen, auch nichts mehr genießen mögen. Siegbert versagte der weinenden Frau nichts von seiner Theilnahme, bezahlte seine Schuld und versprach ihr und dem Pelikanwirth aus der Stadt sogleich einen Arzt zu schicken.

Er ging und zuerst zu dem nächsten Arzte, den ihm der Pelikanwirth bezeichnet hatte. Dann aber trieb es ihn in die Lasally'sche Reitbahn, um zu hören, ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert.

Im Gewühl der Stadt angekommen, hörte und sah er nichts von den Menschen, die an ihm spät Abends noch vorüberstreiften, so erfüllt war er von Angst und Schrecken über die fernern Begegnisse seines Bruders, der ihm einem Phantome nachzujagen schien, für das ihm jede reelle Anknüpfung fehlte! Nur der eine Gedanke wurde ihm in diesem Tumulte zuletzt licht und klar, der ihm heimlich und geisterhaft zuflüsterte:

[107] Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht! Dankmar wird Melanie sehen! Melanie unter geputzten Gästen! Melanie, die Schönste der Sylphiden, die im Mondenschein schlüpfen! Melanie in Hohenberg, umschwärmt von Lasally und den jungen Stutzern der Residenz, die ihr zudringlich genug aufs Land gefolgt sind! Melanie, der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anschauen schwelgenden Gesellschaft .... Die Geigen tönen – die Säle sind erleuchtet – die Blumendüfte einer schönen, reizenden Natur dringen durch die geöffneten Fenster – die Sterne funkeln – der Mond flimmert – Melanie und mein Bruder in Hohenberg ...

Da bemerkte Siegbert, daß er schon auf der Ottokarstraße war, in welcher die geschmackvoll angelegte Reitschule des jungen stadtbekannten Lasally lag. Es schlug zehn Uhr, als er heftig die Glocke des großen Thorwegs zog.

[108]
5. Capitel. Der Heidekrug
Fünftes Capitel
Der Heidekrug

Dämmerung umhüllte die kleinen tempelheider Anhöhen. An einem linden Hauch aus Westen erfrischten die Bäume am Wege ihr bestäubtes Laub. Leichte Wölkchen, die sich am Rande des tiefblauen Horizonts vor die blitzenden Sterne legten, verhießen vielleicht für den Morgen einen erquickenden Regen, dessen die Natur so bedürftig war. Von der großen Stadt her, die fern im Thale abwärts noch wie ein Lichtmeer wogte, schlugen die Thurmuhren die zehnte Stunde. Deutlich trug der Westwind Schlag auf Schlag herüber zu dem einsamen Fuhrwerk, das der aus dem Schlaf geweckte Gaul des Pelikanwirthes noch ziemlich langsam zog; denn auch der Weg ging jetzt steil aufwärts.

Den beiden Passagieren, die wohl fühlten, daß ihnen vor allen Dingen Verständigung noththat, kam dieser mäßige Schritt zustatten. Dankmar drückte sich in die Rückwand des kleinen Wagens, Hackert führte auf dem Vordersitze die Peitsche. Beide schienen ernstlich zu überlegen, wie sie so plötzlich in diese nahe Verbindung gekommen waren. Dankmar, der außer der nächsten [109] Unbequemlichkeit einer zweideutigen, an ihn geketteten Bekanntschaft noch die viel größere Last des Verlustes seiner werthvollen Papiere zu tragen hatte, entschloß sich, um Raum zur Erwägung seines plötzlichen Reisezwecks zu gewinnen und ungestört über die Wege nachdenken zu können, die er zur Wiedererlangung seines Schatzes würde einschlagen müssen, lieber vorerst das nächste Unbehagen abzuschütteln und sich, soweit es bei der zweifelhaften Ehrlichkeit seines Vordermannes möglich war, über diese wunderliche, aufdringliche Begegnung zu verständigen. So begann er denn kurz vor Tempelheide, als sie langsamer die Höhe hinauffuhren:

Jene Kirche da hat Sie mit meinem Bruder bekanntgemacht?

Hackert antwortete nicht.

Sie haben ihm Aufschlüsse über eine gewisse Gattung protestantischer Johanniterkreuze gegeben? fuhr Dankmar fort.

Das Korn der blinden Henne! war Alles, was Hackert kurzab antwortete.

Damit war die erste Annäherung schon wieder abgebrochen.

Dankmar kopfschüttelnd, sah zur Kirche, zum Parke, zum Schlosse des alten Präsidenten hinüber. Tiefe Stille, nächtliches, friedliches Walten ....

Eben wollte er wieder eine abgerissene Bemerkung an Hackert richten, als von dem düstern Parke her die[110] Töne einer wahrscheinlich dort aufgehängten Äolsharfe erklangen.

Es war ein zauberhafter Accord, der der schweigsamen Nacht eine geisterhafte Feierlichkeit, die Stimmung einer wehmüthigen Melancholie gab.

Die Anhöhe ging steil. Dankmar konnte den weichen Tönen aufmerksam lauschen und einige noch helle Fenster des kleinen Schlosses länger im Auge behalten. Es war ihm, als bemerkte er an diesen Fenstern eine weibliche Gestalt, die sicher wie er, aber ohne Zweifel mit unendlich ruhigern und mildern Gefühlen, dem sanften, melodischen Gesäusel des Parkes lauschte ....

Hackert erkannte die Dame, die Siegbert Wildungen den labenden Trunk geschickt hatte. Für die Äolsharfe, für den träumerischen Blick jener, wie es schien, leidenden und tieftrauernden Frau zu den Sternen empor hatte er keine Empfindung. Er schien in völlige Apathie oder in tiefes nachdenkliches Grübeln versunken.

Die nächtlich stille Scene, verklärt von den Sternen und dem klagenden Lufthauche vom düstern Parke her, wurde oben von einem heftigen thierischen Gekrächze gestört, das die Accorde der Äolsharfe übertönte. Dankmar besann sich. Er wußte, daß der oberste Chef aller Justizcollegien ein großer Freund der Thierseele war und sich in Studien über die Temperamente, Instincte und Angewöhnungen wilder und zahmer Bestien einen Namen erworben hatte. Er sah noch, daß die weibliche Erscheinung, wol auch erschreckt durch die Störung ihrer stillen [111] Abendandacht, vom Fenster verschwand, und fuhr jetzt bergab, verfolgt von einem wirren Durcheinander der, wie es schien, durch Hackert's Peitsche wachgewordenen Menagerie des alten Präsidenten. Ein düsterer Tannenwald nahm bald das kleine Fuhrwerk auf.

Wie Dankmar seinen Vordermann so schweigsam und stillergeben in seine Kutscherrolle fand, rückte er zur weitern Verständigung mit der aufrichtigen Erklärung heraus:

Sagen Sie mir aber bei dieser Gelegenheit, bester Freund, für was halte ich Sie? Sind Sie Cavalier oder eine Art Commissionair?

Sie staunen über meine resolute Art, Geschäfte zu machen? sagte Hackert, ohne sich umzuwenden.

Allerdings. Sie reiten mir ein Pferd in den Stall, Sie bieten sich mir als Kutscher an. Ich überlege, wieviel ich Ihnen für diese Expedition nach dem Schlosse Hohenberg zu bezahlen habe.

Bieten Sie! sagte Hackert fast höhnisch.

Bieten Sie? wiederholte sich Dankmar. Gut, dachte er, wir wollen bieten.

Drei Thaler, bester Freund! Ich rechne dabei noch die Mühe für das hoffentlich abgelieferte Pferd.

Wie Dankmar hierauf gespannt die Erwiderung abwartete, hielt Hackert plötzlich still, legte die Peitsche neben sich hin und wendete sich mit verdächtiger Miene rückwärts.

Nun? sprang Dankmar auf und maß seinen Vordermann, [112] dessen Benehmen in diesem düstern Tannenwalde sonderbar genug aussah.

Das Pferd hab' ich geritten, sagte Hackert ergrimmt, weil ich's gern that und weil Ihr Bruder mir Freundlichkeiten erwies, ohne mich zu kennen. Ich hab's gethan aus noch einem andern Grunde, den Sie künftig einmal hören sollen, wenn wir uns besser verstehen, als es bisjetzt den Anschein hat. Zum Fahren nach Hohenberg erbot ich mich, weil ich in Hohenberg zu thun habe. Ein Kutscher bin ich nicht, fahre auch jetzt keinen Schritt weiter, wenn Sie mir hier nicht auf der Stelle gestatten, neben Ihnen zu sitzen. In Hohenberg aber fahren Sie, ich steige dort aus oder bin gleichsam Ihr Freund, verstehen Sie? Nicht um hundert Thaler fahre ich Sie in Hohenberg.

Damit wollte er über die Lehne springen und an Dankmar's Seite sich setzen.

Halt da! sagte dieser und wehrte dem Beginnen mit Entschlossenheit.

Sie als Freund anzuerkennen, hab' ich keine Veranlassung, erklärte er. Behagt es Ihnen nicht, vor mir zu sitzen, so sind wir noch nahe genug am Pelikan, daß Sie umkehren können ....

Hackert's Antlitz verzog sich zu einem bitter grimmigen Lächeln. Der innerlich in ihm tobende Zorn gab ihm etwas Grinsendes. Er fühlte, daß er seinen Mann gefunden hatte, und blieb, niedergedrückt von dem viel stärkern Dankmar, auf seinem alten Platze.

Also welches waren die Bedingungen? sagte Dankmar. [113] Wir wollen eine nach der andern prüfen und zugestehen, was den Umständen angemessen ist.

Hackert dachte jetzt auf andere Art das Gleichgewicht herzustellen. Er streckte sich nachlässig auf dem Kutscherbock, zog eine Cigarre aus einem schön gestickten, einst gewiß farbig frischen, jetzt etwas abgetragenen Etui, zündete sie an einem portativen Streichfeuerzeuge an und blies die Wolken vor sich hinaus, als verachtete er Den, der ihn mit Gewalt in eine niedrige Stellung hinabdrücken wollte.

Also welches waren die Bedingungen? wiederholte Dankmar. Erstens, Sie sitzen vor mir. Zweitens ...

Hackert blieb ruhig und rauchte.

Zweitens, fuhr Dankmar fort, bei Hohenberg ergreife ich Peitsche und Zügel. Zugestanden in dem Falle, daß Sie aussteigen und mir die Gnade nicht abschlagen, dann drei Thaler für Ihre Dienste anzunehmen.

Hol Sie der Teufel! rief Hackert lachend, hieb wild auf den Gaul ein und klatschte mit der Peitsche so übermüthig, daß es laut durch den stillen Wald widerhallte.

Dankmar schwieg. Er hatte einen Anmaßenden züchtigen, einen Verdächtigen in die nothwendigen Schranken zurückweisen wollen. Den ihm von Pelikanwirth geborgten Mantel über die Füße schlagend, gab er sich nun mit ganzer Seele der Überlegung alles Dessen hin, was er anordnen wollte, um wieder zu seinem verlorenen Gute zu kommen. Daß ihm dieser Unfall begegnen konnte, mitten in dem Gedränge der Hoffnungen, die sich ihm an die [114] Angeroder Entdeckung knüpften, erfüllte ihn fast mit Groll gegen die Launen des Geschicks. Er sah sich nicht etwa gestört in dem Genusse von Reichthümern, die ihm seine Entdeckung gewinnen konnte, er hatte diese Träume so entschieden abgelehnt, daß wir seinem ehrlichen Worte glauben dürfen ... es erfüllten ihn andere, uns noch dunkle Vorstellungen. Vielleicht begeisterte ihn nur der juristische Kampf um die Geltendmachung seiner Ansprüche. Vielleicht spornte ihn die Vorstellung: Du trittst jetzt mit einem verjährt scheinenden Rechte auf, weckst vergangene Misbräuche aus dem Moder der Schreibstuben, kämpfst gegen Besitzthümer, die sich vielleicht in ihrer Begründung unendlich sicher dünken! Vielleicht verglich er die Zeit selbst mit seinem persönlichen Interesse. Dankmar war Jurist und Politiker. Sein Vater, ein denkender, ernster Beobachter, hatte früh in dieses Kindes Talenten die Fertigkeit der Rede, die schnelle Auffassung, den unverwüstlichen Trieb der Gerechtigkeit erkannt, und Dankmar, dem vielleicht ein anderer Beruf augenblicklich lieber gewesen wäre, mußte sich doch später sagen, daß die Bestimmung des Vaters einer tiefen Beobachtung entsprungen und eine richtige war. Man rühmte allgemein seine juristischen Deductionen. Nur zur rein formelhaften Erfassung des Rechts konnte er sich nicht abtödten. Ein Unrecht vertheidigen, das Recht suchen je nach der spielenden Beleuchtung scheinbarer Rechtssätze und zweideutiger Gesetzesstellen, war ihm auf die Länge unmöglich. Deshalb auch währte die Begründung einer [115] festen Stellung für ihn länger als bei manchem geringern Talente. Er hatte schon seit fünf Jahren die Universität verlassen, alle Prüfungen bestanden, war vor den Gerichten, wie in der Gesellschaft wohlgekannt und seines Freimuths wegen gefürchtet, von der jüngern Frauenwelt, seines männlichen Äußern, fröhlichen Humors und seiner ritterlichen Galanterie wegen ebenso geschätzt wie sein sanfterer Bruder von der ältern Frauenwelt; aber zu einem ergiebigen Anhalt an Ämter und Würden hatte er es noch nicht gebracht. Nur hier und da flossen ihm zuweilen in Diäten die Mittel zu, die ihm erlaubten, seinen Antheil an dem hinterlassenen kleinen väterlichen Vermögen zum größten Theile noch der Mutter anheimzustellen. Die Urkunden, die ihn vielleicht als den rechtmäßigen Erben eines vermoderten Hugo von Wildungen erwiesen, verwandelten sich in seiner Phantasie keineswegs in die Millionen, von denen er dem Bruder gesprochen. Er wußte, daß der Staat in diesem Augenblicke Alles daransetzte, jene allerdings seit Jahrhunderten offene Erbschaftsfrage in seinem Interesse zu lösen und die städtischen Besitzungen dem Fiscus zu gewinnen. Ihn reizte nur die Theilnahme an diesem Kampfe. Er wollte dem feudalen Staate zeigen, wie sich seine Anmaßungen in den Angeln eines Erbrechts bewegten, das zuletzt jedem Andern ebenso gut zustattenkommen könne wie einem Fürsten. Er knüpfte an diesen Proceß nur seine Wissenschaft, seine Kunst und die auf ihr sich gründende Zukunft seines Berufs, für den er ebenso viel Ehrgeiz besaß wie sein Bruder [116] für die Malerkunst. Und nun sollten diese Träume an dem misgünstigsten Zufall, der einen einsamen auf der Landstraße preisgegebenen Frachtwagen treffen konnte, scheitern? Er sah den Schrein erbrochen, die werthvollen Papiere zerstreut, zu gewöhnlichen Zwecken gedankenlos misbraucht, ja vielleicht gar in den Händen der beiden Parteien, denen vor allen der Besitz dieser uralten, glücklich aufgefundenen Verschreibungen zu entziehen war! Er verfiel in tiefes, unmuthiges Sinnen.

Wenn Sie darüber nachdenken, fing Hackert jetzt, der sich in sein Schicksal ergab, von selbst an, wie Sie zu Ihrem Verluste wiederkommen können, so rechnen Sie dabei nur nicht auf die hohenberger Justiz. Mit der sieht's nicht zum besten aus.

Dankmar bemerkte:

Sind Sie in Hohenberg bekannt?

Bekannt eben nicht, antwortete Hackert; schlechte Justiz merkt man nie so gut in der Nähe wie in der Ferne. Den dortigen Patrimonialrichter kenne ich aber. Er war oft in der Residenz. Er soll nun in die ordentlichen Gerichte aufgenommen werden, und handelt noch mit der Regierung über seinen künftigen Titel. Fürstlich hohenbergischer Justizdirector hieß er und möchte den langen Schwanz nicht gern aufgeben, wenigstens seine Frau nicht, wenn auch die Stellung draufgehen wird.

Wir treffen also ein Patrimonialgericht? sagte Dankmar. Das ist mir für unsern Fall erwünscht. Es geht da mit einem Processe kurz und bündig zu.

[117] Ja, ja, antwortete Hackert, die Hohenberger haben gleich ihren Thurm, drei Klafter tief, bei der Hand. Der Thurm ist Inquisitoriat, Spinn-, Zuchthaus, Festung, Alles in einem Loche. Nach den allgemeinen vaterländischen Zuchthäusern schicken nämlich die Patrimonialrichter nicht gern, das wissen Sie wol? Da müßten sie ja ans nächste Landesgericht referiren, das gibt Schreiberei, Untersuchung; da werden von oben her Nasen über schlechte Proceduren ausgetheilt, und so kann Einer einen Mord anstiften, stehlen, einbrechen, falsch schwören und so lustig fort; der Herr Justizdirector findet immer soviel mildernde Umstände, daß der Mörder mit einem halben Jahre Localhaft davonkommt und die Regierungsjustiz nicht genirt wird. Ein halbes Jahr, länger darf der Fürst von Hohenberg Keinen strafen, sonst muß der Spectakel gleich an das allgemeine Landgericht.

Dankmar empfand jetzt fast Reue über die entschiedene Art, wie er Hackert entgegengetreten war. Er sprach da so kundig über Rechtsverhältnisse, daß fast ein collegialisches Gefühl in ihm auftauchte. Um Hackert's zurückgekehrte gute Laune im Zuge zu erhalten, sagte er:

Ihre Schilderung ist nicht übel. Apropos! Sie erwähnen den Fürsten von Hohenberg. Wissen Sie etwas von ihm? Ich wunderte mich, was mein verdammter Fuhrmann von einem Balle auf dem Schlosse fabelte. Der alte Fürst Waldemar von Hohenberg ist todt. Der junge Prinz Egon ist ja wol verschollen?

[118] Prinz Egon, sagte Hackert, der über diese Verhältnisse allseitig unterrichtet schien, Prinz Egon ist in Paris oder sonstwo und kommt schwerlich mehr nach Hohenberg zurück. Wenn die Herrschaft nicht zu Hause ist, halten Hunde und Katzen Hof. In Hohenberg auch die Füchse und Wölfe und Blutegel. Die drei Hauptcreditoren der fürstlichen Masse sind vor ein paar Tagen hinaus mit Kind und Kegel, um Luftbäder zu nehmen. Justizrath Schlurck ißt gern Forellen, frisch aus dem Murmelbach, wie die Frau Justizdirectorin sagt, die Schlurck's schwache Seiten kennt ......

Hat denn Schlurck die Curatel auch über die Hohenberg'sche Masse? fragte Dankmar, der den Namen des gefeierten und vielgesuchten Advocaten Franz Schlurck sehr wohl kannte.

Wo hätte Franz Schlurck nicht seine Finger im Spiel! war Hackert's scharfbetonte Antwort. Seit dem Tode des Fürsten von Hohenberg geht dort Alles durch seine Hand, bei Lebzeiten des Fürsten war er schon Administrator. Es ist prächtig Das mit so einer Administration! Die Gläubiger jagen den Besitzer von Haus und Hof, setzen einen Verwalter über die verschuldeten Häuser und Güter, lassen Den den Rahm oben abschöpfen und nehmen Das, was zuletzt von dem Spaße übrigbleibt, als Abschlag für die Zeit, wo's besser wird. Alle Jahre feiern sie eine allerliebste Assemblée, die sie die Besprechung der Masse-Creditoren nennen. Man rechnet erst, man schimpft, man droht, man lärmt, aber Abends ist Ball, Versöhnung,[119] Händedruck und wol auch »Gänschen, du liebes Gänschen, was rasselt im Stroh!«

Die letzten Worte sang Hackert mit frivolem Ausdrucke und nach bekannter volksthümlicher Melodie.

Dankmar fühlte zwar, daß Hackert aus seinem Schreiberamte eine vielfach unterhaltende Bekanntschaft mit allerhand Privathändeln sich erworben hatte, mochte ihm aber doch, um seine eigenen Angelegenheiten bewegt, in den innern Zusammenhang seiner Ansichten und Empfindungen nicht zu weit folgen. Er begnügte sich, auf alle diese Mittheilungen vorerst zu schweigen. Auf die Länge – die Uhr einer Dorfkirche schlug die zwölfte Stunde – fühlte er eine Anwandlung von Schlaf. Wirklich sah er auch nur mit halbwachem Bewußtsein, daß sie in ein stilles Örtchen kamen, wo nicht einmal das Bellen eines Hundes sich hören ließ. Ein Brunnen plätscherte laut vor einem Hause, das vielleicht eine Herberge war. Dankmar sah nothdürftig, daß Hackert abstieg, den Gaul bei Seite und an den Brunnen führte. Hackert nahm ihm die Halfter ab und ließ ihn an den Rand des Wassers. Dabei langte er ein Stück Brot aus der hintern Rocktasche und theilte mit dem Gaul. Ein großes Messer, das er aufklappte, schnitt bald für das Thier, bald für ihn einen Bissen ab. Auch in das Wasserbecken des Brunnens beugte sich Hackert, trank wie der Gaul und klopfte dann die Tropfen ab, die ihm dabei auf Halstuch und Weste gefallen sein mochten. An diesen sorgsamen Verrichtungen hatte Dankmar, durch die müden Augen blinzelnd, seine [120] Freude. Sie gaben ihm so sehr das Gefühl der Sicherheit, daß er, ohne gerade Neigung für seinen Vordermann zu gewinnen, ihm doch volleres Vertrauen zu schenken anfing und den Schlummer immermehr über sich Herr werden ließ.

Doch schlief er nicht so fest, um nicht zuweilen, aufgerüttelt von dem inzwischen wieder weiterrollenden Wagen, seinen Gedanken klarer nachzuhängen. Wie man so oft an sich erfährt, daß jede im ersten Sturme ergriffene Unternehmung nicht immer standhält, wenn die zu ihrer Ausführung nothwendige Zeit langsam schleichend an uns vorüberzieht, so übermannte auch Dankmarn bald das Gefühl der Ergebung in Das, was das Schicksal über seinen Verlust nun würde bestimmt haben. Er konnte sich ausmalen, welche Freude ihm das Wiederfinden des Schreines bereiten würde; aber ebensosehr rüstete er sich auch schon auf die Gewißheit, daß er all den Plänen, die er an jene Entdeckung im Archivsaale des alten Tempelhauses geknüpft hatte, entsagen müßte. Er warf diese Thatsache wie so viele andere, denen der Erfolg fehlte, in jenes große weite Meer, auf dem schon so viel Hoffen untergegangen, so viele Träume gescheitert sind. Und das Gefühl einer gewissen Leere übermannte ihn so gewaltig, die Gleichgültigkeit gegen jedes Geschick überschlich ihn mit der schwindenden Kraft des jungen, schlafgewohnten Körpers so unwiderstehlich, daß er nach einiger Zeit sich aufraffend den mit großen gespenstisch offenen Augen in die Nacht hinausstarrenden Hackert anrief:

[121] Freund, ich will Ihnen sagen, woran wir besser thun.

Nun? fragte Hackert wie aus Träumen erwachend.

Beim ersten Wirthshause, das wir entdecken, halten wir, trommeln die Leute aus dem Schlafe, führen den Gaul in den Stall und schlafen im Bette oder auf der Diele oder im Stroh eines Stalles, gleichviel. Was meinen Sie?

Mir ist's recht, sagte Hackert und zeigte auf ein Licht, das in einiger Entfernung am Saume eines Waldes sichtbar wurde. Wo sind wir wol hier?

Kennen Sie nicht einmal den Weg, fragte Dankmar, den Sie so muthig fahren?

Dies ist die erste Reise, die ich in meinem Leben mache, sagte Hackert. Ich habe den Sündenpfuhl, in dem ich geboren bin, noch auf zwei Meilen nie verlassen.

Nun begreif' ich, sprach Dankmar lachend und doch wieder von Mistrauen ergriffen, daß Sie die Gelegenheit einer Luftveränderung beim Schöpfe festhielten. Wenn man Sie anschaut, möchte man nicht glauben, daß Sie in irgend Etwas noch ein jungfräuliches Gemüth sein können. Übrigens will ich hoffen, daß wir nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig, statt nach Hohenberg sind. Sie machen mir schöne Sachen! Jetzt auf das Licht zu! Und da bleiben wir, bis es hell wird und wir wissen, wo wir hier unter den Sternen herumkreuzen.

Hackert pfiff dem Gaule zu, der von dem Lichte auch eine freundlichere Ahnung zu bekommen schien und sich wacker in Trab setzte.

[122] Ich bin ja erst zweiundzwanzig Jahre alt, sagte Hackert, gleichsam um sich zu entschuldigen. Was weiß ich, wo die Wegweiser da all am Wege hinzeigen!

Zweiundzwanzig Jahre erst? antwortete Dankmar staunend und maß dabei, sich vorneigend, die Furchen auf Hackert's Stirn, die tiefliegenden Augen, die schlotterige, entnervte Haltung. Seine Lippen waren fahl, das Auge nur dann feurig, wenn es in unheimliche Erregung kam. Zweiundzwanzig Jahre, wiederholte er, wie haben Sie das gemacht, schon wie ein Sechsunddreißiger auszusehen? setzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu.

Ich habe geschrieben, antwortete Hackert. Wer von seinem vierzehnten Jahre an nur auf dem Schreiberbocke reitet, kann keine so farbigen Wangen haben, wie meine Haare sind. Sechs Tage in der Woche habe ich acht Jahre lang Actenstaub geschlürft und Proceßgift eingeathmet. Abends und Sonntags hab' ich gelebt ....

Gelebt? wiederholte Dankmar. Was nennen Sie leben? Es scheint, leben hieß bei Ihnen soviel als sich langsam umbringen.

Hackert gab auf diese Bemerkung keine andere Antwort, als daß er nach einer Weile bemerkte:

Das Licht ist ein Wirthshaus.

Ein gewaltiges Hundegebell begrüßte die nächtlichen Ankömmlinge. Sie standen vor der Pforte eines großen Gehöftes, aus dem im Dämmerlichte Leitern, Stangen und Scheunen hervorsahen. Ein dem dunkeln Walde zu gelegenes stattliches Wohnhaus schien geschlossen, oben [123] aber in den Fenstern des ersten Stocks brannten noch Lichter. Hackert sprang vom Wagen und stieß mit dem Griffe der Peitsche an den Thorweg, daß die Hunde nur noch zorniger bellten. Auf ein mehrmaliges Heda! kamen endlich über den gepflasterten Hof die Pantoffeln des Hausknechts angeschlorrt. Ein großer Holzriegel wurde von innen zurückgeschoben, eine Stalllaterne warf ihre trüben Strahlen auf Hackert's bleiches Angesicht.

Können wir Nachtquartier haben? war Hackert's Frage, der überhaupt so gewandt sich in Alles zu finden wußte, als wenn er Jahrelang auf Reisen zugebracht hätte.

Nur herein! rief der Hausknecht mit einem sonderbar fröhlichen Tone. Hier seid's gut geborgen, Kin der! Juchhe! Du armes Thierchen du! wandte sich der fröhliche Hausknecht zum Pferde. Komm! komm! mein Hühnchen! Friß Vogel und stirb mir nicht! Ja! Ja! Wenn's immer, wenn's immer, wenn's immer so wär'.

Hier geht's ja spaßhaft zu, sagte Dankmar und sprang von seinem Sitze herunter. Ihr singt ja wie die Nachtigall im Busch.

Hört Ihr sie schlagen, Herr? fragte der Hausknecht. Ihr kennt mein Lieschen im Busch? Noch drei Tage, dann sagt sie: Adieu Dietrich, Adieu Heidekrug! Und erst über's Jahr kommt sie wieder. Fahr' wohl!

Hackert erklärte diesen Humor für die Folgen eines gut angewandten Trinkgeldes. Dabei fielen sie fast über einen andern Knecht, der lang auf einem Strohhaufen ausgestreckt im Hofe lag.

[124] Dietrich und Heidekrug! bemerkte Dankmar. Soviel haben wir jetzt weg. Der Heidekrug ...

Ja, ja, der Heidekrug – komm, Schimmel! Im Stall – im Stall – im Stall ist's kühl.

Damit zog der fröhliche Hausknecht vom Heidekrug singend den Gaul von dem Einspänner in den Hof und begann ihn vorm Stalle auszuschirren.

Heidekrug? sagte Hackert. Wohnt denn hier der Heidekrüger?

Ja, Kutscher, das habt Ihr gut gerathen. Hier wohnt der Heidekrüger.

Dankmar, dem der Name ebenfalls auffiel, bemerkte:

Der Heidekrüger? Das wird doch nicht Herr Justus sein?

Just Herr Justus, sagte Dietrich und führte den Gaul in den Stall.

Kennen Sie den gelehrten Gastwirth auch? fragte Hackert.

Ich wundere mich, daß Sie ihn kennen.

Hackert wurde über diese Replik wieder verdrießlich. Dankmar's unausgesetzter Zweifel an seiner Bildung und die offenbar geringschätzige Ansicht von seinem Herkommen verletzten den bizarren und, wie es schien, mannichfach mit der Welt bekannten und wieder mit ihr zerfallenen jungen Mann.

Während Dietrich mit dem Gaul beschäftigt war, hatten sich die beiden Gefährten im Hofe des Heidekrugs genauer umgesehen. Er machte einen freundlichen, [125] willkommenheißenden Eindruck. Rings begrenzten ihn Scheunen und Schuppen. Im Stalle hatten sie mehre Pferde bemerkt. Der Rinderstall grenzte dicht daneben. Ein wohlgehaltenes Stacket schied den Hof von einem reichen Baumgarten ab, der sich hinten zum Walde verlor. Die Düngerhaufen hier und dort gehörten zum Wesen einer großen Ökonomie. Das Wohnhaus hatte hinterwärts einen Anbau für die Küche. An der Seite, die nach dem Hofe ging, zog sich ein Spalier in die Höhe, das den weißen Kalk mit grünem dichten Weinlaub bedeckte. Vor den untern Fenstern waren große Blumentöpfe und Rankengewächse in Kästen aufgestellt, auf deren einem gerade eine Katze lag, die mit funkelnden Augen hier wahrscheinlich das Schlafzimmer der Herrschaft hütete. Der Eingang des Hauses nach vorn war geschlossen, aber hinterwärts, von dem Eingange zur Küche her, fanden sie eine offene Thür und unter ihr eine Magd sitzend, die hier auf der Schwelle ebenfalls eingeschlafen war, vom Lärm der in ihren Hütten festgeschlossenen Hunde aber nun erwachte. Als sie die Augen aufschlug und die Fremden erblickte, griff sie rasch nach einem glänzenden Gegenstande, der in ihrem Schooße lag und ihr entfallen schien. Es war ein neuer blanker Thaler. Wie sie sich besann und ihr Geldstück in Sicherheit gebracht hatte, sagte sie den Ankömmlingen, daß dies der Heidekrug, ihr Herr, Herr Justus, der Heidekrüger wäre. Oben fänden sich Zimmer genug und kalt essen könnten sie auch noch und wie sie wol oben am lauten [126] Sprechen im Saale hörten, auch Gäste fänden sie noch. Der Herr, dem der Wagen da unten gehöre, wolle noch heute weiter, um mit Sonnenaufgang in der Residenz zu sein.

Ja, ja, sagte sie etwas polternd, bei uns geht's bunt her! Hier machen wir die Nacht zum Tage und die Tage zur Nacht. Wir sind hier Alle überstudirt!

Hackert hatte bereits den von der verdrießlichen, aber rührigen »überstudirten« Magd erwähnten Wagen der oben befindlichen Herrschaft bemerkt. Er stand auf der andern Seite des Hauses, bereit zum Vorfahren. Ein Kutscher in Livree saß eingehüllt in einem leichten Staubmantel auf dem Bocke und schlief.

Wem gehört der Wagen? fragte Dankmar, die Livree des Schlafenden ins Auge fassend.

Einem prächtigen Herrn aus der Stadt, sagte die Magd. Er ist erst drei mal auf dem Heidekrug gewesen, und ich denke, wenn er öfter kommt, werden die Leute nicht mehr sagen: Auf dem Heidekrug wird die Milch schon in der Kuh sauer.

Sagen Das die Leute?

Ja, Herr, ich weiß nicht, ob Sie ein Studirter sind. Aber ich denke immer, der Bauer soll dem Herrn Pastor das Latein lassen. Die Ochsen lernen doch im Leben kein Hebräisch ...

Wenn sie nicht an Moses und die Propheten verpfändet werden ... fiel Dankmar lachend ein. Wenn ich hier wirklich auf dem Gute des Heidekrügers Justus bin, so merk' [127] ich fast, das Gesinde theilt nicht die Leidenschaft seines Herrn für Politik ....

Die Magd hörte nicht. Sie war hinterher, ein Licht anzuzünden und den Ankömmlingen hinaufzuleuchten in die Zimmer, die sie ihnen anweisen wollte.

Dankmar beobachtete Hackert, der sich inzwischen mit scheuem Blicke dem eleganten Reisewagen genähert hatte und prüfend vor ihm stand und vor sich hin murmelte:

Neumann! Bei Gott, er ist's! Es ist Neumann.

Was murmeln Sie denn? Kennen Sie den Wagen?

Hackert zeigte auf die Chiffre am Schlage.

Man mußte nahetreten, um sie in dem nur sternenhellen Dunkel zu erkennen.

F.S. Nicht wahr? sagte Dankmar.

F.S. wiederholte Hackert bestätigend und gab die Erklärung:

Franz Schlurck.

Meinen Sie wirklich? Der Justizrath Schlurck? Der Kutscher schläft. Wir wollen die Magd fragen. In dem Falle bleib' ich noch auf. Ich hätte Lust, den berühmten Juristen kennen zu lernen.

Hackert schwieg. Er war nachdenklich vor dem Wagen wie festgebannt, streichelte die Pferde und lachte mit einem eigenen, fast schwermüthigen Ausdrucke in sich hinein.

Kommen Sie mit hinauf, Hackert! Hören Sie nur, wie man noch die Gläser anstößt! Es ist mir, als dränge bis [128] hierher ein duftender Punschgeruch. Essen wir in der lustigen Gesellschaft oben zu Nacht und stoßen wir fröhlich mit den Fröhlichen an!

Hackert hörte nicht. Er stand wie abwesend vor den Pferden und streichelte sie. Diesen that der nächtliche Gruß wohl. Die prächtigen Thiere schnaubten leise und reckten die Ohren. Hackert aber fuhr ihnen sanft über die Mähne. Da strichen die Rosse die Hufen auf dem Pflaster und schlugen die langen Schweife in die Höhe. Die Mähnen der Thiere bewegten sich unruhig und ihre dunkeln großen Augen blinzelten in der Nacht ganz geheimnißvoll, als wollten sie sagen: Sieh da, Hackert, wir kennen dich, warum sehen wir dich nicht mehr?

Gute Nacht! sagte darauf Hackert, der alles Dies nachzufühlen schien, und wandte sich dem Stalle zu.

Die mit dem Lichte wartende Magd, drängend und freundlich gestimmt, bemerkte:

Ei kommen Sie doch. Es sind oben auch Zimmer für die Kutscher!

Geh' Sie zum Henker mit Ihrem Kutscher! sagte Hackert und schlenkerte die müden Glieder dem Stalle zu, wo er, auf Dankmar's Nachruf nicht hörend, rasch und gleichgültig verschwand.

Er will im Stalle schlafen, sagte die Magd. Es ist besser, er ist bei Ihrem Pferde. Dem Dietrich bekommt's nicht, wenn der gute Herr oben bei uns zu oft einkehrt.

Zahlt der immer so gute Trinkgelder?

Er will nur, daß Alles lustig ist, gibt gleich Wein und [129] Geld und unsern Herrn wechselt er auch ganz aus. Kommen Sie! Ich geb' Ihnen ein gutes Zimmer und gehen Sie getrost noch in den Saal.

Nun gut! sagte Dankmar. Etwas kalte Küche! Braten, Wein, wenn man ihn haben kann! Dann mach Sie's Bett! Ich will noch einen Augenblick in den Saal treten.

Dankmar kannte nur den bedeutenden Ruf des Justizraths Franz Schlurck. Er war der gesuchteste Anwalt der vornehmen Welt, hatte Häuser und Güter in Administration, verwaltete minorennen reichen Erben ihre künftigen Besitzthümer, galt für einen der beliebtesten Gesellschafter und war besonders durch das glänzende Haus, das er machte, und die Schönheit seiner Tochter Melanie Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Dankmar kannte die reizende Melanie nur von flüchtiger Begegnung, hatte auch Schlurck nie persönlich gesehen. Er fand es ganz in der Ordnung, die Gelegenheit zu benutzen, einen vielbesprochenen Mann, der ihm gewissermaßen als nachahmenswerthes Vorbild seiner eigenen Laufbahn gelten konnte, kennen zu lernen. Daß Schlurck allein reiste, ohne seine Familie, hatte er schon vernommen. Er rechnete darauf, außer Schlurck nur noch den Heidekrüger Justus zu finden, einen gleichfalls bekannten öffentlichen Charakter, der schon seit Jahren viel Wunderliches von sich reden machte.

Als Dankmar die Treppe hinaufgestiegen war und die Thür, hinter der er sprechen hörte, geöffnet hatte, blendete ihn anfangs der entgegenstrahlende Lichtschimmer, [130] sodaß er erst fast nichts von Dem sah, was er hier antreffen sollte.

Auf seinen Gruß antworteten ihm mehre Stimmen zugleich mit einem theilweise überraschten: Guten Abend!

Um ein Uhr des Nachts hatten im Saale des Heidekrugs aber nur noch drei Männer beisammengesessen, die eingehüllt vom feinsten wohlriechendsten Cigarrendampf den Morgen mit wachen Augen begrüßen zu wollen schienen. Den Heidekrüger und den Justizrath glaubte Dankmar sogleich zu erkennen. Es war aber noch ein Dritter anwesend, der entfernt von diesen Beiden mit einer blauen Blouse bekleidet in einem düstern Winkel saß.

[131]
6. Capitel. Die blaue Blouse
Sechstes Capitel
Die blaue Blouse

Das ziemlich geräumige, aber etwas niedrige Gastzimmer des Heidekrugs war von vier Wachslichtern, die auf dem länglich durch die Mitte gehenden Tische dicht zusammengerückt standen, heller erleuchtet, als solche Räume es sonst zu sein pflegen. Die vier Kerzen standen so, daß sie zu gleicher Zeit im Spiegel sich verdoppelten. Zwischen der zweiten und dritten Kerze stand ein silbernes Gefäß, das der Kundige auf den ersten Blick als einen Champagnerkühler erkannt hätte, wenn nicht auch der daraus hervorragende Hals einer Flasche mit gerolltem Blei umlegt gewesen wäre. An der Seite des silbernen Gefäßes stand einer jener gelbirdenen Töpfe, in welchen die strasburger Gänseleberpasteten versandt werden. Eine Blechbüchse schien eine andere Näscherei zu enthalten, die jedoch mit dem großen Laib groben Brotes, der auf einem Teller daneben lag, in sonderbarem Widerspruche stand. Einige Büchschen mit Etiketten – in der Form erkannte sie Dankmar als englische – schienen pikante indische Saucen zu enthalten. Alle diese Herrlichkeiten standen vor einem mit großer Behaglichkeit [132] gesticulirenden und eben einen silbernen Becher mit Champagner an die Lippen setzenden Herrn. Seiner Gourmandise nach hätte man vermuthen sollen, er wäre rund genährt und böte ein behagliches Embonpoint. Im Gegentheil aber sah Justizrath Franz Schlurck sehr mager und dürr aus. Die Züge des klugen und überaus verschmitzten Antlitzes konnten nicht trockener sein. Im Munde war auch nicht ein ganzer Zahn mehr übrig, wie man deutlich sah, wenn der von Weinlaune erregte Mann dann und wann einen Zug aus seiner sehr kostbaren Cigarrenspitze zwischen den behutsam aufgesperrten schlaffen Lippen von sich blies. Den Ausdruck der Augen zu erkennen, war schwer; denn eine goldene Brille verdeckte sie. Das dünne graue Haar saß so spärlich auf dem wohlgebauten und gefällig geschweiften Schädel, daß man ordentlich erblickte, mit welcher Sorgfalt die einzelnen Haare langgezogen und vom Hinterkopfe her über die Glatze herübergekämmt waren. Ein feiner blauer Frack mit gelben Knöpfen, ein weißes Halstuch und eine weiße Piqueweste gaben der Toilette etwas ebenso Gewähltes, wie die mit großen und kleinen Ringen gezierte Hand Pflege und ein Bewußtsein der Zierlichkeit derselben verrieth.

Neben diesem Sybariten an der Ecke des Tisches saß der Wirth, eine starke, stattliche Gestalt von gewaltigem Knochenbau und einem sichern festen Auge. Das Wesen dieses Mannes war kein gewöhnliches. Die Kleidung ging über den ländlichen Schnitt hinaus, die Haltung war des [133] Welttones nicht unkundig. Man glaubte eher den Bürgermeister einer Landstadt als einen hier in der Einsamkeit des Waldes Wirthschaft treibenden Ökonomen vor sich zu haben. Eine lebhafte Auseinandersetzung schien ihn zu beschäftigen; nicht nur der Champagner, von dem er aus einem großen Wasserglase trank, hatte ihn geröthet, vielleicht auch das Feuer einer Ansicht, die er in dem Augenblicke, als Dankmar eintrat, sehr lebhaft vertheidigte. Als Dankmar einen Guten Abend! gesagt hatte, stand der Heidekrüger auf und lüftete ein kleines Sammetkäppchen, das mehr zur Zierrath als aus Rücksicht auf seinen starken Haarwuchs den Scheitel bedeckte.

Sie werden sich wundern, sagte Dankmar, noch so spät Besuch zu bekommen. Ich will nur eine Kleinigkeit zu Nacht nehmen, eine kurze Bettruhe halten und morgen in der Frühe mit meinem Einspänner weitermachen.

Haben Sie sich bestellt, was Sie wünschen? fragte der Heidekrüger mit einem gewissen Gentlemanton, als wollte er sagen, ich bin kein Wirth im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern verweise Sie auf die Bedienung, die hier ganz eine Privatsache meiner Leute ist.

Als Dankmar bejahte und bat, sich nicht stören zu lassen, fuhr der Sprechende, als wäre er gar nicht unterbrochen worden, mit kräftiger Stimme fort:

Woran liegt's, als an der gänzlichen Unbekanntschaft mit dem Zustande auf dem Lande selbst? Wir haben's erst versehen, daß wir Leute hineinschickten, die am schnellsten mit dem Munde voraus waren. Sie haben die [134] Verwirrung nur noch größer gemacht, vom Hundertsten ins Tausendste gesprochen, Alles sehr schön, aber ohne Kenntniß. Denn warum? Es waren Doctoren, die ihre Praxis aufgaben ....

Wenn sie welche hatten, ließ Schlurck lächelnd einfallen.

Auch das, sagte der Heidekrüger. Es waren Schullehrer, Advokaten, aber keine Geschäftsleute. Die werden wir diesmal schicken; aber auch die Beamten und die Angestellten nicht, die die Regierung geschickt wünscht.

Schlurck schien im Grunde nicht geneigt, dies Gespräch fortzusetzen, wenigstens hätte sich sein glatter Weltton erst lieber mit dem neuen Ankömmling vermittelt. Dieser hatte dicht ihm gegenüber Platz genommen und die hier ausgebreiteten Delicatessen mit einem sehr deutlichen ironischen Lächeln gemustert. Diese Kritik setzte den Epikuräer in Verlegenheit und mit einem eigenthümlichen Hinaufziehen der Stirnfalten, das dem Munde und den Schläfen einen nicht unheimlichen, aber sonderbar faunischen Ausdruck gab, wandte er sich an Dankmar mit den Worten:

Wenn man überall so gut aufgenommen wäre wie bei dem in allen Wassern erfahrenen Herrn Justus, würde man nicht nöthig haben, sich für eine Reise in diesen Gegenden so zu verproviantiren. Übrigens ist nur das Eis eine Contrebande von mir selbst, der Champagner, vortrefflicher Geldermann-Deutz, kommt aus dem Keller des Heidekrugs. Ich zahle kein Korkgeld.

[135] Der Geldermann-Deutz ist auch, antwortete Justus lachend, mit der neuen Zeit da hineingekommen. Seit die Wahlbesprechungen die Zungen trocken machten und alle möglichen Stände, Leute, die ich nie bei mir gesehen habe, Offiziere, Landräthe, Präsidenten bei Einem vorkommen, hat die Nachfrage nach dem süßen Zeug auch die Anschaffung nöthig gemacht. Ich bezahl' ihn für echt. Ich will hoffen, daß er's ist.

Schäker! Schäker! drohte Schlurck mit affectirter Schelmerei. Nicht echt? Hab' ich Ihnen nicht, als ich die Ehre Ihres Besuches genoß, die besten Quellen genannt? Wenn unsere junge Freundschaft sich so echt erweist wie dieser Geldermann-Deutz, Justus, so können wir schon zusammenhalten. Darf ich Ihnen anbieten, mein Herr?

Damit hatte Schlurck ein Wasserglas, mit perlendem röthlichen Bouzy gefüllt, auf einen Teller gestellt und ihn Dankmarn präsentirt.

Dieser lehnte jedoch ab und brauchte dafür den höflichen Scherz, daß er sagte:

Ich trinke keinen Geldermann-Deutz.

Warum nicht? Das Haus ist sehr beliebt.

Der Name Deutz, sagte Dankmar lachend, erinnert mich immer an den Verräther der Herzogin von Berry und ihre Gefangenschaft auf dem Schlosse ... wie heißt es doch? ...

Blaye ... rief eine Stimme von einer entlegenen dunklen Ecke des Saales herüber. Dankmar wandte sein Auge zu [136] dem Sprecher. Das französische Wort kam von jenem dritten Anwesenden, der in blauer Blouse gleich beim Eintreten Dankmarn aufgefallen war. So weit er ihn im Dunkeln erkennen konnte, war der junge so unterrichtete Mann von schönem hohen Wuchs. Die blaue Blouse ging ihm dicht bis an den Hals, der mit einem leichten seidenen Tuche umschlungen war. Ein Stock, ein gefälliger Ranzen, eine Mütze lagen neben ihm. Er stemmte den Kopf auf die Hand und streckte das Bein lang über einen Sessel hin, den er vor sich stehen hatte, ohne ihn mit den Stiefeln zu berühren, was sich ohne Zweifel der Heidekrüger würde verbeten haben. Der Ausdruck des Kopfes entging Dankmarn leider, da er ihn niederbeugte und mit der Hand verdeckte.

Richtig, Blaye! sagte Dankmar erstaunt; denn er fand gegen die zugeflüsterte Bemerkung der eben mit kalter Küche eintretenden Magd, daß der Dritte ein Handwerksbursch wäre, dem Äußern nach kaum etwas einzuwenden.

Es ist nicht der erste Beweis, begann Schlurck halblaut zu dem sein bescheidenes zweites Nachtessen anschneidenden Dankmar; es ist nicht der erste Beweis, den uns der vortreffliche junge Mann dort in der Ecke von seinen Kenntnissen gibt! Er ist, sagt er, in dieser Gegend zu Hause. Daher unstreitig Wähler und wählbar, wie alle diese jungen Menschen jetzt, wenn sie nämlich nachweisen, daß sie keinem Andern die Stiefeln putzen und dreißig Jahre alt sind, was er doch wol zu sein scheint.

[137] Sind Sie ein Gegner des allgemeinen Wahlrechts? bemerkte Dankmar, mit einem Stück Kalbsbraten beschäftigt.

Wie könnt' ich das in einer Zeit, sagte Schlurck ironisch, wo die untern Stände sich so ausgezeichnet entwickeln, daß sie sogar die Geschichte der Herzogin von Berry wissen! Schon einige male bot ich dem jungen hoffnungsvollen Tischler – es ist ein Tischler, der junge Mann – von unserm Geldermann-Deutz, aber, erstaunen Sie –

Er hat dieselbe Antipathie gegen Verrätherwein wie ich? bemerkte Dankmar lachend, setzte nun aber, um nicht zu verletzen, hinzu:

Das edle Getränk soll indessen unter seiner Etikette nicht leiden. Wenn Sie erlauben, thu' ich Ihnen Bescheid.

Schlurck, außerordentlich geschmeichelt und gleichsam glücklich, einen Bundesgenossen gegen den jungen Tischler, der ihn schon lange zu necken schien, zu finden, schenkte, um die Schäumung recht frisch zu geben, noch einmal in einem nahestehenden Glase ein und überreichte es Dankmarn, der freundlich Bescheid that.

Der Heidekrüger aber lachte und schraubte den Justizrath, indem er anfing:

Ei, ei, Herr Justizrath, was haben Sie mir da für eine Etikette empfohlen? Das hätt' ich wissen sollen, als ich wegen meiner kleinen Häkeleien mit der hohenberg'schen Masse bei Ihnen war und Sie um eine Empfehlung guter Weine bat, wegen der bevorstehenden Wahlmanöver und Zweckdemonstrationen!

[138] Geldermann-Deutz wird mir hier verworfen, sagte Schlurck mit halb ernster, halb komisch sein sollender Entrüstung. Da müssen Sie zur Strafe jetzt alle zusammen einem Montebello oder einem Moët den Hals brechen. Was befehlen Sie?

Damit langte er neben sich hinunter und griff in einen zierlichen Flaschenkeller, der neben ihm auf der Erde stand und in seinen Räumen noch Platz hatte für die köstlichsten Speisen und sogar das Eis, das er im blechernen Boden der ganzen Maschinerie beisichführte.

Nehmen Sie vom alten ehrlichen Jaquesson, rief der junge Tischler herüber und änderte ein wenig seine bequeme Stellung. Im hohenberger Schloßkeller lagen von dem Hause Jaquesson noch vor einigen Jahren ein Dutzend Körbe der bewährtesten Etikette.

Schlurck richtete sich auf und blickte mit entrüstetem Antlitz zu dem kühnen Sprecher hinüber. Die Brille auf seine hohe Stirn ziehend, stierte er ihn jetzt mit den unbewaffneten grauen Augen an; denn Schlurck gehörte zu denjenigen Weitsichtigen, die gerade erst die Brille absetzen, wenn sie gut sehen wollen.

Woher wissen Sie Das, junger Mann? fragte er mit gezogenem Tone.

Ich habe im hohenberger Schloßkeller an den Gestellen für die Weinflaschen gearbeitet, antwortete der Tischler lachend, und Dankmar konnte ihm jetzt in sein schönes edles Antlitz sehen. Sein Haar war bräunlich und gelockt wie das seinige, der Mund voll der schönsten Zähne. Überhaupt [139] hatte der Fremde einige Ähnlichkeit mit Dankmar.

Sieh, sieh! bemerkte Schlurck mit sonderbarem Dehnen der Stimme; sieh, sieh, ich habe in der That nur Jaquesson bei mir.

Dann sich setzend und die Brille wieder über die Augen werfend, rief er:

Vive la gaieté, meine Herren! Rücken Sie näher, junger wählender und wählbarer Tischler! Justus, Sie deutscher Patriot, herbei! Sie stoßen auf die nächste Wahl in Ihrem Bezirke an, id est auf Ihre eigene Wahl! Ha, ha, alter Sünder! Das ist's doch nur, was Ihr so im Stillen ambirt! Papst Sixtus! Papst Sixtus! Der hat's auch so gemacht. In Demuth dem Herrn gedient, geächzt, gestöhnt, die höchste Würde abgelehnt, abgelehnt bis er sie hatte und Papst war! Justus, edler Märtyrer alter Beamtenwillkür! Heran! heran! Eins, zwei, drei! Krach, das Eisen ist ab und nun die Eimer her! Vollgeschöpft!

Dankmar hielt getrost hin. Was sollte er da lange zögern? Der Heidekrüger aber legte die Hand auf sein Glas und sagte ganz verstimmt:

Das bitt' ich mir aus, Herr Justizrath! So haben wir nicht gewettet. Ich sollte daran denken, gewählt zu werden? Darum all' mein Eifer für Ihre gute und rechtschaffene Wahl? Nein, nein, bester Herr! Ich bin ein schlichter, einfacher Mann. Ich hab' Ihnen gesagt, wie ich mir Alles denke, wie's werden muß im Staate, und nun kommen Sie an und thun, als hätt' ich den Hinterhalt ...

[140] Hi, pfiff gleichsam Schlurck und gab einen eigenen Ton des zahnlosen Mundes von sich, einen Ton, der List und Ungläubigkeit ausdrückte. Was ist da mehr? Kommen Sie, wählender wählbarer Tischler, thun Sie Bescheid! Sie haben schon manches gute Wort in unser Gespräch hineingegeben. Ich ehre auch die Arbeit! Ich ehre auch die Herren Arbeiter! Die Herren Arbeiter sollen leben! Wir wählen Freunde der Arbeit! Feldarbeit, Werkstattarbeit, Geistesarbeit; nicht wahr, mein Herr, Sie sind Geistesarbeiter? ...

Diese Frage war an Dankmar gerichtet. Er bejahte sie.

Nun sehen Sie, fuhr Schlurck fort und reichte, um den Heidekrüger zu versöhnen, diesem seine goldene Dose hinüber, aus der er vorher selbst eine Prise nahm, was murren Sie, Justus? Es ist Alles Windbeutelei mit der jetzigen Politik! Kenntniß vom Recht? Gleich Null. Ehrgeiz ist die Achse des ganzen Getriebes. Steck da Einer seine Finger hinein, sie werden ihm bald zerquetscht werden. Die beste Politik ist gewiß die, aus dem Staate Alles hinauszufegen, was in diesen Begriff seit hundert Jahren hineingepfercht ist. Wer sagt so etwas? Eine gute Polizei, das ist Alles, was man vom Allgemeinen verlangen sollte. Das Übrige bleibt der Gesellschaft überlassen. Verwaltung und Schule kommt an die Gemeinde, die Kirche bete und singe, was sie will. Die Provinzen halten jede für sich! Die Ständekammern sind bloße Abrechnungsconvente. Man kommt zusammen, um Soll und Haben auszugleichen. So ist's in Amerika, so in England, und [141] das Beste dabei ist, daß die Menschheit vergnügt bleibt und Jedermann das angenehme Gefühl hat, in seinem Kreise so viel zu gelten, als er mit seiner Person behaupten kann.

Bravo, sagte Dankmar, die Ansicht ist fast die meinige. Doch sind Sie dabei auf dem besten Wege zur Republik.

Wenn wir uns, fuhr Schlurck behaglich lächelnd fort, wenn wir uns eine Republik denken könntencomme il faut, warum nicht? Aber Das ist ja der ewige Jammer. Die heutigen Republikaner wollen mit dem Staate auch wieder nur Staat machen. Da soll Alles von unten aufgebaut werden, symmetrisch, Alles in die Höhe, Alles Pyramide, Alles Centralisation. Der Mensch, die Gemeinde, die Gesellschaft werden nur ausgesogen zu einem großen Allgemeinzwecke, der im Grunde wieder nicht besser ist als die alte Königs Majestät von Gottes Gnaden. Diese Wuth, den Einzelnen für nichts mehr zu erklären, die ist ja so allgemein jetzt, daß die Lumpe in dem verdammten Communismus ihr Heil finden, als wenn dann der Einzelne was hätte, wenn Alle nicht viel haben! Meine Herren, die Erde ist ein höchst unvollkommener, höchst kleiner, obscurer Planet und wird's bleiben, bis er sich einmal an einem größern ganz die Nase zerstößt oder wohlbehalten in ihm aufgeht. Wir Menschen sind vielleicht vollkommener als die Bewohner der großen Planeten; denn allerdings schon die Gastronomie belehrt uns, daß die kleinen Krabben besser schmecken als die großen. Möglich, weil die Erde klein ist, sind ihre Bewohner feiner organisirt als die Bewohner [142] des Saturn. Aber bis zur Vollkommenheit bringen wir es nicht. Wir sind ein wimmelndes Geschlecht fleischfressender Vernunftsthiere. Was wir für Moral halten, ist veredelte Gesundheitslehre; was uns Metaphysik scheint, ist nichts als die Reflexion der einen Sinnentäuschung in der andern. Denn da diese gänzliche Rathlosigkeit über unsern Ursprung und unsers Hierseins Zweck und Absicht bereits mehrere Jahrtausende dauert, so hat sich von den Millionen Blasen, die darüber in unsern Köpfen schon aufgestiegen sind, ein solcher Blasebalg von Traditionen gebildet, daß Keiner mehr weiß, was er selbst oder was Andere gedacht haben und woher der Wind eigentlich weht. Verdauen Sie gut, meine Herren, haben Sie das einzige Glück, das die Erde gewähren kann, so schreiben Sie lustig an den gestirnten Himmel: Das Prinzip des Alls ist die Liebe. Verdauen Sie aber schlecht, meine Herren, und möchten Sie nach jeder Gänseleberpastete des Teufels werden, so schreiben Sie voll Zorn auf dieselbe Stelle: Das Prinzip des Alls ist der Haß. Was ist da nun Wahrheit?

Herr Justizrath! rief der Heidekrüger, wenn Sie so zu den Bauern sprechen, bekommen Sie in Schönau nicht Eine Stimme.

Wirklich? Wie so?

Jeder Wahlmann wird Ihnen sagen: Das sind Lästerungen!

Hm! hm! Glauben Sie Das?

So müssen Sie diese Naturmenschen nicht fassen, Herr Justizrath.

[143] Wissen Sie was, Justus! sagte Schlurck nach einigem Besinnen und vom Champagner nippend; der Henker hole Ihre ganze Wühler- und Wählerei! Wenn's nicht jetzt Mode wäre, Politik zu treiben, und die unhöflichste Vergessenheit über Jeden käme, der nicht auch in einem Club sitzt und in die allgemeine Confusion mithineinbrüllt, ich würde mich wol in Acht nehmen, meine Zeit und Muße zum Opfer zu bringen. Ich habe ein paar Ressourcenfreunde gesehen, die nur drei mal im Constitutionellen Club waren und um zehn Jahre älter wieder herauskamen. Sie hatten ein Gesicht – so lang! – gekriegt. Übrigens irren Sie, werthester Freund, wenn Sie glauben, daß die Bauern blos patriotische und politische Salbung hören wollen. Die Leute ahnen auch längst, daß die Welt ein großes Loch hat, wo all der Wind, den man ihnen seit tausend Jahren vorgemacht, zwecklos wieder durchbläst ins Leere, und unsere Existenz eine bloße Flause ist. Es soll ihnen nur Einer einmal von Grund aus zeigen, wie die Welt damals aussah, als sie blos für Adam und Eva geschaffen wurde; ich weiß nicht, Freundchen, ob Sie für Ihre schönauer Loyalitätsadresse die fünfhundert Unterschriften bekommen hätten, die Ihnen in der Zeitung schrecklich viel Insertionsgebühren müssen gekostet haben.

Sind Sie jetzt ein Loyalitätsadressenschreiber? fragte Dankmar ganz erstaunt den Heidekrüger.

Justus stützte den Kopf auf den linken Arm und antwortete, Dankmarn scharf ins Auge fassend:

[144] Ich weiß nicht, mit wem ich zu sprechen die Ehre habe; aber Das weiß man vom Heidekrüger Justus zehn Meilen Weges, daß ich das Bischen Einfluß auf unser Land und unsere Gegend nicht zum Unrechten verwende. Mit den Wühlern hab' ich niemals gehen mögen. Ich wurde schon verfolgt vor zehn Jahren von der alten Polizeiwirthschaft. Warum? Weil ich verbotene Bücher las, in den Provinziallandtagen manchmal ein Wort über die Beamtenwirthschaft, über Grundsteuer und die Chausséebauten sprach. Das war ein Hetzen, ein Untersuchen, ein Incriminiren ....

Sie haben sich damit einen Namen erworben, fiel Dankmar ein. Ich bin angenehm überrascht, die persönliche Bekanntschaft des freisinnigen Heidekrügers Justus zu machen ....

Justus zog, etwas geschmeichelt, sein Käppchen.

Schlurck schnitt eine ironische Miene und blinzelte zu Dankmarn hinüber, als wollte er sehen, ob man wol von ihm verstanden würde, wenn man in scheinbar ernster Miene etwas blicken ließe, das etwas soviel sagte als: Der eingebildete Esel!

Schlurck war ein völlig negativer Kopf, vor dem nichts festen Bestand hatte. Er leitete fast Alles aus dem Interesse her, auch Justus' politische Stellung, die in der That keine geringfügige war, wenigstens in den Tagen vor den neuesten Bewegungen.

Die Wühler, sagte Justus, haben Jeden verdächtigt, der keine Schulden auf seinem Eigenthum hatte. Sie haben [145] sich hier an einige bankrotte Müller und Wirthe und vorlaute Tagelöhner gehängt und Die in die Stadt geschickt, um für sie zu sprechen. Ob es anderswo anders war, weiß ich nicht; genug, wir Alten von sonst sahen dem Treiben ruhig mit zu. Die Regierung foderte Die, die sie noch für das Bessere treugesinnt hielt, durch Circularausschreiben auf, man sollte durch Adressen seine wahre Gesinnung kundgeben, und was versprochen wäre, Das würde auch gehalten werden. Nun, darauf hin, Herr, wenn man uns Das hält, was versprochen ist, darauf hin konnten wir sagen, daß wir an unserm angestammten König festhalten und uns von keinerlei Rottirung würden irremachen lassen. Es haben's Vierhundertneunzig unterschrieben und viele Arme darunter, die aber vollkommen klar wissen, was sie thaten, als sie die Feder führten.

Sie sehen, sagte Schlurck mit feinem Humor, unser braver Herr Justus gehörte sonst zu den Demagogen, jetzt zum rechten Centrum. Das rechte Centrum ist die Gegend, wo die Portefeuilles wachsen. Wenn das Glück gut geht, Justus, und Sie die Stimmen haben, werden Sie doch noch bei irgend einer Krisis Excellenz ....

Nein! Wenn Sie so über Alles spotten, Justizrath, sagte Justus fast ärgerlich und wollte aufstehen.

Sitzen geblieben! rief Schlurck. Altes Haus, Spaß verstehen! Hier Jaquesson getrunken! Alles Andere ist eitel .... Sie sind auch eitel.

Dabei füllte er die Gläser, bemerkte aber, daß der Tischler vorhin das seine nicht geholt hatte. Als er sich [146] umwendete, um ihn dazu aufzufodern, fand er, daß der sicher sehr ermüdete Wanderer schlief.

Der junge wählbare Wähler schläft, flüsterte Schlurck. Und um ein Uhr Nachts wach zu sein, ist allerdings eigentlich nur das Privilegium der Gebildeten.

Der Heidekrüger, verstimmt, gab ihm einen Wink und sagte leise:

Schlimm genug, daß wir in Zeiten leben, wo man nicht einmal einem reisenden Handwerksgesellen sagen kann: Scher' er sich auf den Heuboden!

Was, Herr Justus ist nicht nur rechtes Centrum, bemerkte Dankmar, sondern auch Aristokrat geworden?

Ich bin ein ehrlicher Mann geblieben, antwortete der Heidekrüger; ich gebe Gott was Gottes, und dem Könige was des Königs ist. Jeder Stand soll in seinen Grenzen bleiben, der Dienende sich nicht zu dienen, der Arbeitende sich nicht zu arbeiten schämen.

Und der Wirth, fiel Schlurck mit jovialer Bestimmtheit ein, der Wirth soll sich nicht irre machen lassen, sein Hausrecht zu gebrauchen. Wenn Sie, bester Freund, nicht auf Popularität speculirten, hätten Sie den Burschen da längst zur Thür hinausgeworfen.

Sie können's, seh' ich, Justizrath, sagte Justus, nicht lassen, mich für einen ehrgeizigen Mann zu halten. Es sollte mich kein Mensch hindern und keine Rücksicht auf Wählen oder Nichtwählen bestimmen, Einem zu sagen, was ich von ihm denke. Aber betrachten Sie doch nur den Mann! Ich halte ihn für Das, was er von sich aussagt, aber [147] die Meisten sind heute etwas Schlimmeres, als was sie sein wollen. Der kommt mir aber vor, als könnte er etwas Besseres sein.

Schlurck und Dankmar betrachteten den Schläfer in der blauen Blouse noch einmal aufmerksamer. Es war ein schöner, schlank gewachsener junger Mann. Er hatte den Kopf dicht unter beiden gekreuzten Händen auf den Tisch gelegt. Dem dadurch recht sichtbaren krausen hellbraunen Haar sah man die sorgsamste Pflege an. Ein um das Kinn rundherum gehender Bart hob die blassen, edlen Züge nur noch lebendiger her vor. Auf der hohen Stirn schien ein anderer Beruf zu schlummern, als ihn die Blouse verrieth. Und doch war auch diese feiner als die eines gewöhnlichen Handwerkers. Sie war rings am Kragen, an den Ärmeln und auf der Brust einfach, aber sehr sorgfältig gesteppt. Die bunten Beinkleider waren von einem gewählten Muster, die Stiefel saßen auf einem zierlichen Fuße, dem das Wandern auf der Landstraße nicht geläufig schien. Als Dankmar bemerkte, daß an den Hacken dieser Stiefeln sich sogar ein kleiner Absatz Sporenleder befand, überflog den Justizrath eine düstere Wolke plötzlichen Unmuths. Es schien, als hätte er sagen wollen: Alles Fremde ist mir unheimlich. Auch Dankmar blieb ihm ohne Zweifel zu lange namenlos. Er griff nach der Uhr, zog sie an einer langen, schweren goldenen Kette hervor und ließ sie repetiren. Sie schlug ein Viertel auf zwei.

Jetzt, bester Freund, begann er, zu Justus gewendet, [148] ist es Zeit, aufzubrechen. Die Pferde werden vom Warten müde. Mein Kutscher fällt wol gar vom Bocke und es ist heiß hier, recht heiß ....

Damit wollte er aufstehen. Aber Justus, der breite Auseinandersetzungen liebte, war eben erst im Begriff, sich recht gehen zu lassen. Man hatte seine Offenheit bezweifelt; jetzt kam ihm erst das Bedürfniß, sich vollständiger auszusprechen.

Nein, sagte er, nun lass' ich Sie nicht. Nun müssen Sie auf ein Stündchen bleiben. Die Nacht ist einmal verdorben. Sie fahren mit Ihren Staatsfüchsen in zwei Stunden nach der Stadt, was wollen Sie früher ankommen als mit Sonnenaufgang?

Bester Freund, mich erwarten Geschäfte ....

Sie bleiben noch! Auch der fremde Herr; ja! ja! Das laß ich mir nicht nehmen, mich gegen ungerechten Verdacht zu vertheidigen. Mein ehrlicher Name ist nicht von gestern. Auch wir Alten, die wir sonst etwas waren, müssen uns wieder aussprechen dürfen. Oder sollen nur die Communisten, nur die Reubündler reden?

Die Reubündler stachelten Schlurck auf. Sie werden doch nichts gegen die Reubündler zu sagen haben, Justus? bemerkte er.

Gegen die Reubündler? Warum nicht? Sind Sie Mitglied des Reubunds?

Allerdings.

Ein Mann von Ihrem Geiste? bemerkte Dankmar.

Sehr schmeichelhaft, mein Herr! erwiderte Schlurck.

[149] Allein ich versichere Sie, der Reubund ist eine der merkwürdigsten Neuerungen, die ich unserer an Ideen so armen Zeit kaum zugetraut hätte.

Das müssen Sie beweisen, Justizrath! rief Justus donnernd und zwang den Epikuräer, der diese Nacht einmal beschlossen hatte, die Gewalt des Sohnes derselben, Morpheus, nicht anzuerkennen, eine so kühne Behauptung zu rechtfertigen.

Schlurck sah sich noch einmal mistrauisch zu der schlummernden blauen Blouse um, schenkte noch einmal die Gläser mit seinem Jaquesson aus der hohenberg'schen fürstlichen Kellerei voll und begann mit einer Dankmarn wohlverständlichen und ihn sehr angenehm unterhaltenden Ironie:

Eh' ich denn also vom Reubunde spreche, lassen wir erst noch den Heidekrüger reden! Entfalten Sie sich, Justus! Entwickeln Sie sich in Ihrer ganzen Bedeutung für das vaterländische Allgemeine!

[150]
7. Capitel. Der Reubund
Siebentes Capitel
Der Reubund

Nun wohlan, sagte der Heidekrüger und warf sich dabei gewichtig in die Brust; hier und anderwärts sind Viele aufgestanden und haben gesagt: Seht den Justus, den Heidekrüger, der einst jedes verbotene Buch las, einst für die Polen sammelte, in ewiger Untersuchung stand, Justus, der ...,

Der selbstzufriedene Mann stockte.

Nein, nein, half Schlurck nach, sagen Sie offen, daß Sie der Mirabeau der Provinziallandtage waren, der Schrecken der Landräthe, der O'Connell des alten Liberalismus ...

Er ist doch recht schlimm! bemerkte Justus mit einem Blicke auf Dankmar und meinte den satyrischen Justizrath.

Doch gestand Dankmar die Bedeutung des Heidekrügers vollkommen zu und machte ihm damit Muth, sich in seinem ganzen Werthe zu fühlen.

Nun meinetwegen, sagte Justus, ich bin ein Landwirth, habe mir einige Kenntnisse erworben, die über die Pflugschar [151] hinausgingen, und lag mit dem alten Polizeisysteme in Hader, seit ...

Ihre Frau todt ist, schaltete Schlurck ein. Doch hörte Justus nicht darauf, sondern fuhr fort:

Kinder hab' ich nicht und los und ledig muß Eins sein, wenn man nicht erschrecken will vor einer Haussuchung durch Gendarmen oder ähnliche Visiten bei Nacht und Nebel. Nun gut! Die neue Zeit ist gekommen. Nun sagen die Leute: der Heidekrüger galt sonst für einen dreisten Mann und gab der Regierung etwas zu rathen auf. Warum rückt er jetzt nicht mehr mit der Farbe heraus? Warum hat er einen Bund mit dem Feinde gemacht?

Warum will er Minister werden? schaltete Schlurck parodirend ein und stieß mit Dankmars Glase an.

Ja! Auch Das haben sie gesagt, fuhr Justus fort. Aber ich, Justus ...

Der Heidekrüger ...

Sage! Das ist erlogen ...

Und dreimal gelogen!

Die Loyalitätsadresse aus dem schönauer Kreise kam vom Herzen ...

Und vom Geldbeutel ...

Nein, Justizrath! ...

Unterbrechen Sie Herrn Justus nicht so oft, Herr Schlurck, sagte Dankmar lächelnd.

Nein warum? meinte Schlurck. Ist der Mann denn nicht reich? Gehört ihm nicht der Heidekrug mit Wald, Wiese und so und soviel Morgen Kornland? Hat er nicht da [152] unten in seinem grünbewachsenen Stübchen neben einem Schranke weiland verbotener, jetzt erlaubter Bücher, mehre Ausgaben des Conversations-Lexikon nebst einem eisernen feuerfesten Schranke voll kostbarer Provinzialcreditkassenscheine und den frequentesten Eisenbahnactien? Die Loyalitätsadresse ...

Kam vom Herzen, sag' ich nochmal, rief Justus, sich erhebend mit donnernder Stimme und ganz mit dem Feuer und der Stentorbrust eines zu einem Präsidentenstuhle sich eignenden parlamentarischen Löwen. Sie kam nicht vom Geldbeutel, Justizrath! Auch nicht von der Furcht! Kein Gendarm hat uns Fünfhundert dazu gezwungen, wie's anderwärts geschehen ist, wo die Leute um Gotteswillen gequält wurden, ein gutes Zeichen vonsichzugeben und den Landesvater durch Zustimmung zu retten. Allein, wenn wir in unserer festen Gesinnung eine Erklärung gegen die Wühlerei, die Demokratie und den Communismus abgaben, so ist darum noch nicht gesagt, daß wir Reubündler sind.

Was wollen Sie nur mit Ihren Reubündlern?

Wenn Justus etwas beginnt, so kennt er die Grenze, wo er aufhört. Vor ein paar Tagen hat man mir einen Brief geschickt, ich sollte mich in den Reubund aufnehmen lassen. Graf Bensheim lobte unsere Fünfhundert-Adresse. Herr von Sengebusch kam selbst von Randhartingen, um mir die Statuten des Reubundes zu bringen. Der fürstlich hohenberg'sche Rentmeister von Sänger schickte einen Expressen ...

[153] Hätte Ihnen der Alte seine reizende junge Frau geschickt ... unterbrach Schlurck den salbungsvollen Redner, der sich als das Wahrzeichen der ganzen umliegenden Landesgesinnung darstellte.

Justus hörte nicht auf diese Zwischenrede, da es ihm eben war, als wenn sich der Tischler in der Ecke in seinem Schlafe regte.

Nun? Sie blieben beim Rentmeister von Sänger stehen, rief ihm Dankmar zu, als er auf den Schläfer blickend stockte.

Als dieser sich nur auf einen andern Arm gelegt hatte, fuhr Justus fort: Ja, man verhieß mir die besonderste königliche Gnade, wenn ich diese ganze Gegend auf zehn Meilen in der Runde für den Reubund gewönne ...

Der Orden ist da! meinte Schlurck ironisch.

Er ist nicht da, Justizrath! schlug Justus auf den Tisch. Ich habe geantwortet: Ich wüßte zur Zeit noch nicht, was ich zu bereuen hätte, und wem's hier, ich zeigte aufs Herz, reumüthig auf der Seele brenne, Der solle in sein Kämmerlein gehen und auf die Knie fallen und Gott um Gnade und Vergebung seiner Sünden bitten. Aber so vor aller Leute Augen sich auf die Brust schlagen und ich weiß nicht, was öffentlich bereuen, Das möchten Die thun, die die Komödie bezahlt kriegen. Das hab' ich geantwortet und das ist meine Meinung von dem Reubunde.

Bester Freund, sagte jetzt Schlurck, da haben Sie sehr thöricht gehandelt.

Wie so? fragte der Heidekrüger, erhitzt von innerer[154] Glut, vom Weine und vom Selbstgefühl. Soll ich Ihnen sagen, was hinter dem Reubund steckt? Muckerei steckt dahinter. Es ist die alte pietistische Betkammer wieder, aber in neuer Form. Alle Offiziere, die früher beteten, stehen an der Spitze.

Sie irren sich!

Was? General Voland von der Hahnenfeder? Leitet der nicht auch den Reubund?

Sie irren sich!

Probst Gelbsattel ...

Täuschung!

Stehen nicht Frauen an der Spitze? Die Geheimräthin Pauline von Harder?

Die auch eine Betende? lachte Schlurck. Sie verwechseln Pauline von Harder mit ihrer Schwester, Anna von Harder. Nein, nein, bester Heidekrüger, fuhr Schlurck fort, Sie mögen vortrefflich über die Hypotheken, Creditbriefe und Vicinalwege dieser Provinz unterrichtet sein ...

Ich halte sieben Zeitungen ...

Deswegen eben! ... Aber Sie werfen Namen zusammen wie Kraut und Rüben! Namen, die mit dem Reubunde nichts zu thun haben! Pauline von Harder ... ich muß lachen ...

Ist sie nicht Großmeisterin?

Wohl, wohl! Aber, bester Freund, Pauline von Harder ist Alles, nur keine Betschwester.

Irr' ich nicht, bemerkte Dankmar, so ist Pauline von Harder eine geistvolle Schriftstellerin.

[155] Allerdings, sagte Schlurck. Nein, nein, Justus, da reimen Sie sich hier auf Ihrem Freihofe, unter den Tannen, Birken und beim schönen Gesange des Kukuks zuviel ungereimte Dinge zusammen ...

Ich bleibe dabei, sagte Justus, der Reubund ist Muckerei.

Möglich, sagte Schlurck pfiffig, aber nicht in Ihrem alten lichtfreundlichen Sinne! Bester Heidekrüger, Sie nehmen mir nicht übel, Sie sind etwas zäh, etwas starrköpfig in Ihren alten Anschauungen ...

Im Reubund ist Muckerei!

Ja, ja, in gewissem Sinne, aber nicht in Ihrem! Ich sag' es ja! Sie denken noch immer an die alten Provinziallandtage und Ihre dummen verbotenen Bücher ...

Im Reubund ist Muckerei.

Er ist nicht zu widerlegen, meinte Schlurck zu Dankmar gewandt. Er bleibt bei seinem Satz und wird Recht behalten, trotzdem, daß im Reubund die lustigsten Leute essen, trinken, tanzen und an Alles, nur nicht ans Beten denken.

Justus brummte nichtsdestoweniger immer für sich fort.

Im Reubund ist Muckerei.

Der Heidekrüger war so befangen in den alten Voraussetzungen seiner improvisirten Bildung, daß er zwar conservativ geworden war, aber in die Fußangeln des Mysticismus, als alter Gegner desselben, den Reactionairen nicht folgen wollte.

Ich bin aber doch begierig, bemerkte Dankmar nun zum [156] Justizrathe gewandt, Ihre Analyse des Reubundes zu hören. Sie werden ihn wirklich vertheidigen?

Wenn Justus conservativ geworden ist, antwortete Schlurck mit ernster Miene, so mußte er auch keinen Anstand nehmen, in den Reubund zu treten.

Warum? donnerte Justus und hob sein mit dem Käppchen geziertes rundes, starkgeröthetes Antlitz wie ein erzürnter Olympier oder der Präsident irgend einer »verfassunggebenden« Nationalversammlung.

Weil jede Zeit ihre eigene Sprache hat, bester Mann, begann Schlurck fest und bestimmt, die Sprache, alter Freund, in der man allein von ihr verstanden wird. Wenn der Unsinn siegt, geht man eben mit dem Unsinn. Ist es Mode, die Augen zu verdrehen, so spricht der Vernünftige von der Erleuchtung. Ist es Mode, mit den Pensionairs, den Offizieren und Beamten das Lied von der Majestät zu singen, so singt man's, wie man vor einigen Monaten, als die Taschendiebe und Wühler Volksversammlungen hielten, wühlte, die Volksversammlungen besuchte, immer Bravo rief und blos hinten seine Rocktaschen zuhielt. Bester Freund, was wollen Sie nur gegen den Reubund? Ich bin selbst Mitglied. Ich denuncire Sie. Ich klatsche Ihnen einen Proceß an den Hals, bei dem Sie zehn Monate Wasser und Brot besehen können, trotz Geschworenengericht und allem mündlichen Zubehör.

Das begreif' ich aber denn doch nicht, begann Dankmar, wie Sie bei der klaren Beurtheilung der staatlichen und allgemein menschlichen Verhältnisse, die Sie vorhin zu erkennen [157] gaben, doch so sich der allgemeinen Meinung, die Sie selbst schwerlich theilen, unterordnen und gleichsam mit den Wölfen heulen können. Der Reubund scheint mir wirklich eine der trostlosesten Ausgeburten eines Volks, das für politische Bildung seine völlige Unreife zur Schau stellt. Er ist das vollständigste testimonium paupertatis des Geistes, das sich eine in Servilität und Beamtenschmeichelei großgezogene Bevölkerung nur stellen kann. Er ist eine Zuflucht der absolutesten Gedankenlosigkeit, ein Schafstall der Furcht und des panischen: Rette sich wer kann! Ein strenger Absolutist sogar, z.B. der geistreiche vorhingenannte General Voland von der Hahnenfeder, wird nicht im Stande sein, sich diesem Bunde anzuschließen; denn der Absolutist bedarf Ideen und dort findet er nur Götzendienst.

Ganz Recht, bemerkte Schlurck und zog, um doch den feurigen Sprecher schärfer zu betrachten, die Brille auf die Stirn; ich stimme Ihnen vollkommen bei, und dennoch hab' ich die Mode mitgemacht, eben weil sie Mode ist und man sich nur in Weitläufigkeiten und lästige Auseinandersetzungen verwickelt, wenn man den Leuten sagen soll, warum man die Mode nicht mitmacht. Darum tragen wir ja die allgemeine französische Tracht, um uns das Echauffement zu ersparen bei Auseinandersetzung der Gründe, die uns bestimmen könnten, diese oder jene uns viel geschmackvoller erscheinende Kleidung zu tragen. Sie könnten nicht nur ewig zu thun haben, um geschmacklosen Leuten auseinanderzusetzen, warum spanisch schöner [158] als byzantinisch ist, sondern auch auffallen, sehr auffallen, und ich gebe Ihnen die Versicherung, Sie sind jung, Sie streben vielleicht erst nach einer festen Lebensstellung, ich bitte um Verzeihung für diese Voraussetzung, aber haben Sie eine feste Lebensstellung erreicht, so ist Ihnen nichts störender als das Auffallen. Das Auffallen zwingt Sie, mit Ihrem Dasein immer wieder von vorn anzufangen, immer wieder erklären, immer polemisiren zu müssen. Ich bin z.B. Jurist –

Ein sehr gesuchter, fiel Dankmar ein.

Bitte! erwiderte Schlurck nicht ohne Artigkeit. Meine Praxis ist groß.

Sie stehen mit der halben Welt in Verbindung, scherzte Dankmar und sagte doch aufrichtig Das, was er dachte.

Wollen Sie's so ausdrücken, fuhr Schlurck ohne alle Eitelkeit fort, ja! Ich habe durch meine Administrationen Gelegenheit, alle Stände kennen zu lernen, Fürsten und Handwerker, Grafen, Barone, Juden, Türken, Maitressen, Betschwestern, was Sie wollen ... denn das Geld, das Geld regiert Alles, das Geld und der Genuß. Soll ich nun mitten im Strom der Tagesmeinungen und der sich überstürzenden Begebenheiten immer mein apartes Glaubensbekenntniß auskramen? Das ist sehr weitläufig. Nein! Ich war Mitglied aller Bibelgesellschaften, aller Missions-, aller Gustav-Adolfvereine. Ich hielt mich anfangs zum constitutionellen Angstclub, ich bin jetzt ... Reubündler; was soll ich mich dabei aufhalten, den Leuten zu sagen, warum ... ich es nicht bin!

[159] Und doch wollen Sie, sagte Dankmar, trotz dieses indifferenten Interesses an den öffentlichen Angelegenheiten theilnehmen und sich wahrscheinlich hier in der Gegend wählen lassen?

Ich thu's mit schwerem Herzen, antwortete Schlurck; denn ich fühle, daß ich unglücklicher Mann immer rechts stimmen muß, und ich lebe wieder von sehr, sehr vielen Menschen, die außerordentlich links denken, und denke selbst links. Ich darf mich leider nicht weigern. Ein Mann in meiner Stellung – Sie scheinen sie zu kennen – was kann Der thun, wenn man ihm sagt: Das Interesse des Staats verlangt jetzt auch Ihre Beihülfe! Auch Sie müssen theilnehmen an der Wiederherstellung der Monarchie und des sichern Kraftgefühls der Regierung! Es ist nun einmal oben die Idee vorherrschend, der Regierung müßten vor allen Dingen wieder die Prädicate des Zermalmens und Zerschmetterns zurückgegeben werden. Dazu bedarf man der unbedingtest Ergebenen, entweder der Fanatiker der Theorie, Das bin ich nicht, oder der Fanatiker der reubündlerischen Schwärmerei, zu denen gehöre ich nur formell, oder der Fanatiker der Ironie, zu denen gehöre ich ganz. Ich werde in der Kammer nur Ja und Nein! sagen und meine Freude daran haben, daß wenigstens vorläufig die übermäßige Verwirrung aufhört, wenn auch mit Aufopferung der Debatte. O, mein Herr, man muß in der That wieder anfangen können, von diesem kleinen Planeten, Erde genannt, soviel Vergnügen abzugewinnen, als der tückische Erdenkloß, der uns mit [160] feuerspeienden Bergen antwortet, wo wir Neapelwonnen erwarten, herausgeben will. Sehen Sie, schon Das ist ja etwas werth, wenn es die Reaction durchsetzt, daß Einer mit Behaglichkeit wieder in ein Bad reisen kann. Nennen Sie mir Das nicht Indifferentismus! Die Staatsformen, mein bester Freund, wechseln, aber die Forellen bleiben. Und was mir lieber wäre als alle Politik, das brauch' ich Ihnen eigentlich nicht zu sagen. Aber wenn Sie's wissen wollen, junger Mann ... nein, nein, Sie wissen es selbst ....

Ich weiß es nicht, Herr Justizrath ... sagte Dankmar, sich besinnend und in den Ideengang des alten Epikuräers sich versetzend.

Ah! ah! rief Schlurck ablehnend.

Belehren Sie mich: was steht höher als Staatsformen und Forellen? Ich weiß es wirklich nicht.

Gehen Sie weg, Sie junger, hübscher Lovelace ....

Lovelace? Ah! Sie meinen ...

Ja natürlich mein' ich! Was ist lieblicher als ein schönes Weib? Herr! Was ist die Bestimmung der Erde anders, als die, ein Stelldichein für Verliebte zu sein? Ich bitte Sie, wo soll es hinaus mit unsern fünf Sinnen, unsern Lippen – der Glückliche, der sie noch frisch und rund hat, wie Sie! – wo soll es hinaus mit der Poesie des Daseins, wenn diese verdammte Politik den kleinen Gott Amor so langweilt, daß er unsere Erde für eine unnütze Station seiner Wanderungen erklärt? Die Attraction der Leidenschaften, der Magnetismus der Gefühle, Das ist der Erde edelster, [161] höchster Zweck. Hole der Henker die Politik und die Revolutionen!

Dankmar hatte nicht den Idealismus seines Bruders, der solche Reden verabscheut hätte. Er war beweglich und praktisch. Über diesen Materialismus mußte er wirklich lachen, und da er, unterhalten wenigstens von so frivolen Grundsätzen, schwieg, fand Schlurck volle Gelegenheit, unbeirrt durch den mürrischen Heidekrüger, fortzufahren:

Von allen neuen Systemen der Weltverbesserung und Menschenbeglückung hat mir, aufrichtig, das des Franzosen Fourier am besten gefallen. Sehen Sie, dieser Fourier gesteht es ein, daß ein frisches Stück Rheinsalmen mehr Werth für das Jahrhundert hat als confuse Begriffe über den Ursprung der Gesellschaft. Er ladet seine Jünger in schöne luftige Paläste ein, spielt ihnen herrliche Musik auf, arrangirt amusante Bälle, schmückt die reichbesetzten Tafeln mit Blumen, die er, glauben Sie mir's, ebenso sehr liebt wie Forellen, und was das Beste ist, seine Menschen sind gut, sie amusiren sich, sie sterben mit dem Bewußtsein, daß sie die ihnen verliehenen Organe zweckentsprechend benutzt haben ......

Wollen Sie, fragte Dankmar spottend, im Reubund diesem doch revolutionairen Systeme Anerkennung verschaffen?

Das hoff' ich! sagte Schlurck. Gerade dieser Bund ist auch deshalb der vernünftigste, der seit dem Jahre 1720, ich meine, seit der ersten englischen Freimaurerloge, entstanden [162] ist. Warum? der Reubund versteht unter dem Vorwande loyaler Gesinnungsverbrüderung eigentlich eine Allianz zur gegenseitigen Lebensverschönerung. Bester Freund, die wahren Reformatoren unsers Jahrhunderts kommen erst noch! Das werden Die sein, die von den Ideen sprechen und darunter die Cotillons und die Schönheitslinien der Polka verstehen. Im Reubund zeigt sich schon die Ahnung dieses neuen Evangeliums. Man hat seine Logen, seinen ersten und zweiten Grad, es gibt Brüder, es gibt Schwestern, es gibt Erkennungszeichen, verstohlene Handgriffe, geheime Einweihungen, und was vorläufig dort das Beste ist, man ißt nicht schlecht, jedenfalls besser als man gewöhnlich bei Gesinnungsfesten solcher Art zu speisen pflegt.

Ich gestehe Ihnen, sagte Dankmar, daß ich eine ernste, keine humoristische Vertheidigung des Reubundes erwartet hatte.

Ich bin wirklich ganz ernst, antwortete Schlurck; man muß wirklich wieder Orden stiften wie ehemals Zechbrüderschaften, Trinkstuben, Massenien. Gleichgesinnte müssen zusammentreten unter gefälligern Formen, als Tabacksdampf und offene, von Spionen belauschte Sitzungen sind.

Er warf dabei einen eigenen Blick auf den Schläfer in der blauen Blouse.

So etwas wie die alten Ritterorden, fuhr er fort, muß man wieder auferwecken, den Templerorden z.B., wo es auch fröhlich herging und man sich um den Papst und den [163] Kaiser nicht scherte und mit den Türken, die man bekämpfen sollte, Frieden schloß, weil sie schöne Weiber hatten und prächtige Weisheitslehren. Nur keine Duckmäuserei! Ah! Meine Tochter führte mich neulich in den »Egmont.« Ich geh' ungern ins Theater, und zwar deshalb, weil die Komödie doch die rechte Pflanzschule aller falschen und unmotivirten Begeisterung, die rechte Schwatztradition der tausendjährigen Dunstreflexionen über Tugend, Moral und ewige Vergeltung ist. Aber der frische, phrasenlose Ritter Egmont gefiel mir! Seine Ansichten über Politik bringt er ganz gelegentlich an, spricht wie ein Cavalier über ein paar Pferde mitten im Zorn über den Alba'schen Belagerungszustand, und als er zum Tode geht, vermacht er seine Maitresse einem Andern, der sie aushalten soll: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Ha, ha, ha! Meine Melanie sang, als wir nach Hause fuhren, immer: »Freudvoll und leidvoll!« Ich mußte dagegen sagen: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Prächtiges Wort Das! Glauben Sie mir, junger Mann, wenn man das Leben gar zu ernsthaft nimmt, sagt wiederum dieser capitale Ritter, der die einzige Dummheit beging, dem Generalissimus Alba nicht die Statuten eines kaiserlich spanischen Reubundes vorzulegen, was ist denn dran? Was ist denn dran? Am Leben nämlich, wenn man's gar zu ernsthaft nimmt, was ist denn dran? Justus, nichts! Nichts, Justus! Gute Nacht, junger Mann! Besuchen Sie mich. Sie finden eine kluge Hausfrau und eine Tochter ... sie heißt Melanie ....

[164] Melanie Schlurck ist die erste Schönheit der Stadt, bemerkte Dankmar.

Sagt man Das?

Man urtheilt selbst dann so, wenn man ihr auch nur flüchtig begegnet – zum Beispiel zu Pferde ....

Nicht zu Pferde! Nicht zu Pferde!

Man sieht sie viel über die Promenade reiten.

Halsbrechende Geschichten! Lassen wir Das! Besuchen Sie mich, mein Herr! Ich wohne in einem merkwürdigen Hause, in einem Hause, das mich auch an die mittelalterlichen Reubünde erinnert ....

An die Templer, wie Sie sagten?

An die Templer, die die besten Zechbrüder des Mittelalters waren, an die Johanniter, die Palästina Palästina sein ließen und das Grab des Erlösers da vertheidigten, wo ihre Güter angetastet wurden, ihre Schlösser, ihre Ordenseinkünfte. Ich wohne in einem dieser Häuser, für die ich jetzt den merkwürdigen Proceß mit dem Fiscus führe. Ah Processe! Processe! Das mahnt mich aufzubrechen. Gute Nacht, Justus!

Sie, Herr Justizrath, führen den Proceß wegen ... Dankmar wagte seine Überraschung kaum auszusprechen.

Nichts als Processe! Ich, der friedliebendste Mann von der Welt! Gute Nacht, Justus! Helfen Sie mir mein Reisenecessaire packen.

Er zeigte auf den Eiskühler, den strasburger Pastetentopf und den Flaschenkeller.

Justus griff zu und half ihm beim Einpacken, erklärte [165] auch, da die Bedienung schlafe, ihm Alles an den Wagen tragen zu wollen, und plauderte von den schönauer Wahlen noch Dies und Jenes durcheinander ......

Dankmar aber hätte jetzt so gern von dem Gegenstande begonnen, den Schlurck nur flüchtig berührte. Er hätte so gern gehört, ob der Justizrath wirklich sein künftiger Gegner in diesem Processe sein würde. Aber Schlurck's Entschluß, nun aufzubrechen, stand fest .....

Schon hatte er den Hut ergriffen, schon einen flüchtigen Abschiedsblick auf den schlafenden Fußwanderer geworfen, sich angeschickt, Dankmarn um seinen Namen zu ersuchen .....

Justus, um einen Versuch zu machen, sein Mädchen zu rufen, öffnete die Thür .....

In dem Augenblick sieht Schlurck flüchtig hinaus auf den Corridor und reicht eben Dankmarn die Hand. Dieser will sie ergreifen, als Schlurck plötzlich einen Schreckensruf ausstößt und fast in Ohnmacht sinkt. Dankmar's Hand läßt er plötzlich wie gelähmt fahren und hält sich mit der Linken schwindelnd an der Wand. Dankmar springt hinzu, der Heidekrüger läßt den Korb aus seiner Hand sinken und ruft:

Was ist Ihnen Mann?

Auf dem Corridor, dicht an der Thür des Saales vorüberschleichend glaubten sie ein Gespenst zu sehen. Halb entblößt, auf dem obern Körper nur im Hemd, stand mit geschlossenen Augen eine Gestalt dicht vor ihnen. Verworren und mit Heu untermischt hing ihr das Haar über [166] die Stirn. Strohhalme schleppten die Schuhe mit sich fort über die Treppe und den Corridor. An dem halbnackten Arm hing mechanisch getragen eine Laterne, die düster den Gang erleuchtete. Die Magd stand hinter diesem grauenerregenden Aufzug und deutete mit zusammengefalteten, fast wie betenden Händen an, daß man um Gotteswillen schweigen möchte.

Aber schon hatte Schlurck mit Entsetzen: Hackert! gerufen.

Hackert war es, als Nachtwandler .... Auf den Ruf seines Namens öffnete er die Augen und taumelte fast zusammen.

Dankmar, von innigstem Mitleiden für den Unglücklichen, der ein Nachtwandler war, ergriffen, fing ihn rasch auf. Der Lichtglanz blendete den auf seinen Namen erwachten Träumer. Er schien sich nicht sogleich sammeln zu können, als er aber Schlurck in der Thür sah und erkannte, besann er sich und wollte anfangs lachen.

Dankmarn war diese Situation furchtbar. Er rief dem noch immer vor Entsetzen starr dastehenden Mädchen zu:

So zeig' sie uns doch unsere Zimmer! Sie sieht ja, mein Kamerad hat zu Bett gewollt!

Die Magd entnahm Hackert die Laterne und ging rasch voran, um sie eine Stiege höher zu führen. Hackert folgte stumm, und nur zuweilen war's Dankmarn, als hörte er ihn hinter sich keuchen und seufzen. Die Magd wie von einem Gespenst verfolgt, öffnete rasch zwei Zimmer, ließ [167] die Laterne stehen und eilte hinunter. Dankmar zündete ruhig zwei Kerzen an, die in einem der Zimmer bereitstanden, schloß die Fenster sorgfältig und verwies Hackert, der wie träumend dastand, auf ein Bett des einen Zimmers. Gute Nacht! sagte er ihm und ging mit dem zweiten Licht in das Zimmer nebenan. Er rückte behutsam sein Bett an die Verbindungsthür, um lauschen zu können, ob sich Hackert legte. Als er bemerkte, daß dieser völlig ruhig war, das Licht löschte, die Thür zuriegelte und sich aufs Bett warf, entkleidete er sich selbst. Er hatte von dem Gespräch, dem Wein und der Entdeckung über Hackert's unglückliche Nervenstörung selbst halb verwirrt, sich kaum niedergeworfen, als er in der Ferne Schlurck's Wagen zu hören glaubte, so spornstreichs und im heftigsten Anlauf war der plötzlich verschwundene genußsüchtige Spötter aus dem Hofe gefahren. Über die Beziehung, in welcher Schlurck zu dem Nachtwandler stand, noch länger nachzudenken, fehlte ihm die Sammlung der Sinne.

Unten aber hatte der Heidekrüger, als er erfuhr, daß der Nachtwandler des fremden jungen Mannes Kutscher war, erst noch wissen wollen, ob der Justizrath diesen kenne, dann aber, als Schlurck leichenblaß schwieg und sich nur eilig in seinen Wagen setzte, ihn mit der Bemerkung: Der Reubund ist doch Muckerei! wieder zur Besinnung bringen wollen. Schlurck aber scherzte nicht mehr. Mit der Bemerkung: Gehen Sie zu Bett, Justus, Sie haben zuviel getrunken! hatte er ihn vom Wagenschlage [168] entfernt und nur noch mit der Magd einige Worte gewechselt, deren Inhalt wir im nächsten Capitel erfahren werden.

Justus, der Heidekrüger, hatte, wie freundliche Herrschaften, die ihren Dienstboten gern Trinkgelder gönnen, die Gewohnheit, sich jedesmal, wenn seine Gäste die Börse zogen, zu entfernen und seinen Dienstleuten die Abrechnung zu überlassen.

Wir wissen nicht, ob auch dieser Charakterzug in dem Buche erwähnt ist, welches vor mehren Jahren erschien und unter Anderm auch Justus' Portrait und Lebenslauf enthielt. Es hieß, wenn wir nicht irren: »Deutschlands Biedermänner.«

Dankmar Wildungen aber brauchte lange Zeit, bis er, erschreckt von allen diesen Erlebnissen, in dem endlich stillgewordenen Heidekrug entschlief.

[169]
8. Capitel. Der Spion
Achtes Capitel
Der Spion

Der Morgen brach unfreundlich an. Die Westwolken, die schon die Nacht drohten, hatten sich über den ganzen Horizont gezogen. Das liebliche Blau der vergangenen Tage war verschwunden; die Schwüle der Luft war noch wie bisher dieselbe. Blüte und Blatt schmachteten der endlichen Erfrischung durch Regen entgegen. Noch standen die Wolken starr und fest, noch wollten sie sich auf die staubige Erde nicht niedersenken.

Schon arbeiteten die Schnitter im Felde, um vor den drohenden Gewitterstürzen die Ernte in Sicherheit zu bringen, als Dankmar mit Hackert ausgefahren war, um die begonnene Reise fortzusetzen. Der Heidekrüger schlief wol noch, aber die kluge geschäftige Hausmagd, die sich Liese nannte und der die Sorge für das große Hauswesen ganz allein obzuliegen schien, war schon früh bei der Hand in dem von Arbeitern und Mägden belebten Hofe. Auch das Städtchen Schönau erblickte Dankmar jetzt am fernern Rande des Waldes und mancherlei lebhaften Verkehr, durch welchen diese Wirthschaft des Heidekrügers Justus bedeutsamer mit der ganzen Gegend verbunden[170] wurde. Es erklärte sich ihm jetzt das sichere Gefühl, mit dem der Heidekrüger von seinem Einflusse auf die nächstbevorstehenden Wahlen sprechen konnte.

Als Dankmar in den Hof gekommen, fand er Hackert schon mit Aufzäumen des Pferdes beschäftigt und vor ihm die Liese, die ihm mit furchtsamem Ausdruck, eingedenk des gestrigen Abends, zu seinem Erstaunen eine gefüllte Börse mit den Worten hinhielt:

Die Herrschaft in der Nacht hat Dies für Sie dagelassen.

Wer? fragte Hackert verdrießlich.

Der Herr Justizrath! sagte die Liese.

Sie irrt sich wol. Das Geld ist wol für Sie bestimmt ....

Die Magd Dankmarn erblickend, rief ihm, ihr beizustehen. Der Herr Justizrath hätten, erzählte sie, dem Heidekrüger gestern Nacht diese Börse mit all' dem Gelde drin geben wollen, der hätte aber wie immer gethan, als könnte er blank nicht fünf zählen ....

Was? sagte Dankmar. Eine gute Magd, die so ihren Herrn verleugnet?

Liese wurde roth.

Ich merkte schon lange, setzte Dankmar scherzend hinzu, daß Liese mit ihrer Herrschaft nicht im Reinen ist ....

Ach, sagte das schon ältere Mädchen, der Heidekrüger ist ein braver Herr, aber zu hoch studirt. Wie ich herzog zu ihm – es sind jetzt an acht Jahre, die Frau Heidekrügerin lebte damals noch – ging Alles nach der Schnur; denn die [171] Frau führte das Regiment. Als sie starb, wollt' ich fort, weil mir der Herr zu hochgestapelt war und für Unsereins kein Gehör hat ....

Der Heidekrüger hochgestapelt? Kein Gehör? Ein Volksmann? sagte Dankmar.

Ich ließ mich beschwatzen und blieb, und es ging auch, weil Die von der Polizei dem Herrn alle Bücher weggenommen hatten und auch einige gute Freunde von ihm im Loche sitzen mußten. Da ließ er die großen Staatssachen und das Geschäft hier kam wieder in Gang. Aber seit ein paar Monaten ist wieder Alles im Brand. Nicht eine vernünftige Antwort hat man von dem steifen Mann. Was soll ich da? Ich will in einen andern Dienst.

So, so, Liese! Nun, als ehrlich kann man Sie empfehlen. Was soll die gefüllte Börse?

Hackert stand in einiger Entfernung und horchte halb herüber.

Der Justizrath wollte die Börse dem Heidekrüger geben, daß er die Zeche abzieht und den Rest da an den ...

An meinen Kutscher ... sozusagen ...?

Ja Herr, an den ...

Sie blinzelte Dankmarn zu, als wenn man nicht recht wisse, wie man mit dem gespenstischen jungen Menschen dran wäre und ihn näher bezeichnen solle ....

Schon gut, sagte Dankmar, der steife Heidekrüger hat viel Vertrauen zu seiner ungetreuen, unpolitisch gestimmten Liese ....

[172] Gezählt hab' ich's nicht. Aber Das merk' ich schon, es ist mehr als mein ganzer Lohn auf drei Jahre beträgt. So nehm' er doch! Damit wandte sie sich, fast collegialisch, wieder an Hackert und brummte etwas vom Hans Narren.

Hackert wies sie finster zurück.

Als Dankmar zureden wollte, bat er ihn ungeduldig, endlich einzusteigen und die Gans schnattern zu lassen.

Gib mir den Beutel, setzte er noch rasch hinzu und betrachtete die Häkelarbeit der Börse. Es war rothe Seide mit Gold durchzogen, das Ganze sehr kunstvoll durcheinandergewirkt. Laß mir den Beutel! Behalte nur getrost das Übrige; Verrätherin, die ihren Herrn verleugnet!

Als ihm die Magd den Beutel reichte, schüttete er den ganzen Inhalt erst in seine volle Hand und sagte wirklich:

Halt' die Schürze auf, Hexe!

Dann warf er die aus Gold- und Silberstücken bestehende bedeutende Summe der Liese in den Schoos und murmelte:

Die Börse will ich behalten. Was drin war, gib entweder deinem Herrn, er soll's dem Schlurck wiederzustellen, oder behalte es selbst.

Ich will nichts behalten. Wir stehlen hier nicht, antwortete die Magd, empfindlich über Hackert's grobes Benehmen und sein ... Anhexen.

Ist Sie großmüthig? Eine Tugendprahlerin? So gibt sie auf Heller und Pfennig, fuhr Hackert fort, dem Heidekrüger das Geld da oder stellt in meinem Namen, in Fritz [173] Hackert's Namen, hört Sie, Fritz Hackert's, dem Justizrath Schlurck das Ganze zurück, wenn er des Weges kommt, oder schickt's ihm. Verstanden?

Lateinisch redet Ihr nicht! brummte die Magd ärgerlich und zugleich doch aufs äußerste erstaunt.

Der Herr da will zahlen, fuhr Hackert resolut fort, indem er Dankmarn, der ihm jetzt ernstlich das Geld zu behalten zureden wollte, die Rede abschnitt. Was ist er schuldig?

Einen Thaler fünf Groschen, sagte die Magd, und überreichte eine Rechnung.

Dankmar nahm einen der Hackert'schen Scheine aus seiner Tasche, nicht ohne Verlegenheit zu ihrem seit der Nacht ihm wieder unheimlichen Darleiher hinüberblickend. Hackert erwiederte diesen Blick und schielte, indem er die Rechnung einsteckte, zu den Thalerscheinen, als kennte er sie. Ist der Nachtwandler verschwenderisch und geizig zugleich? dachte Dankmar und wußte sich diesen Gegensatz nicht zu reimen. Doch war Hackert's Blick auf den Inhalt seiner Rocktasche nur ein flüchtiger. Die von der Magd erhaltene Börse fesselte ihn lebhafter. Er betrachtete die Häkelarbeit mit der Andacht eines Menschen, der an der Echtheit einer Reliquie deshalb nicht zu zweifeln wagt, weil er das tiefe Bedürfniß fühlt, sie zu verehren. Wäre Hackert allein gewesen, er hätte die Börse, deren Inhalt er so stolz verschmähte, vielleicht geküßt. Mindestens betrachtete er sie mit andächtigster Theilnahme.

[174] Jetzt hinter einem Manne zu sitzen, von dem er wußte, daß er bei Nacht im Schlafe wandelte, war Dankmarn natürlich peinlich genug. Die Erinnerung an die Erlebnisse der vergangenen Nacht überhaupt und die aufregenden Gespräche trat verworren und wüst in ihm auf. Der Gedanke an seinen eigentlichen Reisezweck, die Wiederentdeckung eines ihm verloren gegangenen werthvollen Besitzes, würde vielleicht in den Hintergrund getreten sein, wenn Schlurck's Reden ihn nicht aufs lebendigste geweckt hätten. Was er in diesen Tagen nur über die alten Zeiten schon in dem Tempelhause von Angerode nachgedacht hatte, stimmte mit den Äußerungen Schlurck's, das Wesen der Ordensgesellschaften betreffend, merk würdig zusammen. Ihm freilich waren die alten Templer nur in dem verklärten Märtyrerglanze erschienen, wie sie auf dem Bilde seines Bruders strahlten. Schlurck sprach zwar auch in seiner Weise hochachtend über sie. Diese war aber für ihn eine geringschätzende. Endlich gewann ihm Das, was Schlurck über den Reubund gesagt hatte, ein lebhaftes Interesse ab. Hinter dem Spotte des Justizraths lag ein gewisser Ernst, dessen einschmeichelnde Macht er nicht zurückweisen konnte. War die Zeit von Ideen nicht wirklich bis zur Armuth verlassen? Schmachtete sie nicht nach Thaten des Geistes und neuen Offenbarungen? Einen Augenblick überkam ihn der Gedanke: Wie, wenn du in diesen von der Regierung geduldeten Modebund trätest und ihn zu deinen Ansichten herüberleitetest! Wie, wenn Das, was ein Bollwerk des Absolutismus [175] sein soll, eine Schutzmauer des Kampfes gegen ihn würde? Hatte er neben sich in Hackert einen Ausnahmemenschen, dessen Zustand auf dunkle Nachtseiten der Natur führte, so war ihm auch das Ordenswesen plötzlich eine geheimnißvolle Nachtseite der Gesellschaft und er konnte nicht umhin, sich selbst zu sagen: Wer sieht schon jetzt die ganze Reihenfolge Dessen ab, was Alles im Menschen- und Völkerleben als Keim zukünftiger Entwickelungen liegt? Kein sterbliches Auge verfolgt die schlummernden Möglichkeiten. Wer ahnte einst die Gestaltungen, die nun voll und kräftig in der Gegenwart reifen? Wer verfolgt die Wege, die sich tief im Schooße der Erde der Maulwurf des Weltgeistes gräbt? Welche wunderbare Entwickelung hätte der Tempelherrnorden nehmen können, wenn ihn vereinte weltliche und geistliche Macht nicht unterdrückt und aus der Wettbahn der Kräfte, die das Mittelalter stürzten, hinausgedrängt hätte? Die Päpste bereuten später bitter genug, daß sie im französischen Exil, abhängig von der Willkür französischer Herrscher, den Templerorden aufgehoben hatten, diesen gewaltigen Arm, der ihnen nach dem Verluste des heiligen Grabes und einer veränderten Bestimmung des Ordens im Herzen der weltlichen Gewalt die Waffe hätte führen können, die ihnen später erst das Gift und die Intrigue des Jesuitenordens wurde! Dreißigtausend Tempelherren hätten – Philipp der Schöne fürchtete es – bewaffnet in Frankreich allein gegen die Ausbildung der weltlichen Tyrannei auftreten können, und was wäre es [176] denn auch für ein Unglück gewesen, wenn immerhin der Geist eines Innocenz des Dritten über den weltlichen Supremat gesiegt hätte? Es früge sich, ob wir uns nicht besser ständen, wenn der Monarchismus in der absoluten Weise, wie er jetzt auf den Völkern Europas lastet, im theokratisch regierten Europa niemals sich hätte entwickeln können? Es früge sich, ob wir nicht durch die Kirche, die doch allein die Bewahrerin der Bildung geblieben ist, trotz ihrer theilweisen Verfinsterung doch wol zu größerer Wahrung unserer Menschenfreiheit gediehen wären, als durch den Staat, der uns Revolutionen über Revolutionen brachte und jetzt erst recht im neunzehnten Jahrhundert begonnen hat, ohne alle Rücksicht auf Leben und Tod, mit grausamster Consequenz, für sein frivoles, irdisches, egoistisches Bestehen förmlich, wir sehen es täglich, zu wüthen! Das erkannte Philipp der Schöne, der klügste politische Kopf seiner Zeit, und rottete die bewaffneten Vertheidiger der Hierarchie mit Hülfe eines von ihm eingesetzten lasterhaften Papstes aus. Das templerische Element flüchtete sich in den Johanniterorden, der leider keines größern Gedankens mehr fähig war. Man fühlte Das. Man dachte an Erneuerung. Immer und immer sollte der Bund wiederhergestellt werden, der dem Papste Kraft über die Gemüther gegeben hätte und zugleich seinen Arm bewaffnet. Aber erst, als das Papstthum sich überlebt hatte, gelang ihm der alte römische Plan durch Ignaz Loyola und Franz Lainez. Eine geistliche Ritterschaft war nun wieder da. Freilich bewaffnet [177] mit dem Schwerte der Scholastik. Das Kreuz des reinen Templermantels ... mit heimlichem und offenem Blute gefärbt. Diese verspätete Ritterschaft kämpfte für eine verlorene Welt, für eine verwelkte Blüte der Jahrhunderte ..... Warum aber erhob sich nicht die Reformation zu einem Gegenbunde gegen die Jesuiten? Warum brachte sie es nicht weiter als bis zu den allgemeinen und indifferenten Anschauungen der Maçonnerie? Die Freimaurer sind der Gegenbund der Jesuiten, aber welch ein Feld ist noch übrig, um aus dem Logenschurzfelle des Maurers einen echten Templermantel zu machen, aus der Kelle einen wehrhaften Schild zu schmieden, aus dem Hammer ein Schwert, blank und im Kampfe haarscharf?

Diese Gedanken regte bei Dankmarn Schlurck's Wort im Allgemeinen an. Im Besondern aber trat ihm auch die Äußerung, daß er jenen berühmten Proceß führte, der ihn nun bald selbst betreffen konnte, mit beklemmender Überraschung entgegen. Durch den Verlust Dessen, was er eben so bedeutungsvoll gewonnen hatte, sah er sich zwar ausgeschlossen von der Theilnahme an einem alten Rechtshandel, dessen Führung bei Schlurck in den gewandtesten Händen war; allein sollte er das Verlorene wiederfinden, wie konnte er in diesem Falle nicht noch mit Schlurck in Gegensätze gerathen, die greller waren als die der verflossenen Nacht? ... Doch warf Dankmar bald diese Grübelei aus seinen Betrachtungen fort und hielt sich an das Nächste, an die Natur und an die Abenteuerlichkeit seiner Reise, zu deren Räthseln vorzugsweise Hackert [178] und jetzt auch seine Beziehung zu Schlurck gehörte, dessen Geschenk an den nervenkranken Nachtwandler von einer auffallend innigen Theilnahme zeugte.

Hackert störte die unhörbaren Selbstgespräche seines Gefährten nur durch das Knallen der Peitsche, die am Walde widerhallte, und ein Locken und Pfeifen des Mundes, immer wenn er Vögel sah und diese vom Wege in die Schatten der Bäume zurückhüpften. Als er merkte, daß Dankmar geneigt war, auf ihn zu hören, begann er:

Im Stalle gestern lag ich schlecht; ich zog doch vor, oben in einem guten Bett zu schlafen. Haben Sie gut geruht?

Dankmar bemerkte wohl, daß Hackert seine plötzliche Erscheinung im obern Corridor auf natürliche Weise erklären wollte, als einen freiwilligen Entschluß. Warum sollte er ihm diese Beschönigung seiner Krankheit stören? Es rührte ihn vielmehr, daß der Mensch über Etwas, das ein angeborenes Schicksal ist, das Gefühl der Scham haben konnte! Er erinnerte sich, daß Siegbert oft beim Anblick elend geborener oder körperlich verwahrloster Menschen gesagt hatte: Wie finden sich diese Menschen nur mit ihrem Schöpfer zurecht! Wie tragen Sie nur ihr Leid, nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen zu können! Welche langen Kämpfe des Gemüths gehören dazu, bis der unheilbar Kranke, der ewig liegen muß, sich nicht mehr frei bewegen kann, sein Schicksal als unabänderlich hinnimmt und sich von den Freuden des Lebens noch soviel in die Vorstellung bringt, daß er denkt: Das bleibt dir doch noch; Das lohnt sich doch noch, all diesen [179] Jammer zu tragen, und mit ihm auszuharren, und wär' es nur der warme, milde Sonnenschein! Dankmar, um sich dem Kranken gegenüber ganz unbefangen zu zeigen, vermied jede weitere Frage, auch die wegen Hackert's näherer Beziehung zu Schlurck. Er lenkte von Allem, was seine Neugier reizte, auch von dem Inhalt der Börse, die er zurückbehalten, und der schönen Häkelarbeit, auf Etwas hinüber, das ihm jetzt schon für gleichgültiger erschien, seine Ankunft in Hohenberg und die Untersuchung wegen eines an dem Fuhrmann Peters wahrscheinlich verübten Raubes.

Bei den Leuten auf dem Heidekrug, sagte Hackert, hab' ich mich erkundigt. Wir passiren noch eine kleine Stadt, Dassel geheißen, dann kommen wir ins Hohenbergsche nach Berghübel und gegen Abend sind wir in Plessen am Fuße des Schlosses Hohenberg. Es ist ganz Recht, dort treffen wir noch lustige Gesellschaft. Alle Creditoren der Hohenberg'schen Masse, Schlurck's Frau, seinen Buchhalter Bartusch, dann einen Bankier von Reichmeyer und ein Dutzend Vampyre aus der Stadt, die alle in den fürstlichen Zimmern rumoren und sich geadelt glauben, weil sie unter adeligen Wappen schlafen können. Wenn Prinz Egon – aber sehen Sie nur – Sie werden ja da gegrüßt!

Dankmar hatte mit Theilnahme sein Auge nur auf Hackert ruhen lassen und forschte in seinen Zügen nach einem Verständniß dieser jedenfalls noch unentwickelten und doch schon so überreifen, in sich wohl unklaren Natur. Das Wägelchen ging langsamer, weil sich der Wald in die [180] Höhe zog. Sich nun umwendend, erblickte er am Rande des kleinen Grabens, der frisch ausgehöhlt neben der Straße sich zog, den Tischlergesellen von gestern Nacht. Er trug den leichten Ranzen über dem Rücken, hatte ein sauberes Taschentuch vorn in der Brusttasche seiner blauen Blouse stecken und schritt mehr im Gange eines Lustwandelnden als eines ermüdeten und schwertrabenden Wanderers. Dankmar hatte ihn seit gestern Abend, wo er bei den politischen Unterhaltungen einen schlafenden Zeugen abgab, aus dem Gedächtniß verloren; jetzt aber trat er ihm wieder mit der ganzen Bedeutsamkeit, die ihn schon gestern in seiner zurückgezogenen Bescheidenheit umgab, auffallend genug entgegen. Sein Gruß war höflich, ohne unterwürfig zu sein. In seinen schönen Zügen lag ein feines Lächeln. Kein Wunder, dachte sich Dankmar, daß eine französische Dichterin in unsern vorschreitenden Zeiten gewagt hat, einen sogenannten Kunsttischler in einem ihrer communistischen Romane so liebenswürdig hinzustellen, daß er selbst das Interesse einer hohen gebildeten Dame er wecken konnte!

Wir sollten den Mann einladen mitzufahren, meinte Dankmar. Es ist ein Tischler und von überraschender Bildung ....

Höflich sein auf der Landstraße? antwortete Hackert kalt und wollte das Pferd antreiben. Er machte ein Gesicht, das alle Merkmale eines Neides ansichtrug, der aus ihm über die Theilnahme, die der Handwerker fand, deutlich zu sprechen schien.

[181] Es ist ja Platz neben mir; fuhr Dankmar fort.

Neben Ihnen? Warum denn nicht hier vorn? Wir vergessen überhaupt unsern Vertrag, fiel Hackert unruhig und fast heftig ein.

Nur Mitleid mit einem so großen Unglück Hackert's, wie er es gestern entdeckt hatte, bestimmte Dankmarn darüber zu lächeln.

Das wär' ein Tischler, sagen Sie? fuhr Hackert fort. Den Gauner hab' ich heute früh schon im Hofe als verdächtig erkannt. Ein Batisttasehentuch in der Blouse! Wenn er's nicht gestohlen hat, ist's ein Beweis mindestens für Spionage. Sei Einer ja behutsam jetzt, wenn man sogenannte Arbeiter sieht, die von dem Rechte der Arbeit reden, aber keine Schwielen in der Hand haben. Die Polizei weiß sehr gut, was sie jetzt Alles auszustöbern hat. Hier herum wimmelt's von jungen Accessisten, die ihr Probestück ablegen mit einem falschen Paß ....

Probestück mit falschem Paß? Was heißt Das? fragte Dankmar.

Lieber Gott, die alten Unteroffiziere und Wachtmeister reichen jetzt für die sogenannte praktische Polizei nicht mehr aus. Um jetzt eine Polizeicommissariusstelle zu bekommen, verkaufen hundert Referendare, Assessoren sogar und Lieutenants ihre Seele, wenn sie eine haben, und leisten, was Blindschleichen und Menschen nur können, die eine Anstellung finden und gern heirathen möchten.

Wie kommen Sie auf einen solchen Verdacht? fragte [182] Dankmar, doch erstaunt, weil er sich gewisser Äußerungen erinnerte, die auch Schlurck gestern fallen ließ.

Ach! Es sind jetzt wenig Menschen Das, was sie scheinen, sagte Hackert. Wie bei gewissen Koffern, mit denen man nach Frankreich und Rußland reist, haben zahllose Menschen jetzt einen doppelten Boden. Ich wohne in der Brandgasse. Mein Vicewirth, Hausmann, oder wie Sie den Kastellan einer Armenkaserne nennen wollen, ist ein Schlosser, seine Frau eine Flickschusterin, und Abends treibt der Mann Polizeigeschäfte, und sie – nun sie kuppelt. Nebenan wohnt ein verdorbener Klempner. Das ist ihr und sein College. Nach oben hinauf ist's nicht besser. Die Politik hat ja die Menschen so vielseitig gemacht! Der schnüffelt, Der heuchelt, Der gibt an! Und Den da, den hab' ich auch schon längst weg.

Für was halten Sie ihn?

Im Heidekrug beschnüffelte er Alles. Eine Dreschmaschine sah er zehn mal an, wie die Kuh das neue Thor, und einen Pflug zeichnete er sich sogar ab. Ich gebe mein Wort. Es ist entweder Assessor Müller selbst, der auf dem Polizeipräsidium arbeitet, oder sonst Einer, der von ihm hierher geschickt ist, um Recherchen zu machen, natürlich politische. Die Spitzbuben haben ja jetzt die schönsten Tage. Die Polizei spürt nur nach Revolution. Neulich sagte ein junger Mensch, der seit mehren Jahren unter polizeilicher Aufsicht steht, weil er in seiner Kindheit einmal in aller Unschuld wo eingebrochen ist: Es ist ordentlich beleidigend, sagte er, für unsereins; wir sind ganz aus der [183] Mode gekommen! Wenn Einer bei dem Hofjuwelier selbst einbräche, nicht drei Tage würde davon gesprochen!

Dankmar fand diese Vermuthung über den Tischler nicht ganz unwahrscheinlich, und so wenig Neigung er sonst hatte, mit Spionen oder den offenen unsanften Armen der weltlichen Hermandad in Berührung zu kommen, so hätte er doch vielleicht noch Gelegenheit finden können, sie heute für sich in Anspruch zu nehmen. Seines verlorenen Schreins gedenkend, sprang er aus dem Wagen und wandte sich zum großen Ärger des scheelblickenden Hackert zu dem Wanderer hin über.

Haben Sie in dem Wirthshaus eine gute Nacht gehabt? fragte er, als der angebliche Tischler ihm nahe genug war und sich ihm so anschloß, daß Beide nebeneinanderschritten.

Ich schlief später noch in einem Zimmer neben Ihnen! antwortete der Fremde. Aufrichtig! Ich hatte mich nur so gestellt, als wollt' ich im Wirthshaussaale bleiben. Der Schlemmer interessirte mich, und als vollends noch Sie hinzukamen und das Gespräch belehrend für mich wurde, schloß ich die Augen ohne zu schlafen. Hernach ging ich wie Sie in ein leidliches Bett.

Da haben Sie uns also ... belauscht? bemerkte Dankmar, erstaunt über diese Offenheit.

Wenn Sie's so nennen wollen! sagte der Fremde; ja! Hätt' ich mich wach gezeigt, so würd' ich dem Manne haben sagen müssen, warum ich nicht von ihm zu trinken annehmen wollte, oder was noch schlimmer gewesen [184] wäre, ich hätte mich hinreißen lassen, seinen jämmerlichen Lebensansichten zu widersprechen ....

Dem Wirth, glaub' ich, sagte Dankmar lachend, würde dann doch die Geduld gerissen sein. Er schien Sie längst nur mit großer Selbstüberwindung in einem Saale zu dulden, wo einer seiner Gäste Trüffeln und Champagner ausbreitete.

Ich weiß! Vor unserer Umwälzung hätt' er mich zur Thür hinausgeworfen und auf den Heuboden verwiesen, antwortete der Wanderer. Die Zeiten werden schon wiederkommen und vielleicht mit Recht. Was anmaßend und zudringlich ist, bleibt zu allen Zeiten besser vor der Thür als drinnen.

So wandeln Sie wohl, sagte Dankmar, in politischen Dingen den Mittelweg des vortrefflichen Herrn Heidekrügers?

Satt aller Antwort gab der Fremde seinem edelgeformten Kopf nur den Ausdruck eines Lächelns, das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu für fein und geistreich zu erkennen. Dies Lächeln entwaffnete ihn. Er mußte einen Augenblick schweigen.

Nach einer Weile begann der Fremde von selbst:

Ist denn Das auch ein System? Ist denn Das auch eine Meinung? Was diesen Heidekrüger beseelt, ist nichts als der crasseste Egoismus der Eitelkeit! Dieser Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienstboten, die unter seinem Dünkel leiden. Warum bleibt er nicht in seinen Scheunen und auf seinen Feldern? Er krankt, jedes [185] seiner Worte verräth's, an der traurigen Großmannssucht, welche die Hauptrolle in unsern politischen Kämpfen spielt. Er kommt mir vor und Tausende mit ihm kommen mir vor wie Grundbesitzer, die bei Anlegung einer neuen Eisenbahn durchaus verlangen, daß die Linie an ihrem Eigenthum vorübergehen soll. Ohne sie gibt es nichts. Ohne sie kein Wind und Wetter. Ohne sie nicht Sonnenschein und Mondschein. Es ist dabei ein Trost, daß diese Menschen nicht ganz servil sind. Sie stellen sich der Regierung gegenüber doch manchmal ein bischen auf die Hinterfüße und wollen erobert, wollen gesucht, wollen geschmeichelt sein. Aber erst große Worte! Erklärungen! Die Hand aufs Herz! Lafayette! Lafayette! Hat man jedoch einen solchen Provinzial-Cato endlich an der Leine irgend einer kleinen menschlichen Schwäche gefangen, so kann man Dienstags auf der pariser Fastnachtsprozession keinen größern Ochsen sehen als ein solches, um jeden Preis an das Bestehende gefesseltes, früher liberal gewesenes Hornvieh.

Dankmar fühlte nach dieser wie eine Bombe platzenden Kernäußerung, daß, wenn der Fremde ein Spion war, er als Agent provocateur in der That Talent besaß. Unmöglich konnte er ein Tischler sein. Er beschloß jedoch, harmlos zu bleiben, nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouse zu forschen und vor seinen Überzeugungen, die er immer frei bekannte, keine Furcht zu verrathen. Da ihn diese Unterhaltung bei dem trüben Wetter und der einförmigen Gegend nur erfreuen konnte, trat er ohne [186] weiteres Mistrauen, ohne ängstliche Furcht, ganz offen mit seinen Empfindungen hervor.

Ganz wahr bezeichnen Sie diese Gattung von Menschen, sagte er, die leider zu sehr den Schwerpunkt unserer Zustände bilden! Sahen Sie nicht, wie scheinbar uneigennützig dieser Biedermann jeden Anspruch auf persönliche Auszeichnung vonsichwies und wie er doch seine Anforderungen an einen Volksvertreter gerade so nur stellte, daß sie auf ihn allein zutreffen mußten? So machten es Cäsar und Cromwell auch, als sie in Versuchung geriethen, sich krönen zu lassen, und nicht wußten, was ihnen größer stehen würde, die Krone oder der Schein, sie ausgeschlagen zu haben! Wie schlau und fein durchschaute Schlurck diesen Tartüffe vom Lande, den deutschen patriotischen Ehrenmann, der nur das »Gute« will und doch den Untergang der Welt von dem Augenblick an datirt, wo man vor dem Zorn seiner zusammengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht sinkt!

Ja! Ja! Dieser Schlurck ist ein pfiffiger Spitzbube! sagte der Fremde mit nachdenklichem Ernst.

Und mir mit seinem politischen Nihilismus noch lieber als diese aalglatten Heuchler, diese doctrinair gewordenen Spießbürger!

Auch der Nihilismus taugt nichts, sagte der Fremde, der sich immer gebildeter zeigte und Dankmarn überraschte. Aus nichts wird nichts. Ein Nihilist bringt ebenso die Welt in Verwirrung wie der phrasenhafte Egoist. Der Nihilist springt von Meinung zu Meinung, gehorcht [187] Jedem, der gerade die Gewalt hat, und ist der rechte Widersacher, der Erzfeind aller guten Dinge. Wir leiden an keinem Übel so sehr, als an der Eitelkeit und an der Genußsucht. Die Genußsucht ist der eigentliche rothe Faden der Revolution, der sich durch alle unsere Gesellschaftsschichten zieht. Die Genußsucht stürzt die Staaten im Grunde um, sie lockert das unterste Gebäude. Sie lehrt jenes Übermaß im Siege bei allen Parteien. Paris! Paris! Das ist nicht der Heerd der Gedanken, sondern der Heerd der Genußsucht! Wissen Sie, was die ganze, die ganze Welt regiert? Der Cours der französischen Rente. Ich war in Frankreich. Der Franzose arbeitet bis in sein funfzigstes Jahr. Dann will er noch zwanzig Jahre genießen. Er kauft sich Staatspapiere und lebt von ihren Zinsen. Um diese Zinsen auf hohem Fuße zu erhalten, werden in Paris alle Heiligthümer des Himmels und der Erde verrathen. Ein plötzlicher Sturm kann den Rentenfuß herabdrücken, man wird soviel lügen, soviel verrathen, soviel preisgeben von Dem, was vielleicht die Menschheit aus ihren Nöthen hätte herausbringen können, bis wieder die alte trügerische Windstille da ist und zur Beglückung aller in Europa lebenden Gesellschaftsdrohnen, die vom todten Ertrage des Capitals leben, die Renten hinaufsteigen. Die französische Börse, die Vertreterin der lungernden, arbeitsmüden oder arbeitsscheuen Genußsucht, regiert die Welt. Die Capitalisten werden, dazu sind sie zu feig, sich einem großen Sturm nicht mit Gewalt widersetzen, aber sie werden Alles aufbieten, allmälig wieder die Zügel in die Hand [188] zu bekommen und der Politik eine solche Wendung zu geben, bis sie wieder auf ihrem Lebensthermometer, auf dem Courszettel das Quecksilber der Rente auf dem Grade sehen, wo es in den Tagen stand, wo ein Bankier auf dem Throne Frankreichs saß.

Fügen Sie aber noch Etwas hinzu, sagte Dankmar, ergriffen von der wahren Schilderung dieses gebildeten Mannes, der ihm plötzlich wie verklärt vor Augen stand .... Fügen Sie noch Eins hinzu! Das Unglück der Welt verschuldet Paris auch dadurch, daß das Princip der Genußsucht dort auch Die ergreift, die eine Zeitlang im Dienste der Ideen gestanden haben. Möchte man, wenn man sieht, wie dort die Dinge jetzt gehen, nicht glauben, alle diese tonangebenden Charaktere wären nur so lange ehrlich und heldenmüthig, bis sie sich eine Stellung erobert haben und an der Quelle der Gewalt sitzen? Dann schöpfen sie diese Quelle rasch ab. Sie ahnen, daß ein Windstoß morgen sie wieder ins Nichts stürzen kann. Nun soll es im Fluge gehen, daß sie sich bereichern und dem steilen Felsen der Existenz einen californischen Goldklumpen fürs ganze Leben abgewinnen. Nun wird gelogen, betrogen, die alte Gesinnung Lügen gestraft. So kamen die Heerführer der Franzosen einst als Herolde einer neuen Zeit, und diese alten Republikaner waren nur beutesüchtige Genußmenschen, die für ihr Alter Vorräthe sammeln wollten. So haben jetzt in Paris alte Demokraten conservative Bedenklichkeiten, ja sogar junge Wüstlinge, Spieler von Baden-Baden, die mit einem kindischen Napoleoniden in [189] Strasburg und Boulogne eine Emeute versuchten, die durch Theatercoups lächerlich wurde, sprechen jetzt vom Jahrhundert, von der Mäßigung, von der Philosophie des Bestehenden, von der Grenze der Freiheit. Nein! Die Genußsucht ist ihre wahre Philosophie. Ihre Maitressen sind die wahren Egerien dieser neuen, meist militairischen Numas in rothen Hosen.

Der Wanderer in der blauen Blouse nickte beifällig. Dankmar ersah daraus, daß er auch feinere Anspielungen vollkommen verstand.

Welche Mittel gibt es aber dagegen? fragte der Wanderer, dem auch Dankmar zu gefallen schien.

Ich sinne täglich darüber nach. Wo soll man die Besserung suchen?

Ich finde sie in der Heiligung der Arbeit, sagte der Fremde nicht ohne Feierlichkeit; in der alleinigen Bekränzung Dessen, der sich beschäftigt und reelle Werthe erzeugt. Es gibt zu viel Geistesarbeiter und zu wenig wahre Handarbeiter. Die Handarbeit muß in den Vordergrund aller unserer politischen Beziehungen treten, ihr müssen die größten Belohnungen zufallen; denn nur durch die spartanische Erziehung der Menschen zur Arbeit kann sie von Grund aus gebessert werden. Ich bin kein Socialist. Ich werfe gerade den Communisten vor, daß sie die Arbeit viel zu sehr als eine Last, als einen Fluch hingestellt haben, als einen Jammer, der einmal die Menschen drücke und den man ihnen versüßen, erleichtern müsse. Ist Das nicht wiederum Genußsucht? Ist Das nicht [190] wiederum dasselbe Übel, an dem wir die ganze Gesellschaft kranken sehen? Nein; gerade im Gegensatze zu den Communisten muß die Arbeit als eine Quelle der höchsten Freuden dargestellt werden, und Institutionen müssen auftauchen, die die Arbeit und Alles, was mit ihrer Förderung zusammenhängt, in den Vordergrund aller Politik stellen.

Verstehen Sie darunter Belohnungen? fragte Dankmar gespannt und tief ergriffen von diesen Worten, die aus dem Munde eines Denkers kamen.

Belohnungen, Auszeichnungen, Erhöhungen des Lohnes, Sorge für die Angehörigen der Arbeiter, unmittelbare Beziehung der Staatsformen nur zu der Arbeit, Vertretung der Gewerbe im Vorzug gegen alle andern Stände, die, sei es Kaufmanns-, sei es Gelehrtenstand, nur die Diener Dessen sein können, der arbeitet. Wenden Sie mir nicht ein, daß die Bildung immer den Vorsprung vor dem Arbeiter gewinnen wird, auch da, wo jene vielleicht nur eine und dieser zwei Stimmen hat! Ich will, daß auch der Arbeiter gebildet ist. Ich will ihm nichts entziehen von Dem, was sich der Bevorrechtete zum Schmucke seiner Seele verschaffen kann. Der Staat soll es ihm geben. Der Staat soll aufhören nur die Garantie des Besitzes zu sein, er soll einzig und allein eine Schutzwehr und Garantie der Arbeit werden. Die Franzosen haben mit ihrer Garantie der Arbeit nur einen halben Schritt gethan. Für die Arbeiter zwar Summen aussetzen und die Arbeit erleichtern, dabei aber die ewige Rente behalten und die [191] Staatspfründen und das Militair und die ganze Maschinerie der künstlichen Arbeit, der sogenannten Geistesarbeit, und die Repräsentationsarbeit der Beamten im alten Bestande zu lassen, Das ist es nicht, was helfen kann. Auf einen Arbeiter müssen zwei Müßiggänger aufhören müßig zu sein; Das nur kann helfen. Machen Sie die Arbeit zur einzigen Garantie der Rente, und Sie werden sehen, wie Alles die Arbeiter umschmeicheln, wie man bedacht sein wird, ihre Arbeit ertragsfähig zu machen und in dieser Eigenschaft zu erhöhen. Sie sehen an solchen Eisenbahnen, die einen niedern Curs ihrer Actien haben, wie das dabei betheiligte Publicum Alles aufbietet, um diesen Curs zu heben und den Werth der Schienenlinie zu erhöhen. Dies ist nur ein ungefähres Beispiel jener organischen Verschmelzung, in der ich mir die Arbeit in das allgemeine Leben des Staats aufgenommen denke. Die Arbeit muß endlich aufhören, eine Ausgesetzte, ein Paria der Gesellschaft zu sein.

Dankmar war entzückt. Er theilte diese Meinung theoretisch nicht ganz; ihn ergriff nur der Contrast der Blouse und dieser geistreichen Worte. Übrigens zweifelte er nicht, daß er hier doch wol einen jener socialistischen Schwärmer vor sich hatte, der sich Handwerker nannte, weil er es wirklich einmal war, längst aber in einen höhern Bildungsstand übertrat und nur die alte Weise beibehielt, um den Arbeitern näher zu stehen und ihnen Vertrauen zu erwecken. Nach einigem Bedenken entgegnete er:

Ich habe lange Zeit, um den gewaltsamern radicalen [192] Mitteln zur Besserung der Welt auszuweichen, mich mit diesen linderen beschäftigt, die Sie andeuten. Oft habe ich mir die Menschheit als einen kranken Organismus gedacht, wo der rasche, vielbeschäftigte und ungeduldige Arzt sogleich Eisen und Feuer verordnet, der tieferblickende, wohlwollende und prüfende aber nur eine Umstimmung der Functionen. Wenn ich dann aber zuletzt doch sah, daß zur Umstimmungsmethode Jahrhunderte gehören würden und vor allen Dingen solche Staatsformen, wie wir sie eben von dem Status quo nicht erlangen können, so bin ich immer wieder darauf zurückgekommen, daß wir bei der alten Methode der Französischen Revolution, bei der Zerstörung des Feudalstaats, zur Zeit noch leider müssen stehen bleiben. Wir müssen – es hilft doch nichts – nivelliren. Die Fürsten und der Adel müssen durchaus dem Vorrecht des Bluts entsagen, der Begriff der Gewalt muß in die Souverainetät des Volks gelegt werden und alle bisherigen Stützen der Macht in den Dienst der neuen Staatskräfte treten. So nur finden wir Zeit und Gelegenheit, jene größern, anfangs vielleicht nationalen Naturprocesse durchzumachen, die in der Triebkraft aller solcher Völker liegen, denen die Geschichte die Einwurzelung in ihre Heimatlichkeit und den Glanz und die Größe dieser Heimatlichkeit raubte. Dann können nach den nationalen Wiedergeburten die Völker jene noch größern Beglückungen der Gesellschaft anbahnen, die in einer veränderten Gliederung des Menschengeschlechts überhaupt liegen und in jenen Neuerungen, [193] die Sie andeuten. Ich verkenne keineswegs, wie gefahrvoll die Entwickelung jener Zustände ist, die man die Herrschaft des Volks, Demokratie, nennt. Allein die Reformation hatte auch ihre Bauernkriege, ihre Bildersturmexcesse und ihre Wiedertäufer. Ihr besserer Kern erhielt sich und ließ nicht einmal dasjenige Gute verkennen, das auch in jenen gräuelvollen Misverständnissen noch theilweise lag. So muß es auch mit der Demokratie werden. Oder glauben Sie wirklich, daß unter der Alleinherrschaft der Könige das Alles sich ausführen läßt, was Sie sich unter der Heiligung der Arbeit gedacht haben? Ich glaube an die Monarchie, als an eine in der menschlichen Natur begründete Staatsform; aber die edle ideelle Monarchie ist die Monarchie der Zukunft, nicht die der Gegenwart. Mit der Monarchie der Gegenwart, die sich aufs Mittelalter, auf den Adel, das Militair, die Beamten, die gottbegnadete Berufung stützt, ist nichts Derartiges anzufangen, wie Sie sich's als heilsam denken. Blicken Sie um sich! Die deutschen Fürsten haben plötzlich aus der demokratischen Frage eine nationale und nun aus der nationalen gar eine Cabinetsfrage gemacht! Dynastie wetteifert mit Dynastie, und die alten verjährten Vorurtheile der Völker und Stämme werden aus der Trödelkammer der Geschichte wieder hervorgesucht, abgestäubt, mit dem Firniß neuer Redensarten überputzt und so zum Gefechte geführt. Kommen wir da weiter? Werden da, wenn diese nutzlosen Kämpfe, die nur Blut, Geld und frivole Gedanken kosten, vorüber sind, nicht wieder [194] dieselben alten Schäden bald zum Vorschein kommen? Oder ist es nicht gleich besser, zu sagen –

Fort mit allen Fürsten und reinen Tisch gemacht? fiel der Fremde lächelnd ein.

Dankmar schwieg, weil ihn der satirische und durchdringende Blick seines Gefährten jetzt plötzlich befremdete. Es spielten ihm um die zusammengekniffenen feinen Mundwinkel soviel pikante Schattirungen, daß er sich plötzlich vornehmen mußte, in sei nem Vertrauen nicht zu weit zu gehen. Der Fremde strich seinen schönen Kinnbart, der sich rund um das längliche Oval seines edlen Gesichts zog und ihm viel Ähnlichkeit mit Dankmarn selbst gab, und sagte:

Ich muß lachen, wie ich als einfacher Tischler dazu komme, Ihnen, einem studirten Herrn, so ernst entgegnen zu wollen, und doch bin ich nicht Ihrer Meinung ....

Sie wirklich ein Tischler? sagte Dankmar, fast verletzt darüber, daß der Fremde noch jetzt sein Incognito in dieser Weise aufrechterhalten wollte.

Ja! Ja! Ich bin ein Tischler, sagte der Fremde. Warum denn nicht? Ich könnte Ihnen manchen eleganten Stuhl zeigen, den ich zusammenleimte, und noch viel mehr hab' ich mich geübt, Meubles zu zeichnen, hübsche Formen zu erfinden. Doch gesteh' ich Ihnen sehr gern, daß ich auch, wenn ich will, auf meinen Arbeiten selbst sitzen darf und sie nicht zu verkaufen brauche. Ich bin ein Tischler, aber ich trage diese Blouse nur, weil es, wie Sie sehen ... stäubt.

[195] Fürchten Sie da aber nicht, daß man Ihnen einen Paß abfodert und Sie ein Incognito, das Sie zu bezwecken scheinen, lüften müssen? fragte Dankmar.

In diesen Zeiten fodert man keine Pässe; antwortete der Fremde; ich gehe auch nur bis Hohenberg.

Bis Hohenberg? sagte Dankmar. Hohenberg ist auch mein Reiseziel.

Sie werden früher dort ankommen als ich. Von hier werd' ich noch zehn Stunden zu gehen haben und Sie wol nur noch sechs zu fahren.

Sie sollten mit meiner schlechten Kalesche vorlieb nehmen, bemerkte Dankmar. Er that Dies nicht ohne Zögern, da eben Hackert hinter ihnen ungeduldig und lärmend mit der Peitsche klatschte.

Der Fremde sah sich den Wagen an und blieb mit den Worten: Der Staub ist allerdings sehr lästig! stehen.

Hackert rührte sich nicht vom Platze, öffnete auch den Schlag nicht, sondern schien ruhig abzuwarten, ob Dankmar ihn ganz als Kutscher behandeln und jetzt sogar zwingen würde, einen wandernden Handwerksburschen zu fahren .....

Beide Fälle, ob nun die blaue Blouse zu Dankmar oder zu ihm gesetzt wurde, waren seinem empfindlichen Ehrgefühl peinlich. Er schnitt die grimmigsten Gesichter, sprach von Ermüdung des Gauls, schlechtem Wege, engem Platz. Der Fremde, erstaunt über die Unhöflichkeit eines Menschen, den er nur nach dem Bock, auf dem er saß, beurtheilte, schien einen Augenblick zu vergessen, [196] daß er diesem doch auch nur ein wandernder Tischler sein konnte, und über die von Hackert's Mienenspiel ihm gegebene Andeutung, sich, wenn er aufstieg, vorn zu ihm zu setzen, schoß ihm fast das Blut ins Gesicht; doch schien er sich so gleich zu fassen, als Dankmar, alle weitern Erörterungen mit dem widerwärtigen, ewig nergelnden Hackert abschneidend, diesem den Zügel und die Peitsche aus den Händen riß, sich selbst auf den Bock setzte, Hackerten und den Tischler auf den Wagen verwies und mit den Worten: Ich fahre gern einmal selbst! vorn Platz nahm und selbst das Rößlein des Pelikanwirthes nun zu rascherm lustigen Trabe anfeuerte.

[197]
9. Capitel. Die Visitenkarte des Tischlers
Neuntes Capitel
Die Visitenkarte des Tischlers

Der Wald war zurückgelegt. Zu dem Städtchen Dassel hinab ging es im raschen Trabe. Einige Regentropfen fielen schon, ohne jedoch sehr zu belästigen.

Dankmar, wie er so dahin jagte über die staubige Straße, schüttelte über sich selbst den Kopf. Er suchte einen Schatz, der ihn, wie er vielleicht scherzte, zum Millionair machen sollte, und um ihn zu finden, fuhrwerkte er eben eigenhändig einen Handwerksburschen und einen elenden abgedankten Schreiber! Es ging ihm wirklich unwirsch und ärgerlich im Kopfe hin und her. Auch der Umstand, daß er das Gespräch mit dem geheimnißvollen und ihm jetzt wieder zweideutig gewordenen Fremden gerade da abgebrochen hatte, als er – ohne das vernünftige granum salis hinzugefügt zu haben – sämmtliche deutsche Fürsten wie alten Sauerteig ausfegen wollte, drückte ihn .... Es ist so lästig, in extremen Behauptungen ohne Vermittelung dazustehen. Wir Alle leiden ja überhaupt mehr darunter, daß man uns nicht ausreden läßt, als darunter, daß man uns absichtlich misversteht. Man glaubt uns so oft zu verstehen und Das eben erscheint [198] uns so gefährlich! Man unterbrach uns nur oder das Schicksal unterbricht uns in Augenblicken, die uns gerade die wichtigsten waren. Der Tod, welche schreckliche Unterbrechung für einen Menschen, der sich noch aussprechen, seine Gefühle rechtfertigen, seine Gedanken erläutern möchte! Und doch ist der Tod noch der geduldigste unserer Zuhörer. Selten, daß er uns mitten in einer Periode einer Auseinandersetzung für unser ganzes Leben überrascht. Die ungeduldigsten und quälendsten Störer sind aber gerade die, die uns immer vortrefflich verstanden haben wollen und gleich in die Rede fallen. Sie verlassen uns wie in schönster Übereinstimmung und wir bleiben mit dem Gefühle stehen: Der geht doch mit einer Voraussetzung von uns fort, die nicht zutrifft! Es sind doch nicht meine Gedanken, die er da als die meinen mit fortnimmt! Himmel, er wird sie verbreiten, er wird mich nach ihnen beurtheilt machen, er hat mich nicht ausreden lassen und macht mich unglücklich.

So lagen auch offene Gewaltthätigkeiten Dankmar's politischen Meinungen ganz fern. Er wollte immer nur das Nothwendige und Vernunftgemäße und hier fühlte er nun, daß er doch weit mehr noch hätte sagen müssen, um ganz verstanden zu sein. Diesem drückenden Gefühle half etwas die Ankunft in Dassel ab. Es zerstreute doch, durch eine kleine gewerbfleißige Stadt zu fahren, und wenn auch nur im Vorüberfluge hier und da von einem freundlichen Gesichte begrüßt zu werden.

[199] Hinter Dassel belustigte Dankmarn, der sich eine Cigarre angezündet hatte und um zu gleicher Zeit fahren und rauchen zu können, schweigen mußte, ein Gespräch, das Hackert mit dem Fremden anfing. Hackert hielt diesen für Das, was er gleich anfangs vermuthet hatte, einen Spion, redete ihn aber für Das, für was er sich ausgab, an und sagte ganz dreist:

Tischlergesell bist du?

Tischlergesell – wiederholte nach einigem Zögern der Fremde.

Wo bist du her?

Hier aus dem Hohenbergischen.

Wo standest du zuletzt in Condition?

In Paris.

Donnerwetter, Das ist weit. Von da kommst du direct und verlegst dich nicht aufs Fechten? Hast wol in Paris geschafft? Ich seh' es. Deine Mütze ist bei Noack in der Fischerstraße ganz neu gekauft und deine Blouse, glaub' ich, hab' ich schon 'mal auf dem Maskenball im Opernhause gesehen.

Diese Wendung frappirte den Fremden.

Dankmar lachte in sich hinein:

Siehst du! dachte er; du kommst da an den Rechten.

Tischler ist kein übles Handwerk, fuhr Hackert behaglich fort. Aber immer Wiegen zu machen, wäre mir zu läppisch, und immer Särge, zu schwermüthig. Wobei hast du denn am meisten den Hobel angesetzt?

Ich bin ein Kunsttischler, mehr zum Luxus ....

[200] Aha! Luxus ... Mahagony? Nicht wahr? Drum gefiel dir auch wol die neue Dreschmaschine beim Heidekrüger?

Der Fremde ließ sich durch diese verschmitzte Frage nicht irremachen, sondern setzte umständlich das Getriebe einer solchen Maschine auseinander, trotzdem, daß sie nicht von Mahagony war. Er wollte eben zeigen, daß er die Praxis verstand.

Dankmar, der aufmerksam zuhörte, mußte fortgesetzt lachen; denn Hackert verstummte plötzlich über die Schrauben, Ventile, Stempel, von denen der Fremde sprach. Sein Plan, den verkleideten Regierungsassessor Müller aufs Glatteis zu führen, war gescheitert.

Das darauf eintretende Stillschweigen währte längere Zeit. Dankmar rauchte. Hackert schickte sich zum Schlafen an. Der Fremde sah auf die Gegend und notirte sich zuweilen Etwas, was ihm plötzlich einzufallen schien, in einem kleinen zierlichen Buche. Das dauerte so fort, bis er hinter einem Dorfe, das sie wieder zurückgelegt hatten, Namens Helldorf, zu Dankmar sagte:

Da sind wir jetzt in einem Lande, wo ja mit einem Fürsten, wie wir vorhin sagten, reiner Tisch gemacht worden ist! Es ist wahr, es lebt sich darin nach wie vor. Die Menschen gehen und wandeln, die Bäume tragen schwer an den Ästen, die Ernte ist reif, das Gras schon zum zweiten male gemäht. Es hat sich nichts verändert.

Wo wären wir denn da? wandte sich Dankmar um.

In dem Fürstenthume Hohenberg, sagte der Fremde; hier beginnt die kleine Herrschaft, die so verschuldet ist, [201] daß selbst eine Lotterieanleihe sie nicht mehr retten konnte. Heben Sie den Glanz und das Glück der kleinen Herrscher auf und sie gehen von selbst.

Und die großen? fragte Dankmar, der nicht abgeneigt schien, das begonnene Gespräch fortzusetzen.

Halten Sie es für möglich, sagte der Fremde, unbekümmert um den in politischen Dingen schweigsamen und nun schlafenden Hackert; halten Sie für möglich, daß jemals Staaten wie Preußen, Österreich, Baiern ganz aufhören können? Diese Sondergeschichte ist nicht auszulöschen und in den Fürsten erhalten sich die Erinnerungen der Völker und werden durch sie getragen.

Dankmar antwortete ironisch:

Ich bewundere, wie Sie glauben, die Hebel der Gesellschaft, die Organe der Menschheit in Bewegung setzen, neue Sitten, neue Gesellschaftsformen bilden zu können und doch an dem Bestande von Dynastieen wie an etwas Ewigem haften! Wie gern auch söhnt' ich mich mit diesem Bestande aus, wenn ich darin nur die Fortbildung unserer Freiheit gesichert sähe! Wissen Sie, was mir durch diese Monarchieen allein gesichert scheint? Ein Übel, das mir noch gefährlicher dünkt als die von Ihnen gerügte allgemeine Genußsucht. Es ist Dies die allgemeine persönliche Eitelkeit, begründet auf eine durchgreifende Erniedrigung des Menschengeschlechts. Wir hörten ja gestern vom Reubunde. Wie erscheint der Ihnen?

Ein wenig lächerlich, war die Antwort.

Mir scheint er gefährlich, sagte Dankmar. Gefährlich [202] deshalb, weil er mit einigen guten Eigenschaften des civilisirten Menschen ein unverantwortliches Spiel treibt. Liebe und Hingebung sind himmlische Thätigkeiten der menschlichen Seele, aber sie haben ihre Grenzen. Sagen Sie selbst, ob nicht in jener Monarchie, zu deren Erhaltung und Unterstützung der Reubund gestiftet wurde, das eigentliche Hinderniß freier Entwickelung die tief in den Institutionen und den Erinnerungen des Volks wurzelnde Eitelkeit das Hinderniß der wahren Freiheit ist? In diesem Staate entwürdigt sich der Mensch als Gattungsbegriff, um sich als bürgerliche Person hochzustellen. Das Individuum will bedeutend sein auf Kosten des Geschlechts. Oder woher denn sonst dieses rastlose und die Menschenwürde beschämende Drängen nach Auszeichnung? Eine Unzahl von Ehrenzeichen und Titeln wird in Massen verschleudert, die allgemeine Militairpflicht untergräbt das kräftige Selbstgefühl der Heimat und ordnet Jeden einer abstracten Ehre, der Soldatenehre, unter. Wo Sie im Bereich dieser Monarchie hinkommen, überall bilden sich die Menschen ein, in unmittelbarer Beziehung zum Fürsten zu stehen. Jeder glaubt sich von ihm persönlich gekannt; Jeder drängt sich vor, um irgendwie zur Notiz der hohen Behörde genommen zu werden. Wie eilt nicht Alles zu Unterschriften, zu namentlicher Nennung bei jeder Gelegenheit! Streiten Sie mit diesen Menschen, so hat Jeder eine Meinung für sich, Jeder weiß es besser als der Andere, und wenn man sich unterordnet, so ist es nur einem hochgestellten und [203] betitelten Manne. Einer Berühmtheit die Schleppe zu tragen, die Kundschaft einer Excellenz zu genießen, von einer erlauchten Person angeredet zu werden, Das ist dort wie in Rußland der Bindekitt des öffentlichen Geistes und die Bedingung seiner Formen. Wenn Montesquieu die Ehre als das Wesen der Monarchie bezeichnete und er es aufrichtig meinte und nicht etwa damit seinem Souverain ein leeres Compliment machen wollte, so kommt dieses Merkmal, das nur aus Mangel eines tiefern Begriffes erfunden zu sein scheint, in jenem Staate zu seiner kleinlichsten, aber auch gefährlichsten Anwendung.

Der Fremde schwieg eine Weile. Dann nahm er, als er Hackert wirklich schlafend fand, das Wort und sagte:

Auch ich hasse die gedankenlose Hingabe an den flüchtigen Glanz des Bestehenden, nur um an diesem Glanze theilzuhaben; besonders ist mir, trotz meiner conservativen Gesinnung die Coquetterie mit dem Heere unerfreulich. Es ist Dies ein Stolz, der denn doch auf nur höchst unglückliche, den großen Menschheitszwecken widerstrebende Anomalieen sich begründet! Nie wird ein Staat eine Zukunft haben, der sich nur auf die Institutionen der Gewalt stützt und darauf hinarbeitet, im Volke das Staatsleben nur wie einen Formel- und Götzendienst zu begründen. Auch das Beamtenwesen ist eine solche morsche Stütze des dauernden Bestandes. Eine einzige verlorene Schlacht stürzt alle diese blankgeputzten und zierlichen Götzen und was nicht unendlich Wichtigeres mit ihnen! Aber dennoch sind Sie ungerecht, wenn Sie glauben, daß[204] die Dynastie von dieser Hingebung allein zehren will. Ich hoffe doch, sie strebt nach der Befestigung durch jene tiefer wirkenden Hebel der Industrie, des Handels, der Ackerbauerleichterungen. Freilich auf gewöhnlichem Beamtenwege wird hier nichts bewirkt. Solange nicht die Arbeit selbst an den Thron für sich redend tritt und die Bureaukratie aufhört, der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein, kann es nicht besser werden. Es fehlen uns Staatsmänner, die ihre Schule im Volke gemacht haben.

Dankmar fühlte sich durch die Ideen seines Reisegefährten oft so angezogen, daß er sie für die seinen erkannte, oft aber auch wieder ganz von ihnen abgestoßen. Er schwieg eine Weile und überlegte das Gesagte. Als ihn darauf der Fremde ersuchte, anzugeben, wie er sich's denn möglich dächte, jenen Geist der eitlen ehrsüchtigen Selbsterniedrigung in der Monarchie zu dämpfen, antwortete er:

Dadurch, daß man diesen falschen und unwürdigen Royalismus auf seine wahren Quellen zurückführt, die Quellen der Eitelkeit und der speculirenden Selbsterhaltung. Denn leider auch deshalb wird jetzt ein so übertriebenes Spiel mit monarchischen Formen getrieben, weil man einen Damm sucht gegen die drohenden Fluten der allgemeinen Zerstörung, gleichviel aus welchem Material gebaut. Ehrlich sind unter den Reubündlern nur Die, welche sich einbilden, vom Glanz der Monarchie falle etwas auf sie selbst, und unehrlich alle Die, welche zum Royalismus aus Angst für ihr Eigenthum flüchten oder [205] die sich, wie dieser Schlurck, vor dem Auffallenden fürchten und der Mode folgen, weil sie Mode ist. Es muß Etwas erfunden werden, mein' ich, was das Individuum vernichtet, ohne die Person zu zerstören.

Das ist ein tiefes, aber dunkles Wort! unterbrach ihn der Fremde. Das Individuum vernichten, ohne die Person zu zerstören?

Wir müssen, erläuterte Dankmar, eine andere Gleichheit predigen als z.B. die der Volksversammlungen. Gleichheit mit dem Pöbel ist die Sehnsucht der Denkenden nimmermehr. Gleichheit der Ansprüche auf die große Ehre, die in einem Allgemeinen, uns Alle Bindenden liegt, Ehre, zurückstrahlend auf Alle von einem Begriff aus, der Ehre verdient, da ist Etwas zu suchen, zu erfinden, was uns rettet vor dem Rückfall in die Barbarei, daß wir aus Furcht vor Revolutionen der Anbetung des Bestehenden verfallen.

Als Schlurck's Name genannt wurde, erwachte Hackert. Die beiden Andern schwiegen, und die Nothwendigkeit, dem Pferde einige Ruhe zu gönnen, trennte vor einem am Wege gelegenen Wirthshause auf einige Zeit die drei Gefährten. Als der Fremde, um nach einem Mittagsimbiß zu fragen, ins Haus getreten war, winkte Hackert Dankmarn und zeigte ihm ein Taschentuch, das Jener hatte liegen lassen. Mit geheimnißvoller Miene bedeutete er ihn näher zu treten und hielt ihm verstohlen den Zipfel des Tuches hin. Es war sehr fein eine Krone mit dem Zeichen 100 und dem Buchstaben E darin gestickt.

[206] Das heißt, sagte Hackert, der Mensch, von dem er dieses Taschentuch gestohlen, hatte deren hundert, war mindestens kein Tischler und fängt in seinem Vornamen mit einem E an.

Oder es gehört ihm wol selbst, sagte Dankmar.

Das ist auch möglich, antwortete Hackert trocken und rief einen Knecht, für das Pferd zu sorgen. Dann knöpfte er sich den Rock zu, streifte Beinkleider und Rockärmel glatt und benahm sich affectirt genug wie ein Gentleman.

Schneiden Sie kein so schlimmes Gesicht! sagte er zu Dankmar; jetzt, wo wir Hohenberg näher kommen, wird's mit meinem Fahren freilich nicht mehr viel werden. Wenn Sie indessen in Ihrem eleganten Costüm fahren, weiß man, daß Sie es nicht nöthig haben und es nur aus Vergnügen thun. Wenn ich es aber thue, so sagt jede Canaille, Das wäre mein Beruf. Wenn wir in Hohenberg sind und Sie leichten Herzens, aber schwerer im Wagen mit Ihrem Schrein zurückfahren, so sag' ich Ihnen, warum das Alles so sein muß, wenn Sie nämlich Lust haben, es zu hören.

Es ist eine verkehrte Welt, meinte Dankmar kopfschüttelnd nachgiebig und steckte das Tuch zu sich. Wir wollen sehen, ob wir da auch Etwas zu essen finden.

In der Wirthsstube trafen sie einen Jäger. Ein stattlicher Fünfziger, wie es schien. Seine Jagdtasche hing ihm mit langen Troddeln um die Schultern. Sein grauer Rock mit grünen Aufschlägen war von leichtem Sommerzeug und wohlerhalten. Das gebräunte mit fuchsrothem Barte umschattete Antlitz trug einen unverkennbaren [207] Ausdruck offenster Ehrlichkeit und treuherzigsten Vertrauens. Seine großen wasserblauen Augen grüßten die Ankömmlinge ebenso freundlich, wie er schon unterhaltend und unterhalten im Verkehr mit dem schöngewachsenen jungen Mann in der Blouse war. Eine Menge kleiner Kinder tobten um ihn her, spielten mit seinem Hunde, zupften an den Troddeln und dem Netzwerk seiner Jagdtasche und während er mit der Blouse, ja schon mit Dankmar und Hackert sprach, ging er doch dabei zu gleicher Zeit freundlich auf die Scherze der Kinder ein, die er hinterwärts mit den offen gelassenen Fingern haschte und neckte.

Sie sind hier im Gelben Hirsch! erklärte er den Ankömmlingen. Ihr Mittagsmahl müssen Sie nehmen, wie Sie's finden. He da, Lenchen! Jungfer Drossel!

Ein junges hübsches Mädchen, die die Wirthstochter schien, brachte schon für den jungen Mann in der blauen Blouse einige Teller von ihrem eigenen Mittagsmahle. Nun mußte aber auch noch genug für die beiden Andern da sein.

Ja, sagte der Jäger, wenn der Drossel nicht immer im Busch säße und seine politischen Lieder pfiffe!

Wie? erstaunte Dankmar, auch hier, wie auf dem Heidekrug, die Politik Störerin der häuslichen Ordnung?

Das nicht, meinte der Jäger begütigend; die Frau und das schmucke Lenchen da sehen schon nach dem Rechten. Aber es ist Alles mehr vollauf, wenn der Hausherr selbst für seine trockene Zunge sorgt. Wer viel spricht, muß [208] auch sich und dem Magen viel bieten. Wir im Wald sind immer allein und reden nur einmal mit unserm Phylax oder mit den Grünspechten oder den Maulwürfen und da thut ein Stück Brot, ein Trunk Wasser oder einer aus der Korbflasche seine Schuldigkeit. Zur Nacht freilich gibt ein Jägersmann seinem Magen auch volles Gehör. Da knurrt der und will für sein Tagewerk ein kräftiges Futter ....

Das Euch wohl bekommt ... sagte Dankmar, auf des Jägers frisches Aussehen deutend.

Besser als vielleicht Herrn Drossel das Essen auf sein vieles politisches Reden, fiel der Fremde ein, der sich bei Seite gesetzt hatte.

Ach nein, meinte begütigend der Jäger, es folgt Jeder seinem Geist.

Damit wandte er sich zur bedienenden hübschen Lene, den Kindern und dem Hunde Phylax. Er wollte es wol vermeiden, den Wirth zum Gelben Hirsch so anzuklagen, wie die Liese den Heidekrüger angeklagt hatte.

Lenchen, sagte er ablenkend, wirst immer schmucker! Blitzaugen hat das Mädel! Ganz wie ihre selige Tante! Bist aus einem Tiegel mit ihr geschmolzen! Gott verzeihe mir die Sünde, daß ich von Feuer rede ....

Die letzten Worte brummte der Jäger mehr vor sich hin.

Warum nicht vom Feuer? meinte Dankmar, eine dargereichte Weinkarte musternd. Die Menschen sind mehr durchs Feuer als durchs Wasser geschaffen.

Er bestellte eine Flasche Hochheimer.

Lenchen ging mit dem ganzen Kindertroß, der sie in den [209] Keller begleiten wollte. Auch Phylax würde gefolgt sein, wenn ihn der Jäger nicht zurückgehalten hätte.

Das Feuer im Wein laß' ich mir gefallen, sagte der Jäger freundlich, die Bestellung gleichsam lobend. Aber, setzte er mit zusammengedrückten Augen hinzu, das Feuer, das ich meinte, ist ein anderer Brand. Hier das Haus ging vor nunmehr sechzehn Jahren einmal in Feuer auf und mit ihm ... die Schwester Drossel's ... ein junges Wesen ....

Verbrannte?

Verbrannte.

Der Jäger wandte sich auffallend erschüttert zum Fenster hinaus. Die Reisenden aßen. Lenchen kam bald mit dem Wein zurück. Die Kinder lärmten wieder und litten nicht, daß der Jäger nach der Flinte griff, die an der Wand hing, und gehen wollte.

Ei, Onkel Heunisch, schon fort? sagte Lene Drossel. Vater und Mutter müssen von Schönau bald zurück sein. Ich dachte, Sie erzählen uns noch von Fran ziska's letztem Brief ....

Komm ins Jägerhaus, Lenchen! Kannst ihn selbst lesen!

Ins Jägerhaus komm' ich nicht.

Fürchtest dich? ...

Vor der Eule nicht.

Vor der Ursula. Ich weiß es. Bist ein Kindskopf.

Dabei lachte er wieder und verharrte dabei, daß er gehen müsse. Es wär' eine tüchtige Strecke nach Hause, meinte er.

[210] Dann grüßen Sie aber die Fränz und danken Sie ihr für das hübsche Band! sagte Lenchen.

Solltest ihr selbst schreiben, Lenchen! Legst es an die Tante bei –

Das dürfen wir nicht!

Die Tante Pfannenstiel? Ist die so ungefällig? Die reiche ...

Die!

Sieh! sieh! So schreib' der Fränz durch die Post. Sie hört gern Etwas von Hohenberg, vom Wald und Gelben Hirsch. Mein Schreiben ist nicht viel nutz. Franziska Heunisch, beim Tischlermeister Märtens auf der Wallstraße ....

Franziska Heunisch? unterbrach Hackert das Verzehren seiner Mahlzeit, ein Geschäft, daß er mit vielem Appetit verrichtete.

Kennen Sie die Fränz Heunisch, Herr? fragte der Jäger, angenehm überrascht.

Hackert kaute und antwortete nicht. Er schien nicht das Gemüth zu besitzen, dem Onkel, der seine Nichte zärtlich zu lieben schien, eine Auskunft zu geben, die den freundlichen Waldbewohner glücklich gemacht hätte.

Als der Jäger die Frage: Ei! Kennen Sie die Fränz Heunisch? nochmals wiederholt hatte, stieß Dankmar ärgerlich mit dem Ellenbogen den kauenden Hackert an und sagte:

Hören Sie denn nicht?

Fränzchen Heunisch, antwortete Hackert mit zweideutigem Lächeln; eine angenehme kleine Putzmacherin ....

[211] Ja, Herr, sagte der Jäger, sie macht Putz.

Dann aber, da er Hackert's Lächeln sonderbar fand, setzte er, indem ihm das Blut in die Wangen schoß, mit unterdrücktem Zorn hinzu:

Wissen Sie von Fränz Heunisch etwas Unrechtes?

Ich weiß von ihr nichts, bester Jägersmann, sagte Hackert, als daß sie allerliebste Zähne, hübsche rothe Wangen, braune Augen, schwarzes glattes Seidenhaar und um die Augen eine gewisse reizende Haut wie von Wachs hat und in der Wallstraße Nr. 14 im zweiten Hofe links eine Treppe hoch wohnt.

Herr, da wohnt sie! sagte der Jäger und warf sich jetzt die Flinte so zornig über die Schulter, daß die Jagdtasche hin- und herflog. Was aber nun? Was nun?

Was nun? Nun? Nichts nun! Sie wollten ja die Adresse genau wissen. Wallstraße Nr. 14 im zweiten Hofe links. Ist's nicht so?

Der Fremde, der an dem Jäger Wohlgefallen zu finden schien und einen üblen Ausgang dieser Reibung fürchtete, hielt es für das Angemessenste, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

Eilen Sie schon so? sagte er zu dem kirschroth gewordenen Mann, der auf Hackert Blicke schoß, die im Grunde doch mehr rührend als erschreckend waren. Er fürchtete sicher, Franziska Heunisch möchte wirklich auf schlimmen Wegen sein.

Die Jagd kann Sie nicht rufen, fiel Dankmar ein, der in dem Jäger den über seine Nichte aufsteigenden Verdacht [212] gleichfalls zerstreuen wollte; ich denke, in den Wäldern hier mag es im Herbst lustig zu pirschen sein ...

Es gibt nicht mehr viel Wild in den fürstlichen Wäldern, sagte der Jäger, sich sammelnd, aber noch mit zitternder Stimme.

Sind Sie Hohenbergischer Jäger? fragte der Fremde.

Das bin ich.

Früher Militair?

Militair.

Dem alten Feldmarschall nahe gestanden? Nicht wahr?

Nicht so nahe. Der selige Feldmarschall war kein Jäger.

Und doch kein Wild? bemerkte der Fremde, der sich so benahm, daß ihn Niemand mehr für einen wandernden Handwerker halten konnte.

Doch kein Wild! fiel der Jäger, der sich rascher beruhigte, als Dankmar erwartet hatte, ein. Das machen die Finanzen ....

Wie so die Finanzen? sagte Dankmar.

Weil die Juden den alten Fürsten ganz in Händen hatten. Wie ihm kein Strohhalm mehr im Lande gehörte, ließen sie dann auch frisch aufs Wild losschießen, Reh' und Haas, Alt und Jung, nur um Geld herauszuschlagen. Jetzt sind sie ja in Hohenberg All' versammelt; sie wollen zur Jagd wiederkommen, sagten mir neulich ein paar Steifböcke; aber ich lachte und dachte mir: Bringt wieder, was Ihr schon Alles in unserm Wald vertilgt habt, dann wird sich's der Mühe lohnen. Übrigens schwieg ich; denn kein Mensch weiß, was aus der Herrschaft [213] werden soll und wer uns inskünftige was zu befehlen hat.

Wer ist denn Alles oben? fragte Dankmar, der den etwas frugalen Fremden in der Blouse gebeten hatte, sich des Weins gemeinschaftlich zu bedienen.

Ich kenne sie nicht Alle, die geputzten Leute, sagte der Jäger. Aber Das weiß ich, solche sind's nicht, wie Die, die zur Zeit, als der Fürst und die Fürstin im Glanze lebten, da zu Besuch gekommen sind. Der Fürst ist in der Residenz gestorben, kam auch nie hinaus nach Hohenberg, schon die zwölf Jahre nicht, daß die Fürstin da wohnte. Als die fromme Frau noch lebte, durfte sich Niemand von den Creditores auf dem Schlosse sehen lassen. Das war so ausgemacht. Als sie aber die Augen zuthat, es sind nun zwei Jahre her, da ging's lustig los. Erst fing's auf den Wirthschaftshäusern herum und in der Rechnungskammer an zu rumoren. Hui, was für fremde Vögel, die da durcheinander zwitscherten: Das ist für meine Kralle, Das für meinen Schnabel! Das Schloß blieb noch unangefochten, aber seit den drei Monaten, daß nun auch der Fürst in Gott entschlafen ist – ja, ja! – in Gott – Gott hab' ihn selig, es war ein guter, aber auch wieder ein recht schlimmer Herr – Da – Hurrah! Da kamen sie denn Alle an, in großen Staatskutschen. Ritsch! Ratsch! Jetzt zerhackt und zerstückt das Ganze! Wenn sich Keiner findet, der die halbe Million zahlt, die allein schon als Schuld auf dem Ganzen steht, ist's aus! Es ist nun drei Wochen her. Schnedderedeng! Trarara! Das ganze Dorf unten – es [214] heißt Plessen – kam zusammengelaufen und gaffte die Postillone all und Kuriere an, und die Herrschaften stiegen aus. Das sind nun Die, die viele Jahre lang erst auf den Boden, dann auf den Wald, zuletzt auf Geräth, Leinenzeug, Tisch- und Bettzeug und den letzten Spahn Holz im Schlosse Geld geliehen haben. Der Fürst ließ ja – Gott sei's geklagt! – seine alte kostbare Lebensart nicht, brauchte zehn mal mehr als er einnahm und so war er zuletzt dermaßen herunter, daß sein Sohn in Paris die Erbschaft nicht antreten will und.. nicht antreten kann und.. nicht antreten wird.

Während der Förster so plauderte, verzehrten die drei Reisenden vollends ihr bescheidenes Mahl. Dankmar hatte in der Zerstreuung das Taschentuch an den Fremden zurückzugeben vergessen. Hackert blinzelte ihm deshalb einige mal mit den Augen zu, ohne sich aber Dankmarn verständlich machen zu können.

Liegt nicht am Fuße des Hohenbergs, fragte Dankmar, seine eigenen Angelegenheiten erwägend und darin, daß der Fremde in tiefes Nachdenken versunken schien, nichts Auffallendes erblickend, liegt nicht in Plessen eine Schmiede?

Ja wol, lautete die Antwort.

Kennen Sie den Schmied?

Er heißt Zeck! Ist blind und sein Sohn ist taub.

Hackert lachte und fügte hinzu:

Und hoffentlich sind bei ihm recht viel Pferde lahm?

Der Jäger sah den Witzmacher finster an und wandte [215] sich in seinen Erläuterungen zu den Andern, Hackert den Rücken kehrend.

Die Zeck'sche Schmiede war sonst in Flor. Alle Fuhrleute haben da angesprochen und sparten ihre Reparaturen auf die plessener Schmiede; jetzt kommt selten noch ein Wagen den Berg herunter.

Wenn jetzt da oben Alles aus Rand und Band ist, fragte Dankmar, so gibt es wol viel verrufenes Gesindel auf der Herrschaft?

Das doch nicht! Dann und wann einmal ein Wilddieb. Und Das selten, weil nichts zu dieben da ist. Ja! Holz wird gestohlen ....

Und Das tüchtig! schaltete Lenchen ein, die ab-und zuging und manchmal ein Wort dreinredete, wie es einem resoluten Mädchen zukommen mag.

Ja! sagte der Jäger lachend; mehr als billig.

Aber wie reimt sich Das, bemerkte der Fremde, mit der allberühmten Frömmigkeit, durch die sich ja die ganze Gegend auszeichnen soll?

Der Jäger lächelte nicht ohne Feinheit.

Es wird wol so dick damit nicht aussehen, meinte Lenchen und lachte, indem sie abdeckte.

Ich will Ihnen sagen, nahm der Jäger das Wort; es mag mit der Frömmigkeit, die man so offen zur Schau trägt, nicht weit her sein; Das lernt man im Walde, wo man an jedem stillen Plätzchen denkt: hier ist's so gut wie in der Kirche! Aber wenn's auch nicht mehr sehr lange nachwirken wird, die selige Fürstin hielt doch viel auf's [216] Christenthum. Sie theilte Bibeln aus und sammelte jeden Sonnabend die Leute um sich und las irgend was Andächtiges vor, oder irgend ein fremder Herr mußte vorlesen und die Leute sangen dazu. Manchmal kamen Menschen, die früher ein Handwerk gelernt hatten, dann aber, wie sie's nannte, die vortreffliche Dame, die Erleuchtung bekommen hatten und Missionäre wurden, für die Heiden zu bekehren. Die stellte sie dann Sonnabends der Gemeinde vor und Alle mußten beten, daß Gott die frommen Apostel, wie sie sie nannte, in Gnaden beschützen und behüten möchte. Ach, Das war oft recht rührend, so einen guten Menschen zu sehen, der nun da hinaus muß ins Hottentottenland und die Buschmänner bekehren. Alle mußten weinen und Jeder gab ihm die Hand und sah den armen Menschen sich noch einmal erst an, ehe er gespießt und gebraten war. Manche freilich ....

Der Jäger machte eine schlaue Miene.

Nun, Manche? fragte Dankmar.

Manche von den Missionären gingen gar nicht hin zu den Hottentotten! sagte der Jäger pfiffig und kratzte sich hinterm Ohr. Wenn Die das Gute genossen hatten und recht ausstaffirt waren mit allerhand kostspieligen Geschenken, blieben sie in Bremen oder Hamburg ganz geruhig liegen oder schrieben, sie hätten schon bei England herum Schiffbruch gelitten und müßten wieder umkehren oder es müßte was Neues nachkommen. Ach, lieber Heiland, was sind da für Sachen vorgefallen!

Der Jäger war so gutmüthig, daß er diese Worte in[217] einem entschuldigenden Tone und wie über den Lauf der Welt kopfschüttelnd vortrug.

Kein Missionär, erzählte er weiter, ging von Hohenberg fort, ohne nicht noch einen ganzen Koffer voll Hemden und Strümpfe mitzunehmen. Die ließ die gute Frau Fürstin im Ländchen herum weben und stricken. Sie theilte das Garn und die Wolle aus, aber nur an Die, welche in die Betstunden kamen. Wer fromm zugehört und andächtig seinen Vers gesungen hatte, kriegte nachher, wenn die Andacht aus war, einen Napf voll Warmbier und etwas frisches Weißbrot – was die alte Brigitte schön backen kann – und beim Nachhausegehen bekam jede Frau und jedes Mädchen einen Korb voll Arbeit für die Heiden mit.

Hackert lachte über diese Schilderung so unverschämt laut auf, daß es ihm Dankmar fast verwies. Dennoch mischte er sich dreist in das Gespräch und sagte:

Ich kenn' einen ehemaligen Missionär. Der Schlingel hat mir's erzählt, wo die Strümpfe und Hemden all' hinkommen, die man ihnen nachschickt. Die Augenverdreher verkaufen sie an das erste beste Kauffahrteischiff, das sie am Meere antreffen. Nach Hause aber schreiben sie: Dank für das Übersandte! Die Heiden wandeln bereits im Licht und auf euren Strümpfen. Schickt nur mehr von der Sorte!

Hackert hatte die Genugthuung, daß seine Anekdote gefiel. Der Fremde aber verließ das Zimmer. Die Erzählung des Jägers schien ihn wol zu interessiren, ihre heitere Wendung aber zu verletzen. Da sein Ranzen liegen blieb, [218] so war nicht anzunehmen, daß er sich schon wieder auf den Weg gemacht hatte.

Und wer zahlt nun die Leute aus, die noch im Dienste der Herrschaft stehen? fragte Dankmar.

Der Justizrath Schlurck, antwortete der Jäger. Der ist schon seit zehn Jahren der eigentliche Fürst von Hohenberg. Der administrirt mit dem Director von Zeisel Alles durch- und übereinander. Die Creditores halten sich an Schlurck. Noch gestern war er auf dem Schloß, muß aber rasch eine Ordre gekriegt haben, so schnell ist er auf und davon. Seine Frau aber, die ist noch da mit dem Commerzienrath von Reichmeyer und Frau Commerzienräthin von Reichmeyer und Herr Bartusch und mit Respect zu vermelden ...

Der Jäger sah sich nach den Kindern um.

Diese spielten mit dem Hunde, und da er auch Lenchen Drossel nicht sah, so flüsterte er:

Drossel's Schwester ist auch dort.

Wer?

Frau Pfannenstiel.

Auch eine Creditorin?

Durch ihren Mann. Frau Wirthschaftsräthin Pfannenstiel. Ihr Mann war früher Pachter bei dem Fürsten, brachte dabei sein Schäfchen ins Trockene, zog in die Residenz, bekam den Titel Wirthschaftsrath durch den Fürsten und wurde gerade sein schlimmster Blutsauger. Kurz, Sie finden da allerlei Volk, Christen und Türken und ...

[219] Melanie Schlurck, des Justizraths Tochter, hat sich also einen ganzen Hof mitgebracht? schloß Dankmar.

Von Der wissen Sie schon? Ja! Das ist ein Engel oder ein Satan. Die macht Alle verdreht. Zu Fuß, zu Pferde, bald im Feld, bald im Walde, und hol' mich Dieser und Jener, sagt' ich noch neulich zur Ursula; sollte man nicht glauben, sie tanzte immer? Noch hat Die kein Mensch mit ruhigem Fuß gesehen und Augen hat sie im Kopf, Zähne im Mund ..... Ja! Die hat's Allen angethan, und was man ihrem Vater für Fluch und Malefiz nur anwünschen mag, der Mamsell kann man nicht gram sein; sie macht Alles wieder gut. Auch ein feiner junger Herr aus der Stadt ist mitgekommen ... er heißt ... ich weiß es nicht ... kurz und gut, so lustig ist's seit zwanzig Jahren da nicht hergegangen. Jemine! Säh' es die alte Fürstin, sie drehte sich im Grabe um.

Der Jäger trank seinen Labetrunk Bier aus, wünschte den Herren gute Verrichtung, schüttelte Dankmarn sogar die Hand und ging. Dankmar erwiderte freundlich, faßte aber Hackert ins Auge, da er dessen Angesicht plötzlich wie mit Blut übergossen sah; seine Wangen glühten, seine Stirn schien heiß; von der Farbe des Haares und der Haut entdeckte man kaum einen Unterschied mehr. Dankmar's erster Gedanke war, da von dem Jäger Lasally angedeutet wurde, an sein Pferd. Er glaubte in der Verlegenheit, die er auf Hackert's Antlitz bemerkte, als der junge fremde Herr, der wol nur Lasally sein konnte, erwähnt wurde, das Zugeständniß der Befürchtungen zu finden, [220] die er seinem Bruder Siegbert geäußert hatte, als dieser für Hackert's Ehrlichkeit gutsagen wollte. Aufs allerheftigste wurde er wieder von dem Gedanken ergriffen, daß zuletzt dieser Hackert doch wol nur ein Gauner sein möchte, der sich ihm noch zu irgend einem bösen Zweck angeschlossen hätte. Und dennoch fühlte er Mitleid mit ihm. Der Nachtwandler stand wieder vor ihm; der wüste schauerliche Eindruck, wie Hackert mit halb herabgefallenen Kleidern, mit Stroh und Heu im Haar, mit offenem Hemd, in der Hand die verlöschende Laterne vor ihm stand und Schlurck vor Entsetzen das Wort ausstieß, das ihn weckte! Die Erinnerung an diesen Anblick trat ihm so mächtig in diesem Augenblicke vor die Seele, daß er fast erschrak, Hackert möchte eben wieder in einen ähnlichen Zustand verfallen. Denn er bemerkte, daß Hackert wie in Gedanken verloren zur Thür hinausging, geduldig den schon zur weitern Reise gerüsteten Gaul bediente, geduldig die Peitsche ergriff und, als wüßte er es nicht, vorn auf dem Bocke saß. Alles Das hatte er mechanisch, ohne Überlegung gethan. Seine Absicht, in der Nähe von Hohenberg Jedes zu vermeiden, was seine Eitelkeit in ein falsches Licht stellen konnte, hatte er in dieser träumerischen Abwesenheit ganz vergessen, und Dankmar stand und staunte, diesen Zustand still beobachtend.

Was ist dem Menschen? dachte er.

Der angebliche Tischler hatte sich inzwischen draußen mit dem Jäger noch einige Augenblicke unterhalten und dann seinen leichten Ranzen geholt. Er wollte den weitern [221] Weg zu Fuß machen und verabschiedete sich von Dankmarn. Dieser hielt ihn aber zurück und sagte:

Wir haben jetzt nur noch drei Stunden bis Hohenberg zu fahren; es hat inzwischen geregnet, der Weg ist zu feucht für Ihre dünnen eleganten Stiefel. Bleiben Sie bei uns!

Der Fremde stieg nachgebend ein, Dankmar bezahlte für sich und Hackert die Rechnung, folgte dann in den Wagen und rief: Fort! Hackert schien nicht zu wissen, wo er war, sondern gab sich willenlos dem Thiere preis, das im raschen Trabe weiterfuhr.

Der Regen hatte in der That mit einem einzigen und gewaltig starken Erguß die Natur erfrischt. Wie erhob sich Baum und Blatt, wie blickte der Grashalm so gekräftigt zu der Sonne auf, die hier und da schon aus den grauen, sich zertheilenden Wolken wieder hervorbrach! Auch die Gegend nahm jetzt einen viel gefälligern Charakter an. Die großen Flächen hörten auf. Der Boden hob sich wellenförmig, am Rande des Horizonts stiegen schon die blauen Conturen einer nicht hohen, aber anmuthig geformten Bergkette empor. Hier und da verrieth sich ein hinter Büschen geborgenes Dorf durch seine Kirchthurmspitze. Der Weg war mit Obstbäumen besetzt, die Äpfel und Birnen in reicher Ernte versprachen. Auf den Feldern war fast überall schon die Frucht geborgen, sodaß man mit dem Blicke weithin ausschweifen und die Krümmungen kleiner Bäche verfolgen konnte, die den Boden fruchtbar bewässerten und die Gegend lebendiger machten.

[222] Der Fremde betrachtete die Flur mit einem ernsten, sinnenden Blick.

Es ist meine Heimat, sagte er. Ich bin in diesen Thälern geboren. Früh schon verließ ich sie und doch kenn' ich jedes Dorf, jede Anhöhe wieder.

Wie traurig, sagte Dankmar, daß so schöne Besitzungen von einem leichtsinnigen, weltlustigen Herrn verschleudert wurden! Die Bauern haben sicher die Vortheile der neuen Zeit hier wahrgenommen, sie haben sicher die Laudemien und Gefälle abgekauft. Vielleicht ist die Summe, die dadurch auf einem Brete gezahlt wurde, für den künftigen Unterhalt des Prinzen Egon ausgesetzt, das Einzige, was ihm sein Vater zu erben mag hinterlassen können. Die übrigen gewöhnlichen Abgaben von Grund und Boden laufen ohne Zweifel in die Kasse der Gläubiger, die in den jetzigen schlimmen Zeiten wol sich vergebens nach einem reichen Capitalisten umsehen, der hier das ganze Besitzthum mit Activen und Passiven übernimmt!

Es ist wenig Heil noch auf Grund und Boden, sagte der Begleiter trübe gestimmt. Die Masse der Lasten drückt zu sehr. Wo der Staat etwas gewinnen will, denkt er immer gleich an das Erdreich und Den, der es anbaut. Immer den Zollstab an die Erde gelegt! Warum nicht an den Handel? Die Kaufleute, die jetzt die Welt regieren, wissen sich zu schonen. Da sie meist von den Handwerkern leben, so schützen sie allenfalls diese noch eine Zeitlang und auch mit Recht. Weil aber dem gefräßigen modernen Staate die Mittel der Existenz immer knapper [223] werden müssen, so sagen die regierenden Kaufleute und Börsenmenschen: Haltet Euch an Grund und Boden! Grund und Boden sind ewig! Welche Ungerechtigkeit aber! Es ist wahr, die alten aristokratischen Regierungen haben es möglich gemacht, daß Grund und Boden bei den großen Ansprüchen des Fiscus an die Staatskräfte oft steuerfrei durchschlüpften und meist mit einem blauen Auge davonkamen. Es ist wahr, daß der Grund und Boden in den Katastern oft falsch veranschlagt ist. Allein diese relativen Vortheile sind im Preise von Grund und Boden schon mit angeschlagen, und wie ich jetzt zwei mal mehr Steuern geben soll, so vergißt man, daß ich das Gut nur in der Voraussetzung kaufte, daß es beim Alten bleiben sollte und nur einfach zu zahlen hätte.

Ich kenne diese Streitfrage, bemerkte Dankmar; aber ich weiß nicht, ob man es nicht darauf könnte ankommen lassen, einmal der Aristokratie des Grundbesitzes die nothwendigen Folgen ihrer alten Regierungsmethode fühlbar zu machen. Man spricht von der Nothwendigkeit des isolirten Reichthums. Ich kann sie in diesem Sinne nicht anerkennen. Die gefährlichste Aristokratie bleibt die des Blutes, wenn sie sich auf einen großen und möglichst ungehemmt verwalteten Grundbesitz stützt. So lange wir, aufrichtig gestanden, das Adelsinstitut behalten, seh' ich kein Heil für die Menschheit. Der Adel ist hier und da zuweilen liberal aufgetreten und hat sich dem Volke angeschlossen; aber wie selten diese Ausnahmen! Ich anerkenne den Unterschied der Menschen, den die[224] verschiedenen Stufen der Bildung und auch des Besitzes mitsichbringen, aber einen durch die Geburt, durch Namen, durch Ahnen begründeten Unterschied sollte die Aufklärung nicht mehr dulden.

Ich theile Ihre Ansicht in gewissem Sinne, erwiderte der Fremde. Nicht daß ich den Adel ausrotten will; denn ich halte Das für unmöglich; ich halte die Umwandelung eines berühmten Geschlechts in eine einfache bürgerliche Familie höchstens für eine komische Episode der Geschichte, die nur auf kurze Zeit möglich ist. Aber man soll erstens die Überwucherung des Adels beschneiden durch das Erstgeburtsrecht und zweitens den Nachwuchs des Adels edler anpflanzen als es unsere Fürsten thun. Den Adel für Geld ertheilen oder für höchst zweifelhafte bureaukratische Verdienste, Das ist eine tägliche Herabsetzung desselben Instituts, auf das sich doch die feudale Monarchie so gern stützen möchte. Der Adel an sich kann nicht verdächtig sein. Man verdächtigt ihn nur dem Volke durch die Art, wie man neuen Adel macht. In jedem Wald und jeder guten Waldhutung herrscht ein natürliches System des Nachwuchses; nur beim Adel hat man dieses Nachwuchssystem nie beobachtet und deshalb sank die Achtung vor demselben.

Das ist eben das Wort, das ich verbannen möchte, rief Dankmar; Achtung des Adels! Wozu eine Kaste von Menschen, die sich eines Vorrechts vor Andern berühmt! Der Staat schafft die Vorrechte vor dem Gesetz ab. Das ist wahr. Der Bürgerliche kann alle Rechte genießen wie der [225] Adelige. So heißt es in den Gesetzbüchern! Und doch bleibt diese sonderbare geheime Verbindung unter den Adeligen. Es bleibt dieser geschlossene Bund, der sich immer wieder mit seinen Maximen hervordrängt, wenn ihn auch noch soviel Revolutionen zurückgeworfen haben. Sie wollen den Adel vermindern durch englisches Erstgeburtsrecht und besser anpflanzen durch Adelserhebungen wahrscheinlich an einen tapfern Krieger, einen geschickten Arbeiter, einen glücklichen Erfinder. Aber die Nachkommen der Letztern werden ebenso Aristokraten werden, wie es die Nachkommen der weiland zu Rittern geschlagenen Knappen und Kaufleute wurden. Es ist eben ein Institut, das ewig auf die Vegetation der Freiheit wie Mehlthau sich ansetzen und sie verderben wird.

Die Französische Revolution hat den Adel abgeschafft, sagte der Gefährte, und er ist wiedergekommen. Napoleon hat ihn noch mit seinen geadelten Corporalen vermehrt, und die jetzigen Börsenmäkler ließen sich mit Freuden adeln, wenn sie nicht fürchteten, sich lächerlich zu machen ....

O, so wünscht' ich, wallte Dankmar halb zornig halb lachend auf: daß einmal eine kleine Sündflut käme und dieses närrische Menschengeschlecht wenigstens partiell verschlänge! Es ist nichts mit ihm anzufangen.

Das Gespräch ging jetzt über leichte Dinge hin und weckte Hackert endlich aus der Betäubung, in die er so plötzlich verfallen war. Jetzt erst schien er sich zu besinnen, daß er wieder als Kutscher galt. Er wurde über [226] diese unwillkommene Entdeckung unruhig, blickte bald zur Seite, bald hinterwärts, maß den Fremden bald mit einem wüthenden Blick, bald begann er etwas an dem Riemzeug und der Peitsche zu bändeln und zu knüpfen, bis er plötzlich ganz still hielt. Auf ein starkes Nun? das ihm Dankmar zurief, hieb er zwar wieder gewaltig auf das ermüdete Thier, dem die allmälige Annäherung an Hohenberg ebenso noththat, wie dem immer unruhiger und gereizter werdenden Dankmar, aber Dieser wußte nun in der That nicht mehr, wessen er sich noch Alles von Hackert zu versehen und worauf er sich zu rüsten hatte ......

Es war schon vier Uhr. Die Sonne lachte wieder freudig vom Himmel. Alle Wolken hatten ihn verlassen. Das schönste Ultramarin erquickte das Auge, wenn man empor, das lachendste Grün der Wiesen und Büsche, wenn man zur Seite blickte. Die Gegend wurde immer reizender. Nach jeder Anhöhe, die das müde Roß erklimmte, öffnete sich ein immer lieblicheres Thal. Die Vegetation, statt gebirgig zu werden, wurde eher südlicher. Kastanien-, Ahorn- und Nußbäume standen auf kleinen Anhöhen am Wege neben Kirchen und Pachthöfen. Der weiße Flieder, der sich traulich an Ställe und Scheunen schmiegte und jeder verfallenen Mauer einen malerischen Reiz verlieh, konnte wol den Fremden bewegen, auszurufen:

Wie erinnern mich diese weißblühenden Gebüsche an das südliche Frankreich, wo es freilich der Feigenbaum ist, der mit seinen großen Blättern, seinen labyrinthischen Ranken und den versteckten grünen Früchten sich so an [227] jede nackte Felsen- und jede kahle Mauerwand lehnt, sie verschönernd durch seine trauliche Ansiedelung!

Vor den Reisenden lag dann auch endlich auf eine Stunde Weges entlegen das Schloß Hohenberg. Schon lange konnten sie das im Geschmack der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts errichtete stattliche Gebäude unterscheiden. Je näher sie diesem ihrem gemeinschaftlichen Reiseziele kamen, desto unruhiger wurde Hackert, desto heftiger seine Antworten, desto ungeduldiger das Seufzen, das ihm zuweilen entfuhr. Er wandte sich jetzt wieder zu Dankmarn und äußerte:

Bis hierher, Herr! Fahren Sie jetzt!

Dankmar beherrschte sich und erwiderte:

Bis ich die Cigarre fertiggeraucht habe!

Die Aussicht auf das Schloß verschwand. Man war in einem anmuthigen Buchenwalde, der sich bis nach Plessen hinzuziehen schien. Welch frisches Laub! Welche zauberhaften Lichter, wenn die Baumgattungen abwechselten und Tannen sich an Birken reihten, um gemeinschaftlich dann die Buchengruppen zuweilen zu unterbrechen! Welcher Smaragdschimmer, wenn grünbewachsene Plätze zwischeninnelagen und von der Sonne beschienen wurden, die schon großer Öffnungen bedurfte, um mit ihren sich senkenden Strahlen hier durchzudringen! Da sprangen ja noch Rehe erschreckt von ihrem grünen Lager unter einem großen freistehenden Eichbaum auf! Es mußte mit des Jägers Kummer über die ausgeschossene Belebung dieser Wälder nicht so schlimm stehen.

[228] Der Fremde war im Anblick dieses stillen Friedens wie verloren.

In dem Augenblicke hörten sie in der Ferne Pferdegetrappel. Hackert springt auf. Man sieht einen Zug von etwa fünf Reitern dahertraben, in der Mitte eine Dame, wie man an dem in der Luft fliegenden blauen Schleier erkannte. Hackert wirft Peitsche und Zügel fort, springt vom Sitz, schießt wie besessen über den Chausseegraben und ist im Nu im Wald verschwunden. Der Gaul, erschreckt von der heransprengenden Cavalcade, bäumt sich. Die Zügel schleifen schon an der Erde. Dankmar wirft eiligst die Cigarre fort. Der Fremde hält ihn, damit er nicht hinausspringt. In dem Augenblick jagt die Dame mit ihren Begleitern, an deren Spitze Dankmar den Stallmeister Lasally erkannte, vorüber. Es war Dies ein Glück für den bescheidenen Einspänner; denn dem stutzigen Gaul wurde die Gelegenheit zum Durchgehen genommen. Die Cavalcade nahm sie im Vorbeireiten in die Mitte. Die Dame lachte vielleicht über die komischen Capriolen des zügelfreien Thieres und die verlegene Besorgniß der beiden Männer. Mit einem Sprung war Dankmar, als der Gaul glücklicherweise stand, hinaus und griff nach dem Zügel. Mit Verwünschungen gegen den Betrüger, der sie hier so plötzlich im Stich gelassen und ihm auch die Gelegenheit genommen hatte, die Dame zu fixiren, hieb er auf das erschreckte Thier zu und ohne sich weiter um Hackert's Rückkehr zu bekümmern, jagte er auf und davon.

[229] Was hatte nur der tolle Mensch? fragte der Fremde, über das Zusammentreffen aller dieser Vorfälle erstaunt.

Ich sehe, er ist verrückt, antwortete Dankmar.

Ich glaubte diese Eigenschaft schon längst an ihm bemerkt zu haben.

Es erleichterte Dankmarn, seinem Begleiter zu erzählen, wie er an diesen Gesellen gekommen wäre. Als er dabei einen Bericht über den eigentlichen Zweck seiner Reise erstattete und den Schrein erwähnte, den er in Hohenberg verloren und dort suchen wollte, unterbrach ihn der Fremde mit den Worten:

Einen Schrein? Etwa von drei Fuß Länge?

Wie? fragte Dankmar gespannt; allerdings ... etwa drei Fuß Länge ...

Eiserne Bänder an dem Deckel?

Wohl! Und am Boden ...

Zwei Fuß breit mit ausgefelgten Rändern?

Zierlich geschnitzt ...

Auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz ...

Himmel, wo haben Sie diesen Schrein gesehen? Er ist es!

Wo hab' ich ihn gesehen! fragte sich der Fremde selbst. Besinn' ich mich wol, wo mir noch gestern dieser Schrein auffiel!

Ich beschwöre Sie, rief Dankmar, forschen Sie in Ihrem Gedächtniß. Die wichtigsten Angelegenheiten knüpfen sich für mich an diesen Schrein.

[230] Das Kreuz hatte nicht die gewöhnliche längliche Form der Kirche ...

Doch! doch!

Es war ein Malteserkreuz!

Ähnlich!

Ganz recht! Es war ein Kreuz an den Enden mit kleeblattförmigen Rundungen.

Das ist er!

Dankmar war wie auf glühenden Kohlen. Das Pferd hielt er an, da der Fremde ohnehin gewünscht hatte, aussteigen und nach Plessen einen Seitenweg einschlagen zu dürfen. Endlich, als Dankmar fast krampfhaft und erwartungsvoll des Fremden Hand ergriffen hatte, rief Dieser aus:

Ich weiß es. Den Schrein sah ich gestern Abend im Hofe des Heidekrugs auf Schlurck's Wagen.

Auf Schlurck's ...? wiederholte Dankmar und stockte.

Auf Schlurck's Wagen, versicherte der Fremde, der sich ihm in diesem Augenblick in einen Boten des Himmels verwandelte; es war nach vier Uhr. Es dämmerte aber noch sternhell, als ich im Heidekrug ankam. Anfangs wollt' ich die Nacht benutzen und nach einer Erfrischung weiterwandern. Da sah ich im Hof einen Reisewagen stehen, leicht bepackt, elegant. Der Kutscher zündete die beiden Laternen an, als wollte er weiterfahren. Der Wagenschlag hatte eine Chiffre, die mich fesselte. Ich blieb in der Nähe stehen. Ich sah dem Kutscher zu, wie er die Laternen befestigte. Dann ordnete er an seinem Fuhrwerk Dies[231] und Jenes. Unter seinem Sitze hatte sich in einer dort befindlichen Vache Stroh gelockert. Er riß es vollends ab und rief den Hausknecht um neues an. Einen in der Vache liegenden Gegenstand schien er frisch emballiren zu wollen. Bei der Gelegenheit sah ich deutlich jenen Schrein, der mir wegen seiner alterthümlichen Form und des auf ihm sehr zierlich angebrachten Kreuzes, da der Deckel zur Seite lag, auffiel. Ich würde mich an dem Wagen nicht solange verweilt haben, wenn mir nicht das verwischte fürstlich Hohenberg'sche Wappen an dem Schlage und das frisch und lebhaft darunter aufgetragene F.S. aufgefallen wäre. Ich fragte, wem die Kalesche gehörte. Es hieß: Dem Justizrath Schlurck. Ein lebhaftes Interesse, das ich an diesem Namen nehmen muß, veranlaßte mich zu bleiben und hinaufzusteigen in den Saal, wo Sie mich später fanden. Unten rief mich der Kutscher, ein brutaler Mensch, als ich ihm zusah, wie er den Schrein mit frischem Stroh umwand, mit groben Worten an. Ich gedachte meiner Blouse, blieb demüthig und machte die Bekanntschaft Schlurck's, der mir für mein Leben ebenso wichtig ist, als er es jetzt vielleicht auch Ihnen werden kann.

Und auf wessen Zeugniß, fragte Dankmar im Ausbruch seiner jubelnden Freude, auf wessen Namen kann ich mich berufen, wenn ich von Schlurck mein Eigenthum zurückfodern werde?

Muß Dies sein? sagte der Fremde zögernd und stieg von dem Wagen herab, während Dankmar die Zügel stark, aber auch den Fremden sanft festhielt.

[232] Daß Sie der Tischler nicht sind, sagte er dabei, der Tischler, für den Sie sich ausgaben, ist gewiß. Sie müssen mir das Zeugniß ausstellen, daß ich discret war und nicht in Ihr Geheimniß drang. Aber jetzt durch Ihre mir ewig dankenswerthe Entdeckung wird es mir zur Pflicht, Sie um Ihren Namen zu bitten; denn ich weiß nicht, es ist mir, als wenn ich mit dem Finder nicht leichten Kauf haben werde. Schlurck ist ein Mann, der mir vorkommt, als könnte man ohne Zeugen und Proceß kein vor seinen Augen verlorenes Taschentuch wiedererhalten.

Wie der Fremde noch zögerte und mit verlegenem Lächeln sich wegen seines Geheimnisses entschuldigen zu wollen schien, griff Dankmar, der nicht ohne Grund das Beispiel vom Taschentuche gewählt hatte, rasch in seinen Frack und langte das dem Fremden gehörende Tuch hervor:

Hier! sagte er, dieser Verlust muß uns näherbringen.

Mein Taschentuch! bemerkte der Fremde.

Ihr Taschentuch? Wirklich das Ihrige? Das eingestickte Zeichen ... die Krone? E. und die Zahl 100? Wohlan, mein Herr! Ich will Ihnen das Geständniß erleichtern. Tauschen wir unsere Karten?

Damit zog Dankmar sein Portefeuille hervor und überreichte dem Fremden seine Karte.

Dankmar Wildungen, sagte er, indem der Fremde seine Karte las; Dankmar Wildungen, ein obscurer, junger Mensch, Prätendent des Glücks, wo er es findet, ein junger Jurist, Bürger kommender Jahrhunderte, ein Posa, [233] den König Philipp mit dem entschuldigenden Titel: Sonderbarer Schwärmer! entlassen haben würde, wenn er gerade in der Laune gewesen wäre, einmal von seinen Autosdafé sich auszuruhen.

Nun denn, Sie junger, lieber Malteser! sagte der Fremde, so will ich Ihr Carlos sein; unter der Bedingung, daß Sie feierlichst geloben, mich nicht zu kennen, wo Sie mir hier auch in und um Hohenberg begegnen werden ....

Mein Ehrenwort genügt! sagte Dankmar mit ernstem Nachdruck.

Lassen Sie uns Freunde bleiben, fuhr der Fremde fort. Ihre Offenheit kam aus edlem Herzen. Der Menschheit kann eine Zeit nicht verloren gehen, wo noch solche Flammen lodern wie in Ihrem Herzen, selbst wenn sie sich und Ihre Träume verzehren sollten. Aber nochmals ...

Schwören soll ich? sagte Dankmar lächelnd. Wobei wünschen Sie?

Der Fremde schüttelte den Kopf. Er hatte ein elegantes Portefeuille geöffnet, Dankmar's Karte hineingelegt und die seine hervorgezogen. Er überreichte sie Dankmarn mit einem herzlichen Händedruck, klopfte, wie zum Abschiede und Dank dem Gaul ein paar mal auf den schweißgebadeten Rücken und verschwand dann rasch hinter einem ganz in der Nähe befindlichen Gebüsch, von dem sich nach Plessen zu ein kleiner Fußweg durch die Wiesen schlängelte.

Als Dankmar, unendlich glücklich über die vorläufige Beruhigung wegen seines ihm so werthvollen Verlustes, [234] vorzog, nun erst am Fuß des Schlosses Hohenberg über Nacht auszuruhen, bis er zu der ihn jetzt magnetisch wieder zurückziehenden Hauptstadt umkehrte und er dann in leichtem Trabe nach dem unter dem Schlosse Hohenberg friedlich von der Abendsonne beleuchteten Flecken hinabfuhr, las er auf der Karte einen Namen, der ihn nach Allem, was er seither auf dieser Reise selbst erfahren und von Andern erzählt bekommen hatte, auf das angenehmste überraschen mußte. Die Visitenkarte lautete ganz einfach:Le Prince Egon de Hohenberg. 7 Rue d'Auteuil.

[235]
10. Capitel. Der Gläubiger vom Throne
Zehntes Capitel
Der Gläubiger vom Throne

Das Schloß Hohenberg liegt auf dem ersten Vorsprung eines allmälig oberhalb des Fleckens Plessen sich erhebenden, unten mit Wiesen, oben mit Tannenwäldern bedeckten nicht unansehnlichen Bergrückens. In einem etwas schnörkelhaften Stile gebaut, besteht es aus einem dreistöckigen Hauptgebäude mit zwei fast gleich hohen hervorspringenden Seitenflügeln. Beide Flanken sind vorn durch ein etwas verwahrlostes, aber einst kunstvoll aus getriebenem Eisen verfertigtes Gitter verbunden. Das fürstlich Hohenberg'sche Wappen aus verwittertem Sandstein gehauen, ziert oberhalb des Säulenportals die Spitze der über den Fenstern mit behelmten Römerköpfen gezierten Hauptfront. Im untern Stock gehen die Fenster wie Thüren auf den gepflasterten schattigen Hof, den in schöneren Tagen Orangenbäume zierten in großen buntgestrichenen Kübeln. Nach dieser durch große grüne Holzjalousieen noch gehobenen sehr stattlichen Vorderseite ist der emporgehende Fußweg unmittelbar von der Kirche und dem Pfarrhause zu Plessen her ziemlich steil. Sanfter aber dacht sich nach hinten der Berg so abwärts, [236] daß man von dorther mit einem Umweg, der gleichfalls an der Vorderfront mündet, auch zu Wagen sehr bequem in dies einfache würdige Schloß gelangen kann.

In den Zeiten der Fürstin Amanda, besonders als sie durch ihren religiösen Hang noch nicht zu sehr zur Verachtung der Weltfreuden verleitet war, übertraf die hintere Seite des Schlosses noch die stolze vordere beiweitem an traulicher Wohnlichkeit. Dort schloß sich dem Bau unmittelbar ein kunstvoller Garten an. Die Fenster des Erdgeschosses waren im Sommer geöffnet und führten unmittelbar aus etwas steif gegipsten und bemalten, aber doch anmuthigen Sälen ins Freie. An den Fenstern, wo große hellgrüne Vorhänge sich niedersenkten, wohnte die Fürstin im Sommer selbst und hatte um sich den ganzen Reichthum von Erinnerungen und Andenken, die sie so sehr liebte, ausgebreitet. Damals standen in dem von einem plätschernden Springbrunnen heiter belebten schattigen Quadrat des hintern Hofs und besonders an der Spitze des einen Flügels (während an dem andern sich einige unerläßliche Wirthschaftsgebäude anlehnten) kleine gefällige Statuen auf zierlichen Postamenten. Ein wohlunterhaltenes grünes Heck zeigte an, daß hier die stille trauliche Gartenwelt der Besitzerin begann, zu der die Abends und Morgens geöffneten Fenster dieses Flügels unmittelbar den Eintritt erlaubten. Auf leichten, vom Regen zwar verwitterten, aber doch bequem ebenen Steinstufen kam man, während sich links am kleinen Anbau der Fahrweg hinunterschlängelte, rechts in diesen [237] wohlgehaltenen, terrassenförmig sich abdachenden Garten, von dem aus dem Bassin des obern Springbrunnens herab ein künstlicher Wasserfall sich in immer behendern Sprüngen bis in das Bächlein ergoß, von dem die plessener Mühlen getrieben wurden, die liebliche, baumbeschattete Ulla, die aus dem Ullagrunde herunterhüpfte. Diese Welt war schön. Die Natur bot der nachhelfenden Kunst die Hand, um sie liebevoll ansichzuziehen. Während rings die Berge schweigsam und feierlich herniederblickten, aus der Ferne Glocken läuteten, die Kühe auf den grünen Wiesenabhängen am Fuße der Berge weideten, war auch das Nächste hier innig und das Herz erhebend. Diese nähere Umgebung des Schlosses war halb ein Park, halb ein Garten. Man hatte Das, was die Natur bot, nur geordnet und zur Unterlage der Kunst gemacht. Da standen Beete von stolzen Feuerlilien und violetten Iris dicht unter einem Gebüsch von Hängeweiden, das man nicht erst zu pflanzen nöthig gehabt hatte. Da schimmerten weiße Birken neben Rosen oder diese rankten sich freigelassen an eine einsam stehende Tanne empor und umschlangen den trauernden Winterbaum so zärtlich, als wollten sie ihn tröstend erheitern mit duftender Frühlingsumarmung. Dann kam zum Ausruhen und Genießen gleich eine steinerne Bank dicht unter dem Schatten einer Hollunderhecke, die in sich selbst einen artigen Versteck barg, wenn man nur in den dicht zusammengewachsenen Zweigen genauer forschen wollte und den Eingang da suchen, wo man ihn am wenigsten vermuthete. Jetzt lag [238] auf der Steinbank freilich Moos und Verwitterung. Die Spuren des letzten Regens blieben tagelang in dem Gestein, bis sie verdufteten oder eingesogen waren. Aber man fand doch auch neuere, grüngestrichene hölzerne Ruheplätze. Zu den Feldern und Wiesen abwärts hin, die dann wieder zu dem höhern und waldumkränzten Gebirge hinauf sich lehnten, dehnte sich der Garten in die Breite, aber noch immer ebenso traulich wie oben auf den sich allmälig abdachenden Terrassen. Da lag das von wildem Wein ganz eingehüllte Haus des Gärtners, lagen Treibhäuser, Ställe, Remisen, aber Alles versteckt durch sorgsam gepflegte Anpflanzungen. Eine Mauer, dann und wann von einem Graben oder einem alten Gitterwerk unterbrochen, umzog hier die ganze Besitzung. Freilich entdeckte man gerade auch hier die meisten Spuren des Verfalls. Ein Wasserbassin, eine ehemals gewiß lustig und schwatzhaft genug belebt gewesene Volière mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und ausgeflogenem Gefieder, kleine Pavillons, Postamente, auf denen Götter standen, die wol schon in den letzten Zeiten der Fürstin Amanda verschwanden, alles Das hatte sein früheres Leben verloren und stand wie müßige Denkmale des Vergessens da. Aber besonders gefällig ist doch noch immer ein kleiner Tempel am Rande der Grenzmauer, von dem aus man die Aussicht halb in die Thalebene, halb in das Gebirge genoß, das hier ein Echo wiedergab. Um sich mit dem ursprünglich heidnisch gedachten Bau dieses Tempels zu versöhnen, hatte die Fürstin, die ihn liebte, ein[239] schönes, noch wie neu strahlendes goldenes Kreuz auf der runden Kuppel errichten lassen. Hier, erzählte man, hatte sie stundenlang gesessen und die Grüße der Vorübergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen strengen Ernst erwidert, als wollte sie Jedem tief hinunter in den Grund der Seele blicken und fragen: Bist du auch nicht etwa dir selbst gerecht, oder fühlst du, daß du nur durch die Gnade Gottes lebst? Hier hatte sie Greise, Männer, Frauen, Kinder angehalten, nach ihren Schicksalen, Wünschen und Hoffnungen befragt und sie oft mit Unterstützungen, immer aber mit einem Fingerzeige auf den Erlöser, der Alles zum Besten kehren würde, entlassen. Dabei las sie meistens ein Buch ihres gewählten Geschmacks, blickte über die Gitter des Tempels zum düstern Walde hinüber, wo die Ulla aus den grünen Berglehnen hervorbrach, ließ die alte Brigitte hinter sich plaudern, nahm des alten Winkler Berichte über die Gartenanlagen entgegen und hob sich doch, obgleich sie bei noch nicht funfzig Jahren sehr krank war, immer höflich empor, wenn der Pfarrer, Guido Stromer, ihr täglicher Umgang, zur gewohnten Stunde eintraf. Als sie unter diesem durch das goldene Kreuz entsündigten heidnischen Tempel nicht mehr sitzen, die Vorübergehenden nicht mehr grüßen und im Herrn ermahnen konnte, nahte sich ihr Ende auch in raschen, von dem drüben in Randhartingen wohnenden Doctor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten.

Hier, in der Nähe dieses nun heute vom Abendlichte besonders schön angestrahlten Tempels, erblickte man [240] noch die meiste Pflege der im Ganzen verfallenen und vernachlässigten Besitzung. Der alte Gärtner Winkler, der für einen Gärtner galt, weil ihn die Fürstin in den Zeiten, wo schon ihr Sinn für die geschmückten Schönheiten der Natur zu ersterben anfing, für einen Gärtner nehmen wollte, der alte Winkler, sonst nur in jungen Tagen ihr Kammerdiener (in den Tagen der Hoffahrt, wie sie sie nannte), hatte den Gartenrechen in der Hand und zog mit Zittern und kaum sich aufrechthaltend im Sande die kleinen Striche, die hier Pflege und Ordnung bedeuten sollten. Die alte Brigitte, sonst die allgewaltige Beschließerin des Hauses, sah ihm, auf einer Bank sitzend, zu und seufzte einmal über das andere. Sie wehklagten, was ihnen Beiden die nächste Zukunft bringen würde. Noch war Brigitte schwarz gekleidet, noch trug sie die Trauerkleider über die vor zwei Jahren heimgegangene Gebieterin, die ihr testamentarisch angefertigt wurden, trotzdem, daß es an solchen düsterfarbenen Kleidern im Nachlaß der Fürstin nicht fehlte .... Die Trauer sollte echt sein und aus der Fülle des Herzens fließen .... Der alte Winkler aber nahm sich in seiner hellblau-rothen Hohenberg'schen Livrée schon recht abgeschabt und verkommen aus.

Gott walt' es, sagte die alte Brigitte; der Herr hat die Haare auf unserm Haupte gezählt ....

Der schon etwas kindisch gewordene Gärtner entblößte seinen kahlen Scheitel, auf dem keine Haare mehr standen, und meinte auch:

Ja, ja; er hat die Haare auf unserm Haupte gezählt ...

[241] und kein Sperling fällt vom Dache ohne seinen Willen; setzte er hinzu.

In dieser Weise hatten die Dienstleute der Fürstin Amanda sich auszudrücken gelernt.

Wenn sie uns hinausstoßen, begann Brigitte mit praktischer Anwendung .... Was thun wir? Wer nimmt uns arme Sünder auf?

Der Herr wird ihre Herzen lenken, meinte der alte Gärtner. Und der Prinz wird's nicht geschehen lassen ....

Ich hab' ihn auf meinen Knieen geschaukelt ... er wird's aber vergessen haben ....

Er wird's nicht vergessen haben ....

Als er vor sechs Jahren noch einmal da war, sah er uns nicht mehr an ....

Sah er uns nicht mehr an ...

Er war noch zu jung ....

War noch zu jung..

Sein Herz lag noch im Argen ....

Es lag im Argen ....

Die Fürstin sah's wohl ....

Die sah's wohl ....

Und sie weinte darüber ....

Der alte Winkler bestätigte alle diese rhapsodischen Bemerkungen und weinte auch, als Brigitte die Schürze nahm, um sich das Auge zu trocknen.

Aber die Fürstin sagte doch, fuhr dann nachdenklicher die alte Beschließerin fort, sagte doch: Auch seine Stunde wird schlagen ....

[242] Sie wird schlagen ...

Und die Erleuchtung kommt von oben!

Kommt von oben! wiederholte Winkler und harkte wieder und fügte sich wieder in Geduld und überließ wie immer die praktische Seite ihrer Verhältnisse der geisteskräftigern Brigitte.

Wie die alten Diener des Hohenberg'schen Hauses, für die der verstorbene Fürst, der berühmte Generalfeldmarschall Waldemar von Hohenberg, wenig ge sorgt zu haben schien, noch so ihre bangen Sorgen aussprachen, welche Zukunft ihnen bei dem rathlosen Zustande der Verwaltung dieser schönen Besitzungen werden würde, redete sie plötzlich ein langer, feingekleideter, mit steifer Haltung einherschreitender Herr an und lächelte dabei mit einem sonderbaren Ausdruck.

Excellenz! riefen Beide erschrocken aus einem Munde und wandten sich bestürzt um.

Der lange Herr nickte sehr gnädig und ging ruhig lustwandelnd auf dem frisch geharkten Wege, ihn mit seinen Fußstapfen vertretend, weiter.

Das wäre eine Herrschaft für uns, sagte die alte Brigitte, als dieser lakonische Herr vorüber war und Winkler sich anschickte, wieder jene Fußstapfen zu überharken .... So vornehm, so apart! O die Zeit, da nur solche Menschen hier verkehrten! Ja, ja, Das ist eine Excellenz!

Hochmuth kommt vor dem Falle! meinte Winkler.

Er hatte eine Meinung geäußert, die jedoch hierher nicht zu passen schien.

[243] Wie so Hochmuth? meinte Brigitte, die in dieser selbständigen Antwort nicht viel Vernunft fand.

Als der Alte schwieg, schüttelte sie den Kopf und flüsterte vor sich hin:

Er wird recht schwach!

Der Gärtner hatte kaum die Fußstapfen des Mannes, den sie so ehrerbietig mit Excellenz begrüßt hatten, ausgeglichen, als diese gemessene steife Figur wieder zurückkehrte. Brigitte stand wieder auf, knixte wieder, Winkler zog wieder sein Käppchen und Beide sagten wieder:

Excellenz!

Der große zugeknöpfte Herr nickte herablassend mit dem kleinen Kopf, blieb, ohne etwas zu sagen, einen Augenblick stehen und entfernte sich mit einem Ausdruck, als wollte er äußern: Ich freue mich, daß ihr mir die Hochachtung erweist, die ihr meinem Stande schuldig seid! Doch sagte er nichts, sondern schwieg und lächelte.

Brigitte setzte sich und der geduldige Winkler harkte zum zweiten mal die Fußstapfen der Excellenz aus ....

Wenn's nach mir ginge, meinte Brigitte, ich wünschte, so eine Excellenz kaufte das Schloß ....

Kann man das Schloß kaufen? meinte Winkler, plötzlich ganz verdutzt.

Natürlich kann es Einer kaufen. Aber reich muß er sein, fuhr Brigitte fort, ohne auf die Narrheit der Winkler'schen Einwürfe zu hören. Der wär' es da! Sein Bedienter ... der [244] Franz ... hat's gesagt; die Meubles alle kauft er schon; aber für den König.

Für den König? die Meubles? verwunderte sich Winkler und mit Recht.

Alle Schlösser vom König hat ja die Excellenz da zu regieren, erklärte Brigitte.

Wer regiert die Schlösser? fragte Winkler.

Der da! Und alle Gärten! fuhr Brigitte fort. Alle Schlösser und Gärten des Königs und viele hundert Gärtner und Gärtnermädchen stehen unter ihm ....

Jetzt bekam der alte Mann einen Einfall. Nun fühlte er sich. Er glaubte mit seinem verwilderten Garten, der doch so schön grün noch aussah, der doch soviel bunte Blumen noch trieb, eine Ehre einzulegen, vielleicht Anerkennung, Beförderung zu finden. Aber bis zu dem Muth, Frau Brigitte aufzufodern, sich nach des vornehmen Herrn, den sie nur als Excellenz kannten, Namen zu erkundigen, die Idee auszusprechen, ob er nicht noch ein Plätzchen im Staatsdienst offen hätte für eine alte zitternde Gärtnerhand, soweit reichte sein, wie man wol annehmen kann, durch die formelle Religionsübung und die systematische Selbstbeschränkung verengter Horizont nicht, obschon ihm in der That die Auszeichnung zutheilwurde, daß der herablassende vornehme Herr zum dritten male zurückkam, wieder den geharkten Weg zertrat, wieder sich eines beifälligen Nickens befleißigte, endlich aber doch mit Kennermiene sich als ein mit Sprachwerkzeugen begabter Sterblicher zeigte und dahin [245] äußerte, daß er ganz kurz und gar leise, gar leise die Worte flüsterte:

Schön geharkt! Richtiger Strich Das! Seid's braver Gärtner! Kenne Das! Schön geharkt! So fortgefahren! Brave alte Leute!

Brigitte dankte für sich und für den alten Winkler, der ganz sprachlos vor Spannung dastand und die leisen Worte nicht gehört hatte.

Ach, Excellenz sind gar zu gnädig, ergriff sie, sich Muth fassend, rasch das Wort; gar zu gnädig gegen uns geringe Leute. Gott wird Excellenz dafür lohnen, zeitlich und ewiglich, denn bei Dem da oben gilt kein Ansehen der Person. Aber wenn Excellenz (die vorige Phrase choquirte weder ihn noch sie), wenn Excellenz das ganze Schloß kaufen sollten und nicht blos das Mobiliar der in Gott ruhenden Fürstin, der ich funfzig Jahre treu gedient habe, wenn Excellenz dann zwei alte Diener nicht verstoßen möchten, die jeden Riegel hier im Schlosse kennen –

Schön geharkt! Richtiger Strich! Braver Gärtner! Ich kenne Das!

Diese Worte waren Alles, was der vornehme Herr, sie unterbrechend, als Antwort gab. Er lächelte dabei sehr herablassend und ging, nachdem er Winkler und Brigitte auf die Schultern geklopft hatte, vorüber, ohne sich auf ein Dienstgesuch einzulassen, daß man ihm wahrscheinlich schriftlich einreichen mußte. Ein Gefühl, daß er da Menschen zurückließ, von denen er mit vollem Rechte [246] annehmen durfte, daß er sie außer ordentlich glücklich gemacht und durch seinen Beifall mit einer der angenehmsten Hoffnungen für ihre noch kurze Lebenszeit erfüllt hatte, überkam ihn dabei wol mit einschmeichelndem Behagen, aber nur flüchtig, nur obenhin.

Dieser vornehme Herr war nun, wie wir bald bestätigt erhalten werden, Se. Excellenz der Herr Intendant sämmtlicher königlicher Schlösser und Gärten, eine im Lande wohlbekannte und gefürchtete Persönlichkeit, der wirkliche Geheimrath Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein, zweiter Sohn jenes neunzigjährigen Obertribunalpräsidenten, der bei Tempelheide mit Anna von Harder, der Witwe seines ersten Sohnes, in so stiller Zurückgezogenheit lebte. Der neunzigjährige Hohepriester der Themis hatte bekanntlich zwei Söhne; einen feurigen, höchst talentvollen, unternehmenden, aber früh verstorbenen, den Gatten eben jener Anna von Harder, die Frau von Trompetta als ein so seltenes Muster edler Weiblichkeit gerühmt hatte und nach Allem, was wir jetzt schon von ihr wissen, ein solches wol auch sein mußte. Der jüngere dagegen war diese sogenannte »junge Excellenz von Harder«, die nicht ganz in die Richtung des Harder'schen Hauses paßte. Der alte Vater war ein scharfsinniger und sehr bedeutender Kopf, dem der ältere Sohn in jeder Hinsicht entsprach; der Jüngere dagegen, früh etwas verwöhnt, wurde durch einen Zufall, den der Vater ewig bereute, für den Hof erzogen, war anfangs Kammerpage, dann Kammerjunker, zuletzt Kammerherr und hatte [247] keine andere Bildung sich angeeignet als die, die er auf Reisen mit dem verstorbenen Monarchen, dem Vater des jetzt regierenden, sich sammeln konnte. Es war durch die Richtung, die der Kammerherr Kurt Henning Detlev von Harder nahm, eine große Spannung zwischen Vater und Sohn eingetreten. Berührungen fanden seit Jahren zwischen ihnen nicht mehr statt und konnten es um so weniger, als sich der wunderliche alte Herr nur auf seine Gerechtigkeitsübung beschränkte, in frühern Jahren allenfalls noch nebenbei die Maurerei, die er sehr liebte, eifrig trieb, gegenwärtig aber auf seine sonderbaren psychologischen Studien über die Thierseele, die ihn von den Menschen ganz abzog, sich beschränkte. Spötter bei Hofe, die den später zum wirklichen Geheimrath und Intendanten der königlichen Schlösser avancirten Kammerherrn von Harder nach seinem Geistesgrade kannten, behaupteten, daß sein Vater, als dieser sein Sohn von Reisen mit dem verstorbenen Landesfürsten und besonders von einer mehrjährigen Abwesenheit in Paris zurückkehrte, gerade durch das Wiedersehen desselben auf die Idee gekommen wäre, sich künftig nur noch mit den Geistesanlagen der Thiere zu beschäftigen. Ehemalige Spötter behaupteten Das. Denn wie wir bald sehen werden, in der Nähe des gegenwärtigen Herrscherpaares durften sich solche Plaisanterien, Wortspiele und kleinen Frivolitäten nicht mehr hörbar machen. Nach anderer Version verdankte Henning von Harder seine Stellung nicht den Rundreisen mit dem verstorbenen Monarchen, [248] sondern dem eminenten Geiste seiner Gattin, die zufälligerweise auch seine Schwägerin war. Die beiden Harders hatten Schwestern geheirathet, die geborenen Freiinnen Anna und Pauline von Marschalk. Wie Dem auch sein möge – die Zukunft wird uns über diese in unsere Geschichte eingreifenden Persönlichkeiten Aufklärung geben – wie Dem auch sein möge, Se. Excellenz der Geheimrath von Harder war auf dem Schlosse Hohenberg alsGläubiger vom Throne erschienen und hatte in der That den Befehl zu vollziehen, sich das Mobiliar der verstorbenen Fürstin Amanda vollständig anzueignen.

Fürst Waldemar von Hohenberg, der Verstorbene, zu allen Zeiten Verschwender und geldbedürftig, verkaufte nach einer Sinnesart, die wir noch deutlicher werden kennen lernen, auf seinen Gütern das Ei unterm Huhne und wie dann auch das Huhn dazu, so auch sogar die letzten Erinnerungen an seine Gattin. Zu diesem Schritt entschloß er sich einige Wochen vor seinem vor drei Monaten erfolgten Tode. Wie die Intendantur der königlichen Schlösser eigentlich darauf kam, sich so geflissentlich diesen Erwerb anzueignen, war dem Publicum noch ein Räthsel. Die Einen fabelten von einer wunderbaren Einrichtung, die jedoch Andere gänzlich in Abrede stellten. Viele sagten, die Einrichtung der Fürstin Amanda von Hohenberg war zwar nicht kostbar, aber sie war sinnig und geschmackvoll. Sie liebte Rococomöbeln, sagten die Einen. Im Gegentheil berichtete Frau von Trompetta (und sie, die zu den Wenigen gehörte, die Hohenberg[249] besucht und sich der verschollenen frommen Fürstin manchmal erinnert hatten, konnte es wissen); im Gegentheil, ihre Wohn-, Schlaf- und Betzimmer wären ganz in altdeutschem Geschmack gewesen: man fände daselbst nur große Tische und gewaltige Schränke mit gewundenen Füßen und Säulen, Alles pechbraun oder rabenschwarz gebeizt; ausgezeichnet, gestand sie zu, sind die Gegenstände, die auf einem rings an den Wänden angebrachten zierlichen Holzsimse ständen. Da sähe man Schnitzarbeiten von Elfenbein und Hirschhorn, gußeiserne Crucifixe, das Abendmahl von Leonardo da Vinci aus Wachs bossirt, ein Meisterstück von einem tiroler Mönche .... Ja! fügte die Trompetta in ihrer Weise erregt hinzu, und der vielen Lithophanieen an den Fenstern und all der bunten Glasbehänge nicht zu gedenken, die ihren Zimmern einen wahrhaft heiligen, das Gemüth sanft zur Ruhe wiegenden Dämmerschein gaben! Nach dieser Mittheilung der Frau von Trompetta kam dann eine mysteriöse Schalkheit dieser Frau. Frau von Trompetta, behauptete man, hätte bei einer Audienz, wo sie die Königin zur Theilnahme an einem neu von ihr begründeten Kleinkinderbewahrinstitute aufgefodert, sich erlaubt, der erlauchten hohen Dame eine solche Schilderung von Hohenberg zu entwerfen, daß diese eine große Neigung faßte, die Hinterlassenschaft zu erwerben. Man liebte ja bei Hofe die Dämmerungszustände .... Man hüllte sich ja so gern in diese bunten Lichter des Räthselhaften und Ahnungsvollen ein .... General Voland von der Hahnenfeder, [250] der berühmte militairische Diplomat, hatte ja den Hof und dessen Liebhabereien mit seinen Sammlungen von Glasmalereien, Elfenbeinschnitzarbeiten, Handschriften ganz in der Gewalt und auch für diese Idee, obgleich sie vielleicht von der ihm nicht sehr zusagenden quecksilbernen Frau von Trompetta angeregt, von dem geistreichen artistischen Tonangeber, dem Probste Gelbsattel, den Voland wie alles lutherisch Kirchliche nicht gern zu üppig und breit aufkommen ließ, unterstützt war, lautete sein Votum doch durchaus empfehlend. Für den Leonardo da Vinci aus Wachs hatte Voland sogar schon einen Platz in der Privatkunstkammer des Königs, wo bereits mehre Kunstwerke standen, die Voland bei seinen Reisen durch österreichische Klöster gesammelt hatte. So vermutheten die Tiefern, die Bedeutenden und Ahnungsvollen .... Doch gestehen wir, daß es auch noch eine andere sehr nüchterne, kalte und rationalistische Partei bei Hofe gab, die diese Acquisition ganz vom finanziellen Standpunkte beurtheilte. Diese sahen eine dem überschuldeten Fürsten Waldemar von Hohenberg aus der königlichen Chatulle gezahlte Summe von dreitausend Thalern rein als eine einfache Unterstützung an, die man dem vom höchstseligen Landesfürsten abgöttisch verehrten tapfern Husaren Waldemar von Hohenberg, einem der glorreichsten Haudegen der Armee, in dieser harmlosen Form wollte zufließen lassen, und darauf das Mobiliar der Fürstin als eine Verpfändung. Um den Bruder des Königs, den Prinzen Ottokar, der den Oberbefehl der Armee führte, [251] gruppirten sich Diejenigen, die sich für diese nüchterne Auslegung verbürgen wollten und die Mission des Geheimraths Henning von Harder zu Harderstein als eine einfache, nur dem königlichen Kämmerer, der die Chatulle verwaltete, bekannte finanzielle Eintreibung einer verfallenen Schuld ansahen.

Dann begreif' ich aber nicht, hatte Bartusch, das Factotum des Justizraths Schlurck zu diesem noch vor einigen Tagen auf Schloß Hohenberg gesagt, dann begreif' ich nicht, wie Herr von Harder mit so ungestümer Eile, mit so ängstlicher Sorgfalt von dem Inhalt dieser drei Zimmer Besitz nehmen konnte. Wie rasch die Siegel an die Zimmer gelegt wurden! Kaum, daß der Fürst die Augen geschlossen, lag schon das Siegel der Hofkanzlei auf Thür und Fenster. Jetzt, statt einfach einen Commissar zu senden und den Inhalt auf Treu und Glauben verladen zu lassen für dasjenige Schloß, wohin jene Schnurrpfeifereien nun bestimmt sein mögen, kommt die Excellenz da mitten in der Nacht in höchst eigener Person, einen Tag darauf folgt ein großer Meubles- und Transportwagen, wie für ein Paar Elefanten, und jetzt soll Einer die Angst sehen, mit der zwei Bediente über die drei Zimmer wachen, daß auch nicht eine Stecknadel hinaus kann. Was steckt dahinter?

Sie kennen, hatte dagegen Schlurck zu seinem treuen Bartusch gesagt, Sie kennen die ängstliche Gewissenhaftigkeit dieses musterhaftesten aller Staatsdiener. Henning von Harder, der nichts von Dem sehen und hören will, [252] was die närrische Pauline in seinem Hause täglich anrichtet und in der Welt schon Alles angerichtet hat, weiß dennoch mit genauester Bestimmtheit, ob gerade in dieser Minute ein Rhododendron in dem königlichen Schlosse zu Buchau am Rheine blüht oder geblüht hat oder blühen wird. Dieser Mensch ist eine Uhr. Im Gefühl seiner Pflicht einmal aufgezogen, schnurrt er sich in mathematischer Genauigkeit Minute um Minute ab, bis er sich mit dem Gefühl seiner Würde wieder neu aufzieht und wieder da anfängt wo er geendet hat.

Hm! Hm! Hm! hatte damals der kluge und schlaue Vertraute aller Schlurck'schen Geheimnisse für sich in den Bart gebrummt und dann noch diese oder jene Vermuthung einstreuen wollen ..... Schlurck aber hatte kurz vor seiner schnellen Abreise nach der Residenz einfach die Weisung gegeben:

Bartusch, behandeln Sie die Excellenz mit all der Achtung, die ihrem einflußreichen Stande, noch mehr aber der gefährlichen Intrigue seiner uns sonst innigst zugethanen Frau gebührt! Ich würde fürchten, nicht mehr lachen zu können, wenn diese leicht verletzbare Frau, die mich jetzt verehrt und schätzt, zufällig meine Feindin würde. Lassen Sie ihn die besten Zimmer bewohnen, bieten Sie den beiden Schlingeln von Bedienten die freundlichsten Worte und getrost soviel Wein wie sie wollen. Mein Princip ist auch das, immer die Häuser von unten aufzubauen. Wissen Sie noch, Bartusch, ich habe darüber einmal in der Loge zu den drei Triangeln eine Rede gehalten, als das[253] beste Princip aller zünftigen und unzünftigen Maurerei? Mit der übrigen Gesellschaft, die sich hoffentlich auch bald verzieht, wird sich der vornehme Herr wenig in Gemeinschaft setzen. Darauf aber mach' ich Sie aufmerksam: Einen gewaltigen Fehler hat er – alle königlichen Gärtnermädchen wissen davon zu erzählen – der schon alte Knabe ist sehr verliebt. Melanie liebt Späße ... und die, hoff' ich, werden nicht in Ernst ausschlagen. Ich will keinen Kastellanposten in Buchau oder Sansregret oder Solitude haben, verstehen Sie, Bartusch! Sagen Sie Melanie Das: Ihr Vater will nicht königlicher Schloßkastellan werden. Und noch Eins! wenn die Zimmer geöffnet sind, so behalten Sie ...

Die Familienbilder, fiel Bartusch mit Nachdruck ein.

Wohl, sagte Schlurck, die Familienbilder. Denn die Clausel steht in der Verkaufsurkunde: die Familienbilder gehen sämmtlich an den Prinzen Egon zurück.

Damit hatte sich Schlurck seinem treuen Geschäftsbeistand Bartusch empfohlen und in der That raffte Dieser, ein sonst nicht sehr glatter, wenn auch geriebener Weltmann, alle ihm ungewohnten, nur aus alten dienenden Zeiten ihm erinnerlichen Höflichkeitsformen zusammen, um gegen den Intendanten der königlichen Schlösser und Gärten möglichst unterwürfig zu sein. An diesem Morgen, nach Schlurck's rascher durch irgend ein ihm unbekanntes Erlebniß veranlaßten Abreise hatte Herr von Harder die drei Zimmer öffnen und mit Unterstützung des Justizdirectors von Zeisel, der unten in Plessen wohnte, ein [254] Inventar aufnehmen lassen, das mit dem vom Fürsten Waldemar vor nunmehr etwa fünf Monaten übergebenen verglichen wurde und stimmte. Das Geschäft war im Laufe des Vormittags beendigt. Die Verpackung sollte morgen vorsichgehen und den Tag darauf wollte Herr von Harder abfahren, als Sauvegarde jenes ungeheueren Transportwagens, der unten noch im Dorfe stand. Man hätte glauben sollen, die unruhige Gesellschaft, die eben das Schloß bewohnte, müßte ihm bei dieser wichtigen Staatsaction sehr störend gewesen sein und Bartusch, der eben zu ihm herantrat, als er die alte Brigitte und den greisen Winkler durch seine Herablassung so glücklich gemacht hatte, sagte auch:

Ew. Excellenz werden froh sein, endlich einmal einen ruhigen Augenblick genießen zu können.

Der Intendant lächelte und meinte bedeutungsvoll:

Hm!

Bartusch entschuldigte den verwahrlosten Zustand des Gartens, der einem Kennerblick gewiß sehr misfallen müsse.

Hm! Hm!.. Bleiben recht lange aus; war darauf die ganze Antwort.

Bartusch wußte aus Schlurck's großer Praxis, daß vornehme Menschen selten auf Das Acht haben, womit sie Einer zu unterhalten sucht, und ahnte sogleich, daß Excellenz einen andern Gedankengang verfolgten. Es war, Das sah er wohl, die Cavalcade gemeint, der Dankmar im Walde begegnet war.

[255] Excellenz werden doch den kleinen Abendcirkel durch Ihre Gegenwart verschönern, bemerkte Bartusch unterthänigst.

Abendcirkel? wiederholte der Intendant. Wie gestern so etwas? Hm! Gesellschaft – ein Bischen gemischt – Was?

Leider! sagte Bartusch, sich dem wandelnden und zuweilen nach der an der Mauer sich hinziehenden Straße hinausblickenden Cavalier anschließend. Das bemerk' ich nirgend mehr als in meinen Büchern, wo wir nun diese schreckliche Confusion einer höchst zerrütteten Verlassenschaft zu ordnen haben. Da stehen Jud' und Christ nebeneinander, Civil und Militair, Kaufmann und Handwerker, wer nur was zu geben hatte und sechs Procent von dreieinhalb unterscheiden konnte.

Der Intendant lächelte wieder und meinte:

Recht schlimmer Herr gewesen – der Fürst Waldemar Durchlaucht; – aber viel Bravour im Kriege gehabt – hoch gespielt in den Bädern – aber – höchstselige Majestät ihn sehr geliebt – bewundernswürdiges Attachement gewesen ....

Und die Damen, nicht wahr, Exzellenz? bemerkte Bartusch lauernd. Auch davon wissen die Bücher in Zahlen zu erzählen, die in alle Brüche gehen.

Der Intendant erwiderte hierauf blos ein schmunzelndes Lächeln, was indessen einer jener Gesichtszüge war, mit denen er in gewissen Fällen Ermuthigung bezeichnen wollte.

Die Tänzerin Persiani! sagte Bartusch; die Polin Sobolewska[256] – die Kunstreiterin La Houppe – die drei Wandstablers – Dore, Flore, Lore –

Ein leichtes Meckern, ziegenartig, verrieth, daß Excellenz sich dieser Namen wohl erinnerten und piquanten Antheil nahmen. Doch schien sie das Gehen zu echauffiren. Herr von Harder nahm den feinen weißen Castorhut ab und strich einige mal sehr behutsam über seine außerordentlich glatt anliegende Tour vom glänzendsten pariser Bagnohaar ... ein sehr schönes südeuropäisches Schwarz bezieht man mehr aus Toulon als aus Brest ... Herr von Harder war zwar schon in den Sechzigen, doch hatte er sich Haltung und Wesen eines beiweitem jüngern Mannes bewahrt und konnte auf den ersten Blick jeden Prüfer zweifelhaft lassen, ob er ihn der noch anspruchsvollen, unternehmenden Generation zurechnen sollte oder der schon entsagenden.

Er fing nun von der »Gesellschaft« an.

Da ist eine Frau von Pfannenstiel ... Wer ist Das? fragte er.

Madame Pfannenstiel? antwortete Bartusch achselzuckend; Wirthschaftsräthin.

Nicht üble Frau – ein bischen dumm. Was?

Excellenz wissen in diesem Punkte gewiß das Richtige zu treffen ....

Aber reich?

Leider!

Wie so leider?

Weil sie Geld hat, ist sie hier. Dumme Menschen sind [257] lästig. Mir wäre lieber, ihr Mann wäre da. Es läßt sich leben mit ihm.

Warum ist der Mann nicht da?

Wagt's nicht. Da er früher hier wirthschaftete und das Volk geschunden hat, wie seinen armen Fürsten, so traut er sich nicht herzukommen.

Ah! ... Madame Schlurck ist eine charmante Frau ... fuhr der Geheimrath fort, der nun gesprächiger wurde.

Bartusch schlug die Augen nieder, aus Gründen, die der Geheimrath nicht zu kennen schien und die auch wir erst später kennen lernen werden.

Die muntere Blondine ... sehr charmant ....

Frau von Sänger ....

Frau von? ...

Frau von Sänger, die dritte Gemahlin des alten ehemaligen Rentmeisters von Sänger. Sind nach Randhartingen zurückgereist.

Wohin?

Randhartingen, Excellenz! Dort hinüber – zwei Stunden weit – rechts beim Ullagrund.

Ah! ... Allerliebste Frau.

Bartusch ließ dem Geheimrath Zeit, sich zu besinnen. Er kam, da er eine junge erwähnt hatte, jetzt auf eine ältere.

Die magere? sagte er.

Welche, Excellenz?

Die mit der – die mit dem – die ...

Mit den großen Zähnen, wenn sie lacht ....

[258] Ah!, Ja!

Frau Pfarrer Stromer.

Keine schöne Frau.

Gute Frau. Hat viel Kinder.

Und die starke? Wissen Sie, die kleine runde!

Frau von Reichmeyer, die Schwester des Herrn Lasally ...

Nein, die nicht!

Sie meinen die Justizdirectorin von Zeisel, eine geborene von Nutzholz-Dünkerke.

Nutzholz-Dünkerke? Gute Familie! Apropos. Was will denn der famose Stallmeister Lasally hier?

Der Geheimrath fragte fast unmuthig und nicht ohne besondern Nachdruck.

Es ist des Commerzienraths Schwager, Bruder der Frau von Reichmeyer, wie Sie vielleicht wissen; Reichmeyer hat 50.000 Thaler noch von der großen Lotterie her zu fordern ....

Lasally hat doch wol schwerlich dabei eingeschossen ... meinte der Geheimrath; sein Stall ist ja, soviel ich weiß, sequestrirt; seine Pferde auf dem Rennen gewinnen nicht mehr. Lasally muß ganz im Misère stecken ....

Weiß ich nicht, antwortete Bartusch diplomatisch – die Pferde, die er mitbrachte, reiten sich gut. Dies bemerkte gestern Fräulein Melanie ....

Hat Pferde mitgebracht! Famose Idee! Warum – Pferde?

Man glaubte, der Aufenthalt würde sich in die Länge [259] ziehen, man rechnete auf ein fröhliches Beisammenleben. Da sollten Bälle gegeben werden, soweit die Jahreszeit und die plessener Musik das Tanzen möglichmachte, da sollte gehüpft, gesprungen, gesungen und geritten werden. Jeder versprach seine rosenfarbene Laune mitzubringen und Freunde, soviel deren von verträglicher Sorte nur aufzutreiben waren. Was ist nun geworden? Einer versteht den Andern nicht und mit Schlurck's Abreise ist Alles wie auseinandergesprengt.

Der Intendant sagte:

Brave Leute Das hier, aber kein Ton! Graf Bensheim, Frau von Sengebusch eingeladen – wie war Das möglich! Pure Dissonanz! Haltung – Haltung ist viel – sehr viel ist Haltung. Feste zu arrangiren, erfodert Kopf und wie gesagt .... Geburt ....

Was Feste arrangiren heißt, sah man am letzten Geburtstage der Königin, bemerkte Bartusch mit höflicher Verbeugung. Das arkadische Schäferfest suchte seines Gleichen, Excellenz ....

Recht schön gewesen, äußerte der Intendant geschmeichelt und fast gleichgültig. Ich war wegen der Costüms selbst in Dresden – wissen Sie – um mir die Porzellansammlung anzusehen. Alle Menschen ... sehr hübsch wie von Porzellan gewesen – war sehr niedlich und richtig! Alles nach echtem meißner Porzellan. Professor Lüders hat Alles sehr richtig gefunden.

Nur eine Stimme darüber! bemerkte Bartusch. An uns gewöhnliche Menschen kommt davon nur so ein Blick [260] durchs Gitter und auch der ist verboten; aber Excellenz sollen sich in dem Porzellanball wirklich selbst übertroffen haben.

Als der Intendant lächelte, verbeugte sich der schlaue Graurock, der es in der Kunst, mit allerlei »Gemenschel«, wie er zuweilen verächtlich sagte, umzugehen, weit gebracht hatte. Doch kaum hatte er sich empfohlen, kehrte er, da er Etwas vergessen zu haben schien, zurück und sagte zu dem Intendanten, der seinen Blick unverwandt in die Gegend schweifen ließ, von wo die Cavalcade zurückkehren mußte:

Noch ein Wort, Excellenz. Die Bilder wollt' ich doch gehorsamst erinnert haben –

Bilder? Was für Bilder?

Die Familienbilder! – Morgen bei der Verpackung! betonte Bartusch.

Welche Familienbilder? sagte Herr von Harder plötzlich mit Amtsmiene und fast ungehalten.

Bleiben bei der Masse – testamentarische Verfügung –

Weiß Alles. Schon gut –

Dürft' ich mir erlauben, diese Stücke an mich zu nehmen und zur weitern Verfügung zurückzubehalten?

Verfügung? Zurückzubehalten? Wer verfügt? Ich verfüge!

Bartusch erstaunte über diese kategorische Antwort, die von einem so bösen Blick begleitet war, daß die ganze freundliche Herablassung des vergangenen Gesprächs wie in Nichts verronnen erschien. Bartusch stand einen [261] Augenblick rathlos, ob er unterwürfig bleiben sollte oder entschieden auftreten. Noch zog er den ersten Ton vor und sagte:

Excellenz kennen des seligen Fürsten letzte Bestimmung, daß die Familienbilder von dem Kauf ausgeschlossen sind. Es war das Gewissen, das aus ihm sprach, die Ehre ....

Familienbilder! sagte der Intendant mit großem Nachdruck, und verrieth durch seine Sicherheit, daß er hier nicht aus sich, sondern nach einer Instruction sprach. Se. Majestät werden den letzten Willen Sr. Durchlaucht wohl zu ehren wissen, ... indessen, mein lieber Herr – was reden Sie von Gewissen, von Ehre? Herr – ...

Bartusch! ergänzte dieser, als der brüske Intendant den Namen suchte.

Bartusch, mein lieber Herr Bartusch! Der Intendant sprach diese Worte mit einem Anflug von Schlauheit, der den starren Zügen etwas höhnisch Lächelndes gab – Was sind Familienbilder?

Bilder der Fürstin, des Fürsten, des Prinzen Egon – fiel Bartusch erregter ein.

Haben Sie den Fürsten gekannt?

Ich denke wol – antwortete Bartusch malitiös.

Die Fürstin haben Sie nicht gekannt.

Wenn nicht ich, so kennt sie im Dorfe jedes nicht zu kleine Kind.

Kind ... im Dorfe? Ist das eine Autorität? Eine Autorität für einen allerhöchsten Specialbefehl, den ich zu [262] vollziehen die Ehre habe? Kannten Sie die geborene Gräfin von Bury, welches die Mutter der Fürstin gewesen ist? Kannten Sie den k.k. österreichischen Generalfeldzeugmeister Grafen von Hohenberg, der in zweiter Linie mit dem Fürsten von Hohenberg Durchlaucht verwandt war? Familienbilder sind ein sehr allgemeiner Begriff – mein lieber Herr Bartusch – ein sehr allgemeiner. Man wird die Bilder nach der Residenz nehmen, alle – alle – alle – und Prinz Egon, Prinz Egon wird entscheiden, welche davon zur Familie gehören oder nicht. Haben sie verstanden, Herr Bartusch? ... Wer verfügt? Ich verfüge! Verstanden?

Mit diesen kurz abgestoßenen, kalten, schneiden den, bösen Worten entfernte sich der vornehme impertinente Mann. Bartusch hatte Mühe, ansichzuhalten. Er besaß Verstand genug, einzusehen, daß diese Überlegung nicht aus Herrn von Harder's Kopfe kam, sondern der Wortlaut einer ausdrücklich ihm gegebenen Instruction war. Die Wendung, die so kräftig betont wurde: »Familienbilder sind ein allgemeiner Begriff« entsprach den Begriffen des Intendanten keineswegs.

Das hat ihm Jemand so oft vorgesagt, bis er das schwere Wort behielt und sich Etwas darunter vorstellen konnte! murmelte Bartusch vor sich hin, und in der Überzeugung, daß es mit den Zimmern der Fürstin eine doch sonderbare, seine ganze Neugier spannende Bewandtniß haben müsse, lenkte er nachdenklich seinen etwas schlorrenden und schleichenden Schritt dem Tempel zu, wo er mehre [263] von den Damen, die jetzt das Schloß bewohnten, Andere, die es eben besuchten, erblickte, wie sie nickend mit Tüchern in die Ferne wehten. Dieser Gruß galt Melanie und ihren Begleitern, die soeben von ihrem Spazierritt im vollen Trabe zurückkehrten.

[264]
11. Capitel. Melanie Schlurck
Elftes Capitel
Melanie Schlurck

Das war ein Lärmen, ein Lachen, ein Jubeln, als die schöne Amazone vom hohen Sattel gehoben wurde und die dampfenden Pferde um sie her im Hofe des Schlosses stampften und wieherten. Reichmeyer's und Lasally's Bediente und Jockeys hielten die Renner am Zügel und führten sie nach den unten am Fuße des Berges gelegenen Ställen zurück, nicht ohne dazwischengeworfene, den Pferden gespendete Liebkosungen oder Scheltworte, jenachdem die Reiter mit ihren Thieren zufrieden gewesen waren oder nicht.

Die Thiere gingen à merveille! rief Melanie unter fortwährendem Gelächter, das dem klagenden und trostlosen Commerzienrath galt; man muß nur reiten können!

Arme Laura, sagte sie zu dem von Reichmeyer gerittenen Pferde, es streichelnd; du hattest es so gut mit deinem Reiter im Sinn! Er sollte dir deine Gedanken ablauschen und du lauschtest sie ihm ab. Du sprangst, du stutztest vor jedem Ast, du schlugst mit den Ohren hochauf, wenn ein Vögelchen geflogen kam, du schwenktest dich anmuthig nach der rechten Seite hin, wenn auf der linken ein Hund kam und bellte, und alles Das will die gefühlskalte Geldseele [265] jetzt nicht anerkennen und schilt dich, arme Laura! Fliehe die Commerzienräthe! Diese Menschen verstehen nicht, was sensible Naturen sind.

Die ältern Damen, die unten im Tempel gewartet, hatten sich auch inzwischen oben am Schlosse eingefunden und begrüßten die ziemlich lange Ausgebliebenen in dem hintern Hofe.

Ohne Spaß, sagte der Commerzienrath zu seiner ihn ängstlich anblickenden Gemahlin, einer Dame in rauschenden Stoffen, ich habe meine Noth gehabt. Man hat mir bei Gott das wildeste Pferd gegeben. Eugen hätte auch mehr Einsicht haben sollen.

Frau von Reichmeyer warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Bruder, den Stallmeister Lasally, der sich indessen nur mit Melanie beschäftigte und dieser »Querelen« nicht achtete.

Ging es mir denn besser? sagte der Justizdirector von Zeisel, eine lange, hagere Figur mit grauen Haaren und zugeknöpftem blauen Frack mit gelben Knöpfen, eine Bureaugestalt voll Höflichkeit und geschmeidig. Ging es mir denn besser? Mir platzte der Sattelgurt! Denken Sie sich, Frau Justizräthin, mein Malheur, wie ich plötzlich ins Schwanken gerathe und auf meinem Fuchs hin- und hertaumele. Ist mir nur in jüngern Jahren passirt! Die Geistesgegenwart des liebenswürdigen Herrn Eugen hat mich gerettet, sonst wär' ich, ich kenne Das, vielleicht geschleift worden.

Billigerweise hätte Frau von Zeisel, geborene von Nutzholz-Dünkercke, [266] die sich gleichfalls unter den Begrüßenden befand, diesem möglichen und glücklich abgewandten Unglück ihres Gatten die theilnehmendste Aufmerksamkeit schenken sollen, aber die noch sehr anmuthige und von den runden wohlgenährten Körperformen noch jugendlicher, als sie war, aussehende kleine Frau nahm wenig Notiz davon und überließ es der guten Madame Schlurck, die Möglichkeiten eines solchen Unfalls theilnehmend zu durchdenken, während sie mit dem inzwischen herzugetretenen Bartusch sprach und sich über das betrübende Ereigniß der plötzlichen Abreise des immer so liebenswürdigen und jovialen Justizraths Schlurck nicht trösten konnte.

Eine sehr unbedeutende und nur mit lächelndem Nichtssagen zugaffende Rolle spielte die reiche Madame Pfannenstiel, geborene Drossel, die die frühere Wirthschaftsinspectorin nicht verleugnen konnte, trotz ihrer dicken goldenen Erbskette und der großmächtigen Brillantuhr, die sie fast bis unten auf die Hüfte ihres schmächtigen Körpers trug.

Melanie war die Seele dieses bunten Kreises, den das Geld hier zusammengewürfelt hatte. Geist, Neigung, hatte sie früher gesagt, bringen Gleichartiges zusammen. Das Geld kann nur Vermittler des Zufälligen sein. So beschloß sie denn, Geist und Neigung in diese widerstrebenden Elemente zu bringen. Es gelang ihr aber nur theilweise und durch nichts Anderes als durch ihre eigene Persönlichkeit.

[267] Wie reizend stand sie da im Schloßhofe! Das lange, enganschließende Reitkleid war von einem silbergrauen leichten Stoffe und ließ die lieblichsten Formen der schönen Gestalt bewundern. Von der Halskrause, die über dem ganz oben geschlossenen Kleide zierlich gefältelt lag, bis zu den Hüften herab zeigte sich das schönste Ebenmaß der äußern Bildung. Die Schultern hoch und gerundet. Wenn sich der holde, liebliche Kopf, mit den braunen brennenden Augen, dem schönen Munde und den weißen Perlenreihen der Zähne lächelnd über die Schulter wandte, gab der Winkel, der sich dann aus dem Kopf und der Schulter bildete, die reinste Schönheitsform. Halb noch auf den schwarzen, hinten über Flechten zurückgekämmten Locken, saß ein kirschrothes, silbergesticktes kleines Sammtgewinde, über dem der Reithut mit blauem Schleier gebunden war. Längst hatte sie diesen Hut weggeschleudert. So hoch Melanie und fast mit dem Wuchse der Pappel aufgeschossen war, so behend ließen doch ihre Bewegungen. Ihr Fuß schien kaum den Boden zu berühren, so schwebte sie dahin, mit der linken Hand die lange Schleppe des Kleides nach vorn an sich drückend, mir der Rechten die am Griff von blauen Steinen geschmückte elegante Reitpeitsche in die hohe kräftige Hüfte stemmend. Mit innigster Herzlichkeit gab sie ihrer Mutter einen Kuß, worauf sie den Kopf in den Nacken warf und mit komischer Feierlichkeit erklärte:

Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre ritterliche Begleitung! Sie haben Noth und Gefahr mit mir getheilt!

[268] Sie haben, als wir im Walde einem scheu gewordenen Einspänner, auf dem zwei Handwerksbursche sich vom Fußwandern auszuruhen schienen, begegneten, die mögliche Gefahr des eigenen Durchgehens Ihrer Rosse muthvoll überstanden! Sie haben an der Försterwohnung vor einer alten roth- und weißhaarigen Hexe, die alle Pferde stutzigmachte, hochherzigen Muth bewiesen. Sie haben sich würdig gezeigt, von mir, der dermaligen Fürstin von Hohenberg, heute Abend beim Thee zu meinen Cavalieren und Vasallen geschlagen zu werden. Ich hoffe, daß Keiner meiner Getreuen fehlen wird! Und damit seid Ihr für jetzt entlassen!

Die Herren applaudirten. Melanie entschlüpfte in eines der unten geöffneten Schloßfenster und verschwand. Die Gesellschaft trennte sich vorläufig mit dem Versprechen, um acht Uhr an den geöffneten Fenstern der Zimmer, die Schlurck für die Seinigen gewählt hatte, sich zum Genuß der milden Abendluft und zum Thee zu versammeln. Die Einen begaben sich in den Garten, die Andern ins Schloß, Andere wandten sich hinunter dem Orte zu.

Mit großem Wohlgefallen hatte diese Scene von fern der Geheimerath Henning von Harder beobachtet. Se. Excellenz standen am offenen Fenster eines der ihm zur Disposition übergebenen Zimmer der verstorbenen Fürstin und kniffen eine goldene Lorgnette so scharf in die Augenhöhle, daß ihm auch keine Miene der schönen und verlockenden Melanie Schlurck entgehen konnte. Als sie sprach mit ihrem wohllautenden, vollen, aus der Brust [269] quellenden Organe, bedeutete er seine beiden Bedienten, Ernst und Franz – die auf dem Fußteppich saßen und hämmerten und packten –, einen Augenblick in ihrem Diensteifer innezuhalten. Er verschlang Melanie's Worte und täuschte sich dabei keineswegs in der Voraussetzung, daß sie sich von ihm beobachtet glaubte. Er gehörte zu den Männern, die sich in ihrer Jugend wol hatten sagen können: Du bist glücklich bei den Frauen, weil du eine schöne Gestalt hast und eine gewisse Kunst sie geltendzumachen. Sein Haar war einst lockig gewesen, sein Auge nicht ohne Feuer. Er konnte diese Triumphe seiner Jugend nicht vergessen. Daher kam es, daß er an Jahren zunehmend, immer wieder einen neuen Reiz an sich zu entdecken glaubte, der ihm ebenso fesselnd vorkam, wie es früher seine Jugend gewesen war. Nur schlimm, daß er diesen Reiz nicht in geistigen Dingen, sondern in äußerlichen fand! Geist verleiht dem Äußern des Mannes mit den Jahren einen veränderten Ausdruck, der wol die Frische der ersten Jugend ersetzen kann. Die Liebe des Jünglings ist eine andere als die des Mannes und wer würde so oberflächlich und sinnlich sein, die Poesie und die fesselnde Schwärmerei allein nur dem zwanzigjährigen Blute zuzuerkennen? Im Gegentheil mischt sich in die erste süße Liebe des Jünglings nur zu wild und bitter oft die Gährung der noch unfertigen Charakterbildung, während eines älteren Mannes Liebe eine Kette reinster Hingebung, uneigennütziger Aufopferung und jener höhern Poesie sein kann, die aus einem gebrochenen wehmüthigen [270] Bewußtsein fließt. Mit diesen Erscheinungen hatte das noch immer lodernde Feuer des fast sechzigjährigen Henning von Harder zu Harderstein nichts gemein. Er gehörte zu den Thoren, die im zwanzigsten Jahre ihre Eroberungen auf ihre wirkliche Schönheit fußen können, im dreißigsten auf das Glück dieser Schönheit und den Ruf ihrer Eroberungen, im vierzigsten Jahre aber schon nur noch auf ihre gesellschaftliche Stellung und gewisse jugendliche Reminiscenzen, vom funfzigsten an aber auf die verzweifeltste Eitelkeit, die sich an diesen oder jenen kleinen Rest früherer Vorzüge klammert, an eine weiße kleine Hand, einen zierlichen kleinen Fuß und ähnliche, in den meisten Fällen auch unleugbare Vollkommenheiten, die aber einen ganzen Menschen nicht mehr ersetzen können. Der Geheimrath hörte nichts lieber, als daß er eine schöngeformte Nase und niedliche kleine Hände hätte. So manche verschmitzte Coquette, die nach seinem durch Pauline von Marschalk erworbenen Reichthum blinzelte, konnte ihn in jugendliche Flammen und wahnsinnige Träume versetzen, wenn sie seinen niedlichen kleinen Fuß lobte. Manche versicherten, daß man auch durch das Lob seiner kleinen Ohren eine Wirkung auf ihn hervorbrachte. Sie waren in der That niedlich, diese Ohren. Kein Spiegel bestritt diese Wahrheit. Warum sollte er nicht sonst noch allerlei Fesselndes besitzen, da er doch dies Eine, die Werkzeuge des Hörens, wirklich in einer so unbestrittenen Vollkommenheit besaß! Hier nun vollends auf Hohenberg, wo er, zur Entschädigung für [271] eine lästige Reise, zu der ihn mit sonderbarer Bestimmtheit seine ihn, wie noch viel andere Menschen beherrschende geistreiche Gattin gezwungen hatte, das Zusammentreffen mit einer der gepriesensten Schönheiten der Residenz genoß, hier hielt er einen angenehmen Eindruck auf Melanie Schlurck für um so leichter, als er einerseits mit nicht ganz kurzsichtigem Auge entdeckt hatte, daß dies eigene Mädchen gewohnt war, über gewöhnliche Grenzen hinaus zugehen, und andererseits seine gesellschaftliche Stellung die aller übrigen Besucher des Schlosses beiweitem überragte. Er stand ja doch, dachte er, dem Landesfürsten außerordentlich nahe, war ja durch unbedingt gehorchende knechtische Umgebung himmelwärts hier erhaben, strahlte ja durch äußere Haltung wie immer so auch hier im Vollglanze seiner mit Orden emaillirten Excellenz und faßte in der That um so rascher eine Flamme für Melanie, als dies kluge Mädchen bereits beim ersten Zusammentreffen seine weiße Hand, den zierlichen Fuß und sogar schon das Profil seiner Nase bewundert hatte. Sie entdeckt, hatte er sich im Stillen gesagt, sie entdeckt gewiß auch noch meine Ohren! Er wiederholte sich diese Hoffnung mit Wohlgefallen, als ihn einer seiner Bedienten darauf aufmerksam machte, daß das Fräulein merkwürdig oft nach Excellenz sich erkundigt hätten, als Excellenz heute früh mit der Registratur des Nachlasses der Fürstin Amanda beschäftigt gewesen wären ....

Nur eine Persönlichkeit war ihm bei der schönen Hoffnung eines Erfolgs ein gefährlicher Nebenbuhler, jener [272] Schwager des Commerzienraths von Reichmeyer, Eugen Lasally. Dieser nicht mehr ganz junge Mann war ein öffentlicher Charakter der Residenz. Völlig abweichend von Dem, was christliche Spottsucht über die Juden einmal festgestellt zu haben glaubt, war Eugen Lasally im Gegentheil eine höchst chevalereske Erscheinung. Nicht groß, von behendem Körperbau, leichten, zarten Gliedern, hatte er sich früh eine große Fertigkeit in Leibesübungen erworben. Er schoß, focht, ritt auf eine Art wie der geübteste junge Dandy der vornehmen Welt. Seine Ältern gehörten den ersten jüdischen Familien an und hätten ihm gern die übliche artistische Bildung dieser Kreise gegeben, ihn zum Maler, zum Musiker bestimmt. Doch zeigte Eugen für diese Berufswege nicht die geringste Empfänglichkeit, ebenso wenig wie zum mercantilischen Fache oder zu irgend einem wissenschaftlichen Studium. Als seine Ältern starben, ging sein ererbtes Vermögen sehr rasch auf die Lebensweise hin, die er seit seiner ersten Selbständigkeit ergriffen hatte. Cavalerieoffiziere, junge Stutzer, Adelige waren sein alleiniger Umgang. Durch eine Reihe muthig bestandener Duelle hatte er gelernt, sich in dieser Sphäre zu behaupten, und als er durch Spiel und Vergnügungssucht an den Rand des Abgrundes gebracht, von seinem Schwager Reichmeyer nur noch soviel erhielt, um aus einem der ersten Wettrenner fast in Verzweiflung erst ein »Pferdekenner«, dann ein Pferdehändler und zuletzt Errichter einer Reitschule zu werden, blieben ihm seine alten Gefährten getreu. Das [273] Pferd ist auch darin ein so edles Thier, daß es fast Alles adelt, was mit ihm umgeht. Ein Bedienter mag sich höher dünken als ein Bereiter. Mehr Muth und männliche Entschlossenheit, mehr Charakterstärke findet sich gewiß bei Letzterm. Eugen Lasally war als Besitzer einer Reitbahn und was damit zusammenhängt sogar Pferdeverleiher, doch nur um so enger mit einer gewissen fashionablen Gesellschaftsclasse im Zusammenhang, und wäre nicht sein aristokratischer Tic gewesen, seine Sucht in Allem und Jedem es mit seinen Freunden aufzunehmen, der alte Levi, den er sich aus einem mecklenburgischen Pferdemäkler zum ersten Bereiter umgeschaffen hatte, würde ihn gewiß durch seinen Fleiß und seine Umsicht und kluge Geschäftskenntniß oben erhalten haben. Er war aber im Sinken begriffen. Die Verzweiflung, daß ihm seine Plane nicht gelangen und er von Gläubigern unablässig gehetzt wurde, machte ihn oft zornig und gab ihm einen menschenscheuen finstern Charakter, der zuweilen ins Brutale ausartete. Er war auch gefürchtet wie der schlimmste Gast.

Als auch ihn der Intendant der königlichen Schlösser und Gärten so mismuthig durch die Lorgnette betrachtete und dabei die höchst vernünftige Vermuthung äußerte, daß ihn wol hauptsächlich die Speculation auf Melanie's großes Vermögen an diese »bunte kleine Schlange« fesselte, sagte eben Eugen zu einem seiner Jockeys, der die Pferde hinübergeführt hatte und nun heraufkam, um die Küche zu besuchen:

[274] Kannst du dich nicht entsinnen, Jack, was mit dem Einspänner im Walde war?

Der Einspänner? wiederholte Jack, ängstlich vor dem immer misgestimmten, zum Zorn gereizten Herrn ....

Kannst nicht hören? sagte auch Dieser sogleich aufbrausend. Der Einspänner im Walde – es sprang Einer vom Bock herunter – ich hab's deutlich gesehen – hast du die Augen zugehabt?

Als der peitschenscheue Jack sich noch nicht recht zu besinnen vermochte, sagte Eugen Lasally:

Er ist ein blinder Hess'! Scher' Er sich!

Jack wollte gehen ....

Lasally rief ihn noch einmal zurück und schwang die Reitgerte.

Jack blieb in einiger Entfernung.

Führe die Laura, sagte dieser, in die Schmiede unten! Das Thier hat Etwas. Es quihnt. Die Rackerei mit schlechten Reitern schadet einem guten Pferd. Es wird selbst ängstlich, wenn Einer auf ihm Angst hat. Der Schmied soll der Laura Rhabarber geben. Aber mit dem Alten sprich –

Mit dem Blinden?

Mit Dem! Der Blinde ist pfiffiger als der Junge, der taub ist.

Jack, zwar ärgerlich, daß er nicht in die Küche konnte, wo Melanie's Mädchen, Jeannette, die Manieren ihrer Herrin nachahmte und unter der Dienerschaft ebenso belebend und animirend wirkte, wie Melanie in ihrem Kreise, wandte sich jedoch gleich wieder um, sklavisch [275] ergeben, stieg wieder den Schloßberg abwärts und wollte die Laura in die Schmiede bringen.

Läßst die Laura keine Minute aus dem Auge! rief ihm Lasally noch nach.

Wie Jack ging, wandte sich Lasally an Bartusch, der gerade vorüber wollte:

Wissen Sie, wen ich im Wald gesehen habe, Bartusch?

Eine alte Hexe, hör' ich ja.

Lieber den Teufel selbst, sagte Eugen – Hackert hab' ich gesehen.

Ach! meinte Bartusch mehr komisch als ernst verwundert; was denken Sie?

Ich gebe Ihnen mein Wort! Nehmen Sie's mit der Canaille nicht so leicht!

Wie käme Hackert ...

Ich will beschwören, daß auf einem kleinen Einspänner Hackert saß und als er uns bemerkte, ins Dickicht sprang ....

Daß dich –! Aber was wäre dabei zu fürchten?

Zu fürchten? Seit dem Abend ... seit dem Vorfall hinterm Zaune ... in der Königsvorstadt ...

Es war auch arg genug, Herr Lasally!

Arg? Ich begreife Euch nicht! Ihr schont diesen Menschen.

Schonen, Herr Lasally? ...

Es kommt mir vor, als hätte Schlurck Angst vor ihm ....

Herr Lasally!

[276] Ihr werft den Schlingel aus dem Hause und habt eine Zärtlichkeit für ihn ....

Zärtlichkeit?

Er muß Euch in Händen haben ....

Uns? In Händen? Weil ihm Schlurck Vertrauen schenkte?

So etwas. Alle denkt Ihr an den Burschen, und Keiner spricht von ihm. Ihr haßt ihn und gebt ihm täglich Beweise von Liebe. Dahinter steckt ein Geheimniß ... ich bin nur zu stolz, auf Dienstboten zu hören.

Dienstboten, Herr Lasally –?

Sagen Sie der Jeannette, sie möchte, wenn sie Abends Punsch macht, unter den Bedienten, Kutschern und Jockeys nicht soviel in Euren Familiengeheimnissen kramen ....

Die Jeannette?

Ich sag' Ihnen soviel, Bartusch, wenn mir Hackert hier in Hohenberg in den Weg kommt ... ich kenne mich selbst nicht. Es ist mir, als wäre Das mein böser Feind. Ich bin im Stande und schieß' einmal den Hund nieder.

Herr Stallmeister!

Warum schonen Sie ihn? Warum dulden Sie, daß er zudringlich ist? Was ist er? Was kann er wollen? Was kann er für Ansprüche haben?

Ansprüche? Sieh! Sieh! Hat die Jeannette etwas von Ansprüchen gesagt?

Ich weiß nichts, was die Jeannette gesagt hat und habe meinen Leuten verboten, bis in die Nacht um die Punschterrine [277] des tollen Mädchens zu sitzen und abscheuliche Indiscretionen anzuhören.

Wirklich die Jeannette?

Lasally antwortete nicht und ließ den erschrockenen grauen Actenwurm, Herrn Bartusch, mit der Dose in der Hand, die er ergriffen hatte, um sich zu fassen, stehen ....

Lasally verfiel sogleich wieder in die ihm eigene blasirte Ruhe. Seine Mienen verzogen sich nie, sein blasser, etwas gelber Teint blieb bei der größten Aufregung fast unverändert. Um elegantere Toilette zu machen, ging er auf das ihm angewiesene Zimmer, das von denen Melanie's und ihrer Mutter entlegener war, als er wünschte.

Melanie's Mutter saß schon oben vor dem Theetopf und erwartete ihre Gäste.

Man konnte die Frau Justizräthin Schlurck nicht im geringsten ehrwürdig nennen, würde aber auch sehr Unrecht thun, wollte man einen gewissen Werth an ihr unterschätzen. Im Gegentheil besaß die Frau des philosophischen Epikuräers Franz Schlurck höchst merkwürdige, höchst anerkennenswerthe Eigenschaften. Ohne eigentliche Bildung hatte sich die gewandte kleine Frau einen seltenen Reichthum von Erfahrungen erworben und eine gesunde natürliche Anlage zur Lenkerin aller ihrer oft treffenden Urtheile gemacht. Ohne ein besonderes religiöses Bedürfniß war sie mitleidig, gab gern, unterstützte Hülflose. Noch mehr, sie erkundigte sich nach den Ursachen der Leiden und half ihnen gern radikal ab. Wer Geld haben wollte, Dem gab sie Lebensmittel, und [278] wer Lebensmittel begehrte, dem gab sie zugleich Arbeit. Eine Wöchnerin in elenden Umständen erregte ihre ganze Theilnahme; doch bediente sie sich dabei keiner Phrase, sondern griff zu, handelte, wirkte, riß die Fenster auf, wo es dunstig war, schalt, strafte, wo sie eigene Vernachlässigung bemerkte. Kinder, die bettelten, schickte sie in die Schule oder zeigte sie ohne Weiteres der Polizei an. Halbes und »Quengeliges«, wie sie's nannte, konnte sie nicht leiden. Überwiegend setzte sie bei den Menschen, wie sie sagte, »leider«, das Schlechte voraus. Gute und aufopfernde Thaten mußten ihr erst bewiesen werden, bis sie daran glaubte. In ihrem Hause herrschte neben merkwürdiger Ordnung doch eine sehr große Üppigkeit, weniger weil sie selbst ihrer bedürftig war, als aus Rücksicht auf ihren Mann und Melanie, das besonders von diesem verwöhnte, aber keineswegs »verquengelte« einzige Schooßkind ihres Glückes. Denn glücklich schien Alles um sie her zu sein. Sie duldete wenigstens keinen andern Anschein. Gute Laune ging ihr über Alles. Mürrische und melancholische Menschen nannte sie im Geheimen eitel oder schlechterzogen. Sie duldete an ihrem Manne nie das träge schleichende Aufkommen einer griesgrämigen Stimmung, von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei war. Sie ließ allen seinen Neigungen und Leidenschaften ohne Ausnahme die Zügel schießen, beförderte sie sogar oder schloß die Augen zu denen, die seinem Alter nicht ziemten. Das waren Erscheinungen, die uns wol misfallen können, aber mit ihrer Wahrheitsliebe und [279] ungeschminkten Natürlichkeit nicht im geringsten im Widerspruche lagen. Sie wollte eben nur das Natürliche. Sie war eine Frau, von der man sagen mochte: Sie ist eine Najade; ihr Element ist das reine, frische, klare Quellwasser. Sie badete auch täglich. Und so war ihr auch zugleich geistig jedes »Muffige«, wie sie's nannte, verhaßt. Ein langer Kampf mit Leidenschaften schien ihr völlig nutzlos. Sie nahm ihren Mann, wie er war; sie nahm Melanie, wie sie war. Nur reinlich, nur sauber, nur frische Wäsche und frischer Muth! Das Übrige war ihr, wie sie's nannte, meistentheils »dummes Zeug«. Hannchen Schlurck, aus einer einfachen, aber bemittelten Bürgerfamilie, war dabei gar nicht unbelesen, gar nicht ungebildet und vollkommen fähig, in der großen Welt zu repräsentiren. Schlurck's »Hannchen« war ein Philosoph wie ihr Gatte. Auf den Genuß hielt sie selbst für sich gar nichts. Sie schenkte Andern Champagner in Strömen ein, trank aber selbst nicht. Und Melanie hatte Ähnlichkeit mit ihr. Die Mutter, verschweigen wir es nicht, die Mutter hätte von ihrer Tochter das Schlimmste vernehmen können, sie würde nur bedauert haben, wenn Melanie dabei »dumm« gehandelt hätte. Ob sie sich dieselbe Freiheit gestattete? Ob sie sich in allen Beziehungen beherrschte? Es ist darüber schwer Etwas zu sagen .... Nur behauptete man, daß Bartusch, das Factotum ihres Mannes, einen größern Einfluß auf sie hatte als Schlurck selbst, der nach ihrem Sinne nicht immer praktisch war. Das hinderte aber nicht, daß der Justizrath mit vollem Rechte oft laut [280] rühmen durfte: Er besäße in seinem saubern, klugen, runden, netten Hannchen die vernünftigste und respectabelste Ehefrau von der Welt!

Frau Pfannenstiel, die hier nur »geduldet« wurde »aus Rücksichten«, die elegante Frau von Reichmeyer hatten sich bereits eingefunden. Etwas später kam in sehr gewählter Toilette auch Frau von Zeisel, eine sehr bestimmt auftretende unruhige, anspruchsvolle und doch gar kleinstädtische Dame. Auch die bescheidene Frau des Pfarrers Guido Stromer stellte sich mit diesem selbst ein. Herr von Zeisel, dem zuviel daran lag, die Gunst des allgewaltigen Administrators zu behalten, schlenkerte neben seiner Gattin her; so lang und weitläufig er an Gestalt war, hatte er doch etwas Windspielartiges. Auch Herr von Reichmeyer kam mit Briefen und Zeitungen, die man ihm natürlich sehr gern für sich zu lesen gestattete, um nur seine üble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht günstigen Resultat der Massa-Bilanz auf eine Zerstreuung abgeleitet zu sehen, die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte.

Dem Pfarrer Guido Stromer hätte es eigentlich sehr befremdlich vorkommen müssen, in denselben Räumen, wo er so oft mit der frommen Fürstin Amanda und allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und gesungen hatte, jetzt einer sehr weltlichen Gesellschaft beizuwohnen. Allein dieser eigenthümliche Mann schien sich ziemlich leicht in die veränderte Stimmung dieser Atmosphäre zu finden. Es waren dieselben hohen Zimmer, die von seinem Gebete [281] sonst widerhallten, es waren dieselben großen geöffneten Fenster, durch die die balsamische Kühle des Sommerabends jetzt erquickend hereinströmte, wo sonst die Stickluft der vielen zusammengedrängten Bauern und Bäuerinnen die Brust beengte. Aber ihm selbst schien es ganz wohl zu sein, von der Vergangenheit sich erlöst zu sehen. Ob er freilich in seiner Unterwürfigkeit und Nachgiebigkeit gegen die veränderten Umstände des Schlosses Hohenberg nicht zu weit ging, mag sein Gewissen entscheiden. Die alte Brigitte z.B., die im Schlosse hin- und herwandelte und sich an die Wände drückte, um von all den neuen Kammerzofen, Köchinnen, Jägern, Jockeys, Bedienten nicht umgerannt zu werden, klagte den Pfarrer Guido Stromer laut genug an, daß er allerdings seinen Sinn geändert hätte. Oft stand er sonst bei ihr still und hatte gefragt nach Diesem und Jenem, von dem er wissen konnte, daß sie der Fürstin davon wiedererzählen würde; jetzt aber, in gewählterer Kleidung, mit bunten Tüchern und Westen, rannte Guido Stromer gleich allen andern Weltkindern an ihr vorüber und that, als wenn er sie nicht mehr kannte und ihm eine Minute verlorenginge, die er hoffen durfte, in der Nähe dieser neuen Halbbesitzer von Plessen und Hohenberg zu verweilen! Schon in den zwei Jahren, als der Fürst allein hier walten durfte (jedoch niemals ernstliche Anstalten dazu traf und nicht selbst erschien), hatte sich Stromers frühere Gesinnung sehr abgekühlt, wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin klagte. Diese, eine sehr einfache und nur in ihrem [282] nächsten Kreise wirkende, mit vielen Kindern geprüfte und, man kann wol sagen, von ihnen völlig zerbröckelte und zermürbte Frau, ließ sich nicht gern auf Dinge ein, die ihr in Allem stark und sehr selbstbewußt auftretender Mann allein vertheidigen mochte. Stromer gehörte zu einer gewissen Classe von Gelehrten, die man »ewige Studenten« nennen möchte. Entweder war er wirklich ein Genie oder, was für die Beurtheilung seiner Stimmung wol Dasselbe sagen will, er hielt sich dafür. Pietismus ist solchen Naturen der willkommenste Ableiter eines überstarken Selbstgefühls. Der Pietismus lehrt die Welt verachten und setzt sich über das Urtheil der unausgewählten Menschen hinweg. Guido Stromer war Pietist, solange die Fürstin lebte. Jetzt aber, wo sich die äußern Anlehnungen dieser gottseligen Richtung nicht mehr in dem seiner Eitelkeit schmeichelnden Kreise vorfinden wollten, jetzt brach in dem Manne wirklich die alte Nichtbefriedigung eines sich zu nichts Gewöhnlichem berufen dünkenden Gemüths hervor. Es war ihm oft, – seine arme Frau litt sehr darunter – als müßte er beengende Fesseln brechen, als wäre diese häusliche Umgebung eines Mannes seiner Art nicht würdig, als wären ihm dieses Weib, diese fünf Kinder nur wie von einem bösen Traume angezaubert worden. Guido Stromer war gerade in dieser vollsten Krisis begriffen. Die Erinnerung alter Zeiten erwachte in dem unglücklichen, unruhigen Manne. Er sah das Leben in neuen ihm bisher fern entrückt gewesenen Erscheinungen wieder so sonderbar lächeln, so eigenthümlich [283] nicken und winken. Die nächsten Ansprüche seines Berufs kamen ihm so qualvoll, so geringfügig vor, und obgleich er daheim immer eine gewisse Tobsucht, selbst in seiner frühern demüthigen Periode gezeigt hatte, so war er doch seit einiger Zeit, wie Alle wußten, förmlich aus Rand und Band, warf, die Mägde erzählten's, schon in der Frühe seine Kleider dahin und dorthin, perorirte laut, wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunsch sitzen und sogar der Spiegel Beifall schenken wollte. Er war sich unbewußt ein Vierziger geworden. Er sah, daß ihm die »Harmonie der Seele« zwischen ihm und einer fürstlichen Durchlaucht die schöne, unersetzliche Zeit von seinem achtundzwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre gekostet hatte. Er hatte nie zurück, nie vorwärts geblickt. Er hatte sich die große Herrschaft, die er auf die Fürstin ausübte, mit all den interessanten damit verknüpften Anregungen, den Correspondenzen, den Beziehungen zu vornehmen Menschen genügen lassen. Er hatte fast mehr auf dem Schlosse als unter seinem Pfarrdache gelebt. Und nun war die Fürstin todt. Der ausgestreute Same brachte keine Früchte. Er sah, daß er seine Jugend verstreut, verzettelt hatte. Was besaß er? Das Gefühl einer unsäglichen innern Nichtbefriedigung. Oft schlug er sich verzweifelnd an die Stirn. Er rannte im Hause, im Felde, im Walde mit seinem langen gelbblonden, wirren Haar wie ein Besessener umher. Er quälte seine seit Jahren tief verschüchterte Frau, zankte ohne Grund die Kinder. Wie glücklich war anfangs die gequälte Mutter derselben, als die Fremden [284] auf's Schloß kamen! Da wurde ihm anfangs wohl, da schien sein ganzes Wesen elektrisirt. Er bekämpfte wohl Schlurck's Neologie, tadelte wol Reichmeyer's Indifferentismus, aber es waren doch Damen da, die ihn ehrten, anerkannten, die Gräfin Bensheim machte wieder einmal einen flüchtigen Gegenbesuch auf Hohenberg, Frau von Sengebusch, die liebenswürdige Frau von Sänger, ... alles Das gab wieder eine Sammlung, eine Anregung, einen Reiz und die innere schlummernde »Poesie« wachte auf; vollends, als Melanie zuweilen an seiner Seite rauschte .... In der Art, wie manchmal Guido Stromer jetzt sein hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbstironie entschuldigte, wie er noch die rüstigste Jugendlichkeit und eine gewisse alte akademische Genialität aus seinen Gesichtszügen und seinem Benehmen sich selbst hervorschmeichelte, glich er dem Geheimrath von Harder trotz des Unterschiedes der Jahre. Auch ihm war Melanie gefährlich geworden und seine Gattin fing zu zittern an, was in ihm wol schlummern, in ihm gähren mochte ...

Schon war auch Eugen Lasally eingetreten und hatte sich ziemlich entfernt von der um einen runden Tisch sitzenden und Thee trinkenden Gesellschaft an die offenen Fenster postirt, wo er eine Cigarre rauchte, deren Dampf er in den Garten hinausblies, als endlich die Flügelthür aufging und Melanie eintrat. Der Moment machte den Eindruck des feenhaftesten Schwebens und Rauschens. Sie hatte eine völlig veränderte Toilette gemacht. Etwas [285] blaß von dem Ritt, der nach einer momentanen Aufregung hintennach doch immer den Ausdruck der Abspannung und Erschöpfung zurückläßt, hatte sie, dieser Erfahrung sich wohl bewußt, ein Kleid von rosafarbenem Krepp gewählt, das in drei mächtigen mit Atlasbändern verzierten Volants wie eine Wellenwoge sie umfloß. Hals und Arme von blendender Weiße waren unbedeckt und ließen nur an den Rändern ein gesticktes spitzenreiches Unterkleid in schmalen Streifen hervorschimmern. Dann und wann zog sie in einer sehr anmuthigen, graziösen Bewegung eine Echarpe von weißem Chinakrepp über Schultern, die oft aus dem weiten Ausschnitt des Kleides verführerisch hervorglitten und den schönen gerundeten Nacken zeigten, den die Echarpe ebenso rasch wieder verbarg. Über dem vollen zierlich zusammengelegten schwarzen Haar lagen, zurückgekämmt mit goldenem Kamm, die Vorderlocken und ließen die Schläfe so frei erblicken, daß man das vollendete Bild griechischer Schönheit zu sehen glaubte. Die Centifolie, die voll und schwer noch als letzter Schmuck im Haar befestigt war, gebührte ihr mit ganzem Rechte, wie ihr jede Blume, jede Frucht gebührt hätte, wenn sie ein anderer Paris der größten Schönheit hätte zuerkennen sollen.

Eugen Lasally warf sogleich die Cigarre, Herr von Reichmeyer die Zeitungen von sich. Der Justizdirector und Guido Stromer stellten die Theetassen auf den Tisch. Sie hatten ihr Erstaunen über die rasche Metamorphose auszudrücken, deren einzelne Bestandtheile zum [286] Zeichen des hier herrschenden vertraulichen Tones von den Frauen analysirt wurden.

Ich bitte, sagte Melanie, schweigt nun! Löst mir nicht Alles, was da jetzt fertig und angepaßt an meiner irdischen Hülle sitzt, gleich in Stoffe und in Ellenwaren auf! Das ist nun mit mir verschmolzen und Eins. Wer mir jetzt von Volants und dergleichen spricht, thut meinem Herzen weh, zu dem sie ... ja, ja – seht sie Euch an! – sie reichen fast hinauf zu ihm. Nein! Ich sage Euch keine Adressen. Kein Wort von Putzmacherinnen! Wollt Ihr still sein von Mademoiselle Florentine, von Fränzchen Heunisch und Luise Eisold! Die Rose dürft Ihr besprechen. Von der sag' ich Euch: von wo sie kommt! Auch wissen sollt Ihr, wohin sie geht ... Ich trage sie als Preis für Den, dem ich heute Abend die Gunst meiner Seele schenke.

Und was muß man thun, um diese Gunst zu erobern? fragte der Pfarrer, der redegewandt nicht ansichhalten konnte und die Aufmerksamkeit davon abzulenken suchte, daß er aus seinem Garten Melanie mit Blumenzusendungen überhäufte.

Nichts thun, Herr Pfarrer, sagte Melanie ... Nein! Nichts thun! Was muß man sein? Was besitzen? Danach soll gefragt werden und lassen Sie mir nur Zeit, über das Seltenste und Schönste nachzudenken, wodurch sich ein Mann auszeichnen kann. Aber wir sind noch nicht vollzählig. Noch fehlt unser alter brummender Hauskater Bartusch und demüthigen Sie sich, meine Herrschaften, [287] noch fehlt der Glanz von Hohenberg, Se. Excellenz, der wirkliche geheime ...

Mit diesen künstlich gezogenen Worten öffnete sich, wie Melanie hinter sich gehört hatte, die Thür und Herr von Harder trat ein. Alles erhob sich. Es war wirklich ein unleugbarer Effect in seinem Auftreten, ein Effect, dem diesmal Niemand widerstehen konnte. Lag die Wirkung nun in dem kleinen silbernen Sterne auf der Brust oder in der gebrannten Perrücke und der höchst gewählten Toilette; oder lag sie in dem Zuletzterscheinen ... genug die Wirkung war da und Excellenz setzten sich, sehr befriedigt von dem Eindruck, den ein Mann seiner Stellung in einem solchen doch nur mittlern Kreise hervorrief ... Wir werden künftig sehen, wie Herr von Harder in der großen Welt doch auch nur klein erschien, hier aber gaben ihm Tournure und selbstgespendete Sorgfalt in der That einen Schimmer von Interesse, der nur bei längerer Dauer sich dann nicht hielt, wenn er nicht künstlich immer wieder angefacht wurde. Melanie übernahm dies Amt. Ob aus neckender Spottsucht oder Coquetterie, ist schwer zu sagen. Soviel aber stand von ihr fest, daß sie sonst wirklich nicht zu den guten lieben Frauennaturen gehörte, die, wie z.B. die edle Anna von Harder that, die Schwester Paulinens, in einer Gesellschaft immer gerade den Bescheidensten hervorsuchen. Melanie hing sich an Den, der der Löwe des Cirkels war. Geist besaß sie wol genug, um Das herauszufühlen, was ihr geistig am meisten hätte genügen müssen; aber ihr Herz schlug [288] nicht warm genug, um zu ertragen, daß man durch die Beschäftigung mit einem Bescheidenen selbst in den Hintergrund tritt. Hier war Herr von Harder der wichtigste und effectvollste und ihm widmete sie sich. Wäre ein berühmter Virtuose in diesem Augenblicke eingetreten und hätte wieder den Geheimrath verdunkelt, so würde sie sich mit Diesem vermittelt haben. Sie war ein Schmetterling, der die Sonne und die leuchtenden Blumen liebt.

Man sprach Viel über Vieles. Die Menschen sind nie so mechanisch und willenlos, wie da, wo sie sich in starker Anzahl ohne einen Zweck vereinigen. Man glaubt dann in der That unter Wesen zu sein, die ursprünglich niederer, halbthierischer Abstammung, nur durch eine eingelernte und angewöhnte Ausbildung sich höher aufschwingen. Man spricht um zu sprechen. Ein Jeder klammert sich an das Unbedeutendste, um daraus eine Art Friction, die man Geselligkeit, Gesprächigkeit nennt, hervorzubringen. Man ergreift Strohhalme und raisonnirt über sie, wie über die Achse der Erde. Ist eine solche Gesellschaft vorüber, so kriecht Jeder wieder in das Schneckenhaus seines Interesses zurück, bleibt Dem Feind, den er scheinbar heute als Freund begrüßt hat, und spinnt die wahren geheimen Fäden seines Daseins und Charakters so fort, wie er sie einmal anlegte, um sich durch das Labyrinth des Lebens führen zu lassen.

Man bedauerte die Mühe, die der Intendant mit dem Transport des fürstlichen Mobiliars hätte ...

[289] Für welches Schloß, fragte der Commerzienrath, ist diese Einrichtung bestimmt?

Mein allergnädigster König, antwortete der Befragte, haben darüber noch nichts befohlen.

Mit dieser kurzen Erwiderung war eigentlich dies Thema abgeschnitten. Allein Stromer, der sich seit einigen Tagen wieder in jener feurigen, vulkanischen Stimmung befand, brach bei dieser Veranlassung durch und sprach folgendes Bedeutungsvolle:

Wenn nur Alles zusammenbleibt! Wenn nur Keins vom Andern getrennt wird! Das ist ja ein Leben, ein ganzes Dasein, was in einem solchen durch Jahre hindurch gesammelten Hausrath liegt! Man würde ja hier einer Blume die Staubfäden entreißen und sie für echt und vollkommen nicht mehr auszugeben wagen dürfen, wenn man dieser Einrichtung irgend etwas entzöge oder sie wol gar theilte! Ja, ich gehe soweit, daß ich das Verwehen des Staubes, des Duftes beklage, den solche gewohnte Spuren eines bedeutenden Lebens – und ein solches hat mit der Fürstin ausgeathmet – zuletzt annehmen! Wie stand da nicht Eines neben dem Andern in gewohnter Symmetrie! Das Bild des Heilandes prangte in einem geöffneten Flügelschrank von ausgelegter altdeutscher Arbeit. Immer schmückten Blumen diese der Fürstin heilige Stätte. Wie oft betrachtete sie die Häupter der Blumen, die sich hier so sanft, so allmälig neigten, immer matter, immer matter, und zu den Füßen des Erlösers allmälig welkten, sowie er. Es sind Das da Kronen, sagte sie mir einmal, [290] Diademe sind's und Ritterhelme, die so vergänglich vor dem Herrn und König der Welt versinken. Und sie duldete nicht immer täglich frische Blumen, sie wollte erst die alten sterben, vergehen sehen, todt und geknickt, wie der Erlöser. Sie war so sinnig, die liebe Frau in ihrer stillen Schwärmerei! Und wenn wir auch durch ihren Tod hier Alle, die wir sie umgaben, wie von einem schweren Traume befreit sind, der unsere Sinne gefangen nahm und uns zu sehr, zu sehr von der üblichen Ordnung des Lebens abzog, so ist ihr doch nur das Lob der edelsten Eigenschaften nachzusagen, und wenn ich wagen könnte, durch Ew. Excellenz Mund zu unserer zartfühlenden Landesmutter zu sprechen, so würd' ich bitten: Lassen Sie diese sinnige Einrichtung beieinander! Stellen Sie diese Schränke, diese Tische, Stühle mit den vielen Andenken der Liebe, den gestickten, von frommwirkenden Vereinen ihr gewidmeten Kissen, den eingerahmten Blumenstücken, den gußeisernen, bronzenen, elfenbeinernen kleinen Nippsachen, die treffend gewählte Bibliothek und besonders die werthvollen Bilder, die das Beste in Stichen wiedergeben, was Overbeck, Wach, Veit geleistet haben, der Gemälde nicht zu gedenken, von denen einige Originale sind und keinen vorübergehenden Werth ansprechen dürfen, stellen Sie alles Das in irgend einem Landsitze des erhabenen Königspaares auf! Man bewahrt auf diese Art ein Gemeinschaftliches, das mir vorkommt wie ein wandelbarer, fernwirkender, geheimnißreicher, elektrischer Leiter. Aus der Liebe geboren, weckt es Liebe. Ich bin [291] gewiß, Niemand wird diese drei Zimmer der Fürstin, selbst wenn sie, wie weiland die heilige Krippe von Bethlehem nach Loretto, anderswohin übersiedelt würden, ohne innerlichste, tiefste Anregung betreten und von dem Odem unergriffen bleiben, der früher in ihnen wehte.

So sprach Guido Stromer, den wir bei dieser Gelegenheit schon vollständiger kennen lernen. Als er diese Worte, die fast eine Rede waren, geendet hatte, blickten natürlich Aller Augen zum Intendanten und erwarteten von ihm eine Erwiderung. Guido Stromer hatte einen Wunsch vom Herzen geschüttet, der etwas Feierliches hatte. Der Geheimrath repräsentirte in dem Augenblicke. Die Einzige jedoch, die den gewaltigen Widerspruch einer so beredt vorgetragenen geistvollen Bitte und eines so unglaublich beschränkten Kopfes, wie Henning von Harder, sogleich ganz übersah und nachfühlte, war vielleicht nur Melanie's Mutter. Melanie hatte für lange Perorationen überhaupt keinen Sinn. Hannchen Schlurck aber, die Mutter, überdachte in ihrer üblichen trockenen Weise diese Situation ganz kurz und sprach ihr Resultat leise zur Frau von Reichmeyer, die in ihrer Nähe saß, mit den Worten aus:

Was nutzt der Kuh Muskate!

Herr von Harder schwieg nämlich ganz und nickte nur, statt aller Antwort. Er nannte sonst, von seiner Gattin unbelauscht, Äußerungen, wie sie der Pfarrer hier vorgetragen hatte, »schwülstig« und verwies auch ihre Beantwortung meist an seine Frau, die ein Organ dafür [292] hatte. Er belächelte Alles, was ihm zu schwunghaft auftrat. Wußte er doch von seiner Gattin, wie künstlich oft die Schwingen erst angebunden werden müssen, mit denen die großen Geister vorgeben, natürlich zu fliegen ...

Melanie übernahm es daher, das Gespräch fortzuführen.

Ich wäre gerade im Gegentheil dafür, sagte sie, daß eine so werthvolle Einrichtung ganz getheilt und überallhin zerstreut würde. Gehet hin in alle Welt und lehrt und prediget! Das kann man auch diesen kleinen Herrlichkeiten der frommen Fürstin zurufen. Da kommt ein Briefbeschwerer Dem wieder vor Augen, dessen Briefe oft darunterlagen, eine kleine Stickerei Dem, der dazu Subscriptionen sammelte, und wenn sich dann in Allem, wie Sie versichern, Herr Pfarrer, jenes gewisse Parfüm, der schöne Duft der Liebe und Andacht wiederfindet, so wirkt Das sogar noch Wunder. Es macht Proselyten, bekehrt Heiden. Es gewinnt, ohne daß ein starres Herz es ahnt, wie ich immer, wenn ich bei der unglücklichen Anna von Harder in Tempelheide die Windharfe im Parke flüstern und klagen höre, von Gefühlen bewegt bin, die ich selbst nicht habe, mir aber aus Andern herausdenke.

Man fand auch diese Auffassung charmant. Der Geheimrath lächelte wieder und dachte bei sich, wozu diese Reden alle! Ich halte mich an den Buchstaben meiner Instruction! Was kann ich von meiner sentimentalen Schwägerin Anna und ihrer Windharfe im Dienste meines Monarchen brauchen?

[293] Stromer aber drohte der Sprecherin mit dem Finger und mit blitzenden exaltirten Augen.

Zu weltlich! zu weltlich! sagte er. Aber Sie mögen in Ihrem Sinn Recht haben! Ich wollte nur in dem meiner verstorbenen Gönnerin mich aussprechen. Wenn man so viele Beweise der Huld empfing, wie die Fürstin mir zutheilwerden ließ, so ist man verpflichtet, das Gedächtniß der Spenderin in ihrem Geiste aufrechtzuerhalten. Ach! Ich fühle wohl, wie mit den Menschen auch die Gedanken sterben, die sie zu verwirklichen schienen. Ich bin jetzt über zwölf Jahre in diesem Orte und habe zehn Jahre lang täglich mindestens einige Stunden hier oben zugebracht. Die Fürstin war von einer bewundernswürdigen Offenheit und fand eigentlich eine Art von Genugthuung darin, sieh durch Aufrichtigkeit zu demüthigen. Sie gestand jede Unwissenheit ein. Sie hatte, ich darf es so nennen, ein katholisches Princip, das ich natürlich nicht ganz billigte. War sie von irgend einem Gegenstande lebhaft erfreut, so schenkte sie ihn sogleich weg. Sie wollte ihr Herz an nichts hängen, außer an die Betrachtung des Ewigen. So gern hätte sie die allgemeine Beichte unserer Kirche in eine Ohrenbeichte verwandelt und sich über jeden Fehler umständlich und unter Thränen ausgesprochen. Denn erst dadurch, sagte sie oft, kommt mir die Erleichterung von dem Druck, daß ein Anderer ganz weiß, was ich that. Was sind Sünden, die man nicht bekennt! Sie schrieb viel, zerriß es wieder, ließ aber auch Manches stehen. Ich warnte sie oft vor der Gefahr, die mit dem Buchstaben [294] verbunden ist, aber es erleichterte sie, sich schriftlich auszusprechen. Einige solcher Betrachtungen hab' ich ja als Manuscript für Freunde später drucken lassen. Sie gefielen natürlich nur da, wo man die rechte Stimmung mitbrachte. Jetzt freilich würd' ich mich weniger so ganz darin verlieren, da die persönliche Beziehung fehlt und nur für das Persönliche sprech' ich ja.

Melanie's Mutter, um der drückenden und allzu persönlichen Vortragsweise Stromer's einen Damm zu setzen, sagte mit angenehmem Lächeln offen und ehrlich:

Ja, ja, Herr Pfarrer, tragen Sie nur jetzt den Kopf ein bischen mehr nach oben und lassen Sie die alten Zeiten ruhen! Es sind nun Leute in dies Schloß gekommen, böse, böse Leute, die sich gern freuen, daß es in der Welt hübsch munter und lustig hergeht. Wer nach uns einzieht, kann man freilich nicht wissen. Aber wer's auch sei, Herr Pfarrer, bleiben Sie nur jetzt bei unserm Glauben. Wollen Sie Das? Immer! Wissen Sie, es hält oben, und einmal lebt man nur. Das ist zwar Alles recht dumm geredet, aber gesund ist's, darauf verlassen Sie sich, und Ihre liebe Frau blinkt mir schon zu und meint: Justizräthin, da treffen Sie, was ich seit zwölf Jahren dachte. Nicht wahr?

Alles lachte über dieses derbe, ehrliche Votum. Melanie sprang auf, die Mutter zu umarmen.

Du bist köstlich, Mama! sagte sie; ja baue du die Brücke, auf der der Herr Pfarrer wieder ins Leben zurückkehrt. Ein so junger liebenswürdiger Mann! Ich[295] sage Das, Frau Pfarrerin, Ihnen zum Trotz! Ich sollte nur hier wohnen und eine Zeitlang die Fürstin von Hohenberg spielen dürfen! Wie wollt' ich die Fenster aufreißen und Luft hereinlassen! Wie wollt' ich in die Hütten gehen, wo früher für die Heiden gesponnen und genäht wurde, und die Leute lehren, auch noch an viel schlimmern Menschen Geld zu verdienen! Und dann käme Excellenz und zauberten uns hier einen seiner schönen Gärten wie in Buchau oder Solitude, wo die herrlichen Fontainen springen, die Wasserfälle rauschen und die Schwäne auf den Teichen schwimmen ...

Eines Inspectors Mangold, der des Geheimraths rechte Hand war und nach englischen Studien alle diese Verschönerungen angegeben und lenkte, wurde dabei natürlich nicht gedacht ...

Habe zwei neue Schwäne kommen lassen – sagte der Intendant – aus Island – diplomatische Vermittelung mit Dänemark – seltene Race – sehr elegante Thiere – allerliebst!

Ich kenne sie ja, sagte Melanie. Im Atelier des Professors Berg wurden sie copirt zu einem reizenden Ledabilde, das Heinrichson entwirft ...

Heinrichson – ganz recht! fiel der Intendant ein. Meine Frau protegirt Heinrichson und hat mich veranlaßt, ihm die beiden isländischen Schwäne aus Island kommen zu lassen, wollt' ich sagen, zu versprechen, ... daß sie ... ich meine, daß sie ihm aus dem königlichen Ankauf geliehen wurden ...

[296] Das mehrfache Versprechen war für Diejenigen komisch, die da wußten, daß Frau Geheimräthin von Harder für den schönen und eleganten Maler Heinrichson wol noch größere Opfer gebracht hätte, als nur eine Veranlassung, daß zwei schöne wilde Schwäne ... vom König für ihre Privatinteressen angekauft wurden ...

Lasally kannte dies Verhältniß und wollte sich einige spottende Bemerkungen darüber erlauben. Doch unterbrach ihn Melanie:

Heinrichson war von dieser Aufmerksamkeit so gerührt, daß er auch der Freundin der Geheimräthin, Frau von Trompetta, versprochen hat, ein Blatt für ihr Gethsemane zu malen.

Bitte, sagte der Geheimrath scherzend, bitte Fräulein Melanie, nicht der Frau von Trompetta, sondern mir, mir direct hat er es versprochen. Ich hab' ihm die beiden Schwäne, festgebunden natürlich, selbst gebracht, wie sie vom Schiff kamen und war dabei, als er sie zeichnete ... Sie waren schrecklich wild ...

Ganz Recht, fuhr Melanie lachend fort, aber Frau von Trompetta stand doch während dem Acte hinter einer spanischen Wand –

Ofenschirm, verbesserte der Geheimrath.

Gut, Ofenschirm ... und gedeckt von diesem Sittlichkeitsfächer unterhandelte Frau von Trompetta mit Heinrichson über das Gethsemane und schrie entsetzlich über die bösen Schwäne und verwünschte die frivole Malerkunst und eine große hölzerne Puppe ....

[297] Melanie konnte vor Lachen nicht weiter.

Ja, sagte der Geheimrath, ganz Recht! Die große hölzerne Puppe sollte nämlich den Moment bezeichnen, wo die Lady von den Schwänen beängstigt wird. Die Puppe stellte die Lady vor –

Die Leda, corrigirte Melanie – Leda, Excellenz!

Ganz Recht! Die Puppe war die Lady und der Schwan, nicht wahr? Der Schwan war eine verkleidete Gottheit ....

Jupiter! rief Melanie, während alle Die, die ein wenig Mythologie verstanden, sich auf die Lippen bissen und die Übrigen gespannt zuhorchten ....

Ganz Recht, Jupiter ... in einem Travestissement ... es ist nur eine Maskerade ... und mein Franz hielt den einen isländischen Schwan so fest an den Flügeln, daß das wilde grimmige Thier furchtbar tobte und mit den Flügeln ausschlug ....

Und Frau von Trompetta hinter dem Ofenschirme schrie – erzählte Melanie unter fortwährendem Lachen – schrie, als stäke sie am Spieß und rief: Excellenz, er beißt! er beißt!

Er biß auch, sagte der Geheimrath. Bei Gott! Er hat Franzen gebissen ... schickte deshalb in die Thierarzneischule ... beinahe hätte ja das wilde Thier die ganze hölzerne Lady in Grund und Boden zertreten ....

Leda! Leda! Excellenz; eine allerliebste Nymphe aus dem Alterthum – berichtigte Melanie.

Enfin, schloß Baron von Harder, der sehr angenehm ins [298] Feuer gerieth, enfin, Frau von Trompetta fiel über diese antike Scenerie in Ohnmacht, und meine Frau, die ja dabeistand, wußte nicht, womit wir sie anders trösten sollten, als ....

Ich zeichnete im Nebenzimmer, unterbrach Melanie, und beobachtete den ganzen Vorfall. Die geistreiche Frau Geheimräthin schalt Frau von Trompetta in einem kaum unterdrückten Zornausbruch kindisch und sagte vor allen Malern: O, schämen Sie sich, Trompetta. Sie fürchten sich vor Schwänen und reden den ganzen Tag vom Schwanenorden! Das sagte sie und fügte hinzu: Das ist nun da ein Schwan, ein echter isländischer! Und nun machen Sie den Lärm! Aber, bei aller Achtung vor der Geheimräthin von Harder, ich hielt diese Vorwürfe für ungerecht. Ich glaube, Frau von Trompetta fiel in Ohnmacht nicht über das Beißen der Thiere, sondern über das Sujet des Herrn Heinrichson, über die Puppe, über die Idee des Ganzen. Heinrichson zeichnete lachend und freute sich, je wilder und toller sich das abscheuliche Thier gebehrdete ....

Die Schwäne machten Aufsehen, fuhr Herr von Harder fort. Man wollte sie sehen, alle Freundinnen meiner Frau wohnten den Wiederholungen der Action bei, und Frau von Trompetta ... denken Sie sich, Frau von Trompetta gewöhnte sich an das Schauspiel und hatte später selbst darum gebeten, noch einmal dabei sein zu können, falls sie von der Estrade in dem Atelier aus zusehen dürfte. Aber wie gesagt, das erste mal, aus Furcht, gebissen zu werden, fiel sie in Ohnmacht, sodaß meine Frau nichts [299] Anderes wußte, sie wieder ins Leben zurückzurufen, als daß Heinrichson – ein berühmter Maler, sehr ausgezeichneter Künstler und Weltmann – versprach, meiner Frau zu Gefallen und aus Dank für die königlichen Schwäne ihr nun auch ein schönes Blatt für das Gethsemane zu machen.

Ah! sagte man allgemein, von der Anekdote vortrefflich unterhalten. Alle lachten, selbst Frau Pfannenstiel. Nur Einem schien dieses Durcheinander von Lachen, Erzählen und Fragen im höchsten Grad unheimlich, dem Pfarrer Guido Stromer. Die Ausdrücke: Maler, Schwan, Schwanenorden, Leda, Solitude, Gethsemane – gingen so bunt an seinem Ohr übereinander weg, daß ihm schwindelte. Aber die heilige Entrüstung, die er sonst bei einer Erzählung würde gefühlt haben, die so ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieser Räume paßte, überkam ihn zu seinem eigenen Staunen nicht mehr. Zu lachen vermochte er freilich nicht. Fehlten ihm doch die Verbindungsfäden näherer Bekanntschaft mit den Personen und die genauern Details. Aber es war da Etwas in ihm von eigenthümlichen Jugenderinnerungen, die ihn ergriffen und ihn wonnig überrieselten. Er gedachte, so im Stillen grübelnd, der Zeiten, wo er noch in akademischen Jahren den Trieb hatte, bei einem berühmten Archäologen Kunstgeschichte zu hören, wo er noch mit aufmerksamer, herzinniger Betrachtung durch die Säle einer Kunstausstellung schreiten und marmorne Gestalten mit Professor Tholuck, den er in Halle später hörte, noch [300] nicht Götzenbilder nannte! Er strich sich nachdenkend über die Augen, er, der außer Melanie der Einzige war, der etwas Genaueres von der Mythe der Leda, die die Unwissenheit des Intendanten mit einer Lady verwechselt hatte, verstand und diese Mythe zu deuten wußte. Als nach dem Lachen eine Pause eingetreten war und Alles nun zu ihm, dem heiligen schweigenden Manne, mit einer gewissen Befangenheit hinblickte, sagte er mit sehr leiser Stimme:

Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben, was es mit dem vorhin mehrerwähnten Gethsemane der Frau von Trompetta für eine Bewandtniß hat?

Melanie erklärte es ihm, indem sie noch einige Entdeckungen über die Art, wie Frau von Trompetta ihr Album zu sammeln und einer gewissen geräuschvollen Wohlthätigkeit zu widmen verstand, zu erzählen wußte.

So! so! war Stromer's ganze Antwort. Er versank in ein stilles Nachdenken und spann Betrachtungen für sich aus, die ihn auch auf die große Ähnlichkeit führten, die zwischen einer von ihm einst bewunderten Leda der dresdener Galerie und der reizenden Melanie bestand. Er blickte nieder, brütend, abwesend und nur unheimlich schoß sein Auge zuweilen einen Blick empor, der forschend über die Versammlung glitt. Er überdachte einen andern Entwickelungsweg, den er hätte zurücklegen können, wenn die hohe Frau, die ihn an den Pietismus, an sein einfaches Weib, an seine fünf Kinder und diese Dorfpfarre fesselte, nicht eine Fürstin gewesen wäre ....

[301] Nachdem sich, wie immer, wenn ein Gegenstand erschöpft ist, um den Theetisch eine gewisse Stille eingestellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefühl, durch interessante Entdeckungen eine ganze, wenn auch seiner nicht würdige Gesellschaft angeregt zu haben, sich wiegte, versuchte nun auch der Commerzienrath von Reichmeyer sich geltendzumachen. Er stellte seine Theetasse auf den runden Tisch, auf dem inzwischen schon die große Lampe aufgetragen wurde, räusperte sich und bemerkte:

Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris.

Wer kennt den Prinzen Egon? fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit, ohne jedoch aufzuhören, sich in einem Fauteuil lang auszustrecken und dabei sorglos und fast abgespannt mit einem Fächer von Maraboutfedern zu spielen.

Als Alles schwieg, richtete sie ihren Blick auf den Intendanten und sagte:

Sie vielleicht, Excellenz?

Ich habe nicht die Ehre, Se. Durchlaucht zu kennen, bemerkte Herr von Harder.

Commerzienrath von Reichmeyer theilte daher mit, was er wußte.

Der Prinz, sagte er, kann jetzt etwas über sechsund-zwanzig Jahre alt sein. Er wurde von seinem zwölften Jahre in Genf erzogen, kam achtzehn Jahre alt nach Deutschland zurück, um jedoch sogleich die Universitäten [302] von Bonn und Heidelberg zu besuchen. Er versuchte dann ein Jahr in der Nähe seiner Familie zu leben, war aber so wenig mit den Maximen seines Herrn Vaters in Einklang zu bringen, daß er Deutschland wieder verließ, nach der Schweiz zurückkehrte und auf Reisen theils in Frankreich, theils in England zubrachte. Eben im Begriff nach Nordamerika sich einzuschiffen, traf ihn die Kunde vom Tode des Generalfeldmarschalls. Mit der bestimmten Erklärung, sich den Antritt seines überschuldeten Vermögens noch vorzubehalten, einer Erklärung, die er an die Curatoren der Masse vorausschickte, ist er nun zurückgekehrt; indessen hoffen wir Alle, daß er sich von diesem Entschlusse abbringen läßt und durch weise Sparsamkeit von den Besitzungen, die einmal seinen Namen tragen, soviel rettet, als noch zu retten ist.

Melanie nannte Das geschäftliche Äußerlichkeiten. Sie wollte Anderes von dem Prinzen Egon hören. Wie sein Äußeres wäre, sein Wuchs, die Farbe seiner Haare, sein Wesen und Benehmen ....

Nach Allem, was man hier und da von dem Prinzen erfahren hat, sagte sie mit trockenem ironischem Humor, muß man wol darauf rechnen, in ihm eine große Ähnlichkeit mit Sr. Excellenz zu finden.

Diese Bemerkung fiel natürlich allgemein auf.

Wie so? In der That? Mit Excellenz?

Da wir nicht hoffen können, fuhr der Schalk fort, daß der Prinz mit meinem guten Vater, den er zu hassen scheint, weil er sein Herz nicht kennt, verkehrt, so bleibt [303] uns nichts übrig als uns an Diejenigen zu halten, die ihm ähnlich sehen. Man rühmte mir schon oft den eleganten Fuß und die kleine weiße Hand des Fürsten ....

Über diese Spitzbüberei brummte die Mutter etwas erschrocken vor sich hin und Alle fühlten, daß Melanie die Gesellschaft auf Kosten eines Mannes, der den Spott nicht merkte, unterhalten wollte. Harder erröthete, er wurde unruhig. Er rückte mit dem Stuhl und schien plötzlich sprachunfähig.

Auch Eugen Lasally erschrak. Er schien an Melanie's Komödienstreichen keinen Gefallen zu finden und drückte Dies genugsam durch die Schärfe des Tones aus, mit dem er das Wort ergriff und sagte:

Prinz Egon gilt unter den Leuten, die ihn kennen, für einen halben Gelehrten. Manche seiner Universitätsfreunde nennen ihn überstudirt. Er soll erst die Rechte getrieben haben, jetzt aber ein Narr sein. Man sagt, er hat drei Handwerke, Tischler, Schlosser und noch eins gelernt, ich weiß nicht, Horndrechsler, Friseur, Kammmacher oder welches andre solide Metier!

Während jetzt besonders Herr und Frau von Zeisel über diese Äußerung eines kecken jungen Fremdlings erschraken, bestand Melanie sogleich darauf, diese dritte Profession müßte die Kammacherei sein ....

Das Haar ist die schönste Zierde des Menschen, rief sie. Ob ein Haar sich gefällig lockt oder schlicht am Scheitel fällt, ob es die Stirn bedeckt oder ihre Fläche frei erglänzen läßt, immer ist es der lebendigste Sprecher für [304] den Charakter, der in dem Kopf unter ihm schlummert. Kammmacher, nicht wahr, Excellenz?

Herrn von Harder war diese Bemerkung allein gewidmet. Sie galt seinem Haar. Aber, im Hause des Gehenkten ist nicht gut von Stricken reden. Der Blick auf seine pariser Bagno-Perrücke, die Franz, sein Bedienter, wie das natürlichste Haar zu kräuseln verstand, erschreckte ihn doch. Es war ihm daher nur erwünscht, daß man vom Scherz auf Ernstes zurücklenkte ....

Wir lachen, sagte der innerlich etwas entrüstete Justizdirector von Zeisel mit beklommener Stimme, wir lachen über die wunderlichen Sagen, die man sich von Sr. Durchlaucht, meinem gnädigsten Prinzen Egon erzählt. Soviel steht allerdings fest, daß Prinz Egon ein ... ein ... ein sehr unglücklicher junger Mann ist. Denn ... erlauben Sie die Bemerkung ... denn denken Sie sich eine Jugend, die allerdings nicht behaglicher, angenehmer sein konnte, als noch die reichen Mittel des Vaters, ich sage, als diese noch ... noch beisammen waren. Aber schon im genfer Pensionat muß er gefühlt haben, wieviel ... sozusagen ... wieviel Störungen in dem Hauswesen seiner Ältern eintraten. Als er, es war gerade Winter und die Fürstin in der Residenz, von Genf zurückkam ... entdeckte er ohne Zweifel die gewaltige, wie soll ich's nennen? allerdings ... die Zerrüttung des schon lange gestörten ... oder ist Das zuviel gesagt? ... nein! allerdings – des gestörten häuslichen Friedens zwischen den beiden hohen Personen. Wir sahen ihn hier gar nicht. Er bezog sogleich im nächsten Frühjahr [305] die Universität. Nach seinen akademischen Studien lebte er mit seiner Mutter einige Wochen auf den Gütern der Familie, über die sie damals noch ... hm! hm! ... ja noch! ... im obern Gebirge frei ... ja allerdings – frei zu schalten hatte. Dann ist er, wie ganz richtig erzählt wurde, sozusagen verschollen, und was man von ihm erfuhr, war in der That ein wunderbares Durcheinander der seltsamsten Dinge, die er, wie man erzählt – hm! hm! treiben, wenn man diesen Ausdruck brauchen darf – treiben soll und unter Anderm allerdings auch die Nachricht über seinen Entschluß, sich ... wie soll ich's nur nennen? ja allerdings ... sozusagen, sich mechanische Fertigkeiten anzueignen.

Und niemals war er in Hohenberg? fragte man, nach dieser höchst discreten Rede eines taktvollen und feinfühlenden Beamten, allgemein erstaunt und sah dabei auf Guido Stromer, der noch immer abwesend und wie in Träumen verloren schien.

Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! hieß es, wo waren Sie?

Ei! ich wette, sagte Melanie, Sie sind noch immer bei der Scene mit dem Maler Heinrichson. Ja! Ja! Sie überlegten, wieviel Genuß Ihrer verstorbenen Freundin, der Frau Fürstin, die Bekanntschaft mit dem Album der Frau von Trompetta verschafft haben würde.

Guido Stromer war allerdings noch bei jener Scene, aber im völlig andern Sinne. Dennoch sammelte er sich und sagte:

Ich leugne nicht, daß ich das Vertrauen der Fürstin in [306] seltenem Grade besaß, und überlegte bei mir im Stillen, wie sie wol eine so erpreßte Wohlthätigkeit, von der Fräulein Melanie erzählte, beurtheilt haben würde. In ihrem Geiste sagte ich mir: Wenn der Künstler soll mit Gewalt gezwungen werden, in das Gethsemane einen Beitrag zu stiften, so ist ja in der That dieses Album recht ein Thränengarten, wie der Name bedeutet, und Judas der Verräther lauert ja mit dem falschen Kuß der Liebe an seinem Eingang. Frau von Trompetta gleicht da dem heiligen Crispinus, der den Reichen das Leder stahl, um den Armen daraus Schuhe zu machen. Nimmermehr würde die selige Fürstin eine solche Unternehmung, etwa durch Übernahme von Loosen, unterstützt haben. Denn es liegt doch wol kein Segen in Dem, was nicht aus reiner Quelle fließt ....

Nun, Herr Pfarrer, meinte Herr von Reichmeyer, der erst seit seinem letzten Knaben Christ war, wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und der Betrag, ich will einmal sagen, an das Waisenhaus käme, um den Kindern daraus warme Jacken anzuschaffen; die Jacken halten ebenso warm, ob nun das Album zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde.

Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene. Und gleichsam als würdigte er ihn keiner Antwort, wich er der weitern Debatte mit den leisen Worten aus:

Irr' ich nicht, so hört' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwähnen?

[307] Melanie, die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte aufkommen lassen, bestätigte diese Bemerkung.

Allerdings! sagte sie. Er ist ganz frisch von Paris angekommen. Kennen Sie ihn, Herr Pfarrer?

Geistig sehr wohl, sagte Stromer. Gesehen hab' ich ihn niemals.

Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg? bemerkte Herr von Zeisel und fügte bei:

Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend.

Doch! doch! lieber Herr Justizdirector, erzählte Stromer; Prinz Egon lebte bis in sein vierzehntes Jahr größtentheils hier in Hohenberg. Mein Amtsvorgänger war damals sein Erzieher. Später verbrachte er, nach vollendeten Universitätsstudien einmal acht Tage hier – acht Tage – wo Sie eine Inspectionsreise machten und ich, entsinnst du dich, Linchen, lag ja wol krank?

Linchen, seine Frau, nickte. Sie war so schüchtern, kaum ein leises Ja! zu flüstern.

Als ich wieder vom Krankenlager erstand, fuhr Stromer fort, erzählte mir die Fürstin, wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verständigen könne. Beide Gemüther, in so vielen Dingen nahe verwandt, trennten sich gerade in den wichtigsten Lebensfragen. Sie liebte den Prinzen, ihr einziges Kind, mit einer Leidenschaft, deren Ausbrüche mich oft in Angst versetzten. Nie konnte sie seiner ohne Thränen gedenken. Wenn sie einen Brief von ihm empfing, klopfte ihr das Herz mit hörbaren Schlägen. Sie [308] schluchzte, indem sie ihn las, und gestand mir, daß sie sich durch dies Kind oft unglücklicher fühle, als selbst ein Mutterherz tragen könne. Rudhart, mein Amtsvorgänger, hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen seiner Bildung gegeben. Es war Dies ein strenger, unfreundlicher Mann, der in der Religion nur eine gegenseitige Übereinkunft der Menschen sah, sich nicht zu morden und zu bestehlen. Diese Übereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten so oder so verbrämt, bunt und willkürlich ausgeschmückt, sodaß er Christenthum und Islam ineinanderwarf, wenn nur der äußerste Zweck einer gewissen moralischen Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde. Als dieser Seelsorger, ein sonst sehr achtbarer Mann, unserer Gemeinde entsagte und zu einer deutsch-russischen Familie in Liefland zog – er scheint jetzt verschollen –, war mit der Fürstin schon längere Zeit jene Veränderung vorsichgegangen, die sie bestimmte, nicht nur einen Geistlichen der jüngern und neuern Richtung zu wählen, sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die Anstalt des Professors Monnard, wo sie gewiß sein durfte, ihn nach ihren Principien erzogen zu sehen. Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte, erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte, aber doch in religiöser Hinsicht beruhigende Briefe. Man konnte oft zweifeln, ob diese Briefe der reine Erguß seines Innern oder nur Schulübungen waren. O Gott, rief sie einst aus, wenn diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen würden, um auch ihren Geist so zu corrigiren wie die [309] Sprachfehler! Wenn Egon nur aus Furcht, seinen Lehrern zu misfallen, so schriebe, wie ich wünschte, daß es ihm aus innerster Seele käme! Als ich sie dann, die treffliche Frau, damit zu beruhigen suchte, wie ja Allem, was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle, doch wol erst etwas Äußerliches und anderswoher Entlehntes vorangehen müsse, antwortete sie: Wie aber, wenn dies ungern Aufgenommene in Egon's Seele nicht haften bliebe, sich nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedürfniß nach himmlischer Stärke ergänzt würde! Leider trafen diese Befürchtungen ein. Als Prinz Egon, neunzehn Jahre alt, in der Residenz mit der Mutter zusammentraf und die Universität beziehen wollte, schrieb sie mir, wie kalt, ich wiederhole ihre Worte, wie kalt sie sein Herz gefunden hätte. Eis, sagte sie, gab er mir für die Glut meiner Liebe. Ich suchte sie damals zu trösten; ich verfiel, ich weiß nicht wie, auf die Wendung, daß vielleicht einmal ein großes Unglück ihm heilsam werden könnte. Diesen Gedanken hielt sie, als sie nach Hohenberg zurückkam, mit auffallender Zähigkeit fest. Immer wieder kam sie darauf zurück, daß man nur durch Trübsale und Prüfungen zur Erkenntniß seines wahren Heils gelange. Und Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! rief sie eines Tages ganz krampfhaft aus und sank erschöpft in ihren Sessel zurück. Die zerrütteten Finanzen des Vaters gaben viel Veranlassung, dem Prinzen fühlbar zu machen, wie abhängig er doch im Grunde von äußern Umständen und Bedrängnissen war. Aber der Bruch blieb. Mit dem Vater und der [310] Mutter zerfallen, lebte er auf der Universität, ich kann wol sagen, wild in den Tag hinein, schrieb oft in einem halben Jahre nur einmal nach Hause; dem Vater ohnehin nie. Zuletzt bezog er die Summen, deren er benöthigt war, vom Herrn Justizrath Schlurck, der ihm auch den Tod der Mutter, später den des Vaters anzeigte. In den letzten Wochen vor ihrem Tode hatte die Fürstin die Freude, auf Anlaß ihrer immer mehr zunehmenden Krankheit noch einen hingebenden, recht zärtlichen Brief von ihrem Sohne zu erhalten. Sie küßte ihn unter Thränen, sagte dann aber, ernst sich aufrichtend und auf ein Bild des Erlösers blickend: Der ist die Wahrheit und das Leben! – Sie hatte damals noch ihre letzten Kräfte zusammengerafft, um ihr Testament, ein längeres Vermächtniß, an ihren Sohn niederzuschreiben. Ob es in die Hände des Vaters gekommen; ich weiß es nicht. Sie starb, ich wiederhole Brigitten's Erzählung, mit dem sonderbaren Ausrufe: Das Bild –! Mit diesen, wahrscheinlich auf ein Crucifix sich beziehenden Worten lähmte ein Schlag die Zunge und wenige Augenblicke darauf war sie verschieden.

Auf jenen letzten Ruf der Fürstin hin, ergänzte der inzwischen leise schleichend eingetretene Bartusch die eine feierliche Stille verbreitende Erzählung; auf diesen Ruf hin hat der Fürst beim Verkauf des Nachlasses seiner Gemahlin auch angeordnet ...

Bartusch stockte, mit einem Blick auf den Geheimrath, der vom Tode nicht gern erzählen hörte.

Was angeordnet? fragte man allgemein.

[311] Ich vermuthe wenigstens, sagte Bartusch, den Geheimrath dreist fixirend; ich vermuthe, daß die letztwillige Erklärung des verstorbenen Fürsten, alle Familienbilder auf Hohenberg sollten dem Sohne übergeben und von dem Verkauf an das königliche Haus ausgeschlossen bleiben, auf diesen letzten Worten seiner Gemahlin beruht.

Der Geheimrath machte eine unruhige Bewegung.

Herr von Zeisel glaubte ihn zu verstehen und fiel rasch ein:

O, mein Herr Bartusch, es ist diese Anordnung doch wol nur die schuldige Rücksicht eines berühmten Geschlechts auf seine eigene Ehre oder sozusagen ... den Glanz seines Hauses. Nicht wahr, Eugenie?

Eugenie, seine Gemahlin, bestätigte diese Worte mit einem kurzen vornehmen:

Allerdings!

Sie war eine geborene von Nutzholz-Dünkerke.

Nun! Nur soviel weiß ich, vertheidigte sich Bartusch mit vieler Trockenheit und wollte den ihm von der Justizräthin zugeworfenen Wink nicht verstehen; soviel weiß ich, die Fürstin war ohne alles Vermögen. Prinz Egon konnte ein mütterliches Eigenthum nicht beanspruchen. Die Familienbilder und eine aus der Verwaltung des Schuldenwesens für ihn sich herauswerfende Apanage von jährlichen sechstausend Thalern bilden in diesem Augenblick seinen ganzen Besitz. Es wird ihm in Deutschland nicht lange behagen, zumal wenn es wahr ist, daß er Bier trinkt, in die Vereine der Handwerker geht, Colonieen [312] stiften will und ähnliche Phantastereien treibt, mit denen man sich bei uns höchstens eine vorübergehende Popularität erwirbt, aber die vielen Feinde, die sich das Haus Hohenberg so schon zugezogen hat, in den obern Regionen leicht vermehren würde.

Frau von Reichmeyer, die es fühlte, daß sie zu lange geschwiegen hatte, um nicht für beschränkt zu gelten, ergriff diese Gelegenheit zu der Frage:

Woher kommen nur diese Feinde?

Liebe Schwester, sagte Eugen, wer kein Geld hat, hat keine Freunde, und keine Freunde haben ist soviel, wie Feinde haben.

Der Fürst, erklärte Herr von Zeisel, setzte leider seine Würde zu oft aufs Spiel und verdarb es mit denselben Protectoren, denen er es mislich, ja schwer machte, das Wohlwollen, das sie für ihn fühlten, immer auch öffentlich zu zeigen ...

Nein, nein, seien Sie aufrichtig, fiel Stromer ein. Verschweigen Sie nicht, Herr Justizdirector, wovon wir bei unsern nähern Beziehungen zur Fürstin so oft Gelegenheit hatten, uns zu überzeugen; verschweigen Sie nicht, daß es wirklich eine geheim angelegte sonderbare Mine der Intrigue gegen die Fürstin gegeben hat! Sie wissen, wie oft sie über die Bosheit und Heuchelei der Menschen bei wirklich räthselhaften Veranlassungen klagte. Sollte Ihnen entfallen sein, welche Namen sie nicht selten als die ihrer ärgsten Feinde bezeichnete? Ich erinnere Sie an eine Dame –

[313] Stromer hielt absichtlich inne. Herr von Zeisel wurde unruhig, überroth, seine Gemahlin erblaßte, Beide blickten erschrocken bald auf den heute sehr tapfern, angeregten Pfarrer, bald auf Herrn von Harder, dem seit Erwähnung der Bilder dies Gespräch verdrießlich, ja unehrerbietig erschien.

Genug, sagte Stromer. Die Feinde des fürstlichen Hauses mögen verschuldete sein, es sind ihrer aber auch solche, die wol nur dadurch entstanden, daß die Fürstin Amanda in ihrer Jugend sehr schön, sehr liebenswürdig und von aller Welt angebetet war ....

Bei diesen Worten erhob sich Herr von Harder. Er ahnte in ihnen eine Beziehung zu seiner Gemahlin. War er auch wenig in die eigenen Lebensbezüge derselben, die erst seit zehn Jahren seine Gattin war, verwachsen, so wußte er doch, nach der ihm von der energischen Frau gegebenen Anweisung, sehr vollkommen, welche Farbe er in dieser, überhaupt in jeder Gesellschaft halten mußte. Sie sagte ihm ja immer: Sei kalt oder warm gegen Diesen oder Jenen! Und ohne daß er die Gründe dafür erfuhr, war er dann eiskalt gegen Den oder in seiner Weise glühend gegen Jenen. Er wußte vollkommen, daß seine Gattin in ältern Tagen, noch während ihrer ersten Verheirathung – mit ihm führte sie die zweite Ehe – mit der Fürstin verfeindet war; er hatte noch neuerdings, wo gerade auf ihre Veranlassung der Ankauf der Hohenberg'schen Einrichtung betrieben wurde und sie sich vor Ablieferung an den Hof die genaueste Untersuchung derselben in der [314] Residenz bedingte, bei Auseinandersetzung der Gründe, die sie scheinbar dazu bestimmt hätten, das lebendigste Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens beobachten können, und somit überstieg das Gespräch das Maaß Dessen, was er als Gatte und überhaupt als Excellenz glaubte hier so ungeahndet mit anhören zu dürfen ....

Melanie aber rief:

Laßt die Todten ruhen! Was quälen wir uns damit, zu erforschen, was die Verstorbenen noch Alles gedacht oder gefühlt haben mögen! Zürnen Sie nicht, Herr Pfarrer, daß wir so oberflächlich und weltlich sind! Unsere Religion ist die Natur, die Kunst, die Freude! Kommen Sie, wir wollen etwas Musik machen, wenn dieser Tonkasten hier bei guter Laune ist und die Gnade hat, noch einige Klänge herzugeben.

Damit öffnete sie den Flügel, der noch in diesem Saale von den ehemals hier gehaltenen Betstunden stehengeblieben war. Es war ein altes verbrauchtes Instrument, dessen Klang schon vor Jahren nur soweit ausreichte, leidlich eine Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anschlagen der Dominante einen Bauernchor zu verhindern, nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuspringen oder einen Vers um eine Terz höher zu schließen als man ihn angefangen hat ....

Melanie schlug eine Polka an. Manche Saite war schon gesprungen, manche sprang jetzt erst. Sie ließ sich jedoch nicht irremachen, sondern begleitete die leicht tändelnde Melodie, die sie spielte, mit den entsprechenden Bewegungen [315] ihres Körpers. Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klägliches Durcheinandersummen der ungestimmten Töne. Ärgerlich brach sie ab. Sie konnte aber vollkommen befriedigt sein von dem heitern Erfolge ihrer Improvisation. Man war die feierliche Stimmung los, stand auf, nahm einige kalte Speisen zu sich, die Madame Schlurck nach dem Thee herumreichen ließ, und stellte sich in Gruppen an die Fenster, an den Flügel, an das Kanapee der freundlichen Wirthin.

Guido Stromer aber war nicht der Mann, der sich so leicht entthronen ließ. Er warf sich mit leichtem Geschick auch auf diese neue Wendung des Abends, lobte Melanie's Spiel, rühmte die Speisen, erörterte die kleinsten Dinge durch piquante Commentare und entwickelte dabei immer denselben analytischen Geist, der sich in jede Gedankenreihe mit dem Talente, sie auszuspinnen und sinnig zu verknüpfen, finden konnte. Herr von Harder mied jedoch den vulkanischen Mann. Ohnehin neckte ihn Melanie und wußte ihn, gleich einem Magnet, der in einer Wasserschüssel blecherne Enten und Fische nach allen Seiten zieht, bald in diese bald in jene Ecke zu locken, sodaß er nahe daran war, von dem Nimbus seiner ihn umstrahlenden Würde viel einzubüßen und sich wie Einer der Andern unter den Andern zu verlieren. Als er anfing, doch auch zu freundlich zu zerschmelzen, zu geziert, wie Malvolio in Shakspeare's »Was Ihr wollt«, nach geschnörkelten Phrasen wie nach Fliegen zu haschen, entwand sich ihm das listige Mädchen und ging gerade da, wo er schon [316] zweideutig zu flüstern begann, in einen lauten Ton über, den Alle hören sollten. Man gruppirte sich um sie. Sie neckte Alle. Sie neckte den Commerzienrath mit seinen Staatspapieren, den Justizdirector mit seinen Processen, Eugen Lasally mit seinen Wettrennen, für die er Pferde und Jockeys hungern und mager werden lassen müsse .... So hatte sie es dahin gebracht, daß Alles wieder saß und sich gefallen ließ, Räthsel und Charaden zu lösen, die sie in schnellster Gewandheit, den anwesenden Personen angepaßt, zu erfinden verstand.

Die Überladung, die das eigentümliche Kennzeichen der Häuslichkeit Schlurck's war, brachte auch für diesen Abend, wie für jeden noch eine Collation Champagner. Dieser Wein war bei Schlurck so eingebürgert, daß man wol sagen konnte: er floß bei ihm in Strömen. Es mochte dieser Luxus daher kommen, daß Viele seiner Committenten, Viele der Personen, denen er Häuser, Güter, Geschäfte verwaltete, ihn mit Naturalgeschenken dieser Art gern erfreuten. Ein gewisses prahlerisches Wohlleben war leider die tägliche Ordnung im Schlurck'schen Hause und für so besonnen und klug Melanie's Mutter auch im Praktischen gelten konnte, nach dieser Richtung hin gestattete sie die vollste Freiheit und liebte es, jeden Tag als einen Tag der Freude zu begrüßen und zu beschließen, als ein Fest, wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Rosen sie frisch umkränzten.

Ja! ja! rief zuletzt der vom Champagner angeregte Stromer, der kein Auge für Linchen, seine bescheidene [317] Frau, den ganzen Abend über gehabt hatte, jetzt aber doch einmal zu ihr, der Dulderin, hinüberschritt mit dem Champagnerglase in der Hand; ja, ja, Lina, wie ist die Welt so schön, wenn man mit der Natur auf vertrautem Fuße steht! Da blitzt der Krystall, da lacht die Rebe, da funkeln Diamanten, auch wenn man Krystall und Diamanten nicht selbst besitzt! Im Auge liegt die Welt, im fröhlichen Auge der Liebe liegt sie gewiß; Liebe verklärt, Liebe besitzt, Liebe verjüngt! O wer sie nie gesehen hätte die schaurigen Schatten der Einsamkeit, wer nie erbebt wäre vor dem Anblicke des Todes! Da würden sie fern geblieben sein die düstern Gedanken, mit denen der grübelnde Mensch sich seinen Sonnenschein verhängt, seine Lauben in Grüfte verwandelt, seine lachenden Fernsichten in Abgründe! Ein Kind, ein Kind zu sein unter Blumen und Früchten! Lina, nichts schleppen als, jenen lieblichen dicken dresdener Jungen des Rubens ähnlich, Trauben, Trauben und Pfirsiche und kleine Kaninchen; o Seligkeit, es ist vielleicht die des Himmels auf Erden. Und wenn wir einst an die Pforte des Paradieses klopfen und sie im Jenseit genießen wollen, sagt uns Petrus: Ihr Thoren, was sucht Ihr hier oben? Die Seligkeit habt Ihr Euch auf Erden ja entgehen lassen! Steigt nun hinunter in das Zwischenreich, wo nicht die Seligen, nicht die Verdammten wohnen. Ach, ich weiß, was da hauset! Es ist die Reue! Die bittere nagende Reue!

Bravo! rief Melanie überlaut und stürzte sich mit komischem Affect Stromer'n fast zu Füßen.

[318] Bravo, Priester! sagte sie und sprach damit die allgemeine den Pfarrer bewundernde Stimmung aus. Auf diesen Glauben gib mir deinen Segen!

Stromer'n, dessen allerdings geistreicher, eigenthümlicher und für deutsche Zustände bezüglicher Natur wir immer näher kommen werden, Stromer'n zitterte das Champagnerglas in der Hand. Einige Tropfen fielen auf Melanie's entblößte Schultern.

Guido! schalt Linchen, seine Gattin.

Mag' es fließen, rief Melanie, während Alle lachten; er taufte mich auf seinen neuen Glauben! Pfarrer! Sie müssen sich zu uns bekehren. Wollen Sie?

Damit stand sie auf und schüttete ihr Glas in das seinige. Wie eine Hebe so schön, hob sie den gerundeten nackten Arm und ließ von oben herab in wohlberechneter Entfernung den Strahl niedergleiten, daß es in Stromer's Glase aufzischte und wie mit tausend Perlen schäumte. Geblendet saß der glühende Mann da und setzte taumelnd das Glas an die Lippen! ... Ah! rief Alles plötzlich erschrocken. Noch nachträglich zu den vielen gesprungenen Saiten im alten Pianoforte der Fürstin sprang eben noch eine der letzten .... Diese Mahnung wie von Geisterhand brachte Guido Stromer'n zur Besinnung. Es überrieselte ihn ein Schauer, als er der Tage gedachte, wo er hier betete und von der Sündhaftigkeit der Creatur sprach .... Aber so wirkte noch die warme Berührung seiner Kniee durch die vor ihm fast niedergesunkene Melanie in seinen zitternden Nerven nach, daß er nur noch in ihrem [319] Anschauen lebte und mit wonniger Spannung zuhörte, als sie in ihr dunkles Haar greifend rief:

Jetzt zum Abschied für heute Abend: Wem laß' ich die Rose hier zum Andenken? Ich wollte sie verschenken. Wehe! Sie ist vom Stiel gebrochen! Armes hülfloses Hundertblatt, wer soll nun deine Stütze, dein Stab und Stengel werden? Wer soll dich mitnehmen und an sein Herz oder in sein Stammbuch oder auch nur in eine einfache Cigarrentasche legen und sich dabei sagen: Melanie gedenkt Deiner, gedenke du ihrer!

Alles sah gespannt auf den Pfarrer und Dieser, bebend, schlug die Augenwimpern nieder.

Ich concurrire nicht, sagte Eugen sogleich mit einer spöttischen, ernsten Miene über Melanie's Übermaß von Coquetterie.

Sie ziehen Ihren Einsatz zurück, Stallmeister, antwortete sie, und wissen nicht, wie Sie gewinnen, ... wenn Sie schweigen! Sie haben heute soviel geschwiegen, Lasally; wüßten Sie nur, welchen Respect man vor Ihnen bekommt ....

Melanie sprach diese Worte so scharf, daß sie unwillkürlich belacht werden mußten, zum großen Ärger der Commerzienräthin von Reichmeyer, die ihren Bruder liebte und Melanie's Gefallsucht umsomehr verabscheute, als auch ihr Gatte von den Netzen derselben umstrickt war. Eugen aber war eine viel harmlosere Natur.

Mein Fräulein, sagte er, Sie wissen, daß ich auf Geist keinen Anspruch mache. In meinem Kreise amüsirt man [320] sich, wenn man gut reitet, gut schießt, Glück bei den Damen hat und die besten Cigarren hält. Um mich gründlich zu bilden und bei einem großen Genie in die Lehre zu gehen, hab ich einmal angefangen, nicht nur Schiller, sondern auch Goethe zu lesen. Ich las »Wilhelm Meister's Lehrjahre«.

Nun, rief Stromer wild. Wie wurde Ihnen da? Ergriff Sie Achtung vor der Bildung?

Bester Herr Pfarrer, antwortete Lasally trocken, als ich las, daß dieser Wilhelm Meister, dieser junge Commis und Ladenschwengel –

Entsetzlich! rief Frau von Zeisel, die Etwas auf Autoritäten hielt und auf Erziehung Ansprüche machte.

Als ich sah, ließ sich Lasally nicht irremachen, daß dieser Wilhelm Meister seine Liebhaberei für Puppenspielereien einer hübschen Schauspielerin erzählt, die dabei einschläft und immer noch von Puppenspielen erzählt, während Marianne schon in seinen Armen schnarcht, habe ich das Buch weggeworfen und mir vorgenommen, bei Gelehrten nicht in die Lehre zu gehen ... man wird da lächerlich, ohne es zu merken.

Melanie strafte ihn aber für diese böse, gegen Stromer gerichtete Anmerkung.

Ein Goetheverächter, sagte sie, bekommt meine Rose nicht.

Es wuchs die Spannung, wem sie ihre Gunst zuerkennen würde.

Dem Witzigsten! hieß es.

[321] Dem Artigsten! .....

Dem besten Reiter! sagte man mit Spott auf den Commerzienrath.

Melanie ging mit der Rose im Kreise umher und wählte und wählte ...

Ich suche seltene Vorzüge, sagte sie, irgend etwas Neues, Bedeutendes ... Wer meine Gunst verdient, muß ... Ah Bartusch!

Mich lassen Sie aus dem Spiele! rief Dieser komisch erschreckt und wehrte die Rose ab zum Gelächter der Übrigen.

Daß Sie heute nicht mit den Fingern rechneten, rief Melanie, nicht an den Nägeln kauten und Ihren alten bösen Husten einmal bei sich behielten, verdiente in der That eine Auszeichnung, und wenn ich bedenke, daß Sie heute sogar noch ein hübsches, glattes, sauber rasirtes Kinn haben –

Der graue Schleicher, verfolgt von Melanie'n, rief kichernd: Gute Nacht! ergriff schnell einen Leuchter und lief unter allgemeinem Spotte davon.

Die doch etwas verletzten Damen wollten seinem Beispiel folgen und aufbrechen.

Nein! sagte Melanie, ihr misgünstigen Schwestern, wird Frauengunst so verschmäht? So wenig Werth gelegt auf eine Rose, die ein Mädchen im Haar getragen? Zur Strafe für die studirten Herren, deren Gattinnen am meisten mit den Stühlen rücken, bekommt die Rose der, der die größte äußere Schönheit besitzt, den kleinsten [322] Fuß und die weißeste Hand .... Herr Justizdirector, strecken Sie Ihren Fuß vor!

Dieser zog seinen furchtbaren Elefantenfuß rasch zurück. Henning von Harder aber merkte etwas .....

Die Hand des Commerzienrathes wurde gerühmt. Sie war rundlich und wohlgepflegt, aber viel größer als Harder's. Und seine Gemahlin bedeckte sie; sie wollte der Posse ein Ende machen .....

Harder war entzückt ..... er zitterte .....

Ich hab's! rief Melanie. Meine Rose ist erobert. Excellenz .... Excellenz hat das Seltenste, was ich je gesehen ....

Was? fragte man erstaunt.

Die kleinsten, zierlichsten Ohren von der Welt! sagte Melanie.

Der Contrast der Würde, die dieser Mann behauptete, und die allgemeine lautlose, starre Bewunderung seiner Ohren, die er mit geschmeichelter Befangenheit wirklich nun zuließ, war im höchsten Grade lächerlich. Die Ohren fand man rings um die Excellenz herumgehend, in der That so klein, daß Herr von Harder nicht ohne Schüchternheit gestand, daß er diesen Vorzug allerdings schon oft an sich hätte rühmen hören. Mit einer Bescheidenheit, als wenn er für eines der größten Geistestalente nichts könne, da es ihm die Natur einmal gegeben, nahm er dann von der in seinem Anschauen wie selig schwelgenden Melanie die Rose entgegen und richtete an die bestrickende Circe eine so verwirrte Anrede, daß man sich an der Eitelkeit eines alten eingebildeten [323] Galanthomme gründlichst weiden konnte. Schwerlich hatte sie bei dieser Neckerei ein Interesse. Was war ihr der Geheimrath? Was war ihr die Huldigung eines vornehmen Mannes, sie, die die zudringlichen Anträge junger Grafen und Fürsten täglich abzulehnen hatte und deren ganzes Jugendleben eigentlich ein ewiges Sichbeherrschen und consequentes »Nein«-Sagen sein mußte .... Prinz Ottokar selbst, des Königs Bruder sogar, hatte sie schon auf Bällen ausgezeichnet ... sie floh nur immer, wich immer nur aus. Was war ihr also die grenzenlose Verwirrung, die sie über den Geheimrath hervorbrachte, anders als eine Tändelei der »Lieb' im Müssiggang«?

Als sich die ganze Gesellschaft empfohlen und zerstreut hatte, brach Melanie, die Mutter umarmend, in die Worte aus:

Zürne mir nicht, gute Mutter! Wir tanzen solange über den Blumen des Lebens hin und blicken dabei unvorsichtig nach der Sonne empor, bis wir einmal zerschmettert an einem Abgrunde liegen, den wir in unserer Lust doch übersahen!

Welch ein Bild! Kind! Das wolle Gott verhüten! antwortete die Mutter besorgt. Was hast du?

Kopfweh für heute! sagte sie abgespannt. Und nun ... gute Nacht!

Damit küßte sie die Mutter, der sie für weitere Fragen, Mahnungen, Besorgnisse mit graziöser Handbewegung rasch den Mund zuhielt, und verschwand in ihrem [324] Zimmer, wo Jeannette, ihre hübsche Zofe, sie schon ungeduldig mit einem Licht erwartete ....

... Das Mädchen kaute Kaffeebohnen, um an ihrem Athem zu verbergen, wie man unten im Erdgeschoß oben den Herrschaften nachahmte und sich würdig zeigte, in einem Hause zu dienen, wo nur der Materialismus herrschte ....

Melanie, in Gedanken versunken, merkte nichts von den Kaffeebohnen, nichts von dem glühenden, punscherregten Gesicht des Mädchens. Sie ließ sich ruhig entkleiden. Sie duldete ohnehin niemals, daß man sie vor dem Schlafengehen aus ihren Träumen durch Plaudereien weckte, besonders so indiscrete und zweideutige, wie sie Jeannette meist zu verführen pflegte.

[325]
12. Capitel. Eine Überraschung
Zwölftes Capitel
Eine Überraschung

Melanie's und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem großen Salon getrennt. In diesem pflegten sie sich des Morgens zu begrüßen und gemeinschaftlich zu frühstücken, wenn sie nicht vorzogen, die balsamische Frische der Natur und den Kaffee in dem Garten einzuschlürfen.

Schon lange hatte am nächsten Morgen die Mutter gewartet und sich, als Melanie nicht endlich heiter wie sonst hereinhüpfen wollte, erlaubt, leise an die Thür des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen. Als keine Antwort erfolgte und sie es acht Uhr schlagen hörte, klopfte sie um halb neun Uhr wieder ein wenig leise an ...

Komm doch herein! rief drinnen Melanie mit leidender Stimme und die Mutter trat ein.

Wie erschrak sie, als sie ihr Kind noch im Bett fand! Melanie erklärte sich leidend. Sie hätte eine unruhige Nacht gehabt, und fühlte sich unvermögend schon aufzustehen.

Die Mutter gerieth in nicht geringe Bestürzung.

Nein, nein, sagte Melanie, bekümmere dich nicht, Mutter! Ich konnte nicht einschlafen. Wie ich so mit müden Augen lag, die sich nicht schließen wollten, glaubte ich, [326] vielleicht wäre die Hitze des Zimmers an dieser Aufregung der Nerven Schuld. Ich stand auf, zog die Vorhänge zurück, daß der helle, volle Mondenschein hereinfiel ...

Da hast du dich erkältet, sagte die Mutter, als Melanie stockte ...

Sie schüttelte den Kopf.

Was ist es denn? Sprich, mein Kind!

Wie ich das Fenster öffnete ..., glaubt' ich unten eine Gestalt zu sehen, die entweder ein Gespenst oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war.

Hackert! sagte die Mutter mit blinzelnd zugedrückten Augen und sich abwendend.

Ja Hackert! wiederholte Melanie seufzend. Ob ich sagen soll, daß er in seinem gewohnten nächtlichen Zustande war, weiß ich nicht. Er schien mir wach zu sein. Das Weiße seiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht fast geisterhaft an. Ich schlug entsetzt das Fenster zu. Als ich dann noch einmal hinblickte, war Fritz verschwunden. Ich schlief ein, ward aber so von Träumen geängstigt, daß ich mich jetzt von einem solchen Schlafe mehr erschöpft als gestärkt fühle.

Die Mutter konnte ihr leider Hackert's Nähe bestätigen. Lasally wollte ihn gesehen haben und Bartusch hatte es ihr schon gestern Abend am Theetisch zugeflüstert ....

Du hast keinen Geist gesehen! sagte sie seufzend.

So sind wir denn überall von ihm verfolgt! rief Melanie und warf sich wie verzweifelnd auf eine andere Seite ihres Lagers.

[327] Gutes Kind, begann bekümmert die Mutter, beruhige dich! Ach, es ist über diesen Gegenstand schon soviel von Deinen Ältern gejammert worden, daß deine Klagen unsern Schmerz nicht erreichen! Der Vater nahm Hackert aus dem Waisenhause. Alles, was man von seiner Geburt erfahren hatte, war so dunkel und abenteuerlich, daß er unser Mitleiden erregte. Der Vater brauchte einen Arbeiter, den er sich von unten auf selbst erziehen wollte. Er ließ ihn unterrichten; er arbeitete unter seiner Aufsicht und hat sich früh schon von einer solchen geschickten Anstelligkeit bewiesen, daß er mit des Vaters geheimsten Angelegenheiten vertrauter wurde, als selbst Bartusch es ist. Die Folge davon war die größte Vernachlässigung seiner selbst und eine Vertraulichkeit mit der Familie ...

Schweige! Schweige! rief Melanie mit dem Ausdruck des größten Schmerzes.

Ich denke mit Entsetzen daran, fuhr die Mutter mit bedeutsamem Ernste fort, daß wir so blind sein konnten, in der Freude unsers glücklichen Aufschwunges, im Genusse der vielen Heiterkeit, die uns auf unserm Lebenswege lachte, das Ernsteste zu übersehen, das Gefährlichste, was sich neben uns entwickelte. Dieser Knabe wuchs mit dir auf. Listig wie er war, gewann er bei aller Häßlichkeit, aller Widerwärtigkeit seines Äußern, an die wir uns gewöhnt hatten – die Mutter hob diese Worte besonders scharf hervor – unser Aller Vertrauen. Ob wir, um dich aus einer Kindergesellschaft abzuholen, den Bedienten [328] schickten oder Fritz diesen Dienst verrichten ließen, schien uns unglücklichen Menschen einerlei; ja wir zogen seine Dienstwilligkeit vor, da er verläßlicher schien als Alle und fast im Hause wie dein Bruder gehalten wurde. Unselige Vertrautheit, die ihn ermuthigte, Hoffnungen in ihm nährte und seine Sicherheit bis zum Übermuth steigerte!

Melanie schwieg eine Weile, stemmte ihr schönes Haupt auf eines ihrer Kissen und sagte zu der ängstlich sie anblickenden Mutter:

Und doch war die Strafe, die ihr über ihn nach jener schrecklichen Nacht verhängtet, zu hart! Sie ist die Quelle unausgesetzter Leiden für uns Alle geworden! Aus dem Hause wie ein Dieb geworfen, vom Vater in einem Zorn, den ich nie an ihm kannte, fast mit Füßen getreten, irrte er wie ein rachsüchtiges Thier umher und droht uns mit Allem, was er in unserm Hause erlebte, erfuhr, entdeckt hat ... droht uns ...

Entdeckt hat? unterbrach sie die Mutter erschreckend. Was kann er entdeckt haben als den regelmäßigen Gang eines großen ehrenvollen, vom Fleiß und dem Genie des Vaters geleiteten Geschäfts? Das Einzige, was man fürchten konnte, war der lose freche Mund des frühverdorbenen jungen Wüstlings. Ich zitterte, wenn ich nur daran dachte, wie ...

Die Mutter stockte.

Was dachtest du? sagte Melanie.

Ach, ich will nichts mehr sagen! Laß es gehen!

[329] Mit euerm ewigen Gehenlassen! Dieses stete Vertuschen und Verschweigen! Was nur dachtest du?

Melanie –!

Fürchtest du, daß er den Menschen erzählt, wie früh dieser sozusagen Halbbruder, der mit mir aufwuchs, versucht hat ...

Deine Phantasie zu vergiften! Ja, Melanie, wenn die Welt die Bubenstücke erführe –

Mutter! rief Melanie hastig auffahrend, als könnte sie doch die zu gründliche Untersuchung dieser Wunde, die sie selbst veranlaßte, nicht länger ertragen. Schweige! Schweige! Vergiß nicht, daß dieser Unselige vorgibt, mich zu lieben, mir treu sein will mit unglaublicher Anhänglichkeit und niemals wagen wird ...

Anhänglichkeit, die ich Wahnsinn, Frechheit nenne! unterbrach sie die Mutter, vor Zorn sich röthend.

Laß es gut sein!

Die Mutter schwieg auf diese tonlosen Worte und beruhigte sich allmälig.

Erst erwartete sie, daß Melanie ihr zusprechen sollte. Da die Tochter aber in ihrer träumerischen Lage verblieb und mit keinem tröstenden Blicke sich ihrer Pein erbarmte, streichelte die Mutter die heiße Stirn des Kindes und küßte die zarten blauen Äderchen, die sie in Melanie's Augenwinkeln entdeckte.

Weg, weg mit diesen Sorgen, rief sie, sei heiter, Melanie! Noch gestern hast Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen. Die gefeierten Ohren [330] des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht, als wenn Du dem Lieutenant von Aldenhoven gesagt hättest, er gliche dem Adonis. Was willst du mit dieser Eroberung?

Melanie verzog ihre ernsten, schmachtenden und erschöpften Mienen zu einem Lächeln, dem ein wehmüthiger Zug beigemischt war. Ohne auf die Frage der Mutter zu antworten, lenkte sie das Gespräch wieder auf Hackert zurück.

Gern wollt' ich beruhigt sein, sagte sie, beruhigt über Alles, was uns Hackert Schlimmes etwa anthun könnte, wenn ich ihn nur überzeugen könnte ....

Wovon? Wovon, Kind? fragte die Mutter erstaunend. Kehrst Du wieder auf diesen unheimlichen Gegenstand zurück?

Melanie gab anfangs keine Antwort, dann aber sagte Sie:

Ich thue Niemanden gern weh.

Aber ich bitte Dich, Kind, Erklärungen! Erklärungen gegen einen solchen Menschen! Ein halbes Thier ist dieser Hackert ....

Mutter!

Ja Melanie! ... Die Mutter ließ sich in ihrer Auffassung nicht stören und hob absichtlich das an Hackert Ungefällige hervor – ja, Melanie, es ist ein Mensch von einer Unreife, die mir ein Grauen einflößt. Dies Haar, dieser Gang, diese Magerkeit! Und diese Bosheit, dies verruchte Herz –

[331] Du übertreibst ....

Nein, Kind, Das ist ein Wesen, wie ich mich entsinne, einst in einer Gesellschaft gehört zu haben, zu der mich Frau von Trompetta mitnahm. Wie hieß das Stück, das der berühmte Dichter vorlas, das Stück, wo ein so unfertiger Halbmensch vorkommt, den ein Zauberer mit seinem Geiste zwickt und zwackt und seiner Rohheit Daumenschrauben anlegt?

Der Sturm! Der Sturm, liebe Mutter!

Der Sturm! Und der böse Gast, den der Zauberer auf der wüsten Insel findet –

Caliban!

Caliban! Das ist's! Ein solcher Caliban ist dieser Fritz, fähig, seine eigenen Geschwister ... zu verzehren, wenn ihn grade Hunger triebe! Ein Halbmensch, ohne Gemüth, ohne Liebe, ohne einen Funken edler Hingebung! Nur sinnlich, nur ein Wesen, das blindlings seinem Instincte folgt ....

Er ist krank ...

Durch sich selbst! Die Zerrüttung seiner Nerven, wer verschuldet sie?

Sein Nachtwandeln ist erst über ihn gekommen, als man ihn so grausam verstieß. Als man ihn vollends mishandelte, als Lasally –

Nein, die Wuth, der angeborene Zorn lassen ihn nicht schlafen ....

O Mutter! Ich weiß, was ihn nicht schlafen läßt! Ich lasse mich nicht irremachen. Ich habe nachgedacht über [332] Fritz. Ich habe über ihn geweint. Das ist der Mensch, wie er frisch und roh aus der Hand der Natur kommt und sinnlich ohne den Sonnenschein des Geistes aufwächst –

Ja! Ja! Sagte Das nicht der Probst Gelbsattel, als der Sturm vorgelesen und Caliban's Charakter erörtert wurde?

Mit diesen Betrachtungen, meinte Melanie, schwatzen wir unser Unrecht nicht weg. Wenn ich ihm sagen könnte: Fritz –

Melanie, fiel die Mutter ein, Du wirst doch keine Erörterungen mit ihm herbeiführen, seinem Wahnsinn keine neue Nahrung geben wollen?

Der Schein, Lasally's empörendes Benehmen zu billigen, drückt mich ....

Nimmermehr! Wie geht Das! entgegnete die Mutter besorgt. Die Mißhandlung, die ihm Lasally angethan hat, war roh, aber sie brachte gute Folgen. Sind wir nicht seitdem vor seinen Nachstellungen bis jetzt sicher geblieben? Konnten wir sonst einen Schritt vorm Thore, im Park thun, ohne ihn aus den Büschen heraustreten zu sehen? Konnten wir das Theater besuchen, ohne beim Nachhausefahren ihn im Gedränge der Menschen an unserer Seite zu finden? Seit einem Vierteljahre ist es jetzt das erste mal, daß er sich wieder in unsere Nähe wagt. Er wird Lasally und seine Jockeys sehen und sich vor ihren Reitpeitschen zum zweiten male in Acht nehmen ....

Erinnere mich nicht, fuhr Melanie entsetzt auf, an diese brutale Scene! Sie hat mir Eugen, den ich seines ehrlichen [333] und offenen Charakters wegen zu schätzen im Begriffe stand, aufs tiefste entfremdet. Ich gestehe, daß ich an Lasally Gefallen hatte. Gerade, daß er als geborener Israelit nicht eine einzige der Eigenschaften zeigte, die man sonst an diesem Volke tadelt oder lächerlich finden will, hatte mich zu ihm hingezogen. Sein trockener Witz ist ganz anders als der Witz seiner Glaubensgenossen. Er gibt sich für beschränkter, ununterrichteter als er ist. Er will, während alle seine Glaubensgenossen nach Geist streben, keinen Geist haben und hat ihn. Wie er mich reiten lehrte, that er es mit soviel Bonhommie, soviel Humor, daß ich ihm wahrhaft gut war. Was soll aus mir werden? Eine Königin? Eine Herzogin? Eine Offiziersfrau? Eine Frau Assessorin? Ah ... Bah! Ich konnte mir denken, der Vater stellt dem Eugen durch meine Mitgift seine Finanzen wieder her, wir bauen eine prächtige Arena, den Tummelplatz der ganzen eleganten Welt, wir verbinden sie mit einer glänzenden Erleuchtung, mit Lauben, mit Treibhäusern für Die, welche nach dem Ritte sich erholen wollen. Mich blendete bei meinem ersten Austreten aus der einfachen bürgerlichen Sphäre, in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war, der Gedanke, durch die Verbindung mit Lasally könnt' ich die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt fesseln, mit den schönsten Damen, den elegantesten Männern in Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln, bis ich freilich durch die größere Bekanntschaft in dieser Sphäre Eugen's, der mich in sie eingeführt hatte, ihrer [334] überdrüssig wurde und es bald bemerkte, wie ich denn doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung erhalten würde. Es war eine Verirrung. Und doch währte es lange, bis sich meine Phantasie von Lasally, dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller Damen, dem galanten kühnen Reiter und gesuchten, bei allen Kunstausstellungen auf ein Dutzend Bildern dargestellten öffentlichen Charakter, lossagte. Erst als ich den Abend in unserm Garten vorm Thore, wo Lasally mit mir scheinbar harmlos lustwandelte und ich plötzlich erzürnt ausrufen muß: Gott, da ist schon wieder Hackert über den Zaun gestiegen! das Bellen der Hunde Eugen's und Hackert's klägliches Geheul hörte, als Lasally selbst, wie ein Rasender, seine ganze Kaltblütigkeit aufgebend, nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen muß, wie zwei seiner Bereiter den Unglücklichen mit langen Peitschen grausenhaft mishandeln und Lasally, Eugen Lasally selbst, ihn mit der Reitgerte wie ein Rasender gerade über den Kopf hieb, während die Hunde seine Kleider zerrissen –

Rege Dich nicht auf! sagte die Mutter. Laß die Erinnerung, Melanie! Es ist ein Jahr her. Ich habe damals Noth genug um Dich gehabt, weil ich glaubte, Du würdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen.

Ihr verschwiegt mir, daß Hackert auf den Tod lag, sagte Melanie.

Der Vater ließ für ihn sorgen ....

Ich erfuhr später Alles, fuhr Melanie erregter fort.

[335] Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen. Doctor Hammer, der ihn im Spital behandelte und mir zufällig in einer Gesellschaft begegnete, erzählte mir, daß er Anfälle von Raserei hätte. Wie ein wüthendes Thier schlüge er dann um sich, fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in eine Erschöpfung, die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwäche zur Folge haben würde ....

Es ist traurig. Aber was läßt sich thun? sagte die Mutter bestimmt, jedoch ohne Kälte. Und der Vater handelt edel an ihm ....

Doctor Hammer erzählte zuerst von seinem Nachtwandeln – in großer Gesellschaft – vor aller Welt ... Meine Verzweiflung, Das anhören zu müssen! Ich hätte in die Erde sinken mögen –

Schon bei uns hieß es, er wandle bei Nacht!

Nie! sagte Melanie bestimmt.

Woher kannst Du Das so bestimmt versichern?

Nie! sag' ich! wiederholte sie der staunenden Mutter. Sein damaliges Nachtwandeln war etwas Anderes .... Und nun genug davon!

Melanie schwieg und warf sich auf die Seite, den Kopf tiefer in das Kissen wühlend.

Die Mutter, des Justizraths »gutes Hannchen«, gehörte zu den Wesen, denen nichts unbequemer war, als eine allzu tiefe Erforschung von Dingen, die nur auf Unerfreuliches führen konnten. Sie war eine durchsichtige, verständige, scharfblickende Frau. Sie ahnte durch Inspiration rascher [336] Etwas, als manche schwerfällige Untersuchung langsam ergab. Aber sie liebte es, sich über Das, was ihr möglich, ja wahrscheinlich dünkte, dennoch keine Rechenschaft abzulegen. Sie wollte das Geschick immer nur en profil, nie en face sehen. So ließ sie denn auch über dies sonderbare »Nie« getrost den Schleier fallen. Sie wußte, daß in ihrer unverzeihlichen Sorglosigkeit Melanie neben Hackert aufgewachsen und von dessen zügelloser Frühentwickelung in bedenkliche Gefahren gerathen war, von denen das aufgeregte, ebenso über die Liebe früh nachgrübelnde Mädchen noch »zur rechten Zeit« wie der Vater damals sagte, befreit wurde .... Und so alles Unangenehme vertuschend, verwischend, beschwichtigend sprach sie mit heiterm Ton:

Laß Das nun gehen, Kind! Wir hätten einen solchen Caliban nie ins Haus nehmen sollen! Es geschah. Es sollte so sein. Wir hatten Mitleid mit dem ungewissen Schicksal eines vor dem Waisenhause einst ausgesetzten Findlings, hielten ihn höher, als wir ihn hätten halten sollen, und müssen uns vorwerfen, daß wir nicht strenger wachten, als er anfing auf schlimmen Wegen zu gehen und sich und Andere zu verderben. Geliebt kann er dich nie im Ernste haben; denn seine Aufführung bewies es nicht. Es kam später Alles zu Tage, was er war und wie er auf die Zerstörung seiner Jugend wüthete! Jeannette hat viel gebeichtet. Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag. Am Bureau neben dem Vater schlief er mit offenem Auge. Da mußte er in den Nächten wol mit geschlossenen Augen [337] wachen. Die Lection, die ihm Lasally gab, war nicht nach unserm Sinne, sie war grausam; aber sie hat ihm gezeigt, daß wir ihn nicht fürchten, mag er auch noch soviel drohen, noch soviel mit seiner Kenntniß der Geheimnisse des Vaters prahlen. Wir boten ihm, wenn er uns nicht mehr belästigen wollte, Geld an; er nahm nicht mehr, als wir ihm früher schon ausgesetzt hatten, bis er eine Stelle fand. Und doch, sagt man, soll er so träge sein, daß er nicht die geringsten Anstalten trifft, seine Zukunft von der Abhängigkeit, die ihn an den Vater fesselt, zu befreien. Ach! Kind, es war immer eine böse Natur! Bald Verschwender, bald geizig. Bald offen, bald hinterlistig. Und welche maßlose Eitelkeit! Ich will nicht davon sprechen, daß er mit seiner abschreckenden Figur, seinem rothen Haar, seinen abgerissenen Stiefeln und seiner unausrottbaren Unreinlichkeit sich einbilden kann, noch einen Eindruck auf Dich zu machen .... Ist es nicht die tollste Eitelkeit, daß er uns hat sagen lassen, er schone den Vater bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre, wo ihm Dieser versprochen hätte, ihm das Geheimniß seiner Geburt zu entdecken?

Der Vater weiß darum, sagte Melanie.

Nicht ein Wort weiß der Vater, sagte ihre Mutter. Er hat einzelne Anzeichen, einzelne kleine Zufälligkeiten entdeckt (z.B. einen zerbrochenen, bei dem Findelkinde gefundenen Ring), die auf ein nicht ganz gewöhnliches Herkommen dieses Menschen schließen lassen; aber die wenigen Worte, die der Vater einmal bei guter Laune darüber fallen ließ, haben ihm so den Kopf verwirrt, daß er [338] sich einbildet, sicher ein Baron zu sein. Genug von ihm! Steh' nun auf! Sei heiter! Genieße das himmlische herrliche Wetter! Sieh! Sieh! Die goldene Sonne!

Damit riß die Mutter die Vorhänge auf, der lichte Sonnenschein fiel in das dunkle, plötzlich erhellte Zimmer.

Auf! Auf! Tummle dich, Melanie! ermüdete die Mutter nicht zu rufen. Nimm an mir ein Beispiel! Schon war ich im Bade! Schon trank ich Wasser an der frischen Quelle im Garten. Wasser, Sonne, Luft, Licht, Blumen! ... Mädchen, weißt du denn nicht mehr, was schön und jung macht, schön und jung –

Erhält! fiel Melanie schmeichelnd ein, wandte sich und reichte der frisch und rosig strahlenden Mutter die Hand.

Indem klopfte es.

Wer klopft?

Eine Stimme wisperte am Schlüsselloch:

Darf ich?

Jeannette?

Nein, sagte die Justizräthin; es ist Bartusch.

Stör' ich? rief Bartusch durch das Schlüsselloch. Kommen Sie heraus! Es sind merkwürdige Briefe vom Justizrath da.

Vom Vater?

Die Mutter ging hinaus.

Nach einigen Secunden kam sie wieder und rief:

Melanie! Denke dir, wer angekommen ist?

Erschrecke mich nicht! Ich rathe nicht gern. Meine Nerven sind angegriffen ...

[339] Der Prinz Egon!

So? Das wissen wir ja schon.

Prinz Egon von Hohenberg!

Angekommen? In der Residenz?

Nein, hier! Hier auf dem Schlosse.

Sonderbar, wie diese Worte auf Melanie wirkten! Sie kannte den Prinzen nicht und mußte eher im Interesse ihrer Familie vor ihm auf der Hut sein, als dabei interessirt, ihn gerade hier zu sehen, wo sie Alle von seinem Eigenthum fast Besitz genommen hatten .... Dennoch sprang sie jetzt aus dem Bette, ließ Hackert Hackert sein, kümmerte sich nicht mehr um Lasally, nicht um den Intendanten, vergaß die Nacht, vergaß ihr Kopfweh, vergaß ihre Schlaflosigkeit und trieb nur die Mutter an, ihr zur nothdürftigsten Toilette beizustehen. Wie ihre Füße in die seidenen Pantöffelchen schlüpften, die leichten Nachtgewänder abgeworfen wurden, wie sie an den Toilettentisch eilte und sich in flinkester Behendigkeit Angesicht und Nacken benetzte, wie sie dazwischen an dem Schellenzug riß, um den Bedienten das Zeichen zum Serviren des Frühstücks zu geben ... man hätte nicht glauben sollen, daß Dies dasselbe Wesen war, das noch eben wie leblos, ganz in Träumerei und Erinnerung versunken, zwischen den grünseidenen Couverten des Bettes gelegen hatte. Das einzige Wort: Ein Prinz, der Prinz Egon, ist hier auf Hohenberg! hatte sie elektrisirt. Sie herzte die Mutter und tröstete sie mit den Worten:

Laß es nun gut sein, sonst muß ich über mich selbst [340] lachen! Ja! Ja! Wasser! Luft! Sonnenschein! Die Mutter hat Recht.

Damit drängte sie die kleine runde Mama, die schon so frisch, so sauber ausschaute, durch die Thür und hüpfte ihr mit den Worten nach:

Nun guten Morgen, Bartusch, was haben Sie? Was schreibt Papa? Wo ist hier ein Prinz? Wer hat den Prinzen? Her mit ihm!

Bartusch war schon ganz in seiner gewohnten Toilette. Einfach, aber sauber. Weiße Halsbinde, weißes Vorhemd, schwarze Weste, grauer Überrock, weite lichte Beinkleider, Schuhe mit grauen Kamaschen. Er wiederholte die Zeichen, die Stillschweigen bedeuten sollten, mit um so größerm Nachdruck, als ein Diener in Schlurck's geschmackvoller Livree eintrat und das Frühstück beim offenen Fenster auf einem runden Tische auftragen wollte, an dem zwei Sessel standen. Bartusch ließ ihn gewähren. Als er gegangen war und einige kleine Befehle, die Melanie's Ungeduld folterten, für die Wirthschaft mitgenommen hatte, schloß Bartusch wieder behutsam das Fenster und zeigte einen Brief, der diesen Morgen von der Residenz mit einem Expressen angekommen war, viele geschäftliche Anweisungen des Justizraths und unter Anderm auch folgende Stelle enthielt:

»Schließlich, liebster Bartusch, mach' ich Sie auf ein merkwürdiges Gerücht aufmerksam, das hier zu meiner Kenntniß gelangte. Prinz Egon ist vor einigen Tagen hier angekommen und hat sich, wie man für gewiß behauptet, [341] in einer Verkleidung nach Hohenberg begeben. Zu welchem Zwecke ist mir unbekannt. Wenn er wirklich streng incognito reist, um uns wahrscheinlich zu belauschen und sich Hohenbergs Zustände anzusehen, würde Ihnen eine genauere Beschreibung seiner Person, die ich nicht einmal ganz geben kann, wenig nützen. Doch dürfte es immer rathsam sein, wenn Sie sich merken wollten, daß Prinz Egon mir allgemein jetzt als ein ziemlich schlankgewachsener, doch nicht übergroßer junger Mann von mehr lichtbraunem als blondem Haar geschildert wird. Seine Augen wären braun, seine Hände und Füße zierlich, was weiß ich von den Schönheiten allen, die er besitzen soll und über die man am besten thäte, erst bei den schönen Frauen in Paris Erkundigungen einzuziehen.«

Überflüssige Anmerkung, die wol von Ihnen kommt? unterbrach Melanie den schmunzelnden Vorleser ...

Dieser fuhr fort:

»Das Beste an der Sache ist, daß ich ohne Zweifel den Prinzen Egon auf seiner Incognitoreise gesehen habe. Im Heidekruge, bei dem ehrlichen Manne, dem Volksfreunde Justus, der mich mit seiner Verwendung für meine schönauer Wahl betrügen und sich selbst wählen lassen wird, lernt' ich einen jungen Mann kennen, dessen Äußeres vollkommen den mir gemachten Schilderungen entspricht. Er fiel mir im Gespräch sogleich durch geistvolle Wendungen sehr auf, und da er liberale Ansichten aussprach, bin ich überzeugt, daß es der Prinz war, den die diesseitige Gesandtschaft in Paris sehr oft als einen Communisten [342] bezeichnet hat. Soviel ich aus Champagnernebeln her mich entsinne, hatte dieser Fremde hellbraunes Haar, trug sich mit einem der modernen Bärtchen, deren Namen ich nicht kenne, war ohne Stutzerei gutgekleidet und sprach höchst angenehm und fertig. Folgen Sie diesem Signalement. Forschen Sie Egon's Schritten nach. Begierig bin ich, was der Prinz in Hohenberg beabsichtigt. Möglich, daß seine geheime Besichtigung der Familienbesitzungen ihn bestimmen könnte, die Verwaltung derselben noch einmal zu versuchen und sich mit den Gläubigern seines Vaters abzufinden. Sie fühlen, daß mir mit einem solchen Entschlusse wenig gedient sein kann, denn er würde meine Administration aufheben, die doch, so Gott will, bei der jetzigen Lage der Dinge einige dreißig Jahre über mein kühles Grab noch hinausdauern könnte. Also beobachten Sie ihn und schlagen Sie in unserm Verhalten zu ihm den Weg ein, der Ihnen der nützlichste scheint. Entdeckt er sich nicht, so wär' es am gerathensten, ihn harmlos von selbst aufzusuchen und unter irgend einem Vorwande im Schlosse anständig zu fesseln, ohne daß man dabei sein Incognito verletzt. Vielleicht hilft dabei meine gute und kluge Melanie ...«

Helfen? Ich? sagte Melanie fast erröthend.

»Melanie«, fuhr Bartusch zögernd fort; »der ich übrigens wünschen muß ...«

Die Mutter nahm den Brief, den ihr Bartusch jetzt zum Einsehen hinreichte, zögernd.

Melanie, gespannt und ungeduldig wie sie war, wollte [343] kein Geberdenspiel und sagte, indem sie den goldenen Kaffeelöffel vom Munde absetzte und in die Tasse senkte:

Was soll es denn mit der guten klugen Melanie? Was ist ihr zu wünschen?

Sie kann es hören, meinte die Mutter, die weiter gelesen hatte. Ich sagte ihr ja schon, welche Belästigungen uns bevorstehen, da sich Hackert erlaubt hat, hierher zu folgen. Der Vater warnt uns vor ihm, da er ihn auf dem Heidekruge gesehen hätte und vermuthen müsse, er würde die Dreistigkeit haben, sich hierher zu begeben. Er bedauere, schreibt er, nicht gefragt zu haben, auf welche Veranlassung Hackert im Heidekrug wäre ...

Lassen wir Das, sagte Melanie, und bleiben wir beim Prinzen Egon stehen. Was weiß man von ihm? Ist Jemand angekommen, der dem Signalement ähnlich sieht? Schöne Kennzeichen sind das! Wer findet sich aus solchen Allgemeinheiten zurecht? Lichtbraunes Haar, zwischen blond und braun in der Mitte spielend – ein unglaubliches Phänomen! Und die kleinen Hände und Füße, der namenlose Bart und die Französinnen, die Papa wol hätte auslassen können! Er meint die Gräfin d'Azimont, von der ich schon gehört habe ....

Bartusch unterbrach sie mit dem Bemerken, es fände sich in dem wider Schlurck's Gewohnheit sehr langen, aber durch die Wichtigkeit der Veranlassung begründeten Briefe noch ein interessantes Postscriptum.

Wie in einem Frauenzimmerbriefe? sagte Melanie.

Während sie ihr feines von der alten Brigitte jeden[344] Morgen frisch gebackenes Weißbrot zerkrümelte, las Bartusch:

»Nachträglich noch eine Notiz für die Erkennung des Prinzen. Soeben war Frau von Trompetta bei mir, um einmal wieder eine ihrer tausend Unterschriften zu sammeln. Sie antwortete mir auf meine Frage, ob sie nichts Genaueres über die Äußerlichkeit des Prinzen Egon wisse, er ähnele, sie sagte es freilich mit sonderbarer Neckerei, dem jungen schönen Maler Siegbert Wildungen ....«

Siegbert? unterbrach Melanie erstaunend ....

»Siegbert Wildungen, den ich mich entsinne einige mal bei uns zum Thee gesehen zu haben. Und in der That ....«

Sie erfinden da Etwas, Bartusch, sagte Melanie und riß den Brief an sich.

Sie konnte nun selbst weiter lesen:

»In der That entsinne ich mich, daß mein räthselhafter Fremder im Heidekrug, nach dessen näherm Reisezweck, Namen und etwaniger Gesellschaft ich mich leider zu erkundigen vergessen habe, mir den Eindruck einer großen Ähnlichkeit mit Jemanden machte, den ich erst kürzlich mußte gesehen haben. Möglich, daß sich mir die Gesichtszüge des jungen Malers Wildungen von den kleinen Theegesellschaften eingeprägt haben. Ich könnte Ihnen von Egon's hiesigem Auftreten mancherlei Wunderliches erzählen, besonders von seinem Reisebegleiter, einem Franzosen, Namens Louis Armand; doch verspar' ich Das auf Eure Rückkunft. Behandeln Sie den Prinzen mit Discretion und tragt Alle dazu bei, Kinder, daß der Haß, mit [345] dem er den Namen Franz Schlurck verfolgt, sich mildere und die ungemein wichtige Verständigung, die ich mit ihm durchführen muß, vernünftig abläuft .... In großer Eile!« ....

Siegbert Wildungen! wiederholte Melanie noch einmal mit einem Ausdruck ihrer Gesichtszüge, der vielleicht sagen sollte: Wie mischt sich dieser reine Name in meine Lust und meinen Frohsinn?

Diese Trompetta! sagte sie zur Mutter. Es ist kein Wort wahr, daß Prinz Egon dem Maler Siegbert Wildungen ähnlich sieht; sie wollte mir nur den Stich geben: Bedenke, wen du schonen solltest! Bedenke, wer dich zu lieben vorgiebt! Der sanfte gute Siegbert!

Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verächtlich den jungen Maler geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier.

Ich wette, diese verschmitzte Trompetta wollte mir sagen lassen: Melanie, verlieb dich nicht in den Prinzen, nicht in die Excellenz, den Gatten meiner guten Freundin Pauline von Harder, sondern denk' an Siegbert! ... Bei all ihrer Heiligkeit hat sie nichts als Romane im Kopf.

Und, Fräulein Melanie, sagte Bartusch, hier ist noch eine frühere Stelle des Briefes, die wir übersehen hatten.

Ich will nun nichts mehr wissen, antwortete das Mädchen träumerisch, von der Erwähnung Siegberts erschreckt.

Vorher noch, fuhr Bartusch fort, ohne sich irremachen zu lassen, vorher noch, sagte der Justizrath – die Erwähnung [346] des Fritz machte, daß wir die Stelle übersprangen ....

Welche denn?

»Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der Entführung des Mobiliars seiner Mutter zusammen. Die Trompetta hätte erzählt, er wäre darüber bis aufs äußerste entrüstet. Frau von Trompetta hätte bemerkt, man beabsichtige bei Hofe vielleicht die schönsten Andenken dieser Einrichtung dem Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren, als Anerkennung für ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen Reubundes ....«

Der Vater schriebe Das? rief Melanie lachend; von dieser blonden Magdalena? Das sind satyrische Arabesken!

Sie nahm den Brief, fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz scherzhaftem Zorne hinzu:

Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen, auch zu dem Prinzen Egon in Beziehungen zu treten? Gebt Acht, Das wird eintreffen! Ihm raubt ein liebloser Vater die theuersten Andenken an seine Mutter. Der alte Fürst, der Alles verspielt und vergeudet hat, opfert auch noch die letzte Erinnerung an die Mutter seines Sohnes. Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung, und statt sie dem Sohne zurückzugeben, schenkt man das Beste davon meiner blonden Freundin Friederike Wilhelmine, die es darauf anlegt, eine geschichtliche Person zu [347] werden. Das seh' ich vor mir! Der Prinz bittet um die Erlaubniß, bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu dürfen. Er sieht die Briefbeschwerer und Crucifixe und küßt die Stickereien, und vergißt sich und küßt auch die Hand der Flottwitz, die ihn erobern wird mit Gott für den König, das Vaterland und für – sich! Nein, nein, diese Verschwörung ist entdeckt, die Fäden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so, daß der Prinz Egon nicht der Gräfin d'Azimont, nicht der Flottwitz gehört, sondern zu unserer Fahne schwört, und Das gleich. Fort Bartusch, holen Sie ihn nur her! Wo ist der Prinz?

Die Mutter rief lachend:

Gemach! Gemach!

Es ist mein Ernst, sagte Melanie, sprang empor und stampfte mit komischem Zorn so auf, daß die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantöffelchen zitterten.

Nur ruhig! Nur behutsam, bitt' ich, meinte Bartusch, der gewohnt war, sich immer streng an des Justizraths Befehle zu halten. Discretion!

Vor allen Dingen weiß man ja noch gar nicht, bemerkte die Mutter, ob der Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist.

Darüber, sagte Bartusch pfiffig, darüber kann ich Bericht erstatten ....

Rasch! Bartusch; Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf!

Muß ich nicht? Müssen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen systematischen Gründlichkeit ...

[348] Nichts von Gründlichkeit! Die Mutter erläßt Ihnen heute Ihre gewöhnliche Spionage! Also ...?

Erstens hätt' ich denn zu melden, fing Bartusch behaglich an, daß die alte braune Kuh, die Frau Justizräthin so lieb haben ...

Was? sagte Melanie und warf sich in ein Canapee. Fort doch mit der alten braunen Kuh!

Laß ihn nur, meinte lächelnd die Mutter. Es ist besser, in solchen Dingen nichts zu übereilen. Du weißt, wieviel dem Vater an der Administration liegen muß ....

Aber die alte braune Kuh! ...

Die vorgestern vom grünen Abhang fiel, ist wiederhergestellt; der blinde Schmied curirte sie ... sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmüthige Justizräthin.

Weiter!

Zweitens, die kranke Frau Müllerin –

Bartusch! Ich sterbe ...

Laß doch Kind! Was ist mit der Frau Müllerin?

Sie will nicht aus der Mühle ...

Wirklich nicht?

Sie will da sterben, wo sie gelebt hat.

In dem dumpfen, feuchten Gemäuer? Bei dem ewigen Klappern der Räder? Bei dem Schaume, der fast auf ihre Betten spritzt? Wie kann da die Frau je gesund werden?

Hannchen Schlurck war wirklich außer sich über diese hartnäckigen Gewohnheitsmenschen; aber Bartusch sagte:

Leben in der Mühle und sterben in der Mühle. Doctor [349] Reinick meinte auch: Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen.

Melanie konnte über die Spannung, in der sie Bartusch erhielt, nicht entrüsteter sein als ihre Mutter über Menschen, die an der Schwindsucht leiden und nicht das Geringste für das Einathmen einer gesunden Luft thun ....

Drittens, der Bauer Sandrart ...

Ach! Ach! schmachtete Melanie, fast verzweifelnd.

Der Bauer Sandrart ist absolut nicht zu bewegen, vor uns die Mütze abzunehmen, wenn wir in den Ullagrund fahren.

Warum nicht? sagte die Mutter aufwallend.

Der Justizdirector meint, es wäre nun einmal der reichste, freieste und impertinenteste Mensch im ganzen Fürstenthum .... Jetzt, da sein Sohn in der Garde sogar Sergeant geworden wäre, käm' ihm Keiner gleich, es wäre denn der Fürst von Hohenberg selbst ....

Egon, heißt der! Gott sei Dank! Sie lenken ein! Bleiben Sie auf der Fährte!

Oder der Feldwebel seines Sohnes, der in der dritten Compagnie des Leibregiments steht, unter dem Major von Werdeck ...

Bartusch!

Gegen solchen Trotz und den Stolz der Dummheit vermag keine Drohung Etwas; sagte Bartusch immer ruhig.

Berichten Sie's nur, beschied die Mutter, Herrn von Reichmeyer! Er war über diesen Sandrart am meisten indignirt ....

[350] Was das Schloß anbetrifft, fuhr Bartusch unerschütterlich fort, so scheinen Herr und Frau Commerzienrath von Reichmeyer sehr angenehm geruht zu haben. Sie sind schon früh im Felde spazieren gegangen, haben mit Arbeitern herablassend gesprochen und sich die Wirthschaftsgebäude wiederholt angesehen. Man kann daraus schließen, daß von dieser Seite der Gedanke, Hohenberg anzukaufen noch immer nicht ganz fallen gelassen wird.

Die Mutter nickte ....

Lasally – fuhr Bartusch fort ...

Was Der gethan oder nicht gethan, können Sie überschlagen! rief Melanie, aufs Äußerste gereizt.

In der That weiß ich auch nichts Weiteres von Lasally, sagte Bartusch gemüthlich, als daß er noch schläft und sich gestern Abend über Ihre Coquetterie bitter beklagt hat. Ein Opfer derselben –

Mehr Thatsachen, weniger Betrachtungen!

Ein Opfer derselben, wiederholte Bartusch sehr nachdrücklich, der Pfarrer ...

Guido Stromer ...

Guido Stromer soll gestern Nacht noch Veranlassung zu einer häuslichen Scene gegeben haben. Ob Eifersucht der Gattin, Verzweiflung über seine seit dem Tode der Fürstin nicht mehr besonders gesicherte Lage oder ob die Wirkung des Champagners –

Bei diesen Vermuthungen klopfte es. Man wollte die Störung nicht, deshalb sprang Melanie, ihr ungeordnetes Haar zusammenraffend und über die halboffene Brust [351] zusammenschlagend, an die Thür des Zimmers, um zuzuriegeln. Doch war es nur ihr Mädchen Jeannette, die, schon zierlich geputzt, einen großen Blumenstrauß in der Hand hielt. Das Geschenk kam vom Pfarrer und war als Morgengruß für Fräulein Melanie Schlurck bestimmt. Jeannette lächelte bei dieser Meldung etwas maliciös.

Da sieht man die Ursache des gestrigen Zanks, bemerkte Bartusch, als Jeannette auf später beschieden wurde und sich mit feiner Miene entfernt hatte; im Entzücken über den erlebten Abend wurde von ihm beschlossen, heute früh wieder ein Blumenbouquet hierherzusenden, und dieser Plan gab ohne Zweifel die Veranlassung zu einem Ausbruch längst verhaltener Gefühle.

Während die Mutter den großen frischduftenden Strauß zertheilte, um ihn vorläufig in die kleinen Wassergläser, die mit dem Frühstück gekommen waren, setzen zu können und kein weiteres Klingeln erst nöthig zu haben, sagte Melanie, die das Geschenk mit aufrichtiger Theilnahme entgegengenommen hatte:

Und wer weiß, kluger Mann, ob diese Blumen nicht heute ganz früh in der Stille im Pfarrgarten gepflückt wurden, während die gute treue Gattin und die fünf Schreihälse von Kindern noch schliefen! Laßt mir den Pfarrer!

Und die gestrige Scene? fragte die Mutter.

Die stille Frau, die hier saß, als könnte sie nicht Fünf zählen und zu Allem lächelte, sagte Bartusch, hat einen Anfall von Leidenschaft gehabt und sehr geweint. Stromer [352] aber schlug auf die Tische, drohte mit allen möglichen Entschließungen und die Kinder, aufgeschreckt aus den Betten, in denen sie schon schliefen, warfen sich zwischen die beiden Streiter und suchten Frieden zu stiften, bis die Hunde der Mühle anfingen zu bellen und die Eheleute zur Besinnung auf die geistliche Würde des Hauses zurückriefen. Die Frau schwieg, aber, wie sie gesagt haben soll, nur aus Schonung für die kranke Müllerin.

Unglückliches Bild der Ehe! seufzte Melanie's Mutter, die zwar aus ihrem eigenen Leben solche Scenen nur von ganz früh kannte, die Welt aber hinlänglich beobachtet hatte, um dergleichen Nachspiele zu einem heitern gesellschaftlichen Abende, wo der Mann mit der Frau, die Frau mit dem Manne nicht vollkommen zufrieden war, zu verstehen.

Melanie aber, aufgeregt, sagte noch nachdrücklicher:

Laßt mir nur den Pfarrer gehen! Guido Stromer kommt mir vor, wie ein Apfelbaum, dem, nachdem er lange keine Früchte getragen hat, plötzlich einfällt, im November zu blühen! Der Mama gesteh' ich's, er hat mir gar nicht misfallen. Er ist nicht schön und schon über die Jahre hinweg, wo man noch eines angenehmen Eindrucks durch sein Äußeres gewiß ist, und dennoch besitzt er eine Frische, die auf ein nur gehemmtes, nicht erstorbenes Bedürfniß zur Lebensfreude schließen läßt. Ich denke der Zeit, wo die kleinen Linien, die ich da im Spiegel im Zorn über Bartusch's mich quälende Grausamkeit schon mit feinen Strichen auf der Stirn und den Schläfen gezeichnet [353] sehe, einmal auch garstige Furchen sein werden, die weder Schminke noch ein Schönheitswasser fortjagen kann! Da wär' es vielleicht nur der Verstand, der sie auslöscht. Jung erhält nur der Geist. In dem Pfarrer schlummert viel.

Das du doch nicht etwa wirst wecken wollen? sagte fast erschrocken die Mutter.

Warum nicht ich? Jeder! antwortete Melanie. Guido Stromer hat große schöne Augen, die er oft so gewaltig lüftet, als sollte man in eine ganz helle Krystallwelt sehen, auf der Alles anders aussieht, wie auf der unsern. Wenn der Mann mich lange und prüfend betrachtet, fühl' ich Etwas von den Vampyren, die schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen. Verpflanzt doch nur einmal einen solchen Mann, wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen Schulmeister, dem großen Winkelmann, erzählt hat, verpflanzt ihn aus einem Städtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Büchern und seinen häuslichen Jämmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Göttern Griechenlands .... Doch wohin verirr' ich mich? Was sind Ihnen, Bartusch, die Götter Griechenlands! Bellen Sie weiter, alter Cerberus!

Das Gebell der Hunde, fuhr Bartusch fort, indem er an den kleinen Backwerkresten kaute, die sich noch auf den Tellern fanden; das Gebell der Hunde kann indessen auch von mancherlei Abends und über Nacht angekommenen neuen Besuchern und Durchreisenden des Orts herrühren.

[354] Endlich! Endlich!

Da ist zuvörderst zu erwähnen, sagte Bartusch, daß mitten in der Nacht eine Depesche an den Herrn Intendanten einlief, deren Inhalt sich aus der großen Eile abnehmen läßt, mit der heute schon in aller Frühe das Geschäft der Einpackung begonnen hat.

Daher also das frühe Hämmern und Poltern, das mich nicht mehr einschlafen ließ? sagte Melanie und trat ans Fenster.

Himmel, rief sie, was soll der geschmacklose Wagen?

Man legte die Gardinen zurück und entdeckte im innern Hofe einen langen und breiten Transportwagen der Art, wie man sie in großen Städten bei Umzügen braucht. Die Pferde waren ausgespannt. Hinten der weitläufige Raum halb geschlossen. Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flügel schon die Excellenz mit ihren beiden Bedienten in voller Thätigkeit, Befehle ertheilend, hier und da beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend, sonst aber schon in gewählter Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend, ob der geöffnete Zipfel des Vorhangs an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen Bewohnern zeigen würde. Als er eben grüßen wollte, ließ die Mutter rasch den Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Pathos hinter dem schützenden Versteck:

Bist Du es denn, Mann mit den himmlischen kleinen Ohren? Alp meiner Seele, der mich eine Nacht gekostet hat, die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe als [355] eine verlorene ausstreichen muß! Blinzle nicht so gefahrvoll herüber! Mäßige das Feuer Deiner Augen, vortrefflicher Don Quixote! Fürchtest Du nicht, daß ich, angezogen von dem süßen Lächeln Deines mit so kunstvollen pariser Zähnen geschmückten Mundes zu Dir hinüberfliege und da das prächtige Buch in dem grünen Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reiße und rufe: Mein! Mein? Ja mein, weil Du es berührtest! Schlag es nur auf, Mann! Lächle nur! Es ist die Bibel, das Buch aller Bücher, worin das Hohe Lied Salomonis steht, das ich singen werde zur Geige und Flöte, wenn ich komme, um Deine kleinen Ohren mit Rosen zu umkränzen! Da notirt er es in einem langen Buche, vielleicht gerade Nummer sechzig, die eine schnöde Anspielung auf Deine Lebensgeschichte enthält! Aber Bartusch, Mutter, seht nur, es ist ein Staatsdiener, der das Vertrauen seines Fürsten verdient, selbst die verwesten Blumen, die da noch in der chinesischen Vase stehen, betrachtet er, ob sie dem Staate verfallen sind oder nicht? Nimm sie! Nimm sie! Es sind ja die vortrefflichsten Strohfäden für das Haar unserer neuen Ophelia, meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz, die aus Liebe zum Prinzen Egon, wollt' ich sagen Ottokar, dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht, bereits närrisch geworden ist ....

Kind! Kind! sagte die Mutter, nimm Dich nur selber in Acht! Das Abentheuer mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft. Es ist nichts damit; denn Bartusch scheint [356] uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar nichts zu wissen.

Doch! fuhr dieser aus seiner Fassung nicht zu bringende Mann fort; wir haben nunmehro die Wahl zwischen drei fremden Personen, die seit gestern Abend angekommen sind. Denn den Kurier, der wahrscheinlich wegen der hier vermutheten Anwesenheit des Prinzen Egon zur schleunigsten Beschlagnahme der drei Zimmer der Fürstin gerathen hat, rechne ich nicht ....

Rechnen Sie ums Himmels willen nicht! rief Melanie ungeduldig. Sagen Sie, wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen ähnlich sieht?

Ich kenne den jungen Maler nicht, bemerkte Bartusch; aber eine gewisse Person, die man gestern tief in der Nacht hier ums Schloß hat schleichen sehen und die durch dieselben Hunde, die ich schon aus zwei andern Ursachen bellen ließ, verscheucht wurde, kann es nicht sein. Sie hatte rothe Haare ....

Das war Hackert, sagte die Mutter unmuthig ....

Melanie schwieg.

Er muß sich den Garten heraufgeschlichen haben, verschwand auch dorthin, als die Bedienten des Intendanten, die drüben in den Zimmern abwechselnd wachen, ihn entdeckten, das Fenster öffneten und anrufen wollten. Wo er Obdach gefunden, weiß man nicht; auch Niemand sonst hat ihn irgendwo im Dorfe unten gesehen.

Mutter und Tochter schwiegen ernst.

Dann, fuhr Bartusch, die Pause benutzend, fort, dann [357] ist zu nennen ein älterer Mann, der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebsten Knaben. Der Fremde nennt sich Ackermann. Herr Ackermann soll sich geäußert haben, er käme von einer weiten, weiten Reise und hat hier im Dorf Aufsehen gemacht durch das viele Seltsame und Abenteuerliche, das er gestern Abend den Leuten im Wirthshause von Amerika erzählte. Nun ja! Das fehlte uns noch, daß zu allen Calamitäten, die wir schon auf dieser Herrschaft zu überstehen haben, sich noch das Auswanderungsfieber gesellte und durch irgend einen gewandten Agenten, Das wird Herr Ackermann sein, die Leute vollends zu ihrer Arbeit keine Lust und Liebe mehr behielten! Ich ließ darum schon heute in aller Frühe genauer nach diesem Herrn Ackermann forschen und erstaune, daß auch er, wie der Letzte und Beste von Allen, über Die ich zu berichten habe –

Endlich der Prinz? unterbrach ihn Melanie mit äußerster Ungeduld.

Nun wol, sagte Bartusch, der Prinz, glaub' ich, ist da. Aber Sie würden mich außerordentlich verbinden, wenn sie in dem äußern Antheil, den Sie an diesem Abenteuer nehmen, mein Fräulein, nicht vergäßen, wie streng die Vorschriften des Justizraths sind und wieviel möglicherweise darauf ankommen kann, ob und wie wir hier mit dem Erben der fürstlich Hohenberg'schen verwickelten Masse zusammentreffen.

Ja, Melanie, sagte nun die Mutter, durch Hackert's Erwähnung streng und ernst gestimmt; laß Bartusch seine [358] ganze Meinung sagen, damit wir wissen, wie wir uns zu verhalten haben .... Des Vaters halbe Existenz beruht auf dieser Administration.

Melanie, befriedigt schon von der Thatsache, daß der vielbesprochene und abenteuerliche Fürst nun wenigstens da war, nahm aus einem der Gläser einige Blumen des Pfarrers und schwebte, ihren Duft einathmend und in sorgloser Spannung sich wiegend, im Zimmer leise auf und ab. Die Melodie, die sie dabei trällerte, störte nicht.

Der dritte Fremde, berichtete Bartusch, kam denn also gestern Nachmittag in einem kleinen Einspänner mit einem sehr ermüdeten Pferde an.

Gestern Nachmittag? unterbrach Melanie. Mit dem kleinen Wägelchen, das wir im Walde trafen? Wir ritten pfeilschnell vorüber. Aber es waren zwei Herren –

Einer nur! sagte Bartusch.

Es waren zwei, erklärte Melanie. Einer faßte nach den Zügeln des scheugewordenen Pferdes, die ihm entfallen waren. Der Andere, der Andere in einer blauen Blouse, war gleichfalls im Wagen aufgesprungen und half ihm. Wir ritten zu schnell, um genauer zu beobachten. Mein Schleier flatterte zu sehr im Winde, die Mienen konnt' ich nicht unterscheiden. Auch waren Beide jung und der Eine ... der Eine schien mir viel eleganter, als für den schlechten Wagen paßte ....

Von Zweien weiß ich nicht, sagte Bartusch. Der da unten in der Krone abgestiegen ist, hat in der That lichtbraunes Haar, zarte Hände, modernen Bart und gleicht [359] ganz dem Signalement, das uns der Justizrath vom Prinzen gegeben hat. Bald nach ihm kam auf der andern Straße von Randhartingen her der Amerikaner, der sich Ackermann nennt, mit einem Knaben. Der wahrscheinliche Prinz hat keinen Namen genannt. Die eingeschlafenen Gewohnheiten des Nachtbuchs in den Gasthäusern haben ihn auch nicht aufgefodert, einen zu nennen. Beide, der Braunblonde und der Amerikaner, schienen sich fremd und doch haben sie gemein, daß sie sich mit auffallendem Eifer nach den kleinsten Details des Schlosses und der Familie Hohenberg erkundigten. Und noch mehr, Beide fragten nach dem blinden Schmied im Dorfe ....

Nach Dem frägt ein Jeder, der mit einem eigenen Wagen kommt und sein Pferd beschlagen lassen will.

O nein –

Sei doch ruhig! sagte die Mutter ernst; und laß Bartusch reden!

O nein, nahm Dieser wieder seine Ermittelung des Thatbestandes wie ein Jurist auf; nicht wegen der Pferdehufe geschah Das. Der Amerikaner fragte nach dem Schmied Zeck und nach dessen alter Schwester, die im Walde beim Förster Heunisch wohnt. Der Prinz aber, wenn er es ist, machte sich mit demselben alten Schmied Zeck zu schaffen, indem er behauptete, ein Schrein der ihm gehöre, wäre kürzlich von einem Fuhrmann, der ihm das Frachtstück aus der Stadt Angerode hätte überbringen sollen, bei einer Reparatur seines Wagens hier entweder verlorengegangen oder nach allen Anzeichen [360] gestohlen worden. Den Lärm wegen jenes Schreins kennen Sie ja! Wie kommt der Prinz zur Kenntniß dieses Vorfalls? Welchen Antheil hat er daran? Ja noch mehr, wie konnte er zu dem alten Zeck sagen: Der Schrein ist gefunden worden, bemüht Euch nicht, mir den Jammer wieder auszumalen, an dem noch Peters krank darniederliegt! Ich reise morgen zurück und lasse den Schrein mir von Dem zurückstellen, der ihn gefunden hat, dem Justizrath Schlurck.

Wie, Schlurck? rief Melanie's Mutter und auch Melanie, die von dem ganzen Vorfall nichts wußte, blickte staunend ....

Ich entsinne mich des Morgens, sagte Hannchen Schlurck, wo das Geschrei eines Fuhrmanns das ganze Schloß in Aufruhr brachte. Wir hatten unsern verunglückten Ball gehabt, auf dem nur die Bürgerlichen aushielten. Schlurck war trotzdem von der heitersten Laune. Nachdem wir kaum vom ersten Schlaf erwachten, wird es unter unsern Fenstern laut. Ein Fuhrmann hat, um die Hitze zu vermeiden, in der Nacht statt am Tage fahren wollen. Beim Herabfahren vom Berge, dicht an der Schmiede, bricht die Achse und der Wagen schießt über ihn her. Erst muß er eine Weile so gelegen haben, bis das Bellen seines Hundes die Leute weckt. Noch war hier oben Alles wach. Der Schmied wird aus dem Schlafe gerüttelt. Man packt den Wagen ab. Der Fuhrmann wird in die Schmiede getragen. Man stellt seinen Wagen wieder her. Der arme Mensch kommt zur Besinnung, ladet wieder [361] auf und vermißt einen Schrein, um dessen Wiedererlangung der Mann fast wahnsinnig wird. Er beschwört Alles, was lebt, um sein verlorengegangenes Frachtstück, klagt den Schmied an, das Schloß, das ganze Dorf. Der Justizdirector wird geweckt, man nimmt ein Protokoll auf, der Fuhrmann reist unverrichteter Sache in Verzweiflung wieder ab, und nun sagt Prinz Egon, wenn er es ist, das geraubte Gut befände sich in den Händen meines Mannes? Wie ist das möglich?

Der Fremde scheint darüber so beruhigt zu sein, fuhr Bartusch ebenfalls erstaunt fort, daß zuvörderst dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen ist ....

Der alte Schmied, sagte die Mutter, hat ein unheimliches Aussehen und erinnerte mich, ich muß es wol sagen, oft an Hackert. Doch achtet man ihn allgemein. Gehört er nicht zu den Frommen, wie auch seine Schwester im Walde?

Die Hexe? ergänzte Melanie. Als wir gestern beim Förster vorbeiritten, graute uns vor dem Gruße der Alten, die unter den Tannen am Wege saß, wie eine der alten schottländischen Nornen ....

Wenn diese Leute den Schrein genommen hätten? meinte die Mutter.

Der blinde alte Zeck? bezweifelte Melanie.

Wie käme aber der Vater dazu? Habt Ihr auf seinen Wagen einen solchen großen Schrein, der außerdem noch ganz sonderbar ausgesehen haben soll, aufladen sehen?

Nein! war die Antwort.

[362] Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ursache hätte, es zu verschweigen, da er vielleicht einen irgendwo vermißten Gegenstand entdeckte, wo hätte er ihn finden sollen? Es war zwei Uhr, als sich das Unglück mit dem Fuhrmann ereignete. Der Schrein ging um zwei Uhr verloren. Schlurck hatte schon lange vor ein Uhr die jüngere forttanzende Gesellschaft verlassen, die Justizdirectorin, die sich mit den Adeligen entfernen zu müssen glaubte, früh nach Hause begleitet und mußte längst wieder zurück sein, da man den Weg hin und her von der Zeisel'schen Wohnung in einer halben Stunde macht ....

Mußte zurück sein! sagte Bartusch mit einem Ernste, dem ein boshaftes Lächeln folgte.

Melanie's Mutter fixirte ihn.

Mußte? sagte sie erröthend ....

Es trat ein peinlicher Augenblick ein. Offen lagen da plötzlich gewisse geheime Schäden dieser frivolen Familie, die bisher vom absichtlichen Nichtwissenwollen verdeckt waren .... Schlurck verehrte Frau von Zeisel .... Frau von Zeisel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen .... man konnte Vermuthungen Raum geben .... man konnte Schlüsse ziehen .... man konnte ...

Genug! rief Melanie; weg mit Eurer abscheulichen juristischen Untersuchung! Ist es nicht, als säße man hier auf dem Armensünderstuhl und müßte seine unschuldigsten Erlebnisse zu Protokoll geben! Schämen Sie sich, Bartusch, mit Ihrer grübelnden Weisheit, die doch nichts zu Tage fördern wird, als daß Sie unter Thoren der Thörichtste [363] sind. Ein Schrein – eine Justizdirectorin – zwei Uhr – was ist das Alles? Gehen Sie hinunter in die Krone, richten Sie an den hellbraunen Lockenkopf, der uns hier Fallen legen, auf falsche Fährten bringen und dem Vater, den er haßt, schlimme, böse Streiche spielen will, den Gruß meiner vortrefflichen Mutter, Johanna Schlurck, geborenen Arnemann, aus, und sagen Sie ihm: Diese noch junge, schlanke, sehr liebenswürdige Johanna Schlurck hätte eine Tochter, die verhältnißmäßig jünger, noch schlanker, aber nicht liebenswürdiger wäre als die Mama, und sich erkundigen müsse, ob ihm gestern im Walde mit seinem störrischen Thiere keine Unannehmlichkeit widerfahren wäre? Verstehen Sie? Und die Antwort darauf, fahren Sie fort, die Antwort, würden die Bewohner des Schlosses lieber von ihm selber hören, falls er geneigt wäre, bei uns heute einen Löffel Suppe zu essen. Bürgerlich um halb zwei Uhr. Bist du's zufrieden, Mama?

Die Mutter war noch erschüttert davon, daß Bartusch auf die Artigkeit anspielen konnte, die der Justizrath der Frau von Zeisel erwies ....

Einen Korb nehmen wir nicht, fuhr Melanie den Unmuth verscheuchend fort. Das ganze Getriebe von Intriguen zwischen den Häusern Hohenberg und Schlurck, alle diese Feindschaften lass' ich nicht aufkommen. Der Vater soll uns keine Vorschriften ma chen, die wider die Natur der Frauen gehen. Hier lebe die Galanterie! Sie machen sich sogleich auf den Weg, Bartusch, bei Strafe meiner Ungnade, und knüpfen die Verbindung auf feine diplomatische [364] Art an! Lächeln Sie mir aber nicht etwa, wie's im Hamlet heißt, als wollten Sie sagen: Wir wissen recht gut, Sie sind Prinz Egon, aber wir drücken die Augen zu! Oder: Wir scheinen dumm und sind klug! Wir wollen Sie nur nicht kennen! Verstehen Sie? Nicht so! Will der Prinz sich verborgen halten, so nehmen Sie ihn ernst und heilig für Das, wofür er sich ausgibt, und wär' es ein gewöhnlicher Kammerjäger, der hier oben auf dem Schlosse nur die Ratten und Mäuse verjagen will ....

Wer weiß, ob Das nicht seine wahre Absicht ist! sagte die Mutter, die sich jetzt erst sammelte.

Nein, ich stifte Frieden zwischen den Häusern Friedland Piccolomini! sagte Melanie und drängte Bartusch zur Thür hinaus, indem sie ihm noch nachrief:

Halb zwei Uhr steht die Suppe auf dem Tisch!

Bartusch zögerte.

Melanie gab ihm kein Gehör mehr. Sie drückte gewaltsam hinter ihm die Thür zu.

Mutter! sagte sie, jetzt gilt es schön sein!

Sie klingelte und rief ihrem Mädchen.

Bartusch wollte draußen immer noch zweifeln, klopfte, begehrte Einlaß, erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signalement ....

Melanie rief hinaus:

Wir werden bald wissen, woran wir sind. Der Wink der Trompetta soll nicht verloren gehen ....

Leiser und fast für sich setzte sie hinzu:

Wir werden ihn sehen und uns bald überzeugen, ob er [365] einem jungen Manne ähnlich sieht, den wir ja wol sehr genau kennen, dem guten Siegbert Wildungen.

Damit denn ging Bartusch. Melanie bedeckte die Mutter mit zärtlichen Küssen, umarmte sie, tanzte mit ihr und suchte sie möglichst aufzuheitern. Davon, daß der Geist der Wahrheit, des Ernstes und der heiligen Pflichterfüllung bestimmt schien, hier den von uns geschilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe Demüthigung zu bereiten, konnte sie keine Ahnung haben ...

Nicht ohne einen Anflug von Rührung ließ die ernstgestimmte Mutter die Liebkosungen ihres Kindes geschehen und folgte dann der Auffoderung, gemeinschaftlich zu berathen, wie dieser Mittag angeordnet, vor allen Dingen, welche Gäste noch und welche Kleider gewählt werden sollten.

Indem Beide mit der inzwischen eingetretenen Jeannette in das Garderobezimmer traten, schritt Bartusch nachdenklich die Anhöhe herab dem Wirthshause von Plessen zu, genannt: die Krone.


Ende des ersten Buches. [366]

Zweites Buch

1. Capitel. Ackermann, der Amerikaner
Erstes Capitel
Ackermann, der Amerikaner

Dankmar Wildungen befand sich an jenem Morgen wo ohne Zweifel er selbst für den Prinzen Egon gehalten wurde, in der That noch am Fuße des Schlosses Hohenberg.

Seit der von dem Fremden in der blauen Blouse empfangenen Beruhigung über seinen Verlust, einer Versicherung, an deren Zuverlässigkeit er keinen Augenblick zweifelte, war sein Gemüth leicht geworden, der Freude zugänglich und auch der Freude bedürftig. Nach jeder großen abgenommenen Sorge will ja das erschöpfte Herz sich wieder füllen und stärken und wie in eine große Lücke und Leere stürzt das Leben dann nur mit so ungefesselterer Gewalt. Warum sollte er schon wieder nach der Residenz zurückkehren, jetzt, wo keine Last mehr auf seinem Gemüthe lag und sich so Manches begeben hatte, dessen nähere Entwickelung seine Neugier spannte?

Zuerst war es Hackert's plötzliches Verschwinden, über das er doch eine irgend zutreffende Aufklärung wünschen mußte. War ihm auch diese Bekanntschaft eine solche, von der er lieber gewollt hätte, er hätte sie nicht gemacht, so [369] peinigte ihn doch jetzt die völlige Ungewißheit über das, was er von diesem oft aller Theilnahme würdigen und dann wieder so fremdartig abstoßenden, ja niedrig und geringfügig denkenden Menschen halten sollte. Stündlich erwartete er seine Wiederkehr. In dem Gasthause zur Krone glaubte er bestimmt, von ihm erfragt zu werden. Aber vergebens! Jede Spur des abenteuerlichen jungen Mannes war verschwunden.

In noch höherem Grade als die Enthüllung der Hackert'schen Persönlichkeit, fesselte Dankmarn die Aussicht, hier irgendwo, wenn auch unter dem schützenden Deckmantel der ihm gelobten Unbekanntschaft, dem Prinzen wieder zu begegnen. Er konnte kaum daran zweifeln, daß der von seinem Vater so schmählich verkürzte Erbe der Hohenbergischen Besitzungen wirklich hierher gekommen war, entweder um einen Act der Pietät, ein Opfer des Herzens, zu vollziehen oder sich ungekannt von dem wahren Zustande dieser Besitzungen zu unterrichten. Die letzte Annahme schien ihm nach längerer Erwägung fast die richtigere und der Natur des Fremden entsprechendere. Denn so edel und männlich ihm Alles erschien, was der junge ihm an Jahren nur wenig vorangeschrittene Fremde in Worten und Benehmen geäußert hatte, so war doch Dankmar Wildungen schon Kenner der menschlichen Seele genug, um sich zu sagen, daß bei Egon von Hohenberg, wenn er es war, die Kräfte des Verstandes das vielleicht verstecktere oder unentwickeltere Gemüth überwogen. Wie wenig hatte er sich von dem Förster Heunisch [370] auf dem gelben Hirsch über seine Mutter berichten lassen! Weit mehr dagegen, besonders als sie beide vor die Thür des Wirthshauses gegangen waren und Dankmar ihr lautes Gespräch hören konnte, hatte er der gegenwärtigen Verfassung dieser seiner mehr als zweifelhaft gewordenen Besitzungen nachgeforscht. Dankmar griff in solchen Beurtheilungen nicht fehl. Wie sich eine seelenvolle, rein gemüthliche Natur äußert, konnte er durch keinen Vergleich sicherer treffen, als durch den mit seinem theuern, ältern Bruder Siegbert, der einen kindlichen Glauben an die Menschen besaß und die Jahre, die er vor Dankmarn voraus hatte, nur gewonnen zu haben schien, um immer wärmer, immer ergebener und nachsichtiger zu fühlen, während Dankmar dagegen schon an sich selbst gestehen mußte, daß er mit jedem Jahre, an dem sein Alter zunahm, im Gegentheil kälter zu denken lernte. Die Kälte des Fremden schien ihm nicht Kälte des Herzens, sondern gerade auch diese Kälte der Erfahrung, diese Kälte des Unglücks und des innersten Mismuthes.

Aber auch von diesem Fremden sah Dankmar nichts mehr. Zu den Behörden zu gehen, seinen Verlust dort noch einmal anzuregen, schien ihm, nach dem tiefen moralischen Eindruck der Versicherung des angeblichen Egon, nicht mehr nothwendig. In der Schmiede, wo er vorsprach, hatte er einen stumpfsinnigen tauben jüngern Gesellen, den Zeck Sohn angetroffen, der keine einzige seiner Fragen beantworten konnte. Mit dem ältern, dem Zeck Vater, schien es ihm anfangs, als würde er, wenn er viel forschen[371] müßte, noch schlimmern Stand haben; denn dieser war stockblind. Die Unruhe, die den großen athletisch gebauten alten Mann ergriff, wie Dankmar sich als Eigenthümer des neulich geraubten Frachtgutes zu erkennen gab, fiel ihm allerdings auf. Allein einem Verdachte gab er keinen Raum und konnte es nicht, da die Aussagen des Blinden mit denen des Fuhrmanns stimmten. Kannte er doch auch hinlänglich diese, man möchte sie geistig halbwüchsige Menschen nennen, aus seiner eigenen juristischen Praxis! Er wußte ja, wie selbst der Unschuldigste vor einem Richter zittert und sich verfärbt, wenn man ihn eines Verbrechens zeiht und mit allen in solchen Fällen üblichen Feierlichkeiten inquirirt. Hatte er nicht Fälle erlebt, wo diese beschränkten Menschen, besonders wenn sie in einer gewissen religiösen Dumpfheit lebten, unter den Fragen eines Richters so über sich in Unklarheit geriethen, daß es ihnen allmälig wurde, als hätten sie in der That, vielleicht in einem unzurechnungsfähigen, von bösen Geistern ihnen angezauberten Zustande, die Verbrechen begangen, deren sie verdächtig er scheinen sollten! Des Menschen Seele ist ein schüchtern Ding, ein zitternd flimmerndes Beben. Nur darin erschien Dankmarn der alte Zeck wunderlich, daß er bei seiner Mittheilung, Zeck möchte sich beruhigen, Justizrath Schlurck hätte den Schrein gefunden, hätte ihn mit sich nach der Hauptstadt genommen, ..... sich verfärbte und stutzte ..... Statt sich zu freuen, daß seine und seines Sohnes Ehrlichkeit nun in das hellste Licht gesetzt war, griff der Alte sich in sein weißes Haar, riß die starren [372] blinden Augen bis zu den dicken weißen Augenbrauen auf und tastete so krampfhaft erregt um sich her, als wäre ihm die niederschlagendste Mittheilung von der Welt gemacht worden. Darauf länger zu achten und zu forschen, behielt sich Dankmar vor. Er mußte die Natur dieser Menschen erst kennen lernen. Die sonderbar und falsch angebrachten Bibelsprüche, die der alte Zeck, wie nach seiner sogleich gemachten Entdeckung Viele in und um Plessen, im Munde führte, deuteten auf seltsame Anomalieen. Statt diesen nachzuforschen, beschäftigte sich Dankmar einstweilen lieber mit einem alten Bekannten, den er hier zu seiner Freude wiederfand.

Es war dies Niemand anders als Bello, der Hund des Fuhrmanns Peters. Er und der kleine bejahrte unansehnliche Spitz kannten sich schon von Angerode her, schon vom Lyceum, das die Gebrüder Wildungen dort besucht hatten. Wie Dankmar in die Schmiede trat, wo der Blinde noch mit gewaltigem Arm, wie in mechanischer Gewohnheit, auf glühende Hufeisen schlug, während der Taube den Blasebalg am Feuer zog, bis sich Beide ablösten und umgekehrt ihr Geschäft verrichteten, sprang das noch immer lahme Thierchen, das lange zottige Haar vom Dampf der Feueresse ganz geschwärzt, zu Dankmar hinauf, winselte, schmiegte sich, blaffte vor Freude, als wollte es sagen: Da ist Einer, der sich meiner erinnert! Ich weiß, du kommst um mich zu holen, du alter Gönner vom Gasthof zum Einhorn in Angerode, wo du als Lyceist zu Mittag speistest, du bringst mir Grüße von meinem Herrn und [373] meiner Frau! ... Und des Thierchens Erregung war so lebenvoll, in dem Grade fast sprechend, daß es Dankmarn, wenn er noch unruhig gewesen wäre über seinen Verlust, so hätte zu Muthe werden müssen, als spräche ihm Jemand: Das Thier will dir ja etwas sagen, es weiß ja, wer der Räuber deines Eigenthums ist und wird ihn dir ohne Zweifel bei erster Begegnung zeigen, verrathen!.. Bald sprang Bello zu ihm, bald gegen den alten Schmied auf, zerrte an Dankmar's Rockschooß, bellte den Blinden an, bis dieser, den Moment wahrnehmend, so gewaltig mit dem Fuß gegen den Störenfried austrat, daß er sich, an seinem wunden Bein getroffen, heulend und winselnd in eine dunkle Ecke der Schmiede verkroch. Ei, wie grob! rief Dankmar. Nennt Ihr das Pflege? Ich denke, Ihr seid ein Arzt für Thiere?

Nehmt den Bello nur mit!.. hatte darauf der alte Schmied gesagt; er ist geheilt, so weit wie's möglich war, bei seinem strampligen, unruhigen Wesen! Die Bestie ist wie alle Fuhrmannshunde nur auf's Kläffen dressirt; für Bandage und Kost verlange ich nichts! Ich mag den Hund nicht!

Seitdem hatte Dankmar den für immer lahmen Bello zu sich genommen, in der Krone ihn säubern und waschen lassen und war von ihm auf seinen kleinen Spaziergängen, trotzdem er kläglich hinken und humpeln mußte, schon allwärts treu und munter begleitet worden.

Die schöne, liebliche, sonnenhelle Natur war es zuvörderst, die Dankmarn bestimmte, dem magern Gaule [374] des guten dicken Pelikanwirthes einen ganzen Tag Ruhe zu gönnen.

Bring' ich doch Freude mit! sagte er sich. Trost und den Hund für Peters! Dem Bruder die Beruhigung über mein eigenes Unheil und, was auch etwas werth ist, die Erzählung meiner Abenteuer.

Dankmar fühlte, wenn er die Fenster des kleinen Zimmers, das er in der Krone bewohnte, öffnete, so recht jene reine selige Stimmung, die Jeder kennen muß, der einmal von einer großen Gefahr oder den Ursachen einer großen Befürchtung befreit wurde und dann zugleich die Muße fand, diese Seligkeit der Erlösung ganz zu genießen .... Die rebenlaubumkränzten Fenster gingen nach dem schönen Dorfe Plessen hinaus. Jedes Haus hatte da seinen Garten, den die Natur pflegte, wenn auch vielleicht die Menschenhand erlahmt war, seit die Zustände der Herrschaft sich so ins Ungewisse verliefen. Auch ordnen die Geringen sich lieber einer kraftvollen Macht unter, als einem schlaffen und ungeregelten Regimente. Diese Bauern und Häusler waren frei, aber nicht in dem Grade, sich ganz auf eigene Hand unabhängig zu fühlen. Ihre Abgaben an den Fürsten Waldemar waren schon seit lange capitalisirt. Die neue Zeit hatte wol an den vielen kleinen noch übriggebliebenen Laudemialgefällen rütteln können, aber nicht an den einmal bestimmten Abfindungssummen. Da gab es nun Mismuth, Unfriede, Zorn, Gewaltthat genug. Doch wirkliche Widersetzlichkeiten zeigten sich nur in Randhartingen, dem größten und selbständigsten [375] Orte im Hohenberg'schen, im Ullagrunde, wo neben einem reichen Bauer, Namens Sandrart, viele Arme wohnten, in Schönau, wo dem Fürsten von Hohenberg manche Gerechtsame gehörten und der Haidekrüger Justus, noch entschiedener aber Drossel, der Wirth zum Gelben Hirsche, die Leidenschaften in Gährung hielt. Hier in Plessen merkte der Herrschaftsdirektor von Zeisel nicht so auffallend, wie bedenklich seine Stellung wurde. Plessen hing vom Schlosse und dem Leben auf ihm seit Jahren ab. Und schon seit Jahren fehlte die von oben strömende Befruchtung. Die Menschen ließen recht den Kopf hängen und welkten in ihren Hoffnungen so hin oder verwilderten wie ihre Gärten und die kleinen Hecken, die sie trennten. Plessen war sonst so lieblich! Die Ulla floß vom Ullagrund in zwei Armen hernieder, von denen der eine raschere und bewegte die Mühle bewässerte, die, wie wir wissen, die kranke Müllerin nicht verlassen wollte; der andere schlängelte sich hier und da durch den Ort und machte eine Menge kleiner Stege und Brücken nothwendig, die ein Haus mit dem andern gar traulich verbanden. In der Mitte des baum- und buschdurchzogenen Ortes lag ein kleiner Teich, auf dem Enten sich tummelten. Zur Seite, von düstern und verschnittenen Linden beschattet, lag des Pfarrers Wohnung, vor der die Stromer'schen Kinder spielten und baarbeinig, gleich allen andern Kindern des Ortes, mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten. Höher hinauf lagen dann herrschaftliche Gebäude, vor allen »das Amt«, nach alter Bauart, von [376] einem Hofe mit Portal und Einfahrt umschlossen. Dankmar konnte von der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeisel hinüberblicken und bemerkte wol die kleine, sehr geputzte Dame, die unruhig und unbestimmt wie ein lebendiges Fragezeichen an den hohen Fenstern saß und bald an feiner Wäsche arbeitete, bald in einem Buche las, bald zum Fenster hinausschaute, bald in einem der Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Körbchen unterm Arm sicher und bewußt auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Würde und zufriedener Stimmung schritt. Zur Linken ging's dann nach dem Schlosse hinauf. In der Mitte zwischen dem Schloßberg und dem »Amt« lag auch jener gewaltige Thurm, von dem Hackert Veranlassung genommen hatte, seine erbauliche Schilderung der Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen. Es war ein festes und gutes »Stück Arbeit« dieser alte Zwinger der Ungebehrdigen und Tröster der etwa Reuevollen. Nur lag er sonderbarer Weise etwas einsam, ganz am Ende des Ortes. Denn hinter ihm lagen getrennt nur durch eine vom sonnigsten Himmel überwölbte fruchtbare Ebene sogleich die blauen Ränder der Berge, die dem nach ihnen pilgernden Wanderer, wie Dankmar gehört hatte, die reichste Mannigfaltigkeit von Tannengeschmückten Gründen, Wildbächen mit kleinen Wasserfällen, schroffen Abhängen und lieblichen Thälern bieten sollten. Auch von Kohlenmeilern, Steinbrüchen und besonders einer Sägemühle wurde gesprochen, die Dankmar besuchen sollte. Die Sägemühle konnte nicht zu weit sein. Dankmar [377] hörte deutlich, wenn die von einem Waldbach getriebenen Räder wahrscheinlich standen und die großen Sägen wieder frisch geschärft wurden. Es klang das so hell und klingend herüber, daß er anfangs glaubte, in dem Walde da oben läge eine Kirche verborgen und die Glocke riefe jedes Christenherz, sie in ihrem grünen Verstecke aufzusuchen.

Dankmar war eine verstandesklare dialektische Natur; doch wenn auch das Gemüth bei ihm öfters schlummerte, so lebte es doch unter der Decke der Gedanken. Er besaß unter Anderm auch die schöne Eigenschaft gemüthlicher Naturen, daß er das Anmuthige und Wohlthuende nie für sich allein empfinden mochte, sondern zugleich auch mit für Die, die er liebte und die er bei seinem Genusse anwesend wünschte. Er gedachte, als er am Abend seiner Ankunft sogleich noch einen Spaziergang im Orte und seiner nächsten Umgebung machte und die Schönheiten des Eindrucks in vollen Zügen einsog, sogleich seines geliebten, zu früh geschiedenen herrlichen Vaters, der, wie hier in Plessen jetzt der ihm unbekannte Pfarrer, so in Thaldüren still und reichern Looses würdig gehaust hatte. In den kleinen Kindern, die da im Entenpfuhl wateten, erkannte er sich und Siegbert wieder. Er betrachtete wehmüthig die dunklen, von den Lindenbäumen allzudüster beschatteten Fensterscheiben der Pfarrerwohnung. Der Pfarrer und seine Frau, beide fast festlich geschmückt, verließen gerade, als er so in Gedanken und Herzensvergleichen stand, die Wohnung ... wir wissen, [378] daß sie zum Schlosse hinaufgingen. Dankmar trat zurück, um nicht gesehen zu werden. Er vergegenwärtigte, Guido Stromern prüfend, sich den doch viel ehrwürdigern Vater und die theuere Mutter, die jetzt daheim einsam in dem Sterbehause zu Angerode ihre Wittwenzeit vertrauerte. Dieses Pfarrerpaar dort ging so stumm, so kalt neben einander! Stumm und kalt? sagte er sich ... und gedachte der Vergangenheit. Ach! Er mußte sich gestehen, daß auch seine Ältern nicht immer in jüngeren Jahren auf einen Ton gestimmt waren .... Eine Thräne stand ihm im Auge, als er der Zeiten sich entsann, die ihm als Kind nicht verständlich waren, jetzt aber klarer vom Jüngling begriffen wurden, der Zeiten, wo der Vater auch oft Noth hatte, sich mit einer schönen, gutherzigen, aber zuweilen anspruchsvollen, aufbrausenden und eigensinnigen Frau zu vermitteln. Später, als die Mutter an ihrer eigenen Familie, besonders an einem heißgeliebten verschollenen Bruder viel Leids erfuhr, ebnete sich auch in ihrer Brust der etwas schroffe Sinn und manches wärmere Wort entquoll den welkeren Lippen, die damals, als sie rosig waren, selten gebebt, selten gezittert hatten und selbst dann nicht gezittert, wenn den Vater der Schmerz darüber verzehrte. Das sind so Stimmungen in den Herzen der Kinder, wo sie die Erde aufwühlen und die theuern Todten aus der Gruft wecken möchten, um ihnen zu sagen: Was hast du gelitten und wir verstanden es nicht? Was hast du von uns fodern dürfen und wir ersetzten dir nichts? Warum lebtet ihr nicht so lange, daß ihr euch ganz verstandet? Warum [379] sieht nun jetzt Einer nicht die Trauer des Andern? .... Bei solchen Erinnerungen kommt natürlich auch in ein sonst so weltliches Gemüth, wie das unsers Dankmar, ein ernster Anflug jener Stimmung, die uns ja auch die unerschütterliche, auf die ewige Gerechtigkeit begründete Nothwendigkeit des Wiedersehens dieser unserer Lieben wie eine Gewißheit in die Hand giebt, die dem Granit der Berge gleicht.

Von den Gästen, die zum Schlosse gingen, sah Dankmar auch den Justizdirector mit seiner kleinen anspruchsvollen, runden Frau, von der Hackert gesagt hatte, sie kenne Schlurcks schwache Seiten. Dankmar vermied auch dies Paar, indem er um die Mauer ging, die das Amthaus und den dazu gehörigen Garten umschloß. Wie prangten da die Obstbäume in ihrer schweren Last! Wie guckten die schwanken Spitzen der drinnen rankenden Rebengewinde über den weißen Kalk herüber! Wol, dachte er, muß es diesen kleinen Paschas, die bisher auf den adeligen Herrschaften Justiz übten, übel bekommen, wenn sie aus solchen anmuthigen Wohnungen, wo sie die Herren waren, in die Landstädte versetzt werden, wo sie, nach der gewöhnlichen Beamtenelle gemessen, auf der allgemeinen Bleiche des Staates nur ein bescheidenes Stückchen Tuch, vielleicht nicht länger als ihr Ordensbändchen, vorstellen. Näher besichtigte er sich jetzt den gefährlichen Thurm. Dankmar wünschte Siegberten den Anblick dieses malerisch gelegenen alten Mauerwerks mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Ebene und das Gebirge. Mit Lächeln [380] betrachtete er sich diesen Überrest alter feudaler Zeiten genauer. Der Thurm lag etwas erhöht und war gewissermaßen das Wahrzeichen des Ortes. Neben ihm wohnte ohne Zweifel der Büttel, Gerichtsbote und sonstige Amtsgehülfe, der dies wahrscheinlich alles in einer und derselben Person vorstellte. Der Eingang in den Thurm zeigte sich schauerlich genug. Die Thür war mit Eisen beschlagen und das Schloß von einem gewaltigen Umfange. Die untern Fenster deckten hölzerne, quer über die Gevierte genagelte Latten. Ganz oben aber waren die wahrscheinlich dort befindlichen Gefängnisse mit vergitterten kleinen Fenstern versehen, denen fast sämmtliche Glasscheiben fehlten. Vögel hatten daselbst ihre traulichsten Nester angebracht und unterhielten sicher die Gefangenen, wie Condorcet sich mit den Spinnen unterhielt. Dankmar mußte lachen, wenn er gedachte, daß hier eine gute Leiter und eine Feile, geschickt von einem guten Freunde bei Nacht dirigirt, jeden Gefangenen befreien konnte; denn der Thurm lag ganz frei, ganz außer dem Orte, in dem offensten Zusammenhange mit der Landstraße, dem freien Felde und dem Gebirge. Er legte sich, behaglich angemuthet, eine Cigarre rauchend, am Fuß des criminalischen Gemäuers nieder, recht in die Mitte unter frischen, duftenden Feldblumen, unter gelbweißen Kamillen, dunkelrothen Klapperrosen, blauen Glockenblumen, Winden und zwischen hochstämmige hier und da aufgeschossene wilde Wurzel- und Staudenpflanzen.

Da fühl' ich's, dachte er im Sinne des Bruders, da fühl' [381] ich's, was doch zum Ergreifen des Pinsels treiben kann! Wer möchte dies weite Feld, diese Wiesen, diese schlängelnden Bäche mit den Thurmspitzen und blitzenden Fenstern der Meyerhöfe nicht dauernd festhalten! Wär' ich ein reicher Mann, trotz meines Bruders historischem Pinsel, nur Landschaften gewänn' ich mir! Die andern Maler geben mir alle zu viel aus sich und nur aus sich, der Landschafter giebt nur das, was ich brauche, um mich selber zu erfreuen und mich mit ihm in gleiche aber freie Stimmung zu setzen. Auch ein Genrebild will, daß man gerade diesen Moment und nur diesen, den der Künstler darstellt, genießt. Bei jeder Verschiebung der Gruppe hört das Bild schon auf, die Veranlassung gemalt zu werden, zu verdienen. Aber die Landschaft, die bleibt sich immer gleich! Der Beschauende wechselt. Er wechselt nicht in seinen Stimmungen, denn die sei eine und dieselbe durch jedes Landschaftsbild, aber in seinen Gedanken, in seinen Betrachtungen, Anknüpfungen, Auslegungen. Könnt' ich dort den Waldesrand auf dem Berge so nun für ewig mit mir führen! Es wäre ein Gefühl damit verbunden, das mir immer und immer gleich bleiben würde. Das Pünktchen da oben am Bergrücken ist fast eine Kappe von dunklerm Grün, die der hellgrün gekleidete Berg sich aufgesetzt hat! Wie mag es unter diesen Tannen da rauschen, singen, flüstern! Hätt' ich das nun immer so bei mir, könnt' ich's in einem Bilde so mit mir führen, wie gewiß wär' ich, daß mir nicht nur diese Vergleichungen, sondern diese ganze selige Stimmung, hier [382] unter dem plessener Gerichtsthurme und am Fuße des Schlosses Hohenberg, nie verloren ginge! Es könnte nun kommen im Leben, was da wolle, ich sähe mein Bild, und immer genöß' ich das wieder, was ich jetzt genieße ... Ich muß mir den Siegbert einmal hier hinaus plaudern. In dem Atelier, bei dem Theelöffelgeklapper seiner vornehmen Protectricen, in den Salons und Coterien, wo er ästhetisirt und sich verdüftelt, wird er mir – jetzt besinn' ich mich auf sein Aussehen im Pelikan – ohnehin ganz blaß ... und verschmachtet mir wol gar ... an einer geheimen Liebe?

Wie Dankmar so im versengten Grase und unter den würzigen Kräutern und bescheidenen Blumen, den Kopf auf den Arm gestemmt, in die Gegend blickte, die ihm, dem Unruhigen und Rastlosen, so viel Friede in die Seele goß, verweilte sein Auge, das anfangs nur summenden Käfern und Schmetterlingen, dann und wann einem Landmanne, einem Bauermädchen, einem Wagen nachhängender folgte, auf einem ältern Manne und einem Knaben, die beide hinter dem Thurme dahergeschritten kamen und sich wie er in der Gegend umschauten. Es war dies jener Fremde, der Ackermann heißen sollte und sich mit einem bescheidenen Fuhrwerke gleichfalls in der Krone Nachmittags eingefunden hatte. Der zierliche, außerordentlich behende, schöne Knabe, der ihn begleitete, war sein Sohn. Er nannte ihn, wie Dankmar von den Leuten in der Krone schon gehört hatte, mit einem Namen, den Jene offenbar verwälschten. Er wußte von diesem Namen nur erst so [383] viel, daß er dem seinigen zu ähneln schien .... Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht, wohl aber sein kleiner Begleiter, der sein grüßendes Nicken mit Anmuth und so bescheiden erwiderte, daß er vor Verlegenheit roth wurde. Welch' ein anmuthiges Kind! sagte Dankmar unwillkürlich, als Beide vor ihm auf der Landstraße der Ebene zuschritten. So behend, so zärtlich, so verschämt! Das Bild eines Ganymed!

Vater und Sohn waren fast gleich gekleidet. Leichte Strohhüte mit weiten Rändern schützten vor dem Sonnenstrahl. Der Vater trug einen Überrock von demselben halbwollenen Zeuge, von dem der Sohn ein Jäckchen trug. Die Beinkleider waren weit und von einem gestreiften Zeuge. Der Vater hatte die Brust halb offen und hielt nur den Hemdkragen mit einem bunten Foulard zusammen, dessen lange Zipfel über die weit ausgeschnittene Weste fielen. Der Sohn dagegen trug ein zierlich gefälteltes Chemisett, das oben in eine Art Halskrause endete und seinem Antlitz mit den schönen dunkeln Locken, die über die Schultern herabrollten, etwas Neckisches, ja Zierliches, Stutzerhaftes gab. In der rechten Hand trug der Knabe ein Stöckchen mit einem goldenen kleinen Knopf und fuchtelte damit in der Luft hin und her, während sein linker Arm in dem des Vaters hing, neben dem er graziös und sich ihm fast zärtlich anschmiegend einherschritt, fast wie ein Mädchen.

Dankmar konnte beide Lustwanderer genau betrachten; denn oft standen sie still, wandten den Blick wieder [384] rückwärts und sahen sich die Gegend, die sie ebenso wie ihn zu erfreuen schien, gründlichst an. Endlich hielten sie an einem der Wege, die zum Schlosse hinaufführten, inne. Sie schienen unschlüssig, ob sie ihn einschlagen und auch Hohenberg besichtigen sollten. Der Kleine verrieth durch seine zuredenden Gebehrden, daß ihn die Neugier recht stachelte, zum Schloß hinaufzusteigen. Zu den Gästen, die dort oben ihr Wesen treiben, dachte Dankmar, gehören sie nicht. Oder ist der Vater vielleicht geneigt, diese Besitzung zu kaufen? Er mußte sich sogleich sagen, daß der Fremde trotz unverkennbarer Bildung etwas von einem Landmann hatte. Seine Gesichtszüge waren sehr fein und edel, ja sie hatten sogar etwas, was ihn durch irgend eine ihm unbewußte Ähnlichkeit so mächtig ergriff, daß er hätte betheuern mögen, einen solchen Mann einmal als einen höhern Staatsdiener oder einen berühmten Gelehrten irgendwo schon gesehen zu haben, dann aber fand er wieder, daß der Fremde sich doch nur als ganz schlichter Naturfreund gab, der zuweilen Ähren raufte und sie prüfend betrachtete, einen Stein vom Wege aufgriff, in der Sonne funkeln ließ und wieder gleichgültig wegwarf, das Stackett, mit dem der zum Schlosse gehörige Baumgarten hier schon umzäunt war, mit dem Fuße rüttelnd prüfte und an schadhaften Stellen, um zu zeigen, wie vernachlässigt es war, sogar eine morsche Planke etwas losriß, kurz er war bei allem Anstand der Haltung doch eine derbe, der Natur des Landlebens kundige Persönlichkeit, die sicher einem Ökonomen oder ähnlichen Geschäftsmanne entsprach. [385] Endlich folgte der Fremde der Überredung des Knaben und that ihm mit sichtlichem Widerstreben den Gefallen, mit ihm zum Schloß hinaufzusteigen.

Dankmar stand nun auf und wäre gern gefolgt. Der Fremde und sein Knabe fesselten ihn. Er beschloß, sich ihnen zuzugesellen, um auch seinerseits das Schloß in Augenschein zu nehmen. Da Schlurck dort oben gewohnt hatte, konnte er vielleicht erfahren, wie der Justizrath zu seinem Schrein gekommen war. Auch die schöne Melanie, von der er die Erinnerung hatte, sie schon in der Stadt gesehen zu haben, Melanie Schlurck, von der er so viel Phantasieanregendes vernommen, die er selbst im Walde an sich hatte vorbeisprengen hören – genauer nach ihr zu sehen, war er durch Hackert's Flucht und den Zustand seines Pferdes verhindert – auch diese konnte er vielleicht hoffen, irgendwo an einem Fenster zu erblicken. Sein Bruder, mehr wußte er nicht, hatte sie im Atelier des Professor Berg, wo sie malte, zuweilen beobachtet. Daß Siegbert, der neuerdings sogar in ihrem Hause war, durch ein Bild wegen ihrer verspottet sein sollte, wußte er nicht. Alle diese Dinge waren während seiner Abwesenheit in Angerode vorgefallen. Er selbst, zu voll von dem, was er dem Bruder zu erzählen hatte, war noch nicht dazu gekommen, ihn nach seinem eigenen inzwischen Erlebten zu befragen. Von den andern Namen, die Hackert und der Förster Heunisch genannt hatten, kannte er Niemand, selbst Eugen Lasally nicht persönlich, obgleich er zuweilen eines seiner Pferde ritt. Die Sphäre, in der Lasally[386] lebte, war ihm aus vielem Betrachte widerwärtig und auch unzugänglich.

Als er einige Schritte dem Fremden und seinem Knaben nachgegangen war, blieb er stehen. Man wird dich, wenn du dich ihnen anschlössest, für zudringlich halten! sagte er sich. Und da oben um das Schloß herumschnuppern und der Eitelkeit der dort hausenden Menschen die Folie der Neugier geben, ist doch auch wol deine Sache nicht!

So blieb er unten, blickte noch einmal dem leicht hinaufhüpfenden Knaben nach, durchschritt einige Feldwege und kehrte wieder in die Krone zurück, wo er bestätigt erhielt, daß der Fremde wirklich aus Amerika käme und Ackermann hieße. Aber dem Namen des Knaben kam er wieder nicht bei. Man hatte ihn offenbar nicht verstanden und sprach ein Wort aus, das ihn mehr an einen indianischen Häuptling, als an einen christlichen Taufnamen erinnerte.

Früh zur Ruhe sich legend, das stille Einathmen eines ländlichen Abends unter Sternengeflimmer und beim vollen goldgelben Julimondenschein sentimentaleren Naturen überlassend, hatte er die Absicht, am nächsten Mittag, wenn er sonst von Hackert und dem Prinzen nichts erfuhr, mit seinem Einspänner und dem anschmiegsamen Bello sich auf den Rückweg zu begeben. Kaum hatte er wol am Abend gedacht, daß am folgenden Morgen nicht nur eine nähere Bekanntschaft mit Ackermann und seinem Knaben ihm diesen Entschluß vereiteln, sondern [387] auch eine abenteuerliche Kette von Misverständnissen aller Art ihn so umstricken würde, daß er sich für's Erste vom Fuße des Schlosses Hohenberg nicht wieder loswinden konnte und der Lage sich aussetzen mußte, dort die seltsamsten Dinge zu erleben.

[388]
2. Capitel. Selmar Ackermann
Zweites Capitel
Selmar Ackermann

Als Dankmar zwar in aller Frühe aber doch wiederum wahrnahm, daß Niemand sich nach ihm erkundigte, der Prinz und Hackert wirklich verschwunden waren, wollte er noch einmal zur Schmiede gehen und vor seiner Abreise von dem alten und jungen Zeck, die ihm doch ein gar sonderbares Paar schienen, prüfenden Abschied nehmen.

Bello begleitete ihn. Das kranke und sonst so schweigsame Thier wurde an der Schmiede sogleich wieder unruhig und gerieth in sein schon bezeichnetes, dem alten Schmied so widerwärtiges Kläffen und Bellen.

Es schien ihm schon von Ferne ziemlich lebendig unter und vor dem Dache der Schmiede. Da standen Wagen und Pferde, die die Hülfe dieser Dorfvulkaniden in Anspruch nahmen. Bauernbursche, herrschaftliche Stallknechte, auch einer von Lasally's Jokeys, der die »quihnende Laura« eben wieder in die Ställe des Schlosses zurückführte. Näher gekommen, merkte er, daß die meisten der hier Haltenden ungeduldig waren, lärmten und abgefertigt sein wollten. Aber nur der junge Zeck war zugegen und nahm in Ruhe, da er die Flüche nicht hörte, eine Arbeit nach der andern vor. Die Lärmenden mußten [389] sich gedulden und zerstreuten sich durch Possen, die, seit sie Dankmar hörte, nur ausgelassener wurden; denn die Menschen sind geborene Schauspieler und werden, beobachtet, im Guten und Schlimmen nur rührsamer.

Bello sprang zwischen diesen Tumult mitten hinein und stöberte einen Flüchtling auf, dem seine Lebhaftigkeit doch bedenklich vorkam. Es war dies der junge Ackermann, der an der Schmiede unter ihrem von zwei Holzsäulen getragenen Vorbau dem Hufbeschlag zugeschaut hatte. Als die Reden der Bauernbursche zu derb wurden – sie kamen meist aus dem Ullagrunde, besonders vom reichen Bauer Sandrart – wandte er sich schon dem grünen Rasen zu, der rechts vom Hause lag und mit Obstbäumen bepflanzt war. Dort witterte ihn Bello und beängstigte ihn.

Dankmar sah schon längere Zeit, wie der Knabe, der ihm denselben gefälligen Eindruck wie gestern machte, auch einer alten Magd zuschaute, die zwischen den Obstbäumen eine Leine zog, um auf ihr Wäsche zu trocknen, und ihr allerhand Antworten abzugewinnen suchte. Doch ein weichliches Ding! sagte er sich. Was nimmt er an der Wäsche für einen unmännlichen Antheil! Wie er die Sacktücher mustert! Ich will glauben, er ist nur neugierig und will die Buchstaben lesen, mit denen sie gezeichnet sind.

Bello hatte es vielleicht eigentlich nur auf die Alte abgesehen und erschreckte nur zufällig auch den Knaben. Dankmar bedeutete ihm Ruhe, trat dem Rasen und den Obstbäumen näher und knüpfte mit dem jungen erröthenden Amerikaner ein Gespräch an.

[390] Wo ist dein Vater, Kleiner? fragte Dankmar mit einer Stimme, die ihm selber komisch vorkam, denn er suchte ihr den Ausdruck des Holden zu geben, weil sie Holdes anredete ...

Oben bei dem Schmied! war die schüchterne, verlegene Antwort; ich erwarte ihn hier.

In der That war das Feuer in der Esse am Verglimmen. Ein Eisen auf dem Ambos verglühte. Die Geräthschaften lagen alle so durcheinander, als wenn sie eben Einer im Nu weggeworfen hätte. Der junge Zeck konnte die Arbeit kaum allein zwingen ...

Wie gefiel es dir gestern auf dem Schlosse oben? sagte Dankmar, um sein Gespräch nicht sogleich wieder abzubrechen.

Mir weit besser als dem Vater! sagte der Knabe.

Der hat freilich wol schon Vieles gesehen, was schöner ist, entgegnete Dankmar. Ihr kommt ja weit her?

Von Amerika, sagte der Knabe, und setzte nach einigem Besinnen hinzu: Aus Missouri.

Aus Missouri! Ja, ja! Man erzählte mir's schon in der Krone, bemerkte Dankmar. Da seid ihr wol nur zum Besuche hier und werdet gewiß wieder übers Meer zurückwollen?

Das wissen wir selbst noch nicht, erwiderte der Knabe. Wenn es dem Vater wieder in Deutschland gefällt, bleiben wir; wo nicht, kehren wir nach Columbia am Missouri zurück, wo wir gewohnt haben.

Nach Columbia! Am Missouri! ..... sagte Dankmar[391] herzlich; so will ich wünschen, daß euch Alles hier erfreuen und befriedigen möge, damit wir nicht nur gute Menschen an Amerika verlieren, sondern deren auch welche von da wieder herübergewinnen.

Der Knabe schlug zerstreut mit seinem Stöckchen auf einige hochstehende Grashalme .....

Dankmar fühlte, daß ein längeres Gespräch mit dem schüchternen und bescheiden die Augen niederschlagenden Kinde es ängstigen würde und brach, wenn auch ungern, seine Unterredung ab. Er konnte nicht umhin, dem Knaben flüchtig die erröthenden Wangen zu streicheln, worauf dieser vollends feuerroth wurde und sich geängstigt abwandte.

Dankmar nickte noch einmal und wandte sich links zur Schmiede. Ein Wagen fuhr eben davon. Zwei Pferde, hinten angebunden, hüpften ihm, mit neuen Hufeisen beschlagen, lustig nach. Lasally's Jokey war gleichfalls verschwunden. Nur noch ein Reitknecht hielt den Huf eines Gaules, dem der junge Zeck, in Hemdärmeln, ganz schwarz berußt, die Hornhaut vom Hufe abstach. Dankmar sah eine Weile zu. Der junge Zeck grüßte flüchtig und eilte sich in der Arbeit, was er nur konnte. Der junge Ackermann hielt sich inzwischen in der Ferne auf dem Rasen und schien sich mit Bello ausgesöhnt zu haben. Kaum hatte sich Dankmar wieder nach ihm umgesehen, war auch die letzte Arbeit in der Schmiede verrichtet. Der Knecht bezahlte und eilte mit seinem Pferde davon. Der junge Zeck verschwand in dem innern kohlengeschwärzten Hause.

[392] Dankmar beschloß, sich dem blinden Alten vor seiner Abreise doch noch einmal zu empfehlen. So folgte er in die dunkle leere Werkstatt und sah eine kleine schmale Treppe, die oben in die Wohnung des Schmieds führte. Er trat behutsam auf. Die Nachwirkung des Eindrucks, den der Knabe in seiner Sanftmuth auf ihn gemacht hatte, ließ ihn leiser auftreten, als er sonst würde gegangen sein. Man hörte ihn nicht. Wie erstaunte er daher, als er unerwartet oben, eine Thürklinke niederdrückend und in ein niedriges Gemach eintretend, den blinden Zeck eben im Begriffe fand, einen ganzen Tisch voll flimmernder, hellblitzender Goldstücke einzustreichen! Der taube Sohn stand gierig gaffend daneben und der Amerikaner wollte eben gehen ....

Wer da? rief der Blinde mit Heftigkeit, als er sich so plötzlich überrascht fand. Sein sonst so feines Gehör mußte ihn bei dem Fühlen und Tasten nach den schweren Goldstücken verlassen haben, sonst würde ihm wol schwerlich das wenn noch so stille Hinaufsteigen Dankmar's entgangen sein ....

Beruhigt Euch! sagte Dankmar. Ich wünsch' Euch alles Glück, wenn Ihr in der Lotterie gewonnen oder eine Erbschaft gemacht habt. Ich wollt' Euch nur sagen, daß ich aufbreche und wenn Ihr an den Fuhrmann Peters etwas zu bestellen habt –

Nichts! Nichts! Was Peters! Herr! polterte der Blinde grob und unhöflich. Seit dem plötzlichen Reichthum schien er auch schon alle Fehler der Reichen bekommen [393] zu haben. Sein Zorn erinnerte Dankmarn an die Bosheit, mit der er heimlich gestern den vorlauten Bello hatte niedertreten wollen. Der Alte hatte sein schon halb lose hängendes Schurzfell rasch abgebunden und es wie zum Schutz auf den Tisch so geschwind gebreitet, daß einige Goldstücke auf die Erde rollten. Der Blinde tastete, der Taube kroch nach den rollenden Friedrichsd'oren mit der Gier einer Katze. Es war ein häßlicher, ängstlicher Anblick ....

Dankmar hatte schon die Thür in der Hand und entfernte sich, den feinlächelnden Amerikaner flüchtig grüßend, mit den Worten:

Ich sehe, daß ich störe. Genießt Euer Glück in Frieden! Lebt wohl!

Damit kletterte er getrost die Hühnersteige wieder hinunter zu Bello und dem Knaben, der inzwischen draußen im Vorbau der Schmiede auf einen dreibeinigen Schemel sich niedergesetzt hatte und dem Hund, der sich ihm jetzt nach Entfernung der garstigen Magd, die hinten an einem Ziehbrunnen wusch, traulicher anschmiegte, nach seinem traurigen Schaden sahe ....

Wetter! sagte Dankmar aufgeregt zu dem Knaben, wenn ich gewußt hätte, daß dein Vater oben Geldgeschäfte mit dem impertinenten alten Schmied hat, würde ich mich wol gehütet haben, ihn zu stören ....

Es ist eine Erbschaft, sagte der Knabe, die ihm der Vater aus Amerika mitbringt.

Eine Erbschaft! Und das so aus freier Hand, ohne[394] gerichtliche Vermittlung? Erbschaften sollen nur durch die Behörden gehen. Verstehst du etwas vom Recht?

Der Knabe schüttelte den Kopf.

Dankmar bemerkte mit Wohlgefallen die langen seidnen Wimpern des braunen Auges, die der kleine Amerikaner niederschlug, ohne eine gewisse Pfiffigkeit und Schlauheit verbergen zu können, die hinter seiner Scheu verborgen lag.

Ihr wißt von unserm Amtswesen und unsrer Federfuchserei nicht viel? sagte Dankmar, um sich von dem unangenehmen Eindruck, den ihm der oben erlebte Augenblick hinterlassen, zu zerstreuen.

Doch, Herr, antwortete der Knabe und stemmte den einen Fuß wie spielend rückwärts an ein zerbrochenes Rad; doch! doch! Der Vater hat sich freilich gestern nach dem Schmied und seiner Schwester erkundigt und sich nachschlagen lassen, was man auf dem Amt von ihnen weiß und da er fand, daß es die Richtigen sind, denen er das Geld zu bringen hat, so hat er's ihnen nun wol oben gegeben. Es war uns schwer genug. Um den Leuten Freude zu machen, wechselte er das Papier in pures blankes Gold.

Die Schwester des Schmieds? wiederholte Dankmar, erfreut durch die ermuthigte und gesammelte Antwort und den gutmüthigen Zug des Vaters. Also eine Schwester hat der Schmied? Er ist blind, sein Sohn taub, was muß da wol die Schwester für ein Gebrechen haben?

Das Alter, hör' ich; sagte der Knabe lächelnd.

[395] Das Alter! .... wiederholte Dankmar.

Die Antwort gefiel ihm. Er schaute ganz betroffen auf, vergrößerte die Augen und hätte fast Brav, mein Junge! gesagt.

Der Knabe aber, seine angenehme Erregung übersehend, fuhr harmlos fort:

Sie sollte erst in die Schmiede kommen, daß wir ihr hier ihren Antheil auch auszahlten und das schwere Geld loswürden. Aber sie soll seit Jahren ein Gelübde gethan haben, nicht weit vor die Thür zu gehen und so müssen wir ihr's nun wol selbst bringen .....

In diesem Augenblick rief vom Innern der Schmiede her eine starke sonore Stimme:

Selmar!

Dem nun aufspringenden Knaben trat sein Vater entgegen. Wie dieser Dankmarn erblickte, sagte er freundlich:

Sie waren sehr rücksichtsvoll, mein Herr! Wie rasch Sie sich entfernten! Ja, ja! Der Blinde oben ist außer sich, daß Sie uns da so plötzlich überrascht haben. Diese Leute wollen um jeden Preis etwas besitzen, es aber um's Himmelswillen Niemanden sehen lassen.

Er kann schon sicher sein, sagte Dankmar, daß ich weder, was ich sah, noch was mir mein kleiner Freund Selmar erzählte, ausplaudern werde .....

Dankmar benutzte die Gelegenheit, zu bemerken, daß er endlich den Namen des jungen Ackermann erobert hätte.

[396] »Freund Selmar!« »Ausplaudern!« Diese Worte schienen einen Eindruck auf den Vater zu machen. Er warf einen eigenen verlegenen Blick auf sein Kind.

Selmar faßte ihn unterm Arm. Beide schickten sich an die Schmiede zu verlassen.

Sie kommen aus Amerika! sagte Dankmar, sich anschließend und die fortdauernde Verlegenheit des Vaters nicht bemerkend. Sind die Amerikaner denn auch so wunderlich in Geiz, Habsucht und Verstellung und unsern andern versteckten europäischen Lastern?

Ackermann antwortete im Gehen lächelnd:

Der Amerikaner trägt gern offen zur Schau, was er besitzt, prahlt auch wol ein wenig .... aber die schnöde Furcht des Besitzes ist selten. Findet sich dies Laster, so ist es aus Europa mit hinübergebracht.

Wie bei Morton? Nicht wahr? sagte Selmar.

Dem Vater schien Selmar fast mit Dankmarn schon zu vertraut geworden. Er blickte Dankmarn wiederholt an und schien sich zu überlegen, ob sein Sohn gut gethan hätte, sich dem jungen Fremden schon so weit zu vertrauen, daß er von einem gewissen Morton sprach .....

Morton? wiederholte er und schwieg.

Die Stimmung, die durch diesen wiederholten Namen und das plötzliche Stillschweigen des Vaters zwischen allen Dreien entstand, löste der junge Zeck, den Dankmar jetzt erst hinter ihnen bemerkte.

Dahin wohnt die Tante! sagte er und zeigte dem Walde zu.

[397] Er sah dabei Dankmarn stutzig an und schien fragen zu wollen, ob dieser zu der Partie gehören dürfe .....

Alle Vier waren aber schon auf dem Wege und der Fußsteig von hier nach dem Walde zu gehörte zuletzt Jedem.

Dankmar, der sich nicht irre machen ließ, gab wol die Frage nach dem Geizhalse Morton auf, bemerkte aber, zu Ackermann gewandt und innerhalb der Grenze erlaubter Neugier:

Sie sind in Deutschland geboren? Vielleicht schon früh ausgewandert?

Vor einigen zwanzig Jahren! sagte der Fremde und blickte sich nach Selmar um, der sich eben von ihm getrennt hatte. Diese Trennung galt Bello, auf den der Knabe sich schon soviel Einfluß zutraute, daß er diesen von dem Unmuth beruhigte, der ihn wieder beim Anblick des jungen Zeck befiel.

Ich habe mich in der Union drüben viel herumgetummelt, sagte dieser sogenannte Ackermann, bis ich endlich am Missouriflusse in dem Städtchen Columbia mich niederließ. Mein Weib, das ich aus Deutschland mitgeführt hatte, starb vor noch nicht lange und hinterließ mir da den spät gebornen Jungen. He Selmar! Selmar! Laß doch dem Thierchen seine Freude! Der Junge ängstigt sich.. Sie wissen wol, in Amerika bellen die Hunde nicht..

Der taube Zeck öffnete ein Stacket, durch das man erst zu einer Wiese und dann zum frisch sie anwehenden Walde gelangte. Er blieb, als Selmar und sein Vater passirt waren, stehen und machte eine hämische Miene, indem er in [398] der den Tauben eigenen leisen Art, aber dummdreist, zu Dankmarn sprach:

Wir gehen aufs Jägerhaus!

Dankmar achtete nicht.

Aber auch Ackermann schien Dankmar's weitere Begleitung nicht vorauszusetzen und blieb stehen, wie wenn man sich empfehlen wollte .... Selmar aber hatte den lahmen Bello aufgegriffen und ihn mit den Worten: Armes Thierchen, das Laufen wird dir schwer; ich trage dich! an die Brust gedrückt und war ohne Rücksicht auf den Vater und den Fremden schon ein Stückchen Weges weiter gegangen.

Kinder und Thiere bringen die Menschen zusammen! dachte Dankmar und schritt über die Wiese getrost mit zum Wald hinüber.

Vater, sagte Selmar sich umwendend, so mächtig wie unser Büffelforst ist ein deutscher Wald doch nicht!

Das wollt' ich meinen, Junge! antwortete der Vater, der sich in Dankmar's Begleitung nun ergab. Hast du das Stacket bemerkt? Kein Jagdgesetz hegt unsern Urwald ein!

Wohl Vater .... aber..

Aber?

Lieblicher ist der deutsche Wald!

Was lieblicher!

Sieh, bei uns unter den riesenhohen Bäumen mit dem rothen Holze und den ellenlangen Nadeln, wer kann da lustwandeln? Überall Stämme, deren Wurzeln hoch aus [399] der Erde herausstehen und quer über Das hinweglaufen, was ungefähr wie ein Weg aussieht und doch keiner ist! Dazwischen ganze Bäume, die während der Überschwemmung des Missouri ausgerissen wurden und hoch in den Zweigen der andern stecken blieben, wo sie jeden Augenblick niederstürzen können; der fürchterlichen Steine garnicht zu gedenken, die von uraltem Moos zerfressen überall umherliegen und die ganze Ordnung so einer friedlichen Baumgruppe stören. Sieh nur, Vater, wie die Sonne so heiter durch das Hellgrün der Buchen schimmert! Bei uns dringt die Sonne garnicht durch oder fällt nur von oben so geheimnißvoll herab, daß man sich nach dem Felde hinaussehnt, wo sie frei scheint. Und auch dort, gesteh's nur, Vater, was hat man als die unabsehbar große Prairie, die wie ein grünes Meer ist, endlos, unheimlich und recht melancholisch!

Da sehen Sie es, sagte Ackermann nach dieser gewandten Schilderung, die Dankmarn überraschte und fast erschrecken ließ, daß er den gebildeten Knaben ohne Weiteres mit Du angeredet hatte; da sehen Sie's, Selmar hat es darauf angelegt mich hier zu behalten. Wie gefiel ihm nicht das abscheuliche London, das garstige Hamburg! Gestern auf dem Schloßberge oben bekam er Gefühle, wie ein junger, unter Klosterruinen erzogener Siegwart! Ein Amerikaner! Ein praktischer Verstandesmensch! Schäme dich!

Selmar lachte. Er hatte es schlau angefangen. Erst den Vater durch ein Lob Amerika's gewonnen und dann doch seine Meinung gesagt.

[400] Dankmar hörte schweigend zu. Er lächelte mit Wohlgefallen und Überraschung. Die gebildeten Äußerungen des Knaben, der freundliche Scherz des geistreichen, plötzlich so fein und unterrichtet sich ausdrückenden Vaters erfreute ihn innigst.

Der Träumer trifft dich, Vater, sagte jetzt Selmar, ließ den unruhig zappelnden Bello wieder laufen und hüpfte zu Ackermann heran, ihn zärtlich umfangend.

Wie so mich?

Er trifft dich, Vater! Besinne dich nur auf Gestern! Erst wolltest du nicht hinauf auf's Schloß, weil du wol dachtest, da fallen mir all' die schönen Mährchen und Geschichten ein, mit denen du und die Mutter mich in der langen trüben Regenzeit in Columbia unterhieltest! Weißt du noch die Sagen vom Kynast, vom Falkenstein, vom Kyffhäuser und vom Drachenfels? Immer zanktest du, wenn die Mutter von diesen Geschichten anfing, und sagtest: Laß das dumme europäische Zeug! Wenn aber die Mutter doch erzählte und nicht recht weiter konnte oder eine Sage nicht mehr recht im Zusammenhange wußte, fielst du ein und erzähltest mehr als sie.

Ja, ja! Aber oben ..... was ist oben auf dem Schlosse gewesen?

Verstell' dich nicht! Wie du oben an dem Schlosse warst ... rührte dich Alles, der kleine Pavillon im Garten, die Grotte, die kleinen Wasserfälle, die du, um nur spotten zu können, kleine Fingerhut-Niagaras nanntest; Und mit der alten Beschließerin und dem weißhaarigen Gärtner, [401] mit dem besonders, hast du gesprochen, als wenn sie Kuno und Kunigunde hießen und seit tausend Jahren da wohnten ....

Brigitte, heißt die Alte, Kind! Das ist ein ganz romantischer Name! Aber du irrst, mein Junge, die thaten mir's nicht an. Jedes dritte Wort war ein Bibelvers. Das können wir in Philadelphia auch haben. Ja! Das war's, was mich ergriff, Kind, die Erinnerung an Philadelphia .....

O du entkommst mir nicht! sagte der liebliche Knabe, immer zärtlich und dem Vater so treu ins Auge blickend, daß im Vaterauge wirklich eine Thräne der Rührung quoll; gestern hast du beim Anblick des Schlosses oben eher an die Hängematte eines Negers gedacht, als bei den beiden alten Leuten, die es hüten, an Philadelphia!

Junge, was soll der Herr da von deinem Geschmack denken? Das alte Rococo-Möbel.. im Commodenstyl! Wie kann uns das an deutsche Sagen erinnern!

Erzähltest du nicht von der alten Geschichte des Hauses Hohenberg? Und von den Grafen Bury, die mit ihm verwandt sein sollten? Und dir gefiel auch das alte Möbel mit seinem geschnörkelten Eisengitter, den vergoldeten Namenszügen und den wunderlichen Fratzen über den Fenstern! Und wie du erst hineintratest in den Hof.. oben war bunte fröhliche Gesellschaft,.. da schautest du in die Fenster so nachdenklich, so feierlich, als wolltest du dir schon die Stelle aussuchen, wo du deine Bücher hinstellen könntest, hier die deutschen, da die [402] englischen und französischen, und wie du hinaufblicktest auf die Krone, die über dem Giebel des Portales schwebte, da dachtest du dir gewiß: da setz' ich meinen durchbrochenen Himmelsglobus hin und betrachte mir von seinem Innern aus in schönen Winternächten die Sterne.

Wenn keine Krähen drin nisten! sagte Ackermann und fuhr nach einer Weile fort: Du bist ein Phantast! Man sieht, daß du von deutschen Ältern stammst und deutsche Ältern ihre eigne Heimathssehnsucht in dich hineingeseufzt haben. Im Gegentheil! Ich habe Mitleid mit Denen, die sich da oben hinpflanzten und Einsiedler sein wollten. Reuige Menschen zogen oft in die Wüste, aber sie nahmen keinen Spiegel mit, der dazu dienen sollte, sich doch immer noch selbst nicht zu vergessen. Thaten sie es, wie Timon der Menschenhasser, so wollten sie im Spiegel nur ihren Verfall, ihr Elend erblicken. Der Ort da oben kommt mir wie ein Spiegel vor, in dem eine Büßerin beschaut, wie sie bei aller Reue sich doch noch immer schön ausnimmt ....

Die Bewohnerin des Schlosses, sagte Dankmar, war die Fürstin Amanda von Hohenberg.

Ich weiß es, bemerkte Ackermann ernst und mit auffallender Bestimmtheit.

Sie wurde fromm, fuhr Dankmar fort, als sie sich unglücklich fühlte und keine irdische Rettung mehr kannte. Ihr Gatte trug einen berühmten Namen ohne Würde. Er verschleuderte sein Vermögen. Die Arme ließ nichts zurück, als ein gesegnetes Andenken und einen Sohn, [403] der, wenn ich nicht sehr irre, gelernt hat, irdische Auszeichnungen entbehren.

Dankmar sprach diese Worte mit fester und doch bewegter Stimme. Er hatte eine so tiefe Achtung vor seinem Reisebegleiter in der Blouse gewonnen, daß er glaubte, hier für ihn einstehen zu müssen, wo seiner unglücklichen Mutter vorgeworfen wurde, sie hätte mit ihrer Frömmigkeit es doch wol nur auf die hergebrachte weibliche Eitelkeit, wenn auch in andrer Form, abgesehen gehabt und es wäre ihre Reue von Selbstzufriedenheit begleitet gewesen.

Ackermann wandte sich auf diese Worte plötzlich, blieb einen Augenblick stehen und sah Dankmarn mit fragendem Ernste an.

Kennen Sie den Prinzen Egon? sagte er, hochroth erglühend.

Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar mit einer Erregung, die ihm gleichfalls in die Wangen stieg. Ich verbürge mich für ihn; setzte er entschieden hinzu.

Es kennt ihn hier Niemand, sagte Ackermann, es kannte ihn in der Residenz Niemand, er lebte in Paris; und Sie ... kennen ihn?

Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar bestimmt und war fast entschlossen abzubrechen und umzukehren.

Ackermann schwieg, betroffen, wie es schien und seine Anklage bereuend. Er wandte sich wie in tiefes Nachdenken verfallen, zu dem jungen Zeck, der mit schwerem plumpem Gang voranschritt und einmal über das Andere [404] für sich über das Glück seines Vaters und seiner Tante in sich hinein lachte. Die für die Letztere bestimmten Goldstücke mußte Ackermann in der weiten Brusttasche tragen, denn mit stierer Neugier und einem gewissen vertraulichen Zublinzeln zu dieser Stelle schien der Taube sagen zu wollen: Nicht wahr, da steckt das Geld für die Tante? Nur zu Dankmarn wandte er sich dann wieder mit mistrauischer Furcht und betrachtete ihn noch ängstlicher als gestern schon, wo er sich als Eigenthümer des an ihrer Schmiede verlorenen Schreines zu erkennen gegeben hatte ...

Selmar blieb bei Dankmarn zurück.

Es scheint, sagte Dankmar, als wenn ihr Beide, du und dein strenger Vater, im Streite wäret, wo ihr künftig leben solltet, hier oder wieder drüben, jenseit des Meeres .....

Das eben ist es! sagte der Knabe.

Der Vater muß eine üble Meinung von Europa haben. Ich hörte es an der heftigen Anklage gegen die frömmelnde Fürstin Amanda ...

Er war gestern anders .... Sonderbar..

Kannte er sie?

Die Fürstin Amanda? sagte der Knabe erstaunend. Ich glaube: nein!

Ist der Vater reich, so sollte er diese Besitzung kaufen ...... Sie ist zu haben.

Ja zu haben! rief der Knabe lachend und schüttelte den Kopf, als glaubte er, dazu gehörten Millionen.

Dann fuhr er fort:

[405] Nein, nein! Der Vater kämpft mit sich, was er mehr lieben soll, die alte oder die neue Welt. Erst zog es ihn mit so großer Gewalt nach Europa zurück, er traf alle Einrichtungen, nie wieder zu kommen, ließ Haus und Hof in getreuen Händen, die, im Fall er nicht wiederkäme, ihm dafür den baaren Betrag einer ansehnlichen Kaufsumme schicken wollen und nun gefällt ihm ja das alte Heimathland nicht mehr! Jede Gegend, die er von früher sieht, erweckt ihm traurige Erinnerungen und während er so rüstig, so gesund und sonst so heiter ist, ruft er hier überall aus: Ich bin alt geworden, alt! ... und blickt dabei so wehmüthig gen Himmel, ... daß ich weinen möchte!

Selmar weinte ...

Armes Kind! sagte Dankmar, den Knaben tröstend. Und dir geht es umgekehrt? Dir gefällt die Heimath deiner Mutter. Dich kann ein Land nicht befriedigen, wo wie in Missouri noch Sklaven dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen. Dich reizt das Gewühl unserer Städte, die bunte Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen, die Verschiedenheit der Sprachen, der Luxus, die Pracht der Lebensweise, die schönen Krieger in glänzenden Uniformen – nicht so?

Selmar wurde über und über roth und lachte plötzlich.

Ei bewahre! sagte er endlich ganz verschämt.

Doch! doch! fuhr Dankmar fort. Das ist's, was dich fesselt! Für ein so schönes Schauspiel, wie bei uns eine Heerschau der buntgeschmückten Krieger in funkelnden Waffen und bei kriegerischen Klängen, giebst du noch [406] Amerika's ganze Freiheit hin, alles das, was ohne Zweifel die wahre Fessel ist, die den Vater an Amerika kettet; denn aus seinen Äußerungen über das Schloß dort oben seh' ich, daß er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt.

O gewiß, Wahrheit und Vernunft liebt der Vater! sagte Selmar mit leuchtenden Augen. Dann fuhr er fort:

Glaubt nur nicht, daß ich kein Herz für die Größe der Union habe und die freie Staatsform, in der wir leben, geringschätze. Indessen –

Warum stockst du?

Ich will es auch nur aufrichtig sagen, fuhr Selmar mit herzlicher Innigkeit fort. An dieser Lust, die ich empfinde, Europa und Deutschland zu sehen, ist die Mutter Schuld. Sie schläft drüben in amerikanischer Erde! Aber ihre Seele, wenn es Gott gestattet, daß sie zuweilen noch auf Erden weilen darf, würde am glücklichsten sich fühlen, dürfte sie hier weilen unter den deutschen Eichen. Sie umschwebt uns gewiß überall, wo wir weilen werden und zögen wir in die Wildnisse Asiens. Aber das reinste und schönste Opfer, das man ihr bringen kann, wäre das, wenn wir da lebten, wo ihr Geist auch die Andern noch umschweben kann, die sie hier liebte und verließ, als sie nach Amerika zog .....

Dankmar empfand diese schlicht vorgetragenen, tief empfundenen Worte in ihrer ganzen Wahrheit. Er sah im Geist die Mutter dieses Knaben sich trennen von denen, die ihr hier nächst dem Gatten das Liebste waren und mit [407] halbgebrochenem Herzen in das ferne Land dem noch jetzt schönen, edlen Manne folgen, der da vor ihm herschritt mit eben ergrauendem Haare, noch stolz und männlich! Er konnte nachfühlen, wie hier ein Kinderherz früh getheilt war zwischen dem, was den Vater beglückte und dem, was die Sehnsucht der Mutter war. Vielleicht lebten hier noch viele Menschen, denen Selmar die Züge der frühvollendeten Mutter zurückrufen sollte; vielleicht sollte dieser Knabe ihnen Ersatz für Das werden, was sie an ihr selbst verloren .....

Um der wehmüthigen Stimmung Selmar's keine neue Nahrung zu geben, lenkte Dankmar das Gespräch darauf hinüber, daß er sagte:

Ich kann mir denken, was die gute Mutter von Europa Alles mag erzählt haben und wie das früh in deinem Kopf gezündet hat. Hättest du in New-York gelebt, würde das Geräusch einer großen Weltstadt auch nicht den Drang nach der Ferne so mächtig in dir haben aufkommen lassen; aber eine solche kleine Niederlassung am Missouri, unter Urwäldern und Prairien! Da mag es melancholisch genug sein und ich kann mir denken, die Sagen vom Kynast und Drachenfels, die dir in der trüben Regenzeit erzählt wurden, kamen nicht vom Vater –

Nein! fiel der Knabe ein, die kamen von der Mutter, der guten Mutter. Sie war nur Liebe und Güte.

Wie hieß sie? sagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen ...

Der Knabe erröthete, fast erschreckend. Er that, als[408] hätte er die Frage überhört und machte sich mit den Sträuchern am Wege zu schaffen, von denen er einen kleinen Zweig abbrach.

Dankmar nahm das Nichtbeantworten seiner Frage für zufällig. Nur daß der Knabe zum Vater hinsprang und er allein blieb, wie Einer, der nicht zu den Andern gehörte und sich doch wol nur als einen Aufdringling betrachten müsse, war ihm peinlich. Er blieb stehen und hätte die Fremden vielleicht ohne Abschied gehen lassen, wenn sich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in einem grünen Thalgrunde, der abwärts vom Walde nun in die Tiefe ging, aber rings vom Walde noch eingeschlossen blieb, gezeigt hätte mit den Worten:

Da ist das Jägerhaus!

Offenbar wollte er sagen: Sie begleiten uns doch?

Aber Dankmar fühlte etwas, was ihm zuflüsterte: Das Geschäft dieses Mannes im Jägerhause ist wol so eigner Art, daß du nur ein unwillkommener Zeuge sein würdest. Er sagte daher kürzer und fast schroffer, als er wollte:

Entschuldigen Sie meine Begleitung! Ich konnte dem lockenden Walde nicht widerstehen.

Damit lüftete er den Hut und nickte dem Knaben, der nachdenklich und wie eingewurzelt stand, ein freundliches Adieu! zu.

Auch Ackermann schien betroffen, wandte sich aber ...

Lästig war das erneute garstige Bellen des Hundes, der seinen Namen »Bello« von der Schönheit seines Äußern weit weniger, als vom Bellen verdiente. Während Dankmar [409] ihn zur Ruhe bedeutete, gingen die Wanderer schon weiter, ohne sich anfangs nach ihm umzublicken. Nur Selmar, als sie im Grunde waren, that es noch zuweilen, aber wie verstohlen. Dankmar's Augen waren scharf genug, noch einige Zeit zu verfolgen, wie traurig dabei des Knaben Miene schien und daß beide stumm nebeneinandergingen.

Warum folgst du nicht? schienen ihre Augen sagen zu wollen und Dankmar sagte sich selbst: Warum folgst du nicht? .....

Der Weg, der zum Jägerhause führte, erstreckte sich ziemlich lang am Rande des Waldes und der Wiese hin, die rings vom Walde eingeschlossen war und zu abschüssig ging, als daß man quer über sie hätte hinwegschreiten können. Dankmar stand an einem alten Eichenbaum und sahe, die Arme verschränkend, dem Amerikaner und seinem Sohne nach.

Was zieht mich euch Beiden nach, sagte er sich, dir du strenger Mann und dir du holder Knabe! Ist es die wunderbare ferne Welt, aus der ihr wiederkehrt und die vielleicht auch einst nur das Land sein wird, wo meine Träume reifen können? Warum trennen wir uns, da wir uns kaum begrüßten? Warum kann ich nicht gleich tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen, tüchtiger Mann, der du gewiß von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menschenhasser kennst und den Spiegel kennst, in dem er sich selbst anredete und die Menschen verfluchte? Warum hab' ich nun kein Zeichen, das dir [410] gleich gesagt hätte: Ich fühle Ehrfurcht vor deinem Antlitz, deinem Auge, deinem leise angegrauten Haar! Wenn ich dich selbst nicht lieben könnte, so lieb' ich dich in deinem Sohn! Ich weiß es schon, du Kräftiger, daß in dir Gedanken leben, die höher hinaufweisen als die gewöhnlichen Wegweiser unserer grauen Theorie! Du hast nachgedacht, du hast gefühlt, gelebt, geliebt! Ich weiß schon Alles ..... Ein Weib folgte dir und vergaß ihre Thränen in deinen Umarmungen und dies Kind ist das Unterpfand dieses Schmerzes, das Denkmal einer Liebe, die sich noch im Tode bewährte ... und die du selber ehrst, sonst würdest du nicht dies Europa wiedersehen wollen, dies Land, das dich doch sicher – denn du heißest schwerlich so, wie du dich nennst! – von seinem Herzen stieß! Wo kann ich dir wieder begegnen, edler Mann? Wo mich an deiner starken Hand führen? Nie also, nirgends mehr? Das wäre so verloren! Und warum verloren? Weil du die Menschen vielleicht hassest wie Timon? Nein! Weil du mich für einen gedankenlosen Dieb deiner Zeit hältst, der nichts kann, als fremde Menschen belästigen und zwecklos ausfragen! Ich mißfiel dir; du kennst mich nicht! Warum ist nun kein Wort möglich, das mit einem Hauche sagt: Hier ist auch ein Mensch, ringend, wie du einst gerungen hast, ein Mensch ohne Ehrgeiz für sich, aber voll Ehrgeiz für das Allgemeine! Das Allgemeine? Ja das Allgemeine! Das nicht Einen, nein Tausende, Hunderttausende Gleichgesinnter braucht! Sind wir beide gleichgesinnt? Warum erkennen wir uns nicht? Die Freimaurer erkennen sich!

[411] Gerechter Gott, und was drückt das aus: ein Freimaurer! Wenig genug, wenn man Lessings Geständnisse liest. Und doch grüßen sie sich geheim, wie mit einem Gruße in der Wildniß! Man ist mit diesem Gruße nicht mehr dunkel über sich, man hat doch Eins gemein, Eins, das Gefühl der Brüderlichkeit, so misbraucht es auch wird und so lästig es dem sein muß, der das Zeichen dem erwidern soll, der ihm gleich beim ersten Blicke misfällt. Aber was führt die Männer, die sich gefallen sollten, zusammen? Wer läßt den Geist den Geist erkennen? Was kürzt uns durch einen einzigen Blick den langen Umweg ab, den wir brauchen, um die, die uns gleichgesinnt sind, erst zu erkennen – ach, wo anders erkennen wir uns, als ... auf dem Schlachtfelde ..... in den Gefängnissen ... im Grabe!

Dankmar blickte auf. Der Knabe hatte noch einmal zu ihm herübergeschaut wie mit traurigem Vorwurfe ...

Um sich einem Anblick zu entziehen, der ihn zu heftig bewegte, trat Dankmar zurück und warf sich ins Gras unter einem Haselstrauche, den die dichten Zweige der etwas entfernteren Eiche noch beschatteten ...

Er spann die Gedankenreihe aus, in der wir ihn schon so oft, am meisten nach Schlurck's Äußerungen über den Reubund, belauscht haben und die, das merken wir nun wol, mit seinem glücklichen Funde in Angerode zusammenhing. Er vergegenwärtigte sich die alten Zeiten, wo das Christenthum ganz allein die Stelle solcher neuernden Begriffe vertrat, wie sie jetzt die Menschheit beherrschen. Er sah die damalige Bildung, die christliche, da [412] nicht dem Zufalle preisgegeben, sondern in der Obhut eines gewissen gegliederten Kastengeistes, den sogleich die Verbrüderungen, die Herbergen, die Agapen und dann die Mönchsorden vertraten. In den Ritterorden erblickte er dann die Beseitigung der Gefahren, die das alleinige Vorrecht des geistlichen Standes an der Verwaltung der Ideen mit sich bringen konnte, wenn es ausschließlich wurde. Die Orden waren Jedem zugänglich, selbst Ungelehrten und unadlig Gebornen. Wenn er dann die rege Betriebsamkeit eines gemeinschaftlichen Wirkens und die sichere Anlehnung an Gleichgesinnte, die man durch äußere Kennzeichen in der ganzen damaligen christlichen Welt antreffen konnte, bewundern mußte, so flößte ihm vollends die feine und durchdachte Gliederung besonders des späteren Jesuitenordens als Form, als kunstmäßig angelegter Bund, die größte Achtung ein ...

Warum geht bei uns Alles so in der Irre! dachte er sich. Warum gruppirt man sich nur in losen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung! Warum verschwört man sich nur blindlings mit abenteuerlichen, leicht enthüllten Masken ... Wer uns eine Stiftung brächte, die unabhängig von jeder zunächst auf der Tagesordnung stehenden Frage nur die Verständigung über sie im Allgemeinen, die Einigung über die ersten Grundsätze erleichterte! Wer uns etwas ersänne, das wie ein elektrischer Schlag Jeden träfe, der mit uns in einem geistigen Rapport steht und uns dann immerhin so ganz zufällig begegnete! ... Man würde sich gleich erkennen. Wie würde man seine Erfahrungen [413] austauschen, wie würde man sich zu einem geordneten, sicheren System des Handelns rascher vereinigen! So viel Verstand und keine Verständigung!

Und wenn sich Dankmar dann gestehen mußte, daß alle die, die etwas Großes in dieser materiellen Welt dauernd behaupten wollen, Mittel besitzen müssen, um die Zweifelnden und Lässigen zu ermuntern und das Beispiel der Entbehrung, das so Mancher in seiner Großherzigkeit giebt, für die Andern auch nicht gar zu abschreckend zu machen, so gedachte er der Papiere, die er in jenem Schreine gefunden hatte. Eine alte Überlieferung seiner einst angesehenen Familie hatte sich plötzlich in eine mit Händen zu greifende Wahrheit verwandelt. Die Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein, die in einem gesitteten Rechtsstaate wirklich noch festen Boden gewinnen, keimen, ausschlagen, blühen konnten. Er hatte die Mittel in Händen, einer seit zwei Jahrhunderten schwebenden Verhandlung über ein immer größer angewachsenes Vermögen von Häusern und Grundbesitzungen eine neue Diversion zu geben, die sich auf die Annahme gründete: Wenn der Staat begonnen hat, jene Verlassenschaft, die Jahrhunderte lang gleichsam herrenlos war, für sich in Anspruch zu nehmen und den gegenwärtigen Nutznießern zu entziehen, warum kann sich nicht mit den sichersten und festbeglaubigten Urkunden ein Mitkämpfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite stellen und Alles das, was Jener zur Begründung seiner Ansprüche mühsam und aus Zwangssätzen der Gewalt [414] zusammenstellt, mit weit größerem Fug und Recht aus verbrieften historischen Thatsachen herleiten?

Wer weiß, fuhr er innerlichst zu erwägen fort, ob in jenem Processe, dessen inneres Getriebe mir bald kein Geheimniß mehr sein soll, nicht Assertionen genug vorkommen, die mir unbewußt über das, was noch sonst dem eingebildeten Entwickelungsgange dieses Processes einen plötzlichen Umschlag geben könnte, meinen Wettlauf mit dem Staate und jener großen mächtigen, von Schlurck vertheidigten Commune erleichtern?

Und so gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe, die er sich gestellt hatte und die er nicht zu seinem Vortheil, sondern in der That zur Durchführung einer großen socialen Idee lösen wollte, daß ihn nun eine namenlose Angst überfiel, welches Schicksal die in Schlurck's Händen befindlichen Papiere treffen könnte ... Mit dem Entschlusse, jetzt unmittelbar nach der Residenz zurückzueilen, sprang er auf, warf, um nicht gefesselt zu werden, keinen Blick mehr nach dem grünen Plane und dem Jägerhause zurück, sondern lief fast mit beflügelter Eile denselben Weg zurück, den er eben neben dem Knaben so gemüthlich geschlendert war ...

Bello konnte auf seinem lahmen Beine kaum folgen. Dankmar rief, feuerte ihn an und trieb zur Eile .... Da grüßte ihn ein freundliches Wort aus dem Busch. Ein Bekannter hielt ihn an, der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und plötzlich, ihn fast erschreckend, vor ihm stand. Es war der Jäger Heunisch.

[415]
3. Capitel. Das Jägerhaus
Drittes Capitel
Das Jägerhaus

Heunisch, die Büchse auf dem Rücken, eine sorgfältig geschlossene Pfeife im Munde, schien so eben nach seiner Wohnung einlenken zu wollen. Er erkannte in Dankmarn sogleich jenen jungen Mann, dem er gestern früh auf dem Gelben Hirsch, während es so heftig regnete, von alten und jungen Zeiten auf Schloß Hohenberg hatte erzählen müssen. Seinen freundlichen Gruß erwiderte Dankmar mit den Worten:

Eilen Sie, daß Sie nach Hause kommen! Sie haben Besuch ...

Ich erfuhr es schon in Plessen, sagte der Jäger. Wie ich in der Schmiede vorsprach, sagte mir's der alte Zeck. Wenn die Ursula so ins Feuer geräth über den amerikanischen Besuch, wie ihr blinder Bruder, der wie närrisch herumtastete und herumgrabbelte, so muß es ein sehr naher Freund zu ihr sein.

Oder er bringt Grüße von einem Freunde aus Amerika, bemerkte Dankmar, der es vorzog, das, wie es schien dem Förster unbekannte Geheimniß der Erbschaft zu verschweigen.

[416] Auch möglich, sagte der Jäger. Die Zeck's sind alle heimlich.

Heimlich? fragte Dankmar. Was verstehen Sie unter heimlich?

Dankmar hätte sie lieber unheimlich genannt.

Nun! sagte der Jäger. Es soll mir nicht einfallen diesen Leuten etwas Schlimmes nachzusagen, sie stehen in bravem Rufe und gehörten früher auch zu den Frommen, die die hochselige Fürstin beschützt hat. Aber es kommt mir mit ihnen vor wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder einem ausgetrockneten Teich. Man kann nicht darüber gehen ohne daß es einem immer ist, als könnte da wieder einmal Wasser zum Vorschein kommen.

Wir nennen das, sagte nun Dankmar, unheimlich. Sie nennen's heimlich. Worin finden Sie denn, daß diese Familie etwas Verstecktes und Unzuverlässiges hat?

Der Jäger kratzte sich hinterm Ohre und erbot sich Dankmarn, der eine kaum angerauchte Cigarre mechanisch in der Hand hielt, Feuer anzuschlagen, wenns auch, wie er sagte, eigentlich nicht gestattet wäre im Walde Cigarren zu rauchen.

Dann lassen Sie's! sagte Dankmar.

Aber der Jäger meinte:

Ach was? Wie lange wird's dauern, so lassen die oben doch all die Stämme hier abhauen, um zu Gelde zu kommen. So ... oder ... so! setzte er lachend hinzu.

Und so rauchte Dankmar die Cigarre an des Jägers geöffnetem Pfeifendeckel an. Den Deckel dann in Erwägung [417] der Waldordnung kräftig zuschlagend und selbst durch einige Züge sein gelbes Kraut wieder lebhafter anglimmend, fuhr der Jäger fort:

Die Zecks in der Schmiede gelten für ehrliche Leute und sind's auch, aber sie kommen Manchem vor wie Welche, die mit einem Strick am Halse leben. Drossel auf dem Gelben Hirsch sagte noch vor Kurzem, er hätte immer gehört, wenn ein Vornehmer 'mal einen Knecht erschlägt, so kann er sich vom Galgen loskaufen durch eine runde Summe, aber auf den Boden stellt ihm die Justiz auch was Rundes hin, nämlich's Rad, damit er immer einen Augenspiegel in der Nähe hat. Ob's wahr ist, weiß ich nicht. Aber der alte Zeck kommt Manchem vor wie Einer, der auf'm Boden auch so sein Rad stehen hat. Von meiner alten Ursula gar nicht zu reden, die die Leute eine Hexe nennen. Aber die Leute sind närrischer als sie.

Wie kommt denn Zeck's Schwester in Ihre Jägerwohnung? fragte Dankmar, den eigentlich der Rückblick auf Ackermann und Selmar fesselte.

Ei, sie war ja meines Vorgängers Frau! sagte der Jäger. Ich habe sie ja mit übernehmen müssen, als ich vor Jahren hier in den Posten kam! Damals warf sich ja die Alte auch auf die Frömmigkeit, um die Fürstin zu rühren. Und so kam's auch. Heunisch, sagte die Fürstin, (Gott hab' sie wirklich selig, es konnte Jeder, der die Augen verdrehte, mit ihr machen, was er wollte!) Heunisch, sagte sie, Ihr seid mir gut empfohlen worden und der Fürst hat nichts dagegen, daß ich Euch Marzahn's Stelle gebe – Marzahn [418] hieß der frühere Förster, mein Vorgänger – aber sagte die Fürstin – Ihr seid jung und rüstig – damals war ich's mehr als jetzt – und die Marzahn bleibt in dem Hause bis an ihr Ende. Sie können sich denken, Herr, was ich für ein Gesicht dazu schnitt! Ich wollte mich just verheirathen und die Ursula Marzahn, hieß es, ist von jeher ein Drache voll Gift und Bosheit gewesen. Ich sagt's auch der Fürstin – Gott hab' sie selig – Durchlaucht, sagt' ich, die Marzahn? ...... Und mehr braucht' ich eigentlich garnicht zu sagen; denn sie mußte es gleich fühlen, daß das so viel hieß, als in einen Thurm geworfen werden, wo unten nichts als Kröten und Schlangen sind. Nämlich die dummen Leute hatten der Urschel den Ruf gemacht. Sie kam schon ziemlich bejahrt mit dem ewig betrunkenen Marzahn hier an, mit dem sie anfangs wild gelebt hatte und erst verheirathet wurde, als er den Posten bekam. Der alte Sägemüller im Gebirg, auch der reiche Sandrart, den ich manchmal im Ullagrund besuche – ein stattlicher aber grober Bauer – haben mir Teufelsdinge erzählt, wie die Urschel anfangs hier auftrat. Sie war schon fast an die Funfzig und soll früher bei einem Scharfrichter gedient haben, von dem sie Doctorei mit Vieh, aber auch mit Menschen gelernt hat. Genug, von ihren jungen Jahren weiß man nichts, als daß sie bei dem Doctor Lehmann, so hieß der Scharfrichter, von dem Sie wol gehört haben ...

Ich kann nicht sagen, bemerkte Dankmar lachend ...

Bei dem, der meilenweit immer verschrieben wurde, fuhr Heunisch fort ....

[419] Verschrieben?

Zu den Armensünderfrühstücken, Herr! Nun, bei dem hat sie ja gedient und war dann an den Marzahn, einen ausgedienten Soldaten, gekommen und mit ihm hierher. Wie sie eine Weile im Walde war, kam auch der Bruder nach, der auch mit Vieh Doctorei treibt ....

Dankmar mußte zur Bestätigung auf seinen schlechtgeheilten Bello sehen, der sich mit dem Hunde des Jägers zu vertragen schien und ruhig neben diesem aushielt.

Genug, sagte Heunisch; Marzahn starb bald, was kein Wunder war ...

Ich will hoffen, bemerkte Dankmar lächelnd, daß seine Frau, die Ihr wie ein Gespenst schildert, ihm keinen Trank eingerührt hat ....

Keinen Trank? sagte Heunisch, der die Redseligkeit selbst war. Trank genug! Er trank den ganzen Tag. Ursula hatte schlimme Tage bei ihm ... sie hat's in Geduld ertragen ... Die Urschel kennen die Men schen gar nicht ...

Ihr müßt einen Schatz an ihr haben, daß Ihr so allein mit ihr leben könnt und sie vertheidigt!

Ich sage Ihnen, Herr, die Urschel ist bei alledem treu wie Gold. In jungen Jahren soll sie's arg mit Männern gehabt haben, aber seit sie alt geworden ist ...

Hoffentlich auch seit sie der schreckliche Doctor Lehmann in der Cur gehabt hat ...

Davon weiß ich nichts. Ich sage Ihnen aber, sie hat an dem Marzahn, der sie schlug und mit Füßen trat, wie ein Kind gehangen ...

[420] Käthchen von Heilbronn unterm Galgen.

Nicht von Heilbronn, Herr; und Ursula! Ursula! Nicht Käthchen!

Ich verstehe! Aber ich kann mir schon denken, Ihr habt die Ursula bei Eurem Försterposten als Inventarium oder sogenanntes »eisernes Vieh«, wie wir Juristen sagen, mit in Kauf nehmen müssen ...

Beinahe so! lachte der Förster. Heunisch, sagte die Fürstin, ich weiß, was Ihr sagen wollt, aber die Marzahn ist durch den Tod ihres Mannes erleuchtet geworden und der Erlöser ist ihr im rechten Lichte aufgegangen, und was solche schöne Sachen mehr sind, die aber bei der Marzahn, wer sie nämlich kannte, eigentlich zum Lachen waren. Jetzt will ich Ihnen nur sagen, bester Herr .... Ich wollte nämlich heirathen und nahm die Stelle und auch, weil's nicht anders ging, die Marzahn mit. Und wie gesagt, sie war eigentlich bei alledem eine charmante Person! Sie wollte sich auf ein einziges Zimmer einrichten und sie that's auch ganz bescheiden bei alledem!

Bei alledem?

Ja, bei alledem! Ich dachte, sie macht nicht lange ... aber wer starb, war nicht die Alte ... wer starb, war ... Doch was halt' ich Sie da auf, guten Morgen, Herr! Guten Morgen!

Dankmar fand an dem treuherzigen Manne Gefallen und bat ihn, doch fortzufahren ...

Nun, wer starb, war meine Braut, und als ich nach drei Jahren wieder ein nett Mädchen kennen lernte – wer da [421] wieder starb – war wieder meine Braut – und Das überwand' ich seit vierzehn Jahren, und nun bin ich zweiundfunfzig. Man sieht's mir nicht an, gelt? Aber ich bin's. Und die Ursula Marzahn hustet und hustet und ächzt und stöhnt und ist jetzt dreiundsiebzig Jahre und sie ist bei mir geblieben und ... was die Leute reden ....

Was reden die Leute? fragte Dankmar den Jäger, der nun gehen wollte.

Ich sag' immer, der Mensch soll leben, als ging' er grade der Nase lang! sagte Heunisch und steckte die Pfeife ein, die ihm ausgegangen war.

Schlecht und recht, meint Ihr?

Das zuerst und dann nicht links, nicht rechts sehen und sich kümmern, was wol Alles an Dem sein möchte ....

Die Wahrheit fliehen, Heunisch? Den Glauben theil' ich nicht .... Was sagen die Leute?

Es ist besser, Herr! Ich hab's auch der Fränz geschrieben, die mir einmal Etwas von dem seligen Fürsten klagte. Kind, schrieb ich ihr, laß die Nachforschung und thu' deine Arbeit ohne Nachdenken!

Dankmar mochte nicht weiter forschen, erstaunte aber über des Jägers plötzlich bleicher gewordenes Antlitz.

Ich halt' Euch auf ... sagte er.

Nein, nein, meinte Heunisch; ich plaudere mit Ihnen aus dem nämlichen Grund. Ich mag nämlich gar nicht in mein Haus, solange die Fremden da sind. Ich dränge mich nicht in die Heimlichkeiten der Ursula ....

Ihr habt viel Zartgefühl, Heunisch ....

[422] Nennen Sie Das so? Es könnte vielleicht auch anders heißen ....

Nichts Schlimmeres aber! Ihr seid die Rücksicht selbst.

Doch! doch! Nennen Sie's nur Furcht ....

Furcht?

Furcht, Das zu wissen, was Eins besser nicht weiß ....

Wie Heunisch diese Worte sprach, stand er nachdenklich und blickte mit starrem Auge bei Seite.

Was ist Ihnen, Heunisch? fragte Dankmar, erschrocken über des Mannes nachdenklichen Zustand. Es steigen Ihnen unfreundliche Erinnerungen auf?

Ja! ja! Aber lassen Sie nur, bester Herr, sagte Heunisch, fast tonlos. Ich habe an meine erste Braut gedacht und an die zweite – ich kann's ja allein hier bedenken an dem alten Doppelbaum, der in zwei Stämmen aufschießen wollte und in beiden verdorrt ist. Gehen Sie nur weiter! Ich mag nicht nach Hause; ich setze mich so lange daher.

Dankmar legte dem bewegten Jäger die Hand auf die Schulter und sagte:

Ihr denkt Eurer beiden Verlobten! Beide starben! Beklagenswerther Mann! Und Ihr mußtet ein Ungethüm neben Euch dulden, das Euch Eure einsamen Tage zu einer ewigen Folter machte. Habt Ihr Das ertragen können?

So nicht! So nicht! bester Herr! sagte der Jäger. Ihr hörtet's ja, der Brunnen ist verschüttet und der Sumpf ist ausgetrocknet. Die Ursula hat mich nie gequält, niemals, ich müßte lügen. Sie hatte einen heftigen, rohen Menschen [423] geheirathet, meinen Vorgänger, den Marzahn. Der schlug sie und sie duldete das. Als er starb, es war ein noch junger Kerl, aber er hatte sich dem Trunk ergeben und ging vor der Zeit hin, als er starb, hätte sie sich erlöst fühlen sollen. Aber so verblendet war die Narrheit der Frau, die über zwanzig Jahre mehr zählte, als ihr Mann, daß sie ihn wie eine Verrückte beweinte und damit die Fürstin rührte, daß Die sie wohnen ließ, bis ich kam. Von Stund' an hat sie sich auf eine kleine Stube, die dunkelste, beschränkt, die ich gar nicht gemocht hätte, weil sie mir vorkommt, als müßt' es drinnen spuken. Sie hat mich gepflegt, wenn ich krank war, die Ursula, mich bedient wie eine Magd, die Ursula, sie hat – sollten Sie's glauben, Herr ....

Es ist zum Lachen? Warum lacht Ihr, Heunisch?

Ich kann's gar nicht sagen ....

Wetter, Ihr seid ja verschämt wie ein Mädchen ....

Ich möchte nur wissen, ob die Ursula dahintersteckte ....

Hinter welchem Busch denn?

Daß ich sie heirathen sollte, Herr!

Dankmar wollte lachen und konnte nicht.

Mein Seel! Kein Spaß! Der Blinde, der sich nach Marzahn's Tode in Plessen angesiedelt hatte, sprach mich darum an, ich sollte die Schwester doch heirathen ....

Hm! Und beide Bräute starben Euch – vor oder nachher?

Vorher! Ich lachte blos und schlug's aus. Seitdem sprach der Bruder kein langes Wort mehr mit mir, so oft [424] ich in der Schmiede vorsprach. Heute seit Jahren gönnt' er mir einmal wieder die erste Anrede. Aber die Ursula ... nein! nein! die konnte von dem tollen Antrag nichts wissen oder sie hat sich damals ihrer sechszig Jahre geschämt. Sie ist freundlich und gut mit mir geblieben, ob ich sie gleich manchmal recht fürchte und ein Grauen vor ihr habe ....

Dankmar voll Theilnahme meinte:

Geht denn doch lieber ins Jägerhaus! Wenn Ihr wie andere Menschen seid, freut Ihr Euch gewiß, wenn um Euch her Alles heiter und glücklich ist. Ursula's Besuch wird sie überraschen und wenn sie keine Geheimnisse vor Euch hat, theilt sie Euch mit, was sie Frohes erlebt hat, und erfreut Euch selbst.

Nein, nein, ich bleibe noch fort! sagte der Jäger, der sich jetzt wieder erholte und seine Pfeife anzündete. Ich will nicht in ihre Karten sehen. Darin liegt's gerade, was ich heimlich nenne. Seitdem mir meine zweite Braut so plötzlich und so schrecklich starb – sie glitt im Gebirge aus und brach sich das Genick ....

Um Gottes Willen! unterbrach Dankmar.

Ja, ja, Herr, die erste ...

Die Jungfer Drossel auf dem Gelben Hirsch ...

Ihr erinnert Euch ...

Starb in den Flammen ... Das weiß ich schon! Aber die zweite ...

Des Sägemüllers Tochter da oben aus dem Gebirge ...

Verunglückte so entsetzlich?

[425] Brach den Hals!

Armer Mann! Jetzt begreif ich Eure Liebe zur Fränz in der Stadt.

Der Förster schwieg eine Weile schmerzbewegt und fuhr dann fort:

Seitdem, Herr, bin ich eigentlich wenig daheim in meinem Hause, wandere immer hier und dort umher und erfahre oft nichts von Dem, was während meiner Abwesenheit im Jägerhause geschieht. Die Ursula ist ganz froh, wenn ich komme, denn ich seh's ihr an, sie hat in der Zeit dann allerlei Jammer und Noth gehabt ... wirklich, Das hat sie ... aber wiedererzählt wird nicht. Da hab' ich dann schon gesagt: Ursel, du kommst mir vor, als wenn du immer in meiner Abwesenheit die Geister bei dir tractirtest und mit dem Teufel manchmal lustig zu Nacht speistest! Da sagt sie denn wol seufzend: Hast Recht, Junge! Ich habe meine Noth! Aber dann ist sie still, macht ihre Arbeit und ist froh, wenn's mir nur schmeckt. Straf mich Dieser und Jener, ich hätte die Alte in ihren jungen Jahren wirklich geheirathet; denn soll ich's nur gerade heraussagen, so glaub' ich, sie war trotz ihrer Sechzig in mich verliebt, und weiß der Geier, sie war auch noch ganz hübsch und sauber. Nun ist sie elend und hinfällig und wird kindisch. Ihre Gespensterseherei macht mir besonders im Winter arg zu schaffen ....

Dankmar nahm diese letztere Mittheilung fast so scherzend, wie sie der Jäger gab, fuhr daher auch in diesem Tone fort und sagte:

[426] Nun denn, so macht, daß Ihr nach Hause kommt! Der Besuch aus Amerika ist kein Gespenst und prüft sie einmal, ob sie aufrichtig ist. Ihr seid ein so ehrlicher und biederer Mann, daß ich Euch unter dem Siegel der Verschwiegenheit verrathe: Der Amerikaner bringt ihr einen Beutel ganz mit Gold gefüllt.

Sie spaßen? sagte der Jäger erstaunt.

Ja, Heunisch. Nach Allem, was Ihr mir von diesen Zeck's und der Ursula erzählt habt, vom Tode Eurer beiden Bräute und den Gespenstern, die diese fromme Witwe sehen will ...

Nun, was stocken Sie, Herr? Was sehen Sie mich so groß an?

Nach alledem möcht' ich doch, daß Euer unbefangener, offener und gläubiger Sinn im Jägerhause nicht misbraucht würde. Versteht Ihr?

Wieso misbraucht? Ich verstehe nicht ...

Dieser Amerikaner brachte dem blinden Zeck eine Summe Goldes, die einen ganzen Tisch bedeckte –

Was? meinte der Jäger ... Das müssen ja über tausend Thaler sein!

Und ebensoviel empfängt jetzt die Schwester. Gebt Acht, sagte Dankmar, ob sie wahr gegen Euch ist und ...

Dankmar stockte.

Nun da bin ich doch curios! Ja, ja, sie sagte mir heute früh, daß ihr etwas Merkwürdiges bevorsteht ....

Paßt Ihr mehr auf, Heunisch! Seid nicht so sorglos!

Hm! Sie hatte die ganze Nacht rumort und mich im [427] Schlafe gestört. Die Hunde bellten. Ich sah den Mond so grußelich durch den großen Kastanienbaum scheinen, der vor meiner Schlafkammer steht. Es war mir einmal, als hört' ich die Ursula häßlich schreien. Aber es war wol nur ein Traum und ohnedies weiß ich ja, daß sie immer laut redet und ganze Nächte in Bewegung ist. Wie sie mir das Frühstück bringt, frag' ich sie: Aber, Urschel, frag' ich sie, was war denn Das die Nacht? Hast ja geschrien! Und groß mich anglotzend, als wär' ich ein ganz Anderer als der fürstlich Hohenbergische Revierjäger Heunisch, sagte sie: Fritze, was hast du für garstige rothe Haare! Wenn Das deine Gräfin sieht! Ei Mutter, sag' ich, ich heiße Leberecht Heunisch und meine Haare schimpf' mir nicht, die haben bei keiner Gräfin am Feuer gestanden. Da kicherte sie und meinte, sie hätte in der Nacht das Fenster aufgemacht und hinaus in den Wald gesehen. Da wär' ihr verstorbener Bruder, von dem sie oft wie von einem Baron faselt, über die grüne Wiese gegangen, ganz wie er noch in seiner Jugend gewesen wäre, lang und schlank und sehr vornehm, aber im Gehen hätt' er geschlafen, sie aber doch artig gegrüßt und sich dann still ins Gras niedergelegt unter dem Ebereschenbaum, der auf der Wiese steht. Und sie wiss' es, sie erführe nun auch heute was Neues. Na, sagt' ich, Urschel, dann will ich hoffen, daß es was Rechtes ist. Stellen Sie sich aber Eines vor, als ich nachher ausging, um in Plessen auf dem Amt Etwas ins Reine zu bringen, seh' ich hinüber nach dem Ebereschenbaum, den ich lieb habe, weil er im Herbst so prächtige [428] rothe Beeren trägt, die über die ganze Wiese leuchten, wie Sägemüllers Nantchen ihre rothen Ohrbommeln ... Seh' ich ja, daß das Gras wirklich an dem Baume niedergetreten ist, gehe hinüber und finde an dem Baum im Grase die Spur, daß hier ein Mensch gelegen hat und noch ganz frisch, ohne Widerrede erst in der letzten Nacht. Und daß ich mich wirklich nicht täusche, liegen ja drei vollwichtige neue Spitzkugeln im Grase, eingewickelt in dies Papier. Da! Ohne Zweifel war's ein Wilddieb, und nun will ich meiner Alten doch sagen, daß sie diesmal Menschen und keine Geister gesehen hat, und auf der Hut müssen wir sein, so wie so. Sehen Sie! So was passirt im Walde.

Damit wog der Jäger die ziemlich schweren, sonderbar geformten, nur für eine eigens eingerichtete Büchse passenden Kugeln.

Dankmar nahm die Kugeln und wog sie gleichfalls. Sie waren in ein Papier eingewickelt.

Diese Kugeln sind aber sonderbar, sagte Dankmar. Ich möchte fast glauben, daß es keine Kugeln, sondern eher kleine Gewichte sind ....

Es sind Spitzkugeln, ich versichere Sie! sagte der Jäger.

Indem betrachtete Dankmar das Papier, in dem das Blei eingewickelt war. Wie erstaunte er, als er in ihm eine Rechnung aus dem Heidekruge erkannte, dieselbe, die auf Zehrung für zwei Personen und ein Pferd lautete, vom gestrigen Datum ... ein Thaler acht Groschen!

Sonderbar! sagte er und war von einer Ahnung ergriffen; behalten Sie das Papier, lassen Sie mir die Kugeln!

[429] Der Jäger besann sich erst und fragte:

Haben Sie denn einen Verdacht?

Als Dankmar betroffen das Papier von allen Seiten betrachtete, fuhr Heunisch fort:

Ich wollte erst die Kugeln aufs Amt tragen; nachher besann ich mich und dachte: du machst dir den Spaß und gibst sie der Urschel als Erinnerung an ihren rothhaarigen Fritze!

Lassen Sie mir wenigstens das Papier! wiederholte Dankmar.

Da! Nehmen Sie Beides! sagte der Jäger. Sie sind ein feiner Kopf, Das merk' ich wol. Sind Sie einem Strauchdieb auf der Fährte, so vergessen Sie nicht, diese Kugeln lagen in dem Papier und unter dem Ebereschenbaum schlief Einer die Nacht im Grase. Aber mehr können wir nicht bezeugen; denn was die Urschel vor Gericht vorbringen würde, wäre gewiß so gräulich, daß die Schreiber davon liefen, auch hat sie's nicht gern mit dem Amt und geht überhaupt nicht drei Schritte vor die Thür. Also soviel Gold! Nun muß ich doch sehen, ob's die Amerikaner uns wirklich auch gebracht haben und ob sie's mit dem Golde heimlich hat. Einen ganzen Tisch voll? Ist's auch wahr, Sie haben Ihren Spaß mit mir. Sie merken schon: ich bin ein bischen leichtgläubig.

Verlassen Sie sich darauf – sagte Dankmar.

Und wo soll ich Ihnen denn sagen, ob die Alte mir den Schatz auch anvertraut hat?

Der Jäger sprach diese Frage mit einem zögernden Ton, [430] als wünscht' er, Dankmar theilte ihm seinen Namen und die Gelegenheit einer Wiederbegegnung mit.

Dankmar aber unterbrach ihn mit den Worten:

Noch Eins! Sahen Sie Niemanden von meiner Reisegesellschaft?

Ihren Kamerad ... der Sie begleitete ... den in ...

In der Blouse?

Nein, den vorwitzigen Burschen ... im Gelben Hirsch ... den Andern!

Meinen Kutscher?

War's Ihr Kutscher? Das hätt' ich wissen sollen!

Er sprach Euch nicht angenehm zu Ohre. Er ist vorlaut ....

Wer weiß! Wenn er über die Fränz Recht hätte ...

Beruhigt Euch! Er verleumdet gern ...

Es hat mir die ganze Nacht keine Ruhe gegeben ...

Die Fränz wird tugendhaft sein ...

Wenn die Fränz – das Kind ist mein Augapfel, meine einzige Lebensfreude! Es ist meines Bruders Kind und die Erbin von dem Bischen, was ich habe ... Wenn die Fränz ....

Seid doch kein Thor! Niemand hat sie verleumdet! Und wenn auch, der Bursche verdient keinen Glauben.

Dem Jäger funkelten die Augen.

Das Mädchen soll zu mir! Sie muß aus der Stadt heraus! sagte er.

Hierher in den Wald?

Sie war schon einmal da ....

[431] Eine Putzmacherin hier unter den Tannen? Bei der Ursula? Ich wette, daß es ihr nicht bei dem guten Onkel gefallen hat ....

Das abscheuliche Wort Putzmacherin!

Ich denke doch, es hieß so?

Ja, sie schneidert und näht und stutzt Hauben und Hüte ....

Also ...

Und hübsch ist sie ....

Also ...

Und sie arbeitet bald da, bald dort ....

Also! Eine Putzmacherin!

Aber rechtschaffen, Herr! Ein Kind wie ein Engel. Ich nahm sie hierher in den Wald, weil böse, giftige Menschen ihr nachstellten ....

Sie nannten ja den alten Fürsten .... Die Durchlaucht wird doch nicht? ...

Herr, wer gibt uns Lohn und Brot? Also: Kusch! Ich nahm sie hier heraus, und sie war so munter anfangs wie da die Eichkätzchen. Aber mit der Ursula ...

Die wurde eifersüchtig ...

Meinen Sie?

Ich denke fast, nach dem Frühern zu schließen ...

Unfriede, Jammer und Noth gab's. Die Fränz fürchtete sich vor der Alten, wurde elend und krank und da gab ich sie in die Stadt zurück.

Daran thatet Ihr am besten, und ich versichere Euch, Fränz Heunisch ist gewiß eine tugendhafte Putzmacherin, [432] die allen ihren Kameradinnen als Muster aufgestellt werden kann.

Sind die so –?

Ich verspreche Euch, Heunisch, mich nach ihr zu erkundigen, und seid gewiß, ich brauche nur zu horchen, was sie für Umgang und allenfalls was für einen Liebhaber sie hat, so weiß man schon ...

Keinen Liebhaber! Ich versichere Sie, Herr! Keinen Liebhaber!

Warum nicht, Heunisch? Wenn's der rechte ist? Es gibt tugendhafte Putzmacherinnen, die sich die Männer erst ansehen, ehe sie mit ihnen Landpartien machen. Verlaßt Euch darauf! Ihr verdient es, eine brave Nichte zu haben. Auf Wiedersehen, Förster! Eilt jetzt, daß Ihr zur Ursula kommt!

Der Jäger, Dankmarn freundlich die Hand schüttelnd, wandte sich um und ging mit beschleunigten Schritten vorwärts, seinem Hause zu. Dankmar aber blieb eine Weile stehen. Er hätte schwören mögen, diese Rechnung beträfe nur ihn, Hackerten und das Roß des Pelikanwirths. Die Speisen waren nicht genau angegeben, sondern in Bausch und Bogen die ganze Zehrung genommen .... Der nächtliche Waldbesucher war doch wol nur Hackert, dessen Spur ihm so ganz entschwunden war .... Unter dem Ebereschenbaum hatte er geschlafen .... Wie kam er zu diesen Kugeln? Wie war es möglich, daß ihn diese Ursula als das verjüngte Ebenbild ihres Bruders erkannte? Als einen Verwandten, den sie mit Höflichkeit [433] wie etwas Vornehmes auszeichnete? ... Alle diese Betrachtungen liefen darauf hinaus, daß ihm, wenn Hackert in diesem Augenblicke plötzlich aus dem Gebüsch getreten wäre, das Wiederfinden einen nicht eben sehr erfreulichen Eindruck gemacht hätte. Dazu die verworrenen Reden über jene Ursula Zeck ... über das Unglück, vielleicht ... den gewaltsamen Tod zweier jungen Mädchen .... Die Stille des Waldes weckte Dankmar's Phantasie und die unheimlichsten Gestalten umgaukelten den einsamen Wanderer. Erst als er endlich den Weg sich am äußersten Ende lichten sah, wurde ihm freier zu Gemüth, und vollends erlöst athmete die Brust erst auf, als er, die ihm jetzt doppelt widerwärtige Schmiede vermeidend, durch die Gärten von Plessen über den Mühlbacharm der Ulla in das Wirthshaus zur Krone zurückkehrte und überall wieder Sorglosigkeit, wieder Unschuld, wieder ergebene Ruhe aus den Augen der arbeitenden Männer in den Gärten und der beschäftigten Frauen und spielenden Kinder ihm entgegenlachte. Es war ihm nach der Waldscene wie dem an Kohlendunst fast Erstickenden, der im Nebel und Dampf eines Zimmers nur noch soviel Kraft besitzt, das Fenster aufzureißen und die Frische der reinen Luft in die sich gewaltsam hebenden Lungen einzuathmen ....

Die überraschenden Einladungen, die er in der Krone nun vorfand, konnte er nicht ahnen. Es waren deren zwei. Eine ins Schloß und eine zweite, merkwürdig genug ... in den Thurm, an dessen Fuße er gestern im Grase träumend gelegen hatte.

[434]
4. Capitel. Der Thurm
Viertes Capitel
Der Thurm

Als sich Dankmar der Krone näherte, war es ihm auffallend, daß ihm schon in der Ferne die Wirthsleute winkten und ihm anzudeuten schienen, er möchte sein Kommen beschleunigen.

Bello sprang so gut er konnte voraus und nicht wenig erstaunt war Dankmar, schon das Thierchen vom Wirth, der Frau Wirthin, allen Hausknechten und Mägden mit einer Art von Feierlichkeit begrüßt zu sehen. Wie stieg aber sein Befremden, als man endlich vor ihm selbst die Mütze zog und sich wie vor einem großen Herrn verneigte! Man zeigte ihm nämlich im sonderbarsten Durcheinander zu gleicher Zeit an, daß er aufs Schloß – nein! riefen Andere, die sich neugierig dazu gesellten, in den Thurm! ... Was in den Thurm? sagten Jene wieder, ins Schloß – geladen sei.

In den Thurm? Aufs Schloß? wiederholte Dankmar befremdet.

Einer suchte dem Andern den Rang abzulaufen und ihm zu erzählen, wer ihn zu sprechen wünsche. Man konnte dabei kaum begreifen, wie ihm die Erläuterung seiner Einladung in den Thurm weit wünschenswerther [435] war, und immer wieder fingen sie von einem kleinen sehr wichtigen Herrn an, der eigens vom Schlosse heruntergekommen wäre, sich mit der größten Artigkeit nach ihm erkundigt hätte und ihn bäte, heute Mittag mit den gnädigen Herrschaften oben zu speisen. Das war der Inhalt der klaren Rede, die sich die Frau Kronenwirthin durch all das Geschwirre endlich angebahnt hatte.

Viel gespannter aber sah Dankmar dabei auf die inzwischen stummen Gruppen der Umstehenden, die ihm von einem auf dem Schlosse gefangenen Taugenichts erzählten, der in seiner Todesangst bäte, man möchte den jungen fremden Herrn im Reitrock aus der Krone zu sich ins Gefängniß führen ... ehe er baumeln müsse, sagten die Leute lachend.

Dankmar hatte noch keine Veranlassung gefunden, in der Krone seinen Namen zu nennen; aber die Beschreibungen sowol von Seiten der Schloßbewohner, wie von Seiten des Thurmgefangenen, trafen so vollkommen auf ihn zu, daß es gar keiner Frage, ob man sich auch nicht in seiner Person irre, bedurfte, sondern seine eigene Neugier nur zu erwarten hatte, wie sich ein so vielfach begehrter Herr in diesen auf ihn gerichteten Ansprüchen benehmen würde ...

Dankmar fand zunächst in der Einladung, auf dem Schlosse zu speisen, nichts als eine freundliche Aufmerksamkeit gegen einen Fremden, von dem man vielleicht – so dachte er – erfahren hatte, daß ihm der Justizrath Schlurck durch das Überbringen seines verlorenen [436] Schreins einen Dienst, den er schon kannte, erwies und dem man für diese angenehme Entdeckung Gelegenheit zu einem Dank für die ganze Familie geben wollte. Aber von einem im Schlosse ertappten Diebe zu hören, der ihn sprechen wolle, schien ihm selbst in dem höchstwahrscheinlichen Falle, daß Hackert der betroffene Verbrecher wäre, weit größerer Aufmerksamkeit werth. Unmuthig gedachte er der Möglichkeit, über seine Verbindung mit einem ihm selbst, seit Entdeckung der drei Spitzkugeln, gefährlich scheinenden Menschen vor einer umständlichen und in kleinlichen Dingen pedantischen Justiz vernommen und wol gar an dem endlichen Beginn seiner Rückreise verhindert zu werden.

In dieser seiner verlegenen und unmuthigen Stimmung trafen ihn die Worte eines sich sehr höflich nahenden und von allen Dorfbewohnern mit herabgezogenen Mützen begrüßten Mannes:

Mein Herr, schon einmal war ich in der Krone, und ich wiederhole jetzt den mir von der Frau Justizräthin Schlurck gegebenen Auftrag, Sie ergebenst zu bitten, heut' Mittag oben auf dem Schlosse einen Löffel Suppe einzunehmen ....

Einige Bursche lachten über die sonderbare Zumuthung, einen so starken kräftigen jungen Mann nur mit einem einzigen Löffel Suppe bewirthen zu wollen.

Bartusch (denn Dies war der Sprecher) fuhr fort:

Es ist elf Uhr, mein Herr! Man speist um Eins. Können wir auf die Ehre rechnen?

[437] Dankmar erwiderte leichthin:

Mein Herr, ich bin hier ohne alle Garderobe und höre auch soeben von einem Vorfall auf dem Schlosse – von einer sonderbaren Einladung in den Thurm – ...

Erfuhren Sie schon den kleinen Spektakel auf dem Schlosse? fragte Bartusch.

Dankmar, von dem Gedanken an Hackert aufs peinlichste berührt, konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern und sagte stockend:

Ich will hoffen ...

Der Lärm hat nicht die geringste Unordnung hervorgerufen, fiel Bartusch sogleich ein. Se. Excellenz der königliche Intendant Herr von Harder zu Hardenstein ließen einen Fremden verhaften, der sich mit sonderbarer, zudringlicher Neugier in der Nähe der Zimmer aufhielt, deren Inhalt vom verstorbenen Fürsten Waldemar von Hohenberg an den Hof abgetreten ist. Seine Diener meinten, der Fremde hätte es geradezu auf einen Diebstahl abgesehen gehabt. Und da der Intendant in Erfüllung seiner ihm allerhöchsten Orts aufgegebenen Pflichten, wie weltbekannt, sehr streng zu Werke geht, so hat man den Fremden nach einem kurzen Verhör, in dem er sich vorläufig für einen harmlosen Wanderer und einen Tischlergesellen ausgab, bis auf Weiteres in den Thurm gesteckt ...

Einen Tischlergesellen? rief Dankmar, von einer Ahnung ergriffen. Ihn in den Thurm?

Ich höre, daß der verdächtige Mensch sich auf Sie[438] berufen hat, fuhr Bartusch mit scharf gespitztem Auge fort. Ohne Sie, mein Herr, zu kennen und zu nennen, bezeichnete er Sie doch als einen wohlwollenden Gönner, der ihn gestern in seinen Wagen aufgenommen und den er in jenen Zimmern oder irgendwo auf dem Schlosse wiederzufinden gehofft hätte ....

Ich gestehe Ihnen jedoch, fuhr Bartusch mit lauerndem Späherblick fort, seine Aussagen liefen dermaßen wirr durcheinander, daß man fast glauben möchte, dieser Fremde wäre kein Handwerker, sondern vielleicht der Freund, der Reisebegleiter irgend eines im Incognito ... reisenden ....

Bartusch zog und blinzelte so eigenthümlich, daß Dankmar das Incognito nur auf sich beziehen konnte und daher die Vermuthung des alten Schleichers, in ihm wirklich den Prinzen zu treffen, nun erst recht dadurch bestätigte, daß er betroffen über die Kühnheit, ihn zum Mitschuldigen eines jedenfalls auf dem Schlosse für einen verdächtigen Menschen genommenen Abenteurers zu machen, sagte:

Mein Herr! Wie kommen Sie –

Bartusch fühlte aber sogleich, daß er sich nicht gut ausgedrückt hatte, wenn er überhaupt das vermeintliche Incognito des in Dankmar vorausgesetzten Prinzen Egon schonen wollte. Er verbesserte sich daher rasch, indem er sagte:

Fräulein Melanie, die, weil wir den Frauen alle Aufregung ersparen wollten, den Arrestanten nicht gesehen, erzählte gestern vom Zusammentreffen mit Ihnen im [439] Walde. Sie erwähnte dabei eines Begleiters in blauer Blouse, der allerdings derselbe zu sein scheint, den Herr von Harder soeben verhaften ließ ....

Blaue Blouse? sagte in schmerzlicher Verwirrung Dankmar, und doch auch von der Möglichkeit ergriffen, daß ihn ein Fremder dupirt hätte. Lichtbraunes Haar ...?

Ein Kinnbart, fügte Bartusch hinzu, wie man ihn nur in Paris zu ziehen pflegt ....

Es ist der Prinz! rief es in Dankmar mit unwiderstehlicher Gewißheit. Seine Sehnsucht, klar zu sehen, dem Prinzen beizustehen, beflügelte sich, jemehr Bartusch ihm lästig wurde ....

Werden wir die Ehre haben? fragte Dieser lauernd.

Ich bin ermüdet, entgegnete Dankmar leicht und fast abstoßend. Entschuldigen Sie mich! Ich habe früh schon das Lager verlassen, einen tüchtigen Spaziergang gemacht und bitte mich zu entschuldigen ... ja, ja, entschuldigen Sie mich ...

Aber ....

Mein lieber Herr! Sie sehen ja! Ich bin gar nicht ausgestattet, Besuche bei Damen zu machen. Sowie ich hier bin und stehe ....

Wozu bedürfte es der Förmlichkeiten? sagte Bartusch verschmitzt. Ein Mann von Welt wird aus jeder Hülle erkannt, wie ich auch an dem vermeintlichen Tischler sogleich erkannte, daß er wol der Kammerdiener, vielleicht auch der Freund eines Prinzen sein könnte, wenn nämlich ... das Incognito ....

[440] Kammerdiener? Freund eines Prinzen? wiederholte Dankmar von einer Ahnung ergriffen. Wie meinen Sie Das?

Wenn nämlich ... Bitte recht sehr ... Also ... Können wir auf die Ehre rechnen? war die Antwort Bartusch's, der sich nicht, wie man sieht, ganz an Melanie's Vorschriften hielt und grade in jene Zeichensprache überging, die Hamlet an Rosenkranz und Gyldenstern so sehr tadelte.

Wetter, dachte Dankmar bei sich und wandte sich ab, wenn man dich wol gar selbst für den Prinzen Egon nähme und den Gefangenen ... für deinen Vertrauten?

Und indem er noch darüber nachsann, welche Vortheile oder Nachtheile für ihn oder den wahren Prinzen aus einem solchen Misverständnisse entstehen könnten, sammelte sich seine juristische Geistesgegenwart zu einer bedachteren Erklärung!

Mein Herr, sagte er kurzweg, richten Sie der Frau Justizräthin meine ergebenste Empfehlung und mein Bedauern aus, diesen Mittag auf die Ehre verzichten zu müssen. Ich höre von einem Gefangenen, der sich auf mich beruft, mich sprechen will. Ich bin Dankmar Wildungen, Referendar am königlichen Appellhofe, lernte auf meiner Hierherreise einen jungen Handwerker kennen, den ich aus Rücksicht auf die erst staubigen, dann nassen Wege in meinen Wagen nahm. Ist der Gefangene derselbe und beruft sich auf mich, so bin ich es meiner Pflicht als Jurist schuldig, ihn in seiner Haft zu besuchen und ihm meinen Rath und Beistand zu ertheilen. Wenn die freundlichen [441] Bewohner des Schlosses mir aber bis zum Abend ihre wohlwollenden Gesinnungen erhalten wollen und mich nicht noch anderweitige Gründe bis dahin zur Abreise bestimmen, so werd' ich nicht verfehlen, mich bei Ihnen zum Thee einzufinden. Haben Sie die Güte, Dies der Frau Justizräthin anzuzeigen.

Dankmar verbeugte sich leicht, brach rasch ab und ging in die Krone.

Bartusch stand verdutzt. Diese runde Abfertigung! Diese raschen, ihm eingelernt scheinenden Worte! Diese Namenangabe! Dankmar Wildungen! Referendar am königlichen Appellhofe .... Wildungen! Derselbe Name, der schon in des Justizraths Signalement genannt worden war! Woher kommt Das? dachte er. Wildungen? ... hat der Justizrath vielleicht ... der Justizrath hat ihm wol selbst diese Ähnlichkeit auf dem Heidekruge angedeutet und nun benutzt sie der Prinz ... denn er ist es, jedes Wort ein Fürst! ... und nennt sich Dankmar Wildungen. Diese kurze, fast brüske Art, dieses bestimmte, sozusagen grobe Wesen, diese Betroffenheit über die Verhaftung eines mindestens sehr neugierigen Eindringlings in die innern Räume des Schlosses! ... Bartusch blieb bei der Voraussetzung, daß, wenn einmal der Prinz Egon im Incognito das Schloß Hohenberg zu besuchen sich aufgemacht hätte – wofür Schlurck ohne Zweifel die sichersten Beweise hatte – der Prinz Niemand anders sein könne als dieser Fremde, der sich nach Mittheilungen, die Schlurck wahrscheinlich schon im Heidekrug selbst erzählt hatte, [442] ein Geschäft mit einem verlorenen Frachtgute mache und sie Alle irreführen wolle. Sehr erbaut von seinem Scharfsinn, unzufrieden nur mit der Erklärung des Fremden, erst am Abend kommen zu wollen, stieg Bartusch, um der in brennender Ungeduld harrenden Melanie Bericht zu erstatten, schon heute zum zweiten male wieder zum Schloß empor.

Dankmar aber wartete jetzt nur noch das allmälige Verlaufen der Leute ab, um sich sogleich zum Justizdirector von Zeisel und von da zum Thurm zu begeben.

Kaum konnte er sich fassen über den Gedanken, wie ein so unglückliches Begegniß auf den jungen hochgestellten Mann, der ihm sicher der Prinz Egon von Hohenberg war, hereinbrechen und auf ihn wirken mußte. Überfallen, dachte er sich, vielleicht mishandelt, unter Zulauf der Menschen wie ein Verbrecher durch den Ort geführt!.. Diese Besorgniß milderte jedoch der Wirth, der erzählte, man hätte den Dieb sogleich auf dem kürzesten Wege, ohne alles Aufsehen, hinter dem Ort in den Thurm gebracht ...

Dankmar begab sich jetzt aufs Amthaus, wo ihm die Düfte der von Zeisel'schen Mittagstischvorbereitungen entgegenwallten und er erfuhr, daß der Justizdirector mit dem Schreiber bereits drüben im Thurme wäre. Dort angelangt fand Dankmar noch ein Dutzend Neugieriger, die an der geöffneten Verließthüre gafften, als wenn hier Jemand Pranger stehen sollte.

Geht nach Hause, rief er ärgerlich; die Grütze wird Euch kalt!

[443] Beim Eintritt in den Thurm wußte sich Dankmar nicht gleich zurechtzufinden. Das alte Gebäude sah von außen kleiner aus, als sich die innere Räumlichkeit darstellte. Der Boden war der reine bloße Sand; unterirdisch schien es also hier keinen Gewahrsam zu geben. Das durch die Thür hereinfallende Licht ließ zur Rechten eine schmale hölzerne Treppe erkennen, die empor führte. Dankmar bestieg sie und entdeckte sogleich einen der wahrscheinlich Herrn von Harder angehörenden Bedienten; wenigstens war dieser von Bartusch ausgesprochene Name Schuld, daß er beim Anblick des Bedienten sich sogleich der bekannten Uniform jener vielvermögenden Familie der Harder's entsann, deren Haupt der alte neunzigjährige Chef der ausübenden Justiz des ganzen Landes war. ...

Wir haben Sie schon kommen sehen, sagte der Bediente kurz und ziemlich impertinent, treten Sie nur hier ein!

Eine kleine niedrige Thür öffnete sich und in einem größern Gemache, das die ganze Rundung des Thurmes begriff, von einem Fenster aber nur spärlich erhellt war, fand er den Justizdirector, einen Schreiber und den neben dem Thurm wohnenden Wächter, der eine alte abgeschabte fürstlich Hohenberg'sche Livree, hellblau mit roth, und ein gelbes Schild auf der Brust trug ....

Dankmar erfuhr hier, was er schon über den Schloßvorfall wußte und wiederholte über den Gefangenen Dasselbe, was er zu Bartusch gesagt hatte. Die Absicht des Gefangenen, im Schloß zu stehlen, wurde von dem Justizdirector zwar nicht entschieden bestritten, aber doch [444] auch gegen den unziemlich lärmenden Bedienten in Abrede gestellt.

Er griff erst nach den Bildern herum, sagte dieser; dann hob er sie von der Wand, und während wir auf einen Augenblick uns entfernt hatten, wollte er sie geradezu stehlen. Excellenz verlangen, daß Das streng genommen wird, und er muß doch noch vors Hofgericht in die Stadt!

Herr von Zeisel, den ein Grauen überfiel, als vom Hofgericht die Rede war, äußerte, daß hier vielleicht nur eine leichtverzeihliche Neugier obgewaltet hätte, mindestens könne er nicht begreifen, was ein reisender Handwerksgesell, den der Anblick schön ausgestatteter Zimmer gefesselt hätte, mit einem alten unansehnlichen Bilde anfangen sollte, während doch viel kostbarere, kleine transportable Sachen in der Nähe gestanden hätten, die man mit einem kühnen Griff sich hätte aneignen können. Übrigens könne ihm in der That nicht zugemuthet werden, diesen Gefangenen auf derlei geringfügige Aussagen hin der annoch zu Recht bestehenden Ortsjustiz zu entziehen, es müßte denn von einem hohen Obergerichte ihm ausdrücklich befohlen werden. Weit bedenklicher scheine ihm allerdings des Gefangenen gänzlicher Mangel an Legitimation und sein trotziges, hartnäckiges Ablehnen jeder nähern Erklärung, weshalb er auch durchaus nichts dagegen hätte, daß sich der von ihm mehrfach um Vermittelung ersuchte anwesende Herr zu ihm verfüge und von ihm selbst die Willfährigkeit zu Geständnissen zu gewinnen suche.

[445]

Dankmarn fielen hier Hackert's Mittheilungen über die Hohenberg'sche Justizpflege ein. Er verstand vollkommen des mildgesinnten Justizdirektors Absicht, dieser Untersuchung so viel wie möglich überhoben, noch mehr aber vor einer Verschleppung derselben an die Kreisgerichte gesichert zu sein. Der Harder'sche Bediente murmelte Vielerlei gegen diese Erklärung, aber die Versicherung des Amtsboten und Gefangenwärters, der Inculpat säße ja nun criminalisch, bewirkte denn doch, daß der Justizdirector, der wie Alle auf dem Lande gegen zwölf Uhr aß, die Sitzung aufhob und Dankmarn bat, ihm um drei Uhr Nachmittag, wo er seinen ärztlich befohlenen Ruheschlaf beendigt hätte, gefälligst mitzutheilen, was er von dem störrischen und trotzigen jungen Manne, der sich nur ihm hätte anvertrauen wollen, denken solle. Dem Wärter die strengste Obhut anempfehlend, stieg er mit dem Schreiber, der seinen ziemlich leeren Protokollbogen in eine Mappe legte, die baufällige Treppe behutsam hinunter. Der Bediente, Dankmarn mit mistrauischen Blicken musternd, folgte. Der Wärter aber winkte dem staunenden Dankmar und führte ihn noch eine Treppe höher.

Diese brachte ihn erst zu den eigentlichen Gefängnissen, deren der Zahl der kleinen vergitterten Fenster nach zu schließen, die Dankmar außen beobachtet hatte, etwa vier oder fünf hier sein konnten.

Sind sonst noch Gefangene da? fragte Dankmar beim Hinaufsteigen.

[446] Nein, erwiderte der Wächter, es fällt jetzt im Ganzen nicht viel vor, und was Politische sind, die kommen gleich weiter ins Provinziale!

Jetzt stand Dankmar im zweiten Stock vor einer stark verriegelten Thür, die erst zu einem Vorplatze führte. Hier umgab ihn völlige Finsterniß. Der Vorplatz war nur von der aufgehenden Thür erhellt, die der Wächter gleich ansichzog.

Ich muß Sie mit einschließen ... sagte der Mann zu Dankmarn, und war dabei nicht ohne Höflichkeit.

Thut nichts! erwiderte Dankmar.

Sie brauchen nur aus dem Fenster zu rufen: Pfannenstiel! Dann höre ich's schon und komme.

Gut! gut! sagte Dankmar und hörte mit pochendem Herzen, wie Pfannenstiel, dessen Namen er fast überhörte, in der Dunkelheit den Schlüssel an ein Schloß setzte und öffnete.

Die Thür eines kleinen niedrigen Gemachs ging auf und in der That, vom spärlichen Lichte, das durch die Gitterfenster fiel, beleuchtet, saß an einer Pritsche, den Kopf aufgestützt, derselbe Fremde da, der sich Dankmarn allerdings nur durch eine Visitenkarte, aber denn doch auch durch seltene Bildung und die feinste Erziehung als Prinz Egon von Hohenberg zu erkennen gegeben hatte.

Da ist der Herr, den Sie sprechen wollen! sagte Pfannenstiel. Und wie ist's nun mit dem Mittagessen? setzte er hinzu.

[447] Gehen Sie in die Krone! sagte Dankmar nach seiner Gewohnheit rasch entschlossen; bestellen Sie das beste Mittagessen, das der Wirth für zwei anständige Personen nur auftreiben kann. Um ein Uhr muß es hier sein! Auch eine Flasche Wein! Verstehen Sie?

Damit drückte er dem Meister Pfannenstiel ein Trinkgeld in die Hand.

Dieser, schon an die möglichen Überbleibsel der Mahlzeit denkend und von dergleichen freigebigen, luxuriösen Inculpaten und Zeugen, die hier selten vorkamen, überrascht, erbot sich zur pünktlichsten Besorgung, rückte mit aller Beflissenheit einen alten Tisch ans Fenster und fragte, ob wol noch ein Stuhl nöthig sei?

Dankmar, mit Gefängnissen vertraut, ergriff die Pritsche, auf der ein alter verfaulender Strohsack lag, warf diesen herunter, rückte das Holzgestell an den Tisch und sagte:

Das ist gut genug zum Sitzen. Viel Meubel machen's hier zu eng ....

Wie Sie wollen, sagte Pfannenstiel und ganz erstaunt, die beiden jetzt zu Inhaftirenden so curios sicher und vertraut sich begrüßen zu sehen – der Andere war allerdings anfangs kaum aufgestanden – schloß er die Thür wieder ab und polterte draußen so gräulich mit seinen Schlössern und Riegeln, daß nach jener Seite hin an ein Entrinnen nicht zu denken war.

Als man das letzte Eisen vorgeschoben hörte, sprang der Gefangene von einem Schemel, auf dem er während [448] der Verständigung zwischen Dankmar und Pfannenstiel, unbeweglich den Kopf in beiden Händen stützend, gesessen hatte, auf und rief:

O mein Gott! Was sagen Sie nun dazu?

Durchlaucht sehen mich hier, antwortete Dankmar, um von Ihnen Etwas zu vernehmen, das soviel wie eine Aufklärung ist. Ich bin ganz Ohr!

Dankmar war sonst kein Freund von Titulaturen. Er hob die Würde des Gefangenen nur darum so nachdrücklich hervor, um zu sehen, ob dieser sie wirklich zu behaupten verstand ....

Nichts von Durchlaucht! sagte der Fremde; keine Förmlichkeiten, die ich schon draußen in der Freiheit hasse, und die hier in diesem abscheulichen Loche am wenigsten am Platze wären. Ich habe Sie auf unserer Reise schätzen, ja lieben gelernt. Vor allen Dingen! Seien Sie mir Freund, Wildungen!

Damit reichte er Dankmarn erregt die noch von seinem eben Erlebten zitternde Hand.

Dankmar ergriff sie etwas zögernd. Er konnte denn doch nicht umhin, sich zu sagen:

Wunderliche Herablassung eines gefangenen Diebes, der vielleicht wirklich unschuldig, aber denn doch auch vielleicht nichts weniger als der Prinz Egon ist!

Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir, Wildungen! sagte der Fremde. Und ich Wahnsinniger verdien' es auch nicht! Wie kann ich mir einbilden, daß Sie meinen Worten trauen können! Wie kann ich glauben, daß Sie mich für [449] Egon Hohenberg halten! Höchstens, daß Sie mich für keinen Tischler nehmen! Und was das Schlimmste ist, Wildungen! Ich bin ...

Der Gefangene stockte ....

Als ihn Dankmar erwartungsvoll fixirte, sagte er leise:

Ich bin wirklich ein Dieb.

Durchlaucht ...

Ich habe auf dem Schlosse wirklich stehlen wollen ....

Dankmar besann sich bald.

Mein Fürst, sagte er, man nennt Das nicht stehlen, was das Antreten einer Erbschaft, das Besitzergreifen von einem Eigenthum ist. Allein ...

Nun? Nicht wahr? Auch dieser Act muß in gesetzlichen Formen geschehen?

Allerdings, sagte Dankmar. Ich kann nicht glauben, daß Sie sich in der That auf dem Schlosse irgend Etwas haben heimlich aneignen wollen.

Der Fremde schwieg und suchte nach Fassung.

Nach einem Augenblick strich er sich mit der Hand durch das lichtbraune Haar, das von dem blassen edeln Angesicht jetzt noch schöner abstach, und sagte:

Weg mit den Grillen! Bedenk' ich es genau, so ist das Ganze ein Abenteuer und ich wünschte, der Wein aus der Krone wäre schon da, damit Sie mit mir auf die Befestigung unserer Freundschaft anstoßen.

Dankmar konnte sich in diesen Übergang zur Heiterkeit nicht finden. Es überfielen ihn plötzlich alle nur möglichen Zweifel an dem Fremden, von dem er sich düpirt [450] zu werden als Etwas dachte, was ihm das Blut in die Wangen trieb ....

Er sah sich um und kam auf die Widerwärtigkeit eines solchen Ortes zurück, in dem sie sich wiederfinden mußten ....

Es ist toll! sagte der Fremde. Aber wie glauben Sie nur, daß ich aus diesem Rattenneste frei werde?

Vor allen Dingen, meinte Dankmar mit bestimmter Betonung, vor allen Dingen müßt' ich doch wissen, mit welchem Rechte Sie hierher kamen?

Weil ich stehlen wollte..

Wie? Scherzen Sie?

In der That! Ich bin ein Dieb ....

Ich habe nicht gesagt, Durchlaucht, beweisen Sie, daß Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind; aber daß Sie ein Dieb sind, müssen Sie jetzt wirklich beweisen ....

Was soll ich zuerst beweisen? Ich sehe, Sie glauben Beides nicht.

Ohne zu schmeicheln, möcht' ich fast glauben, wenn Sie mir beweisen, daß Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind, so hätten Sie kaum nöthig, entschuldigend von Ihrem sogenannten Diebstahl zu sprechen ....

Ah! Sie Demokrat! Finden denn die Fürsten bei Ihnen noch so ein gutes Vorurtheil?

Dankmar schwieg mit seinem feinen geistreichen Lächeln und erwartete mit einer Art strengen Prüfung die Mittheilungen, zu denen sich der Fremde nun anschickte.

[451]
5. Capitel. Der Dieb
Fünftes Capitel
Der Dieb

Wohlan! sagte der Gefangene nachdenklich, stützte das Haupt auf und sah trübsinnig durch das enge Fenster in die schöne, sonnenhelle Gegend. Vernehmen Sie, Wildungen, ich bin hier geboren, bin hier erzogen. Da am Rande jener Berge hab' ich kletternd die erste jugendliche Kraft erprobt. Viel ist schon hinweggezogen von neuen Erfahrungen und neuen Eindrücken über die erste Kinderzeit, aber noch taucht aus ihr in strahlendem Glanze auf ....da das Schloß mit seinem alten geschnörkelten Baustil ...der Hohenberg selbst, an den sich die ältesten Erinnerungen unserer Familie knüpfen. Wissen Sie, früher stand auf dem Hohenberg eine Burg, zu der dieser Thurm, der jetzt hier den letzten Sprossen dieses Hauses gefangen hält, als ein äußeres Bollwerk, eine Art Warte, gehörte. Ich habe in der Beschäftigung mit ernsten und nüchternen Lebensaufgaben doch längst abzustreifen gesucht das dämmernde, träumerische Gefühl der Wehmuth, das uns nur einlullt zum süßen Nichtsthun und zur Beschönigung unserer rathlosen Thatkraft ... Aber wie ich da wieder im Walde die alten Wipfel rauschen hörte, wie ich am Jägerhause [452] stand, wo ich auf einer grünen Wiese von einem früheren Soldaten, Namens Marzahn, die Büchse spannen lernte und manchmal das an einen Eichbaum gesteckte bunte Ziel traf, wie ich wieder die Mühle rauschen hörte, die ein Ullaarm, aus dem Gebirge niederströmend, in Bewegung setzt und mich an die Regenbogen erinnerte, die die Sonne auf dem gespritzten Wasserstaube malt ... ein Anblick, der mich beim majestätischen Rheinfall in Schaffhausen ausrufen ließ: Rühmt mir nichts von Dem, was ich am Mühlbach auf dem Schlosse meiner Väter fast ebenso schön, fast schöner, kindlich glücklicher, schon gesehen habe! ... wie ich so wieder gedachte des Heimwehs der Kindheit und der Sehnsucht nach einem Lande des Glücks, das – ach! es ist nur zu wahr! – niemals vor uns, immer nur hinter uns liegt! ... da, Freund ... nein, nein, Sie zweifeln ja! Sie verstehen ja meine Empfindungen noch nicht!

Bei diesem gemüthvollen Ausrufe mußten Dankmar's Bedenklichkeiten schwinden.

Prinz, sagte er, tief erschüttert und innigst überzeugt, die Augenblicke sind gezählt; sie sind kostbar, wenn man an die Erlösung von diesem jammervollen Zustande denkt ... Was beginnen wir zu Ihrer Befreiung?

Ich denke nun nicht mehr daran, sagte der Gefangene mit feiner Ironie, in die sich fast ein leiser, artiger Vorwurf mischte. Erst haben Sie Aufklärung begehrt, nun fühle ich nicht einmal so lebhaft mehr das Bedürfniß, frei zu sein. Jetzt will ich gefangen sein, um reden, mich aussprechen, [453] mich erinnern zu können. Ja, ja! So ist der Mensch! Wenn er gesund blüht, ist er vor nichts so besorgt, wie vor einer Krankheit. Da erfaßt sie ihn denn und nun findet er bei allem Schmerz des äußern Menschen auch eine Freude für den innern. Man kehrt auf dem Krankenlager bei sich ein, wird reifer, geläuterter und steht geistig besser vom Lager auf, als man sich niederlegte. Schenken Sie mir jetzt nur ruhig Ihre Gegenwart, Wildungen, hören Sie mir nur still, mit Theilnahme zu und bereiten Sie sich darauf vor, daß ich Ihnen vielleicht ...

Der bewegte Sprecher stockte.

Dankmar schwieg, aber seine Blicke sprachen ihm jede Ermuthigung.

Daß ich Ihnen vielleicht eine Bitte vortragen werde, deren Erfüllung Sie nur dann erfreuen kann, wenn Sie mein vergangenes Leben kennen.

Dankmar äußerte schon jetzt für das Vertrauen des Gefangenen seinen Dank und bat ihn, sich offen mitzutheilen. Er würde sich ihm in Nichts entziehen.

Der Erzähler fuhr nun fort:

Ich lebte hier in Hohenberg mit jeweiliger Unterbrechung, wo wir unsere andern Güter und die Hauptstadt besuchten, fast bis in mein dreizehntes Jahr. Der Vater, kurz vor meiner Geburt in den Fürstenstand erhoben, hatte um dieselbe Zeit ein großes Vermögen durch einen unerwarteten Tod des Stammhalters der österreichischen Seitenlinie gewonnen und war von seinem plötzlichen Glücke so gehoben und getragen, daß er nur auf der hohen [454] Flut des Lebens schwamm und sich wenig um seine Häuslichkeit kümmerte. Der Vater war Militair und hatte Lust, auch mich im zartesten Kindesalter schon für diesen Stand zu bestimmen und abzurichten. Die Mutter aber erkannte in dem Plan, mich in eine milltairische Erziehungsanstalt zu schicken, nur den Egoismus eines Weltmannes, der die Erziehung seines Sohnes sich so leicht als möglich machen wollte. Sie trat diesem Plane mit Entschiedenheit entgegen. Das leider sehr tief eingerissene Zerwürfniß der Ältern machte eine unter ihrer gemeinschaftlichen Aufsicht genossene Erziehung fast unmöglich. So beschlossen sie mich ganz hierher nach Hohenberg zu versetzen, soviel wie möglich hier zu leben und mich mit Lehrern, Hofmeistern und Aufpassern aller Art so zu umgeben, daß ihr Gewissen beruhigt sein durfte. Meine Mutter liebte damals noch die Welt. Sie war noch nicht in die Krisis getreten, die sie später zu einer sehr unfruchtbaren und meiner innersten Natur heterogenen Frömmigkeit geführt hat. Es lebte damals hier im Orte ein sehr braver Pfarrer, Namens Rudhard. Dieser strenge und doch keines wegs gemüthlose Mann erhielt über meinen ganzen Bildungsproceß die obere Aufsicht, und noch jetzt – er weilt fern an den Ufern des Schwarzen Meeres in Odessa – noch jetzt dank' ich ihm für die spartanische Strenge, mit der ich in jenen Tagen erzogen worden bin. Zwar sträubte sich in mir etwas und wollte sich bäumen und das oft drückende Joch des Gehorsams abschütteln; aber Dank sei es der damaligen Charakterfestigkeit [455] meiner Mutter, sie widersetzte sich jeder Intrigue, die vom Schlosse aus und sonst gegen den Pfarrer gesponnen wurde. Wie auch die Lehrer, die mir oben beigegeben waren, gegen den unten über sie wachenden Rudhard polterten, wie sehr auch einer von ihnen, ein Franzose, Namens Sylvestre Rafflard, förmlich intriguirte, Rudhard behielt Recht. Auch mein Vater hatte bei aller Zerfahrenheit seines Charakters eine gewisse männliche Entschlossenheit, die ihn Windbeuteleien sehr leicht als solche erkennen ließ, und wenn mich Rudhard's strenge gewaltige Hand nicht geführt hätte, ich wäre umsomehr misrathen oder doch in meinen ersten Entwickelungen geradezu gesagt verpfuscht worden, als die Mutter in ihrer Behandlungsweise im höchsten Grade unregelmäßig, launenhaft und willkürlich verfuhr. Bald warf sie sich mir mit brennender Liebe an den Hals, küßte mich und benetzte mich mit tausend Thränen, deren Grund ich nicht kannte, bald wieder war sie schroff und behandelte mich mit einer Fremdheit, die früh mein Herz gegen sie eingenommen hat. Scheiterte ihr in der großen Welt irgend ein Lieblingsplan, fühlte sie die Hand irgend einer Intrigue kalt und ertödtend in ihr Herz greifen, so kam ein reitender Bote, um mich augenblicklich in die Stadt zu rufen. Auf Wolkenflügeln sollt' ich dann zu ihr eilen, das Muttergefühl sollte sie trösten für allen Kummer, alle Entbehrungen! Und wenn ich ankam, fröhlich, überglücklich, im prächtigen Palais der Ältern mich umschauend, fand ich sie schon abgekühlt, schon getröstet, schon zerstreut[456] durch etwas Neues, dem ihre nie zu befriedigende Sehnsucht nachjagte. Dann blieb ich wol einige Wochen bei den Ältern, wurde verwöhnt, verhätschelt, war ihnen aber bald so im Wege, wurde so unwillkommener Zeuge der unglücklichsten häuslichen Zerrüttung, daß man dann sogleich hundert Gründe hatte, mich wieder nach Hohenberg zu meinem gestrengen Rudhard, den französischen und musikalischen Maitres zurückzuschicken. Zu diesen Maitres! Diesen Erziehungsvirtuosen, die ich später zu entlarven Gelegenheit hatte! O, durch welches Wirrsal muß sich ein Kindesherz durcharbeiten! Wenn ich daran denke, daß ich dabei immer noch mit Dem, was aus mir wurde, leidlich zufrieden sein darf, so kann man wol sagen: Die Jugend ist eine Pflanze, die wächst und ans Licht muß, auch wenn man unter dem Namen der Erziehung einen schweren Stein auf sie legt!

Sie beurtheilen Ihre Ältern streng, sagte Dankmar, und der Gefühle gedenkend, die ihn gestern über seine eigene Mutter beschlichen, fügte er hinzu:

Es ist eigentlich ungerecht, Menschen nur deshalb streng zu nehmen, weil sie das Schicksal zufällig unserm Herzen so nahegestellt hat, daß wir sie leichter ergründen können als Andere! Wir sollten da gerade doch duldsamer sein und den Vorsprung nicht benutzen, den uns der nähere Besitz gestattet. Doch vergeben Sie ... ich gedachte eigener Erfahrungen ....

Wohl! Wohl! sagte der Fremde nachdenkend und tiefmelancholisch .... Die Liebenden quälen sich wechselseitig [457] am meisten ... und Keiner wol bereitet sich das Gift des Todes oft willenlos geflissentlicher als Die ... die sich das Leben sind!

Nach einigen Augenblicken schwermüthigen Sinnens fuhr der Fremde fort:

Sie strafen mich, Wildungen, daß ich so streng von meiner Mutter spreche und den Vater vollends nicht schone. Aber werfen Sie einen Blick auf meine Lage, ist diese nicht entsetzlich? Ein tapferer Krieger wird von seinem Monarchen, der ihn liebt und verwöhnt, in den erblichen Fürstenstand erhoben. In demselben Augenblicke fallen ihm in der Ferne Besitzungen im Werthe einer Million zu. Er veräußert sie und statt die flüssigen Gelder auf einheimischen neuen Grund und Boden und dessen Ankauf oder die Verbesserung seiner alten Besitzungen zu verwenden, werden sie in flüchtigen Tändeleien, in luxuriösen Einrichtungen, einem prächtigen Palais, in Pferden, in Marställen, im Spiel, ja ich muß es sagen, sogar im Trunk vergeudet! Man drängt in ihn, ein Fideicommiß zu stiften für die Familie und ihre dauernde Anlehnung an einen Besitz, der wol entwerthet, aber nicht ganz veräußert werden kann. Der Staat begünstigt solche Majorate und wünscht sogar ähnliche Bestimmungen, um einen vornehmern Adel zu gewinnen, als das übliche adelige Gesindel ist, das uns die ganze Frage vom Adel verdorben hat. Man wollte die Ausführung der damaligen Idee von einer künftigen Pairsschaft durch Majorate anbahnen. Aber nicht nur, daß mit der Zeit jene Capitalien verschwendet [458] und auf eine nutzlose Prachtliebe verwandt waren, die mir in der Residenz allerdings ein sehr schönes Palais hinterlassen hat, dessen innere Einrichtung zu sehen Ihnen einmal Freude machen wird ... auch die alten gräflich Hohenberg'schen Güter Plessen, Randhartingen, Wiesbach, unsere Antheile an Schönau, Berghübel, sind so durch darauf geborgte Summen überschuldet, in ihrer Ökonomie vernachlässigt, daß ich zweifelhaft bin, ob ich überhaupt ihre Herrschaft antrete und sie nicht lieber ganz, wie der Lateiner sagt, unter den Spieß stelle, das heißt, wie Sie wissen, sie losschlage. Erwägen Sie diesen Zustand und fragen Sie, ob hier das Gedächtniß eines Sohnes Alles liebend beseitigen und über die Vergangenheit nur Blumen der Versöhnung streuen kann! Nein! Nein! Ich kann nur mit bitterstem Unmuthe diese Gedanken an das Vergangene in mir vorüberziehen lassen; ich habe Stunden erlebt, wo ich meine Mutter kalt bemitleidete, aber noch unglücklichere, wo ich meinen Vater bis aufs Blut haßte. Denken Sie sich den einen Zug! Dieser Mann, der meine Mutter mishandelt hat, sie zuletzt in ihrem Nothdürftigsten beschränkte, dieser Mann, der dennoch vor dem jungen Monarchen weinte, als er ihm den Tod meiner Mutter anzeigte, weil ein ernster Blick der Umgebungen des Fürsten ihm sagte: Hohenberg, Sie haben da ein Herz brechen helfen! ... dieser Mann verkauft, weil die frühere Gräfin Bury nichts besaß und ich keine Ansprüche auf ihren Nachlaß habe, die Einrichtung ihrer Zimmer, verkauft den stillen Frieden ihrer liebsten [459] frommen Abgeschiedenheit von der Welt, verkauft die Thränen, mit denen sie ihre Polster und Gebetbücher benetzte, verkauft – o mein Gott, Wildungen, Ihr wißt nicht, wie weit die Herzlosigkeit dieser vornehmen Stände geht! Wenn ich in Lyon einen armen Seidenarbeiter sterben sah, ja, da gehörte wol schon das Stroh, auf dem er endete, dem reichen Fabrikanten, dem er all sein Hab und Gut verpfändet hatte; aber ein Crucifix, Wildungen, auf das die blassen Lippen ihre letzten Küsse gedrückt hatten, ein Gebetbuch, aus dem seine weinenden Kinder, die zu kurz die Schule besucht hatten, um lesen zu können, die letzten Tröstungen der Religion stammelnd buchstabirten, ja vielleicht der letzte Stab, Wildungen, der ihn stützte, der letzte Rock, der seine Blöße deckte und die letzten Schuhe, die er auszog, als er sich auf das Lager warf, auf dem er sterben sollte – die waren noch sein, um die bat er den Fabrikherrn für sein Weib und seine Kinder, verpfändete sie nicht, um der Liebe willen nicht ...um seines Heilandes willen nicht ... ach, mein Freund, vergeben Sie mir, wenn Sie einen Sohn hören, der vor seinem Vater keine Achtung hat.

Erschöpft von seiner Aufregung warf sich Egon auf die hölzerne Pritsche und schien die Härte dieses Lagers kaum zu fühlen.

Von tiefster Theilnahme ergriffen beugte sich Dankmar zu ihm herab und bat ihn, seine Empfindungen nicht zu heftig aufzuregen.

O, warum bin ich auch hierher zurückgekehrt, rief[460] Egon leidenschaftlich, ausgesetzt einer ewigen Verhöhnung durch mich selbst! In der Ferne, ja da war ich glücklich! Ich galt für Den, für den ich mich gab. Wildungen! Glauben Sie mir's, ohne mich einen Wahnsinnigen zu schelten, ich habe in den Werkstätten von Paris gearbeitet, ich galt für einen deutschen gebildeten Arbeiter. Niemand wußte etwas von den Schulden meines Vaters; mit Dem, was sie mir übrigließen, konnt' ich fleißige Arbeiter belohnen, manche nützliche Unternehmung befördern, ... selbst leben ... ich war glücklich ....

Setzen Sie dies Leben hier fort! sagte Dankmar innigst theilnehmend und vor Freude bewegt, endlich einmal einen Vornehmen zu finden, der wie jeder andere Mensch sich fühlte und gab. Man wird sich mit dem Vater aussöhnen, der einen solchen Sohn hinterließ. Man wird milder von der Aristokratie denken, sich dem Adel verwandter fühlen ...

Man wird mich auslachen! unterbrach ihn der junge Fürst. Unsere Verhältnisse bieten keinen Boden für eine solche Umkehr der Stellungen.

Warum nicht? sagte Dankmar.

Der Fremde schwieg ....

Nach einer Weile fuhr er fort:

Aber hören Sie von dem Vergangenen!

Sich aufrichtend erzählte er weiter:

Ich hatte kaum das dreizehnte Jahr erreicht und sollte nach des Vaters Wunsche jetzt unmittelbar für den Kriegerstand gebildet werden. Da kam über meine Mutter [461] jene Erleuchtung, die denselben bigotten Zustand zur Folge hatte, von dem noch die spaßhaften Erzählungen des Jägers vom »Gelben Hirsch« Ihnen im Gedächtniß sein werden. Sie hören, wie wenig erbaut ich von dieser Erbauung spreche und ich kann Sie versichern, Wildungen, daß ich hier nicht wie der Blinde von der Farbe rede, sondern eine Zeit lang war ich selbst einer der Hellsehenden, Einer der von Angesicht zu Angesicht Schauenden und der Gotterleuchteten.

Dankmar lächelte wie der Erzähler. Er hätte manche, so auch diese Äußerung von ihm anders gewünscht; doch hörte er mit Aufmerksamkeit zu.

Wie meiner guten Mutter dieser traurige Zustand anflog, weiß ich nicht. Ich glaube, diese Frömmigkeit war damals in der großen und kleinen Welt eine Sache der Mode. Man betete viel und gern laut, und wissen Sie, Wildungen, für die Politik war Das sehr gut. Es bewahrte vor Übereilung in Entwickelungen, für welche der beschränkte und philisterhafte Sinn unsers Volkes kaum jetzt schon reif ist, wie viel weniger damals ...

Die jämmerlichen Staatsmänner jener Zeit, sagte Dankmar, diese Polizeiseelen, Creaturen Metternich's, fanden in der Bigotterie eine Stütze des Absolutismus, eine Art Chinin gegen das Constitutionsfieber.

Wohl! Wohl! sagte der Fürst. Genug, ich für mein Theil hatte einige sehr angenehme Folgen von dieser Sinnesänderung meiner Mutter zu erfahren. Erstens wurd' ich nicht zum Soldaten bestimmt. Im Gegentheil wollte die [462] Mutter jetzt nur noch durch mich Gott ... und durch Gott mir leben. So sagte sie selbst! Sie zog für immer hierher nach Hohenberg und richtete sich so ein, als wollte sie ihre Tage hier für immer beschließen. Anfangs verursachte mir diese Entdeckung einen lähmenden Schrecken. Ich sehnte mich ja hinaus in die Welt, ich wollte Schulen besuchen, wie Andere, wollte die Freundschaften unterhalten, die ich bei meinen kurzen Anwesenheiten in der Residenz im Fluge knüpfte. Ich wollte der junge Fürst von Hohenberg sein! Aber die Mutter hatte es anders beschlossen. Sie gedachte mich in ihre ausschließliche Obhut zu nehmen. Rudhard wurde entfernt, weil seine Auffassung des Christenthums der ihrigen nicht entsprach. Man versetzte ihn, ich weiß nicht, ob auf ihren Betrieb oder freiwillig, in andere östliche Gegenden. Tief betrübt sah ich ihn scheiden, denn so streng er war, die Gediegenheit seines Charakters konnte selbst dem Kinde nicht entgehen. So wenig er meiner Eitelkeit als einem jungen Fürsten schmeichelte, so besaß ich doch Lernbegierde genug, von seinem reichen Wissen Vortheile zu ziehen. Ja wie Knaben mit ihren Lehrern pflegen, in meiner eitlen Bewunderung stellt' ich ihn wol gar noch höher als er stand. Seinen Nachfolger wählte die Mutter auf Empfehlung der pietistischen Kreise in der Residenz. Es war dies ein junger, gewandter Theolog, Namens Guido Stromer. Wenn ich nicht irre, brachte er sich sogleich eine Gattin mit und gewann das Herz meiner Mutter in dem Grade, daß es ihm gelang, einen andern Plan mit mir durchzusetzen, [463] für den ich ihm eigentlich Dank weiß. In seiner Furcht, meine Erziehung auf dem Schlosse würde doch einen ewigen Ab- und Zustrom von Hofmeistern und Fachlehrern aller Art zu einer nicht zu ändernden Bedingung machen, äußerte er der Mutter die Idee, mich nach Genf in ein Pensionat zu geben. Naturen wie Sylvestre Rafflard gewesen war, blieben ihm gefährlich. Die Mutter, nicht ahnend, daß er nur in der ihm natürlich sehr wichtigen Gunst seiner Kirchenpatronin die Nebenbuhlerschaften entfernen wollte, ging auf diesen Plan mit Begeisterung ein. Sie hatte Genf selbst gesehen, schwärmte für den reizenden bergumkränzten Leman, träumte oft von dem Glücke, dort zu wohnen, dort ihre Tage zu schließen, was ihr bei der Beschränkung ihrer Mittel nicht beschieden sein konnte ... und alle diese Reize erhöhte ihr zuletzt noch das Bewußtsein des in dem dortigen Leben und der dortigen Erziehung herrschenden Geistes der strengen Kirchlichkeit. Die Sekte der Momiers war damals neu in der französischen Schweiz erst aufgekommen. Sie erkannte in ihnen, nach den Berichten einer von ihr nach Kräften unterstützten Kirchenzeitung, eine Gemeinde Wiedergeborener, die sich nur an den reinen biblischen Geist des Christenthums hielte. Es wurden Erkundigungen eingezogen über die Pensionate von Lausanne, von Vevey, von Neufchatel, Genf. Das war ein Geschwirre von Briefen der Pastoren jener herrlichen Gegend, die Alle mit Empfehlungen der christlichen Institute zur Hand waren und dabei die Gelegenheit [464] benutzten, mit einer deutschen Dame von Stande in Rapport zu treten. Denn diese Pfaffen dort, müssen Sie wissen, haben keinen größern Ehrgeiz, als mit der halben vornehmen Welt Europas in Rapport zu stehen und sich mit den Briefen zu brüsten, die sie selbst aus Petersburg, Stockholm und Neuyork erhalten. Damit ist zugleich ein eigenthümlicher Menschenhandel verbunden. Kennen Sie Casanova?

Dankmar verneinte befremdet.

Casanova, sagte der junge Fürst, Casanova, den ich im Pensionat des Herrn Monnard mit aller Bequemlichkeit gelesen habe ....

Im Pensionat? sagte Dankmar erstaunt.

Casanova, fuhr Egon ruhig fort, erzählt von den in Europa zerstreuten italienischen Sängern und Tanzmeistern und plaudert uns deren Memoiren aus; ich versichere Sie, der fromme Menschenhandel mit Bonnen, Gouvernanten, Hauslehrern aus der französischen Schweiz ist so organisirt, daß ich eine große Ähnlichkeit finde. Sie haben keine Ahnung, welche Dinge in einer französisch-schweizerischen Pfarrerswohnung von Yverdun oder Meudon abgemacht wer den. Ich könnte Ihnen Fürstinnen nennen, die auf europäischen Thronen sitzen und von den Fäden einer ehemaligen, glänzend pensionirten, bei Genf in ihren Verbindungen schwelgenden alten Erzieherin gelenkt werden. Sie erfahren in einem frommen Thee in Lausanne mehr Cabinets- und Hofgeheimnisse, wie in Berlin in dem engern Cirkel eines Ministers.

[465] Dankmar fiel lachend ein:

Das hätte ja fast Ähnlichkeit mit dem Einflusse, den zehn Meilen weiter von Lausanne die freiburger Jesuiten über das übrige Europa ausüben ....

Die vollkommenste! bestätigte der junge Fürst. Sie können aber auch in Lausanne die Politik der Jesuiten und in Freiburg die Politik der Momiers studiren. Es ist ganz dieselbe Sache, wie sie auch von Menschen vertreten wird, die sich untereinander vor Brotneid aufzehren möchten. Das ist eine Sucht, dem andern eine Beute abzujagen! Denken Sie sich diese Correspondenz der reformirten Geistlichen mit den höchststehenden Familien! Der Reiz der französischen Sprache, die elegante glatte Weltbildung neben der frommen Salbung, die den gutkatholischen Fénélon zum Ideal auch dieser Protestanten gemacht hat, ... genug, die gute Mutter war auf Grund meiner Versendung nach Genf so lebhaft in Verbindung mit den schönsten, durch die Fremdenbesuche an Neuigkeiten ergiebigsten Gegenden der großen europäischen Route, daß sie sich in ihren Briefen hier auf Hohenberg schon da vortrefflich unterhielt, noch ehe ich abreiste. Wie aber nahm Das erst zu, als ich wirklich in Genf war! Wie wurden da über mich, über meine Erziehung, meine Anlagen, meine Irrthümer, meine Tugenden und Gebrechen soviele Anfragen an Geistliche, Professoren, Syndics, Künstler, am Genfersee domicilirte Freunde und Freundinnen gerichtet und von diesen beantwortet! Nun war ich der einzige Gedanke der Fürstin, ja der Angelpunkt und [466] die Achse ihres ganzen Daseins geworden. Welche Briefe ließ mich Professor Monnard und sein boshafter erster Lehrer, Sylvestre Rafflard, schreiben ....

Rafflard? unterbrach Dankmar. Sie erwähnten ja seine Anwesenheit in Hohenberg ....

Rafflard war, berichtete der Erzähler, ursprünglich aus Genf, kam nach Deutschland, zu uns als Lehrer der französischen Sprache, von da nach Kurland, wo er mit Rudhard wieder zusammentraf und zwar feindselig genug, dann kehrte er nach Genf zurück, wo ich ihm im Monnard'schen Institute wieder begegnete. Jetzt ist er Jesuit ....

Das ist eine lehrreiche Biographie! sagte Dankmar.

Sie werden noch Manches von Sylvestre Rafflard hören; schaltete der Erzähler ein und fuhr fort:

Wie oft wurden meine Briefe von Monnard und Monsieur Sylvestre ausgestrichen und unter dem ein fachen Scheine stilistischer Veränderungen in ihren Thatsachen so umgewandelt, daß weiß erschien, was ich als schwarz hatte melden wollen – kurz, mein Freund, ich wurde in geistigen Dingen so methodisch zur Lüge und zur Phrase erzogen, so auf eine gewisse herzlose Regelmäßigkeit abgerichtet, so nach dem Modell einer gutgearbeiteten genfer Uhr künstlich zusammenspintisirt, daß ich in meinem achtzehnten Jahre wirklich als ein heilloser Schlingel, voll Verstellung und Einbildung, zur Mutter zurückkehrte und die Vorwürfe der inzwischen gar düster gewordenen und gramverschleierten Frau im reichsten Maße verdiente.

[467] Natürlich misfiel es hier einem jungen Taugenichts, der statt im Thomas a Kempis im Pensionat heimlich den Casanova las, im höchsten Grade. Ich entfloh, so zu sagen. Als die Mutter mir in die Residenz nachreiste und ich auch mit dem Vater in Händel gerieth, dankte sie Gott, wie ich wenigstens soviel guten Willen zeigte, daß ich mich entschloß, in Bonn, Heidelberg, Göttingen zu studiren. Erlassen Sie mir, Ihnen davon eine Schilderung zu machen! Die akademische Zeit eines jungen deutschen Adeligen, der die Universität besucht ohne einen andern Zweck als den, einmal dagewesen zu sein, wird für Sie keiner Schilderung bedürfen. Man genießt, was das Leben bietet und was der von Hause bezogene Wechsel sich zu verschaffen möglich macht. Durch Unterwürfigkeit und Kriecherei der sogenannten »Philister«, ja der berühmtesten Professoren, lernt man früh die Niederträchtigkeit der Menschen kennen und man verläßt die Hochschule, übersättigt, verdrießlich, reizbar, im Jugendlenz schon ein Misanthrop. Die Mittel flossen meiner Lebenslust gering zu. Der Justizrath Schlurck, derselbe, der im Besitz Ihres verlorenen Schreins ist, derselbe, den wir beobachteten, wie kostbar ihm Pasteten und Champagner schmeckten, die er sich bei solchen Administrationen, wie die Hohen-berg'sche ist, verdient, schickte ein, was die ganz in seinen Händen befindliche Verwaltung der Angelegenheiten meines Vaters zu schicken erlaubte. Der epikuräische Spitzbube war dabei sehr höflich, sehr devot, aber karg. Ich haßte ihn, vielleicht mit Unrecht. Aber er war der [468] Nächste, der meinen beleidigten aristokratischen Ärger, meine gentlemanliken Vorwürfe auffangen mußte. Die Mutter sprach oft davon, man müsse seinen Feinden vergeben: ich entnahm dieser Wendung ihrer Briefe weiter nichts, als daß ich mich auch wirklich vor Feinden zu hüten hätte .... War sie doch selbst seit der frühesten Zeit, der ich mich entsinnen kann, von den Gespenstern unsichtbarer Gegner verfolgt! Früh schon prägte sie dem Kinde die Vorstellung einer großen Verschwörung gegen ihr Lebensglück ein. Sie machte mir Begriffe, als wenn die Welt voll Teufel stäke und an der Spitze dieser Hölle, sagte sie mir einst, stände eine Frau ... eine Frau, die früher ihre zärtlichste Freundin war, Pauline von Harder, sonderbarerweise wirklich die Gattin jenes Mannes, dessen schlingelhafter, frecher Bediente mich, den Besitzer von Hohenberg, in seinen eigenen Thurm hat werfen lassen!

Pauline von Harder? wiederholte Dankmar und gedachte der Erwähnung derselben auf dem Heidekrug. Er kannte sie nur als eine Schriftstellerin, von der er jedoch nichts gelesen hatte ...

Sie ist mir unbekannt, fuhr der junge Fürst fort, wie die meisten erlauchten hoch- und hochwohlgeborenen Häupter unsers Adels, einige Jüngere ausgenommen, mit denen ich in Bonn und Göttingen verkehrte. Prüfungen zu bestehen und mich um ein Amt zu bewerben, lag nicht in meinem Plane: der Vater, der sich über seine Verhältnisse gern in einem völligen Dunkel erhielt, um von ihnen das [469] Bessere annehmen zu dürfen, glaubte noch hinlänglich vermögend zu sein, mir eine standesmäßige Existenz auch ohne Arbeit und Amt zu sichern. Dies war aber nicht der Fall. Ich fühlte mich so gezwungen und nach allen Richtungen hin so gehemmt, daß ich vorzog, wieder auf Reisen zu gehen und mich deshalb der Schweiz, Italien und Frankreich zuwandte. Die Beziehung zur Mutter blieb leider unerfreulich. Sie hatte in ihrer Art das Beste im Sinn, aber sie gab es entweder nicht in der richtigen Form, oder mein Herz ist kalt, ich weiß es nicht, ich kam nie mit ihr zu einem warmen offenen Wahrheitstone. Oft empfand ich Hinneigung zu meinem derbnatürlichen Vater. Die Mutter unterbrach aber jedesmal diesen Strom meiner Empfindungen und lenkte ihn wieder auf sich zurück, wo er jedoch nur künstlich floß. Ihre trübe Auffassung des Lebens entsprach meinem heitern Sinne nicht. Rudhard's Unterricht hatte schon tiefe Wurzeln in meinem Herzen geschlagen und mich gegen allen Schein und die Charlatanerie gestählt, mit der in Genf die Erziehung betrieben wurde. Ich gewann dort einige Bekanntschaften, die der allgemeinen Pietisterei in der dortigen Lebensweise gegenüber mir reinere Begriffe von Gott und seinem weisen Erziehungsplane der Menschheit einflößten, und wenn ich Ihnen erzählen sollte, wie es vor fünf Jahren etwa über mich kam, welch ein neuer Geist mich gerade in der französischen Schweiz und dem südlichen Frankreich ergriff .... Sie würden sagen, die dumpfe, hier auf dem Schlosse wohnende protestantische Ascetik konnte mich [470] nicht erwärmen, selbst wenn sie von der zärtlichen Fürsorge einer Mutter betrieben wurde! Ach ja, Wildungen! Ich gedenke des Tages, wo ich von Genf zu Fuße wanderte, die Rhone entlang durch Savoyen über den Jura nach Lyon! O dieser Tag! Diese Welt! Diese Freiheit! Vergebens hatte ich auf Briefe von Schlurck gewartet, vergebens auf eine Mittheilung von meiner Mutter, die wegen meines plötzlichen Entschlusses zu reisen, mit mir boudirte, vom Vater hatt' ich eine längere freundliche Zuschrift, in der er mir nach seiner Weise kurze Verhaltungsmaßregeln schrieb, etwa in dem Stile: Junge! Mach Schulden, aber meide die Wucherer und borge immer vier Wochen früher, ehe du das Geld brauchst, sonst preßt dir die Noth die niederträchtigsten Zinsen ab! Verlieb' dich nie ernstlich und lerne aus der Liebe zu den Weibern die leichteste Methode, sie zu verachten ... und dergleichen epikuräische Sätze mehr, die er mit Herzensgüte verband ... er war leichtsinnig, doch wohlwollend und nur durch eine unmäßige, vom verstorbenen Monarchen geschürte militairische Eitelkeit aus Rand und Band gegangen .... Diesen Brief hatt' ich, aber keinen Wechsel. In der Ungeduld, ihn erwarten, Stunde um Stunde, Minute um Minute zählen zu sollen, ging ich mit der letzten Baarschaft, zu Fuß, in einer Blouse, wie Sie mich jetzt hier sehen, von Genf nach Lyon .... In der Meinung, nach vierzehn Tagen kehrst du zurück und findest, was zu erwarten dich so peinigt, schritt ich muthig vorwärts. O, welch eine Erinnerung! Wie lange hielt ich sie fern, Wildungen!

[471] Gedenk' ich dieser himmlischen Maitage, als ich von Genf auswanderte, die grünen Ufer der Rhone entlang, bei jedem Blicke aufwärts die blauen Höhen des Jura, bei jedem Blicke rückwärts die weißen, unter dem reinsten blauen Himmel ausgebreiteten Schneedecken des Montblanc und Chamounixthales .... Wildungen ... An der kleinen, hoch in den Lüften schwebenden Bergveste des Forts de l'Ecluse warf ich noch einmal den Blick in das Genfer und Savoyer Thal zurück. Lebe wohl, du schöne Ebene! Lebe wohl, du theures Land! Es war wie ein Abschied von meinem ganzen Dasein ... Ich setzte mich an dem Fort auf einem Steine nieder und jeder von einem leichten Lüftchen bewegte Grashalm rührte mein junges, sich damals so arm, so arm fühlendes Herz. Jede kleine Glockenblume, die mein Fuß hätte zertreten können, schien mich mit bittendem Auge anzuflehen: Schone mich! Der Vogel, der von dem Felsen in die Ebene hinunterschoß mit wellenartig wogenden Flügeln, schien mir im Einverständnisse mit meinem innersten Leben und auf der gewaltigen flachen Felswand, die dem Fort de l'Ecluse gegenüber ausgebreitet liegt und die andere Seite der Schlucht bildet, über welche ein schmaler Engpaß durch diese kleine Festung nach Frankreich führt ... las ich wie auf einer großen, vom Himmel mir entgegengehaltenen Tafel mein künftiges Schicksal .... Ich grübelte und forschte, zu erkennen, welche Figuren das Moos und die Bäume und die Sträucher und die zerbröckelten Risse auf ihr bildeten. War es ein geharnischter Ritter zu Roß? War es der Gott [472] Vulcan, der mit aufgehobenem Hammer vor der Esse stand? Es schien mir ein riesiger Adler mit weit ausgebreiteten majestätischen Flügeln. Ich sprang auf. Wie Ganymed wollt' ich mich von diesem Göttervogel forttragen lassen in alle Himmel und Fernen sehnsüchtigster Ahnung .... Ich kannte kein Bleibens mehr. Hinüber zog es mich über den kahlen Rücken des Jura, und als ich niederstieg an den gewaltigen Rhonefällen vorüber, durch tannenbeschattete Schluchten, an Eisenhämmern und Kohlenhütten vorbei ... in die burgundische Ebene, als mich neue Menschen, neue Sitten, neue Erinnerungen der Geschichte begrüßten ... wie hab' ich da meinen Hut in die Luft geworfen und allen Bäumen zugerufen: Warum habt ihr hier schon geblüht? Warum nicht gewartet auf diesen Maitag und auf mich? Warum liegen eure Flocken schon alle auf der Erde? Und wenn ich einen Pfirsichbaum sahe, der sich verspätet hatte, der noch blühte, ach, da hätt' ich ihn umarmen mögen wie mich selbst, wie mein Bild, wie meinen Kameraden, so kam ich mir jung, glücklich und wie umgeboren vor! In solcher Stimmung kam ich, die Ufer des Ain entlang wandernd, in Bauerhütten einkehrend, mit Fuhrleuten sprechend, die leichte Kost des Landes genießend, mit einem Freunde, den ich mir unterwegs erwarb, wie ich Sie erwarb ... in dem schönen Lyon an, wo ich nicht die Villen, nicht die prächtigen italienischen Luxushäuser der reichen Kaufleute an den weinbekränzten Ufern des Kanals besuchte, sondern – doch was unterhalt' ich Sie mit Empfindungen und Rückblicken, [473] auf ein Leben, das keinen Werth für Sie haben wird! ... ach, vielleicht auch keinen mehr für mich selbst!

Doch, doch! rief Dankmar, fast mit Egon weinend vor Rührung. Ich nehme den innigsten Antheil, Prinz!

O fort mit dieser Benennung, Freund! sagte Egon. Prinz! Durchlaucht! Ich habe sie nie geliebt, diese alten Reliquien pedantischer Kanzleisprache, diese geschmacklosen Überlieferungen italienischer und spanischer Etikette. Und Das jetzt? Jetzt, Wildungen? Der Fürst soll sich ehren durch seine Weisheit, der Adel durch seine Tugend und durch die Ehre seiner Thaten und Gesinnung, der Bürger durch seinen Beruf, und der einfache Name ist es, der uns der schönste Gruß, die würdigste Anrede erscheinen sollte. Entwöhne sich Einer, wie ich, mein Freund, vier Jahre lang aller Erinnerungen an äußere Lebensstellung, sei Einer eine Zeit lang nur Das, was sein Talent oder wenigstens sein guter Wille aus ihm macht, und man wird die Hohlheit aller äußern Formen für immer gewahr werden. Wildungen, ich habe das Leben an seiner reinsten Quelle erkannt. Nicht die Schichten, wo man nur Abstractionen genießt und den Fleiß anderer Hände und die Gedanken anderer Köpfe, nicht diese bieten uns ein Bild des wahren Lebens, sondern da rinnt sein Quell, wo die Arbeit aus rohen Stoffen eine Gestalt hervorzaubert, da strömt sie, wo die ewige Schöpfung Gottes von der Hand des Menschen fortgeführt wird. Ich wurde durch einen Zufall in Lyon ein Handwerker, kehrte nicht nach Genf zurück, lebte in und mit dem Volke und liebte [474] seine Leiden und seine Freuden. Was mich dahin führte, welcher Irrthum vielleicht oder welche Täuschung oder welche richtige, höhere Bestimmung ... wie ich veranlaßt wurde, die Blouse, die ich auch nur des Staubes wegen in Genf angezogen hatte, in Lyon nicht wieder abzulegen, Das, mein Freund, erzähl' ich Ihnen ...

Egon stockte.

Dankmar schien schon jetzt um Mittheilung zu drängen.

Nein, sagte Egon, den Ausdruck in Dankmar's Mienen wohl verstehend, Das erzähl' ich Ihnen, wenn Sie einmal Abends in der Residenz auf meinen Polstern und Divans sitzen werden und Ihnen unter dem Schimmer eines kostbaren Kronenleuchters, den mein Vater in ein liebliches Gewächshaus hat hängen lassen, wo hundert Spiegel die Blumen und Flammen widerstrahlen, eine Thräne auffallen wird, die sich mit dem Glockenschlage Elf – in mein – umflortes Auge schleicht.

Egon schlug sanft die Arme unter den schönen männlichen Kopf und streckte sich auf das harte Holz, auf dem er saß, fast der Länge nach ....

Die Erzählung hatte ihn erschöpft, schon in Dem, was er sagte, und schien ihn noch mehr zu erschüttern in Dem, was er verschwieg.

Dankmar wollte, um den schmerzlichen Eindruck zu verwischen und sich selbst von einer ihn drückenden wehmüthigen Stimmung zu befreien, das Wort ergreifen, als sie Schloß und Riegel rasseln hörten. Pfannenstiel, der Wächter des Thurms, brachte ihnen das Essen aus der [475] Krone und mochte bei sich denken, daß ein offenbarer, überwiesener Spitzbube – denn als solchen hatte ihn noch immer mehr draußen der Thatbestand festgestellt – wol noch nie hier so gut und behaglich gespeist hätte. Dem jungen Fürsten waren der Speisen fast zu viel. Er aß nur einige Löffel von der Suppe, Dankmar gestand von sich einen lebendigern Appetit ein, worüber Pfannenstiel, der auf die Überbleibsel rechnete, wol nur wenig Freude empfand. Dennoch schien er dem ganzen und dem halben Gefangenen nicht gerade abgeneigt und ließ sich auf mancherlei Plaudereien über das Schloß, seine ehemaligen und auch gegenwärtigen Bewohner ein. Es wurde dabei nur das uns Bekannte wiederholt und bestätigt. Neues aber lag in folgender Bemerkung:

Das Glück ist ungleich vertheilt, sagte Pfannenstiel. Das ist schon so und man muß es sich vom lieben Gott gefallen lassen. Aber schlimm ist's, wenn der Hochmuth die Menschen noch weiter auseinanderbringt, als es das Gold schon thut. Ich habe da oben auch auf dem Schloß eine Schwägerin. Die ist reich geworden, weil mein Bruder, der des Fürsten Wirthschaftsinspektor war, zu seinem Vortheil rechnen konnte. O liebe Zeit, sie ist eine simple Wirthstochter hier aus der Gegend und hat eine Zeitlang nicht gewußt, soll sie meinen Bruder nehmen oder den Jäger Heunisch dazumal oder mich, der ich Schreiber war im Amt und den Amtsdienerposten nehmen mußte, weil ich mir beim großen Brand auf dem Gelben Hirsch hier da den Daumen verbrannte ... und nun[476] stolzirt sie wie ein kalekutischer Hahn und weiß nicht, ob sie ihren armen Schwager noch kennen und grüßen soll. Eine Gans war sie schon immer. Ich glaube nicht, daß sie jetzt schon ihren Namen schreiben kann ....

Die beiden Freunde erinnerten sich der Erzählung des Försters im Gelben Hirsch. Der junge Fürst wußte aber von diesen Dingen noch mehr, als er auf dem Gelben Hirsch verrathen hatte.

War Das bei dem Brande, sagte er, wo das junge Mädchen verunglückte, die Schwester des jetzigen Wirths Drossel?

Vor funfzehn Jahren, ja! sagte der Wächter verwundert; die Tochter auf dem Gelben Hirsch, die Braut vom Jäger Heunisch ... Ei, woher weiß Er ... wissen Sie ... woher weiß Er ....

Als Egon kopfschüttelnd über seine Lage, die einen solchen Mann zweifelhaft machte, wie er ihn anreden sollte, schwieg, sagte Dankmar seinen Appetit unterbrechend:

Mein Freund ist aus hiesiger Gegend. Das sehen Sie doch nun wol, daß Ihr hier keinen Verbrecher vor Euch habt, sondern einen gebildeten jungen Mann, der sich das Schloß und allenfalls auch die Bilder näher besehen hat, weil sie ihm gefielen.

Das wird wol auch herauskommen, ja! ja! entgegnete Pfannenstiel, den Essenden zusehend. Die Bedienten des Herrn von Harder sind gerade so grob, wie ihr Herr stolz ist. Den alten Gärtner Winkler hat einer so umgerannt, [477] daß er auf den Tod liegt und als die alte Brigitte darüber klagen wollte – sie weiß warum Einer sein Mundwerk hat – drohte man ihr, sie solle sich vor Schlimmerem in Acht nehmen. Solche Bengel! Ordnung ist oben keine mehr. Die Weiber tanzen und musiciren. Der alte Schleicher, der Bartusch, kriecht herum wie's böse Gewissen und möchte mir die Knöpfe von der Livree abschneiden, weil er denkt, es ist noch Silber darin; so geizig und gierig sind die Menschen, in deren Rachen hinein uns der alte Fürst in Gnaden verkauft und verjubelt hat.

Dankmar fürchtete, diese Mittheilungen würden eine Wendung nehmen, die Egon's Wunden aufrisse und beschleunigte die Befriedigung seines Appetits, um nur den geschwätzigen Büttel loszuwerden.

Egon aber schien an dessen Mittheilungen Gefallen zu finden und sagte, ohne seine Theilnahme verbergen zu können:

Also die alte Brigitte lebt noch und der alte Winkler!

Kennen Sie denn Die? fragte Pfannenstiel erstaunt. Freilich, wer hat Die hier in der Gegend nicht gekannt! Sie sind wol aus –?

Aus Schönau! sagte der Fürst.

Aus Schönau! Ja! Da weiß man's auch. Wenn die selige Fürstin die gemeinen Leute einlud – sie mußten freilich singen und beten und Manchem konnt's gar nicht schaden – theilte die alte Brigitte das Warmbier aus, das immer vor'm letzten Vaterunser den Leuten schon von der Küche herauf in die Nase kribbelte. Ach du liebe Zeit, [478] es waren curiose Geschichten; aber doch noch besser als jetzt, wo kein Mensch weiß, was nun aus Hohenberg und Plessen und den herrlichen Gütern werden wird ....

Was wünschtet Ihr denn am liebsten, daß daraus würde? fragte Dankmar, der Egon's Gedanken errieth.

Das ist schwer zu sagen! Übernimmt der junge Fürst das Ganze und befriedigt die Creditores, so stehen wir uns natürlich Alle hier am besten; denn wir bleiben doch, hat erst neulich der alte Winkler gesagt, in der Familie. Er hat Recht, der alte Mann, der's in seiner Kinderei oft noch trifft. Eine Herrschaft, die ein gutes Herz hat, behandelt ihre Angehörigen, als gehörten sie in ihre eigene Familie. Uns hier vom Amte kann's am Ende gleich sein, denn die Gerichtsbarkeit kommt doch wol nunmehro an die Regierung. Aber – so ist's und so wird's kommen – für die Andern ist von dem Prinzen Egon nichts zu erwarten.

Warum nicht? fragte Dankmar.

Der verkauft das Ganze, bezahlt die Schulden, nimmt den Rest und geht damit nach Frankreich, wo er ja – es ist 'ne Schande! – mit einem ganz gewöhnlichen Frauenzimmer so gut wie verheirathet sein soll und überhaupt ein curioser Hanns geworden ist ...

Verheirathet? sagte Dankmar und blickte dabei mit ungläubiger Ironie auf Egon.

Wie ich Ihnen sage! fuhr Pfannenstiel fort. Der Prinz ist hier wie aus der Welt. Sonst wußte man doch, daß er in der Schweiz auf Schulen und am Rhein auf Universitäten war; und man konnte sich bei der Frau Fürstin recht [479] insinuiren, wenn man ihr begegnete und ihr sagte: Nun Durchlaucht, lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht? Früher nämlich, als wirklich Briefe von ihm kamen, hatte sie's gern. Dann aber soll er drei Jahre lang nicht geschrieben haben, drei Jahre lang vor ihrem Tode; da hat sie's nicht gern gehört, wenn Einer sagte: Nun Durchlaucht, lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht? Wer Das sagte, mußte entweder dumm oder ein rechter Spitzbube sein. Denn Alle wußten, daß er in Frankreich war, sich mit gemeinen Leuten herumtrieb und die Tochter von einem Tischler gerade nicht geheirathet hatte, aber, verlassen Sie sich darauf ... mit ihr lebte ... und Kinder hat ... und ... wie gesagt, ganz verwilderte Geschichten.

Die Thräne unter dem Kronenleuchter, Freund – warf Egon Dankmarn anblickend, mit schmerzlichem Lächeln hinein – verstehen Sie?

Pfannenstiel sah auf seinen Gefangenen, dessen Bemerkung ihm wunderlich vorkam.

Wie meinen – Wie meint Er – Thräne unterm Kronenleuchter? ... fragte er, stockend und in dem Glauben, es wäre wol mit dem Gefangenen nicht recht richtig.

Herr Pfannenstiel, sagte Egon, um diese ihm peinlichen Mittheilungen abzubrechen; Sie sehen, wir sind gesättigt. Nehmen Sie den Rest und lassen Sie den Herrn noch bei mir. Sie wissen, daß es der Justizdirektor ja gestattet hat.

Pfannenstiel packte die Reste ein und sagte währenddem mit einiger Ironie:

[480] Lassen Sie sich nicht durch den Justizdirektor und seinen Doctor irremachen, der schläft auch ohne den Doctor bis vier Uhr; wenn's Ihnen sonst hier gefällt, bleiben Sie in Gottes Namen. Kühler ist's als unten in der Krone; es ist wahr. Aber – Wetter, da hab' ich ganz vergessen ... Ich soll Ihnen sagen ...

Der Büttel wandte sich an Dankmar.

Mir? Was ist noch?

Es hat Einer inständigst nach Ihnen in der Krone verlangt ....

Ich sehe, ich bin der Vielgesuchte, sagte Dankmar. Wahrscheinlich der Amerikaner mit dem freundlichen Knaben?

Nein, erwiederte der Schließer, der Herr Ackermann, der prächtige Sachen von Amerika erzählte, ist abgereist, gerade wie ich das Essen holte. Vielleicht kommt er wieder. Er lobte unsern Boden. Der Knabe läßt Sie noch grüßen und hat eine solche Angst um Sie gehabt, daß Sie hier im Thurme wären, daß ich meine Noth hatte, ihm zu erklären, Sie sitzen hier nur zum Spaß ....

Welcher Amerikaner? fragte der Fürst.

Dankmar erzählte ihm in einigen Worten die Bekanntschaft, die er gemacht und setzte hinzu, daß er einige Zeit geglaubt hätte, dieser Fremde könnte vielleicht an eine Ansiedelung, an einen Güterkauf denken ....

Nein, fuhr der Schließer, der sich inzwischen besonnen hatte, fort, ein Anderer wollte Sie dringend sprechen und wenn ich richtig gehört habe, es soll just kein feiner Herr [481] gewesen sein und wenn mir recht ist, der Wirth sagte, er hätte ... rothe Haare.

Hackert! sagte Dankmar. Wahrscheinlich mein davongelaufener Kutscher, bemerkte er zu Egon hingewandt.

Mit dem Bescheide, daß dessen Nachfrage nicht viel auf sich hätte, entfernte sich endlich Pfannenstiel und ließ die beiden Freunde allein, die ihm bei der betroffenen Art, wie sie bei Erwähnung des Rothhaarigen sich anblickten und gleichsam verstohlene Zeichen gaben, doch wieder etwas zweifelhaft vorkommen mußten. Er schien mit gutem Gewissen die Thür zuzuschließen. So kräftig klangen die Schlüssel, als wollte er sagen: Es ist doch besser, daß ihr Beide da festsitzt!

Da sehen Sie nun, begann Egon, als die Schlüssel des Wärters nicht mehr hörbar waren, da sehen Sie, wofür ich hier gelte. Und doch weiß ich nicht, ob ich mich nicht freuen soll, wie schon alle Bande der Anhänglichkeit, die mich bestimmen könnten, die Besitzungen zu behalten, gelöst sind. Jener Amerikaner – Ackermann nannten Sie ihn? – lobte den Boden. Nun wohl! Mir ist er nicht günstig und trägt keine Früchte. Man spottet meiner Mutter. Man sehnt sich neuen Zuständen entgegen. Man gibt mich auf. Kann mich Etwas bestimmen, mich hier zu entdecken? Kann ich wünschen, hier erkannt zu sein? Ein unendlich schönes poetisches Verhältniß, das mich in Frankreich fesselte, ist so elend entstellt hierher gedrungen! Eine niedrige Gesinnung wird bei mir vorausgesetzt; bei mir, den Niemand kennt, dessen Züge Keinem wieder einfallen, [482] höchstens vielleicht dem alten Gärtner, wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gäste nicht vielleicht gemißhandelt hätten. O daß ich mich entschlösse, diese Wechsler aus dem Tempel meiner Familie auszutreiben! Würde mir nicht Gehorsam geleistet werden müssen? Könnt' ich nicht die Genugthuung haben, daß ich oben auf dem Schloß erschiene und Allen zuriefe: Noch bin ich Herr an dieser Stelle und ich rathe euch, daß ihr Alle zum Teufel geht!

Zorn hatte Egon ergriffen. Er stand mit leuchtenden Augen da und seine schlanke Figur reichte fast bis zur Decke des niedrigen Gemachs. Er öffnete das Fenster und rüttelte an den Stäben, die fester saßen, als Dankmar geglaubt hatte.

Und was kann ich anders thun, um hier zu entkommen, als mich zu entdecken? fuhr Egon mit sich steigernder Ungeduld und Dankmar's Schweigen für Zustimmung nehmend fort. Dieser Harder ist ein königlicher Hofbeamter, sein Wort hier wirkt allmächtig. Jedes Gutsagen für mich von Ihrer Seite wird an seinen Befehlen scheitern. O fühl' ich da nicht jetzt plötzlich die alte feindselige Hand wieder, die schon meine Mutter verfolgte? Es war doch wol keine Grille ihrer erregten Einbildungskraft, daß sie diese Harders für die Erbfeinde ihres Glückes erklärte ....

Der Absicht, sich zu entdecken, stimmte Dankmar bei. Er wußte selbst kein anderes Mittel freizukommen, als daß der junge Fürst das Gedächtniß der Menschen, die [483] ihn noch als Knaben oder Jüngling hier gesehen haben mußten, gleichsam aufrüttelte, sie auf Wiedererkennung seiner Züge lenkte und wenigstens durch dieses äußere Zeugniß ergänzte, was ihm an Documenten fehlte.

Nicht Jeder – sagte Egon lächelnd – nicht Jeder glaubt wie Sie, einer Visitenkarte!

Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mittheilung der Bitte, die er ihm hatte stellen wollen.

Wird sie sich ausführen lassen! sagte Egon zweifelnd. Sie sind auf dem Schlosse nicht bekannt ....

Ich werde es heute Abend besuchen. Man lud mich ein, sagte Dankmar.

Was hilft es, sagte der Fürst; ich verlange von Ihnen Etwas, das Sie verabscheuen werden.

Sie stocken? ... Haben Sie kein Vertrauen?

Ich verlange von Ihnen Dasselbe.. was ...

Sagen Sie es, Prinz!

Daß Sie sich zu meinem Mitschuldigen machen ...

Noch immer dieser Scherz?

Vergessen Sie nicht, daß ein Dieb zu Ihnen redet!

Wohlan! Redete er nur!

Wenn Sie meine Bitte erfüllen wollen, müssen Sie Das ausführen, was mir gescheitert ist, Wildungen!

Was Ihnen unbedenklich schien, soll an meinem Gewissen kein Hinderniß finden ....

Dankmar sagte diese Worte klar und frei, fühlte sich innerlich aber doch beklommen. Er gedachte seines verlorenen Schreins und der Bangigkeit, mit der Siegbert [484] gerufen hatte: Du hast ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauses entführt und ihn Dir eigenmächtig angeeignet? Er gedachte sogar wieder der Möglichkeit, daß der Fremde nicht der Prinz, sondern nur über ihn vollständig unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlaßt werden könnte, einem Andern verbotene Kastanien aus dem Feuer zu holen ....

Der Gefangene sagte:

Sehen Sie! Sie werden nachdenklich ... Ich verlange von Ihnen die rascheste unbelauschte Aneignung eines Bildes!

Eines Bildes? fragte Dankmar erstaunt.

Eines Bildes meiner Mutter ....

Als Act der Pietät?

Nicht die bloße Folge erwachter kindlicher Liebe ....

Ich würde diese Regung loben; aber warum ein gefährliches Geheimniß?

Weil mit dem Bilde selbst ein Geheimniß verbunden ist.

Es ist zwei Uhr, sagte Dankmar, auf die Thurmuhr, die eben schlug, deutend. Sie werden noch Zeit haben ...

Ihnen mein ganzes Herz auszuschütten? Wohlan! sagte Egon, nahm wieder auf dem schrägen Brett, das vielleicht für die nächste Nacht seine Lagerstätte werden mußte, Platz und fuhr, durch das zwar wenig genossene Mahl doch etwas gestärkt, in seiner Erzählung fort.

[485]
6. Capitel. Das Bild
Sechstes Capitel
Das Bild

Als ich in Lyon unterm Volke lebte, erzählte der Gefangene, empfing ich noch zuweilen, jedoch natürlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch die gewohnten Mittel zu meiner frühern Existenz. Die Mutter blieb sich in ihren christlichen Ermahnungen gleich. Da aber jeder Brief, den sie schrieb, mit einer Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknüpften Betrachtung endete, so wirkte es nur wenig auf mich, als sie eines Tages mir wieder schrieb, ihre Stunden wären nun gezählt, sie würde sterben. Ich sollte eilen, schrieb sie, auf Flügeln der kindlichen Liebe eilen, sie noch einmal zu umarmen und ihr einziges letztes Vermächtniß, das sie in ihrer Dürftigkeit mir geben könnte, entgegenzunehmen .... Sollte aber Gottes ewiger Rathschluß sie schon früher abrufen, ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ihr zu Gott betete, so würd' ich hinter einem Bilde, das ich wol kannte, einem gewissen runden Pastellgemälde aus ihrer Kindheit, das sie selber darstellte, die Worte finden, die sie mir auf die weite Bahn meines Lebens und an der [486] Schwelle ihres eigenen zurufen müsse, gewichtige, inhaltschwere Worte.

Dankmar, der jetzt das Geheimniß des Diebstahls erkannte, konnte nicht umhin, den Erzähler zu unterbrechen und unwillig auszurufen:

Aber welch ein Platz! Welche Stelle, einen letzten Willen niederzulegen, der hoffentlich nur in Betrachtungen besteht!

Für den Fall wichtigerer Mittheilungen doch nicht so übel gewählt! sagte der Erzähler. Da die Mutter von meinem Vater die feierliche Zusage empfangen hatte, ein Jahr lang den ganzen Zustand Hohenbergs zu lassen, wie er bei ihrem Tode gefunden würde, dieselben Wohlthaten zu spenden, dieselben Diener zu unterhalten, an der innern Einrichtung der Zimmer nicht das Mindeste zu verrücken, ja, auf dem Schreibtische die Feder so zu lassen, wie sie sie niedergelegt hätte in dem Augenblick, als die Todtenglocke ihr schlagen würde; jedes Buch, jedes Glas so zu lassen, wie es sein würde, wenn ihr Auge bräche ....

Ah! Ah! rief Dankmar, Egon unterbrechend. Vergeben Sie mir, daß ich meine Empfindungen ausspreche. Ehre Ihrer Mutter! Aber welche fromme ...

Coquetterie! sagte Egon schmerzlich. Aber dieser Beweis ist nicht so triftig, wie mancher andere, wo Sie die Mutter schon vertheidigen wollten. Hier hatte sie Grund zu solchen gesucht erscheinenden Anordnungen. Denn sie schrieb mir, da sie diese Verfügung vom Fürsten bewilligt erhalten hätte, so würd' ich, selbst wenn ich verspätet [487] ankäme, den Lebensschatz da unberührt finden, wohin sie ihn aus Furcht vor der Bosheit sündiger Menschen verborgen hätte ....

Aber gibt es denn nicht Vertrauensmenschen? Geistliche? Notare? Advocaten? sagte Dankmar, über die Letztern selbst lächelnd.

Auch Guido Stromern, dem Pfarrer, schrieb die Mutter, fuhr Egon fort, könne sie dieses Testament nicht anvertrauen, denn man wisse nicht, ob die Furcht des Herrn in ihm dann noch stark bliebe, wenn sie dahin wäre. Sie hätte zuviel Bäume sich herbstlich färben schon gesehen.. Zuviel wanken und scheitern, und sie glaube nur an einen einzigen ewigen Frühling, wo das einmal Entblätterte wieder ausschlüge und wieder blühe im Lande der ewigen himmlischen Palmen. Das Bild, das ich wohl kannte, beschrieb sie mir noch einmal und erwähnte das Geheimniß der Öffnung. Ein starker Druck auf das Glas und die hintere Wand spränge auf und in einer Kapsel würde ich den letzten Beweis ihrer Liebe finden, die Enthüllung eines Geheimnisses.

Und Sie reisten nicht sogleich ab? fragte Dankmar gespannt und sich in die Grille der sonderbaren und eigenthümlichen Fürstin ergebend.

Ich that es nicht, sagte Egon fast mit dem Gefühl der Beschämung. Verurtheilen Sie mich deshalb nicht! Die Trägheit des Herzens ist wol eine der sieben Todsünden, die nicht vergeben werden können. Dennoch war mein Herz damals nicht träge. Es litt, rang, klopfte mit stürmischer [488] Bewegung in andern Verhältnissen, als in meinen Beziehungen zu einer Mutter. Sagen Sie Dem, der unter einer Brücke zu ertrinken im Begriff ist und mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte gegen die Wellen rudert, er soll ein wildes Roß anhalten, das über ihm auf der Brücke sein Theuerstes schleife; er hört wol den Hülferuf, aber kann er mehr, als sich ergeben, die letzte Kraft verlieren und selbst untergehen? So eingewachsen war ich in mein neues Leben, daß ich das Absterben des alten dem Tode überlassen mußte.

Eine Weile hielt Egon inne, dann fuhr er fort:

Als ich den wirklich erfolgten Hingang der Mutter erfuhr, fand ich reichere Muße, um sie zu weinen. Es waren Thränen, die von einem andern Leide noch übrig waren und mit denen um dieses zusammenflossen .... Ich war mir eines Unrechts bewußt und fühlte, daß sich das Schicksal wol die Klage der ohne mich sterbenden Mutter gemerkt haben würde und mich irgend ein Schmerz in Zukunft noch dafür strafen soll. Aber der alte Spruch, daß Niemand über seine Kräfte hinaus Etwas vermag, trocknete mir das nasse Auge und ich selbst sprach mich frei, wenn mich auch irgend eine Nemesis verdammen wird.

Ich kenne, sagte Dankmar, das stärkere Gegengewicht nicht, das auf der Wagschale Ihres Herzens die kindliche Pflicht in die Höhe schnellte; aber die geheimnißvolle Andeutung über das Bild der Fürstin mußte Sie doch veranlassen, nach ihrem Tode wenigstens aufzubrechen und [489] an Ort und Stelle von diesem und manchem andern Nachlasse der Mutter Besitz zu ergreifen ....

Auch Das versäumte ich, sagte der Gefangene. Schätze konnt' ich keine erwarten, nicht einmal gesammelte Sparpfennige. Meine Mutter, eine geborene von Bury, besaß schon anfangs wenig und von einem spätern mütterlichen Vermögen war noch weniger für mich die Rede. Eher noch hinterließ sie in Folge ihrer unbegrenzten Wohlthätigkeit Verlegenheiten, die mein Vater abzuwickeln hatte. Und da dieser mir vollends schrieb, daß er den Tod der Mutter aufrichtig beweine und sich eine heilige Pflicht daraus mache, ihrer letzten Anordnung zu folgen und Alles ein Jahr lang unverrückt und unverändert in ihrem Sinne bestehen zu lassen, ja immer, immer, mein theurer Sohn, schrieb er, bis dein alter morscher Vater selbst zusammenbricht und du dann über unsern Gräbern zu Gericht sitzen wirst, hoffentlich nicht zu streng, Junge –! Da mir der Vater so geschrieben hatte, ließ ich das Bild Bild sein und überredete mich: Was wird es enthalten? Fromme Ermahnungen und ihren letzten mütterlichen Segen!

Sie haben wol Recht! sagte Dankmar. In der That .... Ich glaube nicht mehr. Dem Charakter der frommen Frau angemessen war eine solche letzte mütterliche Ansprache an ein Herz, das sie nach ihrer Auffassung auf dem Wege der Verdammniß sah. Ein wirkliches Geheimniß konnte sie an einer solchen Stelle nicht niederlegen.

Nicht anders dacht' auch ich damals, sagte Egon, und folgte, unbekümmert um die Heimat, in der Fremde [490] meinem Stern. Von Lyon führte mich dieser nach Paris. Die große Stadt, die ich zum ersten male sah, ergriff mich gewaltig. Im Gewühl der sich hier durchkreuzenden Interessen fühlt' ich mich wie von einem Elemente gehoben, das denn doch stärker war als meine bisherige kleine Welt, die ich mir in Lyon aufgebaut hatte. Sowie mir es damals war, muß es einem früh aus seiner Heimat entführten Menschen sein, dem die Erinnerung an sie völlig entschwunden ist und der, plötzlich in sie zurückversetzt, an den kleinsten Dingen, einem Laute, einem von ihm beobachteten Kinderspiele sich auf ein altes Dasein erinnert. O, mein Freund, ich wollte, ich hätte damals in Paris diese lockende Musik nicht verstanden. Die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, das höhere gesellige Leben fingen an mich plötzlich hinwegzuführen, wie eine anschwellende Flut, von der Ebbe, wo ich mir auf dem Sande von kleinen Kieselsteinen und Muscheln und Binsen ein Hüttchen gebaut hatte. Die große Flut kam gewaltig .... Sie verschlang die Hütte und die Muscheln und die Binsen ... und mich warf sie in Strudeln auf und ab, hoch zu allen weißen Schaumkronen der Wogen empor und wieder nieder in die gähnenden Schlünde, wo die Ungethüme der See überrascht entgleitend ihre misgestalteten Formen verbergen ... bis ich betäubt niedersank und erwachte – an dem frischen Hügel eines Kirchhofes. Es war wieder nicht der Hügel meiner Mutter, auch nicht der meines Vaters. Es war ein anderer, mir nicht minder heiliger ....

Egon hielt eine Weile inne; dann fuhr er fort:

[491] Fast zwei Jahre waren in Paris so hingegangen. Ich war mehr Franzose geworden als ich noch Deutscher blieb, verfolgte immer noch meine alten populairen Neigungen, wenn auch in anderer Form, bis mich die Nachricht vom Tode meines Vaters und sein letzter Gruß, etwa in diesen Worten traf. Wildungen, wollen Sie eine Probe vom Stile meines Vaters hören?

O, sagte Dankmar, die Sprache des alten berühmten Kriegers, der mit den Truppen in den köstlichsten Lakonismen sprach, ist gewiß auch in diesem Falle originell gewesen.

Egon hob den Kopf empor, blickte auf die Decke des Gefängnisses und besann sich.

Er schrieb, soviel ich mich aus dem Gedächtniß entsinnen kann, sagte er, ungefähr so: Mein guter Egon, der alte Generalissimus da oben läßt gewiß nächstens bei mir Appell blasen, und deinen Vater kennst du als einen guten Soldaten, der, wenn die Trompete ruft, pünktlich auf seinem Posten steht. Da die Reise weit ist, mein Junge, so nehm' ich viel Gepäck mit. Mit Dem, was ich zurücklasse, sieh zu, wie du fertig wirst! Du bist wenigstens der Fürst Egon von Hohenberg, Das führt dich immer noch gut ins Leben ein, wie mich leidlich heraus. Wenn du Ursache haben wirst, manchmal zu wünschen, dein alter Vater hätte in dieser Welt bessere gute Freunde gefunden, als seine Gläubiger waren, so bemitleide mich! Schlurck sagte mir immer: Durchlaucht, Sie ruiniren sich .... Ich sagte ihm: Canaille, Geld, aber keine Moral! Von dir nicht! Von [492] euch Allen nicht! Schlurck sagte auch: Durchlaucht, Sie ruiniren Ihren Herrn Sohn! Das war richtiger .... Aber darum sag' ich doch: Pass' dem Kerl auf die Finger, Junge! Es bleibt dir noch genug, um bei Hofe manchmal mit vier Pferden aufzufahren, bei einer Schlittenfahrt gute Livreen zu erfinden und die deutschen Weiber mit deinen Französinnen zu vergleichen. Da ich mit Freude gehört habe, daß du solid geworden bist, wie mich Graf d'Azimont versichert, dessen junge Frau du verführt hast, da du ferner deine verfluchten Muckerstreiche mit Metierlernen, Hobelführen und solche verrückte Angedenken an die Pension und deine seligechêre Mêre aufgegeben hast .... Gott hab sie selig ... so zweifle ich gar nicht, daß du hier im Lande noch eine gute Partie mit Geld und Gütern machst und unser Wappen ein Bischen neu vergoldest. Von deiner Mutter nochmals zu reden, so nimm mir's nicht übel, mein Sohn, daß ich in einem Anfall übler Laune und schlechter Kasse ihre hohenberger Hinterlassenschaft in Bausch und Bogen losgeschlagen habe. Die Harders sind eigentlich zunächst Schuld daran und quälten mich um die Einrichtung. Pauline, die in ihren jungen Tagen, ich will nicht wissen warum, deiner Mutter das Leben nicht gönnte, hat seit ihrem Tode gethan, als wenn sie in Mama ihre letzte Freundin verloren hätte. Kaum hatte Mama die Augen zu, so kam sie und lamentirte um Andenken und verlangte zuletzt ihren ganzen Nachlaß, um ihn in ihrem neuen Landhause vor der Stadt aufzustellen. Natürlich käuflich. Du weißt, daß ich vor einem Jahre nichts daran[493] räumen und ändern durfte. Als aber das Jahr um war, lieber Junge, kam sie wieder mit dem alten Jammer um die edle Freundin, aber sie ist schlau dies Weib! Was den Nachlaß anlangte, über den wir um dreitausend Thaler schon einig waren, so wollte sie ihn jetzt durch ihren Mann auf Staatskosten für die königlichen Lustschlösser ankaufen lassen. Sie wußte es richtig so zu drehen, daß der Hof Wind bekam und in seiner mir immer bewiesenen Gnade gleich das Geld gab, das ich gerade den impertinentesten meiner Manichäer, den Hund, den Pfannenstiel – brenne die undankbare Canaille im ewigen Feuer dafür! – zu befriedigen dringend brauchte. Siehst du, Junge, so ging das Mobiliar zum Teufel! Jetzt aber noch Eins! Weil ich nicht begreifen konnte, wie das weiland so böse Weib, die Pauline, zu so schrecklicher Zärtlichkeit für unsere Familie kam und mich Schlurck, der überhaupt mit allen Hunden gehetzt ist, einfach und trocken versicherte, die gute Geheimräthin fürchte den geschriebenen Nachlaß ihrer ehemaligen Freundin und wolle nur tout bonnement jeden Keim wiederauflebender alter Geschichten dadurch ersticken, daß sie die Macht bekäme, auf Hohenberg jeden Winkel zu durchstöbern ... so hatt' ich, – lobe mich dafür! – die Vorsicht, erst alle Schränke öffnen und jeden Schnitzel Papier, der sich vorfand, verbrennen zu lassen. Glücklicherweise fand ich nichts als das Geschreibsel von allen Pfaffen der Erde an die Mama, an die sie das Geld verthan hat, und an die Heidenbekehrer und Hottentotten noch dazugenommen. Ich war dabei, als der ganze [494] fromme Gestank im Kamin prasselte, und fast hätten wir Hohenberg damit in Brand gesteckt. Nun mag die Hexe, die Pauline, den Rest durchstöbern! Sie wird nichts mehr für ihren Schnabel mit den falschen Zähnen finden! Die Familienbilder, mein Sohn, versteht sich von selbst, sind von dem Verkauf ausgeschlossen und bleiben dein. Ça commande le nom de la famille ... Also, mein lieber Sohn, nun mach' ich dir Platz in dieser Welt, die gerade nicht schlecht ist, wenn's kein Podagra und keine Wucherer gäbe! Thu' mir die Liebe und folge nicht überall meiner Spur, sie verlor sich manchmal ein Bischen ins Holz, wo der gute Weg aufhört und die Irrlichter zu plänkeln anfangen – aber – duld' aber auch nicht, daß Buben über mein Grab springen, Hunde darauf u.s.w. dürfen! Mit einem Wort, bleib ein Cavalier, wie ich einer war, wenn's auf Bravour ankam, und verstehst du, auf ein honettes Sentiment. Mein Sohn! Meine Orden schickst du an die Herren Souverains zurück, die meine Brust damit geschmückt haben. Es sind ihrer eine schwere Menge. Thu' Das mit Anstand und feiner Etiquette! Vielleicht läßt dir Einer oder der Andere so ein Kreuz oder Band auf Abschlag für künftige Verdienste gleich um den Hals zurück und sagt: Ich wüßte keinen bessern Erben Ihres Herrn Vaters als den Herrn Sohn! Es führt gut in die Gesellschaft ein und macht sich immer artig, wenn man, wie du, eine Figur danach hat. Die Verdienste kommen schon später. Sorge nur, ich bitte dich darum, für meine alten Pferde, für meine Hunde und auch die Diener! Auch Das [495] noch: Wenn einmal Einer mit zerschossenem Bein kommt und sagt: Unter Ihrem Herrn Vater Durchlaucht hab' ich bei Leipzig den Schuß gekriegt, so lass' ihn, wenn er auch lügt ... denn die Jungens sind Alle todt oder versorgt ... so lass' ihn nicht ohne ein paar Groschen gehen! Hörst du? Das eigentlich große Denkmal setzt mir der König, mein guter Herr! Leb' nun wohl, Egon! Das ist mein letzter Brief. Ich ahne Etwas von einem recht langen Winterquartier unter der Erde. Nimm meinen Segen. Brauchst ihn nicht zu verschmähen. Ein Husar, der ehrlich stirbt, ist doch so gut, wie ein Pfarrer. Adieu, mon fils! Pour jamais! Dein treuer Vater Fürst Waldemar von Hohenberg. Postscriptum: Verkauf getrost meinen ganzen Nachlaß, aber die Uniformen laß beisammen als Familienstück! Ich möchte, daß Das aufbewahrt bleibt. Vielleicht wird einer von deinen Jungens Soldat und lacht, wenn erst die neuen Theatersoldaten zugeschnitten sind, lacht als Cadett über einen alten Generalfeldmarschall von ehemals. Dies entre nous! Zeige den Brief Keinem vom Hofe ... verstehst du? Hüte dich vor den Harders und thue Recht und scheue Niemand! Adieu, mon fils!

Als Egon diesen Brief aus dem Gedächtnisse fast wörtlich wiederholt hatte, konnten sich Beide, so traurig die Veranlassung war, einer heitern Stimmung nicht erwehren.

Ich fühle denn doch, sagte Dankmar, wie in diesem martialischen Herrn, den ich gar oft noch habe reiten sehen und dessen feierliches Begräbniß die ganze Stadt in [496] Bewegung brachte, der Kern jener Gesinnung lag, die man die gute alte deutsche nennt .... Was wollte er nur mit dem Postscriptum und dem Verbot des Zeigens bei Hofe?

Es ist das Postscriptum spätern Datums als der Brief selbst, erklärte Egon, und offenbar in großem Unmuth geschrieben. Die Jugend dieser alten Haudegen fiel in Zeiten, wo die Fackel des Kriegs durch ganz Europa loderte und an eine edlere Bildung auf der Wettbahn der Tapferkeit und des Glückes nicht zu denken war. Die darauf folgende Friedenszeit hat zwar den wohlerworbenen Kriegsglanz eines gefeierten Namens nicht trüben können, aber nur zu bald stellte sich heraus, daß die Helden des Feldlagers Sitten nach Hause brachten, die ihrer hohen, Aller Augen zugänglichen Stellung nicht entsprachen. Da sollte denn äußerer Glanz, vornehmer Prunk die innere Leere ersetzen. Im Widerspruch mit einem jüngern heranwachsenden Kriegergeschlecht, das aus Büchern und in einer stillen Friedenswärme für seinen Beruf sich bildete, machten jene alten Helden gerade ihre wilden Sitten, Trunk, Spiel und Galanterie um so zügelloser geltend, als der politische Horizont sich manchmal doch wieder zu umwölken und irgend ein kriegerisches Zeichen am Himmel noch hervorzuzucken schien. Später, wo die bedenklichen Krisen der europäischen Staaten friedlich verliefen und die alte militairische Tradition sich immer mehr verlor, gewann auch die geistige Richtung beim Militair so die Oberhand, daß man die alten Helden des Lagers, die Ritter vom Schwerte, nur noch aus Pietät [497] schonte und diese, um sich nur zu behaupten, sogar auf Moderichtungen des Tages sich verlegten. Mein Vater soll in seinem Bestreben, sich hoffähig zu erhalten und modern geistreich zu werden, höchst komisch gewesen sein. Wenn er bei der jetzigen jungen Landesmutter zum Thee war, erzählte man mir in pariser Cirkeln, schenkten ihm die Bedienten, die dafür reichliches Trinkgeld erhielten, statt Thee Rum ein und während die junge Königin mit Bewunderung sah, welche artigen Sitten der alte Fürst Waldemar angenommen hatte, pries er so lange seine Vorliebe für die von ihr protegirten Mäßigkeitsvereine, bis er unter irgend einem Vorwande sich still entfernte. Die Zarten, Empfindsamen freuten sich, daß wahrscheinlich das Gefühl der Wehmuth, das am Hofe sehr cultivirt wurde, auch schon solche derbe Naturen übermannte. Andere meinten aber, nur der Rum hätte ihn übermannt, wieder Andere aber, die ihn noch besser kannten, sagten geradezu, er ginge, weil ihm der Rum der jungen Landesmutter zu schwach war, zur Prinzessin Ottokar, wo er eine gewisse schärfere, weiße Sorte Rum vorfand, die er vorzog und die ihm die bereits unterrichteten Bedienten dort feierlich und schweigsam in den Thee gossen. In den Cirkeln der Prinzessin Ottokar war man nämlich mit den Anfoderungen der Armee vertrauter als bei der jungen Königin, ihrer Schwägerin.

O mein Gott! rief Dankmar, der über diese Anekdote, die Prinz Egon mit lächelndem Schmerze vortrug, nicht lachen konnte; wie wenig verdienen Sie die Vorwürfe, die [498] Sie sich jetzt zu machen scheinen, Prinz, Vorwürfe, daß Sie von solchen zerrütteten Zuständen fernblieben ....

Sie können sich denken, fuhr Egon nach einer Pause fort, daß ich nach dem Tode meines Vaters nun doch nicht länger in der Fremde verweilte. Es waren Umstände eingetreten, die mir die Rückkehr, die jetzt eine Pflicht der Vernunft war, auch zu einer Tröstung des Herzens machten. Ich betrat den deutschen Boden und den unserer engern Heimat. Aber ein solches Grauen empfand ich, in das Palais meines Vaters, so schön, so prachtvoll es ist, einzuziehen, daß ich erst in einem entlegenen Gasthofe abstieg und im Grunde nicht recht wußte, was ich nun eigentlich hier beginnen sollte. Es meldeten sich sogleich Haushofmeister, Secretaire, Kammerdiener, Lakaien. Alles huldigte mir. Ich antwortete zerstreut und planlos. Der Einzige, der mich in mein Eigenthum, in die zerrüttete Lage meiner mehr als zweifelhaften Besitzungen ein führen konnte, der Justizrath Schlurck, war nicht zugegen. Ich erfuhr, daß er in Hohenberg war. In Hohenberg, mußt' ich mir sagen! Und ich sagt' es nicht ohne Bitterkeit. Da kam mir ein Gedanke: Hohenberg und das Bild meiner Mutter! Du sollst nun handeln, schaffen, wirken: entledige dich zuerst eines Opfers der Liebe, rief es in mir, suche die Grabstätte deiner Mutter und rette dir das Bild, wenn es noch möglich ist, und das wichtige Geheimniß, das es enthalten soll! Meines Vaters Diener erzählten mir, daß das hohenberger Mobiliar soeben von dem Geheimrath von Harder in Besitz genommen wurde.

[499] Ich erwähnte die Familienbilder. Man sagte mir, sie blieben die unsrigen, aber erst müßten – den Bedienten war alles Das so bekannt, wie den Herrschaften selbst – auch diese wie alle Gegenstände nach der Residenz geführt werden. Man wußte, daß die Geheimräthin von Harder einen Antheil an dieser Procedur nahm, den sich Niemand erklären konnte .... Mich ergriff nun ich weiß nicht welche Beklemmung. Die Worte des Vaters, seine Warnung vor den Harders kamen mir so beängstigend in den Sinn, daß ich mich rasch entschloß und theils um Hohenberg in der Stille zu beobachten und mich für meine künftigen Plane über Behalten oder Nichtbehalten vorzubereiten, theils um auf irgend eine Art das Bild meiner Mutter mit dem plötzlich mir selbst geheimnißvollen, viel leicht schon geraubten Einschlusse zu retten, mich auf den Weg machte. Ich that es in einer Verkleidung, die Sie kennen. Ich begegnete auf dem Heidekrug Schlurck, den wahrscheinlich die Nachricht von meiner Ankunft schleunigst zurückrief. Wir lernten ihn in seinem ganzen Leichtsinn kennen. Ihnen entdeckt' ich mich, Wildungen, weil ich Sie liebgewann und mir denken muß, Sie werden mein ganzes Leben hindurch mein Freund sein und bleiben. Sagen Sie mir's, aber aufrichtig! Irr' ich mich?

Dankmar reichte ihm gerührt die Hand ....

Diese festhaltend, schloß Egon mit den Worten:

Ich habe es eine Weile bereut, diese Reise unter solchen Umständen gemacht zu haben, jetzt nicht mehr. Ich wollte erst zum Förster Heunisch, den wir auf dem Gelben [500] Hirsch gesehen hatten, mich dort zu erkennen geben und die Nacht bei ihm bleiben. Ich blieb, um ihn zu erwarten. Ein altes widerliches Weib schreckte mich ab ....

Ursula Marzahn! sagte Dankmar.

Marzahn? bemerkte Egon. Ist das die Frau des wilden Soldaten, der mich schießen lehrte! Sie muß kindisch sein ....

Was that sie Ihnen? fragte Dankmar erstaunt.

Als ich warten wollte und mich für einen reisenden Tischler ausgab, sagte sie: Ich kenne dich wohl, du bist ein Tischler und machst Särge! Geh! Geh! Hier ist Niemand zu begraben! Das schreckte mich doch. Ich mußte ihre Art für wahnsinnig halten. Noch lange rief sie mir nach: Ich kenne dich! Ich fing an mich zu fürchten und lief fast. Es war mir als hetzte mich ein böser Geist, so rannte ich durch den Wald vor dieser gräulichen Alten, auf die ich mich ... ja! ja! ... ich besinne mich, es war die schon damals alte Frau des jüngern, lüderlichen Marzahn, schon damals verrufen als ein schlimmes, unfreundliches Weib!

Wo blieben Sie aber diese Nacht? fragte Dankmar theilnehmend.

Da die Alte von den Todten gesprochen hatte, so führte es mich unwillkürlich auf den hiesigen Kirchhof. Da sucht' ich erst das Grab meiner Mutter und fand es in einem einfachen von einem goldenen Kreuz gezierten Mausoleum. Es war Nacht geworden. Auf dem Schlosse oben sah ich erhellte Fenster. Ich hörte die Klänge eines Flügels durch den stillen Frieden herüber. Es war fremde Gesellschaft [501] in Räumen, die doch noch mir gehören! Unter dem Scheine einer Besprechung der Gläubiger genoß man die Vorfreuden des künftigen Alleinbesitzes. Wenn ich in dem Augenblicke, wo Alles der Freude und dem Scherz hingegeben, das Schloß zu betreten wagte, die mir wohlbekannten Zimmer aufsuchte und jetzt gleich mit eigener Hand das Bild rettete, das mir eine sterbende Mutter auf die Seele gebunden hatte? Ich entschloß mich rasch und stieg hinauf. Die angefesselten Hunde bellten nicht, sie schienen den lebhaften Verkehr im Schloßhofe gewohnt. Die Thüren des Gitterwerks standen weit offen, obgleich es längst die zehnte Stunde geschlagen hatte. Den großen Eingang fand ich aber verschlossen. Nur mein Klingeln hätt' ihn geöffnet. Dazu fehlte mir der Muth, die Fassung. Ich setzte mich, umspielt von einem leisen balsamischen Abendwind, auf die Schwelle eines der innern Fenstervorsprünge. Der Mondschein fiel auf die entgegengesetzte Seite. Ich saß im Schatten und blickte zu den Sternen aufwärts. Hinunter sah ich dann in die dunkeln Gebüsche des Gartens, von wo der mir so wohlbekannte kleine Wasserfall herübermurmelte. Ich hörte einzelne Worte des oben geführten Gesprächs. Es schien mir fast, als spräche man von mir selbst. Ich hörte oft den Namen meiner Mutter und fand diese Umkehr der Dinge, diesen Wechsel des Geschicks so traurig, so jammervoll, so entwürdigend für mich, daß ich den Muth zur That verlor und meine Gedanken hinausspann bis nach dem Genfersee und der Rhone, wo ich solcher Abende ach!

[502] soviele erlebt habe, soviele, die mir im Angesicht der majestätischen Gebirge und im Rauschen der Wogen hingingen wie jene Gebete, die meine Mutter von mir in einsamer Kammer oder vor dem Altar einer Kirche verlangte .... Endlich ging die Gesellschaft oben auseinander. Noch lachte und neckte sich Alles beim Abschied und dem Herunterkommen von der großen steinernen Haupttreppe. Man entfernte sich nach vorn, nicht durch den innern Hof. Hier und dort wurde ein Fenster hell und verlosch wieder .... Wie in einem Gasthofe! Man sah, daß überall die Menschen sich wie häuslich niedergelassen hatten. Endlich wurde Alles still, alle Lichter erloschen, nur in den Zimmern meiner Mutter schien noch der matte Schein des Lämpchens zu glimmen. Ich mußte annehmen, daß sie bewacht wurden. Dennoch nahm ich meinen Entschluß wieder auf. Ich umging den rechten Flügel des Gebäudes. Ach! hier lag noch der kleine Kieselsand auf dem Boden und knirschte unter meinen Schritten, hier waren noch die Stellen auf ihm eingedrückt, wo sonst einige Orangenbäume in großen hölzernen Gefäßen prangten. Einer kleinen Seitenthür näherte ich mich, ich drückte darauf, auch sie war verschlossen. Dann sah ich empor, ob ich nicht wagen könnte, hinaufzuklettern; aber die Stuccaturvorsprünge der Mauer waren zu schwach. Sie würden mich nicht getragen haben, selbst wenn ich mich mit den Nägeln in den Kalk hätte einkratzen wollen. So konnte denn nur eine Leiter helfen und diese zu suchen entfernt' ich mich. Wie ich so vorsichtig, geschützt von den [503] langen Schatten des Schlosses, in der nächsten Umgebung hin und her spähe, hör' ich ein Knistern auf dem Kieselboden. Aus dem Garten schleicht sich ein Mensch behutsam näher. Es war hell genug, in ihm denselben kecken Burschen zu erkennen, mit dem ich Sie zuerst erblickte, und der uns im Walde so plötzlich verließ.

Hackert? fragte Dankmar.

Derselbe Mensch mit dem röthlichen Haare, sagte der Fürst, derselbe mit dem hämisch lauernden Ausdruck der Augen, derselbe, der mich für einen politischen Spion hielt.

Er wandelte im Traume? sagte Dankmar.

Wie? antwortete der Fürst, der diese Frage nicht ganz verstand. Im Traume? Er war in einem völlig bewußten Zustand. Eine Weile stand er lauschend still. Ich drückte mich hinter eine Karyatide, die eine der Fensternischen ziert und folgte dann behutsam und spürte seinem Treiben nach. Er blieb, ringsum spähend, in dem innern Schloßhof. Wie er an einem der Fenster das Merkmal gefunden zu haben schien, das er suchte, blieb er an der entgegengesetzten Wand im vollen Mondscheine stehen und blickte unverwandt wie ein zweiter Ritter Toggenburg auf jenes Fenster. Endlich regte sich etwas an dem von ihm beobachteten Punkte. Vorhänge wurden zurückgeworfen und eine, wie es schien, jugendlich schöne weibliche Gestalt im Nachtkleide öffnete das Fenster. Kaum hatte sie einen Blick in den Mondschein geworfen, als sie laut und mit Entsetzen jenen Namen rief, den Sie vorhin nannten. Ja!

[504] ja! Hackert war es! Das Fenster wurde von dem lieblichen Wesen, das mich selbst bezauberte, wie in der Eile der Angst zugeworfen, die Vorhänge fielen zurück, der abenteuerliche Mensch lachte grell auf, polterte, lärmte, als wollte er sich hörbar machen, und sprang pfeifend und singend wie besessen davon. Ich eilte ihm nach. Er hüpfte den großen Fahrweg hinunter. Ich folgte ihm zuletzt mit Mühe. Zuweilen stand er ganz still und sprach laut lachend, sah sich um und wiederholte mit kindischen Gebehrden seinen eigenen Namen. Unten aber wandte er sich dem Walde zu, wohin ich ihm nicht folgen mochte, da ich plötzlich im Dorfe lautes Sprechen hörte. Ich folgte diesem Lärm. Man schien im Pfarrhause laut zu peroriren. Kinder schrieen. Als ich näher kam, war es still. Da gab ich denn für diese Nacht mein Vorhaben auf, blieb auf dem Kirchhof und warf mich unter dem Vordache des Mausoleums meiner Mutter zum Schlafe nieder. Erstaunen Sie darüber nicht! Es ist nicht das erste mal, daß ich unter freiem Himmel schlafe ....

Ich wünsche, sagte Dankmar gerührt, daß in der heiligen Nähe Ihrer Mutter Sie ein Traum beseligt haben möge, worin sie Ihnen die Palme des Friedens und der Versöhnung reichte ....

Dieses Glück wurde mir nicht zutheil! sagte Egon. Ich träumte auf dem harten Boden nur von jenem Bilde, das mich nicht mit der Zärtlichkeit einer Mutter, sondern erst todt und kalt, dann immer häßlicher, zuletzt in wilden Fratzen anblickte, bald von Schlangen umringelt war, die [505] es bewachten, bald sich in einen derartig gewöhnlichen Gegenstand verwandelte, daß ich im Traume gelacht haben muß. Ein mal war es ein zinnerner Teller, den die alte Brigitte in der Hand hielt! Darauf war ich so ermüdet, daß ich ziemlich fest und lange schlief. Als ich erwachte, fiel mein Auge auf den marmornen Sarg, der hinter dem Gitter von einem Engel gehütet, in nicht übel ersonnener Architektur, vor mir stand. An der Hinterwand las man die mit Gold eingegrabenen Worte: »Kommt zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken!« Erst sah ich neben dem Kirchhof in einem freundlichen Garten, wo ich in der Nacht das laute, heftige Sprechen vernommen hatte, den Pfarrer, Guido Stromer wahrscheinlich, den ich nicht kenne, von Blumenstrauch zu Blumenstrauch gehen und mit sinnender Überlegung ein Bouquet zusammensetzen, das er wahrscheinlich nach einer häuslichen Scene zur Versöhnung seiner Frau auf den Frühstücksteller legen wollte .... Frühstück! Ich gedachte dabei meiner eigenen Nahrung und besann mich, daß ich ganz prosaischen Hunger hatte. Ich erquickte mich, die Ulla entlang wandernd, in entlegenen Bauernhäusern an frischer Milch. Da sah ich plötzlich gegen neun Uhr einen großen Transportwagen zum Schlosse hinauffahren. Der Gedanke: Noch ist es Zeit! elektrisirte mich. Ich faßte wegen des vielleicht noch zu rettenden Bildes einen letzten Entschluß. Entweder, dacht' ich, kannst du dir noch glücklich durch Gewandtheit dein Eigenthum erobern oder du entdeckst dich dem Geheimrath von [506] Harder und machst diesem Maskenspiel ein Ende, selbst mit Gefahr, seiner Gattin gerade das Bild zu verrathen, an dessen Besitz, wenn sie das Geheimniß kannte, ihr soviel gelegen schien wie mir. Ich komme aufs Schloß, das Durcheinander und Lärmen der Diener begünstigt mein Vorhaben. Man trägt einen Tisch nach dem andern, Sessel, Fauteuils, ja selbst das geschmackvolle, gothisch geformte, auseinandergenommene Bett der Mutter in jenen großen Wagen, bei dem der Geheimrath Wache zu stehen schien, wenn ich anders eine hagere, mit Orden geschmückte Figur dafür halten muß. Bei einer solchen Demüthigung meines Namens mich zu entdecken – ich hätt' es nicht vermocht. Ich betrat das Schloß, erstieg die Treppe ... man sah soviel Menschen durcheinander, daß ich nicht auffiel. Ich gelange in die Zimmer meiner Mutter. Welche Verwüstung! Welche Zerstörung! Alles durcheinandergewühlt, Fetzen Papier auf der Erde, die Wände halb zerschlagen, die Kamine, wahrscheinlich vom Verbrennen der Papiere, mit Ruß und Rauch überzogen. Das war ein Chaos! Ich sehe Leute, die packen und tragen ... ich schreite weiter, als gehört' ich zu ihnen. Im Schlafzimmer der Mutter hängen noch Bilder, mein eigenes Bild als Knabe. Das Bild des Vaters, das Bild der Großmutter und über dem Platze, wo das Bett stand, über einem Crucifix, das unberührt hing, sehr hoch, still und schweigsam, ja gespenstisch, das bezeichnete runde Pastellgemälde! Ich suchte nach einem Sessel. Ich ergreife den ersten besten, steige in die Höhe, reiche nach dem Portrait, hab' [507] es in der einen Hand und fahre schon mit der andern über die Glasfläche, als ich mich an den Füßen gepackt fühle. Der Bediente, den Sie hier sahen, reißt mich hinunter, schleudert das Bild aus meiner Hand, glücklicherweise auf nebenanliegende Betten, ruft Hülfe! Man umringt mich, der Intendant mit großen dummen Schafsaugen mißt mich auf zehn Schritte Entfernung, weil er meine zornfunkelnde Miene fürchtete, und befiehlt zitternd und bebend meine Verhaftnahme .... Man packt, hält mich, führt mich den Weg hinunter in diesen Thurm, und nun sagen Sie, was ich anders thun kann ....

Als sich eine Weile ergeben, Prinz! erhob sich Dankmar jetzt mit sorgloser froher Bewegung, und von Ihrem Freunde Alles erwarten, was nur in seinen Kräften steht! Wie Sie ungekannt von hier entkommen können, weiß ich noch nicht, aber weder das Geheimniß des Bildes noch Ihr eigenes dürfen Sie preisgeben. Nach dieser Behandlung ... nein, können Sie sich nicht entdecken! Niemals! Niemals!

Ich fühle Das, Wildungen!

Sie müssen für immer auf diesen Tag einen Schleier fallen lassen und das Übrige ...

Das Übrige?

Dankmar stockte und sagte dann nachdenklich:

Ist es nicht wunderbar, daß ich mit Ihnen durch das gleiche Schicksal verbunden bin? Scheint es nicht ein Fingerzeig des Zufalls zu sein, der scherzend die ernsten Missionen des Verhängnisses erfüllt, wie wir so zusammengeführt [508] werden durch eine ähnliche, ja fast gleiche Aufgabe! Wie sich mir an jenen Schrein eine große Aufgabe knüpft, die ich Ihnen einst ausführlicher entwickeln werde, so verbirgt Ihr Bild ohne Zweifel Thatsachen, die tief in Ihr Leben eingreifen und der Schlüssel zu den dunkelsten Verwirrungen werden können, die Ihnen noch für Ihr Leben aufbewahrt scheinen! Bedenken sie diesen verdächtigen Eifer einer Frau, die Ihrer Mutter Freundin war, dann sie haßte und sie nun auch im Tode verfolgt und jede Spur von ihrem Dasein – Sie sehen es ja – vertilgen möchte.

Was man von dieser Pauline Harder weiß, sagte Egon ergriffen von der Theilnahme des Freundes, ist nur zu sehr geeignet, ihren Schutz für ebenso allmächtig, wie ihre Verfolgung für eine Hölle auf Erden zu erklären. Was beherrscht sie nicht? Ich weiß es aus den diplomatischen Kreisen in Paris. Sie regiert durch die verzweigtesten Fäden ihrer gesellschaftlichen Beziehungen einen Theil der öffentlichen Meinung. Was hat sie nicht schon Alles unternommen! Was nicht gefördert und gehemmt! Wo nur eine Idee ins Leben treten soll, find' ich ihren Namen, als Beschützerin oder Gegnerin und grade, weil sie Denen eine starke Macht verleiht, die sie aufsuchen, fürcht' ich für Die, die sie vermeiden, umgehen wollen ... Eine Freundin von ihr, die Gräfin d'Azimont ...

Egon stockte.

Sie nannten jene Dame, die Ihr Vater in seinem originellen Briefe erwähnte, bemerkte Dankmar.

[509] Der junge Fürst schwieg, fast verlegen. Dankmar schonte sein Gefühl, nahm das Wort und sprach die Vermuthung aus:

Ihre Mutter hat ohne Zweifel Erinnerungen ihres Lebens geschrieben; die große Welt fürchtet ihren Wahrheitseifer. Das Gerücht von Memoiren der Fürstin Amanda wird sich verbreitet haben, und diese, diese werden gesucht, vielleicht Briefe aus alten Zeiten, die manches Geheimniß enthüllen. Geben Sie die Eroberung nicht auf!

Aber wie? sagte Egon. Ich bin gefangen und schon in diesem Augenblicke vielleicht ist der Wagen gepackt, schon jetzt rollt er vielleicht der Residenz zu und die genaueste Untersuchung eines vor Enthüllungen zitternden Weibes durchstöbert jedes kleinste Theilchen seines Inhaltes und wird auch bald entdecken, daß die Rückwand des Pastellbildes auffallend stark, ja fast einem Kästchen ähnlich ist ...

In der That? bemerkten Sie Das? sagte Dankmar.

Aufs Deutlichste.

Geben wir dann nur Eins nicht auf, rieth Dankmar. Das ist die Zeit! Jede Stunde kann noch einen Gewinn bringen, jede Minute das Schlimmste abwenden. Ich bin auf das Schloß geladen. Ich werde alle Fragen wegen meiner eigenen Angelegenheit fallen lassen, da ich Ihr Zeugniß habe, daß Schlurck meinen Verlust schon mit sich geführt hat. Sie und Ihr Interesse sollen mein einziges Augenmerk sein. Ich werde horchen, ich werde forschen, ich [510] werde mir irgend eine Gelegenheit zu Nutze machen, Ihnen zu dienen; aber Sie müssen sich entschließen – so peinlich der Gedanke ist ...

Wozu? sagte Egon, indem er Dankmar's, die kleine Zelle musternden Blicken folgte; ... Sie meinen, ich muß den Gedanken an Freiheit für heute aufgeben –

Das ist es! sagte Dankmar. Nur um Zeit zu gewinnen, setzte er hinzu. Zeit, sich der einen Sache, der im Augenblick wichtigern, widmen zu können. Warum soll ich nicht das Gespräch auf dieses Bild führen können, es nicht ansehen dürfen, warum durch den raschen Druck auf das schützende Glas den Inhalt nicht zum Vorschein bringen? Denken Sie sich diese Überraschung! Ich würde sogleich als Jurist auftreten, ich würde Beschlag auf diese Papiere legen, ich würde sie nicht eher aus der Hand lassen, bis ich nicht den Gefangenen aus dem Thurm befreit hätte, dem sie allein gehören, dem Prinzen Egon von Hohenberg!

Wildungen! rief Egon, sprang auf und warf sich ihm an die Brust, indem er mit stürmischer, Dankmarn fast seltsamer Freude den Bruderkuß auf die Lippen drückte. Wildungen! Sei mein Bruder!

Dankmar, ablehnend, fast erstaunend, ungewohnt solcher Regungen in dieser kühlen Zeit, wollte scherzend erwidern. Aber Egon litt es nicht und sagte:

Eine Vergleichung mit Posa und Carlos wäre lächerlich. Ich habe kein Spanien zu erben! Aber ein Posa bist du, Freund, wie wir, weißt du, schon einmal scherzten. Das Kreuz des Malthesers würde deinen Mantel zieren, wie [511] den tapfersten Ritter, der für das Grab des Erlösers focht ...

Dankmar war erst erschrocken über diese stürmische, ihm doch etwas peinliche Empfindsamkeit, dann aber betroffen über diese Erinnerung an seine eigensten, geheimsten Ideengänge ... dachte er an Siegbert, an Ackermann und den Knaben ... und er hätte sie gern in diesem Bunde gehabt, in diesem Bunde der Freundschaft, der Liebe und des einen Geistes! ...

Eben sagte Dankmar liebevoll und gerührt:

Egon! Gibt es denn noch Freundschaften in unserer Zeit?

Egon wollte erwidern –

Da hörten sie draußen den Riegel gehen. Der Schlüssel im Schlosse drehte sich und schon auf dem Vorplatz machte sich der Thurmhüter vernehmbar mit den Worten:

Ich komme früher, als Sie mich rufen.

Wie er die zweite Thür aufgeschlossen hatte und eintrat, reichte er Dankmarn einen Brief hin.

Der sonderbare Mensch, sagte er, der nach Ihnen in der Krone fragte, hatte keine Ruhe und wollte Sie sprechen. Da Sie nicht kamen und ich ihn nicht herauflassen durfte, schrieb er diesen Zettel an Sie und hat ihn mit vier Siegeln zugeklebt, als fürcht' er, ich würde seine Staatsdepesche lesen. Eigentlich lass' ich mich da auf Sachen ein ...

Dankmar nahm den Brief und erstaunte sowol über[512] die wunderbar schöne, wie in Kupfer gestochene Handschrift, wie über die Adresse, die wörtlich lautete: »An den Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt.«

Dankmar mußte auflachen.

Pfannenstiel spähte und fragte:

Ist Das wirklich an Sie?

Er mußte wol glauben, hier hinter eine verzweigte Gaunerbande zu kommen, die sich in einer eigenen Spitzbubensprache verständigte.

Egon las auch die Adresse und sagte:

Aber Das ist ja erstaunlich! Da ist ja der Ritter Posa schon anerkannt und von einem Schreiber – von einem Schreiber ... diese kupfergestochene Handschrift kenn' ich –

Sie ist von Hackert, der mich nicht nennen will! sagte Dankmar. Jetzt glaub' ich wol, daß er nicht die Peitsche zu führen versteht. Das ist ja meisterhaft geschrieben! Er wollte mich nicht mit Namen nennen, der schlaue Fuchs, und so erinnert die Adresse an einige Erörterungen, die ich mit ihm über das Kreuz auf dem von Schlurck gefundenen Schrein hatte. Bester Pfannenstiel, der Brief ist an mich ... und enthält hoffentlich kein Gaunerlatein!

Schlurck? sagte Egon und setzte leise hinzu:

Alle Briefe, die ich von der Verwaltung meines Vaters empfing, waren von dieser nämlichen Hand geschrieben.

Natürlich, sagte Dankmar ebenso. Hackert war Schlurck's Schreiber ...

Und während noch der junge Fürst seinen Erinnerungen [513] über diesen Gesellen und sein nächtliches Treiben nachhing, eröffnete Dankmar den Brief und las für sich.

Betroffen fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, las noch einmal, lachte dann, nahm rasch seinen Hut und sagte zu Egon:

Nun keine weitern Erörterungen mehr, Freund! Sie würden – er sah auf Pfannenstiel – hier nicht am Platze sein. Noch heute Abend oder morgen früh hörst du mehr von mir. Ergib dich in dein Schicksal! Träume vom Genfersee, von Lyon, von Paris, von der Zukunft und wenn du willst, von der Gräfin d'Azimont! Leb wohl!

Und damit entfernte er sich wirklich zum großen Erstaunen des Schließers, der noch einige Worte mit dem Gefangenen wechselte, ihm alle Bequemlichkeiten versprach und dem »Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt« folgte, den er unten an der Thurmpforte zu finden hoffte. Dankmar war aber schon weit von dannen ... Pfannenstiel schloß die Thür mit gewaltigem Schlüssel zu. Er dachte doch wol:

Wir haben einen curiosen Fang gemacht! Das Examen wird unserer Justiz viel Ärger und Mühe kosten.

Egon nahm aber den Brief, den ihm Dankmar in seiner eiligen, ihn fast verwirrenden Entfernung zurückgelassen hatte.

Er las:

»Ew. Wohlgeboren werden heute Abend auf dem Schlosse sein. Sollte die Rede auf mich kommen, Fritz Hackert heiß' ich, so können Sie Vieles von mir sagen, was [514] Sie wollen, selbst daß ich Ihnen wie ein Esel erschienen bin. So etwas schadet mir da nichts, weil man meine Ohren kennt und was ich hinter ihnen habe. Aber, wenn Sie ein Mann von Ehre sind und Sie es gern hören, daß ich außer einem Wesen, das vielleicht kein Mensch ist, keinen Menschen in der Welt so lieb habe, wie ... nicht etwa Ew. Wohlgeboren, sondern Ihren Herrn Bruder, der mich in einem Augenblicke der Verzweiflung mit Menschenliebe erquickte, so beschwör' ich Ew. Wohlgeboren, sprechen Sie von mir auf dem Schlosse nie wie von Ihrem Kutscher! Ich bin ein elender Mensch und kämpfe mit allen niedrigen Leidenschaften eines jämmerlichen Kerls, der das Gute will, ohne die Organe dafür zu haben, aber ich unterliege wenigstens nicht ganz, wenn ich mich höher hinauf halte, als wohin mich ein grausames Schicksal geworfen hat. Erniedrigen Sie mich da nicht, wo Sie heute wahrscheinlich sehr hoch stehen werden! Denn ich muß Ihnen im Vertrauen mittheilen, daß man im Orte unten und schon oben auf dem Schlosse anfängt, Sie für den Prinzen Egon von Hohenberg zu halten, der im Incognito hierher gekommen wäre, um sich vom Zustande seiner Güter zu unterrichten .... Vielleicht macht Ihnen dies von mir aus bester Quelle geschöpfte Misverständniß Spaß. Ich wünsche, daß Sie Ihren Schrein gefunden haben. Noch einen Rath: Reiten Sie nie mehr mit Pferden von Lasally! Dies unter uns! Übrigens noch mals: Nicht Kutscher! Ich nenne Sie nicht, wie Sie heißen, sondern wie die Aufschrift lautet, weil es Sie vielleicht unterhält, das Vorurtheil zu benutzen [515] und auf dem Schlosse einige Stunden lang den Fürsten Egon von Hohenberg zu spielen! Etwas vom Teufel haben Ew. Wohlgeboren doch auch im Leibe oder sind wenigstens ein Mensch, der mir vorkommt, als könnte er mit der ganzen Welt Fangball spielen!«

Aus diesen zwar rasch, aber ebenso in der Rechtschreibung sicher wie in der Kalligraphie bewunderungswürdig correcten und gefällig geschriebenen, ihm in den Hauptsachen aber dunklen Worten, ersah Egon sehr wol den Grund, warum Dankmar plötzlich laut auflachte und rasch einen Entschluß fassend, so außerordentlich muthig und fast drollig aufbrach. Mit dem heitern und erwärmenden Gefühl, vorläufig einen wahren Freund gefunden zu haben, ergab er sich nun ruhig in ein Schicksal, das durch die Aussicht, wol gar von Dankmar Wildungen jetzt auf dem Schlosse vertreten zu werden, an wunderbarer Verwickelung und abenteuerlicher Verwirrung noch gewonnen hatte.

[516]
7. Capitel. Der Doppelgänger
Siebentes Capitel
Der Doppelgänger

Als Dankmar wieder auf seinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirth gesagt hatte, es gäbe täglich Gelegenheit, Briefe zu befördern, schrieb er aus Rücksicht auf einen nun wahrscheinlich sich etwas verlängernden Aufenthalt an seinen Bruder Siegbert Wildungen:

»Lies den Ariost, theuerster Bruder, und du wirst eine Vorstellung von meinen gegenwärtigen Schicksalen haben! Hätte jener fabelnde Sänger den Zug der Argonauten geschildert, die auszogen gen Kolchis, um das goldene Vließ zu holen, ich wette, seine Erfindungen würden den Abenteuern gleichen, die ich wirklich, ich sage wirklich erlebe. Über mein goldenes Vließ sei vorläufig beruhigt! Ich glaube, daß es in sicherer Hand ist. Willst du ein Übriges thun, so besuche den Justizrath Schlurck und zeig' ihm an, daß er keine Schritte thun möchte, den Eigenthümer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu entdecken. Er würde in der Person deines liebenswürdigen ihm schon bekannten Bruders Dankmar sich ihm bald selbst vorstellen. Auch Peters [517] beruhige und erfreu' ihn mit der Nachricht, daß ich Bello mitbringe, leider nur mit einem solchen Bein, das sich wird heilen lassen, wenn man es noch einmal zerschlägt. Dies Hundeleid, lieber Bruder, ist das einzige Herzeleid dieser Hohenberg'schen Reise! Sonst rüste dich zu einer traulichen Winterabendstimmung, wenn ich anfange dir zu erzählen, was hier schon Alles hinter mir liegt, noch mehr, was bevorsteht. Am Webstuhl der Zeit sitzen doch immer noch recht alte verschlafene Heidenhexen und spinnen auch noch jetzt unsern überhellen Tagen träumerische Märchen und unglaubliche Fabeln. Ich sage dir, Horatio, es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte sich träumen lassen. Wenn es reif sein und ans Tageslicht kommen wird, dann sagt man vielleicht: es war gewöhnlich! Aber im Werden erlebt und mit allen ungewissen, fragwürdigen Umständen der Schicksalszubereitung aus dem Kessel genossen, hat es etwas von Prospero's Insel. Ich wünschte, du sähest, wie ich in meinem Elemente plätschre! Ich werfe mich jetzt eben auf diesen Brief an meinen sanften und vernünftigen Bruder nur, um mich nach allen Regeln des Anstandes zu sammeln vor Beginn eines der lustigsten Tage meines Lebens. Füge nur getrost hinzu: Er wird das Traurige haben, daß ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinst mit vielen trüben Stunden werde bezahlen müssen. Aber Das ist hoffentlich das einzige »Aber« an meinem heutigen frohen Glauben. Zähme deine Neugier und erwarte nichts Gewöhnliches!

[518] Die Welt war uns wirklich ein zu ernstes Drama geworden, Bruder, höchstens manchmal künstlich, ach gar, gar zu künstlich eine derbe Posse, wie sie Policinell mit der Pritsche und mit Prügeln im Kirchweih-Kasten spielt. Heute, lieber Junge, erlebt' ich Dinge, die, wenn du willst, dem Sommernachtstraum angehören, den du so sehr liebst mit seiner Waldeslust, seinen verzauberten Eselsköpfen, seinen herablassenden kritischen Königswitzen und besonders dem Elfenspuke und ihrem die schmachtende Sehnsucht erweckenden Augenbalsam – auch wir verwandeln uns und werden verwandelt, Bruder, und wir wissen wol, Prinz, was wir sind, aber nicht, was wir sein werden ... Hamlet-Ophelia. Meine Gleichnisse erschöpfen sich. Du siehst, mein Junge, ich wollte gern in Deiner Sprache reden. Ich wollte gern deinen Düsseldorfer Senf mit seinen Bildern und Gleichnissen treffen. Was würdest du für gebeizte Augen machen, wenn dich Das träfe, was ich schon Alles hier sah und sehen werde, und wie würdest du dir vorkommen? Ich sähe dich, Siegbert, umwunden von Blumen, mit einer Krone auf dem Haupte ... Elfen umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher, der so etwas nur gemalt und gedichtet sich denken kann, sträubst dich vielleicht gar und sagst zu den necken den Baumnymphen: Meine Damen! Ich bitte, bitte Sie inständigst, inkommodiren Sie sich nicht! Ich bin der Maler Siegbert Wildungen aus Angerode, der sich jetzt aufs Historienfach geworfen hat und von einem hochlöblichen Kunstverein den Ankauf [519] eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet; ich bin ein realistisches Wesen geworden; laßt mich, ihr schönen Fräulein mit blauen Kränzen in dem Haar und dem Maaßliebchen auf der Brust, laßt mich in Ruhe; unsere Schule träumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunstliebender Salondamen, edler Diakonissen und Schwanenjungfrauen. So hör' ich dich, du blöder, schnöder Vernünftling! Aber es würde dir gar nichts helfen. Die Fräulein von der Wiese im Mondschein würden dich auslachen, dich kichernd verfolgen: Schaut! Schaut! Der sträubt sich und will nicht der Sohn des Königs Phantasus sein! Der kennt uns nur aus Büchern und Bildern und weiß nicht, daß wir seine Schwestern sind! Ach, ich wette, du schämst dich dann doch, Bruder, in der Kunst immer kühn und im Leben so bedächtig zu erscheinen, du fängst doch mit den kleinen Creatürchen zu tanzen an im Mondenschein unter den Sternen, die – siehst du denn Das auch jetzt des Nachts? – so schwer und voll wie Traubengehänge auf dich niederlangen, und du nimmst auch das funkelnde Krönlein, das dir in grünen Livreen die Kammerherren der Mondfräulein, die Eidechsen, mit schwänzelnder Höflichkeit präsentiren! Leider bist du nun aber nicht hier und deine Sommernachtstraum-Rolle muß ich spielen, so gut ich kann, wenn auch nimmer so würdig, wie du! Und noch Eins: Erzähl' ich dir einst meine Hohenberger Erlebnisse – ein Einst, das sich in drei Tagen höchstens erfüllen wird –, so setz' dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn, wie du sie gerunzelt hast [520] im Pelikan unter dem Apfelbaum, als ich in feierlicher Stunde bei Froschgequak, Johanniswurmleuchten und beim Duft eines erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im Tempelhause zu Angerode und den Fund der alten Wildungen'schen Recesse und Cessionen erzählte; jammre mir etwa nicht und lamentire über gewagte, unglaubliche, ungesetzliche Dinge und stell' dich nicht wieder, als wolltest du eine Anstellung haben als officieller Pinsel, Constablerhutlackirer oder Criminalmaler, der die Verbrecher malt, die man in effigie verbrennt! Ich sehe nicht ein, warum die Komödie der Irrungen nur auf der Bühne gespielt werden soll. Ist der Wald denn nicht wirklicher als eine Tapete? Die Sonne nicht berechtigter als eine Öllampe? Kann ... ich sage kann ... hörst du? Kann der Acteur jemals stocken, der seine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und sich dabei, wenn nicht an die Regeln des Aristoteles, doch an sämmtliche Regeln des Anstandes und sogar die drei Einheiten des guten Tons hält (Harmonie der Handschuhe, der Cravatte und der Weste), und sich nur Eines als freie Muse ausbedingt, die himmlische, märchengeborene, traumbeglückende, süße Unwahrscheinlichkeit! Siegbert! Siegbert! Ich bestreite es dir mit dem übereinstimmenden Zeugniß aller Elemente, aller Jahreszeiten, aller Krebs- und Nicht-Krebs-Fischerei-Monate und aller himmlischen Zeichen des Thierkreises ... ich bestreite es mit dem Verdict deiner eigenen fünf Sinne, die doch die gewissenhaftesten Geschworenen unsers Urtheils sind ...

[521] Die Welt sieht nicht so aus, wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauses, wo es nur Zeitungen, Kellner, Fidibus, Cigarren und klappernde Dominosteine gibt! Ich bestreite dir, daß Coak-Gas das Hellste auf Erden ist und ein Tunnel das Finsterste. Wie ... o wie wünscht' ich, daß ich – manchmal du wärest ... Wie wünscht' ich, daß du zuweilen spazieren gingest aus deiner künstlichen, gemachten Phantasterei heraus und vor den Thoren die Romantik erlebtest, die du nur zu malen verstehst! Reiße dich los, Bruder, von der classischen Walpurgisnacht deiner Anschauungen, wo nur theoretische Schemen und Larven dich umtanzen, nur alte Weiber, aufgeputzt mit Phrasen, beim Klitschklatsch der Theelöffel-Imagination, die Zaubereien bewundern, die du mit Hülfe der Bücher-Nekro mantik, mit Hülfe der grauen Theorie und des ästhetischen Höllenzwanges aus dem Boden der Trompetta'schen, Mäuseburg'schen, Harder'schen Salons steigen lässest ... wirf die Fesseln ab, die dich an diese tapezirte Welt des Scheines bindet, stürze dich ins Rauschen der Begebenheit, in die immer offenen Arme der Natur und Geschichte, wo du allein erwarmen und nur etwas Dauerndes wie deinen Molay schaffen kannst, auch wenn ihn der flammende Ketzerrichter des Geschmacks und rothe Kunstvereins-Cardinal Propst Gelbsattel verwirft. Dies schreibt dir dein aufrichtiger Bruder, sonst ein passives Meisterstück der Schöpfung, heut' aber ein activer Stümper im Wettkampf mit dem großen Michel Angelo des Lebens, genannt: die Gottheit.«

[522] Wie Dankmar diesen tollen Brief überlas, that es ihm doch fast leid, daß eine so scherzhafte Absicht, die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte, zuletzt in eine ernste Wendung übersprang, die seinen Bruder vielleicht verwunden konnte. Er überlas ihn daher nochmals und voll Besorgniß. Doch ließ er ihn, wie er war, schloß ihn, siegelte mit einer Krone, dem Wappen des Kronenwirthes, und legte ihn getrost zum Absenden zurecht. Er hätte ja nur, sagte er sich entschuldigend, auf sein altes Thema spielend angestreift, das ihn im Gespräch mit dem Bruder schon so oft ergriff. Er hätte ihn ja nur wieder aufgefordert, sich freizumachen von einer gewissen mehr gelehrten als natürlichen Begeisterung für seine Kunst. Siegbert's Geschmack schien ihm zuweilen mehr der Geschmack der Schule als des eignen Bedürfnisses zu sein. Alle Anspielungen Dankmar's auf Meister William und die Elfen, auf Ariost und die Abenteuer, auf Goethe und die Gespenster waren kleine Spöttereien auf Siegbert, der sich zur Zeit in dieser vorgezeichneten Richtung des Schaffens noch sehr gefiel. Salonromantiker nannte ihn Dankmar oft, wenn Siegbert in vornehme Gesellschaften geladen wurde und mit Andacht zuhörte den Vorlesungen über Kunst und Poesie, die in gewissen Kreisen der Gesellschaft Mode waren, besonders als noch die jetzt politisch gestimmte Pauline von Harder in dieser Richtung den Ton angab und Alles um sich versammelte, was in Wissenschaft und Kunst glänzend hervortrat ... Mag er's nehmen, sagte sich Dankmar, wie er's immer genommen [523] hat! Als Anregung zur Selbstprüfung oder Gelegenheit, mich eines Bessern zu belehren und ihn um Verzeihung zu bitten.

Mit diesem Briefe, mit den Erzählungen des Wirths über Hackert's ängstliches Forschen, mit der Nachfrage nach dem Befinden seines Gauls und einem Besuch im Stall, endlich mit der nicht leichten Aufgabe, aus seiner beschränkten Reisetoilette eine Art nonchalanten Reisenegligées herzustellen, verging die Zeit bis zur sechsten Stunde. Endlich setzte er den wohlausgebürsteten, von Staub gereinigten weißen Castor auf und musterte sich in dem kleinen Spiegel seines Zimmers, dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der eigentlich nur Fragmente von Dem wiedergab, der sich in ihm erkennen wollte. Diese Fragmente sagten Dankmarn, daß er wirklich an Wuchs fast dem Prinzen gleich war. Er hatte sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm, nur daß sein bräunliches Haar heller, gelockter, das schlichtere kurzgeschnittene Egon's dunkler war. Sein kleines Stutzbärtchen kleidete ihn zierlichst und die klugen Augen funkelten so unternehmend, daß sie wol dem Zuge von Ironie und Schalkheit an den Mundwinkeln entsprachen, der Hackerten bestimmen konnte, mit soviel Respect von dem Manne zu reden, der ihn, ehe er ihn nachtwandelnd im Heidekrug gesehen, so kräftig im Zaume hielt. Gewöhnt, sich immer gut zu halten, konnte Dankmar keinen Anstoß nehmen, sich so wie er war auf dem Schlosse zu zeigen. Hatte er doch die Gesellschaft oben nicht selbst [524] gesucht, ihre Einladung nicht erwartet. Sein zerknittertes Halstuch bügelte ihm die Magd frisch auf. Leicht schlang er es um den Hemdkragen, der ihn am meisten beunruhigte, wenn man nicht die Blicke, die er auf seine Handschuhe warf, noch besorgter nennen will. Indessen sagte er sich:

Bin ich oben Dankmar Wildungen, so bin ich auf dem Impromptu einer Reise begriffen. Bin ich Prinz Egon, so hab' ich noch den Vortheil voraus, als Tischlergesell direct aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Communisten zu spielen, das heißt, mit einer großartigen Verachtung des äußern Luxus meine geheimen Pläne unterstützen zu können.

Als Dankmar zum Schlosse gegen Abend hinaufstieg, war es ihm unangenehm, daß er merken konnte, er vertriebe für heute die gewohnten Gäste. Einige Damen schritten an ihm vorüber und betrachteten ihn zwar höchst neugierig, aber misgünstig. Dankmar kannte nur zwei, die Eine, die ihm noch die freundlichste war, die Pfarrerin, die duldend und nachgiebig schien, und die Andere, die im vollen Staate befindliche aber zornglühende Frau Justizdirektorin von Zeisel, die Dankmar's Gruß höchst spöttisch erwiderte.

Himmel, dachte Dankmar, du erregst schon Misgunst, statt Theilnahme. Das ist kein guter Anfang! Und noch schlimmer, daß Niemand an mein Incognito glaubt. Hackert hat gelogen. Keiner denkt daran, mich als etwas Geheimnißvolles zu bewundern.

[525] Weiterhin rollte ein Wägelchen von einem knarrenden Hemmschuh gehalten an ihm vorüber und gleichfalls den steilen Berg hinunter. Eine Dame mit zwei Herren saßen darin. Alle Drei lorgnettirten ihn. In dem jüngern erkannte er den Stallmeister Lasally, von dem er oft einen Gaul gemiethet hatte, ohne indessen mit dem schroffen und etwas unzugänglichen Herrn selbst in Berührung zu kommen. Er warf Dankmarn einen entschieden verächtlichen Blick zu und musterte ihn von unten bis oben, sodaß sich Dankmar fast beleidigt fühlte.

Unentschlossen, ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen sollte, hörte er sich von einem andern ausfliegenden Gaste angeredet, von einem Manne, in dem er den Pfarrer erkennen mußte. Diesem schien die Abweisung am allerverdrießlichsten zu kommen. Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus seinen Augen, als er dem Günstling des Abends begegnete ...

Sie sind erwartet, mein Herr, sagte Stromer. Man muß Sie glücklich preisen, mit Fräulein Melanie den Thee trinken zu dürfen ...

Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging der erzürnte, fast verwirrte Mann vorüber.

Dankmar wußte nicht, wie ihm geschah. Er kannte alle diese Menschen nicht, in die er so plötzlich wie ein brennender Schwärmer hineinfuhr und die er zu ihrem Ärger auseinandersprengte! Der Geistliche schien ihm vollends die Besinnung verloren zu haben. In seinem Auge lag etwas Irres. Er übersah sehr rasch, daß diese Gäste heute [526] sich wie täglich von selbst eingefunden hatten und mit der Bitte begrüßt worden waren, sie möchten entschuldigen, daß sie diesmal nicht gebeten würden, den Abend über dazubleiben, da ein der Familie Schlurck sehr werther Fremder sie aus mancherlei Rücksichten allein in Anspruch nähme ... Wenn Dem so war, so durfte er darin eine höchst feierliche Vorbereitung erkennen und einen noch nicht sehr weit umgegriffenen Verdacht über seine Person oder eine Hackert'sche Flunkerei. Als ihm aber dann doch der alte Herr, der ihn eingeladen hatte, auf halbem Wege entgegenkam und ihn versicherte, die Herrschaft wisse ihm für die Annahme seiner Einladung den größten Dank, als Dankmar sah, daß man ihn wirklich wie eine Standesperson einholte, konnte er nicht umhin, ganz aufrichtig zu sagen:

Ich bin überrascht, mein Herr, wie die Reise, die ich zur Wiederauffindung eines mir sehr werthvollen Eigenthums machen mußte, mich in eine so freundliche Berührung mit der Familie des Mannes führt, dem ich ohnehin schon, wie ich zufällig unterwegs im Heidekrug erfuhr, die Rettung meines Verlustes verdanke.

Bartusch fixirte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge, räusperte sich und bat den Gast, er möchte, er bäte sehr darum, des Schreins, von dem auch er schon gehört hätte, keine Erwähnung thun. Die Wiederauffindung desselben wäre zufällig mit Umständen verknüpft, die in Madame Schlurck gewisse unangenehme Empfindungen hervorriefen ... Gedanken, die sie doch lieber nicht [527] wecken wollten. Es thäte ihm leid, darüber dunkel bleiben zu müssen.

Eine so geheimnißvolle Äußerung mußte Dankmar's Neugier eher steigern; doch fügte er sich gern der sonderbaren Bitte, die einen Gegenstand betraf, über welchen er sich jetzt vollkommen beruhigen zu dürfen glaubte.

Auf dem Schloßhofe trafen sie dann den großen Transportwagen des Intendanten.

Welch ein Ungethüm! rief Dankmar. Das ist ja kein Wagen! Das ist ein wandelnder Salon, in dem man tanzen könnte ....

Bartusch erklärte ihm mit lauerndem Blicke die Bestimmung dieses großen Behälters.

Doch nicht Alles schon gepackt? fragte Dankmar dringend.

Zum größten Theil, antwortete Bartusch, überrascht von dieser Frage. Noch heute Abend wird Herr von Harder abreisen. Zwei Gendarmen sind ihm vom Landrath als Begleitung zur Verfügung gestellt ...

Dankmar schüttelte ärgerlich den Kopf, blieb stehen und öffnete die Hinterthür des Wagens.

Derselbe Bediente, den er im Thurm gesehen hatte, saß völlig aufrecht wie ein Wächter auf den sehr geordnet zusammengestellten Möbeln und grinzte ihn boshaft an ...

Lieber Himmel! äußerte sich Dankmar lachend zu Bartusch, zwei Gendarmen? Wie streng wird Das hier genommen! Es scheint, als wenn in Plessen die Justiz viel zu thun hat. Die arme Blouse im Thurm leidet darunter.

[528] Ihr hat, wie mir der arme Mensch erzählte, ein Bild gefallen, weil es nicht wie die Andern glänzend, sondern nur wie mit buntem Staub gemalt ist. Er wollte sich diese Art zu malen genauer betrachten und – Gehen denn die Familienbilder auch schon in die Residenz?

Die letzte Äußerung Dankmar's wurde von ihm so hingeworfen, um ihre Wirkung zu beobachten.

In der That war aber diese Wirkung nicht gering. Bartusch riß die Augen auf, richtete sich in die Höhe und zweifelte keinen Augenblick, daß eine solche Äußerung nur von dem Prinzen selbst oder dem intimsten Vertrauten desselben kommen konnte.

Die Vermuthung, daß der im Thurm Sitzende ein Jäger oder Kammerdiener des Prinzen Egon war, stand längst bei ihm fest.

Leider, sagte Bartusch, hat der Vorfall von heute früh den Geheimrath so alterirt, daß er nun auch sämmtliche Bilder sogleich in den Wagen tragen ließ!

Sämmtliche Bilder? sagte Dankmar, unangenehm betroffen.

Allerding's! fuhr Bartusch lächelnd und fein fort. Ich zweifle indessen nicht, daß sich der Monarch ein Vergnügen daraus machen wird, nicht nur, wie ausdrücklich bedungen ist, alle Familienbilder zurückzustellen, sondern auch den jungen Prinzen durch manches andere werthvolle Andenken an seine Mutter zu erfreuen. Was die Administration der Masse thun kann, um alle diese Verwickelungen angenehm zu lösen, alle diese herrlichen [529] Besitzungen beisammen zu lassen und dem jungen Fürsten an ihnen Freude und Gewinn zu sichern, wird gewiß geschehen. Es ist viel von der Vergangenheit gut zu machen, aber bei einigem guten Willen von Seiten Derer, die hier zu fodern haben, und bei Kraft und Ausdauer von Seiten Derer, die wol für den Augenblick verlieren müssen, läßt sich für die Zukunft mancherlei wiederherstellen.

Dankmar nickte beifällig. Die wohlgesetzten Worte gefielen ihm an und für sich schon. Dann aber an die Bilder sich erinnernd, warf er einen schmerzlichen Blick auf den großen bewachten Wagen, von dem sie sich nun entfernten und unterdrückte den Seufzer nicht, der Bartuschen auszudrücken schien, als wollte er sagen: Sie sprechen gut, aber Ihre Wünsche sind vergebens!

Mag er ihn in diesem Sinne nehmen, sagte sich Dankmar, der trotz der Gendarmen vor der wirklichen Abfahrt des Wagens den Muth nicht verlieren wollte; mag er denken, ich bin der Prinz! Ob ich Dankmar Wildungen oder Egon bin, was thut Das hier!

Still jetzt bei sich überlegend, was sich nun wol noch wagen und unternehmen ließe, folgte er dem Führer über die große steinerne Treppe, die in den ersten Stock ging. Einige hübsche Mädchen betrachteten ihn neugierig und sehr pressirt, einige leichtfertige Bediente mistrauisch. Vom Intendanten entdeckte er nichts, obgleich sein Blick in die Reihe der Zimmer fiel, die Se. Excellenz mit so strenger Consequenz ausgeleert hatten. Er hoffte nicht, [530] daß auch der Geheimrath zu den abgewiesenen gehörte. Diesem noch begegnen zu können, schien ihm unerläßlich. Bartusch öffnete eine hohe Saalthür. Dankmar durchschritt einige Gemächer, bis er endlich in dem von Melanie eigens zu seinem Empfang vorbereiteten Flügel- und Eckzimmer eintrat.

Die beiden Damen, die sich ihm heute ganz allein widmen wollten, waren schon zugegen ....

Melanie's seit dem Morgen von Stunde zu Stunde gewachsene, durch die abschlägige Mittagsantwort nur gesteigerte Spannung war denn nun endlich gelöst. Die Erfüllung ihrer Sehnsucht stand vor ihr. Sogleich erkannte sie die in der That treffende Ähnlichkeit dieses Besuchers mit jenem Siegbert Wildungen, der ihr soviel Aufmerksamkeit, Verehrung und Liebe zollte, und sogleich begann sie von diesem Siegbert und brachte Dankmarn durch ihre Schönheit, ihre reizende Toilette und die in ihm geweckte Voraussetzung, der Bruder hätte ihm doch längst von ihr erzählen sollen, was nicht geschehen war, in eine Verlegenheit, bei der er sich verwickelte und sich nicht sogleich fassen und sammeln konnte. Das traf denn allerdings rasch mit einem schlauen blitzschnell zugespielten Winke Bartusch's zusammen und in glücklichster Überraschung wisperte Melanie bei einer leichten Wendung des Kopfes der Mutter zu:

Es ist der Prinz!

Dankmar gehörte zu denjenigen jungen Männern, die früh unter Frauen und Mädchen sich tummelnd dem Reiz [531] des andern Geschlechts, den es so überwältigend auf unreife Neulinge ausübt, schon abgestumpft haben. Siegbert floh in seiner ersten Jugend aus Schüchternheit die Frauen und erlag deshalb später um so mehr ihrem Reiz und fast jeder vertrautern Annäherung. Dankmar dagegen hatte schon als reifender Knabe gebildeten Frauen im Gespräche sozusagen standgehalten, kleine Liebschaften mit jüngern gepflegt und erschrak nun nicht mehr zu heftig vor der zauberischen Gewalt des Weibes. Aber diese Melanie blendete ihn doch. Und wie sollte sie's nicht in dem weißen, sich aufbauschenden Kleide, das sie umflutete wie eine leichte Wolke? Zeigte diese ungesuchte und einfache Tracht doch fast nichts als sie selbst! Sie selbst in der plastischen Schönheit ihrer Formen, im Ebenmaß ihrer leicht behenden Glieder, im frischen Ton des Incarnats, dem man von Dem, was unverhüllt sich zeigte, ahnend ins Verborgene folgte. Melanie besaß heute noch mehr Anziehung als je; denn sie hatte warten, sich sehnen, sich vor sich selbst demüthigen müssen. Diese Sehnsucht malte sich in ihren Augen, die feuchter als sonst strahlten. Auf der kleinen, edlen Stirn und an den hohen, frei leuchtenden Schläfen lag ein Ernst, der ihr sonst fremd war. Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie schon dadurch verloren, daß sie heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein mußte. Wie malte sie sich nicht den Tag über aus, was sie Alles vom Prinzen schon wußte und noch im Laufe des Tages erfuhr! Wie verlor sie sich in Möglichkeiten der Zukunft! Wie überdachte sie [532] die Abenteuer, die schon von dem Prinzen alle erzählt wurden! Wie natürlich fand sie diesen geheimnißvollen Besuch auf einem Schlosse, das er mit seinem wahren Namen nicht sehen mochte, um nicht vor Denen gedemüthigt zu werden, die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte! Wie hatte sie diese Gläubiger im Laufe des Tages verspottet, wenn sie rechneten und maßen, ob sie wol vorziehen sollten, selbst diese Herrschaft anzukaufen oder sich in ihr Deficit ruhig zu ergeben! Wie entschieden hatte sie jeden Besuch für heute zurückgewiesen, um dem unglücklichen jungen Fürsten die Demüthigung zu ersparen, Menschen zu sehen, zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters gemacht hatte! Bartusch hatte die größte Mühe gehabt, diese Ablehnungen so höflich wie möglich einzukleiden ...

Dankmar, seine bedenklichen Handschuhe allmälig ganz unbelauscht ausziehend, begann mit Entschuldigungen über seine Garderobe, die nur für eine plötzliche Geschäftsreise eingerichtet wäre ...

Als er dafür von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen hatte, sagte er:

Meinem Bruder muß ich die bittersten Vorwürfe machen, daß er mich von dem Glück einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat, die er mir vielleicht nicht gönnte. Seit wann kennen Sie ihn?

Seit einigen Wochen, erwiderte Melanie ... ungläubig lächelnd und mit den Augen blinzelnd, als müßte sie sich beherrschen, nicht laut in Lachen auszubrechen.

[533] Dann entschuldigt ihn, sagte Dankmar, meine längere Abwesenheit. Finden Sie, daß wir uns ähnlich sehen?

Erstaunlich, sagte die Mutter. Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus größern Gesellschaften, die wir gaben, erinnerlich, allein meinst du nicht, Melanie – die Augen – ich meine die Augen –

Warum nicht gar! sagte Melanie. Es ist eine große Ähnlichkeit da, aber der Ausdruck und die Art ist eine völlig andere. Von den Augen zumal, Mutter, darfst du nicht reden. Siegbert's Augen haben einen schönen frommen, leuchtenden Glanz; entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost, auf dem ich und Herr Siegbert verspottet sein sollen? Man erkennt die verklärte Stimmung einer nur zu regen Begeisterung bei ihm, aber die Ihrigen, mein Herr, sind etwas unheimlich, etwas bös; man möchte ihnen kein Vertrauen schenken ....

Dankmar bedankte sich für eine Rüge, die doch nichts als eine coquette Schmeichelei war. Das Gemälde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt. Ein Gemälde, auf dem Melanie und sein Bruder verspottet wären? Sein Bruder verspottet? Verspottet von dem ihm wohlbekannten, Siegbert befreundeten Leidenfrost? Darüber verfiel er in eine wahre, gar nicht erkünstelte Verlegenheit und wußte nicht, was er dazu sagen sollte.

Die Justizräthin, diese Verlegenheit vollkommen durchschauend, nahm das Wort und entschuldigte den so kleinen Cirkel, mit dem man ihn begrüße. Sie hätte ihn anfangs für menschenscheu gehalten. Man hätte ihn hier und [534] dort allein lustwandeln sehen; zum Schlosse empor hätte er nie blicken mögen ... so wäre es gekommen ... daß ...

Sie lieben die Einsamkeit, unterbrach Melanie die ehrliche Mutter, die nicht gut Komödie spielen konnte. Es ist bekannt, Mutter! Herr ... Herr ... Herr Wildungen sind ein Einsiedler.

Dankmar mußte sich im Stillen sagen, daß bei ihm gerade das Gegentheil stattfand; doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst, sich die schwermüthige Miene zu geben, die Melanie's Ausspruch voraussetzte ...

Als er lächelnd verlegen niederblickte, sagte Melanie rasch:

Kennen Sie den Prinzen Egon?

Den Prinzen? – Ich kenne ihn ... sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne Überlegung.

Wie, fuhr Melanie elektrisirt auf, Sie kennen Jemanden, den Niemand kennt? Wo ich gefragt habe: Wer ist Prinz Egon? Wie ist er? Wo ist er? Nirgend hab' ich eine klare und deutliche Antwort bekommen. Es ist der Mann der Sage, der Anekdote, der Fiction. Und Sie wollen ihn kennen?

Dankmar fühlte wol, daß er sich hatte fangen lassen. Aber einmal im Netze, beschloß er, das Netz auch nicht mehr zu zerreißen und lieber von der Möglichkeit, ihn selbst für Egon zu halten, die Vortheile zu ziehen, die sich ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten würden.

Es ist zu weitläufig, sagte er, Ihnen zu erzählen, wo ich [535] den jungen unglücklichen Erben dieses Fürstenthums kennen lernte, aber ich kenne ihn.

Melanie biß sich, um nicht zu lachen, auf die Lippen. Sie erröthete und stützte sinnend das Kinn auf ihre Arme, die sie im Schooß zusammenlegte. Von unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer, das gleichsam zu sagen schien: Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert, ich froher Schmetterling, aber von allen Huldigungen, die ich empfing und als Siegerin zurückwies, könnte mich keine mehr zur Sklavin machen, als die deinige, du schöner, männlicher, liebenswürdiger Schalk ....

Wird der Fürst in der Residenz wohnen? fragte sie dann, sich allmälig sammelnd.

Er wird in der Residenz wohnen, sagte Dankmar bestimmt.

Also behält er das herrliche Palais seines Vaters? fuhr die Mutter neugierig und schon ermuthigter fort.

Das Testament bestimmt es so. Er wird sich dem Willen seines Vaters nicht entziehen, sagte Dankmar.

Das Palais soll wunderschön eingerichtet sein, forschte Melanie.

Unter den brennenden Kronenleuchtern, erwiderte der kecke, übermüthige Dankmar, unter den Blumen und Lichtern, deren Widerschein sich in den Spiegeln des Pavillons bricht, wird er der Vergangenheit gedenken.

Diese Antwort ward von Dankmarn mit absichtlicher Zweideutigkeit gegeben. Das Quiproquo fing an, ihm Vergnügen zu gewähren. Er dachte sogar: Wartet nur, ich [536] will Euch für Eure Eitelkeit, Eure Genußsucht, Euer irdisches Behagen strafen ....

Melanie sprang auf. Sie konnte kaum zweifeln, den jungen Fürsten vor sich zu haben. Rasch, aber ihrer Empfindungen völlig Herr und jetzt sich wol hütend, die stürmische Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen, sagte sie mit spottendem Humor:

O liebe Mutter, sieh, hier geht der Tisch auseinander! Man wird eine Einlage machen müssen! Prinz Egon fehlt mit seinem Hobel! Der gute Prinz soll ein Tischler sein ... hoffentlich hat er es so weit gebracht, einen solchen Schaden zu heilen. Er wird hier viel zu thun bekommen. Ich möchte nur wissen, ob er sich bei uns einen Gewerbeschein lösen wird ....

Hannchen Schlurck, die Mutter, sah bald zu Melanie strafend, bald zu Dankmarn bittend und höchst verlegen hinüber ....

Dankmar aber faßte sich sehr rasch und bemerkte in völliger Ruhe:

Mein Fräulein, diese Reparatur macht sich besser durch einen Schlosser. Er nimmt zwei eiserne Krammen, macht sie glühend und schlägt sie, gerade während sie glühen, hier an den Ecken – der Tisch erlaubt es, da er ja nicht immer bedeckt ist – so ein, daß sie im Holze selbst abkühlen. Verstehen Sie? Die Abkühlung zieht dann die beiden Tischblätter allmälig zusammen. Erkaltend werden die Eisen kleiner.

Melanie lachte laut auf und klatschte in die Hände.

[537] Das ist symbolisch zu verstehen! rief sie. Das ist das Bild einer guten vernünftigen Ehe, liebe Mutter. Die Abkühlung durch die Vernunft, sagtest du ja immer, ziehe nur um so enger zusammen. Übrigens, Herr von Wildungen, Das werd' ich dem Maler, meinem Freunde Siegbert Wildungen, erzählen. Er wird erstaunen, einen Schlosser zum Bruder zu haben. Ha! ha! ha! Ihr klugen Männer!

In dieser Art tändelte sie fort. Ihre Neckereien galten Allem, was man vom Prinzen Egon wußte, und Dankmar erwiderte ruhig aus Absicht und par dépit in demselben Doppelsinne. Was er im Thurm erfahren hatte, kam ihm dabei zustatten. Er gab über Egon's Plane so gründliche Auskunft, wies so entschieden jede Aufklärung über die Art, wie er dessen Bekanntschaft gemacht hätte, zurück, daß Melanie allmälig wirklich vorsichtiger wurde. Die Vorstellung, für diesen bei allem Unglücke doch in der Gesellschaft so hochgestellten jungen Mann von einer Leidenschaft ergriffen zu werden, machte ihr bald das Herz beklommen. Die Folgen waren so unabsehbar, die möglichen Verwickelungen viel ernsterer Natur, als sie den kleinen Tumulten ihrer Gefühle bisher gestattet hatte.

Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein.

Dies war ein Zeichen für die Mutter, sie allein zu lassen. Die ängstliche Frau, die von Bartusch's Andeutungen über Schlurck's nächtliche Wanderungen noch nicht ganz die Verstimmung des Morgens verloren hatte, auch in dem Erscheinen des Prinzen auf Hohenberg kein für [538] die Angelegenheiten ihres jetzt von der Politik zerstreuten Mannes gutes Zeichen erblickte, ließ das jugendlich schöne, leichtsinnige Paar allein. Bediente brachten auf den Zug einer Schelle für Melanie einen leichten Überwurf von blaßrother Seide, rings am Rande mit den feinsten schwarzen Spitzen besetzt. Bei der Art, wie sie im Garten diese Mantille trug, hätte man glauben sollen, sie wäre mehr bestimmt gewesen, von der Schulter herabzufallen, als sie zu bedecken. Denn Dankmar konnte sie nicht oft genug über den schönen Bug des Rückens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft genug konnte sie Melanie wieder entgleiten lassen, bis sie sie zuletzt gewaltsam griff und wie einen altdeutschen Radmantel über die eine Schulter warf und unter der andern sie mit beiden Armen ohne Rücksicht auf die Falten zusammenpreßte.

Beim Hinuntersteigen zeigte sie Dankmarn die Zimmer der Fürstin, die nun ganz leer waren, wie Dankmar zu seiner großen Betrübniß bemerkte. Unten spottete er mit wirklichem Zorn über das Ungethüm des Wagens und ereiferte sich gegen den Geheimrath, der aus einem Fenster etwas steif grüßte.

Ich halt' ihn jetzt für meinen Feind! sagte er zu Melanie, die ihm mit neckischer Laune und wunderbar rasch sich entwickelnder Vertraulichkeit den kleinen Roman erzählte, den sie mit diesem gewissenhaften Manne aus Langerweile angesponnen hätte ...

Denken Sie sich, sagte sie, als sie in den Garten traten und sie beim Hinabsteigen von den kleinen Stufen und [539] hügelartigen Abdachungen sich zuweilen auf Dankmar's Arm stützte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen über die Arme gehenden langen Spitzenhandschuhe unwillkürlich fühlen ließ; denken Sie sich, daß ich entdeckt habe, wie man dieser hölzernen Exeellenz beikommen kann, um sie lächeln zu machen! Ich versuchte es mit vielen Huldigungen, aber er blieb ungerührt. Endlich bemerkte ich, daß es die gütige Natur freundlicher mit ihm gemeint hatte, als er es verdiente! Trotzdem, daß er Alles in Allem genommen ein Esel ist, hat sie ihm doch nur ganz kleine Ohren an seinen eingebildeten Kopf gesetzt. Auf diese Bemerkung hin ist dieser wichtige Mann im Staate vor mir so klein geworden, daß er jetzt, weil ich ihn nicht erhörend aufhob und in seine natürliche Höhe richtete, mit mir boudirt. Er bildet sich ein, ich wäre Mitglied einer Verschwörung gegen seine Würde und Amtsehre, die ihm deshalb sehr schwer zu behaupten wird, weil die Natur nicht gewollt zu haben scheint, daß er etwas Anderes wird als der dumme Sohn eines sehr achtbaren und allgefeierten Vaters. Denken Sie sich, dieser Mensch spricht bei jedem dritten Satz von seinem Papa! Nicht weil er den General en Chef unserer Justiz, der in der That, wie Themis es ganz sein soll, halb blind ist und nur noch Hunde, Katzen, Affen, Raben und ein herrliches Geschöpf liebt, das sich Anna, nicht Pauline von Harder nennt, seiner gutmüthigen Eigenschaften wegen kindlich verehrt, sondern weil es ihm selbst, dem Sechziger, ein gar kindlich rührendes Aussehen gibt, noch in seinen Jahren von [540] einem Papa zu reden. Wissen Sie denn, bester Wildungen, daß Der, der schön sein will, immer eine häßliche Folie neben sich haben muß und daß die alten Coquetten gar zu gern von ihren Müttern sprechen?

Ich lerne Weltkenntniß von Ihnen, Fräulein Melanie, sagte Dankmar zu dem ihn plaudernd unterhaltenden Mädchen. Aber welche Verschwörung erwähnten Sie da? Erzählen Sie doch! Jener Auftrag, den der Geheimrath hier mit brutaler Strenge vollzieht, interessirt mich ....

Melanie, die im Stillen dachte: Das wollt' ich meinen! fuhr fort:

Ich hatte bereits die schönste Toilette zu unserm durch sie verunglückten Diner gemacht und dem Geheimenrath zwei mal seine Morgenvisite abgeschlagen, als ich ihm selbst eine in den Zimmern der Fürstin machte. Ich wollte jenes Portrait sehen, von dem es hieß, daß es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen gefallen hätte ....

Wohnten Sie der Scene bei? fragte Dankmar gespannt.

Nein, antwortete Melanie. Vor rohem Lärm flieht eine Furchtsame wie ich bin, und doch bedaur' ich, daß ich nicht in den Hof hinunter sah, als man einen Mann fortschleppte, der doch sehr leicht, wie Bartusch vermuthet, ein verkleideter Kammerdiener des Prinzen Egon sein konnte. Sie werden Das besser wissen, wie ich, denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Thurme ein Tête à Tête gehabt?

Es brannte Dankmarn auf der Zunge, mit seinem[541] Anliegen offen hervorzutreten, sich entweder diesem klugen Mädchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn des Misverständnisses weiter zu gehen. Melanie durfte eine Antwort, eine Aufklärung über den Gefangenen erwarten. Sie sah ihn forschend an. Dankmar schlug in ganz natürlicher Verwirrung die Augen nieder und sagte nach einer Pause:

Der Gefangene steht allerdings dem Besitzer von Hohenberg sehr nahe ... der Prinz kann wol Ursache haben, jenes Bild vor den Trödlern zu retten. Es ist mindestens das Bild seiner Mutter!

O welche lieblichen Züge! sagte Melanie mit Innigkeit. Wie hätt' ich das Bild mit Küssen bedecken mögen! Die herrlichen braunen Augen! Die edle Stirn! Der holdselige Mund mit einem Ausdruck stillduldenden Schmerzes. Wissen Sie, wen ich mir so denke, Prinz?

Nun? sagte Dankmar gespannt und die Anrede: Prinz! vor Erwartung ganz überhörend.

Prinz? ... wiederholte sich Melanie fast erschreckend im Stillen. Sie staunte, daß er diese Anrede so ruhig geschehen ließ und nichts erwiderte, als drängend noch einmal: Nun? Nun? Wem sieht das Bild ähnlich?

Ich denke: der Gräfin d'Azimont! sagte Melanie mit gezogenem Tone und wandte sich rasch, als wollte sie in ihm den Eindruck beobachten, den dieser Name auf ihn hervorbringen würde.

Dankmar kam aber in der That in Verlegenheit. Er hatte den Namen der Gräfin d'Azimont im Thurm nennen [542] hören, wußte auch, daß ein französischer Attaché einst in der Residenz so hieß und die Gräfin jedenfalls eine Schönheit war, weil sie sonst Egon's sonderbare Laufbahn in Frankreich nicht, wie es schien, würde unterbrochen haben; aber es blieb doch die reinste Natürlichkeit, als er ganz unbefangen fragte:

Was wollen Sie mit der Gräfin d'Azimont?

O Sie Schelm! sagte Melanie, den Finger aufhebend. Sie wollen den Prinzen Egon kennen und wissen nicht, was mir die Excellenz erzählte, als sie mit dem größten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben, um es in den Wagen zu tragen? Die Excellenz war erschrocken sogar über ihre eigene Unfreundlichkeit. Excellenz, sagt' ich, ich wäre im Stande, Sie an einem Ihrer kleinen Ohrzipfel empfindlich zu kneipen. Wie können Sie mich so abscheulich anfahren? Er sprach ein Kauderwälsch durcheinander von gefährlichen Intriguen und höhern Befehlen und endete dann, um mich auf andere Gedanken zu bringen, damit, daß er sagte, dies Bild der jungen Fürstin Amanda erinnere ihn sehr an die Geliebte des Fürsten Egon, die Gräfin d'Azimont?

Dankmar lächelte, aber bedeutsam ....

Zum Glück, fuhr Melanie wie eifersüchtig fort, zum Glück ist diese schöne Dame verheirathet. Ich bemerkte Das schon Herrn von Harder. Sie lebt in Paris, setzte er plaudernd hinzu, um mich zu zerstreuen und das alte Vertrauen wieder zu gewinnen. Lebe sie wo sie wolle! Sie verderben mir die Freude an diesem Bilde, sagte ich.

[543] Er misverstand meinen Unmuth, glaubte, ich neckte ihn und ließ mich die Folter ausstehen, daß er mir nach Tisch, er nahm Ihre Stelle ein, in einer Fensternische Dinge sagte, wie sie Prinz Egon der Gräfin d'Azimont nicht feuriger vortragen kann. Alles Das kommt von Ihrer Gräfin, die in Paris vergessen hat, daß sie verheirathet ist! O gehen Sie, Wildungen, mit Ihrer leichtsinnigen Gräfin d'Azimont!

Fräulein ...

Ja, ja, Sie .... Schämen Sie sich solcher Verhältnisse ....

Welcher?

Eine verheirathete Diplomatin! Gewiß ist sie sehr schön, aber auch gewiß sehr intriguant! Gewiß sehr coquett! Ich habe das Schlimmste von der Gräfin d'Azimont erfahren .... Und wenn sie nun gar der Fürstin Amanda gleicht, kann ich nur noch viel Schlimmeres von ihr denken.

Ich muß gestehen: Sie haben die Phantasie dafür! sagte Dankmar.

Gleichviel! Sie mögen mich nun tadeln oder den Maler des Bildes oder den gütigen Schöpfer .... Wenn die Gräfin d'Azimont dem Bilde gleicht ... ich tadle sie doch .... Die Nase auf dem Pastellgemälde war nicht schön.

Dankmar mußte über diese Wendung lachen. Melanie boudirte künstlich .... Er war entzückt von der Coquette-rie des eifersüchtigen Mädchens.

Mit halb künstlichem, halb natürlichem Ärger und von einer Eifersucht gefoltert, als wenn sie alle die Menschen, [544] die sie doch nur dem Namen nach kannte, leibhaftig schon vor sich sähe, hüpfte Melanie fort.

Dankmar ihr nach ....

Melanie sprang Stufe von Stufe die Terrassen herab bis zu jenem griechischen Tempel hinunter, der einen so stillen Fernblick in das waldige Gebirge und die unterhaltende Nähe der sich hier kreuzenden Wege erlaubte. Melanie war so geeilt, so hastig an der alten, eben von dem kranken Gärtner kommenden und kopfschüttelnd stehenbleibenden Brigitte vorübergeschritten, daß sie auf eine Bank des Pavillons niedersank und Dankmarn das schöne Schauspiel ihrer mächtigsten Erregung bot. Den Überwurf hatte sie im raschen Gehen und dem Herabspringen von den Stufen, eine zweite Atalante, um ihn aufzuhalten, unterwegs fallen lassen. Er mußte auch, während sie lachte, innehalten und ihn aufheben; jetzt schlug er den Überwurf über den Nacken und die wogend sich hebende Brust. Auf der Erde suchte er eine große goldene Nadel, die gleichfalls ihrem Haar entfallen war und die zurückgesteckten Locken gehalten hatte ...

Lassen Sie nur, sagte sie und strich sich die Haare hinters Ohr, wo sie nicht halten wollten, und von der einen Seite nach vorn fallend, ihr einen schwärmerischen Ausdruck gaben ...

Lassen Sie nur! ... Sie müssen mir jetzt sagen, fuhr sie nach einer Weile, während sie Dankmar glückselig betrachtete, gesammelt fort; Sie müssen mir jetzt sagen, wie die Gräfin d'Azimont das Haar trägt. Ich will gar keine [545] künstliche Frisur mehr tragen, bis ich nicht weiß, wie diese abscheuliche Coquette sie trägt ....

Dankmar war in der That von der Liebenswürdigkeit des Mädchens, das sich in den gewagtesten Capricen gefiel, bezaubert ....

Gehen Sie doch, theure Melanie, sagte er unternehmend und sich ihr zur Seite niederlassend; gehen Sie doch mit diesen Erinnerungen. Diese Zeiten sind vorüber. Egon hat sich dem Vaterland zurückgegeben. Er wird es lieben, trotzdem daß es ihn so unfreundlich begrüßt. Sie haben Recht, auch der Intendant gehört zu seinen Feinden und wenn Sie versprechen könnten ....

Ich verspreche nichts, sagte Melanie und meinte doch das Gegentheil.

Eben wollte Dankmar sich zu einer Erklärung zusammennehmen, als er aufhorchen mußte. Getrappel von Pferden und noch mehr ein Geklirr von Waffen schien an sein Ohr zu dringen. Er stand auf und beugte sich über die Balustrade des Pavillons. Von Randhartingen her sah er die zwei Gendarmen reiten, die wahrscheinlich den Transport des Mobiliars schützend begleiten sollten. Die beiden Schnurrbärte grüßten militairisch und wandten sich dem großen Aufgang zum Schlosse zu.

Die gewaltigste Unruhe folterte Dankmarn. Schon sah er alle seine Hoffnungen vernichtet, schon den Preis der Rolle, die er hier, wenn auch ohne Mühe, doch zur Qual seines Wahrheittriebes durchführte, seiner Hand entwunden. Unwillkürlich stand er da wie Jemand, den ein [546] Geheimniß preßt, zu dessen Entdeckung er gern von einem prüfenden Blick in das Auge Dessen, dem er sich zu vertrauen im Begriffe steht, ermuthigt werden mochte ....

Was haben Sie? fragte Melanie, diesen Zustand nachfühlend.

Wann reist der Intendant ab? fragte Dankmar entschlossen.

Noch heute Abend!

Er, der Sie liebt, bewundert, ... trennt sich sobald?

Da ich ihn über Das, was er heute in der Nische zu mir sprach, ausgelacht habe, noch heute Abend ....

Er kann sich trennen? Von Ihnen, Melanie? Von Ihnen, die Sie Alle zu fesseln, Alle zu bezaubern verstehen ....

Er kann's und hofft morgen Abend in der Residenz zu sein ....

Nein, nein, er bleibt! Er bleibt, weil er die Schönheit bewundert, er bleibt, weil er nichts fürchtet, als ...

Er fürchtet Alles. Wie Sie sehen, diese Gendarmen hat er sich vom nächsten Landrath erbeten, weil er fürchtet!

Sie sehen daraus, rief Dankmar, daß die Entführung dieser Angedenken an eine unglückliche Frau, die man noch im Tode verfolgt, ein Act der Gewaltthat ist! Jenes Bild, das Sie in Händen hatten, das der Gefangene im Thurme sich aneignen wollte, ist mir über Alles, über Alles werth und theuer. Es enthält das wichtigste Geheimniß einer edeln Familie! Wir müssen es besitzen. Sagen Sie ein Mittel, es zurückzuerhalten!

[547] Ich erstaune! erhob sich Melanie mit verklärtem Blick, unendlich erfreut und tiefgefesselt. Sie sind also nicht durch Zufall hier? Sie hatten eine Absicht, verlangen Vertrauen zu Ihnen und erwidern es nicht einmal Denen, die nicht zu Ihren Feinden gehören, mag auch die Stellung des Fürsten Waldemar zu meinem Vater noch so schwierig gewesen sein! Warum sagten Sie nicht sogleich offen –

Ich gestehe Ihnen Alles, unterbrach sie Dankmar! Himmlisches, liebenswürdiges Mädchen! Melanie, einer Göttin gleich! Wenn ich Ihnen sagen wollte ...

Schweigen Sie jetzt! rief das hocherglühte Mädchen rasch und zeigte verstohlen nach dem Eingang des Pavillons hinter sich. Ich will Ihr Vertrauen erwidern; flüsterte sie. Nur jetzt nicht, jetzt nicht, Durchlaucht ...! Wir sind nicht allein.

[548]
8. Capitel. Das Geheimniß der drei Kugeln
Achtes Capitel
Das Geheimniß der drei Kugeln

Lasally, Herr von Reichmeyer, der unvermeidliche Guido Stromer, Lasally's Schwester und Madame Pfannenstiel traten hinter dem Gebüsch hervor und wollten, wie sie Melanie und den Fremden allein erblickten, umkehren, als fürchteten sie lästig zu fallen. Sie hatten von ihrer Unterhaltung nichts gehört, wol aber, nach ihrer Rückkehr von einer Spazierfahrt und im Dorfe sich vereinigend, das schöne Paar im Auge behalten und beim Lustwandeln im Garten, der auch von unten her dem Kundigen zugänglich war, so gethan, als würden sie Denen nur zufällig begegnen, die, wie sie wol sahen, ungestört zu sein wünschten ....

Man that nun, als wollte man sich gegenseitig nicht hindern, und verwickelte sich gerade deshalb absichtlich in ein lästiges Gespräch. Um ja nichts zu sprechen, sprach man. Die Gegend, das Wetter, zuletzt sogar die Zeit und ihre Verwirrung mußte den Stoff hergeben, Reden zu wechseln, bei denen man die Absicht, sich nur zu schrauben und auszuhorchen, schlecht verdeckte .... Wer war dieser Fremde? Es peinigte Alle.

[549] Lasally schien in eigenthümlicher Unruhe. Er hielt sich für einen der bevorzugtesten Verehrer Melanie's der sich Hoffnung machen durfte, sie immerhin nach mancherlei flatterhaften Abirrungen zuletzt doch wol noch zu gewinnen. Die Gelegenheit, seine Schwester hierher zu begleiten, unterstützte seine Bewerbung. Auch Reichmeyer wünschte, um Eugen's Finanzen geordnet zu sehen, glücklichen Erfolg .... Lasally schien es Ehrenpflicht, sich jetzt an Melanie zu halten. Er störte absichtlich.

Dazu noch die geldstolze Einfalt der Pfannenstiel und das unruhige Geisthaschen des Pfarrers, dem durch Melanie offenbar eine Verzauberung gekommen war, die ihn aus seinem bisherigen Murmelthierschlafe zu einem nochmaligen Lebensversuche – Beides Ausdrücke von ihm selbst – wecken sollte ...

Melanie, aufgeregt durch das Band des Geheimnisses, das sich eben mit dem bedeutendsten Manne, der ihr je begegnet war, knüpfen wollte, litt entsetzlich unter der Pein dieser Störung. Diese Fragen, die da aufgestellt wurden, wie lästig waren sie nicht! Melanie wurde vor Zorn sogar boshaft, gab schnippische Abfertigungen, hatte aber das Unglück, dadurch die Eitelkeit umsomehr anzustacheln. Froh war sie, als Dankmar wenigstens eine dieser kichernd Zudringlichen mit der Bemerkung abtrumpfte und entfernte, daß er bei dem Namen Pfannenstiel aufhorchte und an den Wächter des Thurms und den Amtsboten gleiches Namens erinnerte. Die Tochter des [550] frühern, Schwester des jetzigen Wirths vom Gelben Hirsch gestand diese Verwandtschaft mit Erröthen ein, sammelte sich aber doch zu einer Antwort, die Dankmarn ein äußeres Interesse an dieser Frau einflößte, was sie schwerlich ahnte ...

Ich besuche meinen Schwager selten, sagte sie, weil er mich an ein Unglück meiner Familie erinnert.

Sie meinen die unglückliche Katastrophe jenes Brandes, sagte Dankmar, bei welchem er vor vielen Jahren den Gebrauch seiner rechten Hand verlor?

Welch ein Brand? fragte sogleich die Gesellschaft.

Auf dem Gelben Hirsch, erzählte der Pfarrer, der nicht gern lange schwieg, brach aus Ursachen, die noch bisjetzt unentdeckt geblieben sind, vor Jahren ein Feuer aus, bei welchem ein junges blühendes Mädchen, die Braut unsers gegenwärtigen Försters, den Tod in den Flammen fand ....

Es war Dies meine Schwester! sagte die Frau des Wirthschaftsraths.

Dankmar besaß nicht seines Bruders Siegbert Weichherzigkeit. Dennoch entging ihm nichts, was nur irgend einer gefühligen Stimmung ähnlich sah. Er bereute in seinem Herzenstakte jetzt die Erwähnung so trauriger Erinnerungen und würde es ganz in der Ordnung gefunden haben, wenn die inzwischen so wohlhabend gewordene »Hirschentochter« sich verstimmt gefühlt und entfernt hätte. Die blieb aber und fand sich gar nicht wenig geschmeichelt, plötzlich der Mittelpunkt eines gewissen [551] Interesses geworden zu sein. Sie erzählte mit der größten Umständlichkeit alle einzelnen Vorkommnisse jenes Brandes, die herrlichen Eigenschaften ihrer ältern unglücklichen Schwester, die Aufopferung der Männer bei der schrecklichen Gefahr, die Verzweiflung des Försters, der mit den Frauen kein Glück haben sollte, denn drei Jahre später wär' ihm eine neue Verlobte im Gebirge von dem jähen Felsrande eines Waldbaches gestürzt und hätte zerschmettert ihren Tod unter den Steinen im fast leeren Flußbette gefunden. Das wäre die Tochter des Sägemüllers oben in der Ullaschlucht, ein Mädchen von zwanzig Jahren gewesen. Sie hätte gerade hier nach Plessen in die Kirche gehen wollen, wo sie zum ersten mal aufgeboten wurde ....

Ich entsinne mich sehr wohl, sagte Guido Stromer, es war ein rührender Anblick! Das schöne sonntäglich geputzte Mädchen hatte sich vielleicht verspätet und hörte schon die Glocken rufen, die den Beginn ihres Ehrentages einläuteten. So nahm sie einen kürzern Weg, hüpfte das Ufer des Waldbaches entlang von Stein zu Stein, Vorsprung zu Vorsprung, bis sie fehltrat, ausglitt, sich nicht halten konnte und in der einen Hand ein gesticktes Taschentuch, in der andern ihr Gesangbuch festhaltend, zerschmettert in der Tiefe lag. Das letzte Bewußtsein schwand in dem doch noch ziemlich rauschenden Wasser. Noch im Tode hielt sie ihr Taschentuch und das Gesangbuch krampfhaft fest. Am Ausgange des Waldes stand der geschmückte, stattliche Jäger, harrte [552] und harrte, der Gottesdienst begann, man schickt in die Sägemühle und erst am Abend entdeckten Kohlenbrenner das geschehene Unglück. Die Fürstin, voll Theilnahme und sinnig wie immer, ließ oben an der Stelle, wo der Sturz begonnen haben mußte, ein einfaches Kreuz mit Erwähnung Dessen errichten, was hier so leidvoll und wie ein schwermüthiges Idyll geschehen war ....

Dankmar's ernstes Nachdenken über die Erzählungen nahm die leidenschaftlich aufgeregte Melanie für eine Erinnerung aus seiner Jugend. Sie hörte Dem, was Alle erschütterte, kaum zu und erwachte erst aus ihrem Träumen und dem trunkenen Einathmen der sie so tief anregenden Erscheinung dieses jungen Mannes, als sie einen Namen nennen hörte, den sie jetzt nicht erwartet hätte. Lasally war nämlich boshaft genug, Melanie grade in dem Augenblick, wo seine Hoffnungen wieder entrückt zu werden schienen in eine ungewissere Zukunft, in dem Augenblick, wo ein unbekannter und ihm nur äußerlich bedeutend erscheinender junger Mann Melanie so mächtig fesseln konnte, sie mit Erinnerungen zu quälen, die ihr schmerzlicher waren, als der Wirthschaftsräthin die an ihren Schwager und ihre unglückliche Schwester. Lasally wollte sie hinabschleudern in das beschämende Gefühl der Abhängigkeit von männlicher Großmuth und so sagte er nach einer Pause, die jene Mittheilung halb vergessener und verschmerzter Unglücksfälle ablöste:

[553] Irr' ich nicht, mein Herr, so sah ich Sie gestern im Walde mit einem Kutscher, in dessen Hände Sie wol nur durch einen unglücklichen Zufall können gerathen sein. Es war ein magerer blasser Mensch mit röthlichem Haar. Als er uns anreiten sah, entsprang er plötzlich. Ich glaube Ursache zu haben, in ihm einen gewissen Hackert zu vermuthen, der erst Schreiber bei des Fräuleins Vater war und nach und nach eine Reihe der verschmitztesten Bosheiten ausgeführt hat, die ihn wol bestimmen konnten, vor uns, die wir ihn sehr gut kennen, die Flucht zu ergreifen ....

Melanie schoß auf Lasally einen vernichtenden Blick, der Dankmarn befremdete. Jetzt begriff er fast, warum Hackert ihn gebeten hatte, ihn hier nicht in der Eigenschaft eines Dieners aufzuführen und so groß war seine Antipathie gegen den kalten Ton der eben gehörten Bemerkung, daß er, trotz des Verdachtes, den ihm die im Walde von Heunisch gefundenen Kugeln einflößten, Hackert in diesem Augenblick zu seinem besten Freunde, ja zu einem Baron und Seigneur hätte machen mögen ...

Sie irren! sagte er, eingedenk des kalligraphischen Hackert'schen Zettels. Ich führte mein kleines Fuhrwerk selbst. Die beiden Gefährten waren ein Handwerker, dessen Fußwanderung mir leid that, den ich aufnahm und vorhin im Thurm leider unter zweideutigen Inzichten wiedergefunden habe; der Andere, auf den Ihre Beschreibung paßt, ist ein junger Mann, den ich im Heidekrug [554] fand, gerade im Begriff, hierher nach Hohenberg zu reisen in Zwecken, die ich nicht kenne. Ich vermuthe, es ist ein Jagdliebhaber.

Herr von Reichmeyer lachte laut auf und Lasally sagte etwas maliciös:

Er verließ Ihren Wagen, angezogen wahrscheinlich von einem Wilde, das er zwischen den Schatten der Bäume entdeckt zu haben glaubte.

War er bewaffnet? fragte Frau von Reichmeyer sehr besorgt.

Du hörst ja, liebe Schwester, sagte Lasally, er war diesmal ein Jäger ohne Flinte. Er sprang vom Wagen, aus freier Hand einen Hasen zu schießen ....

Dankmar, der nicht begreifen konnte, wie man dazu kam, ihn über Hackert so scharf und beleidigend ins Verhör zu nehmen, fixirte Lasally mit unwilligem, zornfunkelndem Blick.

Melanie, die zwischen diesen Männern eine Scene fürchtete, trat dazwischen und wollte den Streit scherzhaft wenden, indem sie sagte:

Ich bitte! Ich glaube, wir vergaßen die Herren bekannt zu machen ... Herr Lasally! Herr Wildungen!

Dankmar, der fühlte, daß er bei seiner Aussage bleiben mußte, wandte sich unmuthig ab und sagte:

Herr Lasally! Warum soll ich von dem jungen Mann nicht annehmen, daß er die Jagd liebt? Er war vielleicht doch bewaffnet. Hier sind noch drei Kugeln, die Herr Hackert im Wagen zurückließ. Wollen Sie sie ihm [555] zurückerstatten? Ich bedauere, ihn nicht wiedergesehen zu haben ....

Als Dankmar die Kugeln vorzeigte, erschrak er über die mächtige Wirkung dieser Mittheilung.

Lasally, der sich erhitzt hatte, erblaßte. Der Commerzienrath griff nach dem Blei und rief entsetzt:

Es sind dieselben!

Frau von Reichmeyer hielt sich halb ohnmächtig an dem Pfarrer, der wie Dankmar und die Wirthschaftsräthin von Alledem nichts begriff und Melanie, todtenblaß, biß die Zähne zusammen, indem sie Lasally mit halb erstickter Stimme zurief:

Es ist empörend!

Daß man Hackerten in diesem Kreise haßte und fürchtete, war Dankmarn nun gewiß, wenn er auch die Gründe dafür nicht begreifen konnte und sich im Gegentheil sagen mußte, daß Schlurck auf dem Heidekrug sich gegen den Nachtwandler äußerst liebevoll benommen hatte.

Lasally war doch nicht der Mann, sich vor einer Kugel zu fürchten, selbst wenn man annehmen wollte, daß Hackert ihm eine zugedacht hätte? Dankmar wußte zu gut, daß der Unbewaffnete eher feig als unternehmend war. Und doch dieser Schreck vor den drei Kugeln? Selbst Melanie, die von Ungeduld und Verzweiflung über die lästigen Intermezzi gefolterte Melanie, schien diese Furcht zu theilen. Was war es mit den drei Kugeln?

Noch räthselhafter wurde Dankmarn das Geheimniß, als Lasally einen in der Nähe befindlichen Jockey, der zu [556] seinen mitgebrachten Leuten gehörte, anrief und ihn fragte:

Ist den Pferden nichts? Was lauft Ihr da herum? Warum nicht im Stall? Was hab' ich Euch gestern Nachmittag eingeschärft?

Der Reitknecht gab jede nur wünschenswerthe gute Auskunft über die vier schönen Reitpferde, die Lasally von der Residenz mitgeführt hatte.

Herr von Reichmeyer fragte, ob sie Hackert's nicht ansichtig geworden wären?

Die Antwort lautete, daß man ihn allerdings dann und wann am Schlosse hätte umherschleichen, auch mit dem Kammermädchen des Fräuleins, Jeannette, sprechen sehen, doch wären sie Alle auf der Hut, ihn bei erster Annäherung niederzuwerfen. Die Pferde wären im sichersten Gewahrsam ....

Die Kugeln beweisen seine schlimme Absicht. Es sind dieselben wie früher, sagte Reichmeyer.

Warum denn dieselben? Warum denn? rief Melanie. Ich beschwör' Euch, laßt diese Unwürdigkeiten.

Mein Herr! sagte Lasally jetzt zu Dankmarn im entschiedenen aber sehr höflichen, fast versöhnten Tone; mein Herr, ich ehre die gute Meinung, die Sie von einem der abgefeimtesten Bösewichter haben. Sie kennen ihn eben nicht. Würden Sie die Gefälligkeit haben, mir diese drei Kugeln zu lassen?

Dankmar gerieth nun in Verlegenheit. Er hatte das Eigenthum an diesen Kugeln auf nur völlig äußere Anzeichen [557] hin – ja er mußte sagen nur auf die Vision der Ursula Marzahn unter dem Ebereschenbaume – Hackerten zugeschrieben und nun begründete sich auf diese willkürliche, wenn auch sehr wahrscheinliche Annahme eine förmliche Anklage ...

Er lehnte nun die Herausgabe der Kugeln ab und streckte die Hand, sie wieder an sich zu nehmen. Er bat darum.

Lasally aber verweigerte sie aufs entschiedenste und sagte kategorisch:

Haben Sie keine Sorge für Ihren Schützling, mein Herr! Er ist zu feig, von diesen Kugeln einen offenen und ehrlichen Gebrauch zu machen. Wissen Sie aber, wozu diese Kugeln dienen sollten? Ich will es Ihnen sagen. Zum teuflischsten Morde an armen, edlen, unschuldigen Thieren! Wissen Sie, daß ich in einer Nacht drei meiner schönsten Pferde – ich bin der Stallmeister Lasally – habe müssen niederschießen lassen, weil sie toll wurden, toll durch eine Ursache, die wir nicht entdecken konnten?

Lasally zitterte. Seine Schwester bat ihn, sich zu beruhigen. Melanie wandte sich ab. Die Übrigen hörten gespannt zu, Dankmar mit einer Theilnahme, die ihn seine eigenen Angelegenheiten und die des Gefangenen im Thurme für einen Augenblick fast vergessen ließ.

Auf einer Partie in den am Wasser gelegenen Fichtenwald, begann Lasally, – Sie werden ihn aus der Residenz kennen – auf dieser Partie, wo eine Gesellschaft von Damen und Herren im sogenannten Jagdhause von den [558] elegantesten, preiswürdigsten Pferden stieg, um eine Stunde im obern Stock zu frühstücken, vernachlässigten meine Leute die Aufsicht auf die draußen festgebundenen Pferde. Wir kommen nach einer Stunde herab, wir wollen aufsteigen und finden drei meiner Thiere in der sonderbarsten Aufregung. Sie schleudern mit dem Kopf, schnauben mit den Nüstern, schlagen wild aus und Niemand wagt, sie zu besteigen. Wir erkundigen uns, was geschehen ist. Niemand weiß eine Auskunft. Wir glauben, die Thiere scheuen vor irgend einem uns selbst fremden Gegenstande. Wir binden sie los und machen das Übel ärger. Zorn erst über die Thiere, dann über meine Leute ergreift mich. Niemand weiß, was den Pferden geschehen ist. Ich besteige endlich mein liebstes Roß, um es zu bändigen. Es wirft mich fast ab, rennt wie rasend davon und wirft sich der Länge nach in den Weg mit dem Kopf gegen eine Eiche bohrend. Die Gefahr für uns selbst, bei dem Ausschlagen und wilden Toben, wuchs. An ein Besteigen war nicht mehr zu denken. Meine Leute unternahmen, um das Versehen zu büßen, die schwere Aufgabe, die drei Thiere in die Stadt zu geleiten, während die nun plötzlich Unberittenen auf einem in der Nähe gemietheten Leiterwagen bis zu dem Stadthore zurückfuhren. Schon unterwegs brach sich mein Renner beide Schenkel und blieb für todt liegen. Mit genauer Noth kamen die beiden übrigen, auf den Straßen wie rasenden und tobenden und von einem Volkshaufen verfolgten Thiere in den Stall. Die Knechte haben Lebensgefahr überstanden. Dort, wo wir nun Ruhe [559] hofften, begann von neuem erst der Schrecken. Die Thiere schlugen über die Stangen, die sie trennten, rissen sich von der Kette los und verwundeten sich in wilder Wuth so heftig, daß ich die Heilung aufgeben mußte, selbst von Zorn übermannt, ein Doppelpistol ergriff und mit einer Ladung in blinder Wuth sie niederschoß. Bei der Obduction entdeckte der Veterinärarzt in den Ohren jedes dieser Thiere eine kleine Kugel, die, hinuntergeglitten bis ans Hirn, sie rasend gemacht hatte. Mein erster Gedanke, wer diese teuflische That vollbracht haben konnte, war aus Gründen, die Sie nicht wissen können, Hackert. Und nun urtheilen Sie, ob diese drei Spitzkugeln, die, wie Sie sagen, diesem uns hierher nachgeschlichenen, Böses im Schilde führenden Menschen gehören und völlig jenen andern ähnlich sind, mich nicht mit Schaudern erfüllen sollen und bestimmen müssen, meine Thiere zu hüten, zugleich aber auch diese Kugeln als gerichtliches Zeugniß in Verwahrsam zu nehmen?

Lasally schwieg, noch zitternd. Er konnte gewiß sein, auch Dankmarn erschüttert zu haben.

Dankmar war erblaßt. War es das Entsetzen von einer an den armen edlen Thieren begangenen so ruchlosen Frevelthat, war es die wie ein lähmender Schlag ihn treffende Vorstellung, daß er noch vor zwei Tagen ein Roß aus desselben ihm hier begegnenden Mannes Marstall Hackerten zur Obhut übergeben hatte, – er mußte sich an einer ihm grade nahestehenden Marmorvase halten, um nicht seine Empfindungen zu sehr zu verrathen ....

[560] Entsetzlich! sprach er dumpf vor sich hin. Dann aber doch aufgeschreckt von einem Unrecht, das er Hackerten thun könnte, indem er doch nur seiner Vermuthung folgend diese Kugeln als wirklich von ihm herrührend bezeichnet hatte, fragte er:

Sind Sie aber auch ganz gewiß, daß gerade Hackert Ursache haben kann, sich auf eine so nichtswürdige empörende Art an Ihrem Eigenthum zu rächen?

Als Lasally diese Frage belächelte und die beiden Reichmeyers den uns bekannten Vorfall der Züchtigung andeutend, diese Ursache verkleinern und geringfügig darstellen wollten, rief Melanie mit glühender Entrüstung, sich stolz erhebend und aufrichtend wie eine Königin, ein stolzes, wie Glocken tönendes:

Ja! Er hatte sie!

Alles blickte auf Melanie und war von dem Ausdruck ihrer Mienen, die einen nie an ihr gekannten hoheitsvollen Ernst verriethen, so staunend ergriffen, daß unwillkürlich eine feierliche Pause eintrat.

Als Niemand etwas erwiderte, sagte sie, den gespannten Ton fallen lassend und mit gemildertem Ausdruck, fast scherzend:

Und jetzt wünsch' ich, ja befehl' ich: Genug hiervon!

[561]
9. Capitel. Die Mitschuldige
Neuntes Capitel
Die Mitschuldige

Die Sonne war eben mit reinster Klarheit untergegangen, als die Gesellschaft oben am Schlosse ankam. Die Mutter und Bartusch traten ihr entgegen und baten Alle zu einem leichten Nachtimbiß zu bleiben. Melanie unterstützte diese Bitte. Sie bedurfte eines Übergangs aus ihrer vielfachen Aufregung zu jener einfach seligen Empfindung zurück, die sie in dem Augenblicke mit überströmender Gewalt ergriffen hatte, als ihr Dankmar ein Geständniß machen wollte. Wie dringend es war, einen Entschluß zu fassen, riefen ihm die bewaffneten Organe des Landfriedens zurück, die beiden Arme der Gerechtigkeit. Der Wagen war geschlossen. Eine eiserne Stange ging quer über die hintere Thür hinweg. Die Rettung des Bildes war für den Augenblick unmöglich.

Dankmar ergab sich vorläufig mit stummer Resignation in das Unabänderliche. Die letzte Entdeckung über Hackert und das lästige Gefühl, bei alledem, daß er diesen unglücklichen Menschen nun hassen mußte, Schuld zu sein an seinem Unglück (denn Lasally behielt die Kugeln), und ihm vielleicht noch gar Unrecht zu thun, alles Das drückte [562] ihn so, daß er wirklich der zärtlichen Blicke und zutraulichen Tröstungen Melanie's bedurfte, die ihn aufzurichten und zu ermuthigen suchte. Er begriff dabei nicht vollkommen was in ihm vorging. Und als nun gar noch die Excellenz von Harder schon im Reiseanzug vor dem Beginn des Nachtessens sich melden ließ und sein bequemer Landau vorfuhr, der ihn aufnehmen und noch heute entführen sollte, als Melanie dem Abschied von dieser ihm zum ersten male entgegentretenden Persönlichkeit eine heitere, fast ausgelassene Wendung gab, verstand er nicht das Geringste mehr von ihren Absichten.

Die Couverte des gedeckten Tisches wurden complettirt, die Zahl der Messer und Gabeln vermehrt, die nun doch noch à la fortune du pot festgehaltenen Gäste standen rings erwartungsvoll und ihren verschiedenartigen Empfindungen hingegeben sich lehnend an Möbel und Fenstersimse .... Dankmar hörte den geheimen Neckereien zwischen Melanie und dem Intendanten befremdet zu und belächelte doch wieder, bei aller innern ernsten Aufregung, die Einbildung eines alten vornehmen Herrn, der in der That zu glauben schien, er hätte auf ein solches Wesen Eindruck gemacht .... Melanie's künstliches Schmollen hielt die Excellenz für Verzweiflung über die Abreise. Lasally und auch Dankmar schüttelten den Kopf über dies Flüstern, dies Blinzeln, dies huldvolle Vertrösten auf die nun bald in der Residenz sich hoffentlich inniger anknüpfende Freundschaft .... Melanie nahm den Intendanten bei Seite, zog ihn an eine Gardine des [563] Fensters und scherzte so drollig mit seiner Schwäche, so beflissen, so zuthunlich, daß Frau von Reichmeyer ungeduldig wurde, von Unsittlichkeit sprach und mit einem Blick auf ihren gleichfalls eifersüchtigen Gatten laut erklärte, sie fürchte, solche Grundsätze steckten an. Endlich brach die Excellenz auf und riß sich aus dem tête à tête am Fenster mit den Worten los:

Sie täuschen mich! Warten Sie, warten Sie!

Sie werden sehen, Excellenz, rief dagegen Melanie, Sie werden sehen, ich täusche nicht ....

Wirklich! sagte der Intendant, Sie wollten –

Melanie rief laut:

St! Die Wette gewinnen ...

Damit drängte sie den verklärt Leuchtenden förmlich aus dem Zimmer ....

Herr von Harder nahm von Melanie's Mutter einen höchst herablassenden, zerstreuten Abschied, von den Übrigen einen höher herablassenden, verwirrten, Dankmarn aber, als ein ihm noch nicht vorgestelltes unbekanntes Wesen, ignorirte er gänzlich.

Als der Geheimrath fort war, der Landau und der Transportwagen dahinrollten, das Säbelklappern der Gendarmen verhallte und die Gäste ihre Plätze zögernd und um Entschuldigung bittend eingenommen hatten, erklärte Melanie plötzlich, daß sie morgen in aller Frühe aufbrechen und nach der Residenz zurückkehren würde.

Wie? rief man allgemein. Ist das Ernst?

Sie brachte für ihren plötzlichen Entschluß so viel[564] wohlgeordnete, überlegte, entschiedene Gründe vor, daß man erstaunt war über eine bei ihr im Stillen gereifte Erklärung ....

Wenn Melanie mit solcher Sicherheit ein Vorhaben behauptete, war ihre Mutter nicht gewohnt ihr zu widersprechen.

Wohlan! sagte sie. So reisen wir!

Reichmeyer staunte erst, erklärte aber dann auch, daß er sich überzeugt hätte, ein Ankauf der Herrschaft würde sich ihm nicht lohnen. Lasally war schon seit lange durch diesen Aufenthalt verstimmt, durch Hackert's Nähe jetzt vollends beunruhigt, und Bartusch gab den letzten Nachdruck noch dadurch, daß er sagte, die Verabredungen der Gläubiger wären geschlossen, die Verständigungen ziemlich klar erörtert, man wisse, was Jeder zu fodern hätte und wie er sich wolle befriedigen lassen ... es bliebe nun nichts übrig, als die letztliche Erklärung des inzwischen in der Residenz angekommenen Prinzen Egon ....

Dies leuchtete ein ... Bartusch's Blinzeln auf Dankmarn verstand man nicht.

Melanie überließ Jedem sich die Gründe zurechtzulegen, die ihn bestimmen konnten, das Schloß schon jetzt zu verlassen ... sie, sagte sie, würde es morgen in aller Frühe thun. Sie bat Lasally, dazu die Pferde in Bereitschaft zu halten, denn sie würde bald fahren, bald reiten. Auch Dankmarn bat sie, ihrem Beispiele zu folgen und sich eines der Pferde des Stallmeisters zu bedienen, sein [565] Wagen könne ja, geführt von einem der Leute Lasally's, folgen ....

Nicht wahr? sagte sie neckisch.

Dankmar gestand zu, was sie nur verlangte.

Die Mutter, fuhr sie fort, schließt sich uns in der Mitte in unserm neuen Coupé an. Ja, ja, wir werden bald fahren, bald reiten und uns die Rückreise nicht etwa wie einen bittern Nachgeschmack von vielen hier gehofften und nicht eingetroffenen Freuden bekommen lassen, sondern wie Etwas, das den ganzen Aufenthalt auf dem Schlosse allein aufwiegen und alles Vorangegangene übertreffen soll ....

Die Einwendungen der Mutter wegen doch allzu großer Beschleunigung widerlegte sie durch ihre Bereitwilligkeit, ihr die ganze Nacht hindurch packen zu helfen. Ihr Entschluß stünde nun einmal fest und was sich nicht sogleich mitnehmen lasse, könnten die als zuverlässig erprobten Leute schon nachbringen. Auch die Nothwendigkeit, Abschied zu nehmen von Zeisels, von Sängers, von Doctor Reinick, von Bensheims, Sengebuschs und mancher andern Bekanntschaft, ließ sie nicht gelten. Allen solchen Bedenklichkeiten abzuhelfen genüge die Visitenkarte.

Und den Einzigen, fuhr sie fort, von dem der Abschied uns schwer geworden wäre, unsern theuern Herrn Pfarrer Stromer, den haben wir ja hier und können ihm all unser Bedauern gleich ins Angesicht sagen. Ja! Lieber Pfarrer! Sie kommen gewiß recht bald zu uns! Sie müssen Domprediger [566] werden! Schade, daß Sie keine Töchter mehr aus der Propstei heirathen können! Propst Gelbsattel hat noch ein halbes Dutzend, aber die Älteste liebt den Candidaten Oleander und die Jüngste der fünf Andern – sind es nicht soviel, Mutter? – würde noch zu alt für Sie sein, für einen Mann, der anfängt nur das Schöne zu lieben. Zum Glück besitzen Sie die beste der für Sie passenden Frauen. Aber kommen Sie! Irgend eine Kanzel findet sich schon .... Ich kenne an dreißig junge Frauen und Mädchen, die Alle nicht mehr wissen, wem sie ihre Sünden beichten sollen .... Der Eine ist zu rauh, der Andere zu sanft, der Dritte zu gelehrt, der Vierte zu oberflächlich. Und die abscheuliche Anzüglichkeit dieser Modeprediger! Dieses Schlagen auf die Kanzellehne, dieses Lärmen und Poltern über die verstockten Sünderherzen, diese düstere Lehre vom Blute Christi .... Propst Gelbsattel, der sonst so beliebte letzte Rettungsanker, ist gar nicht mehr zu verstehen seit den Revolutionen. Er weiß nicht, wohin er sich wenden soll, ob zum Volke oder zum Könige. Seine Zeit ist um, sagte er kürzlich in einem Anfalle von Wehmuth, weil er bei Hofe nicht geladen war. Vielleicht werden Sie Propst, Herr Stromer! Kommen Sie! Ich habe Verbindungen und bring' es schon dahin, daß wir Sie irgendwie den Unserigen nennen; Das bin ich Ihnen ja schuldig für den schönen Blumenstrauß, mit dem Sie mich heute wieder beglückten ....

Als Stromer hocherröthend niederblickte, gedachte Dankmar der Erzählung Egon's und seiner Vermuthung, [567] der Pfarrer hätte wol die Blumen seiner guten Frau nach einem nächtlichen Zwist als Morgenselam der Versöhnung bestimmt. Es machte ihm einen eigenen Eindruck, als er sich so im Irrthum entdeckte und der immer an sich zu denken scheinende und seiner klar bewußt bleibende Pfarrer mit gewähltem höchst sicherm Ausdruck sagte:

So schwindet denn wieder eine Freude hin, die ach! nur allzu kurz einer rosigen Wolke gleich an unserm grade nicht grauen, eher heitern und immer gleichen, aber eben in seiner unermeßlichen freundlichen Identität so lästigen Horizonte aufzog! Wir haben am Ende nichts, was uns bleibt, als Blumen, die Symbole der Begrüßung und des Abschieds. Eines und Dasselbe drückt Freude und Trauer aus. Doch ich sehe Sie morgen noch einmal und nehme einen gesammeltern Abschied und hoffentlich nicht für immer. Erblicken Sie mich auch nicht wieder als Domprediger in Ihrem Sinn, so denk' ich, einen Dom wölbt sich das Auge bald über sich her und auf der Kanzel des Herzens und in dem Beichtstuhl der Gesinnung treff' ich Sie schon noch im Leben wieder – Alle! Alle!

Damit erhob sich der sonderbare Mann, in der That nicht ohne eine gewisse Rührung zu hinterlassen. Heilig konnte Dankmar den Eindruck, den des Pfarrers Ergriffensein in ihm hervorrief, nicht gerade nennen. Die Weise eines Pietisten war Das auch nicht mehr: im Gegentheil kam ihm das Feuer seiner Augen unlauter vor, fast weltlich. Für einen weichen Anempfindler sprach er zu fest und kräftig. Er interessirte ihn, ohne ihn anzuziehen ...

[568] Alle diese Betrachtungen stellte Dankmar nur flüchtig an, denn die ganze Gesellschaft erhob sich. Der förmlich als Befehl gegebene Entschluß, sobald abzureisen, erfüllte Jeden mit seiner nächsten Aufgabe, die im Räumen und Packen bestand. Man trennte sich in der Erwartung, morgen in frühester Stunde sich zur Abreise beisammen zu finden ...

Als auch Dankmar unschlüssig stand und eben Hannchen Schlurck's Hand geküßt hatte, da ihm die ruhige, klare und lebensfrohe Weise der Frau, die wieder den Champagner wie gewöhnliches Getränk hatte einschenken lassen, ganz wohl gefiel, rief ihm Melanie leise zu:

Bleiben Sie doch noch!

Als Lasally noch über die morgende Equipirung sprach und nun der Knäuel der Gesellschaft wieder nicht recht auseinandergehen wollte, streifte sie an Dankmar vorbei und flüsterte die Worte:

Gehen Sie lieber! In einer Viertelstunde an der steinernen Vase im untern Garten ...

Dankmar winkte ihr leise bejahend zu, sprach noch einmal laut seine Freude aus, morgen in so angenehmer unterhaltender Gesellschaft seine Rückreise antreten zu dürfen und empfahl sich.

Die noch Gebliebenen flüsterten erstaunt hinter ihm her. Er hatte das Talent gehabt, trotzdem daß er wenig sprach, sich doch immer als den Mittelpunkt des Abends zu erhalten und jedem Worte, jeder Bewegung, die von ihm ausging, die allgemeinste und seinem Zweck und [569] Wesen nachspürende Aufmerksamkeit zu sichern. Das Gerücht, das ihn zum Prinzen Egon machte, hatte sich bis zu ihnen noch nicht verbreitet ...

Es schlug vom Dorfe herauf zehn, als Dankmar an die steinerne Vase im untern Garten trat, wo er Melanien erwarten sollte. Es war dieselbe, an die er sich bei der ihn wie ein Schlag treffenden Erzählung über Hackert's Frevel hatte lehnen müssen. Wie bewegt war sein Herz! Wie flossen die wunderbarsten Erfahrungen und Eindrücke in seinem Innern zu einem Gefühle zusammen, das nicht mehr jene behagliche Sorglosigkeit über ihn ausgoß, die er in dem ersten Anfang des über ihn verhängten Misverständnisses empfand! Wie neu war das Alles und wie folgenschwer konnte es werden! Schon sah er sich als gerichtlicher Zeuge in der Nothwendigkeit, seine gegen Hackert ausgesprochene Beschuldigung zurücknehmen oder beweisen zu müssen. Eben so verwickelt konnten sich die Beziehungen zum Fürsten gestalten. Und diese bedenkliche Melanie! Was bezweckte sie? Wohin riß sie der Muth, den der von ihm doch nur wenig genährte Glaube an seine Einerleiheit mit Egon dem jungen, waghälsigen Mädchen einflößte? Scheiterte Das, was sie vielleicht unternahm ... mußte er es nicht verantworten? Wie erschrak da sein rechtskundiger und bei allem Freimuth an Gesetzmäßigkeit gewöhnter Sinn! ... Und doch traten alle diese Bedenklichkeiten gegen den allgewaltigen Zauber zurück, mit dem ihn Melanie in so kurzer Zeit wie seinen Bruder Siegbert umstrickt hatte. Gibt es denn [570] auch ein wonnigeres Gefühl, als so im Fluge, ohne Anstrengung, ohne lange Werbung, von Frauen zärtliche Hingabe zu gewinnen? Noch hatte Dankmar sich keiner Gunst von Melanie rühmen können, aber er fühlte es dieser zarten Hand, wenn sie ihn flüchtig berührte, der Brust, wenn sie in seiner Nähe sich hob, dem Hauch ihres Mundes an, wenn sie ihm leise ein Wort der Vertraulichkeit zuflüsterte, daß ein excentrisches Wesen, welches vielleicht Allen gefallen wollte und Keinem sich ergab, ihm den Siegespreis der Liebe bieten könnte ... Dankmar war, sonst vielgeliebt, selbst eher kalt gegen die Frauen. Sie beschäftigten ihn nie so ausschließlich, wie andere junge Männer, deren ganzes Fühlen und Denken sich nur um die Liebe spinnt ... Aber Melanie's Herz ... das klopfte schon dicht an seinem eigenen Herzen. Ihre Wange ... er fühlte es, sie schmiegte sich schon zum Kusse seines Mundes hin ... Er griff in die Luft ... doch wußte er, daß diese Arme sich nicht mehr lange vergebens nach den schönsten und liebenswürdigsten Formen ausstrecken würden ... So stand er, der junge leidenschaftliche Mann, den wir entschuldigen müssen, eine Weile harrend an der Marmorvase, überwältigt von Sehnsucht, zitternd auf den Triumph über ein liebendes Weib, den Fuß auf den Sockel der Vase, das Haupt in den Arm stützend und hinaufschauend in den mondscheinumflossenen Flügel des Schlosses, den Melanie bewohnte.

Endlich kam sie.

Unter den Blumen, den Sternen, dem Mondglanz hier in [571] der Stille der Nacht, von keinem Zeugen gestört, als dem plätschernd herabhüpfenden Wasserfall, wollte Dankmar sie gleich mit dem Entzücken der rasch aufgeloderten Liebe begrüßen.

So dacht' er's sich, als er sie die Gartenstufen herniederschweben sah, in eine Mantille von purpurrothem mit weißem Schwan besetzten Sammt gehüllt und auf dem vollen schweren Geflecht des Haares ein weißes Schleiergewebe tragend, das hinten herabfiel fast bis in den Nacken ... Doch sprach sie ihn schon aus der Ferne an, redete schon im Herabsteigen fast gleichgültig mit ihm und schnitt durch Vermeidung einer Pause und aller Feierlichkeit die förmliche Begrüßung ihres schnellgewonnenen Freundes ab, dessen Aufmerksamkeit nun sogleich von der Galanterie abgezogen und von ihrem Plane gefesselt wurde.

Endlich ein freier Augenblick! sagte sie schon auf mindestens zwölf Schritte entfernt; ein Augenblick, wo ich Ihr Vertrauen erwidern darf! Aber nur ein kurzer! Die Zeit drängt. Sie sollen sehen, daß Sie sich in dem Muthe eines närrischen Mädchens nicht irrten. Sie erhalten das Ihnen so theure Bild zurück, irgendwo auf der Reise, wo wir den Train des Herrn von Harder einholen werden. Aber die Mittel, die ich anwenden werde, es zu erobern, dürfen Sie mir nie, nie anrechnen. Versprechen Sie mir Das?

Wie Das so klang in der stillen Nacht! Wie die Büsche dabei so flüsterten! Wie so milchweiße, bläuliche Lichter [572] über die Sprecherin glitten und Alles so magischumflossen, so bebend, so fast ohnmächtig und wie schattenhaft war!

Melanie! rief Dankmar, Sie sind ein Engel! Wenn ich nicht annehmen müßte, daß nur der Reiz des Abenteuers Ihren Geist in dieser Angelegenheit beseelt und Ihnen die Flügel des erfindenden Genius an den ebenso schönen wie schelmischen Nacken setzt ... (er wollte ihn küssen; sie wehrte es) ich würde es wagen, mich Ihnen zu Füßen zu werfen und von Liebe zu sprechen ...

O Sie Böser! sagte Melanie. Wenn die Gräfin d'Azimont Das hörte ...

Was soll mir diese Frau! war Dankmar im Begriff auszurufen und einzugestehen, daß er selbst ja nimmermehr der Prinz wäre. Aber die Vorliebe, mit der Melanie auf diese erträumte Rivalin zurückkam, war ihm wie ein Nebel, den er zu verwehen fürchtete. Dennoch sagte er:

Melanie, ich bin nicht der Prinz, aber ich bin sein bester Freund auf der Welt. Was Sie thun, thun Sie für ihn! Sie thun es für mich; denn Niemanden kann Egon's Glück mehr am Herzen liegen als mir! Kann Egon hier Egon sein? Kann er den Muth, die Selbstüberwindung haben, sich da zu verrathen, wo man sein und seiner Mutter Andenken mit Füßen tritt? Ich bin der Theil des Prinzen, der noch Vertrauen zu den Menschen hat, der Theil, der nicht verzweifeln will, wenn er noch Geschöpfen begegnet, die in Körpern der Engel auch eine überirdische Seele tragen ...

[573]

Melanie schlug ihre mächtigen braunen Augen zu ihm empor, daß das volle Licht des Mondes in sie fiel und ihre Schimmer in jenem feuchten Glanze zitterten, der ihnen etwas Verklärtes gibt ...

Sie sah ihn fragend und mit zärtlicher Innigkeit an. Melanie hatte Das erreicht, wohin vielleicht ihr Ehrgeiz dunkel tastete, vielleicht war es Zufall, daß ein Mann, der ihr ein Fürst schien, auch zugleich der erste sein mußte, dem gegenüber sie sich klein, ja demüthig vorkam – es war ihr, als wenn sie, ein bunter, flatternder, leichtsinniger Schmetterling, die Flamme gefunden hätte, die ihr gewisser Tod werden sollte, ihr Tod wenigstens für dies leichtsinnige Schmetterlingsdasein ....

Melanie wehrte Dankmar's verlangenden Arm zurück, aber nur um ihn aus einiger Ferne inniger betrachten zu können. Eine Locke seines Haares, die ihm im Sturme seiner aufgeregten Sinne auf die Stirne fiel, streifte sie ruhig zurück, als hinderte sie ihr die Aussicht in sein Auge und seine Seele.

Lassen Sie! sagte sie sanft.

Melanie! rief Dankmar noch einmal mit gesteigerter Glut der Empfindung und wollte sie ansichziehen ...

Seiner männlichen Kraft gelang es; aber sie wandte, in seinen Armen liegend, rücklings das Haupt und verweigerte ihm die zärtliche Berührung der Wangen, nach der er schmachtete. Sie that Dies so entschieden, daß er es ließ und sich an einem Bilde begnügte, das den Meißel des Bildhauers herausfoderte ...

[574] Gute Nacht! sagte sie, losgewunden, mit lächelnder Lieblichkeit, und auf Wiedersehen für Morgen!

Damit war sie für Dankmar fast einem Traume gleich entschwunden.

Wie er sich nun anschickte, hinunter zu wandern und durch das erste beste Seitenheck auf den großen Weg zu springen, fühlte er eine so herausfodernde, ihn riesig durchströmende Kraft in sich, daß er fast laut zu jubeln begann. Alles lachte ja in ihm. Jeder Gefahr, jedem drückenden Gedanken wurde die Volte geschlagen, jeder Bedenklichkeit die Anlehnung aus seinem Innern wegescamotirt. Ja, er hätte sich mit dem Arm gegen die Bäume stemmen und sie niederbeugen mögen! Es war ihm, wie dem biblischen Erzvater gewesen sein mochte, als er auf der Heide mit einem unsichtbaren Engel rang. Er hätte den Dämon niedergeworfen, so titanisch fühlte sich seine Muskelkraft. Er lachte über sein Abenteuer selbst. Selbst des Gefangenen im Thurme, dem er jetzt noch vor dem Gitterfenster hinauf Muth und Trost zuzusprechen beschloß, gedachte er im heitersten Humor und sagte sich:

Ich bin wahr gewesen! Ich war Dankmar Wildungen! Ich habe meine eigene Rolle gespielt und deine Fürstenkrone mir nicht aufs Haupt gesetzt. Ich! Ich fühlte den Druck ihrer Hand! Wie schlug diese warme Brust an der meinen, wie strömte das elektrische Feuer der Berührung aus ihren Adern in die meinen, und wenn ihr die Schuppen vom Auge fallen, wer weiß, ob der Wahn siegt oder die [575] Wirklichkeit! Sie liebt nicht Das, was ich scheine, sie liebt Das, was ich bin!

Und in diesem Hoffen und Entzücken, das seine Adern schwellte, seine Sehnen stärkte, konnte ihm zuletzt auch nichts Willkommneres geschehen, als der plötzliche Anblick Hackert's ... Er war es, der hinter den Büschen rauschte ... Das schleichende Rascheln um Dankmarn her verrieth ihn schon längst ... Er sah ihn jetzt am Fuße des Weges sich ducken und lauern ... ob auf ihn, ob auf Die, an denen er sich auf dem Schlosse so teuflisch gerächt hatte ... er wußte es nicht, mußte aber annehmen, daß er auf ein neues Verbrechen sann; denn an dem Rauschen hörte er, daß es war, als streifte er mit einer langen Stange an dem Laube der hohen Hecken. Bald sahe er deutlicher; Hackert hielt eine Leiter in der Hand, die er in dem Augenblicke fallen ließ, als er Den, der noch so spät den Schloßweg herunterkam, erkannte.

Elender Hallunke! rief Dankmar zornentbrannt schon von Ferne. Mörder! Dieb!

Wie Hackert – er war es wirklich – diesen zornigen Anruf hörte, sprang er ins Gebüsch.

Er mochte sich diese Begrüßung nicht haben träumen lassen.

Dankmar in einer Stimmung, als müßte er die längst ihn schon quälende Spannung und Ungewißheit über Hackert durch irgend eine Probe seiner männlichen Kraft und wäre sie mit der Faust endlich lösen, rief:

Steh, Bube! Steh!

[576] Aber Hackert entrann und als ihm Dankmar noch nachrief: Eine Kugel in dein Ohr, Mörder! Wo ist mein Pferd, Gauner? ... war er plötzlich ganz verschwunden.

Dankmar fühlte sich in einer Stimmung, als hätte ihm Liebe und Wein die Zunge gelöst und zum Redner gemacht, dem Worte nur ein dürftiger Nothbehelf für Thaten sind. Er schickte Hackerten die tollsten Shakspeare'schen Flüche und lange, kunstvolle Verwünschungen nach, bis er zuletzt über sich selbst lachte und im steten Hinblick auf die Stelle, wo Hackert verschwunden war, fast über die Leiter stolperte, die quer im Wege lag.

Was hat er mit dieser Leiter gewollt? sagte er sich, und darüber sinnend, fiel ihm der Thurm ins Auge, der nun dicht in der Nähe stand. Der Gedanke, mit kurzem Proceß seinen theuern neuen Freund, den gefangenen jungen Fürsten, zu befreien, ergriff ihn so lockend, wie der Kitzel zu dem fröhlichsten Abenteuer.

Nun sind wir einmal im Zuge! sagte er sich, lud die schwere, irgendwo aus einem Bauerhofe entwandte Leiter, an der er mit Vergnügen bemerkte, daß sie für das Thurmfenster lang genug sein mußte, sich auf und schleppte sie an dem einen Ende auf dem Rücken, an dem andern hinter sich her im Grase zu dem kleinen Hügel hin, wo der Thurm völlig unbewacht in der Stille der Nacht wie eine friedliche Warte und Einsiedelei lag. Die Eisenstäbe oben aus der Mauer auszuwühlen, war schwer und doch vielleicht bei der Schadhaftigkeit und Zerbröckelung des Kalkes nicht unmöglich, wenn nur Egon [577] die Messer und Gabeln von ihrem Mittagessen zurückbehalten hatte.

Sorgfältig schaute sich Dankmar um. Hackert war verschwunden, Alles still. Nur Käfer summten im Grase und dann und wann platzte ein humoristischer Froschruf auf vom Felde her, wo es moorige Stellen gab .... Dankmar war so guter Laune, daß er sich zu seinem Unternehmen erst noch eine Cigarre anzündete.

Die Leiter, aufgerichtet an dem Thurm, reichte vollkommen an das vergitterte Fenster, das zu Egon's Gewahrsam gehörte. Vorsichtig kletterte er, noch einmal sich mit Behutsamkeit umblickend, die Sprossen hinauf. Leider sah er schon auf halber Länge, daß die Eisenstäbe dick waren, und als er über sich hinaufgriff, fühlte er wol auch, wie fest sie saßen ....

Das Fenster stand auf. Der volle Mondenschein fiel in die dunkle Kammer, die er schon von unten als die rechte erkannte.

Egon! rief er bis hinauf und lauschte.

Keine Antwort.

Er stieg höher und blickte in das offene Fenster.

Wie groß war sein Erstaunen, als er drinnen nirgend eine Spur des Prinzen entdeckte! Vielleicht hätte er versteckt in einem Winkel schlafen können ... er spähte ... er übersah das ganze kleine Gemach. Er rief einige male mit unterdrückter Stimme:

Egon! Egon!

Es gab keine Antwort.

[578] Um ganz sicher zu sein, zog er ... die Cigarre war in der Aufregung weggeworfen ... noch sein Streichfeuerzeug und machte mit mehren zusammengehaltenen Zündhölzchen, um die Wirkung des Scheines zu verstärken, Licht ...

Der hellere Glanz bestätigte ihm nur, was er schon im Mondenscheine gesehen hatte. Der Gefangene war entweder schon befreit oder von selbst entflohen.

Die Empfindungen, mit denen Dankmar nun die Leiter hinabstieg, waren getheilt. Ehe er jedoch nicht alle Umstände genau kannte, wagte er kaum ein Urtheil zu fällen. Wenn ihn Egon schon in der Krone aufgesucht hätte? Beim Schließer nebenan wagte er nicht zu klopfen und anzufragen. Da im Anbau der Wohnung war Alles so still, so finster und schläfrig. War Egon entflohen, warum die Häscher wecken? Auch drüben im Amthause sah man kein Lichtchen mehr. Im Dorfe nichts als Anzeichen des tiefsten Schlafes aller seiner Bewohner. Selbst in der Krone, zu der er langsam und nachdenklich schritt, hatte er Mühe, die Leute, die ihn erwarteten und im Erwarten eingeschlafen waren, zu wecken. Als er hörte, daß Niemand, auch nicht Einer, nach ihm gefragt hatte und somit der Gefangene ihm fast spurlos verschwunden war (denn morgen in der Frühe hatte er wol keine Zeit mehr, ihm nachzuspähen), überkamen ihn die sonderbarsten und quälendsten Zweifel. Es war ihm fast, als wenn sein Fuß nicht mehr die Erde berührte, als wenn er mit seinen guten Absichten, mit all seiner Liebe und Aufopferung, [579] wie ein Getäuschter, in der Luft schwebte und wahrhaft komisch erschien er sich, wenn er an seine Figur auf der Leiter dachte, wie er einen Gefangenen befreien wollte, der ihm vielleicht, es war ihm Dies ein höhnischer Gedanke, ein tolles Märchen aufgeheftet und zu einer Posse misbraucht hatte! Die Einsamkeit der Nacht, die Qual der Schlaflosigkeit mehrte den lästigen Reichthum der Vorstellungen, die er sich über dies plötzliche Verschwinden machen mußte. Er sah sich mitten im Zuge von Dingen, die ihm plötzlich nun wie die Neckereien eines bösen Geistes vorkamen ... und wenn ihm nicht Eines sicher geblieben wäre, das Gefühl, mitten in diesem Spuk doch ein wahrhaft Wirkliches gehabt zu haben ... das warme Klopfen eines schönen Mädchenherzens an seiner von Lust und Liebe erfüllten Brust ... er würde wie in einem Chaos der unleidlichsten und leersten Eindrücke rathlos umhergetaumelt sein.

An diese eine unleugbare und nicht mehr in Trug zerrinnende Thatsache hielt sich denn auch Dankmar. Sie gab ihm Besinnung, Ruhe, Gefühl der Sicherheit, Behaglichkeit und Schlaf.

Er schloß aber doch die Augen viel zu spät für die frühe Stunde, in welcher er Befehl gegeben hatte, ihn am nächsten Morgen zu wecken.

[580]
10. Capitel. Heimwärts
Zehntes Capitel
Heimwärts

Nach einem ereignißreichen Tage, an welchem sich vielfache Fäden für zukünftige Erlebnisse angesponnen haben, spornt bei tüchtigen Naturen das Erwachen nur zum Muth und zur Entschlossenheit. Alles Das, worauf man in der Frühe sich vom Abend her mit Staunen besinnt und was einmal nun nicht mehr zu ändern ist, tritt jetzt in Form einer Pflicht und einer gewissenhaft durchzuführenden Aufgabe vor die Seele zurück und weit entfernt, zu klagen und sich in Betrachtungen zu verlieren, wie das Alles hätte möglich sein können, rührt ein entschlossener Geist die ihm zugebotestehenden irdischen Hände, kämpft sich durch die Schreckbilder eitler Erwägungen hindurch und beginnt oft von einem solchen schwierigen und aufgabenreichen Tage den Abschnitt eines neuen Lebens.

Dankmar, ein freier Naturmensch, war noch keineswegs ein fertiger abgeschlossener Charakter. Er fühlte zu oft noch, daß immer wieder neue Erfahrungen an seinen Gesichtspunkten rüttelten, neue Bekanntschaften, neue Thatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten[581] Gleichgewichte werfen konnten. Aber bis zu der Einwurzelung hatte er es denn doch schon gebracht, daß er nicht mehr von jedem Eindrucke, der ihm unvorbereitet kam, sogleich willenlos hin und her geschleudert wurde.

Während Siegbert mehr ein Gemüths- und Phantasieleben führte, hatte Dankmar die thatkräftige und verständige Richtung seines Innern vorzugsweise schon entwickelt und sich in ziemlich sichern Grundzügen seine etwanige künftige Laufbahn entworfen. Er liebte das Recht, dessen Studium und Praxis er sich zur Lebensaufgabe gewählt hatte, er liebte es auch an und für sich selbst. Er hatte schon als Kind einen leidenschaftlichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte Denen, die seinen für Das, was ihm wahr schien, aufflammenden Eifer misverstanden, heftig, ja gewaltthätig erscheinen. Er scheute schon als Knabe keine Gefahr, wo ihn das Bewußtsein einer richtigen Handlungsweise, einer Ausgleichung fremder Unbill begeisterte. So war er auf der Universität nicht nur oft in Zweikämpfe verwickelt, die er ohne Tollkühnheit mit besonnenem Muthe bestand, sondern noch weit öfter Zeuge und Vermittler fremder Ehrenhändel und nicht selten Schiedsrichter in Streitfragen, wo er den Ausbruch einer übereilten Berufung an die Waffen hintertrieb. Sein männliches Wesen gewann ihm alle Herzen. Bei jedem Anlaß, wo verschiedene Ansichten sozusagen grell aufeinander platzten, wählte man ihn zum Vorsitzer der Debatte. Er hatte überall die angenehme Genugthuung, [582] daß sich ihm die tüchtigsten Menschen unterordneten, worüber er nicht um seinetwillen, sondern um der Sache selbst willen Freude empfand. Bunten Seifenblasen lief er nicht nach. Er ließ das süße Geschäft des Träumens seinem weichern Bruder.

Dennoch verwarf darum Dankmar Siegbert's Richtung noch nicht. Er hielt hier eine männliche Befruchtung, dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geistern für nothwendig; denn die Geister, sagte er, haben kein Geschlecht. Für sich selbst aber behielt er Das als Richtschnur, was seinem Wesen entsprach. Er scherzte oft tändelnd ohne gedankenlos zu werden, er spottete ohne zu verwunden. Im Übrigen hielt er sich in seinem gewohnten Ernste, den er gefällig, leicht, ohne Kopfhängerei zur Schau trug. Unterstützt von einer sehr edlen Gestalt, die sichtbar die Kraft und Fülle einer unverdorbenen Jugend ansichtrug, hätte er in der Welt großes Glück machen müssen, wenn ihn nicht die spärlich zugemessenen Mittel beengt und von einer freien Bewegung in größeren Kreisen entfernt gehalten hätten. Wie oft rief er nicht mit dem Dichter: Ich bin ein Fisch auf dürrem Sand!

Seine einzige Schwäche war vielleicht die, daß er auf eine plötzliche Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte .... In diesem Sinne war er romantischer und abergläubischer als Siegbert. In diesem Sinne glaubte er an Wunder. Ob diese hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem günstigen Zufalle, in der Liebe oder wol gar in einem persönlichen Unglück bestehen würde, war ihm [583] fast gleich. Genug er glaubte an die Nothwendigkeit, daß an jeden Menschen einmal vom Schicksal irgend ein Hebel gesetzt wird, der ihn aus der Gewöhnlichkeit und dem träge sich fortspinnenden Genuß eigener Hände- und Geistesarbeit herausschleudern müsse. Die Das bestreiten, sagte er einmal zu Siegbert, der bei all seiner Romantik in gewissen Dingen »praktisch«, ja nüchtern sein konnte; die Das bestreiten, Bruder, haben wahrscheinlich nicht den Muth gehabt, den ihnen vom Schicksal dargebotenen Finger, das zugeworfene Ankertau kühn zu ergreifen! Wer da zögert und fürchtet, man könnte vielleicht mitten in den Wolken von der Hand der Himmlischen plötzlich losgelassen werden oder das Tau könnte reißen, Der versäumt sein besseres Erdenloos durch eigene Schuld. In spätern Jahren, wenn man wie eine Schnecke zu seinem solid erfaßten Ziele fortgekrochen ist und vielleicht irgend ein Häuschen zur Unterkunft gegen Regen und Ungemach gefunden hat, später entsinnt man sich dann sehr wohl, daß man einst an einem Seitenwege gestanden hat, wo uns ein unerklärliches Etwas in der Brust zurief: Lenke hier ja ein! Man steht vielleicht nicht sehr hoch und übersieht nun doch, daß jener Weg zur eigentlichen Hauptstraße führte und daß Viele, die ihn wandelten, es weiter brachten als wir. Eine einzige unterlassene Bekanntschaft kann sich so empfindlich rächen! Ein einziges Wort von einem edlen, einflußreichen Menschen, nicht aufgegriffen und befolgt, war so für immer verloren. Ja ein Besuch, den man den Muth hätte haben sollen, [584] einem freundlichen Gelehrten oder Staatsmanne oder einer schönen Frau zu machen, die in einer Gesellschaft, wenn auch nur drei holde, ermunternde Worte zu uns sprach, konnte für uns Vortheile, Lebensplane, Lebensrichtungen zeitigen, die sich blöde Zaghaftigkeit kaum möglich gedacht hatte. Und in diesem Sinne, sagte er sich immer, greif' ich einmal irgendwo ganz keck zu, wenn ich bemerke, daß an der Wand Etwas, wenn auch nur vom leisesten Schatten einer Schicksalshand spukt und dämmert, und wenn ich Gefahren erblicke, wenn ich selbst vor kühlerm Urtheil gestehen müßte, eine Thorheit zu begehen, ich finde mich schon aus ihren Folgen wieder heraus, versinke nicht, kämpfe solange ich kann mit den Wogen und bin, wenn ich aus der Betäubung erwache, entweder drüben am andern Ufer, wo Glück und Freude blühen, oder ich erwache nie mehr aus ihr, und Das wäre dann auch gut.

Ein solches geheimnißvolles Schattenspiel an der Wand war Dankmarn nun der Verlauf des ganzen gestrigen Tages. Er hätte, wenn er Siegbert's Wesen folgen wollte, jetzt fliehen müssen. Ein Brief an diese gefährliche Melanie, der Vorwand plötzlicher Abhaltung, vielleicht die ausdrückliche Berichtigung ihres Misverständnisses, wenn sie es, wie Dankmar kaum wissen konnte, noch hegte, alles Das wäre Siegberten nun sogleich gebieterisch in den Sinn gekommen. Er hätte alle Fäden abgerissen und sich wieder in sein Atelier geflüchtet, den Pinsel ergriffen und in Gott und sich vergnügt Leinwand bemalt. Ganz [585] anders der entschlossene feurige Dankmar. Der hielt nun fest, was ihm der Zufall an Drähten von der großen Weltkomödie in die Hand gespielt hatte. Prinz Egon war nicht mehr zu finden. War es ein Betrüger gewesen, so ergab er sich darein und nahm Das, was sich aus unangenehmen Irrthümern als angenehme Wahrheit ergeben hatte, für ein Übriges, für einen reellen Gewinn. Zum Justizdirector von Zeisel konnte er nicht mehr gehen, denn es war zu früh am Tage. Der Thurm, an dem der Büttel wohnte, lag ihm sogar zu fern. War der Prinz entflohen, so konnte ihm nur damit gedient sein, einen Vorsprung zu gewinnen, den er durch seine Meldung vielleicht verloren hätte. Auch hatte er genug zu thun mit seiner Reiserüstung. Schon schlug es fünf Uhr und um sechs wollte Melanie vor der Thür der Krone halten, so meldete ein Jockei Lasally's, den dieser geschickt hatte, um den Einspänner des Fremden in Empfang zu nehmen. Dankmar überwies ihm sein geliehenes Fuhrwerk mit strenger Weisung zur Obhut und Schonung. Auch Bello wurde ihm anempfohlen, den er sorgsam zu hüten versprach. Die Rechnung beim Wirthe wurde berichtigt. Er sah dabei mit Schrecken, wie seine zwanzig kleinen Papiere schon zusammengeschmolzen waren, und wenn er vollends gedenken mußte, daß diese Summe fast eine bei Hackert gemachte Anleihe war und daß ihn ohne Zweifel in der Residenz die Nachricht empfangen würde, ein ihm von Lasally's Bereiter, dem alten Levi, anvertrautes stattliches Pferd wäre wieder von Hackert auf irgend eine Weise wenn nicht ganz zugrundegerichtet, [586] doch vielleicht gemishandelt zurückgeschickt worden, so ergriff ihn vor den möglichen künftigen Verwickelungen fast ein Anflug von Muthlosigkeit.

Melanie aber erschien ihm bei solcher Stimmung wie Ariadne. Sie war ihm die Retterin aus dem Labyrinthe jeder Gefahr. Wie er sie und Lasally und das ihm bestimmte Pferd und einen Reitknecht dahersprengen hörte, verschwand jede Besorgniß. Er trat auf die Schwelle des Gasthauses und empfing schon in der Ferne Melanie's freundlichen Morgengruß. Sie nickte ihm alle Träume der vergangenen Nacht zu. Sie sagte ihm nicht durch Worte, sondern durch einen einfachen Blick: Ich bin Dieselbe, die ich gestern war! Ich bin Die, die sich in der Mondnacht deiner Umarmung nur darum entwand, um dir, wenn du willst, für's Leben zu gehören! Lasally sprach Einiges über den Gaul, den er Dankmarn hatte satteln lassen. Dieser, seit frühen Jahren ein geübter Reiter, fand sich bald auf ihm zurecht und erfreute Melanie nicht wenig durch seine kundige Haltung der Bügel und der Lenkseile. Sie trug einen grauen Hut mit schattiger breiter Krempe, einen blauen Schleier und ein weites, bis oben geschlossenes, gleichfalls blaues Reitkleid. Die Reitgerte hielt sie unter dem linken Arm angepreßt, während die linke Hand die Zügel hielt, denn in der Rechten hatte sie ein weißes zierliches Papier, von dem sie Verse ablas, die ihr heute schon in aller Frühe überreicht waren. Sie kamen vom Pfarrer, der sie ihr am Fuße des Schloßberges entgegengehalten und einen Abschied [587] genommen hatte, von dem Melanie versicherte, er hätte sie mehr beängstigt als erfreut.

Denn ich bin wol glücklich, sagte sie, Die zu erobern, die mir gefallen, aber geschätzt zu werden, wo man es am wenigsten erwartete, setzt in Verlegenheit!

Am Ende des Dorfes, dicht vor Zeck's Schmiede, hielten drei Reisewagen, die schon die ganze übrige Gesellschaft aufgenommen hatten. Nach der Abreise Melanie's und ihrer Mutter wollte Niemand mehr auf dem Schlosse zurückbleiben. Man hatte bis in die tiefe Nacht gepackt und sich mit wenigen Stunden Schlaf begnügt. Diese lebensfrohen, vom Dasein so begünstigten Herrschaften reisten mit allem Comfort des Besitzes. Die Wagen waren elegant und bequem, die Kutscher in Livreen. Recht großmüthig theilte Melanie's Mutter noch an die Diener des Schlosses Geldspenden und Geschenke aus; kärglicher zeigte sich Reichmeyer, der sich zu seinen Zeitungen und Cursen zurücksehnte. Die Wirthschaftsräthin war geradezu geizig. Bartusch, der Hannchen Schlurck gegenüber saß, theilte außerdem noch an die alte Brigitte manche Befehle aus und verhieß eine baldige Rückkehr, worauf sie nicht zu erwidern verfehlte, daß sie Alle in Gottes Hand gegeben wären und daß der alte Winkler den Tag des Herrn bald werde anbrechen sehen. Dann wandte die Alte sich zu Dankmarn hin, der eben mit Melanie von der Krone dahersprengte und beantwortete Bartuschens heimlich an sie gerichtete Frage, ob sie nicht glaube, daß dieser Herr der Prinz Egon wäre, mit den Worten:

[588] Über ein Kleines wird man ihn sehen und über ein Kleines wird man ihn nicht sehen!

Bartusch machte ihr seine Frage deutlicher.

Der Prinz! Der Prinz! sagte er. Kennt Sie ihn nicht mehr?

Die Alte hatte so viel Angst vor diesen fremden Leuten, daß sie Alles, was man sie fragte, nur halb verstand. Da meinte sie denn:

Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt!

Bartusch hätte sie nun lieber sollen stehen lassen. Diese gute Alte war eben durch die lange Gewöhnung an kirchliche Äußerungen, durch überirdische Sehnsucht, zwei Jahre der Furcht und des Schreckens vor einer Zukunft von vielleicht noch einigen Jahren der Entbehrung, in einen solchen Zustand der Verdumpfung gerathen, daß sie nur das allernächste Wirthschaftliche noch begriff und auf Bartusch's erneuertes Drängen, ob sie jenen jungen Mann nicht für den Prinzen Egon halte, unfähig war, sich zu sammeln und vernünftig zu antworten.

Auch die beiden Zecks standen schon vor der Schmiede und gafften, der Blinde als wenn er sehen, der Taube als wenn er hören könnte. Seit Jahren schon waren sie gewohnt, ihre Sinne gegeneinander auszutauschen, und so kam es fast, daß der Blinde besser sah als der Taube, und der Taube besser zu hören schien als der Blinde. Sie faßten sich Beide an; denn das Pferdegetrappel machte den Stand selbst unter dem Vordache der Schmiede gewagt. Der alte Zeck lächelte, weil er viel zu wissen schien, der [589] junge lächelte, weil er entschieden nichts wußte und einfältig war. Jener grüßte in einem fort und sprach laut die lebhaftesten Reisewünsche aus, dieser nickte Allen zu und bestätigte stumm, was der Vater hastig und von innerer Unruhe getrieben fast in die Luft sprach, denn Niemand hörte auf sie; selbst Dankmar nicht, dem diese Menschen seit dem Besuche des Amerikaners und Heunisch's harmlosen Mittheilungen nicht mehr gefielen. Nur Bello kümmerte sich um sie und klaffte auf seinem zum Fourgon umgewandelten Einspänner viel unfreundlicher, als sich für den Abschied und die Ohren der Damen geziemte. Dankmar hörte dem Thiere die Freude an, zu seinem Herrn, dem Fuhrmann Peters, zurückzukommen, von dessen Schicksalen an der Schmiede es mehr zu wissen schien als Peters selbst. Doch suchte er den Lärmmacher ernstlich zu beruhigen.

Als sich denn endlich der Zug in Bewegung setzte und die Reitenden noch eine Weile an den Wagenschlägen sich hielten, kam man noch einmal auf den sonderbaren Abschied des Pfarrers zu sprechen, der am Wege oberhalb einer Anhöhe stand und mit dem Tuche Allen nachwehte.

Dankmar sagte zu Melanie:

Den haben Sie auf dem Gewissen! Der ist an Ihrem Sonnenstrahl noch einmal wie zu neuem Leben erwacht und kommt mir vor, als wenn er beschlossen hätte, den nächsten Schnee auf diesen Bergen nicht mehr abzuwarten!

So soll er uns willkommen sein! sagte Melanie. Seine [590] Verse verrathen denselben Geist, den Sie ihm auch in seinen Reden werden angemerkt haben. Ich glaube es ist ein Poet.

Etwas viel Gefährlicheres, sagte Dankmar. Es ist ein Genie; wenigstens glaubt er es zu sein. An Betrachtungsformen der Dinge, an Reflexionen, sie bald so, bald so spielen zu lassen, scheint er in der That überreich zu sein. Von dieser Gattung Menschen hatt' ich immer eine Ahnung, wie sie wol sein könnten und nun bin ich begierig, ob sich jetzt mit Ihrer Abreise das in Aufruhr und wilde Gährung gebrachte bedeutende Element in diesem da legen wird und er zurückkehrt zur gewohnten Ordnung und Resignation seines Lebens, oder ob es ihn nicht mehr ruhen läßt und er noch einmal den Faden seines Lebens, den er früher mit der Fürstin im Pietismus fast versponnen hat, zu einem neuen Gewebe anlegt ....

Wäre das ein Doctor, sagte Lasally kurz und mit einer Art trockenen Humors, wie Alles was er sprach; wäre Das ein Doctor, von dem ließ' ich mich nicht curiren, und wenn mir nichts als ein Finger weh thäte.

Es ist wol möglich, sagte Dankmar, daß er Ihnen soviel von dem Wesen einer Entzündung der Hand spräche, soviel geistreiche Wendungen für die Wichtigkeit der Fünfzahl im menschlichen Körper vorbrächte, bis ein ganz prosaischer Chirurg kommen und Ihnen von Ihren fünf Fingern den einen kranken abschneiden müßte.

Dankmar sagte Das an der Stelle, wo ihm der vermeintliche Egon die Visitenkarte gegeben hatte ....

[591] Darüber zwar geneigt, in Betrachtungen zu versinken, konnt' er doch solchen ernstern Stimmungen nicht nachgeben; denn Melanie duldete keine Pause. Man kennt ja jene Stimmung der glücklich Liebenden, wenn sie ihr Geheimniß unter gleichgültig scheinenden Scherzen zu verbergen suchen und von der innern, ihre Brust mit dem Gefühl aller Seligkeiten zu sprengen drohenden Macht getrieben, in holdem Muthwillen bald nach diesem, bald nach jenem Gegenstande und Gedanken greifen, deren wirres Durcheinander wol den oberflächlich Blickenden dann täuscht, dem tiefern Forscher und Kenner der Herzen aber sich gar bald verräth!

Wenn auch hier die Forscher und Kenner fehlten, so fehlten doch Die nicht, die Melanie's Natur kannten. Alle wußten, daß der junge Fremde, der auf die Länge ihnen immer höher wuchs und für den Bruder eines in Melanie ohne Erhörung verliebten Malers fast zu hoch von ihr verehrt wurde, nicht Das sein sollte, wofür er sich ausgab. Man flüsterte staunend vom Prinzen Egon. Hatte man doch auch von einem Diener gehört, daß er einen mit einer Krone gesiegelten Brief zur Post gegeben! War man doch betroffen über seine genaue Kenntniß aller innern und äußern Beziehungen der fürstlich Hohenberg'schen Familie! Nur das Wohlwollen schien ihnen befremdlich, das er ihnen Allen nicht entzog. War es der junge Fürst, so hatten sie Alle das Gefühl, daß er ihnen Etwas schenkte, worauf sie kaum Ansprüche machen durften. Und war er freundlich, ihrer finanziellen Ansprüche wegen, so lag [592] darin Etwas, was ihn wieder geringer erscheinen ließ, als seiner Art zu entsprechen schien. Herr von Reichmeyer faßte ihn schon gering. Er nahm oft Gelegenheit, seine Unzufriedenheit mit Vielem auszusprechen, was sich ihm auf der Reise durch die Herrschaften des Fürsten zur Anerkennung oder Rüge darbot, und machte sich in der ganzen vollen Bedeutung geltend, die er dem bedrängten Erben haben mußte.

Dankmar, unbekümmert, genoß nur den Augenblick.

Er ließ ihn nur noch von Melanie erfüllen. Sie hatte ihm gesagt, daß sie den Intendanten auf dem Heidekruge einholen würden und daß bis morgen das Bild in seinen Händen sein würde .... Mehr bedurfte es nicht ... Er ließ Alles geschehen um des Bildes und um des süßen Abenteuers willen. In vollem Zuge genoß er das Glück des stillen Einverständnisses mit einem reizenden Weibe. Beseligt empfand er die Macht eines einzigen jener Blicke, die aus Melanie's dunkeln, liebeverheißenden Augen ihn für tausenderlei gleichgültiges Geplauder, Forschen, Blinzeln, Moquiren entschädigen sollten. Konnte ihm denn entgehen, daß Melanie nur seinetwegen so muthig auf ihrem Rosse aushielt, daß sie nur seinetwegen mit den Leuten am Wege scherzte? Zwar gab sie sich die Miene, von einer brennenden Sehnsucht nach dem Intendanten verzehrt zu werden. Sie fragte Jeden, ob sie nicht den schönen Mann in dem eleganten Reisewagen hinter der großen Thierbude gesehen hätten und da durch diese Örter noch der Transport des Mobiliars bei Nacht geschehen war, so [593] stellte sie sich untröstlich, von Niemanden Auskunft zu erhalten ....

Hier hat er geschlummert, rief sie, hier haben seine kleinen Ohren sich in die Kissen seines Wagens gedrückt! Hier über diesen Stein rollten vielleicht die Räder seines Landaus und weckten ihn aus einem Traume, wo ich vielleicht eben vor ihm niederkniete und ihm sagte: Einziger! Nur du! Nur du!

Und wenn die Leute über eine gefahrene Thierbude, von der sie sprach, erstaunten, hier und da wol auch Jemand von dem ungeheueren Wagen gehört hatte, so sagte sie Andern wieder, es wäre eine Hütte, die ihr Geliebter mit sich führe, dieselbe Hütte, wo er sie zum ersten male gesehen und die er deshalb mit in sein Schloß nähme, um sie unter eine Glasbedeckung zu stellen ....

Mit solchen Scherzen vergingen die ersten Stunden des Morgens, bis man sich am Gelben Hirsche sammelte und dort ein Frühstück einzunehmen beschloß.

Comfortables Geschirr und feine Küche hatte man bei sich. Eier und Butter gab die Wirthschaft, die von dem Bruder der hier nicht gern verweilenden Wirthschaftsräthin geführt wurde. Zu verwandtschaftlichen Begrüßungen blieb hier nicht viel Zeit; denn die so außerordentlich zahlreiche Gesellschaft drängte und setzte alle Hände des Wirthshauses in Bewegung. Der Bruder der Frau Pfannenstiel war wiederum nicht zugegen. Man sagte ihr, sie könnte ihm vielleicht noch begegnen; er wäre in Helldorf, wo die angesehenen Eigenthümer der [594] Gegend sich zu einer Wahlbesprechung unter dem Vorsitz des Heidekrügers Justus versammelt hätten. Die Wirthschaftsräthin wußte, daß ihr Bruder stark Politik trieb und war froh, daß sie sein drittes Wort nicht hörte: Schwester, thu' Etwas für mich! Ich habe ein halbes Dutzend Kinder .... Diese Kinder schmiegten sich denn auch, während die Mutter von der Verlegenheit über soviel Gäste fast überwältigt war, an die Tante, bekamen aber wenig andere Zärtlichkeit von ihr erwidert, als daß sie sich das Zerdrücken und Beschmutzen ihres seidenen Kleides verbat. Sie würde ihnen gern, sagte sie, von den Leckerbissen der Wagenvorräthe abgegeben haben, wenn sie nicht dann jene Beschädigung hätte fürchten müssen .... Lenchen lächelte dazu fein, ungläubig und betrachtete sie kaum .... Was ist Blutsverwandtschaft, wenn sie nicht durch den ebenbürtigen Geist vermittelt wird!

Unter einem Apfelbaum hinterm Hause nahm die Gesellschaft Platz und breitete ihre Vorräthe aus, während die Dienerschaft auf Käse und Butter aus der Wirthsküche und eine schnelle Revision aller Hühnernester angewiesen war. Frau von Reichmeyer vertheilte Teller, Servietten, Gläser, putzte und reinigte, was ihr nicht sauber schien, während die Justizräthin mit gutmüthigen Entschuldigungen ihre scharfe Kritik wieder kritisirte und Alles zum Besten zu kehren trachtete.

So heiter man schien, so entging es Dankmarn doch nicht, daß er anfing die Gesellschaft zu drücken. Seine Anwesenheit belästigte wol nicht, im Gegentheil mußte sie [595] Allen, selbst Lasally, der oft von seiner Anklage gegen Hackert sprach, interessant erscheinen; allein der Hinblick auf ihn wurde doch ein befangener. Bartusch hatte sich entschließen müssen, Schlurck's Brief mitzutheilen. Er ging heimlich von Einem zum Andern. Man las, man verglich, man zweifelte und glaubte, jenachdem Dankmar in der Laune war, die geheimen Zeichen des Zweifels und des Glaubens, deren Gründe er wol errieth, durch sein Benehmen zu unterstützen oder zu widerlegen. Hätt' er nicht immer noch annehmen müssen, diese doch hochstrebende, von der großen Gesellschaft verwöhnte Melanie gäbe sich seinen Planen vielleicht doch wol nur hin, weil sie in ihm die Eroberung eines Fürsten zu haben glaubte, er hätte dem zweifelhaften Schimmer seines Ichs bald ein Ende gemacht und sich offen als das anspruchlose Glied der Gesellschaft zu erkennen gegeben, das er wirklich war.

In dieser Stimmung kam ihm ein Gruß sehr willkommen, den ihm ein an dem Apfelbaume Vorübergehender schenkte. Es war Heunisch, der Jäger. Alle kannten ihn. Es befremdete nicht wenig, daß Dankmar, den das seinetwegen stockende Gespräch fast verlegen machte, aufstand, Heunischen, der ins Haus gehen wollte (er kam durch den Garten, vom Felde her) auf die Schulter schlug, ihm freundlich die Hand schüttelte und mit ihm nach der Straße zu durch das Haus ging. Die Kinder umjubelten den fleißigen Besucher dieser Stätte, auf der ihm so Schmerzliches begegnet war. Sie grüßten seinen Hund, [596] den sie liebkosten. Sie nahmen dem Onkel, wie sie Heunisch nannten, den Hut und selbst die Flinte ab, die er ihnen heute gab, weil sie nicht geladen war. Das Pulverhorn behielt er.

Dankmar knüpfte gleich an Heunisch's Erinnerungen an und wollte von Ackermann, von Selmar, von der Ursula und ihrer Erbschaft hören. Während die Gesellschaft im Garten frühstückte, setzte er sich mit Heunisch auf die Bank vor dem Gelben Hirsch, dicht unter eines der Enden des gewaltigen Geweihes, das über der Thür als Wahrzeichen einer Herberge hing, die man nach der Gesinnung des Herrn Drossel ein demokratisches Widerspiel des »Heidekruges« nennen konnte. Gelb hieß der Hirsch wol deshalb, weil das Haus grell gelb angestrichen war oder ... umgekehrt.

Wir werden begierig sein, wie die Ansichten des lebhaften, unruhigen, in seinen Finanzen zerrütteten Hirschenwirthes in Helldorf mit denen des Heidekrügers über die Wahl des Justizraths Schlurck zusammentreffen müssen, wollen uns aber einstweilen mit Dem begnügen lassen, was uns unser alter Freund, der gutmüthige Jäger, noch aus seinem grünen Reviere erzählen wird.

[597]
11. Capitel. Ein Nachhall aus dem Walde
Elftes Capitel
Ein Nachhall aus dem Walde

Heunisch, der Förster, war ein so zerstreuter, gutmüthig vergeßlicher Mann, daß er nicht errathen konnte, was er eigentlich Dankmarn zu berichten versprochen hatte.

Er fing sogleich, als ihm Lenchen einen Trunk Bier gebracht hatte, den er neben sich auf die Bank stellte, während Dankmar durch Abrücken Platz machte ... er fing sogleich von Dem an, was Dankmar bereits wußte.

Ja, ja, sagte er, hier hab' ich meine erste Braut, das Riekchen Drossel verloren. Da die Scheune ist, wie Sie sehen, neu gebaut und auch das Wohnhaus ist fast neu; doch sind's schon wieder fünfzehn Jahre her und Alles sieht schwarz und vergessen aus. Haben Sie denn in der Ullaschlucht das Kreuz gesehen?

Welches Kreuz? fragte Dankmar, selbst zerstreut.

Das Kreuz um Sägemüller's Nantchen! Die Leute weisen ja jeden Fremden dahin und erzählen ihm mein Elend ...

Dankmar besann sich und bedauerte, sich die Stätte nicht angesehen zu haben.

Das Kreuz an dem Wasserstrudel, sagte Heunisch, ist [598] gleich von Hause aus schwarz. Drum hält sich's immer wie neu. Die Frau Fürstin ließ es setzen. Sie war doch gut ... und eigentlich ist's nicht recht, daß ich öfter hierher gehe als an das Kreuz.

Warum nicht? Hier findet Ihr Trost und Labung.

Nein Herr, sagte Heunisch, oft werf' ich mir's wirklich vor, daß ich lieber hierher gehe und mich gewöhnt habe, fast alle drei Tage bei Drossel's zu sein, als auf die Sägemühle zu, wo ich selten hinkomme und doch weiß ich nicht, wessen Tod mich mehr geschmerzt hat ... Nantchen's oder Riekchen's. Nantchen war schelmisch und behend wie ein Reh; sonst hätte sie mich Riekchen nicht vergessen lassen, die so freundlich hier die Gäste empfing und gleich wenn sie bedient hatte, sich wieder zum Arbeiten hinsetzte, da hinter die Blumen am Fenster. Lieber Gott, ich rede von damals! Damals lag das Fenster hier unten rechts und Blumen waren dahinter gezogen wie eine Laube. Ich sehe sie noch mit ihrem Kamm von Schildpatt und Elfenbein hinterm Goldlack .... Jetzt ist der Flügel ganz abgebrannt und neu angebaut, die Scheune ist neu und der Stall. Der Wind trieb den Brand nach Scheune und Stall und im Hause verbrannte Die nur, die verbrennen sollte.

Verbrennen sollte? fragte Dankmar verwundert. Wer wollte denn, daß sie verbrannte?

Ist's denn nicht Gottes Rathschluß, so wie so, und was uns bestimmt ist, wer kann ihm entgehen! antwortete Heunisch nachdenklich.

[599] Er kam dann auf die Schwester seiner Braut, die er wol erkannt, aber nicht gegrüßt hatte ... die Frau Wirthschaftsräthin. Überhaupt war er erschrocken, da unter dem Apfelbaum so die ganze »Bescherung« vom Schlosse anzutreffen ....

Was sie wol mögen herausgebracht haben über unser Aller Schicksal, fragte er; denn – nehmen Sie mir's nicht übel, Herr ... Sie gehören doch wol auch ...

Zu den Gläubigern? sagte Dankmar kopfschüttelnd und gab ihm den Trost, daß sich der Prinz ohne Zweifel noch entschließen würde, die Herrschaft beizubehalten, worüber Heunisch große Freude bezeugte. Dann aber fuhr Dankmar fort:

Aber Heunisch, Sie sind mir ja noch Eins schuldig ... wissen Sie denn nicht mehr? ...

Ich wollt' Ihnen was erzählen? Von der Fränz in der Stadt? Nicht wahr?

Nein! Nein!

Von den Kugeln unterm Ebereschenbaum?

Erfuhr ich schon ... Nein, nein! ... Ob die Ursula Marzahn ... gestanden hat, daß ihr der Amerikaner ...

Ah Das, Herr! Ja offen und ehrlich hat sie's! sagte Heunisch lachend. Alles hat sie gestanden, das Geld hergezählt und mir übergeben, freilich in ihrer Art, accurat so, daß Einer, der sie nicht kennt, lieber nichts davon hätte wissen mögen ...

Wie denn? fragte Dankmar, mehr wegen Ackermann's und des Knaben, als wegen der Ursula gespannt.

[600] Wie ich hinüber kam in mein Haus, erzählte Heunisch, da begegnete mir schon an der Wiese der fremde stattliche Herr mit dem lieben Jungen. Allerliebstes Kind Das! Nach seinem Geschäft, wenn es doch ein geheimes sein sollte, mochte ich ihn nicht fragen und er sagte selbst weiter nichts davon und grüßte blos. Da er denn aber doch in meinem Hause war, so blieb ich stehen und er fing an recht freundlich zu werden und meinte, daß ihm die Alte nicht gefalle. Ei, Herr, sagt' ich, die hat schon Manchem nicht gefallen, kommen Sie aber nur wieder mit zurück; es hat eben Jeder seine Art. Nein, nein, sagte er und der kleine Bursch schmiegte sich ihm ordentlich furchtsam an, sie hat den tauben Schmied da behalten, mit dem sie sich so wahnwitzig curios verständlich macht, daß Leute, die hören können, besser die Ohren zuhalten und davongehen. Hätte mein Junge Drüsen am Hals oder sonst ein Kinderübel, so käm' ich schon wieder; denn die Alte scheint mir zu den Wahrsagerinnen, Kartenlegerinnen, und ums gerade herauszusagen, zu den Hexen zu gehören!

Das war rundweg gesprochen, Heunisch!

Da ich mich dagegen im Grunde nicht sträuben konnte und es geschehen lassen muß, wenn man die Ursula so nimmt, wie sie sich eben gibt, so mußt' ich ihn wol ziehen lassen. Nun aber hielt der Amerikaner mich selber auf und fragte die Kreuz und Quer, nach Feld, Wald und Wiese in Hohenberg und wollte Tausenderlei von unserer Ökonomie wissen. Endlich kam ich in mein Haus, wo ich denn [601] richtig die Ursula mit der goldenen Bescherung antraf. Sie hatte all ihr Gold, es waren hundert doppelte Friedrichsdore, in der Schürze und rief mich gleich an: Schnappauf, Junge!

Schnappauf Junge? wiederholte Dankmar. Das klingt ja ganz kindlich!

Ich mußte gleich die Mütze hinhalten und in die Mütze, die ich hinhielt, schüttete sie's mir, Alles baar und blank und tanzte dabei wie närrisch ....

Tanzte?

Sie hielt's für Katzengold, sagte sie.

Katzengold? Heunisch, dann müßt Ihr's doch wol wiegen lassen.

Wie so?

Sie kann's ja gleich verhext haben.

Ach Spaß! Ich sah schon, daß die Friedrichsdore echte Landsvaterwaare sind und über Nacht nicht wieder Kohlen werden. Nächsten Sonntag sollen die Zeck's bei uns zu Mittag speisen und da wollen sie denn zusammen abmachen, was sie mit dem vielen Gelde beginnen.

Seht! Seht! sagte Dankmar, da werdet Ihr ja einen feierlichen Sonntag haben ....

Ich mag nicht dabei sein; antwortete der Jäger.

Wo man vielleicht Wein trinkt?

Der Blinde verdirbt mir den Appetit ....

Ihr söhnt Euch aus ...

Mit einem Habgierigen nicht!

[602] Ist Das so ein Währwolf?

Ein Blutsauger, was das Geld anlangt ...

Der blinde Zeck?

Der Mensch ist heimlich, wie ich Ihnen schon gesagt habe ....

Unheimlich ...

Aber man könnte ihn in Ehren grünen und blühen lassen, was die Arbeit, den Fleiß und die gute Aufführung anlangt ....

Und dennoch?

Seine Habgier! Das ist die Plage!

Er scheint doch in leidlichen Umständen ...

Für sich bedarf er nichts, aber sein Junge ... den liebt er, wie ein Affe seine Jungen ...

Macht ihm Ehre ...

Wol! Das sag' ich auch. Aber Alles in seinen gehörigen Grenzen ....

Da habt Ihr Recht!

Wie quält er seine Schwester!

Seine Schwester? Quälen? Erkennt die Ursula einen Meister?

O Herr, Das ist nicht zu sagen! Ich warf ihn schon oft zur Thür hinaus!

Was, glaub' ich, nicht leicht ist. Er hat Arme!

Daß er nicht sehen kann, ist sein einziger Jammer ... aber am Zuschlagen hindert's ihn nicht.

Er sucht wol, wo es etwas zu fischen gibt?

Für seinen Jungen, für den er sammelt, für den er spart [603] und geizt ... denn es ist wol ein elender Mensch, der Sohn, wenn der Alte einmal ...

Die Augen zuthut, kann man nicht sagen ...

Kann man nicht sagen ... Aber doch sieht er mit den Händen, mit den Füßen, mit der Nase, mit den Ohren. Da ist in unserm Forsthause ein Schrank ... Sie hätten uns doch besuchen sollen ...

Das nächste mal, Heunisch!

Den Schrank hab' ich der Ursula gelassen, weil er ihr schon bei Marzahn gehörte. Da hat sie alle ihre Papiere drin und Geldsachen und Quacksalbereien und was weiß ich ...

Ihr seid, bei Gott, nicht neugierig!

Nein, Herr! Vertrauen und Accuratesse! Das war immer mein Wort! Ich lasse die Ursula in ihren Schrank legen, was sie will. Und wenn der Schlüssel auf dem Tisch läge ....

Ihr nähmt ihn nicht?

Ich nähm' ihn nicht ....

Aber Zeck? Der wäre nicht so rücksichtsvoll?

Auf den Schrank hat er's! Den umschnüffelt er! Da wittert er Gold und Silber und Erbschaften und Verschreibungen ....

Alles für seinen Sohn?

Für den Jungen, der einmal blinder als blind ist, wenn der Alte nicht mehr ist.

Doch immer eine väterliche Fürsorge! Etwas Achtbares dabei!

[604] Ei ja! Ich will's gelten lassen. Ich gönn' ihm sein Geld, ich gönn' ihm die Erbschaft, die der feine Herr aus Amerika gebracht hat ... aber ...

Von wem kommt denn die Erbschaft?

Im Vertrauen, glaub' ich – von einem verstorbenen Bruder, der hoffentlich ein seligeres Ende genommen hat als er es verdiente ....

Eine seltsame Familie!

Lassen Sie's gut sein, Herr! Ich hab's nie wissen mögen, warum sie seltsam ist und so weiß ich auch nicht, warum Schwester und Bruder an das Gold nicht glauben wollen ....

Das sie doch mit Händen greifen?

Das sie mit Händen greifen! Katzengold, sagt die Ursula ....

Der Bruder war doch etwa ... kein Falschmünzer?

Stille! Stille! Das ist wieder mein vergrabener Brunnen .... Ich war gestern Abend noch an der Schmiede. Der Blinde sitzt vor seinen Goldstücken und klingt Eines an das Andere an, ob es auch echt ist ....

Das nenn' ich Mistrauen!

Ja, ja, Sie lachen, bester Herr! Ich sitze, weiß Gott, recht unter tollen Geschichten und wenn sie mir denn doch zu bunt werden, geh' ich hier hinauf in den Gelben Hirsch. Hier ist's luftig und frei. Ein gesunder Zug in die Brust hinein stärkt mir die Lungen hier, und hätt' ich nicht Hunde daheim und ein paar alte Eulen und eine ganze Stube voll Vögel und freilich auch mein Brot im Walde und [605] die Hoffnung, die Fränz kommt einmal aus der Stadt für immer wieder heraus zu mir, ich ginge am liebsten nicht wieder hinein, so schwül wird's mir manchmal, denn die Gespensterseherei der Alten nimmt überhand ....

Dankmar nahm innigen Antheil an dem guten treuen Menschen und erzählte ihm auch seinerseits Einiges von der Verlegenheit, in die er durch die bei einem ihrer Gespenster gefundenen Kugeln käme ...

Das Gespenst da, sagte Heunisch rasch, hab' ich seitdem auf dem Strich und bin ihm schon so nahe beigekommen, daß ich ihm ein Halt da! Steh Canaille! hätte zurufen können.

Wirklich? fragte Dankmar gespannt und fast in der Hoffnung, der Förster möchte ihm nun ja Hackerten als den Verdächtigen bezeichnen, seinen Begleiter, den er von seinen Anzüglichkeiten auf die schöne kleine Franziska schon kannte.

Es kam auch so zum Vorschein. Der Jäger sagte:

Da Sie selbst darauf kommen ... will ich auch nicht zurückhalten ....

Sprecht offen! sagte Dankmar. Wir sind gute Freunde ....

Drum thut mir's leid, daß Sie mit dem ...

Also der Rothhaarige, der mit mir hier auf dem Gelben Hirsch ...

Der Buschklepper, den ich seitdem hier und da herumspuken sehe ... Gestern Nacht hatt' ich mich bei den Holzschlägern verspätet. Die Leute müssen bis in die helle [606] Mondnacht schlagen, um nur für die Nimmersatts da unterm Äpfelbaum aus unsern jungen Pflanzungen, die sich kaum erholen können, Silber zu münzen.

Sprechen Sie leiser!

Ach was! Sie können's hören! Mit der Frau Wirthschaftsräthin, Herr, können Sie doch nicht unter einer Decke stecken ....

Nein! Heunisch, und wenn's eine seidene wäre! sagte Dankmar lachend und gespannt.

Nun ja! Es mochte gestern schon stark nach zehn Uhr sein, als ich meinen rothen Burschen über die Wiese streifen sah, die vom Plessener Thurm her, hinterm Gebüsch um den Schloßberg, in den Wald führt. Er rannte mehr als er ging.

Mein rother Begleiter?

Ich denke wol! Ich stelle mich hinter einen Baum, um ihn besser zu beobachten. Er sieht sich überall um, und Jeder hätte geschworen, der Kerl hat ein böses Gewissen. Endlich ging er langsamer, ich ihm nach. So mocht' ich eine halbe Stunde hinter ihm geschlichen sein, als ich sehe, daß Dies der Weg zum schwarzen Kreuz ist, wo mein Nantchen vom Felsen glitt. Es ist ein gespenstiger Ort, fast wie eine Kirche bei Nacht. Rings über dem Wildbach stehen gerade hier rundum alte Bäume und uralte Felsensteine und sehen so zackig und knorrig in die Flut hinunter, daß ich mir schon manchmal gedacht habe, wenn die alten Äste einmal lebendig würden und husch! wie Schlangen durcheinander führen und dich einmal packten, Heunisch!

[607] Ihr habt Phantasie, Heunisch!

Es preßt mir immer die Kehle, wenn ich an den Ort komme und das Kreuz so ernst, gerade als ob es reden wollte, da oben steht und mir vorwirft, daß ich am Ende das Riekchen hier doch lieber gehabt hätte, weil ich immer auf dem Gelben Hirsch bin ....

Ihr seid zu gewissenhaft, Heunisch! Nantchen von der Sägemühle freut sich im Grabe, wenn Ihr getröstet seid.

Da bin ich denn umgekehrt und hab' den Schelm aus dem Gesicht verloren. Nun hab ich's aber der Ursula erzählt ... wissen Sie, was Die sagte?

Ich bin begierig ...

Es ist zum Lachen, fuhr Heunisch fort; das schwachsinnige alte Weib ließ sich nicht ausreden, daß sie ihren Bruder gesehen hätte. Es ist ja Fritze aus Amerika, sagte sie, der uns das Katzengold gebracht hat und sieh Einer nur nach, unten, im Bach, wo Schön Nantchen stolperte, da liegt noch weit mehr von dem Dreck. Geh hin, Heunisch, da liegt ein ganzer Schatz! Ja Schatz! Mein Schätzchen liegt da! sagt' ich aus Spaß und doch betrübt; mein Schätzel war hübsch, aber reich war sie nicht, Urschel! Da schwieg sie und meinte blos: Laß den Fritze nicht hereinkommen, Heunisch! Wir haben nichts mehr für ihn hier zu suchen, es ist Alles fort, Alles fort. Es braucht auch keinen Tischler zu schicken, um nachzufragen, ob wir nicht den Sarg bestellen wollten. Laß ihn aber auch gehen! Wer auf Geister schießt, trifft sich. Damit war sie wieder vergnügt und ging in die Küche und richtete ein gutes Essen an.

[608] Wetter, sagte Dankmar, Das wiederholt noch einmal, Heunisch: Wer auf Geister schießt, trifft sich, sagte sie?

Eine alte Regel, Herr, die älter ist, als ...

Der Doctor Lehmann am Rabenstein! Wer auf Geister schießt, trifft sich! Das ist so alt, wie der bethlehemitische Kindermord und die Aussetzung Mosis am Wasser und die Inquisition und die Censur.

Ja, ja! lachte Heunisch. Im Walde lernt man sein Bischen schwarze Kunst. Wer auf Geister schießt, trifft sich!

Dankmar überlegte. Er sahe, daß sich Egon's Erzählung von der bösen Aufnahme, die er im Forsthause fand, nun zusammenschloß mit Dem, was er hier von Heunisch vernahm. Er wollte aber noch genauer forschen. Ohne ihm Etwas von dem Gefangenen im Thurm zu sagen, kam er auf den Tischler zurück und fragte Heunischen, was die Alte mit dem Tischler gewollt hätte?

Heunisch erzählte ihm dann Alles, was Dankmar, freilich in anderer Auffassung, schon wußte und bemerkte auch ganz richtig, daß Dies ohne Zweifel jener junge schöne Handwerker gewesen wäre, den er hier mit im Gelben Hirsch gesehen hätte.

Freilich! freilich! sagte Dankmar. Der war's. Wußte sie nicht mehr von ihm zu sagen?

Heunisch, seine drängendere Neugier nicht bemerkend, sagte ganz ruhig:

Sie hatte genug, als er von sich als einem Tischler sprach. Denn ihre Furcht vorm Tode ist eine Schande. Sie wird auch aus purer Todesfurcht steinalt und überlebt [609] mich zehn mal. Ich hatte meinen Spaß mit ihr und sagte: Urschel, Urschel, der Tischler hat ja nur vorläufig 's Maß nehmen wollen! Da schluchzte sie, fiel wieder in eine andere Narrheit und meinte: So groß wie seine Mutter brauch' ich's nicht.

So groß wie seine Mutter? fragte Dankmar erstaunt. Wessen Mutter meinte sie?

Das kann ich nicht sagen, Herr, sprach Heunisch; man muß auch Nichts drin suchen. Die halb Verrückten und Geisterseher haben's immer mit zweierlei Menschen zu thun, mit Kindern und mit Müttern. Bei ihrem gespenstischen Bruder kommt sie immer gleich auf Kinder, die er wol kann hinterlassen haben, und beim Tischler kam sie gleich auf seine Mutter. Der frühere Pfarrer in Plessen – wie hieß er doch –

Rudhard, ergänzte Dankmar.

Ei sieh, woher wissen Sie Das? fragte Heunisch erstaunt, Rudhard ... Richtig! Ganz richtig! Das war ein anderer als der jetzige, der erst ein Augenzwinkerer war und nun ein Schwätzer ist. Der Rudhard sagte einmal: Im Menschen wäre Alles, was auf eine Mutter und auf ein Kind ginge, ein göttliches Geheimniß. Ich hab's deutlich behalten, weil's die erste Predigt war, die ich in Plessen hörte, und ich kann Ihnen wol im Vertrauen sagen, die letzte seit meiner Confirmationszeit. Der Mann sagte auch: Daß ein Kind Kind sein könne und eine Mutter Mutter sein könne, Das wäre so schwer zu begreifen, wie Gottes Wesen selbst und drum haben's auch, wie ich an [610] der Urschel sehe, die Hexen und die Teufel immer mit Kindern und mit Müttern. Das muß wol der Eingang in die Hölle sein.

Oder der in den Himmel, Heunisch! sagte Dankmar und schüttelte ihm nun wie zum Abschied die Hand. Ja, ja! In den Himmel! setzte er hinzu. Haltet noch eine Weile unter diesen Menschen aus, die Eurer nicht würdig sind, bis die Fränz kommt, die besser, tugendhafter sein wird, als sie der Hallunk, von dem Ihr mir leider zu wenig erzählt habt, Euch darstellte.

Heunisch hielt Dankmarn und sah ihn treuherzig mit seinen männlichen Zügen ohne Falsch und einem guten sorglosen Auge an.

Nicht wahr? Das meinen Sie auch? sagte er bewegt; und nun, bester Herr, wir sind uns immer so angenehm begegnet; wenn ich einmal in die große Stadt dahinunter komme und Sie mir erlauben wollen, wieder mit Ihnen ein Bischen zu plaudern ...

Er zögerte, sein Anliegen auszusprechen.

Offenbar wollt' er Dankmar's Namen wissen und Dieser, nach der ihm einwohnenden offenen Weise, unbekümmert über die möglichen Folgen, hielt es für seine Pflicht, dem Ehrlichen gegenüber ehrlich zu sein und sagte:

Ich heiße Dankmar Wildungen, bin ein Referendar beim Gericht. Wenn Sie den Namen behalten, finden Sie mich wol auf oder fragen Sie nur bei dem Gericht. Dankmar ...

[611] Dankmar Wildungen! wiederholte Heunisch langsam und nachdenkend, als wollt' er sich den Namen des ihm so liebgewordenen jungen Mannes recht einprägen.

Dabei hielt er aber noch immer Dankmar's Hand fest ....

Und als dieser die Wagen vorfahren hörte und sich ihm nun langsam entziehen wollte, brach Heunisch gerade mit Etwas hervor, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte und was auch vielleicht die Ursache seiner großen Offenherzigkeit gewesen war ....

Und wenn nun, sagte er fast schlau lächelnd, wenn nun die Zeck's nächsten Sonntag bei mir zu Hirsebrei in Milch und einem Rehbock oder was sonst die Urschel und meine Flinte bescheren wird, kommen und Rath schlagen, wo sie mit den vierhundert Friedrichsdoren – denn so viel sind's – hin sollen und Heunisch auch ein Wort mitsprechen möchte: Was rathen Sie mir da wol? Wo legt man nun solch Geld jetzt am besten an?

Aha! dachte Dankmar bei sich. Nun kommt der Schlüssel zu all den offenbarten Geheimnissen ... Wie schlau ist mein Waldsohn!

Nur nicht in Staatspapieren! war seine rasche Antwort.

Sagte mit heute der Amerikaner auch, meinte Heunisch.

Der Amerikaner? Heute? Haben Sie ihn denn wiedergesehen?

Vor einer Stunde! Er muß des Weges kommen.

Hierher?

[612] Dankmar war ergriffen von Freude und fast mußte er sich sagen, von Schreck. Dieser Fremde und sein holder Sohn hatten sich ihm eingeprägt wie eine Mahnung immer nur an sein edelstes Selbst. Sie waren sein Gewissen geworden. Und so erschrak er fast über die Möglichkeit, daß dieser Fremde, mit dem schlichten Namen Ackermann, plötzlich von den Abenteuern Einsicht bekommen könnte, in die er sich hier verwickelt hatte ...

Der Jäger erzählte ihm, daß er auf seinem kürzern Wege, den er von Plessen eingeschlagen hätte, Ackermann mit seinem Sohne begegnet wäre und wenn ihm Recht wäre, sähe er sie dort – damit zeigte er auf einen Weg, der sich hinter dem Gasthause heraufzog – in dem kleinen Wägelchen schon herkommen –

Dankmar blickte hinüber.

Ackermann und Selmar saßen in einem leichten Wagen und grüßten ihn schon von ferne ... Da aber stand auch schon Lasally mit dem Rosse neben ihm, das er besteigen sollte. Die ganze Gesellschaft drängte, die Wagen fuhren durcheinander, die Pferde stampften, die Bedienten riefen, Heunisch trat zurück und lüftete die Mütze und Dankmar, der nicht mehr wußte, wohin er hören und was Alles sehen sollte, verlor fast die Besinnung ...

Euer Geschäft, sagte er zu Heunisch, indem er fast mechanisch auf sein Roß stieg, also Euer Geschäft, bester Freund ... Ich will Euch sagen, rief er ganz laut, kommt in die Residenz und fragt beim Prinzen Egon, Euerm Herrn. Oder schreibt! Bei uns sollt Ihr die beste Auskunft [613] finden! Ich bin für Grundbesitz oder Industrie und Das hättet Ihr ja in Plessen oder bei Hohenberg gleich in der Nähe, um immer Euer Auge in die Benutzung des Geldes einsehen zu lassen. Wer weiß, was man jetzt in Hohenberg nicht Alles für Mittel brauchen kann. Euer Herr gibt Euch die besten Hypotheken! Also kommt nur zu mir! Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon! Oder es macht sich Alles schriftlich, wie Ihr wollt!

Damit saß Dankmar im Sattel. Heunisch trat dankend und fast erschrocken, daß man so laut von dem Gelde gesprochen, zurück. Einige Wagen fuhren ab. Dankmar's Gaul folgte mechanisch dem stattlichern Renner Lasally's. Dankmar wandte sich um. Selmar grüßte noch immer und Ackermann nickte freundlich. Zur Erwiderung zog er sein Taschentuch und schwenkte es in der Luft hin und her, zog auch seinen Hut und ließ die winkende Hand Das sagen, was sein Mund in die weite Entfernung nicht mehr hinübertragen konnte.

Nun ließ er dem Pferd die Zügel schießen und sprengte der übrigen Gesellschaft nach, die an ihm schon vorüberfuhr.

[614]
12. Capitel. Melanie-Späße
Zwölftes Capitel
Melanie-Späße

Als sich Dankmar auf seinem Rosse gesammelt hatte, sah er sich nach Melanie um. Er entdeckte sie nicht. Neben ihm fuhr Herr und Frau von Reichmeyer. Er erkundigte sich nach Melanie. Das reiche Ehepaar stand im Wagen auf, um rückwärts zu sehen, und zeigte ihm den Wagen der Justizräthin, der noch fern am Gelben Hirsch hielt. Er sah das leere Pferd, das Melanie geritten hatte, von einem der Jockeys geführt, ihm längst voraus. Es schien also wol, daß sie fahren wollte. Endlich entdeckte er sie, wie sie in den Wagen stieg mit veränderter Toilette. Sie hatte sich aus einer Amazone in eine Dame der neuesten Mode verwandelt und trug einen weißen Seidenhut, ein weißes Kleid und einen leichten rothen Krepp de Chine-Shawl. In dem Augenblick fuhr sie ab, wo Ackermann und Selmar anlangten.

Kommen Sie denn endlich zur Besinnung? rief sie Dankmarn entgegen, als der Wagen schnell ihm nachflog und der Staub sich so verzogen hatte, daß man im langsamern Fahren sprechen konnte.

Dankmar bat um Entschuldigung über sein langes[615] Gespräch mit dem braven Waidmanne, den er auf die ser Reise sehr liebgewonnen hätte.

Er fügte hinzu, er könne die Zerstreuung um so weniger bereuen, als sie ihm jetzt die volle Überraschung ihrer plötzlichen Metamorphose gewähre ....

Sie sollten sich zu uns setzen, sagte Melanie mit Vertraulichkeit. Bartusch rückt und ist überhaupt der bequemste Reisegesellschafter von der Welt, ein Reisenecessaire in Taschenformat ....

Sie zeigte dabei auch auf die Geldbörse, die der kleine schlaulächelnde Mann in der Hand hielt, während er die Ausgaben im Hirsch verrechnete.

Prinz! Hier ist Platz! rief Bartusch, ganz in seine Rechnung verloren.

Wie Dankmar die Worte hörte und Melanie ihn über sie fixirte, übergoß es ihn purpurroth und wie mit einem Seitensprunge das Pferd vom Wagenschlage ablenkend jagte er, seine Verlegenheit zu verbergen, Lasally nach.

Hast du bemerkt, wie er erröthete? sagte Melanie zur Mutter.

Diese wandte sich, noch ganz erschrocken über Bartusch's Auffoderung zu diesem hinüber und fragte:

War Das mit Absicht, Bartusch?

Nein, sagte Bartusch, die Augenbrauen in die Höhe ziehend, es kam mir zufällig ...

Seither war ich im Zweifel, sagte die Mutter, und kann mir nicht denken, daß sich ein junger Mann, der uns so [616] wenig Ursache hat befreundet zu sein, uns dermaßen vertrauensvoll anschließt. Melanie ist freilich sehr unvorsichtig ...

Mutter! sagte Diese und legte, da Hannchen Schlurck recht zürnend ausschaute, den Arm um ihre Schulter, um sie zu beschwichtigen ... Mutter, zanke mich nur aus!

Ich werde dir nie rathen, sagte die Mutter, daß du Lasally erhörst, aber ich bewundere die Geduld dieses treuen Menschen. Er hatte sicher gehofft, in der Einsamkeit des hohenberger Aufenthaltes würden seine Wünsche dir nicht misfallen und nun muß er erleben, daß du von dort mit einer doch im Grunde sinnlosen Leidenschaft zurückkehrst, die dich heute noch närrisch macht ....

Du meinst doch meine Excellenz? fragte Melanie mit Schalkhaftigkeit.

O geh mit dieser Posse! sagte die Mutter, fast verstimmt. Immer freu' ich mich, daß deine Späße ihre Lacher finden, heute aber wundere ich mich darüber.

Mutter, sagte Melanie, du wirst bitter! Du willst meine Erfolge stören? Das ist ... fast hätt' ich das vierte Gebot verletzt.

Frau Justizräthin ist trüben Humors, meinte Bartusch und spielte boshaft genug auf den Eindruck an, den der sonst so heitern und duldsamen Frau die Enthüllung einer sonderbaren nächtlichen Wanderung ihres Gemahls gemacht hatte, als Bartusch von dem gefundenen Schrein erzählte. Ein ernster Blick der nachdenklichen Frau verbot ihm weitere Erörterungen ....

[617] Die lästige Pause, die eintrat, unterbrach Melanie mit Wiederholung der Worte, die sie von Dankmar am Gelben Hirsch gehört hatte:

»Also kommt nur zu mir und Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon!«

Es ist deutlich genug! sagte Bartusch.

Und der Jäger, meinte die Mutter. Schien er nicht ganz erschüttert, da wir ihm die Muthmaßung mittheilten? War es nicht, als wollte er sagen: Nun gingen ihm ja plötzlich die Augen auf und er erkenne, mit wem er sich so oft und so gut unterhalten hätte?

Ich habe, sagte Melanie ernster gestimmt, ich habe diesem Fremden, ob es nun der Prinz oder nicht der Prinz ist, einen Dienst zu leisten versprochen, dessen Ausführung mir viel Überwindung kostet. Ich leugne nicht, daß er sogleich mein Herz gewann und zum Zeichen, daß ich beim Anblick dieses liebenswürdigen Mannes mehr empfinde, als ich bisher für irgend Jemand in der Welt empfunden habe, wollen wir morgen in aller Frühe, gegen sein Wissen, vom Heidekrug weiter reisen, damit wir ... doch wol nicht zu weit gehen. Hab' ich dem Drange genug gethan, ihm mich so weit zu widmen, als ich sehe, daß er Liebe, Hingebung und die Aufopferung eines treuen Herzens nöthig hat, so hört mein Spiel auf und es ist dann an ihm, zu zeigen, was er für soviel Freundschaft mir Ernstes erwidern will ...

Kind, rief die Mutter, denkst du so hoch?

Ich denke gar nicht, liebe Mutter, sagte Melanie ruhig.

[618] Denn wenn ich dächte, würde Das, was ich heute noch Alles ausführen soll, kaum möglich werden. Ich fühle nur. Nur ein Instinct, ein wunderbarer Reiz ist es, der mich seit dem Augenblicke leitet, daß ich diesen Fremden sah –

Nein, verbesserte die Mutter, seit der Vater schrieb, der Prinz wäre im Incognito am Fuße des Schlosses, und wir annahmen, die von ihm gegebene Beschreibung passe auf jenen Fremden, der uns vielleicht Alle täuscht –

Er täuscht uns nicht, sagte Melanie, er nennt sich Dankmar Wildungen. Ist es der Prinz nicht ... so werden wir ihn um so leichter vergessen können.

Ich dagegen hoffe, sagte die Mutter, daß es wirklich der Bruder des blonden Malers ist, den du bei uns eingeführt hast. Denn ein Roman mit einem Manne, der zu hoch steht, als daß er dich heirathen könnte, wäre bei den mancherlei Sorgen, die so schon unsere Brust drücken, vollends eine Qual ....

Denke nicht an die Zukunft, Mama! sagte Melanie. Das Nächste ist, daß ich bitte, mich auf dem Heidekrug rumoren zu lassen, wie ich will. Morgen früh mit Sonnenaufgang bin ich vielleicht vor Euch Allen schon auf dem Wege nach Hause und spreche den Fremden nicht mehr ... vielleicht nie mehr.

Was hast du denn nur vor? fragte die Mutter, die jetzt erst die Andeutungen eines Planes verstand, mit gesteigerter Besorgniß.

Einer Antwort ward Melanie dadurch überhoben, daß [619] Dankmar und Lasally jetzt dicht bei den Schlägen des Wagens ritten, Einer rechts, der Andere links.

Melanie knüpfte rasch ein unverfängliches Gespräch an und verlangte zu wissen, was Das für Fremde wären, denen Dankmar so freudig zugewinkt hätte?

Der Befragte theilte so viel von Beiden mit, als sie interessiren konnte, ohne Dinge zu erwähnen, die vielleicht unbekannt bleiben sollten.

Der Knabe, sagte Melanie nach einigem Nachdenken und stockte ...

Nicht wahr? Ein liebes Kind? fiel Dankmar ein.

Ja, ja, der Knabe schien mir ein verkleidetes Mädchen ... sagte Melanie.

Melanie! rief Dankmar sich vergessend und begriff nicht, wie ihn diese Äußerung so erregen, so in allen Adern durchbeben konnte.

Sie erschrecken? Was? Eine neue Rivalin? Eine Rivalin der Gräfin d'Azimont wollt' ich sagen. Kommt das Alles von Paris?

Dankmar mußte lächeln, weil ihm die Misverständnisse des gestrigen Abends einfielen. Doch wünschte er sie abzubrechen und sagte:

Wer die Gräfin d'Azimont ist, wissen wir; lieber möcht' ich Herrn Lasally veranlassen uns zu erzählen, welches die schönsten und gewandtesten Amazonen der Residenz sind ....

Man blickte zu Lasally hinüber, der nachdenklich schien.

[620] Hören Sie denn nicht, Lasally, sagte Melanie, wer reitet von den Damen besser als Melanie mit dem abscheulichen Namen Schlurck?

Die Frau Major von Werdeck reitet besser! sagte Dieser kurz und bestimmt.

Man lachte über seine Offenheit.

Sie sind kurz angebunden! Wie können Sie eine Polin mit mir vergleichen ... eine wilde Demokratin!

Demokratin? fragte Dankmar.

Eine Sarmatin, die auf einem Pferde zur Welt gekommen scheint ... sagte Lasally, um sich zu entschuldigen.

Stille! Stille! Es wird immer besser! rief Melanie und wollte von der Frau Major von Werdeck nichts mehr wissen.

Auch die Damen von Wachendorf, die Baronin Spitz und Frau von Landskrona sind in der Zügelführung anzuerkennen, sagte Lasally.

Die Erwähnung so vieler Damen führte auf die Chronik der großen Welt. Man zeigte sich über alle hervorragenden Persönlichkeiten derselben ziemlich unterrichtet. Dankmar hörte Namen, die er mit Siegbert in Verbindung wußte, andere, die ihm ganz fremd waren. Er hörte, da sich auch Reichmeyer's in diese Erörterungen mischten, kaum zu und verlor sich in Erinnerungen an Egon und die so schnell gewonnene Freundschaft jenes Gefangenen im Thurm, der nur der junge Fürst sein konnte. Als er von seinen Grübeleien erwachte und man noch von den Damen der Residenz sprach, benutzte er die Gelegenheit, sich [621] über Egon's Vorsicht in Betreff der Harder'schen Familie zu unterrichten und fragte:

Wir haben Herrn von Harder kennen gelernt. Nicht wahr? Es gibt mehre Damen von Harder ... was weiß man von ihnen?

Melanie begann sogleich:

Mit den Harder's bitt' ich vorsichtig umzugehen. Jede Äußerung, die einen Verwandten meiner Excellenz betrifft und für seinen geliebten Namen ungünstig ausfiele, könnte mein Herz verwunden ...

Melanie! rief die Mutter ...

Laßt mich, sagte sie. Spottet nicht! Sie am wenigsten, Lasally! Ich habe euch eitle und schwankende Männer lange studirt und mir wol die Fähigkeiten er worben, das Echte vom Unechten zu unterscheiden. Meine Excellenz gehört zu den Bessern ihres Geschlechtes. Ich will nicht in Abrede stellen, daß auch Harder von Harderstein Schwächen besitzt, allein wenn er nun auch eitel wäre, darf er es nicht sein? Hat er nicht die kleinsten Ohren, die ich je am Kopfe eines Mannes erblickt habe? Ist er nicht schlank gewachsen wie eine Pappel und hält er sich nicht ganz so gerade, wie es seiner Stellung am Hofe angemessen ist? Nein, nein, ihr Männer wißt nicht, worin eigentlich der Zauber liegt, den gewisse Blüten eures Geschlechtes auf uns ausüben. Scheltet mir meinen Geheimenrath nicht!

Nach der Heiterkeit, die diese muthwilligen Scherzreden hervorbrachten, bemerkte die Mutter, ohne Zweifel [622] hätte die Frage ihres Herrn Begleiters den Damen gegolten, die den Namen von Harder führten.

Von Pauline von Harder, sagte Melanie, red' ich nicht. Ich hasse sie. Sie ist die Gemahlin meines Ideals. Aber Anna von Harder kenn' ich. Dieser Dame verdanke ich mehr, als man für glaublich halten möchte. Ihr Schwager, der Intendant, lehrte mich fühlen, sie selbst, Anna von Harder, lehrte mich Etwas, was man mir ebenfalls allgemein absprechen will, nämlich ... rathen Sie?

Die Mutter sagte lachend:

Singen, mein Kind!

Das ist wirklich das Unmöglichste, was Sie zu leisten gelernt haben, Melanie! fiel Lasally spottend ein.

Sollte Ihnen, mein Herr, wandte sich Melanie zu Dankmar, diese boshafte Äußerung Lasally's unverständlich sein, so müssen Sie nämlich wissen, daß ich, wie man allgemein behauptet, keine Stimme habe. Ich spiele Klavier, Harfe und Guitarre. Aber dennoch fand ich immer, daß wirklich zur Musik nur Mittelmäßigkeiten Talent haben, was ich Ihnen durch Lasally's Beispiel beweisen könnte, der ein ganz vorzüglicher Bläser auf dem Cornet à piston, dem Postillonshorne ist. Ich selbst strebte immer nach dem Ruhme, in meiner Art das Beste zu leisten und da mir eine gewöhnliche mittelmäßige Fähigkeit im Singen nicht genügt, so zog ich es vor, zum Davonlaufen schlecht zu singen. Das hinderte aber doch nicht, daß ich einige Zeitlang die Akademieen der guten Anna von Harder auf Tempelheide unterstützt habe.

[623] Bis sie dich ersuchte, fiel die Mutter lachend ein, lieber deine andern Talente zu pflegen, als die zweifelhafte Gabe des Gesanges, wie sie dir einmal selbst schrieb.

Mit Gänsefüßen! Zweifelhaft mit Gänsefüßen, liebe Mutter! rief Melanie. Die zweifelhafte Gabe des Gesanges waren meine eigenen Worte, mit denen ich mich von Frau von Trompetta und der neuen Jungfrau von Orleans, der Flottwitz, bei ihr einführen ließ. Die falschen Noten, die ich sang, waren nicht Schuld, daß ich wegblieb, eher noch die vielen heiligen und langweiligen Sachen, die wir aufführten ...

Heilige, langweilige Sachen? fragte Dankmar, der das Gespräch von den Nachforschungen über seine Person und dem Drucke des zunehmenden Misverständnisses ablenken wollte.

Melanie erklärte ihre Äußerung.

Sie wissen vielleicht nicht, sagte sie, daß Anna von Harder während des Winters in der Stadt und im Sommer auf dem Gute des alten Obertribunalpräsidenten in Tempelheide von jungen Dilettanten und Dilettantinnen geistliche Musiken aufführen läßt? Sie ist nicht fromm, Anna von Harder, aber sie liebt alles Das, was zur Frömmigkeit gehört. Diese Akademieen ...

Bitte! bitte! unterbrach Dankmar die Mittheilung des schönen neckenden Mädchens, das sich, wie wir hören, auch nöthigenfalls selbst persifliren konnte. Sie sagen da ein Wort, das wiederholt zu werden verdient. Nicht selbst [624] fromm sein, aber Alles lieben, was zur Frömmigkeit gehört?

Ich weiß es kaum anders auszudrücken ...

Sie bezeichnen damit eine Geistesrichtung, die ziemlich allgemein verbreitet ist und mir sehr gefährlich erscheint ...

Es ist die der Schwanenjungfrauen und Diakonissen, sagte Melanie. Allein spotten wir nicht! Anna von Harder ist keine Mäuseburg, keine Trompetta ...

Sie hat in ihrer Jugend die tiefsten Herzensprüfungen bestanden ... ergänzte die Mutter.

Und weiß noch jetzt, was ein Herz ist! fiel Melanie ein, sich vielleicht irgend einer vergangenen Scene mit ihr entsinnend.

Aber die Musiken in Tempelheide sind darum doch lächerlich! meinte Lasally.

Wer sagt Das? fragte Melanie.

Hauptmann Thielo sagt's, Rittmeister Konnewitz ... fragen Sie, wen Sie wollen.

Diese competenten Richter! Sie sind komisch, diese Musiken, aber Thielo und Konnewitz sind die ernsthaften Menschen nicht, die sie komisch finden dürfen.

Fräulein, Sie überbieten sich in geistreichen Aperçus, fiel Dankmar ein. Sie sagten eben wieder ein Wort, das ich bewundere. Es kann Etwas lächerlich sein, aber nicht Jeder hat das Recht, es lächerlich zu finden. Wie erscheinen denn Ihnen diese Musiken?

Im Grunde, sagte Melanie mit den Augen blinzelnd und [625] schelmisch, im Grunde ganz ebenso wie dem Thielo und Konnewitz ... aber ...

Man wollte dies »Aber« nicht hören. Man wollte wissen, warum Melanie diese Musiken komisch fände.

Nun ... Denken Sie sich nur die ewige alte classische Musik, sagte sie. Nie etwas Weltliches! Ewig und ewig: Heil dir Israel! und Jauchze, Juda! und so Alles durch, was die alten Maestri und die Neuern nur in diesem Stil componirt haben. Mit Trompeten und Pauken in großen Kirchenräumen macht sich Das prächtig, aber so mit dünnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtstimmigen, ganz labyrinthisch verwickelten Fugen von zimperlichen Chören gesungen – ich gebe Ihnen mein Wort, man wird vom Zählen allein schon confus, wie sehr erst von dem Durcheinander, wo der Eine Juda! der Andere Israel! der Dritte Jerusalem! jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwischen summt und summt und summt ... Mir ist manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand gefallen, aber die Andern stürmten fort wie die Makkabäer, und die gute Anna, die das Ganze am Klavier dirigirte, verlor fast die Besinnung, bis wir zuletzt am Finale ankamen und wie ankamen! Der Eine um acht Takte zu früh, der Andere um zwölf zu spät. Kurz es sind geistliche Charivaris ...

Die aber doch sehr belustigend gewesen sein müssen, sagte Dankmar, über diese Schilderung lachend; warum haben Sie sie aufgegeben?

Ja! Sie waren drollig, fuhr Melanie fort. Denken Sie sich [626] nur, wenn Sie sie kennen, die dicke kleine Trompetta; denken Sie sich diese Frau mit glühender Andacht im Chor ihre Altstimmen zusammen halten und die Flottwitz immer wie in höhern Sphären und ihre blonden Tirebouchons wie eine Löwin vom Stamme Juda schüttelnd, als wollte sie die Demokratie radical zu Grunde singen ... Die Herren sind theils junge Assessoren, theils Lieutenants, drei Brüder der Flottwitz allein schon, und der Vierte, der noch in der Cadettenschule ist, würde sich auch schon angeschlossen haben, aber seine Stimme setzt sich eben ...

Melanie lachte ausgelassen.

Ich habe von diesen Akademieen gehört, besann sich Dankmar. Der alte Präsident soll sie sehr lieben ...

Dankmarn wurde nämlich erinnerlich, daß sich Einige seiner juristischen Collegen der besondern Protection dieses ehrwürdigen Greises erfreuten, weil sie gute Stimmen hatten ...

Gewiß liebt er diese Concerte, aber nicht der Musik wegen! sagte Melanie.

Weswegen denn?

Das sollen Sie erfahren und zugleich den Grund, warum ich ausgetreten bin. Ich fühlte nämlich allerdings, daß ich weltliches Kind den anwesenden Damen nicht begeistert genug für diese Art von Musik vorkam. Ich singe herzlich schlecht, aber Das weiß ich, ich zähle gut. Und eigentlich ist Das bei diesen Motetten und Oratorien die Hauptsache. Die Flottwitz gerieth nun beim Zählen immer ins [627] Schwanken. Sie zerstreute sich, wenn 38 oder 49 über einem Pausenzeichen stand und wir blos von Anna von Harder's Blick abhängig waren, um uns wieder bis zu unserm Anfang zurechtzufinden. Die Flottwitz sah nämlich bei einer solchen großen runden Zahl gleich auf die Achselklappen ihrer Brüder und verlor sich in Betrachtungen über die Zahlen der Regimenter, die auf den Knöpfen derselben zu lesen stehen. Wahrhaftig, sie war weit mehr beim 38sten und 49sten Linien-Infanterieregiment, als bei dem Chor der Pharisäer und Schriftgelehrten, den wir mit 38 und 49 Taktpausen als Mädchen vom Stamme Benjamin oder Ruben ablösen mußten. Nein, nein, zählen konnt' ich wirklich ganz allein, und Takt glaub' ich immer zu haben. Aufrichtig, ich sehnte mich nach frischerer, lebendigerer Musik, so gering ich sie auch unterstützen konnte. Als ich einmal die »Jahreszeiten« zu singen vorschlug, kam ich gar übel an. Man erklärte die »Jahreszeiten«, besonders von Seiten eines widerlichen alten Ausschusses, der sich um die sanfte, treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und sie tyrannisirte, für eine im Grunde frivole Musik, die alle Kennzeichen ihres Ursprungs aus dem Wiener Prater an sich trüge. Minder leichtfertig erschien die »Schöpfung«. Als dann abgestimmt wurde, was man wählen sollte zum nächsten Winterstudium, blieb ich mit zwei Lieutenants und drei Assessoren für die »Jahreszeiten« und, in Folge eines Amendements, sogar für die »Schöpfung« in der Minorität. Der »Tod Jesu« siegte.

[628] Ist doch auch ziemlich modern! warf Dankmar ein, den diese Mittheilungen aus gewissen exclusiven Kreisen der Gesellschaft interessirten ....

Würde auch nicht gesiegt haben, erzählte Melanie, wenn nicht die Flottwitz das Wort ergriffen und dem »Tod Jesu«, außer seiner größern Heiligkeit noch besonders eine militairische Ehrwürdigkeit zuerkannt hätte.

Militairische? fragte Dankmar erstaunt.

Militairische! Der »Tod Jesu«, sagte die Flottwitz, wäre ein Garnisonkirchen-Oratorium, Graun wäre Kapellmeister des großen Friedrich gewesen und hätte die Märsche für Trommel und Querpfeife componirt, die noch jetzt ein gewisses glorreiches Kriegsheer täglich spiele und kurz und gut die rein fromme Partei und die Partei der musikalischen Puristen wurde unterstützt von der jetzt so fanatisch patriotischen des Reubundes. Man machte aus dieser Wahl eine Tendenz- und Zeitfrage. Ich blieb für den österreichischen Haydn in der großdeutschen Minorität. Die beiden Lieutenants, die Brüder der Flottwitz, die mich aus Galanterie unterstützt hatten, bekamen von Friederiken Wilhelminen, ihrer Schwester, einen ihrer bekannten durchbohrenden Blicke. Sie behandelte die armen Menschen fast wie Fahnenflüchtlinge, die ihrem Könige den Eid gebrochen hätten. Großer Gott, sagt' ich, liebes Fräulein von Flottwitz, beruhigen Sie sich, Ihre beide Herren Brüder werden das Vaterland darum noch nicht verrathen, daß ihr Ohr nicht geübt genug scheint, aus dem »Tode Jesu« den alten Dessauer herauszuhören.

[629] Wie scharf! rief Dankmar lachend.

Melanie fuhr fort:

Löste dieser Verfall fast ohnehin schon das lockere Band –

Dem Ihre Schönheit, sagte Dankmar, Ihr Vorzug vor den andern Nachtigallen, noch weniger Festigkeit wird gegeben haben –

Spotten Sie nur! erwiderte Melanie. Ich nehme das Compliment doch an. Allerdings behauptete man, besonders der Ausschuß, der so gelb war, wie das alte Notenpapier, das wir absangen, ich machte durch Coquetterie die Bässe und Tenöre im Zählen irre. Jetzt frag' ich Sie, kann ich dafür, daß ich so gut zählen kann? Kann ich dafür, daß man den Wink, den ich immer den Bässen und Tenören gab, wo sie anzufangen hätten, so misverstand, als wollt' ich ihnen etwas zublinzeln, was ganz außerhalb des Generalbasses lag? Diese Eselsköpfe brachten mich mit meinem Kunsteifer auch leider selbst in dies falsche Licht. Wenn ich nickte und damit blos sagen wollte: Jetzt kommen Sie! Aufgepaßt! so wurden die Tenöre roth und die Bässe verwirrten sich, fragten mich: Wie befehlen Sie, Fräulein? und setzten regelmäßig falsch ein, bis endlich eine der giftigsten vom Ausschuß, die Gräfin Mäuseburg, die sogenannte Chinesische-Missions-Äbtissin, rief: Fräulein Melanie, die Direction sitzt hier am Klavier und wird schon angeben, wann die Herren einzufallen haben. Schonen Sie das Feuer Ihrer Augen!

Diese Äbtissin! rief man scherzend und unterstützte [630] dadurch den lustigen Humor, in dem Melanie plaudernd fortfuhr:

Auf diese fanatische Bemerkung schwieg ich und überließ meine Vertheidigung der guten Anna von Harder, die für mich das Wort ergriff, meine gute Absicht anerkannte und mein Talent im Zählen so ausnehmend rühmte, daß ich froh war, nicht die Tochter eines Kaufmannes zu sein, wie eine solche neben mir stand und sich auf die Lippen biß, aus Furcht, von meinem Lobe etwas abzubekommen. Der Friede war nun zwar hergestellt und das Misverständniß ausgeglichen, allein mein Entschluß auszutreten stand fest ....

Und der wahre Grund? fragte Dankmar.

Als ich wegen der Menagerie des alten Präsidenten zum dritten male in Ohnmacht fiel –

Ja Das ist der Grund! sagte die Justizräthin; ich glaubte anfangs immer, wenn Melanie nach Hause kam, es griff sie das Singen an, wofür wirklich ihre Kehle nicht gebaut ist –

Mutter auch du? rief Melanie komisch.

Liebes Kind, Sanitätsrath Drommeldey hat dich untersucht und Alles gesagt, was dir in der Kehle ...

Abscheulich! Was soll diese Anatomie!

Genug, fuhr die Mutter fort, ich glaubte immer, du strengtest dich über die Gebühr und gegen dein Vermögen an. Da kam's denn heraus, daß sie förmliche Nervenzufälle gehabt hat über das garstige Gethier, mit dem sich der alte kindische Mann, der Obertribunalpräsident, umgibt ....