H. J. Christoffel von Grimmelshausen
Der abenteuerliche Simplicissimus
(Simplicissimus Teutsch)

Das erste Buch

1. Kapitel
Das 1. Kapitel

Vermeldet Simplicii bäurisch Herkommen und gleichförmige Auferziehung


Es eröffnet sich zu dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt, daß es die letzte sei) unter geringen Leuten eine Sucht, in der die Patienten, wenn sie daran krank liegen, und soviel zusammen geraspelt und erschachert haben, daß sie neben ein paar Hellern im Beutel ein närrisches Kleid auf die neue Mode mit tausenderlei seidenen Bändern antragen können, oder sonst etwa durch Glücksfall mannhaft und bekannt worden, gleich rittermäßige Herren und adelige Personen von uraltem Geschlecht sein wollen; da sich doch oft befindet, daß ihre Voreltern Taglöhner, Karchelzieher und Lastträger; ihre Vettern Eseltreiber; ihre Brüder Büttel und Schergen; ihre Schwestern Huren; ihre Mütter Kupplelerinnen oder gar Hexen; und in Summa ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag immer sein mögen; ja sie, diese neuen Nobilisten sind oft selbst so schwarz, als wenn sie in Guinea geboren und erzogen wären worden.

Solchen närrischen Leuten nun mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar, die Wahrheit zu bekennen, nicht ohn ist, daß ich mir oft eingebildet, ich müsse ohnfehlbar auch von einem großen Herrn, oder wenigst einem gemeinen Edelmann, meinen Ursprung haben, weil ich von Natur geneigt, das Junkern-Handwerk zu treiben, wenn ich nur den Verlag und das Werkzeug dazu hätte. Zwar ohngescherzt, mein Herkommen und Auferziehung läßt sich noch wohl mit eines Fürsten vergleichen, wenn man nur den großen Unterscheid nicht ansehen wollte. Was? Mein Knan (denn also nennet man die Väter im Spessart) hatte einen eignen Palast, so wohl als ein anderer, ja so artlich, dergleichen ein jeder König mit eigenen Händen zu bauen nicht vermag, [7] sondern solches in Ewigkeit wohl unterwegen lassen wird; er war mit Leimen gemalet und anstatt des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleis und roten Kupfers mit Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst; und damit er, mein Knan, mit seinem Adel und Reichtum recht prangen möchte, ließ er die Mauer um sein Schloß nicht mit Mauersteinen, die man am Weg findet oder an unfruchtbaren Orten aus der Erden gräbt, viel weniger mit liederlichen gebackenen Steinen, die in geringer Zeit verfertigt und gebrannt werden können, wie andere große Herren zu tun pflegen, aufführen; sondern er nahm Eichenholz dazu, welcher nützliche edle Baum, als worauf Bratwürste und fette Schinken wachsen, bis zu seinem vollständigen Alter über hundert Jahre erfordert: Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut? Seine Zimmer, Säl' und Gemächer hatte er inwendig vom Rauch ganz erschwärzen lassen, nur darum, dieweil dies die beständigste Farb von der Welt ist, und dergleichen Gemäld bis zu seiner Perfektion mehr Zeit brauchet, als ein künstlicher Maler zu seinen trefflichen Kunststücken erfordert; die Tapezereien waren das zarteste Geweb auf dem ganzen Erdboden; denn diejenige machte uns solche, die sich vor alters vermaß, mit der Minerva selbst um die Wett zu spinnen. Seine Fenster waren keiner anderen Ursache halber dem Sant Nitglas gewidmet, als darum, dieweil er wußte, daß ein solches vom Hanf oder Flachssamen an zu rechnen, bis es zu seiner vollkommenen Verfertigung gelangt, weit mehrere Zeit und Arbeit kostet als das beste und durchsichtigste Glas von Muran, denn sein Stand macht' ihm ein Belieben zu glauben, daß alles dasjenige, was durch viel Mühe zuwege gebracht würde, auch schätzbar und desto köstlicher sei, was aber köstlich sei, das sei auch dem Adel am anständigsten; anstatt der Pagen, Lakaien und Stallknecht hatte er Schaf, Böcke und Säu, jedes fein ordentlich in seine natürliche Liverei gekleidet, welche mir auch oft auf der Weid aufgewartet, bis ich sie heim getrieben. Die Rüst- oder Harnisch-Kammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen, mit welchen Waffen er sich täglich übet'; denn Hacken [8] und Reuten war seine disciplina militaris wie bei den alten Römern zu Friedenszeiten, Ochsen anspannen war sein hauptmannschaftliches Kommando; Mist ausführen sein Fortifikationwesen, und Ackern sein Feldzug, Stallausmisten aber seine adelige Kurzweil und Turnierspiel; hiermit bestritt er die ganze Weltkugel, soweit er reichen konnte, und jagte ihr damit alle Ernt eine reiche Beut ab. Dieses alles setze ich hintan und überhebe mich dessen ganz nicht, damit niemand Ursach habe, mich mit andern meinesgleichen neuen Nobilisten auszulachen, denn ich schätze mich nicht besser, als mein Knan war, welcher diese seine Wohnung an einem sehr lustigen Ort, nämlich im Spessart liegen hatte, allwo die Wölf einander gute Nacht geben. Daß ich aber nichts Ausführliches von meines Knans Geschlecht, Stamm und Namen für diesmal doziert, geschiehet um geliebter Kürze willen, vornehmlich, weil es ohn das allhier um keine adelige Stiftung zu tun ist, da ich soll auf schwören; genug ists, wenn man weiß, daß ich im Spessart geboren bin.

Gleichwie nun aber meines Knans Hauswesen sehr adelig vermerkt wird, also kann ein jeder Verständiger auch leichtlich schließen, daß meine Auferziehung derselben gemäß und ähnlich gewesen; und wer solches dafür hält, findet sich auch nicht betrogen, denn in meinem zehenjährigen Alter hatte ich schon die principia in obgemeldten meines Knans adeligen Exerzitien begriffen, aber der Studien halber konnte ich neben dem berühmten Amphistidi hin passieren, von welchem Suidas meldet, daß er nicht über fünfe zählen konnte; denn mein Knan hatte vielleicht einen viel zu hohen Geist, und folgte dahero dem gewöhnlichen Gebrauch jetziger Zeit, in welcher viel vornehme Leut mit Studieren, oder wie sie es nennen, mit Schulpossen sich nicht viel bekümmern, weil sie ihre Leut haben, der Plackscheißerei abzuwarten. Sonst war ich ein trefflicher Musicus auf der Sackpfeifen, mit der ich schöne Jalemj-Gesäng machen konnte: Aber die Theologiam anbelangend, laß ich mich nicht bereden, daß einer meines Alters damals in der ganzen Christenwelt gewesen sei, der mir darin hätte gleichen mögen, [9] denn ich kannte weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Höll, weder Engel noch Teufel, und wußte weder Gutes noch Böses zu unterscheiden: Dahero ohnschwer zu gedenken, daß ich vermittelst solcher Theologiae wie unsere ersten Eltern im Paradies gelebt, die in ihrer Unschuld von Krankheit, Tod und Sterben, weniger von der Auferstehung nichts gewußt. O edels Leben! (du mögst wohl Eselsleben sagen) in welchem man sich auch nichts um die Medizin bekümmert. Eben auf diesen Schlag kann man meine Erfahrenheit in dem Studio legum und allen an dern Künsten und Wissenschaften, soviel in der Welt sind, auch verstehen. Ja ich war so perfekt und vollkommen in der Unwissenheit, daß mir unmöglich war zu wissen, daß ich so gar nichts wußte. Ich sage noch einmal, o edles Leben, das ich damals führete! Aber mein Knan wollte mich solche Glückseligkeit nicht länger genießen lassen, sondern schätzte billig sein, daß ich meiner adeligen Geburt gemäß auch adelig tun und leben sollte, derowegen fing er an, mich zu höhern Dingen anzuziehen, und mir schwerere Lectiones aufzugeben.

2. Kapitel
Das 2. Kapitel

Beschreibet die erste Staffel der Hoheit, welche Simplicius gestiegen, samt dem Lob der Hirten, und angehängter trefflicher Instruktion


Er begabte mich mit der herrlichsten Dignität, so sich nicht allein bei seiner Hofhaltung, sondern auch in der ganzen Welt befand, nämlich mit dem Hirtenamt: Er vertraut' mir erstlich seine Säu, zweitens seine Ziegen, und zuletzt seine ganze Herd Schaf, daß ich selbige hüten, weiden, und vermittelst meiner Sackpfeifen (welcher Klang ohnedas, wie Strabo schreibet, die Schaf und Lämmer in Arabia fett macht) vor dem Wolf beschützen sollte; damals gleichete ich wohl dem David, außer daß jener, anstatt der Sackpfeife, nur eine Harfe hatte, welches kein schlimmer Anfang, sondern ein gut Omen für mich war, daß ich noch mit der Zeit, [10] wenn ich anders das Glück dazu hätte, ein weltberühmter Mann werden sollte; denn von Anbeginn der Welt sind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir denn vom Abel, Abraham, Isaak, Jakob, seinen Söhnen und Mose selbst in der H. Schrift lesen, welcher zuvor seines Schwähers Schaf hüten mußte, ehe er Heerführer und Legislator über 600000 Mann in Israel ward. Ja, möchte mir jemand vorwerfen, das waren heilige gottergebene Menschen, und keine Spessarter Baurenbuben, die von Gott nichts wußten; Ich muß gestehen, aber was hat meine damalige Unschuld dessen zu entgelten? bei den alten Heiden fand man so wohl solche Exempla, als bei dem auserwählten Volk Gottes: Unter den Römern sind vornehme Geschlechter gewesen, so sich ohn Zweifel Bubulcos, Statilios, Pomponios, Vitulos, Vitellios, Annios, Capros und dergleichen genannt, weil sie mit dergleichen Vieh umgangen, und solches auch vielleicht gehütet: Zwar Romulus und Remus sind selbst Hirten gewesen; Spartacus, vor welchem sich die ganze römische Macht so hoch entsetzet, war ein Hirt. Was? Hirten sind gewesen (wie Lucianus in seinem Dialogo Helenae bezeuget) Paris, Priami des Königs Sohn, und Anchises, des trojanischen Fürsten Aeneae Vater: Der schöne Endymion, um welchen die keusche Luna selbst gebuhlet, war auch ein Hirt: Item der greuliche Polyphemus: ja die Götter selbst (wie Phornutus sagt) haben sich dieser Profession nicht geschämt, Apollo hütet' Admeti, des Königs in Thessalia, Kühe, Mercurius, sein Sohn Daphnis, Pan und Proteus waren Erzhirten, dahero sind sie noch bei den närrischen Poeten der Hirten Patrone; Mesa, König in Moab, ist, wie man im zweiten Buch der König' lieset, ein Hirt gewesen, Cyrus, der gewaltige König Persarum, ist nicht allein von Mithridate, einem Hirten, erzogen worden, sondern hat auch selbst gehütet; Gyges war ein Hirt, und hernach durch Kraft eines Rings ein König. Ismael Sophi, ein persischer König, hat in seiner Jugend ebenmäßig das Vieh gehütet, also daß Philo der Jud in Vita Mosis trefflich wohl von der Sach redet, wenn er sagt: Das Hirtenamt sei eine Vorbereitung und Anfang zum Regiment; denn gleichwie[11] die Bellicosa und Martialia Ingenia erstlich auf der Jagd geübt und angeführt werden, also soll man auch diejenigen, so zum Regiment gezogen sollen werden, erstlich in dem lieblichen und freundlichen Hirtenamt anleiten. Welches alles mein Knan wohl verstanden haben muß, und mir noch bis auf diese Stund keine geringe Hoffnung zu künftiger Herrlichkeit macht.

Aber indessen wieder zu meiner Herd' zu kommen, so wisset, daß ich den Wolf ebensowenig kannte, als meine eigene Unwissenheit selbst; derowegen war mein Knan mit seiner Instruktion desto fleißiger. Er sagte: »Bub bis fleißig, loß di Schoff nit ze wit vunananger laffen, un spill wacker uff der Sackpfeiffa, daß der Wolf nit komm, und Schada dau, denn he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha frißt, un wenn dau awer farlässi bist, so will eich dir da Buckel arauma.« Ich antwortet mit gleicher Holdseligkeit: »Knano, sag mir aa, wei der Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.« »Ah dau grober Eselkopp«, repliziert' er hinwieder, »dau bleiwest dein Lewelang a Narr, geit meich wunner, was aus dir wera wird, bist schun su a grußer Dölpel, un waist noch neit, was der Wolf für a veirfeußiger Schelm is.« Er gab mir noch mehr Unterweisungen, und wurde zuletzt unwillig, maßen er mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.

3. Kapitel
Das 3. Kapitel

Meldet von dem Mitleiden einer getreuen Sackpfeif


Da fing ich an mit meiner Sackpfeifen so gut Geschirr zu machen, daß man den Krotten im Krautgarten damit hätte vergeben mögen, also daß ich vor dem Wolf, welcher mir stetig im Sinn lag, mich sicher genug zu sein bedünkte; und weilen ich mich meiner Meuder erinnert' (also heißen die Mütter im Spessart und am Vogelsberg), daß sie oft gesagt, [12] sie besorge, die Hühner würden dermaleins von meinem Gesang sterben, also beliebte mir auch zu singen, damit das Remedium wider den Wolf desto kräftiger wäre, und zwar ein solch Lied, das ich von meiner Meuder selbst gelernet hatte.


Du sehr-verachter Bauren-Stand,
Bist doch der beste in dem Land,
Kein Mann dich gnugsam preisen kann,
Wann er dich nur recht siehet an.
Wie stünd es jetzund um die Welt,
Hätt Adam nicht gebaut das Feld,
Mit Hacken nährt sich anfangs der,
Von dem die Fürsten kommen her.
Es ist fast alles unter dir,
Ja was die Erd nur bringt herfür,
Wovon ernähret wird das Land,
Geht dir anfänglich durch die Hand.
Der Kaiser, den uns Gott gegeben,
Uns zu beschützen, muß doch leben
Von deiner Hand, auch der Soldat,
Der dir doch zufügt manchen Schad.
Fleisch zu der Speis zeugst auf allein,
Von dir wird auch gebaut der Wein,
Dein Pflug der Erden tut so not,
Daß sie uns gibt genugsam Brot.
Die Erde wär ganz wild durchaus,
Wann du auf ihr nicht hieltest Haus,
Ganz traurig auf der Welt es stünd,
Wenn man kein Bauersmann mehr fünd.
Drum bist du billig hoch zu ehrn,
Weil du uns alle tust ernährn,
[13]
Die Natur liebt dich selber auch,
Gott segnet deinen Bauren-Brauch.
Vom bitter-bösen Podagram
Hört man nicht, daß an Bauren kam,
Das doch den Adel bringt in Not,
Und manchen Reichen gar in Tod.
Der Hoffart bist du sehr befreit,
Absonderlich zu dieser Zeit,
Und daß sie auch nicht sei dein Herr,
So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.
Ja der Soldaten böser Brauch
Dient gleichwohl dir zum Besten auch,
Daß Hochmut dich nicht nehme ein,
Sagt er: Dein Hab und Gut ist mein.

Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, denn ich ward gleichsam in einem Augenblick von einem Trupp Kürassierer samt meiner Herd Schaf umgeben, welche im großen Wald verirret gewesen, und durch meine Musik und Hirtengeschrei wieder zurecht gebracht worden waren.

Hoho, gedachte ich, dies sind die rechten Käuz! dies sind die vierbeinigten Schelmen und Dieb, davon dir dein Knan sagte, denn ich sah anfänglich Roß und Mann (wie hiebevor die Amerikaner die spanische Kavallerie) für eine einzige Kreatur an, und vermeinte nicht anders, als es müßten Wölfe sein, wollte derowegen diesen schrecklichen Centauris den Hundssprung weisen, und sie wieder abschaffen; Ich hatte aber zu solchem End meine Sackpfeife kaum aufgeblasen, da ertappte mich einer aus ihnen beim Flügel, und schleudert' mich so ungestüm auf ein leer Baurenpferd, so sie neben andern mehr auch erbeutet hatten, daß ich auf der andern Seiten wieder herab auf meine liebe Sackpfeife fallen mußte, welche so erbärmlich anfing zu schreien, als wenn sie alle Welt zu Barmherzigkeit bewegen hätte wollen: aber [14] es half nichts, wiewohl sie den letzten Atem nicht sparete, mein Ungefäll zu beklagen, ich mußte einmal wieder zu Pferd, Gott geb was meine Sackpfeife sang oder sagte; und was mich zum meisten verdroß, war dieses, daß die Reuter vorgaben, ich hätte der Sackpfeif im Fallen wehe getan, darum sie denn so ketzerlich geschrien hätte; Also ging meine Mähr mit mir dahin, in einem stetigen Trab, wie das Primum mobile, bis in meines Knans Hof. Wunderseltsame Tauben stiegen mir damals ins Hirn, denn ich bildete mir ein, weil ich auf einem solchen Tier säße, dergleichen ich niemals gesehen hatte, so würde ich auch in einen eisernen Kerl verändert werden, weil aber solche Verwandlung nicht folgte, kamen mir andere Grillen in Kopf, ich gedachte, diese fremden Dinger wären nur zu dem Ende da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, sintemal keiner von ihnen keines hinwegfraß, sondern alle so einhellig, und zwar des geraden Wegs, meines Knans Hof zueileten: Derowegen sah ich mich fleißig nach meinem Knan um, ob er und mein Meuder uns nicht bald entgegengehen, und uns willkomm sein heißen wollten; aber vergebens, er und meine Meuder, samt unserm Ursele, welches meines Knans einzige Tochter war, hatten die Hintertür troffen, und wollten dieser Gäst nicht erwarten.

4. Kapitel
Das 4. Kapitel

Simplicii Residenz wird erobert, geplündert und zerstört, darin die Krieger jämmerlich hausen


Wiewohl ich nicht bin gesinnet gewesen, den friedliebenden Leser mit diesen Reutern in meines Knans Haus und Hof zu führen, weil es schlimm genug darin hergehen wird: So erfordert jedoch die Folge meiner Histori, daß ich der lieben Posterität hinterlasse, was für Grausamkeiten in diesem unserm Teutschen Krieg hin und wieder verübet worden, zumalen mit meinem eigenen Exempel zu bezeugen, daß alle solche Übel von der Güte des Allerhöchsten, zu unserm Nutz, oft notwend g haben verhängt werden müssen: [15] Denn lieber Leser, wer hätte mir gesagt, daß ein Gott im Himmel wäre, wenn keine Krieger meines Knans Haus zernichtet, und mich durch solche Fahung unter die Leut gezwungen hätten, von denen ich genugsamen Bericht empfangen? Kurz zuvor konnte ich nichts anders wissen noch mir einbilden, als daß mein Knan, Meuder, ich und das übrige Hausgesind allein auf Erden sei, weil mir sonst kein Mensch noch einzige andere menschliche Wohnung bekannt war, als diejenige, darin ich täglich aus- und einging: Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunft der Menschen in diese Welt, und daß sie wieder daraus müßten; ich war nur mit der Gestalt ein Mensch, und mit dem Namen ein Christenkind, im übrigen aber nur eine Bestia! Aber der Allerhöchste sah meine Unschuld mit barmherzigen Augen an, und wollte mich beides zu seiner und meiner Erkenntnis bringen: Und wiewohl er tausenderlei Weg hierzu hatte, wollte er sich doch ohn Zweifel nur desjenigen bedienen, in welchem mein Knan und Meuder, andern zum Exempel, wegen ihrer liederlichen Auferziehung gestraft würden.

Das erste, das diese Reuter taten, war, daß sie ihre Pferd einstelleten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, denn obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, daß es sah, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gülden Fell von Kolchis darinnen verborgen; Andere machten von Tuch, Kleidungen und allerlei Hausrat große Päck zusammen, als ob sie irgends ein Krempelmarkt anrichten wollten, was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, wurde zerschlagen, etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht Schaf und Schwein genug zu stechen gehabt hätten, etliche schütteten die Federn aus den Betten, und fülleten hingegen Speck, andere dürr Fleisch und sonst Gerät hinein, als ob alsdann besser darauf zu schlafen gewesen wäre; Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam als hätten sie ein ewigen Sommer zu verkündigen, Kupfer und [16] Zinnengeschirr schlugen sie zusammen, und packten die gebogenen und verderbten Stück ein, Bettladen, Tisch, Stühl und Bänk verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag, Hafen und Schüsseln mußte endlich alles entzwei, entweder weil sie lieber Gebraten aßen, oder weil sie bedacht waren, nur ein einzige Mahlzeit allda zu halten; unser Magd ward im Stall dermaßen traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte, welches zwar eine Schand ist zu melden! den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, stecketen ihm ein Sperrholz ins Maul, und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in Leib, das nannten sie ein Schwedischen Trunk, wodurch sie ihn zwangen, eine Partei anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Vieh hinwegnahmen, und in unsern Hof brachten, unter welchen mein Knan, mein Meuder und unser Ursele auch waren.

Da fing man erst an, die Stein von den Pistolen, und hingegen an deren Statt der Bauren Daumen aufzuschrauben, und die armen Schelmen so zu foltern, als wenn man hätt Hexen brennen wollen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Backofen steckten, und mit Feuer hinter ihm her waren, ohnangesehen er noch nichts bekannt hatte; einem andern machten sie ein Seil um den Kopf, und reitelten es mit einem Bengel zusammen, daß ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren heraussprang. In Summa, es hatte jeder seine eigene Invention, die Bauren zu peinigen, und also auch jeder Bauer seine sonderbare Marter: Allein mein Knan war meinem damaligen Bedünken nach der glückseligste, weil er mit lachendem Mund bekannte, was andere mit Schmerzen und jämmerlicher Weheklag sagen mußten, und solche Ehre widerfuhr ihm ohne Zweifel darum, weil er der Hausvater war, denn sie setzten ihn zu einem Feuer, banden ihn, daß er weder Händ noch Füß regen konnte, und rieben seine Fußsohlen mit angefeuchtem Salz, welches ihm unser alte Geiß wieder ablecken, und dadurch also kitzeln mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen; das kam so artlich, daß ich Gesellschaft halber, oder weil ichs nicht besser verstand, von Herzen [17] mitlachen mußte: In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit, und öffnet' den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Kleinodien viel reicher war, als man hinter Bauren hätte suchen mögen. Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern weiß ich sonderlich nichts zu sagen, weil mich die Krieger nicht zusehen ließen, wie sie mit ihnen umgingen: Das weiß ich noch wohl, daß man teils hin und wider in den Winkeln erbärmlich schreien hörte, schätze wohl, es sei meiner Meuder und unserm Ursele nit besser gangen als den andern. Mitten in diesem Elend wendet' ich Braten, und half nachmittag die Pferd tränken, durch welches Mittel ich zu unserer Magd in Stall kam, welche wunderwerklich zerstrobelt aussah, ich kannte sie nicht, sie aber sprach zu mir mit kränklicher Stimm: »O Bub lauf weg, sonst werden dich die Reuter mitnehmen, guck daß du davonkommst, du siehest wohl, wie es so übel:« mehrers konnte sie nicht sagen.

5. Kapitel
Das 5. Kapitel

Wie Simplicius das Reiß-aus spielt, und von faulen Bäumen erschrecket wird


Da machte ich gleich den Anfang, meinen unglücklichen Zustand, den ich vor Augen sah, zu betrachten, und zu gedenken, wie ich mich förderlichst ausdrehen möchte; wohin aber? dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu tun, doch hat es mir so weit gelungen, daß ich gegen Abend in Wald bin entsprungen. Wo nun aber weiters hinaus? sintemal mir die Wege und der Wald so wenig bekannt waren, als die Straß durch das gefrorne Meer, hinter Nova Zembla, bis gen China hinein: die stockfinstere Nacht bedeckte mich zwar zu meiner Versicherung, jedoch bedeuchte sie meinen finstern Verstand nicht finster genug, dahero verbarg ich mich in ein dickes Gesträuch, da ich sowohl das Geschrei der gedrillten Bauren, als den Gesang der Nachtigallen hören konnte, welche Vögelein sie, die [18] Bauren, von welchen man teils auch Vögel zu nennen pflegt, nicht angesehen hatten, mit ihnen Mitleiden zu tragen, oder ihres Unglücks halber den lieblichen Gesang einzustellen, darum legte ich mich auch ohn alle Sorge auf ein Ohr, und entschlief. Als aber der Morgenstern im Osten hervorflackerte, sah ich meines Knans Haus in voller Flamme stehen, aber niemand der zu löschen begehrte; ich begab mich hervor, in Hoffnung, jemand von meinem Knan anzutreffen, wurde aber gleich von fünf Reutern erblickt, und angeschrien: »Junge, komm heröfer, oder schall mi de Tüfel halen, ick schiete dik, dat di de Dampf zum Hals utgaht«; Ich hingegen blieb ganz stockstill stehen, und hatte das Maul offen, weil ich nicht wußte, was der Reuter wollte oder meinte, und indem ich sie so ansah, wie ein Katz ein neu Scheurtor, sie aber wegen eines Morastes nicht zu mir kommen konnten, welches sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte, lösete der eine seinen Karbiner auf mich, von welchem urplötzlichen Feuer und unversehnlichem Klapf, den mir Echo durch vielfältige Verdoppelung grausamer machte, ich dermaßen erschreckt ward, weil ich dergleichen niemals gehöret oder gesehen hatte, daß ich alsobald zur Erden niederfiel, ich regete vor Angst keine Ader mehr, und wiewohl die Reuter ihres Wegs fortritten, und mich ohn Zweifel für tot liegen ließen, so hatte ich jedoch denselbigen ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten; Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stand ich auf, und wanderte so lang im Wald fort, bis ich von fern einen faulen Baum schimmern sah, welcher mir ein neue Furcht einjagte, kehrete derowegen sporenstreichs wieder um, und ging so lang, bis ich wieder einen andern dergleichen Baum erblickte, von dem ich mich gleichfalls wieder fortmachte, und auf diese Weise die Nacht mit Hin- und Wiederrennen, von einem faulen Baum zum andern, vertrieb, zuletzt kam mir der liebe Tag zu Hilf, welcher den Bäumen gebot, mich in seiner Gegenwart ohnbetrübt zu lassen, aber hiermit war mir noch nichts geholfen, denn mein Herz steckte voll Angst und Furcht, die Schenkel voll Müdigkeit, der leere Magen voll Hunger, das Maul voll Durst, das Hirn voll närrischer [19] Einbildung, und die Augen voller Schlaf: Ich ging dennoch fürder, wußte aber nicht wohin, je weiter ich aber ging, je tiefer ich von den Leuten hinweg in Wald kam: Damals stand ich aus und empfand (jedoch ganz unvermerkt) die Wirkung des Unverstands und der Unwissenheit; wenn ein unvernünftig Tier an meiner Stell gewesen wäre, so hätte es besser gewußt, was es zu seiner Erhaltung hätte tun sollen, als ich, doch war ich noch so witzig, als mich abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Baum kroch, mein Nachtlager darinnen zu halten.

6. Kapitel
Das 6. Kapitel

Ist kurz, und so andächtig, daß dem Simplicio darüber ohnmächtig wird


Kaum hatte ich mich zum Schlaf akkomodieret, da hörete ich folgende Stimm: »O große Liebe, gegen uns undankbare Menschen! Ach mein einziger Trost! mein Hoffnung, mein Reichtum, mein Gott!« und so dergleichen mehr, das ich nicht alles merken noch verstehen können.

Dieses waren wohl Wort, die einen Christenmenschen, der sich in einem solchen Stand, wie ich mich dazumal befunden, billig aufmuntern, trösten und erfreuen hätten sollen: Aber, o Einfalt und Unwissenheit! es waren mir nur böhmische Dörfer, und alles ein ganz unverständliche Sprach, aus der ich nicht allein nichts fassen konnte, sondern auch ein solche, vor deren Seltsamkeit ich mich entsetzte; da ich aber hörete, daß dessen, der sie redete, Hunger und Durst gestillt werden sollte, riet mir mein ohnerträglicher Hunger, mich auch zu Gast zu laden, derowegen faßte ich das Herz, wieder aus meinem hohlen Baum zu gehen, und mich der gehörten Stimm zu nähern, da wurde ich eines großen Manns gewahr, in langen schwarzgrauen Haaren, die ihm ganz verworren auf den Achseln herumlagen, er hatte einen wilden Bart, fast formiert wie ein Schweizer-Käs, sein Angesicht war zwar bleichgelb und mager, aber [20] doch ziemlich lieblich, und sein langer Rock mit mehr als tausend Stückern von allerhand Tuch überflickt und aufeinandergesetzt, um Hals und Leib hatte er ein schwere eiserne Ketten gewunden wie S. Wilhelmus, und sah sonst in meinen Augen so scheußlich und fürchterlich aus, daß ich anfing zu zittern, wie ein nasser Hund, was aber meine Angst mehret', war, daß er ein Kruzifix ungefähr sechs Schuh lang an seine Brust drückte, und weil ich ihn nicht kannte, konnte ich nichts anders ersinnen, als dieser alte Greis müßte ohn Zweifel der Wolf sein, davon mir mein Knan kurz zuvor gesagt hatte: In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeif hervor, welche ich als meinen einzigen Schatz noch vor den Reutern salviert hatte; ich blies zu, stimmte an, und ließ mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu vertreiben, über welcher jählingen und ohngewöhnlichen Musik, an einem so wilden Ort, der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel vermeinend, es sei etwa ein teuflisch Gespenst hinkommen, ihn, wie etwa dem großen Antonio widerfahren, zu tribulieren, und seine Andacht zu zerstören: Sobald er sich aber wieder erholete, spottet' er meiner, als seines Versuchers im hohlen Baum, wo hinein ich mich wieder retiriert hatte, ja er war so getrost, daß er gegen mich ging, den Feind des menschlichen Geschlechts genugsam auszuhöhnen. »Ha«, sagte er, »du bist ein Gesell dazu, die Heiligen ohne göttliche Verhängnis«, etc. mehrers habe ich nicht verstanden, denn seine Näherung ein solch Grausen und Schrecken in mir erregte, daß ich des Amts meiner Sinne beraubt wurde, und dorthin in Ohnmacht niedersank.

7. Kapitel
[21] Das 7. Kapitel

Simplicius wird in einer armen Herberg freundlich traktiert


Wasgestalten mir wieder zu mir selbst geholfen worden, weiß ich nicht, aber dieses wohl, daß der Alte meinen Kopf in seinem Schoß, und vorn meine Juppen geöffnet gehabt, als ich mich wieder erholete; da ich den Einsiedler so nahe bei mir sah, fing ich ein solch grausam Geschrei an, als ob er mir im selben Augenblick das Herz aus dem Leib hätte reißen wollen. Er aber sagte: »Mein Sohn, schweig, ich tue dir nichts, sei zufrieden« etc. je mehr er mich aber tröstete, und mir liebkoste, je mehr ich schrie: »O du frißt mich! O du frißt mich! du bist der Wolf, und willst mich fressen.« »Ei ja wohl nein, mein Sohn«, sagte er, »sei zufrieden, ich freß dich nicht.« Dies Gefecht währete lang, bis ich mich endlich so weit ließ weisen, mit ihm in seine Hütten zu gehen, darin war die Armut selbst Hofmeisterin, der Hunger Koch, und der Mangel Küchenmeister, da wurde mein Magen mit einem Gemüs und Trunk Wassers gelabt, und mein Gemüt, so ganz verwirret war, durch des Alten tröstliche Freundlichkeit wieder aufgericht und zurecht gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreizung des süßen Schlafes leicht betören, der Natur solche Schuldigkeit abzulegen. Der Einsiedel merkte meine Notdurft, darum ließ er mir den Platz allein in seiner Hütten, weil nur einer darin liegen konnte; ohngefähr um Mitternacht erwachte ich wieder, und hörete ihn folgendes Lied singen, welches ich hernach auch gelernet:


Komm Trost der Nacht, o Nachtigall,
Laß deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen.
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein,
Und nicht mehr mögen singen:
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, dann vor allen
[22]
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Ob schon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lob zu vollenbringen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Echo, der wilde Widerhall,
Will sein bei diesem Freudenschall,
Und lässet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf betören.
Drum dein Stimmlein etc.
Die Sterne, so am Himmel stehn,
Lassen sich zum Lob Gottes sehn,
Und tun ihm Ehr beweisen;
Auch die Eul die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie Gott auch tu preisen.
Drum dein Stimmlein etc.
Nur her mein liebstes Vögelein,
Wir wollen nicht die Fäulsten sein,
Und schlafend liegen bleiben,
Sondern bis daß die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
Im Lob Gottes vertreiben.
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, dann vor allen
[23]
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedünkte mich wahrhaftig, als wenn die Nachtigall sowohl als die Eul und Echo mit eingestimmt hätten, und wenn ich den Morgenstern jemals gehört, oder dessen Melodei auf meiner Sackpfeifen aufzumachen vermocht, so wäre ich aus der Hütten gewischt, meine Karten mit einzuwerfen, weil mich diese Harmonia so lieblich zu sein bedünkte, aber ich entschlief, und erwachte nicht wieder, bis wohl in den Tag hinein, da der Einsiedel vor mir stand, und sagte: »Auf Kleiner, ich will dir Essen geben, und alsdann den Weg durch den Wald weisen, damit du wieder zu den Leuten, und noch vor Nacht in das nächste Dorf kommest;« Ich fragte ihn: »Was sind das für Dinger, Leuten und Dorf?« Er sagte: »Bist du denn niemalen in keinem Dorf gewesen, und weißt auch nicht, was Leut oder Menschen sind?« »Nein«, sagte ich, »nirgends als hier bin ich gewesen, aber sag mir doch, was sind Leut, Menschen und Dorf?« »Behüt Gott«, antwortet' der Einsiedel, »bist du närrisch oder gescheid?« »Nein«, sagte ich, »meiner Meuder und meines Knans Bub bin ich, und nicht der Närrisch oder der Gescheid.« Der Einsiedel verwundert' sich mit Seufzen und Bekreuzigung, und sagte: »Wohl liebes Kind, ich bin gehalten, dich um Gottes willen besser zu unterrichten.« Darauf fielen unsere Reden und Gegen-Reden wie folgend Kapitel ausweiset.

8. Kapitel
[24] Das 8. Kapitel

Wie Simplicius durch hohe Reden seine Vortrefflichkeit zu erkennen gibt


Einsiedel: Wie heißest du?

Simplicius: Ich heiße Bub.

Einsiedel: Ich sehe wohl, daß du kein Mägdlein bist, wie hat dir aber dein Vater und Mutter gerufen?

Simplicius: Ich habe keinen Vater oder Mutter gehabt.

Einsiedel: Wer hat dir denn das Hemd geben?

Simplicius: Ei mein Meuder.

Einsiedel: Wie hieß dich denn dein Meuder?

Simplicius: Sie hat mich Bub geheißen, auch Schelm, ungeschickter Tölpel, und Galgenvogel.

Eins.: Wer ist denn deiner Mutter Mann gewesen?

Simpl.: Niemand.

Eins.: Bei wem hat denn dein Meuder des Nachts geschlafen?

Simpl.: Bei meinem Knan.

Eins.: Wie hat dich denn dein Knan geheißen?

Simpl.: Er hat mich auch Bub genannt.

Eins.: Wie hieß aber dein Knan?

Simpl.: Er heißt Knan.

Eins.: Wie hat ihm aber dein Meuder gerufen?

Simpl.: Knan, und auch Meister.

Eins.: Hat sie ihn niemals anders genannt?

Simpl.: Ja, sie hat.

Eins.: Wie denn?

Simpl.: Rülp, grober Bengel, volle Sau, und noch wohl anders, wenn sie haderte.

Eins.: Du bist wohl ein unwissender Tropf, daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Namen nicht weißt!

Simpl.: Eia, weißt dus doch auch nicht.

Eins.: Kannst du auch beten?

Simpl.: Nein, unser Ann und mein Meuder haben als das Bett gemacht.

[25] Eins.: Ich frage nicht hiernach, sondern ob du das Vaterunser kannst?

Simpl.: Ja ich.

Eins.: Nun so sprichs denn.

Simpl.: Unser lieber Vater, der du bist Himmel, heiliget werde Nam, zu kommes d' Reich, dein Will scheh Himmel ad Erden, gib uns Schuld, als wir unsern Schuldigern geba, führ uns nicht in kein böß Versucha, sondern erlös uns von dem Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Ama.

Eins.: Bist du nie in die Kirchen gangen?

Simpl.: Ja, ich kann wacker steigen, und hab als ein ganzen Busem voll Kirschen gebrochen.

Eins.: Ich sage nicht von Kirschen, sondern von der Kirchen.

Simpl.: Haha, Kriechen; gelt es sind so kleine Pfläumlein? gelt du?

Eins.: Ach daß Gott walte, weißt du nichts von unserm Herr Gott?

Simpl.: Ja, er ist daheim an unserer Stubentür gestanden auf dem Helgen, mein Meuder hat ihn von der Kürbe mitgebracht, und hingekleibt.

Eins.: Ach gütiger Gott, nun erkenne ich erst, was für eine große Gnad und Wohltat es ist, wem du deine Erkenntnis mitteilest, und wie gar nichts ein Mensch sei, dem du solche nicht gibst: Ach Herr verleihe mir deinen heiligen Namen also zu ehren, daß ich würdig werde, um diese hohe Gnad so eifrig zu danken, als freigebig du gewesen, mir solche zu verleihen: Höre du Simplicius (denn anders kann ich dich nicht nennen) wenn du das Vaterunser betest, so mußt du also sprechen: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Nam, zukomme uns dein Reich, dein Will geschehe auf Erden wie im Himmel, unser täglich Brot gib uns heut, und –

Simpl.: Gelt du, auch Käs dazu?

Eins.: Ach liebes Kind, schweige und lerne, solches ist dir viel nötiger als Käs, du bist wohl ungeschickt, wie dein Meuder gesagt hat, solchen Buben wie du bist, stehet nicht [26] an, einem alten Mann in die Red zu fallen, sondern zu schweigen, zuzuhören und zu lernen, wüßte ich nur, wo deine Eltern wohneten, so wollte ich dich gerne wieder hinbringen, und sie zugleich lehren, wie sie Kinder erziehen sollten.

Simpl.: Ich weiß nicht, wo ich hin soll – unser Haus ist verbrannt, und mein Meuder hinweggelaufen, und wiederkommen mit dem Ursele, und mein Knan auch, und unser Magd ist krank gewesen, und ist im Stall gelegen.

Eins.: Wer hat denn das Haus verbrannt?

Simpl.: Ha, es sind so eiserne Männer kommen, die sind so auf Dingern gesessen, groß wie Ochsen, haben aber keine Hörner, dieselben Männer haben Schafe und Kühe und Säu gestochen, und da bin ich auch weggelaufen, und da ist danach das Haus verbrannt gewesen.

Eins.: Wo war denn dein Knan?

Simpl.: Ha, die eisernen Männer haben ihn angebunden, da hat ihm unser alte Geiß die Füß geleckt, da hat mein Knan lachen müssen, und hat denselben eisernen Mannen viel Weißpfennig geben, große und kleine, auch hübsche gelbe, und sonst schöne glitzerichte Dinger, und hübsche Schnür voll weißen Kügelein.

Eins.: Wann ist dies geschehen?

Simpl.: Ei wie ich der Schaf hab hüten sollen, sie haben mir auch mein Sackpfeif wollen nehmen.

Eins.: Wann hast du der Schaf sollen hüten?

Simpl.: Ei hörst dus nicht, da die eisernen Männer kommen sind, und danach hat unser Ann gesagt, ich soll auch weglaufen, sonst würden mich die Krieger mitnehmen, sie hat aber die eisernen Männer gemeinet, und da sein ich weggelaufen, und sein hieher kommen.

Eins.: Wo hinaus willst du aber jetzt?

Simpl.: Ich weiß weger nit, ich will bei dir hier bleiben.

Eins.: Dich hier zu behalten, ist weder mein noch dein Gelegenheit, iß, alsdann will ich dich wieder zu Leuten führen.

Simpl.: Ei so sag mir denn auch, was Leut für Dinger sein?

[27] Eins.: Leut sind Menschen wie ich und du, dein Knan, dein Meuder und euer Ann sind Menschen, und wenn deren viel beieinander sind, so werden sie Leut genannt.

Simpl.: Haha.

Eins.: Nun geh und iß.

Dies war unser Diskurs, unter welchem mich der Einsiedel oft mit den allertiefsten Seufzern anschauete, nicht weiß ich, ob es darum geschah, weil er ein so groß Mitleiden mit meiner Einfalt und Unwissenheit hatte, oder aus der Ursach, die ich erst über etliche Jahr hernach erfuhr.

9. Kapitel
Das 9. Kapitel

Simplicius wird aus einer Bestia zu einem Christenmenschen


Ich fing an zu essen, und hörete auf zu papplen, welches nicht länger währete, als bis ich nach Notdurft gefuttert hatte, und mich der Alte fortgehen hieß: Da suchte ich die allerzartesten Wort hervor, die mir mein bäurische Grobheit immermehr eingeben konnte, welche alle dahin gingen, den Einsiedel zu bewegen, daß er mich bei sich behielte: Ob es ihm nun zwar beschwerlich gefallen, meine verdrießliche Gegenwart zu gedulden, so hat er jedoch beschlossen, mich bei sich zu leiden, mehr, daß er mich in der christlichen Religion unterrichtete, als sich in seinem vorhandenen Alter meiner Dienste zu bedienen, seine größte Sorg war, mein zarte Jugend dürfte eine solche harte Art zu leben in die Länge nit ausharren mögen.

Eine Zeit von ungefähr drei Wochen war mein Probier-Jahr, in welcher eben S. Gertraud mit den Gärtnern zu Feld lag, also daß ich mich auch in deren Profession gebrauchen ließ, ich hielt mich so wohl, daß der Einsiedel ein sonderliches Gefallen an mir hatte, nicht zwar der Arbeit halber, so ich zuvor zu vollbringen gewohnet war, sondern weil er sah, daß ich eben so begierig seine Unterweisungen hörete, als geschickt die wachsweiche und zwar noch glatte Tafel meines Herzens solche zu fassen sich erzeigte. Solcher Ursachen [28] halber wurde er auch desto eifriger, mich in allem Guten anzuführen, er machte den Anfang seiner Unterrichtungen vom Fall Luzifers, von dannen kam er in das Paradeis, und als wir mit unsern Eltern daraus verstoßen wurden, passierte er durch das Gesetz Mosis, und lernete mich vermittelst der zehen Gebot Gottes und ihrer Auslegungen (von denen er sagte, daß sie ein wahre Richtschnur seien, den Willen Gottes zu erkennen, und nach denselben ein heiliges Gott wohlgefälliges Leben anzustellen) die Tugenden von den Lastern zu unterscheiden, das Gute zu tun, und das Böse zu lassen: Endlich kam er auf das Evangelium, und sagte mir von Christi Geburt, Leiden, Sterben und Auferstehung; zuletzt beschloß ers mit dem Jüngsten Tag, und stellet' mir Himmel und Höll vor Augen, und solches alles mit gebührenden Umständen, doch nit mit gar zu überflüssiger Weitläufigkeit, sondern wie ihn dünkte, daß ichs am allerbesten fassen und verstehen möchte, wann er mit einer materia fertig war, hub er ein andere an, und wußte sich bisweilen in aller Geduld nach meinen Fragen so artlich zu regulieren, und mit mir zu verfahren, daß er mirs auch nicht besser hätte eingießen können, sein Leben und seine Reden waren mir eine immerwährende Predigt, welche mein Verstand, der eben nicht so gar dumm und hölzern war, vermittels göttlicher Gnad nicht ohn Frucht abgehen ließ, allermaßen ich alles dasjenige, was ein Christ wissen soll, nicht allein in gedachten dreien Wochen gefaßt, sondern auch ein solche Lieb zu dessen Unterricht gewonnen, daß ich des Nachts nicht davor schlafen konnte.

Ich habe seithero der Sach vielmal nachgedacht, und befunden, daß Aristoteles lib. 3. de Anima wohl geschlossen, als er die Seele eines Menschen einer leeren ohnbeschriebenen Tafel verglichen, darauf man allerhand notieren könne, und daß solches alles darum von dem höchsten Schöpfer geschehen sei, damit solche glatte Tafel durch fleißige Impression und Übung gezeichnet, und zur Vollkommenheit und perfection gebracht werde; dahero denn auch sein Commentator Averroes lib. 2. de Anima (da der [29] Philosophus sagt, der Intellectus sei alls potentia, werde aber nichts in actum gebracht, als durch die Scientiam, das ist, es sei des Menschen Verstand allerdings fähig, könne aber nichts ohne fleißige Übung hineingebracht werden) diesen klaren Ausschlag gibt: nämlich, es sei diese Scientia oder Übung die perfection der Seelen, welche für sich selbst überall nichts an sich habe; Solches bestätigt Cicero lib. 2. Tuscul. quaest. welcher die Seel des Menschen ohne Lehr, Wissenschaft und Übung einem solchen Feld vergleicht, das zwar von Natur fruchtbar sei, aber wenn man es nicht baue und besame gleichwohl keine Frucht bringe.

Solches alles erwies ich mit meinem eigenen Exempel, denn daß ich alles sobald gefaßt, was mir der fromme Einsiedel vorgehalten, ist daher kommen, weil er die geschlichte Tafel meiner Seelen ganz leer, und ohn einzige zuvor hineingedrückten Bildnisse gefunden, so etwas anders hineinzubringen hätt hindern mögen; gleichwohl aber ist die pure Einfalt gegen andre Menschen zu rechnen noch immerzu bei mir verblieben, dahero der Einsiedel (weil weder er noch ich meinen rechten Namen gewußt) mich nur Simplicium genannt.

Mithin lernete ich auch beten, und als er meinem steifen Vorsatz, bei ihm zu bleiben, ein Genügen zu tun entschlossen, baueten wir für mich eine Hütten gleich der seinigen, von Holz, Reisern und Erden, fast formiert wie die Musketierer im Feld ihre Zelte, oder besser zu sagen, die Bauren an teils Orten ihre Rübenlöcher haben, zwar so nieder, daß ich kaum aufrecht darin sitzen konnte, mein Bett war von dürrem Laub und Gras, und ebenso groß als die Hütte selbst, so daß ich nit weiß, ob ich dergleichen Wohnung oder Höhlen eine bedeckte Lagerstatt, oder eine Hütte nennen soll.

10. Kapitel
[30] Das 10. Kapitel

Wasgestalten er schreiben und lesen im wilden Wald gelernet


Als ich das erstemal den Einsiedel in der Bibel lesen sah, konnte ich mir nicht einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und meinem Bedünken nach sehr ernstlich Gespräch haben müßte; ich sah wohl die Bewegung seiner Lippen, hingegen aber niemand, der mit ihm redet', und ob ich zwar nichts vom Lesen und Schreiben gewußt, so merkte ich doch an seinen Augen, daß ers mit etwas in selbigem Buch zu tun hatte: Ich gab Achtung auf das Buch, und nachdem er solches beigelegt, machte ich mich dahinter, schlugs auf, und bekam im ersten Griff das erste Kapitel des Hiobs, und die davorstehende Figur, so ein feiner Holzschnitt, und schön illuminiert war, in die Augen; ich fragte dieselbigen Bilder seltsame Sachen, weil mir aber keine Antwort widerfahren wollte, wurde ich ungeduldig, und sagte eben, als der Einsiedel hinter mich schlich: »Ihr kleinen Hudler, habt ihr denn keine Mäuler mehr? habt ihr nicht allererst mit meinem Vater (denn also mußte ich den Einsiedel nennen) lang genug schwätzen können? ich sehe wohl, daß ihr auch dem armen Knan seine Schaf heimtreibt, und das Haus angezündet habt, halt, halt, ich will dies Feuer noch wohl löschen«, damit stand ich auf, Wasser zu holen, weil mich die Not vorhanden zu sein bedünkte. »Wohin Simplici?« sagt' der Einsiedel, den ich hinter mir nicht wußte. »Ei Vater«, sagte ich, »da sind auch Krieger, die haben Schaf, und wollens wegtreiben, sie habens dem armen Mann genommen, mit dem du erst geredet hast, so brennet sein Haus auch schon lichterloh, und wenn ich nicht bald lösche, so wirds verbrennen«; mit diesen Worten zeigte ich ihm mit dem Finger, was ich sah: »Bleib nur«, sagte der Einsiedel, »es ist noch keine Gefahr vorhanden«; Ich antwortete, meiner Höflichkeit nach: »Bist du denn blind, wehre du, daß sie die Schaf nicht forttreiben, so will ich Wasser holen.« »Ei«, sagte der Einsiedel, »diese Bilder leben nicht, sie sind nur gemacht, uns vorlängst geschehene [31] Dinge vor Augen zu stellen«; ich antwortet: »Du hast ja erst mit ihnen geredt, warum wollten sie dann nicht leben?«

Der Einsiedel mußte wider seinen Willen und Gewohnheit lachen, und sagte: »Liebes Kind, diese Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen sei, kann ich aus diesen schwarzen Linien sehen, welches man lesen nennet, und wenn ich dergestalt lese, so hältst du dafür, ich rede mit den Bildern, so aber nichts ist.« Ich antwortet: »Wenn ich ein Mensch bin wie du, so müßte ich auch an den schwarzen Zeilen können sehen, was du kannst, wie soll ich mich in dein Gespräch richten? Lieber Vater, berichte mich doch eigentlich, wie ich die Sach verstehen soll?« Darauf sagte er: »Nun wohlan mein Sohn, ich will dich lehren, daß du so wohl als ich mit diesen Bildern wirst reden können, allein wird es Zeit brauchen, in welcher ich Geduld, und du Fleiß anzulegen.« Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf birkene Rinden, nach dem Druck formiert, und als ich die Buchstaben kannte, lernete ich buchstabieren, folgends lesen, und endlich besser schreiben, als es der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem Druck nachmalet.

11. Kapitel
Das 11. Kapitel

Redet von Essenspeis, Hausrat und andern notwendigen Sachen, die man in diesem zeitlichen Leben haben muß


Zwei Jahr ungefähr, nämlich bis der Einsiedel gestorben, und etwas länger als ein halbes Jahr nach dessen Tod, bin ich in diesem Wald verblieben; derohalben sieht mich für gut an, dem kuriosen Leser, der auch oft das Geringste wissen will, unser Tun, Handel und Wandel, und wie wir unser Leben durchgebracht, zu erzählen.

Unsere Speis war allerhand Gartengewächs, Rüben, Kraut Bohnen, Erbsen und dergleichen; wir verschmäheten auch keine Buchen, wilden Äpfel, Birn, Kirschen, ja die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm; das Brot, oder besser zu sagen, unsere Kuchen backten wir in heißer Aschen aus [32] zerstoßenem welschen Korn, im Winter fingen wir Vögel mit Sprinken und Stricken, im Frühling und Sommer aber bescherte uns Gott Junge aus den Nestern, wir behalfen uns oft mit Schnecken und Fröschen, so war uns auch mit Reusen und Angeln das Fischen nicht zuwider, indem ohnweit von unserer Wohnung ein fisch- und krebsreicher Bach hinfloß, welches alles unser grob Gemüs hinunter convoyieren mußte; wir hatten auf eine Zeit ein junges wildes Schweinlein aufgefangen, welches wir in einen Pferch versperret, mit Eicheln und Buchen auferzogen, gemästet und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine Sünde sein könnte, wenn man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen Geschlecht zu solchem End erschaffen; Salz brauchten wir wenig, und von Gewürz gar nichts, denn wir durften die Lust zum Trunk nicht erwecken, weil wir keinen Keller hatten, die Notdurft an Salz gab uns ein Pfarrer, der ohngefähr drei Meil Wegs von uns wohnete, von welchem ich noch viel zu sagen habe.

Unsern Hausrat betreffend, dessen war genug vorhanden, denn wir hatten eine Schaufel, eine Haue, eine Axt, ein Beil, und einen eisernen Hafen zum Kochen, welches zwar nicht unser eigen, sondern von obgemeldtem Pfarrer entlehnet war, jeder hatte ein abgenutztes stumpfes Messer, selbige waren unser Eigentum, und sonsten nichts; ferner bedurften wir auch weder Schüsseln, Teller, Löffel, Gabeln, Kessel, Pfannen, Rost, Bratspieß, Salzbüchs noch ander Tisch- und Küchengeschirr, denn unser Hafen war zugleich unser Schüssel, und unsere Hände waren auch unsere Gabeln und Löffel, wollten wir aber trinken, so geschah es durch ein Rohr aus dem Brunnen, oder wir hängten das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute. Von allerhand Gewand, Wollen, Seiden, Baumwollen und Leinen, beides zu Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als was wir auf dem Leib trugen, weil wir für uns genug zu haben schätzten, wenn wir uns vor Regen und Frost beschützen konnten. Sonsten hielten wir in unserer Haushaltung keine gewisse Regel oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertagen, an welchen wir schon um Mitternacht hinzugehen anfingen, [33] damit wir noch frühe genug, ohne männiglichs Vermerken, in obgemeldten Pfarrherrns Kirche, die etwas vom Dorf abgelegen war, kommen, und dem Gottesdienst abwarten können, in derselben verfügten wir uns auf die zerbrochne Orgel, an welchem Ort wir sowohl auf den Altar, als zu der Kanzel sehen konnten; Als ich das erstemal den Pfarrherrn auf dieselbige steigen sah, fragete ich meinen Einsiedel, was er doch in demselben großen Zuber machen wollte? Nach verrichtetem Gottesdienst aber gingen wir ebenso verstohlen wieder heim, als wir hinkommen waren, und nachdem wir mit müdem Leib und Füßen zu unserer Wohnung kamen, aßen wir mit guten Zähnen übel, alsdann brachte der Einsiedel die übrige Zeit zu mit Beten, und mich in gottseligen Dingen zu unterrichten.

An den Werktagen taten wir, was am nötigsten zu tun war, je nachdem sichs fügte, und solches die Zeit des Jahrs, und unser Gelegenheit erforderte; einmal arbeiteten wir im Garten, das ander Mal suchten wir den feisten Grund an schattigen Orten, und aus hohlen Bäumen zusammen, unsern Garten, anstatt des Dungs, damit zu bessern, bald flochten wir Körbe oder Fischreusen, oder machten Brennholz, fischten, oder taten ja so etwas wider den Müßiggang. Und unter allen diesen Geschäften ließ der Einsiedel nicht ab, mich in allem Guten getreulichst zu unterweisen; unterdessen lernete ich in solchem harten Leben Hunger, Durst, Hitz, Kälte und große Arbeit überstehen, und zuvorderst auch Gott erkennen, und wie man ihm rechtschaffen dienen sollte, welches das Vornehmste war. Zwar wollte mich mein getreuer Einsiedel ein mehrers nicht wissen lassen, denn er hielt dafür, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck zu gelangen, wenn er nur fleißig bete und arbeite, dahero es kommen, ob ich zwar in geistlichen Sachen ziemlich berichtet wurde, mein Christentum wohl verstand, und die teutsche Sprach so schön redete, als wenn sie die Orthographia selbst ausspräche, daß ich dennoch der Einfältigste verblieb; gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solcher elender Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte locken können.

12. Kapitel
[34] Das 12. Kapitel

Vermerkt ein schöne Art selig zu sterben, und sich mit geringem Unkosten begraben zu lassen


Zwei Jahr ungefähr hatte ich zugebracht, und das harte eremitisch Leben kaum gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm, mir aber die Schaufel gab, und mich seiner täglichen Gewohnheit nach an der Hand in unsern Garten führte, da wir unser Gebet zu verrichten pflegten: »Nun Simplici, liebes Kind«, sagte er, »dieweil gottlob die Zeit vorhanden, daß ich aus dieser Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen, und dich in dieser Welt hinter mir verlassen soll, zumalen deines Lebens künftige Begegnisse beiläufig sehe, und wohl weiß, daß du in dieser Einöde nicht lang verharren wirst, so hab ich dich auf dem angetretenen Weg der Tugend stärken, und dir einige Lehren zum Unterricht geben wollen, vermittelst deren du, als nach einer ohnfehlbaren Richtschnur, zur ewigen Seligkeit zu gelangen dein Leben anstellen sollest, damit du mit allen heiligen Auserwählten das Angesicht Gottes in jenem Leben ewiglich anzuschauen gewürdiget werdest.«

Diese Wort setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feinds Erfindung die Stadt Villingen, einmal, sie waren mir so unerträglich, daß ich sie nicht ertragen konnte, doch sagte ich: »Herzliebster Vater, willst du mich denn allein in diesem wilden Wald verlassen? Soll denn ...« mehrers vermochte ich nicht herauszubringen, denn meines Herzens Qual ward aus überflüssiger Lieb, die ich zu meinem getreuen Vater trug, also heftig, daß ich gleichsam wie tot zu seinen Füßen niedersank; Er hingegen richtet' mich wieder auf, tröstet' mich, so gut es Zeit und Gelegenheit zuließ, und verwies mir gleichsam fragend meinen Fehler, ob ich nämlich der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben wollte? »Weißt du nicht«, sagt' er weiters, »daß solches weder Himmel noch Höll zu tun vermögen? nicht also mein Sohn! was unterstehest du dich, meinem schwachen Leib (welcher für sich selbst der Ruhe begierig ist) aufzubürden? [35] vermeinest du mich zu nötigen, länger in diesem Jammertal zu leben? Ach nein, mein Sohn, laß mich fahren, sintemal du mich ohne das weder mit Heulen noch Weinen, und noch viel weniger mit meinem Willen, länger in diesem Elend zu verharren wirst zwingen können, indem ich durch Gottes ausdrücklichen Willen daraus gefordert werde; folge anstatt deines unnützen Geschreis meinen letzten Worten, welche sind, daß du dich je länger je mehr selbst erkennen sollest, und wenn du gleich so alt als Methusalem würdest, so laß solche Übung nicht aus dem Herzen, denn daß die meisten Menschen verdammt werden, ist die Ursach, daß sie nicht gewußt haben, was sie gewesen, und was sie werden können, oder werden müssen.« Weiters riet er mir getreulich, ich sollte mich jederzeit vor böser Gesellschaft hüten, denn derselben Schädlichkeit wäre unaussprechlich. Er gab mir dessen ein Exempel und sagte: »Wenn du einen Tropfen Malvasier in ein Geschirr voll Essig schüttest, so wird er alsobald zu Essig; wirst du aber soviel Essig in Malvasier gießen, so wird er auch unter dem Malvasier hingehen. Liebster Sohn«, sagte er, »vor allen Dingen bleibe standhaftig, denn wer verharret bis ans End, der wird selig; geschiehet aber wider mein Verhoffen, daß du aus menschlicher Schwachheit fällst, so stehe durch ein rechtschaffene Buß geschwind wieder auf.«

Dieser sorgfältige fromme Mann hielt mir allein dies wenige vor, nicht zwar, als hätte er nichts mehrers gewußt, sondern darum, dieweil ich ihn erstlich meiner Jugend wegen nicht fähig genug zu sein bedünkte, ein mehrers in solchem Zustand zu fassen, und dann weil wenig Wort besser, als ein langes Geplauder, im Gedächtnis zu behalten sind, und wenn sie anders Saft und Nachdruck haben, durch das Nachdenken größern Nutzen schaffen, als ein langer Sermon, den man ausdrücklich verstanden hat, und bald wieder zu vergessen pflegt.

Diese drei Stück, sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden, und beständig verbleiben, hat dieser fromme Mann ohne Zweifel deswegen für gut und nötig geachtet, weil er solches selbsten praktiziert, und daß es ihm dabei nicht [36] mißlungen ist; denn nachdem er sich selbst erkannt, hat er nicht allein böse Gesellschaften, sondern auch die ganze Welt geflohen, ist auch in solchem Vorsatz bis an das Ende verharret, an welchem ohn Zweifel die Seligkeit hängt, welchergestalt aber, folgt hernach.

Nachdem er mir nun obige Stück vorgehalten, hat er mit seiner Reuthaue angefangen sein eigenes Grab zu machen, ich half so gut ich konnte, wie er mir befahl, und bildete mir doch dasjenige nicht ein, worauf es angesehen war, indessen sagte er: »Mein lieber und wahrer einziger Sohn (denn ich habe sonsten keine Kreatur als dich zu Ehren unsers Schöpfers erzeuget) wenn meine Seele an ihren Ort gangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte Ehre, scharre mich mit derjenigen Erden wieder zu, die wir anjetzo aus dieser Gruben gegraben haben.« Darauf nahm er mich in seine Arm und drückte mich küssend viel härter an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schien, hätte möglich sein können: »Liebes Kind«, sagte er, »ich befehle dich in Gottes Schutz, und sterbe um soviel desto fröhlicher, weil ich hoffe, er werde dich darin aufnehmen«; Ich hingegen konnte nichts anders, als klagen und heulen, ich hängete mich an seine Ketten, die er am Hals trug, und vermeinte ihn damit zu halten, damit er mir nicht entgehen sollte. Er aber sagte: »Mein Sohn lasse mich, daß ich sehe, ob mir das Grab lang genug sei.« Legte demnach die Ketten ab, samt dem Oberrock, und begab sich in das Grab, gleichsam wie einer, der sich sonst schlafen legen will, sprechend: »Ach großer Gott, nun nimm wieder hin die Seele, die du mir gegeben, Herr, in deine Hände befehl ich meine Geist«, etc. Hierauf beschloß er seine Lippen und Augen sänftiglich, ich aber stand da wie ein Stockfisch und meinte nicht, daß seine liebe Seel den Leib gar verlassen haben sollte, dieweil ich ihn öfters in dergleichen Verzückungen gesehen hatte.

Ich verharrete, wie mein Gewohnheit in dergleichen Begebenheiten war, etlich Stund neben dem Grab im Gebet, als sich aber mein allerliebster Einsiedel nicht mehr aufrichten wollte, stieg ich zu ihm ins Grab hinunter, und fing [37] an ihn zu schütteln, zu küssen und zu liebeln, aber da war kein Leben mehr, weil der grimmige ohnerbittliche Tod den armen Simplicium seiner holden Beiwohnung beraubt hatte; ich begoß, oder besser zu sagen, ich balsamierte den entseelten Körper mit meinen Zähren, und nachdem ich lang mit jämmerlichem Geschrei hin und her gelaufen, fing ich an, ihn mit mehr Seufzern als Schaufeln voller Grund zuzuscharren, und wenn ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte, stieg ich wieder hinunter, entblößte es wieder, damit ichs noch einmal sehen und küssen möchte, solches trieb ich den ganzen Tag, bis ich fertig worden, und auf diese Weis die funeralia, exequias und luctus gladiatorios allein geendet, weil ohnedas weder Bahr, Sarg, Decke, Lichter, Totenträger noch Geleitsleut, und auch keine Klerisei vorhanden gewesen, die den Toten besungen hätte.

13. Kapitel
Das 13. Kapitel

Simplicius läßt sich wie ein Rohr im Weiher umtreiben


Über etlich Tag nach des Einsiedels Ableiben verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrern, und offenbarte ihm meines Herrn Tod, begehrte benebens Rat von ihm, wie ich mich bei so gestalter Sache verhalten sollte? Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Wald zu verbleiben, so bin ich jedoch tapfer in meines Vorgängers Fußstapfen getreten, maßen ich den ganzen Sommer hindurch tat, was ein frommer Monachus tun soll; Aber gleich wie die Zeit alles ändert, also ringert' sich auch nach und nach das Leid, so ich um meinen Einsiedel trug, und die äußerliche scharfe Winterskält löschte die innerliche Hitz meines steifen Vorsatzes zugleich aus, je mehr ich anfing zu wanken, je träger wurde ich in meinem Gebet, weil ich anstatt göttliche und himmlische Ding zu betrachten, mich die Begierde, die Welt auch zu beschauen, überherrschen ließ, und als ich dergestalt nichts nutz wurde im Wald länger gut zu tun, gedachte ich wieder zu gedachtem Pfarrer zu gehen, zu [38] vernehmen, ob er mir noch wie zuvor aus dem Waldraten wollte? zu solchem End machte ich mich seinem Dorf zu, und als ich hinkam, fand ichs in voller Flamm stehen, denn es eben ein Partei Reuter ausgeplündert, angezündet, teils Bauren niedergemacht, viel verjagt, und etliche gefangen hatten, darunter auch der Pfarrer selbst war. Ach Gott! wie ist das menschliche Leben so voll Mühe und Widerwärtigkeit, kaum hat ein Unglück aufgehört so stecken wir schon in einem andern, mich verwundert nicht, daß der heidnische Philosophus Timon zu Athen viel Galgen aufrichtete, daran sich die Menschen selber aufknüpfen, und also ihrem elenden Leben durch eine kurze Grausamkeit ein Ende machen sollten; die Reuter waren eben wegfertig, und führten den Pfarrer an einem Strick daher, unterschiedliche schrien: »Schieß den Schelmen nieder!« andere aber wollten Geld von ihm haben, er aber hob die Händ auf, und bat um des Jüngsten Gerichts willen um Verschonung und christliche Barmherzigkeit, aber umsonst, denn einer ritt ihn übern Haufen, und versetzte ihm zugleich eins an Kopf, davon er alle vier von sich streckte, und Gott seine Seel befahl, den andern noch übrigen gefangenen Bauren gings gar nicht besser.

Da es nun sah, als ob diese Reuter in ihrer tyrannischen Grausamkeit ganz unsinnig worden wären, kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren aus dem Wald, als wenn man in ein Wespennest gestochen hätte, die fingen an so greulich zu schreien, so grimmig dareinzusetzen und daraufzuschießen, daß mir alle Haar gen Berg standen, weil ich noch niemals bei dergleichen Kürben gewesen, denn die Spessarter und Vogelsberger Bauren lassen sich fürwahr so wenig als die Hessen, Sauerländer und Schwarzwälder auf ihrem Mist foppen; davon rissen die Reuter aus, und ließen nicht allein das eroberte Rindvieh zurück, sondern warfen auch Sack und Pack von sich, schlugen also ihre ganze Beut in Wind, damit sie nicht selbst den Bauren zur Beut würden, doch kamen ihnen teils in die Händ.

Diese Kurzweil benahm mir beinahe die Lust, die Welt zu beschauen, denn ich gedachte, wenn es so darinnen hergehet, so ist die Wildnis weit anmutiger, doch wollte ich [39] auch hören, was der Pfarrer dazu sagte, derselbe war wegen empfangener Wunden und Stöß ganz matt, schwach und kraftlos, doch hielt er mir vor, daß er mir weder zu helfen noch zu raten wisse, weil er dermalen selbst in einen solchen Stand geraten worden wäre, in welchem er besorglich das Brot am Bettelstab suchen müßte, und wenn ich gleich noch länger im Wald verbleiben würde, so hätte ich mich seiner Hilfleistung nichts zu getrösten, weil, wie ich vor Augen sehe, beides sein Kirch und Pfarrhof im Feuer stünde. Hierauf verfügte ich mich ganz traurig gegen den Wald zu meiner Wohnung, und demnach ich auf dieser Reis sehr wenig getröst, hingegen aber um viel andächtiger worden, beschloß ich bei mir, die Wildnis nimmermehr zu verlassen; maßen ich schon nachdachte, ob nicht möglich wäre, daß ich ohne Salz (so mir bisher der Pfarrer mitgeteilt hatte) leben, und also aller Menschen entbehren könnte?

14. Kapitel
Das 14. Kapitel

Ist ein seltsame Comoedia, von fünf Bauern


Damit ich aber diesem meinem Entschluß nachkommen, und ein rechter Waldbruder sein möchte, zog ich meines Einsiedlers hinterlassen hären Hemd an, und gürtet' seine Kette darüber; nicht zwar, als hätte ich sie bedurft, mein unbändig Fleisch zu mortifizieren, sondern damit ich meinem Vorfahren sowohl im Leben als im Habit gleichen, mich auch durch solche Kleidung desto besser vor der rauhen Winterskält beschützen möchte.

Den zweiten Tag, nachdem obgemeldtes Dorf geplündert und verbrannt worden, als ich eben in meiner Hütten saß, und zugleich neben dem Gebet gelbe Rüben, zu meinem Aufenthalt, im Feuer briet, umringten mich bei vierzig oder fünfzig Musketier; diese, ob sie zwar ob meiner Person Seltsamkeit erstauneten, so durchstürmten sie doch meine Hütten und suchten, was da nicht zu finden war, denn nichts als Bücher hatte ich, die sie mir durcheinander geworfen, [40] weil sie ihnen nichts taugten: Endlich, als sie mich besser betrachteten, und an meinen Federn sahen, was für einen schlechten Vogel sie gefangen hätten, konnten sie leicht die Rechnung machen, daß bei mir ein schlechte Beut zu hoffen; Demnach verwunderten sie sich über mein hartes Leben, und hatten mit meiner zarten Jugend ein großes Mitleiden, sonderlich der Offizier, so sie kommandierte; ja er ehrte mich, und begehrte gleichsam bittend, ich wollte ihm und den Seinigen den Weg wieder aus dem Wald weisen, in welchem sie schon lang in der Irre herumgangen wären; Ich widerte mich ganz nicht, sondern führte sie den nächsten Weg gegen das Dorf zu, allwo der obgemeldte Pfarrer so übel traktiert worden, dieweil ich sonst keinen andern Weg wußte: Ehe wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ohngefähr einen Bauren oder zehen, deren ein Teil mit Feuerrohren bewehrt, die übrigen aber geschäftig waren, etwas einzugraben; die Musketierer gingen auf sie los und schrien: »Halt! halt!« jene aber antworteten mit Rohren: Und wie sie sahen, daß sie von den Soldaten übermannet waren, gingen sie schnell durch, also daß die müden Musketierer keinen von ihnen ereilen konnten; derowegen wollten sie wieder herausgraben, was die Bauren eingescharrt, das schickte sich um soviel desto besser, weil sie die Hauen und Schaufeln, so sie gebraucht, liegen ließen: Sie hatten aber wenig Streich getan, da höreten sie eine Stimm von unten herauf, die sagte: »O ihr leichtfertigen Schelmen! O ihr Erz-Bösewichter, vermeint ihr wohl, daß der Himmel euer unchristliche Grausamkeit und Bubenstück ungestraft hingehen lassen werde? Nein, es lebt noch manch redlicher Kerl, durch welche eure Unmenschlichkeit dermaßen vergolten werden soll, daß euch keiner von euren Nebenmenschen mehr den Hintern lecken dürfe.« Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wußten, was sie tun sollten: Etliche vermeinten, sie hätten ein Gespenst, ich aber gedachte, es träume mir; ihr Offizier hieß tapfer zugraben: Sie kamen gleich auf ein Faß, schlugens auf, und fanden einen Kerl darinnen, der weder Nasen noch Ohren mehr hatte, und gleichwohl noch lebte: Sobald sich derselbe [41] ein wenig ermunterte, und vom Haufen etliche kannte, erzählet' er, was maßen die Bauren den vorigen Tag, als einige seines Regiments auf Fütterung gewesen, ihrer sechs gefangen bekommen, davon sie allererst vor einer Stund fünfe, so hintereinander stehen müssen, totgeschossen; und weil die Kugel ihn, weil er der sechste und letzte gewesen, nicht erlangt, indem sie schon zuvor durch fünf Körper gedrungen, hätten sie ihm Nasen und Ohren abgeschnitten, zuvor aber gezwungen, daß er ihrer fünfen (s.v.) den Hintern lecken müssen: Als er sich nun von den ehr- und gottsvergessenen Schelmen so gar geschmähet gesehen, hätte er ihnen, wiewohl sie ihn mit dem Leben davonlassen wollten, die allerunnützsten Wort gegeben, die er erdenken mögen, und sie alle bei ihrem rechten Namen genannt, der Hoffnung, es würde ihm etwa einer aus Ungeduld eine Kugel schenken, aber vergebens; sondern nachdem er sie verbittert gemacht, hätten sie ihn in gegenwärtig Faß gesteckt, und also lebendig begraben, sprechend: Weil er des Tods so eifrig begehr, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht willfahren.

Indem dieser seinen überstandenen Jammer also klaget', kam ein andere Partei Soldaten zu Fuß überzwerchs den Wald herauf; die hatten obgedachte Bauren angetroffen, fünf davon gefangen bekommen, und die übrigen totgeschossen; unter den Gefangenen waren vier, denen der übel zugerichte Reuter kurz zuvor so schändlich zu Willen sein müssen. Als nun beide Parteien aus dem Anschreien einander erkannten, einerlei Volk zu sein, traten sie zusammen, und vernahmen wiederum vom Reuter selbst, was sich mit ihm und seinen Kameraden zugetragen; da sollte man sein blaues Wunder gesehen haben, wie die Bauren gedrillt wurden, etliche wollten sie gleich in der ersten Furi totschießen, andere aber sagten: »Nein, man muß die leichtfertigen Vögel zuvor rechtschaffen quälen, und ihnen eintränken, was sie an diesem Reuter verdient haben.« Indessen bekamen sie mit den Musketen so treffliche Rippstöß, daß sie hätten Blut speien mögen; zuletzt trat ein Soldat hervor, und sagte: »Ihr Herren, dieweil es der ganzen [42] Soldateska ein Schand ist, daß diesen Schurken (deutet damit auf den Reuter) fünf Bauren so greulich gedrillt haben, so ist billig, daß wir solchen Schandflecken wieder auslöschen, und diese Schelmen den Reuter wieder hundertmal lecken lassen.« Hingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nicht wert, daß ihm solche Ehr widerfahre, denn wäre er kein Bärnhäuter gewesen, so hätte er allen redlichen Soldaten zu Spott diese schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich wurde einhellig beschlossen, daß ein jeder von den saubergemachten Bauren solches an zehen Soldaten also wettmachen und zu jedem Mal sagen sollte: »Hiermit lösche ich wieder aus, und wische ab die Schand, die sich die Soldaten einbilden empfangen zu haben, als uns ein Bärnhäuter hinten leckte.« Nachgehends wollten sie sich erst resolvieren, was sie mit den Bauren weiters anfangen wollten, wenn sie diese saubere Arbeit verrichtet haben würden: Hierauf schritten sie zur Sach, aber die Baurn waren so halsstarrig, daß sie weder durch Verheißung, sie mit dem Leben davonzulassen, noch durch einigerlei Marter, hierzu gezwungen werden konnten. Einer führte den fünften Bauren, der nicht geleckt war worden, etwas beiseits, und sagte zu ihm: »Wenn du Gott und alle seine Heiligen verleugnen willst, so werde ich dich laufen lassen, wohin du begehrest;« Hierauf antwortet' der Baur, er hätte sein Lebtag nichts auf die Heiligen gehalten, und auch bis her noch geringe Kundschaft mit Gott selbst gehabt, schwur auch darauf solenniter, daß er Gott nicht kenne, und kein Teil an seinem Reich zu haben begehre; hierauf jagte ihm der Soldat ein Kugel an die Stirn, welche aber so viel effektuiert', als wenn sie an einen stählernen Berg gangen wäre, darauf zuckte er seine Plaute, und sagte: »Holla, bist du der Haar? ich hab versprochen, dich laufen zu lassen, wohin du begehrest, siehe, so schicke ich dich nun ins höllische Reich, weil du nicht in Himmel willst«, und spaltete ihm damit den Kopf bis auf die Zähn voneinander, als er dorthin fiel, sagte der Soldat: »So muß man sich rächen, und diese losen Schelmen zeitlich und ewig strafen.«

[43] Indessen hatten die andern Soldaten die übrigen vier Bauren, so geleckt waren worden, auch unterhanden, die banden sie über einen umgefallenen Baum, mit Händen und Füßen zusammen, so artlich, daß sie (s.v.) den Hintern gerad in die Höhe kehrten, und nachdem sie ihnen die Hosen abgezogen, nahmen sie etliche Klafter Lunten, machten Knöpf daran, und fiedelten ihnen so unsäuberlich durch solchen hindurch, daß der rote Saft hernachging. »Also«, sagten sie, »muß man euch Schelmen den gereinigten Hintern austrocknen.« Die Bauren schrien zwar jämmerlich, aber es war den Soldaten nur ein Kurzweil, denn sie höreten nicht auf zu sägen, bis Haut und Fleisch ganz auf das Bein hinweg war; mich aber ließen sie wieder nach meiner Hütten gehen, weil die letztgemeldte Partei den Weg wohl wußte, also kann ich nicht wissen, was sie endlich mit den Bauren vollends angestellt haben.

15. Kapitel
Das 15. Kapitel

Simplicius wird spoliert, und läßt sich von den Baurn wunderlich träumen, wie es zu Kriegszeiten hergehet


Als ich wieder heimkam, befand ich, daß mein Feurzeug und ganzer Hausrat, samt allem Vorrat an meinen armseligen Essenspeisen, die ich den Sommer hindurch in meinem Garten erzogen, und auf künftigen Winter vorm Maul erspart hatte, miteinander fort war: Wo nun hinaus? gedachte ich, damals lernete mich die Not erst recht beten; Ich gebot allem meinem wenigen Witz zusammen, zu beratschlagen, was mir zu tun oder zu lassen sein möchte? Gleich wie aber meine Erfahrenheit schlecht und gering war, also konnte ich auch nichts Rechtschaffenes schließen, das Beste war, daß ich mich Gott befahl, und mein Vertrauen allein auf ihn zu setzen wußte, sonst hätte ich ohn Zweifel desperieren und zu Grund gehen müssen: Überdas lagen mir die Sachen, so ich denselben Tag gehöret und gesehen, ohn Unterlaß im Sinn, ich dachte nicht soviel um Essenspeis und [44] meiner Erhaltung nach, als derjenigen Antipathia, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält, doch konnte meine Alberkeit nichts ersinnen, als daß ich schloß, es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, so nicht einerlei Geschlechts von Adam her, sondern wilde und zahme wären, wie andere unvernünftige Tier, weil sie einander so grausam verfolgen.

In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte, mit einem hungerigen Magen, da dünkte mich, gleichwie in einem Traum, als wenn sich alle Bäum, die um meine Wohnung standen, jähling veränderten, und ein ganz ander Ansehen gewönnen, auf jedem Gipfel saß ein Kavalier, und alle Äst wurden anstatt der Blätter mit allerhand Kerlen geziert, von solchen hatten etliche lange Spieß, andere Musketen, kurze Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen. Dies war lustig anzusehen, weil alles so ordentlich und fein gradweis sich auseinanderteilete; die Wurzel aber war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils Bauren und dergleichen, welche nichts destoweniger dem Baum seine Kraft verliehen, und wieder von neuem mitteilten, wenn er solche zuzeiten verlor; ja sie ersetzten den Mangel der abgefallenen Blätter aus den ihrigen, zu ihrem eigenen noch größeren Verderben; benebens seufzeten sie über diejenigen, so auf dem Baum saßen, und zwar nicht unbillig, denn die ganze Last des Baums lag auf ihnen, und drückte sie dermaßen, daß ihnen alles Geld aus den Beuteln, ja hinter sieben Schlössern hervorging; wenn es aber nicht hervor wollte, so striegelten sie die Commissarii mit Besen, die man militärische Exekution nannte, daß ihnen die Seufzer aus dem Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln, und das Mark aus den Beinen herausging; noch dannoch waren Leut unter ihnen, die man Fatzvögel nannte, diese bekümmerten sich wenig, nahmen alles auf die leichte Achsel, und hatten in ihrem Kreuz anstatt des Trosts allerhand Gespei.

16. Kapitel
[45] Das 16. Kapitel

Heutiger Soldaten Tun und Lassen, und wie schwerlich ein gemeiner Kriegsmann befördert werde


Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit und Lamentieren, diejenigen aber auf den untersten Ästen in viel größerer Müh, Arbeit und Ungemach gedulden und durchbringen; doch waren diese jeweils lustiger als jene, daneben aber auch trotzig, tyrannisch, mehrenteils gottlos, und der Wurzel jederzeit eine schwere unerträgliche Last, um sie stand dieser Reim:


Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,
Arbeit und Armut, wie es fällt,
Gewalttat, Ungerechtigkeit,
Treiben wir Landsknecht allezeit.

Diese Reimen waren um soviel desto weniger erlogen, weil sie mit ihren Werken übereinstimmten, denn fressen und saufen, Hunger und Durst leiden, huren und buben, raßeln und spielen, schlemmen und demmen, morden, und wieder ermordet werden, totschlagen, und wieder zu Tod geschlagen werden, tribuliern, und wieder gedrillt werden, jagen, und wieder gejaget werden, ängstigen, und wieder geängstiget werden, rauben, und wieder beraubt werden, plündern, und wieder geplündert werden, sich fürchten, und wieder gefürchtet werden, Jammer anstellen, und wieder jämmerlich leiden, schlagen, und wieder geschlagen werden; und in Summa nur verderben und beschädigen, und hingegen wieder verderbt und beschädigt werden, war ihr ganzes Tun und Wesen; Woran sie sich weder Winter noch Sommer, weder Schnee noch Eis, weder Hitz noch Kält, weder Regen noch Wind, weder Berg noch Tal, weder Felder noch Morast, weder Gräben, Päß, Meer, Mauren, Wasser, Feuer, noch Wälle, weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern, weder Gefahr ihrer eigenen Leiber, Seelen und Gewissen, ja weder Verlust des Lebens, [46] noch des Himmels, oder sonst einzig anderer Ding, wie das Namen haben mag, verhindern ließen: Sondern sie weberten in ihren Werken immer emsig fort, bis sie endlich nach und nach in Schlachten, Belagerungen, Stürmen, Feldzügen, und in den Quartieren selbsten (so doch der Soldaten irdische Paradeis sind, sonderlich wenn sie fette Bauren antreffen), umkamen, starben, verdarben, und krepierten; bis auf etlich wenige, die in ihrem Alter, wenn sie nicht wacker geschunden und gestohlen hatten, die allerbesten Bettler und Landstörzer abgaben: Zu nächst über diesen mühseligen Leuten saßen so alte Hühnerfänger, die sich etlich Jahr mit höchster Gefahr auf den untersten Ästen beholfen, durchgebissen, und das Glück gehabt hatten, dem Tod bis dahin zu entlaufen, diese sahen ernstlich und etwas reputierlicher aus, als die untersten, weil sie um einen gradum hinaufgestiegen waren; aber über ihnen befanden sich noch höhere, welche auch höhere Einbildungen hatten, weil sie die untersten zu kommandieren, diese nannte man Wamsklopfer, weil sie den Pikenierern mit ihren Prügeln und Hellenpotzmarter den Rücken sowohl als den Kopf abzufegen, und den Musketierern Baumöl zu geben pflegten, ihr Gewehr damit zu schmieren. Über diesen hatte des Baumes Stamm einen Absatz oder Unterscheid, welches ein glattes Stück war, ohne Äst, mit wunderbarlichen Materialien und seltsamer Seifen der Mißgunst geschmieret, also daß kein Kerl, er sei denn vom Adel, weder durch Mannheit, Geschicklichkeit noch Wissenschaft hinaufsteigen konnte, Gott geb wie er auch klettern könnte; denn es war glätter poliert, als ein marmorsteinerne Säul, oder stählerner Spiegel; über demselben Ort saßen die mit den Fähnlein, deren waren teils jung, und teils bei ziemlichen Jahren, die Jungen hatten ihre Vettern hinaufgehoben, die Alten aber waren zum Teil von sich selbst hinaufgestiegen, entweder auf einer silbernen Leiter, die man Schmiralia nennet, oder sonst auf einem Steg, den ihnen das Glück aus Mangel anderer gelegt hatte. Besser oben saßen noch höhere, die auch ihre Mühe, Sorg und Anfechtung hatten, sie genossen aber diesen Vorteil, daß sie ihre Beutel mit demjenigen Speck am [47] besten spicken können, welchen sie mit einem Messer, das sie Kontribution nannten, aus der Wurzel schnitten; am tunlichsten und geschicktesten fiel es ihnen, wenn ein Commissarius daherkam, und ein Wanne voll Geld über den Baum abschüttete, solchen zu erquicken, daß sie das Beste von oben herab auffingen, und den untersten soviel als nichts zukommen ließen; dahero pflegten von den untersten mehr Hungers zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen, welcher Gefahr miteinander die höchsten entübriget zu sein schienen. Dahero war ein unaufhörliches Gekrabbel und Aufkletterns an diesem Baum, weil jeder gerne an den obristen glückseligen Orten sitzen wollte, doch waren etliche faule liederliche Schlingel, die das Kommißbrot zu fressen nicht wert waren, welche sich wenig um ein Oberstell bemüheten, und ein Weg als den andern tun mußten, was ihr Schuldigkeit erfordert'; die Untersten, was ehrgeizig war, hoffeten auf der Obern Fall, damit sie an ihren Ort sitzen möchten, und wann es unter Zehntausenden einem geriet, daß er so weit gelangte, so geschah solches erst in ihrem verdrießlichen Alter, da sie besser hintern Ofen taugten Äpfel zu braten, als im Feld vorm Feind zu liegen, und wenn schon einer wohl stand, und seine Sach rechtschaffen verrichtete, so wurde er von andern geneidet, oder sonst durch einen ohnversehenlichen unglücklichen Dunst beides der Charge und des Lebens beraubt, nirgends hielt es härter, als an obgemeldtem glatten Ort, denn welcher einen guten Feldweibel oder Sergeanten hatte, verlor ihn ungern, welches aber geschehen mußte, wenn man ein Fähnrich aus ihm gemacht hätte. Man nahm dahero, anstatt der alten Soldaten, viel lieber Plackscheißer, Kammerdiener, erwachsene Pagen, arme Edelleut, irgends Vettern und sonst Schmarotzer und Hungerleider, die denen, so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten, und Fähnrich wurden.

17. Kapitel
[48] Das 17. Kapitel

Obschon im Krieg der Adel, wie billig, dem gemeinen Mann vorgezogen wird, so kommen doch viel aus verächtlichem Stand zu hohen Ehren


Dieses verdroß einen Feldweibel so sehr, daß er trefflich anfing zu schmälen, aber Adelhold sagte: »Weißt du nicht, daß man je und allwegen die Kriegsämter mit adeligen Personen besetzt hat? als welche hierzu am tauglichsten sein; graue Bärt schlagen den Feind nicht, man könnte sonst ein Herd Böck zu solchem Geschäft dingen, es heißt:


Ein junger Stier wird vorgestellt
Dem Haufen, als erfahren,
Den er auch hübsch beisammen hält,
Trutz dem von vielen Jahren;
Der Hirt darf ihm vertrauen auch,
Ohn Ansehn seiner Jugend,
Man judiziert nach bösem Brauch,
Aus Altertum die Tugend.

Sag mir, du alter Krachwadel, ob nicht edelgeborne Offizier von der Soldateska besser respektieret werden, als diejenigen, so zuvor gemeine Knecht gewesen? und was ist von Kriegsdisziplin zu halten, wo kein rechter Respekt ist? darf nicht der Feldherr einem Kavalier mehr vertrauen, als einem Baurenbuben, der seinem Vater vom Pflug entlaufen, und seinen eigenen Eltern kein gut tun wollen? Ein rechtschaffener Edelmann, ehe er seinem Geschlecht durch Untreu, Feldflucht, oder sonst etwas dergleichen einen Schandflecken anhängte, ehe würde er ehrlich sterben: Zudem gebührt dem Adel der Vorzug in allwege, wie solches leg. Honor. dig. de honor. zu sehen. Johannes de Platea will ausdrücklich, daß man in Bestallung der Ämter dem Adel den Vorzug lassen, und die Edelleut den Plebejis schlecht soll vorziehen; ja solches ist in allen Rechten bräuchlich, und wird in Hl. Schrift bestätigt, denn [49] Beata terra, cujus Rex nobilis est, sagt Sirach cap. 10, welches ein herrlich Zeugnis ist des Vorzugs, so dem Adel gebührt. Und wenn schon einer von euch ein guter Soldat ist, der Pulver riechen, und in allen Begebenheiten treffliche Anschläg geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig, andere zu kommandieren; dahingegen diese Tugend dem Adel angeborn, oder von Jugend auf angewöhnet wird. Seneca sagt: Habet hoc proprium generosus animus, quod concitatur ad honesta, et neminem excelsi Ingenii Virum humilia delectant et sordida. Welches auch Faustus Poeta in diesem Disticho exprimiert hat:


Si te rusticitas vilem genuisset agrestis,
Nobilitas animi non foret ista tui.

Überdas hat der Adel mehr Mittel, ihren Untergehörigen mit Geld, und den schwachen Kompagnien mit Volk zu helfen, als ein Bauer: So stünde es auch nach dem gemeinen Sprichwort nicht fein, wenn man den Bauren über den Edelmann setzte; auch würden die Bauren viel zu hoffärtig, wenn man sie also strack zu Herren machte, denn man sagt:


Es ist kein Schwert das schärfer schiert,
Als wenn ein Baur zum Herren wird.

Hätten die Bauren durch lang-hergebrachte löbliche Gewohnheit die Kriegs- und andere Ämter in Possession, wie der Adel, so würden sie gewißlich sobald keinen Edelmann einkommen lassen; zudem, ob man euch Soldaten von Fortun (wie ihr genannt werdet) schon oft gerne helfen wollte, daß ihr zu höhern Ehren erhaben würdet, so seid ihr aber alsdann gemeiniglich schon so abgelebt, wenn man euch probiert hat, und eines Bessern würdig schätzet, daß man Bedenkens haben muß, euch zu befördern; denn da ist die Hitz der Jugend verloschen, und gedenket ihr nur schlechts dahin, wie ihr euren kranken Leibern, die durch viel erstandene Widerwärtigkeit ausgemergelt, und zu Kriegsdiensten wenig mehr nutz sein, gütlich [50] tun, und wohl pflegen möget, Gott geb, wer fechte und Ehr einlege; hingegen aber ist ein junger Hund zum Jagen viel freudiger, als ein alter Löw.«

Der Feldweibel antwortet': »Welcher Narr wollte denn dienen, wenn er nicht hoffen darf, durch sein Wohlverhalten befördert, und also um seine getreuen Dienst belohnt zu werden: Der Teufel hol solchen Krieg! Auf diese Weis gilts gleich, ob sich einer wohl hält, oder nicht. Ich hab von unserm alten Obristen vielmals gehört, daß er keinen Soldaten unter sein Regiment begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch Wohlverhalten ein General zu werden. So muß auch alle Welt bekennen, daß diejenigen Nationen, so gemeinen, aber doch rechtschaffenen Soldaten forthelfen, und ihre Tapferkeit bedenken, gemeiniglich victorisieren, welches man an den Persern und Türken wohl siehet. Es heißt:


Die Lampe leucht dir fein, doch mußt du sie auch laben
Mit fett Oliven-Saft, die Flamm sonst bald verlischt:
Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird, und erfrischt;
Soldaten Tapferkeit will Unterhaltung haben.«

Adelhold antwortet': »Wenn man eines redlichen Manns rechtschaffene Qualitäten siehet, so wird er freilich nicht übersehen, maßen man heutigen Tags viel findet, welche vom Pflug, von der Nadel, von dem Schusterleist, und vom Schäferstecken zum Schwert gegriffen, sich wohl gehalten, und durch solche ihre Tapferkeit, weit über den gemeinen Adel, in Grafen- und Freiherrenstand geschwungen; Wer war der Kaiserliche Johann von Werd? wer der Schwedische Stallhans? wer der Hessische kleine Jacob und S. Andreas? Ihresgleichen sind noch viel bekannt, die ich Kürze halber nicht alle nennen mag. Ist also gegenwärtiger Zeit nichts Neues, wird auch bei der Posterität nicht abgehen, daß geringe, doch redliche Leut durch Krieg zu hohen Ehren gelangen, welches auch bei den Alten geschehen: Tamerlanes ist ein mächtiger König, und schreckliche Furcht der ganzen Welt worden, der doch zuvor nur ein Säuhirt war; Agathokles König in Sizilien, ist eines Hafners Sohn [51] gewesen; Thelephas ein Wagner, wurde König in Lydien; des Kaisers Valentiniani Vater war ein Seiler; Mauritius Cappadox, ein leibeigener Knecht, ward nach Tiberio Kaiser; Johannes Zemisces kam aus der Schulen zum Kaisertum. So bezeuget Flavius Vobiscus, daß Bonosus Imperator eines armen Schulmeisters Sohn gewesen sei; Hyperbolus, Chermidis Sohn, war erstlich ein Laternenmacher, und nachgehends Fürst zu Athen; Justinus, so vor Justiniano regierte, war vor seinem Kaisertum ein Säuhirt; Hugo Capetus eines Metzgers Sohn, hernach König in Frankreich; Pizarrus gleichfalls ein Schweinhirt, und hernach Markgraf in den West-Indianischen Ländern, welcher das Gold mit Zentnern auszuwägen hatte.«

Der Feldweibel antwort: »Dies alles lautet zwar wohl auf meinen Schrot, indessen sehe ich aber wohl, daß uns die Türen, zu ein und anderer Würde zu gelangen, durch den Adel verschlossen gehalten werden. Man setzt den Adel, wenn er nur aus der Schalen gekrochen, gleich an solche Ort, da wir uns nimmermehr keine Gedanken hin machen dürfen, wenn wir gleich mehr getan haben, als mancher Nobilist, den man jetzt für einen Obristen vorstellet. Und gleich wie unter den Bauren manch edel Ingenium verdirbt, weil es aus Mangel der Mittel nicht zu den Studiis angehalten wird: Also veraltet mancher wackere Soldat unter seiner Musket, der billiger ein Regiment meritierte, und dem Feldherrn große Dienste zu leisten wüßte.«

18. Kapitel
Das 18. Kapitel

Simplicius tut den ersten Sprung in die Welt, mit schlechtem Glück


Ich mochte dem alten Esel nicht mehr zuhören, sondern gönnete ihm, was er klagte, weil er oft die armen Soldaten prügelte wie die Hund: Ich wendet mich wieder gegen die Bäume, deren das ganze Land voll stand, und sah, wie sie sich bewegten, und zusammenstießen, da prasselten die Kerl [52] haufenweis herunter, Knall und Fall war eins; augenblicklich frisch und tot, in einem Hui verlor einer ein Arm, der ander ein Bein, der dritte den Kopf gar. Als ich so zusah, bedäuchte mich, alle diejenigen Bäum, die ich sah, wären nur ein Baum, auf dessen Gipfel saß der Kriegsgott Mars, und bedeckte mit des Baums Ästen ganz Europam; Wie ich dafürhielt, so hätte dieser Baum die ganze Welt überschatten können, weil er aber durch Neid und Haß, durch Argwohn und Mißgunst, durch Hoffart, Hochmut und Geiz, und andere dergleichen schöne Tugenden, gleichwie von scharfen Nordwinden angewehet wurde, schien er gar dünn und durchsichtig, dahero einer folgende Reimen an den Stamm geschrieben hat:


Die Stein-Eich durch den Wind getrieben und verletzet,
Ihr eigen Äst' abbricht, sich ins Verderben setzet:
Durch innerliche Krieg' und brüderlichen Streit,
Wird alles umgekehrt, und folget lauter Leid.

Von dem gewaltigen Gerassel dieser schädlichen Wind, und Zerstümmlung des Baums selbsten, ward ich aus dem Schlaf erweckt, und sah mich nur allein in meiner Hütten. Dahero fing ich wieder an zu gedenken, was ich doch immermehr anfangen sollte? im Wald zu bleiben war mir unmöglich, weil mir alles so gar hinweggenommen worden, daß ich mich nicht mehr aufhalten konnte, nichts war mehr übrig, als noch etliche Bücher, welche hin und her zerstreut, und durcheinandergeworfen lagen: Als ich solche mit weinenden Augen wieder auflas, und zugleich Gott inniglich anrief, er wollte mich doch leiten und führen, wohin ich sollte, da fand ich ohngefähr ein Brieflein, das mein Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte, das lautet also: »Lieber Simplici, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald aus dem Wald, und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten, denn er hat mir viel Guts getan: Gott, den du allweg vor Augen haben, und fleißig beten sollest, wird dich an ein Ort bringen, das dir am bequemsten ist. Allein habe denselbigen stets vor Augen, und befleißige [53] dich, ihm jederzeit dergestalt zu dienen, als wenn du noch in meiner Gegenwart im Wald wärest, bedenke und tue ohne Unterlaß meine letzte Reden, so wirst du bestehen mögen: Vale.«

Ich küßte dies Brieflein und des Einsiedlers Grab zu viel tausend Malen, und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen, bis ich deren finden möchte, ging also zween Tag einen geraden Weg fort, und wie mich die Nacht begriff, suchte ich einen hohlen Baum zu meiner Herberg, mein Zehrung war nichts anders als Buchen, die ich unterwegs auflas, den dritten Tag aber kam ich ohnweit Gelnhausen auf ein ziemlich eben Feld, da genoß ich gleichsam eines hochzeitlichen Mahls, denn es lag überall voller Garben auf dem Feld, welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen verjagt worden, zu meinem Glück nicht einführen können, in deren einer macht ich mein Nachtlager, weil es grausam kalt war, und sättigte mich mit ausgeriebenen Weizen, dergleichen ich lang nicht genossen.

19. Kapitel
Das 19. Kapitel

Wie Hanau von Simplicio, und Simplicius von Hanau eingenommen wird


Da es taget', füttert ich mich wieder mit Weizen, begab mich zum nächsten auf Gelnhausen, und fand daselbst die Tor' offen, welche zum Teil verbrannt, und jedoch noch halber mit Mist verschanzt waren: Ich ging hinein, konnte aber keines lebendigen Menschen gewahr werden, hingegen lagen die Gassen hin und her mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir ein erschrecklich Spektakul, maßen sich jedermann selbsten wohl einbilden kann, meine Einfalt konnte nicht ersinnen, was für ein Unglück den Ort in einen solchen Stand gesetzt haben müßte. Ich erfuhr aber ohnlängst hernach, daß die kaiserlichen Völker etliche Weimarische daselbst überrumpelt. Kaum zween [54] Steinwürf weit kam ich in die Stadt, als ich mich derselben schon satt gesehen hatte, derowegen kehrete ich wieder um, ging durch die Au nebenhin, und kam auf ein gänge Landstraß, die mich vor die herrliche Festung Hanau trug: Sobald ich deren erste Wacht ersah, wollte ich durchgehen, aber mir kamen gleich zween Musketier auf den Leib, die mich anpackten, und in ihre Corps de Garde führten.

Ich muß dem Leser nur auch zuvor meinen damaligen visierlichen Aufzug erzählen, ehe daß ich ihm sage, wie mirs weiter ging, denn meine Kleidung und Gebärden waren durchaus seltsam, verwunderlich und widerwärtig, so daß mich auch der Gouverneur abmalen lassen: Erstlich waren meine Haar in dritthalb Jahren weder auf griechisch, teutsch noch französisch abgeschnitten, gekampelt noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie standen in ihrer natürlichen Verwirrung noch, mit mehr als jährigem Staub, anstatt des Haar-Plunders, Puders oder Pulvers (wie man das Narren- oder Närrinwerk nennet) durchstreuet, so zierlich auf meinem Kopf, daß ich darunter hervorsah mit meinem bleichen Angesicht, wie ein Schleiereul die knappen will, oder sonst auf eine Maus spannet. Und weil ich allzeit barhäuptig zu gehen pflegte, meine Haar aber von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wenn ich ein türkischen Bund aufgehabt hätte; das übrige Habit stimmte mit der Hauptzierd überein, denn ich hatte meines Einsiedlers Rock an, wenn ich denselben anders noch einen Rock nennen darf, dieweil das erste Gewand, daraus er geschnitten worden, gänzlich verschwunden, und nichts mehr davon übrig gewesen, als die bloße Form, welche mehr als tausend Stücklein allerhandfarbiges zusammengesetztes, oder durch vielfältiges Flicken aneinandergenähetes Tuch, noch vor Augen stellte. Über diesem abgangenem, und doch zu vielmalen verbessertem Rock, trug ich das hären Hemd, anstatt eines Schulterkleids (weil ich die Ärmel anstatt eines Paar Strümpfs brauchte, und dieselben zu solchem Ende herabgetrennet hatte), der ganze Leib aber war mit eisernen Ketten, hinten und vorn fein kreuzweis, wie [55] man Sanctum Wilhelmum zu malen pflegt, umgürtet, so daß es fast eine Gattung abgab, wie mit denen, so vom Türken gefangen, und für ihre Freunde zu betteln im Land umziehen; meine Schuh waren aus Holz geschnitten, und die Schuhbändel aus Rinden von Lindenbäumen gewebt, die Füß selbst aber sahen so krebsrot aus, als wenn ich ein Paar Strümpf von spanisch Leibfarb angehabt, oder sonst die Haut mit Fernambuk gefärbt hätte: Ich glaube, wenn mich damals ein Gaukler, Marktschreier oder Landfahrer gehabt, und für einen Samojeden oder Grönländer dargeben, daß er manchen Narren angetroffen, der ein Kreuzer an mir versehen hätte. Ob nun zwar ein jeder Verständige aus meinem magern und ausgehungerten Anblick, und hinlässiger Aufziehung ohnschwer schließen können, daß ich aus keiner Garküchen, oder aus dem Frauenzimmer, weniger von irgendeines großen Herrn Hofhaltung entlaufen, so wurde ich jedoch unter der Wacht streng examiniert, und gleichwie sich die Soldaten an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offiziers tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte; Ich wußte nicht, ob er sie oder er wäre, denn er trug Haar und Bart auf französisch, zu beiden Seiten hatte er lange Zöpf herunterhangen wie Pferds-Schwänz, und sein Bart war so elend zugerichtet, und verstümpelt, daß zwischen Maul und Nasen nur noch etlich wenig Haar so kurz davonkommen, daß man sie kaum sehen konnte: Nicht weniger setzten mich seine weiten Hosen seines Geschlechts halber in nicht geringen Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiber-Rock, als ein Paar Manns-Hosen vorstelleten. Ich gedachte bei mir selbst, ist dies ein Mann? so sollte er auch einen rechtschaffenen Bart haben, weil der Geck nicht mehr so jung ist, wie er sich stellet: Ists aber ein Weib, warum hat die alte Hur dann so viel Stupfeln ums Maul? Gewißlich ists ein Weib, gedacht ich, denn ein ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich verketzern lassen; maßen die Böcke aus großer Schamhaftigkeit keinen Tritt unter fremde Herden gehen, wenn man ihnen die Bärt stutzet. Und demnach ich also im Zweifel stand, und nicht wußte, was die [56] jetzige Mode war, hielt ich ihn endlich für Mann und Weib zugleich.

Dieses männische Weib, oder dieser weibische Mann, wie er mir vorkam, ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei mir, als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebet geschrieben, und auch dasjenige Zettelein liegen hatte, das mir mein frommer Einsiedel, wie in vorigem Kapitel gemeldet worden, zum Valete hinterlassen, solches nahm er mir; weil ichs aber ungern verlieren wollte, fiel ich vor ihm nieder, faßte ihn um beide Knie, und sagte: »Ach mein lieber Hermaphrodit, laßt mir doch mein Gebetbüchlein!« »Du Narr«, antwortet' er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann heiße?« Befahl darauf zweien Soldaten, mich zum Gubernator zu führen, welchem er besagtes Buch mitgab, weil der Phantast ohnedas, wie ich gleich merkte, selbst weder lesen noch schreiben konnte.

Also führete man mich in die Stadt, und jedermann lief zu, als wenn ein Meerwunder auf die Schau geführt würde; und gleichwie mich jedweder sehen wollte, also machte auch jeder etwas Besonders aus mir, etliche hielten mich für einen Spionen, andere für ein Unsinnigen, andere für ein wilden Menschen, und aber andere für ein Geist, Gespenst, oder sonst für ein Wunder, welches etwas Besonders bedeuten würde: Auch waren etliche, die hielten mich für ein Narren, welche wohl am nächsten zum Zweck geschossen haben möchten, wenn ich den lieben Gott nicht gekannt hätte.

20. Kapitel
Das 20. Kapitel

Wasgestalten er von dem Gefängnis und der Folter errettet worden


Als ich vor den Gubernator gebracht wurde, fragte er mich, wo ich herkäme? Ich aber antwortet, ich wüßte es nicht. Er fragt' weiter: »Wo willst du denn hin?« Ich antwortet abermal: »Ich weiß nicht.« »Was Teufel weißt du denn«, fragte er ferner, »was ist denn dein Hantierung?« [57] Ich antwortet noch wie vor, ich wüßte es nicht. Er fragte: »Wo bist du zu Haus?« und als ich wiederum antwortet, ich wüßte es nicht, verändert' er sich im Gesicht, nicht weiß ich, obs aus Zorn oder Verwunderung geschah? Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen pflegt, zumalen der Feind in der Nähe war, als welcher allererst, wie gemeldt, die vorige Nacht Gelnhausen eingenommen, und ein Regiment Dragoner darin zuschanden gemacht hatte, fiel er denen bei, die mich für einen Verräter oder Kundschafter hielten, befahl darauf, man sollte mich besuchen; Als er aber von den Soldaten von der Wacht, so mich zu ihm geführet hatten, vernahm, daß solches schon beschehen, und anders nichts bei mir gefunden worden wäre, als gegenwärtiges Büchlein, welches sie ihm zugleich überreichten, las er ein paar Zeilen da nach, und fragte mich, wer mir das Büchlein geben hätte? ich antwortet, es wäre von Anfang mein eigen gewesen, denn ich hätte es selbst gemacht und überschrieben. Er fragte: »Warum eben auf birkene Rinden?« Ich antwortet: »Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht dazu schicken.« »Du Flegel«, sagte er, »ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast?« »Ei«, antwortet ich, »wir haben keins mehr im Wald gehabt.« Der Gubernator fragte: »Wo? in welchem Wald?« Ich antwortet wieder auf meinen alten Schrot, ich wüßte es nicht.

Da wandte sich der Gubernator zu etlichen von seinen Offiziern, die ihm eben aufwarteten, und sagte: »Entweder ist dieser ein Erzschelm, oder gar ein Narr! zwar kann er kein Narr sein, weil er so schreibt«; und indem als er so redet', blättert' er in meinem Büchlein so stark herum, ihnen mein schöne Handschrift zu weisen, daß des Einsiedlers Brieflein herausfallen mußte, solches ließ er aufheben, ich aber entfärbte mich darüber, weil ich solches für meinen höchsten Schatz und Heiligtum hielt; welches der Gubernator wohl in acht nahm, und daher noch ein größern Argwohn der Verräterei schöpfte, vornehmlich als er das Brieflein aufgemacht und gelesen hatte, denn er sagte: »Ich kenne einmal diese Hand, und weiß, daß sie von einem mir wohlbekannten Kriegsoffizier geschrieben worden ist, ich kann [58] mich aber nicht erinnern, von welchem?« so kam ihm auch der Inhalt selbst gar seltsam und ohnverständlich vor, denn er sagte: »Dies ist ohne Zweifel eine abgeredte Sprach, die sonst niemand verstehet, als derjenig, mit dem sie abgeredt worden.« Mich aber fragte er, wie ich hieße? und als ich antwortet: »Simplicius«, sagte er: »Ja ja, du bist eben des rechten Krauts! fort, fort, daß man ihn alsobald an Hand und Fuß in Eisen schließe«; Also wanderten beide obgemeldten Soldaten mit mir nach meiner bestimmten neuen Herberg, nämlich dem Stockhaus zu, und überantworteten mich dem Gewaltiger, welcher mich seinem Befehl gemäß, mit eisernen Banden und Ketten an Händen und Füßen, noch ein mehrers zierte, gleichsam als hätte ich nicht genug an deren zu tragen gehabt, die ich bereits um den Leib herumgebunden hatte.

Dieser Anfang mich zu bewillkommen, war der Welt noch nicht genug, sondern es kamen Henker und Steckenknecht, mit grausamen Folterungs-Instrumenten, welche mir, ohnangesehen ich mich meiner Unschuld zu getrösten hatte, meinen elenden Zustand allererst grausam machten: »Ach Gott!« sagte ich zu mir selber, »wie geschieht mir so recht, Simplicius ist darum aus dem Dienst Gottes in die Welt gelaufen, damit ein solche Mißgeburt des Christentums den billigen Lohn empfange, den ich mit meiner Leichtfertigkeit verdienet habe. O du unglückseliger Simplici! wohin bringt dich deine Undankbarkeit? Siehe, Gott hatte dich kaum zu seiner Erkenntnis und in seine Dienst gebracht, so läufst du hingegen aus seinen Diensten, und kehrest ihm den Rücken! Hättest du nicht mehr Eicheln und Bohnen essen können wie zuvor, deinem Schöpfer ohnverhindert zu dienen? Hast du nicht gewußt, daß dein getreuer Einsiedel und Lehrmeister die Welt geflohen, und sich die Wildnis auserwählt? O blindes Ploch, du hast dieselbe verlassen, in Hoffnung, deinen schändlichen Begierden (die Welt zu sehen) genug zu tun. Aber nun schaue, indem du vermeinest, deine Augen zu weiden, mußt du in diesem gefährlichen Irrgarten untergehen und verderben; Hast du unweiser Tropf dir nicht zuvor können einbilden, daß dein [59] seliger Vorgänger der Welt Freude um sein hartes Leben, das er in der Einöde geführt, nicht vertauscht haben würde, wenn er in der Welt den wahren Frieden, eine rechte Ruhe, und die ewige Seligkeit zu erlangen getraut hätte? Du armer Simplici, jetzt fahr hin, und empfange den Lohn deiner gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit; Du hast dich keines Unrechts zu beklagen, auch keiner Unschuld zu getrösten, weil du selber deiner Marter und darauf folgendem Tod entgegen bist geeilet.« Also klagte ich mich selber an, bat Gott um Vergebung, und befahl ihm meine Seel: Indessen näherten wir dem Diebs-Turm, und als die Not am größten, da war die Hilf Gottes am nächsten; denn als ich mit den Schergen umgeben war, und samt einer großen Menge Volks vorm Gefängnis stand, zu warten bis es aufgemacht, und ich hineingetan würde, wollte mein Pfarrherr, dem neulich sein Dorf geplündert und verbrannt worden, auch sehen, was da vorhanden wäre (denn er lag zunächst dabei auch im Arrest). Als dieser zum Fenster aussah, und mich erblickte, rief er überlaut: »O Simplici bist dus?« Als ich ihn hörte und sah, konnte ich nichts anders, als daß ich beide Händ gegen ihn aufhob, und schrie: »O Vater! O Vater! O Vater!« Er aber fragte, was ich getan hätte? Ich antwortet, ich wüßte es nicht, man hätte gewißlich mich darum dahergeführt, weil ich aus dem Wald entlaufen wäre: Als er aber vom Umstand vernahm, daß man mich für einen Verräter hielt, bat er, man wollte mit mir einhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gouverneur berichtet hätte, denn solches würde beides zu meiner und seiner Erledigung taugen, und verhüten, daß sich der Herr Gouverneur an uns beiden nicht vergreifen würde, sintemal er mich besser kenne, als sonst kein Mensch.

21. Kapitel
[60] Das 21. Kapitel

Das betrügliche Glück gibt Simplicio einen freundlichen Blick


Ihm wurde erlaubt, zum Gubernator zu gehen, und über ein halbe Stund hernach wurd ich auch geholt, und in die Gesindstube gesetzt, allwo sich schon zween Schneider, ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen, und ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt, damit ich ehest gekleidet würde; da zog man mir den Rock ab, samt der Ketten und dem härenen Hemd, auf daß die Schneider das Maß recht nehmen könnten; folgends erschien ein Feldscherer, mit scharfer Laugen und wohlriechender Seifen, und eben als dieser seine Kunst an mir üben wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte, weil er lautet', ich sollte mein Habit wieder anziehen; solches war nicht so bös gemeint, wie ich wohl besorgte, denn es kam gleich ein Maler mit seinem Werkzeug daher, nämlich mit Minien und Zinnober zu meinen Auglidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen korallenroten Lippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz und Umbra zu meinen gelben Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen Augen, und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock, auch hatte er eine ganze Hand voll Pinsel. Dieser fing an mich zu beschauen, abzureißen, zu untermalen, den Kopf über eine Seite zu hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten; bald ändert' er die Augen, bald die Haar, geschwind die Naslöcher, und in Summa alles, was er im Anfang nicht recht gemacht, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen hatte, wie Simplicius eins war: Alsdann durfte allererst der Feldscherer auch über mich herwischen, derselbe zwagte mir den Kopf, und richtet' wohl anderthalbe Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er sie ab auf die damalige Mode, denn ich hatte Haar übrig. Nachgehends setzt' er mich in ein Badstüblein, und säubert' meinen mageren ausgehungerten Leib von mehr [61] als drei- oder vierjähriger Unlust: Kaum war er fertig, da bracht man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpf, samt einem Überschlag oder Kragen, auch Hut und Feder, so waren die Hosen auch schön ausgemacht, und überall mit Galaunen verbrämt, allein mangelts noch am Wams, daran die Schneider zwar auf die Eil arbeiteten; der Koch stellet' sich mit einem kräftigen Süpplein ein, und die Kellerin mit einem Trank: Da saß mein Herr Simplicius wie ein junger Graf, zum besten akkomodiert; Ich zehrte tapfer zu, ohnangesehen ich nicht wußte, was man mit mir machen wollte, denn ich wußte noch von keinem Henker-Mahl nichts, dahero tat mir die Erkostung dieses herrlichen Anfangs so trefflich kirr und sanft, daß ichs keinem Menschen genugsam sagen, rühmen und aussprechen kann; Ja ich glaube schwerlich, daß ich mein Lebtag einzigesmal eine größere Wollust empfunden, als eben damals. Als nun das Wams fertig war, zog ichs auch an, und stellte in diesem neuen Kleid ein solch ungeschickte Postur vor Augen, daß es sah wie ein Trophaeum, oder als wenn man ein Zaunstecken geziert hätte, weil mir die Schneider die Kleider mit Fleiß zu weit machen mußten, um der Hoffnung willen die man hatte, ich würde in kurzer Zeit zulegen, welches auch bei so gutem Futter augenscheinlich geschah. Mein Waldkleid, samt der Ketten und allem Zugehör, wurde hingegen in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan, und mein Bildnis in Lebensgröß danebengestellt.

Nach dem Nachtessen wurde mein Herr in ein Bett gelegt, dergleichen mir niemals weder bei meinem Knan noch Einsiedel zuteil worden; aber mein Bauch kurret' und murret' die ganze Nacht hindurch, daß ich nicht schlafen konnte, vielleicht keiner andern Ursach halber, als weil er entweder noch nicht wußte was gut war, oder weil er sich über die anmutigen neuen Speisen, die ihm zuteil worden, verwunderte; ich blieb aber ein Weg als den andern liegen, bis die liebe Sonn wieder leuchtet' (denn es war kalt) und betrachtet, was für seltsame Anständ ich nun etliche Tag gehabt, und wie mir der liebe Gott so treulich durchgeholfen, und mich an ein so guten Ort geführet hätte.

22. Kapitel
[62] Das 22. Kapitel

Wer der Einsiedel gewesen, dessen Simplicius genossen


Denselben Morgen befahl mir des Gouverneurs Hofmeister, ich sollte zu obgemeldtem Pfarrern gehen, und vernehmen, was sein Herr meinetwegen mit ihm geredt hätte: Er gab mir einen Leibschützen mit, der mich zu ihm brachte, der Pfarrer aber führet' mich in sein Museum, setzt' sich, hieß mich auch sitzen, und sagte: »Lieber Simplici, der Einsiedel, bei dem du dich im Wald aufgehalten, ist nicht allein des hiesigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein Beförderer und wertester Freund gewesen; wie dem Gubernator mir zu erzählen beliebt', so ist demselben von Jugend auf weder an Tapferkeit eines heroischen Soldaten, noch an Gottseligkeit und Andacht, die sonst einem Religioso zuständig, niemal nichts abgangen, welche beiden Tugenden man zwar selten beieinander zu finden pflegt; Sein geistlicher Sinn und widerwärtige Begegnisse hemmeten endlich den Lauf seiner weltlichen Glückseligkeit, so daß er seinen Adel und ansehnliche Güter in Schotten, da er gebürtig, verschmähet' und hintansetzet', weil ihm alle Welthändel abgeschmack, eitel und verwerflich vor kamen: Er verhoffte, mit einem Wort, seine gegenwärtige Hoheit um ein künftige bessere Glori zu verwechseln, weil sein hoher Geist einen Ekel an aller zeitlichen Pracht hatte, und sein Dichten und Trachten war nur nach einem solchen erbärmlichen Leben gerichtet, darin du ihn im Wald angetroffen, und bis in seinen Tod Gesellschaft geleistet hast: Meines Erachtens ist er durch Lesung vieler papistischen Bücher von dem Leben der alten Eremiten hierzu verleitet worden.«

Ich will dir aber auch nicht verhalten, wie er in den Spessart und seinem Wunsch nach zu solchem armseligen Einsiedler-Leben kommen sei, damit du inskünftig auch andern Leuten etwas davon zu erzählen weißt: Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht vor Höchst verloren worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, [63] als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir wegen des Lärmens im Land, den beides die Flüchtigen und Nachjagenden in dergleichen Fällen zu erregen pflegen, die vorige ganze und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewacht hatten: Er klopfte erstlich sittig an, und folgends ungestüm genug, bis er mich und mein schlaftrunken Gesind erweckte, und nachdem ich auf sein Anhalten und wenig Wortwechseln, welches beiderseits gar bescheiden fiel, die Tür geöffnet, sah ich den Kavalier von seinem mutigen Pferd steigen, sein kostbarlich Kleid war ebensosehr mit seiner Feinde Blut besprengt, als mit Gold und Silber verbrämt; und weil er seinen bloßen Degen noch in der Faust hielt, so kam mich Furcht und Schrecken an, nachdem er ihn aber einsteckte, und nichts als lauter Höflichkeit vorbrachte, hatte ich Ursach mich zu verwundern, daß ein so braver Herr einen schlechten Dorfpfarrer so freundlich um Herberg anredet': Ich sprach ihn seiner schönen Person, und seines herrlichen Ansehens halber, für den Mansfelder selbst an. Er aber sagte, er sei demselben für diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen; drei Ding beklagte er, nämlich sein verlorne hochschwangere Gemahlin, die verlorne Schlacht, und daß er nicht gleich andern redlichen Soldaten in derselben für das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte. Ich wollte ihn trösten, sah aber bald, daß seine Großmütigkeit keines Trostes bedurfte, demnach teilte ich mit, was das Haus vermochte, und ließ ihm ein Soldatenbett von frischem Stroh machen, weil er in kein anders liegen wollte, wiewohl er der Ruhe sehr bedürftig war. Das erste, das er den folgenden Morgen tat, war, daß er mir sein Pferd schenkte, und sein Geld (so er an Gold in keiner kleinen Zahl bei sich hatte) samt etlich köstlichen Ringen unter meine Frau, Kinder und Gesind austeilete. Ich wußte nicht, wie ich mit ihm dran war, weil die Soldaten viel eher zu nehmen als zu geben pflegen; trug derowegen Bedenkens, so große Verehrungen anzunehmen, und wandte vor, daß ich solches um ihn nicht meritiert, noch hinwiederum zu verdienen [64] wisse, zudem sagte ich, wenn man solchen Reichtum, und sonderlich das köstliche Pferd, welches sich nicht verbergen ließe, bei mir und den Meinigen sehe, so würde männiglich schließen, ich hätte ihn berauben, oder gar ermorden helfen. Er aber sagte, ich sollte diesfalls ohne Sorg leben, er wollte mich vor solcher Gefahr mit seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehre sogar sein Hemd, geschweige seine Kleider aus dem Pfarrhof nicht zu tragen, und mit dem öffnet' er mir seinen Vorsatz, ein Einsiedel zu werden: Ich wehrete mit Händen und Füßen was ich konnte, weil mich bedünkte, daß solch Vorhaben zumal nach dem Papsttum schmeckte, mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit seinem Degen würde dienen können; Aber vergeblich, denn er machte so lang und viel mit mir, bis ich alles einging, und ihn mit denjenigen Büchern, Bildern und Hausrath montierte, die du bei ihm gefunden, wiewohl er nur der wollenen Decke, darunter er dieselbige Nacht auf dem Stroh geschlafen, für all dasjenige begehrte, das er mir verehrt hatte, daraus ließ er sich einen Rock machen; So mußte ich auch meine Wagenketten, die er stetig getragen, mit ihm um eine güldene, daran er seiner Liebsten Conterfait trug, vertauschen, also daß er weder Geld noch Geldswert behielt, mein Knecht führte ihn an den einödesten Ort des Walds, und half ihm daselbst seine Hütten aufrichten. Wasgestalt er nun sein Leben daselbst zugebracht, und womit ich ihm zuzeiten an die Hand gangen und ausgeholfen, weißt du so wohl, ja zum Teil besser als ich.

Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, und ich, wie du weißt, rein ausgeplündert, und zugleich übel beschädiget worden, hab ich mich hieher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohndas schon meine besten Sachen hier hatte: Und als mir die baren Geldmittel ausgehen wollten, nahm ich drei Ring und obgemeldte güldene Ketten, mitsamt dem anhangenden Conterfait, so ich von deinem Einsiedel hatte, maßen sein Petschier-Ring auch darunter war, und trugs zu einem Juden, solches zu versilbern, der hat es aber der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich angetragen, welcher das [65] Wappen und Conterfait stracks gekannt, nach mir geschickt, und gefragt, woher ich solche Kleinodien bekommen? Ich sagte ihm die Wahrheit, wies des Einsiedlers Handschrift oder Übergabs-Brief auf, und erzählet allen Verlauf, auch wie er im Wald gelebt und gestorben: Er wollte solches aber nicht glauben, sondern kündet' mir den Arrest an, bis er die Wahrheit besser erführe, und indem er im Werk begriffen war, eine Partei auszuschicken, den Augenschein seiner Wohnung einzunehmen, und dich hieherholen zu lassen, so sehe ich dich in Turm führen. Weil denn der Gubernator nunmehr an meinem Vorgeben nicht zu zweifeln Ursach hat, indem ich mich auf den Ort, da der Einsiedel gewohnet, item auf dich und andere lebendige Zeugen mehr, insonderheit aber auf meinen Mesner berufen, der dich und ihn oft vor Tags in die Kirch gelassen, zumalen auch das Brieflein, so er in deinem Gebet-Büchlein gefunden, nicht allein der Wahrheit, sondern auch des seligen Einsiedlers Heiligkeit ein treffliches Zeugnis gibt; Also will er dir und mir wegen seines Schwagers sei. Gutes tun, du darfst dich jetzt nur resolviern, was du willst, daß er dir tun soll? willst du studiern, so will er die Unkosten dazu geben; hast du Lust ein Handwerk zu lernen, so will er dich eins lernen lassen; willst du aber bei ihm verbleiben, so will er dich wie sein eigen Kind halten, denn er sagte, wenn auch ein Hund von seinem Schwager sel. zu ihm käme, so wolle er ihn aufnehmen: Ich antwortet, es gelte mir gleich, was der Herr Gubernator mit mir machte.

23. Kapitel
[66] Das 23. Kapitel

Simplicius wird ein Page, item, wie des Einsiedlers Weib verloren worden


Der Pfarrer zögerte mich auf in seinem Losament bis zehn Uhr, ehe er mit mir zum Gouverneur ging, ihm meinen Entschluß zu sagen, damit er bei demselben, weil er eine freie Tafel hielt, zu Mittags ein Gast sein könne; denn es war damals Hanau blockiert, und eine solche klemme Zeit bei dem gemeinen Mann, bevorab den geflehnten Leuten in selbiger Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrornen Rübschalen auf der Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben nit verschmäheten: Es glückte ihm auch so wohl, daß er neben den Gouverneur selbst über der Tafel zu sitzen kam, ich aber wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister anwies; in welches ich mich zu schicken wußte, wie ein Esel ins Schachspiel: Aber der Pfarrer ersetzte allein mit seiner Zung, was die Ungeschicklichkeit meines Leibs nicht vermochte. Er sagte, daß ich in der Wildnis erzogen, niemals bei Leuten gewesen, und dahero wohl für entschuldigt zu halten, weil ich noch nicht wissen könnte, wie ich mich halten sollte; meine Treu, die ich dem Einsiedel erwiesen, und das harte Leben, so ich bei demselben überstanden, wären verwundernswürdig, und allein wert, nicht allein meine Ungeschicklichkeit zu gedulden, sondern auch mich dem feinsten Edelknaben vorzuziehen. Weiters erzählte er, daß der Einsiedel alle seine Freud an mir gehabt, weil ich, wie er öfters gesagt, seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei, und daß er sich oft über meine Beständigkeit und ohnveränderlichen Willen, bei ihm zu bleiben, und sonst noch über viel Tugenden, die er an mir gerühmt, verwundert hätte. In Summa, er konnte nicht genugsam aussprechen, wie mit ernstlicher Inbrünstigkeit er kurz vor seinem Tod mich ihm, Pfarrern, rekommendiert, und bekannt hätte, daß er mich so sehr als sein eigen Kind liebe.

[67] Dieses kitzelt' mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte schon Ergötzlichkeit genug für alles dasjenige empfangen, das ich je bei dem Einsiedel ausgestanden. Der Gouverneur fragte, ob sein sel. Schwager nicht gewußt hätte, daß er der Zeit in Hanau kommandiere? »Freilich«, antwortet der Pfarrer, »ich habs ihm selbst gesagt; Er hat es aber (zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächeln) so kaltsinnig angehört, als ob er niemals keinen Ramsay gekannt hätte, also daß ich mich noch, wenn ich der Sach nachdenke, über dieses Manns Beständigkeit und festen Vorsatz verwundern muß, wie er nämlich übers Herz bringen können, nicht allein der Welt abzusagen, sondern auch seinen besten Freund, den er doch in der Nähe hatte, so gar aus dem Sinn zu schlagen!« Dem Gouverneur, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, sondern ein tapferer heroischer Soldat war, standen die Augen voll Wasser. Er sagte: »Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, und wo er anzutreffen gewesen wäre, so wollte ich ihn auch wider seinen Willen haben zu mir holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern können, weil mirs aber das Glück mißgönnet, also will ich an seiner Statt seinen Simplicium versorgen: Ach!« sagte er weiters, »der redliche Kavalier hat wohl Ursach gehabt, seine schwangere Gemahlin zu beklagen, denn sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter im Nachhauen, und zwar auch im Spessart gefangen worden. Als ich solches erfahren, und nichts anders gewußt, als mein Schwager sei bei Höchst tot geblieben, habe ich gleich einen Trompeter zum Gegenteil geschickt, meiner Schwester nachzufragen, und dieselbe zu ranzionieren, hab aber nichts anders damit ausgerichtet, als daß ich erfahren, gemeldte Partei Reuter sei im Spessart von etlichen Bauren zertrennt, und in solchem Gefecht meine Schwester von ihnen wieder verloren worden, also daß ich noch bis auf diese Stund nicht weiß, wo sie hin kommen.«

Dieses und dergleichen war des Gouverneurs und Pfarrern Tischgespräch, von meinem Einsiedel und seiner Liebsten, welches Paar Ehevolk um soviel desto mehr bedauret [68] wurde, weil sie einander nur ein Jahr gehabt hatten. Aber ich wurde also des Gubernators Page, und ein solcher Kerl, den die Leut, sonderlich die Bauren, wenn ich sie bei meinem Herrn anmelden sollte, bereits Herr Jung nannten, wiewohl man selten einen Jungen siehet, der ein Herr gewesen, aber wohl Herren, die zuvor Jungen waren.

24. Kapitel
Das 24. Kapitel

Simplicius tadelt die Leut, und siehet viel Abgötter in der Welt


Damals war bei mir nichts Schätzbarliches als ein reines Gewissen und aufrichtig frommes Gemüt zu finden, welches mit der edlen Unschuld und Einfalt begleitet und umgeben war; ich wußte von den Lastern nichts anders, als daß ich sie etwa hören nennen, oder davon gelesen hatte, und wenn ich deren eins wirklich begehen sah, war mirs ein erschreckliche und seltene Sach, weil ich erzogen und gewöhnet worden, die Gegenwart Gottes allezeit vor Augen zu haben, und aufs ernstlichst nach seinem heiligen Willen zu leben, und weil ich denselben wußte, pflegte ich der Menschen Tun und Wesen gegen denselben abzuwägen, in solcher Übung bedünkte mich, ich sehe nichts als lauter Greuel: Herr Gott! wie verwundert ich mich anfänglich, wenn ich das Gesetz und Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete, und hingegen derjenigen Werk ansah, die sich für seine Jünger und Nachfolger ausgaben; Anstatt der aufrichtigen Meinung, die ein jedweder rechtschaffene Christ haben soll, fand ich eitel Heuchelei, und sonst so unzählbare Torheiten bei allen Welt-Menschen, daß ich auch zweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder nicht? denn ich konnte leichtlich merken, daß männiglich den ernstlichen Willen Gottes wüßte, ich merkte aber hingegen keinen Ernst, denselben zu vollbringen.

Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken in meinem Gemüt, und geriet in schwere Anfechtung, wegen des Befehls Christi, da er spricht: Richtet [69] nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Nichtsdestoweniger kamen mir die Wort Pauli zu Gedächtnis, die er zun Gal. am 5. Kap. schreibt: »Offenbar sind alle Werke des Fleisches, als da sind Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen, von welchen ich euch habe zuvor gesagt, und sage es noch wie zuvor, daß die solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben!« Da gedachte ich: das tut ja fast jedermann öffentlich, warum sollte ich denn nicht auch aus des Apostels Wort offenherzig schließen dürfen, daß auch nicht jedermann selig werde.

Nächst der Hoffart und dem Geiz, samt deren ehrbaren Anhängen, waren Fressen und Saufen, Huren und Buben, bei den Vermöglichen ein tägliche Übung; was mir aber am aller-erschrecklichsten vorkam, war dieser Greuel, daß etliche, sonderlich Soldaten-Bursch, bei welchen man die Laster nicht am ernstlichsten zu strafen pflegt, beides aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes selbsten, nur einen Scherz machten. Zum Exempel, ich hörete einsmals einen Ehebrecher, welcher wegen vollbrachter Tat noch gerühmt sein wollte, diese gottlosen Wort sagen: »Es tuts dem geduldigen Hahnrei genug, daß er meinetwegen ein paar Hörner trägt, und wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so hab ichs mehr dem Mann zuleid, als der Frauen zulieb getan, damit ich mich an ihm rächen möge.« »O kahle Rach!« antwortet' ein ehrbar Gemüt, so dabeistand, »dadurch man sein eigen Gewissen beflecket, und den schändlichen Namen eines Ehebrechers überkommt!« »Was Ehebrecher?« antwortet' er ihm mit einem höhnischen Gelächter, »ich bin darum kein Ehebrecher, wenn ich schon diese Ehe ein wenig gebogen habe; dies sind Ehebrecher, wovon das sechste Gebot sagt, allwo es verbeut, daß keiner einem andern in Garten steigen, und die Kirschen ehe brechen solle, als der Eigentums-Herr!« Und daß solches also zu verstehen sei, erklärte er gleich darauf, nach seinem Teufels-Catechismo, das siebente Gebot, welches diese Meinung deutlicher vorbringe, indem es sagt: »Du sollst nicht stehlen«, [70] usw. Solcher Wort trieb er viel, also daß ich bei mir selbst seufzt und gedachte: O gotteslästerlicher Sünder! du nennest dich selbst einen Ehebieger, und den gütigen Gott einen Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod voneinander trennet; »Meinest du nicht«, sagt ich aus übrigem Eifer und Verdruß zu ihm, wiewohl er ein Offizier war, »daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr versündigest, als mit dem Ehebruch selbsten?« Er aber antwortet' mir: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen geben?« Ich glaub auch, daß ich solche dicht bekommen hätte, wenn der Kerl meinen Herrn nicht hätte fürchten müssen: Ich aber schwieg still, und sah nachgehends, daß es gar kein seltene Sach war, wenn sich Ledige nach Verehelichten, und Verehelichte nach Ledigen umsahen.

Als ich noch bei meinem Einsiedel den Weg zum ewigen Leben studierte, verwundert ich mich, warum doch Gott seinem Volk die Abgötterei so hochsträflich verboten? denn ich bildete mir ein, wer einmal den wahren ewigen Gott erkannt hätte, der würde wohl nimmermehr keinen andern ehren und anbeten; schloß also in meinem dummen Sinn, dies Gebot sei ohnnötig, und vergeblich gegeben worden: Aber ach! ich Narr wußte nicht was ich gedachte, denn sobald ich in die Welt kam, vermerkte ich, daß (dies Gebot ohnangesehen) beinahe jeder Weltmensch einen besondern Neben-Gott hatte, ja etliche hatten wohl mehr, als die alten und neuen Heiden selbsten, etliche hatten den ihrigen in der Kisten, auf welchen sie allen Trost und Zuversicht setzten; mancher hatte den sei nen bei Hof, zu welchem er alle Zuflucht gestellt, der doch nur ein Favorit, und oft ein liederlicher Bärnhäuter war, als sein Anbeter selbst, weil sein luftige Gottheit nur aus des Prinzen aprilenwetterischer Gunst bestand; andere hatten den ihrigen in der Reputation, und bildeten sich ein, wenn sie nur dieselbige erhielten, so wären sie selbst auch halbe Götter; noch andere hatten den ihrigen im Kopf, nämlich diejenigen, denen der wahre Gott ein gesund Hirn verliehen, also daß sie einige Künste und Wissenschaften zu fassen geschickt waren, dieselben setzten den gütigen Geber auf ein Seit, und verließen [71] sich auf die Gab, in Hoffnung, sie würde ihnen alle Wohlfahrt verleihen; Auch waren viel, deren Gott ihr eigener Bauch war, welchem sie täglich die Opfer reichten, wie vorzeiten die Heiden dem Baccho und der Cerere getan, und wenn solcher sich unwillig erzeigte, oder sonst die menschlichen Gebrechen sich anmeldeten, so machten die elenden Menschen einen Gott aus dem Medico, und suchten ihres Lebens Aufenthalt in der Apothek, aus welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten sich Göttinnen aus glatten Metzen, dieselben nannten sie mit andern Namen, beteten sie Tag und Nacht an mit viel tausend Seufzern, und machten ihnen Lieder, welche nichts anders als ihr Lob in sich hielten, benebens einem demütigen Bitten, daß solche mit ihrer Torheit ein barmherziges Mitleiden tragen, und auch zu Närrinnen werden wollten, gleichwie sie selbst Narren seien. Hingegen waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit für ihren Gott aufgeworfen; diese, gedachten sie, wird mich wohl vermannen, Gott im Himmel sage dazu, was er will; dieser Abgott ward anstatt anderer Opfer täglich mit allerhand Schminke, Salben, Wassern, Pulvern und sonst Schmirsel unterhalten und verehrt. Ich sah Leut, die wohlgelegene Häuser für Götter hielten, denn sie sagten, solang sie darin gewohnet, wäre ihnen Glück und Heil zugestanden, und das Geld gleichsam zum Fenster hineingefallen; welcher Torheit ich mich höchstens verwundert, weil ich die Ursach sah, warum die Inwohner so guten Zuschlag gehabt: Ich kannte einen Kerl, der konnte in etlich Jahren vor dem Tabakhandel nicht recht schlafen, weil er demselben sein Herz, Sinn und Gedanken, das allein Gott gewidmet sein sollte, geschenkt hatte, er schickte demselben so tags als nachts so viel tausend Seufzer, weil er dadurch prosperierte; Aber was geschah? der Phantast starb, und fuhr dahin, wie der Tabakrauch selbst. Da gedacht ich: »O du elender Mensch! wäre dir deiner Seelen Seligkeit und des wahren Gottes Ehr so hoch angelegen gewesen als der Abgott, der in Gestalt eines Brasilianers mit einer Roll Tabak unterm Arm und einer Pfeifen im Maul auf deinem Gaden stehet, [72] so lebte ich der ohnzweiflichen Zuversicht, du hättest ein herrliches Ehren-Kränzlein in jener Welt zu tragen erworben.« Ein anderer Gesell hatte noch wohl liederlichere Götter, denn als bei einer Gesellschaft von jedem erzählt wurde, auf was Weis er sich in dem greulichen Hunger und teuren Zeit ernähret und durchgebracht, sagte dieser mit teutschen Worten: Die Schnecken und Frösch seien sein Herr Gott gewesen, er hätte sonst in Mangel ihrer müssen Hungers sterben. Ich fragte ihn, was ihm denn damals Gott selbst gewesen wäre, der ihm solche Insecta zu seinem Aufenthalt beschert hätte? Der Tropf aber wußte nichts zu antworten, und ich mußte mich um soviel desto mehr verwundern, weil ich noch nirgends gelesen, daß die alten abgöttischen Ägypter, noch die neulichsten Amerikaner jemals dergleichen Ungeziefer für Gott ausgeschrien, wie dieser Geck tat.

Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darinnen schöne Raritäten waren, unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als ein Ecce Homo! wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es die Anschauer gleichsam zum Mitleiden verzückte; daneben hing eine papierne Karte in China gemalt, darauf standen der Chinesen Abgötter in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren; der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer mir am besten gefiele? Ich deutet auf besagtes Ecce Homo, er aber sagte, ich irre mich, das Chineser Gemäld wäre rarer, und dahero auch köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher Ecce Homo mangeln. Ich antwortet: »Herr, ist euer Herz wie euer Mund?« Er sagte: »Ich versehe michs.« Darauf sagte ich: »So ist auch euers Herzens Gott derjenige, dessen Conterfait ihr mit dem Mund bekennet, das köstlichste zu sein.« »Phantast«, sagt' jener, »ich ästimiere die Rarität!« Ich antwortet: »Was ist seltener und verwundernswürdiger, als daß Gottes Sohn selbst unsertwegen gelitten, wie uns dies Bildnis vorstellt?«

25. Kapitel
[73] Das 25. Kapitel

Dem seltsamen Simplicio kommt in der Welt alles seltsam vor, und er hingegen der Welt auch


So sehr wurden nun diese und noch eine größere Menge anderer Art Abgötter geehrt, so sehr wurde hingegen die wahre göttliche Majestät verachtet, denn gleichwie ich niemand sah, der sein Wort und Gebot zu halten begehrte, also sah ich hingegen viel, die ihm in allem widerstrebten, und die Zöllner (welche zu den Zeiten, als Christus noch auf Erden wandelt', offene Sünder waren) mit Bosheit übertrafen. Christus spricht: »Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen die euch hassen, bittet für die so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid euers Vaters im Himmel; denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? tun solches nicht auch die Zöllner? und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut, was tut ihr Sonderliches? tun nicht die Zöllner auch also?« Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi nachzukommen begehrte, sondern jedermann tat gerad das Widerspiel, es hieß, ›viel Schwäger, viel Knebel-Spieß‹, und nirgends fand sich mehr Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank, als zwischen Brüdern, Schwestern, und andern angebornen Freunden, sonderlich wenn ihnen ein Erb zu teilen zugefallen war; auch sonst haßte das Handwerk aller Orten einander, also daß ich handgreiflich sehen und schließen mußte, daß vor diesem die offenen Sünder, Publikanen und Zöllner, welche wegen ihrer Bosheit und Gottlosigkeit bei männiglich verhaßt waren, uns heutigen Christen mit Übung brüderlicher Liebe weit überlegen gewesen; maßen ihnen Christus selbsten das Zeugnis gibt, daß sie sich untereinander geliebet haben. Dahero betrachtete ich, wenn wir keinen Lohn haben, so wir die Feinde nicht lieben, was für große Strafen wir dann gewärtig sein müssen, wenn wir auch unsere Freund hassen; wo die größte Lieb und Treu sein sollte, fand ich die höchste Untreu, und den gewaltigsten Haß. Mancher Herr schund seine [74] getreuen Diener und Untertanen, hingegen wurden etliche Untertanen an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den kontinuierlichen Zank vermerket ich zwischen vielen Eheleuten, mancher Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manche lose Vettel ihren frommen Mann für einen Narrn und Esel. Viel hündische Herrn und Meister betrogen ihre fleißigen Dienstboten um ihren gebührenden Lohn, und schmälerten beides Speis und Trank, hingegen sah ich auch viel untreu Gesind, die ihre frommen Herren entweder durch Diebstahl oder Fahrlässigkeit ins Verderben setzten. Die Handelsleut und Handwerker rannten mit dem Juden-Spieß gleichsam um die Wett, und sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Bauersmann seinen sauren Schweiß ab; hingegen waren teils Bauren so gar gottlos, daß sie sich auch darum bekümmerten, wenn sie nicht rechtschaffen genug mit Bosheit durchtrieben waren, andere Leut, oder auch wohl ihre Herren selbst, unterm Schein der Einfalt zu berufen. Ich sah einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle geben, und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen auch darbieten (weil ich noch niemal bei keiner Schlägerei gewesen). Aber ich irrete, denn der Beleidigte zog von Leder, und versetzte dem Täter eine Wunde dafür an Kopf. Ich schrie ihm überlaut zu, und sagte: »Ach Freund, was machst du?« »Da wär einer ein Bärnhäuter«, antwort jener, »ich will mich der Teufel hol etc. selbst rächen, oder das Leben nicht haben! Hei, müßte doch einer ein Schelm sein, der sich so kujonieren ließe.« Der Lärmen zwischen diesen zweien Duellanten ergrößert' sich, weilen beiderseits Beiständer, samt dem Umstand und Zulauf, einander auch in die Haar kamen; da hörte ich schwören bei Gott und ihren Seelen so leichtfertig, daß ich nicht glauben konnte, daß sie diese für ihr edelst Kleinod hielten: Aber das war nur Kinderspiel, denn es blieb bei so geringen Kinderschwüren nicht, sondern es folgte gleich hernach: »Schlag mich der Donner, der Blitz, der Hagel, zerreiß und hol mich der etc. ja nicht einer allein, sondern hunderttausend, und führen mich in die Lüft' hinweg!« Die H. Sacramenta mußten nicht nur siebenfältig, [75] sondern auch mit hunderttausenden, ja so viel Tonnen, Galeeren und Stadtgräben voll heraus, also daß mir abermal alle Haar gen Berg standen. Ich gedachte wiederum an den Befehl Christi, da er sagt: »Ihr sollt allerdings nicht schwören, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erden, denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist eines großen Königs Stadt, auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören, denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen, euer Rede aber sei ja ja, nein nein, was drüber ist, das ist vom Übel.« Dieses alles, und was ich sah und hörete, erwog ich, und schloß festiglich, daß diese Balger keine Christen seien, suchte derowegen eine andere Gesellschaft.

Zum aller-erschrecklichsten kam mirs vor, wenn ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünd, Schand und Laster rühmen hörete, denn ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: »Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen! Ich hab mich in einem Tag wohl dreimal voll gesoffen, und ebenso vielmal gekotzt. Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert. Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht. Potz hundert Gift, wie haben wir ein Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt.« Item: »Ich hab ihn daniedergehauen, als wenn ihn der Hagel hätte niedergeschlagen. Ich hab ihn geschossen, daß er das Weiß über sich kehrte. Ich hab ihn so artlich über den Dölpel geworfen, daß ihn der Teufel hätte holen mögen. Ich hab ihm den Stein gestoßen, daß er den Hals hätt brechen mögen.« Solche und dergleichen unchristliche Reden erfüllten mir alle Tag die Ohren, und überdas, so hörte und sah ich auch in Gottes Namen sündigen, welches wohl zu erbarmen ist; von den Kriegern wurde es am meisten praktiziert, wenn sie nämlich sagten: »Wir wollen in Gottes Namen auf Partei, Plündern, Mitnehmen, Totschießen, Niedermachen, Angreifen, Gefangennehmen, in Brand stecken, und was ihrer schrecklichen Arbeiten und Verrichtungen mehr sein mögen. Also wagens auch die Wucherer mit dem Verkauf in Gottes Namen, damit sie ihrem teuflischen Geiz nach schinden und schaben mögen.« [76] Ich habe zween Mausköpf sehen hängen, die wollten einsmals bei der Nacht stehlen, und als sie die Leiter angestellt, und der eine in Gottes Namen einsteigen wollte, warf ihn der wachtsame Hausvater ins Teufels Namen wieder herunter, davon er ein Bein zerbrach, und also gefangen, und über etlich Tag hernach samt seinem Kamerad aufgeknüpfet ward. Wenn ich nun so etwas höret, sah und beredet, und wie meine Gewohnheit war, mit der H. Schrift hervorwischte, oder sonst treuherzig abmahnete, so hielten mich die Leut für einen Narren, ja ich wurde meiner guten Meinung halber so oft ausgelacht, daß ich endlich auch unwillig wurde, und mir vorsetzte, gar zu schweigen, welches ich doch aus christlicher Liebe nicht halten konnte. Ich wünschte, daß jedermann bei meinem Einsiedel auferzogen worden wäre, der Meinung, es würde alsdann auch männiglich der Welt Wesen mit Simplicii Augen ansehen, wie ichs damals beschauet'. Ich war nicht so witzig, wenn lauter Simplici in der Welt wären, daß man alsdann auch nicht soviel Laster sehen werde. Indessen ists doch gewiß, daß ein Welt-Mensch, welcher aller Untugenden und Torheiten gewohnt, und selbsten mitmacht, im wenigsten nicht empfinden kann, auf was für einer bösen Straßen er mit seinen Gefährten wandelt.

26. Kapitel
Das 26. Kapitel

Ein sonderbarer neuer Brauch, einander Glück zu wünschen, und zu bewillkommen


Als ich nun vermeinte, ich hätte Ursach zu zweifeln, ob ich unter Christen wäre oder nicht? ging ich zu dem Pfarrer, und erzählte alles, was ich gehöret und gesehen, auch was ich für Gedanken hatte, nämlich daß ich die Leut nur für Spötter Christi und seines Worts, und für keine Christen hielte, mit Bitt, er wollte mir doch aus dem Traum helfen, damit ich wisse, wofür ich meine Neben-Menschen halten sollte; Der Pfarrer antwortet': »Freilich sind sie Christen, und wollt ich dir nicht raten, daß du sie anders nennen solltest.« [77] »Mein Gott!« sagte ich, »wie kanns sein? denn wenn ich einem oder dem andern seinen Fehler, den er wider Gott begehet, verweise, so werde ich verspottet und ausgelacht.« »Dessen verwundere dich nicht«, antwortet' der Pfarrer, »ich glaube, wenn unsere ersten frommen Christen, die zu Christi Zeiten gelebt, ja die Apostel selbst, anjetzo auferstehen, und in die Welt kommen sollten, daß sie mit dir ein gleiche Frag tun, und endlich auch so wohl als du, von jedermänniglich für Narren gehalten würden; das, was du bisher siehest und hörest, ist ein gemeine Sach, und nur Kinderspiel gegen dasjenige, das sonsten so heimlich als öffentlich und mit Gewalt wider Gott und die Menschen vorgehet, und in der Welt verübet wird, aber laß dich das nicht ärgern, du wirst wenig Christen finden, wie Herr Samuel sel. einer gewesen ist.«

Indem als wir so miteinander redeten, führet' man etliche, so vom Gegenteil waren gefangen worden, übern Platz, welches unsern Diskurs zerstöret', weil wir die Gefangenen auch beschauten. Da vernahm ich eine Unsinnigkeit, dergleichen ich mir nicht hätte träumen dürfen lassen: Es war aber ein neue Mode einander zu grüßen und zu bewillkommen, denn einer von unserer Garnison, welcher hiebevor dem Kaiser auch gedient hatte, kannte einen von den Gefangenen, zu dem ging er, gab ihm die Hand, drückt' jenem die seinige vor lauter Freud und Treuherzigkeit, und sagte: »Daß dich der Hagel erschlag (altteutsch), lebst du auch noch Bruder? Potz Fickerment, wie führt uns der Teufel hier zusammen! ich hab schlag mich der Donner vorlängst gemeint, du wärst gehängt worden!« Darauf antwortet' der ander: »Potz Blitz Bruder, bist dus, oder bist dus nicht? daß dich der Teufel hol, wie bist du hieher kommen? ich hätte mein Lebtag nicht gemeint, daß ich dich wieder antreffen würde, sondern hab gedacht, der Teufel hab dich vorlängst hingeführt.« Und als sie wieder voneinandergingen, sagt' einer zum andern, anstatt behüt dich Gott: »Strick zu, Strick zu, morgen kommen wir vielleicht zusammen, dann wollen wir brav miteinander saufen.«

[78] »Ist das nicht ein schöner gottseliger Willkomm?« sagt ich zum Pfarrer, »sind das nicht herrliche christliche Wünsch? haben diese nicht einen heiligen Vorsatz auf den morgenden Tag? wer wollte sie für Christen erkennen, oder ihnen ohne Erstaunen zuhören? wenn sie einander aus christlicher Liebe so zusprechen, wie wirds dann hergehen, wenn sie miteinander zanken? Herr Pfarrer, wenn dies Schäflein Christi sind, Ihr aber dessen bestellter Hirt, so will Euch gebühren, sie auf eine bessere Weid zu führen.« »Ja«, antwort der Pfarrer, »liebes Kind, es gehet bei den gottlosen Soldaten nicht anders her, Gott erbarms! wenn ich gleich etwas sagte, so wäre es so viel, als wenn ich den Tauben predigte, und ich hätte nichts anders davon, als dieser gottlosen Bursch gefährlichen Haß.« Ich verwundert mich, schwätzte noch ein Weil mit dem Pfarrer, und ging dem Gubernator aufzuwarten, denn ich hatte gewisse Zeiten Erlaubnis, die Stadt zu beschauen, und zum Pfarrer zu gehen, weil mein Herr von meiner Einfalt Wind hatte und gedachte, solche würde sich legen, wenn ich herumterminierte, etwas sehe, hörte, und von andern geschulet, oder wie man sagt, gehobelt und gerülpt würde.

27. Kapitel
Das 27. Kapitel

Dem Secretario wird ein starker Geruch in die Kanzlei geräuchert


Meines Herrn Gunst vermehrte sich täglich, und wurde je länger je größer gegen mich, weil ich nicht allein seiner Schwester, die den Einsiedel gehabt hatte, sondern auch ihm selbsten je länger je gleicher sah, indem die guten Speisen und faulen Tag mich in Kürze glatthaarig machten. Diese Gunst genoß ich bei jedermänniglich, denn wer etwas mit dem Gubernator zu tun hatte, der erzeigte sich mir auch günstig, und sonderlich mochte mich der Secretarius wohl leiden, indem mich derselbe rechnen lernen mußte, hatte er manche Kurzweil von meiner Einfalt und Unwissenheit; er [79] war erst von den Studien kommen, und stak dahero noch voller Schulpossen, die ihm zuzeiten ein Ansehen gaben, als wenn er einen Sparren zu viel oder zu wenig gehabt hätte, er überredete mich oft, schwarz sei weiß, und weiß sei schwarz, dahero kam es, daß ich ihm in der erste alles, und aufs letzte gar nichts mehr glaubte: Ich tadelt ihm einsmals sein schmierig Tintenfaß, er aber antwortet', solches sei sein bestes Stück in der ganzen Kanzlei, denn aus demselben lange er heraus was er begehre, die schönsten Dukaten, Kleider, und in Summa was er vermöchte, hätte er nach und nach herausgefischt: Ich wollte nicht glauben, daß aus einem so kleinen verächtlichen Ding so herrliche Sachen zu bekommen wären; hingegen sagt' er, solches vermög der Spiritus Papyri (also nannt er die Tinten) und das Tintenfaß würde darum ein Faß genannt, weil es große Sachen fasse: Ich fragte, wie mans denn herausbringen könnte, sintemal man kaum zween Finger hineinstecken möchte? Er antwortet', er hätte einen Arm im Kopf, der solche Arbeit verrichten müsse, er verhoffe sich bald auch ein schöne reiche Jungfrau herauszulangen, und wenn er das Glück hätte, so getraute er auch eigen Land und Leut herauszubringen, welches wohl ehemals geschehen wäre. Ich mußte mich über diese künstlichen Griff verwundern, und fragte, ob noch mehr Leute solche Kunst könnten? »Freilich«, antwortet' er, »alle Kanzler, Doktorn, Secretarii, Prokuratorn oder Advokaten, Commissarii, Notarii, Kauf-und Handelsherren, und sonst unzählig viel andere mehr, welche gemeiniglich, wenn sie nur fleißig fischen, zu reichen Herren daraus werden.« Ich sagte: »So sind die Bauren und andere arbeitsame Leut nicht witzig, daß sie im Schweiß ihres Angesichts ihr Brot essen, und diese Kunst nicht auch lernen.« Er antwortet': »Etliche wissen der Kunst Nutzen nicht, dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche wollens gerne lernen, mangeln aber des Arms im Kopf, oder anderer Mittel; etliche lernen die Kunst, und haben Arms genug, wissen aber die Griff nicht, so die Kunst erfordert, wenn man dadurch will reich werden; andere wissen und können alles was dazu gehört, sie wohnen aber an der [80] Fehlhalden, und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst rechtschaffen zu üben.«

Als wir dergestalt vom Tintenfaß (welches mich allerdings an des Fortunati Säckel gemahnet') diskurierten, kam mir das Titular-Buch ohngefähr in die Händ, darinnen fand ich, meines damaligen Dafürhaltens, mehr Torheiten, als mir bishero noch nie vor Augen kommen; Ich sagte zum Secretario: »Dieses alles sind ja Adams-Kinder, und eines Gemächts miteinander, und zwar nur von Staub und Aschen! Wo kommt dann ein so großer Unterscheid her? Allerheiligst, Unüberwindlichst, Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche Eigenschaften? hier ist einer Gnädig, dort ist der ander Gestreng; und was muß allzeit das Geborn dabei tun? man weiß ja wohl, daß keiner vom Himmel fällt, auch keiner aus dem Wasser entstehet, und daß keiner aus der Erden wächst, wie ein Krautskopf; warum stehen nur Hoch- Wohl- Vor- und Großgeachte da, und keine Geneunte? oder wo bleiben die Gefünfte, Gesechste, und Gesiebente? was ist das für ein närrisch Wort: Vorsichtig? welchem stehen denn die Augen hinten im Kopf?« Der Secretarius mußte meiner lachen, und nahm die Mühe, mir eines und des andern Titel, und alle Wort insonderheit auszulegen, ich aber beharrete darauf, daß die Titel nicht recht geben würden, es wäre einem viel rühmlicher, wenn er Freundlich tituliert würde, als Gestreng; Item, wenn das Wort Edel an sich selbsten nichts anders als hochschätzbarliche Tugenden bedeute, warum es dann, wenn es zwischen Hochgeborn (welches Wort einen Fürsten oder Grafen anzeige) gesetzt werde, solchen fürstlichen Titel verringere? das Wort Wohlgeborn sei eine ganze Unwahrheit, solches würde eines jeden Barons Mutter bezeugen, wenn man sie fraget', wie es ihr bei ihres Sohns Geburt ergangen wäre?

Indem ich nun dieses also belachte, entrann mir ohnversehens ein solcher grausamer Leibsdunst, daß beides ich und der Secretarius darüber erschraken; dieser meldet' sich augenblicklich sowohl in unsern Nasen, als in der ganzen Schreibstuben so kräftig an, gleichsam als wenn man ihn zuvor nicht genug gehöret hätte. »Troll dich du Sau«, sagt' [81] der Secretarius zu mir, »zu andern Säuen in Stall, mit denen du Rülp besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren kannst!« Er mußte aber sowohl als ich den Ort räumen, und dem greulichen Gestank den Platz allein lassen. Und also habe ich meinen guten Handel, den ich in der Schreibstub hatte, dem gemeinen Sprichwort nach auf einmal verkerbt.

28. Kapitel
Das 28. Kapitel

Einer lernet den Simplicium aus Neid wahrsagen; ja noch wohl ein andere zierliche Kunst


Ich kam aber sehr unschuldig in dies Unglück, denn die ungewöhnlichen Speisen und Arzneien, die man mir täglich gab, meinen zusammengeschrumpelten Magen und eingeschnorrtes Gedärm wieder zurechtzubringen, erregten in meinem Bauch viel gewaltige Wetter und starke Sturmwind, welche mich trefflich quälten, wenn sie ihren ungestümen Ausbruch suchten; und demnach ich mir nicht einbildete, daß es übel getan sei, wenn man dies Orts der Natur willfahre, maßen einer solchen innerlichen Gewalt in die Läng zu widerstehen ohnedas unmöglich, mich auch weder mein Einsiedel (weil solche Gäst gar dünn bei uns gesäet wurden) niemals nichts davon unterrichtet, noch mein Knan verboten, solche Kerl ihres Wegs nicht ziehen zu lassen, also ließ ich ihnen Luft, und alles passiern, was nur fort wollte, bis ich erzähltermaßen mein Kredit beim Secretario verloren: Zwar wäre dessen Gunst noch wohl zu entbehren gewesen, wenn ich in keinen größern Unfall kommen wäre, denn mir gings, wie einem frommen Menschen der nach Hof kommt, da sich die Schlang wider den Nasicam, Goliath wider den David, Minotaurus wider Theseum, Medusa wider Perseum, Circe wider Ulyssem, Aegisthus wider Menelaum, Paludes wider Coraebum, Medea wider den Peliam, Nessus wider Herculem, und was mehr ist, Althea wider ihren eigenen Sohn Meleagrum rüstet.

Mein Herr hatte einen ausgestochenen Essig zum Pagen [82] neben mir, welcher schon ein paar Jahr bei ihm gewesen, demselben schenkt ich mein Herz, weil er mit mir gleichen Alters war: Ich gedachte, dieser ist Jonathan, und du bist David; aber er eifert' mit mir wegen der großen Gunst, die mein Herr zu mir trug, und täglich vermehrte; er besorgt', ich möchte ihm vielleicht die Schuh gar austreten, sah mich derowegen heimlich mit mißgünstigen neidigen Augen an, und gedachte auf Mittel, wie er mir den Stein stoßen, und durch meinen Unfall dem seinigen vorkommen möchte: Ich aber hatte Taubenaugen, und auch einen andern Sinn als er, ja ich vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten, die zwar aus nichts anderm als aus kindischer Einfalt und Frömmigkeit bestanden, dahero er mir auch nirgends zukommen konnte. Einsmals schwätzten wir im Bett lang miteinander, ehe wir entschliefen, und indem wir vom Wahrsagen redeten, versprach er mich solches auch umsonst zu lernen; hieß mich darauf den Kopf unter die Decke tun, denn er überredet' mich, auf solche Weis müßte er mir die Kunst beibringen; Ich gehorchte fleißig, und gab auf die Ankunft des Wahrsager-Geistes genaue Achtung, potz Glück! derselbe nahm seinen Einzug in meiner Nasen, und zwar so stark, daß ich den ganzen Kopf wieder unter der Decken hervortun mußte. »Was ists?« sagt' mein Lehrmeister. Ich antwortet: »Du hast einen streichen lassen«; »Und du«, antwortet' er, »hast wahrgesagt, und kannst also die Kunst am besten.« Dieses empfand ich für keinen Schimpf, denn ich hatte damals noch keine Gall, sondern begehrte allein von ihm zu wissen, durch was für einen Vorteil man diese Kerl so stillschweigend abschaffen könnte? Mein Kamerad antwortet': »Diese Kunst ist gering, du darfst nur das linke Bein aufheben, wie ein Hund der an ein Eck brunzt, daneben heimlich sagen: Je pète, je pète, je pète, und mithin so stark gedrückt, als du kannst, so spazieren sie so stillschweigends dahin, als wenn sie gestohlen hätten.« »Es ist gut«, sagte ich, »und wenns hernach schon stinkt, so wird man vermeinen, die Hund haben die Luft verfälscht, sonderlich wenn ich das linke Bein fein hoch aufgehoben werde haben.« Ach, dachte ich, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstuben gewußt.

29. Kapitel
[83] Das 29. Kapitel

Simplicio werden zwei Augen aus einem Kalbskopf zuteil


Des andern Tags hatte mein Herr seinen Offiziern und andern guten Freunden eine fürstliche Gasterei angestellt, weil er die angenehme Zeitung bekommen, daß die Seinigen das feste Haus Braunfels ohne Verlust einzigen Manns eingenommen; da mußte ich, wie denn mein Amt war, wie ein anderer Tischdiener helfen Speisen auftragen, einschenken, und mit einem Teller in der Hand aufwarten: Den ersten Tag wurde mir ein großer fetter Kalbskopf (von welchen man zu sagen pflegt, daß sie kein Armer fressen dürfe) aufzutragen eingehändigt; weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, ließ er das eine Aug mit zugehöriger ganzer Substanz ziemlich weit herauslappen, welches mir ein anmutiger und verführerischer Anblick war: Und weil mich der frische Geruch von der Speckbrühe und aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen solchen Appetit, daß mir das Maul ganz voll Wasser wurde: In Summa, das Aug lachte meine Augen, meine Nasen, und meinen Mund zugleich an, und bat mich gleichsam, ich wollte es doch meinem heißhungerigen Magen einverleiben: Ich ließ mir nicht lang den Rock zerreißen, sondern folgte meinen Begierden, im Gang hob ich das Aug mit meinem Löffel, den ich erst denselben Tag bekommen hatte, so meisterlich heraus, und schickte es ohne Anstoß so geschwind an seinen Ort, daß es auch kein Mensch inne ward, bis das Schüppen-Essen auf den Tisch kam, und mich und sich selbst verriet; denn als man ihn zerlegen wollte, und eins von seinen allerbesten Gliedmaßen mangelte, sah mein Herr gleich, warum der Vorschneider stutzte; Er wollte fürwahr den Spott nicht haben, daß man ihm einen einäugigen Kalbskopf aufzustellen das Herz haben sollte! Der Koch mußte vor die Tafel, und die so aufgetragen hatten, wurden mit ihm examiniert; zuletzt kam das Fazit über den armen Simplicium heraus, daß nämlich ihm der Kopf mit beiden Augen aufzutragen gegeben worden wäre, wie es aber weiter gangen, davon [84] wußte niemand zu sagen. Mein Herr fragte, meines Bedünkens mit einer schrecklichen Miene, wohin ich mit dem Kalbsaug kommen wäre? geschwind wischte ich mit meinem Löffel wieder aus dem Sack, gab dem Kalbskopf den andern Fang, und wies kurz und gut, was man von mir wissen wollte, maßen ich das ander Aug, gleich wie das erste, in einem Hui verschlang. »Par Dieu«, sagte mein Herr, »dieser Akt schmeckt besser als zehen Kälber!« Die anwesenden Herren lobten diesen Ausspruch, und nannten meine Tat, die ich aus Einfalt begangen, eine wunderkluge Erfindung, und Vorbedeutung künftiger Tapferkeit und unerschrockenen Resolution. Also daß ich für diesmal meiner Straf, durch Wiederholung eben desjenigen, damit ich solche verdient hatte, nicht allein glücklich entging, sondern auch von etlichen kurzweiligen Possenreißern, Fuchsschwänzern und Tisch-Räten dies Lob erlangte, ich hätte weislich gehandelt, daß ich beide Augen zusammen logiert, damit sie gleich wie in dieser, also auch in jener Welt einander Hilf und Gesellschaft leisten könnten, wozu sie denn anfänglich von der Natur gewidmet wären. Mein Herr aber sagte, ich sollte ihm ein andermal nicht wieder so kommen.

30. Kapitel
Das 30. Kapitel

Wie man nach und nach einen Rausch bekommt, und endlich ohnvermerkt blind-voll wird


Bei dieser Mahlzeit (ich schätze, es geschieht bei andern auch) trat man ganz christlich zur Tafel, man sprach das Tischgebet sehr still, und allem Ansehen nach auch sehr andächtig: Solche stille Andacht kontinuierte so lang, als man mit der Supp und den ersten Speisen zu tun hatte, gleichsam als wenn man in einem Kapuziner-Konvent gessen hätte; Aber kaum hatte jeder drei oder viermal ›Gesegne Gott‹ gesagt, da wurde schon alles viel lauter: Ich kann nicht beschreiben, wie sich nach und nach eines jeden [85] Stimm je länger je höher erhob, ich wollte denn die ganze Gesellschaft einem Orator vergleichen, der erstlich sachte anfänget, und endlich herausdonnert: Man brachte Gerichte, deswegen Vor-Essen genannt, weil sie gewürzt, und vor dem Trunk zu genießen verordnet waren, damit derselbe desto besser ginge: Item Bei-Essen, weil sie bei dem Trunk nicht übel schmecken sollten, allerhand französischer Potagen und spanischer Olla Potriden zu geschweigen; welche durch tausendfältige künstliche Zubereitungen und ohnzählbare Zusätze dermaßen verpfeffert, überdummelt, vermummet, mixtiert, und zum Trunk gerüstet waren, daß sie durch solche zufällige Sachen und Gewürz mit ihrer Substanz sich weit anders verändert hatten, als sie die Natur anfänglich hervorgebracht, also daß sie Cnaeus Manlius selbsten, wenn er schon erst aus Asia kommen wäre, und die besten Köch bei sich gehabt hätte, dennoch nicht gekannt hätte. Ich gedachte: »Warum wollten diese einem Menschen, der sich solche, und den Trunk dabei schmecken läßt (wozu sie denn vornemlich bereitet sind), nicht auch seine Sinne zerstören, und ihn verändern, oder gar zu einer Bestia machen können? Wer weiß, ob Circe andere Mittel gebraucht hat, als eben diese, da sie des Ulyssis Gefährten in Schwein verändert?« Ich sah einmal, daß diese Gäst die Trachten fraßen wie die Säu, darauf soffen wie die Kühe, sich dabei stellten wie die Esel, und alle endlich kotzten wie die Gerberhund! Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie mit kübelmäßigen Gläsern in Magen hinunter, welche ihre Wirkungen gleich oben im Kopf verspüren ließen. Darauf sah ich mein Wunder, wie sich alles veränderte; nämlich verständige Leut, die kurz zuvor ihre fünf Sinn noch gesund beieinander gehabt, wie sie jetzt urplötzlich anfingen närrisch zu tun, und die albersten Ding von der Welt vorzubringen; die großen Torheiten die sie begingen, und die großen Trünk, die sie einander zubrachten, wurden je länger je größer, also daß es schien, als ob diese beiden um die Wett miteinander stritten, welches unter ihnen am größten wäre, zuletzt verkehrte sich ihr Kampf in eine unflätige Sauerei. Nichts Artlichers war, als daß ich [86] nicht wußte, woher ihnen der Dürmel kam, sintemal mir die Wirkung des Weins, oder die Trunkenheit selbst, noch allerdings unbekannt gewesen, welches denn lustige Grillen und Phantasten-Gedanken in meinem werklichen Nachsinnen setzte, ich sah wohl ihre seltsamen minas, ich wußte aber den Ursprung ihres Zustands nicht. Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert, als aber die Mägen gefüllt waren, hielt es härter als bei einem Fuhrmann, der mit geruhtem Gespann auf der Ebne wohl fortkommt, am Berg aber nicht hotten kann. Nachdem aber die Köpf auch toll wurden, ersetzte ihre Unmöglichkeit entweder des einen Courage, die er im Wein eingesoffen; oder beim andern die Treuherzigkeit, seinem Freund eins zu bringen; oder beim dritten die teutsche Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun: Nachdem aber solches die Länge auch nicht bestehen konnte, beschwor je einer den andern bei großer Herren und sonst lieber Freund, oder bei seiner Liebsten Gesundheit, den Wein maßweis in sich zu schütten, worüber manchem die Augen übergingen und der Angstschweiß ausbrach; doch mußte es gesoffen sein: Ja man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und Saitenspiel Lärmen, und schoß mit Stücken dazu, ohn Zweifel darum, dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen mußte. Mich verwundert', wohin sie ihn doch alle schütten könnten, weil ich noch nicht wußte, daß sie solchen, ehe er recht warm bei ihnen ward, wiederum mit großem Schmerzen aus ebendem Ort hervorgaben, wohinein sie ihn kurz zuvor mit höchster Gefahr ihrer Gesundheit gegossen hatten.

Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei, ihm beliebte so wohl als andern, weil er auch so wohl als andere ein Mensch war, ein Abtritt zu nehmen. Ich ging ihm nach, und sagte: »Mein Herr Pfarrer, warum tun doch die Leut so seltsam? woher kommt es doch, daß sie so hin und her torkeln? mich dünkt schier, sie sein nicht mehr recht witzig, sie haben sich alle satt gessen und getrunken, und schwören bei Teufelholen, wenn sie mehr saufen können, und dennoch hören sie nicht auf, sich auszuschoppen! müssen sie [87] es tun, oder verschwenden sie Gott zu Trutz aus freiem Willen so unnützlich?« »Liebes Kind«, antwortet' der Pfarrer, »Wein ein, Witz aus! Das ist noch nichts gegen das, das künftig ist. Morgen gegen Tag ists noch schwerlich Zeit bei ihnen voneinander zu gehen, denn wenn schon ihre Mägen gedrungen voll stecken, so sind sie jedoch noch nicht recht lustig gewesen.« »Zerbersten denn«, sagte ich, »ihre Bäuch nicht, wenn sie immer so unmäßig einschieben? können denn ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sind, in solchen Mastschwein-Körpern verharren? in welchen sie doch, gleichsam wie in finstern Gefängnissen und ungeziefermäßigen Diebstürmen, ohn alle gottseligen Regungen gefangen liegen? Ihre edlen Seelen, sage ich, wie mögen sich solche so martern lassen? sind nicht ihre Sinne, welcher sich ihre Seelen bedienen sollten, wie in dem Eingeweid der unvernünftigen Tier begraben?« »Halts Maul«, antwortet' der Pfarrer, »du dürftest sonst greulich Pumpes kriegen, hier ist kein Zeit zu predigen, ich wollts sonst besser als du verrichten.« Als ich dieses hörte, sah ich ferner stillschweigend zu, wie man Speis und Trank mutwillig verderbte, unangesehen der arme Lazarus, den man damit hätte laben können, in Gestalt vieler hundert vertriebener Wetterauer, denen der Hunger zu den Augen herausguckte, vor unsern Türen verschmachtete, weil naut im Schank war.

31. Kapitel
Das 31. Kapitel

Wie übel dem Simplicio die Kunst mißlingt, und wie man ihm die klopfende Passion singt


Als ich dergestalt mit einem Teller in der Hand vor der Tafel aufwartete, und in meinem Gemüt von allerhand Tauben und werklichen Gedanken geplagt wurde, ließ mich mein Bauch auch nicht zufrieden, er kurret und murret ohn Unterlaß, und gab dadurch zu verstehen, daß Bursch in ihm vorhanden wären, die in freie Luft begehrten; ich gedacht, [88] mir von dem ungeheuren Gerümpel abzuhelfen, den Paß zu öffnen, und mich dabei meiner Kunst zu bedienen, die mich erst die vorig Nacht mein Kamerad gelernet hatte; solchem Unterricht zufolg hob ich das linke Bein samt dem Schenkel in alle Höhe auf, druckte von allen Kräften was ich konnte, und wollte meinen Spruch, ›Je pète‹, zugleich dreimal heimlich sagen; Als aber der ungeheure Gespan, der zum Hintern hinauswischte, wider mein Verhoffen so greulich tönete, wußte ich vor Schrecken nit mehr was ich tat, mir wurde einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am Galgen gestanden wäre, und mir der Henker bereits den Strick hätte anlegen wollen; und in solcher gählingen Angst so verwirret, daß ich auch meinen eigenen Gliedern nicht mehr befehlen konnte, maßen mein Maul in diesem urplötzlichen Lärmen auch rebellisch wurde, und dem Hintern nichts bevorgeben noch gestatten wollte, daß er allein das Wort haben, es aber, das zum Reden und Schreien erschaffen, seine Reden heimlich brummeln sollte, derowegen ließ solches dasjenige, so ich heimlich zu reden im Sinn hatte, dem Hintern zu Trutz überlaut hören, und zwar so schrecklich, als wenn man mir die Kehl hätte abstechen wollen: Je greulicher der Unterwind knallete, je grausamer das ›Je pète‹ oben herausfuhr, gleichsam als ob meines Magens Ein- und Ausgang einen Wettstreit miteinander gehalten hätten, welcher unter ihnen beiden die schrecklichste Stimm von sich zu donnern vermöchte. Hierdurch bekam ich wohl Linderung in meinem Eingeweid, dagegen aber einen ungnädigen Herrn an meinem Gouverneur; Seine Gäst wurden über diesem unversehenen Knall fast wieder alle nüchtern, ich aber, weil ich mit aller meiner angewandten Mühe und Arbeit keinen Wind bannen können, in eine Futterwanne gespannet, und also zerkarbeitscht, daß ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches waren die erste Bastonaden die ich kriegte, seit ich das erstemal Luft geschöpft, weil ich dieselbe so abscheulich verderbt hatte, in welcher wir doch gemeinschaftlicher Weis leben müssen, da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäst suchten ihre Bisemknöpf und Balsambüchslein, auch sogar ihren [89] Schnupftabak hervor, aber die besten aromata wollten schier nichts erklecken. Also hatte ich von diesem Actu, den ich besser als der beste Komödiant in der Welt spielte, Friede in meinem Bauch, hingegen Schläg auf den Buckel, die Gäst aber ihre Nasen voller Gestank, und die Aufwärter ihre Mühe, wieder einen guten Geruch ins Zimmer zu machen.

32. Kapitel
Das 32. Kapitel

Handelt abermal von nichts anderm als der Säuferei, und wie man die Pfaffen davon soll abschaffen


Wie dies vorüber, mußte ich wieder aufwarten wie zuvor, mein Pfarrer war noch vorhanden, und wurde sowohl als andere zum Trunk genötiget, er aber wollte nicht recht daran, sondern sagte: Er möchte so bestialisch nicht saufen; hingegen erwies ihm ein guter Zechbruder, daß er Pfarrer wie eine Bestia, er der Säufer und andere Anwesende aber wie Menschen söffen. »Denn«, sagte er, »ein Vieh säuft nur soviel als ihm wohl schmecket, und den Durst löscht, weil sie nicht wissen was gut ist, noch den Wein trinken mögen; uns Menschen aber beliebt, daß wir uns den Trunk zunutz machen, und den edlen Rebensaft einschleichen lassen, wie unser Voreltern auch getan haben.« »So wohl«, sagt' der Pfarrer, »es gebührt mir aber rechte Maß zu halten«; »Wohl«, antwortet jener, »ein ehrlicher Mann hält sein Wort«, und ließ ihm darauf einen mäßigen Becher einschenken, denselben dem Pfarrer zuzuzotteln; er hingegen ging durch, und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen.

Als dieser abgeschafft war, ging es drunter und drüber, und ließ sich ansehen, als wenn diese Gasterei ein bestimmte Zeit und Gelegenheit sein sollte, sich gegeneinander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schand zu bringen, oder sonst ein Possen zu reißen; denn wenn einer expediert wurde, daß er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es: ›Nun ists wett! Du hast mirs hiebefür auch so gekocht, jetzt ist dirs eingetränkt‹, und so fortan etc. Welcher [90] aber ausdauren und am besten saufen konnte, wußte sich dessen groß zu machen, und dünkte sich kein geringer Kerl zu sein; zuletzt dürmelten sie alle herum, als wenn sie Bilsensamen genossen hätten. Es war eben ein wunderliches Faßnachtspiel an ihnen zu sehen, und war doch niemand, der sich darüber verwundert' als ich; einer sang, der ander weinet', einer lachte, der ander traurete, einer fluchte, der ander betete, einer schrie überlaut Courage, der ander konnte nicht mehr reden, einer war stille und friedlich, der ander wollte den Teufel mit Raufhändeln bannen, einer schlief und schwieg still, der ander plaudert', daß sonst keiner vor ihm zukommen konnte; Einer erzählte seine liebliche Buhlerei, der ander seine erschrecklichen Kriegstaten, etliche redeten von der Kirch und geistlichen Sachen, andere von Ratione Status, der Politik, Welt- und Reichs-Händeln; teils liefen hin und wider, und konnten an keiner Stelle bleiben, andere lagen und vermochten nicht, den kleinesten Finger zu regen, geschweige aufrecht zu gehen oder zu stehen, etliche fraßen wie die Drescher und als ob sie acht Tage Hunger gelitten hätten, andere kotzten wieder, was sie denselbigen ganzen Tag eingeschlucket hatten. Einmal, ihr ganzes Tun und Lassen war dermaßen possierlich, närrisch, seltsam, und dabei so sündhaftig und gottlos, daß der mir entwischte üble Geruch, darum ich gleichwohl so greulich zerschlagen worden, nur ein Scherz dagegen zu rechnen. Endlich setzt' es unten an der Tafel ernstliche Streithändel, da warf man einander Gläser, Becher, Schüssel und Teller an die Köpf, und schlug nicht allein mit Fäusten, sondern auch mit Stühlen, Stuhlbeinen, Degen und allerhand Sieben-Sachen drein, daß etlich der rote Saft über die Ohren lief, aber mein Herr stillete den Handel gleich wiederum.

33. Kapitel
[91] Das 33. Kapitel

Wie der Herr Gubernator ein abscheulichen Fuchs geschossen


Da es nun wieder Fried worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleut samt dem Frauenzimmer, und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal auch zu einer andern Torheit erkoren und gewidmet war; Mein Herr aber setzte sich auf sein Lotterbett, weil ihm entweder vom Zorn oder der Überfüllung wehe war, ich ließ ihn liegen, wo er lag, damit er ruhen und schlafen könnte, war aber kaum unter die Tür des Zimmers kommen, als er mir pfeifen wollte, und solches doch nicht konnte. Er rief, aber nicht anders als ›Simpls‹. Ich sprang zu ihm, und fand ihn die Augen verkehren wie ein Vieh, das man absticht; Ich stand da vor ihm wie ein Stockfisch, und wußte nicht was zu tun war: er aber deutet' aufs Tresor und lallete: »Br, bra, bring da das; du Schuft, la, la, lang, langs Lavor, ich m, mu, muß e, ein Fu, Fuchs schießen!« Ich eilete und brachte das Lavor-Becken, und als ich zu ihm kam, hatte er ein Paar Backen wie ein Trompeter; Er erwischte mich geschwind bei dem Arm, und akkommodierte mich zu stehen, daß ich ihm das Lavor gerad vors Maul halten mußte, solches brach ihm mit schmerzlichen Herzstößen ohnversehens auf, und goß eine solche wüste Materi in bemeldtes Lavor, daß mir vor unleidenlichem Gestank schier ohnmächtig wurde, sonderlich weil mir etliche Brocken (sal. ven.) ins Gesicht spritzten: Ich hätte beinahe auch mitgemacht, aber als ich sah, wie er verbleichte, ließ ichs aus Furcht unterwegen, und besorgte, die Seel würde ihm samt dem Unflat durchgehen, weil ihm der kalte Schweiß ausbrach, und sein Angesicht einem Sterbenden ähnlich sah: Als er sich aber gleich wieder erholte, hieß er mich frisch Wasser holen, damit er seinen Weinschlauch wieder ausspülete.

Demnach befahl er mir den Fuchs hinwegzutragen, welcher mich, weil er in einem silbern Lavor lag, nichts Verächtliches, sondern ein Schüssel voller Vor-Essen für vier Mann zu sein bedünkt', das sich beileib nicht hinwegzuschütten [92] gebührte; zudem wußte ich wohl, daß mein Herr nichts Schlimmes in seinen Magen gesammelt, sondern herrliche und delikate Pastetlein, wie auch von allerhand Gebackens, Geflügel, Wildpret und zahmem Vieh, welches man alles noch artlich unterscheiden und kennen konnte, ich schummelte mich damit, wußte aber nicht wohin, oder was ich draus machen sollte, durfte auch meinen Herrn nicht fragen. Ich ging zum Hofmeister, dem wies ich dieses schöne Traktament, und fragte, was ich mit dem Fuchs machen sollte? Er antwortet': »Narr gehe, und bring ihn dem Kürschner, daß er den Balg bereite;« Ich fragte, wo der Kürschner sei? »Nein«, antwortet' er, da er meine Einfalt sah, »bring ihn dem Doktor, damit er daran sehe, was für einen Zustand unser Herr habe.« Solchen Aprilen-Gang hätte ich getan, wenn der Hofmeister nicht was anders gefürcht hätte, er hieß mich derowegen den Bettel in die Küche tragen, mit Befehl, die Mägd solltens aufheben, und ein Pfeffer drüber machen, welches ich ernstlich ausrichtet', und deswegen von den Schleppsäcken mächtig agiert worden.

34. Kapitel
Das 34. Kapitel

Wie Simplicius den Tanz verdorben


Mein Herr ging eben aus, als ich meines Lavors los worden, ich trat ihm nach gegen ein großes Haus zu, allwo ich im Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell untereinander herumhaspeln sah, daß es frei wimmelte; die hatten ein solch Getrippel und Gejohl, daß ich vermeinte, sie wären alle rasend worden, denn ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten und Toben vorhaben möchten? ja ihr Anblick kam mir so grausam, fürchterlich und schrecklich vor, daß mir alle Berg gen Haar standen, und konnte nichts anders glauben, als sie müßten aller ihrer Vernunft beraubt sein: Da wir näher hinzukamen, sah ich, daß es unsere Gäst waren, welche den Vormittag noch witzig gewesen; »mein Gott!« gedacht ich, »was haben doch [93] diese armen Leut vor? Ach, es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit überfallen.« Bald fiel mir ein, es möchten vielleicht höllische Geister sein, welche in dieser angenommenen Weis dem ganzen menschlichen Geschlecht durch solch leichtfertig Geläuf und Affenspiel spotteten, denn ich gedachte, hätten sie menschliche Seelen und Gottes Ebenbild in sich, so täten sie auch wohl nicht so unmenschlich. Als mein Herr in Hausehren kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut eben auf, ohne daß sie noch ein Buckens und Duckens mit den Köpfen, und ein Kratzens und Schuhschleifens mit den Füßen auf dem Boden machten, daß mich deuchte, sie wollten die Fußstapfen wieder austilgen, die sie in währender Raserei getreten; Am Schweiß, der ihnen über die Gesichter floß, und an ihrem Geschnauf konnte ich abnehmen, daß sie sich stark zerarbeitet hatten; aber ihre fröhlichen Angesichter gaben zu verstehen, daß sie solche Bemühungen nicht sauer ankommen.

Ich hätte trefflich gern gewußt, wohin doch das närrisch Wesen gemeint sein möchte? fragte derowegen meinen Kameraden und vertrauten Herzbruder, der mich erst kürzlich das Wahrsagen gelernet, was solche Wut bedeute? oder wozu dieses rasende Trippen und Trappen angesehen sei? Der berichtet' mir für eine gründliche Wahrheit, daß sich die Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt einzutreten; »Warum vermeinst du wohl«, sagt' er, »daß sie sich sonst so tapfer tummeln sollten? hast du nicht gesehen, wie sie die Fenster vor Kurzweil schon ausgeschlagen? eben also wird es auch diesem Boden gehen.« »Herr Gott«, antwortet ich, »so müssen wir ja mit zugrund gehen, und im Hinunterfallen samt ihnen Hals und Bein brechen?« »Ja«, sagt' mein Kamerad, »darauf ists angesehen, und da geheien sie sich den Teufel darum, du wirst sehen, wenn sie sich also in Todsgefahr begeben, daß jeder ein hübsche Frau oder Jungfer erwischt, denn man sagt, es pflege den Paaren, so also zusammenhaltend fallen, nicht bald wehe zu geschehen.« Indem ich dieses alles glaubte, überfiel mich eine solche Angst und Todessorg, daß ich nicht mehr wußte, wo ich bleiben [94] sollte, und als die Musikanten, deren ich bisher noch nicht wahrgenommen, noch dazu sich hören ließen, auch die Kerl den Damen zuliefen, wie die Soldaten ihrem Gewehr und Posten, wenn sie die Trommel-Lärmen rühren hören, und jeder eine bei der Hand ertappte, wurde mir nicht anders, als wenn ich allbereit den Boden eingehen, und mich und viel andere mehr die Häls abstürzen sähe: Da sie aber anfingen zu gumpen, daß der ganze Bau zitterte, weil man eben ein drollichten Gassenhauer aufmachte, gedachte ich, »nun ists um dein Leben geschehen!« Ich vermeinte nicht anders, als der ganze Bau würde urplötzlich einfallen; Derowegen erwischte ich in der allerhöchsten Angst eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte, unversehens beim Arm wie ein Bär, und hielt sie wie eine Klett; Da sie aber zuckte, und nicht wußte, was für närrische Grillen in meinem Kopf steckten, spielte ich das Desperat, und fing aus Verzweiflung an zu schreien, als wenn man mich hätte ermorden wollen: Das war aber noch nicht genug, sondern es entwischte mir auch ohngefähr etwas in die Hosen, so einen über alle Maßen üblen Geruch von sich gab, dergleichen meine Nase lange Zeit nicht empfunden. Die Musikanten wurden gähling still, die Tänzer und Tänzerinnen höreten auf, und die ehrliche Dam, der ich am Arm hing, befand sich offendiert, weil sie sich einbildet', mein Herr hätte ihr solches zum Schimpf tun lassen: Darauf befahl mein Herr, mich zu prügeln, und hernach irgendhin einzusperren, weil ich ihm denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte: Die Furierschützen, so exequieren sollten, hatten nicht allein Mitleiden mit mir, sondern konnten auch vor Gestank nicht bei mir bleiben; entübrigten mich derohalben der Stöß, und sperreten mich unter eine Stege in Gänsstall. Seithero hab ich der Sach vielmals nachgedacht, und bin der Meinung worden, daß solche Excrementa, die einem aus Angst und Schrecken entgehen, viel üblern Geruch von sich geben, als wenn einer ein starke Purgation eingenommen.


Ende des ersten Buchs [95] [97]

Das zweite Buch

1. Kapitel
Das 1. Kapitel

Wie sich ein Ganser und eine Gänsin gepaart


In meinem Gäns-Stall konzipierte ich, was beides vom Tanzen und Saufen ich im ersten Teil meines ›Schwarz und Weiß‹ hiebevor geschrieben, ist derowegen ohnnötig, dies Orts etwas Ferners davon zu melden: Doch kann ich nicht verschweigen, daß ich damals noch zweifelte, ob die Tänzer den Boden einzutreten so gewütet, oder ob ich nur so überredet worden? Jetzt will ich ferner erzählen, wie ich wieder aus dem Gänskerker kam: Drei ganzer Stund, nämlich bis sich das Praeludium Veneris (der ehrlich Tanz sollt ich gesagt haben) geendet hatte, mußte ich in meiner eigenen Unlust sitzen bleiben, ehe einer herzuschlich, und an dem Riegel anfing zu rappeln; Ich lausterte wie ein Sau, die ins Wasser harnt, der Kerl aber, so an der Tür war, machte solche nicht allein auf, sondern wischte auch ebenso geschwind hinein, als gern ich heraußen gewesen wäre, und schleppte noch dazu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher, gleichwie ich beim Tanz hatte tun sehen: Ich konnte nicht wissen, was es abgeben sollte, weil ich aber vieler seltsamen Abenteuren, die meinem närrischen Sinn denselben Tag begegnet, schier gewohnt war, und ich mich drein ergeben hatte, fürderhin alles mit Geduld und Stillschweigen zu ertragen, was mir mein Verhängnis zuschicken würde; Also schmiegt ich mich zu der Tür mit Furcht und Zittern das End erwartend; gleich darauf erhob sich zwischen diesen beiden ein Gelispel, daraus ich zwar nichts anders verstand, als daß sich das eine Teil über den bösen Geruch desselben Orts beklagte, und hingegen der ander Teil das erste hinwiederum tröstete: »Gewißlich schönste Dame«, sagt' er, »mir ist versichert von Herzen leid, daß uns die Früchte der Lieb zu genießen vom mißgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird; Aber ich kann daneben [99] beteuern, daß mir ihre holdselige Gegenwart diesen verächtlichen Winkel anmutiger macht, als das lieblichste Paradeis selbsten.« Hierauf hörte ich küssen, und vermerkte seltsame Posturen, ich wußte aber nicht was es war oder bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürders so still als ein Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhob, und der Gänsstall, so nur von Brettern unter die Stege getäfelt war, zu krachen anfing, zumaln das Weibsbild sich anstellte, als ob ihr gar wehe bei der Sach geschehe, da gedachte ich, das sind zwei von denen wütenden Leuten, die den Boden helfen eintreten, und sich jetzt hieher begeben haben, da gleicherweis zu hausen, und dich ums Leben zu bringen. Sobald diese Gedanken mich einnahmen, sobald nahm ich hingegen die Tür ein, dem Tod zu entfliehen, dadurch ich mit einem solchen Mordio-Geschrei hinauswischte, das natürlich lautet', wie dasjenige, das mich an denselben Ort gebracht hatte, doch war ich so gescheit, daß ich die Tür hinter mir wieder zuriegelte, und hingegen die offene Haustür suchte. Dieses nun war die erste Hochzeit, bei der ich mich mein Lebtag befunden, unangesehen ich nicht dazu geladen worden, hingegen durfte ich aber auch nichts schenken, wiewohl mir hernach der Hochzeiter die Zech desto teurer rechnete, die ich auch redlich bezahlte. Günstiger Leser, ich erzähle diese Geschicht nicht darum, damit er viel darüber lachen solle, sondern damit meine Histori ganz sei, und der Leser zu Gemüt führe, was für ehrbare Früchte von dem Tanzen zu gewarten seien. Dies halte ich einmal für gewiß, daß bei den Tänzen mancher Kauf gemacht wird, dessen sich hernach eine ganze Freundschaft zu schämen hat.

2. Kapitel
[100] Das 2. Kapitel

Wann trefflich gut zu baden sei


Ob ich nun zwar dergestalt aus dem Gänsstall glücklich entronnen, so wurde ich jedoch erst meines Unglücks recht gewahr, denn meine Hosen waren voll, und ich wußte nicht wohin damit; in meines Herrn Quartier war alles still und schlafend, dahero durfte ich mich zur Schildwacht, die vorm Haus stand, nicht nähern, in der Hauptwach Corps de Guarde wollte man mich nicht leiden, weil ich viel zu übel stank, auf der Gassen zu bleiben war mirs gar zu kalt und unmöglich, also daß ich nicht wußte wo aus noch ein. Es war schon weit nach Mitternacht, als mir einfiel, ich sollte mein Zuflucht zu dem vielgemeldten Pfarrer nehmen; Ich folgete meinem Gutbefinden, vor der Tür anzuklopfen, damit war ich so importun, daß mich endlich die Magd mit Unwillen einließ. Als sie aber roch was ich mitbrachte (denn ihre lange Nas verriet gleich meine Heimlichkeit), wurde sie noch schelliger; Derowegen fing sie an mit mir zu keifen, welches ihr Herr, so nunmehr fast ausgeschlafen hatte, bald hörete: Er rief uns beide vor sich ans Bett, sobald er aber merkte, wo der Has im Pfeffer lag, und die Nas ein wenig gerümpft hatte, sagte er: Es sei niemals, ohnangesehen was die Kalender schreiben, besser baden, als in solchem Stand, darin ich mich befände, er befahl auch seiner Magd, sie sollte bis es vollends Tag würde, meine Hosen waschen und vor den Stubenofen hängen, mich selbst aber in ein Bett legen, denn er sah wohl, daß ich vor Frost ganz erstarrt war. Ich war kaum erwärmt, da es anfing zu tagen, so stand der Pfarrer schon vorm Bett, zu vernehmen wie mirs gangen, und wie meine Händel beschaffen wären, weil ich meines nassen Hemds und der Hosen halber noch nicht aufstehen konnte, zu ihm zu gehen: Ich erzählte ihm alles, und machte den Anfang an der Kunst, die mich mein Kamerad gelernet, und wie übel sie geraten. Folgends meldet ich, daß die Gäst, nachdem er der Pfarrer hinweg gewesen, [101] ganz unsinnig worden wären, und (maßen mich mein Kamerad also berichtet) sich vorgenommen hätten, dem Haus den Boden einzutreten; item in was für ein schreckliche Angst ich darüber geraten, und auf was Weis ich mich vorm Untergang konservieren wollen, darüber aber in Gänsstall gesperret worden, auch was ich in demselben von den zweien, so mich wieder erlöst, für Wort und Werk vernommen, und welchergestalt ich sie beide an meine Statt eingesperret hätte. »Simplici«, sagt' der Pfarrer, »deine Sachen stehen lausig, du hattest einen guten Handel, aber ich sorg! ich sorg! es sei verscherzt; pack dich nur geschwind aus dem Bett, und troll dich aus dem Haus, damit ich nicht samt dir in deines Herrn Ungnad komme, wenn man dich bei mir findet.« Also mußte ich mit meinem feuchten Gewand hinziehen, und zum erstenmal erfahren, wie wohl einer bei männiglich daran ist, wenn er seines Herrn Gunst hat, und wie scheel einer hingegen angesehen wird, wenn solche hinket.

Ich ging in meines Herrn Quartier, darin noch alles steinhart schlief, bis auf den Koch und ein paar Mägd, diese putzten das Zimmer, darinnen man gestern gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlin wieder ein Frühstück oder vielmehr ein Imbiß zu; Am ersten kam ich zu den Mägden, bei denen lag es hin und wider voller zerbrochener so Trink- als Fenstergläser, an teils Orten war es voll von dem, so unten und oben weggangen, und an andern Orten waren große Lachen von verschüttetem Wein und Bier, also daß der Boden einer Landkarten gleichsah, darinnen man unterschiedliche Meer, Inseln und trockene oder fußfeste Länder hätte abbilden und vor Augen stellen wollen. Es stank im ganzen Zimmer viel übler, als in meinem Gänsstall; derowegen war auch meines Bleibens nicht lang daselbsten, sondern ich machte mich in die Küchen, und ließ meine Kleider beim Feur am Leib vollends trocknen, mit Furcht und Zittern erwartend, was das Glück, wenn mein Herr ausgeschlafen hätte, ferners in mir wirken wollte; Daneben betrachtet ich der Welt Torheit und Unsinnigkeit, und zog alles zu Gemüt, was mir verwichenen Tag und selbige Nacht begegnet [102] war, auch was ich sonst gesehen, gehört und erfahren hatte. Solche Gedanken verursachten, daß ich damals meines Einsiedlers geführtes dürftig und elend Leben für glückselig schätzte, und ihn und mich wieder in vorigen Stand wünschete.

3. Kapitel
Das 3. Kapitel

Der ander Page bekommt sein Lehrgeld, und Simplicius wird zum Narren erwählt


Als mein Herr aufgestanden, schickte er seinen Leibschützen hin, mich aus dem Gänsstall zu holen, der brachte Zeitung, daß er die Tür offen, und ein Loch hinter dem Riegel mit einem Messer geschnitten gefunden, vermittelst dessen der Gefangene sich selbst erledigt hätte: Ehe aber solche Nachricht einkam, verstand mein Herr von andern, daß ich vorlängst in der Küchen gewesen. Indessen mußten die Diener hin und wieder laufen, die gestrigen Gäst zum Frühestück einzuholen, unter welchen der Pfarrer auch war, welcher zeitlicher als andere erscheinen mußte, weil mein Herr meinetwegen mit ihm reden wollte, ehe man zur Tafel säße. Er fragte ihn erstlich, ob er mich für witzig oder für närrisch hielte? oder ob ich so einfältig, oder so boshaftig sei? und erzählet' ihm damit alles, wie unehrbarlich ich mich den vorigen Tag und Abend gehalten, welches teils von seinen Gästen übel empfunden und aufgenommen werde, als wäre es ihnen zum Despekt mit Fleiß so angestellt worden, item daß er mich hätte in einen Gänsstall versperren lassen, sich vor dergleichen Spott, so ich ihm noch hätte zufügen können, zu versichern, aus welchem ich aber gebrochen, und nun in der Küchen umgehe, wie ein Junker, der ihm nicht mehr aufwarten dürfe, sein Lebtag sei ihm kein solcher Poß widerfahren, als ich ihm in Gegenwart so vieler ehrlichen Leut gerissen, er wisse nichts anders mit mir anzufangen, als daß er mich lasse abprügeln, und weil ich mich so dumm anließe, wieder für den Teufel hinjage.

[103] Inzwischen als mein Herr so über mich klagte, sammelten sich die Gäst nach und nach, da er aber ausgeredet hatte, antwort der Pfarrer: Wenn ihm der Herr Gouverneur ein kleine Zeit mit ein wenig Geduld zuzuhören beliebte, so wollte er von Simplicio der Sachen halber eines und anders erzählen, daraus nicht allein seine Unschuld zu vernehmen sein, sondern auch denen, so sich seines Verhaltens halber disgustiert befinden wollten, alle ungleichen Gedanken benommen würden.

Als man dergestalt oben in der Stuben von mir redete, akkordierte der tolle Fähnrich, den ich an meine Stell selbander eingesperrt hatte, unten mit mir in der Küchen, und brachte mich durch Drohwort und einen Taler, den er mir zusteckte, dahin, daß ich ihm versprach, von seinen Händeln reinen Mund zu halten.

Die Tafeln wurden gedeckt, und wie den vorigen Tag mit Speisen und Leuten besetzt, Wermut-, Salbei-, Alant-, Quitten- und Zitronenwein mußte neben dem Hippokras den Säufern ihre Köpf und Mägen wieder begütigen, denn sie waren schier alle des Teufels Märtyrer. Ihr erstes Gespräch war von ihnen selbsten, nämlich wie sie gestern einander so brav vollgesoffen hätten, und war doch keiner unter ihnen, der gründlich gestehen wollte, daß er voll gewesen, wiewohl den Abend zuvor teils bei Teufelholen geschworen, sie könnten nicht mehr saufen, auch, Wein mein Herr! geschrien und geschrien hatten. Etliche zwar sagten, sie hätten gute Räusch gehabt, andere aber bekannten, daß sich keiner mehr vollsöffe, seit die Räusch aufkommen. Als sie aber von ihren eigenen Torheiten beides zu reden und zu hören müd waren, mußte sich der arme Simplicius leiden: Der Gouverneur selbst erinnerte den Pfarrer, die lustigen Sachen zu eröffnen, wie er versprochen hätte.

Dieser bat zuvörderst, man wollte ihm nichts für ungut halten, dafern er etwa Wörter reden müßte, die seiner geistlichen Person übel anständig zu sein vermerkt würden; Fing darauf an zu erzählen, erstlich aus was für natürlichen Ursachen mich die Leibsdünste zu plagen pflegten, was ich durch solche dem Secretario für eine Unlust in die Kanzlei [104] angerichtet: Was ich neben dem Wahrsagen für ein Kunst dawider gelernet, und wie schlimm solche in der Prob bestanden. Item wie seltsam mir das Tanzen vorkommen, weil ich dergleichen niemalen gesehen, was ich für Bericht deshalber von meinem Kameraden eingenommen, welcher Ursachen halber ich dann die vornehme Dame ergriffen, und darüber in Gänsstall kommen. Solches aber brachte er mit einer wohlanständigen Art zu reden vor, daß sie sich trefflich zerlachen mußten, entschuldigt' dabei meine Einfalt und Unwissenheit so bescheidentlich, daß ich wieder in meines Herrn Gnad kam und vor der Tafel aufwarten durfte, aber von dem was mir im Gänsstall begegnet, und wie ich wieder daraus erlöst worden, wollte er nichts sagen, weil ihn bedünkte, es hätten sich an seiner Person etliche saturnische Holzböck geärgert, die da vermeinten, Geistliche sollten nur immer sauer sehen; hingegen fragte mich mein Herr, seinen Gästen ein Spaß zu machen, was ich meinem Kameraden geben hätte, daß er mich so saubere Künste gelehret? und als ich antwortet »nichts!« sagte er: »So will ich ihm das Lehrgeld für dich bezahlen«, wie er ihn denn hierauf in ein Futterwanne spannen, und allerdings karbeitschen ließ, wie man mirs den vorigen Tag gemacht, als ich die Kunst probiert und falsch befunden hatte.

Mein Herr hatte nunmehr genug Nachricht von meiner Einfalt, wollte mich derowegen stimmen, ihm und seinen Gästen mehr Lust zu machen, er sah wohl, daß die Musikanten nichts galten, solang man mich unterhanden haben würde, denn ich bedünkte mit meinen närrischen Einfällen jedermann, über siebzehn Lauten zu sein. Er fragte, warum ich die Tür an dem Gänsstall zerschnitten hätte? Ich antwortet: »Das mag jemand anders getan haben.« Er fragte: »Wer denn?« Ich sagte: »Vielleicht der, so zu mir kommen.« »Wer ist denn zu dir kommen?« Ich antwortet: »Das darf ich niemand sagen.« Mein Herr war ein geschwinder Kopf, und sah wohl, wie man mir lausen mußte, derowegen übereilt er mich, und fragte, wer mir solches denn verboten hätte? Ich antwortet gleich: »Der tolle Fähnrich«; und demnach ich an jedermanns Gelächter merkete, daß [105] ich mich gewaltig verhauen haben müßte, der tolle Fähnrich, so mit am Tisch saß, auch so rot wurde, wie ein glühende Kohl; also wollte ich nichts mehr schwätzen, es würde mir denn von demselben erlaubt. Es war aber nur um einen Wink zu tun, den mein Herr dem tollen Fähnrich anstatt eines Befehls gab, da durft ich reden was ich wußte. Darauf fragte mich mein Herr, was der tolle Fähnrich bei mir im Gänsstall zu tun gehabt? Ich antwortet: »Er brachte eine Jungfer zu mir hinein.« »Was tat er aber weiters?« sagte mein Herr. Ich antwortet: »Mich deuchte, er wollte im Stall sein Wasser abgeschlagen haben.« Mein Herr fragte: »Was tat aber die Jungfer dabei, schämte sie sich nicht?« »Ja wohl nein Herr!« sagte ich, »sie hob den Rock auf, und wollte dazu (mein hochgeehrter, zucht-, ehr- und tugendliebender Leser verzeihe meiner unhöflichen Feder, daß sie alles so grob schreibt, als ichs damals vorbrachte) scheißen.« Hierüber erhob sich bei allen Anwesenden ein solch Gelächter, daß mich mein Herr nicht mehr hören, geschweige etwas weiters fragen konnte, und zwar war es auch nicht weiters vonnöten, man hätte denn die ehrliche fromme Jungfer (scil.) auch in Spott bringen wollen.

Hierauf erzählte der Hofmeister vor der Tafel, daß ich neulich vom Bollwerk oder Wall heimkommen, und gesagt: Ich wüßte wo der Donner und Blitz herkäme, ich hätte große Plöcher auf halben Wagen gesehen, die inwendig hohl gewesen, in dieselben hätte man Zwiebelsamen samt einer eisernen weißen Rüben, der der Schwanz abgeschnitten, gestopft, hernach die Plöcher hintenher ein wenig mit einem zinkigten Spieß gekitzelt, davon wäre vornenheraus Dampf, Donner und höllisch Feuer geschlagen. Sie brachten noch mehr dergleichen Possen auf die Bahn, also daß man schier denselben ganzen Imbiß von sonst nichts, als nur von mir zu reden und zu lachen hatte. Solches verursachte einen allgemeinen Schluß zu meinem Untergang, welcher war, daß man mich tapfer agieren sollte, so würde ich mit der Zeit einen raren Tischrat abgeben, mit dem man auch den größten Potentaten von der Welt verehren, und die Sterbenden zu lachen machen könnte.

4. Kapitel
[106] Das 4. Kapitel

Vom Mann der Geld gibt, und was für Kriegsdienste Simplicius der Kron Schweden geleistet, wodurch er den Namen Simplicissimus bekommen


Wie man nun also schlampamte und wieder wie gestern gut Geschirr machen wollte, meldet' die Wacht mit Einhändigung eines Schreibens an den Gouverneur einen Commissarium an, der vor dem Tor sei, welcher von der Kron Schweden Kriegsräten abgeordnet war, die Garnison zu mustern, und die Festung zu visitieren. Solches versalzte allen Spaß, und alles Freudengelach verlummerte wie ein Sackpfeifen-Zipfel, dem der Blast entgangen: Die Musikanten und die Gäst zerstoben wie Tabakrauch verschwindet, der nur den Geruch hinter sich läßt; mein Herr trollte selbst mit dem Adjutanten, der die Schlüssel trug, samt einem Ausschuß von der Hauptwacht und vielen Windlichtern dem Tor zu, den Plackschmeißer, wie er ihn nannte, selbst einzulassen: Er wünschte, daß ihm der Teufel den Hals in tausend Stück breche, ehe er in die Festung käme! Sobald er ihn aber eingelassen, und auf der innern Fallbrücken bewillkommte, fehlte wenig oder gar nichts, daß er ihm nicht selbst an Stegreif griff, seine Devotion gegen ihn zu bezeugen, ja die Ehrerbietung wurde augenblicklich zwischen beiden so groß, daß der Commissarius abstieg, und zu Fuß mit meinem Herrn gegen sein Losament fortwanderte, da wollte jeder die linke Hand haben, etc. »Ach!« gedachte ich, »was für ein wunderfalscher Geist regiert doch die Menschen, indem er je den einen durch den andern zum Narren macht.« Wir näherten also der Hauptwacht, und die Schildwacht rief ihr ›Wer da?‹ wiewohl sie sah, daß es mein Herr war; Dieser wollte nicht antworten, sondern jenem die Ehr lassen, daher stellete sich die Schildwacht mit Wiederholung ihres Geschreis desto heftiger. Endlich antwortet' er auf das letztere ›Wer da?‹: »Der Mann ders Geld gibt!« Wie wir nun bei der Schildwacht vorbeipassierten und ich so hinten nachzog, hörete ich ermeldte Schildwacht, die ein neugeworbener [107] Soldat, und zuvor ihres Handwerks ein wohlhäbiger junger Bauresmann auf dem Vogelsberg gewesen war, diese Wort brummeln: »Du magst wohl ein verlogener Kund sein; ›ein Mann ders Geld gibt!‹ Ein Schindhund ders Geld nimmt! das bist du; Soviel Gelds hast du mir abgeschweißt, daß ich wollte, der Hagel erschlüg dich, ehe du wieder aus der Stadt kämest.« Von dieser Stund an faßte ich die Gedanken, dieser fremde Herr im sammeten Mutzen müsse ein heiliger Mann sein, weil nicht allein keine Flüch an ihm hafteten, sondern dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehr, alles Liebs und alles Gutes erwiesen, er wurde noch dieselbe Nacht fürstlich traktiert, blind vollgesoffen, und noch dazu in ein herrlich Bett gelegt.

Folgende Tage gings bei der Musterung bunt über Eck her, ich einfältiger Tropf war selbst geschickt genug, den klugen Commissarium (zu welchen Ämtern und Verrichtungen man wahrlich keine Kinder nimmt) zu betrügen, welches ich eher als in einer Stund lernete, weil die ganze Kunst nur in fünf und neun bestand, selbige auf einer Trommel zu schlagen, weil ich noch zu klein war, einen Musketierer zu präsentieren. Man staffierte mich zu solchem End mit einem entlehnten Kleid, und auch mit einer entlehnten Trommel (denn meine geschürzten Pagehosen taugten nichts zum Handel), ohne Zweifel darum, weil ich selbst entlehnt war, damit passierte ich glücklich durch die Musterung. Demnach man aber meiner Einfalt nicht zugetraute, einen fremden Namen im Sinn zu behalten, auf welchen ich antworten und hervortreten sollte, mußte ich der Simplicius verbleiben, den Zunamen ersetzte der Gouverneur selbsten, und ließ mich Simplicius Simplicissimus in die Roll schreiben, mich also wie ein Hurenkind zum ersten meines Geschlechts zu machen, wiewohl ich seiner eigenen Schwester, seinem Selbstbekenntnis nach, ähnlich sah. Ich behielt auch nachgehends diesen Namen und Zunamen, bis ich den rechten erfuhr, und spielte unter solchem meine Person zu Nutz des Gouverneurs und geringen Schaden der Kron Schweden ziemlich wohl, welches denn alle meine Kriegsdienste sind, die ich derselben mein Lebtag geleistet, derowegen denn ihre Feinde mich deswegen zu neiden kein Ursach haben.

5. Kapitel
[108] Das 5. Kapitel

Simplicius wird von vier Teufeln in die Höll geführt, und mit spanischem Wein traktiert


Als der Commissarius wieder hinweg war, ließ vielgemeldter Pfarrer mich heimlich zu sich in sein Losament kommen, und sagte: »O Simplici, deine Jugend dauret mich, und deine künftige Unglückseligkeit bewegt mich zum Mitleiden; Höre mein Kind, und wisse gewiß, daß dein Herr dich aller Vernunft zu berauben, und zum Narren zu machen entschlossen, maßen er zu solchem End bereits ein Kleid für dich verfertigen läßt, morgen mußt du in diejenige Schul, darin du deine Vernunft verlernen sollst; in derselben wird man dich ohne Zweifel so greulich drillen, daß du, wenn anders Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern, ohne Zweifel zu einem Phantasten werden mußt. Weil aber solches ein mißlich und sorglich Handwerk ist, also hab ich um deines Einsiedlers Frommkeit und um deiner eigenen Unschuld willen, aus getreuer christlicher Liebe dir mit Rat und notwendigen guten Mitteln beispringen, und gegenwärtige Arznei zustellen wollen; Darum folge nun meiner Lehr, und nimm dieses Pulver ein, welches dir das Hirn und Gedächtnis dermaßen stärken wird, daß du unverletzt deines Verstands alles leicht überwinden magst: Auch hast du hierbei einen Balsam, damit schmiere die Schläf, den Wirbel, und das Genick samt den Naslöchern, und diesen beiden Stück brauche auf den Abend, wenn du schlafen gehest, sintemal du keine Stund sicher sein wirst, daß du nicht aus dem Bett abgeholet werdest, aber sieh zu, daß niemand dieser meiner Warnung und mitgeteilten Arznei gewahr werde, es möchte sonst dir und mir übel ausschlagen, und wenn man dich in dieser verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, was man dich überreden will, und stelle dich doch, als wenn du alles glaubtest, rede wenig, damit deine Zugeordneten nicht an dir merken, daß sie leer Stroh dreschen, sonsten werden sich deine Plagen verändern, wiewohl ich nit wissen [109] kann, auf was Weis sie mit dir umgehen werden; Wenn du aber den Strauß und das Narrenkleid anhaben wirst, so komm wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerm Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott für dich bitten, daß er deinen Verstand und Gesundheit erhalten wolle.« Hierauf stellt' er mir gemeldtes Pulver und Sälblein zu, und wandert' damit wieder nach Haus.

Wie der Pfarrer gesagt hatte, also gings; Im ersten Schlaf kamen vier Kerl in schrecklichen Teufels-Larven vermummt zu mir ins Zimmer vors Bett, die sprangen herum wie Gaukler und Fastnachts-Narren, einer hatte einen glühenden Haken, und der ander eine Fackel in Händen, die anderen zween aber wischten über mich her, zogen mich aus dem Bett, tanzten ein Weil mit mir hin und her, und zwangen mir meine Kleider an Leib, ich aber stellte mich, als wenn ich sie für rechte natürliche Teufel gehalten hätte, verführte ein jämmerliches Zetergeschrei, und ließ die allerfurchtsamsten Gebärden erscheinen; aber sie verkündigten mir, daß ich mit ihnen fort müßte, hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einer Handzwell, daß ich weder hören, sehen noch schreien konnte: Sie führten mich unterschiedliche Umweg, viel Stegen auf und ab, und endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte, und nachdem sie mir die Handzwell wieder abgebunden, fingen sie an mir in spanischem Wein und Malvasier zuzutrinken. Sie hatten mich gut überreden, ich wäre gestorben, und nunmehr im Abgrund der Höllen, weil ich mich mit Fleiß also stellete, als wenn ich alles glaubte, was sie mir vorlogen: »Saufe nur tapfer zu«, sagten sie, »weil du doch ewig bei uns bleiben mußt, willst aber nicht ein gut Gesell sein und mitmachen, so mußt du in gegenwärtiges Feur.« Die armen Teufel wollten ihre Sprach und Stimm verquanten, damit ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines Herrn Furierschützen waren, doch ließ ichs mich nicht merken, sondern lachte in die Faust, daß diese, so mich zum Narren machen sollten, meine Narren sein mußten. Ich trank meinen Teil mit vom spanischen Wein, sie aber soffen mehr als ich, weil solcher himmlischer Nektar selten an solche Gesellen [110] kommt, maßen ich noch schwören dürfte, daß sie eher voll worden als ich; Da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellte ich mich mit Hin- und Hertorkeln, wie ichs neulich an meines Herrn Gästen gesehen hatte; und wollte endlich gar nicht mehr saufen, sondern schlafen, hingegen jagten und stießen sie mich mit ihrem Haken, den sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken des Kellers herum, daß es sah, als ob sie selbst närrisch worden wären, entweder daß ich mehr trinken, oder aufs wenigste nicht schlafen sollte, und wenn ich in solcher Hatz niederfiel, wie ich denn oft mit Fleiß tat, so packten sie mich wieder auf, und stellten sich, als wenn sie mich ins Feuer werfen wollten: Also ging mirs wie einem Falken dem man wacht, welches mein großes Kreuz war. Ich hätte sie zwar Trunkenheit und Schlafs halber wohl ausgedauret, aber sie verblieben nicht allweg beieinander, sondern lösten sich untereinander ab, darum hätte ich zuletzt den kürzern ziehen müssen: Drei Tag und zwo Nächt hab ich in diesem raucherichten Keller zubracht, welcher kein ander Licht hatte, als was das Feur von sich gab, der Kopf fing mir dahero an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte, daß ich endlich einen Fund ersinnen mußte, mich meiner Qual samt den Peinigern zu entledigen, ich machte es wie der Fuchs, welcher den Hunden ins Gesicht harnt, wenn er ihnen nicht mehr zu entrinnen getraut, denn weil mich eben die Natur trieb, meine Notdurft (s.v.) zu tun, bewegte ich mich zugleich mit einem Finger im Hals zum Unwillen, dergestalt daß ich mit einem unleidenlichen Gestank die Zech bezahlte, also daß auch meine Teufel selbst schier nicht mehr bei mir bleiben konnten; damals legten sie mich in ein Leilach, und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alle innerlichen Glieder samt der Seelen heraus hätten fahren mögen. Wovon ich dermaßen aus mir selber kam, und des Gebrauchs meiner Sinnen beraubt wurde, daß ich gleichsam wie tot dalag, ich weiß auch nicht was sie ferners mit mir gemacht haben, so gar war ich allerdings dahin.

6. Kapitel
[111] Das 6. Kapitel

Simplicius kommt in den Himmel, und wird in ein Kalb verwandelt


Als ich wieder zu mir selber kam, befand ich mich nicht mehr in dem öden Keller bei den Teufeln, sondern in einem schönen Saal, unter den Händen dreier der allergarstigsten alten Weiber, so der Erdboden je getragen; ich hielt sie anfänglich, als ich die Augen ein wenig öffnete, für natürliche höllische Geister, hätte ich aber die alten heidnischen Poeten schon gelesen gehabt, so hätte ich sie für die Eumenides, oder wenigst die eine eigentlich für die Tisiphone gehalten, welche mich wie den Athamantem meiner Sinn zu berauben aus der Höllen ankommen wäre, weil ich zuvor wohl wußte, daß ich darum da war, zum Narren zu werden: Diese hatte ein paar Augen wie zween Irrwisch, und zwischen denselben eine lange magere Habichtsnas, deren Ende oder Spitz die untere Lefzen allerdings erreichte, nur zween Zähn sah ich in ihrem Maul, sie waren aber so vollkommen, lang, rund und dick, daß sich jeder beinahe der Gestalt nach mit dem Goldfinger, der Farb nach aber sich mit dem Gold selbst hätte vergleichen lassen; In Summa, es war Gebeins genug vorhanden zu einem ganzen Maul voll Zähn, es war aber gar übel ausgeteilt, ihr Angesicht sah wie spanisch Leder, und ihre weißen Haar hingen ihr seltsam zerstrobelt um den Kopf herum, weil man sie erst aus dem Bett geholt hatte; ihre langen Brüst weiß ich nichts anderm zu vergleichen, als zweien lummerichten Kuhblasen, denen zwei Drittel vom Blast entgangen, unten hing an jeder ein schwarzbrauner Zapf halb Fingers lang; Wahrhaftig ein erschrecklicher Anblick, der zu nichts anderm als für eine treffliche Arznei wider die unsinnige Liebe der geilen Böck hätte dienen mögen, die anderen zwo waren gar nicht schöner, ohne daß dieselben stumpfe Affennäslein, und ihre Kleider etwas ordentlicher angetan hatten: Als ich mich besser erkoberte, sah ich, daß die eine unser Schüsselwäscherin, die anderen zwo aber zweier Furierschützen Weiber [112] waren. Ich stellte mich, als wenn ich mich nicht zu regen vermochte, wie mich denn in Wahrheit auch nicht tanzerte, als diese ehrlichen alten Mütterlein mich splitternackend auszogen, und von allem Unrat wie ein junges Kind säuberten. Doch tat mir solches trefflich sanft, sie bezeugten unter währender Arbeit ein große Geduld und treffliches Mitleiden, also daß ich ihnen beinahe offenbart hätte, wie wohl mein Handel noch stünde; doch gedacht ich: Nein Simplici! vertraue keinem alten Weib, sondern gedenke, du habest Victori genug, wenn du in deiner Jugend drei abgefeimte alte Vetteln, mit denen man den Teufel im weiten Feld fangen möchte, betrügen kannst; du kannst aus dieser Occasion Hoffnung schöpfen, im Alter mehrers zu leisten. Da sie nun mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich Bett, darinnen ich ohngewieget entschlief, sie aber gingen, und nahmen ihre Kübel und anderen Sachen, damit sie mich gewaschen hatten, samt meinen Kleidern und allem Unflat mit sich hinweg. Meines Dafürhaltens schlief ich diesen Satz länger als vierundzwanzig Stund, und da ich wieder erwachte, standen zween schöne geflügelte Knaben vorm Bett, welche mit weißen Hemden, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, güldenen Ketten und andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren: Einer hatte ein vergüldtes Lavor voller Hippen, Zuckerbrot, Marzipan und ander Konfekt, der ander aber einen vergüldten Becher in Händen; Diese als Engel, dafür sie sich ausgaben, wollten mich bereden, daß ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das Fegfeuer so glücklich überstanden, und dem Teufel samt seiner Mutter entgangen, derohalben sollte ich nur begehren, was mein Herz wünschte, sintemal alles, was mir nur beliebte, genug vorhanden wäre, oder doch sonst herbeizuschaffen, in ihrer Macht stünde. Mich quälte der Durst, und weil ich den Becher vor mir sah, verlangte ich nur den Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereicht wurde; Solches war aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk, welchen ich ohnabgesetzt zu mir nahm, und davon wieder entschlief, sobald er bei mir erwarmt.

Den andern Tag erwachte ich wiederum (denn sonst [113] schlief ich noch), befand mich aber nicht mehr im Bett, noch in vorigem Saal, sondern in meinem alten Gänskerker, da war abermal eine greuliche Finsternis wie in vorigem Keller, und überdas hatte ich ein Kleid an von Kalbfellen, daran das rauhe Teil auch auswendig gekehrt war, die Hosen waren auf polnisch oder schwäbisch, und das Wams noch wohl auf ein närrischere Manier gemacht, oben am Hals stand eine Kappe wie ein Mönchsgugel, die war mir über den Kopf gestreift, und mit einem schönen Paar großer Eselsohren geziert. Ich mußte meines Unsterns selbst lachen, weil ich beides am Nest und den Federn sah, was ich für ein Vogel sein sollte: Damals fing ich erst an, in mich selbst zu gehen, und auf mein Bestes zu gedenken. Ich setzte mir vor, mich auf das Närrischste zu stellen, als mir immer möglich sein möchte, und daneben mit Geduld zu erharren, wie sich mein Verhängnis weiters anlassen würde.

7. Kapitel
Das 7. Kapitel

Wie sich Simplicius in diesen bestialischen Stand geschickt


Vermittelst des Lochs, so der tolle Fähnrich hiebevor in die Tür geschnitten, hätte ich mich wohl erledigen können, weil ich aber ein Narr sein sollte, ließ ichs bleiben, und tat nicht allein wie ein Narr, der nicht so witzig ist, von sich selbst herauszugehen, sondern stellte mich gar wie ein hungerig Kalb, das sich nach seiner Mutter sehnet, mein Geplärr wurde auch bald von denjenigen gehört, die dazu bestellt waren; maßen zween Soldaten vor den Gänsstall kamen und fragten, wer darinnen wäre? Ich antwortet: »Ihr Narren, hört ihr denn nicht, daß ein Kalb da ist!« Sie machten den Stall auf, nahmen mich heraus, und verwunderten sich, daß ein Kalb sollte reden können! Welches ihnen anstand, wie die gezwungenen Aktionen eines neugeworbenen ungeschickten Komödianten, der die Person, die er vertreten soll, nicht wohl agieren kann, also daß ich oft meinte, ich müßte ihnen selbst zum Possen helfen. Sie beratschlagten [114] sich, was sie mit mir machen wollten, und wurden eins, mich dem Gubernator zu verehren, als welcher ihnen, weil ich reden könnte, mehr schenken würde, als ihnen der Metzger für mich bezahlte. Sie fragten mich, wie mein Handel stünde? Ich antwortet: »Liederlich genug«; Sie fragten: »Warum?« Ich sagte: »Darum, dieweil hier der Brauch ist, redliche Kälber in Gänsstall zu sperren. Ihr Kerl müßt wissen, dafern man will, daß ein rechtschaffener Ochs aus mir werden soll, daß man mich auch aufziehen muß, wie einem ehrlichen Stier zustehet.« Nach solchem kurzen Diskurs führeten sie mich über die Gaß gegen des Gouverneurs Quartier zu, uns folgte eine große Schar Buben nach, und weil dieselbe ebensowohl als ich das Kälbergeschrei schrien, hätte ein Blinder aus dem Gehör urteilen mögen, man triebe eine Herd Kälber daher, aber dem Gesicht nach sah es einem Haufen so junger als alter Narren gleich.

Also wurde ich von den beiden Soldaten dem Gouverneur präsentiert, gleichsam als ob sie mich erst auf Partei erbeutet hätten, dieselben beschenkte er mit einem Trinkgeld, mir selbst aber versprach er die beste Sach, so ich bei ihm haben sollte. Ich gedachte wie des Goldschmieds Jung und sagte: »Wohl Herr, man muß mich aber in keinen Gänsstall sperren, denn wir Kälber können solches nicht erdulden, wenn wir anders wachsen und zu einem Stück Haupt-Vieh werden sollen.« Der Gouverneur vertröstete mich eines Bessern, und dünkte sich gar gescheit sein, daß er einen solchen visierlichen Narren aus mir gemacht hätte; hingegen gedacht ich: »Harre mein lieber Herr, ich hab die Prob des Feuers überstanden, und bin gehärtet worden; jetzt wollen wir probieren, welcher den andern am besten agieren wird können.« Indem trieb ein geflehnter Baur sein Vieh zur Tränke, sobald ich das sah, verließ ich den Gouverneur, und eilete mit einem Kälber-Geplärr den Kühen zu, gleichsam als ob ich an ihnen saugen wollte, diese, als ich zu ihnen kam, entsetzten sich ärger vor mir als vor einem Wolf, wiewohl ich ihrer Art Haar trug, ja sie wurden so schellig, und zerstoben dermaßen voneinander, als wenn im Augusto ein Nest voll Hornissen unter sie gelassen worden [115] wäre; also daß sie ihr Herr an selbigem Ort nicht mehr zusammenbringen konnte, welches ein artlichen Spaß abgab. In einem Hui war ein Haufen Volk beieinander, das der Gaukelfuhr zusah, und als mein Herr lachte, daß er hätte zerbersten mögen, sagte er endlich: »Ein Narr macht ihrer hundert«; Ich aber gedachte: »Und eben du bist derjenige, dem du jetzt wahrsagest.«

Gleichwie mich nun jedermann von selbiger Zeit an das Kalb nannte, also nannte ich hingegen auch einen jeden mit einem besonderen spöttischen Nachnamen, dieselben fielen mehrenteils der Leut und sonderlich meines Herrn Bedünken nach gar sinnreich, denn ich taufte jedweden nachdem seine Qualitäten erforderten. Summariter davon zu reden, so schätzte mich männig lich für einen ohnweisen Toren, und ich hielt jeglichen für einen gescheiten Narrn. Dieser Gebrauch ist meines Erachtens in der Welt noch üblich, maßen ein jeder mit seinem Witz zufrieden, und sich einbildet, er sei der Gescheiteste unter allen.

Obige Kurzweil, die ich mit des Bauren Rindern anstellete, machte uns den kurzen Vormittag noch kürzer, denn es war damals eben um die winterliche Sonnenwende: Bei der Mittagsmahlzeit wartete ich auf wie zuvor, brachte aber benebens seltsame Sachen auf die Bahn, und als ich essen sollte, konnte niemand einzige menschliche Speis oder Trank in mich bringen, ich wollte kurzum nur Gras haben, so damals zu bekommen ohnmöglich war. Mein Herr ließ ein paar frische Kalbfell von den Metzgern holen, und solche zweien kleinen Knaben über die Köpf streifen: Diese setzte er zu mir an den Tisch, traktierte uns in der ersten Tracht mit Wintersalat, und hieß uns wacker zuhauen, auch ließ er ein lebendig Kalb hinbringen, und mit Salz zum Salat anfrischen. Ich sah so starr darein, als wenn ich mich darüber verwunderte, aber der Umstand vermahnete mich mitzumachen. »Jawohl«, sagten sie, wie sie mich so kaltsinnig sahen, »es ist nichts Neues, wenn Kälber Fleisch, Fisch, Käs, Butter und anders fressen: Was? sie saufen auch zu Zeiten ein guten Rausch! die Bestien wissen nunmehr wohl, was gut ist; ja«, sagten sie ferner, »es ist [116] heutigen Tags so weit kommen, daß sich nunmehr ein geringer Unterscheid zwischen ihnen und den Menschen befindet, wolltest du denn allein nicht mitmachen?«

Dieses ließ ich mich um soviel desto ehender überreden, weil mich hungerte, und nicht darum, daß ich hiebevor schon selbst gesehen, wie teils Menschen säuischer als Schwein, grimmiger als Löwen, geiler als Böck, neidiger als Hund, unbändiger als Pferd, gröber als Esel, versoffener als Rinder, listiger als Füchs, gefräßiger als Wölf, närrischer als Affen, und giftiger als Schlangen und Kröten waren, welche dennoch allesamt menschlicher Nahrung genossen, und nur durch die Gestalt von den Tieren unterschieden waren, zumalen auch die Unschuld eines Kalbs bei weitem nicht hatten. Ich fütterte mit meinen Mit-Kälbern, wie solches mein Appetit erforderte, und wenn ein Fremder uns ohnversehens also beieinander zu Tisch hätte sitzen sehen, so hätte er sich ohne Zweifel eingebildet, die alte Circe wäre wieder auferstanden, aus Menschen Tiere zu machen, welche Kunst damals mein Herr konnte und praktizierte. Eben auf den Schlag, wie ich die Mittagsmahlzeit vollbrachte, also wurde ich auch auf den Nachtimbiß traktiert; Und gleichwie meine Mitesser oder Schmarotzer mit mir zehrten, damit ich auch zehren sollte, also mußten sie auch mit mir zu Bett, wenn mein Herr anders nicht zugeben wollte, daß ich im Kühestall über Nacht schlief; und das tat ich darum, damit ich diejenigen auch genug narrete, die mich zum Narren zu haben vermeinten: Und machte diesen festen Schluß, daß der grundgütige Gott einem jeden Menschen in seinem Stand, zu welchem er ihn berufen, so viel Witz gebe und verleihe, als er zu seiner Selbsterhaltung vonnöten, auch daß sich dannenhero, Doktor hin oder Doktor her, viel vergeblich einbilden, sie seien allein witzig und Hans in allen Gassen, denn hinter den Bergen wohnen auch Leut.

8. Kapitel
[117] Das 8. Kapitel

Redet von Etlicher wunderbarlichem Gedächtnis, und von Anderer Vergessenheit


Am Morgen als ich erwachte, waren meine beiden verkälberten Schlafgesellen schon fort, derowegen stand ich auch auf, und schlich, als der Adjutant die Schlüssel holete, die Stadt zu öffnen, aus dem Haus zu meinem Pfarrer, demselben erzählte ich alles, wie mirs sowohl im Himmel als in der Höll ergangen. Und wie er sah, daß ich mir ein Gewissen machte, weil ich so viel Leut, und sonderlich meinen Herrn betröge, wenn ich mich närrisch stellete, sagte er: »Hierum darfst du dich nicht bekümmern, die närrische Welt will betrogen sein, hat man dir deinen Witz noch übrig gelassen, so gebrauche dich desselben zu deinem Vorteil, bilde dir ein, als ob du gleich dem Phönix, vom Unverstand zum Verstand durchs Feuer und also zu einem neuen menschlichen Leben auch neu geboren worden seist: Doch wisse dabei, daß du noch nicht über den Graben, sondern mit Gefahr deiner Vernunft in diese Narrenkappe geschloffen bist, die Zeiten sind so wunderlich, daß niemand wissen kann, ob du ohne Verlust deines Lebens wieder heraus kommest, man kann geschwind in die Höll rennen, aber wieder heraus zu entrinnen, wirds Schnaufens und Bartwischens brauchen, du bist bei weitem noch nicht so gemannet, deiner bevorstehenden Gefahr zu entgehen, wie du dir wohl einbilden möchtest, darum wird dir mehr Vorsichtigkeit und Verstand vonnöten sein, als zu der Zeit, da du noch nicht wußtest, was Verstand oder Unverstand war, bleibe demütig, und erwarte in Geduld der künftigen Veränderung.«

Sein Diskurs war vorsetzlich so variabel, denn ich bilde mir ein, er habe mir an der Stirn gelesen, daß ich mich groß zu sein bedünkte, weil ich mit so meisterlichem Betrug und feiner Kunst durchgeschloffen; und ich mutmaßete hingegen aus seinem Angesicht, daß er unwillig und meiner überdrüssig worden, denn seine Mienen gabens, und was [118] hatte er von mir? Derowegen verändert ich auch meine Reden, und wußte ihm großen Dank für die herrlichen Mittel, die er mir zu Erhaltung meines Verstands mitgeteilt hatte, ja ich tat unmögliche Promessen, alles, wie meine Schuldigkeit erfordere, wieder dankbarlich zu verschulden: Solches kitzelte ihn, und brachte ihn auch wieder auf eine andre Laun, denn er rühmte gleich darauf seine Arznei trefflich, und erzählte mir, daß Simonides Melicus eine Kunst aufgebracht, die Metrodorus Sceptius nicht ohne große Mühe perfektioniert hätte, vermittelst deren er die Menschen lehren können, daß sie alles, was sie einmal gehöret oder gelesen bei einem Wort nachreden mögen, und solches wäre, sagte er, ohne hauptstärkende Arzneien, deren er mir mitgeteilt, nicht zugegangen! »Ja«, gedachte ich, »mein lieber Herr Pfarrer, ich habe in deinen eigenen Büchern bei meinem Einsiedel viel anders gelesen, worinnen Sceptii Gedächtnis-Gunst bestehet.« Doch war ich so schlau, daß ich nichts sagte, denn wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so bin ich, als ich zum Narren werden sollte, allererst witzig und in meinen Reden behutsamer worden. Er der Pfarrer fuhr fort, und sagte mir, wie Cyrus einem jeden von seinen 30000 Soldaten mit seinem rechten Namen hätte rufen, Lucius Scipio alle Bürger zu Rom bei den ihrigen nennen, und Cyneas Pyrrhi Gesandter, gleich den andern Tag hernach, als er gen Rom kommen, aller Ratsherren und Edelleute Namen daselbst ordentlich hersagen können. »Mithridates der König in Ponto und Bithynia«, sagte er, »hatte Völker von zweiundzwanzig Sprachen unter sich, denen er allen in ihrer Zungen Recht sprechen, und mit einem jeden insonderheit, wie Sabell. lib. 10 cap. 9 schreibet, reden konnte. Der gelehrte Griech Charmides sagte einem auswendig, was einer aus den Büchern wissen wollte, die in der ganzen Liberei lagen, wenn er sie schon nur einmal überlesen hatte. Lucius Seneca konnte zweitausend Namen herwieder sagen, wie sie ihm vorgesprochen worden, und wie Ravisius meldet, zweihundert Vers von zweihundert Schülern geredet vom letzten an bis zum ersten hinwiederum erzählen. Esdras, wie Eusebius lib. temp. fulg. lib. 8 [119] cap. 7 schreibet, konnte die fünf Bücher Mosis auswendig, und selbige von Wort zu Wort den Schreibern in die Feder diktieren. Themistocles lernete die persische Sprach in einem Jahr. Crassus konnte in Asia die fünf unterschiedlichen Dialectos der griechischen Sprach ausreden, und seinen Untergebenen darin Recht sprechen. Julius Cäsar las, diktierte und gab zugleich Audienz. Von Aelio Hadriano, Portio Latrone, den Römern und andern will ich nichts melden, sondern nur von dem heiligen Hieronymo sagen, daß er Hebräisch, Chaldäisch, Griechisch, Persisch, Medisch, Arabisch und Lateinisch gekonnt. Der Einsiedel Antonius konnte die ganze Bibel nur vom Hörenlesen auswendig. So schreibt auch Colerus lib. 18 cap. 21 aus Marco Antonio Mureto, von einem Korsikaner, welcher 6000 Menschen-Namen angehöret, und dieselbigen hernach in richtiger Ordnung schnell herwieder gesagt.«

»Dieses erzähle ich alles darum«, sagte er ferner, »damit du nicht für unmöglich haltest, daß durch Medizin einem Menschen sein Gedächtnis trefflich gestärket und erhalten werden könne, gleichwie es hingegen auch auf mancherlei Weis geschwächt und gar ausgetilgt wird, maßen Plinius lib. 7 cap. 24 schreibet, daß am Menschen nichts so blöd sei, als eben das Gedächtnis, und daß es durch Krankheit, Schrecken, Furcht, Sorg und Bekümmernis entweder ganz verschwinde, oder doch einen großen Teil seiner Kraft verliere. Von einem Gelehrten zu Athen wird gelesen, daß er alles was er je studiert gehabt, sogar auch das ABC vergessen, nachdem ein Stein von oben herab auf ihn gefallen. Ein anderer kam durch eine Krankheit dahin, daß er seines Dieners Namen vergaß, und Messala Corvinus wußte seinen eigenen Namen nicht mehr, der doch vorhin ein gut Gedächtnis gehabt. Schramhans schreibet in fasciculo Historiarum, fol. 60 (welches aber so aufschneiderisch klinget, als ob es Plinius selbst geschrieben) daß ein Priester aus seiner eigenen Ader Blut getrunken, und dadurch schreiben und lesen vergessen, sonst aber sein Gedächtnis unverrückt behalten, und als er übers Jahr hernach eben an selbigem Ort und damaliger Zeit abermal desselbigen Bluts getrunken, [120] hätte er wieder wie zuvor schreiben und lesen können. Zwar ists glaublicher, was Jo. Wierus de praestigiis daemon. lib. 3 cap. 18 schreibet, wenn man Bärenhirn einfresse, daß man dadurch in solche Phantasei und starke Imagination gerate, als ob man selbst zu einem Bären worden wäre, wie er denn solches mit dem Exempel eines spanischen Edelmanns beweiset, der, nachdem er dessen genossen, in den Wildnissen umgelaufen, und sich nicht anders eingebildet, als er sei ein Bär. Lieber Simplici, hätte dein Herr diese Kunst gewußt, so dürftest du wohl ehender in einen Bärn, wie die Callisto, als in einen Stier, wie Jupiter, verwandelt worden sein.«

Der Pfarrer erzählte mir des Dings noch viel, gab mir wieder etwas von Arznei, und instruierte mich wegen meines fernern Verhalts, damit machte ich mich wieder nach Haus, und brachte mehr als hundert Buben mit, die mir nachliefen, und abermals alle wie Kälber schrien, derowegen lief mein Herr, der eben aufgestanden war, ans Fenster, sah soviel Narren auf einmal, und ließ sich belieben, darüber herzlich zu lachen.

9. Kapitel
Das 9. Kapitel

Ein überzwerches Lob einer schönen Dame


Sobald ich ins Haus kam, mußte ich auch in die Stub, weil adelig Frauenzimmer bei meinem Herrn war, welches seinen neuen Narrn auch gerne hätte sehen und hören mögen. Ich erschien, und stand da wie ein Stumm, dahero diejenige, so ich hiebevor beim Tanz ertappet hatte, Ursach nahm zu sagen: Sie hätte sich sagen lassen, dieses Kalb könne reden, so verspüre sie aber nunmehr, daß es nicht wahr sei. Ich antwortet: »So hab ich hingegen vermeinet, die Affen können nicht reden, höre aber wohl, daß dem auch nicht also sei.« »Wie«, sagte mein Herr, »vermeinst du denn, diese Damen seien Affen?« Ich antwortet: »Sind sie es nicht, so werden sie es doch bald werden, wer weiß wie es fällt, ich habe mich auch nicht versehen ein Kalb zu [121] werden, und bins doch!« Mein Herr fragte, woran ich sehe, daß diese Affen werden sollen? Ich antwortet: »Unser Aff trägt seinen Hintern bloß, diese Damen aber allbereit ihre Brüst, denn andere Mägdlein pflegten ja sonst solche zu bedecken.« »Schlimmer Vogel«, sagte mein Herr, »du bist ein närrisch Kalb, und wie du bist, so redest du, diese lassen billig sehen was sehenswert ist; der Aff aber gehet aus Armut nackend, geschwind bringe wieder ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich karbeitschen, und mit Hunden in Gänsstall hetzen, wie man Kälbern tut, die sich nicht zu schicken wissen, laß hören, weißt du auch eine Dam zu loben, wie sichs gebührt?« Hierauf betrachtete ich die Dame von Füßen an bis oben aus, und hinwieder von oben bis unten, sah sie auch so steif und lieblich an, als hätte ich sie heiraten wollen. Endlich sagte ich: »Herr, ich sehe wohl wo der Fehler steckt, der Diebs-Schneider ist an allem schuldig, er hat das Gewand, das oben um den Hals gehört, und die Brüst bedecken sollte, unten an dem Rock stehen lassen, darum schleift er so weit hinten hernach, man sollte dem Hudler die Händ abhauen, wenn er nicht besser schneidern kann. Jungfer«, sagte ich zu ihr selbst, »schafft ihn ab, wenn er Euch nicht so verschänden soll, und sehet, daß Ihr meines Knans Schneider bekommt, der hieß Meister Paulchen, er hat meiner Meuder, unserer Ann und unserm Ursele so schöne gebrittelte Röck machen können, die unten herum ganz eben gewesen sind, sie haben wohl nicht so im Dreck geschlappt wie Eurer, ja Ihr glaubt nicht, wie er den Huren so schöne Kleider machen können.« Mein Herr fragte, ob denn meines Knans Ann und Ursele schöner gewesen, als diese Jungfer? »Ach wohl nein, Herr«, sagte ich, »diese Jungfrau hat ja Haar, das ist so gelb wie kleiner Kinderdreck, und ihre Scheitel sind so weiß und so gerad gemacht, als wenn man Säubürsten auf die Haut gekappt hätte, ja ihre Haar sein so hübsch zusammengerollt, daß es siehet, wie hohle Pfeifen, oder als wenn sie auf jeder Seiten ein paar Pfund Lichter, oder ein Dutzend Bratwürst hangen hätte: Ach sehet nur, wie hat sie so ein schöne glatte Stirn; ist sie nicht feiner gewölbet als ein fetter Arsbacken, und [122] weißer als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen? Immer Schad ists, daß ihre zarte Haut durch das Haarpuder so schlimm bemakelt wird, denn wenns Leut sehen, die es nicht verstehen, dürften sie wohl vermeinen, die Jungfer habe den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe; welches noch größerer Schad wäre für die funkelnden Augen, die von Schwärze klarer zwitzern, als der Ruß vor meines Knans Ofenloch, welcher so schrecklich glänzete, wenn unser Ann mit einem Strohwisch davor stand, die Stub zu hitzen, als wenn lauter Feuer darin steckte, die ganze Welt anzuzünden: Ihre Backen sind so hübsch rötlich, doch nicht gar so rot, als neulich die neuen Nestel waren, damit die schwäbischen Fuhrleut von Ulm ihre Lätz gezieret hatten: Aber die hohe Röte, die sie an den Lefzen hat, übertrifft solche Farb weit, und wenn sie lacht oder redt (ich bitte, der Herr geb nur Achtung darauf) so siehet man zwei Reihen Zähn in ihrem Maul stehen, so schön zeilweis und zuckerähnlich, als wenn sie aus einem Stück von einer weißen Rüben geschnitzelt worden wären: O Wunderbild, ich glaub nicht, daß es einem wehe tut, wenn du einen damit beißest. So ist ihr Hals ja schier so weiß, als eine gestandene Saurmilch, und ihre Brüstlein, die darunterliegen, sind von gleicher Farb, und ohn Zweifel so hart anzugreifen, wie ein Geiß-Mämm, die von übriger Milch strotzt: Sie sind wohl nicht so schlapp, wie die alten Weiber hatten, die mir neulich den Hintern putzten, da ich in Himmel kam. Ach Herr, sehet doch ihre Händ und Finger an, sie sind ja so subtil, so lang, so gelenk, so geschmeidig, und so schicklich gemacht, natürlich wie die Zigeunerinnen neulich hatten, damit sie einem in Schubsack greifen, wenn sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen ihren ganzen Leib selbst zu rechnen sein, den ich zwar nicht bloß sehen kann; ist er nicht so zart, schmal und anmutig, als wenn sie acht ganzer Wochen die schnelle Katharina gehabt hätte?« Hierüber erhob sich ein solch Gelächter, daß man mich nicht mehr hören, noch ich mehr reden konnte, ging hiemit durch wie ein Holländer, und ließ mich, so lang mirs gefiel, von andern vexiern.

10. Kapitel
[123] Das 10. Kapitel

Redet von lauter Helden und namhaften Künstlern


Hierauf erfolgte die Mittagsmahlzeit, bei welcher ich mich wieder tapfer gebrauchen ließ, denn ich hatte mir vorgesetzt, alle Torheiten zu bereden, und alle Eitelkeiten zu strafen, wozu sich denn mein damaliger Stand trefflich schickte; kein Tischgenoß war mir zu gut, ihm sein Laster zu verweisen und aufzurupfen, und wenn sich einer fand, der sichs nicht gefallen ließ, so wurde er entweder noch dazu von andern ausgelacht, oder ihm von meinem Herrn vorgehalten, daß sich kein Weiser über einen Narrn zu erzürnen pflege: Den tollen Fähnrich, welcher mein ärgster Feind war, setzte ich gleich auf den Esel. Der erste aber, der mir auf meines Herrn Winken mit Vernunft begegnete, war der Secretarius, denn als ich denselben einen Titel-Schmied nannte, ihn wegen der eiteln Titel auslachte, und fragte, wie man der Menschen ersten Vater tituliert hätte? antwortet' er: »Du redest wie ein unvernünftig Kalb, weil du nicht weißt, daß nach unsern ersten Eltern unterschiedliche Leut gelebt, die durch seltene Tugenden, als Weisheit, mannliche Heldentaten, und Erfindung guter Künste, sich und ihr Geschlecht dermaßen geadelt haben, daß sie auch von andern über alle irdischen Ding, ja gar übers Gestirn zu Göttern erhoben worden; Wärest du ein Mensch, oder hättest aufs wenigst wie ein Mensch die Historien gelesen, so verstündest du auch den Unterscheid, der sich zwischen den Menschen enthält, und würdest dannenhero einem jeden seinen Ehrentitel gern gönnen, sintemal du aber ein Kalb, und keiner menschlichen Ehr würdig noch fähig bist, so redest du auch von der Sach wie ein dummes Kalb, und mißgönnest dem edlen menschlichen Geschlecht dasjenige, dessen es sich zu erfreuen hat.« Ich antwortet: »Ich bin so wohl ein Mensch gewesen als du, hab auch ziemlich viel gelesen, kann dahero urteilen, daß du den Handel entweder nicht recht verstehest, oder durch dein Interesse abgehalten wirst, anderst zu reden als du weißt: Sag mir, was sind für [124] herrliche Taten begangen, und für löbliche Künste erfunden worden, die genugsam seien, ein ganz Geschlechte etlich hundert Jahr nacheinander, auf Absterben der Helden und Künstler selbst, zu adeln? Ist nicht beides der Helden Stärk, und der Künstler Weisheit und hoher Verstand, mit hinweg gestorben? Wenn du dies nicht verstehest, und der Eltern Qualitäten auf die Kinder erben, so muß ich dafürhalten, dein Vater sei ein Stockfisch, und dein Mutter ein Platteiß gewesen.« »Ha!« antwort der Secretarius, »wenn es damit wohl ausgericht sein wird, wenn wir einander schänden wollen, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein Knan ein grober Spessarter Baur gewesen, und ob es zwar in deiner Heimat und Geschlecht die größten Knollfinken abgibt, daß du dich annoch noch mehr verringert habest, indem du zu einem unvernünftigen Kalb worden bist.« »Da recht«, antwortet ich, »das ists was ich behaupten will, daß nämlich der Eltern Tugenden nicht allweg auf die Kinder erben, und daß dahero die Kinder ihrer Eltern Tugendtitel auch nicht allweg würdig seien; mir zwar ists kein Schand, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem Fall dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehr habe, wer weiß, ob es nicht Gott gefällt, daß ich auch wieder wie dieser zu einem Menschen, und zwar noch größer werde, als mein Knan gewesen? Ich rühme einmal diejenigen, die sich durch eigene Tugenden edel machen.« »Nun gesetzt, aber nicht gestanden«, sagt' der Secretarius, »daß die Kinder ihrer Eltern Ehrentitel nicht allweg erben sollen, so mußt du doch gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert seien, die sich selbst durch Wohlverhalten edel machen; wenn denn dem also, so folget, daß man die Kinder wegen ihrer Eltern billig ehret, denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Wer wollte in Alexandri M(agni) Nachkömmlingen, wenn anders noch einige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherrn herzhafte Tapferkeit im Krieg nicht rühmen. Dieser erwies seine Begierde zu fechten in seiner Jugend mit Weinen, als er noch zu keinen Waffen tüchtig war, besorgend, sein Vater möchte alles gewinnen, und ihm nichts zu bezwingen übrig lassen; hat er nicht noch vor dem [125] dreißigsten Jahr seines Alters die Welt bezwungen, und noch ein andere zu bestreiten gewünscht? hat er nicht in einer Schlacht, die er mit den Indianern gehalten, da er von den Seinigen verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht anzusehen, als ob er mit lauter Feurflammen umgeben war, so, daß ihn auch die Barbaren vor Furcht streitend verlassen mußten? Wer wollte ihn nicht höher und edler als andere Menschen schätzen, da doch Quintus Curtius von ihm bezeuget, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß nach Bisem, und sein toter Leib nach köstlicher Spezerei gerochen: Hier könnte ich auch einführen den Julium Caesarem und den Pompejum, deren der eine über und neben den Victorien, die er in den bürgerlichen Kriegen behauptet, fünfzigmal in offenen Feldschlachten gestritten und 1152000 Mann erlegt und totgeschlagen hat, der ander hat neben 940 den Meer-Räubern abgenommenen Schiffen, vom Alpgebirg an bis in das äußerste Hispanien, 876 Städt und Flecken eingenommen und überwunden. Den Ruhm Marci Sergii will ich verschweigen, und nur ein wenig von dem Lucio Sucio Dentato sagen, welcher Zunftmeister zu Rom war, als Spurius Turpejus und Aulus Eternius Bürgermeister gewesen, dieser ist in 110 Feldschlachten gestanden, und hat achtmal diejenigen überwunden, so ihn herausgefordert, er konnte 45 Wundmäler an seinem Leib zeigen, die er alle vor dem Mann und keine rückwärts empfangen, mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen (die sie vornehmlich durch ihre Mannheit erlangt) eingezogen. Des Manlii Capitolini Kriegsehr wäre nicht geringer, wenn er sie im Beschluß seines Lebens nicht selbst verkleinert, denn er konnte auch 33 Wundmäler zeigen, ohn daß er einsmals das Capitolium mit allen Schätzen allein vor den Franzosen erhalten. Wo bleibt der starke Herkules, Theseus und andere, die beinahe beides zu erzählen und ihr unsterbliches Lob zu beschreiben unmöglich! Sollten diese in ihren Nachkömmlingen nicht zu ehren sein?

Ich will aber Wehr und Waffen fahren lassen, und mich zu den Künsten wenden, welche zwar etwas geringer zu sein scheinen, nichts desto weniger aber ihre Meister ganz ruhmreich [126] machen. Was findet sich nur für eine Geschicklichkeit am Zeuxe, welcher durch seinen kunstreichen Kopf und geschickte Hand die Vögel in der Luft betrog; item am Apelle, der eine Venus so natürlich, so schön, so ausbündig, und mit allen Lineamenten so subtil und zart dahermalet', daß sich auch die Junggesellen darein verliebten. Plutarchus schreibet, daß Archimedes ein groß Schiff mit Kaufmannswaren beladen, mitten über den Markt zu Syracusis nur mit einer Hand an einem einzigen Seil dahergezogen, gleich als ob er ein Saumtier an einem Zaum geführt, welches zwanzig Ochsen, geschweige zweihundert deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollte nun dieser rechtschaffene Meister nicht mit einem besondern Ehrentitel, seiner Kunst gemäß, zu begaben sein? Wer wollte nicht vor andern Menschen preisen denjenigen, der dem persischen König Sapor ein gläsernes Werk machte, welches so weit und groß war, daß er mitten in demselben auf dessen Centro sitzen, und unter seinen Füßen das Gestirn auf- und niedergehen sehen konnte? Archimedes machte einen Spiegel, damit er der Feinde Kriegsschiff mitten im Meer anzündet': So gedenket auch Ptolemaeus eine wunderliche Art Spiegel, die so viel Angesichter zeigten, als Stund im Tag waren. Welcher wollte den nicht preisen, der die Buchstaben zuerst erfunden? ja wer wollte nicht vielmehr den über alle Künstler erheben, welcher die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei erfunden? Ist Ceres, weil sie den Ackerbau und das Mühlwerk erfunden haben soll, für eine Göttin gehalten worden, warum sollte dann unbillig sein, wenn man andern, ihren Qualitäten gemäß, ihr Lob mit Ehrentiteln berühmt? Zwar ist wenig daran gelegen, ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsenhirn fassest oder nicht: es gehet dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu lag, und solches dem Ochsen auch nicht gönnete, weil er es selbst nicht genießen konnte; du bist keiner Ehr fähig, und eben dieser Ursachen halber mißgönnest du solche denjenigen, die solcher wert sind.«

Da ich mich so gehetzt sah, antwortet ich: »Die herrlichen [127] Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wenn sie nicht mit anderer Menschen Untergang und Schaden vollbracht worden wären. Was ist das aber für ein Lob, welches mit so vielem unschuldig-vergossenem Menschenblut besudelt: Und was ist das für ein Adel, der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und zuwege gebracht worden ist? Die Künste betreffend, was sinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten? Ja sie sind ebenso leer, eitel und unnütz, als die Titel selbst, die einem von denselbigen zustehen möchten; denn entweder dienen sie zum Geiz, oder zur Wollust, oder zur Üppigkeit, oder zum Verderben anderer Leut, wie denn die schrecklichen Dinger auch sind, die ich neulich auf den halben Wagen sah; so könnte man der Druckerei und Schriften auch wohl entbehren, nach Ausspruch und Meinung jenes heiligen Manns, welcher dafür hielt, die ganze weite Welt sei ihm Buchs genug, die Wunder seines Schöpfers zu betrachten, und die göttliche Allmacht daraus zu erkennen.«

11. Kapitel
Das 11. Kapitel

Von dem müheseligen und gefährlichen Stand eines Regenten


Mein Herr wollte auch mit mir scherzen, und sagte: »Ich merke wohl, weil du nicht edel zu werden getrauest, so verachtest du des Adels Ehrentitel«; Ich antwortet: »Herr, wenn ich schon in dieser Stund an deine Ehrenstell treten sollte, so wollte ich sie doch nicht annehmen!« Mein Herr lachte, und sagte: »Das glaube ich, denn dem Ochsen gehöret Haberstroh; wenn du aber einen hohen Sinn hättest, wie adelige Gemüter haben sollen, so würdest du mit Fleiß nach hohen Ehren und Dignitäten trachten. Ich meinesteils achte es für kein Geringes, wenn mich das Glück über andere erhebt.« Ich seufzete und sagte: »Ach, arbeitselige Glückseligkeit! Herr, ich versichere dich, daß du der allerelendste Mensch in ganz Hanau bist.« »Wie so? wie so? Kalb«, sagte mein Herr, »sag mir doch die Ursach, denn [128] ich befinde solches bei mir nicht.« Ich antwortet: »Wenn du nicht weißt und empfindest, daß du Gubernator in Hanau, und mit wie viel Sorgen und Unruhe du deswegen beladen bist, so verblendet dich die allzugroße Begierd der Ehr, deren du genießest, oder du bist eisern und ganz unempfindlich, du hast zwar zu befehlen, und wer dir unter Augen kommt, muß dir gehorsamen; tun sie es aber umsonst? bist du nicht ihrer aller Knecht? mußt du nicht für einen jedweden insonderheit sorgen? Schaue, du bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben, und die Konservation dieser Festung liegt dir allein auf dem Hals, du mußt trachten, wie du deinem Gegenteil einen Abbruch tun mögest, und mußt daneben sorgen, daß deine Anschläg nicht verkundschaftet werden; Bedürfte es nicht öfters, daß du selber, wie ein gemeiner Knecht, Schildwacht stündest? Überdas mußt du bedacht sein, daß kein Mangel an Geld, Munition, Proviant und Volk im Posten erscheine, deswegen du denn das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren in der Kontribution erhalten mußt; Schickest du die Deinigen zu solchem End hinaus, so ist rauben, plündern, stehlen, brennen und morden ihre beste Arbeit, sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen, und Staden in die Asche gelegt, davon haben sie zwar sich Beuten, du aber eine schwere Verantwortung bei Gott gemachet: Ich lasse sein, daß dir vielleicht der Genuß neben der Ehr auch wohltut, weißt du aber auch, wer solche Schätz, die du etwa sammelst, genießen wird? Und gesetzt, daß dir solcher Reichtum verbleibt (so doch mißlich stehet) so mußt du ihn doch in der Welt lassen, und nimmst nichts davon mit dir, als die Sünde, dadurch du selbigen erworben hast: Hast du denn das Glück, daß du dir deine Beuten zu nutz machen kannst, so verschwendest du der Armen Schweiß und Blut, die jetzt im Elend Mangel leiden, oder gar verderben und Hungers sterben. O wie oft sehe ich, daß deine Gedanken wegen Schwere deines Amts hin und wieder zerstreut sind, und daß hingegen ich und andere Kälber ohn alle Bekümmernis ruhig schlafen; tust du solches nicht, so kostet es deinen Kopf, dafern anders etwas [129] verabsäumet wird, das zu Konservation deiner untergebenen Völker und der Festung hätte observiert werden sollen; Schaue, solcher Sorgen bin ich überhoben! Und weil ich weiß, daß ich der Natur einen Tod zu leisten schuldig bin, sorge ich nicht, daß jemand meinen Stall stürmet, oder daß ich mit Arbeit um mein Leben scharmützeln müsse, sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsen überhoben, dir aber stellt man ohne Zweifel auf tausendfältige Weis nach, deswegen ist dein ganzes Leben nichts anders als ein immerwährende Sorg und Schlafbrechens, denn du mußt Freund und Feind fürchten, die dich ohn Zweifel, wie du auch andern zu tun gedenkest, entweder um dein Leben, oder um dein Geld, oder um deine Reputation, oder um dein Kommando, oder um sonsten etwas zu bringen nachsinnen, der Feind setzt dir öffentlich zu, und deine vermeinten Freund beneiden heimlich dein Glück; vor deinen Untergebenen aber bist du auch nicht allerdings versichert. Ich geschweige hier, wie dich täglich deine brennenden Begierden quälen, und hin und wider treiben, wenn du gedenkest, wie du dir einen noch größern Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern zu steigen, größern Reichtum zu sammeln, dem Feind einen Tuck zu beweisen, ein oder ander Ort zu überrumpeln, und in Summa fast alles zu tun, was andere Leut geheiet, und deiner Seelen schädlich, der göttlichen Majestät aber mißfällig ist! Und was das Allerärgste ist, so bist du von deinen Fuchsschwänzern so verwöhnt, daß du dich selbsten nicht kennest, und von ihnen so eingenommen und vergiftet, daß du den gefährlichen Weg, den du gehest, nicht sehen kannst, denn alles was du tust, heißen sie recht, und alle deine Laster werden von ihnen zu lauter Tugenden gemacht und ausgerufen; dein Grimmigkeit ist ihnen eine Gerechtigkeit, und wenn du Land und Leut verderben läßt, so sagen sie, du seist ein braver Soldat, hetzen dich also zu ander Leut Schaden, damit sie deine Gunst behalten, und ihre Beutel dabei spicken mögen.«

»Du Bärnhäuter«, sagte mein Herr, »wer lernet' dich so predigen?« Ich antwortet: »Liebster Herr, sage ich nicht [130] wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbet seist, daß dir bereits nicht mehr zu helfen; hingegen sehen andere Leut deine Laster gar bald, und urteilen dich nicht allein in hohen und wichtigen Sachen, sondern finden auch genug in geringen Dingen, daran wenig gelegen, an dir zu tadeln: Hast du nicht Exempel genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebt? Die Athenienser murmelten wider ihren Simonidem, nur darum daß er zu laut redete; die Thebaner klagten über ihren Paniculum, dieweil er auswarf; die Lakedämonier schalten an ihrem Lycurgo, daß er allezeit mit niedergeneigtem Haupt daherging; die Römer vermeinten, es stünde dem Scipione gar übel an, daß er im Schlaf so laut schnarchte; es dünkte sie häßlich zu sein, daß sich Pompejus nur mit einem Finger kratzte; des Julii Caesaris spotteten sie, weil er seinen Gürtel nicht artig und lustig antrug; die Uticenser verleumdeten ihren guten Catonem, weil er, wie sie bedünkte, allzu-geizig auf beiden Backen aß; und die Karthaginenser redeten dem Hannibali übel nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Wie dünkt dich nun, mein lieber Herr? vermeinest du wohl noch, daß ich mit einem tauschen sollte, der vielleicht neben zwölf oder dreizehn Tischfreunden, Fuchsschwänzern und Schmarotzern, mehr als hundert oder vermutlicher mehr als zehntausend so heimliche als öffentliche Feind, Verleumder und mißgünstige Neider hat? zudem, was für Glückseligkeit, was für Lust und was für Freud sollte doch wohl ein solch Haupt haben können, unter welches Pfleg, Schutz und Schirm so viel Menschen leben? Ists nicht vonnöten, daß du für alle die Deinigen wachest, für sie sorgest, und eines jeden Klag und Beschwerden anhörest? Wäre solches allein nicht müheselig genug, wenn du schon weder Feinde noch Mißgönner hättest? Ich sehe wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen, und wieviel Beschwerden du doch erträgst; Liebster Herr, was wird doch endlich dein Lohn sein, sage mir, was hast du davon? Wenn du es nicht weißt, so laß dirs den griechischen Demosthenem sagen, welcher, nachdem er den gemeinen Nutzen, und das Recht der Athenienser, tapfer [131] und getreulich befördert und beschützt, wider alles Recht und Billigkeit, als einer so ein greuliche Missetat begangen, des Lands verwiesen und in das Elend verjaget ward; dem Socrati ward mit Gift vergeben; dem Hannibal ward von den Seinen so übel gelohnet, daß er elendiglich in der Welt landflüchtig herumschweifen mußte; also geschah dem römischen Camillo; und dergestalt bezahlten die Griechen den Lycurgum und Solonem, deren der eine gesteiniget ward, dem andern aber, nachdem ihm ein Aug ausgestochen, wurde als einem Mörder endlich das Land verwiesen. Darum behalte dein Kommando samt dem Lohn, den du davon haben wirst, du darfst deren keins mit mir teilen, denn wenn alles wohl mit dir abgehet, so hast du aufs wenigste sonst nichts, das du davonbringest, als ein bös Gewissen; wirst du aber dein Gewissen in acht nehmen wollen, so wirst du als ein Untüchtiger beizeiten von deinem Kommando verstoßen werden, nicht anders, als wenn du auch, wie ich, zu einem dummen Kalb worden wärest.«

12. Kapitel
Das 12. Kapitel

Von Verstand und Wissenschaft etlicher unvernünftiger Tier'


Unter währendem meinem Diskurs sah mich jedermann an, und verwunderten sich alle Gegenwärtigen, daß ich solche Reden sollte vorbringen können, welche wie sie vorgaben, auch einem verständigen Mann genug wären, wenn er solche so gar ohne allen Vorbedacht hätte vortragen sollen; Ich aber machte den Schluß meiner Red, und sagte: »Darum denn nun, mein liebster Herr, will ich nicht mit dir tauschen; zwar ich bedarfs auch im geringsten nit, denn die Quellen geben mir einen gesunden Trank, anstatt deiner köstlichen Wein', und derjenige, der mich zum Kalb werden zu lassen beliebet, wird mir auch die Gewächs des Erdbodens dergestalt zu segnen wissen, daß sie mir wie dem Nabuchodonosore (Nebukadnezar) zur Speis und Aufenthalt meines Lebens auch nicht unbequem sein werden; [132] so hat mich die Natur auch mit einem guten Pelz versehen, da dir hingegen oft vor dem Besten ekelt, der Wein deinen Kopf zerreißt, und dich bald in diese oder jene Krankheit wirft.«

Mein Herr antwortet': »Ich weiß nicht was ich an dir habe? du bedünkest mich für ein Kalb viel zu verständig zu sein, ich vermeine schier, du seiest unter deiner Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen?« Ich stellte mich zornig, und sagte: »Vermeinet ihr Menschen denn wohl, wir Tiere seien gar Narren? Das dürft ihr euch wohl nicht einbilden! Ich halte dafür, wenn ältere Tier als ich so wohl als ich reden könnten, sie würden euch wohl anders aufschneiden: Wenn ihr vermeint, wir seien so gar dumm, so sagt mir doch, wer die wilden Bloch-Tauben, Häher, Amseln und Rebhühner gelernet hat, wie sie sich mit Lorbeerblättern purgieren sollen? und die Tauben, Turteltäublein und Hühner mit S. Peters Kraut? Wer lehret Hund und Katzen, daß sie das betaute Gras fressen sollen, wenn sie ihren vollen Bauch reinigen wollen? Wer die Schildkröt, wie sie die Biß mit Schierling heilen? und den Hirsch, wenn er geschossen, wie er seine Zuflucht zu dem Dictamno oder wilden Polei nehmen solle? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Rauten gebrauchen solle, wenn es mit der Fledermaus oder irgendeiner Schlang kämpfen will? Wer gibt den wilden Schweinen den Efeu, und den Bären den Alraun zu erkennen, und sagt ihnen, daß es gut sei zu ihrer Arznei? Wer hat dem Adler geraten, daß er den Adlerstein suchen und gebrauchen soll, wenn er seine Eier schwerlich legen kann? Und welcher gibt es der Schwalbe zu verstehen, daß sie ihrer Jungen blöde Augen mit dem Chelidonio arzneien solle? Wer hat die Schlang instruiert, daß sie soll Fenchel essen, wenn sie ihre Haut abstreifen, und ihren dunkeln Augen helfen will? Wer lehret den Storch, sich zu klistieren? den Pelikan, sich Ader zu lassen? und den Bären, wie er sich von den Bienen solle schröpfen lassen? Was, ich dürfte schier sagen, daß ihr Menschen eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren erlernet habt! Ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir Tier aber nicht! Ein [133] Löw oder Wolf, wenn er zu fett werden will, so fastet er, bis er wieder mager, frisch und gesund wird. Welches Teil handelt nun am weislichsten? Über dieses alles betrachtet das Geflügel unter dem Himmel! betrachtet die unterschiedlichen Gebäue ihrer artlichen Nester, und weil ihnen ihre Arbeit niemand nachmachen kann, so müßt ihr ja bekennen, daß sie beides verständiger und künstlicher seien, als ihr Menschen selbst: Wer sagt den Sommervögeln, wann sie gegen den Frühling zu uns kommen, und Junge hecken? und gegen den Herbst, wann sie sich wieder von dannen in die warmen Länder verfügen sollen? Wer unterrichtet sie, daß sie zu solchem End einen Sammelplatz bestimmen müssen? Wer führet sie, oder wer weiset ihnen den Weg, oder leihet ihr Menschen vielleicht ihnen euern Seekompaß, damit sie unterwegs nicht irrfahren? Nein, ihr lieben Leut, sie wissen den Weg ohne euch, und wie lang sie darauf müssen wandern, auch wann sie von einem und dem andern Ort aufbrechen müssen; bedürfen also weder eures Kompasses noch eures Kalenders. Ferners beschauet die mühsame Spinn, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist! Sehet, ob ihr auch einen einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget? Welcher Jäger oder Fischer hat sie gelehret, wie sie ihr Netz ausspannen, und sich, je nachdem sie sich eines Netzes gebraucht, ihr Wildpret zu belaustern, entweder in den hintersten Winkel, oder gar in das Zentrum ihres Gewebs setzen solle? Ihr Menschen verwundert euch über den Raben, von welchem Plutarchus bezeugt, daß er so viel Stein in ein Geschirr, so halb voll Wasser gewesen, geworfen, bis das Wasser so weit oben gestanden, daß er bequemlich hab trinken mögen: Was würdet ihr erst tun, wenn ihr bei und unter den Tieren wohnen, und ihre übrigen Handlungen, Tun und Lassen ansehen und betrachten würdet; alsdann würdet ihr erst bekennen, daß es sich ansehen lasse, als hätten alle Tier etwas besonderer eigener natürlicher Kräfte und Tugenden in allen ihren Affectionibus und Gemütsneigungen, in der Vorsichtigkeit, Stärk, Mildigkeit, Furchtsamkeit, Rauheit, Lehr und Unterrichtung; es kennet je eines das ander, sie unterscheiden sich vor [134] einander, sie stellen dem nach, so ihnen nützlich, fliehen das schädlich, meiden die Gefahr, sammeln zusammen, was ihnen zu ihrer Nahrung notwendig ist, und betrügen auch bisweilen euch Menschen selbst. Dahero viel alte Philosophi solches ernstlich erwogen, und sich nicht geschämet haben zu fragen und zu disputieren, ob die unvernünftigen Tier nicht auch Verstand hätten? Ich mag aber nichts mehr von diesen Sachen reden, gehet hin zu den Immen, und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann sagt mir euer Meinung wieder.«

13. Kapitel
Das 13. Kapitel

Hält allerlei Sachen in sich, wer sie wissen will, muß es nur selbst lesen, oder sich lesen lassen


Hierauf fielen unterschiedliche Urteil über mich, die meines Herrn Tischgenossen gaben, der Secretarius hielt dafür, ich sei für närrisch zu halten, weil ich mich selbst für ein vernünftig Tier schätzte und dargebe, maßen diejenigen, so ein Sparren zu viel oder zu wenig hätten und sich jedoch weis zu sein dünkten, die aller-artlichsten oder visierlichsten Narren wären: Andere sagten, wenn man mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, oder mich überreden könnte, daß ich wieder zu einem Menschen worden wäre, so würde ich für vernünftig oder witzig genug zu halten sein. Mein Herr selbst sagte: »Ich halte ihn für einen Narrn, weil er jedem die Wahrheit so ungescheut sagt, hingegen sind seine Diskurse so beschaffen, daß solche keinem Narrn zustehen.« Und solches alles redeten sie auf Latein, damit ichs nicht verstehen sollte. Er fragte mich, ob ich studiert hätte, als ich noch ein Mensch gewesen? Ich wüßte nicht, was Studieren sei, war mein Antwort, »aber lieber Herr«, sagte ich weiters, »sag mir, was Studen für Dinger sein, damit man studieret? Nennest du vielleicht die Kegel so, damit man kegelt?« Hierauf antwortet' der tolle Fähnrich: »Wat wolts met deesem Kerl sin, hei hett den Tüfel in [135] Liff, hei ist beseeten, de Tüfel der kühret ut jehme.« Dahero nahm mein Herr Ursach, mich zu fragen, sintemal ich denn nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich andern Menschen, zu beten pflege, und in Himmel zu kommen getraue? »Freilich«, antwortet ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seel noch, die wird ja, wie du leichtlich gedenken kannst, nicht in die Höll begehren, vornehmlich weil mirs schon einmal so übel darinnen ergangen; Ich bin nur verändert, wie vor diesem Nabuchodonosor, und dürfte ich noch wohl zu seiner Zeit wieder zu einem Menschen werden.« »Das wünsche ich dir«, sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzer: daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihn eine Reu ankommen, weil er mich zu einem Narren zu machen unterstanden. »Aber laß hören«, fuhr er weiter fort, »wie pflegst du zu beten?« darauf kniet ich nieder, hob Augen und Hände auf gut einsiedlerisch gen Himmel, und weilen meines Herrn Reu, die ich gemerkt hatte, mir das Herz mit trefflichem Trost berührte, konnte ich auch die Tränen nicht enthalten, bat also dem äußerlichen Ansehen nach, mit höchster Andacht, nach gesprochenem Vaterunser, für alles Anliegen der Christenheit, für meine Freund und Feind, und daß mir Gott in dieser Zeitlichkeit also zu leben verleihen wolle, daß ich würdig werden möchte, ihn in ewiger Seligkeit zu loben; maßen mich mein Einsiedel ein solches Gebet mit andächtigen konzipierten Worten gelehret hat. Hiervon fingen etliche weichherzige Zuseher auch beinahe an zu weinen, weil sie ein trefflich Mitleiden mit mir trugen, ja meinem Herrn selbst standen die Augen voller Wasser.

Nach der Mahlzeit schickte mein Herr nach obgemeldtem Pfarrherrn, dem erzählte er alles, was ich vorgebracht hatte, und gab damit zu verstehen, daß er besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel mit unter der Decken läge, dieweil ich vor diesem ganz einfältig und unwissend mich erzeigt, nunmehr aber Sachen vorzubringen wisse, daß sich darüber zu verwundern! Der Pfarrer, dem meine Beschaffenheit am besten bekannt war, antwortet':[136] Man sollte solches bedacht haben, ehe man mich zum Narrn zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder Gottes, mit welchen, und bevorab mit so zarter Jugend, nicht wie mit Bestien zu scherzen sei; doch wolle er nimmermehr glauben, daß dem bösen Geist zugelassen worden, sich mit in das Spiel zu mischen, dieweil ich mich jederzeit durch inbrünstiges Gebet Gott befohlen gehabt, sollte ihm aber wider Verhoffen solches verhängt und zugelassen worden sein, so hätte mans bei Gott schwerlich zu verantworten, maßen ohne das beinahe keine größere Sünd sei, als wenn ein Mensch den andern seiner Vernunft berauben, und also dem Lob und Dienst Gottes, dazu er vornehmlich erschaffen worden, entziehen wollte: »Ich habe hiebefür Versicherung getan, daß er Witz genug gehabt; daß er sich aber in die Welt nicht schicken können, war die Ursach, daß er bei seinem Vater einem groben Bauren, und bei eurem Schwager in der Wildnis in aller Einfalt erzogen worden; hätte man sich anfänglich ein wenig mit ihm geduldet, so würde er sich mit der Zeit schon besser angelassen haben, es war eben ein fromm einfältig Kind, das die boshaftige Welt noch nicht kannte, doch zweifle ich gar nicht, daß er nicht wiederum zurechtzubringen sei, wenn man ihm nur die Einbildung benehmen kann, und ihn dahin bringt, daß er nicht mehr glaubt, er sei zum Kalb worden: Man lieset von einem, der hat festiglich geglaubt, er sei zu einem irdenen Krug worden, bat dahero die Seinigen, sie sollten ihn wohl in die Höhe stellen, damit er nicht zerstoßen würde; Ein anderer bildete sich nicht anders ein, als er sei ein Hahn, dieser krähete in seiner Krankheit Tag und Nacht; noch ein anderer vermeinte nicht anders, als er sei bereits gestorben, und wandere als ein Geist herum, wollte derowegen weder Arznei, noch Speis und Trank mehr zu sich nehmen, bis endlich ein kluger Arzt zween Kerl anstellete, die sich auch für Geister ausgaben, darneben aber tapfer zechten, sich zu jenem geselleten, und ihn überredeten, daß jetziger Zeit die Geister auch zu essen und zu trinken pflegten, wodurch er denn wieder zurechtgebracht worden. Ich habe selbsten einen kranken Bauren in meiner [137] Pfarr gehabt, als ich denselben besuchte, klagte er mir, daß er auf drei oder vier Ohm Wasser im Leib hätte, wenn solches von ihm wäre, so getraute er wohl wieder gesund zu werden, mit Bitt, ich wollte ihn entweder aufschneiden lassen, damit solches von ihm laufen könnte, oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe austrockne: Darauf sprach ich ihm zu, und überredet ihn, ich könnte das Wasser auf eine andere Manier wohl von ihm bringen, nahm demnach einen Hahn, wie man zu den Wein- oder Bierfässern braucht, band einen Darm daran, und das ander End band ich an den Zapfen eines Bauch-Zubers, den ich zu solchem End voll Wasser tragen lassen, stellete mich darauf, als wenn ich ihm den Hahn in Bauch steckte, welchen er überall mit Lumpen umwinden lassen, damit er nicht zerspringen sollte: Hierauf ließ ich das Wasser aus dem Zuber durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich erfreuet', nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich tat, und in wenig Tagen wieder allerdings zurechtkam. Auf solche Weis ist einem andern geholfen worden, der sich eingebildet, er habe allerhand Pferdgezeug, Zäum und sonst Sachen im Leib, demselben gab sein Doktor eine Purgation ein, und legte dergleichen Ding untern Nachtstuhl, also daß der Kerl glauben mußte, solches sei durch den Stuhlgang von ihm kommen. So sagt man auch von einem Phantasten, der geglaubt habe, seine Nas sei so lang, daß sie ihm bis auf den Boden reiche, dem habe man eine Wurst an die Nas gehängt, dieselbe nach und nach bis an die Nas selbst hinweggeschnitten, und als er das Messer an der Nas empfunden, hätte er geschrien, seine Nas sei jetzt wieder in rechter Form; kann also, wie diesen Personen, dem guten Simplicio wohl auch wieder geholfen werden.«

»Dieses alles glaubte ich wohl«, antwortet' mein Herr, »allein liegt mir an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nunmehr aber von Sachen zu sagen weiß, solche auch so perfekt dahererzählet, dergleichen man bei älteren, erfahrneren und belesneren Leuten, als er ist, nicht leichtlich finden wird; er hat mir viel Eigenschaften der Tier erzählt, und mein eigene Person so artlich beschrieben, als wenn er sein [138] Lebtag in der Welt gewesen, also daß ich mich darüber verwundern, und seine Reden beinahe für ein Orakel oder Warnung Gottes halten muß.«

»Herr«, antwortet' der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weis wohl sein, ich weiß, daß er wohl belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel gleichsam alle meine Bücher die ich gehabt, und deren zwar nicht wenig gewesen, durchgangen, und weil der Knab ein gut Gedächtnis hat, jetzo aber in seinem Gemüt müßig ist, und seiner eigenen Person vergißt, kann er gleich hervorbringen, was er hiebevor ins Hirn gefaßt; ich versehe mich auch, daß er mit der Zeit wieder zurechtzubringen sei.« Also setzt' der Pfarrer den Gubernator zwischen Furcht und Hoffnung, er verantwortet' mich und mein Sach auf das beste, und bracht mir gute Tag, sich selbst aber ein Zutritt bei meinem Herrn zuwege. Ihr endlicher Schluß war, man sollte noch ein Zeitlang mit mir zusehen; und solches tat der Pfarrer mehr um seines als meines Nutzens wegen, denn mit diesem, daß er so ab- und zuging, und sich stellet', als wenn er meinethalben sich bemühet', und große Sorg trüg, überkam er des Gubernators Gunst, dahero gab ihm derselbige Dienst, und machte ihn bei der Garnison zum Kaplan, welches in so schwerer Zeit kein Geringes war, und ich ihm herzlich wohl gönnete.

14. Kapitel
Das 14. Kapitel

Was Simplicius ferner für ein edel Leben geführt, und wie ihn dessen die Kroaten beraubt, als sie ihn selbst raubten


Von dieser Zeit an besaß ich meines Herrn Gnad, Gunst und Lieb vollkommenlich, dessen ich mich wohl mit Wahrheit rühmen kann; nichts mangelt' mir zu meinem bessern Glück, als daß ich an meinem Kalbskleid zu viel, und an Jahren noch zu wenig hatte, wiewohl ich solches selbst nicht wußte; so wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihn solches noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte. Und demnach mein [139] Herr sah, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er mich solche lernen, und verdinget' mich zugleich einem vortrefflichen Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff, und ihn um soviel übertraf, weil ich besser als er darein singen konnte: Also dienete ich meinem Herrn zur Lust, Kurzweil, Ergötzung und Verwunderung. Alle Offizier erzeigten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehrten mich, und das Hausgesind neben den Soldaten wollten mir wohl, weil sie sahen, wie mir mein Herr gewogen war; einer schenkte mir hier, der ander dort, denn sie wußten, daß Schalksnarren oft bei ihren Herren mehr vermögen, als etwas Rechtschaffenes, und dahin hatten auch ihre Geschenk das Absehen, weil mir etliche darum gaben, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte, andere aber eben deswegen, daß ich ihretwegen solches tun sollte; Auf welche Weis ich ziemlich Geld zuwege brachte, welches ich mehrenteils dem Pfarrer wieder zusteckte, weil ich noch nicht wußte, wozu es nutzete. Und gleich wie mich niemand scheel ansehen durfte, also hatte ich auch von nirgends her keine Anfechtung, Sorg oder Bekümmernis; Alle meine Gedanken legte ich auf die Musik, und wie ich dem einen und dem andern seine Mängel artlich verweisen möchte; daher wuchs ich auf wie ein Narr im Zwiebel-Land, und meine Leibskräfte nahmen handgreiflich zu; man sah mir in Bälde an, daß ich mich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Buchen, Wurzeln und Krautern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bißlein der rheinische Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug, welches in so elender Zeit für ein große Gnad von Gott zu schätzen war, denn damals stand ganz Teutschland in völligen Kriegsflammen, Hunger und Pestilenz, und Hanau selbst war mit Feinden umlagert, welches alles mich im geringsten nicht kränken konnte. Nach aufgeschlagner Belagerung nahm sich mein Herr vor, mich entweder dem Kardinal Richelieu oder Herzog Bernhard von Weimar zu schenken, denn ohne daß er hoffte einen großen Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß ihm schier ohnmöglich wäre, länger zu ertragen, weil ich ihm seiner verlornen Schwester Gestalt, der ich je [140] länger je ähnlicher würde, in so närrischem Habit täglich vor Augen stellte; solches widerriet ihm der Pfarrer, denn er hielt dafür, die Zeit wäre kommen, in welcher er ein Mirakel tun und mich wieder zu einem vernünftigen Menschen machen wollte; gab demnach dem Gubernator den Rat, er sollte ein paar Kalbfell bereiten, und solche andern Knaben antun lassen, hernach ein dritte Person bestellen, die in Gestalt eines Arzts, Propheten oder Landfahrers, mich und bemeldte zween Knaben mit seltsamen Zeremonien ausziehe, und vorwenden, daß er aus Tieren Menschen, und aus Menschen Tiere machen könnte, auf solche Weis könnte ich wohl wieder zurechtgebracht, und mir ohne sonderliche große Mühe eingebildet werden, ich sei wie andere mehr wieder zu einem Menschen worden: Als sich der Gubernator solchen Vorschlag belieben ließ, kommuniziert' mir der Pfarrer, was er mit meinem Herrn abgeredt hätte, und überredet' mich leicht, daß ich meinen Willen darein gab. Aber das neidige Glück wollte mich so leichtlich aus meinem Narrnkleid nicht schliefen, noch mich das herrliche gute Leben länger genießen lassen; denn indem als Gerber und Schneider mit den Kleidern um gingen, die zu dieser Comoedia gehörten, terminierte ich mit etlich andern Knaben vor der Festung auf dem Eis herum; da führt', ich weiß nicht wer, ohnversehens eine Partei Kroaten daher, die uns miteinander anpackten, auf etliche leere Baurenpferd setzten, die sie erst gestohlen hatten, und miteinander davonführten. Zwar standen sie erstlich im Zweifel, ob sie mich mitnehmen wollten oder nicht? bis endlich einer auf böhmisch sagte: »Mih weme doho blasna sebao, bo wedeme ho gbabo Obersto vi.« Dem antwort ein anderer: »Prschis ambambo ano, mi ho nagonie possadeime, wan rosumi niemezki, won bude mit kratock ville sebao.« Also mußte ich zu Pferd, und innewerden, daß einen ein einzig unglückliches Stündlein aller Wohlfahrt entsetzen, und von allem Glück und Heil dermaßen entfernen kann, daß es einem sein Lebtag nachgehet.

15. Kapitel
[141] Das 15. Kapitel

Simplicii Reiter-Leben, und was er bei den Kroaten gesehen und erfahren


Ob nun zwar die Hanauer gleich Lärmen hatten, sich zu Pferd herausließen, und die Kroaten mit einem Scharmützel etwas aufhielten und bekümmerten, so mochten sie ihnen jedoch nichts abgewinnen, denn diese leichte War ging sehr vorteilhaftig durch, und nahm ihren Weg auf Büdingen zu, allwo sie fütterten, und den Bürgern daselbst die gefangenen hanauischen reichen Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch ihre gestohlenen Pferd und andere War verkauften, von dannen brachen sie wieder auf, schier ehe es recht Nacht, geschweige wieder Tag worden, gingen schnell durch den Büdinger Wald dem Stift Fulda zu, und nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten, das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im geringsten nichts, denn sie konntens machen wie der Teufel, von welchem man zu sagen pflegt, daß er zugleich laufe und (s.v.) hofiere, und doch nichts am Wege versäume; maßen wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier hatten, mit einer großen Beut ankamen, das wurde alles partiert, ich aber wurde dem Obrist Corpes zu teil.

Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor, die hanauischen Schlecker-Bißlein hatten sich in schwarzes grobes Brot, und mager Rindfleisch, oder wenns wohl abging, in ein Stück gestohlnen Speck verändert; Wein und Bier war mir zu Wasser worden, und ich mußte anstatt des Betts bei den Pferden in der Streu vorliebnehmen; für das Lautenschlagen, das sonst jedermann belustiget, mußte ich zuzeiten, gleich andern Jungen, untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen, und mich mit Sporen stechen lassen, welches mir ein schlechter Spaß war; für das hanauische Spazierengehen durfte ich mit auf Fourage reiten, Pferd striegeln, und denselben ausmisten; das Fouragiern aber ist nichts anders, als daß man mit großer Mühe [142] und Arbeit, auch oft nicht ohne Leib- und Lebensgefahr hinaus auf die Dörfer schweifet, drischt, mahlt, backt, stiehlt und nimmt was man findt, trillt und verdirbt die Bauren, ja schändet wohl gar ihre Mägd, Weiber und Töchter! Und wenn den armen Baurn das Ding nicht gefallen will, oder sie sich etwa erkühnen dürfen, einen oder den andern Fouragierer über solcher Arbeit auf die Finger zu klopfen, wie es denn damals dergleichen Gäst in Hessen viel gab, so hauet man sie nieder, wenn man sie hat, oder schicket aufs wenigste ihre Häuser im Rauch gen Himmel. Mein Herr hatte kein Weib (wie denn diese Art Krieger keine Weiber mitzuführen pflegen), keinen Pagen, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen Reitknecht und Jungen, welche ihm und den Pferden zugleich abwarteten, und schämte er sich selbst nicht, ein Roß zu satteln, oder demselben Futter vorzuschütten; er schlief allezeit auf Stroh, oder auf der bloßen Erd, und bedeckte sich mit seinem Pelzrock, daher sah man oft die Müllerflöhe auf seinen Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämet', sondern noch dazu lachte, wenn ihm jemand eine herablas; er trug kurze Haupthaar und einen breiten Schweizerbart, welches ihm wohl zu statten kam, weil er sich selbst in Baurenkleider zu verstellen, und darin auf Kundschaft auszugehen pflegte. Wiewohl er nun, wie gehöret, keine Grandezza speiset', so wurde er jedoch von den Seinen und andern die ihn kannten, geehrt, geliebt und gefürchtet; Wir waren niemals ruhig, sondern bald hier, bald dort; bald fielen wir ein, und bald wurde uns eingefallen, so gar war keine Ruhe da, der Hessen Macht zu ringern, hingegen feiret' uns Melander auch nicht, als welcher uns manchen Reuter abjagte, und nach Kassel schickte.

Dieses unruhige Leben schmeckte mir ganz nicht, dahero wünscht ich mich oft vergeblich wieder nach Hanau; mein größtes Kreuz war, daß ich mit den Burschen nicht reden konnte, und mich gleichsam von jedwedem hin und wieder stoßen, plagen, schlagen und jagen lassen mußte; die größte Kurzweil, die mein Obrister mit mir hatte, war, daß ich ihm auf teutsch singen, und wie andere Reuterjungen aufblasen [143] mußte, so zwar selten geschah, doch kriegte ich alsdann solche dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft hernach ging, und ich lang genug daran hatte; zuletzt fing ich an, mich des Kochens zu unterwinden, und meinem Herrn das Gewehr, darauf er viel hielt, sauber zu halten, weil ich ohne das auf Fourage zu reiten noch nichts nutz war, das schlug mir so trefflich zu, daß ich endlich meines Herrn Gunst erwarb, maßen er mir wieder aus Kalbfellen ein neu Narrenkleid machen lassen, mit viel größern Eselsohren, als ich zuvor getragen; und weil meines Herrn Mund nicht ekelicht war, bedurft ich zu meiner Kochkunst desto weniger Geschicklichkeit; demnach mirs aber zum öftern an Salz, Schmalz und Gewürz mangelte, wurde ich meines Handwerks auch müd, trachtet derowegen Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier ausreißen möchte, vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlangt hatte. Als ich nun solches ins Werk setzen wollte, nahm ich mich an, die Schaf- und Kuhkutteln, deren es voll um unser Quartier lag, ferne hinwegzuschleifen, damit solche kein so üblen Geruch mehr machten; solches ließ sich der Obriste gefallen, als ich nun damit umging, blieb ich, da es dunkel ward, zu letzt gar aus, und entwischt in den nächsten Wald.

16. Kapitel
Das 16. Kapitel

Simplicius erschnappet ein gute Beut, und wird darauf ein diebischer Waldbruder


Mein Handel und Wesen wurde aber allem Ansehen nach je länger je ärger, ja so schlimm, daß ich mir einbildete, ich sei nur zum Unglück geboren, denn ich war wenig Stunden von den Kroaten hinweg, da erhascheten mich etliche Schnapphahnen, diese vermeinten ohn Zweifel, etwas Rechts an mir gefangen zu haben, weil sie bei finsterer Nacht mein närrisch Kleid nicht sahen, und mich gleich durch zween aus ihnen an einen gewissen Ort in Wald hineinführen lassen; Als mich diese dahin brachten, und es [144] zugleich stockfinster wurde, wollte der Kerl kurzum Geld von mir haben, zu solchem End legte er seine Handschuh samt dem Feurrohr nieder, und fing an mich zu visitieren, fragend: »Wer bist du? hast du Geld?« Sobald er aber mein haarig Kleid, und die langen Eselsohren an meiner Kappe (die er für Hörner gehalten) begriff, und zugleich die hellscheinenden Funken (welche gemeiniglich der Tiere Häut sehen lassen, wenn man sie in der Finstere streichet) gewahr wurde, erschrak er, daß er ineinander fuhr; solches merkete ich gleich, derowegen striegelt ich, ehe er sich wieder erholen oder etwas besinnen konnte, mein Kleid mit beiden Händen dermaßen, daß es schimmerte, als wenn ich inwendig voller brennendem Schwefel gesteckt wäre, und antwortet ihm mit erschrecklicher Stimm: »Der Teufel bin ich, und will dir und deinem Gesellen die Häls umdrehen!« Welches diese zween also erschreckte, daß sie sich alle beide durch Stöck und Stauden so geschwind davontrolleten, als wenn sie das höllisch Feuer gejagt hätte. Die finstere Nacht konnte ihren schnellen Lauf nicht hindern, und ob sie gleich oft an Stöck, Stein, Stämm und Bäum liefen, und noch öfter zuhaufen fielen, rafften sie sich doch geschwind wieder auf, solches trieben sie, bis ich keinen mehr hören konnte; ich aber lachte unterdessen so schrecklich, daß es im ganzen Wald erschallete, welches ohne Zweifel in einer solchen finstern Einöde fürchterlich anzuhören war.

Als ich mich nun abwegs machen wollte, strauchelt ich über das Feuerrohr, das nahm ich zu mir, weil ich bereits mit dem Geschoß umzugehen bei den Kroaten gelernet hatte; da ich weiterschritt, stieß ich auch an einen Knappsack, welcher gleich meinem Kleid von Kalbfellen gemacht war, ich hob ihn ebenmäßig auf, und fand, daß eine Patrontasche mit Pulver, Blei und aller Zugehör wohl versehen unten daran hing. Ich hängte alles an mich, nahm das Rohr auf die Achsel wie ein Soldat, und verbarg mich ohnweit davon in einen dicken Busch, der Meinung, daselbst ein Weil zu schlafen: Aber sobald der Tag anbrach, kam die ganze Partei auf vorbenannten Platz, und suchten das verlorne [145] Feurrohr samt dem Knappsack, ich spitzte die Ohren wie ein Fuchs, und hielt mich stiller als eine Maus, wie sie aber nichts fanden, verlachten sie die zween, so von mir entflohen waren: »Pfui ihr feigen Tropfen«, sagten sie, »schämt euch ins Herz hinein, daß ihr euch von einem einzigen Kerl erschrecken, verjagen, und das Gewehr nehmen laßt!« Aber der eine schwur, der Teufel sollt ihn holen, wenns nicht der Teufel selbst gewesen sei, er hätte ja die Hörner und seine rauhe Haut wohl begriffen; der ander aber gehob sich gar übel, und sagte: »Es mag der Teufel oder sein Mutter gewesen sein, wenn ich nur meinen Ranzen wieder hätte.« Einer von ihnen, welchen ich für den Vornehmsten hielt, antwortet' diesem und sagte: »Was meinst du wohl, daß der Teufel mit deinem Ranzen und dem Feuerrohr machen wollte, ich dürfte mein Hals verwetten, wo nicht der Kerl, den ihr so schändlich entlaufen lassen, beide Stück mit sich genommen.« Diesem hielt ein anderer Widerpart und sagte, es könne auch wohl sein, daß seither etliche Bauren da gewesen wären, welche die Sachen gefunden und aufgehoben hätten, solchem wurde endlich von allen Beifall gegeben, und von der ganzen Partei festiglich geglaubt, daß sie den Teufel selbst unter Händen gehabt hätten, vornehmlich weil derjenige, so mich in der Finstere visitieren wollen, nicht allein solches mit grausamen Flüchen bekräftiget', sondern auch die rauhe funkelnde Haut und beide Hörner, als gewisse Wahrzeichen einer teuflischen Eigenschaft, gewaltig zu beschreiben und herauszustreichen wußte. Ich vermeine auch, wenn ich mich unversehens hätte wiederum sehen lassen, daß die ganze Partei entlaufen wäre.

Zuletzt, als sie lang genug gesucht und doch nichts funden hatten, nahmen sie ihren Weg weiters, ich aber machte den Ranzen auf zu frühestücken, und langte im ersten Griff einen Säckel heraus, in welchem dreihundert und etlich sechzig Dukaten waren. Ob ich nun hierüber erfreuet worden, bedarf zwar keines Fragens: Aber der Leser sei versichert, daß mich der Knappsack viel mehr erfreute, weil ich ihn mit Proviant so wohl versehen sah, als diese schöne [146] Summa Golds selbst. Und demnach dergleichen Gesellen bei den gemeinen Soldaten viel zu dünn gesäet zu sein pflegen, daß sie solche mit sich auf Partei schleppen sollten, also machte ich mir die Gedanken, der Kerl müsse dies Geld auf eben derselbigen Partei erst heimlich erschnappt, und geschwind zu sich in Ranzen geschoben haben, damit er solches mit den andern nicht partiern dürfe.

Hierauf zehrte ich fröhlich zu Morgen, fand auch bald ein lustig Brünnlein, bei welchem ich mich erquickte, und meine schönen Dukaten zählete. Wenn mirs allbereit das Leben gälte, ich sollte anzeigen, in welchem Land oder Gegend ich mich damals befunden, so könnte ichs nicht; ich blieb anfangs so lang im Wald, als mein Proviant währte, mit welchem ich sparsam Haus hielt; als aber mein Ranzen leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurenhäuser, da kroch ich bei Nacht in Keller und Küchen, und nahm von Essenspeis, was ich fand und tragen mochte, das schleppte ich mit mir in Wald, wo er am allerwildesten war, darinnen führte ich wieder überall ein einsiedlerisch Leben wie hiebevor, ohne daß ich sehr viel stahl, und desto weniger betete, auch keine stetige Wohnung hatte, sondern bald hie bald dort hin schweifte. Es kam mir trefflich wohl zustatten, daß es im Anfang des Sommers war, doch konnte ich auch mit meinem Rohr Feuer machen, wenn ich wollte.

17. Kapitel
Das 17. Kapitel

Wie Simplicius zu den Hexen auf den Tanz gefahren


Unter währendem diesem meinem Umschweifen haben mich hin und wieder in den Wäldern unterschiedliche Baursleut angetroffen, sie sind aber allezeit vor mir geflohen, nicht weiß ich, wars die Ursach, daß sie ohnedas durch den Krieg scheu gemacht, verjagt, und niemals recht beständig zu Haus waren; oder ob die Schnapphahnen dasjenige Abenteur, so ihnen mit mir begegnet', in dem Land ausgesprengt haben? Also daß hernach diese, so mich [147] nachgehends gesehen, ingleichem geglaubt, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend umher, derowegen mußte ich sorgen, das Proviant möchte mir ausgehen, und ich dadurch endlich ins äußerste Verderben kommen, ich wollte denn wieder Wurzel und Kräuter essen, deren ich nicht mehr gewohnt war. In solchen Gedanken hörte ich zween Holzhauer, so mich höchlich erfreute, ich ging dem Schlag nach, und als ich sie sah, nahm ich ein Handvoll Dukaten aus meinem Säckel, schlich nahe zu ihnen, zeigte ihnen das anziehende Gold, und sagte: »Ihr Herrn, wenn ihr meiner wartet, so will ich euch die Handvoll Gold schenken.« Aber sobald sie mich und mein Gold sahen, ebenso bald gaben sie auch Fersengeld, und ließen Schlegel und Keil, samt ihrem Käs und Brotsack liegen, mit solchem versah ich meinen Ranzen wieder, verschlug mich in den Wald, und verzweifelte schier, mein Lebtag wieder einmal zu Menschen zu kommen.

Nach langem Hin- und Hersinnen gedacht ich: Wer weiß wie dirs noch gehet, hast du doch Geld, und wenn du solches zu guten Leuten in Sicherheit bringest, so kannst du ziemlich lang wohl darum leben; Also fiel mir ein, ich sollt's einnähen, derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren, welche die Leut so flüchtig machten, zwei Armbänder, gesellet meine hanauischen zu den schnapphahnischen Dukaten, tat solche in besagte Armbänder wohl arrestieren, und oberhalb der Ellenbogen um meine Arm binden. Wie ich nun meinen Schatz dergestalt versichert hatte, fuhr ich den Bauren wieder ein, und holte von ihrem Vorrat was ich bedurfte und erschnappen konnte, und wiewohl ich noch einfältig gewesen, so war ich jedoch so schlau, daß ich niemal, wo ich einst einen Particul geholt, wieder an denselbig Ort kam, dahero war ich sehr glückselig im Stehlen, und wurde niemals auf der Mauserei ertappt.

Einsmals zu End des Mai, als ich abermal durch mein gewöhnlich, obzwar verbotenes Mittel meine Nahrung holen wollte, und zu dem Ende zu einem Baurnhof gestrichen war, kam ich in die Küchen, merkte aber bald, daß noch Leut auf waren (Nota, wo sich Hund befanden, da [148] kam ich wohl nicht hin), derowegen sperrete ich die eine Küchentür, die in Hof ging, angelweit auf, damit wenn es etwa Gefahr setzte, ich stracks ausreißen könnte; blieb also mausstill sitzen, bis ich erwarten mochte, daß sich die Leut niedergelegt hätten: Unterdessen nahm ich eines Spalts gewahr, den das Küchenschälterlein hatte, welches in die Stuben ging: ich schlich hinzu, zu sehen, ob die Leut nicht bald schlafen gehen wollten? aber meine Hoffnung war nichts, denn sie hatten sich erst angezogen und anstatt des Lichts eine schweflichte blaue Flamm auf der Bank stehen, bei welcher sie Stecken, Besen, Gabeln, Stühl und Bänk schmierten, und nacheinander damit zum Fenster hinaus flogen. Ich verwundert mich schrecklich, und empfand ein großes Grausen; weil ich aber größerer Erschrecklichkeiten gewohnt war, zumal mein Lebtag von den Unholden weder gelesen noch gehört hatte, achtet ichs nicht sonderlich, vornehmlich weil alles so still herging, sondern verfügte mich, nachdem alles davongefahren war, auch in die Stub, bedachte was ich mitnehmen, und wo ich solches suchen wollte, und setzte mich in solchen Gedanken auf eine Bank schrittlings nieder; Ich war aber kaum aufgesessen, da fuhr ich samt der Bank gleichsam augenblicklich zum Fenster hinaus, und ließ mein Ranzen und Feurrohr, so ich von mir gelegt hatte, für den Schmierberlohn und so künstliche Salbe dahinten. Das Aufsitzen, Davonfahren und Absteigen geschah gleichsam in einem Nu! denn ich kam, wie mich bedünkte, augenblicklich zu einer großen Schar Volks, es sei denn, daß ich aus Schrecken nicht geacht hab, wie lang ich auf dieser weiten Reis zugebracht; diese tanzten einen wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen, denn sie hatten sich bei den Händen gefaßt, und viel Ring ineinander gemacht, mit zusammgekehrten Rücken, wie man die drei Grazien abmalet, also daß sie die Angesichter herauswärts kehrten; der inner Ring bestand etwa in sieben oder acht Personen, der ander hatte wohl noch so viel, der dritte mehr als diese beiden, und so fortan, also daß sich in dem äußern Ring über zweihundert Personen befanden; und weil ein Ring oder Kreis um den andern [149] links, und die anderen rechts herum tanzten, konnte ich nicht sehen, wieviel sie solcher Ring gemacht, noch was sie in der Mitten, darum sie tanzten, stehen hatten. Es sah eben greulich seltsam aus, weil die Köpf so possierlich durcheinander haspelten. Und gleichwie der Tanz seltsam war, also war auch ihre Musik, auch sang, wie ich vermeinte, ein jeder am Tanz selber drein, welches ein wunderliche Harmoniam abgab; meine Bank die mich hintrug, ließ sich bei den Spielleuten nieder, die außerhalb der Ringe um den Tanz herum standen, deren etliche hatten anstatt der Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien nichts anders als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie lustig daherpfiffen: Etliche hatten Katzen, denen sie in Hintern bliesen, und auf dem Schwanz fingerten, das lautet' den Sackpfeifen gleich: Andere geigeten auf Roßköpfen, wie auf dem besten Diskant, und aber andere schlugen die Harfe auf einem Kuhgerippe, wie solche auf dem Wasen liegen; so war auch einer vorhanden, der hatte eine Hündin unterm Arm, der leiert' er am Schwanz und fingert' ihr an den Dütten, darunter trompeteten die Teufel durch die Nase, daß es im ganzen Wald erschallete, und wie dieser Tanz bald aus war, fing die ganze höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen, zu heulen, zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll und töricht gewesen wären. Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Furcht ich gesteckt.

In diesem Lärmen kam ein Kerl auf mich dar, der hatte ein ungeheure Krott unterm Arm, gern so groß als eine Heerpauke, der waren die Därm aus dem Hintern gezogen, und wieder zum Maul hineingeschoppt, welches so garstig aussah, daß mich darob kotzerte: »Sieh hin Simplici«, sagte er, »ich weiß, daß du ein guter Lautenist bist, laß uns doch ein fein Stückchen hören.« Ich erschrak, daß ich schier umfiel, weil mich der Kerl mit Namen nannte, und in solchem Schrecken verstummte ich gar, und bildete mir ein, ich läge in einem so schweren Traum, bat derowegen innerlich im Herzen, daß ich doch erwachen möchte, der mit der Krott aber, den ich steif ansah, zog seine Nasen aus und ein, wie [150] ein kalekutscher Hahn, und stieß mich endlich auf die Brust, daß ich bald davon erstickte; derowegen fing ich an überlaut zu Gott zu rufen, da verschwand das ganze Heer. In einem Hui wurde es stockfinster, und mir so fürchterlich ums Herz, daß ich zu Boden fiel, und wohl hundert Kreuz vor mich machte.

18. Kapitel
Das 18. Kapitel

Warum man Simplicio nicht zutrauen soll, daß er sich des großen Messers bediene


Demnach es etliche und zwar auch vornehme gelehrte Leut darunter gibt, die nicht glauben, daß Hexen oder Unholden seien, geschweige daß sie in der Luft hin und wider fahren sollten; also zweifele ich nicht, es werden sich etliche finden, die sagen werden, Simplicius schneide hier mit dem großen Messer auf: Mit denselben begehre ich nun nicht zu fechten, denn weil Aufschneiden keine Kunst, sondern jetziger Zeit fast das gemeineste Handwerk ist, also kann ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte, denn ich müßte ja sonst wohl ein schlechter Tropf sein. Welche aber der Hexen Ausfahren verneinen, die stellen sich nur Simonem den Zauberer vor, welcher vom bösen Geist in die Luft erhoben wurde, und auf S. Petri Gebet wieder herunter gefallen. Nicolaus Remigius, welcher ein tapferer, gelehrter und verständiger Mann gewesen, und im Herzogtum Lothringen nicht nur ein halb Dutzend Hexen verbrennen lassen, erzählet von Johanne von Hembach, daß ihn seine Mutter, die eine Hex war, im sechzehnten Jahr seines Alters mit sich auf ihre Versammlung genommen, daß er ihnen, weil er hatte lernen pfeifen, beim Tanz aufspielen sollte; zu solchem End stieg er auf einen Baum, pfiff daher, und siehet dem Tanz mit Fleiß zu (vielleicht weil ihm alles so wunderlich vorkam). Endlich spricht er: »Behüt lieber Gott, woher kommt so viel närrisch und unsinniges Gesind?« Er hatte aber kaum diese Wort ausgesagt, so fiel er vom Baum herab, [151] verrenkt' eine Schulter, und rief ihnen um Hilf zu, aber da war niemand als er; Wie er dieses nachmals ruchbar machte, hieltens die meisten für ein Fabel, bis man kurz hernach Catharinam Praevotiam Zauberei halber fing, welche auch bei selbigem Tanz gewesen, die bekannte alles wie es hergangen, wiewohl sie von dem gemeinen Geschrei nichts wußte, das Hembach ausgesprengt hatte. Majolus setzet zwei Exempel, von einem Knecht, so sich an sein Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen genommen, sich mit deren Salben geschmiert, und also beide zu der Zauberer Zusammenkunft kommen sind. So sagt man auch von einem Knecht, der frühe aufgestanden, und den Wagen geschmiert, weil er aber die unrechte Büchs in der Finstere ertappt, hat sich der Wagen in die Luft erhoben, also daß man ihn wieder herabziehen müssen. Olaus Magnus erzählet in lib. 3 Hist. de gentibus Septentrional. 1. cap. 19, daß Hadingus König in Dänemark wieder in sein Königreich, woraus er durch etliche Aufrührer vertrieben worden, fern über das Meer auf des Othini Geist durch die Luft gefahren, welcher sich in ein Pferd verstellt hätte. So ist auch mehr als genugsam bekannt, wasgestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen lassen. Was Torquemadius in seinem Hexamerone von seinem Schulgesellen erzählt, mag bei ihm gelesen werden. Ghirlandus schreibet auch von einem vornehmen Mann, welcher als er gemerkt, daß sich sein Weib salbe, und darauf aus dem Haus fahre, habe er sie einsmals gezwungen, ihn mit sich auf der Zauberer Zusammenkunft zu nehmen; Als sie daselbst aßen, und kein Salz vorhanden war, habe er dessen begehrt, mit großer Mühe auch erhalten, und darauf gesagt: ›Gott sei gelobt, jetzt kommt das Salz!' Darauf die Lichter erloschen, und alles verschwunden. Als es nun Tag worden, hat er von den Hirten verstanden, daß er nahend der Stadt Benevento, im Königreich Neapolis, und also wohl hundert Meil von seiner Heimat sei; Derowegen ob er wohl reich gewesen, habe er doch nach Haus betteln müssen, und als er heimkam, gab er alsbald sein [152] Weib für eine Zauberin bei der Obrigkeit an, welche auch verbrannt worden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl keine Zauberer waren, durch die Luft von einem Ort zum andern gefahren, ist aus seiner Histori genugsam bekannt. So hab ich selbst auch eine Frau und eine Magd gekannt, sind aber, als ich dieses schreibe, beide tot, wiewohl der Magd Vater noch im Leben; diese Magd schmierte einsmals auf dem Herd beim Feuer ihrer Frauen die Schuh, und als sie mit einem fertig war, und solchen beiseit setzte, den andern auch zu schmieren, fuhr der geschmierte ohnversehens zum Kamin hinaus; diese Geschicht ist aber vertuscht geblieben. Solches alles melde ich nur darum, damit man eigentlich dafürhalte, daß die Zauberinnen und Hexenmeister zu Zeiten leibhaftig auf ihre Versammlungen fahren, und nicht deswegen, daß man mir eben glauben müsse, ich sei wie ich gemeldt hab, auch so dahin gefahren, denn es gilt mir gleich, es mags einer glauben oder nicht, und wers nicht glauben will, der mag einen andern Weg ersinnen, auf welchem ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda (denn ich weiß selbst nicht, wo ich in den Wäldern herumgeschweift hatte) in so kurzer Zeit ins Erzstift Magdeburg marschiert sei.

19. Kapitel
Das 19. Kapitel

Simplicius wird wieder ein Narr, wie er zuvor einer gewesen


Ich fang meine Histori wieder an, und versichere den Leser, daß ich auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich nicht das Herz hatte, mich aufzurichten; zudem zweifelt ich noch, ob mir die erzählten Sachen geträumt hätten, oder nicht? und ob ich zwar in ziemlichen Ängsten stak, so war ich doch so kühn zu entschlafen, weil ich gedachte, ich könnte an keinem ärgern Ort, als in einem wilden Wald liegen, in welchem ich die meiste Zeit, seit ich von meinem Knan war, zubracht, und dahero derselben ziemlich gewohnt hatte. Ungefähr um [153] neun Uhr vormittag war es, als etliche Fouragierer kamen, die mich aufweckten, da sah ich erst, daß ich mitten im freien Feld war; diese nahmen mich mit sich zu etlichen Windmühlen, und nachdem sie ihre Früchte allda gemahlen hatten, folgends in das Lager vor Magdeburg, allda ich einem Obristen zu Fuß zuteil ward, der fragte mich, wo ich herkäme, und was für einem Herrn ich zugehörig wäre? Ich erzählte alles haarklein, und weil ich die Kroaten nicht nennen konnte, beschrieb ich ihre Kleidungen, und gab Gleichnisse von ihrer Sprach, auch daß ich von denselben Leuten gelaufen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich still, und was ich von meiner Luftfahrt und dem Hexentanz erzählete, das hielt man für Einfäll und Narrenteidungen, vornehmlich weil ich auch sonst in meinem Diskurs das Tausend ins Hunderte warf: Indessen sammelte sich ein Haufen Volks um mich her (denn ein Narr machet tausend Narren), unter denselben war einer, so das vorig Jahr in Hanau gefangen gewesen, und allda Dienst angenommen hatte, folgends aber wieder unter die Kaiserlichen kommen war; dieser kannte mich und sagte gleich: »Hoho, dies ist des Kommandanten Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn meinetwegen mehrere Umständ, der Kerl wußte aber nichts weiters von mir, als daß ich wohl auf der Lauten schlagen könnte, item daß mich die Kroaten von des Obrist Corpes Regiment zu Hanau vor der Festung hinweggenommen hätten, sodann, daß mich besagter Kommandant ungern verloren, weil ich gar ein artlicher Narr wäre. Hierauf schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die ziemlich wohl auf der Lauten konnte, und deswegen stetig eine nachführte, die ließ sie um ihre Lauten bitten, solche kam, und wurde mir präsentiert, mit Befehl, ich sollte eins hören lassen; Aber meine Meinung war, man sollte mir zuvor etwas zu essen geben, weil ein leerer und ein dicker Bauch, wie die Laut einen hatte, nicht wohl zusammenstimmen würden; Solches geschah, und demnach ich mich ziemlich bekröpft und zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier verschlucket hatte, ließ ich beides mit der Lauten und meiner Stimme hören was ich konnte, daneben redete ich allerlei [154] untereinander, wie mirs einfiel, so daß ich mit geringer Mühe die Leut dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellte. Der Obriste fragte mich, wo ich weiters hin wollte? und da ich antwortet, daß es mir gleich gelte, wurden wir des Handels eins, daß ich bei ihm bleiben und sein Hofjunker sein sollte. Er wollte auch wissen, wo meine Eselsohren hinkommen wären? »Ja«, sagte ich, »wenn du wüßtest, wo sie wären, so würden sie dir nicht übel anstehen.« Aber ich konnte wohl verschweigen, was sie vermochten, weil all mein Reichtum darin lagen.

Ich wurde in kurzer Zeit beiden meisten hohen Offiziern, sowohl im kursächsischen als kaiserlichen Lager bekannt, sonderlich bei dem Frauenzimmer, welches meine Kappe, Ärmel und abgestutzten Ohren überall mit seidenen Banden zierte, von allerhand Farben, so daß ich schier glaube, daß etliche Stutzer die jetzige Mode davon abgesehen. Was mir aber von den Offizierern an Geld geschenkt wurde, das teilte ich wieder mildiglich mit, denn ich verspendierte alles bei einem Heller, indem ichs mit guten Gesellen in Hamburger und Zerbster Bier, welche Gattungen mir trefflich wohl zuschlugen, versoff; unangesehen ich an allen Orten, wo ich nur hinkam, genug zu schmarotzen hatte.

Als mein Obrister aber ein eigene Lauten für mich überkam, denn er gedachte ewig an mir zu haben, da durft ich nicht mehr in den beiden Lagern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen Hofmeister dar, der mich beobachten, und dem ich hingegen gehorsamen sollte: Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, denn er war still, verständig, wohlgelehrt, von guter, aber nicht überflüssiger Konversation, und was das Größte gewesen, überaus gottsfürchtig, wohl belesen, und voll allerhand Wissenschaften und Künsten; bei ihm mußte ich des Nachts in seinem Zelt schlafen, und bei Tag durft ich ihm auch nicht aus den Augen, er war eines vornehmen Fürsten Rat und Beamter, zumal auch sehr reich gewesen, weil er aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden, zumaln auch sein Weib mit Tod abgangen, und sein einziger Sohn Armut [155] halber nicht mehr studieren konnte, sondern unter der kursächsischen Armee für einen Musterschreiber dienete, hielt er sich bei diesem Obristen auf, und ließ sich für einen Stallmeister gebrauchen, um zu verharren, bis die gefährlichen Kriegsläufte am Elb-Strom sich änderten, und ihm alsdann die Sonne seines vorigen Glücks wieder scheinen möchte.

20. Kapitel
Das 20. Kapitel

Ist ziemlich lang, und handelt vom Spielen mit Würfeln, und was dem anhängig


Weil mein Hofmeister mehr alt als jung war, also konnte er auch die ganze Nacht nicht durchgehend schlafen, solches war ein Ursach, daß er mir in der ersten Wochen hinter die Brief kam, und ausdrücklich vernahm, daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete: wie er denn zuvor auch etwas gemerkt, und von mir aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er sich wohl auf die Physiognomiam verstand. Ich erwachte einsmals um Mitternacht, und machte über mein eigen Leben und seltsame Begegnisse allerlei Gedanken, stand auch auf, und erzählte danksagungsweis alle Guttaten, die mir mein lieber Gott erwiesen, und alle Gefahren, aus welchen er mich errettet; legte mich hernach wieder nieder mit schweren Seufzern, und schlief vollends aus.

Mein Hofmeister hörete alles, tat aber, als wenn er hart schlief, und solches geschah etliche Nächt nacheinander, also daß er sich genugsam versichert hielt, daß ich mehr Verstand hätte, als mancher Betagte, der sich viel einbilde; doch redet' er nichts mit mir im Zelt hiervon, weil es zu dünne Wänd hatte, und er gewisser Ursachen halber nicht haben wollte, daß noch zur Zeit, und ehe er meiner Unschuld versichert wäre, jemand anders dieses Geheimnis wüßte. Einsmals ging ich hinter das Lager spazieren, welches er gern geschehen ließ, damit er Ursach hätte mich zu suchen, und also die Gelegenheit bekäme, allein mit mir zu[156] reden: Er fand mich nach Wunsch an einem einsamen Ort, da ich meinen Gedanken Audienz gab, und sagte: »Lieber guter Freund, weil ich dein Bestes zu suchen unterstehe, erfreue ich mich, daß ich hier allein mit dir reden kann; Ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du dich stellest, zumalen auch in diesem elenden und verächtlichen Stand nicht zu leben begehrest. Wenn dir nun deine Wohlfahrt lieb ist, auch zu mir als einem ehrlichen Mann dein Vertrauen setzen willst, so kannst du mir deiner Sachen Bewandtnis erzählen, so will ich hingegen, wo möglich, mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir etwa zu helfen sein möchte, damit du aus deinem Narrnkleid kommest.«

Hierauf fiel ich ihm um den Hals, und erzeigte mich vor übriger Freude nicht anders, als wenn er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner Narrnkapp zu erlösen; und nachdem wir uns auf die Erde gesetzt hatten, erzählte ich ihm mein ganzes Leben, er beschaute meine Händ, und verwundert' sich beides über die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle; Wollte mir aber durchaus nicht raten, daß ich in Bälde mein Narrnkleid ablegen sollte, weil er, wie er sagte, vermittelst der Chiromantia sah, daß mir mein fatum ein Gefängnis androhe, das Leib- und Lebensgefahr mit sich brächte. Ich bedankte mich seiner guten Neigung und mitgeteilten Rats, und bat Gott, daß er ihm seine Treuherzigkeit belohnen, ihn selber aber, daß er (weil ich von aller Welt verlassen wäre) mein getreuer Freund und Vater sein und bleiben wollte.

Demnach standen wir auf, und kamen auf den Spielplatz, da man mit Würfeln turnieret', und alle Schwür mit hunderttausend mal tausend Galleen, Rennschifflein, Tonnen und Stadtgräben voll usw. herausfluchte; der Platz war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln überstreut, und mit Tischen bestellt, die alle mit Spielern umgeben waren; Jede Gesellschaft hatte drei viereckigte Schelmenbeiner, denen sie ihr Glück vertrauten, weil sie ihr Geld teilen, und solches dem einen geben, dem andern aber nehmen mußten: So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer (Scholderer wollte ich sagen, und hätte [157] doch schier Schinder gesagt), dieses Amt war, daß sie Richter sein, und zusehen sollten, daß keinem Unrecht geschehe; sie liehen auch Mäntel, Tisch und Würfel her, und wußten deswegen ihr Gebühr so wohl vom Gewinn einzunehmen, daß sie gewöhnlich das meiste Geld erschnappten, doch faselt' es nicht, denn sie verspieltens gemeiniglich wieder, oder wenns gar wohl angelegt wurde, so bekams der Marketender, oder der Feldscherer, weil ihnen die Köpf oft gewaltig geflickt wurden.

An diesen närrischen Leuten sah man sein blaues Wunder, weil sie alle zu gewinnen vermeinten, welches doch unmöglich, sie hätten denn aus einer fremden Taschen gesetzt, und ob sie zwar alle diese Hoffnung hatten, so hieß es doch: Viel Köpf, viel Sinn, weil sich jeder Kopf nach seinem Glück sann, denn etliche trafen, etliche fehlten; etliche gewannen, etliche verspielten: Derowegen auch etliche fluchten, etliche donnerten; etliche betrogen, und andere wurden besäbelt. Dahero lachten die Gewinner, und die Verspieler bissen die Zähn aufeinander; teils verkauften Kleider, und was sie sonst lieb hatten, andere aber gewannen ihnen das Geld wieder ab; etliche begehrten redliche Würfel, andere hingegen wünschten falsche auf den Platz, und führten solche unvermerkt ein, die aber andere wieder hinwegwarfen, zerschlugen, und mit Zähnen zerbissen, und den Scholderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden sich Niederländer, welche man schleifend hineinrollen mußte, diese hatten so spitzige Rücken, darauf sie die Fünfer und Sechser trugen, als wie die mageren Esel darauf man die Soldaten setzt. Andere waren oberländisch, denselben mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man werfen wollte: Etliche waren von Hirschhorn, leicht oben und schwer unten gemacht: Andere waren mit Quecksilber oder Blei, und aber andere mit zerschnittenen Haaren, Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert; etliche hatten spitzige Eck, an andern waren solche gar hinweggeschliffen; teils waren lange Kolben, und teils sahen aus wie breite Schildkrotten. Und alle diese Gattungen waren auf nichts anders, als auf Betrug verfertigt, sie taten dasjenige, wozu [158] sie gemacht waren, man mochte sie gleich wippen oder sanft schleichen lassen, da half kein Knüpfen, geschweige jetzt derer, die entweder zween Fünfer oder zween Sechser, und im Gegenteil entweder zwei Eß oder zwei Daus hatten: Mit diesen Schelmenbeinern zwackten, laureten und stahlen sie einander ihr Geld ab, welches sie vielleicht auch geraubt, oder wenigst mit Leib- und Lebensgefahr, oder sonst saurer Mühe und Arbeit erobert hatten.

Als ich nun so da stand, und den Spielplatz samt den Spielern in ihrer Torheit betrachtet, sagte mein Hofmeister, wie mir das Wesen gefalle? Ich antwortet: »Daß man so greulich Gott lästert, gefällt mir nicht, im übrigen aber lasse ichs in seinem Wert und Unwert beruhen, als eine Sach die mir unbekannt ist, und auf welche ich mich noch nichts verstehe.« Hierauf sagte mein Hofmeister ferner: »So wisse, daß dieses der allerärgste und abscheulichste Ort im ganzen Lager ist, denn hier sucht man eines andern Geld, und verlieret das seinige darüber: Wenn einer nur einen Fuß hiehersetzt, in Meinung zu spielen, so hat er das zehente Gebot schon übertreten, welches will ›Du sollst deines Nächsten Gut nicht begehren!‹ Spielest du und gewinnest, sonderlich durch Betrug und falsche Würfel, so übertrittest du das siebent und achte Gebot: Ja es kann kommen, daß du auch zu einem Mörder an demjenigen wirst, dem du sein Geld abgewonnen hast, wenn nämlich dessen Verlust so groß ist, daß er darüber in Armut, in die äußerste Not und Desperation, oder sonst in andere abscheuliche Laster gerät, dafür die Ausred nichts hilft, wenn du sagst: Ich hab das Meinig darangesetzt, und redlich gewonnen; denn du Schalk bist auf den Spielplatz gangen, der Meinung, mit eines andern Schaden reich zu werden: Verspielest du denn, so ists mit der Buß darum nicht ausgericht, daß du des Deinigen entbehren mußt, sondern du hasts, wie der reiche Mann, bei Gott schwerlich zu verantworten, daß du dasjenige so unnütz verschwendet, welches er dir zu dein und der Deinigen Lebensaufenthalt verliehen gehabt! Wer sich auf den Spielplatz begibt zu spielen, derselbe begibt sich in eine Gefahr, darinnen er nicht allein sein Geld, sondern auch [159] sein Leib, Leben, ja was das allerschrecklichste ist, sogar seiner Seelen Seligkeit verlieren kann. Ich sage dir dieses zur Nachricht, liebster Simplici, weil du vorgibst, das Spielen sei dir unbekannt, damit du dich all dein Lebenlang davor hüten sollest.«

Ich antwortet: »Liebster Herr, wenn denn das Spielen ein so schrecklich und gefährlich Ding ist, warum lassens dann die Vorgesetzten zu?« Mein Hofmeister antwortet' mir: »Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizier selbst mitmachen; sondern es geschieht deswegen, weil es die Soldaten nicht mehr lassen wollen, ja auch nicht lassen können, denn wer sich dem Spielen einmal ergeben, oder welchen die Gewohnheit, oder vielmehr der Spielteufel eingenommen, der wird nach und nach (er gewinne oder verspiele) so erpicht darauf, daß ers weniger lassen kann, als den natürlichen Schlaf; wie man denn siehet, daß etliche die ganze Nacht durch und durch rasseln, und für das beste Essen und Trinken hinein spielen, und sollten sie auch ohne Hemd davongehen: Das Spielen ist bereits zu unterschiedlichen Malen bei Leib- und Lebensstraf verboten und aus Befehl der Generalität durch Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknecht mit gewaffneter Hand öffentlich und mit Gewalt verwehret worden; Aber das half alles nichts, denn die Spieler kamen anderwärts in heimlichen Winkeln und hinter den Hecken zusammen, gewannen einander das Geld ab, entzweiten sich, und brachen einander die Häls darüber: Also daß man solcher Mord- und Todschläg halber und vornehmlich auch, weil mancher sein Gewehr und Pferd, ja sogar sein weniges Kommißbrot verspielte, das Spielen nicht allein wieder öffentlich erlauben, sondern sogar diesen eigenen Platz dazu widmen mußte, damit die Hauptwacht bei der Hand wäre, die allem Unheil, so sich etwa ereignen möchte, vorkäme, welche doch nicht allezeit verhüten kann, daß nicht einer oder der ander auf dem Platz bleibt. Und weil das Spielen des leidigen Teufels eigene Invention ist, und ihm nicht wenig einträgt, also hat er auch absonderliche Spiel-Teufel geordnet, und in der Welt herumschwärmen, die sonst nichts zu tun haben, als die [160] Menschen zum Spielen anzureizen; diesen ergeben sich unterschiedliche leichtfertige Gesellen durch gewisse Pakte und Bündniss', daß er sie gewinnen lasse; und wird man doch unter zehntausend Spielern selten einen reichen finden, sondern sie sind gewöhnlich im Gegenteil arm und dürftig, weil ihr Gewinn leicht geschätzet, und dahero gleich entweder wieder verspielet oder sonst liederlich verschwendet wird. Hiervon ist das allzuwahre, aber sehr erbärmliche Sprichwort entsprungen: Der Teufel verlasse keinen Spieler, er lasse sie aber blutarm werden; denn er raubet ihnen Gut, Mut und Ehr, und verläßt sie alsdann nicht mehr, bis er sie endlich auch gar (Gottes unendliche Barmherzigkeit komme ihm denn zuvor) um ihrer Seelen Seligkeit bringt. Ist aber ein Spieler von Natur eines so lustigen Humors, und so großmütig, daß er durch kein Unglück oder Verlust zur Melancholei, Unmut und anderen hieraus entspringenden schädlichen Lastern gebracht werden mag, so läßt ihn der arglistige böse Feind deswegen tapfer gewinnen, damit er ihn durch Verschwendung, Hoffart, Fressen, Saufen, Huren und Buben endlich ins Netz bringe.«

Ich verkreuzigte und versegnete mich, daß man unter einem christlichen Heer solche Sachen üben ließ, die der Teufel erfunden sollt haben, sonderlich weil augenscheinlich und handgreiflich so viel zeitliche und ewige Schäden und Nachteil daraus folgeten; Aber mein Hofmeister sagte, das sei noch nichts was er mir erzählt hätte; wer alles Unheil beschreiben wollte, das aus dem Spielen entstünde, der nehme sich eine unmögliche Sach vor, weil man sagt, der Wurf, wenn er aus der Hand gangen, sei des Teufels, so sollte ich mir nichts anders einbilden, als daß mit jedem Würfel (wenn er aus des Spielers Hand auf dem Mantel oder Tisch daherrolle) ein kleines Teufelchen daherlaufe, welches ihn regiere, und Augen geben lasse, wie es seiner Prinzipalen Interesse erfordere. Dabei sollte ich bedenken, daß sich der Teufel freilich nicht umsonst des Spielens so eifrig annehme, sondern ohne Zweifel seinen trefflichen Gewinn dabei zu schöpfen wisse. »Dabei merke ferner, daß gleichwie neben dem Spielplatz auch einige Schacherer und[161] Juden zu stehen pflegen, die von den Spielern wohlfeil aufkaufen, was sie etwa an Ringen, Kleidern oder Kleinodien gewonnen, oder noch zu verspielen versilbern wollen, daß eben also auch allhier die Teufel aufpassen, damit sie bei den abgefertigten Spielern, sie haben gleich gewonnen oder verloren, andere seelenverderbliche Gedanken erregen und hegen; bei den Gewinnern zwar bauet er schreckliche Schlösser in die Luft, bei denen aber so verspielt haben, deren Gemüt ohnedas ganz verwirrt, und desto bequemer ist, seine schädlichen Eingebungen anzunehmen, setzet er ohne Zweifel lauter solche Gedanken und Anschläg, die auf nichts anders als das endliche Verderben zielen. Ich versichere dich, Simplici, daß ich willens bin, von dieser Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich wieder bei den Meinigen zu Ruhe komme, da will ich den Verlust der edlen Zeit beschreiben, die man mit dem Spielen unnütz hinbringet; nicht weniger die grausamen Flüch, mit welchen man Gott bei dem Spielen lästert; Ich will die Scheltwort erzählen, mit welchen man einander antastet, und viel schreckliche Exempel und Historien mit einbringen, die sich bei, mit und in dem Spielen zutragen; dabei ich denn die Duell und Totschläg, so Spielens wegen entstanden, nicht vergessen will; ja ich will den Geiz, den Zorn, den Neid, den Eifer, die Falschheit, den Betrug, die Vorteilsucht, den Diebstahl, und mit einem Wort alle unsinnigen Torheiten beides der Würfel- und Kartenspieler mit ihren lebendigen Farben dermaßen abmalen und vor Augen stellen, daß diejenigen, die solches Buch nur einmal lesen, ein solch Abscheuen vor dem Spielen gewinnen sollen, als wenn sie Saumilch (welche man den Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit ohnwissend eingibt) gesoffen hätten. Und also damit der ganzen Christenheit dartun, daß der liebe Gott von einer einzigen Compagnia Spieler mehr gelästert, als sonst von einer ganzen Armee bedienet werde.« Ich lobte seinen Vorsatz, und wünschte ihm Gelegenheit, daß er solchen ins Werk setzen möchte.

21. Kapitel
[162] Das 21. Kapitel

Ist etwas kürzer, und kurzweiliger als das vorige


Mein Hofmeister wurde mir je länger je holder, und ich ihm hingegen wiederum, doch hielten wir unsere Vertraulichkeit sehr geheim, ich agierte zwar einen Narrn, brachte aber keine groben Zoten noch Büffelspossen vor, so daß meine Gaben und Aufzüg zwar einfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich als närrisch fielen. Mein Obrister, der ein treffliche Lust zum Waidwerk trug, nahm mich einsmals mit, als er ausspazierte Feldhühner zu fangen mit dem Tyras, welche Invention mir trefflich wohl gefiel; Dieweil aber der vorstehende Hund so hitzig war, daß er einzufallen pflegte, ehe man tyrassieren konnte, deswegen wir denn wenig fangen konnten: Da gab ich dem Obristen den Rat, er sollte die Hündin mit einem Falken oder Steinadler belegen lassen, wie man mit Pferden und Eseln zu tun pflege, wenn man gern Maultier hätte, damit die jungen Hund Flügel bekämen, so könnte man alsdann mit denselbigen die Hühner in der Luft fangen. Auch gab ich den Vorschlag, weil es mit Eroberung der Stadt Magdeburg, die wir belagert hielten, so schläferig herging, man sollte ein mächtig langes Seil, so dick als ein halbfüderiges Faß verfertigen, solches um die Stadt ziehen, und alle Menschen samt dem Vieh in beiden Lagern daranspannen, und dergestalt die Stadt in einem Tag übern Haufen schleifen lassen. Solcher närrischen Tauben und Grillen ersann ich täglich einen Überfluß, weil es meines Handwerks war, so daß man meine Werkstatt nie leer fand: So gab mir auch meines Herrn Schreiber, der ein arger Gast und durchtriebener Schalk war, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem Weg unterhalten wurde, den die Narren zu wandeln pflegen, denn was mich dieser Speivogel überredte, das glaubte ich nicht allein für mich selbsten, sondern teilte es auch andern mit, wenn ich etwa diskurierte, und sich die Sach dahin schickte.

Als ich ihn einsmals fragte, was unser Regiments-Kaplan für einer sei, weil er mit Kleidungen von andern unterschieden? [163] sagte er: »Es ist der Herr Dicis et non facis, das ist auf teutsch so viel geredt, als ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibt, und selbst keine nimmt: Dieser ist den Dieben spinnenfeind, weil sie nicht sagen was sie tun, er aber hingegen sagt, was er nicht tut; so können ihm hingegen die Dieb auch nicht so gar hold sein, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wenn sie die beste Kundschaft mit diesen Leuten haben.« Da ich nun nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, wurde er ausgelacht, ich aber für einen bösen schalkhaftigen Narrn gehalten, und seinetwegen gebaumölt. Ferners überredet' er mich, man hätte die öffentlichen gemeinen Häuser zu Prag hinter der Mauer abgebrochen und verbrannt, davon die Funken und der Staub, wie der Samen eines Unkrauts, in alle Welt zerstoben wäre. Item, es kämen von den Soldaten keine tapferen Helden und herzhaften Kerl in Himmel, sondern lauter einfältige Tropfen, Bärnhäuter und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; sodann keine politischen Alamode-Cavalliers und galante Dames, sondern nur geduldige Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen, Betschwestern, arme Bettelhuren, allerhand Auswürfling, die in der Welt weder zu sieden noch zu braten taugen, und junge Kinder, welche die Bänk überall vollhofierten. Auch log er mir vor, man nenne die Gastgeber nur darum Wirt', weil sie in ihrer Hantierung unter allen Menschen am fleißigsten betrachteten, daß sie entweder Gott oder dem Teufel zuteil würden. Vom Kriegswesen überredte er mich, daß man auch zuzeiten mit güldenen Kugeln schieße, und je kostbarer solche wären, je größeren Schaden pflegten sie zu tun; ja, sagte er, man führet' wohl ehe ganze Kriegsheer mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage an güldenen Ketten gefangen daher! Weiters überredet' er mich von den Weibern, daß mehr als der halbe Teil Hosen trügen, ob man sie schon nicht sehe, und daß viel ihren Männern, wenn sie schon nicht zaubern könnten, noch Göttinnen wären, als Diana gewesen, größere Hörner auf die Köpf gaukelten, als Aktäon getragen; Welches ich ihm alles glaubte, so ein dummer Narr war ich.

[164] Hingegen unterhielt mich mein Hofmeister, wenn er allein bei mir war, mit viel einem andern Diskurs; er brachte mich auch in seines Sohns Kundschaft, welcher wie hiebevor gemeldet worden, bei der kursächsischen Armee ein Musterschreiber war, und weit andere Qualitäten an sich hatte, als meines Obristen Schreiber; dahero mochte ihn mein Obrister nicht allein gerne leiden, sondern er war auch bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln, und zu seinem Regiments-Secretario zu machen, auf welche Stell obgemeldter sein Schreiber sich auch spitzete.

Mit diesem Musterschreiber, welcher auch wie sein Vater Ulrich Herzbruder hieß, machte ich ein solche Freundschaft, daß wir ewige Brüderschaft zusammen schworen, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in Lieb und Leid nimmermehr verlassen wollten: Und weil dieses mit Wissen seines Vaters geschah, hielten wir den Bund desto fester und steifer, demnach lag uns nichts härter an, als wie wir meines Narrenkleids mit Ehren loswerden und einander rechtschaffen dienen möchten; welches aber der alte Herzbruder, den ich als meinen Vater ehrete und vor Augen hatte, nicht guthieß, sondern ausdrücklich sagte: Wenn ich in kurzer Zeit meinen Stand änderte, daß mir solches ein schweres Gefängnis und große Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und weil er auch sich selbst und seinem Sohn einen großen bevorstehenden Spott prognostizierte, und dahero Ursach zu haben vermeinte, desto vorsichtiger und behutsamer zu leben, also wollte er sich um soviel desto weniger in einer Person Sachen mischen, deren künftige große Gefahr er vor Augen sehen konnte, denn er besorgte, er möchte meines künftigen Unglücks teilhaftig werden, wenn ich mich offenbarte, weil er bereits vorlängst meine Heimlichkeit gewußt, und mich gleichsam in- und auswendig gekannt, meine Beschaffenheit aber dem Obristen nicht kundgetan hatte.

Kurz hernach merkte ich noch besser, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen Bruder schrecklich neidete, weil er besorgte, er möchte vor ihm zu der Sekretariat-Stell erhoben werden, denn ich sah wohl, wie er zuzeiten [165] griesgramete, wie ihm die Mißgunst so gedrang tat, und daß er in schweren Gedanken allezeit seufzete, wenn er entweder den alten oder den jungen Herzbruder ansah; Daraus urteilte ich, und glaubte ohn allen Zweifel, daß er Kalender machte, wie er ihm ein Bein vorsetzen, und zu Fall bringen möchte. Ich kommunizierte meinem Bruder, beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit, dasjenige, was ich argwöhnete, damit er sich vor diesem Judas-Bruder ein wenig vorsehen sollte; Er aber nahm es auf die leichte Achsel, Ursach, weil er dem Schreiber sowohl mit der Feder als mit dem Degen mehr als genug überlegen war, und dazu noch des Obristen große Gunst und Gnad hinweghatte.

22. Kapitel
Das 22. Kapitel

Ein schelmische Diebs-Kunst, einander die Schuh auszutreten


Weil der Gebrauch im Krieg ist, daß man gemeiniglich alte versuchte Soldaten zu Profosen macht, also hatten wir auch einen dergleichen bei unserm Regiment, und zwar einen solchen abgefeimten Erz-Vogel und Kern-Böswicht, daß man wohl von ihm sagen konnte, er sei vielmehr als vonnöten erfahren gewesen; denn er war ein rechter Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, und von sich selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern auch über das ein solcher Gesell, der andere fest machen, und noch dazu ganze Eskadronen Reuter ins Feld stellen konnte: Sein Bildnis sah natürlich aus, wie uns die Maler und Poeten den Saturnum vorstellen, außer daß er weder Stelzen noch Sensen trug. Ob nun zwar die armen gefangenen Soldaten, so ihm in seine unbarmherzigen Hände kamen, wegen dieser seiner Beschaffenheit und stetigen Gegenwart sich desto unglückseliger schätzten, so waren doch Leute, die gern mit diesem Wenddenschimpf umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, und je mehr sich sein Neid wider den jungen Herzbruder (der eines sehr fröhlichen Humors war) vermehrte, je fester wuchs die große Vertraulichkeit zwischen [166] ihm und dem Profosen; dahero konnte ich mir gar leichtlich die Rechnung machen, daß die Konjunktion Saturni und Mercurii dem redlichen Herzbruder nichts Guts bedeuten würde.

Eben damals wurde meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet, und die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht, bei welcher der junge Herzbruder aufzuwarten ersucht ward, und weil er sich aus Höflichkeit gern einstellete, war solches dem Olivier ein erwünschte Gelegenheit, sein Schelmenstück, mit welchem er lang schwanger gangen, auf die Welt zu bringen: Denn als nun alles vorüber war, mangelte meines Obristen großer vergoldter Tischbecher, welchen er so leichtlich nicht verloren haben wollte, weil er noch vorhanden gewesen, da alle fremden Gäst schon hinwegwaren; der Page sagte zwar, daß er ihn das letztemal bei dem Olivier gesehen, er war dessen aber nicht geständig; Hierauf wurde der Profos geholet, der Sache Rat zu schaffen, und wurde ihm benebens anbefohlen, wenn er durch seine Kunst den Diebstahl wieder herzu könnte bringen, daß er das Werk so einrichten sollte, damit der Dieb sonst niemand als dem Obristen kund würde, weil noch Offizier von seinem Regiment vorhanden waren, welche er, wenn sich vielleicht einer davon übersehen hätte, nicht gerne zuschanden machen wollte.

Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir auch alle lustig in des Obristen großes Zelt, da der Zauberer die Sach vornahm; da sah je einer den andern an, und verlangte zu vernehmen, was es endlich abgeben und wo der verlorne Becher doch herkommen würde: Als er nun etliche Wort gemurmelt hatte, sprangen einem hier, dem andern dort ein zwei drei auch mehr junge Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen, und wo sonst die Kleidungen offen waren: Diese wuselten behend in dem Zelt hin und wieder herum, waren alle überaus schön, von mancherlei Farben, und jeder auf ein sonderbare Manier gezeichnet, also daß es ein recht lustig Spektakel war, mir aber wurden meine engen kroatischen Kälberhosen so voll junger Hund gegaukelt, daß ich solche abziehen, und weil [167] mein Hemd im Wald vorlängst am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte; zuletzt sprang eins dem jungen Herzbruder aus dem Schlitz, welches das allerhurtigste war, und ein gülden Halsband anhatte, dieses verschlang alle anderen Hündlein, deren es doch so voll im Zelt herumgrabbelte, daß man vor ihnen keinen Fuß weiters setzen konnte: Wie es nun alle aufgerieben hatte, wurde es selbsten je länger je kleiner, das Halsband aber nur desto größer, bis es sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.

Da mußte nun nicht allein der Obriste, sondern auch alle anderen Gegenwärtigen dafürhalten, daß sonst niemand als der junge Herzbruder den Becher gestohlen, derowegen sagte der Obriste zu ihm: »Siehe da, du undankbarer Gast, hab ich dieses Diebsstück, das ich dir nimmermehr zugetraut hätte, mit meinen Guttaten um dich verdienet? Schaue, ich habe dich zu meinem Secretario des morgenden Tags wollen machen, aber nun hast du verdienet, daß ich dich noch heut aufhängen ließe! welches auch ohnfehlbar geschehen sollte, wenn ich deines ehrlichen alten Vaters nicht verschonete; geschwind packe dich aus meinem Lager, und lasse dich die Tag deines Lebens vor meinen Augen nicht mehr sehen!« Er wollte sich entschuldigen, wurde aber nicht gehört, dieweil seine Tat so sonnenklar am Tag lag; und indem er fortging, wurde dem guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, also daß man genug an ihm zu laben, und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte, welcher sagte: Daß ein frommer Vater seines ungeratenen Kinds gar nicht zu entgelten hätte. Also erlangte Olivier durch Hilf des Teufels dasjenige, wonach er vorlängst gerungen, auf einem ehrlichen Weg aber nicht ereilen mögen.

23. Kapitel
[168] Das 23. Kapitel

Ulrich Herzbruder verkauft sich um hundert Dukaten


Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschicht erfuhr, nahm er ihm auch die Musterschreiber-Stell, und lud ihm eine Pike auf, von welcher Zeit an er bei männiglich so veracht wurde, daß ihn die Hund hätten anpissen mögen, darum er sich dann oft den Tod wünschete! Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt darüber, daß er in ein schwere Krankheit fiel, und sich auf das Sterben gefaßt machte. Und demnach er aber sich ohnedas hiebevor selbst prognostiziert hatte, daß er den 26. Julii Leib- und Lebensgefahr ausstehen müßte (welcher Tag denn nächst vor der Tür war): Also erlangte er bei dem Obristen, daß sein Sohn noch einmal zu ihm kommen durfte, damit er wegen seiner Verlassenschaft mit ihm reden, und seinen letzten Willen eröffnen möchte. Ich wurde bei ihrer Zusammenkunft nicht ausgeschlossen, sondern war der dritte Mitgesell ihres Leids; Da sah ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedürft gegen seinen Vater, weil er seine Art und gute Auferziehung wohl wußte, und dahero seiner Unschuld genugsam versichert war: Er als ein weiser, verständiger und tiefsinniger Mann ermaß ohnschwer aus den Umständen, daß Olivier seinem Sohn dies Bad durch den Profosen hatte zurichten lassen, was vermochte er aber wider einen Zauberer? von dem er noch Ärgers zu besorgen hatte, wenn er sich anders einiger Rach hätte unterfangen wollen; Überdies versah er sich seines Tods, und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil er seinen Sohn in solcher Schand hinter sich lassen sollte: In welchem Stand der Sohn destoweniger zu leben getraute, um wieviel mehr er ohnedas wünschte, vor dem Vater zu sterben. Es war versichert dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich von Herzen weinen mußte! zuletzt war ihr gemeiner einhelliger Schluß, Gott ihre Sach in Geduld heimzustellen, und der Sohn sollte auf Mittel und Weg gedenken, wie er sich von seiner Compagnia loswirken, und anderwärts sein Glück suchen könnte; als sie aber [169] die Sach bei dem Licht besahen, da mangelts am Geld, mit welchem er sich bei seinem Kapitän loskaufen sollte, und indem sie betrachteten und bejammerten, in was für einem Elend sie die Armut gefangen hielt und alle Hoffnung abschnitt, ihren gegenwärtigen Stand zu verbessern, erinnerte ich mich erst meiner Dukaten, die ich noch in meinen Eselsohren vernähet hatte; fragte derowegen, wieviel sie denn Gelds zu dieser ihrer Notdurft haben müßten? der junge Herzbruder antwortet': »Wenn einer käme und uns hundert Taler brächte, so getraute ich aus allen meinen Nöten zu kommen.« Ich antwortet: »Bruder, wenn dir damit geholfen wird, so hab ein gut Herz, denn ich will dir hundert Dukaten geben.« »Ach Bruder«, antwortet' er mir hinwiederum, »was ist das? bist du denn ein rechter Narr? oder so leichtfertig, daß du uns in unserer äußersten Trübseligkeit noch scherzest?« »Nein, nein«, sagte ich, »ich will dir das Geld herschießen«; streifte darauf mein Wams ab und tat das eine Eselsohr von meinem Arm, öffnete es, und ließ ihn selbst hundert Dukaten daraus zählen und zu sich nehmen, das übrige behielt ich, und sagte: »Hiermit will ich deinem kranken Vater auswarten, wenn er dessen bedarf.« Hierauf fielen sie mir um den Hals, küßten mich, und wußten vor Freuden nicht was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, und mich darinnen versichern, daß ich an dem alten Herzbruder neben seinem Sohn ein Miterb sein sollte; oder daß sie mich, wenn ihnen Gott wieder zu dem Ihrigen hülfe, um diese Summam samt dem Interesse wiederum mit großem Dank befriedigen wollten: Deren ich aber keines annahm, sondern allein mich in ihre beständige Freundschaft befahl. Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu rächen, oder darum zu sterben! Aber sein Vater verbot ihm solches, und versichert' ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlüg, wieder von mir dem Simplicio den Rest kriegen werde; »doch«, sagte er, »bin ich dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.« Demnach hielt er uns an, daß wir eidlich zusammen schwuren, einander bis in[170] den Tod zu lieben, und in allen Nöten beizustehen. Der junge Herzbruder aber entledigte sich mit dreißig Reichstalern, dafür ihm sein Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zweien Pferden, und ließ sich unter der schwedischen Armee für einen Freireuter gebrauchen, mir indessen unsern Vater befehlend.

24. Kapitel
Das 24. Kapitel

Zwo Wahrsagungen werden auf einmal erfüllt


Keiner von meines Obristen Leuten schickte sich besser, dem alten Herzbruder in seiner Krankheit abzuwarten als ich, und weil der Kranke auch mehr als wohl mit mir zufrieden war, so wurde mir auch solches Amt von der Obristin aufgetragen, welche ihm viel Guts erwies, und demnach er neben so guter Pfleg auch wegen seines Sohns sattsam erquickt worden, besserte es sich von Tag zu Tag mit ihm, also daß er noch vor dem 26. Julii fast wieder überall zu völliger Gesundheit gelangte, doch wollt er sich noch inhalten, und krank stellen, bis bemeldter Tag, vor welchem er sich merklich entsetzte, vorbei wäre: Indessen besuchten ihn allerhand Offizier von beiden Armeen, die ihr künftig Glück und Unglück von ihm wissen wollten, denn weil er ein guter Mathematicus und Nativitäten-Steller, benebens auch ein vortrefflicher Physiognomist und Chiromanticus war, fehlte ihm seine Aussag selten; ja er nannte sogar den Tag, an welchem die Schlacht vor Wittstock nachgehends geschah, sintemal ihm viel zukamen, denen um dieselbige Zeit einen gewalttätigen Tod zu leiden angedrohet war; Die Obristin versichert' er, daß sie ihr Kindbett noch im Lager aushalten würde, weil vor Ausgang der sechs Wochen Magdeburg an die Unserigen nicht übergehen würde. Dem falschen Olivier, der sich gar zutäppisch bei ihm zu machen wußte, sagte er ausdrücklich, daß er eines gewalttätigen Todes sterben müßte, und daß ich seinen Tod, er geschehe [171] wann er wolle, rächen, und seinen Mörder wieder umbringen würde, weswegen mich Olivier folgender Zeit hoch hielt; mir selbsten aber erzählet' er meinen künftigen ganzen Lebenslauf so umständlich, als wenn er schon vollendet, und er allezeit bei mir gewesen wäre, welches ich aber wenig achtet, und mich jedoch nachgehends vielen Dings erinnert, das er mir zuvor gesagt, nachdem es schon geschehen oder wahr worden, vornehmlich aber warnet' er mich vorm Wasser, weil er besorgte, ich würde meinen Untergang darin leiden.

Als nun der 26. Julii eingetreten war, vermahnet' er mich und einen Fourierschützen (den mir der Obriste auf sein Begehren denselben Tag zugegeben hatte) ganz treulich, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt lassen. Er lag also allein darinnen, und betet' ohn Unterlaß; da es aber um den Nachmittag wurde, kam ein Leutnant aus dem Reuter-Lager dahergeritten, welcher nach des Obristen Stallmeister fragte; Er wurde zu uns, und gleich darauf wieder von uns abgewiesen, er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern bat den Fourierschützen mit untergemischten Verheißungen, ihn vor den Stallmeister zu lassen, als mit welchem er noch diesen Abend notwendig reden müßte, weil aber solches auch nicht helfen wollte, fing er an zu fluchen, mit Donner und Hagel drein zu kollern, und zu sagen, er sei schon so vielmal dem Stallmeister zu Gefallen geritten, und hätte ihn noch niemals daheim angetroffen, so er nun jetzt einmal vorhanden sei, sollte er abermal die Ehr nicht haben, nur ein einzig Wort mit ihm zu reden; stieg darauf ab, und ließ sich nicht verwehren, das Zelt selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihn in die Hand biß, aber eine dichte Maulschelle dafür bekam. Sobald er meinen Alten sah, sagte er: »Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, daß ich die Frechheit brauche, ein Wort mit ihm zu reden.« »Wohl«, antwort der Stallmeister, »was beliebt denn dem Herrn?« »Nichts anders«, sagte der Leutnant, »als daß ich den Herrn bitten wollte, ob er sich ließe belieben, mir meine Nativität zu stellen?« Der Stallmeister antwortet': »Ich will verhoffen, mein hochgeehrter Herr werde mir vergeben, daß ich demselben [172] für diesmal meiner Krankheit halber nicht willfahren kann, denn weil diese Arbeit viel Rechnens braucht, wirds mein blöder Kopf jetzo nicht verrichten können, wenn Er sich aber bis morgen zu gedulden beliebt, will ich Ihm verhoffentlich genugsame Satisfaktion tun.« »Herr«, sagte hierauf der Leutnant, »Er sage mir nur etwas dieweil aus der Hand.« »Mein Herr«, antwort der alte Herzbruder, »dieselbe Kunst ist gar mißlich und betrüglich, derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit soweit verschonen, ich will morgen hergegen alles gerne tun, was der Herr an mich begehret.« Der Leutnant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat meinem Vater vors Bett, streckt' ihm die Hand dar, und sagte: »Herr, ich bitte nur um ein paar Wort, meines Lebens End betreffend, mit Versicherung, wenn solches etwas Böses sein sollte, daß ich des Herrn Red als ein Warnung von Gott annehmen will, um mich desto besser vorzusehen, darum bitte ich um Gottes willen, der Herr wolle mir die Wahrheit nicht verschweigen!« Der redliche Alte antwortet' ihm hierauf kurz, und sagte: »Nun wohlan, so sehe sich der Herr denn wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde noch aufgehängt werde.« »Was, du alter Schelm«, sagte der Leutnant, der eben ein rechten Hundssoff hatte, »sollest du einem Kavalier solche Wort vorhalten dürfen?« zog damit von Leder, und stach meinen lieben alten Herzbruder im Bett zu Tod! Ich und der Fourierschütz riefen alsbald Lärmen und Mordio, also daß alles dem Gewehr zulief, der Leutnant aber machte sich unverweilt auf seinen Schnellfuß, wäre auch ohne Zweifel entritten, wenn nicht eben der Kurfürst in Sachsen mit vielen Pferden persönlich vorbeigeritten wäre, und ihn hätte einholen lassen: Als derselbe den Handel vernahm, wendet' er sich zu dem von Hatzfeld, als unserm General, und sagte nichts anders als dieses: »Das wäre ein schlechte Disziplin in einem kaiserlichen Lager, wenn auch ein Kranker im Bett vor den Mördern seines Lebens nicht sicher sein sollte!« Das war ein scharfe Sentenz, und genugsam, den Leutnant um das Leben zu bringen; gestalt ihn unser General alsbald an seinen allerbesten Hals aufhängen ließ.

25. Kapitel
[173] Das 25. Kapitel

Simplicius wird aus einem Jüngling in ein Jungfrau verwandelt, und bekommt unterschiedliche Buhlschaften


Aus dieser wahrhaftigen Histori ist zu sehen, daß nicht sogleich alle Wahrsagungen zu verwerfen seien, wie etliche Gecken tun, die gar nichts glauben können. So kann man auch hieraus abnehmen, daß der Mensch sein aufgesetztes Ziel schwerlich überschreiten mag, wenn ihm gleich sein Unglück lang oder kurz zuvor durch dergleichen Weissagungen angedeutet worden. Auf die Frag, die sich ereignen möchte, obs einem Menschen nötig, nützlich und gut sei, daß er sich wahrsagen und die Nativität stellen lasse? antworte ich allein dieses, daß mir der alte Herzbruder soviel gesagt habe, daß ich oft gewünschet und noch wünsche, daß er geschwiegen hätte, denn die unglücklichen Fäll, die er mir angezeigt, hab ich niemals umgehen können, und diejenigen die mir noch bevorstehen, machen mir nur vergeblich graue Haar, weil mir besorglich dieselbigen auch wie die vorigen zuhanden gehen werden, ich sehe mich gleich vor denselben vor oder nicht: Was aber die Glücks-Fälle anbelangt, von denen einem geweissaget wird, davon halte ich, daß sie öfter betrügen, oder aufs wenigste den Menschen nicht so wohl gedeihen, als die unglückseligen Prophezeihungen: Was half michs, daß mir der alte Herzbruder hoch und teur schwur, ich wäre von edlen Eltern geboren und erzogen worden, da ich doch von niemand anders wußte, als von meinem Knan und meiner Meuder, die grobe Baursleut im Spessart waren. Item was halfs den von Wallenstein, Herzogen in Friedland, daß ihm prophezeit wurde, er werde gleichsam mit Saitenspiel zum König gekrönet werden? weiß man nicht, wie er zu Eger eingewieget worden? Mögen derowegen andere ihre Köpf über dieser Frag zerbrechen, ich komme wieder auf meine Histori.

Als ich erzähltermaßen meine beiden Herzbrüder verloren hatte, verleidet' mir das ganze Lager vor Magdeburg, welches ich ohnedas nur eine leinene und stroherne Stadt [174] mit irdenen Mauren zu nennen pflegte. Ich wurde meines Stands so müd und satt, als wenn ichs mit lauter eisernen Kochlöffeln gefressen hätte, einmal, ich gedachte mich nicht mehr von jedermann so foppen zu lassen, sondern meines Narrnkleides loszuwerden, und sollte ich gleich Leib und Leben darüber verlieren. Das setzte ich folgendergestalt sehr liederlich ins Werk, weil mir sonst keine bessere Gelegenheit anstehen wollte.

Olivier der Secretarius, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein Hofmeister worden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Fourage zu reiten; als wir nun einsmals in ein groß Dorf kamen, darinnen etliche den Reutern zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wieder in die Häuser ging, zu suchen was etwa mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch hinweg, und suchte, ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte, um welches ich meine Narrnkappe vertauschen könnte; Aber ich fand nicht was ich wollte, sondern mußte mit einem Weiberkleid vorlieb nehmen; Ich zog selbiges an, weil ich mich allein sah, und warf das meinig in ein Secret, mir nicht anders einbildend, als daß ich nunmehr aus allen meinen Nöten errettet worden. In diesem Aufzug ging ich über die Gaß gegen etliche Offiziers-Weiber, und macht so enge Schrittlein, als etwa Achilles getan, da ihn seine Mutter dem Lycomedi rekommendierte, ich war aber kaum außer Dach hervorkommen, da mich etliche Fouragierer sahen und besser springen lernten, denn als sie schrien: Halt, halt! lief ich nur desto stärker, und kam ehender als sie zu obgemeldten Offiziererinnen, vor denselben fiel ich auf die Knie nieder, und bat um aller Weiber Ehr und Tugend willen, sie wollten meine Jungferschaft vor diesen geilen Buben beschützen! Allda meine Bitt nicht allein stattfand, sondern ich wurde auch von einer Rittmeisterin für eine Magd angenommen, bei welcher ich mich beholfen, bis Magdeburg, item die Werberschanz, auch Havelberg und Perleberg von den Unsern eingenommen worden.

Diese Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war, und vernarrete sich dermaßen in meinen [175] glatten Spiegel und geraden Leib, daß sie mir endlich nach langgehabter Mühe und vergeblicher umschweifender Weitläufigkeit nur allzu teutsch zu verstehen gab, wo sie der Schuh am meisten drücke; ich aber war damals noch viel zu gewissenhaft, tat als wenn ichs nicht merkte, und ließ keine anderen Anzeigungen scheinen, als solche, daraus man nichts anders als eine fromme Jungfrau urteilen mochte: Der Rittmeister und sein Knecht lagen in gleichem Spital krank, derowegen befahl er seinem Weib, sie sollte mich besser kleiden lassen, damit sie sich meines garstigen Baurenkittels nicht schämen dürfte. Sie tat mehr als ihr befohlen war, und putzte mich heraus wie ein französische Pupp, welches das Feuer bei allen dreien noch mehr schürete, ja es wurde endlich bei ihnen so groß, daß Herr und Knecht eiferigst von mir begehrten, was ich ihnen nit leisten konnte, und der Frauen selbst mit einer schönen Manier verweigerte. Zuletzt setzte sich der Rittmeister vor, eine Gelegenheit zu ergreifen, bei der er mit Gewalt von mir haben könnte, was ihm doch zu bekommen unmöglich war, solches merkete sein Weib, und weil sie mich noch endlich zu überwinden verhoffte, verlegte sie ihm alle Päß, und lief ihm alle Ränk ab, also daß er vermeinte, er müsse toll und töricht darüber werden. Einsmals als Herr und Frau schlafen war, stand der Knecht vor dem Wagen, in welchem ich alle Nacht schlafen mußte, klagte mir seine Lieb mit heißen Tränen, und bat ebenso andächtig um Gnad und Barmherzigkeit! Ich aber erzeigte mich härter als ein Stein, und gab ihm zu verstehen, daß ich meine Keuschheit bis in Ehestand bewahren wollte; Da er mir nun die Ehe wohl tausendmal anbot, und doch nichts anders dagegen vernahm, als daß ich ihn versicherte, daß es unmöglich sei, mich mit ihm zu verehelichen, verzweifelt' er endlich gar, oder stellte sich doch aufs wenigst nur so, denn er zog seinen Degen aus, setzte die Spitz an die Brust, und den Knopf an Wagen, und tat nicht anders, als wenn er sich jetzt erstechen wollte: Ich gedachte, der Teufel ist ein Schelm, sprach ihm derowegen zu, und gab ihm Vertröstung, am Morgen frühe einen endlichen Bescheid zu erteilen, davon [176] wurde er content, und ging schlafen, ich aber wachte desto länger, dieweil ich meinen seltsamen Stand betrachtete: Ich befand wohl, daß mein Sach in die Länge kein gut tun würde, denn die Rittmeisterin wurde je länger je importuner mit ihren Reizungen, der Rittmeister verwegener mit seinen Zumutungen, und der Knecht verzweifelter in seiner beständigen Liebe, ich wußte mir aber darum nicht aus solchem Labyrinth zu helfen. Ich mußte oft meiner Frau bei hellem Tag Flöh fangen, nur darum, damit ich ihre alabasterweißen Brüst sehen, und ihren zarten Leib genug betasten sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut hatte, in die Läng zu ertragen schwer fallen wollte; ließ mich dann die Frau zufrieden, so quälte mich der Rittmeister, und wenn ich vor diesen beiden bei Nacht Ruhe haben sollte, so peinigte mich der Knecht, also daß mich das Weiberkleid viel saurer zu tragen ankam, als meine Narrnkapp; Damal (aber viel zu spät) gedachte ich fleißig an meines seligen Herzbruders Weissagung und Warnung, und bildete mir nichts anders ein, als daß ich schon wirklich in demjenigen Gefängnis auch Leib- und Lebensgefahr steckte, davon er mir gesagt hatte, denn das Weiberkleid hielt mich gefangen, weil ich darin nicht ausreißen konnte, und der Rittmeister würde übel mit mir gespielet haben, wenn er mich erkannt, und einmal bei seiner schönen Frauen über dem Flöhfangen ertappt hätte. Was sollt ich tun? Ich beschloß endlich dieselbe Nacht, mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde, denn ich gedachte, »seine Liebsregungen werden sich alsdann legen, und wenn du ihm von deinen Dukaten spendierest, so wird er dir wieder zu einem Mannskleid, und also in demselbigen aus allen deinen Nöten helfen.« Es wäre wohl ausgesonnen gewesen, wenn nur das Glück gewollt hätte, aber es war mir zuwider.

Mein Hans ließ sich gleich nach Mitternacht tagen, das Jawort zu holen, und fing an am Wagen zu rappeln, als ich eben anfing am allerstärksten zu schlafen; Er rief etwas zu laut: »Sabina, Sabina, ach mein Schatz steht auf und halt mir Euer Versprechen!« also daß er den Rittmeister eher als [177] mich damit erweckte, weil er sein Zelt am Wagen stehen hatte; diesem wurde ohne Zweifel grün und gelb vor den Augen, weil ihn die Eifersucht ohnedas zuvor eingenommen, doch kam er nicht heraus unser Tun zu zerstören, sondern stand nur auf, zu sehen, wie der Handel ablaufen wollte; Zuletzt weckte mich der Knecht mit seiner Importunität, und nötigte mich, entweder aus dem Wagen zu ihm zu kommen, oder ihn zu mir einzulassen, ich aber schalt ihn aus, und fragte, ob er mich denn für eine Hur ansehe? meine gestrige Zusag sei auf den Ehestand gegründet, außer dessen er meiner nicht teilhaftig werden könnte; Er antwort, so sollte ich jedennoch aufstehen, weil es anfing' zu tagen, damit ich dem Gesind das Essen beizeiten verfertigen könnte, er wollte Holz und Wasser holen, und mir das Feuer zugleich anmachen, ich antwortet: »Wenn du das tun willst, so kann ich desto länger schlafen, gehe nur hin, ich will bald folgen.« Weil aber der Narr nicht ablassen wollte, stand ich auf, mehr meine Arbeit zu verrichten, als ihm viel zu hofieren, sintemal wie mich deuchte ihn die gestrige verzweifelte Torheit wieder verlassen hatte. Ich konnte sonst ziemlich wohl für eine Magd im Feld passieren, denn Kochen, Backen und Waschen hatte ich bei den Kroaten gelernet, so pflegen die Soldatenweiber ohnedas im Feld nicht zu spinnen, was ich aber sonst für Frauenzimmer-Arbeit nicht konnte, als wenn ich etwa die Frau bürsten und Zöpf machen sollte, das übersah mir meine Rittmeisterin gern, denn sie wußte wohl, daß ichs nicht gelernet.

Wie ich nun mit meinem hinter mich gestreiften Ärmeln vom Wagen herabstieg, wurde mein Hans durch meine weißen Arm so heftig inflammiert, daß er sich nicht abbrechen konnte mich zu küssen, und weil ich mich nicht sonderlich wehrte, vermochte es der Rittmeister, vor dessen Augen es geschah, nicht zu erdulden, sondern sprang mit bloßem Degen aus dem Zelt, meinem armen Liebhaber einen Fang zu geben, aber er ging durch und vergaß das Wiederkommen; der Rittmeister aber sagte zu mir: »Du Blut-Hur, ich will dich lernen« etc. mehrers konnte er vor [178] Zorn nicht sagen, sondern schlug auf mich zu, als wenn er unsinnig gewesen wäre; Ich fing an zu schreien, darum mußte er aufhören, damit er keinen Alarm erregte, denn beide Armeen, die sächsische und kaiserliche, lagen damals beieinander, weil sich die schwedische unter dem Banier näherte.

26. Kapitel
Das 26. Kapitel

Wie er für einen Verräter und Zauberer gefangen gehalten wird


Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben als beide Armeen völlig aufbrachen; das war nun ein Schwarm von Lumpengesind, und dahero die Hatz desto größer und erschrecklicher, die ich auszustehen hatte; sie eileten mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden desto besser zu sättigen, wie denn diese Teufelskinder im Brauch haben, wenn ihnen ein Weibsbild dergestalt übergeben wird: So folgeten ihnen auch sonst viel Bursch nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen mein Hans auch war, dieser ließ mich nicht aus den Augen, und als er sah, daß es mir gelten sollte, wollte er mich mit Gewalt erretten, und sollte es seinen Kopf kosten; Er bekam Beiständer, weil er sagte, daß ich sein versprochene Braut wäre, diese trugen ein Mitleiden mit mir und ihm, und begehrten ihm Hilf zu leisten; solches war aber den Jungen, die besser Recht zu mir zu haben vermeinten, und ein so gute Beut nicht aus Händen lassen wollten, allerdings ungelegen, derowegen gedachten sie Gewalt mit Gewalt abzutreiben, da fing man an Stöß auszuteilen von beiden Seiten her, der Zulauf und der Lärmen wurde je länger je größer, also daß es schier einem Turnier gleichsah, in welchem jeder um einer schönen Damen willen das Beste tut. Ihr schrecklich Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als sie mir die Kleider vom Leib gerissen, und gesehen hatten, daß ich kein Weibsbild war; seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er vielmehr [179] gefürcht wurde, als der Teufel selbst, auch verstoben alle diejenigen, die widereinander Hand angelegt hatten, er informiert' sich der Sach kurz, und indem ich hoffte, er würde mich erretten, nahm er mich dagegen gefangen, weil es ungewöhnlich und fast argwöhnische Sach war, daß sich ein Mannsbild bei einer Armee in Weiberkleidern sollte finden lassen, dergestalt wanderten er und seine Bursch mit mir neben den Regimentern daher (welche alle im Feld standen, und marschieren wollten) der Meinung, mich dem General-Auditor oder General-Gewaltiger zu überliefern; da wir aber bei meines Obristen Regiment vorbei wollten, wurde ich erkannt, angesprochen, schlechtlich durch meinen Obristen bekleidet, und unserm alten Profosen gefänglich überliefert, welcher mich an Händen und Füß in die Eisen schloß.

Es kam mich gewaltig sauer an, so in Ketten und Banden zu marschiern, so hätt mich auch der Schmalhans trefflich gequält, wenn mir der Secretarius Olivier nicht spendiert hätte, denn ich durfte meine Dukaten, die ich noch bisher davongebracht hatte, nicht an des Tages Licht kommen lassen, ich hätte denn solche miteinander verlieren, und mich noch dazu in größere Gefahr stecken wollen. Gedachter Olivier kommunizierte mir noch denselbigen Abend, warum ich so hart gefangen gehalten wurde, und unser Regiments-Schultheiß bekam gleich Befehl, mich zu examinieren, damit meine Aussag dem General-Auditor desto eher zugestellt werden möchte, denn man hielt mich nicht allein für einen Kundschafter und Spionen, sondern auch gar für einen der hexen könnte, dieweil man kurz hernach, als ich von meinem Obristen ausgetreten, einige Zauberinnen verbrannt, die bekannt hatten, und darauf gestorben wären, daß sie mich auch bei ihrer Generalzusammenkunft gesehen hätten, da sie beieinander gewesen, die Elb auszutrocknen, damit Magdeburg desto eher eingenommen werden könnte. Die Punkte, darauf ich Antwort geben sollte, waren diese:

Erstlich, ob ich nicht studiert hätte, oder aufs wenigste Schreibens und Lesens erfahren wäre?

Zweitens, warum ich mich in Gestalt eines Narrn dem [180] Lager vor Magdeburg genähert, da ich doch in des Rittmeisters Diensten sowohl als jetzt witzig genug sei?

Drittens, aus was Ursachen ich mich in Weiberkleider verstellet?

Viertens, ob ich mich nicht auch neben andern Unholden auf dem Hexentanz befunden?

Wo fünftens mein Vaterland, und wer meine Eltern gewesen seien?

Sechstens, wo ich mich aufgehalten, ehe ich in das Lager vor Magdeburg kommen?

Wo und zu was End ich siebentens die Weiberarbeit, als waschen, backen, kochen etc. gelernet? Item das Lautenschlagen?

Hierauf wollte ich mein ganzes Leben erzählen, damit die Umständ meiner seltsamen Begegnisse alles recht erläutern, und diese Fragen mit der Wahrheit fein verständlich unterscheiden könnten; der Regiments-Schultheiß war aber nicht so kurios, sondern vom Marschieren müd und verdrossen, derowegen begehrte er nur eine kurze runde Antwort auf das, was gefragt würde. Demnach antwortet ich folgendergestalt, daraus man aber nichts Eigentliches und Gründliches fassen konnte, und zwar.

Auf die erste Frag, ich hätte zwar nicht studiert, könnte aber doch Teutsch lesen und schreiben.

Auf die zweite, weil ich kein ander Kleid gehabt, hätte ich wohl im Narrnkleid aufziehen müssen.

Auf die dritte, weil ich meines Narrnkleids müd gewesen, und keine Mannskleider haben können.

Auf die vierte, ja, ich sei aber wider meinen Willen hingefahren, könnte aber gleichwohl nicht zaubern.

Auf die fünfte, mein Vaterland sei der Spessart, und meine Eltern Bauersleut.

Auf die sechste, zu Hanau bei dem Gubernator, und bei einem Kroaten-Obrist Corpes genannt.

Auf die siebente, bei den Kroaten hab ich waschen, backen und kochen wider meinen Willen müssen lernen, zu Hanau aber das Lautenschlagen, weil ich Lust dazu hatte.

[181] Wie diese meine Aussag geschrieben war, sagte er: »Wie kannst du leugnen und sagen, daß du nicht studiert habest, da du doch, als man dich noch für einen Narrn hielt, einem Priester unter währender Messe auf die Wort ›Domine, non sum dignus‹ auch in Latein geantwort, er dürfte solches nicht sagen, man wisse es zuvor wohl?« »Herr«, antwortet ich, »das haben mich damals andere Leut gelernet, und mich überredet, es sei ein Gebet, das man bei der Meß sprechen müsse, wenn unser Kaplan den Gottesdienst verrichte«; »Ja, ja«, sagte der Regiments-Schultheiß, »ich sehe dich für den Rechten an, dem man die Zung mit der Folter lösen muß.« Ich gedachte, so helf Gott! wenns deinem närrischen Kopf nach gehet.

Am andern Morgen früh kam Befehl vom General-Auditor an unsern Profosen, daß er mich wohl in acht nehmen sollte, denn er war gesinnt, sobald die Armeen still lägen, mich selbst zu examinieren, auf welchen Fall ich ohne Zweifel an die Folter gemußt hätte, wenn es Gott nicht anders gefügt. In dieser Gefangenschaft dachte ich stetigs an meinen Pfarrer zu Hanau, und den verstorbenen alten Herzbruder, weil sie beide wahr gesagt, wie mirs ergehen würde, wenn ich wieder aus meinem Narrnkleid käme.

27. Kapitel
Das 27. Kapitel

Wie es dem Profosen in der Schlacht bei Wittstock ergangen


Denselben Abend, als wir uns kaum gelagert hatten, wurde ich zum General-Auditor geführt, der hatte meine Aussag samt einem Schreibzeug vor sich, und fing an mich besser zu examinieren; ich hingegen erzählte meine Händel, wie sie an sich selbst waren, es wurde mir aber nicht geglaubt, und konnte der General-Auditor nicht wissen, ob er einen Narrn oder ausgestochenen Böswicht vor sich hatte, weil Frag und Antwort so artlich fiel, und der Handel an sich selbst seltsam war; Er hieß mich eine Feder nehmen und schreiben, zu sehen was ich könnte, und ob etwa[182] meine Handschrift bekannt, oder doch so beschaffen wäre, daß man etwas daraus abnehmen möchte? Ich ergriff Feder und Papier so geschicklich, als einer der sich täglich damit übte, und fragte, was ich schreiben sollte? Der General-Auditor (welcher vielleicht unwillig war, weil sich mein Examen tief in die Nacht hinein verzog) antwortet': »Hei schreib deine Mutter die Hur!« Ich setzte ihm diese Wort dahin, und da sie gelesen wurden, machten sie meinen Handel nur desto schlimmer, denn der General-Auditor sagte, jetzt glaube er erst, daß ich ein rechter Vogel sei; Er fragte den Profosen, ob man mich visitiert und ob man nichts von Schriften bei mir funden hätte? Der Profoß antwortet': »Nein, was sollt man an ihm visitiern, weil ihn der Rumormeister gleichsam nackend zu uns gebracht.« Aber ach! das half nichts, der Profoß mußte mich in Gegenwart ihrer aller besuchen, und indem er solches mit Fleiß verrichtet, findet er, o Unglück! meine beiden Eselsohren mit den Dukaten, um meine Arm herumgemacht. Da hieß es: »Was dürfen wir ferner Zeugnis? Dieser Verräter hat ohne Zweifel ein groß Schelmstück zu verrichten auf sich genommen, denn warum sollte sich sonst ein Gescheiter in ein Narrnkleid stecken? oder ein Mannsbild in ein Weiberkleid verstellen? warum vermeint man wohl, zu was End er sonst mit einem so ansehnlichen Stück Geld versehen sei, als etwas Großes zu verrichten? Sagt er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu Hanau, dem allerverschlagensten Soldaten in der Welt, lernen auf der Lauten schlagen? Was vermeint ihr Herren wohl, was er sonst bei denselben Spitzköpfen für listige Praktiken ins Werk zu setzen begriffen habe? der nächste Weg ist, daß man morgen mit ihm auf die Folter, und wie ers verdient haben wird, dem Feur zueile, maßen er sich ohnedas bei den Zauberern befunden und nichts Bessers wert ist.« Wie mir damals zumut gewesen, kann sich jeder leicht einbilden, ich wußte mich zwar unschuldig, und hatte ein starkes Vertrauen zu Gott; aber dennoch sah ich meine Gefahr, und bejammerte den Verlust meiner schönen Dukaten, welche der General-Auditor zu sich steckte.

[183] Aber ehe man diesen strengen Prozeß mit mir ins Werk setzte, gerieten die Banierischen den Unserigen in die Haar, gleich anfänglich kämpften die Armeen um den Vorteil, und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen die Unserigen stracks verlustigt wurden: Unser Profoß hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den Gefangenen hinter der Battalia, gleichwohl aber waren wir unser Brigade so nahe, daß wir jeden von hinterwärts an den Kleidern erkennen konnten; und als eine schwedische Eskadron auf die unserige traf, waren wir sowohl als die Fechtenden selbst in Todsgefahr, denn in einem Augenblick flog die Luft so häufig voller singender Kugeln über uns her, daß es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen gegeben worden wäre, davon duckten sich die Furchtsamen, als ob sie sich in sich selbst hätten verbergen wollen; diejenigen aber, so Courage hatten, und mehr bei dergleichen Scherz gewesen, ließen solche ohnverblichen über sich hinstreichen; Im Treffen selbst aber suchte ein jeder seinem Tod mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, vorzukommen, das greuliche Schießen, das Geklapper der Harnisch, das Krachen der Piken, und das Geschrei bei des der Verwundten und Angreifenden machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen ein erschreckliche Musik! da sah man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien, als wollte er die Abscheulichkeit der Verwundten und Toten bedecken, in demselbigen hörete man ein jämmerliches Weheklagen der Sterbenden, und ein lustiges Geschrei derjenigen, die noch voller Mut staken, die Pferd selbst hatten das Ansehen, als wenn sie zu Verteidigung ihrer Herrn je länger je frischer würden, so hitzig erzeigten sie sich in dieser Schuldigkeit, welche sie zu leisten genötiget waren, deren sah man etliche unter ihren Herrn tot daniederfallen, voller Wunden, welche sie unverschuldter Weis zu Vergeltung ihrer getreuen Dienste empfangen hatten; andere fielen um gleicher Ursach willen auf ihre Reuter, und hatten also in ihrem Tod die Ehr, daß sie von denjenigen getragen wurden, welche sie in währendem Leben tragen müssen; wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften [184] Last, die sie kommandiert hatte, entladen worden, verließen die Menschen in ihrer Wut und Raserei, rissen aus, und suchten im weiten Feld ihr erste Freiheit: Die Erde, deren Gewohnheit ist, die Toten zu bedecken, war damals an selbigem Ort selbst mit Toten überstreut, welche auf unterschiedliche Manier gezeichnet waren, Köpf lagen dorten, welche ihre natürlichen Herren verloren hatten, und hingegen Leiber, die ihrer Köpf mangelten; etliche hatten grausam- und jämmerlicher Weis das Ingeweid heraus, und andern war der Kopf zerschmettert, und das Hirn zerspritzt; da sah man, wie die entseelten Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet, und hingegen die lebendigen mit fremdem Blut beflossen waren, da lagen abgeschossene Arm, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder mit in das Gedräng wollten, hingegen rissen Kerles aus, die noch keinen Tropfen Blut vergossen hatten, dort lagen abgelöste Schenkel, welche ob sie wohl der Bürde ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer worden waren, als sie zuvor gewesen; da sah man zerstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Tods, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. Summa Summarum, da war nichts anders als ein elender jämmerlicher Anblick! Die schwedischen Sieger trieben unsere Überwundenen von der Stell, darauf sie so unglücklich gefochten, nachdem sie solche zuvor zertrennt hatten, sie mit ihrer schnellen Verfolgung vollends zerstreuend. Bei welcher Bewandtnis mein Herr Profoß mit seinen Gefangenen auch nach der Flucht griff, wiewohl wir mit einziger Gegenwehr um die Überwinder keine Feindseligkeit verdient hatten; und indem er Profoß uns mit dem Tod bedrohete, und also nötigte samt ihm durchzugehen, jagte der junge Herzbruder daher mit noch fünf Pferden, und grüßte ihn mit einer Pistoln: »Sehe da, du alter Hund«, sagte er, »ists noch Zeit, junge Hündlein zu machen? Ich will dir deine Mühe bezahlen!« Aber der Schuß beschädigt' den Profosen so wenig als einen stählernen Amboß; »Oho bist du der Haar'?« sagt' Herzbruder, »ich will dir nicht vergeblich zu Gefallen herkommen sein, du mußt sterben, und wäre dir gleich die Seel angewachsen!« [185] nötigt' darauf einen Musketierer von des Profosen bei sich gehabter Wacht, daß er ihn, dafern er anderst selbst Quartier haben wollte, mit einer Axt zu Tod schlug. Also bekam der Profoß seinen Lohn, ich aber wurde von Herzbruder erkannt, welcher mich meiner Ketten und Band entledigen, auf ein Pferd setzen, und durch seinen Knecht in Sicherheit führen ließ.

28. Kapitel
Das 28. Kapitel

Von einer großen Schlacht, in welcher der Triumphator über dem Obsiegen gefangen wird


Gleichwie mich nun meines Erretters Knecht aus fernerer Gefahr führete, also ließ sich sein Herr hingegen erst durch Begierd der Ehr und Beut recht hineintreiben, allermaßen er sich so weit verhauen, daß er gefangen wurde. Demnach die sieghaften Überwinder die Beuten teilten, und ihre Toten begruben, mein Herzbruder aber mangelte, erbte dessen Rittmeister mich mitsamt seinem Knecht und Pferden, bei welchem ich mich für einen Reuterjungen mußte gebrauchen lassen, wofür ich nichts hatte als diese Promessen, wenn ich mich wohlhielte, und ein wenig besser meiner Jugend entginge, daß er mich alsdann aufsetzen, das ist, zu einem Reuter machen wollte, womit ich mich denn also dahin gedulden mußte.

Gleich hernach wurde mein Rittmeister zum Obrist-Leutnant vorgestellt, ich aber bekam das Amt bei ihm, welches David vor alten Zeiten bei dem König Saul vertreten, denn in den Quartieren schlug ich auf der Lauten, und im Marschieren mußte ich ihm seinen Küraß nachführen, welches mir ein beschwerliche Sach war; Und ob zwar diese Waffen ihren Träger vor feindlichen Püffen zu beschützen erfunden worden, so befand ich jedoch allerdings das Widerspiel, weil mich meine eigenen Jungen, die ich ausheckte, unter ihrem Schutz desto sicherer verfolgten, darunter hatten sie ihren freien Paß, Spaß und Tummelplatz, [186] so daß es das Ansehen hatte, als ob ich den Harnisch ihnen und nicht mir zur Beschützung antrüge, sintemal ich mit meinen Armen nicht darunterkommen und keinen Streif unter sie tun konnte. Ich war auf allerhand Stratagemata bedacht, wie ich diese Armada vertilgen möchte, aber ich hatte weder Zeit noch Gelegenheit sie durchs Feuer (wie in den Backöfen geschieht) noch durchs Wasser, oder durch Gift (maßen ich wohl wußte, was das Quecksilber vermochte) auszurotten; viel weniger vermochte ich die Mittel, sie durch ein ander Kleid oder weiße Hemden abzuschaffen, sondern mußte mich mit ihnen schleppen, und Leib und Blut zum besten geben; wenn sie mich dann so unter dem Harnisch plagten und nagten, so wischte ich mit einer Pistoln heraus, als ob ich hätte Kugeln mit ihnen wechseln wollen, nahm aber nur den Ladstecken, und stieß sie damit von der Kost; endlich erfand ich die Kunst, daß ich einen Pelzfleck darum wickelte, und ein artlich Klebgarn für sie zurichtete, wenn ich dann mit dieser Laus-Angel unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil, welchen ich miteinander die Häls über das Pferd abstürzte; es mochte aber wenig erklecken.

Einsmals wurde mein Obrist-Leutnant kommandiert, eine Cavalcada mit einer starken Partei nach Westfalen zu tun, und wäre er damals so stark an Reutern gewesen als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt erschreckt; weil solches aber nicht war, mußte er behutsam gehen, auch solcher Ursachen halber sich in der Gemmer Mark (das ist ein so genannter Wald zwischen Hamm und Soest) heimlich halten; Damals wars mit den Meinigen aufs höchste kommen, sie quälten mich so hart mit Minieren, daß ich sorgte, sie möchten sich gar zwischen Fell und Fleisch hineinlogieren. Kein Wunder ists, daß die Brasilianer ihre Läus aus Zorn und Rachgier fressen, weil sie einen so drängen! Einmal, ich getraute meine Pein nicht länger zu gedulden, sondern ging als teils Reuter fütterten, teils schliefen, und teils Schildwacht hielten, ein wenig beiseits unter einen Baum, meinen Feinden eine Schlacht zu liefern; zu solchem End zog ich den Harnisch aus, unangesehen andere denselben [187] anziehen, wenn sie fechten wollen, und fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter an den Daumen von Blut trieften, und voller toter Körper, oder vielmehr Bälg hingen, welche ich aber nicht umbringen mochte, die verwies ich ins Elend und ließ sie unter dem Baum herumspazieren. So oft mir diese Rencontre zu Gedächtnis kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben, natürlich als ob ich noch mitten in der Schlacht begriffen wäre. Ich dachte zwar, ich sollte nicht so wider mein eigen Geblüt wüten, vornehmlich wider so getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, und auf deren Menge ich oft im freien Feld auf harter Erde sanft gelegen wäre; aber ich fuhr doch in meiner Tyrannei so unbarmherzig fort, daß ich auch nicht gewahr wurde, wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutnant chargierten, bis sie endlich auch an mich kamen, die armen Läus entsetzten, und mich selbst gefangen nahmen; denn diese scheuten meine Mannheit gar nicht, vermittelst deren ich kurz zuvor viel tausend erlegt, und den Titel eines Schneiders (Sieben auf einen Streich) überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und die beste Beut die er von mir hatte war meines Obrist-Leutnants Küraß, welchen er zu Soest, da er im Quartier lag, dem Kommandanten ziemlich wohl verkaufte. Also wurde er im Krieg mein sechster Herr, weil ich sein Jung sein mußte.

29. Kapitel
Das 29. Kapitel

Wie es einem frommen Soldaten im Paradeis so wohl erging, ehe er starb, und wie nach dessen Tod der Jäger an seine Stell getreten


Unsere Wirtin, wollte sie nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen Völkern besetzte, so mußte sie mich auch davon entledigen; sie machte ihnen den Prozeß kurz und gut, steckt' meine Lumpen in Backofen, und brannt sie so sauber aus wie eine alte Tabakpfeife, also daß ich wieder dies [188] Unziefers halber wie in einem Rosengarten lebte, ja es kann niemand glauben, wie mir so wohl war, da ich aus dieser Qual war, in welcher ich etlich Monat wie in einem Ameishaufen gesessen; hingegen hatte ich gleich ein ander Kreuz auf dem Hals, weil mein Herr einer von denjenigen Soldaten war, die in Himmel zu kommen getrauen; er ließ sich glatt an seinem Sold genügen, und betrübte im übrigen kein Kind, sein ganze Prosperität bestand in dem was er mit Wachen verdienet', und von seiner wöchentlichen Löhnung erkargte, solches wiewohl es wenig war, hob er höher auf als mancher die orientalischen Perlen, einen jeden Blomeiser nähete er in seine Kleider, und damit er deren einige in Vorrat kriegen möchte, mußte ich und sein armes Pferd daran sparen helfen, davon kams, daß ich den treugen Pumpernickel gewaltig beißen, und mich mit Wasser, oder wenns wohl ging, mit dünn Bier behelfen mußte, welches mir ein abgeschmackte Sach war, maßen mir meine Kehl von dem schwarzen trockenen Brot ganz rauh, und mein ganzer Leib ganz mager wurde; wollt ich aber besser fressen, so mochte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher Bescheidenheit, daß er nichts davon inne würde: Seinethalben hätte man weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknecht noch Feldscherer bedurft, auch keine Marketender noch Trommelschläger, die den Zapfenstreich getan hätten, denn sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen Duellen, wenn er aber irgends hin auf Convoi, Partei, oder sonst einen Anschlag kommandiert wurde, so schlendert' er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken. Ich glaube auch gänzlich, wenn dieser gute Dragoner solche heroischen Soldatentugenden nicht an sich gehabt, daß er mich auch nicht gefangen bekommen hätte, denn er wäre meinem Obrist-Leutnant nachgerannt. Ich hatte mich keines Kleids bei ihm zu getrösten, weil er selbst über und über zerflickt daherging, gleichsam wie mein Einsiedel; So war sein Sattel und Zeug auch kaum drei Batzen wert, und das Pferd von Hunger so hinfällig, daß sich weder Schwed noch Hess vor seinem dauerhaften Nachjagen zu fürchten hatte.

Solches alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins Paradeis, [189] ein so genanntes Frauenkloster, auf Salvaguardi zu legen, nicht zwar, als wäre er viel nutz dazu gewesen, sondern damit er sich begrasen, und wieder montieren sollte, vornehmlich aber auch, weil die Nonnen um einen frommen, gewissenhaften und stillen Kerl gebeten hatten. Also ritt er dahin, und ich ging mit, weil er leider nur ein Pferd hatte: »Potz Glück Simbrecht« (denn er konnte den Namen Simplicius nicht behalten), sagte er unterwegs, »kommen wir in das Paradeis, wie wollen wir fressen!« Ich antwortet: »Der Nam ist ein gut Omen, Gott geb daß der Ort auch so beschaffen sei.« »Freilich«, sagte er (denn er verstand mich nicht recht), »wenn wir alle Tag zwei Ohmen von dem besten Bier saufen könnten, so wirds uns nicht abgeschlagen, halt dich nur wohl, ich will mir jetzt bald ein braven neuen Mantel machen lassen, alsdann hast du den alten, das gibt dir noch einen guten Rock.« Er nannt ihn recht den alten, denn ich glaub, daß ihm die Schlacht vor Pavia noch gedachte, so gar wetterfarbig und abgeschabt sah er aus, also daß er mich wenig damit erfreute.

Das Paradeis fanden wir, wie wirs begehrten, und noch darüber anstatt der Engel schöne Jungfrauen darinnen, welche uns mit Speis und Trank also traktierten, daß ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam, denn da setzte es das fetteste Bier, die besten westfälischen Schinken und Knackwürst, wohlgeschmack und sehr delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte, und kalt zu essen pflegte; da lernete ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener Butter schmieren, und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte, und wenn ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war, und ein gute Kanne Bier daneben stehn hatte, so erquickte ich Leib und Seel, und vergaß all meines ausgestandenen Leids. In Summa, dies Paradeis schlug mir so wohl zu, als ob es das rechte gewesen wäre; kein ander Anliegen hatte ich, als daß ich wußte, daß es nicht ewig währen würde, und daß ich so zerlumpt dahergehen mußte.

Aber gleichwie mich das Unglück haufenweis überfiel, da es anfing mich hiebevor zu reiten, also bedünkte mich [190] auch jetzt, das Glück wollte es wieder wett spielen: Denn als mich mein Herr nach Soest schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack, und in demselben etliche Ellen Scharlach zu einem Mantel, samt rotem Sammet zum Futter, das nahm ich mit, und vertauschte es zu Soest mit einem Tuchhändler um gemein grün wollen Tuch zu einem Kleid, samt der Ausstaffierung, mit dem Geding, daß er mir solches Kleid auch machen lassen, und noch dazu einen neuen Hut aufgeben sollte; und demnach mir nur noch ein Paar neuer Schuh und ein Hemd abging, gab ich dem Krämer die silbernen Knöpf und Galaunen auch, die zu dem Mantel gehörten, wofür er mir dann schaffte, was ich noch brauchte, und mich also nagelneu herausputzte. Also kehrte ich wieder ins Paradeis zu meinem Herrn, welcher gewaltig kollerte, daß ich ihm den Fund nicht gebracht hatte, ja er sagte mir vom Prügeln, und hätte ein geringes genommen (wenn er sich nicht geschämt, und ihm das Kleid gerecht gewesen wäre) mich auszuziehen, und das Kleid selbst zu tragen, wiewohl ich mir eingebildet, gar wohl gehandelt zu haben.

Indessen mußte sich der karge Filz schämen, daß sein Jung besser gekleidet war als er selbsten, derowegen ritt er nach Soest, borgte Geld von seinem Hauptmann, und montierte sich damit aufs beste, mit Versprechen, solches von seinen wöchentlichen Salvaguardi-Geldern wieder zu erstatten, welches er auch fleißig tat, er hätte zwar selbsten noch wohl soviel Mittel gehabt, er war aber viel zu schlau sich anzugreifen, denn hätte ers getan, so wäre ihm die Bärnhaut entgangen, auf welcher er denselbigen Winter im Paradeis liegen konnte, und wäre ein anderer nackender Kerl an seine Statt gesetzt worden, mit der Weis aber mußte ihn der Hauptmann wohl liegen lassen, wollte er anders sein ausgeliehen Geld wieder haben. Von dieser Zeit an hatten wir das allerfaulste Leben von der Welt, in welchem Kegeln unser allergrößte Arbeit war, wenn ich meines Dragoners Klepper gestriegelt, gefüttert und getränkt hatte, so trieb ich das Junkern-Handwerk und ging spazieren; Das Kloster war auch von den Hessen, unserm Gegenteil,[191] von der Lippstadt aus mit einem Musketier salvaguardiert, derselbe war seines Handwerks ein Kürschner, und dahero nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter, und damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir für die lange Weil in allen Gewehren, wovon ich so fix wurde, daß ich mich nicht scheute ihm Bescheid zu tun, wenn er wollte; mein Dragoner aber kegelte anstatt des Fechtens mit ihm, und zwar um nichts anders, als wer über Tisch das meiste Bier aussaufen mußte, damit ging eines jeden Verlust übers Kloster.

Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn, und hielt dahero auch einen eigenen Jäger, und weil ich auch grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm, und lernete ihm denselben Herbst und Winter alle seine Künste ab, sonderlich was das kleine Waidwerk anbelangt. Solcher Ursachen halber, und weil der Nam Simplicius etwas ungewöhnlich, und den gemeinen Leuten vergeßlich, oder sonst schwer auszusprechen war, nannte mich jedermann ›dat Jäjerken‹; dabei wurden mir alle Weg und Steg bekannt, welches ich mir hernach trefflich zunutz machte; Wenn ich aber wegen üblen Wetters in Wäldern und Feldern nicht herum konnte schwärmen, so las ich allerhand Bücher, die mir des Klosters Verwalter lieh. Sobald aber die adeligen Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner guten Stimm auch auf der Lauten, und etwas wenigs auf dem Instrument schlagen konnte, ermaßen sie auch mein Tun desto genauer, und weil eine ziemliche Leibsproportion und schönes Angesicht dazukam, hielten sie alle mein Sitten, Wesen, Tun und Lassen für adelig, dergestalt nun mußte ich ohnversehens ein sehr beliebter Junker sein, über welchem man sich verwundert', daß er sich bei einem so liederlichen Dragoner behülfe.

Als ich nun solchergestalt denselben Winter in aller Wollust hingebracht hatte, ward mein Herr abgelöst, welches ihm auf das gute Leben so and tat, daß er darüber erkrankte, und weil auch ein starkes Fieber dazuschlug, zumalen auch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Krieg aufgefangen, dazukamen, machte ers kurz, allermaßen [192] ich in drei Wochen hernach etwas zu begraben hatte; ich machte ihm diese Grabschrift:


Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,
Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.

Von Rechts und Gewohnheit wegen hätte der Hauptmann Pferd und Gewehr, der Führer aber die übrige Verlassenschaft zu sich nehmen und erben sollen; weil ich aber damals ein frischer aufgeschossener Jüngling war, und Hoffnung gab, ich würde mit der Zeit meinen Mann nicht fürchten, wurde mir alles zu überlassen angeboten, wenn ich mich an meines verstorbenen Herrn Statt unterhalten lassen wollte; ich nahms um soviel desto lieber an, weil mir bekannt, daß mein Herr in seinen alten Hosen ein ziemliche Anzahl Dukaten eingenähet verlassen, an welchen er sein Lebtag zusammengekratzt hatte, und als ich zu solchem End meinen Namen, nämlich Simplicius Simplicissimus angab, der Musterschreiber (welcher Cyriacus genannt war) solchen aber nicht orthographice schreiben konnte, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Höll, der also heißt«; und weil ich ihn hierauf geschwind fragte, ob denn einer in der Höll wäre, der Cyriacus hieße? er aber nichts zu antworten wußte, ob er sich schon klug zu sein dünkte, gefiel solches meinem Hauptmann so wohl, daß er gleich im Anfang viel von mir hielt.

30. Kapitel
Das 30. Kapitel

Wie sich der Jäger angelassen, als er anfing das Soldaten-Handwerk zu treiben, daraus ein junger Soldat etwas zu lernen


Weil dem Kommandanten in Soest ein Kerl im Stall mangelte, wie ich ihn einer zu sein gedünkte, sah er nicht gern, daß ich ein Soldat worden war, sondern unterstand sich, mich noch zu bekommen, maßen er meine Jugend vorwandte und mich für keinen Mann passieren lassen wollte; und als er solches meinem Herrn vorhielt, schickte er auch nach mir und sagte: »Hör Jägerchen, du sollst [193] mein Diener werden.« Ich fragte, was denn meine Verrichtungen sein sollten? Er antwort: »Du sollst meiner Pferd helfen warten.« »Herr«, sagte ich, »wir sind nicht füreinander, ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferd auf mich warten, weil ich aber keinen solchen werde haben können, will ich ein Soldat bleiben.« Er sagte: »Dein Bart ist noch viel zu klein!« »O nein«, sagte ich, »ich getraue einen Mann zu bestehen der achzig Jahr alt ist; der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böck hoch ästimiert werden.« Er sagte: »Wenn die Courage so gut ist als das Maulleder, so will ich dich noch passiern lassen.« Ich antwortet: »Das kann in der nächsten Occasion probiert werden«, und gab damit zu verstehen, daß ich mich für keinen Stallknecht wollte gebrauchen lassen. Also ließ er mich bleiben der ich war, und sagte, das Werk würde den Meister loben.

Hierauf wischte ich hinter meines Dragoners alten Hosen her, und nachdem ich dieselben anatomiert hatte, schaffte ich mir aus deren Eingeweid noch ein gut Soldatenpferd, und das beste Gewehr so ich kriegen konnte, das mußte mir alles glänzen wie ein Spiegel. Ich ließ mich wieder von neuem grün kleiden, weil mir der Nam ›Jäger‹ sehr beliebte, mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen, weil mirs zu klein worden, also ritt ich selbander daher wie ein junger Edelmann, und dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein; ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier, dahero bekam ich bald Neider und Mißgönner, zwischen denselben und mir setzte es ziemlich empfindliche Wort, und endlich gar Ohrfeigen: Ich hatte aber kaum einem oder drei gewiesen, was ich im Paradeis vom Kürschner gelernet hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern es suchte auch ein jeglicher meine Freundschaft. Daneben ließ ich mich beides zu Roß und Fuß aufs Partei-gehen gebrauchen, denn ich war wohl beritten, und schneller auf den Füßen als einer meinesgleichen, und wenn es etwas mit dem Feind zu tun gab, warf ich mich hervor, wie das Bös in einer Wannen, und wollte allzeit vorn dran sein, davon wurde ich in kurzer [194] Zeit bei Freunden und Feinden bekannt, und so berühmt, daß beide Teil viel von mir hielten, allermaßen mir die gefährlichsten Anschläg zu verrichten, und zu solchem End ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, da fing ich an zuzugreifen wie ein Böhm, und wenn ich etwas Namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offiziern so reiche Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben durfte, weil mir überall durchgeholfen wurde. Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche Garnisonen übriggelassen, nämlich zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war ich gewaltig molest, denn ich lag ihnen mit geringen Parteien bald hier bald dort schier täglich vor den Toren, und erhaschte manche gute Beut, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten die Leut von mir, ich könnte mich unsichtbar machen, und wäre so fest wie Eisen und Stahl, davon wurde ich gefürcht wie die Pest, und schämten sich dreißig Mann vom Gegenteil nicht, vor mir durchzugehen, wenn sie mich nur mit fünfzehn in der Nähe wußten. Zuletzt kam es dahin, wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war, daß ich solches alles verrichten mußte, davon wurde mein Beutel so groß als mein Nam, meine Offizier und Kameraden liebten ihren Jäger, die vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsetzten sich, und den Landmann hielt ich durch Furcht und Liebe auf meiner Seiten, denn ich wußte meine Widerwärtigen zu strafen, und die so mir nur den geringsten Dienst taten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte meiner Beuten wieder verspendierte, und auf Kundschaften auslegte. Solcher Ursachen halber ging keine Partei, kein Convoi noch keine Reis aus des Gegenteils Posten, deren Ausfahrt mir nicht zu wissen ward getan, alsdann konjekturiert ich ihr Vorhaben, und macht meine Anschläg darauf, und weil ich solche mehrenteils durch Beistand des Glücks wohl ins Werk setzte, verwunderte sich jedweder über meine Jugend, so gar, daß mich auch viel Offizier und brave Soldaten vom Gegenteil nur zu sehen wünschten; daneben erzeigte ich mich gegen meine Gefangenen überaus diskret, also daß sie mich oft mehr kosteten, [195] als meine Beuten wert waren, und wenn ich einem vom Gegenteil, sonderlich den Offiziern, ob ich sie schon nicht kannte, ohne Verletzung meiner Pflicht und Herrndienst ein Courtoisie tun konnte, unterließ ichs nicht.

Durch solch mein Verhalten wäre ich zeitlich zu Offizien befördert worden, wenns meine Jugend nicht verhindert hätte; denn welcher in solchem Alter, als ich trug, ein Fähnlein haben wollte, mußte ein guter von Adel sein, zudem konnte mich mein Hauptmann nicht befördern, weil keine ledigen Stellen bei seiner Kompagnie waren, und keinem andern mochte er mich gönnen, weil er an mir mehr als eine melkende Kuh verloren hätte, doch wurde ich ein Gefreiter. Diese Ehr, daß ich alten Soldaten vorgezogen wurde, wiewohl es ein geringe Sach war, und das Lob, das man mir täglich verlieh, waren gleichsam wie Sporn, die mich zu höhern Dingen antrieben: Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen, ja ich konnte vor solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen: Und weil ich sah, daß es mir an Gelegenheit mangelte, im Werk zu erweisen, was ich für einen Mut trüge, bekümmerte ich mich, daß ich nicht täglich Gelegenheit haben sollte, mich mit dem Gegenteil in Waffen zu üben, ich wünschte mir oft den Trojanischen Krieg oder eine Belagerung wie zu Ostende, und ich Narr gedachte nicht, daß der Krug so lang zum Brunnen gehet, bis er einmal zerbricht. Es gehet aber nicht anders, wenn ein junger unbesonnener Soldat Geld, Glück und Courage hat, denn da folget Übermut und Hoffart, und aus solcher Hoffart hielt ich anstatt eines Jungen zween Knecht, die ich trefflich herausstaffierte und beritten machte, womit ich mir aller Offizierer Neid aufbürdete.

31. Kapitel
[196] Das 31. Kapitel

Wie der Teufel dem Pfaffen seinen Speck gestohlen, und sich der Jäger selbst fängt


Ich muß ein Stücklein oder etliche erzählen, die mir hin und wieder begegnet, ehe ich wieder von meinen Dragonern kam; und ob sie schon nicht von Importanz seien, sind sie doch lustig zu hören, denn ich nahm nicht allein große Ding vor, sondern verschmähet auch die geringen nicht, wenn ich nur mutmaßete, daß ich Ruhm bei den Leuten dadurch erwecken möchte. Mein Hauptmann wurde mit etlich und fünfzig Mann zu Fuß in das Vest von Recklinghausen kommandiert, einen Anschlag daselbst zu verrichten, und weil wir gedachten, wir würden, ehe wir solchen ins Werk setzen könnten, einen Tag oder etlich uns in den Büschen heimlich halten müssen, nahm jeder auf acht Tag Proviant zu sich; demnach aber die reiche Caravana, der wir aufpaßten, die bestimmte Zeit nicht ankam, ging uns das Brot aus, welches wir nicht rauben durften, wir hätten uns denn selbst verraten, und unser Vorhaben zu nichts werden lassen wollen, dahero uns der Hunger gewaltig preßte; so hatte ich auch dies Orts keine Kunden, wie anderswo, die mir und den Meinigen etwas heimlich zutrugen, derowegen mußten wir, Fütterung zu bekommen, auf andere Mittel bedacht sein, wenn wir anders nicht wieder leer heim wollten; Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich aus der Schul entlaufen, und sich unterhalten lassen, seufzete vergeblich nach den Gerstensuppen, die ihm hiebevor seine Eltern zum Besten verordnet, er aber verschmähet und verlassen hatte, und als er so an seine vorigen Speisen gedachte, erinnert' er sich auch seines Schulsacks, bei welchem er solche genossen: »Ach Bruder«, sagte er zu mir, »ists nicht eine Schand, daß ich nicht soviel Künste erstudiert haben soll, vermittelst deren ich mich jetzund füttern könnte, Bruder, ich weiß re vera, wenn ich nur zum Pfaffen in jenes Dorf gehen dürfte, daß es ein trefflich Convivium bei ihm setzen sollte!« Ich überlief diese Wort [197] ein wenig, und ermaß unsern Zustand, und weil diejenigen so Weg und Steg wußten, nicht hinausdurften, denn sie wären sonst erkannt worden, die Unbekannten aber keine Gelegenheit wußten, etwas heimlich zu stehlen oder zu kaufen, also machte ich meinen Anschlag auf unsern Studenten, und hielt die Sach dem Hauptmann vor, wiewohl nun dasselbige Gefahr auf sich hatte, so war doch sein Vertrauen so gut zu mir, und unsere Sach so schlecht bestellt, daß er darein konsentierte.

Ich verwechselte meine Kleider mit einem andern, und zottelt mit meinem Studenten besagtem Dorf zu durch einen weiten Umschweif, wiewohl es nur ein halbe Stund von uns lag, in demselben erkannten wir das nächste Haus bei der Kirch für des Pfarrers Wohnung, weil es auf städtisch gebaut war, und an einer Mauer stand, die um den ganzen Pfarrhof ging: Ich hatte meinen Kameraden schon instruiert, was er reden sollte, denn er hatte sein abgeschabt Studenten-Kleidlein noch an, ich aber gab mich für einen Malergesellen aus, denn ich gedachte, ich würde dieselbe Kunst im Dorf nicht üben dürfen, weil die Bauren nicht bald gemalte Häuser haben. Der geistliche Herr war höflich, als ihm mein Gesell ein tiefe lateinische Reverenz gemacht, und einen Haufen dahergelogen hatte, wasgestalt ihn die Soldaten auf der Reis geplündert, und aller seiner Zehrung beraubt hätten, bot er ihm selbst ein Stück Butter und Brot, neben einem Trunk Bier an, ich aber stellte mich, als ob ich nicht zu ihm gehörte, und sagte, ich wollte im Wirtshaus etwas essen, und ihm alsdann rufen, damit wir noch denselben Tag ein Stück Wegs hinter uns legen könnten: Also ging ich dem Wirtshaus zu, mehr auszuspähen was ich dieselbe Nacht holen wollte, als meinen Hunger zu stillen, hatte auch das Glück, daß ich unterwegs einen Bauren antraf, der seinen Backofen zukleibte, welcher große Pumpernickel darinnen hatte, die vierundzwanzig Stund da sitzen und ausbacken sollten. Ich machts beim Wirt kurz, weil ich schon wußte wo Brot zu bekommen war, kaufte etliche Stuten (das ist ein so genanntes weiß Brot), solche meinem Hauptmann zu bringen, und da ich in Pfarrhof kam, meinen [198] Kameraden zu mahnen, daß er gehen sollte, hatte er sich auch schon gekröpft, und dem Pfarrer gesagt, daß ich ein Maler sei, und nach Holland zu wandern vorhabens wäre, meine Kunst daselbsten vollends zu perfektionieren; der Pfarrherr hieß mich sehr willkomm sein, und bat mich, mit ihm in die Kirch zu gehen, da er mir etliche Stück weisen wollte, die zu reparieren wären: Damit ich nun das Spiel nicht verdarb, mußte ich folgen: Er führte uns durch die Küchen, und als er das Nachtschloß an der starken eichenen Tür aufmachte, die auf den Kirchhof ging, o mirum! da sah ich, daß der schwarze Himmel auch schwarz voller Lauten, Flöten und Geigen hing, ich vermeine aber die Schinken, Knackwürst und Speckseiten, die sich im Kamin befanden; diese blickte ich trostmütig an, weil mich bedünkte, als ob sie mit mir lachten, und wünschte sie, aber vergeblich, meinen Kameraden in Wald, denn sie waren so hartnäckig, daß sie mir zu Trotz hangen blieben, da gedachte ich auf Mittel, wie ich sie obgedachtem Backofen voll Brot zugesellen möchte, konnte aber so leicht keines ersinnen, weil, wie obgemeldt, der Pfarrhof ummauret und alle Fenster mit eisernen Gittern genugsam verwahret waren, so lagen auch zween ungeheure große Hund im Hof, welche, wie ich sorgte, bei Nacht gewißlich nicht schlafen würden, wenn man dasjenige hätte stehlen wollen, daran ihnen auch zu Belohnung ihrer getreuen Hut zu nagen gebührte.

Wie wir nun in die Kirch kamen, von den Gemälden allerhand diskurierten, und mir der Pfarrer etliche Stück auszubessern verdingen wollte, ich aber allerhand Ausflücht suchte, und meine Wanderschaft vorwandte, sagte der Mesner oder Glöckner: »Du Kerl, ich sehe dich ehe für einen verlaufenen Soldatenjungen an, als für einen Malergesellen.« Ich war solcher Reden nicht mehr gewohnet, und sollte sie doch verschmerzen, doch schüttelt ich nur den Kopf ein wenig, und antwortet ihm: »O du Kerl, gib mir nur geschwind Pinsel und Farben her, so will ich dir im Hui einen Narrn dahergemalt haben, wie du einer bist.« Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und sagte zu uns beiden, es gezieme sich nicht an einem so heiligen Ort einander wahrzusagen; [199] gab damit zu verstehen, daß er uns beiden glaubte, ließ uns noch einen Trunk langen, und also dahinziehen. Ich aber ließ mein Herz bei den Knackwürsten.

Wir kamen noch vor Nacht zu unsern Gesellen, da ich meine Kleider und Gewehr wieder nahm, dem Hauptmann meine Verrichtung erzählet, und sechs gute Kerl auslas, die das Brot heimtragen sollten helfen; wir kamen um Mitternacht ins Dorf, und hoben in aller Stille das Brot aus dem Ofen, weil wir einen bei uns hatten, der die Hund bannen konnte, und da wir bei dem Pfarrhof vorüber wollten, konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiters zu passieren; Ich stand einsmals still, und betrachtete mit Fleiß, ob nicht in des Pfaffen Küchen zu kommen sein möchte? sah aber keinen andern Eingang als den Kamin, welcher für diesmal meine Tür sein mußte; Wir trugen Brot und Gewehr auf den Kirchhof ins Beinhaus, und brachten ein Leiter und Seil aus einer Scheur zuwegen, und weil ich so gut als ein Schornsteinfeger in den Kaminen auf- und absteigen konnte (als welches ich von Jugend auf in den hohlen Bäumen gelernet hatte), stieg ich selbander aufs Dach, welches von hohlen Ziegeln doppelt belegt, und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebaut war: Ich wickelt meine langen Haar über dem Kopf auf einen Büschel zusammen, ließ mich mit einem End des Seils hinunter zu meinem geliebten Speck, und band einen Schinken nach dem andern, und eine Speckseite nach der andern an das Seil, welches der auf dem Dach fein ordentlich zum Dach hinausfischte, und den andern in das Beinhäuslein zu tragen gab: Aber potz Unstern! Da ich allerdings Feirabend gemacht hatte, und wieder übersich wollte, brach eine Stange mit mir, also daß der arme Simplicius herunterfiel, und der elende Jäger sich selbst wie in einer Mausfallen gefangen befand: Meine Kameraden auf dem Dach ließen das Seil herunter, mich wieder hinaufzuziehen, aber es zerbrach, ehe sie mich vom Boden brachten. Ich gedachte: ›Nun Jäger, jetzt mußt du eine Hatz ausstehen, in welcher dir selbst, wie dem Aktaeon, das Fell gewaltig zerrissen wird werden‹, denn der Pfarrer war von meinem Fall erwacht und befahl seiner [200] Köchin, alsbald ein Licht anzuzünden: Sie kam im Hemd zu mir in die Küchen, hatte den Rock über der Achsel hangen, und stand so nahe neben mich, daß sie mich damit rührte; sie griff nach einem Brand, hielt das Licht daran, und fing an zu blasen; ich aber blies viel stärker zu, als sie selbsten, davon das gute Mensch so erschrak, daß sie Feur und Licht fallen ließ, und sich zu ihrem Herrn retirierte; Also bekam ich Luft, mich zu bedenken, durch was Mittel ich mir davonhelfen möchte, es wollte mir aber nichts einfallen: Meine Kameraden gaben mir durchs Kamin herunter zu verstehen, daß sie das Haus aufstoßen, und mich mit Gewalt herausnehmen wollten, ich gabs ihnen aber nicht zu, sondern befahl, sie sollten ihr Gewehr in acht nehmen und allein den Spring-ins-Feld oben bei dem Kamin lassen, und erwarten, ob ich ohne Lärmen und Rumor davonkommen könnte, damit unser Anschlag nicht zu Wasser würde, wofern aber solches nicht sein möchte, sollten sie alsdann ihr Bestes tun; Interim schlug der Geistliche selbst ein Licht an, seine Köchin aber erzählte ihm, daß ein greulich Gespenst in der Küchen wäre, welches zween Köpf hätte (denn sie hatte vielleicht meinen Büschel Haar auf dem Kopf gesehen, und auch für einen Kopf gehalten) das hörete ich alles, machte mich derowegen mit meinen schmutzigen Händen, darin ich Aschen, Ruß und Kohlen rieb, im Angesicht und an Händen so abscheulich, daß ich ohn Zweifel keinem Engel mehr (wie hiebevor die Klosterfrauen im Paradeis sagten) gleichsah; und der Mesner, wenn ers gesehen, mich wohl für einen geschwinden Maler hätte passieren lassen. Ich fing an in der Küchen schrecklich zu poltern, und allerlei Küchengeschirr untereinander zu werfen, der Kesselring geriet mir in die Händ, den hängte ich an den Hals, den Feuerhaken aber behielt ich in den Händen, mich damit auf den Notfall zu wehren; Solches ließ sich aber der fromme Pfaff nicht irren, denn er kam mit seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachslichter in den Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug, er selbsten aber war mit dem Chorrock bewaffnet, samt den Stolen und hatte den Sprengel in der einen, und ein Buch [201] in der andern Hand, aus demselben fing er an mich zu exorzieren, fragend: Wer ich sei, und was ich da zu schaffen hätte? Weil er mich denn nun für den Teufel selbst hielt, so gedachte ich, es wäre billig, daß ich auch wie der Teufel täte, daß ich mich mit Lügen behülfe, antwortet derowegen: »Ich bin der Teufel, und will dir und deiner Köchin die Häls umdrehen!« Er fuhr mit seinem Exorcismo weiter fort, und hielt mir vor, daß ich weder mit ihm noch seiner Köchin nichts zu schaffen hätte, hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo ich herkommen wäre; Ich aber antwortet mit ganz fürchterlicher Stimm, daß solches unmöglich sei, wenn ich schon gern wollte. Indessen hatte Spring-ins-Feld, der ein abgefeimter Erz-Vogel war, und kein Latein verstand, seine seltsamen Tausendhändel auf dem Dach, denn da er hörete, um welche Zeit es in der Küchen war, daß ich mich nämlich für den Teufel ausgab, mich auch der Geistliche also hielt, wixte er wie eine Eul, bellete wie ein Hund, wieherte wie ein Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel, und ließ sich bald durch den Kamin herunter hören wie ein Haufen Katzen, die im Hornung rammeln, bald wie eine Henne die legen wollte, denn dieser Kerl konnte aller Tier Stimme nachmachen, und wenn er wollte, so natürlich heulen, als ob ein ganzer Haufen Wölf beieinander gewesen wäre. Solches ängstigte den Pfarrer und seine Köchin auf das höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich für den Teufel beschwören ließ, für welchen er mich eigentlich hielt, weil er etwa gelesen oder gehöret hatte, daß sich der Teufel gern in grünen Kleidern sehen lasse.

Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits umgeben hatten, wurde ich zu allem Glück gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging, nicht eingeschlagen, sondern der Riegel nur vorgeschoben war: Ich schob denselben geschwind zurück, wischte zur Tür hinaus auf den Kirchhof (da ich denn meine Gesellen mit aufgezogenen Hahnen stehen fand) und ließ den Pfaffen Teufel beschwören, so lang er immer wollte. Und demnach Spring-ins-Feld mir meinen Hut von dem Dach gebracht, wir auch [202] unser Proviant aufgesackt hatten, gingen wir zu unserer Bursch, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten hatten, als daß wir die entlehnte Leiter samt dem Seil wieder hätten heimliefern sollen.

Die ganze Partei erquickte sich mit demjenigen das wir gestohlen hatten, und bekam doch kein einziger den Klucksen davon, so gesegnete Leut waren wir! Auch hatten alle über diese meine Fahrt genugsam zu lachen, nur dem Studenten wollte es nicht gefallen, daß ich den Pfaffen bestohlen, der ihm das Münkelspiel so grandig besteckt hatte, ja er schwor auch hoch und teur, daß er ihm seinen Speck gern bezahlen wollte, wenn er die Mittel nur bei der Hand hätte, und fraß doch nichtsdestoweniger mit, als ob ers verdingt hätte. Also lagen wir noch zween Tag an selbigem Ort, und erwarteten diejenigen, denen wir schon so lang aufgepaßt hatten, wir verloren keinen einzigen Mann im Angriff, und bekamen doch über dreißig Gefangene, und so herrliche Beuten, als ich jemals teilen helfen: Ich hatte doppelt Part, weil ich das Beste getan, das waren drei schöne friesländische Hengst mit Kaufmannswaren beladen, was sie in Eil forttragen möchten, und wenn wir Zeit gehabt, die Beuten recht zu suchen und solche in Salvo zu bringen, so wäre jeder für sein Teil reich genug worden, maßen wir mehr stehen lassen, als wir davonbrachten, weil wir mit dem was wir fortbringen konnten, uns in schnellster Eil tummeln mußten, und zwar so retirierten wir uns mehrer Sicherheit halber auf Rehnen, da wir fütterten, und die Beuten teilten, weil unsers Volks da lag. Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck gestohlen hatte; der Leser mag denken, was ich für einen verwegenen, freveln und ehrgeizigen Kopf hatte, indem mirs nicht genug war, daß ich den frommen Geistlichen bestohlen, und so schrecklich geängstiget, sondern ich wollte noch Ehr davon haben; derowegen nahm ich einen Saphir in einen güldenen Ring gefaßt, den ich auf selbiger Partei erschnappt hatte, und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen Boten meinem Pfarrer, mit folgendem Brieflein:


[203] Wohl-Ehrwürdiger, etc. Wenn ich dieser Tagen im Wald noch etwas von Speisen zu leben gehabt hätte, so hätte ich nicht Ursach gehabt, E. Wohl- Ehrw. ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschreckt worden. Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie solche Angst wider meinen Willen eingenommen, hoffe derowegen die Vergebung desto ehender: Was aber den Speck selbst anbelangt, so ists billig, daß selbiger bezahlt werde, schicke derohalben anstatt der Bezahlung gegenwärtigen Ring, den diejenigen hergeben, um welcher willen die War ausgenommen werden müssen, mit Bitt, E. Wohl-Ehrw. belieben damit vorlieb zu nehmen; versichere daneben, daß Dieselbe im übrigen auf alle Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen Diener hat an dem, den Dero Mesner für keinen Maler hält, welcher sonst genannt wird

Der Jäger.


Dem Bauren aber, welchem sie den Backofen ausgeleert hatten, schickte die Partei aus gemeiner Beut sechzehn Reichstaler, denn ich hatte sie gelernet, daß sie solchergestalt den Landmann auf ihre Seite bringen müssen, als welche einer Partei oft aus allen Nöten helfen, oder hingegen eine andere verraten, verkaufen, und um die Häls bringen könnten. Von Rehnen gingen wir auf Münster, und von da auf Hamm, und heim nach Soest in unser Quartier, allwo ich nach wenig Tagen ein Antwort von dem Pfaffen empfing, die also lautet':


Edler Jäger, etc. Wenn derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte gewußt, daß Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen: Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt worden, also ist auch der eingenommene Schrecken desto leichter zu verschmerzen, vornehmlich weil er von einer so berühmten Person wider ihren Willen verursacht worden, deren hiemit allerdings verziehen wird, mit Bitt, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen, bei dem der sich nicht scheuet, den Teufel zu beschwören. Vale.


[204] Also machte ichs aller Orten, und überkam dadurch einen großen Ruf, und je mehr ich ausgab und verspendierte, je mehr flossen mir Beuten zu, und bildet ich mir ein, daß ich diesen Ring, wiewohl er bei hundert Reichstaler wert war, gar wohl angelegt hätte. Aber hiemit hat dieses zweite Buch ein Ende.


Ende des zweiten Buchs [205] [207]

Das dritte Buch

1. Kapitel
Das 1. Kapitel

Wie der Jäger zu weit auf die linke Hand gehet


Der günstige Leser wird in vorhergehendem Buch verstanden haben, wie ehrgeizig ich in Soest worden, und daß ich Ehr, Ruhm und Gunst in Handlungen suchte und auch gefunden, die sonst bei andern wären strafwürdig gewesen: Jetzt will ich erzählen, wie ich mich meine Torheit weiter verleiten lassen, und dadurch in stetiger Leib- und Lebensgefahr gelebt; Ich war, wie ich bereits erwähnet hab, so beflissen Ehr und Ruhm zu erjagen, daß ich auch nicht davor schlafen konnte, und wenn ich so Grillen hatte, und manche Nacht lag, neue Fünd und List zu ersinnen, hatte ich wunderliche Einfäll; dahero erfand ich ein Gattung Schuh, die man das Hinterst zuvorderst anziehen konnte, also daß die Absätz unter den Zehen standen, deren ließ ich auf meine Kosten bei dreißig unterschiedliche Paar machen, und wenn ich solche unter meine Bursch austeilete, und damit auf Partei ging, wars unmöglich uns auszuspüren, denn wir trugen bald diese, und bald unsere rechten Schuh an den Füßen, und hingegen die übrigen im Ranzen, und wenn jemand an einen Ort kam, da ich die Schuh verwechseln lassen, sah es nicht anders in der Spur, als wenn zwo Partei allda zusammenkommen, und miteinander auch wieder verschwunden wären; behielt ich aber meine letzten Schuh an, so sah es, als ob ich erst hingangen wäre, wo ich schon gewesen, oder als ob ich von dem Ort herkäme, dahin ich erst ging: So waren ohnedas meine Gäng, wenn es eine Spur hatte, viel verwirrter als in einem Irrgarten, also daß es denjenigen, die mich vermittelst der Spur hätten auskundigen, oder sonst nachjagen sollen, unmöglich gefallen wäre, mich zu kriegen. Ich war oft allernächst bei denen vom Gegenteil, die mich in der Ferne sollten suchen, und noch öfters etliche Meil Wegs von demjenigen Busch, den sie [209] jetzt umstellten und durchstreiften, mich darin zu fangen, und gleichwie ichs machte mit den Parteien zu Fuß, also tat ich ihm auch, wenn ich zu Pferd draußen war, denn das war mir nichts Seltsams, daß ich an Scheid- und Kreuzwegen ohnversehens absteigen, und den Pferden die Eisen das Hinterst zuvorderst aufschlagen ließ; die gemeinen Vorteil aber, die man brauchet, wenn man schwach auf Partei ist, und doch für stark aus der Spur judiziert, oder wenn man stark ist, und doch für schwach gehalten werden will, waren mir so gemein, und ich achte sie so gering, daß ich selbige zu erzählen nicht wert achte. Daneben erdachte ich ein Instrument, mit welchem ich bei Nacht, wenn es windstill war, ein Trompet auf drei Stund Wegs von mir blasen, ein Pferd auf zwo Stund schreien, oder Hunde bellen, und auf eine Stund weit die Menschen reden hören konnte, welche Kunst ich sehr geheim hielt, und mir damit ein Ansehen machte, weil es bei jedermann ohnmöglich zu sein schien; bei Tag aber war mir besagtes Instrument (welches ich gemeiniglich neben einem Perspektiv im Hosensack trug) nit soviel nutz, es wäre denn an einem einsamen stillen Ort gewesen, denn man mußte von den Pferden und dem Rindvieh an bis auf den geringsten Vogel in der Luft oder Frosch im Wasser alles hören, was sich in der ganzen Gegend nur regte, und ein Stimm von sich gab, welches denn nicht anderst lautet', als ob man sich (wie mitten auf einem Markt) unter viel Menschen und Tieren befände, deren jedes sich hören läßt, da man vor des einen Geschrei den andern nicht verstehen kann.

Ich weiß zwar wohl, daß auf diese Stund Leut sind, die mir dieses nicht glauben, aber sie mögen es glauben oder nicht, so ists doch die Wahrheit: Ich will einen Menschen bei Nacht, der nur so laut redet als seine Gewohnheit ist, an der Stimm durch ein solches Instrument erkennen, er sei gleich so weit von mir, als ihn einer durch ein gut Perspektiv bei Tag an den Kleidern erkennen mag. Ich kann aber keinen verdenken, wenn er mir nicht glaubt, was ich jetzund schreibe, denn es wollte mir keiner glauben von denjenigen, die mit ihren Augen sahen, als ich mehrbedeut Instrument [210] gebrauchte, und ihnen sagte: Ich höre Reuter reiten, denn die Pferd sind beschlagen; ich höre Baurn kommen, denn die Pferd gehen barfuß; ich höre Fuhrleut, aber es sind nur Baurn, ich kenne sie an der Sprach; es kommen Musketier, ungefähr so viel, denn ich höre es am Geklapper ihrer Bandelier; es ist ein Dorf um diese oder jene Gegend, ich höre die Hahnen krähen, Hund bellen etc., dort geht eine Herd Vieh, ich höre Schaf blöken, Kühe schreien, Schwein grunzen, und so fortan: Meine eigenen Kameraden hielten anfangs diese Reden für Aufschneiderei, und als sie im Werk befanden, daß ich jederzeit wahr sagte, mußte alles Zauberei, und mir, was ich ihnen gesagt, vom Teufel und seiner Mutter offenbart worden sein: Also, glaub ich, wird der günstige Leser auch gedenken. Nichtsdestoweniger bin ich dem Gegenteil hierdurch oftmals wunderlich entronnen, wenn er Nachricht von mir kriegte, und mich aufzuheben kam; halt auch dafür, wenn ich diese Wissenschaft offenbart hätte, daß sie seither sehr gemein worden wäre, weil sie denen im Krieg trefflich zustatten käme, sonderlich in Belagerungen: Ich schreite aber zu meiner Histori.

Wenn ich nicht auf Partei durfte, so ging ich sonst aus zu stehlen, und dann waren weder Pferd, Kühe, Schwein noch Schaf in den Ställen vor mir sicher, welche ich auf etliche Meil Wegs holete; Rindvieh und Pferden wußte ich Stiefel oder Schuh anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Straß brachte, damit man sie nicht spüren konnte, alsdann schlug ich den Pferden die Eisen hinterst zuvorderst auf, oder wenns Küh und Ochsen warn, tat ich ihnen Schuh an die ich dazu gemacht hatte, und brachte sie also in Sicherheit; die großen fetten Schweinspersonen, die Faulheit halber bei Nacht nicht reisen mögen, wußte ich auch meisterlich fortzubringen, wenn sie schon grunzten, und nicht dranwollten; ich machte ihnen mit Mehl und Wasser einen wohlgesalzenen Brei, ließ solchen einen Baderschwamm in sich saufen, an welchen ich ein starken Bindfaden gebunden hatte, ließ nachgehends diejenigen um welche ich löffelte, den Schwamm voll Mus fressen, und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohne ferneren Wortwechsel geduldig mitgingen,[211] und mir die Zech mit Schinken und Würsten bezahlten; und wenn ich so was heimbrachte, teilte ich sowohl den Offiziern als meinen Kameraden getreulich mit, dahero durfte ich ein andermal wieder hinaus, und da mein Diebstahl verraten oder ausgekundschaftet wurde, halfen sie mir hübsch durch; Im übrigen dünkte ich mich viel zu gut dazu sein, daß ich die Armen bestehlen, oder Hühner fangen, und andere geringe Sachen hätte mausen sollen. Dabei fing ich an, nach und nach mit Fressen und Saufen ein epikurisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedlers Lehr vergessen, und niemand hatte, der meine Jugend regierte, oder auf den ich sehen durfte; denn meine Offizier machten selbst mit, wenn sie bei mir schmarotzten, und die mich hätten strafen und abmahnen sollen, reizten mich vielmehr zu allen Lastern, davon wurde ich endlich so gottlos und verrucht, daß mir kein Schelmstück, solches zu begehen, zu groß war. Zuletzt wurde ich auch heimlich geneidet, zumal von meinen Kameraden, daß ich ein glücklichere Hand zu stehlen hatte, als ein anderer; von meinen Offiziern aber, daß ich mich so toll hielt, glücklich auf Parteien handelte, und mir ein größern Namen und Ansehen machte, als sie selbst hatten. Ich halte auch gänzlich dafür, daß mich ein oder ander Teil zeitlich aufgeopfert hätte, wenn ich nicht so spendiert hätte.

2. Kapitel
Das 2. Kapitel

Der Jäger von Soest schafft den Jäger von Werl ab


Als ich nun so fort hausete, und im Werk begriffen war, mir einige Teufelslarven und dazu gehörige schreckliche Kleidungen mit Roß- und Ochsenfüßen machen zu lassen, vermittelst derer ich die Feind erschrecken, zumal auch den Freunden als unerkannt das Ihrige zu nehmen, dazu mir denn die Begebenheit mit dem Speck-stehlen Anlaß gab, bekam ich Zeitung, daß ein Kerl sich in Werl aufhielte, welcher ein trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lassen, und hin und her auf dem Land, sonderlich aber bei[212] unsern Kontribuenten, unter meinem Namen mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübte, maßen dahero greuliche Klagen auf mich einkamen, dergestalt, daß ich übel eingebüßt hätte, da ich nicht ausdrücklich dargetan, daß ich in denjenigen Zeiten, da er ein und ander Stücklein auf mich verrichtet, mich anderswo befunden. Solches gedacht ich ihm nicht zu schenken, viel weniger zu leiden, daß er sich länger meines Namens bedienen, unter meiner Gestalt Beuten machen, und mich dadurch so schänden sollte. Ich ließ ihn mit Wissen des Kommandanten in Soest auf einen Degen oder Paar Pistoln ins freie Feld zu Gast laden, nachdem er aber das Herz nicht hatte zu erscheinen, ließ ich mich vernehmen, daß ich mich an ihm revanchieren wollte, und sollt es zu Werl in desselbigen Kommandanten Schoß geschehen, als der ihn nicht drum strafte: Ja ich sagte öffentlich, daß, so ich ihn auf Partei ertappte, er als ein Feind von mir traktiert werden sollte! Das machte, daß ich meine Larven liegen ließ, mit denen ich ein Großes anzustellen vorhatte, sondern auch mein ganz grünes Kleid in kleine Stück zerhackte, und in Soest vor meinem Quartier öffentlich verbrannt', unangesehen allein meine Kleider, ohne Federn und Pferdgezeug, über die hundert Dukaten wert waren; ja ich fluchte in solcher Wut noch drüber hin, daß der Nächste, der mich mehr einen Jäger nenne, entweder mich ermorden, oder von meinen Händen sterben müsse, und sollte es auch meinen Hals kosten! Wollt auch keine Partei mehr führen (so ich ohnedas nicht schuldig, weil ich noch kein Offizier war), ich hätte mich denn zuvor an meinem Widerpart zu Werl gerochen. Also hielt ich mich ein, und tat nichts Soldatisch mehr, als daß ich meine Wacht versah, ich wäre denn absonderlich irgendshin kommandiert worden, welches ich jedoch alles wie ein anderer Bärnhäuter sehr schläferig verrichtet. Dies erscholl gar bald in der Nachbarschaft, und wurden die Parteien vom Gegenteil so kühn und sicher davon, daß sie schier täglich vor unsern Schlagbäumen lagen, so ich in die Läng auch nicht ertragen konnte. Was mir aber gar zu unleidlich fiel, war dies, daß der Jäger von Werl [213] noch immerzu fortfuhr, sich für mich auszugeben, und ziemliche Beuten zu machen.

Indessen nun, als jedermann vermeinte, ich hätte mich auf eine Bärnhaut schlafen gelegt, von der ich so bald nicht wieder aufstehen würde, kündigte ich meines Gegenteils von Werl Tun und Lassen aus, und befand, daß er mir nicht nur mit dem Namen und in den Kleidern nachäffte, sondern auch bei Nacht heimlich zu stehlen pflegte, wenn er etwas erhaschen konnte, derhalben erwachte ich wieder ohnversehens, und machte meinen Anschlag darauf: Mein beiden Knecht hatte ich nach und nach abgericht wie die Wachtelhund, so waren sie mir auch dermaßen getreu, daß jeder auf den Notfall für mich durch ein Feur gelaufen wäre, weil sie ihr gut Fressen und Saufen bei mir hatten, und treffliche Beuten machten: Derer schickte ich einen nach Werl zu meinem Gegenteil, der wandte vor, weil ich als sein gewesener Herr nunmehr anfinge zu leben wie ein ander Kujon, und verschworen hätte, nimmermehr auf Partei zu gehen, so hätte er nicht mehr bei mir bleiben mögen, sondern sei kommen ihm zu dienen, weil er an seines Herrn Statt ein Jägerkleid angenommen, und sich wie ein rechtschaffener Soldat gebrauchen lasse; er wisse alle Weg und Steg im Land, und könnte ihm manchen Anschlag geben, gute Beuten zu machen, etc. Mein guter einfältiger Narr glaubte meinem Knecht und ließ sich bereden, daß er ihn annahm, und auf eine bestimmte Nacht mit seinem Kameraden und ihm auf eine Schäferei ging, etliche fette Hämmel zu holen, da ich und Springinsfeld mit meinem andern Knecht schon aufpaßten, und den Schäfer bestochen hatten, daß er seine Hund anbinden, und die Ankömmling in die Scheur unverhindert minieren lassen sollte, so wollte ich ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Da sie nun ein Loch durch die Wand gemacht hatten, wollte der Jäger von Werl haben, mein Knecht sollte gleich zum ersten hineinschliefen; Er aber sagte: »Nein, es möchte jemand drin aufpassen, und mir eins vorn Kopf geben, ich sehe wohl, daß ihr nicht recht mausen könnt, man muß zuvor visitieren«; zog darauf seinen Degen aus, und hängte seinen [214] Hut an die Spitz, stieß ihn also etlichmal durchs Loch, und sagte: »So muß man zuvor sehen, ob Bläsi zu Haus sei oder nicht?« Als solches geschehen, war der Jäger von Werl selbst der erste so hineinkroch; Aber Springinsfeld erwischte ihn gleich beim Arm, darin er seinen Degen hatte, und fragte ihn, ob er Quartier wollte? Das höret' sein Gesell, und wollt durchgehen; weil ich aber nicht wußte, welches der Jäger, und geschwinder als dieser auf den Füßen war, eilet ich ihm nach, und ertappt ihn in wenig Sprüngen; Ich fragte: »Was Volks?« Er antwortet': »Kaiserisch«; Ich fragte: »Was Regiments? Ich bin auch kaiserisch, ein Schelm der seinen Herrn verleugnet!« Jener antwort: »Wir sind von den Dragonern aus Soest, und kommen ein paar Hämmel zu holen, Bruder ich hoffe, wenn ihr auch kaiserisch seid, ihr werdet uns passieren lassen.« Ich antwortet: »Wer seid ihr denn aus Soest?« Jener antwort: »Mein Kamerad im Stall ist der Jäger.« »Schelmen seid ihr!« sagte ich, »warum plündert ihr denn euer eigen Quartier? der Jäger von Soest ist so kein Narr, daß er sich in einem Schafstall fangen läßt!« »Ach von Werl wollt ich sagen«, antwort mir jener wiederum; und indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Springinsfeld mit meinem Gegenteil auch daher. »Siehe da, du ehrlicher Vogel, kommen wir hier zusammen? wenn ich die kaiserlichen Waffen, die du wider den Feind zu tragen aufgenommen hast, nicht respektierte, so wollt ich dir gleich eine Kugel durch den Kopf jagen! Ich bin der Jäger von Soest bishero gewesen, und dich halt ich für einen Schelmen, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst, und den andern auf Soldaten-Manier mit mir missest!« Indem legte mein Knecht (der sowohl als Springinsfeld ein abscheuliches Teufelskleid mit großen Bockshörnern anhatte) uns zween gleiche Degen vor die Füß, die ich mit aus Soest genommen hatte, und gab dem Jäger von Werl die Wahl, einen davon zu nehmen welchen er wollte; davon der arme Jäger so erschrak, daß es ihm ging wie mir zu Hanau, da ich den Tanz verdarb, denn er hofierte die Hosen so voll, daß schier niemand bei ihm bleiben konnte; er und sein Kamerad zitterten wie nasse [215] Hund, sie fielen nieder auf die Knie, und baten um Gnad! Aber Springinsfeld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus, und sagte zum Jäger: »Du mußt einmal raufen, oder ich will dir den Hals brechen!« »Ach hochgeehrter Herr Teufel, ich bin nicht Raufens halber herkommen, der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun was du willst.« In solchen verwirrten Reden gab ihm mein Knecht den einen Degen in die Hand, und mir den andern, er zitterte aber so sehr, daß er ihn nicht halten konnte: Der Mond schien sehr hell, so daß der Schäfer und sein Gesind alles aus ihrer Hütten sehen und hören konnten. Ich rief demselben herbeizukommen, damit ich einen Zeugen dieses Handels hätte, dieser als er kam, stellte sich, als ob er die zween in den Teufelskleidern nicht sehe, und sagte, was ich mit diesen Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken, wenn ich etwas mit ihnen hätte, sollte ichs an einem andern Ort ausmachen, unsere Händel gingen ihn nichts an, er gebe monatlich sein Konterbission, hoffte darum bei seiner Schäferei in Ruhe zu leben. Zu jenen zweien aber sagte er, warum sie sich nur so von mir geheien ließen, und mich nicht niederschlügen? Ich sagte: »Du Flegel, sie haben dir deine Schaf wollen stehlen.« Der Baur antwortet': »So wollt ich, daß sie mich und meine Schaf müßten im Hintern lecken«; und ging damit hinweg. Hierauf drang ich wieder auf das Fechten, mein armer Jäger aber konnte schier nicht mehr vor Furcht auf den Füßen stehen, also daß er mich daurete, ja er und sein Kamerad brachten so bewegliche Wort vor, daß ich ihm endlich alles verzieh und vergab: Aber Springinsfeld war damit nicht zufrieden, sondern zwang den Jäger, daß er drei Schaf (denn soviel hatten sie stehlen wollen) mußte im Hintern küssen, und zerkratzte ihn noch dazu so abscheulich im Gesicht, daß er aussah, als ob er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher schlechten Rach ich zufrieden war. Aber der Jäger verschwand bald aus Werl, weil er sich viel zu sehr schämte, denn sein Kamerad sprengte aller Orten aus, und beteuret's mit heftigen Flüchen, daß ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel hätte, die mir auf den Dienst warteten, darum ich noch mehr gefürchtet, hingegen aber desto weniger geliebt wurde.

3. Kapitel
[216] Das 3. Kapitel

Der große Gott Jupiter wird gefangen, und eröffnet der Götter Ratschläg


Solches wurde ich bald gewahr, derhalben stellte ich mein vorig gottlos Leben allerdings ab, und befliß mich allein der Tugend und Frömmigkeit; ich ging zwar wie zuvor wieder auf Partei, erzeigte mich aber gegen Freunde und Feinde so leutselig und diskret, daß all diejenigen, so mir unter die Händ kamen, ein anders glaubten, als sie von mir gehört hatten; überdas hielt ich auch mit den überflüssigen Verschwendungen inne, und sammelte mir viel schöne Dukaten und Kleinodien, welche ich hin und wieder in der Soestischen Börde auf dem Land in hohle Bäum verbarg, weil mir solches die bekannte Wahrsagerin zu Soest riet, und mich versicherte, daß ich mehr Feind in derselben Stadt und unter meinem Regiment, als außerhalb und in den feindlichen Garnisonen hätte, die mir und meinem Geld nachstellten. Und indem man hin und her Zeitung hatte, daß der Jäger ausgerissen wäre, saß ich denen, die sich damit kitzelten, wieder ohnversehens auf der Hauben, und ehe ein Ort recht erfuhr, daß ich an einem andern Schaden getan, empfand derselbige schon, daß ich noch vorhanden war; denn ich fuhr herum wie ein Windsbraut, war bald hie bald dort, also daß man mehr von mir zu sagen wußte als zuvor, da sich noch einer für mich ausgab.

Ich saß einsmals mit fünfundzwanzig Feurröhren nicht weit von Dorsten, und paßte einem Convoi mit etlichen Fuhrleuten auf, der nach Dorsten kommen sollte; Ich hielt meiner Gewohnheit nach selbst Schildwacht, weil wir dem Feind nahe waren; da kam ein einziger Mann daher, fein ehrbar gekleidet, der redte mit sich selbst, und hatte mit seinem Meerrohr, das er in Händen trug, ein seltsam Gefecht; Ich konnte nichts anders verstehen, als daß er sagte: »Ich will einmal die Welt strafen, es wolle mirs denn das große Numen nicht zugeben!« Woraus ich mutmaßete, es möchte etwa ein mächtiger Fürst sein, der so verkleidterweis [217] herumginge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu erkundigen, und sich nun vorgenommen hätte, solche (weil er sie vielleicht nicht nach seinem Willen gefunden) gebührend zu strafen. Ich gedachte: ›Ist dieser Mann vom Feind, so setzts ein gute Ranzion, wo nicht, so willst du ihn so höflich traktieren, und ihm dadurch das Herz dermaßen abstehlen, daß es dir künftig dein Lebtag wohl bekommen soll, sprang derhalben hervor, präsentiert mein Gewehr mit aufgezogenem Hahnen‹, und sagte: »Der Herr wird sich belieben lassen, vor mir hin in Busch zu gehen, wofern er nicht als Feind traktiert sein will.« Er antwortet' sehr ernsthaftig: »Solcher Tractation ist meinesgleichen nit gewohnt.« Ich aber tummelt ihn höflich fort, und sagte: »Der Herr wird sich nicht zuwider sein lassen, sich für diesmal in die Zeit zu schicken«, und als ich ihn in den Busch zu meinen Leuten gebracht, und die Schildwachten wieder besetzt hatte, fragte ich ihn, wer er sei? Er antwortet, gar großmütig, es würde mir wenig daran gelegen sein, wenn ichs schon wüßte, Er sei auch ein großer Gott! Ich gedachte, er möchte mich vielleicht kennen, und etwa ein Edelmann von Soest sein, und so sagen mich zu hetzen, weil man die Soester mit dem großen Gott und seinem güldenen Vortuch zu vexieren pflegt, wurde aber bald inne, daß ich anstatt eines Fürsten einen Phantasten gefangen hätte, der sich überstudiert, und in der Poeterei gewaltig verstiegen, denn da er bei mir ein wenig erwarmte, gab er sich für den Gott Jupiter aus.

Ich wünschte zwar, daß ich diesen Fang nicht getan, weil ich den Narrn aber hatte, mußt ich ihn wohl behalten, bis wir von dannen rückten, und demnach mir die Zeit ohnedas ziemlich lang wurde, gedachte ich, diesen Kerl zu stimmen und mir seine Gaben zunutz zu machen, sagte derowegen zu ihm: »Nun denn meiner lieber Jove, wie kommts doch, daß deine hohe Gottheit ihren himmlischen Thron verläßt, und zu uns auf Erden steigt? Vergib mir, o Jupiter, meine Frag, die du für vorwitzig halten möchtest, denn wir sind den himmlischen Göttern auch verwandt, und eitel Silvani, von den Faunis und Nymphis geboren, [218] denen diese Heimlichkeit billig ohnverborgen sein soll.« »Ich schwöre dir beim Styx«, antwortet' Jupiter, »daß du hiervon nichts erfahren solltest, wenn du meinem Mundschenken Ganymede nicht so ähnlich sähest, und wenn du schon Pans eigener Sohn wärest, aber von seinetwegen kommuniziere ich dir, daß ein groß Geschrei über der Welt Laster zu mir durch die Wolken gedrungen, darüber in aller Götter Rat beschlossen worden, ich könnte mit Billigkeit, wie zu Lykaons Zeiten, den Erdboden wieder mit Wasser austilgen; weil ich aber dem menschlichen Geschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin, und ohnedas allezeit lieber die Güte, als eine strenge Verfahrung brauche, vagiere ich jetzt herum, der Menschen Tun und Lassen selbst zu erkundigen, und obwohl ich alles ärger finde, als mirs vorkommen, so bin ich doch nicht gesinnt, alle Menschen zugleich und ohne Unterscheid auszureuten, sondern nur diejenigen zu strafen, die zu strafen sind, und hernach die übrigen nach meinem Willen zu ziehen.«

Ich mußte zwar lachen, verbiß es doch so gut ich konnte, und sagte: »Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst sein, wenn du nicht wieder, wie vor diesem, die Welt mit Wasser, oder gar mit Feur heimsuchest; denn schickest du einen Krieg, so laufen alle bösen verwegenen Buben mit, welche die friedliebenden frommen Menschen nur quälen werden; schickest du eine Teuerung, so ists ein erwünschte Sach für die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickst du aber ein Sterben, so haben die Geizhäls und alle übrigen Menschen ein gewonnen Spiel, indem sie hernach viel erben; wirst derhalben die ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen, wenn du anders strafen willst.«

4. Kapitel
[219] Das 4. Kapitel

Von dem Teutschen Helden, der die ganze Welt bezwingen, und zwischen allen Völkern Fried stiften wird


Jupiter antwortet': »Du redest von der Sach wie ein natürlicher Mensch, als ob du nicht wüßtest, daß uns Göttern möglich sei, etwas anzustellen, daß nur die Bösen gestraft, und die Guten erhalten werden; ich will einen Teutschen Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe des Schwerts vollenden, er wird alle verruchten Menschen umbringen, und die frommen erhalten und erhöhen.« Ich sagte: »So muß ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo man Soldaten braucht, da ist auch Krieg, und wo Krieg ist, da muß der Unschuldig sowohl als der Schuldig herhalten!« »Seid ihr irdischen Götter denn auch gesinnt wie die irdischen Menschen«, sagte Jupiter hierauf, »daß ihr so gar nichts verstehen könnet? Ich will einen solchen Helden schicken, der keiner Soldaten bedarf, und doch die ganze Welt reformieren soll; in seiner Geburtstund will ich ihm verleihen einen wohlgestalten und stärkern Leib, als Herkules einen hatte, mit Fürsichtigkeit, Weisheit und Verstand überflüssig geziert, hierzu soll ihm Venus geben ein schön Angesicht, also daß er auch Narcissum, Adonidem, und meinen Ganymedem selbst übertreffen solle, sie soll ihm zu allen seinen Tugenden ein sonderbare Zierlichkeit, Aufsehen und Anmutigkeit vorstrecken, und dahero ihn bei aller Welt beliebt machen, weil ich sie eben der Ursachen halber in seiner Nativität desto freundlicher anblicken werde; Mercurius aber soll ihn mit unvergleichlichsinnreicher Vernunft begaben, und der unbeständige Mond soll ihm nicht schädlich, sondern nützlich sein, weil er ihm eine unglaubliche Geschwindigkeit einpflanzen wird; die Pallas soll ihn auf dem Parnasso auferziehen, und Vulcanus soll ihm in Hora Martis seine Waffen, sonderlich aber ein Schwert schmieden, mit welchem er die ganze Welt bezwingen, und alle Gottlosen niedermachen wird, ohne fernere Hilf eines einzigen Menschen, der ihm etwa als ein Soldat [220] beistehen möchte, er soll keines Beistands bedürfen, ein jede große Stadt soll von seiner Gegenwart erzittern, und ein jede Festung, die sonst unüberwindlich ist, wird er in der ersten Viertelstund in seinem Gehorsam haben, zuletzt wird er den größten Potentaten in der Welt befehlen, und die Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, daß beides Götter und Menschen ein Wohlgefallen darob haben sollen.«

Ich sagte: »Wie kann die Niedermachung aller Gottlosen ohne Blutvergießen, und das Kommando über die ganze weite Welt ohne sonderbare große Gewalt und starken Arm geschehen und zuwege gebracht werden? o Jupiter, ich bekenne dir unverhohlen, daß ich diese Ding weniger als ein sterblicher Mensch begreifen kann!« Jupiter antwortet': »Das gibt mich nicht Wunder, weil du nicht weißt, was meines Helden Schwert für ein seltene Kraft an sich haben wird, Vulcanus wirds aus den Materialien verfertigen, daraus er mir meine Donnerkeil macht, und dessen Tugenden dahin richten, daß mein Held, wenn er solches entblößet, und nur einen Streich damit in die Luft tut, einer ganzen Armada, wenn sie gleich hinter einem Berg eine ganze Schweizer-Meil Wegs weit von ihm stünde, auf einmal die Köpf herunterhauen kann, also daß die armen Teufel ohne Köpf daliegen müssen, ehe sie einmal wissen wie ihnen geschehen! Wenn er dann nun seinem Lauf den Anfang macht, und vor eine Stadt oder Festung kommt, so wird er des Tamerlani Manier brauchen, und zum Zeichen, daß er Friedens halber, und zu Beförderung aller Wohlfahrt vorhanden sei, ein weißes Fähnlein aufstecken, kommen sie dann zu ihm heraus, und bequemen sich, wohl gut; wo nicht, so wird er von Leder ziehen, und durch Kraft mehrgedachten Schwerts allen Zauberern und Zauberinnen, so in der ganzen Stadt sind, die Köpf herunterhauen, und ein rotes Fähnlein aufstecken; wird sich aber dennoch niemand einstellen, so wird er alle Mörder, Wucherer, Dieb, Schelmen, Ehebrecher, Huren und Buben auf die vorige Manier umbringen, und ein schwarzes Fähnlein sehen lassen, wofern aber nicht so bald diejenigen, so noch in der [221] Stadt übrig blieben, zu ihm kommen, und sich demütig einstellen, so wird er die ganze Stadt und ihre Inwohner als ein halsstarrig und ungehorsam Volk ausrotten wollen, wird aber nur diejenigen hinrichten, die den andern abgewehrt haben, und ein Ursach gewesen, daß sich das Volk nicht ehe ergeben. Also wird er von einer Stadt zur andern ziehen, einer jeden Stadt ihr Teil Lands um sie her gelegen im Frieden zu regieren übergeben, und von jeder Stadt durch ganz Teutschland zween von den klügsten und gelehrtesten Männern zu sich nehmen, aus denselben ein Parlament machen, die Städt miteinander auf ewig vereinigen, die Leibeigenschaften samt allen Zöllen, Akzisen, Zinsen, Gülten und Umgelten durch ganz Teutschland aufheben, und solche Anstalten machen, daß man von keinem Fronen, Wachen, Kontribuieren, Geldgeben, Kriegen noch einziger Beschwerung beim Volk mehr wissen, sondern viel seliger als in den Elysischen Feldern leben wird: Alsdann (sagt' Jupiter ferner) werde ich oftmals den ganzen Chorum Deorum nehmen, und herunter zu den Teutschen steigen, mich unter ihren Weinstöcken und Feigenbäumen zu ergötzen, da werde ich den Helikon mitten in ihre Grenzen setzen, und die Musen von neuem darauf pflanzen, ich werde Teutschland höher segnen mit allem Überfluß, als das glückselige Arabiam, Mesopotamiam, und die Gegend um Damasco; die griechische Sprach werde ich alsdann verschwören, und nur Teutsch reden, und mit einem Wort mich so gut teutsch erzeigen, daß ich ihnen auch endlich, wie vor diesem den Römern, die Beherrschung über die ganze Welt zukommen lassen werde.« Ich sagte: »Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herrn dazu sagen, wenn sich der künftige Held unterstehet, ihnen das Ihrig so unrechtmäßiger Weis abzunehmen, und den Städten zu unterwerfen? werden sie sich nicht mit Gewalt widersetzen, oder wenigst vor Göttern oder Menschen dawider protestieren?« Jupiter antwortet': »Hierum wird sich der Held wenig bekümmern, er wird alle Großen in drei Teil unterscheiden, und diejenigen, so ohnexemplarisch und verrucht leben, gleich den Gemeinen strafen, weil seinem Schwert kein irdische Gewalt [222] widerstehen mag, den übrigen aber wird er die Wahl geben, im Land zu bleiben oder nicht; was bleibt, und sein Vaterland liebet, die werden leben müssen wie andere gemeine Leut, aber das Privatleben der Teutschen wird alsdann viel vergnügsamer und glückseliger sein, als jetzund das Leben und der Stand eines Königs, und die Teutschen werden alsdann lauter Fabricii sein, welcher mit dem König Pyrrho sein König reich nicht teilen wollte, weil er sein Vaterland neben Ehr und Tugend so hoch liebte, und das sind die zweiten; die dritten aber, die ja Herrn bleiben, und immerzu herrschen wollen, wird er durch Ungarn und Italia in die Moldau, Wallachei, in Macedoniam, Thraciam, Graeciam, ja über den Hellespontum nach Asiam hinein führen, ihnen dieselben Länder gewinnen, alle Kriegsgurgeln in ganz Teutschland mitgeben, und sie alldort zu lauter Königen machen; Alsdann wird er Konstantinopel in einem Tag einnehmen, und allen Türken, die sich nicht bekehren oder gehorsamen werden, die Köpf vor den Hintern legen, daselbst wird er das römisch Kaisertum wieder aufrichten, und sich wieder nach Teutschland begeben, und mit seinen Parlaments-Herren (welche er, wie ich schon gesagt habe, aus allen teutschen Städten paarweis sammeln, und die Vorsteher und Väter seines teutschen Vaterlands nennen wird) eine Stadt mitten in Teutschland bauen, welche viel größer sein wird, als Manoah in Amerika, und goldreicher als Jerusalem zu Salomos Zeiten gewesen, deren Wäll sich dem tirolischen Gebirg, und ihre Wassergräben der Breite des Meers zwischen Hispania und Afrika vergleichen sollen, er wird einen Tempel hinein bauen von lauter Diamanten, Rubinen, Smaragden und Saphiren; und in der Kunstkammer die er aufrichten wird, werden sich alle Raritäten in der ganzen Welt versammeln, von den reichen Geschenken, die ihm die Könige in China, in Persia der große Mogol in den orientalischen Indien, der große Tartar-Chan, Priester Johann in Afrika, und der Große Zar in der Moskau schicken; der türkische Kaiser würde sich noch fleißiger einstellen, wofern ihm bemeldter Held sein Kaisertum nicht genommen, und [223] solches dem römischen Kaiser zu Lehen gegeben hätte.«

Ich fragte meinen Jovem, was denn die christlichen Könige bei der Sach tun würden? Er antwortet': »Der in Engeland, Schweden und Dänemark werden, weil sie teutschen Geblüts und Herkommens, der in Hispania, Frankreich und Portugal aber, weil die alten Teutschen selbige Länder hiebevor auch eingenommen und regiert haben, ihre Kronen, Königreich und inkorporierten Länder von der teutschen Nation aus freien Stücken zu Lehen empfangen, und alsdann wird, wie zu Augusti Zeiten, ein ewiger beständiger Fried zwischen allen Völkern in der ganzen Welt sein.«

5. Kapitel
Das 5. Kapitel

Wie er die Religionen miteinander vereinigen, und in einen Model gießen wird


Springinsfeld, der uns auch zuhörete, hätte den Jupiter schier unwillig gemacht, und den Handel beinahe verdorben, weil er sagte: »Und alsdann wirds in Teutschland hergehen wie im Schlaraffenland, da es lauter Muskateller regnet, und die Kreuzerpastetlein über Nacht wie die Pfifferling wachsen! da werde ich mit beiden Backen fressen müssen wie ein Drescher, und Malvasier saufen, daß mir die Augen übergehen.« »Ja freilich«, antwortet' Jupiter, »vornehmlich wenn ich dir die Plag Erysichthonis anhängen würde, weil du, wie mich dünken will, meine Hoheit verspottest.« Zu mir aber sagte er: »Ich habe vermeint, ich sei bei lauter Silvanis, so sehe ich aber wohl, daß ich den neidigen Momum oder Zoilum angetroffen habe; Ja man sollte solchen Verrätern das was der Himmel beschlossen, offenbaren, und so edle Perlen vor die Säu werfen, ja freilich, auf den Buckel geschissen für ein Brusttuch!« Ich gedachte, dies ist mir wohl ein visierlicher und unflätiger Abgott, weil er neben so hohen Dingen auch mit so weicher Materi umgehet. Ich sah wohl, daß er nicht gern hatte, daß man lachte, verbiß es derowegen so gut als ich immer konnte, und sagte[224] zu ihm: »Allergütigster Jove, du wirst ja eines groben Waldgotts Unbescheidenheit halber deinem andern Ganymede nicht verhalten, wie es weiter in Teutschland hergehen wird?« »O nein«, antwortet' er, »aber befehle zuvor diesem Theoni, daß er seine Hipponacis-Zunge fürderhin im Zaum halten solle, ehe ich ihn (wie Mercurius den Battum) in einen Stein verwandele; Du selbst aber gestehe mir, daß du mein Ganymedes seist, und ob dich nicht mein eifersüchtige Juno in meiner Abwesenheit aus dem himmlischen Reich gejaget habe?« Ich versprach ihm alles zu erzählen, da ich zuvor gehört haben würde, was ich zu wissen verlangte. Darauf sagte er: »Lieber Ganymede (leugne nur nicht mehr, denn ich sehe wohl daß du es bist) es wird alsdann in Teutschland das Goldmachen so gewiß und so gemein werden als das Hafnerhandwerk, also daß schier ein jeder Roßbub den Lapidem Philosophorum wird umschleppen!« Ich fragte: »Wie wird aber Teutschland bei so unterschiedlichen Religionen ein so langwierigen Frieden haben können? werden so unterschiedliche Pfaffen nicht die Ihrigen hetzen, und wegen ihres Glaubens wiederum einen Krieg anspinnen?« »O nein!« sagt' Jupiter, »mein Held wird dieser Sorg weislich vorkommen, und vor allen Dingen alle christliche Religionen in der ganzen Welt miteinander vereinigen.« Ich sagte: »O Wunder, das wäre ein groß Werk! wie müßte das zugehen?« Jupiter antwortet': »Das will ich dir herzlich gern offenbaren: Nachdem mein Held den Universal-Frieden der ganzen Welt verschafft, wird er die geist- und weltlichen Vorsteher und Häupter der christlichen Völker und unterschiedlichen Kirchen mit einem sehr beweglichen Sermon anreden, und ihnen die bisherigen hochschädlichen Spaltungen in den Glaubenssachen trefflich zu Gemüt führen, sie auch durch hochvernünftige Gründe und unwidertreibliche Argumenta dahin bringen, daß sie von sich selbst eine allgemeine Vereinigung wünschen, und ihm das ganze Werk seiner hohen Vernunft nach zu dirigiern übergeben werden: Alsdann wird er die allergeistreichsten, gelehrtesten und frömmsten Theologos von allen Orten und Enden her, aus allen Religionen zusammenbringen,[225] und ihnen einen Ort, wie vor diesem Ptolemäus Philadelphus den zweiundsiebzig Dolmetschen getan, in einer lustigen doch stillen Gegend, da man wichtigen Sachen ungehindert nachsinnen kann, zurichten lassen, sie daselbst mit Speis und Trank, auch aller anderen Notwendigkeit versehen, und ihnen auflegen, daß sie so bald immer möglich, und jedoch mit der allerreifsten und fleißigsten Wohlerwägung die Strittigkeiten, so sich zwischen ihren Religionen enthalten, erstlich beilegen, und nachgehends mit rechter Einhelligkeit die rechte, wahre, heilige und christliche Religion der Hl. Schrift, der uralten Tradition, und der probierten Hl. Väter Meinung gemäß schriftlich verfassen sollen: Um dieselbige Zeit wird sich Pluto gewaltig hintern Ohren kratzen, weil er alsdann die Schmälerung seines Reichs besorgen wird, ja er wird allerlei Fünd und List erdenken, ein Que darein zu machen, und die Sach, wo nicht gar zu hintertreiben, jedoch solche ad infinitum oder indefinitum zu bringen sich gewaltig bemühen; er wird sich unterstehen, einem jeden Theologo sein Interesse, seinen Stand, sein geruhig Leben, sein Weib und Kind, sein Ansehen, und je so etwas, das ihm seine Opinion zu behaupten einraten möchte, vorzumalen: Aber mein tapferer Held wird auch nicht feiren, er wird, so lang dieses Concilium währet, in der ganzen Christenheit alle Glocken läuten, und damit das christlich Volk zum Gebet an das höchste Numen ohnablässig anmahnen, und um Sendung des Geistes der Wahrheit bitten lassen: Wenn er aber merken würde, daß sich einer oder ander von Plutone einnehmen läßt, so wird er die ganze Kongregation, wie in einer Konklave, mit Hunger quälen, und wenn sie noch nicht dran wollen, ein so hohes Werk zu befördern, so wird er ihnen allen vom Henken predigen, oder ihnen sein wunderbarlich Schwert weisen, und sie also erstlich mit Güte, endlich mit Ernst und Bedrohungen dahin bringen, daß sie ad rem schreiten, und mit ihren halsstarrigen falschen Meinungen die Welt nicht mehr wie vor alters foppen: Nach erlangter Einigkeit wird er ein groß Jubelfest anstellen, und der ganzen Welt diese geläuterte Religion [226] publizieren, und welcher alsdann dawider glaubt, den wird er mit Schwefel und Pech martyrisieren, oder einen solchen Ketzer mit Buxbaum bestecken, und dem Plutone zum Neuen Jahr schenken. Jetzt weißt du, lieber Ganymede, alles was du zu wissen begehrt hast, nun sage mir aber auch, was die Ursach ist, daß du den Himmel verlassen, in welchem du mir so manchen Trunk Nektar eingeschenkt hast?«

6. Kapitel
Das 6. Kapitel

Was die Legation der Flöh beim Jove verrichtet


Ich gedachte bei mir selbst, der Kerl dürfte vielleicht kein Narr sein wie er sich stellte, sondern mirs kochen, wie ichs zu Hanau gemacht, um desto besser von uns durchzukommen; gedacht ihn derowegen mit dem Zorn zu probieren, weil man einen Narrn am besten bei solchem erkennet, und sagte: »Die Ursach, daß ich aus dem Himmel kommen, ist, daß ich dich selbst darin mangelte, nahm derowegen des Daedali Flügel, und flog auf Erden dich zu suchen, wo ich aber nach dir fragte, fand ich, daß man dir aller Orten und Enden ein schlechtes Lob verlieh, denn Zoilus und Momus haben dich und alle anderen Götter in der ganzen weiten Welt für so verrucht, leichtfertig und stinkend ausgeschrien, daß ihr bei den Menschen allen Kredit verloren; du selbst, sagen sie, seist ein filzlausiger, ehebrecherischer Hurenhengst, mit was für Billigkeit du denn die Welt wegen solcher Laster strafen mögest? Vulcanus sei ein geduldiger Hahnrei, und habe den Ehebruch Martis ohne sonderbare namhafte Rach müssen hingehen lassen, was der hinkende Gauch denn für Waffen werde schmieden können? Venus sei selbsten die verhaßteste Vettel von der Welt, wegen ihrer Unkeuschheit, was sie denn für Gnad und Gunst einem andern werde mitteilen können? Mars sei ein Mörder und Räuber; Apollo ein unverschämter Hurenjäger; Mercurius ein unnützer Plauderer, Dieb und Kuppler, Priapus ein Unflat; Herkules ein hirnschelliger Wüterich, [227] und in Summa die ganze Schar der Götter sei so verrucht, daß man sie sonst nirgendshin als in des Augiae Stall logieren sollte, welcher ohnedas durch die ganze Welt stinkt.« »Ach!« sagte Jupiter, »wäre es ein Wunder, wenn ich meine Güte beiseit setzte, und diese heillosen Ehrendieb und gotts-schändenden Verleumder mit Donner und Blitz verfolgte? Was dünkt dich mein getreuer und allerliebster Ganymede? Soll ich diese Schwätzer mit ewigem Durst plagen wie den Tantalum? oder soll ich sie neben den mutwilligen Plauderer Daphitas auf dem Berg Thorace aufhenken lassen? oder sie mit Anaxarcho in einem Mörser zerstoßen? oder soll ich sie zu Agrigento in Phalaris glühenden Ochsen stecken? Nein, nein Ganymede! diese Strafen und Plagen sind alle miteinander viel zu gering; ich will der Pandora Büchse von neuem füllen, und selbe den Schelmen auf die Köpf ausleeren lassen, die Nemesis soll die Alecto, Megaera und Tesiphone erwecken, und ihnen über den Hals schicken, und Herkules soll den Cerberum vom Pluto entlehnen, und diese bösen Buben damit hetzen wie die Wölf, wenn ich sie dann dergestalt genug gejagt und geplagt haben werde, so will ich sie erst neben den Hesiodum und Homerum in das höllisch Haus an ein Säule binden, und sie durch die Eumenides ohn einzige Erbarmung ewiglich abstrafen lassen.« Indem Jupiter so drohete, zog er in Gegenwart meiner und der ganzen Partei die Hosen herunter ohn einzige Scham, und stöbert' die Flöh daraus, welche ihn, wie man an seiner sprenklichten Haut wohl sah, schrecklich tribuliert hatten: Ich konnte mir nicht einbilden, was es abgeben sollte, bis er sagte: »Schert euch fort ihr kleinen Schinder, ich schwöre euch beim Styx, daß ihr in Ewigkeit nicht erhalten sollt, was ihr so sorgfältig sollizitiert!« Ich fragte ihn, was er mit solchen Worten meine? Er antwortet', daß das Geschlecht der Flöhe, als sie vernommen, daß er auf Erden kommen sei, ihre Gesandten zu ihm geschickt hätten, ihn zu komplimentieren. Diese hätten ihm daneben angebracht, ob er zwar ihnen die Hundshäut zu bewohnen assigniert, daß dennoch zu Zeiten wegen etlicher Eigenschaften, welche die Weiber [228] an sich hätten, teils aus ihnen sich verirreten, und den Weibern in die Pelz gerieten; solche verirrten armen Tropfen aber würden von den Weibern übel traktiert, gefangen, und nicht allein ermordt, sondern auch zuvor zwischen ihren Fingern so elendiglich gemartert und zerrieben, daß es einen Stein erbarmen möchte: »Ja (sagte Jupiter ferner), sie brachten mir die Sach so beweglich und erbärmlich vor, daß ich Mitleiden mit ihnen haben mußte, und also ihnen Hilf zusagte, jedoch mit Vorbehalt, daß ich die Weiber zuvor auch hören möchte; sie aber wandten vor, wenn den Weibern erlaubt würde, Widerpart zu halten und ihnen zu widersprechen, so wüßten sie wohl, daß sie mit ihren giftigen Hundszungen entweder meine Frömmigkeit und Güte betäuben, die Flöh selbsten aber überschreien, oder aber durch ihre lieblichen Wort und Schönheiten mich betören, und zu einem falschen Urteil verleiten würden; mit fernerer Bitt, ich wollte sie ihrer untertänigen Treu genießen lassen, welche sie mir allezeit erzeigt, und ferner zu leisten gedächten, indem sie allezeit am nächsten dabeigewesen, und am besten gewußt hätten, was zwischen mir und der Jo, Calisto, Europa und andern mehr vorgangen, hätten aber niemal nichts aus der Schul geschwätzt, noch der Juno, wiewohl sie sich auch bei ihr pflegten aufzuhalten, einziges Wort gesagt, maßen sie sich noch solcher Verschwiegenheit beflissen, wie denn kein Mensch bis dato (ohnangesehen sie sich gar nahe bei allen Buhlschaften finden ließen) von ihnen, wie Apollo von den Raben, etwas dergleichen erfahren hätte: Wenn ich aber je zulassen wollte, daß die Weiber sie in ihrem Bann jagen, fangen und nach Waidmannsrecht metzeln dürften, so wäre ihr Bitt, zu verschaffen, daß sie hinfort mit einem heroischen Tod hingerichtet, und entweder mit einer Axt wie Ochsen niedergeschlagen, oder wie Wildpret gefället würden, und nicht mehr so schimpflich zwischen ihren Fingern zerquetschen und radbrechen sollten, wodurch sie ohnedas ihre eigenen Glieder, damit sie oft was anders berührten, zu Henkers-Instrumenten machten, welches allen ehrlichen Mannsbildern ein Schand wäre! Ich sagte: ›Ihr Herren müßt sie greulich quälen, weil sie[229] euch so schrecklich tyrannisieren?‹ ›Jawohl‹, gaben sie mir zur Antwort, ›sie sind uns sonst so neidig, und vielleicht darum, daß sie sorgen, wir sehen, hören und empfinden zu viel, eben als ob sie unserer Verschwiegenheit nicht genugsam versichert wären. Was wollts sein? können sie uns doch in unserm eigenen Territorio nit leiden, gestalt manche ihr Schoßhündlein mit Bürsten, Kämmen, Seifen, Laugen und andern Dingen dermaßen durchstreift, daß wir unser Vaterland notdringlich quittieren und andere Wohnungen suchen müssen, ohnangesehen sie solche Zeit besser anlegen, und etwa ihre eigenen Kinder von den Läusen säubern könnten.‹ Darauf erlaubte ich ihnen, bei mir einzukehren, und meinen menschlichen Leib ihre Beiwohnung, Tun und Lassen empfinden zu machen, damit ich ein Urteil danach fassen könnte; da fing das Lumpengesind an, mich zu geheien, daß ich sie, wie ihr gesehen habt, wieder abschaffen müssen: Ich will ihnen ein Privilegium auf die Nas hofieren, daß sie die Weiber verrieblen und vertrieblen mögen, wie sie wollen, ja wenn ich selbst so ein schlimmen Kunden ertappe, will ichs ihm nicht besser machen.«

7. Kapitel
Das 7. Kapitel

Der Jäger erjaget abermals Ehre und Beuten


Wir durften nicht rechtschaffen lachen, beides weil wir uns still halten mußten, und weils der Phantast nicht gern hatte, wovon Springinsfeld hätte zerspringen mögen. Eben damals zeigte unsere Hohewacht an, die wir auf einem Baum hatten, daß er in der Ferne etwas kommen sehe; Ich stieg auch hinauf, und sah durch mein Perspektiv, daß es zwar die Fuhrleute sein müßten, denen wir aufpaßten, sie hatten aber niemand zu Fuß, sondern ohngefähr etlich und dreißig Reuter zum Convoi bei sich, dahero konnte ich mir die Rechnung leicht machen, daß sie nicht oben durch den Wald, darin wir lagen, gehen, sondern sich im freien Feld behelfen würden, da wir ihnen nichts hätten abgewinnen mögen, [230] wiewohl es daselbst einen bösen Weg hatte, der ungefähr sechshundert Schritt von uns, und etwa dreihundert Schritt vom End des Walds oder Bergs durch die Ebne vorbeiging. Ich wollte ungern so lang daselbst umsonst gelegen, oder nur einen Narrn erbeutet haben, machte derhalben geschwind einen andern Anschlag, der mir auch anging.

Von unserer Lagerstatt ging ein Wasserrunze in einer Klammen hinunter (die bequem zu reiten war) gegen das Feld wärts, deren Ausgang besetzte ich mit zwanzig Mann, nahm auch selbst meinen Stand bei ihnen, und ließ den Springinsfeld schier an dem Ort, wo wir zuvor gelegen warn, sich in seinem Vorteil halten, befahl auch meiner Bursch, wenn der Convoi hinkomme, daß jeder seinen Mann gewiß nehmen sollte, sagte auch jedem, wer Feuer geben, und welcher seinen Schuß im Rohr zum Vorrat behalten sollte. Etliche alten Kerl sagten, was ich gedächte? und ob ich wohl vermeinte, daß der Convoi an diesen Ort kommen würde, da sie nichts zu tun hätten, und dahin wohl in hundert Jahren kein Bauer kommen sei? Andere aber, die da glaubten, ich könne zaubern (maßen ich damals deswegen in einem großen Ruf war), gedachten, ich würde den Feind in unsere Händ bannen. Aber ich brauchte hierzu keine Teufelskunst, sondern nur den Springinsfeld, denn als der Convoi, welcher ziemlich Truppen hielt, recta gegen uns über vorbeipassieren wollte, fing Springinsfeld aus meinem Befehl so schrecklich an zu brüllen wie ein Ochs, und zu wiehern wie ein Pferd, daß der ganze Wald einen Widerhall davon gab, und einer hoch geschworen hätte, es wären Roß und Rinder vorhanden: Sobald der Convoi das hörte, gedachten sie Beuten zu machen, und an diesem Ort etwas zu erschnappen, das doch in derselben ganzen Gegend nicht anzutreffen, weil das ganze Land ziemlich erödet war; sie ritten sämtlich so geschwind und unordentlich in unsern Halt, als wenn ein jeder der erste hätte sein wollen, die beste Schlappe zu holen, welche es denn so dichte setzt', daß gleich im ersten Willkomm, den wir ihnen gaben, dreizehn Sättel geleert, und sonst noch etliche aus ihnen gequetscht wurden; Hierauf lief Springinsfeld gegen sie die Klamme herunter, und [231] schrie: »Jäger, hieher!« davon die Kerl noch mehr erschreckt, und so irr wurden, daß sie weder hinter sich, vor sich, noch nebenaus reiten konnten, absprangen, und sich zu Fuß davonmachen wollten: Aber ich bekam sie alle siebenzehn, samt dem Leutnant der sie kommandiert hatte, gefangen, und ging damit auf die Wagen los, spannete vierundzwanzig Pferd aus, und bekam nur etliche wenige Seidenwar und holländisch Tuch, denn ich durfte nicht so viel Zeit nehmen, die Toten zu plündern, geschweig die Wagen recht zu durchsuchen, weil sich die Fuhrleut bald aus dem Staub gemacht, als die Aktion anging, durch welche ich zu Dorsten hätte verraten, und unterwegs wieder aufgehoben werden können. Da wir nun aufgepackt hatten, lief Jupiter auch aus dem Wald, und schrie uns nach, ob ihn denn Ganymedes verlassen wollte? Ich antwortete ihm: Ja, wenn er den Flöhen das begehrte Privilegium nicht mitteilen wollte. »Ich wollte lieber (antwortet' er wieder), daß sie miteinander im Cocyto lägen!« Ich mußte lachen, und weil ich ohnedas noch leere Pferd hatte, ließ ich ihn aufsitzen, demnach er aber nicht besser reiten konnte, als eine Nuß, mußte ich ihn aufs Pferd binden lassen, da sagte er, daß ihn unser Scharmützel an diejenige Schlacht gemahnt hätte, welche die Lapithae hiebevor mit den Centauris bei des Pirithoi Hochzeit angefangen hätten.

Wie nun alles vorüber war, und wir mit unsern Gefangenen davonpostierten, als ob uns jemand jagte, bedachte erst der gefangene Leutnant, was er für ein groben Fehler begangen, daß er nämlich ein so schönen Truppen Reuter dem Feind so ohnvorsichtig in die Hand geführt, und dreizehn so brave Kerl auf die Fleischbank geliefert hätte, fing derowegen an zu desperieren, und kündete mir das Quartier wieder auf, das ich ihm selbsten gegeben hatte, ja er wollte mich gleichsam zwingen, ich sollte ihn totschießen lassen, denn er gedachte nicht allein, daß dieses Übersehen ihm eine große Schand sein, und unverantwortlich fallen, sondern auch an seiner künftigen Beförderung verhinderlich sein würde, wofern es anders nicht gar dazu käme, daß er den Schaden mit seinem Kopf bezahlen müßte: Ich aber [232] sprach ihm zu, und hielt ihm vor, daß manchem rechtschaffenen Soldaten das unbeständige Glück seine Tück bewiesen, ich hätte aber darum noch keinen gesehen, der deswegen verzagt, oder gar verzweifelt sei, sein Beginnen sei ein Zeichen der Kleinmütigkeit, tapfere Soldaten aber gedächten, die empfangnen Schäden ein andermal wieder einzubringen; mich würde er nimmermehr dahin bringen, daß ich das Kartell verletzte, oder ein so schändliche Tat wider alle Billigkeit, und löblicher Soldaten Gewohnheit und Herkommen beginge. Da er nun sah, daß ich nicht dran wollte, fing er an mich zu schmähen, in Meinung, mich zum Zorn zu bewegen, und sagte: Ich hätte nicht aufrecht und redlich mit ihm gefochten, sondern wie ein Schelm und Strauchmörder gehandelt, und seinen bei sich gehabten Soldaten das Leben als ein Dieb abgestohlen; worüber seine eigenen Bursch, die wir gefangen hatten, mächtig erschracken, die meinigen aber ebensosehr ergrimmten, also daß sie ihn wie ein Sieb durchlöchert hätten, wenn ichs nur zugelassen, maßen ich genug abzuwehren bekam. Ich aber bewegte mich nicht einmal über seine Reden, sondern nahm beides Freund und Feind zum Zeugen dessen was da geschah, und ließ ihn Leutnant binden, und als einen Unsinnigen verwahren; versprach auch, ihn Leutnant, sobald wir in unsern Posten kämen, und es meine Offizier zulassen wollten, mit meinen eigenen Pferden und Gewehr, worunter er dann die Wahl haben sollte, auszustaffieren, und ihm öffentlich mit Pistolen und Degen zu weisen, daß Betrug im Krieg wider seinen Gegenteil zu üben in Rechten erlaubt sei, warum er nicht bei seinen Wagen geblieben, darauf er bestellt gewesen; oder da er ja hätte sehen wollen, was im Wald stecke, warum er dann zuvor nicht rechtschaffen hätte rekognoszieren lassen, welches ihm besser angestanden wäre, als daß er jetzund so unsinnige Narrenpossen anfing, daran sich doch niemand kehren würde. Hierüber gaben mir beides Freund und Feind recht, und sagten: Sie hätten unter hundert Parteigängern nicht einen angetroffen, der auf solche Schmähewort nicht nur den Leutnant totgeschossen, sondern auch alle Gefangenen mit der Leich geschickt hätte. [233] Also brachte ich meine Beuten und Gefangenen den andern Morgen glücklich nach Soest, und bekam mehr Ehr und Ruhm von dieser Partei, als zuvor nimmer, jeder sagte: »Dies gibt wieder ein jungen Johann de Werd!« Welches mich trefflich kitzelte; aber mit dem Leutnant Kugeln zu wechseln oder zu raufen, wollte der Kommandant nicht zugeben, denn er sagte, ich hätte ihn schon zweimal überwunden. Je mehr sich nun dergestalt mein Lob wieder vermehrte, je mehr nahm der Neid bei denen zu, die mir ohnedas mein Glück nicht gönneten.

8. Kapitel
Das 8. Kapitel

Wie er den Teufel im Trog gefunden, Springinsfeld aber schöne Pferd erwischt


Meines Jupiters konnte ich nicht loswerden, denn der Kommandant begehrte ihn nicht, weil nichts an ihm zu rupfen war, sondern sagte, er wollte mir ihn schenken; also bekam ich einen eigenen Narrn, und durfte keinen kaufen, wiewohl ich das Jahr zuvor selbst für einen mich hatte gebrauchen lassen müssen. So wunderlich ist das Glück, und so veränderlich ist die Zeit! Kurz zuvor tribulierten mich die Läus, und jetzt habe ich den Flöhe-Gott in meiner Gewalt; vor einem halben Jahr dienete ich einem schlechten Dragoner für einen Jungen; nunmehro aber vermochte ich zween Knecht, die mich Herr hießen; es war noch kein Jahr vergangen, daß mir die Buben nachliefen, mich zur Hur zu machen, jetzt wars an dem, daß die Mägdlein selbst aus Liebe sich gegen mich vernarrten: Also wurde ich beizeiten gewahr, daß nichts Beständigers in der Welt ist, als die Unbeständigkeit selbsten. Dahero mußte ich sorgen, wenn das Glück einmal seine Mucken gegen mich auslasse, daß es mir meine jetzige Wohlfahrt gewaltig eintränken würde.

Damals zog der Graf von der Wahl, als Obrister Gubernator des Westfälischen Kreises, aus allen Garnisonen einige Völker zusammen, eine Cavalcada durchs Stift Münster [234] gegen die Vecht, Meppen, Lingen und der Orten zu tun, vornehmlich aber zwo Kompagnien hessische Reuter im Stift Paderborn auszuheben, welche zwo Meilen von Paderborn lagen, und den Unserigen daselbsten viel Dampfs antaten; ich wurde unter unsern Dragonern mitkommandiert, und als sich einige Truppen zu Hamm gesammelt, gingen wir schnell fort, und berannten bemeldter Reuter Quartier, welches ein schlechtverwahrtes Städtlein war, bis die Unserigen hernachkamen; Sie unterstanden durchzugehen, wir jagten sie aber wieder zurück in ihr Nest, es wurde ihnen angeboten, sie ohne Pferd und Gewehr, jedoch mit dem was der Gürtel beschließe, passieren zu lassen; aber sie wollten sich nicht dazu verstehen, sondern mit ihren Karbinern wie Musketierer wehren: Also kams dazu, daß ich noch dieselbe Nacht probieren mußte, was ich für Glück in Stürmen hätte, weil die Dragoner vornan gingen, da gelang es mir so wohl, daß ich samt dem Springinsfeld gleichsam mit den ersten ganz ohnbeschädigt in das Städtlein kam, wir leerten die Gassen bald, weil niedergemacht wurde, was sich im Gewehr befand, und sich die Bürger nicht hatten wehren wollen, also ging es mit uns in die Häuser, Springinsfeld sagte: Wir müßten ein Haus vornehmen, vor welchem ein großer Haufen Mist läge, denn in denselben pflegten die reichsten Kauzen zu sitzen, denen man gemeiniglich die Offizier einlogierte; darauf griffen wir ein solches an, in welchem Springinsfeld den Stall, ich aber das Haus zu visitieren vornahm, mit dieser Abred, daß jeder dasjenige was er bekam, mit dem andern parten sollte; Also zündet' jeder seinen Wachsstock an, ich rief nach dem Vater im Haus, kriegte aber kein Antwort, weil sich jedermann versteckt hatte, geriet indessen in eine Kammer, fand aber nichts als ein leer Bett darinnen, und einen beschlossenen Trog, den hämmert ich auf, in Hoffnung etwas Kostbares zu finden, aber da ich den Deckel auftat, richtet' sich ein kohlschwarzes Ding gegen mich auf, welches ich für den Luzifer selbst ansah: Ich kann schwören, daß ich mein Lebtag nie so erschrocken bin, als eben damals, da ich diesen schwarzen Teufel so unversehens erblickte: »Daß dich dieser und jener erschlag!« [235] sagte ich gleichwohl in solchem Schrecken, und zuckte mein Äxtlein, damit ich den Trog aufgemacht, und hatte doch das Herz nicht, ihm solches in Kopf zu hauen; er aber kniete nieder, hob die Händ auf, und sagte: »Min leve Heer, ick bitte ju doer Gott, schinkt mi min Levent!« Da hörete ich erst, daß es kein Teufel war, weil er von Gott redet', und um sein Leben bat; sagte demnach, er sollte sich aus dem Trog geheien, das tat er, und ging mit mir so nackend, wie ihn Gott erschaffen hatte. Ich schnitt ein Stück von meinem Wachs, und gabs ihm mir zu leuchten, das tat er gehorsamlich, und führet' mich in ein Stüblein, da ich den Hausvater fand, der samt seinem Gesind dies lustige Spektakel ansah, und mit Zittern um Gnad bat! Diese erhielt er leicht, weil wir den Bürgern ohnedas nichts tun durften, und er mir des Rittmeisters Bagage, darunter ein ziemlich wohlgespickt verschlossen Felleisen war, einhändigte, mit Bericht, daß der Rittmeister und seine Leut, bis auf einen Knecht und gegenwärtigen Mohren, sich zu wehren auf ihre Posten gangen wären; indessen hatte der Springinsfeld besagten Knecht auch mit sechs gesattelten schönen Pferden im Stall erwischt, die stellten wir ins Haus, verriegelten solches, und ließen den Mohren sich anziehen, den Wirt aber auftragen, was er für seinen Rittmeister zurichten müssen. Als aber die Tor geöffnet, die Posten besetzt, und unser General-Feldzeugmeister Herr Graf von der Wahl eingelassen wurde, nahm er sein Logiment in eben demselben Haus darin wir uns befanden, darum mußten wir bei finsterer Nacht wieder ein ander Quartier suchen. Das fanden wir bei unsern Kameraden, die auch mit Sturm ins Städtlein kommen waren, bei denselbigen ließen wir uns wohl sein, und brachten den übrigen Teil der Nacht mit Fressen und Saufen zu, nachdem ich und Springinsfeld miteinander unsere Beuten geteilt hatten; ich bekam für mein Teil den Mohren und die zwei besten Pferd, darunter ein spanisches war, auf welchem ein Soldat sich gegen seinen Gegenteil durfte sehen lassen, mit dem ich nachgehends nicht wenig prangte, aus dem Felleisen aber kriegte ich unterschiedliche köstliche Ring, und in einer güldenen Kapsel mit Rubinen [236] besetzt des Prinzen von Oranien Conterfait, weil ich dem Springinsfeld das übrige alles ließ, kam also, wenn ich alles halber hinweg hätte schenken wollen, mit Pferden und allem über die zweihundert Dukaten, für den Mohren aber, der mich am allersaursten ankommen war, wurde mir vom General-Feldzeugmeister, als welchem ich ihn präsentierte, nicht mehr als zwei Dutzend Taler verehrt. Von dannen gingen wir schnell an die Ems, richteten aber wenig aus, und weil sichs eben traf, daß wir auch gegen Recklinghausen zu kamen, nahm ich Erlaubnis, mit Springinsfeld meinem Pfaffen zuzusprechen, dem ich hiebevor den Speck gestohlen hatte, mit demselben machte ich mich lustig, und erzählte ihm, daß mir der Mohr den Schrecken, den er und seine Köchin neulich empfunden, wieder eingetränkt hätte, verehrte ihm auch eine schöne schlagende Halsuhr zum freundlichen Valete, so ich aus des Rittmeisters Felleisen bekommen hatte, pflegte also aller Orten diejenigen zu Freunden zu machen, so sonsten Ursach gehabt hätten, mich zu hassen.

9. Kapitel
Das 9. Kapitel

Ein ungleicher Kampf, in welchem der Schwächste obsieget, und der Überwinder gefangen wird


Meine Hoffart vermehrte sich mit meinem Glück, daraus endlich nichts anders als mein Fall erfolgen konnte; Ungefähr ein halbe Stund von Rehnen kampierten wir, als ich mit meinem besten Kameraden Erlaubnis begehrte, in dasselbe Städtlein zu gehen, etwas an unserm Gewehr flicken zu lassen, so wir auch erhielten. Weil aber unser Meinung war, uns einmal rechtschaffen miteinander lustig zu machen, kehrten wir im besten Wirtshaus ein, und ließen Spielleut kommen, die uns Wein und Bier hinuntergeigen mußten: Da gings in floribus her und blieb nichts unterwegen, was nur dem Geld wehe tun möchte, ja ich hielt Bursch von andern Regimentern zu Gast, und stellte mich nicht anders, als wie ein junger Prinz, der Land und Leut vermag, und [237] alle Jahr ein groß Geld zu verzehren hat. Dahero wurde uns auch besser, als einer Gesellschaft Reuter, die gleichfalls dort zehrte, aufgewartet, weils jene nicht so toll hergehen ließen, das verdroß sie, und fingen an mit uns zu kippeln. »Woher kommts«, sagten sie untereinander, »daß diese Stiegelhupfer (denn sie hielten uns für Musketierer, maßen kein Tier in der Welt ist, das einem Musketierer gleicher siehet als ein Dragoner, und wenn ein Dragoner vom Pferd fällt, so stehet ein Musketierer wieder auf) ihre Heller so weisen?« Ein anderer antwortet': »Jener Säugling ist gewiß ein Strohjunker, dem seine Mutter etliche Milchpfennig geschickt, die er jetzo seinen Kameraden spendiert, damit sie ihn künftig irgendswo aus dem Dreck, oder etwa durch ein Graben tragen sollen.« Mit diesen Worten zieleten sie auf mich, denn ich wurde für einen jungen Edelmann bei ihnen angesehen. Solches wurd mir durch die Kellerin hinterbracht, weil ichs aber nicht selbst gehört, konnte ich anders nichts dazu tun, als daß ich ein groß Bierglas mit Wein einschenken, und solches auf Gesundheit aller rechtschaffenen Musketierer herumgehen, auch jedesmal solchen Alarm dazu machen ließ, daß keiner sein eigen Wort hören konnte; das verdroß sie noch mehr, derowegen sagten sie öffentlich: »Was Teufels haben doch die Stiegelhüpfer für ein Leben?« Springinsfeld antwortet': »Was gehts die Stiefelschmierer an?« Das ging ihm hin, denn er sah so gräßlich drein, und machte so grausame und bedrohliche Mienen, daß sich keiner an ihm reiben durfte. Doch stieß es ihnen wieder auf, und zwar einem ansehnlichen Kerl, der sagte: »Und wenn sich die Maurenscheißer auch auf ihrem Mist (er vermeinte, wir lägen da in der Garnison, weil unsere Kleidungen nicht so wetterfarbig aussahen, wie derjenigen Musketierer, die Tag und Nacht im Feld liegen) nicht so breitmachen dürften, wo wollten sie sich dann sehen lassen? man weiß ja wohl, daß jeder von ihnen in offenen Feldschlachten unser Raub sein muß, gleichwie die Taub eines jeden Stoßfalken!« Ich antwortet ihm: »Wir müssen Städt und Festungen einnehmen, und solche werden uns auch zu verwahren vertrauet, dahingegen ihr Reuter auch vor dem [238] geringsten Rattennest keinen Hund aus dem Ofen locken könnet; warum wollten wir uns dann in dem, was mehr unser als euer ist, nicht dürfen lustig machen?« Der Reuter antwortet': »Wer Meister im Feld ist, dem folgen die Festungen, daß wir aber die Feldschlachten gewinnen müssen, folget aus dem, daß ich so drei Kinder, wie du eins bist, mit samt ihren Musketen nicht allein nicht fürchten, sondern ein Paar davon auf den Hut stecken, und den dritten erst fragen wollte, wo deiner noch mehr wären? und säße ich nur bei dir«, sagte er gar höhnisch, »so wollte ich dem Junkern zu Bestätigung der Wahrheit ein paar Dachteln geben!« Ich antwortet ihm: »Ob ich zwar vermeine, ein so gut Paar Pistolen zu haben als du, wiewohl ich kein Reuter, sondern nur ein Zwitter zwischen ihnen und den Musketierern bin, schau! so hat doch ein Kind das Herz, mit seiner Musketen allein, einem solchen Prahler zu Pferd, wie du einer bist, gegen all sein Gewehr im freien Feld, nur zu Fuß zu erscheinen.« »Ach du Kujon«, sagte der Kerl, »ich halte dich für einen Schelmen, wenn du nicht wie ein redlicher von Adel alsbald deinen Worten eine Kraft gibst.« Hierauf warf ich ihm einen Handschuh zu, und sagte: »Siehe da, wenn ich diesen im freien Feld durch meine Muskete nicht zu Fuß wieder von dir bekomme, so habe genugsame Macht und Gewalt, mich für denjenigen zu halten und auszuschreien, wie mich deine Vermessenheit gescholten hat.« Hierauf zahlten wir den Wirt, und der Reuter machte seinen Karabiner und Pistolen, ich aber meine Muskete fertig, und da er mit seinen Kameraden von uns an den bestimmten Ort ritt, sagte er zu meinem Springinsfeld: Er sollte mir nur allgemach das Grab bestellen; Dieser aber antwortet' ihm, er möchte solches auf ein Vorsorg seinen eigenen Kameraden für ihn selbst zu bestellen anbefehlen; mir aber verwies er meine Frechheit, und sagte unverhohlen, er besorge, ich werde aus dem letzten Loch pfeifen. Ich lachte hingegen, weil ich mich schon vorlängst besonnen hatte, wie ich einem wohlmontierten Reuter begegnen müsse, wenn mich einmal einer zu Fuß mit meiner Muskete im weiten Feld feindlich angreifen sollte. Da wir nun an den Ort kamen, [239] wo der Betteltanz angehen sollte, hatte ich meine Musket bereits mit zweien Kugeln geladen, frisch Zündkraut aufgerührt, und den Deckel auf der Zündpfannen mit Unschlitt verschmiert, wie vorsichtige Musketierer zu tun pflegen, wenn sie das Zündloch und Pulver auf der Pfannen im Regenwetter vor Wasser verwahren wollen.

Eh wir nun aufeinandergingen, bedingten beiderseits Kameraden miteinander, daß wir uns im freien Feld angreifen, und zu solchem End der eine von Ost, der ander aber von West in ein umzäuntes Feld eintreten sollten, und alsdann möge ein jeder sein Bestes gegen den andern tun, wie ein Soldat tun soll, welcher dergestalt seinen Feind vor Augen kriegt; Es sollte sich auch weder vor, in, noch nach dem Kampf keiner von beiden Parteien unterstehen, seinem Kameraden zu helfen, noch dessen Tod oder Beschädigung zu rächen. Als sie solches einander mit Mund und Hand versprochen hatten, gaben ich und mein Gegner einander auch die Händ, und verzieh je einer dem andern seinen Tod: In welcher aller-unsinnigsten Torheit, welche je ein vernünftiger Mensch begehen kann, ein jeder hoffte, seiner Gattung Soldaten das Prae zu erhalten, gleichsam als ob des einen oder andern Teils Ehr und Reputation an dem Ausgang unseres teuflischen Beginnens gelegen gewesen wäre. Da ich nun an meinem bestimmten Ende mit doppeltbrennendem Lunten in angeregtes Feld trat, und meinen Gegenteil vor Augen sah, stellte ich mich, als ob ich das alte Zündkraut im Gang abschüttete, ich tats aber nicht, sondern rührte Zündpulver nur auf den Deckel meiner Zündpfannen, blies ab, und paßte mit zween Fingern auf der Pfann auf, wie bräuchlich ist, und ehe ich meinem Gegenteil, der mich auch wohl im Gesicht hielt, das Weiße in Augen sehen konnte, schlug ich auf ihn an, und brannte mein falsch Zündkraut auf dem Deckel der Pfannen vergeblich hinweg; mein Gegner vermeinte, die Musket hätte mir versagt, und das Zündloch wäre mir verstopft, sprengte derowegen mit einer Pistol in der Hand gar zu begierig recta auf mich dar, in Meinung, mir meinen Frevel zu bezahlen; aber ehe er sichs versah, hatte ich die [240] Pfann offen, und wieder angeschlagen, hieß ihn auch dergestalt willkomm sein, daß Knall und Fall eins war.

Ich retirierte mich hierauf zu meinen Kameraden, die mich gleichsam küssend empfingen, die seinigen aber entledigten ihn aus seinem Stegreif, und taten gegen ihn und uns, wie redliche Kerl, maßen sie mir auch meinen Handschuh mit großem Lob wiederschickten. Aber da ich meine Ehr am größten zu sein schätzte, kamen fünfundzwanzig Musketier aus Rehnen, welche mich und meine Kameraden gefangen nahmen: Ich zwar wurde alsbald in Ketten und Band geschlossen, und der Generalität überschickt, weil alle Duell bei Leib- und Lebensstraf verboten waren.

10. Kapitel
Das 10. Kapitel

Der General-Feldzeugmeister schenket dem Jäger das Leben, und macht ihm sonst gute Hoffnung


Demnach unser General-Feldzeugmeister strenge Kriegsdisziplin zu halten pflegte, besorgte ich die Verlierung meines Kopfs; hingegen hatte ich noch Hoffnung davonzukommen, weil ich bereits in so blühender Jugend jederzeit mich gegen den Feind wohl gehalten, und einen großen Ruf und Namen der Tapferkeit erworben. Doch war solche Hoffnung ungewiß, weil dergleichen täglicher Händel halber die Notdurft erfordert', ein Exempel zu statuieren. Die Unserigen hatten eben damals ein festes Rattennest berannt und auffordern lassen, aber ein abschlägige Antwort bekommen, weil der Feind wußte, daß wir kein grob Geschütz führten. Derowegen rückte unser Graf von der Wahl mit dem ganzen Corpo vor besagten Ort, begehrte durch einen Trompeter abermal die Übergab, und drohete zu stürmen, es erfolgte aber nicht anders, als dieses nachgesetzte Schreiben:


Hoch-Wohlgeborner Graf, etc. Aus E. Gräfl. Excell. an mich Abgelassenem habe vernommen, was Dieselbe im [241] Namen der Röm. Kais. Maj. an mich gesinnen: Nun wissen aber Euer Hoch-Gräfl. Excell. Dero hohen Vernunft nach, wie übel-anständig, ja unverantwortlich einem Soldaten fallen würde, wann er einen solchen Ort, wie dieser ist, dem Gegenteil ohne sonderbare Not einhändigte: Wessentwegen Dieselbe mir dann verhoffentlich nicht verdenken werden, wann ich mich befleißige zu verharren, bis die Waffen Euer Excell. dem Ort zusprechen. Kann aber E. Excell. meine Wenigkeit außerhalb Herren-Diensten in ichtwas zu gehorsamen die Gelegenheit haben, so werde ich sein

E. Excell.
Aller-dienstwilligster Diener
N.N.

Hierauf wurde in unserm Lager unterschiedlich von dem Ort diskuriert, denn solches liegen zu lassen, war gar nicht ratsam, zu stürmen ohn eine Presse hätte viel Blut gekostet, und wäre doch noch mißlich gestanden, ob mans übermeistert hätte oder nicht? hätte man aber erst die Stück und alle Zugehör von Münster oder Hamm her holen sollen, so wäre gar viel Mühe, Zeit und Unkosten darauf gelaufen. Indem man nun bei Großen und Kleinen ratschlagte, fiel mir ein, ich sollte mir diese Occasion zunutz machen, um mich zu erledigen; also gebot ich meinem Witz zusammen, und bedachte mich, wie man den Feind betrügen möchte, weils nur an den Stücken mangelte. Und weil mir gleich zufiel, wie die Sach zu tun sein möchte, ließ ich meinen Obrist-Leutnant wissen, daß ich Anschläg hätte, durch welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen wäre, wenn ich nur Pardon erlangen, und wieder auf freien Fuß gestellt werden könnte. Etliche alte und versuchte Soldaten lachten darüber, und sagten: »Wer hangt, der langt; der gut Gesell gedenkt sich loszuschwätzen!« Aber der Obrist-Leutnant selbst und andere die mich kannten, nahmen meine Reden an wie einen Glaubensartikel: Weswegen er selbsten zum General-Feldzeugmeister ging, und demselben mein Vorgeben anbrachte, mit Erzählung vieles Dings, das er von [242] mir zu sagen wußte. Weil denn nun der Graf hiebevor auch vom Jäger gehört hatte, ließ er mich vor sich bringen, und solange meiner Band entledigen; Der Graf hielt eben Tafel, als ich hinkam, und mein Obrist-Leutnant erzählte ihm, als ich verwichenen Frühling mein erste Stund unter S. Jacobs Pforten zu Soest Schildwacht gestanden, sei unversehens ein starker Platzregen mit großem Donner und Sturmwind kommen, weswegen sich jedermann aus dem Feld und den Gärten in die Stadt salviert, und weil das Gedräng beides von Laufenden und Reitenden ziemlich dick worden, hätte ich schon damals den Verstand gehabt, der Wacht ins Gewehr zu rufen, weil in solchem Gelauf eine Stadt am besten einzunehmen sei; »zuletzt« (sagte der Obrist-Leutnant ferner) »kam ein altes Weib ganz tropfnaß daher, die sagte, eben als sie beim Jäger vorbeipassierte: ›Ja, ich hab dies Wetter schon wohl vierzehn Tag in meinem Rücken stecken gehabt!‹ Als der Jäger solches höret', und eben einen Stecken in Händen hatte, schlug er sie damit übern Buckel, und sagte: ›Du alte Hex, hast dus denn nicht ehe herauslassen können? hast du eben müssen warten, bis ich anfange Schildwacht zu stehen?‹ Da ihm aber sein Offizier abwehrte, antwortet' er: ›Es geschieht ihr recht, das alte Rabenaas hat schon vor vier Wochen gehört, daß jedermann nach einem guten Regen geschrien, warum hat sie ihn den ehrlichen Leuten nicht ehe gegönnet? so wäre vielleicht Gerst und Hopfen besser geraten.‹« Worüber der General-Feldzeugmeister, wiewohl er sonst ein ernsthafter Herr war, trefflich lachte. Ich aber gedachte, erzählt der Obrist-Leutnant dem Grafen solche Narrnpossen, so hat er ihm gewißlich auch nicht verschwiegen, was ich sonst angestellt habe. Ich aber wurde vorgelassen.

Als mich nun der General-Feldzeugmeister fragte, was mein Anbringen wäre? antwortet ich: »Gnädiger Herr, etc. Obzwar mein Verbrechen und E. Excell. rechtmäßig Gebot und Verbot mir beide das Leben absprechen, so heißet mich jedoch meine alleruntertänigste Treu (die ich Dero Röm. Kais. Maj. meinem Allergnädigsten Herrn bis in Tod zu leisten schuldig bin) ein Weg als den andern meines wenigen [243] Orts dem Feind einen Abbruch tun, und erst-Allerhöchstgedachter Röm. Kais. Maj. Nutzen und Kriegswaffen befördern.« Der Graf fiel mir in die Red, und sagte: »Hast du mir nicht neulich den Mohren gebracht?« Ich antwortet: »Ja gnädiger Herr.« Da sagte er: »Wohl, dein Fleiß und Treu möchte vielleicht meritiern, dir das Leben zu schenken, was hast du aber für ein Anschlag, den Feind aus gegenwärtigem Ort zu bringen, ohne sonderbaren Verlust der Zeit und Mannschaft?« Ich antwortet: »Weil der Ort vor grobem Geschütz nicht bestehen kann, so hält meine Wenigkeit dafür, der Feind würde bald akkordiern, wenn er nur eigentlich glaubt', daß wir Stück bei uns haben.« »Das hätte mir wohl ein Narr gesagt«, antwortet' der Graf, »wer wird sie aber überreden, solches zu glauben?« Ich antwortet: »Ihre eigenen Augen. Ich habe ihre hohe Wacht mit meinem Perspektiv gesehen, die kann man betrügen, wenn man nur etliche Blöcke, den Brunnenteichlen gleich, auf Wagen ladet, und dieselben mit einem starken Gespann in das Feld führet, so werden sie schon glauben, es seien grobe Stück, vornehmlich wenn E. Gräfl. Excell. irgendswo im Feld etwas aufwerfen läßt, als ob man Stücke dahin pflanzen wollte.« »Mein liebes Bürschlein«, antwortet' der Graf, »es sind keine Kinder drinnen, sie werden diesem Spiegelfechten nicht glauben, sondern die Stück auch hören wollen, und wenn der Poß dann nicht angehet«, sagte er zu den umstehenden Offiziern, »so werden wir von aller Welt verspottet!« Ich antwortet: »Gnäd. Herr, ich will schon Stücke in ihren Ohren lassen klingen, wenn man nur ein paar Doppelhaken und ein ziemlich groß Faß haben kann, allein wird ohne den Knall sonst kein Effekt vorhanden sein; sollte man aber ja wider Verhoffen nur Spott damit erlangen, so werde ich der Inventor, weil ich ohnedas sterben muß, solchen Spott mit mir dahinnehmen, und denselben mit meinem Leben aufheben.« Ob nun zwar der Graf nicht daran wollte, so persuadirte ihn jedoch mein Obrist-Leutnant dahin, denn er sagte, daß ich in dergleichen Sachen so glückselig sei, daß er im wenigsten zweifele, daß dieser Poß nicht auch angehen werde. Derowegen befahl ihm der [244] Graf die Sach anzustellen, wie er vermeinte, daß sichs tun ließe, und sagte im Scherz zu ihm: Die Ehr, so er damit erwürbe, sollte ihm allein zustehen.

Also wurden drei solcher Blöcke zuwege gebracht, und vor jedes vierundzwanzig Pferd gespannt, wiewohl nur zwei genug gewesen wären; diese führten wir gegen Abend dem Feind ins Gesicht, indessen aber hatte ich auch drei Doppelhaken und ein Stück-Faß, so wir von einem Schloß bekamen, unterhanden, und richtete ein und anders zu, wie ichs haben wollte, das wurde bei Nacht zu unserer visierlichen Artollerei verschafft: den Doppelhaken gab ich doppelte Ladung, und ließ sie durch berührtes Faß (dem der vordere Boden genommen war) losgehen, gleich ob es drei Losung-Schüsse hätten sein sollen, das donnerte dermaßen, daß jedermann Stein und Bein verschworen hätte, es wären Quartier-Schlangen oder halbe Kartaunen gewesen; unser General-Feldzeugmeister mußte der Gaukelfuhr lachen, und ließ dem Feind abermal einen Akkord anbieten, mit dem Anhang, wenn sie sich nicht noch diesen Abend bequemen würden, daß es ihnen morgen nicht mehr so gut werden sollte: Darauf wurden alsbald beiderseits Geiseln geschickt, der Akkord geschlossen, und uns noch dieselbige Nacht ein Tor der Stadt eingegeben. Welches mir trefflich zugut kam, denn der Graf schenkte mir nicht allein das Leben, das ich Kraft seines Verbots verwirkt hatte, sondern ließ mich noch selbige Nacht auf freien Fuß stellen, und befahl dem Obrist-Leutnant in meiner Gegenwart, daß er mir das erste Fähnlein, so ledig würde, geben sollte: Welches ihm aber ungelegen war, denn er hatte der Vettern und Schwäger so viel, die aufpaßten, daß ich vor denselben nicht zugelassen werden konnte.

11. Kapitel
[245] Das 11. Kapitel

Hält allerhand Sachen in sich, von geringer Wichtigkeit und großer Einbildung


Es begegnete mir auf demselbigen Marsch nichts Merkwürdiges mehr; da ich aber wieder nach Soest kam, hatten mir die lippstädtischen Hessen meinen Knecht, den ich bei meiner Bagage im Quartier gelassen, samt einem Pferd auf der Weid hinweggefangen, von demselben erkundigte der Gegenteil mein Tun und Lassen, dahero hielten sie mehr von mir als zuvor, weil sie hiebevor durch das gemeine Geschrei beredt worden, zu glauben, daß ich zaubern könnte. Er erzählte ihnen auch, daß er einer von den Teufeln gewesen sei, die den Jäger von Werl auf der Schäferei so erschreckt hätten; da solches erstbesagter Jäger erfuhr, schämte er sich so sehr, daß er abermal das Reißaus spielete, und von Lippstadt zu den Holländern lief: Aber es war mein größtes Glück, daß mir dieser Knecht gefangen worden, maßen aus der Folge meiner Histori zu vernehmen sein wird.

Ich fing an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich so stattliche Hoffnung hatte, in Bälde ein Fähnlein zu haben; Ich gesellete mich allgemach zu den Offiziern und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige spanneten, was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete; Diese waren deswegen meine ärgsten Feinde, und stellten sich doch gegen mich als meine besten Freunde, so war mir der Obrist-Leutnant auch nicht so gar grün, weil er Befehl hatte, mich vor seinen Verwandten zu befördern; mein Hauptmann war mir darum abhold, weil ich mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel braver hielt, als er, und dem alten Geizhals nicht mehr wie hiebevor spendierte, er hätte lieber gesehen, daß mir neulich der Kopf hinweggeschlagen, als ein Fähnlein versprochen worden wäre, denn er gedachte meine schönen Pferd zu erben; so haßte mich mein Leutnant eines einzigen Worts halber, das ich neulich unbedachtsam laufen lassen, das fügte sich also: Wir waren miteinander in letzter Cavalcada kommandiert, [246] eine gleichsam verlorne Wacht zu halten; als nun das Schildwachthalten an mir war (welches liegend geschehen mußte, unangesehen es stockfinster Nacht war), kroch er Leutnant auch auf dem Bauch zu mir, wie ein Schlang, und sagte: »Schildwacht merkst du was?« Ich antwortet: »Ja Herr Leutnant.« »Was da? Was da?« sagte er. Ich antwortet: »Ich merke, daß sich der Herr fürchtet.« Von dieser Zeit an hatte ich kein Gunst mehr bei ihm, und wo es am ungeheursten war, wurde ich zum ersten hin kommandiert, ja er suchte an allen Orten und Enden Gelegenheit und Ursach, mir, noch ehe ich Fähnrich würde, das Wams auszuklopfen, weil ich mich gegen ihn nicht wehren dürfte. Nicht weniger feindeten mich auch alle Feldweibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen wurde. Was aber gemeine Knecht waren, die fingen auch an, in ihrer Liebe und Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie verachtete, indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen, sondern wie obgemeldt, zu größern Hansen gesellete, die mich drum nicht desto lieber sahen. Das Allerärgste war, daß mir kein einziger Mensch sagte, wie jedermann gegen mich gesinnet, so konnte ichs auch nicht merken, weil mir mancher die besten Wort unter Augen gab, der mich doch lieber tot gesehen hätte! Ich lebte eben dahin wie ein Blinder, in aller Sicherheit, und wurde je länger je hoffärtiger, und wenn ich schon wußte, daß es ein oder andern verdroß, so ichs etwa denen von Adel und vornehmen Offiziern mit Pracht bevortat, so ließ ichs drum nicht unterwegen; ich scheute mich nicht, nachdem ich Gefreiter worden, ein Koller von sechzig Reichstalern, rote scharlachne Hosen, und weiße atlassene Ärmel, überall mit Gold und Silber verbrämt, zu tragen, welches damals eine Tracht der höchsten Offizier war, darum stachs ein jeden in die Augen; ich war aber ein schrecklich junger Narr, daß ich den Hasen so laufen ließ, denn hätte ich mich anders gehalten, und das Geld, das ich so unnützlich an den Leib hängte, an gehörige Ort und End verschmieret, so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen, sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht. Ich ließ es aber hierbei [247] noch nicht bleiben, sondern putzte mein bestes Pferd, das Springinsfeld vom hessischen Rittmeister bekommen hatte, mit Sattel, Zeug und Gewehr dergestalt heraus, daß man mich, wenn ich darauf saß, gar wohl für einen andern Ritter St. Georgen hätte ansehen mögen. Nichts vexierte mich mehr, als daß ich mich keinen Edelmann zu sein wußte, damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Liverei hätte kleiden mögen: Ich gedachte, all Ding hat seinen Anfang, wenn du ein Wappen hast, so hast du schon ein eigene Liverei, und wenn du Fähnrich wirst, so mußt du ja ein Petschier haben, wenn du schon kein Junker bist. Ich war nicht lang mit solchen Gedanken schwanger gangen, als ich mir durch einen Comitem Palatinum ein Wappen geben ließ, das waren drei rote Larven in einem weißen Feld, und auf dem Helm ein Brustbild eines jungen Narrn, in kälbernem Habit, mit einem Paar Hasenohren, vorne mit Schellen geziert; denn ich dachte, dies schicke sich am besten zu meinem Namen, weil ich Simplicius hieße; so wollte ich mich auch des Narrn gebrauchen, mich in meinem künftigen hohen Stand dabei zu erinnern, was ich zu Hanau für ein Gesell gewesen, damit ich nicht gar zu hoffärtig würde, weil ich mich schon jetzt keine Sau zu sein bedünken ließ: Also wurde ich erst rechtschaffen der erste meines Namens, Stammes und Wappens, und wenn mich jemand damit hätte foppen wollen, so hätte ich ihm ohne Zweifel einen Degen oder Paar Pistoln anpräsentiert.

Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging ich doch gleichwohl mit denen von Adel, wenn sie irgends Jungfrauen besuchten, deren es denn viel in der Stadt gab, mich sehen zu lassen, und mit meinen schönen Haaren, Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muß bekennen, daß ich meiner Gestalt halber allen andern vorgezogen wurde, mußte aber daneben hören, daß mich die verwöhnten Schleppsäck einem schönen und wohlgeschnitzten hölzernen Bild verglichen, an welchem außer der Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre, denn es war sonst nichts an mir das ihnen gefiel; so konnte ich auch ohne das Lautenschlagen sonst noch nichts machen oder [248] vorbringen, das ihnen angenehm gewesen wäre, weil ich noch nichts vom Lieben wußte. Als mich aber auch diejenigen, die sich um das Frauenzimmer umtun konnten, meiner holzböckischen Art und Ungeschicklichkeit halber anstachen, um sich selbst dadurch beliebter zu machen, und ihre Wohlredenheit zu rühmen: Ich aber hingegen sagte, daß mirs genug sei, wenn ich noch zur Zeit meine Freud an einem blanken Degen und einer guten Musketen hätte; Nachdem auch das Frauenzimmer diese meine Rede billigte, verdroß es sie so sehr, daß sie mir heimlich den Tod schworen, ohnangesehen keiner war, der das Herz hatte, mich herauszufordern, oder Ursach zu geben, daß ich einen von ihnen gefordert hätte, dazu ein paar Ohrfeigen, oder sonst ziemlich empfindliche Wort genug wären gewesen, zudem ich mich auch ziemlich breitmachte. Woraus das Frauenzimmer mutmaßete, daß ich ein resoluter Jüngling sein müßte; sagten auch unverhohlen, daß bloß meine Gestalt und rühmlicher Sinn bei einer Jungfer das Wort besser tun könne, als alle anderen Komplimente, die Amor je erfunden; welches die Anwesenden noch mehr verbitterte.

12. Kapitel
Das 12. Kapitel

Das Glück tut dem Jäger unversehens eine adelige Verehrung


Ich hatte zwei schöne Pferd, die waren alle meine Freud, die ich selbiger Zeit in der Welt genoß; alle Tag ritt ich mit denselben auf die Reitschul, oder sonst spazieren, wenn ich sonst nichts zu tun hatte; nicht zwar, als hätten die Pferd noch etwas bedurft zu lernen, sondern ich tats darum, damit die Leut sehen sollten, daß die schönen Kreaturen mir zugehörten. Wenn ich dann so durch eine Gasse daherprangte, oder vielmehr das Pferd mit mir dahintanzte, und das alberne Volk zusah, und zueinander sagte: »Sehet, das ist der Jäger! Ach welch ein schön Pferd! Ach wie ein schöner Federbusch!« oder: »Min God, wat vor en prave Kerl is mi dat!« so spitzte ich die Ohren gewaltig, und ließ [249] mirs so sanft tun, als ob mich die Königin Nicaula dem weisen Salomon in seiner höchsten Majestät sitzend verglichen hätte: Aber ich Narr hörete nicht, was vielleicht damals verständige Leut von mir hielten, oder meine Mißgönner von mir sagten; diese letzteren wünschten mir ohn Zweifel, daß ich Hals und Bein brechen sollte, weil sie mirs nicht gleichtun konnten; andere aber gedachten gewißlich, wenn jedermann das Seinig hätte, daß ich nicht so toll daherziehen würde; In Summa, die Allerklügsten müssen mich ohn allen Zweifel für einen jungen Lappen gehalten haben, dessen Hoffart notwendig nicht lang dauren würde, weil sie auf einem schlechten Fundament bestünde, und nur aus ungewissen Beuten unterhalten werden müßte. Und wenn ich selber die Wahrheit bekennen soll, muß ich gestehen, daß diese letzteren nicht unrecht urteilten, wiewohl ichs damals nicht verstand, denn es war nicht anders mit mir, als daß ich meinem Mann oder Gegenteil das Hemd hätte rechtschaffen heißmachen können, wenn einer mit mir zu tun hätte bekommen, also daß ich wohl für einen einfachen guten Soldaten hätte passieren können, wiewohl ich gleichsam noch ein Kind war. Aber diese Ursach macht' mich so groß, daß jetziger Zeit der geringste Roßbub den allertapfersten Helden von der Welt totschießen kann, wäre aber das Pulver noch nit erfunden gewesen, so hätt ich die Pfeife wohl im Sack müssen stecken lassen.

Meine Gewohnheit war, wenn ich so herumterminierte, daß ich alle Weg und Steg, alle Gräben, Moräst, Büsch, Bühel und Wasser beritten, dieselbigen mir bekannt machte, und ins Gedächtnis faßte, damit wenns etwa an ein oder anderm Ort künftig eine Occasion setzte, mit dem Feind zu scharmützeln, ich mir des Orts Gelegenheit beides offensive und defensive zunutz machen könnte. Zu solchem End ritt ich einsmals ohnweit der Stadt bei einem alten Gemäur vorüber, darauf vor Zeiten ein Haus gestanden; Im ersten Anblick gedachte ich, dies wäre ein gelegener Ort darin aufzupassen, oder sich dahin zu retiriern, sonderlich für uns Dragoner, wenn wir von Reutern übermannt und gejagt werden sollten. Ich ritt in den Hof, dessen Gemäur [250] ziemlich verfallen war, zu sehen, ob man sich auch auf den Notfall zu Pferd dahin salviern, und wie man sich zu Fuß daraus wehren könnte. Als ich nun zu solchem End alles genau besichtigen, und bei dem Keller, dessen Gemäur noch rund umher aufrechtstand, vorüberreiten wollte, konnte ich mein Pferd, welches sonst im geringsten nichts scheuete, weder mit Lieb noch Leid nicht hinbringen, wo ichs hin wollte, ich sporte es, daß michs daurte, aber es half nichts! ich stieg ab, und führt es an der Hand die verfallene Keller-Stegen hinunter, wovon es doch scheuete, damit ich mich ein andermal danach richten könnte; Aber es hupfte zurück, so sehr es immer mochte; doch brachte ichs endlich mit guten Worten und Streichen hinunter, und indem ichs strich, und ihm liebkoste, wurde ich gewahr, daß es vor Angst schwitzte, und die Augen stets in ein Eck des Kellers richtete, dahin es am allerwenigsten wollte, und ich auch das Geringste nicht sah, darob der schlimmste Kollerer hätte wetterlaunisch werden mögen. Als ich nun so mit Verwunderung dastand, und dem Pferd zusah, wie es vor Furcht zitterte, kam mich auch ein solches Grausen an, daß mir nicht anderst wurde, als ob man mich bei den Haaren über sich zöge, und einen Kübel voll kalt Wasser über mich abgösse, doch konnte ich nichts sehen, aber das Pferd stellte sich viel seltsamer, also daß ich mir nichts anders einbilden konnte, als ich müßte vielleicht mit samt dem Pferd verzaubert sein, und in demselben Keller mein Ende nehmen; derowegen wollte ich wieder zurück, aber mein Pferd tat mir nicht folgen, dahero wurde ich noch ängstiger, und so verwirrt, daß ich schier nicht wußte, was ich tat. Zuletzt nahm ich eine Pistol auf den Arm, und band das Pferd an einen starken Holderstock (der im Keller aufgewachsen war) der Meinung, aus dem Keller zu gehen, und Leut in der Nähe zu suchen, die meinem Pferd wieder heraufhülfen, und indem ich hiermit umgehe, fällt mir ein, ob nicht vielleicht in diesem alten Gemäur ein Schatz verborgen läge, dahero es so ungeheur sein möchte? Ich glaubte meinem Einfall, und sah mich genauer um, und sonderlich in dem Eck, dahin mein Pferd so gar nicht wollte, wurde ich eines [251] Stück Gemäurs gewahr, ohngefähr so groß als ein gemeiner Kammerladen, welches dem andern alten Gemäur beides an der Farb und Arbeit nicht allerdings glich; da ich aber hinzugehen wollte, wurde mir abermal wie zuvor, nämlich als ob mir alle Haar gen Berg stünden, welches mich in meiner Meinung stärkte, daß nämlich ein Schatz daselbst verborgen sein müßte.

Zehen-, ja hundertmal lieber hätte ich Kugeln gewechselt, als mich in solcher Angst befunden. Ich wurde gequält, und wußte doch nicht von wem, denn ich sah oder hörte nichts; ich nahm das ander Pistol auch von meinem Pferd, und wollte damit durchgehen, und das Pferd stehen lassen, vermochte aber die Stegen nicht hinaufzukommen, weil mich, wie mich deuchte, ein starke Luft aufhielt; Da lief mir erst die Katz den Buckel hinauf! Zuletzt fiel mir ein, ich sollte meine Pistoln lösen, damit die Bauren, so in der Nähe im Feld arbeiteten, mir zuliefen, und mit Rat und Tat zu Hilf kämen; das tat ich, weil ich sonst kein Mittel, Rat noch Hoffnung hatte oder wußte aus diesem ungeheuren Wunderort zu kommen, ich war auch so erzürnt, oder vielmehr so desperat (denn ich weiß selber nicht mehr wie mir gewesen ist), daß ich im Losschießen meine Pistol gerad an den Ort kehret, allwo ich vermeinte, daß die Ursach meiner seltsamen Begegnis steckte, und traf obangeregtes Stück Gemäur mit zweien Kugeln so hart, daß es ein Loch gab, darein man zwo Fäust hätte stecken mögen. Als der Schuß geschehen, wieherte mein Pferd, und spitzt' die Ohren, welches mich herzlich erquickte, nicht weiß ich, ist damals das Ungeheur oder Gespenst verschwunden, oder hat sich das arme Tier über das Schießen erfreut? Einmal, ich faßte wieder ein frisch Herz, und ging ganz unverhindert und ohn alle Furcht zu dem Loch, das ich erst durch den Schuß geöffnet hatte, da fing ich an die Maur vollends einzubrechen, und fand von Silber, Gold und Edelgesteinen einen solchen reichen Schatz, der mir noch bis auf diese Stund wohl bekäme, wenn ich ihn nur recht zu verwahren und anzulegen gewußt hätte: Es waren aber sechs Dutzend altfränkische silberne Tischbecher, ein groß gülden Pokal, etliche Duplet, [252] vier silberne und ein güldenes Salzfaß, ein altfränkische güldne Kette, unterschiedliche Diamant, Rubin, Saphir und Smaragd, beides in Ringen und andern Kleinodien gefaßt, item ein ganz Lädlein voll großer Perlen, aber alle verdorben oder abgestanden, und dann in einem versporten ledernen Sack achzig von den ältsten Joachims-Talern aus feinem Silber, sodann 893 Goldstücke mit dem französischen Wappen und einem Adler, welche Münz niemand kennen wollte, weil man, wie sie sagten, die Schrift nicht lesen konnte. Diese Münz, die Ring und Kleinodien steckte ich in meine Hosensäck, Stiefeln, Hosen und Pistolhalfter, und weil ich keinen Sack bei mir hatte, sintemal ich nur spazierengeritten war, schnitt ich meine Schaberack vom Sattel, und packte in dieselbige (weil sie gefüttert war, und mir gar wohl für einen Sack dienen konnte) das übrig Silbergeschirr, hängte die güldene Kette an den Hals, saß fröhlich zu Pferd, und ritt meinem Quartier zu. Wie ich aber aus dem Hof kam, wurde ich zweier Bauren gewahr, welche davonlaufen wollten, sobald sie mich sahen, ich ereilte sie leichtlich, weil ich sechs Füße und ein eben Feld hatte, und fragte sie, warum sie hätten wollen ausreißen? und warum sie sich so schrecklich fürchteten? Da erzählten sie mir, daß sie vermeint hätten, ich wäre das Gespenst, das in gegenwärtigem öden Edelhof wohne, welches die Leute, wenn man ihm zu nahe käme, elendiglich zu traktieren pflege; Und als ich ferner um dessen Beschaffenheit fragte, gaben sie mir zur Antwort, daß aus Furcht des Ungeheuers oft in vielen Jahren kein Mensch an denselben Ort komme, es sei denn jemand Fremder, der verirre, und ungefähr dahin gerate: Die gemeine Sag ginge im Land, es wäre ein eiserner Trog voller Gelds darinnen, den ein schwarzer Hund hüte, zusamt einer verfluchten Jungfrauen, und wie die alt Sag ginge, sie auch selbsten von ihren Großeltern gehört hätten, so sollte ein fremder Edelmann, der weder seinen Vater noch Mutter kenne, ins Land kommen, dieselbe Jungfrau erlösen, den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschließen und das verborgen Geld davonbringen. Dergleichen alberne Fabeln erzählten sie mir noch viel, weil sie [253] aber gar zu schlecht klingen, will ich geliebter Kürze halber abbrechen. Hernach fragte ich sie, was sie beide denn da gewollt hätten, da sie doch ohndas nicht in das Gemäur gehen dürften? Sie antworteten, sie hätten einen Schuß samt einem lauten Schrei gehöret, da seien sie zugelaufen, zu sehen, was da zu tun sein möchte? Als ich ihnen aber sagte, daß ich zwar geschossen hätte, der Hoffnung, es würden Leut zu mir ins Gemäur kommen, weil mir auch ziemlich angst worden, wüßte aber von keinem Geschrei nichts: Da antworteten sie, man möchte in diesem Schloß lang hören schießen, bis jemand hineinläuft aus unserer Nachbarschaft, denn es ist in Wahrheit so abenteurlich damit beschaffen, daß wir dem Junkern nicht glauben würden, wenn er sagte, er wäre darinnen gewesen, dafern wir ihn nicht selbst wieder heraus hätten sehen reiten. Hierauf wollten sie viel Dings von mir wissen, vornehmlich wie es darin beschaffen wäre, und ob ich die Jungfrau samt dem schwarzen Hund auf dem eisernen Trog nicht gesehen hätte? Also daß ich ihnen, wenn ich nur aufschneiden wollen, seltsame Bären hätte anbinden können, aber ich sagte ihnen im geringsten nichts, auch nicht einmal, daß ich den köstlichen Schatz ausgehoben, sondern ritt meines Wegs in mein Quartier, und beschaute meinen Fund, der mich herzlich erfreute.

13. Kapitel
Das 13. Kapitel

Simplicii seltsame Grillen und Luftgebäu, auch wie er seinen Schatz verwahrt


Diejenigen, die wissen was das Geld gilt, und dahero solches für ihren Gott halten, haben dessen nicht geringe Ursach; denn ist jemand in der Welt, der dessen Kräfte und beinahe göttlichen Tugenden erfahren hat, so bin ichs: Ich weiß, wie einem zumut ist, der dessen einen ziemlichen Vorrat hat, so hab ich auch nicht nur einmal erfahren, wie derjenige gesinnet sei, der keinen einzigen Heller vermag. Ja ich dürfte mich vermessen zu erweisen, daß es alle Tugend und [254] Wirkungen viel kräftiger hat und vermag, als alle Edelgestein, denn es vertreibt alle Melancholei, wie der Demant; es macht Lust und Beliebung zu den Studiis, wie der Smaragd, darum werden gemeiniglich mehr reicher als armer Leut Kinder Studenten; es nimmt hinweg Furchtsamkeit, macht den Menschen fröhlich und glückselig wie der Rubin; es ist dem Schlaf oft hinderlich, wie die Granaten, hingegen hat es auch eine große Kraft, die Ruhe und den Schlaf zu befördern wie der Hyacinth; es stärket das Herz, und machet den Menschen freudig, sittsam, frisch und mild, wie der Saphir und Amethyst; es vertreibet böse Träum, machet fröhlich, schärfet den Verstand, und so man mit jemand zankt, macht es daß man siegt, wie der Sardus, vornehmlich wenn man alsdann den Richter brav damit schmiert; es löscht aus die geilen und unkeuschen Begierden, sonderlich weil man schöne Weiber ums Geld kriegen kann. In Summa, es ist nicht auszusprechen, was das liebe Geld vermag, wie ich denn hiebevor in meinem ›Schwarz und Weiß‹ etwas davon geschrieben, wenn mans nur recht zu brauchen und anzulegen weiß.

Was das meinige anbelangt, das ich damals beides mit Rauben und Findung dieses Schatzes zuwege gebracht, so hatte dasselbe ein seltsame Natur an sich, denn erstlich machte es mich hoffärtiger, als ich zuvor war, so gar, daß mich auch im Herzen darin verdroß, daß ich nur Simplicius heißen sollte; es hindert' mir den Schlaf, wie der Amethyst, denn ich lag manche Nacht, und spekulierte, wie ich solches anlegen, und noch mehr dazu bekommen möchte. Es machte mich zu einem perfekten Rechenmeister, denn ich überschlug, was mein ungemünztes Silber und Gold wert sein möchte, summierte solches zu demjenigen, das ich hin und wieder verborgen, und noch bei mir im Säckel hatte, und befand ohne die Edelgestein ein namhaftes Fazit! Es gab mir auch seine eigene angeborne Schalkheit und böse Natur zu versuchen, indem es mir das Sprichwort (wo viel ist, begehrt man immer mehr) rechtschaffen auslegte, und mich so geizig machte, daß mir jedermann hätte feind werden mögen. Ich bekam von ihm wohl närrische Anschläg,[255] und seltsame Grillen ins Hirn, und folgte doch keinem einzigen Einfall, den ich kriegte: Einmal kam mirs in Sinn, ich sollte den Krieg quittiern, mich irgends hinsetzen, und mit einem schmutzigen Maul zum Fenster naussehen; Aber geschwind reute michs wieder, vornehmlich da ich bedachte, was für ein freies Leben ich führte, und was für Hoffnung ich hatte, ein großer Hans zu werden; da gedachte ich dann: Hui Simplici, laß dich adeln, und wirb dem Kaiser ein eigene Kompagnie Dragoner aus deinem Säckel, so bist du schon ein ausgemachter junger Herr, der mit der Zeit noch hoch steigen kann. Sobald ich aber zu Gemüt führte, daß meine Hoheit durch ein einzig unglücklich Treffen fallen, oder sonst durch einen Friedenschluß samt dem Krieg in Bälde ein End nehmen könnte; ließ ich mir diesen Anschlag auch nicht mehr belieben. Alsdann fing ich an, mir mein vollkommen männlich Alter zu wünschen, denn wenn ich solches hätte, sagte ich zu mir selber, so nähmest du ein schöne junge reiche Frau, alsdann kauftest du irgends einen adeligen Sitz, und führtest ein geruhiges Leben; Ich wollte mich auf die Viehzucht legen, und mein ehrlich Auskommen reichlich haben können, da ich aber wußte, daß ich noch viel zu jung hierzu war, mußte ich diesen Anschlag auch fahren lassen. Solcher und dergleichen Einfäll hatte ich viel, bis ich endlich resolvierte, meine besten Sachen irgendhin in einer wohlverwahrten Stadt einem begüterten Mann in Verwahrung zu geben, und zu verharren, was das Glück ferner mit mir machen würde. Damals hatte ich meinen Jupiter noch bei mir, denn ich konnte seiner nicht los werden; derselbe redte zu Zeiten sehr subtil, und tat etliche Wochen gar klug sein, hatte mich auch über alle Maßen lieb, weil ich ihm viel Guts tat, und demnach er mich immer in tiefen Gedanken gehen sah, sagte er zu mir: »Liebster Sohn, schenket Euer Schindgeld, Gold und Silber weg.« Ich sagte: »Warum mein lieber Jove?« »Darum«, antwortet' er, »damit Ihr Euch Freunde dadurch machet, und Eurer unnützen Sorgen los werdet.« Ich sagte, daß ich lieber gern mehr hätte. Darauf sagte er: »So sehet, wo Ihr mehr bekommt; aber auf solche Weis werdet Ihr [256] Euch Euer Lebtag weder Ruhe noch Freunde schaffen, laßt die alten Schabhäls geizig sein, Ihr aber haltet Euch, wie es einem jungen braven Kerl zustehet, Ihr sollt noch viel eher Mangel an guten Freunden, als Geld erfahren.« Ich dachte der Sach nach, und befand zwar, daß Jupiter wohl von der Sach redte, der Geiz aber hatte mich schon dergestalt eingenommen, daß ich gar nit gedachte etwas hinzuschenken, doch verehrte ich zuletzt dem Kommandanten ein paar silberne und übergoldte Duplet, meinem Hauptmann aber ein paar silberne Salzfässer, damit ich aber nichts anders ausrichtete, als daß ich ihnen nur das Maul auch nach dem übrigen wässerig machte, weil es rare Antiquitäten waren; meinem getreusten Kameraden Springinsfeld schenkte ich zwölf Reichstaler, der riet mir dagegen, ich sollte mein Reichtum von mir tun, oder gewärtig sein, daß ich dadurch in Unglück käme, denn die Offizier sähen nicht gern, daß ein gemeiner Soldat mehr Geld hätte als sie; So hätte er auch wohl ehemals gesehen, daß ein Kamerad den andern ums Gelds halber heimlich ermordet; bisher hätte ich wohl heimlich halten können, was ich an Beuten erschnappt, denn jedermann glaubte, ich hätte alles wieder an Kleider, Pferd und Gewehr gehängt, nunmehr aber würde ich niemand kein Ding mehr verklaiben, oder weis machen können, daß ich kein übrig Geld hätte, denn jeder machte den gefundenen Schatz jetzt größer, als er an sich selbst sei, und ich ohnedas nicht mehr wie hiebevor spendiere; er müsse oft hören, was unter der Bursch für ein Gemurmel gehe, sollte er an meiner Statt sein, so ließe er den Krieg Krieg sein, setzte sich irgend hin in Sicherheit, und ließ den lieben Gott walten. Ich antwortet: »Hör Bruder, wie kann ich die Hoffnung, die ich zu einem Fähnlein habe, so leichtlich in Wind schlagen?« »Ja ja«, sagte Springinsfeld, »hol mich dieser und jener, wenn du ein Fähnlein bekommst, die anderen, so auch darauf hoffen, sollten dir ehe tausendmal den Hals brechen helfen, wenn sie sehen, daß eins ledig, und du bekommen solltest, lerne mich nur keine Karpfen kennen, denn mein Vater ist ein Fischer gewesen. Halt mirs zugut Bruder, denn ich habe länger zugesehen, [257] wie es im Krieg hergehet, als du; siehest du nicht, wie mancher Feldweibel bei seinem kurzen Gewehr grau wird, der vor vielen eine Kompagnie zu haben meritierte, vermeinest du, sie seien nicht auch Kerl, die etwas haben hoffen dürfen? zudem so gebühret ihnen von Rechts wegen mehr als dir solche Beförderung, wie du selber erkennest.« Ich mußte schweigen, weil Springinsfeld aus einem teutschen aufrichtigen Herzen mir die Wahrheit so getreulich sagte, und nicht heuchelte, jedoch biß ich die Zähn heimlich übereinander, denn ich bildete mir damals trefflich viel ein.

Doch erwog ich diese und meines Jupiters Reden sehr fleißig, und bedachte, daß ich keinen einzigen angebornen Freund hätte, der sich meiner in Nöten annehmen, oder meinen Tod, er geschehe heimlich oder öffentlich, rächen würde; Auch konnte ich mir leicht einbilden, wie die Sach an sich selbsten war, dennoch aber ließ weder mein Ehrnoch Geldgeiz zu, viel weniger die Hoffnung groß zu werden, den Krieg zu quittieren, und mir Ruhe zu schaffen, sondern ich verblieb bei meinem ersten Vorsatz, und indem sich eben eine Gelegenheit auf Köln präsentierte (indem ich neben hundert Dragonern etliche Kaufleut und Güterwagen von Münster dorthin konvoyiern helfen mußte), packte ich meinen gefundenen Schatz zusammen, nahm ihn mit, und gab ihn einem von den vornehmsten Kaufleuten daselbst, gegen Aushändigung einer spezifizierten Handschrift aufzuheben, das waren vierundsiebenzig Mark ungemünzt fein Silber, fünfzehen Mark Gold, achtzig Joachimstaler, und in einem verpetschierten Kästlein unterschiedliche Ringe und Kleinodien, so mit Gold und Edelgesteinen achthalb Pfund in allem gewogen, samt 893 antiquische gemünzte Goldstück, deren jedes anderthalbe Goldgulden schwer war. Meinen Jupiter bracht ich auch dahin, weil ers begehrte, und in Köln ansehnliche Verwandte hatte, gegen dieselben rühmte er die Guttaten, die er von mir empfangen, und machte, daß sie mir viel Ehr erwiesen. Mir aber riet er noch allezeit, ich sollte mein Geld besser anlegen, und mir Freunde dafür kaufen, die mich mehr als das Gold in der Kisten nutzen würden.

14. Kapitel
[258] Das 14. Kapitel

Wie der Jäger vom Gegenteil gefangen wird


Auf dem Zurückweg machte ich mir allerhand Gedanken, wie ich mich inskünftig halten wollte, damit ich doch jedermanns Gunst erlangen möchte, denn Springinsfeld hatte mir einen unruhigen Floh ins Ohr gesetzt, und mich zu glauben persuadiert, als ob mich jedermann neidete, wie es denn in der Wahrheit auch nicht anders war. So erinnerte ich mich auch dessen, was mir die berühmte Wahrsagerin zu Soest ehemals gesagt, und belud mich deshalber mit noch größern Sorgen. Mit diesen Gedanken schärfte ich meinen Verstand trefflich und nahm gewahr, daß ein Mensch, der ohne Sorgen dahin lebt, fast wie ein Vieh sei. Ich sann aus, welcher Ursach halber mich ein oder ander hassen möchte, und erwog, wie ich einem jeden begegnen müßte, damit ich dessen Gunst wieder erlangte, verwundert mich daneben zum höchsten, daß die Kerl so falsch sein und mir lauter gute Wort geben sollten, da sie mich nicht liebten! Derowegen gedachte ich mich anzustellen, wie die anderen, und zu reden was jedem gefiel, auch jedem mit Ehrerbietung zu begegnen, ob mirs schon nicht ums Herz wäre; vornehmlich aber merkte ich klar, daß meine eigene Hoffart mich mit den meisten Feinden beladen hatte, deswegen hielt ich für nötig, mich wieder demütig zu stellen, ob ichs schon nicht sei, mit den gemeinen Kerlen wieder unten und oben zu liegen, vor den Höhern aber den Hut in Händen zu tragen, und mich der Kleiderpracht in etwas abzutun, bis sich etwa mein Stand änderte. Ich hatte mir von dem Kaufherrn in Köln hundert Taler geben lassen, solche samt Interesse wieder zu erlegen, wenn er mir meinen Schatz aushändigte, dieselben gedachte ich unterwegs dem Convoi halb zu verspendiern, weil ich nunmehr erkannte, daß der Geiz keine Freunde macht. Solchergestalt war ich resolviert, mich zu ändern, und noch auf diesem Weg den Anfang zu machen: Ich machte aber die Zech ohn den Wirt. Denn da wir durch das Bergische Land passiern wollten, [259] paßten uns an einem sehr vorteilhaften Ort achtzig Feurröhr' und fünfzig Reuter auf, eben als ich selbfünft mit einem Korporal geschickt wurde voranzureiten, und die Straße zu partiern: Der Feind hielt sich still, als wir in ihren Halt kamen, ließ uns auch passiern, damit wenn sie uns angegriffen hätten, der Convoi nicht gewarnet würde, bis er auch zu ihnen in die Enge käme; Schickte uns aber einen Kornett mit acht Reutern nach, die uns im Gesicht behielten, bis die Ihrigen unsern Convoi selbst angriffen, und wir umkehrten, uns auch zu'n Wagen zu tun; Da gingen sie auf uns los, und fragten, ob wir Quartier wollten? Ich für meine Person war wohl beritten, denn ich hatte mein bestes Pferd unter mir, ich wollte aber gleichwohl nicht ausreißen, schwang mich herum auf eine kleine Ebne, zu sehen, ob da Ehr einzulegen sein möchte. Indessen hörte ich stracks an der Salve, welche die Unserigen empfingen, was die Glock geschlagen, trachtete derowegen nach der Flucht, aber der Kornett hatte alles vorbedacht, und uns den Paß schon abgeschnitten, und indem ich durchzuhauen bedacht war, bot er mir, weil er mich für einen Offizier ansah, nochmals Quartier an; Ich gedachte, das Leben eigentlich davonzubringen, ist besser als ein ungewisse Hasard, sagte derowegen: Ob er mir Quartier halten wollte, als ein redlicher Soldat? Er antwortet': Ja rechtschaffen! Also präsentierte ich ihm meinen Degen, und gab mich dergestalt gefangen; Er fragte mich gleich, was ich für einer sei, denn er sehe mich für einen Edelmann, und also auch für einen Offizier an? Da ich ihm aber antwortet, ich würde der Jäger von Soest genannt, antwortet' er: »So hat Er gut Glück, daß Er uns vor vier Wochen nicht in die Händ geraten, denn zu selbiger Zeit hätte ich Ihm kein Quartier geben noch halten dürfen, dieweil man Ihn damal bei uns für einen öffentlichen Zauberer gehalten hat.«

Dieser Kornett war ein tapferer junger Kavalier, und nicht über zwei Jahr älter als ich, er erfreute sich trefflich, daß er die Ehr hatte, den berühmten Jäger gefangen zu haben, deswegen hielt er auch das versprochen Quartier sehr ehrlich und auf holländisch, deren Gebrauch ist, ihren gefangenen [260] spanischen Feinden von demjenigen, was der Gürtel beschließt, nichts zu nehmen; ja er ließ mich nicht einmal visitieren, ich aber war selbst der Bescheidenheit, das Geld aus meinen Schubsäcken zu tun und ihnen solches zuzustellen, da es an ein Partens ging; sagte auch dem Kornett heimlich, er sollte sehen, daß ihm mein Pferd, Sattel und Zeug zuteil würde, denn er im Sattel dreißig Dukaten finden würde, und das Pferd ohnedas seinesgleichen schwerlich hätte. Von deswegen wurde mir der Kornett so hold, als ob ich sein leiblicher Bruder wäre, er saß auch gleich auf mein Pferd, und ließ mich auf dem seinigen reiten, von dem Convoi aber blieben nicht mehr als sechs tot, und dreizehn wurden gefangen, darunter acht beschädigt, die übrigen gingen durch, und hatten das Herz nicht, dem Feind im freien Feld die Beut wieder abzujagen, das sie fein hätten tun können, weil sie alle zu Pferd waren.

Nachdem die Beuten und Gefangenen geteilet worden, gingen die Schweden und Hessen (denn sie waren aus unterschiedlichen Garnisonen) noch selbigen Abend voneinander, mich und den Korporal, samt noch dreien Dragonern, behielt der Kornett, weil er uns gefangen bekommen, dahero wurden wir in eine Festung geführt, die nicht gar zwei Meilen von unserer Garnison lag. Und weil ich hiebevor demselben Ort viel Dampfs angetan, war mein Nam daselbst wohl bekannt, ich selber aber mehr gefürcht als geliebt. Da wir die Stadt vor Augen hatten, schickte der Kornett einen Reuter voran, seine Ankunft dem Kommandanten zu verkünden, auch anzuzeigen, wie es abgelaufen, und wer die Gefangenen seien; davon es ein Geläuf in der Stadt gab, daß nit auszusagen, weil jeder den Jäger gern sehen wollte; Da sagte einer dies, der ander jenes von mir, und war nicht anders anzusehen, als ob ein großer Potentat seinen Einzug gehalten hätte.

Wir Gefangenen wurden strack zum Kommandanten geführt, welcher sich sehr über meine Jugend verwundert'; Er fragte mich, ob ich nie auf schwedischer Seiten gedient hätte, und was ich für ein Landsmann wäre? Als ich ihm nun die Wahrheit sagte, wollte er wissen, ob ich nicht Lust [261] hätte, wieder auf ihrer Seiten zu bleiben? Ich antwortet ihm, daß es mir sonst gleich gülte, allein weil ich dem römischen Kaiser einen Eid geschworen hätte, so dünkte mich, es gebühre mir solchen zu halten. Darauf befahl er uns zum Gewaltiger zu führen, und erlaubte doch dem Kornett auf sein Anhalten, uns zu gastiern, weil ich hiebevor meine Gefangenen (darunter sein Bruder sich befunden) auch solchergestalt traktiert hätte. Da nun der Abend kam, fanden sich unterschiedliche Offizier, sowohl Soldaten von Fortun als geborne Kavalier, beim Kornett ein, der mich und den Korporal auch holen ließ; da wurde ich, die Wahrheit zu bekennen, von ihnen überaus höflich traktiert: Ich machte mich so lustig, als ob ich nichts verloren gehabt, und ließ mich so vertraulich und offenherzig vernehmen, als ob ich bei keinem Feind gefangen, sondern bei meinen allerbesten Freunden wäre, dabei befliß ich mich der Bescheidenheit, soviel mir immer möglich war, denn ich konnte mir leicht einbilden, daß dem Kommandanten mein Verhalten wieder notifiziert würde, so auch geschehen, maßen ich nachmals erfahren.

Den andern Tag wurden wir Gefangenen, und zwar einer nach dem andern vor den Regiments-Schulzen geführt, welcher uns examinierte; der Korporal war der erste, und ich der ander. Sobald ich in den Saal trat, verwundert' er sich auch über meine Jugend, und sagte, mir solche vorzurücken: »Mein Kind, was hat dir der Schwed getan, daß du wider ihn kriegest?« Das verdroß mich, vornehmlich da ich ebenso junge Soldaten bei ihnen gesehen, als ich war, antwortet derhalben: »Die schwedischen Krieger haben mir meine Schnellkugeln oder Klicker genommen, die wollte ich gern wieder holen.« Da ich ihn nun dergestalt bezahlte, schämten sich seine beisitzenden Offizier, maßen einer anfing auf Latein zu sagen: Er sollte von ernstlichen Sachen mit mir reden, er hörte wohl, daß er kein Kind vor sich hätte. Da merkte ich, daß er Eusebius hieße, weil ihn derselbige Offizier so nannte; darauf fragte er mich um meinen Namen, und nachdem ich ihm denselben genannt, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Höll, der Simplicissimus [262] heißet.« Da antwortet ich: »So ist auch vermutlich keiner in der Höll, der Eusebius heißt!« Bezahlte ihn also wie unsern Musterschreiber Cyriacum, so aber von den Offiziern nicht am besten aufgenommen wurde, maßen sie mir sagten, ich sollte mich erinnern, daß ich ihr Gefangener sei, und nicht Scherzens halber hergeholt worden wäre. Ich wurde dieses Verweises wegen drum nicht rot, bat auch nicht um Verzeihung, sondern antwortete: Weil sie mich für einen Soldaten gefangen hielten, und nicht für ein Kind wieder laufen lassen würden, so hätte ich mich versehen, daß man mich auch nicht als ein Kind gefoppt hätte; wie man mich gefragt, so hätte ich geantwortet, hoffte auch, ich würde nicht unrecht daran getan haben. Darauf fragten sie mich um mein Vaterland, Herkommen und Geburt, und vornehmlich, ob ich nit auch auf schwedischer Seiten gedient hätte? item, wie es in Soest beschaffen? wie stark selbige Garnision sei, und was des Dings mehr ist etc. Ich antwortet auf alles behend, kurz und gut, und zwar wegen Soest und selbiger Garnison, soviel als ich zu verantworten getraute, konnte aber wohl verschweigen, daß ich das Narrn-Handwerk getrieben, weil ich mich dessen schämte.

15. Kapitel
Das 15. Kapitel

Mit welchen Conditionibus der Jäger wieder los worden


Indessen erfuhr man zu Soest, wie es mit dem Convoi abgelaufen, und daß ich mit dem Korporal und andern mehr gefangen, auch wo wir hingeführet worden, derhalben kam gleich den andern Tag ein Trommelschläger, uns abzuholen, dem wurde der Korporal und die drei anderen gefolgt, und ein Schreiben mitgegeben folgenden Inhalts, das mir der Kommandant zu lesen überschickte:


Monsieur, etc. Durch Wiederbringern diesen Tambour ist mir dessen Schreiben eingehändigt worden, schicke darauf hiermit gegen empfangene Ranzion den Korporal [263] samt den übrigen dreien Gefangenen; Was aber Simplicium den Jäger anbelangt, kann selbiger, weil er hiebevor auf dieser Seiten gedient, nicht wieder hinüber gelassen werden. Kann ich aber dem Herrn im übrigen außerhalb Herrn-Pflichten in etwas bedient sein, so hat derselbe an mir einen willigen Diener, als der ich so weit bin und verbleibe

Des Herrn
Dienst-bereitwilliger
N. de S.A.

Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb, und mußte mich doch für die Kommunikation bedanken. Ich begehrte mit dem Kommandanten zu reden, bekam aber die Antwort, daß er schon selbst nach mir schicken würde, wenn er zuvor den Trommelschläger abgefertigt hätte, so morgen früh geschehen sollte, bis dahin ich mich zu gedulden.

Da ich nun die bestimmte Zeit überwartet hatte, schickte der Kommandant nach mir, als es eben Essenszeit war; da widerfuhr mir das erstemal die Ehr, zu ihm an seine Tafel zu sitzen; solang man aß, ließ er mir mit dem Trunk zusprechen, und gedachte weder Klein noch Großes von demjenigen, was er mit mir vorhatte, und mir wollte es auch nicht anstehen, etwas davon anzufangen. Demnach man aber abgesessen, und ich einen ziemlichen Dummel hatte, sagte er: »Lieber Jäger, Ihr habt aus meinem Schreiben verstanden, unter was für einem Prätext ich Euch hier behalte; und zwar, so hab ich gar kein unrechtmäßige Sach, oder etwas vor, das wider Räson oder Kriegsgebrauch wäre, denn Ihr habt mir und dem Regiments-Schultheiß selbst gestanden, daß Ihr hiebevor auf unserer Seiten bei der Haupt-Armee gedienet, werdet Euch derhalben resolvieren müssen, unter meinem Regiment Dienst anzunehmen, so will ich Euch mit der Zeit, und wenn Ihr Euch wohl verhaltet, dergestalt akkommodieren, dergleichen Ihr bei den Kaiserlichen nimmer hättet hoffen dürfen: Widrigenfalls werdet Ihr mich nicht verdenken, wenn ich Euch wiederum demjenigen Obrist-Leutnant überschicke, welchem Euch die Dragoner hiebevor abgefangen haben.« Ich antwortet: »Hochgeehrter [264] Herr Obrist (denn damals war noch nicht der Brauch, daß man Soldaten von Fortun ›Ihr Gnaden‹ titulierte, ob sie gleich Obriste waren), ich hoffe, weil ich der Kron Schweden, noch deren Konföderierten, viel weniger dem Obrist-Leutnant niemalen mit Eid verpflichtet, sondern nur ein Pferdjung gewesen, daß dannenher ich nicht verbunden sei, schwedische Dienste anzunehmen, und dadurch den Eid zu brechen, den ich dem römischen Kaiser geschworen, derowegen meinen hochgeehrten Herrn Obristen allergehorsamst bittend, Er beliebe mich dieser Zumutung zu überheben.« »Was«, sagt' der Obriste, »verachtet Ihr denn die schwedischen Dienste? Ihr müßt wissen, daß Ihr mein Gefangener seid, und ehe ich Euch wieder nach Soest lasse, dem Gegenteil zu dienen, ehe will ich Euch einen andern Prozeß weisen, oder im Gefängnis verderben lassen, danach wisse ich mich zu richten.« Ich erschrak zwar über diese Wort, gab mich aber drum noch nicht, sondern antwortete: Gott wolle mich vor solcher Verachtung sowohl als vorm Meineid behüten; im übrigen stünde ich in untertäniger Hoffnung, der Herr Obriste würde mich, seiner weitberühmten Diskretion nach, wie einen Soldaten traktiern. »Ja«, sagte er, »ich wüßte wohl wie ich Euch traktiern könnte, da ich der Strenge nach prozedieren wollte; aber bedenkt Euch besser, damit ich nicht Ursachen ergreife, Euch etwas anders zu weisen.« Darauf wurde ich wieder ins Stockhaus geführt.

Jedermann kann unschwer erachten, daß ich dieselbe Nacht nicht viel geschlafen, sondern allerhand Gedanken gehabt habe; den Morgen aber kamen etlich Offizier mit dem Kornett, so mich gefangen bekommen, zu mir, unterm Schein, mir die Zeit zu kürzen, in Wahrheit aber mir weis zu machen, als ob der Obriste gesinnt wäre, mir als einem Zauberer den Prozeß machen zu lassen, da ich mich nicht anders bequemen würde. Wollten mich also erschrecken, und sehen was hinter mir steckte; weil ich mich aber meines guten Gewissens tröstete, nahm ich alles gar kaltsinnig an, und redete nicht viel, merkte dabei, daß es dem Obristen um nichts anders zu tun war, als daß er mich ungern in [265] Soest sah, so konnte er sich auch leicht einbilden, daß ich selbigen Ort, wenn er mich ledig ließe, wohl nicht verlassen würde, weil ich meine Beförderung dort hoffte, und noch zwei schöne Pferd und sonst köstliche Sachen allda hatte. Den folgenden Tag ließ er mich wieder zu sich kommen, und fragte, ob ich mich auf ein und anders resolviert hätte? Ich antwortet: »Dies, Herr Obrister, ist mein Entschluß, daß ich ehe sterben als meineidig werden will! Wenn aber mein hochgeehrter Herr Obrist mich auf freien Fuß zu stellen, und mit keinen Kriegsdiensten zu belegen belieben wird, so will ich dem Herrn Obristen mit Herz, Mund und Hand versprechen, in sechs Monaten keine Waffen wider die Schwed- und Hessischen zu tragen oder zu gebrauchen.« Solches ließ sich der Obrist stracks gefallen, bot mir darauf die Hand, und schenkte mir zugleich die Ranzion, befahl auch dem Secretario, daß er deswegen einen Revers in duplo aufsetzte, den wir beide unterschrieben, darin er mir Schutz, Schirm, und alle Freiheit, solang ich in der ihm anvertrauten Festung verbliebe, versprach: Ich hingegen reservierte mich über obige zwei Punkte, daß ich, solang ich mich in derselben Festung aufhalten würde, nichts Nachteiliges wider dieselbige Garnison und ihren Kommandanten praktizieren, noch etwas das ihr zu Nachteil und Schaden vorgenommen würde, verhehlen, sondern vielmehr deren Nutzen und Frommen fördern und ihren Schaden nach Möglichkeit wenden, ja wenn der Ort feindlich attackiert würde, denselben defendieren helfen sollte und wollte.

Hierauf behielt er mich wieder bei dem Mittagimbiß, und tat mir mehr Ehr an, als ich von den Kaiserlichen mein Lebtag hätte hoffen dürfen; dadurch gewann er mich dergestalt nach und nach, daß ich nit wieder nach Soest gangen wäre, wenn er mich schon dahin lassen, und meines Versprechens ledig zählen wollen.

16. Kapitel
[266] Das 16. Kapitel

Wie Simplicius ein Freiherr wird


Wann ein Ding sein soll, so schickt sich alles dazu, ich vermeinte, das Glück hätte mich zur Ehe genommen, oder wenigst sich so eng zu mir verbunden, daß mir die allerwiderwärtigsten Begegnisse zum Besten gedeihen müßten, da ich über des Kommandanten Tafel saß, und vernahm, daß mein Knecht mit meinen zwei schönen Pferden von Soest zu mir kommen wäre; Ich wußte aber nicht (wie ichs hernach im Auskehren befand) daß das tückische Glück der Sirenen Art an sich hat, die denjenigen am übelsten wollen, denen sie sich am geneigtesten erzeigen, und einen der Ursach halber desto höher hebt, damit es ihn hernach desto tiefer stürze.

Dieser Knecht (den ich hiebevor von den Schweden gefangen bekommen hatte) war mir über alle Maßen getreu, weil ich ihm viel Guts tat, dahero sattelt' er alle Tag meine Pferd, und ritt dem Trommelschläger, der mich abholen sollte, ein gut Stück Wegs von Soest aus entgegen, solang er aus war, damit ich nicht allein nicht so weit gehen, sondern auch nit nackend oder zerlumpt (denn er vermeinte, ich wäre ausgezogen worden) nach Soest kommen dürfte. Also begegnet' er dem Trommelschläger und seinen Gefangenen, und hatte mein bestes Kleid aufgepackt. Da er mich aber nicht sah, sondern vernahm, daß ich bei dem Gegenteil Dienst anzunehmen aufgehalten werde, gab er den Pferden die Sporn, und sagte: »Adieu Tambour und Ihr Korporal, wo mein Herr ist, da will ich auch sein.« Ging also durch, und kam zu mir, eben als mich der Kommandant ledig gesprochen hatte, und mir große Ehr antat. Er verschaffte darauf meine Pferd in ein Wirtshaus, bis ich mir selbsten ein Logiment nach meinem Willen bestellen möchte, und pries mich glückselig wegen meines Knechts Treu, verwundert' sich auch, daß ich als ein gemeiner Dragoner, und noch so junger Kerl, so schöne Pferd vermögen, und so wohl montiert sein sollte, lobte auch das eine Pferd, als ich [267] Valet nahm, und in besagtes Wirtshaus ging, so trefflich, daß ich gleich merkte, daß er mirs gern abgekauft hätte, weil er mirs aber aus Diskretion nicht feil machte, sagte ich, wenn ich die Ehr begehren dürfte, daß ers von meinetwegen behalten wollte, so stünde es zu seinen Diensten; Er schlugs aber anzunehmen rund ab, mehr darum, dieweil ich einen ziemlichen Rausch hatte, und er die Nachred nicht haben wollte, daß er einem Trunkenen etwas abgeschwätzt, so ihn vielleicht nüchtern reuen möchte, als daß er des edlen Pferds gern gemangelt.

Dieselbige Nacht bedachte ich, wie ich künftig mein Leben anstellen wollte: Entschloß mich derohalben, die sechs Monat über zu verbleiben wo ich wäre, und also den Winter, der nunmehr vor der Tür war, in Ruhe dahinzubringen, wozu ich denn Gelds genug wußte hinauszulangen, wenn ich meinen Schatz zu Köln schon nicht angriffe: In solcher Zeit, gedachte ich, wächst du vollends aus, und erlangst deine völlige Stärke, und kannst dich danach auf den künftigen Frühling wieder desto tapferer unter die kaiserliche Armee ins Feld begeben.

Des Morgens frühe anatomiert ich meinen Sattel, welcher weit besser gespickt war, als derjenige, den der Kornett von mir bekommen, nachgehends ließ ich mein bestes Pferd vor des Obristen Quartier bringen, und sagte zu ihm: Demnach ich mich resolviert, die sechs Monat, in welchen ich nicht kriegen dürfte, unter des Herrn Obristen Schutz allhier ruhig zuzubringen, also seien mir meine Pferd nichts nutz, um welche es schad wäre, wenn sie verderben sollten, bitte ihn derowegen, er wollte belieben, gegenwärtigem Soldatenklepper einen Platz unter den seinigen zu gönnen, und solches von mir als ein Zeichen dankbarer Erkenntnis für empfangene Gnaden unschwer annehmen: Der Obriste bedankte sich mit großer Höflichkeit und sehr courtoisen Offerten, schickte mir auch denselben Nachmittag seinen Hofmeister mit einem gemästen lebendigen Ochsen, zwei fetten Schweinen, einer Tonne Wein, vier Tonnen Bier, zwölf Fuder Brennholz, welches alles er mir für mein neu Losament, das ich eben auf ein halb Jahr bestellt hatte, [268] bringen, und sagen ließ: Weil er sehe, daß ich bei ihm hausen wollte, und sich leicht einbilden könnte, daß es im Anfang mit Viktualien schlecht bestellt sei, so schicke er mir zur Haussteur neben einem Trunk ein Stück Fleisch mitsamt dem Holz, solches dabei kochen zu lassen, mit fernerm Anhang, dafern er mir in etwas behilflich sein könnte, daß ers nicht unterlassen wollte: Ich bedankte mich so höflich als ich konnte, verehrte dem Hofmeister zwo Dukaten, und bat ihn, mich seinem Herrn bestens zu rekommendieren.

Da ich sah, daß ich meiner Freigebigkeit halber bei dem Obristen so hoch geehrt wurde, gedachte ich mir auch bei dem gemeinen Mann ein gutes Lob zu machen, damit man mich für keinen kahlen Bärnhäuter hielte; ließ derowegen in Gegenwart meines Hauswirts meinen Knecht vor mich kommen, zu demselben sagte ich: »Lieber Niklas, du hast mir mehr Treu erwiesen, als ein Herr seinem Knecht zumuten darf, nun aber da ichs um dich nicht zu verschulden weiß, weil ich dieser Zeit keinen Herrn, und also auch keinen Krieg habe, daß ich etwas erobern könnte, dich zu belohnen, wie mirs wohl anstünde; zumal auch wegen meines stillen Lebens, das ich hinfort zu führen gedenke, keinen Knecht mehr zu halten bedacht, also gebe ich dir hiemit für deinen Lohn das ander Pferd, samt Sattel, Zeug und Pistolen, mit Bitt, du wollest damit vorliebnehmen, und dir für diesmal einen andern Herrn suchen, kann ich dir inskünftig in etwas bedient sein, so magst du jederzeit mich drum ersuchen.« Hierauf küßte er mir die Hand, und konnte vor Weinen schier nicht reden, wollte auch durchaus das Pferd nicht nehmen, sondern hielt für besser, ich sollte es versilbern, und zu meinem Unterhalt gebrauchen, zuletzt überredt ich ihn doch, daß ers annahm, nachdem ich ihm versprochen, ihn wieder in Dienst zu nehmen, sobald ich jemand brauchte. Über diesem Abschied wurde mein Hausvater so mitleidig, daß ihm auch die Augen übergingen, und gleichwie mich mein Knecht bei der Soldateska, also erhob mich mein Hausvater bei der Bürgerschaft wegen dieser Tat mit großem Lob über alle schwangeren Baurn; der Kommandant hielt mich für einen so resoluten Kerl,[269] daß er auch getraute Schlösser auf meine Paroln zu bauen, weil ich meinen Eid, dem Kaiser geschworen, nicht allein treulich, sondern auch dasjenig das ich mich gegen ihn verschrieben, desto steifer zu halten, mich selbst meiner herrlichen Pferd, Gewehr und des getreuen Knechts entblößte.

17. Kapitel
Das 17. Kapitel

Womit der Jäger die sechs Monat hinzubringen gedenkt, auch etwas von der Wahrsagerin


Ich glaube, es sei kein Mensch in der Welt, der nicht einen Hasen im Busen habe, denn wir sind ja alle einerlei Gemächts, und kann ich bei meinen Birn wohl merken, wenn andere zeitig sind. »Hui Geck«, möchte mir einer antworten, »wann du ein Narr bist, meinst du darum, andere seiens auch?« Nein, das sag ich nicht, denn es wäre zuviel geredt; Aber dies halte ich dafür, daß einer den Narrn besser verbirgt als der ander: Es ist einer drum kein Narr, wenn er schon närrische Einfäll hat, denn wir haben in der Jugend gemeiniglich alle dergleichen, welcher aber solche herausläßt, wird für einen gehalten, weil teils ihn gar nicht, andere aber nur halb sehen lassen: Welche ihren gar unterdrücken, sind rechte Saurtöpf; die aber den ihrigen nach Gelegenheit der Zeit bisweilen ein wenig mit den Ohren hervorgucken, und Atem schöpfen lassen, damit er nicht gar bei ihnen ersticke, dieselbigen halte ich für die besten und verständigsten Leut. Ich ließ den meinen nur zu weit heraus, da ich mich in einem so freien Stand sah, und noch Geld wußte, maßen ich einen Jungen annahm, den ich als einen Edelpagen kleidete, und zwar in die närrischsten Farben, nämlich veielbraun und gelb ausgemacht, so meine Liverei sein mußte, weil mirs so gefiel; derselbe mußte mir aufwarten, als wenn ich ein Freiherr, und kurz zuvor kein Dragoner, oder vor einem halben Jahr ein armer Roßbub gewesen wäre.

Dies war die erste Torheit, so ich in dieser Stadt beging, [270] welche, ob sie gleich ziemlich groß war, wurde sie doch von niemand gemerkt, viel weniger getadelt: Aber was machts? die Welt ist der so voll, daß sie keiner mehr acht, noch selbige verlacht, oder sich drüber verwundert, weil sie deren gewohnt ist; so hatte ich auch den Ruf eines klugen und guten Soldaten, und nicht eines Narrn, der die Kinderschuh noch trägt. Ich dingte mich und meinen Jungen meinem Hausvater in die Kost, und gab ihm an Bezahlung auf Abschlag, was mir der Kommandant wegen meines Pferds an Fleisch und Holz verehrt hatte; zum Getränk aber mußte mein Jung den Schlüssel haben, weil ich denen die mich besuchten, gern davon mitteilte, denn sintemal ich weder Bürger noch Soldat war, und also keinen meinesgleichen hatte, der mir Gesellschaft leisten mögen, hielt ich mich zu beiden Teilen, und bekam dahero täglich Kameraden genug, die ich ungetränkt nicht bei mir ließ. Zum Organisten allda machte ich aus den Bürgern die beste Kundschaft, weil ich die Musik liebte und (ohne Ruhm zu melden) ein trefflich gute Stimm hatte, die ich bei mir nicht verschimmeln lassen wollte; dieser lernte mich, wie ich komponiern sollte, item auf dem Instrument besser schlagen, sowohl als auch auf der Harfen, so war ich ohnedas auf der Lauten ein Meister, schaffte mir dahero eine eigene, und hatte schier täglich meinen Spaß damit: Wenn ich dann satt war zu musizieren, ließ ich den Kürschner kommen, der mich im Paradeis in allen Gewehren unterwiesen, mit demselben exerzierte ich mich, um noch perfekter zu werden. So erlangte ich auch beim Kommandanten, daß mich einer von seinen Konstablen die Büchsenmeisterei-Kunst, und etwas mit dem Feurwerk umzugehen, um die Gebühr lernete. Im übrigen hielt ich mich sehr still und eingezogen, also daß sich die Leut verwunderten, wenn sie sahen, daß ich stets über den Büchern saß wie ein Student, da ich doch Raubens und Blutvergießens gewohnt gewesen.

Mein Hausvater war des Kommandanten Spürhund und mein Hüter, maßen ich merkte, daß er all mein Tun und Lassen demselben hinterbracht', ich konnte mich aber artlich darein schicken, denn ich gedachte des Kriegswesens [271] kein einzig Mal, und wenn man davon redte, tat ich, als ob ich niemals kein Soldat gewesen, und nur darum da wäre, meinen täglichen Exerzitien, deren ich erst gedacht, abzuwarten. Ich wünschte zwar, daß meine sechs Monat bald herum wären, es konnte aber niemand abnehmen, welchem Teil ich alsdann dienen wollte. Sooft ich dem Obristen aufwartete, behielt er mich auch an seiner Tafel, da setzt' es denn je zuweiln solche Diskurs, dadurch mein Vorsatz ausgeholt werden sollte, ich antwortet aber jederzeit so vorsichtig, daß man nicht wissen konnte, was Sinns ich sei. Einsmals sagte er zu mir: »Wie stehts Jäger, wollt Ihr noch nicht schwedisch werden, gestern ist mir ein Fähnrich gestorben?« Ich antwortet: »Hochgeehrter Herr Obrist, stehet doch einem Weib wohl an, wenn sie nach ihres Manns Tod nicht gleich wieder heirat, warum sollte ich mich denn nicht sechs Monat patientieren.« Dergestalt entging ich jederzeit, und kriegte doch des Obristen Gunst je länger je mehr, so gar, daß er mir sowohl in- als außerhalb der Festung herumzuspazieren vergönnte, ja ich durfte endlich den Hasen, Feldhühnern und Vögeln nachstellen, welches seinen eigenen Soldaten nicht gegönnet war: So fischte ich auch in der Lipp', und war so glücklich damit, daß es das Ansehen hatte, als ob ich beides Fisch und Krebs aus dem Wasser bannen könnte. Darum ließ ich mir nur ein schlechtes Jägerkleid machen, in demselbigen strich ich bei Nacht (denn ich wußte alle Weg und Steg) in die Soestische Börde, und holte meine verborgenen Schätz hin und wider zusammen, schleppte solche in gedachte Festung, und ließ mich an, als ob ich ewig bei den Schweden wohnen wollte.

Auf demselbigen Weg kam die Wahrsagerin von Soest zu mir, die sagte: »Schau mein Sohn, hab ich dir hiebevor nicht wohl geraten, daß du dein Geld außerhalb der Stadt Soest verbergen solltest? Ich versichere dich, daß es dein größtes Glück gewesen, daß du gefangen worden, denn wärest du heimkommen, so hätten dich einige Kerl, welche dir den Tod geschworen, weil du ihnen beim Frauenzimmer bist vorgezogen worden, auf der Jagd erwürgt.« Ich antwortet: »Wie kann jemand mit mir eifern, da ich doch dem[272] Frauenzimmer nichts nachfrage?« »Versichert«, sagte sie, »wirst du des Sinns nicht verbleiben, wie du jetzt bist, so wird dich das Frauenzimmer mit Spott und Schand zum Land hinausjagen, du hast mich jederzeit verlacht, wenn ich dir etwas zuvorgesagt habe, wolltest du mir abermal nicht glauben, wenn ich dir mehr sagte? Findest du an dem Ort, wo du jetzt bist, nicht geneigtere Leut als in Soest? Ich schwöre dir, daß sie dich nur gar zu lieb haben, und daß dir solche übermachte Lieb zum Schaden gereichen wird, wenn du dich nicht nach derselbigen akkommodierest.« Ich antwortet ihr, wenn sie ja so viel wüßte, als sie sich dafür ausgebe, so sollte sie mir dafür sagen, wie es mit meinen Eltern stünde, und ob ich mein Lebtag wieder zu denselben kommen würde? sie sollte aber nicht so dunkel, sondern fein teutsch mit der Sprach heraus. Darauf sagte sie, ich sollte alsdann nach meinen Eltern fragen, wenn mir mein Pflegvater unversehens begegne, und führe meiner Säugammen Tochter am Strick daher; lachte darauf überlaut, und hängte dran, daß sie mir von sich selbst mehr gesagt, als andern die sie drum gebeten hätten: hernach machte sie sich, weil ich sie nur anfing zu foppen, geschwind von mir, als ich ihr zuvor etliche Taler verehrt, weil ich doch schwer am Silbergeld zu tragen hatte. Ich hatte damals ein schön Stück Geld, und viel köstliche Ring und Kleinodien beieinander, denn wo ich hiebevor unter den Soldaten etwas von Edelgesteinen wußte, oder auf Partei und sonst antraf, brachte ichs an mich, und dazu nicht einmal ums halbe Geld, was es gültig war. Solches schrie mich immerzu an, es wollte gern wieder unter die Leut; ich folgte auch gar gern, denn weil ich ziemlich hoffärtig war, prangte ich mit meinem Gut, und ließ solches meinen Wirt ohne Scheu sehen, der bei den Leuten mehr daraus machte, als es war: Dieselbigen aber verwunderten sich, wo ich doch alles hergebracht haben müßte, denn es war genugsam erschollen, daß ich meinen gefundenen Schatz zu Köln liegen hatte, weil der Kornett des Kaufmanns Handschrift gelesen, da er mich gefangen bekommen.

18. Kapitel
[273] Das 18. Kapitel

Wie der Jäger anfängt zu buhlen, und ein Handwerk daraus macht


Mein Vorsatz, die Büchsenmeisterei- und Fechtkunst in diesen sechs Monaten vollkommen zu lernen, war gut, und ich begriffs auch: Aber es war nit genug, mich vorm Müßiggang, der ein Ursprung vieles Übels ist, allerdings zu behüten, vornehmlich weil niemand war, der mir zu gebieten hatte. Ich saß zwar emsig über allerhand Büchern, aus denen ich viel Guts lernete, es kamen mir aber auch teils unter die Hand, die mir wie dem Hund das Gras gesegnet wurden. Die unvergleichliche ›Arcadia‹, aus der ich die Wohlredenheit lernen wollte, war das erste Stück, das mich von den rechten Historien zu den Liebesbüchern, und von den wahrhaften Geschichten zu den Heldengedichten zog: Solcherlei Gattungen brachte ich zuwege wo ich konnte, und wenn mir eins zuteil wurde, hörte ich nit auf, bis ichs durchgelesen, und sollte ich Tag und Nacht darüber gesessen sein; diese lerneten mich für das Wohlreden mit der Leimstange laufen. Doch wurde dieser Mangel damals bei mir nicht so heftig und stark, daß man ihn mit Seneca ein göttliches Rasen, oder wie er in Thomae Thomai Welt-Gärtlein beschrieben wird, eine beschwerliche Krankheit hätte nennen können; denn wo meine Lieb hinfiel, da erhielt ich leichtlich und ohne sonderbare Mühe, was ich begehrte, also daß ich keine Ursach zu klagen bekam, wie andere Buhler und Leimstängler, die voller phantastischer Gedanken, Mühe, Begierden, heimlich Leiden, Zorn, Eifer, Rachgier, Rasen, Weinen, Protzen, Drohen, und dergleichen tausendfältigen Torheiten stecken, und sich vor Ungeduld den Tod wünschen; Ich hatte Geld, und ließ mich dasselbe nit dauren, und überdas ein gute Stimm, übte mich stetig auf allerhand Instrumenten; anstatt des Tanzens, dem ich nie bin hold worden, wies ich die Gerade meines Leibs, wenn ich mit meinem Kürschner focht; überdas hatte ich einen trefflich glatten Spiegel, und gewöhnte mich zu einer freundlichen [274] Lieblichkeit, also daß mir das Frauenzimmer, wenn ich mich dessen schon nicht sonderlich annahm, wie Aurora dem Clito, Cephalo und Tithoni, Venus dem Anchise, Atidi und Adoni, Ceres dem Glauco, Ulysse und Jasioni, und die keusche Diana selbst ihrem Endymione von sich selbst nachlief, mehr als ich dessen begehrte.

Um dieselbige Zeit fiel Martini ein, da fängt bei uns Teutschen das Fressen und Saufen an, und währet bei teils bis in die Faßnacht, da wurde ich an unterschiedliche Ort, sowohl bei Offiziern als Bürgern, die Martinsgans verzehren zu helfen eingeladen; da setzt' es denn zu Zeiten so etwas, weil ich bei solchen Gelegenheiten mit dem Frauenzimmer in Kundschaft kam; meine Laute und Gesang die zwangen eine jede, mich anzuschauen, und wenn sie mich also betrachteten, wußte ich zu meinen neuen Buhlenliedern, die ich selber machte, so anmutige Blick und Gebärden hervorzubringen, daß sich manches hübsche Mägdlein darüber vernarrte, und mir unversehens hold ward. Und damit ich nit für einen Hungerleider gehalten würde, stellte ich auch zwo Gastereien, die eine zwar für die Offizier und die ander für die vornehmsten Bürger an, dadurch ich mir bei beiden Teilen Gunst, und einen Zutritt vermittelte, weil ich kostbar auftragen ließ. Es war mir aber alles um die lieben Jungfrauen zu tun, und ob ich gleich bei einer oder der andern nit fand, was ich suchte (denn es gab auch noch etliche, die es verhalten konnten), so ging ich doch ein Weg als den andern zu ihnen, damit sie diejenigen, die mir mehr Gunst erzeigten, als ehrlichen Jungfrauen gebührt, in keinen bösen Verdacht bringen, sondern glauben sollten, daß ich mich bei denselbigen auch nur Diskurs halber aufhielte. Und das überredet ich ein jede insonderheit, daß sie es von den andern glaubte, und nit anders meinte, als wäre sie allein diejenige, die sich meiner erfreute.

Ich hatte gerad sechs die mich liebten, und ich sie hinwiederum, doch hatt keine mein Herz gar, oder mich allein; an der einen gefielen mir nur die schwarzen Augen, an der andern die goldgelben Haar, an der dritten die liebliche Holdseligkeit, und an den übrigen auch so etwas, das [275] die andere nicht hatte. Wenn ich aber ohne diese andere besuchte, so geschah es nur entweder aus obgesagter Ursach, oder weilen es fremd und neu war, und ich ohnedas nichts ausschlug oder verachtete, indem ich nit immer an demselben Ort zu bleiben gedachte. Mein Jung, der ein Erz-Schelm war, hatte genug zu tun mit Kuppeln und Buhlenbrieflein hin und wieder zu tragen, und wußte reinen Mund, und meine losen Händel gegen eine und die ander so geheimzuhalten, daß nichts drüber war; davon bekam er von den Schleppsäcken ein Haufen Favor, so mich aber am meisten kosteten, maßen ich hierdurch ein Ansehnliches verschwendete, und wohl sagen konnte: ›Was mit Trommeln gewonnen wird, gehet mit Pfeifen wieder dahin.‹ Dabei hielt ich meine Sachen so geheim, daß mich der Hundertste für keinen Buhler halten konnte, ohn der Pfarrer, bei welchem ich nit mehr so viel geistliche Bücher entlehnte, als zuvor.

19. Kapitel
Das 19. Kapitel

Durch was Mittel sich der Jäger Freund' gemacht, und was für Andacht er bei einer Predigt hatte


Wenn das Glück einen stürzen will, so hebt es ihn zuvor in alle Höhe, und der gütige Gott lässe auch einen jeden vor seinem Fall so treulich warnen. Das widerfuhr mir auch, ich nahms aber nicht an! Ich hielt in meinem Sinn gänzlich dafür, daß mein damaliger Stand so fest gegründet wäre, daß mich kein Unglück davon stürzen könnte, weil mir jedermann, insonderheit aber der Kommandant selbst so wohl wollte; diejenigen, auf welche er viel hielt, gewann ich mit allerhand Ehrerbietungen, seine getreuen Diener brachte ich durch Geschenk auf meine Seiten, und mit denen, so etwas mehr als meinesgleichen warn, soff ich Brüderschaft, und schwor ihnen ohnverbrüchliche Treue und Freundschaft; die gemeinen Bürger und Soldaten waren mir deswegen hold, weil ich jedem freundlich zusprach. »Ach [276] was für ein freundlicher Mensch«, sagten sie oft zusammen, »ist doch der Jäger, er redt ja mit dem Kind auf der Gassen, und erzürnt keinen Menschen!« Wenn ich ein Häschen oder etliche Feldhühner fing, so schickte ichs denen in die Küchen, deren Freundschaft ich suchte, lud mich dabei zu Gast, und ließ etwa ein Trunk Wein, welcher der Orten teuer war, dazuholen, ja ich stellte es so an, daß schier aller Kosten über mich ging. Wenn ich dann mit jemand bei solchen Gelagen in ein Gespräch kam, lobte ich jedermann ohne mich selbst nicht, und wußte mich so demütig zu stellen, als ob ich die Hoffart nie gekannt hätte. Weil ich denn nun hierdurch eines jeden Gunst kriegte, und jedermann viel von mir hielt, gedachte ich nicht, daß mir etwas Unglücklichs widerfahren könnte, vornehmlich weil mein Säckel noch ziemlich gespickt war.

Ich ging oft zum ältesten Pfarrer derselbigen Stadt, als der mir aus seiner Bibliothek viel Bücher lehnete, und wenn ich ihm eins wiederbrachte, so diskurierte er von allerhand Sachen mit mir, denn wir akkommodierten uns so miteinander, daß einer den andern gern leiden mochte: Als nun nicht nur die Martinsgäns und Metzelsuppen hin und wieder, sondern auch die heiligen Weihnachtsfeiertage vorbei waren, verehrte ich ihm eine Flaschen voll Straßburger Branntewein zum Neuen Jahr, welchen er, der Westfälinger Gebrauch nach, mit Kandelzucker gern einläpperte, und kam daraufhin ihn zu besuchen, als er eben in meinem ›Joseph‹ las, welchen ihm mein Wirt ohne mein Wissen geliehen hatte: Ich entfärbte mich, daß einem solchen gelehrten Mann meine Arbeit in die Hände kommen sollte, sonderlich weil man dafürhält, daß einer am besten aus seinen Schriften erkannt werde; Er aber machte mich zu ihm sitzen, und lobte zwar meine Invention, schalt aber, daß ich mich so lang in der Seliche (die Potiphars Weib gewesen) Liebeshändeln hätte aufgehalten; »Wessen das Herz voll ist, gehet der Mund über«, sagte er ferners; »wenn der Herr nicht selbsten wüßte wie einem Buhler ums Herz ist, so hätte er dieses Weibs Passiones nicht so wohl ausführen, oder vor Augen stellen können.« Ich antwortet, was ich geschrieben [277] hätte, das wäre mein eigene Erfindung nicht, sondern hätte es aus andern Büchern extrahiert, mich um etwas im Schreiben zu üben. »Ja ja«, antwortet' er, »das glaube ich gern (scil.), aber Er versichere sich, daß ich mehr von Ihm weiß, als Er sich einbildet!« Ich erschrak, da ich diese Wort hörte, und gedachte: »Hat dirs denn St. Velten gesagt?« Und weil er sah, daß sich meine Farb änderte, fuhr er ferner fort, und sagte: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müßig und schön, Er lebt ohne Sorg, und wie ich vernehme, in allem Überfluß; darum bitte und ermahne ich Ihn im Herrn, daß Er bedenken wolle, in was für einem gefährlichen Stand Er sich befindet, Er hüte sich vor dem Tier das Zöpf hat, will er anders sein Glück und Heil beobachten; Der Herr möchte zwar gedenken: ›Was gehts den Pfaffen an, was ich tu und lasse (ich gedachte: Du hasts erraten!), oder was hat er mir zu befehlen?‹ Es ist wahr, ich bin ein Seelsorger! Aber, Herr seid versichert, daß mir Eure, als meines Guttäters, zeitlich Wohlfahrt aus christlicher Lieb so hoch angelegen ist, als ob Ihr mein eigener Sohn wäret; immer schad ists, und Ihr könnts bei Eurem himmlischen Vater in Ewigkeit nicht verantworten, wenn Ihr Euer Talent, das er Euch verliehen, vergrabt, und Euer edel Ingenium, das ich aus gegenwärtiger Schrift erkenne, verderben lasset, mein getreuer und väterlicher Rat wäre, Ihr legtet Eure Jugend und Eure Mittel, die Ihr hier so unnützlich verschwendet, zum Studieren an, damit Ihr heut oder morgen beides Gott und den Menschen und Euch selbst bedient sein könnet, und ließet das Kriegswesen, zu welchem Ihr, wie ich höre, so große Lust traget, sein wie es ist, ehe Ihr eine Schlappe davontraget, und dasjenige Sprichwort wahr zu sein an Euch befindet, welches heißt: Junge Soldaten, alte Bettler.« Ich hörte diese Sentenz mit großer Ungeduld, weil ich dergleichen zu vernehmen nicht gewohnt war, jedoch stellte ich mich viel anders als mirs ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein feiner Mensch wäre, nicht verliere; bedankte mich zumal auch sehr für seine erwiesene Treuherzigkeit, und versprach, mich auf sein Einraten zu bedenken, gedachte aber [278] bei mir selbst, wie des Goldschmieds Jung, und was es den Pfaffen geheie, wie ich mein Leben anstelle, weil es damals mit mir aufs höchste kommen war, und ich die nunmehr gekosten Liebswollüste nicht mehr entbehren wollte; Es gehet aber mit solchen Warnungen nicht anders her, wenn die Jugend schon Zaum und Sporn entwöhnt hat, und in vollen Sprüngen ihrem Verderben zurennt.

20. Kapitel
Das 20. Kapitel

Wie er dem treuherzigen Pfarrer ander Werg an die Kunkel legte, damit er sein epikurisch Leben zu korrigieren vergesse


Ich war in den Wollüsten doch nicht so gar ersoffen, oder so dumm, daß ich nicht gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu behalten, solang ich noch in derselbigen Festung zu verbleiben (nämlich bis der Winter vorüber) willens war; So erkannte ich auch wohl, was es einem für Unrat bringen könnte, wenn er der Geistlichen Haß hätte, als welche Leut bei allen Völkern, sie seien gleich was Religion sie wollen, einen großen Kredit haben; derowegen nahm ich meinen Kopf zwischen die Ohren, und trat gleich den andern Tag wieder auf frischem Fuß zu obgedachtem Pfarrer, und log ihm mit gelehrten Worten ein solchen zierlichen Haufen daher, wasgestalten ich mich resolviert hätte, ihm zu folgen, daß er sich, wie ich aus seinen Gebärden sehen konnte, herzlich darüber erfreute. »Ja«, sagte ich, »es hat mir seithero, auch schon in Soest, nichts anders als ein solcher englischer Ratgeber gemangelt, wie ich einen an meinem hochgeehrten Herrn angetroffen habe; wenn nur der Winter bald vorüber, oder sonst das Wetter bequem wäre, daß ich fortreisen könnte!« Bat ihn daneben, er wollte mir doch ferner mit gutem Rat beförderlich sein, auf welche Academiam ich mich begeben sollte? Er antwortet', was ihn anbelangt, so hätte er zu Leiden studiert, mir aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich, der Aussprach nach, ein Hochteutscher wäre! »Jesus Maria!« antwortet ich, »Genf ist [279] weiter von meiner Heimat, als Leiden!« »Was vernehme ich?« sagte er hierauf mit großer Bestürzung, »ich höre wohl, der Herr ist ein Papist! O mein Gott, wie finde ich mich betrogen!« »Wieso, wieso Herr Pfarrer?« sagte ich, »muß ich darum ein Papist sein, weil ich nicht nach Genf will?« »O nein«, sagte er, »sondern daran höre ichs, weil Ihr die Mariam anrufet.« Ich sagte: »Sollte denn einem Christen nit gebühren, die Mutter seines Erlösers zu nennen?« »Das wohl«, antwortet' er, »aber ich ermahne und bitte Ihn so hoch als ich kann, Er wolle Gott die Ehr geben, und mir gestehen, welcher Religion Er beigetan sei? denn ich zweifle sehr, daß Er dem Evangelio glaube (ob ich Ihn zwar alle Sonntag in meiner Kirchen gesehen), weil Er das verwichene Fest der Geburt Christi weder bei uns noch den Lutherischen zum Tisch des Herrn gangen!« Ich antwortet: »Der Herr Pfarrer hört ja wohl, daß ich ein Christ bin, und wenn ich keiner wäre, so würde ich mich nicht so oft in der Predigt haben eingefunden, im übrigen aber gestehe ich, daß ich weder petrisch noch paulisch bin, sondern allein simpliciter glaube, was die zwölf Artikel des allgemeinen hl. christlichen Glaubens in sich halten, werde mich auch zu keinem Teil vollkommen verpflichten, bis mich ein oder ander durch genugsame Erweisungen persuadiert zu glauben, daß er vor den andern die rechte wahre und allein seligmachende Religion habe.« »Jetzt«, sagte er, »glaube ich erst recht, daß Er ein kühnes Soldatenherz habe, sein Leben tapfer dran zu wagen, weil Er gleichsam ohne Religion und Gottesdienst auf den alten Kaiser hinein dahinleben und so frevelhaftig seine Seligkeit in die Schanz schlagen darf! Mein Gott, wie kann aber ein sterblicher Mensch, der entweder verdammt oder selig werden muß, immermehr so keck sein? Ist der Herr in Hanau erzogen, und nit anders im Christentum unterrichtet worden? Er sage mir doch, warum Er seiner Eltern Fußstapfen in der reinen christlichen Religion nicht nachfolget? Oder warum Er sich ebensowenig zu dieser, als zu einer andern begeben will, deren Fundamenta sowohl in der Natur als Hl. Schrift doch so sonnenklar am Tag liegen, daß sie auch in Ewigkeit weder [280] Papist noch Lutheraner nimmermehr wird umstoßen können?« Ich antwortet: »Herr Pfarrer, das sagen auch alle anderen von ihrer Religion, welchem soll ich aber glauben? vermeint der Herr wohl, es sei so ein Geringes, wenn ich einem Teil, den die andern zwei lästern und einer falschen Lehr bezichtigen, meiner Seelen Seligkeit vertraue? Er sehe doch (aber mit meinen unparteischen Augen) was Conrad Vetter und Johannes Naß wider Lutherum, und hingegen Luther und die Seinigen wider den Papst, sonderlich aber Spangenberg wider Franciscum, der etlich hundert Jahr für einen heiligen und gottseligen Mann gehalten worden, in offenen Druck ausgehen lassen; zu welchem Teil soll ich mich denn tun, wenn je eins das ander ausschreiet, es sei kein gut Haar an ihm! vermeint der Herr Pfarrer, ich tue unrecht, wenn ich einhalte, bis ich meinen Verstand völliger bekomme, und weiß was schwarz oder weiß ist? Sollte mir wohl jemand raten, hineinzuplumpen, wie die Fliege in ein heißen Brei? O nein, das wird der Herr Pfarrer verhoffentlich mit gutem Gewissen nicht tun können; Es muß ohnumgänglich eine Religion recht haben, und die andern beiden unrecht; sollte ich mich nun zu einer ohne reiflichen Vorbedacht bekennen, so könnte ich ebensobald ein unrechte als die rechte erwischen, so mich hernach in Ewigkeit reuen würde, ich will lieber gar von der Straß bleiben, als nur irr laufen; zudem sind noch mehr Religionen, denn nur die in Europa, als die Armenier, Abessinier, Griechen, Georgianer und dergleichen, und Gott geb was ich für eine davon annehme, so muß ich mit meinen Religionsgenossen den andern allen widersprechen. Wird nun der Herr Pfarrer mein Ananias sein, so will ich ihm mit großer Dankbarkeit folgen, und die Religion annehmen, die er selbst bekennt.«

Darauf sagte er: »Der Herr steckt in großem Irrtum, aber ich hoffe zu Gott, er werde Ihn erleuchten, und aus dem Schlamm helfen; zu welchem End ich Ihm denn unsere Konfession inskünftig dergestalt aus Hl. Schrift bewähren will, daß sie auch wider die Pforten der Höllen bestehen solle.« Ich antwortet, dessen würde ich mit großem Verlangen gewärtig sein, gedachte aber bei mir selber, wenn du [281] mir nur nichts mehr von meinen Liebchen vorhältst, so bin ich mit deinem Glauben wohl zufrieden. Hierbei kann der Leser abnehmen, was ich damals für ein gottloser böser Bub gewesen, denn ich machte dem guten Pfarrer deswegen vergebliche Mühe, damit er mich in meinem ruchlosen Leben ungehindert ließe, und gedachte: Bis du mit deinen Beweistümern fertig bist, so bin ich vielleicht wo der Pfeffer wächst.

21. Kapitel
Das 21. Kapitel

Wie der Jäger unversehens zum Ehmann wird


Gegen meinem Quartier über wohnet' ein reformierter Obrist-Leutnant, der hatte ein überaus schöne Tochter, die sich ganz adelig trug; ich hätte längst gern Kundschaft zu ihr gemacht, unangesehen sie mir anfänglich nicht beschaffen zu sein deuchte, daß ich sie allein lieben und auf ewig haben möchte, doch schenkte ich ihr manchen Gang, und noch viel mehr liebreicher Blick, sie wurde mir aber so fleißig verhütet, daß ich kein einzig Mal, als ich mir wünschete, mit ihr zu reden kommen konnte, so durfte ich auch so unverschämt nit hineinplatzen, weil ich mit ihren Eltern keine Kundschaft hatte, und mir der Ort für einen Kerl von so geringem Herkommen, als mir das meinige bewußt war, viel zu hoch vorkam; Am allernächsten gelangte ich zu ihr, wenn wir etwa in oder aus der Kirch gingen, da nahm ich denn die Zeit so fleißig in acht, mich ihr zu nähern, daß ich oft ein paar Seufzer anbrachte, das ich meisterlich konnte, ob sie zwar alle aus falschem Herzen gingen: Hingegen nahm sie solche auch so kaltsinnig an, daß ich mir einbilden mußte, daß sie sich nicht so leicht wie eines schlechten Bürgers Tochter verführen lassen würde, und indem ich gedachte, sie würde mir schwerlich zuteil, wurden meine Begierden nach ihr desto heftiger.

Mein Stern, der mich das erstemal zu ihr vermittelte, war derjenige, den die Schüler zu immerwährendem Gedächtnis um selbige Zeit des Jahrs herumtragen, damit anzuzeigen, [282] daß die drei Weisen durch einen solchen nach Bethlehem begleitet worden, so ich anfänglich für ein gut Omen hielt, weil mir dergleichen einer in ihre Wohnung leuchtete, da ihr Vater selbst nach mir schickte: »Monsieur«, sagte er zu mir, »seine Neutralität, die er zwischen Bürgern und Soldaten hält, ist eine Ursach, daß ich ihn zu mir bitten lassen, weil ich wegen einer Sach, die ich zwischen beiden Teilen ins Werk zu richten vorhabe, einen unparteiischen Zeugen bedarf.« Ich vermeinte, er hätte was Wundergroßes im Sinn, weil Schreibzeug und Papier auf dem Tisch war, bot ihm derowegen zu allen ehrlichen Geschäften meine bereitfertigsten Dienst an, mit sondern Komplimenten, daß ich mirs nämlich für eine große Ehr halten würde, wenn ich so glückselig sei, ihm beliebige Dienst zu leisten. Es war aber nichts anders, als (wie an vielen Orten der Gebrauch ist) ein Königreich zu machen, maßen es eben an der Hl. Drei König Abend war, dabei sollte ich zusehen, daß es recht zuginge, und die Ämter ohne Ansehung der Personen durch das Los ausgeteilt würden. Zu diesem Geschäft, bei welchem des Obristen Secretarius auch war, ließ der Obrist-Leutnant Wein und Konfekt langen, weil er ein trefflicher Zechbruder, und es ohnedas nach dem Nachtessen war; der Secretarius schrieb, ich las die Namen, und die Jungfer zog die Zettel, ihre Eltern aber sahen zu; und ich mag eben nicht ausführlich erzählen, wie es hergangen, dann ich die erste Kundschaft an diesem Ort machte. Sie beklagten sich über die langen Winternächt, und gaben mir damit zu verstehen, daß ich, solche desto leichter zu passieren, wohl zu ihnen zu Licht kommen dürfte, indem sie ohnedas keine besonders großen Geschäfte hätten. Dies war nun eben das, was ich vorlängsten gewünscht.

Von diesem Abend an (da ich mich zwar nur ein wenig bei der Jungfer zutäppisch machte) fing ich wieder auf ein neues an mit der Leimstangen zu laufen, und am Narrenseil zu ziehen; also daß sich beides die Jungfer und ihre Eltern einbilden mußten, ich hätte die Angel geschluckt, wiewohl mirs nicht halber Ernst war; Ich putzte mich als nur gegen die Nacht, wenn ich zu ihr wollte, wie die Hexen, und den [283] Tag über hatte ich mit den Liebesbüchern zu tun, daraus stellte ich Buhlenbrieflein an meine Liebste, eben als ob ich hundert Meil Wegs von ihr gewohnt hätte, oder in viel Jahren nicht zu ihr käme; zuletzt machte ich mich gar gemein, weil mir meine Löffelei nicht sonderlich von den Eltern gewehrt, sondern zugemutet ward, ich sollte ihre Tochter auf der Lauten lernen schlagen. Da hatte ich nun einen freien Zutritt, bei Tag sowohl, als hiebevor des Abends, also daß ich meinen gewöhnlichen Reimen


Ich und eine Fledermaus
Fliegen nur bei Nachte aus

änderte, und ein Liedlein machte, in welchem ich mein Glück lobte, weil es mir auf so manchen guten Abend auch so freudenreiche Tag verliehe, an denen ich in meiner Liebsten Gegenwart meine Augen weiden, und mein Herz um etwas erquicken könnte, hingegen klagte ich auch in eben demselbigen Lied über mein Unglück, und bezichtigte dasselbige, daß es mir die Nacht verbittere, und mir nicht gönnete, solche auch wie die Tag mit liebreicher Ergötzung hinzubringen; und ob es zwar um etwas zu frei kam, so sang ichs doch meiner Liebsten mit andächtigen Seufzern und einer lustreizenden Melodei, dabei die Laute das ihrig trefflich tat, und gleichsam die Jungfer mit mir bat, sie wollte doch kooperieren, daß mir die Nächte so glücklich als die Tage bekommen möchten; aber ich bekam ziemlich abschlägige Antwort, denn sie war trefflich klug, und konnte mich auf meine Erfindungen, die ich bisweilen artlich anbrachte, gar höflich beschlagen. Ich nahm mich gar wohl in acht, von der Verehelichung zu schweigen, ja wenn schon diskursweis davon geredt wurde, stellete ich doch alle meine Wort auf Schrauben; welches meiner Jungfer Schwester, die schon verheiratet war, bald merkte, und dahero mir und meinem lieben Mägdlein alle Päß verlegte, damit wir nicht so oft wie zuvor allein beisammensein sollten, denn sie sah wohl, daß mich ihre Schwester von Herzen liebte, und daß die Sach in die Läng kein gut tun würde.

Es ist ohnnötig, alle Torheiten meiner Löffelei umständlich [284] zu erzählen, weil dergleichen Possen ohnedas alle Liebesschriften voll sind. Genug ists, wenn der günstige Leser weiß, daß es zuletzt dahin kam, daß ich erstlich mein liebes Dingelchen zu küssen, und endlich auch andere Narrnpossen zu tun mich erkühnen durfte, solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reizungen, bis ich bei Nacht von meiner Liebsten eingelassen wurde, und mich so hübsch zu ihr ins Bett fügte, als wenn ich zu ihr gehört hätte. Weil jedermann weiß, wie es bei dergleichen Kürben pfleget gemeiniglich herzugehen, so dürfte sich wohl der Leser einbilden, ich hätte etwas Ungebührliches begangen: Jawohl nein! denn alle meine Gedanken waren umsonst, ich fand einen solchen Widerstand, dergleichen ich mir nimmermehr bei keinem Weibsbild anzutreffen gedenken können, weil ihr Absehen einzig und allein auf Ehr und den Ehe stand gegründet war, und wenn ich ihr solchen gleich mit den allergrausamsten Flüchen versprach, so wollte sie jedoch vor der ehelichen Kopulation kurzum nichts geschehen lassen, doch gönnete sie mir, auf ihrem Bett neben ihr liegen zu bleiben, auf welchem ich auch ganz ermüdet vor Unmut sanft einschlummerte. Ich wurde aber gar ungestüm aufgeweckt, denn morgens um vier Uhr stand der Obrist-Leutnant vorm Bett mit einer Pistol in der einen, und einer Fackel in der andern Hand: »Krabat«, schrie er überlaut seinem Diener zu, der auch mit einem bloßen Säbel neben ihm stand, »geschwind Krabat, hole den Pfaffen!« Wovon ich denn erwachte und sah, in was für einer Gefahr ich mich befand. »O wehe«, gedacht ich, »du sollst gewiß zuvor beichten, ehe er dir den Rest gibt!« Es wurde mir ganz grün und gelb vor den Augen, und wußte nicht, ob ich sie recht auftun sollte, oder nit? »Du leichtfertiger Gesell«, sagte er zu mir, »soll ich dich finden, daß du mein Haus schändest? tät ich dir unrecht, wenn ich dir und dieser Vettel, die deine Hur worden ist, den Hals bräche? Ach du Bestia, wie kann ich mich doch nur enthalten, daß ich dir nit das Herz aus dem Leib herausreiße und zu kleinen Stücken zerhackt den Hunden darwerfe?« Damit biß er die Zahn übereinander, und verkehrte die Augen, als ein unsinnig Tier. Ich wußte [285] nicht was ich sollte, und meine Beischläferin konnte nichts als weinen; endlich da ich mich ein wenig erholete, wollte ich etwas von unserer Unschuld vorbringen, er aber hieß mich das Maul halten, indem er wieder auf ein neues anfing, mir aufzurücken, daß er mir viel ein anders vertraut, ich aber hingegen ihn mit der allergrößten Untreu von der Welt gemeint hätte. Indessen kam seine Frau auch dazu, die fing eine nagelneue Predigt an, also daß ich wünschte, ich läge irgends in einer Dornhecken; ich glaub auch, sie hätte in zweien Stunden nicht aufgehört, wenn der Krabat mit dem Pfarrer nicht kommen wäre.

Ehe dieser ankam, unterstand ich etlichmal aufzustehen, aber der Obrist-Leutnant machte mich mit bedrohlichen Mienen liegen bleibend, also daß ich erfahren mußte, wie gar keine Courage ein Kerl hat, der auf einer bösen Tat ertappt wird, und wie einem Dieb ums Herz ist, den man erwischt, wenn er eingebrochen, ob er gleich noch nichts gestohlen hat; ich gedenk der lieben Zeit, wenn mir der Obrist-Leutnant samt zwei solchen Kroaten aufgestoßen wäre, daß ich sie alle drei zu jagen unterstanden, aber jetzt lag ich da wie ein ander Bärnhäuter, und hatte nicht das Herz, nur das Maul, geschweig die Fäust recht aufzutun. »Seht Herr Pfarrer«, sagte er, »das schöne Spektakul, zu welchem ich Euch zum Zeugen meiner Schand berufen muß!« und kaum hatte er diese Wort ordentlich vorgebracht, da fing er wieder an zu wüten, und das Tausend ins Hundert zu werfen, daß ich nichts anders als vom Halsbrechen und Händ in Blut waschen verstehen konnte; er schäumte ums Maul wie ein Eber, und stellte sich nicht anders, als ob er gar von Sinnen kommen wollte, also daß ich alle Augenblick gedachte, jetzt jagt er dir eine Kugel durch den Kopf! Der Pfarrer aber wehrte mit Händen und Füßen, daß nichts Tödliches geschehe, so ihn hernach reuen möchte. »Was?« sagte er, »Herr Obrist-Leutnant, braucht Euer hohe Vernunft, und bedenkt das Sprichwort, daß man zu geschehenen Dingen das Beste reden soll; dies schöne junge Paar, das seinesgleichen schwerlich im Land hat, ist nicht das erste, und auch nicht das letzte, so sich von den [286] unüberwindlichen Kräften der Liebe meistern lassen; dieser Fehler, den sie beide begangen, kann auch durch sie, da es anders ein Fehler zu nennen, wieder leichtlich gebessert werden; Zwar lobe ichs nit, sich auf diese Art zu verehelichen, aber gleichwohl hat dieses junge Paar hierdurch weder Galgen noch Rad verdient, der Herr Obrist-Leutnant auch keine Schand davon zu gewarten, wenn er nur diesen Fehler (der ohnedas noch niemand bewußt) heimlich halten und verzeihen, seinen Konsens zu beider Verehelichung geben, und diese Ehe durch den gewöhnlichen Kirchgang öffentlich bestätigen lassen wird.« »Was?« antwortet' er, »sollte ich ihnen anstatt billiger Straf erst noch hofieren, und große Ehr antun? ich wollte sie ehe morgenden Tags beide zusammenbinden und in der Lipp' ertränken lassen! Ihr müßt mir sie in diesem Augenblick kopuliern, maßen ich Euch deswegen holen lassen, oder ich will sie alle beide wie die Hühner erwürgen.«

Ich gedachte: »Was willst du tun, es heißt: ›Vogel friß oder stirb‹; zudem so ist es eine solche Jungfer, deren du dich nicht schämen darfst, ja wenn du dein Herkommen bedenkest, so bist du kaum wert, hinzusitzen, wo sie ihre Schuh hinstellt«; doch schwor ich, und bezeugte hoch und teur, daß wir nichts Unehrlichs miteinander zu schaffen gehabt hätten; aber mir wurde geantwortet, wir sollten uns gehalten haben, daß man nichts Böses von uns argwöhnen können, diesen Weg aber würden wir den einmal gefaßten Verdacht niemand benehmen. Hierauf wurden wir von gemeldtem Pfarrer im Bett sitzend zusammgegeben, und nachdem solches geschehen, aufzustehen, und miteinander aus dem Haus zu gehen gemüßiget. Unter der Tür sagte der Obrist-Leutnant zu mir und seiner Tochter, wir sollten uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen. Ich aber, als ich mich wieder erholt, und den Degen auch an der Seiten hatte, antwortet gleichsam im Scherz: »Ich weiß nicht, Herr Schwährvater, warum Er alles so widersinns anstellt, wenn andere neue Eheleut kopuliert werden, so führen sie die nächsten Verwandten schlafen, Er aber jagt mich nach der Kopulation nit allein aus dem Bett, sondern [287] auch gar aus dem Haus, und anstatt des Glücks, das Er mir in Ehestand wünschen sollte, will Er mich nicht so glückselig wissen, meines Schwähers Angesicht zu sehen, und ihm zu dienen; Wahrlich, wenn dieser Brauch aufkommen sollte, so würden die Verehelichungen wenig Freundschaft mehr in der Welt stiften.«

22. Kapitel
Das 22. Kapitel

Wie es bei der Hochzeit ablief, und was er weiter anzufangen sich vorgestellt


Die Leut in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese Jungfer mit mir heimbrachte, und noch vielmehr, da sie sahen, daß sie so ungescheut mit mir schlafen ging; denn ob mir zwar dieser Poß, so mir widerfahren, grandige Grillen in Kopf brachte, so war ich doch so närrisch nit, meine Braut zu verschmähen; ich hatte zwar die Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei Gedanken im Kopf, wie ich mein Sach heben und legen wollte; bald gedacht ich, es ist dir recht geschehen, und bald vermeint ich, es wäre mir der allergrößte Schimpf von der Welt widerfahren, welchen ich ohne billige Rach mit Ehren nicht verschmerzen könnte: Wenn ich aber besann, daß solche Rach wider meinen Schwährvater, und also auch wider meine unschuldige fromme Liebste laufen müßte, fielen alle meine Anschläg. Ich schämte mich so sehr, daß ich mir vornahm, mich einzuhalten, und vor keinem Menschen mehr sehen zu lassen, befand aber, daß ich alsdann erst die allergrößte Narrheit begehen würde. Endlich war mein Schluß, ich wollte vor allen Dingen meines Schwährvaters Freundschaft wieder gewinnen, und mich im übrigen gegen jedermann anlassen, als ob mir nichts Übels widerfahren, und wegen meiner Hochzeit alles wohl ausgerichtet hätte. Ich sagte zu mir selber: »Weil alles auf ein seltsame ungewöhnliche Weis sich geschickt und seinen Anfang genommen, so mußt du es auch auf solche Gattung ausmachen, sollten die Leut [288] erfahren, daß du Verdruß an deiner Heirat hättest, und wider deinen Willen kopuliert worden wärest, wie ein arme Jungfer an einen alten reichen Ehekrüppel, so hättest du nur Spott davon.«

In solchen Gedanken ließ ich mir früh tagen, wiewohl ich lieber länger im Bett verblieben wäre; Ich schickte am allerersten nach meinem Schwager, der meines Weibs Schwester hatte, und hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt worden, ersuchte ihn daneben, er wollte seine Liebste kommen lassen, um etwas zurichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner Hochzeit zu essen geben könnte; Er aber wollte belieben, unsern Schwähr und Schwieger meinetwegen zu begütigen, so wollte ich indessen ausgehen, Gäste zu bitten, die den Frieden zwischen mir und ihm vollends machten. Solches nahm er zu verrichten auf sich, und ich verfügte mich zum Kommandanten, dem erzählte ich mit einer kurzweiligen und artlichen Manier, was ich und mein Schwährvater für ein neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu ma chen, welche Gattung so geschwind zugehe, daß ich in einer Stund die Heirats-Abred, den Kirchgang und die Hochzeit auf einmal vollzogen; allein weil mein Schwährvater die Morgensupp gesparet hätte, wäre ich bedacht, an deren Statt ehrlichen Leuten von der Specksuppen mitzuteilen, zu der ich ihn untertänig eingeladen haben wollte. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vertrags schier zu Stücken lachen, und weil ich sah, daß sein Kopf recht stand, ließ ich mich noch freier heraus, und entschuldigte mich deswegen, daß ich notwendig jetzt nit wohl klug sein müßte, weil andere Hochzeiter vier Wochen vor und nach der Hochzeit nit recht bei Sinnen seien; andere Hochzeiter zwar hätten vier Wochen Zeit, in welchen sie allgemach ihre Torheiten unvermerkt herauslassen, und also ihren Mangel an dem Witz ziemlich verbergen könnten; weil mich aber die ganze Bräuterei vollkommen überfallen, so müßte ich auch die Narrnpossen häufig fliegen lassen, damit ich mich hernach desto vernünftiger im Ehestand anlassen könnte. Er fragte mich, wie es mit der Heirats-Notul beschaffen wäre, und wieviel [289] mir mein Schwährvater Füchse, deren der alte Schabhals viel hätte, zum Heiratgut gebe? Ich antwortet, daß unser Heirats-Abred nur in einem Punkten bestünde, der laute, daß ich und seine Tochter uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sollten sehen lassen, dieweil aber weder Notarien noch Zeugen dabeigewesen, hoffe ich, er sollte wieder revoziert werden, vornehmlich weil alle Heirat' zu Fortpflanzung guter Freundschaft gestiftet würden, es wäre denn Sach, daß er mir seine Tochter wie Pythagoras die seinige verheiratet hätte, so ich aber nimmermehr glauben könnte, weil ich ihn meines Wissens niemal beleidigt.

Mit solchen Schwänken, deren man an mir dies Orts sonst nicht gewohnt war, erhielt ich, daß der Kommandant samt meinem Schwährvater, welchen er hierzu wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppen zu erscheinen versprach: Er schickt' auch gleich ein Faß Wein und einen Hirsch in meine Küchen, ich aber ließ dergestalt zurichten, als ob ich Fürsten hätte traktieren wollen, brachte auch ein ansehenliche Gesellschaft zuwege, die sich nit allein brav miteinander lustig machten, sondern auch vor allen Dingen meinen Schwährvater und Schwieger dergestalt mit mir und meinem Weib versöhneten, daß sie uns mehr Glücks wünschten, als sie uns die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt aber wurde ausgesprengt, daß unsere Kopulation mit Fleiß auf so ein fremde Gattung angestellt worden wäre, damit uns beiden kein Poß von bösen Leuten widerfahre; mir aber war diese schnelle Hochzeit trefflich gesund, denn wenn ich doch verehelicht, und gemeinem Gebrauch nach über die Kanzel hätte abgeworfen werden sollen, so hätten sich besorglich Schleppsäck gefunden, die mir ein verhinderliches Gewirr drein zu machen unterstanden, denn ich hatte solcher unter den Bürgerstöchtern ein ganz halb Dutzend, die mich mehr als allzuwohl kannten.

Den andern Tag traktierte mein Schwährvater meine Hochzeitgäst, aber bei weitem nit so wohl als ich, denn er war karg; da wurde erst mit mir geredt, was ich für eine Hantierung treiben, und wie ich die Haushaltung anstellen wollte, da merkte ich erst, daß ich meine edle Freiheit verloren [290] hatte, und unter einer Botmäßigkeit leben sollte. Ich ließ mich gar gehorsamlich an, und begehrte zuvor meines lieben Schwährvaters als eines verständigen Kavaliers getreuen Rat zu vernehmen, und dem zu folgen, welche Antwort der Kommandant lobte, und sagte: »Dieweil er ein junger frischer Soldat ist, so wäre es eine große Torheit, wenn er mitten in jetzigen Kriegsläuften ein anders, als das Soldatenhandwerk zu treiben, vor die Hand nähme, es ist weit besser, sein Pferd in eines andern Stall zu stellen, als eines andern in dem seinigen zu füttern; was mich anbelangt, so will ich ihm ein Fähnlein geben, wenn er will.« Mein Schwähr und ich bedankten uns, und ich schlugs nit mehr aus wie zuvor, wies doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen Schatz zu Köln in Verwahrung hat. »Dieses«, sagte ich, »muß ich zuvor holen, ehe ich schwedische Dienst annehme; denn sollte man gewahr werden, daß ich ihrem Gegenteil dienete, so werden sie mir zu Köln die Feige weisen, und das Meinige behalten, welches sich so leichtlich nicht im Weg finden läßt.« Sie gaben mir beide recht, und wurde also zwischen uns dreien abgeredt, zugesagt und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln begeben, meinen Schatz dort erheben, mich nachgehends wieder damit in der Festung einstellen, und ein Fähnlein annehmen sollte; dabei wurde auch ein Tag ernannt, an welchem meinem Schwährvater eine Kompagnie samt der Obristleutnant-Stelle bei des Kommandanten Regiment übergeben werden sollte; denn sintemal der Graf von Götz damals mit vielen kaiserlichen Völkern in Westfalen lag, und sein Quartier zu Dortmund hatte, versah sich der Kommandant auf den künftigen Frühling einer Belagerung, und bewarb sich dahero um gute Soldaten, wiewohl diese Sorg vergeblich war, dieweil ermeldter Graf von Götz, weil Johann de Werd im Breisgau geschlagen worden, selbigen Frühling Westfalen quittieren, und am Ober-Rheinstrom wegen Breisach wider den Fürsten von Weimar agieren mußte.

23. Kapitel
[291] Das 23. Kapitel

Simplicius kommt in eine Stadt, die er zwar nur pro forma Köln nennet, seinen Schatz abzuholen


Es schickt sich ein Ding auf mancherlei Weis, des einen Unstern kommt staffelweis und allgemach, und einen andern überfällt das seinige mit Haufen; das meinige aber hatte einen so süßen und angenehmen Anfang, daß ich mirs wohl für kein Unglück, sondern für das höchste Glück rechnete. Kaum über acht Tag hatte ich mit meinem lieben Weib im Ehestand zugebracht, da ich in meinem Jägerkleid, mit einem Feurrohr auf der Achsel, von ihr und ihren Freunden meinen Abschied nahm; ich schlich mich glücklich durch, weil mir alle Weg bekannt, also daß mir keine Gefahr unterwegs aufstieß, ja ich wurde von keinem Menschen gesehen, bis ich nach Deutz, so gegen Köln über diesseits Rhein liegt, vor den Schlagbaum kam. Ich aber sah viel Leut, sonderlich einen Bauren im Bergischen Land, der mich allerdings an meinen Knan im Spessart gemahnte, sein Sohn aber dessen Simplicio sich am besten verglich. Dieser Baurenbub hütete der Schwein, als ich bei ihm vorüber passieren wollte, und weil die Sau mich spürten, fingen sie an zu grunzen, der Knab aber über sie zu fluchen: daß sie der Donner und Hagel erschlagen und ›de Tüfel dartoo halen solte‹; das hörte die Magd, und schrie dem Jungen zu, er sollte aufhören zu fluchen, oder sie wollts dem Vater sagen. Der antwortet' der Knabe, sie sollte ihn im Hintern lecken und ihre ›Mour dartoo brühen‹; der Baur hörte seinem Sohn gleichfalls zu, lief derowegen mit seinem Prügel aus dem Haus und schrie: »Halt du hundert tausend etc. Schelm, ick sall di lehren sweren, de Hagel schla di dan, dat di der Tüfel int Liff fahr«, erwischt' ihn damit bei der Kartausen, prügelt' ihn wie einen Tanzbären, und sagte zu jedem Streich: »Du böse Bof, ick sall di leeren floeken, de Tüfel hal di dan, ick sall di im Arse lecken, ick sall di lehren dine Mour brühen, etc.« Diese Zucht erinnert' mich natürlich an mich und meinen Knan, und ich war doch [292] nicht so ehrlich oder gottselig, daß ich Gott gedankt hätte, weil er mich aus solcher Finsternis und Ignoranz gezogen, und zu einer bessern Wissenschaft und Erkenntnis gebracht; warum wollte denn mein Glück, das er mir täglich zuschickt', in die Länge haben harren können? Da ich nun nach Köln kam, kehrte ich bei meinem Jupiter ein, so damals ganz klug war; als ich ihm nun vertraute, warum ich da wäre, sagte er mir gleich, daß ich besorglich leer Stroh dreschen würde, weil der Kaufmann, dem ich das Meinige aufzuheben geben, Bankerott gespielt, und ausgerissen wäre; zwar seien meine Sachen obrigkeitlich petschiert, er selbst aber, sich wieder einzustellen, zitiert worden, aber man zweifle sehr an seiner Wiederkunft, weil er das Beste so fortzubringen gewesen, mit sich genommen; bis nun die Sach erörtert würde, könnte viel Wasser den Rhein hinunterlaufen. Wie angenehm mir diese Botschaft war, kann ein jeder leicht ermessen; ich fluchte ärger als ein Fuhrmann, aber was halfs, ich hatte drum meine Sachen nit wieder, und überdas keine Hoffnung, solche zu bekommen; so hatte ich auch über zehn Taler Zehrgeld nit zu mir genommen, daß ich also mich nit so lang aufhalten konnte, als es die Zeit erforderte. Überdas hatte es auch Gefahr auf sich, so lange dazubleiben, denn ich mußte sorgen, daß, weil ich einer feindlichen Garnison zugetan wäre, ich verkundschaft würde, und also nicht allein gar um das Meinige, sondern noch dazu in größere Ungelegenheit kommen; sollte ich denn unverrichter Sach wieder zurück, das Meinige mutwillig dahinten lassen, und den Hingang für den Hergang haben, das dünkte mich auch nicht ratsam sein. Zuletzt wurde ich mit mir selber eins, ich wollte mich in Köln aufhalten, bis die Sach erörtert würde, und die Ursach meines Ausbleibens meiner Liebsten berichten; verfügte mich demnach zu einem Prokurator der ein Notarius war, und erzählte ihm mein Tun, bat ihn, mir um die Gebühr mit Rat und Tat beizuspringen, ich wollte ihm neben der Tax, wenn er meine Sach beschleunigte, mit einer guten Verehrung begegnen. Weil er denn hoffte, es würde an mir etwas zu fischen sein, nahm er mich gutwillig an, und dingte [293] mich auch in die Kost, darauf ging er andern Tags mit mir zu denjenigen Herren, welche die Fallimentssachen zu erörtern haben, gab vidimierte Kopie von des Kaufmanns Handschrift ein, und legte das Original vor, worauf wir zur Antwort bekamen, daß wir uns bis zu gänzlicher Erörterung der Sach patientieren müßten, weil die Sachen, davon die Handschrift sage, nicht alle vorhanden wären.

Also versah ich mich des Müßiggangs wieder auf ein Zeitlang, bis ich sehen wollte, wie es in großen Städten hergehet; mein Kostherr war, wie gehört, ein Notarius und Prokurator, daneben hatte er etwa ein halb Dutzend Kostgänger, und hielt stets acht Pferd auf der Streu, welche er den Reisenden ums Geld hinzuleihen pflegte; dabei hatte er einen teutschen und einen welschen Knecht, die sich beides zum Fahren und Reiten gebrauchen ließen, und der Pferd warteten, mit welcher drei- oder vierthalbfachen Hantierung er nicht allein seine Nahrung reichlich gewann, sondern auch ohn Zweifel trefflich vorschlug, denn weil keine Juden in selbige Stadt kommen dürfen, konnte er mit allerlei Sachen desto besser wuchern.

Ich lernete viel in der geringen Zeit die ich bei ihm war, vornehmlich aber alle Krankheiten kennen, so die größte Kunst an einem Doctor Medicinae ist, denn man sagt, wenn man eine Krankheit recht erkenne, so sei dem Patienten schon halb geholfen. Daß ich nun solche Wissenschaft begriff, daran war mein Wirt Ursach, denn von seiner Person fing ich an, auch auf andere und deren Komplexion zu sehen. Da fand ich manchen totkrank, der seine Krankheit oft selbst nit wußte, und auch von andern Menschen, ja von den Doctoribus selbst für einen Gesunden gehalten wurde. Ich fand Leut, die waren vor Zorn krank, und wenn sie diese Krankheit anstieß, so verstellten sie die Gesichter wie die Teufel, brülleten wie die Löwen, kratzten wie die Katzen, schlugen um sich wie die Bären, bissen drein wie die Hund, und damit sie sich ärger stellen möchten als die rasenden Tier, warfen sie auch mit allem das sie in die Hände kriegten um sich wie die Narren. Man sagt, diese Krankheit komme von der Gall her, aber ich glaube, daß sie ihren Ursprung[294] daher habe, wenn ein Narr hoffärtig sei, derhalben wenn du einen Zornigen rasen hörest, sonderlich über ein gering Ding, so halt kecklich dafür, daß er mehr stolz als klug sei. Aus dieser Krankheit folget unzählig viel Unglück, sowohl dem Kranken selbst als andern; dem Kranken zwar endlich die Lähme, Gicht und ein frühzeitiger, wo nicht gar ewiger Tod! Und kann man diese Kranken, ob sie schon gefährlich krank seien, mit gutem Gewissen keine Patienten nen nen, weil ihnen die Patienz am allermeisten mangelt. Etliche sah ich am Neid daniederliegen, von welchen man sagt, daß sie ihr eigen Herz fressen, weil sie immer so bleich und traurig dahertreten. Diese Krankheit halte ich für die allergefährlichste, weil sie vom Teufel ihren Ursprung hat, wiewohl sie von lauter Glück herrühret, das des Kranken Feind hat, und welcher einen solchen von Grund aus kuriert, der dürfte sich beinahe rühmen, er hätte einen Verlornen zum christlichen Glauben bekehrt, weil diese Krankheit keinen rechtschaffenen Christen anstößt, als die da nur die Sünd und Laster neiden. Die Spielsucht halte ich auch für eine Krankheit, nicht allein weil es der Nam mit sich bringt, sondern weil diejenigen so damit behaftet, ganz giftig darauf verpicht sind. Diese hat ihren Ursprung vom Müßiggang, und nicht vom Geiz, wie etliche vermeinen, und wenn du Wollust und Müßiggang hinwegnimmest, vergehet diese Krankheit von sich selbst. So befand ich, daß Fressen und Saufen auch ein Krankheit ist, und daß solche aus der Gewohnheit, und nicht aus dem Überfluß herkommt, Armut ist zwar gut dafür, aber sie wird dadurch nicht von Grund aus geheilet, denn ich sah Bettler im Luder, und reiche Filz Hunger leiden, sie bringt ihre Arznei auf dem Rücken mit sich, der heißt Mangel, wo nit am Gut, doch an der übrigen Gesundheit des Leibs, also daß endlich diese Kranken gemeiniglich von sich selbst gesund werden müssen, wenn sie nämlich entweder aus Armut oder anderer Krankheit halber nit mehr zehren können. Die Hoffart hielt ich für eine Art der Phantasterei, welche ihren Ursprung aus der Unwissenheit habe, denn wenn sich einer selbst kennet, und weiß wo er her ist, [295] und endlich hinkommt, so ist unmöglich, daß er mehr so ein hoffärtiger Narr sein kann. Wenn ich einen Pfauen oder welschen Hahn sehe, der sich ausspreitet, und so etwas daherkollert, muß ich mich vernarren, daß diese unvernünftigen Tier dem armen Menschen in seiner großen Krankheit so artlich spotten können; ich hab kein sonderliche Arznei dawider finden können, weil diese, so daran krank liegen, ohne die Demut ebensowenig als andere Narren zu kurieren sind. Ich fand auch, daß Lachen eine Krankheit ist, denn Philemon ist ja dran gestorben, und Democritus ist bis an sein End damit infiziert gewesen. So sagen auch noch auf den heutigen Tag unsere Weiber, sie möchten sich zu Tod lachen! Man sagt, es habe seinen Ursprung von der Leber, aber ich glaube ehender, es komme aus übriger Torheit her, sintemal viel Lachen kein Anzeichen eines vernünftigen Manns ist. Es ist unvonnöten, eine Arznei dawider zu verordnen, weil es nicht allein eine lustige Krankheit ist, sondern auch manchem vergehet, ehe ers gern hat. Nicht weniger merkte ich, daß der Vorwitz auch eine Krankheit ist, und sonderlich dem weiblichen Geschlecht schier angeboren sei; ist zwar gering anzusehen, aber in Wahrheit sehr gefährlich, maßen wir noch alle an unsrer ersten Mutter Kuriosität zu däuen haben. Von den übrigen, als Faulheit, Rachgier, Eifer, Frevel, Gebrechen der Lieb, und andern dergleichen Krankheiten und Lastern, will ich für diesmal schweigen, weil ich mir niemals vorgenommen, etwas davon zu schreiben, sondern wieder auf meinen Kostherrn kommen, der mir Ursach gab, dergleichen Gebrechen nachzusinnen, weil er vom Geiz bis aufs äußerste Haar eingenommen und besessen war.

24. Kapitel
[296] Das 24. Kapitel

Der Jäger fängt einen Hasen mitten in einer Stadt


Dieser hatte, wie obgemeldet, unterschiedliche Hantierungen, dadurch er Geld zusammenkratzte, er zehrte mit seinen Kostgängern, und seine Kostgänger nit mit ihm, und er hätte sich und sein Hausgesind mit demjenigen was sie ihm eintrugen, gar reichlich ernähren können, wenns der Schindhund nur dazu hätte angewendet, aber er mästete uns auf schwäbisch, und hielt gewaltig zurück; Ich aß anfangs nit mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind, weil ich nit viel Geld bei mir hatte; da setzte es schmale Bißlein, so meinem Magen, der nunmehr zu den westfälischen Traktamenten gewöhnet war, ganz spanisch vorkam; kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf den Tisch, sondern nur dasjenige, so acht Tag zuvor von der Studenten Tafel getragen, von denselben zuvor überall wohl benagt, und nunmehr vor Alter so grau als Methusalem worden war; darüber machte dann die Kostfrau (welche die Küche selbst versehen mußte, denn er dingte ihr keine Magd) ein schwarze saure Brüh, und überteufelts mit Pfeffer, da wurden dann die Beiner so sauber abgeschleckt, daß man alsbald Schachstein daraus hätte drehen können, und doch waren sie alsdann noch nit recht ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hierzu verordneten Behälter, und wenn unser Geizhals deren ein Quantität beisammen hatte, mußten sie erst klein zerhackt, und das übrige Fett bis auf das alleräußerste herausgesotten werden, nicht weiß ich, wurden die Suppen daraus geschmälzt, oder die Schuh damit geschmiert. An den Fasttagen, deren mehr als genug einfielen, und alle solenniter gehalten wurden, weil der Hausvater diesfalls gar gewissenhaft war, mußten wir uns mit stinkenden Bücklingen, versalznen Bolchen, faulen Stock- und andern abgestandenen Fischen herumbeißen, denn er kaufte alles der Wohlfeile nach, und ließ sich die Mühe nicht dauren, zu solchem Ende selbst auf den Fischmarkt zu gehen, und anzupacken, was jetzt die Fischer auszuschmeißen [297] im Sinn hatten. Unser Brot war gemeiniglich schwarz und altbacken, der Trank aber ein dünn saur Bier, das mir die Därm hätte zerschneiden mögen, und mußte doch gut abgelegen Märzenbier heißen. Überdas vernahm ich von seinem teutschen Knecht, daß es Sommerszeit noch schlimmer hergehe, denn da sei das Brot schimmlig, das Fleisch voller Wurm, und ihre beste Speisen wäre irgends zu Mittags ein paar Rettig, und auf den Abend eine Handvoll Salat. Ich fragte, warum er denn bei dem Filz bleibe? da antwort er mir, daß er die meiste Zeit auf der Reis sei, und derhalben mehr auf der Reisenden Trinkgelder, als seinen Schimmeljuden bedacht sein müßte; er getraute seinem Weib und Kindern nicht in Keller, weil er sich selbsten den Tropfwein kaum gönnete, und sei in Summa ein solcher Geldwolf, dergleichen kaum noch einer zu finden; das so ich bisher gesehen, sei noch nichts, wenn ich noch ein Weil da verbliebe, würde ich gewahr nehmen, daß er sich nicht schäme, einen Esel um ein Fettmönch zu schinden. Einsmals brachte er sechs Pfund Sülzen oder Rinderkutteln heim, das setzte er in seinen Speiskeller, und weil zu seiner Kinder großem Glück das Tagfenster offenstand, banden sie ein Eßgabel an einen Stecken, und angelten damit alle Kuttelfleck heraus, welche sie alsobald und halbgekocht in großer Eil verschlangen, und vorgaben, die Katz hätte es getan; Aber der Erbsenzähler wollt es nit glauben, fing derhalben die Katz, wog sie, und befand, daß sie mit Haut und Haar nicht so schwer war, als seine Kutteln gewesen. Weil er denn so gar unverschämt handelte, also begehrte ich nit mehr an seiner Leute, sondern an gemeldter Studenten Tafel, es koste auch was es wolle, zu essen, wobei es zwar etwas herrlicher herging, wurde mir aber wenig damit geholfen, denn alle Speisen die man uns vorsetzte, waren nur halb gar, so unserm Kostherrn an zwei Orten zupaß kam, erstlich am Holz, so er gespart, und daß wir nit soviel verdauen konnten; überdas so dünkte mich, et zählte uns alle Mundvoll in Hals hinein, und kratzte sich hintern Ohren, wenn wir recht fütterten; sein Wein war ziemlich gewässert, und nit der Art, die Däuung zu befördern; der Käs, den man am End jeder [298] Mahlzeit aufstellte, war gemeinlich steinhart, die holländische Butter aber dermaßen versalzen, daß keiner über ein Lot davon auf einen Imbiß genießen konnte; das Obst mußte man wohl so lang auf- und abtragen, bis es mürb, und zu essen tauglich war, wenn dann etwa ein oder ander darauf stichelte, so fing er einen erbärmlichen Hader mit seinem Weib an, daß wirs hörten, heimlich aber befahl er ihr, sie sollte nur bei ihrer alten Geigen bleiben. Einsmals brachte ihm einer von seinen Klienten einen Hasen zur Verehrung, den sah ich in der Speiskammer hangen, und gedachte, wir würden einmal Wildbret essen dürfen, aber der teutsche Knecht sagte mir, daß er uns nicht an die Zahn brennen würde, denn sein Herr hätte den Kostgängern ausgedingt, daß er so keine Schnabelweid speisen dürfte, ich sollte nur nachmittag auf den Alten Markt gehen, und sehen, ob ich ihn nit dorten zu verkaufen finden würde: Darauf schnitt ich dem Hasen ein Stücklein vom Ohr, und als wir über dem Mittagimbiß saßen, und unser Kostherr nicht bei uns war, erzählte ich, daß unser Geizhals ein Hasen zu verkaufen hätte, um den ich ihn zu betrügen gedächte, wenn mir einer aus ihnen folgen wollte, also daß wir nicht allein Kurzweil anrichten, sondern den Hasen selbst kriegen wollen; Jeder sagte ja, denn sie hätten unserm Wirt gern vorlängst ein Schabernack angetan, dessen er sich nit beklagen dürfte. Also verfügten wir uns den Nachmittag an denjenigen Ort, den ich vom Knecht erlernt hatte, da unser Kostherr zu stehen pflegte, wenn er so etwas zu verkaufen hingab, um aufzupassen, was der Verkäufer lösete, damit er nicht etwa um ein Fettmönch betrogen würde. Wir sahen ihn bei vornehmen Leuten, mit denen er diskurierte; ich hatte einen Kerl angestellt, der ging zu dem Hocken, der den Hasen verkaufen sollte, und sagte: »Landsmann, der Has ist mein, und ich nehm ihn als ein gestohlen Gut auf Recht hinweg, er ist mir heut nacht von meinem Fenster hinweggefischt worden, und läßt du ihn nicht gutwillig folgen, so gehe ich auf deine Gefahr und Unrechtskosten mit dir hin, wo du willst.« Der Unterkäufer antwort, er sollte sehen, was er zu tun hätte, dort stünde ein vornehmer [299] Herr, der ihm den Hasen zu verkaufen geben hätte, welcher ihn ohn Zweifel nicht gestohlen haben würde: Als nun diese zween so wortwechselten, bekamen sie gleich einen Umstand, so unser Geizhals stracks in acht nahm, und hörte, wieviel die Glock schlug, winkte derowegen dem Unterkäufer, daß er den Hasen folgen lassen sollte, weil er wegen der vielen Kostgänger noch mehr Schimpf besorgte. Mein Kerl aber, den ich hierzu angestellt hatte, wußte dem Umstand gar artlich das Stück vom Ohr zu weisen, und dasselbe in dem Ritz zu messen, daß ihm also jedermann recht gab und den Hasen zusprach: Indessen näherte ich mich auch mit meiner Gesellschaft, als ob wir ungefähr daherkämen, stand an dem Kerl der den Hasen hatte, und fing an mit ihm darum zu marken; und nachdem wir des Kaufs eins wurden, stellt ich den Hasen meinem Kostherrn zu, mit Bitt, solchen mit sich heimzunehmen, und auf unsern Tisch zurichten zu lassen, dem Kerl aber, den ich hierzu bestellt, gab ich anstatt der Bezahlung für den Hasen ein Trinkgeld zu zwei Kannen Bier. Also mußte uns unser Geizhals den Hasen wider seinen Willen zukommen lassen, und durfte noch dazu nichts sagen, dessen wir genug zu lachen hatten, und wenn ich länger in seinem Haus hätte verbleiben sollen, wollte ich ihm noch viel dergleichen Stücklein bewiesen haben.


Ende des dritten Buchs [300]

Das vierte Buch

1. Kapitel
Das 1. Kapitel

Wie und aus was Ursachen der Jäger nach Frankreich praktiziert worden


Allzuscharf macht schartig, und wenn man den Bogen überspannet, so muß er endlich zerbrechen; der Poß, den ich meinem Kostherrn mit dem Hasen riß, war mir nicht genug, sondern ich unterstand noch mehr seinen unersättlichen Geiz zu strafen, ich lernete seine Kostgänger, wie sie die versalzene Butter wässern, und dadurch das überflüssige Salz herausziehen, die harten Käs aber, wie die Parmesaner, schaben, und mit Wein anfeuchten sollten, welches dem Geizhals lauter Stich ins Herz waren; ich zog durch meine Kunststück über Tisch das Wasser aus dem Wein, und machte ein Lied, in welchem ich den Geizigen einer Sau verglich, von welcher man nichts Guts zu hoffen, bis sie der Metzger tot auf dem Schragen liegen hätte. Damit verursachte ich, daß er mich mit folgender Untreu wieder brav bezahlte, weil ich solche Sachen in seinem Haus zu üben nicht bestellt war.

Die zween Jungen von Adel bekamen einen Wechsel, und Befehl von ihren Eltern, sich nach Frankreich zu begeben, und die Sprach zu lernen, eben als unsers Kostherrn teutscher Knecht anderwärts auf der Reis war, und dem welschen (sagt' unser Kostherr) dürfte er die Pferd in Frankreich nicht vertrauen, weil er ihn noch nit recht kannte, denn er besorgte, wie er vorgab, er möchte das Wiederkommen vergessen, und ihn um die Pferd bringen; bat mich derowegen, ob ich ihm nicht den großen Dienst tun, und beide Edelleut mit seinen Pferden, weil ohnedas meine Sach in vier Wochen noch nicht erörtert werden könnte, nach Paris führen wollte? Er hingegen wollte indessen meine Geschäfte, wenn ich ihm deswegen vollkommene Gewalt [303] geben würde, so getreulich befördern, als ob ich persönlich gegenwärtig wäre. Die von Adel ersuchten mich deswegen auch, und mein eigener Vorwitz, Frankreich zu besehen, riet mir solches gleichfalls, weil ichs jetzt ohne sondern Unkosten tun konnte, und ich ohnedas die vier Wochen auf der faulen Bärnhaut daliegen, und noch Geld dazu verzehren müßte: Also machte ich mich mit diesen Edelleuten anstatt eines Postillions auf den Weg, auf welchem mir nichts Merkwürdiges zuhanden stieß: Da wir aber nach Paris kamen, und bei unsers Kostherrn Korrespondenten, bei dem die Edelleut auch ihren Wechsel empfingen, einkehrten, wurde ich den andern Tag nit allein mit den Pferden arrestiert, sondern derjenige, so vorgab, mein Kostherr wäre ihm ein Summa Gelds zu tun schuldig, griff mit Gutheißung desselben Viertel-Commissarii zu, und versilberte die Pferd, Gott geb, was ich dazu sagte; Also saß ich da, wie Matz von Dresden, und wußte mir selbst nicht zu helfen, viel weniger zu raten, wie ich einen so weiten und damals sehr unsichern Weg wieder zurückkommen sollte. Die von Adel bezeugten ein groß Mitleiden mit mir, und verehrten mich desto ehrlicher mit einem guten Trinkgeld, wollten mich auch nicht ehender von sich lassen, bis ich entweder einen guten Herrn, oder eine gute Gelegenheit hätte, wieder nach Teutschland zu kommen: Sie dingten sich ein Losament, und ich hielt mich etlich Tag bei ihnen auf, damit ich dem einen, so wegen der fernen Reis, deren er nicht gewohnt, etwas unpäßlich worden, aufwartete. Und demnach ich mich so fein anließ, schenkt' er mir sein Kleid, so er ablegte, dann er sich auf die neue Mode kleiden ließ. Ihr Rat war, ich sollte nur immer ein paar Jahr in Paris bleiben, und die Sprach lernen; das ich zu Köln zu holen hätte, würde mir nicht entlaufen. Da ich nun so in der Wahl stand, und noch zweifelte, was ich tun wollte, hörte mich einsmals der Medicus, so meinen kranken Junker zu kurieren alle Tag zu uns kam, auf der Lauten schlagen, und ein teutsch Liedlein darein singen, das ihm so wohl gefiel, daß er mir ein gute Bestallung anbot, samt seinem Tisch, da ich mich zu ihm begeben, und seine zween Söhn unterrichten[304] wollte, denn er wußte schon besser wie mein Handel stand, als ich selbst, und daß ich einen guten Herrn nit ausschlagen würde: Also wurden wir des Handels miteinander bald eins, weil beide Edelleute das Beste dazu redeten, und mich trefflich rekommendierten, ich verdingte mich aber nit länger als von einem Vierteljahr zum andern.

Dieser Doktor redte so gut teutsch als ich, und das Italienisch wie seine Muttersprach, derhalben versprach ich mich desto lieber zu ihm. Als ich nun die Letze zehrte mit meinen Edelleuten, war er auch dabei, und mir gingen üble Grillen im Kopf herum, denn da lag mir mein frischgenommen Weib, mein versprochen Fähnlein, und mein Schatz zu Köln im Sinn, von welchem allem ich mich so leichtfertig hinwegzubegeben bereden lassen, und da wir von unsers gewesenen Kostherrn Geiz zu reden kamen, fiel mir zu, und ich sagte auch über Tisch: »Wer weiß, ob vielleicht unser Kostherr mich nicht mit Fleiß hieher praktiziert, damit er das Meinig zu Köln erheben und behalten möge.« Der Doktor antwort, das könne wohl sein, vornehmlich wenn er glaube, daß ich ein Kerl von geringem Herkommen sei. »Nein«, antwort der eine Edelmann, »wenn er zu solchem End hiehergeschickt worden ist, daß er hier bleiben sollte, so ists darum geschehen, weil er ihm seines Geizes wegen so viel Drangsal antat.« Der Kranke fing an: »Ich glaub aber ein andere Ursach; Als ich neulich in meiner Kammer stand, und unser Kostherr mit seinem Welschen ein laut Gespräch hielt, horchte ich, warums doch zu tun sein möchte? und vernahm endlich aus des Welschen geradbrechten Worten: Der Jäger verfuchsschwänzte ihn bei der Frauen, und sage, er warte der Pferd nicht recht! Welches aber der eifersüchtige Gauch wegen seiner üblen Redkunst unrecht, und auf etwas Unehrlichs verstand, und derowegen dem Welschen zusprach, er sollte nur bleiben, der Jäger müsse bald hinweg. Er hat auch seither sein Weib scheel angesehen, und mit ihr viel ernstlicher gekollert als zuvor, so ich an dem Narrn mit Fleiß in acht genommen.«

Der Doktor sagte: »Es sei geschehen aus was für einer Ursach es wolle, so laß ich wohl gelten, daß die Sach so [305] angestellt worden, daß Er hier bleiben muß; Er lasse sich aber das nicht irren, ich will Ihm schon wieder mit guter Gelegenheit nach Teutschland verhelfen, Er schreibe ihm nur, daß er den Schatz wohl beobachte, sonst werde er scharfe Rechenschaft darum geben müssen. Dies gibt mir einen Argwohn, daß es ein angestellter Handel sei, weil derjenige, so sich für den Kreditor dargeben, Euers Kostherrn und seines hiesigen Korrespondenten sehr guter Freund ist, und ich will glauben, daß Ihr die Obligation, kraft deren er die Pferd angepackt und verkauft hat, jetzt erst mit Euch gebracht habt.«

2. Kapitel
Das 2. Kapitel

Simplicius bekommt einen bessern Kostherrn, als er zuvor einen gehabt


Monsigneur Canard, so hieß mein neuer Herr, erbot sich, mir mit Rat und Tat beholfen zu sein, damit ich des Meinigen zu Köln nicht verlustigt würde, denn er sah wohl, daß ich traurig war. Sobald er mich in seine Wohnung brachte, begehrte er, ich wollte ihm erzählen, wie meine Sachen beschaffen wären, damit er sich drein finden, und Ratschläg ersinnen könnte, wie mir am besten zu helfen sei. Ich gedachte wohl, daß ich nicht viel gülte, wenn ich mein Herkommen öffnen sollte, gab mich derhalben für einen armen teutschen Edelmann aus, der weder Vater noch Mutter, sondern nur noch etliche Verwandte in einer Festung hätte, darin schwedische Garnison läge. Welches ich aber vor meinem Kostherrn und beiden von Adel, als welche kaiserliche Partei hielten, verborgen halten müssen, damit sie das Meinige, als ein Gut so dem Feind zuständig, nit an sich zögen: Meine Meinung wäre, ich wollte an den Kommandanten bemeldter Festung schreiben, als unter dessen Regiment ich die Stell eines Fähnrichs hätte, und ihn nicht allein berichten, wasgestalten ich hieher praktiziert worden, sondern ihn auch bitten, daß er belieben wollte, sich des Meinigen habhaft zu machen, und solches bis ich wieder Gelegenheit [306] kriege, zum Regiment zu kommen, indessen meinen Freunden zuzustellen. Canard befand mein Vorhaben ratsam, und versprach mir, die Schreiben an ihren Ort zu bestellen, und sollten sie gleich nach Mexico oder in China lauten. Demnach verfertigte ich Schreiben an meine Liebste, an meinen Schwähr-Vater, und an den Obristen de S.A. Kommandanten in L., an welchen ich auch das Copert richtete, und ihm die übrigen beiden beischloß: Der Inhalt war, daß ich mit ehestem mich wieder einstellen wollte, da ich nur Mittel an die Hand kriegte, ein so weite Reis zu vollenden, und bat beides meinen Schwäher und den Obristen, daß sie vermittels der Militiae das Meinige zu bekommen unterstehen wollten, ehe Gras darüber wachse, berichtete daneben, wieviel es an Gold, Silber und Kleinodien sei. Solche Brief verfertigte ich in duplo, ein Teil bestellt' Mons. Canard, das ander gab ich auf die Post, damit wenn irgend das eine nicht überkäme, jedoch das ander einliefe. Also wurde ich wieder fröhlich, und instruierte meines Herrn zween Söhn desto leichter, die als junge Prinzen erzogen wurden, denn weil Mons. Canard sehr reich, also war er auch überaus hoffärtig, und wollte sich sehen lassen; welche Krankheit er von großen Herren an sich genommen, weil er gleichsam täglich mit Fürsten umging, und ihnen alles nachäffte; Sein Haus war wie eines Grafen Hofhaltung, in welcher kein anderer Mangel erschien, als daß man ihn nit auch einen gnädigen Herrn nannte, und seine Imagination war so groß, daß er auch einem Marquis, da ihn etwa einer zu besuchen kam, nicht höher als seinesgleichen traktierte; er teilte zwar geringen Leuten auch von seinen Mitteln mit, er nahm aber kein gering Geld, sondern schenkte ihnen eher ihre Schuldigkeit, damit er einen großen Namen haben möchte. Weil ich ziemlich kurios war, und wußte, daß er mit meiner Person prangte, wenn ich neben andern Dienern hinter ihm hertrat, und er Kranke besuchte, also half ich ihm auch stets in seinem Laboratorio arzneien, davon wurde ich ziemlich gemein mit ihm, wie er denn ohnedas die teutsche Sprach gern redete, sagte derowegen einsmals zu ihm: Warum er sich nit von seinem adeligen Sitz schreibe, [307] den er neulich nahend Paris um 20000 Kronen gekauft hätte? item, warum er lauter Doctores aus seinen Söhnen zu machen gedenke, und sie so streng studieren lasse, ob nicht besser wäre, daß er ihnen (indem er doch den Adel schon hätte) wie andere Kavalier irgends Ämter kaufe, und sie also vollkommen in den adeligen Stand treten lasse? »Nein«, antwortet' er, »wenn ich zu einem Fürsten komme, so heißts: ›Herr Doktor, Er setze sich nieder‹; zum Edelmann aber wird gesagt: ›Wart auf!‹« Ich sagte: »Weiß aber der Herr Doktor nicht, daß ein Arzt dreierlei Angesichter hat, das erste eines Engels, wenn ihn der Kranke ansichtig wird, das ander eines Gottes, wenn er hilft, das dritte eines Teufels, wenn man gesund ist, und ihn wieder abschafft: Also währt solche Ehr nicht länger, als solang dem Kranken der Wind im Leib herumgehet, wenn er aber hinaus ist, und das Rumpeln aufhöret, so hat die Ehr ein End, und heißts alsdann auch: ›Doktor, vor der Tür ists dein!‹ Hat demnach der Edelmann mehr Ehr von seinem Stehen, als ein Doktor von seinem Sitzen, weil er nämlich seinem Prinzen beständig aufwartet, und die Ehr hat, niemals von seiner Seiten zu kommen; Der Herr Doktor hat neulich etwas von einem Fürsten in Mund genommen, und demselben seinen Geschmack abgewinnen müssen, ich wollte lieber zehen Jahr stehen und aufwarten, ehe ich eines andern Kot versuchen wollte, und wenn man mich gleich auf lauter Rosen setzen wollte.« Er antwortet': »Das mußte ich nicht tun, sondern tats gern, damit, wenn der Fürst sehe, wie sauer michs ankäme, seinen Zustand recht zu erkundigen, meine Verehrung desto größer würde; und warum wollte ich dessen Kot nit versuchen, der mir etlich hundert Pistoln dafür zu Lohn gibt, ich aber hingegen ihm nichts gebe, wenn er noch gar was anders von mir muß fressen? Ihr redet von der Sach wie ein Teutscher, wenn Ihr aber einer andern Nation wäret, so wollte ich sagen, Ihr hättet davon geredt wie ein Narr!« Mit dieser Sentenz nahm ich vorlieb, weil ich sah, daß er sich erzürnen wollte, und damit ich ihn wieder auf ein gute Laun brächte, bat ich, er wollte meiner Einfalt etwas zugut halten, und brachte etwas Annehmlichers auf die Bahn.

3. Kapitel
[308] Das 3. Kapitel

Wie er sich für einen Komödianten gebrauchen läßt, und einen neuen Namen bekommt


Gleichwie Mons. Canard mehr Wildbret hinwegzuwerfen, als mancher zu fressen hat, der ein eigene Wildbahn vermag, und ihm mehr Zahmes verehrt wurde, als er und die Seinigen verzehren konnten; also hatte er täglich viel Schmarotzer, so daß es bei ihm einen gleich sah, als ob er ein freie Tafel gehalten hätte: Einsmals besuchten ihn des Königs Zeremonienmeister, und andere vornehme Personen vom Hof, denen er ein fürstliche Kollation darstellete, weil er wohl wußte, wen er zum Freund behalten sollte, nämlich diejenigen, so stets um den König waren oder sonst bei demselben wohl standen; damit er nun denselben den allergeneigtesten Willen erzeige, und ihnen alle Lust machen möchte, begehrte er, ich wollte ihm zu Ehren, und der ansehnlichen Gesellschaft zu Gefallen, ein teutsch Liedlein in meine Laute hören lassen; ich folgte gern, weil ich eben in Laun war, wie denn die Musici gemeiniglich seltsame Grillenfänger sind; befliß mich derhalben das beste Geschirr zu machen, und contentierte demnach die Anwesenden so wohl, daß der Zeremonienmeister sagte: Es wäre immer schad, daß ich nit die französische Sprach könnte, er wollte mich sonst trefflich wohl beim König und der Königin anbringen; mein Herr aber, so besorgte, ich möchte ihm aus seinen Diensten entzuckt werden, antwortet' ihm, daß ich einer von Adel sei, und nit lang in Frankreich zu verbleiben gedächte, würde mich demnach schwerlich für einen Musikanten gebrauchen lassen. Darauf sagte der Zeremonienmeister, daß er sein Tag nit ein so seltene Schönheit, ein so klare Stimm, und ein so künstlichen Lautenisten an einer Person gefunden, es sollte ehest vorm König im Louvre eine Comoedia gespielt werden, wenn er mich dazu gebrauchen könnte, so verhoffte er große Ehr mit mir einzulegen; das hielt mir Mons. Canard vor, ich antwortet ihm: »Wenn man mir sagt', was für eine Person [309] ich präsentieren, und was für Lieder ich in meine Lauten singen sollte, so könnte ich ja beides die Melodeien und Lieder auswendig lernen, und solche in meine Laute singen, wenn sie schon in französischer Sprach wären, es möchte ja leicht mein Verstand so gut sein als eines Schülerknaben, die man hierzu auch zu gebrauchen pflege, unangesehen sie erst beides Wort und Gebärden lernen müßten.« Als mich der Zeremonienmeister so willig sah, mußte ich ihm versprechen, den andern Tag ins Louvre zu kommen, um zu probiern, ob ich mich dazu schickte; Also stellte ich mich auf die bestimmte Zeit ein, die Melodeien der unterschiedlichen Lieder, so ich zu singen hatte, schlug ich gleich perfekt auf dem Instrument, weil ich das Tabulaturbuch vor mir hatte, empfing demnach die französischen Lieder, solche auswendig, und die Aussprach recht zu lernen, welche mir zugleich verteutscht wurden, damit ich mich mit den Gebärden danach richten könnte; Solches kam mich gar nicht schwer an, also daß ichs eher konnte, als sichs jemand versah, und zwar dergestalt, wenn man mich singen hörte (maßen mir Monsig. Canard das Lob gab), daß der Tausendste geschworen hätte, ich wäre ein geborner Franzos. Und da wir die Comoedia zu probieren das erstemal zusammenkamen, wußte ich mich so kläglich mit meinen Liedern, Melodeien und Gebärden zu stellen, daß sie alle glaubten, ich hätte des Orphei Person mehr agiert, als den ich damals präsentieren, und mich um meine Eurydike so übel gehaben mußte. Ich hab die Tag meines Lebens keinen so angenehmen Tag gehabt, als mir derjenige war, an welchem diese Comoedia gespielt wurde: Mons. Canard gab mir etwas ein, meine Stimm desto klarer zu machen, und da er meine Schönheit mit Oleo Talci erhöhern, und meine halbkrausen Haar, die von Schwärze glitzerten, verpudern wollte, fand er, daß er mich nur damit verstellte, ich wurde mit einem Lorbeerkranz bekrönet, und in ein antikisch meergrün Kleid angetan, in welchem man mir den ganzen Hals, das Oberteil der Brust, die Arm bis hinter die Ellenbogen, und die Knie von den halben Schenkeln an bis auf die halben Waden nackend und bloß sehen konnte, um [310] solches schlug ich einen leibfarben taffeten Mantel, der sich mehr einem Feldzeichen verglich: in solchem Kleid löffelt ich um meine Eurydike, rief die Venus mit einem schönen Liedlein um Beistand an, und brachte endlich meine Liebste davon, in welchem Actu ich mich trefflich zu stellen, und meine Liebste mit Seufzern und spielenden Augen anzublicken wußte. Nachdem ich aber meine Eurydiken verloren, zog ich ein ganz schwarzes Habit an auf die vorige Mode gemacht, aus welchem meine weiße Haut hervorschien, wie der Schnee; in solchem beklagte ich meine verlorne Gemahlin, und bildete mir die Sach so erbärmlich ein, daß mir mitten in meinen traurigen Liedern und Melodeien die Tränen herausrücken, und das Weinen dem Singen den Paß verlegen wollte; doch langte ich mit einer schönen Manier hinaus, bis ich vor Plutonem und Proserpinam in die Hölle kam, denselben stellte ich in einem sehr beweglichen Lied ihre Lieb, die sie beide zusammen trügen, vor Augen, und bat sie, dabei abzunehmen, mit was großem Schmerzen ich und Eurydike voneinander geschieden worden wären, bat demnach mit den allerandächtigsten Gebärden, und zwar alles in meine Harfe singend, sie wollten mir solche wieder zukommen lassen, und nachdem ich das Jawort erhalten, bedankte ich mich mit einem fröhlichen Lied gegen sie, und wußte das Angesicht samt Gebärden und Stimme so fröhlich zu verkehren, daß sich alle anwesenden Zuseher darüber verwunderten. Da ich aber meine Eurydike wieder ohnversehens verlor, bildet ich mir die größte Gefahr ein, darein je ein Mensch geraten könnte, und wurde davon so bleich, als ob mir ohnmächtig werden wollen, denn weil ich damals allein auf der Schaubühne war, und alle Spectatores auf mich sahen, befliß ich mich meiner Sachen desto eiferiger, und bekam die Ehr davon, daß ich am besten agiert hätte. Nachgehends setzte ich mich auf einen Felsen, und fing an den Verlust meiner Liebsten mit erbärmlichen Worten und einer traurigen Melodei zu beklagen, und alle Kreaturen um Mitleiden anzurufen, darauf stellten sich allerhand zahme und wilde Tier, Berg, Bäum und dergleichen bei mir ein, also daß es in Wahrheit ein[311] Ansehen hatte, als ob alles mit Zauberei übernatürlicher Weis wäre zugericht worden. Keinen andern Fehler beging ich, als zuletzt, da ich allen Weibern abgesagt, von den Bacchis erwürgt, und ins Wasser geworfen war (welches zugericht gewesen, daß man nur meinen Kopf sah, denn mein übriger Leib stand unter der Schaubühne in guter Sicherheit), da mich der Drach benagen sollte, der Kerl aber so im Drachen stak, denselben zu regieren, meinen Kopf nicht sehen konnte, und dahero des Drachen Kopf neben dem meinigen grasen ließ; das kam mir so lächerlich vor, daß ich mir nit abbrechen konnte, darüber zu schmollen, welches die Dames, so mich gar wohl betrachteten, in acht nahmen.

Von dieser Comoedia bekam ich neben dem Lob, das mir männiglich gab, nicht allein eine treffliche Verehrung, sondern ich kriegte auch einen andern Namen, indem mich forthin die Franzosen nicht anders als Beau Alman nannten. Es wurden noch mehr dergleichen Spiel und Ballett gehalten, dieweil man die Faßnacht zelebrierte, in welchen ich mich gleichfalls gebrauchen ließ, befand aber zuletzt, daß ich von andern geneidet wurde, weil ich die Spectatores, und sonderlich die Weiber gewaltig zog, ihre Augen auf mich zu wenden, tat michs derowegen ab, sonderlich als ich einsmals ziemlich Stöß kriegte, da ich als ein Herkules, gleichsam nackend in einer Löwenhaut, mit Acheloo um die Dejaniram kämpfte, da man mirs gröber machte, als in einem Spiel der Gebrauch ist.

4. Kapitel
Das 4. Kapitel

Beau Alman wird wider seinen Willen in den Venus-Berg geführt


Hierdurch wurde ich bei hohen Personen bekannt, und es schien, als ob mir das Glück wieder auf ein neues hätte leuchten wollen, denn mir wurden gar des Königs Dienste angeboten, welches manchem großen Hansen nicht widerfährt. Einsmals kam ein Lakai, der sprach meinen Monsig. [312] Canard an, und bracht ihm meinetwegen ein Brieflein, eben als ich bei ihm in seinem Laboratorio saß, und reverberierte (denn ich hatte aus Lust bei meinem Doktor schon perlutiern, resolviern, sublimiern, coaguliern, digeriern, calciniern, filtriern, und dergleichen unzählig viel alkühmistische Arbeit gelernet, dadurch er seine Arzneien zuzurichten pflegte). »Monsieur Beau Alman«, sagte er zu mir, »dies Schreiben betrifft Euch: Es schicket ein vornehmer Herr nach Euch, der begehrt, Ihr wollet gleich zu ihm kommen, er wolle Euch ansprechen, und vernehmen, ob Euch nicht beliebe, seinen Sohn auf der Lauten zu informieren? Er bitt mich, Euch zuzusprechen, daß Ihr ihm diesen Gang nit abschlagen wollet, mit sehr courtoisem Versprechen, Euch diese Mühe mit freundlicher Dankbarkeit zu belohnen.« Ich antwortet, wenn ich seinet (verstehe Mons. Canards) wegen jemand dienen könne, so würde ich meinen Fleiß nit sparen. Darauf sagte er, ich sollte mich nur anders anziehen, mit diesem Lakaien zu gehen, indessen bis ich fertig, wollte er mir etwas zu essen fertig machen lassen, denn ich hätte ein ziemlich weiten Weg zu gehen, daß ich kaum vor Abend an den bestimmten Ort kommen würde: Also putzte ich mich ziemlich, und verschluckte in Eil etwas von der Kollation, sonderlich aber ein paar kleiner delikater Würstlein, welche, als mich deuchte, ziemlich stark apothekerten; ging demnach mit gedachtem Lakaien durch seltsame Umweg einer Stund lang, bis wir gegen Abend vor eine Gartentür kamen, die nur zugelehnt war, dieselbe stieß der Lakai vollends auf, und demnach ich hinter ihm hineingetreten, schlug er selbige wieder zu, führte mich nachgehends in das Lusthaus, so in einem Eck des Gartens stand, und demnach wir einen ziemlich langen Gang passierten, klopfte er vor einer Tür, so von einer alten adeligen Dame stracks aufgemacht wurde; diese hieß mich in teutscher Sprach sehr höflich willkomm sein, und zu ihr vollends hineintreten, der Lakai aber, so kein teutsch konnte, nahm mit tiefer Reverenz seinen Abschied. Die Alte nahm mich bei der Hand, und führte mich vollend ins Zimmer, das rund umher mit den köstlichsten Tapeten behängt, zumal [313] sonsten auch schön geziert war; sie hieß mich niedersitzen, damit ich verschnauben, und zugleich vernehmen könnte, aus was Ursachen ich an diesen Ort geholet; Ich folgte gern, und setzte mich auf einen Sessel, den sie mir zu einem Feuer stellte, so in demselben Saal wegen ziemlicher Kält brannte; sie aber setzte sich neben mich auf einen andern, und sagte: »Monsieur, wenn Er etwas von den Kräften der Liebe weiß, daß nämlich solche die allertapfersten, stärksten und klügsten Männer überwältige und zu beherrschen pflege, so wird Er sich um soviel desto weniger verwundern, wenn dieselbe auch ein schwaches Weibsbild meistert; Er ist nicht seiner Lauten halber, wie man Ihn und Mons. Canard überredt gehabt, von einem Herrn, aber wohl seiner übertrefflichen Schönheit halber von der allervortrefflichsten Damen in Paris hieher berufen worden, die sich allbereit des Tods versiehet, da sie nit bald des Herrn überirdische Gestalt zu beschauen, und sich damit zu erquicken das Glück haben sollte: Derowegen hat sie mir befohlen, dem Herrn, als meinem Landsmann, solches anzuzeigen, und Ihn höher zu bitten als Venus ihren Adonidem, daß Er diesen Abend sich bei ihr einfinden, und seine Schönheit genugsam von ihr betrachten lasse, welches Er ihr verhoffentlich als einer vornehmen Damen nit abschlagen wird.« Ich antwortet: »Madame, ich weiß nicht was ich gedenken, viel weniger hierauf sagen solle! Ich erkenne mich nicht danach beschaffen zu sein, daß eine Dame von so hoher Qualität nach meiner Wenigkeit verlangen sollte; überdas kommt mir in Sinn, wenn die Dam, so mich zu sehen begehrt, so vortrefflich und vornehm sei, als mir mein hochgeehrte Frau Landsmännin vorbracht, daß sie wohl bei früherer Tagszeit nach mir schicken dürfen, und mich nicht erst hieher an diesen einsamen Ort, bei so spätem Abend, hätte berufen lassen; Warum hat sie nicht befohlen, ich solle stracks Wegs zu ihr kommen? Was hab ich in diesem Garten zu tun? Mein hochg. Frau Landsmännin vergebe mir, wenn ich als ein verlassener Fremder in die Furcht gerate, man wolle mich sonst hintergehen, sintemal man mir gesagt, ich sollte zu einem Herrn kommen, so [314] sich schon im Werk anders befindet; sollte ich aber merken, daß man mir so verräterisch mit bösen Tücken an Leib wollte kommen, würde ich vor meinem Tod meinen Degen noch zu gebrauchen wissen!« »Sachte, sachte, mein hochgeehrter Herr Landsmann, Er lasse diese unnötigen Gedanken aus dem Sinn« (antwortet' sie mir), »die Weibsbilder sind seltsam und vorsichtig in ihren Anschlägen, daß man sich nit gleich anfangs so leicht darein schicken kann; Wenn diejenige, die Ihn über alles liebet, gern hätte, daß Er Wissenschaft von ihrer Person haben sollte, so hätte sie Ihn freilich nit erst hieher, sondern den geraden Weg zu sich kommen lassen; dort liegt eine Kappe (wies damit auf den Tisch) die muß der Herr ohnedas aufsetzen, wenn Er von hier aus zu ihr geführt wird, weil sie auch so gar nit will, daß Er den Ort, geschweig bei wem Er gesteckt, wissen solle; bitte und ermahne demnach den Herrn so hoch als ich immer kann, Er erzeige sich gegen diese Dame, sowohl wie es ihre Hoheit, als ihre gegen Ihn tragende unaussprechliche Liebe meritiert, da Er anders gewärtig sein will zu erfahren, daß sie mächtig genug sei, seinen Hochmut und Verachtung, auch in diesem Augenblick, zu strafen: Wird Er sich aber der Gebühr nach gegen sie einstellen, so sei Er versichert, daß Ihm auch der geringste Tritt, den Er ihretwegen getan, nicht ohnbelohnt verbleiben wird.«

Es wurde allgemach finster, und ich hatte allerhand Sorgen und furchtsame Gedanken, also daß ich da saß wie ein geschnitzt Bild, konnte mir auch wohl einbilden, daß ich von diesem Ort so leicht nicht wieder entrinnen könnte, ich willigte denn in alles, so man mir zumutete; sagte derhalben zu der Alten: »Nun denn, mein hochgeehrte Frau Landsmännin, wenn ihm denn so ist, wie Sie mir vorgebracht, so vertraue ich meine Person Ihrer angebornen teutschen Redlichkeit, der Hoffnung, Sie werde nicht zulassen, viel weniger selbst vermitteln, daß einem unschuldigen Teutschen eine Untreu widerfahre, Sie vollbringe, was Ihr meinetwegen befohlen ist, die Dame, von der Sie mir gesagt, wird verhoffentlich keine Basilisken-Augen haben, mir den Hals abzusehen.« »Ei behüt Gott«, sagte sie, »es [315] wäre schad, wenn ein solcher Leib, mit welchem unsere ganze Nation prangen kann, jetzt schon sterben sollte, Er wird mehr Ergötzung finden, als Er sich sein Tag niemals einbilden dürfen.« Wie sie meine Einwilligung hatte, rief sie Jean und Pierre, diese traten alsobald, jeder in vollem blanken Küraß, von dem Scheitel bis auf die Fußsohlen gewaffnet, mit einer Hellebarden und Pistol in der Hand, hinter einer Tapezerei hervor, davon ich dergestalt erschrack, daß ich mich ganz entfärbte; die Alte nahm solches wahr und sagte lächelnd: »Man muß sich so nit fürchten, wenn man zum Frauenzimmer gehet«, befahl darauf ihnen beiden, sie sollten ihren Harnisch ablegen, die Latern nehmen, und nur mit ihren Pistolen mitgehen; demnach streifte sie mir die Kappe, die von schwarzem Sammet war, übern Kopf, trug meinen Hut unterm Arm, und führet' mich durch seltsame Weg an der Hand: Ich spürte wohl, daß ich durch viel Türen, und auch über einen gepflasterten Weg passierte, endlich mußte ich etwa nach einer halben Viertelstund eine kleine steinerne Stegen steigen, da tat sich ein klein Türlein auf, von dannen kam ich über einen besetzten Gang, und mußte eine Windelstegen hinauf, folgends etliche Staffeln wieder hinab, allda sich etwa sechs Schritt weiters eine Tür öffnet', als ich endlich durch solche kam, zog mir die Alte die Kappe wieder herunter, da befand ich mich in einem Saal, der da überaus zierlich aufgeputzet war, die Wände waren mit schönen Gemälden, das Tresor mit Silbergeschirr, und das Bett so darinnen stand, mit Umhängen von güldenen Stücken geziert; In der Mitten stand der Tisch prächtig gedeckt, und bei dem Feur befand sich eine Badwanne, die wohl hübsch war, aber meinem Bedünken nach schändet' sie den ganzen Saal; die Alte sagte zu mir: »Nun willkomm Herr Landsmann, kann Er noch sagen, daß man Ihn mit Verräterei hintergehe? Er lege nur allen Unmut ab, und erzeige sich wie neulich auf dem Theatro, da Er seine Eurydiken wieder vom Plutone erhielt, ich versichere Ihn, Er wird hier eine schönere antreffen, als Er dort eine verloren.«

5. Kapitel
[316] Das 5. Kapitel

Wie es ihm darinnen erging, und wie er wieder herauskam


Ich hörte schon an diesen Worten, daß ich mich nicht nur an diesem Ort beschauen lassen, sondern noch gar was anders tun sollte; sagte derowegen zu meiner alten Landsmännin: Es wäre einem Durstigen wenig damit geholfen, wenn er bei einem verbotenen Brunnen säße; Sie aber sagte, man sei in Frankreich nit so mißgünstig, daß man einem das Wasser verbiete, sonderlich wo dessen ein Überfluß sei. »Ja«, sagte ich, »Madame, Sie sagt mir wohl davon, wenn ich nicht schon verheiratet wäre!« »Das sind Possen« (antwortet' das gottlose Weib), »man wird Euch solches heut nacht nit glauben, denn die verehelichten Kavalier ziehen selten nach Frankreich, und ob gleich dem so wäre, kann ich doch nit glauben, daß der Herr so albern sei, eher Durst zu sterben, als aus einem fremden Brunnen zu trinken, sonderlich wenn er vielleicht lustiger ist, und besser Wasser hat, als sein eigener.« Dies war unser Diskurs, dieweil mir ein adelige Jungfer, so dem Feuer pflegte, Schuh und Strümpf auszog, die ich überall im Finstern besudelt hatte, wie denn Paris ohnedas eine sehr kotige Stadt ist. Gleich hier auf kam Befehl, daß man mich noch vor dem Essen baden sollte, denn bemeldtes Jungfräulein gang ab und zu, und brachte das Badgezeug, so alles nach Bisam und wohlriechender Seifen roch, das Leinengerät war vom reinesten Cammertuch, und mit teuren holländischen Spitzen besetzt; Ich wollte mich schämen, und vor der Alten nicht nackend sehen lassen, aber es half nichts, ich mußte dran, und mich von ihr ausreiben lassen, das Jungferchen aber mußte ein Weil abtreten; Nach dem Bad wurde mir ein zartes Hemd gegeben, und ein köstlicher Schlafpelz von veielblauem Taffet angelegt, samt einem Paar seidener Strümpfe von gleicher Farb, so war die Schlafhaub samt den Pantoffeln mit Gold und Perlen gestickt, also daß ich nach dem Bad dort saß zu protzen, wie der Herz-König. Indessen mir nun meine Alte das Haar trocknet' und kämpelt', [317] denn sie pflegte meiner, wie einem Fürsten oder kleinen Kinde, trug mehrgemeldtes Jungfräulein die Speisen auf, und nachdem der Tisch überstellt war, traten drei heroische junge Damen in den Saal, welche ihre alabasterweißen Brüste zwar ziemlich weit entblößt trugen, vor den Angesichtern aber ganz vermaskiert; Sie dünkten mich alle drei vortrefflich schön zu sein, aber doch war eine viel schöner als die andern; ich machte ihnen ganz stillschweigend einen tiefen Bückling, und sie bedankten sich gegen mich mit gleichen Zeremonien, welches natürlich sah, als ob etliche Stummen beieinander gewesen, so die Redenden agiert hätten, sie setzten sich alle drei zugleich nieder, daß ich also nit erraten konnte, welche die vornehmste unter ihnen gewesen, viel weniger welcher ich zu dienen da war; Die erste Red war, ob ich nit französisch könnte? Meine Landsmännin sagte: »Nein«; Hierauf versetzte die ander, sie sollte mir sagen, ich wollte belieben niederzusitzen, als solches geschehen, befahl die dritte meiner Dolmetschin, sie sollte sich auch setzen: Woraus ich abermal nicht abnehmen mögen, welche die vornehmste unter ihnen war. Ich saß neben der Alten gerad gegen diesen dreien Damen über, und ist demnach meine Schönheit ohn Zweifel neben einem so alten Geripp desto besser hervorgeschienen. Sie blickten mich alle drei sehr andächtig an, und ich dürfte schwören, daß sie viel hundert Seufzer gehen ließen: Ihre Augen konnte ich nit sehen funkeln wegen der Masken, die sie vor sich hatten. Meine Alte fragte mich (sonst konnte niemand mit mir reden), welche ich unter diesen dreien für die schönste hielte? Ich antwortet, daß ich keine Wahl darunter sehen könnte. Hierüber fing sie an zu lachen, daß man ihr alle vier Zähn sah, die sie noch im Maul hatte, und fragte, warum das? Ich antwortet, weil ich sie nit recht sehen könnte, doch soviel ich sähe, wären sie alle drei nit häßlich. Dieses, was die Alte gefragt, und ich geantwort, wollten die Damen wissen; mein Alte verdolmetschte es, und log noch dazu, ich hätte gesagt, einer jeden Mund wäre hunderttausendmal Küssens wert! denn ich konnte ihnen die Mäuler unter den Masken wohl sehen, sonderlich deren, [318] so gerad gegen mir über saß. Mit diesem Fuchsschwanz machte die Alte, daß ich dieselbe für die vornehmste hielt, und sie auch desto eiferiger betrachtete. Dies war all unser Diskurs über Tisch, und ich stellte mich, als ob ich kein französisch Wort verstünde. Weil es denn so still herging, machten wir desto ehe Feirabend: Darauf wünschten mir die Damen eine gute Nacht, und gingen ihres Wegs, denen ich das Geleite nit weiter als bis an die Tür geben durfte, so die Alte gleich nach ihnen zuriegelte. Da ich das sah, fragte ich, wo ich denn schlafen müßte? Sie antwortet', ich müßte bei ihr in gegenwärtigem Bett vorlieb nehmen; Ich sagte, das Bett wäre gut genug, wenn nur auch eine von jenen dreien darin läge! »Ja«, sagte die Alte, »es wird Euch fürwahr heunt keine von ihnen zuteil.« Indem wir so plauderten, zog eine schöne Dam, die im Bett lag, den Umhang etwas zurück, und sagte zu der Alten, sie sollte aufhören zu schwätzen, und schlafengehen! Darauf nahm ich ihr das Licht, und wollte sehen, wer im Bett läge? Sie aber löschte solches aus und sagte: »Herr, wenn Ihm Sein Kopf lieb ist, so unterstehe Er sich dessen nit, was Er im Sinn hat; Er lege sich, und sei versichert, da Er mit Ernst sich bemühen wird, diese Dame wider ihren Willen zu sehen, daß Er nimmermehr lebendig von hinnen kommt!« Damit ging sie durch, und beschloß die Tür, die Jungfer aber, so dem Feur gewartet, löscht' das auch vollend aus, und ging hinter einer Tapezerei, durch ein verborgene Tür, auch hinweg. Hierauf sagte die Dame, so im Bett lag: »Allez Mons. Beau Alman, gee schlaff mein Herz, gom, rick su mir!« So viel hatte sie die Alte Teutsch gelernet; Ich begab mich zum Bett, zu sehen, wie denn dem Ding zu tun sein möchte? und sobald ich hinzukam, fiel sie mir um den Hals, bewillkommte mich mit vielem Küssen, und biß mir vor hitziger Begierde schier die unter Lefzen herab; ja sie fing an meinen Schlafpelz aufzuknöpfeln, und das Hemd gleichsam zu zerreißen, zog mich also zu sich, und stellte sich vor unsinniger Liebe also an, daß nicht auszusagen. Sie konnte nichts anders Teutsch, als ›Rick su mir mein Herz!‹ das übrige gab sie sonst mit Gebärden zu verstehen. Ich gedachte zwar [319] heim an meine Liebste, aber was halfs, ich war leider ein Mensch, und fand ein solche wohlproportionierte Kreatur und zwar von solcher Lieblichkeit, daß ich wohl ein Block hätte sein müssen, wenn ich keusch hätte davonkommen sollen.

Dergestalt bracht ich acht Tag und soviel Nächt an diesem Ort zu, und ich glaube, daß die andern drei auch bei mir gelegen sind, denn sie redeten nicht alle wie die erste, und stellten sich auch nicht so närrisch. Wiewohl ich nun acht ganzer Tage bei diesen vier Damen war, so kann ich doch nit sagen, daß mir zugelassen worden, ein einzige anders als durch eine Florhauben, oder es sei denn finster gewesen, im bloßen Angesicht zu beschauen. Nach geendigter Zeit der acht Tag setzt' man mich im Hof, mit verbundenen Augen, in eine zugemachte Kutsche, zu meiner Alten, die mir unterwegs die Augen wieder aufband, und führte mich in meines Herrn Hof, alsdann fuhr die Kutsche wieder schnell hinweg. Meine Verehrung war zweihundert Pistolet, und da ich die Alte fragte, ob ich niemand kein Trinkgeld davon geben sollte? sagte sie: »Beileib nicht! denn wenn Ihr solches tätet, so würde es die Dames verdrießen; ja sie würden gedenken, Ihr bildet Euch ein, Ihr wäret in einem Hurenhaus gewesen, da man alles belohnen muß.« Nachgehends bekam ich noch mehr dergleichen Kunden, welche mirs so grob machten, daß ich endlich aus Unvermögen der Narrenpossen ganz überdrüssig wurde.

6. Kapitel
Das 6. Kapitel

Simplicius macht sich heimlich weg, und wie ihm der Stein geschnitten wird, als er vermeint, er habe mal de Nable


Durch diese meine Hantierung brachte ich beides an Geld und andern Sachen so viel Verehrungen zusammen, daß mir angst dabei wurde, und verwunderte ich mich nit mehr, daß sich die Weibsbilder ins Bordell begeben, und ein Handwerk aus dieser viehischen Unfläterei machen, weil [320] es so trefflich wohl einträgt; Aber ich fing an, und ging in mich selber, nit zwar aus Gottseligkeit oder Trieb meines Gewissens, sondern aus Sorg, daß ich einmal auf so einer Kürbe ertappt, und nach Verdienst bezahlt werden möchte: Derhalben trachtet ich, wieder nach Teutschland zu kommen, und das um soviel desto mehr, weil der Kommandant zu L. mir geschrieben, daß er etliche kölnische Kaufleute bei den Köpfen gekriegt, die er nit aus Händen lassen wollte, es seien ihm denn meine Sachen zuvor eingehändigt. Item, daß er mir das versprochene Fähnlein noch aufhalte, und meiner noch vor dem Frühling gewärtig sein wollte, denn sonst, wo ich in der Zeit nit käme, müßte er die Stell mit einem andern besetzen; so schickte mir mein Weib auch ein Brieflein dabei, das voll liebreicher Bezeugungen ihres großen Verlangens war: hätte sie aber gewußt, wie ich so ehrbar gelebt, so sollte sie mir wohl einen andern Gruß hineingesetzt haben.

Ich konnte mir wohl einbilden, daß ich mit Monsig. Canards Konsens schwerlich hinwegkäme, gedacht derhalben heimlich durchzugehen, sobald ich Gelegenheit haben könnte, so mir zu meinem großen Unglück auch anging. Denn als ich einsmals etliche Offizier von der weimarischen Armee antraf, gab ich mich ihnen zu erkennen, daß ich nämlich ein Fähnrich von des Obristen de S.A. Regiment, und in meinen eigenen Geschäften ein Zeitlang in Paris gewesen, nunmehr aber entschlossen sei, mich wieder zum Regiment zu begeben, mit Bitt, sie wollten mich in ihre Gesellschaft zu einem Reisgefährten mitnehmen: Also eröffneten sie mir den Tag ihres Aufbruchs, und nahmen mich willig auf, ich kaufte mir einen Klepper, und montierte mich auf die Reis so heimlich als ich konnte, packte mein Geld zusamm (so ohngefähr bei fünfhundert Dublonen waren, die ich alle den gottlosen Weibsbildern abverdient hatte), und machte mich ohne von Mons. Canard gegebene Erlaubnis mit ihnen fort; schrieb ihm aber zurück, und datiert das Schreiben zu Maastricht, damit er meinen sollte, ich wäre auf Köln gangen, darin nahm ich meinen Abschied, mit Vermelden, daß mir unmöglich gewesen länger zu bleiben, [321] weil ich seine aromatischen Würste nicht mehr verdauen hätte können.

Im zweiten Nachtlager von Paris aus wurde mir natürlich wie einem der den Rotlauf bekommt, und mein Kopf tat mir so grausam wehe, daß mir unmöglich war aufzustehen. Es war in einem gar schlechten Dorf, darin ich keinen Medicum haben konnte, und was das Ärgste war, so hatte ich auch niemand der mir wartete, denn die Offizier reisten des Morgens früh ihres Wegs fort, gegen das Elsaß zu, und ließen mich, als einen der sie nichts anginge, gleichsam todkrank daliegen, doch befahlen sie bei ihrem Abschied dem Wirt mich und mein Pferd, und hinterließen bei dem Schulzen im Dorf, daß er mich als einen Kriegsoffizier, der dem König diene, beobachten sollte.

Also lag ich ein paar Tag dort, daß ich nichts von mir selber wußte, sondern wie ein Hirnschelliger fabelte, man brachte den Pfaffen, derselbe konnte aber nichts Verständiges von mir vernehmen. Und weil er sah, daß er mir die Seel nit arzneien konnte, gedacht er auf Mittel, dem Leib nach Vermögen zu Hilf zu kommen, allermaßen er mir eine Ader öffnen, ein Schweißtrank eingeben, und in ein warmes Bett legen lassen, zu schwitzen; Das bekam mir so wohl, daß ich mich in derselben Nacht wieder besann wo ich war, und wie ich dahin kommen, und krank worden wäre. Am folgenden Morgen kam obgemeldter Pfaff wieder zu mir, und fand mich ganz desperat, dieweil mir nicht allein all mein Geld entführt war, sondern auch nit anders meinte, als hätte ich (s.v.) ›die lieben Franzosen‹, weil sie mir billiger als so viel Pistolen gebührten, und ich auch über dem ganzen Leib so voller Flecken war, als ein Tiger; ich konnte weder gehen, stehen, sitzen noch liegen, da war keine Geduld bei mir, denn gleichwie ich nicht glauben konnte, daß mir Gott das verlorne Geld beschert hätte, also war ich jetzt so ungehalten, daß ich sagte, der Teufel hätte mirs wieder weggeführt! Ja ich stellte mich nicht anders, als ob ich ganz verzweifeln hätte wollen, daß also der gute Pfarrer genug an mir zu trösten hatte, weil mich der Schuh an zweien Orten so heftig drückte. »Mein Freund«, sagt' er, [322] »stellt Euch doch als ein vernünftiger Mensch, wenn Ihr Euch ja nit in Eurem Kreuz anlassen könnet wie ein frommer Christ, was macht Ihr, wollt Ihr zu Eurem Geld auch das Leben, und was mehr ist, auch die Seligkeit verlieren?« Ich antwortet: »Nach dem Geld fragte ich nichts, wenn ich nur diese abscheuliche verfluchte Krankheit nit am Hals hätte, oder wäre nur an Ort und Enden, da ich wieder kuriert werden könnte!« »Ihr müßt Euch gedulden«, antwort der Geistliche, »wie müssen die armen kleinen Kinder tun, deren in hiesigem Dorf über fünfzig daran krank liegen?« Wie ich hörte, daß auch Kinder damit behaftet, war ich alsbalden herzhafter, denn ich konnte ja leicht gedenken, daß selbige diese garstige Seuch nit kriegen würden; nahm derowegen mein Felleisen zur Hand, und suchte, was es etwa noch vermöchte, aber da war ohne das weiß Gezeug nichts Schätzbares innen, als ein Kapsel mit einer Damen Conterfait, rund herum mit Rubinen besetzt, so mir eine zu Paris verehrt hatte; ich nahm das Conterfait heraus, und stellte das übrige dem Geistlichen zu, mit Bitt, solches in der nächsten Stadt zu versilbern, damit ich etwas zu verzehren haben möchte: Dies ging dahin, daß ich kaum den dritten Teil seines Werts dafür kriegte, und weil es nit lang daurte, mußte auch mein Klepper fort, damit reichte ich kärglich hinaus, bis die Purpeln anfingen zu dörren, und mir wieder besser wurde.

7. Kapitel
Das 7. Kapitel

Wie Simplicius Kalender macht, und als ihm das Wasser ans Maul ging, schwimmen lernte


Womit einer sündiget, damit pflegt einer auch gestraft zu werden, diese Kinds-Blattern richteten mich dergestalt zu, daß ich hinfüro vor den Weibsbildern gute Ruhe hatte; ich kriegte Gruben im Gesicht, daß ich aussah wie ein Scheurtenne, darin man Erbsen gedroschen, ja ich wurde so häßlich, daß sich meine schönen krausen Haar, in welchem [323] sich so manch Weibsbild verstrickt, meiner schämten, und ihre Heimat verließen; An deren Statt bekam ich andere, die sich den Sauborsten vergleichen ließen, daß ich also notwendig eine Perücke tragen mußte, und gleichwie auswendig an der Haut keine Zierd mehr übrigblieb, also ging meine liebliche Stimm auch dahin, dann ich den Hals voller Blattern gehabt, meine Augen, die man hiebevor niemal ohne Liebesfeur finden können, eine jede zu entzünden, sahen jetzt so rot und triefend aus, wie eines achtzigjährigen Weibs, das den Cornelium hat. Und über das alles so war ich in fremden Landen, kannte weder Hund noch Menschen, ders treulich mit mir meinte, verstand die Sprach nicht, und hatte allbereit kein Geld mehr übrig.

Da fing ich erst an hinter mich zu gedenken, und die herrlichen Gelegenheiten zu bejammern, die mir hiebevor zu Beförderung meiner Wohlfahrt angestanden, ich aber so liederlich hatte verstreichen lassen; Ich sah erst zurück, und merkte, daß mein extraordinari Glück im Krieg und mein gefundener Schatz nichts anders als eine Ursach und Vorbereitung zu meinem Unglück gewesen, welches mich nimmermehr so weit hinunter hätte werfen können, da es mich nit zuvor durch falsche Blick angeschaut, und so hoch erhoben hätte, ja ich fand, daß dasjenige Gute, so mir begegnet, und ich für gut gehalten, bös gewesen, und mich in das äußerste Verderben geleitet hatte; da war kein Einsiedel mehr, ders treulich mit mir gemeint, kein Obrist Ramsay, der mich in meinem Elend aufgenommen, kein Pfarrer, der mir das Beste geraten, und in Summa kein einziger Mensch, der mir etwas zugut getan hätte; sondern da mein Geld hin war, hieß es, ich sollte auch fort, und meine Gelegenheit anderswo suchen, und hätte ich wie der verlorne Sohn mit den Säuen vorlieb nehmen sollen. Damals gedacht ich erst an desjenigen Pfarrherrn guten Rat, der da vermeinte, ich sollte meine Mittel und Jugend zu den Studiis anwenden, aber es war viel zu spät mit der Scher, dem Vogel die Flügel zu beschneiden, weil er schon entflogen; O schnelle und unglückselige Veränderung! vor vier Wochen war ich ein Kerl, der die Fürsten zur Verwunderung [324] bewegte, das Frauenzimmer entzückte, und dem Volk als ein Meisterstück der Natur, ja wie ein Engel vorkam, jetzt aber so ohnwert, daß mich die Hund anpißten. Ich machte wohl tausend und abertausenderlei Gedanken, was ich angreifen wollte, denn der Wirt stieß mich aus dem Haus, da ich nichts mehr bezahlen konnte, ich hätte mich gern unterhalten lassen, es wollte mich aber kein Werber für einen Soldaten annehmen, weil ich als ein grindiger Kuckuck aussah; arbeiten konnte ich nit, denn ich war noch zu matt, und überdas noch keiner gewohnt. Nichts tröstete mich mehr, als daß es gegen den Sommer ging, und ich mich zur Not hinter einer Hecken behelfen konnte, weil mich niemand mehr im Haus wollte leiden. Ich hatte mein stattlich Kleid noch, das ich mir auf die Reis machen lassen, samt einem Felleisen voll kostbar Leinengezeug, das mir aber niemand abkaufen wollte, weil jeder sorgte, ich möchte ihm auch eine Krankheit damit an Hals hängen. Solches nahm ich auf den Buckel, den Degen in die Hand, und den Weg unter die Füß, der mich in ein klein Städtlein trug, so gleichwohl ein eigene Apothek vermochte; in dieselbe ging ich, und ließ mir eine Salbe zurichten, die mir die Urschlechtenmäler im Gesicht vertreiben sollte, und weil ich kein Geld hatte, gab ich dem Apotheker-Gesellen ein schön zart Hemd dafür, der nit so ekel war, wie andere Narren, so keine Kleider von mir haben wollten. Ich gedachte, wenn du nur der schändlichen Flecken los wirst, so wird sichs schon auch wieder mit deinem Elend bessern; und weil mich der Apotheker tröstete, man würde mir über acht Tag ohne die tiefen Narben, so mir die Purpeln in die Haut gefressen, wenig mehr ansehen, war ich schon beherzter. Es war eben Markt daselbst, und auf demselben befand sich ein Zahnbrecher, der trefflich Geld lösete, da er doch liederlich Ding den Leuten dafür anhängte: »Narr«, sagte ich zu mir selber, »was machst du, daß du nicht auch so einen Kram aufrichtest? bist du solang bei Mons. Canard gewesen, und hast nit soviel gelernt, ein einfältigen Bauren zu betrügen, und dein Maulfutter davon zu gewinnen, so mußt du wohl ein elender Tropf sein.«

8. Kapitel
[325] Das 8. Kapitel

Wie er ein landfahrender Storcher und Leutbetrüger worden


Ich mochte damals fressen wie ein Drescher, denn mein Magen war nicht zu ersättigen, wiewohl ich nichts mehr im Vorrat hatte, als noch einen einzigen güldenen Ring mit einem Diamant, der etwa zwanzig Kronen wert war, den versilberte ich um zwölfe, und demnach ich mir leicht einbilden konnte, daß dies bald aus sein würde, da ich nichts dazugewann, resolviert ich mich, ein Arzt zu werden. Ich kaufte mir die Materialia zu dem Theriaca Diatessaron, und richtete mir denselben zu; alsdann machte ich aus Kräutern, Wurzeln, Butter, und etlichen Olitäten eine grüne Salbe zu allerhand Wunden, damit man auch wohl ein gedrückt Pferd hätte heilen können, item aus Galmei, Kieselsteinen, Krebsaugen, Schmirgel und Trippel ein Pulver, weiße Zähn damit zu machen; ferner ein blau Wasser aus Lauge, Kupfer, Sal ammoniacum und Camphor für den Scharbock, Mundfäule, Zahn- und Augenwehe, bekam auch ein Haufen blecherne und hölzerne Büchslein, Papier und Gläslein, meine War dareinzuschmieren, und damit es auch ein Ansehen haben möchte, ließ ich mir einen französischen Zettel konzipieren und drucken, darinnen man sehen konnte, wozu ein und anders gut war. In dreien Tagen war ich mit meiner Arbeit fertig, und hatte kaum drei Kronen in die Apothek und für Geschirr angewendet, da ich dies Städtlein verließ. Also packte ich auf, und nahm mir vor, von einem Dorf zum andern bis in das Elsaß hinein zu wandern, und meine War unterwegs an Mann zu bringen; folgends zu Straßburg, als in einer neutralen Stadt, mich mit Gelegenheit auf den Rhein zu setzen, mit Kaufleuten wieder nach Köln zu begeben, und von dort aus meinen Weg zu meinem Weib zu nehmen; das Vorhaben war gut, aber der Anschlag fehlte weit!

Da ich das erstemal mit meiner Quacksalberei vor eine Kirche kam, und feil hatte, war die Losung gar schlecht, weil ich viel zu blöd war, mir auch sowohl die Sprach als [326] storgerische Aufschneiderei nicht vonstatten gehen wollte; sah demnach gleich, daß ichs anderst angreifen müßte, wenn ich Geld einnehmen wollte. Ich ging mit meinem Kram in das Wirtshaus, und vernahm über Tisch vom Wirt, daß den Nachmittag allerhand Leut unter der Linden vor seinem Haus zusammenkommen würden, da dürfte ich dann wohl so etwas verkaufen, wenn ich gute War hätte, allein es gebe der Betrüger so viel im Land, daß die Leut gewaltig mit dem Geld zurückhielten, wenn sie keine gewisse Prob vor Augen sähen, daß der Theriak aus bündig gut wäre. Als ich dergestalt vernahm, wo es mangelte, bekam ich ein halbes Trinkgläslein voll guten Straßburger Branntewein, und fing eine Art Krotten, die man Reling oder Möhmlein nennet, so im Frühling und Sommer in den unsaubern Pfützen sitzen und singen, sind goldgelb oder fast rotgelb, und unten am Bauch schwarz gescheckigt, gar unlustig anzusehen: Ein solches setzt ich in ein Schoppenglas mit Wasser, und stellts neben meine War auf einen Tisch unter der Linden. Wie sich nun die Leut anfingen zu versammeln, und um mich herumstanden, vermeinten etliche, ich würde mit der Kluft, so ich von der Wirtin aus ihrer Küchen entlehnt, die Zähn ausbrechen, ich aber fing an: »Ihr Herrn und gueti Freund (denn ich konnte noch gar wenig Französisch reden) bin ich kein Brech-dir-die-Zahn-aus, allein hab ich gut Wasser für die Aug, es mach all die Flüß aus die rode Aug.« »Ja«, antwortet' einer, »man siehets an Euren Augen wohl, die sehen ja aus, wie zween Irrwisch.« Ich sagte: »Das ist wahr, wenn ich aber der Wasser für mich nicht hab, so wär ich wohl gar blind werd, ich verkauf sonst der Wasser nit, der Theriak und der Pulver für die weiße Zähn, und das Wundsalb will ich verkauf, und der Wasser noch dazu schenk; Ich bin kein Schreier oder Bescheiß-dir-die-Leut, hab ich mein Theriak feil, wenn ich sie habe probiert, und sie dir nit gefallt, so darfst du sie mir nit kauf ab.« Indem ließ ich einen von dem Umstand eins von meinen Theriak-Büchslein auswählen, aus demselben tat ich etwa einer Erbse groß in meinen Branntewein, den die Leut für Wasser ansahen, zertrieb ihn darin, und kriegte hierauf mit der Kluft [327] das Möhmlein aus dem Glas mit Wasser, und sagte: »Secht ihr gueti Freund, wann dies giftig Wurm kann mein Theriak trink, und sterbe nit, so ist der Ding nit nutz, dann kauf ihr mir nit ab.« Hiemit steckte ich die arme Krott, welche im Wasser geboren und erzogen, und kein ander Element oder Liquor leiden konnte, in meinen Branntewein, und hielt es mit einem Papier zu, daß es nit herausspringen konnte; da fing es dergestalt an darin zu wüten und zu zappeln, ja viel ärger zu tun, als ob ichs auf glühende Kohlen geworfen hätte, weil ihm der Branntewein viel zu stark war, und nachdem es so ein kleine Weil getrieben, verreckt' es, und streckt' alle viere von sich. Die Baurn sperrten Maul und Beutel auf, da sie diese so gewisse Prob mit ihren Augen angesehen hatten; da war in ihrem Sinn kein besserer Theriak in der Welt, als der meinige, und hatte ich genug zu tun, den Plunder in die Zettel zu wickeln, und Geld dafür einzunehmen; es waren etliche unter ihnen, die kauftens wohl drei-, vier-, fünf- und sechsfach, damit sie ja auf den Notfall mit so köstlicher Giftlatwerge versehen wären, ja sie kauften auch für ihre Freund und Verwandte, die an andern Orten wohnten, daß ich also mit der Narrnweis, da doch kein Marktag war, denselben Abend zehen Kronen löste, und doch noch mehr als die Hälfte meiner War behielt. Ich machte mich noch dieselbe Nacht in ein ander Dorf, weil ich sorgte, es möchte etwa auch ein Baur so kurios sein, und eine Krott in ein Wasser setzen, meinen Theriak zu probiern, und wenn es dann mißlinge, mir der Buckel geräumt werden. Damit ich aber gleichwohl auch die Vortrefflichkeit meiner Giftlatwerge auf ein andere Manier erweisen könnte, machte ich mir aus Mehl, Saffran und Gallus einen gelben Arsenicum, und aus Mehl und Victril einen Mercurium sublimatum, und wenn ich die Prob tun wollte, hatte ich zwei gleiche Gläser mit frischem Wasser auf dem Tisch, davon das eine ziemlich stark mit Aqua fort oder Spiritus Victril vermischt war, in dasselbe zerrührte ich ein wenig von meinem Theriak, und schabte alsdann von meinen beiden Giften soviel als genug war, hinein, davon wurde das eine Wasser, so keinen [328] Theriak, und also auch kein Aqua fort hatte, so schwarz wie eine Tinte, das ander aber blieb wegen des Scheidwassers wie es war. »Ha«, sagten dann die Leut, »seht, das ist fürwahr ein köstlicher Theriak, so um ein gering Geld!« Wenn ich dann beide untereinander goß, so wurde wieder alles klar; davon zogen dann die guten Baurn ihre Beutel, und kauften mir ab, welches nicht allein meinem hungrigen Magen wohl zupaß kam, sondern ich machte mich auch wieder beritten, prosperierte noch dazu viel Geld auf meiner Reis, und kam glücklich an die teutsche Grenz. Darum ihr lieben Baurn, glaubt den fremden Marktschreiern so leicht nicht, ihr werdet sonst von ihnen betrogen, als welche nicht euer Gesundheit, sondern euer Geld suchen.

9. Kapitel
Das 9. Kapitel

Wie dem Doktor die Muskete zuschlägt unter dem Hauptmann Schmalhansen


Da ich durch Lothringen passierte, ging mir meine War aus, und weilen ich die Garnisonen scheuete, hatte ich keine Gelegenheit andere zuzurichten, derhalben mußte ich wohl was anders anfangen, bis ich wieder Theriak machen könnte. Ich kaufte mir zwei Maß Branntewein, färbte ihn mit Saffran, füllte ihn in halblötige Gläslein, und verkaufte solchen den Leuten für ein köstlich Güldenwasser, das gut fürs Fieber sei, brachte also diesen Branntewein auf dreißig Gulden. Und demnach mirs auch an kleinen Gläslein zerrinnen wollte, ich aber von einer Glashütten hörete, die in dem Fleckensteinischen Gebiet läge, begab ich mich darauf zu, mich wieder zu montiern, und indem ich so Abweg suchte, wurde ich ungefähr von einer Partei aus Philippsburg, die sich auf dem Schloß Wagelnburg aufhielt, gefangen; kam also um all dasjenige, was ich den Leuten auf der Reis durch meine Betrügerei abgezwackt hatte, und weil der Baur, so mir den Weg zu weisen mitging, zu den Kerln gesagt, ich wäre ein Doktor, wurde ich wider des [329] Teufels Dank für einen Doktor nach Philippsburg geführt.

Daselbst wurde ich examiniert, und scheuete mich gar nit zu sagen wer ich wäre, so man mir aber nicht glauben, sondern mehr aus mir machen wollte, als ich hätte sein können, denn ich sollte und müßte ein Doktor sein; ich mußte schwören, daß ich unter die kaiserlichen Dragoner in Soest gehörig, und erzählte ferner bei Eidspflicht alles so mir von selbiger Zeit an bis hieher begegnet, und was ich jetzo zu tun vorhabens: Aber es hieß, der Kaiser brauche sowohl in Philippsburg als in Soest Soldaten, man würde mir bei ihnen Aufenthalt geben, bis ich gleichwohl mit guter Gelegenheit zu meinem Regiment kommen könnte; wenn mir aber dieser Vorschlag nit schmeckte, so möchte ich im Stockhaus vorliebnehmen, und mich, bis ich wieder loskäme, als einen Doktor traktieren lassen, für welchen sie mich denn auch gefangen bekommen hätten.

Also kam ich vom Pferd auf den Esel, und mußte ein Musketier werden wider meinen Willen; das kam mich blutsauer an, weil der Schmalhans dort herrschte, und das Kommißbrot daselbst schrecklich klein war; ich sage nit vergeblich schrecklich klein, denn ich erschrak alle Morgen, wenn ichs empfing, weil ich wußte, daß ich mich denselben ganzen Tag damit behelfen mußte, da ichs doch ohn einige Mühe auf einmal aufreiben konnte. Und die Wahrheit zu bekennen, so ists wohl ein elende Kreatur um einen Musketierer, der solchergestalt sein Leben in einer Garnison zubringen, und sich allein mit dem lieben trocken Brot, und noch dazu kaum halb satt, behelfen muß; denn da ist keiner anders als ein Gefangener, der mit Wasser und Brot der Trübsal sein armselig Leben verzögert, ja ein Gefangener hats noch besser, denn er darf weder wachen, Runden gehen, noch Schildwacht stehen, sondern bleibt in seiner Ruhe liegen, und hat sowohl Hoffnung, als ein so elender Garnisoner, mit der Zeit einmal aus solchem Gefängnis zu kommen. Zwar waren auch etliche, die ihr Auskommen um ein Kleines besser hatten, und auf unterschiedliche Gattungen, doch kein einzige Manier die mir beliebte, und solchergestalt mein Maulfutter zu erobern, anständig sein wollte: [330] Denn etliche nahmen (und sollten es auch verlaufene Huren gewesen sein) in solchem Elend keiner andern Ursach halber Weiber, als daß sie durch solche entweder mit Arbeiten, als Nähen, Waschen, Spinnen, oder mit Krämpeln und Schachern, oder wohl gar mit Stehlen ernährt werden sollen; da war eine Fähnrich unter den Weibern, die hatte ihre Gage wie ein Gefreiter; ein andere war Hebamme, und bracht dadurch sich selbsten und ihrem Mann manchen guten Schmaus zuwege; ein andere konnte stärken und waschen, diese wuschen den ledigen Offiziern und Soldaten Hemden, Strümpf, Schlafhosen, und ich weiß nicht was als mehr, davon sie ihre sonderen Namen kriegten; andere verkauften Tabak, und versahen der Kerl ihre Pfeifen, die dessen Mangel hatten; andere handelten mit Branntewein, und waren im Ruf, daß sie ihn mit Wasser, so sich von ihnen selbsten destilliert, verfälschten, davon es doch seine Prob nicht verlor; ein andere war eine Näherin, und konnte allerhand Stich und Model machen, damit sie Geld erwarb; ein andere wußte sich blößlich aus dem Feld zu ernähren, im Winter grub sie Schnecken, im Frühling grasete sie Salat, im Sommer nahm sie Vogelnester aus, und im Herbst wußte sie sonst tausenderlei Schnabelweid zu kriegen; etliche trugen Holz zu verkaufen, wie die Esel; und andere handelten auch mit etwas anders. Solchergestalt nun meine Nahrung zu haben, war nicht für mich, denn ich hatte schon ein Weib. Etliche Kerl ernährten sich mit Spielen, weil sie es besser als Spitzbuben konnten, und ihren einfältigen Kameraden das Ihrige mit falschen Würfeln und Karten abzuzwacken wußten, solche Profession aber war mir ein Ekel. Andere arbeiteten auf der Schanz und sonsten wie die Bestien, aber hierzu war ich zu faul; etliche konnten und trieben etwa ein Handwerk, ich Tropf aber hatte keines gelernt; zwar wenn man einen Musikanten vonnöten gehabt hätte, so wär ich wohl bestanden, aber dasselbe Hungerland behalf sich nur mit Trommeln und Pfeifen, etliche schillerten für andere, und kamen Tag und Nacht niemal von der Wacht, ich aber wollte lieber hungern, als meinen Leib so abmergeln; etliche brachten sich mit Parteigehen durch, [331] mir aber wurde nicht einmal vor das Tor zu gehen vertraut; etliche konnten besser mausen als Katzen, ich aber haßte solche Hantierung wie die Pest. In Summa, wo ich mich nur hinkehrte, da konnte ich nichts ergreifen, das meinen Magen hätte stillen mögen. Und was mich am allermeisten verdroß, war dieses, daß ich mich noch dazu mußte foppen lassen, wenn die Bursch sagten: »Solltest du ein Doktor sein, und kannst anders keine Kunst, als Hunger leiden?« Endlich zwang mich die Not, daß ich etlich schöne Karpfen aus dem Graben zu mir auf den Wall gaukelte, sobald es aber der Obrist inne wurde, mußte ich den Esel dafür reiten, und war mir meine Kunst ferner zu üben bei Hängen verboten. Zuletzt war anderer Unglück mein Glück, denn nachdem ich etliche Gelbsüchtige und ein paar Febrizitanten kurierte, die einen besondern Glauben an mir gehabt haben müssen, wurde mir erlaubt, vor die Festung zu gehen, meinem Vorwand nach, Wurzel und Kräuter zu meinen Arzneien zu sammeln, da richtet ich hingegen den Hasen mit Stricken, und hatte das Glück, daß ich die erste Nacht zween bekam, dieselben bracht ich dem Obristen und erhielt dadurch nicht allein einen Taler zur Verehrung, sondern auch Erlaubnis, daß ich hinaus dürfte gehen, den Hasen nachzustellen, wenn ich die Wacht nit hätte. Weil denn nun das Land ziemlich erödet, und niemand war, der diese Tier auffing, zumal sie sich trefflich gemehret hatten, also kam das Wasser wieder auf meine Mühl, maßen es das Ansehen hatte, als ob es mit Hasen schneiete, oder ich in meine Strick bannen könnte. Da die Offizier sahen, daß man mir trauen dürfte, wurde ich auch mit andern hinaus auf Partei gelassen, da fing ich nun mein soestisch Leben wieder an, außer daß ich keine Parteien führen und kommandieren dürfte, wie hiebevor in Westfalen, denn es war vonnöten, zuvor Weg und Steg zu wissen, und den Rheinstrom zu kennen.

10. Kapitel
[332] Das 10. Kapitel

Simplicius überstehet ein unlustig Bad im Rhein


Noch ein paar Stücklein will ich erzählen, ehe ich sage, wie ich wieder von der Muskete erlöset worden; eins von großer Leib- und Lebensgefahr, daraus ich durch Gottes Gnad entronnen, das ander von der Seelengefahr, darinnen ich hartnäckiger Weis stecken blieb, denn ich will meine Untugenden so wenig verhehlen, als meine Tugenden, damit nicht allein meine Histori ziemlich ganz sei, sondern der ohngewanderte Leser auch erfahre, was für seltsame Kauzen es in der Welt gibt.

Wie zu End des vorigen Kapitels gemeldet, so durfte ich auch mit andern auf Partei, so in Garnisonen nit jedem liederlichen Kunden, sondern rechtschaffenen Soldaten gegönnet wird: Also gingen nun unser neunzehn einsmals miteinander durch die Unter-Markgrafschaft hinauf, oberhalb Straßburg einem baslerischen Schiff aufzupassen, wobei heimlich etliche weimarische Offizierer und Güter sein sollten. Wir kriegten überhalb Ottenheim ein Fischernachen, uns damit überzusetzen, und in ein Werder zu legen, so gar vorteilhaftig lag, die ankommenden Schiff ans Land zu zwingen, maßen zehen von uns durch den Fischer glücklich übergeführt wurden; Als aber einer aus uns, der sonst wohl fahren konnte, die übrigen neune, darunter ich mich befand, auch holte, schlug der Nachen ohnversehens um, daß wir also urplötzlich miteinander im Rhein lagen. Ich sah mich nit viel nach den andern um, sondern gedachte auf mich selbst. Ob ich mich nun zwar aus allen Kräften spreizte und alle Vorteil der guten Schwimmer brauchte, so spielte dennoch der Strom mit mir wie mit einem Ballen, indem er mich bald über- bald untersich in Grund warf, ich hielt mich so ritterlich, daß ich oft über ihn kam, Atem zu schöpfen; wäre es aber um etwas kälter gewesen, so hätte ich mich nimmermehr so lang enthalten, und mit dem Leben entrinnen können: Ich versuchte oft ans Ufer zu gelangen, so mir aber die Wirbel nit zuließen, als die mich von einer [333] Seite zur andern warfen, und ob ich zwar in Kürze unter Goldscheur kam, so wurde mir doch die Zeit so lang, daß ich schier an meinem Leben verzweifelte. Demnach ich aber die Gegend bei dem Dorf Goldscheur passiert hatte, und mich bereits drein ergeben, ich würde meinen Weg durch die Straßburger Rheinbrücke entweder tot oder lebendig nehmen müssen, wurde ich eines großen Baums gewahr, dessen Äste unweit vor mir aus dem Wasser hervorreichten, der Strom ging streng und recta drauf zu, derhalben wandte ich alle übrigen Kräfte an, den Baum zu erlangen, welches mir denn trefflich glückte, also daß ich beides durchs Wasser und meine Mühe auf den größten Ast, den ich anfänglich für einen Baum angesehen, zu sitzen kam, derselbe wurde aber von den Strudeln und Wellen dergestalt tribuliert, daß er ohn Unterlaß auf- und niederknappen mußte, und derhalben mein Magen also erschüttert, daß ich Lung und Leber hätte ausspeien mögen. Ich konnte mich kümmerlich darauf halten, weil mir ganz seltsam vor den Augen wurde, ich hätte mich gern wieder ins Wasser gelassen, befand aber wohl, daß ich nit Manns genug wäre, nur den hunderten Teil solcher Arbeit auszustehen, dergleichen ich schon überstritten hatte, mußte derowegen verbleiben und auf ein Ungewisse Erlösung hoffen, die mir Gott ungefähr schicken müßte, da ich anderst mit dem Leben davonkommen sollte. Aber mein Gewissen gab mir hierzu einen schlechten Trost, indem es mir vorhielt, daß ich solche gnadenreiche Hilfe nun ein paar Jahr her so liederlich verscherzt; jedoch hoffte ich ein Bessers, und fing so andächtig an zu beten, als ob ich in einem Kloster erzogen worden wäre; ich setzte mir vor, inskünftig frömmer zu leben, und tat unterschiedliche Gelübde: Ich widersagte dem Soldatenleben und verschwor das Parteigehen auf ewig, schmiß auch meine Patrontasch samt dem Ranzen von mir, und ließ mich nit anderst an, als ob ich wieder ein Einsiedel werden, meine Sünden büßen, und der Barmherzigkeit Gottes für meine hoffende Erlösung bis in mein End danken wollte: Und indem ich dergestalt auf dem Ast bei zwei oder drei Stunden lang zwischen Furcht und Hoffnung [334] zugebracht, kam dasjenige Schiff den Rhein herunter, dem ich hätte aufpassen helfen sollen. Ich erhob meine Stimm erbärmlich, und schrie um Gottes und des Jüngsten Gerichts willen um Hilf, und nachdem sie unweit von mir vorüberfahren mußten, und dahero meine Gefahr und elenden Stand desto eigentlicher sahen, wurde jeder im Schiff zur Barmherzigkeit bewegt, maßen sie gleich ans Land fuhren, sich zu unterreden, wie mir möchte zu helfen sein.

Weil denn wegen der vielen Wirbel, die es rund um mich herum gab, und von den Wurzeln und Ästen des Baums verursacht wurden, ohn Lebensgefahr weder zu mir zu schwimmen, noch mit großen und kleinen Schiffen zu mir zu fahren war, also erforderte meine Hilf lange Bedenkzeit; wie aber mir unterdessen zumut gewesen, ist leicht zu erachten: Zuletzt schickten sie zween Kerl mit einem Nachen oberhalb meiner in den Fluß, die mir ein Seil zufließen ließen, und das eine End davon bei sich behielten, das ander End aber bracht ich mit großer Mühe zuwegen, und band es um meinen Leib so gut ich konnte, daß ich also an demselben, wie ein Fisch an einer Angelschnur, in den Nachen gezogen und auf das Schiff gebracht wurde.

Da ich nun dergestalt dem Tod entronnen, hätte ich billig am Ufer auf die Knie fallen und der göttlichen Güte für meine Erlösung danken, auch sonst mein Leben zu bessern einen Anfang machen sollen, wie ich denn solches in meinen höchsten Nöten gelobt und versprochen. Ja hintersich naus! Denn da man mich fragte, wer ich sei? und wie ich in diese Gefahr geraten wäre? fing ich an, diesen Burschen vorzulügen, daß der Himmel hätte erschwarzen mögen; denn ich dachte, wenn du ihnen sagst, daß du sie hast plündern helfen wollen, so schmeißen sie dich alsbald wieder in Rhein; gab mich also für einen vertriebenen Organisten aus, und sagte, nachdem ich auf Straßburg gewollt, um über Rhein irgendeinen Schul- oder andern Dienst zu suchen, hätte mich eine Partei ertappt, ausgezogen, und in den Rhein geworfen, welcher mich auf gegenwärtigen Baum geführt. Und nachdem ich diese meine Lügen wohl füttern konnte, zumalen auch mit Schwüren bekräftigte, wurde mir geglaubt,[335] und mit Speis und Trank alles Gute erwiesen, mich wieder zu erquicken, wie ichs denn trefflich vonnöten hatte.

Beim Zoll zu Straßburg stiegen die meisten ans Land, und ich mit ihnen, da ich mich denn gegen dieselben hoch bedankte, und unter andern eines jungen Kaufherrn gewahr wurde, dessen Angesicht, Gang und Gebärden mir zu erkennen gaben, daß ich ihn zuvor mehr gesehen, konnte mich aber nicht besinnen, wo? vernahm aber an der Sprach, daß es eben derjenige Kornett war, so mich hiebevor gefangen bekommen, ich wußte aber nicht zu ersinnen, wie er aus einem so braven jungen Soldaten zu einem Kaufmann worden, vornehmlich weil er ein geborner Kavalier war: die Begierde zu wissen, ob mich meine Augen und Ohren betrügen oder nicht, trieben mich dahin, daß ich zu ihm ging, und sagte: »Monsieur Schönstein, ist ers, oder ist ers nicht?« Er aber antwort: »Ich bin keiner von Schönstein, sondern ein Kaufmann«; da sagte ich: »So bin ich auch kein Jäger von Soest nit, sondern ein Organist, oder vielmehr ein landläufiger Bettler!« »O Bruder«, sagt' hingegen jener, »was Teufels machst du, wo ziehest du herum?« Ich sagte: »Bruder, wenn du vom Himmel versehen bist, mir das Leben erhalten zu helfen, wie nun zum zweitenmal geschehen ist, so erfordert ohn Zweifel mein Fatum, daß ich alsdann nit weit von dir sei.« Hierauf nahmen wir einander in die Arm, als zwei getreue Freund, die hiebevor beiderseits versprochen, einander bis in Tod zu lieben. Ich mußte bei ihm einkehren, und alles erzählen, wie mir ergangen, seit ich von L. nach Köln verreist, meinen Schatz abzuholen, verschwieg ihm auch nit, wasgestalt ich mit einer Partei ihrem Schiff hätte aufpassen wollen, und wie es uns drüber erging; Aber wie ich zu Paris gehaust, davon schwieg ist stockstill, denn ich sorgte, er möchte es zu L. ausbringen, und mir deswegen bei meinem Weib einen bösen Rauch machen. Hingegen vertraute er mir, daß er von der hessischen Generalität zu Herzog Bernhard, dem Fürsten von Weimar, geschickt worden, wegen allerhand Sachen von großer Importanz, das Kriegswesen betreffend, Relation zu tun, und künftiger Kampagne und Anschläg [336] halber zu konferieren, welches er nunmehr verrichtet und in Gestalt eines Kaufmanns, wie ich denn vor Augen sähe, auf der Zurückreis begriffen sei. Benebens erzählte er mir auch, daß meine Liebste bei seiner Abreis großen Leibs, und neben ihren Eltern und Verwandten noch in gutem Wohlstand gewesen; item daß mir der Obrist das Fähnlein noch aufhalte, und vexierte mich daneben, weil mich die Urschlechten so verderbt hätten, daß mich weder mein Weib noch das andere Frauenzimmer zu L. für den Jäger mehr annehmen werde, etc. Demnach redten wir miteinander ab, daß ich bei ihm verbleiben, und mit solcher Gelegenheit wieder nach L. kehren sollte, so ein erwünschte Sach für mich war. Und weil ich nichts als Lumpen an mir hatte, streckt' er mir etwas an Geld vor, damit ich mich wie ein Gaden-Diener montierte.

Man sagt aber, wenn ein Ding nit sein soll, so geschiehts nicht, das erfuhr ich auch, denn da wir den Rhein hinunterfuhren, und das Schiff zu Rheinhausen visitiert wurde, erkannten mich die Philippsburger, welche mich wieder anpackten, und nach Philippsburg führten, allda ich wieder wie zuvor einen Musketierer abgeben mußte, welches meinen guten Kornett ja so sehr verdroß, als mich selbsten, weil wir uns wieder scheiden mußten, so durfte er sich auch meiner nicht hoch annehmen, denn er hatt' mit sich selbst zu tun, sich durchzubringen.

11. Kapitel
Das 11. Kapitel

Warum die Geistlichen keine Hasen essen sollen, die mit Stricken gefangen worden


Also hat nun der günstige Leser vernommen, in was für einer Lebensgefahr ich gesteckt; betreffend aber die Gefahr meiner Seelen, ist zu wissen, daß ich unter meiner Muskete ein rechter wilder Mensch war, der sich um Gott und sein Wort nichts bekümmerte, keine Bosheit war mir zuviel, da waren alle Gnaden und Wohltaten, die ich von [337] Gott jemals empfangen, allerdings vergessen, so bat ich auch weder um das Zeitlich noch Ewig, sondern lebte auf den alten Kaiser hinein wie ein Vieh. Niemand hätte mir glauben können, daß ich bei einem so frommen Einsiedel wäre erzogen worden; selten kam ich in die Kirch, und gar nicht zur Beicht, und gleichwie mir meiner Seelen Heil nichts anlag, also betrübte ich meinen Nebenmenschen desto mehr: Wo ich nur jemand berücken konnte, unterließ ichs nit, ja ich wollte noch Ruhm davon haben; so daß schier keiner ohngeschimpft von mir kam, davon kriegte ich oft dichte Stöß, und noch öfter den Esel zu reiten, ja man bedrohete mich mit Galgen und Wippe, aber es half alles nichts, ich trieb meine gottlose Weis fort, daß es das Ansehen hatte, als ob ich das desperat spielte, und mit Fleiß der Höllen zurannte. Und ob ich gleich keine Übeltat beging, dadurch ich das Leben verwirkt hätte, so war ich jedoch so ruchlos, daß man (außer den Zauberern und Sodomiten) kaum einen wüstern Menschen antreffen mögen.

Dies nahm unser Regiments-Kaplan an mir in acht, und weil er ein rechter frommer Seeleneiferer war, schickte er auf die österliche Zeit nach mir, zu vernehmen, warum ich mich nicht bei der Beicht und Kommunion eingestellt hätte? Ich traktierte ihn aber nach seinen vielen treuherzigen Erinnerungen wie hiebevor den Pfarrer zu L. Also daß der gute Herr nichts mit mir ausrichten konnte. Und indem es schien, als ob Christus und Tauf an mir verloren wäre, sagte er zum Beschluß: »Ach du elender Mensch! ich habe vermeint, du irrest aus Unwissenheit, aber nun merke ich, daß du aus lauter Bosheit, und gleichsam vorsetzlicher Weis zu sündigen fortfährest, Ach wer vermeinst du wohl, der ein Mitleiden mit deiner armen Seel und ihrer Verdammnis haben werde? Meinesteils protestiere ich vor Gott und der Welt, daß ich an deiner Verdammnis keine Schuld haben will, weil ich getan, und noch ferner gern unverdrossen tun wollte, was zu Beförderung deiner Seligkeit vonnöten wäre. Es wird mir aber besorglich künftig mehrers zu tun nit obliegen, denn daß ich deinen Leib, wenn ihn deine arme Seel in solchem verdammten Stand verläßt, an kein geweiht Ort [338] zu andern frommen abgestorbenen Christen begraben, sondern auf den Schind-Wasen bei die Cadavera des verreckten Viehs hinschleppen lasse, oder an denjenigen Ort, da man andere Gottsvergessene und Verzweifelte hintut!«

Diese ernstliche Bedrohung fruchtete ebensowenig als die vorigen Ermahnungen, und zwar nur der Ursach halber, weil ich mich vorm Beichten schämte; O ich großer Narr! Ich erzählte oft meine Bubenstück bei ganzen Gesellschaften und log noch dazu, aber jetzt, da ich mich bekehren, und einem einzigen Menschen, an Gottes Statt, meine Sünden demütig bekennen sollte, Vergebung zu empfangen, war ich ein verstockter Stumm! Ich sage recht ›verstockt‹, blieb auch verstockt, denn ich antwortet: »Ich diene dem Kaiser für einen Soldaten, wenn ich nun auch sterbe als ein Soldat, so wirds kein Wunder sein, da ich gleich andern Soldaten (die nit allezeit auf das Geweihte begraben werden können, sondern irgends auf dem Felde, in Gräben oder in der Wölf und Raben Mägen vorliebnehmen müssen) mich auch außerhalb des Kirchhofs behelfen werde.«

Also schied ich vom Geistlichen, der mit seinem heiligen Seeleneifer anders nichts um mich verdient, als daß ich ihm einsmals einen Hasen abschlug, den er inständig von mir begehrte, mit Vorwand, weil er sich selbst an einem Strick erhenkt und ums Leben gebracht, daß sich dannenhero nit gebühre, daß er als ein Verzweifelter in ein geweihtes Erdreich begraben werden sollte.

12. Kapitel
Das 12. Kapitel

Simplicius wird unverhofft von der Muskete erlöst


Also folgte bei mir keine Besserung, sondern ich wurde je länger je ärger, der Obrist sagte einsmals zu mir, er wollte mich, da ich kein gut tun wollte, mit einem Schelmen hinwegschicken; Weil ich aber wohl wußte, daß es ihm nit Ernst war, sagte ich, dies könne leicht geschehen, wenn er mir nur den Steckenknecht mitgebe; Also ließ er mich [339] wieder passiern, weil er sich wohl einbilden konnte, daß ichs für keine Straf, sondern für eine Wohltat halten würde, wenn er mich laufen ließe. Mußte demnach wider meines Herzen Willen ein Musketier bleiben, und Hunger leiden, bis in den Sommer hinein. Je mehr sich aber der Graf von Götz mit seiner Armee näherte, je mehrers näherte sich auch meine Erlösung: Denn als selbiger zu Bruchsal das Hauptquartier hatte, wurde mein Herzbruder, dem ich im Lager von Magdeburg mit meinem Geld getreulich geholfen, von der Generalität mit etlichen Verrichtungen in die Festung geschickt, da man ihm die höchste Ehr antat. Ich stand eben vor des Obristen Quartier Schildwacht, und ob er zwar ein schwarzen sammeten Rock antrug, so erkannte ich ihn jedoch gleich im ersten Anblick, hatte aber nicht das Herz, ihn sogleich anzusprechen, denn ich mußte sorgen, er würde der Welt Lauf nach sich meiner schämen, oder mich sonst nit kennen wollen, weil er den Kleidern nach in einem hohen Stand, ich aber nur ein lausiger Musketier wäre. Nachdem ich aber abgelöst wurde, erkundigte ich bei dessen Dienern seinen Stand und Namen, damit ich versichert sei, daß ich vielleicht keinen andern für ihn anspräche, und hatte dennoch das Herz nit, ihn anzureden, sondern schrieb dieses Brieflein, und ließ es ihm am Morgen durch seinen Kammerdiener einhändigen:


Monsieur, etc. Wenn meinem Hochg. Herrn beliebte, denjenigen, den Er hiebevor durch Seine Tapferkeit in der Schlacht bei Wittstock aus Eisen und Banden errettet, auch anjetzo durch Sein vortrefflich Ansehen aus dem allerarmseligsten Stand von der Welt zu erlösen, wohinein er als ein Ball des unbeständigen Glücks geraten; so würde Ihm solches nicht allein nicht schwer fallen, sondern Er würde Sich auch für einen ewigen Diener obligiern Seinen ohnedas getreu-verbundenen, anjetzo aber allerelendesten und verlassenen

S. Simplicissimum.


Sobald er solches gelesen, ließ er mich zu sich hineinkommen, sagte: »Landsmann, wo ist der Kerl, der Euch [340] dies Schreiben gegeben?« Ich antwort: »Herr, er liegt in hiesiger Festung gefangen.« »Wohl«, sagt' er, »so gehet zu ihm, und sagt, ich woll ihm davonhelfen, und sollt er schon den Strick an Hals kriegen.« Ich sagte: »Herr, es wird solcher Mühe nit bedürfen, ich bin der arme Simplicius selbsten, der jetzt kommt, Demselben sowohl für die Erlösung bei Wittstock zu danken, als Ihn zu bitten, mich wieder von der Musket zu erledigen, so ich wider meinen Willen zu tragen gezwungen wurde.« Er ließ mich nit völlig ausreden, sondern bezeugte mit Umfangen, wie geneigt er sei, mir zu helfen; In Summa, er tat alles was ein getreuer Freund gegen den andern tun soll, und ehe er mich fragte, wie ich in die Festung und in solche Dienstbarkeit geraten? schickte er seinen Diener zum Juden, Pferd und Kleider für mich zu kaufen; indessen erzählte ich ihm, wie mirs ergangen, seit sein Vater vor Magdeburg gestorben, und als er vernahm, daß ich der Jäger von Soest (von dem er so manch rühmlich Soldatenstück gehöret) gewesen, beklagte er, daß er solches nit ehe gewußt hätte, denn er mir damals gar wohl zu einer Kompagnie hätte verhelfen können.

Als nun der Jud mit einer ganzen Taglöhnerlast von allerhand Soldatenkleidern daherkam, las er mir das Beste heraus, ließ michs anziehen, und nahm mich mit sich zum Obristen, zu dem sagte er: »Herr, ich hab in seiner Garnison gegenwärtigen Kerl angetroffen, dem ich so hoch verobligiert bin, daß ich ihn in so niedrigem Stand, wennschon seine Qualitäten keinen bessern meritierten, nit lassen kann; Bitte derowegen den Herrn Obristen, er wolle mir den Gefallen erweisen, und ihn entweder besser akkomodieren, oder zulassen, daß ich ihn mit mir nehme, um ihm bei der Armee fortzuhelfen, wozu vielleicht der Herr Obriste hier die Gelegenheit nit hat.« Der Obrist verkreuzigte sich vor Verwunderung, daß er mich einmal loben hörte, und sagte: »Mein hochgeehrter Herr vergeb mir, wenn ich glaube, Ihm beliebe nur zu probieren, ob ich Ihm auch so willig zu dienen sei, als Er dessen wohl wert ist, und wofern Er so gesinnet, so begehre Er etwas anders, das in meiner [341] Gewalt steht, so wird Er meine Willfährigkeit im Werk erfahren: Was aber diesen Kerl anbelangt, ist solcher nicht eigentlich mir, sondern seinem Vorgeben nach unter ein Regiment Dragoner gehörig, daneben ein solch schlimmer Gast, der meinem Profosen, seit er hier ist, mehr Arbeit geben, als sonst ein ganze Kompagnie, so daß ich von ihm glauben muß, er könne in keinem Wasser ersaufen.« Endet' damit seine Red lachend, und wünschte mir Glück ins Feld.

Dies war meinem Herzbruder noch nicht genug, sondern er bat den Obristen auch, er wollte sich nicht zuwider sein lassen, mich mit an seine Tafel zu nehmen, so er auch erhielt; er tats aber zu dem Ende, daß er dem Obristen in meiner Gegenwart erzähle, was er in Westfalen nur diskursent von dem Grafen von der Wahl und dem Kommandanten in Soest von mir gehöret hätte: welches alles er nun dergestalt herausstrich, daß alle Zuhörer mich für einen guten Soldaten halten mußten; dabei hielt ich mich so bescheiden, daß der Obrist und seine Leut, die mich zuvor gekannt, nicht anders glauben konnten, als ich wäre mit andern Kleidern auch ein ganz anderer Mensch worden. Und demnach der Obrist auch wissen wollte, woher mir der Nam Doktor zukommen wäre? erzählt ich ihm meine ganze Reis von Paris aus bis nach Philippsburg, und wieviel Bauern ich betrogen, mein Maulfutter zu gewinnen, darüber sie ziemlich lachten. Endlich gestand ich unverhohlen, daß ich willens gewesen, ihn Obristen mit allerhand Bosheiten dergestalt zu pertubiern und abzumatten, daß er mich endlich aus der Garnison hätte schaffen müssen, dafern er anders wegen der vielen Klagen in Ruhe vor mir leben wollen.

Darauf erzählte der Obrist viel Bubenstücklein, die ich begangen, solang ich in der Garnison gewesen, wie ich nämlich Erbsen gesotten, oben mit Schmalz übergössen, und solche für eitel Schmalz verkauft; item ganze Säck voll Sand für Salz, indem ich die Säck unten mit Sand und oben mit Salz gefüllt, sodann, wie ich einem hie, dem andern dort einen Bärn angebunden, und die Leut mit Pasquillen vexiert. Also daß man die ganze Mahlzeit nur von [342] mir zu reden hatte; hätte ich aber keinen so ansehenlichen Freund gehabt, so wären alle meine Taten strafwürdig gewesen. Dabei nahm ich ein Exempel, wie es bei Hof hergehen müsse, wenn ein böser Bub des Fürsten Gunst hat.

Nach geendigtem Imbiß hatte der Jud kein Pferd, so meinem Herzbruder für mich gefallen wollte, weil er aber in solcher Aestimation war, daß der Obrist seine Gunst schwerlich entbehren konnte, also verehrte er ihm eins mit Sattel und Zeug aus seinem Stall, auf welches sich Herr Simplicius setzte, und mit seinem Herzbruder freudenvoll zur Festung hinausritt, teils seiner Kameraden riefen ihm nach: »Glück zu Bruder, Glück zu!« teils aber aus Neid: »Je größer Schalk, je größer Glück.«

13. Kapitel
Das 13. Kapitel

Handelt von dem Orden der Merode-Brüder


Unterwegs redete Herzbruder mit mir ab, daß ich mich für seinen Vetter ausgeben sollte, damit ich desto mehr geehrt würde, hingegen wollte er mir noch ein Pferd samt einem Knecht verschaffen, und mich zum Neuneckischen Regiment tun, bei dem ich mich als ein Freireuter aufhalten könnte, bis ein Offizierstelle bei der Armee ledig würde, zu der er mir helfen könnte.

Also wurde ich in Eil wieder ein Kerl, der einem braven Soldaten gleichsah, ich tat aber denselben Sommer wenig Taten, als daß ich am Schwarzwald hin und wieder etliche Kühe stehlen half, und mir das Breisgau und Elsaß ziemlich bekannt machte. Im übrigen hatte ich abermal wenig Stern, denn nachdem mir mein Knecht samt dem Pferd bei Kenzingen von den Weimarischen gefangen wurde, mußte ich das ander desto härter strapaziern und endlich gar hinreiten, daß ich mich also in den Orden der Merode-Brüder begeben mußte. Mein Herzbruder hätte mich zwar gern wieder montiert, weil ich aber sobald mit den ersten zweien [343] Pferden fertig worden, hielt er zurück, und gedachte mich zappeln zu lassen, bis ich mich besser vorzusehen lernte; so begehrte ich solches auch nit, denn ich fand an meinen Mitkonsorten eine so angenehme Gesellschaft, daß ich mir bis an die Winter-Quartier keinen bessern Handel wünschte.

Ich muß nur ein wenig erzählen, was die Merode-Brüder für Leut sind, weilen sich ohn Zweifel etliche finden, sonderlich die Kriegsunerfahrnen, so nichts davon wissen: so hab ich bisher noch keinen Skribenten angetroffen, der etwas von ihren Gebräuchen, Gewohnheiten, Rechten und Privilegien seinen Schriften einverleibt hätte, ohnangesehen es wohl wert ist, daß nit allein die jetzigen Feldherrn, sondern auch der Baursmann wisse, was es für ein Zunft sei. Betreffend nun erstlich ihren Namen, will ich nit hoffen, daß es demjenigen tapfern Kavalier, unter dem sie solchen bekommen, ein Schimpf sei, sonst wollte ichs nit einem jeden so öffentlich auf die Nas binden: Ich hab eine Art Schuh gesehen, die hatten anstatt der Löcher krumme Näht, damit sie desto besser durch den Kot stampfen sollten; sollte nur einer deswegen den Mansfelder selbst für einen Pechfarzer schelten, den wollte ich für einen Phantasten halten. Ebenso muß man diesen Namen auch verstehen, der nicht abgehen wird, solang die Teutschen kriegen, es hat aber ein solche Beschaffenheit damit: Als dieser Kavalier einsmals ein neugeworben Regiment zur Armee brachte, waren die Kerl so schwacher baufälliger Natur, wie die französischen Britannier, daß sie also das Marschiern und ander Ungemach, das ein Soldat im Feld ausstehen muß, nit erleiden konnten, derowegen denn ihre Brigade zeitlich so schwach wurde, daß sie kaum die Fähnlein mehr bedecken konnte, und wo man einen oder mehr Kranke und Lahme auf dem Markt, in Häusern und hinter den Zäunen und Hecken antraf und fragte: »Was Regiments?« so war gemeiniglich die Antwort: »Von Merode!« Davon entsprang, daß man endlich alle diejenigen, sie wären gleich krank oder gesund, verwundt oder nit, wenn sie nur außerhalb der Zugordnung daherzottelten, oder sonst nicht bei [344] ihren Regimentern ihr Quartier im Feld nahmen, Merode-Brüder nannte, welche Bursch man zuvor Säusenger und Immenschneider geheißen hatte; denn sie sind wie die Brumser in den Immenfässern, welche, wenn sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr arbeiten noch Honig machen, sondern nur fressen können; Wenn ein Reuter sein Pferd, und ein Musketier seine Gesundheit verliert, oder ihm Weib und Kind erkrankt und zurückbleiben will, so ists schon anderthalb Paar Merode-Brüder, ein Gesindlein, so sich mit nichts besser als mit den Zigeunern vergleicht, weil es nicht allein nach seinem Belieben vor, nach, neben und mitten unter der Armee herumstreicht, sondern auch demselben beides an Sitten und Gewohnheit ähnlich ist, da siehet man sie haufenweis beieinander (wie die Feldhühner im Winter) hinter den Hecken, im Schatten, oder nach ihrer Gelegenheit an der Sonnen, oder irgends um ein Feur herumliegen, Tabak zu saufen und zu faulenzen, wenn unterdessen anderwärts ein rechtschaffener Soldat beim Fähnlein Hitz, Durst, Hunger, Frost und allerhand Elend überstehet. Dort geht eine Schar neben dem Marsch her auf die Mauserei, wenn indessen manch armer Soldat vor Mattigkeit unter seinen Waffen versinken möchte. Sie spolieren vor, neben und hinter der Armee alles was sie antreffen, und was sie nicht genießen können, verderben sie, also daß die Regimenter, wenn sie in die Quartier oder ins Lager kommen, oft nicht einen guten Trunk Wasser finden, und wenn sie allen Ernstes angehalten werden, bei der Bagage zu bleiben, so wird man oft beinahe dieselbe stärker finden, als die Armee selbst ist; Wenn sie aber gesellenweis marschieren, quartieren, kampieren und hausieren, so haben sie keinen Wachtmeister, der sie kommandiert, keinen Feldweibel oder Sergeanten, der ihnen das Wams ausklopft, keinen Korporal, der sie wachen heißt, keinen Tambour, der sie des Zapfenstreichs, der Schar- und Tagwacht erinnert, und in Summa niemand, der sie anstatt des Adjutanten in Battaglia stellt, oder anstatt des Fouriers einlogiert, sondern leben vielmehr wie die Freiherren. Wenn aber etwas an Kommiß der Soldateska zukommt, so sind sie die ersten, die ihr Teil[345] holen, ob sie es gleich nit verdient. Hingegen sind die Rumormeister und General-Gewaltiger ihr allergrößte Pest, als welche ihnen zuzeiten, wenn sie es zu bunt machen, eiserne Silbergeschirr an Hand und Füß legen, oder sie wohl gar mit einem hänfenen Kragen zieren, und an ihren allerbesten Häls aufhängen lassen.

Sie wachen nicht, sie schanzen nicht, sie stürmen nicht, und kommen auch in keine Schlachtordnung, und sie ernähren sich doch! Was aber der Feldherr, der Landmann, und die Armada selbst, bei der sich viel solches Gesinds befindet, für Schaden davon haben, ist nicht zu beschreiben. Der heilloseste Reuterjung, der nichts tut als fouragieren, ist dem Feldherrn nützer als tausend Merode-Brüder, die ein Handwerk draus machen, und ohne Not auf der Bärnhaut liegen; sie werden vom Gegenteil hinweggefangen, und von den Baurn an teils Orten auf die Finger geklopft, dadurch wird die Armee gemindert und der Feind gestärkt, und wenngleich ein so liederlicher Schlingel (ich meine nicht die armen Kranken, sondern die unberittenen Reuter, die unachtsamerweis ihre Pferd verderben lassen, und sich auf Merode begeben, damit sie ihre Haut schonen können) durch den Sommer davonkommt, so hat man nichts anders von ihm, als daß man ihn auf den Winter mit großem Kosten wieder montieren muß, damit er künftigen Feldzug wieder etwas zu verlieren habe; man sollte sie zusammkuppeln wie die Windhund, und sie in den Garnisonen kriegen lernen, oder gar auf die Galeern schmieden, wenn sie nit auch zu Fuß im Feld das ihrige tun wollten, bis sie gleichwohl wieder Pferd kriegten. Ich geschweige hier, wie manches Dorf durch sie sowohl unachtsam-als vorsätzlicherweis verbrannt wird, wie manchen Kerl sie von ihrer eigenen Armee absetzen, plündern, heimlich bestehlen, und wohl gar niedermachen, auch wie mancher Spion sich unter ihnen aufhalten kann, wenn er nämlich nur ein Regiment und Kompagnie aus der Armada zu nennen weiß. Ein solcher ehrbarer Bruder nun war ich damals auch, und verbliebs bis den Tag vor der Wittenweirer Schlacht, zu welcher Zeit das Hauptquartier in Schuttern war; denn als ich damals [346] mit meinen Kameraden in das Geroldseckische ging, Kühe oder Ochsen zu stehlen, wie unser Gewohnheit war, wurde ich von den Weimarischen gefangen, die uns viel besser zu traktieren wußten, denn sie luden uns Musketen auf, und stießen uns hin und wieder unter die Regimenter, ich zwar kam unter das Hattsteinische.

14. Kapitel
Das 14. Kapitel

Ein gefährlicher Zweikampf um Leib und Leben, in welchem doch jeder dem Tod entrinnet


Ich konnte damals greifen, daß ich nur zum Unglück geboren, denn ungefähr vier Wochen zuvor, ehe das gedachte Treffen geschah, hörete ich etliche Götzische gemeine Offizier von ihrem Krieg diskurieren, da sagte einer: »Ohngeschlagen gehets diesen Sommer nicht ab! Schlagen wir dann den Feind, so müssen wir den künftigen Winter Freiburg und die Waldstädt einnehmen; kriegen wir aber Stöß, so kriegen wir auch Winterquartier.« Auf diese Prophezei machte ich meinen richtigen Schluß, und sagte bei mir selbst: »Nun freue dich Simplici, du wirst künftigen Frühling guten See- und Neckarwein trinken, und genießen, was die Weimarischen verdienen werden.« Aber ich betrog mich weit, denn weil ich nunmehr weimarisch war, so war ich auch prädestiniert, Breisach belagern zu helfen, maßen solche Belagerung gleich nach mehrbemeldter Wittenweirer Schlacht völlig ins Werk gesetzt wurde, da ich denn wie andere Musketier Tag und Nacht wachen und schanzen mußte, und nichts davon hatte, als daß ich lernte, wie man mit den Approchen einer Festung zusetzen muß, darauf ich vor Magdeburg wenig Achtung geben. Im übrigen aber war es lausig bei mir bestellt, weil je zwo oder drei aufeinander saßen, der Beutel war leer, Wein, Bier und Fleisch ein Rarität, Äpfel und halb Brot genug mein bestes Wildbret.

Solches war mir sauer zu ertragen, Ursach, wenn ich zurück [347] an die ägyptischen Fleischtöpf, das ist, an die westfälischen Schinken und Knackwürst zu L. gedachte. Ich gedachte niemal mehr an mein Weib, als wenn ich in meinem Zelt lag, und vor Frost halb erstarrt war, da sagte ich denn oft zu mir selber: »Hui Simplici, meinst du auch wohl, es geschehe dir unrecht, wenn dir einer wieder wettspielte, was du zu Paris begangen?« Und mit solchen Gedanken quälte ich mich wie ein ander eifersüchtiger Hahnrei, da ich doch meinem Weib nichts als Ehr und Tugend zutrauen konnte; zuletzt wurde ich so ungeduldig, daß ich meinem Kapitän eröffnete, wie meine Sachen bestellt wären, schrieb auch auf der Post nach L. und erhielt vom Obristen de S.A. und meinem Schwährvater, daß sie durch ihre Schreiben bei dem Fürsten von Weimar zuwege brachten, daß mich mein Kapitän mit einem Paß mußte laufen lassen.

Ungefähr eine Woch oder vier vor Weihnachten marschiert ich mit einem guten Feurrohr vom Lager ab, das Breisgau hinunter, der Meinung, selbige Weihnacht-Meß zu Straßburg zwanzig Taler, von meinem Schwähr übermacht, zu empfangen, und mich mit Kaufleuten den Rhein hinunter zu begeben, da es doch unterwegs viel kaiserliche Garnisonen hatte: Als ich aber bei Endingen vorbeipassiert', und zu einem einzigen Haus kam, geschah ein Schuß nach mir, so daß mir die Kugel den Rand am Hut verletzt', und gleich darauf sprang ein starker vierschrötiger Kerl aus dem Haus auf mich los, der schrie, ich sollte das Gewehr ablegen; ich antwort: »Bei Gott Landsmann, dir zu Gefallen nicht«, und zog den Hahnen über; er aber wischte mit einem Ding von Leder, das mehr einem Henkersschwert als Degen gleichsah, und eilete damit auf mich zu: Wie ich nun seinen Ernst spürte, schlug ich an, und traf ihn dergestalt an die Stirn, daß er herumdurmelte, und endlich zu Boden fiel; dieses mir zunutz zu machen, rang ich ihm geschwind sein Schwert aus der Faust, und wollts ihm in Leib stoßen; da es aber nicht durchgehen wollte, sprang er wieder unversehens auf die Füß, erwischte mich beim Haar, und ich ihn auch, sein Schwert aber hatte ich schon weggeworfen, darauf fingen wir ein solch ernstlich Spiel [348] miteinander an, so eines jeden verbitterte Stärk genugsam zu erkennen gab, und konnt doch keiner des andern Meister werden; bald lag ich, bald er oben, und im Hui kamen wir wieder auf die Füß, so aber nicht lang dauerte, weil je einer des andern Tod suchte; das Blut, so mir häufig zu Nas und Mund heraus lief, spie ich meinem Feind ins Gesicht, weil ers so hitzig begehrte, das war mir gut, denn es hinderte ihn am Sehen. Also zogen wir einander bei anderthalb Stund im Schnee herum, davon wurden wir so matt, daß allem Ansehen nach des einen Unkräften des andern Müdigkeit allein mit den Fäusten nicht völlig überwinden, noch einer den andern aus eigenen Kräften und ohne Waffen vollends zu Tod hätte bringen mögen.

Die Ringkunst, darin ich mich zu L. oft übte, kam mir damals wohl zustatten, sonst hätte ich ohne Zweifel eingebüßt, denn mein Feind war viel stärker als ich, und überdas eisenfest. Als wir einander fast tödlich abgemattet, sagte er endlich: »Bruder, hör auf, ich ergeb mich dir zu eigen!« Ich sagte: »Du solltest mich anfänglich haben passieren lassen.« »Was hast du mehr«, antwortet' jener, »wenn ich gleich sterbe?« »Und was hättest du gehabt,« sagte ich, »wenn du mich hättest niedergeschossen, sintemal ich kein Heller Geld bei mir hab!« Darauf bat er um Verzeihung, und ich mich erweichen, und ihn aufstehen ließ, nachdem er mir zuvor teur geschworen, daß er nit allein Frieden halten, sondern auch mein treuer Freund und Diener sein wollte. Ich hätte ihm aber weder geglaubt noch getraut, wenn mir seine verübten leichtfertigen Handlungen bekannt gewesen wären.

Da wir nun beide auf waren, gaben wir einander die Händ, daß alles was geschehen, vergessen sein sollte, und verwunderte sich einer über den andern, daß er seinen Meister gefunden, denn jener meinte, ich sei auch mit einer solchen Schelmenhaut wie er überzogen gewesen; ich ließ ihn auch dabei bleiben, damit, wenn er sein Gewehr bekäme, sich nicht noch einmal an mich reiben dürfte. Er hatte von meinem Schuß ein große Beul an der Stirn, und ich hatte mich sehr verblutet, doch klagte keiner mehr als den [349] Hals, welcher so zugerichtet, daß keiner den Kopf aufrecht tragen konnte.

Weil es denn gegen Abend war, und mir mein Gegenteil erzählen tat, daß ich bis an die Kinzig weder Hund noch Katz, viel weniger einen Menschen antreffen würde, er aber hingegen ohnweit von der Straß in einem abgelegenen Häuslein ein gut Stück Fleisch und einen Trunk zum besten hätte. Also ließ ich mich überreden, und ging mit ihm, da er denn unterwegs oft mit Seufzern bezeugte, wie leid ihm sei, daß er mich beleidigt habe.

15. Kapitel
Das 15. Kapitel

Wie Olivier seine buschklöpferischen Übeltaten noch wohl zu entschuldigen vermeinte


Ein resoluter Soldat, der sich darein ergeben, sein Leben zu wagen, und gering zu achten, ist wohl ein dummes Vieh! Man hätte tausend Kerl gefunden, darunter kein einziger das Herz gehabt hätte, mit einem solchen, der ihn erst als ein Mörder angegriffen, an ein unbekannt Ort zu Gast zu gehen: Ich fragt ihn auf dem Weg, was Volks er sei? da sagte er, er hätte für diesmal keinen Herrn, sondern kriege für sich selbst, und fragte zugleich, was Volks denn ich sei? Ich sagte, daß ich weimarisch gewesen, nunmehr aber mein Abschied hätte, und gesinnet wäre, mich nach Haus zu begeben; Darauf fragte er, wie ich hieße? und da ich antwortet: »Simplicius«, kehrt' er sich um (denn ich ließ ihn vorangehen, weil ich ihm nit traute) und sah mir steif ins Gesicht: »Heißt du nicht auch Simplicissimus?« »Ja«, antwortet ich, »der ist ein Schelm der seinen Namen verleugnet, wie heißt aber du?« »Ach Bruder«, antwortet' er, »so bin ich Olivier, den du wohl vor Magdeburg wirst gekannt haben«; warf damit sein Rohr von sich, und fiel auf die Knie nieder, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich so übel gemeint hätte, sagend, er könnte sich wohl einbilden, daß er keinen bessern Freund in der Welt bekomme, als er an mir einen haben [350] würde, weil ich nach des alten Herzbruders Prophezei seinen Tod so tapfer rächen sollte: Ich hingegen wollte mich über ein so seltsame Zusammenkunft verwundern, er aber sagte: »Das ist nichts Neues, Berg und Tal kommt nit zusammen, das ist mir aber seltsam, daß wir beide uns so verändert haben, sintemal ich aus einem Secretario ein Waldfischer, du aber aus einem Narrn zu einem so tapfern Soldaten worden! Sei versichert Bruder, wenn unserer zehentausend wären, daß wir morgenden Tags Breisach entsetzen und uns endlich zu Herren der ganzen Welt machen wollten.«

In solchem Diskurs passierten wir, da es eben Nacht worden, in ein klein abgelegen Taglöhnerhäuslein; und ob mir zwar solche Prahlerei nit gefiel, so gab ich ihm doch recht, vornehmlich weil mir sein schelmisch falsch Gemüt bekannt war, und ob ich ihm zwar im geringsten nichts Guts zutraute, so ging ich doch mit ihm in besagtes Häuslein, in welchem ein Baur eben die Stub einhitzte, zu dem sagte er: »Hast du etwas gekocht?« »Nein«, sagt' der Baur, »ich hab ja den gebratenen Kalbsschlegel noch, den ich heute von Waldkirch brachte;« »Nun denn«, antwort Olivier, »so gehe, und lang her was du hast, und bringe zugleich das Fäßlein Wein mit.«

Als der Baur fort war, sagte ich zu Olivier: »Bruder (ich nannt ihn so, damit ich desto sicherer vor ihm wäre), du hast einen willigen Wirt!« »Das dank«, sagte er, »dem Schelmen der Teufel, ich ernähr ihn ja mit Weib und Kind, und er macht noch dazu für sich selbst gute Beuten, ich lasse ihm alle Kleider, die ich erobere, solche zu seinem Nutzen anzuwenden.« Ich fragte, wo er denn sein Weib und Kind hätte? da sagte Olivier, daß er sie nach Freiburg geflehnt, die er alle Woch zweimal besuche, und ihm von dort aus sowohl die Victualia als Kraut und Lot zubringe. Ferner berichtet' er mich, daß er diese Freibeuterei schon lang getrieben, und ihm besser zuschlage, als wenn er einem Herrn diene, er gedächte auch nit aufzuhören, bis er seinen Beutel rechtschaffen gespickt hätte. Ich sagte: »Bruder, du lebest in einem gefährlichen Stand, und wenn du über solcher Rauberei ergriffen würdest, wie meinst du wohl, daß [351] man mit dir umging?« »Ha«, sagte er, »ich höre wohl, daß du noch der alte Simplicius bist; ich weiß wohl, daß derjenige so kegeln will, auch aufsetzen muß; du mußt aber das wissen, daß die Herren von Nürnberg keinen hängen lassen, sie haben ihn denn.« Ich antwortet: »Gesetzt aber Bruder, du werdest nicht ertappt, das doch sehr mißlich stehet, denn der Krug gehet so lang zum Brunnen, bis er einmal zerbricht, so ist dennoch ein solch Leben, wie du führest, das allerschändlichste von der Welt, daß ich also nit glaube, daß du darin zu sterben begehrest.« »Was«, sagte er, »das schändlichste? Mein tapferer Simplici, ich versichere dich, daß die Räuberei das alleradeligste Exercitium ist, das man dieser Zeit auf der Welt haben kann! Sag mir, wie viel Königreich und Fürstentümer sind nicht mit Gewalt erraubt und zuwege gebracht worden? Oder wo wirds einem König oder Fürsten auf dem ganzen Erdboden für übel aufgenommen, wenn er seiner Länder Intraden genießt, die doch gemeinlich durch ihrer Vorfahren verübte Gewalt zuwege gebracht worden? Was könnte doch adeliger genannt werden, als eben das Handwerk, dessen ich mich jetzt bediene? Ich merke dir an, daß du mir gern vorhalten wolltest, daß ihrer viel wegen Mordens, Raubens und Stehlens seien gerädert, gehängt und geköpft worden? das weiß ich zuvor wohl, denn das befehlen die Gesetze, du wirst aber keine anderen als arme und geringe Dieb haben hängen sehen, welches auch billig ist, weil sie sich dieser vortrefflichen Übung haben unterfangen dürfen, die doch niemandem als herzhaften Gemütern gebührt und vorbehalten ist: Wo hast du jemals eine vornehme Stands-Person durch die Justitiam strafen sehen, um daß sie ihr Land zuviel beschwert habe? ja was noch mehr ist, wird doch kein Wucherer gestraft, der diese herrliche Kunst heimlich treibt, und zwar unter dem Deckmantel christlicher Lieb, warum woll te denn ich strafbar sein, der ich solche öffentlich, auf gut Alt-Teutsch, ohn einzige Bemäntelung und Gleisnerei übe? Mein lieber Simplici, du hast den Machiavellum noch nicht gelesen; Ich bin eines recht aufrichtigen Gemüts, und treibe diese Manier zu leben frei öffentlich ohne alle Scheu; [352] Ich fechte, und wag mein Leben darüber, wie die alten Helden, weiß auch, daß diejenigen Hantierungen, dabei der so sie treibt, in Gefahr stehen muß, zugelassen sind; weil ich denn mein Leben in Gefahr setze, so folgt unwidersprechlich, daß mirs billig und erlaubt sei, diese Kunst zu üben.«

Hierauf antwortet ich: »Gesetzt, Rauben und Stehlen sei dir erlaubt oder nicht, so weiß ich gleichwohl, daß es wider das Gesetz der Natur ist, das da nicht will, daß einer einem andern tun solle, das er nicht will, daß es ihm geschehe; So ist solche Unbilligkeit auch wider die weltlichen Gesetz, welche befehlen, daß die Dieb gehängt, die Räuber geköpft, und die Mörder geradbrecht werden sollen; Und letztlich so ist es auch wider Gott, so das Vornehmste ist, weil er keine Sünde ungestraft läßt.« »Es ist, wie ich vor gesagt«, antwort Olivier, »du bist noch Simplicius, der den Machiavellum noch nit studiert hat; könnte ich aber auf solche Art eine Monarchiam aufrichten, so wollte ich sehen, wer mir alsdann viel dawider predigte.« Wir hätten noch mehr miteinander disputiert, weil aber der Baur mit dem Essen und Trinken kam, saßen wir zusammen, und stillten unsere Mägen, dessen ich denn trefflich hoch vonnöten hatte.

16. Kapitel
Das 16. Kapitel

Wie er Herzbruders Weissagung zu seinem Vorteil auslegt, und deswegen seinen ärgsten Feind liebet


Unser Essen war weiß Brot und ein gebratener kalter Kalbsschlegel, dabei hatten wir einen guten Trunk Wein, und ein warme Stub. »Gelt Simplici«, sagt' Olivier, »hier ists besser, als vor Breisach in den Laufgräben?« Ich sagte: »Das wohl, wenn man solch Leben mit gewisser Sicherheit und bessern Ehren zu genießen hätte.« Darüber lachte er überlaut, und sagte: »Sind denn die armen Teufel in den Laufgräben sicherer als wir, die sich all Augenblick eines Ausfalls besorgen müssen? Mein lieber Simplici, ich sehe zwar wohl, daß du deine Narrnkapp abgelegt, hingegen [353] aber deinen närrischen Kopf noch behalten hast, der nicht begreifen kann, was gut oder bös ist, und wenn du ein anderer als derjenige Simplicius wärest, der nach des alten Herzbruders Wahrsagung meinen Tod rächen solle, so wollte ich dich bekennen lernen, daß ich ein edler Leben führe als ein Freiherr.« Ich gedachte, was will das werden, du mußt ander Wort hervorsuchen als bisher, sonst möcht dich dieser Unmensch, so jetzt den Baurn fein zu Hilf hat, erst kaputt machen, sagte derhalben: »Wo ist sein Tag je er hört worden, daß der Lehrjung das Handwerk besser verstehe als der Lehrmeister? Bruder, hast du ein so edel glückselig Leben wie du vorgibst, so mache mich deiner Glückseligkeit auch teilhaftig, sintemal ich eines guten Glücks hoch vonnöten.« Darauf antwort Olivier: »Bruder sei versichert, daß ich dich so hoch liebe als mich selbsten, und daß mir die Beleidigung, so ich dir heut zugefügt, viel weher tut, als die Kugel, damit du mich an meine Stirn troffen, als du dich meiner wie ein tapferer rechtschaffener Kerl erwehrtest, warum wollte ich dir denn etwas versagen können? Wenn dirs beliebt, so bleibe bei mir, ich will für dich sorgen als für mich selbsten, hast du aber keine Lust bei mir zu sein, so will ich dir ein gut Stück Geld geben, und begleiten, wohin du willst. Damit du aber glaubest, daß mir diese Wort von Herzen gehen, so will ich dir die Ursach sagen, warum ich dich so hoch halte: Du weißt dich zu erinnern, wie richtig der alte Herzbruder mit seinen Prophezeiungen zugetroffen, schaue, derselbe hat mir vor Magdeburg diese Wort geweissagt, die ich bishero fleißig im Gedächtnis behalten: ›Olivier, siehe unsern Narrn an wie du willst, so wird er dennoch durch seine Tapferkeit dich erschrecken, und dir den größten Possen erweisen, der dir dein Lebtag je geschehen wird, weil du ihn dazu verursachest in einer Zeit, darin ihr beide einander nicht erkannt gehabt, doch wird er dir nit allein dein Leben schenken, so in seinen Händen gestanden, sondern er wird auch über ein Zeitlang hernach an dasjenig Ort kommen, da du erschlagen wirst, daselbst wird er glückselig deinen Tod rächen.‹ Dieser Weissagung halber, liebster Simplici, bin ich bereit mit dir das Herz im [354] Leib zu teilen, denn gleichwie schon ein Teil davon erfüllt, indem ich dir Ursach geben, daß du mich als ein tapferer Soldat vor den Kopf geschossen und mir mein Schwert genommen (das mir freilich noch keiner getan), mir auch das Leben gelassen, da ich unter dir lag, und gleichsam im Blut erstickte; Also zweifle ich nicht, daß das übrige von meinem Tod auch im wenigsten fehlschlagen werde. Aus solcher Rach nun, liebster Bruder, muß ich schließen, daß du mein getreuer Freund seist, denn dafern du es nicht wärest, so würdest du solche Rach auch nicht über dich nehmen; da hast du nun die Concepta meines Herzens, jetzt sag mir auch, was du zu tun gesinnet seist?« Ich gedachte: »Trau dir der Teufel, ich nicht! nehm ich Geld von dir auf den Weg, so möchtest du mich erst niedermachen, bleib ich denn bei dir, so muß ich sorgen, ich dürfte mit dir gevierteilt werden«; setzte mir demnach vor, ich wollt ihm eine Nas drehen, bei ihm zu bleiben, bis ich mit Gelegenheit von ihm kommen könnte, sagte derhalben, so er mich leiden möchte, wollte ich mich ein Tag oder acht bei ihm aufhalten, zu sehen, ob ich solche Art zu leben gewöhnen könnte, gefiel mirs, so sollte er beides einen getreuen Freund und guten Soldaten an mir haben, gefiel mirs nit, so sei allezeit gut voneinander scheiden. Darauf setzt' er mir mit dem Trunk zu, ich getraute aber auch nicht, und stellte mich voll ehe ichs war, zu sehen, ob er vielleicht an mich wollte, wenn ich mich nicht mehr defendieren könnte.

Indessen plagten mich die Müllerflöhe trefflich, deren ich eine ziemliche Quantität von Breisach mit mir gebracht hatte, denn sie wollten sich in der Wärme nicht mehr in meinen Lumpen behelfen, sondern spazierten heraus, sich auch lustig zu machen. Dieses nahm Olivier an mir gewahr, und fragte, ob ich Laus hätte? Ich sagte: »Ja freilich, mehr als ich mein Lebtag Dukaten zu bekommen getraue.« »So mußt du nit reden«, sagte Olivier, »wenn du bei mir bleibest, so kannst du noch wohl mehr Dukaten kriegen, als du jetzt Läus hast.« Ich antwortet: »Das ist so unmöglich, als ich jetzt meine Läus abschaffen kann.« »O ja«, sagte er, »es ist beides möglich«, und befahl gleich dem Baurn, mir [355] ein Kleid zu holen, das unfern vom Haus in einem hohlen Baum stak, das war ein grauer Hut, ein Koller von Elen, ein Paar rote scharlachner Hosen, und ein grauer Rock, Strümpf und Schuh wollte er mir morgen geben. Da ich solche Guttat von ihm sah, getraute ich ihm schon etwas Bessers zu als zuvor, und ging fröhlich schlafen.

17. Kapitel
Das 17. Kapitel

Simplicii Gedanken sind andächtiger, wenn er auf die Rauberei gehet, als des Oliviers in der Kirchen


Am Morgen gegen Tag sagte Olivier: »Auf Simplici, wir wollen in Gottes Namen hinaus, zu sehen, was etwa zu bekommen sein möchte.« »Ach Gott«, gedacht ich, »soll ich denn nun in deinem hochheiligen Namen auf die Rauberei gehen? und bin hiebevor, nachdem ich von meinem Einsiedel kam, nit so kühn gewesen, ohne Erstaunen zuzuhören, wenn einer zum andern sagte: ›Komm Bruder, wir wollen in Gottes Namen ein Maß Wein miteinander saufen‹; weil ichs für eine doppelte Sünd hielt, wann einer in deinem Namen sich vollsöffe. O himmlischer Vater, wie hab ich mich verändert! O getreuer Gott, was wird endlich aus mir werden, wenn ich nicht wieder umkehre? Ach hemme meinen Lauf, der mich so richtig zur Höllen bringt, da ich nit Buß tue!« Mit dergleichen Worten und Gedanken folgete ich Olivier in ein Dorf, darinnen kein lebendige Kreatur war, da stiegen wir des fernen Aussehens halber auf den Kirchturm; Auf demselben hatte er die Strümpf und Schuh verborgen, die er mir den Abend zuvor versprochen, daneben zwei Laib Brot, etlich Stück gesotten dörr Fleisch, und ein Fäßlein halb voll Wein im Vorrat, mit welchem er sich allein gern acht Tag hätte behelfen können. Indem ich nun meine Verehrung anzog, erzählt' er mir, daß er an diesem Ort pflege aufzupassen, wenn er eine gute Beut zu holen gedächte, deswegen er sich denn so wohl proviantiert, mit dem Anhang, daß er noch etlich solcher Örter [356] hätte, die mit Speis und Trank versehen wären, damit wenn Bläsi an einem Ort nicht zu Haus wäre, er ihn am andern finden könnte. Ich mußte zwar seine Klugheit loben, gab ihm aber zu verstehen, daß es doch nicht schön stünde, ein so heiligen Ort, der Gott gewidmet sei, dergestalt zu beflecken. »Was«, sagte er, »beflecken? die Kirchen, da sie reden könnten, würden gestehen, daß sie dasjenige, was ich in ihnen begehe, gegen die Laster, so hiebevor in ihnen begangen worden, noch für gar gering aufnehmen müßten; Wie mancher und wie manche meinest du wohl, die seit Erbauung dieser Kirch hereingetreten seien unter dem Schein, Gott zu dienen, da sie doch nur herkommen, ihre neuen Kleider, ihre schöne Gestalt, ihre Präeminenz und sonst so etwas sehen zu lassen? da kommt einer zur Kirchen wie ein Pfau, und stellt sich vorm Altar, als ob er den Heiligen die Füß abbeten wollte; dort stehet einer in einem Eck zu seufzen wie der Zöllner im Tempel, welche Seufzer aber nur zu seiner Liebsten gehen, in deren Angesicht er seine Augen weidet, um deretwillen er sich auch eingestellt: Ein ander kommt vor, oder wenns wohl gerät, in die Kirch mit einem Gebund Brief, wie einer der ein Brandsteur sammelt, mehr seine Zinsleut zu mahnen als zu beten; hätte er aber nit gewußt, daß seine Debitores zur Kirch kommen müßten, so wäre er fein daheim über seinen Registern sitzen blieben: Ja es geschieht zuzeiten, wenn teils Obrigkeiten einer Gemeind im Dorf etwas anzudeuten hat, so muß es der Bot am Sonntag bei der Kirchen tun, daher sich mancher Bauer vor der Kirch ärger als ein armer Sünder vor dem Richthaus fürchtet: Meinest du nicht, es werden auch von denjenigen in die Kirch begraben, die Schwert, Galgen, Feuer und Rad verdient hätten? Mancher könnte seine Buhlerei nicht zu End bringen, da ihm die Kirch nit beförderlich wäre; Ist etwas zu verkaufen oder zu verleihen, so wirds an teils Orten an die Kirchtür geschlagen; Wenn mancher Wucherer die ganze Woche keine Zeit nimmt, seiner Schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem Gottesdienst in der Kirch, und dichtet, wie der Judenspieß zu führen sei; da sitzen sie hier und dort [357] unter der Meß und Predigt miteinander zu diskuriern, gerad als ob die Kirch nur zu dem End gebauet wäre, da werden denn oft Sachen beratschlagt, deren man an Privatörtern nicht gedenken dürfte; teils sitzen dort, und schlafen, als ob sie es verdingt hätten; Etliche tun nichts anders als Leut ausrichten, und sagen: ›Ach wie hat der Pfarrer diesen oder jenen so artlich in seiner Predigt getroffen!‹ Andere geben fleißig Achtung auf des Pfarrers Vorbringen, aber nit zu dem End, daß sie sich daraus bessern, sondern damit sie ihren Seelsorger, wenn er nur im geringsten anstößt (wie sie es verstehen), durchziehen und tadeln möchten; Ich geschweig hier derjenigen Historien, so ich gelesen, was für Buhlschaften durch Kupplerei in den Kirchen hin und wieder ihren Anfang und End genommen, so fällt mir auch, was ich von dieser Materi noch zu reden hätte, jetzt nicht alles ein: Dies mußt du doch noch wissen, daß die Menschen nit allein in ihrem Leben die Kirchen mit Lastern beschmutzen, sondern auch nach ihrem Tod dieselbe mit Eitelkeit und Torheit erfüllen; sobald du in eine Kirche kommest, so wirst du an den Grabsteinen und Epitaphien sehen, wie diejenigen noch prangen, die doch die Würm schon längst gefressen, siehest du dann in die Höhe, so kommen dir mehr Schild, Helm, Waffen, Degen, Fahnen, Stiefel, Sporn und dergleichen Ding ins Gesicht, als in mancher Rüstkammer, daß also kein Wunder, daß sich die Bauern diesen Krieg über an etlichen Orten aus den Kirchen, wie aus Festungen, um das Ihrige gewehrt: Warum sollte mir nicht erlaubt sein, mir sage ich, als einem Soldaten, daß ich mein Handwerk in der Kirchen treibe? da doch hiebevor zween geistliche Väter in einer Kirch nur des Vorsitzes halber ein solch Blutbad angestellt, daß die Kirch mehr einem Schlachthaus der Metzger, als heiligen Ort gleichgesehen: Ich zwar ließ es noch unterwegen, wenn man nur den Gottesdienst zu verrichten herkäme, da ich doch ein Weltmensch bin; jene aber, als Geistliche, respektierten doch die hohe Majestät des römischen Kaisers nicht. Warum sollte mir verboten sein, meine Nahrung vermittelst der Kirche zu suchen, da sich doch sonst so viel Menschen von derselben ernähren? [358] Ists billig, daß mancher Reiche um ein Stück Geld in die Kirche begraben wird, sein und seiner Freundschaft Hoffart zu bezeugen, und daß hingegen der Arme (der doch so wohl ein Christ als jener, ja vielleicht ein frömmerer Mensch gewesen) so nichts zu geben hat, außerhalb in einem Winkel verscharret werden muß; es ist ein Ding wie mans macht, wenn ich hätte gewußt, daß du Bedenken trügest, in der Kirch aufzupassen, so hätte ich mich bedacht, dir anderst zu antworten, indessen nimm ein Weil mit diesem vorlieb, bis ich dich einmal anders berede.«

Ich hätte dem Olivier gern geantwort, daß solches auch liederliche Leut wären, sowohl als er, welche die Kirchen verunehren, und daß dieselbigen ihren Lohn schon drum finden würden; Weil ich ihm aber ohnedas nicht traute, und ungern noch einmal mit ihm gestritten hätte, ließ ich ihn recht haben. Hernach begehrte er, ich wollte ihm erzählen, wie mirs ergangen, seit wir vor Wittstock voneinander kommen, und dann warum ich Narrnkleider angehabt, als ich im Magdeburgischen Lager angelangt? Weil ich aber wegen Halsschmerzen gar zu unlustig, entschuldigte ich mich, mit Bitt, er wollte mir doch zuvor seinen Lebenslauf erzählen, der vielleicht possierliche Schnitz in sich hielte; dies sagte er mir zu, und fing sein ruchlos Leben nachfolgendergestalt an zu erzählen.

18. Kapitel
Das 18. Kapitel

Olivier erzählt sein Herkommen, und wie er sich in seiner Jugend, vornehmlich aber in der Schul gehalten


»Mein Vater«, sagte Olivier, »ist unweit der Stadt Aachen von geringen Leuten geboren worden, derowegen er denn bei einem reichen Kaufmann, der mit dem Kupferhandel schacherte, in seiner Jugend dienen mußte; bei demselben hielt er sich so fein, daß er ihn schreiben, lesen und rechnen lernen ließ, und ihn über seinen ganzen Handel setzte, wie Potiphar den Joseph; Dies schlug auch beiden Teilen wohl zu, denn der Kaufmann wurde wegen meines Vaters Fleiß [359] und Vorsichtigkeit je länger je reicher, mein Vater selbst aber, der guten Tag halber, je länger je stolzer, so gar, daß er sich auch seiner Eltern schämte, und solche verachtete, das sie oft vergeblich beklagten. Wie nun mein Vater das fünfundzwanzigste Jahr seines Alters erreichte, starb der Kaufmann, und verließ sein alte Wittib samt deren einziger Tochter, die kürzlich in ein Pfann getreten, und sich von einem Gaden-Hengst ein Junges zweigen lassen, selbiges aber folgte seinem Großvater am Totenreihen bald nach: Da nun mein Vater sah, daß die Tochter vater- und kinder-aber nicht geldlos worden, achtet' er nicht, daß sie keinen Kranz mehr tragen durfte, sondern erwog ihren Reichtum, und machte sich bei ihr zutäppisch, so ihre Mutter gern zuließ, nit allein, damit ihre Tochter wieder zu Ehren käme, sondern weil mein Vater um den ganzen Handel alle Wissenschaft hatte, zumalen auch sonst mit dem Judenspieß trefflich fechten konnte. Also wurde mein Vater durch solche Heirat unversehens ein reicher Kaufmann, ich aber sein erster Erb, den er wegen seines Überflusses zärtlich aufziehen ließ, ich wurde in Kleidungen gehalten wie ein Edelmann, in Essen wie ein Freiherr, und in der übrigen Wartung wie ein Graf, welches ich alles mehr dem Kupfer und Galmei, als dem Silber und Gold zu danken.

Ehe ich das siebente Jahr völlig überlebte, erzeigte sich schon, was aus mir werden wollte, denn was zur Nessel werden soll, brennt beizeiten; kein Schelmstück war mir zuviel, und wo ich einem konnte einen Possen reißen, unterließ ichs nicht, da mich weder Vater noch Mutter hierum strafte; ich terminierte mit meinesgleichen bösen Buben durch dünn und dick auf der Gassen herum, und hatte schon das Herz, mit stärkern als ich war herumzuschlagen, kriegte ich dann Stöß, so sagten meine Eltern: ›Was ist das? soll so ein großer Flegel sich mit einem Kind schlagen?‹ Überwand denn ich (maßen ich kratzte, biß und warf) so sagten sie: ›Unser Olivierchen wird ein braver Kerl werden!‹ Davon wuchs mir der Mut, zum Beten war ich noch zu klein, wenn ich aber fluchte wie ein Fuhrmann, so hieß, ich verstünde es nicht: Also wurde ich immer ärger, [360] bis man mich zur Schul schickte, was denn andere böse Buben aus Bosheit ersannen, und nicht praktizieren durften, das setzte ich ins Werk. Wenn ich meine Bücher verklettert' oder zerriß, so schaffte mir die Mutter wieder andere, damit mein geiziger Vater sich nit erzürnte. Meinem Schulmeister tat ich großen Dampf an, denn er durfte mich nit hart halten, weil er ziemliche Verehrungen von meinen Eltern bekam, als deren unziemliche Affenliebe gegen mich ihm wohl bekannt war; Im Sommer fing ich Feldgrillen, und setzte sie fein heimlich in die Schul, die uns ein lieblich Gesang machten, im Winter aber stahl ich Nießwurz, und stäubte sie an den Ort, da man die Knaben zu kastigieren pflegt', wenn sich dann etwa ein Halsstarriger wehrte, so stob mein Pulver herum, und machte mir ein angenehme Kurzweil, weil alles niesen mußte. Hernach dünkte ich mich viel zu gut sein, nur so gemeine Schelmstück anzustellen, sondern all mein Tun ging auf obigen Schlag; ich stahl oft dem einen etwas und steckte es einem andern in Sack, dem ich gern Stöß angerichtet, und mit solchen Griffen konnte ich so behutsam umgehen, daß ich fast niemals darüber ertappt wurde. Von den Kriegen, die wir damals geführt, bei denen ich gemeiniglich ein Obrister gewesen, item von den Stößen die ich oft bekommen (denn ich hatte stets ein zerkratzt Gesicht, und den Kopf voll Beulen), mag ich jetzt nichts sagen, es weiß ja jedermann ohnedas wohl, was die Buben oft anstellen. So kannst du auch an oberzählten Stücken leicht abnehmen, wie ich mich sonst in meiner Jugend angelassen.«

19. Kapitel
Das 19. Kapitel

Wie er zu Lüttich studiert, und sich daselbst gehalten habe


»Weilen sich meines Vaters Reichtum täglich mehrte, also bekam er auch desto mehr Schmarotzer und Fuchsschwänzer, die meinen guten Kopf zum Studieren trefflich lobten, sonsten aber alle meine Untugenden verschwiegen, oder aufs wenigst zu entschuldigen wußten, denn sie spürten [361] wohl, daß derjenige so solches nicht tat, weder bei Vater noch Mutter wohl dran sein könnte; derowegen hatten meine Eltern ein größere Freud über ihren Sohn, als die Grasmück, die einen Kuckuck aufzieht. Sie dingten mir einen eigenen Praeceptorem, und schickten mich mit demselben nach Lüttich, mehr daß ich dort Welsch lernen, als studieren sollte, weilen sie keinen Theologum, sondern einen Handelsmann aus mir ziehen wollten; Dieser hatte Befehl, mich beileib nicht streng zu halten, daß ich kein furchtsam knechtisch Gemüt überkäme, er sollte mich fein unter die Bursch lassen, damit ich nit leutscheu würde, und gedenken, daß sie keinen Mönchen, sondern einen Weltmann aus mir machen wollten, der wissen müsse, was schwarz oder weiß sei.

Ermeldter mein Präzeptor aber war dieser Instruktion unbedürftig, sondern von sich selbsten auf alle Büberei geneigt, was hätte er mir denn solche verbieten, oder mich um meine geringen Fehler hart halten sollen, da er selbst gröbere beging; Aufs Buhlen und Saufen war er am meisten geneigt, ich aber von Natur aufs Balgen und Schlagen, daher ging ich schon bei Nacht mit ihm und seinesgleichen gassatim, und lernete ihm in Kürze mehr Untugenden als Latein ab. Soviel das Studiern anbelangt, verließ ich mich auf mein gut Gedächtnis und scharfen Verstand, und war deswegen desto fahrlässiger, im übrigen aber in allen Lastern, Bubenstücken und Mutwillen ersoffen, mein Gewissen war bereits so weit, daß ein großer Heuwagen hindurch hätte fahren mögen: Ich fragte nichts danach, wenn ich in der Kirch unter der Predigt den Bernium, Burchiellum oder den Aretinum las, und hörte nichts liebers vom ganzen Gottesdienst, als wenn man sagt': Ite missa est. Daneben dünkte ich mich keine Sau zu sein, sondern hielt mich recht stutzerisch, alle Tag war mirs Martinsabend oder Faßnacht, und weil ich mich dergestalt hielt wie ein gemachter Herr, und nicht nur das, so mein Vater zur Notdurft reichlich schickte, sondern auch meiner Mutter fette Milchpfennig tapfer durchgehen ließ, lockte uns auch das Frauenzimmer an sich, sonderlich meinen Praeceptorem, bei diesen Schleppsäcken lernete ich löffeln, buhlen und spielen; hadern, balgen [362] und schlagen konnte ich zuvor, und mein Präzeptor wehrte mir das Fressen und Saufen auch nicht, weil er selbsten gern mitmachte. Es währte dieses herrliche Leben anderthalb Jahr, ehe es mein Vater erfuhr, welches ihn sein Faktor zu Lüttich, bei dem wir auch anfangs zu Kost gingen, berichtet'; der bekam hingegen Befehl, auf uns genauer Achtung zu geben, den Präzeptorn abzuschaffen, mir den Zügel fürderhin nicht mehr so lang zu lassen, und mich ferner mit Geldgeben genauer zu halten. Solches verdroß uns alle beide, und obschon er Präzeptor geurlaubt wurde, so staken wir jedoch ein als den andern Weg Tag und Nacht beieinander; demnach wir aber nit mehr wie hiebevor spendieren konnten, geselleten wir uns zu einer Bursch, die den Leuten des Nachts auf der Gassen die Mäntel abzwackten, oder sie gar in der Maas ersäuften; was wir denn solchergestalt mit höchster Gefahr eroberten, verschlemmten wir mit unsern Huren, und ließen das Studieren beinahe ganz unterwegen.

Als wir nun einsmals, unserer Gewohnheit nach, bei der Nacht herumschlingelten, den Studenten ihre Mäntel hinwegzuvulpiniern, wurden wir überwunden, mein Präzeptor erstochen, und ich neben andern fünfen, die rechte Spitzbuben waren, ertappt und eingezogen: Als wir nun den folgenden Tag examiniert wurden, und ich meines Vaters Faktor nannte, der ein ansehnlicher Mann war, wurde derselbe beschickt, meinetwegen befragt, und ich auf seine Verbürgung losgelassen, doch daß ich bis auf weitern Bescheid in seinem Haus im Arrest verbleiben sollte; indessen wurde mein Präzeptor begraben, jene fünf als Spitzbuben, Räuber und Mörder gestraft, mein Vater aber berichtet, wie mein Handel stünde; der kam eiligst selbst auf Lüttich, richtete meine Sach mit Geld aus, hielt mir eine scharfe Predigt, und verwies mir, was ich ihm für Kreuz und Unglück machte, item daß sich meine Mutter stelle, als ob sie wegen meines Übelverhaltens verzweifeln wollte, bedrohete mich auch, dafern ich mich nit besserte, daß er mich enterben, und vorn Teufel hinwegjagen wollte. Ich versprach Besserung, und ritt mit ihm nach Haus; und also hat mein Studiern ein End genommen.«

20. Kapitel
[363] Das 20. Kapitel

Heimkunft und Abschied des ehrbaren Studiosi, und wie er im Krieg seine Beförderung gesucht


»Da mich mein Vater heimbrachte, befand er, daß ich in Grund verderbt wäre; ich war kein ehrbarer Domine worden, als er wohl gehofft hatte, sondern ein Disputierer und Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel! Ich war kaum ein wenig daheim erwarmt, als er zu mir sagte: ›Höre Olivier, ich sehe deine Eselsohren je länger je mehr hervorragen, du bist ein unnütze Last der Erden, ein Schlingel, der nirgends zu mehr taug! ein Handwerk zu lernen bist du zu groß, einem Herrn zu dienen bist du zu flegelhaftig, und meine Hantierung zu begreifen und zu treiben bist du nichts nutz. Ach was hab ich doch mit meinem großen Kosten, den ich an dich gewendet, ausgericht? Ich hab gehofft, Freud an dir zu erleben, und dich zum Mann zu machen, so hab ich dich hingegen jetzt aus des Henkers Händen kaufen müssen: Pfui der Schand! Das beste wirds sein, daß ich dich in eine Kalmusmühl tue, und Miseriam cum aceto schmelzen lasse, bis dir ohnedas ein besser Glück aufstößt, wenn du dein übel Verhalten abgebüßt haben würdest.‹

Solche und dergleichen Lectiones mußte ich täglich hören, bis ich zuletzt auch ungeduldig wurde, und zu meinem Vater sagte: Ich wäre an allem nit schuldig, sondern er und mein Präzeptor, der mich verführet hätte; daß er keine Freud an mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht zu erfreuen, als die er gleichsam im Bettel verhungern lasse. Er aber ertappte einen Prügel, und wollte mir um meine Wahrsagung lohnen, hoch und teur sich verschwörend, er wollte mich nach Amsterdam ins Zuchthaus tun. Da ging ich durch, und verfügte mich selbige Nacht auf seinen unlängst erkauften Meierhof, sah meinen Vorteil aus, und ritt seinem Meier den besten Hengst auf Köln zu, den er im Stall hatte.

Denselben versilberte ich, und kam abermal in eine Gesellschaft [364] der Spitzbuben und Diebe, wie ich zu Lüttich eine verlassen hatte, diese erkannten mich gleich am Spielen, und ich sie hinwieder, weil wirs beiderseits so wohl konnten; Ich verfügte mich gleich in ihre Zunft, und half bei Nacht einfahren wo ich zukommen möchte, demnach aber kurz hernach einer aus uns ertappt wurde, als er einer vornehmen Frauen auf dem Alten Markt ihren schweren Beutel toll machen wollte, zumal ich ihn einen halben Tag mit einem eisern Halskragen am Pranger stehen, ihm auch ein Ohr abschneiden, und mit Ruten aushauen sah, erleidet' mir das Handwerk, ließ mich derowegen für einen Soldaten unterhalten, weil eben damals unser Obrist, bei dem wir vor Magdeburg gewesen, sein Regiment zu verstärken Knecht annahm. Indessen hatte mein Vater erfahren, wo ich hinkommen, schrieb derhalben seinem Faktor zu, daß er mich auskundigen sollte, dies geschah eben, als ich bereits Geld auf die Hand empfangen hatte; der Faktor berichtet' solches meinem Vater wieder, der befahl, er sollte mich wieder ledig kaufen, es koste auch was es wolle; da ich solches hörte, fürchtete ich das Zuchthaus, und wollt einmal nicht ledig sein. Hierdurch vernahm mein Obrister, daß ich eines reichen Kaufherrn Sohn wäre, spannete derhalben den Bogen gar zu hoch, daß mich also mein Vater ließ wie ich war, der Meinung, mich im Krieg ein Weil zappeln zu lassen, ob ich mich bessern möchte.

Nachgehends stand es nicht lang an, daß meinem Obristen sein Schreiber mit Tod abging, an dessen Statt er mich zu sich nahm, maßen dir bewußt: Damal fing ich an hohe Gedanken zu machen, der Hoffnung, von einer Staffel zur andern höher zu steigen, und endlich gar zu einem General zu werden: Ich lernete von unserm Secretario, wie ich mich halten sollte, und mein Vorsatz groß zu werden verursachte, daß ich mich ehrbar und reputierlich einstellte, und nit mehr, wie hiebevor meiner Art nach, mich mit Lumpenpossen schleppte; es wollte aber gleichwohl nicht hotten, bis unser Secretarius starb, da gedacht ich, du mußt sehen, daß du dessen Stell bekommst; ich spendierte wo ich konnte, denn als meine Mutter erfuhr, daß ich anfing gut zu [365] tun, schickte sie mir noch immer Geld. Weil aber der junge Herzbruder meinem Obristen gar ins Hemd gebacken war, und mir vorgezogen wurde, trachtet ich, ihn aus dem Weg zu räumen, vornehmlich da ich inne wurde, daß der Obrist gänzlich gewillet, ihm die Sekretariatstelle zu geben. In Verzögerung solch meiner Beförderung, die ich so heftig suchte, wurd ich so ungeduldig, daß ich mich von unserm Profosen so fest als Stahl machen ließ, des Willens mit dem Herzbruder zu duellisieren, und durch die Kling hinzurichten; Aber ich konnte niemals mit Manier an ihn kommen; So wehrete mir auch unser Profos mein Vorhaben, und sagte: ›Wenn du ihn gleich aufopferst, so wird es dir doch mehr schäd- als nützlich sein, weil du des Obristen liebsten Diener ermordt haben würdest‹, gab mir aber den Rat, daß ich etwas in Gegenwart des Herzbruders stehlen, und ihm solches zustellen sollte, so wollte er schon zuwege bringen, daß er des Obristen Gnad verliere. Ich folgte, nahm bei des Obristen Kindtauf seinen übergüldten Becher, und gab ihn dem Profosen, mit welchem er dann den jungen Herzbruder abgeschafft hat; Als du dich dessen noch wohl wirst zu erinnern wissen, als er dir in des Obristen großem Zelt die Kleider auch voll junger Hündlein gaukelte.«

21. Kapitel
Das 21. Kapitel

Wie des Herzbruders Prophezei Simplicius dem Olivier erfüllt, als keiner den andern kannte


Es wurde mir grün und gelb vor den Augen, als ich aus Oliviers eigenem Maul hören mußte, wie er mit meinem allerwertesten Freund umgangen, und gleichwohl keine Rach vornehmen durfte, ich mußte noch dazu mein Anliegen verbeißen, damit ers nit merkte, sagte derowegen, er sollte mir auch erzählen, wie es ihm nach der Schlacht vor Wittstock ferner ergangen wäre?

»In demselben Treffen«, sagte Olivier, »hielt ich mich nicht wie ein Federspitzer, der nur auf das Tintenfaß bestellt [366] ist, sondern wie ein rechtschaffener Soldat, denn ich war wohlberitten, und so fest als Eisen, zumal in keine Schwadron eingeschlossen, ließ derhalben meinen Valor sehen, als einer der durch den Degen hochzukommen oder zu sterben gedenkt; ich vagierte um unsere Brigade herum wie eine Windsbraut, mich zu exerzieren, und den Unsern zu weisen, daß ich besser zu den Waffen als zu der Feder tauge; aber es half nichts, das Glück der Schweden überwand, und ich mußte der Unsern Unglückseligkeit teilhaftig werden, allermaßen ich Quartier nehmen mußte, wiewohl ich es kurz zuvor keinem geben wollte.

Also wurde ich nun wie andere Gefangene unter ein Regiment zu Fuß gestoßen, welches sich wieder zu erholen nach Pommern gelegt wurde, und demnach es viel neugeworbene Bursch gab, ich aber eine treffliche Courage verspüren ließ, wurde ich zum Korporal gemacht; aber ich gedacht da nit lang Mist zu machen, sondern bald wieder unter die Kaiserlichen zu kommen, als deren Partei ich besser affektioniert war, da ich doch ohne Zweifel bei den Schweden bessere Beförderung gefunden hätte. Mein Ausreißen setzte ich folgendergestalt ins Werk: Ich wurde mit sieben Musketiern ausgeschickt, in unsern abgelegenen Quartiern die ausständige Kontribution zu erpressen; als ich nun über achthundert Gulden zuwege gebracht, zeigte ich meinen Burschen das Geld, und machte ihre Augen nach demselben lüsternd, also daß wir des Handels miteinander eins wurden, solches unter uns zu teilen, und damit durchzugehen; Als solches geschehen, persuadiert ich ihrer drei, daß sie mir halfen die andern vier totschießen, und nach solcher Verrichtung teilten wir das Geld, nämlich jedem zweihundert Gulden, damit marschierten wir gegen Westfalen; unterwegs überredt ich noch einen aus denselben dreien, daß er auch die zween übrigen niederschießen half, und als wir das Geld abermal miteinander teilen sollten, er würgte ich den letzten auch, und kam mit dem Geld glücklich nach Werl, allwo ich mich unterhalten ließ, und mit diesem Geld ziemlich lustig machte.

Als solches auf die Neige ging, und ich ein als den andern [367] Weg gern bankettiert hätte, zumaln viel von einem jungen Soldaten in Soest hörte rühmen, was treffliche Beuten und großen Namen er sich damit machte, wurde ich angefrischt, ihm nachzufolgen; man nannte ihn wegen seiner grünen Kleidung den Jäger, derhalben ich auch eins machen ließ, und stahl auf ihn in seinen und unsern eignen Quartieren, mit Verübung sonst allerhand Exorbitantien dermaßen, daß uns beiden das Parteigehen niedergelegt werden wollte; jener zwar blieb daheim, ich aber mausete noch immerfort in seinem Namen, soviel ich konnte, also daß besagter Jäger um solcher Ursach willen mich auch herausfordern ließ, aber der Teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch, wie mir gesagt wurde, in Haaren sitzen hatte, er würde mir meine Festigkeit schön aufgetan haben.

Doch konnte ich seiner List nicht entgehen, denn er praktizierte mich mit Hilf seines Knechts in eine Schäferei, samt meinem Kameraden, und wollte mich zwingen, ich sollte daselbst beim Mondenschein, in Gegenwart zweier leibhafter Teufel, die er als Sekundanten bei sich hatte, mit ihm raufen; Weil ichs aber nicht tun wollte, zwangen sie mich zu der spöttlichsten Sach von der Welt, so mein Kamerad unter die Leute bracht, davon ich mich dergestalt schämte, daß ich von dort hinweg auf Lippstadt lief, und bei den Hessen Dienst nahm, verblieb aber auch daselbst nicht lang, weil man mir nit traute, sondern trabte fürders in holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere Bezahlung: aber einen langweiligen Krieg für mein Humor fand, denn da wurden wir eingehalten wie die Mönche, und sollten züchtig leben als die Nonnen.

Weil ich mich denn nun weder unter Kaiserlich-, Schwedisch-, noch Hessischen nicht mehr durfte sehen lassen, ich hätte mich denn mutwillig in Gefahr geben wollen, indem ich bei allen dreien ausgerissen, zumal unter den Holländern nicht länger zu bleiben hatte, weil ich ein Mägdlein mit Gewalt entunehrt hatte, welches allem Ansehen nach in Bälde seinen Ausbruch nehmen würde, gedachte ich meine Zuflucht bei den Spanischen zu haben, der Hoffnung, von denselben heimzugehen, und zu sehen, was meine Eltern[368] machten. Aber als ich solches ins Werk zu setzen ausging, wurde mir der Kompaß so verrückt, daß ich unversehens unter die Bayrischen geriet, mit denselben marschierte ich unter den Merode-Brüdern aus Westfalen bis ins Breisgau, und ernährte mich mit Spielen und Stehlen, hatte ich etwas, so lag ich bei Tags damit auf dem Spielplatz, und bei Nacht bei den Marketendern, hatte ich aber nichts, so stahl ich hinweg was ich kriegen konnte, ich stahl oft auf einen Tag zwei oder drei Pferd, beides von der Weid und aus den Quartiern, verkaufte und verspielte hinwieder, was ich löste, und minierte alsdann bei Nacht den Leuten in die Zelt, und zwackte ihnen ihr Bestes unter den Köpfen hervor. War es aber auf dem Marsch, so hatte ich an den engen Pässen ein wachtsames Aug auf die Felleisen, so die Weiber hinter sich führten, die schnitt ich ab, und brachte mich also durch, bis das Treffen vor Wittenweier vorüberging, in welchem ich gefangen, abermal unter ein Regiment zu Fuß gestoßen, und also zu einem weimarischen Soldaten gemacht wurde; es wollte mir aber im Lager vor Breisach nicht gefallen, darum quittierte ichs auch beizeiten, und ging davon für mich selbst zu kriegen, wie du denn siehest, daß ich tue. Und sei versichert Bruder, daß ich seithero manchen stolzen Kerl niedergelegt, und ein herrlich Stück Geld prosperieret habe, gedenke auch nicht aufzuhören, bis daß ich sehe, daß ich nichts mehr bekommen kann. Jetzund nun wirds an dir sein, daß du mir auch deinen Lebenslauf erzählest.«

22. Kapitel
Das 22. Kapitel

Wie es einem gehet, und was es sei, wenn es ihm hund- oder katzenübel geht


Als Olivier seinen Diskurs dergestalt vollführete, konnte ich mich nicht genugsam über die göttliche Vorsehung verwundern! Ich konnte greifen, wie mich der liebe Gott hiebevor in Westfalen vor diesem Unmenschen nit allein väterlich bewahret, sondern noch dazu versehen hatte, daß er sich [369] vor mir entsetzt: Damals sah ich erst, was ich dem Olivier für einen Possen erwiesen, davon ihm der alte Herzbruder prophezeiet, welches er Olivier aber selbst, wie hiervon im sechzehnten Kapitel zu sehen, zu meinem großen Vorteil anders ausgelegt; denn sollte diese Bestia gewußt haben, daß ich der Jäger von Soest gewesen wäre, so hätte er mir gewißlich wieder eingetränkt, was ich ihm hiebevor auf der Schäferei getan; ich betrachtete auch, wie weislich und obskur Herzbruder seine Weissagungen geben, und gedachte bei mir selber, obzwar seine Wahrsagungen gemeinlich unfehlbar einzutreffen pflegten, daß es dennoch schwerfallen würde, und seltsam hergehen müßte, da ich eines solchen Tod, der Galgen und Rad verdient hätte, rächen sollte; ich befand auch, daß mirs trefflich gesund gewesen, daß ich ihm meinen Lebenslauf nicht zuerst erzählt, denn mit der Weis hätte ich ihm ja selber gesagt, womit ich ihn hiebevor beleidigt. Indem ich nun solche Gedanken machte, wurde ich in Oliviers Angesicht etlicher Ritz gewahr, die er vor Magdeburg noch nit gehabt, bildete mir derhalben ein, dieselben Narben sein noch die Wahrzeichen des Springinsfeld, als er ihm hiebevor in Gestalt eines Teufels das Angesicht so zerkratzte, fragte ihn derhalben, woher ihm solche Zeichen kämen? mit dem Anhang, ob er mir gleichwohl seinen ganzen Lebenslauf erzähle, daß ich jedoch ohnschwer abnehmen müsse, er verschweige mir das beste Teil, weil er mir noch nicht gesagt, wer ihn so gezeichnet hätte. »Ach Bruder«, antwortet' er, »wenn ich dir alle meine Bubenstück und Schelmerei erzählen sollte, so würde beides mir und dir die Zeit zu lang werden, damit du aber gleichwohl sehest, daß ich dir von meinen Begegnissen nichts verhehle, so will ich dir hievon auch die Wahrheit sagen, ob es schon scheinet, als gereiche es mir zum Spott.«

Ich glaube gänzlich, daß ich von Mutterleib an zu einem gezeichneten Angesicht prädestinieret gewesen sei, denn gleich in meiner Jugend wurde ich von meinesgleichen Schülerjungen so zerkratzt, wenn ich mit ihnen rupfte; so hielt mich auch einer von den Teufeln, die dem Jäger von Soest aufwarteten, überaus hart, maßen man seine Klauen [370] wohl sechs Wochen in meinem Gesicht spürte, aber solches heilete ich wieder alles sauber hinweg; die Striemen aber, die du jetzt noch in meinem Angesicht siehest, haben einen andern, und zwar diesen Ursprung: Als ich noch unter den Schweden in Pommern in dem Quartier lag, und eine schöne Mätresse hatte, mußte mein Wirt aus seinem Bett weichen, und uns hineinliegen lassen; seine Katz, die auch alle Abend in demselbigen Bett zu schlafen gewohnt war, kam alle Nacht, und machte uns große Ungelegenheit, indem sie ihre ordentliche Liegestatt nit so schlechtlich entbehren wollte, wie ihr Herr und Frau getan; solches verdroß meine Mätresse (die ohnedas keine Katz leiden konnte) so sehr, daß sie sich hoch verschwor, sie wollte mir in keinem Fall mehr Liebs erweisen, bis ich ihr zuvor die Katz hätte abgeschafft; Wollte ich nun ihrer Freundlichkeit länger genießen, so gedachte ich ihr nit allein zu willfahren, sondern mich auch dergestalt an der Katz zu rächen, daß ich auch eine Lust daran haben möchte; steckte sie derhalben in einen Sack, nahm meines Wirts beide starken Baurenhunde (die den Katzen ohnedas ziemlich grämisch, bei mir aber wohlgewohnt waren) mit mir und der Katzen im Sack auf ein breite lustige Wiese, und gedachte da meinen Spaß zu haben, denn ich vermeinte, weil kein Baum in der Nähe war, auf den sich die Katz retirieren konnte, würden sie die Hund eine Weil auf der Ebne hin und wieder jagen, wie einen Hasen raumen, und mir eine treffliche Kurzweil anrichten, aber potz Stern! es ging mir nit allein hundsübel, wie man zu sagen pflegt, sondern auch katzenübel (welches Übel wenig' erfahren haben werden, denn man hätte sonst ohne Zweifel vorlängsten auch ein Sprichwort daraus gemacht), maßen die Katz, sobald ich den Sack auftat, nur ein weites Feld, und auf demselbigen ihre zwei starken Feind, und nichts Hohes vor sich sah, dahin sie ihre Zuflucht hätte nehmen können: Derowegen wollte sie sich nicht so schlechtlich in die Niedere begeben, und sich das Fell zerreißen lassen, sondern sie begab sich auf meinen eigenen Kopf, weil sie keinen höhern Ort wußte, und als ich ihr wehrte, fiel mir der Hut herunter; je mehr ich sie nun herunterzuzerren [371] trachtete, je fester schlug sie ihre Nägel ein, sich zu halten: Solch unserm Gefecht konnten beide Hunde nicht lang zusehen, sondern mengten sich mit ins Spiel, sie sprangen mit offenem Rachen hinten, vorne und zur Seiten nach der Katz, die sich aber gleichwohl von meinem Kopf nicht hinwegbegeben wollte, sondern sich beides sowohl in meinem Angesicht als sonsten auf dem Kopf mit Einschlagung ihrer Klauen hielt so gut sie konnte, tat sie aber mit ihrem Dornhandschuh einen Fehlstreich nach den Hunden, so traf mich derselbe gewiß, weil sie aber auch bisweilen die Hund auf die Nase schlug, beflissen sich dieselbigen, sie mit ihren Talpen herunterzubringen, und gaben mir damit manchen unfreundlichen Griff ins Gesicht, wenn ich aber selbst mit beiden Händen nach der Katz tastete, sie herabzureißen, biß und kratzte sie nach ihrem besten Vermögen: Also wurde ich beides von den Hunden und von der Katz zugleich bekriegt, zerkratzt und dergestalt schrecklich zugerichtet, daß ich schwerlich einem Menschen mehr gleichsah; und was das allerschlimmste war, mußte ich noch dazu in der Gefahr stehen, wenn sie so nach der Katz schnappten, es möchte mir etwa einer ohngefähr die Nase, oder ein Ohr erwischen, und ganz hinwegbeißen; Mein Kragen und Koller sah so blutig aus, als wie vor eines Schmieds Notstall an St. Stefanstag, wenn man den Pferden zur Ader läßt; und wußte ich ganz kein Mittel zu ersinnen, mich aus diesen Ängsten zu erretten; zuletzt so mußte ich von freien Stücken auf die Erde niederfallen, damit beide Hund die Katz erwischen könnten, wollte ich anderst nicht, daß mein Capitolium noch länger ihr Fechtplatz sein sollte; die Hund erwürgten zwar die Katz, ich hatte aber bei weitem keinen so herrlichen Spaß davon als ich gehofft, sondern nur Spott, und ein solch Angesicht, wie du noch vor Augen siehest. Dessentwegen wurde ich so ergrimmt, daß ich nachgehends beide Hund totschoß, und meine Mätreß, die mir zu dieser Torheit Anlaß geben, dergestalt abprügelte, daß sie hätte Öl geben mögen, und darüber von mir hinweglief, weil sie ohn Zweifel keine so abscheuliche Larve länger lieben konnte.

23. Kapitel
[372] Das 23. Kapitel

Ein Stücklein, zum Exempel desjenigen Handwerks, das Olivier trieb, worin er ein Meister war, und Simplicius ein Lehrjung sein sollte


Ich hätte über dieser des Oliviers Erzählung gern gelacht, und mußte mich doch mitleidenlich erzeigen; und als ich eben auch anfing meinen Lebenslauf zu erzählen, sahen wir eine Kutsche samt zweien Reutern das Land heraufkommen, derohalben stiegen wir vom Kirchturm, und setzten uns in ein Haus das an der Straß lag, und sehr bequem war die Vorüberreisenden anzugreifen; mein Rohr mußte ich zum Vorrat geladen behalten, Olivier aber legte mit seinem Schuß gleich den einen Reuter und das Pferd, ehe sie unserer innewurden, weswegen denn der ander gleich durchging, und indem ich mit übergezognem Hahnen den Kutscher halten und absteigen gemacht, sprang Olivier auf ihn dar, und spaltete ihm mit seinem breiten Schwert den Kopf voneinander bis auf die Zähne hinunter, wollte auch gleich darauf das Frauenzimmer und die Kinder metzgen, die in der Kutschen saßen, und bereits mehr den toten Leichen als den Lebenden gleichsahen; ich aber wollte es rund nicht gestatten, sondern sagte, wofern er solches ja ins Werk setzen wollte, müßte er mich zuvor erwürgen. »Ach!« sagte er, »du närrischer Simplici, ich hätte mein Tage nicht gemeinet, daß du so ein heilloser Kerl wärest, wie du dich anläßt.« Ich antwortet: »Bruder, was willst du die unschuldigen Kinder zeihen, wenns Kerl wären die sich wehren könnten, so wärs ein anders.« »Was«, antwortet' er, »Eier in die Pfannen, so werden keine Jungen draus; ich kenne diese jungen Blutsauger wohl, ihr Vater der Major ist ein rechter Schindhund, und der ärgste Wamsklopfer von der Welt.« Und mit solchen Worten wollte er immer fortwürgen, doch enthielt ich ihn so lang, bis er sich endlich erweichen ließ; es waren aber eines Majors Weib, ihre Mägd, und drei schöne Kinder, die mich von Herzen daureten, diese sperreten wir in einen Keller, [373] auf daß sie uns so bald nicht verraten sollten, in welchem sie sonst nichts als Obst und weiße Rüben zu beißen hatten, bis sie gleichwohl wiederum von jemandem erlöst würden; demnach plünderten wir die Kutschen, und ritten mit sieben schönen Pferden in Wald wo er zum dicksten war.

Als wir solche angebunden hatten, und ich mich ein wenig umschauete, sah ich ohnweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen, solchen wies ich dem Olivier, und vermeinte es wäre sich vorzusehen. »Ha Narr!« antwortet' er, »es ist ein Jud, den hab ich hingebunden, der Schelm ist aber vorlängst erfroren und verreckt«, und indem ging er zu ihm, klopfte ihm mit der Hand unten ans Kinn, und sagte: »Ha! du Hund hast mir auch viel schöne Dukaten gebracht«, und als er ihm dergestalt das Kinn bewegte, rollten ihm noch etliche Dublonen zum Maul heraus, welche der arm Schelm noch bis in seinen Tod davongebracht hatte; Olivier griff ihm darauf in das Maul, und brachte zwölf Dublonen und einen köstlichen Rubin zusammen. »Diese Beut«, sagte er, »hab ich dir Simplici zu danken«, schenkte mir darauf den Rubin, stieß das Geld zu sich, und ging hin seinen Bauren zu holen, mit Befehl, ich sollte indessen bei den Pferden verbleiben, sollte aber wohl zusehen, daß mich der tote Jud nicht beiße, womit er mir verwies, daß ich kein solche Courage hätte wie er.

Als er nun nach dem Bauren aus war, machte ich indessen sorgsame Gedanken, und betrachtete, in was für einem gefährlichen Stand ich lebte; Ich nahm mir vor, auf ein Pferd zu sitzen und durchzugehen, besorgte aber, Olivier möchte mich über der Arbeit ertappen, und erst niederschießen, denn ich argwöhnte, daß er meine Beständigkeit für diesmal nur probiere, und irgends stehe mir aufzupassen; bald gedacht ich zu Fuß davonzulaufen, mußte aber doch sorgen, wenn ich dem Olivier gleich entkäme, daß ich nichtsdestoweniger den Baurn auf dem Schwarzwald, die damals im Ruf waren, daß sie den Soldaten auf die Hauben klopften, nicht entrinnen würde können. ›Nimmst du aber‹, gedacht ich, ›alle Pferd mit dir, auf daß Olivier kein Mittel hat, dir [374] nachzujagen, und würdest von den Weimarischen erwischt, so wirst du als ein überzeugter Mörder aufs Rad gelegt.‹ In Summa, ich wußte kein sicher Mittel zu meiner Flucht zu ersinnen, vornehmlich da ich mich in einem wilden Wald befand, und weder Weg noch Steg wußte; überdas wachte mir mein Gewissen auch auf, und quälte mich, weil ich die Kutsch aufgehalten, und ein Ursach gewesen, daß der Kutscher so erbärmlich ums Leben kommen, und beide Weibsbilder und unschuldigen Kinder in Keller versperrt worden, worinnen sie vielleicht, wie dieser Jud, auch sterben und verderben müßten; bald wollte ich mich meiner Unschuld getrösten, weil ich wider Willen angehalten würde, aber mein Gewissen hielt mir vor, ich hätte vorlängsten mit meinen andern begangenen bösen Stücken verdient, daß ich in Gesellschaft dieses Erzmörders in die Händ der Justiz gerate, und meinen billigen Lohn empfange, und vielleicht hätte der gerechte Gott versehen, daß ich solchergestalt gestraft werden sollte: Zuletzt fing ich an ein Bessers zu hoffen, und bat die Güte Gottes, daß sie mich aus diesem Stand erretten wollte, und als mich so eine Andacht ankam, sagte ich zu mir selber: »Du Narr, du bist ja nicht eingesperrt oder angebunden, die ganze weite Welt steht dir ja offen, hast du jetzt nit Pferd genug, zu deiner Flucht zu greifen? oder da du nicht reiten willst, so sind deine Füße ja schnell genug, dich davonzutragen.« Indem ich mich nun selbst so martert und quälte, und doch nichts entschließen konnte, kam Olivier mit unserm Baurn daher, der führte uns mit den Pferden auf einen Hof, da wir fütterten, und einer um den andern ein paar Stund schliefen; nach Mitternacht ritten wir weiters, und kamen gegen Mittag an die äußerste Grenzen der Schweizer, allwo Olivier wohlbekannt war, und uns stattlich auftragen ließ, und dieweil wir uns lustig machten, schickte der Wirt nach zweien Juden, die uns die Pferd gleichsam nur um halb Geld abhandelten: Es war alles so nett und just bestellt, daß es wenig Wortwechselns brauchte, der Juden größte Frag war, ob die Pferd kaiserisch oder schwedisch gewesen? und als sie vernahmen, daß sie von den Weimarischen herkämen, sagten sie: »So müssen wir [375] solche nicht nach Basel, sondern in das Schwabenland zu den Bayrischen reiten.« Über welche große Kundschaft und Vertraulichkeit ich mich verwundern mußte.

Wir bankettierten edelmännisch, und ich ließ mir die guten Waldforellen und köstlichen Krebs daselbst wohl schmecken; Wie es nun Abend wurde, so machten wir uns wieder auf den Weg, hatten unsern Baurn mit Gebratens und andern Victualien wie einen Esel beladen, damit kamen wir den andern Tag auf einen einzeln Baurnhof, allwo wir freundlich bewillkommt und aufgenommen wurden, und uns wegen ungestümen Wetters ein paar Tag aufhielten, folgends kamen wir durch lauter Wald und Abweg wieder in eben dasjenige Häuslein, dahin mich Olivier anfänglich führte, als er mich zu sich bekam.

24. Kapitel
Das 24. Kapitel

Olivier beißt ins Gras, und nimmt noch ihrer sechs mit sich


Wie wir nun so da saßen, unserer Leiber zu pflegen und auszuruhen, schickte Olivier den Baurn aus, Essenspeis samt etwas von Kraut und Lot einzukaufen; Als selbiger hinweg, zog er seinen Rock aus, und sagte zu mir: »Bruder, ich mag das Teufelsgeld nit mehr allein so herumschleppen«, band demnach ein paar Würste oder Wülst, die er auf bloßem Leib trug, herunter, warf sie auf den Tisch, und sagte ferner: »Du wirst dich hiemit bemühen müssen, bis ich einmal Feierabend mache, und wir beide genug haben, das Donnersgeld hat mir Beulen gedrückt!« Ich antwortete: »Bruder, hättest du so wenig als ich, so würde es dich nit drücken.« »Was?« fiel er mir in die Red, »was mein ist, das ist auch dein, und was wir ferner miteinander erobern, soll gleiche Part gelten.« Ich ergriff beide Wülste, und befand sie trefflich gewichtig, weil es lauter Goldsorten warn; Ich sagte, es sei alles gar unbequem gepackt, da es ihm gefiel, wollte ichs also einnähen, daß einen das Tragen nit halb so saur ankäme. Als er mirs heimstellte, ging ich mit ihm in [376] einen hohlen Eichbaum, allda er Scher, Nadel und Faden vermochte, da machte ich mir und ihm ein Skapulier oder Schulterkleid aus einem Paar Hosen, und versteppte manchen schönen roten Batzen darein, und demnach wir nun solche unter die Hemden anzogen, war es nicht anders, als ob wir vorn und hinten mit Gold bewaffnet gewesen wären: Und demnach mich wunder nahm, und fragte, warum er kein Silbergeld hätte? bekam ich zur Antwort, daß er mehr als tausend Taler in einem Baum liegen hätte, aus welchem er den Baum hausen ließe, und um solches nie kein Rechnung begehrt, weil er solchen Schafmist nicht hoch achte.

Als dies geschehen, und das Geld eingepackt war, gingen wir nach unserm Logiment, darin wir dieselbe Nacht über kochten, und uns beim Ofen ausbäheten: Und demnach es eine Stund Tag war, kamen, als wir uns dessen am wenigsten versahen, sechs Musketier samt einem Korporal, mit fertigem Gewehr und aufgepaßten Lunten ins Häuslein, stießen die Stubentür auf, und schrien: Wir sollten uns gefangen geben! Aber Olivier (der sowohl als ich jederzeit seine gespannte Muskete neben sich liegen, und sein scharf Schwert allzeit an der Seiten hatte, und damals eben hinterm Tisch saß, gleichwie ich hinter der Tür beim Ofen stand) antwortet' ihnen mit einem Paar Kugeln, durch welche er gleich zween zu Boden fällte, ich aber erlegte den dritten, und beschädigte den vierten durch einen gleichmäßigen Schuß; darauf wischte Olivier mit seinem notfesten Schwert, welches Haar schor, und wohl des Königs Arturi in England Caliburn verglichen werden möchte, von Leder, und hieb den fünften von der Achsel an bis auf den Bauch hinunter, daß ihm das Ingeweid heraus, und er neben demselben daniederfiel, indessen schlug ich den sechsten mit meinem umgekehrten Feurrohr auf den Kopf, daß er alle vier von sich streckte; einen solchen Streich kriegte Olivier von dem siebenten, und zwar mit solcher Gewalt, daß ihm das Hirn herausspritzte, ich aber traf denselben, ders ihm getan, wiederum dermaßen, daß er gleich seinen Kameraden am Totenreihen Gesellschaft leisten mußte; Als der Beschädigte, den ich anfänglich durch meinen Schuß getroffen, dieser [377] Puff gewahr wurde, und sah, daß ich ihm mit umgekehrtem Rohr auch ans Leder wollte, warf er sein Gewehr hinweg, und fing an zu laufen, als ob ihn der Teufel selbst gejagt hätte. Und dieses Gefecht währte nit länger als eines Vaterunsers Länge, in welcher kurzen Zeit diese sieben tapferen Soldaten ins Gras bissen.

Da ich nun solchergestalt allein Meister auf dem Platz blieb, beschaute ich den Olivier, ob er vielleicht noch einen lebendigen Atem in sich hätte; da ich ihn aber ganz entseelet befand, dünkte mich ungereimt zu sein, einem toten Körper soviel Golds zu lassen, dessen er nit vonnöten, zog ihm derwegen das gülden Fell ab, so ich erst gestern gemacht hatte, und hing es auch an Hals zu dem andern. Und demnach ich mein Rohr zerschlagen hatte, nahm ich Oliviers Muskete und Schwert zu mir, mit demselben versah ich mich auf allen Notfall, und machte mich aus dem Staub, und zwar auf den Weg, da ich wußte, daß unser Baur darauf herkommen müßte; ich setzte mich beiseit an ein Ort, seiner zu erwarten, und mich zugleich zu bedenken, was ich ferner anfangen wollte.

25. Kapitel
Das 25. Kapitel

Simplicius kommt reich davon, hingegen zieht Herzbruder sehr elend auf


Ich saß kaum ein halbe Stund in meinen Gedanken, so kam unser Baur daher, und schnaubte wie ein Bär, er lief von allen Kräften, und wurde meiner nit gewahr, bis ich ihm auf den Leib kam. »Warum so schnell«, sagte ich, »was Neues?« Er antwort: »Geschwind macht Euch abweg! es kommt ein Korporal mit sechs Musketiern, die sollen Euch und den Olivier aufheben, und entweder tot oder lebendig nach Lichteneck liefern, sie haben mich gefangen gehabt, daß ich sie zu Euch führen sollte, bin ihnen aber glücklich entronnen, und hieher kommen, Euch zu warnen.« Ich gedachte: ›O Schelm, du hast uns verraten, damit dir Oliviers Geld, so im Baum liegt, zuteil werden möge‹, [378] ließ mich aber doch nichts merken, weil ich mich seiner als eines Wegweisers gebrauchen wollte, sondern sagte ihm, daß beides Olivier und diejenigen so ihn hätten fangen sollen, tot wären; da es aber der Bauer nit glauben wollte, war ich noch so gut, und ging mit ihm hin, daß er das Elend an den sieben Körpern sehen konnte. »Den siebenten (von denen), die uns fangen sollen«, sagte ich, »habe ich laufen lassen, und wollte Gott, ich könnte auch diese wieder lebendig machen, so wollte ichs nit unterlassen!« Der Bauer erstaunte vor Schrecken, und sagte: »Was Rats?« Ich antwortet: »Der Rat ist schon beschlossen, unter dreien Dingen geb ich dir die Wahl, entweder führe mich alsbald durch sichere Abweg über den Wald hinaus nach Villingen, oder zeige mir Oliviers Geld, das im Baum liegt, oder stirb hier, und leiste gegenwärtigen Toten Gesellschaft! Führest du mich nach Villingen, so bleibt dir Oliviers Geld allein, wirst du mirs aber weisen, so will ichs mit dir teilen, tust du aber deren keines, so schieß ich dich tot, und gehe gleichwohl meines Wegs.« Der Baur wäre gern entlaufen, aber er fürchte die Muskete, fiel derhalben auf die Knie nieder, und erbot sich, mich über Wald zu führen: Also wanderten wir eilend fort, gingen denselben Tag und folgende ganze Nacht, weil es zu allem Glück trefflich hell war, ohne Essen, Trinken und einzige Ruhe immer hin, bis wir gegen Tag die Stadt Villingen vor uns liegen sahen, allwo ich meinen Baurn wieder von mir ließ. Auf diesem Weg trieb den Baurn die Todesfurcht, mich aber die Begierde, mich selbst und mein Geld davonzubringen, und muß fast glauben, daß einem Menschen das Gold große Kräfte mitteilet, denn ob ich zwar schwer genug daran trug, so empfand ich jedoch keine sonderbare Müdigkeit.

Ich hielt es für ein glücklich Omen, daß man die Pfort eben öffnete, als ich vor Villingen kam; der Offizier von der Wacht examinierte mich, und als er vernahm, daß ich mich für einen Freireuter ausgab, von demjenigen Regiment, wobei mich Herzbruder getan, als er mich zu Philippsburg von der Muskete erlöste, wie auch, daß ich aus dem Lager vor Breisach von den Weimarischen herkäme, unter welche [379] ich vor Wittenweir gefangen und untergestoßen worden, und nunmehr wieder zu meinem Regiment unter die Bayrischen begehrte, gab er mir einen Musketierer zu, der mich zum Kommandanten führte. Derselbe lag noch in seiner Ruhe, weil er wegen seiner Geschäfte mehr als die halbe Nacht wachend zugebracht hatte, also daß ich wohl anderthalbe Stund vor seinem Quartier aufwarten mußte, und weil eben die Leut aus der Frühmeß gingen, einen großen Umstand von Bürgern und Soldaten bekam, die alle wissen wollten, wie es vor Breisach stünde? von welchem Geschrei der Kommandant erwachte, und mich vor sich kommen ließ:

Er fing an, mich zu examinieren, und meine Aussag war wie unterm Tor; hernach fragte er mich sonderliche Partikularitäten von der Belagerung und sonsten, und damit bekannte ich alles, wie daß ich nämlich ein Tag oder vierzehen mich bei einem Kerl aufgehalten, der auch durchgangen, und mit demselben eine Kutsche angegriffen und geplündert hätte, der Meinung, von den Weimarischen so viel Beuten zu holen, daß wir uns daraus beritten machen, und rechtschaffen montiert wieder zu unsern Regimentern kommen möchten, wir seien aber erst gestern von einem Korporal mit noch sechs andern Kerlen, die uns aufheben sollen, überfallen worden, dadurch mein Kamerad mit noch sechsen vom Gegenteil auf dem Platz geblieben, der siebent aber sowohl als ich, und zwar jeder zu seiner Partei, entlaufen sei; von dem aber, daß ich nach L. in Westfalen zu meinem Weib gewollt, und daß ich zwei so wohlgefütterte Hinter- und Vorderstück anhatte, schwieg ich stockstill, und zwar so machte ich mir auch kein Gewissen darum, daß ichs verhehlete, denn was gings ihn an? Er fragte mich auch nit einmal darum, sondern verwunderte sich vielmehr, und wollts fast nit glauben, daß ich und Olivier sollten sechs Mann niedergemacht, und den siebenten verjagt haben, obzwar mein Kamerad mit eingebüßt. Mit solchem Gespräch gabs Gelegenheit von Oliviers Schwert zu reden, so ich lobte, und an der Seiten hatte; das gefiel ihm so wohl, daß ichs ihm, wollte ich anders mit guter Manier von ihm [380] kommen, und Paß erlangen, gegen einen andern Degen, den er mir gab, überlassen mußte; in Wahrheit aber, so war dasselbe trefflich schön und gut, es war ein ganzer ewigwährender Kalender darauf geätzet, und lasse ich mir nicht ausreden, daß es nicht in Hora Martis von Vulcano selbst geschmiedet, und allerdings zugerichtet worden sei, wie im Heldenschatz eins beschrieben wird, wovon alle anderen Klingen entzweispringen, und die beherztesten Feinde und Löwengemüter wie furchtsame Hasen entlaufen müssen. Nachdem er mich nun entließ, und befohlen, einen Paß für mich zu schreiben, ging ich den nächsten Weg ins Wirtshaus, und wußte nicht, ob ich am ersten schlafen oder essen sollte? denn es war mir beides nötig; doch wollt ich zuvor meinen Magen stillen, ließ mir derhalben etwas zu essen und einen Trunk langen, und machte Gedanken, wie ich meine Sachen anstellen möchte, daß ich mit meinem Geld sicher nach L. zu meinem Weib kommen möchte, denn ich hatte so wenig im Sinn zu meinem Regiment zu gehen, als den Hals abzufallen.

Indem ich nun so spekulierte, hinkte ein Kerl in die Stub, an einem Stecken in der Hand, der hatte einen verbundenen Kopf, einen Arm in der Schlinge, und so elende Kleider an, daß ich ihm kein Heller darum geben hätte; sobald ihn der Hausknecht sah, wollte er ihn austreiben, weil er übel stank, und so voll Läus kroch, daß man die ganze Schwabenheid damit besetzen könnte; er aber bat, man wollte ihm doch um Gottes willen zulassen, sich nur ein wenig zu wärmen, so aber nichts half; demnach ich mich aber seiner erbarmte und für ihn bat, wurde er kümmerlich zum Ofen gelassen: Er sah mir, wie mich dünkte, mit begierigem Appetit und großer Andacht zu, wie ich draufhieb, und ließ etliche Seufzer laufen, und als der Hausknecht ging, mir ein Stück Gebratens zu holen, ging er gegen mich zum Tisch zu, und reichte ein irden Pfennighäfelein in der Hand dar, als ich mir wohl einbilden konnte, warum er käme. Nahm derhalben die Kanne, und goß ihm seinen Hafen voll, ehe er heischte. »Ach Freund«, sagte er, »um Herzbruders willen gebt mir auch zu essen!« Da er solches sagte, ging mirs [381] durchs Herz, und befand, daß es Herzbruder selbsten war, ich wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, da ich ihn in einem so elenden Stand sah, doch erhielt ich mich, fiel ihm um den Hals, und setzte ihn zu mir, da uns denn beiden, mir aus Mitleiden und ihm aus Freud, die Augen übergingen.

26. Kapitel
Das 26. Kapitel

Ist das letzte in diesem vierten Buch, weil keines mehr hernach folget


Unser unversehene Zusammenkunft machte, daß wir fast weder essen noch trinken konnten, nur fragte einer den andern, wie es ihm ergangen, seit wir das letztemal beisamm gewesen, dieweil aber der Wirt und Hausknecht stets ab- und zuging, konnten wir einander nichts Vertraulichs erzählen, der Wirt wunderte, daß ich ein so lausigen Kerl bei mir litte, ich aber sagte, solches sei im Krieg unter rechtschaffenen Soldaten, die Kameraden wären, der Brauch. Da ich auch verstand, daß sich Herzbruder bisher im Spital aufgehalten, vom Almosen sich ernährt, und seine Wunden liederlich verbunden worden, dingte ich dem Wirt ein sonderlich Stüblein ab, legte Herzbrudern in ein Bett, und ließ ihm den besten Wundarzt kommen, den ich haben konnte, wie auch einen Schneider und eine Näherin, ihn zu kleiden, und den Läusen aus den Zähnen zu ziehen; ich hatte eben diejenigen Dublonen, so Olivier einem toten Juden aus dem Maul bekommen, bei mir in einem Säckel, dieselben schlug ich auf den Tisch, und sagte, dem Wirt zu Gehör, zu Herzbrudern: »Schau Bruder, das ist mein Geld, das will ich an dich wenden, und mit dir verzehren«; davon der Wirt uns brav aufwartete, dem Barbier aber wies ich den Rubin, der auch des bedeuten Juden gewesen, und ungefähr zwanzig Taler wert war, und sagte: Weil ich mein wenig Geld, so ich hätte, für uns zur Zehrung, und meinem Kameraden zur Kleidung aufwenden müßte, so wollt ich ihm denselben Ring geben, wenn er besagten meinen Kameraden in [382] Bälde von Grund aus dafür kurieren wollte, dessen er denn wohl zufrieden, und seinen besten Fleiß zur Kur anwendete.

Also pflegte ich Herzbrudern, wie meinem andern Ich, und ließ ihm ein schlicht Kleidlein von grauem Tuch machen, zuvor aber ging ich zum Kommandanten wegen des Passes, und zeigte ihm an, daß ich einen übelbeschädigten Kameraden angetroffen hätte, auf den wollte ich warten, bis er vollend heilete, denn ihn hinter mir zu lassen, getraute ich bei meinem Regiment nicht zu verantworten; der Kommandant lobte meinen Vorsatz, und gönnete mir zu bleiben, solang ich wollte, mit fernerm Anerbieten, wenn mir mein Kamerad würde folgen können, daß er uns beide alsdann mit genugsamem Paß versehen wollte.

Demnach ich nun wieder zu Herzbrudern kam, und allein neben seinem Bett bei ihm saß, bat ich ihn, er wollte mir unbeschwert erzählen, wie er in einen so armseligen Stand geraten wäre? denn ich bildete mir ein, er möchte vielleicht wichtiger Ursachen, oder sonst eines Übersehens halber, von seiner vorigen Dignität verstoßen, unredlich gemacht, und in gegenwärtig Elend gesetzt worden sein; er aber sagte: »Bruder du weißt, daß ich des Grafen von Götz Factotum und allerliebster geheimster Freund gewesen, hingegen ist dir auch genugsam bekannt, was die verwichene Kampagne unter seinem Generalat und Kommando für ein unglückselige Endschaft erreicht, indem wir nicht allein die Schlacht bei Wittenweir verloren, sondern noch dazu das belagerte Breisach zu entsetzen nit vermocht haben: Weil denn nun deswegen hin und wieder vor aller Welt sehr ungleich geredt wird, zumalen wohlermeldter Graf, sich zu verantworten, nach Wien zitiert worden, so lebe ich vor Scham und Furcht freiwillig in dieser Niedere, und wünsche mir oft, entweder in diesem Elend zu sterben, oder doch wenigst mich solang verborgen zu halten, bis mehrwohlbesagter Graf seine Unschuld an Tag gebracht, denn soviel ich weiß, ist er dem Römischen Kaiser allezeit getreu gewesen, daß er aber diesen verwichenen Sommer so gar kein Glück gehabt, ist meines Erachtens mehr der göttlichen [383] Vorsehung (als welcher die Siege gibt wem er will) als des Grafen Übersehen beizumessen.

Da wir Breisach zu entsetzen im Werk waren, und ich sah, daß es unserseits so schläferig herging, armierte ich mich selbst, und ging dergestalt auf die Schiffbrücke mit an, als ob ichs allein hätte vollenden wollen, da es doch damals weder mein Profession noch Schuldigkeit war; Ich tats aber den andern zum Exempel, und weil wir den vergangenen Sommer so gar nichts ausgericht hatten; das Glück, oder vielmehr das Unglück wollte mir, daß ich unter den ersten Angängern dem Feind auch am ersten auf der Brücken das Weiß in Augen sah, da es denn scharf herging, und gleichwie ich im Angriff der erste gewesen, also wurde ich, da wir der Franzosen ungestümem Ansetzen nicht mehr widerstanden, der allerletzte, und kam dem Feind am ersten in die Hände: ich empfing zugleich einen Schuß in meinen rechten Arm, und den andern in Schenkel, also daß ich weder ausreißen, noch meinen Degen mehr gebrauchen konnte, und als die Enge des Orts und der große Ernst nit zuließ, viel vom Quartiergeben und -nehmen zu parlementieren, kriegte ich einen Hieb in Kopf, davon ich zu Boden fiel, und weil ich fein gekleidet war, von etlichen in der Furi ausgezogen, und für tot in Rhein geworfen wurde. In solchen Nöten schrie ich zu Gott, und stellete alles seinem heiligen Willen heim, und indem ich unterschiedliche Gelübde tat, spürte ich auch seine Hilf, der Rhein warf mich ans Land, allwo ich meine Wunden mit Moos verstopfte, und ob ich zwar beinahe erfror, so verspürte ich jedoch eine absonderliche Kraft davonzukriechen, maßen mir Gott half, daß ich (zwar jämmerlich verwundet) zu etlich Merode-Brüdern und Soldatenweibern kam, die sämtlich ein Mitleiden mit mir hatten, ob sie mich zwar nit kannten. Diese verzweifelten bereits an einem glücklichen Entsatz der Festung, das mir weher tat als meine Wunden, sie erquickten und bekleideten mich bei ihrem Feur, und ehe ich ein wenig meine Wunden verband, mußte ich sehen, daß sich die Unserigen zu einem spöttlichen Abzug rüsteten, und die Sach für verloren gaben, so mich trefflich schmerzete; [384] resolvierte derhalben bei mir selbsten, mich niemand zu offenbaren, damit ich mich keines Spotts teilhaftig machte, maßen ich mich zu etlichen Beschädigten von unserer Armee gesellet', welche einen eigenen Feldscherer bei sich hatten, denen gab ich ein gülden Kreuzlein, das ich noch am Hals davongebracht, für welches er mir bis hieher meine Wunden verbunden. In solchem Elend nun, werter Simplici, hab ich mich bisher beholfen, gedenke mich auch keinem Menschen zu offenbaren, bis ich zuvor sehe, wie des Grafen von Götz seine Sach einen Ausgang gewinnet. Und demnach ich deine Gutherzigkeit und Treu sehe, gibt mir solches einen großen Trost, daß der liebe Gott mich noch nit verlassen, maßen ich heut morgen, als ich aus der Frühmeß kam, und dich vor des Kommandanten Quartier stehen sah, mir eingebildet, Gott hätte dich anstatt eines Engels zu mir geschickt, der mir in meiner Armseligkeit zu Hilf kommen sollte.« Ich tröstete Herzbrudern so gut ich konnte, und vertraute ihm, daß ich noch mehr Geld hätte als diejenigen Dublonen die er gesehen, welches alles zu seinen Diensten stünde; und indem erzählte ich ihm auch Oliviers Untergang, und wasgestalt ich seinen Tod rächen müssen. Welches sein Gemüt dermaßen erquickte, also daß es ihm auch an seinem Leib wohl zustatten kam, gestalten es sich an allen Wunden täglich mit ihm besserte.


Ende des vierten Buchs [385] [387]

Das fünfte Buch

1. Kapitel
Das 1. Kapitel

Wie Simplicius ein Pilger wird, und mit Herzbrudern wallen gehet


Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstarkt, und an seinen Wunden geheilt war, vertraute er mir, daß er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu tun gelobt; weil er denn jetzt ohnedas so nahe am Schweizerland wäre, so wollte er solche verrichten, und sollte er auch dahin betteln! Das war mir sehr angenehm zu hören, derhalben bot ich ihm Geld und meine Gesellschaft an, ja ich wollte gleich zween Klepper kaufen, auf selbigen die Reis zu verrichten; nicht zwar der Ursach, daß mich die Andacht dazu getrieben, sondern die Eidgenoßschaft, als das einzige Land, darin der liebe Fried noch grünete, zu besehen: So freute mich auch nit wenig, daß ich die Gelegenheit hatte, Herzbrudern auf solcher Reis zu dienen, maßen ich ihn fast höher als mich selbst liebte; er aber schlug beides, meine Hilf und meine Gesellschaft ab, mit Vorwand, seine Wallfahrt müßte zu Fuß, und dazu auf Erbsen geschehen; sollte ich nun in seiner Gesellschaft sein, so würde ich ihn nicht allein an seiner Andacht verhindern, sondern auch mir selbst wegen seines langsamen mühseligen Gangs große Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber mich von sich zu schieben, weil er sich ein Gewissen machte, auf einer so heiligen Reis von demjenigen Geld zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden; überdas wollte er mich auch nicht in allzugroße Unkosten bringen, und sagte unverhohlen, daß ich bereits mehr bei ihm getan, als ich schuldig gewesen, und er zu erwidern getraute; hierüber gerieten wir in ein freundlich Gezänk, das war so lieblich, daß ich dergleichen noch niemals hab hören hadern, denn wir brachten nichts anders vor, als daß jeder sagte, er hätte gegen den andern noch nicht getan, was ein Freund dem andern tun sollte, ja bei weitem die Guttaten, so er vom andern empfangen, [389] noch nit wettgemacht. Solches alles aber wollte ihn noch nicht bewegen, mich für einen Reisgefährten zu gedulden, bis ich endlich merkte, daß er beides an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben ein Ekel hatte, derhalben behalf ich mich mit Lügen, und überredet ihn, daß mich mein Bekehrungsvorsatz nach Einsiedeln triebe, sollte er mich nun von einem so guten Werk abhalten, und ich darüber sterben, so würde ers schwerlich verantworten können. Hierdurch persuadiert ich ihn, daß er zuließ, den heiligen Ort mit ihm zu besuchen, sonderlich weil ich (wiewohl alles erlogen war) eine große Reu über mein böses Leben von mir scheinen ließ, als ich ihn denn auch überredete, daß ich mir selbst zur Buß aufgelegt hätte, sowohl als er auf Erbsen nach Einsiedeln zu gehen.

Dieser Zank war kaum vorbei, da gerieten wir schon in einen andern, denn Herzbruder war gar zu gewissenhaft; er wollte kaum zugeben, daß ich einen Paß vom Kommandanten nahm, der nach meinem Regiment lautete: »Was«, sagte er, »haben wir nit im Sinn, unser Leben zu bessern, und nach Einsiedeln zu gehen? und nun siehe um Gottes willen, du willst den Anfang mit Betrug machen, und den Leuten mit Falschheit die Augen verkleiben. ›Wer mich vor der Welt verleugnet, den will ich auch vor meinem himmlischen Vater verleugnen‹, sagt Christus! Was sind wir für verzagte Maulaffen? wenn alle Märtyrer und Bekenner Christi so getan hätten, so wären wenig Heilige im Himmel! Lasse uns in Gottes Namen und Schutzempfehlung gehen wohin uns unser heiliger Vorsatz und Begierden hintreiben, und im übrigen Gott walten, so wird uns Gott schon hinführen wo unsere Seelen Ruhe finden.« Als ich ihm aber vorhielt, man müßte Gott nicht versuchen, sondern sich in die Zeit schicken, und die Mittel gebrauchen, deren wir nicht entbehren könnten, vornehmlich weil das Wallfahrtengehen bei der Soldateska ein ungewöhnlich Ding sei, und wenn wir unser Vorhaben entdeckten, eher für Ausreißer als Pilger gehalten würden, das uns denn große Ungelegenheit und Gefahr bringen könnte, zumalen auch der hl. Apostel Paulus, dem wir noch bei weitem nicht zu [390] vergleichen, sich wunderbarlich in die Zeit und Gebräuch dieser Welt geschickt; ließ er endlich zu, daß ich einen Paß bekam, nach meinem Regiment zu gehen, mit demselben gingen wir bei Beschließung des Tors samt einem getreuen Wegweiser aus der Stadt, als wollten wir nach Rottweil, wandten uns aber kurz durch Nebenweg, und kamen noch dieselbige Nacht über die schweizerische Grenze, und den folgenden Morgen in ein Dorf, allda wir uns mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen montierten, und den Boten mit guter Bezahlung wieder zurückschickten.

Das Land kam mir so fremd vor gegen andere teutsche Länder, als wenn ich in Brasilia oder in China gewesen wäre; da sah ich die Leute in dem Frieden handeln und wandeln, die Ställe standen voll Vieh, die Baurnhöf liefen voll Hühner, Gäns und Enten, die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebraucht, die Wirtshäuser saßen voll Leute die sich lustig machten, da war ganz keine Furcht vor dem Feind, keine Sorg vor der Plünderung, und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren, ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und zwar gegen andere teutsche Länder zu rechnen in lauter Wollust und Freud, also daß ich dieses Land für ein irdisch Paradies hielt, wiewohl es von Art rauh genug zu sein schien. Das machte, daß ich auf dem ganzen Weg nur hin und her gaffte, wenn hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz betete, deswegen ich manchen Filz bekam, denn er wollte haben, ich sollte wie er an einem Stück beten, welches ich aber nicht gewöhnen konnte.

Zu Zürch kam er mir recht hinter die Brief, und dahero sagte er mir die Wahrheit auch am trockensten heraus, denn als wir zu Schaffhausen (allwo mir die Füß von den Erbsen sehr weh taten) die vorig Nacht geherbergt, und ich mich den künftigen Tag wieder auf den Erbsen zu gehen fürchtete, ließ ich sie kochen, und tat sie wieder in die Schuh; deswegen ich denn wohl zu Fuß nach Zürch gelangte, er aber sich gar übel gehub und zu mir sagte: »Bruder, du hast große Gnad von Gott, daß du unangesehen der Erbsen in den Schuhen dennoch so wohl fortkommen kannst.« »Ja«, [391] sagte ich, »liebster Herzbruder, ich hab sie gekocht, sonst hätte ich so weit nit darauf gehen können.« »Ach daß Gott erbarm«, antwortet' er, »was hast du getan? du hättest sie lieber gar aus den Schuhen gelassen, wenn du nur dein Gespött damit treiben willst, ich muß sorgen, daß Gott dich und mich zugleich strafe; halte mir nichts für ungut Bruder, wenn ich dir aus brüderlicher Liebe teutsch heraussage, wie mirs ums Herz ist, nämlich dies, daß ich besorge, wofern du dich nit anderst gegen Gott schickest, es stehe deine Seligkeit in höchster Gefahr; ich versichere dich, daß ich keinen Menschen mehr liebe, als eben dich, leugne aber auch nit, daß, wofern du dich nit bessern würdest, ich mir ein Gewissen machen muß, solche Liebe zu kontinuieren.« Ich verstummte vor Schrecken, daß ich mich schier nit wieder erholen konnte, zuletzt bekannte ich ihm frei, daß ich die Erbsen nit aus Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen in die Schuh getan, damit er mich mit sich auf die Reis genommen hätte. »Ach Bruder«, antwortet' er, »ich sehe, daß du weit vom Weg der Seligkeit bist, wenngleich die Erbsen nit wären, Gott verleihe dir Besserung, denn ohne dieselbe kann unser Freundschaft nicht bestehen.«

Von dieser Zeit an folgte ich ihm traurig nach, als einer den man zum Galgen führt, mein Gewissen fing mich an zu drücken, und indem ich allerlei Gedanken machte, stelleten sich alle meine Bubenstück vor Augen, die ich mein Lebtag je begangen, da beklagte ich erst die verlorne Unschuld, die ich aus dem Wald gebracht, und in der Welt so vielfältig verscherzt hatte, und was meinen Jammer vermehrte, war dieses, daß Herzbruder nit viel mehr mit mir redete, und mich nur mit Seufzen anschaute, welches mir nit anders vorkam, als hätte er meine Verdammnis gewußt, und an mir bejammert.

2. Kapitel
[392] Das 2. Kapitel

Simplicius bekehrt sich, nachdem er zuvor von dem Teufel erschreckt worden


Solchergestalt langten wir zu Einsiedeln an, und kamen eben in die Kirch, als ein Priester einen Besessenen exorzisieret; das war mir nun auch etwas Neues und Seltsams, derowegen ließ ich Herzbrudern knien und beten, solang er mochte, und ging hin, diesem Spektakul aus Vorwitz zuzusehen; Aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert, da schrie der böse Geist aus dem armen Menschen: »Oho, du Kerl, schlägt dich der Hagel auch her? ich hab vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei dem Olivier in unserer höllischen Wohnung anzutreffen, so sehe ich wohl, du läßt dich hier finden, du ehebrecherischer mörderischer Hurenjäger, darfst du dir wohl einbilden, uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen, nehmt ihn nur nicht an, er ist ein Gleisner und ärgerer Lügner als ich; er foppt sich nur, und spottet beides Gott und der Religion!« Der Exorzist befahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm als einem Erzlügner ohnedas nit glaube. »Ja ja«, antwortet' er, »fragt dieses ausgesprungenen Mönchs Reisgesellen, der wird euch wohl erzählen können, daß dieser Atheist sich nit gescheuet, die Erbsen zu kochen, auf welchen er hieher zu gehen versprochen.« Ich wußte nit, ob ich auf dem Kopf oder Fuß stand, da ich dieses alles hörete, und mich jedermann ansah; aber der Priester strafte den Geist, und machte ihn stillschweigen, konnte ihn aber denselben Tag nicht austreiben. Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr einem Toten als Lebendigen gleichsah, und zwischen Hoffnung und Furcht nit wußte, was ich tun sollte, dieser tröstete mich so gut als er konnte, versicherte daneben die Umstehenden, und sonderlich die Patres, daß ich mein Tage nie kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, der vielleicht mehr Böses als Gutes getan haben möchte, sagte daneben, der Teufel wäre ein Lügner, wie er denn auch das von den Erbsen viel ärger gemacht hätte, als es an sich selbst [393] wäre; ich war aber in meinem Gemüt dermaßen verwirret, daß mir nicht anders war, als ob ich allbereit die höllische Pein selbst empfände; also daß die Geistlichen genug an mir zu trösten hatten, sie vermahnten mich zur Beicht und Kommunion, aber der Geist schrie abermal aus dem Besessenen: »Ja ja, er wird fein beichten, er weiß nit einmal was beichten ist, und zwar was wollt ihr mit ihm machen, er ist einer ketzerischen Art, und uns zuständig, seine Eltern sind mehr wiedertäuferisch als calvinisch gewesen«, etc. Der Exorzist befahl dem Geist abermal stillzuschweigen, und sagte zu ihm: »So wird dichs nur desto mehr verdrießen, wenn dir das arme verlorne Schäflein wieder aus dem Rachen gezogen, und der Herd Christi einverleibt wird«; darauf fing der Geist so grausam an zu brüllen, daß es schrecklich zu hören war. Aus welchem greulichen Gesang ich meinen größten Trost schöpfte, denn ich gedachte, wenn ich keine Gnad von Gott mehr erlangen könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel gehaben.

Wiewohl ich mich damals auf die Beicht nicht gefaßt gemacht, auch mein Lebtag nie in Sinn genommen zu beichten, sondern mich jederzeit aus Scham davor gefürchtet, wie der Teufel vorm hl. Kreuz, so empfand ich jedoch in selbigem Augenblick in mir eine solche Reu über meine Sünden, und ein solche Begierde zur Buße und mein Leben zu bessern, daß ich alsobald einen Beichtvater begehrte, über welcher jählingen Bekehrung und Besserung sich Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl gewußt, daß ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen, demnach bekannte ich mich öffentlich zu der katholischen Kirchen, ging zur Beicht, und kommunizierte nach empfangener Absolution; worauf mir denn so leicht und wohl ums Herz wurde, daß ichs nicht aussprechen kann, und was das Verwunderlichste war, ist dieses, daß mich der Geist in dem Besessenen fürderhin zufrieden ließ, da er mir doch vor der Beicht und Absolution unterschiedliche Bubenstück, die ich begangen gehabt, so eigentlich vorgeworfen, als wenn er auf sonst nichts, als meine Sünden anzumerken, bestellt gewesen wäre; doch glaubten ihm als [394] einem Lügner die Zuhörer nichts, sonderlich weil mein ehrbares Pilgerhabit ein anders vor die Augen stellete.

Wir verblieben vierzehn ganzer Tag an diesem gnadenreichen Ort, allwo ich Gott um meine Bekehrung dankte, und die Wunder so allda geschehen, betrachtete; welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währete solches auch so lang als es mochte; denn gleichwie meine Bekehrung ihren Ursprung nicht aus Liebe zu Gott genommen: sondern aus Angst und Furcht verdammt zu werden; also wurde ich auch nach und nach wieder ganz lau und träg, weil ich allmählich des Schreckens vergaß, den mir der böse Feind eingejagt hatte; und nachdem wir die Reliquien der Heiligen, die Ornat, und andere sehenswürdige Sachen des Gotteshauses genugsam beschauet, begaben wir uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern.

3. Kapitel
Das 3. Kapitel

Wie beide Freund den Winter hinbringen


Ich dingte daselbst ein lustige Stube und Kammer für uns, deren sich sonsten, sonderlich Sommerszeit, die Badgäst zu gebrauchen pflegen; welches gemeiniglich reiche Schweizer sind, die mehr hinziehen sich zu erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden; so verdingte ich uns auch zugleich in die Kost, und als Herzbruder sah, daß ichs so herrlich angriff, vermahnete er mich zur Gesparsamkeit, und erinnert' mich des langen rauhen Winters, den wir noch zu überstehen hätten; maßen er nicht getraute, daß mein Geld so weit hinauslangen würde; ich würde meinen Vorrat, sagte er, auf den Frühling wohl brauchen, wenn wir wieder von hinnen wollen, viel Geld sei bald vertan, wenn man nur davon, und nichts dazu tue: Es stäube hinaus wie der Rauch, und verspreche nimmermehr wiederzukommen, etc. Auf solche treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen wie reich mein Säckel wäre, und daß ich bedacht uns beiden [395] Guts davon zu tun, sintemal dessen Ankunft und Erwerbung ohnedas alles Segens so unwürdig wäre, daß ich keinen Meierhof daraus zu erkaufen gedächte, und wenn ichs schon nit anlegen wollte, meinen liebsten Freund auf Erden damit zu unterhalten, so wäre doch billig, daß er Herzbruder aus Oliviers Geld vergnügt würde, um diejenige Schmach, die er hiebevor von ihm vor Magdeburg empfangen. Und demnach ich mich in aller Sicherheit zu sein wußte, zog ich meine beiden Skapulier ab, trennete die Dukaten und Pistolen heraus, und sagte zu Herzbrudern, er möge nun mit diesem Geld nach seinem Belieben disponieren, und solches anlegen und austeilen, wie er vermeine, daß es uns beiden am nützlichsten wäre.

Da er neben meinem Vertrauen das ich zu ihm trug, soviel Geld sah, mit welchem ich auch ohne ihn wohl ein ziemlicher Herr hätte sein können, sagte er: »Bruder, du tust nichts solang ich dich kenne, als deine gegen mich habende Lieb und Treu zu bezeugen! Aber sage mir, womit vermeinst du wohl, daß ichs wieder um dich werde beschulden können? es ist nit nur um das Geld zu tun, denn solches ist vielleicht mit der Zeit wieder zu bezahlen, sondern um deine Lieb und Treu, vornehmlich aber um dein zu mir habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist; Bruder mit einem Wort, dein tugendhaft Gemüt macht mich zu deinem Sklaven, und was du gegen mich tust, ist mehr zu verwundern, als zu wiedergelten möglich; O ehrlicher Simplici, dem bei diesen gottlosen Zeiten, in welchen die Welt voll Untreu steckt, nicht in Sinn kommt, der arme und hochbedürftige Herzbruder möchte mit einem so ansehnlichen Stück Geld fortgehen, und ihn an seine Statt in Mangel setzen; versicher Bruder, dieses Beweistum wahrer Freundschaft verbindet mich mehr gegen dich, als ein reicher Herr, der mir viel Tausend verehrte: Allein bitte ich mein Bruder, bleib selber Herr, Verwahrer und Austeiler über dein Geld, mir ists genug, daß du mein Freund bist!« Ich antwortet: »Was wunderliche Reden sind das, hochgeehrter Herzbruder, er gibt mündlich zu vernehmen, daß er mir verbunden sei, und will doch nicht dafür sein, daß [396] ich unser Geld, beides ihm und mir zu Schaden, nicht unnütz verschwende.« Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil je einer in des andern Liebe trunken war. Also wurde Herzbruder zugleich mein Hofmeister, mein Säckelmeister, mein Diener und mein Herr, und in solcher müßigen Zeit erzählte er mir seinen Lebenslauf, und durch was Mittel er bei dem Grafen von Götz bekannt und befördert worden, worauf ich ihm auch erzählte, wie mirs ergangen, seit sein Vater sel. gestorben, denn wir uns bisher noch niemal so viel Zeit genommen; und da er hörte, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwies er mir, daß ich mich nit ehender zu derselbigen, als mit ihm in das Schweizerland begeben, denn solches wäre mir anständiger, und auch meine Schuldigkeit gewesen. Und demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nit übers Herz bringen können, beredet' er mich, daß ich meinem Weib schrieb, und ihr meine Gelegenheit zu wissen machte, mit Versprechen, mich mit ehestem wieder zu ihr zu begeben, tat auch meines langen Ausbleibens halber meine Entschuldigungen, daß ich nämlich allerhand widriger Begegnisse halber, wie gern ich auch gewollt, mich nit ehender bei ihr hätte einfinden können.

Und dieweil Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es um den Grafen von Götz wohlstünde, sonderlich daß er mit seiner Verantwortung bei der Kaiserl. Majestät hinauslangen, wieder auf freien Fuß kommen, und gar wiederum das Kommando über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand nach Wien, schrieb auch nach der kurbayrischen Armee wegen seiner Bagage, die er noch dort hatte, und fing an zu hoffen, sein Glück würde wieder grünen, derhalben machten wir den Schluß, künftigen Frühling voneinander zu scheiden, indem er sich zu bemeldtem Grafen, ich aber mich nach L. zu meinem Weib begeben wollte. Damit wir aber denselben Winter nit müßig zubrächten, lernten wir von einem Ingenieur auf dem Papier mehr fortifizieren, als die Könige in Hispanien und Frankreich ins Werk setzen können; daneben kam ich [397] mit etlichen Alchimisten in Kundschaft, die wollten mich, weil sie Geld hinter mir merkten, Gold machen lernen, da ich nur den Verlag dazu hergeben wollte, und ich glaubte, sie hätten mich überredt, wenn ihnen Herzbruder nicht abgedankt hätte, denn er sagte: Wer solche Kunst könnte, würde nicht so bettelhaftig dahergehen, noch andere um Geld ansprechen.

Gleichwie nun Herzbruder von hochermeldtem Grafen ein angenehme Wieder-Antwort und treffliche Promessen von Wien aus erhielt, also bekam ich von L. kein einzigen Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttag in duplo hinschrieb: Das machte mich unwillig, und verursachte, daß ich denselben Frühling meinen Weg nit nach Westfalen antrat, sondern von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit sich nach Wien nahm, mich seines verhoffenden Glücks genießen zu lassen; Also montierten wir uns aus meinem Geld wie zwei Kavalier, beides mit Kleidungen, Pferden, Dienern und Gewehr, gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf die Donau setzten, und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich anlangten. Auf demselben Weg observierte ich sonst nichts, als daß die Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen zuschrien, nicht mündlich, sondern schlechthin mit dem Beweistum selbst antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann.

4. Kapitel
Das 4. Kapitel

Wasmaßen Herzbruder und Simplicius abermal in Krieg, und wieder daraus kommen


Es gehet wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Man pflegt zu sagen: Wer alles wüßte, der würde bald reich; Ich aber sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken könnte, der würde bald groß und mächtig. Mancher Schindhund oder Schabhals (denn diese beiden Ehrentitel werden den Geizigen gegeben) wird wohl bald reich, weil er [398] einen und andern Vorteil weiß und gebraucht, er ist aber darum nit groß, sondern ist und verbleibt vielmals von geringerer Aestimation, als er zuvor in seiner Armut war; Wer sich aber weiß groß und mächtig zu machen, dem folget der Reichtum auf dem Fuß nach. Das Glück, so Macht und Reichtum zu geben pflegt, blickte mich trefflich holdselig an, und gab mir, nachdem ich ein Tag oder acht zu Wien gewesen, Gelegenheit genug an die Hand, ohn einzige Verhinderungen auf die Staffeln der Hoheit zu steigen, ich tats aber nicht, warum? Ich halte, weil mein fatum ein anders beschlossen, nämlich dasjenige, dahin mich meine fatuitas leitete.

Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in Westfalen bekannt gemacht, war eben auch zu Wien, als ich mit Herzbrudern hinkam; dieser wurde bei einem Bankett, da sich verschiedene Kaiserl. Kriegsräte neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden, als man von allerhand seltsamen Köpfen, unterschiedlichen Soldaten, und berühmten Parteigängern redete, auch des Jägers von Soest eingedenk, und erzählte etliche Stücklein von ihm so rühmlich, daß sich teils über einen so jungen Kerl verwunderten, und bedaurten, daß der listige hessische Obriste S.A. ihm ein Wehbengel angehängt, damit er entweder den Degen beiseits legen, oder doch schwedische Waffen tragen sollte; denn wohlbesagter Graf von der Wahl hatte alles erkundigt, wie derselbige Obrist zu L. mit mir gespielt; Herzbruder, der eben dort stand, und mir meine Wohlfahrt gern befördert hätte, bat um Verzeihung und Erlaubnis zu reden, und sagte, daß er den Jäger von Soest besser kenne, als sonst einen Menschen in der Welt, er sei nit allein ein guter Soldat, der Pulver riechen könnte, sondern auch ein ziemlicher Reuter, ein perfekter Fechter, ein trefflicher Büchsenmeister und Feurwerker, und über dies alles einer der einem Ingenieur nichts nachgeben würde; er hätte nit nur sein Weib, weil er mit ihr so schimpflich hintergangen worden, sondern auch alles was er gehabt zu L. hinterlassen, und wiederum Kaiserl. Dienst gesucht, maßen er in verwichener Kampagne sich unter dem Grafen [399] von Götz befunden, und als er von den Weimarischen gefangen worden, und von denselben sich wieder zu den Kaiserlichen begeben wollen, neben seinem Kameraden einen Korporal samt sechs Musketierern, die ihnen nachgesetzt und sie wieder zurückführen sollen, niedergemacht, und ansehnliche Beuten davongebracht, maßen er mit ihm selbsten nach Wien kommen, des Willens, sich abermal wider der Röm. Kaiserl. Majestät Feinde gebrauchen zu lassen, doch sofern er solche Conditiones haben könnte, die ihm anständig seien, denn keinen gemeinen Knecht begehre er mehr zu agieren.

Damals war diese ansehnliche Kompagnie mit dem lieben Trunk schon dergestalt begeistert, daß sie ihre Kuriosität den Jäger zu sehen contentiert haben wollte, maßen Herzbruder geschickt wurde, mich in einer Kutsche zu holen; derselbe instruiert' mich unterwegs, wie ich mich bei diesen ansehenlichen Leuten halten sollte, weil mein künftig Glück daran gelegen wäre; Ich antwortet derhalben als ich hinkam auf alles sehr kurz und apophthegmatisch, also daß man sich über mich zu verwundern anfing, denn ich redete nichts, es müßte denn einen klugen Nachdruck haben; in Summa, ich erschien dergestalt, daß ich jedem angenehm war, weil ich ohnedas vom Herrn Grafen von der Wahl auch das Lob eines guten Soldaten hatte; Mithin kriegte ich auch einen Rausch, und glaub wohl, daß ich alsdann auch hab scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof gewesen; endlich war dieses das End, daß mir ein Obrister zu Fuß eine Kompagnie unter seinem Regiment versprochen, welches ich denn gar nit ausschlug, denn ich dachte, ein Hauptmann zu sein, ist fürwahr kein Kinderspiel! Aber Herzbruder verwies mir den andern Tag meine Leichtfertigkeit, und sagte, wenn ich nur noch länger gehalten hätte, so wäre ich noch wohl höher ankommen.

Also wurde ich einer Kompagnie für einen Hauptmann vorgestellt, welche, ob sie zwar mitsamt mir in prima plana ganz komplett, aber nit mehr als sieben Schillergäst hatte, zudem meine Unteroffizier mehrenteils alte Krachwedel, darüber ich mich hintern Ohren kratzte, also wurde ich mit [400] ihnen bei der unlängst hernach vergangenen scharfen Occasion desto leichter gemartscht, in welcher der Graf von Götz das Leben, Herzbruder aber seine Testiculos einbüßte, die er durch einen Schuß verlor; ich bekam meinen Teil in einen Schenkel, so aber gar eine geringe Wunde war. Dannenhero begaben wir uns auf Wien, um uns kurieren zu lassen, weil wir ohnedas unser Vermögen dort hatten; ohne diese Wunden, so zwar bald geheilet, ereignete sich an Herzbrudern ein anderer gefährlicher Zustand, den die Medici anfänglich nit gleich erkennen konnten, denn er wurde lahm an allen vieren, wie ein Cholericus den die Gall verderbt, und war doch am wenigsten selbiger Komplexion noch dem Zorn beigetan, nichtsdestoweniger wurde ihm die Saurbrunnenkur geraten, und hierzu der Griesbach an dem Schwarzwald vorgeschlagen.

Also verändert' sich das Glück unversehens, Herzbruder hatte kurz zuvor den Willen gehabt, sich mit einem vornehmen Fräulein zu verheiraten, und zu solchem Ende sich zu einem Freiherrn, mich aber zu einem Edelmann machen zu lassen; nunmehr aber mußte er andere Gedanken konzipieren, denn weil er dasjenige verloren, damit er ein neues Geschlecht propagieren wollen, zumalen von seiner Lähme mit einer langwierigen Krankheit bedrohet wurde, in der er guter Freunde vonnöten, machte er sein Testament, und setzte mich zum einzigen Erben aller seiner Verlassenschaft, vornehmlich weil er sah, daß ich seinetwegen mein Glück in Wind schlug, und meine Kompagnie quittiert', damit ich ihn in Sauerbrunnen begleiten, und daselbsten, bis er seine Gesundheit wieder erlangen möchte, auswarten könnte.

5. Kapitel
[401] Das 5. Kapitel

Simplicius läuft botenweis, und vernimmt in Gestalt Mercuri von dem Jove, was er eigentlich wegen des Kriegs und Friedens im Sinn habe


Als nun Herzbruder wieder reiten konnte, übermachten wir unsere Barschaft (denn wir hatten nunmehr nur einen Säckel miteinander) per Wechsel nach Basel, montierten uns mit Pferden und Dienern, und begaben uns die Donau hinauf nach Ulm und von dannen in den obbesagten Sauerbrunnen, weil es eben im Mai und lustig zu reisen war; daselbst dingten wir ein Losament, ich aber ritt nach Straßburg, unser Geld, welches wir von Basel aus dorthin übermacht, nicht allein zum Teil zu empfangen, sondern auch mich um erfahrne Medicos umzusehen, die Herzbrudern Recepta und Badordnung vorschreiben sollten, dieselben begaben sich mit mir, und befanden, daß Herzbrudern vergeben worden; und weil das Gift nicht stark genug gewesen, ihn gleich hinzurichten, daß solches ihm in die Glieder geschlagen wäre, welches wieder durch Pharmaca, Antidota, Schweißbäder evakuieret werden müßte, und würde sich solche Kur auf ungefähr ein Woch oder acht belaufen; da erinnerte sich Herzbruder gleich, wann und durch wen ihm vergeben worden wäre, nämlich durch diejenigen, die gern seine Stell im Krieg betreten hätten; und weil er auch von den Medicis verstand, daß sein' Kur eben keinen Sauerbrunnen erfordert hätte, glaubte er festiglich, daß sein Medicus im Feld durch ebendieselben seine Aemulos mit Geld bestochen worden, ihn so weit hinwegzuweisen; jedoch resolvierte er sich im Sauerbrunnen seine Kur zu vollenden, weil es nicht allein eine gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige Gesellschaften unter den Badgästen hatte.

Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich eine Begierde hatte, dermalen einst mein Weib auch wiederum zu sehen, und weil Herzbruder meiner nicht sonderlich vonnöten, eröffnet ich ihm mein Anliegen, der lobte [402] meine Gedanken, und gab mir den Rat, ich sollte sie besuchen, gab mir auch etliche kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren, und sie damit um Verzeihung bitten sollte, daß er ein Ursach gewesen sei, daß ich sie nit ehender besucht; Also ritt ich nach Straßburg, und machte mich nicht allein mit Geld gefaßt, sondern erkundigte auch, wie ich meine Reis anstellen möchte, daß ich am sichersten fortkäme, befand aber daß es so alleinig zu Pferd nit geschehen könne, weilen es zwischen so vielen Garnisonen der beiderseits kriegenden Teile von den Parteien ziemlich unsicher war; Erhielt derowegen einen Paß für einen Straßburger Botenläufer, und machte etliche Schreiben an mein Weib, ihre Schwester und Eltern, als wenn ich ihn damit nach L. schicken wollte, stellte mich aber als wenn ich wieder andern Sinns worden wäre, expraktizierte also den Paß vom Boten, schickte mein Pferd und Diener wieder zurück, verkleidete mich in eine weiß und rote Liverei, und fuhr also in einem Schiff hin und bis nach Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden Parteien neutral war.

Ich ging zuvorderst hin meinen Jovem zu besuchen, der mich hiebevor zu seinem Ganymede erklärt hatte, um zu erkundigen, wie es mit meinen hinterlegten Sachen eine Bewandtnis hätte, der war aber damals wiederum ganz hirnschellig und unwillig über das menschlich Geschlecht. »O Mercuri«, sagte er zu mir, als er mich sah, »was bringst du Neues von Münster? vermeinen die Menschen wohl ohn meinen Willen Frieden zu machen? Nimmermehr! Sie hatten ihn, warum haben sie ihn nicht behalten? Gingen nit alle Laster im Schwang, als sie mich bewegten ihnen den Krieg zu senden? womit haben sie seithero verdienet, daß ich ihn' den Frieden wiedergeben sollte? haben sie sich denn seither bekehrt? sind sie nicht ärger worden, und selbst mit in Krieg gelaufen wie zu einer Kirmes? oder haben sie sich vielleicht wegen der Teurung bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin soviel tausend Seelen Hungers gestorben; oder hat sie viel leicht das grausame Sterben erschreckt (das soviel Millionen hingerafft), daß sie sich gebessert? Nein, nein Mercuri, die Übrigverbliebenen, die den elenden Jammer [403] mit ihren Augen angesehen, haben sich nit allein nit gebessert, sondern sind viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen! haben sie sich nun wegen so vieler scharfer Heimsuchungen nit bekehrt, sondern unter so schwerem Kreuz und Trübsalen gottlos zu leben nicht aufgehöret, was werden sie dann erst tun, wenn ich ihnen den wollustbarlichen güldenen Frieden wieder zusendete? Ich müßte sorgen, daß sie mir wie hiebevor die Riesen getan, den Himmel abzustürmen unterstehen würden; aber ich will solchem Mutwillen wohl beizeit steuren, und sie im Krieg hocken lassen.«

Weil ich nun wußte, wie man diesem Gott lausen mußte, wenn man ihn recht stimmen wollte, sagte ich: »Ach großer Gott, es seufzet aber alle Welt nach dem Frieden, und versprechen ein große Besserung, warum wolltest du ihnen dann solchen noch länger verweigern können?« »Ja«, antwortet' Jupiter, »sie seufzen wohl, aber nit meinet- sondern ihretwillen; nicht, daß jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum Gott loben, sondern daß sie deren edle Früchte mit guter Ruhe und in aller Wollust genießen möchten; Ich fragte neulich einen grindigen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte? Aber er antwortet' mir: was er sich drum geheie, er müsse so wohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der stählernen Stange fechten. Ein solche Antwort kriegte ich auch von einem Rotgießer, der sagte, wenn er im Frieden keine Glocken zu gießen hätte, so hätte er im Krieg genug mit Stücken und Feuermörseln zu tun. Also antwortet' mir auch ein Schmied, und sagte: ›Habe ich keine Pflüg und Baurenwagen im Krieg zu beschlagen, so kommen mir jedoch genug Reuterpferd und Heerwagen unter die Händ, also daß ich des Friedens wohl entbehren kann.‹ Siehe nun lieber Mercuri, warum sollte ich ihnen dann den Frieden verleihen? Ja, es sind zwar etliche die ihn wünschen, aber nur wie gesagt, um ihres Bauchs und Wollust willen; hingegen aber sind auch andere, die den Krieg behalten wollen, nicht zwar weil es mein Will ist, sondern weil er ihnen einträgt; Und gleichwie die Maurer und Zimmerleut den Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen, also verlangen andere, die sich im [404] Frieden mit ihrer Handarbeit nicht zu ernähren getrauen, die Kontinuation des Kriegs, in selbigem zu stehlen.«

Weilen denn nun mein Jupiter mit diesen Sachen umging, konnte ich mir leicht einbilden, daß er mir in solchem verwirrten Stand von dem Meinigen wenig Nachricht würde geben können, entdeckte mich ihm derhalben nicht, sondern nahm meinen Kopf zwischen die Ohren, und ging durch Abweg, die mir denn alle wohl bekannt waren, nach L., fragte daselbst nach meinem Schwährvater, allerdings wie ein fremder Bot, und erfuhr gleich, daß er samt meiner Schwieger bereits vor einem halben Jahr diese Welt gesegnet, und dann daß meine Liebste, nachdem sie mit einem jungen Sohn niederkommen, den ihre Schwester bei sich hätte, gleichfalls stracks nach ihrem Kindbett diese Zeitlichkeit verlassen; Darauf lieferte ich meinem Schwager diejenigen Schreiben, die ich selbst an meinen Schwähr, an meine Liebste, und an ihn meinen Schwager geschrieben; derselbe nun wollte mich selbst herbergen, damit er von mir als einem Boten erfahren könnte, was Stands Simplicius sei, und wie ich mich verhielte? zu dem Ende diskurierte meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten, und ich redete auch von mir, was ich nur Löblichs von mir wußte, denn die Urschlechten hatten mich dergestalt verderbt und verändert, daß mich kein Mensch mehr kannte, außer der von Schönstein, welcher aber als mein getreuster Freund reinen Mund hielt.

Als ich ihr nun nach der Länge erzählt, daß Herr Simplicius viel schöner Pferd und Diener hätte, und in einer schwarzen sammeten Mützen aufzöge, die überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie: »Ja, ich hab mir jederzeit eingebildet, daß er keines so schlechten Herkommens sei, als er sich dafür ausgeben; der hiesige Kommandant hat meine Eltern sel. mit großen Verheißungen persuadiert, daß sie ihm meine Schwester sel. die wohl ein fromme Jungfer gewesen, ganz vorteilhaftiger Weis aufgesattelt, davon ich niemalen ein gutes End habe hoffen können, nichts destoweniger hat er sich wohl angelassen, und resolviert, in hiesiger Garnison schwedische oder vielmehr hessische[405] Dienst anzunehmen, maßen er zu solchem End seinen Vorrat, was er zu Köln gehabt, hieherholen wollen, das sich aber gesteckt, und er darüber ganz schelmischer Weis nach Frankreich praktiziert worden, meine Schwester, die ihn noch kaum vier Wochen gehabt, und sonst noch wohl ein halb Dutzend Bürgerstöchter schwanger hinterlassend; wie dann eine nach der andern (und zwar meine Schwester am allerletzten) mit lauter jungen Söhnen niederkommen. Weil denn nunmehr mein Vater und Mutter tot, ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander zu hoffen, haben wir meiner Schwester Kind zum Erben aller unser Verlassenschaft angenommen, und mit Hilf des hiesigen Herrn Kommandanten seines Vaters Hab zu Köln erhoben, welches sich ungefähr auf dreitausend Gulden belaufen möchte, daß also dieser junge Knab, wenn er einmal zu seinen Jahren kommt, sich unter die Armen zu rechnen keine Ursach haben wird; Ich und mein Mann lieben das Kind auch so sehr, daß wirs seinem Vater nicht ließen, wenn er schon selbst käme, und ihn abholen wollte; überdas so ist er der Schönste unter allen seinen Stiefbrüdern, und siehet seinem Vater so gleich, als wenn er ihm aus den Augen geschnitten wäre; und ich weiß, wenn mein Schwager wüßte, was er für einen schönen Sohn hier hätte, daß er sich nicht abbrechen könnte hieherzukommen (da er schon seine übrigen Hurenkinder scheuen möchte) nur das liebe Herzchen zu sehen.«

Solche und dergleichen Sachen brachte mir meine Schwägerin vor, woraus ich ihre Lieb gegen mein Kind leicht spüren können, welches denn dort in seinen ersten Hosen herumlief, und mich im Herzen erfreute, derhalben suchte ich die Kleinodien hervor, die mir Herzbruder geben, solche seinetwegen meinem Weib zu verehren; dieselbigen, sagte ich, hätte mir Herr Simplicius mitgeben, seiner Liebsten zum Gruß einzuhändigen, weil aber selbige tot wäre, schätzte ich, es wäre billig, daß ich sie seinem Kind hinterließ, welche mein Schwager und seine Frau mit Freuden empfingen, und daraus schlossen, daß ich an Mitteln keinen Mangel haben, sondern viel ein anderer Gesell sein müßte, [406] als sie sich hiebevor von mir eingebildet. Mithin drang ich auf meine Abfertigung, und als ich dieselbe bekam, begehrte ich im Namen Simplicii den jungen Simplicium zu küssen, damit ich seinem Vater solches als ein Wahrzeichen erzählen könnte; Als es nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschah, fing beides mir und dem Kind die Nas an zu bluten, darüber mirs Herz hätte brechen mögen; doch verbarg ich meine Affekten, und damit man nit Zeit haben möchte, der Ursach dieser Sympathiae nachzudenken, machte ich mich stracks aus dem Staub, und kam nach vierzehn Tagen durch viel Mühe und Gefahr wieder in Bettlers Gestalt nach Saurbrunnen, weil ich unterwegs ausgeschälet worden.

6. Kapitel
Das 6. Kapitel

Erzählung eines Possen, den Simplicius im Saurbrunnen angestellt


Nach meiner Ankunft wurde ich gewahr, daß es sich mit Herzbrudern mehr gebösert als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doctores und Apotheker strenger als eine fette Gans gerupft; überdas kam er mir auch ganz kindisch vor, und konnte kümmerlich mehr recht gehen, ich ermuntert ihn zwar so gut ich konnte, aber es war schlecht bestellt, er selbst merkte an Abnehmung seiner Kräfte wohl, daß er nit lang mehr würde dauren können, sein größter Trost war, daß ich bei ihm sein sollte, wenn er die Augen würde zutun.

Hingegen machte ich mich lustig, und suchte meine Freud, wo ich solche zu finden vermeinte, doch solchergestalt, daß meinem Herzbruder an seiner Pfleg nichts mangelte. Und weil ich mich einen Witwer zu sein wußte, reizten mich die guten Tag und meine Jugend wiederum zur Buhlerei, der ich denn trefflich nachhing, weil mir der zu Einsiedeln eingenommene Schrecken wieder allerdings vergessen war. Es befand sich im Sauerbrunnen eine schöne Dame, die sich für eine von Adel ausgab, und meines Erachtens doch mehr mobilis als nobilis war, derselben Mannsfallen wartet ich trefflich auf den Dienst, weil sie ziemlich glatthaarig zu sein [407] schien, erhielt auch in kurzer Zeit nicht allein einen freien Zutritt, sondern auch alle Vergnügung, die ich hätte wünschen und begehren mögen; aber ich hatte gleich ein Abscheuen ab ihrer Leichtfertigkeit, trachtet derhalben, wie ich ihrer wieder mit Manier los werden könnte, denn wie mich dünkte, so ging sie mehr darauf um, meinen Säckel zu scheren, als mich zur Ehe zu bekommen, zudem übertrieb sie mich mit liebreizenden feurigen Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden Affektion, wo ich ging und stand, daß ich mich beides für mich und sie schämen mußte.

Neben dem befand sich auch ein vornehmer reicher Schweizer im Bad, dem wurde nicht nur sein Geld, sondern auch seines Weibs Geschmuck, der in Gold, Silber, Perlen und Edelgesteinen bestand, entfremdet; Weil denn nun solche Sachen ebenso ungerne verloren werden, als schwer sie zu erobern sind, derhalben suchte bemeldter Schweizer allerhand Rat und Mittel, dadurch er selbige wieder zur Hand bringen möchte, maßen er den berühmten Teufelsbanner aus der Geißhaut kommen ließ, der durch seinen Bann den Dieb dergestalt tribulierte, daß er das gestohlene Gut wieder in eigener Person an seine Gehörde liefern mußte, deswegen der Hexenmeister dann zehn Reichstaler zur Verehrung bekam.

Diesen Schwarzkünstler hätte ich gern gesehen, und mit ihm konferiert, es mochte aber, wie ich dafürhielt, ohne Schmälerung meines Ansehens (denn ich dünkte mich damals keine Sau zu sein) nit geschehen, derhalben stellte ich meinen Knecht an, mit ihm denselben Abend zu saufen, weil ich vernommen, daß er ein Ausbund eines Weinbeißers sein sollte, um zu sehen, ob ich vielleicht hierdurch mit ihm in Kundschaft kommen möchte, denn es wurden mir soviel seltsame Sachen von ihm erzählt, die ich nit glauben konnte, ich hätte sie denn selbst von ihm vernommen; ich verkleidete mich wie ein Landfahrer, der Salben feil hat, setzte mich zu ihm an Tisch, und wollte vernehmen, ob er erraten, oder ihm der Teufel eingeben würde, wer ich wäre? aber ich konnte nit das geringste an ihm spüren, denn er soff immer hin, und hielt mich für einen, wie meine [408] Kleider anzeigten, also daß er mir auch etliche Gläser zubrachte, und doch meinen Knecht höher als mich respektierte; demselben erzählte er vertraulich, wenn derjenige so den Schweizer bestohlen, nur das geringste davon in ein fließend Wasser geworfen, und also dem leidigen Teufel auch Partem geben hätte, so wäre unmöglich gewesen, weder den Dieb zu nennen, noch das Verlorne wieder zur Hand zu bringen.

Diese närrischen Possen hörte ich an, und verwundert mich, daß der heimtückische und tausendlistige Feind den armen Menschen durch so geringe Sachen in seine Klauen bringt. Ich konnte leicht ermessen, daß dieses Stücklein ein Teil des Pakts sei, den er mit dem Teufel getroffen, und konnte wohl gedenken, daß solche Kunst den Dieb nichts helfen würde, wenn ein anderer Teufelsbanner geholt würde, den Diebstahl zu offenbaren, in dessen Pakt diese Klausel nicht stünde; befahl demnach meinem Knecht, (welcher ärger stehlen konnte als ein Böhm) daß er ihn gar vollsaufen, und ihm hernach seine zehen Reichstaler stehlen, alsobalden aber ein paar Batzen davon in die Rench werfen sollte. Dies tat mein Kerl gar fleißig; als nun der Teufelsbanner am Morgen frühe sein Geld mangelte, begab er sich gegen die Wüste Rench in einen Busch, ohne Zweifel seinen Spiritum familiarem deswegen zu besprechen, er wurde aber so übel abgefertigt, daß er mit einem blauen und zerkratzten Angesicht wieder zurückkam; Weswegen mich denn der arme alte Schelm dergestalt daurte, daß ich ihm sein Geld wiedergeben und dabei sagen ließ, weil er nunmehr sähe, was für ein betrüglicher böser Gast der Teufel sei, könnte er hinfort dessen Dienst und Gesellschaft wohl aufkünden, und sich wieder zu Gott bekehren. Aber solche Vermahnung bekam mir wie dem Hund das Gras, denn ich hatte von dieser Zeit an weder Glück noch Stern mehr, maßen mir gleich hernach meine schönen Pferde durch Zauberei hinfielen. Und zwar was hätte davor sein sollen? ich lebte gottlos wie ein Epikurer, und befahl das Meinige niemal in Gottes Schutz, warum hätte sich denn dieser Zauberer nicht wiederum an mir sollen rächen können?

7. Kapitel
[409] Das 7. Kapitel

Herzbruder stirbt, und Simplicius fängt wieder an zu buhlen


Der Sauerbrunnen schlug mir je länger je besser zu, weil sich nit allein die Badgäste gleichsam täglich mehrten, sondern weil der Ort selbst und die Manier zu leben mich anmutig sein dünkte: Ich machte mit den Lustigsten Kundschaft, die hinkamen, und fing an courtoise Reden und Komplimente zu lernen, deren ich mein Tag sonst niemal viel geachtet hatte. Ich wurde für einen vom Adel gehalten, weil mich meine Leut Herr Hauptmann nannten, sintemal dergleichen Stellen kein Soldat von Fortun so leichtlich in einem solchen Alter erlangt, darinnen ich mich damals befand; Dannenhero machten die reichen Stutzer mit mir, und hingegen ich hinwiederum mit ihnen nicht allein Kundsondern auch gar Brüderschaft, und war alle Kurzweil, Spielen, Fressen und Saufen meine allergrößte Arbeit und Sorg, welches aber manchen schönen Dukat hinwegnahm, ohne daß ichs sonderlich wahrgenommen und geachtet hätte, denn mein Säckel von dem Olivierischen Erbgut war noch trefflich schwer.

Unterdessen wurde es mit Herzbrudern je länger je ärger, also daß er endlich die Schuld der Natur bezahlen mußte, nachdem ihn die Medici und Ärzte verlassen, als sie sich zuvor genugsam an ihm begraset hatten; er bestätigte nachmalen sein Testament und letzten Willen, und machte mich zum Erben über dasjenige, so er von seines Vaters sel. Verlassenschaft zu empfangen, hingegen ließ ich ihn ganz herrlich begraben, und seine Diener mit Trauerkleidern und einem Stück Geld ihres Wegs laufen.

Sein Abschied tat mir schmerzlich wehe, vornehmlich weil ihm vergeben worden, und ob ichs zwar nit ändern konnte, so änderts doch mich, denn ich floh alle Gesellschaften, und suchte nur die Einsamkeit, meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben; zu dem Ende verbarg ich mich etwa irgends in einen Busch, und betrachtete nit allein was ich für einen Freund verloren, sondern auch daß ich [410] mein Lebtag seinesgleichen nit mehr bekommen würde; Mithin machte ich auch von Anstellung meines künftigen Lebens allerhand Anschläg, und beschloß doch nichts Gewisses; bald wollt ich wieder in Krieg, und unversehens gedacht ich, es hättens die geringsten Baurn in selbiger Gegend besser, als ein Obrister, denn in dasselbe Gebirg kamen keine Parteien, so konnte ich mir auch nit einbilden, was eine Armee darin zu schaffen haben müßte, dieselbe Landsart zu ruinieren, maßen noch alle Baurnhöf gleich als zu Friedenszeiten in trefflichem Bau, und alle Ställ voll Vieh waren, unangesehen auf dem ebenen Land in den Dörfern weder Hund noch Katz anzutreffen.

Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten Vogelgesangs ergötzte, und mir einbildete, daß die Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere Vögel banne stillzuschweigen und ihr zuzuhören, entweder aus Scham oder ihr etwas von solchem anmutigen Klang abzustehlen; da näherte sich jenseit dem Wasser eine Schönheit an das Gestad, die mich mehr bewegte (weil sie nur das Habit einer Baurndirne antrug), als eine stattliche Demoiselle sonst nit hätte tun mögen; diese hob einen Korb vom Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunnen zu verkaufen, denselben erfrischte sie im Wasser, damit er wegen der großen Hitz nicht schmelzen sollte, unterdessen setzte sie sich nieder ins Gras, warf ihren Schleier und Baurnhut von sich und wischte den Schweiß vom Angesicht, also daß ich sie genug betrachten, und meine vorwitzigen Augen an ihr weiden konnte; da dünkte mich, ich hätte die Tag meines Lebens kein schöner Mensch gesehen, die Proportion des Leibs schien vollkommen und ohne Tadel, Arm und Hände schneeweiß, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarzen Augen aber voller Feur und liebreizender Blick; als sie nun ihre Butter wieder einpackte, schrie ich hinüber: »Ach Jungfer, Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Eure Butter im Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Eure klaren Augen ins Feur gesetzt!« Sobald sie mich sah und hörte, lief sie davon, als ob man sie gejagt hätte, ohne daß sie mir ein Wörtlein geantwort hätte, mich mit [411] all denjenigen Torheiten beladen hinterlassend, damit die verliebten Phantasten gepeinigt zu werden pflegen.

Aber meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, ließen mich nit in meiner Einsamkeit, die ich mir auserwählt, sondern machten, daß ich den Gesang der Nachtigallen nit höher achtete, als ein Geheul der Wölf; derhalben trollte ich auch dem Saurbrunnen zu, und schickte meinen Jungen voran, die Butterverkäuferin anzupacken, und mit ihr zu marken, bis ich hernachkäme; dieser tat das Seinige, und ich nach meiner Ankunft auch das Meinige; aber ich fand ein steinern Herz, und eine solche Kaltsinnigkeit, dergleichen ich hinter einem Baurnmägdlein nimmermehr zu finden getraut hätte, welches mich aber viel verliebter machte, ohnangesehen ich, als einer der mehr in solchen Schulen gewesen, mir die Rechnung leicht machen können, daß sie sich nit so leicht betören lassen würde.

Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund haben sollen; einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen denselbigen hätte richten, und der närrischen Lieb vergessen müssen, oder einen Freund, der mir ein anders geraten, und mich von meiner Torheit, die ich vornahm, hätte abmahnen mögen: Aber ach leider, ich hatte nichts als mein Geld das mich verblendete, meine blinden Begierden die mich verführten, weil ich ihnen den Zaum schießen ließ, und meine grobe Unbesonnenheit, die mich verderbte, und in alles Unglück stürzte; Ich Narr hätte ja aus unsern Kleidungen, als aus einem bösen Omen judizieren sollen, daß mir ihre Lieb nit wohl ausschlagen würde; denn weil mir Herzbruder, diesem Mägdlein aber ihre Eltern gestorben, und wir dahero alle beide in Trauerkleidern aufzogen, als wir einander das erstemal sahen, was hätte unsere Buhlschaft für eine Fröhlichkeit bedeuten sollen? Mit einem Wort, ich war mit dem Narrnseil rechtschaffen verstrickt, und derhalben ganz blind und ohne Verstand, wie das Kind Cupido selbsten, und weil ich meine viehischen Begierden nicht anders zu sättigen getraute, entschloß ich, sie zu heiraten. »Was«, gedacht ich, »du bist deines Herkommens doch nur ein Baurnsohn, und wirst dein Tag kein [412] Schloß besitzen, dieses Revier ist ein edel Land, das sich gleichwohl dies grausame Kriegswesen hindurch gegen andere Orte zu rechnen im Wohlstand und Flor befunden; überdas hast du noch Geld genug, auch den besten Baurnhof in dieser Gegend zu bezahlen, du willst dies ehrliche Baurngretlein heiraten, und dir einen geruhigen Herrnhandel mitten unter den Bauren schaffen, wo wolltest du dir eine lustigere Wohnung aussehen können als bei dem Sauerbrunnen, da du wegen der zu-und abreisenden Badgäst gleichsam alle sechs Wochen ein neue Welt sehen, und dir dabei einbilden kannst, wie sich der Erdkreis von einem Saeculo zum andern verändert.« Solche und dergleichen mehr tausendfältige Gedanken machte ich, bis ich endlich meine Geliebte zur Ehe begehrete, und (wiewohl nicht ohne Mühe) das Jawort erhielt.

8. Kapitel
Das 8. Kapitel

Simplicius gibt sich in die zweite Ehe, trifft seinen Knan an, und erfährt, wer seine Eltern gewesen


Ich ließ trefflich zur Hochzeit zurüsten, denn der Himmel hing mir voller Geigen; das Baurengut, darauf meine Braut geboren worden, löste ich nit allein ganz an mich, sondern fing noch dazu einen schönen neuen Bau an, gleich als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte wollen, und ehe ich die Hochzeit vollzogen, hatte ich bereits über dreißig Stücke Vieh dastehen, weil man soviel das Jahr hindurch auf demselben Gut erhalten konnte; in Summa, ich bestellte alles auf das Beste, auch sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir nur meine Torheit eingab. Aber die Pfeif fiel mir bald in Dreck, denn da ich nunmehr vermeinte mit gutem Wind nach England zu schiffen, kam ich wider alle Zuversicht nach Holland, und damals, aber viel zu spät, wurde ich erst gewahr, was Ursach mich meine Braut so ohngerne nehmen wollen, das mich aber am allermeisten schmerzte, war, daß ich mein spöttlich Anliegen keinem Menschen[413] klagen durfte. Ich konnte zwar wohl erkennen, daß ich nach dem Maß der Billigkeit Schulden bezahlen mußte, aber solche Erkanntnis machte mich darum nichts desto geduldiger, viel weniger frömmer, sondern weil ich mich so betrogen befand, gedachte ich meine Betrügerin wieder zu betrügen, maßen ich anfing grasen zu gehen, wo ich zukommen konnte, über das stak ich mehr bei guter Gesellschaft im Saurbrunnen, als zu Haus; in Summa, ich ließ meine Haushaltung allerdings ein gut Jahr haben; andernteils war meine Frau ebenso liederlich, sie hatte einen Ochsen, den ich ins Haus schlagen lassen, in etliche Körb eingesalzen; und als sie mir auf ein Zeit eine Spansau zurichten sollte, unterstand sie solche wie einen Vogel zu rupfen, wie sie mir denn auch Krebs auf dem Rost, und Forellen an einem Spieß braten wollen; Bei diesen paar Exempeln kann man ohnschwer abnehmen, wie ich im übrigen mit ihr bin versorgt gewesen, nicht weniger trank sie auch das liebe Weinchen gern, und teilet' andern guten Leuten auch mit, das mir denn mein künftig Verderben prognostizierte.

Einsmals spazierte ich mit etlichen Stutzern das Tal hinunter, eine Gesellschaft im untern Bad zu besuchen, da begegnet' uns ein alter Baur, mit einer Geiß am Strick, die er verkaufen wollte, und weil mich dünkte, ich hätte dieselbe Person mehr gesehen, fragte ich ihn, wo er mit dieser Geiß herkäme? Er aber zog sein Hütlein ab, und sagte: »Gnädiger Hearr, eich darfs auch werlich neit sahn.« Ich sagte: »Du wirst sie ja nicht gestohlen haben?« »Nein«, antwort der Baur, »sondern ich bring sie aus dem Städtchen unten im Tal, welches ich eben gegen den Herrn nicht nennen darf, dieweil wir vor einer Geiß reden.« Solches bewegte meine Gesellschaft zum Lachen, und weil ich mich im Angesicht entfärbte, gedachten sie, ich hätte ein Verdruß, oder schämte mich, weil mir der Baur so artlich eingeschenkt; Aber ich hatte andere Gedanken, denn an der großen Warzen, die der Baur gleichsam wie das Einhorn mitten auf der Stirn stehen hatte, wurde ich eigentlich versichert, daß es mein Knan aus dem Spessart war, wollte [414] derhalben zuvor einen Wahrsager agieren, ehe ich mich ihm offenbaren, und mit einem so stattlichen Sohn, als damals meine Kleider auswiesen, erfreuen wollte; sagte derhalben zu ihm: »Mein lieber alter Vater, seid Ihr nicht im Spessart zu Haus?« »Ja Hearr«, antwort der Baur; da sagte ich: »Haben Euch nicht vor ungefähr achtzehn Jahren die Reuter Euer Haus und Hof geplündert und verbrannt?« »Ja, Gott erbarms«, antwortet' der Baur, »es ist aber noch nicht so lang.« Ich fragte weiter: »Habt Ihr nicht damals zwei Kinder, nämlich eine erwachsene Tochter, und einen jungen Knaben gehabt, der Euch der Schaf gehütet?« »Herr«, antwortet' mein Knan, »die Tochter war mein Kind, aber der Bub nicht, ich hab ihn aber an Kindes Statt aufziehen wollen.« Hieraus verstand ich wohl, daß ich dieses groben Knollfinken Sohn nicht sei, welches mich einsteils erfreute, hingegen aber auch betrübte, weil mir zugefallen, ich müßte sonsten ein Bankert oder Findling sein; fragte derowegen meinen Knan, wo er denn denselben Buben aufgetrieben? oder was er für Ursach gehabt, denselben an Kinds Statt zu erziehen? »Ach«, sagte er, »es ist mir seltsam mit ihm gangen, der Krieg hat mir ihn geben, und der Krieg hat mir ihn wieder genommen.« Weil ich denn besorgte, es dürfte wohl ein Fazit herauskommen, das mir wegen meiner Geburt nachteilig sein möchte, verwandt ich meinen Diskurs wieder auf die Geiß, und fragte, ob er sie der Wirtin in die Küche verkauft hätte? das mich befremde, weil die Saurbrunnengäst kein alt Geißenfleisch zu genießen pflegten. »Ach nein Herr«, antwort der Baur, »die Wirtin hat selber Geißen genug, und gibt auch nichts für ein Ding, ich bring sie der Gräfin, die im Sauerbrunnen badet, und ihr der Doktor Hans in allen Gassen etliche Kräuter geordnet, so die Geiß essen muß, und was sie dann für Milch davon gibt, die nimmt der Doktor, und macht der Gräfin noch so ein Arznei drüber, so muß sie die Milch trinken, und wieder gesund davon werden; man sagt, es mangel' der Gräfin am Gehäng, und wenn ihr die Geiß hilft, so vermag sie mehr als der Doktor und seine Abdecker miteinander.« Unter währender solcher Relation besann ich, auf was Weis [415] ich mehr mit dem Baurn reden möchte, bot ihm derhalben einen Taler mehr um die Geiß, als der Doktor oder die Gräfin darum geben wollten; solches ging er gleich ein (denn ein geringer Gewinn persuadiert die Leut bald anders) doch mit dem Beding, er sollte der Gräfin zuvor anzeigen, daß ich ihm ein Taler mehr darauf geboten, wollte sie dann soviel drum geben als ich, so sollte sie den Vorkauf haben, wo nicht, so wollte er mir die Geiß zukommen lassen, und wie der Handel stünde auf den Abend anzeigen.

Also ging mein Knan seines Wegs, und ich mit meiner Gesellschaft den unserigen auch, doch konnte und mochte ich nit länger bei der Kompagnie bleiben, sondern drehte mich ab, und ging hin, wo ich meinen Knan wieder fand, der hatte seine Geiß noch, weil ihm andere nicht so viel als ich drum geben wollten, welches mich an so reichen Leuten wunderte, und doch nit kärger machte; Ich führte ihn auf meinen neuerkauften Hof, bezahlte ihm seine Geiß, und nachdem ich ihm einen halben Rausch angehängt, fragte ich ihn, woher ihm derjenige Knab zugestanden wäre, von dem wir heute geredet? »Ach Herr«, sagte er, »der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschert, und die Nördlinger Schlacht hat mir ihn wieder genommen.« Ich sagte: »Das muß wohl ein lustige Histori sein«, mit Bitt, weil wir doch sonst nichts zu reden hätten, er wollte mirs doch für die lange Weil erzählen. Darauf fing er an, und sagte: »Als der Mansfelder bei Höchst die Schlacht verlor, zerstreute sich sein flüchtig Volk weit und breit herum, weil sie nit alle wußten, wohin sie sich retirieren sollten; viel kamen in Spessart, weil sie die Büsch suchten, sich zu verbergen, aber indem sie dem Tod auf der Ebne entgingen, fanden sie ihn bei uns in den Bergen, und weil beide kriegende Teile für billig achteten, einander auf unserm Grund und Boden zu berauben und niederzumachen, griffen wir ihnen auch auf die Hauben, damals ging selten ein Bauer in den Büschen ohne Feurrohr, weil wir zu Haus bei unsern Hauen und Pflügen nit bleiben konnten. In demselben Tumult bekam ich nicht weit von meinem Hof in einem wilden ungeheuren Wald ein schöne junge Edelfrau samt einem stattlichen Pferd, als ich zuvor nit [416] weit davon etliche Büchsenschüß gehört hatte; ich sah sie anfänglich für einen Kerl an, weil sie so männlich daherritt, aber indem ich sie beides Händ und Augen gegen den Himmel aufheben sah, und auf welsch mit einer erbärmlichen Stimm zu Gott rufen hörte, ließ ich mein Rohr, damit ich Feur auf sie geben wollte, sinken, und zog den Hahnen wieder zurück, weil mich ihr Geschrei und Gebärden versicherten, daß sie ein betrübtes Weibsbild wäre; mithin näherten wir uns einander, und da sie mich sah, sagte sie: ›Ach! wenn Ihr ein ehrlicher Christenmensch seid, so bitte ich Euch um Gottes und seiner Barmherzigkeit, ja um des Jüngsten Gerichts willen, vor welchem wir alle um unser Tun und Lassen Rechenschaft geben müssen, Ihr wollet mich zu ehrlichen Weibern führen, die mich durch göttliche Hilf von meiner Leibesbürde entledigen helfen!‹ Diese Wort, die mich so großer Ding erinnerten, samt der holdseligen Aussprach, und zwar betrübten doch überaus schönen und anmutigen Gestalt der Frauen, zwangen mich zu solcher Erbärmde, daß ich ihr Pferd beim Zügel nahm, und sie durch Hecken und Stauden an den allerdicksten Ort des Gesträuchs führte, da ich selbst mein Weib, Kind, Gesind und Vieh hingeflehnt hatte, daselbst genas sie ehender als in einer halben Stund desjenigen jungen Knaben, von dem wir heut miteinander geredet haben.«

Hiemit beschloß mein Knan seine Erzählung, weil er eins trank, denn ich sprach ihm gar gütlich zu; da er aber das Glas ausgeleeret hatte, fragte ich: »Und wie ists danach weiter mit der Frauen gangen?« Er antwortet': »Als sie dergestalt Kindbetterin worden, bat sie mich zu Gevattern, und daß ich das Kind ehestens zur Tauf fördern wollte; sagte mir auch ihres Manns und ihren Namen, damit sie möchten in das Taufbuch geschrieben werden, und indem tat sie ihr Felleisen auf, darinnen sie wohl köstliche Sachen hatte, und schenkte mir, meinem Weib und Kind, der Magd und sonst noch einer Frauen soviel, daß wir wohl mit ihr zufrieden sein können; aber indem sie so damit umging, und uns von ihrem Mann erzählte, starb sie uns unter den Händen, als sie uns ihr Kind zuvor wohl befohlen hatte: weil es [417] denn nun so gar ein großer Lärmen im Land war, daß niemand bei Haus bleiben konnte, vermochten wir kaum ein Pfarrherrn, der bei dem Begräbnis war, und das Kind taufte; da aber endlich beides geschehen, wurde mir von unserm Schulzen und Pfarrherrn befohlen, ich sollte das Kind aufziehen bis es groß würd, und für meine Mühe und Kosten der Frauen ganze Verlassenschaft behalten, ausgenommen etliche Paternoster, Edelgestein und so Geschmeiß, welches ich für das Kind aufbehalten sollte; Also ernährte mein Frau das Kind mit Geißmilch, und wir behielten den Buben gar gern und dachten, wir wollten ihm, wenn er groß würde, unser Mädchen zur Frauen geben; aber nach der Nördlinger Schlacht habe ich beides das Mägdlein und den Buben verloren, samt allem dem was wir vermochten.«

»Ihr habt mir«, sagte ich zu meinem Knan, »ein artliche Geschicht erzählt, und doch das Best vergessen, denn Ihr habt nicht gesagt weder wie die Frau, noch ihr Mann oder das Kind geheißen.« »Herr«, antwortet' er, »ich hab nicht gemeint, daß Ihrs auch gern hättet wissen mögen; die Edelfrau hieß Susanna Ramsi, ihr Mann Kapitän Sternfelß von Fuchsheim, und weil ich Melchior hieß, so ließ ich den Buben bei der Taufe auch Melchior Sternfelß von Fuchsheim nennen, und ins Taufbuch schreiben.«

Hieraus vernahm ich umständlich, daß ich meines Einsiedlers und des Gubernators Ramsay Schwester leiblicher Sohn gewesen, aber ach leider viel zu spät, denn meine Eltern waren beide tot, und von meinem Vetter Ramsay konnte ich anders nichts erfahren, als daß die Hanauer ihn mitsamt der schwedischen Garnison ausgeschafft hätten, weswegen er denn vor Zorn und Ungeduld ganz unsinnig worden wäre.

Ich deckte meinen Pettern vollends mit Wein zu, und ließ den andern Tag sein Weib auch holen; da ich mich ihnen nun offenbarte, wollten sie es nicht ehe glauben, bis ich ihnen zuvor einen schwarzen haarigen Flecken aufgewiesen, den ich vorne auf der Brust hatte.

9. Kapitel
[418] Das 9. Kapitel

Welchergestalt ihn die Kindswehe angestoßen, und wie er wieder zu einem Witwer wird


Ohnlängst hernach nahm ich meinen Pettern zu mir, und tat mit ihm einen Ritt hinunter in Spessart, glaubwürdigen Schein und Urkund meines Herkommens und ehelicher Geburt halber zuwege zu bringen, welches ich ohnschwer aus dem Taufbuch und meines Pettern Zeugnis erhielt. Ich kehrte auch gleich bei dem Pfarrer ein, der sich zu Hanau aufgehalten, und meiner angenommen, derselbe gab mir einen schriftlichen Beweis mit, wo mein Vater sel. gestorben, und daß ich bei demselben bis in seinen Tod, und endlich unter dem Namen Simplici eine Zeitlang bei Herrn Ramsay dem Gubernator in Hanau gewesen wäre, ja ich ließ über meine ganze Histori aus der Zeugen Mund durch einen Notarium ein Instrument aufrichten, denn ich gedachte, wer weiß, wo du es noch einmal brauchest; solche Reis kostet' mich über 400 Taler, denn auf dem Zurückweg wurde ich von einer Partei erhascht, abgesetzt und geplündert, also daß ich und mein Knan oder Petter allerdings nackend, und kaum mit dem Leben davonkamen.

Indessen gings daheim auch schlimm zu, denn nachdem mein Weib vernommen, daß ihr Mann ein Junker sei, spielte sie nit allein die große Frauen, sondern verliederlicht' auch alles in der Haushaltung, welches ich, weil sie großen Leibes war, stillschweigend übertrug, überdas war mir ein Unglück in den Stall kommen, so mir das meiste und beste Vieh hingerafft.

Dieses alles wäre noch zu verschmerzen gewesen, aber o mirum! kein Unglück allein, in der Stund, darin mein Weib genas, wurde die Magd auch Kindbetterin, das Kind zwar so sie brachte, sah mir allerdings ähnlich, das aber so mein Weib gebar, sah dem Knecht so gleich, als wenns ihm aus dem Gesicht geschnitten worden wäre; zudem hatte diejenige Dame, deren oben gedacht, in ebenderselben Nacht auch eins vor meine Tür legen lassen, mit schriftlichem Bericht, [419] daß ich der Vater wäre, also daß ich auf einmal drei Kinder zusammenbrachte, und war mir nit anders zu Sinn, als es würde aus jedem Winkel noch eins hervorkriechen, welches mir nit wenig graue Haar machte! Aber es gehet nit anders her, wenn man in einem so gottlosen und verruchten Leben, wie ich eins geführt, seinen viehischen Begierden folget.

Nun was halfs? ich mußte taufen, und mich noch dazu von der Obrigkeit rechtschaffen strafen lassen, und weil die Herrschaft damals eben schwedisch war, ich aber hiebevor dem Kaiser gedient, wurde mir die Zech desto höher gemacht, welches lauter Praeludia waren meines abermaligen gänzlichen Verderbens. Gleichwie mich nun so vielerlei unglückliche Zufäll höchlich betrübten, also nahm es andernteils mein Weibchen nur auf die leichte Achsel, ja sie trillete mich noch dazu Tag und Nacht wegen des schönen Funds, der mir vor die Tür geleget, und daß ich um so viel Gelds gestraft worden wäre; hätte sie aber gewußt, wie es mit mir und der Magd beschaffen gewesen, so würde sie mich noch wohl ärger gequält haben, aber das gute Mensch war so aufrichtig, daß sie sich durch soviel Geld, als ich sonst ihretwegen hätte Straf geben müssen, bereden ließ, ihr Kind einem Stutzer zuzuschreiben, der mich das Jahr zuvor unterweilen besucht, und bei meiner Hochzeit gewesen, den sie aber sonst weiters nicht gekannt; doch mußte sie aus dem Haus, denn mein Weib argwöhnet', was ich ihretwegen vom Knecht gedachte, und durft doch nichts ahnden, denn ich hätte ihr sonst vorgehalten, daß ich in einer Stund nicht zugleich bei ihr und der Magd sein können. Indessen wurde ich mit dieser Anfechtung heftig gepeiniget, daß ich meinem Knecht ein Kind aufziehen, und die meinigen nicht meine Erben sein sollten, und daß ich noch dazu stillschweigen, und froh sein mußte, daß gleichwohl sonst niemand nichts davon wußte.

Mit solchen Gedanken martert ich mich täglich, aber mein Weib delektierte sich stündlich mit Wein, denn sie hatte sich das Kännchen seit unserer Hochzeit dergestalt angewöhnt, daß es ihr selten vom Maul, und sie selbsten gleichsam [420] keine Nacht ohne ein ziemlichen Rausch schlafen ging; davon soff sie ihrem Kind zeitlich das Leben ab, und entzündet' sich selbsten das Gehäng dergestalt, daß es ihr auch bald hernach entfiel, und mich wiederum zu einem Witwer machte, welches mir so zu Herzen ging, daß ich mich fast krank hierüber gelacht hätte.

10. Kapitel
Das 10. Kapitel

Relation etlicher Baursleut, von dem wunderbaren Mummel-See


Da ich mich nun wieder solchergestalt in meine erste Freiheit gesetzt befand, mein Beutel aber von Geld ziemlich geleeret, hingegen meine große Haushaltung mit vielem Vieh und Gesind beladen, nahm ich meinen Petter Melchior für einen Vater, meine Göt, seine Frau, für meine Mutter, und den Bankert Simplicium, der mir vor die Tür geleget worden, für meinen Erben an, und übergab diesen beiden Alten Haus und Hof samt meinem ganzen Vermögen, bis auf gar wenig gelbe Batzen und Kleinodien, die ich noch auf die äußerste Not gespart und hinterhalten hatte, denn ich hatte einen Ekel ab aller Weiber Beiwohnung und Gemeinschaft gefaßt, daß ich mir vornahm, weil mirs so übel mit ihnen gangen, mich nicht mehr zu verheiraten; diese beiden alten Eheleut, welche in re rusticorum nit wohl ihresgleichen mehr hatten, gossen meine Haushaltung gleich in einen andern Model, sie schafften von Gesind und Vieh ab was nichts nützte, und bekamen hingegen auf den Hof, was etwas eintrug; Mein alter Knan samt meiner alten Meuder vertrösteten mich alles Guten, und versprachen, wenn ich sie nur hausen ließe, so wollten sie mir allweg ein gut Pferd auf der Streu halten, und so viel verschaffen, daß ich je zuzeiten mit einem ehrlichen Biedermann ein Maß Wein trinken könnte: Ich spürete auch gleich, was für Leut meinem Hof vorstanden, mein Petter bestellte mit dem Gesind den Feldbau, schacherte mit Vieh und mit dem Holz- und Harzhandel ärger als ein Jud, und meine Göt legte sich auf [421] die Viehzucht, und wußte die Milchpfennig besser zu gewinnen und zusammzuhalten, als zehen solcher Weiber wie ich eins gehabt hatte. Auf solche Weis wurde mein Baurenhof in kurzer Zeit mit allerhand notwendigem Vorrat, auch groß und kleinem Vieh genugsam versehen, also daß er in Bälde für den besten in der ganzen Gegend geschätzt wurde, ich aber ging dabei spazieren, und wartet allerhand Kontemplationen ab; denn weil ich sah, daß meine Göt mehr aus den Immen an Wachs und Honig vorschlug, als mein Weib hiebevor aus Rindvieh, Schweinen und anderm eroberte, konnte ich mir leicht einbilden, daß sie im übrigen nichts verschlafen würde.

Einsmals spazierte ich in Sauerbrunnen, mehr einen Trunk frisch Wasser zu tun, als mich meiner vorigen Gewohnheit nach mit den Stutzern bekannt zu machen, denn ich fing an meiner Alten Kargheit nachzuahmen, welche mir nicht rieten, daß ich mit den Leuten viel umgehen sollte, die ihre und ihrer Eltern Hab so unnützlich verschwendeten: Gleichwohl aber geriet ich zu einer Gesellschaft mittelmäßigen Stands, weil sie von einer seltenen Sach, nämlich von dem Mummel-See diskurierten, welcher unergründlich, und in der Nachbarschaft auf einem von den höchsten Bergen gelegen sei; sie hatten auch unterschiedliche alte Bauersleut beschickt, die erzählen mußten, was einer oder der ander von diesem wunderbarlichen See gehöret hätte, deren Relation ich denn mit großer Lust zuhörte, wiewohl ichs für eitel Fabeln hielt, denn es lautete also lügenhaftig, als etliche Schwänk des Plinii.

Einer sagte, wenn man ungerad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder etwas anders, in ein Nastüchlein binde, und hineinhänge, so verändere es sich in gerad; also auch, wenn man gerad hineinhänge, so finde man ungerad. Ein anderer, und zwar die meisten gaben vor, und bestätigten es auch mit Exempeln, wenn man einen oder mehr Stein hineinwürfe, so erhebe sich gleich, Gott geb wie schön auch der Himmel zuvor gewesen, ein grausam Ungewitter, mit schrecklichem Regen, Schlossen und Sturmwinden. Von diesem kamen sie auch auf allerhand seltsame Historien, so [422] sich dabei zugetragen, und was sich für wunderbarliche Spectra von Erd- und Wassermännlein dabei hätten sehen lassen, und was sie mit den Leuten geredet. Einer erzählte, daß auf ein Zeit, da etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher sich zu dem andern Rindvieh gesellet, dem aber gleich ein kleines Männlein nachgefolget, ihn wieder zurück in See zu treiben, er hätte aber nicht parieren wollen, bis ihm das Männlein gewünscht hätte, es sollte ihn aller Menschen Leiden ankommen, wenn er nicht wieder zurückkehre! Auf welche Wort er und das Männlein sich wieder in den See begeben hätten. Ein anderer sagte, es sei auf ein Zeit, als der See überfroren gewesen, ein Baursmann mit seinen Ochsen und etlichen Blöcken, daraus man Dieln schneidet, über den See gefahren ohn einzigen Schaden; als ihm aber sein Hund nachkommen, sei das Eis mit ihm gebrochen, und der arme Hund allein hinuntergefallen, und nicht mehr gesehen worden. Noch ein anderer behauptete bei großer Wahrheit, es sei ein Schütz auf der Spur des Wilds bei dem See vorübergangen, der hätte auf demselben ein Wassermännlein sitzen sehen, das einen ganzen Schoß voll gemünzter Goldsorten gehabt, und gleichsam damit gespielt hätte; und als er nach demselbigen Feur geben wollen, hätte sich das Männlein geduckt, und diese Stimme hören lassen: »Wenn du mich gebeten, deiner Armut zu Hilf zu kommen, so wollte ich dich und die Deinigen reich genug gemacht haben.«

Solche und dergleichen mehr Historien, die mir alle als Märlein vorkamen, damit man die Kinder aufhält, hörte ich an, verlachte sie, und glaubte nit einmal, daß ein solcher unergründlicher See auf einem hohen Berg sein könnte; Aber es fanden sich noch andere Baursleut, und zwar alte glaubwürdige Männer, die erzählten, daß noch bei ihrem und ihrer Väter Gedenken hohe fürstliche Personen den besagten See zu beschauen sich erhoben, wie denn ein regierender Herzog zu Würtenberg, etc. ein Floß machen, und mit demselbigen darauf hineinfahren lassen, seine Tiefe abzumessen; nachdem die Messer aber bereits neun Zwirnnetz [423] (ist ein Maß, das die Schwarzwälder Baurnweiber besser als ich oder ein anderer Geometra verstehen) mit einem Senkel hinuntergelassen, und gleichwohl noch keinen Boden gefunden, hätte das Floß, wider die Natur des Holzes, anfangen zu sinken, also daß die so sich darauf befunden, von ihrem Vornehmen abstehen, und sich ans Land salvieren müssen, maßen man noch heutzutag die Stücke des Floßes am Ufer des Sees, und zum Gedächtnis dieser Geschicht das fürstlich Würtenbergische Wappen und andere Sachen mehr in Stein gehauen vor Augen sehe. Andere bewiesen mit vielen Zeugen, daß ein Erzherzog von Österreich etc. den See gar hätte abgraben lassen wollen, es sei ihm aber von vielen Leuten widerraten und durch Bitt der Landleute sein Vornehmen hintertrieben worden, aus Furcht, das ganze Land möchte untergehen und ersaufen: Über das hätten höchstgedachte Fürsten etliche Lägeln voll Forellen in den See setzen lassen, die seien aber alle, ehe als in einer Stund, in ihrer Gegenwart abgestanden, und zum Auslauf des Sees hinausgeflossen, ohnangesehen das Wasser, so unter dem Gebirg, darauf der See liege, durch das Tal (so von dem See den Namen habe) hinfließt, von Natur solche Fisch hervorbringe, da doch der Auslauf des Sees in selbig Wasser sich ergieße.

11. Kapitel
Das 11. Kapitel

Ein unerhörte Danksagung eines Patienten, die bei Simplicio fast heilige Gedanken verursacht


Dieser letztern Aussag machte, daß ich denen zuerst beinahe völligen Glauben zustellte, und bewog meinen Vorwitz, daß ich mich entschloß, den wunderbaren See zu beschauen; Von denen, so neben mir alle Erzählung gehört, gab einer dies, der ander jenes Urteil darüber, daraus denn ihre unterschiedlichen und widereinander laufenden Meinungen genugsam erhellten; Ich zwar sagte, der teutsche Nam Mummel-See gebe genugsam zu verstehen, daß es um [424] ihn wie um eine Maskarade ein verkapptes Wesen sei, also daß nicht jeder seine Art sowohl als seine Tiefe ergründen könne, die doch auch noch nicht erfunden worden wäre, da doch so hohe Personen sich dessen unterfangen hätten; ging damit an denjenigen Ort, allwo ich vorm Jahr mein verstorbenes Weib das erstemal sah, und das süße Gift der Lieb einsoff.

Daselbsten legte ich mich auf das grüne Gras in Schatten nieder, ich achtet aber nicht mehr wie hiebevor, was die Nachtigallen daherpfiffen, sondern ich betrachtete, was für Veränderung ich seithero erduldet; da stellte ich mir vor Augen, daß ich an eben demselbigen Ort den Anfang gemacht, aus einem freien Kerl zu einem Knecht der Liebe zu werden, daß ich seithero aus einem Offizier ein Bauer, aus einem reichen Bauern ein armer Edelmann, aus einem Simplicio ein Melchior, aus einem Witwer ein Ehmann, aus einem Ehmann ein Gauch, und aus einem Gauch wieder ein Witwer worden wäre; Item, daß ich aus eines Baurn Sohn zu einem Sohn eines rechtschaffenen Soldaten, und gleichwohl wieder zu einem Sohn meines Knans worden. Da führte ich zu Gemüt, wie mich seithero mein fatum des Herzbruders beraubt, und hingegen für ihn mit zweien alten Eheleuten versorgt hätte; ich gedachte an das gottselige Leben und Absterben meines Vaters, an den erbärmlichen Tod meiner Mutter, und daneben auch an die vielfältigen Veränderungen, denen ich mein Lebtag unterworfen gewesen, also daß ich mich des Weinens nit enthalten konnte. Und indem ich zu Gemüt führte, wie viel schön Geld ich die Tage meines Lebens gehabt und verschwendet, zumal solches zu bedauren anfing, kamen zween gute Schlucker oder Weinbeißer (denen die Cholica in die Glieder geschlagen, deswegen sie denn erlahmet, und das Bad samt dem Saurbrunnen brauchten), die setzten sich zu nächst bei mir nieder, weil es eine gute Ruhestatt hatte, und klagte je einer dem andern seine Not, weil sie vermeineten allein zu sein; der eine sagte: »Mein Doktor hat mich hieher gewiesen, als einen, an dessen Gesundheit er verzweifelt, oder als einen, der neben andern dem Wirt um das Fäßlein mit [425] Butter so er ihm neulich geschickt, Satisfaktion tun solle; ich wollte, daß ich ihn entweder die Tage meines Lebens niemals gesehen, oder daß er mir gleich anfangs in Sauerbrunnen geraten hätte, so würde ich entweder mehr Geld haben oder gesünder sein als jetzt, denn der Sauerbrunnen schlägt mir wohl zu.« »Ach!« antwort der ander, »ich danke meinem Gott, daß er mir nicht mehr überflüssig Geld beschert hat, als ich vermag; denn hätte mein Doktor noch mehr hinter mir gewußt, so hätte er mir noch lang nicht in Sauerbrunnen geraten, sondern ich hätte zuvor mit ihm und seinen Apothekern, die ihn deswegen alle Jahr schmieren, teilen müssen, und hätte ich darüber sterben und verderben sollen; die Schabhäls raten unsereinem nicht eher an ein so heilsam Ort, sie getrauen denn nit mehr zu helfen, oder wissen nichts mehr an einem zu rupfen; wenn man die Wahrheit bekennen will, so muß ihnen derjenige so sich hinter sie läßt, und hinter welchem sie Geld wissen, nur lohnen, daß sie einen krank erhalten.«

Diese zween hatten noch viel Schmähens über ihre Doctores, aber ich mags drum nicht alles erzählen, denn die Herren Medici möchten mir sonst feind werden, und künftig eine Purgation eingeben, die mir die Seel austreiben möchte: Ich melde dies allein deswegen, weil mich der letztere Patient mit seiner Danksagung, daß ihm Gott nit mehr Geld bescheret, dergestalt tröstete, daß ich alle Anfechtungen und schweren Gedanken, die ich damals des Gelds halber hatte, aus dem Sinn schlug. Ich resolvierte mich, weder mehr nach Ehren noch Geld, noch nach etwas anderm das die Welt liebt, zu trachten; ja ich nahm mir vor zu philosophieren, und mich eines gottseligen Lebens zu befleißen, zumalen meine Unbußfertigkeit zu bereuen, und mich zu erkühnen, gleich meinem Vater sel. auf die höchsten Staffeln der Tugenden zu steigen.

12. Kapitel
[426] Das 12. Kapitel

Wie Simplicius mit den Sylphis in das Centrum terrae fährt


Die Begierde den Mummelsee zu beschauen vermehrte sich bei mir, als ich von meinem Petter verstand, daß er auch dabei gewesen, und den Weg dazu wüßte; da er aber hörete, daß ich überein auch dazu wollte, sagte er: »Und was werdert Ihr dann davontragen, wenn Ihr gleich hinkommt? der Herr Sohn und Petter wird nichts anders sehen als ein Ebenbild eines Weihers, der mitten in einem großen Wald liegt, und wenn er seine jetzige Lust mit beschwerlicher Unlust gebüßt, so wird er nichts anders als Reu, müde Füß (denn man kann schwerlich hinreiten) und den Hergang für den Hingang davon haben; Es sollte mich kein Mensch hingebracht haben, wenn ich nicht hätt hinfliehen müssen, als der Doktor Daniel (er wollte Duc d'Anguin sagen) mit seinen Kriegern das Land hinunter vor Philippsburg zog.« Hingegen kehrte sich mein Vorwitz nicht an seine Abmahnung, sondern ich bestellte einen Kerl, der mich hinführen sollte; da er nun meinen Ernst sah, sagte er, weil die Habersaat vorüber, und auf dem Hof weder zu hauen noch zu ernten, wollte er selbst mit mir gehen, und den Weg weisen; denn er hatte mich so lieb, daß er mich ungern aus dem Gesicht ließ, und weil die Leut im Land glaubten, daß ich sein leiblicher Sohn sei, prangte er mit mir, und tat gegen mich und jedermann, wie etwa ein gemeiner armer Mann gegen seinen Sohn tun möchte, den das Glück ohne sein Zutun und Beförderung zu einem großen Herrn gemacht hätte.

Also wanderten wir miteinander über Berg und Tal, und kamen zu dem Mummelsee, ehe wir sechs Stund gegangen hatten, denn mein Petter war noch so käfermäßig und so wohl zu Fuß als ein Junger; Wir verzehrten daselbst was wir von Speis und Trank mit uns genommen, denn der weite Weg und die Höhe des Bergs, auf welchem der See liegt, hatte uns hungrig und hellig gemacht; Nachdem wir [427] uns aber erquickt, beschauete ich den See, und fand gleich etliche gezimmerte Hölzer darin liegen, die ich und mein Knan für rudera des würtenbergischen Floßes hielten; ich nahm oder maß die Länge und Breite des Wassers vermittelst der Geometriae, weil gar beschwerlich war um den See zu gehen, und denselben mit Schritten oder Schuhen zu messen, und brachte seine Beschaffenheit vermittelst des verjüngten Maßstabs in mein Schreibtäfelein, und als ich damit fertig, zumaln der Himmel durchaus hell, und die Luft ganz windstill, und wohl temperiert war, wollte ich auch probieren was Wahrheit an der Sagmär wäre, daß ein Ungewitter entstehe, wenn man einen Stein in den See werfe; sintemal ich allbereit die Hörsag, daß der See keine Forellen leide, am mineralischen Geschmack des Wassers wahr zu sein befunden.

Solche Prob nun ins Werk zu setzen, ging ich gegen die linke Hand am See hin, an denjenigen Ort, da das Wasser (welches sonst so hell ist als ein Kristall) wegen der abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein scheinet, und deswegen so fürchterlich aussiehet, daß man sich auch nur vorm Anblick entsetzt, daselbst fing ich an so große Stein hineinzuwerfen, als ich sie immermehr ertragen konnte; mein Petter oder Knan wollte mir nicht allein nicht helfen, sondern warnete und bat mich davon abzustehen soviel ihm immer möglich, ich aber kontinuieret meine Arbeit emsig fort, und was ich von Steinen ihrer Größe und Schwere halben nicht ertragen mochte, das walgert ich herbei, bis ich deren über dreißig in See brachte; Da fing die Luft an den Himmel mit schwarzen Wolken zu bedecken, in welchen ein grausames Donnern gehöret wurde; also daß mein Petter, welcher jenseit des Sees bei dem Auslauf stand, und über mein Arbeit lamentierte, mir zuschrie, ich sollte mich doch salvieren, damit uns der Regen und das schreckliche Wetter nicht ergreife, oder noch wohl ein größer Unglück betreffe; ich aber antwortete ihm hingegen: »Vater ich will bleiben und des Ends erwarten, und sollte es auch Hellebarden regnen«; »Ja«, antwortet' mein Knan, »Ihr machts wie alle verwegenen Buben, die sich [428] nichts drum geheien, wenn gleich die ganze Welt unterginge.«

Indem ich nun diesem seinem Schmälen so zuhörete, verwandte ich die Augen nicht von der Tiefe des Sees, der Meinung, etwa etliche Blattern oder Blasen vom Grund desselbigen aufsteigen zu sehen, wie zu geschehen pflegt, wenn man in andere tiefe, so stillstehende als fließende Wasser Steine wirft; aber ich wurde nichts dergleichen gewahr, sondern sah sehr weit gegen den abyssum etliche Kreaturen im Wasser herumflattern, die mich der Gestalt nach an Frösch ermahnten, und gleichsam wie Schwärmerlein aus einer aufgestiegenen Raket, die in der Luft ihr Wirkung der Gebühr nach vollbringt, herumvagierten; und gleichwie sich dieselbigen mir je länger je mehr näherten, also schienen sie auch in meinen Augen je länger je größer, und an ihrer Gestalt den Menschen desto ähnlicher; weswegen mich denn erstlich eine große Verwunderung, und endlich weil ich sie so nahe bei mir hatte, ein Grausen und Entsetzen ankam: »Ach!« sagte ich damal vor Schrecken und Verwunderung zu mir selber, und doch so laut, daß es mein Knan, der jenseit des Sees stand, wohl hören konnte (wiewohl es schrecklich donnerte) »wie sind die Wunderwerk des Schöpfers auch sogar im Bauch der Erden, und in der Tiefe des Wassers so groß!« Kaum hatte ich diese Wort recht ausgesprochen, da war schon eins von diesen Sylphis oben auf dem Wasser, das antwortet': »Siehe: das bekennest du, ehe du etwas davon gesehen hast; was würdest du wohl sagen, wenn du erst selbsten im centro terrae wärest, und unsere Wohnung, die dein Vorwitz beunruhiget, beschautest?« Unterdessen kamen noch mehr dergleichen Wassermännlein hier und dort, gleichsam wie die Tauchentlein hervor, die mich alle ansahen, und die Stein wieder heraufbrachten, die ich hineingeworfen, worüber ich ganz erstaunte; Der erste und vornehmste aber unter ihnen, dessen Kleidung wie lauter Gold und Silber glänzte, warf mir einen leuchtenden Stein zu, so groß als ein Taubenei, und so grün und durchsichtig als ein Smaragd, mit diesen Worten: »Nimm hin dies Kleinod, damit du etwas von uns und diesem See zu sagen wissest!« Ich hatte ihn aber kaum [429] aufgehoben und zu mir gesteckt, da wurde mir nit anderst, als ob mich die Luft hätte ersticken oder ersäufen wollen, derhalben ich mich denn nit länger aufrecht behalten konnte, sondern herumtaumelte wie eine Garnwinde, und endlich gar in See hinunterfiel: Sobald ich aber ins Wasser kam, erholte ich mich wieder, und brauchte aus Kraft des Steins den ich bei mir hatte, im Atmen das Wasser anstatt der Luft; ich konnte auch gleich so wohl als die Wassermännlein mit geringer Mühe in dem See herumwebern, maßen ich mich mit denselben in Abgrund hinabtat, so mich an nichts anders ermahnte, als wenn sich ein Schar Vögel mit Umschweifen aus dem obersten Teil der temperierten Luft gegen die Erde niederläßt.

Da mein Knan dies Wunder zum Teil (nämlich soviel oberhalb des Wassers geschehen) samt meiner jählingen Verzückung gesehen, trollte er sich vom See hinweg, und heim zu, als ob ihm der Kopf brennte; daselbst erzählte er allen Verlauf, vornehmlich aber, daß die Wassermännlein diejenigen Stein, so ich in See geworfen, wieder in vollem Donnerwetter heraufgetragen, und an ihre vorige Statt gelegt, hingegen aber mich mit sich hinuntergenommen hätten: Etliche glaubten ihm, die meisten aber hielten es für eine Fabel, andere bildeten sich ein, ich hätte mich wie ein anderer Empedocles Agrigentinus (welcher sich in den Berg Aetnam gestürzt, damit jedermann gedenken sollte, wenn man ihn nirgend finde, er wäre gen Himmel gefahren) selbst im See ertränkt, und meinem Vater befohlen, solche Fabeln von mir auszugeben, um mir einen unsterblichen Namen zu machen; man hätte eine Zeitlang an meinem melancholischen Humor wohl gesehen, daß ich halber desperat gewesen wäre, etc. Andere hätten gern geglaubt, wenn sie meine Leibskräfte nicht gewußt, mein angenommener Vater hätte mich selbst ermordet, damit er als ein geiziger alter Mann meiner los würde, und allein Herr auf meinem Hof sein möchte; Also daß man um diese Zeit von sonsten nichts, als von dem Mummel-See, von mir und meiner Hinfahrt und von meinem Petter, beides im Sauerbrunnen und auf dem Land zu sagen und zu raten wußte.

13. Kapitel
[430] Das 13. Kapitel

Der Prinz über den Mummel-See erzählet die Art und das Herkommen der Sylphorum


Plinius schreibt im End des zweiten Buchs vom Geometra Dionysio Doro, daß dessen Freunde einen Brief in seinem Grab gefunden, den er, Dionysius, geschrieben, und darinnen berichtet, daß er aus seinem Grab bis in das mittelste Centrum der Erden sei kommen, und befunden, daß 42000 Stadia bis dahin seien; Der Fürst über den Mummel-See aber, so mich begleitet', und obigergestalt vom Erdboden hinweggeholet hatte, sagte mir für gewiß, daß sie aus dem Centro Terrae bis an die Luft durch die halbe Erd just 900 teutscher Meilen hätten, sie wollten gleich nach Teutschland oder zu deren Antipodibus, und solche Reisen müßten sie alle durch dergleichen Seen nehmen, deren hin und wieder soviel in der Welt, als Tag im Jahr seien, welcher Ende oder Abgründe alle bei ihres Königs Wohnung zusammenstießen. Diese große Weite nun passierten wir ehe als in einer Stunde, also daß wir mit unserer schnellen Reis des Monds Lauf sehr wenig oder gar nichts bevor gaben, und dennoch geschah solches so gar ohne alle Beschwerung, daß ich nicht allein keine Müdigkeit empfand, sondern auch in solchem sanften Abfahren mit obgemeldtem Mummelseer-Prinzen allerhand diskurieren konnte, denn da ich seine Freundlichkeit vermerkte, fragte ich ihn, zu was Ende sie mich einen so weiten, gefährlichen und allen Menschen ohngewöhnlichen Weg mit sich nähmen? Da antwortet' er mir gar bescheiden, der Weg sei nit weit, den man in einer Stund spazieren könnte, und nit gefährlich, dieweil ich ihn und seine Gesellschaft mit dem überreichten Stein bei mir hätte, daß er mir aber ungewöhnlich vorkomme, sei sich nichts zu verwundern; sonst hätte er mich nicht allein aus seines Königs Befehl, der etwas mit mir zu reden, abgeholt, sondern daß ich auch gleich die seltsamen Wunder der Natur unter der Erden und in Wassern beschauen sollte, deren ich mich zwar bereits auf dem Erdboden verwundert, [431] ehe ich noch kaum einen Schatten davon gesehen. Darauf bat ich ihn ferner, er wollte mich doch berichten, zu was End der gütige Schöpfer so viel wunderbarliche Seen erschaffen, sintemal sie, wie mich dünkte, keinem Menschen nichts nützten, sondern viel ehender Schaden bringen könnten? Er antwortet': »Du fragst billig um dasjenige, was du nicht weißt oder verstehest, diese Seen sind dreierlei Ursachen willen erschaffen: Denn erstlich werden durch sie alle Meer, wie die Namen haben, und sonderlich der große Oceanus, gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet; Zweitens werden von uns durch diese Seen (gleichsam als wie durch Teichel, Schläuche oder Stiefeln bei einer Wasserkunst, deren ihr Menschen euch gebrauchet) die Wasser aus dem abyssu des Oceani in alle Quellen des Erdbodens getrieben (welches denn unser Geschäft ist), wovon alsdann alle Brunnen in der ganzen Welt fließen, die großen und kleinen Wasserflüss entstehen, der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquickt, und beides Menschen und Vieh getränkt werden; Drittens, daß wir als vernünftige Kreaturen Gottes hierin leben, unser Geschäft verrichten, und Gott den Schöpfer in seinen großen Wunderwerken loben sollen! Hierzu nun sind wir und solche Seen erschaffen, und werden auch bis an den Jüngsten Tag bestehen; Wenn wir aber gegen dieselbe letzte Zeit unsere Geschäfte, dazu wir von Gott und der Natur erschaffen und verordnet sind, aus einer oder andern Ursach unterlassen müssen, so muß auch notwendig die Welt durchs Feuer untergehen, so aber vermutlich nit ehender geschehen kann, es sei denn, daß ihr den Mond (donec auferatur luna, Psal. 71), Venerem oder Martem, als Morgen- und Abendstern verlieret, denn es müßten die generationes fructu- &animalium erst vergehen, und alle Wasser verschwinden, ehe sich die Erde von sich selbst durch der Sonnen Hitz entzünde, calciniere, und wiederum regeneriere; Solches aber gebührt uns nicht zu wissen, ist auch allein Gott bekannt, außer was wir etwa mutmaßen, und eure Chymici aus ihrer Kunst daherlallen.«

Da ich ihn so reden, und die Hl. Schrift anziehen hörete, [432] fragte ich, ob sie sterbliche Kreaturen wären, die nach der jetzigen Welt auch ein künftiges Leben zu hoffen hätten? oder ob sie Geister seien, welche solang die Welt stünde, nur ihre anbefohlenen Geschäfte verrichteten? Darauf antwortet' er: »Wir sind keine Geister, sondern sterbliche Leutlein, die zwar mit vernünftigen Seelen begabt, welche aber samt den Leibern dahinsterben und vergehen; Gott ist zwar so wunderbar in seinen Werken, daß sie keine Kreatur auszusprechen vermag, doch will ich dir, soviel unsere Art anbelangt, simpliciter erzählen, daß du daraus fassen kannst, wieweit wir von den andern Kreaturen Gottes zu unterscheiden seien: Die heiligen Engel sind Geister, zum Ebenbild Gottes gerecht, verständig, frei, keusch, hell, schön, klar, geschwind und unsterblich, zu dem Ende erschaffen, daß sie in ewiger Freude Gott loben, rühmen, ehren und preisen, in dieser Zeitlichkeit aber der Kirche Gottes hier auf Erden auf den Dienst warten, und die allerheiligsten göttlichen Befehl verrichten sollen, deswegen sie denn auch zuzeiten Nuntii genannt werden, und ihrer sind auf einmal so viel hunderttausend mal tausend Millionen erschaffen worden als der göttlichen Weisheit wohlgefällig gewesen; nachdem aber aus ihrer großen An zahl unaussprechlich viel, die sich ihres hohen Adels überhoben, aus Hoffart gefallen, sind erst eure ersten Eltern von Gott mit einer vernünftigen und unsterblichen Seel zu seinem Ebenbild erschaffen, und deswegen mit Leibern begabt worden, daß sie sich aus sich selbsten vermehren sollten, bis ihr Geschlecht die Zahl der gefallenen Engel wiederum erfüllte; zu solchem End nun wurde die Welt erschaffen, mit allen andern Kreaturen, daß der irdische Mensch, bis sich sein Geschlecht so weit vermehret, daß die angeregte Zahl der gefallenen Engel damit ersetzt werden könnte, darauf wohnen, Gott loben, und sich aller anderer erschaffenen Dinge auf der ganzen Erdkugel (als worüber ihn Gott zum Herrn gemacht) zu Gottes Ehren, und zu seines nahrungbedürftigen Leibs Aufenthaltung bedienen sollte; damals hatte der Mensch diesen Unterschied zwischen sich und den hl. Engeln, daß er mit der irdischen Bürde seines Leibs beladen, und nicht wußte [433] was gut und bös war, und dahero auch nit so stark und geschwind als ein Engel sein konnte; hatte hingegen aber auch nichts Gemeines mit den unvernünftigen Tieren, demnach er aber durch den Sündenfall im Paradeis seinen Leib dem Tod unterwarf, schätzten wir ihn das Mittel zu sein zwischen den heiligen Engeln und den unvernünftigen Tieren, denn gleichwie eine heilige entleibte Seel eines zwar irdischen doch himmlisch-gesinnten Menschen alle gute Eigenschaft eines heiligen Engels an sich hat, also ist der entseelte Leib eines irdischen Menschen (der Verwesung nach) gleich einem andern Aas eines unvernünftigen Tiers, uns selbsten aber schätzten wir für das Mittel zwischen euch und allen andern lebendigen Kreaturen der Welt, sintemal, ob wir gleich wie ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbigen mit unsern Leibern gleich hinweg, gleichsam als wie die lebhaften Geister der unvernünftigen Tiere in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar, daß ihr durch den ewigen Sohn Gottes, durch welchen wir denn auch erschaffen, aufs allerhöchste geadelt worden, indem er euer Geschlecht angenommen, der göttlichen Gerechtigkeit genug getan, den Zorn Gottes gestillt, und euch die ewige Seligkeit wiederum erworben, welches alles euer Geschlecht dem unserigen weit vorziehet; Aber ich rede und verstehe hier nichts von der Ewigkeit, weil wir deren zu genießen nicht fähig sind, sondern allein von dieser Zeitlichkeit, in welcher der allergütigste Schöpfer uns genugsam beseligt, als mit einer guten gesunden Vernunft, mit Erkanntnis des allerheiligsten Willens Gottes, soviel uns vonnöten, mit gesunden Leibern, mit langem Leben, mit der edlen Freiheit, mit genugsamer Wissenschaft, Kunst und Verstand aller natürlichen Dinge, und endlich, so das allermeiste ist, sind wir keiner Sünd, und dannenhero auch keiner Straf, noch dem Zorn Gottes, ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen: Welches alles ich dir darum so weitläufig erzählt, und auch deswegen der hl. Engel, irdischen Menschen, und unvernünftigen Tier gedacht, damit du mich desto besser verstehen könnest.« Ich antwortet, es wollte mir dennoch nicht in Kopf; da sie keiner Missetat,[434] und also auch keiner Straf unterworfen, wozu sie dann eines Königs bedürftig? item, wie sie sich der Freiheit rühmen könnten, wenn sie einem König unterworfen wären? item, wie sie geboren werden, und wieder sterben könnten, wenn sie gar keine Schmerzen oder Krankheit zu leiden geartet wären? Darauf antwortet' mir das Prinzlein, sie hätten ihren König nicht, daß er Justitiam administrieren, noch daß sie ihm dienen sollten, sondern daß er wie der König oder Weisel in einem Immenstock ihre Geschäfte dirigiere; und gleichwie ihre Weiber in coitu keine Wollust empfänden, also seien sie hingegen auch in ihren Geburten keinen Schmerzen unterworfen, welches ich etlichermaßen am Exempel der Katzen abnehmen und glauben könnte, die zwar mit Schmerzen empfangen, aber mit Wollust gebären; So stürben sie auch nicht mit Schmerzen, oder aus hohem gebrechlichem Alter, weniger aus Krankheit, sondern gleichsam als ein Licht verlösche, wenn es seine Zeit geleuchtet habe, also verschwinden auch ihre Leiber samt den Seelen; gegen die Freiheit, deren er sich gerühmt, sei die Freiheit des allergrößten Monarchen unter uns irdischen Menschen gar nichts, ja nit so viel als ein Schatten zu rechnen, denn sie könnten weder von uns noch andern Kreaturen getötet, noch zu etwas Unbeliebigem genötiget, viel weniger befängnist werden, weil sie Feuer, Wasser, Luft und Erde ohn einzige Mühe und Müdigkeit (von der sie gar nichts wüßten) durchgehen könnten. Darauf sagte ich: »Wenn es mit euch so beschaffen, so ist euer Geschlecht von unserm Schöpfer weit höher geadelt und beseligt, als das unserige.« »Ach nein«, antwort der Fürst, »ihr sündigt wenn ihr dies glaubt, indem ihr die Güte Gottes einer Sach beschuldiget, die nicht so ist, denn ihr seid weit mehrers beseligt als wir, indem ihr zu der seligen Ewigkeit, und das Angesicht Gottes unaufhörlich anzuschauen erschaffen, in welchem seligen Leben eurer einer der selig wird, in einem einzigen Augenblick mehr Freud und Wonne, als unser ganzes Geschlecht von Anfang der Erschaffung bis an den Jüngsten Tag genießt.« Ich sagte: »Was haben drum die Verdammten davon?« Er antwortet' mir mit einer Widerfrag, [435] und sagte: »Was kann die Güte Gottes dafür, wenn euer einer sein selbst vergisset, sich der Kreaturen der Welt, und deren schändlichen Wollüsten ergibt, seinen viehischen Begierden den Zügel schießen läßt, sich dadurch dem unvernünftigen Vieh, ja durch solchen Ungehorsam gegen Gott mehr den höllischen als seligen Geistern gleichmacht? Solcher Verdammten ewiger Jammer, worein sie sich selbst gestürzt haben, benimmt drum der Hoheit und dem Adel ihres Geschlechts nichts, sintemal sie so wohl als andere in ihrem zeitlichen Leben die ewige Seligkeit hätten erlangen mögen, da sie nur auf dem dazu verordneten Weg hätten wandeln wollen.«

14. Kapitel
Das 14. Kapitel

Was Simplicius ferner mit diesem Fürsten unterwegs diskuriert, und was er für verwunderliche und abenteurliche Sachen vernommen


Ich sagte zu dem Fürstlein, weil ich auf dem Erdboden ohnedas mehr Gelegenheit hätte, von dieser Materia zu hören, als ich mir zunutz machte, so wollte ich ihn gebeten haben, er wollte mir doch dafür die Ursach erzählen, warum zuzeiten ein so groß Ungewitter entstehe, wenn man Stein in solche Seen werfe? denn ich erinnerte mich von dem Pilatus-See im Schweizerland ebendergleichen gehört, und vom See Camarina in Sicilia ein solches gelesen zu haben, von welchem die Phrasis entstanden, ›Camarinam movere‹; Er antwortet': »Weil alles, das schwer ist, nicht ehe gegen das centrum terrae zu fallen aufhöret, wenn es in ein Wasser geworfen wird, es treffe denn einen Boden an, darauf es unterwegs liegen verbleibe, hingegen diese Seen alle miteinander bis auf das centrum ganz bodenlos und offen sind, also daß die Stein so hineingeworfen werden, notwendig und natürlicher Weis in unsere Wohnung fallen, und liegen bleiben müßten, wenn wir sie nicht wieder zu ebendem Ort, da sie herkommen, von uns hinausschafften, also tun [436] wir solches mit einem Ungestüme, damit der Mutwill derjenigen, so sie hineinzuwerfen pflegen, abgeschreckt und im Zaum gehalten werden möge, so denn eines von den vornehmsten Stücken unsers Geschäfts ist, dazu wir erschaffen. Sollten wir aber gestatten, daß ohne dergleichen Ungewitter die Stein eingeschmissen und wieder ausgeschafft würden, so käme es endlich dazu, daß wir nur mit den mutwilligen Leuten zu tun hätten, die uns täglich von allen Orten der Welt her aus Kurzweil Stein zusendeten. Und an dieser einzigen Verrichtung die wir zu tun haben, kannst du die Notwendigkeit unsers Geschlechts abnehmen, sintemal da obigergestalt die Stein von uns nicht ausgetragen, und doch täglich durch so viel dergleichen unterschiedliche Seen, die sich hin und wieder in der Welt befinden, dem centro terrae, darinnen wir wohnen, soviel zugeschickt würden, so müßten endlich zugleich die Gebäude, damit das Meer an die Erde geheftet und befestiget, zerstöret, und die Gänge, dadurch die Quellen aus dem Abgrund des Meers hin und wieder auf die Erde geleitet, verstopft werden, das dann nichts anders als ein schädliche Konfusion, und der ganzen Welt Untergang mit sich bringen könnte.«

Ich bedankte mich dieser Kommunikation, und sagte: »Weil ich verstehe, daß euer Geschlecht durch solche Seen alle Quellen und Flüß auf dem ganzen Erdboden mit Wasser versiehet, so werdet ihr auch Bericht geben können, warum sich die Wasser nit alle gleich befinden, beides an Geruch, Geschmack, etc. und der Kraft und Wirkung, da sie doch ihre Wiederkehrung (wie ich verstanden) ursprünglich alle aus dem Abgrund des großen Oceani hernehmen, darein sich alle Wasser wiederum ergießen; Denn etliche Quellen sind liebliche Sauerbrunnen, und taugen zu der Gesundheit, etliche sind zwar sauer, aber unfreundlich und schädlich zu trinken; und andere sind gar tödlich und vergift, wie derjenige Brunn in Arcadia, damit Jolla dem Alexandro Magno vergeben haben soll; etliche Brunnenquellen sind laulicht, etliche siedendheiß, und andere eiskalt; etliche fressen durch Eisen als Aqua fort, wie einer in Zepusio oder der Grafschaft [437] Zips in Ungarn; andere hingegen heilen alle Wunden, als sich denn einer in Thessalia befinden soll; etliche Wasser werden zu Stein, andere zu Salz, und etliche zu Vitriol: Der See bei Zircknitz in Kärnten hat nur Winterszeit Wasser, und im Sommer liegt er allerdings trocken; der Brunn bei Aengstlen läuft nur Sommerszeit, und zwar nur zu gewissen Stunden, wenn man das Vieh tränkt; der Schändlebach bei Ober-Nähenheim läuft nicht ehe, als wenn ein Unglück übers Land kommen soll. Und der Fluvius Sabbaticus in Syria bleibt allezeit den siebenten Tag gar aus. Worüber ich mich öftermal, wenn ich der Sach nachgedacht, und die Ursach nit ersinnen können, zum allerhöchsten verwundern mußte.«

Hierauf antwortet' der Fürst: Diese Dinge alle miteinander hätten ihre natürlichen Ursachen, welche denn von den Naturkundigern unsers Geschlechts mehrenteils aus den unterschiedlichen Gerüchen, Geschmäcken, Kräften und Wirkungen der Wasser genugsam erraten, abgenommen und auf dem Erdboden offenbart worden wären. Wenn ein Wasser von ihrer Wohnung an bis zu seinem Auslauf, welchen wir die Quelle nenneten, nur durch allerhand Stein laufe, so verbleibe es allerdings kalt und süß, dafern es aber auf solchem Weg durch und zwischen die Metalla passiere (denn der große Bauch der Erden sei innerlich nicht an einem Ort wie am andern beschaffen), als da sei Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Quecksilber, etc. oder durch die halben Mineralia, nämlich Schwefel, Salz mit allen seinen Gattungen, als naturale, sal gemmae, sal nativum, sal radicum, sal nitrum, sal ammoniacum, sal petrae, etc. weiße, rote, gelbe und grüne Farben, Vitriol, marchasita aurea, argentea, plumbea, ferrea, lapis lazuli, alumen, arsenicum, antimonium, risigallum, Electrum naturale, Chrysocolla, Sublimatum, etc. so nehme es deren Geschmack, Geruch, Art, Kraft und Wirkung an sich, also daß es den Menschen entweder heilsam oder schädlich werde. Und ebendaher hätten wir so unterschiedlich Salz, denn etliches sei gut, und etliches schlecht; »zu Cervia und Comacchio ist es ziemlich schwarz, zu Memphis rötlich, in Sicilia schneeweiß, das [438] kentoripische ist purpurfarbig, und das kappadozische gelblich. Betreffend aber die warmen Wasser«, sagte er, »so nehmen dieselben ihre Hitz von dem Feuer an sich, das in der Erde brennet, welches sowohl als unsere Seen hin und wieder seine Luftlöcher und Kamin hat, wie man am berühmten Berg Aetna in Sicilia, Hekla in Island, Gumapi in Banda und andern mehr abnehmen mag. Was aber den Zircknitzer See anlangt, so wird dessen Wasser Sommerszeit bei den Kärtner Antipodibus gesehen, und der Aengstler-Brunn an andern Orten des Erdbodens zu gewissen Stunden und Zeiten des Jahrs und Tags anzutreffen sein, ebendasjenige zu tun, was er bei den Schweizern verrichtet. Gleiche Beschaffenheit hat es mit dem Ober-Näheimer Schändlebach, welche Quellen alle durch unsers Geschlechts Leutlein nach dem Willen und Ordnung Gottes, um sein Lob dadurch bei euch zu vermehren, solchergestalt geleitet und geführet werden: Was den Fluvium Sabbaticum in Syria betrifft, pflegen wir in unserer Wohnung, wenn wir den siebenten Tag feiern, uns in dessen Ursprung und Kanal, als den lustigsten Ort unsers ganzen Aequatoris, zu lagern und zu ruhen, deswegen denn ermeldter Fluß nicht laufen mag, solang wir daselbst dem Schöpfer zu Ehren feierlich verharren.«

Nach solchem Gespräch fragte ich den Prinzen, ob auch möglich sein könnte, daß er mich wieder durch einen andern als den Mummelsee, auch an ein andern Ort der Erden auf die Welt bringen könnte? »Freilich«, antwortet' er, »warum das nicht, wenn es nur Gottes Will ist; denn auf solche Weis haben unsere Voreltern vor alten Zeiten etliche Kananäer, die dem Schwert Josuae entronnen, und sich aus Desperation in einen solchen See gesprengt, nach Americam geführt, maßen deren Nachkömmlinge noch auf den heutigen Tag den See zu weisen wissen, aus welchem ihre Ureltern anfänglich entsprungen.« Als ich nun sah, daß er sich über meine Verwunderung verwunderte, gleichsam als ob seine Erzählung nicht verwundernswürdig wäre, sagte ich zu ihm: Ob sie sich denn nit auch verwunderten, da sie etwas Seltenes und Ungewöhnliches von uns Menschen [439] sehen? Hierauf antwortet' er: »Wir verwundern uns an euch nichts mehrers, als daß ihr euch, da ihr doch zum ewigen seligen Leben, und den unendlichen himmlischen Freuden erschaffen, durch die zeitlichen und irdischen Wollüste, die doch so wenig ohne Unlust und Schmerzen als die Rosen ohne Dornen sind, dergestalt betören laßt, daß ihr dadurch euer Gerechtigkeit am Himmel verlieret, euch der fröhlichen Anschauung des allerheiligsten Angesichts Gottes beraubt, und zu den verstoßenen Engeln in die ewige Verdammnis stürzet! Ach möchte unser Geschlecht an eurer Stell sein, wie würde sich jeder befleißen, in dem Augenblick eurer nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit die Prob besser zu halten als ihr, denn das Leben so ihr habt, ist nit euer Leben, sondern euer Leben oder der Tod wird euch erst gegeben, wenn ihr die Zeitlichkeit verlaßt; das aber was ihr das Leben nennet ist gleichsam nur ein Moment und Augenblick, so euch verliehen ist, Gott darin zu erkennen, und ihm euch zu nähern, damit er euch zu sich nehmen möge; dannenhero halten wir die Welt für einen Probierstein Gottes, auf welchem der Allmächtige die Menschen, gleichwie sonst ein reicher Mann das Gold und Silber probiert, und nachdem er ihren Valor am Strich befindet, oder nachdem sie sich durch Feuer läutern lassen, die guten und feinen Gold-und Silbersorten in seinen himmlischen Schatz leget, die bösen und falschen aber ins ewige Feuer wirft, welches euch denn euer Heiland und unser Schöpfer mit dem Exempel vom Weizen und Unkraut genugsam vorgesagt und offenbaret hat.«

15. Kapitel
[440] Das 15. Kapitel

Was der König mit Simplicio, und Simplicius mit dem König geredet


Dies war das End unsers Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs näherten, vor welchen ich ohne Zeremonien oder Verlust einziger Zeit hingebracht wurde: Da hatte ich nun wohl Ursach, mich über seine Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung noch einziges Gepräng, ja aufs wenigst keinen Kanzler oder geheime Rät, noch einzigen Dolmetschen, oder Trabanten und Leibguardi, ja sogar keinen Schalksnarrn, noch Koch, Kellner, Page, noch einzigen Favoriten oder Tellerlecker nicht sah; sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, ein jedweder in derjenigen Landsart aufziehend, in welches sich ihr unterhabender See von dem Centro Terrae aus erstreckte; dannenhero sah ich zugleich die Ebenbilder der Chinesen und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, Tartarn und Mexikaner, Samojeden und Molukkenser, ja auch von denen, so unter den Polis arctico und antarctico wohnen, das wohl ein seltsames Spektakul war; die zween, so über den wilden und schwarzen See die Inspektion trugen, waren allerdings bekleidet, wie der so mich convoyiert, weil ihre Seen zunächst am Mummelsee gelegen, zog also derjenige, so über den Pilatussee die Obsicht trug, mit einem breiten ehrbaren Bart und einem Paar Pluderhosen auf wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige so über den obgemeldte See Camarina die Aufsicht hatte, sah beides mit Kleidern und Gebärden einem Sizilianer so ähnlich, daß einer tausend Eid geschworen hätte, er wäre noch niemalen aus Sicilia kommen, und könnte kein teutsches Wort; Also sah ich auch, wie in einem Trachtenbuch, die Gestalten der Perser, Japonier, Moskowiter, Finnen, Lappen, und aller andern Nationen in der ganzen Welt.

Ich bedurfte nit viel Komplimente zu machen, denn der König fing selbst an sein gut Teutsch mit mir zu reden, [441] indem sein erstes Wort war, daß er fragte: »Aus was Ursach hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz mutwilliger Weis so einen Haufen Stein zuzuschicken?« Ich antwortet kurz: »Weil bei uns einem jeden erlaubt ist, an einer verschlossenen Tür anzuklopfen.« Darauf sagte er: »Wie, wenn du aber den Lohn deiner vorwitzigen Importunität empfingest?« Ich antwortet: »Ich kann mit keiner größern Straf belegt werden, als daß ich sterbe, sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen, die unter so viel Millionen Menschen keiner das Glück nit hat, würde mir mein Sterben ein geringes, und mein Tod für gar keine Straf zu rechnen sein.« »Ach elende Blindheit!« sagte hierauf der König, und hob damit die Augen auf, gleichwie einer der aus Verwunderung gen Himmel schauet, ferner sagend: »Ihr Menschen könnt nur einmal sterben, und ihr Christen solltet den Tod nit eher getrost zu überstehen wissen, ihr wäret denn vermittelst eures Glaubens und Liebe gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert, daß eure Seelen das Angesicht des Höchsten eigentlich anschauen würden, sobald der sterbende Leib die Augen zutäte: Aber ich habe für dieses Mal weit anders mit dir zu reden.«

Darauf sagte er: »Es ist mir referiert worden, daß sich die irdischen Menschen, und sonderlich ihr Christen des Jüngsten Tags ehestens versehen, weilen nicht allein alle Weissagung, sonderlich was die Sibyllen hinterlassen, erfüllt, sondern auch alles was auf Erden lebt, den Lastern so schrecklich ergeben sei: also daß der allmächtige Gott nicht länger verziehen werde, der Welt ihr Endschaft zu geben; Weilen denn nun unser Geschlecht mitsamt der Welt untergehen, und im Feur (wiewohl wir des Wassers gewohnt sind) verderben muß, also entsetzen wir uns nit wenig wegen Zunahung solcher erschrecklichen Zeit; haben dich derowegen zu uns holen lassen, um zu vernehmen, was etwa deswegen für Sorg oder Hoffnung zu machen sein möchte? wir zwar können aus dem Gestirn noch nichts dergleichen abnehmen, auch nichts an der Erdkugel vermerken, daß ein so nahe Veränderung obhanden sei; müssen uns derowegen [442] von denen benachrichtigen lassen, welchen hiebevor ihr Heiland selbsten etliche Wahrzeichen seiner Zukunft hinterlassen; ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du wollest uns bekennen, ob derjenige Glaub noch auf Erden sei oder nit, welchen der zukünftige Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird?« Ich antwortet dem König, er hätte mich Sachen gefragt, die mir zu beantworten viel zu hoch seien, zumaln Künftigs zu wissen: und sonderlich die Ankunft des Herrn allein Gott bekannt; »Nun wohlan, dann«, antwortet' der König hinwiederum, »so sage mir denn, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf halten, damit ich daraus entweder der Welt und unsers Geschlechts Untergang: oder gleich meinen Worten mir und den Meinigen ein langes Leben und glückselige Regierung konjekturieren könnte; hingegen will ich dich sehen lassen was noch wenig zu sehen bekommen, und hernach mit einer solchen Verehrung abfertigen, deren du dich dein Lebtag zu erfreuen haben wirst, wenn du mir nur die Wahrheit bekennest.« Als ich nun hierauf stillschwieg und mich bedachte, fuhr der König ferner fort und sagte: »Nun dran, dran, fang am Höchsten an und beschließe es am Niedersten, es muß doch sein, wenn du anders wieder auf den Erdboden willst.«

Ich antwortet: »Wenn ich an dem Höchsten anfangen soll, so mach ich billig den Anfang an den Geistlichen, dieselben nun sind gemeiniglich alle, sie seien auch gleich was für Religion sie immer wollen, wie sie Eusebius in einem Sermon beschrieben; nämlich rechtschaffene Verächter der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf begierig zur Arbeit, geduldig in Verachtung, ungeduldig zur Ehr, arm an Hab und Geld, reich am Gewissen, demütig gegen ihre Verdienste, und hochmütig gegen die Laster; und gleichwie sie sich allein befleißen Gott zu dienen, und auch andere Menschen mehr durch ihr Exempel als ihre Wort zum Reich Gottes zu bringen; Also haben die weltlichen hohen Häupter und Vorsteher allein ihr Absehen auf die liebe Justitiam, welche sie denn ohne Ansehen der Person einem jedweden, Arm und Reich, durch die Bank hinaus schnurgerad erteilen [443] und widerfahren lassen: Die Theologi sind gleichsam lauter Hieronymi und Bedae, die Kardinäl eitel Borromaei, die Bischöfe Augustini, die Äbte andere Hylariones und Pachomi, und die übrigen Religiosen miteinander wie die Kongregation der Eremiten in der thebanischen Wildnis! Die Kaufleute handeln nicht aus Geiz, oder um Gewinns willen, sondern damit sie ihren Nebenmenschen mit ihrer War, die sie zu solchem Ende aus fernen Landen herbringen, bedient sein können: Die Wirte treiben nicht deswegen ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich der Hungrige, Durstige und Reisende bei ihnen erquicken, und sie die Bewirtung als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen üben könnten: Also sucht der Medicus nicht seinen Nutz, sondern die Gesundheit seines Patienten, wohin denn auch die Apotheker zielen: Die Handwerker wissen von keinen Vorteiln, Lügen und Betrug, sondern befleißigen sich, ihre Kunden mit daurhafter und rechtschaffener Arbeit am besten zu versehen: Den Schneidern tut nichts Gestohlenes im Aug wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit so arm, daß sich auch keine Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie etwa ein Knäul Garn nachwerfen müßten: Man weiß von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft dem Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ohngebeten: Und wenn ein Armer nicht zu bezahlen hat, ohne merklichen Schaden und Abgang seiner Nahrung, so schenkt ihm der Reich die Schuld von freien Stücken: Man spüret keine Hoffart, denn jeder weiß und bedenkt, daß er sterblich ist: Man merket keinen Neid, denn es weiß und erkennet je einer den andern für ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer geliebet wird: Keiner erzürnt sich über den andern, weil sie wissen, daß Christus für alle gelitten und gestorben: Man höret von keiner Unkeuschheit, oder unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgehet, das geschieht aus Begierd und Liebe zur Kinderzucht: Da findet man keine Trunkenbold oder Vollsäufer, sondern wenn einer den andern mit einem Trunk ehret, so lassen sich beide nur mit einem christlichen Räuschlein begnügen: Da ist keine Trägheit im Gottesdienst,[444] denn ein jeder erzeigt einen emsigen Fleiß und Eifer, wie er vor allen andern Gott rechtschaffen dienen möge, und eben deswegen sind jetzund so schwere Krieg auf Erden, weil je ein Teil vermeint, das andere diene Gott nicht recht: Es gibt keine Geizigen mehr sondern Gesparsame; keine Verschwender sondern Freigebige; keine Kriegsgurgeln, so die Leut berauben und verderben, sondern Soldaten, die das Vaterland beschirmen; keine mutwilligen faulen Bettler, sondern Verächter der Reichtümer, und Liebhaber der freiwilligen Armut; keine Korn- und Weinjuden, sondern vorsichtige Leut, die den überflüssigen Vorrat auf den besorgenden künftigen Notfall für das Volk zusammenheben.«

16. Kapitel
Das 16. Kapitel

Etliche neue Zeitungen aus der Tiefe des unergründlichen Meers Mare del Zur, oder das friedsame stille Meer genannt


Ich pausierte ein wenig, und bedachte mich was ich noch ferners vorbringen wollte, aber der König sagte, er hätte bereits so viel gehört, daß er nichts mehrers zu wissen begehrte; wenn ich wollte, so sollten mich die Seinigen gleich wieder an den Ort bringen wo sie mich genommen; wollte ich aber (»denn ich sehe wohl«, sagte er, »daß du ziemlich kurios bist«) in seinem Reich eins und anders beschauen, das meinesgleichen ohne Zweifel selten sehn würde, so sollte ich in seiner Jurisdiktion sicher hin begleitet werden, wohin ich nur wollte, und alsdann so wollte er mich mit einer Verehrung abfertigen, daß ich damit zufrieden sein könnte; da ich mich aber nichts entschließen und ihm antworten konnte, wandte er sich zu etlichen, die eben in den Abgrund des Mare del Zur sich begeben, und dorten beides wie aus einem Garten und wie von einer Jagd Nahrung holen sollten, zu denen sagte er: »Nehmt ihn mit, und bringt ihn bald wieder her, damit er noch heut wieder auf den Erdboden gestellt werde.« Zu mir aber sagte er, ich könnte mich indessen auf etwas besinnen, das in seiner Macht [445] stünde, um solches mir zum Recompens und einem ewigen Gedächtnis mit auf den Erdboden zu geben; Also wischte ich mit den Sylphis davon durch ein Loch, welches etlich hundert Meil lang war, ehe wir auf den Grund des obgedachten friedsamen Meers kamen, darauf standen Korallenzinken so groß als die Eichbäum, von welchen sie zur Speise mit sich nahmen, was noch nicht erhärtet und gefärbt war, denn sie pflegen sie zu essen, wie wir die jungen Hirschgeweih, da sah man Schneckenhäuslein so hoch als ein ziemlich Rondel, und so breit als ein Scheuertor; Item Perlen so dick als Fäuste, welche sie anstatt der Eier aßen, und andere viel seltsamere Meerwunder die ich nicht all erzählen kann, der Boden lag überall mit Smaragden, Türkis, Rubinen, Diamanten, Saphiren und andern dergleichen Steinen überstreut, gemeiniglich in der Größe, wie bei uns Wackenstein, so hin und wieder in den fließenden Bächen liegen; da sah man hie und dort gewaltige Schroffen viel Meil Wegs hoch in die Höhe ragen, welche vor das Wasser hinausgingen und lustige Inseln trugen; diese waren rundherum mit allerhand lustigen und wunderbarlichen Meergewächsen geziert, und von mancherlei seltsamen kriechenden, stehenden und gehenden Kreaturen bewohnet; gleichsam als wie der Erdboden mit Menschen und Tieren, die Fische aber deren wir groß und klein und von unzählbarer Art ein große Menge hin und wieder über uns im Wasser herumvagieren sahen, ermahneten mich allerdings an so vielerlei Vögel, die sich Frühlingszeit und im Herbst bei uns in der Luft erlustieren; und weil es eben Vollmond und ein helle Zeit war (denn die Sonn war damals über unserm Horizont, also daß ich damals mit unsern Antipodibus Nacht, die Europäer aber Tag hatten) konnte ich durch das Wasser hinauf den Mond und das Gestirn samt dem Polo antarctico sehen, dessen ich mich wohl verwundern mußte; Aber der, dem ich in seine Obhut befohlen war, sagte mir, wenn wir sowohl den Tag hätten als die Nacht, so würde mir alles noch verwunderlicher vorkommen, denn man könnte alsdann von weitem sehen, wie es sowohl in Abgrund des Meers als auf dem Land schöne Berg und Täler abgebe, welches schöner [446] schiene, als die schönsten Landschaften auf dem Erdboden; Als er auch sah, daß ich mich über ihn und alle die so mit ihm waren, verwunderte, daß sie als Peruaner, Brasilianer, Mexikaner und Insulaner de los latronos aufgezogen und dennoch so gut teutsch redeten, da sagte er, daß sie nicht mehr als eine Sprach könnten, die aber alle Völker auf dem ganzen Umkreis der Erden in ihrer Sprache verstünden, und sie hingegen dieselbe hinwiederum: welches daher komme, dieweil ihr Geschlecht mit der Torheit so bei dem babylonischen Turm vorgangen, nichts zu schaffen hätte.

Als sich nun meine Convoi genugsam proviantiert hatte, kehrten wir wiederum durch ein andere Höhle aus dem Meer in das Centrum terrae; unterwegs erzählte ich ihrer etlichen, daß ich vermeint hätte, das Centrum der Erden wäre inwendig hohl, in welchem hohlen Teil die Pygmaei wie in einem Kranrad herumliefen, und also die ganze Erdkugel herumdrillten, damit sie überall von der Sonnen, welche nach Aristarchi und Copernici Meinung mitten am Himmel unbeweglich still stünde, beschienen würde; Welcher Einfalt wegen ich schrecklich ausgelacht wurde, mit Bericht, ich sollte mir sowohl obiger beiden Gelehrten Meinung, als meine gehabte Einbildung ein eitlen Traum sein lassen; Ich sollte mich, sagten sie, anstatt dieser Gedanken besinnen, was ich von ihrem König für eine Gab begehren wollte, damit ich nicht mit leerer Hand wiederum auf den Erdboden dürfte; Ich antwortete, die Wunder die ich seithero gesehen, hätten mich so gar aus mir selbst gebracht, daß ich mich auf nichts bedenken könnte, mit Bitt, sie wollten mir doch raten, was ich von dem König begehren sollte; Meine Meinung wäre (sintemal er alle Brunnenquellen in der Welt zu dirigieren hätte) von ihm einen Gesundbrunnen auf meinen Hof zu begehren, wie derjenige wäre, der neulich von sich selbst in Teutschland entsprungen, der gleichwohl doch nur Süßwasser führe; der Fürst oder Regent über das stille Meer und dessen Höhlen antwortet', solches würde in seines Königs Macht nicht stehen, und wenn es gleich bei ihm stünde, und er mir gern gratifizieren wollte, so hätten jedoch dergleichen Heilbrunnen in die Läng keinen Bestand, [447] etc. Ich bat ihn er wollte mir doch unbeschwert die Ursach erzählen; da antwortet' er: »Es befinden sich hin und wieder in der Erden leere Stätten, die sich nach und nach mit allerhand Metallen ausfüllen, weil sie daselbst aus einer exhalatione humida, viscosa &crassa, generiert werden; indem nun solche Generation geschiehet, schlägt sich zuzeiten durch die Spält der Marchasitae aureae vel argenteae aus dem centro, davon alle Quellen getrieben werden, Wasser dazu, welches sich dann um und zwischen den Metallis viel hundert Jahr enthält, und der Metalle edle Art und heilsame Eigenschaften an sich nimmt; wenn sich dann das Wasser aus dem centro je länger je mehr vermehrt, und durch seinen starken Trieb einen Auslauf auf dem Erdboden sucht und findet, so wird das Wasser, welches so viel hundert oder tausend Jahre zwischen den Metallen verschlossen gewesen, und dessen Kräfte an sich genommen, zum allerersten ausgestoßen, und tut alsdann an den menschlichen Körpern diejenige wunderbarliche Wirkung, die man an solchen neuen Heilbrunnen siehet; sobald nun solches Wasser, das sich so lang zwischen den Metallen enthalten, verflossen, so folgt gemein Wasser hernach, welches zwar auch durch dieselbigen Gäng passiert, in seinem schnellen Lauf aber keine Tugenden oder Kräfte von den Metallen an sich nehmen, und also auch nicht wie das erstere heilsam sein kann.« Wenn ich (sagte er) die Gesundheit so sehr affektiere, so sollte ich seinen König ersuchen, daß er mich dem König der Salamandrae, mit welchem er in guter Korrespondenz stünde, in eine Kur rekommendiere; derselbe könne die menschlichen corpora zurichten, und durch ein Edelgestein begaben, daß sie in keinem Feuer verbrennen möchten, wie ein sonderbare Leinwand die wir auf Erden hätten und im Feuer zu reinigen pflegten, wenn sie schmutzig worden wäre; alsdann setze man einen solchen Menschen wie eine schleimige alte stinkende Tabakpfeif mitten ins Feur, da verzehrten sich dann alle bösen Humores und schädlichen Feuchtigkeiten, und komme der Patient wieder so jung, frisch, gesund und neugeschaffen hervor, als wenn er das Elixier Theophrasti eingenommen [448] hätte; Ich wußte nicht ob mich der Kerl foppt' oder obs ihm ernst war, doch bedankte ich mich der vertraulichen Kommunikation, und sagte, ich besorgte, diese Kur sei mir als einem Colerico zu hitzig; mir würde nichts lieber sein, als wenn ich meinen Mitmenschen eine heilsame rare Quell mit mir auf den Erdboden bringen könnte, welches ihnen zu Nutz, ihrem König aber zur Ehr: mir aber zu einem unsterblichen Namen und ewigem Gedächtnis gereichen würde; darauf antwortet' mir der Fürst, wenn ich solches suche, so wolle er mir schon ein gut Wort verleihen, wiewohl ihr König so beschaffen, daß er der Ehr oder Schand so ihm auf Erden zugelegt werde, gleich viel achte; Mithin kamen wir wiederum in den Mittelpunkt der Erden und vor des Königs Angesicht, als er und seine Prinzen sich eben speisen wollten; es war ein Imbiß wie die griechischen Nephalia, da man weder Wein noch stark Getränke brauchte, aber anstatt dessen tranken sie Perlen wie rohe oder weichgesottene Eier aus, als welche noch nicht erhärtet waren, und treffliche Stärke gaben, oder fütterten, wie die Bauren sagen.

Da observierte ich, wie die Sonn einen See nach dem andern beschien und ihre Strahlen durch dieselbigen bis in diese schreckliche Tiefe hinunterwarf, also daß es diesen Sylphis niemal an keinem Licht nicht mangelte: Man sah sie in diesem Abgrund so heiter wie auf dem Erdboden leuchten, also daß sie auch einen Schatten warf: so daß ihnen, den Sylphis, die Seen wie Taglöcher oder Fenster taugten, durch welche sie beides Helle und Wärme empfingen, und wenn sich solches nicht überall schickte, weil etliche Seen gar krumm hinumgingen, wurde solches durch die Reflexion ersetzt, weil die Natur hin und wieder in die Winkel ganze Felsen von Kristall, Diamanten und Karfunkeln geordnet, so die Hellung hinunterfertigten.

17. Kapitel
[449] Das 17. Kapitel

Zurückreis aus dem Mittelteil der Erden, seltsame Grillen, Luftgebäu, Kalender, und gemachte Zech ohne den Wirt


Indessen hatte sich die Zeit genähert, daß ich wieder heim sollte; derhalben befahl der König, ich sollte mich vernehmen lassen, womit ich vermeinte, daß er mir einen Gefallen tun könnte? Da sagte ich, es könnte mir keine größere Gnade widerfahren, als wenn er mir einen rechtschaffenen medizinalischen Sauerbrunnen auf meinen Hof zukommen lassen würde. »Ists nur das?« antwortet' der König; »Ich hätte vermeint, du würdest etliche große Smaragd aus dem Amerikanischen Meer mit dir genommen, und gebeten haben, dir solche auf den Erdboden passieren zu lassen? jetzt sehe ich, daß kein Geiz bei euch Christen ist.« Mithin reichte er mir einen Stein von seltsamen variierenden Farben, und sagte: »Diesen stecke zu dir, und wo du ihn hin auf den Erdboden legen wirst, daselbst wird er anfangen das Centrum wieder zu suchen, und die bequemsten Mineralia durchgehen, bis er wieder zu uns kommt, und dir unsertwegen eine herrliche Sauerbrunnenquell zuschickt, die dir so wohl bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung der Wahrheit um uns verdient hast.« Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee alsbald wieder in sein Geleit, und passierte mit mir den Weg und See wieder zurück, durch welchen wir herkommen waren, etc.

Diese Heimfahrt dünkte mich viel weiter, als die Hinfahrt, also daß ich auf dritthalbtausend wohlgemessener teutscher Schweizer-Meilen rechnete; es war aber gewiß die Ursach, daß mir die Zeit so lang wurde, weil ich nichts mit meinem Convoi redete, als blößlich, daß ich von ihnen vernahm, sie würden bis auf drei-, vier- oder fünfhundert Jahr alt, und solche Zeit lebten sie ohne einzige Krankheit. Im übrigen war ich im Sinn mit meinem Saurbrunnen so reich, daß alle meine Witz und Gedanken genug zu tun hatten, zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen, und wie ich mir ihn zunutz machen wollte. Da hatte ich allbereit meine [450] Anschläg wegen der ansehnlichen Gebäu, die ich dazu setzen müßte, damit die Badgäste auch rechtschaffen akkommodiert seien, und ich hingegen ein großes Losamentgeld aufheben möchte; ich ersann schon, durch was für Schmieralia ich die Medicos persuadieren wollte, daß sie meinen Wunder-Sauerbrunnen allen andern, ja gar dem Schwalbacher vorziehen, und mir einen Haufen reiche Badgäst zuschaffen sollten; ich machte schon ganze Berg eben, damit sich die Ab- und Zufahrenden über keinen müheseligen Weg beschwereten; ich dingte schon verschmitzte Hausknecht, geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägd, wachsame Stallknecht, saubere Bad- und Brunnenverwalter, und sann auch bereits einen Platz aus, auf welchen ich mitten im wilden Gebirg, bei meinem Hof, einen schönen ebenen Lustgarten pflanzen, und allerlei rare Gewächs darinnen zielen wollte, damit sich die fremden Herren Badgäst und ihre Frauen darin erspazieren, die Kranken erfrischen, und die Gesunden mit allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und errammeln können. Da mußten mir die Medici, doch um die Gebühr, einen herrlichen Traktat von meinem Brunnen und dessen köstlichen Qualitäten zu Papier bringen, welchen ich alsdann neben einem schönen Kupferstück, darin mein Baurnhof entworfen und in Grund gelegt, drucken lassen wollte, aus welchem ein jeder abwesende Kranke sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte; ich ließ alle meine Kinder von L. holen, sie allerhand lernen zu lassen, das sich zu meinem neuen Bad schickte, doch durfte mir keiner kein Bader werden, denn ich hatte mir vorgenommen, meinen Gästen, obzwar nicht den Rücken, doch aber ihren Beutel tapfer zu schröpfen.

Mit solchen reichen Gedanken und überglückseligem Sinnhandel erreichte ich wiederum die Luft, maßen mich der vielgedachte Prinz allerdings mit trockenen Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land setzte, doch mußte ich das Kleinod, so er mir anfänglich geben, als er mich abgeholet, stracks von mir tun, denn ich hätte sonst in der Luft entweder ersaufen, oder Atem zu holen den Kopf wieder ins Wasser stecken müssen, weil gedachter Stein solche Wirkung[451] vermochte. Da nun solches geschehen, und er denselben wieder zu sich genommen, beschirmten wir einander als Leut, die einander nimmermehr wieder zu sehen würden bekommen, er duckte sich, und fuhr wieder mit den Seinigen in seinen Abgrund, ich aber ging mit meinem Lapide, den mir der König geben hatte, so voller Freuden davon, als wenn ich das Gülden Fell aus der Insel Kolchis davongebracht hätte.

Aber ach! meine Freud, die sich selbst vergeblich auf eine immerwährende Beständigkeit gründete, währete gar nicht lang, denn ich war kaum von diesem Wundersee hinweg, als ich bereits anfing in dem ungeheuren Wald zu verirren, weil ich nit Achtung geben hatte, von wannen her mein Knan mich zum See gebracht; Ich ging ein gut Stück Wegs fort, ehe ich meiner Verirrung gewahr wurde, und machte noch immerfort Kalender, wie ich den köstlichen Sauerbrunnen auf meinen Hof setzen, wohl anlegen, und mir dabei einen geruhigen Herrnhandel schaffen möchte. Dergestalt kam ich ohnvermerkt je länger je weiter von dem Ort, wohin ich am allermeisten begehrte, und was das schlimmste war, wurde ichs nicht eher inne, bis sich die Sonn neigte, und ich mir nit mehr zu helfen wußte; da stand ich mitten in einer Wildnis wie Matz von Dresden, beides ohne Speis und Gewehr, dessen ich gegen die bevorstehende Nacht wohl bedürftig gewesen wäre; doch tröstete mich mein Stein, den ich mit mir aus dem innersten Ingeweid der Erden heraus gebracht hatte: »Geduld, Geduld!« sagte ich zu mir selber, »dieser wird dich aller überstandenen Not wiederum ergötzen, gut Ding will Weil haben, und vortreffliche Sachen werden ohne große Mühe und Arbeit nicht erworben, sonst würde jeder Narr ohne Schnaufens und Bartwischens einen solchen edlen Sauerbrunnen, wie du einen bei dir in der Taschen hast, seines Gefallens zuwege bringen.«

Da ich mir nun solchergestalt zugesprochen, faßte ich zugleich mit der neuen Resolution auch neue Kräfte, maßen ich weit tapferer als zuvor auf die Sohlen trat, ob mich gleich die Nacht darüber ereilte; der Vollmond leuchtete mir zwar [452] fein, aber die hohen Tannen ließen mir sein Licht nicht so wohl gedeihen, als denselben Tag das tiefe Meer getan hatte, doch kam ich so weit fort, bis ich um Mitternacht von weitem ein Feuer gewahr wurde, auf welches ich den geraden Weg zuging, und von ferne sah, daß sich etliche Waldbauren dabei befanden, die mit dem Harz zu tun hatten: Wiewohl nun solchen Gesellen nit allzeit zu trauen, so zwang mich doch die Not, und riet mir meine eigene Courage ihnen zuzusprechen; ich hinterschlich sie unversehens, und sagte: »Gute Nacht oder guten Tag, oder guten Morgen oder guten Abend ihr Herren! sagt mir zuvor, um welche Zeit es sei, damit ich euch danach zu grüßen wisse?« Da standen und saßen sie alle sechse vor Schrecken zitternd, und wußten nicht was sie mir antworten sollten, denn weil ich einer von den Längsten bin, und eben damals noch wegen meines jüngstverstorbenen Weibleins sel. ein schwarz Trauerkleid anhatte, zumalen einen schrecklichen Prügel in Händen trug, auf welchen ich mich wie ein wilder Mann steuerte, kam ihnen meine Gestalt entsetzlich vor. »Wie?« sagte ich, »will mir denn keiner antworten?« Sie verblieben aber noch ein gute Weil erstaunt, bis sich endlich einer erholte, und sagte: »Wear ischt denn der Hair?« Da hörete ich, daß es ein schwäbische Nation sein müßte, die man zwar (aber vergeblich) für einfältig schätzet, sagte derowegen, ich sei ein fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme, und ein ganzen Haufen wunderliche Künst gelernet hätte. »Oho!« antwortet' der ältste Baur, »jetzt glaub ich Gott Lob, daß ich den Frieden wieder erleben werde, weil die fahrenden Schüler wieder anfangen zu reisen.«

18. Kapitel
[453] Das 18. Kapitel

Simplicius verzettelt seinen Saurbrunnen an einem unrechten Ort


Also kamen wir miteinander ins Gespräch, und ich genoß so vieler Höflichkeit von ihnen, daß sie mich hießen zum Feuer niedersitzen, und mir ein Stück schwarz Brot und magern Kuhkäs anboten, welches ich denn alles beide akzeptierte; Endlich wurden sie so vertraulich, daß sie mir zumuteten, ich sollte ihnen als ein fahrender Schüler gute Wahrheit sagen: und weil ich mich sowohl auf die Physiognomiam als Chiromantiam um etwas verstand, fing ich an einem nach dem andern aufzuschneiden, was ich meinte daß sie contentieren würde, damit ich bei ihnen meinen Kredit nicht verliere, denn es war mir bei dieser wilden Waldbursch nicht allerdings heimlich. Sie begehrten allerhand vorwitzige Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstet sie auf den künftigen Tag, und begehrte, daß sie mich ein wenig wollten ruhen lassen. Und demnach ich solchergestalt einen Zigeuner agiert hatte, legte ich mich ein wenig beiseits, mehr zu horchen und zu vernehmen, wie sie gesinnet, als daß ich großen Willen (wiewohl es am Appetit nicht mangelte) zu schlafen gehabt hätte; je mehr ich nun schnarchte, je wachtsamer sie sich erzeigten, sie stießen die Köpf zusammen, und fingen an um die Wett zu raten, wer ich doch sein möchte? Für keinen Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid antrug, und für keinen Bürgerskerl konnten sie mich nit schätzen, weil ich zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das Mückenloch (denn so heißet der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen sie, ich müßte ein lateinischer Handwerksgesell sein, der verirret wäre, oder meinem eigenen Vorgeben nach ein fahrender Schüler, weil ich so trefflich wahrsagen könnte. »Ja«, fing denn ein anderer an, und sagte: »Er hat drum nicht alles gewußt, er ist etwa ein loser Krieger, und hat sich so verkleidet, unser Vieh und die Schlich im Wald auszukundigen, ach daß wirs wüßten, [454] wir wollten ihn schlafen legen, daß er das Aufwachen vergessen sollte!« Geschwind war ein anderer da, der diesem Widerpart hielt, und mich für etwas anders ansah. Indessen lag ich dort und spitzt die Ohren, ich gedachte, werden mich diese Knollfinken angreifen, so muß mir zuvor einer oder drei ins Gras beißen, ehe sie mich aufopfern.

Demnach nun diese so ratschlagten, und ich mich mit Sorgen ängstigte, wurde mir jähling, als ob einer bei mir läge, der ins Bett brunzte, denn ich lag unversehens ganz naß, o mirum! da war Troja verloren, und alle meine trefflichen Anschläg waren dahin, denn ich merkte am Geruch, daß es mein Sauerbrunnen war; Da geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche Raserei, daß ich mich beinahe allein hinter die sechs Baurn gelassen, und mit ihnen herumgeschlagen hätte: »Ihr gottlosen Flegel« (sagte ich zu ihnen, als ich mit meinem schrecklichen Prügel aufgesprungen war), »an diesem Saurbrunnen der auf meiner Lagerstatt hervorquillt, könnt ihr merken, wer ich sei, es wäre kein Wunder, ich strafte euch alle, daß euch der Teufel holen möchte! weil ihr so böse Gedanken in Sinn nehmen dürfen«; machte darauf so bedrohliche und erschreckliche Mienen, daß sie sich alle vor mir entsetzten: Doch kam ich gleich wieder zu mir selber, und merkte, was ich für eine Torheit beging. Nein (gedacht ich) besser ists den Sauerbrunnen als das Leben verloren, das du leicht einbüßen kannst, wenn du dich hinter diese Lümmel machst: gab ihnen derhalben wieder gute Wort, und sagte, ehe sie sich etwas anders entsinnen konnten: »Stehet auf, und versucht den herrlichen Sauerbrunnen, den ihr und alle Harz- und Holzmacher hinfort in dieser Wildnis meinetwegen zu genießen haben werdet!« Sie konnten sich in mein Gespräch nicht richten, sondern sahen einander an wie lebendige Stockfisch, bis sie sahen, daß ich fein nüchtern aus meinem Hut den ersten Trunk tat; da standen sie nacheinander vom Feuer auf, darum sie gesessen, besahen das Wunder, und versuchten das Wasser, und anstatt daß sie mir darum hätten dankbar sein sollen, fingen sie an zu lästern, und sagten: Sie wollten, daß ich mit meinem Saurbrunnen an ein [455] andern Ort geraten wäre, denn sollte ihre Herrschaft dessen innewerden, so müßte das ganze Amt Dornstett frönen, und Weg dazu machen, welches ihnen denn ein große Beschwerlichkeit sein würde. »Hingegen«, sagte ich, »habt ihr dessen alle zu genießen, eure Hühner, Eier, Butter, Vieh und anders könnt ihr besser ans Geld bringen.« »Nein nein«, sagten sie, »nein! die Herrschaft setzt einen Wirt hin, der wird allein reich, und wir müssen seine Narren sein, ihm Weg und Steg erhalten, und werden noch kein Dank dazu davon haben!« Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den Sauerbrunnen behalten, und ihrer vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder abschaffen; welches, da es in meiner Macht gestanden wäre, ich wohl ohne sie getan haben wollte, es wäre ihnen gleich lieb oder leid gewesen.

Weil denn nunmehr der Tag vorhanden war, und ich nichts mehr da zu tun hatte, zumalen besorgen mußte, wir würden, da es noch lang herumging, einander endlich in die Haar geraten, sagte ich: Wenn sie nicht wollten, daß alle Kühe im ganzen Baiersbronner Tal rote Milch geben sollten, so lang der Brunn liefe, so sollten sie mir alsobald den Weg nach Seebach weisen, dessen sie denn wohl zufrieden, und mir zu solchem End zwei mitgaben, weil sich einer allein bei mir fürchtete.

Also schied ich von dannen, und obzwar dieselbe ganze Gegend unfruchtbar war, und nichts als Tannzapfen trug, so hätte ich sie doch noch elender verfluchen mögen, weil ich alle mein Hoffnung daselbst verloren; doch ging ich stillschweigend mit meinen Wegweisern fort, bis ich auf die Höhe des Gebirgs kam, allwo ich mich dem Geländ nach wieder ein wenig erkennen konnte. Da sagte ich zu ihnen: »Ihr Herren könnet euch euren neuen Saurbrunnen trefflich zunutz machen, wenn ihr nämlich hingehet, und eurer Obrigkeit dessen Ursprung anzeiget, denn da würde es eine treffliche Verehrung setzen, weil alsdann der Fürst selbigen zur Zierde und Nutz des Lands aufbauen, und zu Vermehrung seines Interesse aller Welt bekannt machen lassen wird.« »Ja«, sagten sie, »da wären wir wohl Narren, daß wir [456] uns eine Rut auf unsern eigenen Hintern machten, wir wollten lieber, daß dich der Teufel mitsamt deinem Sauerbrunnen holete, du hast genug gehört, warum wir ihn nicht gerne sehen!« Ich antwortet: »Ach ihr heillosen Tropfen, sollte ich euch nit meineidige Schelmen schelten, daß ihr aus der Art eurer frommen Voreltern so ferne abtretet! dieselbigen waren ihrem Fürsten so getreu, daß er sich ihrer rühmen durfte, er wäre so kühn, in eines jeden seiner Untertanen Schoß seinen Kopf zu legen, und darin sicherlich zu schlafen; und ihr Mausköpf seid nicht so ehrlich, einer besorgenden geringen Arbeit willen, darum ihr doch mit der Zeit wieder ergötzt würdet, und deren all eure Nachkömmling reichlich zu genießen hätten, beides eurem hochlöblichen Fürsten zu Nutz, und manchem elenden Kranken zur Wohlfahrt und Gesundheit diesen heilsamen Sauerbrunnen zu offenbaren; was sollts sein, wenngleich etwa jeder ein paar Tag dazu frönte?« »Was«, sagten sie, »wir wollten dich, damit dein Sauerbrunnen verborgen bleibe, ehender im Fron totschlagen«. »Ihr Vögel«, sagte ich, »es müßten eurer mehr sein!« zückte darauf meinen Prügel, und jagte sie damit für alle Sankt Velten hinweg, ging folgends gegen Niedergang und Mittag bergabwärts, und kam nach vieler Mühe und Arbeit gegen Abend wieder heim auf meinen Baurenhof, im Werk wahr zu sein befindend, was mir mein Knan zuvor gesagt hatte, daß ich nämlich von dieser Wallfahrt nichts als müde Bein, und den Hergang für den Hingang haben würde.

19. Kapitel
[457] Das 19. Kapitel

Etwas wenigs von den ungarischen Wiedertäufern, und ihrer Art zu leben


Nach meiner Heimkunft hielt ich mich gar eingezogen, mein größte Freud und Ergötzung war, hinter den Büchern zu sitzen, deren ich mir denn viel beischaffte, die von allerhand Sachen traktierten, sonderlich solche, die ein großen Nachsinnens bedurften; das was die Grammatici und Schulfüchse wissen müßten, war mir bald erleidet, und eben also wurde ich der Arithmeticae auch gleich überdrüssig, was aber die Musicam anbelangt, haßte ich dieselbe vorlängst wie die Pest, wie ich denn meine Laute zu tausend Stücken schmiß; die Mathematica und Geometria fand noch Platz bei mir, sobald ich aber von diesen ein wenig zu der Astronomia geleitet wurde, gab ich ihnen auch Feierabend und hing dieser samt der Astrologia ein Zeitlang an, welche mich denn trefflich delektierten, endlich kamen sie mir auch falsch und ungewiß vor, also daß ich mich auch nicht länger mit ihnen schleppen mochte, sondern griff nach der ›Kunst‹ Raimundi Lulli, fand aber viel Geschrei und wenig Wollen, und weil ich sie für eine Topicam hielt, ließ ich sie fahren und machte mich hinter die Cabbalam der Hebräer, und Hieroglyphicas der Ägypter, fand aber die allerletzte und aus allen meinen Künsten und Wissenschaften, daß kein besser Kunst sei, als die Theologia, wenn man vermittelst derselbigen Gott liebet und ihm dienet! Nach der Richtschnur derselbigen erfand ich für die Menschen eine Art zu leben, die mehr englisch als menschlich sein könnte, wenn sich nämlich eine Gesellschaft zusammentäte, beides von verehelichten und ledigen, so Manns- als Weibspersonen, die auf Manier der Wiedertäufer allein sich beflissen, unter einem verständigen Vorsteher durch ihrer Hand Arbeit ihren leiblichen Unterhalt zu gewinnen, und sich die übrigen Zeiten mit dem Lob und Dienst Gottes und ihrer Seelen Seligkeit zu bemühen; denn ich hatte hiebevor in Ungarn auf den wiedertäuferischen Höfen ein solches Leben gesehen,[458] also daß ich, wofern dieselben guten Leut mit andrer falscher, und der allgemeinen christlichen Kirchen widerwärtiger ketzerischer Meinung nicht wären verwickelt und vertieft gewesen, ich mich von freien Stücken zu ihnen geschlagen, oder wenigst ihr Leben für das seligste in der ganzen Welt geschätzt hätte, denn sie kamen mir in ihrem Tun und Leben allerdings vor wie Josephus und andere mehr die jüdischen Essäer beschrieben. Sie hatten erstlich große Schätze und überflüssige Nahrung, die sie aber keineswegs verschwendeten, kein Fluch, Murmelung noch Ungeduld wurde bei ihnen gespürt, ja man hörete kein unnützes Wort; da sah ich die Handwerker in ihren Werkstätten arbeiten, als wenn sie es verdingt hätten, ihr Schulmeister instruierte die Jugend, als wenn sie alle seine leiblichen Kinder gewesen wären, nirgends sah ich Manns-und Weibsbilder untereinander vermischt, sondern an jedem bestimmten Ort auch jedes Geschlecht absonderlich seine obliegende Arbeit verrichten; ich fand Zimmer, in welchen nur Kindbetterinnen waren, die ohne Obsorg ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit aller notwendigen Pfleg samt ihren Kindern reichlich versehen wurden, andere sonderbare Säle hatten nichts anders in sich, als viel Wiegen mit Säuglingen, die von hierzu bestimmten Weibern mit Wischen und Speisen beobachtet wurden, daß sich deren Mütter ferners nicht um sie bekümmern durften, als wenn sie täglich zu dreien gewissen Zeiten kamen, ihnen ihre milchreichen Brüste zu bieten: und dieses Geschäft den Kindbetterinnen und Kindern abzuwarten war allein den Witwen anbefohlen; anderswo sah ich das weibliche Geschlecht sonst nichts tun als spinnen, also daß man über die hundert Kunkeln oder Spinnrocken in einem Zimmer beieinander antraf; da war eine ein Wäscherin, die ander eine Bettmacherin, die dritte Viehmagd, die vierte Schüsselwäscherin, die fünfte Kellerin, die sechste hatte das weiß Zeug zu verwalten, und also auch die übrigen alle, wußte ein jedwede was sie tun sollte; und gleichwie die Ämter unter dem weiblichen Geschlecht ordentlich ausgeteilet waren, also wußte auch unter den Männern und Jünglingen jeder sein Geschäft; [459] wurde einer oder eine krank, so hatte er oder dieselbe einen sonderbaren Krankenwärter oder Wärterin, auch beide Teil einen allgemeinen Medicum und Apotheker; wiewohl sie wegen löblicher Diät und guter Ordnung selten erkranken, wie ich denn manchen feinen Mann in hohem gesundem und geruhigem Alter bei ihnen sah, dergleichen anderswo wenig anzutreffen; sie hatten ihre gewissen Stunden zum Essen, ihre gewissen Stunden zum Schlafen, aber kein einzige Minut zum Spielen noch Spazieren, außerhalb die Jugend, welche mit ihrem Präzeptor jedesmal nach dem Essen der Gesundheit halber ein Stund spazieren gehen: mithin aber beten, und geistliche Gesänge singen mußte. Da war kein Zorn, kein Eifer, kein Rachgier, kein Neid, kein Feindschaft, kein Sorg um Zeitlichs, kein Hoffart, kein Reu! In Summa, es war durchaus eine solche liebliche Harmonia, die auf nichts anders angestimmt zu sein schien, als das menschlich Geschlecht und das Reich Gottes in aller Ehrbarkeit zu vermehren; kein Mann sah sein Weib, als wenn er auf die bestimmte Zeit sich mit derselbigen in seiner Schlafkammer befand, in welcher er sein zugerichtes Bett, und sonst nichts dabei als sein Nachtgeschirr neben einem Wasserkrug und weißen Handzwehl fand, damit er mit gewaschenen Händen beides, schlafen gehen und den Morgen wieder an seine Arbeit aufstehen möchte; überdas hießen sie alle einander Schwestern und Brüder, und war doch eine solche ehrbare Vertraulichkeit keine Ursach unkeusch zu sein. Ein solch seliges Leben, wie diese wiedertäuferischen Ketzer führen, hätte ich gerne auch aufgebracht, denn soviel mich dünkte, so übertraf es auch das klösterliche. Ich gedachte: »Könntest du ein solches ehrbares christliches Tun aufbringen unter dem Schutz deiner Obrigkeit, so wärest du ein anderer Dominikus oder Franziskus; Ach«, sagte ich oft, »könntest du doch die Wiedertäufer bekehren, daß sie unsere Glaubensgenossen ihre Manier zu leben lerneten, wie wärest du doch so ein seliger Mensch! Oder wenn du nur deine Mitchristen bereden könntest, daß sie wie diese Wiedertäufer ein solches (dem Schein nach) christliches und ehrbares Leben führten, was [460] hättest du nicht ausgerichtet?« Ich sagte zwar zu mir selber: »Narr, was gehen dich andere Leut an, werde ein Kapuziner, dir sind ohnedas alle Weibsbilder erleidet.« Aber bald gedachte ich: »Du bist morgen nicht wie heut, und wer weiß, was du künftig für Mittel bedürftig, den Weg Christi recht zu gehen? heut bist du geneigt zur Keuschheit, morgen aber kannst du brennen.«

Mit solchen und dergleichen Gedanken ging ich lang um, und hätte gerne so einer vereinigten christlichen Gesellschaft meinen Hof und ganzes Vermögen zum besten gegeben, unter derselben ein Mitglied zu sein. Aber mein Knan prophezeite mir stracks, daß ich wohl nimmermehr solche Bursch zusammenbringen würde.

20. Kapitel
Das 20. Kapitel

Hält in sich einen kurzweiligen Spazierweg, vom Schwarzwald bis nach Moskau in Reußen


Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und hessische Völker, sich bei uns zu erfrischen, und zugleich die Reichsstadt in unserer Nachbarschaft, die von einem engländischen König erbaut, und nach seinem Namen genannt worden, blockiert zu halten, deswegen denn jedermann sich selbst samt seinem Vieh und besten Sachen in die hohen Wälder flehnte; Ich machte es wie meine Nachbarn, und ließ das Haus ziemlich leer stehn, in welches ein reformierter schwedischer Obrist logiert wurde; Derselbige fand in meinem Kabinett noch etliche Bücher, da ich in der Eil nicht alles wegbringen konnte, und unter andern einige mathematische und geometrische Abriß, auch etwas vom Fortifikationwesen, womit vornehmlich die Ingenieur umgehen, schloß derhalben gleich, daß sein Quartier keinem gemeinen Bau