Henry Fielding
Tom Jones
oder
Die Geschichte eines Findelkindes
(The History of Tom Jones, a Foundling)

Erstes Buch

Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Einleitung in das Werk, oder Küchenzettel zum Gastmahle.


Ein Schriftsteller muß sich nicht sowohl als einen wohlhabenden Mann betrachten, der ein häusliches oder mildthätiges Gastmahl ausrichtet, sondern vielmehr als einen Mann, der einen öffentlichen Speisetisch hält, an dem jedermann für sein Geld willkommen ist. Im ersten Falle gibt, wie bekannt, der Herr Patron des Gastmahls, was ihm selbst gefällt; und wäre das auch schlecht und nichts weniger als nach dem Geschmack seiner Gesellschaft, so dürfen seine Gäste doch nicht klagen; vielmehr zwingt sie die gute Lebensart, alles, was ihnen vorgesetzt wird, zu loben und gut zu finden. Bei einem öffentlichen Gastwirt aber verhält sich das Ding ganz umgekehrt. Leute, welche ihre Mahlzeit bezahlen, wollen ein für allemal ihren Gaumen befriedigen, so lecker und verwöhnt der auch sein mag; und wenn sie nicht ein jedes Gericht nach ihrem Geschmacke befinden, so wollen sie sich das Recht nicht nehmen lassen, zu tadeln und auf Wirt und Koch zu schelten und zu schimpfen.

Um also ihren Kunden keine Gelegenheit zu solchem Mißvergnügen zu geben, haben die ehrlichen und vorsichtigen Gastwirte den Gebrauch eingeführt, daß jeder Gast, wie er ankommt, auf einem Küchenzettel die Gerichte angezeigt findet, welche zu haben sind, damit er, nachdem er weiß, was die Küche vermag, entweder bleiben und sich mit dem, was da ist, gütlich thun, oder sich einem andern Tische, wo sich seine Zunge und sein Magen mehr Behagen versprechen, umsehen kann.

[11] Da wir nicht zu stolz sind, von irgend einem Menschen Witz oder Weisheit zu borgen, der im stande ist, uns dergleichen zu leihen, so haben wir uns ganz bescheidentlich entschlossen, es diesen ehrlichen Speisewirten nachzumachen, und wollen nicht nur einen allgemeinen Küchenzettel von unserm ganzen Traktament im voraus geben, sondern wollen auch dem Leser von jedem Gange, so wie er in diesem und den folgenden Bänden zur Tafel gebracht wird, einen zur Uebersicht vorlegen.

Der Vorrat also, den wir hier zusammengebracht haben, ist nichts Anderes, als menschliche Natur. Auch fürchte ich nicht, daß mein verständiger Leser, wäre sein Geschmack auch noch so verwöhnt, darüber stutzig, mißvergnügt oder mir abspenstig werden wird, daß ich nur einen Artikel genannt habe. Die Schildkröte, wie der hoch-eß-weise Ratsherr von Bristoll aus vieler Erfahrung bezeugen kann, enthält, außer den höchst deliziösen Calipash und Calipee 1 noch mancherlei Arten von genießbaren Gerichten; auch kann es einem geehrten Leser nicht unbekannt sein, daß in der menschlichen Natur, so wie solche hier unter einem allgemeinen Namen begriffen ist, sich eine solche unendliche Verschiedenheit befindet, daß ein Koch viel eher durch alle verschiedenen Gerichte aus dem Tier- und Pflanzenreiche sich hindurchkochen, als ein Schriftsteller diesen so reichen und mannigfaltigen Vorrat erschöpfen könnte.

Vielleicht sieht von dem zartest-gewöhnten Leser der Einwurf zu besorgen, daß diese Schüssel gar zu gemein und alltäglich sei; denn, was sonst anders ist der Gegenstand aller der Romane, Dramen und Gedichte, womit die Höckerbuden angefüllt sind? Der epikuräische Esser könnte manches vortreffliche Stück Essen verwerfen, wenn es, als gemein und alltäglich zu verrufen, schon damit genug wäre, daß es auch bei den elendesten Gar- und Sudel-Köchen unter eben dem Namen zu haben sei. In der That ist wahre Natur bei Schriftstellern ebenso rar und ebenso selten zu haben, als Bajonner Schinken und Bologneser Socisgen bei den Schlächtern.

Die Hauptsache aber, um bei einerlei Metapher zu bleiben, besteht in der Kochkunst des Autors, anzurichten; denn, wie Pope sagt:


True wit is Nature to Advantage drest,
What oft' was thought, but ne'er so well exprest.
Witz ist Natur, in schöner Form zu Tisch gebracht,
Mit neuem Reiz gesagt, was vor schon oft gedacht.

[12] Eben das Tier, dem die Ehre widerfährt, daß ein Teil seines Fleisches an der Tafel eines Fürsten verzehrt wird, kann vielleicht in andern Teilen sehr erniedrigt werden, und einige seiner Glieder in der stinkendsten Wildbude der Stadt gleichsam wegen Missethat hängen. Wo liegt nun der Unterschied zwischen dem Fleische, das Seine hochwohlgeborne Gnaden genießen, oder der Lastträger, wann beide von eben und demselben Tier, sei es Ochse oder Kalb oder Sau, ihre Mahlzeit halten, wenn er nicht in der Art und Weise zu kochen, zu braten, spicken, würzen und anzurichten liegt? Daher denn das eine die erschlaffteste Eßlust reizt und kitzelt, und das andere dem stärksten Heißhunger die Lust verleidet. Auf eben die Weise besteht die Vortrefflichkeit einer Geistesmahlzeit weniger in der Materie der Speise, als in der Geschick lichkeit des Autors, solche hübsch zu- und anzurichten. Welch ein Vergnügen wird es also dem Leser machen, wenn er findet, daß wir in dem folgenden Werke uns ganz genau an einen der höchsten Grundsätze eines der besten Köche dieses Jahrhunderts, oder vielleicht gar des Jahrhunderts, worin Heliogabal die Kochkunst schützte, gehalten haben. Dieser große Mann, wie allen feinen Eßliebhabern bekannt ist, beginnt damit, daß er seinen hungrigen Gästen ganz einfache Speisen vorsetzt; hernach stufenweise steigt; so, wie nach und nach ihr Appetit, nach seiner Meinung, sinken muß, bis er sich zur feinsten Quintessenz von Würz und Brühen hinaufschwingt. Auf eben die Weise werden wir dem scharfen Appetite unserer Leser anfangs menschliche Natur der einfachen Art vorsetzen, wie solche auf dem Lande gefunden wird; und nachher wollen wir solche haschieren und ragoutieren mit alle dem heißen Französischen undItalienischen Gewürz von Lastern und Thorheiten, welche Höfe und Städte uns liefern. Vermöge dieses Kunstgriffes soll, wie wir nicht zweifeln, unser Leser Lust bekommen, ohne aufhören fortzulesen, so, wie der eben vorhin genannte große Mann viele Personen soll haben essen lassen. Nachdem wir so weit unsern Behuf vorgebracht, wollen Wir denjenigen, denen unser Küchenzettel behagt, nicht länger ihren Genuß vorenthalten, sondern wollen ohne weiteres Verweilen den ersten Gang unserer Geschichte aufsetzen.

Fußnoten

1 S. die Note in Sterne, Empfindsame Reise, Band 4.

Zweites Kapitel
[13] Zweites Kapitel.

Eine kurze Beschreibung des Junkers Alwerth und eine längere Nachricht von Fräulein Brigitta, Alwerths Schwester.


In der Landschaft, welche in dem westlichen Teile von England liegt und gewöhnlich Sommersetshire genannt wird, lebte ehedem ein Landedelmann (und lebt vielleicht noch), dessen Name Alwerth hieß, und den man gar füglich einen Liebling beides, der Natur und des Glücks, nennen konnte; denn beide schienen um die Wette gestritten zu haben, wer ihn am meisten begünstigen und bereichern sollte. In diesem Streite mag, nach einiger Bedünken, die Natur gesiegt haben, weil sie ihn mit mancherlei Gaben beschenkte; derweile das Glück nur eine einzige besaß, in Bescherung dieser aber so freigebig war, daß andere vielleicht denken mögen, diese einzige Gabe sei mehr als hinreichend gewesen, allen Spenden, die er von der Natur empfangen hatte, Gleichgewicht zu halten. Von der Natur erhielt er eine angenehme Figur und Gestalt, ein dauerhafte Gesundheit, einen gründlichen Verstand und ein wohlthätiges Herz; von dem Glück erhielt er die Erbschaft eines der größesten Landgüter. Dieser Edelmann hatte in seiner Jugend ein würdiges und schönes Frauenzimmer geheiratet, die er sehr zärtlich geliebt hatte. Mit ihr hatte er drei Kinder, welche alle sehr jung starben; er hatte auch das Unglück erlebt, selbst diese seine geliebte Gattin zu begraben, ungefähr fünf Jahre vorher, als diese Geschichte ihren Anfang zu nehmen beliebt. Diesen Verlust, so groß er auch war ertrug er wie ein verständiger, gesetzter Mann, ob man gleich nicht ableugnen kann, daß er oft ein wenig sonderbar über diesen Punkt sprach; denn zuweilen sagte er: er hielte sich noch beständig für verheiratet und dächte, seine Frau habe nur ein wenig früher als er eine Reise angetreten, auf welcher er ihr ganz gewiß früher oder später folgen werde; er hege nicht den geringsten Zweifel, sie an einem Orte wieder anzutreffen, wo er sich nie wieder von ihr trennen würde. Wegen dergleichen Aeußerungen hatte ein Teil seiner Nachbaren seinen Verstand, ein zweiter seine Religion und ein dritter seine Aufrichtigkeit im Verdacht.

Jetzt lebte er die meiste Zeit auf dem Lande mit einer Schwester, für die er zärtlichste Bruderliebe hatte. Dies Fräulein war schon etwas über die dreißig hinaus; ein Alter, in welchem man nach der Meinung gewisser hämischer Leute den Titel: alte Jungfer mit aller Schicklichkeit führen kann. Sie war von derjenigen Gattung Frauenzimmer, an welchen man eher die guten Eigenschaften als die Schönheit preiset, und welche von ihrem eignen [14] Geschlechte gewöhnlich so ein guter Schlag von Mädchen genannt wird. – In der That! so ein guter Schlag von Mädchen, Madame, als Sie zu kennen wünschen mögen. Wirklich war sie so weit entfernt den Mangel an Schönheit zu bedauern, daß sie dieser Vollkommenheit (wenn es noch einmal eine genannt werden kann) nie anders, als mit Verachtung erwähnte und oft dem lieben Gott dankte, daß sie nicht so hübsch sei als dieses oder jenes Fräulein, welche ihre Schönheit vielleicht zu Fehltritten verleitet hätte, die sie ohnedem hätte vermeiden können. Fräulein Brigitta Alwerth (denn so hieß dieses Frauenzimmer) sah sehr richtig ein, daß die persönlichen Reize eines Frauenzimmers nichts Besseres wären als Fallstricke, aufgestellt für sich selbst und für andere, und dennoch war sie so bedächtlich in ihrer Aufführung, daß ihre vorsichtige Klugheit ebenso scharf wachte, als ob sie alle Fallstricke zu befürchten hätte, die nur jemals ihrem ganzen Geschlechte gelegt sein mögen. In der That habe ich bemerkt (so unbegreiflich dem Leser die Sache vorkommen mag), daß diese Wache der klugen Vorsicht ebenso wie die alten Pfahlbürger beständig dann und am liebsten auf solche Posten zieht, wann und wo die wenigste Gefahr ist. Oft verläßt sie niederträchtiger, feigherziger Weise solche Schönheiten, nach welchen die Männer insgesamt trachten, um die sie seufzen, für die sie sterben und denen sie so viele Netze aufstellen, als sie nur haben und erdenken können; und hingegen gehet sie jener höhern Gattung von Weiblein nicht von der Ferse, für welche das männliche Geschlecht eine weit größere und tiefere Ehrfurcht hegt, und welche es (aus Verzweiflung glaube ich, daß es ihm glücken könne) niemals anzugreifen wagt.

Lieber Leser, ich erachte für rathsam dich, ehe wir noch einen Schritt mit einander weiter gehen, zu benachrichtigen, daß ich willens bin, diese ganze Geschichte hindurch so oft einen Nebenweg zu nehmen, als sich dazu Gelegenheit findet, worüber ich ein besserer Richter bin als irgend ein winziger Kritikus: und hier muß ich alle diese Kritiker ersuchen, sich um ihre eigenen Händel zu bekümmern und sich in keine Sachen oder Werke zu mischen, die sie auf der Welt nichts angehen: denn ich werde ihre richterliche Gewalt nicht eher anerkennen, bis sie die Vollmacht aufweisen, wodurch sie sich als Richter gehörig legitimieren können.

Drittes Kapitel
[15] Drittes Kapitel.

Ein sonderbarer Zufall, welcher Herrn Alwerth begegnete, als er nach Hause zurückkam. Das anständige Benehmen der Jungfer Deborah Wilkins, mit einigen schicklichen Betrachtungen über Bankerte.


Ich habe meinen Lesern im vorigen Kapitel erzählt, daß Herr Alwerth ein großes Vermögen erbte; daß er ein gutes Herz und dabei weder Frau noch Kind hatte. Hieraus werden gewiß manche schließen, daß er lebte wie ein honetter Mann; niemand einen Pfennig schuldig war; nichts nahm, als was ihm gebührte; ein gutes Haus machte; seine Nachbarn gern und fleißig bewirtete, und gegen Arme (das heißt, gegen solche, die lieber betteln als arbeiten mögen) barmherzig war; daß er ihnen die Brosamen gab, die von seinem Tische fielen; daß er unermeßlich reich starb und ein Spital erbaute.

Und wahr ist's, daß er manches von diesen Dingen that; hätt' er aber nichts mehr gethan, so hätt' er meinetwegen hingehen und seine Verdienste auf einer hübschen Marmortafel über der Thüre seines erbauten Spitals der Nachwelt erzählen mögen.

Es werden in dieser Geschichte Dinge vorkommen, die von einer weit ungewöhnlichern Art sind; ich hätte sonst meine Zeit recht schändlich verklittert, die ich aufs Schreiben eines so bändereichen Werks verwandte; und Sie, meine einsichtsvollen Freunde, könnten mit gleichem Nutzen und Vergnügen sich durch einige Seiten solcher Bücher hindurch lesen, welche gewisse drollige Autoren im spaßhaften Mute die Geschichte von England zu nennen beliebt haben.

Herr Alwerth war ein ganzes Vierteljahr abwesend und in London gewesen, wo er einige wesentliche Geschäfte gehabt hatte, von denen ich zwar nicht sagen kann, worin sie bestanden, auf ihre Wichtigkeit aber daraus schließe, daß sie ihn so lange von seinem Hause entfernt gehalten, da er es seit manchen Jahren auch nicht einen Monat lang verlassen hatte. Er kam des Abends ziemlich spät zu Hause, und nach einem kurzen Abendessen mit seiner Schwester begab er sich ermüdet nach seiner Kammer. Als er hier, zufolge einer Gewohnheit, wovon er sich durch nichts abwendig machen ließ, einige Minuten auf seinen Knieen zugebracht hatte, machte er sich fertig, ins Bett zu steigen, als er, beim Aufschlagen der Decke, zu seinem großen Erstaunen ein in grobe Leinwand gewickeltes Kind erblickte, welches zwischen seinen Betttüchern lag und sanft und ruhig schlief. Er stund eine Weile, verloren in Verwunderung über den Anblick; jedoch weil Gutherzigkeit allemal die Oberhand in seinen Gesinnungen hatte, fühlte er sich bald von Empfindungen [16] des Mitleids gegen das arme, kleine Geschöpf gerührt. Er zog also an der Schelle und gab Befehl, daß eine ältliche Hausjungfer sogleich aufstehn und zu ihm kommen sollte, und war unterdessen so vertieft im Anschauen der Schönheit der Unschuld, welche sich hier in den lebhaften Farben zeigte, womit Kindheit und Schlaf sie allemal darstellt, daß seine Gedanken zu sehr beschäftigt waren, um sich zu erinnern, daß er im bloßen Hemde dastünde, als die ehrbare Jungfer hereintrat. Sie hatte ihrem Herrn in der That Zeit genug gelassen, sich anzukleiden; denn aus Respekt für ihn und aus Achtung für den Wohlstand hatte sie viele Minuten hingebracht, ihr Haar vorm Spiegel in Ordnung zu bringen, ungeachtet der Hast, in der sie der Bediente gerufen hatte, und ungeachtet sie nicht wissen konnte, ob nicht ihr Herr am Schlage, oder sonst einem Zufalle in den letzten Zügen läge.

Man wird sich nicht darüber wundern, daß ein Geschöpf, das für seine eigne Person so streng auf den Wohlstand achtete, über die geringste Abweichung davon bei andern empfindlich wurde. Sie öffnete also nicht sobald die Thüre und sah ihren Herrn an der Seite des Bettes mit einem Leuchter in der Hand im bloßen Hemde stehen, als sie in der entsetzlichsten Bestürzung zurückfuhr und vielleicht gar in Ohnmacht gefallen wäre, hätte er sich jetzt nicht besonnen, daß er unangekleidet wäre, und ihrem Schrecken dadurch ein Ende gemacht, daß er ihr sagte, sie solle draußen warten, bis er sich in etwas Kleidung geworfen habe, und dadurch unfähig geworden, die reinen Augen der Jungfer Deborah Wilkins zu beleidigen, die, obgleich im zweiundfünfzigsten Jahre ihres Alters, aufs heiligste beteuerte: sie habe nie einen Mann anders, als gehörig bekleidet, gesehen. Spottvögel und profane Witzlinge lachen vielleicht über ihren ersten Schreck, mein ernsthafterer Leser aber, wenn er erwägt, daß es Nachtzeit war, da man sie aus ihrem Bette gerufen, und dazu die Umstände erwägt, worin sie ihren Herrn antraf, so wird er ihr Benehmen sehr rechtfertigen und billigen; es sei denn, daß die Klugheit, die, wie man annehmen muß, ein Mädchen von dem Alter, worin sich Jungfer Deborah befand, immer zu begleiten pflegt, seine Bewunderung ein wenig verringern möchte.

Als Jungfer Deborah wieder hereinkam, und von ihrem Herrn vernahm, wie er das kleine Kind gefunden hätte, da ward ihre Bestürzung viel größer als die seinige gewesen war; auch konnte sie sich nicht enthalten, mit ebenso großem Abscheu im Blick als Stimme auszurufen: »Lieber Herr, was ist nun anzufangen?« Herr Alwerth antwortete: sie müsse heute abend für das Kind sorgen, und morgen frühe wolle er Anstalt machen, daß es eine Amme bekäme. »Ja, Herr,« sagte sie, »und ich hoffe, Sie werden Ihren Gerichtsbefehl [17] hinausschicken, die Schlumpe von seiner Mutter beim Kopf zu nehmen (denn aus der Nachbarschaft muß sie sein), und 's soll mir 'ne Freude sein, zu erleben, daß sie nach'm Spinnhause kommt und 'n Staupbesen kriegt. Fürwahr, solche gottlose Nickels können nicht zu arg bestraft werden. Ihr erstes ist's nicht, das will ich wohl schwören, aus der Unverschämtheit, daß sie 's 'R Gnaden zusagen will«. »Mir es zusagen, Deborah?« antwortete Alwerth, »ich kann nicht glauben, daß sie einen solchen Vorsatz habe. Ich denke, sie hat bloß diese Methode gewählt, um ihr Kind zu versorgen; und wirklich freut es mich, daß sie nichts Schlimmeres gethan hat.« »Schlimmer's! Ich wüßt' nicht, was Schlimmer's wäre«! rief Deborah aus; »vor solche Sodomsbagage, als ihre Sünden vor honetter Männer Thür zu legen, und obschon's wohl 'R Gnaden Ihr eigen Unschuld wissen mög'n: so hat die Welt doch 'n bös Maul und manch ehrlich Mann hat schon leiden müssen, daß Kinder nach ihm heißen, wozu er gar nicht Vater war; und wenn der Herr fürs Kind was thun, so werden die Leute meinen, sie müßten's glauben. Ohnedem, warum woll'n 'R Gnaden für was sorgen, das der Armkasten vom Kirchspiel ernähren muß? Für meins Teils, wenn's 'n ehrlich Manns Kind wär', nun, ja! Aber so kann ich's, für meins Teils nicht übers Herz bringen, solche Bankerte anzufassen und's für meine Nebengeschöpfe zu achten. Fuh! wie's stinkt! 's riecht gar nicht nach'n Christen. Wenn 'ch so frei sein dürfte, meine Meinung zu sagen, so sollte man's in 'n Korb thun, und's hinschicken, und vor's Kirchenvorstehers Thür legen. 'S ist 'ne hübsche Nacht, nur 'n bischen regnig und windig; und wenn's tapfer eingewickelt wird und in 'n warmen Korb gelegt, so will'ch wohl doppelt gegen einfach wetten, oder 's lebt so lange bis man's morgen früh findet. Aber wenn's auch nicht thäte, so haben wir das Unsrige gethan, daß wir's ordentlich versorgt haben; und vielleicht ist's vor solche Kreaturen besser, wenn sie im Stande der Unschuld sterben, als daß sie aufwachsen und's der Mutter nachmachen, denn bessers ist doch nicht von 'n zu hoffen.«

In dieser Rede befanden sich einige Züge, die Herr Alwerth vielleicht nicht zum besten aufgenommen haben möchte, wenn er eben genau darauf gehört hätte; so aber war einer seiner Finger in ein Händchen des Kindes geraten, welches mit leisen Drücken seinen Beistand zu erflehen schien und ohne weiteres die Beredsamkeit der Jungfer Deborah vernichtet haben würde, wenn solche auch noch zehnmal mächtiger gewesen wäre. Jetzt gab er der Jungfer Deborah gemessenen Befehl, das Kind mitzunehmen nach ihrem eigenen Bette und eine Magd rufen zu lassen, die ihm Papp und Panade mache, wenn es erwache. Er befahl ebenfalls, daß [18] man für die erforderliche Kleidung morgen beizeiten besorgt sein und ihm das Kind selbst bringen sollte, sobald er aufstünde.

Jungfer Deborah hatte einen so hellen Verstand und so viel Respekt vor ihrem Herrn, unter dem sie eine vortrefflich einträgliche Stelle bekleidete, daß ihr Gewissen sich unter seine ernstlichen Befehle ganz willig beugte, das Kind ohne irgend einen scheinbaren Ekel an seiner unehlichen Geburt in die Arme nahm und unter der Beteurung, es sei doch eine kleine süße Krabbe, damit nach ihrer eigenen Schlafkammer zuwanderte.

Hierauf ergab sich Alwerth diesem erquickenden Schlummer, dessen ein Herz, das nach Wohlthun hungert, so ruhig genießen kann, wenn es satt ist. Da dieser Schlummer wohl süßer sein mag, als irgend ein andrer, den eine noch so reichliche Mahlzeit herbeilockt, so würde ich keine Mühe scheuen, ihn dem Leser zu beschreiben, wenn ich nur eine Luft wüßte, die ich ihm zur Erregung eines solchen Hungers empfehlen könnte.

Viertes Kapitel
Viertes Kapitel.

Der Leser wird durch eine Beschreibung in Gefahr gebracht, den Hals zu brechen; seine Rettung und die große Herablassung des gnädigen Fräuleins Brigitte von Alwerth.


Junker Alwerths Haus war das edelste Gebäu, was der gotische Stil hervorbringen konnte. Es herrschte darin ein air de Grandeur, welches einen mit stiller Ehrfurcht erfüllte und mit den Schönheiten der griechischen Architektur wetteiferte. Dabei war es ebenso bequem inwendig, als ehrwürdig auswendig.

Es stund an der Südostseite eines Hügels; aber näher zu nach dem Fuße als nach der Spitze, so daß es von der Nordostseite durch einen Hain von alten Eichen, die darüber in einer Strecke von mehr als tausend Ruten an dem Hügel hinauf hervorragten, bedeckt ward, und doch hoch genug stand, um daraus ein nahegelegenes, höchst reizendes Thal zu übersehen.

Mitten in dem Hain lag eine schöne grüne Wiese, die sich gegen das Haus heruntersenkte, in deren oberster Höhe sich ein ergiebiger Quell befand, der aus einem mit grünen Fichten bedeckten Felsen hervorsprudelte, einen beständigen, mehr als dreißig Fuß hohen Wasserfall machte, und nicht sowohl in einem regelmäßigen Guß von Stufen herabstürzte, als in einem natürlichen Falle über gebrochene und moosigte Steine herabrieselte, bis er an die Wurzel des Felsens gelangte; dann in einem kieseligen Kanal über geringe [19] Wehren sich fortschlängelte, bis er in einen See fiel, der am Fuß des Hügels ungefähr achthundert Fuß entfernt vom Hause nach Süden hin lag und aus jedem Zimmer der Fronte des Gebäudes gesehen werden konnte. Aus diesem See, der den Mittelpunkt einer reizenden, mit Gruppen von Birken und Ulmen und weidenden Schafen verschönerten Ebene füllte, floß ein Bach, dessen Krümmungen das Auge durch eine schön verwickelte Abwechslung von Wiesen und Gebüschen bis dahin folgen konnte, wo er sich ins Meer ergoß, wovon ein breiter Arm und eine jenseits gelegene Insel den Prospekt begrenzten.

Zur Rechten dieses Thales öffnete sich ein anderes von geringerer Breite, geziert mit verschiedenen Dörfern und eingeschlossen von einem der Türme einer alten verfallenen Abtei, welcher mit Eibisch bewachsen war, und von einem Teile der Front, die noch ganz dastand.

Die Szene zur Linken zeigte einen schönen Park von unebenem Grunde, der mit einer so großen Mannigfaltigkeit von Hügeln, Grasplätzen, Wäldchen und Gewässern abwechselte, als man es nur immer von dem vortrefflichsten Geschmacke eines Erbauers er warten kann, dessen Bescheidenheit es fühlt, daß die Kunst nur die Hebamme der Natur sein muß. Hinter diesen erhob sich der Boden allmählich zu einer Erhöhung von wilden Gebirgen, deren Spitzen bis über die Wolken hinausragten.

Es war jetzt um die Mitte des Monats Mai und der Morgen vorzüglich heiter, als Herr Alwerth hinaus auf die Terrasse ging, wo der werdende Tag von Minute zu Minute seinem Auge den Prospekt mehr beleuchtete, den wir vorhin beschrieben haben. Und nach vorausgesendeten Strömen Lichts, welche am blauen Firmament gleich einer Schar von Herolden heraufzogen, den folgenden Pomp anzukünden, erschien im vollen Glanze ihrer majestätischen Pracht die Sonne, über deren Herrlichkeit nur ein Wesen in dieser niedern Schöpfung den Vorzug haben konnte, und dieses stellte Herr Alwerth selbst vor; ein Mensch voll Mild' und Güte, begriffen im Nachsinnen, wie er sich seinem Schöpfer gefälliger machen und einen Mitgeschöpfen das meiste Gute erweisen könne.

Lieber Leser, vorgesehn! Unbedachtsamerweise habe ich Sie an Alwerths Höhe hinaufgeleitet und weiß nun nicht wie ich Sie wieder herunterbringen soll, ohne das Genick zu brechen. Doch wagen wir es miteinander herunterzuglitschen; denn Fräulein Brittjen zieht an ihrer Schelle und Herr Alwerth wird zum Frühstück gerufen, wobei ich zugegen sein muß, und wenn's Ihnen beliebt, soll mir Ihre Gesellschaft sehr angenehm sein.

Nachdem die gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen zwischen [20] Herrn Alwerth und Fräulein Brigitten vorüber und der Thee eingeschenkt worden, ließ er Jungfer Wilkens rufen und sagte seiner Schwester, er habe für sie ein Geschenk; wofür sie ihm dankte, weil sie wohl denken mochte, es wäre ein Kleid oder sonst ein Schmuck für ihre Person. In der That machte er ihr dergleichen Geschenke sehr oft, und sie, aus Gefälligkeit für ihn, verwandte viele Zeit darauf, sich zu putzen. Ich sage, aus Gefälligkeit für ihn, weil sie beständig die größeste Verachtung gegen den Kleiderputz und solche Frauenzimmer bezeigte, die daraus ihr Studium machten.

Allein, wenn ihre Erwartung darauf ging, wie sehr sah sie sich getäuscht, als Jungfer Wilkins, zufolge dem von ihrem Herrn erhaltenen Befehle, das kleine Kind zum Vorschein brachte. Starke Ueberraschungen, wie man bemerkt hat, machen gerne stumm; und das war Fräulein Brigitte so lang, bis ihr Bruder zu reden begann und ihr die ganze Begebenheit erzählte, welche wir aber nicht wiederholen, weil sie der Leser schon weiß.

Fräulein Brittjen hatte beständig für das, was die Damen Tugend zu nennen geruhen, eine so große Achtung geäußert, und sich selbst in ihrer eigenen Aufführung so streng bewiesen, daß man erwarten konnte, besonders die Wilkins, sie würde bei dieser Gelegenheit sich mit vieler Bitterkeit herausgelassen und dafür gestimmt haben, das Kind, als ein unreines Tier, alsofort aus dem Hause zu schaffen; es ergab sich aber gerade das Gegenteil; sie nahm die Sache vielmehr von der mildherzigen Seite, ließ einiges Mitleid mit dem armen hilflosen kleinen Geschöpfe blicken, und pries die Barmherzigkeit ihres Bruders in dem, was er gethan hatte.

Vielleicht setzt der Leser dies Betragen auf Rechnung der Nachgiebigkeit gegen Herrn Alwerth, wenn wir ihm berichtet haben, daß dieser gute Mann seine Erzählung damit geschlossen, daß er den Vorsatz gestand, für dieses Kind ebenso zu sorgen und es ebenso zu erziehen, als ob es sein eigenes wäre; denn die Wahrheit zu gestehen, sie war immer bereit, ihrem Bruder gefällig zu leben, und bestritt seine Meinung niemals, oder doch wenigstens nur höchst selten; zuweilen machte sie wohl freilich eine oder die andre Anmerkung, wie zum Beispiel: Mannspersonen wären doch immer starrköpfig und müßten ihren Willen haben; ihr Unglück sei's, daß sie nicht reich genug wäre, nach ihrem eigenen Gefallen zu leben; – aber so etwas sagte sie immer nur mit leiser Stimme und ging damit nie weiter, als höchstens zu dem, was manzwischen den Zähnen murmeln nennt.

Was sie unterdessen dem Kinde schenkte, das ließ sie die arme unbekannte Mutter im vollgerüttelten Maße entgelten, die sie eine [21] unverschämte Schlumpe, liederliche Vettel, Allmannsmetze, üppiges Nickel hieß, und ihr alle die Benennungen beilegte, womit tugendbegabte Zungen niemals ermangeln, solche Weiber und Mädchen zu stäupen, die ihrem Geschlechte eine Schande sind.

Nun ward eine Beratschlagung angestellt, wie man es machen sollte, die Mutter ausfindig zu machen. Erst ward eine Untersuchung über die Aufführung der Mägde im Hause angestellt, die aber Jungfer Wilkins alle für unschuldig erklärte, und zwar nicht ohne gute Gründe; denn sie selbst hatte sie ausgesucht, und, nebenher gesagt, möchte es vielleicht sehr schwer gewesen sein, ein solches zweites Nest von Vogelscheuchen zusammenzubringen.

Der nächste Schritt war, unter den Kirchspielkindern ein Examen anzustellen, und dieses ward Jungfer Wilkins aufgetragen, welche dies Examen besten Fleißes anstellen und des Nachmittags ihren Bericht erstatten sollte.

Nachdem die Sachen solchergestalt eingeleitet waren, begab sich Alwerth nach seiner Schreibstube, wie's seine Gewohnheit war, und ließ das Kind bei seiner Schwester, welche, auf sein Verlangen, es über sich genommen hatte, dafür zu sorgen.

Fünftes Kapitel
Fünftes Kapitel.

Enthält einige wenige Alltagsmaterien, nebst einer sehr seltenen Beobachtung darüber.


Als ihr Herr das Zimmer verlassen hatte, sagte Jungfer Wilkins keine Silbe und erwartete, daß Fräulein Brigitte ihr Stichwort brächte; denn auf das, was in Gegenwart ihres Herrn gesagt worden, baute kluge Hausjungfer nicht das geringste, weil sie oft erfahren hatte, daß die Gesinnung des Fräuleins in Gegenwart ihres Bruders gewaltig von demjenigen verschieden gewesen, was sie in seiner Abwesenheit hatte verlauten lassen. Fräulein Brittjen ließ sie indessen nicht lange in dieser zweifelhaften Lage schwanken; denn, nachdem sie einige Zeit das Kind, so wie es schlafend auf Jungfer Deborahs Schoße lag, ernsthaft angesehen hatte, konnte sich das gutmütige Fräulein nicht enthalten ihm einen herzlichen Kuß zu geben, und zugleich zu beteuren, sie habe ein außerordentliches Wohlgefallen an seiner Schönheit und Unschuld. Jungfer Deborah merkte dies nicht so bald, als sie mit ebenso warmem Entzücken zu küssen und zu drücken begann, wie wohl zuweilen eine Braut, in den Jahren des Verstandes, bei ihrem jugendlichen, flinken Bräutigam anwandelt, und rief dabei [22] mit kreischender Stimme: »O das teure, liebe Kindchen! das teure, süße, scharmante Knäbchen! Ja, das muß wahr sein, e'n so feines Bübchen ist's, als ihn nur ein Bildhauer malen kann.«

Diese Ausrufungen dauerten fort, bis sie vom Fräulein unterbrochen wurden, welche jetzt zur Ausführung des Auftrages schritt, den sie von ihrem Bruder erhalten hatte, und Befehl gab, alles Benötigte für das Kind zu besorgen, und ein sehr gutes Zimmer im Hause zur Kinderstube anwies. Ihre Verordnungen waren wirklich so mildgebig, daß sie nicht mehr hätte thun können, wär's auch ihr eigenes Kind gewesen. Doch, damit die tugendsamen Leserinnen sie nicht verdammen mögen, als habe sie die Sorgfalt für ein schandgebornes Kind zu weit getrieben, mit welchem Barmherzigkeit zu haben die Gesetze für Religionslosigkeit erklären: so halten wir es für schicklich, anzumerken, daß sie das Ganze mit folgenden Worten beschloß: »Weil es einmal so ihres Bruders Grille wäre, die Krabbe als sein eignes Kind zu halten, so müßte man das junge Herrchen ja wohl mit großer Zärtlichkeit behandeln; sie für ihr Teil könne nicht umhin, zu glauben, man gäbe dadurch der Liederlichkeit Vorschub; sie kenne den Steifsinn des Mannes aber zu gut, um sich seinen lächerlichen Einfällen zu widersetzen.«

Mit Betrachtungen dieses Schlages begleitete sie, wie wir bereits zu verstehen gegeben haben, jede nachgiebige Handlung gegen ihres Bruders Neigungen; und sicherlich konnte nichts mehr beitragen, das Verdienst ihrer Gefälligkeit zu erhöhen, als eine Erklärung, daß sie die Thorheit und Widersinnigkeit dieser Neigungen recht gut einsähe, denen sie sich unterwürfe. Schweigender Gehorsam zeigt keine Gewalt über den Willen, und kann eben daher leicht sein und ohne Kampf geleistet werden; wenn aber eine Ehefrau, ein Kind, eine Verwandte, ein Freund oder eine Freundin das, was wir begehren, mit Murren, mit Widerwillen, mit Aeußerungen von Mißvergnügen und Willenszwang verrichten, so muß die offenbare Schwierigkeit, womit sie ringen, den Wert ihrer Gefälligkeit um vieles erhöhen.

Und dies ist eine von den tiefen Beobachtungen, wozu, weil man sehr wenigen Lesern die Fähigkeit, sie für sich selbst zu machen, zutrauen darf, ich ihnen meinen Beistand zu leihen für gut befunden habe; indessen ist dies ein Liebesdienst, auf welchen man im Fortgange dieses Werkes sich nur sehr selten Rechnung machen darf. In der That werde ich dem Leser selten oder niemals diese Willfährigkeit erzeigen, es sei denn in solchen Fällen, wie dieser, wo nichts Geringeres, als die Inspiration, womit wir Schriftsteller begabt sind, unumgänglich nötig ist, um auf die wahre Entdeckung zu kommen.

Sechstes Kapitel
[23] Sechstes Kapitel.

Jungfer Deborah wird mit einem Gleichnis im Kirchspiele aufgeführt. Eine kurze Nachricht vonHannchen Jones und den Schwierigkeiten, welche junge Frauenzimmer von dem Streben nach Gelehrsamkeit abschrecken können.


Wie Jungfer Deborah mit der Einrichtung fürs Kind nach dem Willen ihres Herrn fertig war, schickte sie sich an, diejenigen Wohnungen zu besuchen, welche, nach aller Vermutung, seine Mutter verborgen hielten.

So, wenn der Habicht, der furchtbare Satrape, von der gefiederten Schar in ferner Höhe schwebend und über ihren Häuptern unglückdrohend entdeckt wird; die liebegirrende Taube, und jeder kleine unschuldige Vogel weit umher die Gefahr verkündigt und jeder zitternd zu seinem Schutzort flieht: Er schlägt mit stolzen Schwingen die Luft, sich selbst bewußt seiner hohen Würde, und sinnt auf zu verbreitendes Weh:

So flogen zitternd in ihre Häuser alle Bewohner des Orts, als Jungfer Deborah Ankunft auf den Gassen verkündet ward. Jede Matrone war voll Angst, der Besuch möchte ihr selbst zum Lose fallen. Hoch trägt sie ihr türmend Haupt, angefüllt mit Gedanken über ihre eignen Vorzugsrechte, und mit Entwürfen, wie sie sie bewirken will, die beabsichtigte Entdeckung.

Der scharfsichtige Leser beliebe wegen dieses Gleichnisses nicht sich einzubilden, als habe das arme Volk die geringste Ahnung von dem Vorsatze gehabt, mit welchem Jungfer Deborah jetzt zu ihnen kam; da aber die große Schönheit des Gleichnisses die nächsten hundert Jahre vielleicht schlafen möchte, bis ein künftiger Kommentator dies Werk einmal unter seine antiquarische Feder nimmt: so finde ich für gut, dem Leser an dieser Stelle ein wenig zu Hilfe zu kommen.

Mein Vorsatz also ist, anzudeuten, daß so, wie es in der Natur des Habichts liegt, kleine Vögel zu fressen, es in der Natur solcher Personen, als JungferDeborah Wilkins, liegt, geringere Leute zu mißhandeln und zu tyrannisieren. Hierin liegen die eigentlichen Mittel, durch welche sie sich wegen der kriechenden, sklavischen Gefälligkeit gegen Vornehmere schadlos zu halten suchen; denn nichts kann billiger sein, als daß Sklaven und Schmeichler von jedem Geringern eben den Tribut eintreiben, welchen sie selbst jedem Vornehmern zollen.

So oft Jungfer Deborah Anlaß gehabt, gegen Fräulein Brigitte eine außerordentliche Unterwürfigkeit zu üben, und dadurch ihre [24] natürliche Gemütsart ein wenig mehr versäuret hatte, so oft hatte sie die Gewohnheit, unter diese Leute zu gehen, um ihr Gemüt dadurch wieder zu klären, daß sie gleichsam seine Hefen abbrausen ließ und die Unreinigkeiten wegpurgierte; aus welcher Ursache sie dann ganz und gar kein willkommener Besuch war. Mit kurzem die Wahrheit zu sagen, sie ward durchgehends gehaßt und von allen gefürchtet.

Bei ihrer Ankunft in diesem Orte ging sie gradenweges nach der Wohnung einer ältlichen Matrone; diese, weil sie das Glück hatte, ihr im Punkte der Anmutigkeit ihrer Person sowohl, als am Alter zu ähneln, war von jeher in größern Gunsten bei ihr gestanden, als alle übrigen. Dieser Matrone teilte sie das mit, was sich begeben hatte, nebst der Absicht, in welcher sie diesen Morgen hergekommen war. Beide machten sich sogleich darüber her, die Konduitenlisten aller jungen Mädchen des Orts zu untersuchen, und hefteten endlich ihren stärksten Verdacht auf eine gewisse Hanna Jones, welche nach beider einstimmigen Meinung die wahrscheinlichste Person wäre, die die That begangen haben müßte.

Dieses Hannchen Jones war eben kein hübsches Mädchen, weder von Gesicht noch von Wuchs. Die Natur hatte aber diesen Mangel an Schönheit einigermaßen durch etwas ersetzt, welches gewöhnlich von solchen Damen, deren Urteil mit den Jahren zur völligen Reife gediehen ist, noch höher geschätzt wird; denn sie hatte ihr ein ungemeines Maß von Verstand geschenkt. Diese Bescherung hatte Hannchen um ein Großes durch Gelahrtheit erhöhet. Sie hatte verschiedene Jahre als Magd bei einem Schulmeister gedient, der, weil er an dem Mädchen eine große Lebhaftigkeit des Geistes und eine außerordentliche Lernbegierde entdeckt, (denn jede müßige Stunde fand man sie in den Schulbüchern lesen), die Gutheit oder Narrheit, wie es der Leser belieben will zu nennen, gehabt hatte, ihr insoweit Unterricht zu geben, daß sie eine ziemliche Fertigkeit in der lateinischen Sprache gewann, und vielleicht ebenso gelehrt war, als die meisten jungen Herrn vom Adel unserer Zeit. Dieser Vorzug war aber, wie fast alle von einer außerordentlichen Gattung, von einigen kleinen Unbequemlichkeiten begleitet. Denn, wie es nicht zu verwundern ist, daß ein so gelehrtes junges Frauenzimmer wenig Gefallen an der Gesellschaft solcher Personen finde, welche das Glück ihr zwar gleich, die Erziehung aber so weit unter sie herabgesetzt hat: so darf es auf der andern Seite auch eben nicht sehr befremden, daß dieser Vorzug an Hannchen, zusammengenommen mit dem Betragen, welches seine gewisse Folge ist, bei andern eine Art von Neid und Mißgunst erweckte; und diese hatten vielleicht [25] schon in den Busen ihrer Nachbarinnen die ganze Zeit über heimlich gelodert, da sie aus dem Dienste gegangen war.

Ihr Neid brach indessen nicht eher öffentlich aus, bis das arme Hannchen, zu jedermanns Erstaunen und zum Aerger aller jungen Weibsbilder dieser Gegend, an einem Sonntage öffentlich in einem seidenen Kleide, einem spitzen Kopfzeuge und andern dazu paßlichen Sachen Parade machte.

Die Flamme, welche vorher nur unter der Asche geglimmt hatte, brach nun aus; Hannchen hatte durch ihre Gelehrsamkeit ihre Eitelkeit vergrößert, und doch war keine von ihren Nachbarinnen so gütig, ihr die Ehrerweisung zur Nahrung zu bringen, die sie zu verlangen schien; und nun gewann sie durch ihr Staatmachen anstatt Respekt und Verehrung nichts anders als Haß und Mißhandlung. Das ganze Kirchspiel war der festen Meinung, solche Dinge könnte sie mit Ehren nicht haben; und Eltern, anstatt ihren Töchtern eben solche Sachen zu wünschen, wünschten sich selbst Glück, daß ihre Kinder so etwas nicht hätten.

Daher kam es vielleicht, daß die gute Frau den Namen des armen Mädchens der Jungfer Wilkins gleich zuerst nannte; es zeigte sich aber auch noch ein anderer Umstand, der die letzte in ihrem Argwohn bestärkte, denn Hannchen war seit kurzem sehr oft auf Junker Alwerths Hofe gewesen. Sie hatte dem Fräulein Brittjen in einer Unpäßlichkeit als Krankenwärterin gedient und hatte manche Nacht bei und mit ihr gewacht; und überdem noch hatte sie Jungfer Wilkins selbst noch genau am Tage der Heimkunft des Herrn Alwerth dort gesehen; obgleich diese scharfsichtige Haushälterin, was diesen Punkt anbelangte, anfangs gar keinen Verdacht auf sie gehabt hatte. »Denn,« wie sie selbst sagte, »sie hätte die Hanna beständig für 'n sehr eingezogenes Mädchen gehalten (ob sie gleich im Grunde wenig mit ihr zu schaffen gehabt hätte), und wäre mit ihr'm Verdachte viel eher auf eine von den andern Bankmagdalenen verfallen, die sich ich weiß nicht was dünken, weil sie sich, ei seht mir doch! für schön halten.«

Hannchen ward nun vorgefordert, vor der Jungfer Deborah coram zu erscheinen, welcher Einladung sie denn augenblicklich gehorsamte. Jungfer Deborah setzte sich denn da in die feierliche Ernsthaftigkeit eines Richters und begann mit etwas mehr als gewöhnlicher Richterstrenge ihre Anrede mit folgenden Worten: »Ihr verwegenes Mensch«, womit sie denn viel eher ein Urteil über den Gefangenen zu sprechen, als seine Anklage vorzubringen schien.

Obgleich Jungfer Deborah, aus den Ursachen, die der Leser bereits oben gesehen hat, von dem Verbrechen der armen Hannah [26] hinlänglich überzeugt war, so war's doch möglich, daß Herr Alwerth zu ihrer Ueberführung triftigere Beweise für nötig erachtet haben möchte; aber Hannchen ersparte ihren Anklägern alle dergleichen Mühe dadurch, daß sie die That, deren sie angeklagt ward, ganz freiwillig bekannte.

Dies Bekenntnis, obgleich es allem menschlichen Anscheine nach mit Ausdrücken der Reue gethan wurde, erweichte doch die Jungfer Wilkins nicht im geringsten; denn sie sprach ein zweites Urteil gegen sie in einer noch schimpflichern Rede als vorher; auch ging's dem armen Mädchen nicht besser mit allen Umherstehenden, deren Anzahl nach und nach sehr groß geworden war. Viele von ihnen riefen aus: »Sie hätten's wohl gedacht, worauf es mit dem seidenen Kleide der Dame hinauslaufen würde!« Andere sprachen sehr beißend über ihre Gelehrsamkeit. Nicht ein einziges weibliches Geschöpf war zugegen, das nicht auf eine oder die andere Art seinen Abscheu an der armen Hannah ausgedrückt hätte, welche alles ganz geduldig ertrug, ausgenommen die Bosheit eines Weibes, welche sich über ihre Person lustig machte und mit zurückgeworfener Nase sagte: »Nun wahrhaftig, den Mann mußte auch der Hunger sehr plagen, der für solch einen Bissen ein seidenes Kleid geben konnte.« Dieser antwortete Hannchen mit einer Bitterkeit, die eine kluge Person befremdet haben könnte, welche wahrgenommen hätte, mit welcher Gelassenheit Hannchen alle Beschimpfungen ihrer Keuschheit ertrug. Aber vielleicht hatte man ihre Geduld ermüdet, denn dies ist eine Tugend, die man durch Uebung leichter erschöpft als andere.

Nachdem Jungfer Deborah in ihren Verrichtungen glücklicher gewesen als sie hoffen konnte, kehrte sie mit vielem Triumph zurück und erstattete zu der bestimmten Stunde dem Herrn Alwerth einen getreuen Bericht, welcher dann über die Erzählung sehr verwundert ward; denn ihm waren die außerordentlichen Fähigkeiten und der ausgebildete Verstand des Mädchens bekannt geworden, die er deswegen willens gewesen an einen benachbarten Pfarrer zu verheiraten, indem er ihn mit einer besseren Stelle versorgt hätte. Sein Bedauern war also bei dieser Gelegenheit ebenso groß als das Vergnügen, welches Jungfer Wilkins bezeigte und das auch manchem Leser weit vernünftiger scheinen mag.

Fräulein Brigitta kreuzigte und segnete sich, indem sie sich vernehmen ließ: »hinfüro wollte sie von keiner Weibsperson mehr eine vorteilhafte Meinung hegen!« Denn Hannchen hatte gleichfalls das Glück gehabt, bei ihr sehr in Gnaden zu stehen.

Die kluge Hausjungfer ward abermals fortgeschickt, die unglückliche Sünderin dem Herrn Alwerth vorzuführen, um nicht sowohl wie einige hofften und alle erwarteten, nach einem Werk- oder Zuchthause [27] geschickt zu werden, als um einige heilsame Verweise und Ermahnungen zu empfangen, welche diejenigen, die eine solche Art von lehrreichen schriftlichen Aufsätzen lieben, im nächsten Kapitel lesen können.

Siebentes Kapitel
Siebentes Kapitel.

Voll solcher ernsthafter Materie, daß der Leser das ganze Kapitel hindurch nicht ein einziges Mal lachen kann, es sei denn, daß er über den Autor lachen wollte.


Als Hannchen vor Herrn Alwerth erschienen, nahm Herr Alwerth sie mit in seine Schreibstube und redete mit ihr folgendermaßen:

»Gutes Kind, Sie weiß es, als einer Magistratsperson steht es in meiner Macht, Sie für das was Sie gethan hat sehr strenge zu bestrafen, und Sie fürchtet vielleicht, daß ich mich dieser Gewalt um so eher bedienen werde, weil Sie gewissermaßen Ihre Sünde vor meine Thüre gelegt hat.

Doch das ist vielleicht eine von den Ursachen, die mich bewegen, mit Ihr auf eine mildere Art zu verfahren: denn da Privatrache niemals den geringsten Einfluß auf einen Richter haben soll, so will ich den Umstand, daß Sie ihr Kind in meinem Hause niedergelegt hat, so wenig als eine Vergrößerung Ihres Vergehens ansehen, daß ich vielmehr zu Ihrer Entschuldigung annehmen will, Sie habe dies aus natürlicher Liebe zu Ihrem Kinde gethan; weil Sie dabei einige Hoffnung haben konnte, es auf dieser Art besser versorgt zu sehen, als es Ihr selbst oder seinem gottlosen Vater möglich war. Ich würde in der That sehr auf Sie er zürnt gewesen sein, wenn Sie das kleine verlassene Geschöpf, nach Art der unnatürlichen Mütter, welche mit ihrer Keuschheit ihr mütterliches Gefühl zugleich verleugnet zu haben scheinen, weggelegt hätte. Dieserwegen will ich Ihr nur wegen des Teils Ihres Vergehens die nötigen Weisungen geben, welcher in der Verletzung Ihrer Keuschheit besteht. Ein Verbrechen, das so gering es auch von liederlichen Personen geachtet werden mag, schon an sich selbst sehr schändlich in seinen Folgen, aber sehr fürchterlich ist.

Die Schändlichkeit dieses Vergehens muß jedem Christen hinlänglich deutlich sein, um so mehr, da es den Gesetzen unserer Religion schnurstracks entgegen begangen wird und das ausdrückliche Gebot dessen übertritt, der diese Religion gründete. Und hier ist es nicht zu leugnen, daß seine Folgen mit Recht für fürchterlich angesehen werden können; denn was kann fürchterlicher sein, als [28] durch Uebertretung eines göttlichen Gebots Gottes Ungnade auf sich zu ziehen und zwar in einem Fall, wo die strengste Strafe ausdrücklich an das Gebot geheftet ist.

Doch diese Betrachtungen, so sehr ich besorgen muß, daß man ihrer zu wenig achte, sind so natürlich und auffallend, daß sie keiner besonderen Einschärfung bedürfen. Mag es also mit dieser kurzen Erinnerung genug sein, um Ihr eigenes Nachdenken über diese Materie zu erwecken; denn meine Absicht ist, Sie zur Reue zu bringen, nicht aber zur Verzweiflung zu treiben.

Es ergeben sich noch andere Folgen, die freilich nicht so fürchterlich und schrecklich sind, als diese; und welche doch, wenn man sie genau betrachtet, nach meiner Meinung alle Menschen, wenigstens aber Personen Ihres Geschlechts, von Begehung dieses Lasters abschrecken sollten.

Denn Ihr werdet dadurch ehrlos gemacht und gleich den ehemaligen Aussätzigen unter den Juden aus der menschlichen Gesellschaft verbannt. Wenigstens könnet Ihr keinen andern Umgang haben, als mit bösen Menschen, weil ehrsame Personen Euch in ihrer Gesellschaft nicht dulden.

Wenn Ihr eigenes Vermögen habt, so werdet Ihr dadurch unfähig gemacht, desselben auf eine angenehme Weise zu genießen. Habt Ihr keins, so werdet Ihr dadurch verhindert, welches zu erwerben, ja nur Euch Euren Unterhalt zu verschaffen; denn niemand von unbescholtener Ehre will Euch in sein Haus aufnehmen und so werdet Ihr oft von der Not selbst in einen Stand von Schande und Elend hineingezwungen, der sich unvermeidlicherweise mit dem Verderben beides, Leibes und der Seele, endigen muß.

Kann man irgend ein Vergnügen als einen Ersatz für diese Uebel ansehen? kann irgend eine Versuchung mit aller ihrer Sophisterei und Täuschung beredt genug sein, Euch zu einem so einfältigen Tausche zu bewegen? oder kann irgend ein Gelüsten des Fleisches Eure Vernunft dergestalt überwältigen und so völlig übertäuben und dadurch verhindern, daß Ihr nicht mit Schrecken und Abscheu vor einem Laster fliehet, dem solche Strafen auf dem Fuße folgen.

Wie niedrig und kriechend muß das Frauenzimmer denken, welches jene Würde der Seele und jenen anständigen Stolz nicht fühlt, ohne welchen wir des Namens menschlicher Geschöpfe nicht wert sind; die es ertragen kann, mit dem niedrigsten Tier in Einer Klasse zu stehen; die alles das, was groß und edel ist, ihren ganzen himmlischen Teil einem Gelüsten aufopfern kann, welches sie mit den niedrigsten Tieren der Schöpfung gemein hat! Denn Leidenschaft der Liebe wird doch sicherlich kein Weib als Entschuldigung[29] anführen wollen! Das hieße gestehen, daß sie sich bloß für eine Puppe und für ein Spielzeug der Männer achtete. Liebe, in so barbarischem Sinne wir auch immer die Meinung dieses Wortes nehmen mögen, ist an und für sich eine vernünftige und löbliche Leidenschaft und kann niemals ohne gegenseitig zu sein, gewaltthätig werden. Denn obgleich die Schrift uns gebietet, unsere Feinde zu lieben, so versteht sie darunter doch nicht jene innige Liebe, die wir natürlicherweise gegen unsere Freunde hegen; viel weniger daß wir ihnen unser Leben und, was uns noch teurer sein muß, unsere Unschuld aufopfern sollen. In was für einem Licht kann nun ein vernünftiges Frauenzimmer den Mann betrachten, welcher in sie dringt, alles das Elend, was ich oben beschrieben habe, ihm zu Gefallen über sich zu ziehen und ihm also auf ihre zu große Unkosten ein kurzes, gemeines und verächtliches Vergnügen zu erkaufen? kann Sie ihn anders betrachten als ihren Feind? Denn nach den Gesetzen der Gewohnheit fällt die ganze Schande nebst allen ihren fürchterlichen Folgen allein auf die weibliche Seite. Kann Liebe, welche allemal das Beste des geliebten Gegenstandes sucht, ein Frauenzimmer zu einem Handel verleiten wollen, der so völlig zu ihrem Nachteile ist? Wenn ein solcher Verführer also so unverschämt sein sollte, eine wirkliche Liebe zu ihr vorzugeben, sollte das Frauenzimmer ihn nicht billig nicht nur als einen Feind, sondern als den ärgsten aller ihrer Feinde, für einen falschen, ränkevollen, betrügerischen Heuchelfreund ansehen, der nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Verstand zu verführen und zu verderben trachtet?«

Hier zeigte Hannchen große Reue und Herr Alwerth, nachdem er einige Minuten stillgeschwiegen fuhr folgendergestalt fort:

»Ich habe Ihr dies sagen wollen, gutes Kind, nicht um Ihr das, was geschehen, unwiderruflich geschehen ist, vorzurücken, sondern Sie auf die Zukunft zu warnen und zu stärken. Und auch diese Mühe würde ich mir nicht gegeben haben, wenn ich nicht einigermaßen eine gute Meinung von Ihrem Verstande hätte, ungeachtet des fürchterlichen Fehltritts, den sie begangen hat; und wenn ich nicht einige Hoffnung zu Ihrer herzlichen Reue hätte, die ich auf die Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit Ihres Geständnisses gründe. Wenn ich mich darin nicht irre, so will ich sorgen, Ihr von dieser Schaubühne Ihrer Schande weg und an einen Ort zu verhelfen, wo Sie als unbekannt die Strafe vermeiden kann, welche, wie ich gesagt habe, auf Ihr Verbrechen in dieser Welt folgt; und ich hoffe, durch aufrichtige Reue werde Sie das viel drückendere Urteil von sich ablehnen, was darüber für jene Welt verkündigt ist. Führe Sie sich in Zukunft gut auf, Kind, so soll Sie kein Mangel wieder [30] auf eben die Abwege verleiten; und glaube Sie mir, schon in dieser Welt ist mehr Freude bei einem unschuldigen und tugendhaften Wandel als bei einem liederlichen und lasterhaften Leben.«

»Was Ihr Kind betrifft, so laß Sie sich darüber keinen Gedanken beunruhigen; ich will dafür auf eine bessere Weise sorgen, als Sie nur hoffen kann. Und nun bleibt nichts weiter übrig, als daß Sie mir bekenne: wie der böse Mann heißt, der Sie verführt hat? Denn mein Unwille gegen diesen wird weit größer sein, als Sie bei dieser Gelegenheit gegen sich selbst erfahren hat.«

Hier erst hub Hannchen die Augen von der Erde in die Höhe und begann mit bescheidenem Blick und ehrerbietiger Stimme wie folgt:

»Sie zu kennen, bester Herr Alwerth, und ihre menschenfreundliche Güte nicht zu lieben, wäre ein Beweis von gänzlichem Mangel an Verstand und Güte des Herzens bei jedermann. Bei mir aber würde es die höchste Stufe von Undankbarkeit anzeigen, wenn ich von dem hohen Grade der Güte, welche Sie bei dieser Gelegenheit auszuüben geruhet haben, mich nicht tief im Innersten meines Herzens gerührt fände. Ich weiß, Sie ersparen mir die Schamröte, Ihnen meine Reue über das Vergangene nochmals zu wiederholen. Meine künftige Aufführung wird meinen Vorsatz viel besser zu Tage legen, als alle meine Versprechungen, die ich hier thun könnte. Erlauben Sie mir, gnädiger Herr, Sie zu versichern, daß mir Ihre Vermahnung tiefer ans Herz gegangen ist, als das großmütige Erbieten, womit Sie solche beschlossen haben. Denn, wie Sie zu sagen belieben, sie ist ein Beweis, daß Sie von meinem Verstande eine gute Meinung haben.« –

Hier hielt sie ein paar Minuten inne, weil ihre Thränen häufig herabrollten und fuhr dann weiter fort:

»Wirklich, gnädiger Herr, Ihre Güte überwältigt mich; aber ich will streben, diese gütige Meinung zu verdienen; denn wenn ich den Verstand besitze, den Sie so gütig sind, mir zuzutrauen, so können solche Warnungen bei mir nicht verloren gehen. Ich dank' Ihnen herzlichst, gnädiger Herr, für Ihren gefaßten liebreichen Vorsatz zu gunsten meines armen hilflosen Kindes; es ist unschuldig und ich hoffe, es soll lange genug leben, um sich für alle die Wohlthaten, die es von Ihnen empfangen wird, dankbar zu erzeigen. Aber nun, gnädiger Herr, muß ich Sie auf meinen Knien anflehen, verschonen Sie mich mit dem Befehl, Ihnen den Vater meines Kindes zu nennen. Ich verspreche heilig, Sie sollen ihn eines Tages erfahren. Ich bin aber unter den feierlichsten Zusagungen und Versprechungen der Ehe und den heiligsten Eiden und Gelübden der Religion gebunden, seinen Namen, für jetzt noch, [31] zu verschweigen, und Ihre Gesinnungen sind mir zu wohl bekannt, als daß ich besorgen könnte, Sie wollten von mir verlangen, ich solle meine Ehre oder meine Religion aus den Augen setzen.«

Herr Alwerth, dem die geringste Erwähnung dieser heiligen Worte schon hinlänglich war, um höchst bedächtlich zu verfahren, besann sich einen Augenblick, ehe er antwortete, und dann sagte er zu ihr: sie habe unrecht gethan, gegen einen schlechten Menschen solche Gelübde einzugehen. Da es aber geschehen, könne er nicht drauf dringen, daß sie wortbrüchig werden sollte.

Er sagte, es sei nicht aus persönlicher Neugierde, daß er nach ihm gefragt habe, sondern um den Kerl zu strafen; wenigstens, damit er nicht unwissenderweise solchen Leuten Wohlthaten zufließen ließe, die es nicht verdienten.

Was diese Punkte betreffe, so beruhigte ihn Hannchen durch die feierlichsten Beteuerungen, der Mann sei ganz und gar außer seinem Wirkungskreise und so wenig seiner Macht unterworfen, als er, nach aller Wahrscheinlichkeit, jemals der Gegenstand seiner Mildthätigkeit werden würde.

Hannchen hatte sich durch ihr treuherziges Betragen bei diesem würdigen Manne so viel Zutrauen erworben, daß er ihr ganz willig glaubte, was sie ihm sagte; denn da sie die Niederträchtigkeit verachtet hatte, sich selbst durch eine Lüge zu entschuldigen, und in ihrer gegenwärtigen Lage lieber sein ferneres Mißfallen auf sich laden, als ihrer Ehre und Zusage dadurch untreu werden wollte, daß sie einen andern verriete, so besorgte er sehr wenig, daß sie sich gegen ihn einer Falschheit schuldig machen würde.

Er entließ sie also mit der Versicherung, er würde sie bald von dem Orte entfernen, wo sie so viele Zungen wider sich gereizt hätte, und beschloß mit noch einigen hinzugefügten Vermahnungen, in welchen er Reue und Besserung empfahl, und sagte: »Bedenke Sie wohl, Kind, dort oben ist noch einer, dessen Gnade Sie sich noch wieder zu erbitten hat, und dessen Wohlwollen für Sie weit wichtiger ist, als das meinige.«

Achtes Kapitel
Achtes Kapitel.

Dialog zwischen Mesdames Brigitta und Deborah; der zwar unterhaltender, aber nicht so lehrreich ist als der vorige.


Als Herr Alwerth sich mit Hannchen Jones nach seinem Arbeitszimmer verfügt hatte, wie wir oben gesehen haben, begab sich Fräulein Brittjen mit der guten Haushälterin auf einen Posten, [32] der zunächst an besagtes Studierzimmer stieß, woselbst sie, vermittelst eines Schlüsselloches, die lehrreiche Vermahnung des Herrn Alwerth zugleich mit Hannchens Antworten in ihre Ohren fließen ließen, und wirklich sich von allem, was im vorigen Kapitel vorkommt, aufs genaueste unterrichteten.

Dieses Loch in der Thüre des Studierzimmers ihres Bruders war Fräulein Brittjen ebenso gut bekannt, und von ebenso öfterem Gebrauche, als vor alten Zeiten das berüchtigte Loch in der Mauer der Thisbe. Dies hatte so seinen mancherlei guten Nutzen: denn auf diese Weise ward Fräulein Brittjen oft mit ihres Bruders Wünschen bekannt, ohne ihm die Mühe zu machen, ihr solche erst zu sagen. Wahr ist's, diese Vertraulichkeit hatte auch ihr Unangenehmes, und sie hatte bisweilen Ursache, mit der Thisbe beim Shakespeare auszurufen: »O böse, böse Mauer!« Denn da Herr Alwerth ein Friedensrichter war, so kamen in den Verhören über uneheliche Geburten und dergleichen zuweilen gewisse Dinge vor, die etwas sehr Beleidigendes für keusche jungfräuliche Ohren an sich haben, besonders wenn die Jungfrauen das Alter von vierzig erreichen, wie es der Fall mit Fräulein Brittjen war. Indessen hatte sie bei solchen Gelegenheiten den Vorteil, ihr Erröten vor den Augen der Männer zu verbergen, und De non apparentibus et non existentibus eadem est ratio. Auf deutsch: Wenn man ein Frauenzimmer nicht erröten sieht, so ist's so gut, als ob sie gar nicht errötet.

Beide zarte Jungfrauen beobachteten ein genaues Stillschweigen während des ganzen Auftritts zwischen Herrn Alwerth und der armen Sünderin; sobald er aber geendigt und der Inquisitor so weit entfernt war, daß er nichts mehr hören konnte, gab Jungfer Deborah dem Drange ihres Herzens Raum und ergoß sich in Ausrufung über die gütige Nachsicht ihres Herrn und besonders darüber, daß er das Mädchen durchwischen lassen, ohne den Namen des Kindes Vaters zu nennen, den sie, wie sie mit einem Eide beteuerte, heraus haben wollte, noch ehe die Sonne zur Ruhe ginge.

Bei diesen Worten entfaltete Fräulein Brigitta ihre Gesichtszüge in ein Lächeln (bei ihr eine sehr ungewöhnliche Sache); nicht daß ich wollte, mein Leser solle sich einbilden, es sei dies eins von jenen mutwilligen Lächeln gewesen, wovon sie Homer glauben machen will, es käme von der Venus her, wenn er diese die lächelliebende Göttin nennt; auch war es keins von jenen Lächeln, welche Ihro Gnaden Seraphina aus ihrer Loge im Schauspielhause umherwirft, und wofür Venus ihre Unsterblichkeit hingeben würde, wenn sie es nachmachen könnte. Nein! es war vielmehr eins von jenen Lächeln, wovon man glauben könnte, es sei von den grübchenvollen [33] Wangen der majestätischen Tysiphone oder von ihren gnädigen Fräulein Schwestern entlehnt.

Mit solch einem Lächeln also und mit einer Stimme süß melodisch wie ein Abendhauch des Boreas im angenehmen Monat November, verwies gar glimpflich Fräulein Brigitte der Jungfer Deborah ihre Neugierde; ein Fehler, der, wie es scheint, der letztern zu sehr anklebte, und welchen die erste mit großer Bitterkeit tadelte und hinzusetzte: sie danke dem Himmel, daß bei allen ihren Fehlern, ihre Feinde selbst sie nicht bezüchtigen könnten, daß sie sich in anderer Leute Sache mische und naseweis wäre.

Darauf fuhr sie fort, die Ehrlichkeit und den Mut zu loben, mit welchem Hannchen gesprochen hatte. Sie sagte: sie könne nicht umhin, mit ihrem Bruder dafür zu halten, es läge etwas Verdienstliches in der Aufrichtigkeit ihres Bekenntnisses und in der Treue des Worthaltens gegen ihren Liebhaber. Sie habe solche beständig für ein sehr gutes Mädchen gehalten und zweifle nicht, sie müsse durch irgend einen Schurken verführt worden sein, der unendlich viel strafbarer wäre, als das Mädchen, und der sie höchst vermutlich durch ein Eheversprechen oder ein anderes dergleichen heimtückisches Verfahren zu seinem Willen verleitet habe. Dies Betragen des Fräuleins machte Jungfer Deborah höchst bestürzt; denn dies wohlerzogene Frauenzimmer öffnete selten ihre Lippen, weder gegen ihren Herrn noch seine Schwester, sie habe denn vorher ihre Meinung ergründet, mit welcher dann ihre Aeußerungen allemal völlig übereinstimmend waren. Hier hatte sie indessen gedacht könne sie mit Sicherheit den ersten Ton angeben; und der scharfsinnige Leser wird sie vermutlich nicht dabei eines Mangels an entsprechender Vorsicht beschuldigen, sondern vielmehr bewundern, mit welch unglaublicher Schnelligkeit sie den Ton veränderte, als sie merkte, sie habe nicht die rechte Modulation getroffen.

»Nein, gnädiges Fräulein,« sagte dieses geschickte und wirklich sehr staatskundige Frauenzimmer, »das muß ich gestehen, ich kann den Mut des Mädchens nicht genug bewundern, so wenig als 'R Gnaden, und wie 'R Gnaden sagen, wenn sie betrogen ist, von 'm Schurken von Kerl, so muß man das arme Mensch bedauern; und gewiß genug, wie 'R Gnaden sagen, das Mädchen hat mir immer geschienen wie ein gut, ehrlich, bescheiden Mädel, und nicht breitthuerisch mit ihrem Gesicht wie wohl andre schnippsche Flirtgen in unsrer Nachbarschaft.«

»Sie hat recht, Deborah,« sagte Fräulein Brigitte, »wäre das Mädchen eins von den eiteln Schlumpen gewesen, deren wir nur zu viel im Kirchspiel haben, so hätt' ich meinen Bruder wegen seiner Gelindigkeit gegen sie selbst getadelt. Ich sah neulich zwei Pachterstöchter [34] in der Kirche mit bloßem Busen; gewiß, ich ärgerte mich erschrecklich darüber! Wenn die Menscher Lockspeise für die Kerls auswerfen, so mögen sie auch wieder leiden, was recht ist. Solche Kreaturen hass' ich; und es wäre viel besser für sie gewesen, wenn die Blattern ihnen dicke Säume ins Gesicht genähet hätten. Aber das muß ich bekennen, an Hannchen hab' ich niemals ein solches üppiges Betragen wahrgenommen. Ich bin überzeugt, ein listiger Schuft muß sie betrogen haben, vielleicht hat er gar Gewalt gebraucht, und ich bedaure das arme Mädchen von ganzem Herzen!«

Jungfer Deborah gab allen diesen Meinungen Beifall, und der Dialog endigte mit allgemeinem und bitterem Schmälen auf Schönheit und mit mitleidsvollem Bedauern aller ehrlichen bescheidenen Mädchen, welche durch die gottlosen Künste ränkevoller Mannspersonen verführt werden.

Neuntes Kapitel
Neuntes Kapitel.

Enthält Materien, welche des Lesers Erstaunen erregen werden.


Hannchen ging wieder nach Hause, ganz vergnügt über die Aufnahme, die ihr von Herrn Alwerth widerfahren war, dessen ihr erwiesene Güte sie mit bestem Fleiß öffentlich bekannt machte; teils vielleicht als ein Opfer, das sie ihrer eigenen Eitelkeit brachte, und teils aus der klüglichern Absicht, ihre Nachbarn mit sich auszusöhnen und ihr Gerede zum Schweigen zu bringen.

Allein obgleich diese letztere Absicht, wenn sie solche wirklich hatte, vernünftig genug scheinen mag, so entsprach doch der Erfolg keineswegs ihrer Erwartung; denn obgleich, als sie vor den Friedensrichter geladen ward, die allgemeine Vermutung dahin ging, sie würde nach einem Zucht- oder Spinnhause wandern müssen; – und einige junge Dirnen ausriefen: »das wär' ihr schon recht!« und sich mit dem Gedanken kitzelten, wie es Hannchen lassen würde, wenn sie in einem seidnen Kleide Hanf klopfte; – so gab's doch viele, welche anfingen, ihren Zustand zu bedauern: als es aber bekannt wurde, auf was Weise Herr Alwerth die Sache aufgenommen hatte, da kehrte sich das Gerede durchaus gegen sie. Die eine sagte: »ja, ja, Mamsell hat von Glück zu sagen, wahrhaftig!« Eine zweite schrie: »da sieht man's! Gunst geht über Kunst!« Und eine dritte: »ja, das kommt von ihrer Gelehrsamkeit!« Jedermann machte diese oder jene hämische Anmerkung, und alle stichelten auf die Parteilichkeit des Richters.

[35] Das Betragen dieser Leute mag dem Leser unbesonnen und undankbar scheinen, wenn er an die Gewalt und Wohlthätigkeit des Herrn Alwerths denkt; allein, was seine Gewalt betrifft, so bediente er sich derselben niemals; und seine Wohlthätigkeit die übte er dermaßen, daß er dadurch alle seine Nachbarn gegen sich aufbrachte: denn es ist ein allen großen Männern wohlbekanntes Geheimnis, daß sie durch erwiesene Dienstleistung nicht immer einen Freund gewinnen, aber gewiß sich manche Feinde machen.

Indessen ward Hannchen durch die Vorsorge und Güte des Herrn Alwerth an einen Ort geführt, wo sie die bösen Zungen nicht weiter erreichen konnten; und als die Bosheit ihre Wut nicht länger an Hannchen auslassen konnte, fing sie an, einen andern Gegenstand ihrer Verleumdung zu suchen, und dies war kein geringerer, als Herr Alwerth selbst; denn es ging bald ein Geflüster umher, daß er selber der Vater des Findlings sei. Diese Mutmaßung vertrug sich nach der allgemeinen Meinung so wohl mit seinem Betragen, daß sie durchgängig Beifall fand; und das Geschrei gegen seine Sanftmut begann eine andere Wendung zu nehmen und verwandelte sich in Beschuldigung und Beschwerden über die Grausamkeit gegen die arme Dirne. Sehr ernsthafte gute Weiber schmälten auf solche Männer, welche erst Kinder zeugten und sie dann verleugneten. Auch fehlte es nicht an einigen, welche nach Hannchens Abreise zu verstehen gaben, sie wäre hinweggedräuet worden aus einer Absicht, die zu schwarz wäre, um sie zu nennen; und diese ließen sich nicht selten verlauten, die ganze Sache wäre einer richterlichen Untersuchung wohl wert, und gewisse Leute sollten mit Gewalt angehalten werden, das Mädchen wieder ans Tageslicht zu bringen.

Diese Verleumdungen hätten vermutlich für eine Person von einem zweideutigern und verdächtigern Charakter als Herrn Alwerth seiner war, böse Folgen hervorbringen können, (wenigstens würden sie Unruhen und Mißvergnügen veranlaßt haben) allein in diesem Falle thaten sie keine solche Wirkung; und weil er sie herzlich verachtete, so dienten sie bloß zum unschuldigen Zeitvertreib für die guten Plauderschwestern in der Nachbarschaft.

Da wir indessen nicht wohl zu erraten vermögen, von was für einer Gemütsfarbe unser Leser ist, und da einige Zeit darüber hingehen wird, bevor wir etwas weiter von Hannchen zu hören bekommen, so halten wir für ratsam, ihm hier so geschwind als möglich die Anzeige zu thun, daß Herr Alwerth, wie sich in der Folge weiter zeigen wird, nicht der geringsten strafbaren Absicht schuldig war. Er hatte in der That nichts weiter als einen politischen Irrtum begangen, da er Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit milderte und sich[36] nicht entschließen konnte, die gutherzige Neigung des Pöbels 1 zu befriedigen, indem er ihnen in Hannchens Person einen Gegenstand verschaffte, an dem sie ihr Mitleid üben könnten; denn um sie bedauern zu können, hätte dieser gutherzige Pöbel gewünscht, sie wäre nach dem Werkhause geschickt und solchergestalt durch eine schimpfliche Strafe in äußerste Not, Schande und Elend versetzt worden. Entfernt also, sich dieser Neigung zu fügen, wodurch alle Hoffnung der Besserung vernichtet und ihr selbst die Thüren verschlossen geworden, wenn ihre eigene Neigung sie nachher wieder auf den Pfad der Tugend leiten wollen, war Herr Alwerth vielmehr bedacht, das Mädchen durch die einzig möglichen Mittel zu dieser Rückkehr zu ermuntern. Denn ich fürchte, es sei nur allzu wahr, daß manches Weibsbild gerade dadurch in Liederlichkeit geraten und zur tiefsten Stufe des Lasters herabgesunken ist, weil sie ihren ersten Fehltritt zu verbessern unfähig war. Dies wird, fürcht' ich, allemal der Fall sein, solange solche unglückliche Personen unter ihren vorigen Bekannten bleiben. Von Herrn Alwerth war es deshalb sehr weise gethan, daß er Hannchen nach einem Orte schaffte, wo sie das Vergnügen eines guten Leumunds genießen konnte, nachdem sie die kränkenden Folgen seines Verlustes gekostet hatte.

Nach diesem Orte (mag sein, welcher er will) wollen wir ihr eine glückliche Reise wünschen, und für jetzt sowohl von ihr als dem kleinen Findling, ihrem Kinde, Abschied nehmen, weil wir dem Leser Sachen von größerer Wichtigkeit mitzuteilen haben.

Fußnoten

1 So oft dies Wort in unsern Schriften vorkommt, bezeichnet es Personen ohne Tugend und Verstand unter allen Ständen, und zuweilen werden dadurch viele vom höchsten Range gemeint.

Zehntes Kapitel
Zehntes Kapitel.

Alwerths Gastfreundschaft; nebst einem kurzen Entwurf des Charakters zweier Brüder, eines Geistlichen und eines Offiziers, welche Alwerths Gastfreunde waren.


Alwerths Haus, so wenig als sein Herz, waren vor irgend einem Teile der Menschenkinder verschlossen; besonders aber standen sie Männern von Verdiensten offen. Die Wahrheit zu sagen, war dieses das einzige Haus im Königreiche, wo man bloß deswegen eine Mahlzeit zu genießen hatte, weil man solcher wert war.

Vor allen andern teilten Männer von Talenten und Gelehrsamkeit den vornehmsten Platz in seiner Zuneigung; und auf diese [37] verstand er sich sehr gut: denn, ob er gleich nicht den Vorteil einer gelehrten Erziehung genossen hatte, so waren doch seine natürlichen Fähigkeiten genügend, durch eine ununterbrochene obgleich späte Anstrengung und durch häufigen Umgang mit den ausgezeichnetsten Gelehrten es dahin zu bringen, daß er in den meisten Zweigen der Litteratur als ein zulässiger Richter erkannt werden konnte.

Kein Wunder ist es, daß zu einer Zeit, wo diese Art von Verdienst so wenig nach der Mode ist und wo so wenig Rücksicht darauf genommen wird, Männer, die es besitzen, sich so pferchgierig nach einem Orte drängen, wo sie sicher sind, mit so vielem Wohlgefallen aufgenommen zu werden; wo sie wirklich fast eben die Bequemlichkeiten einer wohlhabenden Wirtschaft genießen können, als ob sie ein unstreitiges Erbschaftsrecht darauf hätten: denn Herr Alwerth war keineswegs einer von diesen großmütigen Personen, welche bereit und willig sind, Männer von Witz und Gelehrsamkeit aus höchster Milde mit Essen, Trinken und Wohnung zu belehnen, und dagegen keine andere Gegenleistung fordern als Unterhaltung, Unterricht, Schmeichelei und Unterthänigkeit; oder kurz, daß besagte Männer die Zahl der Diener des Hauses vermehren ohne die Livree ihres Herrn zu tragen und ohne von ihm Jahrlohn zu bekommen.

In diesem Hause war vielmehr jeder Fremde oder Besuchende völlig Herr seiner Zeit, und so wie er alle seine Wünsche befriedigen konnte, die nicht von den Gesetzen der Tugend und Religion verboten waren, so konnt' er auch, sobald es seine Gesundheit erforderte oder wenn ihn seine Neigung zur Mäßigkeit oder gar zur Enthaltsamkeit antrieb, von jeder Mahlzeit wegbleiben oder solche verlassen, wenn ihm dazu die Lust ankam, ohne mit Nötigen geplagt zu werden: denn in der That hat das Nötigen der Vornehmen beständig einen starken Anstrich von Befehlen. Hier hingegen war jedermann vor dieser groben Höflichkeit sicher, nicht nur diejenigen, deren Gesellschaft auch an allen andern Orten wegen Gleichheit der Glücksumstände für Ehre und Gefälligkeit geachtet wird, sondern selbst jene, welche wegen ihrer dürftigen Umstände solche Häuser gern als milde Stiftungen benutzen, und welche an den Tafeln großer Herren eben deswegen weniger willkommen sind, weil gerade sie solcher bedürfen.

Unter andern von dieser Gattung war Doktor Blifil, ein Mann, der das Unglück gehabt hatte, durch den Eigensinn seines Vaters die Vorteile großer Geistesgaben zu verlieren, weil er ihn zu einer Profession erziehen wollte, wozu er keine Lust hatte. Aus Gehorsam gegen diesen Eigensinn war der Doktor in seiner Jugend genötiget gewesen, die Arzneikunde zu studieren, oder um besser zu sagen, sollte er sie noch studieren; denn in der That waren Bücher [38] in diesem Fache beinahe die einzigen, mit denen er unbekannt war; und zum Unglück für ihn war der Doktor Meister in fast jeder andern Wissenschaft, nur nicht in der, mit welcher er sein Brot verdienen sollte; wovon dann die Folge war, daß der Doktor in seinem vierzigjährigen Alter kein Brot zu essen hatte.

Ein solcher Mann wie dieser war sicher, eine freundliche Aufnahme an Herrn Alwerths Tafel zu finden, welcher Unglück allemal für eine Empfehlung hielt, wofern nur die Person sich solches nicht selbst zugezogen hatte, sondern durch die Thorheit oder Bosheit anderer litt. Neben diesem negativen Verdienste hatte der Doktor auch eine positive Empfehlung: diese war ein großer Anschein von Religion. Ob diese Religion wirklich war, oder nur im Schein bestand, das getrau' ich mir nicht zu sagen, weil ich keinen Probierstein besitze, womit ich die wahre von der falschen unterscheiden könnte.

Wenn dieser Zug in Doktor Blifils Charakter Herrn Alwerth gefiel, so entzückte er Fräulein Brigitta. Sie ließ sich in manchen Religionsstreit mit ihm ein, bei welchen Gelegenheiten sie beständig eine große Zufriedenheit über des Doktors Gelehrsamkeit äußerte, und keine viel geringere über die Komplimente, die er ihr öfters über ihre eigene machte. Die Wahrheit zu sagen, so hatte sie viel theologische Bücher in ihrer Muttersprache gelesen und mehr als einem benachbarten Pfarrer was zu schaffen gemacht. In der That war ihre gesellschaftliche Unterhaltung so rein, ihr Blick so unschuldig, und ihr ganzes Betragen so feierlich und ernsthaft, daß sie den Geruch der Heiligkeit ebensogut verdiente, als jene, von der sie den Namen führte, oder als irgend eine Heilige im römischen Kalender.

So wie Sympathien aller Art gerne Liebe gebären, so lehrt uns auch die Erfahrung, daß keine unter allen so geradezu auf diese Erzeugung hinwirkt, als Sympathien von religiöser Art zwischen Personen von verschiedenem Geschlechte. Der Doktor fand, er sei dem Fräulein Brittjen so angenehm, daß er jetzt anfing, einen unglücklichen Zufall, der ihm vor ungefähr zehn Jahren begegnet war, zu beklagen; nämlich seine Heirat mit einer andern Frau, die nicht nur noch wirklich am Leben, sondern was noch schlimmer, dem Herrn Alwerth als noch lebend bekannt war. Dies war ein verwünschter Riegel gegen die Glückseligkeit, welche er sonst bei dieser jungen Dame zu erlangen hinlängliche Wahrscheinlichkeit sah; denn was sträfliche Lüste und Begierden anbelangt, die stiegen gewiß nicht bei ihm auf. Und dies war entweder die Wirkung seiner Religion, wie sehr wahrscheinlich ist, oder der Reinheit seiner Leidenschaft, welche auf solche Dinge gerichtet war, wozu ihm allein der [39] Ehestand und keineswegs ein strafbares Liebesverständnis verhelfen oder ein Recht geben konnte.

Er hatte nicht lange über diese Sache nachgegrübelt, als er sich erinnerte, daß er einen Bruder habe, dem diese böse Unfähigkeit nicht anklebte. Er zweifelte nicht, es würde diesem Bruder glücken; denn er glaubte zu bemerken das gnädige Fräulein sei nicht ohne Neigung zum heiligen Ehestande, und der Leser wird vielleicht, wenn er die Eigenschaften des Bruders vernimmt, die Zuversichtlichkeit nicht tadeln, womit er seinem Bruder einen guten Ausgang prophezeite.

Dieser Herr war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt. Er war von mittlerer Statur, und das, was man wohlgebaut nennt; er trug eine Narbe an der Stirn, welche weniger seiner Schönheit schadete, als von seiner Tapferkeit zeugte (denn er war Offizier und stand auf halbem Sold), er hatte gute Zähne, und wenn er wollte etwas Freundliches in seinem Lächeln. Obgleich von Natur sein Anstand, seine Mienen und sein Blick viel Rauhes hatten, so konnt' er doch dieses Rauhe jede Minute ablegen und ganz freundlich und wohlaufgeräumt scheinen. Es mangelte ihm nicht an guter Lebensart, auch nicht völlig an Witz, und in seiner Jugend hatte er manchen lustigen Streich vollführt; nun hatte er zwar seit kurzem einen ernsthafteren Charakter angenommen, aber wenn er wollte, konnte er wieder spaßhaft genug sein.

Er hatte ebenso wie der Doktor eine akademische Erziehung gehabt, denn sein Vater bestimmte ihn, aus eben der väterlichen Macht und Gewalt, deren wir vorhin erwähnt haben, zum geistlichen Stande. Da aber der alte Herr das Zeitliche segnete, bevor der Sohn ordiniert war, so wählte er Degen und Kokarde für Mantel und Kragen, und zog ein Offizierpatent vom Könige der Vokation zu einem Pfarrdienst vor.

Er hatte sich eine Leutnantsstelle unter den Dragonern gekauft, und brachte es hernach bis zum Kapitän. Weil er aber mit seinem Oberst Händel anfing, ward er genötigt seine Kompanie zu verkaufen, von welcher Zeit an er denn ein völliges Philisterleben geführt, sich aufs Lesen der heiligen Schrift gelegt hatte, und wegen eines Hanges zur Pietisterei eben nicht verdächtig war.

Es schien daher nicht unmöglich, daß ein solcher Mann bei einer Dame von so gottesfürchtiger Gesinnung, und deren Herz, außer einem Zuge zum heiligen Ehestande, überhaupt von keiner Sympathie zu einem besondern Gegenstand gefesselt war, sein Glück machen würde; warum aber der Doktor, der gewiß keine große Freundschaft für seinen Bruder hegte, doch seinetwegen darauf dachte, die Gastfreundschaft des Herrn Alwerth mit solchem Undank zu belohnen, das ist ein Punkt, der sich nicht so leicht aufklären läßt.

[40] Gibt es wirklich einige Gemüter, die ihr Vergnügen ebenso im Unheilstiften suchen, wie andere, von denen man denken muß, daß sie es in der Tugend und im Wohlthun finden; oder steckt darin ein Vergnügen, bei einem Diebstahle, den man nicht selbst begehen kann, ein Helfershelfer zu sein? Oder endlich (welches die Erfahrung sehr wahrscheinlich zu machen scheint) finden wir einen Wohlgefallen darin, unsere Anverwandten emporzubringen, selbst dann, wenn wir nicht die geringste Liebe und Achtung für sie hegen?

Ob einer von diesen Bewegungsgründen auf den Doktor wirkte, das wollen wir nicht entscheiden, aber so verhielt sich die Sache. Er schickte nach seinem Bruder und fand leicht Gelegenheit, ihn dem Herrn Alwerth als eine Person vorzustellen, die ihm nur einen kurzen Besuch zu machen gedächte.

Der Kapitän war noch keine Woche im Hause gewesen, als der Doktor Ursache fand, sich über seine Menschenkenntnis Glück zu wünschen. Der Kapitän war wirklich ein ebenso großer Meister in der Kunst zu lieben, als vor alten Zeiten Ovid. Obendrein hatte er noch einige nötige Fingerzeige von seinem Bruder erhalten, die er nicht ermangelte zu seinem besten Vorteile anzuwenden.

Elftes Kapitel
Elftes Kapitel.

Enthält viele Regeln und einige Beispiele für Liebeslustige: Beschreibung von Schönheit und andern klugheitsgemäßeren Verleitungen zum Ehestande.


Es ist von weisen Männern oder Weibern, ich habe vergessen von wem von beiden, angemerkt worden, daß alle Menschen einmal in ihrem Leben verliebt zu werden verurteilt sind. Ein gewisses Alter ist, soviel ich mich erinnere, dafür nicht festgesetzt; das Alter aber, welches Fräulein Brittjen erreicht hatte, scheint mir zu dieser Bestimmung eine ebenso schickliche Periode zu sein, als irgend eine andere; freilich tritt sie oft viel früher ein, wenn das aber nicht geschieht, so habe ich bemerkt, fehlt's um diese Zeit selten oder gar niemals. Wir können noch ferner bemerken, daß in diesem Alter die Liebe von ernsthafterer und stetigerer Natur sei, als die, welche sich zuweilen in jüngern Jahren des Lebens blicken läßt. Die Liebe junger Dirnen ist zu schwankend, grillenhaft, eigensinnig und läppisch, daß wir nicht allemal entdecken können, was das junge Ding eigentlich will; ja man kann fast zweifeln, ob sie's auch allemal selbst wisse.

Nun aber sind wir bei einem Frauenzimmer von vierzigen hierüber [41] nie in Verlegenheit; denn da solche ernsthafte, bedächtige und wohlerfahrene Personen wohl wissen, was sie selbst wollen, so ist es einem Manne vom geringsten Scharfsinne um so leichter, es mit der höchsten Gewißheit zu entdecken.

Fräulein Brigitta ist ein Beispiel von allen diesen Beobachtungen. Sie war noch nicht lange in der Gesellschaft des Kapitäns gewesen, als sie von dieser Leidenschaft befallen wurde. Sie ging auch nicht lange welk und wimmernd im Hause herum wie ein unreifes, närrisches Mädchen, das nicht weiß, was und wo es ihm fehlt; sie fühlte, sie kannte, und genoß die angenehme Empfindung, die sie ebensowenig fürchtete, als sich ihrer schämte, da sie wohl wußte, daß sie nicht nur unschuldig wäre, sondern sogar auf ganz löbliche Endzwecke ginge.

Und die Wahrheit zu sagen, befindet sich durchgehends ein großer Unterschied wischen der vernünftigen Leidenschaft, welche Jungfrauen von diesem Alter zu Mannspersonen befällt, und der eiteln kindischen Liebelei eines Mädchens gegen einen Knaben, welche öfters nur auf das bloße Aeußerliche und auf dergleichen Dinge von geringem Werte und keiner Dauer hinaus geht; als da sind: rosenrote Wangen, kleine, lilienweise Hände, schleenschwarze Augen, fliegende Haarlocken, Daunenfedern, sprossendes Kinn, ein gedrungener Wuchs, ja zuweilen auch Reize von noch geringerem Werte als diese, und noch weit weniger ein wirkliches Eigentum des Burschen; der gleichen als äußere Verzierungen der Person, welche er dem Schneider, dem Spitzenwirker, dem Friseur, dem Hutmacher, der Stickerin und nicht der Natur zu verdanken hat. Solcher Leidenschaften mögen die Mädchen sich freilich wohl schämen, wie sie gewöhnlich thun, sich selbst oder andern zu gestehen.

Die Liebe des Fräulein Brigitta war von einer andern Art. Der Kapitän hatte in seinen Kleidungen jenen Stutzerschöpfern nichts zu verdanken; und auch seine Person war der Natur eben nicht viel mehr schuldig. Seine Person und Kleidung waren so beschaffen, daß, wären sie in einer Assemblee oder in einem Zirkel bei Hof erschienen, sie das Gelächter und die Verachtung aller feinen Damen auf sich gezogen hätten. Die letzte war in der That reinlich, aber schlichtweg von altem Schnitt, grob und außer der Mode; die erste so, wie wir solche ausdrücklich oben beschrieben haben. Die Haut seiner Wangen war so weit von der Rosenfarbe entfernt, daß man nicht einmal unterscheiden konnte, von was für einer natürlichen Farbe seine Wangen wären, weil ein schwarzer Bart, der bis an die Augen hinaufreichte, solche völlig bedeckte. Sein Wuchs und seine Gliedmaßen waren allerdings von richtigem Verhältnis, aber so plump, daß sie vielmehr die Stärke [42] eines Pflugtreibers als eines Städters verrieten. Seine Schultern waren über alle Maßen breit und seine Waden dicker als die Waden eines Sänftenträgers. Kurz, seine ganze Person hatte nichts von der zierlichen Schönheit, welche gerade das Gegenteil von plumper Stärke ist und welche die meisten unserer feinen Herren vom Stande so anmutiglich schmückt und die sie großenteils dem hohen Blute ihrer Anherren zu verdanken haben; das heißt, dem Blute, welches sich von hochgewürzten Brühen, edlen Weinen und teils durch eine frühzeitige Hof- und Stadterziehung absondert.

Obgleich Fräulein Brigitta eine Dame von höchst delikatem Geschmack war, so fand sie doch den Umgang des Kapitäns so reizend, daß sie die Fehler seiner Person völlig übersah. Sie bildete sich ein und das vielleicht sehr weislich, daß sie mit dem Kapitän mehr angenehme Minuten genießen würde als mit einem viel hübschern jungen Burschen; und achtete nicht auf das, was ihren Augen gefallen möchte, um sich eine viel gegründetere Zufriedenheit zu verschaffen. Der Kapitän merkte nicht so bald Fräulein Brigittens edle Leidenschaft (in welcher Entdeckung er sehr schnellsichtig war), als er solche treulich erwiderte. Die Dame war ebensowenig als ihr Geliebter von sehr auffallender Schönheit. Ich würde versuchen, ihr Porträt zu entwerfen, wenn das nicht bereits von einem geschicktern Meister, vom großen Hogarth selbst geschehen wäre, dem sie vor verschiedenen Jahren zu dieser Zeichnung saß, welche Zeichnung von diesem großen Kupferstecher neulich in einem Blatte bekannt gemacht ist, das der Wintermorgen heißt und wovon sie kein unschickliches Sinnbild war. Auf diesem Blatte kann man sie nach Koventgarden-Kirche gehen sehen (denn auf dem Blatte ist sie gehend dargestellt) mit einem verhungerten Diener hinter sich, der ihr das Gebetbuch nachträgt.

Der Kapitän gab ebenfalls mit überlegender Weisheit dem solideren Genuß, den er sich mit dieser Dame versprach, vor den vergänglichen Reizen der Person den Vorzug. Er war einer von den weisen Männern, welche die Schönheit am weiblichen Geschlecht als eine sehr wertlose und unbedeutende Eigenschaft betrachten oder, um es der Wahrheit gemäßer zu sagen, welche lieber alle Bequemlichkeiten des Lebens mit einer häßlichen Gattin, als eine schöne Ehefrau ohne alle jene Bequemlichkeiten besitzen wollen; und da er einen sehr guten Appetit besaß und eben nicht lecker war, so dünkte ihn, er wolle beim Ehestandsmahle seine Rolle recht gut spielen, ohne eben der Schönheitsbrühe zu bedürfen.

Um mit dem Leser ganz ehrlich umzugehen, wollen wir ihm sagen, daß der Kapitän sogleich nach seiner Ankunft wenigstens von dem Augenblick an, da ihm sein Bruder die ersten Vorschläge gethan [43] hatte und lange vorher noch, eh er einige schmeichelhafte Anzeichen an Fräulen Brittja entdeckte, heftig verliebt worden war: nämlich in Herrn Alwerths Häuser, Gärten, Ländereien, Meiereien und was so zu der Erbschaft gehörte, in welches alles der Kapitän so innigst verliebt geworden, daß er sie höchst wahrscheinlicherweise erheiratet haben würde, wäre er auch genötigt gewesen, die Hexe von Endor als Zugabe mit in den Kauf zu nehmen.

Da also Herr Alwerth sich gegen den Doktor erklärt hatte, daß er gar nicht willens sei, eine zweite Frau zu nehmen; da seine Schwester seine nächste Verwandte war, und da ferner der Doktor ausfindig gemacht hatte, daß sein Vorsatz sei, wenn seine Schwester ein Kind bekäme, solches zum Erben einzusetzen, welches denn freilich die Gesetze ohne sein Zuthun würden befohlen haben: so hielten es der Doktor und sein Bruder für eine wohlthätige Handlung, einem menschlichen Geschöpfe sein Dasein zu geben, welches mit den wesentlichsten Mitteln zur Glückseligkeit so gar reichlich versehen sein würde. Alle Gedanken beider Brüder waren also darauf gerichtet, wie die Liebe dieses holdseligen Frauenzimmers zu gewinnen stehe.

Aber Madame Fortuna, die eine so zärtliche Mutter ist und oft mehr für ihre Augäpfelkinder thut, als solche verdienen oder nur wünschen, hatte so fleißig zum Besten des Kapitäns gewirkt, daß das Fräulein, unterdessen daß er Plänchen zur Ausführung seines Zweckes anlegte, mit ihm einerlei Verlangen empfand und ihrerseits darauf sann, wie sie dem Kapitän schicklicherweise Hoffnung machen könnte, ohne dabei zu vorschüssig zu scheinen; denn sie war eine strenge Beobachterin aller Regeln der Zucht und Ehrbarkeit. Dies gelang ihr indessen ohne viel Mühe; denn da der Kapitän beständig auf der Warte stand, so entwischte ihm kein Blick, Gebärde oder Wort.

Die Freude, welche der Kapitän über das holdselige Betragen des Fräulein Brigitta empfand, ward nicht wenig durch die Furcht vor Herrn Alwerth gemindert; denn ungeachtet seiner uneigennützigen Erklärung deuchte doch dem Kapitän, würde er, wenn es zur That käme, dem Beispiel der übrigen Weltmänner folgen und seine Einwilligung zu einer Verbindung versagen, die seiner Schwester in Ansehung der Glücksumstände so nachteilig wäre. Von was für einem Orakel er diese Meinung mitgeteilt erhalten hatte, das überlasse ich der Entscheidung des Lesers. Er sei aber dazu gekommen, wie er wolle, so setzte es ihn doch in nicht geringe Verlegenheit, wie er sein Benehmen so einrichten sollte, zu gleicher Zeit seine Neigung der Dame zu entdecken und ihrem Bruder zu verhehlen. Am Ende beschloß er, alle geheime Gelegenheiten wahrzunehmen, [44] wo er sich ihr als Verliebten zeigen konnte; in Gegenwart des Herrn Alwerth aber so zurückhaltend und so sehr auf seiner Hut zu sein als nur immer möglich; und dieses Betragen fand den höchsten Beifall des Bruders.

Er fand bald Mittel, seiner Schönen einen förmlichen Liebesantrag zu thun und von ihr eine Antwort in gehöriger Form zu erhalten; das heißt, eben die Antwort, welche vor etlichen tausend Jahren schon auf den ersten Antrag gegeben worden und welche seitdem allezeit durch eine ununterbrochene Tradition von Mutter auf Tochter gebracht ist. Sollte ich sie ins Lateinische übersetzen, so würde ich es durch zwei Worte, nolo episcopari, geben; eine bräutliche Redensart, die bei andern Gelegenheiten schon seit undenklichen Jahren her im Gebrauch ist.

Der Kapitän, wie er auch immer zu der Kenntnis gelangt sein mochte, verstand seine Schöne vollkommen richtig und wiederholte sehr bald darauf seine Anwerbung mit mehr Ernst und Wärme als vorher und ward abermals in gehöriger Form abgewiesen; so wie aber bei ihm das Verlangen immer dringender wurde, so nahm in eben dem Verhältnis bei der Dame die Heftigkeit im Verweigern immer mehr ab.

Um dem Leser damit keine Langeweile zu machen, daß wir ihn durch jeden Auftritt dieser Liebeshandlung hindurch führen (welche zwar nach der Meinung eines gewissen großen Gelehrten die behaglichste Szene des Lebens für die handelnde Person selbst ausmacht, dennoch für die Zuschauer vielleicht so schal und langweilig ist, als nur immer eine andre Szene sein kann), sagen wir hiermit in aller Kürze, der Kapitän machte seine Approchen nach den Regeln der Kunst in gehöriger Form; die Zidatelle ward in gehöriger Form verteidigt und ergab sich endlich in gehöriger Form auf Diskretion.

Während dieser ganzen Zeit, welche beinahe einen Monat betrug, beobachtete der Kapitän ein sehr ehrfurchtsvolles Bezeigen gegen das Fräulein, wann ihr Bruder zugegen war, und je weiter er es unter vier Augen mit ihr brachte, desto zurückhaltender betrug er sich gegen sie in Gesellschaft anderer Zeugen. Die holde Braut anlangend, so hatte sie nicht so bald den Geliebten in ihre sichere Gewahrsame gebracht, als sie sich gegen ihn in Gesellschaft mit dem höchsten Grade von Gleichgültigkeit betrug, so daß Herr Alwerth die Einsicht des Teufels (oder noch eine von seinen schlimmern Eigenschaften) hätte besitzen müssen, um den geringsten Argwohn von dem, was vorging, zu fassen.

Zwölftes Kapitel
[45] Zwölftes Kapitel.

Enthält, was vielleicht der Leser darin zu finden erwartet.


Bei allen Händeln, sei's, um sich zu schlagen oder zu verheiraten oder sonst dergleichen Geschäften, werden wenig vorläufige Zeremonien erfordert, um sie abzuthun, wenn es beiden Parteien damit ein wahrer Ernst ist. Dies war hier gegenwärtig wirklich der Fall und in weniger als einem Monate waren der Kapitän und seine Schöne Mann und Frau.

Nunmehr war der große Punkt, dem Herrn Alwerth die Sache beizubringen, und dies unternahm der Doktor.

Eines Tages also, da Herr Alwerth in seinem Garten spazieren ging, kam der Doktor zu ihm und sagte mit großer Ernsthaftigkeit in den Mienen und mit alle dem Kummer, den er nur in seinem Wesen nachzumachen vermochte: »Ich komme, lieber Herr Alwerth, Ihnen eine Sache von der größten Wichtigkeit vorzubringen; aber wie soll ich Ihnen da mitteilen, was mir fast den Kopf verwirrt, da ich nur dran denke!« Hierauf brach er in die bittersten Schmähungen aus, beides gegen Männer und Weiber; beschuldigte die ersten, ihr Sinnen und Trachten ginge bloß auf ihren Eigennutz, und die letztern, sie wären den verbotenen Neigungen so ergeben, daß man sie niemals mit Sicherheit einer Person des männlichen Geschlechts anvertrauen könnte. »Hätte ich's vermuten können, teuerster Herr Alwert, daß eine Dame von so kluger Vorsichtigkeit, so richtigem Urteile und solcher Gelehrsamkeit einer so unüberlegten Leidenschaft Raum geben würde; oder hätte ich mir einbilden können, daß mein Bruder – doch, was nenn' ich ihn Bruder? er ist mein Bruder nicht mehr –«

»Gewiß aber ist er das,« sagte Alwerth, »und der meinige dazu.« – »Ums Himmelswillen, Herr Alwerth,« sagte der Doktor, »wissen Sie die häßliche Geschichte?« – »Sehen Sie, lieber Doktor,« antwortete der gute Mann, »es ist beständig in meinem Leben hindurch meine Maxime gewesen, alles, was mir begegnet, von der besten Seite zu nehmen. Meine Schwester, ob sie gleich viele Jahre jünger ist als ich, ist dennoch wenigstens alt genug, um ihre eigene Vernunft brauchen zu können. Hätte er ein Kind überlistet, so würde es mir sauer geworden sein, ihm zu verzeihen. Von einem Frauenzimmer aber, die über die dreißig hinaus ist, muß man gewiß vermuten, daß sie unterscheiden könne, was sie am glücklichsten machen werde. Sie hat einen Mann von freiem Stande, obgleich nicht von völliger Gleichheit des Vermögens, geheiratet; [46] und insoferne der in ihren Augen solche Vollkommenheiten besitzt, welche jenen Mangel ersetzen, sehe ich keine Ursach, warum ich gegen ihre eigene Wahl von Glückseligkeit Einwendungen machen sollte; da ich ebenso wenig als sie mir einbilde, daß dieses Glück allein in unermeßlichen Reichtümern bestehe. Ich hätte vielleicht, nach meinen oft wiederholten Erklärungen, daß ich mir fast jede Verbindung gefallen lassen würde, erwarten dürfen, daß man mich bei dieser Gelegenheit zu Rate gezogen hätte; aber diese Art Angelegenheiten sind von sehr delikater Natur, und gewisse jungfräuliche Bedenklichkeiten lassen sich vielleicht nicht überwinden. Was Ihren Bruder betrifft, o habe ich wirklich ganz und gar keinen Widerwillen gegen ihn. Er hat gegen mich keine Verbindlichkeiten; ebensowenig, denke ich, lag es ihm ob, mich um meine Einwilligung zu ersuchen; weil meine Schwester, wie ich schon gesagt habe, sui juris ist und in dem erforderlichen Alter, um nur sich allein von ihrem Betragen Rechenschaft geben zu dürfen.«

Der Doktor wiederholte die vorigen Anklagen gegen seinen Bruder, beschuldigte Herrn Alwerth einer zu großen Nachgiebigkeit, und beteuerte, nichts sollte ihn wieder vermögen, ihn jemals wieder zu sehen oder für seinen Bruder zu erkennen. Er brach darauf in eine Lobrede über die Güte und Menschenliebe des Herrn Alwerth aus, erhob seine Freundschaft mit vielem Dank und Preise, und beschloß damit, daß er sagte: er werde es seinem Bruder niemals vergeben, daß er den Platz, den er in dieser Freundschaft erhalten, so aufs Spiel gesetzt habe.

Alwerth antwortete hierauf: »Hätte ich auch einigen Unwillen gegen Ihren Bruder gefaßt gehabt, so hätt' ich solchen doch niemals den Unschuldigen empfinden lassen: allein ich versichere Sie, ich weiß nichts von einem solchen Unwillen. Ich halte Ihren Bruder für einen Mann von Verstand und Ehrliebe. Ich mißbillige den Geschmack meiner Schwester nicht; will auch nicht zweifeln, daß sie gleichermaßen der Gegenstand seiner Neigungen sei. Ich habe immer dafür gehalten, Liebe sei der einzige Grund vom Glück des Ehestandes, weil nur sie diese warme und zärtliche Freundschaft erzeugen kann, welche allemal das Band dieser Vereinigung dauerhaft machen sollte, und nach meiner Meinung sind alle Heiraten, welche aus andern Beweggründen geschlossen werden, nicht wenig sündlich; sind eine Profanation einer sehr heiligen und feierlichen Handlung, und enden gewöhnlich in Kummer und Elend; denn wirklich können wir es eine Profanation nennen, wenn man diese so heilige Einrichtung in ein gottloses Opfer verwandelt, das man dem Geiz oder der Wollust darbringt: und was kann man besseres von solchen Eheverbindungen sagen, zu welchen sich Menschen durch [47] bloße Rücksichten auf eine schöne Person oder auf großes Vermögen verleiten lassen!

Es wäre falsch und thöricht zugleich, zu behaupten, daß Schönheit kein angenehmer Gegenstand fürs Auge und selbst einiger Bewunderung würdig sei.Schön ist ein Beiwort, dessen die heilige Schrift sich öfters bedient und allemal mit Ehren erwähnt. Ich selbst war so glücklich, eine Frau zu heiraten, welche von der Welt für hübsch geachtet wurde; und ich kann mit Wahrheit sagen, sie war mir dadurch desto lieber. Diesen Umstand aber zum einzigen Grunde der ehelichen Vereinigung machen, so heftig darnach gelüsten, daß man deswegen über alle Unvollkommenheit hinwegsieht, oder ihn so unbedingterweise zu verlangen, daß man darüber Religion, Tugend und Vernunft als unbedeutende Dinge achtet (welche doch ihrer Natur nach weit höhere Vollkommenheiten sind), bloß, weil die Person der äußerlichen Schönheit ermangelt; – dies kann sicherlich mit dem Charakter weder eines weisen Mannes noch eines guten Christen bestehen. Und vielleicht übertreibt man die Liebe des Nächsten, wenn man meint, solche Personen suchen durch ihre Verheiratung etwas mehr, als ihre fleischlichen Lüste stillen zu wollen, zu deren einzigen Befriedigung der Ehestand, wie uns gelehrt worden, gar nicht eingesetzt ist.

Was zunächst die Glücksumstände anbelangt, so kann vielleicht die weltliche Klugheit verlangen, solche einigermaßen in Betracht zu ziehen; und das möchte ich nicht so ganz platterdings verdammen. So, wie jetzt die Einrichtung der Welt besteht, erfordern die Bedürfnisse einer ordentlichen Haushaltung nebst der Sorge für Kinder eine kleine Rücksicht auf das, was man Glücksumstände nennt. Diese Vorsorge wird aber insgemein von Thorheit und Eitelkeit, welche unendlich mehr Bedürfnisse schaffen als die Natur, weit weit über die Grenzen des wirklich Notwendigen hinausgetrieben. Kutsche und Pferde für die Ehefrau und einen reichen Nachlaß für die Kinder hat die Gewohnheit auf das Verzeichnis des Unentbehrlichen gesetzt; und um dieses herbeizuschaffen, wird alles Uebrige, was wirklich dauerhaft, angenehm, tugendhaft und christlich ist, übersehen und vernachlässigt.

Und das in mancherlei Graden, wovon der letzte und höchste sich kaum von Wut und Unsinn zu unterscheiden scheint. Ich meine nämlich, wenn Frauenzimmer von unermeßlichem Reichtum mit solchen Personen unauflösliche Kontrakte eingehen, die ihnen zuwider sind und sein müssen; mit Narren und Taugenichtsen, um ihr jährliches Einkommen zu vermehren, das ohnedem schon größer ist, als selbst ihre Begierden zu befriedigen erfordert wird. Wirklich, wenn solche Menschen nicht für wahnsinnig geachtet sein [48] wollen, so müssen sie bekennen, daß sie sich nicht fähig fühlen, die Freuden der zärtlichsten Freundschaft zu schmecken, oder daß sie die größte Glückseligkeit, dafür sie freilich keinen Sinn haben, den eiteln, unsichern und unvernünftigen Gesetzen der Meinung des dummen Pöbels aufopfern, Gesetze, deren Kraft sowohl als Ursprung auf Thorheit beruht.«

Hier endigte Alwerth seinen Sermon, auf welchen Doktor Blifil mit der tiefsten Aufmerksamkeit gehorcht hatte; wiewohl es ihm einige Anstrengung kostete, von Zeit zu Zeit ein kleines unfreiwilliges Entfalten seiner Muskeln zu verhüten. Nun preisete er jede Periode von all dem, was er gehört hatte, mit der Wärme eines angehenden Kandidaten der heiligen Gottesgelahrtheit, dem die Ehre widerfährt, an eben dem Tage bei dem Herrn Generalsuperintendenten zu speisen, an welchem Se. Magnifizenz die Kanzel bestiegen haben.

Dreizehntes Kapitel
Dreizehntes Kapitel.

Welches das erste Buch beschließet; daneben ein Beispiel von Undankbarkeit, welches, wie wir hoffen, unnatürlich scheinen soll.


Aus dem, was wir beigebracht haben, wird der Leser schon einsehen, daß die Aussöhnung (wenn man's einmal so nennen kann) bloß der Form nach stattfand; wir wollen sie also überschlagen und zu etwas Anderem eilen, das man gewiß für sehr wesentlich achten wird.

Der Doktor hatte seinen Bruder mit dem, was zwischen ihm und Herrn Alwerth vorgefallen war, bekannt gemacht und setzte mit einem schmunzelnden Lachen hinzu: »Ich meine nur, ich hatte dir die volle Ladung gegeben! Ja, ich verlangte ausdrücklich, der ehrliche Junker sollt's dir nicht verzeihen, denn du weißt, nachdem er sich einmal dir zu gunsten erklärt hatte, konnte ich bei einem Menschen von seiner Gemütsart ein solches Begehren mit aller Sicherheit wagen; und es war mir daran gelegen, sowohl deinet-als meinetwegen, der geringsten Möglichkeit eines Verdachts vorzubeugen.«

Kapitän Blifil schien damals gar nicht acht hierauf zu geben, in der Folge aber machte er davon einen höchst wichtigen Gebrauch.

Eine von den Maximen, welche der Satan bei seinem letzten Umherzug auf Erden seinen Jüngern hinterließ, heißt: Wirf den Stuhl mit dem Fuße um, wenn du nicht selbst mehr sitzen magst; [49] oder deutlicher: Wenn du durch Beihilfe eines Freundes dein Glück gemacht hast, so laß dir raten, und setz' ihn beiseite, sobald du kannst.

Ob der Kapitän sich diese Maxime deutlich dachte, mag ich nicht gewiß bestimmen; so viel aber läßt sich mit Zuversicht sagen, daß seine Handlungen ohne alle List und Gefährde von diesem satanischen Grundsatze hergeleitet werden können, und in Wahrheit möchte es schwer halten, irgend einen andern Bestimmungsgrund dafür aufzufinden; denn kaum war er im Besitz seiner teuren Brigitta und ausgesöhnt mit Alwerth, als er begann, seinem Bruder eine ziemlich kalte Miene zu zeigen, die dann täglich zunahm, bis sie zuletzt Grobheit und jedermann sehr sichtbar wurde.

Der Doktor machte ihm insgeheim über dies Benehmen Vorstellung, konnte aber keine andere Genugthuung erlangen, als die folgende trockene Erklärung: »Wenn dir in meines Schwagers Hause irgend etwas nicht nach dem Kopfe ist, Bruder, so weißt du, daß dir's frei steht, es zu meiden.« Diese unerhörte, grausame und fast unbegreifliche Undankbarkeit des Kapitäns ward dem Doktor ordentlich ein Nagel zu seinem Sarge. Denn Undank durchbohrt das menschliche Herz niemals tiefer, als wenn er von solchen Personen erwiesen wird, welchen zu Gefallen man über die Grenzen der Redlichkeit hinausgeschritten ist. Große und edle Handlungen mögen von denen, zu deren Besten man sie gethan hat, aufgenommen und vergolten werden wie sie wollen, ihr Bewußtsein gibt uns immer einigen Trost; was für Beruhigung aber können wir in einem so stechenden Jammer finden, welchen die undankbare Begegnung unsres Freundes verursacht, wenn unser verletztes Gewissen zu gleicher Zeit sich gegen uns empört und uns darüber schilt, daß wir es im Dienste eines so Unwürdigen befleckt haben?

Herr Alwerth sprach selbst mit dem Kapitän zum Besten seines Bruders und verlangte zu erfahren, was für ein Versehen der Doktor begangen habe? Da beging denn der hartherzige Bösewicht die Niederträchtigkeit, zu sagen, daß er ihm niemals die Anschwärzung vergeben würde, wodurch er ihn aus Herrn Alwerths Gunst zu setzen getrachtet habe; welche er, wie er vorgab, aus ihm herausgelockt hätte, und eine solche Grausamkeit wäre, die keine Verzeihung stattfinden ließe.

Alwerth sprach in sehr scharfen Ausdrücken über diese Erklärung, welche, wie er sagte, keinem menschlichen Geschöpfe geziemte. Er zeigte wirklich einen so ernstlichen Unwillen gegen ein unversöhnliches Gemüt, daß sich der Kapitän endlich stellte, als hätten ihn seine Gründe überzeugt, und äußerlich that, als wäre er versöhnt.

[50] Was die neue Ehegattin anbelangt, so schwebte die jetzt in ihren Flitterwochen, und war so inniglich in ihren Gemahl verliebt, daß er ihr nie Unrecht haben zu können schien und sein Mißvergnügen über irgend eine Person war für sie ein hinreichender Grund, ihm völlig beizutreten.

Der Kapitän war auf Alwerths Vorstellung, wie wir gesagt haben, dem äußern Ansehen nach mit seinem Bruder ausgesöhnt; aber der alte Groll steckte ihm im Herzen; und er fand so manche Gelegenheit, ihm hievon insgeheim Winke zu geben, daß dem armen Doktor zuletzt das Haus ganz unerträglich ward, und er sich lieber allen Unbequemlichkeiten, die ihn in der Welt betreffen möchten, preisgeben, als noch länger diese grausamen und undankbaren Beleidigungen von einem Bruder erdulden wollte, für den er so viel gethan hatte.

Einst war er willens, Herrn Alwerth die ganze Beschaffenheit der Sache zu entdecken; allein er konnte es nicht über sich gewinnen, ein Geständnis zu thun, wodurch er einen so großen Teil des Vergehens auf sich selbst laden mußte. Dazu kam, daß je schwärzer er Herrn Alwerth seinen Bruder abmalte, solchem sein eigenes Verschulden um so viel größer erscheinen müsse und sein Zorn, wie er Ursache hatte sich einzubilden, um so heftiger sein würde.

Er gab also Geschäfte vor als eine Entschuldigung seiner Abreise und versprach, bald wieder zu kommen, und nahm mit so viel verstellter Freundlichkeit von seinem Bruder Abschied, daß, weil der Kapitän seine Rolle ebenso meisterhaft spielte, Alwerth an der Aufrichtigkeit ihrer Versöhnung nicht im geringsten zweifelte.

Der Doktor reiste geradenwegs nach London, woselbst er bald darauf an heimlichem Kummer starb; eine Krankheit, welche weit mehr Menschen wegrafft, als man insgemein glaubt, und einen gegründeten Anspruch auf eine Rubrik in den Sterbelisten hätte, wenn sie sich nicht durch einen Umstand von allen andern Krankheiten unterschiede, dadurch nämlich, daß kein Arzt sie heilen kann.

Jetzt, nachdem ich das vorherige Leben beider Brüder aufs fleißigste erforscht habe, finde ich, außer der oben angezeigten verdammten und höllischen Maxime der Politik, noch eine andere Ursache für die Aufführung des Kapitäns. Der Kapitän war neben dem, was wir vorher von ihm sagten, ein Mann von großem Stolz und Trotze, und hatte seinem Bruder, der von einer entgegengesetzten Gemütsart war und dem es sehr an jenen beiden Eigenschaften fehlte, beständig mit einem gebieterischen Wesen begegnet. Der Doktor besaß indessen weit mehr Gelehrsamkeit und stand bei vielen im Rufe eines bessern Verstandes. Dies wußte der Kapitän [51] und konnte es nicht ausstehen. Denn obgleich der Neid an sich selbst schon eine sehr nagende Leidenschaft ist, so wird doch seine Bitterkeit um gar vieles geschärft, wenn sich noch Verachtung gegen den beneideten Gegenstand dazu mischt; und ich fürchte, kommt noch gar zu diesen beiden eine empfangene Wohlthat hinzu, so wird Haß und nicht Dankbarkeit das Produkt von allen dreien sein.

Zweites Buch

Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Stellt dar, was für eine Art von Geschichte die gegenwärtige ist: womit man sie vergleichen kann und womit nicht.


Obwohl wir dieses unser Werk mit geziemender Zierlichkeit Geschichte betitelt haben und nichtLeben und Thaten, oder Leben und Meinungen, wiewohl mehr die Mode ist: so sind wir dennoch gesonnen, vielmehr der Weise jener Schriftsteller zu folgen, welcher Thun es ist, die großen Begebenheiten von Ländern und Reichen zu beschreiben, als es dem mühseligen und bändereichen Annalisten nachzumachen, welcher, um die regelmäßige Länge und Breite seiner Chronika beizubehalten, sich notgedrungen glaubt, ebensoviel Papier mit den geringfügigen Kleinigkeiten von Monaten und Tagen zu beschreiben, in welchen nichts Merkwürdiges vorgefallen ist, als er zu jenen wichtigen Zeitläufen braucht, in welchen die größesten Auftritte auf dem Tummelplatze des menschlichen Lebens vorgefallen sind.

Solche Geschichten sind nach ihrem Wesen sehr gut mit einer Zeitung zu vergleichen, welche so ungefähr allemal dieselbe Anzahl Worte enthält, es mag etwas darin stehen oder nicht. Man kann sie auch ebenfalls mit einem Postwagen ins Gleichnis setzen, welcher beständig den Weg her macht und wieder hin, er sei leer oder beladen. Der Geschichtschreiber scheint freilich zu denken, er müsse gleichen Schritt halten mit der Zeit, deren Amanuensis [52] er ist, und so schleicht er ebenso leise, wie seine Herrschaft, durch die Centurien von Mönchsstumpfheit, da die Welt im Schlafe zu liegen schien, als durch jenes glänzende thatenschwangere Zeitalter, welches der vortreffliche lateinische Dichter auf eine so edle Weise auszeichnet, wenn er davon sagt:


»Ad confligendum venientibus undique Poenis;
Omnia cum belli trepido concussa tumultu
Horrida contremuere sub altis aetheris aures
In dubioque fuit sub utrorum regna cadendum
Omnibus humanis esset, terraque marique.«

Von welchen Versen ich dem Leser eine bessere Uebersetzung zu geben wünschte, als die folgende:

Als er herannahte der fürchterliche Kampf
Um die Herrschaft über die Meer' und die Erde;
Die Welt erbebt' und zittert' ob dem Getös' und Getümmel
Des unglückschwangeren Kriegs: Jedes Herz schneller pochte
Vor ängstlichem Erharren der furchtbaren Entscheidung:
Welches Reich steigen würd' und welches hinstürzen.

Nun ist unsere Willensmeinung, in den folgenden Blättern einer jener ganz entgegenstehenden Methode zu folgen. Wenn sich ein außerordentlicher Auftritt darbietet (und wir verlassen uns darauf, solche Fälle sollen nicht selten vorkommen), so werden wir weder Mühe noch Papier sparen, um solchen unserem Leser mit Anfang und Ende vor die Augen zu bringen: sollten aber ganze Jahre hingehen, ohne daß solche etwas hervorbrächten, was seiner Aufmerksamkeit wert wäre, so soll uns eine Lücke in unserer Geschichte keinen Kummer machen, sondern wir werden forteilen zu Dingen von Wichtigkeit, und solche Zeitperioden ganz unbemerkt vorbeistreichen lassen.

Diese kann man wirklich als Nieten in der großen Zeitlotterie ansehen. Also wollen wir, als wohlbestallte Buchhalter bei dieser Lotterie, jenen klugen Männern nachahmen, welche ihr Wesen mit jenen haben, die in großen Städten auf den Rathäusern gezogen werden; welche Männer das Publikum keineswegs mit den vielen Nieten behelligen, die sie austeilen; wird aber ein beträchtlicher Gewinn gezogen, flugs lassen sie es in Zeitungen und Intelligenzblättern ankündigen, und die Welt ist sicher, zu erfahren, bei welchem Kollekteur das glückliche Los gekauft ist. Es ist sogar nicht ungewöhnlich, daß zwei oder drei verschiedene Kollekten auf diese Ehre Anspruch machen; wodurch dann, wie ich glaube, den Glücksspielern [53] zu verstehen gegeben werden soll, als ob gewisse Makler Madame Fortunens Vertraute und ihre wirkliche Geheimen Räte wären.

Mein Leser muß sich also nicht wundern, wenn er im Fortgange dieses Werks einige Kapitel sehr kurz und andere dagegen sehr lang findet. Etliche, die nur den Zeitraum eines einzigen Tages enthalten, und andre, die ganze Jahre umfassen. Eine Einrichtung, wegen welcher ich mich keinem kleinen oder großen kritischen Gerichtshofe Red' und Antwort zu geben für schuldig halte: denn, da ich der wahre erste Stifter einer neuen Provinz in der Gelehrten-Republik bin, so klebt mir das Recht an, derselben nach meinem eigenen Gefallen Gesetze zu geben. Und an diese Gesetze sind meine Leser, die ich als meine Unterthanen betrachte, verpflichtet, mit freudiger Unterwerfung zu glauben; und damit sie hierzu um so bereitwilliger sein mögen, gebe ich ihnen hiermit die Versicherung, daß ich bei allen solchen Institutionen vorzüglich ihr eigenes Beste und Wohlsein beabsichtigen werde; denn ich bilde mir nicht ein, wie ein Tyrann von Gottes Gnaden, daß sie meine Sklaven oder sonst ein verkäufliches Eigentum sind. Ich bin wirklich bloß zu ihrem eigenen Besten über sie gesetzt worden, und ich ward für ihren Nutzen geschaffen, und nicht sie für den meinigen. Sonach zweifle ich nicht, sie werden, so lange ich ihr Bestes zur herrschenden Regel meines Schreibens mache, einhellig das ihrige beitragen, um meine Würde aufrecht zu erhalten, und werden mir alle die Ehre erweisen, die ich verdienen oder nur verlangen mag.

Zweites Kapitel
Zweites Kapitel.

Fromme Warnungen gegen zu günstige Behandlung der Bankerte und eine von Jungfer Deborah Wilkins gemachte große Entdeckung.


Acht Monate nach feierlich vollzogenem Beilager des Kapitäns Blifil mit dem Fräulein Brigitta Alwerth, einem jungen Frauenzimmer von großer Schönheit, vielem Verdienst und Reichtum, ward die junge Dame wegen gehabten Schrecks von einem wackern Söhnlein entbunden. Das Kind war freilich, allem Anscheine nach, vollkommen; die Hebamme aber entdeckte, es sei einen Monat zu früh gekommen.

Obgleich die Geburt eines Erben seiner geliebten Schwester für Herrn Alwerth eine sehr fröhliche Begebenheit war: so verminderte solche doch die Gewogenheit nicht, die er für seinen kleinen [54] Findling hegte, den er aus der Taufe gehoben und nach seinem eigenen Namen Thomas genannt, und bis dahin selten verfehlt hatte, wenigstens einmal des Tages auf seiner Kinderstube zu besuchen.

Er sagte seiner Schwester, wenn's ihr so gefällig wäre, so könnte dem Neugebornen einerlei Wartung und Erziehung mit dem kleinen Thomas gegeben werden; worein sie auch willigte, obgleich ein wenig ungern: denn sie war wirklich gegen ihren Bruder gar sehr gefällig; und daher war sie dem Findling beständig viel liebreicher begegnet, als wohl Damen von strenger Tugend zuweilen über sich zu gewinnen vermöchten, solchen Kindern zu begegnen, die bei aller ihrer Unschuld, doch mit Recht, lebende Denkmale der Unenthaltsamkeit genannt werden können.

Der Kapitän konnte es nicht so leicht über sich gewinnen, das zu dulden, was er an Herrn Alwerth als einen Fehler verdammte. Er ließ sich oft verlauten: wer Sündefrüchte aufnimmt, bestärkt die Sünder in Sünden. Er führte verschiedene Sprüche an, (denn in der Bibel war er sehr belesen) dergleichen waren: Er sucht die Sünden der Väter heim an den Kindern; und, die Väter haben Herlinge gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden, u.s.w. Hieraus verteidigte er die Rechtmäßigkeit, das Verbrechen des Vaters an dem Bankert zu bestrafen. Er sagte: »Obgleich die Gesetze nicht ausdrücklich erlaubten, solche Schandgeburten aus der Welt zu schaffen, so hätten sie solche doch für erb- und ehrenunfähig erklärt; die Kirche betrachte solche als erb-und ehrlos, und das Höchste, was man für sie thun dürfte, wäre, daß man sie zu den niedrigsten und verächtlichsten Diensten in der bürgerlichen Gesellschaft aufwachsen ließe.«

Herr Alwerth antwortete auf alles dieses und auf noch weit mehreres, was der Kapitän über diesen Punkt vorgebracht hatte: »So strafbar die Eltern sein möchten, so wären die Kinder doch gewiß unschuldig. Betreffend die Sprüche, die er angeführt habe, so wäre der erste eine an die Juden besonders gerichtete Drohung, gegen die Sünde der Abgötterei, wenn sie ihren himmlischen König verließen und haßten; und der letzte wäre eine Parabel, oder Gleichnißrede, und ginge mehr darauf, die gewissen und notwendigen Folgen der Sünden anzuzeigen, als daß es ein ausdrücklicher Urteilsspruch sein sollte. Den Allmächtigen aber als einen Rächer hinzustellen, der den Unschuldigen die Sünden des Verbrechers büßen lasse, sei unanständig, wo nicht gar Gotteslästerung, weil man dadurch sagte, Gott handle gegen den höchsten Grundsatz der natürlichen Gerechtigkeit, und gegen die ursprünglichen Begriffe von [55] Recht und Unrecht, die er doch selbst in unsre Seelen gepflanzt habe; nach welchen wir nicht nur alle nicht geoffenbarten Dinge, sondern die Wahrheit der Offenbarung selbst beurteilen müßten.« Er sagte: »er wüßte es, daß viele über diesen Punkt mit dem Kapitän einerlei Grundsätze hätten; er aber selbst sei vom Gegenteile fest überzeugt, und wolle er in eben dem Maße für dies arme Kind sorgen, als ob ein echt-eheliches Kind das Glück gehabt hätte, an eben der Stelle gefunden zu werden.«

Unterdessen daß der Kapitän jede Gelegenheit wahrnahm, diesen und ähnlichen Gründen alle Stärke und Nachdruck zu geben, um den kleinen Findling aus Herrn Alwerths Hause zu schaffen, über dessen Zärtlichkeit gegen das Kind er eifersüchtig zu werden begann, hatte Jungfer Deborah eine Entdeckung gemacht, welche in ihren Folgen dem armen Tom wenigstens mehr Unheil drohte, als alle Gründe und Warnungen des Kapitäns.

Ob die unersättliche Neugier dieser braven Jungfer sie zu diesem Geschäfte angetrieben, oder ob sie es unternahm, um sich in der Gnade und Gewogenheit der Ehegemahlin des Herrn Blifil festzusetzen, welche, ungeachtet ihres äußerlichen Betragens gegen den Findling, insgeheim doch öfter auf das arme Kind schalt, und auf ihren Bruder obendrein, wegen seiner Affenliebe zu demselben, das will ich nicht entscheiden; aber sie hatte nunmehr, wie sie fest meinte, den Vater des Bankerts völlig ausgespähet.

Da dies nun aber eine Entdeckung von wichtigen Folgen ist, so wird es nötig sein, ihr bis zur ersten Quelle nachzugehen. Wir wollen daher die vorläufigen Sachen, wodurch solche herausgebracht wurde, mit aller Genauigkeit erzählen; und zu diesem Ende werden wir genötigt sein, alle Geheimnisse einer kleinen Familie zu offenbaren, mit welcher der Leser bis dahin noch völlig unbekannt ist, und deren Haushaltung so seltsam und sonderbar war, daß ich besorge, es werde der höchsten Glaubenswürdigkeit vieler meiner verheirateten Leser etwas sauer eingehen.

Drittes Kapitel
Drittes Kapitel.

Beschreibung einer häuslichen Regierungsform, errichtet auf Gründe, welche denen vom Aristoteles gegebenen schnurstracks entgegenlaufen.


Mein Leser habe die Güte, sich zu erinnern, wie er benachrichtigt worden, daß Hannchen Jones einige Jahre bei einem gewissen Schulmeister gedient, der sie auf ihr dringendes Bitten [56] im Latein unterwiesen hatte, in welcher Sprache sie, um ihrem Genie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, es hernach für sich selbst so weit gebracht hatte, daß sie an Gelehrsamkeit ihren Meister übertraf.

In der That, obgleich dieser arme Mann sich einer Profession unterzogen hatte, zu welcher bekanntermaßen Gelehrsamkeit erfordert wird, so war diese doch die geringste unter seinen empfehlenden Eigenschaften. Er war einer der gutherzigsten Gesellen von der Welt und besaß dabei so viele Spaßhaftigkeit und Laune, daß er als Schöngeist der Gemeinde berühmt war; und alle benachbarte Landjunker hatten seine Gesellschaft so gern, daß er, weil Versagen eben sein Talent nicht war, in ihren Häusern manche liebe Zeit versaß, die er mit mehr Nutzen in seiner Schule hätte anwenden können.

Es läßt sich denken, daß ein Edukator von solchen Eigenschaften und Neigungen gar keine Gefahr lief, den gelehrten Seminarien zu Eaton oder Westminster großen Abbruch zu thun. Unverblümt zu sprechen, seine Schüler waren in zwei Klassen verteilt. In der obersten saß ein junger Herr, der Sohn eines benachbarten Gutsherrn, welcher in einem Alter von siebzehn Jahren eben bis in seine Syntaxis gekommen war, und in der niedern saß ein zweiter Sohn eben jenes Landjunkers, welcher darin nebst sieben Jungens aus dem Kirchspiele lesen und schreiben lernte.

Das Einkommen, welches diese Schulanstalt abwarf, möchte schwerlich hingereicht haben, dem Lehrer die fröhlichen Genüsse des Lebens zu verschaffen, hätte er nebst diesem Amte nicht auch zugleich die Aemter eines Küsters und Barbierers verwaltet, und hätte nicht Herr Alwerth dem Ganzen einen Jahrgehalt von zehn Pfund hinzugethan, welche der arme Mann jede Weihnachten empfing und wodurch er instandgesetzt war, sein Herz während dieses heiligen Festes fröhlich und guter Dinge sein zu lassen.

Unter andern Schätzen besaß der Pädagog auch ein Weib, das er aus Herrn Alwerths Küche ihres Vermögens wegen geheiratet hatte, denn sie hatte wirklich an zwanzig Pfund zusammengespart.

Dieses Ehegemahl war nicht sehr liebreizend von Person. Ob sie wirklich meinem Freunde Hogarth zu der Zeichnung saß, lasse ich dahingestellt sein, aber sie glich dem jungen Frauenzimmer Zug für Zug, das auf dem dritten Blatte vom Harlots Progreß ihrer Gebieterin Thee einschenkt. Sie war dabei eine offenbare Anhängerin jener berühmten Sekte, welche in sehr alten Zeiten von der heiligen Xanthippe gestiftet worden; vermittelst dessen sie in der Schule sich mehr Ehrfurcht erwarb, als selbst ihr Eheherr. Denn die Wahrheit zu gestehen, war er dort ebensowenig jemals Herr, als er es sonst irgendwo in ihrer Gegenwart sein durfte.

[57] Obgleich ihre Physiognomie eben nicht die größte natürliche Sanftmut andeutete, so mochte doch ihr Gemüt durch einen Umstand noch etwas mehr versäuret sein, der gewöhnlich das Glück der Ehen vergiftet. Denn Kinder werden gar richtig Liebespfänder genannt und ihr Mann, ob sie schon neun Jahre im Ehestande lebten, hatte ihr noch kein solches Pfand gegeben. Ein Fehler, den er mit nichts entschuldigen konnte, weder mit Alter noch mit Krankheit; denn er war nicht volle dreißig und dabei das, was man so einen wackern fixen jungen Mann nennt.

Hieraus entstand ein andres Uebel, welches dem armen Edukator nicht wenig Unruhe zuzog, auf den sie unaufhörlich so eifersüchtig war, daß er kaum mit einem Weibe oder Mädchen im Kirchspiel sprechen durfte, denn war er gegen ein weibliches Geschöpf nur im geringsten höflich, oder wechselte er nur einige Worte mit ihr, so war ihr sein Weib gewiß auf dem Dache und ihm dazu.

Um sich in ihrem eigenen Hause gegen allen Ehestandsverlust in Sicherheit zu stellen, trug sie beständig Sorge, da sie doch eine Magd halten mußte, solche aus einer Klasse von den Töchtern des Landes zu wählen, deren Gesichter man als eine Art von Bürgschaft für ihre Ehrlichkeit nimmt; von welcher Zahl, wie der Leser vorher schon belehrt worden ist, Hanna Jones eine war.

Da das Gesicht der jungen Dirne eine sehr annehmliche Bürgschaft von vorbesagter Art genannt werden mochte und ihre Aufführung allezeit höchst ehrbar gewesen war (welches beim weiblichen Geschlecht allemal die Folge von Verstand und Klugheit ist), so hatte sie in Herrn Rebhuhns Hause (denn so hieß der Schulpräzeptor) über vier Jahre hingebracht, ohne ihrer Hausfrau den mindesten Argwohn einzuflößen. Man war ihr sogar mit ungewöhnlicher Güte begegnet, und ihre Hausfrau hatte Herrn Rebhuhn erlaubt, ihr die Unterweisung zu geben, von welcher unsre Geschichte bereits Meldung gethan hat.

Allein mit der Eifersucht geht's gerade, wie mit dem Podagra; ist die Krankheit einmal im Blute, so ist man keine Stunde sicher vor ihrem Ausbruche; und der stellt sich oft ein bei der geringsten Veranlassung, und wenn man's am wenigsten vermutet.

So überfiel es die Frau Rebhuhn, welche es sich vier Jahre hindurch hatte gefallen lassen, daß ihr Ehemann der jungen Dirne Unterricht gebe, und ihr oft nachgesehen hatte, wie sie ihre Arbeit versäumte, um ihrer Gelehrsamkeit obzuliegen. Denn als sie eines Tages, da das Mädchen eben in einem Buche las und ihr Lehrer über ihr gelehnt stand, vor der Stube vorbeiging und die Dirne, ich weiß nicht warum, plötzlich von ihrem Stuhle aufsprang, war [58] dies zum erstenmale, daß sich in dem Kopfe ihrer Gebieterin ein Verdacht einstellte.

Dieser entdeckte sich gleichwohl nicht sogleich zu der Zeit, sondern lag und lauerte in ihrem Gemüte wie ein versteckter Feind, der eine Verstärkung erwartet, bevor er sich öffentlich erklärt und wirkliche Feindseligkeiten verübt, und diese Verstärkung langte bald an, um ihren Verdacht zu vermehren: denn als nicht lange nachher Mann und Frau beim Mittagessen saßen, sagte der Herr zur Magd: »Da mihi aliquid Porum,« worauf die arme Dirne lächelte, vielleicht über das schlechte Latein, und als ihre Hausfrau die Augen auf sie warf, ward sie rot, vermutlich darüber, daß sie es für unrecht hielt, über ihren Lehrer und Herrn gelacht zu haben. Frau Rebhuhn geriet hierüber augenblicklich in Wut und warf den hölzernen Teller, von welchem sie aß, der armen Hanna nach dem Kopfe, wobei sie schrie: »Du unverschämtes Nickel! willst du vor meiner Nase dein Spiel mit meinem Manne treiben?« Und in eben dem Augenblick sprang sie von ihrem Stuhle auf mit einem Messer in der Hand, womit sie vermutlich eine sehr tragische Rache verübt haben würde, hätte nicht das Mädchen den Vorteil benützt, daß sie der Thüre näher war als ihre Herrschaft, und wäre sie nicht ihrer Wut dadurch ausgewichen, daß sie davonlief. Denn der arme Hausvater, sei es nun, daß ihn das Erstaunen erstarrt hatte, oder daß ihn die Furcht (welches ebenso wahrscheinlich ist) abhielt, die geringste Widersetzlichkeit zu wagen, der saß da zitternd und mit aufgesperrten Augen in seinem Stuhle; er machte auch nicht die geringste Miene sich zu regen oder zu sprechen, bis seine Hausehre, als sie von ihrem Nachjagen zurückkam, einige Verteidigungsanstalten zu seiner eignen Erhaltung notwendig machte; und er ebenfalls geraten fand, dem Beispiele der Magd zu folgen und sich zurückzuziehen.

Diese gute Frau war ebensowenig als Othello von einer Stimmung:


To make a Life of Jealousy,
And follow still the Changes of the Moon
With fresh suspicions.
(Ein Leben voll Eifersucht zu leben,
Folgen der Wandelbarkeit des Mondes
Mit oft erneutem Verdacht.)
Bei ihr wie bei ihm,
To be once in doubt
Was once to be resolved –
(Nur einmal einen Zweifel
Hieß auf einmal ihren Entschluß fassen.)

[59] Sie befahl also der Hanna, auf der Stelle ihre Siebensachen zu packen und sich zu trollen, denn sie wäre entschlossen, sie solle die Nacht nicht mehr unter ihrem Dache schlafen.

Rebhuhn hatte aus Erfahrungen zu viel gelernt, um sich in eine so heikliche Sache zu mischen. Er nahm also Zuflucht zu seinem gewöhnlichen Rezepte: Geduld! denn, ob er freilich wohl nicht ein großer Adept im Latein war, so hatte er doch den Rat ins Herz wie ins Gedächtniß gefaßt, welcher heißt:


Leve fit, quod bene fertur Onus.
deutsch: »Die wohlgetragne Last wird leicht.«

Ein Weisheitsbrocken, den er immer im Munde führte, und von dessen Wahrheit er oft, wie man auch nicht leugnen kann, Gelegenheit hatte, sich durch Erfahrung zu überzeugen.

Hannchen wollte ihre Unschuld verteidigen, aber der Sturm brauste zu heftig, um sie Gehör finden zu lassen. Sie machte sich also ans Einpacken, wobei sie nur wenig Makulatur brauchte; und nachdem sie ihren schmalen Bissen von Lohn zugeworfen erhalten hatte, ging sie heim.

Der Schulmonarch und seine Ehehälfte brachten ihren Nachmittag und Abend unangenehm genug hin; vor dem nächsten Morgen aber fiel eins oder das andre vor, welches die Wut der Frau Rebhuhn ein wenig milderte und dem Manne die Erlaubnis bewirkte, seine Entschuldigung vorzubringen: diese fand um so eher Glauben, da er, anstatt zu verlangen, daß sie Hannchen wieder in Dienst nehmen möchte, vielmehr seine Zufriedenheit über ihre Entlassung bezeigte und sagte, sie wäre zu einer Dienstmagd ziemlich untauglich geworden, da sie alle ihre Zeit aufs Lesen verwendet habe, und obendrein wäre sie noch vorlaut und eigensinnig. Denn in der That hatten sie und ihr Lehrer seit einiger Zeit öfter über literarische Dinge disputirt, worin sie, wie bereits gesagt, ihm sehr überlegen geworden war. Dies wollte er indessen keinesweges zugeben, und weil er es Eigensinn nannte, wenn sie das behauptete, worin sie recht hatte; so begann er sie so ziemlich aufrichtig zu hassen.

Viertes Kapitel
[60] Viertes Kapitel.

Beschreibung einer der blutigsten Schlachten oder vielmehr Zweikämpfe, die nur jemals in Hausgeschichten auf die Nachwelt gebracht worden.


Aus den im vorigen Kapitel beigebrachten Gründen und wegen andrer ehelichen Vorteile, welche den meisten Ehegenossen wohl bekannt sind und die gleich den Geheimnissen der Freimaurer niemand bekannt gemacht werden sollten, der nicht von der hochlöblichen Brüderschaft Mitglied ist: war Frau Rebhuhn darüber gar wohlgemut, daß sie ihren Eheschatz unschuldigerweise verdammt hatte, und gab sich Mühe, ihren falschen Verdacht durch Liebesbezeigungen wieder gut zu machen. Ihre Leidenschaften waren wirklich gleich heftig, wohin sie auch gerichtet sein mochten; denn, wie sie sehr heftig zürnen konnte, so konnte sie auch fast ebenso heftig lieben.

Allein, obgleich diese Leidenschaften gewöhnlich einander ablösten und selten einmal vierundzwanzig Stunden hingingen, während welcher der Pädagog nicht gewissermaßen der Gegenstand von beiden gewesen; so war doch bei außerordentlichen Gelegenheiten, wenn die Leidenschaft des Zorns sehr arg getobt hatte, der Nachlaß gewöhnlich länger, und so war gegenwärtig der Fall: denn sie beharrte länger in einem Stande milder Freundlichkeit, nachdem dieser Anfall von Eifersucht vorüber war, als ihr Ehegemahl jemals erlebt hatte. Und wär es nicht bloß wegen einiger kleinen Uebungen gewesen, wozu alle Anhänger der Xanthippischen Sekte täglich verbunden sind, so hätte Herr Rebhuhn einige Monate hindurch einer vollkommen heitern Stille genossen.

Völlige Stille zur See wird von erfahrnen Seemännern allemal für einen Vorboten des Sturms geachtet: und ich kenne einige Leute, die, ohne eben durchgängig am Aberglauben zu hängen, zu besorgen geneigt sind, daß große und ungewöhnliche Ruhe und langer Frieden Vorläufer von ihrem Gegenteile sind. Aus dieser Ursache hatten die Alten bei solchen Gelegenheiten die Gewohnheit, der Göttin Nemesis zu opfern: eine Göttin, welche nach ihrer Meinung mit einem neidischen Auge auf menschliche Glückseligkeit herabsähe und in ihrer Vernichtung ein ganz eigenes Behagen fände.

Da wir weit entfernt sind, an irgend eine solche heidnische Gottheit zu glauben oder irgend jemand in seinem Aberglauben zu bestärken, so wünschen wir, daß irgend ein haarscharfer Philosoph sich ein wenig Mühe geben wollte, die Grundursache dieses schnellen Uebergangs vom Glück zum Unglück heraus zu demonstrieren. Ein Uebergang, der so oft bemerkt worden und wovon wir ein Beispiel [61] zu geben im Begriff stehen; denn unser Geschäft ist, Thatsachen zu erzählen, und die Ursachen müssen wir Männern von viel höherm und tiefern Genie überlassen.

Die Menschenkinder haben von jeher ein großes Vergnügen darin gefunden, das Thun und Lassen anderer zu wissen und zu untersuchen. Daher hat man zu allen Zeiten und unter allen Völkern gewisse Plätze für öffentliche Zusammenkünfte ausgesonnen, woselbst die Neubegierigen zusammenkommen und ihre gegenseitige Neugier befriedigen könnten. Unter diesen haben die Barbierstuben mit Recht den Vorzug gewonnen. Bei den Griechen war Barbierzeitung ein sprichwörtlicher Ausdruck und Horaz thut in einer von seinen Episteln von römischen Barbieren in eben dem Lichte sehr ehrenvolle Erwähnung.

Die Barbierer in England sind dafür bekannt, daß sie ihren griechischen und römischen Vorgängern nichts nachgeben. Man sieht bei ihnen die auswärtigen Affairen auf eine Art ausmachen, welche der, womit solche in den Kaffeehäusern behandelt werden, fast sehr nahe kommt, und häusliche Vorfälle werden in den ersten weit umständlicher und freimütiger vorgenommen als in den letztern. Doch diese Oerter sind eigentlich nur für Mannspersonen. Da nun aber das Frauenzimmer dieses Landes von den niedern Klassen sich häufiger zu einander gesellt als das von andern Nationen, so wäre unsere Polizei höchst fehlerhaft gewesen, hätte sie nicht gleichfalls einige Oerter festgesetzt, wo unsere Weiblein für ihre Neugier Nahrung finden können, da man sieht, daß sie in diesem Punkte nicht weniger Bedürfnisse haben als die andere Hälfte des Geschlechts.

Im Genuß solcher Versammlungsplätze müssen sich also die britischen Schönen viel glücklicher achten als alle übrigen ihrer Schwestern in fremden Landen; weil ich mich nicht erinnere, von dergleichen Art etwas in der Geschichte gelesen oder auf meinen Reisen gesehen zu haben.

Dieser Versammlungsplatz ist denn kein anderer als die Lichtgießerbude, der bekannte Sitz aller Neuigkeiten oder, wies es wohl besser, obgleich etwas gemeiner heißen möchte, alles Gevatternschnacks. Als Frau Rebhuhn in dieser weiblichen Versammlung gegenwärtig war, befragte sie eine von ihren Nachbarinnen, ob sie nichts Neues von Hannchen Jones gehört hätte, worauf sie verneinend antwortete; worauf die andere mit einem Lächeln versetzte: das Kirchspiel sei ihr viel Dank schuldig, dafür, daß sie das Mädchen, so wie sie gethan, fortgejagt hätte.

Frau Rebhuhn, deren Eifersucht, wie der Leser recht gut weiß, längst vertrieben war und die keine andere Klage über ihre Magd gehabt hatte, antwortete ganz keck: sie wisse nicht, was sie damit [62] sagen wollte; ihr sei das Kirchspiel dafür nichts schuldig, denn Hannchen hätte schwerlich, wie sie glaubte, ihresgleichen hinter sich gelassen.

»Nein, gewiß nicht,« sagte Trine Gevatterin, »ich hoffe nicht! Doch, denk' ich, hätten wir Schlumpen noch genug! Sie hat also noch nicht gehört, dünkt mich, daß die Dirne mit zwei Wechselbälgern niedergekommen ist? Doch was geht's uns an, sagt mein lieber Mann und der andere Kirchen-Jurat; da sie hier nicht geboren sind, haben wir's nicht nötig, sie zu füttern.«

»Zwei Wechselbälger!« antwortete Frau Rebhuhn hastig. »Sie macht mich erstaunen. Ob sie hier aufgefüttert werden müssen, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß sie das Mensch hier aufgesackt haben muß, denn sie ist noch keine neun Monate von hier weg.«

Nichts kann so schnell und plötzlich sein, als das Geschäft der Phantasie, besonders wenn Hoffnung oder Furcht, oder Eifersucht, bei welcher die beiden vorigen nur als Handlanger arbeiten, solche in Gang setzt. Es fiel ihr augenblicks ein, daß Hannchen fast niemals aus dem Hause gegangen wäre, so lange sie bei ihr gedient. Das Lehnen über dem Stuhle, das plötzliche Aufspringen, das Latein beim Essen, das Lächeln, das Rotwerden und viele andere Dinge drängten sich auf einmal in ihr Gehirn. Die Zufriedenheit, die ihr Mann über Hannchens Entlassung bezeigte, kam ihr jetzt als bloße Verstellung vor, in dem Augenblick aber wieder als wahr, und doch wieder, um ihre Eifersucht zu bekräftigen, als wäre solche aus Sättigung entstanden und aus hundert andern schlimmen Ursachen mehr. Mit einem Wort, sie war überzeugt von ihres Mannes Verbrechen und verließ augenblicklich voller Verwirrung die gesprächige Versammlung.

So wie der schöne Kater Murner, welcher, obgleich der jüngste vom Geschlecht der mausenden Löwen, dennoch nicht ausartet von der Wildheit des ältern Zweiges ihres Hauses, und, obgleich geringer an Stärke, doch gleich bleibt an Blutgier dem edlen Tiger selbst; wenn ein kleines Mäuslein, das er lange spielend gequält, seinen Krallen für ein Weilchen entwischt, herumspringt, das Haar sträubt, einen hohen Buckel macht und schreit und kratzt; wenn aber der Koffer oder Kasten, wohinter sich das Mäuslein verkrochen hatte, weggenommen wird, wie in Blitz auf seine Beute schießt, sie packt, und mit vergifteter Wut beißt, quetscht und das arme Tierchen in Stücke zerreißt:

So, mit nicht geringerer Wut schoß Frau Rebhuhn auf den Pädagogen! Ihre Zunge, Zähne und Hände fielen alle zugleich über ihn her. Seine Perücke war in einem Hui! vom Kopfe; [63] sein Hemd in Fetzen vom Leibe, und seinem Angesichte entflossen fünf blutige Ströme und bezeichneten die Zahl der Krallen, womit die Natur unglücklicherweise seinen Feind bewaffnet hatte.

Rebhuhn focht einige Zeit bloß verteidigungsweise, und strebte wirklich nur, sein Angesicht mit seinen Händen zu schützen; da er aber fand, daß seine Widersacherin von ihrer Wut nicht nachließ, so dachte er, er könne wenigstens suchen, sie zu überflügeln oder ihre Flügel unthätig zu machen. Da er also ihre Arme packte, verlor sie im Ringen ihr Kopfzeug; und ihr Haar, das zu kurz war, die Schultern zu erreichen, sträubte sich auf ihrem Kopfe empor; ihr Schnürleib, das nur unten durch ein Loch befestigt war, barst auf, und ihr Busen, woran sie weit mehr Vorrat hatte, als an Haaren, fiel bis unter den Gürtel herab; auch ihr Gesicht war befleckt mit dem Blute ihres Bettgenossen; ihre Zähne knirschten vor Wut; und Feuer, wie es vom Amboß eines Grobschmieds sprühet, schoß ihr aus den Augen, so daß alles zusammengenommen diese amazonische Heldin einem weit kühneren Manne, als Rebhuhn war, ein Gegenstand des Schreckens hätte werden können. Er hatte endlich das Glück, durch den Besitz ihrer Arme die Waffen, welche sie am Ende ihrer Finger trug, unbrauchbar zu machen; welches sie nicht so bald merkte, als die wässerige Weichheit ihres Geschlechts das Feuer ihres Zorns löschte und sie plötzlich in Thränen zerschmolz; worauf denn bald eine Ohnmacht die Schlacht endigte.

Das bißchen Besinnung, welche Rebhuhn während dieses Auftritts, von dessen Anlaß er kein Wort wußte, noch übrig behalten hatte, verließ ihn nunmehr noch völlig. Er lief augenblicklich auf die Straße und schrie aus: seine Frau läge in Todesnöten, und flehete die Nachbarn an, sie möchten ihr doch aufs eiligste zu Hilfe kommen! Verschiedene gute Weiber thaten sein Begehren, gingen in sein Haus, brauchten die in solchen Fällen gewöhnlichen Mittel, und Frau Rebhuhn ward zur innigsten Freude ihres Mannes wieder zu sich selbst gebracht. Sobald sie ihre Lebensgeister ein wenig wieder gesammelt und durch ein herzstärkendes Gläschen wieder etwas beruhiget hatte, begann sie die Gesellschaft von den mancherlei Beleidigungen, die sie von ihrem Manne erfahren hätte, zu benachrichtigen. Er begnügte sich nicht damit, sagte sie, ihr eigenes Ehebette zu beflecken, sondern als sie ihm das vorgeworfen, habe er sie noch dazu auf die entsetzlichste Weise, die man sich nur erdenken könnte, gemißhandelt; habe ihr das Kopfzeug und die Haare vom Kopfe gerauft, habe ihr die Schnürbrust vom Leibe gerissen und zu gleicher Zeit ihr einige Stöße und Schläge versetzt, davon sie die Mäler wohl mit in ihr Grab nehmen würde.

[64] Der arme Mann, welcher in seinem Gesichte mehr sichtbare Merkzeichen des ausbrechenden Aergers seiner Frau aufzuweisen hatte, stand da im stillen Erstaunen über diese Anklage, welche, wie ihm hoffentlich der Leser bezeugen wird, weit über die Schranken der Wahrheit hinausging; denn in der That, er hatte ihr nicht einen einzigen Schlag gegeben. Da aber sein Stillschweigen von der ganzen Gerichtsbank als ein Geständnis des Verbrechens angesehen ward, so begannen sie alle una voce ihn herunterzumachen und auszuhunzen, wobei oft wiederholt ward, nur eine feige Memme könne ein Weib schlagen.

Rebhuhn ertrug alles mit Geduld, als aber seine Frau sich auf das Blut in ihrem Gesichte als auf einen Zeugen seiner Grausamkeit berief, da konnte er nicht umhin, das Eigentum seines Blutes zu reklamieren (wir wissen, daß es sein war), weil er es für unnatürlich hielt, daß sein eigenes Blut wider ihn selbst um Rache schreien sollte, wiewohl ehemals das Blut der Erschlagenen gegen ihre Mörder gethan haben und noch thun soll.

Auf diese Reklamation gaben die Weiber keine andere Antwort, als: es wäre schade, daß das Blut nicht aus seinem Herzen wäre, anstatt aus seinem Gesichte, und alle erklärten dabei, daß, sollten ihre Ehemänner nur eine Hand gegen sie aufheben, sie ihnen das Blut aus dem Herzen abzapfen wollten.

Nach manchem Verweise, wegen des Vergangenen, und mancher Vermahnung, die dem armen Rebhuhn wegen seiner künftigen Aufführung gegeben worden, ging endlich die Gesellschaft auseinander und ließ Mann und Weib zu einer persönlichen Konferenz bei einander, worin Rebhuhn sehr bald die Ursache aller seiner Leiden erfuhr.

Fünftes Kapitel
Fünftes Kapitel.

Enthält viel Materie, woran der Leser sein Urteil und sein Nachdenken üben kann.


Ich glaube, es ist eine wahre Bemerkung, daß wenige Geheimnisse nur einer Person mitgeteilt werden; aber wahrlich, es würde einem Wunderwerke sehr nahe kommen, wenn eine Begebenheit von dieser Art einem ganzen Kirchspiele bekannt sein und sich gar nicht weiter verbreiten sollte.

Und wirklich waren nur wenige Tage vergangen, als die Gegend umher über den Schulmeister vom kleinen Baddington, um mich eines Volksausdrucks zu bedienen, die Schandglocke zog und [65] von ihm sagte, er habe seine Frau entsetzlich geprügelt. An einigen Orten ward sogar ausgesprengt, er habe sie ermordet, an andern, er habe ihr die Arme gebrochen, wieder an andern, er habe ihr die Beine entzwei geschlagen; kurz, es ließ sich kaum eine Beschädigung erdenken, die einem menschlichen Körper zugefügt werden kann, die nicht hie und da versichert wurde, Frau Rebhuhn habe solche von ihrem Manne erlitten. Die Ursache des Streits ward gleichfalls gar verschieden erzählt, denn wie einige Leute sagten, Frau Rebhuhn habe ihren Mann mit der Magd im Bette ertappt, so wandelten auch andere Ursachen von verschiedenem Inhalt umher; ja einige übertrugen die Verschuldung auf die Frau, und auf den Mann die Eifersucht.

Jungfer Wilkins hatte längst schon von diesem Zwist gehört, da aber eine andere Ursache desselben, als die wahre, zu ihren Ohren gelangte, so hielt sie für ratsam, davon zu schweigen, um so mehr vielleicht, als die Schuld durchgehends auf Herrn Rebhuhn gelegt wurde, und seine Frau, als sie noch in Herrn Alwerths Hause diente, die Jungfer Wilkins einigermaßen beleidigt hatte, und weil Jungfer Wilkins zum Vergessen und Vergeben nicht viel Anlage besaß.

Jedoch, Jungfer Wilkins, welche Dinge von weitem sehen und sehr gut einige Jahre in die Zukunft hinausblicken konnte, hatte als große Wahrscheinlichkeit wahrgenommen, daß Herr Kapitän Blifil wohl einst ihr Brotherr werden würde, und da sie sehr deutlich unterscheiden konnte, daß der Kapitän dem kleinen Findling nicht eben gar zu wohl wollte, so meinte sie, würde sie ihm einen angenehmen Dienst leisten, wenn sie etwas auskundschaften könnte, wodurch die Zuneigung geschmälert werden müßte, welche Herr Alwerth zu diesem Kinde gefaßt zu haben schien, und welche dem Kapitän so sichtbare Unruhen verursachte, daß er sie sogar nicht einmal so gänzlich vor Herrn Alwerth selbst verbergen konnte. Obgleich seine Gemahlin, die ihre Rolle öffentlich weit besser spielte, ihm verschiedenemal ihr eigenes Beispiel empfahl, um über die Thorheit ihres Bruders, die sie, wie sie sagte, wenigstens ebensogut einsähe und darüber ebenso unwillig wäre, als nur irgend ein anderer, ein Auge zuzudrücken.

Als derohalben Jungfer Wilkins zufälligerweise, obgleich lange nachher, das Wahre von der obigen Geschichte erfahren hatte, so ermangelte sie nicht, alle, auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände auszuspähen, und hinterbrachte dann dem Kapitän, sie habe endlich den wahren Vater des kleinen Bankerts ausfindig gemacht, über dem es ihr so leid thäte, sagte sie, daß ihr Herr seinen guten Namen im Lande verlieren sollte, weil er soviel aus ihm machte.

[66] Der Kapitän verwies ihr den Schluß ihrer Rede als eine unschickliche, vorlaute Beurteilung der Handlung ihres Herrn, denn hätte es auch des Kapitäns Ehre oder sein Verstand ihm zugelassen, mit Jungfer Deborah ein Bündnis einzugehen, so wollte sein Hochmut keineswegs darein willigen. Und die Wahrheit zu sagen ist keine Aufführung unpolitischer, als wenn man sich mit Bedienten seiner Freunde in eine Konföderation gegen ihren Herrn einläßt; denn dadurch wird man hernach zum Sklaven eben dieser Bedienten, und steht in übler Gefahr von ihnen verraten zu werden. Und diese Rücksicht war's vielleicht, welche den Kapitän Blifil verhinderte, gegen Jungfer Wilkins näher herauszugehen, oder sein Gefallen an ihren hämischen Anmerkungen über Herrn Alwerth zu bezeigen.

Allein, ob er gleich der Jungfer Wilkins kein Vergnügen über diese Entdeckung blicken ließ, so machte ihm solche doch innerlich nicht wenig Freude, und er beschloß den bestmöglichsten Gebrauch davon zu machen.

Er hielt die Sache lange Zeit in seiner Brust verschlossen, in der Hoffnung, Herr Alwerth würde sie von einer andern Seite her erfahren; Jungfer Wilkins aber, ob sie das Betragen des Kapitäns übel nahm, oder ob ihr seine List zu sein war, um sie zu merken, und sie wirklich fürchtete, die Entdeckung möchte ihn böse machen, kurz sie ließ nachher von der Sache weiter kein Wort fallen.

Bei weiterem Nachdenken habe ich's ein wenig befremdlich gefunden, daß die Hausjungfer ihre Neuigkeit nicht der Madam Blifil mitteilte, weil das weibliche Geschlecht geneigter ist, alle neue Zeitungen dem seinigen zuzutragen, als dem unsrigen. Der einzige Weg, wie es mir scheint, diese Schwierigkeit zu heben, ist, wenn man solche auf Rechnung der Entfernung setzt, welche zwischen der Dame und der Hausjungfer entstanden war: diese mochte wohl ihren Grund in der Eifersucht haben, die Madam Blifil darüber hegte, daß die Wilkins zu große Achtung für den Findling bezeigte; denn während diese damit umging, dem kleinen Kinde zu schaden, um sich beim Kapitän in größere Gunst zu setzen, lobte sie es doch von Tage zu Tage immer mehr und mehr in Gegenwart des Herrn Alwerths, weil seine Liebe zu demselben täglich zunahm. Dieses mochte ungeachtet aller Sorgfalt und aller Mühe, die sie sich zu andern Zeiten gab, vor Madam Blifil das gerade Gegenteil auszudrücken, vielleicht diese delikate Dame beleidigt haben, welche jetzt die Wilkins ganz gewiß haßte; und ob sie dieselbe gleich nicht völlig abschaffte oder vielleicht nicht abschaffen konnte, so fand sie doch Mittel, ihr das Leben herzlich sauer zu machen. Dies nahm Jungfer Wilkins endlich so übel, daß sie dem kleinen Tom[67] alle mögliche Arten von Achtung und Liebe, aus Widersetzlichkeit gegen Madam Blifil, ganz öffentlich bewies.

Der Kapitän, welchem solchergestalt die Geschichte in Gefahr der Vergessenheit zu schweben schien, ergriff zuletzt eine Gelegenheit, sie selbst zu offenbaren.

Er war eines Tages mit Herrn Alwerth in einem Gespräche über die Liebe des Nächsten begriffen, in welchem der Kapitän mit großer Gelehrsamkeit dem Herrn Alwerth bewies, daß das Wort, Liebe des Nächsten, in der heiligen Schrift keineswegsWohlthätigkeit oder Freigebigkeit bedeuten soll.

»Die christliche Religion,« sagte er, »wäre uns zu weit höheren Endzwecken gegeben, als uns eine Vorschrift einzuschärfen, welche viele heidnische Philosophen uns lange vorher schon gelehrt hätten, und welche, ob sie gleich vielleicht eine moralische Tugend heißen könnte, dennoch nur sehr wenig von der erhabenen Christus-Gesinnung, von der großen Erhebung der Gedanken enthielte, welche in ihrer Reinheit sich der Vollkommenheit der Engel näherte, und die man nicht anders erreichen, ausdrücken und empfinden könne, als vermittelst der Gnade. Diejenigen«, sagte er, »kämen der Meinung der Schrift näher, welche darunter die Sinneseinfalt verstünden, oder die Bereitwilligkeit, eine leutselige Meinung von unsern Brüdern zu fassen und über ihre Handlungen ein liebreiches Urteil zu fällen; eine Tugend, weit höher und viel umfassender, nach ihrer innern Natur, als eine erbärmliche Gabe an Almosen, welche, wenn wir es damit auch so weit trieben, daß wir dadurch den unsrigen wehe thäten, oder sie gar an den Bettelstab brächten, dennoch sich nicht auf sehr viele erstrecken könnte. Dahingegen die Liebe des Nächsten, in dem andern und wahrern Sinne, über das ganze menschliche Geschlecht ihren Einfluß hätte.«

Er sagte: »wenn man betrachtete, was für Männer die Jünger gewesen, so wäre es einfältig, sich vorzustellen, daß ihnen die Lehre von Freigebigkeit und Almosengeben habe gepredigt werden können. Und da wir uns nicht wohl einbilden könnten, daß diese Lehre von ihrem göttlichen Urheber solchen Menschen sollte vorgetragen worden sein, die sie nicht ausüben konnten, um so weniger dürften wir annehmen, daß sie von solchen Leuten, in dem Sinne verstanden werde, die sie ausüben können, aber es nicht thun.«

»Unterdessen, obgleich,« fuhr er fort, »wie ich besorge, wenig Verdienst bei wohlthätigen Handlungen ist, so möchte doch, ich gestehe es, für einen guten Menschen viel Vergnügen dabei sein, wenn es nicht durch eine gewisse Betrachtung sehr gemäßigt würde. Ich meine damit, daß wir dem Betruge ausgesetzt sind und unsere besten Wohlthaten denen erzeigen, die solche am wenigsten verdienen, [68] wie es denn, wie Sie mir einräumen müssen, der Fall mit ihrer Freigebigkeit gegen den unwürdigen Rebhuhn ist; denn zwei oder drei solcher Beispiele müssen die innere Zufriedenheit um ein merkliches vermindern, welche sonst ein guter Mann im Wohlthun finden würde. Ja sogar könnten sie ihn schüchtern machen, seine milde Hand aufzuthun, aus Furcht der Sünde, dem Laster unter die Arme zu greifen und dem Gottlosen seinen Weg zu ebnen; ein Verbrechen von blutroter Farbe, und das dadurch keineswegs hinlänglich entschuldigt wird, zu sagen, wir hatten nicht die Absicht Böses zu stiften; wofern wir nicht die äußerste Behutsamkeit in der Wahl solcher Gegenstände angewendet haben, denen wir unsere Wohlthaten zufließen lassen. Eine Betrachtung, welche, wie ich nicht zweifle, überhaupt die Freigebigkeit manches frommen würdigen Mannes eingeschränkt hat.«

Herr Alwerth antwortete: »Er könne mit dem Kapitän nicht in griechischer Sprache disputieren, und könne deswegen auch nichts über den wahren Sinn des Wortes sagen, welches durch Liebe des Nächsten übersetzt wäre, aber er habe immer gedacht, es bestünde nach der besten Auslegung in Handlungen, und das Almosengeben sei wenigstens ein Zweig von dieser Tugend.«

»Was das Verdienstliche dabei beträfe,« sagte er, »wäre er mit dem Kapitän völlig einerlei Meinung; denn was könne bei bloßer Ausübung einer Pflicht für Verdienst sein; und daß es eine Pflicht wäre,« sagte er, »man möchte nun das Wort, Liebe des Nächsten, erklären wie man wolle, das erhelle aus dem ganzen Inhalt des Neuen Testaments, und so wie er es für eine unumgängliche Pflicht, nach den Gesetzen der christlichen Religion sowohl, als nach den Gesetzen der Natur hielte, so wäre solche außerdem noch so angenehm, daß, wenn man von einer Pflicht sagen könne, sie sei ihr eigener Lohn, oder sie vergelte uns durch ihre Ausübung selbst, man es von dieser sagen müsse.«

»Die Wahrheit zu gestehen,« sagt' er, »so gibt es einen Grad von Freigebigkeit (von Nächstenliebe, hätte ich lieber gesagt), welcher einigen Schein von Verdienstlichkeit hat, und dieser Grad ist, wenn wir aus Nächsten- und Christenliebe einem andern das geben, dessen wir wirklich selbst bedürfen; wenn, um die Not eines andern zu mindern, wir willig einen Teil davon über uns selbst nehmen, indem wir selbst von demjenigen hingeben, was wir nicht ohne wesentliche Unbequemlichkeit missen können. Dies ist, glaube ich, verdienstlich; aber unsern Brüdern bloß von unserem Ueberfluß ihre Not erleichtern; barmherzig sein oder Nächstenliebe üben (ich muß das Wort brauchen) mehr auf Kosten unseres Geldkastens als auf unsere eigenen; lieber einige Familien vom Elend retten, als [69] ein köstliches Gemälde in unserem Hause aufhängen, oder sonst eine von unsern thörichten und lächerlichen Eitelkeiten befriedigen, damit ist man nichts weiter, als ein bloßer Christ; ja, eigentlich nichts mehr, als ein bloßes menschliches Geschöpf. Noch mehr, ich wag' es noch weiter zu gehen, man ist damit gewissermaßen ein Epikuräer: denn was könnte der größeste Wollüstling mehr wünschen, als mit viel Mäulern statt mit Einem Munde zu essen! und dies, glaub' ich, kann man von jedem Manne sagen, der es weiß, daß das Brod vieler seine eigene Gabe ist.«

»Was die Besorgnis betrifft, man möchte seine Wohlthaten an solche verschwenden, die ihrer nachher unwürdig befunden werden, wie das nicht selten geschehen sein mag, so kann solches gewiß keinen Mann abschrecken, freigebig zu sein: Ich denke nicht, daß ein paar oder auch viele Beispiele von Undankbarkeit einen Mann rechtfertigen können, wenn er sein Herz gegen die Leiden seiner Mitgeschöpfe verhärtet. Ich glaube auch nicht, daß sie auf einen wirklich wohlthätigen Mann jemals diese Wirkung thun werden. Nichts weniger als die Ueberzeugung von allgemeiner Verderbtheit der Menschen kann einem guten Mann die Liebe des Nächsten verleiden; und diese Ueberzeugung müßte ihn, wie ich denke, entweder zum Atheisten, oder zum Enthusiasten machen. Aber es ist gewiß unbillig, auf eine solche allgemeine Verderbnis aus dem fehlerhaften Betragen einiger wenigen Menschen zu schließen; auch hat es, glaube ich, noch nie ein Mann gethan, der, wenn er sein eigenes Herz untersuchte, darinnen nur eine einzige Ausnahme von der allgemeinen Regel bemerkte.« Hier beschloß er damit, daß er fragte, wer der Rebhuhn sei, den er einen unwürdigen Kerl genannt hatte.

»Ich meine,« sagte der Kapitän, »Rebhuhn, den Barbierer, den Schulmeister, und was weiß ich alles? Rebhuhn, den Vater des Kindes, das Sie in Ihrem Bette fanden.« Herr Alwerth zeigte ein großes Erstaunen über diese Nachricht, und der Kapitän schien ebenso sehr verwundert darüber, daß er sie noch nicht wisse, denn er sagte, er habe es schon seit länger als einem Monat gewußt, und er schien sich mit vieler Mühe zu erinnern, daß er es durch Jungfer Wilkins erfahren habe.

Hierauf wurde die Wilkins augenblicklich vorgefordert, und nachdem sie das, was der Kapitän gesagt, bestätigt hatte, ward sie von Herrn Alwerth, auf und mit des Kapitäns Rat, nach Kleinpaddington gesandt, um sich nach der Wahrheit der Sache zu erkundigen: denn der Kapitän bezeigte einen großen Widerwillen gegen hastiges Verfahren in Kriminalsachen, und sagte, er möchte um aller Welt willen nicht, daß Herr Alwerth einen Entschluß [70] faßte, weder zum Nachteile des Kindes noch seines Vaters, bevor er nicht gewiß von der Schuld des letztern überzeugt wäre: denn, ob er gleich selbst für sich insgeheim diese Ueberzeugung von einem von Rebhuhns Nachbarn eingeholt hatte, so war er doch zu edelmütig, vor Herrn Alwerth dies Zeugnis abzulegen.

Sechstes Kapitel
Sechstes Kapitel.

Des Schulmeister Rebhuhns Verhör in Puncto Sexti; Zeugnis seiner Ehefrau; eine kurze Bemerkung über die Gesetze des Landes nebst andern ernsthaften Materien, die denen am meisten gefallen werden, die solche am besten verstehen.


Man wundert sich vielleicht, daß eine so bekannte Geschichte, und welche so viel Geredes gemacht hatte, dem Herrn Alwerth selbst nie zu Ohren gekommen sei, welcher vielleicht der einzige in der ganzen Gegend war, der noch nichts davon vernommen hatte.

Um dies dem Leser einigermaßen zu erklären, finde ich nötig, ihm zu berichten, daß im ganzen Britischen Reiche keinem Menschen weniger dran gelegen war, die Lehre von der neueren Bedeutung des Worts,Liebe des Nächsten, zu bestreiten, welche aus dem vorigen Kapitel erinnerlich sein wird, als unserem guten Manne, Herrn Alwerth. Er hatte wirklich gleiche Ansprüche auf diese Tugend, in welchem Sinne man sie nahm; denn, so wie kein Mensch die Bedürfnisse anderer schneller fühlte, oder williger war, ihnen abzuhelfen, so konnte auch niemand behutsamer in Ansehung ihres Leumunds, oder langsamer sein, irgend etwas zu ihrem Nachteile zu glauben.

Verleumdung fand also niemals Zutritt bei seiner Tafel: denn so wie vorläufig schon bemerkt worden, wie man einen Mann aus seinem Umgang kennen kann; so erkühne ich mich zu sagen, daß, wenn man auf die Unterredung an den Tafeln eines vornehmen Mannes acht gibt, man sich von seiner Religion, seinem Patriotismus, seinem Geschmacke, mit einem Worte, von der ganzen Denkungsart des Mannes überzeugen könne; weil, obgleich einige Sonderlinge ihre Herzensmeinung allerorten frei heraussagen, doch die meisten Menschenkinder Hofschranzen genug sind, ihre Gespräche nach dem Geschmacke und den Neigungen ihrer vornehmen Gönner einzurichten.

Um aber wieder zur Jungfer Wilkins zu kommen, so brachte diese, nachdem sie ihren Auftrag mit großer Eile, ungeachtet sie [71] einen Weg von fünfzehn englischen Meilen hatte machen müssen, besorgt hatte, eine solche Bestätigung von dem Verbrechen des Schulmeisters mit, daß Herr Alwerth beschloß, den armen Sünder vorfordern zu lassen, und ihn viva voce zu vernehmen. Rebhuhn ward also vorgeladen, um seine Notdurft wahrzunehmen, und seine Verteidigung (falls er dergleichen wüßte) gegen die Anklage vorzubringen.

Zur angesetzten Zeit erschien vor dem Herrn Alwerth, zu Paradise-Hall sowohl obgenannter Rebhuhn mit Anna seiner Ehefrau, als auch Jungfer Wilkins, seine Anklägerin.

Nachdem sich Herr Alwerth auf seinen Richterstuhl gesetzt hatte, ward Rebhuhn vorgeführt. Nach deutlich vernommener Anklage aus dem Munde der Jungfer Wilkins behauptete er, unschuldig zu sein, und zwar that er solches mit großem Beteuern.

Hierauf ward Anna Rebhuhn vernommen; die dann, nach einigem Lamentieren über den Notzwang, wider ihren eigenen Ehemann die Wahrheit bezeugen müssen, alle die Umstände erzählte, die dem Leser schon bekannt sind, und am Ende damit beschloß, daß ihr Mann gegen sie die That gestanden hätte.

Ob sie ihm verziehen hatte oder nicht, das wage ich nicht zu beantworten; gewiß aber ist's, sie war in dieser Sache ein unwilliger Zeuge, und würde sich aus gewissen anderen Ursachen niemals haben dahin bringen lassen, wider ihn vor Gericht zu treten, hätte nicht Jungfer Deborah in ihrem eigenen Hause mit großer Kunst alles aus ihr herausgeholt, und hätte die ihr nicht das ausdrückliche Versprechen gegeben, und zwar in Herrn Alwerths Namen, ihres Mannes Strafe solle so ausfallen, daß seine Angehörigen ganz und gar nichts darunter litten.

Rebhuhn verharrte beständig beim Leugnen, ob er gleich das oben von Zeugin erwähnte Geständnis als gethan erkannte, doch aber anders zu drehen suchte, indem er beteuerte, er sei dazu gezwungen worden, durch das unablässige Placken und Plagen, was er er leben müssen, wobei sie ihm noch zugeschworen hätte, sie wolle ihn, da sie gewiß wisse, er sei schuldig, so lange unaufhörlich quälen, bis ers gestünde, und dabei getreulich versprochen, ihm hernach kein Wort mehr darüber zu sagen. Hierdurch hätte er sich fälschlicherweise verleiten lassen, die That einzugestehen, ob er gleich unschuldig gewesen und noch sei; und glaubte er, sie hätte auf diese Art ihn zum Geständnis eines Mordes bringen können.

Anna Rebhuhn konnte diese Bezichtigung nicht mit Geduld ertragen; da sie aber, an dem Orte hier, kein ander Gegenmittel hatte, als Thränen, rief sie davon einen zahlreichen Beistand hervor; wendete sich dann an Herrn Alwerth und sagte, oder vielmehr [72] schluchzte: »Gnädiger Herr Richter, glauben mir 'R Gnaden, alle ihr' Leb's tage ist kein' arme Frau so g'mißhandelt als ich's werde, von dem schändl'chen Kerl da: 's ist nicht das Einz'gste mal, daß 'r mir falsch und untreu ist. Nein mit 'R Gnaden Wohlnehm'! er hat mein Eh'bett oft und manchmal besudelt. Ich hätt' ihm sein Saufen und Schwelgen und Versäum'n seiner Arbeit noch hingeh'n lassen, wenn 'r nicht eins der heil'gen zehn Gebote übertreten hätte; und wenn's nur noch außerm Hause gewesen wäre, so hätt' ich noch nicht so viel draus gemacht; aber'st mit meiner eigenen Magd, in meinen eignen vier Wänden, unter mein'm Dach, mein eignes keusches Eh'bett zu verunreinigen, denn das hat 'r gewiß mit seinen ruppigen Stinkhaaren gethan. Ja, du Lump, du! Du hast mein Ehebett besudelt, das hast du, und denn willst du mich beschuldigen, ich hätt' dich verblüfft, die Wahrheit zu bekennen. Ja, 'R Gnaden, er sieht mir auch darnach aus, daß ich'n verblüffen könnte! Ich trage die Zeichen an meinem eign'n Leichnam, die ich von seiner ochsigen Grausamkeit aufweisen kann. Wär'st du ein rechtl'cher Kerl gewesen, du Halunke! so hätt'st dich wohl geschämt, ein schwaches Werkzeug so zu traktieren; aber, du bist nicht e'nmal ein halber Kerl, das weist du! Bist für mich nicht 'nmal ein halber Ehemann gewest, siehstu! Hast wohl not, d'n Huren nachzulaufen, hast wohl große Not! da ich doch weiß – – und da er mir's Maul aufreißt, so bin erbötig, mit 'R Gnaden Wohlnehmen ein'n körperlichen Eid vor fünf Geistlichen drauf zu thun, daß ich sie miteinander im Bett gefunden habe. Was, du hast's wohl vergessen, glaub' ich, als du mich prügeltest, daß ich davor eine Ohnmacht kriegte, und mir's Blut vom Kopfe rann, weil ich dir deine Ehebrecherei, so ganz in aller christlichen Sanftmut, vorhielt! Aber! alle meine Nachbar'n können mir's bezeugen! 's wird e'n Nagel zu meinem Sarge sein, das wird's! so wird's!«

Hier fiel ihr Herr Alwerth ein und bat sie, sich zu beruhigen; wobei er ihr versprach, ihr sollte Gerechtigkeit werden. Hierauf redete er den Delinquent Rebhuhn an, welcher ganz blaß dastand, und die Hälfte seiner fünf Sinne vor Bestürzung, und die andere Hälfte vor Furcht verloren hatte, und sagte: es thät ihm leid, daß ein so gottloser Mann in der Welt wäre. Er versicherte ihn, seine listigen Ausflüchte, sein Lügen hinter- und vorwärts vermehre seine Schuld um ein großes: und er könne solches durch nichts anders gut machen, als durch ein aufrichtiges Bekenntnis und inniges Bereuen. Er ermahne ihn also, damit auf der Stelle den Anfang zu machen, daß er die That gestünde, und nicht länger beharre etwas zu leugnen, dessen er durch seine eigene Frau so deutlich überwiesen worden wäre.

[73] Hier, lieber Leser, bitte ich, sich eine Minute zu gedulden, derweil ich der Weisheit und Klugheit der Landesgesetze ein billiges Kompliment mache, welche das Zeugnis einer Ehefrau für oder gegen ihren Ehemann für unzulässig erklären. Dies, sagt ein gewisser gelehrter Autor, welcher, wie mich dünkt, wohl niemals bisher in irgend einem andern als in einem juristischen Buche angeführt worden, würde das Mittel sein, ewige Uneinigkeiten unter ihnen anzustiften. Es würde in der That viele Meineide und viele Staubbesen, Geldstrafen, Inhaftierungen, Landesverweisungen, Hängen und Köpfen veranlassen.

Rebhuhn stand eine Weile verstummt, bis er, da ihm zu reden geboten wurde, sagte, er habe bereits die Wahrheit gesagt, und berufe er sich auf den Himmel als Zeugen seiner Unschuld, und endlich auf das Mädchen selbst, die er seine Gestrengen bat, sobald als möglich vorfordern zu lassen; denn es war ihm nicht bekannt oder wenigstens stellte er sich so, daß sie diese Gegend des Landes verlassen hätte.

Herr Alwerth, dessen natürliche Gerechtigkeitsliebe, vereint mit seiner Kaltblütigkeit, ihn zu einem sehr geduldigen Richter machte, der alle die Zeugen anhörte, welche die beklagte Person zu ihrer Verteidigung beibringen konnte, willigte drein, das Endurteil in dieser Sache bis zu Hannchens Ankunft zu verschieben, nach welcher er auf der Stelle einen Boten abschickte; und dann, nachdem er Rebhuhn und seiner Frau Frieden geboten hatte, (ob er sich hierbei gleich vornehmlich an die unrechte Person wandte) beschied er sie auf den dritten Tag wieder vor; denn er hatte Hannchen Jones auf eine ganze Tagereise weit von seinem Hause weggeschickt.

Auf die bestimmte Zeit erschienen die Parteien coram: als der wiederkommende Bote Nachricht brachte, Hannchen Jones sei nicht zu finden; denn sie habe vor einigen Tagen in Gesellschaft eines Offiziers ihren Aufenthalt verlassen.

Hierauf erklärte Herr Alwerth, daß das Zeugnis eines so liederlichen Mädchens, als sie zu sein schien, keinen Glauben verdient haben würde; doch, sagte er, könne er nicht umhin, zu glauben, daß, wäre sie erschienen und hätte die Wahrheit ausgesagt, so könne sie nicht anders, als bekräftigt haben, was so manche Umstände benebst seinem eignen Geständnis und der Aussage seiner Ehefrau, (daß sie ihren Mann auf frischer That ergriffen) schon hinlänglich erhärteten. Er vermahnte also Rebhuhn noch einmal, sein Verbrechen zu gestehen; da er aber immer noch sich auf seine Unschuld berief, so erklärte sich Herr Alwerth, er sei von seinem Verbrechen überzeugt, und er, Rebhuhn, sei ein zu gottloser Mensch, um ferner einige Unterstützung von ihm zu verdienen. Er entzog [74] ihm also seinen Jahrgehalt und empfahl ihm Reue in Hinsicht auf die zukünftige Welt, und Fleiß, um sich und seine Frau auf dieser zu ernähren.

Es gab vielleicht wenig unglücklichere Menschen als den armen Rebhuhn. Er hatte, durch das Zeugnis seines eignen Weibes, den besten Teil seiner Einkünfte verloren und doch rückte sie ihm unter vielen andern Dingen noch täglich vor, wie er schuld sei, daß sie dieser Wohlthat entbehren müsse; aber das war nun einmal sein Schicksal, und er war genötigt, sich darein zu finden.

Ich habe ihn zwar im vorigen Absatz den armen Rebhuhn genannt; aber ich wollte, der Leser möchte dieses Beiwort vielmehr dem Mitleiden meines Herzens zuschreiben, als es für eine Erklärung seiner Unschuld ansehen. Ob er unschuldig war oder nicht? das wird sich vielleicht in der Folge zeigen. Wenn mir aber auch die historische Muse einige Geheimnisse anvertraut hat, so will ich mir keineswegs die Schuld aufladen, sie früher zu entdecken, als bis sie mir es erlaubt.

Hier muß also der Leser seine Neugier an den Nagel hängen. Gewiß ist es, auf welcher Seite auch die Wahrheit liegen mochte, die Beweise waren mehr als hinlänglich für Herrn Alwerth, ihn straffällig zu finden. Gewiß würde für ein hochpreisliches Konsistorium in Ehe- und Ehebruchssachen weit weniger, zur Findung eines Urteils, hingereicht haben; und dennoch, ungeachtet Anna Rebhuhns standhafter Aussage, worauf sie das heilige Abendmahl zu nehmen bereit war, ist doch eine Möglichkeit vorhanden, daß der Schulmeister völlig unschuldig sein könne; denn, ob es gleich ganz klar schien, wenn man die Zeit, um welche Hanna Jones aus Kleinbaddington wegging, mit der Zeit ihrer Niederkunft zusammenhält, daß das Kind dort gezeugt sein müsse, so ist es doch noch keine notwendige Folge, daß eben Rebhuhn der Vater gewesen. Denn, andere Nebenumstände beiseite gesetzt, befand sich in demselben Hause ein Bursche von fast achtzehn Jahren, zwischen welchem und Hannchen genugsame Bekanntschaft obgewaltet hatte, um darauf einen nicht unvernünftigen Verdacht zu gründen; und doch, so blind ist Eifersucht! dieser Umstand kam dem tollen Weibe nicht ein einzigesmal in den Kopf.

Ob Rebhuhn sein Vergehn, nach Herrn Alwerths gutem Rate, bereute oder nicht, das liegt im Dunkeln. Gewiß ist's, daß seiner Frau das Zeugnis, was sie wider ihn abgelegt hatte, herzlich leid that; besonders als sie fand, daß Jungfer Deborah sie betrogen hatte und sich weigerte, bei Herrn Alwerth ein gutes Wort für sie einzulegen. Indessen hatte sie etwas bessern Trost bei Madame Blifil gefunden, welche, wie der Leser gemerkt haben muß, ein viel [75] mitleidigeres Gemüt besaß, und es mit vieler Güte übernahm, bei ihrem Bruder zu bitten, daß er ihr den vorigen Jahrgehalt wieder bewilligen möchte. An welchem Mitleiden, obgleich Gutherzigkeit dabei ein wenig das ihrige thun mochte, doch eine viel stärkere und natürlichere Ursache den größten Teil hatte, wie aus dem nächsten Kapitel erhellen wird.

Diese Fürbitten waren indes vergebens; denn obgleich Herr Alwerth nicht dachte wie einige neuere Schriftsteller, daß Gnade bloß in Bestrafung der Verbrecher bestehe, so war er doch ebenso weit entfernt, zu denken, es gezieme dieser vortrefflichen Eigenschaft besonders, ein Verbrechen, ohne irgend einige Ursache, aus bloßer Willkür, zu verzeihen. Der geringste Zweifel bei der Thatsache oder irgend ein mildernder Umstand wurden allemal in Betracht gezogen: aber die Bitten eines Verbrechers oder die Fürsprachen von andern, erschütterten ihn nicht im geringsten. Kurz, er verzieh niemals deswegen, weil der Verbrecher oder seine Freunde es ungerne sahen, daß er bestraft würde.

Rebhuhn und seine Frau waren also beide genötigt, ihr Schicksal zu ertragen, welches wirklich schwer genug war: denn so weit war er davon entfernt, seinen Fleiß wegen verringerter Einnahme zu verdoppeln, daß er sich gewissermaßen der Verzweiflung überließ. Und weil er von Natur schon faul und träge war, so gewann dieser Fehler immer mehr Wachstum, und er verlor dadurch die kleine Schule, die er hatte. Solchergestalt würden weder seine Frau noch er einen Bissen Brod gehabt haben, wäre nicht die Barmherzigkeit irgend eines guten Christen ins Mittel getreten und hätte sie mit dem versorgt, was zur bloßen Unterhaltung ihres Lebens hinreichte.

Da ihm dieser Unterhalt von unbekannter Hand gereicht wurde, so bildeten sie sich ein, und das wird, wie ich nicht zweifle, der Leser gleichfalls thun, daß Herr Alwerth ihr heimlicher Wohlthäter sei; welcher zwar öffentlich kein Laster aufmuntern mochte, jedoch heimlich das Elend, selbst lasterhafter Personen, zu lindern trachtete, wenn es zu bitter, oder, verhältnismäßig gegen ihr Verschulden, zu groß ward. In welchem Lichte die Not dieser Leute dem Glücke selbst erschien; denn dieses erbarmte sich endlich des Elendes dieses Ehepaars und erleichterte den jammervollen Zustand Rebhuhns dadurch nicht wenig, daß sie das Lebensende seiner Ehefrau verkürzte, welche bald darauf die Kinderpocken bekam und starb.

Die Gerechtigkeit, mit welcher Herr Alwerth den Rebhuhn gerichtet hatte, fand anfangs allgemeinen Beifall: sobald aber hatte er nicht davon die Folgen empfunden, als seine Nachbarn begannen, weichherzig zu werden und seinen Zufall zu bedauern und [76] bald darauf dasjenige als Härte und Strenge zu tadeln, was sie vorher als Gerechtigkeit gepriesen hatten. Nunmehr schalten sie auf das Strafen bei kaltem Blute und sangen Loblieder auf Barmherzigkeit und Gnade.

Dieses Geschrei ward um ein merkliches durch den Tod von Rebhuhns Frau verstärkt, welchen einige, ob sie gleich an der vorgenannten Seuche starb, welche keineswegs eine Folge von Armut oder Kummer ist, sich nicht schämten, auf die Rechnung der Strenge oder wie sie es jetzt nannten, Grausamkeit des Herrn Alwerth zu setzen.

Rebhuhn, der nunmehr seine Frau, seine Schule und sein Jahrgeld verlor, entschloß sich, nachdem die unbekannte Person die vorhin erwähnten milden Gaben nicht weiter fortsetzte, den Schauplatz zu verändern, und verließ, zum allgemeinen Bedauern seiner Nachbarn, das Land, in welchem er Gefahr lief, zu verhungern.

Siebentes Kapitel
Siebentes Kapitel.

Eine kleine Skizze von derjenigen Glückseligkeit, welche kluge Eheleute aus dem Hasse erzielen können; nebst einer kleinen Schutzrede für solche Leute, welche die Fehler ihrer Freunde übersehen.


Obgleich der Kapitän den armen Rebhuhn wirklich zu Grunde gerichtet hatte, so erntete er doch nicht die Früchte, welche er von seiner Mühe hoffte, nämlich den Findling aus Herrn Alwerths Hause zu bringen.

Dieser edle Mann ward vielmehr von Tag zu Tag verliebter in seinen kleinen Tom, gerade als ob er seiner Strenge gegen den Vater durch außerordentliche Liebe und Güte zu dem Sohne, das Gegengewicht halten wollte.

Dies verpfefferte die Gemütsart des Kapitäns nicht wenig; so wie alle die täglichen Beweise von Herrn Alwerths Freigebigkeit: denn er betrachtete alle solche milde Gaben als eine Verminderung seines eigenen Reichtums.

Hierin war er, wie wir gesagt haben, nicht einerlei Sinnes mit seiner Gattin, so wie freilich überhaupt in keinen Dingen. Denn obgleich eine Liebe, die auf den Verstand gefallen ist, von vielen weisen Personen für viel dauerhafter geachtet wird, als eine auf Schönheit gegründete Zärtlichkeit, so zeigte sich doch hier in diesem Falle gerade das Widerspiel. Ja sogar war der Verstand für dieses Ehepaar der eigentliche Zankapfel und eine große Ursache [77] manchen Zwistes, der sich von Zeit zu Zeit unter ihnen hervorthat, und welcher zuletzt abseiten der Dame in eine herzliche Verachtung ihres Eheherrn, und abseiten des Herrn Gemahls, in völlige Verabscheuung seiner Gattin ausschlug.

Als diese beiden ihre Talente vorzüglich aufs Forschen in der Schrift verwendet hatten, so war diese, von ihrer ersten Bekanntschaft an, der gewöhnlichste Stoff ihrer Gespräche. Der Kapitän hatte, wie ein Mann von Lebensart, vor der Heirat allemal seine Meinung der Dame unterworfen, und zwar nicht auf die plumpe und grobe Art eines eigenwilligen Dummkopfs, welcher, indem er den Gründen eines Vornehmern nachgibt, sich gern merken läßt, daß er bei alledem doch recht habe; vielmehr überließ der Kapitän, ob er gleich einer der stolzesten Gesellen von der Welt war, seiner Gegnerin den Sieg so völlig, daß sie, die nicht den geringsten Zweifel an seiner Aufrichtigkeit hatte, sich allemal mit Bewunderung ihres eigenen Verstandes und mit Verliebtheit in den seinigen aus dem Dispute zog.

Jedoch, obgleich diese Gefälligkeit gegen eine Person, welche der Kapitän durchaus verachtete, ihm nicht so schwer ankam, als wenn Hoffnung auf Beförderung eine gleiche Unterwerfung gegen einen examinierenden Generalsuperintendenten oder irgend sonst einen berühmten Gottesgelehrten nötig gemacht hätte, so kostete ihn doch diese schon so viel, um solche ohne einen Bewegungsgrund auszuhalten. Nachdem also die Heirat alle diese Bewegungsgründe gehoben hatte, ward er dieses Nachgebens müde, und fing an, die Meinungen seiner Frau mit einem solchen beleidigenden Stolze abzufertigen, den niemand, als der, welcher selbst einige Verachtung verdient, bezeigen, und nur der, welcher keine Verachtung verdient, ertragen kann.

Als der erste Strom von Zärtlichkeit abgeflossen war, und in den ruhigen und langen Zwischenzeiten ihrer Anwandlungen, die Vernunft die Augen der Dame zu öffnen begann, und sie dann diese Aenderung im Betragen des Kapitäns gewahr ward, welcher auf alle ihre Gründe endlich nichts anders antwortete, als: Poh! pah! so war sie nichts weniger als gewillt, solche Ungezogenheiten mit zahmer Unterwürfigkeit zu ertragen. Es brachte sie wirklich im Anfang in einen solchen Zorn, daß daraus eine tragische Begebenheit hätte entstehen können, hätte ihr Verdruß nicht dadurch eine unschädlichere Wendung genommen, daß sie die völligste Verachtung für den Verstand ihres Ehemanns faßte, welches denn ihren Haß gegen ihn etwas minderte, ob sie gleich davon noch einen so ziemlichen Vorrat behielt.

Der Haß des Kapitäns gegen sie war von reinerer Art. Denn [78] wegen eines Mangels an Wissenschaften oder an Verstand verachtete er sie ebensowenig, als deswegen, daß sie keine sechs Fuß hoch war. In seiner Meinung vom weiblichen Geschlecht trieb er die Scheelsucht noch weiter als selbst Aristoteles. Er betrachtete ein Weib als ein Tier vom häuslichen Gebrauch, von etwas mehr Vorzug als eine Katze, weil ihre Dienste von etwas größerer Wichtigkeit wären. Den Unterschied zwischen beiden aber hielt er für so gering, daß es ihm bei seiner Verheiratung mit Herrn Alwerths Gütern und Ländern so ziemlich einerlei gewesen wäre, welche von beiden er mit in den Kauf bekommen hätte. Und doch war sein Stolz so zart, daß er die Verachtung fühlte, welche jetzt seine Frau gegen ihn zu zeigen anfing, und dieses, vereint mit der Sättigung, die er schon längst vor ihrer Liebe gespürt hatte, erzeugte bei ihm einen Grad von Ekel und Abscheu, die wohl schwerlich ihresgleichen haben möchten.

Nur eine Situation des heiligen Ehestandes ist keiner Freude fähig, und das ist die Situation der Gleichgültigkeit. Wie aber viele von meinen Lesern, wie ich hoffe, wissen, welch ein inniges Vergnügen es sei, dem geliebten Gegenstande Freude zu machen; so fürchte ich, mögen auch einige die Freude aus Erfahrung kennen, die es macht, wenn man jemand peinigen kann, den man haßt. Es geschieht in der Absicht, besorge ich, um sich diese letzte Freude zu verschaffen (wie oft geschieht), daß beide Geschlechter der Behaglichkeit im Ehestande entsagen, welcher sie außerdem genießen könnten, so angenehm ihr Gatte ihnen übrigens sein möchte. Aus dieser Ursache nimmt oft das Weib ihre Anwandelungen von Liebe, vor Eifersucht zur Hand, ja versagt sich selbst jedes Vergnügen, um die Vergnügungen ihres Mannes zu vereiteln und zu stören, und er hingegen zur Wiedervergeltung, thut sich oft selbst Gewalt an, und bleibt zu Hause in einer Gesellschaft, die ihm mißfällt, um seiner Frau den vollen Genuß dessen, was sie verabscheuet, zu gewähren. Aus dieser Ursache müssen wohl auch jene Thränen fließen, welche zuweilen eine Witwe in solchem Ueberflusse über der Asche eines Mannes vergießt, mit dem sie ihr Leben in ununterbrochenem Zank und Streit hingebracht hat, und den ferner zu quälen, sie nunmehr alle Hoffnung hat aufgeben müssen.

Wenn aber jemals ein Ehepaar dieses Vergnügen gekostet hat, so genossen es auch jetzt in aller seiner Fülle der Kapitän und seine Gemahlin. Bei ihnen beiden war's beständig eine hinlängliche Ursache, auf einer Meinung hartnäckig zu bestehen, wenn der andre vorher nur das Gegenteil geäußert hatte. Sie liebten oder haßten, lobten oder tadelten niemals eine und dieselbe Person. Und weil der Kapitän den Findling nicht mit günstigen Augen betrachtete, [79] so war dies Ursache genug, daß seine Ehegenossin anfing, ihm fast ebensosehr zu liebkosen als ihr eigen Kind.

Der Leser wird leicht begreifen, daß diese Aufführung zwischen Gemahl und Gemahlin eben nicht sonderlich beitrug, Herrn Alwerth sein Leben angenehm zu machen, weil die heitere Glückseligkeit, die er sich von dieser Verbindung für alle drei verheißen hatte, so wenig dadurch befördert wurde. Die Wahrheit aber ist, daß, obschon er sich wohl ein wenig in seinen Hoffnungen und Erwartungen getäuscht finden mochte, er doch bei weitem das ganze Spiel nicht übersehen konnte. Denn sowie der Kapitän, aus sehr in die Augen fallenden Gründen, in Alwerths Gegenwart ungemein auf seiner Hut war, so sah sich auch die Dame, aus Furcht ihrem Bruder zu mißfallen, ebenfalls genötigt, dieselbe Aufführung zu beobachten. Kurz, es ist für eine dritte Person möglich, mit einem verheirateten Paare sehr gut bekannt zu sein, ja sogar eine ziemliche Weile mit ihm in einem Hause zu wohnen, ohne daß, wenn es nur einige Weltklugheit besitzt, sie seine wahren Gesinnungen gegen einander nur mutmaßen könne. Denn obgleich der ganze lange Tag sowohl für den Haß, als für die Liebe zuweilen zu kurz fallen mag, so geben doch die manchen Stunden, die sie allein ohne Beobachter hinbringen, für Leute von nur einiger Mäßigkeit, so reichliche Gelegenheit an die Hand, jede von diesen Leidenschaften zu befriedigen, daß, wenn sie sich lieben, sie wohl ein paar Stunden in Gesellschaft sein können, ohne mit einander zu tändeln, oder wenn sie sich hassen, ohne einander ins Gesicht zu fahren.

Unterdessen ist es doch möglich, daß Alwerth genug sah, um ihn ein wenig unruhig zu machen, denn man muß nicht allemal schließen, ein weiser Mann fühle nichts, wenn er nicht so klagt und winselt, wie andre Leute von einem kindischen oder weibischen Gemüte. In der That aber ist es möglich, daß er einige Fehler an dem Kapitän entdeckte, ohne sich im geringsten darüber zu beunruhigen, denn Menschen wahrer Weisheit begnügen sich, Personen und Sachen so zu nehmen wie sie sind, ohne sich über ihre Unvollkommenheiten zu beklagen, oder ohne sich zu bemühen, sie zu bessern. Sie können an einem Freunde, einem Verwandten oder Bekannten einen Fehler bemerken, ohne dessen gegen die Personen selbst oder gegen andre zu erwähnen, und dieses oft, ohne daß ihr Wohlwollen darunter leide. Wirklich, wenn nicht ein heller Verstand mit dieser duldsamen Nachsichtigkeit vermischt ist, so sollten wir lieber mit Leuten von einem gewissen Grade von Dummheit Freundschaft eingehen, die wir betrügen können: denn ich hoffe, meine Freunde werden mir's verzeihen, wenn ich's frei gestehe, ich kenne niemand unter ihnen ohne einen Fehler, und es sollte mir leid thun, zu [80] denken, ich hätte einen Freund, der die meinigen nicht sehen könnte. Wir geben und fordern hierüber wechselseitige Nachsicht. Es ist eine Uebung in der Freundschaft, und vielleicht keine von den unangenehmsten. Und diese Verzeihung müssen wir erteilen ohne Besserung zu fordern. Es gibt vielleicht kein sichres Kennzeichen von Thorheit als das Bestreben, die natürlichen Schwachheiten einer Person zu verbessern, die wir lieben. Die feinste Komposition in der menschlichen Natur sowohl, als das feinste Porzellan, kann einen kleinen Makel haben und dieser, fürchte ich, läßt sich in beiden nicht ändern, obgleich dabei übrigens das Stück von der höchsten Kostbarkeit sein kann.

Im Allgemeinen also sah Herr Alwerth zwar gewiß einige Gebrechen an dem Kapitän, allein weil er ein verschlagener Mann und in Alwerths Beisein unablässig auf seiner Hut war, so erschienen ihm diese Mängel nichts mehr zu sein, als Schattenstriche in einem guten Charakter, die ihn seine Güte übersehen und seine Weisheit sich abhalten ließ, sie nur dem Kapitän selbst bemerklich zu machen. Ganz verschieden würde seine Empfindung gewesen sein, wenn er den ganzen Zusammenhang gewußt hätte, wozu es vielleicht mit der Zeit gekommen sein möchte, hätten Mann und Frau dieses Benehmen gegeneinander so fortgetrieben; aber dies zu verhindern wendete das gute Glück die zweckmäßigsten Mittel an, indem es den Kapitän zwang, dasjenige zu thun, was ihn seiner Gattin wieder sehr teuer machte und ihm alle ihre Liebe und Zärtlichkeit von neuem erwarb.

Achtes Kapitel
Achtes Kapitel.

Eine Universalmedizin, die verlorene Liebe einer Ehefrau wieder zu gewinnen, welche in allen, auch in den desperatesten Fällen als probat befunden werden wird.


Für die angenehmen Minuten, die der Kapitän im Umgang seiner Ehegattin zubrachte, und deren er so wenige machte, als er es mit seiner List und Kunst bewirken konnte, ward er durch die ergötzlichen Betrachtungen reichlich schadlos gehalten, denen er sich überließ, wenn er allein war.

Diese Betrachtungen beschäftigten sich ganz allein mit Herrn [81] Alwerths Vermögen; denn erstlich übte er seine Gedanken fleißig daran, so genau, als durch Zahlen möglich, den Belauf des ganzen zu berechnen; welche Berechnung er oft zu seinem Vorteil zu verändern Ursache fand, und zweitens und vornehmlich that er sich gütlich mit Entwürfen zu Veränderungen im Hause und Garten, und mit Durchdenkung mancher andern Plane, zur Verbesserung der Güter sowohl, als zur Vergrößerung und Verschönerung der Gebäude. Zu diesem Endzwecke legte er sich auf das Studium der Bau- und Gartenkunst und las in beiden Wissenschaften manches Buch durch; denn diese Wissenschaften nahmen ihm wirklich alle Stunden weg und machten seinen ganzen Zeitvertreib aus. Endlich brachte er einen gar vortrefflichen Plan ins reine. Und sehr leid thut es uns, daß es nicht in unsrem Vermögen steht, solchen dem Leser vorzulegen, weil selbst die Ueppigkeit und Prachtsucht unsrer Tage schwerlich, wie ich glaube, seinesgleichen würde aufweisen können. Dieser Plan hatte in der That in einem sehr hohen Grade zwei der vorzüglichsten Eigenschaften, welche erforderlich sind, um alle großen und edlen Entwürfe zu empfehlen, denn es gehörte ein unmäßiger Aufwand dazu, ihn auszuführen, und eine Zeit von vielen Jahren, bevor er nur einigermaßen vollendet werden konnte. Das erste von diesen beiden, den Aufwand an Geld, versprach sich der Kapitän mit dem unermeßlichen Reichtum des Herrn Alwerth, den er ganz sicher zu erben dachte, ganz gemächlich zu bestreiten, und in Ansehung des zweiten setzten ihn sein guter Gesundheitszustand und sein Alter, das nicht höher ging, als was man das mittlere zu nennen pflegt, außer alle Sorgen, daß er nicht die Ausführung erleben sollte.

Nichts fehlte weiter, um ihn instandzusetzen, das Werk von Stund an in Gang zu bringen, als der Tod des Herrn Alwerths; diesen auszurechnen hatte er manchen Abend auf seine eigne Hand algebraisirt und überdem noch jedes Buch gekauft und gelesen, das über die Wahrscheinlichkeit der Lebensjahre, zum Behufe der Lebensversicherungen, Witwenkassen, Leibrenten u.s.w. zu haben war. Vermittelst dessen allem er sich überzeugte, daß, sowie er Wahrscheinlichkeit für sich hätte, daß sein Erblasser jeden Tag sterben könne, so hätte er überwiegende Wahrscheinlichkeit, daß er in wenig Jahren sterben würde.

Unterdessen aber, als der Kapitän eines Tages in tiefem Nachdenken über Sachen dieser Art begriffen war, begegnete ihm einer der unglücklichsten und zugleich unzeitigsten Zufälle. Die tückischste Bosheit des Glücks hätte wirklich nichts so Grausames, soMal-à-propos, so Grundstürzendes für alle seine Projekte herausgrübeln können. Kurz, um den Leser nicht lange in Zweifel zu lassen, [82] gerade in demselben Augenblicke, da sein Herz voll Jubels klopfte, in anschaulicher Betrachtung der Glückseligkeiten, die ihm zuwachsen müßten durch Alwerths Tod – starb er selbst dahin am Schlage.

Dieser überfiel den Kapitän beklagenswürdigerweise, als er eben für sich allein seinen Abendspaziergang im Garten that, so daß niemand zur Hand war, der ihm hätte Hilfe leisten können, wenn anders Hilfe ihm hätte das Leben retten mögen. Er nahm also Maß von dem Teil des Erdbodens, welches nunmehr für all seine künftigen Bedürfnisse hinlänglich geworden war, und er lag da auf der Erde, ein großes (obgleich nicht lebendes) Beispiel von der Wahrheit jener Bemerkung des Horaz:


»Tu secanda marmora
Locas sub ipsum funus: et sepulchri
Immemor, struis domos.«

Welches ich für den Leser folgender Gestalt übersetzen will:


»Du schaffest kostbaren Vorrat zum bauen herbei, wenn's nur des Spatens und der Hacke bedarf; – bauest Häuser fünfhundert Fuß lang und hundert breit, und vergissest jenes von sechs Fuß zu zwei.«

Neuntes Kapitel
Neuntes Kapitel.

Ein Beweis von der Unfehlbarkeit der vorhergehenden Universalmedizin in der Jammerklage der Witwe; anbei noch andre schickliche Dekorationen bei Sterbefällen, als Aerzte u. dergl. und ein Epitaphium im echten Stile.


Herr Alwerth, seine Schwester und eine andre Dame hatten sich zur gewohnten Stunde des Abends im Speisesaale versammelt, woselbst sie ziemlich lange über die gewöhnliche Zeit gewartet hatten, als Herr Alwerth der erste war, welcher sagte, er finge an, über des Kapitäns Außenbleiben unruhig zu werden (denn er pflegte sich sehr pünktlich bei den Mahlzeiten einzustellen), und Ordre gab, man sollte die Gartenglocke läuten, besonders nach den Gängen hin, welche der Kapitän gewöhnlich zu nehmen pflegte.

Als man alles Läuten und Rufen vergebens fand (denn der [83] Kapitän hatte den Abend durch einen widrigen Zufall einen ganz neuen Weg genommen), erklärte Madame Blifil, sie wäre ernstlich erschrocken, worauf die andere Dame, die eine von ihren vertrautesten Bekannten war und welche die wahren Umstände ihrer Zärtlichkeit recht gut kannte, that, was sie konnte, um sie zu beruhigen, indem sie ihr sagte, sie könne freilich nicht umhin, bekümmert zu sein, man müsse aber das beste hoffen; – vielleicht habe das schöne Abendwetter den Kapitän weiter als seinen gewöhnlichen Spaziergang vom Hause weggelockt, oder es könne ihn auch ein Nachbar aufhalten. Madame Blifil antwortete: O nein! Sie wäre sicher, ihm müsse etwas zugestoßen sein; denn er würde gewiß nicht ausbleiben, ohne es ihr sagen zu lassen, da er wüßte, welche Besorgnis es ihr machen müsse. Die andere Dame, welche keine Gründe weiter vorrätig hatte, legte sich auf die bei solchen Gelegenheiten üblichen Bitten, sie möchte sich nicht so sehr ängstigen, denn es könne sonst sehr schlimme Folgen für ihre eigene Gesundheit haben, und dabei schenkte sie ein wacker großes Glas voll Wein ein und beredete sie endlich, es auszutrinken.

Nunmehr kam Herr Alwerth wieder in den Saal zurück, denn er war selbst hingegangen, den Kapitän zu suchen. Seine Mienen zeigten genugsam die Bestürzung, die ihn befallen und fast völlig der Sprache beraubt hatte; wie aber die Betrübnis auf verschiedene Gemüter verschiedentlich wirkt, so erhob eben die Beängstigung, welche seine Stimme erstickte, Madame Blifils Stimme zu helleren Tönen. Sie fing nun an, sich aufs bitterlichste zu beklagen, und Ströme von Thränen begleiteten ihr Jammergetöne, worüber ihre Gesellschaftsdame, wie sie ausdrücklich sagte, sie zwar nicht tadeln konnte, aber sie doch ermahnte, ihrem Schmerze nicht so heftig nachzuhängen, wobei sie den Kummer ihrer Freundin durch philosophische Betrachtungen über die mancherlei leidigen Glücksschläge zu mildern suchte, denen das menschliche Leben täglich bloßgestellt ist und welche, wie sie sagte, ein hinlänglicher Grund wären, unsere Seelen gegen jeden Zufall zu waffnen, so plötzlich und fürchterlich er sein möchte. Sie sagte ferner, ihres Bruders Beispiel sollte sie Geduld lehren, welcher freilich wohl nicht für so nahe getroffen geachtet werden könnte, als sie selbst; aber ohne Zweifel doch sehr unruhig wäre, obgleich seine Ergebung in den Willen Gottes seinen Schmerz in gehörigen Schranken hielte.

»Sagen Sie mir nichts von meinem Bruder!« sagte Madame Blifil, »nur ich allein verdiene Ihr Erbarmen. Was sind Gefühle der Freundschaft gegen das, was ein treues Weib bei solchen Unglücksfällen empfindet? – O! er ist dahin! Ein Widersacher hat ihn erschlagen! – Meine Augen werden ihn nicht mehr sehen!« [84] Hier that ein Thränenguß eben die Wirkung, welche eine Beklemmung bei Herrn Alwerth hervorgebracht hatte, und sie blieb stumm.

In dieser Zwischenzeit kam ein Bedienter außer Athem hereingestürzt und rief aus, der Kapitän wäre gefunden! Und ehe er noch weiter fortfahren konnte, folgten ihm zwei andre, welche den toten Körper hereintrugen.

Hier hat der Leser Gelegenheit, noch eine andre Verschiedenheit der Wirkung des Grams zu bemerken: denn so wie Herr Alwerth aus eben der Ursach stumm gewesen, aus welcher seine Schwester in laute Klagen ausgebrochen war, so trocknete dieser Anblick, welcher dem Bruder Thränen ablockte, die Augen der Witwe auf einmal. Sie that erst einen heftigen Schrei und sank darauf plötzlich in Ohnmacht.

Das Zimmer war bald voller Bedienten, deren einige mit der besuchenden Dame beschäftigt waren, der trostlosen Witwe Beistand zu leisten, und die übrigen mit Herrn Alwerth halfen einander, den Kapitän in ein gewärmtes Bett zu tragen, wo jeder Versuch angewendet wurde, ihn wieder ins Leben zu bringen.

Und wie gerne sagten wir unserm Leser die Nachricht, daß es beiden Gewerkschaften auf gleiche Weise geglückt sei. Denn jenen, welche die Sorge für die Dame übernahmen, gelang es so gut, daß nachdem die Ohnmacht eine anständige Weile gewährt hatte, sie solche zu ihrer großen Zufriedenheit wieder ins Leben kehren sahen. Bei dem Kapitän aber waren alle Versuche mit Aderlassen, Reiben, Einspritzen u.s.w. ohne Wirkung. Der Tod als unentbehrlicher Richter hatte sein Urteil über ihn gesprochen und wollte ihn mit keinem Aufschub begnadigen, obgleich zwei gelehrte Doktoren, welche geholt waren und denen man gleich bei ihrem Eintritt mit dem Honorar die Hand füllte, seine Verteidiger waren.

Diese zwei Doktoren, welche wir, um alle hämische Deutungen zu vermeiden, durch die Namen Doktor Y. und Doktor Z. unterscheiden wollen, fühlten dem Patienten alsobald den Puls; Doktor Y. nämlich am rechten und Doktor Z. am linken Arme. Beide waren einstimmig darüber, er sei tot, ohne Widerrede. Ueber die Krankheit oder die eigentliche Ursache des Todes aber waren sie gar nicht einig. Doktor Y. war der Meinung, es sei eine Apoplexie, Doktor Z. aber, es sei eine Epilepsie gewesen.

Hierüber entstund ein wissenschaftlicher Streit unter diesen gelehrten Männern, worin jeder die Gründe seiner Meinung gegen den andern behauptete. Diese waren nun von so gleicher Kraft, daß sie jeden Doktor in seiner eigenen Meinung bestärkten und auf seinen Antagonisten nicht den geringsten Eindruck machten.

[85] Die Wahrheit zu sagen, fast jeder Arzt hat so seine Favoritkrankheit, der er alle Siege über die menschliche Natur zuschreibt. Das Podagra, die Gicht, der Stein, Gries und Auszehrung haben alle ihren eigenen Patron in der medizinischen Fakultät und keine mehr als das Nervenfieber oder das Fieber der Lebensgeister. Und hieraus können wir die mancherlei widersprechenden Meinungen über die Ursachen des Todes eines Patienten herleiten, welche zu weilen unter den gelehrtesten Kollegen obwalten und worüber sich solche Menschen höchlich zu wundern pflegen, welche von der Thatsache nicht unterrichtet sind, die wir oben festgesetzt haben.

Der Leser mag sich vielleicht wundern, daß die beiden gelehrten Herrn Aerzte, anstatt sich zu bemühen, den Verblichenen wieder zum Leben zu bringen, alsobald in einen Streit über die Ursache seines Todes verfielen; in der That aber waren alle solche Versuche vor ihrer Ankunft bereits angestellt worden. Denn man hatte den Kapitän in ein gewärmtes Bette gebracht, man hatte ihm die Adern geöffnet, hatte ihm die Schläfe und die Fußsohlen gerieben und ihm alle Arten von starkem Spiritus vor die Nase gehalten und in den Mund gegossen.

Da also die Doktoren fanden, daß man ihnen in allen den Dingen, die sie hätten verordnen können, zuvorgekommen wäre, waren sie verlegen, wie sie den Teil der Zeit hinbringen sollten, den sie des Gebrauchs und des Honorars wegen anständigerweise zu verweilen pflegten und waren deßhalb genötigt, eine oder die andere Materie zum Gespräch hervorzusuchen, und was konnte sich für eine schicklichere Materie darbieten, als die oben erwähnte?

Unsere Aerzte waren im Begriff, sich zu beurlauben, als Herr Alwerth, der nun den Kapitän aufgegeben und sich in den Willen Gottes gefügt hatte, nach seiner Schwester zu fragen begann und die Aerzte bat, solche noch vor ihrem Weggehen zu besuchen.

Die Dame hatte sich jetzt von ihrer Ohnmacht erholt und befand sich, um mich einer gewöhnlichen Redensart zu bedienen, so wohl, als man es bei ihren Umständen erwarten konnte. Die Doktoren also, nachdem alle gebührlichen Zeremonien vorläufig abgethan waren, machten den verlangten Besuch und bemächtigten sich jeder einer ihrer Hände, wie sie's vorher bei dem Leichnam gemacht hatten.

Der Fall der Witwe war von den Umständen ihres Gemahls so weit entfernt, als die beiden Pole von Süden und Norden. Denn sowie bei ihm keine Arznei mehr anschlagen konnte, so war bei ihr wirklich ganz und gar keine nötig.

Ich kenne nichts Ungerechteres, als die gemeine Meinung, welche [86] die Aerzte irrigerweise als Freunde des Todes vorstellt! Ich glaube im Gegenteil, wenn man die Zahl derer, welche unter ihren Händen besser werden, gegen die Zahl ihrer Märtyrer aufstellen könnte, die erste fast größer sein würde, als die letzte. Ja einige Aerzte sind in diesem Punkt so vorsichtig, daß sie, um alle Möglichkeit den Patienten zu töten, zu vermeiden, sich jeder medizinischen Kurart enthalten und nichts anders verschreiben, als was weder nutzen noch schaden kann. Von diesen habe ich einige es mit einer sehr wichtigen Miene als eine Maxime sagen gehört, man müsse die Natur in ihren Wirkungen nicht stören, und der Arzt wäre gleichsam ein Zuschauer, der ihr auf die Schultern klopfte, um sie aufzumuntern, wenn sie's gut machte.

So wenig Vergnügen fanden also unsere Doktoren an Toten, daß sie den verblichenen Körper nach einem einzigen bezahlten Besuche verließen; bei der lebenden Patientin aber nicht so unfreundlich waren, über deren Kasum sie augenblicklich einig wurden und großen Fleißes sich zum Verschreiben anschickten.

Ob, nachdem die Dame zuerst ihre Aerzte überredet hatte, zu glauben, sie sei krank, sie selbige hinwieder überredeten, sich selbst für krank zu halten, das will ich nicht entscheiden; aber sie brachte einen ganzen Monat mit allen Dekorationen der Krankheit hin, während welcher Zeit sie von den Aerzten besucht, von einer Krankenwärterin gepflegt, und von allen ihren Bekannten täglich nach ihrem Befinden gefragt wurde.

Nachdem endlich die anständige Zeit für Krankheit und übermäßigen Kummer verstrichen war, entließ man die Aerzte und die Dame fing wieder an, Gesellschaft zu sehen, und man ward keiner andern Veränderung durch das, was sie trug, an ihr gewahr, als die Farbe der Trauer, in welche sie ihre Person und ihre Mienen gekleidet hatte.

Der Kapitän war nunmehr begraben und mochte vielleicht schon einen ziemlichen Weg zur Vergessenheit zurückgelegt gehabt haben, hätte nicht die Freundschaft des Herrn Alwerth dafür gesorgt, sein Andenken durch folgendes Epitaphium zu erhalten, welches von einem Manne von großem Genie und großer Wahrheitsliebe, und welcher dabei den Kapitän recht gut kannte, verfertigt wurde.

[87]

HIER RUHEN IN GOTT UND IN ERWARTUNG EINER FROEHLICHEN AUFERSTEHUNG DIE GEBEINE DES HOCHWOHLGEBOHRENEN KAPITAIN

HERRN JOHN BLIFIL.

LONDON WAR STOLZ AUF SEINE GEBURT, OXFORD AUF SEINE ERZIEHUNG. SEINE GEISTESGABEN WAREN EINE EHRE SEINES STANDES UND SEINER NATION, SO WIE SEIN LEBEN DER RELIGION UND DER MENSCHLICHEN NATUR. ER WAR EIN PFLICHTVOLLER SOHN, EIN ZAERTLICHER GATTE, EIN LIEBEVOLLER VATER, EIN AUFRICHTIGER FREUND, EIN FROMMER CHRIST, UND EIN WOHLTHAETIGER MANN. SEINE UNTROESTLICHE WITTWE SETZTE DIESEN STEIN ZUM ANDENKEN SEINER TUGENDEN UND IHRER EWIGEN LIEBE.

Drittes Buch

Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Enthält wenig oder nichts.


Der Leser wird so gefällig sein, sich zu erinnern, daß wir ihm zu Anfang des zweiten Buches dieser Geschichte einen Wink von unserem Vorsatze gegeben haben, daß wir verschiedene lange Zeitperioden, in welchen nichts vorgefallen, das in unserer Chronika aufgezeichnet zu werden verdiente, völlig überschlagen würden. Bei dieser Verfahrungsart ziehen wir nicht nur unsere eigene Würde und Bequemlichkeit zu Rate, sondern auch den Nutzen und Vorteil des Lesers, denn überdem, daß wir ihn dadurch abhalten, seine Zeit beim Lesen solcher Dinge wegzuwerfen, die ihm weder Nutzen noch Vergnügen schaffen können, geben wir ihm bei allen solchen Lücken eine Gelegenheit, seinen erstaunlichen Scharfsinn zur Ausfüllung dieser leeren Zeiträume mit seinen eigenen Konjekturen anzuwenden, und wir sind besorgt gewesen, ihn in den vorhergehenden Blättern zu diesem Unternehmen tüchtig zu machen.

Wo ist zum Exempel der Leser, welcher nicht wisse, daß Herr Alwerth über den Verlust seines Freundes jene Bewegungen der Traurigkeit fühlte, welche bei solchen Gelegenheiten alle Menschen ergreift, deren Herzen nicht aus Kieselsteinen, oder deren Köpfe nicht aus ebenso harter Materie gemacht sind? Ferner, welcher Leser weiß nicht, daß Philosophie und Religion mit der Zeit die Traurigkeit mäßigt und endlich gar hinwegnimmt? Die erste dieser beiden, indem sie die Thorheit und Eitelkeit derselben lehrt, und die letzte, indem sie solche, als unserer Pflicht entgegenlaufend, bestrafet und zu gleicher Zeit durch solche Hoffnungen und Zusicherungen besänftigt, welche ein starkes und frommes Gemüt fähig machen, von einem Freunde auf seinem Sterbebette mit etwas minderer Gleichgültigkeit Abschied zu nehmen, als wenn er zu einer [89] langen Reise Vorkehrungen träfe, und freilich auch mit etwas weniger Hoffnung, ihn wiederzusehen.

Ebensowenig kann auch der verständige Leser in Ansehung der Frau Brigitta Blifil in Verlegenheit sein, welche, wie er ihr nur dreist glauben mag, die ganze Zeit hindurch, welche sie in äußerlicher Traurigkeit des Körpers zu erscheinen hatte, sich nach den strengsten Regeln der Gewohnheit und des Wohlstandes betrug und die Veränderung ihrer Mienen genau nach der Aenderung in den Trauerkleidern einrichtete. Denn sowie diese von der dichten Florkappe bis zur schwarzen Kreppe, von der Kreppe zum Grauen, vom Grauen zum Weißen, und endlich von Franzen zu Spitzen sich abändert, ebenso veränderten sich ihre Mienen und ihr Gesicht vom Untröstlichen zum Gram, vom Gram zur Betrübnis, von der Betrübniß zum Traurigen, vom Traurigen zum Ernsthaften, bis der Tag ankam, da es ihr erlaubt war, zu ihrer vormaligen Heiterkeit zurückzukehren.

Wir haben dieser beiden Exempel bloß als solcher Aufgaben erwähnt, die man den Lesern von der niedrigsten Klasse vorlegen kann. Von den höher Graduierten in der edlen Kunst der Kritik kann man nach aller Billigkeit weit schwerere und mühsamere Uebungen der Beurteilungskraft und des Scharfsinns erwarten. Von solchen werden, wie ich nicht zweifle, manche merkwürdige Entdeckungen gemacht werden über die Begebenheiten, welche in der Familie unseres würdigen Mannes alle die Jahre hindurch vorfielen, die wir für ratsam erachtet haben, zu überschlagen. Denn obgleich während dieser Zeit nichts vorging, welches einen Platz in dieser Geschichte verdiente, so ereigneten sich doch verschiedene Zufälle von gleicher Wichtigkeit mit denen, welche die täglichen und wöchentlichen Geschichtschreiber unserer Zeit zu Papiere bringen, bei deren Lesung eine große Anzahl Menschen einen wichtigen Teil ihrer Zeit hinbringen und zwar, wie ich fürchte, mit gar geringem Nutzen. Nun kann man aber bei den hier vorgeschlagenen Konjekturen einige der vortrefflichsten Geistesfähigkeiten mit vielem Vorteil üben, indem es eine weit nützlichere Kunst ist, die Handlungen der Menschen unter allerlei Umständen aus ihrem Charakter vorherzusagen, als ihre Charaktere aus ihren Handlungen zu beurteilen. Das erste, gesteh' ich, erfordert tiefere Einsichten, ist aber bei wirklichem Scharfsinn mit so großer Gewißheit thunlich, als das letzte.

Da wir einsehen, daß der ungleich größeste Teil unserer Leser diese Eigenschaft in einem sehr hohen Grade besitzt, so haben wir ihm einen Zeitraum von zwölf Jahren überlassen, woran er solche üben kann, und wollen nun unsern Helden in einem Alter von [90] ungefähr vierzehn Jahren auftreten lassen, nicht zweifelnd, daß schon manche mit Ungeduld die Gelegenheit erwartet haben, mit ihm etwas nähere Bekanntschaft zu machen.

Zweites Kapitel
Zweites Kapitel.

Der Held dieser großen Geschichte erscheint unter sehr schlimmen Vorbedeutungszeichen. Eine kleine Erzählung von so niedriger Gattung, daß einige meinen werden, sie hätte wohl wegbleiben können. Ein paar Worte über einen Landjunker und mehrere über einen Wildmeister und über einen Schulmeister.


Da wir uns, sowie wir uns niedersetzten, diese Geschichte aufzuschreiben, alsobald vornahmen, keinem Menschen zu schmeicheln, sondern unsere Feder durchgängig nach Anweisung der Wahrheit zu führen, so sind wir genötigt, unsern Helden auf eine viel nachteiligere Weise auf die Bühne zu bringen, als wir wohl gewünscht hätten, und selbst bei diesem ersten Auftritte ganz ehrlich und redlich zu gestehen, daß alle Hausgenossen des Herrn Alwerth der einstimmigen Meinung waren, er sei gewiß zum Galgen geboren.

In der That, es thut mir leid, es zu sagen! es waren nur zu viele Gründe für diese Ahnung vorhanden. Der Bursche hatte von seinen frühesten Jahren an einen Hang zu manchen Lastern geäußert, und besonders zu einem, welches ebenso geraden Weges als alle übrigen zu diesem Ende führt, das, wie wir eben bemerkt haben, ihm in prophetischem Geiste vorher verkündigt ward. Er war bereits dreier Verbrechen wider das siebente Gebot überwiesen worden, nämlich der Beraubung eines Obstgartens, des Diebstahls einer Ente vom Hofe eines benachbarten Pächters, und der Mauserei eines Balls aus der Tasche des kleinen Blifil.

Die Laster dieses Jünglings bekamen dabei noch eine häßlichere Gestalt durch das nachteilige Licht, in welchem sie erschienen, wenn sie den Tugenden des jungen Herrn Blifils, seines Spielkameraden, entgegengestellt wurden: ein Jüngling von einer so verschiedenen Gemütsart von Jones, daß nicht nur die Leute des Hauses, sondern die ganze Nachbarschaft ihn lobpreiseten. Er war in der That ein Knabe von hervorstechendem Charakter, eingezogen, klug und fromm über sein Alter. Eigenschaften, welche ihm die Liebe eines jeden gewannen, der ihn nur kannte; währenddessen den Tom Jones niemand leiden mochte, und mancher seine Verwunderung äußerte, wie Herr Alwerth zugeben könnte, daß ein solcher Junge [91] mit seinem Neffen erzogen würde, weil die Lippen des letzteren so leicht durch sein Beispiel verdorben werden könnten.

Ein Zufall, welcher sich ungefähr um diese Zeit zutrug, wird die Charaktere dieser beiden Jünglinge dem einsichtsvollen Leser weit richtiger darstellen, als es durch die längste Dissertation möglich ist.

Tom Jones, der nun einmal, so schlecht er auch ist, unserer Geschichte zum Helden dienen muß, hatte nur einen Freund unter allen Bedienten des Hauses, denn Jungfer Wilkins hatte sich seiner schon längst entsagt und war mit ihrer gnädigen Frau völlig wieder ausgesöhnt. Dieser Freund war der Wildmeister oder Förster, ein Kerl von sehr lockern Sitten, und von dem man meinte, er habe eben nicht viel richtigere Begriffe von dem Unterschiede zwischen meum und tuum, als das junge Herrchen selbst, und dieserwegen gab diese Freundschaft Gelegenheit zu manchen beißenden Anmerkungen, wovon die meisten entweder schon Sprichwörter waren, oder es doch wenigstens nachher geworden sind, und in der That kann man den Witz von allen in dem kurzen lateinischen Spruche begreifen: Noscitur a socio, welchen soviel ich weiß, unsere Vorfahren auf folgende Art ausdrückten: Gleich sucht sich, gleich find't sich! – Die Wahrheit zu sagen, mochte wohl etwas von der abscheulichen Ruchlosigkeit des Jones, wovon wir eben drei Beispiele angeführt haben, der Aufmunterung zuzuschreiben sein, die er von diesem Kerl erhalten hatte, welcher in zwei oder drei Fällen das gewesen war, was man einen Hehler oder Teilnehmer nach der That heißt, denn die ganze Ente und ein großer Teil von den Aepfeln ward im Gebrauche des Wildmeisters und der seinigen verwendet, obgleich Jones, der arme Bursche, weil er allein entdeckt ward, nicht nur den ganzen Schmerz, sondern auch den ganzen Tadel allein davontragen mußte, und beides fiel ihm abermals, bei folgender Gelegenheit, zum Lose. Hart an Herrn Alwerths Ländereien lag der Wohnsitz eines jener Landjunker, die man Wildheger nennt. Wegen der großen Strenge, womit diese Gattung von adeligen Herrn den Tod eines Hasen oder Feldhuhns rächen, sollte man glauben, sie wären von der abergläubischen Sekte der Bannianen in Indien, von welchen manche, wie uns erzählt wird, ihr ganzes Leben zur Verteidigung und Beschützung gewisser Tiere widmen, wenn nicht unsere engländischen Bannianen, derweil sie solche gegen andere Feinde verteidigen, höchst unbarmherziger Weise ganze Pferdeladungen davon niederschössen; dergestalt also muß man sie wohl von jenem heidnischen Aberglauben los und ledig sprechen.

Ich habe wirklich eine bessere Meinung als alle andern von dieser Gattung von Landedelleuten, weil ich dafür halte, daß sie [92] der Ordnung der Natur und den guten Endzwecken, zu welchen sie da sind, auf eine sehr thätige Weise entsprechen. So wie nun Horaz uns sagt, daß es eine Art menschlicher Geschöpfe gibt,


»Fruges consumere nati«


»geboren, die Früchte des Landes zu verzehren,« so zweifle ich im geringsten nicht, daß es eine andere gibt,


»Feras consumere nati«


»geboren, das Vieh des Feldes zu verzehren,« oder wie man's gemeiniglich nennt, das Wild. Und ich sollte denken, niemand wird es leugnen wollen, daß diese Junker den Zweck ihrer Schöpfung redlich erfüllen.

Der kleine Jones ging eines Tages mit dem Wildmeister auf die Jagd, als zufälligerweise nahe an der Grenze jenes Landsitzes, über welchen die Glücksgöttin, den weisen Zweck der Natur zu erfüllen, einen von jenen Wildverzehrern zum Herrn gesetzt hatte, eine Kitte Feldhühner aufstieg. Die Vögel flogen über die Grenze, und wurden von den beiden Weidmännern in einem Tangelbusche, ungefähr dreihundert Schritte aus dem Revier des Herrn Alwerth, gemarkt.

Herr Alwerth hatte dem Wildmeister strenge Befehle gegeben, bei Verlust seines Dienstes die Wildfuhr seiner Nachbarn zu vermeiden; selbst sogar derjenigen, welche in diesem Punkt nicht so heikel waren als der Herr des ebengedachten Gutes. In Ansehung der übrigen waren nun freilich die Befehle nicht immer sehr gewissenhaft befolgt worden; da aber die Gesinnungen des Junkers, bei welchem die Feldhühner sich in Schutz begeben hatten, ganz ruchbar waren, so hatte es der Wildmeister noch nicht gewagt, ihm ins Gehege zu gehen. Auch hätte er's jetzt noch nicht gethan, hätte ihn nicht der jüngere Geselle, welcher außerordentlich hitzig war, das Flügelwild zu verfolgen, ihn dazu überredet; bei Jones' Andringen aber gab er, da er schon selbst schießlustig genug war, diesen Bitten nach, setzte über das Mal und schoß eins von den Hühnern.

Dieser Grenznachbar war eben zu Pferde in einer geringen Entfernung von ihnen, und als er den Schuß fallen hörte, ritt er augenblicks nach der Stelle zu und entdeckte den armen Jones, denn der Wildmeister war in ein Dickicht des Tangelbusches gesprungen, woselbst er sich glücklich verborgen hielt.

Nachdem der Junker den Burschen durchsucht und das Feldhuhn bei ihm gefunden hatte, gelobte er ihm bittere Rache und schwur: er wolle es Herrn Allwerth anzeigen. Er hielt redlich Wort, denn er ritt von der Stelle nach seinem Hause und beklagte sich [93] über den Einfall in sein Gehege mit ebenso kräftigen Worten und bittern Redensarten, als ob man Einbruch in sein Haus gethan und das köstlichste Gerät daraus gestohlen hätte. Er fügte hinzu, daß noch ein anderer Bursche dabei gewesen, ob er ihn gleich nicht hätte entdecken können, weil zwei Gewehre fast in einem Augenblick wären abgeschossen worden, »und«, sagt' er, »ich habe wohl nur dies eine Stück gefunden, aber Gott weiß, welchen großen Schaden sie mir angerichtet haben.«

Bei seiner Heimkunft ward Tom augenblicklich vor Herrn Alwerth zu erscheinen beordert. Er gestand die That ein, und führte nichts zur Entschuldigung an, als was wirklich wahr war, nämlich, daß das Volk in der eigenen Markung des Herrn Alwerth aufgestiegen wäre. Hierauf ward Tom befragt, wen er bei sich gehabt hätte? Und Herr Alwerth erklärte ihm, daß er das ein für allemal wissen wolle; dabei er ihm den Umstand mit den beiden Flinten vorhielt, welchen der Junker und seine beiden Bedienten in der Klage urgiert hatten; allein Tom beharrte standhaft dabei, er sei allein gewesen, doch stockte er die Wahrheit zu sagen anfangs ein wenig, welches dann Herrn Alwerths Glauben bestärkt haben würde, wofern das, was der benachbarte Junker und seine beiden Bedienten denunziert hatten, einer weiteren Bekräftigung bedurft hätte.

Der Wildmeister ward, als sonst bereits anrüchig, herbeigeholt und ihm die Frage vorgelegt; er aber, der sich auf das Versprechen, was ihm Tom gethan hatte, verließ, verneinte ganz kecker Weise, daß er in der Gesellschaft des jungen Herrn gegangen wäre, oder ihn nur den ganzen Nachmittag mit Augen gesehen hätte.

Hierauf wandte sich Herr Alwerth an Tom mit mehr als gewöhnlichem Verdruß im Gesicht, und riet ihm zu bekennen, wer mit ihm gewesen wäre, mit nochmaliger Wiederholung, er bestehe darauf, es zu wissen! Der junge Mensch blieb indes fest auf seiner Entschließung, und ward von Herrn Alwerth in großem Zorn entlassen, der ihm sagte: bis zum nächsten Morgen habe er noch Bedenkzeit, dann solle er von einer andern Person und auf eine andere Art verhört werden.

Der arme Knabe hatte eine sehr melancholische Nacht! Um so mehr, da er seinen gewöhnlichen Kameraden vermißte; denn der junge Herr Blifil war mit seiner Mutter auf einen Besuch gegangen. Furcht vor der Strafe, die ihm bevorstand, war bei dieser Gelegenheit sein geringster Kummer. Seine größeste Angst war, es möchte ihn seine Standhaftigkeit verlassen und er dahin gebracht werden, den Wildmeister zu verraten, wodurch dieser, wie er wußte, völlig unglücklich werden müßte.

Der Wildmeister brachte seine Zeit ebenfalls nicht viel ruhiger [94] hin. Er hatte mit dem Jüngling einerlei Besorgnis, für dessen Ehre er gleichfalls mehr Zärtlichkeit empfand, als für dessen Haut.

Als Tom des folgenden Morgens Sr. Ehrwürden, Herrn Schwöger (der Mann, dem Herr Alwerth den Unterricht der beiden Jünglinge anvertrauet hatte) aufwartete, wurden ihm von diesem Herrn dieselbigen Punkte wieder vorgelegt, worüber er des Abends vorher war befragt worden, auf die er eben dieselbige Antwort gab; die Folge davon war ein so derber Schilling, daß die Schmerzen davon vielleicht nahe an die Tortur grenzten, womit man in einigen Ländern den Verbrechern das Geständnis abnötigt.

Tom ertrug diese Züchtigung mit großer Standhaftigkeit, und obgleich ihn sein Lehrer zwischen jedem Hiebe fragte: Will man gerne bekennen? so wollte er sich doch lieber die Haut abschinden lassen, als seinen Freund verraten oder sein gegebenes Wort brechen.

Der Wildmeister war nun von seiner Angst befreit, und Herr Alwerth selbst begann mit Tom und seinen Schmerzen Mitleid zu fühlen; denn überdem, daß Herr Schwöger, der sich heftig darüber erboste, daß er den Knaben nicht dahin bringen konnte, zu sagen, was ihm beliebte, die Strenge sehr viel weiter trieb, als die Meinung des guten Pflegevaters war: so fing dieser letzte auch an zu mutmaßen, der Junker Nachbar könne sich geirrt haben, welches sein außerordentlicher Eifer und Aerger wahrscheinlich zu machen schien, und was das Zeugniß der Bedienten zur Bekräftigung ihres Herrn anlangte, so hielt er das nicht eben für sehr wichtig. Da nun Grausamkeit und Ungerechtigkeit zwei Ideen waren, deren Verschuldung sich bewußt zu sein, er nicht eine einzige Minute aus halten konnte, so ließ er Tom zu sich rufen und sagte zu ihm nach mancher sanften und freundlichen Vermahnung: »Ich bin überzeugt, mein liebstes Kind, daß ich dir mit meinem Verdachte zu wehe gethan habe; es thut mir leid, daß du darüber so strenge gezüchtigt bist.« Und schenkte ihm zuletzt zum Schmerzensgelde ein kleines Pferd, wobei er nochmals sein Bedauern über das Vorgegangene bezeugte.

Hierdurch ward sein Gewissen zu weit schärfern Bissen gereizt, als durch alle Strenge hätte geschehen können. Er konnte die Hiebe des ehrwürdigen Schwögers leichter ertragen, als die Großmut des Herrn Alwerth. Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, und er fiel auf die Kniee und rief aus: »Ach liebster Herr Vater, Sie sind zu gütig gegen mich! Gewiß, das sind Sie! In der That, ich bin's nicht wert.« Und in eben dem Augenblicke hätte er fast aus voller Herzensergießung das ganze Geheimnis verraten. Allein der gute Genius des Wildmeisters flüsterte ihm zu, was es für Folgen [95] über den armen Kerl bringen würde, und diese Rücksicht versiegelte ihm die Lippen.

Schwöger that alles, was er konnte, um Herrn Alwerth auszureden, dem Knaben Güte und Mitleiden zu bezeigen und sagte dabei: »er sei auf einer Unwahrheit bestanden,« und ließ sich soviel merken, eine zweite Geißelung möchte wohl die Wahrheit herausholen können.

Herr Alwerth aber weigerte sich rund aus, zu diesem Versuche seine Einwilligung zu geben. Er sagte, der Knabe habe bereits genug für die Verhehlung der Wahrheit gelitten, wenn er auch schuldig wäre; indem man sähe, er könne dabei keinen andern Bewegungsgrund haben, als eine mißverstandene Ehrliebe.

»Ehrliebe!« rief Herr Schwöger mit einiger Hitze, »klare Hartnäckigkeit! Barer Starrsinn! Kann Ehrliebe jemand lehren, Lügen zu sagen? Kann die geringste Ehre ohne Religion bestehen?«

Dies Gespräch fiel am Tische, zu Ende der Mittagsmahlzeit vor und waren dabei Herr Alwerth, Herr Schwöger und noch ein dritter Herr, der sich nun mit in die Untersuchung mischte und den wir, ehe wir einen Schritt weiter gehen, ganz in der Eile unserm Leser zur nähern Bekanntschaft präsentieren wollen.

Drittes Kapitel
Drittes Kapitel.

Charaktere des Herrn Quadrat, des Philosophen und des Herrn Schwöger, des Theologen, mit einer Disputation über – – –


Der Name dieses Herrn, der sich einige Zeit in Herrn Alwerths Hause aufgehalten hatte, hieß Quadrat. Seine Naturgaben waren eben nicht von der ersten Klasse. Sie waren aber durch eine gelehrte Erziehung um ein Großes ausgebildet. Er besaß eine tiefe Belesenheit in den Alten und alle Werke des Plato und Aristoteles wußte er auf den Fingern auswendig. Nach diesen großen Mustern hatte er sich hauptsächlich gebildet und hing zuweilen an der Meinung des einen und zuweilen an der Meinung des andern. In der Moral war er ein offenbarer Platoniker und in der Religion hing er auf die Seite der Aristotelianer.

Allein, ob er gleich, wie wir gesagt haben, das System seiner Moral aus dem Plato abstrahiert hatte, so war er dabei doch einstimmig mit dem Aristoteles, insoferne er diesen großen Mann mehr in dem Lichte eines spekulativen Philosophen als eines Gesetzgebers [96] betrachtete. Diese Meinung trieb er sehr weit; so weit in der That, daß er alle Tugend als einen bloßen Gegenstand der Theorie betrachtete. Freilich sagte er dieses niemals gegen irgend einen Menschen aus drücklich; wenigstens wüßte ich nicht etwas davon gehört zu haben und gleichwohl kann ich bei der geringsten Aufmerksamkeit auf seine Handlungen nicht umhin, zu glauben, daß es seine wahre Meinung gewesen sei, weil dies verschiedene Widersprüche, die man sonst in seinem Charakter finden würde, auf einmal und völlig aufhebt.

Dieser Herr und Herr Schwöger kamen selten an einem Orte zusammen, ohne zu disputieren, denn ihre Glaubensgrundsätze liefen einander schnurstracks entgegen. Quadrat behauptete, die Natur des Menschen sei der Inbegriff aller Tugend und das Laster sei eine Abweichung von unsrer Natur, ungefähr ebenso, wie die Häßlichkeit des Körpers. Schwöger hingegen bestand darauf, das menschliche Herz sei seit dem Sündenfalle nichts anders als ein tiefer Morast von Bosheit, bis es durch die Gnade wieder gereinigt und erlöset worden. In einem einzigen Punkte trafen sie zusammen. Dieser war, daß sie in allen ihren Gesprächen über die Moral niemals des Wortes Herzensgüte mit einer Silbe gedachten. Der Lieblingsausdruck des erstern war natürliche Schönheit der Tugend; das Steckenpferd des letztern war göttliche Gnadenwirkung. Der erste maß alle Handlungen nach der unveränderlichen Regel des Rechts und der von Ewigkeit her bestimmten Harmonie der Dinge. Der letztere entschied jeden Satz durch Machtsprüche; jedoch führte er dabei allemal biblische Sprüche und ihre Ausleger an, so, wie etwa der Jurist seinen Text und dessen Kommentatoren anführt und die letztern für ebenso entscheidend hält, als den ersten. Nach dieser in kurzem gemachten Bekanntschaft wird der Leser die Güte haben, sich zu erinnern, daß der geistliche Herr seine Rede mit einer triumphierenden Frage beschlossen hatte, welche er für unbeantwortlich halten mochte, nämlich: Kann die geringste Ehre ohne Religion bestehen?

Hierauf antwortete Quadrat: es wäre unmöglich, philosophisch über Worte zu reden, bis ihre Meinung genau bestimmt wäre; es gäbe schwerlich noch zwei andere Worte von einer so ungewissen und schwankenden Bedeutung, als die zwei, die er gebraucht hätte: denn es gäbe fast ebenso verschiedenerlei Meinungen über das Wort Ehre als über das Wort Religion. »Allein,« sagte er, »wenn Sie unter der Ehre die wahre natürliche Schönheit der Tugend verstehen: so behaupte ich, daß sie von allem, was man Religion nennen mag, unabhängig sei. Ja,« fügte er hinzu, »Sie selbst werden mir einräumen, daß sie von allen übrigen unabhängig sei, nur [97] eine einzige ausgenommen; dasselbige thut auch der Mohamedaner, der Jude und alle verschiedenen Sekten in der Welt.«

Schwöger erwiderte, dies hieße mit den gewöhnlichen Tücken aller Feinde der rechtgläubigen Kirche argumentieren. Er sagte, er zweifle nicht, alle Ketzer und Ungläubige in der ganzen Welt würden, wenn sie nur könnten, die Ehre innerhalb ihrer eigenen abgeschmackten Irrtümer und verdammten Ketzereien einschränken; »allein,« sagte er, »deswegen ist die Ehre noch lange nicht vielartig, weil es so manche dumme Meinungen darüber gibt; ebensowenig, wie es deswegen, mehr als eine Religion gibt, weil sich die Sekten und Ketzereien in der Welt vervielfältigt haben! Wenn ich das Wort Religion brauche, so versteh' ich die christliche Religion und nicht bloß die christliche Religion, sondern die protestantische Religion, und nicht bloß die protestantische Religion, sondern die in den neununddreißig Artikeln, als unsern symbolischen Büchern enthaltene Religion. Und wenn ich Ehre sage, so meine ich die Bestimmung von göttlicher Gnade, welche nicht nur konsistent ist mit, sondern dependent von dieser Religion, und weder konsistent ist mit, noch dependent von irgend einer andern Religion. Nun aber sagen wollen, die Ehre, welche ich hier meine, und welche, wie ich dachte, alle die Ehre wäre, die man mir zutrauen könnte, zu meinen, sei fähig, eine Unwahrheit zu unterstützen oder gar einzuflößen, das wäre eine Behauptung, deren Dummheit unbegreiflich wäre.«

»Ich vermied mit Fleiß,« sagte Quadrat, »eine Folgerung zu ziehen, weil ich glaubte, sie wäre an sich schon, aus dem was ich gesagt hatte, evident; allein wenn Sie solche wahrgenommen haben, so seh' ich doch wohl, Sie haben nicht rätlich erachtet, darauf eine Antwort zu versuchen. Jedoch, beiseite gesetzt den Artikel der Religion, ist es hell und klar, denke ich, daß wir mit dem Worte Ehre ganz verschiedene Ideen verbinden; wie könnten wir sonst über ihre nähere Definition von entgegengesetzter Meinung sein? Ich habe behauptet, daß wahre Ehre und wahre Tugend beinahe gleichbedeutende Ausdrücke und beide auf die unveränderliche Regel des Rechts und die ewig vorherbestimmte Harmonie der Dinge gegründet sind, und weil sich nun platterdings damit keine Unwahrheit vereinigen läßt, so ist es klar, daß wahre Ehre keine Unwahrheit unterstützen kann. Hierin also, dünkt mich, sind wir beide einerlei Meinung. Daß man aber von dieser Ehre sagen könne, sie gründe sich auf Religion, da sie doch älter ist, als diese, wenn Religion so viel sagen soll als irgend ein positives Gesetz –«

»Einerlei Meinung?« fiel Schwöger mit großer Wärme ein, »mit einem Manne, welcher behaupten kann, die Ehre sei älter als die Religion! Herr Alwerth, war ich mit ihm einerlei Meinung?«

[98] Er stand im Begriff fortzureden, als sich Herr Alwerth ins Mittel legte und ihnen kaltblütig sagte: sie hätten ihn mißverstanden, denn er habe nichts von der wahren Ehre gesagt. – Indessen ist es wahrscheinlich, daß er die Disputierenden, welche beide in gleiche Hitze geraten waren, nicht so leicht zum Schweigen gebracht haben möchte, wenn nicht ein anderer Vorfall dazwischen gekommen wäre, welcher der Disputation für dieses Mal ein Ende gemacht hätte.

Viertes Kapitel
Viertes Kapitel.

Notgedrungene Apologie für den Autor und ein Kinderstreich, der vielleicht eben auch seine Apologie nötig hat.


Ehe ich weiter fortfahre, muß ich um Erlaubnis bitten, einige Mißverständnisse zu heben, zu welchen sich einige wenige Leser durch ihren Eifer möchten verleiten lassen, denn ich möchte nicht gern jemand Aergernis geben, am wenigsten solchen Seelen, welche in Sachen der Tugend und Religion gerne warm sind.

Ich hoffe deswegen, es werde niemand aus grobem Mißverständnis oder Verdrehung meiner Meinung mich dafür ausschreien, als strebte ich darnach, die höchsten Vollkommenheiten der menschlichen Natur lächerlich zu machen, welche ohne Widerspruch das Herz des Menschen allein reinigen und über die tierische Schöpfung erheben. So viel, mein Leser, untersteh' ich mich zu sagen, (und um so vielmehr du zu den besseren Menschen gehörest, um so geneigter wirst du sein, mir zu glauben) daß ich lieber die Meinung dieser beiden Männer in ewige Vergessenheit wollte begraben haben, als einer von diesen beiden unendlich ehrwürdigen Grundursachen im geringsten zu nahe getreten sein.

Im Gegenteil ist es vielmehr die Absicht, dafür zu wirken, daß ich unternommen habe, das Leben und die Handlung zweier ihrer falschen und vorgeblichen Verfechter in diesem Werke zu beschreiben. Ein verräterischer Freund ist der gefährlichste Feind und ich will es ganz kühnlich sagen, daß beide, Religion und Tugend, mehr Nachteil von Heuchlern erlitten haben, als die witzigsten Freigeister oder Ungläubige ihnen hätten zuziehen können; ja noch mehr, so wie diese beiden in ihrer Reinheit mit Recht die Banden der bürgerlichen Gesellschaft genannt werden und wirklich für die Menschen die größte Wohlthat sind; so sind sie auch, wenn sie durch das Gift des Betrugs, des vorgegebenen Eifers und der eigensüchtigen Anhänglichkeit angesteckt worden, zum größten bürgerlichen [99] Fluche gediehen und haben die Menschen fähig gemacht, über ihr eigenes Geschlecht das grausamste bitterste Elend zu verbreiten.

In der That zweifle ich nicht daran, daß dieses Lächerliche überhaupt genommen, zulässig sei. Meine größte Besorgnis ist nur, daß, weil manche wahre und richtige Meinung oft durch den Mund solcher Personen gehen, man sie überhaupt in Bausch und Bogen zusammen nehmen und dafür halten möchte, ich habe sie insgesamt lächerlich machen wollen. Nun aber wird der Leser so geneigt sein, zu bedenken, daß, wie keiner von diesen beiden Männern geradezu ein Thor war, man also auch nicht annehmen könne, daß sie keine andere als irrige Grundsätze gehabt und nichts als lächerliche Meinungen geäußert hätten; was für Ungerechtigkeit müßte ich also nicht ihren Charakteren haben widerfahren lassen, wenn ich bloß das hervorgesucht hätte, was schlecht war, und wie abscheulich elend und verstümmelt müßten nicht ihre Entscheidungsgründe dem Leser vorgekommen sein.

Im ganzen ist es weder Religion noch Tugend, sondern der Mangel an beiden, welcher hier zum Schau gestellt worden. Hätten nicht, Herr Schwöger der Tugend, und Herr Quadrat der Religion, in Erbauung ihrer Systeme zu wenig geachtet; und hätten nicht beide die natürliche Güte des Herzens völlig beiseite gesetzt, sie wären niemals in dieser Geschichte als Gegenstände des Lächerlichen aufgeführt worden; in welcher Geschichte wir nunmehr fortfahren wollen.

Die Sache also, welche dem im letzten Kapitel erwähnten Wortgezänke ein Ende machte, war nichts mehr und nichts weniger, als ein Zweikampf zwischen dem jungen Herrn Blifil und Tom Jones, welcher dem ersten eine blutige Nase zugezogen hatte; denn, obgleich der junge Herr Blifil bei alle dem, daß er jünger, doch dem andern am Wuchs weit überlegen war, so war doch Tom sein Meister in der edlen Kunst des Fäustlens.

Indessen vermied Tom mit aller Vorsicht, mit diesem Jüngling in Händel zu geraten: denn, außerdem daß Tom Jones bei allen seinen Bubenstreichen ein friedfertiger Junge war und seinen Spielgesellen Blifil lieb hatte, so war auch Herr Schwöger, als ein allzeit fertiger Sekundant des erstern, furchtbar genug, um ihn davon abzuschrecken.

Aber sehr richtig ist, was ein gewisser Autor sagt: Kein Mensch ist zu allen Stunden weise! Es ist daher kein Wunder, wenn ein Knabe es auch nicht immer ist. In einem Zwist, der sich unter den beiden Jünglingen beim Spielen äußerte, schalt der junge Herr Blifil den Tom einen schäbigen Bastard. Worauf der [100] letztere, der ein wenig hitzig vor der Stirn war, augenblicklich das Gesicht des ersteren in den Zustand setzte, dessen wir oben gedacht haben.

Nun erschien Neffe Blifil, mit aus der Nase strömenden Blute und aus den Augen rinnenden Thränen, vor seinem Onkel und dem furchtbaren Herrn Schwöger, von dessen Gerichtsbank auf der Stelle ein Urteil zu Bestrafung der Gewaltthätigkeit, feindlichen Anfalls und Gliederbeschädigung über Tom ausgesprochen wurde, der zu seiner Entschuldigung nichts weiter, als die heftige Reizung anführte; welche freilich das einzige gewesen, was sein Ankläger beizubringen vergessen hatte. Es ist wohl möglich, daß dieser Umstand seinem Gedächtnis entwischt sein konnte, denn in seiner Replik bestand er darauf ausdrücklich, daß er sich solcher Benennung nicht bedienet habe; »der liebe Gott,« fügte er hinzu, »behüte mich, daß solche gottesvergessene Worte niemals aus meinem Munde gehen!«

Tom, ob es gleich gegen alle gesetzliche Formalitäten war, duplizierte mit bloßer Behauptung seiner ersten Exzeption. Worauf Neffe Blifil versetzte: »Es ist kein Wunder, wer einmal eine Lüge sagt, dem wird die andere nicht sauer werden! Hätte ich meinem Herrn Informator eine so gottlose Lüge gesagt, als du gethan hast, so könnte ich vor Scham meine Augen nicht aufschlagen.«

»Was für eine Lüge, Kind?« schrie Herr Schwöger sehr hastig.

»Ach nun, er sagte ihnen ja, daß niemand mit ihm aufs Schießen gegangen wäre, als er das Feldhuhn wegpickte; aber er weiß wohl, (hier brach er in Thränen aus,) ja er weiß recht gut; denn er hat mir's gestanden, daß der schwarze Jakob, der Förster, mit ihm war; ja, er sagte – ja! leugn' es nur, wenn du kannst! – hast du's nicht gesagt, daß du die Wahrheit nicht hättest gestehen wollen, und wenn dich der Herr Informator auch in Stücken gehauen hätte?«

Hierbei sprüheten Herrn Schwöger die Funken aus den Augen, und er rief aus im Siegeston: »Ho! ho! Da haben wir die mißverstandenen Begriffe von Ehre! Da haben wir den Jüngling, der nicht wieder geschlagen werden durfte!« Allein Herr Alwerth wandte sich mit einem mildern Blick an den Jüngling und sagte: »Ist dies wahr, Kind? wie kamst du dazu, so hartnäckig auf einer Unwahrheit zu bestehen?«

Tom sagte: »er verabscheue eine Lüge so sehr, als nur ein Mensch auf der Welt: er habe aber gemeint, seine Ehre verpflichte ihn, so zu handeln, wie er gethan; denn er hätte dem armen Menschen versprochen gehabt, ihn nicht zu verraten, wozu, –« sagte er, »er sich noch verbunden hielte, weil ihn der Wildmeister[101] so ernstlich gebeten hätte, die Wildflur des Nachbarn nicht zu betreten, und Jakob hernach, nur aus bloßer Gefälligkeit, sich hätte überreden lassen, mit ihm zu gehen. Dies,« sagte er, »sei die pure, reine Wahrheit der ganzen Sache, und die könne er beschwören.« Und er beschloß damit, daß er Herrn Alwerth gar innigst bat, er möchte doch Mitleiden mit des armen Mannes Frau und Kindern haben; besonders deswegen, weil er ganz allein schuldig gewesen, und der andere zu dem, was er gethan, mit großer Schwierigkeit zu überreden gewesen wäre. »Gewißlich, theuerster Herr Vater! es kann kaum eine Lüge heißen, was ich gesagt habe; denn der arme Mann war ganz und gar unschuldig an der Sache! Ich wäre dem Volk Hühnern gewiß allein nachgegangen, ja ich ging auch wirklich voran, und er folgte mir bloß nach, um größer Unheil zu verhüten. O! liebster, liebster Vater! thun Sie's doch; lassen Sie mich bestrafen, nehmen Sie mir mein klein Pferd wieder weg, aber, bitte, bitte! vergeben Sie dem armen Jakob!«

Herr Alwerth bedachte sich ein paar Augenblicke, drauf entließ er die beiden Knaben mit der Vermahnung, freundlich und friedlich mit einander zu leben.

Fünftes Kapitel
Fünftes Kapitel.

Die Meinungen des Theologen und des Philosophen über diese beiden Jünglinge, nebst einigen Gründen für diese Meinungen und andere Dinge mehr.


Es ist wahrscheinlich, daß der junge Blifil durch Entdeckung dieses Geheimnisses, welches ihm in höchstem Vertrauen mitgeteilt worden, seinem Spielgesellen einen derben Schilling ersparte: denn die blutrünstige Nase würde für sich allein dem Herrn Schwöger ein hinlänglicher Grund gewesen sein, zur notgedrungenen Züchtigung zu schreiten; jetzt aber verlor sich das Vergehen gänzlich in der andern viel wichtigern Sache; und in Ansehung dieser ließ sich Herr Alwerth insgeheim vernehmen: nach seiner Meinung habe der Knabe eher Belohnung, als Bestrafung verdient; daß sonach dem Herrn Schwöger durch einen Generalpardon die Hände gebunden wurden.

Schwöger, vor dessen Gedanken beständig Stock und Ochsenziemer schwebten, schmälte auf diese weichliche und, wie er's zu nennen wagte, gottlose Gelindigkeit. Die Strafe solcher Verbrechen zu erlassen, sagte er, hieße zu ihrer Begehung Aufmunterung geben. Er sagte ein langes und breites über die Zucht, worunter Kinder [102] gehalten werden müßten, und führte manchen Spruch aus den Büchern Salomonis und an dere Schriftstellen an, welche aber, weil sie in so vielen andern Büchern zu finden sind, hier nicht hergesetzt werden sollen. Darauf machte er sich über das Laster des Lügens her; über welches Kapitel er fast ebenso gelehrt sprach, als über das vorige.

Quadrat sagte, er habe darüber nachgedacht, das Betragen des Tom mit seiner Idee von der vollkommenen Tugend zu vereinigen, er könne es aber nicht; er gestand zu, auf den ersten Anblick wäre etwas in der Handlung, welches Stärke des Geistes zu sein schien; da aber Stärke des Geistes eine Tugend und Falschheit ein Laster sei, so ließen sich beide auf keine Art vereinigen oder zusammenstimmen. Er setzte hinzu, da dies gewissermaßen Laster und Tugend miteinander verwechseln hieße, so möcht' es Herrn Schwögers reiflichere Erwägung wohl wert sein, ob nicht gerade dieserwegen eine härtere Züchtigung zu verhängen wäre.

So einig diese beiden gelehrten Männer darin waren, den Jones zu tadeln, so waren sie nicht weniger einstimmig im Lobe des jungen Herrn Blifil. Die Wahrheit an den Tag bringen, war, nach der Behauptung des Theologen, eine Pflicht jedes Mannes von Religion und der Philosoph erklärte es für höchst übereinstimmend mit der Regel des Rechts und der ewigen und unwandelbaren Harmonie der Dinge.

Alles dies hatte indessen sehr wenig Gewicht beim Herrn Alwerth. Man konnte es nicht von ihm gewinnen, das Urteil zur Exekution des armen Jones zu unterschreiben. Es wohnte etwas in seiner eigenen Brust, welches mit der unüberwindlichen Treue, in welcher der Jüngling verharrt hatte, in viel besserer Harmonie stand, als mit Schwögers Religion oder mit Quadrats Tugend. Er verlangte also aufs gemessenste vom ersten dieser gelehrten Herren, er solle sich enthalten, wegen dessen, was vorgegangen war, an Tom gewaltthätige Hand zu legen. Der Pädagog war genötigt, diesem Befehle zu gehorchen; das that er aber nicht ohne großen Widerwillen und öfteres Murmeln im Barte, »der Junge würde gewiß verzogen werden.«

Gegen den Wildmeister verfuhr der gute Mann mit mehr Strenge. Er ließ den armen Kerl alsobald vor sich rufen und nach vielen bittern Vorwürfen bezahlte er ihm seinen rückständigen Gehalt und damit gab er ihm seinen Abschied; denn Herr Alwerth bemerkte sehr richtig, es sei ein großer Unterschied, eine Falschheit zu begehen, um sich selbst weiß zu brennen oder um einen andern zu entschuldigen. Er führte auch zum vornehmsten Bewegungsgrunde seiner unerbittlichen Strenge gegen diesen Menschen noch [103] ferner an, er habe niederträchtigerweise zugegeben, daß Tom Jones seinetwegen eine so harte Züchtigung bekommen, welches er dadurch hätte verhindern sollen, daß er sich selbst als Mitschuldigen angegeben.

Als diese Geschichte öffentlich bekannt wurde, waren viele Leute in ihrem Urteile über das Betragen der beiden Jünglinge bei dieser Gelegenheit ganz verschieden mit Quadrat und Schwöger. Der junge Blifil hieß durchgängig ein kopfhängerischer Bube, ein leisetretender Lump; nebst andern Beinamen mehr von dieser Art; unterdessen Tom mit dem Namen eines braven Jungen, eines wackern Burschen und eines zuverlässigen Jünglings beehrt wurde. In der That machte sein Betragen gegen den schwarzen Jakob ihn allen Bedienten lieb und wert, denn obgleich dieser Mensch vorher von niemand geliebt wurde, so war er nicht so bald aus dem Dienst geschafft, als er von jedermann bedauert ward und die Freundschaft und die wackere Aufführung des Tom Jones ward von allen mit dem höchsten Beifall gerühmt und ebenso tadelten alle den jungen Blifil so öffentlich und laut, als sie nur durften, ohne Gefahr zu laufen, seine Mutter zu beleidigen. Unterdessen trug Tom Jones für alles dieses die Schmerzen an seinem Fleische davon, denn obgleich Herrn Schwöger untersagt worden, wegen des vergangenen seine Arme zu üben, so sagt doch das Sprichwort, wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen. So war auch leicht eine Ursache aus der Luft gegriffen, und in der That war die Unfähigkeit, eine zu finden, das einzige, was Herrn Schwöger im geringsten länger abhalten konnte, den armen Jones seine schwere Hand fühlen zu lassen.

Wäre bloße Lust und Liebe hierzu beim Pädagogen das einzige gewesen, was ihn antrieb, eine lebendige Haut zu gerben, so ist es wahrscheinlich, daß der junge Blifil auch sein bescheiden Teil an der ungebrannten Asche gehabt haben würde; allein, so oft es ihm auch Herr Alwerth gesagt hatte, er solle keinen Unterschied unter den beiden Knaben machen, so war doch Herr Schwöger gegen den einen ebenso freundlich und milde, als hart, ja selbst barbarisch gegen den andern. Die Wahrheit zu sagen, so hatte Blifil sich bei seinem Lehrer in mächtige Gunst gesetzt, teils durch den tiefen Respekt, den er beständig gegen seine Person bezeigte, weit mehr aber noch durch die ziemende Ehrfurcht, womit er seine Lehrsätze aufnahm, denn er hatte seines Lehrers Redensarten auswendig gelernt und ließ sie oft in seinen Gesprächen hören, und behauptete alle Religionssätze seines Herrn Informators mit einem Eifer, darüber man bei einem so jungen Menschen billig erstaunte, und das machte ihn dann seinem würdigen Herrn Präzeptor so teuer und lieb!

[104] Tom Jon hingegen ließ es nicht nur an den äußerlichen Zeichen des Respekts so sehr ermangeln, daß er zuweilen gar nicht einmal den Hut abnahm oder sich bückte, wenn sein Informator sich näherte, sondern war fast ebenso unachtsam auf seines Informators Lehren und Beispiele. Es war wirklich ein unbesonnener Wirbelkopf vom Burschen, von keiner Stätigkeit in seinen Sitten und weniger noch in seinen Gebärden, da er zuweilen sehr unverschämt und ausgelassen über seines Schulkameraden ehrbare Frömmigkeit lachte.

Herr Quadrat hatte dieselben Ursachen, dem ersten den Vorzug zu geben; denn Tom machte sich ebensowenig aus den gelehrten Abhandlungen, welche dieser Herr zuweilen an ihn zu verschwenden beliebte, als aus den erwecklichen Reden des Herrn Schwöger. Er war einst so verwegen, aus der Regel des Rechts einen Spaß zu machen, und sagte ein andermal: er glaubte, keine Regel in der Welt sei im stande, einen solchen Mann zu bilden, als seinen Vater. (Denn daß Herr Alwerth sich Vater von ihm nennen ließ, werden meine Leser wohl schon ein paarmal bemerkt haben.)

Dahingegen hatte Blifil mit sechzehn Jahren schon Geschicklichkeit genug, zu einer und eben der Zeit sich diesen beiden Männern zu empfehlen. Bei dem einen war er ganz Religion, bei dem andern ganz Tugend, und wenn beide gegenwärtig waren, so beobachtete er ein genaues Stillschweigen, was dann beide zu seinem Besten und ihrem eigenen Vorteil auslegten.

Auch ließ es Blifil nicht dabei bewenden, diesen beiden gelehrten Herren unter den Augen zu schmeicheln; er nahm oft Gelegenheit, sie bei Herrn Alwerth hinter ihrem Rücken zu preisen. Denn, wenn er mit seinem Onkel allein war und dieser irgend einen guten Gedanken über die Religion oder die Tugend lobte, (und in Anführung solcher Gedanken war Blifil stark) so ermangelte er selten, solchen dem guten Unterrichte zuzuschreiben, den er entweder von Schwöger oder von Quadrat empfangen hätte: denn er wußte, sein Onkel sagte alle solche Komplimente den Personen wieder, für deren Gebrauch sie eigentlich angefertigt waren, und die Erfahrung lehrte ihn den tiefen Eindruck, welchen sie auf den Philosophen sowohl als auf den Theologen machten; denn es ist eben keine unbekannte Wahrheit, daß keine Schmeichelei so unwiderstehlich ist, als die aus der zweiten oder dritten Hand.

Der fromme Jüngling merkte überdem auch bald, wie herzlich angenehm alle diese Lobreden auf seine Lehrer dem Herrn Alwerth selbst waren, weil sie zugleich das Lob des besondern Erziehungsplans widerhallten, den er entworfen hatte. Denn dieser Mann, dem die Unvollkommenheit unserer öffentlichen Schuleinrichtungen [105] nicht entgangen war und der wußte, wie manchen Verführungen die Knaben darin ausgesetzt sind, hatte beschlossen, seinen Neffen sowohl als den andern Knaben, den er gewissermaßen an Kindesstatt aufgenommen hatte, in seinem eigenen Hause zu erziehen, weil er glaubte, hier würden ihre Sitten unschuldiger und vor allen Gefahren der Verführung, die auf öffentlichen Schulen und Universitäten herumschleichen, gesichert bleiben.

Nachdem er also beschlossen hatte, die Knaben der Aufsicht eines eigenen Hauslehrers zu übergeben, ward ihm zu dieser Stelle Herr Schwöger von einem sehr guten Freunde empfohlen, von dessen Verstande Herr Alwerth eine hohe Meinung hatte und in dessen Redlichkeit er ein großes Vertrauen setzte. Dieser Schwöger lebte seit einiger Zeit auf einer Universität und stand in sehr gutem Rufe wegen seiner Gelehrsamkeit, Religion und sehr anständigen Sitten. Und dies waren ohne Zweifel die Eigenschaften, welche Herrn Alwerths Freund vermocht hatten, ihn bestens zu empfehlen, obgleich dieser Freund aus der Schwögerischen Familie einige Verbindlichkeiten hatte, weil sie aus den angesehensten Personen eines kleinen Marktfleckens bestand, den dieser Herr im Parlamente repräsentierte.

Schwöger war bei seiner ersten Ankunft dem Herrn Alwerth sehr angenehm: und er entsprach auch wirklich dem Zeugnisse, das man ihm gegeben hatte. Bei längerer Bekanntschaft und genauerem Umgang mit ihm sah indes dieser würdige Mann Schwachheiten an dem Lehrer, wovon er ihn frei zu sein gewünscht hätte; da solche gleichwohl von seinen guten Eigenschaften merklich überwogen zu werden schienen, so ließ sich Herr Alwerth dadurch nicht bewegen, ihn wieder zu entlassen, sie wären auch wirklich nicht hinreichend gewesen, ein solches Verfahren zu rechtfertigen. Denn der Leser irrt sich gewaltig, wenn er meint, Schwöger sei dem Herrn Alwerth in eben dem Lichte erschienen, in welchem er ihm selber in dieser Geschichte dargestellt ist, und ebenso sehr irrt er sich, wenn er sich einbildet, die genaueste Bekanntschaft, welche er mit diesem Geistlichen hätte haben können, würde ihn von diesen Dingen unterrichtet haben, welche wir durch unsere Inspiration fähig gemacht sind, zu offenbaren und zu enthüllen. Von solchen Lesern, die aus dergleichen voreiligen Einbildungen die Weisheit und Einsicht des Herrn Alwerth gering schätzen, mache ich mir kein Bedenken, zu sagen, daß sie einen sehr schlechten und undankbaren Gebrauch von der Kenntnis machen, die wir ihnen mitgeteilt haben.

Diese scheinbaren Irrtümer in Schwögers Lehrsätzen dienten großenteils dazu, die entgegengesetzten Irrtümer in den Lehrsätzen des Herrn Quadrat unschädlicher zu machen, die unser würdige [106] Mann nicht weniger sah und mißbilligte. Er dachte in der That, die verschiedenen wilden Auswüchse dieser beiden Männer würden ihre gegenseitigen Unvollkommenheiten verbessern und von beiden mit seinem Beistande vornehmlich würden die beiden Knaben hinreichenden Unterricht zur wahren Religion und Tugend genießen. Wenn der Ausgang seiner Erwartung gar nicht entsprach, so lag das vielleicht an einem Fehler in dem Plane selbst, den der Leser meine Erlaubnis hat, zu entdecken, wenn er kann: denn wir maßen uns nicht an, irgend einen unfehlbaren Charakter in dieser Geschichte aufzuführen, in welcher man, wie wir hoffen, nichts finden soll, welches bis dahin in der menschlichen Natur noch niemals ist gesehen worden.

Also wieder zur Sache! Der Leser wird, denke ich, sich nicht darüber wundern, daß das verschiedene Betragen der beiden Zöglinge die verschiedenen Wirkungen hervorbrachte, wovon wir bereits einige Proben gesehen haben, und nebenher gab es noch eine andere Ursache für das Benehmen des Philosophen und des Pädagogen. Da dies aber eine Sache von großem Belang ist, so wollen wir solche im nächsten Kapitel entwickeln.

Sechstes Kapitel
Sechstes Kapitel.

Entwickelt eine noch triftigere Ursach der vorerwähnten Meinungen.


Sei es also hierdurch kund gethan, daß diese zwei gelehrten Männer, welche seit einiger Zeit eine ansehnliche Rolle auf der Schaubühne dieser Geschichte gespielt haben, von dem ersten Eintritt in Herrn Alwerths Haus an, eine so große Zuneigung, der eine zu seiner Religion, der andere zu seiner Tugend, gefaßt, daß sie mit ihm in die genaueste Verbindung zu treten beabsichtigt hatten.

Zu diesem Endzweck hatten sie ihre Augen auf jene holde Witwe geworfen, welche, ob wir gleich derselben seit einiger Zeit gar keine Meldung gethan, der Leser, wie wir hoffen, nicht vergessen haben soll. Madame Blifil war wirklich das Kleinod, nach dem sie beide rangen.

Es mag sonderbar scheinen, daß von vier Personen, deren wir in Herrn Alwerths Hause gedacht haben, ihrer drei mit ihrer Neigung auf eine Dame verfielen, die niemals wegen ihrer Schönheit sehr berühmt gewesen war und welche jetzt noch überdem auf der Stufenleiter der Jahre schon ein wenig herabstieg. Nach That und Erfahrung aber haben Busenfreunde und genaue Bekannte eine [107] Art von natürlichem Hange gegen besondere weibliche Personen in dem Hause eines Freundes, als nämlich: gegen dessen Großmutter, Mutter, Schwester, Tochter, Tante, Nichte und Base, wenn sie reich sind, und gegen seine Frau, Schwester, Tochter, Nichte, Bäschen, Maitresse, oder Nähterin oder Stubenmädchen, wenn sie hübsch sein sollten.

Wir möchten indessen unsre Leser nicht zu der Meinung verleiten, als hätten Personen von solchem Charakter, als Schwöger und Quadrat in der Welt vorstellten, sich einer Sache unterziehen wollen, welche von einigen strengen Moralisten fast ein wenig gemißbilligt worden ist, ehe und bevor sie solche nicht von allen Seiten untersucht und überlegt gehabt, ob es, wie Shakespeare sagt:


»Stuff o' th' Conscience«


(Gewissensstoff) sei oder nicht. Schwöger ward zu der Unternehmung durch die Betrachtung aufgemuntert, daß es nirgends verboten ist, die Schwester unsers Nächsten zu begehren, und er wußte die juristische Regel: »Expressum facit cessare Tacitum«, welche so viel sagen will: »Wenn ein Gesetzgeber seinen ganzen Sinn deutlich ausdrückt, so sind wir nicht befugt, ihm unsere eigene Meinung unterzuschieben.« Da nun in dem göttlichen Gesetze, welches uns verbietet, zu begehren, was des Nächsten ist, einige weibliche Benennung angeführt, die Schwester aber ausgelassen ist, so schloß er, sei es erlaubt. Und was Herrn Quadrat anbetrifft, der von Person das war, was man einen artigen Menschen, oder einen Witwen- und Weibermann nennt, so paßte der seine Wahl sehr leicht unter vorher bestimmte Harmonie der Dinge.

Da nun diese Herren alle beide mit großem Fleiß jede Gelegenheit wahrnahmen, sich bei der Witwe beliebt zu machen, so meinten sie, eins von den sichersten Mitteln wäre, wenn sie ihrem Sohne beständig vor dem andern Knaben den Vorzug gäben; und wie sie ferner meinten, die Güte und Wohlgewogenheit, welche Herr Alwerth dem letzten bezeigte, müsse ihr sehr mißfällig sein, so zweifelten sie nicht, es könne ihr nicht anders, als sehr gefallen, wenn sie jeden Anlaß ergriffen, ihn herunterzusetzen und zu demütigen; denn, da sie den Knaben haßte, müßte ihr jedermann lieb sein, der ihm eins versetzte. In diesem nun hatte Schwöger den Vorteil; denn derweile Quadrat den guten Leumund des armen Kindes kaum schrammen konnte, konnte jener ihm das Fell über die Ohren ziehen; und in der That betrachtete er jeden Hieb, den er ihm versetzte, als ein Kompliment, das er seiner Geliebten brächte, so daß er mit der größesten Schicklichkeit jene alte Litanei der Schulrute dabei absingen können: »Castigo te non quod odio habeam, sed [108] quod amem«: »Ich strafe dich nicht aus Haß, sondern weil ich liebe.« Und diesen Spruch führte er wirklich oft im Munde, oder besser, nach der alten Redensart, brachte ihn niemals besser an, als wenn er ihm damit durch Mark und Bein drang.

Aus dieser Ursache hauptsächlich waren die beiden Herrn, wie wir eben gesehen haben, über die beiden jungen Burschen einerlei Meinung; dagegen war's auch das einzige, worüber sie jemals einig waren; denn außer der Verschiedenheit ihrer Systeme, hatten sie schon längst einer des andern Absicht stark geargwöhnt, und haßten einander mit einem ziemlichen Maß von Groll.

Diese wechselseitige Feindseligkeit ward durch ihr abwechselndes Glück um ein Großes verstärkt. Denn Madame wußte schon, wo sie hinaus wollten, lange vorher, ehe sie sich einbildeten, oder auch nur wünschten, daß sie es wissen möchte; weil sie mit großer Behutsamkeit zu Werke gingen, aus Furcht, sie möchte es übel nehmen, und es dem Herrn Alwerth sagen, aber sie hatten keine Ursache zu einer solchen Besorgnis. Sie ließ sich eine Leidenschaft ganz wohl gefallen, von der, nach ihrem Vorsatze, niemand Früchte ziehen sollte, als bloß sie, für sich selbst. Und die einzige Frucht, die sie für sich selbst bezweckte, waren Schmeichelei und Liebelei. Zu diesem Ende that sie einem um den andern eine lange Zeit hindurch schön. Wirklich war sie geneigter, die Lehrsätze des geistlichen Herrn zu begünstigen, aber Quadrats Person gefiel ihren Augen besser, denn sein Wuchs und seine Mienen zeigten männliche Würde; der Pädagog hingegen hatte in seiner Gestalt viel Aehnliches mit der gerichtlichen Person, welche in Harlots Progreß von Hogarth die Damen im Werkhause beim Hanfklopfen zur Buße leitet.

Ob Madame Blifil sich an den Süßigkeiten des Ehestandes den Magen verdorben, oder vor seinen Bitterkeiten einen Ekel hatte, oder was sonst die Ursache sein mochte, will ich nicht entscheiden, aber man konnte sie nicht dahin vermögen, sich zu einer zweiten Verbindung zu entschließen. Unterdessen geriet sie am Ende mit Quadrat in einen so genauen Umgang, daß boshafte Zungen anfingen, solche Dinge von ihr herumzuflüstern, denen wir, sowohl der Dame wegen, als, weil sie sich keineswegs mit der Regel des Rechts und der ewigen Harmonie der Dinge reimen ließen, keinen Glauben beimessen, und also damit unser Papier nicht beflecken wollen. Der Pädagog, das ist gewiß, peitschte immer frisch zu, ohne einen Schritt auf seinem Wege weiter zu kommen.

In der That hatte er einen großen Irrtum begangen. Dies entdeckte Quadrat viel früher, als er selbst. Madam Blifil (wie vielleicht der Leser vorhin erraten hat) war nicht gar zu außerordentlich mit der Aufführung ihres Gemahls zufrieden; ja um es [109] ganz ehrlich zu gestehen, sie haßte ihn recht treuherzig, bis endlich der Tod ihm ihre Liebe ein wenig wieder erwarb. Daher ist es denn eben nicht sonderlich zu verwundern, daß sie nicht die höchste Zärtlichkeit gegen das edle Reis hegte, was von ihm entsprossen war. Und in der That hegte sie von dieser Zärtlichkeit so wenig, daß sie ihren Sohn in seiner Kindheit sehr selten sah, oder im geringsten sich um ihn bekümmerte, und daher ließ sie sich, nach ein paar sauren Mienen, alle die Gunstbezeigungen gefallen, welche Herr Alwerth auf den Findling gleichsam regnen ließ, den der gute Mann seinen eignen lieben Jungen nannte, und in allen Dingen mit dem jungen Blifil in völliger Gleichheit hielt. Diese nachgebende Gefälligkeit der edlen Witwe ward von den Nachbarn und von den Hausgenossen als ein Zeichen betrachtet, daß sie sich gerne in ihres Bruders Einfälle fügte, und alle sowohl wie auch Schwöger und Quadrat, dachten nicht anders von ihr, als daß sie im Grunde ihres Herzens den Findling haßte; ja, je freundlicher sie ihm begegnete, je mehr, meinten sie, wäre sie auf ihn erbittert, und desto sichrer reifte der Plan, den sie zu seinem Untergang ersönne; denn weil sie dachten, sie müßte ihn ihres eignen Nutzens wegen hassen, so wurde es ihr um so schwerer, die Leute vom Gegenteil zu überzeugen.

Schwöger war um so mehr in seiner Meinung bestärkt, weil sie ihn mehr als einmal unter der Hand vermocht hatte, den armen Tom zu peitschen, wenn Herr Alwerth, der diese Handarbeit haßte, ausgegangen war; und weil ihr in Ansehung des jungen Blifils dergleichen Zumutungen niemals eingefallen waren. Dies hatte auch den Quadrat zu einem falschen Urteil verleitet. In Wahrheit, ob sie gleich ihren eignen Sohn gewißlich haßte, worin es, so unnatürlich es auch scheint, gewiß mehrere Mütter ihresgleichen giebt, so schien sie doch, ungeachtet ihrer äußerlichen Nachgiebigkeit, in Ansehung aller Wohlthaten, welche Herr Alwerth dem Findling angedeihen ließ, in ihrem Herzen mißvergnügt zu sein. Sie klagte oft darüber hinter ihres Bruders Rücken, und tadelte ihn deswegen sehr scharf gegen beide Herren, Schwöger und Quadrat; ja sie warf es selbst Herrn Alwerth ins Angesicht vor, wenn ein kleines Mißverständnis vorfiel, oder wenn, wie der gemeine Mann sagt, die Sonne auf den Schornstein schien.

Unterdessen, als Tom heranwuchs, und von der wackern Gemütsart Zeichen gab, durch welche die Männer bei den Weibern so hoch ans Brett kommen, verminderte sich nach und nach diese Abneigung, welche sie gegen ihn, da er noch ein Kind war, hatte blicken lassen, und zuletzt zeigte sie höchst deutlich und zwar so deutlich, daß es länger unmöglich war, sich darüber zu irren, daß sie [110] für ihn eine weit größere Gewogenheit habe, als für ihren eigenen Sohn. Sie war so begierig darauf, ihn oft bei sich zu haben, und fand eine solche Freude an seiner Gesellschaft, daß er, bevor er noch das achtzehnte Jahr erreicht hatte, Schwögers und Quadrats Nebenbuhler geworden war; und was noch ärger ist, so begann die ganze Nachbarschaft, ebenso laut von ihrer Neigung gegen Tom zu sprechen, als sie vorher sich über die gegen Quadrat lustig gemacht hatte; worüber denn der Philosoph auf unsern armen Helden einen unversöhnlichen Haß warf.

Siebentes Kapitel
Siebentes Kapitel.

Worinnen der Autor in eigner Person auf der Bühne erscheinet.


Obgleich Herr Alwerth von Haus aus eben nicht der Schnellste war, die Sachen in einem nachteiligen Lichte zu besehen, und von dem öffentlichen Gerede nichts wußte, weil solches einem Bruder oder Ehemann selten zu Ohren kommt, ob es gleich in der ganzen Nachbarschaft von Haus zu Haus erschallt; so ward doch dieser Vorliebe seiner Schwester zum Tom, und der Vorzug, welchen sie ihm in zu sichtbarer Weise vor ihrem Sohne gab, dem armen Tom höchst nachteilig.

Denn so stark war das Mitleiden, welches Herrn Alwerths Gemüte innewohnte, daß solches bloß vom Schwerte der Gerechtigkeit besiegt werden konnte. Auf irgend eine Art unglücklich sein, wofern nur kein grobes Verbrechen das Gegengewicht hielt, reichte hin, die Schale des Mitleidens bei ihm zu senken und seine Freundschaft und Güte in Thätigkeit zu setzen.

Als er daher deutlich sah, sein Neffe Blifil würde von seiner Mutter ordentlich gehaßt (denn das ward er), so begann er, bloß deßwegen, ihn mit mitleidigen Augen zu betrachten, und was für Wirkungen das Mitleiden bei edlen gutherzigen Menschen hervor bringt, das darf ich den meisten meiner Leser hier nicht vorerklären.

Von dieser Zeit an sah er jeden Schein von Tugend an diesem Jüngling durch die vergrößernde Seite des Glases, und alle seine Fehler durch die verkleinernde, so daß er solcher kaum gewahr wurde. Und das mag vielleicht wegen der Liebenswürdigkeit eines mitleidigen Gemüts noch alles Lobes wert sein. Den nächsten Schritt aber kann nur allein die Schwachheit der menschlichen Natur entschuldigen. Denn nicht sobald bemerkte er den Vorzug, welchen Madame Blifil dem Tom gab, als dieser arme Jüngling (bei aller seiner Unschuld) in seiner Neigung, so wie er in [111] der ihrigen stieg, zu sinken begann. Dies, es ist wahr, würde für sich allein niemals vermögend gewesen sein, den Tom aus seiner Brust zu reißen, aber es war ihm doch höchst nachteilig und breitete Herrn Alwerths Gemüt auf jene Eindrücke vor, welche nachher die großen Begebenheiten veranlaßten, welche die Folge dieser Geschichte enthalten wird, und wozu, wie ich gestehen muß, der unglückliche junge Mensch durch seine Ausschweifungen, seine Wildheit und seinen Mangel an Vorsicht so vieles beitrug.

Indem wir davon einige Beispiele aufzeichnen, werden wir, wofern man uns richtig versteht, der gutgesinnten Jugend, welche einst unser Werk lesen wird, eine sehr nützliche Lektion geben; denn solche wird hier finden, daß Güte des Herzens und Unbefangenheit des Gemüts, ob solche gleich ihnen großen innerlichen Trost verleihen und ihrem eignen Bewußtsein einen edlen Stolz geben können, jedoch leider gar nicht hinreichen, in der Welt ihr Glück zu machen. Klugheit und Behutsamkeit sind selbst dem besten Menschen unentbehrlich. Sie sind in der That gleichsam eine Leibwache der Tugend, ohne welche sie niemals in Sicherheit ist. Es ist nicht genug, meine lieben jungen Leser, daß Sie es gut meinen, daß sogar Ihre Handlungen innerlich gut sind; Sie müssen auch dafür sorgen, daß sie so scheinen. Ihr Inwendiges mag noch so schön sein, Sie müssen auch eine schöne Außenseite beibehalten. Hierauf muß man beständig achthaben, sonst werden Bosheit und Neid Sorge tragen, sie dergestalt anzuschwärzen, daß die Einsicht und Herzensgüte eines Alwerths nicht vermögend sein wird, hindurch zu sehen und die Schönheit des Inwendigen zu bemerken. Lassen Sie dies, meine jungen Leser, Ihre beständige Maxime sein, daß kein Mensch gut genug sein kann, um berechtigt zu sein, die Regeln der Klugheit zu vernachlässigen, auch wird selbst seine Tugend von ihrer Schönheit verlieren, wenn solche nicht mit der äußeren Zierde des Anständigen und Schicklichen ausgeschmückt ist. Und wenn Sie, meine würdigen Jünger, diese Lehre mit gehöriger Aufmerksamkeit fassen, so werden Sie solche, wie ich hoffe, durch die in den folgenden Blättern enthaltenen Beispiele hinlänglich bestätigt finden.

Ich bitte wegen dieses meines kurzen Auftritts, in der Manier eines Chors der Griechen auf der Bühne, um Verzeihung. Es ist wirklich meiner selbst wegen, damit, wenn ich die Klippen entdecke, woran oft Unschuld und Gutherzigkeit scheitern, man mich nicht dahin mißverstehen möge, als ob ich meinen Lesern gerade die Mittel anempföhle, wodurch sie ihr Verderben befördern. Und da ich dieses zu sagen von keiner meiner handelnden Personen erhalten konnte, so war ich genötiget, diese Erklärung selbst zu thun.

Achtes Kapitel
[112] Achtes Kapitel.

Ein kindisches Werk, aus welchem man gleichwohl einen Hang zur Gutmütigkeit des Tom Jones ersehen wird.


Der Leser wird sich erinnern, daß Herr Alwerth dem Tom Jones als eine Art von Schmerzensgeld für die Strafe, die er nach seiner Meinung unschuldigerweise erlitten hatte, ein kleines Pferd schenkte.

Dies Pferd behielt Tom ein halbes Jahr, und dann ritt er es zu einem Markte in der Nachbarschaft und verkaufte es.

Als er nach seiner Heimkunft von Schwöger quästioniert wurde, was er mit dem Gelde angefangen habe, das er aus dem Verkaufe des Pferdes gelöst, erklärte er ganz ungescheut: »das wolle er ihm nicht sagen!«

»Oho!« sagte Schwöger, »das will man mir nicht sagen, so soll man's meinem Haselstocke schon bekennen;« denn dies war der Mittler, an den er sich in zweifelhaften Fällen, die Wahrheit herauszubringen, allemal zu wenden pflegte.

Tom war schon auf den Rücken eines Bedienten gestreckt und alles in Bereitschaft zur Exekution, als Herr Alwerth ins Zimmer trat, dem armen Sünder eine Gnadenfrist erteilte und ihn mit sich in ein anderes Zimmer nahm, woselbst er, als er mit Tom unter vier Augen war, ihm dieselbe Frage vorlegte, welche Schwöger an ihn vorher hatte ergehen lassen.

Tom antwortete: Sein Gehorsam erlaube nicht, ihm irgend etwas zu verhehlen; dem tyrannischen Orbil würde er aber niemals anders antworten als mit einer Karbatsche, und er hoffte bald im stande zu sein, ihm damit alle seine Grausamkeiten einzutränken.

Herr Alwerth gab dem Jüngling einen sehr scharfen Verweis wegen seiner unanständigen und unehrerbietigen Ausdrücke gegen seinen Lehrer, noch mehr aber wegen seines erklärten Vorsatzes, sich zu rächen. Er bedrohte ihn mit dem gänzlichen Verluste seiner Gunst, wofern er jemals wieder ein ähnliches Wort aus seinem Munde hörte; denn, sagte er: der Freund und die Stütze eines gottlosen Taugenichts wolle er niemals sein. Durch diese und dergleichen Erklärungen drang er dem Tom einige Zeichen der Reue ab, welche dem Burschen aber kein sonderlicher Ernst war, denn er sann wirklich auf eine Wiedervergeltung der schmerzhaften Gunstbezeigungen, welche er von den Händen des Pädagogen genossen hatte. Gleichwohl ward er von Herrn Alwerth dahin gebracht, wegen seiner Rachgier gegen Schwöger sich reuig zu bezeigen, und [113] darauf erlaubte ihm der gute Mann, nachdem er ihm noch einige heilsame Vermahnungen gegeben hatte, weiter zu reden, welches er that, wie folgt.

»In Wahrheit, mein teuerster Herr Vater! ich liebe und verehre Sie mehr als die ganze Welt. Ich weiß, wie unendlich viel ich Ihnen zu verdanken habe, und ich würde mich selbst verabscheuen, wenn ich mein Herz der Undankbarkeit fähig hielte. Könnte das kleine Pferd sprechen, das Sie mir geschenkt haben, gewiß es würde Ihnen erzählen, wie lieb und teuer mir Ihr Geschenk war; denn ich hatte größere Freude daran, es zu füttern, als darauf zu reiten. Ja, gewiß, liebster Herr Vater, es ging mir durchs Herz, daß ich es missen sollte, ich hätt's aus keiner andern Ursache auf der Welt verkauft, als aus der, welche mich dazu nötigte. Sie selbst, liebster Herr Vater, hätten an meiner Stelle ebendasselbe gethan, denn keiner hat noch so innig die Not andrer Menschen gefühlt, als Sie. Was würden Sie fühlen, teuerster Vater, wenn Sie bedächten, daß Sie es selbst verursacht hätten? – Gewiß, gewiß, kein Elend könnte größer sein, als das Ihrige.« – »Als wessen, Kind,« sagte Alwerth, »was willst du damit sagen?« – »O liebster Vater,« antwortete Tom, »Ihr armer Wildmeister ist mit seiner Frau und vielen Kindern, seitdem Sie ihn abgedankt haben, fast vor Mangel und Hunger umgekommen. Ich konnt's nicht aushalten, diese armen Leute so nackt und verhungert zu sehen, und dabei zu wissen, daß ich die Ursache aller ihrer Leiden gewesen bin. – Ich konnt's nicht aushalten, liebster Vater, bei meiner Seele, ich konnt's nicht!« (Hier rieselten ihm die Zähren über die Wangen und er fuhr weiter fort) »Es war, um sie vom völligen Untergange zu retten, daß ich mein teures Geschenk hingab, ungeachtet ich es so unendlich lieb hielt. – Für sie habe ich das Pferd verkauft, und sie haben alles Geld bis auf den letzten Heller bekommen.«

Hier stund Herr Alwerth einige Augenblicke im stillen Nachdenken, und ehe und bevor er sprach, stürzten ihm die Thränen aus den Augen. Endlich ließ er Tom mit einem sanften Verweise von sich, wobei er ihm den Rat gab, wenn es künftig darauf ankäme, jemand aus der Not zu helfen, so solle er sich lieber an ihn wenden, als zu außerordentlichen Mitteln greifen, um es für sich selbst allein zu thun.

Diese Sache war nachher die Materie zu manchen Untersuchungen zwischen Schwöger und Quadrat. Schwöger hielt dafür, es wäre eine offenbare Auflehnung gegen Herrn Alwerth, dessen Absicht gewesen, den Kerl wegen seines Ungehorsams zu bestrafen. Er sagte: in einigen Fällen käme ihm das, was die Welt Barmherzigkeit nenne, vor, als ein Eingriff in den Willen des Allmächtigen, [114] welcher gewisse Personen ausgezeichnet hätte, unglücklich und elend zu sein, und hier wäre auf eben die Art, gegen den Willen des Herrn Alwerth gehandelt worden, und er beschloß, wie gewöhnlich, mit einer herzlichen Empfehlung seines Schulszepters.

Quadrat focht hart dagegen an; vielleicht aus Parteilichkeit gegen Schwöger, oder auch aus Gefälligkeit gegen Herrn Alwerth, welcher das, was Tom gethan hatte, gar sehr zu billigen schien. Was er aber anführte, würde hier, da ich überzeugt bin, daß die meisten meiner Leser viel geschicktere Advokaten für den armen Jones sein müssen, unschicklich und vorlaut sein, zu erzählen. In der That war es nicht schwer, eine Handlung unter die Regel des Rechts zu bringen, die es unmöglich gewesen sein würde aus der Regel des Unrechts herzuleiten.

Neuntes Kapitel
Neuntes Kapitel.

Enthält eine Geschichte von einer schändlichern Art, mit Schwögers und Quadrats Kommentarien darüber.


Ein Mann, der seiner Weisheit wegen weit berühmter war, als ich es bin, hat schon die Bemerkung gemacht, daß ein Unglück selten allein kommt. Ein Beispiel davon kann man, glaube ich, an solchen Herren sehen, welche das Unglück haben, daß eine von ihren Schelmereien entdeckt wird; denn selten steht die Entdeckung eher still, bis sie alle ans Tageslicht gebracht worden. So ging's mit dem armen Tom, dem nicht sobald der Verkauf seines Pferdes verziehen worden, als es ans Licht kam, daß er einige Zeit vorher eine schöne Bibel verkauft hätte, die ihm Herr Alwerth geschenkt, von welchem Schleichhandel er das Geld auf eben die Art verwendet hatte. Diese Bibel hatte der junge Herr Blifil, ob er schon selbst eine ähnliche hatte, teils aus Ehrfurcht für das Buch, teils aus Freundschaft für Tom erstanden, weil er nicht gern wollte, daß die Bibel für den halben Wert aus der Familie kommen sollte. Er erlegte diesen halben Wert also lieber selbst; denn er war ein sehr kluger Knabe, und so sorgsam für sein Geld, daß er fast jeden Pfennig, den er von Herrn Alwerth erhalten, bedächtlich aufgespart hatte. Einige Leute sind dafür berühmt gewesen, daß sie in keinem andern Buche, als ihrem eignen haben lesen können. Der gute Neffe Blifil hingegen brauchte, seitdem er im Besitz dieser Bibel war, niemals eine andere. Ja man sah ihn viel öfter darin lesen, als vorher in seiner eigenen. Da er nun Herrn Schwöger öfters um die Erklärung schwerer Stellen bat, so bemerkte der Herr [115] Informator unglücklicherweise Toms Namen, der hin und wieder in diesem Buche von seiner kindischen Hand gekritzelt war. Dies veranlaßte eine Untersuchung, welches Blifil nötigte, den ganzen Kaufhandel zu entdecken.

Schwöger war fest entschlossen, ein Verbrechen von dieser Art, welches er ein Sakrilegium nannte, sollte nicht ungestraft hingehen. Er schritt also unmittelbar zur Züchtigung, und nicht zufrieden damit, machte er auch Herrn Alwerth das nächste Mal, als er ihn sprach, mit diesem, wie es ihm vorkam, ungeheuern Verbrechen bekannt. Er zog in den bittersten Ausdrücken auf den Tom los, und verglich ihn mit den Käufern und Verkäufern, welche aus dem Tempel hinausgetrieben worden.

Quadrat betrachtete diesen Handel in einem sehr verschiedenen Lichte. Er könne, sagte er, kein strafwürdigeres Verbrechen darin finden, ob man dies Buch verkaufe oder ein anderes. Bibeln zu verkaufen sei, nach allen göttlichen und weltlichen Gesetzen, völlig erlaubt, und folglich wäre damit gegen keine Regel des Rechts verstoßen. Er sagte zu Schwöger, das große Aufheben über diesen Handel brächte ihm die Geschichte einer sehr christlich-frommen Frau ins Gedächtnis, welche aus bloßer heiliger Andacht einer Dame von ihrer Bekanntschaft Tillotsons Predigten gestohlen hätte.

Ueber dieses Geschichtchen stieg dem Theologen eine gewaltige Menge Blut ins Gesicht, welches ohnedem schon das bleichste war, und er stund auf dem Sprunge, mit großer Hitze und Aerger zu antworten, hätte sich nicht Madame Blifil, welche zugegen war, ins Mittel geschlagen und Frieden erhalten. Diese Dame erklärte sich ausdrücklich für Quadrats Meinung. Sie führte dafür in der That sehr gelehrte Gründe an, und schloß damit, daß sie sagte: wenn Tom dabei ja einen Fehler begangen hätte, so müsse sie gestehen, daß ihr Sohn ihr ebenso schuldig vorkäme, denn sie könne keinen Unterschied unter Käufern und Verkäufern finden, weil beide dergleichen aus dem Tempel getrieben worden wären.

Dadurch, daß Madame Blifil ihre Meinung eröffnet hatte, war dem Streite ein Ende gemacht. Quadrats Triumph hätte fast allein ihm die Worte im Munde erstickt, wenn er welcher bedurft hätte, und Schwöger außerdem, daß er aus bereits erwähnten Ursachen es nicht wagen durfte, etwas der Dame Mißfälliges zu sagen, erstickte fast an seinem Eifer. Was den Herrn Alwerth betrifft, so sagte der, weil der Knabe bereits schon abgestraft worden, so fände er nicht nötig, seine Meinung über die Sache zu sagen, und ob er über den Jüngling böse war oder nicht, das muß ich dem Leser selbst zu erraten überlassen.

Bald nach diesem ward bei dem Junker Western (der Landedelmann, [116] in dessen Gehege das Feldhuhn geschossen worden) eine Klage gegen den verabschiedeten Wildmeister, wegen ähnlicher Verbrechen, eingebracht. Dies war ein höchst unglücklicher Umstand für den Kerl, weil er ihm nicht nur an und für sich selbst mit großem Unglück drohte, sondern dabei auch noch Herrn Alwerth verhinderte, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen. Denn als dieser würdige Herr eines Nachmittags mit seinem Neffen Blifil und dem jungen Tom spazieren ging, lenkte ihn der letztere ganz unvermerkterweise nach der Wohnung des schwarzen Jakob, wo die Angehörigen dieses armen Menschen, nämlich seine Frau und Kinder, in aller Not und allem Jammer befunden wurden, die nur Kälte, Hunger und Blöße über menschliche Geschöpfe verbreiten können; denn das Geld, das ihnen aus Toms Hand zugeflossen, war fast gänzlich zur Bezahlung alter Schulden draufgegangen.

Ein solcher Anblick wie dieser konnte nicht verfehlen, auf das Herz des Herrn Alwerth zu wirken. Er gab auf der Stelle der Mutter einige Goldstücke und sagte dabei, sie solle davon ihren Kindern etwas auf den Leib schaffen. Die arme Frau zerfloß bei dieser Gütigkeit in Thränen und konnte bei ihrer Danksagung sich nicht enthalten, auch ihre Erkenntlichkeit gegen Tom auszudrücken, welcher, wie sie sagte, lange schon sie und die ihrigen vom Verhungern errettet hätte. Wir haben, sagte sie, nicht einen Bissen zu essen, noch diese armen Kinder einen Lumpen anzuziehen gehabt, die wir nicht von seiner milden Güte empfangen hätten. In der That hatte Tom noch außer dem Pferde und der Bibel einen Schlafrock und andere dergleichen Sachen der Notdurft dieser notleidenden Familie aufgeopfert.

Als sie wieder nach Hause gekommen, bot Tom alle seine Beredsamkeit auf, um das Elend dieser Leute und die Reue und das Leid des schwarzen Jakob selbst mit den lebhaftesten Farben zu schildern, und hierin glückte es ihm so wohl, daß Herr Alwerth sagte, er glaube, der Mann habe für sein begangenes Versehen schon genug gelitten und er wolle ihm verzeihen und auf eine Versorgung für ihn und die seinigen denken.

Jones war über diese Neuigkeit so voller Freuden, daß er, ob es gleich schon finster war, als sie nach Hause kamen, sich nicht enthalten konnte, in einem starken Regenschauer eine Viertelmeile Weges zurückzulaufen, um der armen Frau die fröhliche Botschaft zu überbringen. Allein gleich andern schnellen Zeitungsverbreitern hatte er sich nur die Mühe verursacht, widerrufen zu müssen, denn das widrige Geschick des schwarzen Jakob bediente sich gerade der Abwesenheit seines Freundes als einer Gelegenheit, alles wieder über den Haufen zu werfen.

Zehntes Kapitel
[117] Zehntes Kapitel.

In welchem Neffe Blifil und Tom Jones in verschiedenem Licht erscheinen.


Neffe Blifil stand wirklich in Ansehung der liebenswürdigen Eigenschaft des Erbarmens mit Anderer Not in ziemlicher Entfernung hinter seinem Schulkameraden; aber einen desto größern Vorsprung hatte er vor ihm in einer viel wichtigern Eigenschaft, nämlich in der Gerechtigkeitsliebe, in welcher er sowohl den Lehren als Beispielen beider, des Herrn Schwöger und Quadrat, folgte; denn ob diese gleich alle beide das Wort Erbarmen oder auch Barmherzigkeit zum öftern gebrauchten, so war es doch deutlich, daß Quadrat solche Worte wirklich mit der Regel des Rechts für unvereinbar hielt, und Schwöger war für die Ausübung der Gerechtigkeit und der Meinung, daß man die Barmherzigkeit dem Himmel allein überlassen müsse. Diese beiden Gelehrten waren in der That in ihren Meinungen über den eigentlichen Gegenstand dieser erhabenen Tugend etwas verschieden, und diese Verschiedenheit wäre vielleicht schuld gewesen, daß Schwögers Meinung die eine Hälfte und Quadrats seine die andere Hälfte der Welt zu Grunde gerichtet hätte.

Ob also gleich Neffe Blifil, so lange Jones zugegen gewesen war, stille geschwiegen hatte, so war er doch nach reiflicherer Ueberlegung der Sache nicht im stande den Gedanken auszuhalten, daß seines Oheims Wohlthaten auf einen Unwürdigen fallen sollten. Kurz und gut entschloß er sich also, ihn mit der Thatsache bekannt zu machen, welche wir oben dem Leser so ganz im Vorbeigehen zu verstehen gegeben haben, deren wirkliche Beschaffenheit folgende war.

Als einstens der vorige Wildmeister, ungefähr ein Jahr nachdem er aus Herrn Alwerths Diensten gekommen, und bevor noch Thomas das Pferd verkauft hatte, sich in großem Brodmangel befand und so wenig für sich selbst als für die Seinigen einen Bissen aufzutreiben wußte, und in dieser Not eben durch ein dem Junker Western zuständiges Feld ging, spürte er einen Hasen in seinem Lager. Diesen Hasen hatte er niederträchtiger- und schändlicherweise gegen alle löblichen Gesetze der Weidmannschaft, noch mehr aber gegen die Gesetze des Landes hinter die Löffel geschlagen.

Der Wildhehler, dem der Hase verkauft worden, wurde unglücklicherweise einige Monate nachher mit einer ziemlichen Ladung dieser Ware beim Kopf genommen und dadurch genötigt, wofern er sich sonst einigermaßen beim Junker Western aus der Patsche ziehen [118] wollte, ein Angeber der Wilddiebe zu werden. Nun fiel er auf den schwarzen Jakob, als auf einen Kerl, der Herrn Western ohnedem schon mehr als verdächtig und von nichts weniger als gutem Rufe in der Nachbarschaft war. Ueberdem war er das beste Opfer, das der Wildhehler wählen konnte, weil er ihm seitdem nichts weiter zum Kauf gebracht hatte, auch hatte der Angeber durch dieses Mittel eine gute Gelegenheit, seine besseren Kunden hintern Schirm zu stellen; denn der jagdlustige Junker, dem das Herz darüber hüpfte, daß er den schwarzen Jakob in die Kluppe bekommen, welchen auf den Anstand zu bringen es nur einer einzigen Feldjagd bedürfte, stellte alles Suchen nach weitern Uebertretern ein.

Wäre dieses Faktum dem Herrn Alwerth nach seiner reinen Wahrheit vorgelegt worden, so ist es wahrscheinlich, daß es dem Wildmeister wenig geschadet haben würde. Aber kein Eifer ist blinder als der, welchen Liebe zur Gerechtigkeit gegen Uebertreter einflößt. Neffe Blifil hatte die Zeit der That vergessen; so war er auch nicht ganz genau in Anführung der Umstände, und dadurch, daß er das einzige zweisilbige Wort Einen ausließ, gewann die Erzählung ein ganz anderes Ansehen, denn so hieß es: der schwarze Jakob hätte Hasen, statt Einen Hasen hinter die Löffel geschlagen. Jedoch wäre diese Auslassung wahrscheinlicherweise wohl wiederhergestellt worden, wäre nicht Neffe Blifil so unglücklicherweise bei Herrn Alwerth, ehe er ihm die Sache entdeckte, darauf bestanden, er solle ihm Verschwiegenheit versprechen. Hierdurch aber ward der arme Jäger verdammt, ohne eine Gelegenheit zu haben sich zu verteidigen; denn da das Faktum des gemausten Hasen und der Anklage, in puncto Wilddieberei betreffend, ihre Richtigkeit hatte, so hegte Herr Alwerth in Ansehung des übrigen weiter keinen Zweifel.

Von sehr kurzer Dauer war also die Freude dieser armen Leute; denn schon den nächsten Morgen erklärte Herr Alwerth, er habe ganz neue Gründe (jedoch ohne sie anzuführen) für seinen Unwillen und verbot Tom aufs strengste, den Jakob nicht weiter vor ihm zu nennen; obgleich in Ansehung seiner Familie er, wie er sagte, suchen wolle, sie vor'm Hungerleiden zu bewahren; was aber den Kerl selbst beträfe, wolle er ihn den Gesetzen überlassen, in welche einen Eingriff zu thun ihn nichts bewegen könnte.

Tom konnte auf keine Art begreifen, was den Herrn Alwerth so in Harnisch gejagt hätte; denn auf seinen Spielgesellen Blifil den geringsten Argwohn zu werfen, fiel ihm nicht ein; gleichwohl, da seine Freundschaft durch ein oder den andern vergeblichen Versuch nicht gleich den Atem verlor, so entschloß er sich nunmehr, einen andern Weg einzuschlagen, um den armen Wildmeister vom äußersten Verderben zu retten.

[119] Jones war seit kurzem mit Junker Gestern sehr genau bekannt geworden. Er hatte sich bei diesem Landjunker durch sein Uebersetzen über hohe Schlagbäume und durch andere einen kühnen Weidmann zierende Handlungen dergestalt eingeschossen, daß der Junker erklärt hatte, aus dem Tom würde einst gewiß noch ein großer Mann werden, wenn ihm gehörig unter die Arme gegriffen würde. Er wünschte, daß er selbst einen Sohn von solchen hohen Gaben haben möchte, und eines Tages beteuerte er zwischen Flasche und Becher, Tom sollte um eintausend Pfund von seinem eignen Gelde mit einer Kuppel Hunde mit jedem Parforce-Jäger in der Nachbarschaft in die Wette jagen.

Durch dergleichen Talente war er dem Junker so lieb und wert, daß er ein sehr willkommener Gast bei seinem Tische und ein gar lieber Geselle bei seinen Jagden geworden war. Alles was der Junker am teuersten hielt, das heißt: seine Büchsen, Hunde und Jagdklepper standen jetzt unserm Jones ebensogut zu Befehl, als wären sie sein Eigentum gewesen. Daher faßte er den Entschluß, diese Gunst zum Besten seines Freundes anzuwenden und den schwarzen Jakob, nach seiner Hoffnung, bei Herrn Western in eben dem Dienst anzubringen, welchen er ehedem bei Herrn Alwerth versehen hatte.

Der Leser, wenn er bedenkt, daß dieser Kerl bei Herrn Western bereits in einem sehr schlechten Geruche stand, und ferner die Wichtigkeit des Verbrechens überlegt, wodurch dieser Herr zur Ungnade bewogen war, verurteilt vielleicht Toms Vorsatz als ein thörichtes und verzweifeltes Unternehmen. Wenn er indes den jungen Menschen deswegen nicht gänzlich verdammt, so wird er ihn darüber nicht wenig loben, daß er bei einem so kühnen Vorhaben alle ersinnliche Hilfe und Beistand aufsuchte.

Zu dem Ende nun wendete sich Tom an Junker Westerns Tochter, ein Fräulein von ungefähr fünfzehn Jahren, welche ihr Vater, nächst den vorherbenannten Gerätschaften der Jagd, über alle Dinge in der Welt lieb hatte. So aber, wie nun diese einigen Einfluß bei dem Junker hatte, so hatte auch Tom einigen Einfluß bei ihr selbst. Doch da dies die bestimmte Heldin unserer Geschichte und ein Mädchen ist, in welches wir selbst nicht wenig verliebt sind und in welches sich wahrscheinlicherweise mancher von unsern Lesern verlieben wird, ehe wir noch aus einander gehen, so ist es auf keine Weise schicklich, daß wir sie gerade am Ende eines Buchs zum erstenmale auftreten lassen sollten.

Viertes Buch

Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Enthält zehn Seiten beschriebenes Papier.


Obgleich unser Werk durch den Stempel der Wahrheit vor allen jenen schalen Romanen kennbar sein soll, in welchen es von solchen Mißgeburten wimmelt, die keineswegs Geschöpfe der Natur, sondern eines leeren Gehirns sind und deswegen von einem vortrefflichen Kunstrichter zum alleinigen Gebrauch der Pastetenbäcker und Pfefferkrämer empfohlen sind, so möchten wir doch auch auf der andern Seite die mindeste Aehnlichkeit mit jener Gattung von Geschichte vermeiden, welche, wie ein berühmter Poet dafür hält, nur zum Nutzen der Bierbrauer geschrieben worden, weil ein jeder, der sie lesen will, allemal eine Kanne starkes Bier zur Hand haben sollte:


While – History with her comrade Ale
Sooths the sad series of her serious tale.
Würgt an der Mähr', die ihr Kamrad, der Gerstensaft,
So trocken, dürr sie ist, ihm schlingbar macht.

Denn da dies (wenn wir dem verstorbenen Butler trauen können, welcher in dem englischen Bier, Ale genannt, die Inspiration findet,) der neuern Geschichtschreiber Getränke, ja vielleicht gar ihre Muse ist: so muß es auch der Labetrunk der Leser sein, weil jedes Buch in eben dem Geiste und eben der Stimmung gelesen werden muß, worin es geschrieben ward. Deswegen sagte der berühmte Autor des Hurlotrumbo einem gelehrten Bischof, die Ursache, warum Seine Magnifizenz der Vortrefflichkeit seines Werkes keinen Geschmack abgewinnen könne, wäre, daß Dieselben es nicht mit einer Geige in der Hand gelesen hätten, welches Instrument er beständig in der seinigen gehabt, so lang er an dessen Komposition gearbeitet hätte.

Damit also unsre Schrift in keine Gefahr geraten möge, mit den Tagewerken jener Historiker eine Aehnlichkeit zu gewinnen, so haben wir jede Gelegenheit wahrgenommen, durch das Ganze hindurch Gleichnisse, Malereien und andere dergleichen Arten von [121] poetischen Zieraten einzuweben. Diese Dinge sind dann in vollem Ernste bestimmt, die Stelle des besagten Weizen- und Gerstensaftes zu ersetzen und das Gemüt des Lesers wacker zu erhalten, wenn der Schlummer, dem bei einem langen Werke sowohl der Leser als der Verfasser ausgesetzt sind, sich herankriecht und ihn beschleichen will. Ohne diese Arten von Unterbrechung würde die beste Erzählung simpler Thatsachen den Leser überwältigen; denn ich wüßte nichts in der Welt – das ewige Wachen ausgenommen, welches Homer dem mächtigen Zeus zuschreibt – das nicht unter einer Zeitung von einigen Heften dahinsinken müßte.

Mag der Leser bestimmen, mit wie viel Kunstsinn wir die verschiedenen Gelegenheiten erhascht haben, jene Zieraten in unserem Werke anzubringen. So viel wird man wenigstens einräumen, daß keine schicklicher sein kann als die gegenwärtige, da wir im Begriff stehen, eine wichtige Person auf unserer Bühne auftreten zu lassen; und zwar keine geringere als die Hauptheldin dieses heroischen, historischen, reim-und versefreien Gedichts. Wir haben also für diensam erachtet, hier den Geist des Lesers auf ihren Empfang dadurch vorzubereiten, daß wir ihn mit allen den lieblichen Bildern anfüllen, die wir dem Angesicht der Natur nachzeichnen können. Und diese Methode können wir mit manchem Beispiele rechtfertigen. Erstlich ist es eine ganz bekannte und auch geläufige Kunst bei unsern tragischen Dichtern, welche selten ermangeln, ihre Zuschauer auf den Empfang ihrer Hauptpersonen vorzubereiten.

Deswegen machen allemal, wenn der Held auftritt, die Pauken und Trompeten einen Lärmschlag, um in der Versammlung einen martialischen Geist zu erregen und ihre Ohren an den hohlen Klang der, gleich einer Götterstimme ertönenden Reden zu gewöhnen, welche Lockens blinder Mann, ohne eben gröblich zu irren, mit dem schmetternden Schalle einer Trompete verglichen haben würde. Ferner, wenn Liebende auftreten, werden sie oft von sanfter Musik begleitet, entweder um die Zuhörer mit allem Wonnegefühl der zärtlichen Minne zu sanfter Milde zu stimmen, oder sie in den Schlummer einzuwiegen und zu säuseln, in welchen sie höchst wahrscheinlicherweise der folgende Auftritt versenken wird.

Und nicht nur die dramatischen Dichter, sondern auch die Lohn- und Brodherren dieser Dichter, die Theaterprinzipale, scheinen um das Geheimnis zu wissen; denn außer den vorbesagten Heerpauken u.s.w., welche die Ankunft des Helden verkünden, wird dieser auch die meiste Zeit noch von einem prächtigen Aufzuge eines halben Dutzends Theatertischler und Schneider begleitet. Und wie nötig diese bei seiner Erscheinung erachtet werden, mag man aus folgender Theateranekdote schließen.

[122] König Pyrrhus saß in einem Bierhause, das ans Theater stieß, und verzehrte seine Vesperkost, als man ihm ansagte, sein Auftritt käme. Der Held, welcher seine Hammelskeule nicht gerne aufgeben und doch auch nicht gerne den Unwillen des Herrn Wilks (seines Bruder Co-Prinzipals) auf sich laden wollte, wenn er das Auditorium harren ließe, hatte diese Paradeurs bestochen, sich nicht bei der Hand finden zu lassen. Derweil also Herr Wilks herumdonnerte: »wo stecken die vermaledeiten Gesellen, die vorm König Pyrrhus paradieren sollen?«, verzehrte dieser Monarch ganz ruhig seinen Schöpsenbraten und das Auditorium war bei aller seiner Ungeduld genötigt, sich, bis er kam, die Zeit mit Musik vertreiben zu lassen.

Gerade herauszugehen, so gestehe ich meinen großen Argwohn, daß die Politiker, welche gewöhnlich eine feine Nase haben, etwas von dem Nutzen dieses Kunstgriffs gewittert haben mögen. Nach meiner Ueberzeugung zieht die erhabene obrigkeitliche Person, Mylord Mair von London, einen großen Theil des hohen Ansehens, welches ihm das Jahr seiner Regierung hindurch anklebt, aus dem mancherlei Gepränge, welches seinem Pomp vorausgeht. Ja, ich muß gestehen, daß ich selbst, ob ich gleich eben nicht gar zu leicht durch leeren Schauprunk zu fangen bin, mich eines ziemlichen Eindrucks von großem vorgehenden Staate nicht habe erwehren können. Wenn ich einen Mann in einer Prozession daherstolzieren sah, hinter andern her, deren Geschäft bloß darin bestand, vor ihm her zu schreiten, so habe ich eine höhere Meinung von seiner Würde bekommen, als ich von ihm hatte, wenn ich ihn in gewöhnlichen Lagen und Um ständen sah. Allein noch eins kann ich anführen, das sich ganz genau auf mein Vorhaben paßt. Dies ist die Gewohnheit, ein Sträußermädchen zu bestellen, welches die prächtige Feier des Krönungstages eröffnen und den Weg mit Blumen bestreuen muß, bevor die Großen des Reichs ihre Prozession beginnen. Die Alten hätten gewiß die Göttin Flora beschworen, das Geschäft zu verrichten, und ihren Priestern und Politikern würde es keine Schwierigkeit gemacht haben, das Volk von der wirklichen Gegenwart der Göttin zu überreden, obgleich eine bloße Sterbliche ihre Person vorgestellt und ihr Geschäft verrichtet hätte. Wir aber haben keine solche Absicht unsern Lesern etwas auf den Aermel zu heften, und deswegen mögen diejenigen, welche mit der heidnischen Theologie nichts zu thun haben wollen, unsere Göttin nach Belieben in obbesagtes Sträußermädchen verwandeln. Unsere Absicht mit kurzen Worten ist, unsre Heldin mit der größesten Feierlichkeit, die in unsern Kräften steht, mit einer Erhabenheit des Stils und mit allen Umständen einzuführen, welche dazu beitragen können, die Ehrerbietung des Lesers zu erhöhen. In der That möchten[123] wir, aus gewissen Ursachen, unsrem Leser, wenn er sich eines Herzens bewußt ist, raten, nicht weiter fort zu lesen, wären wir nicht versichert, so liebenswürdig auch das Porträt unsrer Heldin erscheinen wird, weil es wirklich nach der Natur gemalt ist, werden trotz dem manche unsrer schönen Landsmänninen würdig erfunden werden, die edelsten Leidenschaften einzuflößen, und jeder Idee von weiblicher Vollkommenheit entsprechen, deren unser Pinsel fähig ist.

Und nun gehen wir ohne weitere Vorrede über zu unserem nächsten Kapitel.

Zweites Kapitel
Zweites Kapitel.

Kurzer Wink von dem, was wir im Erhabenen zu leisten vermögen, und eine Beschreibung des Fräuleins Sophie Western.


Schweig', selbst leisestes Lüftchen, schweig'! Und du, heidnischer Satrap der Winde, leg' in eiserne Fesseln die groben Glieder des brausenden Boreas und den scharfbeißenden, mit spitzer Adlersnase dahersausenden Eurus. Und du, leiser Zephyr, hebe dich aus deinem Blumenlager; besteig' den westlichen Himmel und führ' uns herauf jenes liebliche Wehen, dessen Reiz die Farben entzündende Flora ihrer von Perlentau duftenden Kammer entruft, wenn sie am ersten des Juni, ihrem jährlichen Feste, schwebenden Fußes leicht hinhüpft über grünende Auen, wo jede Blum' emporstrebt der schönen Göttin zu huldigen, bis bunter Schmelz die Felder bedeckt und Farben streiten mit Wohlgerüchen, wer mehr, wer angenehmer sie entzücken soll.

In so reizvoller Schönheit möge sie nun erscheinen. Und ihr, gefiederte Sänger der Büsche und Wälder, deren süßwirbelnde Melodeien selbst ein Händel mit Künstlerneid bewundert, stimmt eure tonreichen Kehlen, ihrer Erscheinung entgegenzugrüßen. Liebe erzeugte euer Lied und lockt wieder Liebe hervor. So erweckt denn dies sanfte Gefühl in jedes zarten Jünglings Brust, denn siehe! geschmückt mit jedem Reiz, womit Natur nur schmücken kann; geziert mit Schönheit, Jugend, Unschuld, regem Geiste und zart bescheidner Sittsamkeit; von ihren Rosenlippen Maiendüfte atmend; von ihrem funkelnden Auge Morgenglanz strahlend, kommt sie daher, die liebenswürdige Sophie!

Leser, du hast vielleicht die Statue der mediceischen Venus gesehen. Vielleicht hast du auch eine Sammlung der ähnlichsten Porträts von den berühmtesten Schönheiten, verfertigt durch die ersten [124] Meister unsrer Zeit, in dem Studierkabinette eines Fürsten oder Liebhabers gesehen; vielleicht erinnerst du dich noch von deinen Reisen durch England, Frankreich und Italien der schönsten Prinzessinnen, Gräfinnen und anderer Schönheiten, auf deren Wohl so manches Glas Wein geleert wurde; oder wenn ihr Reich nicht in deine Tage fiel, so hast du vielleicht ihre nicht weniger reizenden Töchter gesehen, deren Namen, wenn wir sie hierher setzen wollten, wie wir fürchten, den ganzen Band anfüllen würden.

Nun, hast du alles das gesehen, so fürchte nur nicht die ziemlich ungefeilte Antwort, welche einst Lord Rochester einem Manne gab, der viele Dinge gesehen hatte. Nein. Wenn du alles jenes gesehen hast, ohne zu wissen, was Schönheit sei: so hast du keine Augen, und hast du's gesehen, ohne seine Macht zu empfinden – nun so hast du kein Herz.

Dennoch, lieber Freund, ist's möglich, daß du alles jenes gesehen haben magst, ohne fähig zu sein, dir ein genau treffendes Bild von Sophie vorzustellen. Denn genau glich sie keiner einzigen von jenen allen. Am genauesten glich sie dem Porträt der Gräfin A. Mehr noch hat man mir gesagt, der Herzogin von Z. Am meisten aber glich sie einem Mädchen, dessen Bild nimmer aus meinem Herzen verlöschen wird, und wenn du dich deren noch erinnerst, mein Freund, so hast du eine ganz ähnliche Idee von Sophie.

Allein, weil du allenfalls nicht so glücklich gewesen sein möchtest, so wollen wir uns nach unsrem besten Vermögen bemühen, dieses Urbild zu beschreiben, ob wir gleich sehr wohl fühlen, daß unsre höchste Geschicklichkeit dieser Unternehmung nicht gewachsen sein wird.

Sophie also, die einzige Tochter des Junker Western, war ein Frauenzimmer von mittlerer Größe; doch eher darüber als darunter. Ihr Wuchs war nicht nur sehr regelmäßig, sondern sehr zierlich, und das genaue Ebenmaß ihres Arms versprach das schönste Verhältnis ihres übrigen Gliederbaues. Ihr schwarzbraunes Haar war von so langem Wuchs, daß es, ehe sie es, um sich nach der Mode zu bequemen, abschnitt, bis über ihren Gürtel herabreichte; und nun fiel es ihr in so anmutigen Locken um den Nacken, daß wenige glauben wollten, es sei ihr eignes. Wofern die Scheelsucht einen Teil ihres Gesichts aufspüren konnte, der weniger Bewunderung verdiente als das übrige, so mochte sie vielleicht meinen, die Stirn hätte ohne Nachteil des Ganzen ein wenig höher sein können. Ihre Augbrauen waren voll, eben und so gewölbt, daß keine Kunst vermögend war, sie nachzuahmen. Ihre schwarzen Augen hatten einen strahlenden Glanz, den alle ihre Sanftmut nicht auszulöschen [125] vermochte. Ihre Nase war durchaus regelmäßig, und ihr Mund, welcher zwei Reihen Elfenbeins enthielt, entsprach pünktlich der Beschreibung des Dichters Suckling in folgenden Zeilen:


»Her Lips were red, and one was thin,
Compar'd to that was next her Chin.
Some Bee had stung it newly.«
Ihre Lippen war'n rot, und eine war dünn,
Verglichen mit der zunächst ihrem Kinn.
Ein Bienlein hatte sie neulich gestochen.

Ihre Wangen waren von der ovalen Art, und in der rechten hatte sie ein Grübchen, welches sich beim kleinsten Lächeln zeigte. Ihr Kinn hatte gewiß seinen Anteil an Ausbildung der Schönheit ihres Gesichts; es war aber schwer zu sagen, ob es schmal oder breit sei, vielleicht war es ein wenig mehr das letzte. Ihre Gesichtsfarbe ähnelte mehr der Lilie als der Rose; wenn aber körperliche Bewegung oder Schamhaftigkeit ihre natürliche Farbe erhöhte, so kam ihr das schönste Karmin nicht bei. Dann war man geneigt mit dem Dr. Donne auszurufen:


»– Her pure and eloquent Blood
Spoke in her Cheeks, and so distincty wrought,
That one might almost say her Body thought.«
– Ihr reines und beredsam Blut
Sprach auf den Wangen; sprach so hell, so gut,
Daß man fast gern gesagt, ihr Körper denke.

Ihr Hals war lang und stand auf einem höchst feinen Gewölbe; und hier, wenn ich nicht besorgte, ihre Delikatesse zu beleidigen, möchte ich mit Grund der Wahrheit sagen, wären die höchsten Schönheiten der Mediceischen Venus übertroffen worden. Hier war eine Weiße, mit der sich weder Lilien, noch Elfenbein, noch Alabaster messen konnten. Den feinst gebleichten Musselin konnte man beschuldigen, er bedecke aus Neid einen Busen, weil er weißer als er selbst. Er war wirklich:


»Nitor splendens Pario marmore purius.«


Reinern Glanzes als der hellest polierte Marmor von Paros.


So war Sophiens Aeußeres beschaffen. Auch ward dieser schöne Bau von keinem unwürdigen Bewohner erniedrigt. Ihre Seele war in allem Betracht dem Körper gleich; ja der letztere entlieh noch Reize von der erstern, denn wenn sie lächelte, goß die sanfte Güte[126] ihres Herzens jenen strahlenden Schimmer über ihr Antlitz, den keine Regelmäßigkeit den Gesichtszügen zu geben im stande ist. Jedoch, da sie keine Tugendvollkommenheit besitzt, welche sich nicht in der vertrautesten Bekanntschaft, in die wir unsern Leser mit diesem liebenswürdigen jungen Geschöpfe zu bringen willens sind, von selbst entdecken werden, so ist es überflüssig solche hier aufzuzählen. Ja, es wäre sogar eine Art von Mißtrauen in den Verstand des Lesers und würde ihn des Vergnügens berauben, welches er dabei empfinden wird, wenn er sein eigenes Urteil über ihren Charakter fällt.

Es mag indessen nicht undienlich sein zu sagen: daß ihre Geistesgaben, so viele sie deren auch von der Natur empfangen hatte, doch einigermaßen durch die Kunst weiter ausgebildet waren; denn sie war unter der Aufsicht einer Tante erzogen, die viel Klugheit und eine vollkommene Weltkenntnis besaß, indem solche in der Jugend am Hofe gelebt, den sie aber seit etlichen Jahren verlassen und sich aufs Land begeben hatte. Durch den Umgang und Unterricht dieser Dame hatte Sophie vollkommene Lebensart gelernt, ob es ihr gleich vielleicht noch ein wenig an der Leichtigkeit des Betragens fehlte, welche sich bloß durch Gewohnheit erwerben läßt und dadurch, daß man fleißig und viel mit der sogenannten feinen Welt lebt. Doch wird diese, die Wahrheit zu sagen, oft ein wenig teuer erkauft; und ob sie gleich einen so unnennbaren Zauber hat, daß die Franzosen unter anderen Eigenschaften vermutlich auch diese mit auszudrücken meinen, wenn sie ihr Ich weiß nicht was? nennen: so wird doch ihr Abgang durch Unschuld sehr reichlich ersetzt. Auch kann eine gesunde Vernunft und natürliche Artigkeit derselben sehr wohl entbehren.

Drittes Kapitel
Drittes Kapitel.

In welchem die Geschichte rückwärts geht, um einen geringfügigen Umstand nachzuholen, der sich vor einigen Jahren zutrug; der aber, so unbedeutend er war, nachher einige Folgen hatte.


Die liebenswürdige Sophie war in ihrem achtzehnten Jahre, da sie in dieser Geschichte aufgeführt wird. Ihr Vater, wie schon gesagt ist, hatte sie lieber als irgend ein anderes menschliches Geschöpf. An sie wendete sich also Tom Jones, um ihre Fürsprache für seinen Freund, den Wildmeister, zu erbitten.

Doch, ehe wir zu diesem Geschäfte kommen, wird eine kurze Wiederholung einiger vorläufigen Materien nötig sein.

[127] Obgleich die Verschiedenheit der Charaktere des Herrn Western und Herrn Alwerth keine eben allzugenaue Freundschaft verstattete, so lebten sie doch, wie man's zu nennen pflegt, auf einem ganz freundschaftlichen Fuß. Vermöge dessen waren die jungen Leute aus beiden Familien von Jugend auf mit einander bekannt gewesen, und weil sie alle von ungefähr gleichem Alter waren, hatten sie auch oft mit einander ihre Kinderspiele getrieben.

Das muntre Wesen des Tom vertrug sich besser mit Sophie als die trockne, ernsthafte Gemütsart des jungen Herrn Blifil; und der Vorzug, den sie dem ersteren von ihnen gab, zeigte sich oft so deutlich, daß ein Jüngling von heftigerer Leidenschaft, als Neffe Blifil war, wohl sein Mißfallen darüber bezeigt haben möchte.

Da er unterdessen äußerlich kein solches Mißvergnügen äußerte, so wäre es von uns eben nicht freundschaftlich gehandelt, wenn wir in dem Geheimzimmer seines Herzens einen Besuch abstatten wollten, wie wohl einige hämische Leute die geheimsten Sachen ihrer Freunde durchsuchen und oft ihre Bücher und Silberschränke durchstänkern, bloß um ihre Armut und Kleinheit der Welt zu entdecken.

Weil gleichwohl Personen, welche vermuten, daß sie andern Ursache gegeben haben sich für beleidigt zu halten, leicht schließen, daß sie wirklich beleidigt sind: so schob Sophie eine Handlung des jungen Blifil auf seinen gereizten bösen Willen, die die höhern Einsichten Schwögers und Quadrats aus einem weit bessern Grundsatze herzuleiten im stande waren.

Tom Jones hatte, als er noch sehr jung war, Sophie einen kleinen Vogel geschenkt, den er aus dem Neste genommen, aufgefüttert und singen gelehrt hatte.

In diesen Vogel war Sophie, die damals ungefähr dreizehn Jahre alt sein mochte, so verliebt, daß es ihr Hauptgeschäft war, sein zu warten und zu pflegen, und ihr Hauptvergnügen, mit ihm zu spielen. Hier durch war Tömchen, denn so ward der Vogel genannt, so zahm geworden, daß er seiner Herrin aus der Hand fraß, sich auf ihren Finger setzte und sang und ganz ruhig in ihrem Busen lag, woselbst er sich seiner Glückseligkeit ordentlich bewußt zu sein schien; ob sie ihn gleich immer an einem dünnen Faden am Fuße gefangen hielt und sich niemals getraute ihn frei herumfliegen zu lassen.

Eines Tages, als Herr Alwerth mit seiner ganzen Familie bei Herrn Western zum Mittagessen geladen war, befand sich Neffe Blifil mit der kleinen Sophie im Garten, und da er so die außerordentliche Liebe bemerkte, die sie zu ihrem kleinen Vogel hatte, bat er sie, sie möchte ihn doch nur auf einen Augenblick in seine Hände geben. Sophie willigte augenblicklich in das Verlangen [128] ihres Spielkameraden, und nach vorläufiger Warnung, ihn ja nicht fliegen zu lassen, gab sie ihm den Vogel hin, in dessen Besitz er sich nicht so bald sah, als er den Faden von dem Fuße abstreifte und ihn in die Luft schnellte.

Das dumme Tier fühlte sich nicht so bald in Freiheit, als es alle Gunst, die es von Sophien genossen, vergaß, gerades Weges von ihr weg flog, und sich in einiger Entfernung auf einen Zweig setzte.

Sophie, die ihren Vogel verloren sah, erhub ein so lautes Geschrei, daß Tom Jones, der sich nicht weit von da befand, augenblicklich zu ihrem Beistande hereilte.

Sobald er vernommen, was vorgegangen, schalt er Blifil einen duckmäuserischen Leisetritt von Buben, warf flugs den Rock ab und machte sich dran, den Baum hinaufzuklettern, auf welchen der Vogel geflogen war.

Tom hatte seinen kleinen Namensvetter beinahe schon wieder erhascht, als der Zweig, auf dem das Tierchen saß und der über einem Kanal hing, brach, und der arme Knabe über Hals und Kopf ins Wasser plumpte.

Sophiens Besorgnis veränderte nun den Gegenstand, und weil sie fürchtete, des armen Jungen Leben sei in Gefahr, so schrie sie noch zehnmal lauter als vorher; und in der That half ihr jetzt Neffe Blifil aus allen Kräften schreien, was seine Kehle nur vermochte.

Die Gesellschaft, welche in einem am Garten gelegenen Zimmer saß, ward augenblicklich aufgeschreckt und kam insgesamt herbei; aber eben, als sie den Kanal erreichten, kam Tom (denn das Wasser war zum Glück an der Stelle ziemlich flach) wohlbehalten ans Ufer.

Schwöger fiel heftig über den armen Tom her, welcher triefend und vor Frost schaudernd vor ihm stand, als Herr Alwerth ihn bat, Geduld zu haben und darauf, indem er sich zu seinem Neffen Blifil wendete, sagte: »Sprich doch, Kind! Was hat denn dieser Auflauf zu bedeuten? Was gibts denn?« Neffe Blifil antwortete: »O, lieber Onkel, es thut mir gewiß sehr leid, was ich gethan habe; ich bin unglücklicherweise an allem schuld gewesen. Ich hatte Sophiens Vogel in der Hand, und da kam's mir vor, als ob er sich nach der Freiheit sehnte, und da konnt' ich's nicht über mein Herz bringen, ich muß es gestehen, ich mußt' ihm seinen Wunsch thun; denn ich habe immer gedacht, es wäre was Grausames darin, ein lebendiges Wesen einzusperren. Es dünkte mich gegen das Gesetz der Natur, nach welchem jedes Ding ein Recht zur Freiheit hat. Ja, es ist sogar unchristlich; denn es ist nicht [129] gethan, wie wir wollen daß man uns thue. Hätte ich aber gedacht, daß es Fräulein Fiekchen so sehr sich zu Herzen nehmen würde, so würde ich mich gewiß wohl gehütet haben es zu thun; ich hätte es auch nicht einmal gethan, wenn ich gewußt hätte, wie es dem Vogel selbst ergehen würde; denn als Tom, der den Baum hinauf kletterte, um ihn wieder zu kriegen, ins Wasser fiel, flog der Vogel wieder auf, und da kam gleich ein Habicht und fing ihn weg.«

Die arme Sophie, die jetzt erst das Schicksal ihres Vogels vernahm, (denn ihre Besorgnis um Jones hatte sie abgehalten weiter nach dem Vogel zu sehen), vergoß nun einen Strom von Thränen. Diese suchte Herr Alwerth dadurch zu trocknen, daß er ihr einen viel hübscheren Vogel versprach; sie sagte aber, sie wolle in ihrem Leben keinen wieder haben. Ihr Vater schalt sie darüber aus, daß sie so über einen dummen Vogel heulte; konnte sich jedoch dabei nicht entbrechen, dem jüngern Blifil zu sagen: wenn er sein Sohn wäre, so wollte er ihm dafür den Rücken derb abbläuen.

Sophie ging nun nach ihrem Zimmer; die jungen Herrchen wurden nach Hause gesandt und die übrige Gesellschaft kehrte wieder zu ihren Flaschen und Gläsern zurück; woselbst über den Vorfall mit dem Vogel ein Gespräch erfolgte, das so sonderbar war, daß wir meinen, es verdiene sein eigenes Kapitel.

Viertes Kapitel
Viertes Kapitel.

Enthält solche gründliche und ernsthafte Materien, daß vielleicht einige Leser wenig Behagen daran finden werden.


Quadrat hatte nicht so bald seine Pfeife angezündet, als er sich an Herrn Alwerth wendete und folgendergestalt anhub: »Herr, ich kann nicht umhin, Ihnen zu Ihrem Neffen Glück zu wünschen, der in einem Alter, worin wenige Knaben andere als sinnliche Begriffe haben, schon das Vermögen erlangt hat, zwischen Recht und Unrecht zu distinguieren. Irgend ein lebendiges Wesen einzuschränken, scheint mir gegen das Gesetz der Natur, nach welchem jedes Ding ein Recht zur Freiheit hat. Das waren seine Worte; und der Eindruck, den solche auf mich gemacht haben, wird niemals wieder verlöschen. Kann ein Mensch auf der Welt höhere Begriffe von der Regel des Rechts und der ewigen Harmonie der Dinge haben? Ich kann mich nicht entbrechen, mir von solch einer Morgenröte zu versprechen, daß der volle Tag dieses Jünglings ebenso [130] glänzend sein muß, als eines von beiden, des ältern oder des jüngern Brutus.«

Hier fiel ihm Schwöger hastig ins Wort, verschüttete etwas Wein aus dem Glase, verschlang eilig das übrige und antwortete: »Aus einem andern Ausdruck, dessen er sich bediente, hoff' ich, soll er viel bessern Männern ähnlich werden. Gesetz der Natur ist ein Klingklang von Worten, wohinter gar nichts steckt. Ich weiß nichts von solchen Gesetzen, noch von irgend einem Recht, das daraus hergeleitet werden könnte. Thu' andern, was du willst daß dir geschehe, das ist das wahre christliche Motiv, wie sich der Knabe sehr richtig ausdrückte; und ich freue mich, zu finden, daß mein Unterricht so gute Früchte erzeugt hat.«

»Wenn Eitelkeit mit der ewigen Harmonie der Dinge bestehen könnte,« sagte Quadrat, »so dürfte ich mir über eben den Umstand vielleicht einiges erlauben; denn, aus welcher einzigen Quelle er seine Begriffe von Recht und Unrecht geschöpft haben könne, liegt, sollt' ich meinen, klar genug am Tage. Wenn es kein Gesetz der Natur gibt, so gibt's auch weder Recht noch Unrecht.«

»Wie?« sagte der Theolog, »Sie leugnen also die Offenbarung? Sprech' ich hier mit einem Deisten oder Atheisten?«

»Gläser eingeschenkt!« sagte Western, »packt ein, mit eur'n Gesetzen der Natur! Ich weiß nicht, was ihr beide meint, mit eur'm Recht und Unrecht! Mein'm Mädchen sein'n Vogel nehm'n, war Unrecht! das mein' ich. Und mein Nachbar Alwerth mag's mach'n wie 'r will, was schiert's mich! Aber, die Jungens in solch'n Kniffen bestärken, das heißt Galgenschweng'l draus ziehn!«

Alwerth antwortete: was sein Neffe gethan habe, thäte ihm freilich leid; doch könne er nicht darein willigen, daß der Knabe dafür gestraft würde, weil er mehr aus einem großmütigen, als aus einem niederträchtigen Bewegungsgrunde gehandelt habe. Er sagte: »Wenn der Bursche den Vogel gestohlen hätte, so würde er selbst für eine viel strengere Züchtigung, als der Herr Nachbar, gestimmt haben. Aber es wär' klar, daß solches seine Absicht nicht gewesen.« Und in der That war es ihm klar, daß er keine andre Absicht dabei gehabt haben könnte, als die er selbst gestand. (Denn was die hämische Tücke betrifft, wegen welcher Sophie ihn im Verdacht hatte, so kam die dem Herrn Alwerth nicht einmal in die Gedanken.) Endlich schloß er damit, daß er nochmals die Handlung als unbedachtsam tadelte und solche nur bei einem Kinde für verzeihlich hielt.

Quadrat hatte seine Meinung so unverhohlen herausgesagt, daß er, wenn er jetzt geschwiegen, gleichsam eingeräumt hätte, sein Urteil sei ganz nichtig gewesen; er sagte daher mit einiger Hitze: [131] »Herr Alwerth habe zu viel Achtung für die lumpige Rücksicht auf Eigentum. Alle dergleichen besondere Rücksichten müsse man beiseite setzen, wenn man über große und mächtige Handlungen ein Urteil fällen wollte. Denn, wenn man sich an solche eingeschränkte Regeln halten wollte, so müßte man den jüngern Brutus verdammen als einen Undankbaren, und den ältern als einen Mörder seines eignen Blutes.«

»Und wenn sie beide wegen ihrer Schandthaten wären gehängt worden,« schrie Schwöger, »so wär' ihnen weiter nichts geschehen, als was ihre Thaten wert waren. Die heidnischen Schurken, die! Gott sei gelobt, daß wir heutigestags keine Brutusse mehr haben! Ich wünschte, Herr Quadrat, Sie wollten sich enthalten, die Gemüter meiner Untergebenen mit solchem antichristlichen Wischiwaschi anzufüllen; denn es kann nichts andres daraus entstehen, so lange sie unter meiner Aufsicht sind, als daß ich's wieder herausprügeln muß. Da ist Ihr Zögling, Tom, der ist fast schon völlig verderbt. Ich hört' ihn vor einigen Tagen mit meinem Blifil disputieren: beim Glauben ohne Werke wäre kein Verdienst. Ich weiß, das ist so einer von Ihren Glaubensartikeln, und ich denke, er hatte das von Ihnen und von niemand sonst.«

»Klagen Sie nur nicht, daß ich ihn verderbe,« sagte Quadrat. »Wer lehrte ihn über alles zu lachen, was tugendhaft ist und wohlanständig und schicklich und recht, nach der Harmonie der Natur der Dinge? Ihr Schüler ist er, nicht der meine! Nein; das verbitt' ich mir, nein, nein! Blifil, das ist mein Herzblatt. So jung er ist, so fordre ich Sie heraus, des Jünglings Begriffe von moralischer Rechtschaffenheit wieder auszurotten.« Schwöger antwortete hierauf mit einem verächtlichen Naserümpfen und sagte: »Nu, nu! Den will ich Ihnen wohl anvertrauen. Er ist zu wohl gegründet, als daß ihm all Ihr philosophisches Geschwätz etwas schaden könnte. Nein, nein! Dafür hab' ich gesorgt, und hab' ihm solche Grundsätze beigebracht, daß« –

»Und auch ich habe ihm Grundsätze beigebracht,« schrie Quadrat. »Was, außer der erhabenen Idee von Tugend, könnte einem menschlichen Gemüt den großmütigen Gedanken einflößen, Freiheit zu erteilen? Und, ich sag's Ihnen noch einmal, wenn es schicklich wäre, stolz zu sein, so könnte ich auf die Ehre Anspruch machen, ihm diese Idee beigebracht zu haben.« –

»Und wenn nicht geschrieben stände: Niemand rühme sich selbst,« sagte Schwöger, »so dürfte ich von mir sagen, daß ich ihn die Pflicht gelehrt habe, welche er selbst als seinen Bewegungsgrund anführt.«

»So! Zankt Euch wohl noch drum!« sagte der Junker. »Von [132] allen beiden, seh' ich, lernen die Knab'n meiner Tochter ihren Vogel zu stehlen. Ich sehe wohl, 'ch muß uf mein Geheg' weidlich Achtung geb'n! Es kömmt m'r sonst noch ein oder der andere Kerl und setzt mir aus purer Tugend oder christlicher Andacht meine Hasen und Rebhühner in Freiheit.«

Hierauf klopfte er einem neben ihm sitzenden Rechtsgelehrten auf die Schulter und schrie: »Was sagen Sie dazu, Herr Lizentiat? Ist das nicht gegen die Gesetze?«

Der Jurist gab mit großer Ernsthaftigkeit folgendesDecisum von sich:

»Falls der Fall ein Rebhuhn beträfe, so ist es zweifelsohne, daß eine standhafte Aktion stattfinden müßte. Denn, alldieweilen zwar sothanes Rebhuhnferae naturae ist: so kann es doch als ein durch Lehn oder Kauf acquiriertes Eigentum zu Recht reklamieret werden; wenn aber andernfallsigenteils das Objectum litis ein Singvogel ist: so muß es, obgleich rechtsbeständig reklamiert, dennoch als ein seiner Natur und Wesen nach wenig bedeutendes Ding billig als nullius in bonis konsiderieret werden. In diesem Falle wäre, nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten,actor mit seiner Klage ab- und zurückzuweisen; und, falls ein solcher Kläger mich als seinen Rechtsbeistand konsultieren wollte, so würde mein zu Recht gegründetes Bedenken dahin gehen: einen solchen Prozeß sogleich in seiner Entstehung fallen zu lassen.«

»Wohlan,« sagte der Junker, »wenn's denn nullus bonus ist, so lassen Sie uns 'nmal trinken und 'n bißchen vom Zustand der Nation sprechen; oder von sonst so was, das wir all' verstehn. Nein, mein Seel! Ich versteh kein Wort von euerm ganzen Tischkurse. Gelehrt und sehr klug mag's wohl sein; 'ch hab nichts dagegen; aber, mich sollt ihr's niemals weißmachen! der Hagel! seht! Da hat keiner von euch des armen Jungen mit einem einzigen Worte gedacht, der so brav ist und so viel Lob verdient. Der's wagte, sein'n Hals zu brechen, mein'm Fiekchen zu Gefallen. Das war mir 'ne großmutsherzige That! So gelehrt bin ich, daß ich das einsehen kann. Sapperment! Hier, uf Toms Gesundheit! Ich werde den Jungen lieb haben, und wenn ich auch noch hundert Jahre leben sollte.«

Auf diese Art ward die gelehrte Debatte unterbrochen. Sie würde aber wahrscheinlicherweise sehr bald wieder angeknüpft worden sein, hätte nicht gleich darauf Herr Alwerth seine Kutsche vorrufen lassen und die beiden gelehrten Fechter mit sich genommen. So war der Ausgang des Abenteuers mit dem Vogel und der dadurch veranlaßte Dialog beschaffen, welchen wir unsern Lesern erzählen mußten; ob solcher gleich, oder vielmehr, ob die Geschichte [133] gleich einige Jahre vor der Periode zutraf, bis zu welcher wir mit unsrer Geschichtserzählung fortgerückt sind.

Fünftes Kapitel
Fünftes Kapitel.

Enthält Materien, die für jedermanns Geschmack zugerichtet sind.


Parva leves capiunt animos; »Leichter Sinn ist leicht gefangen;« war der Spruch eines großen Meisters in der Leidenschaft der Liebe. Und gewiß ist es, daß von diesem Tage an Sophie anfing, einige kleine Gewogenheit für den Tom Jones und eine nicht kleine Abneigung gegen seinen Schulkameraden zu empfinden. Verschiedene Zufälle verstärkten von Zeit zu Zeit diese Leidenschaften in ihrer Brust; welches der Leser eben auch ohne unsre Erzählung aus demjenigen schließen wird, was wir uns über die Verschiedenheit der Gemütsarten dieser Knaben, und wie sehr die eine mehr als die andre mit ihrer eignen übereinstimmte, haben merken lassen. Die Wahrheit zu sagen, so hatte Sophie, noch als sie sehr jung, bereits ausfindig gemacht, daß, obgleich Tom ein lockerer, windiger, tobender Zeisig wäre, er doch keines Menschen als nur sein eigner Feind sei. Und daß der Junker Blifil, obgleich ein kluger, vorsichtiger, stiller Jüngling, doch nur dem Vorteile einer einzigen Person auf stärkste ergeben wäre; und wer diese einzige Person war, das wird der Leser auch wohl ohne unsern Beistand erraten.

Diese beiden Charaktere werden in der Welt nicht allemal mit der verschiedenen Achtung aufgenommen, welche ein jeder besonders für sich zu verdienen scheint, und welche, wie man glauben sollte, ihnen die Menschen aus Selbstinteresse widerfahren lassen müßten. Doch ist dazu vielleicht eine politische Ursache vorhanden: Die Menschen, wenn sie ein wahrhaft wohlthätiggesinntes Gemüt finden, so mögen sie wohl ganz vernünftigerweise denken: sie haben einen Schatz gefunden, den sie gern für sich behalten wollen, sowie alles übrige Gute, was sie besitzen. Daher mögen sie sich einbilden, das Lob einer solchen Person auszuposaunen, würde ungefähr ebensoviel heißen, als die gemeine Aufschrift auf einem Schilde: »Hier speist man nach Belieben,« und so gut, als Teilnehmer an einem Gute herbeizurufen, welches sie zu ihrem alleinigen Gebrauche aufbewahren wollen. Wenn dieser Grund dem Leser kein Genüge leistet, so weiß ich mir wenigstens die geringe Achtung auf keine andre Weise zu erklären, welche ich gewöhnlicherweise einem Charakter erzeigen [134] gesehen habe, welcher der menschlichen Natur wirklich große Ehre macht und der bürgerlichen Gesellschaft so unendlichen Nutzen bringt. Mit Sophien war es indessen ganz anders. Sie hatte viel Hochachtung für Tom Jones und eine herzliche Verachtung für Blifil, sobald als sie nur mit diesen beiden Worten einen Begriff zu verbinden gelernt hatte.

Sophie war beinahe drei Jahre mit ihrer Tante abwesend gewesen, während welcher Zeit sie keinen von beiden Jünglingen anders, als nur sehr selten, gesehen hatte. Unterdessen aß sie eines Tages mit ihrer Tante in Herrn Alwerths Hause zu Mittage. Dies war einige Tage nach der bereits erwähnten Geschichte mit dem geschossenen Feldhuhn. Sophie hörte die ganze Geschichte bei Tische, wo sie kein Wort sagte; auch konnte sogar ihre Tante nur wenige Worte aus ihr herausbringen, als sie wieder nach Hause fuhren. Als aber ihr Kammermädchen beim Auskleiden von ungefähr zu ihr sagte: »Nun, Fräulein! heute hab'n Sie doch Junker Blifil gesehen?« antwortete sie ganz ärgerlich: »Ich hasse den Namen Blifil so wie alles, was niederträchtig und verräterisch ist; und ich wundre mich, wie Herr Alwerth leiden kann, daß ein alter barbarischer Schulmeister einen jungen Menschen dergestalt um etwas züchtigen darf, was doch bloß die Wirkung seines guten Herzens war.« Sie erzählte hierauf ihrer Jungfer die ganze Geschichte und schloß mit den Worten: »Was meint Sie, ist es nicht ein Junge von recht edlem Gemüte?«

Dies junge Frauenzimmer war nunmehr bei ihrem Vater wieder einheimisch geworden, welcher ihr die Führung seines Hauses anvertraute und ihr die oberste Stelle an seinem Tische anwies, an welchem Tom Jones (der durch seine große Liebe zum Jagen ein großer Liebling des Junkers geworden war) manche Mahlzeit einnahm. Junge Leute von einem offnen freien Gemüte sind von Natur zur Galanterie geneigt, die sich, wenn sie einen richtigen Verstand besitzen, wie bei Tom Jones wirklich der Fall war, durch ein gefälliges, verbindliches Betragen gegen das ganze weibliche Geschlecht überhaupt äußert. Hierdurch unterschied sich Tom Jones sehr vorteilhaft, auf einer Seite von der lärmenden Ungezogenheit und Grobheit der bloßen Strohjunker, und auf der andern Seite von dem feierlichen und etwas finstern Betragen des jungen Herrn Blifil. Und in seinem zwanzigsten Jahre nunmehr fing er an, bei allen Frauenzimmern in der Nachbarschaft ein artiger junger Mensch zu heißen.

Tom spielte bei Sophien keineswegs den Verliebten, ausgenommen vielleicht, daß er ihr mit mehr Ehrerbietung begegnete, als irgend einem andern Frauenzimmer. Diesen Vorzug schien ihre [135] Schönheit, ihr Vermögen, ihr Verstand und ihr liebenswürdiges Betragen ganz natürlicherweise zu verdienen. Absichten auf ihre Person aber hatte er keine. Für jetzt müssen wir's dulden, daß ihm das der Leser zur Unempfindlichkeit anrechnet; vielleicht aber sind wir in der Folge im stande, es auf eine ganz andere Art zu erklären.

Sophie war beim höchsten Grade von Unschuld und Bescheidenheit von sehr aufgewecktem Gemüt. Diese Munterkeit ward, wenn sie mit Tom in Gesellschaft war, so sichtbarlich erhöht, daß er's hätte merken müssen, wär' er nicht zu jung und zu gedankenlos gewesen; oder daß auch beim Junker Western hätte Verdacht darüber entstehen können, wären nicht seine Gedanken fast immer im Felde, im Pferde- und Hundestalle beschäftigt gewesen. Aber dieser gute Junker war so weit entfernt, auf einen solchen Verdacht zu geraten, daß er dem jungen Menschen vielmehr alle Gelegenheit gab, mit seiner Tochter allein zu sein, die ein Verliebter sich nur immer hätte wünschen können; und diese Gelegenheit machte sich Tom in aller Unschuld weit besser zu nutze, indem er bloß den Eingebungen einer natürlichen Galanterie und eines guten Herzens folgte, als vielleicht geschehen sein möchte, wenn er die tiefsten Pläne auf das Herz des Mädchens angelegt gehabt hätte. In der That aber kann es eben keine Verwunderung verursachen, daß diese Sache der Bemerkung aller Uebrigen entwischte, weil die arme Sophie selbst kein Wort davon wußte und ihr Herz unwiederbringlich verloren war, ehe sie nur noch die geringste Gefahr ahnte. So standen die Sachen, wie Tom, als er Sophien eines Nachmittags allein fand, nach einer kurzen, mit sehr ernsthaftem Gesicht vorgebrachten Entschuldigung sein Begehren vorzubringen anfing, daß er sie um eine Gunst zu bitten hätte, welche ihre Gütigkeit, wie er hoffte, ihm nicht versagen würde.

Ob nun gleich so wenig des jungen Menschen bisheriges Betragen, als auch die Art und Weise, wie er sein Gesuch einleitete, von der Beschaffenheit waren, daß sie ihr hätten eine billige Ursache zum Verdacht geben können, er wolle ihr einen Liebesantrag thun, so mußten doch (sei's nun, daß ihr die Natur etwas ins Ohr raunte, oder aus was Ursache sonst, die ich nicht entscheiden will, genug so viel ist gewiß) einige Ideen von der Art bei ihr entstanden sein, denn ihre Wangen verloren ihre Farbe, sie zitterte an allen Gliedern und ihre Zunge würde gestottert haben, hätte Tom auf eine Antwort gewartet; aber er erlöste sie bald aus dieser Verwirrung, indem er fortfuhr, ihr den Inhalt seines Gesuchs zu erklären, welcher darin bestand, daß er sie um ihre Fürsprache für den Wildmeister bäte, dessen eigenes sowohl als seiner Frau und [136] Kinder Verderben die unausbleibliche Folge davon sein müßte, wenn Herr Western ihn weiter gerichtlich verfolgte.

Sophie erholte sich augenblicklich von ihrer Verwirrung und sagte mit einem höchst holdseligen Lächeln: »Ist das die wichtige Gunstbezeigung, um die Sie so feierlich baten? das will ich vom Grunde des Herzens gern thun. Ich habe wirklich Mitleiden mit dem armen Schlucker und erst gestern noch habe ich seiner Frau eine geringe Kleinigkeit hingeschickt.« Diese geringe Kleinigkeit war: eins von ihren Kleidern, etwas Wäsche und einige Gulden an Gelde; wovon Tom Jones gehört und welches ihm wirklich den Vorsatz in den Kopf gesetzt hatte, sich um diese Fürbitte zu bewerben. Unser Jüngling, der dadurch, daß es ihm so weit gelungen, kühner geworden war, wollte nun die Sache weiter treiben, und wagte es sogar, sie zu bitten, sie möchte ihn zu ihres Vaters Diensten empfehlen. Er beteuerte dabei, er hielte ihn für einen der ehrlichsten Kerle in der ganzen Gegend umher, und für die Stelle eines Wildmeisters, die eben glücklicherweise bei ihrem Herrn Vater erledigt wäre, auf alle Fälle sehr tüchtig.

Sophie antwortete: »Gut! Auch das will ich versuchen! Aber ich kann nicht versprechen, daß ich's eben so gut zustandebringen werde als das erste, denn so viel versichre ich Sie, ich lasse meinen Vater nicht eher, bis er mir das zugesagt hat. – Doch will ich alles für den armen Kerl thun, was ich nur kann; denn ich betrachte sowohl ihn, als die Seinigen, aufrichtiglich für einen Gegenstand des Mitleidens. – Und nun, lieber Herr Tom Jones, muß ich auch Sie um eine Gefälligkeit bitten.«

»Um eine Gefälligkeit, Fräulein! Mich!« rief Tom Jones. »Kennten Sie das Vergnügen, das Sie mir durch die Hoffnung erwecken, einen Ihrer Befehle zu erhalten, Sie würden überzeugt sein, daß Sie mir durch die bloße Erwähnung dieses Befehls die größeste Gewogenheit erweisen; denn bei dieser lieben Hand schwöre ich's, mein Leben gäbe ich gerne hin, um Ihnen einen Gefallen zu erzeigen.«

Hierbei haschte er ihre Hand und küßte solche mit Inbrunst; welches das erste Mal war, daß seine Lippen sie berührten. Das Blut, welches vorher ihre Wangen verleugnet hatte, büßte seine Sünde dadurch völlig, daß es ihre Wangen und ihren Busen mit solcher Heftigkeit durchströmte, daß sie beide die höchste Scharlachfarbe bekamen. Sie fühlte hier zum erstenmal eine Empfindung, die ihr bis dahin fremd gewesen war, und welche sie, als sie Muße gewann darüber nachzudenken, mit einem Geheimnis bekannt machte, welches der Leser, wofern er's noch nicht so ganz völlig erraten haben sollte, in gehöriger Zeit erfahren wird.

[137] Sophie, sobald sie zu reden vermochte (und das war nicht so augenblicklich), belehrte ihn, die Gewogenheit, die sie sich von ihm ausbäte, wäre, ihren Vater nicht in so viele Gefahren beim Jagen zu leiten; denn nach dem, was sie gehört, wäre sie täglich in großer Angst, wenn sie zusammen ausritten, und müßte erwarten, daß er eines Tages mit gebrochenen Gliedmaßen nach Hause gebracht würde. Sie bäte ihn deswegen, er möchte, aus Freundschaft für sie, doch vorsichtig sein: und da, wie er wohl wüßte, ihr Vater bei keinem gefährlichen Ritte ihn allein lassen oder zurückbleiben würde: so möchte er doch nicht gar zu tollkühn reiten, oder künftig so waghalsig über Graben und Hecken setzen.

Tom versprach, ihren Befehlen getreulich nachzuleben; und nachdem er ihr für die gütigste Gewährung seiner Bitte bestens Dank gesagt hatte, nahm er seinen Abschied und ging höchst entzückt über seine Verrichtung nach Hause.

Die arme Sophie war zwar auch entzückt, aber auf eine sehr verschiedene Weise. Ihre Empfindungen wird sich aber des Lesers Herz (wenn er oder sie eins hat) viel besser vorstellen, als ich sie darstellen kann, hätte ich auch so manche Zunge, als jemals ein Poet sich gewünscht hat – vermutlich um die vielen Leckerbissen zu kosten, womit er so reichlich versehen wird. Es war Herrn Westerns Gewohnheit, alle Nachmittage, sobald er sein Räuschchen hatte, seine Tochter auf'm Klavier spielen zu hören: denn er war ein großer Liebhaber der Musik und hätte, wenn er in einer Stadt gewohnt, für einen Kenner passieren mögen; denn er hatte beständig an den schönsten Kompositionen etwas auszusetzen. Nichts gefiel ihm in der Musik, was nicht leicht und singbar war. Und daher denn auch seine liebsten Stücke von folgender Art waren, als: »Ihr Schönen höret an – Die Tochter will ins Kloster ziehen – Stürmt, reißt und ras't ihr Unglückswinde – und dergleichen mehr.«

Seine Tochter war eine so feine Kennerin der Musik und eine so geschickte Klavierspielerin, daß sie für sich selbst keine andere Sachen als von Händel, Bach, Benda und solchen großen Meistern gespielt haben würde; doch war sie so sehr auf ihres Vaters Vergnügen bedacht, daß sie auch jene Murkys und Gassenhauer sich hatte aufschreiben lassen. Unterdessen versuchte sie es zuweilen, ihn zu ihrem eigenen Geschmacke herüberzuziehen, und wenn er sie um seine Leibstückchen bat, antwortete sie wohl zuweilen mit einem: »Ach, nun! lieber Papa!« und bat ihn dann, er möchte ihr erlauben, daß sie ihm eine von ihren neuen Sonaten vorspielen dürfte.

Diesen Abend aber, als ihr Vater mit seiner Weinflasche fertig war, spielte sie ihm, ohne sich erst bitten zu lassen, alle seine Leibstückchen [138] dreimal hintereinander vor. Dies gefiel dem guten Junker dergestalt, daß er aus seinem Lehnstuhl aufsprang, seiner Tochter einen Kuß gab und schwur, ihre Hand sei viel fertiger geworden. Sie nahm diese Gelegenheit wahr, ihr dem Tom Jones gegebenes Versprechen auszurichten, und es glückte ihr damit so gut, daß der Junker sich erklärte, wenn sie ihm noch einmal: »drei Jäger ritten auf die Jagd,« vorspielen wollte, so sollte der Wildmeister schon morgen früh seine Bestallung haben. Drei Jäger ritten wurde nun gespielt und wiederge spielt, bis der Zauber der Musik Herrn Western in einen süßen Schlummer wiegte. Den andern Morgen versäumte Sophie nicht, ihn an sein Versprechen zu erinnern. Herrn Westerns Sachwalter ward augenblicklich geholt, ihm aufgetragen, die gerichtliche Verfolgung einzustellen und die Bestallung auszufertigen.

Die Wirkung von der Fürbitte des Tom Jones erscholl sehr bald über Flecken und Dorf, und verschieden waren darüber die Urteile. Einige billigten es sehr, was er gethan, als einen Beweis von einem guten Herzen; andre sagten mit Hohnlächeln: kein Wunder, daß ein Bettler beim Diebe Gevatter steht. Der junge Blifil war darüber ganz wütig. Er hatte lange schon den schwarzen Jakob in eben dem Maße gehaßt, als Tom ihm günstig war. Nicht als ob er von ihm jemals wäre beleidigt worden, sondern aus purer Liebe zur Religion und Tugend: denn der schwarze Jakob stand im Rufe eines losen Zeisigs von Kerl. Blifil legte also diese Handlung des Tom Jones so aus, als strafte er dadurch Herrn Alwerth ins Angesicht über Jakobs Abschied und bezeigte mit großem Leidwesen, daß es unmöglich wäre, einen andern Beweggrund für diesen, einem gottlosen Schuft erwiesenen Liebesdienst zu finden.

Schwöger und Quadrat stimmten in das nämliche Liedlein ein: sie waren nun, besonders der letzte, auf Tom Jones mit der Witwe sehr eifersüchtig geworden; denn er näherte sich nun seinem zwanzigsten Jahre, war wirklich ein sehr hübscher junger Mensch, und die Dame schien ihn nach ihrer täglich zunehmenden Freundlichkeit mehr und mehr dafür zu halten.

Alwerth ließ sich indessen durch ihre Heimtücke nicht bewegen. Er erklärte, er sei mit dem, was Jones gethan, sehr zufrieden. Er sagte: die Beharrlichkeit und redliche Treue seiner Freundschaft sei höchlich zu loben und wünschte er nur, daß er häufigere Beweise von dieser Tugend sehen möchte. Allein Madame Fortuna, welche selten solchen luftigen Burschen, als mein Freund Tom war, sehr günstig ist, vielleicht weil sie sich nicht dringender um ihre Gunst bewerben, gab nunmehr allen seinen Handlungen eine sehr schlimme [139] Wendung und zeigte solche dem Herrn Alwerth in einem weit unangenehmeren Lichte als die Güte dieses Herrn solche bisher gesehen hatte.

Sechstes Kapitel
Sechstes Kapitel.

Apologie der Unempfindlichkeit unsres Tom Jones gegen alle Reize der liebenswürdigen Sophie, durch die wir vielleicht seinen Charakter in der Achtung jener witzigen und galanten Männer, welchen die Helden in den meisten unsrer neuern Komödien und Dramen so sehr gefallen, um einen merklichen Grad heruntersetzen.


Es gibt zwei Gattungen von Leuten, welche bereits, wie ich befürchte, unsern Helden wegen seines Betragens gegen Sophie mit einiger Verachtung ansehen. Die ersten unter denselben werden darin seine wenige Klugheit tadeln, daß er eine Gelegenheit vernachlässigte, sich in den Besitz von Junker Westerns Vermögen zu setzen; und die letztern werden nicht weniger seine Blödigkeit bei einem so hübschen Mädchen verhöhnen, welches bereit zu stehen schien, in seine Arme zu fliegen, wenn er sie nur aufthun wollte, um sie zu empfangen.

Ob ich nun freilich vielleicht wohl nicht fähig bin, ihn von beiden Vorwürfen so völlig zu reinigen (denn Mangel an Klugheit läßt keine Entschuldigung zu, und was ich gegen den letzten Vorwurf vorbringen werde, wird, besorge ich, schwerlich befriedigend sein), so will ich doch, da zuweilen ein Zeugnis zur Milderung des Vergehens abgelegt werden kann, die Sache, wie sie ist, ganz ungekünstelt darlegen und das Ganze der Entscheidung des Lesers überlassen.

Unser Tom Jones fühlte so etwas in sich, welches, obgleich, so viel ich weiß, die Schriftsteller über seinen Namen noch nicht ganz einig sind, dennoch in einigen menschlichen Busen Herberge hat, dessen Gebrauch nicht sowohl eigentlich darin besteht, das Recht vom Unrecht zu unterscheiden, als vielmehr zum ersten anzutreiben und vom letzten ab- und zurückzuhalten.

Dieses Etwas kann wirklich mit dem berühmten Schreiner im Schauspielhause verglichen werden, welcher zu Addisons Zeiten auf der Galerie zu stehen pflegte und mit seinem Stocke den übrigen Zuschauern ein so zuverlässiges Zeichen gab, wo sie bei einer schönen Stelle Beifall klatschen sollten: denn so oft die Person, welche es besitzt, etwas thut das recht ist, so ist kein entzückter oder freundschaftlicher Zuschauer so hitzig und laut mit seinem Beifall; thut [140] sie hingegen etwas, das unrecht ist, so ist kein Kunstrichter so fertig zum Pfeifen und Auspochen.

Um von diesem Urgefühl, welches ich meine, sowohl eine höhere, als unsrem Zeitalter geläufigere Idee zu geben, so kann man sich's vorstellen als sitzend auf seinem Throne in dem Geiste des Menschen, gleich dem Lord Groß-Kanzler von England in seinem höchsten Obergericht, woselbst es den Vorsitz hat, regiert, richtet, losspricht und verdammt, sowie Recht und Gerechtigkeit es heischen; mit einer Einsicht, welcher nichts entwischt, mit einem Scharfblick, den nichts täuschen, und einer Redlichkeit, die nichts bestechen kann. Von diesem lebendigen Urgefühl kann man vielleicht sagen, daß es die wesentlichste Grenze zwischen uns und unsern Nachbarn, den vernunftlosen Tieren, bestimme; denn, wenn einige in menschlicher Gestalt sich betreten ließen, die seine Gerichtsbarkeit nicht anerkennen wollten, so betrachte ich solche lieber als Ueberläufer von uns zu unsern Nachbarn, bei welchen sie das Schicksal aller Ueberläufer haben und nicht ins erste Glied kommen werden.

Ob unser Held es vom Schwöger oder Quadrat erhalten hatte, will ich unausgemacht lassen; genug, er stand unter einer starken Leitung dieses Urgefühls, denn ob er gleich nicht immer richtig handelte, so ließ er doch seine Stimme nie außer acht, ohne dafür empfindlich zu leiden. Dies Urgefühl war's, welches ihn lehrte, derjenige, der Höflichkeiten und kleine Gastfreundschaft damit bezahlt, daß er das Haus beraubt, in welchem er sie genossen hat, sei der schändlichste und niederträchtigste Dieb von allen. Er war nicht der Meinung, daß die Niederträchtigkeit dieses Verbrechens durch die Größe des begangenen Raubes vermindert würde; es schien ihm im Gegenteil vielmehr, daß, wenn der Diebstahl irgend eines Silbergeräts einen schimpflichen Tod verdiene, so ließe sich für denjenigen keine hinlänglich angemessene Strafe erdenken, der einem Mann sein ganzes Vermögen raubte und sein Kind obendrein.

Dies Urgefühl hielt ihn also von jedem Gedanken zurück, durch solche Mittel sein Glück zu machen. (Denn, wie gesagt, es ist ein lebendiges oder wirksames Urgefühl und besteht nicht bloß im Wissen oder Glauben.) Wäre er sehr heftig in Sophien verliebt gewesen, so hätt' er vielleicht anders gedacht; aber, erlauben Sie mir es zu sagen, es steckt ein großer Unterschied darin, ob man mit der Tochter eines Mannes davon läuft bloß der Liebe wegen, oder ob man dasselbe thut bloß des Stehlens wegen.

Ob nun gleich unser junger Held gegen Sophiens Reize nicht unempfindlich war; ob ihm gleich ihre Schönheit gefiel und er alle ihre übrigen Eigenschaften sehr hoch schätzte, so hatte sie doch keinen tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht. Hierüber, da es ihm den [141] Vorwurf der Gefühllosigkeit, oder wenigstens Geschmacklosigkeit zuzuziehen scheint, wollen wir nunmehr suchen, eine Erklärung zu geben.

Die Wahrheit also ist: sein Herz gehörte schon einem andern Frauenzimmer. Hier, zweifle ich nicht, wird der Leser erstaunen, daß wir über diese Sache so lange verschlossenen Mund gehalten haben, und wird nicht wenig in Verlegenheit sein, zu erraten, was für ein Frauenzimmer das sei, weil uns bisher noch nicht das mindeste Wort von einem solchen entfallen ist, das nur wahrscheinlicherweise Sophiens Nebenbuhlerin sein konnte; denn was Madame Blifil betrifft, ob wir gleich genötigt gewesen sind, eines Verdachtes zu erwähnen, als ob sie unsern Tom sehr gerne leiden möge: so haben wir doch bis diese Stunde noch nicht den geringsten Grund zu der Mutmaßung gegeben, daß er eine Neigung zu ihr hätte; und in der That, mit Leidwesen muß ich es sagen; aber die Jugend, beiderlei Geschlechts, ist nun einmal so! – Sie läßt es gar zu leicht an der Dankbarkeit ermangeln, wenn Personen, die etwas höher an Jahren sind als sie, die Güte haben, sie mit einer gewissen vorzüglichen Achtung zu beehren.

Damit der Leser nicht länger in Ungewißheit bleiben möge, wird er die Güte haben, sich zu erinnern, daß wir oft der Familie des Wildmeisters, Jakob Seegrim, gemeiniglich der schwarze Jakob genannt, erwähnt haben, welche gegenwärtig aus einer Frau und fünf Kindern bestand.

Das zweite von diesen Kindern war eine Tochter, die Maria, oder nach einer gewöhnlichen Umänderung, Molly hieß und für eins von den hübschesten Mädchen in der ganzen Gegend gehalten wurde.

Congreve sagt sehr wahr, in der wahren Schönheit liegt etwas, das gemeine Seelen nicht bewundern können; so kann auch weder Schmutz noch Lumpen dieses Etwas vor solchen Seelen verbergen, welche nicht von gemeinem Schlage sind.

Die Schönheit dieses Mädchens machte indessen auf Tom nicht eher Eindruck, als bis sie gegen ihr sechzehntes Jahr ging, da Tom, welcher fast drei Jahre älter war, zuerst begann einen Blick der Liebe auf sie fallen zu lassen, und diese Liebe hatte er lange zuvor schon auf das Mädchen geheftet, ehe er es von sich erhalten konnte, einen Versuch auf den Besitz ihrer Person zu thun: denn, ob ihn sein Blut zwar hierzu gar mächtig reizte, so hielten ihn doch seine Gundsätze davon eben so mächtig zurück. Ein junges Frauenzimmer verführen, so gering ihr Stand auch war, schien ihm ein schwarzes Verbrechen; und die Gewogenheit, die er für den Vater, und das Mitleiden, welches er mit seiner Familie hatte, kamen solchen enthaltsamen [142] Betrachtungen sehr stark zu Hilfe; so daß er einstens beschloß, seine Neigung gänzlich zu unterdrücken, und sich wirklich drei ganze Monate enthielt, nur einmal nach Seegrims Hause zu gehen oder seine Tochter zu sehen.

Ob nun gleich Molly, wie gesagt, durchgängig für ein hübsches Mädchen gehalten wurde und es auch in der That war, so war doch ihre Schönheit eben nicht von der sanftesten Gattung. Sie hatte wirklich sehr wenig Weibliches und hätte einem Manne ebensogut angestanden als einem Frauenzimmer; denn, die Wahrheit zu sagen, so hatte Jugend und blühende Gesundheit einen wichtigen Anteil an der Komposition ihrer körperlichen Schönheit; auch ihr Gemüt war eben nicht viel weiblicher als ihre Person. So wie diese groß und derb war, so war jenes dreist und kühn; so wenig besaß sie von der weiblichen Schamhaftigkeit, daß Jones mehr Achtung für ihre Tugend hatte als sie selbst, und da sie wahrscheinlicherweise den Tom eben so gerne leiden mochte als er sie, so ward sie, nach eben dem Verhältnis, wie sie seine Blödigkeit wahrnahm, dreist und vorlaut; und als sie sah, daß er ganz und gar das Haus vermied, so fand sie Mittel, sich ihm in den Weg zu stellen, und betrug sich auf eine solche Art, daß der Jüngling entweder sehr viel oder auch sehr wenig von einem Helden hätte an sich haben müssen, wenn ihr Vorhaben nicht gelungen wäre. Mit einem Wort, sie siegte bald über unsres Tom Jones tugendhafte Entschließung. Denn, ob sie schon zuletzt sich mit allen anständigen Weigerungen betrug, so will ich doch den Sieg lieber ihr zuschreiben, weil es in der That ihr Plan war, der zur Ausführung kam. Bei dieser Ausführung spielte indessen Molly ihre Rolle so gut, daß Tom Jones die Eroberung ganz allein sich selbst zuschrieb und das junge Mädchen für eine Person ansah, die sich den heftigen Anfällen seiner Leidenschaft ergeben hätte. Ebenso auch setzte er ihre Ergebung auf Rechnung der unwiderstehlichen Stärke ihrer Liebe zu ihm; und dies wird der Leser für eine sehr natürliche und wahrscheinliche Voraussetzung halten, da wir schon mehr als einmal der ungemeinen Anmut seiner Person gedacht haben; denn er war wirklich einer der schönsten Jünglinge von der Welt.

Wie es einige Gemüter gibt, welche gleich dem jungen Herrn Blifil ihre Neigung auf eine einzige Person heften, deren Nutzen und Behaglichkeit sie einzig und allein bei jeder Gelegenheit in Betrachtung ziehen; die, in Absicht aller übrigen, Gutes und Böses für ziemlich gleichgültig halten, insoferne es keinen Bezug auf den Vorteil oder das Vergnügen jener Person hat: so gibt es eine andere verschiedene Gemütsart, welche einen gewissen Grad der Tugend von der Eigenliebe fast entlehnt. Ein solches Gemüt [143] kann niemals eine Art von Gefälligkeit von einem andern Menschen erhalten, ohne das Geschöpf zu lieben, dem es diese Gefälligkeit zu verdanken hat, und ohne dessen Wohlsein zu einem notwendigen Bedürfnis für seine eigene Gemütsruhe zu machen.

Von dieser letztern Gattung war unser Held. Er betrachtete dies arme Mädchen als eine Person, deren Glückseligkeit oder Elend er von sich abhängig gemacht hätte. Ihre Schönheit war noch immer ein Gegenstand seiner Begierden, obgleich größere Schönheit oder ein frischerer Gegenstand es noch mehr gewesen sein möchten. Aber die kleine Erkältung, welche der Genuß wie einen Wirtel in dieses Gewölbe geschlagen hatte, ward durch die Rücksicht auf die Anhänglichkeit, womit sie ihm ergeben war, und durch die Lage, in die er sie versetzt hatte, mehr als aufgewogen. Die erste, ihre Anhänglichkeit nämlich, erzeugte Dankbarkeit und die letzte Mitleiden; und beide zusammen mit dem Begehren nach ihrer Person erregten in ihm eine Leidenschaft, die man, ohne dem Worte eben große Gewalt zu thun, jetzt wohl Liebe nennen konnte; wenn auch das Wort vorher nicht so eigentlich hätte gebraucht werden können.

Dies war demnach die wahre Ursache jener Unempfindlichkeit, die er gegen Sophiens Reize hatte blicken lassen, und des Betragens von ihrer Seite, welches man wohl nicht unbilligerweise als eine Aufmunterung, mit seinem Liebesantrage herauszugehen, hätte auslegen dürfen. Denn da es ihm nicht einfallen konnte, seine arme hilflose Molly zu verlassen, so konnte er auch nicht den Gedanken fassen, ein solches Geschöpf, wie Sophie, zu hintergehen. Und wahrhaftig, hätte er das geringste gethan, bei diesem jungen Frauenzimmer eine Leidenschaft für sich zu erregen, so wäre er platterdings eines oder des andern jener Verbrechen schuldig gewesen, wovon ihn eines schon in sehr gerechter Weise demjenigen Schicksal unterworfen hätte, das ihm, wie ich bei seiner ersten Einführung in diese Geschichte erwähnte, unfehlbar als sein gewisses Lebensende prophezeit worden war.

Siebentes Kapitel
Siebentes Kapitel.

Ist das kürzeste in diesem Buche.


Die Mutter war die erste, welche die Veränderung im Wuchse der Molly wahrnahm, und um solche vor ihren Nachbarn zu verbergen, kleidete sie ihre Tochter unbesonnenerweise in den Schlenter, den Sophie ihr geschickt hatte; obgleich das Fräulein auf Meilen [144] weit nicht daran gedacht hatte, das arme Weib würde schwach genug sein, ihn einer von ihren Töchtern in derselben Gestalt zum Tragen zu geben.

Molly war vor Freuden außer sich über die erste Gelegenheit, die sie jemals gehabt hatte, ihre Schönheit in vorteilhaftem Anputze zu zeigen. Denn, ob sie es gleich recht gut aushalten konnte, sich in ihrem Spiegel zu beschauen, als sie noch völlig in Lumpen einherging, und ob sie gleich in solcher Kleidung die Eroberung von Toms Herzen und vielleicht von noch einigen mehr gemacht hatte, so dachte sie doch, der Zusatz von besserem Putz würde ihre Reize erhöhen und ihre Eroberungen ausdehnen.

Molly also, nachdem sie sich mit diesem Schlenter, mit einer neuen Spitzenhaube und anderm Putzwerke, das ihr Tom geschenkt, bestens in Staat gesetzt hatte, wandelte mit einem Fächer in der Hand den ersten besten Sonntag den Weg zur Kirche. Die Vornehmen und Großen täuschen sich, wenn sie glauben, Hoffart und Eitelkeit sei ihr ausschließliches Eigentum. Diese edlen Eigenschaften blühen ebenso frisch und lustig in Dorfkirchen und auf deren Kirchhöfen, als in den Putzzimmern und Assembleesälen. In den Dreßkammern der Dorfkirchen sind oft solche Projekte gemacht worden, deren sich ein Kardinalskonklave schwerlich schämen dürfte. Hier finden sich ein Minister und seine Oppositionspartei, Faktionen und Kabalen, gleich denen, welche man bei Höfen findet.

Ebenso sind auch die Weiblein hier nicht weniger geübt in den höchsten Künsten ihres Geschlechts als die schönen vornehmern Damen von Stand und Vermögen. Hier gibt es Spröde und Koketten; hier gibt es Kleiderstaat und Liebäugelei, Falschheit, Neid, Bosheit, Verleumdung, kurz alles was in den glänzendsten Assembleen oder vornehmsten Gesellschaften gewöhnlich ist. Laß also die Vornehmern nur nicht länger der Unwissenheit der Geringern spotten; noch die Niedern hinfort mehr über die Laster der Höhern das Maul aufreißen!

Molly hatte sich schon eine Zeit vorher niedergesetzt, ehe noch ihre Nachbarinnen sie erkannten; und ein Geflüster lief durch die ganze andächtige Versammlung: »Wer ist sie?« Als sie aber entdeckt ward, erfolgte ein solches Naserümpfen, Lippenwerfen, Kichern und Lachen unter den Frauen und Jungfrauen, daß Herr Alwerth genötigt war, sein Ansehen anzuwenden, um leidiges Aergernis unter ihnen zu verhüten.

Achtes Kapitel
[145] Achtes Kapitel.

Eine Schlacht, besungen von der Muse im Stile Homers und nur genießbar dem Leser von klassischer Gelehrsamkeit.


Herr Western hatte ein kleines Gut in diesem Kirchspiele, und da sein Haus nur um ein weniges weiter von dieser als von seiner eigenen Kirche entfernt war, so kam er oft hier zur Predigt; und sowohl er als die schöne Sophie waren gerade diesmal gegenwärtig.

Sophien hatte die Schönheit des Mädchens ungemein gefallen und bedauerte sie solche wegen ihrer Einfalt, daß sie sich auf diese Weise gekleidet hatte, weil sie den Neid wahrnahm, den es unter ihresgleichen veranlaßt hatte. Sie war nicht so bald nach Hause gekommen, als sie nach dem Wildmeister schickte und ihm befahl, seine Tochter zu ihr zu bringen, und sagte: sie wolle solcher eine Stelle im Hause geben und vielleicht nähme sie sie zu ihrer eigenen Aufwartung, wenn ihre Jungfer, der sie eben aufgekündigt hätte, abgegangen wäre.

Der arme Seegrim ward wie vom Blitze gerührt, denn er war mit dem Fehler unter seiner Tochter Schnürleibchen nicht unbekannt; er antwortete mit stammelnder Zunge, »daß er fürchte, Molly möchte zu ungeschickt sein, dem gnädgen Fräulein als Jungfer aufzuwarten, weil sie noch nirgends im Dienste gewesen.« »Das hat nichts zu bedeuten,« sagte Sophie, »das wird sie bald lernen. Das Mädchen gefällt mir, und ich bin entschlossen, es mit ihr zu versuchen.«

Der schwarze Jakob wandte sich nun an seine Frau, zu deren Klugheit er das Vertrauen hatte, sie würde ihn aus dieser Patsche ziehen; aber als er da anlangte, fand er sein Haus in einiger Verwirrung. Solch einen entsetzlichen Neid hatte dieser Schlenter erregt, daß, als Herr Alwerth und die übrigen Herrschaften aus der Kirche fort waren, die Wut, welche bisher verschlossen gelegen, in ein lautes Getümmel ausbrach; und nachdem sich solche vorher in Schimpfreden, Gelächter, Zischen und höhnischen Gebärden Luft gemacht hatte, griff sie endlich zu gewissen Schleuderwaffen, welche zwar wegen ihrer plastischen Natur weder den Verlust des Lebens noch eines Gliedes drohten, dabei aber doch immer noch für ein wohlgekleidetes Frauenzimmer fürchterlich genug waren. Molly hatte zu viel Herzhaftigkeit, um eine solche Begegnung in zahmer Geduld zu ertragen. Nachdem sie also – Aber, halt! da wir in unsre eigenen Kräfte ein Mißtrauen setzen, so laß uns hier eine höhere Macht zu unsrem Beistand anrufen.

Ihr Musen, also, wer ihr auch seid, die ihr gerne Schlachten [146] besinget; vor allen aber du, die du ehemals die Thaten jener Gefilde erzähltest, wo ein Hudibras focht und Trulla, wofern du nicht Hungers starbst mit Buttler, deinem Liebling, so leihe mir deinen Beistand bei diesem Unternehmen! Aller Mache steht nicht in aller Macht.

Wie eine zahlreiche Herde von Kühen im Grashof des reichen Pachters, wenn sie gemelkt wird und dann in einiger Entfernung ihre Kälber über den Raub durch Schreien und Blöken jammern hört: so brüllte, schrie und blökte der Janhagel von Sommersetshire ein Hollolo, in Stimmen hoch und tief und grob und fein, so wie's die Kehlen gaben, oder wie's der Wind der Leidenschaften stärker oder schwächer in die dünnern oder dickern Pfeifen blies. Einige wurden getrieben von Wut, andere wieder begeisterte die Furcht und andere suchten weiter nichts als einen scharmanten Blitz-Hagels-Spaß; vornehmlich aber schwebte hoch über dem Haufen die Scheelsucht, die Zwillingsschwester Satans und seine getreue Gefährtin, hauchte herab ihren Gift und fachte zischend die Wut der Weiber auf zu hellen Flammen. Und kaum konnten sie die Strecke berechnen, wie weit die Sehne ihrer Arme zum Ziele zu reichen vermöchte, als sie den Angriff mit Kot und Unrat und Sandkies begannen.

Molly, nachdem sie versucht, sich ohne Ehrenverlust aus dem Treffen zu ziehen, machte endlich Rechtsum! ergriff die lumpengezierte Liese, die den Vortrab des feindlichen Haufens führte, und streckte sie mit einem Faustschlag zu Boden. Das ganze Heer des Feindes (obgleich fast hundert an der Zahl) wich bestürzt zurück, als es den Fall seiner Führerin vernahm, und suchte sich zu decken hinter dem Wall eines neu aufgescharrten Grabes. Denn der Kirchhof war das Gefilde der Schlacht und am Tage des blutigen Treffens sollte eine Leiche dort die Stätte zu ihrer Gebeine Vermoderung finden. Molly trieb den Sieg vor sich her; faßte einen Schädel auf, der da lag auf der aufgeschütteten Erde des Grabes und schleudert ihn unter den Haufen der Feinde mit ihrem gewaltigen Arm; er traf einem Schneider den Kopf. Sowie beide Schädel einander berührten, erklangen sie beide gleich dumpfig und hohl, und der Schneider nahm sogleich das Maß seiner Länge auf der Fläche der Erden und beide Schädel lagen da nebeneinander, und schwer war es zu sagen, welcher von beiden der leereste sei. Nunmehr ergriff Molly mit ihrer mächtigen Rechten ein Hüftbein, brach ein in die weichende Phalanx, schmetterte nieder damit zur Linken und Rechten und streckte hin ins Gras der Helden eine große Zahl in Hüten und Hauben.

Nenne, o Muse, die Namen derer, die fielen an diesem unvergeßlichen [147] Tage. Den ersten Streich des schwerfallenden Gebeines fühlte an seinem Hinterhaupte Heins Quinkel. Ihn hatten die lieblichen Ufer des sanftschlängelnden Stowers zum Manne gebildet. Dort lernte er erst die Kunst der holden Musika, womit er, wandelnd von Kirmsen zu Märkten, das Herz der ländlichen Nymphen und Hirten erfreute, wenn sie auf grünem Anger in raschen Tänzen die bunten Reihen webten; da stund er dann an der Weide, fiedelte sich den Schweiß auf die Stirn und lehrte mit stampfendem Fuße der zitternden Erde den Takt. Was hilft ihm nun Fiedel und Bogen? Er stürzt dahin auf die grüne Flur, wie eine falsche Oktav herabplumpst. Nächst ihm fiel ein Schlag von unsrer amazonischen Heldin auf die Stirn des alten Scharfkniep, des Schneiders der Schweine. Er selbst war wohl gemästet und krachte im Fallen wie ein Haus, das einstürzt. Seine Tabaksbüchse rollte ihm beim Fallen aus dem Sacke; Molly hob sie auf als eine redliche Beute. Dann strauchelte Müllers Kate unglücklicherweise über einen Leichenstein, der faßte einen ihrer unaufgebundenen Strümpfe, verkehrte die Ordnung der Natur und stellte ihre Fersen zu oberst des Hauptes. Betsy Pippen nebst dem jungen Roggen, ihrem Geliebten, fielen beide zu Boden, woselbst, o widerwärtiges Schicksal! sie die Erde, er die Wolken beguckte. Tom Schmutz, des Schmieds Sohn, war das nächste Opfer ihres Grimms. Er war ein kunstbegabter Mann in Eisen und Stahl und schmiedete hellklingende Schlittschuhe. O wär' er in der Kirche gesessen und hätte Psalmen gesungen, so hätt' er ein verschundnes Haupt vermieden. Jungfer Krähe, die Tochter eines Pflugführers; Hans Schwindel, selbst ein Führer der Pflugschar; Hanna Plierke, Esther Apfelmus, Helmke Meerschaum, Tom Simper, die drei Jungfer Töpfers, deren Vater den roten Leuen aushängen hat, Liesgen Bettwärmer, Jochen Striegel und manche mehr von minderem Ruhm und Thaten lagen da, sich wälzend zwischen den Gräbern.

Nicht daß der tapfre Arm der Molly diese alle erreichte; denn viele von ihnen warfen in der Flucht einander sich selber zu Boden.

Jetzt aber wähnte die Göttin des Glücks, sie habe ihr selbst ungleich gehandelt und schon zu lang es mit einer Seite gehalten, und um so mehr das, da an dieser Seite das Recht war; sie wandte sich also plötzlich herum, denn nun ergrimmte Frau Braunsch, die Zäckel Braun in seinen Armen liebkost; doch nicht er allein, sondern nebenher noch die Hälfte des Kirchspiels; so berühmt war sie im Heerlager der Venus, obwohl auch nicht minder in Mavors Gefilden. Von beiden trug ihr Ehemann die Trophäen auf seiner Stirn und Nase umher; denn wenn je ein menschliches Haupt durch seine Hörner den Liebesruhm seines Weibes verkündete, so that es [148] Zäckel Braun. Nicht weniger war seine wohlzerkratzte Nase ein Zeuge von ihren andern Gaben oder vielmehr ihrem Gift.

Nicht länger konnte diese Amazone die schändliche Flucht ihrer Partei erdulden. Sie faßte plötzlich Fuß und indem sie allen Flüchtlingen laut rief, sprach sie wie folgt: »Ihr Männer, oder besser, ihr Weiber von Sommersetshire, schämt ihr euch nicht, vor einem einzigen Weibsen zu fliehen? Doch, will niemand sonst sich ihr entgegenstellen, so wollen ich, die Frau Braunsch und Max Kräusel hier den Ruhm des Sieges allein gewinnen.« Nachdem sie's gesagt, flog sie hin auf Molly Seegrim und wandt' ihr das Hüftbein mit leichter Müh' aus der Hand, wobei sie ihr zu gleicher Zeit die Haube vom Kopfe abkrallte. Drauf, einen Schopf von Mollys Haaren mit der Linken gepackt haltend, that sie mit ihrer Rechten einen so wütenden Anfall auf ihr Antlitz, daß ihr bald das Blut aus der Nase zu träufeln begann. Molly war derweile nicht müßig. Sie ward bald fertig damit, das Haarnestel der Frau Braunsch zu lösen, dann griff sie mit einer Hand fest in den Wulstkranz und mit der andern pochte sie zwei gleich blutige Ströme aus beiden Nasenrinnen ihrer Feindin.

Nachdem jede von den Fechtenden eine hinlängliche Beute an Haaren vom Kopf ihrer Widersacherin errungen, ging die Wut über Gewand und Kleider her. Bei diesem Angriff übten sie solche Gewalt, daß sie in wenig Minuten beide, bis auf den Gürtel, nackt da stunden.

Glücklich für die Weiber ist's, daß der Platz des Faustkampfkrieges bei ihnen eben derselbige ist wie bei den Männern; allein ob solche gleich ein wenig ihr Geschlecht zu verleugnen scheinen, wenn sie einen Faustkampf beginnen, so habe ich doch bemerkt, daß sie es niemals so weit aus den Augen setzen, daß sie einander auf die Brust zielen sollten, woselbst einige wenige Püffe den meisten höchst verderblich sein würden. Dies, ich weiß es wohl, leiten einige daher, daß sie blutgieriger sein sollen als die Mannspersonen; weshalb sie denn die Nase lieber wählen, als einen Teil, aus welchem man leichter Blut zapfen könne; allein dies scheint mir eine zu weit hergesuchte sowohl, als auch eine zu gehässige Andichtung zu sein.

Frau Braunsch hatte in diesem Punkte einen großen Vorteil über Molly, denn die erste hatte eigentlich gar nichts in der Schnürbrust. Ihr Busen (wenn man's so nennen kann) glich sowohl an Farbe als noch mehr andern Eigenschaften ganz genau einem Stück alten Pergaments, worauf man eine ziemliche Weile hätte lospauken können, ohne ihr eben sonderlichen Schaden zu thun.

Molly war, nicht mitgerechnet ihre jetzige unglückliche jungfräuliche [149] Leibesbeschaffenheit, unter dem Halstuche ganz anders gebildet, und möchte vielleicht den Neid der Frau Braunsch gereizt haben, ihr einen hämischen Puff zu versetzen, hätte nicht die glückliche Ankunft des Tom Jones in diesem Augenblicke dem blutigen Auftritte ein unmittelbares Ende gemacht.

An diesem glücklichen Zufall war eigentlich Herr Quadrat schuld; denn er, Blifil und Jones, waren nach der Kirche zu Pferde gestiegen, um ein wenig spazieren zu reiten, und kaum waren sie einige hundert Schritte geritten, als Herr Quadrat sich eines andern besann, (nicht aus wetterwendischer Laune, sondern aus einer Ursache, die wir dem Leser enthüllen wollen, sobald es unsre Muße zuläßt) und die jungen Herren bat, einen andern Weg mit ihm zu reiten, als den sie sich zuerst vorgesetzt hatten. Da der Vorschlag durchging, brachte es sie notwendigerweise wieder zum Kirchhofe zurück.

Herr Blifil, der voranritt und solch einen Haufen von Janhagel in Assemblee sah, und darunter zwei weibliche Gestalten, in der Verfassung, in welcher wir die Braushühnlein verließen, hielt sein Pferd an, um sich zu erkundigen, was da vorginge. Ein Bauertölpel, der sich dabei hinter den Ohren kraute, antwortete ihm: »o 'ch wäs nät, äch nät! mät Verlobnäß zu sagen, Knädiger Jonker. 'S äß'r so'n Hophäh k'wäst, onger Fra Praunsch un Maari Seekrem: S'han sech 'nander en'n Haar'n K'rähn, tänk'ch.« »Wer? wo?« rief Tom. Ohne aber eine Antwort abzuwarten, indem er eben die Züge seiner Marie bei aller Entstellung, worin sie sich jetzt befanden, entdeckte, stieg er hastig vom Pferde, ließ es ledig stehen, sprang über die Mauer und lief auf sie zu. Nun erst fing sie an, in Thränen auszubrechen, und erzählte ihm dann, wie barbarisch man sie behandelt habe. Worauf er Frau Braunsch, ihr Geschlecht vergessend (oder auch, daß er's in seiner Wut nicht erkannte, denn sie zeigte eben nichts Weibliches an sich, Schürz und Rock ausgenommen, die er leicht übersehen konnte), einen oder ein paar Hiebe mit der Reitpeitsche versetzte; dann auf den hellen Haufen zueilte und unter selbigem, weil er insgesamt von Molly verklagt war, von allen Seiten seine Hiebe so freigebig austeilte, daß ich, wofern ich die Muse nicht von neuem anrufen will (welches der gutherzige Leser für ein wenig zu hart für sie finden würde, da sie erst kürzlich sich so außer Atem hat singen müssen) ganz außer stande bin, das Peitschen und Schwöppen dieses Tages zu beschreiben.

Nachdem er das ganze Schlachtfeld von Feinden völlig gereinigt hatte, so gut als jemals die Helden Homers oder Don Quichotte, oder irgend sonst ein andrer irrender Ritter auf dieser Welt gethan [150] haben könnten, kehrte er zu Molly zurück, die er in Umständen antraf, die sowohl mir als meinen Lesern wehe thun müßten, wenn ich solche hier beschreiben wollte. Tom gehabte sich, als wär' er von Sinnen gekommen, zerschlug sich die Brust, raufte sein Haar, stampfte den Boden und schwur allen die bitterste Rache, die nur Hand mit im Spiele gehabt hätten. Dann schälte er seinen Rock ab, knöpfte solchen um ihre Schulter, setzte ihr seinen Hut auf den Kopf, wischte ihr mit seinem Taschentuche, so gut er konnte, das Blut aus dem Gesichte und rief dem Bedienten zu, er solle reiten was er könne und einen Sattel oder Reitkissen holen, damit er sie sicher nach Hause bringen könnte.

Neffe Blifil hatte seine Einwendungen gegen das Wegreiten des Bedienten, weil sie nur einen bei sich hätten; allein, da Herr Quadrat den Befehl unterstützte, ward er auch genöthigt, sich's gefallen zu lassen.

Der Bediente kam in sehr kurzer Zeit mit dem Reitkissen zurück, und Molly, nachdem sie ihre zerrissenen Kleidungsstücke, so viel als thunlich, wieder angesammelt hatte, ward hinter ihm aufs Pferd gesetzt. Auf dieser Weise ward sie nach Hause geführt, in Quadrats, Blifils und Jones' Begleitung.

Hier, nachdem Jones seinen Rock wieder genommen, ihr einen verstohlnen Kuß gegeben, und ihr ins Ohr geraunt hatte, daß er diesen Abend noch wieder zu ihr kommen wolle, verließ er seine Maria und ritt seiner Gesellschaft nach.

Neuntes Kapitel
Neuntes Kapitel.

Nicht gar zu friedsamen Inhalts.


Molly hatte sich nicht so bald wieder in ihre gewöhnlichen Fetzen geworfen, als die Zungen ihrer Schwestern gewaltiglich über sie herfuhren, der ältesten vorzüglich, welche ihr sagte: es sei ihr ganz recht geschehen. »Was hat sie die Ausverschämtheit und zieht ein Putzkleid an, das Vrölen Western der Mutter keschenken hat. Wenn's ja Eens von uns sollt' tragen,« sagte sie, »sollt' ich meenen, währ ich's; mihr käm's von Gotts und Rechtsweg'n zuhe. Aber näh, da meent se, Wunder was m'r Pisse! 's käm' ihrer kroossen Schenhet alleen' zuhe; denkst wohl kahr, wär'st scheen Rahel alleene.« »Kriegt'r doch emaal den Scherben von Spiegelglas vom Thresorchen!« sagte eine andre; »'ch wollt' mer toch woll erst das Plutt vons Kesicht' runner waschen, eh 'ch von mein Scheensein [151] schwätzte.« »Pesser thät's, 's hätt geholten was ter Pfarrer kesogt,« schrie ihre älteste Schwester, »und nicht uf te Mannsberschoonen kehorcht.« »Wohl wahr!« seufzte die Mutter aus tiefer Brust, »wohl wahr! Uns alle medenander hat's in Schimpf un Schant kebracht. 'S ist tie erpärmlichste Huhre, tie merr nach in tär Vamilje erlebt hahn.« – – »Nah, tas laß ich merr och nicht so uf te Nase häft'n; Mutter! Worzu's schält'n?« schrie Molly. »Merr wiss'n jo ooch, taß Mutter med mihner ältsten Schwäster ta nedder kamb, als se nach 'er Hoochzig sprieben: un ta acht Tage umme waren. Merr wiss'ns rächt kuht.« »Ja, Nickel!« schrie die wütende Mutter, »ja, tas dath 'ch: was för 'n krooß Unheel war'n aber tabei, heh? 'ch war schon acht Tage vorhin en ehrliche Frau kemacht worden. Un wänn du ooch met Ehrn unner te Hauben kommen thätst: so sollt's mech net ärgern; schär mech nichts drum. Aber näh, ta muß sie's met 'm Jonker vom Aetelhoff ufnähm'n, tie albern Pälmke; un nu kregt s' en Huhrkind! Ja! Luder! 'n Huhrkind kregste! un wär kann sich's understöhn, mir tas nachzesag'n, mir! he?«

In dieser Lage fand der schwarze Jakob die Seinigen, als er wegen der vorhin erwähnten Verrichtung in seinem Hause anlangte. Seine Frau und drei Töchter sprachen alle auf einmal und zugleich, und zwar die meisten aus voller Lunge; er mußte also eine ziemliche Zeit harren, bis er sein Wort anbringen konnte; sobald er aber eine kleine Pause wahrnahm, erzählte er der Gesellschaft, was ihm Sophie gesagt hatte.

Nun fing die gute Frau Seegrim erst recht an, ihrer Tochter die Epistel zu lesen: »Ho'! 'n lustige Patsche is es, ta tie Schandbalg ons nein führt! Was wert nu Vröhl'n von dein'n Tambursack sag'n. O, taß 'ch so 'n Schimpf erleben muß!«

Molly antwortete mit großer Keckheit: »Was is es tän for'n fornähmer Tienst, den Fatter for mech kefunden hat? (denn er hatte nicht recht verstanden, was Sophie mit den Worten, ›zu ihrer eignen Aufwartung‹, hatte sagen wollen) 's werd wohl uf'ne Küch'nmagd, unner der Köch'n n'aus loofen. Aber, näh, 'ch will keen'n Menschen te schmutz'gen Teller ufwasch'n, tas will 'ch net. Mein Jonker werd' mech kans pesser versorg'n. Ta säht, was 'r mirr noch heint' Nachmeddag keköb'n hat; 'r hat mirr wohl versproch'n, taß mirr's nimmer an Kält fehlen soll, tas gloob' ech! Un ehr, Mutter, soll's ooch net an Kält fählen, wann's nur ehre Zunge zahm'n kann, un sich's will wohl sein lass'n!« Und indem sie so sagte, zog sie verschiedne Goldstücke hervor und gab der Mutter eins davon ab.

Das gute Weib fühlte nicht so bald das Gold in ihrer Faust, als sich ihr Zorn (so mächtig wirkend ist diese Panacee) zu mildern anfing. »Aber, Mann!« sagte sie, »warste ooch nicht 'en rechter [152] Pinselstiel! nicht e'mal zu frag'n, was för'n Tienst 's war, eher'n für Tochter Molly annahmst? Wer weiß, ob's net in'ner Küch'n is? Wie's Tochter Mahry sagt'. Un, ja wahrhaftig, zem Aschenbröd'l iß se mir doch ooch ze saur geworden, uf te Welt ze setz'n. Tänn, so arm ich pin, so stammte 'ch toch von wohl kuter Vammilje. Obschons, weil mein Vatter, das ein geistlicher Djaknus war, mir keine große Brautschatzung nachließ; Gott hab'n selig! als er starb hatt er net so viel, taß mirr'n kaum unner de Erde pringen konnt'n – ja, so wollt' ich sag'n, taß ich mich so wegwerf'n mußt, 'en armen Schlucker von Jäger zu frei'n: so trag' ich mein' Nas' toch eb'n so hoch, als all solch vornehm Volks. Sieh doch, daß dich te Hunde nich peissen! Se thäte pesser, Vröle Western, wenn s' nich so dick thäte, und pedächt, wer tänn er Kroßvatter war. Kewisse Leute, von unser Vammilje sollt 'ch meenen, konnt'n wohl in Gutsch un Karreten fahren, wenn te Kroßvätter von andren, tie nun's krosse Maul hab'n, ver petz post lohren gingen. Je, meen Treu! meent, wohl Wunder, was se kethan hat, taß se uns tie alte Fahne von Kleed schickte. Mancher von mein'r Vamilje hätt solch'n Bettel nich von'r Kassen ufkehob'n; aber an armen Leut'n will all's die Füße wischen! – Tie Kirchleut brauchten's och nich so 'n Spektakel über Molly ufzehüb'n. – Hätts tem Pack wohl sagen könn'n, Kind, tas dein Frau Kroßmama viel pess're Kleeder trug; un alles bar von d'r Ellen. Sie dah!«

»Nun, gut!« schrie Jakob, »aber denk' nur drauf, was soll ich dem Fräulein für Antwort bringen?« »Antwort? hem, was ze Antwort da!« sagte sie; »ich wees keene! Er führt seine Vamilje immer so, taß te Ochsen an Berge stihn. Weist's noch, als du's Feldhuhn stipitztest? Riet ich tir nicht, sollst dich für Junker Westers Wildzahn hüten? Sagt' ich's tir net manch lebes Jahr voraus, wie's keh'n würd'? Aber da bestund 'r uf sein'n tummen sechs Sinnen! Ja, ja! that's du's nicht? Du – Lotterbub, du. –«

Der schwarze Jakob war, im ganzen genommen, eine friedliche Haut von Kerl, und gar nicht hastig oder jähzornig: doch trug er sich so mit etwas herum, das die Alten glubtückisch nannten; und welches seine Frau, wenn sie mit mehr Weisheit begabt gewesen wäre, gefürchtet haben würde. Er hatte aus langer Erfahrung bemerkt, daß, wenn der Sturm anfing heftig zu werden, alle seine vernünftigen Vorstellungen nur als Winde wirkten und ihn eher wütender machten, als daß sie ihn legen sollten. Er ließ sich deshalb selten ohne eine kleine Haselgerte finden, ein niederschlagendes Mittel, dessen wundervolle Kraft er aus öftern Versuchen kannte, und über dessen nötige Anwendung ihm das Wort Lotterbube einen Naturwink zu geben schien.

[153] Dies Symptom hatte sich also nicht so bald hören lassen, als er unverzüglich zum Gegenmittel griff; es ging nun freilich damit wie mit allen sehr wirksamen Arzneien, und es schien das Uebel nur ärger zu machen; allein es brachte doch bald eine gänzliche Stille hervor und verhalf der Patientin zu einer völligen Ruhe.

Bei alledem ist dies doch so eine Art von Pferdekur; es gehört eine sehr starke Konstitution dazu, um sie an sich probieren zu lassen, und ist daher auch nur für den gemeinen Mann, es sei denn in dem einzigen Falle, wenn das Vornehmere von Herkunft zum Ausbruch käme. In einem solchen Kasu würde es nach unsrer Meinung mit Fug und Sicherheit von jedem Ehemanne, ohne Unterschied des Standes, anzuwenden sein, wenn nicht die Operation an sich selbst so niedrig wäre, daß sie (sowie gewisse andre, nach Verordnung des Arztes, von denen man nicht einmal gerne spricht) die Hände, die sich damit abgeben, so sehr erniedrigt, daß kein Mann, der auf Ehre hält, den bloßen Gedanken an etwas so Gemeines und Abscheuliches ausstehen kann.

Die ganze Familie war sehr bald wieder in einen völlig ruhigen Zustand versetzt; denn die Kraft dieser Medizin wird oft, gleichwie die Kraft der Elektrizität, durch eine Person vielen andern mitgeteilt, die selbst die Maschine nicht berührt haben. Die Wahrheit zu sagen, entsteht bei mir ein Zweifel, ob nicht beide Kräfte, da sie beide durch Friktionen operieren, etwas Analoges haben sollten? und Herr F. würde wohl thun, sich hiervon überzeugen zu lassen, bevor er die nächste Edition seines Buches über die Elektrizität herausgäbe.

Nunmehr ward der geheime Rat gehalten, in welchem, nach vielen Debatten, Molly darauf beharrte, daß sie nicht in Dienste gehen wollte, und also endlich der Schluß gefaßt wurde, Frau Seegrim sollte selbst Fräulein Western aufwarten und die Stelle für ihre älteste Tochter zu erhalten suchen, welche eine große Bereitwilligkeit bezeigte, sie anzunehmen. Aber das Glück, welches dieser kleinen Familie gar nicht günstig schien, schob nochmals einen Riegel vor ihre Beförderung.

Zehntes Kapitel
[154] Zehntes Kapitel.

Herr Schickelmann, der Pastor loci, erzählt eine Geschichte. Junker Westerns Scharfsinnigkeit. Seine große Liebe zu seiner Tochter und in was Maßen sie solche erwidert.


Den nächsten Morgen ritt Tom Jones mit Junker Western auf die Jagd, und ward, als sie wieder nach Hause kamen, von diesem Herrn zum Mittagessen gebeten.

Die liebenswürdige Sophie strahlte diesen Tag mit mehr Munterkeit und Witz hervor als gewöhnlich. Ihre Batterie war ganz gewiß auf unsern Helden gerichtet; wiewohl ich glaube, daß sie sich ihrer Absicht kaum selbst bewußt war; wenn sie aber jemals willens war ihn zu bezaubern, so glückte es ihr heute.

Herr Schickelmann, der Prediger an Herrn Allwerths Pfarrkirche, war mit von der Gesellschaft. Es war ein gutmütiger, würdiger Mann; besonders aber war er merkwürdig wegen seines tiefen Stillschweigens bei Tische, ob ihm dabei gleich niemals der Mund stillstand. Kurz, er hatte den herrlichsten Appetit von der Welt. Indessen ward der Nachtisch nicht so bald abgenommen, als er allemal sein Stillschweigen wieder reichlich gut machte; denn er war ein sehr herziger Gesell, und sein Gespräch war oft unterhaltend, niemals beleidigend.

Bei seiner Ankunft, welche gerade zutraf, da man den Rindsbraten aufsetzte, hatte er zu verstehen gegeben, daß er eine Neuigkeit mitbrächte, und war im Begriff zu erzählen, daß er eben von Herrn Alwerths Hause herkäme, als der Anblick des Rindsbratens ihn verstummen ließ und ihm bloß erlaubte das Tischgebet zu sprechen, und zu erklären, er müsse dem Herrn Baron (denn so nannte er das Lendenstück) seine Ehrfurcht bezeigen.

Als die Mahlzeit zu Ende ging und er von Fräulein Sophie an seine Neuigkeit erinnert ward, hub er folgendergestalt an: »Ich glaube, gnädiges Fräulein, Ihro Gnaden haben gestern, beim Gottesdienst in der Kirche, eine junge Dirne bemerkt, welche in einen Teil von Ihrem ausländischen Flitterstaat gekleidet war; ich meine, ich hätte Ihro Gnaden wohl ehedem in so einem gesehen, indessen sind solche Kleidungen auf dem Lande


rara avis in terris, nigroque simillima cygno;

das heißt, mein gnädiges Fräulein, so viel, als:

Ein seltner Vogel auf unsrer Erde, und sehr ähnlich einem schwarzen Schwane.


Der Vers steht im Juvenal; aber, wieder auf das zu kommen, [155] was ich erzählen wollte. Ich wollte sagen, solcher Putzstaat ist auf dem Lande ein seltsamer Anblick, und vielleicht hielt man ihn wegen der Person, die ihn trug, noch für um so seltsamer; denn es ist, wie man mir sagte, die Tochter des schwarzen Jakob, des gnädigen Herrn Junkers Wildmeister, den, nach meiner Meinung, sein Kreuz und Leiden mehr gewitzigt haben sollte, als seine Dirnen so üppiglich herauszukleiden. Das Ding machte eine solche Verwirrung in der Versammlung meiner Gemeinde, daß der ganze Gottesdienst dadurch würde gestört worden sein, wenn nicht noch Herr Alwerth die Ruhe wieder hergestellt hätte; denn ich hätte fast mitten in der ersten Abteilung meiner Predigt gestockt. Unterdessen, nichts destoweniger, nachdem ich meine Amtsverrichtung geendigt und ich die Kirche verlassen hatte, um nach Hause zu gehen, veranlaßte es eine Schlägerei, wobei, unter andern Freveln, einem reisenden Musikanten der Kopf arg zerschlagen wurde. Diesen Morgen kam der Musikant zu meinem Herrn Kirchenpatron von Alwerth und verklagte die Dirne, welche den Augenblick darauf vor Gericht geholt wurde. Als sie kam, siehe da! so zeigte sich's auf einmal, daß die Dirne (ich bitte Ihro Gnaden ergebenst um Verzeihung) so gleichsam, mit Respekt zu sagen, eben auf dem Sprunge stände, ein Hurenkind auf die Welt zu setzen. Mein Herr Kirchenpatron fragte sie, als Richter, nach dem Namen des Vaters; sie war aber so halsstarrig, daß sie gar nicht antworten wollte, so daß, als ich wegging, Herr von Alwerth darüber her war, ihr einen Reisepaß nach dem Spinnhause zu schreiben.«

»Und ist denn 'ne Dirne, die 'n Hurenkind haben soll, Ihre ganze Neuigkeit, Magister?« rief Western; »ich dachte, 's wäre was von Krieg und Frieden gewest, oder was vom Zustand der Nation.«

»Ich besorge leider freilich wohl,« antwortete der Pfarrer, »daß es etwas sehr Alltägliches ist, doch dachte ich, die ganze Geschichte zusammengenommen wäre wohl erzählenswert. Denn den Zustand der Nation verstehen der gnädige Herr Junker besser als ich, denn ich habe mich nur um den Seelenzustand meiner Pfarrkinder zu bekümmern.«

»Nun, ja wohl,« sagte der Junker, »'ch sollt's glauben, ich verstünde mich 'n bischgen drauf, wie Sie sagen; aber, komm Tömgen, schenk' ein, und laß den Wein nicht verrauchen, 's ist an dich, 'ne Gesundheit auszubringen.«

Tom bat, er möcht' ihn entschuldigen, weil er noch dringende Geschäfte habe; damit stand er vom Stuhle auf, entwischte den Klauen des Junkers, welcher aufstehen und ihn zurückhalten wollte, und ging ohne weitern Abschied zu nehmen davon.

Der Junker schickte ihm einen derben Fluch nach auf die Reise; [156] drauf wandte er sich wieder an den Pfarrer und schrie heraus: »Ich rieche was, ich rieche was! Tom ist gewiß der Vater zum Bastard. Der Hagel, Magister, wissen's noch, wie er'n Vater gegen mich herausstrich und lobte, daß 'chn nehmen sollte. Hol'n der Satan! was das für'n listiger Dachs ist! Ja, ja, Tom ist der Vater zum Bastard, oder 'ch laß m'r mein'n Fuchs vernageln.«

»Das sollte mir vom Herzen leid thun,« sagte Pastor Schickelmann. »Was leid thun,« schrie der Junker, »warum? was wär' nun so Greuliches dabei? was! ich glaub', der Herr Magister will m'r weiß machen, er habe nie'n Bastard in die Welt gesetzt. Hagel! ich halt'n für 'n viel wackrern Kumpan: mein'n Hals setz' 'ch drauf, er hat manchen Wackern in der Welt 'rumlaufen, und wer will dar was von?«

»Der gnädige Herr Junker belieben zu spaßen,« antwortete der Pfarrer; »aber ich wollte nicht sowohl von der Sündlichkeit der That sprechen, ob die gleich auch in Betracht zu ziehen ist, sondern ich fürchte, seine Vergehungen können ihm beim Herrn Alwerth großen Schaden thun. Und, gewiß, ich muß es sagen, ob man ihn gleich für ein wenig zu wild hält, so hab' ich doch nichts Böses an ihm wahrgenommen, und auch andre haben mir nichts dergleichen von ihm gesagt, ausgenommen, was ich da eben vom gnädigen Herrn Junker vernehme. Ich möchte freilich wünschen, er käme ein wenig ordentlicher zum Katechismusexamen in die Kirche; sonst aber, überhaupt, scheint er


Ingenui vultus puer ingenuique pudoris.


Das ist ein lateinischer Vers, mein gnädiges Fräulein, und will in unsrer Muttersprache so viel sagen als:


Ein Jüngling von angenehmer Gestalt und von angenehmer Bescheidenheit.


Denn dies war bei den Lateinern und Griechen eine sehr hochgeschätzte Tugend; und ich muß sagen, der junge Herr (denn so mag ich ihn, ungeachtet seiner Geburt, wohl nennen) scheint mir ein sehr bescheidner, heiklicher Jüngling, und es sollte mir sehr leid thun, wenn er sich in des Herrn von Alwerths guter Meinung herabsetzte.«

»Puh!« sagte der Junker, »herabsetzen in Alwerths Meinung! nu, nu! Alwerth haßt die Dirnen auch nicht. Weiß denn die ganze Nachbarschaft nicht, wessen Sohn Tom ist? 'm andern muß der Herr so was sagen: ich kenn' Alwerth noch von Universitäten her! –«

»Ich dachte,« sagte Herr Schickelmann, »er hätte keine Universität besucht.«

[157] »Doch, doch, das hat er!« sagte der Junker. »Und manche hübsche Nymphe haben wir zusammen gehabt! 'S war 'n solcher Nimrod auf die Menscher, als man nur weit und breit ein'n finden konnte. Nah, näh! bei ihme wird 'n das nicht schaden, da sein Sie nur ruhig d'vor, auch bei niemand sonst, da fragen Sie nur Sophien – nicht wahr, du bist kein'm jungen Kerl drum böse, wenn 'r 'n mal extra Vater wird; bist du wohl, Kind? Nah, näh! die Weibsen mögen sie drum nur desto lieber leid'n.«

Dies war für die arme Sophie eine grausame Frage. Sie hatte bemerkt, daß Tom bei der Erzählung des Pfarrers sich entfärbt hatte, und dies, zusammengenommen mit seinem plötzlichen und übereilten Aufbruch, gaben ihr hinlängliche Ursache, zu glauben, ihres Vaters Argwohn sei nicht ohne Grund. Ihr Herz entdeckte ihr nun auf einmal das große Geheimnis, das es ihr, seit so langer Zeit schon, nur nach und nach entwickelt hatte; und sie fand, daß sie an der Sache sehr großen Teil nähme. In solch einer Lage brachte ihres Vaters plumpe Frage, womit er sie gleichsam plötzlich überfiel, einige Erscheinungen auf ihren Wangen hervor, welche ein zum Verdacht geneigtes Herz beunruhigen können. Aber das war, um gegen den Junker gerecht zu sein, sein Fehler gar nicht. Als sie demnach von ihrem Stuhl aufstand und zu ihm sagte, ein Wink von ihm wäre genug, um sie nach ihrem Zimmer zu schicken: so widersetzte er sich ihrem Weggehen nicht und sagte darauf mit sehr ernsthaftem Gesicht, es wäre besser eine Tochter zu haben, die gar zu bescheiden, als eine die gar zu dreist wäre. Eine Meinung, welcher der Pastor seinen vollen Beifall gab.

Nun erfolgte zwischen dem Junker und dem Pfarrer ein gar vortrefflicher politischer Diskurs, der aus Zeitungen und Journalen zusammengestoppelt wurde, während welchem sie ein doppeltes Paar Flaschen auf die Wohlfart des Landes ausstachen; und als drauf der Junker in seinen festen Schlaf versunken war, zündete Herr Schickelmann seine Pfeife an, stieg auf sein Pferd und ritt heim.

Als der Junker seinen halbstündigen Nachmittagsschlaf vollbracht hatte, verlangte er seine Tochter vor ihrem Klavier; allein sie bat, er möchte sie diesen Abend wegen heftiger Kopfschmerzen entschuldigen. Diese Nachsicht ward augenblicklich bewilligt: denn in der That hatte sie selten Gelegenheit, ihn zweimal um etwas zu bitten; weil er sie mit solch einer Inbrunst liebte, daß er gewöhnlich sich selbst den größesten Gefallen erzeigte, wenn er ihr in irgend etwas zu Willen sein konnte. Sie war wirklich, wie er sie oft nannte, sein kleines Herzblatt, und sie verdiente es auch zu sein; denn sie erwiderte ihm alle seine Liebe mit aufgehäuftem Maß. Sie hatte ihm in allen Dingen den unverbrüchlichsten Gehorsam [158] geleistet, und dies machte ihr ihre Liebe nicht bloß leicht, sondern so angenehm, daß Sophie einer von ihren Gespielinnen, welche einstmalen darüber lachte, daß sie sich ein solches Verdienst aus ihrem gewissenhaften Gehorsam mache (so beliebte es dies junge Frauenzimmer zu nennen), antwortete: »Sie irren sich, liebe Freundin, wenn Sie meinen daß ich mir daraus ein Verdienst mache; denn, außerdem daß ich bloß meine Pflicht erfülle, thue ich mir selbst den größten Gefallen. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich kein Vergnügen habe, welches dem gliche, wenn ich zu meines Vaters Glückseligkeit etwas beitragen kann; und wenn ich mir aus etwas ein Verdienst mache, so ist es, daß ich dies Vermögen besitze, und nicht, daß ich es anwende.«

Dies war übrigens ein Vergnügen, welches, diesen Abend zu genießen, die arme Sophie unfähig war. Sie bat also nicht nur um Entschuldigung, daß sie diesen Abend nicht am Klavier aufwarten könne, sondern ersuchte gleichfalls um die Erlaubnis, nicht beim Nachtessen erscheinen zu dürfen. Auch diese Erlaubnis bewilligte ihr der Vater, obgleich nicht ohne einigen Widerwillen; denn er ließ sie gar ungern aus dem Gesicht, ausgenommen, wenn er mit seinen Pferden, seinen Hunden oder seinen Weinflaschen zu thun hatte. Gleichwohl fügte er sich dem Bitten seiner Tochter, ungeachtet der arme Mann zu gleicher Zeit sich in der Notwendigkeit sah, um seine eigne Gesellschaft zu vermeiden (wenn ich mich so ausdrücken darf), zu ein paar benachbarten Pächtern zu schicken, um den Abend mit ihnen hinzubringen.

Elftes Kapitel
Elftes Kapitel.

Wie Molly noch mit genauer Not dem Spinnhause entwischte, nebst einigen Beobachtungen, welche zu machen wir gezwungen gewesen, sehr tief in die menschliche Natur hineinzugehen.


Tom Jones hatte den Morgen auf der Jagd eins von Junker Westerns Pferden geritten, so daß er, weil er kein eignes zur Hand hatte, sich genötigt sah, zu Fuß nach Hause zu gehen. Dies bewerkstelligte er mit solcher Eile, daß er über zwei Drittel von einer guten deutschen Meile in einer halben Stunde lief.

Eben als er am äußersten Thorweg von Herrn Alwerths Landsitze ankam, begegnete er dem Gerichtsvogt mit seinem Geleite, welche seine Molly in Gewahrsam hatten und mit ihr nach dem Hause zu wandelten, in welchem die niedrigere Klasse von Menschen [159] wenigstens eine gute Lektion lernen kann, nämlich: Respekt und Gehorsam gegen ihre Obern; indem es ihnen den weiten Unterschied zeigen muß, welchen das Glück unter solchen Personen, welche wegen ihrer Fehler gezüchtigt und welche nicht gezüchtigt werden sollen, zu machen beliebt hat; wofern sie diese besagte Lektion nicht lernen, so besorge ich, werden sie sehr selten eine andre lernen, oder in einem dergleichen Zuchthause ihre Sitten bessern.

Ein behender Jurist mag vielleicht denken, Herr Alwerth habe bei dieser Gelegenheit seine Autorität ein wenig überschritten. Und, die Wahrheit zu sagen, bin ich selbst ungewiß, da hier keine förmliche Klage eingebracht worden, ob sein Verfahren so ganz in der Ordnung war. Dennoch, da seine Absicht wirklich gut gemeint war, muß man ihn in foro conscientiae entschuldigen, weil tagtäglich so manche obrigkeitliche Personen nach eignem Gutdünken verfahren, welche diese Entschuldigung keineswegs für sich anführen können.

Tom hatte nicht sobald vom Gerichtsvogt Nachricht erhalten, wohin er seinen Weg nähme (in der That war er von selbst schon auf die ziemlich richtige Mutmaßung verfallen), als er die Molly in seine Arme faßte und solche vor aller Augen sehr zärtlich an seine Brust drückte, wobei er schwur: er wolle den ersten besten ermorden, der sich unterstehen wollte sie anzurühren. Er sagte ihr, sie solle sich die Thränen abtrocknen und sich zufrieden geben, denn wohin sie auch ginge, wollte er mit ihr gehen. Drauf kehrte er sich zu dem Gerichtsvogt, welcher mit abgezognem Hute dastand und zitterte, und begehrte von ihm, mit gemilderter Stimme, er möchte nur auf einen Augenblick mit ihm nach seines Vaters Hause (so nannte er jetzt Herrn Alwerth) zurückkehren. Denn, sagte er, er könne sich drauf verlassen, sobald er dem würde gesagt haben, was er zu ihrem Besten vorzubringen hätte, so würde das Mädchen frei und ledig gesprochen worden.

Der Gerichtsvogt, der, wie ich nicht zweifle, seine Gefangene losgegeben hätte, wofern es Tom verlangt hätte, willigte sehr gern in dies Verlangen. Sonach gingen sie alle wieder zurück in Herrn Alwerths Richtsaal, woselbst ihm Tom zu bleiben befahl, bis er wieder käme, und dann selbst hinging, den guten Mann aufzusuchen. Sobald er ihn gefunden, warf sich ihm Tom zu Füßen, flehte um ein geduldiges Gehör, und bekannte sich selbst für den Vater des Kindes, mit welchem Molly schwanger war. Er flehte ihn an, Mitleiden mit der armen Dirne zu haben und in Betrachtung zu ziehen, daß, wenn ja ein Verbrechen dabei wäre, solches hauptsächlich vor seine Thüre zu legen sei.

»Ein Verbrechen dabei wäre?« antwortete Alwerth mit ziemlicher [160] Wärme. »Bist du denn also ein so verhärteter, so verlassner Wollüstling, daß du zweifeln kannst, ob bei Uebertretung göttlicher und menschlicher Gesetze, bei Verführung und Verderbung eines armen Mädchens ein Verbrechen vorhanden sei oder nicht? Ich gestehe freilich, daß es hauptsächlich auf dir liegt; und ein so schweres ist es, daß du fürchten solltest, es werde dich gänzlich zu Boden drücken.«

»Was ich auch dafür werde leiden müssen,« sagte Tom, »lassen Sie mich nur mit meiner Fürbitte für das arme Mädchen glücklich sein. Ich bekenne, daß ich sie verführt habe; aber ob sie völlig ins Verderben geraten soll, das steht bei Ihnen. Ums Himmels willen, gütigster Herr Vater, nehmen Sie den Verhaftsbefehl zurück und senden Sie sie nicht an einen Ort, der ihren unvermeidlichen Untergang zur Folge haben muß!«

Alwerth befahl ihm, sogleich einen Bedienten zu rufen. Tom antwortete, es würde nicht nötig sein, weil er den Leuten zu gutem Glück am Thorwege begegnet sei und sie voll Vertrauen auf seine Güte wieder mit zurück ins Haus genommen habe, wo sie nun im großen Saale seinen endgültigen Entschluß erwarteten, und welchen, wie er nochmals auf seinen Knieen bäte, er zu Gunsten des armen Mädchens fassen möchte: daß sie doch nach Hause zu ihren Eltern gehen und nicht noch mehr Schimpf und Spott aushalten dürfe, der sonst notwendigerweise auf sie fallen müßte. »Ich weiß wohl,« sagte er, »es ist zu viel. Ich weiß, daß ich der gottlose Urheber bin. Ich will streben, womöglich es wieder gutzumachen; und wenn Sie nach diesem die Güte haben werden, mir zu verzeihen, so hoffe ich es zu verdienen.«

Alwerth besann sich ein wenig und sagte endlich: »Wohl, ich will den Verhaftsbefehl zurücknehmen. Du kannst mir den Gerichtsvogt heraufschicken.« Er ward augenblicklich gerufen, entlassen, und das Mädchen gleichfalls.

Man wird nicht glauben, daß Herr Alwerth ermangelt habe, dem Tom bei dieser Gelegenheit eine scharfe Bußpredigt zu halten; allein es ist unnötig solche hier einzuschalten, da wir getreulich nachgeschrieben haben, was er zur Hanne Jones im ersten Buche sagte, wovon das meiste ebenso gut für Mannspersonen paßt, als für Frauenzimmer. Eine so tiefe Wirkung that diese Ermahnung auf den jungen Menschen, der kein verstockter Sünder war, daß er sich auf seinem Zimmer verschloß, wo er den Abend allein und in sehr melancholischen Betrachtungen hinbrachte.

Alwerth nahm dem Jones diese Uebertretung sehr übel; denn, ungeachtet der Behauptung des Herrn Western, ist es doch nicht weniger gewiß, daß dieser würdige Mann sich in seinem Leben kein [161] verbotenes Vergnügen mit dem andern Geschlechte erlaubt hatte und an andern das Laster der Unenthaltsamkeit ernsthaft tadelte. In der That hat man Ursache zu glauben, daß an allem, was Junker Western behauptete, kein wahres Wort gewesen; um so mehr, da er den Schauplatz solcher Unsauberkeiten nach einer Universität verlegte, woselbst Herr Alwerth niemals gewesen war. Es erhellt klar, daß der ehrliche Junker nur zu geneigt war, sich diese Art von Scherzen zu erlauben, die man dort gemeiniglich Renommisten-Jux nennt, die man aber mit aller Schicklichkeit durch ein viel kürzeres Wort ausdrücken könnte, und vielleicht schieben wir diesem kleinen zweisilbigen Worte deswegen ein anderes unter, weil wir demjenigen, was in der Welt so häufig für Witz und Spaß durchgeht, nach der strengsten Sprachrichtigkeit diese kurze Benennung geben müßten, welche ich hier, in Gemäßheit der überhöflichen Gesetze eingeführter Lebensart, unterdrücke.

Allein, welchen Abscheu auch Herr Alwerth vor diesem oder jedem andern Laster hegte, so ward er dadurch doch nicht so sehr geblendet, daß er nicht an der schuldigen Person auch jede Tugend ebenso klar und deutlich hätte wahrnehmen können, als ob in demselben Charakter gar keine Mischung von Lastern stattgefunden. Derweil er also über Jones' Unenthaltsamkeit zürnte, war er nicht weniger zufrieden mit der redlichen Offenherzigkeit seiner Selbstanklage. Er begann nun in seinem Gemüte von diesem Jünglinge eben die Meinung zu fassen, welche, wie wir hoffen, der Leser von ihm gefaßt haben wird. Und indem er seine Fehler und seine Vollkommenheiten gegen einander auf die Wagschale legte, schienen die letzten das Uebergewicht zu behalten.

Es war also vergebens, daß Ehren-Schwöger, welchem Neffe Blifil die Geschichte brüheheiß zugetragen hatte, allem seinem Groll gegen Tom den Zügel schießen ließ. Alwerth hörte diese Schmähungen ganz gelassen an und antwortete hernach mit kaltem Blute, daß junge Leute von Toms Temperament zu gewöhnlich diesem Laster ergeben wären; er glaube aber, dieser Jüngling wäre aufrichtig von demjenigen gerührt, was er ihm bei dieser Gelegenheit gesagt hätte, und er hoffe, er würde keine neue Uebertretung der Art begehen. Sonach, da die Tage des Schulzepters zu Ende gegangen waren, konnte der Herr Informator seiner Galle keinen andern Ausweg schaffen als durch seinen eigenen Mund; der gewöhnliche und armselige Behelf ohnmächtiger Rache.

Quadrat hingegen war ein weniger heftiger aber auch ein weit schlauerer Mann; und weil er unsern Tom ärger haßte als vielleicht Schwöger selbst, so wußte er es so anzulegen, daß er ihm in Alwerths Gemüt auch mehr Schaden that.

[162] Der Leser muß sich der verschiedenen kleinen Vorfälle mit dem Feldhuhn, dem Pferde und der Bibel erinnern, welche im zweiten Buche erzählt sind; durch welche alle Jones die Gewogenheit, die Herr Alwerth gegen ihn zu unterhalten geneigt war, mehr vergrößert als vermindert hatte. Ebendasselbe müßte ihm, nach meiner Meinung, mit jedem andern Menschen begegnet sein, der nur einigen Begriff von Freundschaft, Großmut und Seelenstärke hatte; das heißt, der einige Spuren von Menschengefühl in seiner eignen Brust fand.

Quadrat kannte nun zwar selbst wohl die wahren Eindrücke, welche diese verschiedenen Beweise von Herzensgüte auf die edle Seele des Herrn Alwerth gemacht hatten; denn der Philosoph wußte recht gut, was Tugend sei, ob er gleich nicht allemal gar zu standhaft in ihrer Ausübung sein mochte. Herrn Schwöger aber kamen (aus was für Gründen? mag ich nicht entscheiden) dergleichen Gedanken niemals in den Kopf. Er betrachtete den Tom in einem nachteiligen Lichte und nach seiner Einbildung that das Herr Alwerth ebenfalls; nur meinte er von dem, er wolle aus Stolz oder verkehrtem Eigensinn einen jungen Menschen nicht aufgeben, den er ehedem geliebt hätte, weil er hierdurch sonst stillschweigend bekennen müßte, daß er sich in seiner vorigen Meinung geirrt habe.

Quadrat ergriff demnach diese Veranlassung, dem Jones an seiner zartesten Seite eins zu versetzen, indem er allen vorbesagten Begebenheiten eine sehr böse Wendung gab. »Es thut mir leid, Herr Alwerth,« sagte er, »gestehn zu müssen, daß ich mich ebensogut habe hintergehen lassen als Sie selbst. Ich konnte nicht umhin, ich bekenne es, über etwas meine Freude zu haben, das ich auf Rechnung der Freundschaft schrieb, ob es gleich bis zum Uebermaß getrieben ward und alles Uebermaß schädlich und fehlerhaft ist; doch dies schob ich auf die Jugend. Wie konnt' ich argwöhnen, daß das Opfer der Wahrheit, wovon wir beide meinten, er habe es der Freundschaft gebracht, in der That nichts andres wäre, als eine schändliche Entheiligung derselben zum Dienst seiner tierischen und liederlichen Gelüste? Sie sehen nun deutlich, woher alle die anscheinende Großmut dieses jungen Menschen gegen die Familie des Wildmeisters entstand. Er unterstützte den Vater, um die Tochter verführen zu können, und bewahrte die Familie vor Hungersnot, um eine davon in Schande und Elend zu stürzen. Das sei mir eine Freundschaft! das sei mir eine Großmut! Wie Richard Steele sagt: Freßkehlen, welche große Summen hingeben für Leckerbissen, verdienen ebensogut großmütig genannt zu werden. Kurz, von diesem Augenblicke an bin ich entschlossen, der Schwäche meiner menschlichen Natur nichts mehr einzuräumen oder hinfüro etwas [163] andres für Tugend zu halten, als was sich ganz genau unter die untrügliche Regel des Rechts bringen läßt.«

Herrn Alwerths Gutherzigkeit hatte es verhindert, daß ihm selbst diese Betrachtungen eingefallen waren. Indessen waren sie zu wahrscheinlich, um sie ganz und eilig zu verwerfen, da sie ihm von einem andern vor die Augen gelegt wurden. In der That senkte sich das, was Quadrat gesagt hatte, sehr tief in sein Gemüt, und die unruhigen Bewegungen, welche es darin anrichtete, waren dem andern sehr sichtbar; ob dies gleich der edle Mann nicht eingestehen wollte, sondern vielmehr eine unbedeutende Antwort darauf gab und gezwungenerweise das Gespräch auf eine andre Materie lenkte. Es war vielleicht ein Glück für Tom, daß dergleichen Einbläsereien nicht eher angebracht worden waren, bevor er seine Verzeihung erhalten hatte; denn sie pflanzten gewiß die ersten nachteiligen Eindrücke gegen Jones in Alwerths Gemüt.

Zwölftes Kapitel
Zwölftes Kapitel.

Enthält viel deutlichere Materien, die aber mit denen im vorigen Kapitel aus einer Quelle fließen.


Dem Leser wird es angenehm sein, glaube ich, mit mir zu Fräulein Sophie zurückzukehren. Sie brachte die Nacht, nachdem wir sie zuletzt gesehen, gar nicht angenehm hin. Der Schlaf erwies ihr wenig Freundschaft, und die Träume noch weniger. Des Morgens, als Honoria, ihre Kammerjungfer, zur gewohnten Stunde hereintrat, fand sie ihre Dame schon aufgestanden und angekleidet.

Leute, welche auf dem Lande in einer Entfernung von etlichen Meilen Feldweges zerstreut wohnen, sind als Nachbarn, Wand an Wand, zu betrachten, und die Begebenheiten eines Hauses fliegen mit unglaublicher Schnelligkeit zum andern. Jungfer Honoria hatte also die ganze Geschichte von Mollys Schimpf und Schande erfahren; welche sie, sobald sie nur einen Fuß in ihres Fräuleins Zimmer gesetzt hatte (denn ihre Zunge war gar redselig), folgendermaßen zu erzählen begann:

»Ha! Frölen, was denkt 'R Gnad'n! das Mäd'l, das 'R Gnad'n letzt Sonntags inn'r Kirch sah'n, und vor so hipsch hielt'n; obschons Sie sie auch nicht vor so hipsch möcht'n gehalt'n hab'n, wenn Sie sie näher geseh'n hätt'n. Aber, bei mein'r Ehr! sie hab'n sie für'n Richter geholt, daß sie 'n Kind hab'n soll. Mir [164] schien sie auszuseh'n, wie ein dummdreist Nickel; und mein'r Ehr! sie hat auf'n jungen Herrn Jon's ausgesagt. Und's ganze Kirchspiel sagt, Herr Alwerth ist so böse mit dem jungen Herrn Jon's, daß er'n nicht vor Augen seh'n mag. Mein'r Ehr! der junge Herr ist zu bedauern; und doch verdient 'r auch's Bedauern eben nicht, daß er sich so mit 'n Mistfinken abgeb'n konnte. Und doch ist's so'n hipscher jung'r Mensch, daß es ein'n leid thun sollt', wenn er weggejagt würde. Ich will wohl 'n entsetzlich'n Eid d'rauf thun, daß 's Mensch ebenso allart dazu gewest ist, als er; denn sie ist ihr Lebszeit ein dreist naseweise Pelmke gewest. Und wenn die Menscher so vorwill'g sind, so sind die jungen Mannsen doch auch so tad'lich eben nicht; denn, mein'r Ehr! thun sie doch nichts, als was natürlich ist. Schämen sollt'n sie sich freilich, daß sie sich mit solch'n schmutz'gen Lumpenpack gemein machen, und 's geschicht ihn'n ganz recht, wenn 's ihn'n so darnach geht. Und doch hat die Bagasche von Menschern immer die meiste Schuld. Ich wollt' mit Grund des Herzens wünschen, daß sie alle, so recht dapfer, am Pranger gestäupt würden; denn 's ist große Sünd' und Schande, daß sie so'n fein'n jung'n Mensch'n in Kreuz und Leiden bringen soll'n; und das kann doch, mein'r Ehr! niemand ableugn'n, daß Herr Jons einer d'r scharmant'sten jungen Mannsen ist, die einer nur jemals –«

Sie ließ die Klappermühle lustig fortlaufen, als Sophie, mit einer unmutigern Stimme, als sie jemals hatte hören lassen, ihr zurief: »Laß Sie es doch endlich einmal genug sein, mit all' dem Geträtsche! Ich denke, eine ist so gut wie die andre! Und es scheint mir, als ob Sie sich darüber ärgerte, daß das Glück nicht Ihr so gut gewollt hat.« »Mir, Frölen! Mir!« antwortete Jungfer Honoria. »Das sollte mir nahe geh'n, wenn 'R Gnad'n so 'ne Meinung von mir hätten. Bei mein'r Ehr! so was kann mir kein' Christenseele nachsag'n. Meinthalben könn'n alle hipsche junge Kerls in der Welt zum gläunigen Satan fahren; meinthalben! Weil ich sag', 's ist ein hipscher junger Mann! hm! Alle Leute sag'n 's ebensogut als ich. – Mein'r Ehr! ich hätt' doch nicht gedacht, 's wäre so 'n große Sünde, zu sagen, daß 'n junger Mensch hipsch ist und artig; aber, ja! bei meiner Ehr! ich will's nun selbst nicht mehr glaub'n; denn hipsch ist, wer sich hipsch aufführt. Eine Bettel-Mieke! –«

»Laß es einmal gut sein, mit deinem Geschwätz,« rief Sophie, »und siehe zu, ob mein Vater mich beim Frühstück zu sehen verlangt.«

Jungfer Honoria flog dann zum Zimmer hinaus und murmelte zwischen den Zähnen, – von welchem Gemurmel: »Seht doch! ich [165] dächt; was mir bisse! Je so geht und laßt 'r 'en Thee kochen!« alles war, was man noch so ziemlich deutlich vernehmen konnte.

Ob Jungfer Honoria den Verdacht wirklich verdiente, welchen ihre Herrschaft merken ließ, das können wir, so gern wir auch unsern Lesern zu gefallen leben, hier nicht auflösen. Dagegen wollen wir ihm zur Vergütung enthüllen, was in Sophiens Gemüt vorging.

Der Leser wird die Gefälligkeit haben, sich zu erinnern, daß sich eine geheime Neigung für Tom Jones unvermerkt in den Busen dieses jungen Frauenzimmers eingeschlichen hatte, und daß solche daselbst bis zu einer ziemlichen Höhe emporgewachsen war, ehe sie es selbst gewahr geworden. Als sie ihre ersten Anzeichen bemerkte, war ihr Gefühl dabei so süß und behaglich, daß sie nicht Entschlossenheit genug hatte, diese Regung zu unterdrücken, oder auch nur zu mäßigen; und also fuhr sie fort, eine Leidenschaft zu unterhalten, davon sie die Folgen keineswegs in Ueberlegung zog.

Diese Begebenheit mit der Molly öffnete ihr zum erstenmale die Augen; sie ward hier zuerst die Schwachheit gewahr, die sie sich hatte zu schulden kommen lassen; und ob es ihr gleich den größten Aufruhr im Gemüt anrichtete, so war doch die Wirkung davon, wie von andern widerstehenden Arzneien, und vertrieb solche auf einige Zeit die Unpäßlichkeit. Die Wirkung war in der That außerordentlich schnell, und in der kurzen Zwischenzeit, daß ihre Jungfer abwesend war, hatte das Mittel alle Symptome so völlig vertrieben, daß, als Jungfer Honoria mit dem Verlangen ihres Vaters zurückkam, sie schon völlig ruhig war und eine gänzliche Gleichgültigkeit gegen Jones gefaßt hatte.

Die Krankheiten des Gemüts gleichen fast in allen Punkten den Krankheiten des Körpers. Aus dieser Ursache hoffen wir, wird es uns jene gelehrte Fakultät, für die wir eine so tiefe Ehrerbietung hegen, verzeihen, daß wir uns genötigt gesehen haben, eine unheilige Hand an verschiedne Worte und Redensarten zu legen, welche nach allen Rechten ihr Eigentum sind und ohne welche unsre Beschreibung oft hätte unverständlich bleiben müssen.

Nun ist aber kein Umstand, in welchem die Krankheit des Gemüts eine genauere Analogie mit jenen hat, welche man körperliche nennt, als diese Neigung, welche beide zum Rückfalle haben. Dieses ist sehr auffallend bei den Seuchen des Ehr- und Geldgeizes. Ich habe es erlebt, daß der Ehrgeiz, wann er bei Hofe durch manche niedergeschlagene Hoffnung (welches die einzigen Heilmittel dagegen sind) kuriert war, wieder bei einem Rangstreit auf Landtagen oder Landgerichten aufs neue zum Ausbruch gekommen ist, und habe von einem Manne gehört, welcher den Geldgeiz insoweit überwunden hatte, daß er einen halben Gulden wegschenken konnte, der [166] sich endlich auf seinem Sterbebette darüber freute, daß er mit dem Manne, der seine einzige Tochter zur Frau hatte, einen listigen und vorteilhaften Kontrakt über seine Beerdigungskosten erschlichen hatte.

Bei den Begebenheiten der Liebe, die wir wegen genauer Gemäßheit mit der stoischen Philosophie als eine Krankheit behandeln müssen, ist diese leichte Gefahr des Rückfalls nicht weniger sichtbar. So ging es auch der armen Sophie; bei welcher gleich das nächste Mal, da sie den jungen Jones sah, die vorigen Anzeichen wiederkehrten und von der Zeit an ihr Herz abwechselnd mit Hitze und Frost angriffen.

Die Umstände dieses jungen Frauenzimmers waren jetzt sehr verschieden von dem, was sie vorher gewesen waren. Dieselbe Leidenschaft, die ihr vordem so unaussprechlich behaglich gewesen, ward jetzt zum Skorpion in ihrer Brust. Sie widerstand ihr daher aus äußersten Kräften, und bot alle Gründe auf, die ihre Vernunft (die für ihr Alter bewunderungswürdig stark war) nur an die Hand geben konnte, um sie zu unterdrücken und aus ihrem Herzen zu verbannen. Hierin glückte es ihr insofern, als sie anfing, von Zeit und Entfernung eine vollkommne Genesung zu hoffen. Sie beschloß demnach, den Tom Jones so viel als möglich zu vermeiden; zu welchem Ende sie einen Vorsatz faßte, ihre Tante zu besuchen, wozu sie ihres Vaters Einwilligung zu erhalten nicht zweifelte.

Das Glück aber, welches andre Anschläge im Schilde führte, machte dadurch einen plötzlichen Strich durch alle ihre Rechnungen, daß es einen Zufall herbeiführte, welcher im nächsten Kapitel erzählt werden soll.

Dreizehntes Kapitel
Dreizehntes Kapitel.

Sophien begegnet ein fürchterlicher Zufall. Tom Jones' wackeres Betragen und die fürchterlichen Folgen dieses Betragens für die junge Dame nebst einer kurzen Abschweifung zu Gunsten des schönen Geschlechts.


Junker Western ward von Tag zu Tag verliebter in seine Tochter, und es ging damit so weit, daß seine geliebten Hunde fast in den Fall kamen, ihr in seiner Freundschaft Platz zu machen; jedoch weil er's nicht über's Herz bringen konnte, diese zu verlassen, so erfand er den schlauen Kunstgriff, ihre Gesellschaft und die Gesellschaft seiner Tochter zu gleicher Zeit zu genießen, indem er in sie drang, sie solle mit ihm auf die Jagd reiten.

Sophie, der ein Wort von ihrem Vater ein Gesetz war, weigerte sich nicht lange, sein Begehren zu erfüllen, obgleich sie nicht das [167] geringste Vergnügen an einer Belustigung fand, die zu viel Rauhes und Mannhaftes mit sich führte, um sich mit ihrer Gemütsart zu reimen. Unterdessen hatte sie außer ihrem Gehorsam noch einen andern Beweggrund, den alten Herrn auf seinen Jagden zu begleiten; denn vermittelst ihrer Gegenwart hoffte sie seine Heftigkeit in etwas zurückzuhalten und ihn zu verhindern, daß er sich nicht so oft der äußersten Gefahr des Halsbrechens aussetzte.

Das Widrigste für sie dabei war das, was ehedem das Anlockendste gewesen sein würde; nämlich, die öftere Gelegenheit mit Jones zusammenzutreffen, den sie zu meiden beschlossen hatte; gleichwohl, da das Ende der Jagdzeit herannahte, so hoffte sie, durch eine kurze Abwesenheit bei ihrer Tante sich aus ihrer unglücklichen Leidenschaft völlig heraus zu vernünfteln, und zweifelte nicht, sie würde sich, wenn die Jagd das nächste Jahr wieder aufginge, im stande sehen, ihm ohne alle Gefahr im freien Felde begegnen zu können.

Am zweiten Tage ihres Jagens, als sie vom Zuge heimritt und bis auf eine kleine Entfernung von ihres Vaters Hause angelangt war, fing ihr Klepper, dessen Kraft und Mut einen bessern Reiter erfordert hätte, so zu kurbettieren und zu kapriolieren an, daß sie in höchster Gefahr stand, abgeworfen zu werden. Tom Jones, der in einiger Entfernung hinter ihr folgte, sah dies und galoppierte stracks hin, ihr beizustehn. Sobald er bei ihr war, sprang er von seinem Pferde und griff dem ihrigen in den Zügel. Das unbändige Tier bäumte sich in die Höhe und warf seine schöne Bürde vom Rücken, die Jones in seine Arme auffing.

Sie war so heftig erschrocken, daß sie nicht sogleich im stande war, dem Jones Bescheid zu geben, welcher sich sehr ängstlich erkundigte, ob sie auch Schaden genommen hätte. Sie faßte sich indessen bald wieder, versicherte ihm, ihr sei ganz wohl, und dankte ihm für die Sorgfalt, die er für sie getragen hätte. Jones antwortete: »Wenn ich Sie gerettet habe, gnädiges Fräulein, so bin ich reichlich belohnt; denn ich versichre Ihnen, ich hätte Sie aus der kleinsten Gefahr retten wollen, und hätte mir's ein weit größeres Unglück für mich selbst kosten sollen, als ich bei dieser Gelegenheit erlitten habe.«

»Was für ein Unglück!« fragte Sophie sehr lebhaft; »ich hoffe doch nicht, daß Sie Schaden genommen haben!«

»Sei'n Sie außer Sorgen, Fräulein,« antwortete Jones. »Dem Himmel sei Dank, daß Sie so gut davongekommen sind, nach der Gefahr, worin Sie schwebten. Daß ich meinen Arm gebrochen habe, ist eine Kleinigkeit in Vergleichung mit dem, was ich für Sie befürchtete.«

[168] Hier schrie Sophie laut auf: »Ihren Arm gebrochen? das wolle Gott nicht!«

»Ich denke doch, es ist so, mein Fräulein,« sagte Jones; »aber ich bitte, erlauben Sie mir nur, daß ich erst für Sie sorge. Ich habe eine rechte Hand zu Ihren Diensten, um Ihnen aufs nächste Feld zu helfen; von da haben wir nur noch einen ganz kleinen Weg bis zu Ihres Vaters Hause.«

Sophie, die seinen linken Arm schlaff an seiner Seite hängen sah, derweil er sich des andern bediente, um sie zu führen, zweifelte nicht länger an der Wahrheit. Sie ward nun viel bleicher, als die Furcht für ihre eigene Person sie vorher hatte färben können. Es überfiel sie ein solches Zittern an allen Gliedern, daß Jones sie kaum aufrecht erhalten konnte; und weil ihre Gedanken in ebenso heftiger Bewegung waren, so konnte sie sich nicht enthalten, dem Tom einen Blick so voll Zärtlichkeit zu geben, daß man daraus fast ein weit stärkeres Gefühl abnehmen sollte, als selbst Dankbarkeit, vereint mit Mitleiden, ohne Beihilfe einer dritten und mächtigern Leidenschaft, in der edelsten weiblichen Brust erwecken kann.

Herr Western, der eine Strecke vorausgeritten war, als sich dieser Zufall begab, war nun wieder umgekehrt, wie die übrigen Reiter alle. Sophie berichtete ihnen, was dem Tom begegnet, und bat sie, für ihn Sorge zu tragen. Western, den eine große Angst überfallen hatte, als er seiner Tochter Pferd ohne dessen Reiter vor sich vorbeisprengen gesehn und den nun die Freude überwältigte, daß er sie unbeschädigt wieder fand, rief jetzt aus: »Gut, gut, daß 's nicht ärger ist! Wenn Tom sein'n Arm abgebrochen hat, wollen wir schon einen Mann finden, der'n wieder anleimt.«

Der Junker stieg vom Pferde und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Hause mit seiner Tochter und mit Jones. Ein unbefangener Zuschauer, der ihnen auf dem Wege begegnet wäre und ihre verschiedenen Gesichtsmienen beobachtet hätte, würde geschlossen haben, Sophie allein sei der Gegenstand des Bedaurens: denn, was den Jones anbelangte, dem hüpfte das Herz vor Freuden, daß er wahrscheinlicherweise dem Fräulein das Leben erhalten und daß ihm solches nichts weiter gekostet hatte als einen Armbruch. Und Junker Western, obwohl ihm der Unfall, der dem Jones zugestoßen, nicht gleichgültig war, so hatte doch bei ihm die Freude über seine aller Gefahr entronnene Tochter ein großes Uebergewicht.

Sophiens großmütige Denkart legte dem Tom Jones dies sein Betragen als hohe Tapferkeit aus, und es machte einen tiefen Eindruck auf ihr Herz: denn gewiß ist es, daß es keine andre [169] Eigenschaft gibt, welche den Männern so durchgängig die Achtung des schönen Geschlechts erwirbt, und das liegt, wenn wir der gemeinen Meinung trauen dürfen, in der natürlichen Furchtsamkeit dieses Geschlechts, welche, wie Osborne sagt, so weit geht, daß ein Frauenzimmer das feigste unter allen Geschöpfen ist, die Gott jemals auf die Welt gesetzt hat. Ein Ausspruch, der mehr wegen des platten Ausdrucks als wegen seiner Wahrheit merkwürdig ist. Aristoteles läßt ihnen, glaub' ich, in seinen Abhandlungen über die Politik mehr Gerechtigkeit widerfahren, wenn er sagt: »Die Bescheidenheit und Seelenstärke des Mannes ist weit unterschieden von eben diesen Tugenden bei dem Weibe; denn eben der Mut, welcher ein Weib ziert, wäre für einen Mann nur Feigheit, und die Bescheidenheit, welche dem Manne wohl ansteht, würde bei einem Weibe Frechheit sein.« Vielleicht steckt auch nicht mehr Wahrheit in der Meinung derer, welche die Parteilichkeit, womit die Weiber den tapfern Männern anzuhängen pflegen, aus diesem Uebermaße ihrer Furchtsamkeit herleiten. Bayle (ich glaube im Artikel Helena) schreibt es, und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit, ihrer heftigen Liebe zum Heldenruhme zu. Eine Wahrheit, wofür wir die Autorität eines Dichters haben, der vor allen übrigen die tiefsten Blicke in die menschliche Natur gethan hat und welcher die Heldin der Odyssee das große Muster ehelicher Liebe und Treue so vorstellt, daß der Ruhm ihres Gemahls der einzige Quell ihrer Liebe für ihn gewesen sei.

Wie dem aber auch sei, so ist gewiß, daß die Begebenheit sehr stark auf Sophie wirkte; und in der That, nachdem ich mich nach der Sache genau erkundigt habe, bin ich geneigt zu glauben, daß eben zu derselbigen Zeit die reizende Sophie nicht weniger Eindruck auf das Herz unsres Helden machte; die Wahrheit zu sagen, er hatte schon vor einiger Zeit die unwiderstehliche Macht ihrer Zauberreize empfunden.

Vierzehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel.

Die Ankunft eines Wundarztes. Seine Operationen und ein langer Dialog zwischen Sophien und ihrer Jungfer.


Als man in Westerns Wohnsitze angelangt war, sank Sophie, welche mit Not und Mühe den Weg hergewankt war, in einen Lehnstuhl nieder; durch Beihilfe von Riechwassern ward sie aber vor einer Ohnmacht bewahrt, auch war sie schon ziemlich wieder zu Kräften gelangt, als der Wundarzt erschien, den man für[170] Jones hatte rufen lassen. Herr Western, der die Symptome an seiner Tochter ihrem Falle zuschrieb, riet ihr, sich alsobald eine Ader öffnen zu lassen. In dieser Meinung ward er von dem Wundarzte unterstützt, der so viele Gründe fürs Aderlassen anführte und so manchen Kasum hererzählte, wo es den Leuten übel ergangen, die es versäumten, daß der Junker sehr dringend ward und wirklich, einmal für allemal, darauf bestand, seine Tochter solle Blut lassen.

Sophie gab bald den Befehlen ihres Vaters nach, obgleich ganz und gar wider ihre eigne Neigung: denn sie besorgte, wie ich glaube, weit weniger Gefahr von ihrem Schrecken, als beide, der Vater und der Wundarzt. Sie hielt also ihren schönen weißen Arm hin und der Operateur schickte sich an zum Werke.

Unterdessen, daß die Bedienten die erforderlichen Gerätschaften herbeiholten, begann der Chirurgus, welcher Sophiens bezeigten Widerwillen ihrer Furcht zuschrieb, sie mit Versicherungen zu trösten, daß nicht die geringste Gefahr dabei sei; denn, sagte er, beim Aderlassen könne niemals das geringste Unglück geschehen, es sei denn durch die abscheuliche Unwissenheit elender Pfuscher in der Chirurgie, welches, wie er so ziemlich deutlich zu verstehen gab, hier gar nicht der Fall sei. Sophie versicherte, ihr sei gar nicht ängstlich dabei, und fügte hinzu: »Wenn Sie auch eine Arterie träfen, so versprech' ich, daß ich's Ihnen verzeihen will.« – »Willst du!« rief Western. »Ein Schurke bin ich, wenn ich will!« – »Wenn er dir's geringste Unheil macht, ein Schelm will 'ch sein, wenn 'ch 'n nicht en Aderlaß in sein Herz hinein mache!« Der Wundarzt willigte ein, ihr auf diese Bedingung die Ader zu öffnen, und schritt darauf zur Operation, die er mit all der Geschicklichkeit verrichtete, die er verheißen hatte, und auch mit großer Geschwindigkeit, denn er nahm ihr nur sehr wenig Blut, weil es, wie er sagte, besser wäre, lieber öfters zu lassen, als auf einmal zu viel Blut wegzunehmen.

Sophie begab sich auf ihr Zimmer, sobald ihr Arm verbunden war, denn sie war nicht gesonnen, (auch war's vielleicht nicht so ganz wohlanständig) bei der Operation an Jones gegenwärtig zu sein.

In der That war eine von den Ursachen, warum sie dem Aderlaß hatte ausweichen wollen, (ob sie sie gleich nicht sagte) die Verzögerung gewesen, die der Verband von Jones' Armbruch darüber leiden würde. Denn Western hatte, wenn Sophie im Spiele war, eine andre Gedanken als an sie; und was Jones selbst anbelangt, so saß er da »wie die Gelassenheit, welche auf einem Monumente dem Grame zulächelt«. In Wahrheit, als er das Blut [171] aus dem lieblichen Arme der Sophie springen sah, dachte er kaum an das, was ihm selbst begegnet war.

Der Wundarzt befahl nun, seinen Patienten bis aufs Hemde zu entkleiden, und nachdem er selbst den Arm völlig entblößt hatte, fing er an, ihn dergestalt zu recken und zu visitieren, daß der Schmerz davon den Jones einigemal saure Gesichter ziehen ließ, worüber der Chirurgus, der das wahrnahm, sich höchlich wunderte und schrie: »Was haben denn der Herr? Ich weiß doch gewiß, es ist ganz unmöglich, daß ich Leids thun kann.« Dann hielt er den gebrochenen Arm gegen die Versammlung und dabei eine lange und sehr gelehrte anatomische Vorlesung, worin er die einfachen und doppelten Knochenbrüche, wie auch die mancherlei Arten auseinandersetzte, auf welche Jones seinen Arm hätte brechen können, mit den erforderlichen Noten, zu beweisen, welche besser und welche schlimmer gewesen sein würden als der vorliegende Kasus.

Nachdem er endlich seine ausgearbeitete Rede zu Ende gebracht hatte, wovon das Auditorium, ob solche gleich dessen Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt hatte, doch vielleicht deswegen nicht sonderlich erbaut war, weil es von allem, was der Redner gesagt, wirklich nicht eine einzige Silbe verstanden hatte: so schritt er zu seinem Geschäft, welches er dann auch geschwinder zu Ende brachte, als er geschwind gewesen war es anzufangen.

Jones wurde darauf angewiesen, zu Bette zu gehen, welches ihn Western nötigte in seinem Hause anzunehmen, und dann ward ihm die Haferwelgenbuße angekündigt.

Unter der honetten Gesellschaft, welche im Saal der Operation des Armschienens beigewohnt hatte, war auch Jungfer Honoria. Sobald aber der Verband angelegt worden, ging sie auf den Ruf der Schelle zu ihrem Fräulein hinauf, welche sie fragte, was der junge Herr Jones mache? Zur Antwort ergoß sich die treue Putzjungfer in ein übertriebenes Loben und Preisen des Höllenmuts, wie sie's nannte, seines Benehmens, welches, wie sie sagte, »einen so scharmanten jungen Herrn so allerliebst kleidete.« Dann brach sie in noch wärmere Lobsprüche aus über die Schönheit seiner Person, wobei sie manche einzelne Teile derselben besonders durchging und zuletzt mit der Versicherung schloß, daß seine Haut bis zum Entzücken weiß wäre.

Dieses Gespräch hatte eine solche Wirkung auf Sophiens Fassung, daß es vielleicht dem Scharfblick der Kammerjungfer nicht entwischt sein möchte, hätte sie ihrer Herrschaft nur ein einziges Mal ins Angesicht gesehen, so lange sie mit ihrer Erzählung im Gange war. Ein Spiegel aber, der ihr sehr bequem gegenüber hing, gab [172] ihr Gelegenheit, diejenigen Gesichtszüge zu betrachten, die vor allen übrigen das meiste Vergnügen gewähren, so daß sie während ihrer ganzen Rede die Augen von diesem liebenswürdigen Gegenstande nicht ein einziges Mal wegwenden konnte.

Jungfer Honoria war mit dem Gegenstande, worüber sich ihre Zunge bewegte, und mit dem teuren Bilde, das ihr da vor Augen schwebte, so emsiglich beschäftigt, daß sie ihrem Fräulein Zeit ließ, ihre Verwirrung zu unterdrücken, die dann, als sie damit fertig war, ihrer Jungfer mit Lächeln sagte: »sie wäre gewiß in den jungen Menschen verliebt.« – »Ich, verliebt, 'R Gnad'n!« antwortete sie, »mein'r Ehr, Gnädigs Frölen, ich versichre, auf meine Seele, 'R Gnad'n, ich bin's nicht.« – »Nun, nun,« sagte ihre Herrschaft, »wenn Sie's nun wäre! Ich seh' nicht, warum Sie sich dafür schämen sollte, denn es ist gewiß ein hübscher junger Mann.« – »Ja wohl, 'R Gnad'n, das sagen 'R Gnaden nur noch einmal. 'S ist Ihn'n der schönste Mann, den 'ch mein Lebetage gesehn habe; ja mein'r Ehr, das ist er! Und wie 'R Gnad'n sag'n, w'rum sollt 'ch mich schämen, wenn 'ch 'n lieb hielt? Obschons er viel vornehm'r ist, als ich; denn, mein'r Ehr, adliche Leute sind auch nur Fleisch und Blut, und nichts mehr, als wir hipsche Diensten. Und, ja, Herr Tom Jones, obschons Herr von Alwerth en'n Junker aus 'n gemacht hat, so ist 'r doch nicht 'emal so ehrbar auf d' Welt kommen, als unser Eins: denn, ob 'ch wohl nur 'ne demüt'ge Kammerjungfer bin: so bin 'ch ein ehrlicher Leute ehrlich's Kind, und mein Vater und Mutter war'n ordentlich zusammen von 'm Pastor getraut; das könn'n nicht alle Leute sag'n, sie mög'n ihr Nas' auch noch so hoch tragen! – Daß mir doch nicht übel werd'! wisch dir d' Nase, Schmutzvetterchen! Laß sein' Haut sein, als se will; und ja, mein'r Ehr, 's ist die weißeste, die man sehn kann; 'ch bin doch ein' Christenseele, so gut wie ähr; und, dem biet 'ch Trotz, der sag'n kann, 'ch wär'n Hurenkind. Mein Großpapa war'n geistlicher Herr; und 's würd' ihn nicht wenig kekränkt hab'n, glaub' ich, wenn 's ihm jemand gesagt hätt', jemand von sein'r Familie würd's aufraff'n, was Molly Seegrims aus ihr'n klaatrigen Klauen hätt' liegen lass'n.«

Vielleicht hätte Sophie ihre Abigail noch lange in diesem Tone fortschwatzen lassen, aus Mangel an Mut und Kraft ihrer Zunge Einhalt zu thun, welches, wie der Leser aus ihrem fließenden Stile wohl ersehn wird, kein so leichtes Unternehmen war. Denn gewiß waren hin und wieder einige Brocken in diese Rede eingeworfen, welche ihrer Dame nichts weniger als angenehm sein konnten. Endlich hemmte sie doch diesen Strom, weil er von selbst kein Ende nehmen zu wollen schien. »Ich wund're mich,« sagte sie, »über[173] Ihre Unverschämtheit, womit Sie sich untersteht, auf diese Weise von meines Vaters Freunden zu sprechen. Was die Dirne anbetrifft, so sag' ich es Ihr, einmal statt tausend, Sie soll ihren Namen in meiner Gegenwart nicht wieder nennen. In Ansehung der Geburt des jungen Herrn, so könnten diejenigen, die nichts Nachteiligeres von ihm zu sagen wissen, nur fein darüber ihre Zunge ruhen lassen, so, wie ich's Ihr für's zukünftige im Vertrauen gleichfalls empfohlen haben will.«

»'S thut mir leid, daß 'ch was gesagt habe, das 'R Gnad'n übelnehm'n,« sagte Jungfer Honoria. »Men'r Ehr! ich hasse Molly Seegrims ebensosehr, als 'R Gnaden nur thun könn'n. Aberst, daß ich Herrn von Jones sollt' gelästert hab'n, da kann 'ch all's Gesinde im Hause zu Zeug'n rufen, so of nur von Pankerts-Kindern gesprochen word'n ist, ich immer sein' Partie genomm'n habe. Denn pfleg' ich zu den Lakaien zu sagen, wer von euch wollt' nicht gern' ein Pankertskind sein, wenn 'r nur könnt', um 'n Junker zu werden? und, sag' ich, mein Ehr' verwett' ich drauf, 's ist ein scharmanter Junker; und 'r hat die weißesten Händ' auf Gott's Erdboden: denn mein'r Ehr! das hat er! Und, sag' ich, einer der sanftestenlichen und gutmüt'lichsten Menschen von der Welt ist ähr; und, sag' ich, all hipsche Diensten und Nachbarn, im ganzen Land umher, halten ihn lieb. Und, mein'r Ehr! ich könnte 'R Gnaden solche Dinge erzählen thun! – wenn 'ch nicht angst wär' daß 'R Gnad'n mir drüber böse würden!« – »Nun! was könnte Sie mir dann erzählen?« – »Ach, neh, Arg hatt' er nicht draus, mein'r Ehr! drum wollt' ich auch nicht, daß 'R Gnaden mir böse drüber würd'n.« – »Will Sie wohl so gut sein und erzählen?« sagte Sophie, »denn nun will ich's wissen, auf der Stelle!« – »Je, nu ja!« antwortete Jungfer Honoria. »Er kam ein's Tags, verläden' Woch, uf meine Stube, als ich bei'r Arbeit saß; und da lag dar 'R Gnad'n Muff, auf'n Stuhle; und mein'r Ehr, er steckte sein Händ hinein; Ja, gewiß! eben denselbigen Muff, den 'R Gnaden mich erst gestern geschonken hab'n. – Gehn 's doch! sag' ich, Herr von Jones; Sie verderben mein'r Frölen ihren Muff, und machen 'n zu weit; ja, mein'n 'R Gnaden, daß er 'n weglegte? Ja, Prost die Mahlzeit! Er hielt die Hand immer weg drin, und küßt'n! Ach, mein'r Ehr! ich glaub', ich hab' in mein'n Leb'n solch'n Kuß nicht gesehn, als er 'n gab.« – »Ich hoffe doch, er wußte nicht, daß es mein Muff wäre?« versetzte Sophie. – »Nun hör'n nur 'R Gnaden. Er küßt'n, und küßt'n, daß 's kein End neh men wollt', und sagt', es wär' der scharmantste Muff von der Welt! Gehn's doch! Junker,« sagt' ich. »Sie hab'n 'n ja wohl schon hundert Mal gesehn! – Nun ja, ruft er, Mansell Honoria, wer kann aber [174] sonst was hipsches sehn, wenn Ihre Fröln dabei ist, als sie selber! – Ja, nun, mein'n 'R Gnad'n wohl, das wär 's alle! Ach näh! gar nicht! Aberst, ich hoffe doch, 'R Gnad'n werden mir nich böse! denn, mein'r Ehr, ich hat' kein Args draus! Ein's Tages, als 'R Gnaden dem Gnäd'gen Herrn Papa was aufs Klafier vorspielten, da saß Herr von Jon's im Zimber nah' bei, und mir dünkte, er säh' melankolisch aus. Je! Je! Herr Junker, sag' ich, wie siehts dann aus? Ihr bekümmerten Gedanken, sagt mir doch, wo wollt ihr hin? sagt' ich. Ach, Spottvogel! sagt' er, und sprang auf, wie aus'm Traum. Woran kann ich denken, wenn der Engel, Ihre Frölen, aufm Klafier spielt? Und dann kriegt er mich bei die Hand – Ach, liebe Mansell Honoria, sagt' er, wie glücklich wird der Mann sein! und dann seufzt' er. – Mein'r Ehr! sein Athen ist so süß als 'n Blumenstrauß. – Aberst, mein'r Ehr! Er hat's kein Args draus – und so bitt 'ch, daß 'R Gnaden ihm ja nichts wieder sag'n! dann 'r gab mir 'ne Krone, daß ich nichts wieder sag'n sollt, und ließ mich drauf schwören. Aberst, ich streckte keine drei Finger darbey aus, und so glaub' ich, ist's kein rechter Eid.«

So lange bis der berühmte Karminmacher in Helmstädt kein schöneres Rot erfindet, sag' ich kein Wort von der Farbe auf Sophiens Wangen bei dieser Gelegenheit. »Nore,« sagte sie. »Ich – wenn Sie das mir niemals wieder sagen will, – noch sonst einem lebendigen Menschen, so will ich Sie nicht verraten – böse will ich nicht darüber werden, mein' ich; aber ich fürchte Ihre Zunge. Warum, gutes Mädchen, gibt Sie ihr so freien Lauf?« – »Ach, sehn Sie nur, Gnädigs Frölen, ich wollt' mir lieber die Zung' abbeissen, als 'R Gnaden bös machen. – Mein'r Ehre! mein Lebstage will 'ch 'R Gnaden wieder kein Wort darvon sag'n, wenn 's nicht haben woll'n.« – »Gut dann! Ich wollte, daß Sie mir nichts wieder davon erwähnte!« sagte Sophie, »denn es möchte meinem Vater zu Ohren kommen, und der würde Herrn Jones darüber böse werden; ob ich gleich wirklich glaube, wie Sie sagt, daß der gute Mensch nichts weiter dabei meinte. Ich würde selbst böse werden, wenn ich mir es anders einbildete.« – »Näh! Gnädigs Frölen, ich glaub, mein'r Ehr, er meinte nichts dabei,« sagte Honoria. »Ich dacht', 'r spräche so, als ob er nicht bei Sinnen wär'. Ja, er sagt' auch, er meint', er sey ganz allein, Mutter-Seelen allein, als er die Worte gesproch'n hätte. Ach, ja! Herr Junker, sag' ich, das glaub' ich auch. – Ja, gewiß, Mansell Honoria, sagt ähr, – Aberst, ich bitt' 'R Gnad'n um Verzeihung; ich könnt' mir die Zung' aus'm Hals reissen, wenn 'ch mein Frölen böse machte.« – »Fahre Sie nur fort,« sagte Sophie: »Sie kann alles erzählen, was Sie nicht schon bereits gesagt hat.« – »Ja, gewiß, Mansell [175] Honoria, sagt' er, (dies war ein Zeitlang hernach, als er mir die Krone gegeben hatte) ich bin wed'r ein solcher Hasenfuß noch ein solcher Schelm, daß 'ch in ein'r andern Rückensicht auf sie denken sollt', als an mein' Göttin; nur, als mein' Göttin will 'ch sie anbäten und verehren, so lang' ich Athen habe. – Das war's all, 'R Gnad'n; drauf kann ich drei aus fünfen ziehn, sonst besinn' ich mir nichts mehr: Ich ärgerte mich selbst nicht wenig, über'n, bis 'ch sah, er meint's nicht böse.« – »Nun wohl, Nore,« sagte Sophie, »ich glaube wirklich, Sie ist mir im Ernst zugethan! Ich war neulich ein wenig aufgebracht, als ich Ihr den Dienst aufsagte; wenn Sie aber Lust hat zu bleiben, so mag Sie.« – »Auf mein' Ehr, Gnädige Frölen,« sagte Honoria, »mir soll's nicht in Sinn komm'n, 'R Gnaden zu verlassen. Sicherlich, ich hab' mir fast die Aug'n aus'n Kopf geweint, als 'R Gnad'n mir aufsagt'n. Ich müßt' wohl sehr undankbarlich seyn, wenn' ich Lust hätt' 'R Gnaden zu verlassen, weil' ich, so zu sag'n, all' mein Lebstag kein'n so guten Platz wieder kriegte. Bei mein'r Ehr! Ich wollt' mit 'R Gnad'n leben und sterben – denn, wie der arme Herr Junker Jon's sagt: glücklich ist der Mann –«

Hier unterbrach die Glocke aus dem Eßsaal eine Unterredung, welche dergestalt auf Sophie gewirkt hatte, daß sie vielleicht ihrem Aderlassen des Morgens mehr zu verdanken hatte, als sie wohl damals vermutet hätte. Was ihre gegenwärtige Lage des Gemüts anbetrifft, werd ich mich an Horazens Regel halten und es nicht unternehmen, sie zu beschreiben, weil ich verzweifle, daß es mir gelingen möchte. Die meisten von meinen Lesern werden sich solche selbst leicht denken können, und die wenigen, welche dazu nicht im stande sind, würden das Gemälde nicht verstehen, oder wenigstens leugnen, daß es natürlich wäre, es möchte übrigens noch so richtig getroffen sein.

Fünftes Buch

Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Ueber die ernsthafte Schreibart und zu welchem Endzwecke solche eingeführt worden.


Es kann sich leicht ereignen, daß keine Teile dieses stupenden Werkes dem Leser, beim Studieren desselben, weniger Vergnügen gewähren, als gerade diejenigen, welche seinem Verfasser in der Ausarbeitung die größeste Mühe gekostet haben. Hierunter mögen wahrscheinlicherweise diese Einleitungsversuche gerechnet werden, welche wir den in jedem Buche enthaltenen Geschichtsmaterien vorangesetzt haben, und welche, nach unsrer Entscheidung, dieser Art von schriftstellerischen Werken, der wir uns selbst an die Spitze gestellt haben, wesentlich notwendig sind.

Von dieser unsrer Entscheidung irgend eine Ursache anzuführen, halten wir uns eben nicht verbunden; da es mehr als hinlänglich ist, daß wir es als eine, bei allen prosaisch-komisch-epischen Schriften notwendige Regel festgesetzt haben. Wer hat jemals nach den Ursachen jener genauen Einheit der Zeit und des Orts gefragt, welche jetzt in der dramatischen Dichtkunst für so wesentlich nötig angenommen wird? Welchen Kunstrichter hat man jemals befragt, warum ein Schauspiel nicht ebenso gut die Dauer von zwei Tagen als von einem umfassen könne? Oder warum das Auditorium (vorausgesetzt, daß es, wie die Domherren in ihren Stiftern, auf Landesunkosten reise) nicht ebensowohl fünfzig, als fünf Meilen von dannen entrückt werden dürfe? Hat irgend ein Kommentator wichtige Ursachen für die Grenzen aufgefunden, welche ein alter Kritikus dem Drama gesetzt hat, vermöge welcher solches aus nicht mehr oder weniger als fünf Akten bestehen soll? Oder hat irgend einer von unsern jetzt lebenden Kritikern es zu erklären versucht, was die modernen Richter unsrer Theater mit dem Worte Niedrig für eine Meinung verknüpfen? Wodurch es ihnen unterdessen glücklicherweise gelungen ist, alle wahre Laune von der Bühne zu verdrängen und das Schauspielhaus zu einem ebenso langweiligen Orte zu machen, als eine fürstliche Antichambre! Bei all dergleichen Gelegenheiten scheint die Welt eine Maxime aus der Jurisprudenz angenommen zu haben, welche heißt: Cuicunque in arte sua perito credendum est. Denn es scheint vielleicht schwer zu begreifen, [177] daß irgend ein Mensch Unverschämtheit genug hätte haben können, in irgend einer Kunst oder Wissenschaft ohne allen Grund dogmatische Regeln festzusetzen. In solchen Fällen sind wir also geneigt, zu schließen, daß dennoch wohl gute und triftige Ursachen vorhanden sein mögen, ob wir gleich unglücklicherweise nicht fähig sind, so tief zu sehen.

Nun hat wirklich die Welt den Kunstrichtern ein zu großes Kompliment gemacht und hat sie für Männer von weit gründlicherer Gelehrsamkeit geachtet, als sie eigentlich sind. Durch diese nachgebende Gefälligkeit sind die Kritiker so kühn geworden, sich eine diktatorische Gewalt anzumaßen, und es ist ihnen so weit gelungen, daß sie jetzt Herren und Meister geworden sind und die Dreistigkeit besitzen, eben den Autoren Gesetze vorzuschreiben, von deren Vorgängern sie solche ursprünglich empfangen haben.

Der Kunstrichter, aus dem wahren Standpunkt betrachtet, ist weiter nichts als ein Protokollist, dessen Amt darin besteht, die Regeln und Gesetze abzuschreiben, welche von jenen hohen Richtern gegeben worden, deren große Kraft des Genies sie zu dem Ansehen von Gesetzgebern in den verschiedenen Künsten und Wissenschaften, denen sie vorstehen, erhoben hat. Dieses Amt war alles, wornach die Kunstrichter unter den Alten trachteten, und niemals wagten sie es, mit einem Ausspruch hervorzutreten, ohne ihn mit der Autorität des Richters, von dem er entliehen war, zu unterstützen.

Im Fortgange der Zeit aber und in den finstern Jahrhunderten der Unwissenheit, begann der Protokollist, sich die Macht und die Würde seines Vorgesetzten anzumaßen. Die Gesetze der Schriftsteller waren nicht länger auf die Gebräuche der Autoren gegründet, sondern auf die Vorschriften der Kritiker. Der Gerichtsschreiber ward Legislator, und nun gaben solche Menschen aus eigener Macht und Gewalt Gesetze und Vorschriften, deren Geschäft anfangs in nichts anderem bestand, als sie auf- und abzuschreiben.

Hieraus entstand ein auffallender und vielleicht unvermeidlicher Irrtum: denn da diese Kritiker Männer von sehr flachen Fähigkeiten waren, so verwechselten sie sehr leicht die bloße Form mit der Wesenheit der Sache. Sie handelten so, wie ein Richter thun würde, der sich an den toten Buchstaben der Gesetze hielte und den lebendigen Geist verwürfe. Kleine Umstände, welche bei einem großen Autor vielleicht bloß zufällig waren, wurden von diesen Kritikern als Dinge betrachtet, die sein Hauptverdienst ausmachten, und von ihnen allen seinen Nachfolgern als wesentliche Erfordernisse vorgeschrieben. Diesen dreisten Anmaßungen gaben Zeit und Unwissenheit, die beiden großen Säulen aller Täuschung, I et B, von deren etwas beschädigtem Symbol es noch jetzt heißt: adhuc [178] stat, eine gewisse Sanktion; und solchergestalt sind man che Regeln für die echte Schriftstellerei aufgekommen, welche nicht den geringsten Grund in der Wahrheit und Natur haben und welche gemeiniglich zu weiter nichts dienen, als das Genie einzuschnüren und zu fesseln. Ebenso wie es dem Tanzmeister ergangen sein würde, wenn es die verschiedenen vortrefflichen Abhandlungen über diese Kunst als eine wesentliche Regel festgesetzt hätten, daß jedermann in Fesseln geschlossen tanzen müsse.

Um also die Anschuldigung zu vermeiden, als hätten wir eine Regel für die Nachkommenschaft festgesetzt, die sich bloß auf das Ansehen eines ipse dixit gründe, für welches wir die Wahrheit zu sagen eben nicht die tiefste Ehrerbietung hegen: so wollen wir uns hier des Vorrechts entäußern, für welches wir oben gerungen haben, und dazu schreiten, dem Leser die Gründe vorzulegen, welche uns bewogen haben, die verschiedenen Bei- und Nebenversuche in den Fortgang dieses Werkes einzuweben.

Und hier wird uns die Notwendigkeit dahin bringen, eine neue Bergader der Wissenschaften einzuschlagen, welche, wenn sie auch bereits entdeckt worden, doch bis jetzt, so viel wir uns erinnern, von keinem, weder alten noch neuern Schriftsteller zur Gewerkschaft gebracht worden ist. Diese Ader oder Flötze ist keine andere, als die Schichte von Kontrast, welche unter allen Werken der Schöpfung hindurchstreicht und wahrscheinlicherweise viel dazu beitragen mag, unsre Begriffe von allem, was Schönheit heißt, sowohl in den Werken der Natur als der Kunst, näher zu bestimmen: denn, was gibt wohl eine anschaulichere Erkenntnis vom Schönen und Vortrefflichen, als eben ihr Gegensatz? Daher wird die Schönheit des Tages und die Schönheit des Sommers durch das Grausen der Nacht und des Winters gehoben. Und ich glaube, wenn es möglich wäre, daß ein Mensch nur die beiden ersten gesehen hätte, er nur einen sehr unvollkommenen Begriff von ihrer Schönheit haben würde. Doch, um ein gar zu ernsthaftes Ansehen zu vermeiden, kann man zweifeln, daß das schönste Frauenzimmer von der Welt alle Vorteile ihrer Reize in den Augen eines Mannes verlieren würde, der niemals ein Frauenzimmer von schlechterem Schlage gesehen hätte? Dies scheinen auch die Damen selbst so richtig zu fühlen, daß sie sehr geschäftig sind, ihren Reizen allerlei Arten von Folie unterzulegen; ja, sie machen sich zuweilen selbst zu ihrer eignen Folie; denn ich habe bemerkt (besonders bei Gesundbrunnen und Bädern), daß sie sich alle Mühe geben, des Vormittags so häßlich als möglich zu erscheinen, um die Schönheit, welche sie des Abends der Gesellschaft zu zeigen willens sind, desto mehr herauszuheben.

[179] Die meisten Künstler wenden dies Geheimnis bei ihren Werken an, ob sie gleich die Theorie davon nicht alle sonderlich studiert haben mögen. Der Juwelier weiß, daß der feinste Brillant eine Folie verlangt, und der Maler erwirbt sich oft durch Kontrastierung seiner Figuren einen großen Beifall. Ein unter uns lebendes großes Genie wird diese Sache in ihr völliges Licht setzen. Ich kann diesem Manne freilich in keiner Klasse von gewöhnlichen Artisten seinen Rang anweisen, weil er ein Recht hat, einen Platz unter jenen zu behaupten, d.i.:


Inventas qui vitam excoluere per artes.


Welche durch erfundene Künste das Leben verschönern.


Ich meine hier den Erfinder der höchstvortrefflichen Belustigung, genannt: Nikolinische Pantomimen.

Dieses Schau- und Lustspiel besteht aus zwei Teilen, welche der Erfinder durch die Benennung Serioso und Comico unterscheidet. Der Serioso, oder Ernsthafte, brachte eine gewisse Anzahl von heidnischen Göttern und Helden auf den Schauplatz, welche die elendeste und langweiligste Gesellschaft ausmachten, in welche nur jemals ein Auditorium versetzt worden ist und (aber das war ein Geheimnis, um welches nur wenige wußten) ausdrücklich dazu bestimmt war, dieParticomica, oder den komischen Teil des Lustspiels, zu kontrastieren und die lustigen Streiche des Harlekins um so willkommener zu machen.

Dies hieß nun vielleicht mit so hohen Personagen nicht gar zu höflich umgehen. Aber der Kunstgriff war indessen doch schlau genug ersonnen und that seine Wirkung. Und dies wird noch deutlicher erhellen, wenn wir, anstatt ernsthaft und komisch die Worte langweilig und langweilig setzen: denn, das Komische war gewiß langweiliger als alles, was man bisher auf dem Theater gesehen hatte, und konnte nur von dem übermäßigen Grade von Langeweile, welcher durch das Ernsthafte herrschte, in etwas beleuchtet werden. So unerträglich ernsthaft waren in der That diese Götter und Helden, daß Arlechino (obgleich der deutsche Herr von etwas ähnlicher Tracht und etwas ähnlicherem Zauberschwerte keineswegs mit der italienischen oder französischen Familie verwandt ist, denn er führt mehr Ruhe und Stätigkeit in seinem Temperamente) auf der Bühne allemal willkommen war, weil er das Auditorium von noch schlechterer Gesellschaft erlöste.

Einsichtsvolle Schriftsteller haben sich beständig dieser Kunst des Kontrapostierens mit großem Erfolge bedient. Es hat mich gewundert, daß Horaz über diese Kunst beim Homer sein Mißfallen [180] bezeigt. Doch in der That widerspricht er sich selbst gleich in der nächsten Zeile:


Indignor, quandoque bonus dormitat Homerus;
Verum operi longo fas est obrepere somnum.
Leid ist mir's, doch der treffliche Homer
Nickt auch zuweilen; aber, daß der Schlaf
Bei solchem langen Werk uns überschleiche,
Ist in der Ordnung –

Denn wir müssen das hier nicht so verstehen, wie es vielleicht einige verstanden haben, daß ein Autor wirklich einschlafe, derweil er sein Werk schreibt. Den Leser kann freilich so etwas leicht überfallen; wäre aber das Werk so lang, als irgend die längste Postille, so ist der Autor doch dabei viel zu behaglich beschäftigt, als daß ihn die geringste Schläfrigkeit anwandeln sollte. Er ist nach Popens Bemerkung


Sleepless himself to give his readers Sleep.


Schlaflos er selbst, um seinen Lesern Schlaf zu schaffen.


Die reine Wahrheit zu sagen, so sind diese schlafeinladenden Stellen so viele künstlich eingeschobene ernsthafte Szenen, um die übrigen zu kontrastieren und lebendiger zu machen: und dies ist die wahre Meinung eines jüngstverstorbenen witzigen Schriftstellers, welcher dem Publikum sagte: es könne sich darauf verlassen, es stecke allemal eine Absicht dahinter, wenn er Langeweile mache.

In diesem Lichte also, oder vielmehr in diesem dunkeln Schatten wünsche ich, daß der Leser diese Einleitungsversuche betrachten möge. Und wenn er, nach dieser Warnung immer noch der Meinung bleibt, daß er in andern Teilen dieser Geschichte genug Ernsthaftes finden könne, so mag er diese überschlagen, in welchen wir eingestandnermaßen langweilig sind, und geflissentlich die folgenden Bücher nur gleich beim zweiten Kapitel anfangen.

Zweites Kapitel
Zweites Kapitel.

In welchem Tom Jones, während der Zeit, daß er das Zimmer hütete, manchen freundschaftlichen Besuch erhält; nebst einigen feinen Tuschen im Gemälde der Leidenschaft der Liebe, welche unbewaffneten Augen kaum sichtbar sein möchten.


Tom Jones empfing, während er das Bett und Zimmer hütete, manchen Besuch, ob ihm gleich einige davon nicht gar angenehm [181] sein mochten. Herr Alwerth besuchte ihn fast täglich; allein, so viel Mitleiden er mit Toms Schmerzen hatte und so sehr er das wackere Betragen, wodurch er sich solche zugezogen, billigte, so dachte er dennoch, dies sei eine günstige Gelegenheit, ihn zu kalten Ueberlegungen seiner vorherigen unbesonnenen Aufführung zu bringen; daß also auf diesen Endzweck zielender heilsamer Rat zu keiner bequemern Zeit angebracht werden könne, als eben zu dieser, wo das Gemüt durch Schmerzen und Krankheit erweicht und durch Gefahr geängstet und seine Aufmerksamkeit nicht durch jene aufrührerischen Leidenschaften umnebelt wäre, welche den Menschen treiben, seinen Vergnügungen nachzujagen.

Zur Zeit, oder zur Unzeit also (wie ein gewisser erhabener Schriftsteller dazu anzumahnen scheint), wenn der gute Mann mit dem Jünglinge allein war, besonders wenn der letztre sich völlig in Ruhe befand, nahm er Gelegenheit ihn an seine vormaligen Fehltritte zu erinnern; aber auf die sanfteste und zärtlichste Weise, und bloß, um seinen Warnungen auf die Zukunft, die er ihm so väterlich erteilte, Eingang zu verschaffen. Von welcher zukünftigen Aufführung allein, wie er ihn versicherte, seine eigne Glückseligkeit und die Güte abhängen würde, welche er noch von seinem Pflegevater zu erhalten sich versprechen dürfe, wofern er sich in Zukunft dessen guter Meinung nicht ganz und gar verlustig machte. Denn, was das Vergangne anbeträfe, sagt' er, so sollte das völlig vergessen und vergeben sein. Deswegen also riet er ihm, von dem gegenwärtigen Zufalle den besten Gebrauch zu machen, damit solcher, als eine Heimsuchung, zu seinem eigenen Besten ausschlagen möge.

Schwöger war gleichfalls nicht zu saumselig in seinen Besuchen und auch er betrachtete ein Krankenlager als einen schicklichen Ort zu Bußpredigten. Sein Stil war indessen etwas eindringlicher und bitterer, als der Stil des Herrn Alwerth. Er schärfte seinem Zöglinge ein: er müsse sein zerbrochnes Glied als eine Züchtigung des Höchsten, wegen seiner Missethat ansehen: deshalben würde es seine Pflicht sein, sich täglich auf seine Kniee zu werfen und dem Himmel zu danken, daß er nur seinen Arm und nicht den Hals gebrochen habe, welches letztre, wie er sagte, sehr wahrscheinlicherweise auf eine künftige und nicht weit entfernte Gelegenheit verschoben sein möchte. Er für sein Teil, sagt' er, habe sich oft gewundert, daß ihn nicht schon längst ein Zorngericht des Himmels betroffen habe; allein aus dem Gegenwärtigen könne man schon ersehen, daß Gottes Rache zwar langsam aber doch gewiß den Sünder erreiche. Daher warnte er ihn dann gleichfalls mit eben solcher Gewißheit, die weit größern Uebel zu erwarten, welche ihm noch bevorstünden und die [182] ihn ebenso sicher, wie ein Dieb in der Nacht, in seinem unbekehrten Zustande überraschen würden. »Diese können nur,« sagt' er, »durch eine so völlige und aufrichtige Reue und Buße abgewendet werden, welche man von einem so gottvergessenen Jüngling weder erwarten, noch hoffen kann, dessen Herz, wie ich fürchte, völlig verderbt ist. Meine Pflicht indessen ist, Sie zur Buße und Besserung zu ermahnen, ob ich gleich nur zu sehr überzeugt bin, daß alles Vermahnen vergebens und fruchtlos sein wird. Aber meinetwegen! Liberavi animam meam. Ich kann mir in meinem Gewissen keine Versäumnis Schuld geben, ob ich gleich dabei mit innigster Bedauernis sehe, wie Sie dahin fahren, zu gewissem Verderben in dieser Welt und zur ebenso gewissen Verdammnis in jener Ewigkeit.«

Quadrat sprach aus einem ganz andern Tone. Er sagte: »Solche Zufälligkeiten, wie ein gebrochener Knochen, wären nicht wert, daß ein weiser Mann darauf achte. Es sei überflüssig hinreichend, um die Seele bei allen solchen Widerwärtigkeiten im Gleichgewichte zu erhalten, daß man wisse, wie sie auch die Weisesten unter den Menschenkindern befallen können, und daß solche ganz unbezweifelt zum Besten des Ganzen gereichen.« Er sagt: »es sei ein bloßer Mißbrauch der Worte, diese Dinge Uebel zu nennen, in welchen kein moralischer Widerspruch liege. Schmerz, das Aergste was aus solchen Zufällen entstehen könne, wäre die allerverächtlichste Kleinigkeit von der Welt,« – mit mehr dergleichen Sentenzen, entlehnt aus dem zweiten Buche von Ciceros tusculanischen Fragen, oder aus den Schriften des großen Lords Shaftesbury. Er war eines Tages so emsig, dergleichen Sentenzen herzusagen, daß er sich unglücklicherweise darüber auf die Zunge biß und zwar dergestalt, daß es nicht nur seiner Rede ein Ende machte, sondern ihn auch in heftige Bewegung setzte und ihn ein oder ein paar Flüche ausstoßen ließ. Was aber dabei das schlimmste war, so gab dieser Zufall dem Schwöger, der sich gegenwärtig befand und welcher alle solche Lehren für heidnisch und atheistisch hielt, Veranlassung, ihm ein Gottesurteil auf die Schultern zu heften. Nun geschah dies dazu noch mit einem so boshaften Himmelsblick, daß es die ganze Fassung des Philosophen, wenn ich so sagen darf, aus Thür' und Angeln hob, da sie der Biß auf die Zunge ohnedem schon ein wenig zum Wackeln gebracht hatte. Und weil er außer stand gesetzt war, seinen Aerger durch die Lippen auszulassen, so hätte er vielleicht gewaltsamere Wege gefunden, sich zu rächen, hätte sich nicht der Wundarzt, der zum Glück eben im Zimmer war, seinem eignen Vorteil zuwider dazwischen gelegt und den Frieden erhalten.

Herr Blifil besuchte seinen Freund Tom nur selten und niemals [183] allein. Dieser würdige junge Mann bezeigte indessen viele Achtung für ihn und ein herzliches Mitleiden mit seinem Unglücke, vermied aber mit vieler Behutsamkeit allen vertrauten Umgang, damit, wie er sich öfter merken ließ, solches seinem eigenen unbescholtenen Charakter keinen Makel anhängen möchte, des Endes er dann auch beständig das salomonische Sprichwort im Munde führte, welches gegen böse Gesellschaft gerichtet ist. Nicht, daß er ebenso bitter gewesen wäre als Schwöger, denn er äußerte immer noch eine schwache Hoffnung zu Jones' Bekehrung, welche, wie er sagte, die beispiellose Güte, die sein Onkel bei dieser Gelegenheit bewiesen habe, bei einem nicht ganz und gar verstockten Menschen bewirken müsse. »Aber,« schloß er dann, »wenn mein Freund Tom hernach von neuem ausschweift, so werd' ich nicht im stande sein, eine einzige Silbe zu seinem Besten zu sagen.«

Anlangend Junker Western, so entfernte der sich selten aus der Krankenstube, es sei denn, daß er gegen das Wild zu Felde zog oder sein Wesen mit der Weinflasche trieb. Ja, er begab sich zuweilen hierher, um sein Oktoberbier zu trinken, und es kostete Mühe, ihn abzuhalten, daß er den Jones nicht zwänge, ebenfalls von seinem Bier zu zechen: denn kein Marktschreier gab jemals seine Astralpulver für eine so allgemeine Panacee aus, als er sein Bier, welches, wie er sagte, mehr Kraft enthielt als alle Arzneien in einer großen Apotheke zusammengenommen. Er ward indessen durch vieles Bitten vermocht, sich des Eingebens dieser Medizin zu enthalten; davon aber, dem Patienten alle Morgen unter seinem Fenster ein Ständchen mit dem Jagdhorn zu machen: davon ihn abzuhalten, das war eine platte Unmöglichkeit. Auch unterließ er niemals sein Holloh, Holloh, womit er in jede Gesellschaft trat, wenn er Tom besuchte, ohne sich im geringsten darum zu bekümmern, ob der Kranke eben wachte oder schliefe.

Da er bei diesem unbesonnenen Betragen nichts Böses im Schilde führte, zog es auch zum Glück nichts Böses nach sich und ward dem Kranken, sobald er wieder außer dem Bette aufsitzen konnte, durch die Gesellschaft der Sophie wieder reichlich gut gemacht, welche alsdann der Junker zum Besuch mitbrachte. Auch währte es in der That nicht lange, bis Jones so weit kam, daß er sich, wenn sie auf'm Klavier spielte, hinsetzen und zuhören konnte, wo sie dann die liebreiche Gefälligkeit hatte, ihn ganze Stunden lang durch die seelenvollste Musik seine Schmerzen vergessen zu machen, wenn es eben dem Junker, ihrem Vater, nicht einfiel, sie zu unterbrechen, und auf seinem »stürmt, reißt und rast« oder sonst einem von seinen Leibstückchen zu bestehen.

Ungeachtet der genauesten Wachsamkeit, welche Sophie sich bestrebte [184] über ihr Betragen zu halten, konnte sie es doch nicht hindern, daß ihr nicht zuweilen ein bedeutender Blick oder eine verräterische Gebärde entwischt wäre: denn die Liebe kann auch hier abermals darin mit einer Krankheit verglichen werden, daß, wenn man ihr an einem Teile des Körpers den Ausbruch verrennt, sie ganz gewiß an einem andern ausbricht. Das also, was ihre Lippen verhehlten, das verrieten ihre Augen, das Erröten ihrer Wangen, und manche andre unfreiwillige Bewegungen.

Eines Tages, als Sophie an ihrem Instrumente saß und spielte und Jones aufmerksam zuhörte, kam der Junker ins Zimmer und schrie: »Da, Tom', da hab' ich da unten mit'n feisten Pfaffen, Schwög'r, deint'wegen ein' rechte Hatz geha't. – Da sagt 'r dir'n Alwerth, vor mein'n sichtlich'n Antlitz, der Armbruch wär'n Strafgericht vom Himmel. – Den Hagel auch! sag' ich, wie sollt' das zugehn? Kam 'r nicht dazu, als er eb'n 'en jung Mädchen rettete? Strafgericht, Strafgericht! auf dein'n eigen Dickkopf! Wenn 'r in sein'm Leben nichts Aergers thut: so kommt 'r eh'r in Himmel, als alle Pfaffen d's Landes. Er hat mehr Recht, sich der That zu rühm'n, als sich ihr ze schämen; das sagt' ich 'm.«

»In der That, lieber Herr Western,« sagte Jones, »ich habe zu beidem keine Ursach; wenn aber Ihr Fräulein Tochter dadurch gerettet worden, so werde ich's für den glücklichsten Zufall meines Lebens halten.« – »Und doch wollt' dir,« sagte der Junker, »der Schwöger da beim Alwerth die Flinte wegsprechen! Alle Hagel! hätt' der Pfaff nur nicht sein heilig Ding angehabt, 'ch hätt'n dir geprellt, wie 'n Fux, denn 'ch hab' dich erschrecklich lieb, Junge! und hol' mich der Velten, wenn 'ch nur's geringste in meiner Gewalt habe, daß ich dir nicht gern' zu G'fallen thun wollt'. Sollst dir morgen früh am Tage unt'r all mein'n Ross'n im Stall aussuch'n, was du vor ein's willst; nur nicht den Schevallie und die Murrpas, die nehm' ich aus!« Jones dankte ihm, lehnte aber das Anerbieten ab. – »Näh sieh! sollst die Schimmelstute hab'n, die Sophie ritt. 'S kost't mir meine bare fufzig Guineen, und wird nächste Graszeit sechs Jahr.« – »Und hätte sie mir tausend gekostet,« rief Jones ärgerlich, »ich hätte sie schon für die Hunde geschickt.« – »Puh! puh!« antwortete Western, »weil 's dir den Arm zweischlug! Sollt'st vergessen und vergeben. Hätt' gedacht wärst mehr Manns gewesen, als ein'n Stummvieh was nachzutragen!« – Hier mengte sich Sophie drein und machte dem Gespräch dadurch ein Ende, daß sie ihren Vater um Erlaubnis bat, ihm eins vorzuspielen. Eine Bitte, die er niemals abschlug.

Sophiens Gesichtsfarbe hatte während des vorigen Gespräches mehr denn eine Veränderung erlitten und wahrscheinlicherweise erklärte [185] sie den Eifer, womit Jones gegen die Schimmelstute gesprochen hatte, aus einem ganz andern Grunde, als ihr Vater ihn genommen hatte. Ihr Blut war jetzt in sichtlicher Wallung und sie spiele so unerträglich falsch, daß Western selbst es gemerkt haben müßte, wenn er nicht bald in seinen gewöhnlichen Schlaf gefallen wäre. Jones hingegen, der an nichts weniger dachte, als Schlaf, und dabei ebenso gute Ohren als Augen hatte, machte einige Bemerkungen, welche dann zusammengenommen mit alle dem, was vorher, wie sich der Leser erinnern wird, vorgegangen war, ihm ziemlich starke Versicherung gab, wenn er das Ganze wieder überdachte, daß es mit Sophiens zartem Herzen ein wenig kränkelte. Und mancher junge Herr wird sich ohne Zweifel außerordentlich wundern, daß er in dieser Meinung nicht vorlängst schon ganz fest bestätigt gewesen sei. Aber er hatte, die Wahrheit zu sagen, fast zu viel Mißtrauen in sich selbst und war nicht voreilig genug das Annähern eines jungen Frauenzimmers zu sehen, ein Unglück, welchem nur durch eine frühe Stadterziehung, dergleichen jetzt so durchgängig Mode wird, vorgebeugt werden kann.

Als diese Gedanken sich des Jones völlig bemeistert hatten, erregten sie eine solche Verwirrung in seinem Gemüte, daß es, bei wenig reinern und festern Grundsätzen, als den seinigen, und in einem solchen Alter, von sehr gefährlichen Folgen hätte werden können. Er fühlte wirklich Sophiens großen Wert. Er hatte ihre Person außerordentlich lieb, bewunderte nicht wenig ihre Vollkommenheiten und war von ihrer Güte aufs zärtlichste gerührt. In der That, weil er sich noch nie hatte einen Gedanken beigehen lassen, sie zu besitzen, oder seiner Neigung nur im geringsten mit seinem freien Willen geschmeichelt oder Raum gegeben hatte, so war seine Leidenschaft für sie weit stärker, als er sich es selbst bewußt war. Sein Herz entfaltete ihm nun das ganze Geheimnis zu eben der Zeit, da es ihn versicherte, der verehrungswürdigste Gegenstand erwidere seine Liebe.

Drittes Kapitel
Drittes Kapitel.

Welches nach der Meinung aller derer, die kein Herz haben, viel Geschrei und wenig Wolle enthalten wird.


Der Leser mag sich vielleicht einbilden, daß die Empfindungen, welche sich in Jones regten, so süß und angenehm gewesen, daß solche vielmehr eine große Heiterkeit der Seele, als irgend eine von den vorhin erwähnten gefährlichen Wirkungen hervorbringen[186] müssen. Aber der Thatsache nach sind die Gefühle von dieser Art, was für ein Entzücken sie auch gewähren mögen, bei ihrer ersten Entdeckung, von sehr tumultuarischer Natur und führen sehr wenig Beruhigendes bei sich. Sie waren überdem noch, im gegenwärtigen Falle, durch gewisse Umstände verbittert, welche vermischt mit süßern Ingredienzien auf eine Mixtur hinausliefen, die man wohl Bitter-Süß nennen könnte und, so wie dem Gaumen nichts unangenehmer sein kann als solch ein Gemisch, so kann auch im metaphorischen Sinne dem Gemüte nichts Widerwärtigeres ersonnen werden.

Denn zuerst: ob er gleich hinlänglichen Grund hatte, sich mit dem, was er an Sophie bemerkt hatte, zu schmeicheln, so war er doch nicht frei von Zweifeln, ob er nicht bloßes Mitleiden oder allenfalls auch Hochachtung für eine wärmere Empfindung auslegte. Er war weit entfernt von dem zuversichtlichen Vertrauen, daß Sophie eine solche Zuneigung zu ihm trüge, welche, wenn sie genährt und gepflegt würde, zu der Höhe hinanwachsen müsse, welche erforderlich war, um seiner Liebe eine reife Ernte zu versprechen. Wenn überdem er auch hoffen konnte, daß von seiten der Tochter seinem Glück kein Hindernis in den Weg gelegt werden möchte: so hielt er sich doch versichert, daß er abseiten des Vaters sehr wesentliche finden würde, welcher, obgleich in seinem Zeitvertreibe ein Landjunker, in demjenigen aber, was sein Vermögen anbetraf, ein vollkommner Weltmann war, die heftigste Zärtlichkeit für seine Tochter hegte und dabei öfters bei seiner Flasche erklärt hatte, was für ein Vergnügen er sich davon verspräche, seine Tochter eines Tages an den reichsten Mann des Landes verheiratet zu sehen. Jones war kein so eitler einfältiger Hasenfuß, sich einzubilden, der Junker werde, aus immer was für Gewogenheit, die er für ihn zu hegen erklärt hatte, sich dahin bewegen lassen, diese hohen Absichten mit seiner Tochter fahren zu lassen. Er wußte recht gut, daß Vermögen und Reichtum gewöhnlichermaßen wo nicht das einzige, doch die Hauptsache sind, welche bei solcher Gelegenheit von den Eltern in Betrachtung gezogen zu werden pflegen: denn die Freundschaft läßt uns zwar an dem Interesse andrer warmen Anteil nehmen, sie bleibt aber sehr kalt, wenn es auf die Befriedigung ihrer Leidenschaften ankommt. In der That, um die Glückseligkeit zu fühlen, welche hieraus entspringt, ist es nötig, daß man die Leidenschaft selbst besitze. Da er sonach keine Hoffnung hatte, ihres Vaters Einwilligung zu erhalten, so dachte er: zu versuchen, seinen Wunsch ohne dieselbe durchzusetzen, und dadurch Herrn Western um die größeste Glückseligkeit seines Lebens zu bringen, wäre ein sehr schlechter Gebrauch, den er von seiner Gastfreundschaft machte, und eine sehr undankbare Vergeltung mancher kleinen Gunstbezeigung, [187] die er (obgleich plumper Weise) von seiner Hand empfangen hatte. Wenn er eine solche Folgerung mit Abscheu und Verachtung verwarf, um wie viel mehr empörte sich seine Seele, wenn er auf das Rücksicht nahm, was Herrn Alwerth betraf, für den er ebensowohl mehr als kindlichen Gehorsam hegte, wie er mehr als väterliche Wohlthaten von ihm genossen hatte. Er wußte, dieser gute Mann habe von Natur einen solchen Abscheu vor jeder Niederträchtigkeit und Bubenlist, daß der geringste Versuch von dieser Art die schuldige Person in seinen Augen auf ewig verhaßt und den Namen eines solchen Menschen zum abscheulichsten Klange für seine Ohren machen würde. Der Anblick solcher unübersteiglichen Hindernisse wäre hinlänglich gewesen, ihm alle Hoffnung zu benehmen, so heftig auch seine Wünsche gewesen sein möchten; aber auch selbst diese wurden vom Mitleiden gegen ein andres Frauenzimmer gezügelt. Jetzt drängte sich das Bild der lieblichen Molly vor seine Gedanken. Er hatte ihr in ihren Armen eine ewige Beständigkeit geschworen und sie hatte ihm ebenso oft beteuert, es nicht zu überleben, wenn er sie verlassen sollte. Er sah sie da vor sich in allen den schrecklichen Stellungen einer mit dem Tode Ringenden; ja noch mehr, er stellte sich alles Elend des schändlichen Lebens vor, in welches sie verfallen würde und wozu er die zweifache Veranlassung gegeben hätte; einmal, daß er sie verführt, und zweitens, daß er sie verlassen hätte: denn er kannte den Haß sehr gut, womit ihre Nachbarinnen, selbst ihre eigenen Schwestern sie haßten, und wie bereit sie alle sein würden, sie in die Pfanne zu hauen. In der That hatte er sie mehr dem Neide als der Schande bloßgestellt, oder vielmehr der letzten nur vermittelst des erstern. Denn manches Weibsbild verlästerte sie wegen Hurerei, unterdessen sie ihr ihren Buhlen und ihren Putz herzlich mißgönnte und beides gerne um eben den Preis erkauft hätte. Der Untergang dieses armen Mädchens mußte also, wie er voraussah, unvermeidlich erfolgen, wenn er sie sitzen ließe, und dieser Gedanke durchbohrte ihm die Seele. Armut und Not gab ihm nach seiner Meinung kein Recht, diese Widerwärtigkeit noch drückender zu machen. Die Niedrigkeit ihres Standes ließ ihn ihre Not nicht als unbedeutend betrachten, auch deuchte ihm nicht, daß solche sein Verschulden, wodurch er sie in diese Not gebracht, rechtfertige oder auch nur vermindere. Aber, was sage ich von rechtfertigen! Sein eigenes Herz gab nicht zu, daß er ein menschliches Geschöpf zu Grunde richte, von dem er dachte, es liebe ihn und habe dieser Liebe ihre Unschuld aufgeopfert. Sein eigenes gutes Herz war ihr Fürsprecher; nicht wie ein kalter Zungendrescher für die Gebühr, sondern wie ein redlicher Sachwalter, welcher warmen Anteil am Ausgang der Sache nimmt [188] und den Jammer lebhaft fühlt, unter welchem seine Partei erliegt.

Als dieser erfahrne Advokat bei Jones dadurch Mitleiden genug erregt, da er ihm die arme Molly in allen Umständen des Jammers vorgemalt hatte, rief er sehr listig eine andre Leidenschaft zur Hilfe herbei und stellte die Dirne dar in allen lieblichen Farben der Jugend, Gesundheit und Schönheit und als einen wünschenswerten Gegenstand der Begierden, und das um so mehr, wenigstens für ein gutes Gemüt, weil sie zu gleicher Zeit ein Gegenstand des Mitleids war.

Unter diesen Gedanken brachte der arme Jones eine lange schlaflose Nacht zu und des Morgens fiel das Resultat von allen dahin aus, daß er bei seiner Molly bleiben und nicht weiter an Sophie denken wolle.

In dieser tugendhaften Entschließung beharrte er den ganzen folgenden Tag bis zum Abend, indem er der Idee von Molly liebkoste und die von Sophie aus seinen Gedanken verbannte; allein an dem fatalen Abend machte ein an sich geringer Zufall seine ganze Leidenschaft wieder flott und bewirkte eine so gänzliche Veränderung in seiner Seele, daß wir es für wohlanständig erachteten, solchen in einem frischen Kapital mitzuteilen.

Viertes Kapitel
Viertes Kapitel.

Ein kleines Kapitel, worin ein kleiner Zufall erzählt wird.


Unter manch andern Besuchen der Freunde, die dem jungen Manne in seiner Einsamkeit ihre Höflichkeit bezeigten, war auch Jungfer Honoria. Der Leser, wenn er einige Ausdrücke in Erwägung zieht, welche ihr vorhin entfielen, mag vielleicht meinen, sie habe selbst eine persönliche Neigung für Herrn Jones unterhalten, im Ernste aber, daran war nichts. Tom war ein wohlgebildeter junger Bursche und Jungfer Honoria hatte so einiges Gefallen an solchem Schlage von Mannspersonen, aber das war völlig in Bausch und Bogen, ohne alle Aussonderung. Denn nachdem es ihr einmal mit einer Liebesangelegenheit schief gegangen war, darein sie mit dem Lakaien eines vornehmen Herrn verwickelt worden, der sie böslicherweise verlassen, nachdem er ihr ein Eheversprechen gethan hatte, so hatte sie die zerbrochenen Reste ihres Herzens so sorgfältig bewahrt, daß seitdem keine lebendige Mannsperson vermögend gewesen war, sich nur eines einzigen Scherbens davon zu [189] bemächtigen. Sie beäugte alle wohlgemachten Mannspersonen mit der gleichschwebenden, temperierten Gefälligkeit und dem Wohlwollen, welches ein bedächtlich tugendhaftes Gemüt gegen alles Gute hat. – Man hätte sie aller dings eine Freundin der Menschenväter, wie den Sokrates einen Freund der Menschenkinder nennen können, indem sie einen dem andern wegen körperlicher, so wie er wegen geistiger Eigenschaften vorzog; aber diese Vorliebe ging bei ihr doch niemals so weit, daß sie eine Verdunkelung der philosophischen Heiterkeit ihrer Gemütsart hätte bewirken können.

Den Tag darauf, als Jones den harten Kampf mit sich selbst gekämpft hatte, welchem wir im vorigen Kapitel zugesehen hatten, kam Jungfer Honoria in sein Zimmer, und da sie ihn allein fand, redete sie ihn folgendermaßen an: »Nu, Herr Junker von Jon's, was mein's, wo 'ch gewest bin? Wett'n will 'ch, daß Sie's in hundert Jahr'n nicht raten; doch, 's hilft nichts; wenn Sie's auch rat'n thät'n, darf ich's doch nicht sag'n.« – »Je nun, wenn es etwas ist, das Sie mir nicht sagen darf,« sagte Jones, »so werde ich wohl so neugierig sein, mich zu erkundigen, und ich weiß, so barbarisch ist Sie nicht, Kind, daß Sie mir's abschlagen sollte.« – »Weiß nicht,« ruft sie, »warum ich's auch eb'n abschlag'n sollt', was die Sach' anlangt; denn, mein' Ehr' wollt' ich wohl wetten, Sie sag'ns nemand wied'r. Und, was die Sach' anlangt, – wenn Sie nicht wüßt'n, was 'ch g'macht hab', und warum, und wozu; nu! so wär 's auch noch nicht viel. Aber, was ist's denn auch? Ich seh' nicht ab, w'rum 's ein Geheimnis sein soll? Ich nicht! denn, mein'r Ehr, 's ist die beste Frölen von der Welt.« Bei diesen Worten fing Jones an, sehr ernstlich zu bitten, sie möchte ihm ihr Geheimnis anvertrauen, und versprach Ehre und Treue, es nicht weiter zu sagen. Sie fuhr also weiter fort. »Nun, Herr Junker müssen denn wissen, meine Frölen hat mich hingeschickt, nach Molly Seegrims nachzufrag'n, und zu sehn, obs Weibsstück was mangeln möcht'. – Nun, 'n Gang zur Hochzeit, kam's mir vor, war's nicht; aberst, mein'r Ehr, uns'r Ein'r muß ja leicht thun, was 'd Herrschaft hab'n will. – Aberst – Herr Junker Jones, wie konnt's sich so wegwerf'n, Herr Junker Jones? – Aberst, was wollt' ich sagen? Ja! meine Frölen, sagt' mir, ich sollt' hingehn und ihr Linn'nzeug und so Sachen hinbringen. – 'S ist gar zu gut! – Wenn so ausverschämmte Menscher nachs Spinnhaus wanderten, besser wär's für sie. Ich sagte zur gnädig'n Frölen: Gnäd'g Vrölen, sagt' ich, 'R Gnad'n stärken's in'r Hüppigkeit.« – »Ach, war meine Sophie so gütig?« sagte Jones. – »Meine Sophie! Seht doch! was mir bisse!« antwortete Honoria. »Und doch! ja freilich, wenn der Herr Junker all's wüßten. – [190] Mein'r Ehr' und Treu! Wenn ich Junker Jon's wär', ich wollte mein' Nas' ein bißchen höher tragen, als nach so 'ner Bakasche, als 're Molly Seegrims!« – »Was will Sie damit sagen: wenn ich alles wüßte?« unterbrach sie Jones. – »Ich meine, was 'ch meine,« sagte Honoria. »Wissen's noch, als Sie 'n Mal Ihre Händ' in mein Frölens Muff steckten? Mein'r Ehr, ich wär's kumpabel zu verzählen, wenn 'ch gewiß wüßt', daß mein Frölen nichts wied'r davon zu hör'n kriegte.« – Thomas that ihr hierauf vermiedene Beteurungen; und die Zofe fuhr fort: »Nun so, wie 'ch sage, mein Frölen gab mir die Muffe, und denn, hernach, als sie 'rfuhr, was Sie gethan hätt'n –« »Sie sagte ihr also, was ich gethan hatte?« fiel Jones ein. »Ja wohl, sagt' ich's, Herr Junker,« antwortete sie: »brauch'n mir drüber gar nicht bös' zu sein. Mancher Mann hätt' seinen Kopf drum gegeb'n, daß 'n's 'R Gnaden gesagt hätt', wenn 's gewußt hätt'n. – Aberst, mein'r Ehr, nun hab' ich groß Lust 's Ihnen nicht zu sag'n.« Jones legte sich aufs Bitten und erlangte bald von ihr, daß sie folgendergestalt fortfuhr: »Nun meinthalben! So müß'n 's denn wissen, daß Frölen den Muffe mich gegeb'n hatte. Aberst, ein Tag oder zwo hernach, als ich'r die Historie erzählt hatte, war 'r ihr Muffe nicht zu Danke; und doch ist's die prächtigste Muff, die'n mir sehn kann. Norchen, sagt sie, dies ist 'n dumme Muffe, 's ist mir zu weit. Ich mag's nicht tragen. Bis 'ch 'ne andre kriege, muß Sie mich die andre wiedergeben. Sie kann diese davor hinnehmen; denn 's ist 'ne liebe Frölen, die nicht bald giebt, bald nimmt, das glauben Sie nur. So, was hatt' ich zu thun? ich holt 's er wieder her, und, ich glaube, sie hat's nachhermals fast Tag und Nacht uf ihren leibhaftigen Arme, und glaub'ns mir, mein'r Ehr, Sie hat ihr'n manchen Kuß gegeb'n, wenn's kein Mensch gesehn hat.«

Hier ward das Gespräch von Herrn Western selbst unterbrochen, welcher kam, Jones zum Klavier abzurufen, wohin der arme junge Mensch, ganz blaß und zitternd, mitging. Western bemerkte es zwar, allein wie er Jungfer Honoria gewahr ward, schob er's auf eine falsche Ursach; und nachdem er dem Jones, halb im Scherz und halb im Ernste, einen derben Fluch an den Hals geworfen, sagte er, er solle hübsch ein guter Weidmannsgesell sein und sein eigenes Revier hübsch rein halten.

Sophie schien diesen Abend schöner zu sein als gewöhnlich; und wir dürfen immer glauben, es habe, in Jones' Augen, ihrer Schönheit keinen geringen Zuwachs gegeben, daß sie nun eben gerade den Muff an ihrem rechten Arme haben mußte.

Sie spielte eben eins von ihres Vaters Leibstückchen, und Jones stand und lehnte sich auf ihren Stuhl, als ihr der Muff herunter [191] auf die Finger glitschte und sie am Spielen hinderte. Das war dem alten Junker so ärgerlich, daß er ihr den Muff wegriß und ihn mit einem derben Fluche ins Feuer warf. Sophie sprang augenblicklich auf und rettete ihn mit der äußersten Geschäftigkeit aus den Flammen.

Obgleich diese Begebenheit vermutlich manchem unsrer Leser von geringer Erheblichkeit scheinen wird, so that sie doch bei aller ihrer Geringfügigkeit eine so heftige Wirkung auf den armen Jones, daß wir es für Pflicht hielten, sie zu erzählen. Es gibt in Wahrheit manche kleine Umstände, welche von unverständigen Geschichtschreibern übergangen werden und aus welchen gleichwohl die wichtigsten Folgen entspringen. Man kann mit allem Fug die Welt als eine weitläufige Maschine betrachten, in welcher die großen Räder ihre ursprüngliche Bewegung von andern erhalten, die sehr klein und fast keinem andern, als nur dem schärfsten Auge bemerkbar sind.

Solchergestalt waren alle Reize der unvergleichbaren Sophie; aller blendende Glanz und alles sanfte Schmachten ihrer Augen, die Harmonie ihrer Stimme und des Baues ihrer Glieder, aller ihr Witz, alle ihre fröhliche Laune, ihre Größe der Seele, ihre milde Sanftmut – alles das, kurz, war nicht vermögend gewesen, das Herz des armen Jones so völlig zu besiegen und fesseln, als der kleine Umstand mit dem Muff. So singt der Dichter sehr lieblich von Troja:


Captique dolis lacrymisque coacti,
Quos neque Tydides, nec Larissaeus Achilles,
Non anni domuere decem, non mille carinae.
Die Diomedes, die Achilles nicht,
Die in zehn Jahren nicht der Griechen Heer
Mit tausend Schiffen überwält'gen konnte,
Sie sank anjetzt, besiegt von Thränen und der List.

Jones' Citadelle ward durch Ueberrumpelung eingenommen. Alle jene Rücksichten auf Redlichkeit und Klugheit, welche unlängst unser Held mit so großer Kriegsweisheit als Wachen vor die Zugänge zu seinem Herzen gestellt hatte, liefen fort von ihren Posten und der Gott der Liebe zog triumphierend hinein!

Fünftes Kapitel
[192] Fünftes Kapitel.

Ist ein sehr langes Kapitel und enthält eine sehr große Begebenheit.


Jedoch, obgleich diese siegende Gottheit sehr leicht ihre offenbaren Feinde aus Jones' Herzen vertrieb, so fand sie es doch schwerer die Besatzung zu entfernen, welche sie selbst hineingelegt hatte. Alles Allegorisieren beiseite gesetzt, die Sorge, was aus der armen Molly werden müsse, ging dem würdigen Jüngling sehr im Kopfe herum und machte ihm viele Unruhe. Der unendliche Vorzug Sophiens verdunkelte, oder vielmehr verlöschte zwar gänzlich die Schönheit der armen Dirne; aber Mitleiden, anstatt Verachtung, folgte auf die Liebe. Er war überzeugt, das Mädchen liebe ihn aus allen ihren Kräften, und habe all' ihre Hoffnung auf künftige Glückseligkeit einzig und allein auf ihn gebaut. Er wußte, daß er dazu mehr als genug Veranlassung gegeben hätte, durch seine äußerst verschwenderischen Beteurungen von Zärtlichkeit und Liebe. Eine Zärtlichkeit, deren ewige Dauer er ihr durch alle möglichen Mittel einzureden gesucht hatte. Sie ihrerseits hatte ihm versichert, daß sie festen Glauben an seine Versprechungen habe, und hatte durch die feierlichsten Gelübde erklärt, daß es von dem Festhalten oder Brechen seiner Zusage abhänge, ob sie die glücklichste oder die elendeste unter allen Muttertöchtern werden sollte. Und der Urheber dieses äußersten Grades von Elend für ein menschliches Wesen zu werden, das war ein Gedanke, welchem einen Augenblick nur nachzuhängen ihm unerträglich war. Er betrachtete das arme Mädchen aus dem Gesichtspunkte, daß sie ihm alles, was in ihrem kleinen Vermögen stand, aufgeopfert, sich selbst auf ihre eigene Unkosten zum Gegenstande seines Vergnügens gemacht hatte, ja noch in eben diesem Augenblicke nach ihm schmachtete und seufzte. Soll denn also, sagte er, meine Genesung, welche sie so sehnlich wünscht, soll meine Gegenwart, welche sie so brünstig erwartet, anstatt ihr die Freude zu geben, mit welcher sie sich geschmeichelt hat, sie auf einmal in Elend und Verzweiflung hinabstürzen? Kann ich ein solch niederträchtiger Bösewicht sein? Wenn hierMollys guter Geist zu siegen schien, so stürmte Sophiens Liebe zu ihm, welche jetzt nicht mehr zweifelhaft schien, von neuem auf sein Herz los und warf jedes ihr widerstehende Hindernis aus dem Wege. Endlich fiel es ihm ein, daß er vielleicht im stande sein könne, Molly auf andere Weise schadlos zu halten, wenn er ihr nämlich eine Summe Geldes gäbe. Uebrigens verzweifelte er fast daran, daß sie solche annehmen würde, wenn er sich der häufigen und feurigen Versicherungen erinnerte, die er von ihr erhalten hatte, daß die ganze Welt, gegen [193] ihn auf die Wagschale gelegt, ihr seinen Verlust nicht ersetzen würde. Gleichwohl gaben ihm ihre außerordentliche Armut und ihre überschwengliche Eitelkeit (von der wir den Leser bereits so etwas im Vorbeigehen haben merken lassen) einige kleine Hoffnung, daß sie, ungeachtet aller ihrer belobten Zärtlichkeit, doch wohl mit der Zeit dahin gebracht werden könnte, sich mit einem Glücke zu begnügen, welches ihre Erwartung überstiege und ihrer Eitelkeit dadurch schmeichelte, daß sie über alle Ihresgleichen emporgesetzt würde. Er beschloß also, die erste beste Gelegenheit wahrzunehmen, ihr Vorschläge von dieser Art zu machen.

Eines Tages sonach, als sein Arm so weit wieder geheilt war, daß er mit demselben in einer Binde ganz gemächlich gehen konnte, stahl er sich zu einer Zeit, da der Junker in seinen Jagdübungen begriffen war, aus dem Hause und ging seine Schöne zu besuchen. Ihre Mutter und Schwestern, die er beim Theetrinken fand, berichteten ihm anfangs, Molly sei nicht zu Hause; hernach aber sagte ihm die ältere Schwester mit einem boshaften Lächeln, sie läge im zweiten Stock in ihrem Bette. Tom ließ sich diese Situation seiner Geliebten gefallen und stieg augenblicks die Leiter hinauf, welche zu ihrem Schlafgemach führte. Als er aber an die oberste Sprosse gelangte, fand er zu seiner äußersten Verwunderung die Thüre verriegelt; auch konnte er einige Zeit lang von innen heraus keine Antwort erlangen, denn Molly, wie sie ihm hernach selbst sagte, lag im festen Schlafe.

Die äußersten Grenzen von Gram und Freude bringen, wie man bemerkt hat, sehr ähnliche Wirkungen hervor, und, wenn eins von beiden uns unvermutet überrascht, kann es leicht solch eine gänzliche Verwirrung und Betäubung in uns hervorbringen, daß wir dadurch des Gebrauchs all unseres Sinnesvermögens beraubt werden. Man kann sich demnach nicht darüber wundern, daß der unerwartete Anblick des lieben Jones so heftig auf Mollys Gemüt wirkte, daß sie einige Minuten hindurch unvermögend war, die großen Entzückungen auszudrücken, welche sie, wie der Leser leicht voraussetzen wird, bei dieser Gelegenheit überströmten. Jones, seinerseits, war von der Gegenwart des geliebten Gegenstandes dergestalt eingenommen, oder gleichsam so bezaubert, daß er für eine Weile Sophien, und folglich den Hauptzweck seines Besuches, vergaß.

Dieser kam ihm gleichwohl bald wieder in die Gedanken, und nachdem die ersten Entzückungen ihres Wiedersehens vorüber waren, fand er Mittel, die Unterredung allmählich auf die widerwärtigen Folgen zu leiten, welche ihre Liebe treffen müßten, wenn Herr Alwerth, der es ihm ausdrücklich verboten hätte, sie jemals wieder [194] zu besuchen, die Entdeckung machte, daß sie ihren Umgang noch immer fortsetzten. Eine solche Entdeckung, welche er seiner Feinde wegen für unvermeidlich halten müßte, würde sein Verderben, und folglich auch das ihrige nach sich ziehen. Weil also ihr hartes Geschick es einmal so beschlossen hätte, daß sie sich trennen müßten, so riete er ihr, sich mit standhaftem Mute darein zu schicken, und schwur, er wolle Zeit seines Lebens keine Gelegenheit vorbeilassen, ihr die Aufrichtigkeit seiner Liebe zu beweisen, indem er auf eine Art für sie sorgen wolle, die ihre äußerste Erwartung oder selbst ihre Wünsche übertreffen sollte, sobald es nur in seinem Vermögen stände, wobei er noch schließlich hinzusetzte, daß sie bald irgend einen Mann finden könne, der sie heiraten und glücklicher machen könne, als sie es bei Fortsetzung eines tadelhaften Lebens mit ihm werden würde. Molly blieb ein paar Minuten im Stillschweigen vergraben; dann brach sie in eine Thränenflut aus und begann ihm mit folgenden Worten Vorwürfe zu machen: »So, ist das Ihre Liebe zu mich, mich nun so sitzen zu lass'n! nun sie mich geruiniert haben? Wie oft und manch'malen, wenn ich's Sie gesagt habe, daß die Mannsen falsch sind, und meeneedig, der ehne wie der andre, und uns satt werden, sobald sie nur ihren gottlosen Willen mit uns gehabt haben, wie manchmals hab'n Sie mir's nicht da zugeschworen, Sie wollten mich Ihr Lebstage nicht verlassen? und nun wollen Sie so ein'n abscheulicher, meeneediger Mensch werden? Was helfen mir alle Schätze dieser Welt ohne Ihnen! Nun Sie mir haben mein Herz gestollen, ja das hab'n – das hab'n Sie, wie können Sie mir wohl von ehnen andern Mann sagen? Ich kann keenen andern Mann lieben, als Ihnen, so lang ich lebe. All' andre Mannsen sind m'r nichts, nichts vor mich; wenn der größte adliche Herr im ganzen Lande morgen im Tage herkeeme und nach mir freite, ich wollt' ihm meine Gesellschaft nicht geben. Nee, nee! Ich hass' und verachte die Männer allmiteinander, aus Liebe zu Sie! –«

Ihre leidenschaftliche Beredsamkeit war noch im besten Gange, als ein Zufall ihrer Zunge plötzlich Einhalt that, bevor solche noch die Hälfte ihrer Laufbahn durchrannt hatte. Das Zimmer, oder vielmehr das Dachkämmerlein, worin Molly lag, war eine Treppe, oder vielmehr Leiter hinauf, das heißt im obersten Stockwerk des Hauses, und hatte die zugespitzte Figur, welche dem großen Delta im griechischen Alphabet etwas ähnelte. Unsere Leser mögen sich davon vielleicht einen richtigeren Begriff machen können, wenn wir ihnen sagen, es war unmöglich, darin anderwärts als nur in der Mitte aufrecht zu stehen. Da es nun diesem Zimmer an der Bequemlichkeit eines Alkovens gebrach, so hatte Molly, diesen Mangel [195] zu ersetzen, eine alte Haardecke an die Sparren des Hauses genagelt, zum Vorhange vor ein enges Räumchen, worin sie ihre besten Sachen, zum Exempel die Ueberreste von dem Schlenter, dessen wir vorhin erwähnt haben, einige Hauben und dergleichen Siebensachen mehr, die sie sich neulich angeschafft hatte, aufgehängt und vorm Staub in Sicherheit gebracht hatte. Dieser abgescherte Platz lag genau dem Fuße des Bettes gegenüber, und die Haardecke hing demselben wirklich so nahe, daß sie gewissermaßen den Abgang einer Bettgardine ersetzte. Ob nun Molly im Eifer der Wut diese Haardecke mit ihren Füßen wegstieß, oder ob Jones sie berührte, oder ob die Nägel von selbsten nachließen oder ausfielen, das weiß ich nicht gewiß! aber, als Molly die letzen Worte aussprach, welche oben aufgezeichnet stehen, riß die gottlose Haardecke von ihrer Befestigung los und entdeckte alles und jedes, was sie verborgen hatte; da dann, unter andern weiblichen Geräten, zum Vorschein kam (mit Scham schreibe ich's, und mit Betrübnis wird man's lesen) der Philosoph Quadrat in einer Positur (denn der Platz gestattete keineswegs, daß er auf seinen Füßen aufrecht stehen konnte), die sich nicht lächerlicher ersinnen läßt.

Diese Positur, in welcher er stand, war wirklich der Stellung eines Soldaten nicht unähnlich, den man an Händen und Füßen krumm geschlossen hat, und vielleicht drückt sie das neuerlich in Kurs gekommene Wort so ziemlich richtig aus, welches ich mir also die Erlaubnis nehme zu gebrauchen, wenn ich sage: Seine Stellung war sehr geduckt. Auf seinem Kopfe hatte er eine von Mollys Nachthauben, und seine beiden großen Augen starrten, als der Haardecken-Vorhang fiel, gerade auf Jones, so daß, wenn die Idee von Philosophie zu dieser hier entdeckten Figur hinzukam, es wohl für jeden Zuschauer in der Welt sehr schwer gewesen sein möchte, sich des lautesten Gelächters zu enthalten.

Ich zweifle nicht, der Leser wird hier ebenso erstaunt sein, als es Jones war, weil der Verdacht, welcher aus der Erscheinung dieses weisen und ernsthaften Mannes in solch einem Winkel entstehen muß, sich nicht mit dem Charakter zu reimen scheint, welchen er zweifelsohne bis daher in der Meinung eines jeden behauptet hatte.

Aber, die Wahrheit zu bekennen, so ist diese Unverträglichkeit mehr eingebildet als wirklich. Philosophen haben so gut wie andere menschliche Geschöpfe Fleisch und Blut; so sublimiert und raffiniert ihre Theorie auch sein mag, so ist ihnen doch eine kleine praktische Schwachheit ebenso eigentümlich als andern Sterblichen. Eigentlich, wie wir bereits zu verstehen gegeben haben, liegt der Unterschied bloß in der Theorie und nicht in der Ausübung: denn, obgleich solche erhabene Männer viel besser und weiser denken, so [196] handeln sie doch immer gerade wie andre Menschen. Sie wissen es sehr gut, wie man alle Lüste und Begierden dämpfen und beides, Schmerz und Vergnügen, verachten soll; und diese Wissenschaft gewährt ihnen manche sehr behagliche Kontemplation und ist leichtlich erworben; die Ausübung aber würde mühsam und beschwerlich sein, und daher lehrt sie dieselbe Weisheit die beschwerliche Ausübung vermeiden, welche sie die vorbesagte leichtere Theorie lehrt.

Herr Quadrat war gerade eben den Sonntag in der Kirche, als Mollys Aufzug in ihrem Schlenter, wie der Leser sich zu erinnern belieben wird, alle die Unruhen anrichtete. Hier bemerkte er sie zum erstenmale und fand dermaßen Gefallen an ihrer Schönheit, daß er die jungen Herren beredete, eine Veränderung in ihrem vorhabenden Spazierritt zu treffen, damit er bei Mollys Wohnung vorbeireiten und auf solche Weise ihrer noch einmal ansichtig werden könnte. Da er jedoch dieser Absicht damals gegen niemand erwähnte, so hielten wir es gleichfalls nicht für diensam, solche dem Leser mitzuteilen.

Unter andern Besonderheiten, welche, nach Herrn Quadrats Meinung, gegen die ewige Harmonie der Dinge verstießen, waren auch die beiden: Gefahr und Schwierigkeiten. Die Schwierigkeit also, welche er dabei besorgte, dieses junge Weibsbild zu verführen, und die Gefahr, welche aus der Entdeckung für seinen guten Ruf entstehen konnte, waren zwei so starke Abmahnungen, daß es wahrscheinlich ist, anfangs sei sein Vorsatz nur gewesen sich mit den angenehmen Ideen zu begnügen, welche uns das Beschauen der Schönheit gewährt. Solche Ideen erlauben sich oft die ernsthaftesten Männer nach einer vollen Mahlzeit von ernsthaften Betrachtungen so gleichsam als zum Nachtisch. Zu diesem Ende finden dann auch gewisse Bücher, Gemälde und Kupferstiche den Weg in die geheimsten Verschlüsse ihrer Studierzimmer, und ein gewisser sehr berauschender Teil der Naturgeschichte ist daher oft der Hauptinhalt ihrer Unterredungen.

Als aber der Philosoph einen oder ein paar Tage nachher hörte, daß die Festung ihrer Tugend bereits einmal überstiegen gewesen sei, so begann er seinen Begierden ein bequemeres Ziel zu stecken. Sein Appetit war nicht von der heiklen Art, welche von keinem Leckerbissen kosten mag, weil ein andrer vorher schon daran geschmäckert hat. Kurz die Dirne gefiel ihm ihres Abganges der Keuschheit wegen um so besser, weil, wenn sie solche noch in Gewahrsam gehabt hätte, gerade eben diese jungfräuliche Gebärde als Palissaden gegen sein Vergnügen gestanden haben würde. Er also setzte ihr nach und haschte sie.

Der Leser irrt sich, wenn er glaubt, Molly habe Quadrat vor [197] dem jüngern Jones den Vorzug gegeben; keineswegs! Ohne allen Zweifel vielmehr wäre Jones, wenn sie unter beiden mit Gewalt einen hätte wählen müssen, der Sieger gewesen. Es war auch nicht einmal die Ueberlegung allein, daß zwei besser sind als einer, welcher Quadrat sein Glück zu verdanken hatte. Jones' Abwesenheit während der Kur seines Armbruchs war ein unglücklicher Umstand; und während dieser Zeitlücke beschwichtigten einige wohl ausgedachte Geschenke des Philosophen das wehrlose Herz des Mädchens dergestalt, daß eine günstige Gelegenheit unwiderstehlich ward und Quadrat die wenigen Reste von Wall und Mauern von Mollys Tugendfestung vollends sprengte.

Es mochte ungefähr vierzehn Tage nach dieser Eroberung sein, als Jones den eben erwähnten Besuch bei seiner Geliebten abstattete und gerade die Zeit traf, wo sie und Quadrat sich eben zu Bett befanden. Hierin steckte die wahre Ursache, warum die Mutter, wie wir gesehen haben, sie verleugnete. Denn weil die alte Frau ihren Teil an dem Gewinn hatte, den dieses sündliche Gewerbe ihrer Tochter abwarf, so leistete sie ihr darin allen ihr möglichen Beistand und Schutz. Aber so weit ging der Neid und Haß von Mollys älterer Schwester, ob sie gleich bei der Beute nicht ganz leer ausging, daß sie solche gutwillig fahren lassen wollte, wenn sie nur ihre Schwester stürzen und ihr das Handwerk legen könnte. Deswegen hatte sie Jones die Nachricht gegeben, sie befinde sich oben im Hahnbalken zu Bette, und hatte gehofft, er würde sie in Quadrats Armen überraschen. Dieser Ueberraschung fand Molly Mittel zuvorzukommen, indem sie die Thüre verriegelt hatte, welches ihr Gelegenheit gab, ihren Buhlen hinter die härene oder Pferdedecke zu verbergen, wohinter er jetzt unglücklicherweise entdeckt ward.

Quadrat kam nicht so bald zum Vorschein, als Molly in ihr Bett zurücksank, ausrief, sie sei verloren! und sich ganz der Verzweiflung überließ. Dies arme Mädchen, welches noch bloß eine junge Anfängerin in ihrem Gewerbe war, hatte sich noch nicht bis zu der vollkommenen Unbefangenheit hinaufgeschwungen, wodurch sich eine Stadtdame aus der äußersten Verlegenheit zu helfen weiß, und die ihr entweder eine Entschuldigung an die Hand gibt, oder ihr die eiserne Unverschämtheit einflößt, es mit ihrem Ehemanne rechtlich auszumachen, welcher dann aus Liebe zur Ruhe oder aus Besorgnis für seinen guten Namen, und vielleicht zuweilen aus Furcht vor dem Galan, wenn er, wie Herr Konstant in der Komödie, einen Degen führt, nur froh ist, daß er die Augen zudrücken und sein Paar Hörner in die Taschen stecken kann! Molly hingegen ward durch diesen Zeugen zum Verstummen gebracht und gab ein Sache völlig verloren, welche sie bisher mit so viel Thränen und [198] mit so feierlichen und heftigen Beteurungen der reinsten Liebe und Beständigkeit unterstützt hatte.

Was den Herrn hinter dem Vorhange betraf, so befand sich der in nicht geringerer Bestürzung. Er blieb eine Zeitlang wie versteinert und schien ebensowenig zu wissen was er sagen, oder wohin er seine Augen wenden sollte. Jones, der vielleicht unter allen dreien am meisten erstaunt war, fand am ersten den Gebrauch seiner Zunge wieder und, nachdem er sich unmittelbar von dem unangenehmen Gefühl erholt, welches Molly durch ihre Vorwürfe bei ihm erregt hatte, brach er in ein lautes Gelächter aus, grüßte dann den Herrn Quadrat und ging auf ihn zu, um ihm die Hand zu reichen und ihn aus seinem Gefängniswinkel hervorzuziehen.

Quadrat, der nunmehr in die Mitte des Kämmerleins gekommen war, woselbst er allein aufrecht stehen konnte, sah Jones mit einer sehr ernsthaften Miene ins Gesicht und sagte zu ihm: »Recht gut, junger Herr! Ich sehe, Sie kitzeln sich mächtig mit dieser Entdeckung und haben, wie ich wohl schwören will, eine innige Freude über den Gedanken, daß Sie mich dem Gelächter preisgeben können; wenn Sie aber die Sache ganz unbefangen betrachten wollen, so werden Sie finden, daß nur Sie allein zu tadeln sind. Mich trifft der Vorwurf nicht, daß ich die Unschuld verführt habe. Ich habe nichts gethan, weswegen mich der Teil der Welt verdammen kann, welcher die Sache nach der wahren Regel des Rechts beurteilt. Die ewige Harmonie hängt ab von der Natur der Dinge und nicht von Gewohnheit und Gebrauch, Formalitäten oder Polizeigesetzen. Nichts ist im Grunde dieser Harmonie zuwider als das, was unnatürlich ist.« – »Gründlich philosophiert, alter Herr!« antwortete Jones. »Aber warum denkt der Herr, ich sollte wünschen, ihn dem Gelächter preiszugeben? Verlass' sich der Herr d'rauf, daß er mir in meinem Leben nicht besser gefallen hat; und der Herr müßte selbst Lust haben, die Sache bekannt zu machen, sonst soll sie meinetwegen ein ewiges Geheimnis bleiben.«

»Nun wohl, lieber Herr Jones,« erwiderte Quadrat, »ich möchte auch eben nicht für den Mann gehalten werden, der sich aus einem guten Leumund gar nichts machte. Ein guter Ruf ist eine Art von Talon und ist keineswegs zu vernachlässigen. Ueberdem ist es ein gehässiges Laster und eine Art von Selbstmord, wenn man seinen eigenen guten Ruf vernichtet. Wenn Sie also für gut finden, diese meine Schwachheit zu verbergen, (denn Schwachheiten kann ich haben, weil ja kein Mensch ganz vollkommen ist) so versprech' ich Ihnen, daß ich selbst mich nicht verraten will. Man kann nach der Regel des Rechts ganz wohl Dinge thun, womit man sich nach der Regel des Rechts nicht brüsten muß, denn [199] nach dem verkehrten Urteile der Welt wird das oft ein Gegenstand des Tadels, was der Wahrheit nach nicht nur unschuldig, sondern sogar löblich ist.« – »Recht, recht!« rief Jones, »was kann unschuldiger sein, als seine natürlichen Begierden befriedigen? Oder was löblicher, als die Vermehrung des menschlichen Geschlechts?« – »Ganz ernsthaft mit Ihnen zu sprechen,« antwortete Quadrat, »versichere ich Ihnen, daß es mir immer und allemal so geschienen hat.« – »Unterdessen doch,« sagte Jones, »waren Sie andrer Meinung, als meine Geschichte mit diesem Mädchen bekannt wurde.« – »Nun ja, ich muß bekennen,« sagte Quadrat, »wie mir die Sache dazumal verkehrt vorgestellt wurde von dem Pfaffen Schwöger, so konnt' ich wohl das Verführen der Unschuld verdammen: das war's, guter Jones, ja ja, das war's! und – dann lieber Jones, das müssen Sie ja wissen, daß in der Betrachtung, der Regel des Rechts oder Unrechts sehr kleine Umstände, lieber Jones, einen großen Unterschied machen.« – »Gut!« sagte Jones, »sei dem wie ihm wolle! Ihr eigener Fehler soll es sein, wie ich Ihnen versprochen habe, wenn Sie von diesem Abenteuer wieder ein einziges Wort hören. Betragen Sie sich nur gütig und freundschaftlich gegen das Mädchen, so will ich über die Sache gegen keinen Menschen meine Lippen aufthun. Und du, Molly, sei deinem Freunde getreu, so will ich nicht nur dir deine Untreue gegen mich verzeihen, sondern dir alle Dienste erweisen, die mir nur möglich sind.« Mit diesen Worten nahm er eiligst seinen Abschied, schlüpfte die Leiter hinunter und ging mit aller Behendigkeit von dannen.

Quadrat war herzlich erfreut, zu finden, daß dieses Abenteuer allem Ansehen nach keine schlimmeren Folgen haben würde; und Molly, nachdem sie sich von ihrer Verwirrung erholt hatte, begann anfangs damit, dem Philosophen Vorwürfe zu machen, wie er schuld sei, daß sie ihren geliebten Jones verliere. Der philosophische Quadrat aber fand bald Mittel, ihren Zorn zu mildern, teils durch zärtliche Liebkosungen, teils durch ein kleines alchimistisches Mittel aus seinem Säckel, von wunderthätiger und erprobter Wirkung, und besser als Plummenäcks berühmtes Astralpulver, die Lebensgeister von der Finsternis zu entbinden und in ihr ursprüngliches und heiteres Licht zu versetzen.

Hierauf floß sie über in reichlichen Strömen von Zärtlichkeit gegen ihren neuen Geliebten, kehrte alles was sie zu Jones gesagt hatte und Jones selbst obendrein ins Lächerliche und beteuerte, ob jener gleich den Besitz ihrer Person gehabt hätte, wäre doch niemand als Quadrat der wahre Besitzer ihres Herzens gewesen.

Sechstes Kapitel
[200] Sechstes Kapitel.

Welches, wenn es der Leser mit dem vorigen vergleicht, vielleicht einige Irrtümlichkeiten heben kann, deren er sich bis dahin bei Anwendung des Wortes Liebe vielleicht hat zu Schulden kommen lassen.


Mollys Untreue, welche Jones jetzt entdeckte, möchte vielleicht einen weit größeren Grad von Empfindlichkeit entschuldigt haben, als er bei der Gelegenheit zeigte; und hätte er sie von diesem Augenblick an völlig verlassen, so würden ihn, glaube ich, nur wenig Menschen getadelt haben.

Er jedoch betrachtete sie als eine Person, die Mitleiden verdiene; und obgleich seine Liebe zu ihr nicht von einer solchen Art war, daß er sich über ihren Verlust so gar heftig beunruhigen konnte, so quälte es ihn doch nicht wenig, wenn er bedachte, daß er es doch ursprünglich selbst gewesen, der ihre Unschuld verführt hatte; denn dieser ersten Verführung rechnete er alle die Laster zu, in welche sie sich nun stürzen zu wollen schien.

Diese Betrachtung machte ihm nicht wenigen Kummer, bis Betty, die ältere Schwester, einige Zeit nachher so liebreich war, ihn durch einen Wink völlig zu heilen. Sie erzählte ihm nämlich, daß ein gewisser Wilhelm Barnes und nicht er der erste Verführer ihrer Schwester Molly gewesen sei, und daß das kleine Kind, das er bisher so gewiß für sein eigenes gehalten hätte, nach aller Wahrscheinlichkeit wenigstens ebensogut berechtigt sein möchte, diesen Barnes Vater zu nennen.

Sobald Jones auf diese Spur gebracht war, verfolgte er sie begierig und war in sehr kurzer Zeit hinlänglich überzeugt, daß das Mädchen ihm die Wahrheit gesagt hatte, nicht bloß aus dem Geständnisse des Kerls, sondern aus Mollys selbsteigenem Geständnis.

Dieser Wilhelm Barnes war ein Weiberheld fürs Kirchspiel und hatte in seiner Art ebensoviele Siegeszeichen aufzuweisen als irgend ein Fähndrich oder sonstiges Kraftgenie in den Städten und Garnisonen. Er hatte wirklich verschiedene Frauenspersonen bereits bis zur äußersten Liederlichkeit heruntergebracht; einige gingen seinetwegen in welker Verschmachtung umher, und auch die Ehre hatte er gehabt, daß er den gewaltsamen Tod eines armen Mädchens auf dem Gewissen hatte, die sich ersäuft, oder, was weit wahrscheinlicher war, die er selbst ins Wasser gestürzt hatte.

Unter andern Eroberungen solcher Art hatte dieser Kerl auch über das Herz der Betty Seegrim gesiegt. Seinen Liebeshandel hatte er lange vorher schon mit ihr getrieben, bevor Molly noch [201] ein tüchtiger Gegenstand zu solchem Zeitvertreibe geworden war. Nachher aber hatte er sie aufgegeben und sich an ihre Schwester gemacht, bei der es ihm auch fast augenblicklich geglückt war. Nun hatte Wilhelm wirklich allein den Besitz ihrer Neigung, währenddessen Jones und Quadrat, beide fast gleich gut, nur ihrem Eigennutze und ihrem Hochmut zu Opfern dienten.

Hieraus war der unversöhnliche Haß entstanden, welchen wir vorhin in Bettys Gemüt wüten sahen, ob wir es gleich nicht eher für nötig hielten, die Ursache davon anzugeben, weil der Neid allein schon alle Wirkungen hervorbringen konnte, deren wir erwähnten.

Jones war durch den Besitz dieses Geheimnisses, in dem was Molly betraf, völlig beruhigt; in Ansehung Sophiens aber war er von diesem Gemütszustande weit entfernt. Vielmehr ward er von dem heftigsten Kummer gequält. Sein Herz war jetzt, wenn ich die Metapher brauchen mag, völlig geräumt, und Sophie nahm davon unbestrittenen Besitz. Er liebte sie mit unbegrenzter Leidenschaft und sah ganz deutlich die zärtlichen Empfindungen, welche sie für ihn hegte. Dennoch konnte diese Vergewisserung weder seine Verzweiflung über den Punkt der unfehlbaren Weigerung ihres Vaters, noch das Grausen mindern, welches ihn überfiel, wenn er an irgend ein niederträchtiges oder verräterisches Mittel sie sich anzueignen dachte.

Die Beleidigung, die er dadurch dem guten Junker Western zufügen würde, und der Kummer, der daraus dem würdigsten Herrn Alwerth erwachsen müßte, waren die Vorstellungen, welche ihn den Tag hindurch quälten und ihn des Nachts auf seinem Kopfkissen ängstigten. Sein Leben war ein beständiges Ringen zwischen Ehre und Liebe, welche wechselsweise über einander in seiner Seele siegten. Er entschloß sich oft, in Sophiens Abwesenheit ihres Vaters Haus zu verlassen und sie nicht wieder zu sehen, und eben so oft vergaß er in ihrer Gegenwart alle solche Entschließungen und nahm sich dann dagegen vor, sein Leben und alles was ihm noch teurer als dies war daran zu wagen, um zum Besitz seiner Sophie zu gelangen.

Dieser Kampf begann bald sehr starke und sichtbare Wirkungen hervorzubringen, denn er verlor alle seine natürliche Munterkeit und Lebhaftigkeit, und ward nicht nur melancholisch, wenn er allein, sondern auch niedergeschlagen und zerstreut, wenn er in Gesellschaft war; ja, wenn er auch, um mit Junker Westerns Laune zu stimmen, sich Gewalt anthat munter zu scheinen, so war der Zwang so fühlbar, daß er gerade dadurch den stärksten Beweis von demjenigen gegeben zu haben scheint, was er durch diesen Zwang eben zu verbergen suchte.

Es mag vielleicht eine Frage sein, ob die Kunst, die er anwendete, [202] seine Leidenschaft zu verbergen, oder die Mittel, deren die ehrliche Natur sich bediente, sie zu offenbaren, ihn am meisten verrieten: denn während die Kunst ihn mehr als jemals gegen Sophie zurückhaltend machte und ihn abhielt, irgend eines seiner Gespräche an sie zu richten, ihn sogar die äußerste Sorgfalt lehrte, ihre Blicke zu vermeiden, war die Natur nicht weniger beschäftigt, seine Pläne zu vereiteln. Daher kam es denn, daß er bei ihrer Annäherung erblaßte, und wenn sich solche unerwartet fügte, zusammenfuhr. Wenn zufälligerweise seine Augen den ihrigen begegneten, schoß ihm das Blut in die Wangen, und sein Gesicht ward über und über scharlachrot. Wenn ihn die gewöhnlichste Höflichkeit einmal nötigte sie anzureden, zum Beispiel wenn er bei Tische auf ihre Gesundheit trinken mußte, so lief's gewiß nicht ohne Stammeln ab. Wenn er ihre Hand berührte, so zitterte die seinige, ja sogar sein ganzer Körper. Und wenn irgend das Gespräch auch nur noch so leise die Idee von Liebe anregte, so fehlte es selten, daß sich nicht ein unfreiwilliger Seufzer seiner Brust entstahl; und die Natur war wunderbar sinnreich, ihm dergleichen Zufälle tagtäglich in den Weg zu werfen.

Alle diese Symptome entgingen der Aufmerksamkeit des Junkers, aber nicht der von Sophie. Sie ward dieser Gemütsunruhe an Jones sehr bald gewahr und war über ihre Ursache gar nicht zweifelhaft, denn sie durfte solche nur mit demjenigen vergleichen, was in ihrem eigenen Busen vorging. Und dieses Vergleichen ist, wie ich dafür halte, jene Sympathie, die man so oft an Liebenden wahrgenommen hat und woraus es sich zur Genüge erklären lassen wird, warum sie so unendlich viel scharfsichtiger war als ihr Vater.

Jedoch, um die Wahrheit zu sagen, gibt es eine einfachere und näher liegende Methode, diese erstaunenswürdige Ueberlegenheit an Scharfsichtigkeit zu erklären, welche wir oft an einzelnen Menschen über das ganze übrige Menschengeschlecht wahrnehmen, und zwar eine Erklärung, die nicht nur in Liebesfällen, sondern in allen übrigen Stich hält. Denn woher kommt es, daß der Schelm fast durchgängig so schnell und scharfsichtig bei den Merkzeichen und Schlichen der Schelmerei ist, wodurch oft ein redlicher Mann von weit hellerem Verstande betrogen wird? Es herrscht doch gewiß keine allgemeine Sympathie unter den Schelmen, und sie haben doch auch nicht wie die Freimaurer ein allgemeines Erkennungszeichen? Die Sache steckt wirklich nur darin, daß sie einerlei Absicht im Kopfe haben und ihre Gedanken einerlei Richtung nehmen. Daher kann es uns nicht wundern, daß Sophie die deutlichen Merkmale der Liebe an Jones sah und Western nicht, wenn wir bedenken, daß die Idee von Liebe dem Vater niemals in den Kopf [203] kam, seine Tochter hingegen zu dieser Zeit an gar nichts andres dachte.

Seitdem Sophie fest von der Leidenschaft überzeugt war, welche den armen Jones quälte und nicht minder gewiß war, daß sie selbst der Gegenstand dieser Leidenschaft sei, ward es ihr außerordentlich leicht, die wahre Ursache seines jetzigen Betragens zu entdecken. Dies vermehrte ihre Neigung zu ihm um ein großes, und erweckte in ihrem Herzen zwei der vorteilhaftesten Bewegungen, die nur ein Liebender in seiner Geliebten zu erwecken wünschen mag. Diese waren Hochachtung und Bedauern. Nun sollte ich doch glauben, die entsetzlichste Rigoristin müßte sie entschuldigen, daß sie einen Mann bedauerte, den sie ihretwegen so viel leiden sah, ebensowenig könnte diese Rigoristin sie darüber tadeln, daß sie einen Mann hochschätzte, der so sichtbarlich aus den redlichsten Ursachen strebte, eine Flamme in seinem Busen zu ersticken, welche, gleich dem berühmten spartanischen Diebstahl, an seinen eigenen Eingeweiden nagte. Daher seine Blödigkeit, seine Entfernung, seine Kälte und sein Stillschweigen seine eifrigsten, fleißigsten, wärmsten und beredtesten Sachwalter wurden und so heftig auf ihr zärtliches und sanftes Herz wirkten, daß sie bald alle die milden Empfindungen für ihn fühlte, welche in einer tugendhaften und erhabenen weiblichen Seele stattfinden können. – Kurz alles, was Hochachtung, Dankbarkeit und Mitleiden einer solchen Person gegen einen angenehmen Mann einflößen – in der That alles, was die reinste Delikatesse erlaubt – mit einem Wort – sie war in ihn verliebt bis über die Ohren.

Eines Tages begegnete sich dies junge Paar von ungefähr im Garten am Ende von zwei Gängen, welche beide auf den Kanal stießen, in welchem Jones ehemals fast ertrunken wäre, als er den Vogel wieder fangen wollte, den Sophie da verloren hatte.

Die letzte Zeit her hatte Sophie diese Gegend sehr fleißig besucht. Hier pflegte sie mit einer Mischung von Schmerz und Vergnügen über einen Zufall nachzudenken, der, so geringfügig er an und für sich selbst sein mochte, doch vermutlich den ersten Samen der Liebe ausgestreut hatte, die jetzt in ihrem Herzen zu solcher Reife gediehen war.

Hier also begegnete sich das junge Paar. Sie waren einander fast ganz nahe gekommen, ehe eines vom andern das geringste wahrgenommen hatte. Ein Zuschauer würde in beiden Gesichtern Zeichen genug von Verwirrung entdeckt haben. Sie fühlten aber selbst zu viel, um die geringste Beobachtung zu machen. Sobald als Jones sich ein wenig von seiner ersten Bestürzung erholt hatte, näherte er sich dem Fräulein mit den gewöhnlichen Begrüßungsformeln,[204] welche sie auf eben die Art erwiderte, und ihre Unterredung begann ganz alltäglich über die Lieblichkeit und Schönheit des Morgens. Von da gingen sie über zu der Schönheit des Platzes, über welchen Jones in treffliche Lobsprüche ausbrach. Als sie an den Baum kamen, von dem er ehemals in den Kanal gepurzelt war, konnte Sophie nicht umhin, ihn an jenen Zufall zu erinnern, und sagte: »Ich sollte denken, Herr Jones, Sie müßten einen kleinen Schauder fühlen, wenn Sie das Wasser da sehen.« – »Ich versichre Ihnen, gnädiges Fräulein, die Betrübnis, die Sie über den Verlust Ihres kleinen Vogels fühlten, wird mir beständig der wichtigste Umstand in jener Begebenheit bleiben. Das arme kleine Tömchen! das ist der Ast, auf dem er saß. Wie konnte der kleine Narr so thöricht sein, aus dem Zustande der Seligkeit hinwegzufliegen, zu welchem ich die Ehre hatte ihm zu verhelfen? Sein Schicksal war eine gerechte Strafe für seine Undankbarkeit.« – »Auf mein Wort, Herr Jones,« sagte sie, »Ihre herzhafte Gefälligkeit hätte Ihnen um ein Haar ein ebenso hartes Schicksal zugezogen. Wirklich, das Andenken daran muß Ihnen rührend sein.« – »Wirklich, gnädiges Fräulein,« antwortete er, »wenn ich irgend Ursache habe, mich nicht mit Freuden daran zu erinnern, so ist's vielleicht deswegen, daß das Wasser nicht ein wenig tiefer war, wodurch ich manchem bittern Leiden entgangen wäre, welches mir das Schicksal noch scheint aufgehoben zu haben.« – »Pfui! Herr Jones,« erwiderte Sophie, »gewiß, das kann nicht Ihr Ernst sein! Diese affektierte Verachtung des Lebens ist bloß eine Aeußerung der Höflichkeit gegen mich. Sie möchten gerne die Verbindlichkeit verringern, die ich gegen Sie habe, daß Sie es zweimal für mich aufs Spiel setzten. Aber nehmen Sie sich fürs drittemal in acht!« Diese letzten Worte sagte sie mit einem unaussprechlich sanften Lächeln. Jones antwortete mit einem Seufzer: Er fürchte, die Warnung komme bereits zu spät. Und drauf, indem er sie zärtlich aber scharf ansah, sprach er: »O, gnädiges Fräulein Western, können Sie befehlen, daß ich leben soll? Können Sie, Sie mir so etwas Böses wünschen?« Sophie schlug hierbei die Augen zur Erde und antwortete mit einigem Stottern: »Gewiß, lieber Herr Jones, ich wünsche Ihnen nichts Böses!« – »O,« sagte Jones, »ich kenne Ihr himmlisches Gemüt zu gut. – Diese unendliche Güte, welche über alle Ihre übrigen Reize so weit erhaben ist.« – »Nein, lieber Jones,« antwortete sie, »da versteh' ich Sie nun nicht. – Ich kann nicht länger bleiben.« – »Ich – ich – ich will nicht verstanden sein,« rief er, »freilich unverständlich, man muß mich nicht verstehn, ich weiß selbst nicht, was ich sage. Da ich Sie hier so unerwartet antreffe – es hat mich aus aller Fassung gebracht.[205] – Ums Himmels willen, verzeihen Sie mir es, wenn ich was gesagt habe, das Sie beleidigt – ich wollte das nicht – wahr haftig, ich wollte lieber sterben – ja der bloße Gedanke könnte mich töten!« – »Sie setzen mich in Erstaunen,« antwortete sie, »wie können Sie sich's nur einbilden, etwas gesagt zu haben, das mich beleidige?« – »Furcht, gnädiges Fräulein,« sagte er, »kann leicht unsinnig machen! und keine Furcht in der Welt ist so groß als die, welche ich fühle, Ihnen etwas Unangenehmes zu sagen. Wie kann ich also reden? O, sehen Sie mich nicht so ernsthaft an! Ein zorniger Blick von Ihnen wird mich töten. – Ich habe nichts sagen wollen. – Zürnen Sie mit meinen Augen oder zürnen Sie mit dieser Schönheit? – O was hab' ich gesagt? Verzeihen Sie mir, wenn ich zu viel sagte. Mein Herz floß über. Ich habe gegen meine Liebe aufs äußerste angekämpft und habe gestrebt, ein Fieber zu verbergen, das mein Inwendiges verzehrt und nächstens, wie ich hoffe, es mir unmöglich machen wird, Sie jemals wieder zu beleidigen.«

Hier fing unser Jones an zu zittern und zu beben, als ob ihn ein Anfall von kaltem Fieber zusammengeschüttelt hätte. Sophie, die sich in nicht viel bessern Umständen, als er selbst, befand, antwortete mit folgenden Worten: »Herr Jones, ich will mich nicht stellen, als ob ich Sie mißverstände; ich habe Sie wirklich nur zu gut verstanden, aber, ums Himmels willen! wenn Sie mir nur ein wenig gut sind, so lassen Sie mich so bald als möglich nach Hause eilen. Ich wünsche nur, daß meine Füße im stande sein mögen, mich dahin zu tragen.«

Jones, der kaum im stande war selbst aufrecht zu stehen, bot ihr seinen Arm an, den sie so gefällig war anzunehmen, ihn aber dabei bat, er möchte ihr jetzt von der Sache kein Wort weiter erwähnen. Er versprach Gehorsam und bestand bloß darauf, sie möchte ihm ein Geständnis verzeihn, welches ihm die Liebe wider seinen Willen entrissen hätte. Diese Verzeihung, sagte sie, würde er durch sein künftiges Betragen zu erhalten wissen. Solchergestalt ging dies junge Paar zitternd und strauchelnd fort und der Liebhaber wagte es nicht einmal, die Hand seiner Geliebten zu drücken, ob sie gleich in der seinigen eingeschlossen lag.

Sophie begab sich unmittelbar in ihr Zimmer, woselbst sie Jungfer Honoria und Hirschhornwasser zu ihrem Beistand kommen ließ. Das einzige, was der zerrütteten Seele des armen Jones zur Hilfe kam, war eine unangenehme Neuigkeit, welche, da sie einen Auftritt von verschiedener Natur von demjenigen eröffnet, womit der Leser sich einige Zeit her unterhalten hat, wir ihm im nächsten Kapitel mitteilen wollen.

Siebentes Kapitel
[206] Siebentes Kapitel.

In welchem wir Herrn Alwerth auf einem Krankenlager finden.


Junker Western war in unsern Jones so verliebt geworden, daß er ihn sehr ungerne missen mochte, obgleich sein Arm schon längst geheilt war, und Jones, entweder wegen seiner Liebe zur Jagd, oder auch anderer Ursachen wegen, ließ sich ohne Schwierigkeit bereden, in seinem Hause zu bleiben, welches denn auch zuweilen ganze Tage hindurch geschah, ohne Herrn Alwerths Haus ein einzigsmal zu besuchen, ja, oder auch nur das geringste von dort zu hören.

Herr Alwerth befand sich seit einigen Tagen nicht wohl an einer Erkältung, welche von einem kleinen Fieber begleitet war. Diese kleine Unpäßlichkeit hatte er indessen nicht geachtet, wie es seine Gewohnheit bei allen Zufällen war, die ihn nicht das Bett zu hüten nötigten, oder ihm die Kräfte benahmen, seinen gewöhnlichen Beschäftigungen obzuliegen. Eine Gewohnheit, welche zu billigen oder zur Nachahmung zu empfehlen man uns ja nicht zutrauen muß; denn ganz gewiß haben die Herren von der hippokratischen Kunst großes Recht, wenn sie der Meinung sind, denselben Augenblick, da die Krankheit zu einer Thüre hereinträte, solle man den Arzt alsobald durch die an dere herbeiführen. Denn was sollte man sonst bei dem alten Spruche denken: Venienti occurrite morbo? »Beim ersten Schritt einer Krankheit muß man sich ihr entgegenstellen.« Solchergestalt teilen Arzt und Krankheit auf eine redliche Weise Wind und Sonne; dahingegen, wenn man der Krankheit Zeit läßt, so gibt man ihr oft Raum, sich zu entwickeln und zu befestigen, wie ein Kriegsherr im Felde, so daß es den gelehrten Herren oft sehr schwer und zuweilen gar unmöglich fällt, dem Feinde beizukommen. Ja oftmals, wenn man dem Uebel Zeit läßt, bedient es sich noch dazu allerlei Kriegslist und besticht die Natur, zur Krankheit überzulaufen, und dann ist alle Macht der Arzneikunst verloren, oder kommt zu spät. Auf diese Bemerkung gründete sich die Klage eines großen, von fast allen europäischen Höfen mit Attestaten versehenen Wunderdoktors, der sich sehr emphatisch darüber beschwerte, wenn man sich so spät an seine Geschicklichkeit wendete und sagte: »Sur mon Ame! die Leut, meine Patient, er muß mich nehmen für den Grubenher: denn sie schick nick ehr bald, bis die klein Doktor ihn hab mackt sterben.«

Des Herrn Alwerth Unpäßlichkeit gewann durch diese Geringschätzung so viel Feld, daß, als die Zunahme des Fiebers ihn [207] nötigte, nach Hilfe zu schicken, der Doktor bei seiner Ankunft die Achseln zuckte, wünschte, man möchte ihn früher gerufen haben, und zu verstehen gab, er halte dafür, der Patient sei in großer Gefahr. Herr Alwerth, der alle seine Sachen in dieser Welt in Ordnung gebracht hatte und auf die künftige so wohl vorbereitet war, als es für die menschliche Natur nur immer möglich ist, empfing diese Nachricht mit der größesten Gelassenheit und Freudigkeit des Gemüts. Er konnte in der That, so oft er sich schlafen legte, mit Cato in Addisons Trauerspiel sagen:


– – »Let Guilt or Fear
Disturb Man's Rest, Cato knows neither of them;
Indifferent in his Choise, to sleep or die.«
»Laß Schuld, laß Furcht
Die Ruh des Menschen stören! Ein Cato kennt
Sie beide nicht: drum ist die Wahl ihm gleich,
Ob schlafen, oder sterben!«

In der That und Wahrheit konnte er dieses mit zehnfach besserem Grunde und größerer Zuversicht sagen, als Cato oder irgend ein andrer ruhmrediger Geist unter den alten oder neuern Helden: denn er war nicht nur frei von Furcht, sondern man konnte ihn betrachten als einen treuen Arbeiter, den der gütige Hausvater am Ende vor sich ruft, um ihm seinen Lohn zu erteilen.

Der edle Mann gab augenblicklich Befehl, daß alle seine Hausgenossen sich um ihn her versammeln möchten. Niemand war damals abwesend, als Madame Blifil, die sich seit einiger Zeit in London aufhielt, und Jones, von dem der Leser sich eben in Herrn Westerns Hause getrennt hat und welcher die Botschaft in eben dem Augenblicke erhielt, als ihn Sophie verlassen hatte.

Die Nachricht von Herrn Alwerths Lebensgefahr (denn der Bote sagte ihm, er läge in den letzten Zügen) vertrieb ihm alle Gedanken an Liebe aus dem Kopfe. Er warf sich über Hals und Kopf in die Chaise, die man für ihn geschickt hatte, ermahnte den Kutscher, er solle zufahren was er könne, und auf dem ganzen Wege, glaube ich, kam ihm Sophiens Bild nicht ein einziges Mal in die Gedanken.

Und nun, nachdem alles im Hause, nämlich der Neffe Blifil, Tom Jones, Ehrn Schwöger, Herr Quadrat und einige Bediente (denn so hatte es Herr Alwerth verlangt) um sein Bett her versammelt war, richtete sich der gute Mann in demselben auf und wollte anheben zu sprechen, als Blifil in ein Geheul verfiel und sehr laute und bittere Klaglieder anstimmte. Auf dieses faßte ihn [208] Herr Alwerth bei der Hand, schüttelte solche und sagte: »Jammere nicht so, mein lieber Neffe, über die gewöhnlichste aller menschlichen Begebenheiten. Wenn unsern Freunden Unglücksfälle zustoßen, so mögen wir uns mit Recht betrüben; denn das sind solche Zufälle, die man oft hätte vermeiden können, und sie mögen auch das Los des einen Menschen unglücklicher zu machen scheinen als das Los eines andern; der Tod aber ist sicherlich unvermeidlich, und ist das allgemeine Los, worin das Schicksal aller Menschen gleich ist; auch macht die Zeit, wo er eintrifft, den Unterschied nicht wesentlich. Da der weiseste der Menschen das Leben mit einer Spanne verglichen hat: so dürfen wir es auch wohl mit einem Tage vergleichen. Mein Los ist, daß ich es am Abend verlasse; jene aber, die früher hinweggenommen werden, haben bloß ein paar Stunden verloren, welche, wenn's die köstlichsten waren, doch des Bejammerns nicht wert, wohl aber, weit öfter, Stunden der Arbeit und Mühe, der Sorgen und des Kummers sind. Einer unter den römischen Dichtern vergleicht, so viel ich mich erinnere, unsern Hintritt aus dem Leben mit dem Abschiednehmen von einem Gastmahle. Dieser Gedanke ist mir oft eingefallen, wenn ich gesehen habe, daß Menschen darnach strebten, ein Gastmahl zu verlängern und der Gesellschaft ihrer Freunde noch einige Minuten länger zu genießen! Ach, und wie ist dennoch die weiteste Ausdehnung eines solchen Genusses so kurz! Wie unmerklich der Unterschied zwischen dem, der sich am ersten wegbegibt, und dem, der der letzte ist! Dies heißt das Leben von seiner schönen Seite betrachten, und diese Unwilligkeit, unsre Freunde zu verlassen, ist die schönste Ursache, aus welcher wir die Furcht vor dem Tode herleiten können; und doch ist das längste Freudenfest dieser Art, das wir hoffen können, von so geringer Dauer, daß es kaum der Beachtung eines weisen Mannes würdig ist. Wenige Menschen, ich gestehe es, denken also; denn freilich denken wenig Menschen an den Tod eher, als bis sie ihm im Rachen sitzen. So riesenhaft und fürchterlich der Tod ihnen bei seiner Annäherung vorkommen mag: so sind sie gleichwohl nicht vermögend, ihn in einiger Entfernung zu sehen; ja, ob sie gleich große Angst und Furcht erlitten, wenn sie sich in Gefahr zu sterben hielten: so sind sie doch nicht so bald von dieser nahen Besorgnis befreit, als auch das geringste Andenken daran aus ihrem Gemüte verschwindet. Aber, ach! wer einer Todesgefahr entrinnt, dessen Urteil ist nicht aufgehoben, sondern nur auf kurze Frist verschoben.

Darum also, mein liebes Kind, gräme dich nicht weiter über diesen Fall. Eine Veränderung, die uns jede Stunde, durch jedes Element, fast durch jedes Teilchen der Materie, die uns umgibt, überkommen kann, und welche uns am Ende allzumal ganz unvermeidlicher [209] Weise treffen wird, treffen muß, sollte uns weder bestürzt machen, noch uns in Gram und Betrübnis versenken.

Mein Arzt hat mir gesagt (und ich nehme es als eine wahre Gefälligkeit auf), daß ich in Gefahr stehe, euch alle in kurzem zu verlassen, deswegen wollte ich euch bei unserm Scheiden noch ein paar Worte sagen, bevor meine Krankheit, die, wie ich fühle, merklich zunimmt, mir es unmöglich macht.

Aber ich strenge meine Kräfte zu sehr an. – Ich bin willens, über mein Testament zu sprechen; ich hab' es zwar vorlängst schon gemacht, doch will ich davon einige Artikel berühren, die euch, die ihr da seid, betreffen, damit ich den Trost mitnehmen kann, daß ihr alle mit der Vorsorge zufrieden seid, die ich für euch gehabt habe.

Dir, mein Neffe Blifil, überlasse ich, als meinem Universalerben, mein sämtliches Vermögen; ausgenommen bloß fünfhundert Pfund jährlicher Renten, welche dir nach dem Ableben deiner Mutter wieder heimfallen sollen; ausgenommen ferner fünfhundert Pfund jährlicher Renten und die bare Summe von sechstausend Kapital, worüber ich folgendermaßen disponiert habe.

Die fünfhundert Pfund jährlicher Renten habe ich dir vermacht, lieber Tom; und da ich weiß, welche Verlegenheit der Mangel an barem Gelde verursachen kann, so habe ich noch tausend Pfund gleich zahlbar hinzugefügt. Ich weiß nicht, ob du mehr oder weniger von mir erwartet hast. Vielleicht denkst du, ich habe dir zu wenig gegeben, und die Welt wird ebenso bereitwillig sein, mich zu tadeln, daß ich zuviel gethan habe; allein den Tadel der letztern achte ich nicht; und was das erste betrifft, wofern du nicht in dem gemeinen Irrtum steckst, den ich so oft habe als eine Entschuldigung für allen Mangel an thätiger Menschenliebe anführen gehört, nämlich: daß wir durch freiwillige Wohlthaten statt der Dankbarkeit nur Forderungen zu erregen pflegen, welche unter allen Erwartungen und Forderungen die grenzenlosesten und am schwersten zu befriedigen sind. – Verzeih' mir, Tom, die bloße Erwähnung dieses Gedankens! Ich will nichts Aehnliches von dir vermuten!« –

Jones flog hin zu den Füßen seines Wohlthäters, faßte mit Inbrunst eine seiner Hände und versicherte ihm: seine, sowohl gegenwärtige, als zu allen andern Zeiten ihm erzeigte Güte habe nicht nur sein Verdienst, sondern auch sein Hoffen so unendlich weit überstiegen, daß Worte unvermögend wären, sein Gefühl der Dankbarkeit auszudrücken. »Und, teuerster Vater und Wohlthäter,« setzte er hinzu, »Ihre jetzige Großmut läßt mir keinen andern Kummer als den über die gegenwärtige melancholische Veranlassung. – O [210] mein Freund, mein Vater!« – Hier stockten ihm die Worte, und er kehrte sich weg, um eine Thräne zu verbergen, welche ihm aus den Augen quoll.

Alwerth drückte ihm liebreich die Hand und fuhr dann fort: »Ich bin überzeugt, mein Kind, daß es dir gar nicht an gutem Herzen, an Großmut und an Redlichkeit fehlt; wenn du diesen in dir liegenden Eigenschaften nur noch Klugheit und Religion hinzufügst, so mußt du glücklich werden: denn die drei ersten, ich geb' es zu, machen dich des Glückes wert, aber nur die beiden letztern können dir es wirklich geben.

Eintausend Pfund hab' ich Ihnen vermacht, Herr Schwöger; ich bin überzeugt, daß diese Summe bei weitem Ihre Wünsche sowohl als Ihre Bedürfnisse übersteigt. Indessen werden Sie solche als ein Andenken meiner Freundschaft annehmen; und was für Ueberfluß Ihnen auch immer zuwachsen mag, die gottesfürchtige Frömmigkeit, die Sie so streng behaupten, wird Sie lehren, solchen wohl anzuwenden.

Eine ähnliche Summe habe ich Ihnen vermacht, Herr Quadrat; dies hoffe ich, wird Sie instandsetzen, Ihrer Wissenschaft mit besserem Glück obzuliegen, als bisher. Ich habe oft nicht ohne Kummer bemerkt, daß Dürftigkeit fähiger ist, Verachtung als Bedauren zu erregen, besonders bei Männern von Geschäften, und bei Beförderern, welche geneigt sind, dafür zu halten, Armut sei ein Zeichen des Mangels an Geschicklichkeit. Allein das Wenige, was ich vermögend gewesen bin Ihnen nachzulassen, wird Sie aus den Verlegenheiten reißen, gegen welche Sie bisher haben ringen müssen; und dann, zweifle ich nicht, werden Sie Unterstützung genug finden, um des übrigen nicht zu ermangeln, dessen ein Mann von Ihrer philosophischen Denkart benötigt sein kann.

Ich fühle, daß ich schwächer werde; also beziehe ich mich auf mein Testament, in Ansehung des übrigen. Meine Bedienten werden darin einiges finden, wobei sie sich meiner erinnern mögen, und dann sind noch einige Vermächtnisse darin für Arme, welche, wie ich das Vertrauen habe, meine Exekutoren treulich besorgen werden. Gott segne euch alle! Ich gehe um ein kleines vor euch voraus.«

Hier trat ein Bedienter hastig in die Stube und sagte, es wäre ein Advokat da aus Salisbury, mit einem besondern Auftrage, den er, wie er sage, an Herrn Alwerth selbst ausrichten müsse; er scheine in heftiger Eile zu sein, und beteure, er habe so viel zu thun, daß er nicht allem nachkommen könne, und wenn er sich auch in vier Teile zerrisse.

»Gehe hin, Kind,« sagte Alwerth zu seinem Neffen, »und sieh zu, [211] was der Mann bringt. Ich bin jetzt nicht vermögend ein Geschäft zu besorgen; er kann auch keins mit mir haben, das dich gegenwärtig nicht näher anginge, als mich selbst. Es ist mir jetzt unmöglich, jemand zu sprechen oder meinen Kopf länger anzustrengen.« Er grüßte sie darauf alle, wobei er sagte, daß er vielleicht im stande sein würde, sie noch ein mal zu sehen, er möchte sich aber gerne jetzt ein wenig zur Ruhe anschicken, weil er merkte, daß er durch zu vieles Sprechen ermattet wäre.

Einige von der Gesellschaft vergossen beim Hinausgehen Thränen; und selbst der Philosoph Quadrat wischte sich die Augen, obgleich nicht weichlicher Thränen gewohnt. Aber Jungfer Wilkins tröpfelte ihre Perlen so mildiglich, als die arabischen Bäume ihren schmerzstillenden Balsam, denn dies war eine Zeremonie, welche dies Frauenzimmer bei keiner schicklichen Gelegenheit versäumte.

Nach alle diesem legte Herr Alwerth sich wieder nieder auf sein Kissen und suchte eine bequeme Lage zur Ruhe.

Achtes Kapitel
Achtes Kapitel.

Enthält mehr natürliche als angenehme Dinge.


Außer der Betrübnis über ihren Herrn war noch eine andre Quelle für den heißen Strom vorhanden, welcher über die beiden bergrückenhaften Augenknochen der Hausjungfer so ergiebig hervorrieselte. Sie war nicht so bald in ihrem Kämmerlein alleine, als sie auf folgende lustige Weise für sich in den Bart zu murmeln begann: »Fürwahr, der Herr hätte doch, sollt' ich meinen, einen klein'n Unterschied mach'n soll'n zwischen mir und dem Gesinde. Seht doch, 'r hat mir wohl gar das Trauerzeug vermacht! Aber, je ja doch! wenn's sonst nichts ist, so mag meinetwegen Herr Urians Großmutter um ihn schwarz gehn, ich nicht! Der gnäd'ge Herr Strohjunker muß wissen, daß 'ch kein Bettelmensch bin. Ich hab' mir in seinem Dienst ein fünfhundert Pfund zusammengespart, und nun sollt' ich mich noch dazu so begegnen lassen! Das sollte Dienstboten schöne Lust machen, ehrlich und treu zu sein! Ja wohl, ja wohl! Wenn 'ch auch dann und wann mal eine Lumperei auf die Seit' gebracht habe; andre haben's ja zehnmal mehr gethan; und nun schert'r uns all über ein'n Kamm! Wenn's so ist, daß 's so ist: so mag das Legatrum der Gottseibeiuns! holen, mit samt dem der's gibt! Doch neh! ausschlagen will ich's doch auch nicht; denn das würd' gewissen Leut'n nur 'ne Freude sein. Nein! das [212] bunteste Kleid will ich mir kaufen, das 'ch nur finden kann, und damit will ich über des alten Kalmäusers Grab herum tanzen! Das is nun mein Dank, daß 'ch sein' Partei so oft genommen hab', wenn all Leute Sünd' und Schand' über ihn schrien, daß 'r sein'n Pankert so herrlich und in Freuden aufzog. Doch er muß nun gehn dahin, und für sein' Sünd'n wohl büßen. Besser hätt 'r gethan, er hätte hüpsch Reu' und Buß' gethan, auf sein'n Todbette für seine Sünden, als daß 'r sich noch damit breit macht, und seine Güter aus der Familie weggibt, an so 'n Schandkind. In sein Bett gefunden, seht doch! Eine feine Mär das ist! Ja, ja! wer selbst versteckt, kann am besten finden! Verzeih' mir die Sünd'! aber mein'n Kopf wett' ich, er hat mehr herum laufen, die nicht Vater sagen dürfen; wenn 's so recht bekannt wär'. Ein Trost ist's, da, wo er nun hin muß, werden wir sie alle schon kennen lernen. – ›Meine Bedienten werden was finden, wobei sie sich meiner erinnern mögen'!‹ das war'n die ausdrücklichen Worte! ich werd' sie nicht vergessen, wenn 'ch noch tausend Jahr erlebe. Ja wohl, ja wohl, freilich! werd's nicht vergessen, daß 'r mich so unters Gesinde gemengselt. Man sollt' doch gedacht haben, 'r hätte meinen Namen wohl eb'n so gut nennen könn'n, als des Quad Rats seinen; aber, meins großen Herzleids! das is 'n hochgelahrter Herr obschons 'r keinen Rock uf'n Leib hatte, als er erst ins Haus kam. O, ich dacht' was mir bisse, mit solch'n hochgelahrten Herrn! Da hat 'r'n manch hüpsch Jahr im Haus gegessen, getrunken und geschlafen, und noch soll die niedrigste Bettmagd erst lernen, wie sein Geld aussieht. Ja, ich wollt' solch'n Kerlen was ufwart'n, ich!« – Weit mehr noch, von eben dem Schlage, murmelte sie für sich weg; dies Pröbchen mag aber für den Leser genug sein.

Weder Schwöger noch Quadrat waren mit ihren Vermächtnissen eben viel besser zufrieden. Ob sie gleich ihre Gesinnungen nicht so platt heraussagten, so haben wir doch sowohl aus dem Mißvergnügen, das sich in ihren Mienen zeigte, als aus dem folgenden Gespräche so viel zusammengebracht, daß keine sehr große Freude in ihren Gemütern regierte.

Ungefähr eine Stunde nachher, als sie das Krankenzimmer verlassen hatten, begegnete Quadrat Herrn Schwöger im Vorsaale und redete ihn an folgendergestalt: »Nun, Herr Schwöger, haben Sie, seitdem wir das Zimmer verlassen haben, wieder etwas gehört von Ihrem Freunde?« – »Wenn Sie Herrn Alwerth meinen,« antwortete Schwöger, »so dächte ich, Sie könnten ihn vielmehr Ihren Freund nennen; denn, nach meiner Meinung, hat er diesen Titel sehr wohl um Sie verdient!« – »Um Sie ist sein Verdienst nicht geringer, denk' ich,« erwiderte Quadrat; »denn seine [213] Freigebigkeit, so wie sie nun ist, ist für beide von einerlei Maß.« – »Ich würde nicht der erste gewesen sein, dies zu erwähnen,« versetzte Schwöger, »weil Sie aber davon anfangen, so muß ich Ihnen zur Nachricht melden, daß ich darüber ganz verschiedener Meinung bin. Es ist in himmelweiter Unterschied unter freiwilligen Geschenken und unter Belohnungen. Die Pflichten, die ich in dieser Familie übernommen, und die Sorge, die ich für die Erziehung seiner beiden jungen Herrn gehabt habe, sind Dienste, für welche einige Leute mehr Erkenntlichkeit erwartet haben möchten. Doch müssen Sie deswegen eben nicht glauben, ich sei darüber mißvergnügt. Sankt Paulus hat mich gelehrt, zufrieden zu sein mit dem Wenigen, was ich habe. Wäre das Kleine noch geringer gewesen, so hätte ich meine Pflicht gekannt. Aber, obgleich die Schrift mich nötigt, mich mit meinem beschiedenen Teile zu begnügen, so befiehlt sie doch nicht, vor meinem eigenen Verdienst die Augen zu verschließen, oder mich zu enthalten, es zu sehen, wenn man mir durch eine ungerechte Vergleichung zu nahe tritt.« – »Weil Sie mich reizen,« erwiderte Quadrat, »so muß ich Ihnen denn sagen, daß mir zu nahe geschehen ist. Ich hätte mir in meinem Leben nicht eingebildet, daß Herr Alwerth meine Freundschaft so gering geachtet hätte, um mich mit einem, der seinen Jahrlohn zog, auf gleichen Fuß zu setzen: aber ich weiß wohl, woher es kommt. Es ist eine Folge von den eingeschränkten Grundsätzen, die Sie sich seit so langer Zeit bemüht haben ihm einzuflößen, mit Uebergehung alles dessen, was groß und edel ist. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der Freundschaft sind zu stark für seine Augen; und freilich kann man solcher durch kein andres Medium gewahr werden, als durch die untrügliche Regel des Rechts, welche Sie sich oft bemüht haben lächerlich zu machen, und wodurch Sie den Verstand meines Freundes verschroben haben.« – »Ich wünschte,« rief Schwöger ganz wütend, »ich wünsche, aus Liebe zu seiner Seele, daß Ihre verdammlichen Lehrsätze nicht seinen Glauben verschroben hätten. Darauf fällt die Schuld seines jetzigen, einem Christen so unanständigen Betragens. Nur ein Atheist konnte so sorglos die Welt verlassen, ohne vorher mit seiner Seele in Richtigkeit zu sein; ohne seine Sünden zu beichten und diejenige Absolution zu empfangen, die ihm, wie er wohl weiß, ein Mann zu erteilen nach allen Rechten befugt ist, den er selbst in seinem eignen Hause bei sich hat. Er wird den Abgang dieser Notdurft schon fühlen, wenn's zu spät ist. Wenn er an den Ort wird gekommen sein, wo Heulen ist und Zähnklappen; alsdann, alsdann wird er's erfahren, wie mächtig jene heidnische Gottheit, jene Tugend, die Sie und alle jetzigen Freigeister verehren und anbeten, ihm beistehen [214] und ihn vertreten wird. Dann wird er nach seinem Priester rufen, wenn keiner zu finden ist; dann wird er den Mangel der Absolution bereuen, ohne welche kein Sünder selig werden kann.« – »Wenn sie denn so unumgänglich nötig ist,« sagte Quadrat, »warum geben Sie ihm solche nicht ganz aus freien Stücken?« – »Sie hat keine Kraft,« schrie Schwöger, »als an denen, welche solche, nach der zuvorkommenden Gnade, begehren. Aber, warum sage ich dergleichen zu einem Heiden und Ungläubigen? Sie sind es, Herr, der ihm diese Lehren beigebracht hat, die Ihnen in dieser Welt so reichlich vergolten sind, wie Ihrem Jünger ohne Zweifel auch bald in der künftigen widerfahren wird.« – »Ich weiß nicht, was Sie unter meiner reichlichen Vergeltung verstehen,« sagte Quadrat; »wenn Sie aber auf das winzige Andenken unsrer Freundschaft anspielen, welches ihm beliebt hat mir zu vermachen, so verachte ich das, und nichts in der Welt, als die unglückliche Lage meiner Umstände, hätte mich vermögen können, es anzunehmen.«

Hier kam der Arzt dazu und erkundigte sich bei den Disputierenden, wie es oben stünde? »Höchst schlecht,« antwortete Schwöger. – »Das hab' ich mir wohl vorgestellt!« rief der Doktor. »Aber ich bitte, was für Symptomata haben sich hervorgethan, seitdem ich Sie verlassen habe?« – »Keine guten, besorg' ich,« versetzte Schwöger. »Nach dem was seit unsrem Weggehen vorgegangen ist, glaube ich, bleibt wenig Hoffnung.« Der leibliche Arzt mochte den Seelenarzt wohl mißverstanden haben, und noch ehe sie sich einander deutlicher erklärten, kam Blifil zu ihnen mit höchst melancholischer Miene und sagte ihnen, er bringe betrübte Nachricht, denn seine Mutter sei zu Salisbury gestorben. Sie sei auf der Heimreise von einer Kopf- und Magengicht befallen worden, woran sie in wenig Stunden verschieden. – »Je so bewahre! Je so bewahre,« sagte der Doktor. »Man kann für Unglück freilich nicht! Aber ich wünschte doch, ich wäre zur Hand gewesen, daß man mich hätte dazu rufen können. Podagra und Gicht sind Krankheiten, die nicht so leicht zu behandeln sind; aber ich bin noch immer vorzüglich glücklich damit gewesen.« Schwöger und Quadrat bezeugten beide Herrn Blifil ihr Beileid über den Verlust seiner Mutter, welchen der eine ihm riet zu ertragen als ein Mann und der andre als ein Christ. Der junge Herr sagte, er wisse sehr wohl, daß wir alle sterblich wären, und er wolle sich bestreben, sich seinem Verluste so gut als möglich zu unterwerfen. Indessen könne er sich doch nicht enthalten, sich ein wenig über die besondere Härte seines Schicksals zu beklagen, indem die Nachricht von einem so großen Unglück ihn so unerwartet überfiele, und gerade zu einer Zeit, da er stündlich den härtesten Schlag erwarten müsse, den das boshafte Glück ihn jemals fühlen [215] zu lassen im stande wäre. – Die gegenwärtige Gelegenheit, sagte er, würde die vortrefflichen Unterweisungen bewähren, welche er von den Herren Schwöger und Quadrat genossen habe, und nur ihnen allein würde er es zu verdanken haben, wenn er solche Unglücksfälle überleben könnte.

Es ward nun in Ueberlegung gezogen, ob man Herrn Alwerth vom Tode seinem Schwester Nachricht geben sollte. Der Doktor war heftig dagegen, und darin, glaube ich, hatte er die ganze vernünftige Fakultät auf seiner Seite. Herr Blifil aber sagte, er habe von seinem Onkel so ausdrückliche Befehle, ihm niemals aus dem Grunde weil's ihn beunruhigen könnte ein Geheimnis zu verschweigen, daß er nicht daran denken könne, ihm ungehorsam zu sein, was auch immer die Folgen davon sein möchten. Und für sein Teil, sagte er ferner, könne er, in Erwägung der religiösen und philosophischen Gemütsfassung seines Onkels, mit dem Doktor nicht einerlei Meinung sein. Er wäre also entschlossen, es ihm zu sagen, denn wenn sein Onkel wieder aufkäme (um was er den lieben Gott von Herzen bitten wolle), so wäre er überzeugt, er würde es ihm nie verzeihen, daß er ihm ein Geheimnis von dieser Wichtigkeit zu verhehlen getrachtet habe.

Der Arzt war genötigt, sich eine Entschließung gefallen zu lassen, welche von den beiden andern Herren so höchlich gerühmt wurde. Sonach gingen Blifil und der Doktor nach dem Krankenzimmer zu, wo der Arzt zuerst hineintrat und sich dem Bette näherte, um seinem Patienten an den Puls zu fühlen, welches er dann auch kaum gethan hatte, als er erklärte, er fände ihn viel besser, die letzte Medizin habe Wunder gethan und habe das Fieber bereits geschwächt; dergestalt, sagte er, scheine jetzt ebensowenig Gefahr mehr zu sein, als er vorher von Hoffnung besorgt hätte.

Die Wahrheit zu gestehen, so waren Herrn Alwerths Umstände gar nicht so schlimm gewesen als sie der Doktor vorgestellt hatte. So wie aber ein weiser General niemals seinen Feind für gering achtet, soviel er auch an der Anzahl schwächer sein mag, so hält ein weiser Arzt niemals eine Krankheit für gering, wenn sie auch noch so unbedeutend wäre. So wie der erste immer auf dieselbe strenge Mannszucht hält, eben die Posten ausstellt, eben die Patrouillen thun läßt, der Feind mag so schwach sein als er will, so behält der letzte immer dieselbe Ernsthaftigkeit in den Mienen, zuckt die Achseln und schüttelt den Kopf mit eben der Wichtigkeit, lass' die Krankheit so geringfügig sein als sie wolle. Und beide können unter manchen andern ganz guten auch diese sehr triftige Ursache für ihr Verfahren anführen, daß sie auf diese Art, wenn sie siegen, um so mehr Ehre einernten und um so weniger Unehre, falls sie [216] ja durch einen unglücklichen Zufall einmal den kürzeren ziehen sollten.

Herr Alwerth hatte nicht so bald sein Haupt emporgehoben und dem Himmel für die gute Hoffnung zu seiner Genesung gedankt, als sein Neffe Blifil mit einem höchst niedergeschlagenen Wesen seinen Stuhl näher zum Bette rückte und, nachdem er sein Taschentuch vor die Augen gebracht hatte, um seine Thränen abzuwischen, oder, wie Ovid sich irgendwo bei einer andern Veranlassung ausdrückt:


»Si nullus erit, tamen excute nullum,«

»Ist keine da, so wisch' die weg, die nicht da ist,«

machte er seinem Onkel bekannt, was der Leser eben erfahren hat.

Alwerth nahm die Nachricht auf mit Betrübnis, mit Geduld und mit Unterwerfung. Er vergoß eine Thräne der Zärtlichkeit, dann nahm er ein unruhiges Gesicht an und rief endlich aus: »Des Herrn Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!«

Er erkundigte sich nunmehr nach dem Ueberbringer dieser Nachricht, aber Blifil sagte ihm, es wäre ihm unmöglich gewesen, den Mann nur einen Augenblick aufzuhalten, denn aus der übergroßen Eile, worin er gewesen, habe es ihm geschienen, daß er ein sehr wichtiges Geschäft in Händen haben müßte: er habe sich beklagt, daß er dergestalt herumgetrieben würde, daß er seines Lebens kaum froh würde, und habe oft wiederholt, daß, wenn er sich in vier Teile teilen könnte, er doch für jeden Teil der Geschäfte die Menge habe.

Herr Alwerth sagte darauf seinem Neffen, er möchte für das Leichenbegängnis Sorge tragen. Er äußerte dabei, daß seine Schwester in seiner eigenen Kapelle niedergesetzt werden möchte; die übrigen Umstände überließ er seiner eignen Willkür, nur daß er den Geistlichen ernannte, welcher bei der Bestattung sein geistliches Amt vernichten sollte.

Neuntes Kapitel
Neuntes Kapitel.

Welches unter andrem auch als ein Kommentar über die Stelle im Aeschines dienen kann, wo er sagt: Trunkenheit zeigt das Gemüt eines Menschen, wie ein Spiegel seine persönliche Gestalt zurückwirft.


Der Leser mag sich vielleicht wundern, daß er im vorigen Kapitel kein Wort von Jones gehört hat. Die Ursache davon ist: [217] sein Betragen war von dem Betragen der andern darin erwähnten Personen so verschieden, daß wir lieber seinen Namen mit den ihrigen nicht vermengen mochten.

Nachdem der edle Mann seine Rede abgebrochen hatte, war Jones der letzte, der das Zimmer verließ. Er begab sich von da in sein eigenes, um seiner Betrübnis freien Lauf zu lassen. Allein die Unruhe seines Gemüts erlaubte es ihm nicht, lange daselbst zu verbleiben. Er schlich sich also leise auf den Zehen herunter bis an Herrn Alwerths Stubenthür, vor der er eine ziemliche Zeit lauschte, ohne darin die geringste Bewegung zu vernehmen, ausgenommen ein heftiges Schnarchen, welches ihn endlich seine Furcht für das letzte Todesröcheln halten ließ. Dies beängstigte ihn dergestalt, daß er sich nicht enthalten konnte, in das Zimmer hineinzuschleichen. Hier fand er nun den guten Mann in einem hübschen geruhigen Schlafe und seine Krankenpflegerin auf die obbesagte Art am Fuße des Bettes herzlich schnarchen. Er ergriff augenblicklich das einzige Mittel, diesen Generalbaß ins Pausieren zu setzen, weil er fürchtete, seine Musik möchte den Schlaf des Herrn Alwerth stören; und nachdem er sich bei der Wärterin niedergesetzt hatte, blieb er still, ohne sich zu regen, bis Herr Blifil und der Doktor zusammen hereintraten und den guten Mann aufweckten, damit der eine ihm den Puls befingern und der andre ihm die Zeitung überbringen könne, welche schwerlich unter diesen Umständen ihren Weg zu Herrn Alwerths Ohr gefunden haben möchte, wenn Jones den geringsten Wind davon gehabt hätte.

Jones, als er den Anfang dieser Geschichte hörte, welche Blifil seinem Onkel erzählte, konnte kaum den Zorn zurückhalten, welcher sich in seiner Brust über des andern Unbehutsamkeit entzündete, um so mehr da der Doktor dabei den Kopf schüttelte und seine Unzufriedenheit darüber bezeigte, daß man dem Kranken diese Nachricht sagen wollte. Allein da ihn sein Zorn nicht in dem Grade des Gebrauches seines Verstandes beraubte, daß er nicht die Folgen hätte begreifen sollen, welche heftige Ausdrücke gegen Blifil hätten für den Kranken hervorbringen können, so besänftigte diese Sorgsamkeit für jetzt seinen Aerger, und nachher ward er so vergnügt, als er fand, daß diese Nachricht wirklich kein Uebel gestiftet habe, daß er seinen Unwillen in seiner eigenen Brust ersterben ließ, ohne seiner jemals gegen Herrn Blifil zu erwähnen.

Der Arzt aß des Mittags in Herrn Alwerths Hause, und als er nach Tische seinen Patienten besucht hatte, sagte er der Tischgesellschaft, da er wieder zurück kam, daß er nunmehr das Vergnügen haben könne, mit Zuverlässigkeit zu sagen: sein Patient sei außer aller Gefahr, sein Fieber habe sich nunmehr völlig gebrochen [218] und er zweifle nicht, er würde mit einer Gabe Chinarinde sicher verhindern, daß es wiederkehre.

Diese Nachricht gefiel unserm Jones dermaßen und setzte ihn in einen solch hohen Grad der Entzückung, daß man mit Wahrheit von ihm hätte sagen können, er sei freudetrunken. Eine Trunkenheit, welche der Wirkung des Weines sehr zu statten kommt. Und da er bei dieser Gelegenheit gar nicht blöde mit seiner Weinflasche war (denn er trank manchen Bumper auf die Gesundheit des Doktors sowohl als andrer Personen), so ward er bald in buchstäblichem Verstande betrunken.

Jones hatte von Natur sehr bewegliche und heftige Lebensgeister. Da diese durch den Weinspiritus vermehrt und in Gang gesetzt wurden, so brachte das die allersonderbarsten Wirkungen hervor. Er küßte den Doktor und umarmte ihn unter den heftigsten Liebkosungen, schwur, daß er ihn nächst Herrn Alwerth selbst unter allen lebenden Menschen am liebsten hätte. »Doktor,« setzte er hinzu, »Sie verdienen, daß man Ihnen auf gemeine Kosten ein öffentliches Denkmal setzte, weil Sie einen Mann erhalten haben, der nicht nur der Liebling aller guten Menschen ist die ihn kennen, sondern eine Wohlthat für die Menschheit, eine Ehre seines Vaterlandes und ein Triumph der menschlichen Natur. Gott soll mich strafen, wenn ich ihn nicht lieber habe wie meine eigne Seele!«

»So mehr Schande für Sie, junger Herr!« rief Schwöger, »ob ich wohl glaube, daß Sie Ursache haben ihn zu lieben, denn er hat sie gar artig bedacht. Und vielleicht wäre es für jemand besser gewesen, wenn er nicht gelebt hätte, um gute Gründe zu finden, sein Vermächtnis wieder zurückzunehmen.«

Jones, der jetzt auf Schwöger mit unaussprechlicher Verachtung herabsah, antwortete: »Und glaubt Eure jämmerlich kleine Seele, daß irgend eine solche Betrachtung bei mir vom geringsten Gewicht sein könne? Nein, laßt die Erde sich aufthun und ihren eigenen Kot verschlingen (denn so würde ich es nennen, wenn ich eine Million Acker besäße), lieber, als daß sie meinen teuern, glorwürdigsten Freund verschlinge.«


Quis desiderio sit pudor aut modus
Tam cari capitis?
Um solch ein liebes Herz, wer schämte sich
Der Sehnsucht, oder wüßte je ihr Maß?

Hier legte sich der Doktor dazwischen und verhinderte die Wirkungen eines Zorns, der sich zwischen Jones und Schwöger entzündet hatte. Hierauf gab der erste seiner Munterkeit Raum, sang ein Paar oder mehr verliebte Lieder und fiel in alle jene Unordnung, [219] welche eine ungezähmte Freude einzuflößen pflegt. Aber so weit war er entfernt von aller Neigung zum Zank, daß er womöglich noch zehnmal friedfertiger und aufgeräumter war, als bei gewöhnlichem nüchternen Mute.

In Wahrheit, nichts kann irriger sein als die gemeine Sage, daß bösartige, zänkische Menschen beim Trunke die würdigsten Personen bei nüchternem Mute sind, denn wirklich kehrt Trunkenheit die menschliche Natur nicht um, oder erschafft Leidenschaften in ihnen, welche vorher nicht da waren. Sie schafft allerdings die wachende Vernunft beiseite und nötigt uns folglich, uns in der Gestalt zu zeigen, welche manche, so lange sie nüchtern sind, Kunst genug besitzen, zu verbergen. Sie erhöht und entzündet unsre Leidenschaften (freilich am gewöhnlichsten diejenige, welche eben in unsrem Gemüt die Oberhand hat,) solchergestalt, daß die zänkischen Gemüter, die Verliebten, die Großmütigen, die Friedseligen, die Geizigen, kurz alle menschlichen Gemütsarten beim Trunke sich am deutlichsten zu Tage legen.

Und dennoch, weil keine Nation so viele Zänkereien im Trunke hervorbringt als die englische, besonders unter dem gemeinen Manne (denn wirklich heißt bei ihnen mit einander trinken und sich schlagen fast einerlei und ebendasselbe), so möchte ich doch nicht, nach meiner Ueberzeugung, daß man daraus schlöße, das englische Volk sei eben das schlimmste auf der Welt. Vielleicht liegt bloß die Liebe zum Ruhme dabei zum Grunde, so daß die reinste Schlußfolge zu sein scheint, unsre Landsleute besitzen mehr von dieser Liebe und mehr Tapferkeit als der Pöbel irgend eines andern Reiches. Und dies um so mehr, als selten etwas Ungroßmütiges, Hinterlistiges oder Niederträchtiges bei diesen Gelegenheiten verübt wird. Ja es ist gewöhnlich, daß die Fechter, selbst in dem Augenblick ihrer Balgereien, einer dem andern eine gewisse Gutherzigkeit bezeigt, und so wie ihre trunkene Fröhlichkeit sich gemeiniglich mit einer Schlägerei endigt, so endigen sich die meisten ihrer Schlägereien in Freundschaft.

Aber wieder zu unsrer Historie. Obgleich Jones keinen Vorsatz gezeigt hatte jemand zu beleidigen, so ward Herr Blifil doch sehr aufgebracht über ein Betragen, das zu der ehrbaren, klugen Mäßigkeit seiner eigenen Gemütsart so wenig stimmte. Er ertrug es mit desto größerer Ungeduld, weil es ihm höchst unanständig vorkam, besonders zu einer Zeit, da, wie er sagte, das Haus ein Haus der Trauer und Klage sei über den Tod seiner Mutter, und wenn der Himmel so gnädig gewesen, ihnen einige gute Hoffnung auf Herrn Alwerths Besserung zu verleihen, so würde es sich besser für sie schicken, die Freude ihrer Herzen durch Lob- und Dankpsalmen [220] auszudrücken, als durch Saufen und Schwärmen, wodurch man den Zorn des Himmels reize, anstatt solchen von sich abzuwehren. Schwöger, der weit mehr Wein und Bier zu sich genommen hatte als Jones, nur daß ihm nicht so leicht etwas zu Kopfe stieg, unterstützte diese fromme Strafrede des Herrn Blifil; Quadrat aber blieb aus Ursachen, die der Leser vielleicht erraten wird, dabei völlig stumm.

Jones war vom Weine dergestalt überwältigt, daß er sich an Blifils Verlust gar nicht erinnerte, bis jetzt, als desselben erwähnt wurde. Da nun kein Mensch bereitwilliger war als Jones, seine Irrtümer und Fehler zu bekennen und zu verdammen, so bot er dem Herrn Blifil die Hand, um ihn um Verzeihung zu bitten, und sagte dabei: seine übermäßige Freude über Herrn Alwerths Genesung habe alle übrigen Gedanken aus seinem Kopf und Herzen verjagt.

Blifil schlug seine Hand mit Verachtung aus und antwortete mit zornigem Unwillen: »Es wäre eben kein Wunder, wenn tragische Schauspiele keinen Eindruck auf Blinde machten; für sein Teil aber habe er das Unglück, zu wissen wer seine Eltern gewesen, und folglich müsse ihr Verlust ihm wohl zu Herzen gehen.«

Jones, der ungeachtet seines aufgeräumten Gemüts doch eine kleine Mischung von Galle in seinem Blute hatte, sprang hastig von seinem Stuhle auf, faßte Blifiln bei der Halskrause und rief aus: »Ei, du verdammter Schurke! willst du mir das Unglück meiner Geburt in die Zähne werfen?« Er begleitete diese Worte mit so unsanften Handlungen, daß solche sehr bald das friedsame Gemüt des Herrn Blifil überwältigten; und es erfolgte auf der Stelle eine Balgerei, welche hätte unglücklich ablaufen können, wenn sich nicht Schwöger und der Arzt dazwischengelegt und es verhindert hätten; denn die Philosophie des Quadrats setzte ihn über alle Gemütsbewegungen hinaus und er schmauchte gelassen seine Pfeife fort, wie seine Gewohnheit bei jedem Zank und Streite war, es sei denn, daß er Gefahr besorgte, sie möchte ihm im Munde zerschlagen werden.

Nachdem die Fechter verhindert worden, für jetzt ihre Rache aneinander auszulassen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den gewöhnlichen Mitteln einer ohnmächtigen Wut und machten ihrem Aerger Luft durch Schimpfen und Drohen. In dieser Art von Kampfe war das Glück, welches beim persönlichen Angriff sich auf Jones' Seite zu neigen schien, seinem Feinde hinwiederum ebenso günstig.

Nichtsdestoweniger ward endlich durch Vermittlung der neutralen Mächte ein Waffenstillstand beliebt, und die ganze Gesellschaft setzte sich wieder an den Tisch; wo man Jones dahin vermochte, daß er um Verzeihung bat, und Blifil, daß er sie erteilte und also [221] der Friede hergestellt und alles wieder in statu quo zu sein schien.

Allein, obgleich der Streit nach allem Anschein völlig ausgeglichen war, so ward doch die gute Laune, welche dadurch unterbrochen worden, keineswegs wiederhergestellt. Alle frohe Munterkeit hatte nun ein Ende und das folgende Gespräch bestand in steifen Erzählungen von Thatsachen und in Anmerkungen darüber, die ebenso steif und trocken waren. Eine Art von gesellschaftlicher Unterredung, wobei zwar viele Würde und Belehrung, aber sehr wenig Unterhaltung stattfindet. Da wir also nur die letzte dem Leser zu verschaffen beabsichtigen, so wollen wir alles überschlagen was gesagt wurde, bis die übrigen von der Gesellschaft nach und nach fortgegangen waren und den Arzt und Quadrat allein bei einander gelassen hatten. Um diese Zeit ward das Gespräch etwas lebhafter durch diese und jene Anmerkung über dasjenige, was zwischen den jungen Herren vorgefallen war. Beide, meinte der Doktor, wären am Ende weiter nichts als ein paar dumme Jungen; welche Benennung der Philosoph durch ein sehr weises Achselzucken bestätigte.

Zehntes Kapitel
Zehntes Kapitel.

Zeigt die Wahrheit mancher Bemerkung des Ovid und andrer tiefsinnigen Weltweisen mehr, welche ohne Widerrede bewiesen haben, daß oft der Wein ein Vorläufer der Unenthaltsamkeit sei.


Jones begab sich aus der Gesellschaft, in welcher wir ihn gesehen haben, hinaus aufs Feld, wo er sich durch einen Spaziergang in freier Luft ein wenig abzukühlen dachte, bevor er zum Herrn Alwerth hineinging. Hier begegnete ihm unterdessen, daß er die Beobachtungen über seine teure Sophie erneuerte, welche die gefährliche Krankheit seines Freundes und Wohlthäters auf eine Zeitlang unterbrochen hatten, ein Zufall, welchen wir mit Betrübnis erzählen und welchen man gewiß mit Betrübnis lesen wird. Gleichwohl zwingt uns die Wahrheit, der wir bekanntlich die treueste Anhänglichkeit gelobt haben, diesen Zufall der Nachwelt mitzuteilen.

Es war eben ein sehr anmutiger Abend, gegen Ende des Juni-Monats, als unser Held in dem lieblichsten Wäldchen spazieren ging, wo die linde Luft, welche die Blätter fächelte, das sanfte Rieseln eines murmelnden Bächleins, die melodischen Töne der Nachtigallen miteinander eine bezaubernde Harmonie ausmachten. [222] In dieser für die Liebe so wonniglich zubereiteten Szene überließ er sich dem Nachdenken über seine teure Sophie. Derweil seine erwärmte Phantasie alle ihre Schönheiten mit ungebundener Freiheit umflatterte und seine verliebte Einbildungskraft ihm das reizende Mädchen in tausend verschiedenen entzückenden Gestalten vormalte, zerschmolz sein warmes Herz in Zärtlichkeit, und endlich warf er sich hin ins Gras am Ufer eines rieselnden Stroms und brach aus in folgende Ergießungen eines liebequellenden Herzens:

»O Sophie! wollte der Himmel dich meinen Armen schenken, wie überschwenglich glücklich wäre mein Los! Verwünscht sei das Glück, welches die weite Kluft zwischen uns legte! Könnte ich nur zu deinem Besitze gelangen und dein ganzes Vermögen enthielte nur einen einzigen Anzug von schlechten Lumpen, wo wäre der Mann auf dieser Welt, den ich beneiden könnte! Wie verächtlich wäre dann meinen Augen die blendendste cirkassische Schöne, geschmückt mit allen Schätzen beider Indien an köstlichen Steinen! Aber was hat ein andres weibliches Geschöpf mit meinen Gedanken zu schaffen! Könnte ich nur glauben, meine Augen wären fähig, eine andre mit Zärtlichkeit anzublicken, diese Hände sollten sie mir aus dem Kopfe reißen. Nein, meine Sophie, sollte auch das grausame Glück auf immer uns trennen, so soll doch meine Seele ewig nur an der deinigen festhangen. Dein Bild will ich ewig mit reinster Keuschheit in meinem Herzen bewahren. Sollte ich auch niemals deine reizende Person besitzen, dennoch bleibt dir allein der unumschränkte Besitz meiner Gedanken, meiner Liebe, meiner Seele. O, mein liebekrankes Herz ist so in jene treue Brust verwebt, daß die glänzendste Schönheit für mich keinen Reiz hätte, noch ein Einsiedler bei ihrer Umarmung kälter sein könnte, als ich. Sophie, Sophie nur soll die meinige sein. Welch Entzücken liegt in diesem Namen! In jeden Baum will ich ihn schneiden.«

Bei diesen Worten sprang er auf und sah – nicht seine Sophie – nein, auch nicht eine cirkassische Schöne, reich und zierlich geschmückt für den Harem des Großtürken. Nein, ohne Rock, im Hemde, das so ziemlich ins gröbste fiel und nicht eben das reinste, durchtaut ein wenig mit gewissen starkriechenden Dünsten, erregt durch die Arbeit des Tages, mit einer Heugabel in der Hand – kam daher – Molly Seegrim. Unser Held hielt in der Hand sein Federmesser, welches er zum vorhin gedachten Endzweck, in die Baumrinden zu graben, hervorgezogen hatte. Als das Mädchen näher hinzukam, rief sie mit einem Lächeln: »Sie meenen mich doch nicht tot zu stecken, Junker, hoffe ich!« – »Warum meint Sie, sollte ich Sie erstechen?« antwortete Jones. – »Nu,« erwiderte sie, »nach der grausamen Begegnung, die Sie mir thäten, als [223] ich Ihnen das letztemal sah, wär's wohl die größte Küte, die 'ch von Sie erwarten könnte, wenn Sie mich umbrächten.«

Hier begann eine Kapitulation, welche ich weglasse, weil ich mich nicht verbunden erachte, solche der Länge nach anzuführen. Genug, daß eine ganze Viertelstunde über ihrer Schließung hingebracht wurde, worauf sich die Parteien in den dicksten Teil des Wäldchens begaben.

Einige von meinen Lesern mögen geneigt sein diesen Vorfall für unnatürlich zu halten. Gleichwohl hat die Sache ihre Richtigkeit und vielleicht läßt sie sich hinlänglich erklären, wenn man annimmt, daß Jones wahrscheinlicherweise dachte, ein Frauenzimmer sei besser als gar keins, und Molly ebenso wahrscheinlicherweise der Meinung war, zwei Männer wären besser als nur einer. Der Leser wird auch die Güte haben, zum besten unsers Jones sich zu erinnern, daß außer den vorangeführten Beweggründen seiner jetzigen Aufführung er auch wirklich in diesem Augenblicke nicht Herr von der wundermächtigen Gewalt der Vernunft war, welche weise und ernsthafte Männer so geschickt macht, ihre unbändigen Leidenschaften zu bezähmen und alle Anwandlungen von dergleichen verbotenen Gelüsten von sich abzulehnen. Der Wein hatte jetzt alle dergleichen Macht und Gewalt in unserm Jones weggeschwemmt, wie in allgewaltigen Wassern der Sintflut! Er war wirklich in einem Zustande, worin die Vernunft, hätte sie sich obgleich nur als Ratgeberin ins Mittel legen wollen, leicht eben die Antwort erhalten können, welche ein gewisser Kleostratus bereits vor vielen Jahren einem einfältigen Gesellen gab, der ihn fragte: ob er sich nicht schäme, betrunken zu sein? »Schämst du dich nicht,« sagte Kleostratus, »einem betrunkenen Menschen etwas vorzuwerfen?« – Die Wahrheit zu sagen, muß zwar in bürgerlichen Gerichten Betrunkenheit für keine Entschuldigung gelten; dennoch ist es eine vor dem Gerichte des Gewissens. Deswegen denn Aristoteles, welcher die Gesetze des Pittakus lobt, nach welchen ein Betrunkener doppelte Strafe für sein Verbrechen erlitt, dennoch eingesteht, daß dieses Gesetz sich mehr auf Polizei als auf Gerechtigkeit gründe. Da nun aber manche Vergehungen der Trunkenheit wegen zu entschuldigen sind, so gehören gewiß diejenigen darunter, in welche jetzt unser Jones verfiel; über welchen Satz ich eine große Menge von Gelehrsamkeit auskramen könnte, wenn ich dächte, daß solches meine Leser belustigen oder irgend etwas lehren könnte, was sie nicht bereits wissen. Ihretwegen also will ich meine Gelehrsamkeit lieber nicht auspacken und wieder auf meine Geschichte kommen.

Man hat die Beobachtung gemacht, daß das Glück eine Sache selten nur halb thue: und es ist wahr, ist es einmal in der Laune, [224] jemand etwas zu Gefallen oder zuwider zu thun, so nimmt es mit seinem Hisse Bissen kein Ende. Nicht so bald also hatte sich unser Held mit seiner Dido auf die Seite begeben,


Speluncam Blifil, dux et divinus eandem
Deveniunt –

Wo mit dem göttlichen Helden auch Blifil zu eben derselben Höhle gelangte – –


als der geistliche Herr Schwöger und der Junker Blifil, welche einen ernsthaften Spaziergang zusammen machten, bei der Höhe ankamen, über welche man steigen mußte, um in das Wäldchen zu kommen, und der letzte einen Blick von den Verliebten erhaschte, gerade als sie aus dem Gesichtskreise verschwinden wollten.

Blifil erkannte seinen Jones sehr gut, obgleich in einer Entfernung von ein paar hundert Schritten; und ebenso gewiß war er in Ansehung des Geschlechts seiner Begleiterin, obwohl nicht in Ansehung ihrer eigentlichen Person. Er stutzte, entsetzte sich und sagte ein paar Stoßgebete vor sich hin.

Schwöger bezeigte sein Verwundern über diese plötzliche Gemütsbewegung und fragte nach ihrer Veranlassung. Worauf Blifil antwortete: er sei gewiß, er habe einen Kerl und ein Weibsbild ins Gebüsch schleichen sehen, und zweifle nicht, daß solche auf bösen Wegen gingen. Was Jones' seinen Namen anbetrifft, so hielt er für ratsam den zu verschweigen, und das warum? müssen wir dem Urteil des einsichtsvollen Lesers überlassen; denn wir mögen nicht gern Ursachen für die Handlungen der Menschen anführen, solange noch die geringste Möglichkeit vorhanden ist, daß wir uns dabei irren können.

Ehrn Herr Schwöger, der nicht nur sehr streng keusch für seine eigene Person, sondern auch ein großer Feind des entgegengesetzten Lasters bei andern war, geriet bei dieser Nachricht in Feuer und Flammen. Er begehrte, Herr Blifil solle ihn augenblicks zu dem Platze hinführen: und so wie sie hingingen, stieß er Schmähreden und Klaglieder aus; auch enthielt er sich nicht auf den Herrn Alwerth einige Seitenhiebe fallen zu lassen, indem er zu verstehen gab, das Sittenverderbnis des Landes sei hauptsächlich eine Folge davon, daß er die Gottlosen in ihrer Bosheit dadurch bestärkte, daß er einem Bastarde so liebreich begegnet sei und die heilsame Strenge des Gesetzes gemildert habe, welches den unzüchtigen Weibsbildern eine harte Züchtigung auferlegt.

Der Weg, den unsre Jäger nehmen mußten, um ihr Wildbret zu verfolgen, war dergestalt mit Dorngesträuchen verwachsen, daß es ihnen sehr beschwerlich fiel, hindurchzukommen, und nebenher machten [225] sie auch ein solches Geräusch, daß Jones dadurch hinlänglich von ihrer Annäherung Warnung erhielt, ehe sie ihn überrumpeln konnten; ja, Schwöger war auch wirklich so wenig fähig, seinen heiligen Eifer zu verbergen, und solche Rache drohte er bei jedwedem Schritte mit vernehmlicher Stimme, daß Jones dadurch überflüssig überzeugt werden mußte, man habe ihn (nach Weidmannssprache) im Kessel gerahmt.

Elftes Kapitel
Elftes Kapitel.

Ein Gleichnis in einer von Popens meilenlangen Perioden als Vorbereitung zu einer so blutigen Schlacht, als nur jemals ohne Beihilfe des Stahls oder kalten Eisens ausgefochten werden kann.


Zur Zeit der Brunft (ein hartes Wort, jedoch der wahre und ehrenvolle Kunstausdruck, um das süße Liebeln und Lübeln unter den edelsten Bewohnern der hohen Wälder zu bezeichnen, welches der gemeine Mann, auf Gefahr des Weidmessers, Brunst zu nennen pflegt) wenn der hochgekrönte Hirsch auf seine sultanischen Freuden ausgeht und sich ein paar Stöber oder andre Tiere von feindseligem Rufe dem Tempel der Venus Ferina so weit nähern sollten, daß die schöne Hindin, gerührt von dem etwas, sei es Furcht oder Schalkheit, Scheu oder Schamhaftigkeit, womit die Natur jedes weibliche Geschöpf geschmückt, oder wenigstens es gelehrt hat, sich damit zu zieren, damit nicht wegen des Ungestüms des Männleins die Sameanischen Mysterien von unheiligen Augen belauscht werden: denn bei Feierung dieser Gebräuche pflegt die Priesterin mit jener beim Virgil (welche damals nach aller Wahrscheinlichkeit eben in voller Arbeit war, die heiligen Mysterien zu feiern) auszurufen:


Procul, o procul este profani;
Proclamat vates, totoque absistite luco.
– Fern, fern, hinweg von hier, Profane!
Hinweg den Blick von diesem Wäldchen! schrie laut die Sybille.

– Ich sage, wenn diese heilige Feier, welche von allem, was lebt und liebt, und liebt und lebt, als allgemein heilig begangen wird, eben zwischen dem hochendigen Hirsch und seiner Geliebten gerade im Werke ist und ein feindseliges Tier sich zu nahe hinzuwagen sollte und die zartscheue Hindin das geringste Zeichen des Schreckens darüber merken läßt, stolz und furchtbar stürzt er hervor, [226] der hochgekrönte Edelhirsch, hin bis an die äußerste Grenze des Brunstplatzes; da steht er kühn und wacht über seine Liebe, stampft den Boden mit seinen Läufen, schwingt sein Geweihe in der Luft und fordert mutbeseelt den von seiner Geliebten gefürchteten Feind zum tötlichen Kampf heraus.

So, und fürchterlicher noch, sprang unser Held hervor, als er die Annäherung des Feindes vermerkte. Manchen Schritt that er vorwärts, um die scheue Hindin zu verhehlen und womöglich ihren Rückzug zu decken. Und nun, nachdem Schwöger erst einige schwefelgelbe Blitze aus seinen stieren Augen geschossen, begann er loszudonnern. »Pfui, pfui, junger Herr! Ist es möglich, daß ich Sie so antreffe!« – »Sie sehen,« antwortete Jones, »daß es möglich ist, denn ich bin hier.« – »Und wer,« sagte Schwöger, »ist das gottlose Weibsstück, das Sie da bei sich haben?« – »Wenn ich ein gottloses Weibstück bei mir habe,« schrie Jones, »so ist's möglich, daß ich Sie's nicht wissen lasse, wer sie ist!« – »Ich befehl' Ihnen, es mir den Augenblick zu sagen,« sagte Schwöger, »und Sie müssen sich nicht einbilden, junger Mensch, daß Ihr Alter, ob es gleich den Zwang des Unterrichts nicht so viel mehr bedarf, Sie aller Macht und Ansehens des Lehrers entzieht. Das Verhältnis des Lehrers und Schülers ist unzerstörbar, so gut wie alle übrigen Standesverhältnisse; denn sie sind ursprünglich alle vom Himmel eingesetzt. Wisse der Herr also, daß er noch ebenso verbunden ist, jetzt zu gehorchen, als damals, da ich ihn seinen Donat lehrte.« – »Daß Sie das verlangen,« schrie Jones, »glaub' ich wohl! Aber geschehen wird's nicht. Sie müßten denn noch eben die Birken und Haselstauden zu meiner Ueberzeugung brauchen können.« – »So muß ich Ihnen denn ohne Umstände sagen,« versetzte Schwöger, »daß ich fest entschlossen bin, das gottlose Mensch zu kennen.« – »Und ich muß Ihnen denn wieder ohne alle Umstände sagen,« erwiderte Jones, »ich bin fest entschlossen, Sie sollen sie nicht kennen.« – Schwöger erdreistete sich vorwärts zu gehen, und Jones packte ihn beim Arm, welchen Herr Blifil freizumachen suchte und dabei sagte: er könne es nicht leiden, seinen alten würdigen Lehrer so gemißhandelt zu sehen.

Jones, der sich jetzt mit zweien verwickelt fand, hielt für nötig, sich so bald als möglich von einem seiner Widersacher zu befreien. Er wandte sich also an den Schwächsten zuerst, ließ den Theologen los und führte einen Schlag auf die Brust des Junkers, welcher so glücklich seine rechte Stelle traf, daß er ihn der Länge nach auf den Boden hinstreckte.

Schwöger war so erpicht auf die vorhabende Entdeckung, daß er den Augenblick, da er sich in Freiheit sah, nach dem Gebüsch [227] hinwackelte, ohne sich eben darum zu bekümmern, wie's derweile seinem Freunde ginge; aber er war nur wenige Schritte vorwärts gekommen, als Jones, welcher Blifiln zu Boden gestreckt hatte, den Geistlichen einholte und ihn beim Zipfel seines Kleides zurückzerrte.

Dieser Stiegelhüpfer war in seiner Jugend ein allzeitfertiger »Komm heraus auf den Platz« gewesen, und hatte sich durch seine Fäuste viel Ehre erfochten, sowohl auf Schulen als auf Universitäten; er hatte nun allerdings seit ziemlich vielen Jahren her keine Uebung mehr in dieser edlen Kunst, dennoch war sein Mut noch ebenso handfest als sein Glaube, und seine Gliedmaßen nicht weniger stark als beide. Ueberdem lief ihm, wie der Leser vielleicht schon bemerkt haben wird, ein wenig leicht die Galle über. Sonach, als er sich umsah und seinen Freund, die viere von sich, auf'm Boden gestreckt, erblickte, und zu gleicher Zeit sich so unbehende angefaßt fühlte, und zwar von jemand, der bisher bei allen zwischen beiden vorgefallnen Kampfspielen sich bloß passive verhalten müssen (ein Umstand, welcher das ganze um so verhaßter machte): so entging ihm endlich die Geduld; er warf sich in eine angreifende Stellung, raffte alle seine Kräfte zusammen und ging ebenso ungestüm auf Jones Fronte los, als er's ehedem mit seinem Hintergliede gewohnt war.

Unser Held stand dem Angriffe des Feindes mit der unerschütterlichsten Tapferkeit, und sein Brustgewölbe erklang von dem Schlage. Er gab solchen sogleich mit nicht minderer Heftigkeit zurück und zielte dabei ebenfalls auf Ehrn Schwögers Brust; der aber drückte nach guter Boxer Art und Kunst, Jones' Fäuste niederwärts, so daß er bloß den Bauch traf, welcher mit zwei Pfund Rindfleisch und ebensoviel Pudding angefüllt war, und also vom Schlage nicht hohl erschallen konnte. Ein mancher fester Faustschlag, lustiger und leichter anzusehen, als zu lesen oder zu beschreiben, ward von beiden Seiten gegeben und empfangen; und es hatte ein heftiger Fall, bei welchem Jones seine Kniee auf Schwögers Brust geworfen hatte, den letzten so entkräftet, daß der Sieg nicht länger zweifelhaft geblieben wäre, hätte nicht Blifil, der unterdessen wieder zu Kräften gekommen, das Gefecht wieder erneuert und dadurch, daß er mit Jones anband, dem geistlichen Herrn einen Augenblick Zeit verschafft, wo er die Ohren schütteln und sich verschnaufen konnte.

Und nun griffen beide unsern Helden an, dessen Streiche nicht mehr die Kräfte behielten, womit sie zu Anfang gefallen waren: so geschwächt hatte ihn dieser Kampf mit Schwögern. Denn, obgleich der Pädagog lieber sein Solo auf dem Menscheninstrument [228] spielen mochte und die letzte Zeit her nur dergleichen Sonaten geübt hatte, so hatte er doch von seiner alten Wissenschaft noch soviel behalten, daß er auch noch ganz gut mit einem Duett zurechtkommen konnte.

Der Sieg schien der neuern Gewohnheit nach sich auf die Seite der stärkern Anzahl zu lenken, als plötzlich ein viertes Paar Fäuste in der Schlacht erschienen und im Augenblick gleich dem geistlichen Herrn ihr Kompliment machten, wobei ihr Führer ausrief: »Sei'n keine Sünd' und Scham in euch, verdammte Kerls, daß 'r zwei auf einen fallt!«

Die Schlacht, welche von der Art war, welche man zum Unterschiede von kleinen Wettfäusteleien die königliche nennt, wütete nun mit entsetzlicher Heftigkeit einige Minuten hindurch fort; bis Schwöger, als er sah, daß Blifil zum andernmale von Jones zu Boden gestreckt worden, sich herabließ, um Quartier bei seinem neuen Widersacher anzusuchen, in welchem man nunmehr Herrn Western selbst entdeckte; denn in der Hitze des Treffens hatte ihn keiner von den Kombattanten erkannt.

Die Sache traf so zu: dieser ehrliche Junker ging bei seinem Abendspaziergange mit einiger Gesellschaft, zufälligerweise eben in der Gegend, wo die blutige Schlacht gefochten wurde; und nachdem er daraus, daß er drei Mann im Handgemenge erblickte, schloß, daß zwei davon auf einer Seite sein müßten, so verließ er eilig seine Gesellschaft und nahm biederherzig genug, aber ganz unpolitisch, sich der schwächern Partei an. Vermittelst dieses großmütigen Verfahrens, verhinderte er wahrscheinlicherweise, daß Jones nicht Schwögers Zorne und der frommen Freundschaft, welche der pflichtliebende Blifil für seinen alten Lehrer hegte, hingeopfert wurde. Denn, die überlegene Anzahl abgerechnet, hatte Jones in seinem eben geheilten Arme noch nicht alle Kräfte wieder. Diese Verstärkung machte indessen dem Treffen bald ein Ende, und Jones und seine Alliierten behielten das Feld.

Zwölftes Kapitel
Zwölftes Kapitel.

In welchem ein weit rührender Schauspiel zu sehen ist, als alles Blut in Schwögern und Blifils, und zwanzig andrer solcher Helden Leibern zu verschaffen im stande ist.


Die übrigen von Herrn Westerns Gesellschaft waren nun angelangt, gerade in dem Augenblicke, da sich das Treffen endigte. [229] Es waren folgende: der ehrliche Pfarrer, den wir bereits an Junker Westerns Tafel gesehen haben; Ihro Gnaden, das Hochwohlgeborne Fräulein von Western, Sophiens gnädige Tante und endlich die liebenswürdige Sophie selbst.

Um diese Zeit war der Anblick des blutigen Schlachtfeldes folgender: An einer Stelle lag auf dem Erdboden sehr blaß und atemlos der überwundene Blifil. Bei ihm stand sein Besieger Jones, fast ganz bedeckt mit Blut, davon ein Teil von Natur sein eigenes, ein andrer Teil aber noch vor kurzem das Eigentum des Ehrn Herrn Schwögers gewesen war. Auf einem dritten Platze stand dickbesagter Schwöger, wie ehemals König Porus, dem Sieger sich mit verbissenem Unmut unterwerfend. Die letzte Figur im Gemälde war Western der Große, höchst heldenmütig des besiegten Feindes schonend.

Blifil, an welchem sich wenige Zeichen des Lebens befanden, war anfänglich der Hauptgegenstand der Sorgen aller und besonders von Ihro Gnaden, Tante Western, welche aus ihren Taschen ein Riechflakon hervorgezogen hatten und sich selbst in eigner Person bemühten, es ihm vor die Nase zu halten; als plötzlich und auf einmal die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft von dem armen Blifil weggelenkt wurde, dessen Geist, wenn er nur im geringsten Lust dazu gehabt, jetzt diese schöne Gelegenheit hätte wahrnehmen können, sich ohne alle Zeremonien nach der andern Welt davonzuschleichen.

Denn da lag vor ihnen ein eben so melancholischer, als liebenswürdiger Gegenstand ohne alle Lebensbewegung. Dies war kein geringerer als die reizende Sophie selbst, welche von Ansicht des Bluts, oder aus Angst um ihren Vater, oder aus einer andern Ursache, in eine Ohnmacht hingesunken war, bevor ihr jemand hatte zu Hilfe eilen können.

Ihro Gnaden, Fräulein von Western, sahen das zuerst und machten ein helles Geschrei. Flugs darnach schrieen zwei oder drei Stimmen zugleich: »Fräulein Sophie ist tot!« Eau de Luce! Hirschhorngeist! Wasser! Um jedes Hilfsmittel ward auf einmal und fast in einem Augenblick gerufen.

Der Leser geliebe sich zu erinnern, daß wir in der Beschreibung dieses Wäldchens eines rieselnden Bächleins erwähnt haben; welches Bächlein nicht dahin kam, wie dergleichen sanfte Silberbäche durch die alltäglichen Romane fließen, ohne da irgend etwas anders zu thun zu haben, als zu rieseln und zu murmeln. Nein, das Glück hatte beschlossen, diesen kleinen Rhein mit höhern Ehren zu adeln, als alle jene, welche die arkadischen Thäler bewässern, jemals verdient haben.

[230] Jones war darüber her, Blifils Schläfe zu reiben: denn er begann zu besorgen, er möchte ihm einen Schlag zuviel gegeben haben, als die Worte, Fräulein Sophie und Tod, ihm zugleich in die Ohren schallten. Er sprang auf, überließ Blifil seinem Geschick und flog nach Sophien, und unterdessen, daß alle übrigen die Kreuz und Quere durcheinander sich an die Köpfe rannten, und sich in den trockenen Steigen nach Wasser umsahen, faßte er sie in seine Arme, und fort lief er damit querfeldein, nach dem oben bemeldeten kleinen Bache; hier patschelte er selbst ins Wasser und besprengte ihr Kopf, Gesicht und Busen aufs reichlichste.

Ein Glück für Sophien war's, daß eben die Verwirrung, welche ihre andren Freunde hinderte, ihr Beistand zu leisten, solche ebenfalls hinderte, unsern Jones aufzuhalten. Er hatte sie schon den halben Weg fortgetragen, ehe sie wußten, was er thun wollte, und hatte sie wirklich schon wieder ins Leben zurückgerufen, bevor sie bei dem Wässerchen anlangten. Sie streckte ihre Arme aus, öffnete die Augenlider und seufzte: Ach Himmel! eben als ihr Vater, ihre Tante und der Pfarrer Schickelmann herzukamen.

Jones, der bisher seine liebliche Bürde in den Armen gehalten hatte, ließ nunmehr seine Schlingen los, drückte ihr aber in eben dem Augenblicke einen so zärtlichen Kuß auf die Wange, daß sie, wenn ihre Sinne damals schon völlig wiederhergestellt gewesen wären, es gewiß gefühlt haben müßte. Da sie also über diese herausgenommene Freiheit kein Mißvergnügen zeigte, so glauben wir, ihre Ohnmacht sei zu der Zeit wohl noch nicht so völlig vorüber gewesen.

Dieser tragische Auftritt ward nun auf einmal in eine Freudenszene verwandelt. Hierin war unser Held, außer allem Zweifel, die Hauptperson. Denn so, wie er wohl gewiß ein inniges Vergnügen darüber fühlte, Sophien gerettet zu haben, als sie selbst darüber empfand, gerettet zu sein: so wurden auch Sophien nicht soviel Glückwünsche gemacht, als dem Jones darüber gesagt wurden, besonders von Herrn Western selbst. Dieser, nachdem er seine Tochter ein- oder ein paarmal in seine Arme gedrückt hatte, konnte nicht satt werden, Jones zu umhalsen und zu küssen. Er nannte ihn Sophiens Retter, und beteuerte, er wüßte nicht, seine Tochter und seine liegenden Gründe ausgenommen, was er ihm nicht gerne gäbe; nach ein wenig Besinnen aber, nahm er hernach doch noch seine Jagdhunde, den Chevalier und den Murpaß aus. (So nannte er seine liebsten Reitpferde.)

Nachdem nun die Sorge um Sophie zerstreut war, ward Jones der Gegenstand von des Junkers Sorgfalt. »Komm, komm, lieber Bursch,« sagte Western, »'runter mit'm Rock, und wasch' dir's [231] Angesicht; denn 's ist dir in'n höllisch saubern Unflat, glaub' mir's. Komm, komm, wasch' dir; und sollst mit mir nach Haus gehn und woll'n dir 'n andern Rock such'n.«

Jones that augenblicklich was man verlangte: warf den Rock ab, stieg ins Wasser und wusch sich das Gesicht und den Busen, denn der letztere war eben so zerschlagen und blutig als das erstere. Allein, obgleich das Wasser das Blut hinwegnehmen konnte, so konnte es doch nicht die schwarzen und blauen Flecken abwaschen, welche Schwöger beiden eingedrückt hatte und welche, als Sophie sie wahrnahm, ihr einen Seufzer abnötigten und dabei einen Blick voll unaussprechlicher Zärtlichkeit.

Diesen faßte Jones mit seinen Augen auf, ohne von dessen Kraft das geringste auf die Erde fallen zu lassen, und er that auf ihn eine stärkere Wirkung als alle Verletzungen, die er vorher empfangen hatte. Eine Wirkung, die bei alledem von höchst verschiedener Art war; denn sie war so erquickend und balsamisch, daß, wären alle auf ihn gefallene Streiche Dolchstiche gewesen, sie ihn auf einige Minuten verhindert haben würde, die Schmerzen dieser Stiche zu fühlen.

Die Gesellschaft begab sich nun wieder auf den Rückweg und langte bald wieder auf der Stelle an, wo Schwöger dem Blifil von neuem auf die Beine geholfen hatte. Hier können wir den frommen Wunsch nicht unterdrücken, daß alle Mißverständnisse durch keine andre, als diese Waffen beigelegt werden möchten, womit die Natur, welche recht gut weiß was sich für uns ziemt, uns ausgerüstet hat; und daß das kalte Eisen niemals gebraucht werden möchte, in andern Eingeweiden zu wühlen, als in den Eingeweiden der Erde. Dann würde der Krieg, dieser liebe Zeitvertreib großer Monarchen, fast gänzlich unschädlich werden, und man könnte Schlachten schlagen, so oft es nur hier oder dort eine Dame von Stande zu wünschen äußerte; und diese selbst könnten denn ebensowohl als die Könige dabei persönliche Zuschauer abgeben. Alsdann könnte das Schlachtfeld diesen Augenblick mit leblosen Körpern dick bestreut liegen und den folgenden könnte die tote Mannschaft, wenigstens dem größten Teile nach, wieder aufstehn, wie die gelenken Personen einer nichtessenden Schauspielerbande, und könnte nach dem Schall einer Trommel oder einer Klingenthaler Geige abmarschieren, je nachdem man vorher darüber Abrede getroffen hätte.

Ich möchte, wenn's möglich wäre, diese Sache nicht gerne spaßhaft behandeln, damit die ernsthaften Männer und politischen Staatslotsen, welche, wie ich recht gut weiß, keinen Spaß verstehen, mich nicht auszuzischen Anlaß hätten; könnten bei alledem aber nicht die Schlachten ebensogut nach der größern Anzahl von zerlappten Köpfen, [232] blutigen Nasen und blaugeklopften Augen entschieden werden, als nach den größern Haufen von verstümmelten und ermordeten Leichen und menschlichen Körpern? Könnte man sich nicht auf eben die Art um Städte balgen? Freilich kann man dieser Vorschlag für ein nachteiliges Projekt für solche Kriegsmächte halten, die durch das Uebergewicht ihrer Genies (vielleicht deutlicher gesagt, ihrer Ingenieurs) einen Vorteil über andre Nationen haben, den sie sich nicht werden aus den Händen winden lassen wollen. Wenn ich aber auf der anderen Seite wieder die höchst uneigennützige Großmut und offene kunstlose Biedermütigkeit der Völkerschaften gegen einander in Betrachtung ziehe, so bin ich überzeugt, keine wird es ablehnen, sich mit ihrem Freunde auf einen völlig gleichen Fuß zu setzen oder, wie der alte Ausdruck lautet, Godes Ordeel nicht durch unfertige Waffen zu erschleichen.

Dergleichen Reformation steht nun aber wohl freilich mehr zu wünschen als zu hoffen; weshalben ich mich denn mit diesem kurzen Winke begnügen und zu meiner Geschichtserzählung zurückkehren will.

Western fing nunmehr an, sich nach der ursprünglichen Veranlassung des Haders zu erkundigen; worauf weder Blifil noch Jones eine Antwort erteilten; Schwöger aber sagte mit verbissenem Groll: »Ich glaube die Ursache braucht man nicht weit zu suchen; wenn Sie nur das Gebüsch recht durchstöbern wollen, so werden Sie sie finden.« – »Finden? sie?« erwiderte Western. »Um 'ne sie habt 'r euch also gerauft?« – »Fragen Sie nur den Herrn da im Kamisol,« sagte Schwöger, »der weiß es am besten!« – »Ja, nu denn!« schrie Western, »so ist gewiß ein Weibsen auf'r Fährt! – Ha, Tom, Tom! du bist doch ein lockrer Zeitz von Kerl du! – Aber kommt, kommt, Leut', vertragt 'ch und geht mit nach mein Haus und macht gemein Fried beim Punschnapf!« – »Ich bitte um Entschuldigung, Herr von Western,« sagte Schwöger. »Für einen Mann von meinem Stande ist's keine solche Kleinigkeit, so schimpflich behandelt und gepufft zu werden von einem Junker, der seine Knabenschuh kaum vertreten hat; bloß weil ich meine Amtspflicht thun und es an mir nicht ermangeln lassen wollte, ein liederliches Weibsmensch zu entdecken und zur gerechten Strafe zu bringen. Aber wahrlich, wahrlich, die größte Schuld fällt auf Herrn Alwerth und auf Sie selber; denn wenn Sie recht nach den Gesetzen thäten wie Sie billig sollten, so würden Sie das Land bald von solchem Ungeziefer reinigen.«

»Von Füchsen würd' ich's Land ebenso leicht reinigen, und ebenso lieb,« schrie Western. »Sollte meinen wir verlören doch täglich Leut' g'nug im Krieg; und sollt' uns lieb sein, und sollt'n was zu geb'n, wenn Leute vor Rekruten sorgen. – Aberst wo ist [233] sie? – Bitt' dich, Tom zeig' mir's!« Hierauf fing er an umher zu spüren, gerade so, als ob er einen Hasen auf der Fährte gehabt hätte, und rief endlich aus: »Holloho! Märten ist nicht weit! Bei Pulver und Blei! da seht ihr's Lager. Glaube, ich kann rufen: fortgeschlichen!« Und das konnte er in der That; denn er hatte jetzt die Stelle entdeckt, von welcher sich die arme Dirne beim Anfange des Handgemenges auf ebensoviel Füßen weggeschlichen hatte, als ein Hase gewöhnlich zu seinen Reisen braucht.

Sophie bat jetzt ihren Vater, daß sie wieder nach Hause kehren möchten, weil, wie sie sagte, sie sich nicht recht wohl befände und eine neue Anwandlung besorgte. Der Junker willigte alsobald in die Bitte seiner Tochter (denn er war der liebreichste Vater). Er drang ernstlich darauf, daß die ganze Gesellschaft mit ihm gehen und zu Abend bei ihm essen möchte. Blifil und Schwöger aber lehnten es ab. Der erste sagte, er habe mehr Ursachen als er jetzt sagen könne, warum er sich die Ehre verbitten müßte! und der letztere behauptete (und vielleicht mit Recht): Es sei für eine Person von seinem Amte nicht schicklich, sich in seinen jetzigen Umständen an irgend einem Orte sehen zu lassen.

Jones war unvermögend, das Vergnügen bei seiner Sophie zu sein auszuschlagen. Sonach marschierte er hin mit Junker Western und seinen Damen, und der Pfarrer Schickelmann machte den Nachtrab. Dieser hatte sich wirklich erboten, bei seinem Amtsbruder Schwöger zurückzubleiben, um seine Achtung für den ehrwürdigen Rock zu bezeigen, der ihm nicht erlaubte, ihn allein im Stiche zu lassen; Schwöger aber wollte diese Gefälligkeit nicht annehmen, sondern stieß ihn, nicht eben mit äußerster Höflichkeit, hinter Herrn Western her.

Auf diese Weise schloß sich dieses blutige Scharmützel; und damit soll sich auch das fünfte Buch dieser Geschichte beschließen.

Sechstes Buch

Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Ueber die Liebe.


In unserm letzten Buche haben wir uns genötigt gesehen, uns so ziemlich viel mit der Leidenschaft der Liebe abzugeben; und in unsrem folgenden Buche werden wir gezwungen sein, diesen Gegenstand noch umständlicher abzuhandeln. Es wird daher an dieser Stelle nicht unschicklich sein, uns auf die Untersuchung jener neuen Lehre einzulassen, wodurch gewisse Philosophen unter andren wundersamen Entdeckungen auch diese gemacht haben wollen, daß es keine solche Leidenschaft im Herzen des Menschen gebe.

Ob diese Philosophen zu jener unbegreiflichen Sekte gehören, welcher der verstorbene Doktor Swift mit allen Ehren als solcher Menschen erwähnt, die bloß und allein durch die Stärke ihres Genies, ohne die geringe Beihilfe von irgend einiger Gelehrsamkeit oder nur Belesenheit, das tiefe und unschätzbare Geheimnis ausfindig gemacht haben, daß kein Gott sei; oder ob sie nicht vielmehr unter diejenigen zu zählen sind, welche seit einigen Jahren her die Welt dadurch sehr in Harnisch gejagt haben, daß sie beweisen wollen, in der menschlichen Natur sei nichts dergleichen zu finden, was man Tugend oder Güte nennt, und die unsre edelsten Handlungen aus dem Stolze herleiten, das will ich mir nicht anmaßen zu entscheiden. Im Grunde bin ich geneigt zu vermuten, daß alle diese verschiedenen Wahrheitsmacher gerade ebendieselben leibhaften Leute sind, welche von andern Goldmacher genannt werden. Der geheime Prozeß dieser im Verborgenen arbeitenden Adepten, sowohl auf Wahrheit als auf Gold, ist in der That ein und derselbe und besteht hauptsächlich darin, die Prima materia zu finden und darnach in einem schmutzigen Orte zu wühlen, zu suchen und zu untersuchen. Und für den ersten Fall wirklich in dem allerschmutzigsten aller Plätze, einem schlechten Gemüte.

Doch, obgleich in diesem Betracht und vielleicht auch in Betracht dessen, was sie durch ihre Prozesse herausbringen, der Wahrheitsmacher und der Goldmacher sehr schicklich mit einander verglichen werden können: so findet doch in Ansehung der Bescheidenheit gewiß keine Vergleichung unter beiden statt. Denn wer hat [235] wohl von irgend einem Gold- und Rosenkreuzer gehört, der die Unverschämtheit und Thorheit gehabt hätte zu behaupten, daß deswegen, weil er nichts herausbringen können, kein solches Metall in der Welt sei, das man Gold nennt? Da hingegen der Wahrheitsmacher, wenn er den Stinkwinkel seines eigenen Gemüts durchgeackert hat, und nicht vermögend ist darin die mindeste Spur oder den geringsten Strahl der Göttlichkeit, noch irgend etwas Tugendhaftes, Gutes, Liebenswürdiges oder Liebendes zu entdecken, ganz aufrichtig, ehrlich und logikalisch schließt, dergleichen Dinge seien nirgends in der ganzen Schöpfung zu finden.

Und gleichwohl, wenn es angeht allen Streit mit diesen Philosophen zu vermeiden (wenn sie nun einmal so heißen wollen), und um unsere Bereitwilligkeit zu zeigen, die Sache ganz friedlich unter uns abzumachen, so wollen wir ihnen hier einige Punkte einräumen, wodurch vielleicht dem ganzen Zanke ein Ende gemacht wird.

Erstlich wollen wir eingestehn, daß manche Gemüter, und vielleicht gerade die Gemüter dieser Philosophen, von der leichtesten Spur solch einer Leidenschaft völlig rein sind.

Zweitens, daß dasjenige, was man gemeiniglich Liebe nennt, nämlich: das Verlangen, seinen gierigen Appetit mit einer gewissen Quantität zarten, weißen Menschenfleisches zu stillen, keineswegs die Leidenschaft sei, für welche ich hier fechte. Das ist freilich, genauer bestimmt, Hunger; und so wie sich kein Fresser schämt, seinen Appetit durch das Wort Liebe aus zudrücken, und zu sagen, ich liebe dieses oder jenes Gericht; so kann auch der Liebhaber dieser Gattung mit eben der Schicklichkeit sagen, ihn hungre nach diesem oder jenem Frauenzimmer.

Drittens will ich zugeben, (und man wird daraus, hoff' ich, erkennen, wie höchst billig ich bin,) daß diese Liebe, für welche ich als Sachwalter spreche, ob sie gleich ihre Wünsche auf eine weit feinere, geistigere Weise befriedigt, doch nichtsdestoweniger ihre eigene Befriedigung ebenso dringend sucht, als der gröbste von allem unsrem Hunger.

Und endlich viertens, daß die Liebe, wenn sie nach einer Person von verschiedenem Geschlecht hinwirkt, sehr geneigt ist, zu ihrer völligen Beseligung denjenigen Hunger zur Hilfe zu rufen, dessen ich oben erwähnt habe; und welcher so entfernt ist sie niederzuschlagen, daß er vielmehr alle ihre Freuden zu einem so hohen Grade erhebt, wie es sich diejenigen kaum einbilden können, welche niemals einer andern Regung fähig gewesen sind, als solcher, welche vom Appetit allein entstanden.

Gegen alle diese zugegebenen Punkte verlange ich von den Philosophen, mir einzuräumen, daß in einigen (ich glaube in vielen) [236] menschlichen Herzen ein milder, wohlthätiger Hang anzutreffen sei, der bloß sich darin behagt, zur Beförderung der Glückseligkeit andrer beizutragen; daß dieses Behagen allein schon, wie zum Exempel in der Freundschaft, in der väterlichen und kindlichen, und überhaupt in der allgemeinen Menschenliebe, ein großes und inniges Entzücken gewähre: so daß, wenn wir diesen Hang, diese Neigung, nicht Liebe nennen wollen, wir keinen Namen dafür haben; daß, obgleich das Vergnügen, welches aus einer so reinen Liebe entsteht, durch die Dazukunft von verliebtem Verlangen erhöht und noch süßer gemacht werden kann, dennoch das erste für sich allein bestehen könne und auch nicht durch die Hinzukunft der letztern zerstöret werde; endlich, daß Hochachtung und Dankbarkeit die wahren Beweggründe zur Liebe sind, sowie Jugend und Schönheit zum Verlangen; und obschon daher solches Verlangen natürlicherweise aufhören kann, wann Alter oder Krankheit seinen Gegenstand befallen, diese Zufälligkeiten dennoch keine Wirkung auf die Liebe haben, oder in einem guten Gemüte diese Empfindung oder Leidenschaft erschüttern oder vertilgen, welche auf Dankbarkeit und Hochachtung gegründet sind.

Das wirkliche Dasein einer Leidenschaft leugnen, von der wir oft die deutlichsten Merkmale sehen, scheint sehr befremdlich und abgeschmackt zu sein, und kann wirklich nur von jener Selbsterkenntnis herrühren, deren wir oben gedacht haben; aber heißt das redlich zu Werke gehen? Schließt der Mann, der in seinem Herzen keine Spur von Geld- oder Ehrgeiz an trifft, deswegen gleich, daß solche Leidenschaften nicht in der menschlichen Natur sind? Warum wollen wir nicht mit gehöriger Bescheidenheit eben dieselbe Regel beobachten, ob wir über das Gute andrer Menschen urteilen, oder über ihr Böses? Oder, warum wollen wir in irgend einem Falle, wie Shakespeare es ausdrückt, die Welt in unsre eigene Person setzen?

Hier ist, besorge ich, die herrschende Eitelkeit zu sehr im Spiele. Dies ist eine Probe von dem Räucherwerke, welches wir, fast ohne jemand auszunehmen, unsren eigenen Gesinnungen so sanft anheucheln. Denn es gibt beinahe nicht einen einzigen Menschen, wie sehr er auch den Charakter eines Schmeichlers verachtet, der sich nicht herablassen sollte, sich selbst auf die kriechendste Weise zu räuchern und zu schmäucheln.

Wegen der Wahrheit obiger Bemerkungen wende ich mich also an jene, deren eigenes Herz und Gemüt von demjenigen, was ich behauptet habe, ein Zeugnis ablegen können.

Untersuchen Sie Ihr Herz, mein guter Leser, und machen es mit sich aus, ob Sie diese Sachen mit mir glauben. Ist das, so [237] können Sie weiter fortfahren, wie sie auf den folgenden Blättern in Beispielen dargestellt finden; glauben Sie es nicht, so haben Sie, ich versichere Sie dessen, bereits mehr gelesen als Sie verstanden haben, und Sie thäten weiser, wenn Sie Ihren Geschäften oder Ihren Vergnügungen (worin sie auch bestehen mögen) nachgingen, als noch ferner das geringste Teilchen von Ihrer Zeit daran zu verschwenden, etwas zu lesen, das so wenig für Ihren Geschmack ist, als für Ihren Verstand. Mit Ihnen von den Wirkungen der Liebe sprechen, das wäre eben so unüberlegt, als mit einem Blindgebornen sich über Farben unterreden; denn Ihre Vorstellung, die Sie sich von der Liebe machen, möchte ebenso einfältig sein als die Vorstellung, die sich einst ein solcher Blinder, wie man erzählt, von der roten Farbe gemacht hatte. Diese Farbe schien ihm die meiste Aenlichkeit mit dem Tone einer Trompete zu haben; und nach Ihrer Meinung möchte wohl die Liebe viel Gleichheit mit einem Napf voll Fleischbrühe, oder einem saftigen Rindsbraten haben.

Zweites Kapitel
Zweites Kapitel.

Ihro Gnaden, Tante von Western, Charakter. Ihre große Gelehrsamkeit und Weltkenntnis und eine Probe von der großen Scharfsichtigkeit, welche sie durch jene Vorzüge erworben hatte.


Der Leser hat gesehen, wie Herr Western, seine Schwester und Tochter, nebst dem jungen Jones und dem Pfarrer, mit einander nach Hause gingen, woselbst der größeste Teil der Gesellschaft den Abend mit vieler Lust und Fröhlichkeit zubrachte. In der That war Sophie die einzige ernsthafte Person; denn was unsern Jones anlangt, obgleich nunmehr die Liebe unumschränkten Besitz von seinem Herzen genommen hatte, so setzten doch die erfreulichen Gedanken an Herrn Alwerth Genesung, die Gegenwart seiner Geliebten, und einige zärtliche Blicke, die sie von Zeit zu Zeit auf ihn zu werfen sich nicht enthalten konnte, unsern Helden in eine so hohe Stimmung, daß er an der Lustigkeit der übrigen drei teilnahm, und es waren vielleicht so frohe Menschen, als man irgend in der Welt finden konnte.

Sophie behielt am nächsten Morgen beim Frühstück noch immer ihr ernsthaftes Betragen. Sie begab sich davon früher hinweg als gewöhnlich und verließ ihren Vater und die Tante bei einander. Der Junker gab nicht acht auf die Veränderung an seiner Tochter. Die Wahrheit zu sagen, war er so etwas von einem Staatskundigen [238] und wäre auch zweimal beinahe von der Grafschaft zum Parlamentsgliede erwählt worden; bei alledem aber gab er sich mit dem Beobachten eben nicht ab. Seine Schwester war eine Dame von ganz andrem Schlage. Sie hatte Hofluft geatmet und die Welt gesehen. Daher hatte sie alle die Kenntnisse erworben, welche besagte Welt gewöhnlich zu erteilen pflegt, und verstand sich vollkommen auf Manieren, Gebräuche, Zeremonien und Moden; damit war aber ihr Gelehrsamkeit noch nicht zu Ende. Sie hatte durch Studieren ihren Geist gar merklich aufgeklärt; sie hatte nicht nur alle neuen Dramen, Opern, Oratorien, Musenalmanache und Romane gelesen, worin sie kritische Einsichten zeigte, sondern sie hatte sich auch durch Rapins Geschichte von England, Rollins griechische und römische Historien und noch viele andre französische Mémoires pour servir à l'Histoire hindurchgearbeitet. Zu diesen hatte sie noch die meisten Journale, Hefte und Wische über Staatssachen, die seit den letzten zwanzig Jahren geschrieben worden, hinzugefügt. Durch alles dieses hatte sie sich eine nicht geringe Einsicht in die Politik erworben und konnte sehr gelehrt von den Affairen in Europa diskurieren. Sie war überdem noch außerordentlich wohlgeschickt und erfahren in der Lehre von der Liebe und wußte besser als irgend sonst ein Mensch, wer und welche sich gut mit einander ständen, eine Wissenschaft, welche sie sich um so leichter erwarb, weil sie in ihrer Nachjagung durch keine eigene Liebesaffairen aufgehalten oder zerstreut wurde, denn entweder hatte sie keine solchen Triebe, oder es hatte sich keiner darum beworben; welches letzte sehr wahrscheinlich ist, denn ihre mannhafte Person, die eine Länge von ungefähr sechs Fuß hatte, zusammengenommen mit ihrer Manier und mit ihrer Gelehrsamkeit, mochten vielleicht das andre Geschlecht abhalten, sie, ungeachtet ihrer langen Kleidung, für eine wirkliche Dame anzusehen. Da sie unterdessen die Sache wissenschaftlich betrachtet hatte, ob sie gleich niemals bis zur Ausübung gelangt, so kannte sie alle Künste, welche vornehme Damen anwenden, wenn sie gesonnen sind, einem Liebhaber Mut zu machen, oder wenn sie ihre Schwachheiten verhehlen wollen, nebst alle dem langen Register von Lächeln, Liebäugeln, Seitenblicken, Fächerwinken u.s.w., so wie solche dieser Zeit in der Beau-Monde in Brauch und Uebung sind. Summa Summarum, keine Art von Verstellung oder Affektation war ihrer Aufmerksamkeit entwischt; aber die klaren, kunstlosen Wirkungen der unverderbten Natur hatte sie niemals gesehen und also wußte sie davon ungefähr so viel als gar nichts.

Vermittelst dieser wundervollen Einsicht hatten Ihro Gnaden, Fräulein von Western, um diese Zeit, wie Dieselben nicht anders meinten, eine gewisse Entdeckung in Sophiens Herzen gemacht. [239] Den ersten Wink dazu nahmen Dieselben aus dem Betragen des jungen Fräuleins auf dem Schlachtfelde. Und der Argwohn, welchen Ihro Gnaden daselbst faßten, ward durch gewisse Beobachtungen, welche Sie den Abend noch gemacht hatten, gar merklich bestärkt, sowie auch des nächsten Morgens beim Frühstück. Unterdessen da Dieselben gegen einen Irrtum in vielerlei Sachen gar sehr auf Dero Hut waren, so hatten Sie das Geheimnis ganzer voller vierzehn Tage im stillen mit sich herumgetragen und hatten sich davon bloß durch einen in lächelnde Falten gezogenen Mund, durch Augenwinke, Achselzucken und Kopfschütteln nur so ganz von ferne etwas merken lassen; hatten auch wohl dann und wann so ein Wörtchen fallen lassen, welches Sophien allerdings genug beunruhigte, vor hoch Dero Bruder aber so ganz unbemerkt zur Erde fiel.

Nachdem aber Ihro Gnaden von der Richtigkeit Dero Bemerkungen aufs zuverlässigste überzeugt waren, nahmen Dieselben, als Sie sich eines Morgens mit Dero Herrn Bruder tête à tête befanden, die Gelegenheit wahr, ihn in seinen musikalischen Uebungen, ein Lied mit dem Munde zu pfeifen, durch folgende Anrede zu unterbrechen:

»Mon cher frère! haben Sie nicht seit einiger Zeit etwas Außerordentliches an ma Nièce bemerkt?« – »Wüßte nicht!« antwortete Junker Western. »Sollte dem Mädchen was fehlen?« – »Ja, so meine ich,« antwortete sie, »und zwar etwas von großer Konsequenz.« – »Was? Sie klagt doch wohl über nichts!« schrie Western. »Die Blattern hat sie ja gehabt.« –»Mon frère,« versetzte sie, »junge Mädchen, wenn sie gleich die Blattern überstanden haben, sind gleichwohl noch andern und vielleicht noch viel schlimmern Krankheiten ausgesetzt.« Hier fiel ihr Herr Western sehr ernsthaft in die Rede und bat sie, wenn seiner Tochter irgend was fehlte, möchte sie es ihm doch augenblicklich sagen, und fügte hinzu: sie wüßte ja, er liebte seine Tochter mehr als seine eigene Seele, und wie er bis ans Ende der Welt schicken wollte, um ihr den besten Arzt zu verschaffen. – »Nun, nun!« antwortete das gnädige Fräulein mit schalkhaftem Lächeln, »so fürchterlich ist die Krankheit nun wohl nicht; doch glaube ich, mon cher frère, Sie sind überzeugt, ich kenne die Welt, und dich versichere Ihnen, ich wäre in meinem Leben nicht ärger getäuscht worden, wenn ma Nièce nicht unsterblich verliebt ist.« – »Was, was?« schrie Western ganz zornig, »verliebt! verliebt! ohn' mich zu fragen? Enterben will ich ihr! Aus dem Hause will ich ihr stoßen, wie sie geht und steht, ohne 'nen roten Heller. Hab' ich das vor alle mein' Güte? vor mein' väterliche Liebe? daß sie sich verliebt, ohne mich um mein' [240] väterliche Einwilligung zu bitten!« – »Aber, mon frère,« antworteten Ihro Gnaden, Fräulein von Western, »werden doch Ihr Fräulein Tochter, die Sie mehr lieben als Ihre eigene Seele, nicht aus dem Hause stoßen, bevor Sie wissen, ob Sie die Wahl des Fräuleins billigen oder nicht? Wie wär's nun, wenn sie auf ebendieselbe Person verfallen wäre, die Sie selbst gewünscht hätten, mon frère? Dann würden Sie doch nicht böse darüber sein, hoffe ich.« – »Näh, näh!« schrie Western, »wenn's das ist, so wär's ganz was anders. Wenn sie den Mann nimmt, den ich haben will, so mag sie lieben wen sie will, meinethalben!« – »Das heiß' ich sprechen,« antwortete die Schwester, »wie ein Mann von Vernunft! Aber ich glaube, eben der Mann, den sie gewählt hat, würde eben der Mann sein, den mon frère für sie wählt. Allen Anspruch auf meine Weltkenntnis gebe ich auf, wenn es nicht so ist; und doch glaube ich,mon frère werden gestehen, daß ich die Welt so ziemlich kenne.« – »Nu, siehst du, ma soeur!« sagte Western, »will nicht leugnen, daß du so viel hast, als immer 'en ander Weibsbild, und freilich sind sowas Weibersachen. Weißt wohl, daß ich's nicht leiden kann, wenn du von Staatssachen schwätzest; die gehören vor uns, und Haub' und Schürz' sollt'n sich nicht drinn mengen! Aber, komm, komm, wie heißt der Mann?« – »En sérieux mon frère!« sagte sie, »Sie können ihn selbst ausfindig machen, wenn Sie belieben. Ihnen, als einem so großen Staatskundigen, kann das nicht schwer sein; dem seinen Verstande, welcher bis in die Kabinette der Prinzen dringt und die verborgenen Springfedern entdecken kann, welche die großen Staatsräder in allen politischen Maschinen von ganz Europa in Umtrieb setzen, dem muß es nur ein Geringes sein, dasjenige ausfindig zu machen, was in dem rohen, unerfahrenen Gemüt eines Mädchens vorgeht.« – »Schwester, Schwester!« schrie der Junker, »wie oft hab' ich dich gewarnt, mir nicht mit deinem Hofplauderschnack zu kommen. Ich sag' dir's, ich versteh' das Wischi Waschi nicht, aber ich kann 'en Journal lesen und meinen Relator refero. Freilich kommt hin und wieder ein Versch vor, den ich nicht ganz auswendig verstehe, weil die Buchstaben oft abblitzen; aber ich weiß wohl, was der Kerl damit will, daß er den Baum auf beiden Schultern trägt und er's mit niemand verderben darf.« – »Mon frère, mich dauert Ihre krasse Unwissenheit von ganzem Herzen!« rief die Dame. – »So? thust du?« antwortete Western, »und ich, ich bedaure dein Hofgeträtsch! Ich weiß nicht, was ich nicht lieber sein wollt', als so 'en Hofsternschlepper und Presbyterianer, und so einer, der 's mit 'm ausländ'schen König hält, wie gewisse Leute, wie ich glaube.« – »Wenn Sie mich meinen,« antworteten Ihro Gnaden, »so wissen Sie, ich bin eine Dame, mon [241] frère und es hat nichts zu bedeuten, was ich bin. Ueberdem« –»Weiß wohl, daß du ein Weibsbild bist,« schrie der Junker, »ein Glück ist's für dich; wärst du 'n Mann, verzeih' mir die Sünde, hätt'st schon längst 'ne Dachtel hinter die Löffel, glaub's nur.« – »Ach! da haben wir's!« sagte sie, »in deinen Dachteln hinter die Löffel steckt alle eure eingebildete Oberherrschaft. Eure Fäuste, und nicht euer Gehirn, sind stärker als die unsrigen; glaub' mir der Herr, 's ist ein Glück für die Herren der Schöpfung, daß sie die bäurische Stärke haben, uns zu schlagen, oder wir würden aus euch allen machen was der Tapfere und Weise und Witzige und Höfliche schon ist – unsre Sklaven.« – »Wohl, wohl!« antwortete der Junker, »daß ich weiß, wo ihr 'naus wollt! Aber wollen 'en andermal von der Sache sprechen; jetzund sag' mir nur, wie der Mann heißt, den du meinst mit meiner Tochter.« – »Nur einen Augenblick Geduld,« sagte sie, »daß ich erst die große Verachtung, die ich für das Mannsgeschlecht habe, verdauen kann. Ich möchte sonst dem Herrn Bruder vor Aerger nicht antworten können. So, da! – ich hab' mir Müh' gethan, es zu verschlucken. Und nun, mein guter Herr von Staatsmann, was denken Sie vom Junker Blifil? Fiel sie nicht in Ohnmacht, als sie ihn atemlos zu Boden liegen sah? Und ward sie nicht bleich und blaß den Augenblick, als wir wieder an den Ort kamen, da er wieder aufgestanden war und sie seiner ansichtig ward? und, wenn ich bitten darf, was wäre sonst die Ursache von aller ihrer Melancholei des damaligen Abends beim Souper, des nächsten Morgens, und kurzum die ganze Zeit nachher gewesen?« – »Beim Sankt Jürgen und allen Lindwürmern!« schrie der Junker, »du erinnerst mich d'ran! 'ch weiß alles auf 'en Haar, nun! Mein Seel! so ist's, und 's ist mir lieb von ganzem Herzen. Wußt's wohl, Fiekchen ist 'en gutes Mädchen, und konnt' sich nicht verlieben, mir 'en Aerger zu machen. In meinem Leben hab' ich mich nicht so gefreut; denn, sieh nur! Nichts kann so wacker bein' ander lieg'n, als unsre Feldmarken. Schon manch' liebe Zeit hat mir's Ding im Kopf 'rum gelauf'n. Denn sieh nur, mein Seel! die beiden Güter sind schon sozusagen mit enander versprochen und verheiratet, und 's wär jammer und schad', wenn's geschieden werden sollten. 'S ist wohl wahr, 's gibt größere Güter im Lande, aberst nicht in dieser Grafschaft, und 'ch will lieber mit was wenigern vorlieb nehmen, als mein' Tochter unter fremd' und ausländische Leute verheiraten. Ueber und darzu sind die großen Güter in Händen von dem Grafen- und Baronzeug, und ich hab'n Satan von allen den Hansen! Nu gut, Schwester! was ist's, was rätst mir? denn 'ch sag' dir ja, Weiber verstehen derlei Sachen besser als wir!« – »O votre servante très [242] humble Monsieur!« antworteten Ihro Gnaden, das Fräulein von Western. »Wir sind Ihnen wohl sehr verbunden, daß Sie uns in irgend einer Sache Kapazite zugestehen. Weil Sie also geruhen, mon très politique frère, mich um meinen Rat zu bitten, so wäre meine Meinung, Sie trügen selbst diese Verbindung dem Herrn Alwerth an. Es ist kein Indekorum dabei, von welcher Seite der Eltern die Proposition gemacht wird. Der König Alcinous, in Monsieur Popens Odyssee, bietet dem Ulysses seine Tochter an. Ich habe wohl nicht nötig, hoffe ich, einem so staatsklugen Herrn zu insinuieren, daß er eben nicht zu sagen brauche, seine Tochter sei in den Junker verliebt! das wäre freilich gegen alle Regeln des Wohlstandes.« – »Gut, gut,« sagte der Junker, »will's vorschlagen, aber gewiß gebe ich 'n ene Dachtel hinter die Löffel, wenn er nicht gleich Topp sagt.« – »Unbesorgt für das, mon frère,« riefen Ihro Gnaden, Fräulein Western, »die Mariage ist zu vorteilhaft, um sie zu refüsieren.« – »Ja, wer weiß?« antwortete der Junker. »Alwerth ist ein albern Querkopf und geht verdammt geschlossen, und Geld thut 'n nichts.« – »Mon frère,« sagte die Dame, »ich erstaune über Ihre wenige Politik, lassen Sie sich denn wirklich durch das blenden, was die Leute sagen? Meinen Sie denn, daß Herr Alwerth mehr Verachtung für's Geld hat, als andre Leute, weil ihm das so zu sagen beliebt? Eine solche Leichtgläubigkeit würde uns schwache Werkzeuge besser kleiden, als das weise Geschlecht, welches der Himmel zu Staatsmännern gebildet hat. En verité, mon frère, Sie würden einen feinen Minister plénipotentiaire an einem fremden Hofe abgeben, um einen Frieden zu negoziieren. Sie würden sich bald überreden lassen, daß man aus bloßen defensiven Grundsätzen Städte und Festungen wegnähme.« – »Schwester,« antwortete der Junker mit großer Verachtung, »laß deine Freunde bei Hofe sich um die Städte bekümmern und Festungen, die sie uns wegnehmen, weil ein Weibsen bist und keinen Bart hast, will ich dir's zu gute halten, denn ich sollte meinen, sie wären weiser, als Weibern Geheimnisse vertrauen.« Er begleitete dieses mit einem so verächtlichen Lachen, daß Ihro Gnaden, Fräulein von Western, es nicht länger aushalten konnten. Diese Dame war die ganze Zeit über schon an ihrer empfindlichsten Seite geneckt worden (denn sie war wirklich in dieser Materie sehr gründlich erfahren, und verstand darüber gar keinen Spaß), und geriet daher in nicht geringe Wut, erklärte, ihr Bruder sei ein Tölpel und Dummkopf, und sie wolle keinen Augenblick länger in seinem Hause bleiben.

Der Junker, der vielleicht niemals den Machiavell gelesen hatte, war dennoch in manchen Punkten ein vollkommener Staatsmann. Er hielt steif und fest an den weisen Grundsätzen, welche in der [243] Schule der peripatetischen Politiker am Börsengange so eindringlich gelehrt werden. Er kannte den wahren Wert und einzigen Gebrauch des Geldes, nämlich es anzuhäufen. Ebenso war er auch sehr wohl erfahren in der genauesten Wahrscheinlichkeitsberechnung von Leibrenten, Tontinen, Erbschaften, Heimfällen u.s.w. und hatte schon oft den Belauf der Nachlassenschaft seiner Schwester berechnet, nebst der Wahrscheinlichkeit, die er oder seine Nachkommenschaft hatte, solche zu erben. Diese einem nichtsbedeutenden Zwiste aufzuopfern, dazu war er unendlich viel zu weise. Sobald er also fand, daß er die Sache zu weit getrieben habe, so sann er d'rauf, wie er's wieder ins Feine bringen möchte, was denn auch deswegen eben nicht viel Schwierigkeiten kostete, weil die Dame eine große Neigung zu ihrem Bruder, und eine noch größere zu ihrer Nichte hegte; und ob sie gleich gegen eine Geringschätzung ihrer Geschicklichkeit in der Staatswissenschaft, auf welche sie sich nicht wenig zu gute that, vielleicht ein bißchen gar zu empfindlich sein mochte, so war es doch übrigens eine Dame von äußerst gutem und nachgebendem Gemüt.

Nachdem er also vor allen Dingen gewaltsame Hand an die Pferde gelegt hatte, für welche kein andrer Weg aus dem Stalle übrig blieb als durch die Fenster, so machte er sich selbst an seine Schwester, besänftigte und beschwichtigte sie dadurch, daß er alles wieder zurücknahm, was er gesagt hatte, und daß er gerade das Gegenteil von dem behauptete, was sie so in Zorn gejagt hatte. Zuletzt bot er noch Sophiens Beredsamkeit zu seinem Beistand auf, welche außer einem höchst anmutigen und einschmeichelnden Wesen noch den Vorteil hatte, daß ihre Tante sie ungemein gerne und mit Vorliebe reden hörte.

Die Wirkung von alledem war ein gnädiges Lächeln, abseiten Ihro Gnaden des Fräuleins von Western, welche sagten: »Mon frère, Sie sind wirklich ein leibhaftiger Kroat; indessen, weil diese auch in der Armee der Kaiserin Königin gebraucht werden, so haben Sie gleichfalls noch einiges Gute an sich. Ich will daher noch einmal einen Friedenstraktat mit Ihnen unterschreiben; nur seh'n Sie zu, mon frère, daß Sie solchen Ihrerseits nicht durchlöchern; wenigstens darf ich erwarten, weil Sie ein exzellenter Staatsminister sind, daß Sie die Traktate nicht eher brechen werden, als bis Sie dabei Ihren ungezweifelten Vorteil seh'n.«

Drittes Kapitel
[244] Drittes Kapitel.

Enthält zwei Herausforderungen an die Kunstrichter.


Nachdem der Junker mit seiner Schwester die Sache ins reine gebracht hatte, wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, war er so ungeduldig, seinen Vorschlag beim Herrn Alwerth anzubringen, daß es seiner Schwester die äußerste Mühe kostete, ihn abzuhalten diesen Herrn noch während seiner Krankheit zu besuchen und dies Gewerbe auszurichten.

Herr Alwerth war um die Zeit, da ihn seine Krankheit überfiel, eingeladen worden, bei Herrn Western zu Mittag zu essen. Er war also nicht so bald aus dem Arreste des Arztes entlassen, als er d'rauf dachte (wie seine Gewohnheit sowohl bei den wichtigsten als unbedeutendsten Dingen war) seine Zusage zu erfüllen.

Während der Zeit, zwischen dem Gespräche im letzten Kapitel und diesem Tage eines feierlichen Gastmahls, hatte Sophie aus verschiedenen dunkeln Anspielungen, die ihrer Tante entfielen, einen Argwohn geschöpft, daß diese einsichtsvolle Dame ihre Leidenschaft für Jones ahnte. Sie entschloß sich daher, diese Veranlassung zu nehmen, alle dergleichen Mutmaßungen zu vernichten, und that zu dem Ende ihrem Betragen einen völligen Zwang an.

Erstlich also bemühte sie sich, ein traurig klopfendes Herz hinter der äußersten Munterkeit in ihrem Thun und Lassen und der größten Fröhlichkeit in ihrem ganzen Wesen zu verbergen. Zweitens richtete sie alle ihre Reden an Herrn Blifil, und that den ganzen Tag nicht, als ob sie den armen Jones bemerkte.

Der Junker war über dies Betragen seiner Tochter so entzückt, daß er die ganze Mahlzeit über kaum einen Bissen aß und fast seine ganze Zeit damit zubrachte, auf Gelegenheiten zu lauern, seiner Schwester durch Blicke und Kopfnicken seinen Beifall zu verstehen zu geben, welche anfangs von dem was sie sah nicht so gänzlich befriedigt war, als ihr Bruder.

Kurz, Sophie übertrieb ihre Rolle dermaßen, daß ihre Tante anfangs darüber stutzte und bei ihrer Nichte einige Verstellung zu mutmaßen begann. Da sie indessen selbst ein Frauenzimmer von großer Kunst war, so schrieb sie auch dieses sehr bald einer weit getriebenen Kunst bei Sophien zu. Sie erinnerte sich der vielen Anspielungen, deren sie sich gegen ihre Nichte über ihre Verliebtheit hatte entfallen lassen, und bildete sich ein, das junge Fräulein habe diesen Weg gewählt, um sie durch eine übertriebene Höflichkeit aus ihrer Meinung herauszuwitzeln; eine Meinung, welche durch die ungemeine Munterkeit, womit das Ganze begleitet ward, gar [245] sehr bestärkt wurde. Wir können hier nicht umhin, anzumerken, daß diese Mutmaßung besser gegründet gewesen wäre, wenn Sophie ungefähr zehn Jahre in der Hofluft gelebt hätte, woselbst junge Damen eine wundersame Fertigkeit erlernen, mit dieser Leidenschaft zu schäkern und zu tändeln, welche in einer zwanzig Meilen weiten Entfernung von der Residenz in Hainen und Wäldern eine höchst ernsthafte Angelegenheit ist.

Die Wahrheit ist, wenn wir den Betrug bei andern entdecken wollen, so kommt es sehr viel darauf an, daß unsre eigene List mit der ihrigen genau in einem Tone gestimmt sei (wenn ich mich dieses musikalischen Kunstworts bedienen darf), denn sehr feine Schälke schießen zuweilen vorbei, weil sie andre für weiser oder, mit andern Worten, für größere Schelme halten, als solche wirklich sind. Da diese Bemerkung so ziemlich aus der Tiefe heraufgeholt ist, so will ich solche durch folgendes Geschichtchen ein wenig illuminieren. Drei Landleute setzten einem Diebe von Wiltshire durch Brentford nach. Der Einfältigste von ihnen riet seinen Gefährten, als er ein Haus erblickte, das die Wiltshirer Herberge zur Aufschrift aushängen hatte, man müßte hineingehen, denn da würden sie, meinte er, ihren Landsmann finden. Der zweite, welcher weiser war, lachte über seine Einfalt; der dritte aber, der noch weiser war, antwortete: »doch, doch! laßt uns hineingehen, denn er wird nicht denken, daß wir ihn für so dumm halten, daß er unter seine eigene Landsleute gehen solle.« Sie gingen also hinein und suchten das Haus durch, und dadurch versäumten sie es, den Dieb einzuholen, der damals nur einen kleinen Vorsprung vor ihnen hatte, und der, wie sie alle wußten, nur nicht daran dachten, nicht lesen konnte.

Der Leser wird mir eine kleine Abschweifung verzeihen, worin in so schätzbares Geheimnis mitgeteilt wird, weil jeder weise Spieler die Notwendigkeit eingestehen wird, genau zu wissen, wie der andre seine Karten zu spielen gewohnt ist, um ihn zwischen die Hand zu bringen, wie der Kunstausdruck lautet. Dies gibt aber eine Ursache an die Hand, warum der weisere Mann, wie man oft sieht, dem schwächern zur Katzenpfote dient, und warum unbefangene, unschuldige Charaktere gemeiniglich mißverstanden und mißdeutet werden; was aber noch wesentlicher ist, dies wird es erklären, wie Sophie ihre Tante hatte hintergehen können.

Nachdem die Mahlzeit geendigt war und die Gesellschaft sich in den Garten begeben hatte, zog Herr Western, der von alledem was seine Schwester ihm gesagt durch und durch überzeugt war, Herrn Alwerth auf die Seite und plumpte mit dem Vorschlage einer Verbindung zwischen Sophien und dem jungen Herrn Blifil heraus.

Herr Alwerth war keiner von jenen Menschen, denen bei einer [246] unerwarteten plötzlichen Nachricht von zeitlichen Vorteilen gleich das Herz pocht. Sein Gemüt war wirklich mit derjenigen Philosophie gestählt, welche einem Mann und einem Christen geziemt. Er heuchelte keine Unempfindlichkeit gegen alles Vergnügen, alle Schmerzen, alle Freuden und allen Gram. Er war aber auch nicht sogleich durch jeden zufälligen Windstoß, durch jedes Lächeln oder Stirnrunzeln des Glücks zerknittert und aus den Falten gebracht. Er hörte also Herrn Westerns Vorschlag an, ohne irgend eine sichtbare Gemütsbewegung und ohne im geringsten seine Fassung zu verlieren. Er sagte, das Bündnis sei von der Beschaffenheit, wie er es aufrichtig wünsche. Darauf ließ er sich in sehr gerechte Lobsprüche über die Verdienste des jungen Fräuleins heraus, gestand, daß das Anerbieten, was den Punkt des Vermögens beträfe, vorteilhaft sei; und nachdem er Herrn Western für die gute Meinung, die er für seinen Neffen geäußert, Dank gesagt hatte, schloß er damit, wenn die jungen Leute einander leiden möchten, so würde er sehr bereit sein, die Sache abzuschließen.

Herr Western war ein wenig betroffen über Herrn Alwerths Antwort, welche nicht so warm war als er erwartete. Er behandelte den Zweifel »ob die jungen Leute einander leiden möchten« mit großer Schnödigkeit, indem er sagte: Eltern wären die besten Richter über die Zulässigkeit der Verbindungen ihrer Kinder; seinerseits würde er auf dem unterwürfigsten Gehorsam seiner Tochter bestehen, und wenn irgend ein junger Bursche eine solche Bettgesellin ausschlagen könnte, so wäre er sein gehorsamer Diener! Und somit hoff' er, wär' das Unglück nicht groß.

Alwerth bemühte sich, seines Nachbarn Zorn durch manche Lobsprüche auf Sophie zu besänftigen und versicherte ihm, er zweifle gar nicht, sein Neffe würde das Anerbieten mit viel Freuden annehmen; aber alles war umsonst! Er konnte von dem Junker keine andre Antwort herausbringen als: »Ich sag' nichts weiter – hoff' unterthänigst, d's Unglück ist nicht groß – dabei bleibt's!« welche Worte er wenigstens wohl hundertmal wiederholte, ehe seine Gäste wegfuhren.

Alwerth kannte seinen Nachbar zu gut, um ihm sein Betragen übelzunehmen; und ob er gleich die Strenge, womit manche Eltern ihre Kinder im Punkte des Verheiratens behandeln, dergestalt mißbilligte, daß er beschlossen hatte, seines Neffen Neigungen niemals Gewalt anzuthun, so war ihm bei dem allem doch die Aussicht auf die Vereinigung sehr angenehm, denn das ganze Land erscholl von Sophiens Lob, und er selbst hatte die ungemeinen Gaben ihres Geistes und Vollkommenheiten ihres Körpers aufrichtig bewundert; wozu wir dann auch noch, wie ich glaube, die Rücksicht [247] auf ihr Vermögen mitrechnen können, denn so wie er zu mäßig war sich davon berauschen zu lassen, so war er doch auch zu vernünftig, um es zu verachten.

Und hier muß und will ich trotz aller belfernden Kritiker in der Welt eine Nebenbetrachtung über die wahre Weisheit einschalten, in welcher Herr Alwerth wirklich ein ebenso großes Muster war, als in der Güte des Herzens.

Wahre Weisheit also, ungeachtet alles dessen, was Herrn Hogarths Poet gegen den Reichtum mag geschrieben haben, und trotz alledem, was irgend ein reicher, wohlgenährter geistlicher Redner gegen das Vergnügen predigen mag, besteht nicht in schnöder Verachtung des einen oder des andern dieser Dinge. Ein Mann kann beim Besitz eines sehr erklecklichen Vermögens ebensoviel Weisheit haben, als irgend ein Bettler in den Gassen, oder kann sich seines schönen Weibes, oder seines herzigen Freundes erfreuen, und doch dabei noch immer ebenso weise bleiben, als irgend ein trübsinniger Mönch, der alle seine geselligen Triebe vergräbt und seinen Bauch schmachten läßt, derweil er seinen Rücken tapfer geißelt.

Die Wahrheit zu sagen, ist der weiseste Mann gerade der tüchtigste, alle zeitliche Vorteile in einem hohen Grade zu besitzen; denn so wie diejenige Mäßigkeit, welche die Weisheit vorschreibt, der sicherste Weg zu nützlichem Reichtum ist, so kann auch eben diese Mäßigkeit allein uns fähig machen, manch ein Vergnügen zu schmecken. Der weise Mann labt jeden Appetit und jede Leidenschaft, unterdessen daß der Thor alle übrigen aufopfert, um nur eine Leidenschaft bis zum Eckel zu sättigen.

Man kann mir einwerfen, daß sehr weise Männer äußerst geizig gewesen sind. Ich antworte: In dem Fall waren sie nicht weise. Ebenso kann man sagen, daß die weisesten Männer in ihrer Jugend das Vergnügen unmäßig geliebt haben. Ich antworte: Sie waren damals noch nicht weise.

Kurz die Weisheit, deren Lehren für den, der bei ihr in die Schule gegangen ist, als so schwer zu begreifen hingestellt worden sind, lehrt uns, eine klare Maxime (die selbst von den niedrigsten Ständen allgemein erkannt und befolgt wird) ein wenig weiter auszudehnen, als es in den niedern Ständen angeht, und die heißt: »Kaufe nichts zu teuer.«

Wer nun diese Maxime mit auf den großen Markt der Welt nimmt und sie bei jeder Ware, sei es Ehre, Reichtum, Vergnügen, oder was da sonst feil ist, zu Rate zieht, der ist, ich wage es zu behaupten, ein weiser Mann und muß nach dem buchstäblichen Sinne des Worts dafür erkannt werden: denn er trifft den besten Handel, weil er in der That jedes Ding für den Preis von ein [248] wenig Mühe einkauft, und bringt alle die obgenannten hübschen Sachen mit nach Hause, und behält dabei seine Gesundheit, seine Unschuld und seinen guten Namen, (die gewöhnlichen Preise, welche andre dafür bezahlen), unverringert, ungeschmälert für sich.

Von dieser Mäßigung lernt er gleichfalls noch zwei andre Lektionen, welche seinen Charakter vollenden. Erstlich, niemals zu jauchzen, wenn er den besten Kauf gethan hat; und zweitens, niemals niedergeschlagen zu sein, wenn der Markt leer ist, oder wenn der Marktpreis für ihn zu hoch gestiegen sein sollte.

Jedoch, ich muß nicht vergessen, was ich eigentlich schreibe und muß die Geduld eines gutmütigen Kunstrichters nicht zu sehr mißbrauchen. Hier mache ich also diesem Kapitel ein Ende.

Viertes Kapitel
Viertes Kapitel.

Enthält allerlei Dinge für die Neugier.


Sobald Herr Alwerth zu Hause kam, nahm er seinen Neffen beiseite, und nach einer kurzen Vorrede teilt er ihm den Vorschlag mit, welcher vom Herrn Western gethan worden, und sagte ihm dabei zugleich, wie angenehm ihm selbst diese Verbindung sein würde.

Sophiens Reize hatten auf Herrn Blifil nicht den geringsten Eindruck gemacht; nicht als ob sein Herz schon vorher verplempert, oder er überhaupt gegen alle Schönheit unempfindlich gewesen wäre, oder, als ob er vor dem weiblichen Geschlechte einen Abscheu gehabt hätte: sondern seine Begierden waren von Natur so gemäßigt, daß er durch Philosophie, durch Studieren, oder durch andre Mittel sehr leicht im stande war, sie zu dämpfen; und was jene Leidenschaft betrifft, von der wir im ersten Kapitel dieses unsers sechsten Buches gehandelt haben, davon hatte er kein Gränchen in seiner ganzen Leibes- und Seelenmasse.

Aber so gänzlich rein er auch von der gemischten Leidenschaft war, die wir dort behandelten und von welcher Sophiens Tugend und Schönheit einen so vortrefflichen Gegenstand ausmachten: so war er doch mit andern gewissen Leidenschaften fast ebenso reichlich ausgerüstet, die sich einen weiblichen Genuß an dem schönen Vermögen der jungen Braut versprachen. Diese waren Geldgeiz und Ehrgeiz, welche die Herrschaft über sein Gemüt unter sich teilten. Er hatte den Besitz dieses Vermögens schon oft als eine sehr wünschenswerte Sache betrachtet und hatte darüber gewisse entfernte [249] Absichten gehegt und gepflegt. Seine eigene Jugend aber, und die Jugend des Fräuleins, und freilich dann auch und hauptsächlich der Gedanke, daß Herr von Western noch wieder heiraten und mehr Kinder auf die Welt setzen könnte, hatten ihn abgehalten, nicht gar zu hastig bei der Sache zu verfahren.

Dieses große und höchst wesentliche Hindernis war nun meistentheils gehoben, da der Vorschlag von Herrn Western selbst herkam. Blifil antwortete also dem Herrn Alwerth nach einem sehr kurzen Besinnen: »Heiraten sei eine Sache, an die er noch nicht gedacht habe; er sei aber von seiner freundschaftlich väterlichen Vorsorge so gerührt und überzeugt, daß er in allen Dingen sich gerne seinem Willen unterwerfen würde.«

Alwerth war von Natur ein lebhafter Mann und sein gegenwärtiges gesetztes Wesen war ein Werk der Weisheit und Philosophie und nichts weniger als natürliches Phlegma: denn er hatte in seiner Jugend viel Feuer besessen und hatte eine schöne Frau aus Liebe geheiratet. Er war also von dieser kalten Antwort sei nes Neffen eben nicht sehr erbaut; auch konnte er sich nicht enthalten, sehr warm zu Sophiens Lobe zu sprechen und sich seine Verwunderung merken zu lassen, wie das Herz eines jungen Mannes der Macht solcher Reize widerstehen könnte, wofern es nicht von einer ältern Liebe bewacht würde.

Blifil versicherte, er wisse nichts von einer solchen Wache, und dann fing er an, so weise und fromm über Liebe und Ehestand zu sprechen, daß er einem Vater oder Vormunde, der weit weniger von der Frömmigkeit gehalten hätte, damit das Maul gestopft haben würde. Am Ende ward der edle Mann überzeugt, daß sein Neffe gegen Sophie nicht die geringste Einwendung, vielmehr für sie diejenige Hochachtung habe, welche bei gesetzten und tugendhaften Gemütern der sichere Grund von Freundschaft und Liebe ist. Und da er nicht zweifelte, der Bräutigam würde in kurzer Zeit seiner Braut ebenso angenehm werden, so versprach er allen Teilen viel Glück, das aus einer so anständigen und wünschenswerten Verbindung erwachsen müßte. Mit Blifils Einwilligung also schrieb er den nächsten Morgen an Herrn Western die Nachricht, sein Neffe habe den Vorschlag mit Dank und Freude aufgenommen, und er würde bereit sein, der jungen Dame die Stunde seine Aufwartung zu machen, wo es ihr gefällig sein würde, seinen Besuch anzunehmen.

Western war sehr erfreut über diesen Brief und schickte auf der Stelle seine Antwort; in welcher er, ohne seiner Tochter ein Wort davon gesagt zu haben, noch denselben Nachmittag bestimmte, um die Szene des Brautspiels zu eröffnen.

[250] Sobald er diesen Boten abgefertigt hatte, suchte er seine Schwester auf, die er dabei antraf, daß sie Herrn Schickelmann die Zeitung vorlas und erklärte. Dieser Erklärung mußte er eine gute Viertelstunde beiwohnen, so hart auch der Zwang war, den sein natürliches Ungestüm darunter litt, ehe ihm gestattet ward, zu reden. Endlich fand er gleichwohl eine Lücke, der Dame zu sagen, er habe ein Geschäft von großer Wichtigkeit mit ihr zu überlegen, worauf sie antwortete: »Mon frère, ich bin ganz zu Ihrem Dienste. Im Norden stehn die Sachen so gut, daß ich heute rechten humeur bin.«

Der Pfarrer ging dann hinaus, und Western hinterbrachte ihr alles, was vorgegangen war, und verlangte, sie möchte die Sache Sophien kundthun, was sie gerne und willig übernahm, obgleich bei dem allem ihr Bruder es den freudigen Aspekten im Norden ein wenig zu verdanken haben mochte, daß er so ohne alle kritische Noten über sein Benehmen durchwischte: denn er war wirklich ein wenig zu hastig und heftig.

Fünftes Kapitel
Fünftes Kapitel.

In welchem erzählt wird, was zwischen Sophien und ihrer Tante vorfiel.


Sophie saß in ihrem Zimmer und las, als ihre Tante hereintrat. Den Augenblick, daß sie Ihro Gnaden ansichtig ward, schob sie das Buch so emsig weg, daß die gute Dame sich nicht entbrechen konnte, zu fragen, was das für ein Buch sei, welches sie sich so sehr zu zeigen fürchtete? »Auf mein Wort, gnädige Tante,« antwortete Sophie, »es ist ein Buch, das ich wohl gestehen darf gelesen zu haben, ohne mich zu schämen oder zu fürchten. Es ist das Werk eines jungen Frauenzimmers von Stande, deren richtiger Verstand nach meiner Meinung ihrem Geschlechte Ehre macht, und deren edles Herz ein Ruhm der menschlichen Natur ist.« Hier nahmen Ihro Gnaden das Buch in die Hand, warfen es aber gleich wieder hin und sagten: »Ja, die Verfasserin ist von sehr guter Familie; aber sie hält eben keinen Umgang mit Personencomme il faut. Ich hab's niemals gelesen, denn die besten Richter sagen: Il n'y a pas grand' chose.« – »Ich wage es nicht, gnädige Tante,« sagte Sophie, »meine Meinung den besten Richtern entgegenzusetzen; aber mir scheint darin viel Kenntnis der menschlichen Natur zu liegen; und in manchen Stellen eine so wahre Zärtlichkeit und ein so feines Gefühl, daß es mir manche Zähre gekostet [251] hat.« – »So!« sagte die Tante, »magst du denn so gerne weinen?« – »Ich liebe eine wahre Empfindsamkeit,« antwortete die Nichte, »und will sie gerne allemal um den Preis einiger Thränen erkaufen.« – »Nun wohl! aber zeige mir,« sagte die Tante, »was lasest du eben, als ich hereintrat? Es mußte gewiß etwas sehr Zärtliches sein; und was Verliebtes dazu, denk' ich. Du errötest, ma chère Sophie! Ach, Kind, du solltest Bücher lesen, die dich ein wenig mehr Verstellungskunst lehrten, damit du ein wenig besser wüßtest, deine Gedanken zu verbergen.« – »Ich hoffe, liebe Tante,« antwortete Sophie, »ich habe keine Gedanken, deren ich mich schämen dürfte, wenn ich sie sehen lasse.« – »Schämen! Nein!« rief die Tante. »Ich glaube nicht, daß du solche Gedanken hast, deren du dich schämen müßtest; und doch, Kind, bist du errötet, eben jetzt, da ich das Wort verliebt nannte. Ma chère Sophie, glaube mir, du hast nicht einen einzigen Gedanken, mit dem ich nicht sehr bekannt wäre. Ebensogut, als die feindlichen Generäle mit unsern Märschen und Bewegungen, lange vorher, ehe wir sie ins Werk setzen. Meintest du, mon enfant, weil du deinem Vater ein Blendwerk vorgemacht hast, du könntest auch mir eins vormachen? Bildest du dir ein, ich hätte nicht die Ursach ergründet, warum du gestern all' deine Freundschaft gegen Herrn Blifil so arg übertriebst? Ich habe ein wenig zuviel von der Welt gesehen, um so leicht hintergangen zu werden. Na, na! verfärbe dich nur nicht wieder von neuem! – Ich sage dir, es ist eine Liebe, deren du dich nicht zu schämen brauchst. – Es ist eine Liebe, die ich selbst billige, und ich habe deinen Vater bereits dahin gebracht, daß er seine Einwilligung auch dazu gibt. In der That, ich ziehe pur und allein deine Neigung zu Rate; denn, die möchte ich immer gerne befriedigt sehen, womöglich, ob man gleich dabei gewisse höhere Absichten aufopfern mag. Komm! Ich habe Zeitungen für dich, die dich in der Seele freuen werden. Mache mich zu deiner Confindente, und ich nehme es über mich, du sollst glücklich werden, über alles dein Wünschen und Hoffen!« – »Ach, meine gnädigste, beste Tante!« sagte Sophie, und sah dabei einfältiger aus, als es ihr in ihrem Leben begegnet war: »ich weiß nicht, was ich sagen soll. – Wie, gnädigste Tante, sollten Sie mich im Verdacht haben?« – »Nun, nur keine Verstellung,« erwiderte die Tante. »Bedenke, daß du mit einer Person von deinem eigenen Geschlechte redest, mit deiner Tante! und ich hoffe, du weißt das, mit einer Freundin. Bedenke, daß du mir nichts weiter entdeckst, als was ich längst schon weiß und was ich gestern ganz deutlich durch die künstlichste aller Verstellungen hindurch sah, die du angenommen hattest und die einen jeden getäuscht haben müßte, der nicht die Welt so vollkommen [252] kennte. Und endlich bedenke, daß es eine Leidenschaft ist, welche ich vollkommen billige.« – »Ach, liebe Tante,« sagte Sophie, »Sie überfallen einen so plötzlich, so unerwartet! – Ich bin allerdings nicht blind, meine gnädigste Tante. – Und gewiß! wenn es ein Fehler ist, alle menschenmögliche Vollkommenheiten zu sehen. – Aber, ist es möglich, daß mein Vater und Sie, beste Tante, mit meinen Augen sehen?« – »Ich sag' dir's ja!« erwiderte die Tante, »wir billigen sie beide völlig: und noch heute nachmittag, diesen Nachmittag, hat dein Vater bestimmt, daß du den ersten Bräutigamsbesuch annehmen sollst« – »Mein Vater? diesen Nachmittag?« schrie Sophie, und das Blut entfloh dabei plötzlich ihren Wangen. – »Ja, Kind,« sagte die Tante, »diesen Nachmittag. Du weißt ja, mit welchem Ungestüm nun einmal dein Vater alles treibt. Ich sprach mit ihm von deiner Leidenschaft, die ich zuerst an dir entdeckte, als du den Abend auf dem Felde in Ohnmacht fielst. Ich sah sie in deiner Ohnmacht. Ich sah sie gleich darauf, als du wieder zu dir selbst kamst. Ich sah sie den Abend beim Essen und des nächsten Morgens beim Frühstück. (Du weißt, mon enfant, ich habe die Welt gesehen.) Nun gut! Ich machte es meinem Bruder nicht so bald bekannt, als er den Augenblick Herrn Alwerth den Vorschlag thun wollte. Er hat es gestern gethan. Alwerth willigte ein (und mit großen Freuden, wie sich das von selbst versteht), und diesen Nachmittag, wie ich dir sage, Kind, mußt du dich aufs beste ankleiden.« – »Diesen Nachmittag!« rief Sophie. »Meine gnädigste Tante, ich weiß mich vor Angst nich zu lassen.« – »O, ma chère Nièce,« sagte die Tante, »du wirst bald wieder in deine Fassung kommen; denn es ist ein gar lieber Jüngling, das muß ich bekennen!« – »Ja, ich leugne es nicht,« sagte Sophie, »ich kenne keinen von so viel Vollkommenheiten! So herzhaft und doch so sanftmütig; so witzig und doch so schonend; so menschlich, so höflich, so artig, so schön und wohl gewachsen! Was thut seine niedrige Herkunft, wenn man sie solchen Eigenschaften entgegenstellt, wie diese?« – »Niedrige Herkunft! Was niedrige Herkunft! Ist Junker Blifil,« sagte die Tante, »von niedriger Herkunft?« Sophie ward plötzlich bleich und blaß, bei dem Namen, den sie mit erstickter Stimme wiederholte. Worauf ihre Tante schrie: »Junker Blifil, nun ja! Junker Blifil! Von wem sonst haben wir denn gesprochen?« »Gütiger Himmel!« antwortete Sophie, auf'm Punkte, in Ohnmacht zu sinken, »vom Herrn Jones, dacht' ich. Ich gewißlich, ich wüßte keinen andern, der verdiente –.« – »Nun, ma foi,« rief die Tante, »nun erschreckst du mich wieder, daß ich mich nicht zu lassen weiß. Ist es Jones und nicht Junker Blifil, der dein Herz eingenommen hat?« – »Junker Blifil!« widerholte Sophie. »Nun, [253] gewiß gnädigste Tante, das kann nicht Ihr Ernst sein; wär' es dennoch, so wäre ich das unglücklichste Mädchen von der Welt!« Ihro Gnaden, Fräulein von Western, standen jetzt ein paar Augenblicke in tiefem Stillschweigen, derweil Funken des heftigsten Zorns aus ihren Augen sprühten; endlich faßte die mannhafte Dame das fortissimo ihrer Stimme und donnerte dann heraus, in folgenden artikulierten Tönen:

»Wie kann es dir einfallen, deiner Familie den Schandfleck anzuhängen, einen Bastard zu ehelichen! Kann das Westernsche Blut eine so unreine Vermischung zulassen? Wenn deine Vernunft nicht stark genug ist, eine so unnatürliche Liebe zu unterdrücken: so dächt' ich, hätte dich der Stolz auf deine uralte Familie abhalten sollen, nur mit einem Gedanken auf so eine horrible Mesalliance zu verfallen. Viel weniger noch hätte ich mir nur träumen lassen, daß du so dreist sein könntest, mir so etwas ins Angesicht zu gestehen.«

»Gnädigste Tante,« erwiderte die zitternde Sophie, »was ich gesagt habe, das haben Sie mir abgepreßt. Ich erinnere mich nicht, den Namen des Herrn Jones, in gewissen Absichten, gegen irgend jemand genannt zu haben; und noch wäre es nicht geschehen, hätte ich nicht gemeint, er habe den Beifall meiner Tante. Wie vorteilhaft ich auch von dem armen unglücklichen jungen Menschen denken mochte, so war ich willens, diese Gedanken mit mir ins Grab zu nehmen. – Ja, ins Grab, wo ich, wie ich nun finde, einzig und allein meine Ruhe suchen muß.« – Hier sank sie nieder auf ihr Kanapee, und in Thränen schwimmend, in dem rührenden Schweigen eines stummen Grames stellte sie einen Anblick dar, welcher fast das härteste Herz hätte bewegen müssen.

Aber diese rührende Betrübnis erregte bei ihrer Tante kein Mitleiden. Vielmehr geriet sie nun in den wütendsten Zorn. – »Und ich wollte lieber,« schrie sie mit fast krachender Stimme, »dir zu deinem Grabe folgen, als mit ansehen, daß du dich und deine Familie durch eine solche Bettelmariage beschimpftest! Himmel, Himmel! hätte ich jemals vermuten können, so lange zu leben, daß ein Fräulein von Western, meine eigene Nièce, eine Affektion für solch einen niedrigen Menschen hegen und gestehen würde. Du bist die erste – ja Fräulein von Western, Sie sind die erste Ihres Namens, der ein so pöbelhafter Gedanke in den Sinn kam. – Eine Familie, so berühmt wegen der ungemeinen Klugheit ihrer weiblichen Deszendenz!« – – Hier ging das noch eine volle Viertelstunde immer so fort, bis sie, nachdem mehr ihre Brust als ihre Wut erschöpft war, mit der Drohung schloß, sie wolle es augenblicklich ihrem Bruder hinterbringen.

[254] Sophie warf sich ihr nun zu Füßen, ergriff ihre Hände und bat sie mit Thränen, »sie möchte doch das, was sie ihr abgelockt hätte, verschweigen, und doch die Gemütsheftigkeit ihres Vaters beherzigen;« und beteuerte, »daß ihre Leidenschaft, so warm sie auch sein möchte, sie doch niemals verleiten sollte etwas zu thun, das ihn beleidigen könnte.«

Die Tante Western stand eine Weile und sah sie an; und als sie sich besonnen, sagte sie: »Auf eine Bedingung wolle sie das Geheimnis ihrem Bruder verschweigen, und die wäre, daß Sophie versprechen müsse, Herrn Blifil noch heute nachmittag als ihren Liebhaber zum Besuche anzunehmen, und ihn als die Person zu betrachten, welche ihr Gemahl werden sollte.«

Die arme Sophie war zu sehr in der Gewalt ihrer Tante, um ihr irgend etwas geradezu abzuschlagen; sie war genötigt, zu versprechen, daß sie Herrn Blifils Besuch annehmen und so höflich als möglich gegen ihn sein wollte. Nur bat sie ihre Tante, sie möchte hindern, daß die Sache mit dem Ehekontrakt nicht übereilt würde. Sie sagte: »Junker Blifil sei ihr nichts weniger als angenehm, und sie hoffe, ihr Vater würde sich erbitten lassen, sie nicht zur unglücklichsten Person von der Welt zu machen.«

Die Tante versicherte ihr: die Verbindung sei völlig ausgemacht, und nichts könne oder solle sie rückgängig machen. »Ich muß bekennen,« sagte sie, »ich habe die Sache mit gleichgültigen Augen betrachtet; ja, vielleicht hätte ich vorher noch meine gewisse Bedenklichkeiten dabei gehabt, die ich aber wirklich unterdrückte, weil ich glaubte, die Verbindung wäre so ganz nach deiner eigenen Neigung; von nun an aber betrachte ich sie als die allerratsamste Sache von der Welt; und es soll auch, wenn ich es verhindern kann, kein Augenblick Aufschub stattfinden.«

Sophie erwiderte: »Aufschub wenigstens darf ich sowohl von meiner gnädigsten Tante, als von meines Vaters Güte erwarten. O gewiß, Sie sind so gnädig und verwilligen mir Zeit, um mich zu bestreben, eine so starke Abneigung, als ich gegenwärtig gegen seine Person habe, zu überwinden.«

Die Tante antwortete: »Sie kenne die Welt viel zu gut, um sich so hintergehen zu lassen; da sie nunmehr wisse, daß eine andere Mannsperson ihre Zuneigung besäße, so würde sie Herrn Western bereden, mit der Vermählung soviel als möglich zu eilen. Es würde in der That, eine elende Politik sein,« fuhr sie fort, »eine Belagerung in die Länge zu ziehn, wenn die feindliche Armee in der Nähe ist und mit Entsatz droht. Nein, nein, Sophiechen,« sagte sie, »ich bin überzeugt, du hast eine heftige Leidenschaft, die du niemals mitHonneur befriedigen kannst. Ich will alles mein [255] Mögliches thun, deine Honneur außer Verantwortung der Familie zu setzen. Denn, wenn du vermählt bist, so sind das Sachen, um die sich dein Gemahl allein zu bekümmern hat. Ich hoffe, mon enfant, du wirst allemal so klug und vorsichtig handeln, als es dir geziemt; thätest du das aber nicht – nun, so hat die Mariage schon manche Frau bei Ehren erhalten.«

Sophie verstand wohl, was ihre Tante meinte; fand es aber nicht ratsam, darauf zu antworten. Unterdessen faßte sie den Entschluß, Herrn Blifils Besuch anzunehmen und sich gegen ihn so höflich zu benehmen, als sie könne: denn auf diese einzige Bedingung erhielt sie von ihrer Tante das Versprechen, das Geheimnis ihrer Liebe zu verschweigen, welches mehr ihr widriges Geschick, als alle Politik der Tante, ihr unglücklicherweise abgelockt hatte.

Sechstes Kapitel
Sechstes Kapitel.

Ein Dialog zwischen Sophien und Jungfer Honoria, welcher ein wenig jene zartweichen Gefühle besänftigen mag, die in dem Gemüt eines gutherzigen Lesers durch die vorige Szene erregt sein dürften.


Nachdem Ihro Gnaden, Tante von Western, die Zusage von ihrer Nichte erzwungen hatten, die wir in dem vorigen Kapitel ersehen, begaben Sie sich hinweg, und unmittelbar darauf trat herein Jungfer Honoria. Sie saß und arbeitete im Nebenzimmer und war durch gewisse laut vorragende Töne im vorigen Dialog ans Schlüsselloch gerufen worden, an welchem sie dann solange verharrt hatte, bis er völlig geschlossen war. Bei ihrem Eintritt ins Zimmer fand sie Sophie ohne alle Bewegung stehend und mit über die Wangen rollenden Thränen. Worauf sie dann augenblicklich eine gehörige Quantität Thränen an ihre eigenen Augen beorderte, und darauf also begann: »O Jemine! 'r Gnaden, gnädigs Frölen, was gibt's denn!« – »Nichts!« sagte Sophie. – »O teuerste 'r Gnaden,« antwortete Jungfer Honoria, »sagen Sie mir das nicht, wenn 'r Gnaden so im Unheil sind, und wenn solch'n Präambulum zwischen 'r Gnaden und 'r Gnaden Tante gewest ist.« – »Lasse Sie mich zufrieden,« erwiderte Sophie, »ich sage Ihr, es ist nichts – gütiger Gott! warum ward ich geboren!« – »Näe, 'r Gnaden,« sagte Jungfer Honoria, »das sollen S'e mir nicht weißmachen, daß 'r Gnaden so lamentierten um nichts und wieder nichts. Mein'r Ehr, 'ch bin nur 'ne Aufwartjungfer: aber fürwahr 'ch bin 'r Gnaden immer treu gewest, und mit mein'm Leben wollt 'ch 'r Gnaden [256] dienen, wenn's hülf'; das sag 'ch so mehr, als ich's denk'.« – »Meine gute Nore,« sagte Sophie, »es steht nicht in Ihrer Macht, mir Hilfe zu leisten. Ich bin ohn' alle Gnade verloren.« – »Behüt' und bewahre!« antwortete die Zofe, »wenn ich aber nur 'n bißchen worin dienen kann, o! so sag'n Sies lieber, 'r Gnaden, 's wird m'r en Trost sein, zu wissen; bitte, bitte! liebe Frölen, sag'n Sie m'r doch, was ist's?« »Mein Vater,« sagte Sophie, »steht im Begriff, mich an einen Mann zu verheiraten, den ich verachte und hasse.« »O teuerste, gnäd'ge Frölen,« versetzte die andere, »was vor'n gottloser Mensch ist das? Denn, mein'r Ehr', 's muß 'en rechter Thunichtgut sein, sonsten würden 'r Gnaden ihn ja nicht verachten.« – »Sein Name ist Gift für meine Zunge!« erwiderte Sophie. »Sie wird ihn noch zu früh erfahren, Nore.« – Wirklich wußte sie ihn schon, die reine Wahrheit zu gestehen; und deswegen war sie über diesen Punkt nicht andringlicher. Sie fuhr also folgendergestalt fort: »Ich maße mich nicht an, 'r Gnaden Rat zu geben, derweil 'r Gnaden viel mehr verstehen, als ich m'r einbilden darf, weil ich nur 'n Kammerjungfer bin. Aberst, so wahr ich ehrlich bin! Kein Vater im ganzen Reich sollte mich wider mein'n Will'n verheiraten. Und, das ist wahr! unser gnäd'ge Herr sind so gut, daß si's nur wissen dürften, daß 'r Gnaden den jungen Menschen verachten und hassen, so würden s'e nicht drauf stehn, daß 'r Gnaden ihn doch nehmen sollten; um wenn 'r Gnaden m'r nur Verlaubnis geben wollten, daß ichs dem gnäd'gen Herrn sagen dürfte – ja, nu freilich! wär's wohl besser, wenn von 'r Gnaden eignem Munde käme; aberst, weil 'r Gnaden den häßlichen Namen nicht über die Zunge nehmen mögen –« – »Sie irrt sich, gute Nore,« sagte Sophie, »mein Vater hatte es schon beschlossen, noch ehe er jemals für dienlich erachtet hat, mir das Geringste davon zu sagen.« – »Desto schlimmere Schande für ihn,« schrie Honoria. »'R Gnaden sollen mit dem Manne zu Bette gehen, und nicht unser gnäd'ge Herr. Und ob schon's en Mann, ein ganz guter Mann sein kann, so kann's doch mit recht guten Dingen zugehen, wenn er nicht allen Frauenzimmern gleichgut gefällt. Meine Ehr wett' ich, gnäd'ger Herr würden nich so thun, als sie thun, aus eigenem Kopfe; wenn nur gewisse Leute für ihr'r eigenen Thür fegen wollten und nicht den Löffel in all'n Brei steckten! 'ch wollte meinen, s'e würden mächt'ge krause Nasen machen, wenn man ihn'n bei ähnlichen Dingen ebenso mitspielte: denn, ob 'ch wohl keine gnädige Frölen bin, so glaube ich doch leicht, daß alle Mannsbilder nicht gleich lieb sein können: und worum hätten denn 'r Gnaden soviel Schätze und Reichtümer, wenn Sie nicht den Mann freien können, den 'r Gnaden für 'n allerschönsten halten? Gut! 'ch sage nichts! aber Sünd' un Schad' ists, daß gewisse [257] Leute nicht besser von Stand un Geburt sind. Doch, dem Ding viel Guts! würd' ich sagen, und würd' mich selbst darüber keen grau' Haar wachsen lassen! Ja, nu! aber'st da ist auch nicht so en Haufen Geld! Je nu! was thut's denn; 'r Gnaden haben Gelds die Fülle für alle beide; und wor kann 'r Gnaden Vermögen besser angelegt werden? Denn, das ist wahr, das muß man gestehen! 's ist der schönste, scharmantste, feinste, längste, vortrefflichste, properste Mann auf's lieben Gott's Erdboden.« – »Was meint Sie damit, daß Sie mir dergleichen Dinge vorschwatzt, Jungfer Honoria?« unterbrach sie endlich Sophie mit einer sehr ernsthaften Miene. »Wie kömmt Sie dazu, sich solche Freiheiten bei mir herauszunehmen? was gibt Ihr die Erlaubniß?« – »Ja so 'r Gnaden, bitt' ich demütigst um Verzeihung!« antwortete die Zofe. »Aber'st, ich meint's nicht böse, und mein'r Ehr! der arme junge Herr hat mir beständig im Kopfe herumgelaufen, seitdem ich'n diesen Morgen sah – gewiß und wahr! hätten 'r Gnaden ihn nur jetzund eben gesehen, Sie müßten Mitleid mit ihm gehabt hab'n. Der arme Herr! ich wünschte, wenn ihn nur keen Unglück begegnet ist: denn er ging Ihn'n da herum, und hatte die Arme über'nander geschlagen, und sah den ganzen Morgen so melancholisch aus! Ja, ich g'lobe und schwöre, ich hätte bald geweint als ich 'n sah« – »Sah! wen sah?« sprach Sophie. – »Den armen Herrn Tom Jones,« antwortete Honoria. – – »Gesehen! ihn! wie? wo sah Sie ihn?« rief Sophie. – »Im Garten beim Kanal, 'r Gnaden,« sagte die Jungfer. »Darhat' er den ganzen langen Vormittag herumspazieren gegangen, und zuletzt hat er sich dar auf Gott's Erdboden gelegt; und 'ch glaube er liegt dar noch. Ja nun! wenn 'ch nicht zu bescheiden gewest wär', weil ich 'ne Jungfer bin, so wär' ich zu 'n gangen und hätt' mit 'n gesprochen. Hör'n 'r Gnaden! laß'n mich noch gehn und zusehn, bloß vor Spaß, ob er noch dar ist.« – »Puh,« sagte Sophie, »da! nein, nein! was sollt' er da machen? Er ist gewiß schon längst weggegangen. Ueberdem, wie – was – warum wollte Sie gehn und zusehn? – Ueberdem hab' ich sonst etwas für Sie zu thun. Geh' Sie, und hol' Sie meinen Hut und meine Handschuhe. Ich muß vor Tische noch mit Tante ins Wäldchen gehen.« Die Jungfer that alsobald wie ihr befohlen war, und Sophie befestigte ihren Hut auf dem Kopfe. Als sie in den Spiegel sah, deuchte sie, das Band um den Hut stände nicht gut; und so schickte sie die Jungfer wieder fort, um eins von anderer Farbe zu holen: und, nachdem sie der Jungfer Honoria verschiedentlich eingeprägt hatte, sie solle ja nicht von ihrer Arbeit gehn, weil es damit gar große Eile habe und sie noch heute damit fertig werden müßte, murmelte sie noch für sich verschiedenes[258] vom Spazierengehn nach dem Wäldchen, und ging dann fort, und nahm einen ganz verschiedenen Weg mit so eiligen Schritten, als ihre zarten, zitternden Glieder sie tragen konnten, grades Weges hin nach dem Kanal.

Jones war da gewesen, wie ihr Jungfer Honoria erzählt hatte. Er hatte daselbst wirklich diesen Morgen in melancholischen Gedanken an seine Sophie zwei Stunden zugebracht, und war eben zu einer Thüre des Gartens hinausgegangen, als sie durch eine andere hereintrat. So, daß die unglücklichen Minuten, welche auf die Verwechselung des Bandes verwendet worden, die Liebenden verhindert hatten, nicht zu dieser Zeit einander anzutreffen. Ein höchst trauriger Zufall, aus welchem meine schönen Leserinnen nicht ermangeln werden, eine sehr heilsame Lehre zu ziehen. Und hier verbiete ich auf's strengste allen Kunstrichtern vom Männergeschlecht, das Geringste über einen Umstand zu sagen, welchen ich bloß den Damen zu Gefallen erzählt habe, und worüber es nur diesen frei steht, ihre Anmerkungen zu machen.

Siebentes Kapitel
Siebentes Kapitel.

Gemälde von einer förmlichen Brautwerbung, en Miniature, wie solche Gemälde immer gemacht werden sollten, und eine Szene von zärtlicherer Gattung, gemalt in Lebensgröße.


Es hat einer (und vielleicht mehrere) sehr richtig angemerkt, daß selten ein Unglück allein kommt. Diese weise Maxime ward jetzt von Sophien bewährt befunden, welche sich nicht nur in der Hoffnung, den Mann zu sehen, den sie liebte, getäuscht fand, sondern auch noch den Verdruß hatte, daß sie sich ankleiden und herausputzen mußte, um von dem Manne, den sie haßte, einen Besuch anzunehmen. Diesen Nachmittag eröffnete Herr Western seiner Tochter zum erstenmale seine Willensmeinung, indem er sagte: er wüßte recht gut, daß sie es schon von ihrer Tante erfahren hätte. Sophie machte hierzu eine sehr ernsthafte Miene, und konnte einem Paar Thränen nicht wehren, die sich in ihre Augen drängten. »Komm! komm! weg mit deinem Jungferngeziere! Weiß all's, glaub' mir's, weiß alles, d'e Schwester hat mir alles gesagt.«

»Ist es möglich,« sagte Sophie, »daß meine Tante mich bereits verraten haben kann?« – »Wieso?« sagte Western, »verraten! dich! hm! hast dich gestern mittag bei Tisch nicht selbst verraten? mir dünkt, d' hätt'st deinen Herzenswunsch deutlich genug sehen[259] lassen. Aber so ist's, ihr jungen Dinger wißt niemals, was ihr recht wollt. So! weißt wohl nich, daß ich dich mit dem Manne verheiraten will, in den du verliebt bist! dein' Mutter selige, 'ch erinner' mich's noch, zimperte und flensete auf eben die Manier. Aber, kaum vierundzwanzig Stunden währt's, als wir getraut waren, da war all's über, all's über. Blifil ist 'n junger, frischer Kerl, der wird dir das Geziere bald abgewöhnen. Komm, freundlich! bis freundlich! er muß all' Augenblick kommen.«

Sophie war nunmehr überzeugt, daß ihre Tante ihr redlich Wort gehalten habe; und sie beschloß diesen unangenehmen Nachmittag so standhaft als möglich auszuhalten, um ihrem Vater nicht den geringsten Verdacht zu erwecken.

Bald darauf langte Herr Blifil an. Nach einer kleinen Weile begab sich Herr Western hinweg und ließ das junge Paar allein.

Hier erfolgte ein Stillschweigen, das beinahe eine Viertelstunde dauerte; denn der Herr Bräutigam, der doch die Konversation beginnen sollte, besaß alle jene unanständige Bescheidenheit, welche in der Blödigkeit besteht. Er strengte sich oft an, zu sprechen; und ebenso oft verschluckte er seine Worte wieder, wenn er sie eben bis zur Spitze der Zunge gebracht hatte. Endlich brachen sie hervor in einem Strome von weit hergesuchten und hochtrabenden Komplimenten; auf welche von der andern Seite mit niedergeschlagenen Blicken, halben Knixen und einsilbigen Tönen geantwortet wurde. Blifil war im Umgange mit den Frauenzimmern so unerfahren und hatte eine so gute Meinung von sich selbst, daß er dieses Betragen für eine bescheidene Einwilligung in seinen Liebesantrag aufnahm, und als Sophie, um einen Auftritt zu verkürzen, den sie nicht länger aushalten konnte, aufstand und das Zimmer verließ, so setzte er auch das auf Rechnung ihrer schüchternen Blödigkeit, und tröstete sich damit, daß er ihre Gesellschaft bald oft und satt genug haben würde.

Er war wirklich mit dem guten Gange seines Liebesgeschäftes vollkommen wohl zufrieden: denn was den gänzlichen und völligen Besitz des Herzens seiner Geliebten anlangte, welchen romantische Liebhaber zu begehren pflegen, so war ihm daran noch nicht der mindeste Gedanke in den Kopf gekommen. Ihr Vermögen und ihre Person waren die einzigen Gegenstände seiner Wünsche, zu deren Besitz er, wie er nicht zweifelte, gar bald gelangen würde; weil Herrn Westerns Sinn so ernsthaft auf dieses Familienpaktum gestellt war, und weil er den strengen Gehorsam wohl kannte, welchen Sophie dem Willen ihres Vaters in allen Dingen zu leisten gewohnt war, und den noch weit strengern, welchen der Vater erzwingen würde, wenn Not an Mann gehen sollte. Dieses väterliche[260] Ansehen also, zusammengenommen mit den Reizungen, die, nach seiner Einbildung, sich in seiner Person und seinem Umgange befänden, könnten nach seiner Meinung nicht fehlen, den Willen des Fräuleins zu lenken, deren Neigung, wie er nicht zweifelte, noch völlig frei wäre.

Auf Jones war er ganz und gar nicht eifersüchtig; und ich habe es oft für wunderseltsam gehalten, daß er es nicht war. Vielleicht bildete er sich ein, daß der Ruf, in welchem Jones in der ganzen Nachbarschaft umher stand (mit welchem Recht oder Unrecht, mag der Leser entscheiden), daß er einer der wildesten Burschen im ganzen Reiche sei, ihn bei einem so außerordentlich modesten Frauenzimmer verhaßt machen könne. Vielleicht auch, daß Sophiens und Jones' Betragen, wenn sie alle beisammen in Gesellschaft waren, ihn in Schlaf gewiegt hatte. Endlich, und eigentlich hauptsächlich, war er sicher überzeugt, daß ihm keine andere Ichheit im Wege stand. Nach seiner Einbildung kannte er unsern Jones durch und durch bis auf den Grund, und hatte wirklich eine große Verachtung für seinen Verstand, weil er so wenig auf seinen eigenen Nutzen bedacht war. Er besorgte nicht, daß Jones in Sophien verliebt wäre, und, was die übrigen kleinen Finanzgründe bei einer solchen Sache beträfe, meinte er, solche würden auf einen so einfältigen Gauch wenig wirken. Ueberdem, dachte der kluge Blifil, wäre die Bekanntschaft mit Molly Seegrim noch im vorigen Gange, und meinte wirklich, dieser Gang würde das Paar zum Traualtar führen: denn Jones liebte ihn wirklich von Kindesbeinen an, und hatte für ihn kein Geheimnis gehabt, bis sein Betragen während der Krankheit des Herrn Alwerth sein Herz völlig von ihm abgezogen hatte. Und diese Mißhelligkeit welche damals entstanden und noch nicht so völlig wieder ausgesöhnt war, machte, daß Blifil nichts von der Veränderung erfahren hatte, die mit dem Liebeshandel zwischen Molly und Jones vorgegangen war.

Aus diesen Ursachen sah Herr Blifil also kein Hindernis, das seinem Glücke bei Sophien im Wege stände. Er machte in seinem frommen Sinne den Schluß, ihr Benehmen sei so, wie aller jungen Bräute beim ersten Besuche des Bräutigams; und im Grunde hatte er nicht das Mindeste weiter erwartet, als was er fand.

Herr Western trug Sorge, dem Bräutigam den Weg zu verrennen, als er von seiner Geliebten heimgehen wollte. Er fand ihn so entzückt über sein Glück, so verliebt in seine Tochter, und so zufrieden über die Art wie sie ihn aufgenommen hätte, daß der alte Herr anfing, auf seine eigene Hand in seinem Vorsaale herumzuspringen und zu tanzen, und durch allerlei andre Handlungen und Gebärden das Uebermaß seiner Freude an den Tag zu legen; [261] denn er hatte nicht die geringste Macht über seine Gemütsbewegungen, und diejenige, welche eben in seinem Herzen die Oberhand hatte, riß ihn allemal zu den wildesten Ausschweifungen fort.

Gleich nachdem Blifil sich empfohlen hatte, welches erst nach vielen Umarmungen und herzlichen Küssen von Herrn Western geschehen konnte, ging der gute Junker alsobald hin seine Tochter aufzusuchen, und er hatte sie nicht so bald gefunden, als er in die allerzügellosesten Freudebezeigungen ausbrach; ihr gebot, sie solle sich an Kleidern und Juwelen aussuchen was ihr nur gelüste; und beteuerte, er habe sein Vermögen zu keinem andern Gebrauche als sie froh und glücklich zu machen. Dann liebkoste er sie abermals und abermal mit dem größten Uebermaß von Zärtlichkeit; gab ihr die tändelndsten Liebe-Kinder-Namen, und versicherte aufs feierlichste, sie sei seine einzige Freude auf Erden.

Als Sophie ihren Vater in dieser Anwandlung von Herzensergießung sah, wovon sie die Ursache nicht so eigentlich begriff (denn, Anwandlungen von Zärtlichkeit waren wohl freilich nicht so selten bei ihm, aber die jetzige war doch heftiger als gewöhnlich), so dachte sie, sie könne niemals eine bessere Gelegenheit finden als diese, ihm ihr Herz zu eröffnen, wenigstens insofern, als es Herrn Blifil anbeträfe, weil sie gar zu gut voraussah, daß sie bald in die Notwendigkeit geraten würde, die ganze Lage der Sache aufzuklären. Nachdem sie ihrem Vater also für alle Zärtlichkeitsversicherungen gedankt hatte, fügte sie mit einem unaussprechlich sanften Blicke hinzu: »Ist's möglich, daß mein teuerster Papa so gütig sein kann, alle seine Freuden in dem Glück seiner Sophie zu finden!« – Und nachdem Western diese Frage mit einem kräftigen Schwur und einem Kuß bejahet hatte, ergriff sie seine Hand, fiel auf ihre Kniee und bat ihn, nach wiederholten warmen und herzlichen Versicherungen von kindlicher Liebe und Gehorsam, sie nicht dadurch zum unglücklichsten Geschöpfe auf Erden zu machen, wenn er sie zwänge, einen Mann zu heiraten, den sie ganz und gar nicht ausstehen könnte. »Dies flehe ich von Ihnen, liebster Papa,« sagte sie, »sowohl um Ihretwillen, als um meiner selbst willen, weil Sie so höchst gütig sind, mir zu sagen, daß Ihre Glückseligkeit an die meinige geheftet ist.« – »Wa – was?« sagt Western und starrt dabei wild umher. – »O, herzlichgeliebter Papa, nicht bloß die Glückseligkeit Ihrer armen Sophie, nein, selbst ihr Leben, ihr Dasein hängt daran, daß Sie diese Bitte erhören. Ich kann nicht leben mit diesem Blifil. Mich zu dieser Heirat zwingen, heißt mich töten.« – »Kannst nicht leben mit Blifil?« sagte Western. – »Nein, so wahr ich selig zu werden hoffe, ich kann nicht!« antwortete Sophie. – »Nun so stirb und fahr' zum Satan!« schrie er und stieß sie [262] fort von sich. – »O, Papa!« schrie Sophie und hielt einen Schoß seines Rockes, »erbarmen Sie sich meiner, ich bitte, ich flehe! sei'n Sie nicht so zornig und so gar grausam! – – Können Sie unerweicht bleiben, wenn Sie Ihre Sophie in so fürchterlichen Umständen vor sich sehen? Kann der beste von allen Vätern mein Herz durchbohren? Will er mich des schmerzhaftesten, bittersten, langsamsten Todes sterben seh'n?« – »Pah, pah!« schrie der Junker. »Wischi waschi! Unsinn! Lauter Jungferngeziere! Sterben sehn! Je, ja doch! Wirst du auch vom Heiraten sterben!« – »O teuerster Papa,« antwortete Sophie, »solch eine Heirat ist ärger als der Tod. – Er ist mir nicht nur gleichgültig, ich hass', ich verabscheu' ihn.« – »Hass'n hin, hass'n her!« schrie Western, – »sollst'n hab'n!« Dies bekräftigte er mit einem Eide, der zu fürchterlich war, um ihn zu wiederholen. Und nach mancher heftigen Beteurung schloß er mit diesen Worten: »Ich habe mein'n Sinn einmal drauf gesetzt, und wenn du nicht willst, wie ich: so kriegst du kein'n Schilling, nicht 'n roten Heller mit; nein, sag' ich dir, und sollt' ich dich auf der Straßen vor Hunger krepieren sehn! Nicht 'n Stück Brot wollt 'ch dir geben, um's Leben zu retten. Da hast du mein'n festen Entschluß, damit geh' 'ch; darnach kannst du dich richten!« Er riß sich darauf mit solcher Gewalt von ihr los, daß sie mit dem Gesicht gegen den Fußboden schlug, und er stürzte geradeswegs zum Zimmer hinaus und ließ die arme Sophie auf dem Boden hingestreckt liegen.

Als Western an den großen Vorsaal kam, fand er daselbst Herrn Jones; dieser, als er seinen Freund so wild aussehend, blaß und fast atemlos sah, konnte sich nicht entbrechen, sich nach der Ursache dieses melancholischen Anblicks zu erkundigen. Worauf ihn der Junker alsobald mit der ganzen Sache bekannt machte, und mit bittern Drohungen gegen Sophie, jämmerlichen Klagen über die Not und das Elend aller solcher Väter, welche so unglücklich wären, Töchter zu haben, seine Rede schloß.

Jones, welchem alle die Beschlüsse, welche man zu Gunsten Blifils gefaßt hatte, noch ein Geheimnis waren, stand anfangs bei dieser Erzählung fast wie vom Blitze gerührt; als er aber seine Lebensgeister ein wenig wieder gesammelt hatte, flößte ihm die bare Verzweiflung, wie er hernachmals sagte, den Einfall ein, Herrn Western etwas vorzuschlagen, wozu, wie es schien, mehr dreiste Unverschämtheit erfordert wurde, als jemals einer menschlichen Stirn beschert worden. Er bat um Erlaubnis, zu Sophien zu gehen, um zu versuchen, ob er ihre Zustimmung zu ihres Vaters Absichten bewirken könne.

Wäre der Junker ebenso scharfsichtig gewesen, als er wegen [263] des Gegenteils merkwürdig war, so könnte ihn doch gegenwärtig sehr wohl sein Zorn geblendet haben. Er dankte Jones für das Anerbieten, diesen Dienst zu übernehmen, und sagte: »Geh, geh, bitte! Versuch's, was du thun kannst.« Und dann stieß er eine Schar entsetzlicher Flüche aus, wie er sie aus'm Hause werfen wolle, wenn sie nicht in die Heirat willigte.

Achtes Kapitel
Achtes Kapitel.

Zwiegespräch zwischen Jones und Sophie.


Jones ging alsobald fort, um Sophie zu suchen, die er fand, wie sie eben vom Boden aufgestanden war, auf welchem ihr Vater sie hatte liegen lassen, da noch die Thränen ihr aus den Augen tröpfelten und das Blut ihr aus den Lippen floß. Er lief stracks auf sie zu, und mit einer Stimme, die zugleich Zärtlichkeit und Entsetzen verriet, sagte er: »O meine Sophie, was bedeutet dieser furchtbare Anblick?« Sie blickte ihn erst auf einen Augenblick mit Sanftmut an, ehe sie redete, und dann sagte sie: »Herr Jones, um des Himmels willen! Wie sind Sie hierher gekommen? Verlassen Sie mich, noch diesen Augenblick, ich bitte Sie.« – »Legen Sie, ich bitte,« sagte er, »mir kein so hartes Gebot auf! Mein Herz blutet stärker als diese Lippen. O Sophie, wie gerne möchte ich meine Adern ausleeren, um nur einen Tropfen von diesem kostbaren Blute zu ersparen!« – »Ich bin Ihnen bereits schon zuviel Verbindlichkeit schuldig,« antwortete Sophie, »denn gewiß, Sie meinten mir welche zu leisten.« Hier sah' sie ihn, fast eine Minute lang, zärtlich an, und dann sagte sie mit sichtbarem Gefühl der innigsten Rührung: »O, Herr Jones, – warum retteten Sie mein Leben? – Mein Tod wäre weit glücklicher für uns beide gewesen!« – »Glücklicher für uns beide?« rief er. »Könnten mich alle Qualen der härtesten Folter so schmerzhaft töten, als meine Sophie? – Ich kann den Schall des entsetzlichen Worts nicht ausstehen! Lebe ich für etwas anderes, als für Sie?« Beides, seine Stimme und seine Blicke waren voll unaussprechlicher Zärtlichkeit, als er diese Worte sprach und zugleich ganz leise ihre Hand ergriff, die sie ihm nicht wegzog. Die Wahrheit zu sagen, so wußte sie wohl kaum, was sie sagte, oder was sie litt. Einige wenige Minuten gingen jetzt unter den Verliebten in Stillschweigen hin; unterdessen seine Augen inniglich auf Sophie, und die ihrigen auf den Boden gerichtet waren. Endlich sammelte sie Stärke genug, ihn noch einmal [264] zu bitten, er möchte sie verlassen, weil es zu ihrem unausbleiblichen Verderben gereichen würde, wenn man sie beieinander anträfe; und sie fügte hinzu: »O, Herr Jones, Sie wissen nicht, Sie wissen nicht, was diesen entsetzlichen Nachmittag hier vorgefallen ist.« – »Ich weiß alles, meine teuerste Sophie,« antwortete er; »Ihr grausamer Vater hat mir alles erzählt; und er selbst hat mich zu Ihnen hergeschickt!« – »Mein Vater, Sie zu mir geschickt?« erwiderte sie; »gewiß Sie träumen!« – »Wollte der Himmel,« rief er, »es wäre weiter nichts als ein Traum! O Sophie, Ihr Vater hat mich hergesandt zu Ihnen, ein Sachwalter meines verhaßten Nebenbuhlers zu sein und bei Ihnen sein Bestes zu reden. – Ich ergriff jedes Mittel, um Zutritt zu Ihnen zu gewinnen. O, sprechen Sie mir zu, Sophie, trösten Sie mein blutend Herz! Gewiß, noch nie hat ein Mensch so wahr, so herzinniglich geliebt als ich! Entziehen Sie mir nicht so ungütig diese teure, diese liebe, diese sanfte Hand. – Ein Augenblick trennt mich vielleicht von Ihnen auf ewig. – Nichts Geringeres als diese grausame Veranlassung hätte, glaube ich, jemals den Respekt, diese unendliche Ehrfurcht überwinden können, die Sie mir eingeflößt haben.« Sie stand einen Augenblick schweigend in Gedanken und Verwirrung; dann hob sie ihre Augen sanft gegen ihn auf und sprach: »Was möchte Herr Jones, daß ich ihm sagen sollte?« – »O, versprechen Sie nur, daß Sie sich niemals dem Blifil ergeben wollen!« – »Nennen Sie mir den verhaßten Namen nicht wieder! Seien Sie versichert, in meinem Leben erhält er von mir nicht das Geringste von dem, was ihm zu verweigern in meiner Gewalt steht!« – »Nun dann,« sagte er, »da Sie so höchst gütig sind, so bitte ich, gehen Sie noch einen kleinen Schritt weiter und fügen hinzu, daß ich hoffen dürfe!« – »Ach, Herr Jones,« sprach sie, »wohin wollen Sie mich verleiten? Was kann ich für Hoffnung geben? Sie kennen die Absicht meines Vaters.« – »Aber ich weiß auch,« antwortete er, »daß Ihre Einwilligung nicht erzwungen werden kann.« – »Was würden,« erwiderte sie, »die fürchterlichen Folgen meines Ungehorsams sein? Mein eigenes Unglück wäre mein geringster Kummer! Aber den Gedanken kann ich nicht ertragen, schuld an meines Vaters Elend zu sein!« – »Die Schuld ist seine,« versetzte Jones, »daß er sich eine Gewalt über Sie anmaßt, die ihm die Natur nicht gegeben hat. Denken Sie an den Jammer, der mich treffen muß, wenn ich Sie verliere, und sehen Sie, auf welche Seite das Mitleiden die Wagschale senken wird.« – »Daran denken!« wiederholte Sophie; »glaubten Sie wohl, daß ich das Elend nicht fühle, das ich über Sie bringen müßte, wenn ich Ihrem Begehren nachgäbe? – Ach, nur dieser Gedanke ist es, der mir den Mut gibt, von Ihnen zu [265] verlangen, daß Sie mich auf ewig fliehen und Ihr eigenes Verderben vermeiden sollen.« – »Ich fürchte kein Verderben,« schrie er, »als den Verlust meiner Sophie; wenn Sie mich von der bittersten aller Qualen erretten wollen, so widerrufen Sie diesen Ausspruch. – – Nein, nein, ich kann Sie nicht lassen; gewiß ich kann nicht; kann nicht!«

Die Liebenden standen nun beide stumm und zitternd; Sophie war unvermögend, ihre Hand aus Jones' Hand wegzuziehen, und er war beinahe ebenso unvermögend, sie zu halten; da wurde der Auftritt, welchen, wie ich glaube, einige meiner Leser schon für lang genug halten, durch einen andern von stürmischer Natur unterbrochen, dessen Erzählung wir aufs nächste Kapitel versparen.

Neuntes Kapitel
Neuntes Kapitel.

Viel stürmischer als das vorige.


Ehe wir weiter fortfahren zu erzählen, was nun unsrem liebenden Paar begegnete, wird es dienlich sein, dasjenige beizubringen, was während ihrer zärtlichen Unterredung unten im Vorsaal vorging.

Sobald als Jones den Herrn Western auf die vorhin erzählte Weise verlassen hatte, kam seine Schwester zu ihm und empfing sehr bald Nachricht von allem, was zwischen ihrem Bruder und ihrer Nichte in Ansehung Blifils vorgefallen war.

Dieses Betragen ihrer Nichte legte die gute Dame aus als einen völligen Bruch der Traktate, nach welchen sie sich verbunden hatte, aus ihrer Liebe gegen Jones ein Geheimnis zu machen. Sie hielt sich also demzufolge für völlig frei, alles was sie wußte dem Junker zu offenbaren, was sie auch den Augenblick ohne alle Vorrede oder sonstige Zierlichkeiten und in den deutlichsten Ausdrücken that.

Der Gedanke an eine Heirat zwischen Jones und seiner Tochter war dem Junker niemals, weder in den wärmsten Minuten des Wohlwollens gegen diesen jungen Mann, noch aus Argwohn oder Verdacht, noch bei sonst einer Gelegenheit in den Sinn gekommen. Er hielt wirklich eine Gleichheit des Vermögens und des Standes für ebenso physikalisch notwendig bei einer Ehe, als die Verschiedenheit der Geschlechter, oder ein ander dergleichen wesentliches Erfordernis, und hatte ebensowenig besorgt, daß seine Tochter sich in einen armen Menschen verlieben würde, als irgend in ein andres Tier von verschiedener Gattung.

[266] Ihm ward also bei seiner Schwester Erzählung als einem vom Donner getroffenen. Anfangs war es ihm unmöglich zu antworten, weil ihn die gewaltige Bestürzung fast alles Atems beraubt hatte. Dieser stellte sich indessen bald wieder ein und zwar, wie es bei andern Fällen nach einer Ruhezeit zu geschehen pflegt, mit verdoppelter Stärke und Wut.

Den ersten Gebrauch, den er von der Gabe der Sprache machte, nachdem er solche nach überstandener Wirkung seines plötzlichen Erstaunens wieder erlangt hatte, war, eine derbe Ladung von Flüchen und Verwünschungen herabzudonnern. Hierauf wackelte er hastig nach dem Gemach, wo er die Verliebten anzutreffen meinte, und murmelte oder vielmehr brauste Vorsätze von Rache bei jedwedem Schritt, den er that.

So wie zwei Tauben oder zwei Turteltauben, oder so wie wenn Strephon und Phyllis (denn das letztere liegt näher zum Ziele) sich in einem angenehmen einsamen Wäldchen verborgen halten, um der ergötzlichen Unterhaltung des Gottes Amor zu genießen, dieses blöden Götterknabens, welcher sich schämt, in Gesellschaft zu sprechen, und niemals bei mehr als zweien zugleich ein guter Gesellschafter ist; sollte hier, wenn alles umher heiter erscheint, plötzlich ein lauter Donner durch die zerrissenen Wolken hervorkrachen und sein fürchterliches Gebrüll über ihren Häuptern dahinrollen, so rafft sich das erschrockene Mädchen auf vom moosigen Ufer, oder vom grünenden Rasen; die bleiche Livree des Todes folgt auf die rote Regimentsfarbe, womit Amor vorher ihre Wangen bekleidet hatte; Angst und Furcht erschüttern ihr ganzes Gebein, und kaum kann ihr Geliebter ihre zitternden, schwankenden Glieder unterstützen. – Oder als wenn zwei durstige Herren, unbekannt mit dem erfindungsreichen Witze des Orts, in einem Gasthofe oder Weinhause zu Salisbury sitzen und ihre Flasche leeren. Wenn der große Löhley, der seine Rolle als Tollhäusler ebensogut spielt, als einige seiner Ansteller die Rolle des Narren, mit seinen Ketten zu rasseln beginnt und sein Lied zwischen den Zähnen brummend auf der Galerie daherkommt, der erschrockene Fremde Maul und Augen aufreißt, die von dem fürchterlichen Getöse gellenden Ohren zuhält – einen Ort sucht, der ihn vor der annahenden Gefahr schützen könne, und, wenn die wohlvergitterten Fenster ihm einen Ausgang erlaubten, seinen Hals daran wagen würde, der drohenden Wut zu entwischen, welche jetzt sich ihm zu nahen scheint: – So zitterte die arme Sophie, so erblaßte sie vor dem Getöse ihres Vaters, der mit einer Stimme, erschrecklich zu hören, fluchend herbeikam und ihrem Jones den Untergang drohte und schwur. Die Wahrheit zu sagen, glaube ich, würde der Jüngling selbst aus einigen klugen Bedenklichkeiten in diesem [267] Augenblicke einen andern Ort des Aufenthalts vorgezogen haben, hätte sein Schrecken und seine ängstliche Besorgnis für Sophie ihm Freiheit gelassen, über etwas nachzudenken, das ihn selbst auf keine andre Weise betraf, als insofern seine Liebe ihn an allem teilnehmen hieß, was seine Sophie anging.

Und nun erblickte der Junker, nachdem er die Thüre aufgesprengt hatte, einen Gegenstand, der augenblicklich aller seiner Wut gegen Jones Einhalt that; dies war Sophiens totenbleiche Gestalt, die ohne Leben in ihres Geliebten Arm hingesunken war. Western ward dieses dramatischen Anblicks nicht sobald gewahr, als ihn seine ganze Raserei verließ. Er schrie mit der heftigsten Gewalt um Hilfe, rannte erst auf seine Tochter zu, dann wieder zurück nach der Thüre, rief: Wasser, Wasser! und dann abermal zurück nach Sophie, ohne darauf zu achten, in wessen Armen sie sich befände, oder auch vielleicht ohne sich einmal zu erinnern, daß ein solcher Mensch wie Jones in der Welt sei; denn wirklich, glaube ich, war jetzt der gegenwärtige Zustand seiner Tochter der einzige Punkt, welcher seine Gedanken beschäftigte.

Es währte gar nicht lange, so kam die gnädige Tante Western und eine große Anzahl von Bedienten mit Wasser, Herzstärkungen und allen übrigen Erfordernissen bei solchen Gelegenheiten herbei, um Sophien Hilfe zu leisten. Diese Dinge wurden mit so gutem Erfolg angewendet, daß Sophie nach einigen wenigen Minuten sich zu erholen begann und wieder alle Merkmale des Lebens blicken ließ.

Hierauf ward sie alsobald von ihrer eignen Jungfer und ihrer Tante hinweggeführt; auch trat diese gute Dame nicht eher vom Schauplatze ab, als bis sie ihrem Bruder einige heilsame Erinnerungen hinterlassen, betreffend die schrecklichen Wirkungen seines Zorns, oder, wie sie es zu nennen geruhte, seiner Tollheit.

Der Junker verstand vielleicht diesen guten Rat nicht, weil er mit dunkeln Anspielungen, Achselzucken und Verwunderungszeichen gegeben ward. Zum wenigsten, wenn er ihn auch verstand, machte er davon eben keinen Gebrauch, denn seine unmittelbare Besorgnis um seine Tochter war nicht so bald vorüber, als er in seine vorige Raserei verfiel, welche auf der Stelle eine Schlägerei mit Jones hätte hervorbringen müssen, wenn nicht Herr Pastor Schickelmann, ein Herr von vieler Knochenstärke, zugegen gewesen wäre und mit seinem kräftigen Arm den Junker von Gewaltthätigkeiten abgehalten hätte.

Den Augenblick, als Sophie weggebracht worden, nahte sich Jones in bittender Stellung dem Junker, welchen der Pfarrer in seinen Armen hielt, und bat ihn, sich zu fassen, weil es unmöglich [268] sei, so lange er in solchem Zorn verharre, ihm die geringste Satisfaktion zu geben.

»Satisfakschon will 'ch haben von dir,« antwortete der Junker, »und so nur abgeschält den Kittel! Bist'n halber Kerl nur; 'ch will dich wixen, sollst nicht so abgewixt sein in dein'n ganzen Leben!« Hierauf bespritzte er den Jüngling mit einem Ueberfluß von solchen Redensarten, welche unter unerzogenen Landjunkern und Pächtern gewöhnlich sind, wenn sie über eine Sache verschiedene Meinungen behaupten, und dabei gab er ihm wiederholte Einladungen, denjenigen Teil seines Leibes zu küssen, dessen Namen unter dem patriarchalisch lebenden und redenden niedern Adel des Landes in allen ihren Streitigkeiten bei Pferderennen, Hahnengefechten und andern dergleichen Lustbarkeiten so oft gehört, und auf welchen, des lieben Spaßes wegen, so oft angespielt wird, ohne zu bedenken, daß es den Philistern kein Spaß war, als sie vor alten Zeiten den Juden, um ferneres Blutvergießen zu verhindern, fünf goldene und fünf silberne Abgüsse dieses blöden Teils zum Tribute bringen mußten. Bei alledem, glaube ich, herrscht ein allgemeiner Mißverstand bei diesem Witze. Eigentlich steckt es nur im unähnlichen Klange der Wörter Kuß und Fuß, daß ein Herr von jemand fordert, er solle ihm da einen Kuß geben, wohin er demselben kurz vorher gedroht hat, mit dem Fuß zu stoßen; denn soviel habe ich genau bemerkt, daß niemand diesen Kuß einem andern anbietet, noch um den Fußtritt bittet. Es mag gleichfalls bewundernswürdig scheinen, daß bei den vielen Tausenden freundschaftlicher Einladungen von dieser Art, welche ein jeder der mit jenen patriarchalisch-philistrischen Nachkömmlingen nur einigen Umgang hat, gehört haben muß, doch niemand, wie ich glaube, ein einziges Beispiel gesehen habe, wo man das Begehren erfüllt hätte. Ein großer Beweis von ihrem Mangel an feiner Lebensart! denn in der Residenzstadt ist unter den Herren von der feinsten Lebensart nichts gewöhnlicher, als diese Zeremonie täglich bei ihren Obern und Vorgesetzten zu verrichten, ohne einmal von solchen um diese Gunstbezeigung gebeten zu werden.

Auf diesen Witz antwortete Jones ganz gelassen: »Herr von Western, diese Begegnung mag vielleicht eine jedwede andre Verbindlichkeit, die Sie mir erwiesen haben, aufheben; eine aber ausgenommen, die Sie niemals aufheben werden; auch soll mich Ihr Schimpfen und Drohen nicht so weit aufbringen, meine Hand gegen Sophiens Vater aufzuheben.«

Bei diesen Worten ward der Junker noch rasender als vorher, so daß der Pfarrer den Jones bat, sich zu entfernen, indem er sagte: »Sie sehen ja, Herr Jones, Ihre Gegenwart macht ihn nur [269] immer ärger; darum lassen Sie mich Sie bitten, hier nicht länger zu verweilen. Sein Zorn ist zu sehr entbrannt, als daß Sie jetzt ein vernünftiges Wort mit ihm wechseln könnten. Sie thun daher besser, Ihren Besuch abzubrechen, und das was Sie zu Ihrer Vertheidigung anzuführen haben, auf eine andre Gelegenheit zu verschieben.«

Jones nahm diesen Rat mit Dank an und ging den Augenblick fort. Der Junker erhielt nun seine Hände wieder frei und so viel Mäßigung, darüber seine Zufriedenheit zu bezeigen, daß man ihn mit Gewalt zurückgehalten hätte, denn er beteuerte, er würde ihm gewiß das Gehirn aus dem Kopf geschlagen haben, und setzte hinzu: »'s würd' ein'n doch verflucht geärgert haben, wenn man eines solchen Schufts wegen aufs Schafott gekommen wäre.«

Der Geistliche fing nun an zu triumphieren über den glücklichen Ausgang seines Pazifikationsgeschäftes und ging dann über zu einer Predigt gegen den Zorn, welche vielleicht vermögender gewesen sein möchte, diese Leidenschaft bei einigen hastigen Gemütern eher zu erregen, als zu besänftigen. Diese Predigt verbrämte er mit mancher wichtigen Stelle aus den Alten, besonders aus dem Seneka, welcher wirklich so viel Gutes über diese Leidenschaft gesagt hat, daß ihn niemand, als ein zorniger Mann, ohne großen Nutzen und großes Vergnügen lesen kann. Der Herr Magister schloß seine Standrede mit der Geschichte vom Alexander und Clitus. Doch, da ich finde, daß in meinem Kollektaneenbuche diese Geschichte unter dem Artikel Betrunkenheit steht, so nehme ich Anstand, solche hier einzuschalten.

Der Junker gab auf diese Geschichte keine Achtung, sowie vielleicht auf nichts von alledem, was er sagte, denn er fiel ihm, noch ehe er damit zu Ende war, in die Rede und verlangte eine Kanne Bier, wobei er bemerkte (und seine Bemerkung war vielleicht ebenso wahr, als irgend eine andre Bemerkung über dieses Seelenfieber,): »Aerger macht einen trockenen Hals.«

Der Junker hatte nicht so bald einen derben Zug hinuntergeschluckt, als er wieder von Jones zu sprechen begann und den Entschluß äußerte, er wolle den nächsten Morgen ganz früh hingehen und es Herrn Alwerth hinterbringen. Sein Freund wollte ihm aus bloßer Gutherzigkeit hiervon abraten, aber sein Abraten that weiter keine Wirkung, als eine große Ladung von Schwüren und Flüchen hervorzulocken, welche den andächtigen Ohren des Herrn Schickelmann sehr wehe thaten; doch wagte er es nicht, gegen die wohlhergebrachten Gerechtsamen eines frei- und edelgeborenen Junkers Vorstellungen zu thun. Die Wahrheit zu sagen, war dem Pfarrer das Vergnügen, das er seinem Gaumen an des Junkers Tische verschaffte, immer noch den Preis wert, den er dafür [270] von Zeit zu Zeit mit diesem Ohrenzwange bezahlen mußte. Er befriedigte sich damit, zu denken, daß er diese üble Gewohnheit nicht eigentlich bestärke, und daß der Junker deswegen keinen Fluch weniger ausstoßen würde, wenn er auch niemals zu seinen Pforten einginge. Unterdessen, ob er gleich nicht so wenig Lebensart besaß, einem ehrlichen Manne in seinem eigenen Hause Vorschriften zu geben, so machte er ihn dafür so ganz seitwärts von der Kanzel herunter. Dies that nun freilich nicht die gute Wirkung, den Junker selbst zu einer Besserung zu bewegen; aber so viel wirkte es doch auf dessen Gewissen, daß er gegen andre die Gesetze des Landes desto schärfer in Ausübung brachte, und die höchste obrigkeitliche Person war im ganzen Kirchspiele die einzige, welche ungestraft fluchen und schwören durfte.

Zehntes Kapitel
Zehntes Kapitel.

Worin Herr Alwerth von Herrn Western besucht wird.


Herr Alwerth war eben mit seinem Neffen vom Frühstück aufgestanden und war sehr vergnügt über den Bericht des jungen Herrn, von dem guten Erfolge seines bei Sophie gemachten Besuchs (denn er wünschte diese Verbindung in allem Ernste mehr in Rücksicht auf den Charakter des jungen Fräuleins, denn auf ihren Reichtum), als Herr Western ganz unangemeldet zu ihm hereintrat und ohne alle Zeremonien folgendermaßen zu sprechen begann:

»Da! da hab'n wir nun 'en schön Stück Arbeit gemacht! da hab'n Sie Ihr'n Bastard zu was Rechts aufgefüttert! 'ch glaub' wohl nicht eben, daß Sie 'n Hand mit im Spiel haben, ich meine, wie m'n wohl sagt, mit Willen und Wissen, aber da ist 'n wacker Fischkessel drüber aufs Feuer gehängt, in unsrem Haus.«

»Sag'n Sie mir doch, was gibt's denn, Herr Nachbar?« sagte Alwerth. – »Gibt? was soll's geben? Dumm Zeug gibt's die Menge, mein Seel! Mein' Tochter hat sich in Ihren Bastard verliebt, das gibt's! Aber ich geb' ihr kein'n Schilling! näh, nicht 'en Bruch vom Bruch vom roten Heller. Hab' immer gedacht, was 'raus kommen würd', ein Bastard aufzuziehen, wie 'nen Junker, und 'n in ander Leute Häuser 'rum kommen zu lassen. Sein Glück ist's, daß 'ch nicht an 'n reichen konnte; 'ch wollt 'n gewixt haben, 'ch hätt' 'n des Rollengehn legen wollen! wollt 'en Hurensohn gelernt haben, am Braten zu riechen, der auf'n Herrntisch soll. Von mein'm Braten kriegt er kein'n Bissen mehr, und keinen Pfennig dazu, sich ein'n in seine Küche zu kaufen. Will [271] Sie 'n hab'n! Nu! ein Hemd und ein Paar Schuh', damit die Thür' hint'r ihr zu. 'ch will lieber mein' Felder un Wälder uf Leibrenten legen, daß sie's Parlement damit bestechen können, das will ich.« – »Es thut mir herzlich leid!« sagte Herr Alwerth. – »Was schert mich Ihr Leidsein!« sagte Western, »'s wird m'r mächtig was helfen, wenn ich's verloren habe, mein einzig Kind, mein' arme Fieke! S' war die Freude meines Herzens, mei'n Hoffnung, mein Stecken und Stab in mei'n alten Tagen; aber ich hab's beschlossen, 'ch will sie aus 'en Hause jagen, und betteln soll sie, verhungern und verfaul'n auf der Straßen! Nicht 'en Heller, nicht 'en blutg'n Heller soll sie vom mein'gen ihr Lebtag zu sehn kriegen. Der Spürhund der! Immer war 'r fix, d'n Hasen im Lager zu rahmen! Daß er die Kränk' kriegte! Wer konnt's denken, was für'n Märten er uf'n Korn hatt'? Aberst wart! So 'en magern Märzhasen sollst du in dein'n Leben noch nicht geschoss'n hab'n. Er soll d'rs Schußgeld nich wert sein; die bloße Haut soll sie mitbringen; und das können Sie 'n nur sagen!« – »Sie sehen mich im größten Erstaunen, Herr Nachbar Western, über das, was Sie mir da sagen!« rief Herr Alwerth, »nach dem, zumal was noch erst gestern nachmittags zwischen Ihrem Fräulein Tochter und meinem Neffen vorgefallen ist.« – »Ja, ja, das ist's eben!« antwortete Western; »erst nachher, was mit Ihr'm Neffen und ihr vorfiel, kam die ganze Schand' an Tag. Ihr Blifil war noch nicht so lang weg, daß'm Amen sag'n konnt', so war's Hurkind von Jon's dar, und spukt' um's Haus herum. Da hätt' ich denk'n soll'n, da 'ch 'n als 'n gut'n Weidg'sellen so lieb hielt, daß 'r all' die Zeit über auf Wilddieb'rei ausging, auf mein' Tochter!!« – »Nun wirklich,« sagte Herr Alwerth, »ich hätte gewünscht, Sie hätten ihm nicht so manche Gelegenheit bei Ihrem Fräulein Tochter gegeben! Und Sie werden billig genug gegen mich sein, zu bekennen, daß ich's niemals recht gerne gesehen habe, wenn er sich so lange in Ihrem Hause aufgehalten hat, ob ich gleich auf so etwas niemals den geringsten Verdacht hatte.« – »Wer, Hagel!« schrie Western, »wer hätt's denk'n könn'n! Er kam ja nich hin zum Karessieren mit ihr? Er kam ja hin zum Jagen mit mir.« – »Aber, wie war's möglich,« sagte Herr Alwerth, »daß Sie niemals ein Anzeichen von Liebe zwischen den jungen Leuten wahrnahmen, da Sie solche doch so oft beieinander sahen?« – »Mein Lebtag habe 'ch nichts davon gemerkt,« sagte Western, »so wahr ich selig werd'n will. S' hätten sich doch wohl 'n mal geküßt; aber nein! Blind will ich sein, wenn 'ch 's nur einmal gesehen hab'. Mein'n Sie, daß 'r 's nur einmal 'n bißchen karessiert hätt'? Was wollt' er? Näh! gar nicht! Wenn sie in der [272] Kump'nei war, saß 'r noch mehr, als ob 'r aufs Maul g'schlag'n wär', als wenn niemand dabei war. Und 's Mädchen – ja, die that nicht halb so zuthulich zu ihm, als zu all'n andern jung'n Burschen, die nur in's Haus kam'n. Hoho! in derlei Sachen laß 'ch mir ebensowenig was aufbinden, als in andern, das könn'n S'e mir nur glauben, Herr Nachbar Alwerth.« – Herr Alwerth konnte sich hierbei kaum des Lachens enthalten; doch hielt er sich und that sich Gewalt an; denn er kannte die Menschen zu gut, und besaß zu gute Lebensart und ein zu gutes Herz, um dem Junker in seiner jetzigen Lage etwas Unangenehmes merken zu lassen. Er fragte darauf Herrn Western, was er von ihm verlange, daß er bei dieser Gelegenheit thun solle? Worauf der andre antwortete: Er möchte den Schuft zurückhalten, daß er ihm nicht ins Haus käme, und daß er hingehen wolle, das Weibsstück einzuschließen; denn er wäre entschlossen, sie solle Herrn Blifil heiraten, und wenn sie darüber auch toll und rasend werden sollte. Darauf faßte er Blifil bei der Hand und schüttelte die und schwur, er solle sein Schwiegersohn werden und sonst keine lebendige Seele, und gleich darauf nahm er seinen Abschied und sagte dabei, sein Haus sei in solcher Unordnung, daß er nur eilen müsse, wieder heimzukommen, um zuzusehen, daß seine Tochter nicht buschein ginge; und was den Jones anlange, schwur er, »wenn er ihn in seinem Hause fände, wollt' er ein'n Kerl aus ihm machen, der sich nicht weiter um andrer Töchter sollte bekümmern können!«

Als Alwerth und Neffe Blifil wieder allein gelassen waren, erfolgte zwischen beiden ein langes Stillschweigen. Die ganze Länge desselben füllte der junge Herr aus mit Seufzern, welche teils aus fehlgeschlagener Hoffnung, aber mehr noch aus Haß entsprossen; denn Jones' gutes Glück nagte ihm weit mehr am Herzen, als Sophiens Verlust.

Endlich fragte ihn sein Onkel, was er willens sei, zu thun? und er antwortete in folgenden Worten: »Ach, teuerster Herr Onkel, kann es eine Frage sein, wohin sich der Liebhaber lenken soll, wenn Vernunft und Leidenschaft zwei verschiedene Wege anweisen? Ich besorge, er werde allemal in einer solchen Verlegenheit der letztern folgen. Die Vernunft schreibt mir vor, alle Gedanken auf ein Frauenzimmer fahren zu lassen, das seine Neigung auf einen andern geworfen hat; meine Leidenschaft gebietet mir zu hoffen, sie könne mit der Zeit sich zu meinem Besten verändern. Hier sehe ich gleichwohl einen Einwurf, den man mir machen möchte, welcher, wofern ich ihn nicht hinlänglich beantworten könnte, mich ganz und gar abhalten müßte, weiter an sie zu denken. Ich meine die Ungerechtigkeit, die darin läge, einen andern aus einem [273] Herzen zu verdrängen, in dessen Besitz er bereits zu sein scheint, allein der unveränderliche Entschluß des Herrn Western zeigt, daß ich in diesem Falle zur gemeinsamen Glückseligkeit aller beitragen werde, nicht bloß zur Glückseligkeit des Vaters, der auf diese Weise vor dem höchsten Grade des Jammers bewahrt werden wird, sondern auch der übrigen, welche durch jene Verbindung in Not und Elend geraten müßten. Das Fräulein wäre, wie ich gewiß bin, auf alle Weise verloren: denn, außer dem Verluste des größten Teiles ihres Vermögens, würde sie nicht nur mit einem Bettler verheiratet, sondern auch die kleine Mitgabe, welche ihr der Vater nicht verweigern könnte, würde sehr bald an das Weibsstück verschwendet werden, mit welchem er, wie ich weiß, sein Wesen noch bis auf diese Stunde treibt. – Aber das ist noch bloße Kleinigkeit! denn ich kenne ihn als den schlechtesten Menschen von der Welt. Ach! wenn mein teuerster Onkel gewußt hätten, was ich bisher mit vieler Mühe verschwiegen gehalten habe, mein Onkel müßten schon längst einen so äußerst verderbten Menschen seinem eignen Schicksal überlassen haben!« – »Wie so?« sagte Alwerth. »Hat er noch was Schlimmeres ausgehen lassen, als was ich bereits schon weiß? Sage mir's, ich bitte dich.« – »Nein,« antwortete Blifil. »Es ist einmal vorbei! Und wer weiß, ob er's nicht schon bereut hat.« – »Ich befehle dir's bei deinem schuldigen Gehorsam,« sagte Alwerth, »mir zu sagen, was du meinst.« – »Ach! Sie wissen, lieber Herr Onkel,« sagte Blifil, »daß ich Ihnen niemals ungehorsam bin; aber es thut mir leid, daß mir's entfallen ist, weil es jetzt aussehen kann als Rachgier, da doch, dem Himmel sei Dank! solche Gesinnungen noch niemals in mein Herz gekommen sind; und wenn Sie mich nötigen, mit der Sprache herauszugehen, so muß ich herzlich in seinem Namen bitten, daß Sie ihm gewiß verzeihen wollen.« – »Ich will von keinen Bedingungen wissen,« antwortete Alwerth. »Mich deucht, ich hätt' ihm schon Güte genug erwiesen, und mehr vielleicht, als du mir zu verdanken Ursache hast.« – »Gewiß, mein liebster Onkel; mehr als er verdiente,« versetzte Blifil, »denn gerade an demselbigen Tage, da Ihre Krankheit so äußerst gefährlich war, da ich und alle Menschen im Hause Ihretwegen in Thränen schwammen, füllte er das ganze Haus an mit Toben und Lärmen. Er trank und sang und schwärmte, und als ich ihm auf die sanfteste Weise die Unanständigkeit seines Betragens zu verstehen gab, geriet er in die heftigste Wut, fluchte und schwur, nannte mich einen Schurken und fiel über mich her, mich zu schlagen.« – »Wie!« rief Alwerth, »er unterstand sich, dich zu schlagen?« – »Mein Gewissen,« erwiderte Blifil, »ist mein Zeuge, daß ich ihm das längst verziehen habe, ich wünschte nur, daß ich [274] seine Undankbarkeit gegen den allerbesten Wohlthäter ebensoleicht vergessen könnte, und doch auch das, hoffe ich, werden Sie ihm verzeihen; denn er mußte den Tag gewiß von einem bösen höllischen Geiste besessen sein: denn, noch eben den Abend, als Herr Schwöger und ich aufs Feld gegangen waren, um ein wenig freie Luft zu schöpfen und uns über die guten Anzeichen der Besserung, die sich damals mit meines Herrn Onkels Krankheit zu äußern anfingen, in unsern Herzen miteinander zu freuen, sahen wir ihn unglücklicherweise auf eine solche Art mit einem Weibsbilde beschäftigt, welche sich für mich nicht schickt, zu erzählen. Herr Schwöger ging mit mehr Herzhaftigkeit als Ueberlegung auf ihn zu, um ihm Vorstellungen zu thun, als er (es kränkt mich in der Seele, daß ich's erzählen muß) über den würdigen Mann herfiel und ihn so unmenschlich zerprügelte, daß ich wünsche, er möge die Beulen davon nicht noch bis auf diese Stunde aufzuweisen haben. Auch ich bekam meinen Teil von den Wirkungen seiner bittern Bosheit, als ich das meinige thun wollte, meinen guten Lehrer zu beschützen: doch das hab' ich längst vergessen und vergeben! Auch beim Herrn Schwöger hab' ich so viel vermocht, daß er's ihm verziehen und nicht meinem lieben Onkel eine geheime Geschichte erzählt hat, die ihm freilich nichts Gutes hätte zuziehen können. Aber jetzt, mein teuerster Herr Onkel, da ich mir nun einmal unbehutsamerweise von dieser Sache ein Wort habe entfallen lassen, und Ihr Befehl mich genötigt hat, den ganzen Vorgang zu erzählen, so erlauben Sie mir, daß ich bei Ihnen eine Fürbitte für ihn einlegen dürfe.« – »Gutes Kind,« sagte Alwerth, »ich weiß nicht, ob ich deine Gutherzigkeit, nach welcher du mir solche Schändlichkeiten nur einen Augenblick verschwiegen hast, tadeln oder billigen soll! doch, wo ist Herr Schwöger? Nicht, daß ich von allem, was du sagst, einer Bestätigung bedürfte; aber ich will doch bei dieser Sache jeden Zeugen hören, um vor der Welt das Beispiel zu rechtfertigen, das ich gesonnen bin an einem solchen Ungeheuer aufzustellen.«

Herr Schwöger ward gerufen und erschien augenblicklich. Er bekräftigte jeden Umstand, welchen der andre ausgesagt hatte. Ja, er zeigte das Protokoll davon auf seiner Brust vor, woselbst Jones' eigne Handschrift in Schwarz und Blau noch sehr leserlich aufgezeichnet stand. Er schloß damit, daß er Herrn Alwerth versicherte, er würde ihm schon längst die Sache erzählt haben, hätte ihn nicht Herr Blifil durch inständiges Bitten daran verhindert. »O!« sagte er, »das ist ein vortrefflicher junger Mensch; obgleich ein solches ›Vergeben seinem Feinde‹ die Sache ein wenig zu weit getrieben heißt.«

Es war wirklich wahr, daß Blifil sich einige Mühe gegeben [275] hatte, den Herrn Schwöger zu bereden, um zu der Zeit eine Entdeckung, zu verhindern, wozu er freilich mehr als eine Ursache hatte. Er wußte, daß das menschliche Gemüt sehr geneigt ist, sich erweichen zu lassen und von der gewöhnlichen Strenge nachzugeben, solang einer krank ist. Ueberdem war er der Meinung, wenn die Geschichte erzählt würde, solange sie noch so neu und der Arzt im Hause wäre, welcher die eigentliche Wahrheit ans Licht stellen könnte, so würde er keineswegs im stande sein, ihr die hämische Wendung zu geben, die er sich vorgesetzt hatte. Ferner war sein Vorsatz, dies Geschäft solang beiseite zu legen, bis ihm Jones' unbedachtsame Aufführung eine und die andre neue Ursache zu Beschwerden an die Hand geben würde; denn er dachte, wenn das angehäufte Gewicht vieler Thatsachen auf einmal auf ihn fiele, würde es ihn um desto leichter zerschmettern, und demgemäß lauerte er auf eine ähnliche Gelegenheit wie diese, welche ihm das Glück so günstigerweise an die Hand gab. Endlich wußte er auch, wenn er vom Herrn Schwöger erhielte, daß er die Sache auf eine Zeitlang verschwiege, so würde er dadurch die Meinung von seiner Freundschaft gegen Jones bestärken, welche er mit so vieler Mühe seinem Oheim Alwerth beigebracht hatte.

Elftes Kapitel
Elftes Kapitel.

Ein kurzes Kapitel, welches aber Materien genug enthält, um den gutherzigen Leser zu rühren.


Es war Herrn Alwerths Gewohnheit, niemals einen Menschen zu strafen, nicht einmal einen Bedienten zu verabschieden, solange er sich zornig fühlte. Er beschloß also, bis auf den Nachmittag zu warten, ehe er Jones sein Urteil spräche.

Der arme junge Mensch kam wie gewöhnlich zu Tische; sein Herz war zu schwer belastet, um ihm zu erlauben, zu essen. Sein Gram wurde um ein Großes durch die unfreundlichen Blicke des Herrn Alwerth vermehrt, weil er draus schloß, daß Western die ganze Sache zwischen ihm und Sophien entdeckt hätte. Von Blifils Geschichte aber hatte er nicht den geringsten Argwohn; denn an dem größesten Teile derselben war er völlig unschuldig, und was das übrige anbetraf, so argwöhnte er, weil er selbst vergessen und vergeben hatte, von der andern Seite gleichfalls nicht, daß sie es ihm nachtragen würden. Als das Mittagessen geendigt war und die Bedienten das Zimmer verlassen hatten, fing Herr Alwerth [276] eine Rede an. Er beleuchtete darin ziemlich umständlich die Vergehungen, welche sich Jones hatte zu schulden kommen lassen, besonders aber diejenigen, welche der heutige Tag ans Licht gebracht hatte, und schloß am Ende damit, daß er ihm sagte: Wofern er sich nicht von diesen Beschuldigungen reinigen könne, wäre er entschlossen, ihn auf ewig von seinem Angesichte zu verbannen.

Es trafen für Jones manche nachteilige Umstände zusammen, die ihn hinderten, seine Verteidigung zu führen; ja, er wußte kaum den Inhalt der wider ihn vorgebrachten Anklage: denn Herr Alwerth, indem er der Betrunkenheit und so weiter während seines Krankenlagers gedachte, überging aus Bescheidenheit jeden Umstand, der auf ihn selbst Beziehung hatte, in welcher doch das Verbrechen eigentlich steckte. Jones konnte also das beregte Faktum nicht leugnen. Sein Herz war ohnedem schon von Kummer überwältigt, und sein Mut war so tief gesunken, daß er nichts zu seiner Rechtfertigung zu sagen wußte, sondern das Ganze eingestand, und gleich einem Verbrecher in Verzweiflung sich aufs Gnadebitten legte und schließlich sagte: Daß, ob er sich gleich mancher Thorheiten und Unbedachtsamkeiten schuldig bekennen müsse, er dennoch hoffe, nie etwas gethan zu haben, womit er das verdiene, was für ihn die härteste Strafe in der Welt sein würde.

Alwerth antwortete: Er habe ihm bereits schon zu oft verziehen, sowohl aus Mitleiden mit seiner Jugend, als in Hoffnung auf Besserung: er fände jetzt aber, er sei ein verhärteter Bösewicht, und einen solchen in seinem gottlosen Wesen zu bestärken und zu stützen, würde für jedermann ein Verbrechen sein. »Ja,« sagte Herr Alwerth zu ihm, »dein verwegenes Vorhaben, ein junges Frauenzimmer ihrer Familie zu stehlen, macht mir's zur Pflicht, dich zu strafen, und dadurch meinen eigenen guten Namen zu rechtfertigen. Die Welt, welche mich schon wegen der Güte getadelt hat, die ich dir bewiesen habe, möchte mit einigem Schein von Gerechtigkeit wenigstens denken, daß ich einer so schändlichen, niederträchtigen Unternehmung durch die Finger sähe. Ein Unternehmen, an dem dir mein Abscheu nicht unbekannt sein konnte, und an welches du, wäre dir nur das geringste an meiner Ruhe und Ehre sowohl, als an meiner Freundschaft gelegen gewesen, niemals hättest denken können. Pfui über dich, junger Mensch! Ich kenne wirklich kaum eine Strafe, die deinem Verbrechen angemessen wäre, und weiß kaum, ob das, was ich im Begriff bin, an dir zu thun, mit der Gerechtigkeit bestehen kann. Indessen, da ich dich so gut als mein eigenes Kind erzogen habe, so will ich dich nicht nackt in die Welt hinausstoßen. Wenn du also dies Papier öffnest, so wirst du etwas finden, welches dich in den Stand setzen wird, bei ordentlichem [277] Fleiße deinen anständigen Unterhalt zu gewinnen: wirst du es aber zu bösen Endzwecken anwenden, so werde ich mich nicht verbunden erachten dir fernerhin weiter unter die Arme zu greifen, denn ich bin fest entschlossen, von heute an auf keine Weise weiter etwas mit dir zu schaffen zu haben. Das noch kann ich nicht unterlassen dir zu sagen: kein Punkt in deiner ganzen Aufführung hat mehr mein Mißfallen erregt, als dein schlechtes Betragen gegen diesen jungen Mann (er zeigte auf Blifil), welcher an dir so redlich und so zärtlich freundschaftlich gehandelt hat.«

Diese letzten Worte waren fast zu bittere Pillen, um sie verschlucken zu können. Ein Strom von Thränen ergoß sich über Jones' Wangen, und jedes Vermögen, zu sprechen oder sich zu bewegen, schien ihn verlassen zu haben. Es dauerte einige Zeit, bevor er im stande war, Herrn Alwerths bestimmten Befehl zur Abreise zu befolgen. Endlich that er's, nachdem er vorher seine Hände mit einer Inbrunst geküßt hatte, die sich schwerlich affektieren und ebenso schwerlich beschreiben läßt.

Der Leser müßte sehr schwach sein, wenn er, nachdem er überlegt, in welchem Lichte Jones damals dem Herrn Alwerth erschien, diesen wegen zu großer Strenge in seinem Urteile tadeln wollte. Und doch verdammte die ganze Nachbarschaft, entweder aus ähnlicher Schwachheit, oder aus andern schlimmern Gründen diese Gerechtigkeit und Strenge als die härteste Grausamkeit. Ja, eben die Leute, welche vorher den edlen Mann wegen der Güte und Zärtlichkeit getadelt hatten, die er einem Bastard (seinem eigenen, wie die allgemeine Meinung war,) bewiesen hatte, schrieen nun ebenso laut darüber, daß er sein eigenes Kind aus dem Hause gestoßen hätte. Besonders nahmen die Weiber ganz einstimmig Jones' Partei und trugen sich über die Veranlassung mit mehr Geschichtchen umher, als ich in diesem Kapitel Raum habe niederzuschreiben.

Eins muß ich indessen nicht vergessen, daß nämlich bei ihrem jetzigen Splitterrichten keiner der Summe mit einem Worte erwähnte, die sich in dem Papier befand, welches Herr Alwerth dem Jones zustellte, und welche nicht geringer war, als fünfhundert Pfund Sterling; vielmehr waren sie alle darüber einig, er sei ohne einen Pfennig, und einge sagten sogar, nackt von seinem unmenschlichen Vater aus dem Hause gestoßen worden.

Zwölftes Kapitel
[278] Zwölftes Kapitel.

Liebesbriefe und dergleichen.


Jones hatte Befehl erhalten, augenblicklich das Haus zu räumen; und es war ihm dabei gesagt, man würde ihm seine Kleider und alles übrige dahin schicken, wohin er's verlangen würde.

Diesem zufolge zog er aus und ging fast eine Meile, ohne zu wissen und wirklich ohne dranzudenken, wohin er ginge. Als ihm endlich ein kleiner Bach aufstieß, der ihn in seinem graden Wege hinderte, warf er sich am Ufer desselben nieder. Auch konnte er sich nicht enthalten, mit einigem kleinen Unwillen für sich zu murmeln: »Auf diesem Platze wird mir doch mein Vater nicht verbieten, auszuruhen?«

Er verfiel alsobald in die heftigsten Gemütsbewegungen; raufte sich die Haare aus dem Kopfe und that viel andre Dinge, welche gewöhnlicherweise solche Anwandlungen von Unsinn, Wut und Verzweiflung begleiten.

Als er auf diese Weise den ersten Anfällen seiner Leidenschaft Luft gemacht hatte, fing er nach und nach an, zur Besinnung zu gelangen. Sein Gram nahm jetzt eine andre Wendung, und ward nach und nach weniger ungestüm, bis er endlich sich genug abkühlte, um der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, so daß er überlegen konnte, was er in seiner jetzigen kläglichen Lage für schickliche Schritte zu thun habe.

Und nun entstand die große Frage: wie er sich in Ansehung Sophiens benehmen sollte? Der Gedanke, sie verlassen zu müssen, zerspaltete fast sein Herz; allein die Betrachtung, sie in Elend, Mangel und Not zu bringen, machte ihm womöglich noch herbere Qual; und wenn das heftige Verlangen, ihre Person zu besitzen, ihn auch hätte verleiten können, nur einen Augenblick in der Wahl unschlüssig zu sein, so war er doch noch keineswegs versichert, ob sie sich entschließen würde, seine Wünsche um einen so hohen Preis zu befriedigen. Herrn Alwerths Unwille, der Kummer und die Unruhe, die er ihm verursachen müßte, waren starke Gründe gegen das letztere; und endlich noch kam die sichtbare Unmöglichkeit, daß sein Vorsatz gelingen könnte, auch selbst wenn er ihm alle diese Bedenklichkeiten aufopferte, zu seinem Beistande: dergestalt, daß am Ende die Ehre, unterstützt von Verzweiflung, von Dankbarkeit gegen seinen Wohlthäter, von wirklicher Liebe gegen seine Geliebte, seine brennenden Begierden überwand und er sich entschloß, Sophien lieber zu verlassen, als ferner darnach zu streben, sie zu ihrem eigenen Unglücke zu erlangen.

[279] Für jemand, der so etwas nicht empfunden hat, ist es schwer, sich die glühende Wärme vorzustellen, welche sich bei der ersten Uebersicht dieses Sieges über seine Leidenschaft in seiner Brust ausbreitete. Der Stolz liebkoste ihn so sanft, daß sein Gemüt vielleicht eine vollkommene Glückseligkeit genoß; lange aber dauerte freilich dieser Zustand nicht. Sehr bald stand Sophie wieder vor seiner Einbildungskraft und vermischte die Freuden über seinen Triumph mit nicht weniger qualvollen Herzensbeklemmungen, als jenen, die ein edelmütiger Feldherr fühlen muß, wenn er auf dem Schlachtfelde die blutigen Leichenhaufen sieht, welche der Preis seiner Siegeslorbeeren sind; denn tausende von zärtlichen Ideen und Wünschen lagen da ermordet vor dem Anblicke unsres empfindsamen Eroberers.

Fest entschlossen unterdessen, den Schritten dieses Recken, Ehre, (ich glaube so nennt es die nordische Riesenfabel Odins) zu folgen, ward er mit sich eins, Sophie einen Brief zuguterletzt zu schreiben; und so ging er nach einem nahegelegenen Hause, woselbst er, nachdem man ihm das Benötigte dazu gereicht hatte, schrieb wie folgt:


»Gnädiges Fräulein!


Wenn Sie die Lage erwägen, in welcher ich dieses schreibe, so wird Ihr gütiges Herz mir jede Ungereimtheit, jeden Wahnwitz verzeihen, der sich in diesen Brief einschleichen mag; denn jedes Wort hier fließt aus einem Herzen, welches so voll ist, daß keine menschliche Sprache auszudrücken vermag, was es ringt, Ihnen zu sagen.

Ich bin zu dem Entschlusse gelangt, mein gnädiges Fräulein, Ihren Befehlen zu gehorchen und auf ewig Ihr teures, Ihr unaussprechlich verehrtes Angesicht zu meiden. Diese Befehle, – o wie grausam sind sie! Aber diese Grausamkeit, sie ist ein Werk des Schicksals, nicht meiner Sophie! Das Schicksal hat es notwendig gemacht, – unumgänglich notwendig gemacht, Ihrer Selbsterhaltung wegen zu vergessen, daß ein solcher Unglücksball in der Welt sei, als ich bin.

Glauben Sie mir, teuerstes Fräulein, all' meine Leiden, bis auf das geringste, möcht' ich Ihnen so gerne verhehlen, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß solche dennoch zu Ihren Ohren gelangen werden. Ich kenne die himmlischzärtliche Güte Ihres Herzens und möchte Ihnen gerne die Schmerzen ersparen, welche Sie allemal mit jedem Wesen, das leidet, empfinden. O, lassen Sie sich durch nichts, was man Ihnen von meinem Unglück erzählen wird, auch nur einen Augenblick betrüben; denn, nachdem ich, Sophie, dich verloren habe, ist alles auf der Welt für mich nur Kleinigkeit.

O, meine Sophie! Es ist hart, Sie verlassen müssen; härter [280] ist's noch, unendlich härter, Sie bitten müssen, daß Sie mich vergessen mögen, und doch zwingt die aufrichtigste Liebe mich zu beidem! Verzeihen Sie mir, Vortrefflichste, meine Einbildung, daß das Andenken an mich Sie beunruhigen könne. Wenn ich aber so namenlos elend bin, so opfern Sie mich in jedem Verstande auf, um ruhig zu werden. Denken Sie, ich habe Sie nie geliebt, oder denken Sie wahrer und richtiger, wie wenig ich Sie verdiente; und lernen Sie mich wegen einer Kühnheit verachten, die nicht zu strenge bestraft werden kann – ich bin unvermögend, ein meherers zu sagen – O ihr Engel des Himmels, beschützt die beste ihres Geschlechts!«


Er suchte nun in seinen Taschen nach Siegellack, fand darin aber weder dies, noch sonst etwas; denn wirklich hatte er in seinem rasenden Ungestüm alles von sich geworfen, und unter andern auch sein Taschenbuch, das er von Herrn Alwerth empfangen, aber bis dahin noch nicht geöffnet hatte, und welches ihm jetzt erst wieder in die Gedanken kam.

Er fand in dem Hause eine Oblate für den gegenwärtigen Gebrauch; und als er damit seinen Brief versiegelt hatte, kehrte er eilig zurück, nach der Stelle am Bache, um die Sachen zu suchen, welche er verloren hatte. Auf'm Wege dahin begegnete er seinem alten Freunde, dem schwarzen Jakob, welcher sein Unglück herzlich bedauerte; denn dies war ihm bereits zu Ohren gekommen, und in der That nicht nur ihm allein, sondern der ganzen Nachbarschaft umher.

Jones erzählte dem Wildmeister seinen Verlust, und er kehrte ganz bereitwillig wieder mit ihm um, nach dem Bache zu, wo sie jeden Grasbüschel auf der ganzen Wiese umher durchsuchten, sowohl da, wo Jones gewesen, als da wo er nicht gewesen war; aber alles vergebens, denn sie fanden nichts. Wirklich waren damals zwar die Sachen auf der Wiese, aber sie vergaßen den einzigen Ort zu durchsuchen, wo sie versteckt waren, nämlich in den Taschen des besagten Jakob; dieser hatte sie kurz vorher gefunden, und da er glücklicherweise ihren Wert entdeckt hatte, so bewahrte er solche höchst sorgfältig für seinen eigenen Gebrauch.

Nachdem der Wildmeister ebenso emsigen Fleiß im Suchen der verlorenen Sachen gezeigt hatte, als ob er gehofft hätte sie zu finden, bat er Herrn Jones sich zu besinnen, ob er nicht an einem andern Orte gewesen sei. »Denn,« sagte er, »wenn Sie die Sachen erst so kürzlich hier verloren hätten, so müßten sie sich noch finden lassen, weil an diese Stelle so leicht niemand herkommt.« Und in der That war es durch ein großes Ungefähr, daß er selbst hieher gewankt war, um Drahtschleifen zuzurichten, weil er einem Wildhändler [281] auf den folgenden Morgen einige Hasen unter der Hand zu liefern versprochen hatte.

Jones gab nunmehr alle Hoffnung auf, sein Verlornes wieder zu erhalten, und so auch fast jeden Gedanken daran; er wendete sich somit an den schwarzen Jakob und fragte ihn ernsthaft, ob er ihm den größten Gefallen in der Welt thun wolle?

Jakob Seegrim antwortete ein wenig bedenklich: »Herr Jones, Sie wissen, Sie dürfen nur befehlen! alles, was in meiner Macht steht! und ich wollte herzlich wünschen, daß es in meiner Macht stände, Ihnen womit zu dienen.« In der That machte ihn die Frage ein wenig stutzig; denn er hatte durch heimlichen Wildhandel in Herrn Westerns Diensten eine artige Summe Geldes gesammelt, und so war ihm angst, Jones möchte ihn ansprechen wollen, ihm eine Kleinigkeit zu leihen. Aus dieser Angst ward er bald dadurch gerettet, daß er gebeten wurde, Sophien einen Brief zu überbringen, was er mit großem Vergnügen zu thun versprach. Und ich glaube wirklich, es gibt wenige Gefälligkeiten, die er Herrn Jones nicht gerne und willig erwiesen hätte; denn er war so erkenntlich gegen ihn, als er sein konnte, und er war ein ebenso ehrlicher Kerl als alle solche, die das Geld allen übrigen Dingen in der Welt vorziehen, gemeiniglich zu sein pflegen.

Jungfer Honoria war nach beider Meinung die schicklichste Person, durch welche der Brief in Sophiens Hände gebracht werden müßte. Hierauf schieden sie von einander, der Wildmeister kehrte heim nach Herrn Westerns Hause, und Jones ging nach einem Wirtshause in der Nähe, um daselbst auf die Zurückkunft seines Boten zu warten.

Jakob trat kaum in das Haus seines Herrn, als ihm Jungfer Honoria begegnete, welcher er, nachdem er erst durch ein paar vorläufige Fragen bei ihr in's Haus gehorcht hatte, den Brief für ihre Herrschaft übergab und zu gleicher Zeit einen andern von ihr für Herrn Jones erhielt, den Honoria, wie sie sagte, den ganzen geschlagenen Tag schon im Busen getragen hatte und zu verzweifeln begann, daß sie ein Mittel finden würde, ihn zu bestellen.

Der Wildmeister kehrte hastig und voller Freuden zu Jones zurück, welcher, als er ihm Sophiens Brief abgenommen hatte, allein beiseite ging, den Brief gierig erbrach und folgendes las:


»Lieber Herr Jones!


Es ist mir unmöglich, Ihnen zu beschreiben, was ich empfunden habe, seitdem ich Sie sah. Dadurch daß Sie um meinetwillen so grausame Beleidigungen von meinem Vater mit Geduld hingenommen, haben Sie mir eine Verbindlichkeit auferlegt, die ich Ihnen niemals vergessen werde. Da Sie seine Gemütsart kennen, [282] so bitte ich Sie, vermeiden Sie ihn, um meinetwillen. Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas sagen, das Sie aufzurichten vermöchte: doch glauben Sie mir dies einzige: daß nichts in der Welt, als die äußerste Gewalt mich zwingen wird, meine Hand oder mein Herz auf eine Art vergeben zu lassen, die Ihnen Betrübnis verursachen könnte.«


Jones überlas diesen Brief wohl hundertmal, und küßte ihn noch hundertmal so oft. Seine Leidenschaft brachte nun in sein Herz alles zärtliche Verlangen zurück. Er bereute, daß er auf die Art an Sophien geschrieben, wie wir oben angezeigt haben; noch mehr aber bereute er, daß er die Zeit der Abwesenheit des Boten dazu angewendet hatte, an Herrn Alwerth einen Brief zu schreiben und abzuschicken, in welchem er treulich versprochen und angelobt hatte, alle Gedanken an seine Liebe fahren zu lassen. Als er indessen wieder zu kälterer Ueberlegung gelangte, sah er ganz deutlich ein, daß seine Umstände durch Sophiens Billet weder verändert noch verbessert wären; das einzige ausgenommen, daß sie ihm einen kleinen Strahl von Hoffnung auf ihre Beständigkeit bei künftigen günstigeren Zufällen gegeben hätte. Er faßte also wieder seine vorige Entschließung, nahm Abschied vom schwarzen Jakob und reiste weiter nach einem etliche Meilen von da gelegenen Städtchen, wohin er Herrn Alwerth gebeten hatte ihm seine Sachen nachzusenden, wofern es ihm nicht gefallen sollte, sein Urteil zurückzunehmen.

Dreizehntes Kapitel
Dreizehntes Kapitel.

Sophiens Benehmen bei gegenwärtigen Umständen, welches keine Person von ihrem Geschlechte tadeln wird, die fähig ist, sich ebenso zu benehmen, und die Untersuchung eines verwickelten Knotens vor dem Richterstuhle des Gewissens.


Sophie hatte die letzten vierundzwanzig Stunden eben nicht auf die angenehmste Weise zugebracht. Während eines großen Teils derselben war sie von ihrer Tante mit Vorlesungen über die Klugheit unterhalten worden, worin sie ihr das Beispiel der feinen Welt empfahl, in welcher (so sagte die gute Dame) gegenwärtig die Liebe völlig verlacht wird, und worin die Damen den Ehestand ebenso, wie die Herren die Aemter betrachten, durch welche ihnen die Verwaltung öffentlicher Gelder anvertraut ist; nämlich bloß als Mittel ihr Glück zu machen und sich emporzuschwingen. In Erklärung dieses Textes hatten Ihro Gnaden, Fräulein Tante von [283] Western, verschiedene Stunden hindurch dero Beredsamkeit zu Tage gelegt.

Dieser gründliche Unterricht, so wenig er auch dem Geschmacke oder der Neigung Sophiens angemessen sein mochte, war ihr doch weniger lästig als ihre eigenen Gedanken, welche des Nachts ihre Unterhaltung ausmachten, während welcher sie kein Auge schloß.

Allein obgleich sie in ihrem Bette weder schlafen noch ruhen konnte, so hatte sie doch auch nichts außer demselben zu schaffen, und ihr Vater fand sie noch darin, als er von Herrn Alwerths Hause zurückkam, und das war schon nach zehn Uhr des Morgens. Er ging geradeswegs hinauf nach ihrem Zimmer, machte die Thüre auf, und da er fand, daß sie noch nicht aufgestanden wäre, schrie er: – »Hoho! bist also noch 'n Sicherheit; und in Sicherheit sollst' mir bleiben, davor will 'ch sorgen.« Darauf verschloß er die Thüre und gab Jungfer Honoria den Schlüssel, nachdem er ihr vorher die strengsten Befehle gegeben hatte, nebst großen Versprechungen von Belohnung ihrer Treue und schrecklichen Bedrohungen mit Strafen, woferne sie das ihr anvertraute Amt untreu verwalten würde.

Honorias erhaltene Instruktion ging dahin: nicht zuzugeben, daß ihre Herrschaft ohne vom Junker selbst vorher eingeholte Erlaubnis aus dem Zimmer ginge; und niemand zu ihr hinein zu lassen, als ihn selbst und ihre Tante. Sie selbst aber solle ihr alles reichen, was Sophien beliebte, ausgenommen Tinte, Feder und Papier, deren Gebrauch gänzlich untersagt war.

Der Junker befahl seiner Tochter sich anzukleiden und mit ihm am Tische zu essen. Sie gehorchte; und nachdem sie die übliche Zeit gesessen hatte, ward sie wieder nach ihrem Gefängnis geführt.

Gegen Abend brachte ihr die Schließerin Honoria den Brief, welchen sie vom Wildmeister empfangen hatte. Sophie las ihn sehr aufmerksam zwei- oder dreimal durch, warf sich darnach auf ihr Bett und brach in eine Thränenflut aus. Jungfer Honoria bezeigte über dies Bezeigen ihrer Herrschaft ihre große Verwunderung. Sie konnte sich auch nicht enthalten, sehr begierig nach der Ursache dieser Gemütsbewegung zu forschen. Eine Zeitlang gab ihr Sophie keine Antwort und darauf sprang sie plötzlich auf, faßte ihre Jungfer bei der Hand und rief aus: »O Nore, Nore, ich bin verloren!« – »Behüt' und bewahr'!« schrie Honoria. »Ich wollt' der Brief wär' im Feuer verbrannt, eh'r ich 'n 'R Gnaden gebracht hätt'. Mein'r Ehr', wenn 'ch nicht meint', er sollt' 'R Gnaden Trostzuspruch gebracht hab'n; 'ch hätt' sonst lieber heiße Kohlen angegriff'n, als den Hiobsbrief den!« – »Honoria,« sagte Sophie, »Sie ist ein gutes Mädchen! Und es ist vergebens, daß ich mich bemühe, meine Schwachheit länger vor Ihr zu verhehlen! Ich habe mein Herz [284] weggeworfen an einen Mann, der mich nun verläßt.« – »So! Ist Herr Jones,« antwortete die Jungfer, »ein so meineidischer Mann?« – »Er hat in diesem Brief Abschied – auf ewig – von mir genommen,« sagte Sophie; »ja, er verlangt von mir, ich soll ihn vergessen! Könnt' er das verlangt haben, wenn er mich geliebt hätte? Könnt' ihm ein solcher Gedanke eingefallen sein? Könnt' er ein solches Wort geschrieben haben?« – »Nein, mein'r Ehr' nicht! 'R Gnaden,« schrie die Zofe. »Und vorwahr, wenn d'r beste Mann im Reich mir sagt' ich sollt'n vergessen, so dächt' ich, seht doch, was mir biß, und thät'n sein'n Willen! Mein'r Ehr, gnädigs Frölen hab'n ihn 'n Haufen zu viel Ehr angethan, daß Sie nur mal an 'n gedacht hab'n. Eine so scharmante Frölen, die d'Wahl hat, unter 'n besten jungen Herrn in der ganzen Christenheit auf Erden. Und vorwahr, wenn 'ch so dreistig sein darf, 'R Gnad'n mein' geringe Meinung zu sag'n: so ist dar ja Herr Junker von Blifil, der nach oben drein, daß er so zu sag'n von honetten Eltern geboren ist, und wird auch noch 'mal der reichste Junker im Land' weit und breit, und dann so ist er, nach mein'r Meinung, so wahr ich Honoria heiße, ein viel viel hipscher Mann, und weiß viel besser zu leb'n; und darzu ist 'r so 'n sittzamer jung'r Herr, und so ehrbar, und kann all Nachbarn herausfod'rn, ob sie was an 'n zu mäkeln wiss'n und könn'n; läuft nicht hinter 'n Schmutznickels her, und hat kein' Pankerte aufzufüttern. Ei seht mir 'mal, vergessen! Nu Gott Lob und Dank! ich meins Parts, bin noch nicht so weit in mein letztes Gebet kommen, daß mich 'n Mann zweimal um Vergeben und Vergessen bitten sollt'! Der allerbeste Mannsen, der 'n Hut aufsetzt, wenn 'r sich's unterständ', solch 'n grobes Wort zu mir zu sag'n, ja vorwahr! wenn ich 'n an mein' Seit' wieder komm'n ließ', so lang' noch ein and'r junger Mensch im Reich zu finden wär! Mein'r Ehr, ja, wie 'ch gesagt hab!« »Dar ist der Herr Junker von Blifil« – »Nenne Sie mir den verhaßten Namen nicht nocheinmal,« rief Sophie, »das sag' ich Ihr.« – »Nu, so! gut! ja, wenn 'n 'R Gnaden nicht leiden könn'n, so gibt's ja noch mehr wackere hipsche junge Herrn, die 'R Gnaden die Kuhre machen werd'n, wenn sie nur 'n bischen Hoffnung merken. Mein'r Ehr! Ich sollt' nicht denk'n, daß 'n einz'ger junger Junker in'r Grafschaft wär', und in'r nächsten darzu, der nicht gleich komm'n sollt', wenn 'R Gnaden nur so ein bischen aussehn woll'n, so, als ob Sie wohl Lust zu ihn'n hätten, und sollt gleich anwerben.« – »Mädchen! für was für ein elendes Ding hält Sie mich,« unterbrach sie Sophie, »daß Sie mir die Ohren mit solchem Gewäsch vollschwätzt! – Ich hasse alles, was Mann heißt.« – »Ja, freilich wohl! 'R Gnaden hab'n schon gnug darvon gehabt, um sich den Magen zu [285] verderb'n. – Sich so zu mißhandeln lassen von 'm armen, lumpigten Pankert von Kerl!« – »Halte Sie Ihre gottlose Lästerzunge!« schrie Sophie. »Wie kann Sie sich unterstehen, seinen Namen in meiner Gegenwart mit Unehrerbietigkeit auszusprechen? Mich mißhandelt? Er? – Nein, nein! sein armes blutendes Herz litt viel mehr, da er diese harten Worte schrieb, als das meinige, da ich sie lese! O, er ist ganz voll Heldentugend und himmlischer Großmut. Ich schäme mich der Schwachheit, wozu mich meine eigene Leidenschaft verleitet – zu tadeln, was ich bewundern sollte. – O gute Nore! Nur mein Bestes ist es, was er zu Rate zieht; nur meinem Nutzen opfert er seine Liebe auf, und die meinige. – Seine Furcht, mich unglücklich zu machen, hat ihn zur Verzweiflung getrieben!« – »Sehr lieb thut mir's,« sagte Honoria, »zu vernehmen, daß 'R Gnaden das zu Herzen nehm'n; denn vorwahr, 's könnte nicht anders als pures Unglück 'raus kommen, wenn 'R Gnaden sich so mit Leib und Seel und all'n Kräft'n an einen Menschen hängten, der aus'm Hause gestoßen ist, wie die Magd Hagar, und in der Welt kein'n bar'n Pfen'g hat.« – »Aus dem Hause gestoßen?« rief Sophie hastig; »Wie! wie meint Sie das?« – »Nu, mein'r Ehr',« sagte Honoria, »unser gnäd'ge Herr hatte nicht sobald Herrn Junker von Alwerth erzählt, von dem, daß Herr Jon's sich sozusagen unterstand'n hätt', sich in 'R Gnad'n zu verlieb'n, so hatt'n Junker Nachbar flugs nackig ausziehn lassen, und hatt'n aus'm Haus' gejagt.« – »Ha!« sagte Sophie, »so bin ich dann die schnöde, verwünschte Ursache seines Verderbens? Nackt aus dem Hause verstoßen! – Hier, Nore, geschwind, nehm' Sie alles Geld, was ich habe; nehm' Sie die Ringe von meinen Fingern – hier, meine Uhr! Bring' Sie ihm alles hin; geh' Sie, geh' Sie augenblicklich hin zu ihm; bringe Sie hin!« – »Ums Himmelswillen! 'R Gnaden, gnädige Frölen,« erwiderte Honoria, »bedenk'n Sie doch! wenn unser gnäd'ge Herr von dies'n Sach'n was vermiss'n sollt, so müßt' ich rot und bleich davor stehn. Um derhalben lass'n 'R Gnaden mich bitt'n und flehn, Ihr Uhr und Juwelen zu behalten. Und denn, so ist's, mein'r Ehr, schon mit 'n Geld gnug, und darmit ist's ein ganz anders; dar kann unser gnäd'ge Herr kein Wörtchen von erfahr'n!« – »Nun dann!« sagte Sophie; »hier nimm, bis auf den letzten Pfennig, den ich habe, und bring's ihm hin, liebe Nore! Geh' geh'! Mädchen, verliere keinen Augenblick!«

Jungfer Honoria ging fort, wie befohlen, und da sie den schwarzen Jakob unten im Hause fand, so übergab sie ihm den Beutel, welcher sechzehn Guineen enthielt, und das war damals Sophiens ganzes Kapital; denn obgleich ihr Vater gegen sie sehr [286] freigebig war, so war sie doch viel zu wohlthätig gesinnt, um reich zu sein.

Als der schwarze Jakob den Beutel empfangen hatte, machte er sich auf den Weg nach dem Wirtshause; auf dem Weg aber fiel ihm ein Gedanke ein, ob er nicht dieses Geld ebenfalls behalten sollte? Sein Gewissen aber bäumte sich alsofort gegen diese böse Eingebung und begann ihm seine Undankbarkeit gegen seinen Wohlthäter vorzuhalten. Auf diese Einwendungen versetzte sein Geiz: sein Gewissen hätte vorher schon die Sachen besser bedenken sollen, als er den armen Jones um seine fünfhundert Pfund Sterling schnellte. Nachdem er zu einer um so viel wichtigeren Sache ganz still und ruhig seine Einwilligung gegeben, so wäre es Dummheit, wo nicht gar bare Heuchelei, wenn er jetzt bei einer solchen Kleinigkeit so zart thun wolle. Als Duplik auf dieses bestrebte sich das Gewissen, gleich einem tüchtigen Juristen, eine Distinktion zu machen zwischen einer Veruntreuung deponierter Güter und einer bloßen Verhehlung gefundener Sachen. Der Geiz zeigte sehr bald hiervon das Lächerliche; nannte es eine schikanöse und Diehlenläufer-Distinktion, und bestand ohne weiteres darauf, daß derjenige, welcher einmal auf Ehre und Gewissen bei einer Gelegenheit feierlich Verzicht gethan, kein Präjudikat für sich hätte, sich nachher auf diese moralischen Rechtswohlthaten berufen zu dürfen. Kurz, das arme bedrängte Gewissen war sehr schlimm daran, wäre nicht die Furcht zu seinem Notbeistand aufgetreten, und hätte, ich weiß nicht wie klar? dargethan, die Distinktion unter zwei Aktionen liege nicht in dem verschiedenen Grade der moralischen Redlichkeit, sondern in der Sicherheit, und sonach sei das Verhehlen und Beiseiteschaffen der fünfhundert Pfund Sterling in Ansehung des Wagens von unbedeutender Geringfügigkeit; dahingegen der Unterschleif dieser sechzehn Guineen mit der augenscheinlichsten Gefahr des Entdeckens verknüpft sei.

Durch diesen freundnachbarlichen Beistand von der Furcht erhielt das Gewissen einen entschiedenen Sieg im Gemüt des schwarzen Jakob, und nachdem ihm dieses einige Komplimente über seine Ehrlichkeit geschnitten hatte, nötigte es ihn, Herrn Jones das Geld in die Hände zu liefern.

Vierzehntes Kapitel
[287] Vierzehntes Kapitel.

Ist kurz. – Enthält ein nicht langes Gespräch zwischen Junker Western und Ihrer Gnaden, seiner Schwester.


Ihro Gnaden, Fräulein von Western, waren den ganzen Tag mit Besuchgeben beschäftigt gewesen. Der Junker begegnete Deroselben, als Sie wieder zu Hause kamen, und als dieselben sich nach Dero Fräulein Nièce Sophie erkundigten, so hinterbrachte denselben Dero Herr Bruder: er habe solche in sehr sichere Sicherheit gebracht: »Sie sitzt dir eingesperrt uf ihrer Kammer,« wisperte er ihr zu, »und Honorichen hat den Schlüssel!« Seine Blicke hatten etwas so unendlich Weises, Scharfsinniges und selbst Schlaues, als er seiner Schwester diese Nachricht gab, daß man wahrscheinlicherweise glauben muß, er erwartete von ihr für das, was er gemacht habe, nicht wenig Beifall. Aber, wie aus den Wolken fiel er, als sie mit höchst verachtungsvoller Miene ausrief: »Nun, wahrlich,mon frère! Sie sind doch der unbedachtsamste Mann im ganzen Reiche! Warum wollten Sie sich nicht auf meine Führung meiner Nièce verlassen? Warum müssen Sie sich, mon frère, immer dreinmischen? Da haben Sie nun wieder alles übern Haufen gestoßen, worüber ich mich fast aus dem Atem gesprochen habe um es zustandezubringen! da hab' ich mir nun die äußerste Mühe gegeben, ihr Gemüt mit den besten Maximen der Prudence anzufüllen; und mon frère kommen daher und reizen sie, solche zu verachten. Wir Frauenzimmer, mon frère, in polizierten Staaten, sind Gott Lob und Dank keine Sklavinnen! Auch lassen wir uns in diesem Reiche nicht so verschließen, wie die Weiber in dem unaufgeklärten Spanien und Italien. Das bitt' ich, sich zu merken! Wir haben ein so gutes Recht auf Freiheit, als ihr Männer selbst. Mit vernünftiger Ueberzeugung und nicht mit Gewalt und Macht regiert man uns. Ich kenne die Welt, mon frère, und weiß, was für Gründe man brauchen muß, und wenn Ihre Thorheit mich nicht verhindert hätte, so hätte ich's schon über sie erhalten wollen, daß sie ihre Aufführung nach den Regeln der Prudence undDiscretion, die ich sie zuvor gelehrt habe, hätte einrichten sollen.« – »Nun, meine Seele, dacht ich's nicht?« sagte der Junker, »ich muß immer das Kalb in die Augen geschlagen haben!« – »Mon cher frère,« antwortete die Dame, »Sie schlagen dem Kalbe, wie Sie sagen, niemals anders in die Augen, als wenn Sie sich in Sachen mengen, die über den Horizont Ihres Wissens hinaus liegen. Das müssen Sie mir doch einräumen, daß ich am meisten von der Welt gesehen habe; und ein Glück für ma Nièce wär' es gewesen, wenn [288] man sie nicht aus meiner Erziehung weggenommen hätte. Nur dadurch, daß sie hier zu Hause mit Ihnen gelebt, hat sie die romanhaften Ideen von Liebe und solchem Unsinn gelernt.« – »Wirst doch nicht glauben, ma soeur!« schrie der Junker, »daß ich 'r solch dumm Zeug gelernt habe!« – »Ihre Unwissenheit, mon frère,« erwiderte sie, »erschöpft, wie der große Milton sagt, die letzte Kraft meiner Geduld 1.« – »Was schert mich Milton!« entgegnete der Junker. »Hätt' er sich's unterstanden, mir so dumm Zeug ins Gesicht zu sagen, ich hätt'n ein' Dachtel ausgewischt hinter die Löffel und wär' er noch 'nmal so groß g'wesen und hätt 'ch an 'n 'rauf springen soll'n. – Geduld! seht mir doch! Wenn du mir damit kommst, 'ch habe mehr Geduld nötig als Hiob, wenn 'ch mich so aushunz'n lass'n muß, als 'n Schuljung mit 'n Bart, wie 'ch davor 'r steh. Alle Hagel! 'S wird ein'm 'ne rechte Lust und Freud' in der Welt, wenn kein' Seel drin mehr Verstand und Vernunft haben soll, als das Hofschranzen-Pack. Aber, alle Blitz! 'ch hoffe, die Zeit soll komm'n, daß wir's wieder zu Narren hab'n woll'n! und daß ein'r so klug sein soll als d'r andre! damit ist's all! Schwester, einer soll so klug sein als der andre, und damit Holla! Ich hoff' 's noch zu erleben, noch ehr und dies fremde Zeug von Rät'n und Ministerzeug 's Korn vorm Maule weggefress'n hat, und 's nichts nachläßt, als Rüb'n und Kartoff'ln zu fressen!« – »Mon frère!« schrie die Schwester. »Ich gestehe, Sie sprechen da Dinge, die weit über allen menschlichen Verstand hinaus sind. Ihre Weisheit von Korn vorm Maule, Rüben und Kartoffeln, ist mir völlig unverständlich.« – »Glaub's wohl,« schrie er, – »davon magst du nichts hören. Aber' 's Beste der Nation kann doch, magst's woll'n oder nicht, kann doch 'nmal oben schwimmen.« – »Ich wollte wünschen,mon frère, Sie dächten ein wenig auf das Beste Ihrer Tochter! denn glauben Sie mir, mon frère, sie ist in größerer Gefahr als die Nation.« – »'S ist ja noch kein'n Augenblick her, da schaltst du mich aus dafür, daß 'ch dran gedacht hatte! da wollt'st du, ich sollt's dich überlassen!« – »– Und wenn mir mon frère versprechen wollen, sich nicht weiter hineinzumischen,« versetzte sie, »so will ich aus besonderer Liebe zu ma Nièce, die Sorge für sie noch über mich nehmen!« – »Nun so thu's denn,« sagte der Junker. »Denn du weißt ja, 's ist immer mein Singen und Sagen g'west, daß Weibsen am besten wiss'n, wie sie Weibsen dressieren sollen.«

Ihro Gnaden, Fräulein von Western, begaben sich darauf hinweg [289] und murmelten so ein wenig piano, mit einer ziemlich höhnischen Miene, von Weibsen und Dressieren, und Regierung der Nation. – Sie begab sich geraden Wegs nach Sophiens Zimmer, welche nun, nach dem Arreste von einem Tage, wieder aus ihrer Gefangenschaft erlöst wurde.

Fußnoten

1 Der Leser möchte vermutlich die letzte Kraft seiner Geduld erschöpfen, wenn er diese Stelle im Milton aufsuchen wollte.

A.d. Autors.

Siebentes Buch

Erstes Kapitel
Erstes Kapitel.

Vergleicht die Welt mit der Schaubühne.


Man hat schon oft die Welt mit dem Theater verglichen; und manche ernsthaften Schriftsteller sowohl als die Dichter haben das menschliche Leben betrachtet wie ein Drama, das in fast jeder Rücksicht eine Aehnlichkeit mit den theatralischen Vorstellungen habe die nach der Sage zuerst von Thespis erfunden und seitdem in allen gebildeten Ländern mit so vielem Beifall und Vergnügen aufgenommen wurden.

Dieser Gedanke ist so weit ausgesponnen und so allgemein geworden, daß gewisse Worte, die man anfangs eigentlich vom Theater, und nur im metaphorischen Sinne von der Welt gebrauchte, heutigestags ohne Unterschied und buchstäblich von beiden gesagt werden. Sonach sind durch allgemeinen Gebrauch Bühne und Auftritte uns ebenso geläufig, wenn wir vom menschlichen Leben überhaupt sprechen, als wenn wir uns auf dramatische Vorstellungen insbesondere einschränken; und wenn wir von Vorgängen hinterm Vorhang reden, so fällt unsern Gedanken eher das Staatskabinett eines Hofes ein, als ein eigentliches Schauspielhaus.

Dies alles mag sich denn auch ziemlich leicht erklären lassen, wenn wir bedenken, daß die theatralische Bühne nichts weiter ist, als eine Darstellung, oder wie Aristoteles es nennt, eine Nachahmung dessen, was wirklich geschieht oder geschehen ist; und dieser Ursache wegen dürfen wir vielleicht, nach aller Billigkeit, jenen Männern ein sehr tiefes Kompliment machen, welche fähig waren, durch ihre Schriften oder Handlungen das menschliche Leben dergestalt nachzuahmen, daß man ihre Gemälde gewissermaßen mit dem Original verwechselt und wohl gar fürs Urbild selbst nimmt.

[290] In der That aber sind wir nicht sonderlich geneigt, diesen Leuten dergleichen Komplimente zu machen, vielmehr springen wir oft mit ihnen um, wie die Kinder mit ihrem Spielzeuge, und wir finden mehr Vergnügen daran sie auszuzischen und auszupochen, als ihre Vortrefflichkeit zu bewundern. Wir haben noch verschiedene andre Ursachen, die uns bewogen haben, diese Analogie zwischen der Welt und der Schaubühne näher zu besehen.

Einige haben den größten Teil der Menschenkinder als Schauspieler betrachtet, welche solche Charaktere vorstellten, die ebensowenig ihre eignen, und zu welchen sie im Grunde nicht mehr Recht hätten, als der Schauspieler auf der Bühne, wenn er im Ernst verlangte, man solle ihn für den Kaiser oder König halten, welchen er nach seiner Rolle vorstellt. Solchergestalt kann man von dem Scheinheiligen sagen, er sei ein Akteur; und in der That nannten die Griechen auch beide mit einem und demselben Namen.

Die Kürze des menschlichen Lebens hat gleichfalls zu dieser Vergleichung Anlaß gegeben; so sagt Shakespeare:


Life's a poor Player,
That storms and struts hìs Hour upon the Stage,
And then is heard no more.
Das Leben ist ein armer Bühnenheld,
Der kaum ein Stündchen auf den Brettern stürmt und strotz't,
Und dann dahin ist, wie ein Schemen.

Ein abgedroschenes Weidsprüchlein, für welches ich den Leser durch eine vortreffliche Stelle schadlos halten will, die, so viel ich glaube, noch wenige gelesen haben mögen. Ich nehme solche aus einem Gedicht, das schon vor einiger Zeit gedruckt und schon längst wieder vergessen ist und heißt: The Deity. Die Stelle mag beweisen, daß gute Bücher ebensowenig, als gute Menschen, allemal die schlechten überleben.


From thee (the Deity) all human Actions take their Springs,
The Rise of Empires, and the Fall of Kings!
See the Vast Theatre of Time display'd,
While o'er the Scene succeeding Heroes tread!
With Pomp the shining Images succeed,
What Leaders triumph, and what Monarchs bleed!
Perform the Parts thy Providence assign'd,
Their Pride, their Passions, to thy Ends inclin'd;
A While they glitter in the Face of Day,
Then at thy Nod the Phantoms pass away;
[291]
No Traces left of all the busy Scene,
But that Remembrance says: – The Things have been!
Aus dir (der Gottheit) fließt alle Kraft, und aller Menschen Thaten,
Der Reiche Wachstum, wie der Sturz der Staaten,
Der Zeiten hehres Schauspiel, vorgestellt
Von großen Scharen, Held auf Held!
Mit hoher Pracht flieh'n sie vorbei, die Bilder,
Da hier ein Feldherr siegt, dort blut'ge Schilder
Die Leichen and'rer decken! – Dein ist all ihr Spiel,
Ihr Stolz und ihre Leidenschaft, gelenkt zu deinem Ziel.
Ein wenig läßt du sie am hellen Mittag schimmern,
Dann stürzt dein Wink das Feenschloß zu Trümmern;
Nicht eine Spur verbleibt von Bühn' und Haus!
Nur das Gedächtnis sagt: – das Spiel ist aus!

Bei allen diesen, und bei jeder andern Vergleichung des Lebens mit dem Theater, ist jedoch die Aehnlichkeit bloß von der Bühne her genommen, und soviel ich mich erinnere, hat noch niemand die Zuschauer bei diesem großen Drama in Betrachtung gezogen.

So aber, wie oft die Natur einige ihrer besten Schauspiele vor einer sehr großen Versammlung vorstellt, so läßt sich auch die oben gemachte Vergleichung nicht weniger auf das Betragen ihrer Zuschauer, als auf ihre spielenden Personen anwenden. Vor dieser großen Schaubühne der Zeit sitzen der Freund und der Kritiker; hier wird geklatscht und gelacht, gezischt und gepfiffen; kurz alles das, was man bei Schauspielen auf großen Theatern nur jemals gesehen oder gehört hat.

Laßt uns dies an einem Beispiel untersuchen: Es mag das Betragen der zahlreichen Zuschauer bei jener Szene sein, welche die Natur geruhte im zwölften Kapitel des nächst vorhergehenden Buchs darzustellen; woselbst sie den schwarzen Jakob mit den fünfhundert Pfund Sterling seines Freundes und Wohlthäters sich heimlich davonschleichen ließ.

Diejenigen, welche in der obersten Galerie der Welt als Zuschauer saßen, gebärdeten sich bei dieser Begebenheit, wie ich ganz wohl überzeugt bin, mit ihrem gewöhnlichen Gelärme und stießen höchst wahrscheinlicher Weise alle bei solchen Gelegenheiten gewöhnlichen Schimpf- und Schmähreden aus.

Wären wir bis zu der nächstfolgenden Klasse von Zuschauern heruntergestiegen, so würden wir einen ähnlichen Grad von Abscheu, obgleich weniger Schimpfen und Lärmen beobachtet haben; [292] unterdessen übergaben doch hier die guten Weiblein den schwarzen Jakob dem gehörnten Satan, und viele unter ihnen erwarteten alle Augenblicke, daß der Herr mit dem Pferdefuße kommen und sein Eigentum durch die Luft davonführen würde.

Das Parterre war ohne Zweifel, wie gewöhnlich, geteilt: diejenigen unter ihnen, welche an heroischer Tugend und vollkommnen Charakteren ihr Behagen finden, tadelten es nicht wenig, daß solche Beispiele von niederträchtiger Bosheit auf die Bühne gebracht würden, ohne sie aufs strengste zu bestrafen, um sich daran spiegeln zu können. Einige von den Freunden des Verfassers riefen: »Nun freilich, ihr Herren, der Kerl ist ein Schurke; bei alledem aber ist es dennoch Natur.« Und alle jungen Kritiker unsrer Zeit, Kaufmannsbursche, Gymnasiasten, Aktenschreiber und dergleichen, nannten es niedrig und gemein und thaten sich gütlich mit Stampfen und Pochen.

Die Ranglogen betrugen sich mit ihrer gewöhnlichen Politesse. Die meisten darin waren eben aus etwas anderes mit ihren Gedanken gerichtet. Einige unter den wenigen, welche noch zuweilen nach der Bühne hinblickten, erklärten, es wäre doch ein bösartiger Mensch, währenddem andere sich weigerten ihre Meinung von sich zu geben, bis sie erst die Meinung der besten Richter vernommen hätten.

Wir aber, die wir freien Zutritt hinter die Szene dieses großen Theaters der Natur haben (und nie sollte ein Autor irgend etwas schreiben, Wörterbücher und Buchstabiertäflein ausgenommen, der dieses Vorrecht nicht hat), wir können die Handlung nicht tadeln, ohne einen gänzlichen Abscheu gegen die Person zu fassen, welche die Natur vielleicht nicht bestimmt haben mag, in dramatischen Handlungen eine schlimme Rolle zu spielen. Denn in diesem Betracht gleicht das Leben ganz genau einer Schaubühne, wo es oft eben und dieselbe Person ist, welche einen Schurken und wieder einen Helden vorstellt, und er, der sich heute unsre Bewunderung erwirbt, wird sich vermutlich morgen unsre Verachtung zuziehen. So wie Garrick, den ich für das größte Genie unter allen tragischen Schauspielern halte, das jemals die Welt hervorgebracht hat, sich zuweilen herabläßt, die Rolle eines Narren zu spielen: so thaten schon vor vielen Jahren Scipio der Große und Lälius der Weise, wie Horaz erzählt, ja Cicero sagt sogar von ihnen, sie wären unglaublich kindisch gewesen. – Wahr ist's freilich, diese spielten, eben wie mein Freund Garrick, den Narren bloß im Spaß; aber verschiedene erhabne Personen haben bei unzähligen Vorfällen ihres Lebens in unermeßlichem Ernste den Narren vorgestellt und haben's damit so weit getrieben, daß sie es zu einer [293] zweifelhaften Sache gemacht, ob bei ihnen die Weisheit oder die Narrheit vorwalte, ob sie mehr Beifall oder Tadel, Bewunderung oder Verachtung, Liebe oder Haß beim menschlichen Geschlechte verdienten.

Solche Menschen, welche einige Zeit hinter der Szene dieses großen Theaters zugebracht haben und hinlänglich bekannt sind nicht nur mit den verschiedenen Verkleidungen, welche man daselbst anlegt, sondern auch mit dem eigensinnigen, phantastischen Betragen der Leidenschaften, welche die Direktoren und Unternehmer dieses Theaters sind, (denn die Vernunft als die eigentliche Prinzipalin desselben ist dafür bekannt, daß sie sehr weichlich ist und gerne müßig lebt und sich selten um die Direktion bekümmert), solche Menschen, sage ich, können höchst wahrscheinlicher Weise gelernt haben, Horazens berühmtes nil admirari richtig zu erklären, welches in unsrer Muttersprache ungefähr lauten möchte: »Worüber wundern wir uns denn?«

Eine einzige schlechte Handlung macht ebensowenig im Leben einen Schurken als eine einzige komische Rolle auf dem Theater einen Possenreißer. Die Leidenschaften zwingen oft, wie ein theatralischer Senat, einem Manne Rollen auf, ohne sein Urteil zu Rate zu ziehen, oder zuweilen auch nur die geringste Rücksicht auf seine Talente zu nehmen. Sonach kann der Mensch, so gut wie der Schauspieler, die Rolle verdammen, die er selbst spielt; ja, es ist nicht so ungewöhnlich, daß einige Menschen das Laster eben so unnatürlich kleidet als die Rolle des schändlichen Jago einen Schauspieler kleiden müßte, der ein offenes, redliches Gesicht hätte und es nicht verstände, es in die natürlichen Falten eines Schurken zu legen. Im ganzen also ist der unbefangene und wirklich verständige Mann niemals voreilig, etwas zu verdammen. Er kann eine Unvollkommenheit oder sogar ein Laster tadeln, ohne gegen die strafbare Person in Zorn und Wut zu geraten. Mit einem Worte, es sind eben die Thorheiten, eben die Kinderstreiche, eben die Ungezogenheiten und eben die Bosheiten, welche sowohl im menschlichen Leben, als auf der Bühne, all das Gelärme und all das Geschimpfe erregen. Die schlechtesten Menschen haben gemeiniglich die Worte: Schurke, Spitzbube und Schelm am meisten auf der Zunge; so wie die gemeinsten, elendesten Kerle im Parterre am fertigsten sind, auszurufen: gemein, niedrig!

Zweites Kapitel
[294] Zweites Kapitel.

Enthält eine Unterredung unsres Helden mit sich selbst.


Jones erhielt des Morgens früh aus Herrn Alwerths Hause seine Sachen mit folgender Antwort auf seinen Brief:


»Monsieur Jones!


Ich habe den Auftrag von meinem Herrn Onkel, Ihnen anzuzeigen, daß, so wie er zu den Maßregeln, die er in Ansehung Ihrer genommen hat, nicht ohne die größte Ueberlegung und ohne die völligste Ueberzeugung von Ihrer Unwürdigkeit geschritten ist, es auch niemals in Ihrer Gewalt stehen wird, in seinen Entschließungen die geringste Aenderung hervorzubringen. Mein Herr Onkel ist höchlich darüber verwundert, wie Sie sich erdreisten mögen zu sagen, Sie hätten alle Ansprüche auf eine junge Dame aufgegeben, auf welche Sie unmöglich jemals den geringsten Anspruch haben konnten, da ihre Geburt und ihr Reichtum solche so himmelhoch über Sie hinwegsetzt. Endlich und zuletzt hat mir mein lieber Onkel aufgetragen, Ihnen, Monsieur, zu melden, der einzige Beweis Ihres Gehorsams, den er von Ihnen gegen seine Befehle erwarte und begehre sei der, daß Sie sich, je eher je lieber, aus dieser Landesgegend entfernen.

Ich kann diesen meinen Brief nicht schließen, ohne Ihnen, Monsieur, meinen wohlmeinenden christlichen Rat angedeihen zu lassen, und zu bitten, Sie wollen ernstlich auf Buße und Besserung Ihres sündlichen Lebens bedacht sein; und, daß die vorkommende Gnade an Ihrer armen Seele nicht vergebens arbeiten möge, soll beständig der Inhalt des Gebets sein und der Fürbitte

Ihres

bereitwilligen Dieners

W.v. Blifil.«


In unsres Helden Busen empörten sich durch diesen Brief mancherlei Leidenschaften; doch behielt am Ende die Zärtlichkeit über Zorn und Aerger die Oberhand; eine Thränenflut kam ihm zu gelegnem Beistande und verhinderte nach aller Wahrscheinlichkeit, daß sein Unglück ihm nicht den Kopf verrückte oder das Herz zersprengte.

Indessen fing er sehr bald an, sich dieses Hilfsmittels zu schämen, sprang auf und sagte zu sich selbst: »Wohlan! ich will also Herrn Alwerth den einzigen Beweis geben, den er von meinem Gehorsam verlangt. Ich will mich diesen Augenblick aufmachen –[295] aber, wohin? – Nun, das laß das Glück entscheiden! Weil es niemand sonst der Mühe wert achtet, sich drum zu bekümmern, was aus diesem elenden Menschen wird, so soll es auch mir selbst ebenso gleichgültig sein. Soll ich allein auf etwas achten, was niemand in der Welt – Ha! habe ich nicht Ursache zu denken, daß noch jemand vorhanden ist? – Sie, deren Wert den Wert der ganzen Welt übertrifft! – Ja, ich darf, ich muß glauben, meiner Sophie sei es nicht gleichgültig, was für ein Schicksal mich trifft! Verlassen soll ich sie also, diese einzige Freundin? Und solch eine Freundin? Soll ich nicht bei ihr bleiben? – Aber wo? Wie kann ich das einrichten, bei ihr zu bleiben? Ist mir denn die geringste Hoffnung übrig sie nur zu sehn, auch wenn sie das ebensosehr wünschte als ich selbst, ohne sie dem Zorne ihres Vaters auszusetzen? Und wozu das? Kann ich darauf denken, ein so edles Geschöpf zu bereden, daß sie in ihren eigenen Untergang willige? Soll ich meine Leidenschaft um einen solchen Preis zu befriedigen suchen? Soll ich die Gegend umher durchschleichen wie ein Dieb, mit fast nicht besserer Absicht? – Nein, ich verachte, ich verabscheue den Gedanken. Lebe wohl, Sophie! Lebe wohl, Liebenswürdigste und Geliebteste!« – Hier schlossen die Leidenschaften den Mund und öffneten sich einen Weg durch die Augen.

Nachdem er solchergestalt den Entschluß gefaßt hatte, diese Gegend zu verlassen, begann er bei sich selbst zu überlegen, wohin er seinen Weg nehmen sollte. Die ganze Welt, wie Milton sagt, lag offen vor ihm; und Jones hatte ebensowenig, als Adam, irgend einen Menschen, an den er sich um Trost und Beistand hätte wenden können. Er hatte keine andre Bekanntschaft, als die Bekanntschaft des Herrn Alwerth, und er hatte keine Ursache sich von diesem die geringste Unterstützung zu versprechen, weil dieser Herr ihm seine Gunst völlig entzogen hatte. Männer von großem und gutem Charakter sollten wirklich sehr behutsam sein, wenn sie jemand aus ihrem Schutz und Schirm entfernen; denn die Folge für den entlassenen Unglücklichen ist, daß jedermann sich von ihm entfernt.

Was für eine Lebensart er erwählen, oder was für ein Geschäft er unternehmen sollte, war ein zweiter Punkt der Ueberlegung; und hier war alle Aussicht ebenso öde und leer. Jede Profession, selbst jeder kleine Handel erforderte Zeit und Weile, und was noch schlimmer war, Geld! Denn die Welt ist so beschaffen, daß es bei ihr heißt: aus nichts wird nichts! Ein ebenso wahrer Satz im menschlichen Leben als in der Physik; und jedermann, dem es gänzlich an Geld fehlt, ist durch diesen Mangel von allen Mitteln gänzlich ausgeschlossen, welches zu erwerben.

[296] Endlich öffnete das Weltmeer, dieser liebreiche Freund des Unglücklichen, seine langen, königlichen Arme ihn zu empfangen; und er entschloß sich augenblicklich, seine gütige Einladung anzunehmen. Um mich weniger figürlich auszudrücken, er entschloß sich zur See zu gehen.

Dieser Gedanke war ihm nicht so bald eingefallen, als er ihn eifrig festhielt, auf der Stelle Pferde mietete und sich auf den Weg nach Bristol begab, um ihn ins Werk zu setzen.

Allein bevor wir ihn auf dieser Reise begleiten, wollen wir ein wenig nach Herrn Westerns Hause zurückkehren und sehen wie es der reizenden Sophie weiter erging.

Drittes Kapitel
Drittes Kapitel.

Enthält verschiedene Unterredungen.


An dem Morgen, an welchem Jones abreiste, ließen Ihro Gnaden, Fräulein von Western, ihre Nichte Sophie in ihr Gemach zu sich rufen; und nachdem sie solcher vorerst bekannt gemacht, wie sie ihre Freiheit von ihrem Vater erhalten hätten, begannen dieselben ihr eine lange Vorlesung über allerlei Materien des Ehestandes zu halten. Ihro Gnaden behandelten die Sache nicht wie ein romantisches Projekt der Glückseligkeit, welche, nach poetischer Sage, die Liebe gewähren soll. Ebensowenig erwähnten dieselben irgend einen von jenen Endzwecken, für welche, wie die Geistlichkeit uns den Ehestand betrachten lehrt, der Ehestand im Paradies eingesetzt worden; sie betrachteten solche vielmehr als eine Leibrenten-Lotterie, in welcher kluge Frauenzimmer ihr Vermögen am vorteilhaftesten anlegen, um hier davon größere Interessen zu ziehen, als sie davon auf sonst irgend eine Weise erhalten könnten.

Als Ihro Gnaden mit ihrer wohlbegründeten Rede zu Ende gediehen waren, antwortete Sophie: »Sie wäre unvermögend, einer Dame von ihrer gnädigen Tante vorzüglichen Kenntnissen und Erfahrung, Gegengründe anzuführen; besonders über eine Sache, über welche sie bisher so wenig nachgedacht hätte, als über den Ehestand.«

»Gegengründe mir? Kind!« versetzte die andere, »wirklich, ich erwartete keine von dir. Gewiß, ich müßte viel weniger von der Welt, und mit viel geringerem Nutzen gesehen haben, wenn ich von einem Kinde von deinen Jahren Gegengründe anhören sollte. Ich habe mich dieser Mühe unterzogen, um dich zu belehren und zu [297] unterrichten. Die alten Philosophen, Sokrates, Alcibiades und andere zum Exempel, waren auch nicht gewohnt, sich mit ihren Schülern aufs disputieren einzulassen. Du mußt mich ansehen, mon enfant, als den Sokrates; nicht, als ob ich dich um deine Meinung fragte, sondern daß ich dich von der meinigen belehre.« Aus diesen letzten Worten mag vielleicht der Leser schließen, daß sie ebensowenig von der Philosophie des Sokrates, als von den Schriften des Alcibiades gelesen habe. Und wirklich finden wir uns nicht im stande, ihm diesen Zweifelsknoten zu lösen.

»Gnädige Tante,« erwiderte Sophie, »ich habe mich nie unterfangen, irgend eine Ihrer Meinungen zu bestreiten, und über diese Sache habe ich, wie schon gesagt, noch niemals nachgedacht und werde auch vielleicht niemals darüber nachdenken.«

»In der That, Sophie!« versetzte die Tante, »diese deine Verstellung gegen mich ist sehr thöricht. Ebensoleicht würde mich der Kriegsminister unsres Feindes überreden, daß er fremde Städte wegnehmen lasse, bloß um sein eigenes Land zu decken, als du mir weißmachen kannst, zu glauben, du hättest noch niemals über den Ehestand ernsthaft nachgedacht. Wie, mon enfant, kannst du dich so verstellen und leugnen, du habest niemals darauf gedacht, eine Alliance zu schließen, da du doch so gut weißt, daß mir die Puissance bekannt ist, mit der du sie so gerne schließen möchtest? Eine Alliance, die so widernatürlich und so sehr gegen dein Interesse wäre, als ein Separat-Friede mit Frankreich gegen das Interesse der Holländer sein würde! Inzwischen, wenn du diese Materie bisher noch nicht in Betrachtung gezogen hast, so versichere ich dir, ist es dazu jetzt die höchste Zeit; denn mon frère ist entschlossen, die Traktate unverzüglich mit Junker Blifil zu schließen, und in der That bin ich bei der Affaire eine Art von Garantée und habe deinen Beitritt versprochen.«

»In der That, gnädigste Tante,« rief Sophie, »dies ist die einzige Sache, in welcher ich sowohl Ihnen, als meinem Vater, ungehorsam sein muß. Denn dieses ist eine Verbindung, bei der es mir sehr wenig Ueberlegung kostet, um sie auszuschlagen.«

»Wäre ich nicht eine ebensogroße Philosophin, als Sokrates selbst,« antwortete Ihro Gnaden, Fräulein von Western, »so könntest du meine Geduld besiegen! Was für Einwendungen könntest du wohl gegen diesen jungen Herrn haben?«

»Eine sehr triftige, nach meiner Meinung,« sagte Sophie, – »ich hasse ihn.«

»Wirst du denn niemals einen richtigen Gebrauch von deinen Worten machen lernen?« antwortete die Tante. »Wirklich, du solltest Bayle's Diktionär zu Rate ziehen, mon enfant. Du kannst [298] unmöglich einen Mann hassen, der dir keine Beleidigung zugefügt hat. Unter Hassen verstehst du also nichts weiter, als nicht lieben, und das ist keine hinlängliche Einwendung dagegen, ihn zu heiraten. Ich habe manches Ehepaar gekannt, die sich ganz und gar nicht liebten und dennoch ein ganz gemächliches, sehr höfliches Leben miteinander führten. Glaub' es mir, Kind, ich verstehe diese Sachen besser als du. Du wirst mir nicht ableugnen, hoff' ich, daß ich die Welt gesehen habe, und ich habe darin nicht eine einzige Bekannte, welche es nicht lieber sähe, daß man von ihr dächte, sie möchte ihren Mann nicht leiden, als daß sie ihn lieb hätte. Das Gegenteil ist ein solcher altfränkischer, romanhafter Unsinn, daß einem schon übel wird, wenn man nur daran denkt.«

»In der That, gnädigste Tante,« erwiderte Sophie, »ich werde niemals einen Mann heiraten, den ich nicht lieben oder leiden kann. Wenn ich meinem Vater verspreche, daß ich niemals in eine Heirat willigen will, die seiner Neigung zuwider ist, so glaube ich, darf ich hoffen, er werde mich niemals zu diesem Stande zwingen mit jemand, der wider die meinige ist.«

»Neigung!« schrie die Tante mit einiger Hitze, »Neigung! Ich erstaune über deine Verwegenheit! Ein junges Fräulein von deinem Alter und unverheiratet kann von Neigungen sprechen? Aber Neigungen hin, Neigungen her! Mon frère ist entschlossen, und nun ja, weil du von Neigung sprichst, will ich ihm zuraten, die Traktate zu beschleunigen. Neigung! Voyez-donc!« –

Hier warf sich Sophie auf ihre Kniee, und die Thränen begannen ihr aus den glänzenden Augen zu rinnen. Sie bat und beschwor ihre Tante: »Sie möchte sich ihrer erbarmen und ihren Widerwillen nicht so ungnädig grausam dadurch bestrafen, daß sie sie völlig elend machte; und gab ihr oft zu bedenken, daß es ja nur auf ihre eigene persönliche Glückseligkeit dabei ankäme.«

So wie ein Wettknecht, wenn er in voller Macht seines Freizettels sich der Person eines unglücklichen nicht pfandbaren Schuldners bemächtigt hat, alle seine Thränen mit unbewegtem Herzen ansieht; vergebens versucht's der jammervolle Gefangene, sein Mitleid zu erregen; vergebens nennt er das zärtliche, ihres Gatten beraubte Weib, den kleinen, stammelnden Knaben, oder das erschrockene Mägdlein, um ihn zur Nachsicht zu bewegen: der edle Pfahl der Gerechtigkeit ist blind und taub gegen jeden Umstand der höchsten Not, hoch ragt er hervor über alles, was Menschlichkeit heißt, und fest ist bei ihm Entschluß und That; er wandelt mit ihm hin zum Gefängnis, wo er verschmachten oder seine Gläubiger bezahlen muß.

Nicht weniger blind gegen die Zähren, nicht weniger taub gegen jedes Flehen Sophiens war die politische Tante, und nicht [299] weniger fest entschlossen war sie, das zitternde Fräulein in die Arme des Kerkermeisters Blifil zu liefern. Sie antwortete mit großer Heftigkeit: »So wenig kommt's hier auf das Fräulein allein an, daß das, was sie betrifft, das wenigste, wenigstens das wenigstwichtige ist. Auf die Ehre deiner Familie, auf diese kommt's an bei dieser Alliance! Du bist dabei bloß Werkzeug. Meinst du, petite Demoiselle, daß bei einer Vermählung unter Königreichen, wenn zum Exempel eine Madame de France an Spanien verlobt wird, auf die Prinzessin bei einer solchen Verbindung allein gesehen wird? Nein, es ist ein Bündnis zwischen zwei Königreichen vielmehr, als zwischen zwei Personen. Und das ist derselbe Fall mit großen Familien, wie die unsrige. Die Alliance unter den Familien ist die Hauptsache. Es geziemt dir, mehr auf die Ehre deiner Familie zu achten, als auf deine eigene Person; und wenn das Beispiel einer Prinzessin dir diese erhabene Art zu denken nicht einflößen kann, so darfst du es sicherlich nicht übelnehmen, wenn man dich nicht ärger behandelt, als alle Prinzessinnen behandelt werden.«

»Ich hoffe, meine gnädige Tante,« erwiderte Sophie mit etwas erhobener Stimme, »ich werde niemals etwas thun, was meine Familie entehren könnte! Was aber Herrn Blifil anbelangt, so ist mein Entschluß gegen ihn unbeweglich, und es entstehe nun daraus, was da wolle, so soll mich keine Gewalt zwingen, mich für ihn zu erklären.«

Western, welcher den größten Teil des vorstehenden Dialogs von fern mit angehört hatte, war nun mit aller seiner Geduld zu Ende gekommen. Er stürzte also mit heftigem Zorne ins Zimmer und schrie: »Teufel hol, wenn 'n nich' haben sollst! Teufel hol, sollst! Damit 's aus! Damit 's aus! Teufel hol, wenn 'n nicht sollst!«

Ihro Gnaden, Fräulein von Western, hatten einen hinlänglichen Vorrat von Zorn zum Gebrauch gegen Sophie in ihrem Magazine gesammelt; jetzt aber führten Sie den ganzen Vorrat gegen den Junker zu Felde.»Mon frère,« sagte sie, »es ist doch erstaunlich, daß Sie sich in Sachen mischen, welche Sie völlig meiner Negoziation überlassen hatten. Rücksichten auf meine Familie hatten mich dahin vermocht, als eine vermittelnde Macht zu agieren, um die politischen Fehler wieder gut zu machen, welche Sie in der Erziehung Ihrer Tochter begangen haben. Denn Sie sind es, mon frère, Ihr kopfloses Betragen ist es, welches all den Samen mit der Wurzel ausgereutet hat, den ich ehedem in ihr zartes Gemüt ausgestreut hatte. – Sie sind es selbst, Sie, die ihr Ungehorsam gelehrt haben.« – »Kreuz Hagelwetter!« schrie der Junker mit [300] Schaum vorm Munde; »du könntst den Satan selbst ungeduldig machen. Hab' ich meiner Tochter Ungehorsam gelernt, ich g'lernt? – Da, da steht's! Sprich Mädchen, sprich ehrlich, hab ich d'r mein Lebtage befohlen, sollst m'r ungehorsam sein? Hab' ich nicht all's in der Welt gethan, dir Lieb' zu machen und Freude, und zu machen daß du m'r gehorsam wärst? Und wohl gehorsam war 's mir, als sie noch e'n klein Kind war, eh'r du 's in die Hände kriegst und s'e verzogst, und ihr den Hofschnack in Kopf setzt'st! – Was? was? was? – hab' ich's nicht mit meinen Ohren gehört, mit meinen Ohren, daß du 'r sagtst, sie soll sich aufführen wie 'ne Prinzessin? Hast 'ne Hofschranze aus 'r gemacht; und wie kann ihr Vater oder sonst e'n Christenmensch von 'r erwarten, daß sie nun gehorsam sein soll?« – »Mon frère,« antwortete seine Schwester, mit höchst vornehmer, spöttischer Miene, »ich vermag die Verachtung nicht auszudrücken, die ich von Ihrer Politik in allen Dingen habe; aber auch ich will mich auf das Fräulein selbst berufen, ob ich ihr jemals Grundsätze des Ungehorsams beigebracht habe. Tout au contraire! Ma nièce, bin ich nicht immer bemüht gewesen, dir eine Idee von allen den verschiedenen Verhältnissen beizubringen, in welcher ein menschliches Geschöpf in der politischen Gesellschaft steht? Habe ich mir nicht unendliche Mühe gegeben, dir zu zeigen, daß das Gesetz der Natur den Kindern eine Pflicht gegen ihre Eltern auferlegt hat? Hab' ich dich nicht gelehrt, was Plato über die Sache sagt? – Eine Sache, worüber du so ungeheuer unwissend warst, als ich dich zuerst unter meine Aufsicht bekam, daß ich wahr und wirklich glaube, du kanntest nicht einmal das Verhältnis der Verwandtschaft zwischen Tochter und Vater.« – »Erlogen,« schrie Western, »so 'n Narr ist's Mädchen nicht, daß 's elfte Jahr erleben sollte und nicht wissen, daß sie ihr's Vaters Anverwandte wäre.« – »O mehr als gotische Unwissenheit!« entgegnete die Dame; »und was des Herrn Grobheit anbelangt, so verdienten Sie ein spanisches Rohr.« – »Nu, worum gib'st mirs denn nicht, wenn du meinst, daß du kannst?« schrie der Junker, »'ch sollt' denken, deine Nichte da ist ja wohl fix und fertig, dir beizustehen.« – »Monsieur,« sagten Ihro Gnaden von Western, »ob ich gleich Sie mehr verachte, als ich sagen kann, so bin ich doch nicht gesonnen, Ihre Grobheiten länger zu ertragen; deshalb verlang' ich, daß mein Wagen sogleich angespannt werden soll, denn ich bin entschlossen, das Haus noch diesen Vormittag zu verlassen.«

»Nu, so hab' ich rein Haus. Deine Grobheit kann ich so nicht mehr vertragen, wenn du doch davon sprechen willst. Hagel! dadurch allein schon könnte meine Tochter glauben, 'ch hätt' nicht viel Verstand, wenn si's hört, daß du mir all' Augenblick deine Verachtung [301] unter d' Nase reibst.« – »Ei, unmöglich! unmöglich! Wie könnte man so etwas denken von dem weisen, hellen Kopfe eines Kapuziners!« – »Kapziner!« antwortete der Junker, »ich bin kein Kapziner, Madam; kein Dickdiener auch nicht, und kein Jesuit dazu, bin 'n ehrlicher Protestant und keiner von dein'n Hoffschottsch-Katholschen, die d' Nation schling'n wollen, daß du's nur weißt.« – »Ja, Sie sind wohl ein protestantischer Jesuit an Weisheit und Verschlagenheit! Solche weise Männer wie Sie, mit solchen bodenlosen Grundsätzen, sind ein wahrer Schutz der Nation. Sie schwächen die Regierung zu Hause, schrecken unsre Freund ab und stärken die Hand unsrer Feinde.« – »Hoho! versteigst du dich schon wieder in die Politik?« schrie der Junker, »dein' Politik halt' ich soviel wert als das!« Bei diesen letzten Worten streckte er seine Hand aus gegen seine Schwester hin, und riß den Mittelfinger, den er fest gespannt auf den Daumen hielt, mit solcher Gewalt herunter, daß dessen Fall auf das Mäuslein des Daumens einen lauten Schall verursachte. Und war es dieser Schall und der dadurch angedeutete übermütige Trotz, oder die Verachtung, die er gegen seiner Schwester politische Einsichten ausdrückte, das will ich hier nicht entscheiden: genug, sie geriet in die heftigste Wut, stieß Redensarten aus, die wir schicklicherweise nicht wiederholen können, und stürzte augenblicklich zum Hause hinaus. Bruder und Nichte hielten auch nicht für diensam, sie weder aufzuhalten noch ihr nachzufolgen. Denn die eine war so sehr mit ihrer Betrübnis beschäftigt und der andere so ganz von Zorn hingenommen, daß sie beinahe ohne alle Bewegung da standen.

Der Junker schickte unterdessen seiner Schwester eben ein solches Holla nach, wie man einem Hasen nachzuschicken pflegt, wenn er zuerst vor den Hunden aufspringt. Er war wirklich ein großer Meister in dieser Art von lautschallenden Tönen, und hatte fast für eine jede Gelegenheit sein eigenes Holla.

Frauenzimmer, welche, wie Ihro Gnaden, Fräulein von Western, die Welt kennen und sich auf Philosophie und Politik gelegt haben, würden sich auf der Stelle der gegenwärtigen Gemütsverfassung des Junkers Western bedient und auf Kosten ihrer abwesenden Gegnerin seinem Verstande einige listige Komplimente angebracht haben. Aber die arme Sophie war die redlichste Einfalt. Bei diesem Worte sind wir nicht gesonnen, dem Leser zu verstehen zu geben, als wäre sie dumm, wiewohl zuweilen Einfalt und Dummheit für einerlei gehalten zu werden pflegen: denn sie war wirklich ein sehr verständiges junges Frauenzimmer, und ihr Verstand war von der feinsten Gattung; aber sie besaß nichts von der so brauchbaren List, welche die Weiber zu so manchem guten Zwecke ihres [302] Lebens anzuwenden wissen, und welche, sofern solche mehr im Herzen als im Kopfe steckt, oft ein Eigentum des dümmsten Gänschens unter Evens Töchtern ist.

Viertes Kapitel
Viertes Kapitel.

Porträt der Ehegenossin eines Landjunkers, nach dem Leben gemalt.


Nachdem Herr Western sein Holla geendigt und wieder ein wenig Atem geschöpft hatte, begann er in sehr pathetischen Ausdrücken über den unglücklichen Zustand der Männer zu klagen, welche, wie er sagte, immer den Launen einer oder der andern verdammten Betze vor die Peitsche laufen müßten. »Ich meinte, 'ch wär von deiner Mutter hart genug gehetzt worden; aber nun die lahm liegt, kommt da 'n ander Tiffe und sitzt m'r auf'n Läufen, aber eher soll m'r die beste Mähre im Stall' umfall'n, eh'r ich mich so von 'n will stell'n lassen.«

Sophie hatte niemals die geringste Zwistigkeit mit ihrem Vater bis auf diese unglückliche Heiratssache mit Blifil gehabt, ausgenommen zur Verteidigung ihrer Mutter, welche sie sehr zärtlich geliebt, ungeachtet sie solche schon in ihrem elften Jahr verloren hatte. Der Junker, welchem diese arme Frau die ganze Zeit ihres Ehestandes hindurch beständig als eine getreue Oberaufseherin über das Hauswesen gedient, hatte diese treuen Dienste dadurch belohnt, daß er gegen sie das gewesen war, was man so einen guten Ehemann zu nennen pflegt. Er schalt und fluchte selten über sie (vielleicht die Woche nur einmal) und schlug sie niemals. Sie hatte nicht den geringsten Anlaß zur Eifersucht, und mit ihren Tagesstunden konnte sie anfangen was sie wollte; denn ihr Eheherr überlief sie zu keiner Zeit, weil er den ganzen Vormittag mit seinen weidmännischen Uebungen im Feld und Forst und den ganzen Nachmittag mit seinen nassen Brüdern zubrachte. In der That sah sie ihn selten anders als bei den Mahlzeiten, woselbst sie das Vergnügen hatte, von eben den Schüsseln vorzulegen, die sie vorher mit geholfen hatte anzurichten. Von diesen Mahlzeiten begab sie sich ungefähr fünf Minuten später hinweg als die übrigen Bedienten, indem sie bloß solange wartete, um des Junkers gewöhnliche politische Gesundheit mitzutrinken. Dies war so, wie es scheint, die Verordnung des Herrn Western; denn er hatte zum Sprichwort: die Weiber müßten mit der ersten Schüssel hereinkommen und nach dem ersten Glase wieder hinausgehen. Diesem Befehle Gehorsam zu leisten, mochte der guten Ehefrau eben wohl nicht schwer [303] sein; denn das Tischgespräch (wenn man's Gespräch nennen kann) war sehr selten so beschaffen, daß ein Frauenzimmer dabei Unterhaltung finden konnte. Es bestand mehrenteils in lautem Geschrei, Sanggeheule, Erzählungen von Jagdabenteuern, Zotenreißen und Durchhecheln der Weiber und der Landesregierung.

Dies waren gleichwohl die einzigen Tageszeiten, wo Herr Western seine Ehegattin sah: denn wenn er sich zu ihr ins Bett verfügte, war er gewöhnlich so benebelt, daß er nicht sehen konnte; und solange die Jagd offen war, stand er schon wieder auf, noch ehe der Tag graute. Auf diese Art war sie völlige Herrin ihrer Zeit und hatte dabei noch eine Kutsche mit vieren, über die sie gewöhnlicher Weise befehlen konnte; obgleich dabei das Unglück war, daß sie davon, wegen der schlechten Nachbarschaft und der schlechten Wege nur sehr geringen Nutzen hatte; denn niemand, der seinen Hals und seine Gebeine nur einigermaßen lieb hatte, mochte die Wege befahren, und wer nur irgend etwas mit seiner Zeit anzufangen wußte, mochte die Nachbarn nicht besuchen. Nun, um ganz offenherzig gegen den Leser zu sein, müssen wir gestehen, daß sie gegen diese großen Gefälligkeiten nicht alle die Erkenntlichkeit bezeigte, die man erwarten mochte; denn sie war von einem zärtlichen Vater wider ihren Willen verheiratet worden, weil diese Heirat auf ihrer Seite sehr vorteilhaft war, indem des Junkers Güter jährlich gegen dreitausend Pfund Sterling abwarfen und ihr ganzer Brautschatz sich nicht höher als achttausend Pfund belief. Hierdurch hatte sich etwas Trockenes und Finsteres in ihre Gemütsart geschlichen: denn sie war eine weit bessere Hausfrau, als eine gute Ehefrau. Dabei war sie auch nicht immer dankbar genug, den außerordentlichen Grad von lautlachender Fröhlichkeit, womit sie der Junker zuweilen zu empfangen pflegte, nur mit einem aufgeräumten Lächeln zu erwidern. Und überdem unterfing sie sich noch, sich zuweilen in Dinge zu mischen, die sie nichts angingen, wie zum Exempel: in das übermäßige Trinken ihres Mannes, wogegen sie ihm bei den wenigen Gelegenheiten, die er ihr dazu gab, in den sanftesten Ausdrücken Vorstellung that. Und einmal in ihrem Leben bat sie ihn sehr ernsthaft, er möchte sie auf zwei Monat nach London führen, welches er ihr rund von der Hand abschlug; ja, nachher ihr dieser Bitte wegen beständig böse war, denn er wußte gar wohl, daß in der Hauptstadt alle Ehemänner das Jagdwappen an der Stirne trügen.

Aus dieser letzten und aus mancher andern guten Ursache hatte Western zuletzt seine Frau herzlich gehaßt; und so wie er ihr diesen Haß vor ihrem Tode niemals verhehlte, so wenig vergaß er ihn nachher, vielmehr, wenn ihm das Geringste in die Quere ging,[304] zum Exempel eine Fehljagd oder eine Seuche unter seinen Hunden oder andre dergleichen harte Plagen mehr, schüttete er allemal seine Galle in Schmähungen aus über die Verstorbene und pflegte zu sagen: »Wenn nun mein' Frau noch lebte, die würd' sich 'nmal freu'n darüber!« Besonders mochte er diese Schmähungen gerne in Sophiens Gegenwart hinwerfen: denn, sowie er sie mehr liebte als irgend etwas, so war er auch wirklich darüber eifersüchtig, daß sie ihre Mutter mehr geliebt hatte als ihn: und Sophie ermangelte bei solchen Gelegenheiten fast niemals, diese Eifersucht zu erhöhen; denn er begnügte sich nicht damit, bloß ihre Ohren mit den Stachelreden auf ihre Mutter zu beleidigen, sondern strebte auch darnach, zu allen diesen Schmähungen ihren ausdrücklichen Beifall zu erzwingen; welches Begehren er aber niemals, weder durch Versprechungen noch Drohungen, von ihr erhalten konnte.

Nach dem Gesagten wundern sich vielleicht einige meiner Leser, daß der Junker seine Tochter nicht ebensosehr haßte, als er ihre Mutter gehaßt hatte: aber ich muß sie belehren, daß Haß keine Wirkung der Liebe ist, selbst nicht durch Vermittlung der Eifersucht. Es ist wirklich einer eifersüchtigen Person sehr möglich, den Gegenstand ihrer Eifersucht zu töten, aber nicht ihn zu hassen. Da dieser Satz ein ziemlich harter Brocken ist und fast ein wenig nach Paradoxie schmeckt, so wollen wir hier das Kapitel schließen, um dem Leser Zeit zu lassen, ihn gehörig wiederkäuen zu können.

Fünftes Kapitel
Fünftes Kapitel.

Sophiens großmütiges Betragen gegen ihre Tante.


Sophie sagte während der vorherigen Rede ihres Vaters kein Wort, und niemals antwortete sie anders, als durch einen Seufzer. Weil er aber von dieser Sprache, oder wie er's nannte, Augensprecherei, nichts verstand, so wollte er sich auch nicht ohne eine andre Billigung seiner Gedanken zufrieden geben. Diese Billigung begehrte er jetzt in dem gewöhnlichen Stil von seiner Tochter, indem er ihr sagte: er erwarte, daß sie ganz bereit wäre, jedermanns Partei gegen ihn zu nehmen, wie sie immer die Partei der Betze ihrer Mutter genommen hätte. Da Sophie noch immer schwieg, so schrie er heraus: »Was bist' stumm? Warum sprichst' nicht? War deine Mutter nicht en' vertrackte Betze gegen mich? Kannst's leugnen? he! Sieh, ich glaub' du veracht'st deinen Vater auch, un hältst'n nicht 'nmal gut genug, mit 'n zu sprechen!«

[305] »Ums Himmels willen, lieber Papa,« antwortete Sophie, »machen Sie von meinem Stillschweigen keine so grausame Auslegung! Wirklich, sterben wollt' ich lieber, als mich der geringsten Unehrerbietigkeit gegen Sie schuldig machen. Aber, wie kann ich es wagen, zu reden, wenn jedes Wort entweder meinen teuren Papa beleidigen, oder mich der schwärzesten Undankbarkeit und Gottlosigkeit gegen das Andenken der besten Mutter anklagen müßte? denn gewiß, das ist meine Mama beständig gegen mich gewesen.«

»Und deine Muhme, nicht wahr? is wohl die beste Schwester auch gegen mich!« versetzte der Junker, »willst' wohl so gut sein und zugeben, das die en' Betze ist? Das darf 'ch doch wohl mit Recht und Billigkeit fordern von dir, sollt' ich denken!«

»In der That, liebster Papa,« sagte Sophie, »ich habe meiner Tante sehr viel zu verdanken. Sie hat an mir gehandelt, als eine zweite Mutter.«

»Und als 'n zweites Weib, gegen mich auch dazu!« erwiderte Western. »So so, so willste der ihre Partie auch nehm'n? Willst nicht bekennen, daß sie sich aufgeführt hat gegen mich als die schändlichste Schwester von der Welt?«

»Auf mein Wort, teuerster Papa,« sagte Sophie, »ich müßte mein eigenes Herz böslich belügen, wenn ich das thäte! Ich weiß es, Sie und meine Tante weichen in Ihrer Art zu denken voneinander ab: aber ich habe sie wohl tausendmal die größte Zuneigung gegen meinen Papa ausdrücken gehört; und nach meiner innigsten Ueberzeugung ist sie so wenig die schlechteste Schwester von der Welt, daß es vielmehr sehr wenige Schwestern gibt, die mehr Liebe für einen Bruder haben können.«

»Beim Licht besehen,« antwortete der Junker, »soll das wohl wieder soviel heißen, als: Papa hat unrecht. O ja, gewiß! Ja ja, wie könnt's anders zugehen? 'S Weib hat immer recht, und der Mann muß immer unrecht hab'n.«

»Verzeihen Sie mir, lieber Papa,« sagte Sophie, »so sag' ich nicht.«

»Was? sagst' nicht so?« antwortete der Vater. »Bist' nicht so unverschämt, zu sagen, sie hat recht? Folgt's denn nicht wie Hund uf Hasen, daß ich muß unrecht hab'n? Und vielleicht hab' ich unrecht, daß ich's leide, daß so en' Hofschranzenbetze mir ins Haus kommen darf! Wer weiß, ob's mich nicht gar 'mal bei Hof verklagt und mich angibt, wenn 'ch mal so was über diese dumme Regierung sage und sie nicht sogar meine Länder und Güter dem König zuschanzt!«

»Soweit, liebster Papa, ist sie davon entfernt,« sagte Sophie, »daß sie gegen Sie, oder Ihre Güter Böses im Sinne haben sollte, [306] daß ich überzeugt bin, wäre meine Tante gestern gestorben, sie hätte Ihnen Ihr ganzes Vermögen hinterlassen.«

War es wirklich Sophiens Absicht, oder nicht, das maße ich mir nicht an zu entscheiden; so viel ist aber gewiß, die letzten Worte drangen sehr tief in die Ohren ihres Vaters, und brachten eine weit sichtbarere Wirkung hervor als alles übrige, was sie bis dahinge sagt hatte. Als ihn der Schall traf, machte er eben die Bewegung, wie ein Mann, den eine Musketenkugel in den Kopf trifft. Er stutzte, schwankte und ward blaß. Hierauf blieb er einige Minuten stumm; und brachte dann stotternd folgendes hervor: »Gestern! Ihre Güter mir hinterlassen! hatt' sie? W'rum eb'n gestern, von all'n Tagen im Jahr? hm! so! Also; wenn 's nu morgen stirbt, so läßt sie 's ein'n andern, und der wohl nicht 'mal zur Familie gehört!« – »Meine Tante,« fiel ihm Sophie in die Rede, »ist freilich sehr aufgebracht, und ich möchte für nichts Bürge sein, solange das bei ihr dauert.«

»So? möcht'st du nicht!« rief der Vater; »he! sag' doch mal, wer ist schuld, daß sie aufgebracht ist? Und noch dazu, wer eigentlich ist's, der 's so aufg'bracht hat? du und sie, wart ihr nicht hart an 'n ander, ehr' ich noch h'rein kam? und noch dazu, kam nicht das ganz' arme Leb'n um dich her? Ich, ich habe manch liebes Jahr mit Schwester nicht gezankt, als um dich; und nu möchtste gern mir's Wasser in d' Schuh gießen. Und so, als ob's ich gethan hätt', wenn sie ihr' Güter aus'r Familie vermacht. – Konnt's ja wohl vorhersehn, daß mir's so gehen würd'! Das wird wohl so all dein Dank sein, vor mein' schöne Lieb' und Zärtlichkeit, die 'ch vor dich g'habt hab'!«

»Ich bitte also« rief Sophie, »auf meinen Knieen bitte ich Sie, wenn ich die unglückliche Veranlassung zu dieser Veruneinigung gewesen bin, daß Sie suchen wollen, es bei meiner Tante wieder gutzumachen und nicht zu leiden, daß sie in diesem heftigen Zorn Ihr Haus verlasse. Sie hat ein sehr versöhnliches Gemüt und wird sich durch ein paar höfliche Worte besänftigen lassen. O, ich bitte, bitte, liebster Papa.«

»So! so soll ich hingehen und um Vergebung bitten, was du g'sündigt hast, nicht? muß ich?« antwortete Western, »du hast den Hasen abspring'n lass'n, und ich muß nu in Kreuz und Quer reiten, um 'n wieder vorzubringen. Je nun, ja! wenn ich gewiß wüßt« – – Hier stockte er, und da Sophie mit ihrem Bitten fortfuhr, ließ er sich endlich bereden; und nachdem er erst zwei oder drei stachelige Redensarten gegen seine Tochter ausgestoßen hatte, wackelte er so schnell fort als er konnte, um seine Schwester herumzubringen, eh' noch ihre Pferd' und Wagen fertig gemacht werden könnten.

[307] Sophie begab sich hierauf nach ihrem Trauergemache, woselbst sie (wenn ich den Ausdruck brauchen darf) sich mit dem ganzen Ueberflusse ihres zärtlichen Grames gütlich that. Sie las den Brief, den sie von Jones erhalten hatte, mehr als einmal wieder durch; auch ihr Muff ward bei der Gelegenheit gebraucht; und sie badete diese beide sowohl, wie sich selbst in ihren Thränen. In dieser Lage ihres Herzens wendete die freundschaftliche Jungfer Honoria ihre äußerste Geschicklichkeit an, um ihre betrübte Herrschaft zu trösten. Sie nannte hintereinander die Namen mancher jungen Herren her; und nachdem sie ihre Personen und Geistesgaben weidlich herausgestrichen hatte, versicherte sie Sophien, sie könne dreist darunter wählen, welchen sie wolle. Diese Methode muß gewiß schon mit gutem Erfolge bei Krankheiten von dieser Art angewendet worden sein, sonst würde ein so geschickter Arzt, als Jungfer Honoria, gewiß nicht gewagt haben, damit den ersten Versuch zu machen; ja, ich habe gehört, daß das Kollegium der Kammerjungfern dieses Remedium für so zuverlässig und allgemein halte, als nur irgend eines unter allen weiblichen Verschreibungen zu finden sei. Allein, ob Sophiens Krankheit innerlich von jenen Fällen verschieden war, mit welchen sie die äußerlichen Anzeichen gemein hatte, das kann ich hier nicht ausmachen; in der That aber machte es die gute Kammerzofe dadurch eher schlimmer als gut, und brachte endlich ihre Herrschaft in eine solche Hitze (und das war keine so leichte Sache), daß sie die Schnürjungfer mit zorniger Stimme aus ihrer Gegenwart entfernte.


Ende des ersten Bandes. [308]

Siebentes Buch [2]

Sechstes Kapitel
Sechstes Kapitel.

Enthält eine große Manigfaltigkeit von Materien.


Der Junker holte seine Schwester ein, als sie eben in ihre Kutsche steigen wollte, und brachte sie teils mit Gewalt, teils mit guten Worten dahin, daß sie befahl, wieder auszuspannen und die Pferde wieder in den Stall zu ziehen. Das Unternehmen glückte ihm ohne sonderliche Schwierigkeit; denn, wie wir bereits zu verstehen gegeben: die Dame war von sehr friedfertiger Gemütsart und hatte ihren Bruder sehr lieb, ob sie gleich seinen Verstand, oder vielmehr seine wenige Weltkenntniß, gering schätzte.

Die arme Sophie, welche die erste gewesen, diese Aussöhnung in Vorschlag zu bringen, ward nun selbst das Opfer. Beide vereinigten sich in ihrem Tadel über deren Aufführung; sie erklärten ihr mit gemeinschaftlichen Kräften den Krieg und hielten augenblicklich zusammen Rat, wie sie solchen am nachdrücklichsten führen sollten. Zu diesem Endzweck schlug die gnädige Tante von Western vor, nicht nur aufs fördersamste die Traktate mit Herrn Alwerth zu [5] schließen, sondern sie auch ebenso unmittelbar in Erfüllung zu bringen, und sagte dabei: Es sei kein andrer Weg mit ihrer Nichte durchzukommen, als auf gewaltsame Weise, welcher zu widerstehen, nach ihrer Ueberzeugung, Sophie nicht Entschlossenheit genug habe. »Mit der gewaltsamen Weise,« sagte sie, »meine ich eigentlich schleunige Maßregeln: denn an Gefangenschaft oder buchstäbliche Gewaltsamkeit kann und darf nicht gedacht werden. Unser Plan, den wir verabreden, muß auf Ueberrumpelung gehen, und nicht auf einen Sturm.«

Diese Dinge waren ausgemacht und beschlossen, als Herr Blifil kam, um seiner Braut einen Besuch zu machen. Sobald der Junker Western seine Ankunft vernahm, schlich er sich auf seiner Schwester Rat hin zu seiner Tochter, um ihr Ordre zu geben, daß sie ihren Liebhaber auf die gehörige Weise empfangen sollte; dieses that er [5] mit den bittersten Flüchen und Drohungen schrecklicher Folgen, wenn sie sich dessen weigerte.

Die Heftigkeit des Junkers warf alles vor sich nieder, zu Boden, und Sophie, wie ihre Tante sehr weislich vorhergesehen hatte, war nicht vermögend, ihm zu widerstehen. Sie willigte also ein, Herrn Blifil anzunehmen, ob sie gleich kaum so viel Kraft oder Atem hatte, ihre Einwilligung auszusprechen. In der That war es nicht so leicht, einem Vater, den sie so zärtlich liebte, so rundweg eine abschlägige Antwort zu geben. Wäre dieser Umstand nicht hinzugekommen, so hätte sie vielleicht weit weniger Entschlossenheit gebraucht, als sie wirklich besaß; allein es ist eben so ungewöhnlich nicht, daß man solche Handlungen bloß der Furcht zuschreibt, welche großenteils eine Wirkung der Liebe sind.

In Befolgung ihres Vaters gemessenster Befehle also nahm jetzt Sophie den Besuch des Herrn Blifil an. Auftritte wie dieser, wenn sie nach allen Teilen ausgemacht werden, geben, wie wir bereits angemerkt haben, dem Leser sehr wenige Unterhaltung. Wir werden uns demnach hier ganz genau an eine von Horazens Regeln halten, durch welche die Schriftsteller angewiesen werden, alle solche Sachen wegzulassen, welche sie in ein helles Licht setzen zu können verzweifeln. Eine Regel, welche nach unsrer Meinung sowohl für den Geschichtschreiber als für den Dichter von ungemeinem Nutzen ist, und deren Befolgung wenigstens die gute Wirkung haben muß, daß manches große Uebel (und so heißen alle dicken Bücher) dadurch zu einem kleinen heruntergebracht werde.

Es ist möglich, daß die große Kunst, welche Blifil bei diesem Besuch anwendete, Sophie dahin gebracht haben könnte, einen andern Mann in seinen Umständen zu ihrem Vertrauten zu machen und ihm das ganze Geheimnis ihres Herzens zu entdecken. Allein sie hatte sich von diesem jungen Herrn eine so schlechte Meinung in den Kopf gesetzt, daß sie sich entschlossen hatte, ihm nicht das geringste Vertrauen zu schenken. Denn wenn ein kunstloses Herz einmal erst mißtrauisch geworden ist, so kann solches es oft mit der List selbst aufnehmen. Ihr Betragen gegen ihn war sonach gänzlich gezwungen, und wirklich so beschaffen, wie es gemeiniglich den Jungfrauen bei einem zweiten förmlichen Besuche von demjenigen, der zu ihrem Ehemanne bestimmt ist, vorgeschrieben zu werden pflegt.

Unterdessen, obgleich Blifil sich gegen den Junker erklärte, daß er mit der erhaltenen Aufnahme völlig vergnügt sei, so war doch dieser Herr, der in Gesellschaft mit seiner Schwester alles belauscht hatte, nicht so gänzlich damit zufrieden. Er beschloß also, dem Rate dieser weisen Dame zufolge die Sache in aller Schnelligkeit so weit als möglich zu treiben, und indem er seinen künftigen Schwiegersohn [6] in Hoffnung nach seiner Weidmannssprache anredete, schrie er nach einem lauten Holla: »Hinteran, hinteran, Gesell! Muntre dich auf, lustig, da ist's, da ist's, da ist's, ehrlicher Bursch! Laß nicht ab, laß nicht ab! – Was thust so blöde, steh' nicht da, soll ich? darf ich? – Alwerth und ich könn'n heut nachmittag die Sach' unt'r uns abmachen, und laß uns gleich morgen im Tag' Hochzeit haben.«

Nachdem Blifil die äußerste Freude und Zufriedenheit in seinen Mienen zusammengerafft hatte, antwortete er: »Da nichts in dieser Welt ist, mein Herr von Western, was ich so sehnlich wünsche, als eine Verbindung mit Ihrer Familie, ausgenommen meine Bereinigung mit dem höchst liebenswürdigen und verdienstvollen Fräulein Sophie, so können Sie sich leicht einbilden, wie ungeduldig ich sein muß, mich im Besitz meiner beiden angelegentlichsten Wünsche zu sehen. Wenn ich also in dieser Sache Ihnen nicht bringender angelegen habe, so werden Sie es bloß meiner Furcht zuschreiben, dem Fräulein dadurch mißfällig zu werden, wenn ich mich bestrebte, eine so glückliche Begebenheit mit größerer Eile zu Ende zu bringen, als es die strengste Anhänglichkeit an alle Regeln des Wohlstandes erlauben möchte. Wenn Sie es aber, mein Herr Western, durch Ihre Ueberredung bei ihr dahin zu bringen vermöchten, daß sie nicht darauf achten wollte, was Formalitäten« –

»Formalitäten und alle Hagel!« unterbrach ihn der Junker. »Puh, was soll der Schnickschnack? Ich sage dir, sie soll dein sein, morgen im Tag! Wirst besser wissen, wie's in der Welt zugeht, biste nur erst so alt wie ich. Ja, Weibsen werd'n dir auch Ja sagen, da kannst' lange warten! 'S dürfen ja nicht, 's ist ja nicht Mode! Ja, hätt' ich so lang gewart't, bis ihre Mutter Ja gesagt hätt', da stünd ich 'r noch vor dir, als 'n Einspänner! – Drauf los, drauf los! Geh' ihr nicht von der Ferse, sag' ich dir. Da steckt's! sag' ich dir, wackrer Kumpe. Ich sag' dir's, morgen früh sollst's haben.«

Blifil ließ sich's gefallen, der andringlichen Beredsamkeit des Junkers gehörig nachzugeben, und nachdem man darüber eingekommen war, daß Western noch denselbigen Nachmittag mit Alwerth abschließen sollte, machte sich der Bräutigam wieder auf den Weg nach Hause, bat aber vorher noch sehr ernsthaft, man möchte dem jungen Fräulein durch diese Eile keine Gewalt anthun auf eben die Art, wie ein spanischer Inquisitor den weltlichen Richter bittet, mit dem Ketzer nicht gewaltsam zu verfahren, der ihm überliefert wird, und welchen die heilige Kirche bereits zum Scheiterhaufen verdammt hat.

Und die Wahrheit zu sagen, Blifil hatte Sophien gleichfalls schon verdammt. Denn so vergnügt wie er sich auch gegen Western [7] über seine Aufnahme gestellt hatte, so war er damit doch nichts weniger als zufrieden; denn alles, was er dabei gewonnen hatte, war die innige Ueberzeugung, daß ihn seine Braut haßte und verabscheute, und dies hatte dann nicht weniger gegenseitigen Haß und Verachtung bei ihm hervorgebracht. Vielleicht fragt man, warum er denn nicht auf einmal von seiner Bewerbung abgestanden sei? Ich antworte, grade eben aus dieser Ursache sowohl, als aus verschiedenen andern ebenso triftigen, welche wir jetzt sogleich dem Leser eröffnen wollen.

Obgleich Herr Blifil nicht einerlei Blutmischung mit unserm Jones hatte, und auch nicht ebenso allzeit fertig war, sich an jeder Weibsperson zu erlaben, die er erblickte, so mangelte es ihm doch keineswegs so gänzlich an dem Appetite, von welchem man sagt, daß er dem ganzen Tierreiche gemein sein soll. Neben diesem hatte er gleichfalls jenen unterscheidenden Geschmack, welcher dazu dient, die Menschen in der Wahl der Gegenstände oder des Futters für ihre verschiedenen Appetite zu leiten, und dieser lehrte ihn, Sophien als einen sehr schmackhaften Bissen zu betrachten, und sie wirklich mit eben der Begierde anzusehen, welche ein Ortolan der Seele eines Epikureers einflößt. Nun aber vermehrte der Kampf, welcher in Sophiens Seele vorging, ihre Schönheit vielmehr, als daß er solche verringert hätte; denn ihre Thränen erhöhten den Glanz ihrer Augen, und ihr Busen schwoll höher empor bei ihren Seufzern. In der That hat derjenige noch nie die Schönheit in ihrem höchsten Glanze gesehen, der sie noch nie in Kummer erblickte. Blifil sah also auf diesen menschlichen Ortolan mit größerer Begierde, als er ihn das vorige Mal betrachtet hatte, und diese Begierde ward auch nicht im geringsten durch den Abscheu vermindert, welchen er bei ihr vor seiner Person entdeckte. Er diente vielmehr dazu, das Vergnügen zu vergrößern, welches er sich beim Genuß ihrer Reize versprach, weil er der Wollust noch Triumph hinzufügte; ja, er hatte noch so einige fernere Absichten bei dem völligen unumschränkten Besitze ihrer Person, welche wir zu sehr verabscheuen', um sie nur zu nennen, und selbst die Rachgier hatte einigen Anteil mit an der behaglichen Befriedigung, die er sich versprach. Der Gedanke, daß er den Jones ausstäche und aus ihrem Herzen vertriebe, gab seinen Bewerbungen noch einen neuen Sporn, und versprach ihm einen neuen Zuwachs von Entzücken bei seinem Genuß.

Bei allen diesen Absichten, welche einigen grillenhaften Leuten vielleicht ein wenig zu stark nach Schadenfreude schmecken mögen, hatte er noch einen Punkt ins Auge gefaßt, welchen wohl wenige Leser mit großem Abscheu betrachten mögen, und dies waren Herrn Westerns Güter, die alle auf seine Tochter und deren eheliche [8] Leibeserben fallen sollten. Denn so ausschweifend war die Liebe dieses zärtlichen Vaters: wenn nur sein Kind einwilligen wollte, elend zu sein mit dem Ehemann, den er wählte, so war's ihm gleichviel, um was für einen hohen Preis er dieses väterliche Vergnügen erkaufte.

Aus diesen Gründen war Herr Blifil so begierig auf die Verbindung, daß er sich vornahm, Sophien zu täuschen, indem er sich stellte, als ob er sie liebte, und ihren Vater und seinen eignen Onkel dadurch zu hintergehen, daß er that, als ob er von ihr geliebt würde. Bei diesem Vornehmen half er sich mit der Frömmigkeit des Herrn Schwögers, welcher dafür hielt, daß, wenn der vorgesetzte Endzweck nur fromm und religiös sei (wie wirklich doch der Ehestand ist), so käm' es nicht darauf an, wenn auch die Mittel schändlich wären. So wie er bei andern Gelegenheiten die Philosophie des Herrn Quadrats anzuwenden pflegte, welche lehrte, der Endzweck sei eben nichts Wesentliches, wenn nur die Mittel rein wären und mit der moralischen Regel des Rechts bestehen könnten. Die Wahrheit zu sagen gab es wenige Vorfälle im menschlichen Leben, bei welchen er nicht aus den Lehrsätzen des einen oder des andern dieser großen Männer hätte großen Nutzen ziehen können.

Es bedurfte eben keiner großen Hinterlist oder großen Betrugs bei Herrn Western, welcher die Neigung seiner Tochter von ebenso geringer Bedeutung bei der Sache hielt, als sie dem Herrn Blifil nach seiner eigenen Meinung nötig war. Da indessen Herr Alwerth eine ganz andere Art von Gesinnungen hegte, so war es durchaus notwendig, diesen zu täuschen. Hierbei hatte unterdessen Herr Blifil an Herrn Western einen so guten Gehilfen, daß es ihm ohne Schwierigkeit gelang. Denn da Herr Alwerth von Sophiens Vater die Versicherung erhalten hatte, daß seine Tochter die erforderliche Neigung für Blifil habe und daß alles, womit er sie in Ansehung Jones' in Verdacht gehabt hätte, völlig falsch gewesen sei, so brauchte Blifil weiter nichts zu thun, als dieses Vorgeben zu bestätigen, welches er mit doppelsinnigen Worten that, daß er für sein Gewissen noch immer einen Rückhalt behielt, und er hatte das Vergnügen, seinem Onkel eine Lüge beizubringen, ohne die Sünde zu begehen, daß er sie sagte. Als er von Herrn Alwerth über den Punkt von Sophiens Neigung befragt ward, welcher sagte: er wolle auf keinerlei Weise etwas dazu beitragen, daß ein junges Frauenzimmer wider ihren Willen zu einer Heirat gezwungen würde, so antwortete er: »Es wäre sehr schwer, hinter die wahren Gesinnungen eines jungen Frauenzimmers zu kommen: ihr Benehmen gegen ihn sei völlig so gütig, als er es wünschte, und wenn er ihrem Vater glauben dürfe, so hätte sie alle die Liebe für ihn, welche nur irgend ein Liebhaber[9] sich wünschen könne. Was den Jones betrifft,« sagte er, »den ich ungern einen Schurken nenne, obgleich seine Aufführung gegen Sie, mein bester Onkel, die Benennung hinlänglich rechtfertigt, so mag ihn wohl seine große Eitelkeit oder sonst schändliche Absichten verleitet haben, sich einer Falschheit zu berühmen. Denn, wenn wirklich an Fräulein Westerns Liebe für ihn etwas Wahres gewesen wäre, so würde die Größe ihres Vermögens ihm niemals gestattet haben, sie zu verlassen, wie er doch gethan hat, wie Sie wohl wissen. Und am Ende, mein liebster Onkel, versichre ich Sie, würde ich selbst um keinen Preis in der Welt, ja um die ganze Welt selbst nicht drein willigen, das Fräulein zu heiraten, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß sie alle die Liebe zu mir hätte, welche ich von ihr wünsche.«

Diese vortreffliche Methode, eine Unwahrheit bloß mit dem Herzen zu verhandeln, ohne die Zunge einer Lüge schuldig zu machen, indem man sich des Mittels doppelsinniger Worte und Redensarten bedient, hat das Gewissen manches großen Betrügers beruhigt; und dennoch, wenn wir bedenken, daß es die Allwissenheit ist, welche sie zu hintergehen trachten, so möchte doch wohl so viel erhellen, daß diese Mittel nur einen sehr hinfälligen Trost verleihen können, und daß die künstliche und überfeine Distinktion zwischen eine Lüge mitteilen und eine Lüge sagen kaum der Mühe wert sei, welche sie dem Betrüger kostet.

Alwerth setzte kein Mißtrauen in dasjenige, was ihm die Herren Western und Blifil sagten, und der Ehekontrakt war in Zeit von zweien Tagen verabredet. Nichts blieb übrig zu thun, bevor der Priester sein Amt verrichtete, als die Amtsverrichtung des Rechtsgelehrten; aber diese drohte so viel Zeit hinwegzunehmen, daß Western sich erbot, sich lieber durch alle Arten von eidlichen Versprechungen zu binden, als das Glück des Brautpaars noch länger zu verschieben. In der That war er so ernst und dringend, daß eine gleichgültige Person daraus hätte schließen sollen, er wäre bei dieser Heirat noch mehr Hauptperson als er wirklich war. Aber diese Hitze war ihm bei allen Gelegenheiten natürlich; und alles, was er unternahm, betrieb er auf eine Art, als ob das Gelingen dieser einzigen Sache von der Wichtigkeit wäre, daß die Glückseligkeit seines ganzen Lebens davon abhinge.

Dies vereinigte Anhalten und Andringen beider, des Schwiegervaters und Schwiegersohns, hatte vermutlich Herrn Alwerth an der weichen Seite getroffen, welcher es nicht gut übers Herz bringen konnte, die Glückseligkeit seines Nebenmenschen auf die lange Bank zu schieben, hätte Sophie selbst es nicht verhindert und solche Maßregeln ergriffen, die dem ganzen Traktate ein- für allemal ein [10] Ende machten, und beide, die Geistlichkeit und die Juristen, um die Sporteln brachten, welche diese weisen Gesellschaften für diensam erachtet haben, auf eine rechtskräftige Weise der Vermehrung des Menschengeschlechts zu legen. Davon im nächsten Kapitel ein mehreres.

Siebentes Kapitel
Siebentes Kapitel.

Eine sonderbare Entschließung Sophiens; und eine noch sonderbarere Kriegslist der Jungfer Honoria.


Jungfer Honoria war freilich hauptsächlich auf ihr eigenes Frommen bedacht; indessen war sie doch nicht so ganz ohne alle Anhänglichkeit an Sophie. Die Wahrheit zu sagen, so war es für jedermann sehr schwer, dieses junge Fräulein zu kennen, und es nicht zu lieben. Sie hörte also nicht so bald eine Neuigkeit, die ihr für ihr Fräulein von großer Wichtigkeit schien, als sie allen ihren Zorn und Unwillen, den sie vor zwei Tagen über die unfreundliche Verweisung aus Sophiens Gegenwart empfunden hatte, vergaß und stracks hinlief, ihr diese Zeitung zu hinterbringen.

Sie plumpte ebenso mit ihrer Rede heraus, als sie ins Zimmer hereingeplatzt war. »O liebst' 'R Gnaden,« sagte sie, »was sagen gnädige Frölen darzu? Mein'r Ehr', mir stehn drüber die Haare zu Berg'. Doch, dacht' ich, 's wäre meine Schuldigkeit, es 'R Gnaden zu sag'n, ob's m'r gleich Ungnädigkeit zuziehen kann; denn wir armen Bediensteten wissen nicht immer, was unsere Damens ungnädig machen kann; denn vorwahr, 'ne Kammerjungfer muß immer alles ausbad'n. Wenn unsre gnädigen Damens nicht in Laune sind, so schmälern sie mit uns, und, mein'r Ehr'! 's soll mich nicht wundern, wenn 'R Gnaden mißlaunisch wären; o ja freilich, 's muß Sie erstaunen, und erschrecken obendrein noch.« – »Liebe Nore, lasse Sie mich ohne längere Vorrede hören, was Sie hat,« sagte Sophie; »es gibt sehr wenige Dinge, ich versichre Sie, worüber ich erstaune, und noch weniger, worüber ich erschrecke.« – »Liebste 'R Gnaden,« antwortete Honoria, »vorwahr, auf meine Ehr', ich hab' unsern gnädigen Herrn mit Pastor Schickelmann so von fern sprechen hören, von'n Freischein zur Trauung hol'n, noch heut nachmittag; und mein'r Ehr, ich hört 'n sag'n, 'R Gnaden sollt'n morgen vormittag getraut werden.« Sophie ward bleich und blaß bei diesen Worten, und wiederholte hastig: »Morgen vormittag!« – »Ja, ja, 'R Gnaden; 'ch will mein'n körperlichen Eid drauf thun, daß ich's unsern gnädigen Herrn hab' sagen hören.« – »Nore,« sagte Sophie, »Sie hat mir ein solches Erstaunen und Schrecken gemacht, daß ich kaum [11] noch Atem schöpfen kann. Was soll ich bei meiner so fürchterlichen Lage anfangen?« – »Ich wollt' wünschen, 'ch könnt 'R Gnaden 'n guten Rat geben,« sagte sie. – »Thu Sie's, rate Sie mir,« sagte Sophie; »liebstes Norchen, ich bitte, gebe Sie mir einen guten Rat! Was meint Sie, würde Sie thun, wenn Sie an meiner Stelle wäre.« – »Vorwahr, gnädiges Frölen,« rief Honoria, »ich wollt' wünschen, 'R Gnaden und ich könnten tauschen; das ist, ich meine nur so, ohn' daß 's 'R Gnaden zu nah thät'; denn vorwahr! so bös mein' ich's mit 'R Gnaden nicht, daß ich wünschen sollt', Sie wären eine arme Kammerjungfer; sondern nur so, weil ich, wenn ich an 'R Gnaden Stelle wär', es mir ganz gemütlich sein sollt. Denn nach meiner geringen Meinung ist der junge Herr von Blifil ein so scharmanter, süßer, schöner Mann« – »Sage Sie mir nicht solch dummes Zeug vor!« rief Sophie. – »Dumm Zeug! dumm Zeug!« wiederholte Honoria. – »Ja, nun so! – Man mag wohl sagen: ein's Menschen sein' Speise, ist des andern Menschen sein Gift; und das ist, mein'r Ehr', ebenso wahr von's Weibsen.« – »Nore,« sagte Sophie, »ehe ich darein willigte, die Frau eines so elenden, verächtlichen Menschen zu werden, wollte ich mir einen Dolch ins Herz stoßen.« – »O Jemini! 'R Gnaden,« antwortete die andere, »vorwahr, Sie mach'n, daß 'ch zittr' und bebe, wie ein Hespenblatt. Lassen 'R Gnaden sich doch erbitten, und leid'n 'R Gnaden nicht, daß Ihnen ein so sinnloser Gedanke in 'n Kopf steige. O Jemini! Ich krieg' davon ein' Gänsehaut über mein'n ganzen Leib. O teuerste 'R Gnaden, bedenken 's doch! kein ehrlichs Begräbnis zu kriegen, bei frommer Christen Grab! und Ihre Leiche so hinschleppen zu lassen, an die Landstraßen und Zäune, und 'n großen Pfahl durchschlag'n zu lass'n, wie sie mit 'n Pachter Dreyer zu Ox-Croß umsprungen! und vorwahr, nun kann sein' arme Seele nicht zu Gnaden komm'n, und spukt da alle Nächte herum, denn 's haben 'n viel Leute gesehn. Vorwahr und sicher! Nichts in der Welt, als der leibhaftige Gott sei mit uns! kann 'n Menschen solche arge Gedanken einblasen; denn 's läßt sich nichts Aergers und Gottlosers denken. Lieber die ganze Welt zu Grund' richten, als sich Schaden an seinem eignen lieben Leibe thun; das hab' ich von mehr als ein'n P'storen sagen hören! – Wenn 'R Gnaden so 'n gräulichen Abscheu für den jungen Herrn haben, und so 'ne gräßliche Pike, daß Ihnen schon graust, wenn Sie nur dran denken, daß 'R Gnaden mit 'm zu Bett gehn soll'n! – Ja, freilich wohl, mag's solche Anterpartien in der Welt geben, daß einer lieber eine Kröte anfaßt, als das Fleisch von g'wissen Leuten. Ja, worum nicht?« –

Sophie war viel zu tief im Nachdenken versunken, um auf die vorhergehende gar ausbündige Rede ihrer Kammerjungfer die gehörige [12] Aufmerksamkeit verwenden zu können; sie fiel ihr also ein, ohne im geringsten darauf zu antworten, und sagte: »Liebes Norchen! Ich habe einen Entschluß gefaßt. Es ist bei mir ausgemacht, ich verlasse meines Vaters Haus noch diese Nacht; und wenn Sie die Freundschaft für mich hegt, die Sie mir oft beteuert hat, so wird Sie mir Gesellschaft leisten.« – »Das will ich, 'R Gnaden, so weit hin, da die Welt mit Brettern zugenagelt ist,« antwortete Honoria. »Aber ich bitt 'R Gnaden, bedenken 's wie 's gehn wird, ehr Sie 'ne unkluge That begehn. Wo könn'n 'R Gnaden wohl hingehn?« – »Ich kenne eine vornehme Dame in London,« versetzte Sophie, »die mir verwandt ist, welche verschiedene Monate bei meiner Tante auf dem Lande zubrachte, die mir während der ganzen Zeit gar viel Freundschaft erzeigte, und ein solches Wohlgefallen an meiner Gesellschaft hatte, daß sie meine Tante sehr dringend bat, sie möchte mir erlauben, daß ich mit ihr nach London gehen dürfte. Und es ist eine sehr wohlbekannte Dame, so, daß ich solche ganz leicht werde ausfragen können, und ich zweifle keineswegs, daß sie mich sehr gütig und freundschaftlich aufnehmen wird.« – – »Wohl gut, aber nicht allzugut!« versetzte Honoria. »Ich wollt' doch nicht, daß 'R Gnaden sich gar zu fest darauf verlassen thäten! Denn die erste Dame, die ich bediente, bat auch die Leute gar dringlich, 's sollten s' besuchen, und hernacher, wenn sie hörte, sie kämen: ja da ging 's ihn'n weit aus'm Wege. Darzu auch mein'r Ehr', wenn's auch dieser Dame sehr lieb wär', 'R Gnaden zu sehn, und Krety und Plethy muß das lieb sein, 'R Gnaden zu sehn, vorwahr! Aberst, wenn sie denn hört, daß 'R Gnaden so weggeloffen sind vom gnädigen Herrn« – »Da irrt' Sie sich, gute Nore,« sagte Sophie. »Sie hat gar keine so hohe Begriffe von der Macht eines Vaters, als ich habe. Denn sie bestand gar gewaltig darauf, daß ich mit nach London gehen sollte, und als ich mich weigerte, ohne Einwilligung meines Vaters mit ihr zu gehn, da lachte sie, und höhnte mich aus, und nannte mich ein einfältiges Landfräulein, und sagte, ich würde ein gehorsames Eheweib werden, weil ich ein so pflichtvolles Kind gegen meinen Vater wäre. – Sonach zweifle ich nicht, sie wird mich nicht nur aufnehmen, sondern auch beschützen, bis mein Vater, wenn er sieht, daß ich nicht mehr in seiner Gewalt bin, wieder auf billigere Gedanken gebracht werden kann.« – »Wohl gut genug,« antwortete Honoria, »aber wie meinen 'R Gnaden aus'm Hause zu komm'n? Wo nehmen Sie Pferd' her und Wagen, und so was? Denn 'R Gnaden eignes Reitpferd – ja, da wissen's die Knechte, daß 's zwischen 'n gnädigen Herrn und meiner gnädigen Frölen nicht so recht richtig ist; und Robert läßt sich ehr häng'n, als daß ers aus'm Stall läßt, wenn's unser gnädige Herr nicht selbst befiehlt.« – »Ich [13] denke aus'm Hause zu kommen, wie man daraus kommt,« sagte Sophie, »wenn man aus der Thüre geht, weil sie offen ist. Meine Füße sind, dem Himmel sei Dank, recht gut im stande mich zu tragen! Haben sie mich doch manchen langen Abend getragen, wenn ich nach einer Geige mit einem nicht sehr angenehmen Tänzer tanzte, und sicherlich werden sie mich nicht im Stiche lassen, wenn ich einem so verhaßten Tänzer auf meine ganze Lebenszeit zu entweichen suche.« – »O Jemini! Wissen 'R Gnaden auch was Sie sagen?« schrie Honoria. »Woll'n gnädiges Frölen wohl so bei nachtschlafender Zeit, so allein zu Fuß, durch Heid' und Weid gehn?« – »Nicht allein,« antwortete Sophie; »Sie hat mir ja versprochen, mir Gesellschaft zu leisten.« – »Nun ja, vorwahr!« sagte Honoria, »'ch will 'R Gnaden durch d' ganze Welt folgen. Aberst, 'R Gnaden, sind damit nicht besser, als mutterseelallein! denn ich, ja ich kann 's nicht schützen, wenn Räuber und andre Schelme Sie überfall'n sollt'n. Ach nöh! ich würd' mich eb'nso entsetzlich fürcht'n als 'R Gnaden; denn, mein' Ehr', sie würd'n uns, ohn' Gnad' und Barmherzigkeit, all' beide Notzucht anthun: und denn, bedenk'n 'R Gnaden, wie kalt die Nächte jetzunder sind! Wir frieren gewiß zu Tode.« – »Ein guter, rascher Schritt wird uns vor Kälte schützen,« antwortete Sophie. »Und wenn Sie mich nicht vor Räubern schützen kann, Honoria, so will ich Sie beschützen; denn ich will eine Pistole mitnehmen, es hängen immer welche im Vorsaale, die geladen sind.« – »Teureste 'R Gnaden,« – schrie Honoria, »Sie jagen mir größere Bangigkeit ein. Gnädigs Frölen werden's doch vorwahr nicht losschießen woll'n? Lieber laß mir's gehn, wie's der Himmel will, als 'R Gnaden das thun sollt'n.« – »Wie so?« sagte Sophie mit Lächeln; »wollte Sie nicht lieber, daß ich auf jeden Verwegenen eine Pistole abschösse, der ihre Tugend rauben wollte?« – »Wohl wahr, 'R Gnaden,« schrie Honoria, »Tugend ist 'n teur und wertes Ding! besonders vor uns arme Kammerjungfern, weil's unsre ganze Mitgabe ist, wie man wohl recht hat, zu sag'n: Aberst, ich kann's Schießen vorn Tod nicht leiden! 'S kommt so'n manch Unglück d'raus!« – »Nun gut denn!« sagte Sophie, »ich glaube, ich kann Ihre Tugend ganz wohlfeil assekurieren, wenn wir auch keine Pistolen mitnehmen; denn ich bin gesonnen, im ersten Orte, wo wir hinkommen, Pferde zu nehmen, und auf unserm Wege bis dahin werden wir schwerlich angefallen werden. Sieht Sie, Nore, zur Reise bin ich fest entschlossen, und will Sie mich begleiten, so will ich es Ihr so reichlich vergelten, als es nur immer in meinen Kräften steht.«

Dies letzte Argument hatte eine kräftigere Wirkung auf die Zofe, als alle vorhergehende; und da sie ihr Fräulein dermaßen entschlossen sah, enthielt sie sich alles fernern Ausredens. Sie fingen [14] nun an, über die Mittel und Wege zu beratschlagen, wie sie ihr Vorhaben ins Werk setzen könnten. Hier ergab sich eine härtere Schwierigkeit, die war, wie sie ihre Sachen fortschaffen wollten? Die Herrschaft war weit eher darüber hinaus, als ihre Jungfer: denn, wenn eine Dame einmal sich vorgesetzt hat, einem Liebhaber in die Arme, oder aus den Armen zu rennen, so werden alle Schwierigkeiten, zu Wasser und zu Lande, für sie bloße Kleinigkeiten. Aber Jungfer Honoria hatte nun eben solche Inspiration nicht; sie hatte keine Entzückungen zu erwarten, und keinem Entsetzen aus dem Wege zu gehen; und den wahren Wert ihrer Kleidungsstücke ungerechnet, worin ein großer Teil ihres Reichtums steckte, so hatte sie auch noch eine Art grillenhafte Liebschaft zu gewissen Röcken und dergleichen Dingen; entweder weil sie ihr gut paßten und sie gut kleideten; oder weil sie ein Geschenk von dieser oder jener werten Hand waren; oder, weil sie sie erst neulich gekauft; oder, weil sie solche schon lange gehabt hatte; oder aus andern ebenso triftigen Ursachen mehr: so, daß sie den Gedanken nicht ausstehen konnte, ihre armen Sachen Herrn Western auf Gnade und Ungnade zu überlassen, denn sie fürchtete zu sehr, er würde solche in seiner Grimmesflamme nicht verschonen.

Die sinnreiche Jungfer Honoria, nachdem sie vorher alle ihre Redekunst angewendet, ihrem Fräulein die Flucht auszureden, und fand, daß solche durchaus auf ihren Sinnen beharrte, grübelte endlich folgenden Behelf aus, ihre Sachen fortzuschaffen, daß sie sich nämlich selbst noch an eben dem Abend aus dem Hause jagen lassen wollte. Sophie erteilte dem Einfalle zwar alles verdiente Lob, zweifelte aber, ob und wie sie ihn wirklich ausführen konnte. – »O! sonst nichts!« schrie Honoria, »das lass'n 'R Gnaden mich nur über. Mein'r Ehr'! wenn wir Kammerjungfern woll'n, so wissen wir's schon so zu mach'n, daß die Herrschaften uns diese G'fälligkeit gern erweis'n; manchmal wohl, freilich! wenn 'm so mehr Lohn bei ihn'n steh'n hat, als sie eben bezahl'n könn'n, so kann 'm poch'n und verwogen thun wie 'm will, und sie stecken's all's ein, und thun, als ob sie 's nicht hören, wenn man 'n das Stühlchen für die Thüre setzt. Aberst unser Gnäd'ger ist'n ganz andrer Herre. Und derweil nun 'R Gnaden mit Gott's Gewalt noch heint Nacht auf und d'rvon wollen, vorwahr und mein'r Ehr', so will ich noch heint nachmittag mein'n Laufpaß hab'n, wie nichts!« Sonach ward beschlossen, sie solle für ihr Fräulein einige Wäsche und ein Nachtkleid zu ihren eigenen Sachen packen. Alle ihre übrigen Kleider verließ die gute Sophie mit ebenso wenigem Widerwillen, als der Bootsmann dabei fühlt, wenn er andrer Leute Frachtgüter über Bord wirft, um sein eignes Leben zu retten.

Achtes Kapitel
[15] Achtes Kapitel.

Enthält zänkische Auftritte von eben nicht ungewöhnlichem Schlage.


Jungfer Honoria war kaum von ihrem Fräulein weggegangen, als ihr etwas (denn ich möchte nicht gerne, wie das alte Weib beim Quevedo, dem Teufel durch falsche Beschuldigungen Unrecht thun, und möglich ist es doch, daß er die Hand nicht im Spiele hatte) als etwas, sage ich, ihr einblies, sie könne, wenn sie Sophien und alle ihre Geheimnisse dem Junker Western aufopferte, wahrscheinlicherweise ihr Glück machen. Mehr als eine Betrachtung rieten diese Entdeckung als vorteilhaft an. Die angenehme Aussicht auf eine hübsche Belohnung für einen dem Junker so großen und wichtigen Dienst führte ihre Habsucht in Versuchung; und dazu kamen die Gefahr bei der vorhabenden Unternehmung, die Ungewißheit der glücklichen Ausführung, die Nacht, die Kälte, die Räuber, die Keuschheitsschänder; alles empörte ihre Furcht. Und so mächtig wirkten alle diese Dinge bei ihr, daß sie beinahe entschlossen war, von der Stelle hin zum Junker zu gehen, und ihm die ganze Sache zu eröffnen. Unterdessen war sie ein zu gerechter Richter, um sogleich einer Seite Recht zu geben, ehe sie noch die andere gehört hätte. Und hier nun erschien zuerst eine Reise nach London und redete Sophiens Bestes. Sie hatte ein sehnliches Verlangen, einen Ort zu sehen, woselbst sie sich solche Wonne einbildete, die nur wenig geringer scheint, als sich ein schwärmender Heiliger den Himmel denkt. Nächst diesem wußte sie auch, Sophie sei viel freigebiger, als ihr Vater, und so versprach sich ihre Treue von dieser eine größere Belohnung, als sie durch ihre Verräterei gewinnen könnte. Sie nahm also alle die Artikel, welche ihre Furcht auf der andern Seite aufgewiegelt hatten, in ein nochmaliges scharfes Verhör; und nachdem sie die Sache ordentlich gesichtet hatte, fand sie, daß das meiste durchfiel. Da nun jetzt beide Schalen so ziemlich im Gleichgewicht schwebten, und ihre Liebe zu Sophie auf die Seite geworfen wurde, wo ihre Ehrlichkeit lag, so fing diese an, so ziemlich zu ziehen, als ihr ein Umstand in die Gedanken fiel, der eine gefährliche Wirkung hätte thun können, wäre er seiner ganzen Schwere nach auf die gegenseitige Schale gelegt worden. Dies war die Länge der Zeit, welche dazwischen verlaufen mußte, ehe Sophie im stande sein konnte, ihr Versprechen zu erfüllen; denn, ob ihr schon ihr mütterliches Vermögen nach dem Tode ihres Vaters nicht entgehen konnte, so wenig wie dreitausend Pfund Sterling, die ihr ein Oheim vermacht hatte, und welche ihr ausgezahlt werden mußten, sobald sie mündig geworden, so lag doch alles dies noch im weiten Felde, und mancherlei Zufälle konnten die aufs künftige verheißene [16] Freigebigkeit ihres Fräuleins verhindern; da hingegen die Belohnung, welche sie von Herrn Western zu erwarten hätte, unmittelbar erfolgen würde. Allein während sie noch diesen Gedanken nachhing, schickte Sophiens guter Geist, oder vielmehr der Geist, der über Jungfer Honorias Ehrlichkeit wachte, oder vielleicht auch das bloße Ungefähr, einen Zufall in die Wege, der auf einmal ihre Treue befestigte und sogar das vorhabende Geschäft erleichterte.

Die Kammerjungfer der gnädigen Tante von Western maßte sich bei verschiedenen Gelegenheiten einen großen Vorrang über Jungfer Honoria an. Erstlich war sie von vornehmerer Abkunft, denn ihre Ur-Großmutter mütterlicher Seite war eine nicht gar zu weitläufige Base von einem irländischen Reichsbaron; zweitens hatte sie mehr Jahrlohn, und endlich war sie in London gewesen und hatte folglich mehr von der vornehmen Welt gesehen. Sie hatte sich also beständig gegen Jungfer Honoria mit derjenigen steifen Zurückhaltung benommen und immer jene Merkmale des Vorrangs von ihr erzwungen, welche jede Klasse von Weibern, im Umgange mit denen von einem niedrigern Range, beobachtet und verlangt. Nun aber war Honoria mit dieser Lehre nicht zu allen Zeiten so völlig einstimmig, sondern pflegte oft den Respekt hintanzusetzen, welchen die andre von ihr begehrte. Die Kammerjungfer der ältern Dame fand an Honorias Gesellschaft nicht den mindesten Gefallen. In der That sehnte sie sich herzlich, nach dem Hause ihrer Herrschaft zurückzukehren, worin sie nach Herzenslust über alle übrigen Bediente schaltete und waltete. Es war ihr also ein böser Strich durch die Rechnung gemacht worden, als den Vormittag ihre gnädige Herrschaft, gerade da sie auf dem Punkte stand abzureisen, ihren Vorsatz geändert hatte, und sie war seitdem beständig, wie man zu sagen pflegt, voller Piken.

In dieser nicht gar sanften Laune kam sie in das Zimmer, woselbst Honoria auf die vorhin erzählte Art beratschlagte. Honoria ward ihrer nicht so bald gewahr, als sie solche auf folgende höfliche Weise anredete: »So! Mädäm, ich seh', wir werd'ns Vergnügen von Dero G'sellschaft noch läng'r hab'n! Ich fürchtet' schon, die Verunein'gung zwischen unsern gnäd'gen Herrn und Ihrer Dame hätt' uns Sie rauben woll'n.« – »Ich wees nich, Mätäm,« antwortete die andere, »wos Sie met tem Wir und Uns meenen? Kloben Se mir, ich kenne keene Perschon unterm kanzen Hooskesinde, die sich für meen Kesellschaft schickte. Ich meene, sollt' ich wohl hoffen, meine Kesellschaft sei nicht zu schlecht für Ihre Herrschaften, vom Sonntag bis zum Sonnabend henzu. Ich will das nich von Ihnen kesagt hoben, Jungfer Honoria, tänn Sie sind eene zivilisierte hübsche Jungfer, und wänn Sie eenmal nur een pischen mehr [17] von der Welt werden kesähn hoben, so werde ich mir keene Schande draus machen, mit Ihnen in London im Parke schpazieren zu köhn.« – »Daß dich! je! Wasch mir'n Pelz, und mach mir'n nicht naß!« rief Honoria. »Mein'r Ehr', die Dame thut 'n mal wieder mächtig vornehm! Jungfer Honoria! daß dich! Vorwahr, Madahme, Sie würde an meinem Zunamen nicht ersticken. Denn, obschons mein' Frölen mich Honoria nennt, so hab' ich doch ein'n Zunamen so gut als andre Leut'. Schande draus mach'n, mit mir spazieren zu gehn. Ich dacht' was mir biß! Ich meene, sollt ich wohl hoffen – ich bin eben so gut, wie Sie!« – – »Weil Sie tänn meine Höflichkeit so schlecht pelohnt,« sagte die andere, »so muß ich Ihr klaren Wein einschenken, Jungfer Honorja! daß Sie nicht so kut ischt, als ich. Ufm Lande ist mer wohl freelich kenötigt, met allerlei Fetzen vorlibe zu nehmen, davor aber, wenn ich in der Schtadt pin, so pesuch ich niemant als Kammerfrauen von Tamen vom vornähmschten Atel. Kewiß, Jungfer Honoria, es ist en kraußer Unterschied unter Ihr und mir, sollte ich wohl meenen.« – »Hoff' es gleich wiedrum so viel!« antwortete Honoria, »so'n g'wisser Unterschied in 'm Alter, und – ich denk' auch, in unsern Personen!« Sowie sie diese letzten Worte aussprach, strotzte sie mit der beleidigendsten, höhnischsten Miene vor Ihro Gnaden Kammerdienerin vorbei, warf die Nase in die Höhe, schüttelte den Kopf und knitterte ihr den Reifrock gewaltig mit ihrem eigenen zusammen. Das andre Dämchen machte eins von ihren boshaftesten Hohngesichtern, und sagte: »Keschöpf! Sie ist unter meinem Zorne! Man konnte mirsch vertänken, wänn 'ch mich durch niederträchtige Worte met so eenem frechen, naseweisen Treppenfeger kemeen machen wollte; aber, Mamselchen, tos muß ich Ihr sagen: Ihre Kemeenheeten zeigen sowohl von Ihrer schlechten Herkunft, als von Ihrer schlechten Erziehung, und beede machen Sie recht keschickt dazu, eine nietrige Aufpasserin pei eenen Landmädchen zu sein!« – »Mit Respekt von mein Frölen gesprochen«, schrie Honoria. »Solch Verwegenheit leid 'ch nicht von Ihr, mein'r Ehr, das sag' ich Sie. Sie ist ebensoviel besser, als Ihre, als sie jünger ist, und ist noch hunderttausendmal schöner!«

Hier führte das böse, oder vielmehr das gute Glück Ihro Gnaden das Fräulein von Western herbei, die ihre Jungfer in Thränen sehen mußte, welche bei ihrer Ankunft gar reichlich zu fließen begannen. Da ihre Herrschaft nach der Ursache fragte, so benachrichtigte sie ihr alsobald, ihre Thränen flössen über die grobe Behandlung, die sie von dem Geschöpfe da (womit sie Honoria meinte) hätte erleiden müssen. »Und, mein knädigste Fräulein«, fuhr sie fort, »ich hätte alles mit krausser Verachtung anhören können, was sie mir uf mich sagte, aber da hat sie die kräuliche Frechheit kehabt, [18] Ihro Knaden zu verunehren, und Ihro Knaden häßlich zu heißen. – Ja, Ihro Hochwohlkepornen Knaden, sie sagte es mir in mein Antlitz hinein, Ihro Knaden wären eene häßliche alte Katze. Ich konnt's nicht ausstehn, Ihro Knaden für häßlich ausschelten zu hören.« – »Nun, was hat Sie des Mensch seine Unverschämtheit so oft zu wiederholen?« sagten Ihro, des Fräulein von Westerns Gnaden. Und hierauf wendete sie sich zu Jungfer Honoria und fragte die, wie sie die Frechheit haben könne, ihren Namen mit Unehrerbietigkeit auszusprechen? – »Mit Unehrerbietigkeit, Ihro Gnaden!« antwortete Honoria, »ich habe R' Gnaden Namen nicht aus'm Munde gehn lass'n, gar nicht! Ich sagte nur, jemand wäre nicht so schön, als meine gnäd'ge Frölen; und vorwahr, das wissen 'R Gnad'n ja ebensogut, als ich selbst!« – »Mensch!« sagte die Dame, »ich will dich lehren, daß ein Name, wie der meinige, zu heilig ist, um über die Zunge eines solchen Schandnickels zu gehen. Und wenn mein Herr Bruder dich nicht, eh' ich noch hundert zähle, aus dem Hause weiset, so will ich unter seinem Dache kein Auge wieder zuthun. Hier von der Stelle geh' ich hin, ihn aufzusuchen, daß er dich den Augenblick aus'm Hause werfen lassen soll.« – »Aus'm Haus' werfen! mir! nun, wenn's weiter nichts ist!« schrie Honoria, »'s gibt ja mehr Plätz' in der Welt! Lieber Gott! gute Bediente wiss'n immer unterzukommen! ist's nicht hierum, so ist's dort. Und woll'n Se all' aus'm Dienst jag'n, die Sie nicht für schön halten, so wird's Ihn'n bald an Bedienten fehlen; das lassen's sich nur von mir sagen!«

Ihro Gnaden, Fräulein von Western antworteten, oder vielmehr donnerten eine Antwort: da solche aber kaum artikuliert war, so können wir die eigentlichen Worte nicht genau anführen. Wir vermeiden es also, eine Rede beizubringen, welche doch am Ende ihr nicht sonderlich zur Ehre gereichen möchte. Sie ging dann gleich darauf fort, ihren Bruder aufzusuchen, mit einem Gesicht, dergestalt aufgeschwollen von Wut, daß sie mehr einer von den drei Furien, als einer menschlichen Gestalt ähnlich sah.

Nachdem die beiden Zofen abermals allein bei einander gelassen waren, begann ein neuer Zank loszubrechen, welcher bald darauf einen thätigern Handkampf veranlaßte. In diesem neigte sich der Sieg auf die Seite des Dämchens vom mindern Range; bei alledem doch nicht ohne einigen Verlust von Blut, Haaren und Fetzen von Blonden und Flor und Musselin.

Neuntes Kapitel
[19] Neuntes Kapitel.

Das hochweise Betragen des Herrn Western in der Amtsführung eines Richters. Ein Wort ins Ohr der Landrichter über die nötigen Eigenschaften ihrer Aktuarien oder Gerichtsschreiber; nebst außerordentlichen Beispielen von väterlichem Unsinn und kindlicher Liebe.


Die Logiker beweisen zuweilen durch einen künstlichen Schluß zu viel; und die Politiker machen oft ein Projekt, das sie selbst über die Gänseweide führt. Das wäre auch der Jungfer Honoria beinahe begegnet; welche, anstatt das übrige ihrer Kleider zu retten, auf dem Punkte stand, diejenigen im Stiche lassen zu müssen, welche sie an ihrem Leibe trug: denn der Junker hatte nicht sobald vernommen, daß sie seiner Schwester unehrerbietig begegnet hätte, als er wohl zwanzig Flüche ausstieß, er wolle sie nach dem Zucht- oder Werkhause schicken.

Ihro Gnaden, Fräulein Tante von Western, waren wirklich eine gutherzige Dame und gewöhnlich von einer sehr verzeihenden Gemütsart. Sie hatten noch neulich das Vergehen eines Postillons verziehen, der ihre eigene Reisechaise angefahren und in einen Graben geworfen hatte; ja, sie hatten die Gesetze des Landes übertreten, indem sie sich geweigert, einen Straßenräuber vor Gericht zu belangen, welcher Dieselben nicht nur einer Summe Geldes, sondern sogar ihrer Ohrringe beraubt und dabei schändlich geflucht, geschworen und gesagt hatte: »So schöne Wetterhexen, wie Sie, brauchen keine Juwelen, um sich noch mehr zu putzen, hol' Sie der Satan!« Jetzt aber, so unsicher ist unsre Art zu denken, und so ungleich sind wir uns selbst, von einer Zeit zur andern! – Jetzt wollte sie von keiner Milderung hören; noch konnte die verstellte Reue der Jungfer Honoria, oder alles Bitten der Sophie für ihre Kammerjungfer, sie dahin vermögen, von ihrem ernstlichen Begehren bei ihrem Bruder abzuzustehen, seine Gerechtigkeitshiebe (denn in der That konnte man's wohl nicht Gerechtigkeitsliebe nennen) an dem Mädchen auszuüben.

Zum Glück aber besaß der Gerichtsschreiber eine Eigenschaft, welche eigentlich keinem Gerichtsschreiber bei einem Gerichtsherrn auf dem Lande abgehen sollte; nämlich, eine gewisse Kenntnis der Gesetze des Landes. Er raunte also dem Gerichtsherrn ins Ohr, daß er seine Macht überschritte, wenn er die Diener ins Zuchthaus schickte; da nichts weniger, als eine wirkliche Gewaltthätigkeit erwiesen wäre; »denn ich besorge, gestrenger Herr,« sagte er, »es ist kein Gesetz vorhanden, nach welchem Sie befugt wären, jemand wegen Mangels an guter Lebensart nach dem Werk- oder Zuchthause zu schicken.«

In Sachen von wichtigem Belang, besonders in Sachen, die [20] hochadelige Jagdfreiheit betreffend, gab der Junker eben nicht allemal sonderlich acht auf die Vorstellungen des Aktuars: denn in der That dünken sich die Erb- und Gerichtsherren in Rechtssachen von dieser Art nicht immer so genau an den Buchstaben der Gesetze gebunden zu sein. Kraft dieser willkürlichen Gewalt, und in der Absicht, die Werkzeuge, welche zum Verderben des Wildes gehören, aufzusuchen und wegzunehmen, begehen sie oft ganz mutwillig solche unbefugte Gewaltsamkeiten, die nicht nur ungesetzlich, sondern schnurstracks wider die Gesetze sind.

Jedoch war Jungfer Honorias Vergehen nicht ganz von so wichtiger Natur, oder der Gesellschaft so schädlich; hierbei betrug sich also der Richter mit einiger Achtung gegen den Rat seines Gerichtsschreibers; und wirklich hatte man über ihn schon zweimal beim Obergericht geklagt, und er war eben nicht sehr darauf gesteuert, einen dritten ähnlichen Prozeß an den Hals zu bekommen.

Der Junker, nachdem er sein Gesicht in sehr weise und sehr bedeutsame Falten gelegt und eine lange Vorrede mit manchen Hems und Has zu Markte gebracht hatte, sagte also zu seiner Schwester, »nach der Sachen reiflicher Ueberlegung ginge seine Meinung dahin, daß, weil hier kein Friedensbruch statthabe, wie die Gesetze,« sagte er, »einen Einbruch durch die Thüre, Wand, Fenster, Zaun oder Hecke, oder auch in den Knochen eines Kopfes, benennen, oder auch überhaupt gar nichts gebrochen sei, so gehe die Sache nicht so weit als auf eine Verfestigung oder Atzkosten, Wettleistung oder Gerichtskostenersatz, und also stände in den Gesetzen darauf gar keine Strafe.«

Ihro Gnaden, Fräulein von Western, versicherten, wie sie die Gesetze weit besser inne hätten: sie hätten es aus Erfahrung, daß Bediente weit strenger bestraft wären, die sich gegen ihre Herrschaften nicht mit gehöriger Ehrerbietung aufgeführt hätten, und nannten Dieselben dabei einen gewissen Unter- oder Friedensrichter in London, welcher, wie sie sagten, jeden Augenblick bereit wäre, einen Dienstboten nach dem Zuchthause zu schicken, so oft es nur die Herrschaft verlange.

»Mag wohl sein!« schrie der Junker, »mag wohl angehen in der Residenz; ufm Land' aber sind die Gesetze ganz verschieden.« Hier folgte eine lange Disputation zwischen dem Bruder und der Schwester über die Gesetze der Polizei, die wir hersetzen würden, wenn wir glaubten, daß viele von unsern Lesern sie verstehen würden. Dieses ward am Ende dem Gerichtsaktuario von beiden Parteien überlassen, welcher dann zu Gunsten des Richters entschied, und Ihro Gnaden, Fräulein von Western, waren schließlich genötigt, sich mit der Genugthuung zufriedenzustellen, daß Honoria fortgejagt ward; wozu dann Sophie ihre herzliche Einwilligung gab.

[21] Nachdem sich also Madame Fortuna nach ihrer löblichen Gewohnheit mit zwei oder drei Koboldsneckereien einen Spaß gemacht hatte, fügte sie am Ende die Sachen zum Vorteil unsrer Heldin, welcher es mit ihrer heimlichen Absicht wirklich außerordentlich glückte, wenn man bedenkt, daß es die erste war, auf die sie sich eingelassen. Und, die Wahrheit zu gestehen, habe ich oft den Schluß gemacht, daß der ehrliche Teil der Menschenkinder dem schelmischen Teile derselben weit überlegen sein würde, wenn er sich entschließen könnte, dabei nicht auf das Strafbare zu sehen, oder es auch nur der Mühe wert achtete, sich mit Quängeleien abzugeben.

Honoria spielte ihre Rolle mit der äußersten Vollkommenheit. Sie sah sich nicht sobald vor aller Zuchthausgefahr in Sicherheit (ein Wort, welches in ihrem Gemüte die schreckvollsten Ideen erregt hatte), als sie ihre kecke Miene wieder annahm, die ihre Furcht vorher ein wenig kirre gemacht hatte. Sie legte ihre Stelle mit ebensoviel verstellter Freudigkeit und wirklich mit Verachtung nieder, wie es von jeher bei Resignationen von Stellen von weit größerer Wichtigkeit der gewöhnliche Brauch gewesen ist. Wenn es dem Leser also nicht unangenehm wäre: so möchten wir lieber sagen, sie resignierte – – eine Redensart, welche in der That zu allen Zeiten, mit Absetzen oder Fortjagen, einerlei Bedeutung gehabt hat.

Herr Western gebot ihr, sie sollte eilen mit ihrem Packen; denn seine Schwester beteuerte, sie wolle keine Nacht mehr mit einem so frechen Weibsstück unter einem Dache schlafen. Sie machte sich also ans Werk, und zwar mit solchem Ernste, daß sie mit Abendanbruch fix und fertig war; da sie denn, nachdem sie ihren Lohn empfangen hatte, mit Sack und Pack davonzog; zur großen Zufriedenheit aller, doch zu keines mehr als Sophiens, welche ihre Jungfer bestellt hatte, gerade um die fürchterliche grauenvolle Gespensterzeit, zwölf Uhr, ihrer an einem gewissen Orte, nicht ferne vom Hause, zu warten, und nun anfing, sich zu ihrem eigenen Abzuge vorzubereiten.

Vorher aber sah sie sich noch genötigt, ein paar ängstliche Audienzen zu geben. Eine ihrer Tante und die andre ihrem Vater. In dieser begannen Ihro Gnaden, Fräulein Tante, in einem viel entscheidendern Tone mit ihr zu sprechen als vorher; ihr Vater aber begegnete ihr auf eine so heftige und ungestüme Weise, daß sie vor Schrecken kein ander Mittel wußte, als sich zu stellen als ob sie seinem Willen nachgäbe. Dies machte dem guten Junker ein solches Behagen, daß er seine gerunzelte Stirne in Lächeln verwandelte und seine Drohungen in Versprechungen. Er schwur es, seine Seele hänge an der ihrigen; ihre Einwilligung (denn diesen Sinn legte er den Worten bei: Sie wissen, liebster Papa, ich kann, ich [22] darf nicht ungehorsam sein, wenn Sie mir etwas so ausdrücklich befehlen) habe ihn zum glücklichsten aller sterblichen Menschen gemacht. Er gab ihr auch eine ansehnliche Banknote, um sich dafür zu kaufen, was ihr Herz gelüste, und küßte und umhalsete sie mit aller erdenklichen Zärtlichkeit; wobei ihm Freudenthränen aus den Augen rannen, die noch ein paar Augenblicke vorher Feuer und Wut auf den teuersten Gegenstand aller Neigungen seines Herzens geschossen hatten.

Beispiele eines solchen Betragens von Eltern sind so gewöhnlich, daß der Leser, wie ich nicht zweifle, sich über das ganze Benehmen des Herrn Western gar wenig wundern wird. Sollte ich mich hierin irren, so gestehe ich, daß ich's nicht zu erklären weiß; weil es wohl außer allem Streit ist, daß er seine Tochter mit höchster Zärtlichkeit liebte. Doch, das ist auch bei vielen andern der Fall, die durch ihre Aufführung ihre Kinder im höchsten Grade unglücklich gemacht haben; welches, ob es gleich fast alle Eltern ohne Ausnahme ebenso machen, mir dennoch immer als die allerunerklärbarste Ungereimtheit vorgekommen ist, die nur jemals in das Gehirn des allersonderbarsten und wunderbarsten Geschöpfes namens Mensch gekommen sein kann.

Der letztere Teil von Herrn Westerns Benehmen that eine so starke Wirkung auf das zarte Herz seiner Tochter, daß es ihr einen Gedanken eingab, den weder alle politischen Sophistereien ihrer Tante, noch alle die Drohungen ihres Vaters hatten in ihrem Kopfe rege machen können. Sie ehrte ihren Vater so kindlich und liebte ihn so aufrichtig, daß sie kaum angenehmere Empfindungen kannte, als welche sie aus dem Anteile schöpfte, den sie oft daran hatte, zu seinem Zeitvertreibe mitzuwirken, und zuweilen vielleicht zu seinen höhern Freuden; denn er konnte sein Entzücken gar nicht bergen, wenn er sie loben hörte, und diese Freude hatte er fast alle Tage. Der Gedanke also an die unermeßliche Glückseligkeit, die sie ihrem Vater dadurch gewähren würde, wenn sie in die Heirat willigte, machte einen tiefen Eindruck auf ihre Seele. Dazu gesellte sich das hohe Verdienst eines solchen Beweises von kindlichem Gehorsam, welches, da sie im Herzen wirklich viel Religion hatte, ebenfalls stark wirkte. Zuletzt, wenn sie erwog, wie viel sie selbst zu leiden haben würde, indem sie wirklich nicht viel weniger denn ein Opfer oder eine Märtyrerin der kindlichen Liebe und Pflicht würde, so fühlte sie ein sanftes Kitzeln in einer gewissen kleinen Leidenschaft, welche nun freilich zwar weder mit der Religion noch mit der Tugend in genauer Verbindung steht, dennoch oft so gefällig ist, beiden zur Ausführung ihrer Endzwecke nicht geringen Beistand zu leihen.

Sophie hatte innige Freude an der Betrachtung einer so heldenmütigen [23] That, und begann schon, sich mit etwas voreiliger Schmeichelei zu bekomplimentieren, als Kupido, welcher in ihrem Muff versteckt lag, unversehens hervorkroch und, wie der Hanswurst in einem Marionettenspiele, alles mit den Füßen um-und fortstieß. Die Wahrheit ist (denn wir halten es uns für unanständig, den Leser zu hintergehen, oder den Charakter unsrer Heldin dadurch weiß zu brennen, daß wir ihre Handlungen einer übernatürlichen Eingebung zuschreiben) der Gedanke an ihren geliebten Jones, und eine kleine Hoffnung (so entfernt als man will), in welcher er hauptsächlich mit begriffen war, warfen auf einmal alles zu Boden, was kindliche Liebe, Pflicht, Gehorsam und Stolz mit vereinten Kräften aufzubauen gestrebt hatten.

Allein bevor wir mit Sophien einen Schritt weiter gehen, müssen wir erst wieder zurücksehen, was Herr Jones macht.

Zehntes Kapitel
Zehntes Kapitel.

Verschiedene Sachen; natürlich genug, vielleicht aber –niedrig.


Der Leser wird wohl so gütig sein sich zu erinnern, daß wir zu Anfang dieses Buchs Herrn Jones auf seiner Fahrt nach Bristol verließen, woselbst er entschlossen war, sein Glück zur See zu suchen, oder, um es besser zu sagen, seinem Glücke zu Lande zu entfliehen.

Es begab sich nun, freilich nicht unerhörtermaßen, daß der Kerl, der ihm vorritt und sich also unternahm ihm den Weg zu zeigen, unglücklicherweise mit der Heerstraße nicht bekannt war, dergestalt, daß, sowie er vom rechten Wege abgekommen war und sich schämte Erkundigung einzuziehen, er immer umher wankte, bald vorwärts bald rückwärts, bis der Abend einbrach und es finster zu werden begann. Jones, welcher argwöhnte was vorging, sagte dem Pferdeknecht seinen Argwohn; aber er bestand darauf, sie wären im rechten Wege, und fügte hinzu: es müßte nicht mit rechten Dingen zugehn, wenn er den Weg auf Bristol nicht wissen sollte, obgleich in der That es mit sehr unrechten Dingen hätte zugehen müssen, wenn er ihn gewußt hätte, indem er diesen Weg in seinem Leben noch nicht gekommen war.

Jones hatte nun eben nicht solchen blinden Glauben an seinen Führer, daß er nicht im nächsten Dorfe, wo sie anlangten, den ersten besten Kerl, der ihm in Wurf kam, hätte fragen sollen, ob sie auf dem rechten Wege nach Bristol wären. – »Wo kommt Ihr d'n här?« schrie der Kerl. – »Gleichviel«, sagte Jones ein wenig hastig, »ich möchte gern wissen, ob dies die Heerstraße nach Bristol ist!«[24] – »Die Härstraße nach Bristol?« krächzt der Kerl und krauet sich hinter'm Ohre. »Nun Herr! ich j'laube schwerlich, daß Ihr auf diesem Wäje heut Obend nach Brissol kommen wäret.« – »Nun wohl, Freund,« antwortete Jones, »so sei Er so gut und sag' uns, welches der rechte Weg ist!« – »Der rechte Weg?« plärrte der Bauer, »Jod weeß, wie Ihr 'raus jekommen seid! denn dieser Wäg jeht nach G'lo'ster.« – »Gut! und welcher Weg geht nach Bristol?« sagte Jones. – »Je nun, Ihr jeht da von Brissel ab,« antwortete der Mann. – »Also,« sagte Jones, »müssen wir wieder umkehren?« – »Ja, dos müßt Ihr wohl!« sagte der Kerl. – »Wohl dann, und wenn wir wieder auf den Hügel kommen, welchen Weg müssen wir dann einschlagen?« – »Nu, denn müßt Ihr grad' vor euch wegreiten.« – »Ja, aber ich erinnere mich, da gehn zwei Wege, einer zur Rechten, und einer zur Linken.« – »Nu! da müßt Ihr den Wäg zur rechten Hand nähmen und dänn grade vor Euch wegreiten, nur jäht achtig, daß Ihr erst rächts lenkt, und dänn wieder links, und dänn hernach wied'r rächts, und das bringt Euch zum Gunker, und dänn müßt Ihr sträcks vor Euch uf'n Wäg halten und Euch links wänden.«

Nun kam noch ein andrer Kerl herbei und fragte, welchen Weg die Herren reiten wollten. – Nachdem er davon von Jones unterrichtet war, kraute er sich erst hinter'm Ohre, dann lehnte er sich auf seinen Spaten, den er in der Hand hatte, und begann ihm zu erzählen: er müsse sich ungefähr eine Viertelmeile oder so auf dem Wege rechter Hand halten, und dann müsse er sich scharf zur Linken wenden, das würd' ihn 'rum bringen zu Herrn Hans Bärnes Hofe. – »Aber wer ist denn der Herr Hanns Bärnes?« sagte Jones. – »Lieber Jott, kennt Ihr denn Herrn Hans Bärn's nicht? Wo kommt Ihr denn hähr?«

Diese beiden Kerle hatten so Jones' Geduld beinahe auf die Neige gebracht, als ein schlicht und wohl gekleideter Mann (es war wirklich ein Quäker) ihn folgendermaßen anredete: »Freund, ich merk's, du hast deinen Weg verloren, und wenn du meinem guten Rat folgen willst, so wirst du dich nicht verjebens bemühen, ihn heute Abend zu finden. Es ist beinah' schon dunkel, und die Straße ist nicht leicht zu rahmen; überdem sind die Wäge zwischen hier und Bristol nicht sicher vor Jaudieben. Hier ist eine richt jute Härberge dicht hier bei. Da kannst du für dich und dein Vieh Lebens Nahrung und Notdurft finden, und jute Härberge bis morgen.« Jones ließ sich's nach einigem Zureden gefallen, bis morgen in diesem Orte zu bleiben, und ward von seinem Freunde nach der Dorfschenke begleitet.

Der Wirt, ein sehr höflicher Kerl, sagte zu Jones, er hoffe, [25] er würde mit einer schlechten Bewirtung vorlieb nehmen, denn seine Frau wäre über Feld gegangen, habe im Hause fast alles verschlossen und die Schlüssel mitgenommen. Das wahre Verhalten an der Sache war, sie hatte eben eine Tochter, ihr Schoßkind, verheiratet, und die war diesen Morgen mit ihrem Manne nach seinem Hause gezogen, und diese nebst ihrer Mutter hatten den armen Schlucker fast rein ausgeplündert, sowohl an Hausrat, als an Geld. Er hatte freilich mehr Kinder, aber diese Tochter war der Augapfel der Mutter, und sie sorgte also nur für diese; und diesem einen Kinde zu Gefallen hätte sie alle übrigen aufgeopfert, und ihren Ehemann obendrein.

Tom Jones war zwar gar nicht zur Gesellschaft aufgelegt und wäre lieber allein gewesen. Dennoch konnte er der Zudringlichkeit des ehrlichen Quäkers nicht widerstehen, welcher um so geschäftiger war, sich zu ihm zu setzen, da er die Melancholie bemerkt hatte, welche sich in seinen Mienen und seinem Betragen äußerte, und welche der gute Quäker durch seine Unterredung ein wenig zu zerstreuen meinte.

Nachdem sie einige Zeit auf solche Weise mit einander zugebracht hatten, daß mein ehrlicher Freund hätte glauben können, er befände sich in einer von seinen stillen Zusammenkünften, fing der Quäker an, von einem oder dem andern Geiste, vermutlich wohl vom Geiste der Neugierde, getrieben zu werden, und sagte: »Freund, ich werde jewahr, dir muß ein trauriger Unfall bejegnet sein. Aber sei jutes Muts, ich bitte dich. Vielleicht hast du einen juten Freund verloren. Nun, wenn dem so ist, so mußt du bedenken, daß wir alle sterblich sind. Und warum wolltest du dich j'rämen, da du weißt, daß dein Freund davon kein Frommen hat? Wir sind alle zum Leiden jeboren; ich selbst habe meinen Kummer sowohl als du, und sehr wahrscheinlich ist er jrößer als der deinige. Ich habe zwar ein Jütjen, das mir des Gahrs seine sechshundert Thaler einträgt, und das ist so viel, daß ich nicht mehr bejähre; und ich habe ein jut Jewissen, und danke Jott, daß ich nicht bin wie von Sodom und Jommorha. Meine Jesundheit ist jut und stark, und niemand ist da, der mich um eine Schuld mahnen könnte, noch mich zu verklagen hätte, um eine bejangene Unjerechtigkeit bei der Gustitz – und doch, Freund, es sollte mir nahe jehn, wenn ich denken sollte, du wärest eben so schlimm daran als iche.«

Hier endigte der Quäker mit einem tiefen Seufzer, und Jones antwortete sogleich: »Es thut mir sehr leid, Herr, daß Sie sich unglücklich fühlen, es liege woran es liege.« – »O Freund,« erwiderte der Quäker, »es liegt an einer einijen Tochter. Die war meine j'rößeste Freude auf Erden, und die ist mir diese Woche davon jelaufen [26] und hat sich wider meinen Willen verheiratet. Ich hatte für eine hübsche Partie für sie jesorget, einen wackern, verständijen Mann, der was einzubrocken hatte; aber nein, da hört sie nur ihren eijenen Willen und Wahl, und fort ist sie jejang'n mit einem gungen Kerl, der keinen Dreyer in der Ficke hat. Wenn sie jestorben wäre, wie ich j'laube dein Freund ist, so wär' ich jelücklich jewesen.« – »Das ist sehr sonderbar, mein Herr!« sagte Jones. – »Wie so?« versetzte der Quäker. »Wäre es für sie nicht besser tot zu sein, als eine Bettlerin? Denn, wie ich jesagt habe, der Kerl hat keinen Dreier in der Ficke! und bei Mannen-Wahrheit, sie kann nicht erwarten, daß ich ihr in meinem Leben einen I'roschen jeben werde. Nein! hat sie aus Liebe jeheiratet, so mag sie nun auch von Liebe leben, wenn sie kann; lass' sie ihre Liebe zu Markte tragen und sehn, ob ihr gemand Silbergeld, oder auch nur kupferne Heller dafür jeben wird.« – »Ein jeder muß seine eigene Haut zu Markte tragen,« sagte Jones. – »Es muß schon längst,« fuhr der Quäker fort, »ein verabredetes Spiel jewesen sein, mich zu betrügen, denn sie haben sich von Kindesbeinen an jekannt, und ich habe ihr immer jegen die Liebe vorje predigt – ich habe es ihr wohl mehr als tausendmal jesagt, es wäre alles nur sündliche Thorheit damit. Ja, die listige Rahab stellte sich, als ob sie mich anhörte und alle Jelüste des Fleisches nicht achtete, und doch zuletzt aus einem Fenster im zweiten Stockwerke zu brechen! Denn ich fing wirklich an, ein wenig argwöhnisch auf sie zu werden, und hatte sie sorgfältig eingeschlossen, und war willens, sie eben des nächsten Vormittags nach meinem Sinne zu verheiraten. Aber sie machte mir mein Vorhaben in wenig Stunden zunichte und entwischte hin zu dem Liebhaber nach ihrem eijenen Kopfe, der keine Zeit verlor, denn sie waren in einer einzigen Stunde jetraut und zu Bette jebracht.«

»Aber sie sollen in ihrem janzen Leben keine Stunde so übel anjewandt haben, als diese, denn sie mögen meintwegen hungern, oder betteln, oder stehlen, was jeht mich es an. Ich will ihnen keinen Heller jeben, weder der einen noch dem andern!« Hier sprang Jones auf und sagte: »In der That, Sie müssen mich entschuldigen, ich wünsche, daß Sie mich verlassen möchten!« – »Komm, komm, Freund,« sagte der Quäker, »jib nicht Raum der Betrübnis! du siehst, es jibt noch mehr Leute, denen es unjelücklich jeht; du bist es nicht allein.« – »Ich sehe,« schrie Jones, »es gibt Tollhäusler, Narren und schlechte Buben in der Welt. Aber, Herr, lassen Sie mich Ihnen einen guten Rat geben: schicken Sie nach Ihrer Tochter und Ihrem Schwiegersohne und lassen Sie sie bei sich leben, und sein Sie nicht die einzige Ursach des Elendes einer Person, von der Sie vorgeben, daß Sie sie lieb haben.« – »Zu ihr schicken! sie wieder [27] aufnehmen!« schrie der Quäker ziemlich laut. »Lieber woll' ich zu zwei meiner ärgsten Feinde schicken, die ich in der Welt habe!« – »Nun! meinthalben,« sagte Jones, »gehen Sie nur selbst zu Hause, oder wohin Sie sonst wollen, denn ich will in solcher Gesellschaft nicht länger sitzen.« – »Ei nu, Freund,« antwortete der Quäker, »aufdringen mag ich meine Jesellschaft keinem Menschen.« Er that hiebei, als ob er Geld aus der Tasche ziehen wollte; aber Jones schob ihn mit einiger Heftigkeit zur Thüre hinaus.

Der Inhalt von des Quäkers Gespräch hatte Jones so ans Herz gegriffen, daß er die ganze Zeit über, da jener sprach, mit wilden Blicken umhersah. Dies hatte der Quäker bemerkt, und dies, zusammengenommen mit dem Uebrigen von Jones' Betragen, hatte dem ehrlichen Platthut den Einfall eingegeben, daß sein Gesellschafter wirklich und im Ernste nicht bei Sinnen wäre. Anstatt also die Beleidigung übelzunehmen, ward der Quäker von Mitleiden über seine unglücklichen Umstände gerührt; und nachdem er seine Meinung dem Wirte eröffnet hatte, bat er ihn, für seinen Gast die äußerste Sorge zu tragen und ihm ja mit der größten Höflichkeit zu begegnen.

»O nee,« sagte der Wirt, »ich werde ihm nicht so höflich begegnen, denn mir deucht, er ist mit aller seiner verbrämten Weste ebensowenig ein vornehmer Mann, als ich selbst; so en arm Spittelkind, das in en großen Gunkers Hause, ein halb Mandel Meilen von hier, aufjezogen ist, und nun aus dem Hause gejagt worden, wohl eben nicht seiner juten Aufführung wegen. Ich will'n aus'n Hause schaffen, sobald ich nur kann. Verlier' ich denn auch meine Rechnung, so ist der erste Verlust immer der beste. 'S ist noch kein Gahr her, da ist m'r en silberner Löffel weggekommen!«

»Was sprichst du da von Spittelkindern, Robert«, sagte der Quäker, »du irrst dich jewiß in deinem Mann.«

»O jar nicht,« versetzte Robert, »der Knecht der ihn hergebracht hat, der kennt ihn recht jut und hat mir's erzählt.« In der That hatte dieser Kerl sich nicht so bald am Küchenfeuer niedergesetzt, als er der ganzen Gesellschaft erzählte, was er von Jones wußte, oder nur jemals von ihm gehört hatte.

Kaum hatte der Quäker sich von diesem Kerl die Nachricht von Jones' Geburt und seinen geringen Glücksumständen geben lassen, als all sein Mitleiden für ihn verschwand, und der ehrliche schlichte Mann ging nach Hause, in nicht mindern Zorn entflammt, als etwa ein großer Herr im Ordensbande über einen empfangenen Schimpf von einer solchen Person gefühlt haben würde.

Der Wirt selbst fing an, eine ähnliche Geringschätzung für ihn zu fühlen, und diese ging so weit, daß, als Jones klingelte, um [28] sich sein Bett zeigen zu lassen, ihm gesagt wurde, er könne hier kein Bett bekommen. Neben der Verachtung über den geringen Stand seines Gastes hatte Robert auch einen heftigen Verdacht über seine Absichten gefaßt, welche, wie er voraussetzte, darauf hinausgingen, eine günstige Gelegenheit zu ersehen, um sein Haus zu bestehlen. Er hätte nun wirklich über diesen Punkt durch die kluge Vorsicht seiner Frau und Tochter sehr beruhigt sein können, welche bereits alles weggeschafft hatten, was nicht eisern Vieh und niet- und nagelfest war: aber er war von Natur argwöhnisch und war es seit dem Verlust seines silbernen Löffels noch mehr geworden, kurz die Angst, bestohlen zu werden, verschlang den tröstlichen Gedanken, daß er nicht bestehlbar wäre.

Nachdem Jones überzeugt war, daß er kein Bett haben könne, setzte er sich ganz gelassen in einen großen geflochtenen Rohrstuhl, da dann der Schlaf, welcher seit einiger Zeit seine Gesellschaft in weit bequemern Gemächern vermieden hatte, ihm in dieser niedrigen Hütte sehr großmütigerweise einen Besuch abstattete.

Der Wirt ward durch seine Furcht abgehalten, sich zur Ruhe zu begeben. Er kehrte also wieder zu seinem Küchenfeuer zurück, von wo er die einzige Thüre, die in die Gesellschaftsstube oder vielmehr in das Rauchloch ging, woselbst Jones saß, übersehen konnte. Und was die Fenster dieses ehrlichen Zimmers betraf, so waren sie so beschaffen, daß kein Geschöpf, das nur etwas größer war als eine Katze, dadurch entwischen konnte.

Elftes Kapitel
Elftes Kapitel.

Abenteuer einer Kompanie Soldaten.


Der Krugwirt, welcher seinen Sitz grade gegenüber der Thüre von der Schenkstube genommen hatte, war entschlossen, daselbst die ganze Nacht hindurch Wache zu halten. Der Pferdeknecht, der Herrn Jones hergebracht hatte, und noch ein andrer Kerl blieben lange mit ihm auf dem Posten, ob sie gleich nichts von seinem Argwohn wußten oder für sich selbst irgend einen hatten. Die wahre Ursache ihres Wachens machte demselben in der Länge selbst ein Ende. Denn diese war keine andre, als die Güte und Stärke des Biers, von welchem sie, nachdem sie ein ziemliches Maß davon eingeschlürft hatten, erst sehr laut und lärmend wurden und darnach beide in einen festen Schlaf verfielen.

Aber kein Bier oder starkes Getränke war vermögend, Roberts Furcht einzuschläfern. Er saß beständig wachend auf seinem Stuhl und wendete die Augen nicht ab von der Thüre des Zimmers, wo [29] Jones schlief, bis ein entsetzliches Donnern an der äußersten Pforte des Hofes ihn von seinem Sitze abrief und ihn nötigte aufzumachen; dies war nicht so bald geschehn, als sich seine Küche plötzlich mit Herren in roten Röcken anfüllte, die alle in solchem Getümmel auf ihn herein drängten, als ob sie's im Werk hätten, sein kleines Kastell mit Sturm einzunehmen.

Der Wirt ward nun von seinem Posten verdrängt, um seine zahlreichen Gäste mit Bier zu versorgen, welches sie mit großer Hast und Eile begehrten, und bei seinem zweiten oder dritten Transporte aus dem Keller sah er Herrn Jones vorm Feuer mitten unter den Soldaten stehn. Es ist leicht zu glauben, daß die Ankunft so vieler guten Gesellschafter allem Schlafe ein Ende machen muß, nur jenem nicht, von welchem uns der Schall der letzten Posaune wecken wird.

Nachdem die Gesellschaft so ziemlich ihren Durst gestillt hatte, blieb weiter nichts übrig, als die Rechnung zu bezahlen; ein Umstand, der oft unter der niedern Klasse der Feuergewehrhelden allerlei Unheil und Mißvergnügen zu erregen pflegt. Denn gemeiniglich finden sie es sehr schwer, die Hauptsumme nach den strengsten Regeln der Gerechtigkeit in die gehörigen Brüche zu teilen, da diese Gerechtigkeit befiehlt, daß jeder Mann nach dem Verhältnis bezahlen solle, wie er mehr oder weniger getrunken hat. Diese Schwierigkeit that sich auch bei dieser Gelegenheit hervor und sie war um so größer, als einige von den Herren in ihrer außerordentlichen Eile gleich nach dem ersten Trunke wieder abmarschiert waren und darüber vergessen hatten, zu der vorbesagten Rechnung den geringsten Beitrag zu leisten.

Es entstand nun ein heftiger Wortwechsel, wobei, wie man sagen möchte, jede Silbe mit einem Eide bekräftigt wurde, denn es wurden wirklich ebensoviel Schwüre und Flüche vorgebracht, als sonstige Silben gesprochen. In dieser Uneinigkeit sprach die ganze Gesellschaft auf einmal und zugleich und ein jeder schien auf nichts anders zu denken, als die Summe zu schmälern, die auf seinen Anteil fiel: so daß der höchst wahrscheinliche Schluß, den man voraussehen konnte, dahinaus ging, daß die Zahlung eines großen Teils der Rechnung zu Lasten des Wirts fallen oder (welches auf eins hinausläuft) unbezahlt bleiben würde.

Diese ganze Weile über war Jones in einer Unterredung mit dem Wachtmeister begriffen. Denn diesen Befehlshaber ging der Streit ganz und gar nichts an, weil er nach undenklichem Gebrauch von allen solchen Kontributionen befreit war.

Der Streit war endlich dermaßen hitzig, daß er sich auf eine militärische Entscheidung zu lenken schien, als Jones hervortrat und das ganze Getümmel auf einmal dadurch stillte, daß er erklärte, er [30] wolle die ganze Rechnung bezahlen, welche wirklich ihrem ganzen Inhalte nach nur einige Dreier über einen Gulden betrug.

Diese Erklärung erwarb dem Jones den Dank und Beifall der ganzen Kompanie. Die Ausdrücke, gnädger Junker, stattlicher Herr, nobler Mann, erschollen aus allen Ecken der Küche; ja der Wirt selbst begann eine bessere Meinung von ihm zu schöpfen und der Erzählung des Pferdeknechts beinahe nicht mehr so recht zu glauben.

Der Wachtmeister hatte dem Herrn Jones Nachricht gegeben, wie sie auf dem Marsch gegen die Rebellen begriffen wären und daß sie erwarteten von dem großen Feldherrn, dem Herzog von Cumberland, gegen den Feind angeführt zu werden. Aus diesem Umstande (welchen wir nicht für nötig erachtet haben, bekannt zu machen) mag der Leser merken, daß es grade um die Zeit war, als es mit der Rebellion zum Höchsten gediehen, und in der That waren die besoldeten Mörder jetzt nach England marschiert in der Absicht, wie man dafür hielt, des Königs Armee zu schlagen und alsdann wo möglich nach der Hauptstadt vorzudringen.

Jones hatte etwas vom Helden in der Mischung seines Temperaments und war ein herzlicher Freund von der Freiheit des Vaterlandes und der protestantischen Religion. Es ist daher kein Wunder, daß bei Umständen, welche viel romantischere und wildere Unternehmungen gerechtfertigt haben würden, ihm der Gedanke in den Sinn kam, diesen Feldzug als Freiwilliger mitzumachen.

Unser kommandirender Wachtmeister hatte vom er sten Augenblick an, da er diese gute Gesinnung wahrnahm, alles gesagt, was in seinem Vermögen stund, um sie zu ermuntern und zu bestärken. Er erklärte diese edle Entschließung nunmehr öffentlich, welche dann mit großen Freuden von der ganzen Kompanie, die ein einstimmiges Vivat der König! und der noble Junker! schrie, aufgenommen wurde, und die Mannschaft setzte hierauf mit manchem Fluch hinzu: »Bei Euch beiden wollen wir standhaft aushalten bis auf den letzten Blutstropfen.«

Der Geselle, der den ganzen Abend mit dem Wirt und dem Pferdeknecht beim Feuer gesöffelt hatte, ward durch einige Gründe, die ihm ein Korporal in die Hand gegeben hatte, gleichfalls bewogen, den Zug mitzuthun, und nun, nachdem das Felleisen des Herrn Jones auf den Packkarren gelegt worden, stand das Heer im Begriff, sich vorwärts zu bewegen, als der Pferdeknecht, der Herrn Jones hergebracht hatte, auf ihn zuging und sagte: »Herr, ich hoffe doch, Sie werden bedenken, daß die Rosse eine ganze Nacht über die Zeit ausgeblieben sind und daß wir eine große Strecke auf dem unrechten Wege gemacht haben?« Jones wunderte sich nicht wenig über die Unverschämtheit dieses Begehrens und unterrichtete die[31] Soldaten von der Rechtmäßigkeit seiner Sache, welche alle den Kerl einstimmig verdammten, daß er sich unterstände, einen wackern Herrn beschnellen zu wollen. Einige sagten: man solle ihn krumm schließen, andere, er verdiene Spießruten zu laufen, und der Wachtmeister zeigte ihm ein spanisches Rohr, wünschte, er hätte ihn unter seiner Kompanie und schwur dabei recht herzlich, daß er sodann ein Exempel an ihm statuieren wolle.

Jones begnügte sich unterdessen mit einer verneinenden Bestrafung, ging mit seinen neuen Kriegskameraden davon und ließ dem Pferdeknechte die armselige Rache, hinter ihm her zu fluchen und zu lästern, in welches letztere der Wirt mit einstimmte und sagte: »Ja, ja, es mag mir der rechte Falk sein, versichre Euch 'n hübscher Gunker, fürwahr, der unter d' Soldaten geht! sie werden dich bebebrämten Westen, wart nur! Lieber Jott! 's ist en alt Sprichwort, aber wohl 'n wahr Wort, daß nicht alles Jold ist, was gleist. Ich bin froh, daß ich ihn aus dem Hause los bin.«

Diesen ganzen Tag über marschierten der Wachtmeister und der junge Soldat mit einander, und der erste, welches ein pfiffiger Kumpan war, erzählte dem letztern manches lustige Histörchen von seinen Feldzügen her, ob er gleich wirklich in seinem Leben noch keinen einzigen gemacht hatte, denn er war erst neulich in Dienste gekommen und hatte sich durch seine Verschlagenheit dergestalt bei seinen Offizieren in Gunst gesetzt, daß er sich zu einem Kurzgewehr emporgeschwungen hatte; hauptsächlich freilich durch sein Verdienst um die Werbung, wobei er durch seine verschmitzte List gar vortreffliche Dienste leistete.

Die Soldaten waren auf ihrem Marsche sehr lustig und fröhlich, wobei denn manche Begebenheiten erzählt wurden, welche sich in den letzten Quartieren zugetragen hatten, und jedermann hing mit vieler Freiheit den Offizieren eins an, worunter manches arg und schmutzig genug war und dicht am Verleumden herging. Dies brachte unserm Helden die Gewohnheit der Griechen und Römer in Erinnerung, nach welcher solche bei gewissen festlichen und feierlichen Gelegenheiten ihren Sklaven die Freiheit gaben, mit und über ihre Herren mit der ausgelassensten Zügellosigkeit zu sprechen.

Unsere kleine Armee, welche aus zwei Kompanien zu Fuß bestand, war nunmehr an dem Orte angelangt, wo sie den Abend Halt machen sollte. Der Wachtmeister rapportierte seinem Leutnant, der das Oberkommando hatte: Sie hätten unterwegs zwei Rekruten angeworben, wovon der eine, wie er sagte, ein so hübscher Kerl wäre, als er nur jemals einen gesehn hätte (er meinte damit den Söffler); denn er hätte fast seine sechs Fuß, wäre gut gewachsen [32] und stark von Gliedmaßen, und der andere (womit er Jones meinte) wäre für das mittelste Glied auch gut genug.

Die neuen Soldaten wurden nunmehr dem Offizier präsentiert, welcher, nachdem er vorher den vollzölligen Mann besehen hatte, hernach auch unsern Jones ins Auge nahm. Beim ersten Anblick desselben konnte sich der Leutnant einer gewissen Verwunderung nicht erwehren; denn außerdem, daß er wohlgekleidet ging und einen jungen Menschen von Erziehung verriet, hatte er auch etwas in seinen Blicken, das eine gewisse Würde anzeigte, welches man unter dem gemeinen Haufen selten antrifft und welches wirklich auch nicht immer ganz unzertrennlich mit der Gesichtsgestalt der Vornehmern verbunden ist.

»Mein Herr,« sagte der Leutnant, »mein Wachtmeister rapportiert mir, daß Sie gesonnen sind, sich bei der Kompanie, welche jetzt unter meinem Befehle steht, enrollieren zu lassen. Wenn das Ihr Vorsatz ist, mein Herr, so werden wir einen jungen Mann mit vielem Vergnügen annehmen, welcher der Kompanie so viele Ehre verspricht, indem er unter derselben die Waffen führen will.«

Jones antwortete: »Er habe kein Wort davon gesagt, daß er sich wolle enrollieren lassen; er wäre der rühmlichen Sache, für welche sie zu fechten gingen, mit herzlichem Eifer zugethan und wünschte sehr, als ein Freiwilliger zu dienen.« Er beschloß damit, daß er dem Leutnant einige Komplimente machte und ihm bezeugte, wie glücklich er sich schätzen würde, wenn er unter seinen Befehlen stehen sollte.

Der Leutnant erwiderte seine Höflichkeit, lobte sei nen Entschluß, schüttelte ihm die Hand und lud ihn ein, mit ihm und den übrigen Offizieren zu Mittag zu essen.

Zwölftes Kapitel
Zwölftes Kapitel.

Abenteuer einer Gesellschaft von Offizieren.


Der Leutnant, dessen wir im vorigen Kapitel erwähnt haben und welcher diesen kleinen Haufen kommandierte, war beinahe sechzig Jahre alt. Er war sehr jung in Kriegsdienste getreten und hatte schon als Fähnrich der Schlacht bei Tannieres beigewohnt. Hier empfing er zwei Blessuren und hatte sich übrigens so wohl verhalten, daß ihn der Duke of Marlborough gleich nach der Bataille zum Leutnant avancierte.

In dieser Stelle war er seitdem beständig stehn geblieben, das heißt, seit beinahe vierzig Jahren, während welcher Zeit er eine große Anzahl hatte über sich wegspringen sehen müssen, und nun die [33] Demütigung erlebte, unter dem Kommando von Knaben zu stehen, deren Väter noch die Kinderschuhe trugen, als er schon die ersten Dienste that.

Diese Zurücksetzung im Avancement lag indessen nicht bloß daran, daß er keine Freunde unter den Großen im Kriegs-Departement hatte; er hatte das Unglück, bei seinem Obersten nicht wohl angeschrieben zu stehen, welcher seit langen Jahren schon dies Regiment hatte. Auch hatte er den Haß, welchen dieser Mann gegen ihn trug, durch kein Versäumnis oder Versehn als Offizier, auch nicht einmal durch einen Fehler als Mensch sich zugezogen, sondern hatte solchen bloß der Unbesonnenheit seiner Frau zu verdanken, welche ein schönes Frauenzimmer war, und ob sie gleich ihren Mann außerordentlich liebte, dennoch sein Avancement nicht auf Kosten gewisser Gunstbezeugungen erkaufen wollte, welche der Oberste von ihr verlangte.

Der arme Leutnant war hierin um so sonderbarer unglücklich, weil er zwar die Wirkung der Feindseligkeit seines Obersten fühlte, aber nicht einmal wußte oder argwöhnte, daß er dergleichen gegen ihn hege; denn er konnte keine Feindseligkeit vermuten, zu welcher er, nach seinem besten Bewußtsein, keine Ursach gegeben hatte. Und seine Frau, welche fürchtete, ihres Mannes zarte Begriffe von Ehre möchten ihn in schlimme Händel verwickeln, begnügte sich damit, ihre Tugend unbefleckt zu erhalten, ohne des Ruhms ihrer Eroberung zu genießen.

Dieser unglückliche Offizier (denn ich glaube ihn so nennen zu dürfen) hatte außer seinen militärischen Verdiensten noch manche andre gute Eigenschaft; denn er war ein frommer, redlicher, menschenfreundlicher Mann, und hatte sich in seinem Kommando so wohl betragen, daß er nicht nur von der Mannschaft der Kompanie, bei der er stand, sondern vom ganzen Regiment aufs äußerste geschätzt und geliebt wurde.

Die andern Offiziere, welche mit ihm marschierten, waren ein französischer Leutnant, der lange genug aus Frankreich gewesen war, um seine Muttersprache zu vergessen, aber noch nicht lange genug, um dafür eine andere zu lernen; so, daß er eigentlich gar keine Sprache redete und sich über die gemeinsten Vorfälle des Lebens kaum verständlich machen konnte. Es waren auch noch zwei Fähnriche da, aber beide sehr junge Männerchen. Der eine davon hatte bei einem Prokurator sein Handwerk lernen sollen, und der andere war der Sohn einer Frau eines Tafeldeckers beim Kriegsminister. Sobald die Mahlzeit vorbei war, erzählte Jones der Gesellschaft, wie lustig und spaßhaft die Soldaten auf ihrem Marsche gewesen: »und bei alledem,« sagte er, »so lustig und laut sie schwätzen, will [34] ich doch wohl darauf schwören, daß sie sich vielmehr gleich den Griechen, als gleich den Trojanern, betragen werden, wenn sie nur erst an den Feind kommen.« – »Griechen und Trojanern,« sagte einer von den beiden Fähnrichen, »was für Kerls sind das? Ich habe von allen Truppen in Europa gehört, aber von dergleichen noch kein Wort.«

»Nun stellen Sie sich doch nicht unwissender, als Sie sind, lieber Fähnrich,« sagte der würdige Leutnant. »Ich sollte meinen, Sie hätten von den Griechen und Trojanern dennoch etwas gehört, ob Sie gleich vielleicht niemals die Iliade des Homers in irgend einer Sprache gelesen haben mögen, welcher Dichter, wie ich mich jetzt, da dieser Herr darauf anspielt, wieder erinnere, den Marsch der Trojaner mit dem Geschnatter einer Herde Gänse vergleicht, und dagegen den stillen Marsch der Griechen vorzüglich lobt. Und auf meine Ehre die Bemerkung unsers Herrn Kadetts ist sehr richtig und treffend.«

»Die Deuvel hol'! icke sick erinnre das reckte gute!« sagte der französische Leutnant. »Mir icke das hab' gelesn in die Schul, in die Madame Daciers Uebersessenung. Von die Griech, und die Trojans mache die Krieg vor ein Dame; Oui, Oui! Ick haben gelesen all das.«

– »Zum Satan, mit all'n den Homo's!« sagte der Fähnrich Northerton! »Noch hab' ich die Striemen davon da, wo ich sitze. Da ist Tom, von unserm Regimente, der hat immer ein'n Homo in der Tasche; – verdammt will ich sein, kann ich nur dazu kommen, wenn ich ihn nicht ins Feuer werfe, und denn ist noch da der Corderius, ein ebenso verfluchtes Hurkind, das mir manche Knippchen gekostet hat.«

– »Sie sind also auf Schulen gegangen, Herr Fähnrich Northerton?« sagte der Leutnant.

»Vor allen Satan, was sollt' ich nicht!« antwortete er. »Mag mein Vater dafür braten, daß er mich hinschickte. Der alte Knasterbart wollte einen Pfaffen aus mir machen; aber, hol' mich der Teufel, dacht' ich bei mir selbst, ich will dem alten Paruckenstocke eine Nase drehen, die soll sich gewaschen haben! Nicht ein'n Pfifferling von alle dem dummen Zeuge soll'n sie mir in meinen Kopf hineinbringen! – da ist Jerom Oliver, von unserm Regiment, der stand schon auf'm Sprunge, so ein Tintenkleckser zu werden; und jammer und schade wär' das gewesen; denn, des Teufels bin ich! wenn's nicht einer der scharmantesten Kerls von der Welt ist. Aber, er hängte seinem alten Hosenschröter noch eine ärgere Nase an. Denn der Jeroms hat für alles Geld, was er dem alten Nußbeißer kostet, nicht einmal schreiben und lesen gelernt.«

[35] »Sie geben Ihrem Freunde ein sehr rühmliches Zeugnis, und ein sehr verdientes, wie ich nicht leugnen möchte,« sagte der Leutnant. »Aber, lieber Northerton, lassen Sie, ich bitte, lassen Sie das gottlose und ebenso thörichte Fluchen und Schwören beiseite; denn Sie irren sich, das versichre ich Sie heilig, wenn Sie glauben, es lasse witzig und artig. Ebenso wünschte ich, Sie folgten meinem Rate und ließen die Geistlichen ungeschoren. Spottnamen und spöttisches Witzeln über eine ganze Gesellschaft von Männern läßt sich niemals rechtfertigen; ganz vornehmlich aber nicht, wenn es über ein so heiliges oder nur ehrwürdiges Amt hergeht; denn, über die Männer im Amte spotten, ist ebensoviel, als über die Amtsverrichtung selbst spotten; und ich stelle es Ihrem Bedenken anheim, wie unanständig eine Aufführung für Männer sein muß, welche auf dem Marsche begriffen sind, für die protestantische Religion zu fechten.«

Herr Adderly (so hieß der andre Fähnrich) hatte bis dahin gesessen, und mit seinen Absätzen gespielt, und ein Liedlein mit Surdinen geträllert, ohne zu scheinen, als ob er auf die Unterredung merkte. Jetzt ließ er sich vernehmen: »O Monsieur, on ne parle pas de la Religion dans la Guerre.« – »Richtig gesagt, Töstel!« sprach Northerton. »Wenn la Religion die einzige Sache wäre, so möchten meinethalben die Pfaffen ihre Schlachten für sich allein ausfechten!«

»Ich weiß nicht, meine Herren,« sagte Jones, »was Ihre Meinung sein mag; für mein Teil aber denke ich, kein Mensch kann für eine wichtigere Sache fechten, als für seine Religion; und, so wenig ich auch in der Geschichte belesen bin, so habe ich doch immer bemerkt, daß keine Soldaten so brav gefochten haben, als die, welche der Religionseifer beseelte. Meinerseits, ob ich gleich, wie ich hoffe, meinen König und mein Vaterland ebenso aufrichtig liebe, als nur irgend ein Mann im ganzen Reiche, so hat doch die Sache der protestantischen Religion keinen geringen Anteil daran, daß ich in diesem Kriege als ein Freiwilliger zu dienen entschlossen bin.«

Hier winkte Northerton dem Adderly und raunte ihm mit einer listigen Miene ins Ohr: »Riechst du's, Adderly? Riechst du den Fuchs?« Dann wandte er sich an Jones, und sagte: »Bin sehr erfreut, daß Sie unser Regiment gewählt haben, um darin als Freiwilliger mitzugehen; denn sollte unser Feldprediger dann und wann ein Glas zuviel trinken: so sehe ich, können Sie gleich an seine Stelle treten. Ich glaube, Herr, Sie sind auf Universitäten gewest: darf ich mir die Freiheit nehmen, zu fragen, auf welcher?«

»So ferne davon, Herr Fähnrich,« antwortete Jones, »daß ich Universitäten besucht haben sollte, habe ich sogar den Vorzug vor Ihnen selbst, daß ich nicht einmal auf Schulen gewesen bin.«

[36] »Ich meinte nur so,« schrie der Fähnrich, »wegen Ihrer großen Gelehrsamkeit!« – »O, mein Herr Fähnrich,« versetzte Jones, »es ist für einen Mann ebensowohl möglich, etwas zu wissen, wenn er nicht auf Universitäten gewesen ist, als es unmöglich ist, die Schulen besucht zu haben, und dennoch nichts zu wissen.«

»Gut gesagt, junger Herr Kadett!« schrie der Leutnant. »Auf mein Wort, Herr Fähnrich Northerton, Sie thäten besser, Sie foppten ihn nicht; denn er ist Ihnen überlegen, wie Sie sehn!«

Northerton wurmte der Hieb des Jones nicht wenig; indessen dachte er doch, die Beleidigung sei nicht hinlänglich, eine Ohrfeige, einen Schurken oder Hundskopf zu rechtfertigen, welches die einzigen Antworten waren, auf die er sich eben besinnen konnte. Er schwieg also für jetzt stille; beschloß aber in seinem Sinne, die erste Gelegenheit wahrzunehmen, um den Witz mit Grobheit zu erwidern.

Jetzt kam die Reihe an Jones, ein Frauenzimmer zu nennen, auf dessen Gesundheit man trinken sollte, oder wie man's nennt, einen Toast zu geben; und er konnte sich nicht enthalten, seine teure Sophie zu nennen. Dies that er mit um so größerer Freimütigkeit, da er es für platterdings unmöglich hielt, daß jemand von den gegenwärtigen Herren die Person erraten würde, welche er meinte.

Der Leutnant aber, welcher den sogenannten Toastmaster, das ist Zeremonienmeister, bei den auszubringenden Gesundheiten vorstellte, war mit dem Namen Sophie allein nicht zufrieden, sondern sagte, er müsse auch ihren Geschlechtsnamen wissen; worauf Jones ein wenig Anstand nahm, aber gleich darauf Sophie von Western nannte. Fähnrich Northerton beteuerte, er wolle nicht auf ihre Gesundheit in einer Reihe mit seinem eigenen Toast trinken, wofern nicht jemand für ihre Würdigkeit Bürgschaft leiste, »ich kenne eine Sophie Western« sagte er, »die es fast mit der Hälfte aller jungen Kerls zu Bath zu thun gehabt hat, und vielleicht könnte es eben das Mädchen sein.« Jones versicherte ihm sehr feierlich das Gegenteil und beteuerte, das junge Frauenzimmer, das er genannt, sei von hohem Stande und großem Vermögen. »Ei, ja, ja!« sagte der Fähnrich, »das ist sie. Bei meiner Seele, 's ist dasselbige Mädchen, und wer wettet ein halb Dutzend Flaschen Burgunder? Tom Franz von unserem Regiment soll sie in jedem Weinhause in der Brückengasse uns zuführen, so wie wir da sind!« Er fuhr darauf fort, ihre Person ganz genau zu beschreiben, (denn er hatte sie dort mit ihrer Tante gesehen) und beschloß endlich damit, daß er sagte: ihr Vater besäße große Güter in Somersetshire.

Die Zärtlichkeit der Liebhaber kann nicht wohl den leisesten Spaß mit dem Namen ihrer Geliebten vertragen. Unterdessen ahndete doch Jones, der übrigens gemäß seines Temperaments Liebhaber [37] und Held genug dazu war, diese Verleumdung nicht so hastig, als er vielleicht gesollt hätte. Da er, die Wahrheit zu bekennen, von dieser Art Witz noch nicht viel erlebt hatte, so verstand er ihn wirklich nicht und bildete sich eine ganze Weile hindurch ein, Northerton habe sich in der Person seiner Geliebten geirrt. Jetzt aber wendete er sich mit einer ernstlich drohenden Miene gegen den Fähnrich und sagte: »Ich bitte, mein Herr, wählen Sie sich einen andern Gegenstand für Ihren Witz; denn, ein- für allemal ich leide keinen Mutwillen oder Spaß mit dem Charakter dieser jungen Dame.« – »Mutwillen oder Spaß! Der Teufel hol' mich, wenn ich in meinem Leben etwas ernsthafter gemeint habe! Tom Franz, von unserm Regiment, hat's zu Bath mit beiden zu thun gehabt; mit Nichte und Tante.« – »So muß ich denn im Ernst sagen,« schrie Jones, »daß der Herr einer der unverschämtesten Schurken auf Gottes Erdboden ist.«

Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Fähnrich, eine volle Weinflasche, begleitet von einer ganzen vollen Ladung von Flüchen, nach Jones' Kopfe warf; sie traf ihn ein wenig über dem Schlafe an der rechten Seite und streckte ihn augenblicklich zu Boden.

Als der Siegesheld gewahr ward, daß sein Feind ohne Bewegung vor ihm lag, und daß aus der Wunde ziemlich reichlich Blut hervorquoll, begann er darauf zu sinnen, das Schlachtfeld zu verlassen, woselbst keine Ehre mehr einzuernten war; allein der Leutnant verhinderte es, indem er sich vor die Thüre stellte und ihm solchergestalt den Rückzug abschnitt.

Northerton lag dem Leutnant sehr dringend an um seine Freiheit, indem er ihm die gefährlichen Folgen seines Bleibens zu Gemüte führte und ihn dabei fragte: was er weniger hätte thun können? »Schwere Not!« sagte er. »Ich hatte bloß meinen Spaß mit dem Kerl. Ich habe in meinem Leben kein böses Wort über Fräulein Western gehört!« – »Haben Sie nicht, wirklich?« sagte der Leutnant. »Nun, so verdienen Sie reichlich, gehangen zu werden; sowohl für Ihren Spaß, als dafür, daß Sie solche Waffen brauchen. Der Herr ist mein Arrestant, und soll keinen Schritt von dannen setzen, bis die gehörige Wache zu seiner sicheren Begleitung anlangt.«

Solch ein überwiegendes Ansehen hatte unser Leutnant über den Fähnrich, daß alle die brausende Kourage, welche unsern Held zu Boden gestreckt hatte, den besagten Fähnrich schwerlich soweit beseelt haben möchte, seinen Degen gegen den Leutnant zu ziehen, hätte er auch einen an der Seite hängen gehabt. Alle Degen aber, welche an der Seite des Eßzimmers aufgehängt waren, hatte der französische Offizier gleich beim Anbeginn des Zanks in Sicherheit[38] gebracht; so daß also Herr Fähnrich Northerton genötigt war, den Ausgang dieser Sache abzuwarten.

Der französische Herr und der Fähnrich Adderly hatten auf Verlangen des befehlhabenden Offiziers den Körpers unsers Jones von der Erde aufgehoben; da sie aber wenig oder gar keine Zeichen des Lebens an ihm spüren konnten, so ließen sie ihn wieder sinken. Adderly fluchte auf ihn, weil er ihm seine Weste blutig gemacht hätte, und der Franzose beteuerte: »Sur mon honneur! Icke, mick werd nick touchir die toter Mann; abend keört, die Kehäß von der Land ihr ängt hauf die Person, die hihm hat faß an der Leßte.«

Als sich der gute Leutnant an die Thüre stellte, ergriff er auch zugleich den Zug der Klingel und schellte; und als der Aufwärter darauf augenblicklich er schien, schickte er ihn hin, eine Rotte Musketiere und einen Wundarzt zu holen. Diese Ordre, nebst der Erzählung des Aufwärters von dem was er selbst gesehen hatte, schaffte nicht nur die Soldaten herbei, sondern brachte auch den Wirt vom Hause, seine Frau, alles Gesinde, und in der That jedermann, der sich eben in der Schenke befand, auf die Beine.

Alle Begebenheiten kurz und klein zu beschreiben und alle Gespräche des folgenden Auftritts zu erzählen, steht nicht in meinem Vermögen, ich müßte denn vierzig Federn haben und mit allen zugleich schreiben können, so, wie die Versammlung zugleich sprach. Der Leser muß sich daher mit den wichtigsten Vorfallenheiten begnügen und vielleicht schenkt er mir das übrige sehr gerne.

Das erste, was geschah, war, daß man sich der Person des Fähnrichs Northerton versicherte, welcher der Wache von sechs Mann, mit einem Korporal an ihrer Spitze, in Verwahrung gegeben und von dieser aus einem Orte weggeführt wurde, den er sehr gerne und willig verließ; sie führte ihn aber zum Unglück an einen Ort, wo er sehr ungerne hinging. Die Wahrheit zu sagen, sind die Wünsche des Ehrgeizigen sehr unstät und grillenhaft; denn denselbigen Augenblick, da dieser junge Held die obenerwähnte Ehre erhalten hatte, wäre es ihm ganz lieb gewesen, wenn er sich nach irgend einem Winkel der Welt hätte begeben können, woselbst der Ruf von seiner Heldenthat seine Ohren niemals erreicht hätte.

Es wundert uns und vielleicht auch einige Leser, wie der Leutnant, ein so würdiger guter Mann, seine erste Sorge vielmehr darauf gerichtet sein lassen konnte, den Thäter zu verfesten, als der verwundeten Person das Leben zu retten. Wir setzen diese Beobachtung hier nicht in der Absicht her, um uns anzumaßen, die Gründe für ein so sonderbares Betragen ausfindig zu machen; sondern, damit sich in der Folge nicht ein oder der andre Kritikus mit der Entdeckung breit machen könne. Wir möchten diesen Herren gerne [39] zeigen, daß wir das Sonderbare in einem Charakter ebensogut sehen können, wie sie selbst. Unser Geschäft aber ist, die Thatsachen zu erzählen, wie sie sind; und haben wir das gethan, so ist es die Sache des gelehrten und einsichtsvollen Lesers, im Originalbuche der Natur nachzuschlagen, aus welchem jede Stelle unsers Werks abgeschrieben ist, ob wir gleich nicht immer Kapitel und Seite zu unsrer Gewährleistung anführen.

Die Gesellschaft, welche nunmehr anlangte, war von einem ganz andern Schrot und Korn. Sie setzten ihre Neugierde in Ansehung der Person des Fähnrichs fürs erste beiseite, bis sie ihn hernachmals in einer weit anziehenderen Stellung zu sehen bekommen würden. Für jetzt war ihre ganze Sorge und Aufmerksamkeit auf den blutigen Gegenstand gerichtet, der vor ihnen auf dem Fußboden lag; und welcher, als man ihn auf einen Stuhl in eine aufrechte Stellung setzte, sehr bald wieder anfing, Zeichen des Lebens und der Bewegung an sich blicken zu lassen. Diese wurden nicht so bald von der Gesellschaft wahrgenommen (obgleich Jones anfänglich für völlig tot geachtet wurde), als sie flugs alle darüber herfielen, ihm Rezepte zu verschreiben, denn niemand war von dem Orden der wahren Aerzte vorhanden, sondern jedermann nahm das Amt derselben über sich.

Aderlassen! war die eintönige Stimme des ganzen versammelten Haufens im Zimmer; unglücklicherweise aber war niemand gegenwärtig, der die Operation verrichten konnte: jedermann schrie also, »laßt den Barbier kommen!« Kein Mensch aber setzte einen Fuß aus der Stelle. Verschiedne Herzstärkungen wurden ebenso vergeblicherweise verordnet; bis der Wirt eine Kanne von seinem Doppelbiere nebst einer Scheibe gerösteten Brots herzubringen befahl, welches, wie er sagte, die beste Herzstärkung von der Welt wäre.

Die einzige Person, welche die hauptsächlichsten, oder die in der That nur einige wirkliche Dienste leistete, oder doch schien als ob sie welche leisten wollte, war die Wirtin. Sie schnitt einige von ihren Haaren ab und legte solche auf die Wunde, um das Blut zu stillen. Sie machte sich selbst darüber her, mit ihrer Hand des Jünglings Schläfe zu reiben; und nachdem sie mit bitterer Verachtung von dem Bierrezepte ihres Mannes gesprochen hatte, schickte sie eine von ihren Mägden hin und ließ aus ihrem eigenen Schranke eine Flasche Branntwein holen. Sobald die gebracht war, erhielt sie's über Jones, der eben wieder zu Sinnen gekommen war, daß er einen starken, herzhaften Schluck davon nahm.

Nicht lange hierauf kam der Wundarzt, welcher, nachdem er die Wunde besichtigt, die Achseln gezuckt, den Kopf geschüttelt und alles getadelt, was bis daher gethan war, sogleich befahl, seinen Patienten [40] zu Bette zu bringen. Wir befinden für gut, ihn darin einige Zeit seiner Ruhe zu überlassen, und machen sonach diesem Kapitel ein Ende.

Dreizehntes Kapitel
Dreizehntes Kapitel.

Enthält: die große Gewandtheit der Wirtin, die große Gelehrsamkeit eines Wundarztes und die solide Wissenschaft des würdigen Leutnants in der Kasuistik.


Nachdem der verwundete Mann nach seinem Bette gebracht und das Haus von dem Getümmel, das dieser Zufall veranlaßt hatte, wieder ein wenig zur Ruhe gekommen war, wendete sich die Wirtin mit folgender Anrede an den kommandierenden Offizier: »Ich besorge,« sagte sie, »lieber Herre, der junge Mensch hat sich wider die gnädigen Herren nicht so schicklich ungebührlich aufgeführt, als er wohl sollte; und wenn er dran stürbe, so glaube ich, hätte er seine rechte Lohnung; denn das ist wahr, wenn wohlnehmende Herrn solche niedrige Menscher in ihre Gesellschaft ziegen, so sollten die sich hübsch aufführen, wie's schicklich ungebührlich für sie ist; aber wie mein Mann seliger zu sagen pflag, das weiß nicht jedermann. Ich für mein Teil, das ist richtig, ich hätt' es nicht gelitten, daß sich Burschen in honetter Herrn Gesellschaft vermengt hätten; aber ich war der Vermeinung, es wäre eben auch ein Offizierer gewesen, bis mir's der Herr Wachtmeister verzählte, es wäre nur ein Rekrut.«

»Frau Wirtin,« antwortete der Leutnant, »Sie irrt sich in der ganzen Sache. Der junge Mann hat sich recht sehr gut aufgeführt, und ist, glaub' ich, ein vornehmerer Mensch und gewiß von weit besserer Erziehung als der Fähnrich, der ihn mißhandelt hat. Sollte der junge Mensch sterben, so wird der Mann, der ihm die Bouteille an den Kopf geworfen hat, die größte Ursach haben, es zu bereuen: denn das Regiment wird dadurch einen unruhigen Stänker los, der der Armee keine Ehre macht; und wenn er den Händen der Gerechtigkeit entrinnt, so gebe Sie mir die Schuld, Frau Wirtin! Weiter sag' ich nichts.«

»Ja, ja! Du allerliebste Zeit!« sagte die Wirtin, »wer sollte so was gedacht haben! Ach ja, das ist richtig! Ihro Gnaden, Herr Leutnant, werden auf Recht und Gerechtigkeit sehen, und dies sollte billig einem jeden widerfahren. Vornehme Herrn sollten keine arme Leute totschlagen und schmeißen, ohn' es verantworten zu können. Ein arm Mensch hat doch auch eine Seele, die auch erlöst werden muß, so gut als seine Vorgesetzten.«

»In der That, Frau Wirtin,« sagte der Leutnant, »Sie thut [41] dem Volontär unrecht; ich will wohl schwören, daß er von besserer Abkunft ist, als der Offizier.«

»Ei, ei,« schrie die Wirtin, »das seh' man doch! Ja, freilich, mein Mann seliger war ein sehr vernünftiger Mann; er pflag zu sagen, man kann es dem Rock nicht immer ansehn, was für ein Mann drin steckt. Ach ja, der war auch so schlecht wohl noch nicht, denn ich habe ihn nicht eher zum ansehn gekriegt, bis er voller Blut war, wer sollte so was gedacht haben! Kann wohl sein, 's ist ein junger Herr, dem 's in der Liebe die Quere geht. Ach du liebste Zeit! Wenn er sterben sollte, welch en Herzleid würde das machen für seine lieben Eltern. Nu, das ist richtig, der Teufel, Gott sei bei uns! muß den gottlosen Bösewicht besessen haben, der eine solche That thun kann. Ja wohl wahr, wie Ihr Gnaden, Herr Leutnant sagen, er macht der Armee keine Ehre; denn die meisten von den Herrn von der Armee, die ich noch zum ansehn gekriegt habe, sind ein ganz ander Art Korn von Leuten, und haben das Ansehn darnach, daß sie ebenso milchthätig sind wie andre, um nur einen Tropfen Christenbluts zu vergießen. Ich meine, das heißt auf eine höfliche Art, wie mein Mann seliger zu sagen pflag; denn das ist richtig, wenn sie in den Krieg kommen, da muß Blutvergießen sein! Aber daran haben sie denn auch ganz recht gethan und sind davor nicht zu tadeln. Jemehr sie daran von unserm Feind totmachen, desto besser; und ich wünschte, mit Herzensgrunde, daß sie ein jegliches Mutterkind von ihnen totschießen möchten!«

»O pfui, Frau Wirtin!« sagte der Leutnant, »alle! das ist doch ein zu blutgieriger Wunsch.«

»Gar nicht, lieber Herr Leutnant,« antwortete sie; »ich bin ganz und gar nicht von den blutgierigen und falschen! Nur gegen unsre Feinde, und da ist gar keine Sünde bei. Das ist doch richtig, es ist natürlich für uns, daß wir unsre Feinde aus der Welt wünschen, damit des Krieges einmal ein Ende wäre und wir nicht mehr so viel Steuern geben dürfen: denn es ist entsetzlich, was wir alles aufblechen müssen. Ja, sehn Sie nur, wir geben allein bis auf zehn Thaler fürs Fensterlicht, und doch haben wir so viel eingehn lassen, als wir nur immer können. Das ganze Haus haben wir fast blind gemacht, das ist wahr; und so sagt' ich zu den Steuerleuten, sie sollten uns, sag' ich, ein wenig günstig sein, denn wir sind recht gute Freunde der Regierung, und das ist wahr, das sind wir, denn wir geben ihr das Geld zu ganzen Händen voll; und doch kommt mir's zuweilen vor, als ob die Regierung nicht glaubt, sie sei uns mehr schuldig, als solchen Leuten, die ihr keinen Heller bezahlen; ja, liebste Zeit, das ist so der Lauf der Welt.«

Sie war diesergestalt in dem besten Laufe ihrer Rede, als [42] der Wundarzt ins Zimmer trat. Der Leutnant fragte ihn alsobald, wie's seinem Patienten ginge? Er befriedigte ihn aber nur folgendermaßen: »Besser, glaub' ich, als es jetzt schon gegangen sein würde, wenn ich nicht dazu gerufen worden wäre, und noch ebenso wie's ist, wär' es vielleicht glücklich gewesen, wenn ich hätte früher gerufen werden können.« – »Ich hoffe, mein Herr,« sagte der Leutnant, »es zeigt sich kein Bruch im Hirnschädel?« – »Hm!« sagte der Barbier, »Frakturen sind nicht immer die gefährlichsten Symptome. Kontusionen und Lazerationen sind oft von schlimmern Phänomenis begleitet und haben fatalere Folgen als Frakturen. Leute, welche nichts von der Sache verstehen, meinen, wenn sich nur keine Frakturen am Schädel zeigen, so sei alles schon gut; da ich doch lieber sehen wollte, daß eines Menschen sein Schädel in tausend Stücke zersplittert wäre, als gewisse Kontusionen, die mir in meiner Praxis vorgekommen sind.« – »Ich hoffe,« sagte der Leutnant, »daß hier keine dergleichen Symptome vorhanden sind!« – »Symptome,« antwortete der Wundarzt, »sind nicht immer regulär oder beständig. Mir sind Symptome vorgekommen, welche des Vormittags sehr bös aussahen und sich gegen Nachmittags sehr günstig veränderten. Von Wunden, ja freilich, wird ganz richtig und wahr gesagt: Nemo repente fuit turpissimus. Ich erinnere mich, daß ich einstens zu einem Patienten gerufen wurde, der eine violente Kontusion in die Tibia gekriegt hatte, wodurch die Cutis exterior ganz lazeriert worden, dergestalt, daß eine starke Extravasation vorhanden war, und die Membrana interior war dergestalt divelliziert, daß das Os, oder der Knochen, durch die Appertur der Vulnus, oder Wunde, ganz deutlich zu sehen war. Zugleich stellten sich einige febrilische Symptomata dabei ein (denn der Puls ging hoch und indizierte viel Phlebotomia). Ich besorgte eine immediate Mortifikation. Dieser zuvorzukommen, machte ich ein großes Orifizium in die Venam des linken Arms, und zog daraus zwanzig Unzen Bluts, und ich erwartete nichts anders, als ich würde solches sehr zäh und glutinös, oder wirklich koajuliert befinden, wie es im pleureitischen Zufällen zu sein pflegt. Aber zu meinem Erstaunen fand ich es ganz hellrot und rosenfarbig; und seine Konsistenz differierte nur sehr wenig von dem Blute eines ganz gesunden Menschen. Was that ich! Ich applizierte auf die Wunde ein hübsches Foment, welches dann die erwünschte Wirkung that; und nach drei oder vier Verbänden begann die Wunde einen dicken Puß, oder Eiter, auszuwerfen, vermittelst dessen die Kohäsion – aber vielleicht drücke ich mich Ihnen nicht ganz verständlich aus.« – »Nein, wirklich nicht!« antwortete der Leutnant. »Ich kann nicht sagen, daß ich eine Silbe verstände.« – »Recht gut denn«, sagte der Barbier, »so [43] will ich Ihre Geduld nicht länger mißbrauchen. Kurz, in sechs Wochen war mein Patient wieder auf den Beinen, und zwar so flink, als er's nur jemals sein konnte, bevor er die Kontusion wegkriegte.« – »Ich wünschte, mein Herr,« sagte der Leutnant, »Sie möchten bloß die Güte haben, mir zu sagen, ob die Wunde, welche dieser junge Mensch zu bekommen das Unglück hatte, so beschaffen ist, daß sie tötlich werden kann?« – »Mein Herr Leutnant,« antwortete der Barbier, »bei einem ersten Verbande zu sagen, ob eine Wunde tötlich werden könne oder nicht, das wäre eine thörichte Anmaßung. Wir sind alle sterblich; und während einer Kur ergeben sich oft solche Symptomata, welche der geschickteste Mann in unserer Profession keineswegs vorhersehen konnte.« – »Aber, halten Sie denn dafür, daß er in Gefahr sei?« sagte der andere. – »In Gefahr! nun wahrhaftig!« schrie der Pflasterdoktor. »Von wem unter uns, der sich in der vollkommensten Gesundheit befindet, kann man wohl sagen, er befinde sich in keiner Gefahr? Kann man also wohl von einem Manne mit einer so bösen Wunde sagen, er sei außer Gefahr? Alles, was ich für jetzt noch sagen kann, ist: man hat sehr wohl gethan, daß man mich dazu gerufen hat; und vielleicht wär's noch besser gewesen, wenn man mich früher gerufen hätte. Morgen in der Frühe will ich ihn wieder besuchen, und unter der Zeit muß er sich äußerst ruhig verhalten und fein fleißig Haferwelgen trinken.« – »Wollten Sie nicht erlauben,« sagte die Wirtin, »daß man ihm ein wenig Gerstengraupenwasser mit Sekt machte?« – »Ach ja,« sagte der Arzt, »da können Sie wohl thun! Nur ja nicht zu stark! nicht zu stark von Sekt.« – »Und ein wenig Brühe von jungen Hühnchen?« fügte sie hinzu. – »Ja, ja, junge Hühnerbrüh, aber schwach,« sagte der Doktor, »ist recht gut!« – »Darf ich ihm nicht auch ein bißchen Gallert machen?« sagte die Wirtin. – »Ach ja, warum nicht?« antwortete der Doktor; »Gallerte sind sehr gut für eine Wunde, sie befördern die Kohäsion.« Und in der That war's ein Glück, daß sie nicht starke Rindfleischsuppen und stark gewürzte Brühen genannt hatte, denn der Doktor hätte gerne alles zugegeben, um nur nicht die Kundschaft des Hauses zu verlieren. Der Barbier war kaum weggegangen, als die Wirtin anfing, gegen den Leutnant seinen Ruhm auszuposaunen, denn dieser hatte, während seiner kurzen Bekanntschaft mit ihm, keine so hohe Meinung von seiner Geschicklichkeit in der Wundarzneikunst gefaßt, als diese gute Frau und die ganze Nachbarschaft umher (und zwar wirklich mit Recht) von ihm hegte. Denn, ob ich freilich wohl fürchte, daß der Doktor einen kleinen Hasenfuß in der Tasche führte, so konnte er deswegen doch ein sehr guter Wundarzt sein.

Da der Leutnant aus der gelehrten Rede des Barbiers sich [44] so viel zusammenbuchstabiert hatte, daß Herr Jones in großer Gefahr sei, so stellte er Ordre, den Fähnrich Northerton aufs strengste zu bewachen, und setzte sich vor, ihn des Morgens nach einem Friedensrichter zu begleiten, und so lange das Kommando der Truppen auf ihrem Marsche nach Glocester dem französischen Leutnant zu übertragen, welcher, ob er gleich keine einzige Sprache weder lesen, schreiben noch sprechen konnte, dennoch bei alledem ein guter Offizier war.

Des Abends spät schickte unser Leutnant zu dem Herrn Jones und ließ ihm sagen, woferne ihm ein Besuch keine Unruhe verursachte, so wolle er auf ein paar Worte zu ihm kommen. Diese Höflichkeit ward vom Herrn Jones sehr gut und mit Dankbarkeit aufgenommen, und demzufolge ging der Leutnant hinauf nach seinem Zimmer zu ihm, woselbst er den Verwundeten in weit bessern Umständen antraf, als er erwartete; sogar gab Jones seinem Freunde die Versicherung, er würde schon längst aus dem Bette aufgestanden sein, wenn ihm der Wundarzt nicht ausdrücklich das Gegenteil befohlen hätte; denn er dünke sich so wohl zu befinden, als jemals, und spüre keine andre Folgen von seiner Wunde, als große Kopfschmerzen an derselbigen Seite.

»Es sollte mir sehr lieb sein,« sagte der Leutnant, »wenn Sie sich so wohl befänden, als Sie sich's einbilden; denn so wären Sie im stande, sich ohne Aufschub Recht zu verschaffen, denn wenn sich eine Sache nicht anders ausgleichen läßt, wie es bei erfolgten Thätlichkeiten der Fall ist, so ist das beste, seinen Mann je eher je lieber vor die Klinge zu nehmen! Aber ich besorge, Sie halten sich für besser als Sie sind; und er hätte zu große Vorteile über Sie.«

»Ich will's unterdessen doch versuchen,« antwortete Jones, »wenn Sie's erlauben und so gütig sein wollen mir einen Degen zu leihen, denn ich habe keinen eigenen bei mir.«

»Mein Degen ist Ihnen herzlich gern zu Dienste, mein lieber Kamerad,« sagte der Leutnant, und küßte ihn; »Sie sind ein braver junger Mann, und ich liebe Ihren Mut; aber ich fürchte für Ihre Kräfte, denn solch ein Schlag und solch ein Blutverlust muß Sie sehr geschwächt haben, und ob Sie gleich in Ihrem Bette keinen Mangel an Kräften spüren, so möchten Sie es doch nur gar zu sehr merken, wenn Sie ein oder ein paar Gänge mit ihm gemacht hätten. Ich kann's nicht zugeben, daß sie heut abend noch mit ihm hinausgehen; ich hoffe aber, Sie werden uns einholen können, ehe wir noch viele Märsche vor Ihnen voraus haben, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, er soll Ihnen Genugthuung geben, oder der Mann, der Sie beleidigt hat, soll nicht beim Regiment bleiben.«

»Ich wünschte,« sagte Jones, »es wäre möglich, die Sache noch [45] heute abend abzumachen; da Sie mich darauf gebracht haben, so kann ich nun einmal nicht eher ruhen.«

»Schlagen Sie sich das aus dem Sinne,« erwiderte der andere. »Ein Aufschub von ein paar Tagen kann nichts verderben. Die Wunden der Ehre sind nicht wie die Wunden des Körpers, welche einen schleunigen Verband erfordern. Sie verlieren nichts dabei, wenn Sie Ihre Genugthuung acht Tage früher oder später nehmen.«

»Aber wie wär' es,« sagte Jones, »wenn es mit mir schlimmer würde und ich nun an meiner Wunde stürbe?«

»Nun alsdann,« antwortete der Leutnant, »braucht Ihre Ehre weiter gar keine Rettung! Ich selbst will Ihrem Charakter das gerechte Zeugnis geben, und vor der Welt erklären, daß Sie willens gewesen sind, den Flecken gehörig auszuwischen, wenn Sie wieder besser geworden wären.«

»Dennoch,« erwiderte Jones, »ist mir bei dem Aufschub nicht wohl zu Mute. Ich fürchte mich fast, es vor Ihnen zu gestehen, denn Sie sind ein Soldat; allein, ob ich gleich meine Jugend so ziemlich wild hingebracht habe, so bin ich doch in meinen ernsthaften Augenblicken und im Grunde meines Herzens wirklich ein Christ.«

»Das bin ich ebenfalls auch, ich versichere Sie,« sagte der Offizier: »und zwar ein so eifriger Christ, daß ich mich bei Tisch wirklich deswegen über Sie gefreut habe, daß Sie sich der Sache der Religion annahmen; und ich bin fast jetzt wirklich ein wenig böse auf Sie, mein lieber Junker, daß Sie eine Besorgnis äußern, Ihren Glauben vor irgend jemand zu bekennen.«

»Aber wie schrecklich muß es für einen Menschen sein,« sagte Jones, »der wirklich ein Christ ist, und doch gegen das ausdrückliche Verbot seiner Religion Haß und Rachgier in seinem Herzen hegt? Wie kann ich dies auf einem Krankenbett aushalten, oder wie kann ich mit dem Himmel meine Rechnung machen, solange eine solche Schuld wie diese in meinem Busen wider mich zeugt?«

»Nun, ich glaube freilich, daß ein solches Verbot vorhanden ist,« sagte der Leutnant; »allein ein Mann von Ehre kann's nicht halten; und ein Mann von Ehre müssen Sie sein, wenn Sie zur Armee gehen wollen. Ich erinnere mich, daß ich einmal diese Gewissensfrage unserem Feldprediger bei einer Bowle Punsch vorgelegt habe, und er gestand mir, daß sie schwer aufzulösen sei; sagte aber, er hoffe daß den Soldaten in diesem einen Falle etwas Nachsicht zu statten kommen möchte. Und sicherlich ist es unsere Pflicht, diese Hoffnung zu haben; denn, wer könnt' es ausstehn, ohne seine unbefleckte Ehre zu leben! Nein, mein lieber Kamerad! sei'n Sie ein guter Christ, solange Sie leben; aber dabei auch ein Mann von [46] Ehre; und lassen Sie niemals etwas auf sich sitzen! Zu einem andern Glauben soll mich weder irgend ein Buch, noch alle Pastoren und Pröpste in der ganzen Welt bereden. Ich habe meine Religion von Herzen lieb, aber meine Ehre ist mir teurer als mein Leben. Es muß ein Irrtum in die Worte des Textes gekommen sein, oder in die Uebersetzung, oder Gott weiß es, wie und wo? Aber, dem sei wie ihm wolle, ein ehrlicher Mann muß es auf die Gefahr ankommen lassen; denn seine Ehre muß er heilig achten. Und damit schlafen Sie diese Nacht nur ganz ruhig; und ich versprech' Ihnen, Sie sollen Gelegenheit bekommen, sich Recht zu schaffen und Ihre Ehre herzustellen.« Hiermit gab er dem Jones einen derben Schmatz, schüttelte ihm die Hand und nahm seinen Abschied.

Allein, obgleich dem Leutnant selbst seine Art, über seine Ehre und seine Pflichten zu denken, Zufriedenheit genug geben mochte, so wollte solche doch bei seinem Freunde nicht so recht eingreifen. Jones faßte also, nachdem er die Sache in seinen Gedanken bald hierhin geworfen hatte, bald dorthin, endlich eine Entschließung, welche der Leser im nächsten Kapitel finden wird.

Vierzehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel.

Ein wirklich grauenvolles Kapitel, und wir raten nur wenigen Lesern, sich des Abends daran zu wagen, besonders wenn sie eben allein sein sollten.


Jones schlürfte einen großen Napf junge Hühner- oder vielmehr alte Hahnenbrühe mit ebenso gutem Appetite aus, wie er wirklich den Hahn selbst verzehrt haben würde, wovon sie gekocht war, und ein Pfund Schinken obendrein; und nunmehr da er nicht weiter spürte, daß ihm an Gesundheit oder Mut etwas abginge, entschloß er sich aufzustehen und seinen Feind aufzusuchen.

Erst aber schickte er zum Wachtmeister, welches seine älteste Bekanntschaft unter diesen Herren vom Militär war. Zum Unglück war dieser Kriegsmann, nachdem er im buchstäblichen Verstande sein Bier mit Maßen getrunken hatte, auf sein Streulager zur Ruhe gegangen, auf welchem er so laut schnarchte, daß es nicht leicht war, einen Schall in seine Ohren zu bringen, der vermögend gewesen, den Schall, der durch seine Nasenlöcher ertönte, zu übertäuben.

Weil indessen Jones auf seinem Verlangen beharrte, ihn zu sprechen: so fand endlich ein schreihalsiger Kellnerbursche Mittel, ihn in seinem Schlummer zu stören, und ihm die Botschaft zu hinterbringen. Der Wachtmeister hatte solche nicht so bald verstanden, als er sich von seinem Lager erhob und, da er sich nicht von neuem [47] anzukleiden brauchte, augenblicklich seine Aufwartung machte. Jones hielt es nicht für dienlich, dem Wachtmeister sein Vorhaben zu eröffnen, ob er's gleich mit großer Sicherheit hätte thun können; denn diese Zierde des Kurzgewehrs war selbst ein Mann von Ehre und hatte seinen Mann im Zweikampf erlegt. Er würde sonach dies Geheimnis getreulich bewahrt haben, oder in der That auch ein jedes andres, auf dessen Entdeckung kein Preis gesetzt worden. Da unterdessen Jones diese Tugenden bei einer so kurzen Bekanntschaft nicht hatte entdecken können, so war seine Behutsamkeit vielleicht klug und lobenswürdig genug.

Er fing also damit an, daß er dem Wachtmeister sagte: nachdem er jetzt unter die Armee gegangen sei, schäme er sich, daß ihm etwas fehle, was vielleicht das notwendigste Bedürfnis eines Soldaten ausmache, nämlich: ein Degen; und setzte hinzu, er würde ihm unendlich verbunden sein, wenn er ihm zu einem verhelfen könnte. »Ich will Ihnen,« sagte er, »gerne jeden billigen Preis dafür bezahlen. Es kommt mir auch eben nicht auf ein silbernes Gefäß an, wenn die Klinge nur gut ist und von der Beschaffenheit, daß sie ein ehrlicher Soldat an der Hüfte tragen kann.«

Der Wachtmeister, welcher recht gut wußte was vorgegangen war, und gehört hatte, daß Jones sich in gefährlichen Umständen befände, machte aus solch einer Botschaft, zu solch einer Zeit des Nachts, und von einem Manne in solch einer Lage, den unmittelbaren Schluß, es müsse in seinem Kopfe nicht ganz richtig zugehn. Da ihm nun (um die Redensart hier in gewöhnlicher Bedeutung zu nehmen) der Kopf allemal auf der rechten Stelle stand, so bedachte er sich nicht lange, aus dem Einfalle des kranken Mannes seinen Vorteil zu ziehen. »Herr,« sagte er, »ich glaube ich kann aushelfen. Ich führe ein wackeres Ding von dem Schlage in der Kompanie. Ein silbernes Gefäß ist nun freilich nicht daran, welches, wie Sie richtig bemerken, für einen braven Soldaten sich nicht einmal schickt; aber der Griff ist doch anständig genug, und die Klinge ist so gut als eine in Europa. Es ist eine Klinge, Herr! – eine Klinge! – die – kurzum, ich will Ihnen gleich den Degen herholen, und Sie sollen ihn sehen, und sollen 'n probieren! – 'S ist mir herzlich lieb, daß ich Ihr Gnaden so wohl sehe.«

Nachdem er im Augenblick wieder mit dem Degen zurückgekommen war, gab er solchen Herrn Jones in die Hände, welcher ihn nahm, ihn auszog, und darauf dem Wachtmeister sagte, er werde wohl angehn, und ihn darauf bat, seinen Preis zu fordern.

Der Wachtmeister fing nun an, seine Ware in die Länge und Breite herauszustreichen. Er sagte, (ja er beschwor es ganz kecklich,) die Klinge wäre in der Schlacht bei Dettingen von einem französischen [48] Offizier von sehr hohem Range erbeutet. »Ich nahm s' ihm selbst,« sagt' er, »von der Seite, nachdem ich 'n eins über'n Kopf versetzt hatte. Das Gefäß war von purem Golde; das verkauft' ich an einen von unsern vornehmen Putzdocken; denn, Ihr Gnaden wissen ja wohl, daß es der Leute genug gibt, die sich mehr aus dem Gefäße machen, als aus der Klinge.«

Hier fiel ihm der andere in die Rede und bat, ihm den Preis zu sagen. Der Wachtmeister, der gar nicht anders glaubte, als Jones habe seine Sinne nicht alle beieinander und wäre seinem Ende sehr nahe, meinte er thäte Sünde, wenn er seiner eigenen Familie dadurch zu nahe thäte, daß er zu wenig forderte, begnügte sich gleichwohl, nachdem er ein paar Minuten nachgedacht hatte, damit, daß er zwanzig Stück Karolinen forderte und dabei schwur, er wollte ihn seinem eigenen Bruder nicht um weniger verkaufen.

»Zwanzig Stück Karolinen!« sagte Jones mit der äußersten Verwunderung. »Der Herr hält mich gewiß für verrückt oder meint, ich habe in meinem Leben noch keinen Degen gesehen. Zwanzig Karolinen! Ich dächte gar! Ich hätte mir nicht eingebildet, daß mich der Herr so zu prellen suchen wollte. – Da, da nehm' der Herr seinen Degen! – Doch nein, besser gedacht, will ich ihn selbst behalten und ihn morgen früh Ihrem Offizier zeigen, und ihm dabei sagen, wie viel Sie von mir dafür gefordert haben.«

Der Wachtmeister, welchem, wie wir gesagt haben, der Kopf (in sensu praedicto) allemal auf der rechten Stelle stand, und der jetzt sehr deutlich merkte, daß es mit Jones' Kopfe nicht so beschaffen sei, wie er gedacht hatte, faßte sich auf der Stelle, äffte eine ebenso große Verwunderung nach, als der andere bezeigt hatte, und sagte: »Herr, ich bin gewiß, daß ich Ihnen nicht viel vorgeschlagen habe. Daneben müssen Sie bedenken, daß ich nur den einen Degen habe, und ich's darauf wagen muß, daß mich mein Offizier bestraft, wenn ich selbst ohne 'en Degen gehe; und wahrhaftig! alles das zusammengenommen, so sollt' ich denken, zwanzig Kopfstück wär' nicht so greulich viel dafür!«

»Zwanzig Kopfstück, wie? Der Herr forderte ja den Augenblick zwanzig Stück Karolinen.« – »Wie!« schrie der Wachtmeister, »sicher, Ihr Gnaden haben nicht recht gehört, oder ich habe mich versprochen – Nu! ein Wunder ist's auch nicht; denn ich bin noch halb im Schlafe. Zwanzig Karolinen, ja das glaub' ich! Kein Wunder, daß Ihr Gnaden das so übel nahmen! ich sagte auch zwanzig Stück Karolinen! – Nein, nein, ich meinte zwanzig Kopfstück, versichere Sie; und wenn Ihr Gnaden alles recht bedenken, so hoff' ich, werden Sie den Preis so überteuer nicht finden. Es ist freilich wohl [49] wahr, daß Sie einen Degen, der ebenso hübsch aussieht, wohl für etwas weniger Geld haben könnten, aber –«

Hier unterbrach ihn Jones und sagte: »Ich bin so wenig gesonnen, lange mit Ihnen zu feilschen, daß ich Ihnen lieber noch etwas mehr geben will, als Sie fordern.« Das that er denn wirklich und sagte ihm dabei: er solle nur wieder zu Bett gehen, und er wünschte ihm auf morgen einen guten Marsch, hinzufügend, er hoffte, die Division noch wieder einzuholen, bevor sie Glocester erreicht hätte.

Der Wachtmeister nahm sehr höflichen Abschied, herzlich zufrieden mit seinem getroffenen Handel, und nicht weniger vergnügt über seine Behendigkeit, womit er den falschen Schritt gewendet hatte, wozu er durch die Meinung, daß es dem kranken Manne im Kopfe spuke, sich hatte verführen lassen.

Sobald der Wachtmeister fortgegangen war, stand Jones auf von seinem Bett, kleidete sich völlig an, und zog sogar den Rock über, welcher, da er von weißer Farbe, die Ströme von Blut sehr sichtbar zeigte, welche darüber hingeflossen waren. Er faßte darauf seinen neugekauften Degen in die Hand und war im Begriff fortzugehen, als der Gedanke an das, was er zu thun auf dem Punkt stände, ihn plötzlich überfiel, und er zu überlegen begann, daß er vielleicht innerhalb ein paar Minuten einem menschlichen Wesen das Leben nehmen, oder auch sein eigenes verlieren mochte. »Sehr gut!« sagte er, »und in was für einer Sache wage ich denn mein Leben? Nun, in Sachen meiner Ehre! Und was für ein menschliches Wesen ist es denn? Ein Schurke, der mich, ohne daß ich ihn dazu gereizt habe, beleidigt hat und beschimpft. Aber verbietet nicht die Religion, sich zu rächen? – Ja; aber die Welt dagegen befiehlt es. Wohl! soll ich aber der Welt gehorchen, und dem ausdrücklichen Befehle des Himmels und der Religion zuwider handeln? Soll ich lieber den göttlichen Zorn auf mich laden, als mich von der Welt – ha! eine feige Memme, einen nichtswürdigen Schuft nennen lassen? – Ich will nicht mehr daran denken! Ich bin entschlossen! – Ich muß mich mit ihm schlagen.«

Es war schon über zwölf Uhr, und jedermann im Hause war zu Bett gegangen, ausgenommen die Schildwache, welche vor Northertons Gefangenzimmer stand, als Jones ganz leise seine Thüre öffnete und fortging, seinen Feind aufzusuchen, von dessen gefänglichem Aufenthalte er eine vollkommene Beschreibung von dem Kellnerburschen eingezogen hatte. Man kann sich nicht leicht eine fürchterlichere Gestalt einbilden, als er jetzt vorstellte. Er hatte, wie wir bereits gesagt haben, einen hellfarbigen Rock an, der mit Strömen von Blut bedeckt war. Sein Angesicht, dem eben dieses Blut sowohl, [50] als noch zwanzig Unzen mehr fehlten, welche ihm der Wundarzt abgezapft hatte, war ganz blaß. Rund um seinen Kopf herum hatte er einen großen Verband, der so ziemlich aussah wie ein türkischer Turban. In der Rechten trug er einen Degen, und in der Linken ein Licht! so, daß der blutige Banko im Trauerspiel nicht wert war, mit ihm in Vergleichung gestellt zu werden. Im Ernst glaube ich nicht, daß jemals ein fürchterlicheres Gespenst auf einem Kirchhofe erschienen, oder in die Einbildung der guten Leute gekommen sei, welche an einem winterlangen Abend in einer Christnacht sich um ein Kaminfeuer in Somersetshire versammeln.

Als der Mann auf dem Posten unsern Helden gewahr ward, begann sein Haar ganz leise seine Grenadiermütze zu heben, und zu gleicher Zeit fingen seine Kniee an gegeneinander einen Wirbel zu schlagen; und plötzlich darauf fing sein Körper noch heftiger als in einem kalten Fieber an zu zittern. Er schoß seine Flinte ab und fiel mit dem Knall der Länge nach auf sein Angesicht nieder.

Ob Furcht oder Kourage ihn die Flinte lösen ließ, oder ob er nach dem Gegenstande seines Schreckens zielte, das kann ich nicht sagen. Wenn er aber zielte, so war er so glücklich seinen Mann zu verfehlen.

Als Jones den Mann fallen sah, argwöhnte er die Ursache seines Schreckens; und er konnte sich nicht enthalten darüber zu lächeln, ohne im geringsten die Gefahr zu überlegen, der er eben entgangen war. Er ging darauf bei dem Kerl vorbei, welcher noch immer in der Stellung lag, wie er gefallen war, und trat in das Zimmer, in welchem, wie ihm gesagt worden, der Fähnrich Northerton gefangen saß. Hier in trauriger Einsamkeit fand er – einen leeren Bierkrug auf dem Tische stehend, auf welchem etwas verschüttetes Bier herunterfloß, und dadurch den Anschein gab, als ob das Zimmer noch vor kurzem bewohnt gewesen, für jetzt aber stand es völlig leer.

Jones fing an zu vermuten, es möchte wohl nach einer andern Kammer führen. Allein, nachdem er alles rund umher durchsucht hatte, konnte er keiner andern Thüre ansichtig werden als der, durch welche er hereingekommen und vor welcher die Schildwache ihren Posten gehabt hatte. Er fing darauf an, den Fähnrich Northerton verschiedene Male bei seinem Namen zu rufen, niemand aber antwortete, und dies Rufen diente in der Welt zu nichts weiterem, als die Schildwache in ihrem Schrecken zu bestärken, welche nun überzeugt wurde, daß der Volontär an seinen Wunden gestorben und der Geist gekommen sei, seinen Mörder zu peinigen. Der Kerl lag nun da in allen Qualen der grauenhaftigsten Angst und ich möchte von Herzen wünschen, daß einige von den Schauspielern, die [51] inskünftige einen Mann vorstellen sollen, der vor Schrecken alle seine Sinne verloren hat, ihn gesehen haben möchten, damit sie lernen könnten, die Natur getreu nachahmen, anstatt, zur Freude und zum großen Wohlgefallen der obersten Galerie ihre alten Gebärdenspiele und Gaukelpossen zu treiben.

Als er merkte, daß der Vogel ausgeflogen, wenigstens verzweifelte, ihn zu finden, und mit Recht besorgte, daß der Knall der Flinte das ganze Haus in Aufruhr setzen würde, blies unser Held sein Licht aus und schlich sich leise wieder nach seiner Kammer und in sein Bette, wohin er wohl schwerlich unentdeckt gekommen sein möchte, wenn irgend jemand außer ihm in dieser Flur gewohnt hätte, ausgenommen ein einziger alter Herr, den das Podagra im Bette hielt, denn ehe er noch seine Kammerthüre erreichen konnte, war der Vorplatz, woselbst die Schildwache ihren Posten gehabt hatte, schon halb mit Leuten angefüllt. Einige waren in bloßen Hemden und andere nur halb angekleidet, alle aber befragten sich untereinander sehr ernsthaft, was denn hier vorging?

Man fand nun den Soldaten auf eben der Stelle und in eben der Positur liegen, wie wir ihn kurz vorher verlassen haben. Einige machten sich gleich darüber her, ihn aufzurichten, und einige hielten ihn für tot; diese merkten aber bald ihren Irrtum. Denn er sträubte sich nicht nur gegen diejenigen, welche ihre Hände an ihn legten, sondern fing auch an zu brüllen wie ein Ochse, weil er wirklich meinte, es wären lauter Gespenster oder höllische Geister, welche ihn anpackten. Seine Einbildungskraft war einmal mit fürchterlichen Erscheinungen angefüllt und verwandelte also alles, was er sah oder fühlte, in lauter Geister und Gespenster.

Zuletzt ward er durch die Anzahl überwältigt und wieder auf die Beine gebracht. Als man mit Licht kam und er zwei oder drei von seinen Kameraden erblickte, kam er wieder ein wenig zu Sinnen; als sie ihn aber fragten, was da vorgegangen sei, war seine Antwort: »Ach ich bin ein Kind des Todes! das ist's alles! Ich bin ein Kind des Todes! Ich kann's nicht überwinden! Ich hab'n gesehn! Ich hab'n gesehn!« – »Was hast du gesehn, Jakob?« sagte einer von den Soldaten. – »O, ich hab'n gesehn, den Volontär, der gestern totgeschmissen wurde!« Er verwünschte sich dann mit den schwersten Flüchen, wenn's nicht wahr wäre, daß er den Volontär gesehn hätte, der über und über bedeckt mit Blut und Feuer aus dem Munde und Nasenlöchern speiend, vor ihm vorbeigegangen wäre in die Kammer, woselbst Fähnrich Northerton gefangen gesessen, und drauf noch ferner gesehn hätte, wie der Geist den Fähnrich beim Halse gepackt und mit ihm unter einem Donnerschlage davongeflogen wäre.

[52] Die Erzählung fand bei den Zuhörern einen sehr günstigen Beifall. Alle gegenwärtigen Weiber glaubten steif und fest daran und baten den lieben Gott, er möchte sie doch vor Mord und Totschlag bewahren! Auch unter den Männern hatten manche Glauben an die Historie; andere aber machten sich darüber lustig und suchten sie lächerlich zu machen, und ein dabei stehender Furier sagte ganz kaltblütig: »Junger Kerl! Ihr werdet so nicht davonkommen, daß Ihr auf Eurem Posten geschlafen und geträumt habt!«

Der Grenadier versetzte: »Strafen können sie mich so viel sie wollen, aber meine Augen waren eben so wach als jetzt, und der Urian soll mich holen, wie er den Fähnrich geholt hat, wenn ich nicht den toten Mann gesehen habe, wie ich euch sage, mit so großen und glühenden Augen, als zwei große Fackeln.«

Das Haupt der Truppen und das Haupt des Hauses waren nun beide herbeigekommen: denn der erste, welcher noch nicht eingeschlafen gewesen und die Schildwache ihr Gewehr abschießen gehört, hatte es für seine Pflicht gehalten, alsobald aufzustehen, ob er gleich kein großes Unglück besorgte; da hingegen die Besorgnis der andern um ein vieles größer war, ihre Löffel und Kannen möchten sich in Marsch setzen, ohne dazu von ihr die geringste Ordre empfangen zu haben.

Unsre arme Schildwache, welcher der Anblick dieses Offiziers nicht viel willkommner war, als die Gespenstererscheinung, die er nach seinen Gedanken vorhin gesehen hatte, erzählte von neuem die grausenvolle Geschichte und zwar mit einigen Zusätzen von Blut und Feuer; er hatte aber das Unglück, bei den beiden letztgedachten Personen keinen Glauben zu finden. Denn der Offizier war, obgleich ein sehr religiöser Mann, frei von aller dergleichen abergläubischer Furcht; überdem hatte er den Jones, wie wir gesehen, noch erst so kürzlich in solchen Umständen verlassen, daß er an seinen Tod gar nicht glauben konnte. Die Wirtin ihrerseits war zwar nicht gar zu religiös, doch hatte sie keinen großen Widerwillen gegen die Lehre von Geistern und Gespenstern; aber es fand sich ein Umstand in der Erzählung, von welchem sie besser wußte, daß er falsch sei: wie wir dem Leser den Augenblick berichten wollen.

Jedoch, ob Northerton im Donner oder im Feuer davongeholt, oder auf was Weise er davongekommen war: das Gewisse von der Sache bestand darin, daß sein Körper sich nicht mehr im Gefangnenstocke finden ließ. Ueber diesen Umstand fiel der Schluß des Leutnants nicht sehr verschieden aus von dem Urteile des Furiers, dessen wir kurz vorher erwähnt haben; er befahl daher, die Schildwache auf der Stelle in Arrest zu nehmen. Sonach ward, [53] nach einem sonderbaren Laufe des Glücks (obgleich beim Soldaten nicht gar so unerhört), der Bewachende zum Bewachten.

Fünfzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel.

Ende und Ausgang des vorigen Abenteuers.


Außer dem Verdachte des Schlafens hegte der Leutnant noch einen andern und schlimmern Argwohn auf die arme Schildwache und zwar den Verdacht der Verräterei: denn weil er keine Silbe von der Gespenstererscheinung glaubte, so bildete er sich ein, das Ganze sei weiter nichts als eine Erfindung, um ihn hinters Licht zu führen, und daß beim rechten Lichte besehen der Kerl sich habe von Northerton bestechen lassen. Dies kam ihm um so wahrscheinlicher vor, je unnatürlicher die Furcht, worin er zu sein schien, bei einem Soldaten war, der das Zeugnis eines so braven und unverzagten Mannes hatte, als nur irgend einer unter dem Regimente, der in mehr als einem Treffen gewesen war, mehr als eine Wunde aufzuweisen, kurz, der sich beständig als ein wackerer Kriegsmann betragen hatte.

Damit also der Leser nicht die geringste üble Meinung von einem solchen Manne fassen möge, wollen wir's keinen Augenblick länger verschieben, seinen ehrlichen Namen von dieser Beschuldigung zu retten.

Also Herr Northerton hatte, wie wir vorhin bemerkt haben, gnug und satt an dem Ruhme, den er durch seinen Kampf davongetragen hatte. Er mochte vielleicht gesehen, gelesen oder erraten haben, daß der Neid geneigt ist, an großen Namen zu nagen. Nicht daß ich hier zu verstehen gegen wollte, als habe er nach heidnischen Vorurteilen an die Göttin Nemesis geglaubt oder ihr gar geopfert, denn genauer überlegt, bin ich überzeugt, er kannte solche nicht einmal dem Namen nach. Er war überdem von sehr thätigem Geiste und hatte eine große Antipathie gegen die engen Winterquartiere in dem Turme zu Glocester, wohin ihm leicht ein Kriminalrichter sein Billet geben möchte. Auch war er nebenher nicht ganz frei