Charlotte Brontë
Jane Eyre,
die Waise von Lowood
(Jane Eyre)

[3] Erstes Kapitel

Es war ganz unmöglich, an diesem Tage einen Spaziergang zu machen. Am Morgen waren wir allerdings während einer ganzen Stunde in den blätterlosen, jungen Anpflanzungen umhergewandert; aber seit dem Mittagessen – Mrs. Reed speiste stets zu früher Stunde, wenn keine Gäste zugegen waren – hatte der kalte Winterwind so düstere, schwere Wolken und einen so durchdringenden Regen heraufgeweht, daß von weiterer Bewegung in frischer Luft nicht mehr die Rede sein konnte.

Ich war von Herzen froh darüber: lange Spaziergänge, besonders an frostigen Nachmittagen, waren mir stets zuwider: – ein Greuel war es mir, in der rauhen Dämmerstunde nach Hause zu kommen, mit fast erfrorenen Händen und Füßen, – mit einem Herzen, das durch das Schelten Bessie's, der Kinderwärterin, bis zum Brechen schwer war, – gedemütigt durch das Bewußtsein, physisch so tief unter Eliza, John und Georgina Reed zu stehen.

Die soeben erwähnten Eliza, John und Georgina hatten sich in diesem Augenblick im Salon um ihre Mama versammelt: diese ruhte auf einem Sofa in der Nähe des Kamins und umgeben von ihren Lieblingen, die zufälligerweise in diesem Moment weder zankten noch schrieen, sah sie vollkommen glücklich aus. Mich hatte sie davon dispensiert, mich der Gruppe anzuschließen, indem sie sagte, [3] daß es sie tief unglücklich mache, gezwungen zu sein, mich fern zu halten; daß sie mich aber von Vorrechten ausschließen müsse, zu deren Genuß nur zufriedene, glückliche, kleine Kinder berechtigt seien, und daß sie mir erst verzeihen würde, wenn sie sowohl durch eigene Wahrnehmung wie durch Bessie's Worte zu der Überzeugung gelangt sein würde, daß ich in allem Ernst versuche, mir anziehendere und freundlichere Manieren, einen kindlicheren, geselligeren Charakter – ein leichteres, offenherzigeres, natürlicheres Benehmen anzueignen.

»Was sagt denn Bessie, daß ich gethan habe?« fragte ich.

»Jane, ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen; außerdem ist es gradezu widerlich, wenn ein Kind ältere Leute in dieser Weise zur Rede stellt. Augenblicklich setzest du dich irgendwo hin und schweigst, bis du freundlicher und liebenswürdiger reden kannst.«

An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer: ich schlüpfte hinein. Hier stand ein großer Bücherschrank. Bald hatte ich mich eines großen Bandes bemächtigt, nachdem ich mich zuerst vorsichtig vergewissert hatte, daß er Bilder enthalte. Ich stieg auf den Sitz in der Fenstervertiefung, zog die Füße nach und kreuzte die Beine wie ein Türke; dann zog ich die dunkelroten Moiree-Vorhänge fest zusammen und saß so in einem doppelten Versteck.

Scharlachrote Draperien schlossen mir die Aussicht zur rechten Hand; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben, die mich vor dem düstern Novembertag wohl schützten, mich aber nicht von ihm trennten. In kurzen Zwischenräumen, wenn ich die Blätter meines Buches wendete, fiel mein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als ein blasser, leerer Nebel, Wolken; im Vordergrunde der feuchte, freie Platz vor dem Hause, vom Winde entlaubte Gesträuche, und ein unaufhörlicher vom Sturm wildgepeitschter Regen.

Ich kehrte zu meinem Buche zurück – Bewicks Geschichte [4] von Englands gefiederten Bewohnern; im allgemeinen kümmerte ich mich wenig um den gedruckten Text des Werkes, und doch waren da einige einleitende Seiten, welche ich, obgleich nur ein Kind, nicht gänzlich übergehen konnte. Es waren jene, die von den Verstecken der Seevögel handelten, von jenen einsamen Felsen und Klippen, welche nur sie allein bewohnen, von der Küste Norwegens, die von ihrer äußersten südlichen Spitze, dem Lindesnäs bis zum Nordkap mit Inseln besäet ist.


Wo der nördliche Ozean, in wildem Wirbel

Um die nackten, öden Inseln tobt

Des ultima Thule; und das atlantische Meer

Sich stürmisch zwischen die Hebriden wälzt.


Auch konnte ich nicht unbeachtet lassen, was dort stand von den düsteren Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Novazemblas, Islands, Grönlands, mit dem weiten Bereich der arktischen Zone und jenen einsamen Regionen des öden Raums – jenem Reservoir von Eis und Schnee, wo fest gefrorene Felder – die Anhäufung von Jahrhunderten von Wintern – alpine Höhen auf Höhen erfroren, den Nordpol umgeben und die vervielfachte Strenge der äußersten Kälte konzentrieren. Von diesen todesweißen Regionen machte ich mir meinen eigenen Begriff: schattenhaft, wie all jene nur halb verstandenen Gedanken, die eines Kindes Hirn kreuzen, aber einen seltsam tiefen Eindruck hinterlassend. Die Worte dieser einleitenden Seiten verbanden sich mit den darauf folgenden Vignetten und gaben allen eine Bedeutung: jenem Felsen, der aus einem Meer von Wellen und Wogenschaum emporragte; dem zertrümmerten Boote, das an traurig wüster Küste gestrandet; dem kalten, geisterhaften Monde, der durch düstere Wolkenmassen auf ein sinkendes Wrack herabblickt.

Ich weiß nicht mehr, mit welchem Empfinden ich auf den stillen, einsamen Friedhof mit seinem beschriebenen Leichenstein sah, auf jenes Thor, die beiden Bäume, den [5] niedrigen Horizont, der durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondessichel, deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete.

Die beiden Schiffe, welche auf regungsloser See von einer Windstille befallen werden, hielt ich für Meergespenster.

Über den Unhold, welcher das Bündel des Diebes auf dessen Rücken fest band, eilte ich flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand des Schreckens für mich.

Und ein gleiches Entsetzen flößte mir das schwarze, gehörnte Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine Menschenmasse beobachtete, die einen Galgen umgab.

Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für meinen unentwickelten Verstand geheimnisvoll, meinem unbestimmten Empfinden unverständlich, – stets aber flößte sie mir das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem ich den Erzählungen Bessie's horchte, wenn sie zuweilen an Winterabenden in guter Laune war; dann pflegte sie ihren Plätttisch an das Kaminfeuer der Kinderstube zu bringen, erlaubte uns, unsere Stühle an denselben zu rücken, und während sie dann Mrs. Reeds Spitzenvolants bügelte und die Spitzen ihrer Nachthauben kräuselte, ergötzte sie unsere Ohren mit Erzählungen von Liebesgram und Abenteuern aus alten Märchen und noch älteren Balladen, oder – wie ich erst viel später entdeckte – aus den Blättern von Pamela, und Henry, Graf von Moreland.

Mit Bewick auf meinen Knieen war ich damals glücklich: glücklich wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Unterbrechung, eine Störung – und diese kam nur zu bald. Die Thür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.

»Bah, Frau Träumerin!« ertönte John Reeds Stimme; dann hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu finden.

»Wo zum Teufel ist sie denn?« fuhr er fort, »Lizzy! [6] Georgy!« rief er seinen Schwestern zu, »Joan ist nicht hier. Sagt doch Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist – das böse Tier!«

»Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,« dachte ich; und dann wünschte ich inbrünstig, daß er mein Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals entdeckt haben; er war langsam, sowohl von Begriffen wie in seinem Wahrnehmungsvermögen; aber Eliza steckte den Kopf zur Thür hinein und sagte sofort:

»Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh nur nach, Jack.«

Ich trat sofort heraus, denn ich zitterte bei dem Gedanken, daß der erwähnte Jack mich hervorzerren würde.

»Da bin ich, was wünscht Ihr?« fragte ich mit schlecht erheuchelter Gleichgiltigkeit.

»Sag: was wünschen Sie, Mr. Reed,« lautete seine Antwort. »Ich will, daß du hierher kommst,« und indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er mir durch eine Geste zu verstehen, daß ich näher kommen und vor ihn treten solle.

John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn Jahr alt; groß und stark für sein Alter, mit einer unreinen, ungesunden Hautfarbe; große Züge in einem breiten Gesicht, schwerfällige Gliedmaßen und große Hände und Füße. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so vollzupfropfen, daß er gallig wurde; das machte seine Augen trübe und seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause geholt »seiner zarten Gesundheit wegen«. Mr. Miles, der Direktor der Schule versicherte, daß es ihm außerordentlich gut gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich bei einer so roh ausgesprochenen Meinung und neigte mehr zu der feineren [7] und zarteren Ansicht, daß Johns blaßgelbe Farbe von Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh herrühre. –

John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine Schwestern, und eine starke Antipathie gegen mich. Er quälte und bestrafte mich; nicht zwei- oder dreimal in der Woche, nicht ein- oder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in mir fürchtete ihn, und jeder Zollbreit Fleisch auf meinen Knochen schauderte und zuckte, wenn er in meine Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte, mich ganz besinnungslos machte; denn ich hatte niemanden, der mich gegen seine Drohungen und seine Thätlichkeiten verteidigte; die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herren zu beleidigen, indem sie für mich gegen ihn Partei ergriff, und Mrs. Reed war in diesem Punkte blind und taub: sie sah niemals, wenn er mich schlug, sie hörte niemals, wenn er mich beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart that: häufiger zwar noch hinter ihrem Rücken.

Aus Gewohnheit gehorchte ich John auch dieses Mal und näherte mich seinem Stuhl: ungefähr zwei bis drei Minuten brachte er damit zu, mir seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es ohne Gefahr für seine Zungenbänder bewerkstelligen konnte; ich fühlte, daß er mich jetzt gleich schlagen würde, und obgleich ich eine tödliche Angst vor dem Schlage empfand, vermochte ich doch über die ekelerregende und häßliche Erscheinung des Burschen, der denselben austeilen würde, meine Betrachtungen anzustellen. Ich weiß nicht, ob er diese Gedanken auf meinem Gesichte las, denn plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, schlug er heftig und brutal auf mich los. Ich taumelte; dann gewann ich das Gleichgewicht wieder und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.

»Das ist für die Frechheit, daß du vor einer Weile gewagt hast, Mama eine Antwort zu geben,« sagte er, »und [8] daß du gewagt hast, dich hinter den Vorhang zu verkriechen, und für den Blick, den ich vor zwei Minuten in deinen Augen gewahrte, du Ratze, du!«

An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es mir niemals ein, irgend etwas auf dieselben zu erwidern; ich dachte nur daran, wie ich den Schlag ertragen sollte, der unfehlbar auf die Schimpfworte folgen würde.

»Was hast du da hinter dem Vorhange gemacht?« fragte er weiter.

»Ich habe gelesen.«

»Zeige mir das Buch.«

Ich ging an das Fenster zurück und holte es von dort.

»Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen; du bist eine Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein Vater hat dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und hier nicht mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammen leben, und dieselben Mahlzeiten essen wie wir, und Kleider tragen, die unsere Mama dir kaufen muß. Nun, ich werde dich lehren, zwischen meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir, und das ganze Haus gehört mir, oder wird mir wenigstens in einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Thür; nicht vor den Spiegel oder die Fenster.«

Ich that, wie mir geheißen, ohne eine Ahnung von seiner Absicht zu haben; als ich aber gewahrte, daß er das Buch emporhob und mit demselben zielte, sprang ich instinktiv zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus; jedoch nicht schnell genug; das Buch wurde geschleudert, es traf mich, und ich fiel, indem ich mit dem Kopf gegen die Thür schlug und mich verletzte. Die Wunde blutete, der Schmerz war heftig; mein Entsetzen war über den Höhepunkt hinausgegangen; andere Empfindungen bemächtigten sich meiner.

»Du böser, grausamer Bube!« schrie ich. »Du bist wie [9] ein Mörder – du bist wie ein Sklaventreiber – du bist wie die römischen Kaiser!«

Ich hatte Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und mir meine eigene Ansicht über Nero, Caligula und andere gebildet. Im Stillen hatte ich Vergleiche gezogen, welche laut zu äußern allerdings niemals meine Absicht gewesen.

»Was! Was!« schrie er. »Hat sie das zu mir gesagt? Habt ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das will ich der Mama erzählen! – Aber erst noch – –«

Er stürzte auf mich zu: ich fühlte, wie er mein Haar und meine Schulter faßte; er kämpfte mit einem verzweifelten Geschöpfe. Ich sah wirklich in ihm einen Tyrannen, – einen Mörder. Dann fühlte ich, wie einzelne Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden Schmerz: diese Empfindungen siegten für den Augenblick über die Furcht und ich trat ihm in wahnsinniger Wut entgegen. Was ich mit meinen Händen that, kann ich jetzt nicht mehr sagen, aber er schrie fortwährend »Ratze! Ratze!« und brüllte aus Leibeskräften. Hilfe war ihm nahe: Eliza und Georgina waren gelaufen, um Mrs. Reed zu holen, die nach oben gegangen war. Jetzt erschien sie auf der Scene, und ihr folgten Bessie und ihre Kammerjungfer Abbot. Man trennte uns: dann vernahm ich die Worte:

»Du liebe Zeit! Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!«

»Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen!« –

Dann fügte Mrs. Reed hinzu:

»Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein.« Vier Hände bemächtigten sich meiner sofort und man trug mich nach oben.

[10] Zweites Kapitel

Auf dem ganzen Wege leistete ich Widerstand; dies war etwas Neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und Miß Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese ohnehin schon von mir hegten. Thatsache ist, daß ich vollständig außer mir war, wie die Franzosen zu sagen pflegen; ich wußte sehr wohl, daß die Empörung dieses einen Augenblicks mir schon außergewöhnliche Strafen zugezogen haben mußte, und wie viele andere rebellische Sklaven war ich in meiner Verzweiflung fest entschlossen, bis ans Äußerste zu gehen.

»Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde Katze.«

»Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!« rief die Kammerjungfer. »Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, einen jungen Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohlthäterin! Ihren jungen Herrn!«

»Herr! Wie ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin?«

»Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie thun nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie sich und denken Sie über Ihre Schlechtigkeit und Bosheit nach!«

Inzwischen hatten sie mich in das von Mrs. Reed bezeichnete Gemach gebracht und mich auf einen Stuhl geworfen; mein erster Impuls war, wie eine Sprungfeder wieder von demselben empor zu schnellen; vier Hände hielten mich jedoch augenblicklich wieder wie mit eisernen Klammern.

»Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden,« sagte Bessie. »Miß Abbot, borgen Sie mir Ihre Strumpfbänder; die meinen würde sie augenblicklich zerreißen.«

Miß Abbot wandte sich ab, um ein starkes Bein von den notwendigen Banden zu befreien. Diese Vorbereitungen, [11] um mir Fesseln anzulegen, und die neue Schande, die dies für mich bedeutete, diente dazu, meine Aufregung ein wenig zu mindern.

»Nehmen Sie sie nicht ab,« schrie ich, »ich werde ganz still sitzen.«

Um ihnen für dies Versprechen eine Garantie zu bieten, hielt ich mich mit beiden Händen an meinem Sitz fest.

»Das möchte ich Ihnen auch raten,« sagte Bessie; und als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich anfing, mich zu beruhigen, ließ sie mich los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit gekreuzten Armen vor mich und blickten finster und zweifelnd in mein Gesicht, als glaubten sie nicht an meinen gesunden Verstand.

»Das hat sie bis jetzt noch niemals gethan,« sagte endlich Bessie zur Abigail gewendet.

»Aber es hat schon lange in ihr gesteckt,« lautete die Antwort. »Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verstecktes, kleines Ding: ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter gesehen, das so schlau wäre.«

Bessie antwortete nicht; nach einer Weile wandte sie sich zu mir und sagte:

»Fräulein, Sie sollten doch wissen, daß Sie Mrs. Reed verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortschickte, so müßten Sie ins Armenhaus gehen.«

Auf diese Worte fand ich nichts zu erwidern; sie waren mir nicht mehr neu; so weit ich in meinem Leben zurückdenken konnte, hatte ich Winke desselben Inhalts gehört. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren fast zum leeren, bedeutungslosen Singsang geworden, sehr schmerzlich und bedrückend, aber nur halb verständlich. Nun fiel auch Miß Abbot ein:

»Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie mit den Fräulein Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, [12] weil Mrs. Reed Ihnen gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den andern angenehm zu machen.«

»Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten,« fügte Bessie hinzu, ohne in hartem Ton zu reden, »Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie hier vielleicht eine Heimat finden; wenn Sie aber heftig und roh und ungezogen werden, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.«

»Außerdem,« sagte Miß Abbot, »wird Gott Sie strafen. Er könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen: um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben. Sagen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen und Sie holen.«

Sie gingen und schlossen die Thür hinter sich ab.

Das rote Zimmer war ein Fremdenzimmer, in dem nur selten jemand schlief; ich könnte beinahe sagenniemals oder nur dann, wenn ein zufälliger Zusammenfluß von Besuchern auf Gateshead-Hall es notwendig machte, alle Räumlichkeiten des Hauses nutzbar zu machen. Und doch war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer im Herrenhause. Wie ein Tabernakel stand im Mittelpunkt desselben ein Bett von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von dunkelrotem Damast behängt; die beiden großen Fenster, deren Rouleaux immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und Faltendraperien vom selben Stoffe halb verhüllt; der Teppich war rot; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer hochroten Decke belegt; die Wände waren mit einem Stoffe behängt, der auf lichtbraunem Grunde ein zartes rosa [13] Muster trug; die Garderobe, der Toilettetisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich weiß und hoch und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Eben so unheimlich stach ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein Fußschemel befand; damals erschien er mir wie ein geisterhafter Thron.

Das Zimmer war dumpf, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil ich wußte, daß fast niemals jemand dasselbe betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den stillen Staub einer Woche von den Möbeln und den Spiegeln zu wischen; und in langen Zwischenräumen kam auch Mrs. Reed hierher, um den Inhalt einer gewissen Schieblade zu revidieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befand. In diesen letzten Worten liegt das Geheimnis des roten Zimmers, der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.

Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte er seinen letzten Atemzug gethan; hier lag er aufgebahrt; von hier hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen – und seit jenem Tage hatte ein Gefühl trauriger Weihe jeden unberufenen Besucher von seiner Schwelle fern gehalten.

Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miß Abbot mich gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe dem weißen Marmorkamin stand; das Bett türmte sich vor mir auf; zu meiner Rechten befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank, auf dessen Tafelwerk sich die leisen, düsteren Lichter brachen; zu meiner Linken waren die verhängten Fenster; ein großer Spiegel zwischen [14] denselben wiederholte die totesstille Majestät des Bettes und des Zimmers. Ich war nicht ganz sicher, ob sie die Thür zugeschlossen hatten; und als ich wieder Mut genug hatte, um mich zu bewegen, stand ich auf und ging um nachzusehen. Ach ja! Keine Kerkerthür war jemals sicherer verschlossen! Als ich wieder an die Ottomane zurückging, mußte ich an dem Spiegel vorüber, mein gebannter Blick bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah alles noch kühler und hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und die seltsame, kleine Gestalt, die mir aus ihm entgegenblickte, mit weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin- und herrollten, wo sonst alles bewegungslos war – diese kleine Gestalt sah aus, wie ein wirkliches Gespenst; ich dachte an eins jener zarten Phantome, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies Dämmerstunden-Geschichten aus einsamen, wilden Schluchten und düsteren Mooren hervorkamen und sich dem Auge des nächtlichen Wanderers zeigten. Ich kehrte auf meinen Sitz zurück.

In diesem Augenblick bemächtigte der Aberglaube sich meiner, aber die Stunde seines vollständigen Sieges über mich war noch nicht gekommen: mein Blut war noch warm; die Wut des empörten Sklaven erhitzte mich noch mit ihrer ganzen Bitterkeit; ich hatte noch einen wilden Strom von Gedanken an die Vergangenheit zu bändigen, bevor ich mich ganz dem Jammer über die trostlose Gegenwart hingeben konnte.

Wie der schmutzige Bodensatz aus einem trüben Brunnen, so stieg aus meinem bewegten, aufgeregtem Gemüt alles an die Oberfläche meines Empfindens: John Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgiltigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte ich stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, [15] immer verurteilt werden? Weshalb konnte ich niemals etwas recht machen? Weshalb war es immer nutzlos, wenn ich versuchte, irgend eines Menschen Gunst zu erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die stets übelgelaunt und trotzig und frech war. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock im Treibhause seiner Trauben beraubte und von den seltensten Pflanzen die Knospen abriß; er nannte seine Mutter sogar »liebe Alte«; nahm durchaus keine Rücksicht auf ihre Wünsche; zerriß und beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, – und doch war er »ihr einziger Liebling«. Ich wagte niemals, einen Fehler zu begehen; ich bemühte mich stets, meine Pflicht zu thun, und mich nannte man unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig, vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend.

Mein Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen Schlage und dem Falle, welchen ich gethan; niemand hatte John einen Verweis erteilt, weil er mich grundlos geschlagen; aber weil ich mich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren unvernünftigen, besinnungslosen Heftigkeit zu entgehen, hatten alle mich mit den lautesten Schmähungen überhäuft.

»Ungerecht! – ungerecht!« sagte meine Vernunft, welcher die fortwährende, qualvolle Aufreizung eine frühzeitige, wenn auch vorübergehende Kraft verliehen hatte; und die Entschlossenheit, welche auch geweckt war, ließ mich allerhand Mittel ersinnen, um eine Flucht aus diesem schier unerträglich gewordenen Drucke zu bewerkstelligen – ich [16] dachte daran, auf und davon zu laufen, oder wenn dies nicht möglich, wenigstens niemals wieder Speise und Trank zu mir zu nehmen und auf diese Weise zu Tode zu hungern.

Wie bestürzt war meine Seele an diesem traurigen Nachmittag! Wie erregt war mein Gemüt, wie furchtbar empört mein Herz! Aber in welcher Düsterheit, welcher Verblendung, welcher unglaublichen Unwissenheit wurde dieser Seelenkampf ausgekämpft! Ich hatte keine Antwort auf die sich mir unaufhörlich aufdrängende Frage, weshalb ich so viel leiden mußte. Jetzt nach Verlauf von – nein, ich will nicht sagen, von wie vielen Jahren – habe ich die Antwort gefunden!

Ich war ein Mißton in Gateshead-hall. Ich war ein Nichts an diesem Orte; ich hatte keine Gemeinschaft mit Mrs. Reed oder ihren Kindern oder ihren bezahlten Vasallen. Sie liebten mich nicht, und in der That, ich liebte sie ebensowenig. Es war auch nicht ihre Pflicht, mit Liebe auf ein Geschöpf zu blicken, welches mit keiner einzigen Seele sympathisieren konnte; ein heterogenes Geschöpf, welches ihr direktes Gegenteil in Temperament, in Fähigkeiten und Neigungen war; ein nutzloses Geschöpf, welches ihrem Interesse nicht dienen, zu ihrem Vergnügen nichts beitragen konnte; ein strafbares Geschöpf, welches die Keime der Empörung über die ihm widerfahrende Behandlung in sich nährte, ein Geschöpf, das die tiefste Verachtung für ihren Verstand, ihr Urteilsvermögen nährte. Ich weiß wohl, daß, wenn ich ein sanguinisches, geistreiches, herrisches, schönes, wildes Kind gewesen wäre – wenn auch ebenso abhängig und freundlos – so würde Mrs. Reed meine Gegenwart in liebenswürdigerer Weise ertragen haben; ihre Kinder hätten für mich ein freundlicheres Gefühl der Gemeinsamkeit gehegt; die Dienstboten wären weniger geneigt gewesen, mich zum Sündenbock der Kinderstube zu machen.

Das Tageslicht begann aus dem roten Zimmer zu schwinden; es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten [17] Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Ich hörte, wie der Regen noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhause heulte; nach und nach wurde ich so kalt wie Marmor, und dann begann mein Mut zu sinken. Die gewöhnliche Stimmung des Gedemütigtseins, Zweifel an mir selbst, hilflose Traurigkeit bemächtigten sich meiner und fielen dämpfend auf die Asche meiner dahinschwindenden Wut. Alle sagten ja, daß ich boshaft sei – vielleicht war es der Fall, denn hatte ich nicht soeben den Gedanken gehegt, mich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: denn war ich bereit zu sterben? oder war das Gewölbe unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ende? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man mir gesagt hatte; dieser Gedanke führte mich dazu, sein Andenken herauf zu beschwören; und mit wachsendem Grauen verweilte ich bei demselben. Ich konnte mich seiner nicht erinnern; aber ich wußte, daß er mein Onkel gewesen, – der einzige Bruder meiner Mutter – daß er mich in sein Haus aufgenommen, als ich ein armes, elternloses Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen und zu versorgen. Mrs. Reed war höchstwahrscheinlich der Überzeugung, daß sie dieses Versprechen gehalten habe, und so weit ihre Natur ihr dies erlaubte, hatte sie es auch gethan; aber wie sollte sie denn auch in Wirklichkeit für einen Eindringling Liebe hegen, der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres Gatten durch keine Bande mehr an sie gekettet war? Es mußte allerdings ärgerlich sein, sich durch ein unter solchen Umständen gegebenes Versprechen genötigt zu sehen, einem fremden Kinde, das sie nicht lieben konnte, die Eltern zu ersetzen, und es ertragen zu müssen, daß eine unsympathische Fremde sich unaufhörlich in ihren Familienkreis drängte.

[18] Eine sonderbare Idee bemächtigte sich meiner. Ich zweifelte nicht – hatte es niemals bezweifelt – daß Mr. Reed, wenn er am Leben geblieben, mich mit Güte behandelt haben würde; und jetzt, als ich so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel warf – da begann ich mich an das zu erinnern, was ich von Toten gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen, und jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu rächen; ich dachte, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht, welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte verließ – entweder in dem Gewölbe der Kirche oder in dem unbekannten Lande der Abgeschiedenen – und in diesem Zimmer vor mir erscheinen könne. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen; denn ich fürchtete, daß diese lauten Äußerungen meines Grams eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste erwecken oder aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne, das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte. Dieser Gedanke, der in der Theorie vielleicht ganz trostreich, würde entsetzlich sein, wenn er zur Wirklichkeit werden könnte, das fühlte ich: mit aller Gewalt versuchte ich, ihn zu unterdrücken – ich bemühte mich, ruhig und gefaßt zu sein. Indem ich mir das Haar von Stirn und Augen strich, erhob ich den Kopf und versuchte in dem dunklen Zimmer umher zu blicken: in diesem Augenblick sah ich den Wiederschein eines Lichtes an der Wand! – War es vielleicht der Mondesstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang, fragte ich mich? Nein, die Mondesstrahlen waren ruhig unddies Licht bewegte sich; während ich noch hinblickte, glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopfe. Jetzt kann ich freilich begreifen, daß dieser Lichtstreifen aller Wahrscheinlichkeit nach [19] der Schimmer einer Laterne war, welche jemand über den freien Platz vor dem Hause trug; aber damals, mit dem auf Schrecken und Entsetzen vorbereiteten Gemüt, mit meinen vor Aufregung bebenden Nerven, hielt ich den sich schnell bewegenden Strahl für den Herold einer Erscheinung, die aus einer anderen Welt zu mir kam. Mein Herz pochte laut, mein Kopf wurde heiß; in meinen Ohren spürte ich ein Brausen, das ich für das Rauschen der Flügel hielt; ein Etwas schien sich mir zu nähern; ich fühlte mich bedrückt, erstickt; mein Widerstandsvermögen gab nach; ich stürzte auf die Thür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende Schritte kamen durch den äußeren Korridor daher; der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, Bessie und Miß Abbot traten ein.

»Miß Eyre, sind Sie krank?« fragte Bessie.

»Welch ein fürchterlicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!« rief Abbot aus.

»Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!« schrie ich ununterbrochen.

»Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben Sie etwas gesehen?« fragte Bessie wiederum.

»O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen würde.« Ich hatte mich jetzt Bessies Hand bemächtigt, und sie entwand sie mir nicht.

»Sie hat mit Absicht so geschrieen,« erklärte Abbot mit einigem Abscheu. »Und welch ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte, so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts, als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.«

»Was giebt es denn hier?« fragte eine andere Stimme gebieterisch; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher. »Abbot und Bessie, ich glaube, daß ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde?«

[20] »Miß Jane schrie so laut, Madame,« wandte Bessie zögernd ein.

»Laßt sie los,« war die einzige Antwort. »Laß Bessies Hand los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinaus gelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit derartigen Ränken und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze Stunde hierbleiben, und auchdann gebe ich dich nur frei, wenn du mir das Versprechen giebst, vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein.«

»O, Tante, hab Erbarmen! Vergieb mir doch! Ich kann, ich kann es nicht ertragen. – Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich komme um, wenn – –«

»Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!« und ohne Zweifel hegte sie auch Abscheu gegen mein Betragen. In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin; sie sah in der That auf mich wie auf eine Zusammensetzung der heftigsten Leidenschaften, eines niedrigen, gemeinen Geistes und gefährlicher Falschheit.

Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, warf Mrs. Reed, die meiner wilden Angst und meines lauten Schluchzens wohl müde geworden sein mochte, mich rasch in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein. Ich hörte noch, wie sie davon rauschte; und bald nachdem sie gegangen war, muß ich in Krämpfe verfallen sein: Bewußtlosigkeit machte der Scene ein Ende!

Drittes Kapitel

Dann erinnerte ich mich an nichts mehr. Als ich erwachte, war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens, vor mir sah ich eine unheimliche rote Glut, von der sich dicke, schwarze Stangen abhoben. Ich hörte Stimmen, die hohl an mein Ohr klangen, als würden sie durch das [21] Rauschen des Wassers oder Toben des Windes übertönt. Aufregung, Ungewißheit und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielt alle meine Sinne gefangen. Es vergingen nur wenige Augenblicke, und dann gewahrte ich, daß jemand mich berührte, mich aufhob und mich in eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als mich bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und fühlte mich unendlich wohl.

Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden. Jetzt wußte ich sehr wohl, daß ich in meinem eigenen Bette lag, und daß die rote Glut nichts anderes war, als das Feuer im Kamin der Kinderstube. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt eine Waschschüssel in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben mir und beugte sich über mich.

Ich empfand eine unbeschreibliche Erleichterung, eine wohlthuende Überzeugung der Sicherheit und des Beschütztseins, als ich sah, daß sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von Mrs. Reed gehörte. – Mich von Bessie abwendend – obgleich ihre Gegenwart mir weit weniger unangenehm war, als mir zum Beispiel Abbots Gesellschaft gewesen wäre – prüfte ich die Gesichtszüge des Herrn; ich kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur die Hilfe des Arztes in Anspruch.

»Nun, wer bin ich?« fragte er.

Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit meine Hand entgegen; er nahm sie, lächelte und sagte: »Ah, wir werden uns jetzt langsam erholen.« Dann legte er mich nieder, wandte sich zu Bessie, empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein und mich während der Nacht nicht zu stören. [22] Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte, daß er am folgenden Tage wiederkommen würde, ging er fort; zu meiner größten Betrübnis; während er auf dem Stuhl neben meinem Kopfkissen saß, fühlte ich mich so beschützt, so sicher, und als die Thür sich hinter ihm schloß, wurde das ganze Zimmer dunkel und mein Herz verzagte von neuem, es unterlag der Last eines unbeschreiblichen Grams.

»Glauben Sie, daß Sie schlafen können, Miß?« fragte Bessie mich ungewöhnlich sanft.

Kaum wagte ich, ihr zu antworten, denn ich fürchtete, daß ihre nächsten Worte wieder rauh klingen würden. »Ich will es versuchen,« sagte ich leise.

»Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?«

»Nein, ich danke, Bessie.«

»Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon nach Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während der Nacht irgend etwas brauchen.«

Welche seltene Höflichkeit! Sie ermutigte mich, eine Frage zu stellen.

»Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?«

»Ich vermute, daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz gesund sein.«

Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen. Ich hörte, wie sie dort sagte:

»Sarah, komm und schlaf bei mir in der Kinderstube, und wenn es mein Leben gälte, so könnte ich diese Nacht nicht mit dem armen Kinde allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, daß Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte! Ich möchte doch wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses Mal aber auch zu hart gegen sie.«

Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett; sie [23] flüsterten wenigstens noch eine halbe Stunde mit einander, bevor sie einschliefen. Ich hörte einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, und aus diesen schloß ich auf den Hauptgegenstand ihrer Diskussion.

»Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet, dann ist es verschwunden.« – – »Ein großer, schwarzer Hund hinter ihm.« – »Dreimal hat es laut an der Zimmerthür geklopft.« – »Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem Grabe« – u.s.w., u.s.w.

Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In schaurigem Wachen ging die Nacht für mich langsam hin; Entsetzen und Angst hielten Ohren, Augen und Sinne wach. – Entsetzen und Angst, wie nur Kinder es zu empfinden imstande sind.

Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit; nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven, deren Widerhall ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich gar manchen qualvollen Schmerz der Seele. Aber ich sollte Ihnen verzeihen, denn Sie wußten nicht, was Sie thaten, während Sie jede Faser meines Herzens zerrissen, glaubten Sie nur meine bösen Neigungen und Anlagen zu ersticken.

Am nächsten Tage gegen Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß in einen warmen Shawl gehüllt vor dem Kaminfeuer. Ich fühlte mich körperlich schwach und gebrochen, aber mein schlimmstes Übel war ein unaussprechlicher Jammer der Seele, ein Jammer, der mir fortwährend stille Thränen entlockte, kaum hatte ich einen salzigen Tropfen von meiner Wange getrocknet, als auch schon ein anderer folgte. Und doch meinte ich, daß ich augenblicklich glücklich sein müßte, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen spazieren gefahren; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer, und während Bessie hin und her ging, [24] Spielsachen forträumte und Schiebladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Diese Lage der Dinge wäre für mich ein Paradies des Friedens gewesen, für mich, die ich nur an ein Dasein voll unaufhörlichen Tadels und grausame Sklaverei gewöhnt war, – aber in der That waren meine Nerven jetzt in einem solchen Zustande, daß keine Ruhe sie mehr sänftigen, kein Vergnügen sie mehr freudig erregen konnte.

Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir jetzt einen Kuchen herauf, der auf einem gewissen, bunt gemalten Porzellanteller lag, dessen Paradiesvogel, welcher sich auf einem Kranz von Maiglöckchen und Rosenknospen schaukelte, stets eine enthusiastische Bewunderung in mir wach gerufen hatte. Gar oft hatte ich innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer betrachten zu können, bis jetzt hatte man mich aber stets einer solchen Gunst für unwürdig gehalten. Jetzt stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat mich freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Eitle Gunst! Sie kam zu spät, wie so manche andere, die so innig erwünscht, und so lange versagt worden war! Ich konnte den Kuchen nicht essen, und das Gefieder des Vogels, die Farben der Blumen schienen mir seltsam verblaßt – ich schob sowohl Teller wie Gebäck von mir. Bessie fragte mich, ob ich ein Buch haben wolle. Das Wort Buch wirkte wie ein vorübergehendes Reizmittel, und ich bat sie, mir »Gullivers Reisen« aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen; ich hielt es für eine Erzählung von Thatsachen und entdeckte in ihm eine Ader, die ein weit tieferes Interesse für mich hatte, als dasjenige, welches ich in Märchen gefunden hatte; denn nachdem ich die Elfen vergebens unter den Blättern des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem, von Epheu umrankten Gemäuer gesucht, [25] hatte ich mein Gemüt mit der traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß sie alle England verlassen hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach meinem Glauben solide Bestandteile der Erdoberfläche; ich zweifelte gar nicht, daß, wenn ich eines Tages eine weite Reise machen könnte, ich mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Bullenbeißer, die Katzen-Ungeheuer, die turmhohen Männer und Frauen des anderen. Und doch, als ich den geliebten Band jetzt in Händen hielt – als ich die Seiten umblätterte und in den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie mir bis jetzt stets gewährt hatten – da war alles alt und trübselig; die Riesen waren hagere Kobolde; die Pigmäen boshafte und scheußliche Gnomen, Gulliver ein trübseliger Wanderer in öden und gefährlichen Regionen. Ich schloß das Buch, in dem ich nicht länger zu lesen wagte und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück Kuchen.

Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte, öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade, welche mit den schönsten, prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen; das Lied lautete:


»Als wir durch Wald und Flur streiften,

Vor langer, langer Zeit.«


Wie oft hatte ich dies Lied schon gehört, und immer mit dem größten Entzücken; denn Bessie hatte eine süße Stimme – wenigstens nach meinem Geschmack. Aber jetzt, obgleich ihre Stimme noch immer lieblich klang, lag [26] für mich eine unbeschreibliche Traurigkeit in dieser Melodie. Zuweilen, wenn ihre Arbeit sie ganz in Anspruch nahm, sang sie den Refrain sehr leise, sehr langsam: »Vor langer, langer Zeit«; dann klang es wie die Schlußkadenz eines Grabliedes. Endlich begann sie eine andere Ballade zu singen, diesmal eine wirklich traurige.


Mein Körper ist müd und wund ist mein Fuß,

Weit ist der Weg, den ich wandern muß,

Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find',

Den ich wandern muß, armes Waisenkind!


Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,

Durch Feld und Wald, auf die Berg', wo es schneit?

Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind,

Bewachen mich armes Waisenkind.


Die Sterne, sie scheinen herab so klar,

Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:

Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,

Daß er nicht erfasse das Waisenkind.


Und wenn ich nun strauchle am Waldesrand

Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand',

So weiß ich doch, daß den Vater ich find',

Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!


Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir giebt,

Daß Gott da droben sein Kind doch liebt.

Bei ihm dort oben die Heimat ich find',

Er liebt auch das arme Waisenkind!


»Kommen Sie, Miß Jane, weinen Sie nicht,« sagte Bessie, als sie zu Ende war. Ebensogut hätte sie dem Feuer sagen können »brenne nicht!« aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem herzzerreißenden Schmerz haben können, dessen Beute ich war? – Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd wieder.

»Wie? Schon aufgestanden?« rief er, als er in die Kinderstube trat. »Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?«

Bessie entgegnete, daß es mir außerordentlich gut gehe.

[27] »Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her, Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?«

»Ja, mein Herr, Jane Eyre!«

»Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?«

»Nein, Herr.«

»Ah, ich vermute, daß sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed spazieren fahren durfte,« warf Bessie hier ein.

»O nein, gewiß nicht, für solche Albernheit ist sie denn doch zu alt.«

Das dachte ich auch; und da meine Selbstachtung durch die falsche Beschuldigung verletzt war, antwortete ich schnell: »In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Thränen um solche Dinge vergossen. Ich hasse die Spazierfahrten. Ich weine, weil ich so unglücklich bin.«

»Schämen Sie sich, Miß!« rief Bessie.

Der gute Apotheker schien ein wenig verwirrt. Ich stand vor ihm; er heftete seine Augen fest auf mich. Diese Augen waren klein und grau, nicht sehr leuchtend, aber ich glaube, daß ich sie jetzt sehr klug finden würde. Trotz der harten Züge hatte er ein gutmütiges Gesicht. Nachdem er mich lange mit Muße betrachtet hatte, sagte er:

»Was hat Sie gestern krank gemacht?«

»Sie ist gefallen,« sagte Bessie wieder einfallend.

»Gefallen! Nun, das ist gerade wieder wie ein Kind! Kann sie bei ihrem Alter denn noch nicht allein gehen? Sie muß doch acht oder neun Jahre alt sein?«

»Jemand hat mich zu Boden geschlagen,« lautete die derbe Erklärung, welche der Schmerz gekränkten Stolzes mir wiederum entriß, »aber das hat mich nicht krank gemacht,« fügte ich hinzu, während Mr. Lloyd bedächtig eine Prise Tabak nahm.

Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief der laute Klang einer Glocke die Dienstboten zum Mittagessen; er wußte, was es bedeutete: »Das gilt Ihnen, [28] Wärterin,« sagte er, »Sie können hinunter gehen; ich werde Miß Jane einige Lehren geben, bis Sie zurückkehren.«

Bessie wäre lieber geblieben, aber sie war gezwungen zu gehen, weil die Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten eine Sache war, auf welche in Gateshead-Hall strenge gehalten wurde.

»Der Fall hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was war es denn?« fragte Mr. Lloyd weiter, nachdem Bessie gegangen war.

»Ich war in einem Zimmer eingesperrt, wo ein Geist umgeht – und es war schon lange dunkel.«

Ich sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. »Ein Geist! Was! Sie sind am Ende doch nichts anderes, als ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?«

»Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem Zimmer und lag dort auf der Bahre. Weder Bessie noch sonst jemand geht am Abend hinein, wenn es nicht dringend notwendig ist; und es war so furchtbar grausam, mich dort allein, ohne Licht, einzuschließen – so grausam, daß ich glaube, ich werde es niemals vergessen können.«

»Unsinn! Und macht das Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt bei Tage auch noch?«

»Nein. Aber es dauert nicht lange und dann wird es wieder Nacht. Und außerdem, ich bin unglücklich, sehr unglücklich um anderer Dinge willen.«

»Was für Dinge denn? Können Sie mir die nicht nennen?«

Wie sehr wünschte ich, offen und ehrlich auf diese Frage zu antworten! Wie schwer war es aber, Worte für eine solche Antwort zu finden! Kinder können wohl empfinden, aber sie können ihr Empfinden nicht zergliedern; und wenn ihnen die Zergliederung zum Teil auch in Gedanken gelingt, so wissen sie nicht, wie sie das Resultat dieses Vorganges in Worte kleiden sollen. Da ich aber fürchtete, [29] daß ich diese erste und einzige Gelegenheit, meinen Kummer durch Mitteilung zu erleichtern, ungenützt vorübergehen lassen könnte, gelang es mir nach einer unruhigen Pause, eine unzulängliche, aber wahre Antwort hervorzubringen.

»Erstens habe ich keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester.«

»Aber Sie haben eine gütige Tante und liebe Vettern und Cousinen.«

Wiederum hielt ich inne, dann rief ich kindisch aus:

»Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen und meine Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt.«

Zum zweitenmal holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdose hervor.

»Finden Sie denn nicht, daß Gateshead-Hall ein wunderschönes Haus ist?« fragte er. »Sind Sie nicht dankbar, an einem so schönen Orte leben zu können?«

»Es ist nicht mein eigenes Haus, Sir; und Abbot sagt, daß ich weniger Recht habe, hier zu sein, als ein Dienstbote.«

»Dummes Zeug! Sie können doch nicht so dumm sein, zu wünschen, daß Sie einen so herrlichen Ort wie diesen verlassen dürften?«

»Wenn ich nur wüßte, wohin ich gehen sollte, ich wäre wahrhaftig froh zu gehen; aber ich darf Gateshead erst verlassen, wenn ich erwachsen bin.«

»Vielleicht doch früher – wer weiß? Haben Sie außer Mrs. Reed keine Verwandte?«

»Ich glaube nicht, Sir.«

»Niemanden, der mit Ihrem Vater verwandt war?«

»Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da sagte sie, daß ich möglicherweise irgend welche arme, heruntergekommene Verwandte, namens Eyre, haben könne, daß sie aber nichts über sie wisse.«

»Möchten Sie denn zu ihnen gehen, wenn Sie solche Angehörige hätten?«

Ich besann mich. Armut hat etwas abschreckendes für [30] erwachsene Menschen; für Kinder aber noch mehr; sie haben nicht viel Sinn für fleißige, arbeitsame, ehrenhafte Armut; dies Wort erweckt in ihnen nur den Gedanken an zerlumpte Kleider, kärgliche Nahrung, einen kalten Ofen, rohe Manieren und entwürdigende Laster: auch für mich war Armut gleichbedeutend mit Entehrung.

»Nein. Ich möchte nicht bei armen Leuten leben,« war meine Antwort.

»Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht begreifen, wie arme Leute überhaupt die Mittel haben, gütig zu sein. Und dann – sprechen lernen wie sie – ihre Manieren annehmen – schlecht erzogen werden – aufwachsen wie eins jener armen Weiber, die ich zuweilen vor den Thüren der Hütten ihre Kinder warten und ihre Kleider waschen sah? – nein, ich war nicht heroisch genug, meine Freiheit um den Preis meiner Kaste zu erkaufen.

»Aber sind Ihre Verwandten denn so arm? Gehören sie zur arbeitenden Klasse?«

»Das weiß ich nicht; Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt Angehörige habe, so müssen sie Bettlergesindel sein. Nein, nein, ich möchte nicht betteln gehen.«

»Möchten Sie nicht in die Schule gehen?«

Wiederum dachte ich nach; kaum wußte ich, was eine Schule denn eigentlich sei; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem Orte, an dem man von jungen Damen erwartet, daß sie außerordentlich manierlich und geziert sind; John Reed haßte seine Schule und schmähte seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten und Geschmack waren keine Regel für die meinen, und wenn Bessies Berichte über Schuldisziplin (diese stammten von den Töchtern einer Familie, in welcher sie gedient hatte, bevor sie nach Gateshead kam) etwas abschreckend lauteten, so waren ihre Erzählungen von verschiedenen Talenten und Kenntnissen, welche diese selben jungen Damen sich angeeignet hatten, andererseits [31] höchst verlockend. Sie prahlte von wunderschönen Gemälden, von Landschaften und Blumen, welche sie vollendet, von Liedern, die sie singen und Klavierpiecen, die sie spielen, von Geldbörsen, die sie häkeln, von französischen Büchern, die sie übersetzen konnten, bis mein Gemüt, während ich ihr lauschte, zur Nachahmung aufgestachelt wurde. Außerdem wäre die Schule doch eine gründliche Abwechselung: damit war eine lange Reise verknüpft, eine gänzliche Trennung von Gateshead, ein Eintritt in ein neues Leben.

»Ich möchte in der That in eine Schule gehen,« war die hörbare Schlußfolgerung meines Nachsinnens.

»Nun, nun, wer weiß denn, was geschieht!« sagte Mr. Lloyd, indem er sich erhob. »Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung,« fügte er hinzu, mit sich selbst redend, »die Nerven sind in einer bösen Verfassung.«

Jetzt kam Bessie zurück; in demselben Augenblick hörte man Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.

»Ist das Ihre Herrin, Wärterin?« fragte Mr. Lloyd, »ich möchte noch mit ihr reden bevor ich gehe.«

Bessie forderte ihn auf, ins Frühstückszimmer zu gehen und geleitete ihn hinaus. Wie ich aus den nachfolgenden Begebenheiten schloß, wagte der Apotheker während der Unterredung mit Mrs. Reed ihr anzuempfehlen, daß sie mich in eine Schule schicke; und ohne Zweifel wurde dieser Rat sehr bereitwillig angenommen, denn als ich an einem der folgenden Abende im Bette lag, und Bessie und Abbot mich schlafend glaubten, sagte letztere: »Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu froh, solch ein langweiliges, boshaftes Kind los zu werden; sie sieht immer aus, als beobachte sie jeden Menschen und schmiede heimliche Pläne.« – Ich glaube wahrhaftig, daß Abbot mich für eine Art kindlichen Guy Fawkes 1 hielt.

[32] Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus Miß Abbots Mitteilungen an Bessie, daß mein Vater ein armer Prediger gewesen; daß meine Mutter ihn gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet habe, welche diese Heirat für erniedrigend gehalten; daß mein Großvater Reed so erzürnt über ihren Ungehorsam gewesen, daß er sie gänzlich enterbte; daß mein Vater, nachdem er kaum ein Jahr mit meiner Mutter verheiratet gewesen, ein typhöses Fieber bekommen, während er die arme Bevölkerung einer großen Fabrikstadt, in welcher seine Pfarre lag, besuchte; und daß meine arme Mutter kaum einen Monat später ihrem Gatten ins Grab folgte.

Als Bessie diese Erzählung mit anhörte, seufzte sie und sagte: »Abbot, die arme Miß Jane ist auch zu bedauern.«

»Ja, ja,« entgegnete Abbot, »wenn sie ein liebes, gutes, hübsches Kind wäre, so könnte man Mitleid mit ihr haben, weil sie so gänzlich verlassen ist; aber solch eine scheußliche kleine Kröte kann Einem doch unmöglich Erbarmen einflößen.«

»Nein, nicht viel,« stimmte Bessie ihr bei, »auf jeden Fall würde eine so prächtige Schönheit wie Miß Georgiana in einer solchen Lage viel rührender sein.«

»Ja, ja, ich bete Miß Georgiana an!« rief die begeisterte Abbot. »Der kleine süße Liebling! – Mit ihren langen Locken und blauen Augen, und den süßen, lieblichen Farben, gerade als ob sie angemalt wäre! – Bessie, ich hätte wahrhaftig Appetit auf einen gerösteten Käse zum Abendbrot.«

»Ich auch, ich auch – mit geschmorten Zwiebeln. Kommen Sie, wir wollen hinunter gehen.«

Und sie gingen.

Fußnoten

1 Guy Fawkes, geboren 1570, Haupt der Pulververschwörung in London, 1605 hingerichtet.

Viertes Kapitel

Aus meiner Unterredung mit Mr. Lloyd und der soeben wiederholten Konferenz zwischen Abbot und Bessie schöpfte ich Hoffnung genug, um den Wunsch nach Genesung [33] zu hegen; eine Veränderung schien bevorstehend – ich wünschte und wartete im Stillen. Die Sache verzögerte sich indessen. Tage und Wochen vergingen; mein Gesundheitszustand war wieder ein normaler, aber ich vernahm keine Anspielung mehr auf den Gegenstand, über welchen ich brütete. Oft betrachtete Mrs. Reed mich mit strengen, finsteren Blicken aber nur selten sprach sie zu mir. Seit meiner Krankheit hatte sie eine schärfere Grenzlinie denn je zwischen mir und ihren eigenen Kindern gezogen; mir war eine kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte mich verdammt, meine Mahlzeiten allein einzunehmen, und ich mußte allein in der Kinderstube verweilen, während meine Vettern und Cousinen sich stets im Wohnzimmer aufhielten. Indessen fiel noch immer kein Wink über den Plan, mich in ein Erziehungsinstitut zu schicken; und doch hegte ich die instinktive Gewißheit, daß sie mich nicht mehr lange unter ihrem Dache dulden würde; denn mehr als je drückte ihr Blick, wenn er auf mich fiel, einen unüberwindlichen und eingewurzelten Abscheu aus.

Eliza und Georgiana handelten augenscheinlich nach Instruktionen, indem sie so wenig wie möglich mit mir sprachen; John streckte die Zunge aus sobald er mich erblickte und versuchte sogar einmal mich zu züchtigen; da ich mich aber augenblicklich gegen ihn wandte und er in meinen Blicken dieselbe Wut wahrnahm, in welcher ich mich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte, hielt er es für besser, abzulassen und unter lauten Verwünschungen davon zu laufen, während er schrie, ich habe ihm das Nasenbein zertrümmert. Allerdings hatte ich nach diesem hervorragendsten Gesichtszuge einen Schlag geführt, so heftig wie meine Knöchel ihn auszuteilen vermochten; und als ich sah, daß entweder dieser Schlag oder meine Blicke ihn eingeschüchtert hatten, spürte ich die größte Neigung, meinen Vorteil noch weiter auszubeuten; er war indessen schon zu seiner Mutter [34] gelaufen. Ich hörte, wie er mit stammelnden Lauten eine Geschichte begann »wie diese abscheuliche Jane Eyre« einer wilden Katze gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger Stimme unterbrach ihn seine Mutter.

»Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert; ich will nicht, daß du oder eine deiner Schwestern mit ihr etwas zu thun haben.«

In diesem Augenblick lehnte ich mich über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten über meine Worte nachzudenken:

»Sie sind nicht wert, mit mir zu verkehren.«

Mrs. Reed war eine ziemlich starke Frau; als sie indessen diese seltsamen und frechen Worte vernahm, kam sie ganz leichtfüßig die Treppe herauf gelaufen, zog mich mit Windeseile in die Kinderstube und indem sie mich an die Seite meines kleinen Bettes drückte, verbot sie mir mit pathetischer Stimme, mich von dieser Stelle fortzurühren und während des ganzen Tages auch nur noch ein einziges Wort zu sprechen.

»Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte?« war meine fast willenlos gethane Frage. Ich sage, »fast willenlos«, denn es war, als spräche meine Zunge diese Worte aus, ohne daß mein Wille darum wußte. – Es sprach etwas aus mir, worüber ich keine Gewalt hatte.

»Was?« zischte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, das der Furcht glich; sie ließ meinen Arm los und blickte mich an, als wisse sie nicht recht, ob ich ein Kind oder ein Teufel sei. Jetzt faßte ich Mut.

»Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was Sie thun und sagen; und mein Vater und meine Mutter auch; sie wissen, daß Sie mich dengan zen Tag einsperren und daß Sie nur wünschen, ich wäre tot.«

Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte mich [35] heftig, sie ohrfeigte mich aus allen Kräften und verließ mich dann ohne eine Silbe zu sprechen. Bessie füllte diese Lücke aus, indem sie mir eine stundenlange Strafpredigt hielt, in welcher sie mir ohne jeden Zweifel bewies, daß ich das elendeste und pflichtvergessenste Kind sei, das jemals unter einem Dache erzogen worden. Halb und halb glaubte ich ihr; denn ich empfand selbst, wie in diesem Augenblick nur böse Gefühle in meiner Brust tobten.

November, Dezember und die Hälfte des Januar gingen vorüber. Das Weihnachtsfest und Neujahr waren in Gateshead in der üblichen fröhlichen Weise gefeiert worden; Geschenke waren nach allen Seiten hin ausgeteilt und Mittag- und Abendgesellschaften gegeben. Von jeder Feier und Festlichkeit war ich natürlich ausgeschlossen; mein Anteil an diesen bestand darin, daß ich täglich mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgiana auf das schönste herausgeputzt in ihren zarten Muslinkleidern und rosenroten Schärpen, mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen; und später horchte ich dann auf die Töne des Klaviers oder der Harfe, die zu mir herauf drangen; hörte, wie der Kellermeister und die Diener hin und her liefen, wie die Teller klapperten und die Gläser klangen, während die Erfrischungen umher gereicht wurden; und wenn die Thüren des Salons geöffnet und wieder geschlossen wurden, drangen sogar abgebrochene Sätze der Konversation an mein Ohr. Wenn ich des Lauschens müde geworden, verließ ich meinen Posten auf dem Treppenabsatz und ging in die stille, einsame Kinderstube zurück; dort, wenn ich auch traurig war, fühlte ich mich wenigstens nicht elend. Offen gestanden, hegte ich nicht das leiseste Verlangen, in Gesellschaft zu gehen, denn in der Gesellschaft schenkte mir selten irgend jemand Beachtung; und wenn Bessie nur ein wenig liebenswürdig und freundlich gewesen wäre, so hätte ich es für eine Bevorzugung angesehen, die Abende ruhig mit ihr anstatt unter den gefürchteten Augen von Mrs. Reed, in[36] einem Kreise von mir unsympathischen Herren und Damen zubringen zu dürfen. Aber sobald Bessie ihre jungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin hinunter zu begeben und gewöhnlich auch noch die Lampe mit fortzunehmen. Dann saß ich da mit meiner Puppe im Arm, bis das Feuer herabgebrannt war und blickte zuweilen ängstlich umher, um mich zu vergewissern, daß sich nichts schlimmeres als ich selbst in dem düsteren Zimmer befand; wenn sich dann nur noch ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste befand, entkleidete ich mich hastig, riß und zerrte aus allen Kräften an den Bändern und Knöpfen meiner Röcke und suchte in meinem Bettchen Schutz vor der Kälte und der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm ich auch stets meine Puppe mit; jedes menschliche Wesen muß etwas lieben, und da mir jeder andere Gegenstand für meine Liebe fehlte, fand ich meine Glückseligkeit darin, ein farbloses, verblaßtes Gebilde zu lieben, das noch häßlicher als eine Miniatur-Vogelscheuche war. In der Erinnerung scheint es mir jetzt unbegreiflich, daß ich mit so alberner Zärtlichkeit an diesem kleinen Spielzeug hängen konnte; oft bildete ich mir ein, daß es lebendig sei und mit mir empfinden könnte. Ich konnte nicht schlafen, wenn ich es nicht in die Falten meines Nachthemdchens gehüllt hatte, und wenn es dort sicher und warm lag, fühlte ich mich verhältnismäßig glücklich, weil ich glaubte, daß es ebenfalls glücklich sein müsse.

Wie lang schienen mir die Stunden, wenn ich auf das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf den Wiederhall von Bessies Tritten auf der Treppe horchte. – Zuweilen kam sie auch in der Zwischenzeit herauf, um ihren Fingerhut und ihre Schere zu suchen oder mir irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht einen Käsekuchen oder ein Milchbrot herauf zu bringen; dann pflegte sie auf der Bettkante zu sitzen, während ich aß, und wenn ich fertig war, wickelte [37] sie mich fest in die Decken und küßte mich zweimal und sagte: »Gute Nacht, Miß Jane.« Wenn Bessie so sanft war, erschien sie mir wie das beste, hübscheste, freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte ich so innig, daß sie stets so fröhlich und liebenswert sein und mich niemals wieder umherstoßen oder schelten oder mich ungerecht beschuldigen möchte, wie es doch meistens ihre Gewohnheit war. Ich glaube, daß Bessie Lee ein Mädchen mit guten natürlichen Anlagen gewesen sein muß, denn in allem, was sie that, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein wundersames Erzählungstalent oder wenigstens schien mir es so nach dem Eindruck, welchen ihre Kinderstubengeschichten auf mich machten. Auch war sie hübsch, wenn weiter die Erinnerung an ihre Gestalt und ihr Gesicht mich nicht täuscht. Sie steht vor mir wie ein schlankes, junges Weib mit schwarzem Haar, dunklen Augen, sehr hübschen Zügen und einer klaren, gesunden Gesichtsfarbe; aber sie war von heftigem und launenhaftem Temperament und sehr unausgeglichenen Begriffen von Gerechtigkeit und Grundsätzen – und doch, wie und was sie auch sein mochte, sie war mir lieber, als irgend ein anderes lebendes Wesen in Gateshead-Hall.

Es war am 15. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens. Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; meine Cousinen waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern – eine Beschäftigung, welche sie sehr liebte – und ebensoviel Vergnügen machte es ihr, der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie auf solche Weise erlangte, zusammen zu sparen. Sie hatte viel Sinn für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit; dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern und Eiern, sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner um Blumenpflanzen, Samen und [38] junge Schößlinge; dieser Funktionär hatte von Mrs. Reed den strengen Befehl erhalten, der jungen Herrin alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen wünschte, abzukaufen – und Eliza würde jedes einzelne Haar von ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften Profit dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen möglichen Winkeln und Ecken, in altes Lockenpapier oder in Lumpen gewickelt, versteckt; aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete, eines Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer Mutter gegen unerhörte Wucherzinsen – fünfzig oder sechzig Prozent – anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes Vierteljahr ein und führte mit ängstlicher Sorgfalt in einem kleinen Notizbuche hierüber Rechnung.

Georgiana saß auf einem hochbeinigen Stuhl und ordnete ihr Haar vor dem Spiegel; in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen und verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in einer Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Ich brachte mein Bett in Ordnung, denn Bessie hatte mir den strikten Befehl erteilt, damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; sie benutzte mich jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen u.s.w. – Nachdem ich die Bettdecke ausgebreitet und mein Nachtkleid zusammengefaltet hatte, ging ich an das Fensterbrett, um einige Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georgianas, ihre Spielsachen nicht anzurühren (denn die Liliput-Stühle und Spiegel, die Feen-Teller und Tassen waren ihr Eigentum) gebot meinem Thun Einhalt. In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing ich jetzt an, auf die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert hatte, zu hauchen, [39] und mir so eine kleine Öffnung auf dem Glase zu verschaffen durch welche ich in den Garten blicken konnte, wo der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.

Durch dieses Fenster war die Loge des Portiers und die Fahrstraße sichtbar und gerade als ich so viel von dem silberweißen Laubgewinde, das die Scheiben verschleierte, fortgehaucht hatte, um hinausblicken zu können, sah ich, daß die Pforten geöffnet wurden und ein Wagen durch das Thor rollte. Mit größter Gleichgiltigkeit verfolgte ich ihn, wie er vor das Haus rollte: es kamen ja so oft Wagen nach Gateshead, aber niemals brachten sie Besucher, für die ich auch nur das geringste Interesse hegte. Er hielt vor dem Hause, die Glocke wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt Einlaß. Da dieser ganze Vorgang mich nicht kümmerte, fand meine jetzt unbeschäftigte Aufmerksamkeit bald lebhaftere Anziehungskraft in dem Anblick eines kleinen, hungrigen Rotkehlchens, das sich piepend auf die entlaubten Zweige eines Spalierkirschenbaumes nahe am Fenster setzte. Die Überreste meines Frühstücks von Brot und Milch standen auf dem Tische und nachdem ich eine Semmel in Krümel zerrieben hatte, zog ich an dem Klappfenster, um die Brosamen auf das Fenstersims streuen zu können, als Bessie atemlos in die Kinderstube stürzte.

»Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie da? Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen?« – Bevor ich antwortete, zog ich noch einmal an der Fensterklinke, denn ich wollte dem Vogel gern sein kleines Mahl sichern; die Klinke gab nach, ich streute die Brosamen aus, einige auf das steinerne Gesimse, andere auf die Zweige des Kirschbaumes; dann erst schloß ich das Fenster und entgegnete:

»Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Aufräumen fertig geworden.«

»Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie da jetzt? Sie sehen so rot aus, als hätten Sie irgend [40] ein Unheil angerichtet. Weshalb haben Sie das Fenster aufgerissen?«

Die Antwort blieb mir erspart, denn Bessie schien zu große Eile zu haben, um meinen Erklärungen Gehör schenken zu können; sie zerrte mich an den Waschtisch, unterwarf meine Hände und mein Gesicht einer erbarmungslosen aber glücklicherweise kurzen Waschung mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch; ordnete meinen Kopf mit einer scharfen Bürste, entkleidete mich meiner Schürze und riß mich dann schnell an die Treppe, wo sie mir gebot, eilig hinunter zu gehen, da man mich im Frühstückszimmer erwarte.

Ich hätte gern gewußt, wer mich erwartete; gern hätte ich gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davon gelaufen und hatte die Kinderstubenthür hinter sich geschlossen. Langsam stieg ich die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten hatte Mrs. Reed mich nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war ich auf die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer, der Speisesaal und der Salon waren für mich Regionen geworden, die ich nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.

Ich stand jetzt in der leeren Halle; vor mir war die Thür des Frühstückszimmers, zitternd und furchtsam hielt ich inne. Welch einen elenden kleinen Feigling hatte die Furcht vor ungerechter Bestrafung in jenen Tagen aus mir gemacht! Ich fürchtete mich, in die Kinderstube zurückzugehen; ich fürchtete mich, in das Wohnzimmer einzutreten! Zehn Minuten stand ich ängstlich zögernd da; das heftige Klingeln der Glocke im Frühstückszimmer entschied: ich mußte eintreten.

»Wer konnte nach mir verlangen?« fragte ich mich, als ich mit beiden Händen die Thürklinke erfaßte, welche mehre Sekunden meinen Anstrengungen widerstand. »Wen würde ich noch außer Tante Reed in dem Zimmer erblicken? – Einen Mann oder eine Frau?« – Die Klinke gab nach, [41] die Thür sprang auf, ich trat ein, machte einen tiefen Knix, blickte auf und sah – einen schwarzen Pfeiler! – Als ein solcher erschien mir wenigstens auf den ersten Blick die lange, schmale, schwarzgekleidete Gestalt, welche kerzengerade vor dem Kamin stand: das ernste Gesicht, welches dieselbe krönte, sah aus wie eine geschnitzte Maske, die als Kapitäl auf die Säule gestellt war.

Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin inne. Sie machte mir ein Zeichen, näher zu treten. Ich that es und sie stellte mich dem steinernen Fremden mit den Worten vor: »Dies ist das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich an Sie wandte.«

Er, denn es war ein Mann, wandte den Kopf langsam nach der Seite, auf welcher ich stand, und nachdem er mich mit zwei neugierigen, unter einem Paar buschiger Augenbrauen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich mit einer tiefen Stimme: »Sie ist klein von Gestalt, wie alt ist sie?«

»Zehn Jahre.«

»So alt?« lautete die zweifelnde Antwort, und dann fuhr er noch einige Minuten fort, mich schweigend zu prüfen. Darauf redete er mich an:

»Ihr Name, kleines Mädchen?«

»Jane Eyre, mein Herr.«

Als ich diese Worte aussprach, blickte ich auf; er erschien mir wie ein großer Mann, aber ich war ja so klein; seine Züge waren groß und wie alle übrigen Linien seiner Gestalt hart und scharf.

»Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?«

Unmöglich, diese Frage bejahend zu beantworten; die kleine Welt, die mich umgab, war anderer Meinung – ich schwieg. Mrs. Reed antwortete für mich mit einem ausdrucksvollen Schütteln des Kopfes, gleich darauf fügte sie hinzu: »Je weniger man über diesen Punkt spricht, Mr. Brocklehurst, desto besser.«

[42] »Thut mir in der That leid zu hören! sie und ich müssen ein wenig mit einander reden,« damit brachte er sich aus der perpendikulären Stellung und installierte seine Person in dem Lehnstuhl, welcher Mrs. Reed gegenüber stand. »Kommen Sie hierher,« sagte er.

Ich ging über den Kaminteppich; er stellte mich gerade und aufrecht vor sich. Welch ein Gesicht hatte er, jetzt wo es sich in gleicher Linie mit dem meinen befand! welch eine ungeheure Nase! und welch ein Mund! welche großen, hervorstehenden Zähne!

»Es giebt keinen schrecklicheren Anblick, als den eines unartigen Kindes,« begann er, »besonders eines unartigen kleinen Mädchens! Wissen Sie, wohin die Gottlosen kommen, wenn sie gestorben sind?«

»Sie kommen in die Hölle,« lautete meine schnelle und orthodoxe Antwort.

»Und was ist die Hölle? Können Sie mir das ebenfalls sagen?«

»Eine Grube voll Feuer.«

»Und möchten Sie wohl in diese Grube hineinfallen und dort für ewig brennen?«

»Nein, Sir.«

»Was müssen Sie denn thun, um das zu vermeiden?«

Einen Augenblick überlegte ich meine Antwort; als sie kam, war gewiß viel gegen sie einzuwenden: »ich muß gesund bleiben und nicht sterben.«

»Wie können Sie denn gesund bleiben? Täglich sterben Kinder, die jünger sind, als Sie. Erst vor zwei oder drei Tagen habe ich ein kleines Kind von fünf Jahren begraben – ein gutes Kind, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Es steht zu befürchten, daß man dasselbe nicht von Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben abberufen würden.«

Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu beheben, schlug ich nur die Augen nieder und ließ sie auf den beiden [43] ungeheuerlichen Füßen ruhen, die sich in den Kaminteppich eingegraben hatten. Dann seufzte ich tief auf. Ich wünschte mich weit, weit fort.

»Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens kommt und daß Sie bedauern, die Quelle so vieler Unannehmlichkeiten für Ihre ausgezeichnete Wohlthäterin gewesen zu sein.«

»Wohlthäterin! Wohlthäterin!« wiederholte ich innerlich. »Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohlthäterin; wenn sie das war, so ist eine Wohlthäterin eine sehr unangenehme Sache.«

»Sprechen Sie Abends und Morgens Ihr Gebet?« fuhr mein Examinator fort.

»Ja, Sir.«

»Lesen Sie Ihre Bibel?«

»Zuweilen.«

»Mit Freude? Lieben Sie Ihre Bibel?«

»Ich liebe die Offenbarung, und das Buch Daniel und Genesis und Samuel, und ein wenig vom Buch der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik, und Hiob und Ruth.«

»Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch?«

»Nein, Sir.«

»Nein? o, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, viel jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn Sie ihn fragen, ob er lieber eine Pfeffernuß zum essen, oder einen Vers aus den Psalmen zum auswendig lernen haben möchte, so sagt er: ›O, den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja Psalmen,‹ sagt er, ›ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner Engel sein‹, und dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit zwei Pfeffernüsse.«

»Psalmen sind nicht interessant,« bemerkte ich.

»Das beweist, daß Sie ein bösartiges Herz haben und Sie müssen Gott bitten, daß er Ihnen ein besseres giebt, [44] ein neues, ein reines; daß er Ihnen Ihr Herz von Stein nimmt und Ihnen ein Herz von Fleisch giebt.«

Ich war gerade im Begriff, eine Frage in Bezug auf die Art und Weise zu thun, wie die Operation, mir ein neues Herz einzusetzen, vor sich gehen solle, als Mrs. Reed mich unterbrach, indem sie mir gebot, mich zu setzen, dann fuhr sie fort, selbst die Unterhaltung zu führen.

»Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe, daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Eigenschaften hat, welche mir wünschenswert erscheinen. Wenn Sie sie in die Schule von Lowood aufnehmen sollten, so würde ich Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer ersuchen wollten, ein scharfes Auge auf sie zu haben und vor allen Dingen, ihrem schlimmsten Fehler, einen Hang zur Lüge und Verstellung, entgegen zu arbeiten. Ich erwähne dieser Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch Mr. Brocklehurst täuschen zu wollen.«

Wohl war ich berechtigt, Mrs. Reed zu fürchten, eine tiefe Abneigung gegen sie zu hegen, denn es lag in ihrer Natur, mich stets aufs grausamste zu verletzen. Niemals fühlte ich mich glücklich in ihrer Gegenwart; wie sorgsam ich mich auch bemühte, ihr zu gefallen, ihr aufs Wort zu gehorchen – meine Anstrengungen wurden stets nur durch solche Redensarten wie die obigen belohnt. Und jetzt schnitt diese Beschuldigung, vor einem Fremden ausgesprochen, mir tief ins Herz. Ich sah genau, wie sie schon wieder jegliche Hoffnung aus der neuen Lebensphase, in welche ich einzutreten im Begriff war, verbannte; ich fühlte, obgleich ich für diese Empfindung keine Ausdrucksweise gefunden hätte, daß sie bemüht war, Abneigung und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen Lebenspfad zu säen; ich sah, wie ich mich in Mr. Brocklehurst's Augen in ein verschlagenes, eigensinniges Kind verwandelte; – und was [45] konnte ich thun, um diesem gegen mich begangenen Unrecht abzuhelfen?

»Nichts, in der That!« dachte ich, als ich kämpfte, um ein Schluchzen zu unterdrücken und hastig einige Thränen, die ohnmächtigen Beweise meiner Herzensangst, abtrocknete.

»Verstellung ist in der That ein trauriger Charakterfehler bei einem Kinde,« sagte Mr. Brocklehurst, »ein Fehler, welcher mit der Falschheit und Lügenhaftigkeit nahe verwandt ist und alle Lügner werden ihren Anteil haben an dem See, in welchem Pech und Schwefel brennen; sie soll indessen sorgsam bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und Lehrerinnen sprechen.«

»Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit ihren Lebensaussichten übereinstimmt,« fuhr meine Wohlthäterin fort, »sie soll sich nützlich machen und demütig bleiben. Die Ferien soll sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood bleiben.«

»Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus vernünftig,« entgegnete Mr. Brocklehurst. »Die Demut ist ein Schmuck der Christen und einer, der ganz besonders für die Schülerinnen von Lowood passend ist; ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege eine besondere Sorgfalt gewidmet wird. Ich habe ein Studium darauf verwendet, zu ergründen, wie das weltliche Gefühl des Stolzes und des Hochmuts am besten in ihnen zu ersticken ist. Und vor wenigen Tagen erst hatte ich eine angenehme Probe meiner Erfolge. Meine zweite Tochter, Auguste, ging mit ihrer Mama, um die Schule zu besuchen und bei ihrer Rückkehr rief sie aus: ›O mein teurer Papa, wie ruhig und einfach all die Mädchen in Lowood aussehen! Mit ihrem Haar, das glatt hinter die Ohren gestrichen ist und ihren langen Schürzen und den kleinen Taschen, welche sie über ihren Kleidern tragen – sie sehen beinahe aus, wie die Kinder armer Leute! und,‹ fuhr sie fort, ›sie starrten Mamas und mein [46] Kleid an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch kein seidenes Kleid gesehen hätten.‹«

»Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,« erwiderte Mrs. Reed, »wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich kein System gefunden haben, das für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt haben würde. Konsequenz und Festigkeit, mein lieber Mr. Brocklehurst, ich befürworte Konsequenz in allen Dingen!«

»Konsequenz, Madame, ist die erste der christlichen Pflichten, und sie wird in dem Etablissement von Lowood bei jeder Anordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten – das ist die Tagesordnung für das Haus und seine Bewohner.«

»Ganz in der Ordnung, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen und dort ihrer Stellung und ihren Lebensaussichten angemessen erzogen wird?«

»Ja, Madame, das können Sie. Sie soll an jene Pflegestätte auserlesener Pflanzen versetzt werden – und ich hoffe, daß sie sich dankbar zeigen wird für das unschätzbare Privilegium, welches ihr dadurch zu Teil wird.«

»Ich werde sie also so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so schnell wie irgend thunlich von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, welche mir endlich zu lästig geworden ist.«

»Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel und jetzt will ich Ihnen guten Morgen wünschen. In ungefähr zwei bis drei Wochen werde ich nach Brocklehurst-Hall zurückkehren; mein guter Freund, der Erzbischof, wird mir kaum erlauben, ihn früher zu verlassen. Übrigens werde ich Miß Temple ankündigen, daß sie ein neues Mädchen zu [47] erwarten hat, damit bei ihrem Eintritt keine Schwierigkeiten entstehen. Leben Sie wohl.«

»Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst; machen Sie Mrs. und Miß Brocklehurst und Augusta und Theodora und Ihrem Sohn Broughton Brocklehurst meine Empfehlungen.«

»Das werde ich thun, Madame. Mein kleines Mädchen, hier ist ein Buch mit dem Titel: ›Des Kindes Führer‹; lesen Sie es mit Gebeten, besonders jenen Teil, welcher von dem fürchterlichen, plötzlichen Tode Marta G.s handelt, einem unartigen Kinde, welches der Falschheit und Lüge ergeben war.«

Mit diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein Pamphlet, welches sorgsam in einen Umschlag genäht war, in meine Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte sich.

Mrs. Reed und ich blieben allein; mehre Minuten verharrten wir im Schweigen; sie nähte, ich beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten Schultern und starken Knochen, nicht schlank und obgleich üppig, nicht zu fett. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, der Unterkiefer war hervortretend und stark entwickelt; ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit, Mund und Nase waren ziemlich regelmäßig; unter ihren farblosen Augenbrauen blitzte ein Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Haut war dunkel und matt, das Haar flachsblond; ihre Konstitution war fest und gesund – eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft standen vollständig unter ihrer Kontrolle; nur ihre Kinder trotzten zuweilen ihrer Autorität und verlachten sie höhnisch; sie kleidete sich hübsch und verstand es, eine schöne Toilette mit Anstand zu tragen.

Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß ich auf einem niedrigen Schemel und ließ meine Blicke prüfend [48] auf ihrer Figur und ihren Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt ich das Traktätchen, welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte; meine Aufmerksamkeit war ganz besonders auf diese Erzählung gelenkt, weil sie eine passende Warnung für mich enthalten sollte. Noch war meine Seele wund und schmerzhaft von dem, was soeben geschehen war, was Mrs. Reed in Bezug auf mich mit Mr. Brocklehurst gesprochen, von dem ganzen Inhalt ihres Gesprächs. Ich hatte jedes Wort ebenso klar empfunden wie ich es gehört, und das leidenschaftlichste Rachegefühl begann sich in mir zu regen.

Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge bohrte sich in das meine, ihre Finger hielten in ihrer geschäftigen Bewegung inne.

»Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!« In meinem Blicke oder in meinen Bewegungen mußte sie etwas herausforderndes gesehen haben, denn sie sprach in heftigster, wenn auch unterdrückter Bewegung. Ich stand auf; ich ging an die Thür; ich kam wieder zurück; dann ging ich an das Fenster, durch das Zimmer, dicht an ihren Lehnstuhl.

Sprechen mußte ich, man hatte mich zu schmerzhaft verletzt, ich mußte mich auflehnen, doch wie? Welche Mittel hatte ich denn, um meine Gegnerin wirksam zu treffen? Ich faßte meinen ganzen Mut, meine ganze Energie zusammen und schleuderte ihr folgende Worte ins Gesicht:

»Ich bin nicht falsch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so würde ich sagen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich nicht liebe, ich hasse dich mehr als irgend jemanden auf der ganzen Welt, John Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte einer Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgiana geben, denn sie ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.«

Mrs. Reeds Hände ruhten unthätig auf ihrer Arbeit; ihr eisiges Auge bohrte sich erstarrend in das meine:

[49] »Hast du sonst noch etwas zu sagen?« fragte sie mich in jenem Tone, den man wohl Erwachsenen gegenüber, niemals aber im Gespräch mit einem Kinde anzuwenden pflegt.

Ihre Augen, ihre Stimme wühlten all den Haß, der in mir lebte, auf. Von Kopf bis zu Fuße bebend, von einer Erregung geschüttelt, deren ich nicht mehr Herr werden konnte, fuhr ich fort:

»Ich bin glücklich, daß Sie nicht meine Blutsverwandte sind. Niemals, so lange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen. Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und daß Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben.«

»Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?«

»Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, daß ich kein Gefühl habe, daß ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann, aber so kann ichnicht leben – – und Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen. Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen – bis zu meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen. Obgleich die Todesangst mich verzehrte, obgleich ich vor Jammer und Entsetzen fast erstickend aus allen Kräften schrie und flehte: ›Hab Erbarmen, Tante Reed! Hab Erbarmen!‹ Und diese Strafe ließen Sie mich erdulden, weil Ihr boshafter, schlechter Sohn mich schlug – mich ohne Grund und Ursache zu Boden schlug. Und diese Geschichte – gerade so, wie ich sie jetzt erzähle – werde ich jedem erzählen, der mich frägt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig! Sie sind lügnerisch und falsch!«

[50] Ehe ich noch mit dieser Antwort zu Ende war, begann ein seltsam glückseliges Gefühl der Freiheit, des Triumphes sich meiner Seele zu bemächtigen. So hatte ich noch niemals empfunden. Es war als wenn unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären, und ich mir endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte. Und dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über mich, denn – Mrs. Reed schien erschrocken und furchtsam; die Arbeit war von ihrem Schoße gefallen, sie erhob die Hände und wiegte sich hin und her, ihr Gesicht verzerrte sich, als wolle sie anfangen zu weinen.

»Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du einen Schluck Wasser trinken?«

»Nein, Mrs. Reed.«

»Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir glauben, ich wünsche nichts anderes, als dir eine Freundin zu sein.«

»Nein, das ist nicht wahr. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen, bösen und falschen Charakter habe. Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind, und was Sie gethan haben! Das schwöre ich Ihnen.«

»Jane, du verstehst solche Dinge nicht. Kinder müssen von ihren Fehlern geheilt werden.«

»Falschheit ist aber nicht mein Fehler!« schrie ich mit lauter, wilder, gellender Stimme.

»Aber du bist leidenschaftlich und heftig, Jane, das mußt du zugeben. Und jetzt geh wieder in die Kinderstube – so – das ist ein gutes, liebes Kind! – Geh und ruh dich ein wenig aus.«

»Ich bin nicht Ihr gutes, liebes Kind! Ich kann mich nicht ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs. Reed, denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhaßt geworden.«

[51] »Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,« murmelte Mrs. Reed, sotto voce. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.

Ich blieb nun allein, ich behauptete das Schlachtfeld. Es war der erbittertste Kampf, den ich jemals gekämpft, und der erste Sieg, den ich je errungen. Einige Augenblicke stand ich vor dem Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte ich still vor mich hin und fühlte mich gehoben; aber diese trotzige Freude schwand dahin in demselben Maße, wie das beschleunigte Tempo meines Pulsschlags nachließ. Ein Kind kann nicht mit älteren Leuten streiten, wie ich es gethan – kann seinen unbemeisterten Gefühlen nicht ungehindert Ausdruck verleihen, wie es soeben von mir geschehen – ohne daß es nachher die Qualen der Gewissensbisse, den Schauder der Reaktion empfindet. Ein Streifen brennenden Heidelandes, glühend, tobend, verzehrend – das wäre eine passende Verbildlichung meines Gemüts gewesen als ich Mrs. Reed anklagte und bedrohte. Und dasselbe Heideland, schwarz und versengt, nachdem die Flammen erloschen, würde ebenso treffend meinen späteren Gemütszustand versinnlicht haben, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde mir den Wahnsinn meines Vorgehens und die Trübseligkeit meiner verhaßten Lage und hassenden Stimmung vor Augen geführt hatte.

Zum erstenmal hatte ich die Süßigkeit der Rache empfunden; aromatischer Wein dünkte sie mich, der während des Trinkens süße und feurig ist; sein Nachgeschmack aber ist herbe und metallisch – so hatte ich das Gefühl, als ob ich vergiftet sei. Gern wäre ich gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber ich wußte, teils aus Erfahrung, teils aus Instinkt, daß sie mich dann nur mit doppelter Verachtung zurückstoßen und dadurch jedes meiner Natur innewohnende heftige Gefühl aufs neue erwecken würde.

[52] Gern hätte ich eine andere mir innewohnende Fähigkeit geübt als die des heftigen, trotzigen Sprechens; gern hätte ich Nahrung für ein sanfteres Gefühl gefunden, als das der finsteren Empörung. Ich nahm ein Buch – es waren arabische Erzählungen; ich setzte mich und war bemüht zu lesen. Ich konnte den Sinn des Ganzen nicht verstehen; meine eigenen Gedanken schwebten fortwährend zwischen mir und den Zeilen, die mich sonst stets gefesselt hatten. Ich öffnete die Glasthür, welche aus dem Frühstückszimmer in den Garten führte; die jungen Anpflanzungen lagen so still da; der düstere Frost, weder durch Sonne noch Wind gestört, hatte sein Reich im Garten aufgeschlagen. Ich bedeckte meinen Kopf und meine Arme mit dem Rock meines Kleides und ging hinaus, um in einem abgeschiedenen Teil des Parks zu spazieren – aber ich fand keine Freude an den stillen, bewegungslosen Bäumen, den herabfallenden Tannenzapfen, den erstarrten Reliquien des Herbstes, den braunen, welken Blättern, welche der Wind in Haufen zusammen gefegt und der Frost bewegungslos gemacht hatte. Ich lehnte mich gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame Weide, auf welcher keine Schafe mehr grasten, wo das kurze Gras geschwärzt und welk und traurig aussah. Es war ein sehr grauer Tag; ein matter Himmel, der voll Schneewolken hing, wölbte sich über die Landschaft; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf den hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben, ohne zu schmelzen.

Da stand ich, ein unglückliches Kind und flüsterte immer wieder: »Was soll ich thun? – Was soll ich thun?«

Plötzlich hörte ich eine helle Stimme rufen: »Miß Jane! Wo sind Sie? Kommen Sie zum Gabelfrühstück herein!«

Ich wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber ich rührte mich nicht von der Stelle; dann ertönte ihr leichter Schritt auf dem Gartenwege.

[53] »Sie unartiges, kleines Ding!« sagte sie. »Weshalb kommen Sie nicht, wenn man Sie ruft?«

Bessies Gegenwart war erheiternd im Vergleich zu den düsteren Gedanken, die meine Gesellschaft gewesen, selbst dann, wenn sie, wie gewöhnlich, etwas zornig war. Die Sache war nämlich die, daß ich mir nach meinem Konflikte mit Mrs. Reed und meinem Sieg über dieselbe nur noch sehr wenig aus dem vorübergehenden Zorn des Kindermädchens machte. Ich war vielmehr geneigt, mich in ihrer jugendlichen, beneidenswerten Leichtherzigkeit zu sonnen. So schlang ich denn meine beiden Arme um ihren Hals und sagte schmeichelnd: »Komm Bessie, schilt mich nicht!«

Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgend eine, die ich mir bis jetzt erlaubt hatte; sie mußte auch dem Mädchen gefallen.

»Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane,« sagte sie, indem sie zu mir herabblickte, »ein kleines ruheloses, einsames Ding; also vermutlich wird man Sie jetzt in die Schule schicken?«

Ich nickte.

»Und wird es Ihnen nicht schwer, Ihre arme Bessie zu verlassen?«

»Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer nur.«

»Weil Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines Ding sind. Sie sollten dreister sein.«

»Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?«

»Unsinn! Aber es ist wahr, es wird hart mit Ihnen umgegangen. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie, daß sie keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen möchte. – Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe Ihnen etwas angenehmes zu erzählen!«

»Ach nein, Bessie, das hast du nicht.«

»Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau[54] und die jungen Damen und Master John fahren heute Nachmittag zum Thee aus, und Sie sollen mit mir Thee trinken. Ich werde die Köchin bitten, daß sie Ihnen einen kleinen Kuchen bäckt, und später sollen Sie mir helfen, Ihre Schränke und Schiebladen durchzusehen; denn ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Die gnädige Frau hat beschlossen, daß Sie in ein bis zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen möchten.«

»Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten, so lange ich noch hier bin.«

»Nun, das will ich Ihnen versprechen! Aber nun müssen Sie auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten. Schrecken Sie nicht immer gleich auf, wenn ich einmal ein bißchen scharf spreche, das ist so ärgerlich!«

»Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und gar bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu fürchten habe.«

»Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie niemals lieb haben.«

»Wie du es thust, Bessie?«

»O, ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von Ihnen, als von all den anderen!«

»Aber du zeigst es mir nicht.«

»Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz anders. Was macht Sie denn so mutig, so waghalsig?«

»Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem« – ich war im Begriff etwas von dem zu sagen, was zwischen Mrs. Reed und mir vorgefallen war, aber bald fühlte ich, daß es doch besser sei, über diesen Punkt Schweigen zu bewahren.

»Sie sind also froh, mich zu verlassen?«

»O gewiß nicht, Bessie; in der That, in diesem Augenblick thut es mir beinahe leid.«

[55] »In diesem Augenblick! und ›beinahe!‹ Wie ruhig die kleine Dame das sagt! Ich glaube wahrhaftig, wenn ich Sie in diesem Augenblick um einen Kuß bäte, so würden Sie ihn mir nicht geben. Sie würden dann sagen, beinahe lieber nicht.«

»Ich will dich küssen, und gern küssen; komm, biege deinen Kopf zu mir herunter.« Bessie neigte sich, wir umarmten uns, und ich folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmittag verging in Frieden und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie mir einige ihrer bezauberndsten Geschichten und sang mir ihre süßesten Lieder vor. Sogar auf mein Leben fiel dann und wann ein Sonnenstrahl.

Fünftes Kapitel

Am Morgen des 19. Januar hatte es kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in meine kleine Kammer brachte und mich bereits außer dem Bette und halb angekleidet fand. Ich war schon eine halbe Stunde vor ihrem Eintritt aufgestanden, hatte mein Gesicht gewaschen und mich beim Scheine des grade untergehenden Mondes, der seine Strahlen durch das schmale Fensterchen neben meinem Bette warf, angekleidet. An diesem Tage sollte ich Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an dem Parkthor des Herrenhauses vorüberfuhr. Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube ein Feuer im Kamin angezündet und bereitete jetzt mein Frühstück an demselben. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und ich konnte es auch nicht. Umsonst bat Bessie mich, nur einige Löffel voll von dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für mich bereitet hatte; ich weigerte mich hartnäckig; dann wickelte sie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und schob es in meine Reisetasche. Darauf bekleidete sie mich mit Hut und Pelz, hüllte sich in ein dickes Tuch und verließ [56] mit mir die Kinderstube. Als wir an Mrs. Reeds Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie: »Wollen Sie hineingehen und Ihrer Tante Lebewohl sagen?«

»Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche hinunter gegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich weder sie noch meine Cousinen heute morgen zu stören brauche, und dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine beste Freundin gewesen, und dankbar von ihr zu sprechen und an sie zu denken.«

»Was antworteten Sie darauf, Fräulein?«

»Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte mich von ihr ab.«

»Das war nicht recht, Miß Jane.«

»Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine Freundin gewesen, sie war meine erbittertste Feindin.«

»O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!«

»Lebewohl Gateshead!« rief ich, als wir durch die Halle gingen und durch die große Hausthür hinaustraten.

Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel. Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und einen durch plötzlichen Thau aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und rauh war dieser Wintermorgen, meine Zähne schlugen vor Kälte zusammen, als wir den Fahrweg hinuntereilten. Aus der Loge des Portiers glänzte ein Licht. Als wir näher kamen, sahen wir, daß die Pförtnersfrau gerade ein Feuer machte. Mein Koffer, welcher schon am Abend vorher hinuntergetragen war, stand mit Stricken geschnürt vor der Thür. Es fehlten nur noch wenige Minuten an sechs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder das Nahen der Postkutsche. Ich ging an die Thür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daher kamen.

»Fährt sie allein?« fragte die Portiersfrau.

»Ja.«

[57] »Und wie weit ist es von hier?«

»Fünfzig Meilen.«

»Welch weiter Weg! Mich wundert es nur, daß Mrs. Reed es wagt, sie die lange Strecke allein fahren zu lassen.«

Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und dem von Reisenden besetzten Dach vor der Thür; der Kutscher und der Kondukteur trieben laut zur Eile an; mein Koffer wurde hinauf gehißt; man zog mich von Bessie fort, deren Nacken ich umklammert hielt und die ich mit Küssen bedeckte.

»Daß Ihr nur gut acht auf das Kind gebt!« rief sie dem Kondukteur zu, der mich in das Innere des Wagens hob.

»Ja! Ja! Ja!« war seine Antwort. Die Thür wurde wieder zugeschlagen, eine Stimme rief »Fertig«, und vorwärts ging es. So trennte ich mich von Bessie und Gateshead – so rollte ich davon, unbekannten und wie ich damals glaubte, fernen und geheimnisvollen Regionen entgegen.

Von jener Reise erinnere ich mich nur noch an wenige Einzelheiten. Ich weiß nur noch, daß der Tag mir von einer unnatürlichen Länge erschien, und daß es mich dünkte, als ob die Landstraße, auf welcher wir dahinfuhren, hunderte von Meilen lang sei. Wir kamen durch verschiedene Städte, und in einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu essen. Ich wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Kondukteur mich aufforderte, mich zum speisen hinzusetzen; da ich jedoch keinen Appetit hatte, ließ er mich in einem großen Zimmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand; ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand war eine kleine, rote Galerie angebracht, auf der verschiedene musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemach ging ich lange auf und ab; mir war gar seltsam zu Mute und ich hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um mich zu [58] rauben und fortzuführen, denn ich glaubte an Kinderdiebe; ihre Thaten hatten in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle gespielt. Endlich kam der Kondukteur zurück, noch einmal wurde ich in die Kutsche gepackt; mein Beschützer stieg auf seinen eigenen Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselten wir über die steinigen Straßen von L.

Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann ich zu fühlen, daß wir in der That schon weit von Gateshead entfernt sein mußten; wir hörten auf, Städte zu passieren; die Landschaft veränderte sich; große, graue Hügel begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und dunkler wurde, fuhren wir in ein düsteres, dicht bewaldetes Thal hinab, und lange nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte und jede Aussicht unmöglich machte, hörte ich den wilden Sturm durch die Bäume rauschen.

Dieses Rauschen lullte mich ein, endlich schlief ich fest. Doch hatte ich noch nicht lange geschlummert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich weckte. Der Schlag der Postkutsche war geöffnet und eine Person, die wie eine Dienerin gekleidet war, stand daneben. Beim Schein der Laterne sah ich ihr Gesicht und ihre Kleidung.

»Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?« fragte sie. Ich antwortete »ja«, und wurde dann herausgehoben; man setzte meinen Koffer ab, und augenblicklich fuhr der Postwagen weiter.

Ich war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom Lärm und von der Bewegung der Kutsche; nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte, blickte ich umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft; trotzdem unterschied ich eine Mauer vor mir und eine geöffnete Thür in derselben. Durch diese Thür schritt ich mit meiner neuen Führerin; sie verschloß dieselbe sorgsam hinter uns. Jetzt wurde ein Haus oder ein Komplex von Häusern sichtbar – denn [59] es war ein Gebäude von großer Ausdehnung – mit vielen, vielen Fenstern. Durch einige derselben fiel Lichterschein. Wir gingen einen breiten, mit Kies bestreuten Weg hinauf und wurden durch eine Thür in das Haus eingelassen, dann führte die Dienerin mich durch einen Korridor in ein Zimmer, wo ein helles Kaminfeuer brannte. Und nun blieb ich allein.

Ich stand und wärmte meine erstarrten Finger an der Glut, dann blickte ich umher. Es brannte kein Licht, aber bei dem unsicheren Schein des Kaminfeuers konnte ich tapezierte Wände, einen Teppich, Vorhänge und glänzende Mahagoni-Möbeln unterscheiden. Es war ein Wohnzimmer, zwar nicht so geräumig und prächtig wie der Salon in Gateshead-Hall, aber dennoch hübsch und gemütlich. Ich war grade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Thür geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der Hand trug; eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.

Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum Teil durch einen Shawl verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.

»Das Kind scheint doch zu jung, um diese Reise allein zu machen,« sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte. Mehrere Minuten betrachtete sie mich aufmerksam, dann fügte sie hinzu:

»Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie steht so müde aus. Bist du müde?« fragte sie und legte ihre Hand auf meine Schulter.

»Ein wenig, Madame.«

»Und auch hungrig, ohne Zweifel. Sorgen Sie dafür, Miß Miller, daß sie etwas zu essen bekommt, bevor sie sich schlafen legt. Ist es das erste Mal, daß du deine Eltern verlassen hast, mein kleines Mädchen, um hier in die Anstalt zu kommen?«

[60] Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern habe. Sie fragte mich, wie lange sie schon tot seien; dann wie alt ich sei, wie ich heiße, ob ich lesen könne und auch schreiben und ein wenig nähen. Endlich berührte sie meine Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte, »sie hoffe, daß ich ein gutes Kind sein würde,« und dann schickte sie mich mit Miß Miller fort.

Die Dame, die ich soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit mir ging, konnte um einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf mich. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, ihr Teint war gesund, obgleich ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen trugen; sie war hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine Menge der verschiedensten Dinge zu besorgen hat; in der That, man sah auf den ersten Blick, daß sie war, was ich späterhin erfuhr – eine Unterlehrerin. Von ihr geführt, ging ich von Zimmer zu Zimmer, von Korridor zu Korridor durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude. Endlich hörte die vollständige und trübselige Stille des von uns durchschrittenen Teiles des Hauses auf, und bald schlug ein Gewirr von Stimmen an unser Ohr. Wir traten in ein großes, langes Zimmer, in welchem an jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen und rund um dieselben saßen auf Bänken eine Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zu zwanzig Jahren. In dem trüben Schein der Talgkerzen schien ihre Anzahl mir Legion, obgleich ihrer in Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren. Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern nach ganz altmodischem Schnitt und lange, baumwollene Schürzen. Es war die Stunde, in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten und das Gesumme von Stimmen, welches ich zuerst vernommen, [61] war das vereinigte Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen.

Miß Miller machte mir ein Zeichen, mich auf eine Bank nahe der Thür zu setzen; dann ging sie an das obere Ende des großen Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme:

»Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen und legt sie an ihren Platz!«

Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie fort. Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort:

»Aufseherinnen, holt die Bretter mit dem Abendessen!«

Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich zurück. Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von irgend welchem Essen – ich konnte nicht unterscheiden, was es war – und in der Mitte eines jeden solchen Brettes stand ein Krug mit Wasser und ein Becher. Die Portionen wurden umher gereicht, wer wollte, konnte auch einen Schluck Wasser trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die Reihe an mich kam, trank ich, denn ich war durstig; die konsistentere Nahrung ließ ich unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es mir unmöglich zu essen, indessen sah ich jetzt, daß es ein dünner Kuchen von Hafermehl war, der in Stücke geschnitten worden.

Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach oben. Jetzt hatte die Müdigkeit mich vollständig überwältigt, ich bemerkte kaum, welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer eigentlich war; ich sah nur, daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer. Diese Nacht mußte ich das Bett mit Miß Miller teilen, sie half mir beim entkleiden. Als ich mich niederlegte, blickte ich auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell [62] mit zwei Teilhabern sich füllte, nach zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgelöscht. Stille und vollständige Dunkelheit herrschten; ich schlief ein.

Die Nacht verstrich schnell. Ich war sogar zu müde und abgespannt, um träumen zu können. Nur einmal erwachte ich und vernahm, wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume brauste. Der Regen fiel in Strömen. Jetzt gewahrte ich auch, daß Miß Miller ihren Platz an meiner Seite eingenommen hatte. Als ich die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer Glocke an mein Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich an; der Tag war noch nicht angebrochen, und ein oder zwei Lichter brannten im Zimmer. Widerwillig erhob auch ich mich, es war bitter kalt, und ich kleidete mich an so gut wie ich es vor Kälte bebend vermochte. Als eine Waschschüssel frei geworden war, wusch ich mich. Allerdings mußte ich lange auf diese glückliche Fügung warten, denn auf den Waschtischen, welche durch die Mitte des Zimmers entlang standen, befand sich nur immer eine Schüssel für je sechs Mädchen. Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen Abend zwei und zwei in die Kolonne, und in dieser Ordnung gingen sie die Treppe hinunter. Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor; dann rief sie laut:

»Bildet die Klassen!«

Hierauf folgte ein großer Tumult, der einige Minuten anhielt. Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen: »Ruhe!« und »Ordnung!« Als diese endlich eingetreten, sah ich, daß alle sich in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen und ein großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem leeren Stuhl. Nun entstand eine minutenlange Pause, während welcher man nichts vernahm, als das leise Gemurmel von [63] Zahlen. Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen.

Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen der Tische und nahm ihren Platz ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl, welcher der Thür am nächsten stand und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten; dieser letzten Klasse wurde auch ich zugewiesen und zwar als letzte in derselben.

Jetzt begann die Arbeit. Die Kollekte des Tages wurde wiederholt, dann wurden mehre Texte aus der heiligen Schrift hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel, welches eine ganze Stunde dauerte. Als wir mit dieser Übung zu Ende gelangt, war der Tag vollständig angebrochen. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, wo das Frühstück eingenommen wurde. Wie froh war ich bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen. Der Hunger hatte mich beinahe schon krank gemacht, denn Tags zuvor hatte ich fast gar keine Nahrung zu mir genommen.

Das Refektorium war ein großes, niedriges, düsteres Gemach. Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen Näpfen, das indessen zu meiner größten Enttäuschung einen Geruch ausströmte, der nichts weniger als einladend war. Als der Dampf dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane derjenigen drang, welche bestimmt waren, selbige zu vertilgen, bemerkte ich eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit. Aus dem Nachtrab der Prozession, den die großen Mädchen der ersten Klasse bildeten, hörte man die geflüsterten Worte:

»Ekelhaft! Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!«

»Ruhe!« gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß Millers, sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen [64] sehr mürrisch und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an einem der Tische Platz, während eine behäbigere Dame an dem anderen präsidierte. Umsonst hielt ich Umschau nach der Gestalt, welche ich am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar. Miß Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen, an welchem ich saß und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche Dame – die französische Lehrerin – wie ich später erfuhr – nahm denselben Platz am nächsten Tische ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Thee für die Lehrerinnen herein und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.

Vollständig ausgehungert und ermattet verschlang ich mehrere Löffel voll von meiner Portion, ohne an den Geschmack zu denken; als aber der erste, quälende Hunger gestillt war, bemerkte ich, daß ein übelriechendes Gemisch vor mir stand. Angebrannter Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln; selbst die Hungersnot schreckt davor zurück. Die Löffel wurden ganz langsam in Bewegung gesetzt, ich sah, wie jedes Mädchen die ihr vorgesetzte Nahrung kostete und versuchte, sie hinunterzuschlucken, aber in den meisten Fällen wurden diese Bemühungen aufgegeben. Das Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Wir sprachen das Dankgebet für etwas, was wir gar nicht bekommen hatten, und nachdem eine zweite Hymne abgesungen worden, leerte das Refektorium sich und wir begaben uns in das Schulzimmer. Ich war eine der letzten, die hinausging und als ich die Tische passierte, sah ich, wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit Haferbrei nahm, um den Inhalt desselben zu kosten; sie blickte die anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und eine der Damen, die behäbige, flüsterte:

»Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!«

Eine Viertelstunde verging, bevor die Stunden wieder begannen. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer [65] ein glorreicher Aufstand! In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt, frei und laut zu sprechen; und die Mädchen machten den umfassendsten Gebrauch von diesem Privilegium. Die ganze Konversation drehte sich um das Frühstück, auf das eine und alle ungeniert schalten. Die armen Dinger! Es war der einzige Trost, den sie hatten! Außer Miß Miller war keine andere Lehrerin im Zimmer. Einige der erwachsenen Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und sprachen mit ernsten, trotzigen Geberden. Ich hörte von einigen Lippen den Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte mißbilligend den Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen; ohne Zweifel teilte sie dieselbe.

Eine Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde. Miß Miller verließ den Kreis, welcher sich um sie gebildet hatte, trat in die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme:

»Ruhe! Auf die Plätze!«

Die Disziplin trug den Sieg davon. Nach fünf Minuten war Ordnung in die wirre Menge gekommen, und verhältnismäßige Ruhe folgte auf die Sprachenverwirrung von Babel. Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Posten ein, und doch schienen alle noch auf irgend etwas zu warten. Auf den Bänken, welche sich an den Seiten des Zimmers entlang zogen, saßen achtzig Mädchen bewegungslos und kerzengerade; eine seltsame Versammlung in der That – allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt, nicht eine Locke war sichtbar – in ihren braunen Kleidern, die bis an den Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen – mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe, (ungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländer) die an der Vorderseite des Kleides befestigt waren und den Zweck hatten als Arbeitstasche zu dienen – dazu die wollenen Strümpfe und die einfach gearbeiteten [66] Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt waren – ja, in der That, eine seltsame Versammlung! – Ungefähr zwanzig der auf diese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen oder eigentlich schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm kleidete sie schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen.

Ich betrachtete sie noch, und dann und wann auch die Lehrerinnen, von denen keine einzige mir besonders gefiel, denn die Behäbige hatte etwas gewöhnliches, die Dunkle sah sehr trotzig aus, die Fremde heftig und grotesk und Miß Miller, das arme Ding, sah blaurot und abgehärmt und überarbeitet aus – da plötzlich, als meine Blicke noch von einem Gesicht zum anderen wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und wie auf Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in die Höhe geschnellt.

Was war denn geschehen? Ich hatte keinen Befehl vernommen – ich war ganz bestürzt. Bevor ich mich noch gesammelt und orientiert hatte, saßen die Klassen schon wieder. Da sich jetzt aber alle Blicke aufeinen Punkt richteten, so folgten auch die meinen jener Richtung – und fielen auf die Dame, welche mich am vorhergehenden Abend empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am unteren Ende des Zimmers, an jedem Ende desselben befand sich nämlich ein Kaminfeuer. Ernst und ruhig musterte sie die beiden Reihen der Mädchen. Miß Miller näherte sich ihr und schien eine Frage zu thun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren Platz zurück und sagte laut:

»Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie den Globus.«

Während diese Weisung befolgt wurde, ging die Dame, welche befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Ich glaube, mein Organ der Ehrerbietung muß stark entwickelt sein, denn noch heute erinnere ich mich des Gefühls von staunender Bewunderung, mit welchem ich ihren [67] Schritten folgte. Jetzt im hellen Tageslicht sah sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen mit wohlwollendem, klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern, welche sie umgaben, hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor. Nach der Mode jener Zeit, wo weder glatte Scheitel, noch lange Schmachtlocken en vogue waren, trug sie ihr schönes, dunkelbraunes Haar in kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre Kleidung, ebenfalls nach der Mode des Tages, bestand aus dunkel-violettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Sammet. Eine goldene Uhr (Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen) hing an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß der Leser sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt – und dann hat er, so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple – Maria Temple, wie ich später einmal in einem Gebetbuche las, welches mir anvertraut wurde, um es in die Kirche zu tragen.

Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood (denn dieses Amt bekleidete die Dame) nahm ihren Sitz vor einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, rief die erste Klasse auf, sich um sie zu sammeln, und begann dann, eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben. Die niederen Klassen wurden von den Lehrerinnen aufgerufen: Repetitionen in der Weltgeschichte, Grammatik u.s.w. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte Arithmetik und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen der größeren Mädchen Musikstunde. Die Dauer jeder Unterrichtsstunde wurde nach der Uhr bemessen. Endlich schlug es zwölf. Die Vorsteherin erhob sich:

»Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten,« sagte sie.

Der Tumult, welcher stets nach Beendigung der Schulstunden [68] einzutreten pflegt, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sich sofort beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort:

»Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht essen konntet, ihr müßt hungrig sein – ich habe befohlen, daß für euch alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.«

Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie, welche das größte Erstaunen verrieten.

»Es soll auf meine Verantwortung geschehen,« fügte sie hinzu, gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen; gleich darauf verließ sie das Zimmer.

Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt, zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen Schule. Und nun erging die Ordre: »In den Garten!« Jede Schülerin setzte einen groben, häßlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um. Ich wurde in gleicher Weise equipiert, und dem Strome folgend machte ich meinen Weg in die frische Luft hinaus.

Der Garten war ein weiter Plan, der mit so hohen Mauern umgeben war, daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich machte; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang, und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum, der in unzählige, kleine Beete abgeteilt war. Diese Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes Beet hatte eine Besitzerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch, wenn sie mit blühenden Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte mich, als ich so dastand und umherblickte. Der Tag war der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig, es war kein ordentlicher Regen, der alles durchnäßte, sondern ein dicker, gelber, herabrieselnder Nebel. [69] Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren unter den Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen: aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher, magerer Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schutz und Wärme. Oft ertönte aus ihrer Mitte, als der dichte Nebel ihnen fast bis auf die Haut drang, ein hohler, böses verkündender Husten.

Bis jetzt hatte ich noch mit niemand gesprochen und niemand schien mir sonderliche Beachtung zu schenken, ganz einsam stand ich da; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt, es bedrückte mich nicht mehr als sonst. Ich lehnte mich gegen einen Pfeiler der Veranda, zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen und indem ich versuchte, die Kälte, die mich von außen schmerzte, und den unbefriedigten Hunger, der von innen an mir nagte, zu vergessen, gab ich mich ganz der Beschäftigung hin, zu beobachten und nachzudenken. Meine Reflexionen waren zu unbestimmt und zu fragmentarisch, als daß sie einer Erwähnung verdienten. Ich wußte noch kaum, wo ich mich eigentlich befand. Gateshead und mein bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden, die Gegenwart war seltsam und vag und von der Zukunft wagte ich nicht, mir irgend ein Bild zu machen. Ich blickte in dem klösterlichen Garten umher, dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war. Dieser neue Teil, welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt, hatte vergitterte Bogenfenster, die ihm ein kirchenähnliches Aussehen gaben. Eine steinerne Tafel oberhalb der Thür trug die Inschrift:

»Institut von Lowood. – Dieser Teil des Hauses wurde wieder erbaut an. dom ... durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-Hall in dieser Grafschaft.«

»Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure [70] guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.« Ev. Matthäi, 16.

Wieder und wieder las ich diese Worte. Ich fühlte, daß sie noch eine Erklärung haben mußten, und war außer stande, ihren ganzen Inhalt zu erfassen. Noch dachte ich über die Bedeutung des Wortes »Institut« nach und bemühte mich, einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als ein hohler Husten hinter mir mich veranlaßte, den Kopf zu wenden.

Ich sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen, sie war über ein Buch gebeugt, dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln schien. Von der Stelle aus, wo ich stand, konnte ich den Titel lesen – es war »Rasselas«, ein Name, der mich seltsam dünkte und mich infolgedessen fesselte. Als sie ein Blatt umwandte, blickte sie zufällig auf, und sogleich sagte ich:

»Ist dein Buch interessant?« Ich hatte bereits den Entschluß gefaßt, sie eines Tages zu bitten, daß sie es mir leihen möge.

»Mir gefällt es,« sagte sie nach einer Pause von einigen Sekunden, während welcher sie mich angeblickt.

»Wovon handelt es denn?« fuhr ich fort. Noch weiß ich kaum, woher ich den Mut nahm, in dieser Weise eine Konversation mit einer gänzlich Unbekannten anzufangen, – es war so gänzlich meiner sonstigen Gewohnheit und meiner Natur entgegen, aber ich glaube, daß ihre Beschäftigung irgend eine sympathische Seite in mir berührt hatte, denn auch ich liebte die Lektüre, obgleich die meine stets kindisch und nichtssagend gewesen war; die schwere und ernste konnte ich weder verstehen noch verdauen.

»Du darfst es dir ansehen,« sagte das Mädchen und gab mir das Buch.

Das that ich. Eine kurze Besichtigung überzeugte mich, daß der Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel. »Rasselas« schien meinem seichten Geschmack höchst langweilig; [71] ich fand nichts von Feen, von Genien, die eng gedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechselung zu bieten. Ich gab ihr das Buch zurück. Sie nahm es ruhig und ohne ein weiteres Wort zu sprechen war sie im Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben, als ich noch einmal wagte, sie zu stören:

»Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein über der Thür bedeutet? Was ist ›Institut von Lowood?‹«

»Es ist das Haus, in welchem du hier lebst.«

»Und weshalb nennen sie es Institut? Ist es denn in irgend einer Weise von anderen Schulen verschieden?«

»Es ist zum Teil eine Mildthätigkeits-Schule. Du und ich und alle übrigen sind Mildthätigkeits-Zöglinge. Ich vermute, daß du eine Waise bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?«

»Sie sind beide tot, schon lange, ich habe gar keine Erinnerung mehr an sie.«

»Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren, und man nennt dies ein Institut für die Erziehung von Waisen.«

»Bezahlen wir denn kein Schulgeld? Werden wir hier umsonst erhalten?«

»Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund Sterling jährlich.«

»Weshalb nennt man uns denn Mildthätigkeits-Kinder?«

»Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und Schule – und das Fehlende wird durch Subskriptionen aufgebracht.«

»Wer subskribiert denn?«

»Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser Gegend und in London.«

»Wer war Naomi Brocklehurst?«

»Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut [72] hat, wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und anordnet.«

»Weshalb thut er das?«

»Weil er der Schatzmeister und Verwalter des ganzen Instituts ist.«

»Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und Käse bekommen sollten?«

»Miß Temple? O nein! Ich wollte, es gehörte ihr! Sie ist Mr. Brocklehurst für alles, was sie thut, verantwortlich. Mr. Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.«

»Wohnt er hier?«

»Nein – zwei Meilen von hier, in einem großen, prächtigen Herrenhause.«

»Ist er ein guter Mann?«

»Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr viel Gutes thut.«

»Sagtest du, daß die schlanke Dame Miß Temple heißt?«

»Ja.«

»Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?«

»Die eine mit den roten Wangen heißt Miß Smith, sie muß auf die Handarbeiten achten und schneidet zu – denn wir nähen unsere eigene Wäsche, unsere Kleider und unsere Mäntel – kurzum alles; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd, sie lehrt Geschichte und Grammatik und überhört die Repetitionen der zweiten Klasse; die dritte, die ein Tuch trägt und das Taschentuch mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame Pierrot, sie kommt aus Lisle in Frankreich und lehrt Französisch.«

»Liebst du die Lehrerinnen?«

»O ja, so ziemlich.«

»Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame[73] – – –? Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie du.«

»Miß Scatcherd ist heftig – du mußt dich hüten, sie ärgerlich zu machen. Madame Pierrot ist gerade keine böse Person.«

»Aber Miß Temple ist die beste – nicht wahr?«

»Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.«

»Bist du schon lange hier?«

»Zwei Jahre.«

»Bist du eine Waise?«

»Meine Mutter ist tot.«

»Fühlst du dich hier glücklich?«

»Du thust eigentlich zu viele Fragen. Für jetzt habe ich dir genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.«

In diesem Augenblick erklang die Glocke, die uns zum Mittagessen rief. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher jetzt das Refektorium füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher unsere Nasen beim Frühstück regaliert hatte. Das Mittagessen wurde in zwei unendlich großen Zinnschüsseln serviert, aus denen ein scharfer Dampf aufstieg, der stark an ranziges Fett erinnerte. Ich fand, daß dieses Gemengsel aus bedeutungslosen Kartoffeln und seltsamen Fetzen rötlichen Fleisches bestand, die untereinander gerührt und zusammen gekocht waren. Von dieser köstlichen Speise wurde jeder Schülerin eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Ich aß so viel ich konnte und fragte mich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage nicht besser sein würde als diese.

Nach dem Mittagessen verfügten wir uns sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuem und dauerten bis fünf Uhr.

Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß ich sah, wie das Mädchen, mit dem ich in der Veranda gesprochen von Miß Scatcherd mit Schimpf [74] und Schande aus der Weltgeschichtsstunde gejagt wurde und inmitten des großen Schulzimmers stehen mußte. Die Strafe schien mir im höchsten Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen, das mehr als dreizehn Jahre zu zählen schien. Ich erwartete bei ihm Anzeichen von großer Scham und Verzweiflung zu sehen, aber zu meinem größten Erstaunen weinte sie weder noch errötete sie; gefaßt, wenn auch ernst, stand sie da, aller Blicke waren auf sie gerichtet. »Wie kann sie das so ruhig – so gefaßt tragen?« fragte ich mich. »Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich doch gewiß wünschen, daß die Erde sich öffnen möchte, um mich zu verschlingen. Sie sieht aus, als dächte sie an etwas, das über ihre Strafe hinaus liegt – – über ihre ganze Lage, an etwas, das nicht um sie, nicht vor ihr ist. Ich habe von wachen Träumen gehört – träumt sie jetzt einen solchen Traum? Ihre Augen sind auf den Boden geheftet, aber ich bin überzeugt, daß sie ihn nicht sehen – ihr Auge scheint nach innen gewendet, in ihr Herz gesenkt, sie sieht nur die Dinge, die in ihrer Erinnerung leben, nichts, was die Gegenwart ihr bringt. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie ist – ob gut oder unartig.«

Bald nach fünf Uhr Nachmittags hatten wir wieder eine Mahlzeit, die aus einem kleinen Becher Kaffee und einer halben Schnitte Schwarzbrot bestand. Ich verschlang mein Brot und trank meinen Kaffee mit wahrem Ergötzen. Aber ich wäre froh gewesen, wenn ich doppelt so viel gehabt hätte – ich war noch hungrig. Darauf folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Studien von neuem. Schließlich kam das Glas Wasser mit dem Stückchen Haferkuchen, das Gebet und das Schlafengehen. – Das war mein erster Tag in Lowood.

[75] Sechstes Kapitel

Der nächste Tag begann wie der vorige. Wir standen beim Lampenlicht auf und kleideten uns an, aber an diesem Morgen mußten wir von der Zeremonie des Waschens dispensiert werden – das Wasser in den Wasserkrügen war gefroren. Am Abend vorher war eine Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Ritzen in unseren Schlafzimmerfenstern gepfiffen, hatte uns in unseren Betten vor Kälte beben und den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.

Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des Bibellesens zu Ende waren, war ich nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Qualität war eßbar, die Quantität ließ viel zu wünschen übrig. Wie klein erschien mir doch meine Portion! Ich wünschte, sie wäre doppelt so groß gewesen.

Im Laufe des Tages wurde ich der vierten Klasse als Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen wurden mir angewiesen; bis jetzt war ich nur Zuschauerin bei den Vorgängen in Lowood gewesen, jetzt sollte ich eine der Mitspielenden werden. Da ich wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben mir unendlich lang und schwer, auch der häufige Wechsel des Gegenstandes der Lektionen verwirrte mich; ich war daher froh, als Miß Smith mir gegen 3 Uhr Nachmittags einen zwei Ellen langen Streifen weißen Mußlins samt Fingerhut und Schere gab und mir gebot, mich in einen stillen Winkel des Schulzimmers zu setzen, wo sie mir Anweisungen gab, wie ich säumen sollte. Um diese Zeit nähte auch die Mehrzahl der anderen Mädchen, nur eine Klasse war noch um Miß Scatcherds Stuhl gruppiert und mit lesen beschäftigt. Da tiefe Stille herrschte, konnte man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen [76] und ebenso die Art und Weise, wie jedes Mädchen sich ihrer Aufgabe entledigte, oder Miß Scatcherd ihre Mißbilligung oder Anerkennung zu verstehen gab. Es war die englische Weltgeschichte. Unter den Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte von der Veranda; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren Platz als Erste der Klasse gehabt, aber wegen irgend eines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in Bezug auf Interpunktion wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt. Und selbst noch in dieser obskuren Stellung blieb sie unausgesetzt ein Gegenstand für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit; fortwährend richtete sie Worte wie die folgenden an sie:

»Burns,« (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredet). »Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die Fußspitzen nach außen.« – »Burns, weshalb steckst du das Kinn in so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!« – »Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich in solcher Stellung nicht vor mir sehen,« u.s.w., u.s.w.

Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher geschlossen und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen Teil der Regierung Karls I. umfaßt, und es waren unterschiedliche Fragen über Tonnengeld und Pfund- und Schiffszoll gestellt worden, welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen. Jede kleine Schwierigkeit jedoch wurde gelöst, wenn sie zu Burns kam; ihr Gedächtnis schien die Substanz der ganzen Lektion gefaßt zu haben, und sie hatte für jeden Punkt eine Antwort bereit. Ich saß da und wartete freudig erregt, daß Miß Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde, statt dessen rief sie plötzlich aus:

»Du schmutziges, widerwärtiges Mädchen! Heute morgen hast du deine Nägel wieder nicht gereinigt!«

[77] Burns antwortete nicht, ich wunderte mich über ihr Schweigen.

»Weshalb,« dachte ich, »erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war?«

Hier wurde meine Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche mich bat, ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein. Während sie ihn abwickelte, sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir, fragte, ob ich schon früher eine Schule besucht habe, ob ich zeichnen, sticken, stricken könne u.s.w.; als sie mich endlich entließ, konnte ich meine Beobachtungen über Miß Scatcherds Verhalten nicht fortsetzen. Als ich auf meinen Sitz zurückkehrte, erteilte diese Dame gerade einen Befehl, dessen Inhalt ich nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel, das an einem Ende zusammen gebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix, dann löste sie schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze – und augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Dutzend scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken. Nicht eine einzige Thräne trat in Burns Augen und während ich mit meiner Arbeit innehielt, weil ein Gefühl ohnmächtigen, hilflosen Zorns meine Finger erbeben machte, veränderte nicht ein einziger Zug in ihrem nachdenklichen, ernsten Gesicht seinen Ausdruck.

»Verhärtetes Mädchen!« rief Miß Scatcherd aus, »nichts kann dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! – Trage die Rute wieder fort.«

Burns gehorchte. Ich sah ihr scharf ins Gesicht, als sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und eine Thräne [78] glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle, bleiche Wange.

Die Spielstunde am Abend galt mir als der angenehmste Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot, der Schluck Kaffee, den ich um fünf Uhr genossen, meinen Hunger auch nicht gestillt, so hatte er wenigstens meinen Lebensmut neu beseelt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in demselben durften heller brennen, weil sie in gewissem Maße die Lichter ersetzen sollten, die noch nicht eingeführt waren. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, die Konfusion vieler Stimmen rief ein wohliges Gefühl von Freiheit hervor.

Am Abend des Tages, an dem ich gesehen hatte, wie Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte, ging ich wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und Bänken und lachenden Gruppen umher, ich fühlte mich indessen nicht einsam. Wenn ich an den Fenstern vorüberging, hob ich dann und wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits eine hohe Schicht; wenn ich mein Ohr dicht an das Fenster legte, konnte ich durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.

Wenn ich ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der ich die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte. Dieser draußen tobende Sturm würde mir das Herz schwer gemacht haben, dieses düstere Chaos würde meinen Frieden gestört haben – wie die Dinge aber lagen, rief das Getöse eine seltsame Erregung in mir wach. Ich wurde unruhig und fieberhaft, ich wünschte, daß der Wind lauter heulen, die Dämmerung zur Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte.

[79] Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend bahnte ich mir einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand ich auf dem hohen Fender knieend Burns, welche bei dem matten Schein der glühenden Asche über der Gesellschaft ihres Buches alles vergessen hatte, was um sie her vorging.

»Ist es noch immer Rasselas?« fragte ich hinter ihr stehend.

»Ja,« sagte sie, »ich bin gerade damit zu Ende.«

Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Ich war froh darüber.

»Jetzt,« dachte ich, »kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen.« Ich setzte mich neben sie auf den Fußboden.

»Welchen Namen hast du noch außer Burns?«

»Helen.«

»Bist du von weit hergekommen?«

»Ich komme von Norden her, von der schottischen Grenze.«

»Wirst du jemals wieder nach Hause gehen?«

»Ich hoffe es, aber niemand kann in die Zukunft sehen.«

»Wünschest du nicht sehr, Lowood zu verlassen?«

»Nein, weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin nach Lowood geschickt worden, um eine gute Erziehung zu bekommen, und was würde es nützen, fortzugehen, wenn dieser Zweck nicht erreicht ist.«

»Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd ist doch so grausam gegen dich?«

»Grausam? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie hat einen großen Widerwillen gegen meine Fehler.«

»Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen, ich würde mich gegen sie auflehnen; wenn sie mich mit jener Rute schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase würde ich das Ding zerbrechen.«

»Wahrscheinlich würdest du nichts von alledem thun, aber wenn du es thätest, so würde Mr. Brocklehurst dich [80] mit Schimpf und Schande aus der Schule jagen. Und das wäre doch ein großer Kummer für deine Angehörigen. Es ist viel besser, einen Schmerz mit Geduld zu ertragen, den niemand fühlt, als du selbst, denn eine unüberlegte That zu begehen, deren böse Folgen alle treffen, die dir verwandt sind – und überdies gebietet die Bibel uns, Böses mit Gutem zu vergelten.«

»Aber es ist doch entehrend, mit Ruten gepeitscht zu werden und in der Mitte eines Zimmers stehen zu müssen, das voller Menschen ist, und du bist schon ein so großes Mädchen; ich bin viel jünger als du und ich könnte es nicht einmal ertragen.«

»Und doch wäre es deine Pflicht, es zu ertragen, wenn du es nicht vermeiden könntest. Es ist schwach und albern zu sagen, daß du nicht ertragen kannst, was das Schicksal dir auferlegt.«

Staunend hörte ich ihr zu. Ich konnte diese Lehre der Duldsamkeit nicht begreifen; und noch weniger konnte ich die Versöhnlichkeit, mit welcher sie von ihrer Quälerin sprach, verstehen, noch mit derselben sympathisieren. Doch fühlte ich, daß Helen Burns alle Dinge in einem Lichte sah, das meinen Augen nicht sichtbar war. Ich vermutete, daß sie Recht hatte und ich Unrecht; aber ich wollte nicht tiefer über die Sache nachdenken – wie Felix schob ich es für eine passendere Gelegenheit auf.

»Du sagst, daß du Fehler hast, Helen, nenne sie mir doch. Mir erscheinst du so gut.«

»Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr unordentlich; selten nur mache ich Ordnung zwischen meinen Sachen und niemals erhalte ich diese Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die Vorschriften; ich lese, wenn ich meine Aufgaben machen sollte; ich habe keine Methode und zuweilen sage ich wie du, ich kann es nicht ertragen, mich systematischen Einrichtungen zu unterwerfen. Alles[81] dies ist sehr ärgerlich für Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und reinlich und pünktlich ist.«

»Und böse und grausam,« fügte ich hinzu, aber Helen Burns wollte diesen Zusatz nicht gelten lassen, sie schwieg.

»Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wie Miß Scatcherd?« fragte ich wieder.

Bei der Nennung von Miß Temples Name flog ein sanftes Lächeln über ihr sonst so ernstes Gesicht.

»Miß Temple ist voller Güte; es bereitet ihr Schmerz, gegen irgend jemanden strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt mich mit Sanftmut über dieselben; wenn ich aber irgend etwas lobenswertes thue, so ist sie sehr freigebig mit ihren Lobeserhebungen. Ein starker Beweis für meine unglückselig elende, fehlerhafte, schwache Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde, so vernünftig, nicht genug Einfluß haben, um mich von meinen Fehlern zu kurieren. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch schätze, kann mich nicht zu andauernder Sorgsamkeit und Überlegung anspornen.«

»Das ist seltsam,« sagte ich, »es ist doch so leicht, sorgsam zu sein.«

»Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute Morgen in deiner Klasse beobachtet und sah, wie unverwandt aufmerksam du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, während Miß Miller die Lektion erklärte und dich befragte. Und die meinen wandern fortwährend; wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre ich oft sogar den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in eine Art von Traum. Manchmal glaube ich, daß ich in Northumberland bin und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das Plätschern und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden, ganz nahe unserem Hause, fließt: – – wenn dann die Reihe an mich kommt zu [82] antworten, muß ich erst geweckt, werden und weil ich dann von allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, weil ich dem Rauschen des imaginären Baches lauschte, so habe ich niemals eine Antwort in Bereitschaft.«

»Aber du hast doch heute Nachmittag so gut geantwortet.«

»Das war ein reiner Zufall. Der Gegenstand, über den wir gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Anstatt von Deepden zu träumen, dachte ich heute Nachmittag verwundert darüber nach, wie ein Mann, der so innig wünschte, das Gute zu thun, oft so ungerecht und unklug handeln konnte wie Karl I. es gethan; und ich dachte, wie traurig es gewesen, daß er bei all seiner Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit nicht weiter blicken konnte, als bis zu den Prärogativen der Krone. Wenn er nur im stande gewesen wäre, in die Ferne zu blicken und zu sehen, wohin das, was man den Geist der Zeit nennt, eigentlich strebte! Und doch – ich liebe Karl – ich achte ihn – ich bedauere ihn, den armen gemordeten König! Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches zu vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn zu töten!«

Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß ich wohl kaum im stande war, sie zu verstehen – daß ich unwissend war, daß der Gegenstand, über den sie diskutierte, mir fast unbekannt war. Ich rief sie wieder auf meinen Standpunkt zurück.

»Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich unterrichtet?«

»Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple hat immer etwas zu sagen, das für meine eigenen Reflexionen noch neu ist. Ihre Sprechweise ist mir seltsam angenehm, und die Belehrung, welche sie erteilt, ist meistens grade das, was ich zu lernen wünschte.«

»Also mit Miß Temple bist du gut?«

»Ja, in einer passiven Weise. Ich mache keine besondere [83] Anstrengung, ich folge nur, wohin meine Neigung mich führt. In solcher Güte liegt doch kein besonderes Verdienst.«

»Ein großes Verdienst! Du bist gut mit denen, die gut mit dir sind. Wahrhaftig, ich wünschte nur, daß ich das sein könnte. Wenn die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber wären, so ginge den bösen Menschen ja alles nach ihrem Kopfe; sie würden vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne Grund schlägt, so sollten wir mit aller Macht wieder schlagen. Ganz gewiß – das sollten wir thun, so kräftig, daß die Person, welche es gethan hat, sich wohl hüten würde, es jemals wieder zu thun.«

»Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen, das es nicht besser gelernt hat.«

»Aber das fühle ich doch klar, Helen, daß ich die hassen muß, die fortfahren mich zu hassen, trotzdem ich alles thue, was ihnen Freude machen kann; ich muß mich auflehnen gegen die, welche mich ungerecht bestrafen. Es ist ebenso natürlich, wie daß ich jene liebe, die mir Liebe zeigen oder daß ich mich ruhig einer Strafe unterwerfe, wenn ich fühle, daß sie verdient ist.«

»Heiden und wilde Stämme huldigen solcher Doktrin, aber Christen und civilisierte Nationen erkennen sie nicht an.«

»Wie? Ich verstehe das nicht.«

»Nicht Heftigkeit oder Gewalt vermag den Haß am besten zu besiegen – nicht befriedigtes Rachegefühl heilt die geschlagenen Wunden.«

»Was sonst?«

»Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt, wie er handelt – mache sein Wort zu deiner Richtschnur, sein Thun zu deinem Beispiel.«

»Was sagt er?«

[84] »Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen und euch beleidigen.«

»Dann müßte ich Mrs. Reed lieben und das kann ich nicht; ich müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.«

Ihrerseits bat Helen Burns nun, mich ihr zu erklären, und sofort begann ich in meiner eigenen Weise ihr die ganze Geschichte meiner Leiden und Qualen, das ganze Register der mir widerfahrenen Unbill zu erzählen. Wild und bitter, wenn ich erregt war, sprach ich, wie ich fühlte, ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.

Geduldig hörte Helen mir bis zu Ende zu. Ich erwartete dann, daß sie irgend eine Bemerkung machen werde, aber sie verharrte schweigend.

»Nun,« fragte ich ungeduldig, »ist Mrs. Reed nicht ein herzloses, böses Weib?«

»Sie ist nicht gütig gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil sie – das mußt du begreifen lernen – deinen Charakter ebenso widerlich findet wie Miß Scatcherd den meinen. Wie genau du dich aber an alles erinnerst, was sie dir gethan, was sie dir gesagt hat! Welch einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz gemacht zu haben scheint! So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen. Würdest du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Empfindungen, welche diese wachrief? Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein, um es damit hinzubringen, Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu verzeichnen. Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern beladen und er muß es sein; – aber bald wird die Zeit kommen, das hoffe ich zuversichtlich, wo wir sie ablegen zusammen mit unserem vergänglichen, irdischen Leibe; wo wir Vergänglichkeit und Sünde mit diesem hinfälligen Fleische von uns streifen, und nur der Geistesfunke zurückbleibt – dieser unerschütterliche, [85] unverrückbare Grundstein des Lebens und des Gedankens, so rein geblieben wie er war, als er vom Schöpfer ausging, um die Kreatur zu beleben; er wird dorthin zurückkehren, von wannen er kam – vielleicht um in ein Wesen überzugehen, das höher und erhabener ist als der Mensch – vielleicht um durch alle Phasen der Ewigkeit zur Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen! Denn gewiß, nimmer kann es doch sein, daß wir umgekehrt vom Menschen zum Teufel degenerieren? Nein. Das kann ich nicht glauben. Mein Glaubensbekenntnis ist ein anderes. Niemand hat es mich jemals gelehrt, und nur selten spreche ich davon, aber es ist meine ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn es gewährt allen Hoffnung – es macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden – zur himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Und außerdem gewährt dieser Glaube mir die Fähigkeit, zwischen dem Verbrecher und seinem Verbrechen zu unterscheiden. Ich bin im stande, ersterem von Herzen zu vergeben, während ich seine That verabscheue. Und dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl mein Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe in Frieden und denke an das Ende!«

Helens Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank noch tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Ich sah es ihren Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit mir zu reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte. Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin, ein großes, grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran und rief im ausgeprägten cumberländischen Accent:

»Helen Burns, wenn du nicht hinauf gehst und augenblicklich Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit sauber zusammenfaltest, so werde ich [86] Miß Scatcherd rufen und sie bitten, sich die Sache anzusehen.«

Helen seufzte, als ihre Träumereien ein so jähes Ende nahmen, aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne Zögern, ohne Erwiderung.

Siebentes Kapitel

Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte mich ein Menschenalter, aber durchaus kein goldenes Zeitalter; es bedeutete einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit, mich in neue Regeln und ungewöhnte Aufgaben hineinzuarbeiten. Die Furcht in diesen Punkten zu unterliegen, quälte mich mehr, als die physischen Mühseligkeiten und Entbehrungen, die mein Los waren. Und auch diese waren wahrlich keine Kleinigkeiten.

Während der Monate Januar, Februar und März hinderten der tiefe Schnee und, nachdem er fortgeschmolzen, die fast unpassierbaren Straßen uns daran, weiter zu gehen, als bis an die Mauern des Gartens – nur der sonntägliche Weg in die Kirche machte eine Ausnahme – aber innerhalb dieser Grenzen mußten wir jeden Tag eine Stunde in freier Luft zubringen. Unsere Bekleidung war nicht hinreichend, um uns gegen die strenge Kälte zu schützen. Wir hatten keine Stiefel, der Schnee drang in unsere Schuhe und schmolz darin; unsere unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach und nach mit Frostbeulen, ebenso unsere Füße. Ich erinnere mich noch der verzweifelten Schmerzen, welche ich aus dieser Ursache jeden Abend erduldete, wenn meine Füße sich entzündeten, und der Schmerzen, wenn ich die geschwollenen, wunden und steifen Zehen am Morgen in die Schuhe zwängen mußte. Auch die Kargheit der Nahrung brachte uns fast zur Verzweiflung; wir hatten den regen Appetit von im Wachstum begriffener Kinder, und man gab uns kaum genug, um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten. [87] Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch, welcher schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete. Wenn sich nämlich den größeren, heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot, so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen dahin, ihnen ihren Anteil abzutreten. Gar manchesmal habe ich zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen Schwarzbrot geteilt, den wir zur Theestunde bekamen, und nachdem ich dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte meines Kaffeenapfes gegeben hatte, schluckte ich den Rest zusammen mit bitteren, geheimen Thränen hinunter, welche der Hunger mir im wahrsten Sinne des Wortes erpreßte.

Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit. Wir mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst gehen, wo unser Schutzherr den Gottesdienst verrichtete. Halb erfroren machten wir uns auf den Weg, noch erfrorener langten wir in der Kirche an; während des Morgengottesdienstes lähmte uns die Kälte beinahe. Der Weg war zu weit, um zum Mittagessen nach Lowood zurückzukehren, daher reichte man uns zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Braten, welche in derselben kärglichen Proportion gehalten wurde, die man bei unseren gewöhnlichen Mahlzeiten zum Maßstab genommen.

Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten wir über eine hügelige, dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück. Der eisige Wintersturm, der über eine Kette schneebedeckter Hügel von Norden her blies, riß uns beinahe die Haut von den Wangen.

Ich erinnere mich noch Miß Temples, wie sie fest in ihren schottischen Mantel gehüllt, den der Wind ihr fortwährend zu entreißen drohte, leichtfüßig und schnell an unseren ermatteten Reihen entlang ging und uns durch Worte und Beispiel ermunterte, Mut zu behalten und vorwärts zu schreiten »tapferen Soldaten gleich,« wie sie [88] zu sagen pflegte. Die übrigen Lehrerinnen, die armen Dinger, waren gewöhnlich selbst zu niedergeschlagen, um das Unternehmen zu wagen, andere zu ermutigen und zu trösten.

Wie wir uns nach dem Licht und der Wärme eines hellen Feuers sehnten, wenn wir nach Hause kamen! – Aber dieser Genuß blieb uns versagt – den Kleineren wenigstens. Jeder Kamin im Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer Mädchen belagert und hinter diesen krochen die kleinen Kinder in trostlosen Gruppen umher, ihre abgemagerten Arme in ihre Schürzen hüllend.

Ein schwacher Trost ward uns in der Theestunde in Gestalt einer doppelten Brotration – eine ganze Scheibe anstatt einer halben – mit der köstlichen Zuthat einer dünnen Schicht von Butter; es war ein allwöchentlicher Genuß, dem wir von Sabbath zu Sabbath sehnsuchtsvoll entgegensahen. Gewöhnlich gelang es mir, die Hälfte dieses lukullischen Mahls für mich zu behalten, die andere Hälfte mußte ich unabänderlich jedesmal verschenken.

Der Sonntagabend wurde dazu verwandt, den Kirchenkatechismus, das fünfte, sechste und siebente Kapitel des Evangeliums St. Matthäi auswendig zu wiederholen, und eine lange Predigt mit anzuhören, welche die arme Miß Miller, deren nicht zu unterdrückendes Gähnen ihre Müdigkeit verriet, uns vorlas. Ein häufiges Intermezzo dieser Leistungen bildete die Aufführung der Rolle des Eutychus durch ungefähr ein halbes Dutzend der kleinen Mädchen. Überwältigt von Müdigkeit pflegten sie von der Bank zu fallen – wenn auch nicht vom dritten Stockwerk – und halbtot wieder emporgehoben zu werden. Die Abhilfe hiergegen bestand darin, daß man sie in das Centrum des Schulzimmers hineinstieß, wo sie gezwungen wurden auszuharren, bis die Predigt zu Ende war. Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst und sie sanken in einen [89] hilflosen Klumpen zusammen; dann pflegte man sie durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen.

Noch habe ich der Besuche Mr. Brocklehursts nicht Erwähnung gethan; und in der That war dieser Ehrenmann während des größten Teils meines ersten Monats in Lowood von Hause abwesend; vielleicht zog sein Besuch bei seinem Freunde dem Erzbischof sich so sehr in die Länge.

Seine Abwesenheit war in der That eine Erleichterung für mich. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich meine eigenen Gründe hatte, um sein Kommen zu fürchten. Aber endlich kam er doch.

Eines Nachmittags – ich war damals gerade drei Wochen in Lowood gewesen – saß ich mit der Tafel in der Hand da und zerbrach mir den Kopf über ein langes Divisionsexempel, als meine Blicke sich ganz gedankenlos auf das Fenster richteten. In diesem Augenblick schritt eine Gestalt an demselben vorbei. Fast instinktiv erkannte ich diese hageren Umrisse, und als zwei Minuten später die ganze Schule mit Inbegriff der Lehrerinnen sich erhob, en masse erhob, brauchte ich nicht aufzublicken, um mich zu vergewissern, wessen Eintritt denn auf diese Weise begrüßt wurde. Ein langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand neben Miß Temple, die sich ebenfalls erhoben hatte, dieselbe schwarze Säule, welche vor dem Kamin im Herrenhause von Gateshead-Hall so finster und unheilvoll auf mich herabgeblickt hatte. Jetzt blickte ich von der Seite auf dieses architektonische Werk. Ja, ich hatte mich nicht getäuscht, es war Mr. Brocklehurst, fest in seinen Überzieher geknöpft, und länger, schmäler und steifer aussehend denn je.

Ich hatte meine besonderen Gründe, beim Anblick dieser Erscheinung zu erschrecken. Ich erinnere mich nur zu wohl der perfiden Winke, welche Mrs. Reed ihm über meinen Charakter gegeben hatte, und des von Mr. Brocklehurst gegebenen Versprechens, Miß Temple und die Lehrerinnen [90] von meiner lasterhaften, verderbten Natur in Kenntnis zu setzen. Während der ganzen Zeit hatte ich schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet; täglich hatte ich nach dem »Manne, der da kommen sollte«, um durch seine Auskunft über mein vergangenes Leben und mein Betragen mich als ein schlechtes Kind zu brandmarken, ausgesehen – jetzt war er da! Er stand neben Miß Temple; er sprach leise zu ihr ins Ohr. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr Enthüllungen über meine Schlechtigkeit machte; mit qualvoller Angst beobachtete ich ihre Blicke, jede Minute erwartete ich, ihr dunkles Auge sich voll Abscheu und Verachtung auf mich heften zu sehen. Auch horchte ich. Und da ich am oberen Ende des Zimmers saß, konnte ich den größten Teil des von ihm geführten Gesprächs hören. Der Inhalt desselben befreite mich wenigstens von der augenblicklichen Furcht.

»Ich hoffe, Miß Temple, daß der Zwirn, den ich in Lowton gekauft habe, genügen wird. Es fiel mir ein, daß diese Qualität gerade für die Calikohemden gut sein werde und ich habe auch die dazu passenden Nadeln ausgesucht. Wollen Sie Miß Smith sagen, daß ich vergaß, mir die Stopfnadeln zu notieren; nächste Woche wird sie indessen mehre Päckchen derselben bekommen, und sagen Sie ihr auch, daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr als eine Nadel zur Zeit giebt, wenn sie mehre davon haben, werden sie oft nachlässig und verlieren sie nur. Und dann, o, Miß Temple! Ich wünschte wirklich, daß den wollenen Strümpfen mehr Beachtung geschenkt würde! – Als ich das letztemal hier war, ging ich in den Küchengarten und besah mir die Wäsche, welche auf der Leine trocknete. Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe war auf die mangelhafteste Weise gestopft. Aus der Größe der Löcher, welche ich in ihnen bemerkte, schloß ich, daß sie nicht gut ausgebessert sein konnten.«

Hier hielt er inne.

[91] »Ihre Weisungen sollen befolgt werden, Sir,« sagte Miß Temple.

»Und, Madam,« fuhr er fort, »die Wäscherin erzählt mir, daß einige der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche gehabt haben; das ist viel zu viel. Die Hausregel beschränkt sie auf eine.«

»Ich glaube, Sir, daß ich diesen Umstand genügend erklären kann. Am vorigen Donnerstag waren Agnes und Catherine Johnston eingeladen, bei ihren Freunden in Lowton den Thee zu nehmen. Ich gab ihnen die Erlaubnis, für diese Gelegenheit reine Halskrausen anzulegen.«

Mr. Brocklehurst nickte.

»Nun, für einmal mag es hingehen, aber ich ersuche Sie, diesen Fall nicht zu oft eintreten zu lassen. Noch eine andere Sache hat mich höchlichst überrascht. Indem ich die Rechnung mit der Haushälterin abschloß, fand ich, daß während der letzten zwei Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück serviert worden ist, welches aus Brot und Käse bestand. Was bedeutet das? Ich habe die Statuten durchlesen und fand dort keiner Mahlzeit erwähnt, die sich Gabelfrühstück nennt. Wer hat diese Neuerung eingeführt und auf welche Autorität gestützt?«

»Für diesen Umstand bin ich verantwortlich, Sir,« entgegnete Miß Temple, »das Frühstück war so außergewöhnlich schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es nicht essen konnten, und ich durfte nicht zugeben, daß sie bis zum Mittagessen fasteten.«

»Miß Temple, gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden. – Sie wissen, daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser Mädchen ist, sie nicht an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten und sie selbstverleugnend, geduldig und entsagend zu machen. Sollte nun einmal zufällig solch eine kleine Enttäuschung des Appetits vorkommen, wie z.B. das Verderben einer Mahlzeit, das Versalztwerden eines Fisches u.s.w., so sollte [92] dieser kleine, unbedeutende Zwischenfall nicht neutralisiert werden, indem man den verlorenen Genuß noch durch einen größeren Leckerbissen ersetzt und damit den Körper verweichlicht und den Zweck und das Ziel dieser barmherzigen Stiftung verrückt. Man sollte ein solches Vorkommnis dazu benützen, den Schülerinnen eine geistige Erbauung zu schaffen, indem man sie ermutigt, auch bei temporären Entbehrungen ihre geistige Kraft zu behaupten. Eine kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr angemessen sein. Ein kluger Lehrer würde z.B. auf die Leiden und Entsagungen der ersten Christen hinweisen; auf die Qualen der Märtyrer, ja, sogar auf die Gebete unsers gesegneten Heilands selbst, der seine Jünger ermahnt, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von einem jeglichen Worte, so aus dem Munde Gottes gehet; auf seine göttlichen Tröstungen ›glücklich seid ihr, so ihr für mich Hunger oder Durst leidet!‹ O, Miß Temple, wenn sie anstatt des angebrannten Haferbreis Brot und Käse in den Mund dieser Kinder legen, so füttern sie allerdings ihre sündigen Leiber, aber Sie denken wenig daran, daß sie ihre unsterblichen Seelen verhungern lassen.«

Mr. Brocklehurst hielt wieder inne – – wahrscheinlich von seinen Gefühlen übermannt. Beim Beginn seiner Rede hatte Miß Temple zu Boden geblickt; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin, und ihr Gesicht, welches von Natur bleich wie Marmor war, schien auch die Kälte und Unbeweglichkeit dieses Materials anzunehmen; besonders ihr Mund schloß sich so fest, als hätte es des Meißels eines Bildhauers bedurft, um ihn wieder zu öffnen, und auf ihrer Stirn lagerte eine versteinerte Strenge.

Inzwischen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin, die Hände hatte er auf den Rücken gelegt und majestätisch ließ er seine Blicke über die ganze Schule schweifen. Plötzlich zuckte er zusammen, wie wenn sein Auge geblendet oder [93] schmerzhaft berührt worden sei; dann wandte er sich um und in schnelleren Accenten, als er bisher gesprochen, sagte er:

»Miß Temple, Miß Temple, was – was ist jenes Mädchen da mit dem lockigen Haar? Rotes Haar, Madam, lockig – ganz und gar lockig?« – Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus und zeigte nach dem entsetzlichen Gegenstande. Seine Hände zitterten vor Erregung.

»Es ist Julia Severn,« entgegnete Miß Temple sehr ruhig.

»Julia Severn, Madam! Und weshalb hat sie oder irgend eine andere gelocktes Haar? Weshalb bekennt sie sich so offen allen Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses entgegen zu den Gelüsten der Welt – hier in einem evangelischen Institut der Barmherzigkeit – daß sie es wagt, ihr Haar in einem großen Wust von Locken zu tragen?«

»Julias Haar ist von Natur lockig,« entgegnete Miß Temple noch ruhiger.

»Von Natur! Ja! Aber wir sollen uns der Natur nicht anpassen. Ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden. Und wozu jener Überfluß? ich habe doch zu wiederholten Malen angedeutet, daß ich das Haar einfach, bescheiden, glatt anliegend arrangiert zu sehen wünsche. Miß Temple, das Haar jenes Mädchens muß augenblicklich abgeschnitten werden, förmlich rasiert; morgen werde ich einen Barbier herausschicken, und ich sehe noch andere, die viel zu viel von diesem Auswuchs haben – das große Mädchen dort zum Beispiel; sagen Sie ihr, daß sie sich umdreht. Sagen Sie den Mädchen der ganzen ersten Bank, daß sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden.«

Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über die Lippen, als wollte sie ein unwillkürliches Lächeln verjagen, daß dieselben kräuselte; indessen erteilte sie den gewünschten Befehl, [94] und als die erste Klasse verstanden hatte, was man von ihr verlangte, kam sie demselben nach. Ich lehnte mich ein wenig auf meiner Bank zurück und konnte die Blicke und Grimassen wahrnehmen, mit welchen die Mädchen dies Manöver begleiteten, schade, daß nicht auch Mr. Brocklehurst diesen Genuß haben konnte; vielleicht würde er dann eingesehen haben, daß was er auch mit der Außenseite der Schale und der Schüssel thun mochte, die Innenseite seiner Einmischung weiter entrückt war, als er zu begreifen im stande war.

Ungefähr fünf Minuten lang betrachtete er den Revers dieser lebenden Medaillen mit prüfenden Blicken – dann fällte er das Urteil. Die Worte wirkten wie die Posaune des jüngsten Gerichts:

»All diese Haarflechten und Knoten müssen abgeschnitten werden!«

Miß Temple schien ihm Vorstellungen zu machen.

»Madam,« fuhr er fort, »ich diene einem Herrn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist; meine Mission ist es, in diesen Mädchen die Lüste des Fleisches zu ersticken – sie zu lehren, daß sie sich mit Ehrbarkeit und Schamhaftigkeit kleiden, nicht mit gesalbten Haaren und köstlicher Gewandung; aber jede dieser jungen Personen da vor uns hat ihr Haar in Flechten gedreht, welche die Eitelkeit dieser Welt geflochten hat – und diese, ich wiederhole es, müssen abgeschnitten werden, denken Sie an die Zeit, welche damit verloren geht, an – –«

Hier wurde Mr. Brocklehurst unterbrochen. Drei neue Besucher, Damen, traten ins Zimmer. Sie hätten ein wenig früher kommen sollen, um diesen Vortrag über Kleidung zu hören, denn sie waren köstlich in Samt und Seide und Pelze gekleidet. Die beiden jüngeren Damen des Trios (schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn Jahren) hatten graue Biberhüte, damals die neueste Mode, mit wallenden Straußenfedern, und unter dem Rande dieser [95] graziösen Kopfbedeckung hervor fiel ein Reichtum von goldenen, künstlich gelockten Haaren. Die ältere Dame war in einen kostbaren Samtshawl gehüllt, der mit Hermelin verbrämt war; auf ihre Stirn fiel eine Wolke von falschen französischen Locken.

Diese Damen wurden von Miß Temple mit großer Hochachtung als Mrs. Brocklehurst und ihre Töchter begrüßt und dann auf die Ehrensitze am oberen Ende des Zimmers geleitet. Es scheint, daß sie mit ihrem hochehrwürdigen Anverwandten in der Equipage gekommen waren und die oberen Zimmer einer durchstöbernden, eingreifenden Besichtigung unterworfen hatten, während er mit der Haushälterin die Geschäfte ordnete, die Wäscherin ausfragte und die Vorsteherin des Instituts maßregelte. Die Damen begannen jetzt Miß Smith, welcher die Verwaltung der Wäsche und die Beaufsichtigung der Schlafsäle anvertraut war, einige scharfe Verweise zu erteilen, aber ich hatte keine Zeit, auf das zu horchen, was sie sagten; andere Dinge nahmen meine Aufmerksamkeit in Anspruch und fesselten dieselbe vollständig.

Während ich dem Gespräch zwischen Miß Temple und Mr. Brocklehurst lauschte, hatte ich es bis jetzt dennoch nicht versäumt, Vorsichtsmaßregeln für meine eigene persönliche Sicherheit zu treffen. Ich glaubte auch, daß dieselben wirksam sein würden, wenn es mir nur gelänge, der Beobachtung zu entgehen. Zu diesem Zweck hatte ich mich auf der Bank zurückgelehnt, und während ich mit meinen Rechenexempeln beschäftigt schien, hielt ich meine Tafel so, daß sie mein Gesicht gänzlich verdecken mußte. Wahrscheinlich wäre ich seiner Wachsamkeit auch entgangen, wenn meine verräterische Tafel nicht durch einen unglücklichen Zufall meiner Hand entglitten und mit einem lauten Krach, dem kein Ohr sich verschließen konnte, zu Boden gefallen wäre. Sofort waren aller Augen auf mich gerichtet. Ich wußte, daß jetzt alles zu Ende sei. Während ich mich bückte, um die [96] Fragmente meiner Tafel zusammenzusuchen, sammelte ich meine Kräfte für das Schlimmste. Es kam.

»Ein nachlässiges Mädchen!« sagte Mr. Brocklehurst, und gleich darauf – »Ah, ich bemerke, es ist die neue Schülerin.« Bevor ich aufatmen konnte, »ehe ich es vergesse, ich habe noch ein Wort in Bezug auf sie zu sagen.« Dann laut, ach, wie laut erschien es mir! »Lassen Sie das Kind, das seine Tafel zerbrochen hat, vortreten!«

Aus eigenem Antriebe hätte ich mich nicht bewegen können; ich war gelähmt, aber die beiden großen Mädchen, die mir zur Seite saßen, stellten mich auf die Füße und schoben mich vorwärts dem gefürchteten Richter entgegen, dann führte Miß Temple mich sanft dicht vor ihn, und wie aus weiter Ferne vernahm ich ihr geflüsterten Rat:

»Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es ein unglücklicher Zufall war, du sollst nicht bestraft werden.«

Wie ein Dolch drang dieses gütige Flüstern mir ins Herz.

»Noch eine Minute und sie wird mich als eine Heuchlerin verachten lernen,« dachte ich und bei dieser Überzeugung tobte eine namenlose Wut gegen Mrs. Reed, Brocklehurst und Compagnie durch meine Adern. Ich war keine Helen Burns.

»Holt jenen Stuhl,« sagte Mr. Brocklehurst auf einen sehr hohen Stuhl deutend, von dem eine Schulaufseherin sich soeben erhoben hatte. Er wurde gebracht.

»Stellt jenes Kind hinauf.«

Und hinauf gestellt wurde ich, von wem weiß ich nicht; ich war nicht in der Verfassung, die begleitenden, näheren Umstände wahrzunehmen; ich fühlte nur, daß ich ungefähr bis zur Höhe von Mr. Brocklehursts Nase emporgehißt wurde, daß er kaum eine Elle lang von mir entfernt stand und daß unter mir eine Wolke von silbergrauen Federn, dunkelrotem Seidenpelze und orangegelben Kleidern durcheinander wogte.

Mr. Brocklehurst räusperte sich.

[97] »Meine Damen,« sagte er zu seiner Familie gewandt, »Miß Temple, Lehrerinnen und Kinder, ihr alle sehet dieses Mädchen?«

Natürlich sahen sie es; denn ich fühlte ihre Augen wie Brenngläser auf meine versengte Haut gerichtet.

»Ihr sehet, daß sie noch jung ist; ihr bemerkt, daß auch sie die gewöhnliche Gestalt eines Kindes hat; Gott in seiner Gnade hat auch ihr die Form gegeben, die er uns allen gewährt; keine abschreckende Häßlichkeit kennzeichnet sie als einen gezeichneten Charakter. Wer würde glauben, daß der Teufel in ihr bereits eine Dienerin und ein williges Werkzeug gefunden hat? Und doch – es schmerzt mich, es sagen zu müssen – ist dies der Fall.«

Eine Pause. – Ich versuchte, der Lähmung meiner Nerven Einhalt zu thun und mir zu sagen, daß der Rubikon überschritten, daß ich der Prüfung nicht mehr entgehen könne, sondern sie jetzt standhaft ertragen müsse.

»Meine Kinder,« fuhr der schwarze, steinerne Geistliche mit Pathos fort, »dies ist eine traurige, eine betrübende Angelegenheit, denn es ist meine Pflicht euch vor diesem Mädchen zu warnen, das eins von Gottes auserwählten Lämmern sein könnte und jetzt eine Verworfene ist – kein Mitglied der treuen Herde, sondern augenscheinlich eine Fremde, ein Eindringling. Ihr müßt auf eurer Hut sein ihr gegenüber; ihr müßt ihrem Beispiel nicht folgen; wenn es notwendig ist, meidet ihre Gesellschaft, schließt sie von euren Spielen aus, habt keine Gemeinschaft, keinen Umgang mit ihr. Jetzt zu den Lehrerinnen. Sie müssen sie überwachen, ihr Thun beobachten, ihre Worte wohl erwägen und prüfen, ihre Thaten untersuchen, ihren Leib strafen, um ihre Seele zu retten – wenn in der That eine solche Rettung noch möglich ist, denn – meine Zunge scheut sich, es auszusprechen – dieses Mädchen, dieses Kind, diese Eingeborene eines christlichen Landes, schlimmer als manche kleine Heidin, die ihr Gebet zu Brahma [98] spricht und vor Inggernaut kniet – dieses Mädchen ist – eine Lügnerin!«

Jetzt folgte eine Pause von zehn Minuten. – Ich war wieder im Vollbesitz meiner Sinne, meines Verstandes und bemerkte, wie all die weiblichen Brocklehursts ihre Taschentücher hervorzogen und sie an die Augen führten, während die ältere Dame sich hin und her wiegte und die beiden jüngeren flüsterten: »Wie entsetzlich!«

Mr. Brocklehurst begann von neuem.

»Dies alles erfuhr ich durch ihre Wohlthäterin; durch die fromme und barmherzige Dame, welche sich der verlassenen Waise annahm, sie wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte, deren Großmut dieses unglückliche Mädchen durch eine so schwarze, so schändliche Undankbarkeit vergalt, daß ihre ausgezeichnete Beschützerin gezwungen war, sie von ihren eigenen Kindern zu trennen, aus Furcht, daß ihre lasterhafte Verderbtheit die Reinheit der Kleinen besudeln könne. Sie hat sie hierher gesandt, um geheilt zu werden, wie die Juden des Altertums ihre Aussätzigen an den wogenden See von Bethesda schickten. Und daher, Vorsteherin, Lehrerinnen, ich flehe Sie an, lassen Sie die Wellen um dieses Kind nicht zum Stillstand kommen.«

Mit diesen erhabenen Schlußworten knöpfte Mr. Brocklehurst den obersten Knopf seines Überziehers zu, und murmelte etwas zu seiner Familie gewendet. Diese erhob sich, verneigte sich gegen Miß Temple – und dann segelten all die vornehmen Leute mit großem Pomp zur Thür hinaus. Mein Richter aber wandte sich noch einmal um und sagte:

»Laßt sie noch eine halbe Stunde auf jenem Stuhl stehen, und daß keiner von euch während des ganzen übrigen Tages mit ihr spricht.«

Da stand ich also, hoch erhoben über alle; ich, die ich so oft gesagt, daß ich die Schande nicht ertragen würde, auf meinen eigenen, natürlichen Füßen in der Mitte des Zimmers zu stehen – ich stand nun da, allen Blicken ausgesetzt [99] auf einem Piedestal der Schande. Worte vermögen nicht zu beschreiben, welcher Art die Gefühle waren, die in mir tobten; aber gerade in dem Augenblick, wo sie mir die Kehle zusammenschnürten und mir den Atem zu rauben drohten, ging ein Mädchen an mir vorbei. Und im Vorbeigehen richtete sie ihre Blicke auf mich. Welch ein seltsames Licht strömten sie über mich aus! Welch ein wunderbares Gefühl weckten ihre Strahlen in mir! Und wie stark dies bis jetzt ungekannte Empfinden mich machte! Es war, als sei ein Held, ein Märtyrer an einem Sklaven oder an einem Opfer vorübergegangen und hätte ihm dadurch Mut und Kraft eingeflößt. Ich beherrschte und überwältigte den Weinkrampf, der sich meiner bemächtigen wollte, erhob das Haupt und stand dann fest und ohne Beben auf dem Stuhl. Helen Burns stellte eine unbedeutende Frage über ihre Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der Trivialität derselben gescholten, ging an ihren Platz zurück und lächelte mir im Vorübergehen wiederum zu. Welch ein Lächeln!! Noch heute erinnere ich mich dessen und ich weiß, daß es der Ausfluß eines großen Geistes, eines wahren Mutes war; es verklärte ihre scharfen Züge, ihr abgemagertes Gesicht, ihre eingesunkenen, grauen Augen wie der Wiederschein von der Gestalt eines Engels. Und doch trug Helen Burns in diesem Augenblick die »Binde der Unordnung« an ihrem Arm; vor kaum einer Stunde hatte ich erst vernommen, wie Miß Scatcherd sie für den morgenden Tag verdammte, ein Mittagmahl von Wasser und Brot zu halten, weil sie eine Übung beim Abschreiben mit Tinte befleckt hatte. Dies ist die unvollkommene Natur des Menschen! Solche Flecke giebt es auf der Scheibe des strahlendsten Planeten, und Augen wie Miß Scatcherds sind nur imstande diese kleinlichen Mängel und Fehler zu entdecken; für den vollen Glanz des Gestirns sind sie blind!

[100] Achtes Kapitel

Ehe noch die halbe Stunde zu Ende war, schlug es fünf Uhr. Die Klassen wurden entlassen, und alle begaben sich zum Thee ins Refektorium. Jetzt wagte ich, herabzusteigen: es herrschte tiefe Dunkelheit. Ich ging in eine Ecke und setzte mich auf den Fußboden. Der Zauber, der mich soweit aufrecht erhalten hatte, begann zu schwinden; die Reaktion trat ein, und so überwältigend war der Schmerz, der sich meiner bemächtigte, daß ich auf das Antlitz zu Boden fiel. Jetzt weinte ich, – Helen Burns war nicht mehr da; nichts, niemand hielt mich aufrecht; mir selbst überlassen, gab ich mich dem Jammer hin, und meine Thränen netzten den Fußboden. Ich hatte die feste Absicht gehabt, gut und brav zu werden, in Lowood so viel zu lernen; mir viele Freunde zu erwerben, Achtung zu erringen und Liebe zu ernten. Schon hatte ich sichtbare Fortschritte gemacht; noch an demselben Morgen war ich die Erste in meiner Klasse geworden; Miß Miller hatte mich warm gelobt; Miß Temple hatte mir Beifall zugelächelt; sie hatte mir versprochen, mich zeichnen zu lehren und mich französisch lernen zu lassen, wenn ich noch zwei Monate fortfahren würde, solche Fortschritte zu machen. Meine Mitschülerinnen waren mir freundlich gesinnt; meine Altersgenossinnen behandelten mich als ihresgleichen, niemand quälte, niemand belästigte mich – und jetzt lag ich hier zertreten, zermalmt! Würde ich mich jemals wieder erheben können?

»Niemals,« dachte ich; und brennend, glühend wurde der Wunsch in mir rege, sterben zu können. Während ich in gebrochenen Lauten diesen Wunsch hervorstammelte, näherte sich mir jemand; ich fuhr empor – wiederum war Helen Burns mir nahe; das erlöschende Feuer ließ mich gerade noch erkennen, wie sie durch das große, leere Zimmer daher kam, sie brachte mir Kaffee und Brot.

[101] »Komm, iß ein wenig,« sagte sie; aber ich schob beides zurück; mir war, als hätte ein Bissen, ein Tropfen in meinem gegenwärtigen Zustande eine Erstickung herbeiführen müssen. Helen sah mich wahrscheinlich mit Erstaunen an; wie sehr ich mich auch bemühte, jetzt konnte ich meiner Erregung nicht Herr werden. Ich fuhr fort laut zu weinen. Sie setzte sich zu mir auf den Fußboden, schlang die Arme um ihre Kniee und legte ihren Kopf auf dieselben; in dieser Stellung verharrte sie regungslos wie ein Indianer. Ich war die erste, die sprach:

»Helen, weshalb bleibst du bei einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?«

»Jedermann, Jane? Nun, es sind doch nur achtzig Wesen, welche dich so nennen hörten, und die Welt trägt ihrer Hunderte von Millionen.«

»Aber was habe ich mit Millionen zu thun? Die achtzig, welche ich kenne, verachten mich.«

»Jane, du irrst; wahrscheinlich ist nicht eine einzige in der ganzen Schule, die dich verachtet oder dich haßt; viele – dessen bin ich gewiß – bedauern dich von ganzem Herzen.«

»Wie können sie mich nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt hat, noch bedauern?«

»Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist nicht einmal ein großer und bewunderter Mensch; man liebt ihn hier nicht; er hat auch niemals irgend etwas gethan, um sich beliebt zu machen. Wenn er dich wie seinen besonderen Liebling behandelt hätte, so würdest du rund umher nur Feinde gefunden haben, offene oder heimliche, – wie die Dinge jetzt aber liegen, würden die meisten Mädchen die Sympathie gern beweisen, wenn sie nur den Mut dazu hätten. Möglich ist es, daß Lehrerinnen und Schülerinnen dich während der nächsten zwei, drei Tage mit kalten Blicken betrachten, aber glaub mir, freundliche Gefühle und Gesinnungen tragen sie für dich im Herzen. Und wenn du fortfährst, gut und [102] fleißig zu sein, so werden diese Gefühle binnen kurzem um so augenscheinlicher zu Tage treten, weil sie eine Zeitlang unterdrückt werden mußten. Außerdem, Jane« – – – sie hielt inne.

»Nun, Helen?« fragte ich und legte meine Hand in die ihre; zärtlich rieb sie meine Finger, um sie zu erwärmen und fuhr dann fort:

»Wenn die ganze Welt dich haßte und dich für böse und gottlos hielt, so würdest du doch Freunde haben, solange dein eigenes Gewissen dich von Schuld freispricht und dir Recht giebt.«

»Nein; ich weiß, daß ich selbst dann gut von mir denken würde; aber das ist nicht genug; wenn andere mich nicht lieben, so will ich lieber sterben als leben – ich kann es nicht ertragen, einsam und gehaßt und verachtet zu sein, Helen. Sieh doch – um von dir oder Miß Temple oder sonst jemand, den ich wirklich liebe, ein wenig wahre, aufrichtige Liebe zu erringen, würde ich mir gern den Knochen meines Arms zerbrechen oder mich von einem wilden Stier aufspießen lassen oder mich einem scheu gewordenen Pferde in den Weg werfen und meine Brust von seinen Hufen zertreten lassen – –«

»Still Jane, still! Du denkst zu viel an die Liebe der Menschen; du bist zu stürmisch, zu heftig, du läßt dich zu sehr von deinen Empfindungen beherrschen. Die allmächtige Hand, die deinen Leib erschaffen und ihm Leben eingehaucht hat, gab dir andere Stützen als dein schwaches Selbst oder Wesen; diese sind ebenso schwach wie du. Außer dieser Welt, außer dem Menschengeschlecht giebt es eine unsichtbare Welt und ein Reich der Geister; diese Welt umgiebt uns, denn sie ist überall, diese Geister bewachen uns, denn sie sind da, um uns zu behüten; und wenn wir in Kummer und Schande stürben, wenn Verachtung von allen Seiten auf uns eindränge, wenn Haß uns zermalmte – so sähen Engel unsere Qualen, erkennten unsere Unschuld, wenn wir [103] unschuldig sind – und ich weiß, du bist schuldlos; diese Anklage, welche Mr. Brocklehurst aus zweiter Hand von Mrs. Reed hat und so jämmerlich und schwach und pathetisch gegen dich wiederholte, – sie trifft dich nicht; denn auf deiner reinen Stirn, in deinen lebensvollen Augen steht es geschrieben, daß du eine wahre offenherzige Natur bist – und Gott erwartet nur die Trennung der Seele vom Fleische, um uns mit dem höchsten Lohn zu krönen. Nun denn, weshalb von Leid überwältigt zu Boden sinken, wenn das Leben so bald zu Ende ist, und der Tod uns den Eintritt zu Seligkeit und Herrlichkeit bedeutet?«

Ich schwieg. Helen hatte mich beruhigt; aber die Ruhe, welche sie mir gegeben, hatte einen Zusatz von unsäglicher Traurigkeit. Ich fühlte den Eindruck von Weh als sie sprach, aber ich konnte nicht sagen, woher er kam; und als sie mit ihrer Rede zu Ende, ein wenig schneller atmete und trocken und kurz hustete, vergaß ich für einen Augenblick meinen eigenen Kummer und gab mich einer unbestimmten Furcht und Unruhe in Bezug auf sie hin.

Meinen Kopf an Helens Schulter lehnend, schlang ich meinen Arm um ihre Taille; sie zog mich an sich, und so ruhten wir lange schweigend. Nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde trat eine dritte Person ins Zimmer. Ein frischer Wind hatte einige schwere Wolken vom Horizont fortgetrieben, und der Mond ging klar auf; durch ein nahes Fenster warf er seine hellen Strahlen auf uns und die nahende Gestalt, in welcher wir sofort Miß Temple erkannten.

»Ich kam, um dich zu suchen, Jane Eyre,« sagte sie, »du sollst in mein Zimmer kommen, und da Helen Burns bei dir ist, mag sie uns begleiten.«

Wir gingen. Unter Führung der Vorsteherin hatten wir unseren Weg durch ein Labyrinth von Korridoren zu suchen und eine Treppe emporzusteigen, bevor wir ihr Zimmer erreichten. Ein helles Feuer brannte in demselben; [104] es sah freundlich und behaglich aus. Miß Temple bedeutete Helen Burns, sich in einen niedrigen Lehnsessel an einer Seite des Kamins zu setzen; sie selbst nahm einen zweiten und rief mich an ihre Seite.

»Ist es jetzt vorüber?« fragte sie und blickte mir ins Gesicht. »Hast du deinen Kummer fortgeweint?«

»Ich fürchte, das werde ich nicht können.«

»Weshalb?«

»Weil ich ungerecht und fälschlich beschuldigt worden bin; und jetzt werden Sie, Madame, und alle anderen Menschen mich für böse und gottlos halten.«

»Wir werden dich für das halten, mein Kind, als was du dich erweis't. Fahre fort, dich wie ein gutes Mädchen zu betragen und du wirst mich zufrieden stellen.«

»Gewiß, Miß Temple?«

»Gewiß, Jane,« sagte sie und schlang ihren Arm um mich. »Und jetzt erzähle mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst deine Wohlthäterin nannte.«

»Mrs. Reed, die Gattin meines Onkels. Mein Onkel ist tot, und er ließ mich in ihrer Obhut zurück.«

»Sie nahm dich also nicht aus eigenem Antrieb an Kindesstatt an?«

»Nein, Madame; sie hat es sehr ungern gethan; aber wie ich die Dienstboten oft erzählen hörte, nahm er ihr kurz vor seinem Tode das Versprechen ab, stets für mich sorgen zu wollen.«

»Nun also, Jane, du weißt ja, oder ich will es dir sagen, daß wenn ein Verbrecher angeklagt wird, man ihm stets gestattet, seine eigene Verteidigung zu führen. Man hat dich der Falschheit, der Lügenhaftigkeit angeklagt; verteidige dich vor mir so gut du kannst. Sag alles, was dein Gedächtnis als wahr rechtfertigen kann; aber füge nichts hinzu, verschweige nichts, übertreibe nichts.«

In der Tiefe meines Herzens beschloß ich, mich zu mäßigen, so korrekt wie möglich zu sein; und nach dem ich [105] einige Augenblicke nachgedacht hatte, um das, was ich zu sagen hatte, zusammenhängend zu ordnen, erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner traurigen Kindheit. Durch die Erregung sehr erschöpft, sprach ich in gemäßigteren Ausdrücken, als ich es sonst zu thun pflegte, wenn ich auf dieses qualvolle Thema kam; und Helens Warnung gedenkend, mich dem Rachegefühl nicht rückhaltslos hinzugeben, ließ ich viel weniger Galle und Wermut in die Erzählung einfließen, als es sonst wohl geschah. So vereinfacht und beschränkt, klang sie sehr glaubwürdig: während ich sprach, empfand ich, daß Miß Temple mir vollen Glauben schenkte.

Im Laufe der Erzählung hatte ich erwähnt, daß Mr. Lloyd gekommen sei, um mich nach jenem Krampfanfalle zu besuchen; denn niemals vergaß ich die für mich so entsetzliche Episode in dem roten Zimmer; wenn ich diese Details erzählte, konnte ich gewiß sein, daß meine Erregung in einem gewissen Grade die Grenzen überschritt; denn selbst in meiner Erinnerung noch hatte die Todesangst sich frisch erhalten, welche sich meiner bemächtigte, als Mrs. Reed mein wildes Flehen um Verzeihung verlachte und mich zum zweitenmal in das düstere, gespenstische Zimmer sperrte.

Ich war zu Ende. Schweigend betrachtete Miß Temple mich einige Minuten; dann sagte sie:

»Ich habe von Mr. Lloyd gehört; ich werde an ihn schreiben; wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt, so sollst du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden. Für mich, Jane, stehst du schon jetzt unschuldig da.«

Sie küßte mich und behielt mich noch an ihrer Seite Mir gewährte das Betrachten ihres Angesichts, ihres Kleides, ihrer wenigen prunklosen Schmuckgegenstände, ihrer weißen Stirn, ihrer dicken, glänzenden Locken und strahlenden schwarzen Augen ein kindliches Vergnügen.

[106] Zu Helen Burns gewandt, fuhr sie fort:

»Wie geht es dir heute Abend, Helen? Hast du während des ganzen Tages viel gehustet?«

»Nicht ganz so viel wie sonst, glaube ich.«

»Und der Schmerz in deiner Brust?«

»Er ist nicht mehr so heftig.«

Miß Temple erhob sich, nahm ihre Hand und prüfte den Puls. Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück; ich hörte, wie sie leise seufzte. In Nachdenken versunken, verharrte sie einige Minuten; dann erwachte sie gleichsam und sagte fröhlich:

»Aber heute Abend seid ihr beide meine Gäste; ich muß euch als solche bewirten.« Sie zog die Glocke.

»Barbara,« sprach sie zu dem Mädchen, welches hierauf eintrat, »ich habe noch keinen Thee getrunken, bringe das Theebrett und bringe auch Tassen für diese beiden jungen Damen.«

Bald wurde das Theebrett gebracht. Wie hübsch erschienen der glänzende Theetopf und die Porzellantassen meinen Augen, als sie auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen! Wie köstlich war das Aroma des heißen Getränks. Und nun erst der Duft der gerösteten Weißbrotschnitten! Zu meinem Bedauern – denn der Hunger begann jetzt, sich bei mir fühlbar zu machen – sah ich nur eine kleine Portion davon auf dem Teller; auch Miß Temple schien diese Entdeckung zu machen.

»Barbara,« sagte sie, »könntest du mir nicht noch etwas Brot und Butter bringen? Es ist nicht genug für drei.«

Barbara ging hinaus. – Gleich darauf kam sie zurück.

»Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die gewöhnliche Portion heraufgeschickt.«

Ich muß bemerken, daß Mrs. Harden die Haushälterin war, eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen, die aus gleichen Teilen Fischbein und Eisen zusammengesetzt war.

[107] »Schon gut, schon gut!« entgegnete Miß Temple; »dann muß es wohl für uns genug sein, Barbara.« Als das Mädchen fort war, fügte sie lächelnd hinzu: »Glücklicherweise liegt es in meiner Macht, dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen.«

Nachdem sie Helen und mich aufgefordert hatte, uns an den Tisch zu setzen, und jeder von uns eine Tasse heißen Thee's und eine Scheibe köstlichen gerösteten Weißbrots gegeben hatte, erhob sie sich, öffnete eine Schieblade, nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes Paket und enthüllte vor unseren Augen einen großen, prächtigen Krümelkuchen.

»Ich hatte die Absicht, jeder von euch ein Stück hiervon mit auf den Weg zu geben,« sagte sie, »da man uns aber so wenig Toast bewilligt hat, sollt ihr es jetzt schon haben,« und sie begann mit großmütiger Hand, den Kuchen in Scheiben zu schneiden.

Wir schmausten an diesem Abend wie von Nektar und Ambrosia; und es war nicht die kleinste Freude dieses Festes, daß unsere Wirtin uns mit freundlich zufriedenem Lächeln zusah, wie wir unseren regen Appetit an den köstlichen Leckerbissen, welche sie uns vorsetzte, stillten. Als der Thee getrunken und der Tisch abgeräumt war, rief sie uns wieder an den Kamin; wir setzten uns an jede Seite von ihr, und jetzt folgte ein Gespräch zwischen Helen und ihr, welchem lauschen zu dürfen allerdings eine Begünstigung war.

Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem Äußeren, von Hoheit in ihrer Miene, von geläutertem Anstand in ihrer Sprache, welches jede Abweichung in das Feurige, Erregte, Ungestüme ausschloß – ein Etwas, welches die Freude jener heiligte, welche ihr zuhörten, welche sie anblickten, und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte. In diesem Augenblick war es auch meine Empfindung:[108] – was aber Helen Burns anbetraf, so überraschte sie mich aufs höchste.

Das erfrischende Mahl, das wärmende Feuer, die Gegenwart ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als alles dieses etwas in ihrem eigenen seltenen Gemüt, hatte alle Kräfte und Gaben in ihr geweckt. Sie erwachten, sie entflammten; zuerst glühten sie in den strahlenden Farben ihrer Wangen, welche ich bis zu dieser Stunde niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte; dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen, welche plötzlich eine Schönheit bekommen hatten, die noch eigentümlicher war, als jene Miß Temples – eine Schönheit, die weder in der schönen Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten Augenbrauen lag, – sondern in dem Ausdruck, in der Bewegung, in dem Glanz. Jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache floß – aus welcher Quelle weiß ich nicht – denn hat ein vierzehnjähriges Mädchen ein Herz, das groß genug, stark und kräftig genug ist, um den brausenden Quell der reinen, vollen, feurigen Beredsamkeit fassen zu können? Dies war die Eigenart von Helens Gesprächsweise an diesem mir unvergeßlichem Abende; es war, als wolle ihr Geist sich beeilen, in einer kurzen Spanne Zeit ebenso voll und ganz zu leben, wie die meisten Menschen während eines langen Daseins.

Sie sprachen über Dinge, von denen ich niemals gehört hatte; von längst geschwundenen Zeiten und Nationen; von fernen Ländern, von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen – sie sprachen von Büchern. Wie viele sie gelesen hatten! Welchen reichen Schatz von Kenntnissen sie besaßen! Dann schienen sie so vertraut mit französischen Namen und französischen Schriftstellern; aber mein Erstaunen stieg aufs höchste, als Miß Temple Helen fragte, ob sie zuweilen einen freien Augenblick erübrigen könne, um das Latein, welches ihr Vater sie gelehrt hatte, zu wiederholen; dann nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und [109] bat sie, eine Seite des Virgil zu lesen und zu übersetzen; Helen gehorchte und mein Sinn für Verehrung und Hochachtung erweiterte sich, während ich lauschte. Kaum hatte sie geendet, als die Glocke ertönte, welche die Zeit des Schlafengehens verkündete; wir durften nicht länger verweilen; Miß Temple umarmte uns beide und sagte während sie uns an ihr Herz zog:

»Gott segne euch, meine Kinder!«

Helen hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als mich; sie ließ sie widerstrebender von sich; Helen folgte ihr Auge bis an die Thür; ihr galt der traurige Seufzer, welcher ihre Brust hob, ihr die Thräne, wel che sie schnell zu trocknen bemüht war.

Als wir das Schlafzimmer erreichten, hörten wir Miß Scatcherds Stimme; sie sah nach, ob die Schiebladen in Ordnung waren; gerade hatte sie jene von Helen Burns herausgezogen, und als wir eintraten, wurde Helen mit einem scharfen Verweise begrüßt und die Lehrerin kündigte ihr an, daß sie am folgenden Tage mit einem halben Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet umher gehen werde.

»Meine Sachen befanden sich allerdings in einer empörenden Unordnung,« flüsterte Helen mir zu, »ich hatte die Absicht gehabt aufzuräumen, aber ich vergaß es.«

Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort »Schlampe« und band es wie einen Denkzettel um Helens große, intelligente und milde Stirn. Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum Abend, es wie eine verdiente Strafe ansehend. Kaum hatte Miß Scatcherd sich nach den Nachmittags-Unterrichtsstunden zurückgezogen, als ich auf Helen losstürzte, es herabriß und es ins Feuer warf. Die Wut, deren sie nicht fähig war, hatte den ganzen Tag über in meiner Seele getobt, und große, heiße Thränen hatten fortwährend meine Wangen genetzt; denn der Anblick ihrer [110] traurigen Resignation gab mir einen unerträglichen Stich ins Herz.

Ungefähr eine Woche nach den oben erwähnten Erzählungen erhielt Miß Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, dessen Antwort; wie es schien, ergänzte das, was er sagte, meinen Bericht. Miß Temple rief die ganze Schule zusammen und verkündete, daß die Anklagen, welche gegen Jane Eyre erhoben, genau und sorgfältig untersucht worden, und daß sie glücklich sei, mich von jeder Schuld freisprechen zu können. Darauf schüttelten die Lehrerinnen mir die Hände und küßten mich, und ein Murmeln der Freude lief durch die Reihen meiner Gefährtinnen.

Eine schwere Last war mir vom Herzen genommen; und von dieser Stunde an begann ich von neuem ernstlich zu arbeiten; ich war fest entschlossen, mir einen Weg über alle Schwierigkeiten hinfort zu bahnen; ich mühte mich ab, und der Erfolg entsprach meinen Anstrengungen; mein Gedächtnis, welches von Natur nicht sehr stark war, besserte sich durch stete Übung; mein Verstand wurde durch die Arbeit geschärft; nach einigen Wochen wurde ich in eine höhere Klasse versetzt; in weniger als zwei Monaten gestattete man mir, mit dem Französischen und Zeichnen zu beginnen. Ich lernte die ersten beiden Zeiten des Verbums être und skizzierte meine erste Hütte – deren Mauern nebenbei gesagt in schräger Richtung den hängenden Turm von Pisa bei weitem übertrafen – an demselben Tage. Als ich an jenem Abend zu Bette ging, vergaß ich, in meiner Phantasie das Barmeciden-Souper von heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch zu bereiten, mit dem ich sonst mein inneres Sehnen zu befriedigen pflegte; statt dessen ergötzte ich mich an dem Anblick idealer Zeichnungen, welche ich im Dunkeln sah, alle das Werk meiner eigenen Hand: fein gezeichnete Häuser und Bäume, malerische Felsen und Ruinen, stattliche Viehherden, reizende Malereien von Schmetterlingen, welche halberschlossene [111] Rosen umflogen; Vögel, welche an reifen Kirschen pickten, Nester von Zaunkönigen, in denen perlgroße Eier lagen, während junge Epheuranken sie umwucherten. Im Gedanken ventilierte ich auch die Möglichkeit, ob ich jemals imstande sein würde, ein gewisses kleines französisches Geschichtenbuch, welches Madame Pierrot mir an jenem Tage gezeigt hatte, fließend übersetzen zu können; – aber noch war dieses Problem nicht zu meiner Zufriedenheit gelöst, als ich sanft einschlief.

Wie richtig hat Salomo gesagt: – »Besser ein Mahl von frischen Kräutern, wo die Liebe ist, als ein gemästeter Ochse, wo der Haß ist.«

Jetzt hätte ich Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht mehr gegen Gateshead-Hall mit seinem täglichen Luxus eingetauscht.

Neuntes Kapitel

Aber der Entbehrungen oder vielmehr der Mühseligkeiten in Lowood wurden auch weniger. Der Frühling kam – er war in der That schon gekommen; die Winterfröste hatten aufgehört; der Schnee war geschmolzen, die schneidenden Winde hatten nachgelassen. Meine armen Füße, welche die Lüfte des Januar geschunden und entzündet hatten, begannen zu heilen und unter den warmen Winden des April ihre alte Gestalt anzunehmen; die Nächte und Morgen ließen mit ihrer kanadischen Temperatur nicht länger das Blut in unseren Adern erfrieren; wir ertrugen es jetzt, die Spielstunde im Garten zuzubringen; zuweilen an besonders sonnigen Tagen begann es schon angenehm und freundlich zu werden, ein zartes Grün begann die braunen Beete zu überziehen, täglich wurde es frischer und erweckte die Vorstellung, daß die Hoffnung während der Nacht über sie hinschreite und jeden Morgen schönere Spuren ihrer Schritte zurücklasse. Unter den Blättern blickten Blumen hervor Schneeglöckchen, Krokus, dunkelrote Aurikeln und [112] goldäugige Dreifaltigkeitsblumen. An Donnerstagnachmittagen – ein halber Ferialtag – machten wir jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain, unter den Hecken noch schönere Blumen.

Ich entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen, ein Genuß, welchem nur der Horizont eine Grenze setzte, außerhalb der hohen und mit eisernen Spitzen gekrönten Mauern unseres Gartens lag, – dieser Genuß bestand nämlich in der Aussicht, welche eine lange Reihe hochgipfeliger, grüner und schattiger Hügel bot – in einem klaren Bach voll dunkler Steine und funkelnder Wirbel und Strudel.

Wie ganz anders hatte dieses Bild ausgesehen, als ich es in Frost erstarrt, in ein Leichentuch von Schnee gehüllt unter dem bleiernen Himmel des Winters gesehen! Wenn todeskalte Nebel vom Ostwind gejagt über diese düsteren Gipfel hinzogen und über Wiesen und Anhöhen hinunterrollten, bis sie sich mit dem gefrorenen Nebel des Baches vereinigten! Dieser Bach selbst war damals ein Strom, zügellos und tobend; er durchriß den Wald und erfüllte die Luft mit tosendem Lärm und wildem Sprühregen; und der Wald an seinen Ufern war nichts als eine Reihe von Gerippen.

Aus dem April wurde Mai; ein klarer, schöner Mai; all seine Tage brachten blauen Himmel und milden Sonnenschein und leise westliche oder südliche Winde. Und jetzt reifte die Vegetation mit Macht; Lowood schüttelte seine Locken; es wurde grün und blütenreich; seine großen Ulmen- und Eschen- und Eichen-Skelette wurden majestätischem Leben zurückgegeben. Waldpflanzen sprießten in allen Ecken und Winkeln; zahllose Abarten von Moos füllten die Vertiefungen, und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den Boden wie mit Sonnenstrahlen; oft habe ich an schattigen Stellen ihren zarten, goldigen Glanz für hellen Sonnenschein gehalten. Und alles die genoß ich oft und voll, frei, unbewacht und fast immer allein; diese [113] ungewohnte Freiheit, dieses Vergnügen hatte eine Ursache, von welcher zu reden jetzt meine Aufgabe sein muß.

Habe ich die Lage meines Wohnsitzes nicht als eine reizende geschildert, wenn ich erzählte, daß dieser in Hügel und Wald gebettet liegt und sich am Rande eines Stromes erhebt? Reizend in der That; ob aber gesund oder nicht, das ist eine andere Frage.

Jenes Waldthal, in welchem Lowood lag, war die Brutstätte von Nebeln und einer aus Nebel entstandenen Pestilenz; diese wuchs mit dem Frühling, kroch in das Waisenasyl, hauchte den Typhus in die überfüllten Schlafsäle und Schulzimmer, und bevor der Mai gekommen, war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt.

Durch Hunger und vernachlässigte Erkältungen war die Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt; von achtzig Mädchen wurden fünfundvierzig zu gleicher Zeit von der Krankheit ergriffen. Die Schulstunden hörten auf, alle Regeln blieben unbeachtet. Den Wenigen, welche gesund blieben, wurde eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt, denn der Arzt bestand auf der Notwendigkeit häufiger Bewegung in freier Luft, um sie gesund zu erhalten; und selbst wenn es anders gewesen wäre, so hatte niemand Zeit oder Lust, sie zu bewachen oder zurückzuhalten. Miß Temples ganze Aufmerksamkeit war von den Patientinnen in Anspruch genommen; sie wohnte im Krankenzimmer; niemals verließ sie es, mit Ausnahme von wenigen Stunden der Nacht, wo sie selbst die ihr so nötige Ruhe suchte. Die Lehrerinnen waren vollauf mit dem Packen oder anderen notwendigen Vorbereitungen für die Abreise jener Mädchen beschäftigt, welche glücklich genug waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, die sie von dem Seuchenherd entfernten. Viele, welche den Keim der Ansteckung bereits in sich trugen, kehrten nur nach Hause zurück, um zu sterben; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und ruhig begraben, da die Natur der Krankheit keinen Aufschub duldete.

[114] Während so die entsetzliche Krankheit eine Bewohnerin von Lowood geworden war und der Tod sein häufiger Besucher; während innerhalb seiner Mauern Furcht und Trauer herrschten; während die Dünste eines Hospitals durch Zimmer und Korridore zogen, und Tränke und Pastillen umsonst versuchten, der Ausdünstung des Todes entgegen zu wirken, – leuchtete draußen der strahlende Mai über stolze Hügel und herrliches Waldland. Der Garten prangte im Blumenflor: Rosenpalmen waren so hoch wie Bäume in die Höhe geschossen; Lilienkelche waren erschlossen, Tulpen und Rosen standen in Blüte; die Ränder der kleinen Beete strahlten in ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten Tausendschönchen; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen ihren würzigen Duft aus – und diese blühenden Schätze waren jetzt für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos – nur zuweilen legte man ihnen eine Handvoll Blüten und Kräuter in den Sarg.

Aber ich und die übrigen, welche gesund blieben, genossen in vollen Zügen die Schönheit des Frühlings und der Gegend; man ließ uns wie Zigeuner im Walde umher streifen; wir thaten von morgens bis abends nur, was uns gefiel, gingen wohin wir wollten – und führten überhaupt ein besseres Dasein als früher. Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen Lowood jetzt gar nicht mehr zu nahe; die Angelegenheiten der Haushaltung wurden nicht mehr geprüft; die böse Haushälterin war fort; die Furcht vor Ansteckung hatte sie fortgetrieben; ihre Nachfolgerin, welche in der Armenapotheke in Lowton Vorsteherin gewesen war, kannte die Gebräuche ihres neuen Aufenthalts noch nicht und versorgte uns mit verhältnismäßiger Freigebigkeit. Außerdem waren unserer ja weniger, die da Nahrung verlangten; die Kranken konnten wenig essen; unsere Frühstücksschüsseln wurden besser gefüllt; wenn sie keine Zeit hatte, ein regelrechtes Mittagessen herzurichten – ein Fall, der ziemlich häufig eintrat, – pflegte sie uns ein großes [115] Stück kalter Pastete zu geben oder eine große Schnitte Brot und Käse, und diesen Proviant nahmen wir dann mit uns in den Wald hinaus, wo jede von uns ihr Lieblingsplätzchen aufsuchte und ein königliches Mahl hielt.

Mein Lieblingssitz war ein breiter, glatter Stein, welcher weiß und trocken mitten aus dem Waldbache herausragte; er war nur zu erreichen, indem ich durch das Wasser watete, und diese That vollbrachte ich denn ziemlich oft und zwar barfuß. Der Stein war gerade breit genug, um außer mir noch einem anderen Mädchen bequemen Platz zu gewähren; dies war Mary Ann Wilson, damals meine auserwählte Gefährtin; sie war ein kluges, beobachtendes Geschöpf, deren Gesellschaft mir Freude machte, teilweise weil sie witzig und originell war, und teilweise, weil sie Manieren und Sitten hatte, welche mir besonders zusagten. Um einige Jahre älter als ich, kannte sie mehr von der Welt und konnte mir von vielen Dingen erzählen, die ich gern hörte; in ihrer Gesellschaft wurde meine Neugierde befriedigt; mit meinen Fehlern hatte sie die größte Nachsicht und niemals versuchte sie meinen Worten Zwang oder Zügel anzulegen. Sie hatte ein großes Erzählertalent, – ich besaß Talent für die Analyse; sie liebte es zu belehren – ich zu fragen; so wurden wir prächtig miteinander fertig und zogen wenn auch nicht viel Belehrung, so doch viel Vergnügen aus unseren gegenseitigen Verkehr.

Und wo war inzwischen Helen Burns? Weshalb brachte ich diese süßen Tage der Freiheit nicht in ihrer Gesellschaft zu? Hatte ich sie vergessen? Oder war ich so leichtsinnig, so unwürdig, daß ich ihrer veredelnden Gesellschaft müde geworden? Gewiß war die obenerwähnte Mary Ann Wilson jener meiner ersten Freundin nicht ebenbürtig; sie konnte mir nur lustige Geschichten erzählen oder irgend einen witzigen Klatsch wiederholen, der mir gerade Vergnügen machte, während Helen, wenn ich die Wahrheit über sie gesprochen habe, geeignet war, denen, welche das Vorrecht, [116] die Begünstigung ihrer Unterhaltung genossen, Sinn und Geschmack für höhere, reinere Dinge einzuflößen.

Das ist wahr, mein teurer Leser, und ich wußte und fühlte das; – und obgleich ich ein unvollkommenes Geschöpf bin mit vielen Fehlern und wenigen guten Eigenschaften, so war ich Helen Burns' doch noch niemals überdrüssig geworden; niemals hatte ich aufgehört, für sie eine Liebe zu hegen, die so stark, so zärtlich und so achtungsvoll war, wie nur je ein Gefühl mein Herz bewegt hat. Wie hätte es denn auch anders sein können, wenn Helen zu allen Zeiten und unter allen Umständen mir eine ruhige und treue Freundschaft bewiesen hatte, welche keine böse Laune je verbitterte, kein Streit jemals störte? – Aber Helen war augenblicklich krank; seit mehreren Wochen war sie meinen Augen bereits entrückt; ich wußte nicht, in welchem Zimmer sie sich jetzt befand. Man hatte mir gesagt, daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht, nicht der Typhus, und ich in meiner Unwissenheit stellte mir unter Schwindsucht etwas mildes vor, das durch Pflege und Fürsorge mit der Zeit geheilt werden müsse.

In dieser Idee wurde ich noch dadurch bestärkt, daß sie einigemal an sonnigen, warmen Nachmittagen herunter kam und von Miß Temple in den Garten geführt wurde; bei diesen Gelegenheiten gestattete man mir aber nicht, mit ihr zu sprechen oder mich ihr auch nur zu nähern; ich sah sie nur aus dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich; denn sie war in viele Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda.

Eines Abends im Anfang des Monats Juni war ich sehr spät mit Mary Ann im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten wir uns von den anderen getrennt und waren weit gewandert, so weit, daß wir den Weg verloren und denselben in einer einsamen Hütte erfragen mußten, wo ein Mann und eine Frau wohnten, die eine Herde voll halbwilder [117] Schweine zu hüten hatten, welche von der Eichelmast im Walde gemästet wurden. Als wir endlich zurückkamen war der Mond schon aufgegangen; ein Pony, welches wir als dasjenige des Arztes erkannten, stand an der Gartenpforte. Mary Ann bemerkte, daß wahrscheinlich irgend jemand schwer erkrankt sein müsse, wenn Mr. Bates noch so spät am Abend geholt worden sei. Sie ging in das Haus; ich blieb zurück, um noch eine Handvoll Wurzeln, die ich im Walde ausgegraben, in meinem Garten einzupflanzen; ich fürchtete, daß sie bis zum nächsten Morgen verwelken würden. Nachdem dies geschehen, verweilte ich noch einige Minuten; die Blumen dufteten so süß, als der Thau fiel; es war ein so wunderschöner Abend, so rein, so ruhig, so warm; und der noch gerötete Westen versprach wiederum einen schönen Tag. Im dunklen Osten stieg majestätisch der Mond empor. Ich beobachtete dies alles und freute mich daran, wie ein Kind sich zu freuen vermag, – da plötzlich kam mir der Gedanke, wie niemals zuvor:

»Wie traurig ist es doch, jetzt auf dem Krankenbett liegen zu müssen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist so schön – wie entsetzlich wäre es, abberufen zu werden und wer weiß wohin gehen zu müssen!«

Und dann machte meine Seele die erste ernste Anstrengung, das zu begreifen, was man in Bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte; zum erstenmal blickte ich um mich und sah vor mir, neben mir, hinter mir nichts als einen unermeßlichen Abgrund; zum erstenmal bebte meine Seele entsetzt zurück, sie empfand und fühlte nichts sicheres mehr als den einen Punkt, auf welchem sie stand – die Gegenwart, alles andere war eine formlose Wolke, eine unergründliche Tiefe – es schauderte mich bei dem Gedanken zu straucheln, zu wanken – und in das Chaos hinabzutauchen. Als ich noch diesen neuen Gedanken nachhing, hörte ich, wie die große Hausthür geöffnet wurde; Mr. Bates trat heraus, mit ihm eine Krankenwärterin. [118] Nachdem sie gewartet bis er aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war, wollte sie die Thür wiederum schließen. Ich lief zu ihr.

»Wie geht es Helen Burns?«

»Sehr schlecht,« lautete die Antwort.

»War Mr. Bates ihretwegen gekommen?«

»Ja.«

»Und was sagt er?«

»Er sagt, daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird.«

Hätte ich diese Phrase gestern gehört, so würde sie nur den Glauben in mir wachgerufen haben, daß man sie nach Northumberland in ihre Heimat bringen wolle. Ich würde nicht vermutet haben, daß es bedeute, sie sei sterbend, – aber jetzt begriff ich sofort; es wurde mir augenblicklich klar, daß Helen Burns' Tage auf dieser Welt gezählt seien, und daß sie bald hinauf in die Region der Geister gehen würde – wenn es überhaupt eine solche Region gab. Im ersten Moment bemächtigte sich meiner ein namenloser Schrecken; dann empfand ich den heftigsten Schmerz, dann einen Wunsch – den Wunsch, sie zu sehen. Und ich fragte, in welchem Zimmer sie läge.

»Sie ist in Miß Temples Zimmer,« sagte die Wärterin.

»Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen?«

»O nein, Kind! Das geht nicht an. Und jetzt ist es auch für Sie Zeit, hinein zu gehen; Sie werden das Fieber bekommen, wenn Sie draußen sind, während der Thau fällt.«

Die Wärterin schloß die Hausthür; ich ging durch den Seiteneingang, welcher zu dem Schulzimmer führte; ich kam noch zu rechter Zeit; es war neun Uhr, und Miß Miller rief gerade die Schülerinnen zum Schlafengehen.

Es mochte vielleicht zwei Stunden später, ungefähr elf Uhr sein; es war mir nicht möglich gewesen einzuschlafen und aus der tiefen Ruhe, welche im Schlafzimmer herrschte, [119] schloß ich, daß meine Gefährtinnen fest schliefen; leise stand ich auf, zog mein Kleid über mein Nachtgewand und schlich mich barfuß aus dem Gemach, um Miß Temples Zimmer zu suchen. Es befand sich am entgegengesetzten Ende des Hauses; aber ich kannte den Weg, und die Strahlen des unbewölkten Sommermondes halfen mir, ihn zu finden. Ich verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und gebranntem Essig, als ich mich dem Zimmer der Fieberkranken näherte; schnell eilte ich an der Thür vorüber, aus Furcht, daß die Krankenwärterin, welche die ganze Nacht wachen mußte, mich hören könne. Ich hatte Angst davor, entdeckt und zurückgeschickt zu werden, denn ich mußte Helen sehen, – ich mußte sie umarmen bevor sie starb, – ich mußte ihr einen letzten Kuß geben, noch ein letztes Wort mit ihr sprechen.

Nachdem ich die Treppe hinuntergegangen war, einen Teil vom Erdgeschoß des Hauses durchschritten hatte und es mir gelungen war, ohne Geräusch zwei Thüren zu öffnen, erreichte ich eine zweite Treppe; diese stieg ich wieder hinauf und befand mich gerade vor der Thür von Miß Temples Zimmer. Durch das Schlüsselloch und eine Spalte unterhalb der Thür fiel ein Lichtschein; überall herrschte tiefste Stille. Als ich näher kam, fand ich die Thür ein wenig geöffnet, wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach etwas Luft dringen zu lassen. Nicht gewillt zu zögern, von ungeduldigem Drange beseelt – Seele und alle Sinne in heftigem Schmerz erbebend – öffnete ich sie ganz und blickte hinein. Mein Auge suchte Helen und fürchtete – den Tod zu finden.

Dicht neben Miß Temples Bett und mit den weißen Vorhängen desselben halb verhängt, stand ein kleines Bettchen. Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht war durch die Gardinen verdeckt. Die Wärterin, mit welcher ich im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und schlief; eine halbherabgebrannte [120] Kerze, die auf dem Tische stand, verbreitete ein trübes Licht. Miß Temple war nicht sichtbar; später erfuhr ich, daß sie zu einer im Delirium liegenden Fieberkranken gerufen worden. – Ich wagte mich weiter ins Zimmer hinein; dann stand ich neben dem kleinen Bette still; meine Hand faßte den Vorhang, doch hielt ich es für besser, zu sprechen, bevor ich denselben zur Seite zog. Ein Schauer faßte mich bei dem Gedanken, daß ich vielleicht nur noch eine Leiche sehen könnte.

»Helen,« flüsterte ich sanft, »wachst du?«

Sie bewegte sich, schob den Vorhang zurück – – und ich blickte in ihr bleiches, abgezehrtes aber ruhiges Gesicht. Sie schien so wenig verändert, daß meine Furcht augenblicklich schwand.

»Bist du's wirklich, Jane?« fragte sie mit ihrer gewohnten, sanften Stimme.

»Ah!« dachte ich, »sie wird nicht sterben; sie irren sich alle; wäre es der Fall, so könnte sie nicht so ruhig, so friedlich aussehen; das wäre nicht möglich.«

Ich ging an ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt und ihre Wange war kalt und abgezehrt, und ihre Hände und ihre Arme ebenfalls; aber ihr Lächeln war das alte geblieben.

»Weshalb kommst du hierher, Jane? Es ist schon nach elf Uhr; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.«

»Ich kam um dich zu sehen, Helen. Ich hörte, du seist sehr krank, und ich konnte nicht einschlafen, bevor ich noch einmal mit dir gesprochen hatte.«

»Du bist also gekommen, um mir Lebewohl zu sagen: wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen.«

»Willst du fort, Helen? Willst du etwa nach Hause.«

»Ja, nach Hause – in meine letzte, meine ewige Heimat!«

»Nein, nein, Helen,« unterbrach ich sie jammernd[121] Während ich versuchte, meiner Thränen Herr zu werden, hatte Helen einen heftigen Hustenanfall; indessen weckte dieser die Krankenwärterin nicht; als er vorüber, lag sie einige Minuten ganz erschöpft da; dann flüsterte sie:

»Jane, deine kleinen Füße sind nackt; lege dich zu mir ins Bett und decke dich mit meiner Decke zu.«

Ich that es; sie schlang ihren Arm um mich, und ich schmiegte mich dicht an sie. Nach langem Schweigen fuhr sie flüsternd fort:

»Ich bin sehr glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so mußt du mir versprechen, nicht zu trauern; denn es ist nichts zu betrauern. Wir alle müssen ja eines Tages sterben, und die Krankheit, die mich fortrafft, ist nicht schmerzhaft; sie schreitet langsam und schmerzlos fort; mein Gemüt ist in Frieden. Ich hinterlasse niemanden, der mich betrauert. Ich habe nur einen Vater; er hat sich vor kurzem wieder verheiratet und wird mich nicht vermissen. Ich sterbe jung – aber ich werde auch vielen Leiden entgehen. Ich hatte keine Eigenschaften, keine Talente, die mir geholfen hätten, einen guten Weg durch die Welt zu machen. Fortwährend würde ich das Verkehrte gethan haben.«

»Aber wohin gehst du denn, Helen? Kannst du es sehen? Kannst du glauben?«

»Ich glaube; – ich habe die feste Zuversicht: ich gehe zu Gott.«

»Wo ist Gott? Was ist Gott?«

»Mein Schöpfer und der deine, der niemals zerstören kann, was er geschaffen hat. Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte. Ich zähle die Stunden bis zu jener großen, bedeutungsvollen, die mich ihm zurückgeben soll, ihn mir von Angesicht zu Angesicht zeigen wird.«

»Du bist also sicher, Helen, daß es ein Etwas giebt, das sich Himmel nennt; und daß unsere Seelen dorthin gehen werden, wenn wir sterben?«

[122] »Ich bin sicher, daß es ein künftiges Leben giebt; ich glaube, daß Gott gut ist; ich gebe ihm mein unsterbliches Teil vertrauensvoll hin. Gott ist mein Vater; Gott ist mein Freund, ich liebe ihn; ich glaube, daß er mich liebt.«

»Und werde ich dich wiedersehen, Helen, wenn ich sterbe?«

»Du wirst in dieselben Regionen der Glückseligkeit kommen wie ich; derselbe mächtige Allvater wird auch dich an sein Herz nehmen, Jane, zweifle nicht daran.«

Wiederum fragte ich, doch dieses Mal nur in Gedanken, »wo sind jene Regionen? Sind sie wirklich?« Und fester schlang ich meine Arme um Helen; sie war mir in diesem Augenblick teurer denn je; mir war, als könne ich sie nicht fortgehen lassen; ich verbarg mein Gesicht an ihrer Brust. Gleich darauf sagte sie in ihrer süßesten Weise:

»Wie wohl ich mich fühle! Jener letzte Hustenanfall hat mich ein wenig ermüdet; mir ist, als könnte ich jetzt schlafen; aber verlaß mich nicht, Jane; es ist so schön, dich so nahe zu wissen.«

»Ich bleibe bei dir, süße Helen; niemand soll mich von hier fortnehmen.«

»Ist dir warm, mein Liebling?«

»Ja.«

»Gute Nacht, Jane.«

»Gute Nacht, Helen.«

Sie küßte mich und ich küßte sie: bald schliefen wir beide.

Als ich erwachte, war es Tag. Eine ungewöhnliche Bewegung weckte mich; ich öffnete die Augen; jemand hielt mich in den Armen; es war die Krankenwärterin; sie trug mich durch die Korridore in den Schlafsaal zurück. Man erteilte mir keinen Verweis dafür, daß ich mein Bett verlassen hatte; die Leute hatten an andere Dinge zu denken. Auf meine vielen Fragen gab man mir damals keine Erklärungen; aber einige Tage später erfuhr ich, daß Miß Temple, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt, mich in dem [123] kleinen Bette gefunden habe; mein Gesicht ruhte auf Helen Burns Schulter, meine Arme umschlangen ihren Hals. Ich schlief, und Helen war – tot.

Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge; noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein einfacher Grashügel. Jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die Stelle; darauf steht ihr Name und das Wort:

»Resurgam.«

Zehntes Kapitel

Bis hierher habe ich jede Begebenheit meines unbedeutenden Daseins bis ins kleinste Detail geschildert; – den ersten zehn Jahren meines Lebens habe ich ebenso viele Kapitel gewidmet. – Es ist aber nicht meine Absicht, eine ordentliche Autobiographie zu schreiben; ich fühle mich nur verpflichtet, mein Gedächtnis zu befragen, wo seine Antworten bis zu einem gewissen Grade Interesse bieten können; darum übergehe ich einen Zeitraum von acht Jahren fast mit Stillschweigen; nur wenige Reihen sind notwendig, um die Verbindung aufrecht zu erhalten.

Als das typhöse Fieber seine Mission der Zerstörung in Lowood erfüllt hatte, verschwand es nach und nach von dort; aber nicht, bevor seine Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Die Ursache dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Fakta entdeckt, welche die allgemeine öffentliche Empörung im höchsten Grade wachriefen. Die ungesunde Lage des Instituts; die Quantität und die Qualität der Nahrung, welche den Kindern verabreicht wurde; das schlechte, stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung verwendet wurde; die elende, unzureichende Bekleidung der Schülerinnen – alle diese Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte einen sehr beschämenden Eindruck für Mr. Brocklehurst, hatte aber eine wohlthätige Wirkung für das Institut.

[124] Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute in der Gegend zeichneten große Summen für den Aufbau eines passenderen Gebäudes in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt. Verbesserungen in Diät und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Komitees anvertraut. Mr. Brocklehurst, welcher seiner Famlienverbindungen und seines Reichtums wegen nicht ganz übersehen werden konnte, behielt das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner Pflichten standen ihm Herren von sympathischerer Sinnesart und humanerem Charakter zur Seite; auch sein Amt als Inspektor mußte er mit Leuten teilen, welche Strenge mit Vernunft, Komfort mit Sparsamkeit, Mitgefühl mit Gerechtigkeit zu paaren wußten. In solcher Gestalt verbessert, wurde sie mit der Zeit zu einer wahrhaft nützlichen und edlen Gründung. Ich blieb noch acht Jahre nach ihrer Renovation eine Bewohnerin ihrer Mauern: sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin. In beiden Eigenschaften kann ich nur ihren großen Wert und ihre Wichtigkeit bezeugen.

Während dieser acht Jahre war mein Leben außerordentlich einförmig; aber nicht unglücklich, weil es nicht unthätig war. Die Mittel, mir eine ausgezeichnete Erziehung anzueignen, waren mir an die Hand gegeben; eine Vorliebe für einige meiner Studien, der Wunsch, in allen das Höchste zu erreichen, verbunden mit dem innigen Wunsch, meine Lehrerinnen zu befriedigen, besonders jene, welche ich liebte: dies alles trieb mich vorwärts und daher benutzte ich in vollem Maße die Vorteile, welche sich mir darboten. Mit der Zeit stieg ich zum Range der ersten Schülerin in der ersten Klasse empor; dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin betraut; dieser Pflichten erledigte ich mich während zweier Jahre. Doch nach Ablauf dieser Zeit wurde ich andern Sinnes.

Während all dieser Wechsel war Miß Temple Vorsteherin [125] des Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte ich den besten Teil meiner Kenntnisse; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle einer Mutter bei mir vertreten, sie war meine Erzieherin und später meine Gefährtin gewesen. Um diese Zeit heiratete sie und zog mit ihrem Gatten – einem Geistlichen, der ein ausgezeichneter Mann und beinahe einer solchen Gattin würdig gewesen wäre – in eine entfernte Grafschaft; für mich war sie folglich verloren.

Seit dem Tage, wo sie uns verließ, war ich nicht mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Festigkeit, jede Gemeinschaft, die Lowood bis zu einem gewissen Grade zu meiner Heimat gemacht hatte, dahin. Ich hatte einiges von ihrer Natur, viele ihrer Gewohnheiten angenommen; harmonischere Gedanken, besser geregelte Empfindungen waren die Bewohner meiner Seele geworden. Ich hatte mich der Pflicht und der Ordnung unterworfen; ich war ruhig geworden; ich glaubte, daß ich zufrieden sei; den Augen anderer, oft sogar meinen eigenen, erschien ich ein wohldisziplinierter und fester, gezügelter Charakter.

Aber das Schicksal in Gestalt Sr. Ehrwürden des Herrn Nasmyth trat zwischen Miß Temple und mich; – ich sah sie kurz nach der Ceremonie der Trauung im Reisekleide in die Postchaise steigen; ich sah den Wagen den Hügel hinauf fahren und hinter diesem Hügel verschwinden. Dann ging ich auf mein Zimmer. Und dort verbrachte ich auch in Einsamkeit den größten Teil des halben Ferialtages, welchen man uns der feierlichen Gelegenheit zu Ehren gewährt hatte.

Viele Stunden lang ging ich im Zimmer auf und ab. Ich bildete mir ein, daß ich nur meinen Verlust betrauere und daran dächte, ihn zu ersetzen; als ich aber den Schluß meiner Reflexionen zog und aufsah und fand, daß der Nachmittag hingegangen und der Abend weit vorgeschritten sei, – da dämmerte eine andere Entdeckung vor mir auf: [126] ich fühlte, daß ich in der Zwischenzeit einen transformierenden Prozeß durchgemacht habe; daß mein Gemüt abgestreift habe alles, was es von Miß Temple erborgt hatte – oder vielmehr, daß sie die reine Atmosphäre, welche ich in ihrer Nähe eingeatmet hatte, mit sich genommen habe, und daß ich jetzt in meinem eigenen natürlichen Element zurückgeblieben sei. Ich fühlte, wie die alten, wilden Gefühle wieder in mir erwachten. Es war nicht, als ob eine Stütze mir genommen sei, sondern vielmehr, als ob eine bewegende Kraft verloren gegangen; nicht als ob die Fähigkeit ruhig und zufrieden zu sein, geschwunden sei, sondern als ob dieUrsache zur Zufriedenheit dahin sei. Während vieler Jahre war Lowood meine ganze Welt gewesen; meine Erfahrung kannte nichts anderes als seine Vorschriften, sein System. Jetzt aber fiel mir ein, daß die Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles Feld von Furcht und Hoffnung, von Bewegung und Anregung jene erwarte, welche genug Mut besäßen, auf diese Wahlstatt hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung und Kenntnis inmitten seiner Gefahren zu suchen.

Ich ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort die Grenze von Lowood, weit hinten der hügelige Horizont. Mein Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den entferntesten haften zu bleiben: an den Gipfeln der Berge! Diese zu übersteigen sehnte ich mich; alles was innerhalb ihrer Grenzen von Felsen und Haide lag, schien mir Gefängnisboden, Grenzen des Exils. Ich verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuße eines Berges dahin zog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand, mit den Augen. Ach! wie gern wäre ich ihr noch weiter gefolgt! Ich erinnerte mich der Zeit, da ich in einer Postkutsche auf dieser selben Straße des Weges gekommen; ich erinnerte mich, wie ich in der Dämmerung jenen Hügel herunter gefahren; ein Menschenalter [127] schien vergangen seit jenem Tage, der mich zuerst nach Lowood geführt – und nicht eine Stunde hatte ich es seitdem verlassen. Alle meine Ferien waren in der Schule dahin gegangen; Mrs. Reed hatte mich niemals wieder nach Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgend ein Mitglied ihrer Familie mich besucht. Weder durch Briefe noch durch mündliche Botschaft hatte ich einen Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken, Stimmen, Gesichter, Phrasen, Kostüme, Sympathieen und Antipathieen – das war alles, was ich vom Dasein kannte. Und jetzt empfand ich, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage wurde ich des Schlendrians von acht Jahren müde! Ich ersehnte die Freiheit; ich lechzte nach Freiheit; um die Freiheit betete ich; der Wind, der sich leise erhob, schien das Gebet davon zu tragen. Dann gab ich die Freiheit auf und sprach einen demütigeren Wunsch aus: ich bat um Veränderung, um irgend ein Reizmittel. Aber auch diese Bitte schien sich in dem leeren Raum zu verlieren. »Dann,« rief in voller Verzweiflung aus, »dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!«

Hier rief mich eine Glocke, welche die Stunde des Abendessens verkündete, in das Refektorium hinunter.

Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte ich meinen unterbrochenen Gedankengang nicht mehr aufnehmen; selbst dann hielt mich noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit mir teilte, durch einen Erguß kleinlichen, interesselosen Geschwätzes von dem Gegenstande fern, zu dem ich mich sehnte mit meinen Gedanken zurückkehren zu können. Wie wünschte ich, daß der Schlaf sie endlich zum Schweigen gebracht hätte! Mir war, als müßte mir irgend eine erfinderische Eingebung zur Hilfe kommen, wenn es mir nur möglich gewesen wäre, zu jenem Gedanken zurückzukehren, der meine Seele zuletzt beschäftigte, als ich am Fenster stand.

[128] Endlich schnarchte Miß Gryce; sie war eine schwerfällige Walliserin, und bis jetzt hatte ich ihre gewöhnlichen nasalen Töne in keinem anderen Lichte betrachtet, als in dem einer Belästigung; heute Abend aber begrüßte ich die ersten tiefen Noten mit innerster Befriedigung; ich brauchte keine Unterbrechung mehr zu fürchten; meine halbverlöschten Gedanken belebten sich von neuem.

»Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas,« sagte ich zu mir selbst, (natürlich nur im Geiste, wohlverstanden, denn ich sprach nicht laut). »Ich weiß, daß es so ist, denn es klingt nicht allzu süß; es klingt nicht wie die Worte Freiheit, Aufregung, Genuß – – prächtige Laute in der That; aber für mich doch nichts als Laute; und so hohl, so flüchtig, daß es wahre Zeitverschwendung ist, ihnen nur zu lauschen. Aber Dienstbarkeit! Das ist eine Thatsache! Jeder kann dienen! Ich habe hier acht Jahre gedient; und jetzt wünsche ich ja nichts weiter, als anderswo dienen zu können. Kann ich meinen eigenen Willen denn nicht wenigstens so weit durchsetzen? Ist die Sache denn nicht thunlich? Ja – ja – das Ende ist nicht so schwer, wenn mein Gehirn nur thätig genug wäre, um die Mittel es zu erreichen, aufspüren zu können.«

Ich saß aufrecht im Bette, um mein vorerwähntes Hirn zur Thätigkeit anzuspornen; es war eine frostige Nacht; ich bedeckte meine Schultern mit einem Shawl und dann fing ich wieder mit allen Kräften an zudenken.

»Was wünsche ich denn eigentlich? Eine neue Stelle, in einem neuen Hause, unter neuen Gesichtern, unter neuen Verhältnissen. Dies wünsche ich, weil es nichts nützt, etwas Besseres, Größeres zu wünschen. Wie machen die Leute es nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Sie wenden sich an ihre Freunde, wie ich vermute, – ich habe keine Freunde. Es giebt aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und sich selbst umsehen müssen und sich selbst helfen. Welches sind denn nun ihre Hilfsquellen?«

[129] Ja, das wußte ich nicht; niemand konnte mir antworten. Deshalb befahl ich meinem Hirn, eine Antwort zu finden, und zwar so schnell wie möglich. Es arbeitete schneller und schneller; ich fühlte die Pulse in meinem Kopf und meinen Adern klopfen; aber fast eine Stunde lang arbeitete es in einem Chaos, und all seine Anstrengungen hatten keinen Erfolg. Fieberhaft erregt durch die nutzlose Arbeit erhob ich mich wieder und ging einigemal im Zimmer auf und nieder; zog den Vorhang zurück, blickte hinauf zu den Sternen, zitterte vor Kälte und kroch wieder in mein Bett.

Während meines Umherwanderns hatte eine gütige Fee gewiß den erflehten Rat auf mein Kopfkissen niedergelegt, denn als ich wieder lag, kam er ruhig und natürlich in meinen Sinn: – »Leute, welche Stellungen suchen, kündigen es an; du mußt es im – shire Herald ankündigen.«

»Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen.«

Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt:

»Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den Herausgeber des Herald einschicken; bei der ersten Gelegenheit, die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die Post geben; die Antwort muß an J.E. an das dortige Postamt geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt, kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgend eine Antwort eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.«

Zwei-, dreimal überdachte ich diesen Plan; jetzt hatte ich ihn genügsam verdaut, ich hatte ihn in eine klare, praktische Form gefaßt; jetzt war ich zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.

Mit Tagesanbruch war ich auf. Ehe noch die Glocke ertönte, welche die ganze Schule weckte, hatte ich meine Annonce geschrieben, couvertiert und adressiert; sie lautete folgendermaßen:

[130] »Eine junge Dame, welche im Lehren geübt ist (war ich denn nicht zwei Jahre lang Lehrerin gewesen?) wünscht eine Stellung in einer Familie zu finden, wo die Kinder unter vierzehn Jahren sind (da ich selbst kaum achtzehn Jahre alt war, hielt ich es nicht für ratsam, die Erziehung von Schülern zu übernehmen, welche meinem eigenen Alter näher waren). Sie ist befähigt in den gewöhnlichen Zweigen, welche zu einer guten, englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik.« (In jenen Tagen, mein lieber Leser war dies Verzeichnis, welches heute allerdings sehr unzureichend sein würde, ein sehr umfassendes.) »Gefällige Adressen sind an J.E. poste restante Lowton, –shire zu richten.«

Während des ganzen Tages lag dieses Dokument in meiner Schieblade verschlossen; nach dem Thee bat ich die neue Vorsteherin um die Erlaubnis nach Lowton gehen zu dürfen, wo ich einige Kommissionen für mich und zwei meiner Mitlehrerinnen zu machen hatte. Die Erlaubnis wurde mir gern gewährt. Ich ging. Der Weg war zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren noch lang; ich ging in zwei, drei Läden, warf meinen Brief in den Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern aber mit leichtem Herzen zurück.

Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem herrlichen Herbstabende befand ich mich abermals zu Fuß unterwegs nach Lowton. Und nebenbei erwähnt, es war ein pittoresker Weg, der an dem Waldbach und den herrlichsten Windungen des Thals entlang führte; aber an diesem Tage dachte ich nur an die Briefe, die mich in dem kleinen Marktflecken erwarteten oder nicht erwarteten, nicht an die Reize von Berg und Thal.

Mein ostensibler Vorwand bei dieser Gelegenheit war [131] gewesen, mir das Maß zu einem paar Schuhe nehmen zu lassen; folglich machte ich dieses Geschäft zuerst ab, und nachdem es erledigt, ging ich aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße in das Postbureau. Eine alte Dame verwaltete dasselbe; sie trug eine Hornbrille auf der Nase und schwarze gestrickte Pulswärmer an den Händen.

»Sind irgend welche Briefe für J.E. angelangt?« fragte ich, mir ein Herz fassend.

Sie blickte mich über ihre Brille fort an; dann öffnete sie eine Schieblade und wühlte so lange zwischen dem Inhalt derselben umher, daß meine Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein Dokument mindestens fünf Minuten lang vor ihre Augengläser gehalten hatte, reichte sie es mir durch den Postschalter hin, indem sie diese That zugleich mit einem zweiten fragenden und mißtrauischen Blicke betrachtete – – der Brief war an J.E. adressiert.

»Ist nur ein einziger da?« fragte ich.

»Es sind keine weiteren da,« sagte sie; ich schob ihn in die Tasche und machte mich auf den Nachhauseweg. Jetzt konnte ich ihn nicht öffnen; die Hausregel verpflichtete mich, um acht Uhr zurück zu sein, und es war bereits halb acht.

Bei meiner Heimkehr harrte meiner die Erfüllung verschiedener Pflichten; ich hatte die Mädchen während ihrer Arbeitsstunde zu überwachen; dann war an mir die Reihe, das Gebet zu lesen; darauf zu sehen, daß die Schülerinnen schlafen gingen – und dann nahm ich das Abendessen mit den anderen Lehrerinnen ein. Selbst als wir uns endlich für die Nacht zurückzogen, war die unvermeidliche Miß Gryce noch meine Gefährtin. Die Kerze in unserem Leuchter war fast herabgebrannt – und ich fürchtete, daß Miß Gryce sprechen würde, bis das Licht verlöschen würde; glücklicherweise übte aber das substantielle Mahl, welches sie [132] zu sich genommen, eine einschläfernde Wirkung. Sie schnarchte bereits, als ich mich noch nicht entkleidet hatte. Noch war ein Zolllang Kerze vorhanden – ich zog meinen Brief hervor, – das Siegel trug den Anfangsbuchstaben F – ich erbrach es, der Inhalt war kurz.

»Wenn J.E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce in den – shire Herald rücken ließ, die aufgezählten Fähigkeiten besitzt und wenn sie in der Lage ist, genügende Referenzen über Charakter und Wirkungskreis geben zu können, so wird ihr eine Stellung geboten, wo der Gehalt sich auf dreißig Pfund Sterling im Jahr beläuft, und sie nur ein kleines Mädchen unter zehn Jahren zu unterrichten hat. – J.E. wird gebeten, Referenzen, Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der Adresse:

›Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote – shire.‹«

Lange prüfte ich das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Dies war ein beruhigender Umstand, denn eine heimliche Furcht hatte mich gequält, daß ich durch dieses eigenmächtige Handeln ohne irgend eines Menschen Rat eingeholt zu haben, ins Unheil geraten würde; und vor allen Dingen wünschte ich doch auch, daß das Resultat meiner Bemühungen anständig passend, mit einem Worte en règle sein solle. Jetzt fühlte ich, daß eine ältere Dame durchaus keine schlechte Ingredienz für die Sache sei, welche ich so selbständig in die Hand genommen. Mrs. Fairfax! Ich sah sie in einem schwarzen Kleide und in der Witwenhaube; vielleicht etwas steif – aber nicht unhöflich: ein Muster der ältlichen, englischen Respektabilität. Thornfield! das war ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, ordentliches Fleckchen Erde; obgleich es mir trotz der größten Anstrengung nicht gelang mir ein korrektes Bild des ganzen Grundstücks zu machen. Millcote, – shire! ich frischte meine Erinnerung an die Karte von England auf; ja, da lagen sie vor mir, die Grafschaft sowohl wie die Stadt[133]shire war London um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft, in welcher ich jetzt lebte: das war schon eine große Empfehlung in meinen Augen. Ich sehnte mich dorthin, wo Leben und Bewegung war; Millcote war eine große Fabrikstadt am Ufer des A... gelegen, ein geschäftiger Ort ohne Zweifel; desto besser, das würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein. Nicht daß meine Phantasie etwa bei dem Gedanken an hohe Fabrikschornsteine und Rauchwolken in Extase geraten wäre – »aber« folgerte ich weiter, »Thornfield liegt wahrscheinlich eine gute Strecke Wegs von der Stadt entfernt.«

Hier erlosch die Kerze; vollständige Dunkelheit herrschte, – ich schlief ein.

Am folgenden Tage mußten neue Schritte gethan werden. Meine Pläne konnten nicht länger in der eigenen Brust verschlossen bleiben; um sie ihrer Ausführung näher zu bringen, mußte ich Mitteilung von ihnen machen. Nachdem ich bei der Vorsteherin des Instituts eine Audienz nachgesucht und erhalten hatte, teilte ich ihr während der Mittags-Erholungsstunde mit, daß ich Aussicht auf eine neue Stellung habe, in welcher der Gehalt das Doppelte von dem betragen würde, den ich jetzt erhielt, – in Lowood gab man mir nur fünfzehn Pfund Sterling jährlich – und bat sie, die Angelegenheit für mich bei Mr. Brocklehurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Komitees zur Sprache zu bringen und sich vergewissern zu wollen, ob diese Herren gesonnen seien, Auskunft über mich zu geben. Sehr verbindlich willigte sie ein, in dieser Sache als Vermittlerin auftreten zu wollen. Am nächsten Tage trug sie Mr. Brocklehurst die Angelegenheit vor; dieser erwiderte, daß man an Mrs. Reed schreiben müsse, da diese meine natürliche Vormünderin sei. Infolgedessen ging eine Notiz an diese Dame ab, auf welche sie antwortete, daß ich ganz nach eigenem Ermessen handeln könne, da sie längst jede Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben [134] habe. Dieser Brief machte die Runde bei dem Komitee, und nach langer, wie es mir schien, sehr unnötiger Verzögerung, erhielt ich die Erlaubnis, meine Stellung zu verbessern, wenn die Gelegenheit sich dazu böte. Dieser Einwilligung folgte die Versicherung, daß man mir, da ich sowohl als Lehrerin wie als Schülerin mir die vollständige Zufriedenheit der Lehrerinnen in Lowood erworben, unverzüglich ein Zeugnis über Charakter wie über Fähigkeiten, das von allen Inspektoren der Anstalt unterzeichnet, zustellen würde.

Nach ungefähr einer Woche erhielt ich demzufolge das Zeugnis, schickte eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, und erhielt die Antwort dieser Dame, welche besagte, daß sie zufrieden sei und mich binnen vierzehn Tagen in ihrem Hause erwarte, wo ich den Posten als Gouvernante antreten könne.

Jetzt war ich mit meinen Vorbereitungen beschäftigt; die vierzehn Tage gingen schnell dahin. Ich hatte keine große Garderobe, obgleich sie meinen Bedürfnissen vollkommen genügte. Der letzte Tag genügte, um meinen Koffer zu packen – denselben, welchen ich bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.

Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse hinaufgenagelt. Nach einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton mitzunehmen, wohin ich selbst mich am folgenden Morgen in früher Stunde begeben sollte, um mit der Post weiter zu fahren. Ich hatte mein schwarzwollenes Reisekleid sorgsam ausgebürstet, meinen Hut, Muff und meine Handschuhe zurecht gelegt; in allen Schiebladen nachgesucht, damit nichts zurückbliebe und jetzt, da ich nichts mehr zu thun hatte, setzte ich mich und versuchte mich auszuruhen. Doch das war unmöglich; obgleich ich während des ganzen Tages auf den Füßen gewesen, konnte ich jetzt doch nicht einen Augenblick Ruhe finden; ich war zu heftig erregt. Heute Abend schloß eine Phase meines Lebens ab; [135] morgen begann eine andere; unmöglich in der Zwischenzeit zu schlafen. Fieberhaft mußte ich wachen, während der Übergang sich vollzog.

»Miß,« sagte ein Mädchen, welches mich in dem Korridor, wo ich wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging, aufsuchte, »unten ist eine Person, die mit Ihnen sprechen möchte.«

»Ohne Zweifel der Bote,« dachte ich und lief ohne weitere Frage die Treppe hinunter. Ich ging an dem hintern Salon oder Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Thür halb geöffnet war, um in die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer gestürzt kam.

»Sie ist's, wahrhaftig sie ist's! – Überall hätte ich sie wiederrekannt!« rief die Gestalt, die mich in meinem Laufe aufhielt und meine Hand ergriff.

Ich blickte auf. Vor mir stand eine Frau, gekleidet wie eine herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung; sie war hübsch, schwarzes Haar, dunkle Augen, frische Gesichtsfarbe.

»Nun, wer ist's wohl?« fragte sie mit einem Lächeln und einer Stimme, die ich halb und halb erkannte; »aber Miß Jane, ich hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?«

Nach einer halben Minute umarmte und küßte ich sie voll Entzücken: »Bessie! Bessie! Bessie!« weiter konnte ich nichts hervorbringen; sie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen wir zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner Bursche von ungefähr drei Jahren in schottischem Rock und Hosen.

»Das ist mein kleiner Junge,« sagte Bessie schnell.

»Du bist also verheiratet, Bessie?«

»Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem Kutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen, das Jane getauft ist.«

»Und du wohnst nicht mehr in Gateshead?«

[136] »Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.«

»Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Platz; und du, Bobby, komm zu mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du?« aber Bobby zog es vor, sich neben seine Mama zu stellen.

»Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht sehr stark,« fuhr Mrs. Leaven fort. »Vermutlich hat man Sie hier in der Schule nicht allzu gut gehalten. Miß Reed ist mindestens einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgiana ist gewiß zweimal so breit.«

»Georgiana ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?«

»Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in London gewesen und dort hat jedermann sie bewundert; ein junger Lord hat sich in sie verliebt; aber seine Verwandten waren gegen die Heirat; und – was glauben Sie wohl? – er und Miß Georgiana verabredeten, miteinander davon zu laufen. Aber es kam an den Tag und sie wurden aufgehalten. Miß Reed hat die Sache entdeckt. Ich glaube, sie war neidisch. Und jetzt leben sie und ihre Schwester wie Hund und Katze miteinander; sie zanken und streiten unaufhörlich.«

»Nun, und was ist aus John Reed geworden?«

»Ach, er führt sich nicht so brav auf, wie seine Mutter es wohl wünschen könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt; dann wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte studieren sollte. Aber er ist ein so leichtsinniger junger Mensch, ich glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.«

»Wie sieht er aus?«

»Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner junger Mann ist. Aber er hat so dicke, aufgeworfene Lippen.«

»Und Mrs. Reed?«

[137] »Die gnädige Frau sieht im Gesicht dick und wohl genug aus, aber ich glaube nicht, daß sie sich im Gemüt wohl fühlt. Mr. Johns Betragen gefällt ihr nicht – er braucht sehr, sehr viel Geld.«

»Hat sie dich hergeschickt, Bessie?«

»Nein, in der That; aber ich habe schon so lange gewünscht, Sie zu sehen, und als ich hörte, daß ein Brief von Ihnen gekommen sei, und daß Sie in eine andere Gegend des Landes gehen wollten, dachte ich mir, daß ich mich auf die Reise machen müsse, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz außer meinem Bereich wären.«

»Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen getäuscht.« Dies sagte ich wohl lachend, aber ich hatte bemerkt, daß Bessies Blicke, wenn sie auch achtungsvoll waren, in keiner Weise Bewunderung ausdrückten.

»Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus; Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie von Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie auch keine Schönheit.«

Ich mußte über Bessies offenherzige Antwort lächeln. Ich fühlte, daß sie treffend war, aber ich muß gestehen, daß ich doch nicht ganz unempfindlich gegen ihren Inhalt war. Mit achtzehn Jahren wünschen die meisten Menschen zu gefallen, und die Überzeugung, daß ihr Äußeres nicht geeignet ist, ihnen die Erfüllung dieses Wunsches zu verschaffen, bringt alles andere als Freudigkeit hervor.

»Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind,« fuhr Bessie, wie um mich zu trösten fort. »Was können Sie denn alles? Können Sie Klavier spielen?«

»Ein wenig.«

Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und öffnete es; dann bat sie mich, ihr ein Stück vorzuspielen. Ich gab ihr ein paar Walzer zum besten und sie war entzückt.

»Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen!« [138] sagte sie triumphierend. »Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen übertreffen würden. Können Sie auch zeichnen?«

»Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.« Es war eine Landschaft in Wasserfarben, welche ich der Vorsteherin aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittelung bei dem Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen hatte bringen lassen.

»Aber das ist wirklich schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer der Miß Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von den jungen Damen selbst will ich schon gar nicht reden. Denen könnte es bald jemand nachmachen. Haben Sie auch Französisch gelernt?«

»Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.«

»Und können Sie auch sticken und nähen?«

»Gewiß, das kann ich.«

»O, Sie sind ja eine ganze Dame geworden, Miß Jane! Das habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird es immer gut gehen, ob Ihre Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. Ich wollte Sie noch um etwas befragen. – Haben Sie jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört?«

»Nein, in meinem ganzen Leben nicht.«

»Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie arm und ganz gemein wären; möglich, daß sie arm sind, aber ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn eines Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach Gateshead und wünschte Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Sie fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht, denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in zwei, drei Tagen von London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube, daß er Ihres Vaters Bruder war.«

»Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie?«

[139] »Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo sie Wein machen – der Kellermeister hat mir das gesagt.«

»Nach Madeira vermutlich?«

»Ja, ja, das war's, so hieß sie.«

»Und dann ging er wieder fort?«

»Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause. Mrs. Reed war sehr von oben herab mit ihm. Nachher sagte sie von ihm, er sei ein ›armseliger Handelsmann‹. Mein Robert glaubt, daß er ein Weinhändler war.«

»Sehr wahrscheinlich,« entgegnete ich, »oder vielleicht der Commis oder der Agent eines Weinhändlers.«

Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und ich von alten Zeiten, und dann war sie gezwungen, mich zu verlassen. Als ich am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete, sah ich sie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten wir uns vor der Thür des »Wappens von Brocklehurst« daselbst; jede zog dann ihre Straße; sie begab sich auf den Gipfel des Lowood-Felsens, wo der Wagen vorüber kam, der sie nach Gateshead zurückführen sollte; ich bestieg das Gefährt, das mich in die unbekannte Gegend von Millcote brachte, einem neuen Leben und neuen Pflichten entgegen.

Elftes Kapitel

Ein neues Kapitel in einem Roman ist mit einem neuen Akt in einem Schauspiel zu vergleichen; wenn ich den Vorhang wiederum in die Höhe ziehe, lieber Leser, mußt du dir vorstellen, daß du ein Zimmer im »Georgs Wirtshaus« in Millcote siehst, mit so großblumigen Tapeten an den Wänden, wie Gasthauszimmer sie gewöhnlich aufweisen; mit dazu passenden Teppichen, Möbeln, Nippesfiguren auf dem Kamin, Kupferstichen, einem Porträt von Georg III., einem zweiten des Prinzen von Wales, und einer Darstellung vom Tode des General Wolfe. Und alles dies [140] siehst du bei dem Schein einer Öllampe, welche von der Decke herabhängt, und dem eines hellen Kaminfeuers, neben welchem ich in Mantel und Hut sitze; mein Muff und Regenschirm liegen auf dem Tische, und ich versuche, mich an der Wärme des Ofens von der Steifheit und Betäubung zu erholen, welche eine sechszehnstündige Reise in kaltem Oktoberwetter bei mir hervorgerufen hatte; um vier Uhr Morgens hatte ich Lowton verlassen und die Stadtuhr von Millcote schlug jetzt gerade die achte Stunde.

Lieber Leser, wenn es auch den Anschein hat, als ob ich mich ganz behaglich fühlte, so befindet mein Gemüt sich doch durchaus in keiner beneidenswerten Verfassung. Ich hatte gehofft, hier bei Ankunft der Postkutsche jemanden zu meinen Empfange bereit zu finden. Als ich die hölzerne Treppe hinabstieg, welche der Hausknecht zu meiner größeren Bequemlichkeit an den Wagen gestellt, blickte ich ängstlich umher, in der Erwartung, meinen Namen von irgend jemandem aussprechen zu hören und einen Wagen zu erblicken, welcher meiner harrte, um mich nach Thornfield zu bringen. Aber nichts derartiges war sichtbar, und als ich den Kellner fragte, ob jemand da gewesen, um sich nach Miß Eyre zu erkundigen, wurde meine Frage verneinend beantwortet. So blieb mir also nichts anderes übrig, als zu verlangen, daß man mir ein Privatzimmer anweise – und hier sitze ich nun, während Furcht und Zweifel aller Art meine Seele martern.

Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sich plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen – von allen Bekannten getrennt – ungewiß, ob sie in den Hafen, für welchen sie bestimmt ist, einlaufen kann und durch tausend Schwierigkeiten verhindert, in den sichern Port, aus welchem sie ausgelaufen, zurückzukehren. Der Reiz der Neuheit, die Freude am Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl, das Bewußtsein der Selbständigkeit erwärmt es – aber die Empfindung der Furcht dämpft es – und kaum war[141] eine halbe Stunde vergangen, in welcher ich noch immer allein war, so wurde das Gefühl der Furcht durchaus vorherrschend. Da fiel es mir ein, dem Kellner zu läuten.

»Ist hier in der Nähe ein Ort, welcher Thornfield heißt?« fragte ich den Aufwärter, welcher auf mein Klingeln erschienen war.

»Thornfield? Ich weiß nicht, Madame; ich werde mich in der Schenkstube erkundigen.« Er verschwand, kam aber augenblicklich zurück:

»Ist Ihr Name Eyre, Miß?«

»Ja.«

»Es wartet jemand auf Sie.«

Ich sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte in den Korridor des Gasthauses. Ein Mann stand in der offenen Thür und auf der von Laternen erhellten Straße konnte ich die Umrisse eines einspännigen Gefährts unterscheiden.

»Dies ist wohl Ihr Gepäck?« sagte der Mann in der Thür hastig, als er meiner ansichtig wurde, und zeigte auf meinen Koffer, der im Gange stand.

»Ja.« Er hißte ihn auf den Wagen, welcher eine Art von Karren war, hinauf, und dann stieg ich nach. Ehe er die Thür hinter mir zuschlug, fragte ich, wie weit es bis Thornfield sei.

»Ein Gegenstand von sechs Meilen.«

»Und wie lange fahren wir?«

»Vielleicht anderthalb Stunden!«

Er schloß die Wagenthür, kletterte auf seinen Sitz, und wir fuhren ab. Langsam kamen wir vorwärts, und ich hatte reichliche Muße zum Nachdenken. Ich war zufrieden, dem Endziel meiner Reise so nahe zu sein, und als ich mich in das bequeme, wenn auch durchaus nicht elegante Gefährt zurücklehnte, gab ich mich ungestört meinen Gedanken hin.

»Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des [142] Dieners und des Wagens zu urteilen, ist Mrs. Fairfax keine sehr elegante Person; um so besser; ich habe nur einmal unter feinen Leuten gelebt und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt. Ich möchte wissen, ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt. Wenn das der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig ist, werde ich sehr gut mit ihr fertig werden. Ich werde mein Bestes thun. Aber wie schade, daß es nicht immer genügt, sein Bestes zu thun. In Lowood allerdings faßte ich diesen Entschluß, führte ihn aus, und es gelang mir, allen zu gefallen; aber bei Mrs. Reed erinnere ich mich, daß selbst mein Bestes immer nur Hohn und Verachtung hervorrief. Ich flehe zu Gott, daß Mrs. Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge. Wenn sie es aber ist, so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben. Kommt das Schlimmste zum Schlimmen, so kann ich ja immer noch wieder eine Annonce in den Herald rücken lassen. – Wie weit wir jetzt wohl schon auf dem Wege sein mögen?«

Ich ließ das Fenster herab und blickte hinaus. Millcote lag hinter uns; nach der Anzahl seiner Lichter schien es ein Ort von beträchtlicher Größe, viel größer als Lowton. So weit ich es überblicken konnte, befanden wir uns jetzt auf einer Art Weide; aber über den ganzen Distrikt lagen Häuser zerstreut; ich fühlte, daß wir uns in Regionen befanden, welche sehr verschieden von denen Lowoods; sie waren bevölkerter, aber weniger malerisch; sehr belebt, aber weniger romantisch.

Die Straßen waren kotig, die Nacht war nebelig; mein Kutscher ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen, und ich glaube, daß aus den anderthalb Stunden mindestens zwei wurden. Endlich wandte er sich um und sagte:

»Jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.«

Wieder blickte ich hinaus; wir fuhren an einer Kirche vorüber; ich sah den niedrigen, breiten Turm sich gegen den Himmel abzeichnen, seine Glocken verkündeten die Viertelstunde; [143] dann sah ich auch eine schmale Reihe von Lichtern auf einer Anhöhe; es war ein Dorf oder ein Weiler. Nach ungefähr zehn Minuten stieg der Kutscher ab und öffnete eine Pforte; wir fuhren hindurch und sie schlug hinter uns zu. Jetzt kamen wir langsam über den großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines Hauses entlang; aus einem verhängten Bogenfenster fiel ein Lichtschein; alle übrigen waren dunkel. Der Wagen hielt vor der Hausthür. Eine Dienerin öffnete dieselbe; ich stieg aus und ging hinein.

»Bitte, diesen Weg, Fräulein,« sagte das Mädchen, und ich folgte ihr durch eine viereckige Halle, in welche von allen Seiten Thüren mündeten. Sie führte mich in ein Zimmer, dessen doppelte Illumination durch Kerzen und Kaminfeuer mich im ersten Augenblick blendete, denn sie kontrastierte zu stark mit der Dunkelheit, an welche meine Augen sich während der letzten Stunden gewöhnt hatten. Als ich jedoch imstande war, wieder zu sehen, bot sich meinen Blicken ein gemütliches und angenehmes Bild dar.

Ein hübsches, sauberes, kleines Zimmer, ein runder Tisch an einem lustig lodernden Kaminfeuer; ein hochlehniger, altmodischer Lehnstuhl, in welchem die denkbar zierlichste, ältere Dame saß. Sie trug eine Witwenhaube, ein schwarzes Seidenkleid und eine schneeweiße Muslinschürze: gerade so wie ich mir Mrs. Fairfax vorgestellt hatte, nur weniger stattlich und viel milder und gütiger aussehend. Sie war mit Stricken beschäftigt; eine große Katze lag schnurrend zu ihren Füßen, – kurzum, nichts fehlte, um das beau-idéal häuslichen Komforts zu vervollständigen. Eine angenehmere Introduktion für eine neue Gouvernante ließ sich kaum denken; keine Erhabenheit, die überwältigte, keine Herablassung, die in Verlegenheit setzte. Als ich eintrat, erhob die alte Dame sich und kam mir schnell und freundlich entgegen.

»Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ich fürchte, daß Sie [144] eine sehr langweilige Fahrt gehabt haben. John fährt so langsam; es muß Ihnen aber kalt sein, kommen Sie ans Feuer.«

»Mrs. Fairfax vermutlich?« fragte ich.

»Die bin ich. Bitte, nehmen Sie Platz.«

Sie führte mich zu ihrem eigenen Stuhl und dort begann sie, mir meinen Shawl abzunehmen und meine Hutbänder zu lösen. Ich bat sie, sich meinetwegen nicht so viel Umstände zu machen.

»O, das sind keine Umstände. Ihre eigenen Hände müssen vor Kälte ja ganz erstarrt sein. Leah, bereite ein wenig heißen Negus und streiche ein paar Butterbröte; hier sind die Schlüssel zur Speisekammer.«

Bei diesen Worten zog sie ein hausfräuliches Bund Schlüssel aus ihrer Tasche und übergab es der Dienerin.

»Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer,« fuhr sie fort. »Nicht wahr, meine Liebe, Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht?«

»Ja wohl, Madame.«

»Ich werde dafür sorgen, daß man es auf Ihr Zimmer trägt,« sagte sie und trippelte geschäftig hinaus.

»Sie behandelt mich wie einen Gast,« dachte ich. »Solch einen Empfang habe ich wahrlich nicht erwartet; ich sah nichts als Kälte und Steifheit voraus; dies gleicht wenig den Erzählungen, die ich von der Behandlung der Gouvernanten gehört habe; – aber ich darf nicht zu früh jubeln.«

Sie kehrte zurück; mit ihren eigenen Händen räumte sie ihren Strickstrumpfapparat und mehre Bücher vom Tische, um Platz für das Speisenbrett zu machen, welches Leah jetzt brachte, und dann reichte sie selbst mir die Erfrischungen. Ich ward ein wenig verwirrt, als ich mich in dieser Weise zum Gegenstand so zarter, ungewohnter Aufmerksamkeiten gemacht sah, und das noch obendrein von meiner Brotherrin; da sie selbst aber garnicht zu finden [145] schien, daß sie etwas that, was ihr nicht zukam, hielt ich es für das Beste, ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen.

»Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax noch heute Abend zu sehen?« fragte ich, nachdem ich von dem genossen hatte, was sie mir vorgesetzt.

»Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig taub,« entgegnete die gute Dame, indem sie ihr Ohr meinem Munde näherte.

Deutlicher wiederholte ich die Frage.

»Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der Name Ihrer künftigen Schülerin.«

»In der That? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?«

»Nein. – Ich habe keine Familie.«

Eigentlich hätte ich meiner ersten Frage noch einige andere folgen lassen sollen und mich erkundigen, in welcher Weise Miß Varens denn mit ihr verwandt sei; aber ich erinnerte mich glücklicherweise noch zu rechter Zeit, daß es nicht höflich sei, so viele Fragen zu stellen; überdies wußte ich ja, daß ich mit der Zeit wohl alles erfahren würde.

»Ich bin so froh« – fuhr sie fort, als sie sich mir gegenüber setzte und die Katze auf ihren Schoß nahm, »ich bin so froh, daß Sie gekommen sind. Jetzt wird das Leben hier mit einer Gefährtin ganz angenehm sein. Nun, es ist auch wohl zu allen Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz; während der letzten Jahre ist es allerdings ein wenig vernachlässigt worden, aber immerhin ist es ein stattlicher Ort; aber Sie wissen wohl, selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich zur Winterszeit unglücklich, wenn man ganz allein ist. Ich sage allein – Leah ist gewiß ein liebes Mädchen, und John und sein Weib sind anständige, brave Leute; aber sehen Sie, es sind doch immer nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen wie mit seinesgleichen verkehren; man muß sie sich immer zehn Schritte vom Leibe halten aus Furcht, seine [146] Autorität zu verlieren. Sie können mir glauben, im letzten Winter – er war sehr strenge, wenn Sie sich erinnern können, und wenn es nicht schneite, tobte der Wind und es regnete – kam vom November bis zum Februar nicht eine lebende Seele in dies Haus, mit Ausnahme des Schlächters und des Postboten; und ich wurde wahrhaftig ganz melancholisch, wie ich so Abend für Abend allein dasaß. Allerdings mußte Leah mir zuweilen vorlesen, aber ich fürchte, daß das arme Mädchen von dieser Aufgabe nicht sonderlich entzückt war; sie kam sich dabei wohl wie eine Gefangene vor. Im Frühling und Sommer ging es dann natürlich besser. Sonnenschein und lange Tage machen einen so großen Unterschied. Und nun zu Anfang dieses Herbstes kam die kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin; ein Kind bringt sofort Leben ins Haus, und jetzt, da auch Sie hier sind, werden wir am Ende gar noch ganz lustig und vergnügt werden.«

Als ich die würdige alte Dame so plaudern hörte, schlug mein Herz ihr warm entgegen; ich zog meinen Stuhl näher an den ihren und sprach den aufrichtigen Wunsch aus, daß meine Gesellschaft sich wirklich als so angenehm für sie erweisen möge, als sie erwartete.

»Heute Abend will ich Sie aber nicht lange wach halten,« sagte sie; »es ist jetzt Schlag zwölf Uhr, und Sie sind den ganzen Tag unterwegs gewesen; Sie müssen ja todmüde sein. Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt sind, will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen. Ich habe das Gemach, welches an das meine stößt, für Sie herrichten lassen; es ist nur ein kleines Zimmer, aber ich meinte, daß es Ihnen lieber sein würde, als eins der großen Vorderzimmer; allerdings haben diese prächtigere Möbeln, aber sie sind so düster und einsam; ich könnte niemals darin schlafen.«

Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da ich mich von der langen Reise wirklich ermüdet fühlte, zeigte [147] ich mich bereit, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen. Sie nahm ihr Licht, und ich folgte ihr auf den Korridor hinaus. Zuerst ging sie, um sich zu überzeugen, ob die große Hausthür auch wirklich verschlossen sei; nachdem sie den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen, führte sie mich die Treppe hinauf. Stufen und Geländersäulen waren von Eichenholz; das Treppenfenster war hoch und vergittert; sowohl dieses, wie die lange Galerie, auf welche die Schlafzimmerthüren hinausgingen, sahen aus als gehörten sie zu einer Kirche und nicht zu einem Hause. Eine feuchte, dumpfige Luft wie in einem Gewölbe herrschte auf der Treppe, wie in der Galerie, – eine Luft, die den Gedanken an trostlos öde Räume und düstere Einsamkeit wachrief, – und ich war froh, als ich endlich in mein Zimmer trat und fand, daß es von kleinen Dimensionen und in gewöhnlich modernem Stil möbliert sei.

Als Mrs. Fairfax mir eine herzliche Gutenacht gewünscht, und ich meine Thür sorgsam verschlossen hatte, sah ich mich mit Muße um; der Anblick meines behaglichen, kleinen Zimmers löschte bis zu einem gewissen Grade den Eindruck aus, welchen die weite Halle, die düstere, große Treppe und jene lange, kalte Galerie auf mich gemacht hatten, und endlich kam es mir zum Bewußtsein, daß ich mich nach ein paar Tagen körperlicher Ermüdung und geistiger Erregung nun endlich in einem sicheren Hafen befinden würde. Der Impuls der Dankbarkeit schwellte mein Herz, ich knieete neben meinem Bette nieder und sandte ein inniges Dankgebet zu dem empor, dem ich Dank schuldete; und bevor ich mich wieder erhob, vergaß ich nicht, weitere Hilfe für meinen Pfad zu erflehen, und um die Gabe zu bitten, mich der Güte wert machen zu können, welche mir in so reichem Maße zu teil wurde, bevor ich sie noch hatte verdienen können. In dieser Nacht lag ich auf keinem Dornenlager; mein einsames Zimmer war von Ruhe und Frieden erfüllt. Zugleich müde und zufrieden, [148] schlief ich bald und fest ein. Als ich erwachte, war es bereits heller Tag.

In dem Sonnenschein, welcher durch die hellblauen Zitzfenstervorhänge fiel, erschien mir mein Zimmer so freundlich und gemütlich; ich wurde fast mutig bei dem Anblick der tapezierten Wände und des teppichbelegten Fußbodens, welche den buntfarbigen Kalkwänden und nackten Holzböden in Lowood so unähnlich waren. Äußerlichkeiten üben einen so großen Einfluß auf die Jugend. Mir war, als müsse jetzt eine schönere Lebensära für mich anbrechen, eine Ära, welche neben ihren Dornen und Mühseligkeiten auch ihre Blüten und Freuden haben würde. All meine Seelenkräfte schienen durch die Ortsveränderung, durch das neue Feld, welches sich für meine Hoffnungen öffnete, wieder lebendig geworden. Ich könnte nicht genau definieren, was sie erwarteten, aber es war eben etwas freudiges: nicht vielleicht gerade für einen bestimmten Tag oder Monat, sondern für irgend eine unbestimmte Zeit in der Zukunft.

Ich erhob mich. Mit großer Sorgfalt kleidete ich mich an. Wenn ich auch gezwungen war, einfach zu sein – ich hatte kein einziges Kleidungsstück, welches nicht in der einfachsten Weise gemacht wäre – so hatte ich doch von Natur das größte Verlangen, sauber und nett auszusehen. Es war durchaus nicht meine Gewohnheit, achtlos in Bezug auf mein Äußeres oder unbekümmert um den Eindruck zu sein, welchen ich hervorbrachte, – im Gegenteil, ich wünschte stets, so hübsch wie möglich zu sein und so sehr zu gefallen, wie mein gänzlicher Mangel an Schönheit es gestattete. Wie oft bedauerte ich, nicht hübscher zu sein! Wie innig wünschte ich, rosige Wangen, eine gerade Nase und einen kleinen Kirschenmund zu besitzen; ich hätte schlank und stattlich, von imposanter Figur sein mögen; ich empfand es wie ein Unglück, so klein und bleich zu sein, so unregelmäßige, markierte Züge zu haben. Aber weshalb hatte ich diese Wünsche, dies Verlangen? Dieses Bedauern? [149] Das wäre schwierig gewesen zu sagen. Damals hätte ich selbst mir keine klare Rechenschaft darüber geben können. Indessen hatte ich einen Grund, und einen logischen, natürlichen noch dazu. – Als ich jedoch mein Haar sehr sorgsam gekämmt und mein schwarzes Kleid angezogen hatte, welches trotz seiner Quäkerhaftigkeit das Verdienst hatte, aufs genauste zu passen, – als ich eine reine, weiße Halskrause umgebunden, glaubte ich sauber und respektabel genug auszusehen, um vor Mrs. Fairfax erscheinen zu können. Von meiner Schülerin hoffte ich, daß sie wenigstens nicht mit Widerwillen vor mir zurückschrecken werde. Nachdem ich das Fenster geöffnet und gesehen hatte, daß ich auf dem Toiletttische alles sauber und ordentlich zurückließ, wagte ich mich hinaus.

Nachdem ich die lange, mit Teppichen bedeckte Galerie entlang gegangen war, stieg ich die glänzend blanke Eichentreppe hinunter; dann kam ich in die Halle; hier stand ich eine Minute still; ich betrachtete einige Kupferstiche an den Wänden, – noch heute erinnere ich mich derselben, das eine stellte einen finster aussehenden Mann in einem Küraß dar; das andere eine Dame mit gepuderten Haaren und einem Perlhalsband – eine Bronzelampe, welche von der Decke herabhing, eine große, alte Wanduhr, deren Gehäuse aus Eichenholz seltsam geschnitzt und durch die Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war. Alles erschien mir sehr stattlich und imposant – aber ich war ja auch so wenig an Glanz und Pracht gewöhnt. Die Thür der Halle, welche halb aus Glas war, stand offen; ich überschritt die Schwelle. Es war ein herrlicher Herbstmorgen; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbtes Laub und noch immer frische Felder herab; ich ging auf den freien Platz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses. Es war drei Stockwerke hoch, von großen, obgleich nicht überwältigenden Proportionen, der Herrensitz eines Gentleman, nicht die feste Burg eines Edelmannes; Zinnen auf dem Dache gaben [150] dem Hause ein pittoreskes Aussehen. Die graue Front hob sich hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes, dessen krächzende Bewohner jetzt flügge waren; sie flogen über den Grasplatz und den Park, um sich auf einer großen Weide niederzulassen, von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt waren; auf dieser Wiese stand eine lange Reihe alter, starker, knorriger Dornenbäume, mächtig wie Eichen, welche sofort die Etymologie der Benennung des Herrenhauses erklärten. 1 In der Ferne waren Hügel, nicht so hoch wie jene um Lowood, nicht so zackig, nicht so ähnlich Barrieren, welche einen von der übrigen Welt abschlossen, aber doch stille, einsame Hügel, welche Thornfield eine Abgeschiedenheit verliehen, die ich in der lebhaft bewegten Nähe Millcotes niemals vermutet hätte. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer von Bäumen überschattet waren, zog sich an einem der Hügel hinauf; die Kirche des Distrikts stand näher an Thornfield, ihr alter Turm sah über einen Hügel zwischen dem Hause und den Parkpforten hervor.

Ich erfreute mich noch an der friedlichen Aussicht und an der frischen, angenehmen Luft, horchte noch mit Entzücken auf das Gekrächze der Krähen, blickte noch auf die große, von der Zeit geschwärzte Front der Halle und dachte bei mir, welch ein weitläufiger Aufenthalt es für eine einzelne kleine Dame wie Mrs. Fairfax sei, als diese Dame in der Thür erschien.

»Was? schon draußen?« sagte sie. »Ich sehe, Sie sind gewöhnt früh aufzustehen.« Ich ging zu ihr und wurde mit einem Kusse und einem herzlichen Händedruck bewillkommt.

»Wie gefällt Ihnen Thornfield?« fragte sie. Ich sagte ihr, daß ich es sehr schön fände.

»Ja,« sagte sie, »es ist ein reizender Ort; aber ich fürchte, es wird vernachlässigt werden, wenn Mr. Rochester es sich nicht in den Kopf setzt, herzukommen und permanent hier [151] zu residieren, oder es wenigstens häufiger zu besuchen. Große Häuser und schöne Parks erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers.«

»Mr. Rochester!« rief ich aus. »Wer ist das?«

»Der Besitzer von Thornfield,« antwortete sie ruhig. »Wußten Sie nicht, daß er Rochester heißt?«

Natürlich wußte ich das nicht – ich hatte ja noch niemals von ihm gehört; aber die alte Dame schien sein Dasein für ein so allgemein bekanntes Faktum zu halten, daß jedermann es schon instinktiv kennen mußte.

»Ich glaubte,« fuhr ich fort, »daß Thornfield Ihr Eigentum sei.«

»Mein Eigentum? Gott segne Sie, Kind! Welche eine Idee! Mein Eigentum? Ich bin nur die Haushälterin, die Verwalterin. Allerdings bin ich durch die Familie seiner Mutter entfernt mit den Rochesters verwandt, oder wenigstens war mein Gatte es: er war ein Geistlicher, Pfründenbesitzer von Hay – jenes kleine Dorf da drüben auf dem Hügel – und die Kirche neben der Parkpforte war die seine. Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine Fairfax und meines Mannes Cousine im zweiten Grade; aber ich thue mir auf diese Verwandtschaft niemals etwas zu Gute und erlaube mir deshalb keine Freiheiten – in der That, ich mache mir gar nichts daraus; ich betrachte mich selbst in dem Lichte einer ganz gewöhnlichen Haushälterin; mein Brotherr ist immer höflich, und mehr erwarte ich nicht.«

»Und das kleine Mädchen – meine Schülerin?«

»Sie ist Mr. Rochesters Mündel; er beauftragte mich, eine Gouvernante für sie zu suchen. Ich glaube, daß er die Absicht hegt, sie in – shire erziehen zu lassen. Da kommt sie mit ihrer ›Bonne‹, wie sie ihre Wärterin nennt.«

Das Rätsel war also gelöst; diese freundliche, gütige, kleine Witwe war keine große Dame, sondern eine Untergebene wie ich selbst. Deshalb war sie mir nicht weniger lieb; im Gegenteil, ich fühlte mich wohliger als zuvor. Die [152] Gleichheit zwischen ihr und mir bestand wirklich, – sie war nicht das Resultat bloßer Herablassung von ihrer Seite. Um so besser – meine Stellung war deshalb um so viel freier.

Während ich noch über diese Entdeckung nachdachte, kam ein kleines Mädchen, welchem eine Wärterin folgte, über den Grasplatz daher gelaufen. Ich betrachtete meine Schülerin, welche mich anfangs nicht zu bemerken schien. Sie war noch ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zart gebaut, blaß mit kleinen Gesichtszügen und einem Überfluß von Haar, das in Locken über die Schultern wallte.

»Guten Morgen, Miß Adela,« sagte Mrs. Fairfax. »Kommen Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame, welche Ihre Lehrerin sein wird, damit Sie eines Tages eine gescheite Dame werden.« Die Kleine kam näher.

»C'est là ma gouvernante?« fragte sie zu ihrer Wärterin gewendet auf mich zeigend; diese antwortete:

»Mais oui, certainement.«

»Sind sie Ausländer?« fragte ich, ganz erstaunt, die französische Sprache zu hören.

»Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adela wurde auf dem Kontinent geboren; ich glaube auch, daß sie bis vor sechs Monaten dort verblieb. Als sie zuerst herkam, konnte sie kein Wort englisch sprechen; jetzt hat sie es so weit gebracht, ein wenig sprechen zu können; ich verstehe sie nicht, sie vermischt es so sehr mit dem Französischen; aber ich vermute, daß Sie sehr gut begreifen werden, was sie meint.«

Zum Glück hatte ich den Vorteil gehabt, französisch von einer Französin zu lernen; und da ich es mir stets hatte angelegen sein lassen, so viel wie möglich mit Madame Pierrot zu reden und überdies während der letzten sieben Jahre täglich mehrere Seiten französisch auswendig gelernt hatte, war es mir möglich geworden, mir einen Grad der Fertigkeit und der Korrektheit in der Sprache anzueignen, [153] welcher mich in den Stand setzte, mit Mademoiselle Adele gleichen Schritt zu halten.

Als sie hörte, daß ich ihre Gouvernante sei, kam sie auf mich zugelaufen und reichte mir die Hand; dann führte ich sie in das Frühstückszimmer und richtete einige Worte in ihrer Muttersprache an sie; im Anfang antwortete sie sehr kurz, aber nachdem wir am Tische Platz genommen hatten und sie mich ungefähr zehn Minuten mit ihren großen hellbraunen Augen angesehen hatte, begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern.

»Ach,« rief sie auf französisch aus, »Sie sprechen meine Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester, ich kann mit Ihnen reden wie mit ihm, und Sophie kann es auch. Sie wird glücklich sein; hier kann niemand sie verstehen, Madame Fairfax ist durch und durch englisch. Sophie ist meine Wärterin; sie ist mit mir über das Meer gekommen in einem großen Schiffe mit einem Schornstein, der rauchte – und wie er rauchte! – und ich war krank, und Sophie war es auch und Mr. Rochester auch. Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen Zimmer, das Salon genannt wurde, und Sophie und ich hatten kleine Betten in einem anderen Zimmer. Beinahe wäre ich aus dem meinen heraus gefallen, es war ganz wie ein Brett. Und, Mademoiselle – wie heißen Sie doch?«

»Eyre – Jane Eyre.«

»Aire? Bah! Das kann ich nicht aussprechen. Nun also weiter: gegen Morgen, der Tag war noch nicht ganz angebrochen, hielt unser Schiff bei einer großen Stadt an – bei einer enorm großen Stadt, mit sehr düsteren Häusern, die ganz von Rauch geschwärzt waren; sie hatte gar keine Ähnlichkeit mit der sauberen, hübschen Stadt, aus welcher ich kam. Und Mr. Rochester trug mich auf seinen Armen über ein Brett ans Land, und Sophie kam hinterher; dann stiegen wir alle in einen Wagen, der uns bis an ein großes, prächtiges Haus brachte, viel größer und [154] viel, viel schöner als dieses, und es hieß ein ›Hotel‹. Dort blieben wir beinahe eine Woche. Sophie und ich gingen oft auf einem großen, grünen Platz voller Bäumen umher, den sie ›Park‹ nannten. Außer mir waren noch viele, viele Kinder dort, und ein Teich mit prachtvollen Vögeln darauf, die ich oft mit Brotkrumen gefüttert habe.«

»Können Sie sie denn eigentlich verstehen, wenn sie so schnell plappert?« fragte Mrs. Fairfax.

Ich verstand sie sehr gut, denn ich war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt.

Dann fuhr die gute, alte Dame fort: »ich möchte gern, daß Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten; es soll mich doch wundern, ob sie sich ihrer noch erinnert?«

»Adele,« fragte ich, »mit wem hast du in jener hübschen, sauberen Stadt gewohnt, von welcher du mir erzählt hast?«

»Mit meiner Mama, aber das ist schon lange her; sie ist zur heiligen Jungfrau gegangen. Mama hat mich auch tanzen und singen und schöne Verse hersagen gelehrt. Viele Herren und Damen kamen stets, um Mama zu besuchen, und dann pflegte ich ihnen etwas vorzutanzen oder vorzusingen. Oft nahmen sie mich auf den Schoß, und ich sagte ihnen Gedichte her. Wollen Sie mich jetzt auch singen hören?«

Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende, und deshalb erlaubte ich ihr, mir eine Probe ihres Talents zu geben. Sie kletterte von ihrem Stuhl herunter und kam zu mir, um sich auf meinen Schoß zu setzen; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände, warf ihre Locken zurück, heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und begann, eine Melodie aus irgend einer Oper zu singen. Es war ein Lied von einer verlassenen Frau, welche anfangs die Treulosigkeit ihres Geliebten beweint und dann ihren Stolz zu Hilfe ruft; darauf befiehlt sie ihrer Begleiterin, ihr die [155] schönsten Gewänder und ihre prächtigsten Juwelen zu bringen und beschließt, dem Falschen am Abend auf einem Balle zu begegnen und ihm durch ihre Fröhlichkeit zu beweisen, wie wenig seine Treulosigkeit sie ergriffen hat.

Das Lied schien seltsam gewählt für eine so kindliche Sängerin; aber ich vermute, daß der Schwerpunkt dieser Produktion darin lag, diese Töne und Worte der Liebe und Eifersucht von den Lippen des Kindes zu hören; und sehr geschmacklos schien mir diese Pointe zu sein.

Adele sang die Canzonette ganz geschmackvoll und mit der Naivetät ihrer Jahre. Nachdem sie damit zu Ende, sprang sie von meinem Schoße herab und sagte: »Jetzt, Mademoiselle, will ich Ihnen etwas vordeklamieren.«

Dann nahm sie eine Attitüde an und begann »la ligue des rats; fable de Là Fontaine.« Nun deklamierte sie das kleine Stück mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit der Stimme und einer Zartheit der Bewegungen, welche in ihren Jahren allerdings ungewöhnlich waren und deutlich bewiesen, daß sie sorgsam trainiert worden war.

»Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt?« fragte ich.

»Ja, und sie pflegte immer so zu sagen: ›Ou' avez-vous donc? lui dit un de ces rats; parlez!‹ Und dann ließ sie mich meine Hand aufheben – so – um mich daran zu erinnern, daß ich die Stimme erheben müsse bei der Frage. Soll ich Ihnen jetzt etwas vortanzen?«

»Nein. Jetzt ist es genug. Aber bei wem wohntest du, als deine Mama zur heiligen Jungfrau gegangen war, wie du sagst?«

»Bei Madame Frederic und ihrem Manne; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt, aber sie ist nicht mit mir verwandt. Ich glaube, daß sie arm ist, denn sie hatte kein so schönes Haus wie Mama. Ich war nicht lange dort. Mr. Rochester kam und fragte mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben möchte, und ich sagte [156] Ja. Denn ich kannte Mr Rochester, bevor ich Madame Frederic kannte, und er war immer gütig gegen mich und schenkte mir schöne Kleider und hübsche Spielsachen. Aber Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, aber er selbst ist wieder fortgegangen, und jetzt sehe ich ihn nie mehr.«

Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adele in die Bibliothek zurück; wie es schien, hatte Mr. Rochester bestimmt, daß dieser Raum als Schulzimmer benutzt werden sollte. Die Mehrzahl der Bücher war in Glasschränken verschlossen; aber ein Bücherschrank, welcher offen stand, enthielt alles, was für den elementaren Unterricht gebraucht wurde, und verschiedene Bände der leichteren Litteratur, Poesie, Biographie, Reisebeschreibungen, einige Romanzeu u.s.w. Ich vermute, daß er der Ansicht gewesen, dies sei alles, was eine Gouvernante für ihre Privatlektüre brauche, und in der That genügten sie mir vollauf für den Augenblick; im Vergleich zu den kärglichen Samenkörnchen, welche ich dann und wann in Lowood zu finden imstande gewesen, schienen diese Bände mir eine reiche, goldene Ernte in Unterhaltung und Belehrung zu bieten. In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz neues Klavier von herrlichem Ton; außerdem eine Staffelei und mehrere Erdkugeln.

Ich fand meine Schülerin außerordentlich liebenswürdig, aber sehr zerstreut. Sie war niemals an eine regelmäßige Beschäftigung irgend welcher Art gewöhnt gewesen. Ich fühlte, daß es nicht ratsam sein würde, sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen; deshalb erlaubte ich ihr, als aus dem Morgen Mittag geworden war, und ich viel zu ihr gesprochen und sie ein wenig hatte lernen lassen, zu ihrer Wärterin zurückzukehren. Und dann nahm ich mir vor, bis zur Stunde des Mittagessens einige kleine Skizzen für ihren Gebrauch zu zeichnen.

Als ich hinauf ging, um mein Skizzenbuch und meine Zeichenstifte zu holen, rief Mrs. Fairfax mir zu: »Ihre [157] Morgenschulstunden sind jetzt vorüber, wie ich vermute.« Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügelthüren weit geöffnet waren; als sie mich anredete, ging ich hinein. Es war ein großes, stattliches Gemach, mit purpurfarbigen Möbeln und Vorhängen, einem türkischen Teppich, nußholzbekleideten Wänden, einem großen buntfarbigen Fenster und einer reich geschnitzten Decke. Mrs. Fairfax wischte den Staub von einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas, welche auf einer Kredenz standen.

»Welch ein prächtiges Zimmer,« rief ich aus, indem ich umher blickte, denn ich hatte noch nichts gesehen, was auch nur halb so schön gewesen wäre.

»Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe soeben das Fenster geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein herein zu lassen, denn in Zimmern, die selten bewohnt werden, wird alles feucht und dumpfig. Drüben im großen Salon ist es gerade wie in einem Gewölbe.«

Sie deutete auf einen großen Bogen, welcher dem Fenster gegenüber lag und mit persischen Vorhängen, die in Festons aufgerafft waren, dekoriert war. Als ich zwei breite Stufen, welche zu demselben hinaufführten, erstiegen hatte, war mir's, als thäte ich einen Blick ins Feenreich; so herrlich erschien meinem Novizenblick der Anblick, welcher sich ihm darbot. Und doch war es nichts als ein sehr hübscher Salon mit einem Boudoir; beide waren mit weißen Teppichen belegt, die mit bunten Blumenguirlanden bedeckt schienen; die Decke war reich mit schneeigem Stuck bedeckt, welcher weiße Weintrauben und Blätter darstellte; seltsam kontrastierten damit die feuerroten Stühle und Ottomanen. Die Zierrate, welche den Kaminsims aus weißem, carrarischem Marmor schmückten, bestanden aus funkelndem, rubinrotem, böhmischem Glas, und in den Spiegeln zwischen den Fenstern wiederholte sich die allgemeine Mischung von Schnee und Feuer.

»Wie schön Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Mrs. [158] Fairfax!« rief ich. »Kein Staub, keine Überzüge aus Glanzleinwand. Man könnte wirklich glauben, daß sie täglich bewohnt würden, wenn die Luft nicht ein wenig gruftartig wäre.«

»Nun, Miß Eyre, wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur selten sind, so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich; und da ich bemerkt habe, daß es ihn stets schlechter Laune macht, wenn er alles eingehüllt findet und mitten in die Geschäftigkeit des Räumens hineinkommt, so dachte ich mir, es sei das Beste, die Zimmer stets in Bereitschaft zu halten.«

»Ist Mr. Rochester ein strenger und kleinlicher Herr?« fragte ich.

»Nicht gerade das; aber er hat die Neigungen und Gewohnheiten eines Gentleman und er erwartet, daß alle Dinge sich dem anpassen.«

»Lieben Sie ihn? Ist er allgemein beliebt?«

»O ja. Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden. Seit Menschengedenken hat alles Land in der Gegend, so weit das Auge reicht, den Rochesters gehört.«

»Gut; aber lieben Sie ihn, ganz abgesehen von seinen Besitzungen? Lieben Sie ihn um seiner selbst willen?«

»Ich habe keine Ursache, etwas anderes zu thun, als ihn zu lieben, und ich glaube auch, daß seine Pächter und Untergebenen ihn als einen freigebigen und gerechten Gebieter betrachten; aber er hat niemals viel unter ihnen gelebt.«

»Aber hat er keine Eigentümlichkeiten? Kurz und gut, wie ist sein Charakter?«

»O, sein Charakter ist fleckenlos. Das glaube ich wenigstens. Vielleicht ist er in manchen Dingen ein klein wenig seltsam; ich vermute, daß er viel gereist ist und viel von der Welt gesehen hat. Ich glaube auch, daß er sehr gescheit ist, aber ich habe niemals Gelegenheit gehabt, mich viel mit ihm zu unterhalten.«

[159] »In welcher Weise ist er denn seltsam?«

»Ich weiß es nicht. Das ist nicht so leicht zu beschreiben – nichts besonders auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit ihm spricht. Man weiß niemals, ob er im Scherz oder im Ernst redet, ob er sich freut oder ob er sich ärgert. Kurzum, man versteht ihn nicht recht – wenigstens ich verstehe ihn nicht. Aber das schadet ja nicht; er ist ein sehr guter Herr und Gebieter.«

Dies war alles, was ich von Mrs. Fairfax über ihren Brotherrn und den meinen erfahren konnte. Es giebt Leute, welche meist nicht imstande zu sein scheinen, einen Charakter beschreiben zu können und die weder bei Menschen noch bei Dingen hervorragende Eigenschaften und Eigentümlichkeiten bemerken, – und augenscheinlich gehörte die gute Dame zu diesen; meine Fragen verblüfften sie, brachten sie aber nicht zum sprechen. Mr. Rochester war in ihrem Augen Mr. Rochester, ein Gentleman, ein Gutsbesitzer – nichts anderes; sie fragte und suchte nicht weiter und wunderte sich augenscheinlich über meinen Wunsch, einen bestimmteren Begriff seiner Persönlichkeit zu bekommen.

Als wir das Speisezimmer verließen, schlug sie mir vor, mir den übrigen Teil des Hauses zu zeigen; und ich folgte ihr treppauf, treppab und bewunderte alles im Gehen, denn alles war schön und geschmackvoll arrangiert. Besonders die großen Zimmer an der Vorderseite des Hauses erschienen mir prächtig und imposant, und einige der Zimmer des dritten Stocks, obgleich düster und niedrig, waren interessant durch ihr altertümliches Aussehen. Die Möbel, welche einst für die unteren Gemächer angeschafft worden, waren je nach den Anforderungen der Mode von Zeit zu Zeit hier herauf geschafft, und das unsichere Licht, welches durch die niederen Fenster eindrang, fiel auf Bettstellen, welche mehr als ein Jahrhundert zählten; Truhen aus Nuß- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien von Palmenzweigen und Engelsköpfen aus wie die [160] Typen der Arche Noäh; Reihen von ehrwürdigen Stühlen mit schmalen und hohen Lehnen; noch ältere Lehnstühle, auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverwitterter Stickereien, welche vor zwei Generationen von Fingern gearbeitet waren, die längst im Grabe moderten. All diese Reliquien verliehen dem dritten Stockwerk von Thornfield-Hall das Aussehen eines Heims der Vergangenheit, eines Schreins der Erinnerungen. Ich liebte die Ruhe, das Dämmerlicht, die Eigentümlichkeit dieser Räume während der Tageszeit; aber ich wünschte mir durchaus nicht das Vergnügen einer Nachtruhe auf diesen großen und schweren Betten, deren einige durch Thüren von Eichenholz abgeschlossen, andere mit schweren alten Vorhängen von englischer Arbeit verdeckt waren, deren Muster seltsame Blumen und noch seltsamere Vögel und die allerseltsamsten menschlichen Gestalten darstellten – wie seltsam würden erst all diese Dinge im bleichen Mondlicht ausgesehen haben!

»Schlafen die Diener in diesen Zimmern?« fragte ich.

»Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Gemächer an der Hinterseite des Hauses; hier schläft niemand; man möchte beinahe glauben, daß wenn wir in Thornfield-Hall einen Geist hätten, dies sein Schlupfwinkel wäre.«

»Das glaube ich auch. Sie haben also keinen Geist hier?«

»Ich habe wenigstens niemals davon gehört,« entgegnete Mrs. Fairfax lächelnd.

»Auch keine darauf bezügliche Tradition? Keine Legenden, keine Geistergeschichten?«

»Ich glaube nicht. Und doch sagt man, daß die Rochesters ihrer Zeit ein mehr streitsüchtiges als friedliebendes Geschlecht gewesen. Aber vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb sie jetzt ruhig in ihren Gräbern liegen.«

»Ja, ja – sie ruhen aus nach dem verzehrenden Fieber des Lebens,« murmelte ich. – »Wohin gehen Sie denn jetzt, Mrs. Fairfax?« denn sie ging weiter.

[161] »Hinauf auf das Dach; wollen Sie mit mir gehen, um die Aussicht von dort zu genießen?« Ich folgte ihr über eine sehr enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf, und von dort über eine Leiter und durch eine Fallthür auf das Dach des Herrenhauses. Ich befand mich jetzt auf gleicher Höhe mit der Krähenkolonie und konnte einen Blick in ihre Nester werfen. Als ich mich über die Zinnen lehnte und weit hinunter blickte, sah ich den Park und die Gärten wie eine Landkarte vor mir liegen; der helle, wie Samt geschorne Rasen, der sich dicht um das graue Fundament des Hauses zog; die Felder und Wiesen, auf denen hier und da große Haufen von starkem Bauholz lagen; der ernste, düstere Wald, durch welchen sich ein Fußsteig zog, dessen Moos grüner war als das Laub der Bäume; die Kirche an der Parkpforte; die Landstraße; die Hügel, welche majestätisch und ruhig in das klare Sonnenlicht des Herbsttages hineinragten; der weite, tiefblaue, mit leichten Federwölkchen besäete Himmelsbogen, das ganze vor mir liegende Bild hatte keinen besonders hervorragenden Zug, aber es war lieblich und wohlgefällig. Als ich mein Auge von demselben abwandte und wieder durch die Fallthür hinabstieg, konnte ich kaum meinen Weg über die Leiter hinunter finden; im Vergleich mit dem blauen Himmelsbogen, zu dem ich empor geblickt hatte, erschien die Bodenkammer finster wie ein Gewölbe; düster wie ein Grab nach jenem sonnigen Bilde des Parkes, der Weiden und grünen Hügel, dessen Mittelpunkt das Herrenhaus war, und das ich soeben noch mit Wonne betrachtet hatte.

Mrs. Fairfax blieb einen Augenblick zurück, um die Fallthür zu schließen; ich tastete mich an den Ausgang der Bodenthür und begann dann die enge Bodentreppe hinunter zu steigen. In dem langen Korridor, welcher zu dieser führte, und die Vorderzimmer und Hinterzimmer der dritten Etage trennte, hielt ich inne; schmal, lang und dunkel, mit einem einzigen kleinen Fenster am äußersten Ende, sah [162] er mit seinen beiden Reihen kleiner, niedriger, schwarzer Thüren aus wie ein Korridor in Ritter Blaubarts Schloß.

Als ich dann leise vorwärts schritt, schlug das letzte Geräusch, welches ich in diesen Regionen erwartet haben würde – ein lautes Lachen – an mein Ohr. Es war ein seltsames Lachen, deutlich, förmlich, freudlos. Ich stand still. Der Ton verhallte; doch nur für einen Augenblick; dann begann das Lachen von neuem, lauter, denn anfangs war es, wenn auch deut lich, doch nur leise gewesen. Es endigte mit lautem Schall, welcher in jedem einsamen Zimmer ein Echo zu wecken schien; es drang aber nur aus einem einzigen, und ich hätte die Thür bezeichnen können, aus welcher die Töne kamen.

»Mrs. Fairfax!« schrie ich auf, denn jetzt hörte ich sie die große Treppe herabkommen. »Haben Sie das laute Lachen gehört? Woher kommt es? Wer war es?«

»Wahrscheinlich einige der Dienstmädchen,« entgegnete sie, »vielleicht Grace Poole.«

»Haben Sie es auch gehört?« fragte ich wieder.

»Ja, ganz deutlich. Ich höre sie oft, sie näht in einem dieser Zimmer. Zuweilen ist Leah bei ihr; sie machen oft großen Lärm miteinander.«

Wiederum ertönte das leise, eintönige, schaurige Lachen, es endigte mit einem seltsamen Gemurmel.

»Grace!« rief Mrs. Fairfax.

Ich erwartete wirklich nicht, daß irgend eine Grace auf diesen Ruf antworten werde; denn das Lachen klang so tragisch, so unnatürlich, so überirdisch wie ich noch niemals eins vernommen; und wenn nicht heller Mittag gewesen wäre, und kein gespenstischer Umstand die seltsamen Laute begleitete – wenn es nicht gewesen wäre, daß weder Zeit noch Ort die Gespensterfurcht begünstigten, so würde ich mich abergläubischer Furcht hingegeben haben. Der Vorfall zeigte mir indessen, daß ich eine Närrin war, mich auch nur überraschen zu lassen.

[163] Die Thür, neben welcher ich stand, öffnete sich und eine Dienerin trat heraus; sie war eine Frau zwischen dreißig und vierzig, eine untersetzte, knochige Gestalt mit rotem Haar und einem harten, häßlichen Gesicht; eine weniger romantische oder geisterhafte Erscheinung ließ sich kaum denken.

»Zu viel Lärm, Grace,« sagte Mrs. Fairfax, »vergiß deine Weisungen nicht!« Ohne ein Wort zu sagen, machte Grace einen Knix und ging wieder ins Zimmer.

»Sie ist eine Person, die wir hier haben, um zu nähen und Leah bei ihrer Hausarbeit zu helfen,« fuhr die Witwe fort, »in manchen Dingen ist sie nicht ganz vorwurfsfrei, aber sie genügt uns. Aber ehe ich's vergesse, wie waren Sie heute Morgen mit Ihrer Schülerin zufrieden?«

So kam das Gespräch auf Adele und wir fuhren fort, über sie zu sprechen, bis wir die sonnigeren, fröhlicheren Regionen des untern Stockwerks erreicht hatten. Adele kam uns in der Halle entgegen gelaufen und rief:

»Mesdames, vous êtes servies!« Dann fügte sie lachend hinzu: »J'ai bien faim, moi!«

In Mrs. Fairfax Zimmer fanden wir die Mahlzeit angerichtet, welche bereits unserer harrte.

Fußnoten

1 Thornfield-Dornenfeld.

Zwölftes Kapitel

Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf meiner Tage, welche mein erster ruhiger Anfang in Thornfield-Hall zu versprechen schien, wurde nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und seinen Bewohnern durchaus nicht gestört. Mrs. Fairfax war in Wirklichkeit das, was sie zu sein schien, eine leidenschaftslose, gutherzige, sich stets gleich bleibende Frau von ziemlich guter Erziehung und einem Durchschnittsverstande. Meine Schülerin war ein lebhaftes Kind, welches verzogen und verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig und widerspenstig war; da sie indessen gänzlich meiner Obhut anvertraut war und keine unberufene [164] und unvernünftige Einmischung von irgend einer Seite jemals meine Pläne und Absichten in Bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte, so vergaß sie bald ihre kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig. Sie besaß keine hervorragenden Talente, keine scharfen Charakterzüge, keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung, welche sie auch nur um einen Zoll über das gewöhnliche Niveau anderer Kinder empor gehoben hätte; aber ebenso wenig hatte sie irgend ein Laster oder einen Fehler, welcher sie unter dasselbe gestellt hätte. Sie machte ziemlich gute Fortschritte, hegte für mich eine lebhafte, wenn auch nicht sehr tiefgehende Neigung, und flößte mir ihrerseits durch ihre Naivetät, ihr fröhliches Plaudern und ihre Bemühungen, mir zu gefallen, einen Grad von Liebe ein, welcher hinreichte, um uns ein gewisses Behagen an unserer gegenseitigen Gesellschaft finden zu lassen.

Leute, welche heiligen Doktrinen über die engelgleiche Natur der Kinder huldigen und verlangen, daß jene, welchen ihre Erziehung anvertraut ist, eine abgöttische Liebe für dieselben hegen sollen, werden – in Parenthese gesagt – meine Worte für kalt und gefühllos halten; aber ich schreibe nicht, um dem elterlichen Egoismus zu schmeicheln, um Kauderwelsch und Unsinn nachzubeten oder Humbug zu unterstützen, – ich erzähle nur die Wahrheit. Ich hegte eine gewissenhafte Sorgfalt für Adeles Wohlergehen und Fortschritte und ein ruhiges Wohlgefallen an ihrem kleinen Selbst; gerade so, wie ich für Mrs. Fairfax' Güte dankbar war und an ihrer Gesellschaft eine Freude empfand, welche sie für die Rücksichten lohnte, die sie für mich hatte, und ihr zeigte, wie sehr ich die weise Mäßigung in ihrem Charakter so wie in ihrem Gemüt zu schätzen wußte.

Mag mich tadeln, wer da will, wenn ich noch hinzufüge, daß ich dann und wann, wenn ich einen Spaziergang im Park gemacht hatte oder nach dem Parkthor hinunter gegangen war, um von dort auf die Landstraße zu blicken, [165] oder wenn Adele mit ihrer Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte – daß ich dann die drei Treppen hinauf kletterte, die Fallthür in der Bodenkammer öffnete, an die Galerie des Daches trat und weit über Felder und Hügel bis an die verschwommene Linie des Horizonts hinblickte. Dann wünschte ich mir die Gabe einer Seherin, um über jene Grenzen fortsehen zu können, dorthin, wo die geschäftige Welt und Städte und lebensvolle Regionen waren, von denen ich wohl gehört, die ich aber niemals gesehen hatte. Dann ersehnte ich mir mehr praktische Erfahrung als ich besaß, mehr Verkehr mit meinesgleichen, mehr Kenntnis verschiedener Charaktere, als ich mir hier erringen konnte. Ich wußte das Gute in Mrs. Fairfax und das Gute in Adele zu schätzen, aber ich glaubte, es müsse eine andere, eine lebensvollere Güte geben, und ich wünschte, das was ich glaubte, mit eigenen Augen zu sehen.

Wer tadelt mich? Sehr viele wahrscheinlich, und man wird mich unzufrieden und ungenügsam nennen. Ich konnte nichts dafür; die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur; oft quälte sie mich aufs äußerste. Dann fand ich die einzige Beruhigung darin, in dem Korridor des dritten Stockwerks hin und her zu gehen, wo ich mich in der Einsamkeit des Ortes wohl und sicher fühlte, um das geistige Auge auf den herrlichen Visionen ruhen zu lassen, die sich vor demselben ausbreiteten – und es waren ihrer viele und prächtige und farbenglühende – und mein Herz schwellen zu lassen von lebensvoller Sehnsucht, die, wenn auch schmerzhaft, doch wenigstens Leben war; und vor allen Dingen mein inneres Ohr auf eine Geschichte horchen zu lassen, die niemals endigte – eine Geschichte, welche meine Phantasie schuf und fortwährend wiederholte, – eine Geschichte, in welcher all das Leben, das Feuer, die Empfindungen pulsierten, nach denen ich mich sehnte, und die mein wirkliches Dasein mir nicht boten.

[166] Es ist umsonst, zu sagen, daß der Mensch zufrieden sein sollte, wenn er Ruhe hat, – er muß auch Thätigkeit haben, und er wird sie sich schaffen, wenn er sie nicht findet. Millionen sind zu einem stilleren Lose verdammt als das meinige, und Millionen empören sich lautlos gegen ihr Los. Niemand weiß, wieviel Empörungen außer politischen Empörungen in den Menschenmassen gähren, welche die Erde bevölkern. Im allgemeinen nimmt man an, daß Frauen sehr ruhig sind, aber Frauen empfinden gerade so wie Männer; auch sie brauchen ein Feld der Thätigkeit für ihre Fähigkeiten, wie ihre Brüder es thun; sie leiden unter zu schweren Fesseln, unter vollständiger Stagnation gerade so wie Männer es thun würden; und es ist engherzig, wenn ihre begünstigteren Nebenmenschen sagen, daß sie sich darauf beschränken sollten, Puddings zu machen und Strümpfe zu stopfen, Klavier zu spielen und Tabaksbeutel zu sticken. Es ist gedankenlos, sie zu verdammen oder über sie zu lachen, wenn sie versuchen, mehr zu arbeiten und mehr zu lernen, als das, was das alte Herkommen für ihr Geschlecht nötig erachtet.

Wenn ich so allein war, hörte ich gar oft Grace Pooles Lachen, dasselbe Lachen, dasselbe leise, langsame ha! ha! das mich so seltsam erschüttert hatte, als ich es zuerst vernommen; ich hörte auch ihr excentrisches Gemurmel, das noch seltsamer war als ihr Lachen. Es gab Tage, an denen sie sich ganz still verhielt, aber wiederum andere, wo mir die Laute, welche sie von sich gab, ganz unerklärlich schienen. Zuweilen sah ich sie; dann pflegte sie mit einem Teller oder einer Schüssel oder einer Schale aus ihrem Zimmer zu kommen, in die Küche hinterzugehen und gewöhnlich – o, verzeihe mir, romantische Leserin, wenn ich die Wahrheit sage – mit einem Topf voll Porter zurückzukommen. Ihre Erscheinung dämpfte stets die Neugierde, welche ihre rednerischen und stimmlichen Seltsamkeiten erregt hatten; sie war ein starkknochiges Weib mit harten Zügen, welches in keiner [167] Weise Interesse zu wecken vermochte. Ich machte einige Versuche, sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber sie schien eine wortkarge Person; eine einsilbige Antwort machte gewöhnlich all meinen Bemühungen dieser Art ein Ende.

Die andern Mitglieder des Haushalts, wie John und seine Frau, Leah das Hausmädchen und Sophie, die französische Bonne, waren sehr anständige Leute, aber in keiner Weise erhoben sie sich über das Gewöhnliche. Mit Sophie pflegte ich französisch zu sprechen und zuweilen richtete ich auch Fragen über ihr Vaterland an sie; sie besaß aber weder die Gabe erzählen noch beschreiben zu können und gab meistens so verwirrte und nichtssagende Antworten, daß sie meine Fragelust eher dämpften als ermutigten.

Oktober, November und Dezember gingen hin. Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen Ferialtag für Adele gebeten, weil diese sich eine heftige Erkältung zugezogen hatte; und da Adele diese Bitte mit einer Innigkeit und Eindringlichkeit unterstützte, welche mich daran erinnerten, wie kostbar solch ein gelegentlicher Ferialtag mir selbst in meiner Kindheit gewesen, gewährte ich denselben; es schien mir geraten, in diesem Punkte Nachgiebigkeit zu zeigen. Obgleich sehr kalt, war es ein schöner, windstiller Tag; den ganzen Morgen hatte ich ruhig sitzend in der Bibliothek zugebracht, jetzt war ich dessen müde; Mrs. Fairfax hatte gerade einen Brief beendigt, welcher darauf harrte, zur Post getragen zu werden, und so nahm ich Hut und Mantel und erbot mich freiwillig, denselben auf das Postamt nach Hay zu bringen; die Entfernung, welche ungefähr zwei Meilen betrug, sollte ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für mich sein. Nachdem ich Adele gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs. Fairfax' Kaminfeuer installiert und ihr die schönste Wachspuppe, welche ich gewöhnlich in Silberpapier gewickelt in einer Schublade verwahrt hielt, zum Spielen gegeben hatte und dazu noch ein Geschichtenbuch der Abwechselung wegen, [168] machte ich mich auf den Weg, nachdem ich Adelens »Revenez bientôt ma bonne amie, ma chère Mademoiselle Jeannette«, 1 noch mit einem herzlichen Kuß beantwortet hatte.

Der Boden war hart gefroren, die Luft war still, meine Straße einsam; ich ging sehr schnell bis ich mich erwärmt hatte, dann ging ich langsam, um das Vergnügen, welches Zeit und Umstände für mich in sich bargen, zu genießen und zu analysieren. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug, als ich an dem Glockenturm vorüber ging; der Reiz der Stunde lag in der herannahenden Dämmerung in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne. Ich war eine Meile von Thornfield entfernt, in einem engen Heckenwege, welcher im Sommer seiner wilden Rosen, im Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige Schätze in Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte; seine herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Vereinsamung und laublosen, starren Ruhe. Selbst wenn ein Lüftchen wehte, weckte es hier keinen Laut, denn hier war kein Stechpalmengesträuch, kein Immergrün, welches hätte rauschen können, und die entblätterten Weißdorn- und Haselnußbüsche lagen ebenso still da, wie die weißen, ausgetretenen Steine, mit welchen der Fußpfad in der Mitte gepflastert war. Weit und breit lagen zu jeder Seite nur Felder, auf denen jetzt kein Vieh mehr weidete; und die kleinen, braunen Vögel, welche sich dann und wann in der Hecke rührten, sahen aus wie einzelne welke Blätter, die vergessen hatten, abzufallen.

Dieser Weg zog sich hügelaufwärts nach Hay; als ich die Mitte erreicht hatte, setzte ich mich an einem Zaun nieder, welcher sich von dort quer über ein Feld zog. Ich hüllte mich dicht in meinen Mantel, verbarg die Hände in [169] meinem Muff und fühlte auf diese Weise die Kälte nicht, obgleich es scharf fror; dies bewies eine dünne Eisschicht, welche den Fußpfad, wo ein kleines jetzt gefrorenes Bächlein noch vor wenigen Tagen nach starkem Thauwetter dahin gerieselt war, bedeckte. Von meinem Platze aus konnte ich auf Thornfield hinunterblicken; das graue mit Zinnen gekrönte Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Thal zu meinen Füßen, die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben sich gegen Westen. Ich verweilte, bis die Sonne hinter den Bäumen versank und feurig und klar zur Ruhe ging. Dann wandte ich mich ostwärts.

Über der Spitze des Hügels oberhalb des Weges stand der aufgehende Mond; jetzt noch bleich aber mit jedem Augenblick strahlender werdend. Er blickte auf Hay hinab, das halb in Bäumen versteckt, aus seinen wenigen Schornsteinen einen bläulichen Rauch gen Himmel sandte; es lag noch eine Meile entfernt, aber in der tiefen Stille, welche herrschte, drangen die Töne des schwachen Lebens, welches in dem Orte pulsierte, bis zu mir herauf. Mein Ohr vernahm auch das Rauschen von Strömen; in welchen Tiefen und Thälern vermochte ich aber nicht zu sagen; jenseit Hay waren aber viele Hügel, und zweifellos auch viele Bäche, welche von ihren Höhen herabrauschten. In der Ruhe dieses Abends verriet sich sowohl das Rieseln der nächsten Bäche wie das Rauschen der weit entferntesten.

Plötzlich unterbrach ein brutales Geräusch dies zarte, ferne und doch so klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln, ein positives Trampeln, ein metallisches Klirren, welches das sanfte Gemurmel der Wellen unterbrach, gerade so wie auf einem Bilde die solide Masse eines Felsens oder das rauhe Geäst einer großen Eiche, das sich in groben und kühnen Zügen im Vordergrund erhebt, die luftige Ferne blauer Hügel, den sonnigen Horizont, die klaren Wolken, wo alle Farben ineinander verschwimmen, stören.

[170] Der Lärm war auf dem Fußpfade, ein Pferd näherte sich, die Windungen des Weges verbargen es noch, aber es kam stetig näher; ich wollte gerade meinen Platz verlassen, da der Pfad aber schmal war, saß ich still, um es vorüber zu lassen. In jenen Tagen war ich jung, und tausend helle und düstere Fantasien bemächtigten sich meines Gemüts; die Erinnerung an Kinderstubengeschichten lag dort unter anderm Gerümpel aufgespeichert, und wenn sie wach wurden, verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke, welche die Kindheit ihnen nicht zu geben vermocht hatte. Als dies Pferd näher kam, und ich erwartete, es in der Dämmerung auftauchen zu sehen, fiel mir eine von Bessies Geschichten ein, in welcher ein Geist aus dem Norden Englands, Namens Gytrash figurierte; dieser suchte in Gestalt eines Pferdes, Maulesels oder großen Hundes einsame Wege heim und überfiel zuweilen nächtliche Wanderer, grade so wie dieses Pferd jetzt auf mich zu kam.

Es war schon sehr nahe, aber immer noch nicht sichtbar; da vernahm ich außer jenem Trapp, Trapp noch ein Rascheln unter der Hecke, und dicht an den braunen Stämmen entlang lief ein großer Hund, dessen schwarz und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte. Dies war nun gerade eine Maske aus Bessies Gytrash, eine löwenähnliche Kreatur mit langer Mähne und großem Kopfe; sie schlich indessen ruhig an mir vorüber und blickte mit ihren seltsam verständigen Hundeaugen nicht zu mir auf, wie ich halb und halb erwartete. Dann folgte das Pferd – ein starkes Roß, auf seinem Rücken ein Reiter. Der Mann, das menschliche Wesen, brach den Zauber sofort. Den Gytrash konnte niemand reiten, er stürmte stets allein umher, und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber der Tiere fahren konnten, so vermochten sie doch so viel ich wußte, nicht die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen. Dies war also kein Gytrash – sondern nur ein Reisender, welcher den kürzesten Weg nach Millcote einschlug. Er ritt [171] vorüber, und ich ging weiter; nur wenige Schritte, dann wandte ich mich um; ein Laut, als glitte irgend etwas aus, ein Ausruf: »Was zum Teufel ist jetzt zu machen«? ein polternder Fall weckten meine Aufmerksamkeit. Roß und Reiter lagen am Boden; sie waren auf der Eisfläche ausgeglitten, welche den gepflasterten Fußpfad bedeckte. In großen Sprüngen kam der Hund zurück und als er seinen Herrn in Verlegenheit sah und das Pferd stöhnen hörte, begann er zu bellen, bis es von den Hügeln widerhallte. Er beschnüffelte die auf dem Boden liegende Gruppe und dann kam er zu mir gelaufen; das war alles was er thun konnte – keine andere helfende Hand war zur Stelle. Ich folgte ihm und ging zu dem Reiter hinunter, welcher jetzt begann, sich unter seinem Pferde hervorzuarbeiten. Seine Anstrengungen waren so kräftig, daß ich glaubte, er könne keinen großen Schaden genommen haben; aber ich fragte dennoch;

»Haben Sie sich verletzt, mein Herr?«

Ich glaube beinahe, daß er fluchte, aber ich bin meiner Sache nicht ganz gewiß; indessen bediente er sich einer Redeform, welche ihn einer direkten Antwort überhob.

»Kann ich irgend etwas für Sie thun?« fragte ich wiederum leise.

»Stellen Sie sich auf die Seite,« entgegnete er, indem er sich erhob, erst auf die Kniee, dann auf die Füße. Ich that, wie er mich hieß. Dann begann ein Heben, Stampfen, Schlagen, begleitet von einem Bellen und Springen, welches mich in der That einige Schritte vorwärts trieb; ich wollte mich jedoch nicht ganz entfernen, bevor ich das Resultat nicht gesehen. Dieses war am Ende ein glückliches; das Pferd stand wieder auf den Füßen und der Hund wurde mit einem »Couche, Pilot!« zur Ruhe gebracht. Dann beugte der Reisende sich nieder und betastete seinen Fuß und sein Bein, wie um sich zu vergewissern, ob sie heil geblieben; augenscheinlich war er von dieser Untersuchung [172] nicht befriedigt, denn er hinkte bis zu dem Platz am Zaun, wo ich bis dahin gesessen und ließ sich nieder.

Mich faßte wahrscheinlich die Laune, mich nützlich zu machen oder doch wenigstens mich gefällig zu zeigen, denn ich näherte mich ihm wiederum.

»Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, oder Hilfe brauchen, so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall Hilfe herbeiholen.«

»Ich danke Ihnen. Ich werde allein fertig werden. Ich habe kein Glied gebrochen, sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen,« und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß; die Untersuchung preßte ihm aber ein unwillkürliches »Au« aus.

Das Tageslicht war noch nicht ganz gewichen und der Mond schien bereits hell: ich konnte ihn deutlich sehen. Die Gestalt war in einen weiten Reitmantel mit Pelzkragen und Stahlschlössern versehen gehüllt; genau konnte ich die Proportionen nicht unterscheiden, aber ich sah, daß der Mann von mittlerer Größe und sehr breitschulterig sein mußte. Er hatte ein finsteres Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn; die Augen mit den hochgewölbten, zusammengewachsenen Brauen sprühten in diesem Augenblick Wut und Zorn; er war über die erste Jugend hinfort, das mittlere Lebensalter hatte er aber noch nicht erreicht; er mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen. Ich fürchtete mich nicht vor ihm und hegte auch keine zurückhaltende Scheu. Wäre er ein schöner, heroisch blickender, junger Mann gewesen, so würde ich nicht gewagt haben, so dazustehen und ihm meine Dienste unaufgefordert anzubieten und ihn gegen seinen Willen mit Fragen zu behelligen. Bis jetzt hatte ich kaum jemals einen schönen Jüngling gesehen und noch nie in meinem Leben mit einem solchen gesprochen. Ich hegte eine theoretische Verehrung und Hochachtung für Schönheit, Eleganz, Galanterie, Liebenswürdigkeit; hätte ich jedoch all diese Eigenschaften [173] in der Gestalt eines Mannes verkörpert gefunden, so würde ich instinktiv gefühlt haben, daß sie niemals Sympathie für irgend etwas in mir hegte noch hegen konnte, und ich würde sie gemieden haben, wie man den Blitz oder das Feuer oder sonst irgend etwas meidet, das wohl glänzend und strahlend, jedoch antipathisch ist.

Und wenn dieser Fremde mich angelächelt hätte oder freundlich gewesen wäre, als ich ihn anredete; wenn er die ihm angebotene Hilfe dankbar und liebenswürdig abgelehnt hätte – so würde ich wahrscheinlich meiner Wege gegangen sein und durchaus keinen Beruf in mir verspürt haben, mein Anerbieten zu erneuern; aber das Stirnrunzeln, die Rauhheit des Reisenden machten, daß ich ganz harmlos blieb. Als er mir winkte, bei Seite zu gehen, verharrte ich auf meinem Platze und kündigte ihm an:

»Ich kann gar nicht daran denken, mein Herr, Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Gäßchen allein zu lassen, bevor ich gesehen habe, ob Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.«

Als ich dies sagte, blickte er mich an. Bis dahin hatte er die Augen kaum auf mich gerichtet.

»Mich dünkt, Sie sollten dafür sorgen, daß Sie selbst nach Hause kämen,« sagte er, »wenn Sie ein Haus in der Nähe haben. Woher kommen Sie denn?«

»Von dort unten; und ich fürchte mich durchaus gar nicht, spät draußen auf der Landstraße zu sein, wenn der Mond scheint. Wenn Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüber laufen – ich gehe in der That nach dort, um einen Brief auf die Post zu geben.«

»Sie wohnen dort unten? – Sie meinen doch nicht in jenem Hause dort mit den Zinnen?« mit diesen Worten deutete er auf Thornfield-Hall, auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein warf; deutlich und hell hob es sich von den Wäldern ab, welche jetzt im Gegensatz zu [174] dem westlichen Himmel eine ungeheure, schattige Masse bildeten.

»Ja, mein Herr.«

»Wem gehört das Haus?«

»Mr. Rochester.«

»Kennen Sie Mr. Rochester?«

»Nein, ich habe ihn niemals gesehen.«

»Er wohnt also jetzt nicht dort?«

»Nein.«

»Können Sie mir denn sagen, wo er sich aufhält?«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause. Sie sind – –« er hielt inne und ließ die Augen über meine Kleidung schweifen, welche wie gewöhnlich sehr einfach war: ein schwarzer Merinomantel, ein schwarzer Filzhut; beides würde nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer gewesen sein. Es ward ihm schwer zu entscheiden, wer ich eigentlich sein könne. Ich half ihm.

»Ich bin die Gouvernante.«

»Ah!! die Gouvernante!« wiederholte er. »Der Teufel soll mich holen, die hatte ich ganz vergessen! Die Gouvernante! Die Gouvernante!« und wiederum unterwarf er meine Toilette einer eingehenden Prüfung. Nach zwei Minuten erhob er sich von seinem Platze am Zaun; sein Gesicht drückte den größten Schmerz aus, als er versuchte eine Bewegung zu machen.

»Ich kann Sie nicht beauftragen, Hilfe herbeizuholen,« sagte er; »aber Sie selbst können mir ein wenig helfen, wenn Sie die Güte haben wollen.«

»Ja, mein Herr.«

»Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stütze gebrauchen könnte?«

»Nein.«

»Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es mir herzuführen. Sie fürchten sich doch nicht?«

[175] Wäre ich allein gewesen, so würde ich mich gefürchtet haben, ein Pferd zu berühren; da mir jedoch geheißen wurde, es zu thun, war ich geneigt zu gehorchen. Ich legte meinen Muff am Zaun nieder und näherte mich dem großen Pferde; ich bemühte mich, den Zügel zu fassen, es war aber ein feuriges Tier und wollte mich seinem Kopfe nicht nahe kommen lassen; all meine Versuche blieben erfolglos; inzwischen fürchtete ich mich beinahe zu Tode vor seinen Vorderhufen, mit denen es unaufhörlich ausschlug. Der Fremde wartete und beobachtete einige Zeit; endlich lachte er laut auf.

»Ich sehe schon,« sagte er, »der Berg will sich nicht zu Mahomet bringen lassen, daher können Sie weiter nichts thun als Mahomet helfen, daß er zum Berge gehe; ich muß Sie bitten, herzukommen.«

Ich ging.

»Verzeihen Sie mir,« fuhr er fort, »die Notwendigkeit zwingt mich, Sie mir nützlich zu machen.« Er legte eine schwere Hand auf meine Schulter, und sich mit Nachdruck auf mich lehnend, hinkte er bis zu seinem Pferde. Als es ihm dann einmal gelungen war, den Zügel zu fassen, beherrschte er es sofort und schwang sich in den Sattel; zwar schnitt er die entsetzlichsten Grimassen dabei, denn der verrenkte Knöchel schmerzte heftig.

»Jetzt,« sagte er und biß sich in die Unterlippe, so daß das Blut hervorquoll, »geben Sie mir meine Peitsche; sie liegt dort unter der Hecke.«

Ich suchte sie und fand sie.

»Ich danke Ihnen; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück.«

Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte, daß sein Pferd sich bäumte und dann davon sprengte; der Hund folgte wie rasend den Spuren, und alle drei verschwanden


[176]

Wie Blüten, die auf öder Haid'

Der wilde Sturm davonträgt.


Ich nahm meinen Muff wieder auf und ging weiter. Der Vorfall hatte sich ereignet und war jetzt vorüber, es war ein Vorfall ohne Bedeutung, ohne Romantik, ohne Interesse in gewisser Beziehung, und doch kennzeichnete er eine einzige Stunde eines einförmigen Lebens. Meine Hilfe war gebraucht und in Anspruch genommen worden, ich hatte sie geleistet; es machte mich glücklich, irgend etwas gethan zu haben; unbedeutend, vorübergehend wie die That gewesen war, hatte sie doch eine Leistung meinerseits verlangt – – und ich war dieser passiven Existenz so müde geworden. Auch war das neue Gesicht wie ein neues Bild, welches meiner Galerie der Erinnerungen einverleibt worden, und es war allen anderen, die dort aufgehängt waren, so gänzlich unähnlich: erstens war es ein männliches Gesicht, und zweitens war es düster, strenge und ernst. Ich sah es noch vor mir, als ich nach Hay kam und den Brief in den Schalter des Postbureaus warf; ich sah es noch vor mir auf dem ganzen Wege nach Hause. Als ich an den Zaun kam, hielt ich eine Minute inne, blickte umher und horchte; mir war, als müsse ich wiederum Pferdegetrappel auf dem gepflasterten Fußsteige vernehmen, als müsse wiederum ein Reiter im Mantel und ein Gytrashähnlicher Neufundländer erscheinen – aber ich sah nur eine Hecke und eine Pappelweide vor mir, die still und bewegungslos und gerade in das klare Mondeslicht hineinragten; ich hörte nur den leisen Windhauch, welcher eine Meile weiter hügelabwärts dann und wann durch die Bäume fuhr, welche das Herrenhaus von Thornfield umstanden, und als ich der Richtung, aus welcher das leise Murmeln kam, mit den Augen folgte, sah ich, wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde. Es erinnerte mich daran, daß es bereits spät sei. Ich eilte weiter.

[177] Es machte mir keine Freude, Thornfield wieder zu betreten. Seine Schwelle überschreiten, bedeutete zur Stagnation zurückkehren, durch die todesstille Halle gehen, die düstere Treppe hinaufsteigen, mein eigenes einsames, kleines Zimmer aufsuchen und später der ruhigen Mrs. Fairfax begegnen und den langen Winterabend mit ihr und nur mit ihr zubringen.

Das hieß vollständig die leise Erregung ersticken, welche mein Spaziergang in mir erweckt hatte – das bedeutete meinen Fähigkeiten abermals die traurig aussichtslosen Fesseln einer einförmigen und tötenden Existenz anzulegen, einer Existenz, deren große Vorteile der Sicherheit, des Geborgenseins und des Wohllebens ich nicht mehr zu schätzen vermochte. Wie nützlich würde es mir zu jener Zeit gewesen sein, in den Stürmen eines unsicheren, gefährdeten, mühsam kämpfenden Lebens hin und her geworfen zu werden und inmitten rauher und bitterer Erfahrung die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden zu empfinden, welche mich jetzt fast erdrückten! Ja, es wäre mir ebenso nützlich gewesen wie ein langer Spaziergang einem Manne, der es müde geworden, immer in einem zu bequemen Lehnstuhl zu sitzen, und ebenso natürlich war der Wunsch nach Bewegung bei mir, wie er es bei ihm gewesen sein würde.

An der Parkpforte zögerte ich; ich zögerte auf dem Wiesenplan; ich ging auf der Terrasse hin und her; die Jalousien der Glasthür waren herabgelassen; ich konnte nicht in das Innere des Zimmers blicken, und sowohl meine Augen wie meine Seele schienen von dem düsteren Hause – von der grauen Felsmasse, in welche dunkle Zellen hineingehauen, – (so schien es mir wenigstens damals) – fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren Himmelsbogen, der sich wie ein blaues, bewegungsloses Meer vor mir ausbreitete; feierlich und majestätisch stieg der Mond empor und ließ die Spitzen jener Hügel unter sich, hinter [178] denen er hervorgekommen war; er strebte dem tiefdunklen, unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden Sterne, denen ich mit bebendem Herzen, mit fiebernden Pulsen nachblickte. Gar kleine und geringe Dinge rufen uns auf diese Erde zurück; in der Halle schlug die Uhr; das genügte; ich wandte meine Augen von Mond und Sternen ab, öffnete eine Seitenthür und trat ins Haus.

Die Halle war nicht dunkel, aber ebensowenig war sie ganz erhellt durch die Bronzelampe, welche hoch oben an der Decke hing; eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren Teil der alten Eichentreppe. Ein heller Schein drang aus dem großen Speisezimmer, dessen hohe Flügelthüren geöffnet waren und ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen; in prächtigem Glanz zeigten sich die dunkelroten Draperien, die polierten Möbel, die Marmorverkleidung des Kamins. Der Schein des Feuers fiel auf eine Gruppe, welche sich vor demselben befand; kaum war ich derselben ansichtig geworden, kaum hatte ich den Ton fröhlicher Stimmen vernommen, unter denen ich jene Adelens zu unterscheiden glaubte, als die Thür auch schon wieder geschlossen wurde.

Ich eilte nach Mrs. Fairfaxs Zimmer; auch dort brannte ein Feuer, jedoch kein Licht. Keine Mrs. Fairfax war sichtbar. Statt ihrer fand ich auf dem Kaminteppich, einsam, aufrechtsitzend, ernst, einen großen, langhaarigen, schwarz und weißen Hund, ähnlich dem Gytrash aus dem Heckengäßchen. Er war ihm in der That so ähnlich, daß ich näher ging und rief:

»Pilot!« Das Tier erhob sich, kam auf mich zu und beschnüffelte mich. Ich liebkoste und streichelte den Hund; er wedelte mit seinem großen, schweren Schwanze; aber er sah doch ein wenig zu unheimlich aus, um mit ihm allein zu bleiben, und ich wußte nicht einmal, woher er gekommen. Ich zog die Glocke, denn ich wünschte ein Licht, und [179] überdies hoffte ich auch Auskunft über diesen Gast zu erhalten. Leah trat ein.

»Wo kommt dieser Hund her?«

»Er ist mit dem Herrn gekommen.«

»Mit wem?«

»Mit dem Herrn, mit Mr. Rochester, er ist soeben angekommen.«

»In der That! Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?«

»Ja. Und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer und John ist eben gegangen, um einen Wundarzt zu holen; denn unser Herr hat einen Unfall gehabt. Sein Pferd ist gestürzt und er hat sich den Knöchel verrenkt.«

»Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt, der von Hay herabführt?«

»Ja, als er bergab ritt, ist es auf dem Glatteise gestürzt.«

»Ah, Leah, wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen? Ich bitte Sie darum.«

Leah brachte sie; als sie eintrat, folgte Mrs. Fairfax ihr auf dem Fuße und wiederholte die Erzählung. Sie fügte noch hinzu, daß Mr. Carter gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei. Dann eilte sie hinaus, um ihre Vorbereitungen für den Thee zu treffen. Ich ging nach oben, um Hut und Mantel abzulegen.

Fußnoten

1 Kommen Sie bald zurück, meine gute Freundin, mein teures Fräulein Jeannette.

Dreizehntes Kapitel

Wie es schien, befolgte Mr. Rochester den Befehl des Arztes indem er an diesem Abend frühzeitig zu Bett ging. Am folgenden Morgen stand er spät auf. Als er dann herunterkam, war es nur, um sich den Geschäften zu widmen; sein Bevollmächtigter und einige seiner Pächter waren gekommen und warteten jetzt, um mit ihm sprechen zu können.

Adele und ich mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen; [180] es sollte täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen. Im oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt; dorthin trug ich unsere Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein. Im Laufe des Morgens hatte ich noch Gelegenheit wahrzunehmen, daß Thornfield-Hall ein anderer Ort geworden; es war nicht mehr still wie in einer Kirche; zu jeder Stunde hallte ein lautes Klopfen an der Thür oder der Ton der Glocke durch das Haus; oft ertönten Schritte in der Halle; von unten herauf vernahm man den Schall fremder Stimmen. Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch unser stilles Heim. Thornfield hatte einen Herrn bekommen. Mir gefiel es jetzt besser.

An diesem Tage war es nicht leicht, Adele zu unterrichten; sie konnte sich nicht sammeln. Jeden Augenblick lief sie zur Thür und blickte über das Treppengeländer hinab, um zu sehen, ob sie nicht einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne. Dann erfand sie allerlei Vorwände, um hinuntergehen zu dürfen; ich vermute, daß sie nur in die Bibliothek gehen wollte, wo sie, wie ich sehr wohl wußte, durchaus nicht gebraucht wurde. Als ich dann ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl, still zu sitzen, begann sie unaufhörlich von ihrem »Ami, Monsieur Edouard Fairfax de Rochester,« wie sie ihn taufte, zu sprechen, – ich hatte seine Vornamen bis jetzt noch nicht gekannt – und Vermutungen über die Geschenke anzustellen, welche er ihr möglicherweise mitgebracht hatte; denn wie es schien, hatte er ihr abends zuvor angedeutet, daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme, sie eine kleine Schachtel finden würde, deren Inhalt sie möglicherweise interessieren könne.

»Et cela doit signifier,« sagte sie, »qu'il y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m'a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n'etait pas une petite personne, assez mince et un peu [181] pâle. J'ai dit que oui: car c'est vrai, n'est-ce pas, Mademoiselle?« 1

Wie gewöhnlich speisten meine Schülerin und ich in Mrs. Fairfaxs Wohnzimmer. Der Nachmittag war rauh und es schneite, und wir brachten denselben im Schulzimmer zu. Mit Dunkelwerden erlaubte ich Adele, Bücher und Arbeiten fortzulegen und hinunter zu laufen; denn aus der verhältnismäßigen Stille unten und dem Aufhören des Läutens an der Hausthürglocke schloß ich, daß Mr. Rochester jetzt unbeschäftigt sei. Allein geblieben, trat ich ans Fenster; aber man konnte nichts mehr sehen; die Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und verbargen sogar das Gebüsch auf dem Wiesenplan vor dem Hause. Ich zog die Vorhänge zusammen und setzte mich wieder an das Feuer.

Aus der leichten Asche versuchte ich ein Bild zu erkennen, welches große Ähnlichkeit mit einer Ansicht des Heidelberger Schlosses am Neckar hatte. Da trat Mrs. Fairfax ein. Damit fiel das feurige Mosaik zusammen, mit dem ich mich beschäftigt hatte, und zugleich zerstoben auch einige trübe, schwere, unwillkommene Gedanken, die angefangen hatten, meine friedliche Einsamkeit zu stören.

»Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und Ihre Schülerin heute Abend den Thee mit ihm im Salon einnehmen wollten,« sagte sie, »er ist während des ganzen Tages so sehr beschäftigt gewesen, daß er bis jetzt keine Zeit gehabt, Sie aufzusuchen.«

»Um welche Zeit nimmt er den Thee?« fragte ich.

»O, um sechs Uhr. Auf dem Lande hält er sich an frühe Stunden. Es wäre am besten, wenn Sie jetzt schon [182] gingen, um Ihre Toilette zu wechseln. Ich werde mit Ihnen gehen, um Ihnen zu helfen. Hier ist eine Kerze.«

»Ist es denn durchaus notwendig, meine Kleidung zu wechseln?«

»Ja, es ist besser, wenn Sie es thun. Ich mache stets Toilette für den Abend, wenn Mr. Rochester hier ist.«

Diese Ceremonie erschien mir ein wenig pomphaft. Indessen begab ich mich auf mein Zimmer und mit Mrs. Fairfaxs Hilfe tauschte ich mein schwarzes wollenes Kleid gegen ein seidenes von gleicher Farbe; es war das beste und nebenbei auch das einzige, welches ich besaß, mit Ausnahme eines hellgrauen, welches nach meinen Toilettenbegriffen, die ich aus Lowood mitgebracht, zu prächtig und elegant war, um es bei anderen als höchst feierlichen Gelegenheiten zu tragen.

»Sie brauchen noch eine Brosche,« sagte Mrs. Fairfax. Ich besaß einen einzigen kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen, welchen Miß Temple mir beim Abschied als Andenken geschenkt hatte; diesen legte ich an und dann gingen wir hinunter. Ich war nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt, und daher war es fast eine schwere Prüfung für mich, so förmlich aufgefordert vor Mr. Rochester zu erscheinen. Ich ließ Mrs. Fairfax zuerst in das Speisezimmer eintreten und hielt mich in ihrem Schatten, als wir dieses Gemach durchschritten. Dann gingen wir unter dem Bogen durch, dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren, und traten in die elegante Vertiefung, welche sich hinter demselben befand.

Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem Kamin; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers lag Pilot – neben ihm kniete Adele. Halb zurückgelehnt auf einem Ruhebett lag Mr. Rochester; sein Fuß war durch ein Polster gestützt; er blickte auf Adele und den Hund; der Schein des Feuers fiel voll auf sein Gesicht. Ich erkannte sofort den Reiter mit der hohen [183] Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen wieder; das schwarze Haar ließ die Stirn noch weißer erscheinen. Ich erkannte seine scharf geschnittene Nase wieder, die mehr charakteristisch als schön war; seine vollen Nüstern deuteten auf eine cholerische Natur; sein grimmer Mund, das Kinn, die Kinnbacken – ja, alle drei waren grimmig, darüber konnte kein Irrtum obwalten. Seine Gestalt, die jetzt des Mantels entkleidet war, harmonierte an Schärfe mit seinem Gesicht. Ich vermute, daß man sie vom athletischen Standpunkt aus schön hätte nennen können, – die Brust war breit, die Hüften schmal; aber sie war weder schlank noch geschmeidig.

Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfaxs und meinen Eintritt wohl bemerkt haben; aber ich vermute, daß er nicht in der Laune war, Notiz von uns zu nehmen, denn er wandte nicht einmal den Kopf, als wir näher traten.

»Hier ist Miß Eyre, mein Herr,« sagte Mrs. Fairfax in ihrer ruhigen Weise. Er neigte den Kopf leicht, aber immer wandte er noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde.

»Lassen Sie Miß Eyre Platz nehmen,« sagte er, und in der förmlichen, steifen Verbeugung, in dem ungeduldigen gezwungenen Ton lag etwas, das zu sagen schien: »Was zum Teufel kümmert es mich, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem Augenblick verspüre ich keine Lust, mit ihr zu sprechen.«

Ich setzte mich und meine Verlegenheit war gänzlich geschwunden. Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde mich wahrscheinlich verwirrt haben; ich hätte ihn nicht durch Eleganz oder Grazie meinerseits erwidern können; aber solche schroffe Launen legten mir keine Verpflichtung auf; im Gegenteil, ich errang einen leichten Vorteil über ihn durch seinen Mangel an guter Manier, den ich schweigend zu ignorieren schien. Außerdem war mir das Außergewöhnliche [184] seines Verfahrens pikant. Es interessierte mich zu beobachten, wie es nun weiter gehen würde.

Er benahm sich also weiter, wie eine Statue es ungefähr gethan haben würde; das heißt, er sprach weder, noch bewegte er sich. Mrs. Fairfax schien es für notwendig zu halten, daß einer von uns sich liebenswürdig zeige, und so begann sie zu sprechen. Freundlich wie gewöhnlich und wie gewöhnlich auch zuerst sehr alltäglich, begann sie ihn wegen der dringenden Geschäfte zu bemitleiden, mit welchen er während des ganzen Tages überbürdet gewesen, wegen der Verrenkung, welche ihm große Schmerzen verursachen müsse, – dann begann sie, ihm Geduld und Ausdauer während des Verlaufs seiner Heilung anzuempfehlen.

»Madame, ich bitte um eine Tasse Thee,« lautete die einzige Antwort, welche sie erhielt. Sie beeilte sich, die Glocke zu ziehen; und als das Theebrett gebracht wurde, begann sie, die Tassen, Löffel u.s.w. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen. Adele und ich gingen an den Tisch; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht.

»Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen?« sagte Mrs. Fairfax zu mir. »Adele könnte den Thee verschütten.«

Ich that, was sie begehrte. Als er mir die Tasse aus der Hand nahm, rief Adele, welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt, eine Bitte zu meinen Gunsten auszusprechen:

»N'est-ce pas, Monsieur, qu'il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?« 2

»Wer redet von cadeaux?« fragte er rauh. »Haben Sie ein Geschenk erwartet, Miß Eyre? Lieben Sie vielleicht Geschenke?« und forschend blickte er mir ins Gesicht mit Augen, in denen Zorn und Ärger blitzten.

»Ich weiß es kaum, mein Herr; ich habe in dieser Beziehung [185] wenig Erfahrung. Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr angenehme Dinge.«

»Im allgemeinen hält man sie dafür!! Aber was halten Sie davon?«

»Ich müßte mir wirklich Zeit nehmen, Sir, um zu überlegen, bis ich eine Antwort finden könnte, die Ihrer Annahme würdig wäre. Ein Geschenk hat viele Gesichter. Nicht wahr? Und man sollte jedes einzelne betrachten, ehe man eine Meinung über seine Beschaffenheit ausspricht.«

»Miß Eyre, Sie sind nicht so harmlos und einfach wie Adele; sie verlangt laut ein cadeau, sobald sie meiner ansichtig wird. Sie hingegen klopfen auf den Busch.«

»Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe, als Adele; sie kann das Recht der Gewohnheit und die alte Bekanntschaft geltend machen, denn sie hat mir erzählt, daß Sie ihr stets Spielsachen zu schenken pflegten. Mir würde es aber die größte Schwierigkeit bereiten, wenn ich irgend einen berechtigten Anspruch an Sie erheben sollte, denn ich bin eine Fremde und habe nichts gethan, um eine Belohnung von Ihnen zu verdienen.«

»O, bitte, verfallen Sie jetzt nicht in das Extrem zu großer Bescheidenheit! Ich habe Adele examiniert und finde, daß Sie sich mit ihr große Mühe gegeben haben. Sie ist nicht besonders aufgeweckt; sie hat kein großes Talent, und doch hat sie in kurzer Zeit große Fortschritte gemacht.«

»Sir, jetzt haben Sie mir mein cadeau gegeben; ich bin Ihnen außerordentlich dankbar; nichts kann einem Lehrer größere Freude machen als Lob über die Fortschritte seiner Schüler.«

»Bah!« sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Thee schweigend aus.

»Kommen Sie hierher ans Feuer,« sagte der Hausherr, als das Theegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem Strickzeug in einen Winkel setzte, und Adele [186] mich an der Hand durch das ganze Zimmer führte, um mir all die prächtigen Bücher und Nippsachen auf Konsolen und Chiffonnièren zu zeigen. Wir gehorchten pflichtschuldigst. Adele wollte auf meinem Schoß Platz nehmen, aber es wurde ihr anbefohlen, sich mit Pilot zu amusieren.

»Sie halten sich jetzt schon drei Monate in meinem Hause auf?«

»Ja, Sir.«

»Und Sie kamen aus – – –?«

»Aus der Schule zu Lowood in ... shire.«

»Ah! eine Wohlthätigkeitsanstalt! – Wie lange waren Sie dort?«

»Acht Jahre.«

»Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich meinte, daß die Hälfte der Zeit genügen müsse, um jede Konstitution aufzureiben! Kein Wunder, daß Sie beinahe aussehen, als kämen Sie aus einer anderen Welt. Ich habe mich schon ganz erstaunt gefragt, woher Sie ein solches Gesicht haben könnten. Als Sie mir gestern Abend in dem Heckenwege entgegen kamen, mußte ich unwillkürlich an Gespenstergeschichten denken und ich hatte schon die Absicht zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten. Ganz sicher bin ich dessen auch jetzt noch nicht. Wer sind Ihre Eltern?«

»Ich habe keine.«

»Und hatten vermutlich auch niemals welche; erinnern Sie sich ihrer nicht?«

»Nein.«

»Das dachte ich mir. So warteten Sie also auf Ihre Leute, als Sie dort am Zaun saßen.«

»Auf wen, Sir?«

»Auf die Männchen in Grün. Es war gerade eine rechte Mondscheinnacht für sie. Habe ich vielleicht einen Ihrer Zauber gebrochen, daß Sie das verdammte Eis über den Fußsteig zogen?«

[187] Ich schüttelte den Kopf. »Die Männer in Grün haben alle schon vor hundert Jahren England verlassen,« sagte ich und sprach ebenso ernst, wie er es gethan hatte. »Und nicht einmal im Heckengäßchen von Hay oder auf den umliegenden Feldern würden Sie jetzt noch eine Spur von ihnen finden. Ich glaube, daß weder Herbst- noch Sommer- noch Wintersonne jemals wieder auf ihre Feste herabscheinen wird.«

Mrs. Fairfax hatte ihr Strickzeug auf den Schoß sinken lassen und mit emporgezogenen Augenbrauen hörte sie erstaunt auf unser Gespräch.

»Nun,« fuhr Mr. Rochester fort, »wenn Sie nun auch Ihre Eltern verleugnen, so müssen Sie doch irgend welche Verwandte haben, Onkel oder Tanten?«

»Keine, die ich jemals gesehen.«

»Und Ihr Heim?«

»Ich habe keins.«

»Wo leben denn Ihre Brüder und Schwestern?«

»Ich habe weder Brüder noch Schwestern.«

»Wer empfahl Ihnen denn hierher zu kommen?«

»Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken, und Mrs. Fairfax beantwortete diese Annonce.«

»Ja,« sagte die gute Dame, welche jetzt wußte, auf welchem Boden wir uns bewegten, »und täglich danke ich der Vorsehung für die Wahl, welche sie mich treffen ließ. Miß Eyre ist eine unschätzbare Gefährtin für mich, und eine gütige, sorgsame, pflichtgetreue Lehrerin für Adele.«

»Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen,« entgegnete Mr. Rochester, »Lobeserhebungen ködern mich nicht. Ich werde für mich selbst urteilen. Sie hat damit angefangen, mein Pferd zu Boden zu strecken.«

»Sir?« sagte Mrs. Fairfax.

»Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken.«

Die Witwe blickte uns erstaunt an.

[188] »Miß Eyre, sagen Sie mir, haben Sie jemals in einer Stadt gewohnt?«

»Nein, Sir.«

»Haben Sie viel Gesellschaft gesehen?«

»Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von Lowood; und jetzt die Bewohner von Thornfield.«

»Haben Sie viel gelesen?«

»Nur solche Bücher, derer ich zufällig habhaft werden konnte; und diese waren weder sehr zahlreich noch sehr gelehrt.«

»Sie haben das Leben einer Nonne geführt; ohne Zweifel sind Sie in religiösen Formen gut geschult; – Brocklehurst, welcher, wie ich glaube Direktor von Lowood, ist ein Prediger, wenn ich nicht irre?«

»Ja, Sir.«

»Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich, wie die Nonnen eines Klosters ihren Priester anbeten!«

»O nein!«

»Sie sind sehr aufrichtig! Nein! Was! Eine Novize, die ihren Priester nicht vergöttert! Das klingt doch fast wie Blasphemie!«

»Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht; und ich stand mit meinem Gefühl nicht allein da. Er ist ein harter Mann, der unendlich übermütig war und sich stets Übergriffe erlaubte. Er ließ uns das Haar abschneiden, und aus Sparsamkeit kaufte er schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn, mit denen wir kaum nähen konnten.«

»Das war eine sehr verkehrte Sparsamkeit,« bemerkte Mrs. Fairfax, welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder aufnehmen konnte.

»Und war dies das größte und schwärzeste seiner Verbrechen?« fragte Mr. Rochester.

»Er ließ uns beinahe verhungern, als er die alleinige Aufsicht über das Verpflegungsdepartement führte, bevor noch das Comité eingesetzt wurde; und wöchentlich einmal [189] langweilte er uns mit langen Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus Büchern, die er selbst zu wählen pflegte; diese handelten stets von plötzlichen Todesfällen und fürchterlichen Strafen, so daß wir abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen.«

»Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?«

»Ungefähr zehn Jahre alt.«

»Und acht Jahre blieben Sie dort. Da sind Sie also jetzt achtzehn Jahre alt?«

Ich nickte bejahend.

»Wie Sie sehen ist die Arithmetik sehr nützlich. Ohne Ihre Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu erraten. Es ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle, wo Züge und Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen, wie es bei Ihnen der Fall ist. Und nun erzählen Sie mir, was Sie in Lowood gelernt haben. Können Sie Klavier spielen?«

»Ein wenig.«

»Natürlich ›ein wenig‹. Das ist so die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in die Bibliothek – d.h. wenn Sie so liebenswürdig sein wollen. – Verzeihen Sie meinen Kommandoton; ich bin daran gewöhnt zu sagen: ›Thun Sie dies‹, und es ist geschehen; ich kann meine alten Gewohnheiten eines einzigen neuen Hausgenossen zu Liebe nicht ablegen – Gehen Sie also in die Bibliothek; nehmen Sie eine Kerze mit, lassen Sie die Thür offen, setzen Sie sich ans Klavier und spielen Sie ein Lied.«

Ich ging, um seinen Weisungen Folge zu leisten.

»Genug!« rief er nach wenigen Minuten. »Sie spielen allerdings ›ein wenig‹, ich sehe schon; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen, vielleicht noch ein wenig besser, aber durchaus nicht gut.«

Ich schloß das Klavier und kehrte in das Wohnzimmer zurück. Mr. Rochester fuhr fort:

»Adele hat mir heute Morgen einige Skizzen gezeigt, [190] von denen sie sagte, daß es die Ihrigen seien. Ich weiß nicht, ob dieselben Ihr Werk allein sind, – wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen dabei geholfen?«

»Nein, gewiß nicht!« rief ich schnell.

»Ah! da erwacht die Eitelkeit. Gut also, holen Sie Ihr Portefeuille, wenn Sie dafür bürgen können, daß es nur Originale enthält; aber geben Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie nicht ganz sicher sind. Ich erkenne sofort jedes Flickwerk.«

»Dann werde ich also gar nichts sagen, Sir, und Sie werden selbst urteilen.«

Ich holte das Portefeuille aus der Bibliothek.

»Bringen Sie mir den Tisch heran,« sagte er, und ich schob denselben an sein Ruhebett. Adele und Mrs. Fairfax kamen auch heran, um die Bilder zu sehen.

»Kein Gedränge,« sagte Mr. Rochester, »nehmen Sie mir die Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin; aber drücken Sie Ihre Gesichter nicht an das meine.«

Mit Muße betrachtete er jedes Bild, jede Zeichnung. Drei von diesen legte er beiseite; die andern schob er von sich, nachdem er sie geprüft hatte.

»Nehmen Sie sie nach jenem Tische dort, Mrs. Fairfax,« sagte er, »und betrachten Sie sie mit Adele; – Sie, (mit einem Blicke auf mich) nehmen Ihren Sitz wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich sehe, daß diese Skizzen von einer Hand herrühren; war es die Ihre?«

»Ja.«

»Und wann haben Sie Zeit gefunden, sie zu machen? Sie haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken erfordert.«

»Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood, als ich keine andere Beschäftigung hatte.«

»Woher haben Sie die Motive genommen?«

»Aus meinem eigenen Kopfe.«

»Aus dem Kopfe, den ich jetzt da auf Ihren Schultern sehe?«

[191] »Ja, Sir.«

»Hat er noch mehr dergleichen Vorräte in sich?«

»Ich meine wohl; aber ich hoffe, daß er deren nochbessere in sich trägt.«

Er breitete die Bilder wieder vor sich aus und betrachtete sie abwechselnd.

Während er noch damit beschäftigt ist, will ich dir, lieber Leser, erzählen, was sie vorstellen, und vor allen Dingen muß ich vorausschicken, daß sie durchaus nichts wunderbares sind. Die Motive hatten sich mir lebhaft aufgedrängt. Als ich sie mit dem geistigen Auge sah, bevor ich versuchte, sie zu verkörpern, waren sie allerdings außergewöhnlich; aber mein Pinsel konnte mit meiner Fantasie nicht gleichen Schritt halten, und in allen drei Fällen war die Ausführung nur ein schwaches Abbild dessen geworden, was mir vorgeschwebt hatte.

Die Bilder waren in Wasserfarben ausgeführt. Das erste stellte düstere, blaugraue, niedrighängende Wolken über einer wildbewegten See dar. Die ganze Ferne lag in Finsternis da und ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen, denn es war gar kein Land auf dem Bilde. Ein einziger Lichtstrahl fiel auf einen halb aus dem Wasser hervorragenden Mast, auf welchem ein Wasserrabe saß, dunkel und groß, dessen Flügel mit Wellenschaum bespritzt waren; im Schnabel hielt er ein goldenes Armband, welches mit Edelsteinen reich besetzt war; diesen hatte ich die reichsten Farben verliehen, welche meine Palette herzugeben vermocht, die strahlendste Deutlichkeit, deren mein Zeichenstift fähig gewesen. Hinter Mast und Vogel schien ein ertrunkener Leichnam in dem grünen Wasser zu versinken; ein weißer Arm war das einzige Glied, das deutlich sichtbar; von ihm war das Armband herunter gespült oder gerissen.

Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte nur die neblige Spitze eines Hügels, von welchem einige Blätter [192] und Grashalme wie vom Winde getrieben, herabrollten. Hinter und über dem Bergesgipfel breitete sich der Himmelsbogen aus, tiefblau wie zur Dämmerzeit; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer Frau, in so weichen und unbestimmten Farben gemalt, wie es mir nur möglich gewesen, zusammenzustellen. Die klare Stirn war von einem Stern gekrönt, die unteren Gesichtszüge sah man nur wie durch dichten Nebel; die Augen glänzten dunkel und wild; das Haar fiel schattengleich herab, wie eine strahlenlose Wolke, welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat. Auf ihrem Nacken lag ein bleicher Schein wie von Mondesstrahlen herrührend; derselbe matte Glanz ruhte auf den dünnen Wolken, aus welchen diese Vision des Abendsterns emporzusteigen schien.

Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines Eisberges, welcher in den nördlichen Winterhimmel hineinragte. Am Horizont schoß ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor. Diese in die Ferne schleudernd, erhob sich im Vordergrund ein Kopf – ein kolossaler Kopf, welcher sich dem Eisberg zuneigte und an diesem ruhte. Zwei magere Hände, welche sich unter der Stirn kreuzten und diese stützten, zogen einen schwarzen Schleier vor die unteren Gesichtszüge; eine bleiche Stirn, weiß wie Elfenbein und ein hohles, starres Auge, das keinen anderen Ausdruck hatte als den der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Über den Schläfen, zwischen turbanartigen Falten einer düstern Draperie, die in Form und Farbe unbestimmt wie eine Wolke war, glänzte ein Ring von weißen Flammen, auf dem hier und da Funken von intensiverem Glanz leuchteten. Dieser blasse Halbkreis war »das Ebenbild einer Königskrone; was diese krönte, war die Form, die keine Form hat.«

»Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?« fragte Mr. Rochester.

»Ich hatte mich in die Arbeit vertieft, Sir; ja – ich[193] war glücklich. Als ich sie malte, empfand ich eine der höchsten Freuden, die ich jemals gekannt.«

»Das will nicht viel sagen. Nach Ihrer eigenen Erzählung sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen; aber ich vermute, daß Sie sich in einer Art von Künstlers-Traumland befanden, als Sie diese seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen. Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht?«

»Ich hatte nichts anderes zu thun, da es Ferienzeit war, und ich saß vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend dabei. Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Neigung zum Fleiß.«

»Und waren Sie mit dem Resultat Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden?«

»Weit entfernt davon. Der Abstand zwischen meiner Idee und meiner Ausführung quälte mich; in jedem dieser drei Fälle hatte mir etwas vorgeschwebt, was ich außer Stande gewesen zu verwirklichen.«

»Nicht ganz. Den Schatten Ihrer Gedanken festzuhalten, ist Ihnen gelungen; mehr wahrscheinlich nicht. Sie hatten nicht genug künstlerische Geschicklichkeit und Kenntnisse, um jenen vollständig Gestalt verleihen zu können; jedoch sind die Zeichnungen für ein Schulmädchen immerhin beachtenswert. Die Ideen sind vollständig elfenartig, geisterhaft. Diese Augen in dem ›Abendstern‹ müssen Sie einmal im Traume gesehen haben. Wie haben Sie es nur angefangen, diese so klar und doch nicht glänzend wieder zu geben? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre Strahlen. Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe. Und wer hat Sie gelehrt, den Wind zu malen? Unter diesem Himmel und über jenem Bergesgipfel weht ein heftiger Sturm. Wo haben Sie Latmos gesehen? denn das ist Latmos. Hier – tragen Sie die Zeichnungen wieder fort.«

Kaum hatte ich die Bänder meiner Zeichenmappe wieder [194] zusammengebunden, als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte:

»Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adele so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.«

Adele ging und gab ihm einen Kuß, bevor sie das Zimmer verließ. Er ließ sich die Liebkosung gefallen, aber er schien kaum mehr Wohlgefallen daran zu finden, als Pilot es gethan haben würde, – oder vielleicht noch weniger.

»Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht,« sagte er und machte eine Handbewegung nach der Thür, zum Zeichen, daß er unserer Gesellschaft müde sei und uns entließe. Mrs. Fairfax legte ihre Strickerei zusammen; ich nahm meine Zeichenmappe: wir verneigten uns vor ihm, erhielten eine steife und kalte Verbeugung als Gegengruß, und zogen uns dann zurück.

»Mrs. Fairfax, Sie sagten, daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichkeiten besitze,« bemerkte ich, als ich wieder zu ihr ins Zimmer trat, nachdem ich Adele ins Bett gebracht hatte.

»Nun, und besitzt er deren?«

»Ich glaube wohl. Er ist sehr veränderlich und launenhaft.«

»Das ist allerdings wahr. Ohne Zweifel muß er einem Fremden so erscheinen, aber ich bin schon so lange an seine Art und Weise gewöhnt, daß ich mir gar keine Gedanken mehr darüber mache. Und überdies sollte man sich nicht darüber wundern, wenn seine Laune nicht immer gleichmäßig ist.«

»Weshalb das?«

»Teilweise, weil es in seiner Natur liegt – und keiner von uns kann gegen seine Natur kämpfen; hauptsächlich aber, weil er wohl oft traurige und qualvolle Gedanken haben mag, die ihn peinigen und seine gute Laune stören.«

»Was quält ihn denn?«

[195] »Familienkummer vor allen Dingen.«

»Aber er hat ja keine Familie.«

»Jetzt nicht mehr – aber er hatte eine; – Verwandte wenigstens. Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren.«

»Seinen älteren Bruder?«

»Ja. Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr lange im Besitz der Güter und des Vermögens; erst ungefähr seit neun Jahren.«

»Neun Jahre sind eine lange Zeit! Liebte er seinen Bruder so zärtlich, daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich ist?«

»Nein, nein – das ist vielleicht nicht der Fall. Ich glaube aber, daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden. Mr. Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht, und vielleicht war er es auch, der den Vater gegen ihn einnahm. Der alte Herr liebte das Geld gar sehr und war stets ängstlich darauf bedacht, das Familienvermögen und die Güter zusammenzuhalten. Der Gedanke, das Besitztum durch Teilung zu verringern, war ihm unangenehm, und doch wünschte er, daß auch Mr. Edward reich sein solle, um den Glanz des Namens aufrecht zu erhalten; und bald nachdem er großjährig geworden, wurden einige Schritte gethan, die nicht ganz gerecht waren und sehr viel Unheil anrichteten. Der alte Mr. Rochester und Mr. Rowland wirkten zusammen, um Mr. Edward in das zu bringen, was er eine peinliche Situation nannte, nur damit er sein Glück machen solle. Welcher Art diese Lage gewesen, habe ich nicht genau erfahren, aber sein Gemüt konnte niemals überwinden, was er durch dieselbe zu leiden hatte. Er brach mit seiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren ein unstätes Leben geführt. Ich glaube nicht, daß er seit dem Tode seines Bruders, der ohne Testament starb und ihn als Erben der Güter hinterließ, vierzehn Tage hintereinander in [196] Thornfield ausgehalten hat. Und in der That, es ist kein Wunder, wenn er das alte Haus meidet.«

»Weshalb sollte er es denn meiden?«

»– – Vielleicht erscheint es ihm düster.«

Die Antwort klang ausweichend – ich hätte gern etwas bestimmteres gehört; aber Mrs. Fairfax wollte oder konnte mir keine genauere Auskunft über die Ursache oder die Art von Mr. Rochesters Prüfungen geben. Sie behauptete, daß sie auch für sie ein Geheimnis seien, und daß alles, was sie wisse, nur auf Vermutungen basiere. Es war augenscheinlich, daß sie wünschte, ich möge den Gegenstand fallen lassen. – Und das that ich auch.

Fußnoten

1 Und das soll bedeuten, daß ein Geschenk für mich darin sein wird, und vielleicht auch für Sie, Fräulein. Der Herr hat von Ihnen gesprochen: er hat mich nach dem Namen meiner Gouvernante gefragt, und ob diese nicht eine kleine Person sei, ziemlich dünn und ein wenig bleich. Ich habe Ja gesagt; denn es ist wahr, Fräulein, nicht wahr?

2 Nicht wahr, mein Herr, in Ihrem Koffer liegt ein Geschenk für Fräulein Eyre?

Vierzehntes Kapitel

Während vieler der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester wenig. Des Morgens schien er ganz von Geschäften in Anspruch genommen, und am Nachmittag kamen gewöhnlich Herren aus Millcote oder der Nachbarschaft, um ihre Besuche zu machen und zuweilen auch, um am Mittagessen teilzunehmen. Als seine Verrenkung soweit geheilt war, daß sie ihm wiederum gestattete auszureiten, machte er viele und weite Ritte. Wahrscheinlich erwiderte er jene Besuche, denn gewöhnlich kam er erst spät in der Nacht zurück.

Während dieser Zeit wurde auch Adele nur selten zu ihm geholt, und meine ganze Bekanntschaft mit ihm beschränkte sich auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle, auf der Treppe, oder in der Galerie; zuweilen ging er hochmütig und kalt an uns vorüber und nahm von meiner Gegenwart nur durch eine steife Verbeugung oder einen kalten Blick Notiz; ein anderes Mal hingegen lächelte er wieder und begrüßte mich mit der zwanglosen Höflichkeit eines Gentleman. Seine wechselnde Laune beleidigte mich nicht, denn ich sah bald ein, daß meine Person mit diesen Wechseln nichts zu thun hatte; die Ebbe und Flut hing von Ursachen ab, mit denen ich in keiner Verbindung stand.

[197] Eines Tages hatte er zum Mittagsessen Gäste gehabt und während desselben hatte er meine Zeichenmappe holen lassen, ohne Zweifel zu dem Zweck, um ihren Inhalt zu zeigen.

Die Herren entfernten sich früh, um einer öffentlichen Versammlung in Millcote beizuwohnen, wie Mrs. Fairfax mir mitteilte; da der Abend aber naßkalt und rauh war, begleitete Mr. Rochester sie nicht. Bald nachdem sie sich entfernt hatten, zog er die Glocke. Es kam der Befehl, daß Adele und ich nach unten kommen sollten. Ich bürstete Adelens Haar und machte sie zierlich, und nachdem ich mich vergewissert hatte, daß ich in meinem gewöhnlichen Quäkerputz war, der keiner »Retouche« bedurfte, – da alles zu fest und einfach und glatt, die Haarfrisur einbegriffen, um eine Unordnung zuzulassen – gingen wir hinunter. Adele fragte mich, ob ich glaube, daß der petit coffre endlich angekommen sei; denn durch irgend einen Irrtum hatte seine Ankunft sich bis jetzt verzögert. Ihre Hoffnung ging in Erfüllung; da stand er, der kleine Karton, auf dem Tische; beim Eintritt fielen unsere Blicke sogleich auf denselben. Instinktiv schien sie ihn zu erkennen.

»Ma boîte! ma boîte!« 1 rief sie aus, und lief auf den Tisch zu.

»Ja, da ist deine ›boîte‹ endlich. Nimm sie dir in eine Ecke, du echte Tochter des schönen Paris, und amüsiere dich mit dem Auspacken,« sagte Mr. Rochester mit seiner tiefen und ziemlich sarkastischen Stimme, die aus einem großen, tiefen Lehnstuhl vom Kamin her ertönte. »Und merke es dir,« fuhr er fort, »quäle mich nicht mit den Details des anatomischen Prozesses oder irgend einer Bemerkung über die Zustände der Eingeweide; führe deine Operation unter Stillschweigen aus – tiens-toi tranquille, mon enfant; comprends-tu?« 2

[198] Es schien dieser Warnung bei Adele gar nicht zu bedürfen; sie hatte sich mit ihrem Schatz bereits auf ein Sofa zurückgezogen und war damit beschäftigt, den Bindfaden, welcher den Deckel hielt, zu lösen. Nachdem sie dies Hindernis entfernt und einige silberartige Hüllen von Seidenpapier emporgehoben hatte, rief sie nur aus:

»Oh, ciel, que c'est beau!« 3 dann blieb sie regungslos in extatischer Betrachtung stehen.

»Ist Miß Eyre da?« fragte der Herr des Hauses jetzt, indem er sich halb aus seinem Lehnsessel erhob und sich nach der Thür umblickte, neben welcher ich noch immer stand.

»O! das ist gut! Treten Sie näher, und setzen Sie sich zu mir.« Er zog einen Stuhl an den seinen heran. »Ich bin kein Freund vom Geplauder der Kinder,« fuhr er fort, »denn ein alter Junggeselle wie ich hat keine freundlichen Erinnerungen, die sich an ihr Lallen knüpfen könnten. Es wäre unerträglich für mich, wenn ich einen ganzen Abend tête-à-tête mit solch einem Kinde zubringen sollte. Ziehen Sie den Stuhl nicht weiter zurück, Miß Eyre, setzen Sie sich gerade da, wohin ich ihn gestellt habe, das heißt natürlich, wenn es Ihnen recht ist. Zum Teufel mit diesen Förmlichkeiten! Ich vergesse sie immer wieder. Für einfache, harmlose alte Damen habe ich auch keine besondere Vorliebe. Dabei fällt mir ein, für die meine sollte ich sie doch haben; es würde nichts Gutes daraus entstehen, wenn ich sie vernachlässigen wollte. Sie ist eine Fairfax, oder war doch mit einem solchen verheiratet; und Blut ist dicker als Wasser, wie das Sprichwort sagt.«

Er zog die Glocke und sandte eine Aufforderung an Mrs. Fairfax, welche gleich darauf mit ihrem Strickkorbe in der Hand erschien.

»Guten Abend, Madame; ich ließ Sie zu einem mildthätigen [199] Zwecke hierher bitten: ich habe Adele verboten mit mir über ihre Geschenke zu sprechen und sie stirbt jetzt beinahe vor verhaltener Aufregung; haben Sie die Güte, ihr als Zuhörerin und Fragestellerin zu dienen; es wäre eine der barmherzigsten Thaten, die Sie jemals vollbracht haben.«

In der That, kaum hatte Adele Mrs. Fairfax erblickt, als sie ihr schon ein Zeichen machte, an das Sofa zu kommen. Dort füllte sie ihr den Schoß mit dem ganzen Inhalt von Porzellan, Elfenbein und Wachs ihrer boîte und gab zugleich ihr Entzücken in dem kleinen Vorrat von Englisch zu erkennen, dessen sie mächtig war.

»Jetzt habe ich die Rolle eines liebenswürdigen Wirtes gespielt und meinen Gästen den Weg gezeigt, auf dem sie ihre Unterhaltung finden können,« fuhr Mr. Rochester fort, »nun sollte es mir aber auch erlaubt sein, meinen eigenen Vergnügungen nachzugehen. Miß Eyre, ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein klein wenig näher, Sie sitzen noch zu weit zurück. Ich kann Sie nicht sehen, ohne meine bequeme Lage in diesem prächtigen Stuhl aufzugeben; und dazu habe ich allerdings keine Lust.«

Ich that, wie mir geheißen wurde, obgleich ich viel lieber ein wenig im Schatten geblieben wäre; aber Mr. Rochester hatte eine so direkte Art, seine Befehle zu erteilen, daß es die natürlichste Sache der Welt war, ihm augenblicklich zu gehorchen.

Wie ich schon erwähnt habe, befanden wir uns im Speisezimmer; der Kronleuchter, dessen Kerzen für die Mittagstafel angezündet gewesen, erfüllte das Zimmer mit einem festlichen Glanz; das große Feuer brannte rot und hell und klar; die roten Vorhänge hingen in reichen Falten vor dem hohen Bogenfenster und der noch höheren Bogenthür; ringsum herrschte Ruhe, nur Adelens leises Geplauder – sie wagte nicht laut zu sprechen – unterbrach dann und wann die Stille. Draußen schlug der Winterregen kaum hörbar gegen die Scheiben.

[200] Wie Mr. Rochester so in seinem köstlich reichen Lehnstuhl dasaß, sah er ganz anders aus, als er mir bis dahin erschienen war, – nicht ganz so strenge, weniger düster. Auf seinen Lippen ruhte ein Lächeln, seine Augen funkelten; ob dies die Wirkung des Weins war oder nicht – das weiß ich nicht; aber ich halte es für wahrscheinlich. Kurzum, er war in seiner »Nach dem Mittagessen-Stimmung« natürlicher, lebhafter, elastischer, mitteilsamer, nicht so strenge und steif und förmlich als des Morgens. Und doch sah er noch ein wenig grimmig aus, wie er seinen massiven Kopf gegen die schwellenden Polster des Lehnstuhls legte und der Schein des Feuers auf seine wie aus Granit gehauenen Züge und seine großen, dunklen Augen fiel – denn er hatte große, dunkle Augen und sehr schöne Augen obendrein; – zuweilen wechselte der Ausdruck in ihren Tiefen und wenn es auch nicht grade Weichheit war, die sich dort spiegelte, so erinnerte es doch wenigstens an diese Empfindung.

Zwei Minuten hatte er ins Feuer geblickt, und ebenso lange hatte ich ihn angesehen – da wandte er sich plötzlich um und erhaschte meinen Blick, der auf seine Physiognomie geheftet gewesen.

»Sie prüfen mein Gesicht, Miß Eyre,« sagte er, »finden Sie mich schön?«

Wenn ich überlegt hätte, so würde ich auf diese Frage mit irgend einer konventionellen Höflichkeit geantwortet haben; aber ehe ich selbst es recht wußte, entschlüpfte die Antwort meinen Lippen: »Nein, Sir!«

»Ah! Auf mein Ehrenwort, Sie haben etwas ganz eigentümliches,« sagte er, »Sie sehen aus wie eine kleine Nonne; einfach, ruhig, ernst und selbstbewußt, wie Sie so mit gefalteten Händen da sitzen und die Blicke gewöhnlich auf den Teppich heften – ausgenommen, nebenbei gesagt, wenn sie durchdringend auf meinem Gesicht ruhen wie eben jetzt zum Beispiel – und wenn man dann eine Frage an [201] Sie richtet oder eine Bemerkung macht, auf welche Sie zu antworten gezwungen sind, so kommen Sie mit einer Entgegnung, die, wenn auch nicht gerade grob, so doch wenigstens brüsk ist. Was bezwecken Sie eigentlich damit?«

»Sir, ich war wohl zu deutlich. Ich bitte um Entschuldigung. Ich hätte antworten müssen, daß es nicht so leicht ist, eine Stegreif-Antwort auf eine Frage über äußere Erscheinung zu geben; daß der Geschmack verschieden ist; daß Schönheit wenig bedeutet, oder irgend etwas ähnliches.«

»Nein, Sie hätten durchaus nichts ähnliches antworten müssen. Schönheit wenig bedeuten! In der That! Und so, unter dem Vorwande, die vorhergehende Beleidigung wieder gut zu machen, mich zu streicheln und zu beruhigen, stoßen Sie mir ein feines, kleines Messer in den Nacken! Fahren Sie fort. Welche Fehler finden Sie sonst noch an mir? Bitte, sprechen Sie. Ich vermute doch, daß all meine Gesichtszüge und meine Gliedmaßen gerade so sind wie die anderer Leute?«

»Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen; ich hatte nicht die Absicht, eine spitze Bemerkung zu machen, es war wirklich nur eine Dummheit.«

»Da haben Sie recht. Das glaube ich auch. Und Sie sollen dafür büßen. Kritisieren Sie mich. Gefällt meine Stirn Ihnen nicht?«

Er strich die schwarzen Haarwellen, welche horizontal über seine Stirn fielen, zur Seite und zeigte dabei eine ziemlich solide Masse intellektueller Organe, wo indessen das sanfte Zeichen des Wohlwollens und der Güte sich hätte erheben sollen, war ein plötzlicher Mangel sichtbar.

»Nun Fräulein, bin ich ein Narr?«

»Weit entfernt, Sir. Vielleicht halten Sie mich für ungezogen, wenn ich Sie als Erwiderung frage, ob Sie ein Philanthrop sind?«

»Also wieder! Noch ein Stich mit dem feinen, kleinen [202] Federmesser, während Sie vorgaben, meinen Kopf zu streicheln. Und das nur, weil ich gesagt habe, daß ich die Gesellschaft kleiner Kinder und alter Frauen – leise sei es gesagt – nicht liebe! Nein, meine junge Dame, ich bin kein allgemeiner Philanthrop, aber ich habe ein Gewissen;« und dabei zeigte er auf die Organe, welche diese Eigenschaft oder Fähigkeit verraten sollen – und die, zum Glück für ihn, ziemlich sichtbar waren und dem oberen Teil seines Kopfes eine bemerkenswerte Breite verliehen, »und außerdem wohnte meinem Herzen einst eine rohe Art von Zärtlichkeit inne. Als ich so alt war wie Sie, war ich ein ganz gefühlvoller Bursche; ich hatte Mitleid mit den Unterdrückten, den Vernachlässigten, den Unglücklichen; aber seitdem hat das Schicksal mich hin- und hergeworfen; es hat mich mit seinen Fäusten förmlich geknetet, und jetzt schmeichle ich mir, so hart und so zähe zu sein wie ein Gummiball. In der Mitte des Klumpens ist nur noch ein kleiner, empfindlicher Punkt, und an einer oder zwei unmerkbaren Stellen vermag noch etwas einzudringen. Ja! Und giebt es da noch irgend eine Hoffnung für mich?«

»Hoffnung auf was, Sir?«

»Auf meine schließliche Wiederumgestaltung vom Gummi zu Fleisch und Blut?«

»Ganz entschieden hat er zu viel Wein getrunken,« dachte ich bei mir und ich wußte nicht, welche Antwort ich auf seine sonderbare Frage geben sollte. Wie konnte ich denn wissen, ob er einer Wiedertransformation noch fähig sei?

»Sie sehen ganz verblüfft aus, Miß Eyre; und obgleich Sie ebensowenig hübsch sind wie ich schön bin, so kleidet diese verblüffte Miene Sie ausgezeichnet; außerdem ist sie bequem, denn sie lenkt Ihre prüfenden Blicke von meiner Physiognomie ab und beschäftigt sie mit den gewebten Blumen auf dem Kaminteppich; also seien Sie nur weiter verblüfft. [203] Junge Dame, heute Abend bin ich in der Stimmung, lebhaft und mitteilsam zu sein.«

Mit dieser Ankündigung erhob er sich von seinem Stuhl, ging an das Feuer und lehnte den Arm auf den Kaminsims. In dieser Stellung traten seine Figur und sein Gesicht besonders deutlich hervor; ebenso die ungewöhnliche Breite seiner Schultern, welche zu seiner Höhe in gar keinem Verhältnis stand. Ich bin fest überzeugt, daß die meisten Menschen ihn für einen häßlichen Mann gehalten haben würden; und doch lag in seiner Haltung so viel unbewußter Stolz, in seinen Bewegungen so viel Leichtigkeit; in seiner Miene so unendliche Gleichgiltigkeit gegen seine eigene äußere Erscheinung; ein so hochmütiges, stolzes Sichverlassen auf die Macht anderer Eigenschaften innerer und äußerer Art, die für den Mangel persönlicher Reize entschädigen konnten, daß man unwillkürlich diese Gleichgiltigkeit teilen mußte, wenn man ihn ansah, und sogar in einem gewissen, nur halbbewußten Sinne an sein Selbstvertrauen zu glauben begann.

»Ich bin heute Abend in der Stimmung, lebhaft und mitteilsam zu sein,« wiederholte er, »und das ist der Grund, weshalb ich Sie hierher bitten ließ; das Kaminfeuer und der Kronleuchter genügten mir nicht als Gesellschaft, und ebensowenig wäre Pilot es gewesen, denn keines von diesen kann reden. Adele ist um einen Grad besser, doch noch tief unter der Linie; Mrs. Fairfax dito, aber Sie können mir genügen, wenn Sie wollen, dessen bin ich gewiß. Sie verblüfften mich schon an dem ersten Abend, als ich Sie einlud, herunterzukommen. Seitdem habe ich Sie beinahe schon wieder vergessen. Andere Gedanken haben jene an Sie aus meinem Kopfe vertrieben; heute Abend aber bin ich entschlossen, mich wohl zu fühlen, alles zu verbannen, was quälend ist, das ins Gedächtnis zurückzurufen, was angenehm ist. Jetzt würde es mir Freude machen, Sie zum [204] plaudern zu bringen, Sie näher kennen zu lernen – deshalb sprechen Sie.«

Anstatt zu sprechen, lächelte ich. Aber es war gerade kein unterwürfiges oder gefälliges Lächeln.

»Sprechen Sie,« drängte er.

»Über was denn, Sir?«

»Über was Sie wollen. Das Gesprächsthema und die Art und Weise es zu behandeln überlasse ich Ihnen; wählen Sie selbst.«

Folglich setzte ich mich und sagte gar nichts: »Wenn er erwartet, daß ich sprechen soll, nur um zu sprechen und mich zu zeigen, so wird er finden, daß er an die unrechte Person gekommen ist,« dachte ich.

»Sie sind stumm, Miß Eyre.«

Ich war noch immer stumm. Er neigte den Kopf zu mir und schien mit einem einzigen hastigen Blicke in die tiefste Tiefe meiner Seele tauchen zu wollen.

»Eigensinnig?« fragte er, »und ärgerlich? Ah, ich habe es übrigens verdient. Ich stellte meine Frage in einer absurden, beinahe unverschämten Form. Miß Eyre, ich bitte Sie um Verzeihung. Ein- für allemal muß ich Ihnen nämlich sagen, daß ich Sie nicht gern wie eine Untergebene behandeln möchte. Das heißt – hier verbesserte er sich – ich nehme nur jene Überlegenheit für mich in Anspruch, welche die zwanzig Jahre Unterschied im Alter und die hundert Jahre in Erfahrung mir geben. Das ist nur gerecht, et j'y tiens, 4 wie Adele sagen würde; und kraft dieser Überlegenheit und nur dieser allein wünschte ich, daß Sie die Güte haben möchten, jetzt ein wenig mit mir zu plaudern und meine Gedanken zu zerstreuen, die durch das Verweilen bei einer einzigen Sache ganz gallig geworden sind: angefressen wie ein rostiger Nagel.«

Er hatte mich einer Erklärung gewürdigt, beinahe einer [205] Entschuldigung; ich war nicht unempfindlich für seine Herablassung, aber ich wollte es nicht merken lassen.

»Ich will Sie sehr gern unterhalten, Sir, sehr gern; aber ich kann kein Gesprächsthema wählen, weil ich nicht weiß, was Sie interessieren kann. Fragen Sie mich nur, und ich will mein Bestes thun, um Ihnen zu antworten.«

»Also in erster Reihe, stimmen Sie mit mir überein, daß ich das Recht habe, ein wenig herrisch und seltsam, zuweilen vielleicht auch ein wenig rechthaberisch zu sein, fußend auf den Gründen, die ich Ihnen angeführt habe; nämlich, daß ich alt genug bin, um Ihr Vater zu sein und daß ich mit vielen Menschen und vielen Nationen die verschiedenartigsten Erfahrungen gemacht und mehr als die Hälfte des Erdballs durchstreift habe, während Sie ruhig mit denselben Menschen in demselben Hause gelebt haben.«

»Thun Sie, was Ihnen gefällt, Sir.«

»Das ist keine Antwort, oder vielmehr eine sehr ärgerliche, weil es eine ausweichende ist, – bitte antworten Sie klar.«

»Ich glaube nicht, Sir, daß Sie ein Recht haben, mir zu befehlen, nur weil Sie älter sind als ich, oder weil Sie mehr von der Welt gesehen haben als ich; – Ihr Anspruch auf Überlegenheit entspringt dem Gebrauch, welchen Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht haben.«

»Bah! Das ist gut gesagt. Aber ich werde das nicht zugeben, weil ich sehe, daß es meiner Sache nicht nützen würde. Ich habe von beiden Vorteilen einen gleichgiltigen, um nicht zu sagen schlechten Gebrauch gemacht. Wenn wir die ›Überlegenheit‹ nun auch ganz aus dem Spiele lassen, so müssen Sie doch einwilligen, dann und wann meine Befehle entgegen zu nehmen, ohne sich durch den befehlenden Ton, in welchem ich sie gebe, verletzt zu fühlen; – wollen Sie das?«

Ich lächelte. Ich dachte bei mir: Mr. Rochester ist ein seltsamer Mann, – er scheint zu vergessen, daß er mir [206] dreißig Pfund Sterling jährlich zahlt, damit ich seine Befehle ausführe.

»Das Lächeln ist sehr schön,« sagte er, indem er augenblicklich den vorübergehenden Gesichtsausdruck bemerkte, »aber Sie müssen nun auch sprechen.«

»Ich dachte darüber nach, daß sehr wenig Herren sich darum kümmern würden, ob ihre bezahlten Untergebenen durch ihre Befehle verletzt und beleidigt wären oder nicht.«

»Bezahlte Untergebene! Was? Sie sind meine bezahlte Untergebene? Sind Sie das? Ach ja, ich hatte das Gehalt vergessen! Gut also! Wollen Sie mir auf diesen feilen Grund hin erlauben, ein wenig anmaßend zu sein?«

»Nein Sir; auf den Grund hin nicht; aber auf den Grund hin, daß Sie ihn vergessen konnten, und daß Sie sich darum kümmern, ob eine Untergebene in ihrer Abhängigkeit glücklich ist oder nicht, willige ich von Herzen gern ein.«

»Und wollen Sie auch einwilligen, mich von einer ganzen Menge konventioneller Formen und Phrasen zu dispensieren, ohne zu glauben, daß diese Unterlassung aus Nichtachtung entspringt?«

»Ich bin überzeugt, Sir, daß ich Formlosigkeit niemals mit Nichtachtung verwechseln würde; für das eine habe ich eine gewisse Schwäche, dem anderen würde sich kein Freigeborener fügen, nicht einmal um eines Lohnes willen.«

»Unsinn! Die meisten freigeborenen Geschöpfe würden alles ertragen um eines Lohnes willen; deshalb urteilen Sie nur für sich selbst und sprechen Sie nicht über Allgemeinheiten, über die Sie gänzlich in Unwissenheit sind. Indessen schüttele ich Ihnen im Geiste die Hand für Ihre Antwort, obgleich diese durchaus nicht treffend war, und ebensosehr für die Art, in welcher Sie es sagten, wie für den Inhalt der Rede; die Art und Weise war frank und frei und aufrichtig; man trifft sie nicht allzu oft an; nein, [207] im Gegenteil, Affektation oder Kälte, oder dummes, grobes, gemeines Mißverstehen der Absicht sind der gewöhnliche Lohn für Aufrichtigkeit. Unter dreitausend eben der Schule entwachsenen Gouvernanten würden nicht drei mir geantwortet haben, wie Sie es soeben gethan haben. Aber ich habe nicht die Absicht, Ihnen zu schmeicheln; wenn Sie in einer anderen Form gegossen sind als die Mehrzahl, so ist das nicht Ihr eigenes Verdienst, die Natur hat es gethan. Und dann bin ich auch wahrscheinlich zu voreilig in meinen Schlüssen, denn wie kann ich eigentlich wissen, ob Sie besser sind als die übrigen. Sie können ja unzählige unerträgliche Mängel und Fehler haben, welche Ihren guten Seiten das Gegengewicht halten.«

»Das können Sie ebenfalls,« dachte ich bei mir. Als dieser Gedanke mein Hirn kreuzte, begegnete mein Blick dem seinen; er schien in demselben zu lesen und er antwortete mir, als hätte ich meinem Denken Worte verliehen:

»Ja, ja! Sie haben recht,« sagte er, »ich selbst habe eine Menge Fehler; ich weiß das sehr wohl und wünsche durchaus nicht, sie zu beschönigen, dessen versichere ich Sie. Gott weiß, daß ich keine Ursache habe, andern gegenüber zu strenge zu sein. Mein früheres Dasein, eine lange Folge von Thaten, eine Färbung meines Lebens sind in meiner eigenen Brust verzeichnet, welche mein Naserümpfen und mein Urteil leicht von meinem Nächsten auf mich selbst lenken könnten. Im Alter von einundzwanzig Jahren warf man mich – denn wie andere Sünder lege auch ich gern die Hälfte der Schuld auf ein trauriges Schicksal und auf widrige Umstände – auf den falschen Pfad und seitdem ist es mir noch nicht geglückt, den rechten Weg wiederzufinden; aber ich hätte ein anderer Mensch sein können; ich hätte ebenso gut sein können wie Sie – klüger – fast ebenso rein. Ich beneide Sie um Ihren Seelenfrieden, um Ihr reines Gewissen, Ihre unbefleckte Erinnerung! [208] Mein kleines Mädchen, eine Erinnerung ohne einen dunklen Fleck, ohne Vorwurf muß ein großer Schatz sein, – eine unerschöpfliche Quelle reinster Erfrischung – ist es nicht so?«

»Wie waren denn Ihre Erinnerungen, als Sie achtzehn Jahre zählten?«

»O, damals war alles noch gut, klar, durchsichtig, gesund; damals hatte noch kein Schlagwasser sie zu einem faulen Tümpel gemacht. Mit achtzehn Jahren war ich Ihnen gleich – ganz gleich. Die Natur hatte mich im großen Ganzen zu einem guten Menschen bestimmt, Miß Eyre, zu einem von der besseren Sorte – und wie Sie sehen, bin ich es doch nicht geworden. Sie können mir nun erwidern, daß Sie es nicht sehen; wenigstens schmeichle ich mir, daß ich das in Ihrem Auge lese – nebenbei gesagt, hüten Sie sich davor, irgend etwas durch dies Organ auszudrücken, denn ich weiß seine Sprache wohl zu deuten. Aber nehmen Sie mein Wort darauf – ich bin kein Schurke, das dürfen Sie nicht voraussetzen – so viel böse Wichtigkeit dürfen Sie mir gar nicht zutrauen; nein, dank den Umständen mehr als meinem eigenen natürlichen Hange, bin ich ein ganz gewöhnlicher Sünder geworden, der in all den gemeinen armseligen Zerstreuungen abgenützt worden ist, mit denen die Reichen und Liederlichen das Leben auszuschmücken pflegen. Wundern Sie sich darüber, daß ich Ihnen dies Geständnis mache? Wissen Sie denn, daß Sie in Zukunft noch oft finden werden, daß man Sie zur unfreiwilligen Vertrauten der Geheimnisse Ihrer Freunde macht. Instinktiv werden die Menschen stets, wie ich es gethan habe, herausfinden, daß es nicht Ihre schwache Seite ist, von sich selbst zu reden, sondern aufmerksam zuzuhören, wenn andere von sich sprechen; sie werden auch herausfühlen, daß Sie nicht mit spöttischer Verachtung auf die Ergüsse ihrer Indiskretion horchen, sondern mit wirklicher Sympathie, welche nicht weniger tröstlich und ermutigend, [209] weil sie in ihren Kundgebungen weder laut noch aufdringlich ist.«

»Woher wissen Sie das? – Wie können Sie alles dies erraten, Sir?«

»Ich weiß es sehr wohl, dashalb spreche ich so frei von der Leber fort, als ob ich meine Gedanken in ein Tagebuch schriebe. Sie möchten mir gern sagen, daß ich stärker als die Verhältnisse hätte sein müssen, – ja, das hätte ich sein müssen – das hätte ich sein müssen; aber Sie sehen – ich war es nicht. Als das Schicksal mir ein Unrecht zufügte, besaß ich nicht genug Weisheit, um kalt und ruhig zu bleiben; ich geriet in Verzweiflung – dann entartete ich. Und wenn jetzt der lasterhafteste Dummkopf meinen Ekel durch seine gemeine Liederlichkeit erweckt, so kann ich mir nicht mehr schmeicheln, daß ich besser bin als er; ich bin gezwungen zu erklären, daß er und ich auf gleichem Standpunkt stehen. Ach, wie ich wünsche, daß ich standhaft geblieben! – Gott weiß, wie innig ich es wünsche! Wenn die Versuchung an Sie herantritt, Miß Eyre, so fürchten Sie sich vor Gewissensbissen! Gewissensqualen sind das Gift des Lebens!«

»Aber Sir, man sagt, daß die Reue sie heilt!«

»Nein, Reue heilt sie nicht! Besserung mag Heilung für sie sein; und ich könnte mich bessern – ich besitze noch Kraft genug dazu – wenn –, aber was nützt es denn, auch nur daran zu denken, gehindert, belastet, verflucht wie ich bin? Und außerdem, da dasGlücklichsein mir unwiderruflich versagt ist, habe ich doch das Recht, dem Leben so viel Freuden abzugewinnen, wie möglich, – und diese will ich haben, koste es, was es wolle!«

»Aber dann werden Sie noch mehr ausarten, Sir.«

»Das ist möglich! Aber weshalb sollte ich, wenn ich süße, neue Freuden haben kann? Und ich kann deren haben, so süß, so frisch, so unberührt wie der Honig, welchen die Biene im Walde sammelt.«

[210] »Aber diese Freuden werden bitter schmecken, Sir!«

»Wie können Sie das wissen? – Sie haben es ja niemals versucht. Wie unendlich ernst – wie feierlich Sie aussehen! Und Sie verstehen so wenig von der Sache wie diese Camée hier,« – er nahm eine solche vom Kaminsims.

»Sie haben kein Recht, mir zu predigen; Sie sind eine Neophytin, welche noch nicht durch das Thor des Lebens eingegangen und mit seinen Mysterien gänzlich unbekannt ist.«

»Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte, Sir. Sie sagten, daß Irren nur Gewissensbisse bringe und Sie erklärten Gewissensbisse für das Gift des Lebens.«

»Und wer spricht denn jetzt noch von Verirrungen? Ich glaube kaum, daß der Gedanke, welcher mein Hirn durchkreuzte, eine Verirrung war. Ich glaube, es war eher eine Eingebung als eine Versuchung, – es war sehr beruhigend, sehr belebend – das weiß ich. Und hier kommt dieser Gedanke schon wieder! Es ist kein Teufel, ich versichere Sie; oder wenn es einer ist, so hat er doch die Gewandung eines Engels des Lichts angelegt. Einen so schönen Gast muß ich doch einlassen, wenn er so bittend Einlaß in mein Herz begehrt!«

»Mißtrauen Sie ihm, Sir; es ist kein wahrer, kein lichter Engel!«

»Noch einmal, wie können Sie das wissen? Kraft welchen Instinkts glauben Sie zwischen einem gefallenen Engel aus dem Abgrund der Hölle und einem Boten von dem Thron des Ewigen unterscheiden zu können – zwischen einem Führer und einem Verführer?«

»Ich urteilte nach Ihrem Gesichte, Sir, und dieses sah kummervoll aus als Sie sagten, daß jener Gedanke Sie abermals heimsuche. Ich bin überzeugt, daß noch mehr Elend für Sie daraus entspringt, wenn Sie ihm Gehör schenken.«

[211] »Durchaus nicht. Es ist die lieblichste Botschaft der Welt; und überdies sind Sie ja nicht die Hüterin meines Gewissens, deshalb beruhigen Sie sich. Hier, komm herein, lieblicher Wanderer!«

Die letzten Worte sprach er wie zu einer Erscheinung, die keinem anderen Auge sichtbar als dem seinen. Dann verschränkte er die Arme, welche er halb ausgebreitet hatte, über der Brust und schien das unsichtbare Wesen in eine innige Umarmung zu schließen.

»Jetzt,« fuhr er zu mir gewendet fort, »habe ich den Pilger eingelassen – eine verkleidete Gottheit, wie ich glaube. Sie hat mir schon Liebes gethan; mein Herz war eine Art von Beinhaus; jetzt wird es ein Altar sein.«

»Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, Sir, so verstehe ich Sie durchaus gar nicht. Ich kann das Gespräch nicht weiter führen, weil es über meine Begriffe hinausgeht. Ich weiß nur eins: Sie sagten, daß Sie nicht so gut seien, wie Sie selbst es zu sein wünschten; und daß Sie Ihre eigene Unvollkommenheit tief beklagten, – das kann ich wohl verstehen; Sie deuteten an, daß es ein ewig wirkendes Gift sei, eine Vergangenheit zu haben, welche nicht ganz rein. Mir ist's, als würden Sie es mit der Zeit möglich finden,das zu werden, was Sie selbst wünschen, wenn Sie es ernstlich versuchten; Sie würden finden, daß wenn Sie von dem heutigen Tage an den festen Entschluß faßten, Ihre Thaten und Gedanken zu bessern, Sie in wenigen Jahren einen neuen und fleckenlosen Vorrat von Erinnerungen haben würden, die Sie stets mit Freuden heraufbeschwören könnten.«

»Sehr richtig gedacht, und richtig gesagt, Miß Eyre; und in diesem Augenblick pflastere ich den Weg zur Hölle mit größter Energie.«

»Sir?«

»Ich lege gute Vorsätze nieder, welche ich ebenso hart wie Kieselsteine glaube. Ganz gewiß, meine Gefährten, [212] meine Freunde, meine Beschäftigungen sollen andere werden, als sie es bisher waren.«

»Und bessere?«

»Und bessere – um so viel, wie reines Gold besser, als schlechte Schlacken ist. Sie scheinen an mir zu zweifeln; ich selbst zweifle nicht. Ich kenne mein Ziel, ich kenne meine Motive; und jetzt, in diesem Augenblick, erlasse ich ein Gesetz, unrückbar, unantastbar wie das der Meder und Perser, daß beide die einzig richtigen sind.«

»Das können sie nicht sein, Sir, wenn es eines neuen Gesetzes bedarf, um sie zu legalisieren.«

»Sie sind es doch, Miß Eyre, obgleich sie durchaus ein neues Gesetz verlangen. Unerhörtes Zusammenwirken von Umständen und Verhältnissen verlangt auch unerhörte Regeln und Gesetze.«

»Das scheint mir eine gefährliche Maxime, Sir; weil man auf den ersten Blick sehen kann, daß sie leicht mißbraucht werden kann.«

»Wortreiche Weise! so ist es: aber ich schwöre bei den Penaten meines Hauses, daß ich sie nicht mißbrauchen werde.«

»Sie sind auch nur ein Mensch und fehlbar.«

»Das weiß ich – aber Sie sind es ebenfalls. Was dann?«

»Die, die da menschlich sind und fehlbar, sollten sich nicht eine Macht aneignen, welche nur der Ewige mit Sicherheit handhaben kann.«

»Welche Macht?«

»Jene, von seltsamen und nicht sanktionierten Handlungen sagen zu dürfen: Sie sollen gerecht sein.«

»›Sie sollen gerecht sein.‹ Ja, ja, das sind die rechten Worte: Sie haben sie ausgesprochen.«

»Mögen sie denn gerecht sein,« sagte ich, indem ich mich erhob; ich hielt es für nutzlos, ein Gespräch weiter [213] zu führen, bei welchem ich gänzlich im Dunkeln tappte; außerdem fühlte ich, daß der Charakter meines Gegenüber sich gänzlich meiner Beurteilung entzog, wenigstens meinem augenblicklichen Urteilsvermögen; und die Unsicherheit bemächtigte sich meiner, welche stets die Überzeugung der eigenen Unwissenheit begleitet.

»Wohin gehen Sie?«

»Ich will Adele ins Bett bringen; es ist schon über ihre gewöhnliche Schlafenszeit hinaus.«

»Sie fürchten sich vor mir, weil ich dunkel spreche wie eine Sphynx.«

»Ihre Sprache ist allerdings rätselhaft, Sir; aber obgleich ich verblüfft bin, fürchte ich mich doch nicht.«

»Sie fürchten sich doch; Ihre Eigenliebe fürchtet sich, einen Irrtum zu begehen.«

»Ja; in dieser Beziehung fürchte ich mich allerdings – ich wünsche nicht, Unsinn zu schwatzen.«

»Und wenn Sie dies wirklich thäten, so würde es in einer so ernsten, ruhigen Weise geschehen, daß ich es für sehr sinnreich halten würde. Lachen Sie niemals, Miß Eyre? Bemühen Sie sich nicht, mir zu antworten – ich sehe, Sie lachen nur selten; aber Sie können sehr fröhlich lachen. Glauben Sie mir, von Natur sind Sie ebensowenig unfreundlich, wie ich lasterhaft bin. Der Zwang von Lowood lastet noch immer ein wenig auf Ihnen; er beherrscht Ihre Züge, dämpft Ihre Stimme und lähmt Ihre Glieder; und Sie fürchten in Gegenwart eines Mannes und Bruders – oder Vaters oder Herrn, sei es wer es sei – zu fröhlich zu lachen, zu frei zu sprechen oder sich zu schnell zu bewegen; aber ich hoffe, daß Sie es mit der Zeit lernen werden, mir gegenüber natürlich zu sein, denn ich finde es ganz unmöglich, mit Ihnen förmlich zu verkehren, und dann werden Ihre Züge und Ihre Bewegungen mehr Freiheit und Lebhaftigkeit und Abwechselung annehmen, als sie sich jetzt erlauben. Zuweilen hasche ich durch [214] die engen Stäbe eines Käfigs den Anblick eines seltsamen Vogels; ein lebhafter, ruheloser entschlossener Gefangener sitzt drinnen; wäre er aber frei, so würde er hoch in die Lüfte steigen. – Wollen Sie noch immer gehen?«

»Es hat bereits neun Uhr geschlagen.«

»Das schadet nichts. Warten Sie noch eine Minute. Adele ist noch nicht bereit, sich schlafen zu legen. Meine Stellung mit dem Rücken gegen das Feuer und dem Gesicht gegen das Zimmer begünstigt meinen Wunsch, Beobachtungen anzustellen, Miß Eyre. Während ich mit Ihnen sprach, beoachtete ich auch gelegentlich Adele; – (ich habe meine eigenen Gründe, sie für eine eigentümliche Studie zu halten, – Gründe, die ich Ihnen vielleicht, nein, gewiß eines Tages mitteilen werde;) vor ungefähr zehn Minuten zog sie einen kleinen rosa seidenen Rock aus ihrem Koffer; Entzücken malte sich auf ihren Zügen, als sie ihn entfaltete; die Koketterie liegt in ihrem Blute, vermischt sich mit ihrer Gehirnmasse und würzt das Mark ihrer Knochen. ›Il faut que je l'essaie!‹ rief sie,›et à l'instant même!‹ 5 und mit diesen Worten stürzte sie aus dem Zimmer hinaus. Sie ist jetzt bei Sophie und unterwirft sich einem Ankleideprozeß. In wenigen Minuten wird sie wieder eintreten, und ich weiß, was ich dann erblicken werde, – ein Miniaturbild von Celine Varens, wie sie beim Aufgehen des Vorhangs auf der Bühne von – – – doch lassen wir das lieber. Indessen, meine zärtlichsten Gefühle werden einen Schlag bekommen, ich habe eine Ahnung. Bleiben Sie, um zu sehen, ob diese sich erfüllen wird.«

Nicht lange dauerte es und wir hörten Adelens kleinen Fuß durch die Halle trippeln. Sie trat ein, umgewandelt, wie ihr Vormund es vorher gesagt hatte. Ein Kleid von rosenfarbigem Atlas, sehr kurz und so faltenreich, wie der schwere Stoff es erlaubte, ersetzte das braune Kleidchen, [215] welches sie vorher getragen; ein Kranz von Rosenknospen umschloß ihre Stirn; seidene Strümpfe und kleine, weiße Atlasschuhe bekleideten ihre Füße.

»Est ce que ma robe va bien?« rief sie vorwärts hüpfend, »et mes souliers? et mes bas? Tenez, je crois que je vais danser!« 6

Und indem sie ihr Kleid emporhob, chassierte sie durch das Zimmer. Als sie Mr. Rochester erreicht hatte, wirbelte sie vor ihm leicht auf den Zehen herum, ließ sich dann vor seinen Füßen auf ein Knie nieder und rief aus:

»Monsieur, je vous remercie mille fois de votre bonté,« dann erhob sie sich und fügte hinzu: »C'est comme cela que maman faisait, n'est ce pas, Monsieur?« 7

»Gerade so!« lautete die Antwort, und comme cela lockte sie mir auch das englische Gold aus meinen brittischen Hosentaschen. – Ich war auch einmal ›grün‹, Miß Eyre – ach ja, ›grasgrün‹, und kein frühlingsfrischer Hauch schmückt Sie jetzt, der nicht auch einst auf mir geruht hätte! Mein Frühling ist dahin indessen, aber er hat mir jene kleine französische Blütenknospe hinterlassen, welche ich in manchen Stimmungen oft gern wieder los sein möchte. Ich schätze und verehre die Wurzel nicht mehr, welcher sie entsprungen; ich habe seitdem erfahren, daß jene zu einer Abart gehörte, welche nur mit Goldstaub gedüngt werden konnte, – und ich liebe die Blüte nur noch zur Hälfte, besonders wenn sie so künstlich aussieht, wie in diesem Augenblick. Ich erhalte sie und pflege sie eigentlich nur nach jener Lehre der römisch-katholischen Kirche, die da sagt, daß wir durch eine gute That unzählige Sünden zu sühnen vermögen. »Alles dies werde ich Ihnen ein andermal erklären. Gute Nacht!«

Fußnoten

1 Meine Schachtel! Meine Schachtel!

2 Verhalt dich ruhig, mein Kind; verstehst du?

3 O Himmel, wie schön das ist!

4 ich bleibe dabei.

5 Ich muß es anprobieren, und das sogleich.

6 Sitzt mein Kleid gut? Und meine Schuhe? Und meine Strümpfe? Hört, ich glaube, ich werde tanzen.

7 Mein Herr, ich danke Ihnen tausendmal für Ihre Güte. – So machte Mama, nicht wahr, mein Herr?

[216] Fünfzehntes Kapitel

Und bei einer späteren Gelegenheit erklärte Mr. Rochester mir alles.

Es war an einem Nachmittage, als er mir und Adele zufällig im Garten begegnete. Während sie mit Pilot und ihrem Federball spielte, forderte er mich auf, mit ihm in einer langen Buchenallee auf und ab zu gehen, von wo aus wir sie im Auge behielten.

Er erzählte mir also, daß sie die Tochter einer französischen Tänzerin, Cecile Varens, sei, für welche er einst, wie er sich ausdrückte, eine »grande passion« 1 gehegt hatte. Und Cecile hatte vorgegeben, diese»passion« mit einer ebenso glühenden Liebe zu erwidern. Er hielt sich für ihren Abgott trotz seiner Häßlichkeit; er sagte, er habe geglaubt, daß sie seine»taille d'athlète« 2 der Eleganz des Apoll von Belvedere vorziehe.

»Und, Miß Eyre, so sehr schmeichelte mir der Vorzug, welchen jene gallische Nymphe ihrem brittischen Gnomen gab, daß ich sie in einem Hotel installierte, ihr einen ganzen Haushalt von Dienern gab, eine Equipage, indische Shawls, Diamanten, Spitzen u.s.w. Kurzum, ich begann den Prozeß, mich in der hergebrachten Weise zu ruinieren, wie jeder erste beste Dummkopf. Wie es scheint, besaß ich nicht ein mal so viel Originalität, um einen neuen Weg zur Schande und zum Ruin zu finden, sondern ging mit stüpider Genauigkeit auf der alten Spur entlang, um nicht einen Zollbreit von der ausgetretenen Straße abzuweichen. Wie ich es verdiente, traf auch mich das Los aller anderen Tölpel. Eines Abends, als Celine mich nicht erwartete, kam ich zufällig, um ihr einen Besuch zu machen und fand sie nicht zu Hause; es war jedoch ein heißer [217] Abend, und da ich des Umherschlenderns in Paris müde war, setzte ich mich in ihrem Boudoir, glücklich, die Luft einatmen zu können, welche sie soeben noch durch ihre Gegenwart geweiht hatte. Nein, – ich übertreibe; ich habe niemals geglaubt, daß sie irgend eine heiligende Tugend besitze; es war vielmehr ein sehr süßliches Parfüm, welches sie zurückgelassen hatte, ein Duft von Amber und Moschus, der durchaus nicht an Heiligkeit erinnerte. Ich war gerade im Begriff an dem Geruch der Treibhausblumen und der versprengten Essenzen zu ersticken, als es mir noch zu rechter Zeit einfiel, das Fenster zu öffnen und auf den Balkon hinauszugehen. Der Mond schien hell, das Gaslicht ebenfalls, und die Luft war still und klar. Auf dem Balkon standen ein oder zwei Stühle; ich setzte mich, zog eine Cigarre heraus – ich werde auch jetzt eine nehmen, wenn Sie gestatten.«

Hier folgte eine Pause, welche er damit ausfüllte, daß er eine Cigarre herausnahm und anzündete. Nachdem er sie an seine Lippen geführt und den Havanna-Weihrauch in die kalte, frostige, sonnenlose Luft hinausgehaucht hatte, fuhr er fort:

»In jenen Tagen liebte ich auch sogar die Bonbons, Miß Eyre, und ich knusperte – verzeihen Sie den Barbarismus – ich knusperte abwechselnd Chokoladeconfitüren und rauchte meine Havanna, betrachtete die Equipagen, welche durch die vornehmen Straßen dem benachbarten Opernhause zurollten, als ich in einem eleganten, geschlossenen, von einem herrlichen Paar englischer Pferde gezogenen Wagen, den ich deutlich in dem strahlenden Gaslicht sah, die ›voiture‹ erkannte, welche ich Celine geschenkt hatte. Sie kehrte zurück; selbstverständlich pochte mein Herz ungestüm vor Ungeduld gegen das eiserne Gitter, auf welches ich mich lehnte. Wie ich erwartet hatte, hielt der Wagen an der Thür des Hotels; meine Flamme – das ist das richtige Wort für eine Opern-innamorata – stieg aus. Obgleich [218] sie dicht in einen Mantel gehüllt war – eine unnötige Last an einem so warmen Juniabende – erkannte ich sie sofort an ihrem kleinen Fuße, welcher unter dem Rande ihres Kleides hervorsah, als sie von dem Wagentritt herunterhüpfte. Ich war gerade im Begriff, mich über den Balkon zu beugen und in einem Tone, welcher nur für das Ohr der Liebe vernehmbar sein sollte ›mon ange‹ 3 zu murmeln, als nach ihr noch eine Gestalt aus dem Wagen sprang. Auch sie war in einen Mantel gehüllt; aber es war ein bespornter Absatz, welcher auf dem Straßenpflaster klirrte, ein mit einem schwarzen Hute bedeckter Kopf, welcher unter der gewölbten porte-cochère 4 des Hotels verschwand.

Nicht wahr, Miß Eyre, Sie haben niemals empfunden, was Eifersucht ist? Natürlich nicht. Ich brauche gar nicht zu fragen. Sie haben ja niemals Liebe gekannt. Beide Gefühle sollen Sie erst durch die Erfahrung kennen lernen; Ihre Seele schläft noch; der Schlag soll noch erfolgen, der sie wecken wird. Sie glauben, daß das ganze Leben in dem ruhigen Bache dahinfließt, in welchem Ihre Jugend bis jetzt dahinschlich. Mit geschlossenen Augen und tauben Ohren lassen Sie sich treiben, Sie sehen die Felsen nicht, welche in kurzer Entfernung unter der Oberfläche sich erheben; Sie hören nicht, wie die Fluten sich an den Wellenbrechern bäumen. Aber ich sage Ihnen – und merken Sie sich meine Worte – Sie werden eines Tages an dem felsigen Engpaß des Kanals ankommen, wo der ganze Lebensstrom sich in Wirbel und Tumult auflöst, in Lärm und Schaum und Toben; entweder werden Sie an den Felsen in Atome zerschellen – oder eine große Welle wird Sie emporheben und Sie in einen ruhigen Strom tragen – wie es mir geschehen ist.

[219] Ich liebe diesen Tag, ich liebe diesen bleiernen Himmel; ich liebe diese Ruhe, diese Stille, diese Erstarrung der Welt in diesem Frost. Ich liebe Thornfield; sein altehrwürdiges Aussehen; seine Abgeschiedenheit, seinen alten Krähenhorst und seine Dornbäume; seine graue Facade; die langen Reihen dunkler Fenster, welche jenen metallenen Himmel widerspiegeln! Und doch, wie lange Zeit habe ich den bloßenGedanken an diesen Ort verabscheut; wie lange habe ich ihn verabscheut, wie ein von der Pest befallenes Haus! Wie verabscheue ich noch heute –«

Er knirschte mit den Zähnen und schwieg; dann hielt er im Gehen inne und stampfte auf den hartgefrorenen Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien ihn erfaßt zu haben und ihn so fest zu halten, daß er nicht imstande war, einen Schritt vorwärts zu thun.

Wir schritten die Allee hinauf, als er auf diese Weise im Gehen inne hielt; das Herrenhaus lag vor uns. Indem er die Augen zu jenen Zinnen erhob, warf er einen Blick auf dieselben, wie ich vorher und nachher niemals einen ähnlichen gesehen. Schmerz, Schande, Wut – Ungeduld, Ekel, Abscheu schienen in diesem Augenblick einen wogenden Kampf in den großen Augen zu halten, über denen sich die ebenholzschwarzen Brauen wölbten. Wild war der Streit um die Oberhand; dann aber erstand ein anderes Gefühl und triumphierte: etwas hartes und cynisches, eigenwilliges und entschlossenes; es dämpfte seine Leidenschaft und versteinerte sein Gesicht; er fuhr fort:

»Während des Augenblickes, wo ich schwieg, Miß Eyre, kämpfte ich eine Sache mit meinem Schicksal aus. Da stand es, an jenem Birkenstamme – eine Hexe, ähnlich einer von jenen, welche Macbeth auf der Haide von Forres erschienen. ›Liebst du Thornfield?‹ fragte sie und hob den Finger empor; und dann schrieb sie ein Memento in die Luft, welches in feurigen Hieroglyphen an der ganzen Front des Hauses entlang lief und zwar zwischen den Fenstern [220] des ersten und zweiten Stockwerks; ›Liebe es, wenn du kannst! Liebe es, wenn du den Mut dazu hast!‹«

»Ich will es lieben!« sagte ich. »Ich habe den Mut, es zu lieben, und,« fügte er düster hinzu, »ich werde mein Wort halten; ich werde jedes Hindernis zertrümmern, das sich dem Glück und dem Gutsein in den Weg stellt – ja, dem Gutsein; ich will ein besserer Mensch sein, als ich war, als ich bin – wie Hiobs Wallfisch den Speer, den Wurfspieß und die Harpune zerbrach; Hindernisse, welche andere Menschen für Stahl und Eisen halten, sollen für mich nichts anderes sein als Strohhalme, als schwaches, faules Holz.«

Hier kam Adele ihm mit ihrem Federball entgegengelaufen. »Fort mit dir!« rief er heftig, »halte dich fern, Kind, oder geh hinein zu Sophie!« Als er dann seinen Weg wieder schweigend fortsetzte, wagte ich es, ihm den Punkt seiner Erzählung wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, wo er plötzlich abgeschweift war:

»Und verließen Sie den Balkon, Sir, als Mademoiselle Varens eintrat?« fragte ich.

Ich erwartete beinahe eine Zurechtweisung für diese schlecht angebrachte Frage; aber das Gegenteil geschah, er erwachte aus seiner düsteren Grübelei, wandte die Blicke zu mir und der trübe Schatten schien von seiner Stirn zu schwinden.

»Ah! ich hatte Celine vergessen! Also, um wieder auf die Sache zurückzukommen, als ich meine Zauberin so von einem Kavalier begleitet ins Zimmer treten sah, war mir's, als vernähme ich ein Zischen und die grünäugige Schlange der Eifersucht ringelte sich in unzähligen Windungen von dem mondbeschienenen Balkon empor, kroch in meine Weste und hatte in zwei Minuten den Weg bis in das Innerste meines Herzens gefunden! Seltsam!«

Wieder brach er ab.

»Seltsam, daß ich Sie zur Vertrauten all dieser Dinge [221] wählen mußte, junge Dame, und noch viel seltsamer, daß Sie mir so ruhig zuhören, als wäre es die natürlichste und gewöhnlichste Sache der Welt, daß ein Mann einem zarten, unerfahrenen Mädchen wie Sie es sind, die Geschichten seiner Geliebten, einer Tänzerin, erzählt! Aber diese letzte Sonderbarkeit er klärt die erste, wie ich schon einmal andeutete. Sie mit Ihrem Ernst, Ihrer Überlegung und Vorsicht sind geschaffen, um die Großsiegelbewahrerin von Geheimnissen zu sein. Und außerdem weiß ich, welcher Beschaffenheit das Gemüt ist, das ich gewissermaßen mit dem meinigen in Rapport gesetzt habe; ich weiß, daß es eines ist, welches für keine Ansteckung empfänglich ist; es ist ein seltsames Gemüt – es ist eineinziges Gemüt! Glücklicherweise habe ich nicht die Absicht, ihm Schaden zuzufügen; aber selbst wenn ich sie hegte, so würde es sich von mir nicht schaden lassen. Je mehr Sie und ich miteinander sprechen, desto besser; denn während ich Ihre Seele nicht trüben kann, besitzen Sie die Fähigkeit, die meine zu erfrischen!« Nach dieser Abschwenkung fuhr er wieder fort:

»Ich blieb auf dem Balkon. Ohne Zweifel werden sie in ihr Boudoir kommen,« dachte ich, »ich werde einen Hinterhalt vorbereiten.« Dann schob ich meine Hand leise durch das geöffnete Fenster, zog den Vorhang vor dasselbe und ließ nur eine kleine Spalte offen, durch welche ich meine Beobachtungen machen konnte; dann schloß ich das Fenster bis auf eine schmale Ritze, die grade weit genug war, um die geflüsterten Schwüre eines Liebhabers herausdringen zu lassen; dann stahl ich mich zurück auf meinen Stuhl, und kaum hatte ich denselben eingenommen, als das Paar eintrat. Schnell war mein Auge an der Öffnung. Celine's Kammerjungfer trat ein, zündete eine Lampe an, stellte dieselbe auf den Tisch und entfernte sich wieder. So konnte ich das Paar also deutlich sehen. Beide legten ihre Mäntel ab, und da stand sie, die Varens, strahlend in [222] Atlas und Juwelen – meine Geschenke natürlich – und da stand auch ihr Begleiter in der Uniform eines Offiziers.

Ich erkannte in ihm einen jungen Roué von einem Vicomte, – ein gehirnarmer, lasterhafter Jüngling, den ich zuweilen in der Gesellschaft getroffen hatte und den ich niemals geglaubt hatte hassen zu müssen, weil ich ihn so gründlich verachtete. Als ich ihn erkannte, war der Stachel der Schlange »Eifersucht« augenblicklich gebrochen, denn in demselben Augenblick sank meine Liebe für Celine unter den Gefrierpunkt. Es war nicht der Mühe wert, um ein Weib zu kämpfen, das mich um eines solchen Rivalen willen verraten konnte; sie verdiente nichts als Verachtung, aber immer noch weniger als ich verdiente, der sich von ihr hatte betrügen lassen.

»Sie begannen zu sprechen; ihre Unterhaltung beruhigte mich vollständig: frivol, eigennützig, herzlos und sinnlos, war sie nur darauf berechnet einen Lauscher zu ermüden, anstatt ihn zu empören. Meine Visitenkarte lag auf dem Tische; als dies bemerkt wurde, zogen sie meinen Namen in die Diskussion. Keiner von beiden besaß genug Witz oder Energie, um ihn gründlich zu bearbeiten; aber sie beleidigten mich so roh und gemein, wie es ihnen in ihrer kleinlichen Weise möglich war, besonders Celine, die beinahe geistreich wurde, als sie über meine äußeren Mängel und Fehler herfiel – Ungestaltheit, wie sie es nannte. Nun war es stets ihre Gewohnheit gewesen, in wortreiche Bewunderung über das auszubrechen, was sie meine ›beauté mâle‹ 5 nannte, eine Sache, in der sie sich diametral von Ihnen unterschied, die mir bei unserem zweiten Begegnen schon gradezu erklärten, daß Sie mich durchaus nicht für schön halten. Der Kontrast frappierte mich damals sehr und, –

Hier kam Adele wiederum gelaufen. –«

[223] »Monsieur, John ist eben da gewesen, um zu sagen, daß Ihr Agent angekommen ist und Sie zu sprechen wünscht.«

»Ah! in diesem Falle muß ich mich kurz fassen. Ich öffnete die Balkonthür und trat zu ihnen ins Zimmer; ich befreite Celine von meinem Schutze, zeigte ihr an, daß sie das Hotel verlassen müsse, bot ihr eine gefüllte Börse für die augenblicklichen, dringendsten Ausgaben, kümmerte mich nicht um Geschrei, hysterische Thränen, Bitten, Beteuerungen, Krämpfe und Zuckungen, und traf mit dem Vicomte eine Verabredung für den folgenden Morgen im Bois de Boulogne. Am nächsten Morgen hatte ich das Vergnügen, ihm gegenüber zu stehen, ließ eine Kugel in einem seiner beiden jämmerlichen, kranken Arme zurück, die so schwach waren, wie die Flügel eines jungen Huhns, das den Pipps hat, und glaubte dann, mit der ganzen Gesellschaft fertig zu sein. Unglücklicherweise hatte die Varens mir aber sechs Monate zuvor dieses Mädchen Adele geschenkt, von welcher sie beschwor, daß es mein Kind sei, – und vielleicht ist sie's auch, obgleich ich in ihrem Antlitz keinen Zug ihres grausam häßlichen Vaters entdecken kann; Pilot hat mehr Ähnlichkeit mit mir als sie. Einige Jahre nachdem ich mit der Mutter gebrochen hatte, verließ sie ihr Kind und lief nach Italien mit einem Musikanten oder einem Sänger. Ich erklärte, daß Adele durchaus keine natürlichen, selbstverständlichen Ansprüche habe, von mir erhalten zu werden, und ebensowenig erkenne ichjetzt solche Ansprüche an, denn ich bin nicht ihr Vater; als ich aber hörte, daß das arme Geschöpf ganz verlassen sei, nahm ich es aus dem Schmutz und dem Elend und dem Schlamme von Paris und verpflanzte es hierher, um in dem reinen und gesunden Boden eines englischen Landhauses aufzuwachsen. Dann fand Mrs. Fairfax Sie, die Sie die zarte Pflanze pflegen und erziehen wollen; aber jetzt, wo Sie wissen, daß sie der Sprößling einer französischen Sängerin ist, werden Sie vielleicht anders von Ihrer Stellung und Ihrem Schützling [224] denken; eines Tages werden Sie mir mit der Nachricht kommen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben – daß Sie mich bitten, mich nach einer anderen Gouvernante umzusehen u.s.w. u.s.w., nicht wahr?«

»Nein – Adele ist weder für die Sünden ihrer Mutter, noch für die Ihren verantwortlich; ich hege eine Neigung für sie, und jetzt, wo ich weiß, daß sie in gewissem Sinne elternlos ist – verlassen von ihrer Mutter und verleugnet von Ihnen, Sir – jetzt werde ich sie noch lieber haben als bisher. Wie wäre es denn möglich, daß ich den verzogenen Liebling einer reichen Familie, der seine Gouvernante wie ein notwendiges Übel hassen würde, einer armen, einsamen Waise vorziehen könnte, die an mir hängt wie an einer Freundin?«

»Ah! das ist also das Licht, in dem Sie die Sache ansehen! Nun, ich muß jetzt hineingehen, und Sie ebenfalls. Es wird dunkel!«

Aber ich blieb noch einige Minuten mit Pilot und Adele draußen, – lief mit ihr um die Wette und spielte noch eine Partie Federball. Als wir endlich ins Haus gegangen, nahm ich ihr Hut und Mantel ab und setzte sie auf meinen Schoß; dort behielt ich sie eine Stunde und erlaubte ihr, nach Herzenslust zu plaudern. Ich erteilte ihr auch keinen Verweis über einige kleine Freiheiten und Plattheiten, in die sie leicht zu verfallen pflegte, wenn sie sich beobachtet glaubte, und welche eine Oberflächlichkeit des Charakters verriet, die sie wahrscheinlich von ihrer Mutter geerbt hatte, da sie einem englischen Gemüt durchaus nicht verwandt war. Aber sie hatte doch auch ihre guten Seiten, und ich war geneigt, alles was gut war, bei ihr aufs höchste wertzuschätzen. Ich suchte in ihren Zügen und ihrem Gesichtsausdruck eine Ähnlichkeit mit Mr. Rochester, aber ich fand keine; kein Zug, keine Miene verrieten eine Verwandtschaft. Es war schade. Wenn man ihm nur hätte [225] beweisen können, daß sie Ähnlichkeit mit ihm habe, so würde er mehr Liebe für sie gehegt haben.

Erst nachdem ich mich abends in mein Zimmer zurückgezogen hatte, um mich schlafen zu legen, begann ich ernstlich über die Geschichte nachzudenken, welche Mr. Rochester mir erzählt hatte. Wie er selbst sagte, war der Kern der Erzählung wahrscheinlich gar nichts außergewöhnliches; in der Gesellschaft war die Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Sängerin oder Tänzerin und ihr Verrat an ihm gewiß eine Sache, die ohne Zweifel alle Tage vorkam; aber in dem Paroxismus von Rührung, der ihn so plötzlich erfaßte, als er im Begriff war, mir die gegenwärtige Zufriedenheit seiner Seele und seine neu erstandene Freude an dem alten Herrenhause und seiner Umgebung zu schildern, lag entschieden etwas seltsames. Über diesen Umstand dachte ich verwundert nach; aber nach und nach entließ ich ihn aus meinen Gedanken, da ich ihn für den Augenblick unerklärlich fand, und wandte mich der Betrachtung über die Art und Weise zu, welche der Herr des Hauses mir gegenüber an den Tag legte. Das Vertrauen, welches er mir zu schenken für gut befunden hatte, schien ein Tribut, den er meiner Diskretion zollte: ich sah es wenigstens dafür an und schätzte es als solchen. Während der letzten Wochen war sein Betragen gegen mich gleichmäßiger gewesen als im Anfang. Ich schien ihm niemals im Wege zu sein; er bekam nicht mehr jene Anfälle erstarrenden Hochmuts; wenn er mir unerwartet begegnete, schien diese Begegnung ihm willkommen zu sein; er hatte stets ein Wort und zuweilen auch ein Lächeln für mich; wenn er mich in aller Form auffordern ließ, ihm Gesellschaft zu leisten, so wurde ich mit einem so außerordentlich freundlichem Empfange beehrt, daß ich deutlich merkte, wie ich wirklich die Macht besaß, ihn zu unterhalten, und daß er diese abendlichen Zusammenkünfte ebenso sehr zu seinem eigenen Vergnügen wie zu meinem Wohle suchte.

[226] Ich sprach in der That verhältnismäßig wenig; aber es war mir ein Genuß, ihn sprechen zu hören. Es lag in seiner Natur, mitteilsam zu sein. Er liebte es, einem Gemüte, das mit der Welt unbekannt war, Bilder und Scenen aus derselben vorzuführen, (ich meine nicht sittenverderbte Bilder und wüste Scenen, sondern solche, welche durch ihre Neuheit fesseln konnten und ihr Intresse von dem großen Schauplatz herleiteten, auf welchem sie spielten) und es war für mich eine reine Wonne, die neuen Gedanken, welche er bot, in mich aufzunehmen; mir die Bilder zu vergegenwärtigen, welche er malte und ihm durch die neuen Regionen zu folgen, welche er eröffnete. Niemals erschreckte oder bekümmerte er mich durch eine verderbliche, schädliche Anspielung.

Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite mich von quälendem Zwange; seine freundliche Offenherzigkeit, die ebenso korrekt wie wohlthuend war, zog mich zu ihm hin. Zuweilen war mir, als sei er mir nahe verwandt, ich vergaß ganz, daß er eigentlich mein Brotherr; wohl war er hier und da noch gebieterisch und herrisch; aber es kränkte mich nicht mehr; ich wußte, daß dies nun einmal so seine Art sei. Ich wurde so zufrieden, so glücklich mit diesem neuen Interesse, welches mein Leben erhalten hatte, daß ich aufhörte mich nach Gefährtinnen meines Geschlechts zu sehnen; die zarte Mondessichel meines Geschicks schien zu wachsen; die Leere meines Daseins war ausgefüllt; meine körperliche Gesundheit wurde besser, ich wurde stark und kräftig.

Und war Mr. Rochester in meinen Augen noch immer häßlich? Nein, mein lieber Leser. Dankbarkeit und andere gute, freie, sympathische Regungen machten, daß sein Gesicht das wurde, was ich auf der Welt am meisten zu sehen liebte; seine Gegenwart machte das Zimmer heller und wärmer und gemütlicher, als das loderndste Kaminfeuer. Seine Fehler hatte ich jedoch noch immer nicht vergessen, [227] und ich konnte es auch in der That nicht, denn er führte sie mir beständig vor Augen. Er war stolz, sarkastisch, hart gegen Untergebene jeder Art; in der geheimsten Tiefe meines Herzens wußte ich, daß ungerechte Strenge gegen viele andere seiner großen Güte gegen mich die Wage hielt. Er war auch launenhaft und das in der unberechenbarsten Weise. Wenn er mich hatte holen lassen, daß ich ihm vorläse, fand ich ihn mehr als einmal allein in der Bibliothek, den Kopf auf die verschränkten Arme gebeugt; und wenn er dann aufblickte, verdüsterte ein mürrischer, fast maliziöser Blick seine Miene. Aber ich glaubte, daß seine Launenhaftigkeit, seine Härte und seine früheren Sünden (ich sage frühere, denn jetzt schien er sich bekehrt zu haben) ihren Ursprung in irgend einem harten Schicksalsschlage hatten. Ich glaubte, daß die Natur ihn zu einem Menschen von besseren Neigungen, strengeren Grundsätzen und reinerer Geschmacksrichtung bestimmt hatte, als die traurigen Verhältnisse später in ihm entwickelt, die Erziehung ihm eingeträufelt, das Schicksal in ihm ermutigt hatten. Ich glaubte, daß ausgezeichnete Eigenschaften in ihm schlummerten, obgleich für den Augenblick sein ganzes Innere verworren und elend schien. Ich kann nicht leugnen, daß ich um seinen Schmerz trauerte, welcher Art er auch sein mochte; und ich muß gestehen, daß ich viel gegeben hätte, wenn ich ihn hätte auf mich nehmen können.

Obgleich ich meine Kerze jetzt ausgelöscht hatte und bereits im Bette lag, konnte ich nicht schlafen, weil ich fortwährend den Blick vor mir sah, mit welchem er in der Allee stehen geblieben war und mir erzählt hatte, daß sein Schicksal vor ihm erstanden und ihn trotzig gefragt habe, ob er es wage, in Thornfield glücklich sein zu wollen.

»Weshalb nicht?« fragte ich mich; »was entfremdet ihn dem Hause? Wird er es bald wieder verlassen? Mrs. Fairfax erzählte, daß er niemals länger als vierzehn Tage hier bleibe, und jetzt residiert er schon acht Wochen hier. [228] Wenn er wieder geht, wird es eine schmerzliche Veränderung für mich sein. Wenn er nun Frühling, Sommer und Herbst fortbliebe: wie freudlos würde dann der Sonnenschein, wie traurig würden die schönen Tage für mich sein!«

Ich weiß nicht, ob ich nach diesen Reflexionen eingeschlafen war oder nicht; auf jeden Fall fuhr ich aber erschreckt empor, als ich ein undeutliches Murmeln, seltsam und unheimlich, vernahm, das, wie ich glaubte, gerade über meinem Kopfe war. Ich wünschte, daß ich meine Kerze hätte brennen lassen; die Nacht war trübe und dunkel, mein Gemüt war bedrückt. Ich erhob mich und richtete mich im Bette auf, um zu horchen. Die Töne verstummten.

Wiederum versuchte ich zu schlafen; aber mein Herz klopfte ängstlich, meine innere Ruhe war hin. Weit unten in der Halle verkündete die Uhr die zweite Stunde. In diesem Augenblick war es, als berühre jemand die Thür meines Zimmers, als hätte jemand sich durch die dunkle Galerie an den Holzverkleidungen der Wand entlang getastet. Ich rief: »Wer ist da?« Niemand antwortete. Die Furcht machte mich fast erstarren.

Plötzlich fiel es mir ein, daß es Pilot sein könne, welcher oft, wenn die Küchenthür nicht geschlossen war, seinen Weg bis an die Schwelle von Mr. Rochesters Zimmer fand. Oft hatte ich ihn am Morgen selbst dort liegen sehen. Einigermaßen durch diesen Gedanken beruhigt, legte ich mich wieder. Stille und Ruhe stärken die Nerven, und da jetzt eine ununterbrochene Stille im ganzen Hause herrschte, fühlte ich, wie der Schlaf sich wiederum auf meine Lider senkte. Aber das Schicksal hatte beschlossen, daß ich in dieser Nacht keinen Schlummer finden sollte. Kaum hatte ein Traum sich leise flüsternd meinem Ohre genähert, als er erschreckt von dannen floh, von einem markerschütternden Zwischenfall verjagt.

Es war ein dämonisches Lachen – leise, unterdrückt, tief – welches, wie es schien, durch das Schlüsselloch meiner [229] Zimmerthür drang. Das Kopfende meines Bettes stand nahe an der Thür, und im ersten Augenblick glaubte ich, daß dieser teuflische Lacher neben meinem Bette stehe – oder vielmehr auf meinem Kopfpolster krieche; aber ich stand auf, blickte umher und konnte nichts sehen; als ich noch ins Dunkel starrte, wiederholte sich der übernatürliche Laut, und ich wußte dann, daß er von der anderen Seite der Thür kam. Mein erster Impuls war aufzustehen und den Riegel vorzuschieben; der nächste wiederum auszurufen: »Wer ist da?«

Ich hörte ein Gurgeln, ein Stöhnen. Nicht lange und ich vernahm leise Schritte, die sich über die Galerie nach dem dritten Stockwerk zurückzogen; auf jener Treppe war vor kurzem eine verschließbare Thür angebracht; diese wurde ganz vernehmbar geöffnet und wieder geschlossen. Dann war alles still.

»War das Grace Poole? Und ist sie vom Teufel besessen?« dachte ich. Jetzt war es unmöglich, länger allein zu bleiben, ich mußte zu Mrs. Fairfax gehen. Eilig warf ich mir Kleid und Shawl über; mit zitternder Hand zog ich den Riegel zurück und öffnete die Thür. Draußen stand auf dem Teppich, welcher in der Galerie lag, ein brennendes Licht. Dieser Umstand setzte mich in Erstaunen; aber noch erstaunter war ich, zu bemerken, daß die Luft ganz trübe war, wie mit Rauch angefüllt; und während ich nach links und rechts blickte, um zu sehen, woher die blauen, sich kräuselnden Wolken kamen, machte sich schon ein starker Brandgeruch bemerkbar.

Ein Knarren; es war eine halbgeöffnete Thür; diese Thür führte zu Mr. Rochesters Zimmer, und von dort kamen auch jetzt dichte, schwere Rauchwolken. Ich dachte nicht mehr an Mrs. Fairfax. Ich dachte nicht mehr an Grace Poole oder an das Lachen, – in einem Augenblick befand ich mich in jenem Gemache. Rund um das Bett züngelten Flammen empor, die Vorhänge brannten [230] lichterloh. Inmitten dieses Feuers, dieses Rauches lag Mr. Rochester bewegungslos ausgestreckt; tiefer Schlaf hielt ihn umfangen.

»Wachen Sie auf! Wachen Sie auf!« schrie ich – ich schüttelte ihn, aber er murmelte nur etwas unverständliches und wandte sich um. Der Rauch hatte ihn bereits betäubt. Es war kein Augenblick zu verlieren; die Betttücher fingen bereits Feuer. Ich stürzte an die Waschschüssel und an den Wasserkrug; zum Glück war erstere groß und weit, letzterer tief, und beide waren mit Wasser angefüllt. Ich hob sie auf, überflutete das Bett und den darin Liegenden, flog zurück in mein eigenes Zimmer, brachte meinen Wasserkrug, taufte das Lager von neuem, und mit Gottes Hilfe gelang es mir, die Flammen zu löschen, welche es verzehrten.

Das Zischen des verlöschenden Elements, das Zerbrechen des Kruges, den ich aus der Hand schleuderte, als er geleert war und vor allen Dingen das Plätschern des Tropfbades, welches ich so reichlich über ihn ausgegossen, weckten Mr. Rochester endlich. Obgleich es jetzt dunkel war, wußte ich, daß er erwachte, denn ich hatte ihn seltsame Flüche murmeln hören, als er sich in einem Wasserpfuhl liegend fand.

»Ist das eine Überschwemmung?« schrie er.

»Nein, Sir,« entgegnete ich, »aber es war ein Feuer; stehen Sie auf, ich flehe Sie an, Sie sind gänzlich durchnäßt; ich werde ein Licht holen.«

»Im Namen aller Feeen der Christenheit, ist das Jane Eyre?« fragte er. »Was haben Sie mit mir gemacht, Hexe, Zauberin? Wer ist noch außer Ihnen im Zimmer? Haben Sie sich verschworen, mich zu ertränken?«

»Ich werde Ihnen ein Licht holen, Sir; und stehen Sie auf, um Gottes willen! Irgend jemand hat ein Komplott geschmiedet; Sie können nicht früh genug untersuchen, wer es, was es ist!«

[231] »So, jetzt bin ich auf; aber es geht auf Ihre eigene Gefahr, wenn Sie jetzt ein Licht holen. Warten Sie noch zwei Minuten, bis ich in trockene Kleider komme, wenn es deren hier überhaupt noch trockene giebt – ja, hier ist mein Schlafrock, jetzt eilen Sie!«

Und ich eilte. Ich brachte das Licht, welches noch in der Galerie stand. Er nahm es mir aus der Hand, hielt es in die Höhe und betrachtete das Bett, welches ganz schwarz und versengt war, die Betttücher waren durchnäßt, der Teppich rund umher stand unter Wasser.

»Was ist es? Und wer hat es gethan?« fragte er.

Ich erzählte ihm kurz, was ich bemerkt hatte, das seltsame Lachen in der Galerie, der leise Tritt, welcher in das dritte Stockwerk emporstieg; der Rauch – der Brandgeruch, welcher mich an seine Thür geführt hatte; in welchem Zustande ich ihn da gefunden hatte, und wie ich ihn mit allem Wasser, dessen ich habhaft werden konnte, überflutet hatte.

Er hörte sehr ernst zu; als ich fortfuhr, drückte sein Gesicht mehr Kummer als Erstaunen aus. Als ich zu Ende war, schwieg er noch einige Minuten.

»Soll ich Mrs. Fairfax rufen?« fragte ich.

»Mrs. Fairfax? Nein. Weshalb zum Teufel wollten Sie sie rufen? Was könnte sie thun? Lassen Sie sie unbehelligt schlafen.«

»Dann will ich Leah holen und John und seine Frau wecken.«

»Nein, durchaus nicht. Seien Sie nur ganz still. Haben Sie ein Tuch? Wenn Ihnen nicht warm genug ist, so nehmen Sie meinen Mantel, der dort hängt; hüllen Sie sich ein und setzen Sie sich in jenen Lehnstuhl; so – ich werde Sie zudecken. Jetzt legen Sie Ihre Füße auf den Stuhl, damit sie nicht naß werden. Ich werde Sie ein paar Minuten allein lassen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich zurückkomme; halten Sie sich so still wie eine Maus. [232] Ich nehme das Licht mit. Jetzt muß ich in das zweite Stockwerk hinaufgehen, um zu sehen, ob auch dort etwas geschehen. Rühren Sie sich nicht. Rufen Sie niemanden, ich bitte Sie darum.«

Er ging. Ich sah, wie das Licht sich entfernte. Leise ging er die Galerie hinauf; mit so wenig Geräusch wie möglich öffnete er die Treppenthür, schloß sie wieder hinter sich – und somit verschwand der letzte Lichtstrahl. Ich blieb in undurchdringlicher Finsternis zurück. Angestrengt horchte ich, ob ich kein Geräusch vernehmen könne, aber ich hörte nichts. Es verging eine Zeit, die mich fast eine Ewigkeit dünkte. Ich wurde müde; trotz des Mantels fror mich; und dann begriff ich auch nicht, zu welchem Zweck ich bleiben und warten sollte, wenn ich niemanden im Hause wecken durfte. Grade war ich im Begriff, Mr. Rochesters Mißfallen zu riskieren, indem ich seine Befehle nicht befolgte, als der schwache Schein des Lichts wiederum an der Mauer der Galerie sichtbar wurde, und ich den Tritt seiner unbeschuhten Füße auf dem Teppich der Galerie vernahm.

»Ich hoffe, daß er es ist,« dachte ich, »und nichts schlimmeres.«

Er trat wieder ein, bleich, düster, niedergeschlagen. »Ich habe jetzt alles entdeckt,« sagte er, indem er den Leuchter auf den Waschtisch stellte, »es ist alles so, wie ich vermutete.«

»Wie, Sir?«

Er entgegnete nichts, sondern stand mit verschränkten Armen da und blickte zu Boden. Nach Verlauf von einigen Minuten fragte er mit seltsamem Ton:

»Ich habe vergessen, ob Sie mir sagten, daß Sie irgend etwas gesehen, als Sie die Thür Ihres Zimmers öffneten.«

»Nein, Sir, ich sah nichts als den Leuchter, welcher auf dem Teppich dicht vor meiner Thür stand.«

[233] »Aber Sie hörten ein eigentümliches Lachen? Haben Sie dasselbe oder ein ähnliches schon früher gehört?«

»Ja, Sir. Hier ist eine Person, die sich mit Nähen beschäftigt; sie heißt Grace Poole – sie lacht in dieser Weise. Überhaupt ist sie ein sonderbares Geschöpf.«

»Die ist's. Grace Poole – Sie haben es erraten. Sie ist, wie Sie sagen, sonderbar – sehr sonderbar. Nun, ich werde über die Sache nachdenken. Inzwischen bin ich froh, daß Sie außer mir die einzige Person sind, welche die genauen Umstände bei den Geschehnissen dieser Nacht kennt. Sie sind keine geschwätzige Närrin – also sprechen Sie nicht darüber. Für diese Zustände hier (auf das Bett zeigend) will ich schon eine Erklärung finden. Und jetzt kehren Sie in Ihr Zimmer zurück. Ich werde es mir für den Rest der Nacht auf dem Sofa in der Bibliothek bequem machen. Es ist beinahe vier Uhr: – in zwei Stunden werden die Dienstboten wach sein.«

»Gute Nacht denn, Sir,« sagte ich im Begriff fortzugehen.

Er schien erstaunt – mir war das unerklärlich, denn er hatte mir ja soeben gesagt, ich sollte gehen.

»Wie!« rief er aus, »Sie verlassen mich schon, und in dieser Weise?«

»Sie sagten ja, Sir, daß ich gehen könne!«

»Aber doch nicht, ohne Abschied zu nehmen; nicht ohne ein oder zwei Worte des Mitgefühls, des guten Willens; kurzum, nicht in jener kurzen, trockenen Manier. Sehen Sie! Sie haben mir das Leben gerettet! – Sie haben mich einem entsetzlichen, martervollen Tode entrissen! – und Sie gehen an mir vorüber, als wären wir gegenseitig Fremde! – Wenigstens reichen Sie mir die Hand!«

Er streckte seine Hand aus; ich gab ihm die meine; er faßte sie erst mit der einen, dann auch mit der zweiten Hand.

»Sie haben mir das Leben gerettet. Es macht mir[234] Freude, Ihnen gegenüber eine so große Pflicht der Dankbarkeit zu haben. Keinem andern lebenden Wesen gegenüber hätte ich solche Verpflichtungen ertragen, aber mit Ihnen ist es anders; – Jane, die Dankbarkeit gegen Sie ist mir keine Last.«

Er hielt inne, er blickte mich an. Ich sah, wie ihm die Worte auf den Lippen zitterten, – aber seine Stimme versagte ihm den Dienst.

»Noch einmal gute Nacht, Sir. Sprechen Sie nicht von Schuld, Wohlthaten, Verpflichtungen; in diesem Falle giebt es keine solchen.«

»Ich fühlte immer,« fuhr er fort, »daß Sie mir zu irgend einer Zeit Gutes erweisen würden; – als ich Sie zum erstenmal erblickte, sah ich es in Ihren Augen! nicht umsonst – (hier hielt er inne) – nicht umsonst – (und hastig weiter sprechend) – nicht umsonst strahlte Ihr Lächeln, Ihr Ausdruck mir Wonne bis in den geheimsten Winkel meines Herzens. Die Menschen sprechen von natürlichen Sympathien; ich habe von gütigen Schutzengeln gehört – selbst in den wildesten Fabeln giebt es doch ein Körnchen Wahrheit. Meine geliebte Lebensretterin, gute Nacht.«

In seiner Stimme lag eine seltsame Energie, in seinen Blicken ein wunderbares Feuer.

»Ich bin glücklich, daß ich zufällig wach war,« sagte ich; dann wollte ich wieder gehen.

»Wie! Sie wollen gehen?«

»Mich friert, Sir.«

»Es friert Sie? Ja, – und da stehen Sie mitten in einem Wasserpfuhl! Gehen Sie denn, Jane, gehen Sie!«

Aber er hielt noch immer meine Hand, und ich konnte sie nicht frei machen. Da fiel mir ein Auskunftsmittel ein.

»Ich glaube, Sir, ich höre Mrs. Fairfax,« sagte ich.

»Gut denn. Lassen Sie mich allein,« er ließ meine Hand los, und ich ging.

[235] Ich suchte mein Lager auf, aber ich dachte nicht an Schlaf. Bis zum Tagesanbruch schaukelte ich auf einem bewegten, tobenden Meere, wo Wogen von Kummer und Sorge unter Brandungen von Glück und Wonne dahinrollten. Zuweilen war mir's, als sähe ich hinter jenen wilden Gewässern eine Küste, schön wie die Hügel von Beulah; dann und wann trug eine erfrischende Brise, durch die Hoffnung geweckt, meine Seele triumphierend der Küste entgegen, aber ich konnte sie nicht erreichen, nicht einmal im Geiste – eine hindernde Brise blies vom Lande her und trieb mich unaufhörlich zurück. Die Sinne wollten dem Delirium widerstehen: die Vernunft wollte die Leidenschaft warnen. Zu fieberhaft, um ruhen zu können, erhob ich mich mit Tagesanbruch.

Fußnoten

1 große Leidenschaft.

2 Athletengestalt.

3 mein Engel.

4 Einfahrt.

5 Männliche Schönheit.

Sechzehntes Kapitel

An dem Morgen, welcher dieser schlaflosen Nacht folgte, fürchtete und wünschte ich zugleich, Mr. Rochester wiederzusehen. Ich sehnte mich, seine Stimme zu hören, und doch fürchtete ich, seinem Blicke zu begegnen. Während der ersten Morgenstunden erwartete ich jeden Augenblick, ihn kommen zu sehen. Es war nicht seine stete Gewohnheit, in das Schulzimmer zu kommen, aber zuweilen trat er auf einige Minuten ein, und ich hatte die Idee, daß er an diesem Tage gewiß kommen würde.

Aber der Morgen ging hin wie gewöhnlich; nichts trug sich zu, das den ruhigen Verlauf von Adelens Studien hätte stören können. Nur kurz nach dem Frühstück vernahm ich einigen Lärm in der Nähe von Mr. Rchesters Zimmer, Mrs. Fairfaxs Stimme, und Leahs und der Köchin, welche Johns Frau war, – sogar Johns eigene rauhe Töne hörte ich. Ich vernahm Ausrufe, wie »Welch ein Glück, daß unser Herr nicht in seinem eigenen Bette verbrannt ist!« – »Es ist stets gefährlich ein Licht während der Nacht brennen zu lassen!« – »Welch ein glücklicher [236] Zufall, daß er Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken!«

»Es wundert mich nur, daß er niemand geweckt hat!«

»Hoffentlich wird er sich bei dem Schlafen auf dem Sofa der Bibliothek nicht erkälten!« u.s.w. u.s.w.

Auf dies endlose vertrauliche Gespräch folgte das Geräusch von Reiben und Waschen und Aufräumen; und als ich auf dem Wege hinunter zum Mittagessen an dem Zimmer vorüberging, sah ich durch die geöffnete Thür, daß sich alles bereits wieder in der alten Ordnung befand; nur von dem Bette waren die Vorhänge heruntergenommen. Leah stand in der Fenstervertiefung und rieb die Glasscheiben, welche durch den Rauch geschwärzt waren. Ich war im Begriff, sie anzureden, denn ich wünschte zu wissen, welche Deutung der Sache gegeben worden; als ich jedoch näher trat, sah ich noch eine zweite Person im Zimmer – eine Frau, die neben dem Bette saß und Ringe an die neuen Vorhänge nähte. Diese Frau war keine andere als Grace Poole.

Da saß sie, ruhig und schweigsam wie gewöhnlich, in ihrem braunen Wollkleide, der karrierten Schürze, dem weißen Halstuche und der Haube. Sie war emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, in welcher alle ihre Gedanken aufzugehen schienen; auf ihrer harten Stirn und in ihren gewöhnlichen Zügen war nichts von der Blässe und der Verzweiflung sichtbar, welche man als Kennzeichen auf dem Gesichte einer Frau erwartet haben würde, die einen Mordversuch begangen hatte, und deren auserkorenes Opfer ihr am vorhergehenden Abende in ihren Schlupfwinkel gefolgt war und sie – wie ich glaubte – sie des Verbrechens angeklagt hatte, das sie zu verüben beabsichtigt hatte. Ich war erstaunt – versteinert. Sie sah auf, als ich sie noch anstarrte. Sie fuhr nicht zusammen, kein Wechsel der Farbe verriet irgend eine Bewegung, von der man auf ein Schuldbewußtsein hätte schließen können, oder auf eine [237] Furcht vor Entdeckung. Sie sagte: »guten Morgen, Fräulein,« in ihrer gewöhnlichen, kurzen, phlegmatischen Weise. Dann nahm sie einen neuen Ring und ein Stück Schnur zur Hand und fuhr fort zu nähen.

»Ich werde sie auf eine Probe stellen,« dachte ich, »eine so absolute Undurchdringlichkeit geht über meine Verstandeskräfte.«

»Guten Morgen, Grace!« sagte ich. »Ist hier irgend etwas geschehen? Mir war, als hätte ich vor kurzem die Stimmen aller Dienstboten gehört.«

»Nein. Der Herr hat nur gestern Abend im Bette gelesen; er ist eingeschlafen und hat das Licht brennen lassen; so gerieten die Vorhänge in Brand; aber zum Glück ist er aufgewacht, ehe die Betten oder das Holz der Bettstelle Feuer fingen, und es ist ihm gelungen, das Feuer mit dem Wasser aus dem Waschkruge zu löschen.«

»Eine seltsame Geschichte!« sagte ich leise, dann fuhr ich fort und blickte sie fest an: »Hat Mr. Rochester niemanden geweckt? Hat niemand das Geräusch vernommen, welches er doch notwendigerweise dabei machen mußte?«

Wiederum blickte sie zu mir auf, und diesmal glaubte ich etwas wie Schuldbewußtsein in ihren Augen zu entdecken. Sie schien mich genau zu prüfen, dann entgegnete sie:

»Sie wissen, Fräulein, die Dienstboten schlafen so weit fort; wahrscheinlich würden sie ihn nicht gehört haben. Mrs. Fairfaxs Zimmer und das Ihrige sind dem Zimmer des Herrn am nächsten; aber Mrs. Fairfax sagt, daß sie nichts gehört hat; wenn Leute älter werden, haben sie oft einen festen Schlaf.« Sie hielt inne und fügte dann mit einer gewissen angenommenen Gleichgiltigkeit, aber immer noch in sehr bedeutsamem und markiertem Tone hinzu: »Aber Sie sind jung, Fräulein, und ich sollte doch meinen, daß Sie einen leichten Schlaf haben. Vielleicht haben Sie das Geräusch vernommen?«

[238] »Das habe ich!« sagte ich so leise wie möglich, so daß Leah, welche noch immer die Scheiben putzte, mich nicht hören konnte, »und anfangs glaubte ich, daß es Pilot sei; aber Pilot kann nicht lachen; und ich bin sicher, daß ich ein Lachen vernommen habe, ein sehr seltsames noch dazu.«

Sie nahm einen neuen Faden für ihre Nadel, wichste ihn sorgsam, fädelte ihn mit fester Hand ein und bemerkte dann mit vollkommener Fassung:

»Es ist kaum denkbar, Fräulein, daß der Herr gelacht haben sollte, wenn er in solcher Gefahr war, sollt ich meinen. Sie müssen geträumt haben.«

»Ich habe nicht geträumt,« sagte ich mit einiger Heftigkeit, denn ihre eiserne Ruhe reizte mich. Wiederum blickte sie mich an und mit denselben durchdringenden, prüfenden Blicken.

»Haben Sie dem Herrn gesagt, daß Sie ein Lachen gehört haben?« fragte sie.

»Ich habe noch nicht die Gelegenheit gefunden, heute Morgen mit ihm zu sprechen.«

»Ist es Ihnen denn nicht eingefallen, Ihre Thür zu öffnen und in die Galerie hinauszusehen?« fragte sie weiter.

Sie schien ein Kreuzverhör mit mir anstellen zu wollen, indem sie mir unvermutet Antworten zu entreißen suchte. Plötzlich kam mir der Gedanke, daß wenn sie entdeckte, daß ich von ihrer Schuld etwas wisse, sie mir einige von ihren boshaften Streichen spiele würde. So hielt ich es denn für ratsam, auf meiner Hut zu sein.

»Im Gegenteil,« sagte ich, »ich verriegelte meine Thür.«

»So pflegen Sie Ihre Thür also nicht jeden Abend zu verriegeln, bevor Sie sich schlafen legen?«

»Zum Teufel! Sie will meine Gewohnheiten ausforschen, damit sie danach ihre Pläne schmieden kann!« Empörung trug wiederum den Sieg über die Vorsicht davon. Ich erwiderte scharf: »Bis jetzt habe ich es stets unterlassen, den Riegel vorzuschieben; ich hielt es nicht für notwendig. [239] Ich wußte nicht, daß in Thornfield-Hall irgend eine Gefahr oder ein Ärger zu erwarten sei; aber in Zukunft,« und ich legte einen besonderen Nachdruck auf die Worte, »in Zukunft werde ich die Vorsicht gebrauchen, nachzusehen, ob alles in Ordnung ist, bevor ich mich schlafen lege.«

»Es wird geraten sein, das zu thun,« lautete ihre Antwort, »diese Gegend ist so ruhig und sicher wie irgend eine, und seitdem Thornfield-Hall ein Herrenhaus ist, habe ich nicht gehört, daß irgend ein Raubversuch gemacht worden ist, obgleich sich in der Silberkammer Silbergeschirr im Werte von vielen hundert Pfund befindet, wie jedermann wohl weiß. Und sehen Sie, für ein so großes Haus befinden sich nur wenig Dienstboten hier, weil der Herr sich nur selten im Herrenhause aufhält. Und da er ein Junggeselle ist, braucht er, selbst wenn er kommt, nur sehr wenig Aufwartung und Bedienung. Aber ich halte es immer für das Beste, wenn man die Vorsicht ein wenig übertreibt; eine Thür ist bald geschlossen, und es kann nicht schaden, wenn man einen vorgeschobenen Riegel zwischen sich und allem möglichen Unheil hat. Es giebt eine Menge Leute, Fräulein, die dafür sind, alles der Vorsehung anheim zu stellen; aber ich sage, die Vorsehung will nicht, daß man die Mittel verschmäht, obgleich sie dieselben oft segnet, wenn sie vernünftig angewendet werden.«

Und damit schloß sie ihre Rede. Es war eine sehr lange für sie und sie hielt dieselbe mit dem Ernst einer Quäkerin.

Ich stand noch vollständig erstarrt und verdutzt über das, was ich für ihre wunderbare Selbstbeherrschung und undurchdringliche Heuchelei hielt, als die Köchin eintrat.

»Mrs. Poole,« sagte sie zu Grace gewendet, »das Mittagessen der Dienstboten wird bald bereit sein. Wollen Sie nicht herunterkommen?«

»Nein. Aber setzen Sie mir ein Viertel Porter und[240] einen Bissen Pudding auf ein Speisebrett; das will ich dann nach oben holen.«

»Wollen Sie kein Fleisch haben?«

»Nur einen kleinen Bissen und ein Stück Käse, das ist alles, was ich brauche.«

»Und der Sago?«

»Den brauche ich jetzt nicht; ich werde noch vor dem Thee hinunterkommen: ich werde ihn selbst machen.«

Hier wandte die Köchin sich zu mir und zeigte mir an, daß Mrs. Fairfax mich erwarte. Dann ging ich.

So sehr war ich damit beschäftigt, mein Gehirn über Grace Poole's rätselhaften Charakter zu zermartern, daß ich während des Mittagessens Mrs. Fairfaxs Erzählung von dem Vorhangbrand gar nicht hörte. Und noch mehr dachte ich über ihre Stellung in Thornfield-Hall nach, ich fragte mich, weshalb man sie an diesem Morgen nicht ins Gefängnis gesteckt habe, oder sie doch wenigstens aus Mr. Rochesters Dienst entlassen habe. Am vorhergehenden Abend hatte er mir ja fast mit klaren Worten seine Überzeugung von ihrer Schuld mitgeteilt; welche geheimnisvolle Ursache hielt ihn denn zurück, sie anzuklagen? Weshalb hatte er auch mir die tiefste Verschwiegenheit anempfohlen? Es war doch seltsam. Ein kühner, mutiger, rachsüchtiger, hochmütiger Gentleman schien in der Macht einer der niedrigsten seiner Untergebenen zu sein; so sehr in ihrer Macht, daß er nicht einmal wagte, sie öffentlich anzuklagen, viel weniger sie zu bestrafen, als sie ihre Hand gegen sein Leben erhob.

Wenn Grace jung und schön gewesen wäre, so würde ich geglaubt haben, daß zartere Gefühle als Furcht oder Vorsicht Mr. Rochester in Bezug auf sie beherrschten; aber häßlich und unangenehm und alt wie sie war, konnte ich einem solchen Gedanken nicht Raum geben. »Und doch,« dachte ich weiter, »sie ist einmal jung gewesen; ihre Jugend muß mit der ihres Brotherrn zusammengefallen sein; Mrs. [241] Fairfax hat mir einmal erzählt, daß sie schon seit vielen Jahren hier lebt. Ich kann nicht glauben, daß sie jemals schön gewesen ist. Aber vielleicht besitzt sie Originalität und Charakterstärke, welche für den Mangel äußerer Reize entschädigen. Mr. Rochester ist ein Liebhaber des Entschiedenen und Excentrischen; Grace ist wenigstens excentrisch. Was, wenn eine frühere Laune, möglicherweise eine Grille, wie sie bei einer so heftigen, plötzlichen Natur wie die seine wohl vorkommen kann, ihn in ihre Hände geliefert hätte und sie jetzt auf seine Handlungen und Bewegungen einen geheimen Einfluß übt, das Ergebnis seiner eigenen Indiskretion, welchen er nicht abzuschütteln und nicht zu mißachten wagt?«

Als ich aber bei diesem Punkt meiner Vermutungen angekommen war, standen Mrs. Poole's vierschrötige, flache Figur, ihr häßliches, unangenehmes, trockenes, sogar rohes Gesicht so deutlich vor meinem inneren Auge, daß ich dachte: »Nein, unmöglich! Meine Voraussetzung kann nicht begründet sein. Doch,« sagte wieder die geheime Stimme, die in unserem Herzen zu uns spricht, »auch du bist nicht schön, und vielleicht findet Mr. Rochester trotzdem Gefallen an dir; auf jeden Fall war dir oft ums Herz, als thäte er es, und diese letzte Nacht – denk an seine Worte; denk an seine Blicke; denk an seine Stimme.«

Ich erinnerte mich an alles, an seine Sprache, an seinen Blick, an seinen Ton; alles stand wieder lebendig vor mir. Jetzt war ich im Schulzimmer; Adele zeichnete; ich beugte mich über sie und führte ihren Zeichenstift. Plötzlich fuhr sie zusammen und blickte zu mir auf.

»Qu'avez-vous, Mademoiselle?« sagte sie. »Vos doigts tremblent comme la feuille, et vos joues sont rouges: mais, rouges comme des cerises!« 1

[242] »Mir ist heiß, Adele, weil ich mich zu dir niedergebeugt habe!« Sie fuhr fort mit dem Zeichnen, ich mit dem Denken.

Ich beeilte mich, den verhaßten Gedanken, welchen ich in Bezug auf Grace Poole gefaßt hatte aus meinem Gehirn zu verjagen, er ekelte mich an. Ich verglich mich mit ihr und fand, daß wir sehr verschieden waren. Bessie Leaven hatte gesagt, daß ich wie eine Dame aussähe, und sie sagte die Wahrheit: ich war eine Dame. Und jetzt war ich viel hübscher als damals, wo Bessie mich aufgesucht: ich hatte frische Farben und war stärker geworden; mein Geist war erwacht, ich war voll Leben und Lebenslust, weil ich fröhlichere Hoffnungen und innigere Freuden hatte.

»Der Abend kommt,« sagte ich und blickte zum Fenster hinaus. »Ich habe heute während des ganzen Tages weder Mr. Rochesters Stimme noch seinen Schritt im Hause gehört. Aber ich werde ihn gewiß noch vor Abend sehen; heute Morgen noch fürchtete ich die Begegnung, jetzt wünsche ich sie, weil meine Erwartung so lange getäuscht worden, daß sie in Ungeduld ausgeartet ist.«

Als die Dämmerung vollständig hereingebrochen war, und Adele mich verlassen hatte, um mit Sophie in der Kinderstube zu spielen, sehnte ich mich nach einem Wiedersehen. Ich horchte, ob die Glocke unten in der Halle nicht ertönen werde; ich horchte, ob Leah nicht mit einem Bescheid nach oben kommen würde; zuweilen bildete ich mir ein, Mr. Rochesters Schritt zu hören und ich wandte mich der Thür zu in der festen Erwartung, ihn eintreten zu sehen. Die Thür blieb geschlossen, nur Dunkelheit blickte ins Fenster. Und doch war es noch nicht spät; oft schickte er erst um sieben, acht Uhr, um mich holen zu lassen, und jetzt war es erst sechs Uhr. Heute Abend konnte er mich doch nicht umsonst hoffen lassen, heute, wo ich ihm so viel zu sagen hatte! Ich beabsichtigte noch einmal, das Gespräch auf Grace Poole zu lenken, um zu hören, was er mir [243] antworten würde; ich wollte ihn fragen, ob er wirklich glaube, daß sie den schändlichen Mordversuch von gestern Abend begangen, und wenn es der Fall, weshalb er dann ein Geheimnis aus ihrer Schlechtigkeit mache. Es sollte mich wenig kümmern, ob meine Neugierde ihn ärgerte; ich kannte das Vergnügen, ihn abwechselnd zu reizen und wieder zu besänftigen; es war eins, an dem ich besondere Freude fand, und ein sicherer Instinkt bewahrte mich stets davor, zu weit zu gehen; über die Grenze des Reizens ging ich niemals hinaus, aber ich liebte es, meine Geschicklichkeit auf der äußersten Grenze zu prüfen. Indem ich selbst die kleine Förmlichkeit der Hochachtung, jede Pflicht meines Standes beobachtete, konnte ich mich doch ohne unbehaglichen Zwang, ohne Furcht mit ihm auf Argumente einlassen, und dies unterhielt sowohl ihn wie mich.

Endlich knarrte die Treppe unter Fußtritten; Leah trat ein, aber es war nur um mir anzuzeigen, daß der Thee in Mrs. Fairfaxs Zimmer bereitet sei. Dorthin begab ich mich, froh überhaupt hinuntergehen zu können, denn ich bildete mir ein, daß dies mich wenigstens Mr. Rochesters Person etwas näher brächte.

»Sie müssen nach Ihrem Thee Verlangen tragen,« sagte die gute Dame, als ich zu ihr ins Zimmer kam, »Sie haben heute Mittag so wenig gegessen. Ich fürchte,« fuhr sie fort, »daß Sie heute nicht ganz wohl sind, Sie sehen fieberhaft und erhitzt aus.«

»O, ich bin durchaus wohl, ich habe mich niemals wohler gefühlt.«

»Dann beweisen Sie es mir, indem Sie einen guten Appetit zeigen; wollen Sie die Theekanne anfüllen, während ich diese Nadel abstricke?« Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war, erhob sie sich, um den Vorhang herabzulassen, der bis jetzt aufgezogen gewesen, wahrscheinlich um noch das letzte Tageslicht für die Strickerei benützen zu können. Jetzt ging die Dämmerung in vollständige Dunkelheit über.

[244] »Es ist ein schöner Abend,« sagte sie, indem sie einen Blick durch die Scheiben warf, »wenn es auch nicht gerade sternenklar ist. Im Ganzen hat Mr. Rochester einen sehr schönen Tag für seine Reise gehabt.«

»Reise! – Ist Mr. Rochester verreist? Ich wußte nicht einmal, daß er nicht im Hause sei.«

»Ah! er ist gleich nach dem Frühstück aufgebrochen! er ist nach Leas, 2 der Besitzung von Mr. Eshton, die zehn Meilen jenseit Millcote liegt. Ich glaube, es ist dort eine große Gesellschaft versammelt, Lord Ingram, Sir John Lynn, Oberst Dent und noch viele andere.«

»Erwarten Sie ihn heute Abend noch zurück?«

»Nein. Und morgen auch noch nicht. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß er eine Woche und noch länger fortbleibt; wenn diese reichen, vornehmen, fashionablen Leute zusammenkommen, sind sie derartig von Eleganz und Fröhlichkeit umgeben, so gut mit allem versehen, was gefällt und unterhält, daß sie durchaus keine Eile zeigen, wieder auseinander zu gehen. Besonders Herren werden bei solchen Gelegenheiten oft gesucht, und Mr. Rochester ist in Gesellschaft so liebenswürdig und lebhaft, daß ich glaube, er ist ein allgemeiner Liebling. Die Damen haben ihn sehr gern, obgleich Sie vielleicht der Ansicht sind, daß sein Äußeres ihn nicht gerade in ihren Augen begehrenswert erscheinen läßt; aber ich vermute, daß seine Kenntnisse und seine Talente, vielleicht auch sein Reichtum und sein alter Name ein wenig für seinen Mangel an Schönheit entschädigen.«

»Sind in Leas auch Damen?«

»Mrs. Eshton und ihre drei Töchter sind dort, sehr elegante junge Damen in der That; und dann sind noch die hochwohlgeborene Blanche und Mary Ingram da, wie ich vermute sehr schöne Frauen; in der That, ich habe [245] Blanche einmal vor ungefähr sechs oder sieben Jahren gesehen, als sie ein junges Mädchen von achtzehn Jahren war. Sie kam hierher zu einer Weihnachtsgesellschaft mit Ball, welche Mr. Rochester gab. An jenem Tage hätten Sie sehen sollen, wie reich das Speisezimmer dekoriert war, wie herrlich es erleuchtet war! Ich glaube, es waren mindestens fünfzig Herren und Damen hier – alle aus den ersten Familien der Grafschaft. Und Miß Ingram war die Schönheit des Abends.«

»Sie sagen, daß Sie sie gesehen haben, Mrs. Fairfax? Wie sah sie aus?«

»Ja, ich habe sie gesehen. Die Thüren des Speisezimmers waren geöffnet; und da es Weihnachtszeit, war es den Dienstboten gestattet, sich in der Halle zu versammeln, um einige der Damen singen und spielen zu hören. Mr. Rochester wollte, daß ich hineinkomme, und so setzte ich mich in einen stillen Winkel und beobachtete sie alle. Niemals in meinem Leben habe ich ein prächtigeres Bild gesehen; die Damen waren in den kostbarsten Toiletten; – die meisten – wenigstens die jüngeren – sahen sehr schön aus; aber Miß Ingram war entschieden die Königin.«

»Und wie sah sie aus?«

»Groß, eine berrliche Büste, breite Schultern, einen schlanken Hals: einen matten, dunklen, klaren Teint, edle Züge; Augen, welche denen Mr. Rochesters gleichen, groß und schwarz und ebenso strahlend wie ihre Juwelen. Und dann hat sie das köstlichste Haar, rabenschwarz, und so kleidsam geordnet; rückwärts eine Krone von dicken, breiten Flechten und vorn die längsten, glänzendsten Locken, die ich jemals gesehen habe. Sie war in das klarste Weiß gekleidet; eine bernsteinfarbene Schärpe war über Schultern und Brust geschlungen, an der Seite geknüpft, und in langen Fransen bis an den Saum des Kleides herabfallend. Sie trug eine ebenfalls bernsteinfarbene Blume im Haar, [246] welche mit der rabenschwarzen Masse ihrer Locken wunderbar kontrastierte.«

»Und natürlich war sie sehr bewundert?«

»Ja, in der That, und nicht allein um ihrer Schön heit, sondern auch um ihrer Talente willen. Sie war eine der Damen, die sang, ein Herr begleitete sie auf dem Piano. Sie und Mr. Rochester sangen ein Duett.«

»Mr. Rochester? Ich wußte nicht, daß er singt.«

»O, er hat eine sehr schöne Baßstimme und ein feines Ohr für Musik.«

»Und Miß Ingram? Was für eine Stimme hatte sie?«

»Eine sehr reiche, volle und mächtige. Sie sang entzückend. Es war ein Genuß, ihr zuzuhören; und später spielte sie. Ich habe kein Urteil über Musik, aber Mr. Rochester hat ein sehr treffendes. Und ich hörte ihn sagen, daß ihre Technik eine außergewöhnlich gute sei.«

»Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch nicht verheiratet?«

»Wie es scheint nicht. Ich glaube, daß weder sie noch ihre Schwester ein bedeutendes Vermögen haben. Die Güter des alten Lord Ingram waren zum größten Teil Fideikommiß, und der älteste Sohn hat beinahe alles geerbt.«

»Aber es nimmt mich Wunder, daß kein reicher Edelmann oder Gentleman sich in sie verliebt hat. Mr. Rochester zum Beispiel. Er ist doch sehr reich, nicht wahr?«

»O ja! Aber sehen Sie, es ist ein beträchtlicher Unterschied im Alter. Mr. Rochester ist beinahe vierzig, und sie kann nicht älter als fünfundzwanzig sein.«

»Was bedeutet das! Es werden täglich viel ungleichere Ehen geschlossen.«

»Das ist wohl wahr! Doch ich glaube kaum, daß Mr. Rochester einen solchen Gedanken hegen würde. Aber Sie essen ja nicht. Sie haben nichts gegessen, seitdem Sie sich an den Theetisch gesetzt haben.«

[247] »Nein, ich bin zu durstig, um zu essen. Wollen Sie mir noch eine Tasse Thee geben?«

Ich war im Begriff, auf die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Mr. Rochester und der schönen Blanche zurückzukommen, als Adele ins Zimmer kam und die Unterhaltung in andere Bahnen gelenkt wurde.

Als ich wieder allein war, dachte ich über die Mitteilungen nach, welche mir gemacht worden; ich sah in mein eigenes Herz, prüfte seine Gedanken und Empfindungen, und bemühte mich ernstlich, solche, welche durch die end- und pfadlose Wüste der Einbildungskraft geschweift waren, mit fester Hand in die enge Bahn der Vernunft zurückzuführen.

Vor meine eigenen Gerichtsschranken geführt, hatte mein Gedächtnis Zeugnis abgelegt von den Hoffnungen, Wünschen und Gefühlen, die seit der letzten Nacht in mir erstanden waren – von dem allgemeinen Gemütszustand, dem ich mich seit beinahe vierzehn Tagen hingegeben hatte; die Vernunft war vorgetreten und hatte in ihrer eigenen ruhigen Weise eine einfache, ungeschmückte Erzählung gegeben, wie ich die Wirklichkeit verworfen und das Ideal mit Heißhunger verschlungen hatte – da sprach ich folgendes Urteil:

»Daß eine größere Närrin als Jane Eyre niemals auf diesem Erdenrund geatmet habe; daß keine phantastischere Idiotin jemals in süßeren Lügen geschwelgt, daß niemals ein denkendes Geschöpf mit größerer Begierde Gift verschlungen habe, als wenn es Nektar wäre.«

»Du,« sagte ich, »von Mr. Rochester wohl gelitten? Du mit der Macht begabt, ihm zu gefallen? Du von irgend einer Bedeutung für ihn? Geh! Deine Thorheit widert mich an. Du hast an zufälligen Zeichen der Bevorzugung Freude gefunden – sehr zweideutige Zeichen, welche ein Gentleman von Familie, ein Mann von Welt einer Unerfahrenen, einer Untergebenen zu teil werden läßt. [248] Wie konntest du nur? Arme, dumme Närrin! – Konnte nicht einmal dein eigenes Interesse dich weiser machen? Du hast dir heute Morgen die kurze Scene der letzten Nacht immer und immer wieder vor Augen geführt? – Verhülle dein Angesicht und schäme dich! Er sagte etwas zum Lobe deiner Augen, wie? Blinde Thörin! Öffne deine verblendeten Lider und sieh auf deine eigene verfluchte Sinnlosigkeit! Es ist keinem Weibe gut, wenn es sich von einem Höherstehenden schmeicheln läßt, der unmöglich die Absicht hegen kann, es zu heiraten; und jede Frau begeht eine Thorheit, wenn sie eine heimliche Liebe in sich wachsen läßt, die, wenn sie unerwiedert und unentdeckt bleibt, das Leben verzehren muß, durch welches es genährt wird; und welche, wenn sie entdeckt und erwidert wird, wie ignis fatuus in sumpfige Wildnis führen muß, aus der es keinen Ausweg mehr giebt.

Jane Eyre, höre also deinen Urteilsspruch: nimm morgen den Spiegel, stelle ihn vor dich und zeichne dann so getreu wie möglich dein eignes Bild, ohne irgend einen Mangel zu verdecken, ohne eine harte Linie fortzulassen; gleiche keinen unliebsamen Schönheitsfehler aus, und schreib darunter: Porträt einer armen, alleinstehenden, häßlichen Gouvernante.

Später nimm eine Platte weißen Elfenbeins – Du hast eine solche in deinem Malkasten vorbereitet; nimm deine Palette, mische deine frischesten, schönsten, klarsten – Farben; wähle deine zartesten Kameelhaarpinsel; zeichne mit Sorgfalt das schönste Gesicht, welches deine Einbildungskraft dir vorzaubert, male es in den weichsten Tönen und süßesten Farben nach der Beschreibung, welche Mr. Fairfax dir von Blanche Ingram gemacht hat. Vergiß nicht die rabenschwarzen Locken, das orientalische Auge – was! Du willst dir diejenigen Mr. Rochesters zum Vorbilde nehmen? – Ordnung! – Kein Schluchzen! – kein Gefühl! – kein Bedauern! – Ich werde nur Vernunft und[249] feste Entschlossenheit gelten lassen. Rufe dir die majestätischen und doch harmonischen Linien, den griechischen Nacken, die antike Büste ins Gedächtnis zurück; laß den runden, blendenden Arm sichtbar sein, und die zarte Hand; vergiß weder das Armband, noch den Diamantring; male getreu den Anzug, die luftig zarten Spitzen, den schillernden Atlas, die graziöse Schärpe, die goldene Rose; nenne es: ›Blanche, eine liebenswürdige und schöne Dame von Rang!‹

Wenn du dir jemals in Zukunft einbilden solltest, daß Mr. Rochester gut von dir denkt, so nimm diese beiden Bilder vor und sage: Mr. Rochester würde wahrscheinlich die Liebe dieser edlen Dame gewinnen, wenn er sich die Mühe geben wollte, dieselbe zu erobern, – ist es aber wahrscheinlich, daß er dieser armen, unbedeutenden Plebejerin auch nur einen Gedanken schenken würde?«

»Ich werde es thun,« beschloß ich, und nachdem dieser Entschluß besiegelt war, wurde ich ruhig und fiel in einen tiefen Schlaf.

Ich hielt mein Wort. Eine oder zwei Stunden genügten, um mein eigenes Bild in Crayon zu zeichnen; und in weniger als einer Stunde hatte ich ein Miniaturbild der imaginären Blanche Ingram auf Elfenbein vollendet. Es war ein gar liebliches Bild, und wenn ich es mit dem der Wirklichkeit nachgezeichneten Kopfe in Crayons verglich, so war der Kontrast so groß, wie die Selbsterkenntnis ihn nur immer wünschen konnte. Die Arbeit war eine Wohlthat für mich. Sie hatte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Eindrücken, welche ich unauslöschlich in mein Herz graben wollte, Kraft und Festigkeit verliehen.

Es dauerte nicht lange, und ich hatte alle Ursache, mir zu dem Verlauf der strengen Disziplin, welcher ich meine Gefühle in dieser Weise unterworfen hatte, Glück zu wünschen. Dank ihr, war ich imstande, später folgenden Begebenheiten mit der nötigen, gebührenden Ruhe zu begegnen, [250] Begebenheiten, die, wenn sie mich unvorbereitet gefunden hätten, mir wahrscheinlich sogar jede äußere Fassung geraubt haben würden.

Fußnoten

1 Was ist Ihnen, Fräulein? Ihre Finger zittern wie ein welkes Blatt und Ihre Wangen sind rot: aber rot wie Kirschen.

2 Wiese

Siebenzehntes Kapitel

Eine Woche verging, und von Mr. Rochester kam keine Nachricht. Zehn Tage; und immer kam er noch nicht. Mrs. Fairfax sagte, daß sie durchaus nicht erstaunt sein würde, wenn er von Leas direkt nach London und von dort nach dem Kontinent gehen würde, ohne vor Ablauf eines ganzen Jahres den Fuß wieder nach Thornfield-Hall zu setzen. Schon oft habe er das alte Haus ebenso unerwartet und jäh verlassen. Als ich dies hörte, kam eine ohnmächtige Schwäche über mich, mein Herz stand fast still. Ich erlaubte mir in der That, ein betäubendes, niederschmetterndes Gefühl der Enttäuschung zu verspüren; aber all meinen Verstand zusammenraffend und mich meiner erst kürzlich gefaßten Grundsätze erinnernd, rief ich mit aller Gewalt meine Vernunft wieder zur Ordnung, und es war wunderbar, wie ich meine temporäre Tölpelei wieder gut machte; wie ich mir selbst erklärte, daß es ein grober Irrtum sei, wenn ich vermeinte, daß Mr. Rochesters Thun und Lassen ein bedeutendes Interesse für mich habe. Nicht daß ich mich mit einer sklavischen Idee von Niedrigkeit gedemütigt hätte – im Gegenteil, ich sagte nur:

»Du hast weiter nichts mit dem Besitzer von Thornfield zu thun, als das Gehalt von ihm anzunehmen, das er dir dafür zahlt, daß du seinen Schützling unterrichtest; weiter hast du ihm dankbar zu sein für die achtungsvolle und gütige Behandlung, die du von ihm zu erwarten hast, wenn du deine Pflicht gewissenhaft erfüllst. Sei fest überzeugt davon, das ist das einzige Band zwischen euch, das er in Wahrheit anerkennen wird. Mache ihn also nicht zum Gegenstande deiner zärtlichen Gefühle, deines Entzückens, [251] deiner Qualen u.s.w. u.s.w. Er ist nicht von deiner Art, bleib bei deines Gleichen, und hege zu viel Achtung vor dir selbst, um die Liebe deines ganzen Herzens, deiner Seele und all deine Kräfte da zu verschwenden, wo eine solche Gabe nicht verlangt wird und nur verschmäht werden würde.«

Ruhig verrichtete ich die Geschäfte des Tages; aber dann und wann drängten sich meinem Hirn Gründe auf, die mir als Vorwand dienen könnten, um Thornfield-Hall zu verlassen; und unwillkürlich setzte ich Annoncen auf und stellte Betrachtungen über neue Stellungen an; diese Gedanken zu unterdrücken hielt ich nicht für nötig. Sie sollten nur keimen und Früchte tragen, wenn es möglich war.

Mr. Rochester war ungefähr vierzehn Tage abwesend gewesen, als die Post einen Brief für Mrs. Fairfax brachte.

»Er ist von unserem Herrn,« sagte sie, als sie die Adresse las. »Vermutlich werden wir jetzt erfahren, ob wir ihn bald zurückerwarten dürfen oder nicht.«

Und während sie das Siegel brach und den Inhalt langsam durchlas, fuhr ich fort, meinen Kaffee zu trinken, (wir saßen nämlich beim Frühstück), er war sehr heiß, und diesem Umstande schrieb ich es zu, daß eine feurige Glut plötzlich mein Gesicht überzog. Weshalb meine Hand zitterte, und ich unwillkürlich die Hälfte des Inhalts meiner Tasse in die Unterschale vergoß – darüber wollte ich nicht weiter nachdenken.

»Nun, manchmal ist mir's, als lebten wir hier zu einsam; aber jetzt werden wir für eine kurze Weile vielleicht genug zu thun bekommen,« sagte Mrs. Fairfax, während sie noch immer den Brief vor ihre Brillengläser hielt.

Bevor ich mir noch erlaubte, um eine Erklärung zu bitten, band ich Adelens Schürzenbänder, die lose herabhingen, zusammen. Nachdem ich ihr noch einen Kuchen gegeben und ihren Becher wiederum mit Milch gefüllt hatte, sagte ich ganz nachlässig:

[252] »Vermutlich kehrt Mr. Rochester noch fürs Erste nicht zurück?«

»In der That kehrt er zurück – in drei Tagen schon, wie er sagt. Das würde also am nächsten Donnerstag sein, und zwar kommt er nicht allein. Ich weiß nicht, wie viele von den feinen Leuten von Leas mit ihm kommen, er schickt mir nur die Weisung, daß all die besten Fremdenzimmer in Stand gesetzt werden, und die Bibliothek und die Salons sollen gereinigt werden; und aus dem Wirtshause zum ›heiligen Georg‹ in Millcote soll ich mir Hilfspersonal für die Küche holen lassen, oder wenn nicht von dort, so von irgend einem andern Orte. Die Damen werden ihre Kammerjungfern und die Herren ihre Kammerdiener mitbringen; wir werden also ein volles Haus haben.« Und Mrs. Fairfax verschlang schnell ihr Frühstück und eilte von dannen, um mit den Operationen zu beginnen.

Wie sie es vorausgesagt, brachten die drei Tage Beschäftigung genug. Ich hatte immer geglaubt, daß all die Zimmer in Thornfield-Hall aufs schönste gereinigt und arrangiert gewesen seien. Aber es scheint, daß ich mich geirrt hatte. Drei Frauen wurden geholt, um Hilfsdienste zu leisten, und niemals habe ich vorher und nachher ein solches Scheuern, solches Bürsten, solches Waschen von Wänden, solches Ausklopfen von Teppichen, solches Herabnehmen und Aufhängen von Bildern, solches Polieren von Spiegeln und Kronleuchtern, solch ein Anzünden von Kaminfeuern in Schlafzimmern, solch ein Lüften von Betttüchern und Federbetten auf Küchenherden u.s.w. u.s.w. gesehen. Adele rannte inmitten all dieser Vorgänge wie wild umher. Die Vorbereitungen für die Besucher und die Aussicht auf ihre Ankunft schienen sie förmlich in Extase zu versetzen. Sie wollte, daß Sophie all ihre »Toiletten«, wie sie ihre Kleider nannte, genau durchsehen solle; jene, welche »passées« seien, seien wieder aufzufrischen und die neuen zu nähen und aufzuputzen. Was sie selbst anbetraf, that sie nichts, als in [253] den Vorderzimmern umherzulaufen, auf die Bettstellen hinauf und wieder herab zu springen und sich vor den enormen Feuern, welche in den Kaminen emporloderten, auf den aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen und Federpolstern umherzuwälzen. Von allen Schulpflichten war sie dispensiert; Mrs. Fairfax hatte mich gezwungen, ihr Dienste zu leisten, und ich war während des ganzen Tages in den Vorratskammern, ihr und der Köchin helfend oder auch sie in ihrer Arbeit hindernd; ich lernte Käsekuchen und französische Confituren und Eierrahm machen, Dessertschüsseln garnieren und Wildbraten spicken.

Die Gesellschaft wurde am Donnerstag Nachmittag erwartet, früh genug, um das Diner um sechs Uhr einnehmen zu können. In der dazwischenliegenden Zeit hatte ich nicht Muße, meinen Chimären nachzuhängen, und ich glaube, daß ich ebenso fröhlich und thätig war wie alle anderen – mit Ausnahme Adelens. Aber dann und wann wurde meine Fröhlichkeit doch gedämpft, und gegen meinen Willen verfiel ich wieder in die Region der Zweifel und Möglichkeiten und dunklen Vermuthungen. Dies geschah immer nur, wenn mein Auge zufällig auf die Treppenthür des dritten Stockwerks fiel, und diese, die in der jüngsten Zeit immer verschlossen gewesen, sich langsam öffnete und Grace Pooles Gestalt mit sauberer Mütze, weißer Schürze und Halstuch heraustrat. Oft sah ich sie die Galerie hinuntergleiten, ihr leiser Tritt noch durch dicke Filzschuhe gedämpft; dann pflegte sie wohl in eins der Schlafzimmer zu treten, in denen alles drunter und drüber ging, und den Arbeitsfrauen Anweisungen zu geben, wie man ein Kamingitter am besten polieren oder ein Kaminsims reinigen oder Flecke von den Tapeten entfernen könne. Dann ging sie weiter. So stieg sie einmal am Tage in die Küche hinunter, aß ihr Mittagsmahl, rauchte eine kleine Pfeife in der Ofenecke und ging dann zurück, ihren Topf mit Porter zu ihrem Privat-Trost in ihren eigenen, düsteren, oberen Schlupfwinkel [254] mit sich nehmend. Nur eine einzige Stunde von vierundzwanzig brachte sie mit den übrigen Dienstboten unten in der Küche zu, ihre übrige Zeit ging in einem niedrigen, mit Eichenholz verkleideten Gemache des zweiten Stockwerks hin. Dort saß sie und nähte – vielleicht lachte sie auch in ihrer unheimlichen Weise vor sich hin – so einsam, so verlassen, wie ein Verbrecher in seiner Gefängniszelle.

Das Sonderbarste bei all diesem war, daß außer mir keine Seele im ganzen Hause ihre Gewohnheiten zu bemerken oder sich über dieselben zu wundern schien. Niemand sprach über ihre Stellung oder ihre Beschäftigung; niemand bemitleidete sie wegen ihrer Vereinsamung. In der That hörte ich einmal einen Teil des Gesprächs zwischen Leah und einer der Arbeiterinnen, dessen Gegenstand Grace bildete. Leah hatte etwas gesagt, das ich nicht vernommen, und die Arbeitsfrau bemerkte:

»Vermutlich bekommt sie hohen Lohn?«

»Ja,« sagte Leah, »ich wollte der meine wäre so hoch; nicht, daß ich mich zu beklagen hätte – in Thornfield-Hall giebt es keinen Geiz; aber er beträgt doch nicht ein Fünftel von der Summe, welche Mrs. Poole bekommt. Und sie legt viel auf die Seite. Zu jedem Quartal geht sie in die Bank von Millcote. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie schon genug hätte, um unabhängig leben zu können, wenn es ihr einmal einfallen sollte, aus dem Dienst zu gehen. Aber ich glaube, sie hat sich nun einmal schon an den Ort gewöhnt; und sie ist ja auch noch nicht vierzig Jahre alt, und stark und kräftig und zu aller Arbeit verwendbar. Es ist doch noch zu früh für sie, um sich zur Ruhe zu setzen.«

»Sie ist eine gute Arbeiterin, wie ich mir denken kann,« sagte die Scheuerfrau.

»Ah! sie versteht ihre Arbeit, sie weiß was sie zu thun hat – keiner versteht es besser,« fiel Leah mit einer eigentümlichen [255] Betonung ein, »und nicht jeder mann wäre imstande, ihren Platz auszufüllen; nicht einmal für all den Lohn, den sie bekommt.«

»Da haben Sie recht!« lautete die Antwort. »Ich möchte doch wissen, ob der Herr – –«

Die Tagelöhnerin wollte noch weiter sprechen, aber hier wandte Leah sich um und ward meiner ansichtig. Augenblicklich gab sie ihrer Gefährtin einen Rippenstoß.

»Weiß sie es nicht?« hörte ich die Frau flüstern.

Leah schüttelte den Kopf, und hier nahm die Unterhaltung ein Ende. Alles, was ich daraus entnommen, war folgendes: es mußte ein Geheimnis in Thornfield geben; und ich war mit Absicht von der Mitwissenschaft dieses Geheimnisses ausgeschlossen.

Der Donnerstag kam; am Abend zuvor waren wir mit aller Arbeit fertig geworden; die Teppiche waren ausgespannt, die Bettvorhänge aufgesteckt, glänzend weiße Bettdecken ausgebreitet, Toilette-Tische arrangiert, die Möbeln poliert, Blumen in Vasen gesteckt. Auch die große Halle war gereinigt, die Stufen und Geländer der Treppe so wie die alte geschnitzte Stehuhr waren so blank gerieben wie Glas; im Speisezimmer funkelte das Silberzeug auf der Kredenz; im Boudoir und Salon begegneten dem Auge überall Vasen mit exotischen Blumen.

Der Nachmittag kam. Mrs. Fairfax legte ihr bestes, schwarzes Atlaskleid, ihre Handschuhe, ihre goldene Uhr mit Kette an, denn es lag ihr ob, die Gesellschaft zu empfangen – die Damen in ihre Zimmer zu führen, u.s.w. – Auch Adele wollte angezogen sein, obgleich ich der Ansicht war, daß sie nur wenig Aussicht habe, an diesem Tage wenigstens noch in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Indessen, um ihr eine Freude zu machen, gestattete ich Sophie, ihr eins ihrer reichen, vollen, weißen Musselinkleider anzuziehen. Was mich anbetraf, so hatte ich nicht nötig, irgend eine Änderung an meiner Toilette vorzunehmen; [256] von mir würde ja niemand verlangen, das Sanktuarium meines Schulzimmers zu verlassen – denn ein Sanktuarium war es jetzt für mich geworden – »eine herrliche Zufluchtsstätte in Zeiten der Not und des Kummers.«

Es war ein klarer, milder Frühlingstag gewesen, einer jener Tage, die sich gegen Ende März oder Anfang April strahlend über die Erde emporheben wie die Herolde des Sommers. Jetzt ging er zu Ende; aber auch der Abend war warm und ich saß mit meiner Arbeit an dem geöffneten Fenster des Schulzimmers.

»Es wird spät,« bemerkte Mrs. Fairfax, die in ihrem rauschenden Staat eintrat. »Ich bin nur froh, daß ich das Mittagessen eine Stunde später als zu der von Mr. Rochester angegebenen Zeit bestellt habe; es ist jetzt sechs Uhr vorüber. Ich habe John hinunter an die Parkpforten geschickt, um zu sehen, ob auf der Landstraße schon irgend etwas sichtbar ist. Von dort kann man in der Richtung nach Millcote sehr weit sehen.« Sie trat ans Fenster. Da kommt er schon. »Nun, John,« rief sie sich hinauslehnend, »was giebt es? Irgend etwas zu sehen?«

»Sie kommen, Madam,« lautete die Antwort. »In zehn Minuten werden sie hier sein.«

Adele flog ans Fenster. Ich folgte ihr, mich behutsam auf der Seite haltend, damit ich vom Vorhang geschützt sehen konnte, ohne gesehen zu werden.

Die zehn Minuten, welche John prophezeit, schienen sehr lang; aber endlich hörten wir das Rollen der Räder; vier Reiter sprengten den Weg hinauf und ihnen folgten zwei offene Wagen. Wehende Schleier und wogende Federn füllten die Equipagen; zwei der Kavaliere waren junge, elegante Herren; der dritte war Mr. Rochester auf seinem schwarzen Pferde Messour; Pilot sprang in großen Sätzen vor ihm her; ihm zur Seite ritt eine Dame, und sie und er waren die ersten der Gesellschaft. Ihr dunkelrotes Reitkleid berührte beinahe den Boden, ihr langer Schleier [257] flatterte im Winde; reiche, rabenschwarze Locken schienen durch seine durchsichtigen Falten.

»Miß Ingram!« rief Mrs. Fairfax aus und in der größten Eile begab sie sich auf ihren Posten unten in der Halle.

Die Kavalkade folgte den Biegungen des Fahrweges, der um die Ecke des Hauses bog, und ich verlor sie aus den Augen. Jetzt bat Adele hinuntergehen zu dürfen, aber ich nahm sie auf meinen Schoß und machte ihr begreiflich, daß sie unter keiner Bedingung daran denken dürfe, sich vor das Angesicht der Damen zu wagen, weder heute noch zu irgend einer andern Zeit, wenn man sie nicht ausdrücklich dazu auffordern lasse, daß Mr. Rochester sehr ärgerlich sein würde, u.s.w. Als ich ihr dies sagte, vergoß sie einige natürliche Thränen; da ich aber eine sehr ernste Miene machte, willigte sie endlich ein, diese wieder zu trocknen.

Jetzt tönte ein fröhliches Lärmen aus der Halle herauf; die tiefen Stimmen der Herren und die silbernen Stimmen der Damen mischten sich harmonisch, und vor allen hörbar war die sonore Stimme des Gebieters von Thornfield-Hall, der seine schönen und liebenswürdigen Gäste unter seinem Dache willkommen hieß. Dann kamen leichte Tritte die Treppe herauf, und aus der Galerie vernahm man ein Trippeln und leises, fröhliches Lachen, ein Öffnen und Schließen von Thüren und dann war für eine Weile alles still.

»Elles changent de toilettes,« 1 sagte Adele, welche aufmerksam horchte, jeder Bewegung folgend; sie seufzte tief auf.

»Chez maman,« sagte sie, »quand il y avait du monde, je le suivais partout, au salon at à leurs chambres; souvent je regardais les femmes de chambre coiffer et [258] habiller les dames, et c'était si amusant: comme cela on apprend.« 2

»Bist du nicht hungrig, Adele?«

»Mais oui, Mademoiselle: voilà cinq ou six heures que nuos n'avons pas mangé.« 3

»Gut dann; während die Damen in ihren Zimmern sind, will ich mich hinunterwagen und dir etwas zu essen holen.«

Und mit größter Vorsicht aus meinem Asyl hervortretend, suchte ich eine Hintertreppe, welche direkt in die Küche führte. In jener Region war alles Feuer und Hitze und Bewegung; die Suppe und der Fisch waren im letzten Stadium des Werdens, und die Köchin stand über ihren Schmelztiegeln in einem Zustande der Seele und des Körpers, welcher eine augenblickliche Verbrennung befürchten ließ. In der Halle der Dienstboten standen und saßen zwei Kutscher und mehrere Kammerdiener um das Feuer; die Abigails waren vermutlich oben bei ihren Gebieterinnen; die neuen Dienstboten, welche aus Millcote gemietet waren, liefen und arbeiteten überall umher. Mich durch dieses Chaos durchwindend, erreichte ich endlich die Speisekammer; dort nahm ich Besitz von einem kalten Huhn, einem Weißbrot, einigen kleinen Torten, zwei Tellern und einigen Messern und Gabeln. Mit dieser Beute trat ich eilig den Rückzug an. Ich hatte die Galerie schon wieder erreicht und schloß gerade die Hinterthür, als ein zunehmendes Stimmengemurmel mir verkündete, daß die Damen im Begriffe waren, ihre Zimmer zu verlassen. Ich konnte nicht in das Schulzimmer gelangen, ohne an einigen ihrer Thüren vorüberzugehen und somit entdeckt zu werden, wie ich mein Cargo von Lebensmitteln beiseite schaffte; so blieb [259] ich denn an diesem Ende des Ganges stehen, der keine Fenster hatte und folglich dunkel war; um diese Zeit schon vollständig dunkel, denn die Sonne war bereits untergegangen und die Dämmerung sank herab.

In diesem Augenblick traten die schönen Bewohnerinnen eine nach der anderen aus ihren Zimmern; jede einzelne kam fröhlich und lustig heraus in einer Toilette, die hell durch die Dunkelheit leuchtete. Während eines Augenblicks standen sie in einer Gruppe zusammen am äußersten Ende der Galerie und sprachen in Tönen süßer und unterdrückter Lebhaftigkeit; dann schwebten sie geräuschlos die Treppe hinunter wie helle Nebel den Berg hinunterrollen. Ihre Gesamterscheinung hatte mir den Eindruck der vornehmsten Eleganz gemacht; einen Eindruck, den ich nie zuvor empfangen.

Ich fand Adele, wie sie durch die Thür des Schulzimmers, die sie halb geöffnet hielt, blickte. »Welche schönen Damen!« rief sie auf englisch. »Ach, ich wollte, ich könnte zu ihnen gehen! Glauben Sie, daß Mr. Rochester uns nach dem Mittagessen holen lassen wird?«

»Nein, das glaube ich in der That nicht. Mr. Rochester hat an andere Dinge zu denken. Kümmere dich heute Abend nicht mehr um die Damen; vielleicht wirst du sie morgen sehen; hier ist dein Mittagessen.«

Sie war wirklich hungrig, daher dienten das Hühnchen und die Torten dazu, ihre Aufmerksamkeit für eine Weile abzulenken. Es war ein Glück, daß ich diesen Vorrat in Sicherheit gebracht hatte; sonst hätten sie, ich und Sophie, welcher ich einen Teil unserer Mahlzeit gebracht hatte, aller Wahrscheinlichkeit nach gar kein Mittagessen bekommen. Unten waren alle zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um an uns denken zu können. Das Dessert wurde erst nach neun Uhr hineingetragen, und um zehn Uhr liefen die Diener noch hin und her mit Speisebrettern und Kaffeetassen. Ich erlaubte Adele viel länger als gewöhnlich aufzubleiben; [260] denn sie erklärte, daß sie unmöglich einschlafen könne, wenn die Leute so hin- und herliefen, und die Thüren fortwährend geöffnet und geschlossen würden. Außerdem, fügte sie hinzu, könne Mr. Rochester sie möglicherweise doch noch holen lassen, und alors quel dommage! (wie schade alsdann) wenn sie schon ausgezogen wäre!

So lange sie mir zuhören wollte, erzählte ich ihr Geschichten, und dann führte ich sie der Abwechselung wegen in die Galerie hinaus. Jetzt war die Lampe in der Vorhalle angezündet, und es amüsierte sie, über die Balustrade hinab die Diener hin- und herlaufen zu sehen. Sehr spät am Abend ertönte Musik aus dem Salon, in welchen das Piano gestellt worden war. Adele und ich setzten uns auf die oberen Stufen der Treppe, um zu horchen. Plötzlich mischte sich der Klang einer vollen Stimme mit den Tönen des Klaviers; es war eine Dame, die sang und ihre Stimme war süß und weich. Als das Solo zu Ende war, folgte ein Duett, und dann ein Scherzgesang; ein fröhliches Summen der Unterhaltung füllte die Zwischenpausen aus. Lange horchte ich. Plötzlich entdeckte ich dann, daß mein Ohr sich anstrengte, um die verschiedenen Töne zu analysieren, aus dem Gewirr der Stimmen diejenige Mr. Rochesters herauszuhören; als ihm dies gar bald gelungen, machte es sich wieder an die Aufgabe, die Laute, welche durch die Entfernung undeutlich wurden, in Worte zu setzen.

Es schlug elf Uhr. Ich blickte auf Adele, die ihren Kopf an meine Schultern gelehnt hatte; ihre Augenlider wurden schwer, deshalb nahm ich sie in meine Arme und trug sie ins Bett. Es war fast ein Uhr, als die Herren und Damen sich in ihre Zimmer begaben.

Der folgende Tag war ebenso schön wie sein Vorgänger. Der größte Teil der Gesellschaft benutzte ihn dazu, um eine prächtige Aussicht in der Nachbarschaft aufzusuchen. Früh am Vormittag machten sie sich auf den Weg, einige zu Pferd, die meisten zu Wagen. Ich sah sowohl die Abfahrt wie [261] die Wiederkehr. Wie Tags zuvor war Miß Ingram wieder die einzige Reiterin, und wie Tags zuvor ritt Mr. Rochester wieder an ihrer Seite. Beide hatten sich von den übrigen getrennt. Ich machte Mrs. Fairfax, welche ebenfalls am Fenster stand, auf diesen Umstand aufmerksam.

»Sie sagten, es sei nicht wahrscheinlich, daß diese beiden an eine Heirat denken würden,« sagte ich, »aber wie Sie sehen, zieht er sie augenscheinlich allen anderen Damen vor.«

»Das ist wohl möglich. Ohne Zweifel bewundert er sie.«

»Und sie ihn,« fügte ich hinzu; »sehen Sie nur, wie sie ihren Kopf zu ihm neigt, als wenn sie vertraulich mit ihm spräche. Ich möchte ihr Gesicht so gern sehen; bis jetzt ist es mir nicht gelungen, einen Schimmer von ihr zu erhaschen.«

»Sie werden sie heute Abend sehen,« antwortete Mrs. Fairfax. »Zufällig bemerkte ich Mr. Rochester gegenüber, wie sehr Adele wünscht, den Damen vorgestellt zu werden, und da sagte er: ›O! lassen Sie sie nach dem Mittagessen in den Salon kommen, und bitten Sie Miß Eyre sie zu begleiten.‹«

»Ja – er sagte das nur so aus Höflichkeit: gewiß, ich brauche nicht zu gehen,« antwortete ich.

»Nun – ich bemerkte ihm, daß ich kaum glaube, es sei Ihnen angenehm, vor einer so lustigen Gesellschaft zu erscheinen – noch dazu lauter Fremde – weil Sie so wenig daran gewöhnt seien, unter Menschen zu gehen. Da antwortete er mir in seiner raschen Weise: ›Unsinn! Wenn sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, daß es mein ganz besonderer Wunsch ist; und wenn sie dann noch widerspricht, so sagen Sie nur, daß ich kommen werde, sie im Falle des Ausbleibens zu holen.‹«

»Die Mühe werde ich ihm nicht machen,« entgegnete ich. »Wenn es nicht anders geht, so werde ich erscheinen; aber es macht mir durchaus keine Freude. Werden Sie auch dort sein, Mrs. Fairfax?«

[262] »Nein, ich entschuldigte mich, und er nahm meine Entschuldigung an. Ich werde Ihnen sagen, wie Sie es anzufangen haben, um ein förmliches Eintreten zu vermeiden, denn das ist das Unangenehmste bei der ganzen Sache. Sie müssen in den Salon gehen, während er leer ist und die Damen die Tafel noch nicht verlassen haben. Wählen Sie Ihren Platz in irgend einem stillen Winkel, der Ihnen gefällt, und wenn es Ihnen nicht angenehm ist, brauchen Sie ja nicht mehr lange zu bleiben, nachdem die Herren hineinkommen. Wenn Mr. Rochester nur gesehen hat, daß Sie da sind, können Sie ja gleich fortschlüpfen – niemand wird Sie bemerken.«

»Glauben Sie, daß diese Leute lange hier bleiben?«

»Vielleicht zwei oder drei Wochen; gewiß nicht länger. Nach den Osterferien muß Sir George Lynn, der vor kurzem als Parlamentsmitglied für Millcote gewählt worden ist, nach London gehen, um seinen Sitz einzunehmen. Es wundert mich, daß er seinen Aufenthalt in Thornfield-Hall schon so lang ausgedehnt hat. Vermutlich wird Mr. Rochester ihn hinaufbegleiten.«

Mit einigem Zittern und Zagen sah ich die Stunde sich nahen, in welcher ich mich mit meiner Pflegebefohlenen in den Salon hinunter begeben sollte. Adele war während des ganzen Tages in einem Zustande der größten Erregung gewesen, nachdem sie gehört hatte, daß sie am Abend den Damen vorgestellt werden sollte; und erst als Sophie mit der Operation des Anziehens anfing, begann sie, sich ein wenig zu beruhigen. Dann nahm die Wichtigkeit des Prozesses sie bald gänzlich in Anspruch, und als sie dann endlich ihr Haar in glänzenden, tief herabwallenden Locken geordnet sah, ihr rosa Atlaskleid angelegt hatte, ihre lange Schärpe geknüpft und die zarten Spitzenhandschuhe angezogen hatte, sah sie so ernst aus wie ein Richter. Es bedurfte nicht der Ermahnung, ihre Toilette nicht in Unordnung zu bringen; als sie angekleidet war, setzte sie [263] sich ernst und behutsam auf ihren kleinen Stuhl, vorher nahm sie aber sorgfältig ihr Atlasröckchen auf aus Furcht, ihn zu zerdrücken, und dann versicherte sie mich, daß sie sich nicht rühren werde, bevor ich bereit sei. Das war ich allerdings schnell: mein bestes Kleid – das silbergraue, das ich für Miß Temples Hochzeit gekauft und seitdem niemals wieder getragen hatte – war bald angelegt; mein Haar zu ordnen nahm wenig Zeit in Anspruch, dann nahm ich noch den einzigen Schmuckgegenstand, welchen ich besaß, die Perlenbrosche. Und nun gingen wir hinunter.

Glücklicherweise gab es noch einen anderen Eingang in den Salon als jenen durch den Speisesaal, in welchem alle Gäste beim Diner saßen. Wir fanden das Gemach leer; in dem Marmorkamin brannte ein großes Feuer, zwischen den seltenen, duftenden Blumen, mit welchen die Tische geschmückt waren, leuchteten Wachskerzen in fröhlicher Einsamkeit. Der feuerrote Vorhang wallte vor dem hohen Thürbogen herab; wie leicht auch die Draperie sein mochte, die uns von der Gesellschaft im anstoßenden Saale trennte, so drang von ihrer Konversation doch nichts zu uns heraus als ein ruhiges, halblautes Murmeln.

Adele, die noch unter dem Einflusse eines feierlichen Eindrucks zu stehen schien, setzte sich ohne zu sprechen auf den Fußschemel, den ich ihr bezeichnete. Ich zog mich in eine Fenstervertiefung zurück, nahm ein Buch vom nächsten Tische und bemühte mich zu lesen. Adele brachte ihren Schemel und setzte sich mir zu Füßen; nach kurzer Weile berührte sie mein Knie.

»Was willst du, Adele?«

»Est-ce-que je ne puis pas prendre une seule de ces fleurs magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour compléter ma toilette?« 4

[264] »Du denkst viel zu viel an deine Toilette, Adele! aber ich will dir trotzdem eine Blume geben.« Und ich nahm eine Rose aus einer der Vasen und steckte sie in ihre Schärpe. Sie stieß einen Seufzer unendlicher Befriedigung aus, als wenn der Becher ihres Glückes jetzt voll wäre. Ich wandte das Gesicht ab, um ein Lächeln zu verbergen, das ich nicht unterdrücken konnte. Es lag etwas komisches und doch wiederum trauriges in dem Ernst und der wirklichen Hingebung, mit welcher die kleine Pariserin die Angelegenheit ihrer Toilette behandelte.

Jetzt vernahm man das Geräusch des Zurückschiebens der Stühle; der Vorhang vor dem Thürbogen wurde zurückgezogen; das Innere des Speisesaals wurde sichtbar; der Kronleuchter sandte sein Licht auf eine Tafel herab, auf welcher schweres, prächtiges Silber- und funkelndes Glasservice in malerischer Unordnung durcheinander standen; unter der Wölbung des Bogens stand eine Gesellschaft von Damen; sie traten ein, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen.

Es waren ihrer nur acht; als sie jedoch ins Zimmer rauschten, schien es, als wären sie in weit größerer Anzahl. Einige von ihnen waren sehr groß, viele von ihnen trugen weiße Toiletten, und alle waren von einem Faltenreichtum umgeben, der ihre Gestalten zu vergrößern schien, wie ein Nebelhof den Mond vergrößert. Ich erhob mich und verneigte mich vor ihnen; eine oder zwei nickten als Erwiderung mit dem Kopfe; die andern starrten mich nur an.

Sie zerstreuten sich im Zimmer; in der Leichtigkeit und Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen erinnerten sie mich an einen großen Schwarm weißer Vögel. Einige warfen sich in halbliegender Stellung auf die Sofas und Ottomanen; einige beugten sich über die Tische und besahen die Blumen und Bücher; die übrigen sammelten sich in einer Gruppe um den Kamin, alle sprachen in leisem, klarem Ton, der [265] ihnen eigen zu sein schien. Später erfuhr ich ihre Namen, die ich ebenso gut schon an dieser Stelle nennen kann.

Vor allen Dingen war also Mrs. Eshton mit ihren beiden Töchtern da. Augenscheinlich war sie einst eine sehr schöne Frau gewesen, die sich noch jetzt wohl konserviert hatte. Von ihren Töchtern war die älteste, Amy, ziemlich klein, naiv und kindlich in Gesicht und Manieren, pikant in den Formen; ihr weißes Muslinkleid und die blaue Schärpe kleideten sie sehr gut. Die zweite, Louisa, war größer und eleganter von Figur; mit einem sehr hübschen Gesicht von jenem Typus, den die Franzosen »minois chiffonné« nennen; beide Schwestern waren weiß wie die Lilien.

Lady Lynn war eine große und starke Person von ungefähr vierzig Jahren; sehr gerade, sehr hochmütig aussehend, prächtig gekleidet in eine Robe von changeant farbigem Atlas; ihr dunkles Haar glänzte unter den Schatten einer azurfarbenen Feder, ein Reif von Diamanten schlang sich durch die Flechten.

Frau Oberst Dent war weniger auffallend, aber sie schien mir mehr lady-like. Sie war von schlanker Gestalt, hatte ein bleiches, sanftes Gesicht und blondes Haar. Ihr schwarzes Atlaskleid, ihre Schärpe von ausländischen Spitzen und ihr Perlenschmuck gefielen mir besser als die regenbogenartige Pracht der titelreichen Dame.

Aber die drei distinguiertesten Damen – teilweise vielleicht auch, weil sie die größten Gestalten der Gesellschaft – waren die verwitwete Lady Ingram und ihre beiden Töchter Blanche und Mary. Es waren die drei größten Frauengestalten, die ich jemals gesehen. Die Mutter mochte zwischen vierzig und fünfzig sein; ihr Haar war – bei Kerzenlicht wenigstens – noch immer schwarz; auch ihre Zähne waren scheinbar ganz fehlerlos. Die meisten Leute würden sie noch immer eine schöne Frau für ihr Alter genannt haben, und das war sie auch ohne Zweifel, wenn man nur [266] von ihrem Äußeren sprach; aber in ihrer Haltung und ihrem Gesichtsausdruck lag etwas unerträglich hochmütiges. Sie hatte römische Gesichtszüge und ein Doppelkinn, das in einem Halse verschwand, der stark war wie eine Säule; diese Züge schienen mir nicht nur verdunkelt und verflacht, sondern sogar durchfurcht von Stolz. Das Kinn stützte sich auf dasselbe Prinzip und zwar in einer Lage, die in ihrer Aufrechtstellung fast übernatürlich erschien. Sie hatte ebenfalls ein hartes und trotziges Auge; es erinnerte mich an dasjenige Mrs. Reeds; sie kaute ihre Worte beim Sprechen; ihre Stimme war tief, ihre Modulation sehr volltönend, sehr dogmatisch – kurzum, ganz unerträglich. Eine feuerrote Samtrobe und ein Turban, der aus einem golddurchwirkten indischen Shawl gewunden war, bekleidete sie – wie sie selbst vermutlich glaubte – mit einer wahrhaft königlichen Würde.

Blanche und Mary hatten dieselbe Figur – schlank und gerade wie Pappeln. Mary war zu mager für ihre Höhe; aber Blanche war gewachsen wie eine Diana. Ich betrachtete sie natürlich mit ganz besonderem Interesse. Erstens wünschte ich zu sehen, ob ihre Erscheinung mit Mrs. Fairfax' Beschreibung übereinstimmte; zweitens, ob sie überhaupt dem Fantasie-Miniaturbildchen ähnlich sei, welches ich von ihr gemalt hatte; und drittens – es muß heraus! – ob sie so sei, wie ich glaubte, daß sie sein müsse, um Mr. Rochesters Geschmack zu entsprechen.

So weit es ihre äußere Erscheinung betraf, glich sie Punkt für Punkt sowohl meinem Bilde wie Mrs. Fairfax' Beschreibung. Die edle Büste – die herrlichen Schultern – der graziöse Nacken, die dunklen Augen und die schwarzen Locken: alles war da – aber ihr Gesicht? – Ihr Gesicht war dem ihrer Mutter ähnlich, eine jugendliche Ähnlichkeit ohne Falten und Runzeln – dieselbe niedere Stirn, dieselben großen Züge, derselbe Stolz. Es war indessen nicht ein so strenger Stolz, sie lachte unaufhörlich; ihr Lachen [267] war satyrisch, und das war auch der gewöhnliche Ausdruck ihrer geschwungenen, hochmütigen Oberlippe.

Man sagt, daß das Genie selbstbewußt sei: ich weiß nicht, ob Miß Ingram ein Genie war, aber sie war selbstbewußt – ungewöhnlich selbstbewußt in der That. Sie begann mit der sanften Mrs. Dent ein Gespräch über Botanik. Es scheint, daß Mrs. Dent diese Wissenschaft nicht studiert hatte, obgleich sie, wie sie sagte, die Blumen liebte, »besonders die Wald- und Feldblumen;« Miß Ingram war indessen in dies Studium eingedrungen und mit einer Kennermiene ging sie das ganze Inhaltsverzeichnis durch. Ich merkte sofort, daß sie (was man im vaterländischen Dialekt so nennt) ein Treibjagen mit Mrs. Dent an stellte, das heißt über ihre Unwissenheit spottete. Dieses Treibjagen mochte geistreich sein, aber entschieden war es nicht gutmütig. Sie spielte: ihre Technik war brillant; sie sang: ihre Stimme war prächtig; sie sprach beiseite französisch mit ihrer Mama, und sie sprach es gut, fließend und mit trefflichem Accent.

Mary hatte ein milderes und offenherzigeres Gesicht als Blanche; ihre Züge waren auch sanfter, ihre Haut um einige Nüancen heller, (Miß Ingram war dunkel wie eine Spanierin) – aber Mary mangelte der Ausdruck, ihr Gesicht hatte keine Lebendigkeit, ihr Auge keinen Glanz; sie wußte nichts zu sagen, und wenn sie einmal ihren Sitz eingenommen hatte, blieb sie ruhig wie eine Statue in ihrer Nische. Die Schwestern waren beide in fleckenloses Weiß gekleidet.

Und glaubte ich nun wirklich, daß Miß Ingram die Wahl sei, welche Mr. Rochester möglicherweise treffen würde? Ich wußte es selbst nicht – ich kannte ja seinen Geschmack in Bezug auf weibliche Schönheit nicht. Wenn er das Majestätische liebte, so war sie der Typus der Majestät; außerdem war sie hochgebildet, unterrichtet, lebhaft. Die Mehrzahl der Männer mußte sie bewundern, wie ich meinte, [268] und daß er sie bewunderte, dafür glaubte ich bereits Beweise zu haben. Um den letzten Schatten eines Zweifels zu entfernen, blieb mir nur noch übrig, beide zusammen zu sehen.

Du darfst nicht glauben, lieber Leser, daß Adele während all dieser Zeit bewegungslos auf ihrem Schemel zu meinen Füßen ausgeharrt hat; nein, als die Damen eintraten, erhob sie sich, ging ihnen entgegen, machte eine stattliche Verbeugung und sagte mit dem größten Ernst:

»Bonjour, mesdames.«

Und Miß Ingram hatte mit spöttischer Miene auf sie niedergeblickt und ausgerufen: »O, welch eine kleine Drahtpuppe!«

Lady Lynn hatte bemerkt: »Vermutlich ist es Mr. Rochesters Mündel – das kleine französische Mädchen, von dem er uns gesprochen hat.«

Mrs. Dent hatte sie freundlich bei der Hand genommen und ihr einen Kuß gegeben. Amy und Louisa Eshton hatten gleichzeitig ausgerufen:

»Welch ein reizendes Kind!«

Und dann hatten sie sie auf ein Sofa genommen, wo sie jetzt saß, von beiden eingeschlossen, und abwechselnd Französisch und gebrochenes Englisch sprach. Sie nahm nicht allein die Aufmerksamkeit der jungen Damen, sondern auch jene von Mrs. Eshton und Lady Lynn in Anspruch und wurde nach Herzenslust verzogen.

Endlich wurde der Kaffee gebracht, und man rief die Herren. Ich sitze im Schatten, wenn es in einem strahlend erleuchteten Zimmer überhaupt einen Schatten giebt; der Fenstervorhang verbirgt mich zur Hälfte. Wiederum gähnt der weite Thürbogen: sie kommen. Der kollektive Eintritt der Herren ist sehr imposant, wie jener der Damen. Sie sind alle in schwarz gekleidet; die meisten von ihnen sind groß, einige jung. Henry und Frederick Lynn sind in der That sehr elegante Stutzer. Und Oberst Dent ist ein [269] schöner, militärisch aussehender Mann. Mr. Eshton, der Magistratsbeamte des Distrikts, ist sehr gentleman-like; sein Haar ist ganz weiß, seine Augenbrauen und der Bart sind noch dunkel; das giebt ihm etwas von dem Aussehen eines père noble vom Theater. Lord Ingram ist groß wie seine Schwestern, wie sie ist er ebenfalls schön, aber er hat den apathischen, leblosen Blick Marys, er scheint längere Gliedmaßen als Lebendigkeit des Bluts oder Kraft des Gehirns zu haben.

Und wo ist Mr. Rochester?

Endlich tritt auch er ein. Ich blicke nicht nach dem Thürbogen hin, aber ich sehe ihn eintreten. Ich versuche, meine Aufmerksamkeit auf diese Stricknadeln, auf die Maschen der Börse, die ich stricke, zu lenken – ich will nur an die Arbeit denken, die ich in Händen habe, nur auf die Silberperlen und Seidenfäden sehen, die auf meinem Schoße liegen – aber ich sehe so deutlich seine Gestalt und unwillkürlich rufe ich den Augenblick in mein Gedächtnis zurück, wo ich ihn zuletzt sah: gleich nachdem ich ihm einen Dienst erwiesen hatte, den er bedeutsam zu nennen beliebt hatte – und er meine Hand haltend, auf mein Gesicht blickend, mich mit Augen musterte, die ein Herz verrieten, das zum Überfließen voll war – und an dieser Rührung hatte ich einen Anteil! Wie nahe war ich ihm in jenem Augenblick gewesen! Was war inzwischen geschehen, das unsere gegenseitige Stellung ändern konnte? Und jetzt, wie fremd, wie fern waren wir einander! So fremd, daß ich nicht einmal mehr erwartete, daß er zu mir kommen und mit mir sprechen würde. Ich wunderte mich also nicht, daß er, ohne mich anzusehen, am andern Ende des Zimmers einen Stuhl nahm und mit einigen Damen ein Gespräch begann.

Kaum hatte ich bemerkt, daß seine Aufmerksamkeit auf diese gelenkt war und ich ihn ansehen konnte, ohne daß es bemerkt wurde, heftete ich meine Augen auf sein Gesicht. [270] Ich konnte ihre Lider nicht unter Kontrolle halten: sie wollten sich heben, und ihre Iris wollte auf ihm haften. Ich blickte ihn an und fand eine innige Freude am Anblick, eine köstliche, eine schmerzliche Freude; reines Gold mit einer tödlichen Spitze von Stahl; eine Freude, jener ähnlich die ein verdurstender Mensch empfindet, der da weiß, daß der Brunnen, zu welchem er gekrochen, vergiftet ist, und doch sich niederbeugt und den tödlichen Trunk trinkt.

Wie wahr ist es, daß »die Schönheit im Auge des Beschauers liegt.« Das farblose, olivenfarbene Gesicht meines Gebieters, seine eckige, massive Stirn, seine breiten, rabenschwarzen Augenbrauen, seine dunklen Augen, die starken Züge, sein fester, strenger Mund – alles Energie, Entschlossenheit und Willen – sie waren nicht schön nach allen Regeln der Schönheit; aber für mich waren sie mehr als schön; die Züge waren interessant, ein Einfluß, der mich gänzlich übermannt hatte, der meine Gefühle meiner eigenen Macht entwand und sie der seinen unterordnete. Ich hatte nicht die Absicht, ihn zu lieben; der Leser weiß, daß ich alles versucht hatte, die Keime dieser Liebe aus meiner Seele zu reißen, sobald ich sie entdeckt hatte; und jetzt, wo ich ihn zum erstenmale wiedersah, lebten sie sofort frisch und stark und neu wieder auf! Ohne daß er mich ansah, machte er, daß ich ihn lieben mußte.

Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was war die tapfere Grazie der Lynns, die schmachtende Eleganz Lord Ingrams – sogar die militärische Distinktion Oberst Dents, im Vergleich zu der inneren Kraft und angeborenen Macht, welche aus seinen Blicken sprach? Mit ihrem Ausdruck, ihrer Erscheinung hatte ich keine Sympathie – und doch konnte ich mir vorstellen, daß es Leute gäbe, welche sie anziehend, schön, imposant finden mußten, während sie Mr. Rochester sofort unschön und melancholisch aussehend erklären würden. Ich sah sie lächeln, lachen – es war[271] nichts; das Licht der Kerzen hatte mehr Seele in sich, als ihr Lächeln; das Klingen der Schellen ebensoviel Bedeutung als ihr Lachen. Ich sah Mr. Rochester lächeln: – seine harten Züge wurden weich, sein Auge wurde glänzend und sanft, sein Strahl süß und bis ins Herz dringend. In diesem Augenblick sprach er mit Louise und Amy Eshton. Es setzte mich in Erstaunen zu sehen, mit welcher Ruhe sie den Blick auffingen, der mir so durchdringend erschien; ich erwartete, daß ihre Augen sich senken würden, daß ihre Farbe kommen und gehen würde – und doch war ich glücklich, als ich sah, daß sie in keiner Weise bewegt waren. »Er ist für sie nicht, was er für mich ist,« dachte ich, »er ist nicht ihres Gleichen. Ich glaube, er ist von meiner Art – ich bin dessen gewiß – ich fühle mich ihm verwandt – ich verstehe die Sprache seiner Bewegungen, seiner Gesichtszüge; wenn auch Rang und Reichtum eine weite Kluft zwischen uns bilden, so habe ich etwas in meinem Hirn und Herzen, in meinem Blut und meinen Nerven, das mich ihm geistig gleich stellt. Habe ich noch vor wenigen Tagen gesagt, daß ich nichts weiter mit ihm zu thun habe, als meinen Lohn ans seinen Händen zu empfangen? Habe ich mir untersagt, ihn in einem andern Lichte zu sehen, als in dem meines Zahlmeisters? Blasphemie gegen die Natur! Jedes gute, wahre, mächtige Gefühl, das mir innewohnt, sammelt sich um ihn. Ich weiß, daß ich meine Empfindungen verbergen muß, daß ich alle Hoffnung ertöten muß; ich darf nicht vergessen, daß er nur wenig Intresse für mich hegen kann. Denn wenn ich sage, daß ich von seiner Art bin, so meine ich nicht, daß ich seine Kraft des Einflusses besitze und seinen Zauber der Anziehungskraft. Ich will nur sagen, daß ich gewisse Ansichten und Gefühle mit ihm gemein habe. Und ich muß fortwährend wiederholen, daß wir für ewig getrennt sind: – und doch, so lange ich atme und denke, so lang muß ich ihn lieben.«

[272] Der Kaffee wird umhergereicht. Seitdem die Herren ins Zimmer getreten, sind die Damen lebhaft wie die Lerchen geworden, die Konversation wird lustig und angeregt. Oberst Dent und Mr. Eshton sprechen über Politik, ihre Frauen hören ihnen zu. Die beiden stolzen Witwen, Lady Lynn und Lady Ingram fabulieren miteinander. Sir George – den ich nebenbei zu beschreiben vergessen habe – ein sehr großer und blühend aussehender Landedelmann steht vor ihrem Sofa mit der Tasse in der Hand und läßt gelegentlich ein Wort in die Konversation einfließen. Mr. Frederick Lynn hat neben Mary Ingram Platz genommen und erklärt ihr die Kupferstiche eines prächtigen Werkes; sie horcht mit Aufmerksamkeit, lächelt dann und wann, spricht aber augenscheinlich sehr wenig. Der große und phlegmatische Lord Ingram lehnt mit verschränkten Armen auf der Rücklehne des Stuhls, auf welchem die kleine, lebhafte Amy Eshton Platz genommen hat; sie blickt zu ihm auf und plaudert wie ein Zaunkönig; sie mag ihn lieber als Mr. Rochester. Henry Lynn hat zu Louisas Füßen auf einer Ottomane Platz genommen; Adele teilt sie mit ihm; er versucht, mit ihr französisch zu sprechen, und Louisa lacht über seine Ungeschicktheit und Tölpeleien. Zu wem wird Blanche Ingram sich gesellen? Sie steht allein am Tische und beugt sich voll Grazie über ein Album. Es scheint, daß sie darauf wartet, gesucht zu werden; aber zu lange wird sie nicht warten; sie selbst wählt einen Gefährten.

Mr. Rochester steht, nachdem er die Eshtons verlassen, ebenso einsam am Kamin, wie sie am Tische; sie stellt sich ihm gegenüber, indem sie den Platz an der andern Seite des Kaminsimses einnimmt.

»Mr. Rochester, ich glaubte, daß Sie kein Freund von Kindern seien!«

»Das bin ich auch nicht.«

»Wie ist es denn gekommen, daß Sie sich solch einer [273] kleinen Puppe, wie jene dort, annehmen konnten?« Damit zeigte sie auf Adele. »Wo haben Sie sie gefunden?«

»Ich habe sie nicht gefunden. Sie wurde mir hinter lassen.«

»Sie hätten sie in die Schule schicken sollen.«

»Das konnte ich nicht erschwingen. Schulen sind so teuer.«

»Nun, ich vermute, daß Sie eine Gouvernante für sie genommen haben. Soeben habe ich eine Person mit ihr gesehen – ist sie nicht mehr da? O, nein, da sitzt sie ja hinter dem Fenstervorhang. Sie müssen ihr doch wahrscheinlich auch Lohn zahlen, und ich glaube, das ist ebenso teuer und noch teurer. Sie müssen da ja beiden zu essen und zu trinken geben.«

Ich fürchtete, – oder soll ich sagen, ich hoffte, daß die Erwähnung meiner Person Mr. Rochesters Blicke nach jener Richtung lenken würden, wo ich saß, und unwillkürlich zog ich mich tiefer in den Schatten zurück, – aber er wandte sich nicht um.

»Ich habe die Sache nicht überlegt,« sagte er gleichgiltig und blickte gerade vor sich hin.

»Nein, ihr Männer überlegt niemals, was ökonomisch und was vernünftig ist. Sie sollten Mama über das Kapitel der Gouvernanten hören. Ich glaube, Mary und ich haben zu unserer Zeit mindestens ein Dutzend gehabt; die Hälfte von ihnen waren abscheulich, die übrigen nur lächerlich, und alle miteinander unerträglich – nicht wahr, Mama?«

»Sprachst du zu mir, mein einziges Kind?«

Die junge Dame, welche auf diese Weise als das ganz besondere Besitztum der Witwe-Mutter bezeichnet wurde, wiederholte ihre Frage mit einer Erklärung.

»Mein teures Kind, sprich nur nicht von Gouvernanten; das Wort allein macht mich schon nervös. Ihre Unwissenheit und Launen legten mir ein Märtyrertum auf. [274] Ich danke Gott täglich, daß ich endlich mit ihnen fertig bin!«

Hier neigte Mrs. Dent sich zu der frommen Dame hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Aus der Antwort, welche erfolgte, schloß ich, daß sie sie an die Anwesenheit einer aus der geächteten Race erinnerte.

»Tant pis!« sagte die Lady, »ich hoffe, daß es ihr nützlich sein wird!« Dann fügte sie leise hinzu, aber immer noch laut genug, um von mir gehört zu werden, »ich habe sie sehr wohl bemerkt; ich bin eine Beurteilerin von Physiognomien und in der ihren sehe ich alle Fehler ihrer Klasse.«

»Und welches sind diese, Madame?« fragte Mr. Rochester laut.

»Das werde ich Ihnen leise ins Ohr sagen,« entgegnete sie und wackelte dreimal mit ihrem Turban bedeutsam und vielsagend hin und her.

»Meine Neugierde möchte aber gern gleich befriedigt sein; sie ist ganz ausgehungert.«

»Fragen Sie, Blanche; sie ist Ihnen näher als ich.«

»O Mama, weise ihn nicht an mich! Ich habe nur ein einziges Wort für den ganzen Stamm! Sie sind einfach eine Plage! Ein notwendiges Übel! Nicht, daß ich selbst jemals viel von ihnen gelitten hätte! Nein, ich trug stets Sorge, den Spieß zu wenden. Welche Streiche Theodor und ich unseren Miß Wilsons, und Mrs. Greys, und Madame Jouberts zu spielen pflegten! Mary war stets zu schläfrig, um mit ganzer Seele an unseren Verschwörungen teilzunehmen. Den besten Spaß hatten wir mit Madame Joubert. Miß Wilson war ein armes, kränkliches, trauriges, weinerliches Ding, kurz und gut, es verlohnte gar nicht der Mühe, bei ihr zu siegen; und Mrs. Gray war roh und unempfindlich, sie spürte keinen Schlag. Aber die arme Madame Joubert! Ich sehe sie noch in ihrer tobenden Leidenschaft, wenn wir sie zum äußersten getrieben [275] hatten – sie vergoß unseren Thee, zerbröckelte unsere Butterbrote, warf unsere Bücher bis zur Decke empor und machte ein buntes Durcheinander mit dem Lineal und dem Schreibpult, dem Kamingitter und der Feuerzange. Theodor, denkst du noch an jene fröhlichen Tage?«

»Ja, gewiß thue ich das,« schnarrte Lord Ingram, »und der arme alte Krüppel pflegte auszurufen: ›O, Ihre schlechte, böse Kindern!‹ – und dann predigten wir ihr wieder, wie vermessen sie sei, solche klugen Wesen, wie wir waren, belehren zu wollen, wenn sie selbst doch so unwissend sei.«

»Ja, das thaten wir! und Theodor, weißt du noch, wie ich dir immer half, deinen Hofmeister, den blassen, grauen Mr. Vining zu peinigen und zu verfolgen? Den kranken Zukunftspastor, wie wir ihn nannten? Er und Miß Wilson nahmen sich die Freiheit, sich ineinander zu verlieben – wenigstens bildeten Theodor und ich uns das ein; wir fingen verschiedene zärtliche Blicke und Seufzer auf, die wir als Anzeichen der›belle passion‹ deuteten. Und ich kann Sie versichern, das Publikum profitierte gar bald von unserer Entdeckung; wir brauchten sie wie eine Art Krahn, um unseren Ballast aus dem Hause herauszuhissen. Meine gute Mama dort, sobald sie einen Wink von der Geschichte bekommen hatte, fand bald heraus, daß die Sache eine unmoralische Tendenz hatte. Nicht wahr, meine süße Lady-Mutter?«

»Gewiß, meine Beste. Und ich hatte auch recht. Verlassen Sie sich darauf. Es giebt tausend Gründe, weshalb eine liaison zwischen der Gouvernante und dem Hofmeister in einem wohlgeregelten Haushalte nicht geduldet werden sollte; erstens also –«

»Um der Barmherzigkeit willen, Mama! Verschone uns mit dem Herzählen der Gründe! Du reste, wir kennen sie ja alle: die Gefahr des schlechten Beispiels für die Unschuld der Jugend; Zerstreuung und darauf folgende Vernachlässigung [276] der Pflichten seitens der Verliebten – gegenseitiges Bündnis und Unterstützung; daraus entspringende Sicherheit – in Begleitung von Frechheit – Empörung, Meuterei und allgemeiner Krach! Habe ich nicht recht, Baronin Ingram von Ingram-Park?«

»Meine reine Lilie, du hast auch jetzt recht, wie immer.«

»Verlieren wir also kein Wort mehr darüber. Sprechen wir von etwas anderem.«

Amy Eshton, die dieses Diktum nicht gehört oder nicht beachtet hatte, fiel in ihrem sanften, kindlichen Tone ein: »Louisa und ich pflegten unsere Gouvernante auch zu quälen, aber sie war ein so liebes, gutes Wesen, sie ertrug alles, nichts konnte ihre gute Laune stören. Sie war niemals böse mit uns, nicht wahr, Louisa? Niemals.«

»Nein, niemals; wir konnten thun, was wir wollten; ihren Nähtisch und ihr Schreibpult durchstöbern und ihre Schiebladen umkramen und das unterste nach oben kehren; und sie war immer gutmütig, sie gab uns alles, was wir verlangten.«

»Ich vermute,« sagte Miß Ingram, indem sie die Lippen sarkastisch verzog, »daß wir jetzt einen Auszug aus den Memoiren aller lebenden und gewesenen Gouvernanten zu hören bekommen. Um einer solchen Heimsuchung zu entgehen, bringe ich noch einmal wieder die Besprechung eines neuen Themas in Anregung. Mr. Rochester, stimmen Sie meinem Vorschlage bei?«

»Madam, ich unterstütze Sie in dieser Hinsicht wie in jeder anderen.«

»Dann möge mir also gestattet sein, damit zu beginnen. Signor Eduardo, sind Sie heute Abend bei Stimme?«

»Donna Bianca, wenn Sie befehlen, werde ich es sein.«

»Dann Signor, hört also meinen königlichen Befehl, Eure Lungen und anderen vokalen Organe herauszuputzen, da sie in meinem königlichen Dienste gebraucht werden.«

[277] »Wer möchte nicht der Rizzio einer solchen göttlichen Maria sein?«

»Was soll mir Rizzio!« rief sie, den Kopf in den Nacken werfend, so daß alle Locken flatterten, als sie ans Klavier ging. »Meine Meinung ist, daß der Fiedler David ein alberner Geselle gewesen sein muß. Mir gefällt Bothwell besser. Ich liebe keinen Mann, der nicht ein wenig vom Teufel in sich hat; und die Geschichte mag von James Hepburn sagen, was sie will – ich bilde mir ein, daß er gerade der wilde, trotzige Banditenheld war, den ich zu heiraten eingewilligt haben würde.«.

»Meine Herren, Sie hören! Wer von Ihnen hat am meisten Ähnlichkeit mit Bothwell?« rief Mr. Rochester.

»Ich möchte fast glauben, daß Sie diesen Vorzug genießen,« antwortete Oberst Dent.

»Bei meiner Ehre, ich bin Ihnen sehr verbunden,« lautete die Antwort.

Miß Ingram, die jetzt mit stolzer Grazie am Klavier Platz genommen hatte und ihre schneeweiße Robe in königlichem Faltenwurf um sich ordnete, begann nun ein brillantes Präludium, indem sie weitersprach. Sie saß an diesem Abend augenscheinlich auf dem hohen Pferde; sowohl ihre Worte wie ihre Miene schienen nicht allein die Bewunderung sondern auch das Erstaunen ihrer Zuhörer herausfordern zu sollen. Augenscheinlich wollte sie einen blendenden, verblüffenden Eindruck auf sie machen.

»Ach, ich bin der jungen Männer von heute so müde!« rief sie aus, indem sie weiter über die Tasten rasselte. »Arme, kranke, verzärtelte Dinger, die nicht imstande sind, einen Schritt über die Pforten von Papas Park hinauszuthun; die ohne Mamas Erlaubnis und Schutz nicht einmal so weit zu gehen wagen! Kreaturen, die durch die Sorge um ihre hübschen Gesichter und ihre weißen Hände und ihre kleinen Füße vollständig in Anspruch genommen werden! Als wenn die Männer überhaupt etwas mit [278] Schönheit zu thun hätten! Als wenn die Lieblichkeit nicht die besondere Prärogative der Frauen wäre – ihre rechtmäßige Apanage und ihr Erbteil! Ich gebe zu, daß ein häßliches Weib ein Flecken auf dem schönen Gesicht der Schöpfung ist. Ein Mann aber soll nur sorgen, daß er Tapferkeit und Mut und Kraft besitzt! Laß ihr Motto sein: Jagd, Kampf, Schlacht!« Das übrige ist nicht der Rede wert. »Das wäre meine Devise, wenn ich ein Mann wäre!«

»Wenn ich mich jemals verheirate,« fuhr sie fort nach einer Pause, die niemand unterbrach, »so bin ich entschlossen, daß mein Gemahl nicht mein Rival, sondern meine Folie sein soll. Ich werde keinen Mitbewerber um die Herrschaft dulden; ich werde ungeteilte Huldigung verlangen. Seine Anbetung darf nicht zwischen mir und der Gestalt, welche er im Spiegel sieht, geteilt werden. Mr. Rochester, singen Sie jetzt, und ich werde Sie begleiten.«

»Ich bin ganz Gehorsam,« lautete die Antwort.

»Hier ist also ein Korsarenlied. Sie müssen wissen, daß ich die Korsaren vergöttere, und deshalb müssen Sie das Lied ›con spirito‹ singen.«

»Ein Befehl von Miß Ingram würde selbst einem Glase Milch und Wasser Begeisterung einflößen.«

»Nehmen Sie sich also in Acht. Wenn Sie nicht nach meinem Geschmack singen, so werde ich Sie beschämen, indem ich Ihnen zeige, wie solche Dinge gesungen werden müssen.«

»Das hieße ja, dem Nichtkönnen eine Prämie aussetzen! Jetzt werde ich mich bemühen, es schlecht zu machen.«

»Gardez-vous-en bien! 5 Wenn Sie absichtlich Fehler machen, so werde ich Ihnen eine passende Strafe diktieren.«

»Miß Ingram sollte barmherzig sein, denn es liegt in ihrer Macht, eine Strafe zu verhängen, welche über menschliche Kraft hinausgeht.«

[279] »Ha! erklären Sie sich,« rief die Dame aus.

»Verzeihen Sie mir! Eine Erklärung ist hier nicht nötig; Ihr eigenes feines Gefühl muß Ihnen sagen, daß ein Stirnrunzeln von Ihnen ein vollständiger Ersatz für die Todesstrafe wäre.«

»Singen Sie!« sagte sie und begann eine lebhafte Begleitung auf dem Klavier zu spielen.

»Jetzt ist meine Zeit gekommen, mich fortzuschleichen,« dachte ich, aber die Töne, welche in diesem Augenblick an mein Ohr schlugen, hielten mich zurück. Mrs. Fairfax hatte gesagt, daß Mr. Rochester eine schöne Stimme besitze. Das war der Fall – ein weicher, kräftiger Baß, in dem seine ganze Kraft, all sein Gefühl lag, der einen Weg durch das Ohr zum Herzen fand und dort ein wunderbar seliges Empfinden weckte. Ich wartete, bis der letzte tiefe, volle Ton ausvibriert – bis die Flut des Gesprächs, die für einen Augenblick zu rauschen aufgehört, in den alten Strom eingelenkt hatte; dann verließ ich meinen verborgenen Winkel und ging durch eine Seitenthür hinaus, die mir glücklicherweise sehr nahe war. Von dieser führte ein schmaler Korridor in die Halle; als ich durch dieselbe schritt, bemerkte ich, daß meine Sandale sich gelöst hatte; ich beugte mich, um sie wieder fest zu binden und stellte meinen Fuß zu diesem Zweck auf den Teppich der Treppe. Da vernahm ich, wie die Thür des Speisezimmers geschlossen wurde; ein Herr trat heraus; hastig richtete ich mich auf und stand ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Es war Mr. Rochester.

»Wie geht es Ihnen?« fragte er.

»Es geht mir sehr gut, Sir.«

»Weshalb kamen Sie im Zimmer nicht, um mit mir zu sprechen?«

Ich dachte, daß ich dieselbe Frage an den hätte richten können, der sie that, aber ich erlaubte mir diese Freiheit nicht. Ich antwortete:

[280] »Ich wollte Sie nicht stören, da Sie vollauf beschäftigt schienen, Sir.«

»Was haben Sie während meiner Abwesenheit gemacht?«

»Nichts besonderes; ich habe Adele unterrichtet wie gewöhnlich.«

»Und sind sehr viel blasser geworden, als Sie waren; das sah ich auf den ersten Blick. Was ist geschehen?«

»Gar nichts, Sir.«

»Haben Sie sich an jenem Abend, als Sie mich bei nahe ertränkten, erkältet?«

»Durchaus nicht.«

»Gehen Sie in den Salon zurück; Sie entfernen sich zu früh.«

»Ich bin müde, Sir.«

Er sah mich einen Augenblick an.

»Und ein wenig traurig,« sagte er. »Was fehlt Ihnen? Sagen Sie es mir.«

»Nichts – nichts, Sir. Ich bin nicht traurig.«

»Aber ich versichere Sie, daß Sie es sind, – so traurig, daß Ihnen die Thränen in die Augen treten würden, wenn ich noch einige Worte spräche – in der That, ich sehe sie dort schon schimmern und glänzen, und jetzt ist eine Perle von dem Augenlid auf die Wange herabgerollt. Wenn ich Zeit hätte und nicht in tödlichster Angst wäre, daß irgend eine Klatschbase von einem Dienstboten hier vorüber kommen könnte, so würde ich bald herausfinden, was dies alles bedeutet. Nun, für heute Abend will ich Sie entschuldigen; aber verstehen Sie wohl, daß ich erwarte, Sie jeden Abend im Salon zu sehen, so lange meine Gäste hier sind. Es ist mein Wunsch; vergessen und vernachlässigen Sie ihn nicht. Jetzt gehen Sie. Schicken Sie Sophie, daß sie Adele holt. Gute Nacht, mein –«

Hier hielt er inne, biß sich auf die Lippen und verließ mich plötzlich.

Fußnoten

1 Sie wechseln die Toilette.

2 Wenn Mama Besuch hatte, folgte ich überall hin, in den Salon, in ihre Zimmer; oft sah ich zu, wie die Kammerjungfern die Damen frisierten und ankleideten, es war so amusant. So lernt man.

3 Aber ja, Fräulein, seit fünf oder sechs Stunden haben wir nichts gegessen.

4 Kann ich nicht eine einzige dieser schönen Blumen nehmen, Fräulein? Nur um meine Toilette zu vervollständigen.

5 Hüten Sie sich wohl!

[281] Achtzehntes Kapitel

Gar fröhlich gingen die Tage in Thornfield-Hall hin, und geschäftige Tage waren es auch. Wie verschieden waren sie von den ersten drei Monaten, die ich dort in Stille und Monotonie und Einsamkeit zugebracht hatte! Alle traurigen Empfindungen schienen aus dem Hause geschwunden, alle traurigen Erinnerungen vergessen; überall war Leben, während des ganzen Tages alles in Bewegung. Durch die einst so stille Galerie, in die Vorderzimmer, die sonst keine Seele bewohnt, konnte niemand gehen, ohne einer zierlichen Kammerjungfer, einem eleganten Kammerdiener zu begegnen.

In der Küche, in der Vorratskammer des Kellermeisters, in der Halle der Dienstboten, in der großen Eintrittshalle, – überall dasselbe Leben; in den Salons war nur Ruhe und Frieden, wenn der blaue Himmel und der halcyonische Sonnenschein des herrlichen Frühlingswetters die Gäste in den Park hinausriefen. Selbst als das schöne Wetter zu Ende war und fortwährender Regen für einige Tage das Regiment hatte, schien das Vergnügen keine Einbuße erlitten zu haben. Die Zerstreuungen im Hause wurden nur noch zahlreicher und lustiger und mannigfaltiger, nachdem den Belustigungen draußen ein Ende gemacht worden war.

Ich hörte mit Erstaunen, wie zum erstenmal eine Abwechselung in den abendlichen Vergnügungen vorgeschlagen wurde; sie sprachen davon »Charadenaufführen« zu wollen, aber in meiner Unwissenheit verstand ich den Ausdruck nicht. Die Diener wurden hereingerufen, die Speisetische beiseite gerollt, die Kerzen und Girandoles anders plaziert, die Stühle dem Thürbogen gegenüber in einem Halbkreise aufgestellt. Während Mr. Rochester und die anderen Herren diese Veränderungen anordneten, liefen die Damen treppauf, treppab, und riefen nach ihren Kammerjungfern. Mrs. Fairfax wurde herbeigerufen, um Auskunft zu geben über [282] die Hilfsquellen, welche das Haus an Shawls, Kleidern und Draperien aller Art zu bieten vermochte; im dritten Stockwerk wurden gewisse Garderoben durchsucht, und die Abigails brachten ganze Arme voll Brokatschleppen, Atlasröcke, seidene Casaques, Spitzenüberwürfe und schwarze Umhüllen herunter; dann wurde eine Auswahl getroffen, und die ausgesuchten Sachen, die dem gewünschten Zweck entsprechen konnten, wurden in das Boudoir hinter den Salon gebracht.

Inzwischen hatte Mr. Rochester die Damen wieder um sich versammelt und suchte eine Anzahl von ihnen heraus, die zu seiner Abteilung gehören sollten. »Miß Ingram ist natürlich die meine,« sagte er; später ernannte er dann noch die beiden Miß Eshton und Mrs. Dent. Dann sah er mich an. Zufällig stand ich in seiner Nähe, da ich gerade damit beschäftigt war, das Schloß von Mrs. Dents Armband, das geöffnet war, wieder zu schließen.

»Wollen Sie mitspielen?« fragte er. Verneinend schüttelte ich den Kopf. Er drang nicht weiter in mich, wie ich gefürchtet hatte, daß er es thun würde, sondern gestattete mir, ruhig auf meinen gewöhnlichen Sitz zurückzukehren.

Nun zogen er und seine Helfershelferinnen sich hinter den Vorhang zurück. Die andere Abteilung, welche von Oberst Dent angeführt wurde, nahm auf den im Halbkreise aufgestellten Stühlen Platz. Als einer der Herren, Mr. Eshton, meiner ansichtig wurde, schien er vorzuschlagen, daß man mich auffordern solle mit von der Partie zu sein; aber Lady Ingram wies diesen Vorschlag sofort zurück.

»Nein,« hörte ich sie sagen, »sie sieht zu dumm aus für irgend ein Spiel dieser Art.«

Es währte nicht lange, so erklang eine Glocke und der Vorhang wurde aufgezogen.

Innerhalb des Thürbogens gewahrte man die große Gestalt Sir George Lynns, welchen Mr. Rochester ebenfalls [283] gewählt hatte, in ein weißes Betttuch gehüllt. Vor ihm auf dem Tische lag ein großes, aufgeschlagenes Buch, und ihm zur Seite stand Amy Eshton, die sich in Mr. Rochesters Rock drapiert hatte und ein Buch in der Hand hielt. Eine unsichtbare Gestalt läutete eine lustig klingende Glocke; dann kam Adele (welche darauf bestanden hatte, zur Gesellschaft ihres Vormundes gezogen zu werden) nach vorn und streute den Inhalt eines Blumenkorbes aus, den sie am Arm getragen hatte. Und jetzt erschien die prächtige Figur Miß Ingrams, ganz in weiß gekleidet; ein langer, weißer Schleier wallte von ihrem Haupte, eine Guirlande von Rosen umkränzte ihre Stirn; ihr zur Seite schritt Mr. Rochester und beide näherten sich dem Tische. Sie knieten nieder, während Louisa Eshton und Mrs. Dent, die ebenfalls in weiß gekleidet waren, hinter ihnen Aufstellung nahmen. Hierauf folgte eine stumme Ceremonie, aus welcher man leicht erriet, daß es die pantomimische Darstellung einer Trauung sei. Gegen den Schluß hin berieten Oberst Dent und seine Gesellschaft während einiger Minuten im Flüsterton; dann rief der Oberst:

»Bride!« (Braut) Mr. Rochester verneigte sich und der Vorhang fiel nieder.

Eine geraume Zeit verfloß, bevor er aufs neue in die Höhe ging. Die Scene, welche sich jetzt dem Auge darbot, war ungleich sorgsamer vorbereitet als die vorhergehende. Wie ich bereits erwähnt habe, schritt man über zwei Stufen von dem Speisesaal in das Gesellschaftszimmer hinauf. Auf der oberen dieser bei den Stufen stand jetzt eine große, prächtige Marmorschale, in welcher ich einen Schmuck des Gewächshauses wieder erkannte. Dort stand sie gewöhnlich von Goldfischen belebt und von seltenen exotischen Pflanzen umgeben. Sie war von enormer Größe und schwerem Gewicht und ihr Transport in die Gesellschaftsräume mußte viel Mühe und Zeit gekostet haben.

Zur Seite dieses Marmorbassins saß auf dem Teppich [284] Mr. Rochester, in Shawls gehüllt, einen Turban auf dem Kopfe. Seine dunklen Augen, die bräunliche Hautfarbe, seine heidnischen Gesichtszüge paßten ausgezeichnet zu diesem Kostüm. Er war das gelungenste Bild eines orientalischen Emirs; der Absender oder das auserkorene Opfer eines Pfeils. Und jetzt erschien auch Miß Ingram auf der Scene. Sie hatte ebenfalls eine orientalische Tracht angelegt; eine purpurrote Schärpe war um die Taille geschlungen; ein reich gesticktes Tuch um den Kopf geknüpft; ihre herrlich geformten Arme waren bloß, der eine stützte einen Krug, den sie mit der vollkommensten Anmut auf dem Haupte trug. Sowohl ihre Gestalt wie ihre Züge, ihre Gesichtsfarbe und ihr ganzes Aussehen weckten den Gedanken an eine israelitische Prinzessin aus den Tagen der Patriarchen. Und eine solche sollte sie zweifelsohne auch darstellen.

Sie näherte sich dem Marmorbassin und beugte sich über dasselbe, wie um ihren Krug zu füllen. Dann hob sie ihn wieder auf das Haupt empor. Die Gestalt am Brunnen schien jetzt zu ihr zu reden, ihr eine Bitte vorzutragen:

Und sie sprach: »Trinke mein Herr;« und eilend ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand, und gab ihm zu trinken.

Dann zog er aus den Falten seines Gewandes ein Juwelenkästchen, öffnete es und ließ kostbare Armspangen und Ringe vor ihren Augen funkeln. Sie spielte Erstaunen und Bewunderung; er kniete nieder und legte ihr die Schätze zu Füßen; ihre Blicke und Geberden drückten Ungläubigkeit, Entzücken und Zögern aus. Der Fremde legte die Spangen um ihre Arme und befestigte die Ringe in ihren Ohren. Es waren Eleazar, der Knecht Abrahams, und Rebekka; nur die Kamele fehlten.

Die ratende Gesellschaft steckte wieder die Köpfe zusammen; augenscheinlich konnten sie sich nicht über das genaue Wort oder die Silbe einigen, welche dieses Bild illustrieren [285] sollte. Oberst Dent, der Sprecher, verlangte »das tableau des Ganzen;« und hierauf fiel der Vorhang wiederum.

Als er zum drittenmal in die Höhe ging, war nur ein Teil des Gesellschaftszimmers sichtbar. Der übrige Raum war durch einen Wandschirm verdeckt, der mit einer groben, düsteren Draperie verhängt war. Das Marmorbassin, welches im letzten Bilde den Brunnen vorgestellt hatte, war entfernt worden, an seiner Stelle stand ein roh gezimmerter Holztisch und ein Küchenstuhl. Diese Dinge erblickte man bei dem Lichte, welches eine alte Stalllaterne gab; sämtliche Wachskerzen waren ausgelöscht.

Inmitten dieser elenden Umgebung saß ein Mann, seine geballten Fäuste ruhten auf den Knieen; seine Blicke waren auf den Boden geheftet. Ich erkannte Mr. Rochester trotz seines besudelten Gesichts, seiner unordentlichen Kleidung (der Rock hing lose vom Rücken herab, gleichsam als wäre er ihm in einer Rauferei beinahe vom Leibe gerissen), ich erkannte ihn trotz des verzweifelten, düsteren Gesichtsausdrucks, des wild und verworren um die Stirn hängenden Haars. Als er sich bewegte, klirrte eine Kette; auch an den Händen trug er Fesseln.

»Bridewell!« 1 rief Oberst Dent aus, und die Charade war gelöst.

Eine geraume Zeit verstrich, während welcher die Darsteller des lebenden Bildes ihre Gesellschaftskleider wieder anlegten. Endlich traten sie wieder in den Speisesaal. Mr. Rochester führte Miß Ingram am Arm; sie machte ihm große Komplimente über seine Darstellungskünst.

»Wissen Sie, daß mir von Ihren drei Figuren die letzte bei weitem am besten gefiel? Ah! Wenn Sie doch um einige Jahre früher gelebt hätten! Welch ein prächtiger, stattlicher, tapferer Wegelagerer wären Sie gewesen!«

[286] »Habe ich allen Ruß aus meinem Gesicht gewaschen?« fragte er und wandte ihr sein Antlitz zu.

»Ach, ja! Aber es ist jammerschade drum! Sie können nichts finden, was Sie besser kleidete, als die Schminke jenes Raufbolds.«

»Sie könnten also einen Held von der Landstraße, einen Wegelagerer, lieben?«

»Ein englischer Wegelagerer käme gleich nach einem italienischen Banditen; und dieser könnte wiederum nur von einem levantinischen Piraten übertroffen werden.«

»Nun, was ich auch sein mag, vergessen Sie nicht, daß Sie mein Weib sind; in Gegenwart all dieser Zeugen ist vor einer Stunde unsere Trauung vollzogen worden.«

Sie kicherte und ein tiefes Rot bedeckte ihre Wangen.

»Jetzt ist die Reihe an Ihnen, Dent,« fuhr Mr. Rochester fort.

Als der andere Teil der Gesellschaft sich nun zurückzog, nahm er mit seiner Truppe die leeren Sitze ein. Miß Ingram setzte sich zur Rechten ihres Anführers und Direktors; die andern »Errater« nahmen die Stühle zu beiden Seiten des schönen Paars. Jetzt hatte ich kein Interesse mehr für die Darsteller auf der improvisierten Bühne; ich wartete nicht mehr gespannt auf das Aufgehen des Vorhangs; meine ganze Aufmerksamkeit wurde von den Zuschauern absorbiert; meine Augen, die vorhin unverwandt auf den großen, gewölbten Bogen gerichtet gewesen, ruhten jetzt wie gebannt auf dem Halbkreis von Stühlen. Ich weiß nicht mehr, welche Charade Oberst Dent und seine Gesellschaft aufführten, welches Wort sie wählten, wie sie sich mit der Sache abfanden, – aber ich sehe noch heute die Beratung vor mir, welche nach jeder Scene folgte; ich sehe, wie Mr. Rochester sich zu Miß Ingram wandte und Miß Ingram sich zu ihm; ich sehe, wie sie ihm ihr Haupt zuwandte, bis ihre rabenschwarzen Locken fast auf seiner Schulter ruhten und seine Wangen streiften; ich höre ihr [287] gegenseitiges Geflüster; ich rufe mir die Blicke ins Gedächtnis zurück, welche sie miteinander wechselten; und sogar die Empfindungen, welche mich in jenem Augenblick beherrschten, steigen in der Erinnerung von neuem in meiner Seele auf.

Mein Leser, ich habe dir gesagt, daß ich gelernt hatte, Mr. Rochester zu lieben! Und ich konnte dies Gefühl jetzt doch nicht in mir ersticken, nur weil ich fand, daß er gänzlich aufgehört hatte, meine Gegenwart zu bemerken – weil ich stundenlang in seiner Nähe weilen konnte, ohne daß er auch nur ein einzigesmal einen Blick zu mir herübersandte – weil ich sah, wie seine ganze Aufmerksamkeit sich auf eine schöne und vornehme Dame concentrierte, die mich nicht einmal für würdig hielt, den Saum ihres Gewandes zu berühren, wenn sie stolz an mir vorüberrauschte; die ihr dunkles, herrschsüchtig gebieterisches Auge sofort von mir abwandte, wenn ein Blick aus demselben mich zufällig traf, als ob ich ein Gegenstand sei, der zu gering, zu unbedeutend für die Betrachtung eines so hochstehenden Wesens. Ich konnte nicht aufhören, ihn zu lieben, nur weil ich sicher war, daß er diese Dame binnen kurzem heiraten werde – weil ich täglich aus der stolzen Sicherheit ihrer Haltung sah, daß sie über seine Pläne und Absichten in Bezug auf sie vollständig im Reinen war – weil ich stündlich Zeugin seiner Huldigungen war, die, wenn auch nachlässig, gerade durch diese Nachlässigkeit berückend und durch ihren Stolz unwiderstehlich waren.

Diese Umstände brachten nichts mit sich, das meine Liebe hätte abkühlen oder ersticken können; nein, sie brachten nur tiefinnerste Verzweiflung. Und, mein Leser, vielleicht meinst du auch, sie hätten mir Eifersucht bringen können, wenn ein Mädchen in meiner Stellung überhaupt auf ein Weib wie Miß Ingram eifersüchtig zu sein hätte wagen können. Aber ich war nicht eifersüchtig, – oder doch nur sehr selten, – die Art des Schmerzes, welchen [288] ich empfand, würde durch dieses Wort schlecht bezeichnet gewesen sein. Miß Ingram stand sozusagen um eine Linie unter dem Niveau der Eifersucht; sie war zu untergeordnet in geistiger Beziehung, um dies Gefühl erwecken zu können. Verzeih mir die anscheinende Paradoxe, lieber Leser – aber ich meine, was ich sage. Sie war sehr glänzend, aber sie war nicht natürlich; sie war eine herrliche Erscheinung, sie hatte mehrere ausgezeichnet ausgebildete Talente; aber ihre Seele, ihr Gemüt waren armselig, ihr Herz war trocken und empfindungslos von Natur, nichts blühte und grünte auf diesem Boden, er brachte keine erfrischenden, natürlichen Früchte hervor. Sie war nicht gut, sie war nicht ursprünglich; sie pflegte volltönende Phrasen aus Büchern zu wiederholen; sie sprach niemals eine eigene Meinung aus; sie hatte keine eigene Meinung. Sie schlug einen hohen Gefühlston an, aber sie kannte nicht das Gefühl der Sympathie und des Mitleids; Wahrheit und Zärtlichkeit waren nicht in ihr. Nur zu oft verriet sie dies, indem sie der trotzigen Antipathie, welche sie ungerechterweise gegen die kleine Adele gefaßt hatte, freien Lauf ließ; mit verächtlichen Schimpfworten stieß sie das Kind von sich, wenn es sich ihr zufällig näherte; oft schickte sie sie aus dem Zimmer und immer behandelte sie sie mit unveränderlicher Kälte, mit Bitterkeit und beißendem Spott. Andere Augen außer den meinen beobachteten diese Kundgebungen ihres Charakters noch – beobachteten sie genau, scharfsichtig und fein. Ja, der künftige Gatte, Mr. Rochester selbst, übte eine strenge und unaufhörliche Wachsamkeit über seine Braut aus; und aus dieser klugen Überlegung – dieser seiner Vorsichtigkeit – dieser vollkommen klaren Erkenntnis der Mängel und Fehler seiner Angebeteten – dieser in die Augen fallenden Leidenschaftslosigkeit seiner Gefühle für sie – aus diesem allem entsprang mein grenzenloser Schmerz, meine nicht enden wollende Pein.

Ich sah ein, daß er sie heiraten würde, aus Rücksichten [289] auf die Familie, vielleicht auch aus politischen Gründen; ihr Rang und ihre Verbindungen sagten ihm zu. Ich fühlte, daß er ihr seine Liebe nicht geschenkt hatte, und daß ihre Eigenschaften auch nicht geeignet waren, ihm dies Gefühl abzuringen. Diesen Schatz würde er ihr niemals zu eigen geben! Und dies war der Punkt – dies war es, wo der Nerv berührt wurde und schmerzte – dies war es, was das Fieber nährte und steigerte: er konnte sie nicht lieben!

Wenn sie den Sieg mit einem Schlage errungen hätte, wenn er sich ergeben und sein Herz ihr zu Füßen gelegt hätte, so würde ich mein Antlitz bedeckt und der Wand zugewendet haben, um zu sterben, fürsie zu sterben (figürlich, mein verehrter Leser). Wenn Miß Ingram ein gutes und edles Weib gewesen wäre, mit Kraft und Mut und Innigkeit und Zärtlichkeit und Verstand begabt, so würde ich nur einen entscheidenden Kampf mit zwei Ungeheuern – mit der Eifersucht und der Verzweiflung zu bestehen gehabt haben. Ich hätte mir das Herz aus der Brust gerissen, um es zu zertreten – und dann hätte ich sie bewundert, angebetet, ich hätte ihre Überlegenheit anerkannt und wäre für den Rest meiner Tage in Frieden gewesen – und je absoluter ihre Überlegenheit, desto tiefer wäre meine Bewunderung gewesen – desto ruhiger meine Ergebenheit. Aber wie die Dinge jetzt lagen – Zeuge der Anstrengungen sein zu müssen, welche Miß Ingram machte, um Mr. Rochester zu fesseln, und das öftere Mißlingen derselben zu gewahren – zu sehen, wie sie in der Einbildung lebte, daß jeder Pfeil traf, ins Schwarze traf, und wie sie sich mit ihren eingebildeten Erfolgen brüstete, während ihr Hochmut und ihre Selbstgefälligkeit das weiter und weiter von ihr entfernten, was sie anzulocken wünschte – Zeuge von all diesem zu sein, hieß in einer fortwährenden Erregung, unter einem erbarmungslosen Zwange leben.

Denn ich sah, wie es ihr möglich gewesen sein würde, den [290] Sieg zu erringen, während sie nur eine Niederlage erlitt. Pfeile, welche fortwährend von Mr. Rochesters Brust abprallten und wirkungslos zu seinen Füßen niederfielen, würden sein stolzes Herz getroffen und schwer verwundet haben, wenn eine sichere Hand sie abgeschossen hätte, das wußte ich; sie würden Liebe aus seinen kalten Augen haben leuchten lassen und seinem sarkastischen Antlitz den Stempel der Innigkeit aufgedrückt haben. Oder noch besser, – ein stiller Sieg wäre ohne Waffen errungen worden.

»Weshalb kann sie nicht mehr Einfluß über ihn gewinnen, wenn sie doch bestimmt ist, ihm einmal so nahe zu stehen?« fragte ich mich. »Gewiß, sie kann ihn nicht wahrhaft lieben, wenigstens ihn nicht mit der echten, rechten Liebe lieben! Denn wenn dies der Fall wäre, so brauchte sie nicht so künstlich zu lächeln; ihm nicht unaufhörlich solche Blitzesblicke zuzuwerfen, ihre Mienen, ihre Attitüden, ihre Bewegungen ohne Unterlaß zu studieren. Mir ist, als würde sie seinem Herzen näher rücken, wenn sie ruhig an seiner Seite weilte und weniger spräche und weniger kühn blickte. Ich habe in seinem Antlitz einen Ausdruck gesehen, der sehr verschieden war von der harten, versteinerten Miene, die er jetzt gar oft annimmt, wenn sie so eindringlich und lebhaft zu ihm spricht – aberjener Ausdruck kam von innen heraus, er war nicht künstlich hervorgezaubert durch verführerische Lockungen und berechnete Manöver; und man brauchte ihn nur hinzunehmen – ihm ohne Prätension zu antworten, wenn er fragte, ihn ohne Grimassen anzureden, wenn es nötig war – und jener Ausdruck wurde freundlicher und liebevoller und erwärmte einen wie ein nährender Sonnenstrahl. Wie wird es ihr denn gelingen, ihm zu gefallen, wenn sie erst verheiratet sind? O nein, es wird ihr nicht gelingen, dessen bin ich sicher – aber es könnte gelingen, und wahrhaftig, ich glaube, seine Gattin könnte das glücklichste Weib sein, dessen Fuß auf unserer Erde wandelt.«

[291] Bis jetzt habe ich noch kein verdammendes Urteil über Mr. Rochesters Plan gefällt, um der Familienverbindungen und anderer materieller Intressen willen eine Heirat zu schließen. Ich war aufs höchste erstaunt, als ich zuerst seine Absicht entdeckte. Ihn hatte ich für einen Mann gehalten, bei dem es nicht wahrscheinlich war, daß er sich bei der Wahl einer Gattin von so gewöhnlichen Motiven würde leiten lassen; aber je länger ich die Stellung, die Erziehung u.s.w. der beiden Parteien in Betracht zog, desto weniger fühlte ich mich berechtigt, ihn oder Miß Ingram zu beurteilen oder zu verdammen, weil sie in Übereinstimmung mit den Grundsätzen und Ideen handelten, welche ihnen ohne Zweifel seit ihrer Kindheit eingeimpft waren. Die ganze Gesellschaftsklasse, zu welcher sie gehörten, huldigte diesen Grundsätzen; folglich mußten sie doch auch eine Begründung für dieselben haben, wenn ich sie auch allerdings nicht ergründen konnte. Mir schien es, daß ich nur ein Weib an mein Herz ziehen würde, das ich lieben könnte, wenn ich ein Mann wäre wie er; aber die Augenscheinlichkeit der Vorteile für das Glück des Mannes, welche in diesem Heiratsplane lagen, überzeugten mich, daß es Argumente gegen die allgemeine Annahme solcher Ansichten geben müsse, Argumente, von denen ich keine Ahnung hatte – denn sonst hätte doch die ganze Welt so handeln müssen, wie ich gewünscht, daß sie handeln möchte.

Aber in Bezug auf diesen Punkt sowohl wie auf manchen anderen wurde ich meinem Brotherrn gegenüber sehr nachsichtig. Ich vergaß und übersah all seine Fehler, für die ich doch einst ein so scharfes Auge gehabt hatte. Früher hatte ich mich bemüht, alle Seiten seines Charakters zu studieren, die schlechten mit den guten in den Kauf zu nehmen, und aus dem genauen Abwägen der einen gegen die anderen ein gleichmäßiges und gerechtes Urteil zu fällen. Jetzt sah ich keine schlechten Eigenschaften mehr. Der Sarkasmus, der mich einst zurückgestoßen, die Härte, die mich [292] erschreckt und eingeschüchtert, erschienen mir jetzt nur wie die notwendige Würze eines köstlichen, seltenen Gerichts: ihr Vorhandensein machte es scharf, ihr Fehlen würde es aber geschmacklos und fade gemacht haben. Und jenes vage Etwas, das ein sorgsamer Beobachter dann und wann in seinem Blicke entdeckte, um es schnell wieder verschwinden zu sehen, ehe er noch jene seltsame, geheimnisvolle Tiefe ergründen konnte, – jenes Etwas, das mich mit Furcht und Schrecken erfüllt hatte, wie wenn ich auf vulkanischem Boden gewandelt und plötzlich die Erde unter meinen Füßen hätte erbeben und einen Abgrund sich vor mir hätte öffnen sehen, – jenes Etwas, ich sah es zuweilen noch jetzt, aber mein Herz klopfte vor Jammer und Mitgefühl, – es lähmte meine Nerven nicht mehr. Ich wußte nicht, ob es ein finsterer oder ein trauriger Ausdruck, ein hinterlistiger, verschmitzter, oder ein verzweifelter sei; aber ich scheute mich jetzt nicht mehr davor, ich sehnte mich nur grenzenlos danach, ihn ergründen zu können; ich pries Miß Ingram überglücklich, weil es ihr eines Tages vergönnt sein würde, in jenen Abgrund zu blicken, sein Geheimnis ergründen und seinen Jammer heilen zu dürfen.

Während ich nur an meinen Herrn und seine künftige Gemahlin dachte, nur sie sah, nichts hörte alsihre Zwiegespräche und nur ihrem Thun und Lassen eine Wichtigkeit und Bedeutung beilegte, war der übrige Teil der Gesellschaft mit ihrem eigenen Vergnügen und ihren Sonderinteressen beschäftigt. Die Ladies Lynn und Ingram fuhren fort, die feierlichsten Konferenzen miteinander abzuhalten; sie wiegten ihre Turbane hin und her und erhoben ihre vier Hände in Erstaunen oder Entrüstung, oder Geheimthuerei oder Entsetzen und Schrecken – je nach dem Gegenstande, um welchen ihre wichtige Unterhaltung sich drehte. Die beiden Damen bewegten sich wie zwei durch ein Vergrößerungsglas betrachtete Marionetten.

Die milde Mrs. Dent unterhielt sich mit der gutmütigen [293] Mrs. Eshton; und von diesen beiden erhielt ich zuweilen einen gütigen Blick, ein freundliches Wort.

Sir George Lynn, Oberst Dent und Mr. Eshton diskutierten über Politik oder Angelegenheiten ihrer Grafschaft oder Rechtssachen. Lord Ingram kokettierte mit Amy Eshton. Louisa sang und spielte mit einem der jungen Herren Lynn, und Mary Ingram horchte gelangweilt auf die zierlichen, wohlgesetzten Redensarten des andern. Und zuweilen gaben diese alle, wie auf Verabredung, ihr Zwischenspiel auf, um den Hauptträgern der Handlung zuzuhören und sie zu beobachten; denn trotz allem waren Mr. Rochester, und Miß Ingram – diese nur, weil sie ihm so nahe stand – die Seele und das Leben der Gesellschaft. Wenn er sich auch nur für eine Stunde aus dem Gesellschaftszimmer entfernte, so schien eine sehr bemerkbare Verstimmung und Gelangweiltheit sich seiner Gäste zu bemächtigen; und sein Wiedereintritt gab der Unterhaltung augenblicklich einen lebhaften Impuls wieder.

Das Fehlen seines belebenden Einflusses schien sich ganz besonders eines Tages bemerkbar zu ma chen, als er sich in dringenden Geschäftsangelegenheiten hatte nach Millcote begeben müssen und erst spät am Abend zurückerwartet wurde.

Der Nachmittag war regnerisch gewesen; ein Spaziergang, welchen die Gesellschaft nach einem Zigeunerlager, das auf einer Wiese jenseits Hay aufgeschlagen war, geplant hatte, mußte infolge des Regens aufgegeben werden. Einige der Herren hatten sich in die Ställe begeben; die Jüngeren spielten mit den jungen Damen im Billardzimmer Billard. Die verwitweten Damen Lynn und Ingram suchten Trost in einem ruhigen Spielchen. Nachdem Blanche Ingram durch ihre mürrische Schweigsamkeit einige Versuche zurückgeschlagen hatte, welche Mrs. Dent und Mrs. Eshton gemacht, um sie in die Konversation zu ziehen, hatte sie anfangs einige sentimentale Lieder und Melodien zur Klavierbegleitung [294] gesummt; dann war sie plötzlich aufgesprungen, hatte einen Roman aus ihrem Zimmer geholt, und jetzt lag sie in hochmütiger Gleichgiltigkeit auf einem Sofa hingestreckt und versuchte sich die langsam hinschleichenden Stunden seiner Abwesenheit mit jenem Romane zu vertreiben. Im Zimmer und im ganzen Hause herrschte Ruhe. Nur zuweilen drang ein fröhliches Lachen aus dem Billardzimmer bis zu uns herunter.

Es begann schon zu dämmern, die Glocke hatte bereits das Zeichen zum Ankleiden für die Dinerstunde gegeben, als die kleine Adele, welche neben mir auf einem Sitze in der Fenstervertiefung kniete, plötzlich fröhlich ausrief:

»Voilà Monsieur Rochester qui revient!« 2

Ich wandte mich um und sah, wie Miß Ingram mit der größten Eilfertigkeit von ihrem Sofa aufsprang. Auch die Übrigen blickten von ihren verschiedenen Beschäftigungen auf, denn im selben Augenblick wurde ein Knirschen von Rädern und platschende Huftritte draußen auf dem durchweichten Kieswege vor dem Hause hörbar. Eine Postchaise fuhr vor.

»Was mag ihm nur eingefallen sein, auf diese Weise nach Hause zu kommen!« sagte Miß Ingram. »Er ritt Mesrour, den Rappen, nicht wahr? Und Pilot war doch bei ihm, als er fortritt? Was kann er mit den Tieren angefangen haben?«

Indem sie dies sagte, kam sie mit ihrer hohen Gestalt und ihrer ungeheuren Kleiderfülle dem Fenster so nahe, daß ich mich weit zurücklehnen mußte, und fast das Rückgrat gebrochen hätte. In ihrer Aufgeregtheit bemerkte sie mich im ersten Augenblick fast gar nicht, und als ihr Blick denn doch auf mich fiel, verzog sie die Lippen höhnisch und wandte sich einem andern Fenster zu.

Die Postchaise hielt an. Der Kutscher zog die Glocke [295] zur großen Eingangsthür und ein Herr in Reisekleidern entstieg dem Gefährt. Aber es war nicht Mr. Rochester, sondern ein großer, schlanker, elegant aussehender Mann, ein Fremder.

»Wie ärgerlich!« rief Blanche Ingram aus, »du langweiliger, kleiner Affe!« (dies galt der armen, kleinen Adele) »wer hat dich dort in das Fenster gesetzt, damit du falschen Allarm bläst?« und bei diesen Worten warf sie mir einen zornsprühenden Blick zu, als wäre ich die Schuldige gewesen.

Jetzt wurde draußen in der Halle ein kurzes Gespräch hörbar, und gleich darauf trat der Fremde ein. Er verbeugte sich tief vor Lady Ingram, die er wahrscheinlich für die älteste der anwesenden Damen hielt.

»Es scheint, Madame, daß ich zu sehr ungelegener Zeit komme,« sagte er, »denn mein Freund Rochester ist nicht zu Hause. Aber ich komme von einer sehr langen und ermüdenden Reise, und daher darf ich wohl die Rechte einer sehr alten und intimen Freundschaft geltend machen und mich hier bis zu der Rückkehr meines Freundes installieren.«

Er war von ausgesuchter Höflichkeit; sein Accent schien mir indessen etwas fremdartig – nicht gerade ausländisch aber auch nicht entschieden englisch. Er mochte ungefähr so alt sein wie Mr. Rochester, zwischen dreißig und vierzig; seine Gesichtsfarbe war seltsam fahl; sonst war er ein schöner Mann, besonders auf den ersten Blick. Bei näherer Prüfung entdeckte man in seinem Gesicht allerdings etwas, das abstieß, oder vielmehr etwas, das nicht gerade gefiel. Seine Züge waren regelmäßig, aber zu schlaff; sein Auge war groß und schön geschnitten, aber man las darin, daß er ein nutzloses, leeres, unbedeutendes Leben geführt, – wenigstens erschien es mir so.

Der Ton der Ankleideglocke zerstreute die Gesellschaft. Erst nach dem Diner sah ich den Fremden wieder. Um diese Zeit [296] schien er sich bereits ganz heimisch zu fühlen. Aber jetzt gefiel mir seine Physiognomie noch weniger als zuvor; sie war zugleich unruhig und doch leblos. Seine Blicke wanderten umher, aber man fühlte, daß sie nichts suchten; das gab ihm einen seltsamen Ausdruck, wie ich noch niemals einen in dem Gesicht eines Menschen beobachtet. Für einen schönen und nicht unliebenswürdigen Mann war er außergewöhnlich abstoßend. Dies glatte, oval geformte Antlitz übte keine Macht aus; in jener schmalen, gebogenen Nase, in dem kleinen Kirschenmund lag keine Kraft. Die niedrige, ungefurchte Stirn verriet keine Gedanken; das glänzende, braune Auge verstand nicht zu herrschen.

Als ich in meinem gewohnten Winkel saß und ihn im Schein der Girandolen, die vom Kaminsims hell auf ihn herabschienen, betrachtete – er saß in einem Lehnstuhl, den er dicht an das wärmende Feuer gezogen hatte und schien trotzdem noch vor Kälte zu beben – begann ich, ihn mit Mr. Rochester zu vergleichen. Ich glaube – horrible dictu – der Unterschied zwischen einem sanften Gänserich und einem stolzen Falken könnte nicht viel größer sein; nicht schärfer der Kontrast zwischen einem sanftmütigen Schaf und dem zotteligen, klaräugigen Hunde, seinem Hüter.

Er hatte von Mr. Rochester wie von einem alten Freunde gesprochen. Eine seltsame Freundschaft mußte die ihre gewesen sein; eine scharfe Illustration des alten Sprichwortes in der That, daß die Extreme sich berühren.

Zwei oder drei der Herren saßen neben ihm, und von Zeit zu Zeit drangen abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung bis in meine abgelegene Ecke. Lange blieb mir der Sinn des Gehörten unklar; denn die Unterhaltung zwischen Mary Ingram und Louisa Eshton, die in meiner nächsten Nähe saßen, übertönte das Gespräch der Herren am Kamin. Die Damen sprachen über den Fremden; beide nannten ihn einen »schönen Mann«. Louisa sagte, er sei »ein reizender [297] Mensch« und sie »bete ihn an«; und Mary machte Bemerkungen über seinen »süßen, kleinen Mund und seine entzückende Nase«; beides schien ihre Ideale von Schönheit zu verkörpern.

»Und welch eine freundliche Stirn er hat!« rief Louisa aus, – »so glatt, keine von diesen gerunzelten Unregelmäßigkeiten, die ich so sehr verabscheue; und welch ein ruhiges Auge! Welch ein berückendes Lächeln!«

Und dann rief Mr. Henry Lynn sie zu meiner größten Erleichterung an das andere Ende des Zimmers, um noch irgend welche Punkte über die aufgeschobene Excursion nach Hay zu besprechen.

Jetzt war es mir wieder möglich geworden, meine Aufmerksamkeit auf die Gruppe am Kamin zu konzentrieren, und nun erfuhr ich auch bald, daß der Name des Ankömmlings Mr. Mason sei. Dann hörte ich, daß er soeben in England angelangt sei und aus irgend einem heißen Lande komme. Letzteres war wahrscheinlich der Grund für die fahle Blässe seines Gesichts, für sein fortwährendes Näherrücken an das Feuer und für den Überrock, den er auch im Salon nicht abgelegt hatte. Die Namen Jamaika, Spanish Town, Kingston, welche an mein Ohr schlugen, belehrten mich, daß Westindien sein Aufenthalt gewesen sein mußte, und nicht gering war mein Erstaunen, als ich weiter erfuhr, daß er in jenem Lande Mr. Rochesters Bekanntschaft gemacht habe. Er sprach von der Abneigung seines Freundes gegen die sengenden Gluten, die furchtbaren Orkane und die Regenzeiten jener Regionen.

Ich wußte wohl, daß Mr. Rochester viel gereist sei; Mrs. Fairfax hatte es mir ja erzählt, aber ich hatte geglaubt, daß der europäische Kontinent bis jetzt seine Wanderungen begrenzt habe. Niemals hatte er auch nur die leiseste Andeutung darüber gemacht, daß er selbst jene entlegenen Küsten besucht habe.

Über diese Dinge dachte ich nach, als ein Zwischenfall, [298] und noch dazu ein sehr unerwarteter, den Faden meiner Grübeleien unterbrach. Mr. Mason, der jedesmal von einem kalten Schauer gerüttelt wurde, wenn jemand die Thür aufmachte, hatte gebeten, daß man noch mehr Holz und Kohlen auf das Feuer lege, dessen Flammen nicht mehr emporloderten, obgleich die Asche noch rot und heiß erglühte. Als der Diener, welcher die Feuerung hereingebracht hatte, das Zimmer wieder zu verlassen im Begriff war, trat er an Mr. Eshtons Stuhl und flüsterte diesem Herrn etwas ins Ohr, wovon ich nur die Worte »altes Weib« und, »ganz lästig« verstehen konnte.

»Sagen Sie ihr, daß wir sie einsperren lassen werden, wenn sie sich nicht gleich packt,« entgegnete die Magistratsperson.

»Nein – halt!« unterbrach ihn Oberst Dent. »Schicken Sie sie nicht fort, Eshton; wir könnten die Gelegenheit doch benützen. Fragen wir lieber die Damen.« Und laut fuhr er fort: »Meine Damen, Sie haben davon gesprochen, nach der Wiese von Hay gehen zu wollen, um das Zigeunerlager zu besuchen; aber Sam hier bringt die Botschaft, daß eine der alten Zigeunerinnen sich in diesem Augenblick in der Halle der Dienstboten befindet und darauf besteht, bei den Herrschaften vorgelassen zu werden, um ihnen wahrsagen zu dürfen. Haben Sie Lust, die Alte zu sehen?«

»Wahrhaftig, Oberst,« rief Lady Ingram aus, »Sie hätten am Ende wohl Lust, solche gemeine Betrügerin zu ermutigen. Schicken Sie sie um jeden Preis augenblicklich fort!«

»Es ist mir nicht möglich, sie zum Fortgehen zu bewegen, Mylady,« sagte der Diener, »und die anderen Dienstleute haben es auch umsonst versucht. Jetzt ist Mrs. Fairfax bei ihr und bittet und fleht, daß sie fortgehen möge; sie hat aber einen Stuhl in der Ofenecke genommen und schwört, daß sie um keinen Preis von dort aufsteht, wenn man ihr nicht die Erlaubnis giebt, hierher zu kommen.«

[299] »Was will sie denn hier?« fragte Mrs. Eshton.

»Sie will den Herrschaften wahrsagen, sagt sie, Mylady, und sie schwört, daß sie es thun will und muß.«

»Wie sieht sie denn eigentlich aus?« fragten die beiden Miß Eshton, wie aus einem Munde.

»Ein gräßlich häßliches, altes Geschöpf, Miß; beinahe so schwarz wie ein Rabe.«

»Am Ende ist sie gar eine wirkliche Hexe!« rief Frederick Lynn dazwischen. »Auf jeden Fall müssen wir sie hereinlassen! Zu interessant!«

»Allerdings,« fiel ihm sein Bruder in die Rede, »es wäre zu thöricht, wenn man solch eine Gelegenheit, sich zu amüsieren, ungenützt vorübergehen lassen wollte.«

»Was fällt euch denn eigentlich ein, meine lieben Söhne!« rief Lady Lynn entsetzt aus.

»In meiner Gegenwart dürfen solche ungehörige Dinge nicht vor sich gehen,« stimmte die verwitwete Lady Ingram ihr bei.

»O ja, Mama, sie dürfen es und sie werden es,« ertönte Blanche Ingrams hochmütige Stimme, während die junge Dame sich vom Piano her der Gesellschaft zuwandte; bis zu diesem Augenblick hatte sie schweigsam dort gesessen und scheinbar ohne der Unterhaltung ihre Aufmerksamkeit zu schenken zwischen verschiedenen Notenblättern und Heften geblättert. »Ich bin neugierig und möchte mir wahrsagen lassen. Sam, schicken Sie die Zigeunerschönheit also herauf.«

»Aber Blanche, mein Liebling, bedenke doch –«

»Das thue ich. Ich bedenke alles, was zu bedenken ist. Und ich muß meinen Willen haben! Also beeilen Sie sich, Sam! Schnell! schnell!«

»Ja – ja – ja!« rief die ganze junge Welt, sowohl die Damen wie die Herren. »Sie muß heraufkommen! Das wird ein köstliches Vergnügen werden!«

Der Diener zögerte noch immer. »Sie sieht so fürchterlich aus,« sagte er endlich.

[300] »Gehen Sie!« rief Miß Ingram gebieterisch. Und der Mann ging.

Augenblicklich bemächtigte sich die größte Aufregung der ganzen Gesellschaft. Es entstand ein wahres Kreuzfeuer von Witz, Spott und Scherz. Da kehrte der Diener zögernd und ängstlich zurück.

»Sie will jetzt nicht mehr hereinkommen,« sagte er. »Sie sagt, sie braucht nicht vor dem rohen Haufen – ja, ja, diese Worte hat sie gebraucht – zu erscheinen! Ich habe ihr ein Zimmer anweisen müssen, und wenn die Herrschaften sie um die Zukunft befragen wollen, sollen Sie einzeln zu ihr kommen.«

»Du siehst also, meine königliche Blanche, wie anmaßend das Weib wird,« begann Lady Ingram von neuem. »Laß dir raten, mein Engelskind und – und – –«

»Bringen Sie sie ins Bibliothekzimmer,« unterbrach das »Engelskind« sie scharf. »Ich brauche sie ebenfalls nicht vor dem ›rohen Haufen‹ anzuhören; die Person hat ganz recht. Ich will sie für mich allein haben. Brennt ein Feuer im Bibliothekzimmer, Sam?«

»Ja, Ew. Gnaden, ja – aber – sie sieht gerade aus wie ein Kesselflicker.«

»Lassen Sie Ihr Geschwätz, Dummkopf, und thun Sie nur, was ich Ihnen befehle.«

Wiederum verschwand Sam; und hoch gingen die Wogen der Erregung und der Erwartung.

»Jetzt ist sie bereit,« sagte der Diener, als er zurückkam. »Sie möchte wissen, wer sie zuerst befragen wird.«

»Ich glaube, es wird besser sein, wenn ich sie mir ansehe, bevor eine der Damen zu ihr geht,« sagte Oberst Dent.

»Sagen Sie ihr also, Sam, daß ein Herr kommen wird.«

Sam ging und kehrte gleich zurück.

»Sir, sie sagt, daß sie mit den Herren nichts zu thun haben will; sie brauchen sich gar nicht erst zu bemühen, [301] zu ihr zu kommen – und,« fügte er zögernd hinzu, mit Mühe ein Kichern unterdrückend, – »die Damen sollen auch nur kommen, wenn sie jung und schön und unverheiratet sind.«

»Beim Jupiter! sie hat Geschmack!« rief Henry Lynn laut lachend aus.

Mit großer Feierlichkeit erhob sich Miß Ingram. »Ich gehe zuerst,« sagte sie in einem Ton, welcher für den Anführer eines verlorenen Postens gepaßt haben würde, wenn er in der Vorhut des Regiments eine Bresche in der feindlichen Festung erklimmt.

»O, meine Beste, mein teuerstes, liebstes Kind, halt ein! Denk nach! Bedenke, was thust!« rief ihre zärtliche Mutter aus. Aber in stolzem Schweigen rauschte sie an ihr vorbei und ging durch die Thür, welche Oberst Dent für sie geöffnet hielt. Gleich darauf hörten wir, wie sie ins Bibliothekzimmer trat.

Jetzt trat eine verhältnismäßige Ruhe ein. Lady Ingram hielt es für passend und angebracht, die Hände zu ringen und that es daher in ausgiebigstem Maße. Miß Mary erklärte, daß sie ihrerseits niemals den Mut gehabt haben würde. Amy und Louisa Eshton kicherten leise und verstohlen, sahen aber ängstlich und sehr befangen aus.

Außerordentlich langsam schlichen die Minuten dahin. Wir zählten deren fünfzehn, bevor das Geräusch der sich öffnenden Bibliotheksthür wiederum an unser Ohr schlug. Gleich darauf trat Miß Ingram wieder ein.

Lachte sie? Hatte sie die ganze Sache als Scherz aufgefaßt? Aller Augen waren mit dem Ausdruck der intensivsten Neugierde auf sie geheftet. Kalt und vorwurfsvoll begegneten ihre Blicke den unseren; sie sah weder belustigt noch erregt aus. Stolz aufgerichtet und hochmütig schritt sie wieder auf ihren Sitz zu und setzte sich ohne ein Wort zu sprechen.

»Nun, Blanche?« sagte Lord Ingram.

[302] »Was sagte sie, Schwester?« fragte Mary.

»Wie denkst du über sie? Wie war dir ums Herz? Ist sie eine wirkliche Wahrsagerin?« fragten die Schwestern Eshton.

»Nun, nun, Ihr guten Leute, erdrückt mich nicht mit euren Fragen. Wahrlich, das Organ der Leichtgläubigkeit und der Verwunderung ist bei euch schnell angeregt. Nach der Wichtigkeit und Bedeutsamkeit, welche ihr alle – meine teure Mutter inbegriffen – dieser Angelegenheit beilegt, scheint ihr wahrhaftig zu glauben, daß wir für den Augenblick eine wirkliche Hexe im Hause haben, die mit dem ›alten, schwarzen Herrn, der nach Pech und Schwefel riecht‹ ein festes Bündnis geschlossen hat. Ich habe eine Zigeuner-Vagabondin gesehen; sie hat in gewohnter Weise die Kunst geübt, aus der Hand wahrzusagen, und sie hat auch mir gesagt, was solche Leute gewöhnlich prophezeien. Ich habe meine Laune befriedigt, und jetzt würde ich es für das Beste halten, wenn Mr. Eshton, wie er anfangs gedroht hat, das alte Scheusal morgen früh in den Gemeindekotter werfen ließe! Das ist alles, was ich über diese Angelegenheit zu sagen habe!«

Miß Ingram nahm ein Buch, lehnte sich in den Sessel zurück und wies auf diese stumme aber deutliche Weise jede weitere Konversation zurück. Ich beobachtete sie dann wohl eine halbe Stunde hindurch; während dieser ganzen Zeit wandte sie nicht ein einzigesmal das Blatt um, und jeden Augenblick wurde ihr Gesicht düsterer, unzufriedener, und nahm immermehr den Ausdruck der Enttäuschung und Bestürzung an. Augenscheinlich hatte sie nichts angenehmes gehört, nichts, was mit ihren hochfliegenden Plänen übereinstimmte, und trotz ihrer angeblichen Gleichgiltigkeit schien es mir, als lege sie den ihr gemachten Enthüllungen eine ganz unberechtigte Wichtigkeit bei. Wenigstens erklärte ich mir auf diese Weise ihre düstere Schweigsamkeit und Verstimmung.

[303] Inzwischen erklärten Mary Ingram, Amy und Louisa Eshton, daß sie nicht den Mut hätten, allein zu gehen – und doch hegte jede von ihnen das brennende Verlangen zu gehen. Durch die Vermittelung des Gesandten Sam wurden Unterhandlungen eröffnet, und nach vielem Hin- und Herlaufen wurde der strengen Sybille endlich die Erlaubnis abgerungen, daß die drei jungen Damen ihr in corpore ihre Aufwartung machen durften.

Dieser Besuch verlief nicht so still, wie jener Miß Ingrams. Aus dem Bibliothekszimmer drangen hysterisches Kichern und kleine halb unterdrückte Schreie zu uns herüber. Nach zwanzig Minuten wurde endlich die Thür aufgerissen, und die jungen Mädchen kamen zu Tode erschrocken durch die Halle hereingestürzt.

»Gewiß, gewiß, mit ihr geht es nicht mit rechten Dingen zu!« schrien sie wie aus einem Munde. »Sie hat uns solche Sachen gesagt! Sie kennt unsere ganzen Angelegenheiten!« und atemlos sanken sie in die verschiedenen Sessel und Stühle zurück, welche die Herren sich beeilten, ihnen zu bringen.

Als man um weitere Erklärung in sie drang, erzählten sie, daß sie ihnen von Dingen gesprochen, die sie gesagt und gethan, als sie noch kleine Kinder gewesen; sie hatte ihnen von Nippsachen und Büchern gesprochen, welche sich zu Hause in ihren Boudoirs befanden, von Andenken, welche verschiedene Verwandte ihnen geschenkt hatten. Sie bestätigten, daß sie sogar ihre Gedanken erraten hatte; und daß sie jeder von ihnen den Namen jener Person ins Ohr geflüstert hatte, welche ihnen die liebste auf der Welt. Auch ihre Lieblingswünsche hatte die Alte erraten.

Hier sprachen die Herren die ernstliche Bitte aus, daß man sie ebenfalls über die beiden letztgenannten Punkte aufkläre. Aber als Lohn für ihre Zudringlichkeit wurde ihnen nichts als schüchternes Erröten, Zittern, Ausrufe, Gekicher u.s.w. Inzwischen fächelten die Matronen ihnen [304] mit ihren Riesenfächern Luft zu, holten ihre Riechfläschchen hervor, und sprachen ihr lebhaftes Bedauern aus, daß man ihre Warnung nicht rechtzeitig beachtet habe. Die älteren Herren lachten aus Leibeskräften, und die jüngeren boten der aufgeregten Mädchenschar ihre Dienste an.

Inmitten dieses Tumults, und während meine Augen und Ohren vollauf mit der Scene beschäftigt waren, welche sich vor mir abspielte, hörte ich plötzlich ein leises, wiederholtes »hm, hm!« dicht neben mir. Ich drehte mich schnell um und erblickte Sam.

»Ich bitte Sie, Miß, die Zigeunerin behauptet, daß noch eine junge, unverheiratete Dame hier im Zimmer sein muß, welche nicht bei ihr gewesen ist, und sie bleibt dabei und schwört hoch und teuer, daß sie nicht eher fortgeht, als bis sie alle gesehen hat. Ich dachte, daß es keine andere sein könne, als Sie. Sonst ist niemand mehr da. Was soll ich ihr sagen?«

»Ah, ich werde natürlich gehen,« entgegnete ich. Und ich freute mich der unerwarteten Gelegenheit, meine heftig erregte Neugierde befriedigen zu können. Ich schlich zum Zimmer hinaus, ohne daß auch nur ein einziger Blick mir folgte. Die ganze Gesellschaft war noch um das bebende Trio beschäftigt, das soeben von der Sibylle zurückgekehrt war. Leise schloß ich die Thür hinter mir.

»Wenn Sie wollen, Miß,« sagte Sam, »so warte ich in der Halle auf Sie; und wenn sie Ihnen Angst macht, so rufen Sie nur, und ich komme Ihnen zu Hilfe.«

»Nein, Sam, gehen Sie nur wieder hinunter in die Küche, ich fürchte mich durchaus nicht.« – Und ich fürchtete mich in der That nicht. Aber die Sache interessierte und erregte mich im höchsten Grade.

Fußnoten

1 Bridewell, ein Gefängnis in London. Die Charade war aus den Worten: bride-Braut und well-Brunnen zusammengesetzt.

2 »Da kommt Herr Rochester zurück!«

Neunzehntes Kapitel

Das Bibliothekszimmer sah sehr friedlich aus, als ich eintrat, und die Sibylle – wenn sie wirklich eine Sibylle [305] war – saß ganz ruhig und bequem in einem Lehnstuhl vor dem Kaminfeuer. Sie trug einen roten Mantel und einen schwarzen Hut und schien beim Schein des Kaminfeuers in einem kleinen, schwarzen Buche zu lesen, das fast aussah wie ein Gebetbuch. Sie murmelte die Worte vor sich hin, wie alte Frauen es oft zu thun pflegen, wenn sie lesen. Auch hörte sie nicht sofort bei meinem Eintritt mit dieser Beschädigung auf. Es sah fast aus, als wolle sie den Paragraphen noch zu Ende lesen.

Ich stand auf dem Teppich vor dem Kamin und wärmte meine Hände, die fast erstarrt waren, weil ich in dem Gesellschafszimmer in beträchtlicher Entfernung von dem Kaminfeuer gesessen hatte. Ich war jetzt bereits so ruhig geworden, wie ich es sonst zu sein pflegte; in der That, in der äußeren Erscheinung der Zigeunerin lag nichts, was die Ruhe eines Menschen hätte erschüttern können. Sie schlug das Buch zu und blickte langsam auf; der breite Rand ihres Hutes beschattete zum größten Teil das Gesicht, und doch konnte ich bemerken, als sie zu mir aufsah, daß es ein gar seltsames sei. Es war durchweg braun und schwarz. Verworrenes Haar quoll unter einer weißen Binde hervor, welche unter dem Kinn zusammentraf und die Backen oder vielmehr die Kinnbacken halb bedeckte. Ihr Auge blickte mich mit einem scharfen, kühnen, durchbohrenden Blicke sofort an.

»Nun, Sie wollen sich ebenfalls wahrsagen lassen?« sprach sie mit einer Stimme, die ebenso bestimmt wie ihr Blick, ebenso hart wie ihre Züge war.

»Es liegt mir nicht viel daran, Mutter; thut wie Ihr wollt! Aber eins muß ich Euch vorher sagen: ich habe keinen Glauben.«

»Diese Frechheit erwartete ich von Ihnen – ich erwartete sie. Ich hörte es in Ihrem Schritte, als Sie über die Schwelle traten.«

»Wirklich? Dann habt Ihr ein scharfes Ohr.«

[306] »Ja; das habe ich. Und ein gar scharfes Auge! Und ein noch schärferes Gehirn.«

»Nun, das alles braucht Ihr auch notwendig für Euer Handwerk.«

»Das brauche ich. Besonders wenn ich mit solchen Kunden zu thun habe, wie Sie sind. Weshalb zittern Sie denn eigentlich nicht?«

»Mich friert nicht.«

»Weshalb werden Sie nicht blaß?«

»Ich bin nicht krank.«

»Weshalb nehmen Sie meine Kunst denn nicht in Anspruch?«

»Ich bin nicht so albern.«

Die alte Hexe kicherte leise in ihre Bandagen hinein. Dann zog sie eine kurze, geschwärzte Pfeife hervor, zündete sie an und begann zu rauchen. Nachdem sie sich eine Weile an diesem Beruhigungsmittel gelabt hatte, richtete sie den gebeugten Körper in die Höhe, nahm die Pfeife aus dem Munde und während sie unverwandt in das Feuer blickte, sagte sie ganz bedächtig und wohlüberlegt:

»Es friert Sie; Sie fühlen sich unwohl, und Sie sind albern.«

»Beweist mir das,« entgegnete ich.

»Das werde ich thun; mit wenigen Worten. Es friert Sie, weil Sie einsam sind; keine Berührung facht das Feuer, das in Ihnen glimmt, zur hellen Flamme an. Sie sind krank; weil das reinste der Gefühle, das höchste und süßeste, das dem Menschen in die Brust gelegt ist, Ihnen fern bleibt. Sie sind albern und dumm, weil Sie ihm kein Zeichen machen, sich auch Ihnen zu nähern – wie sehr Sie auch leiden mögen. Und Sie wollen auch keinen Schritt thun, um ihm dorthin entgegen zu eilen, wo es Ihrer wartet.«

Wiederum führte sie die kurze, schwarze Pfeife an die Lippen und begann in kräftigen Zügen zu rauchen.

[307] »Ihr wißt, daß alles, was Ihr da sagt, ebenso gut auf jede andere passen würde, die einsam und in abhängiger Stellung in einem großen Hause lebt.«

»Sagen könnte ich es wohl jeder – würde es aber auch auf jede passen?«

»Auf jede, die so lebt wie ich.«

»Ja; das ist's; auf jede, die lebt wie Sie. Aber finden Sie doch noch eine, die so lebt.«

»Es wäre eine Kleinigkeit, tausend solche zu finden.«

»Es würde Ihnen schwer fallen, auch nur eine einzige zu finden. – Wissen Sie also: Ihre Lage ist eine ganz besondere; Sie stehen dem Glücke sehr nahe, ja, Sie brauchen nur die Hand danach auszustrecken. Das ganze Material zum Glück ist vorbereitet; es bedarf nur noch eines einzigen Zuges, um alles zusammenzufügen. Nur der Zufall hat es an getrennten Orten aufgehäuft. Lassen Sie es sich nähern – und das Ende wird Glück sein.«

»Ich habe kein Verständnis für Rätsel. In meinem ganzen Leben war ich noch nicht imstande, eins zu lösen.«

»Zeigen Sie mir Ihre Hand, wenn Sie wollen, daß ich deutlicher reden soll.«

»Wahrscheinlich muß ich die Fläche mit Silber bedecken, nicht wahr, Mutter?«

»Natürlich.«

Ich gab ihr einen Schilling; sie steckte ihn in einen alten Strumpf, den sie aus ihrer Tasche zog, und nachdem sie ihn zusammengebunden und in die Falten ihres Rockes zurückgeschoben hatte, gebot sie mir, die Hand auszustrecken. Ich that, wie mir geheißen. Sie näherte ihr Gesicht der Handfläche und sah sie lange sinnend an ohne sie zu berühren.

»Sie ist zu schön und fein,« sagte sie endlich. »Aus einer solchen Hand kann ich nichts lesen; sie hat fast gar keine Linien. Und außerdem – was kann eine Hand sagen? In ihr steht das Schicksal nicht geschrieben.«

[308] »Das glaube ich Euch wohl,« sagte ich.

»Nein,« fuhr sie fort, »im Gesicht steht es zu lesen, auf der Stirn, um die Augen herum, in den Augen selbst, in den Linien des Mundes. Knieen Sie nieder und heben Sie den Kopf empor.«

»Ah! jetzt kommt Ihr der Wahrheit näher,« sagte ich, indem ich that, was sie verlangte. »Nun werde ich bald anfangen, Euren Worten ein wenig Glauben zu schenken.«

Wenige Fußbreit von ihr war ich hingekniet. Sie begann das Feuer aufzurühren, so daß die verglimmenden Kohlen wiederum einiges Licht verbreiteten. Da sie aber saß, warf der Schein nur noch einen tieferen Schatten über ihr Gesicht, während das meine hell beleuchtet wurde.

»Ich möchte doch wissen, mit welchen Gefühlen Sie heute Abend zu mir ins Zimmer gekommen sind,« sagte sie, nachdem sie meine Züge eine Weile hin durchgeprüft hatte. »Ich möchte wissen, welche Gefühle in Ihrem Herzen geschäftig sind, wenn Sie so stundenlang in jenem prächtigen, strahlenden Gesellschaftszimmer sitzen und die vornehmen, eleganten Leute vor Ihren Blicken auf- und abflattern wie die Figuren in einer lanterna magica. Zwischen Ihnen und jenen besteht doch gerade so wenig sympathische Gemeinschaft, als ob sie nur menschliche Schatten und nicht Gestalten aus Fleisch und Blut wären.«

»Oft bin ich alles dessen müde; oft auch schläfrig; selten aber traurig.«

»Dann nähren Sie also irgend eine geheime Hoffnung, die Sie erhebt und Sie mit ihren süßen Flüstertönen auf die Zukunft vertröstet?«

»Ich habe keine. Das höchste, was ich zu erhoffen wage, ist, daß ich einmal im stande sein werde, Geld zu ersparen, um mir ein kleines Haus mieten und darin eine Schule errichten zu können.«

»Eine kärgliche Nahrung, um das Leben der Seele zu fristen! Und wenn Sie in jener Fenstervertiefung[309] sitzen – – Sie sehen, ich kenne Ihr Leben bis in die kleinsten Details – –«

»Ihr habt das von den Dienstboten erfahren, Mutter?«

»Ah! Sie halten sich für sehr klug! Nun, vielleicht ist's auch so. Um die Wahrheit zu gestehen: ich kenne eine davon – eine Mrs. Poole –«

Ich sprang empor, als ich diesen Namen hörte.

»So – so,« rief ich, »es ist also doch eine Teufelei dabei im Spiel! dachte ich's doch!«

»Weshalb erschrecken Sie denn,« fuhr die seltsame Person fort, »Mrs. Poole ist eine zuverlässige Person, sehr ruhig und durchaus verschwiegen; jedermann kann ihr mit gutem Gewissen vertrauen. – Aber wie ich schon sagte: wenn Sie in jener Fenstervertiefung sitzen, denken Sie an nichts als an Ihre künftige Schule? Hegen Sie gar kein Interesse für irgend eine der Gestalten, die auf jenen Sofas und Stühlen sitzen? Ist nicht ein Antlitz darunter, in dem Sie zu lesen suchen? Nicht eine Gestalt, deren Bewegungen Sie wenigstens mit – mit – nun sagen wir mit Interesse verfolgen?«

»Es macht mir Vergnügen, alle Gesichter und alle Gestalten zu studieren.«

»Aber machen Sie denn keinen Unterschied mit einem – – oder vielleicht zweien?«

»O gewiß, sehr oft sogar. Wenn die Gebärden oder Blicke eines Paares zum Verräter werden, so macht es mir das größte Vergnügen, sie zu beobachten.«

»Und welche Geschichten lassen Sie sich denn am liebsten verraten?«

»Ach, die Auswahl ist nicht groß! Sie drehen sich gewöhnlich um dasselbe Thema – um das Hofmachen; und sie versprechen, mit derselben Katastrophe zu enden – mit der Heirat.«

»Und darf ich fragen, ob dies einförmige Thema Ihnen gefällt?«

[310] »Es ist mir in der That sehr gleichgiltig. Was geht mich dieses Thema an?«

»Was es Sie angeht? Wenn eine schöne, junge, vornehme, reiche Dame, strahlend von Leben und Gesundheit, bezaubernd, unterhaltend, witzig, – dasitzt und einem Herrn zulächelt, welchen Sie – – –«

»Nun, welchen ich was?«

»Den Sie kennen, und von dem Sie vielleicht – gut denken.«

»Ich kenne die Herren nicht, welche hier im Hause sind. Ich habe kaum eine Silbe mit einem derselben gesprochen; und was das Gutdenken anbetrifft, so halte ich einige von ihnen für respektabel und stattlich und mittelalterlich, und andere wieder für jung und elegant und schön und lebhaft. Aber es steht ihnen allen frei, sich anlächeln zu lassen, von wem sie wollen, ohne daß diese That meine Gefühle auch nur im allermindesten berührt.«

»Sie kennen die Herren hier im Hause nicht? Sie haben mit keinem derselben auch nur ein Wort gesprochen? Wollen Sie das von dem Herrn des Hauses auch behaupten?«

»Er ist nicht zu Hause.«

»Eine geistreiche Bemerkung! Eine höchst originelle Entgegnung! Welch ein Gewäsch! Er hat sich heute Morgen nach Millcote begeben und wird noch heute Abend oder spätestens morgen früh zurückkommen. Schließt dieser Umstand ihn etwa aus der Liste Ihrer Bekannten aus? Verschwindet er dadurch ganz und gar aus Ihrem Leben? Bitte, antworten Sie mir darauf!«

»Nein! Aber ich kann nicht recht einsehen, was Mr. Rochester mit dem von Euch berührten Thema zu thun hat.«

»Ich sprach von Damen, welche die Herren verführerisch anlächeln! Und in letzter Zeit hat sich so manches Lächeln in Mr. Rochesters Augen wiedergespiegelt, daß diese davon überfließen wie zwei Schalen, die bis an den Rand mit [311] edlem Rebensaft gefüllt sind. Haben Sie das niemals bemerkt?«

»Mr. Rochester hat ein Recht, sich an der Gesellschaft seiner Gäste zu erfreuen, sollte ich doch meinen.«

»Sein Recht stellt niemand in Frage! Aber ist es Ihnen denn niemals aufgefallen, daß die meisten und interessantesten und wildesten Heiratsgeschichten, die hier mit so großem Eifer kolportiert werden, stets Mr. Rochester zum Helden haben?«

»Die Neugierde und die gespannte Aufmerksamkeit des Zuhörers spornen die Zunge des Erzählers zu immer größeren Anstrengungen an.«

Diese Worte sprach ich mehr zu mir selbst als zu der Zigeunerin, deren seltsame Sprache, Stimme und Art mich nach und nach in einen Traumzustand versetzt hatte. Eine unerwartete Redensart nach der anderen kam von ihren Lippen, bis ich mich in ein förmliches Netz von Mystifikation verwickelt sah. Ich dachte nur noch verwundert darüber nach, welch unsichtbarer Geist seit Wochen an meinem Herzen gesessen haben könne, um sein Fühlen und Zittern und Zweifeln und Zagen auszukundschaften und es getreulich bis in das leiseste Empfinden hinein zu verzeichnen.

»Die Neugierde des Zuhörers!« wiederholte sie, »ja, Mr. Rochester hat stundenlang gesessen und sein Ohr den Worten jener bezaubernden Lippen geliehen, denen das Sprechen eine so unsagbare Wonne bereitete; und Mr. Rochester war so unendlich dankbar für die Zerstreuung und den Zeitvertreib, welcher ihm auf diese Weise gewährt wurde. Haben Sie es bemerkt?«

»Dankbar! Ich erinnere mich nicht, den Ausdruck der Dankbarkeit in seinem Gesichte entdeckt zu haben!«

»Entdeckt! Sie haben also doch versucht, es zu analysieren! Und was haben Sie sonst entdeckt, wenn es nicht Dankbarkeit war?«

Ich antwortete nicht.

[312] »Sie haben Liebe in seinen Zügen gesehen, nicht wahr? – und in die Zukunft blickend, sahen Sie ihn verheiratet – und seine Gattin war ein glückliches Weib?«

»Hm! Nicht gerade das! Eure Hexenkunst irrt sich doch auch manchmal, wie ich sehe!«

»Was zum Teufel sahen Sie denn?«

»Das kümmert Euch nicht. Ich kam hierher um zu fragen, nicht um zu beichten. Ist es allgemein bekannt, daß Mr. Rochester sich verheiraten wird?«

»Ja. Und zwar mit der schönen Miß Ingram.«

»Binnen kurzem?«

»Wie es scheint, ist man zu dieser Schlußfolgerung berechtigt; und ohne Zweifel werden sie ein außergewöhnlich glückliches Paar sein, obgleich Sie mit einer Kühnheit daran zu zweifeln sich erlauben, daß man beinahe versucht wäre, Sie dafür zu strafen. Er muß eine so schöne, vornehme, kluge und hochgebildete Dame doch lieben! Und höchst wahrscheinlich liebt sie ihn auch; oder wenn auch nicht seine Person, so doch seinen Geldbeutel. Ich weiß, daß sie das Familiengut der Rochesters für außerordentlich begehrenswert hält; obgleich ich ihr (Gott verzeihe mir die Sünde!) vor einer Stunde Dinge darüber gesagt habe, die sie seltsam ernst gestimmt haben; die Winkel ihres schönen Mundes fielen um einen halben Zoll. Ich würde ihrem dunkeläugigen Anbeter doch raten, tüchtig auf seiner Hut zu sein. Wenn ein anderer kommt, der ein größeres und gesicherteres Einkommen hat, so läßt sie ihn einfach laufen – –«

»Aber, Mutter, Ihr wißt doch, daß nicht hierher gekommen bin, um Euch über Mr. Rochesters Zukunft zu befragen! Ich wollte von der meinen hören – und Ihr habt mir noch nicht eine Silbe darüber gesagt.«

»Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft! Als ich Ihr Antlitz prüfte, widersprach ein Zug dem andern. Das Geschick hat auch für Sie ein gewisses Maß von Glück bestimmt[313] – so viel weiß ich. Ich wußte es bereits, ehe ich heute Abend hierher kam. Es ist sorgsam für Sie auf die Seite gelegt worden. Ich selbst sah das Schicksal es thun. Es hängt von Ihnen ab, ob Sie die Hand ausstrecken und es nehmen wollen. Aber gerade ob Sie wollen, ist das Problem, welches ich zu lösen suche. Knieen Sie noch einmal dort auf jenem Teppich!«

»Aber Mutter, laßt mich nicht lange knieen. Die Flammen versengen mich fast.«

Ich kniete nieder. Sie beugte sich nicht mehr zu mir herab, sondern blickte mich nur unverwandt an, indem sie sich in den Stuhl zurücklehnte. Dann begann sie zu murmeln:

»Die Flamme zittert in dem Auge; das Auge erglänzt wie Thautropfen; es ist weich und sanft und voll Gefühl; es lächelt über mein Geschwätz; es ist empfänglich; ein Eindruck jagt den andern durch jene klare Sphäre; wenn es zu lächeln aufhört, wird es traurig; eine unbewußte Müdigkeit lagert schwer auf den Lidern: das bedeutet Traurigkeit, welche aus der Einsamkeit entspringt. Es wendet sich von mir ab; es will die genaue Prüfung nicht länger über sich ergehen lassen; sein spöttischer Blick scheint die Wahrheit der Entdeckungen, welche ich gemacht habe, leugnen zu wollen – es will die Anklage auf Empfindlichkeit entkräften – und doch bestärken sein Stolz und seine Zurückhaltung mich nur in meiner Meinung. Das Auge verspricht Gutes.

Was den Mund betrifft, so hat er zuweilen Freude am Lachen; er hat die Gewohnheit, alles auszusprechen, was das Hirn lenkt, obgleich ich überzeugt bin, daß er über alles, was das Herz empfindet, schweigt. Schmiegsam und beweglich, ist er gewiß nicht dazu bestimmt in die ewige Schweigsamkeit des Alleinseins hineingezwängt zu werden; es ist ein Mund, der viel sprechen und oft lächeln sollte und eine warme Zuneigung für denjenigen [314] hegen müßte, mit dem er spricht, dem er zulächelt. Jener Zug Ihres Gesichts ist ebenfalls günstig.

Gegen einen glücklichen Ausgang sehe ich nur einen einzigen Feind, und das ist die Stirn. Sie scheint zu sagen: ›Ich vermag allein zu leben, wenn Selbstachtung und die Umstände von mir verlangen, daß es so sei. Ich brauche meine Seele nicht zu verkaufen, um Glück zu erkaufen. Ich besitze einen Schatz in meinem Innern, einen Schatz, der mit mir geboren wurde, der mich am Leben erhalten wird, wenn jedes fremde Glück mir fern bleiben sollte oder mir nur um einen Preis geboten wird, den ich nicht zu zahlen vermag.‹ Die Stirn erklärt weiter: ›Meine Vernunft sitzt fest und hält die Zügel und sie wird nicht gestatten, daß die Gefühle sie fortreißen und in einen Abgrund stürzen. Die Leidenschaften mögen wild toben, Heiden wie sie sind; und die Wünsche mögen allerlei eitle Dinge herbeisehnen – aber dennoch soll die Vernunft in jeder Streitfrage das letzte Wort behalten und die entscheidende Stimme bei jeder Beschlußfassung. Stürme – Erdbeben und Feuersbrunst mögen hereinbrechen, – ich werde dennoch mich stets der Führung jener leisen, schwachen Stimme anvertrauen, welche die Eingebungen des Gewissens zu deuten sucht.‹«

»Gut gesprochen, Stirn; deine Erklärung soll geachtet werden. Ich habe meine Pläne gemacht – ich glaube, daß es ehrliche und gerechte Pläne sind – und bei ihrer Ausarbeitung habe ich auf die Stimme des Gewissens, die Ratschläge der Vernunft gehorcht. Ich weiß, wie bald die Jugend schwindet und die Schönheit schwindet, wenn in dem Kelche, welchen das Glück uns bietet, auch nur ein Tröpfchen von Schande, ein Hauch von Gewissensqualen geträufelt ist; und ich will keine Opfer, keinen Kummer, keine Zerstörung – das ist nicht nach meinem Geschmack. Ich will wohlthun, ich will erhalten – aber nicht vernichten – ich will Dankbarkeit ernten – nicht blutige Thränen [315] auspressen, nicht einmal salzige. Ich will Lächeln, Liebkosungen, süße Worte ernten. – Nun ist's genug! Ich glaube, ich tobe in einem köstlichen Delirium. Ich möchte diesen Augenblick bis in die Ewigkeit verlängern, aber ich wage es nicht. Bis zu diesem Moment ist es mir gelungen, mich zu beherrschen. Ich habe gehandelt, wie ich mir innerlich geschworen hatte, handeln zu wollen – was aber jetzt kommt, geht über meine Kräfte. Stehen Sie auf Miß Eyre, stehen Sie auf! Verlassen Sie mich! Das Spiel ist zu Ende gespielt!«

Wo war ich? Wachte ich oder träumte ich? Hatte ich das alles nur im Schlafe gehört? Träumte ich noch immer? Die Stimme der alten Frau war plötzlich verändert. Ich kannte ihre Sprache und ihre Bewegungen ebenso gut, wie ich mein eigenes Gesicht im Spiegel wieder erkannte – wie die Sprache meiner eigenen Lippen. Ich erhob mich, aber ich ging nicht. Ich sah sie an, dann rührte ich in den Kohlen, und nun blickte ich sie wieder an. Aber sie zog den Hut und die Binde noch tiefer ins Gesicht und gab mir wiederum das Zeichen, mich zu entfernen. Die Flammen des Kamins warfen ihren Schein auf die ausgestreckte Hand; auf meiner Hut wie ich war, und fortwährend darauf bedacht, Entdeckungen zu machen, bemerkte ich augenblicklich diese Hand. Es war ebensowenig das welke Glied einer alten Frau wie meine eigene Hand es war: sondern eine runde, weiche, schön und kräftig geformte Hand; ein kostbarer Ring blitzte an dem kleinen Finger, und indem ich mich verbeugte und den Edelstein betrachtete, erblickte ich ein Juwel, das ich schon hundertmal bemerkt hatte. Wiederum sah ich zu dem Gesicht empor, das nicht mehr von mir abgewandt war – im Gegenteil, der Hut war fortgeschleudert, die Binde zurückgeschoben – der Kopf neigte sich mir zu.

»Nun, Jane, kennen Sie mich?« fragte die teure, mir so wohlbekannte Stimme.

[316] »Nehmen Sie nur den roten Mantel ab, Sir, dann werde ich wohl – –«

»Das Band hat sich zu einem festen Knoten verschürzt – helfen Sie mir.«

»Zerreißen Sie es nur, Sir.«

»Wohlan denn – fort mit dem Mummenschanz!« Und Mr. Rochester warf seine Verkleidung von sich.

»Aber Sir, welche seltsame Idee von Ihnen!«

»Indessen gut durchgeführt, nicht wahr? Stimmen Sie mir nicht bei?«

»Mit den Damen ist Ihnen das Spiel gut gelungen.«

»Mit Ihnen nicht?«

»Mir gegenüber hielten Sie den Charakter der Zigeunerin nicht inne.«

»Welchen Charakter denn sonst? Meinen eigenen?«

»Nein; irgend einen, der mir unverständlich. Kurz und gut, ich glaube, daß Sie versucht haben, mich anzulocken oder vielmehr etwas aus mir heraus zu locken. Sie redeten Unsinn, um mich ebenfalls gedankenloses Zeug sprechen zu lassen. Das war nicht schön von Ihnen, Sir.«

»Können Sie mir vergeben, Jane?«

»Das weiß ich nicht, bevor ich nicht über die ganze Sache nachgedacht habe. Wenn ich nach reiflicher Überlegung eingesehen, daß ich keine zu große Albernheit begangen habe, so werde ich versuchen, Ihnen zu vergeben; aber es war dennoch nicht recht von Ihnen, Sir.«

»O, Sie haben ganz korrekt gehandelt – Sie waren sehr vorsichtig, sehr vernünftig.«

Ich sann nach, ich überlegte und fand, daß dies wirklich der Fall gewesen. Das war wenigstens ein Trost; und ich war in der That seit Beginn der Unterredung auf meiner Hut gewesen. Ich hatte gleich anfangs eine Verkleidung vermutet. Ich wußte, daß Wahrsagerinnen und Zigeunerinnen sich nicht auszudrücken pflegen, wie diese anscheinend alte Frau es gethan; außerdem war mir ihre [317] verstellte Stimme aufgefallen, ich hatte bemerkt, welche Mühe sie sich gab, ihre Züge zu verbergen. Aber ich hatte an Grace Poole gedacht – an jenes lebende Rätsel, jenes Geheimnis aller Geheimnisse, wie sie mir stets erschien. Mr. Rochester war mir allerdings nicht in den Sinn gekommen.

»Nun,« sagte er, »an was denken Sie? Was bedeutet jenes melancholische Lächeln?«

»Verwunderung und Selbstbeglückwünschung, Sir! Aber jetzt werden Sie mir hoffentlich erlauben, daß ich mich endlich zurückziehe?«

»Nein, verweilen Sie noch einen Augenblick, um mir zu erzählen, was meine Gäste im Salontreiben.«

»Vermutlich unterhalten sie sich noch über die Zigeunerin.«

»Setzen Sie sich! – Lassen Sie mich hören, was jene über mich sprachen.«

»Es ist ratsam, daß ich nicht lange verweile, Sir, es muß bald elf Uhr sein. O, wissen Sie denn, Mr. Rochester, daß während Ihrer Abwesenheit ein Fremder hier eingetroffen ist?«

»Ein Fremder! – nein; wer mag es sein? Ich erwartete niemanden. Ist er wieder fort?«

»Nein. Er sagte, daß er Sie seit langen Jahren kenne und sich daher die Freiheit nehmen dürfe, sich bis zu Ihrer Rückkehr häuslich niederzulassen.«

»Zum Teufel mit ihm! – Hat er seinen Namen genannt?«

»Sein Name ist Mason, Sir, und er kommt aus Westindien; aus Spanish Town auf Jamaika, wenn ich nicht irre.«

Mr. Rochester stand neben mir; er hatte meine Hand gefaßt, wie um mich zu einem Sessel zu führen. Als ich die letzten Worte sprach, packte er mein Gelenk mit einem [318] konvulsivischen Griffe; das Lächeln auf seinen Lippen erstarrte; er war, als hätte ein Krampf ihn erfaßt.

»Mason! – – Westindien!« sagte er, und die Worte entrangen sich einzeln seinen Lippen, ungefähr so, wie ein redender Automat sie gesprochen haben würde. »Mason! – Westindien!« wiederholte er noch einmal; dreimal wiederholte er mechanisch die Worte und wurde dabei bleich wie ein Toter. Er schien kaum noch zu wissen, was er that, was um ihn her vorging.

»Fühlen Sie sich krank, Sir?« fragte ich.

»Jane, ich habe einen Schlag erlitten; – einen furchtbaren Schlag, Jane!« stammelte er.

»O, Sir! stützen Sie sich auf mich.«

»Jane, Sie haben mir schon einmal Ihren Arm als Stütze geboten; – geben Sie ihn mir jetzt.«

»Ja, Sir, ja!«

Er setzte sich und ich mußte mich ihm zur Seite setzen. Er streichelte meine Hand, die er in der seinen hielt. Dann heftete er einen traurigen, müden Blick auf mich, der aber dennoch liebevoll war.

»Meine kleine Freundin!« sagte er; »ich wollte, ich wäre allein mit Ihnen auf einer stillen, einsamen Insel, wo die trüben Erinnerungen, wo Angst und Kummer und Ärger mir fern bleiben müßten.«

»Kann ich Ihnen helfen, Sir? Ich würde willig mein Leben hingeben, wenn ich Ihnen damit nützen könnte.«

»Jane, wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei Ihnen suchen; das kann ich Ihnen selbst in diesem Augenblick schon versprechen.«

»Ich danke Ihnen, Sir; sagen Sie mir, was ich thun soll, – ich werde wenigstens versuchen, es zu thun.«

»Gut, Jane; holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisesaal; sie werden jetzt alle beim Souper sein; und sagen Sie mir dann, ob auch Mason unter ihnen ist und was er in diesem Augenblick thut.«

[319] Ich ging. Wie Mr. Rochester vorhergesagt, fand ich die ganze Gesellschaft im Speisezimmer beim Abendessen; sie saßen nicht an der Tafel – das Souper war auf der Kredenz aufgestellt; jeder hatte genommen, was ihm gefiel, und mit den Tellern und Gläsern in der Hand standen die Gäste in Gruppen umher. Alle schienen in bester Laune zu sein. Laut klangen das Gelächter und die allgemeine Unterhaltung mir entgegen. Mr. Mason stand am Kamin und sprach mit Oberst Dent und seiner Gemahlin; er schien der fröhlichste unter allen. Ich ging und füllte ein Weinglas mit dem feurigsten Wein an, (Miß Ingram beobachtete mich stirnrunzelnd, während ich es that; wahrscheinlich war sie der Ansicht, daß ich mir eine große Freiheit erlaubte) und kehrte dann in das Bibliothekszimmer zurück.

Mr. Rochesters außergewöhnliche, unheimliche Blässe war geschwunden, und er schien die alte Ruhe und Festigkeit wieder erlangt zu haben. Er nahm mir das Glas aus der Hand.

»Dies auf dein Wohl, hilfreicher Geist!« sagte er, trank den Inhalt auf einen Zug aus und gab mir das Glas zurück. »Was thun sie da drüben, Jane?«

»Sie lachen und sprechen, Sir.«

»Sehen sie nicht ernst und geheimnisvoll aus, als hätten sie soeben eine seltsame Geschichte vernommen?«

»Durchaus nicht: – sie scherzen und lachen und unterhalten sich auf das lebhafteste.«

»Und Mason?«

»Er lachte auch.«

»Jane, was würden Sie thun, wenn all jene Leute hier einträten und mich anspieen?«

»Sie alle zum Zimmer hinaustreiben, wenn ich dürfte, Sir.«

Er lächelte. Ein trübes, müdes Lächeln.

»Wenn ich nun aber hinüber ginge, und sie kalte Blicke [320] auf mich hefteten und einander spöttische Dinge zuflüsterten, und dann einer nach dem andern dies Haus verließen – was dann? Würden auch Sie mit ihnen gehen?«

»Ich glaube nicht, Sir; ich würde glücklich sein, wenn ich allein bei Ihnen bleiben dürfte.«

»Um mich zu trösten?«

»Ja, Sir, um Sie zu trösten, so gut ich es eben vermöchte.«

»Und wenn man Sie in die Acht erklärte, weil Sie treu zu mir hielten?«

»Wahrscheinlich würde ich von dieser Achterklärung nichts erfahren; und selbst, wenn dies der Fall wäre, würde ich mich wenig darum kümmern.«

»Sie würden es also um meinetwillen wagen, der öffentlichen Meinung zu trotzen?«

»Ich würde es um jedes Freundes willen thun, den ich meiner Anhänglichkeit wert hielte. Das würden auch Sie thun, Sir, dessen bin ich sicher.«

»Gehen Sie in das Gesellschaftszimmer zurück; gehen Sie still und unbemerkt zu Mason und flüstern Sie ihm ins Ohr, daß Mr. Rochester zurückgekehrt sei und mit ihm zu sprechen wünsche. Führen Sie ihn zu mir herein und verlassen Sie uns alsdann wieder.«

»Ja, Sir.«

Ich that wie er mir befohlen. Die ganze Gesellschaft starrte mich an, als ich mitten durch sie hindurch schritt. Ich suchte Mr. Mason, richtete ihm jene Botschaft aus und ging dann ihm voran zum Zimmer hinaus. Vor der Thür der Bibliothek angekommen, öffnete ich dieselbe und ging auf mein Zimmer.

Sehr spät in der Nacht, als ich schon längst mein Lager aufgesucht hatte, hörte ich, wie die Gäste sich auf ihre Zimmer begaben. Ich unterschied Mr. Rochesters Stimme und hörte ihn sagen: »Hierher, Mason, dies ist Ihr Zimmer.«

[321] Er sprach fröhlich. Die klaren Laute beruhigten mein Herz. Bald schlief ich ein.

Zwanzigstes Kapitel

Ich hatte vergessen, die Vorhänge herabzulassen; das war ganz gegen meine sonstige Gewohnheit; und ebenso wenig hatte ich die Fensterladen geschlossen. Die Folge davon war, daß der strahlende Vollmond – es war eine herrliche, klare Nacht – mich mit seinem weißen Glanz weckte, als er auf seiner stillen Fahrt durch den Himmelsraum an jene Stelle gelangte, die meinem Fenster gegenüberlag. Als ich mitten in der Nacht erwachte, fielen meine Blicke auf die silberweiße, kristallklare Scheibe. Es war schön, aber zu feierlich. Ich erhob mich im Bette, um die Vorhänge, die es schützten, zusammenzuziehen.

Allbarmherziger Gott! Welch ein Schrei! – Die Nacht – die Stille – die Ruhe wurden zerrissen durch einen wilden, scharfen, gellenden Schrei, welcher das Herrenhaus von Thornfield-Hall von einem Ende bis zum andern durchdrang.

Meine Pulse hörten auf zu schlagen – mein Herz stand still; mein ausgestreckter Arm war gelähmt. Der Schrei starb hin; ihm folgte kein zweiter. Und in der That, welches Wesen diesen furchtbaren Schrei ausgestoßen haben mochte – es konnte ihn nicht so bald wiederholen; selbst der stolzeste, mächtigste Kondor der Anden hätte nicht vermocht, zweimal einen solch gellenden Schrei aus jener Wolke herabzusenden, die seinen Horst einhüllt. Das Geschöpf, welches solchen Laut ausgestoßen, mußte ruhen, bevor es dieselbe Anstrengung noch einmal machen konnte.

Er kam aus dem dritten Stockwerk, denn er zog über meinen Kopf fort. Und über mir – ja, gerade in dem Zimmer über dem meinen – hörte ich ein Ringen; nach dem Lärm zu urteilen, schien es ein tödlicher Kampf zu sein; und eine halberstickte Stimme schrie:

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!« dreimal hinter einander.

[322] »Kommt mir denn niemand zu Hilfe?« rief es wieder.

Und als dann das Ringen und Stampfen und Schreien oben fortgesetzt wurde, hörte ich deutlich durch das Gebälk der Zimmerdecke:

»Rochester! Rochester! Um Gottes willen! Komm mir zu Hilfe! Komm!«

Eine Thür wurde geöffnet: jemand stürzte lautlos aber schnell wie von Furien gepeitscht durch die Galerie. Ein anderer Fuß stampfte über meinem Kopfe. Dann ein fürchterlicher, schwerer Fall. Und jetzt war alles still.

Ich hatte schnell einige Kleidungsstücke übergeworfen, obgleich ich vor Entsetzen an allen Gliedern bebte. Jetzt trat ich aus meinem Zimmer heraus. Alle Schläfer waren aufgewacht: Ausrufe, erschrecktes Gemurmel tönten aus allen Zimmern; eine Thür nach der andern wurde aufgerissen; ein Gesicht kam zum Vorschein, dann ein zweiter, bald ein dritter Kopf. Die Galerie war bald voller Gestalten, die sich ängstlich aneinander drängten. Sowohl Herren wie Damen hatten ihre Betten verlassen, und von allen Seiten hörte man ein wirres Stimmengemisch:

»O, was bedeutet das?« – »Was ist geschehen?« – »Wer ist verletzt?« – »Holt ein Licht!« – »Ist Feuer ausgebrochen?«

»Haben sich Diebe und Mörder eingeschlichen?« – »Wohin soll man eilen?« – »Wem Hilfe leisten?« – »Wohin uns retten?« – Hätte nicht der Mond seine Strahlen in die Galerie geworfen, so hätten wir alle uns in der tiefsten Dunkelheit befunden. Alles lief hin und her. Sie drängten sich aneinander. Einige schluchzten, andere stolperten und fielen. Die Verwirrung war unbeschreiblich und schien unauflösbar.

»Wo zum Teufel ist Rochester?« rief Oberst Dent. »In seinem Bette ist er nicht mehr.«

»Hier, hier!« rief eine andere Stimme in Erwiderung. »Beruhigen Sie sich alle! Ich komme sofort.«

[323] Und dann wurde die Thür am Ende der Galerie aufgerissen. Mr. Rochester erschien in derselben, in der Hand trug er eine brennende Kerze. Er kam gradeswegs aus dem oberen Stockwerk herab. Eine der Damen lief direkt auf ihn zu; sie packte ihn am Arm. Es war Miß Ingram.

»Welch entsetzliches Ereignis hat sich zugetragen?« sagte sie. »Sprechen Sie! Lassen Sie uns lieber gleich das Fürchterlichste erfahren.«

»Aber reißen Sie mich nicht zu Boden, und erwürgen Sie mich nicht,« erwiderte er, denn jetzt hatten auch die beiden Miß Eshtons sich an ihn gehängt; und die beiden verwitweten Damen segelten majestätisch wie Dreimaster bei vollem Winde auf ihn zu.

»Alles in Ordnung! – alles in Ordnung!« rief er. »Es ist nur eine Generalprobe von ›Viel Lärm um nichts.‹ Meine Damen, entfernen Sie sich – oder ich werde gefährlich.«

Und gefährlich sah er aus; seine schwarzen Augen sprühten Funken. Dann machte er eine Gewaltanstrengung, um sich zu beruhigen und fügte hinzu:

»Eine Dienerin war vom Alpdrücken befallen; das ist alles. Sie ist eine leicht erregbare, nervöse Person. Ohne Zweifel hielt sie ihren Traum für eine Erscheinung oder irgend etwas Ähnliches und bekam vor Schrecken Krämpfe. Nun, meine Herrschaften, muß ich Sorge tragen, daß Sie alle sicher in Ihre Zimmer zurückgelangen; denn bevor die Bewohner des Hauses sich nicht beruhigt haben, kann für die Person nichts geschehen. Meine Herren, haben Sie die Güte, den Damen mit gutem Beispiel voran zu gehen. Miß Ingram, ich bin fest überzeugt, daß Sie nicht unterlassen werden, sich als erhaben über solch eitlen Schrecken zu zeigen. Amy und Louisa, Ihr süßen Täubchen, kehrt in euer Nest zurück. Meine Damen – zu den beiden Witwen gewendet – Sie würden sich ohne Zweifel [324] erkälten, wenn Sie auch nur noch eine Minute länger in dieser feuchtkalten Galerie verweilen.«

Und während er in dieser Weise abwechselnd befahl und schmeichelnd überredete, gelang es ihm, sie alle wieder in ihre verschiedenen Schlafgemächer hineinzubringen. Ich wartete nicht darauf, daß er mir befahl, das meinige wieder aufzusuchen, sondern zog mich unbemerkt zurück, wie ich es auch unbemerkt verlassen hatte.

Aber nicht um mich wieder schlafen zu legen, im Gegenteil, ich begann mich sorgfältig anzukleiden. Das Geräusch, welches ich unmittelbar nach jenem gräßlichen Angstschrei vernommen und die Worte, welche an mein Ohr gedrungen, hatte wahrscheinlich außer mir niemand gehört, denn sie kamen aus dem Zimmer, welches sich über dem meinen befand; aber sie überzeugten mich auch, daß es nicht der Traum einer Dienerin gewesen, welcher einen solchen Schrecken über das ganze Haus verbreitet. Ich wußte ebenfalls, daß die Erklärung, welche Mr. Rochester gegeben, nur eine Erfindung war, deren er sich bedient, um die erregten Gemüter seiner Gäste zu beruhigen. Ich kleidete mich also an, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Als ich damit fertig war, setzte ich mich ans Fenster, blickte lange, lange auf den stillen Park und die vom silbernen Mondlicht beschienenen Felder hinaus und wartete auf – ich weiß nicht was. Mir war, als müsse noch eine Begebenheit auf jenen seltsamen Schrei, den Kampf und den Angstruf folgen.

Nein. Überall herrschte Ruhe und Frieden. Nach und nach verstummte jedes Geräusch, alles Murmeln, und nach Verlauf einer Stunde lag Thornfield-Hall wieder so öde und lautlos da wie die Wüste. Es schien als herrschten die Nacht und Schlaf wieder ungestört in ihrem Reich. Jetzt war der Mond seinem Untergange nahe – dann ging er unter. Ich wollte nicht länger in der Kälte und der Dunkelheit dasitzen und beschloß mich in meinen Kleidern [325] auf mein Bett zu legen. Ich verließ den Sitz am Fenster und ging so geräuschlos und vorsichtig wie möglich über den Teppich; als ich mich niederbeugte, um meine Schuhe abzustreifen, klopfte es mit leiser Hand an die Thür.

»Will jemand mit mir sprechen?« fragte ich.

»Sind Sie wach?« fragte die Stimme, welche ich zu hören erwartet hatte, nämlich diejenige meines Herrn.

»Ja, Sir.«

»Und angekleidet?«

»Ja.«

»Dann kommen Sie heraus, aber leise.«

Ich gehorchte. Mr. Rochester stand in der Galerie; in der Hand hielt er eine brennende Kerze.

»Ich bedarf Ihrer,« sagte er, »kommen Sie mit mir, aber lassen Sie sich Zeit und machen Sie keinen Lärm.«

Meine Schuhe waren dünn und leicht. Ich schlich über die mit Teppichen belegten Dielen so leise wie eine Katze. Er ging durch die Galerie, die Treppe hinauf und hielt in dem niedrigen, düsteren Korridor des verhängnisvollen dritten Stockwerks inne. Ich war ihm gefolgt und stand an seiner Seite.

»Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer?« fragte er im Flüsterton.

»Ja, Sir.«

»Haben Sie auch irgend ein Salz – Riechsalz?«

»Gewiß.«

»Gehen Sie zurück und holen Sie beides.«

Ich ging zurück, suchte den Schwamm auf dem Waschtisch, das Riechsalz in meiner Kommode und schlich noch einmal auf demselben Wege zurück. Er wartete noch auf mich; in der Hand hielt er einen Schlüssel; indem er sich einer der kleinen, schwarzen Thüren näherte, steckte er ihn in das Schloß derselben; dann hielt er inne und sprach wiederum zu mir gewendet.

»Wird Ihnen unwohl beim Anblick von Blut?«

[326] »Ich glaube kaum. Ich war noch niemals in der Lage.«

Ein Schaudern überlief mich, als ich ihm diese Antwort gab; aber es war weder Kälte noch Schwindel.

»Dann geben Sie mir Ihre Hand,« sagte er, »es ist doch besser, es nicht auf einen Ohnmachtsanfall ankommen zu lassen.«

Ich legte meine Hand in die seine. »Sie ist warm und zittert nicht,« bemerkte er. Dann drehte er den Schlüssel im Schloß um und öffnete die Thür.

Vor mir sah ich ein Zimmer, das ich schon einmal gesehen zu haben mich erinnerte, – an jenem Tage, als Mrs. Fairfax mir das ganze Haus zeigte. Es war mit schweren Gobelins behängt. In diesem Augenblick waren die Gobelins indessen an einer Stelle in die Höhe genommen und dadurch war eine Thür sichtbar geworden, welche früher verborgen gewesen. Diese Thür war geöffnet, ein Lichtstrahl drang aus dem innern Zimmer. Von dort kam ein schnappender, knurrender Ton, der fast wie das Knurren eines Hundes klang. Indem Mr. Rochester die Kerze auf den Tisch setzte, sagte er zu mir »Warten Sie einen Augenblick«, und ging dann in das innere Gemach. Ein grelles Lachen begrüßte ihn bei seinem Eintritt; zuerst war es lärmend und tobend, aber es endete in Grace Pooles eigenartigem gnomenhaften Ha! Ha! Ha! Sie war also da. Er traf irgend ein Arrangement ohne zu sprechen, obgleich ich eine leise Stimme vernahm, die ihn anredete. Dann kam er heraus und schloß die Thür hinter sich.

»Hier Jane!« sagte er, und ich trat an die andere Seite eines großen Bettes, welches mit seinen faltenreichen Vorhängen einen großen Teil des Zimmers einnahm. Am Kopfende des Bettes stand ein Lehnstuhl; in diesem saß ein Mann, welcher bis auf den Rock vollständig angekleidet war; er lag fast bewegungslos da, sein Kopf war zurückgesunken, die Augen waren geschlossen. Mr. Rochester hielt das brennende Licht über ihn. In dem bleichen und anscheinend [327] leblosen Gesichte erkannte ich den Fremden, Mr. Mason wieder. Ich sah auch, daß sein Hemd an der einen Seite buchstäblich von Blut durchtränkt war.

»Halten Sie das Licht,« sagte Mr. Rochester, und ich nahm es. Er holte eine Schüssel mit Wasser vom Waschtisch. »Halten Sie sie,« sagte er. Ich gehorchte. Er nahm den Schwamm, tauchte ihn in das Wasser und befeuchtete das leichenblasse Gesicht mit demselben. Dann verlangte er mein Riechfläschchen und hielt es ihm unter die Nase. Bald darauf öffnete Mr. Mason die Augen; er stöhnte vor Schmerz. Mr. Rochester öffnete das Hemd des Verwundeten, dessen Arm und Schulter verbunden war. Er wusch das aus der Wunde sickernde Blut ab.

»Ist augenblickliche Gefahr vorhanden?« fragte Mr. Mason mit matter Stimme.

»Bah! keineswegs – kaum geritzt. Laß dich doch nicht so überwältigen, Mensch! Halte dich brav. Ich werde selbst einen Wundarzt holen. Ich hoffe, daß wir dich morgen schon transportieren können. Jane –« fuhr er fort.

»Sir?«

»Ich bin gezwungen, Sie für ungefähr eine Stunde mit diesem Herrn allein zu lassen; – vielleicht werden auch zwei Stunden daraus. Sie werden das herabträufelnde Blut abwaschen, wie ich es thue. Wenn er ohnmächtig wird, führen Sie das Glas, welches auf jenem Tische steht, an seine Lippen und das Riechsalz an die Nase. Sie dürfen unter keinen Umständen zu ihm reden – und – Richard – es geht auf Gefahr deines Lebens, wenn du mit ihr sprichst. Öffnest du auch nur die Lippen – regst du dich auf – so kann niemand für die Folgen stehen.«

Wiederum stöhnte der arme Mensch; er sah aus, als wage er nicht, sich zu bewegen; Furcht vor dem Tode oder vor etwas anderem Entsetzlichen schien ihn fast zu lähmen. Mr. Rochester reichte mir den von Blut durchtränkten [328] Schwamm, und ich fuhr fort, ihn zu gebrauchen, wie er es gethan. Er beobachtete mich eine Minute und sagte dann: »Vergessen Sie nicht! – Jede Unterhaltung ist verboten.« Gleich darauf verließ er das Zimmer. Ein seltsames Gefühl überkam mich, als ich hörte, wie er den Schlüssel im Schloß drehte und seine Schritte dann in dem langen Korridor verhallten.

Nun befand ich mich also in der dritten Etage, eingeschlossen in eine jener mystischen Zellen; schwarze Nacht um mich; vor meinen Augen, unter meinen Händen ein bleiches, blutiges Bild; von einer Mörderin nur durch eine einzige, schwache Thür getrennt: ja – dies letzte war fürchterlich – das Übrige vermochte ich noch zu ertragen; aber ein kalter Todesschauer überlief mich bei dem Gedanken, daß Grace Poole sich auch jeden Augenblick auf mich stürzen könne.

Ich mußte indessen auf meinem Posten ausharren. Ich mußte dies geisterbleiche Antlitz betrachten – diese blauen, stillen Lippen, die sich nicht mehr öffnen durften – diese Augen, die sich bald öffneten, bald schlossen; nun im Zimmer suchend umherwanderten, dann forschend auf mir ruhten und immer den entsetzlichsten Schrecken wiederspiegelten. Immer wieder mußte ich meine Hand in die Schüssel voll Blut und Wasser tauchen, um das geronnene Blut abzuwischen. Ich mußte das Licht über meine traurige Beschäftigung tief herabbrennen sehen; die Schatten auf den alten Gobelins wurden dunkler; die Vorhänge des massiven, großen Bettes wallten düster herab; seltsame Lichter und Schatten spielten auf einem antiken Schranke, dessen Thüren in prächtiger Schnitzerei die Köpfe der zwölf Apostel trugen, während sich auf der oberen Kante des alten Möbelstückes ein Kruzifix mit einem sterbenden Christus von Ebenholz erhob.

Je nach der wechselnden Dunkelheit oder dem flackernden Schein, welcher auf diesen antiken Schrank fiel, waren [329] es bald der bärtige Arzt, Sankt Lukas mit gerunzelter Stirn; bald der heilige Johannes mit wallendem Haar, nun wieder das teuflische Gesicht des Judas Ischarioth, welche aus dem Rahmen hervortraten und Leben anzunehmen schienen.

Und während dieser ganzen Zeit hatte ich ebensowohl zu horchen, wie zu hüten; zu horchen auf die Bewegungen des wilden Tieres oder des Teufels in der angrenzenden Zelle. Seit dem Besuch Mr. Rochesters in jenem Gemache schien der Lärm indessen wie gebannt. Während der ganzen Nacht hörte ich in langen Zwischenräumen nur dreimal ein Geräusch, – einen knarrenden Schritt, eine kurze Wiederholung jener eigentümlich knurrenden Laute, die an das Murren eines Hundes gemahnten, und ein tiefes, herzzerreißendes Stöhnen aus Menschenbrust.

Nun begannen meine eigenen Gedanken mich zu quälen. Was für ein Verbrechen war es, das Mensch geworden, in diesem Hause abgesondert lebte, und welches der Besitzer weder zu bezwingen noch zu verbannen imstande war? – Welch ein Geheimnis war es, das sich in der Totenstille der Nacht einmal in Feuer, ein ander Mal in Blut offenbarte? – Was für ein Geschöpf war es, das die Gestalt und das Gesicht eines gewöhnlichen Weibes trug und bald die Töne eines spöttischen Dämons, bald die eines beutegierigen Raubvogels ausstieß?

Und dieser Mann, über den ich mich beugte – dieser einfache, gewöhnliche, stille Fremde – wie war er in dieses Schreckensgewebe verwickelt worden? – Weshalb hatte jene Furie sich auf ihn gestürzt? – Was hatte ihn veranlaßt, diesen Teil des Hauses zu einer so ungewöhnlichen Zeit aufzusuchen, wenn er ruhig in tiefem Schlaf im Bette hätte liegen sollen? Ich hatte doch gehört, daß Mr. Rochester ihm im unteren Stockwerk ein Gemach angewiesen hatte – was hatte ihn denn hierher gebracht? Und weshalb war er jetzt so zahm unter der Gewalt oder dem [330] Verrat, welchen man ihm angethan hatte? Weshalb unterwarf er sich so geduldig der Geheimhaltung, welche Mr. Rochester gebieterisch verlangt hatte? Seinen Gast hatte man in der empörendsten Weise beleidigt; bei einer früheren Gelegenheit hatte man ihm selbst so abscheulich nach dem Leben getrachtet – und diese beiden Anschläge hüllte er in Geheimnis und suchte sie in Vergessen zu begraben! Und schließlich sah ich auch, daß Mr. Mason sich vollständig dem Willen Mr. Rochesters unterwarf; daß die eiserne Willenskraft des letzteren vollständige Gewalt über die Trägheit und Willenlosigkeit des ersteren besaß. Die wenigen Worte, welche beide miteinander gewechselt hatten, mußten mich davon überzeugen. Es war augenscheinlich, daß die passive Sinnesart des einen während ihres früheren Verkehrs gewöhnlich durch die seltene Thatkraft des anderen beeinflußt worden. Aber welchem Grunde entsprang dann Mr. Rochesters Schrecken, als er von Mr. Masons Ankunft unterichtet ward? – Weshalb hatte der bloße Name dieses willenlosen, schwachen Individuums – das er mit einem einzigen Worte beherrschen konnte wie ein Kind – ihn niedergeschmettert, wie der Blitz zuweilen die starke Eiche zerstört?

Ach! ich war nicht imstande, seinen Blick und sein bleiches Gesicht zu vergessen, als er flüsterte: »Jane, ich habe einen Schlag erlitten – einen furchtbaren Schlag, Jane.« – Ich konnte nicht vergessen, wie der Arm gezittert, der sich auf meine Schulter gestützt hatte. Und es konnte keine unbedeutende Kleinigkeit sein, welche imstande war, den entschlossenen Geist und die mächtige Gestalt Fairfax Rochesters derartig zu erschüttern.

»Wann wird er kommen? Wann wird er wiederkommen?« rief ich in meinem Sinne, als die Stunden der Nacht hinschwanden – als der blutende Kranke schwächer und schwächer und kränker wurde und herzzerreißend stöhnte – und weder die heißersehnte Hilfe noch der erlösende [331] Morgen kam. Immer wieder hatte ich das Wasser an Mr. Masons bleiche Lippen geführt; fortwährend hatte ich ihm das stärkende Riechsalz geboten – aber all mein Bemühen schien erfolglos. Entweder das körperliche oder das geistige Leiden oder der Blutverlust oder alle drei zusammen machten seine Kräfte schnell dahinschwinden. Er stöhnte so sehr und sah so schwach, so wild, so verloren aus, daß ich fürchtete, er würde sterben. Und es war mir nicht einmal gestattet, zu ihm zu sprechen.

Endlich war das Licht zu Ende gebrannt – jetzt erlosch es. Bei seinem letzten Aufflackern bemerkte ich, daß graue Streifen auf den Fenstervorhängen spielten. Tagesanbruch war also nicht mehr fern. Und jetzt vernahm ich auch Pilots fernes Bellen, das aus einer Hundehütte im Hofe zu mir heraufdrang, – neue Hoffnung kam über mich.

Es war keine vergebliche gewesen, denn nach fünf Minuten wurde der Schlüssel im Schlosse gedreht, die Thür wurde geöffnet – meine Nachtwache hatte ein Ende. Sie konnte kaum mehr als zwei Stunden gedauert haben – aber manche Woche hatte mich kürzer gedünkt, als diese Nachtstunden.

Mr. Rochester trat ein, und mit ihm der Wundarzt, welchen er herbeigeholt hatte.

»Jetzt beeilen Sie sich, Carter,« sagte er zu letzterem gewendet, »ich gebe Ihnen nur eine halbe Stunde, um die Wunde zu untersuchen, den Verband anzulegen, den Patienten nach unten zu transportieren und ihn zu expedieren.«

»Kann er denn transportiert werden, Sir?«

»Ohne Zweifel! Es ist durchaus keine ernstliche Verwundung, er ist nur sehr nervös, man muß ihn aufzurütteln suchen. Schnell, schnell, walten Sie Ihres Amtes.«

Mr. Rochester zog die dicken Fenstervorhänge zur Seite, zog die holländische Jalusie auf und ließ soviel Tageslicht wie möglich ins Zimmer fallen. Wie froh und überrascht [332] war ich zu sehen, daß der Tag endlich gekommen war! Rosige Streifen begannen den östlichen Horizont zu färben. Dann näherte Mr. Rochester sich seinem Gaste, welchen der Wundarzt bereits untersuchte.

»Nun, mein guter Junge, sag', wie fühlst du dich jetzt?« fragte er heiter.

»Ich fürchte, sie hat mit mir ein Ende gemacht,« lautete die mit schwacher Stimme gegebene Antwort.

»Ach, Unsinn! – Nur Mut! Mut! Heute über vierzehn Tage wirst du die ganze Sache bereits vergessen haben. Du hast ein wenig Blut verloren. Das ist die ganze Geschichte. Carter, versichern Sie ihm doch, daß nicht die mindeste Gefahr vorhanden ist.«

»Das kann ich mit bestem Gewissen thun,« sagte Carter, welcher jetzt den Verband zurecht gelegt hatte, »ich wünschte nur, ich wäre früher zur Stelle gewesen: er hätte dann nicht soviel Blut verloren. – Aber was bedeutet dies? Das Fleisch hier auf der Schulter ist ja nicht allein zerschnitten – es ist förmlich zerrissen. Diese Wunde rührt nicht von einem Messer her: hier haben Zähne gewütet!«

»Sie hat mich gebissen,« murmelte er. »Als Rochester ihr das Messer entrissen, zerfleischte sie mich wie eine Tigerin.«

»Du hättest nicht nachgeben sollen; du hättest sofort mit ihr ringen müssen,« sagte Mr. Rochester.

»Aber was blieb mir unter solchen Umständen zu thun übrig?« entgegnete Mr. Mason. »Ah! Es war fürchterlich! fürchterlich!« fügte er hinzu und ein kalter Schauer überlief ihn. »Und ich war gar nicht darauf gefaßt, denn anfangs sah sie so ruhig und vernünftig aus.«

»Ich habe dich gewarnt,« lautete die Antwort seines Freundes. »Ich sagte dir: sei auf deiner Hut, wenn du ihr nahe kommst. Außerdem hättest du bis zum Morgen warten können, damit ich dich begleitete. Es war eine grenzenlose Thorheit, die Unterredung schon am Abend und zwar allein herbeizuführen.«

[333] »Ich glaubte, ich würde etwas Gutes damit bewirken.«

»Du glaubtest! Du glaubtest! Wahrhaftig! Es macht mich ärgerlich, dir zuzuhören. Aber, du hast gebüßt und wirst wahrscheinlich noch mehr dafür büßen müssen, daß du meinen Rat nicht befolgt hast. Deshalb will ich dir keine Vorwürfe mehr machen. – Carter! – Beeilen Sie sich! Beeilen Sie sich! Es ist die höchste Zeit! Die Sonne wird bald aufgehen – und ich muß ihn so bald wie möglich fortschaffen!«

»Gleich, Sir, gleich! Die Schulter ist bereits verbunden. Jetzt muß ich diese zweite Wunde hier am Arm untersuchen. Wie es scheint, hat sie auch hier mit ihren Zähnen gewütet.«

»Sie sog das Blut heraus; sie sagte, sie wolle mein Herzblut trinken,« erzählte Mason.

Ich sah, wie Mr. Rochester zusammenschauderte. Ein seltsamer Ausdruck von Ekel, Entsetzen, Haß verzerrte sein Antlitz fast bis zur Unkenntlichkeit; aber er sagte nur:

»Komm Richard, schweig' jetzt und kümmere dich nicht um ihr Gewäsch! Wiederhole es wenigstens nicht!«

»Ach, ich wollte, ich wäre imstande, es zu vergessen,« lautete die müde Antwort.

»Du wirst es können, wenn du dies Land erst im Rücken hast. Wenn du nach Spanish Town zurückgekehrt bist, gedenke ihrer nur, als wäre sie tot und begraben – oder besser ist es noch, wenn du überhaupt nicht mehr an sie denkst.«

»Unmöglich, diese Nacht des Grauens zu vergessen!«

»Es ist nicht unmöglich! Mensch, zeige doch ein wenig Energie! Vor zwei Stunden meintest du noch, du seiest so tot wie ein Hering, und jetzt lebst du doch noch und sprichst so lebendig wie ich. Siehst du! Carter ist jetzt auch beinahe fertig mit dem Verbinden. Und nun will ich dich in wenig Augenblicken schön wie einen Adonis machen. Jane« – dies waren die ersten Worte, welche er seit seinem Wiedereintritt mit mir sprach – »Jane, nehmen Sie diesen [334] Schlüssel: gehen Sie hinunter in mein Schafzimmer und von dort gradeswegs in mein Ankleidezimmer; öffnen Sie die obere Schublade der Kommode und nehmen Sie ein reines Hemd und ein Halstuch aus derselben. Beides bringen Sie her. Aber beeilen Sie sich!«

Ich ging, suchte das Möbelstück, dessen er erwähnt hatte, fand die genannten Gegenstände und kam mit ihnen in das dritte Stockwerk zurück.

»Nun gehen Sie an die andere Seite des Bettes, während ich ihm helfe Toilette zu machen,« sagte er. »Aber verlassen Sie das Zimmer nicht; es ist möglich, daß ich Ihrer Hilfe noch einmal bedarf.«

Ich zog mich hinter das große Himmelbett zurück, wie mein Herr mir befohlen hatte.

»War in den unteren Etagen schon jemand auf den Füßen, als Sie hinunterkamen, Jane?« fragte Mr. Rochester gleich darauf.

»Nein, Sir, alles war still.«

»O Dick, wir werden dich bequem und ungesehen fortbringen. Und das wird das Beste sein, sowohl für dich wie für das arme, beklagenswerte Geschöpf da drüben. Ich habe so lange gekämpft, um eine Bloßstellung zu vermeiden, und ich möchte nicht, daß sie nun doch endlich hereinbräche! Hier Carter, helfen Sie ihm ein wenig mit seiner Weste. Wohin hast du deinen Pelzrock gethan? In diesem verdammten kalten Klima kannst du nicht eine halbe Meile ohne denselben reisen, das weiß ich. In deinem Zimmer? – Jane, laufen Sie hinunter in Mr. Masons Zimmer, – es stößt direkt an das meinige, – und bringen Sie den Rock, welchen Sie dort finden werden.«

Wiederum lief ich fort und kehrte mit einem ungewöhnlich großen Mantel zurück, der mit Pelz gefüttert und verbrämt war.

»So, jetzt habe ich noch einen Auftrag für Sie,« sagte mein unermüdlicher Brotherr, »Sie müssen noch einmal [335] hinunter in mein Zimmer laufen. Welch ein Glück, Jane, daß Sie samtbeschuhte Füßchen haben! ein Bote mit Holzpantoffeln würde bei dieser Gelegenheit kaum zu verwenden sein! Sie müssen die mittlere Schieblade meines Toilettetisches öffnen und ein kleines Fläschchen und ein kleines Glas, welche Sie dort finden werden, herausnehmen. Bringen Sie es mir schnell!«

Ich flog hinunter und wieder hinauf und brachte die gewünschten Dinge.

»So ist's gut! Jetzt, Doktor, werde ich mir die Freiheit erlauben, ihm selbst ein Dosis beizubringen, auf meine eigene Verantwortung. Ich bekam dieses Belebungsmittel in Rom von einem italienischen Charlatan – einem Burschen, dem Sie einen Fußtritt versetzt haben würden, Carter. Es ist keine Medizin, die man ohne Unterschied zu machen anwenden kann, aber bei manchen Gelegenheiten wirkt sie Wunder! Wie jetzt zum Beispiel. Jane, ein wenig Wasser!«

Er reichte mir das kleine Glas, das ich bis zur Hälfte mit Wasser aus der Flasche vom Waschtische füllte.

»So ist's genug. Jetzt befeuchten Sie den Rand des Fläschchens.«

Ich that wie mir geheißen. Er goß zwölf Tropfen einer roten Flüssigkeit hinein und reichte es Mason hin.

»Trink Richard; es wird dir den Mut geben, der dir fehlt, für eine Stunde wenigstens.«

»Aber wird es mir auch nicht schaden? wird es keine Entzündung herbeiführen?«

»Trink! Trink! Trink!«

Mr. Mason gehorchte; aber nur, weil es augenscheinlich nutzlos war, sich zu widersetzen. Er war jetzt angekleidet; er sah wohl noch immer bleich aus, aber nicht mehr blutig und beschmutzt.

Mr. Rochester gestattete ihm, sich drei Minuten auszuruhen, nachdem er die Flüssigkeit getrunken hatte. Dann faßte er seinen Arm:

[336] »Jetzt bin ich fest überzeugt, daß du auf deinen Füßen stehen kannst. – Versuch es nur,« sagte er.

Der Kranke erhob sich.

»Carter, stützen Sie ihn an der andern Seite. Hab' nur guten Mut, Richard; so – jetzt schreite aus! – Siehst du – siehst du – es geht schon.«

»Ich fühle mich besser,« bemerkte Mr. Mason.

»Das wußte ich vorher. Nun Jane, trippeln Sie uns vorauf zur Hintertreppe; riegeln Sie die Thür des Seitenkorridors auf und sagen Sie dem Kutscher der Postchaise, die Sie im Hofe sehen werden – oder dicht vor dem Hofthor, denn ich befahl ihm mit seinen rasselnden Rädern nicht über das Pflaster zu fahren – sich bereit zu halten. Wir kommen gleich. Und noch eins, Jane, wenn Sie unten irgend jemand wach finden, so kommen Sie an den Fuß der Treppe und räuspern Sie sich.«

Inzwischen war es halb sechs geworden, und die Sonne war im Begriff aufzugehen. Trotzdem war die Küche noch dunkel, und alles war ruhig. Die Thür des Seitenkorridors war verriegelt; ich öffnete sie so geräuschlos wie möglich. Auch im Hofe herrschte noch Ruhe. Die Thore standen aber weit geöffnet, und draußen hielt eine Postchaise; die Pferde waren eingespannt, der Kutscher saß auf dem Bocke.

Ich näherte mich ihm und sagte, daß die Herren kämen; er nickte; dann blickte ich sorgfältig spähend umher und horchte.

Überall noch die heilige Ruhe des frühen Morgens! Sogar an den Fenstern der Dienstbotenzimmer waren die Vorhänge noch herabgelassen; die Vögel zwitscherten in den blütenschweren Zweigen der Bäume im Obstgarten, die gleichsam mit weißen Guirlanden jene Mauer schmückten, welche die eine Seite des Hofes erschlossen. Die Pferde der Equipagen stampften von Zeit zu Zeit in den noch geschlossenen Ställen. – Sonst war alles still.

[337] Jetzt kamen die Herren. Mr. Mason, welcher sich auf Mr. Rochester und den Arzt stützte, schien bereits wieder mit Leichtigkeit gehen zu können. Sie halfen ihm den Wagen zu besteigen; Carter setzte sich zu ihm.

»Behüten Sie ihn wohl,« sagte Mr. Rochester zu dem letztgenannten gewendet, »und behalten Sie ihn in Ihrem Hause, bis er ganz wieder hergestellt ist. In ein oder zwei Tagen werde ich hinüberkommen, um zu sehen, wie seine Genesung fortschreitet. Richard, wie fühlst du dich jetzt?«

»Die frische Luft belebt mich, Fairfax!«

»Carter, lassen Sie das Fenster an seiner Seite herab; es ist ganz windstill. Die frische Luft schadet ihm nicht. Lebwohl Dick, mein Junge!«

»Fairfax –«

»Nun, was giebt's noch?«

»Laß sie sorgsam behüten; laß sie so nachsichtig behandeln wie möglich, laß sie –« hier hielt er inne und brach in bittere Thränen aus.

»Ich thue mein Bestes; ich habe es gethan und werde es auch in Zukunft thun,« lautete die Antwort. Dann schlug er die Wagenthür zu, und die Postchaise fuhr davon.

»O, wollte Gott doch, daß dies alles ein Ende hätte!« seufzte Mr. Rochester tief auf, als er die schweren Hofthore wieder schloß und sorgsam verriegelte. Nachdem er dies gethan, ging er mit langsamen Schritten, in düstere Gedanken versunken, auf eine Thür in jener Mauer zu, die den Obstgarten begrenzte.

Da ich vermutete, daß meine Arbeit hier abgethan sei, schickte ich mich an, in das Haus zurückzugehen; indessen hörte ich ihn gleich darauf »Jane!« rufen. Er hatte jene Pforte geöffnet und stand jetzt vor derselben, anscheinend auf mich wartend.

»Kommen Sie für ein paar Augenblicke mit mir dorthin, wo es frisch und luftig ist; jenes Haus ist ein wahrer Kerker. Empfinden Sie das nicht ebenfalls?«

[338] »Mich dünkt es ein prächtiges Schloß Sir.«

»Die Fata morgana der Unerfahrenheit blendet Ihre Augen,« entgegnete er. »Und Sie sehen es durch einen Zauberspiegel; Sie können nicht unterscheiden, daß das Gold bloßer Schlamm und die seidenen Draperien nichts als Spinnweben sind; daß der Marmor elender Schiefer und das kostbar polierte Holz nur fortgeworfene Späne und gemeine Baumrinde ist. Aber hier – damit deutete er auf das schattige Plätzchen, das wir soeben betraten – hier ist alles süß, alles rein, alles wirklich!«

Er schlenderte einen Fußpfad hinunter, der mit Buchsbaum eingefaßt war; an der einen Seite standen Apfelbäume, Birnbäume und Kirschbäume, auf der andern Seite Beete, auf denen alle möglichen altmodischen Blumen standen, wie Levkojen, Feldrosen, Schlüsselblumen, Stiefmütterchen, dazwischen Stabwurz, Feldrosen und allerlei duftende Kräuter. Dies alles war so frisch und farbenprächtig, wie eine ganze Reihe von Aprilschauern es nur machen konnten, auf die ein lieblicher Frühlingsmorgen gefolgt. Die Sonne stieg majestätisch an dem flockigen Horizonte empor und ihr Licht strahlte auf den schattigen, thaufrischen Obstgarten und seine stillen, lauschigen Wege herab.

»Jane, wollen Sie eine Blume?«

Er pflückte eine halbgeöffnete Rose, die erste an ihrem Strauche, und reichte sie mir.

»Ich danke Ihnen, Sir.«

»Finden Sie diesen Sonnenaufgang schön, Jane? Jenen Himmel mit seinen hohen, leichten, lustigen Wolken, die sich zerstreuen werden, wenn der Tag älter wird – diese klare, balsamische Atmosphäre – finden Sie Freude daran?«

»Gewiß, Sir, viel Freude.«

»Dies war eine seltsame Nacht, Jane.«

»Ja, Sir.«

»Und sie hat Sie bleich gemacht! – Empfanden Sie Furcht, als ich Sie mit Mason allein ließ?«

[339] »Ich fürchtete nur, daß jemand aus dem inneren Zimmer kommen könne.«

»Aber Sie hatten doch gesehen, wie ich die Thür verschloß – den Schlüssel trug ich in der Tasche. Ich wäre ein pflichtvergessener Hirte gewesen, wenn ich ein Lamm – mein Lieblingslamm – unbehütet so nahe bei der Höhle des Löwen gelassen hätte; – nein, Sie waren in Sicherheit.«

»Wird Grace Poole noch länger hier im Hause bleiben, Sir?«

»O gewiß! Aber zerbrechen Sie sich den Kopf nicht über sie – – verbannen Sie sie gänzlich aus Ihren Gedanken.«

»Und doch will es mir scheinen, daß Sie Ihres Lebens nicht sicher sind, so lange sie hier im Hause weilt.«

»Fürchten Sie nichts, Jane – ich werde mich in Acht zu nehmen wissen.«

»Und ist die Gefahr, welche Sie gestern Abend fürchteten, vorüber gegangen, Sir?«

»Dafür kann ich erst bürgen, wenn Mason England wieder verlassen haben wird. Jane, mein Leben ist das Leben auf einem Vulkan, der jeden Augenblick Feuer speien und mich verschlingen kann.«

»Aber Sir, Mr. Mason scheint doch ein Mann zu sein, der sich leicht leiten läßt. Ihr Einfluß scheint bei ihm allmächtig zu sein. Er wird Ihnen niemals trotzen oder Sie wissentlich zu schädigen suchen.«

»O nein, Mason wird mir niemals trotzen oder mir mit Wissen und Willen Schaden zufügen – aber unabsichtlich könnte er mich in einem einzigen Augenblick durch ein unüberlegtes Wort, wenn auch nicht um das Leben selbst, so doch um das ganze Glück meines Lebens bringen.«

»Sagen Sie ihm doch, vorsichtig zu sein, Sir. Lassen Sie ihn wissen, was Sie fürchten und zeigen Sie ihm, wie die Gefahr abgewendet werden kann.«

[340] Er lachte ironisch, ergriff hastig meine Hand und schleuderte sie ebenso hastig wieder von sich.

»Einfältiges Kind! Wenn ich das zu thun vermöchte, wo wäre denn die Gefahr? In einem Augenblick wäre sie vernichtet. Seitdem ich Mason kenne – und das ist schon eine lange Zeit – habe ich ihm nur zu sagen gebraucht: ›Thue das,‹ und die Sache ward gethan. Aber in diesem Falle kann ich ihm nichts befehlen, ich kann ihm nicht sagen: ›Hüte dich davor mir Schaden zuzufügen, Richard,‹ denn es ist durchaus notwendig, daß er niemals erfährt, es liege in seiner Macht, mich unglücklich zu machen. Sie sind verwirrt, Sie zerbrechen sich den Kopf, – und Sie werden sich den Kopf noch weiter über mich zerbrechen. Aber Sie sind meine kleine, treue Freundin, nicht wahr, Jane?«

»Sir, es wird mir Freude machen, Ihnen in allem was recht ist zu gehorchen und zu dienen.«

»In der That! Ich sehe, daß dem so ist. Ich sehe aufrichtige, ungeheuchelte Befriedigung in Ihren Mienen, in Ihrer Haltung, in Ihren Augen und Ihrem Gesicht, wenn Sie mir helfen – wenn Sie für mich und mit mir arbeiten in allem, ›was recht ist‹, wie Sie so charakteristisch sagen. Denn wenn ich etwas von Ihnen verlangte, was unrecht wäre, so würde ich wohl kein leichtfüßiges Laufen, keine bereitwillige Fröhlichkeit, keine lebhaften Blicke und blühende Gesichtsfarbe sehen. Meine Freundin würde sich dann bleich und ruhig zu mir wenden und sagen: ›Nein, Sir; das ist unmöglich; ich kann es nicht thun, weil es Unrecht wäre,‹ und sie würde unbeweglich bleiben wie ein Fixstern. Nun, auch Sie haben Macht über mich und könnten mir Schaden zufügen; aber ich wage nicht, Ihnen die Stelle zu zeigen, wo ich verwundbar bin, aus Furcht, daß Sie mich, treu und freundlich wie Sie sind, auf der Stelle durchbohren könnten.«

[341] »Wenn Sie nicht mehr von Mr. Mason zu fürchten haben als von mir, Sir, dann sind Sie wahrlich sicher.«

»Gott gebe, daß es so ist! – Hier, Jane, ist eine Laube, setzen wir uns.«

Die Laube war ein mit Epheu dicht bewachsener Bogen in der Mauer; eine einfach ländliche Bank stand darin. Mr. Rochester setzte sich, ließ jedoch einen Platz für mich frei. Ich setzte mich nicht, sondern blieb vor ihm stehen.

»Setzen Sie sich,« sagte er, »die Bank hat Raum für uns beide. Zögern Sie denn, an meiner Seite Platz zu nehmen? Ist das auch unrecht, Jane?«

Ich antwortete ihm, indem ich mich setzte. Ihm seinen Wunsch abzuschlagen, wäre unklug gewesen; das fühlte ich.

»Und jetzt, meine kleine Freundin, während die Sonne den Thau schlürft – während all die Blumen in diesem altmodischen Garten zum Leben erwachen und ihre Kelche dem Kusse des Tagesgestirns erschließen – während die gefiederte Welt ihren Jungen das Frühstück aus den Feldern von Thornfield zusammenholt, und die emsigen Bienen an ihre Arbeit gehen – jetzt will ich Ihnen eine Geschichte erzählen und Sie müssen versuchen, diese für Ihre eigene zu halten. Zuerst blicken Sie mich aber an und sagen Sie mir, daß Sie sich nicht unbehaglich fühlen und daß Sie nicht fürchten, ein Unrecht zu begehen, indem Sie sich hier von mir zurückhalten lassen.«

»Nein, Sir; ich fühle mich behaglich hier.«

»Also gut, Jane; rufen Sie Ihre Phantasie zu Hilfe: – nehmen Sie an, daß Sie nicht mehr ein wohlerzogenes, hochgebildetes Mädchen wären, sondern ein wilder Knabe, der seit seiner Kindheit nur seinen eigenen Willen gekannt hat. Versetzen Sie sich in ein fremdes, fernes Land; nehmen Sie an, daß Sie dort einen großen Fehler begehen, gleichgiltig welcher Art oder aus welchen Beweggründen, aber ein Fehler, dessen Konsequenzen Ihnen durch Ihr ganzes Leben folgen und Ihre ganze Existenz vernichten. [342] Merken Sie wohl auf, ich sage nicht ein Verbrechen; ich spreche nicht von Blutvergießen oder irgend einer anderen Schuld, welche den Thäter dem Gesetze verfallen ließe, – nein, mein Wort ist Fehler.

Die Folgen Ihrer That werden Ihnen mit der Zeit vollständig unerträglich; Sie ergreifen Maßregeln, um Ihre Lage zu erleichtern – ungewöhnliche Maßregeln, in der That, aber sie sind weder ungesetzlich noch verdammenswert. Und doch sind Sie tief elend, denn die Hoffnung verließ Sie schon, als Ihr Leben kaum begann. Ihre Sonne wird schon um die Mittagszeit durch eine Finsternis verdunkelt, welche – das wissen Sie nur zu wohl – bis zum Sonnenuntergang anhalten wird. Bittere, niedere Ideenverbindungen sind die einzige Nahrung Ihres Erinnerungsvermögens geworden. Sie wandern hierher – dorthin. Sie suchen Ruhe in der freiwilligen Verbannung, – Glück im Vergnügen – ich meine, im herzlosen, sinnlichen Vergnügen – im Vergnügen, das den Verstand einschläfert, das Gefühl abstumpft. Nach langen Jahren des freiwilligen Exils kehren Sie heim, müde im Herzen, öde in der Seele. Sie machen eine neue Bekanntschaft – wie oder wo ist gleichgiltig. In diesem fremden Wesen finden Sie all jene guten, glänzenden Eigenschaften, die Sie seit zwanzig Jahren suchten und niemals fanden; sie sind so frisch, so gesund, so wahr, ohne Flecken, ohne Makel. Dieser Verkehr belebt Sie wieder, er läßt Sie neu geboren werden. Sie fühlen, wie wiederum glücklichere Tage anbrechen – sie hegen reinere Gefühle, edlere Wünsche. Sie hegen das Verlangen, Ihr Leben von vorne zu beginnen und den Rest Ihrer Lebenstage in einer Weise zu verbringen, die eines unsterblichen Wesens würdiger sind.

Und um dies zu erreichen – sind Sie berechtigt, ein Hindernis, das im Hergebrachten liegt, zu übersteigen? Ein nur konventionelles Hindernis, das weder durch Ihr [343] Gewissen geheiligt, noch durch Ihr gesundes Urteilsvermögen gebilligt wird?«

Hier hielt er inne und wartete auf eine Antwort. Was aber sollte ich sagen? Ach, um einen guten Geist, der mir eine vernünftige und zugleich befriedigende Antwort eingegeben hätte! – Eitler Wunsch! Der Westwind flüsterte in den herabhängenden Epheuranken; aber kein sanfter Ariel borgte ihnen seinen Hauch als Medium der Sprache, – die Vögel sangen und zwitscherten in den Wipfeln der Bäume; aber wie süß ihr Gesang auch klang – er war ja unverständlich.

Mr. Rochester begann von neuem:

»Ist der ruhelose, sündhafte, jetzt aber ruhesuchende und reuige Mann berechtigt, der Meinung der Welt zu trotzen, indem er für alle Zeiten jenes gute, sympathische, liebevolle, fremde Wesen an sich fesselt und damit seinen eigenen Seelenfrieden, seine Wiedergeburt des Herzens sichert?«

»Sir,« entgegnete ich, »die Ruhe eines Irrenden, die Bekehrung eines Sünders sollte niemals von einem Mitmenschen abhängig sein dürfen. Männer und Frauen sterben. Philosophen fehlen in ihrer Weisheit, Christen irren in ihrer Güte. Wenn ein Mensch, den Sie kennen, gefehlt und gelitten hat, so lassen Sie ihn höher hinauf blicken als zu seinen Nebenmenschen; Trost und Heilung für seine Wunden, Kraft für seine Umkehr wird von oben herab kommen.«

»Aber das Werkzeug – das Werkzeug! Gott, der das Werk thut, wählt das Werkzeug. Ich selbst war ein weltlich gesinnter, ruheloser, verschwenderischer Mann – dies sage ich Ihnen ohne Gleichnis – und ich glaube, daß ich das Werkzeug für meine Bekehrung gefunden habe in –«

Er hielt inne: die Vögel fuhren fort zu zwitschern; die Blätter rauschten über unseren Häuptern. Etwas wie Erstaunen kam über mich, daß auch sie nicht ihr Zwitschern [344] und Rauschen einstellten, um jene unterbrochene Offenbarung zu hören! Aber sie hätten viele lange Minuten warten müssen – so lange dauerte das Schweigen.

Endlich blickte ich zu dem zögernden Sprecher auf: er hatte seine lebhaften Blicke auf mich geheftet.

»Kleine Freundin,« sagte er in gänzlich verändertem Ton, während auch sein Gesicht sich veränderte, er verlor den Ernst und die Güte und wurde hart und sarkastisch – »Sie haben meine zärtliche Neigung für Miß Ingram bemerkt: glauben Sie nicht, daß sie aus Rache meine Wiedergeburt herbeiführen würde, wenn ich sie heiratete?«

Dann sprang er plötzlich auf, ging schnell bis an das äußerste Ende des Fußpfades, und – pfiff ein Lied, als er zu mir zurückkam.

»Jane! Jane!« rief er aus, als er vor mir stehen blieb, »die Nachtwache hat Sie ganz bleich gemacht. Verwünschen Sie mich nicht, weil ich Ihre Ruhe gestört habe.«

»Sie verwünschen? Nein, Sir.«

»Geben Sie mir die Hand zur Bekräftigung Ihrer Worte. Wie kalt diese kleine Hand ist! Sie war wärmer, als ich sie gestern Abend an der Thür des geheimnisvollen Zimmers berührte. Jane, wann werden Sie wieder mit mir wachen?«

»Sobald ich Ihnen damit nützlich sein kann, Sir.«

»Zum Beispiel in der Nacht vor meiner Hochzeit! Dann werde ich sicherlich nicht imstande sein zu schlafen. Wollen Sie versprechen, dann mit mir aufzubleiben und mir Gesellschaft zu leisten? Mit Ihnen kann ich von meiner Geliebten reden: denn jetzt haben Sie sie gesehen und kennen sie.«

»Ja, Sir.«

»Nicht wahr, Jane, sie ist ein seltenes Geschöpf?«

»Ja, Sir.«

»Stämmig – wirklich stämmig, Jane; groß, braun, geschmeidig und willfährig; mit Haaren, wie die Frauen [345] von Karthago es gehabt haben müssen. Gott sei mir gnädig, da sind Dent und Lynn schon in den Ställen! Gehen Sie durch jene Pforte in die jungen Anpflanzungen, und dann ins Haus.«

Während ich auf dem einen Wege davon ging, schlug er den andern ein und ich hörte noch, wie er laut und fröhlich im Hofe rief:

»Mason ist euch allen heute früh zuvor gekommen. Noch vor Sonnenaufgang ist er auf und davon gegangen. Ich bin um vier Uhr aufgestanden, um ihm Lebe wohl zu sagen.«


Ende des ersten Teiles.

Erstes Kapitel [2]

[346] Erstes Kapitel

Es ist etwas seltsames um Vorahnungen! Und ebenso um Sympathien, und dasselbe ist's mit Vorbedeutungen. Die drei zusammen bilden ein Geheimnis, zu dem die Menschheit den Schlüssel noch nicht gefunden hat. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht über Vorahnungen lachen können; denn ich selbst habe deren gar eigentümliche gehabt. Sympathien existieren ebenfalls; das glaube ich bestimmt (zum Beispiel zwischen lange abwesenden, weit entfernten Verwandten, die einander schon seit langer Zeit entfremdet sind und trotzdem Sympathien haben, welche genau die Gemeinsamkeit ihres Ursprungs kennzeichnen) Sympathien, deren Wirkungen weit über unser Begriffsvermögen hinausgehen. Und was wissen wir denn – Vorbedeutungen sind vielleicht die Sympathien, welche die Natur mit dem Menschen hat.

Als ich ein kleines Mädchen von kaum sechs Jahren war, hörte ich eines Abends, wie Bessie Leaven zu Marthe Abbot sagte, ihr habe von einem kleinen Kinde geträumt, und es sei eine sichere Vorbedeutung von Kummer und Unglück für einen selbst oder die Angehörigen, wenn man von Kindern träume. Dies Gespräch würde sich meinem Gedächtnis wahrscheinlich gar nicht eingeprägt haben, wenn nicht gleich darauf ein Umstand eingetreten wäre, der dazu gedient, es dort für immer festzuhalten. Am nächsten Tage [347] wurde Bessie nach Hause an das Totenbett ihrer jüngsten Schwester geholt.

In letzter Zeit war mir jenes Gespräch zusammen mit dem darauffolgenden Zwischenfalle oft wieder eingefallen. Denn während der letzten Woche war kaum eine Nacht hingegangen, die mir nicht den Traum eines Kindes gebracht hätte. Zuweilen wiegte ich es in meinen Armen, dann wieder schaukelte ich es auf meinen Knieen, manchmal sah ich es auch draußen im Garten auf dem Grasplatze mit Frühlingsblumen spielen oder in einem rieselnden Quell bunte Steinchen und Kiesel suchen. In dieser Nacht war es ein weinendes Kind, in der nächsten ein lachendes; jetzt schmiegte es sich schmeichelnd an mich, dann floh es wieder voll Furcht vor mir. Welche Stimmung die Erscheinung aber auch zur Schau tragen mochte, welche Gesichtszüge sie tragen mochte – sie verfehlte nicht, mir an sieben aufeinanderfolgeden Nächten entgegen zu treten, sobald ich die Augen zum Schlummer geschlossen hatte.

Mir war diese stete Wiederkehr eines einzigen Gedankens unheimlich – diese seltsame Wiederkehr des gleichen Bildes beunruhigte mich, und ich wurde nervös, wenn die Zeit des Schlafengehens näher kam und mit ihr die Vision. Die Gesellschaft dieses Kinderphantoms war es gewesen, die mich in jener Mondscheinnacht geweckt, als ich den Schrei hörte. Und am Nachmittage des folgenden Tages kam eine Dienerin mit der Botschaft zu mir, daß in Mrs. Fairfaxs Zimmer jemand sei, der mich zu sprechen wünsche. Als ich hinunter kam, fand ich einen Mann, der auf mich wartete; er sah aus wie ein herrschaftlicher Kammerdiener; er war in tiefe Trauer gekleidet und der Hut, welchen er in der Hand trug, war in Krepp gehüllt.

»Sie werden sich meiner kaum noch erinnern, Miß,« sagte er, indem er sich bei meinem Eintritt erhob, »aber mein Name ist Leaven; als Sie vor acht oder neun Jahren [348] in Gateshead waren, war ich Kutscher bei Mrs. Reed; ich bin auch jetzt noch in ihren Diensten.«

»O, Robert. Sie sind's! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere mich Ihrer noch sehr wohl. Sie ließen mich ja zuweilen auf Miß Georgines braunem Pony reiten. Und wie geht es Bessie? Sie sind doch mit Bessie verheiratet?«

»Ja, Miß. Meine Frau ist kerngesund. Danke für die Nachfrage; – vor zwei Monaten hat sie mir wieder ein Kleines geschenkt – wir haben jetzt drei – und Mutter und Kinder gedeihen gut.«

»Und ist die Familie im Herrenhause auch gesund, Robert?«

»Es thut mir leid, Miß, daß ich Ihnen von dort keine besseren Nachrichten bringen kann; aber es geht ihnen augenblicklich sehr schlecht – sie haben großen Kummer.«

»Ich hoffe, daß niemand von ihnen gestorben ist,« sagte ich, indem ich auf seinen schwarzen Anzug deutete. Auch er blickte auf den Krepp an seinem Hute und sagte:

»Mr. John ist gestern vor acht Tagen in seiner Wohnung in London gestorben.«

»Mr. John?«

»Ja, Miß.«

»Und wie trägt seine Mutter es?«

»Nun sehen Sie, Miß Eyre, dies ist kein gewöhnliches Unglück; er hat ein gar wildes Leben geführt. Während der letzten drei Jahre hat er gar sonderbare Dinge getrieben – und sein Tod war fürchterlich.«

»Ich hörte von Bessie, daß er nicht gut that.«

»Nicht gut that! Barmherziger Gott! Er konnte nichts Schlimmeres thun! Er hat seine Gesundheit und seine Güter zu Grunde gerichtet in Gesellschaft der schlechtesten Männer und der schlimmsten Weiber. Er geriet in Schulden und – ins Gefängnis. Zweimal hat seine Mutter ihm heraus geholfen, aber kaum war er frei, als er auch schon zu seinen alten Kumpanen und alten Gewohnheiten [349] zurückkehrte. Sein Kopf war niemals stark, Sie wissen das wohl, Miß, und die Schurken, unter welchen er lebte, betrogen und foppten ihn in der unerhörtesten Weise. Vor ungefähr drei Wochen kam er nach Gateshead hinunter und verlangte von Mistreß, daß sie ihm das ganze Besitztum übergeben solle. Mistreß weigerte sich, durch seine Verschwendung und Extravaganzen sind ihre Mittel schon seit langer Zeit zusammengeschmolzen. So kehrte er denn wieder um nach London, und das nächste, was wir von ihm hörten, war seine Todesnachricht. Wie er gestorben ist – Gott mag es wissen! – Die Leute sagen, daß er sich umgebracht hat.«

Ich schwieg. Das war eine entsetzliche Nachricht.

Robert Leaven fuhr fort:

»Mistreß war schon seit langer Zeit kränklich gewesen; sie ist sehr fett geworden, aber sie ist nicht kräftig dabei; und der Verlust des Geldes und die Furcht vor der Armut richteten sie schier zu Grunde. Die Nachricht von Mr. Johns Tode und die Art, wie er herbeigeführt, kam zu plötzlich: das führte einen Schlaganfall herbei. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen, aber am letzten Dienstag schien es ihr wieder besser zu gehen; es war als wollte sie etwas sagen, denn sie machte meiner Frau fortwährend Zeichen und murmelte unverständliche Worte. Erst gestern Morgen konnte Bessie verstehen, daß sieIhren Namen aussprach, und zuletzt verstand sie ganz deutlich, wie sie sagte: Bringt mir Jane – – holt Jane Eyre, ich muß mit ihr sprechen.«

»Bessie weiß nun nicht, ob sie bei Sinnen ist, und ob sie irgend etwas mit den Worten meint; aber sie hat es Miß Reed und Miß Georgina gesagt und ihnen geraten, Sie, Miß, holen zu lassen. Die jungen Damen wollten anfangs nichts davon wissen; aber ihre Mutter wurde so ruhelos, und rief so oft ›Jane! Jane! Jane!‹ daß sie endlich einwilligten. Ich verließ Gateshead gestern; und [350] wenn Sie bis morgen früh fertig werden könnten, Miß, so würde ich Sie gern mitnehmen.«

»Ja, Robert, ich werde fertig sein. Mir ist, als müßte ich doch gehen.«

»Ich glaube auch, Miß; Bessie sagte, Sie würden sich ganz gewiß nicht weigern. Aber Sie werden wohl um Erlaubnis bitten müssen, ehe Sie gehen?«

»Gewiß. Und ich werde es augenblicklich thun.« Dann führte ich ihn in das Zimmer der Domestiken, und nachdem ich ihn der Fürsorge von Johns Frau und Johns eigener Liebenswürdigkeit warm empfohlen hatte, machte ich mich auf den Weg, um Mr. Rochester zu suchen.

Er war in keinem der Zimmer des unteren Stockwerks; er war nicht im Hofe, nicht in den Ställen, nicht im Park. Ich fragte Mrs. Fairfax, ob sie ihn gesehen habe; – ja, sie glaubte, er sei im Billardzimmer und spiele mit Miß Ingram. Folglich eilte ich ins Billardzimmer. Das Aneinanderschlagen der Billardkugeln und das Gemurmel von Stimmen drang mir von dort entgegen. Mr. Rochester, Miß Ingram, die beiden Schwestern Eshton und ihre Anbeter – sie alle waren mit dem Spiel beschäftigt. Es bedurfte einigen Mutes, um eine so illüstre Gesellschaft zu stören; mein Anliegen war aber derart, daß es keinen Aufschub duldete; daher näherte ich mich meinem Herrn, der neben Miß Ingram stand.

Bei meiner Annäherung wandte sie sich um und maß mich mit hochmütigem Blick: ihre Augen schienen zu fragen: »Was kann diese schleichende Kreatur jetzt wollen?« Und als ich mit leiser Stimme sagte: »Mr. Rochester«, machte sie eine Bewegung, als hätte sie große Lust mir zu befehlen, daß ich mich entferne. Noch heute steht ihre Erscheinung vor mir – sie war sehr graziös und eigentümlich. Sie trug ein Morgenkleid von himmelblauem Crepe, ein durchsichtiges azurfarbenes Band schlang sich durch ihre Locken. Sie war dem Spiel mit großer Lebhaftigkeit gefolgt,[351] und zürnender Hochmut konnte den stolzen Linien ihres herrlichen Gesichts nichts anhaben.

»Will die Person etwas von Ihnen?« fragte sie zu Mr. Rochester gewendet. Und Mr. Rochester wandte sich um, zu sehen, wer die »Person« sei. – Er schnitt ein sonderbares Gesicht – eine seiner seltsamen, doppelsinnigen Demonstrationen – warf die Billardqueue fort und folgte mir in den Korridor hinaus.

»Nun, Jane?« fragte er, indem er sich mit dem Rücken an die Thür des Schulzimmers lehnte, die er soeben geschlossen hatte.

»Sir, ich bin gekommen, um einen Urlaub von einer oder zwei Wochen von Ihnen zu erbitten.«

»Was wollen Sie damit? Wohin gehen Sie?«

»Ich will eine kranke Dame besuchen, die mich holen läßt.«

»Welche kranke Dame? Wo wohnt sie?«

»In Gateshead, in ..... shire.«

»– shire? Das ist ja hundert Meilen von hier! Was kann sie Ihnen sein, daß Sie von Ihnen verlangt, eine solche Entfernung um ihretwillen zurückzulegen?«

»Ihr Name ist Reed, Sir, Mrs. Reed.«

»Reed auf Gateshead? Ich kannte einen Reed auf Gateshead, der Ratsherr war.«

»Sie ist seine Witwe, Sir.«

»Und was haben Sie mit ihr zu thun? Woher kennen Sie sie überhaupt?«

»Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner verstorbenen Mutter.«

»Zum Teufel! War er das? Weshalb haben Sie mir das nicht längst erzählt. Sie sagten stets, daß Sie keine Verwandten hätten.«

»Keine, die mich anerkannten, Sir. – Mr. Reed ist tot – und seine Witwe hat mich verstoßen.«

»Weshalb?«

[352] »Weil ich arm und ihr eine Last war. Sie hat mich mit leidenschaftlichem Hasse verfolgt.«

»Reed hat aber, so viel ich weiß, Kinder hinterlassen. Sie müssen also doch auch Vettern und Cousinen haben? Sir George Lynn sprach gestern von einem Reed auf Gateshead, der, wie er sagte, einer der verkommensten Menschen in London sei; und Ingram erwähnte einer Miß Georgina Reed von demselben Gute, einer berühmten Schönheit, die vor einigen Jahren in London großes Aufsehen gemacht hat.«

»John Reed ist jetzt ebenfalls tot, Sir; er hat sich selbst vollständig zu Grunde gerichtet und seine Familie zur Hälfte mit in diesen Ruin hineingezogen. Man vermutet, daß er einen Selbstmord begangen hat. Diese fürchterliche Nachricht hat seine arme Mutter so sehr erschüttert, daß sie infolge derselben einen Schlaganfall erlitten hat.«

»Und was können Sie ihr nützen? Unsinn, Jane! Es würde wir niemals in den Sinn kommen, hundert Meilen zu reisen, um eine alte Dame zu sehen, die möglicherweise schon tot ist, wenn Sie an Ihrem Bestimmungsort ankommen. Außerdem erzählten Sie mir ja soeben noch, daß sie Sie verstoßen hat.«

»Ja, Sir, aber das ist schon so lange her. Damals lagen die Verhältnisse auch noch ganz anders. Ich würde niemals wieder Ruhe finden, wenn ich ihren Wunsch jetzt unberücksichtigt ließe.«

»Wie lange werden Sie fortbleiben?«

»So kurze Zeit wie irgend möglich, Sir.«

»Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben –«

»Ich möchte Ihnen das nicht mit Sicherheit versprechen; wenn ich Ihnen mein Wort gäbe, könnte ich doch vielleicht gezwungen sein, es zu brechen.«

»Aber auf jeden Fall werden Sie zurückkommen; Sie versprechen mir wenigstens, sich unter keinen Umständen bewegen lassen zu wollen, Ihren Wohnsitz für immer bei ihr aufzuschlagen?«

[353] »O nein! Ich werde zurückkehren, wenn alles wieder gut geworden ist.«

»Und wer begleitet Sie? Hoffentlich denken Sie nicht daran, die hundert Meilen allein zu reisen?«

»Nein, Sir; sie hat ihren Kutscher geschickt.«

»Ein vertrauenswürdiger Mensch?«

»Ja, Sir, er lebt seit zehn Jahren in der Familie.«

Mr. Rochester sann nach.

»Und wann beabsichtigen Sie abzureisen?«

»Morgen in aller Frühe, Sir.«

»Gut. Aber Sie brauchen Geld. Sie kennen unmöglich ohne Geld reisen, und ich glaube kaum, daß Sie noch viel besitzen. Sie haben von mir noch kein Gehalt bekommen. Wieviel besitzen Sie noch in dieser Welt, Jane?« fragte er gutmütig lächelnd.

Ich zog meine Börse hervor; sie war allerdings ein mageres Ding. »Fünf Schilling, Sir.«

Er nahm mir die Börse aus der Hand, schüttete sich den ganzen Inhalt in die Hand und lachte, als gewähre diese armselige Summe ihm eine ganz besondere Freude. Gleich darauf zog er seine Brieftasche hervor:

»Hier,« sagte er und bot mir eine Banknote. Es waren fünfzig Pfund, und er schuldete mir nur fünfzehn. Ich sagte ihm, daß ich die Note nicht wechseln könne.

»Sie brauchen auch nicht zu wechseln. Das wissen Sie. Es ist nur Ihr Gehalt.«

Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als ich rechtmäßig zu fordern hatte. Er runzelte die Stirn. Endlich sagte er, wie wenn ihm plötzlich ein Gedanke gekommen wäre:

»Ja, ja, Sie haben recht, ganz recht! Es ist besser, wenn ich Ihnen jetzt nicht alles gebe. Wenn Sie fünfzig Pfund besäßen, könnten Sie sich am Ende verleiten lassen, drei Monate fort zu bleiben. Hier haben Sie zehn; ist das nicht reichlich?«

[354] »Ja, Sir. Aber jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.«

»Sie können wieder kommen, um diese einzukassieren. Sie haben jetzt bei mir, Ihrem Banquier, vierzig Pfund gut.«

»Mr. Rochester, da sich mir jetzt gerade Gelegenheit dazu bietet, kann ich gleich noch von einer anderen Geschäftsangelegenheit mit Ihnen sprechen.«

»Geschäftsangelegenheit?? Da bin ich doch neugierig.«

»Sie haben mir in ziemlich klaren Worten mitgeteilt, Sir, daß Sie sich binnen kurzem verheiraten werden.«

»Nun ja. Was weiter?«

»In diesem Falle, Sir, müßte Adele doch in ein Institut geschickt werden. Ich bin überzeugt, daß auch Sie diese Notwendigkeit einsehen.«

»Um sie meiner Frau aus dem Wege zu räumen, die das arme Kind sonst am Ende mit zu viel Pathos übersehen und ignorieren würde. Es liegt Sinn und Verstand in diesem Ratschlage, ohne Zweifel. Ja, ja, wie Sie sagen, Adele muß in ein Institut geschickt werden. Und Sie müssen natürlich geraden Weges – zum Teufel gehen.«

»Das hoffe ich nicht, Sir, aber ich werde mir eine andere Stellung suchen müssen.«

»Mit der Zeit!« rief er aus mit so scharfem Ton und einer Verzerrung der Gesichtszüge, die zugleich komisch und tragisch war. Dann blickte er mich einige Minuten lang an.

»Und vermutlich werden Sie die alte Mutter Reed und ihre Tochter jetzt ersuchen, Ihnen eine Stellung zu besorgen?«

»Nein, Sir. Ich stehe mit meinen Verwandten nicht auf einem solchen Fuße, daß ich das Recht hätte, Gefälligkeiten von ihnen zu verlangen. Aber ich werde in den Zeitungen annoncieren lassen.«

»Sie werden die ägyptischen Pyramiden hinaufklettern!« murmelte er. »Aber annoncieren Sie nur immer auf Ihre eigene Gefahr hin! Ich wollte wahrhaftig, ich hätte Ihnen nur eine Guinee anstatt jener zehn Pfund gegeben. Geben [355] Sie mir neun Pfund zurück. Ich brauche sie, Jane, ich brauche sie notwendig.«

»Und ich brauche sie ebenfalls, Sir,« entgegnete ich, indem ich meine Hand mit der Börse in die Tasche steckte. »Ich könnte Ihnen das Geld unter keinen Umständen wiedergeben.«

»Kleiner Geizhals!« sagte er, »Sie schlagen meine Bitte um Geld wirklich ab! So geben Sie mir fünf Pfund, Jane.«

»Nicht einmal fünf Schilling, Sir; nein, nicht fünf elende Pence.«

»Lassen Sie mich das Geld nur noch einmal sehen.«

»Nein Sir, ich kann Ihnen nicht trauen.«

»Jane!«

»Sir!«

»Versprechen Sie mir eins!«

»Ich bin gern bereit, Sir, Ihnen alles zu versprechen, was ich möglicherweise halten kann.«

»Also versprechen Sie, daß Sie keine Annonce in die Zeitung rücken lassen werden und mir dieses Finden einer passenden Stellung für Sie überlassen. Wenn es Zeit ist, werde ich Ihnen eine solche besorgen.«

»Das will ich mit Freuden thun, Sir, wenn Sie mir Ihrerseits versprechen, daß sowohl ich wie Adele glücklich aus dem Hause sein werden, bevor Ihre junge Frau es betritt.«

»Sehr gut! Sehr gut! Angenommen! Darauf kann ich Ihnen mein Wort geben! Sie reisen also morgen?«

»Ja, Sir, sehr früh.«

»Werden Sie heute nach den Mittagsessen in den Salon hinunterkommen?«

»Nein, Sir. Ich muß meine Reisevorbereitungen treffen.«

»So müssen wir uns denn jetzt schon für eine kurze Spanne Zeit Lebewohl sagen?«

[356] »Vermutlich, Sir.«

»Und wie betragen sich die Menschen bei dieser Ceremonie des Abschiednehmens, Jane? Lehren Sie mich das. Ich verstehe mich nicht recht darauf.«

»Sie sagen: Lebewohl oder irgend ein anderes Wort, das ihnen gerade einfällt.«

»Also sagen Sie es.«

»Leben Sie wohl für einige Zeit, Mr. Rochester.«

»Und was muß ich sagen?«

»Dasselbe, wenn Sie wollen, Sir.«

»Leben Sie wohl für einige Zeit, Miß Eyre! Und ist das alles?«

»Ja.«

»Nach meinen Begriffen klingt das armselig und unfreundlich und kalt und herzlos. Ich möchte noch etwas anderes. Einen kleinen Anhang für den Ritus. Wenn man sich zum Beispiel die Hände reichte –; aber nein, – das würde mich auch noch nicht zufrieden stellen. Sie wollen also nichts weiter thun, als mir einfach Lebewohl sagen, Jane?«

»Es genügt, Sir; ein einziges Wort enthält oft mehr Herzlichkeit als deren viele!«

»Vielleicht! Aber es klingt doch leer und kalt, dies – Lebewohl!«

»Wie lange wird er noch so mit dem Rücken an die Thür gelehnt dastehen?« fragte ich mich, »ich möchte gern mit dem Packen anfangen.«

Die Mittagsglocke wurde geläutet, und plötzlich schoß er pfeilschnell ohne ein weiteres Wort zur Thür hinaus. Ich sah ihn an diesem Tage nicht wieder, und am nächsten Morgen war ich schon lange unterwegs, bevor jemand im Hause aufgestanden war.

Am Nachmittage des ersten Mai erreichte ich das Parkhüterhäuschen von Gateshead. Es war gegen fünf Uhr. Bevor ich nach dem Herrenhause hinaufging, trat ich hier ein. [357] Es war außerordentlich sauber und hübsch. Vor den architektonisch schönen Fenstern hingen kleine, weiße Vorhänge; der Fußboden war fleckenlos; der Herd und die Feuerzange waren blank poliert, und das Feuer loderte lustig empor. Bessie saß in der Ofenecke und säugte ihren Jüngstgeborenen, und Robert und sein Schwesterchen spielten still in einem Winkel des traulichen Gemaches.

»Gott segne Sie! – ich wußte ja, daß Sie kommen würden!« rief Mrs. Leaven bei meinem Eintritt aus.

»Ja, Bessie,« sagte ich, nachdem ich sie umarmt hatte, »und hoffentlich komme ich nicht zu spät! Wie geht es Mrs. Reed? – Sie ist doch noch am Leben?«

»Ja, sie lebt noch; und sie hat die Besinnung teilweise wieder erlangt. Der Doktor sagt, daß es noch eine oder zwei Wochen mit ihr dauern kann; aber auf eine endliche Besserung dürfen wir nicht hoffen.«

»Hat sie meiner kürzlich wieder erwähnt?«

»Heute Morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht, daß Sie kommen möchten. Aber jetzt schläft sie. Wenigstens schlief sie, als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause war. Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in einer Art von Lethargie und erwacht erst gegen sechs oder sieben Uhr. Miß, wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen? Später werde ich dann mit Ihnen hinaufgehen.«

Hier trat Robert ein, und Bessie legte ihr schlafendes Kind in die Wiege, um ihn zu bewillkommnen. Dann bestand sie darauf, daß ich meinen Hut abnehmen und eine Tasse Thee trinken solle; denn ich sehe so müde und blaß aus, sagte sie. Ich war froh und nahm ihre Gastfreundschaft dankend an. So widerstandslos wie ich mich als Kind von ihr entkleiden ließ, gestattete ich ihr auch jetzt, mir meine Reisekleider abzunehmen.

Wie die alten Zeiten in meiner Erinnerung wieder auflebten, als ich ihrem geschäftigen Treiben zusah! Sie [358] deckte den Theetisch mit ihrem besten Porzellan, schnitt die Butterbrote, röstete einen Theekuchen, und gab dem kleinen Robert und Jane hier und da einen kleinen Schlag oder Stoß – gerade so wie sie es in vergangenen Tagen mit mir zu thun pflegte. Bessie hatte sich ihr rasches Wesen ebensogut gewahrt, wie ihren leichten Schritt und ihr hübsches Gesicht.

Als der Thee fertig war, wollte ich mich an den Tisch setzen, aber in ihrem alten, befehlenden Ton sagte sie mir, ich solle still sitzen. Sie sagte, sie müsse mir am Kaminfeuer servieren; und dann stellte sie einen kleinen, runden Tisch mit meiner Tasse und einem Teller gerösteter Weißbrotschnitten vor mich hin; gerade so wie sie mich früher mit irgend einem heimlich erbeuteten Leckerbissen zu versorgen pflegte, wenn ich in meinem Kinderstuhl saß. Ich lächelte und gehorchte ihr, wie ich es damals gethan.

Sie wollte dann wissen, ob ich glücklich in Thorn field-Hall sei, und ich sollte ihr erzählen, was für eine Persönlichkeit die Frau des Hauses sei. Und als ich ihr gesagt, daß Thornfield nur einen Herrn habe, wollte sie wissen, ob er liebenswürdig und gut sei und ich ihn gern habe. Ich erzählte ihr, daß er eigentlich ein häßlicher Mann, aber durchaus ein Gentleman sei, daß er mich mit großer Güte behandle, und ich mich dort glücklich fühle. Ferner beschrieb ich ihr die lustige Gesellschaft, die sich jetzt im Thornfield-Herrenhause aufhielt, und diesen Details hörte Bessie mit großem Interesse zu; es waren Dinge, die einen großen Reiz für sie hatten.

Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell. Bessie brachte mir meinen Hut und meine Shawls wieder, und von ihr begleitet verließ ich das Parkhüterhäuschen, um mich hinauf ins Herrenhaus zu begeben. Von ihr begleitet war ich auch vor fast neun Jahren den Pfad hinuntergegangen, den ich jetzt hinaufging. An einem düstern, nebeligen, rauhen Januarmorgen hatte ich mit [359] verzweifeltem, erbittertem Herzen ein feindliches Dach verlassen – übermannt fast von einem Gefühl des Geächtetseins, ja, des Verdammtseins – um in den unfreundlichen Hafen von Lowood einzulaufen, in jenem fernen, unbekannten Lande. Und dort stieg nun wieder jenes feindliche Dach vor mir empor. Noch immer waren meine Aussichten zweifelhaft – noch immer schmerzte mir das Herz. Noch immer war ich nur ein einsamer Wanderer auf diesem Erdenball – aber ich hatte ein festeres Vertrauen zu mir selbst und meiner Kraft erlangt; ich fürchtete mich nicht mehr vor dem Unterdrücktsein. Die schmerzende Wunde, die man mir so grausam in den Tagen meiner Kindheit geschlagen, war jetzt geheilt; die Flamme des lodernden Hasses war erloschen.

»Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben; die jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein,« sagte Bessie, als sie mir vorauf in die Halle trat.

Nach einem kurzen Augenblick befand ich mich in dem genannten Zimmer.

Jedes Einrichtungsstück stand noch da, wie an jenem Morgen, als ich Mr. Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde; der Teppich, auf dem er gestanden, lag noch vor dem Kamin. Als mein Blick über die Bücherschränke und ihren Inhalt schweifte, war mir's als ständen jene zwei Bände »Bewick, Vögel Englands« noch auf ihrem alten Platze auf dem dritten Regal, und Gullivers Reisen und »Tausend und eine Nacht« standen gerade darüber. Die leblosen Dinge waren ganz unverändert geblieben – die Menschen jedoch waren bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Ich erblickte zwei junge Damen vor mir; die eine war sehr groß, fast so groß wie Miß Ingram – sehr mager und knochig, mit fahlem Teint und strengen harten Zügen. Es lag etwas asketisches in ihrem Blick, das noch erhöht wurde durch die außerordentliche Einfachheit eines schwarzwollenen Kleides mit glattem Rock, einem weißen Leinewandkragen,[360] stramm aus der Stirn gekämmtem Haar und einem nonnenhaften Schmuck, der aus einer Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand. Es konnte nicht anders sein – dies war Eliza, obgleich ich in ihrem langen, blutleeren Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrem früheren Selbst entdecken konnte.

Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein, aber nicht jene Georgina, deren ich mich erinnern konnte, – jenes schlanke, blonde Mädchen von elf Jahren.

Dies war ein erwachsenes Fräulein, in vollster Blüte, weiß und zart wie Wachs, mit schönen, regelmäßigen Zügen, schmachtenden, blauen Augen und lockigem gelben Haar. Auch sie trug ein schwarzes Kleid; der Schnitt desselben war aber so verschieden von dem ihrer Schwester – so viel kleidsamer und graziöser – daß es ebenso modern aussah, wie das andere puritanisch erschien.

Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter – doch nur einen einzigen. Die magere, blasse, ältere Tochter hatte das hervorstehende Auge, – das blühende, üppige, jüngere Mädchen hatte ihr Kinn und ihre Kiefern, – vielleicht waren die Linien ein wenig gemildert, aber dennoch gaben sie dem sonst so schelmischen, üppigen Gesicht einen Zug von unbeschreiblicher Härte.

Als ich auf die Damen zuschritt, erhoben sich beide, um mich zu bewillkommnen, und beide redeten sie mich Miß Eyre an. Elizas Gruß wurde in kurzer, abrupter Weise ausgesprochen, ohne daß sie bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte. Nach der Begrüßung setzte sie sich wieder, heftete ihre Blicke auf das Kaminfeuer und schien meine Anwesenheit nicht weiter zu bemerken. Georgina fügte ihrem »Wie geht es Ihnen« noch mehrere alltägliche Bemerkungen über meine Reise, das Wetter u.s.w. hinzu. Sie sprach in langsam gezogenem, schnarrendem Ton und maß mich dabei seitwärts mit vielsagenden Blicken von Kopf bis zu Fuß; bald musterte sie den Faltenwurf[361] meines braunen Merino-Pelzmantels, bald weilte ihr Auge auf meinem sehr einfachen Reisehute. Junge Damen haben eine merkwürdige Art, einen Menschen wissen zu lassen, daß sie ihn für einen Dummkopf halten, ohne die Worte geradezu auszusprechen. Ein gewisser Hochmut im Blick, Kälte im Wesen, Nonchalance im Ton drücken hinlänglich ihre Gefühle und Ansichten in dieser Beziehung aus, ohne daß sie sich noch besonders durch Unhöflichkeit in Wort oder That zu kompromittieren brauchen.

Ein Naserümpfen, ob nun versteckt oder offen, machte jetzt nicht mehr denselben Eindruck auf mich, den es sonst zu üben pflegte. Als ich so dasaß zwischen meinen Cousinen, war ich ganz erstaunt zu finden, wie gleichgiltig mir die vollständige Vernachlässigung der einen und die halbsarkastische Höflichkeit der andern war. Eliza vermochte nicht mich zu demütigen, Georgina konnte mich nicht aus meinem Gleichmut bringen.

In der That, ich hatte andere Dinge zu bedenken. Während der letzten Monate waren Gefühle und Empfindungen in mir wach geworden, die so viel mächtiger waren, als irgend welche, die sie zu erregen vermochten – Schmerzen und Freuden hatten in mir getobt, die so viel heftiger und wonniger gewesen, als irgend eine Regung, die sie hervorzurufen imstande gewesen – daß die Mienen dieser beiden Damen mich weder freudig noch traurig stimmen konnten.

»Wie befindet sich Mrs. Reed?« fragte ich alsbald, indem ich Georgina ruhig ins Gesicht blickte; diese hielt es für passend, bei dieser direkten Frage aufzufahren, als sei es eine ganz unerlaubte Freiheit, die ich mir erlaubte.

»Mrs. Reed?? Ah! Sie meinen meine Mama! Sie ist außerordentlich krank. Ich glaube nicht, daß Sie sie heute Abend noch sehen können.«

»Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie hinaufgehen wollten, um ihr mitzuteilen, daß ich gekommen bin.«

[362] Georgina schreckte förmlich empor und riß ihre blauen Augen weit und wild auf.

»Ich weiß, daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat, mich zu sehen,« fügte ich hinzu, »und ich möchte die Erfüllung dieses Wunsches nicht weiter hinausschieben als absolut notwendig ist.«

»Mama liebt es nicht, wenn man sie am Abend noch stört,« bemerkte Eliza. Bald darauf erhob ich mich, nahm unaufgefordert ruhig meinen Hut und meine Handschuhe ab und sagte, daß ich für einen Augenblick zu Bessie hinausgehen wolle, – die vermutlich in der Küche sei – um diese zu bitten, daß sie sich vergewissere, ob Mrs. Reed mich heute Abend noch sehen wolle oder nicht. Ich ging, und nachdem ich Bessie gefunden und sie mit meinem Auftrag hinaufgeschickt hatte, fuhr ich fort, weitere Maßregeln zu ergreifen.

Bis jetzt war es stets meine Gewohnheit gewesen, mich vor jeder Arroganz zurückzuziehen, förmlich vor derselben zu fliehen; hätte man mich noch vor einem Jahre irgendwo empfangen, wie man mich heute in Gateshead empfing, so würde ich das Haus binnen weniger Stunden bereits verlassen haben; jetzt sah ich aber plötzlich ein, daß das ein sehr thörichtes Verfahren gewesen wäre. Ich hatte eine Reise von über hundert Meilen gemacht, um meine Tante zu sehen und ich mußte jetzt bei ihr bleiben bis sie besser war – oder tot. Den Stolz und die Dummheit ihrer Töchter mußte ich unbeachtet lassen – mich vollständig unabhängig davon machen.

Ich wandte mich also an die Haushälterin, verlangte von ihr, daß sie mir ein Zimmer anweise, sagte ihr, daß ich wahrscheinlich einige Wochen als Gast hier im Hause weilen würde, ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls hinauf.

Auf der Treppe begegnete mir Bessie.

»Mistreß ist wach,« sagte sie. »Ich habe ihr erzählt, [363] daß Sie da sind; kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob sie Sie erkennen wird.«

Ich bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten Zimmer. Wie oft war ich in früheren Tagen hineingerufen worden, um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen. Ich eilte Bessie voran und öffnete vorsichtig und leise die Thür. Die Lampe auf dem Tische war durch einen Schirm verdeckt. Da stand das große Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in alten Zeiten. Dort der Toilettetisch, der Lehnstuhl und der Fußschemel, auf dem zu knieen ich wohl hundertmal verurteilt gewesen. Wie oft hatte ich dort Verzeihung für Sünden erflehen müssen, die ich niemals begangen hatte. Ich blickte in einen gewissen Winkel und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer einst so gefürchteten Reitgerte zu sehen, die dort auf mich zu lauern pflegte und nur darauf wartete, wie ein böser Kobold herausspringen und auf meinem Nacken oder meinen Armen umhertanzen zu können.

Ich näherte mich dem Bette; ich zog die Vorhänge zurück und lehnte mich über die hochaufgetürmten Polster.

Gar wohl erinnerte ich mich des Gesichts von Mrs. Reed und eifrig suchte ich nach den bekannten Zügen. Es ist wahrlich ein Glück, daß die alles mildernde Zeit auch die Rachbegierde erstickt und die Eingebungen der Wut und des Abscheus sänftigt: diese Frau hatte ich in Bitterkeit und Haß verlassen, und jetzt kehrte ich mit keiner anderen Empfindung zu ihr zurück als mit einer Art von Erbarmen über ihr großes Leid, und einem innigen Verlangen alles Unrecht zu vergeben und zu vergessen – mich zu versöhnen und ihre Hand in Freundschaft zu drücken.

Das wohlbekannte Gesicht war da: finster, strenge, erbarmungslos wie immer – jenes eigentümliche Auge, dessen Blick nichts zu besänftigen vermochte – die geschwungenen, herrschsüchtigen, despotischen Brauen. Wie oft hatte [364] dies Auge nur Haß und Zorn und Drohungen auf mich herabgeblitzt! Wie erwachte die Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der Kindheit wieder in mir, als ich diese harten Gesichtszüge wieder erblickte! Und doch beugte ich mich zu ihr hinab und küßte sie.

Sie blickte zu mir auf.

»Ist es Jane Eyre?« fragte sie.

»Ja, Tante Reed. Wie fühlen Sie sich, liebe Tante?«

Ich hatte einmal geschworen, daß ich sie nie wieder Tante nennen wollte. Aber ich hielt es für keine Sünde, jenes Gelübde in diesem Augenblick zu brechen. Meine Finger hielten die Hand umschlossen, welche auf der Bettdecke lag: hätte sie die meine freundlich gedrückt, so würde ich eine warme, innige Freude empfunden haben. Aber unempfindliche Naturen werden nicht sobald weich gemacht, und angeborene Antipathien sind nicht so schnell auszurotten: Mrs. Reed zog ihre Hand fort und indem sie ihr Gesicht von mir abwandte, bemerkte sie, daß es ein sehr warmer Abend sei. Und wieder blickte sie mich an, so eisig kalt, daß ich augenblicklich fühlte, wie ihre Ansichten über mich, ihre Empfindungen für mich nicht um ein Atom verändert waren, überhaupt keiner Änderung fähig waren. Ich sah es ihrem versteinerten Auge, welches niemals durch Thränen genetzt, niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet hatte, an, daß sie fest entschlossen sei, mich bis zum letzten Augen blick für ein schlechtes Geschöpf zu halten; denn im Guten an mich zu glauben würde ihr keine hochherzige Freude gewährt haben – nein, es wäre nur eine Demütigung für sie gewesen.

Ich empfand Kummer, dann bemächtigte sich meiner der Zorn und schließlich faßte ich den Entschluß, sie zu besiegen – ihrer Herr zu werden trotz ihrer hartherzigen Natur und ihres starren Willens. Die Thränen waren mir in die Augen gestiegen, gerade so wie in den Tagen meiner Kindheit – aber ich drängte sie an ihre Quelle [365] zurück. Dann brachte ich einen Stuhl an das Kopfende des Bettes. Ich setzte mich und beugte mich über die Polster.

»Sie haben mich holen lassen,« sagte ich, »und jetzt bin ich hier; und es ist meine Absicht hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es sich mit Ihnen zum Besseren wendet.«

»O natürlich! Hast du meine Töchter gesehen?«

»Ja.«

»Nun, du magst ihnen sagen, daß ich wünsche, dich hier zu behalten, bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann, die mir auf der Seele lasten. Heute Abend ist es zu spät, und es wird mir jetzt auch schwer, mich auf die Angelegenheit zu besinnen. Aber etwas wollte ich dir sagen – ja – was war es doch gleich – –«

Der wirre Blick und die veränderte Sprache zeigten mir nur zu deutlich, wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen Körper bereits vorgeschritten war. Unruhig warf sie sich hin und her und begann an der Bettdecke zu zupfen. Mein Arm, der auf dem Kopfkissen ruhte, suchte sie zu beruhigen. Augenblicklich wurde sie wieder ärgerlich.

»Laß los!« sagte sie, »ärgere mich nicht, indem du mich festzuhalten suchst! Bist du wirklich Jane Eyre?«

»Ich bin Jane Eyre.«

»Ich habe mehr Mühe und Kummer und Verdrießlichkeiten mit dem Kinde gehabt, als irgend ein Mensch glauben würde. Mir eine solche Last aufzubürden! Und wieviel Ärger sie mir täglich und stündlich mit ihren unbegreiflichen Charakteranlagen verursacht hat, mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen, fortwährenden Lauern und Horchen auf alles, was man that! Ich kann versichern, sie hat eines Tages zu mir gesprochen wie eine Wahnsinnige oder – wie ein Teufel – kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen wie sie! Kein Kind! Ich war so froh, sie aus dem Hause los zu werden. Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht? Das Fieber [366] brach dort aus, und viele, viele Schülerinnen sind gestorben. Aber sie – sie starb nicht. Ich habe trotzdem gesagt, daß sie tot sei! Ach, wie wünschte ich, daß sie gestorben wäre!«

»Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed! Weshalb haßten Sie sie so sehr?«

»Ich habe ihre Mutter immer gehaßt, denn sie war die einzige Schwester meines Mannes und er hing mit unsäglicher Liebe an ihr. Er hinderte die Familie daran, sie zu verstoßen, als sie jene abscheuliche, niedere Ehe schloß. Und als die Nachricht von ihrem Tode kam, weinte er wie ein Narr. Er wollte durchaus, daß das Baby geholt werde, obgleich ich ihn anflehte, das Kind lieber in die Kost zu geben und für seine Erhaltung zu bezahlen. Ich haßte es schon, als meine Augen es zum erstenmale sahen – ein kränkliches, weinerliches, elendes Ding! Die ganze Nacht hindurch konnte es in seiner Wiege liegen und winseln – es schrie nicht herzlich und kräftig wie andere Kinder – nein, es stöhnte und wimmerte. Reed hatte Erbarmen mit ihm. Und er pflegte es zu liebkosen und zu beruhigen, wie wenn es sein eigenes Kind gewesen wäre, nein, mehr als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte, als sie in jenem Alter waren. Er versuchte auch, meine Kinder freundlich gegen die kleine Bettlerin zu stimmen; aber meine Lieblinge konnten sie nicht leiden, und er wurde ärgerlich, wenn sie ihre Abneigung zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es fortwährend an sein Bett bringen und kaum eine Stunde vor seinem Tode ließ er mich einen heiligen Eid ablegen, daß ich das Geschöpf stets erhalten und versorgen wolle. Mir wäre es lieber gewesen, wenn man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur Pflicht gemacht hätte: aber er war so schwach, schwach von Natur. John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich – und ich bin froh darüber: John ist mir ähnlich und meinen Brüdern – er ist ein ganzer Gibson. Ah! ich wollte, er hörte auf, mich mit[367] seinen Bettelbriefen um Geld zu quälen! Ich habe nichts mehr, das ich ihm geben könnte: wir werden arm! Ich müßte die Hälfte der Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen – oder es ganz vermieten. Aber ich kann mich nicht darein finden, das zu thun – und doch, wie sollen wir sonst weiter leben? Zwei Drittel meines Einkommens gehen drauf, um die Zinsen der Wucherschulden zu bezahlen. John spielt ganz fürchterlich und er verliert immer, der arme Junge! Er ist von lauter Gaunern und Tagedieben umgeben. John ist ganz gesunken und verkommen – er sieht grauenhaft aus – ich schäme mich seiner, wenn ich ihn sehe.«

Jetzt geriet sie in eine furchtbare Aufregung.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie jetzt verlasse,« sagte ich zu Bessie, die an der andern Seite des Bettes stand.

»Vielleicht wäre es besser, Miß; aber gegen Abend spricht sie oft in dieser Weise – des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger.«

Ich erhob mich.

»Bleib!« rief Mrs. Reed aus. »Ich habe noch etwas anderes zu sagen. Er droht mir – er droht mir unaufhörlich mit seinem Tode – oder dem meinen. Und zuweilen träumt mir, daß ich ihn mit einer großen Wunde im Halse oder mit blutigem, entstelltem, geschwärztem Gesicht sehe. Es ist gar seltsam mit mir gekommen. Ich habe schweren, grausamen Kummer. Was ist aber zu thun? Woher soll ich das Geld nehmen?«

Jetzt versuchte Bessie, sie zu überreden, daß sie ein Beruhigungsmittel nehme; nur mit großer Mühe gelang es ihr. Gleich darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in eine Art von Halbschlaf. Dann ließ ich sie allein.

Mehr als zehn Tage vergingen, bevor sich wieder die Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihr bot. Sie lag entweder im Delirium oder in Lethargie, und der Doktor [368] verbot alles, was sie schmerzlich erregen könnte. Inzwischen stellte ich mich mit Eliza und Georgina so gut es eben gehen wollte. Anfangs waren sie in der That sehr kalt. Eliza pflegte halbe Tage hindurch dazusitzen und zu nähen, zu schreiben oder zu lesen, ohne auch nur eine einzige Silbe mit ihrer Schwester oder mir zu sprechen. Georgina konnte stundenlang Unsinn mit ihrem Kanarienvogel schwatzen, ohne mich auch nur im entferntesten zu beachten. Aber ich war entschlossen, mir es nicht an Zerstreuung oder Beschäftigung fehlen zu lassen; ich hatte meine Zeichen- und Malutensilien mitgebracht, und diese verschafften mir beides.

Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen, pflegte ich entfernt von ihnen in einem Fenster mein fliegendes Atelier aufzuschlagen und mich damit zu beschäftigen, Phantasievignetten zu zeichnen, indem ich jedes Bild zu Papier brachte, das sich mir in dem fortwährend wechselnden Kaleidoskop meiner Einbildungskraft darbot: einen Blick auf die See zwischen zwei Felsen hindurch; der aufgehende Mond und ein Schiff, das an der rotglühenden Scheibe vorübersegelt; eine Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien, aus welcher der Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade emportaucht; eine Elfe, die unter einem Kranz von wilden Rosen aus dem Nest eines Zaunkönigs herauslugt.

Eines Morgens begann ich ein Gesicht zu skizzieren. Ich wußte selbst nicht recht, was für ein Gesicht es werden sollte. Ich nahm einen weichen, schwarzen Stift, gab ihm eine breite Spitze und arbeitete darauf los. Bald hatte ich eine breite, hervortretende Stirn auf das Papier geworfen, die Linien des Untergesichts waren scharf und eckig. Diese Konturen machten mir Freude, und geschäftig machten meine Finger sich daran, die übrigen Züge hineinzuzeichnen. Scharf markierte, horizontale Augenbrauen mußten unter jene Stirn gesetzt werden; dann folgte natürlich eine schön gezeichnete Nase mit geradem Rücken und weiten Nasenlöchern, und [369] nun ein großer aber biegsamer Mund; ein festes Kinn, das in der Mitte gespalten war; jetzt brauchte ich natürlich einen schwarzen Backenbart und kohlschwarzes Haar, das sich wollig an Stirn und Schläfen schmiegte. Und nun die Augen. Ich hatte sie bis zuletzt gelassen, weil sie die sorgsamste Ausführung verlangten. Ich zeichnete sie groß und formte sie schön; die Augenwimpern wurden lang und dunkel, die Iris glänzend und groß.

»Sehr gut, aber doch nicht ganz ähnlich,« sagte ich zu mir selbst, als ich die Wirkung des Ganzen betrachtete: »die Augen brauchen mehr Kraft und Geist«; und ich machte den Schatten noch dunkler, damit das Licht mehr zur Geltung kam – ein oder zwei glückliche Striche waren von vollster Wirkung. So, jetzt hatte ich das Gesicht eines Freundes vor meinen Blicken. Was bedeutete es dann noch, daß jene beiden jungen Damen mir den Rücken wandten? Ich sah die Zeichnung an und mußte über die sprechende Ähnlichkeit lächeln. Nun vertiefte ich mich in das Gesicht und war zufrieden und glücklich.

»Ist es das Porträt eines Menschen, den Sie kennen?« fragte Eliza, welche unbemerkt an mich herangetreten war.

Ich entgegnete, daß es nur ein Phantasiekopf sei und schob die Zeichnung eilig unter die andern Blätter. Natürlich sprach ich die Unwahrheit, denn es war ein sehr getreues Porträt Mr. Rochesters. Aber was kümmerte das sie? Oder irgend jemand außer mir? Auch Georgina kam, um einen Blick darauf zu werfen. Die anderen Zeichnungen gefielen ihr ganz außerordentlich, aber ihn nannte sie »einen garstigen Menschen«. Beide schienen von meiner Geschicklichkeit sehr überrascht. Ich erbot mich, auch ihre Porträts zu skizzieren, und jede saß dann zu einer Bleistiftsilhouette. Schließlich brachte Georgina ihr Album. Ich versprach ihr eine Wasserfarbenskizze für dasselbe, und jetzt war sie augenblicklich in der besten Laune. Sie schlug mir einen Spaziergang im Park vor. Und als wir kaum zwei Stunden [370] draußen gewesen, waren wir mitten in einer vertraulichen Unterhaltung; sie beglückte mich mit einer Beschreibung des glänzenden Winters, den sie vor zwei Jahren in London zugebracht hatte, sie erzählte mir von der Bewunderung, die sie erregt – von den Aufmerksamkeiten, die man ihr erwiesen, und sie ließ sogar eine Andeutung von der hochtönenden Eroberung durchblicken, die sie gemacht hatte. Im Laufe des Nachmittags und des Abends kam sie wieder auf diese Andeutungen zurück und wurde noch deutlicher; sie wiederholte einige zärtliche Gespräche, beschrieb mir mehrere sentimentale Scenen: kurzum, sie improvisierte an diesem Tage einen ganzen Band Novellen aus dem fashionablen Leben, zu meiner Unterhaltung. Täglich machte sie mir neue Mitteilungen, wenn sie auch stets von demselben Thema handelten – von ihr, ihrer Liebe und ihrem Schmerz. Es war seltsam, daß sie niemals mit einer Silbe der schweren Krankheit ihrer Mutter, des fürchterlichen Todes ihres Bruders und dem augenblicklichen traurigen Zustande der Familienangelegenheiten erwähnte. – Ihr Gemüt schien sich nur mit der Erinnerung an entschwundenes Glück und der Hoffnung auf künftige Zerstreuungen zu beschäftigen. Jeden Tag brachte sie ungefähr fünf Minuten in dem Krankenzimmer ihrer Mutter zu, das war alles.

Eliza sprach noch immer sehr wenig; augenscheinlich hatte sie keine Zeit für die Unterhaltung. Ich habe niemals eine geschäftigere Person gesehen, als sie zu sein schien. Und doch wäre es schwer gewesen zu sagen, was sie eigentlich that, oder vielmehr, irgend ein Resultat ihrer Geschäftigkeit zu entdecken. Sie hatte eine Weckuhr, die sie täglich früh wecken mußte. Ich weiß nicht, womit sie sich vor dem Frühstück beschäftigte; nach demselben hatte sie ihre Zeit indessen in regelmäßige Teile geteilt, und jede Stunde hatte die ihr zugeschriebene Arbeit. Dreimal am Tage studierte sie ein kleines Buch, welches sich nach einer genaueren Besichtigung meinerseits als das »allgemeine Gebetbuch« [371] erwies. Ich fragte sie einmal, worin die große Anziehungskraft dieses Buches für sie liege, und sie entgegnete mir: In der Liturgie. Drei Stunden widmete sie der Beschäftigung, mit Goldfäden den Rand eines viereckigen Tuchstücks zu besticken, welches für einen Teppich beinahe groß genug gewesen wäre. Auf meine Frage in Bezug auf die Verwendung dieses Gegenstandes sagte sie mir, daß es eine Altardecke für eine Kirche sei, welche vor kurzem in der Nähe von Gateshead erbaut worden war. Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche; zwei weitere arbeitete sie allein im Küchengarten; eine brauchte sie für die Regelung ihrer Rechnungen und Bücher. Sie schien keiner Gesellschaft, keines Verkehrs, keiner Unterhaltung zu bedürfen. Ich glaube, daß sie auf ihre Weise sehr glücklich war; dieser sich täglich wiederholende Schlendrian genügte ihr; und nichts verursachte ihr größeren Ärger, als wenn irgend ein Umstand eintrat, welcher sie zwang, die peinliche Regelmäßigkeit ihrer Arbeiten abzuändern.

Eines Abends, als sie mehr zur Mitteilsamkeit geneigt war als gewöhnlich, sagte sie mir, daß Johns Aufführung und der drohende Ruin ihrer Familie eine Quelle tiefen und nagenden Kummers für sie gewesen seien, jetzt aber habe ihr Gemüt sich beruhigt und ihr Entschluß sei gefaßt. Ihr eigenes Vermögen zu sichern habe sie Sorge getragen, und wenn ihre Mutter stürbe – denn es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie jemals wieder genesen oder daß es noch lange mit ihr dauern könne, bemerkte sie sehr ruhig – so würde sie einen lange gehegten Plan ausführen: dort eine Zuflucht suchen, wo pünktliche Gewohnheiten vor fortwährender Störung gesichert seien, und zwischen sich und der gottlosen Welt eine mächtige Scheidewand aufrichten.

Ich fragte, ob Georgina sie begleiten würde.

Nein, natürlich nicht. Sie und Georgina hätten nichts miteinander gemein, hätten auch niemals die gleichen Interessen [372] verfolgt. Unter keinen Umständen würde sie sich die Last ihrer Gesellschaft auferlegen. Georgina solle nur ihren eigenen Weg gehen; sie, Eliza, würde den ihrigen finden.

Wenn Georgina mir nicht gerade ihr Herz ausschüttete, so brachte sie fast ihre ganze Zeit auf dem Sofa zu, klagte und jammerte über die Düsterkeit des Hauses und wiederholte unaufhörlich den Wunsch, daß ihre Tante Gibson sie einladen möchte, mit ihr nach London zu gehen.

»Es wäre so viel besser,« pflegte sie zu sagen, »wenn ich auf ein oder zwei Monate fort könnte, bis alles vorüber ist.«

Ich fragte sie nicht, was sie mit dem »alles vorüber« meinte, aber ich vermutete, daß es sich auf den erwarteten Tod ihrer Mutter bezog und auf den düsteren, darauf folgenden Begräbnisritus. Eliza nahm von der Indolenz und den Klagen ihrer Schwester nicht mehr Notiz, als wenn solch ein murmelndes, stöhnendes, träges Geschöpf gar nicht in ihrer Nähe gewesen wäre. Eines Tages jedoch, als sie ihr Rechnungsbuch beiseite legte und ihre Stickerei zur Hand nahm, fing sie plötzlich an, ihr folgendermaßen die Wahrheit zu sagen.

»Georgina, ein dümmeres, eitleres und alberneres Tier als du hat sicherlich niemals auf Erden gewandelt. Du hattest nicht einmal das Recht geboren zu werden, denn du weißt keinen Nutzen aus dem Leben zu ziehen. Anstatt für dich, mit und in dir zu leben, wie jedes vernünftige Wesen es thun sollte, suchst du nur, dich mit deiner Schwäche auf die Kraft anderer zu lehnen. Und wenn du niemand findest, der willig ist, sich mit einem so fetten, aufgedunsenen, nutzlosen, schwächlichen Ding belasten zu lassen, so schreist und jammerst du, daß du vernachlässigt, elend und mißhandelt bist! Für dich soll das Dasein einen immerwährenden Wechsel und ewige Aufregung bringen, sonst nennst du die Welt ein Gefängnis. Du mußt bewundert werden, man soll dir schmeicheln, du willst, [373] daß man dir den Hof macht – du verlangst Musik, Tanz und Gesellschaft – oder du verschmachtest und stirbst. Hast du denn nicht soviel Verstand, daß du ein System erfinden kannst, daß dich unabhängig macht von allen anderen Anstrengungen, jedem anderen Willen als dem deinen? Nimm dir doch den Tag; teile ihn in Sektionen ein; jeder Sektion weise ihre Aufgabe an; laß nirgend verlorene Viertelstunden, zehn oder fünf Minuten übrig, wende sie alle an. Thue jeden Teil deiner Geschäfte zu seiner Zeit, aber mit Methode, mit strenger Regelmäßigkeit. Dann wird der Tag zu Ende sein bevor du gemerkt hast, daß er überhaupt begonnen hat. Und du bist keinem zu Dank verpflichtet, daß er dir geholfen hat, einen leeren Augenblick hinzubringen. Du bist nicht genötigt gewesen, irgend eines Menschen Gesellschaft aufzusuchen, von ihm Unterhaltung, Sympathie, Nachsicht zu verlangen; – kurzum, dann hast du gelebt, wie ein unabhängiges Wesen leben sollte. Nimm meinen Rat – es ist der erste und letzte, den ich dir gebe; dann wirst du weder mich noch irgend einen Menschen brauchen, was auch kommen möge. Vernachlässigst du diesen Rat hingegen – fährst du fort zu faulenzen, zu jammern, zu stöhnen, zu wünschen wie bisher – dann trage auch die Konsequenzen deiner blödsinnigen Dummheit, wie furchtbar und unerträglich diese auch sein mögen. – Eines sage ich dir offen, höre auf mich; denn wenn ich auch niemals wiederholen werde, was ich dir zu sagen im Begriff bin, so werde ich doch strenge danach handeln. Nach dem Tode meiner Mutter will ich nichts mehr mit dir zu thun haben; von dem Tage an, wo man ihren Sarg in das Gruftgewölbe von Gateshead tragen wird, sind wir, du und ich, so weit von einander geschieden, als ob wir uns niemals gekannt hätten. Du brauchst dir nicht einzubilden, daß ich jemals irgend einen Anspruch deinerseits an mich anerkennen werde, nur weil wir zufällig gemeinsame Eltern haben. Ich sage dir dies: [374] wenn das ganze menschliche Geschlecht – mit Ausnahme von uns beiden – plötzlich von der Erde vertilgt würde und wir allein auf der Erdoberfläche stünden, so würde ich dich allein in der alten Welt lassen und mich selbst in die neue hinüber begeben.«

Hier schwieg sie.

»Du hättest dir die Mühe ersparen können, diese Tiraden loszulassen,« antwortete Georgina. »Jeder Mensch weiß, daß du das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf auf Gottes weitem Erdenrund bist, und ich kenne deinen trotzigen Haß besonders gegen mich. Ich hatte ja eine Probe davon, als du mir jenen bösen Streich mit Lord Edwin Vere spieltest; du konntest es nicht ertragen, daß ich höher stehen sollte als du, daß ich einen Titel haben und in Gesellschaften kommen würde, in denen du nicht einmal wagen darfst, dein böses Gesicht zu zeigen. Und deshalb spieltest du die Spionin und die Klätscherin und zerstörtest für immer all meine Hoffnungen auf Lebensglück.«

Dann zog Georgina ihr Taschentuch hervor und schneuzte sich noch eine ganze Stunde lang. Eliza saß unbewegt da und arbeitete fleißig wie immer an ihrer Altardecke.

Im allgemeinen wird wenig Wert auf wahres, warmes, großherziges Empfinden gelegt: hier waren nun aber zwei Naturen, von denen die eine durch den Mangel daran unerträglich bitter, die andere verächtlich geschmacklos geworden war. Gefühl ohne Vernunft ist in der That ein schwacher Trunk; aber Vernunft, die nicht durch Gefühl gemildert wird, ist ein zu bitterer und rauher Bissen für den menschlichen Geschmack.

Es war ein feuchter, winterlicher Nachmittag. Georgina war bei dem Lesen eines Romans auf dem Sofa eingeschlafen; Eliza war gegangen, um in der neuen Kirche einem Gottesdienste zu Ehren irgend eines Heiligen beizuwohnen – denn in Religionssachen war sie eine strenge Formalitätenkrämerin, um nicht zu sagen: Heuchlerin; kein [375] Wetter konnte sie jemals an der Ausübung dessen hindern, was sie für ihre kirchlichen Pflichten hielt; ob schön, ob Regen, sie ging an jedem Sonntag dreimal in die Kirche und an jedem Wochentage, der einem Heiligen geweiht war, ebenfalls.

Mir fiel es ein, nach oben gehen zu wollen, um zu sehen, wie es der sterbenden Frau erging, um die sich fast niemand kümmerte. Ihre eigenen Dienstboten erwiesen ihr eine nur sehr kärgliche Aufmerksamkeit; und die gemietete Krankenwärterin, welche in keiner Weise kontrolliert wurde, entwischte aus dem Zimmer so oft sie konnte. Bessie war zwar treu; aber sie mußte sich um ihre eigene Familie kümmern und konnte nur gelegentlich nach dem Herrenhause kommen. Ich fand das Krankenzimmer unbehütet, wie ich es nicht anders erwartet hatte; keine Wärterin war dort; die Patientin lag still und anscheinend in Lethargie; ihr bleiches Gesicht war in die Kissen zurückgesunken; im Kamin war das Feuer dem Verlöschen nahe.

Ich legte frische Nahrung auf die Kohlen, ordnete die Betten und ließ meine Blicke einige Augenblicke auf der Gestalt ruhen, welche mich jetzt nicht ansehen konnte, – dann trat ich ans Fenster.

Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben; der Wind pfiff und heulte um das Haus. Da dachte ich: hier liegt nun eine, die bald über alle Kämpfe der irdischen Elemente fort sein wird. Und wohin wird jener Geist, der sich jetzt aus seiner körperlichen Hülle losringt, fliegen, wenn er sich endlich losgerungen hat?

Indem ich über dies große Mysterium grübelte, dachte ich an Helen Burns – ihre letzten Worte kehrten in mein Gedächtnis zurück – ihr Glaube – ihre Lehre von der Gleichheit aller entkörperten Seelen. Noch horchte ich im Geiste auf die Laute ihrer unvergeßlich süßen Stimme – noch rief ich mir ihr bleiches, vergeistigtes Gesicht, ihre schmerzerfüllten Züge, ihren erhabenen Blick, als sie so [376] still auf ihrem Sterbebette lag, in die Erinnerung zurück, noch hörte ich ihren sehnsüchtig geflüsterten Wunsch, in den Schoß des allmächtigen Vaters zurückkehren zu dürfen – als eine schwache Stimme vom Bette her murmelte:

»Wer ist da?«

Ich wußte, daß Mrs. Reed schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte. Kehrte sie denn zum Leben zurück? Ich ging zu ihr.

»Ich bin es, Tante Reed.«

»Wer – ich!« lautete ihre Antwort. »Wer bist du?« und dabei blickte sie mich erstaunt und ein wenig erschrocken, aber doch nicht wild und abwesend an. »Du bist mir ja ganz fremd – wo ist Bessie?«

»Sie ist im Parkhüterhäuschen, Tante.«

»Tante!« wiederholte sie. »Wer nennt mich Tante? Du bist doch keine von den Gibsons? – – und doch kenne ich dich – das Gesicht, und jene Stirn, und die Augen – das alles ist mir so bekannt; – du siehst aus wie – wie – nun ja, wie Jane Eyre!«

Ich schwieg. Denn ich fürchtete, eine Katastrophe herbeizuführen, wenn ich meine Identität mit Jane Eyre erklärte.

»Und doch,« sagte sie, »fürchte ich, daß ich mich irre. Meine Gedanken täuschen mich. Ich wünschte Jane Eyre zu sehen, und jetzt finde ich eine Ähnlichkeit, wo keine existiert. Außerdem muß sie sich doch während dieser acht Jahre verändert haben!«

Sanft und vorsichtig erklärte ich, daß ich die Person sei, welche sie vermutete und welche sie zu sehen wünschte, und als ich bemerkte, daß sie mich verstand und daß sie vollständig bei Sinnen war, teilte ich ihr mit, daß Bessie ihren Mann nach Thornfield geschickt habe, um mich nach Gateshead zu holen.

»Ich weiß, daß ich sehr krank bin,« sagte sie nach einer Weile. »Vor ein paar Minuten versuchte ich, mich im Bette [377] umzudrehen und fühlte, daß ich kein Glied mehr rühren kann. Es wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, bevor ich sterbe. Was uns wenig zu denken giebt, wenn wir gesund sind, lastet schwer auf uns in einer Stunde, wie diese es für mich ist. Wärterin, sind Sie da? Oder ist außer dir noch jemand im Zimmer?«

Ich versicherte sie, daß wir allein seien.

»Nun, ich habe dir zweimal ein Unrecht zugefügt, das ich jetzt bereue. Das eine war, daß ich das Versprechen brach, welches ich meinem Manne gegeben, dich stets wie mein eigenes Kind halten zu wollen; – das andere –« hier hielt sie inne.

»Nun, vielleicht ist es doch von keiner großen Bedeutung,« murmelte sie vor sich hin, – »und vielleicht werde ich wieder gesund, und dann wäre der Gedanke schrecklich, mich so vor ihr gedemütigt zu haben.«

Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu verändern, aber es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte sich; sie schien eine innere Bewegung zu spüren – vielleicht die Vorboten des letzten Kampfes.

»Nun, ich muß darüber fortkommen. – Die Ewigkeit liegt vor mir. Es ist doch besser, wenn ich es ihr sage. – Geh an meinen Toilettekasten, öffne ihn und nimm den Brief heraus, denn du dort finden wirst.«

Ich that, wie sie mir befohlen.

»Lies den Brief,« sagte sie.

Er war kurz und enthielt folgendes:


»Madame!

Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte Jane Eyre zu schicken und mir mitzuteilen, wie es ihr geht. Es ist meine Absicht, ihr binnen kurzem zu schreiben und sie aufzufordern, daß sie zu mir nach Madeira herauskommt. Die Vorsehung hat meine Bemühungen mit Erfolg gekrönt, ich habe mir ein Vermögen erworben. Und da ich unverheiratet und kinderlos, [378] so bin ich willens, sie noch bei Lebzeiten zu adoptieren und ihr bei meinem Tode alles zu hinterlassen, worüber ich verfügen kann.

Ich zeichne mich, Madame, u.s.w. u.s.w.

John Eyre, Madeira.«


Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.

»Weshalb ist mir dies niemals mitgeteilt worden?« fragte ich langsam.

»Weil ich dich zu sehr und zu unabänderlich haßte, um die Hand dazu zu leihen, daß du zu Wohlstand gelangtest. Ich konnte dein Betragen gegen mich nicht vergessen, Jane, die Wut nicht vergessen, mit welcher du dich einst gegen mich gewandt hast; den Ton nicht, in welchem du mir erklärt, daß du mich mehr haßtest als irgend jemand auf der Welt; die unkindliche Stimme nicht, nicht den unnatürlichen Blick, mit dem du gesagt, daß der bloße Gedanke an mich dich krank mache, mit dem du versichert, daß ich dich mit der elendesten Grausamkeit behandelt habe. Ich konnte meine eigenen Empfindungen nicht vergessen, die ich gehegt, als du damals aufsprangst und all das Gift deiner Seele über mich ausgossest: ich hatte Furcht empfunden, wie wenn ein Tier, das ich gestoßen oder geschlagen, mich plötzlich mit menschlichen Augen angesehen und mich mit einer menschlichen Stimme verflucht hätte. – Bring mir einen Tropfen Wasser! Aber beeile dich! O! Beeile dich!«

»Liebe Mrs. Reed!« sagte ich, indem ich ihr den gewünschten Trunk reichte, »denken Sie nicht mehr an all diese Dinge, schlagen Sie sich sie aus dem Sinn. Verzeihen Sie mir meine leidenschaftliche Sprache: ich war damals ein Kind; acht, fast neun Jahre sind seit jenem Tage vergangen.«

Sie beachtete meine Worte nicht; als sie aber das Wasser getrunken und tief Atem geholt hatte, fuhr sie folgendermaßen fort:

[379] »Ich sage dir; ich konnte es nicht vergessen und ich suchte meine Rache. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dein Onkel dich adoptieren und dich damit zu Glück und Wohlstand gelangen lassen wollte. Ich schrieb an ihn. Ich sagte, daß es mir leid thäte um den Kummer, den ich ihm bereiten müsse, aber Jane Eyre sei tot, sie sei am Typhus in Lowood gestorben. Jetzt magst du thun, was dich gut dünkt; schreib ihm und widersprich meinen Angaben – decke meine Lügen auf sobald du willst. Ich glaube, du warst nur mir zur Qual geboren; meine letzte Stunde wird durch die Erinnerung an eine That gemartert, welche ich niemals zu begehen versucht gewesen, wenn es sich nicht um dich gehandelt hätte.«

»Wenn ich dich nur überreden könnte, Tante Reed, nicht mehr an diese Angelegenheit zu denken und mich mit Güte und Nachsicht und Vergebung anzusehen –«

»Du hast einen sehr bösen Charakter,« sagte sie, »und dazu einen, den ich bis auf den heutigen Tag nicht zu begreifen imstande gewesen. Ich werde es nie verstehen, wie du während neun Jahren jede schlechte Behandlung ruhig und geduldig hinnehmen konntest, um im zehnten in Wut und Heftigkeit auszubrechen.«

»Mein Charakter ist nicht so schlecht wie Sie glauben, Tante Reed, ich bin leidenschaftlich aber nicht boshaft. Als ich ein kleines Kind war, wäre ich oft froh und glücklich gewesen, wenn Sie sich von mir hätten lieben lassen wollen, und ich sehne mich jetzt von ganzem Herzen nach einer Versöhnung. Küssen Sie mich, Tante.«

Ich näherte meine Wange ihren Lippen; sie berührte dieselbe nicht. Sie sagte, es beängstige sie, wenn ich mich über das Bett lehne, und verlangte wiederum zu trinken. Als ich sie wieder niederlegte – denn während des Trinkens hatte ich sie aufgerichtet und mit meinem Arm gestützt – bedeckte ich ihre eiskalte, feuchte Hand mit der meinen; [380] die schwachen Finger zuckten unter meiner Berührung zusammen – die gläsernen Augen mieden meinen Blick.

»Nun, wie Sie wollen, hassen Sie mich oder lieben Sie mich,« sagte ich endlich, »Sie haben meine volle Verzeihung; bitten Sie jetzt den allmächtigen Gott um seine Vergebung – und finden Sie Frieden.«

Armes, gequältes Weib! Jetzt war es zu spät für sie. Jetzt konnte sie keine Anstrengung mehr machen, um ihr Gemüt zu ändern. Während ihres Lebens hatte sie mich nur gehaßt – auch im Tode mußte sie mich noch hassen.

Jetzt trat die Wärterin ein, und Bessie folgte ihr.

Ich verweilte noch eine halbe Stunde, immer auf ein Zeichen von Freundlichkeit und Vergebung hoffend: aber es war umsonst, sie sah mich nicht mehr. Sie sank immer mehr und mehr in Bewußtlosigkeit; die Besinnung kehrte nicht wieder. Um zwölf Uhr in jener Nacht starb sie. Ich war nicht da, um ihre Augen zudrücken zu können; auch ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Am nächsten Morgen kamen die Wärterin und Bessie, um uns mitzuteilen, daß alles vorüber sei. Man hatte sie schon auf das Paradebett gelegt. Eliza und ich gingen, um sie noch einmal zu sehen. Georgina brach in lautes, krampfhaftes Weinen aus und sagte, sie habe nicht den Mut zu gehen. Da lag nun Sarah Reeds einstmals so kräftiger, lebensvoller Körper, starr und kalt und still. Die kalten Lider bedeckten das scharfe, erbarmungslose Auge; die Stirn und die starren Züge trugen noch den Stempel ihrer unbeugsamen, unerbittlichen Seele. Dieser Leichnam hatte etwas Seltsames, Feierliches für mich. Mit Schauer und Kummer blickte ich auf ihn herab: nichts Sänftigendes, nichts Friedliches, nichts Erbarmungsreiches oder Hoffnungerweckendes oder ruhig Stimmendes flößte er mir ein; nur einen herzzerreißenden, angstvollen Jammer um ihr Weh – nicht um meinen Verlust – und ein düsteres, thränenloses Entsetzen über die Grauen des Todes in dieser Gestalt.

[381] Eliza blickte ruhig auf ihre Mutter herab. Nach einigen Minuten des Schweigens bemerkte sie:

»Mit ihrer Konstitution hätte sie ein schönes, hohes Alter erreichen können. Aber Kummer hat ihr Leben verkürzt.«

Dann zog ihr Mund sich einen Augenblick krampfhaft zusammen. Aber nur für einen Augenblick. Gleich darauf wandte sie sich ab und ging zur Thür hinaus. Dasselbe that ich. Keine von uns hatte eine Thräne vergossen.

Zweites Kapitel [2]

Zweites Kapitel

Mr. Rochester hatte mir nur eine Woche Urlaub gegeben, aber trotzdem verfloß ein ganzer Monat, ehe ich Gateshead verließ. Ich wollte unmittelbar nach dem Begräbnis abreisen, aber Georgina flehte mich an zu bleiben, bis es ihr möglich sein würde, nach London abzureisen, wohin ihr Onkel, Mr. Gibson, sie nun endlich, endlich eingeladen hatte. Dieser war hinaus gekommen, um alle Anstalten für das Begräbnis seiner Schwester zu treffen und die Geldangelegenheiten der Familie zu ordnen. Georgina sagte, sie fürchte sich mit Eliza allein zu bleiben; von ihr hatte sie weder Sympathie in ihrer Traurigkeit, noch Hilfe in ihrer Bedrängnis und Unterstützung bei ihren Reisevorbereitungen zu erhoffen. Daher ertrug ich denn ihr kleinmütiges Jammern und ihre selbstsüchtigen Klagen so gut ich konnte und that mein Bestes, indem ich für sie nähte und arbeitete und Wäsche und Kleider für sie einpackte. Es ist wahr, daß sie müßig umherging, während ich arbeitete, und gar oft dachte ich in meinem Sinne: »Nun Cousine, wenn wir beiden verurteilt wären miteinander zu leben, so würden wir die Sache bald anders anfassen. Ich würde mich nicht gutwillig darein finden, der arbeitende Teil zu sein; ich würde auch dir deinen Teil der Arbeit zukommen lassen und dich zwingen ihn zu thun, wenn er nicht ungethan bleiben sollte. Und ich würde auch darauf bestehen, daß du einige dieser nur halb aufrichtig empfundenen, schleppenden [382] Klagelieder in deine eigene Brust verschlössest. Nur, weil unser Verkehr zufällig ein sehr vorübergehender ist und in eine sehr traurige Zeit fällt, finde ich mich darein, so geduldig und gutwillig dir gegenüber zu sein.«

Endlich kam der Augenblick für Georginas Abreise, aber jetzt war die Reihe an Eliza, mich zu bitten, daß ich noch eine Woche dableibe. Wie sie sagte, nahmen ihre Pläne all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie war im Begriff, in irgend ein unbekanntes Land abzureisen und während des ganzen Tages hielt sie sich in ihrem Zimmer auf. Die Thür war von innen verschlossen, und sie beschäftigte sich damit Koffer zu packen, Schiebladen zu leeren, Papiere zu verbrennen, ohne daß jemand sie bei dieser Arbeit hätte stören dürfen. Von mir wünschte sie, daß ich mich um den Haushalt kümmere, Besucher empfing und Kondolenzschreiben beantworte.

Eines Morgens sagte sie mir, daß sie meiner jetzt nicht weiter bedürfe. »Und,« fügte sie hinzu, »ich bin Ihnen außerordentlich verbunden für Ihre außerordentlichen Dienste und Ihr diskretes Verhalten. Es ist freilich ein großer Unterschied, ob man mit Ihnen lebt oder mit Georgina. Sie tragen Ihre eigene Last im Leben und quälen und belästigen niemand. Morgen,« fuhr sie fort, »begebe ich mich nach dem Kontinent. Ich werde meinen Aufenthalt in einem frommen Hause bei Lisle nehmen – ein Nonnenkloster, wie man es zu nennen pflegt. Dort werde ich ruhig und ungestört leben. Ich werde mich für einige Zeit der Prüfung des römisch-katholischen Dogmas widmen und sorgfältig die Werke über das System dieser Lehre prüfen. Wenn ich finde – wie ich es halb und halb erwarte – daß es dasjenige ist, welches darauf berechnet ist, alle Dinge des Lebens in guter Ordnung und ruhig ausführen zu können, so werde ich mich zu den Lehren bekennen, welche von Rom ausgegangen sind, und wahrscheinlich den Schleier nehmen.«

Ich drückte durchaus kein Erstaunen über diesen Entschluß [383] aus und versuchte ebensowenig, sie von demselben abzubringen. »Dieser Beruf wird aufs Haar für dich passen,« dachte ich, »mag dir die Sache gut bekommen!«

Als wir uns trennten, sagte sie: »Leben Sie wohl, Cousine Jane Eyre; möge es Ihnen gut gehen, Sie besitzen ziemlich viel Einsicht und Verstand.«

Und ich entgegnete: »Auch Sie sind nicht ohne Einsicht und Verstand, Cousine Eliza; aber was Sie davon besitzen wird wahrscheinlich binnen Jahresfrist in einem französischen Kloster eingemauert sein. Indessen geht das mich nicht an, und wenn Sie sich wohl dabei fühlen, ist es mir gleichgiltig.«

»Sie haben recht,« entgegnete sie. Und mit diesen Worten trennten wir uns und gingen jede unseres Weges.

»Da ich nicht Gelegenheit haben werde, wieder auf sie oder ihre Schwester zurückzukommen, kann ich hier ebensogut noch erwähnen, daß Georgina eine vorteilhafte Heirat mit einem sehr reichen aber verlebten Manne von Welt schloß, und daß Eliza in der That den Schleier nahm und heute Oberin des Klosters ist, in welchem sie die Zeit ihres Noviziats zubrachte. Ihr Vermögen hat sie demselben ebenfalls vermacht.

Wie es Leuten ums Herz sein muß, die nach einer längeren oder kürzeren Abwesenheit wieder in ihr Heim zurückkehren – das wußte ich nicht. Ich hatte diese Erfahrung ja niemals machen können. Wohl wußte ich, was es für mich als Kind bedeutete, wenn ich in Gateshead nach einem langen Spaziergang heimkehrte –: ich wurde gescholten, weil ich traurig und verfroren aussah; und später hatte ich erfahren, was es in Lowood hieß, nach langem Marsche aus der Kirche nach Hause zu kommen –: ich sehnte mich nach einer guten, reichlichen Mahlzeit und einem warmen Kaminfeuer und bekam keins von beiden. Keins von diesen beiden ›Nachhausekommen‹ war sehr angenehm oder wünschenswert; kein Magnet zog mich zu einem [384] gewissen Punkt und vermehrte und verstärkte die Kraft und Attraktion je näher ich kam. Was die Heimkehr nach Thornfield für mich bedeutete, mußte ich noch erst erfahren.

Meine Reise war langweilig – sehr langweilig. Fünfzig Meilen am ersten Tage, Nachtruhe in einem Landwirtshause, fünfzig Meilen am zweiten Tage. Während der ersten zwölf Stunden dachte ich an Mrs. Reed und ihre letzten Stunden; ich sah ihr fahles, entstelltes Antlitz und hörte die seltsam veränderte Stimme. Ich dachte über den Begräbnistag nach, über den Sarg, den Leichenwagen, den langen, schwarzen Zug von Pächtern und Dienern – der Verwandten waren nur wenige gewesen – das gähnende Gruftgewölbe, die stille Kirche, den feierlichen Gottesdienst. Dann fielen mir Eliza und Georgina ein. Ich sah die eine als den Anziehungspunkt eines Ballsaales, die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle, und ich verweilte dabei, ihre verschiedenen Eigentümlichkeiten des Charakters und der Person zu analysieren.

Die späte Ankunft in dem Landstädtchen X ... verjagte diese Gedanken; die Nacht leitete sie in eine andere Bahn. Als ich mein Lager aufgesucht hatte verließ mich das Erinnern und ich gab mich der Erwartung hin.

Ich sollte also nach Thornfield zurückkehren; wie lange würde dort aber meines Bleibens sein? Nicht lange; dessen war ich gewiß. Während der Zeit meiner Abwesenheit hatte ich von Mrs. Fairfax gehört; die lustige, vornehme Gesellschaft, welche bei meiner Abreise noch im Herrenhause versammelt gewesen, hatte sich nach allen Seiten zerstreut. Mr. Rochester war vor drei Wochen nach London gereist, wurde aber während der nächsten vierzehn Tage von dort zurückerwartet. Mrs. Fairfax sprach die Vermutung aus, daß er hingereist sei, um Vorbereitungen für seine Hochzeit zu treffen, da er davon gesprochen habe, einen neuen Wagen kaufen zu wollen. Sie sagte, der Gedanke, daß er Miß Ingram heiraten wolle, erscheine ihr noch immer so seltsam; [385] aber nach allem, was ›alle Welt‹ sagte und nach dem, was sie mit eigenen Augen gesehen, könne wohl kein Zweifel mehr daran sein, daß die Sache nahebevorstehend sei.«

»Du wärst aber auch ungewöhnlich ungläubig, wenn du daran zweifeltest,« sagte ich im Geiste zu mir selbst, »ich meinesteils zweifle nicht einen Augenblick daran.«

Und nun folgte die Frage: »Wohin sollte ich dann gehen?« Während der ganzen Nacht träumte mir von Miß Ingram; ein lebhafter Morgentraum zeigte sie mir, wie sie alle Thore von Thornfield vor mir schloß und mich auf einem anderen Wege hinauswies; Mr. Rochester stand ruhig mit verschränkten Armen daneben und ließ sie gewähren; wie es schien, lächelte er sarkastisch sowohl über sie wie über mich.

Ich hatte Mrs. Fairfax den bestimmten Tag meiner Ankunft nicht bekannt gegeben, denn ich wünschte nicht, daß man mir irgend ein Fuhrwerk nach Millcote entgegenschickte. Ich hatte mir vorgenommen, die Strecke Weges ruhig allein zu gehen; und nachdem ich meinen Koffer dem Hausknechte anvertraut hatte, machte ich mich unbemerkt aus dem »Hotel zum heiligen Georg« davon und schlug an einem schönen Juniabende gegen sechs Uhr die alte Straße nach Thornfield ein – ein Weg, der hauptsächlich durch Felder führte und wenig benutzt wurde.

Es war ein warmer, linder, aber kein strahlender, heißer Sommerabend; die Wiesenarbeiter waren am ganzen Wege entlang beschäftigt; der Himmel, wenn auch nicht wolkenlos, versprach gutes Wetter für die kommenden Tage; seine Bläue – wo sie überhaupt sichtbar – war milde, und die Wolken zogen hoch und durchsichtig dahin. Auch der Westen war warm; keine wässerigen Strahlen störten das Bild, es war, als sei ein Feuer angezündet, als brenne ein Altar hinter jenem dunstigen Vorhange, und wo dieser hie und da zerrissen war, schien eine goldige Röte hervor.

[386] Fröhlichkeit kam über mich, als ich den vor mir liegenden Weg immer kürzer werden sah; ich wurde so froh, daß ich einmal im Gehen innehielt, um mich erstaunt zu fragen, was jene Empfindung des Glücks bedeute, und meine Vernunft daran zu erinnern, daß ich nicht in mein eigenes Heim oder an einen dauernden Ruheplatz, oder an einen Ort zurückkehre, wo treue, zärtliche Freunde meiner harrten und meine Ankunft herbeisehnten.

»Aber Mrs. Fairfax wird ein freundliches Lächeln des Willkommens für dich haben,« sagte ich mir, »und die kleine Adele wird in die Hände klatschen und vor Freude springen, wenn sie dich sieht, – aber du weißt sehr wohl, daß sie es nicht sind, an die du denkst – und daß dieser Eine nicht an dich denkt.«

Aber was ist so eigensinnig wie die Jugend? Was so blind wie Unerfahrenheit? Diese behaupteten, daß es schon Glück genug sei, Mr. Rochester nur anzublicken, ob er mich ansähe oder nicht, und sie fügten hinzu – »Eile, eile! Bleib bei ihm so lange du darfst; nur noch wenige Tage oder höchstens Wochen, und du bist für immer von ihm getrennt!«

Und dann erstickte mich eine neue Seelenqual – ein entsetzliches, ungeheuerliches Etwas, das ich nicht anerkennen, nicht Macht über mich gewinnen lassen durfte – und ich lief weiter.

Auch auf den Wiesen von Thornfield waren die Leute mit dem Heuen beschäftigt, oder eigentlich waren die Mäher gerade mit ihrem Tagewerk zu Ende und gingen mit den Sensen und Rechen und Heugabeln über die Schulter gehängt ihren Häusern und Hütten zu. Dies war die Stunde meiner Ankunft. Ich habe nur noch über zwei Felder zu gehen und dann die Landstraße zu kreuzen – und ich bin am Thor. Wie üppig die Rosen an den Hecken blühen! Aber ich habe keine Zeit, sie zu pflücken; ich will nur nach Hause! Ich kam an einem hohen Dornenstrauch vorüber, [387] dessen dicht belaubte, blühende Zweige über den Weg wucherten. Ich sehe die enge Stiege mit den steinernen Stufen, und ich erblicke – Mr. Rochester, welcher dort sitzt; in der Hand hält er ein Buch und einen Bleistift. Er schreibt.

Nun, er ist kein Geist; und doch bebt jede meiner Nerven; für einen Augenblick habe ich alle Herrschaft über mich selbst verloren. Was bedeutet dies? Ich hatte nicht geahnt, daß ich bei seinem Anblick so zittern würde – oder meine Stimme oder alle Bewegungskraft in seiner Gegenwart verlieren. Sobald ich mich rühren kann, werde ich umkehren; ich brauche doch nicht zur absoluten Närrin zu werden. Es giebt ja noch einen anderen Weg nach dem Herrenhause. Aber es ist gleichgiltig, wenn ich auch zwanzig Wege kenne; denn er hat mich bereits gesehen.

»Hallo!« ruft er und hält Buch und Stift in die Höhe. »Da sind Sie also! Nur näher kommen, wenn's gefällig ist!«

Vermutlich gehe ich weiter, obgleich ich nicht weiß, wie dies geschieht, da ich kein Bewußtsein habe von dem, was ich thue und nur das Bestreben empfinde, ruhig zu erscheinen; und vor allen Dingen die erregten Muskeln meines Gesichts zu beherrschen, die energisch gegen meinen Willen rebellieren und gern das zum Ausdruck bringen möchten, was ich selbst mit Aufwand all meiner Kräfte verbergen möchte. Aber ich habe ja einen Schleier – nun ist er herabgezogen. Vielleicht gelingt es mir doch noch mit anständiger Fassung zu erscheinen.

»Und dies ist Jane Eyre? Kommen Sie von Millcote, und zu Fuß? Ja – wieder einer Ihrer Streiche! Nicht um den Wagen zu ersuchen und über Stock und Stein dahergeklettert zu kommen, wie eine gewöhnliche Sterbliche! Sich in der Dämmerstunde in die Nähe Ihres Hauses zu schleichen, gerade als ob Sie ein Traumgebilde oder ein Schatten wären! Was zum Teufel haben Sie während des letzten Monats mit sich gemacht?«

»Ich war bei meiner Tante, Sir, die gestorben ist.«

[388] »Das ist wieder eine Antwort à la Jane Eyre! Alle guten Geister mögen mich schützen! Sie kommt aus dem Jenseits – aus der Wohnung der Leute, die gestorben sind! Und das erzählt sie mir noch, wenn sie mich hier allein in der Dunkelheit trifft! Wenn ich den Mut hätte, würde ich Sie anrühren, um zu sehen, ob Sie Schatten oder Wirklichkeit sind – Sie Elfe! – aber gerade so gut könnte es mir einfallen, ein blaues ignis fatuus auf dem Moor greifen zu wollen. Tagediebin! Tagediebin!« fügte er hinzu und schwieg dann einen Augenblick. »Einen ganzen Monat fern von mir gewesen! Und ich möchte schwören, daß sie mich ganz vergessen hat!«

Ich wußte, daß es eine Freude für mich sein würde, meinen Herrn wieder zu finden, wenn sie auch durch die Furcht getrübt wurde, daß er bald aufhören würde, mein Herr zu sein, und das Bewußtsein, daß ich selbst ihm nichts sei. Aber Mr. Rochester besaß in so reichem Maße die Macht, glücklich zu machen – so glaubte ich wenigstens – daß es schon ein köstliches Mahl war, von den Brosamen zu kosten, welche er armen, fremden, verirrten Vögeln wie mir hinwarf. Seine letzten Worte waren Balsam: sie schienen anzudeuten, daß es ihm nicht gleichgiltig war, ob ich ihn vergaß oder nicht. Und er hatte von Thornfield wie von meinem Heim gesprochen – ach! wenn es doch mein Heim wäre!

Er verließ die Stiege nicht, und ich hatte nicht den Mut, ihn zu bitten, daß er mich vorüber lasse. Ich fragte dann, ob er nicht in London gewesen sei.

»Ja, vermutlich hat Ihr ›zweites Gesicht‹ Ihnen das gesagt.«

»Mrs. Fairfax teilte es mir in einem Briefe mit.«

»Und hat sie Sie auch von dem Zweck meiner Reise gründlich unterrichtet?«

»O ja, Sir! Jedermann kannte diesen Zweck.«

»Sie müssen den Wagen ansehen, Jane, und mir sagen, [389] ob Sie nicht der Ansicht sind, daß er Mrs. Rochester durchaus gefallen wird, und ob sie nicht aussehen wird wie eine Königin, wenn sie sich in die dunkelroten Polster zurücklehnt. Ich wollte nur, Jane, daß ich äußerlich ein wenig passender für sie wäre. Sagen Sie mir nun, da Sie doch eine Fee sind, können Sie mir nicht ein Zaubermittel oder einen Trunk oder irgend etwas Ähnliches geben, das einen schönen Mann aus mir machte?«

»Dazu reicht keine Zauberkraft aus, Sir;« und innerlich setzte ich hinzu: »Ein liebendes Auge ist aller Zauber, dessen es hier bedarf; einem solchen wären Sie schön genug; vielmehr hat Ihr ernster Blick eine Macht, die größer ist als alle Macht der Schönheit.«

Mr. Rochester hatte meine unausgesprochenen Gedanken oft mit einer Scharfsinnigkeit gelesen, die mir völlig unbegreiflich war; in diesem Falle indessen nahm er von meiner so schnell gesprochenen Entgegnung keine Notiz; aber er lächelte mich mit jenem seltsamen Lächeln an, das nur ihm allein eigen war und das er nur bei den seltensten Gelegenheiten anwandte. Für gewöhnliche Gelegenheiten schien er es für zu gut zu halten; es war ein förmlicher Sonnenschein des Gefühls – jetzt ließ er ihn über mich ausstrahlen.

»Gehen Sie, Jane,« sagte er, indem er mir Platz machte, um über den Zauntritt steigen zu können, »gehen Sie nach Hause und lassen Sie Ihren kleinen, müden, wandernden Fuß auf der Schwelle eines Freundes ruhen.«

Jetzt blieb mir nichts übrig, als ihm schweigend zu gehorchen; es war keine Veranlassung zu weiterem Zwiegespräch. Ohne ein Wort zu reden, stieg ich über den Zauntritt und gedachte, ihn dort ruhig zu verlassen. Ein Impuls hielt mich zurück – eine unsichtbare Macht hieß mich umwenden. Ich sagte – oder irgend etwas in mir sagte ohne mein Wollen:

»Ich danke Ihnen für Ihre große Güte, Mr. Rochester. Es macht mich so seltsam froh, wieder hier und bei Ihnen [390] zu sein; und wo Sie sind, ist mein Heim – mein einziges Heim.«

Und dann ging ich so schnell weiter, daß er, selbst wenn er gewollt hätte, nicht imstande gewesen wäre, mich einzuholen. Die kleine Adele war halb närrisch vor Wonne, als sie meiner ansichtig wurde. Mrs. Fairfax empfing mich mit ihrer gewöhnlichen einfachen Herzlichkeit. Leah lächelte, und sogar Sophie sagte mir freundlich »bon soir«. Dies alles war so angenehm. Es giebt kein größeres Glück als das, von seinen Nebenmenschen geliebt zu werden und zu fühlen, daß deine Nähe ihre Freude und ihr Wohlbehagen nur erhöht.

An diesem Abend war ich entschlossen, meine Augen vor der Zukunft zu schließen. Ich wollte nicht auf die mahnende Stimme hören, die mich vor der nahenden Trennung und künftigem Kummer warnte.

Als die Theestunde vorüber, und Mrs. Fairfax ihr Strickzeug genommen, ich mich auf einen niedrigen Sessel ihr zur Seite gesetzt hatte, und Adele, welche auf dem Teppich kniete, sich dicht an mich schmiegte, schien ein Bewußtsein gegenseitiger Liebe uns wie mit einem goldenen Ringe zu umschließen, und ich sandte ein stilles Gebet zum Himmel, daß unsere Trennung nicht zu nahe bevorstehend sein möge. Als wir noch so saßen, trat Mr. Rochester unangemeldet ein. Er blickte uns an und schien Freude an dieser glücklichen Gruppe zu finden. Dann sagte er, die alte Dame fühle sich jetzt, wo sie ihre Adoptivtochter wieder habe, hoffentlich ganz glücklich und fügte hinzu, daß er sähe wie Adele »prête à croquer sa petite maman anglaise« sei (bereit sei ihre kleine, englische Mama aufzuessen). – Da bemächtigte sich meiner der Wunsch, daß er uns auch noch nach seiner Heirat irgendwo unter seinem Schutze möchte beisammen sein lassen und uns nicht ganz aus dem Sonnenschein seiner Gegenwart verbannen.

[391] Vierzehn Tage zweifelhafter Ruhe verflossen nach meiner Rückkehr von Gateshead. Von der Heirat unseres Herrn wurde nicht gesprochen und ich gewahrte auch keine Vorbereitungen, die auf ein so nahe bevorstehendes Ereignis hätten schließen lassen können. Fast täglich fragte ich Mrs. Fairfax, ob sie irgend etwas Bestimmtes gehört habe, und immer lautete ihre Antwort verneinend. Einmal sagte sie, daß sie Mr. Rochester geradezu gefragt habe, wann er seine junge Frau nach Hause zu bringen gedenke; er hatte ihr aber nur mit einem Schlagworte und einem seiner seltsamen Blicke geantwortet, und jetzt sei sie ebenso klug wie zuvor.

Was mich aber ganz besonders in Erstaunen setzte, war, daß es kein Hin- und Herreisen gab, keine Besuche in Ingram-Park. Allerdings lag diese Besitzung zwanzig Meilen entfernt, auf der Grenze einer andern Grafschaft, aber was bedeutete diese Entfernung für einen begeisterten Liebhaber? Für einen so geübten und unermüdlichen Reiter wie Mr. Rochester, war dieser Weg doch nur ein Morgenritt. Ich begann Hoffnungen zu hegen, zu denen nichts mich berechtigte, ich hoffte, daß die Verbindung abgebrochen, daß das ganze Gerücht ein falsches gewesen, daß einer oder gar beide anderen Sinnes geworden. Ich pflegte das Gesicht meines Herrn zu prüfen, ob es trotzig oder traurig sei; aber ich konnte mich der Zeit nicht entsinnen, wo es so ungetrübt klar und ruhig gewesen wie gerade jetzt. Wenn ich in den Momenten, wo ich und meine Schülerin mit ihm zusammen waren, verstummte und in eine nicht zu bekämpfende Traurigkeit versank, konnte er sogar laut und fröhlich werden. Niemals hatte er so oft und andauernd meine Gesellschaft verlangt; niemals war er gütiger und liebevoller gewesen – ach! und niemals hatte ich ihn inniger geliebt!

Drittes Kapitel [2]

[392] Drittes Kapitel

Eine herrliche Mittsommerzeit war über England gekommen. Gar selten sonst wird unser wogenbespültes Land mit einem so klaren Himmel, einem so strahlenden Sonnenschein beglückt, wie wir ihn jetzt ununterbrochen hatten. Es war, als ob eine Menge von italienischen Tagen wie eine Schar prächtiger Zugvögel vom Süden heraufgekommen wäre und sich, um auszuruhen, auf den Felsen Albions niedergelassen hätte. Alles Heu war hereingebracht. Die Wiesen um Thornfield waren grün und kurz geschoren; die Landstraßen waren heiß und staubig, die Bäume prangten in dunklem Grün. Hecken und Bäume in ihrem vollen dunklen Blätterschmuck kontrastierten auf das prächtigste mit den hellen Matten, auf welchen sie standen.

Am Johannisabend war Adele, die den ganzen Tag wilde Erdbeeren in Haylane gesucht und daher zu Tode ermüdet war, mit der Sonne schlafen gegangen. Ich hatte ihr zugesehen, wie sie einschlief. Dann verließ ich sie und ging in den Garten.

Es war die süßeste von allen vierundzwanzig Stunden. Das glühende Feuer des Tages war erloschen, und auf die lechzende Erde und die durstigen Hügel fiel der wohlthätige Thau. Wo die Sonne in ihrer einfachen Pracht untergegangen war, ohne sich mit dem Pomp der Wolken zu umgeben, zog sich ein feierlicher, roter Streifen hin, in dem es hier und da funkelte wie das Feuer eines köstlichen Edelsteins oder die Flamme eines lodernden Hochofens. Hoch und weit, schwächer und schwächer werdend, zog er sich über den halben Horizont. Im tiefblauen Osten stieg ein einziger Stern empor, bald sollte ihm der Mond folgen; jetzt war er noch unter dem Horizont.

Während einiger Minuten ging ich auf der gepflasterten Terrasse hin und her; aber bald drang ein wohlbekannter Duft – der einer Cigarre – aus einem der geöffneten [393] Fenster; ich bemerkte, daß die Fensterthür des Bibliothekzimmers ungefähr eine Handbreit geöffnet war, und ich wußte, daß man mich von dort aus möglicherweise beobachten konnte; deshalb ging ich hinunter in den Obstgarten. Im ganzen Park kein Winkel, der sich an Ruhe und paradiesischer Schönheit mit diesem hätte vergleichen können; die schattenreichsten Bäume, die duftendsten Blumen wuchsen hier; eine sehr hohe Mauer trennte ihn von dem Wirtschaftshofe an der einen Seite, an der andern verdeckte eine Buchenallee den großen dahinter liegenden Grasplatz. Am äußersten Ende war ein zerfallener Zaun, die einzige Scheide zwischen den einsamen Kornfeldern; zu diesem Zaun führte ein gewundener Fußpfad, an welchem Lorbeerbäume sich entlang zogen und der vor einem riesenhaften Kastanienbaum endigte, um dessen Stamm eine bequeme Bank aufgestellt war. Hier konnte man ungesehen umherwandern. Der Thau fiel, es wurde dunkler und immer dunkler, stiller und immer stiller, und mir war, als könnte ich an diesem geschützten Ort für immer weilen. Als ich aber die Blumenbeete und Baumgruppen am oberen Ende dieses abgesonderten Winkels überblickte, wurde mein Schritt plötzlich gehemmt – nicht durch einen Gegenstand, nicht durch einen Laut, sondern wiederum durch einen verräterischen Duft.

Jasmin und Nelken, Stabwurz und Feldrosen haben längst ihr allabendliches Opfer an Weihrauch dargebracht; dieser neue Duft entsteigt weder einer Blume noch einem Strauch – er entströmt, ich weiß es nur zu wohl, Mr. Rochesters Cigarre. Ich blicke umher und horche. Ich sehe die Bäume mit reifenden Früchten beladen. Eine halbe Meile von hier entfernt, in einem lieblichen Gehölz, höre ich eine Nachtigall schlagen. Keine sich bewegende menschliche Gestalt ist sichtbar, kein nahender Schritt hörbar, aber jener Duft wird stärker: ich muß fliehen. Ich schreite auf die Gitterpforte zu, welche in die Baumschule führt – und sehe Mr. Rochester eintreten. Ich trete seitwärts in [394] die epheuumrankte Nische; er wird ja nicht lange verweilen; bald wird er dorthin zurückkehren, von wo er gekommen, und wenn ich mich sehr ruhig verhalte, wird er mich vielleicht nicht sehen.

Aber nein – die Abendruhe ist ihm ebenso wohlthuend wie mir, und dieser altertümliche Garten übt die gleiche Anziehungskraft auf ihn; und weiter schlendert er. Jetzt hebt er den Zweig eines Stachelbeerbusches empor, um die reifenden Früchte zu prüfen, welche so groß wie Pflaumen sind und schwer zu Boden hängen. Dann pflückt er eine reife Kirsche vom Spalier; nun wieder beugt er sich zu einer Blumengruppe nieder, entweder um ihren Duft einzuatmen oder die Thautropfen in ihren Kelchen zu bewundern. Eine große Motte summt an mir vorüber; sie läßt sich auf einer Pflanze zu Mr. Rochesters Füßen nieder; er sieht sie und beugt sich, um sie genau anzusehen.

»Jetzt wendet er mir den Rücken,« dachte ich, »und ist emsig beschäftigt; wenn ich sehr leise und geräuschlos gehe, komme ich vielleicht ungesehen davon.«

Ich schlich am Rande der Beete entlang, damit das Knirschen der Kieselsteine, mit denen die Wege bestreut waren, mich nicht verraten sollte, einige Fußbreit von der Stelle entfernt, an welcher ich vorbei mußte, stand er zwischen den Blumengruppen; augenscheinlich beschäftigte die Motte ihn. »Ich werde gewiß unbemerkt vorbeikommen,« dachte ich. Als ich über seinen Schatten, welchen der eben aufgegangene Mond über den Fußpfad warf, hinwegschritt, sagte er ruhig ohne sich umzuwenden:

»Jane, kommen Sie her und sehen Sie dies Tier an.«

Ich hatte kein Geräusch gemacht: er hatte auch keine Augen auf dem Rücken – konnte sein Schatten denn fühlen? Im ersten Augenblick schrak ich zusammen, dann näherte ich mich ihm.

»Sehen Sie die Flügel an,« sagte er, »sie erinnert mich an ein westindisches Insekt; in England sieht man [395] eine so große und lustige Nachtschwärmerin nicht oft: ah! nun fliegt sie davon!«

Und die Motte flog fort. Auch ich wollte mich leise davon machen; aber Mr. Rochester folgte mir, und als wir die Pforte erreichten, sagte er:

»Kehren Sie mit mir um; es ist eine Sünde, an einem so herrlichen Abend im Hause zu sitzen; und niemand kann doch wünschen, sein Lager aufzusuchen, wenn Sonnenuntergang und Mondaufgang so wundersam zusammentreffen.«

Es ist einer meiner Mängel, daß meine Zunge, die oft so leicht die passende Antwort findet, mir zuweilen den Dienst versagt, wenn es gilt, eine Entschuldigung vorzubringen, wenn ein leichthingeworfenes Wort oder ein plausibler Vorwand mich aus einer peinlichen Verlegenheit reißen könnte. Es war mir nicht angenehm, um diese Stunde mit Mr. Rochester allein im Obstgarten spazieren zu gehen; aber mir fiel kein Prätext ein, unter dem ich ihn hätte verlassen können.

Mit zögernden Schritten folgte ich ihm, mein Gehirn mühte sich ab, ein Mittel zu finden, um mich aus der Affaire zu ziehen, aber er selbst sah so ruhig und ernst aus, daß ich begann, mich meiner Verwirrung zu schämen. Das Unrecht – wenn von gegenwärtigem oder künftigem Unrecht die Rede sein konnte – schien nur auf meiner Seite zu liegen; seine Stimmung schien ruhig und gefaßt zu sein.

»Jane,« begann er von neuem, als wir in den Lorbeerbepflanzten Weg traten und langsam in der Richtung des verfallenen Zaunes und des Kastanienbaumes hinschritten, »Jane, Thornfield ist ein prächtiger Aufenthalt im Sommer, nicht wahr?«

»Ja, Sir.«

»Das Haus muß Ihnen doch schon ein wenig lieb geworden sein, – Sie, die Sie ein Auge für Naturschönheit haben und einen stark ausgebildeten Sinn der Seßhaftigkeit.«

[396] »Allerdings hege ich eine Vorliebe für Thornfield.«

»Und obgleich ich nicht begreife, wie es zugeht, so bemerke ich doch, daß Sie eine Art von Zuneigung für das thörichte kleine Ding, die Adele gefaßt haben und ebenso für die bescheidene Dame Fairfax.«

»Ja, Sir, in verschiedener Weise habe ich beide herzlich lieb.«

»Und würde es Ihnen schwer fallen, sich von beiden zu trennen?«

»Gewiß.«

»Wie schade!« sagte er seufzend. Dann schwieg er lange. »So geht es immer im Leben,« fuhr er nach einer Weile fort, »kaum hat man einen glücklichen Ruhefleck gefunden, so ertönt die Stimme, die einem zuruft aufzustehen und weiter zu gehen, denn die Stunde der Ruhe ist vorüber.«

»Muß ich denn weitergehen, Sir?« fragte ich. »Muß ich Thornfield wieder verlassen?«

»Ich glaube, Sie müssen, Jane. Es thut mir leid, Jane, aber ich glaube wirklich, daß Sie fort müssen.«

Das war ein Schlag; aber ich ließ mich nicht von ihm zu Boden schmettern.

»Nun, Sir, ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Aufbruch kommt.«

»Er kommt jetzt – ich muß ihn schon heute Abend erteilen.«

»Sie wollen sich also verheiraten, Sir?«

»Sie haben es erraten – vollkommen erraten. Mit Ihrer gewöhnlichen Klugheit haben Sie wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.«

»Bald, Sir?«

»Sehr bald, meine –, ich wollte sagen Miß Eyre; und Sie werden sich noch erinnern, als das Gerücht oder ich Ihnen zum erstenmal mitteilte, daß es meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken unter das heilige Joch zu beugen, in den heiligen Stand der Ehe zu treten – [397] Miß Ingram an mein Herz und meinen Herd zu nehmen, kurzum ... also ... nun, wie ich Ihnen schon sagte – hören Sie mich an, Jane! Sie wenden den Kopf doch nicht ab, um noch mehr Motten zu suchen? Es war nur eine verirrte, die heimwärts flog. Ich wollte Sie nur daran erinnern, daß Sie die erste waren, die mir sagte – allerdings mit jener Vorsicht und Fürsorglichkeit und Demut, welche Ihrer verantwortungsvollen und abhängigen Stellung zukommen – daß Sie und die kleine Adele für den Fall, daß ich Miß Ingram heiraten sollte, am liebsten fortgehen würden. Ich will nicht von der Beleidigung reden, welche in diesem Begehren für die Angebetete meines Herzens liegt; in der That, Jane, wenn Sie weit fort sein werden, will ich sogar versuchen, diese Beleidigung zu vergessen; ich will nur an die weise Fürsorge denken, welche darin lag; diese war so groß, daß ich sie sogar zur Richtschnur für meine Handlungsweise machen will. Adele muß in ein Institut geschickt werden, und Sie, Miß Eyre, müssen eine neue Stellung haben.«

»Ja, Sir, ich will sofort eine Annonce in die Zeitungen rücken lassen, inzwischen aber vermute ich – –« ich wollte sagen, »vermute ich, daß ich hier bleiben darf, bis ich eine andere Unterkunft gefunden habe,« aber ich hielt inne, weil ich fühlte, daß ich mich nicht an einen so langen Satz wagen dürfe, da ich meine Stimme in diesem Augenblick nicht ganz in der Gewalt hatte.

»In ungefähr einem Monat hoffe ich Hochzeit zu halten,« fuhr Mr. Rochester fort, »und in der Zwischenzeit werde ich selbst nach einer Stellung und einem Asyl für Sie Umschau halten.«

»Danke, Sir, es thut mir leid, daß ich Ihnen so viel Mühe verursache.«

»Ah! Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen! Ich bin der Ansicht, daß eine Untergebene, welche ihre Pflicht so treu erfüllt hat, wie Sie, das Recht hat, von ihrem Brotherrn [398] jede kleine Unterstützung und Hilfe zu verlangen, welche er ihr ohne große Mühe leisten kann; ich habe sogar schon durch meine künftige Schwiegermutter von einer Stellung gehört, die Ihnen möglicherweise konvenieren dürfte; es handelt sich darum, die Erziehung der fünf Töchter einer gewissen Mrs. Dionysius O'Gall auf Bitternutlodge, in der Grafschaft Connaught in Irland zu übernehmen. Irland wird Ihnen gefallen, glaube ich; man sagt mir, daß die Menschen dort zu Lande warmherzig und gütig sind.«

»Das ist aber so weit von hier, Sir.«

»Das schadet nicht – ein so vernünftiges Mädchen wie Sie wird sich doch nicht an die lange Reise oder die Entfernung stoßen – nicht wahr?«

»Nicht an die Reise – aber an die Entfernung, und dann ist die See doch immerhin eine Scheidewand – –«

»Zwischen wem, Jane?«

»Zwischen England, Thornfield, und – –«

»Nun?«

»Und Ihnen, Sir.«

Diese Worte entschlüpften mir fast unwillkürlich; und ohne daß ich etwas dagegen zu thun vermochte, stürzten mir die Thränen aus den Augen. Indessen weinte ich nicht so laut, daß man mich hätte hören können; ich enthielt mich wenigstens des Schluchzens. Der Gedanke an Mrs. O'Gall in Bitternutlodge mit ihren sieben Töchtern machte mir fast das Herz erstarren; und noch erstarrender wirkte der Gedanke an all die Wogen und den Wellenschaum, die, wie es schien, bestimmt waren, zwischen mir und dem Manne, an dessen Seite ich jetzt wandelte, dahin zu rauschen; und am tödlichsten war das Denken an jenes größere, tiefere, unschiffbarere Meer – Reichtum, Stellung, Althergebrachtes – das mich von dem trennte, den ich unwiderstehlich, ewig lieben mußte.

»Es ist so weit von hier,« sagte ich noch einmal.

[399] »Gewiß ist es das, und wenn Sie einmal in Bitternutlodge, Grafschaft Connaught in Irland sind, dann werde ich Sie niemals wiedersehen, Jane, das ist unumstößlich gewiß. Denn ich gehe niemals nach Irland hinüber, ich habe keine Sympathieen für dieses Land. Aber nicht wahr, Jane, wir sind immer gute Freunde gewesen?«

»Ja, Sir.«

»Und wenn gute Freunde am Vorabend einer Trennung stehen, dann sind sie glücklich, wenn sie die kurze Zeit, die ihnen noch bleibt, Seite an Seite verleben können. Kommen Sie – lassen Sie uns für eine Stunde oder länger ruhig über die Trennung und die Reise sprechen und betrachten wir dabei die Sterne, wie sie still einer nach dem andern am Himmel aufgehen. Hier auf dieser Bank unter dem alten, ehrwürdigen Kastanienbaum. Lassen wir uns heute Abend in Frieden dort nieder; vielleicht hat das Schicksal beschlossen, daß wir niemals wieder dort sitzen.« – Er drückte mich auf die Bank nieder und setzte sich dann neben mich.

»Der Weg nach Irland ist sehr weit, Jane, und es wird mir schwer, meine kleine Freundin auf eine so lange, mühevolle Reise zu schicken; wenn es aber nicht in meiner Macht liegt, etwas Besseres zu thun – was dann? Glauben Sie, daß Sie mir seelenverwandt sind, Jane?«

Es war mir in diesem Augenblick nicht möglich, irgend eine Antwort zu geben; mein Herz war zu voll.

»Denn,« fuhr er fort, »zuweilen habe ich eine so seltsame Empfindung Ihnen gegenüber, besonders wenn Sie mir so nahe sind wie in diesem Augenblick; es ist als hätte ich unter meiner linken Rippe irgendwo einen Faden, welcher fest und unauflöslich mit einem gleichen Faden an derselben Stelle Ihres kleinen, zarten Körpers verknüpft wäre. Und ich fürchte, daß dies vereinigende Band für immer zerreißt, wenn jener stürmische Kanal und mehr als zweihundert Meilen Landes zwischen uns liegen. Und ich hege eine nervöse Angst, daß ich dann an innerer Verblutung [400] sterben müßte. Was Sie anbetrifft – Sie – würden mich bald vergessen.«

»Das könnte ich niemals, Sir – Sie wissen das« – weiter vermochte ich nichts hervorzustammeln.

»Jane, hören Sie die Nachtigall dort drüben im Walde schlagen? Horchen Sie nur.«

Indem ich aufhorchte, begann ich konvulsivisch zu schluchzen; denn ich konnte mein Empfinden nicht länger unterdrücken; ich mußte nachgeben, und mein lange verhaltener Schmerz schüttelte mich von Kopf bis zu Fuß. Als ich wiederum redete, geschah es nur, um den stürmisch leidenschaftlichen Wunsch auszusprechen, daß ich niemals geboren oder niemals nach Thornfield gekommen wäre.

»Weil es Ihnen schwer wird, wiederum von hier fortzugehen, Jane?«

Die Gewalt jener Empfindungen, welche Liebe und Kummer in mir erweckt hatten, rang nach der Oberherrschaft und wollte sich Bahn brechen – sie machten ihr Recht gewaltsam geltend, sie wollten endlich ans Tageslicht, sie wollten leben, sich erheben, herrschen; ja – und sie wollten auch reden.

»Ich traure, weil ich Thornfield verlassen soll, denn ich liebe Thornfield – ich liebe es, weil ich hier ein ganzes volles, wonniges Leben gelebt habe – für kurze Augenblicke wenigstens. Man hat mich hier nicht mit Füßen getreten. Ich bin hier nicht versteinert. Man hat mich nicht mit niedrig denkenden Menschen zusammengeworfen, ich bin nicht ausgeschlossen worden von der Gemeinschaft mit allem, was hell und strahlend und hoch und kraftvoll ist. Ich habe von Angesicht zu Angesicht mit dem reden können, was ich verehre; mit einem kraftvollen, großmütigen, weitblickenden, eigenartigen Charakter. Ich habe Sie kennen gelernt, Mr. Rochester, und es erfüllt mich mit Angst und Schrecken, daß ich mich für immer von Ihnen losreißen soll. Ich sehe die Notwendigkeit der Abreise vor mir, und [401] sie starrt mich gespenstisch an wie die Notwendigkeit des Sterbens.«

»Wo sehen Sie die Notwendigkeit?« fragte er mich dann plötzlich.

»Wo ich sie sehe? Sie selbst, Sir, haben sie mir doch vor Augen gestellt.«

»In welcher Gestalt?«

»In der Gestalt von Miß Ingram, einer edlen, schönen Frauengestalt – Ihrer Braut.«

»Meiner Braut! Welcher Braut? Ich habe keine Braut!«

»Aber Sie werden eine haben.«

»Ja, ich werde! – ich werde!« Und fest entschlossen biß er die Zähne zusammen.

»Und deshalb muß ich gehen – Sie selbst haben es ja gesagt.«

»Nein! Sie müssen bleiben! – Ich schwöre es! Und diesen Eid werde ich halten.«

»Und ich sage Ihnen, daß ich gehen muß,« – entgegnete ich leidenschaftlich erregt. »Glauben Sie, daß ich bleiben kann, um Ihnen nichts zu werden? Meinen Sie denn, daß ich ein Automat bin? – eine Maschine ohne Gefühl? Und daß ich es ertragen kann, mir den Bissen Brot von den Lippen entreißen, den Kelch mit dem Tropfen klaren Wassers aus den Händen winden zu lassen? Glauben Sie, daß ich ohne Seele, ohne Herz bin, weil ich arm und klein und häßlich und einsam bin? – Nein, Sie irren! – Ich habe ebensoviel Seele wie Sie – ebensoviel Herz wie Sie! Wenn Gott mir nur ein wenig Schönheit und großen Reichtum geschenkt hätte, so würde ich es Ihnen ebenso schwer gemacht haben, mich zu verlassen, wie es mir jetzt wird, von Ihnen zu gehen. Ich spreche in diesem Augenblick nicht durch das Medium der Gewohnheit, des Althergebrachten zu Ihnen – nein, nicht einmal das Fleisch ist es, das zum Fleische spricht – es [402] ist meine Seele, die zu der Ihren redet, es ist als wären beide durch die dunkle Pforte des Todes gegangen, und wir ständen zu den Füßen Gottes – einander gleich – wie wir es auch hier sein sollten!«

»Wie wir es auch hier sein sollten!« wiederholte Mr. Rochester – »so,« fügte er hinzu und schloß mich in seine Arme, zog mich an sein Herz, drückte seinen Mund auf meine Lippen und sagte: »so, Jane!«

»Ja, so, Sir,« sprach ich ihm nach, »und doch nicht so; denn Sie sind ein verheirateter Mann – oder so gut wie ein verheirateter Mann – und sogar verheiratet mit einer, die weit unter Ihnen steht – mit einer, für die Sie keine Sympathie hegen – die Sie unmöglich aufrichtig und von Herzen lieben können; denn ich habe gesehen und gehört, wie Sie ihrer gespottet haben. Ich würde eine solche Verbindung verschmähen, verachten, deshalb bin ich besser als Sie – lassen Sie mich!«

»Wohin, Jane? Nach Irland?«

»Ja, nach Irland. Ich habe meine Ansicht jetzt ausgesprochen und nun kann ich gehen, wohin ich will.«

»Jane, schweigen Sie; sträuben Sie sich nicht, wie ein wilder Vogel, der in seiner Verzweiflung sein eigenes Gefieder zerreißt.«

»Ich bin kein Vogel, und kein Netz und kein Vogelsteller vermag mich zu fangen. Ich bin ein freies, menschliches Wesen mit einem unabhängigen Willen, und jetzt mache ich denselben geltend, indem ich Sie verlasse.«

Noch eine gewaltsame Anstrengung machte mich frei, und jetzt stand ich hoch aufgerichtet vor ihm.

»Und Ihr Wille soll auch über Ihr Geschick entscheiden,« sagte er. »Ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz und einen Teil von allem, was ich besitze.«

»Sie spielen eine Posse, die mir nur ein Lachen abgewinnen kann.«

»Ich bitte Sie, an meiner Seite durch das Leben zu[403] gehen – mein besseres Ich, meine treuste irdische Gefährtin zu sein.«

»Zu dem Zweck haben Sie Ihre Wahl ja bereits getroffen, und jetzt müssen Sie ertragen und ausharren.«

»Jane, seien Sie jetzt während weniger Augenblicke ruhig; Sie sind mehr als aufgeregt. Auch ich will suchen, mich zu beruhigen.«

Ein Windhauch zog durch die Lorbeergänge und klang zitternd in den Zweigen des Kastanienbaumes; dann zog er weiter – weiter – in unbestimmte Ferne und erstarb. Jetzt war der Sang der Nachtigall die einzige Stimme in der Natur; als ich auf sie horchte, begannen meine Thränen von neuem zu fließen. Mr. Rochester saß regungslos da und blickte mich ernst und liebevoll an. Unter Schweigen gingen noch einige Minuten hin, dann sagte er endlich:

»Kommen Sie an meine Seite, Jane, und erklären wir uns und suchen wir einander zu verstehen.«

»Ich werde mich niemals wieder an Ihre Seite setzen. Jetzt habe ich mich losgerissen und kehre nimmermehr zurück.«

»Aber Jane, ich begehre von Ihnen, daß Sie mein Weib werden; nur Sie beabsichtige ich zu heiraten.«

Ich schwieg. Ich glaubte, er spotte meiner.

»Kommen Sie Jane – hier an meine Seite.«

»Ihre Braut steht zwischen uns, Sir.«

Er erhob sich und stand mit wenigen Schritten an meiner Seite.

»Meine Braut steht hier,« sagte er und zog mich wieder an sich, »weil sie meinesgleichen ist und weil sie mir ähnlich. Jane, wollen Sie mich heiraten?«

Noch immer antwortete ich nicht, sondern suchte, mich seinen Armen zu entwinden; ich war noch immer ungläubig.

»Zweifeln Sie an mir, Jane?«

»Gewiß.«

[404] »Sie haben kein Vertrauen zu mir?«

»Keines!«

»Bin ich denn ein Lügner in Ihren Augen?« fragte er leidenschaftlich. »Kleine Skeptikerin, Sie müssen überzeugt werden. Welche Liebe könnte ich denn für Miß Ingram hegen? Keine. Und Sie wissen das. Welche Liebe hegt sie für mich? Keine! Ich habe mir Beweise dafür verschafft. Ich nahm mir die Mühe, das Gerücht zu verbreiten, daß mein Vermögen nicht ein Drittel von dem betrüge, was man vermutet, und gleich darauf trat ich ihr gegenüber, um zu ermessen, welche Wirkung dies gehabt. Ihre Mutter sowohl wie sie selbst empfingen mich außerordentlich kalt. Um keinen Preis würde ich – könnte ich Miß Ingram heiraten. Sie seltsames – Sie überirdisches Ding! – Ich liebe Sie wie mein eigenes Ich. Sie – die Sie arm und niedrig geboren und klein und unbedeutend sind – ich flehe Sie an, meine Hand anzunehmen.«

»Wie! Ich!« rief ich aus, indem ich begann durch seinen Ernst, seine Unhöflichkeit an seine Aufrichtigkeit zu glauben. »Mich wollen Sie heiraten, die ich außer Ihnen keinen Freund auf der Welt habe – wenn Sie wirklich mein Freund sind – die ich keinen Schilling besitze, außer dem, was Sie mir gegeben haben?«

»Ja, Sie Jane. Ich muß Sie mein Eigen nennen dürfen – ganz mein Eigen. Wollen Sie mein sein? Sagen Sie ja, schnell! schnell.«

»Mr. Rochester, lassen Sie mich in Ihr Gesicht blicken; wenden Sie sich dem Mondlicht zu.«

»Weshalb?«

»Weil ich in Ihrem Gesicht lesen will. Wenden Sie sich um!«

»Sie werden es kaum leserlicher finden, als eine verwischte, halbverlöschte Schrift. Lesen Sie, nur beeilen Sie sich, denn ich leide furchtbar.«

[405] Sein Antlitz verriet die größte Erregung; eine dunkle Röte stieg ihm in die Wangen, in seinen Zügen arbeitete es gewaltig und seine Augen schossen seltsame Blitze.

»O Jane, Sie quälen mich!« rief er aus. »Sie quälen mich mit diesen forschenden und doch so treuen, großherzigen Blicken! Sie quälen mich!«

»Wie könnte ich Sie quälen? Wenn Sie wahr sind und Ihr Antrag aufrichtig gemeint ist, so kann mein einziges Gefühl Ihnen gegenüber nur Dankbarkeit und Ergebenheit sein – dann kann ich Sie nicht quälen!«

»Dankbarkeit!« rief er höhnisch aus. Dann fügte er in wildem Ton hinzu: »Jane, nehmen Sie mich an, schnell, schnell! Sagen Sie, Edward – nennen Sie mich bei Namen – Edward – ich werde Sie heiraten.«

»Ist es wahrhaftig Ihr Ernst? – Lieben Sie mich wahr und aufrichtig? Wünschen Sie von Herzen, daß ich Ihr Weib werde?«

»Ich wünsche es, ja! Und wenn es eines Eides bedarf, um Sie zu beruhigen, so werde ich schwören.«

»Nein Sir – ich will Sie heiraten.«

»Edward, sagen Sie Edward – mein kleines Weib.«

»Teurer Edward!«

»Kommen Sie zu mir – kommen Sie für Zeit und Ewigkeit zu mir,« sagte er und fügte in seinem innigsten Tone hinzu, indem er seine Wange an die meine legte und mir ins Ohr flüsterte: »Mach du mein Glück – ich werde das deine machen.«

»Gott möge mir verzeihen!« fügte er dann nach einer langen Pause hinzu, »und die Menschen mögen mich schonen und sich nicht um mich bekümmern. Ich habe sie, und – werde sie zu halten wissen.«

»Niemand wird sich um uns bekümmern, Sir. Ich habe keine Anverwandten, die sich in unsere Angelegenheit mischen könnten.«

»Nein, ich weiß, und das ist das beste daran,« sagte er. [406] Und wenn ich ihn weniger innig geliebt hätte, so würden seine Worte und sein Blick des Entzückens mich wild gedünkt haben. Aber wie ich so neben ihm saß – befreit von dem Alpdrücken der nahebevorstehenden Trennung – eingelassen in das Paradies der süßen Vereinigung – da dachte ich nur an die Glückseligkeit, die ich jetzt in so vollen Zügen schlürfen durfte.

Immer und immer wieder fragte er mich: »Bist du glücklich, Jane?«

Und immer wieder antwortete ich: »Ja, ja!«

Und dann murmelte er: »Das wird es gut machen – das wird es gut machen. Habe ich sie nicht arm und verlassen und ohne Freunde gefunden? Werde ich sie nicht behüten und lieben und trösten? Ist nicht Liebe in meinem Herzen und Beständigkeit in meinen Entschließungen? Das wird mich vor Gottes Thron rein waschen. Denn was das Urteil der Welt anbelangt – da wasche ich meine Hände. Es kümmert mich nicht. Der Meinung der Menschen trotze ich.«

Was war aber aus dem lichten Abend geworden? Der Mond konnte noch nicht untergegangen sein – und doch saßen wir bereits im Schatten. Ich konnte kaum das Gesicht meines Herrn sehen, wie nahe ich ihm auch war. Und was war mit dem Kastanienbaum geschehen? Er ächzte und stöhnte, während der Wind in dem Lorbeerwäldchen heulte und sausend über uns dahinfuhr.

»Wir müssen hineingehen,« sagte Mr. Rochester, »das Wetter verändert sich, ich hätte bis zum Morgen mit dir hier sitzen können, Jane!«

»Und wie gern wäre ich bei dir geblieben,« dachte ich. Vielleicht hätte ich dieser Empfindung auch Worte verliehen, aber ein bläulicher, heller Funke schoß aus einer Wolke hervor, die ich gerade betrachtete, dann folgte ein Krachen, ein Dröhnen und ein Prasseln; ich dachte nur daran, meine geblendeten Augen an Mr. Rochesters Schulter zu verbergen.

[407] Der Regen strömte herab. Er zog mich eilends durch den Gartenweg, durch den Park und hinein ins Haus; aber wir waren vollständig durchnäßt, bevor wir die Schwelle erreicht hatten. Er war gerade im Begriff, mir in der großen Halle den Shawl von den Schultern zu nehmen und mein nasses Haar auszuschütteln, als Mrs. Fairfax aus ihrem Zimmer trat. Im ersten Augenblick bemerkte ich sie nicht; ebensowenig wurde Mr. Rochester ihrer ansichtig. Die Lampe war angezündet. Die Uhr schlug gerade zwölf Uhr.

»Beeile dich, deine nassen Kleider abzulegen,« sagte er; »und bevor du gehst, gute Nacht – gute Nacht, mein einziger, teurer Liebling!«

Er küßte mich wiederholt. Als ich mich seinen Armen entwand und aufblickte, stand die Witwe vor mir, bleich, ernst, fast versteinert. Ich lächelte ihr nur zu und lief die Treppe hinauf.

»Die Erklärung kommt noch immer früh genug,« dachte ich. Als ich jedoch mein Zimmer erreicht hatte, fühlte ich einen stechenden Schmerz im Herzen bei dem Gedanken, daß sie auch nur für einen Augenblick das mißdeuten könne, was sie gesehen. Aber die Glückseligkeit übertäubte bald jedes andere Gefühl; und wie laut der Wind auch pfiff, wie heftig und nah der Donner grollte, wie blendend und oft der Blitz die Luft durchzuckte, wie sündflutähnlich der Regen auch während dieses Gewitters von zweistündiger Dauer den Wolken entströmte – ich empfand keine Furcht, keine Angst, keinen Schrecken. Während dieses Aufruhrs in der Natur kam Mr. Rochester dreimal an meine Thür, um zu fragen, ob ich mich sicher und ruhig fühle. Und das war ein Trost, das gab mir zu allem Kraft.

Ehe ich mich am nächsten Morgen erhob, kam die kleine Adele in mein Zimmer gelaufen, um mir zu erzählen, daß der große Kastanienbaum am Ende des Gartens während der Nacht vom Blitz getroffen und zur Hälfte zerschmettert sei.

Viertes Kapitel [2]

[408] Viertes Kapitel

Während ich mich erhob und mich ankleidete, überdachte ich noch einmal alles, was geschehen war und fragte mich verwundert, ob nicht das ganze ein Traum gewesen sei. Ich konnte nicht an die Wirklichkeit glauben, bevor ich Mr. Rochester nicht wiedergesehen und ihn seine Liebesworte und sein Gelöbnis hatte erneuern hören.

Während ich meine Flechten aufsteckte, betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel und sah, daß es nicht mehr häßlich sei; es drückte Hoffnung aus und lebhafte Röte bedeckte die Wangen. Meine Augen blickten, als hätten sie den Born des Lebens gesehen und ihren Glanz von seinen spielenden Wellen geborgt. Ich hatte meinen Herrn oft nur widerstrebend angesehen, weil ich fürchtete, mein Blick könne ihm unangenehm sein. Jetzt wußte ich aber, daß ich mein Antlitz zu dem seinen emporheben dürfe, ohne daß seine Liebe dadurch abgekühlt würde. Ich nahm ein einfaches aber sauberes, leichtes Sommerkleid aus meinem Schranke und legte es an; mir war, als hätte kein Gewand mich jemals so gut gekleidet – ich hatte ja auch noch niemals eins in so glückseliger Stimmung getragen.

Als ich in die Halle hinunterlief, war ich durchaus nicht erstaunt zu sehen, daß ein herrlicher Junimorgen auf den heftigen Sturm der Nacht gefolgt war. Ein erfrischender, duftiger Luftzug strömte mir durch die geöffnete Glasthür entgegen. Die Natur mußte ja fröhlich sein, wenn ich so unsagbar glücklich war.

Eine Bettlerin und ihr kleiner Knabe – beide bleich, elend und zerlumpt – kamen den breiten Gartenweg herauf und ich lief ihnen entgegen und gab ihnen die ganze Summe, welche ich zufällig in meiner Geldbörse hatte; es waren wohl vier oder fünf Schilling; (ein engl. Schilling = eine Mark) ob gut, ob böse, alle Menschen sollten an meiner Seligkeit teilhaben. Die Raben krächzten, die kleinen [409] Vögel sangen, aber nichts war so lustig und so wohltönend wie die Musik meines eigenen Herzens.

Mrs. Fairfax setzte mich in Erstaunen, indem sie mit traurigem Gesicht zum Fenster hinaussah und in ernstem Ton sagte: »Miß Eyre, wollen Sie zum Frühstück hereinkommen?« Während der Mahlzeit war sie ruhig und kalt, aber der Augenblick war noch nicht gekommen, um ihr die beabsichtigte Aufklärung zu geben. Ich mußte warten, bis mein Herr kam und ihr alles erklärte, und darauf mußte auch sie warten. Ich aß, was ich konnte und eilte dann nach oben.

Ich traf Adele, welche aus dem Schulzimmer kam.

»Wohin gehst du? Es ist Zeit, die Lehrstunden zu beginnen.«

»Mr. Rochester hat mich nach der Kinderstube geschickt.«

»Wo ist er?«

»Dort,« sagte sie und zeigte auf das Zimmer, welches sie soeben verlassen.

Ich trat ein. Dort stand er.

»Komm herein und sag mir ›Guten Morgen‹,« sagte er. Fröhlich ging ich zu ihm. Es war jetzt kein kaltes, höfliches Wort mehr oder ein gleichgiltiger Händedruck, den er mir spendete, sondern eine zärtliche Umarmung, ein inniger Kuß. Es schien mir ganz natürlich; es war ein seliges Bewußtsein, so von ihm geliebt zu sein, so zärtlich von ihm geliebkost zu werden.

»Jane, du siehst so blühend, so lächelnd, so hübsch aus,« sagte er, »wirklich hübsch heute Morgen. Ist dies meine bleiche, zarte, kleine Elfe? Ist dies meine Glockenblume? Dies kleine, sonnige Mädchen mit Grübchen in den Wangen und rosigen Lippen? Mit dem seidenweichen, kastanienbraunen Haar und den strahlenden braunen Augen?«

Lieber Leser, ich hatte grüne Augen, aber du mußt den Irrtum entschuldigen; vermutlich waren sie für ihn frisch gefärbt.

[410] »Es ist Jane Eyre, Sir.«

»Und wird bald Jane Rochester sein,« fügte er hinzu, »in vier Wochen, Jane; nicht einen Tag länger. Hörst du das und verstehst du mich?«

Ich hörte ihn wohl, aber ich konnte es nicht fassen. Es verursachte mir Schwindel. Das Gefühl, das durch diese Ankündigung in mir geweckt wurde, war etwas heftigeres, bewältigenderes als Freude – etwas das mich schmerzte, mich betäubte: ich glaube es war etwas wie Furcht.

»Du warst rosig, Jane, und jetzt bist du bleich wie der Tod. Weshalb das?«

»Weil Sie mir einen neuen Namen gaben – Jane Rochester, und das klang so seltsam.«

»Ja, Mrs. Rochester,« sagte er, »die junge Mrs. Rochester – das mädchenhafte Weib Fairfax Rochesters.«

»Es kann nicht sein, Sir, niemals! Es wird nicht sein, es klingt zu unwahrscheinlich. Auf dieser Welt wird keinem Erdenwesen ungetrübtes Glück zu teil. Ich bin ja nicht zu einem besseren Geschick geboren als meine Mitmenschen. Daß solch ein Los mir zu teil werden sollte, ist ein Feenmärchen – ein Morgentraum.«

»Den ich in Erfüllung gehen lassen kann und werde. Noch heute werde ich mit der Verwirklichung beginnen. Heute Morgen habe ich an meinen Banquier in London geschrieben, daß er mir gewisse Juwelen schickt, die er in Verwahrung hat – Erbstücke der Gebieterinnen von Thornfield. In zwei, drei Tagen hoffe ich, sie dir in den Schoß schütten zu können, denn jeder Vorzug, jede Aufmerksamkeit soll dir werden, die ich der Tochter eines Pairs gewähren würde, wenn ich im Begriffe stände, sie zu heiraten.«

»O, Sir, sprechen Sie nicht von Juwelen! – Ich mag nicht davon reden hören. Juwelen für Jane Eyre! Das klingt seltsam und unnatürlich! Ich möchte sie lieber nicht haben.«

»Ich selbst will die Diamantenkette um deinen Hals [411] legen und deine Stirn mit dem Diadem krönen! Wie herrlich wird es dich kleiden! Denn die Natur hat dir den Adelsbrief auf die Stirn geschrieben, Jane! Und ich will diese zarten Gelenke mit Armbändern schmücken, und diese kleinen Feenfinger mit kostbaren Ringen beladen.«

»Nein, nein, Sir! Denken Sie an andere Dinge, sprechen Sie von anderen Sachen und mit anderen Worten! Reden Sie nicht zu mir, als wenn ich eine Schönheit wäre; ich bin nichts als Ihre einfache, quäkerhafte Gouvernante.«

»In meinen Augen bist du eine Schönheit, und gerade eine Schönheit nach meinem Herzen; – zart und elfengleich.«

»Klein und unbedeutend, wollen Sie sagen. Ach, Sie träumen, Sir, oder Sie spotten meiner. Um der himmlischen Barmherzigkeit willen, seien Sie nicht satyrisch!«

»Ich werde es auch noch dahin bringen, daß die Welt dich als Schönheit anerkennt,« fuhr er fort, während die Art und Weise seiner Rede begann mich unruhig zu machen. Denn ich fühlte, daß er entweder sich selbst täuschte, oder mich zu täuschen versuchte.

»Ich will meine Jane in Samt und Seide und Spitzen kleiden und sie soll Rosen im Haar tragen; und das Haupt, das mir über alles teuer ist, will ich in einen köstlichen, unschätzbaren Schleier hüllen.«

»Und dann werden Sie mich nicht mehr kennen, Sir; und ich werde Ihre alte Jane Eyre nicht mehr sein, sondern ein Affe in einer Harlequinsjacke – eine Elster in geborgten Federn. Wahrlich, Mr. Rochester, ich möchte Sie lieber in einem Theaterkostüm sehen, als mich selbst in dem Kleide einer Hofdame. Und ich sage nicht, daß Sie schön sind, Sir, obgleich ich Sie grenzenlos liebe: viel zu innig und wahr, um Ihnen zu schmeicheln. Deshalb schmeicheln auch Sie mir nicht.«

Er setzte sein Thema jedoch fort, ohne meine ablehnende Mißbilligung zu bemerken.

»Noch heute werde ich dich nach Millcote hinüberfahren, [412] damit du einige Kleider für dich wählst. Ich habe dir ja gesagt, daß wir in vier Wochen verheiratet sein werden. Die Trauung wird in aller Stille vollzogen, dort unten in jener Kirche, und dann werde ich dich sofort nach der Hauptstadt bringen. Nach einem kurzen Aufenthalt in London werde ich meinen Schatz in Regionen tragen, welche der Sonne näher sind, nach französischen Weingärten und italienischen Ebenen; und du wirst alles sehen, was berühmt in der alten Geschichte und wertvoll und kostbar in der Neuzeit ist. Du sollst auch das Leben in den großen Städten sehen, und du wirst lernen dich selbst hochzuschätzen durch den gerechten Vergleich mit andern.«

»Ich soll reisen? – und mit Ihnen, Sir?«

»Du sollst in Paris, Rom und Neapel leben; in Florenz, Venedig und Wien; du sollst den Boden wieder betreten, über den ich einst gewandelt bin; dein kleiner Fuß soll über die Stätten schweben, auf welchen ich einst einhergeschritten. Vor zehn Jahren bin ich wie ein Wahnsinniger durch ganz Europa gerast; Ekel, Haß und Wut waren meine Gefährten; jetzt werde ich geheilt und rein denselben Weg gehen – mir zur Seite ein Engel als Trösterin.«

Ich lachte bei diesen seinen Worten.

»Ich bin kein Engel,« versicherte ich, »und ich werde auch keiner werden, bevor ich nicht tot und im Paradiese bin. Ich werde nur ich selbst sein. Mr. Rochester, Sie dürfen weder etwas himmlisches von mir erwarten, noch fordern – denn diese Forderung würde ich nicht erfüllen können, ebensowenig, wie Sie eine solche von meiner Seite erfüllen könnten. Aber ich er warte auch nichts derartiges von Ihnen.«

»Was erwartest du denn von mir, Kleine?«

»Während einer kleinen Weile werden Sie vielleicht bleiben, wie Sie jetzt sind, – aber nur während einer sehr kurzen Weile. Und dann werden Sie kalt werden, und dann launenhaft, und schließlich werden Sie strenge werden und hart, und ich werde viel zu thun haben, um [413] Sie zufrieden zu stellen; aber wenn Sie sich ganz an mich gewöhnt haben, so werden Sie mich vielleicht wieder lieb haben – lieb haben sage ich, nicht lieben. Ich vermute, daß Ihre Liebe in sechs Monaten, oder in vielleicht noch kürzerer Zeit, dahinschwinden wird. In Büchern, welche von Männern geschrieben sind, habe ich diesen Zeitpunkt als den weitesten erwähnt gefunden, bis zu welchem die Liebe eines Mannes sich erstreckt. Und doch hoffe ich, daß ich meinem teuren Herrn als Freundin und Begleiterin niemals ganz gleichgiltig sein werde.«

»Nicht ganz gleichgiltig! Und dich wieder lieb haben! Ich glaube, daß ich dich immer und immer wieder lieb haben werde, und du wirst mir eines Tages gestehen müssen, daß ich dich nicht nur lieb habe, sondern dich wahrhaft, innig und beständigliebe.«

»Und sind Sie nicht launenhaft, Sir?«

»Frauen gegenüber, an denen mir nichts gefällt, als ihr Gesicht, bin ich ein wahrer Teufel, wenn ich herausfinde, daß sie weder Herz noch Seele haben – wenn sie mir nur eine Perspektive von Unbedeutendheit, Schalkheit, Dummheit, Roheit und Böswilligkeit eröffnen; – aber für ein klares Auge und eine beredte Zunge, für eine feurige Seele und einen Charakter, der sich wohl beugt aber nicht bricht – der zugleich biegsam und stark, beständig und doch leicht zu behandeln ist – für diese bin ich stets treu und wahr.«

»Haben Sie je einen solchen Charakter kennen gelernt, Sir? Haben Sie einen solchen geliebt?«

»Ich liebe ihn jetzt.«

»Aber vor mir noch, wenn ich überhaupt einen so schwierigen Standpunkt einnehmen kann?«

»Ich habe niemals deinesgleichen gefunden. Jane, du gefällst mir, und du beherrschest mich – du scheinst dich zu unterwerfen, und ich bewundere die Schmiegsamkeit an dir; und während ich die weiche Seide um meinen Finger [414] wickle, macht sie mein Herz erbeben. Ich bin beeinflußt, besiegt, und dieser Einfluß ist süßer, als ich sagen kann; und der Sieg, dem ich mich unterwerfen muß, ist bezaubernder als irgend ein Triumph, den ich gewinnen könnte. Weshalb lächelst du, Jane? Was hat jener unerklärliche, unschöne Wechsel des Gesichtsausdrucks zu bedeuten?«

»Ich dachte, Sir (Sie werden den Ideengang entschuldigen, er war unwillkürlich) ich dachte an Herkules und Samson – – –«

»Wirklich, meine kleine Elfe.«

»Ruhig, Sir! Sie sprechen in diesem Augenblick nicht sehr weise; nicht viel weiser als jene beiden Herren handelten. Indessen, wenn sie verheiratet gewesen wären, so würden sie ohne Zweifel durch ihre Strenge als Ehegatten ihre Thorheit als Bewerber wieder gut gemacht haben, – und ich fürchte, auchSie werden das thun. Ich möchte nur wissen, wie Sie mir nach Ablauf eines Jahres antworten werden, wenn ich Sie um einen Dienst oder eine Gefälligkeit bitten sollte, deren Gewährung Ihnen nicht angenehm ist.«

»Bitte mich jetzt um etwas, Jane – um eine Kleinigkeit nur, ich wünsche, daß du mich bitten möchtest – –«

»Gewiß Sir, ich will es, gewiß; ich habe schon eine Bitte in Bereitschaft.«

»Sprich! Wenn du aber aufblickst und mich mit solchem Ausdruck anlächelst, so schwöre ich dir Erfüllung deiner Bitte, bevor ich sie kenne, und das würde mich zum Thoren machen.«

»Durchaus nicht, Sir. Ich erbitte nur dieses: lassen Sie die Juwelen nicht kommen und bekränzen Sie mich nicht mit Rosen; es wäre ja gerade so gut, als wenn Sie jenes einfache Taschentuch dort in Ihrer Hand mit einem echt goldenen Streifen umrändern wollten.«

»Ebensogut könnte ich echtes Gold vergolden. Das weiß ich wohl. Deine Bitte sei dir also gewährt – für den Augenblick wenigstens. Ich werde die Ordre, die ich meinem [415] Banquier erteilt habe, widerrufen. Aber du hast noch immer nichts erbeten; du hast gebeten, daß man ein Geschenk zurückziehe: versuch es also noch einmal.«

»Nun Sir, so haben Sie denn die Güte, meine Neugierde zu befriedigen, die in Bezug auf einen gewissen Punkt sehr rege geworden ist.«

Er sah verdutzt aus. »Was ist es? Was kann das sein?« fragte er hastig. »Die Neugierde ist eine gefährliche Bittstellerin. Es ist nur ein Glück, daß ich nicht geschworen habe, jede Bitte zu erfüllen –«

»Es kann aber nicht gefährlich sein, wenn Sie diese hier erfüllen, Sir.«

»So sprich sie aus, Jane. Aber ich möchte lieber, daß du mich um die Hälfte meines Besitztums bätest, als daß du versuchtest, ein Geheimnis zu erfragen.«

»Aber, König Ahasverus! Was könnte mir die Hälfte deines Besitztums nützen!! Meinen Sie, daß ich ein jüdischer Wucherer bin, der sein Geld sicher in Ländereien anlegen möchte? Viel lieber möchte ich Ihr ganzes Vertrauen besitzen. Wenn Sie mich an Ihr Herz nehmen, werden Sie mich doch nicht von Ihrem Vertrauen ausschließen?«

»Nimm mein ganzes Vertrauen, wenn es der Mühe wert ist, Jane. Aber um Gottes willen, lade keine unerträgliche Bürde auf dich! Verlange nicht nach Gift – werde nicht zu einer wahren Eva in meinen Händen!«

»Weshalb nicht, Sir? Sie haben mir eben erst gesagt, wie gern Sie sich besiegen lassen, und wie sehr Sie es lieben, überredet zu werden. Meinen Sie nicht, daß es gut wäre, wenn ich mir dies Bekenntnis zu Nutze machte und anfinge zu liebkosen, zu bitten, ja, wenn es notwendig wäre, sogar zu weinen und zu schmollen – nur um es auf einen Versuch meiner Macht ankommen zu lassen?«

»Ich gestatte dir jedes Experiment dieser Art. Sei anmaßend, sei vermessen, und das Spiel ist zu Ende.«

[416] »Wirklich, Sir? Sie geben das Spiel bald auf. Wie ernst Sie jetzt aussehen! Ihre Augenbrauen sind so dick wie mein Finger geworden und Ihre Stirn gleicht dem, was ich in einem verblüffendem Gedicht einst als bläulich schimmernden Donnerkeil bezeichnet fand. Vermutlich, Sir, werden Sie diese Miene stets zur Schau tragen, wenn Sie verheiratet sind?«

»Und wenn dies deine verheiratete Miene sein wird, muß ich als guter Christ bald die Absicht aufgeben, mich einem Geist oder einem Salamander zu vermählen. Aber, liebes Ding, was wolltest du von mir erfragen? Heraus damit!«

»Nun, da haben wir's! Jetzt sind Sie wirklich weniger als höflich. Aber mir ist die Unhöflichkeit lieber als Schmeichelei. Ich will lieber ein ›Ding‹ sein als ein Engel. Dies war es, was ich fragen wollte: Weshalb gaben Sie sich so viel Mühe, mich glauben zu machen, daß Sie Miß Ingram heiraten wollten?«

»War das alles? Gott sei gelobt, daß es nichts Schlimmeres war!«

Und jetzt glättete sich seine Stirn; er blickte auf mich herab, lächelte mir zu, streichelte mein Haar, als empfände er eine innige Freude darüber, eine Gefahr abgewendet zu sehen.

»Ich glaube, ich darf es dir beichten,« fuhr er fort, »selbst auf die Gefahr hin, daß du ein wenig zornig bist. Jane, ich habe ja gesehen, welch ein Feuergeist du sein kannst, wenn du gereizt bist. Selbst in dem kalten Mondlicht sah ich dich gestern Abend erglühen, als du dich gegen das Schicksal auflehntest und beanspruchtest, von mir als meines Gleichen betrachtet zu werden. Jane, nebenbei gesagt, du warst es, die mir den Antrag machte.«

»Natürlich that ich das. Aber zur Sache, wenn es Ihnen beliebt, Sir – Miß Ingram?«

»Nun, so höre denn; ich machte Miß Ingram scheinbar [417] den Hof, weil ich wünschte, dich ebenso wahnsinnig verliebt in mich zu machen, wie ich in dich verliebt war; und ich wußte, daß Eifersucht die beste Verbündete sein würde, welche ich zu diesem Zweck zu Hilfe rufen könne!«

»Ausgezeichnet! – Jetzt sind Sie klein – nicht um ein Jota größer, als die Spitze meines kleinen Fingers. Es war ein himmelschreiendes Unrecht und eine große Schande, in dieser Weise zu handeln. Dachten Sie denn gar nicht an Miß Ingrams Gefühle, Sir?«

»Ihre Gefühle konzentrieren sich in einem einzigen: in dem maßlosesten Stolze; und dieser muß gedemütigt werden. Warst du denn auch wirklich eifersüchtig, Jane?«

»Lassen wir das, Mr. Rochester. Es kann Sie unmöglich interessieren, das zu wissen. Antworten Sie mir noch einmal aufrichtig. Glauben Sie nicht, daß Miß Ingram unter Ihrer unehrlichen Koketterie leiden wird? Wird sie sich nicht für eine Verlassene, eine Verratene halten?«

»Unmöglich! – Ich habe dir doch erzählt, wie sie im Gegenteil mich verlassen hat. Die Flamme ihrer Liebe wurde in einem Augenblick durch das Gerücht meiner Insolvenz abgekühlt oder vielmehr gelöscht.«

»Sie haben einen seltsamen, intriguanten Sinn, Mr. Rochester. Ich fürchte, daß Sie in manchen Dingen sehr excentrische Grundsätze haben.«

»Meine Prinzipien wurden niemals durch eine strenge Schule herangebildet; durch Mangel an Zucht mögen sie ein wenig fadenscheinig geworden sein.«

»Noch einmal und in vollem Ernst: darf ich das große Glück, das mir geworden, ohne die Furcht genießen, daß nicht jetzt andere den bittern Schmerz durchkostet, den ich selbst noch vor kurzem empfand?«

»Das darfst du, mein kleines Mädchen. Auf der ganzen Welt giebt es kein zweites Wesen, das dieselbe reine Liebe für mich hegt, wie du – denn der Glaube an deine Liebe, [418] Jane, ist der heilende, wohlthuende Balsam, den ich für meine Seele brauche.«

Ich drückte meine Lippen auf die Hand, welche auf meiner Schulter ruhte. Ich liebte ihn sehr – sehr – mehr als ich den Mut hatte ihm zu gestehen – mehr als Worte überhaupt auszudrücken vermochten.

»Verlange noch etwas anderes von mir,« sagte er nach einigen Sekunden, »es ist meine Wonne, gebeten zu werden und nachzugeben.«

Ich hatte meine Bitte schon wieder in Bereitschaft.

»Teilen Sie Ihre Absichten Mrs. Fairfax mit, Sir, Sie hat mich gestern Abend mit Ihnen in der Halle gesehen, und sie war empört. Geben Sie ihr irgend eine Erklärung, bevor ich genötigt bin, wieder mit ihr zusammenzutreffen. Es kränkt mich, daß eine so gute Frau, wie sie ist, mich falsch beurteilt.«

»Geh auf dein Zimmer und setze deinen Hut auf,« entgegnete er. »Ich wünsche, daß du mich heute Morgen nach Millcote begleitest, und während du deine Vorbereitungen für die Fahrt triffst, will ich den Verstand der alten Dame aufklären. Jane, glaubte sie, daß du die Welt für deine Liebe hingegeben, und daß jetzt alles verloren sei?«

»Ich glaube, sie meinte, daß ich sowohl Ihre Stellung wie die meine vergessen hätte, Sir.«

»Stellung! – Stellung! – Deine Stellung ist in meinem Herzen und auf dem Nacken derjenigen, die dich jetzt oder in Zukunft beleidigen möchten. – Geh jetzt.«

Ich war bald angekleidet. Und als ich hörte, daß Mr. Rochester Mrs. Fairfax' Wohnzimmer verließ, eilte ich hinunter zu ihr. Die alte Dame hatte gerade ihr Morgenkapitel aus der Bibel gelesen – die Epistel für den Tag. Die Bibel lag aufgeschlagen vor ihr, und die Brille lag zwischen den Blättern. Diese ihre Beschäftigung, [419] in welcher sie jetzt durch Mr. Rochesters Nachricht unterbrochen worden, schien jetzt vergessen. Ihre Augen, welche auf die gegenüberliegende leere Wand geheftet waren, drückten das Erstaunen eines stillen Gemüts aus, das durch überraschende Nachrichten aus seiner gewohnten Ruhe aufgescheucht worden. Als sie mich sah, ermannte sie sich; sie machte eine leise Anstrengung zu lächeln und stotterte einige beglückwünschende Worte hervor. Aber das Lächeln schwand hin, der Satz blieb unvollendet. Sie setzte die Augengläser wieder auf, schloß die Bibel und schob ihren Stuhl vom Tisch zurück.

»Ich bin so außerordentlich überrascht,« begann sie alsdann, »ich weiß kaum, was ich Ihnen sagen soll, Miß Eyre. Ich glaube fast geträumt zu haben, aber dem ist nicht so, nicht wahr? Wenn ich hier so allein sitze, falle ich manchmal in eine Art Halbschlaf und dann sehe und höre ich allerhand Dinge, die gar nicht existieren. Mehr als einmal habe ich in meinem Schlummer meinen armen teuren Mann gesehen, wie er hereinkam und sich an meine Seite setzte; er ist nun schon über fünfzehn Jahre tot, und doch habe ich ihn mich bei Namen rufen hören, Alice!! Alice! wie er es zu thun pflegte. Nun, können Sie mir sagen, ob es wirklich und wahrhaftig wahr ist, daß er Sie gebeten hat, ihn zu heiraten? Lachen Sie mich nicht aus! Aber mir ist wirklich, als wäre er vor kaum fünf Minuten hier im Zimmer gewesen und hätte mir erzählt, daß Sie binnen einem Monat seine Frau sein würden.«

»Dasselbe hat er mir gesagt,« entgegnete ich.

»Hat er das! Glauben Sie ihm? Haben Sie ihn wirklich angenommen?«

»Ja.«

Sie blickte mich bestürzt an.

»Das hätte ich nimmermehr gedacht. Er ist ein stolzer Mann. Alle Rochesters waren stolz. Und sein Vater wenigstens liebte auch das Geld gar sehr. Auch von ihm [420] sagte man stets, daß er sehr vorsichtig und sparsam sei. Er hat wirklich die Absicht, Sie zu heiraten?«

»Wenigstens sagt er mir das.«

Sie musterte mich von Kopf bis zu Fuß. In ihren Augen las ich, daß sie keine Reize an mir fand, die stark genug gewesen wären, das Rätsel zu lösen.

»Nein, es geht über meinen Verstand,« fuhr sie fort, »aber es muß natürlich wahr sein, wenn Sie selbst es sagen. Wie es ausfallen wird – Gott mag es wissen: ich weiß es wahrlich nicht. Gleichheit der Stellung und des Vermögens ist in solchen Fällen sehr ratsam, und der Altersunterschied zwischen Ihnen beträgt mehr als zwanzig Jahre. Er könnte fast Ihr Vater sein.«

»Nein, in der That, Mr. Fairfax!« rief ich ärgerlich aus. »Er hat durchaus nichts von einem Vater. Niemand, der uns jemals beisammen gesehen hat, würde derartiges vermuten. Mr. Rochester steht so jung aus und ist so jung wie die meisten Männer mit fünfundzwanzig Jahren.«

»Und wird er Sie wirklich aus Liebe heiraten?« fragte sie dann wieder.

Ihr Skepticismus und ihre Kälte verletzten mich derartig, daß meine Augen sich mit Thränen füllten.

»Es thut mir leid, daß es Sie schmerzt,« fuhr die gutmütige, alte Witwe fort, »aber Sie sind so jung, Sie haben so wenig Menschenkenntnis, ich möchte Sie gern etwas vorsichtig machen. Es giebt ein altes Sprichwort: ›es ist nicht alles Gold was glänzt‹, und ich fürchte, daß wir in dieser Angelegenheit etwas finden werden, das sehr verschieden ist von dem, was Sie und ich erwarten.«

»Weshalb? – Bin ich denn ein Ungeheuer?« fragte ich. »Ist es unmöglich, daß Mr. Rochester eine aufrichtige Neigung für mich hegen könnte?«

»Nein. Sie sind ganz hübsch und in der letzten Zeit haben Sie sich sehr verschönt. Möglich ist es ja, daß Mr. [421] Rochester Sie sehr lieb hat. Ich habe immer bemerkt, daß er eine gewisse Vorliebe für Sie hegte. Es hat Zeiten gegeben, wo ich um Ihretwillen ein wenig unruhig über seine so stark markierte Bevorzugung Ihrer Person war und oft wünschte, Sie ein wenig vorsichtig zu machen. Aber es verletzte mich, auch nur die Möglichkeit eines Unrechts zu berühren. Ich wußte, daß solch eine Idee Sie beleidigen, vielleicht empören würde; und Sie selbst waren so diskret, und so durchaus vernünftig und bescheiden, daß ich hoffte, man würde Sie Ihrem eigenen Schutz überlassen können. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was ich gelitten habe, als ich Sie gestern Abend im ganzen Hause suchte und weder Sie noch unsern Herrn finden konnte. Und als ich Sie dann um Mitternacht mit ihm heimkehren sah!«

»Nun lassen Sie das jetzt und denken Sie nicht mehr daran,« unterbrach ich sie ungeduldig, »es muß Ihnen genügen, daß es durchaus in der Ordnung war.«

»Ich will nur hoffen, daß schließlich alles in Ordnung kommt,« sagte sie, »aber glauben Sie mir, daß Sie gar nicht vorsichtig genug sein können. Versuchen Sie, Mr. Rochester in einer gewissen Entfernung zu halten. Trauen Sie ihm ebensowenig wie sich selbst. Herren in seiner Stellung pflegen gewöhnlich nicht ihre Gouvernanten zu heiraten.«

Ich wurde wirklich ärgerlich; glücklicherweise kam Adele ins Zimmer gelaufen.

»Lassen Sie mich mitfahren, – nehmen Sie mich auch mit nach Millcote!« rief sie. »Mr. Rochester will mich nicht mitnehmen, obgleich in dem neuen Wagen noch soviel Platz ist. Mademoiselle, bitten Sie für mich, daß er mich mitnimmt.«

»Das will ich, Adele;« und froh, meiner trübseligen Lehrmeisterin zu entrinnen, lief ich mit ihr von dannen. Der Wagen war bereit, der Kutscher fuhr gerade am Hauptportal vor; mein Herr und Gebieter ging vor dem [422] Hause auf und ab, Pilot folgte ihm geduldig vorwärts und rückwärts auf den Fersen.

»Nicht wahr, Sir, Adele darf uns begleiten?«

»Ich habe es ihr abgeschlagen. Ich will keine kleinen Rangen. Ich will nur dich.«

»Lassen Sie sie mitkommen, Mr. Rochester, ich bitte Sie darum. Es wäre wirklich besser.«

»Nein. Sie würde uns nur Zwang auferlegen.«

Er sprach in einem sehr befehlenden Ton; seine Blicke befremdeten mich. Ich stand noch unter dem erkältenden Einfluß von Mrs. Fairfaxs Warnungen; als ich an die Zweifel dachte, welche sie ausgesprochen, überlief es mich wiederum eisig. Meine Hoffnungen wurden durch ein Gefühl von Ungewißheit und Haltlosigkeit herabgedrückt. Das Bewußtsein meiner Macht über ihn schwand dahin. Ich war nahe daran, ihm ohne weitere Gegenvorstellungen zu gehorchen. Als er mir beim Besteigen des Wagens behilflich war, sah er mir indessen ins Gesicht.

»Was bedeutet das?« fragte er, »aller Sonnenschein dahin geschwunden. Wünschest du denn wirklich, daß das Kind uns begleitet? Betrübt es dich in der That, wenn die Kleine zurückbleiben muß?«

»Es wäre mir lieber, wenn sie mit käme, Sir.«

»Dann lauf und hole deinen Hut, sei aber schnell wie der Blitz,« rief er Adele zu.

Sie gehorchte ihm so schnell sie konnte.

»Schließlich bedeutet die Störung eines einzigen Morgens ja auch nicht viel,« sagte er, »denn bald werde ich ja dich, deine Gedanken, deine Worte, deine Gesellschaft ganz für mich in Anspruch nehmen – fürs ganze lange Leben.«

Als Adele in den Wagen gehoben wurde, begann sie mich zu küssen, um mir ihre Dankbarkeit für meine Vermittelung zu bezeigen. Augenblicklich schob er sie in einen Winkel auf seiner andern Seite. Dann beugte sie sich an [423] ihm vorüber zu mir hin. Ihr ernster Nachbar legte ihr zu viel Zwang auf. Ihm wagte sie in seiner jetzigen frostigen Laune ihre Bemerkungen nicht zuzuflüstern, und ebensowenig wagte sie, irgend eine Aufklärung oder Auskunft von ihm zu erbitten.

»Lassen Sie sie zu mir kommen,« bat ich, »vielleicht wird sie Sie belästigen, Sir; auf dieser Seite ist noch genug Platz.«

Er reichte sie mir hin, als wäre sie ein Schoßhündchen. »Ich werde sie doch noch in ein Institut schicken,« sagte er, aber jetzt lächelte er.

Adele hörte seine Worte und fragte, ob sie »sans mademoiselle« in das Institut geschickt werden solle.

»Ja,« sagte er, »ganz entschieden sans mademoiselle; denn ich werde mit Mademoiselle in den Mond reisen und dort werde ich eine Höhle in einem der weißen Thäler zwischen den feuerspeienden Bergen suchen, und dort oben wird Mademoiselle dann mit mir leben, ganz allein mit mir.«

»Dort wird sie aber nichts zu essen haben; Sie werden sie zu Tode hungern lassen,« bemerkte Adele.

»Tag und Nacht werde ich Manna für sie sammeln; die Ebenen und Bergrücken sind weiß vor Manna dort oben im Mond, Adele.«

»Aber wenn sie friert und Wärme braucht, wie soll sie denn ein Feuer bekommen?«

»Das Feuer steigt aus allen Mondbergen auf; wenn sie friert, trage ich sie auf irgend eine Bergspitze und lege sie am Rande des Kraters nieder.«

»Oh, qu'elle y sera mal – peu comfortàble! 1 Und ihre Kleider – die wird sie abtragen. Wie soll sie dann neue bekommen?«

Mr. Rochester that, als sei er um eine Antwort verlegen.

[424] »Hm!« sagte er. »Was würdest du thun, Adele? Zerbrich dir den Kopf, um ein Auskunftsmittel zu finden. Was meinst du wohl, wie würde eine weiße oder eine rosa Wolke sich als Kleid machen? Und aus einem Regenbogen könnte man vielleicht eine hübsche Schärpe schneiden.«

Nachdem Adele eine Weile nachgedacht hatte, sagte sie: »Nein, es geht ihr hier viel besser; und außerdem würde sie sich furchtbar langweilen und müde werden, wenn sie dort oben mit Ihnen allein wohnen sollte. Wenn ich Mademoiselle wäre, würde ich niemals einwilligen, mit Ihnen zu gehen.«

»Sie hat schon eingewilligt; sie hat mir ihr Wort gegeben.«

»Aber Sie können sie ja gar nicht hinaufbringen; es führt keine Straße zum Mond; es ist alles nur Luft; und Sie können nicht fliegen und Mademoiselle auch nicht.«

»Adele, sieh jenes Feld an.«

Wir waren jetzt außerhalb der Thore von Thornfield und rollen sanft auf der ebenen Landstraße nach Millcote zu. Der Gewittersturm hatte den Staub bewältigt; die niedrigen Hecken und hohen Bäume zu beiden Seiten des Weges prangten in schönstem Grün, das durch den Regen erfrischt war.

»Adele, auf jenem Felde ging ich vor ungefähr vierzehn Tagen eines Abends spät umher, es war am Abend jenes Tages, an dem du mit mir auf der großen Wiese im Obstgarten das Heu zusammengetragen hast. Da ich müde war von der Arbeit, setzte ich mich an einem Zauntritt nieder. Dann zog ich ein kleines Buch und einen Bleistift hervor und begann von einem Unglück zu schreiben, das vor langer Zeit über mich hereingebrochen; und dann schrieb ich den heißen Wunsch nieder, daß noch einmal glückliche Tage für mich kommen möchten. Ich schrieb sehr schnell, obgleich das Tageslicht dahinschwand, als etwas den Fußpfad heraufkam und einige Schritte vor mir stehen blieb. Ich blickte es an. Es war ein kleines, winziges Ding, das einen Schleier von Spinnweben auf dem Kopfe trug. [425] Ich winkte ihm näher zu kommen; bald stand es auf meinem Schoße. Ich sprach nicht zu ihm – es sprach nicht zu mir – in Worten; aber ich las in seinen Augen und es las in den meinigen; und unser stummes Gespräch lautete ungefähr so:

›Es sei eine Elfe, sagte es, und käme aus dem Feenlande; es sei gekommen, um mich glücklich zu ma chen, aber ich müsse mit ihm aus der gemeinen, alltäglichen Welt hinausgehen an einen einsamen Ort – nach dem Monde zum Beispiel – und es zeigte dorthin, wo er gerade rot und leuchtend über dem Hügel aufging – und erzählte mir von den alabasternen Höhlen und silbernen Thälern, wo wir leben könnten. Ich sagte, daß ich gern mit ihm gehen würde, aber ich erinnerte das zarte Ding daran, wie du es gethan, daß ich keine Flügel zum Fliegen hätte.‹

›O,‹ entgegnete die Elfe, ›das schadet nicht! Hier ist ein Talisman, der alle Schwierigkeiten beiseite räumt,‹ und sie hielt mir einen hübschen, goldenen Ring vor die Augen. ›Schiebe ihn an den vierten Finger meiner linken Hand und ich gehöre dir und du gehörst mir; und wir werden diese Erde verlassen und uns dort drüben unsern Himmel suchen.‹ Dann nickte das kleine Ding dem Monde wieder zu.«

»Den Ring, Adele, trage ich in meiner Brusttasche, ich habe ihn in einen Sovereign verwandelt; aber ich werde ihn bald wieder entzaubern und einen Ring daraus machen.«

»Aber was hat Mademoiselle mit dem allen zu thun? Die Elfe kümmert mich nicht; Sie haben ja gesagt, Sie wollten Mademoiselle nach dem Mond tragen – –?«

»›Mademoiselle ist ja eine Elfe,‹ sagte er geheimnisvoll flüsternd. Darauf sagte ich ihr, dies alles sei nur Plauderei, und sie solle nicht darauf hören; und sie ihrerseits zeigte einen reichen Vorrat von echt französischem Skepticismus, indem sie Mr. Rochester ›un vrai menteur‹ (einen wahren Lügner) nannte und ihm sagte, sie höre gar nicht [426] auf seine Feengeschichten, und daß ›du reste il n'y avait pas de fées, et quand même il y en avait‹, 2 sie fest überzeugt sei, daß ihm keine erscheinen würden und ihm Ringe schenken und ihm anbieten, mit ihm nach dem Mond zu reisen.«

Die Stunde, welche wir in Millcote zubrachten, war eine ziemlich qualvolle für mich. Mr. Rochester zwang mich, nach einer gewissen Seidenhandlung zu gehen, und dort befahl er mir, ein halbes Dutzend seidener Kleider zu wählen. Ich haßte dieses Geschäft, ich bat, es noch aufschieben zu dürfen, nein – es sollte jetzt abgeschlossen werden. Durch meine dringenden, ihm ängstlich zugeflüsterten Bitten reduzierte ich das halbe Dutzend auf zwei Stück; diese beiden schwor er aber selbst auswählen zu wollen. Mit wahrer Todesangst gewahrte ich, wie seine Blicke über den bunten Warenvorrat schweiften. Auf einem reichen amethystfarbenen Seidenstoff und einem prächtigen rosa Atlas blieben sie haften. Wiederum flüsterte ich ihm zu, daß er ebensogut ein goldenes Kleid und einen silbernen Hut für mich kaufen könne, denn ich würde niemals den Mut haben, die Stoffe seiner Wahl zu tragen. Er war starr wie ein Stein, und erst nach unendlicher Mühe gelang es mir, ihn zu überreden, daß er dafür ein solides schwarzes Atlaskleid und eine helle perlgraue Seidenrobe eintauschte.

»Für den Augenblick solle ich meinen Willen haben,« sagte er, »aber er würde mich doch noch einmal farbenprächtig gekleidet sehen, wie ein Blumenbeet.«

Ich war froh, ihn endlich aus dem Seidenwarengeschäft und schließlich noch aus dem Laden eines Juweliers herauszubekommen; denn je mehr er mir kaufte, desto mehr fühlte ich ein Erröten des Ärgers und der Herabwürdigung in meine Wangen steigen. Als wir wieder im Wagen [427] saßen, und ich mich müde und fieberhaft in die Polster zurücklehnte, fiel mir ein, was ich im Lauf der trüben und glücklichen Begebenheiten ganz vergessen hatte – der Brief meines Onkels, John Eyre, an Mrs. Reed: seine Absicht mich zu adoptieren und mich zu seiner Erbin zu machen.

»Es würde in der That eine Erleichterung sein,« dachte ich, »wenn ich auch nur die allerbescheidenste Unabhängigkeit in pekuniärer Beziehung hätte; ich werde mich niemals darein finden können, von Mr. Rochester wie eine Puppe herausgeputzt zu werden, oder wie eine zweite Danaë dazusitzen und täglich den goldenen Regen auf mich herabfallen zu sehen. Sobald ich nach Hause komme, werde ich nach Madeira schreiben und meinem Onkel John mitteilen, daß ich im Begriff bin, mich zu verheiraten und mit wem; wenn mir nur die Aussicht blieb, daß Mr. Rochester eines Tages durch mich ein großes Vermögen zufallen würde, so sollte es mir auch nicht so schwer werden, mich jetzt von ihm erhalten zu lassen.«

Und nach diesem Gedanken, welchen ich nicht unterließ noch an demselben Tage auszuführen, faßte ich wieder den Mut, meinem Gebieter und Geliebten ins Auge zu sehen, das fortwährend meine Blicke gesucht hatte, obgleich ich sowohl Antlitz wie Augen abgewendet gehalten. Er lächelte; und mir schien sein Lächeln ähnlich jenem, mit welchem ein Sultan die Sklavin zu beglücken pflegt, welche er mit seinem Gold und seinen Juwelen geschmückt hat. Ich drückte seine Hand, welche fortwährend die meine gesucht hatte, herzhaft, und warf sie dann von mir; sie war noch rot von meinem leidenschaftlichen Drucke.

»Sie brauchen mich nicht so anzusehen,« sagte ich. »Wenn Sie es noch einmal thun, werde ich bis ans Ende des Kapitels nichts tragen als meine alten Kleider von Lowood. Ich werde mich in diesem fliederfarbenen Baumwollkleidchen trauen lassen – und Sie können sich aus [428] dem perlgrauen Seidenzeuge einen Schlafrock machen lassen, und aus dem schwarzen Atlas eine endlose Reihe von Westen.«

Er kicherte in sich hinein; er rieb sich die Hände: »Ach, es ist ein kostbares Vergnügen, sie zu hören und zu sehen!« rief er aus. »Ist sie nicht originell? Ist sie nicht pikant? Ich würde dies eine kleine, englische Mädchen nicht gegen den ganzen Harem des Großtürken austauschen, mit all seinen Houriaugen und Gazellenformen!«

Diese orientalische Anspielung ärgerte mich wieder: »Ich werde Ihnen durchaus nicht den Harem ersetzen,« sagte ich; »also bitte ich Sie, mich nicht als Ersatz für einen solchen anzusehen; wenn Sie irgendwie für dergleichen Sinn haben, so machen Sie, daß Sie fortkommen, fort nach den Bazars von Stambul, Sir; und legen Sie einen Teil Ihres überflüssigen Geldes, welches Sie hier nicht nach Ihrem Sinne anbringen zu können scheinen, in ausgiebigen Sklavenankäufen an.«

»Und was wirst du thun, Jane, wenn ich um so und so viel Tonnen Fleisches und um ein Sortiment schwarzer Augen handle?«

»Ich bereite mich darauf vor, als Missionärin hinauszugehen in alle Lande und Freiheit allen denen zu predigen, die in Sklaverei leben – unter anderen auch den Bewohnerinnen Ihres Harems. Man wird mir dort Einlaß gewähren, und ich werde eine Empörung anzetteln. Und Sie, Pascha mit den drei Roßschweifen, werden im Umsehen von unseren Händen gefesselt dastehen; und ich für mein Teil werde nicht eher ein willigen, Ihre Fesseln zu lösen, bis Sie nicht das freisinnigste Gesetz unterschrieben haben, welches ein Despot jemals gegeben hat.«

»Ich würde mich dir auf Gnade und Ungnade ergeben, meine kleine Jane.«

»Ich würde keine Gnade üben, Mr. Rochester, wenn Sie mich mit solchen Augen darum bäten. Wenn Sie so aussähen, würde ich sicher sein, daß Sie jedes Gesetz, welches [429] Sie unter drückendem Zwange unterschreiben, sofort übertreten würden, wenn Sie wiederum in Freiheit sind.«

»Nun, Jane, was willst du denn eigentlich von mir? Ich fürchte, du wirst mich zwingen, noch eine zweite Trauungsceremonie, außer jener am Altar, vornehmen zu lassen. Du wirst noch ganz besondere Bedingungen stipulieren; das sehe ich schon – welcher Art werden sie sein?«

»Ich möchte nur ein fröhliches Gemüt, Sir, auf dem keine Verpflichtungen lasten. Erinnern Sie sich, was Sie von Celine Varens sagten? – von den Diamanten, den Cachemirs, die Sie ihr geschenkt haben. Ich will nicht Ihre englische Celine Varens sein. Ich werde fortfahren, Adeles Gouvernante zu sein, damit verdiene ich mir Wohnung und Beköstigung, und außerdem noch dreißig Pfund jährlich. Von diesem Gelde werde ich meine Garderobe anschaffen, und Sie sollen mir nichts geben als – – –«

»Nun, als?«

»Ihre Achtung; und wenn ich Ihnen die meine dafür wiedergebe, so ist die Schuld abgezahlt.«

»Wahrhaftig, was kalte, angeborene Keckheit, und reinen, unbeugsamen Stolz anbetrifft, hast du nicht deinesgleichen,« sagte er. Jetzt näherten wir uns Thornfield.

»Möchtest du heute mit mir zu Mittag speisen?« sagte er, als wir durch die Parkthore von Thornfield fuhren.

»Nein, ich danke Ihnen, Sir.«

»›Und weshalb, nein, ich danke Ihnen, Sir,‹ wenn man so frei sein darf zu fragen?«

»Ich habe noch niemals mit Ihnen gespeist, Sir, und ich sehe nicht ein, weshalb ich es jetzt thun sollte, bevor – –«

»Nun, bevor? Diese halben Phrasen scheinen dir ein besonderes Vergnügen zu machen.«

»Bevor es nicht sein muß.«

»Glaubst du vielleicht, daß ich wie ein Menschenfresser oder wie ein Vielfraß esse, daß du nicht die Gefährtin meiner Mahlzeiten sein willst?«

[430] »Ich habe mir wirklich gar keine Meinung über diese Sache gebildet, Sir; aber ich möchte noch einen Monat so weiter leben wie bisher.«

»Nein, du sollst deine Gouvernantensklaverei augenblicklich aufgeben.«

»In der That! Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber ich werde das nicht thun. Ich werde gerade so weiter leben wie bisher. Ich werde mich während des ganzen Tages von Ihnen fern halten, wie ich gewöhnt war, es zu thun; wenn Sie mich sehen wollen, können Sie mich des Abends holen lassen; dann werde ich kommen; aber zu keiner andern Zeit.«

»Ich möchte eine Cigarre rauchen, Jane, oder eine Prise Tabak nehmen, um mich für alles dies zu trösten ›pour me donner une contenance‹ wie Adele sagen würde; und unglücklicherweise habe ich meine Cigarrentasche und meine Tabaksdose vergessen. Aber hör' mich an, jetzt ist es deine Zeit, kleine Tyrannin, aber binnen kurzem wird die meine kommen. Und wenn ich dich einmal ordentlich gefaßt habe, um dich zu haben und zu halten, so werde ich dich – figürlich gesprochen – an eine Kette wie diese hier legen.« Hier berührte er seine Uhrkette. »Ja, du kleines, liebes Ding, ich werde dich an meinem Herzen tragen, damit mein Juwel nicht verloren geht.«

Dies sagte er, indem er mir behilflich war, dem Wagen zu entsteigen; und während er darauf Adele heraus half, trat ich ins Haus und entkam glücklich nach oben.

Am Abend ließ er mich richtig holen. Ich hatte ihm eine Beschäftigung zugedacht; denn ich war fest entschlossen, den Abend nicht im tête-à-tête mit ihm zu zubringen. Ich erinnerte mich seiner schönen Stimme; ich wußte, daß er gern sang; gute Sänger thun es gewöhnlich. Ich selbst war keine Sängerin und nach seinem strengen Urteil auch nicht einmal musikalisch. Aber es war eine Wonne für mich zuzuhören, wenn die Leistung eine gute war. Kaum [431] war also die Dämmerung, die Stunde der Romantik hereingebrochen und hatte ihr blau und goldgestirntes Banner vor unsere Fenster gebreitet, als ich mich erhob, das Klavier öffnete und ihn um des Himmels willen bat, mir ein Lied zum besten zu geben. Er sagte, ich sei eine launenhafte Hexe, und daß er mir lieber ein anderes Mal etwas vorsingen wolle; aber ich behauptete, daß nichts über die Gegenwart gehe.

»Ob seine Stimme mir denn eigentlich so sehr gefiele?« fragte er.

»Ganz außerordentlich.«

Ich war eigentlich nicht willens, seiner großen Eitelkeit zu schmeicheln; aber dieses eine Mal ward ich meinen Grundsätzen aus Nützlichkeitsrücksichten untreu, und ich begann ihn anzuspornen und zu bitten.

»Dann mußt du aber die Begleitung spielen, Jane.«

»Meinetwegen, Sir, ich werde es versuchen.«

Ich versuchte es also, aber er entfernte mich sofort von dem Stuhl und nannte mich »eine kleine Stümperin«. Nachdem er mich ohne weiteres Ceremoniell beiseite gestoßen hatte – das war's ja gerade, was ich wollte – nahm er meinen Platz ein und fuhr fort, sich selbst zu begleiten, denn er konnte ebensogut spielen wie singen. Ich verkroch mich in die Fenstervertiefung, und während ich dasaß und hinaus auf den dämmernden Garten und die stillen Baumgruppen blickte, horchte ich auf ein süßes Lied, das mit herrlicher Stimme gesungen wurde. Die Worte lauteten:


Die treuste Lieb', die je ein Herz

Mit Allgewalt bewegt,

Das höchste Leid, den größten Schmerz

Hab' ich um sie gehegt.


Mein Glück, ihr Kommen war's allein,

Ihr Scheiden meine Qual,

Und der Gedanke herbe Pein,

Sie bleibe fort einmal.


[432]

Es war ein Traum voll Seligkeit,

Von ihr geliebt zu sein.

Du schöner Traum, wie weit, wie weit

Liegst du im Dämmerschein.


Denn dunkel war der weite Raum,

Der unser Leben trennt,

Und voll Gefahr und Rot, wie kaum

Das Schiff im Sturm sie kennt.


Doch ich, ich trotzte der Gefahr,

Ich stürmte dran vorbei,

Und nahm, was drohend, warnend war,

Als ob's für mich nicht sei.


Denn hin durch Dunkelheit und Nacht,

Durch Wolken schwer und wild,

Strahlt mir in glänzend heller Pracht

Ihr liebes, süßes Bild.


Was kümmert mich nun Haß und Wut,

Was mein vergang'nes Leid!

Was kümmert mich der Rache Glut,

Sie komm' – ich bin bereit!


Denn sie, sie gab die weiße Hand

Mir still vertrauensvoll,

Und flüstert, daß ein heil'ges Band

Uns bald vereinen soll.


Ein Kuß besiegelt, daß sie sich

Mir ganz zu eigen giebt!

In heil'ger Freude juble ich:

Ich lieb', und werd' geliebt!


Er erhob sich und kam zu mir; ich sah sein Gesicht entflammt, sein reiches, falkenähnliches Auge blitzte und Zärtlichkeit und Leidenschaft spiegelten sich in seinen Zügen. Einen Augenblick sank mir der Mut – dann ermannte ich mich. Ich wollte keine Liebesscene, keine kühne Demonstration – und beides drohte mir in diesem Moment. Eine Verteidigungswaffe mußte vorbereitet werden – ich wetzte meine Zunge. Als er neben mir stand, fragte ich strenge:

[433] »Nun, wen werden Sie denn jetzt heiraten?«

»Das ist eine seltsame Frage von den Lippen meines Lieblings, Jane!«

»In der That! Ich hielt sie für sehr natürlich und vor allen Dingen für sehr notwendig. Sie sprachen davon, daß Ihre zukünftige Gattin mit Ihnen sterben solle? Was meinen Sie mit solch einer heidnischen Idee? Ich habe durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu sterben – darauf können Sie sich verlassen.«

»O, alles was ich ersehne, alles was ich erflehe, ist, daß es uns vergönnt sein möge, miteinander zu leben! Der Tod ist nicht da für ein Wesen wie du es bist.«

»In der That ist er das! Ich habe ebensogut das Recht zu sterben, wenn meine Zeit kommt, wie Sie; aber ich will die Zeit abwarten und mich nicht wie eine indische Witwe mit meinem Gatten verbrennen lassen.«

»Willst du mir jenen selbstsüchtigen Gedanken vergeben und mir deine Verzeihung durch einen versöhnenden Kuß beweisen?«

»Nein, lieber nicht, wenn es sein kann.«

Hier hörte ich, wie er mich »ein hartköpfiges, kleines Ding« nannte, und dann vernahm ich noch, wie er in den Bart brummte: »Jedes andere Weib wäre bis ins Mark erschüttert gewesen, wenn sie solche Stanzen zu ihrem Ruhme hätte girren gehört.«

Ich versicherte ihn, daß ich von Natur sehr hartherzig sei – wie in Feuerstein ungefähr – und daß er das nur zu oft empfinden werde; und daß ich überdies entschlossen sei, ihm etliche rauhe Punkte in meinem Charakter zu zeigen, bevor die nächsten vier Wochen abgelaufen wären. Denn er solle wissen, welche Art von Handel er zu machen im Begriffe sei, während es noch nicht zu spät, ihn rückgängig zu machen.

»Willst du jetzt still sein oder vernünftig mit mir reden?«

»Ja, ich will still sein, wenn Sie es wünschen; aber [434] was das Vernünftigreden anbetrifft, so schmeichle ich mir, es auch jetzt zu thun.«

Er knirschte mit den Zähnen, sagte: Pfui! und Bah!

»Meinetwegen!« dachte ich. »Du magst toben und rasen nach Gefallen. Aber ich bin fest überzeugt, daß dies die beste Art und Weise ist, wie man mit dir fertig wird. Ich liebe dich mehr, als Worte sagen können, aber ich will nicht in Gefühlsschwärmerei versinken, und mit dieser scharfen Art der Entgegnung werde ich auch dich von jenem Abgrund zurückhalten, und mehr noch, durch diese beißende Hilfe halte ich jene Entfernung zwischen dir und mir aufrecht, welche am meisten geeignet scheint, zu unserm beiderseitigen Glücke zu führen.«

Mehr und mehr brachte ich ihn in starke Erregung; nachdem er sich dann endlich grollend an das entfernteste Ende des Zimmers zurückgezogen hatte, erhob ich mich und sagte in meiner gewöhnlichen, respektvollen Weise: »ich wünsche Ihnen gute Nacht, Sir.« Dann schlüpfte ich durch eine Seitenthür zum Zimmer hinaus und machte mich von dannen.

Mit diesem so begonnenen System fuhr ich während der ganzen Prüfungszeit fort, und zwar mit dem besten Erfolge. Allerdings erhielt ich ihn auf diese Weise ziemlich böse und ärgerlich; aber im Großen und Ganzen merkte ich doch, daß er sich außerordentlich gut unterhielt, und daß eine lammgleiche Unterwürfigkeit und turteltaubenähnliche Empfindsamkeit, welche seinen Despotismus nur genährt hätte, seinem Verstande, seiner Vernunft und überhaupt seinem ganzen Geschmack weniger zugesagt haben würde.

In Gegenwart anderer war ich wie früher ehrerbietig und ruhig, denn jedes andere Betragen wäre unpassend gewesen; es war nur bei unseren abendlichen Konferenzen und tête-à-têtes, daß ich ihn so quälte und mit ihm stritt. Er fuhr aber fort, mich stets mit dem Glockenschlage sieben holen zu lassen, obgleich er jetzt, wenn ich vor ihm erschien, [435] niemals mehr so honigsüße Warte hatte, wie »Liebling« und »Engel«; die besten Worte, welche er jetzt für mich in Gebrauch nahm, waren »ärgerliche Drahtpuppe«, »boshafte Elfe«, »Gespenst«, »Wechselbalg« u.s.w. u.s.w. Anstatt der Liebkosungen bekam ich jetzt Grimassen; anstatt mir die Hand zu drücken, kniff er mich jetzt in den Arm; anstatt eines Kusses auf die Wange, zupfte er mich am Ohr. Aber es war so recht. Für den Augenblick zog ich allerdings diese schmerzhaften Gunstbezeugungen jeder anderen Zärtlichkeit vor. Ich sah, daß Mrs. Fairfax mein Betragen billigte; ihre Angst und Besorgnis um meinetwillen schwand dahin; deshalb war ich der festen Überzeugung, daß ich recht handelte. Inzwischen versicherte Mr. Rochester, daß ich ihn durch meine Behandlung zu einem Knochengerippe verwandle, und er drohte mir furchtbare Rache, die er in nicht zu ferner Zeit an mir üben würde. Ich lachte mir bei seinen Drohungen ins Fäustchen.

»Jetzt vermag ich dich durch vernünftige Behandlung im Schach zu halten,« dachte ich bei mir, »und ich zweifle gar nicht, daß es mir auch in Zukunft gelingen wird. Wenn ein Mittel seine Macht und Wirkung verliert, muß man schnell auf ein anderes bedacht sein.«

Und doch war meine Aufgabe keine ganz leichte; oft hätte ich ihm lieber etwas Gutes gethan und ihn erfreut, anstatt ihn zu quälen. Mein künftiger Gatte wurde bereits meine ganze Welt, – mehr als die Welt: er wurde meine Hoffnung auf die ewige Seligkeit. Er stand zwischen mir und jedem religiösen Gedanken, so wie eine Sonnenfinsternis zwischen die helle Sonne und den Menschen kommt. In jenen Tagen betete ich Gott nur in seinem Geschöpf an; aus diesem hatte ich ein Götterbild gemacht.

Fußnoten

1 O, wie wenig behaglich sie sich dort fühlen wird!

2 es übrigens gar keine Feen gäbe, und selbst wenn es welche gäbe –

Fünftes Kapitel [2]

Fünftes Kapitel

Der Probemonat war dahin; seine letzten Stunden waren gezählt. Der schnell herannahende Tag – der Tag [436] meiner Hochzeit – konnte nicht mehr aufgeschoben werden; und alle Vorbereitungen waren getroffen. Ich wenigstens hatte nichts mehr zu thun; an der Wand meines kleinen Zimmers standen meine Koffer, gepackt, verschlossen, geschnürt, alle in einer Reihe; morgen um diese Zeit würden sie schon auf dem Wege nach London sein, und desgleichen ich, oder eigentlich nicht ich, sondern eine gewisse Jane Rochester, eine Persönlichkeit, welche ich bis jetzt noch nicht kannte. Es blieb nur noch übrig, die Karten mit den Adressen festzunageln; dort lagen sie, vier kleine, weiße Vierecke, auf der Kommode. Mr. Rochester selbst hatte Namen und Bestimmungsort darauf geschrieben: »Mrs. Rochester, Western Hotel, London«, aber ich konnte mich nicht entschließen, sie zu befestigen oder befestigen zu lassen. Mrs. Rochester! Sie existierte ja nicht; sie sollte ja erst morgen das Licht der Welt erblicken, kurz nach acht Uhr morgens, und ich wollte warten, bis ich sicher war, daß sie lebendig zur Welt gekommen, bevor ich ihr mein ganzes Besitztum verschrieb. Es war schon genug, daß in jenem Kämmerlein, meinem Toilettetisch gegenüber, Toiletten, welche angeblich ihr gehörten, meine schwarzen, wollenen Anzüge, die noch von Lowood herstammten, verdrängt hatten: denn nicht mir gehörte jenes prachtvolle Hochzeitsgewand, das perlgraue Kleid, der lustige Schleier. Ich schloß das Kabinet, um den seltsamen, totenähnlichen Schmuck, welchen es enthielt, meinen Blicken zu entziehen, denn es warf zu dieser Stunde – neun Uhr abends – einen geisterhaften Schimmer über die Schatten meines Zimmers.

»Ich will dich allein lassen, du weißer Traum,« sagte ich. »Ich habe Fieber; ich höre den Wind heulen; ich will hinausgehen, um ihn meine heißen Schläfen kühlen zu lassen.«

Es war nicht allein die Eile der Vorbereitungen, die mich fieberkrank machte; nicht allein das Vorgefühl der großen Veränderung – des neuen Lebens, welches morgen [437] beginnen sollte. Ohne Zweifel hatten diese beiden Umstände ihr Teil an der aufgeregten, ruhelosen Stimmung, die mich zu dieser späten Stunde noch in den dunkelnden Park hinaustrieb; aber noch eine dritte Ursache beeinflußte mein Gemüt noch mehr als jene anderen beiden.

Ein seltsamer, beängstigender Gedanke fraß mir am Herzen. Es war etwas geschehen, das mir unverständlich, unbegreiflich war. Außer mir hatte es niemand gesehen, niemand hatte davon gehört. Es hatte sich am vorhergehenden Abend zugetragen. Mr. Rochester war an jenem Abende vom Hause abwesend, er war auch jetzt noch nicht zurückgekehrt. Er war in Geschäftsangelegenheiten nach einigen kleinen Pachthöfen, die ungefähr dreißig Meilen von Thornfield entfernt lagen, gerufen; Geschäftsangelegenheiten, die er durchaus noch persönlich vor seiner beabsichtigten Abreise von England ordnen mußte. Jetzt wartete ich auf seine Rückkehr; ich sehnte mich danach, ihm mein Herz auszuschütten, und von ihm die Lösung des Rätsels zu erhalten, das mich verblüffte und beunruhigte. Warte bis er kommt, mein Leser; und wenn ich ihm mein Geheimnis enthülle, werde ich dich mit ins Vertrauen ziehen.

Ich suchte den Obstgarten auf; der Wind, welcher während des ganzen Tages voll und scharf aus Süden geweht hatte, trieb mich in den Schutz der Bäume. Kein Regentropfen war gefallen. Anstatt sich beim Herannahen der Nacht zu legen, schien er stärker zu heulen, heftiger zu rasen. Die Bäume neigten sich alle nach einer Seite, sie vermochten kaum sich während des Verlaufes einer ganzen Stunde auch nur einmal aufzurichten: so unausgesetzt war der Wind, der ihre belaubten Wipfel nordwärts beugte und große Massen von Wolken von Pol zu Pol jagte. An diesem Julitage war nicht ein einziger Sonnenstrahl auf unsere Erde gefallen, unser Auge hatte kein einziges Fleckchen Himmelsblau gesehen.

Ich ließ mich nicht ohne ein gewisses Behagen vom [438] Winde treiben und übergab meine Herzensqual dem maßlosen Luftstrom, welcher durch den Raum tobte. Als ich den Lorbeerweg hinunterging, stand ich plötzlich vor dem Wrack des Kastanienbaumes; dort stand er schwarz, gespalten; der Stamm, dessen eine Hälfte zerschmettert, hatte etwas gespensterhaft Grausiges. Die auseinandergespaltenen Hälften hingen noch immer zusammen, denn die feste Erde, die starken Wurzeln hielten sie ungeteilt zusammen, obgleich die Gemeinsamkeit der Lebenskraft gestört war – der Saft konnte nicht mehr fließen; die großen Zweige zu beiden Seiten waren tot, und die Stürme des nächsten Winters würden bestimmt die eine Hälfte oder auch gar beide zu Boden fällen, wenn man jetzt auch wohl noch sagen konnte, daß sie einen Baum bildeten – eine Ruine – aber eine einzige Ruine.

»Ihr thatet recht, zusammen zu halten,« sagte ich; »als wenn die ungeheuren Splitter lebende Wesen wären und mich hören könnten. Wie zerstört, verbrannt und wund Ihr auch ausseht, mir ist, als müßte doch noch ein wenig Leben in Euch sein, das jener Anhänglichkeit der ehrlichen, treuen Wurzeln entspringt. Ihr werdet niemals wieder grünen Blätterschmuck tragen – niemals die Vögel wieder Nester in euren Zweigen bauen sehen und Lobhymnen in euren Wipfeln singen hören; eure Zeit der Liebe und des Glücks ist dahin – aber ihr seid nicht einsam, jede von euch hat eine Gefährtin, die den Verfall mit ihr beweint!«

Als ich zu ihnen emporblickte, erschien der Mond für einen Augenblick an jenem Teil des Himmels, welcher durch ihren Spalt sichtbar war; die Scheibe war blutrot und wie in Nebel eingehüllt; sie schien mir einen einzigen traurigen, bestürzten Blick zuzuwerfen und hüllte sich dann sofort wieder in die jagenden Wolken. Für einen Augenblick legte der Sturm sich, der das Herrenhaus von Thornfield umtobt hatte, aber weit fort über Wald und Wasser zog[439] der Wind wild klagend dahin; es war traurig, dem zuzuhören, und ich lief wieder weiter.

Ich durchstreifte den Obstgarten und sammelte die Äpfel auf, mit denen der Rasen unter den Bäumen dick bestreut war; dann beschäftigte ich mich damit, die reifen von den unreifen zu sondern. Ich trug sie ins Haus und brachte sie in die Vorratskammer. Darauf begab ich mich in die Bibliothek, um mich zu vergewissern, ob das Feuer angezündet sei; denn obgleich es Sommer war, wußte ich, daß Mr. Rochester an einem so düstern Abend bei seiner Heimkehr erfreut sein würde, ein helles, anheimelndes Kaminfeuer zu sehen. Ja, das Feuer war schon längst angezündet und brannte lustig. Ich schob seinen Lehnstuhl in die Kaminecke, dann rollte ich einen Tisch vor denselben; die Vorhänge ließ ich herab und befahl, die Kerzen zum Anzünden bereit hereinzubringen. Ruheloser denn je, als ich diese Arrangements getroffen hatte, konnte ich nicht still sitzen, nicht einmal im Hause bleiben. Da schlugen eine kleine, französische Pendule im Zimmer und die alte Stockuhr in der Halle zu gleicher Zeit zehn Uhr.

»Wie spät es wird!« sagte ich, »ich werde hinunter zum Parkthor laufen; dann und wann scheint der Mond; ich kann eine lange Strecke von der Landstraße übersehen. Er kommt jetzt vielleicht gerade, und wenn ich ihm entgegengehe, erspare ich mir einige Minuten der Angst.«

Der Wind heulte in den hohen Bäumen, welche das Parkthor umgaben; aber so weit ich die Landstraße links und rechts überblicken konnte, war alles still und einsam. Nur die Schatten der Wolken glitten zuweilen darüber hin, wenn der Mond zum Vorschein kam; sonst war es eine schmale, helle Linie, auf der sich auch nicht ein Pünktchen bewegte.

Eine Thräne trübte mein Auge, als ich so hinausstarrte – eine Thräne der Enttäuschung und der Ungeduld; ich schämte mich ihrer und trocknete sie schnell. Ich verweilte [440] aber noch; der Mond schloß sich jetzt ganz in sein wolkiges Gemach und zog die dichtesten Vorhänge vor; die Nacht wurde immer dunkler; jetzt brachte der Sturmwind auch Regenschauer.

»Ach, wenn er nur käme! Wenn er nur da wäre!« rief ich aus von einer trüben Vorahnung erfaßt. Ich hatte schon vor der Theestunde auf seine Rückkehr gewartet; jetzt war es dunkel. Was konnte ihn denn zurückhalten? War ein Unglück geschehen? Die Begebenheit von gestern Abend fiel mir wieder ein. Ich deutete sie jetzt wie eine Vorbedeutung von großem Unglück. Ich fürchtete, daß meine Hoffnungen zu strahlend seien, um sich erfüllen zu können. Und ich hatte in der letzen Zeit zu viel Glückseligkeit empfunden, deshalb glaubte ich, daß mein Glück seinen Meridian überschritten habe und sich jetzt seinem Niedergange zuneige.

»Nun, nach Hause kann ich nicht zurückkehren,« dachte ich; »ich kann nicht ruhig am Kamin sitzen, während er in so rauhem Wetter draußen ist. Lieber will ich meine Füße ermüden, als mein Herz bis aufs äußerste anspannen. Ich will weiter gehen, ihm entgegen.«

So machte ich mich denn auf den Weg; ich ging schnell, aber nicht weit. Bevor ich eine Viertelmeile gegangen, hörte ich Hufschläge; ein Reiter kam in vollem Galopp daher; ein Hund lief neben ihm. Fort mit den bösen Ahnungen! Er war es! Da saß er hoch zu Roß auf Mesrour, Pilot folgte ihm. Er sah mich; denn der Mond hatte sich jetzt gerade ein großes, blaues Feld am Himmel erobert und segelte nun auf der klaren Fläche dahin. Mr. Rochester nahm seinen Hut ab und schwenkte ihn hoch über seinem Kopfe. Jetzt lief ich ihm entgegen.

»Sieh da!« rief er aus, indem er sich vom Pferde herabbog und mir die Hand entgegenstreckte, »du kannst nicht ohne mich sein, das ist doch ganz augenscheinlich. Steige auf die Spitze meines Stiefels, gieb mir beide Hände und jetzt spring herauf.«

[441] Ich gehorchte. Die Freude machte mich behende; ich sprang hinauf. Er gab mir einen herzhaften Willkommenkuß und triumphierte ein wenig, was ich mir so geduldig wie möglich gefallen ließ. Er unterbrach sich in den Äußerungen seiner Freude, um mich zu fragen:

»Aber ist irgend etwas geschehen, Jane, daß du mir um diese Stunde entgegenkommst? Ist ein Unglück passiert?«

»Nein. Aber ich glaubte, daß Sie nimmermehr kommen würden. Ich konnte es nicht länger ertragen, im Hause auf Sie zu warten; und dann dieser Regen, dieser Wind!«

»Regen und Wind in der That! Ja, du triefst ja wie eine Meerjungfrau; wickle dich in meinen Mantel; aber ich glaube, du fieberst Jane; deine Wangen wie deine Hände sind brennend heiß. Ich frage dich noch einmal, ist irgend etwas vorgefallen?«

»Jetzt ist's nichts mehr. Ich bin weder furchtsam noch unglücklich!«

»Also dann warst du beides?«

»Ein wenig, ja. Aber ich werde Ihnen das alles nach und nach erzählen, Sir; und ich bin fest überzeugt, daß Sie meiner Qualen nur lachen werden.«

»Wenn der morgende Tag vorüber ist, werde ich herzlich über dich lachen; früher habe ich nicht den Mut dazu. Der Preis ist mir noch nicht gewiß. Bist du es wirklich, die während des ganzen letzten Monats so glatt wie ein Aal und so dornig wie eine Heckenrose war? Ich konnte nirgend meine Hand hinlegen ohne gestochen zu werden, und jetzt ist es, als hielte ich ein verirrtes Lamm in meinen Armen. Du hast die Herde verlassen, um deinen Hirten zu suchen, nicht wahr, Jane?«

»Ich sehnte mich nach Ihnen. Aber Sie dürfen deshalb nicht übermütig werden. Hier sind wir in Thornfield. Jetzt lassen Sie mich absteigen.«

[442] Er ließ mich an der Terrasse vom Pferde steigen. Nachdem John ihm das Tier abgenommen, folgte er mir in die Halle und sagte, ich solle mich mit dem Wechseln meiner Kleidung beeilen und dann zu ihm ins Bibliothekzimmer kommen. Als ich im Begriff war, die Treppe hinaufzusteigen, hielt er mich auf, um mir das Versprechen abzunehmen, daß ich nicht lange bleiben würde. Und ich brauchte auch nicht viel Zeit; nach kaum fünf Minuten war ich wieder bei ihm. Ich fand ihn beim Abendessen.

»Nimm einen Stuhl und leiste mir Gesellschaft, Jane; wenn es Gott gefällt, ist dies die vorletzte Mahlzeit, die du auf lange Zeit hinaus in Thornfield einnimmst.«

Ich setzte mich an seine Seite, sagte aber, daß ich nicht essen könne.

»Ist es, weil du eine Reise vor dir hast, Jane? Ist es der Gedanke, daß du London sehen wirst, der dir den Appetit raubt?«

»Heute abend liegen meine Aussichten nicht klar vor mir, Sir; und ich weiß kaum, welche Gedanken mein Hirn durchkreuzen. Alles erscheint mir so seltsam, so unwahrscheinlich.«

»Mit Ausnahme meiner selbst, nicht wahr? Ich bin doch Wirklichkeit? Da, berühre mich.«

»Sie, Sir, sind von allem das gespensterhafteste – Sie sind nichts als ein Traum.«

Er streckte mir die Hand entgegen und fragte lachend: »Ist das ein Traum?« Dann hielt er sie mir dicht vor die Augen. Er hatte eine wohlgerundete, muskulöse, kräftige Hand und einen langen, starken Arm.

»Ja, wenn ich sie auch berühre – es ist doch ein Traum,« sagte ich, als ich die Hand beiseite schob. »Sir, haben Sie Ihre Abendmahlzeit beendet?«

»Ja, Jane.«

Ich zog die Glocke und befahl die Speisen abzutragen. Als wir wieder allein waren, schürte ich das Feuer von [443] neuem und setzte mich dann auf einen niederen Schemel zu den Füßen meines Herrn.

»Es ist bald Mitternacht,« sagte ich.

»Ja, Jane, aber du hast doch nicht vergessen, daß du mir versprochen hast, in der Nacht vor meiner Hochzeit mit mir zu wachen?«

»Ich erinnere mich dessen wohl und ich werde mein Versprechen halten; wenigstens für eine oder zwei Stunden. Ich hege nicht den Wunsch schlafen zu gehen.«

»Bist du mit allen Vorbereitungen zu Ende?«

»Mit allen, Sir.«

»Ich bin es ebenfalls,« entgegnete er, »ich habe alles geordnet, und wir werden Thornfield morgen innerhalb einer Stunde nach unserer Rückkehr aus der Kirche verlassen.«

»Ich bin damit einverstanden, Sir.«

»Mit welchem außerordentlich seltsamen Lächeln begleitetest du die Worte: ›ich bin damit einverstanden, Sir!‹ Welch glühendes Rot bedeckt deine beiden Wangen! Und wie deine Augen blitzen! Du bist doch wohl?«

»Ich glaube, daß ich es bin.«

»Du glaubst! Was ist denn geschehen? Sag mir doch, wie dir ums Herz ist.«

»Das könnte ich nicht, Sir. Worte vermöchten nicht auszudrücken, was ich fühle. Ich wollte, daß die gegenwärtige Stunde nie ein Ende nähme! Wer weiß, welch furchtbares Schicksal die nächste schon bringen mag.«

»Dies ist die reine Hypochondrie, Jane. Du bist überreizt oder übermüdet.«

»Sind Sie denn ruhig und glücklich, Sir?«

»Ruhig? – nein, aber glücklich – bis in das Innerste meines Herzens.«

Ich blickte zu ihm auf, um die Zeichen seines Glückes in seinen Zügen zu lesen; sie waren erregt und gerötet.

»Schenk mir dein Vertrauen, Jane,« sagte er, »entlaste [444] dein Gemüt von jeder Bürde, die es bedrückt, indem du mir alles mitteilst. Was fürchtest du? – Daß ich kein guter Gatte sein werde?«

»Der Gedanke liegt mir ferner als alle anderen.«

»Fürchtest du dich etwa vor der neuen Sphäre, in welche einzutreten du jetzt im Begriff bist? – vor dem neuen Leben, das vor dir liegt?«

»Nein.«

»Du beunruhigst mich, Jane. Dieser Blick und dieser Ton traurigen Mutes quälen und ärgern mich. Ich will eine Erklärung.«

»So hören Sie denn, Sir. – Gestern Abend waren Sie vom Hause abwesend.«

»Das war ich; ich weiß es, und vor einer Weile deutetest du an, daß sich während meiner Abwesenheit etwas zugetragen habe. Wahrscheinlich nichts von Bedeutung, aber kurzum, es hat dich beunruhigt. Laß mich es hören. Vielleicht hat Mrs. Fairfax etwas gesagt? Oder du hast das Geklatsch der Dienstboten überhört. – Deine so empfindliche Selbstachtung ist irgendwie verletzt worden?«

»Nein, Sir.«

Jetzt schlug es zwölf Uhr – ich wartete bis die silbernen Töne der alten Stockuhr verklungen waren – dann fuhr ich fort:

»Während des ganzen Tages war ich gestern sehr beschäftigt gewesen und in meiner unaufhörlichen Rührigkeit hatte ich mich unendlich glücklich gefühlt, denn ich fürchte mich durchaus nicht vor der neuen Sphäre und dem neuen Leben, wie Sie zu glauben scheinen, denn ich denke, es muß etwas unendlich Glückseliges sein, mit Ihnen zu leben, weil ich Sie grenzenlos liebe. Nein, Sir, liebkosen Sie mich jetzt nicht – lassen Sie mich ungestört weiter reden. Gestern glaubte ich wohl an die Vorsehung und meinte, daß alle Begebenheiten zu Ihrem und meinem Besten zusammenwirkten. Es war ein schöner Tag – wie Sie sich [445] wohl entsinnen können – die Ruhe in der Luft und am Himmel verboten jede Befürchtung in Bezug auf Ihren Komfort oder Ihre Sicherheit auf der Reise. Nach dem Thee ging ich ein wenig auf der Terrasse auf und nieder und dachte an Sie. Im Geiste sah ich Sie mir so nahe, daß ich Ihre wirkliche Gegenwart gar nicht vermißte. Ich dachte an das Leben, das vor mir lag – an Ihr Leben, Sir – ein ausgedehnteres, bewegteres Dasein als das meine, um soviel mehr so, als die Tiefen des Meeres, in welches der Bach sich ergießt, es sind als dieser letztere. Ich fragte mich verwundert, weshalb Moralisten diese Welt eine traurige Wildnis nennen, für mich war sie blühend und strahlend wie eine Rose. Gerade um Sonnenuntergang wurde die Luft kalt und der Himmel wolkig. Ich ging ins Haus. Sophie rief mich nach oben, um mein Hochzeitskleid anzusehen, das gerade gebracht worden. Und darunter fand ich in der Kiste Ihr Geschenk – den Schleier, welchen Sie in Ihrer fürstlichen Freigebigkeit und Extravaganz aus London hatten kommen lassen, fest entschlossen, wie es mir schien, mich dazu zu bringen, daß ich etwas ebenso Kostbares tragen solle, wenn ich auch Ihre Juwelengabe ausgeschlagen hatte. Ich lächelte, als ich die Spitzen auseinanderfaltete und machte schon einen Plan, wie ich Sie mit Ihrem aristokratischen Geschmack necken wollte und mit Ihren Bemühungen Ihre plebejische Braut mit den Attributen einer Pairstochter zu maskieren. Ich dachte, wie ich Ihnen das Stück einfachen Tülls herunterbringen wollte, den ich selbst als eine Bedeckung für meinen niedrig geborenen Kopf gekauft hatte; und dann hätte ich Sie gefragt, ob dieser Schmuck nicht gut genug sei für ein Mädchen, das ihrem Gatten weder Reichtum, Schönheit noch Familie zubringen könne. Ich sah deutlich vor mir, wie Sie aussehen würden; und ich hörte Ihre ungestümen, republikanischen Antworten und Ihre hochmütige Versicherung, daß Sie nicht nötig hätten, Ihren Reichtum durch [446] die Heirat mit einem Geldbeutel oder Ihre Stellung durch die Verbindung mit einer Krone zu befestigen.«

»Wie gut du mich zu lesen verstehst, du kleine Hexe!« fiel Mr. Rochester hier ein. »Was fandest du aber außer der Stickerei noch an dem Schleier? Hast du Gift oder einen Dolch darin gefunden, daß du so traurig aussiehst?«

»Nein, nein, Sir, außer der Zartheit und dem Reichtum der Arbeit fand ich nur noch Fairfax Rochesters Stolz darin; und der erschreckte mich nicht, weil ich an den Anblick dieses Dämons schon gewöhnt bin. Aber, Sir, als es dunkel wurde, erhob der Wind sich; gestern Abend wehte er – nicht wie er jetzt weht, wild und laut – sondern mit einem klagenden Laut, der viel gespensterhafter klang. Wie wünschte ich, daß Sie zu Hause wären. Ich trat in dieses Zimmer, und der Anblick des kalten, schwarzen Kamins, Ihres leeren Lehnstuhls machte mich frösteln. Als ich endlich zu Bett gegangen, konnte ich noch lange nicht schlafen – ein Gefühl angstvoller Erregung quälte mich. Der noch immer pfeifende Wind schien mir einen traurigen anderen Laut zu übertönen; ob dieser aus dem Hause oder von draußen käme, konnte ich zuerst nicht unterscheiden, aber sowie der Wind sich einen Augenblick legte, hörte ich ihn von neuem, langsam, trübselig, gedehnt. Endlich meinte ich, daß es ein Hund sein müsse, der in einiger Entfernung heulte. Ich war froh, als es endlich aufhörte. Nachdem ich eingeschlafen, nahm ich das Bild einer düsteren, stürmischen Nacht mit in meine Träume hinüber. Aber auch den innigen, heißen Wunsch in Ihrer Nähe zu sein, und das Bewußtsein eines Hindernisses, das sich zwischen uns auftürmte und uns trennte. Während der ersten Stunden meines Schlafes verfolgte ich einen unbekannten, verschlungenen Pfad; totale Finsternis umgab mich; der Regen durchnäßte mich; ich trug eine schwere Last, ein kleines Kind, ein sehr zartes, kleines Wesen, das zu jung und zu schwach, um zu gehen und in meinen Armen vor [447] Kälte bebte und jämmerlich schrie. Mir war, Sir, als seien Sie mir auf derselben Straße um eine lange Strecke voraus, und ich spannte alle meine Nerven an, Sie einzuholen; ich machte unzählige Anstrengungen Ihren Namen zu rufen und Sie zu bitten, daß Sie in Ihrem Lauf innehalten möchten – aber meine Bewegungen waren gelähmt und meine Stimme verhallte ungehört, während Sie – das fühlte ich – sich weiter und weiter entfernten.«

»Und diese Träume lasten jetzt noch auf deiner Seele, Jane, jetzt, wo ich an deiner Seite bin? Kleines, nervöses Ding! Vergiß dein eingebildetes Weh, und denk nur an dein wirkliches Glück! Du sagst, daß du mich liebst, Jane, ja – ich werde das niemals vergessen; und du kannst es auch nicht leugnen. Diese Worte erstarben nicht auf deinen Lippen. Ich hörte sie, klar, sanft und deutlich; vielleicht um einen Gedanken zu feierlich, aber süß wie Sphärenmusik: – ›Es ist ein wundersames Ding um die Hoffnung, mit dir leben zu sollen, Edward, denn ich liebe dich.‹« – »Liebst du mich, Jane?« wiederhole es.

»Ich liebe Sie, Sir. – Ich liebe Sie von ganzem Herzen.«

»Nun,« sagte er nach minutenlangem Schweigen, »es ist seltsam, aber diese Worte haben meine Brust schmerzhaft durchbohrt. Weshalb? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil du die Worte mit einem so ernsten, frommen Nachdruck aussprachst; und weil dein Aufblick zu mir so viel innigen Glauben, so viel Vertrauen und Hingebung ausdrückte. Es ist immer, als umschwebe mich irgend ein Geist. Sieh böse aus, Jane, das verstehst du ja so gut; schenk mir dein wildes, scheues, herausforderndes Lächeln; sag mir, daß du mich hassest – necke mich, ärgere mich; thu alles, nur mache mich nicht weich; ich möchte lieber, daß du mich erzürnst, als daß du mich weich machst.«

»Wenn ich meine Geschichte zu Ende erzählt habe, will ich Sie bis aufs Blut quälen und necken, Sir. Aber jetzt müssen Sie mir noch zuhören.«

[448] »Ich glaubte, Jane, daß du mir schon alles erzählt hättest. Ich meinte, daß die Quelle deiner Melancholie diesem Traume entspränge!«

Ich schüttelte den Kopf.

»Was! giebt es noch mehr? Aber ich will nicht hoffen, daß es etwa Ernstes ist. Ich sage dir indessen vorher, daß du bei mir auf Ungläubigkeit stoßen wirst. Also fahre fort, mein kleiner Liebling!«

Die Unruhe in seinen Mienen, die etwas furchtsame Ungeduld seines Wesens, überraschte mich, ich fuhr jedoch fort.

»Ich träumte noch einen andern Traum, Sir. Thornfield-Hall schien mir eine traurige Ruine, der Zufluchtsort von Eulen und Fledermäusen. Mir war, als sei von der stattlichen Front nichts übrig als eine hohle Mauer, sehr hoch und sehr zerbrechlich aussehend. An einem mondklaren Abend ging ich in dem grasbewachsenen Raume innerhalb jener Mauern umher. Hier fiel ich über einen Marmorkamin, dort stolperte ich über ein herabgefallenes Fragment des Haussimses. Ich trug noch immer das kleine, in einen Shawl gehüllte, unbekannte Kind; ich durfte es nirgend hinlegen, wie müde meine Arme auch waren – wie sehr das Gewicht dieses winzigen Geschöpfes mich auch am Weiterkommen hinderte, – ich mußte es noch immer tragen. In der Ferne hörte ich den Hufschlag eines Pferdes auf der Landstraße; ich war fest überzeugt, daß Sie es seien, und ich wußte, daß Sie auf viele, viele Jahre fortgingen, in ferne Lande. Ich erklomm die schwache Mauer mit wahnsinniger, gefahrbringender Hast, nur hoffend, daß ich von dort oben noch einen Blick von Ihnen erhaschen würde; die Steine rollten unter meinen Füßen fort; die Epheuranken, an denen ich mich festhielt, gaben nach; das Kind klammerte sich voll Angst an meinen Hals und erwürgte mich fast. Endlich langte ich auf der Höhe der Mauer an. Ich erblickte Sie nur noch wie einen winzigen Punkt auf einem weißen Wege, der mit jedem Augenblick [449] enger wurde. Der Wind wehte so heftig, daß ich nicht stehen konnte. Ich setzte mich auf der schmalen Kante nieder; ich suchte das weinende Kind in meinen Armen zu beruhigen. Jetzt bogen Sie um eine Ecke der Landstraße; ich beugte mich vor, um einen letzten Blick zu erhaschen; die Mauer brach zusammen; ich verlor das Gleichgewicht, das Kind entglitt meinen Armen, ich sprang nach, fiel und erwachte.«

»Nun ist es hoffentlich alles, Jane.«

»Die ganze Vorrede, ja, Sir; die eigentliche Geschichte kommt noch. Als ich erwachte, blendete ein Licht mein Auge. Im ersten Moment dachte ich: ›Ah, es ist bereits Tag!‹ Aber ich irrte mich. Es war wirklich nur der Schein einer Kerze. Ich vermutete, daß Sophie eingetreten sei. Auf meinem Ankleidetisch stand ein Licht, und die Thür des kleinen Kabinetts, in welches ich mein Hochzeitskleid und meinen Schleier gehängt bevor ich schlafen gegangen, und die ich dann fest verschlossen, stand offen. Ein Geräusch kam von dort. Ich fragte: Sophie, was thun Sie dort? Niemand antwortete, aber eine Gestalt trat aus dem Kabinett; sie ergriff das Licht, hielt es empor und betrachtete die Kleider, welche an den Kleiderriegeln hingen.«

»›Sophie! Sophie!‹ rief ich wiederum – und noch immer gab die Gestalt keinen Laut von sich. Ich hatte mich im Bette erhoben und neigte mich nach vorn; zuerst bemächtigte Erstaunen sich meiner, dann Bestürzung – und schließlich erstarrte das Blut mir fast in den Adern. – Mr. Rochester, es war nicht Sophie, es war nicht Leah, nicht Mrs. Fairfax – nein, sie waren es nicht, nein, dessen war ich gewiß und bin es noch, es war nicht einmal jene seltsame Person, die Grace Poole.«

»Eine von ihnen muß es doch gewesen sein,« unterbrach mich mein Gebieter.

»Nein, Sir, ich kann Sie des Gegenteils heilig versichern. So lange ich in Thornfield-Hall gewesen, haben meine Augen die Gestalt, welche vor mir stand, nicht gesehen. [450] Die Größe, das Gesicht, die Formen waren mir unbekannt.«

»Beschreibe sie, Jane.«

»Es schien mir eine Frau zu sein, deren langes, schwarzes, dickes Haar ihr über den Rücken herabfiel. Ich weiß nicht, welcher Art das Gewand war, welches sie trug; es war weiß und eng, ob es aber ein Kleid, ein Betttuch oder ein Leichentuch war, in welches sie sich gehüllt, das vermag ich nicht zu sagen.«

»Hast du ihr Gesicht gesehen?«

»Im ersten Augenblick nicht. Aber nun nahm sie plötzlich meinen Schleier von seinem Platze; sie hielt ihn ausgebreitet empor, blickte ihn lange an, warf ihn über ihren eigenen Kopf und betrachtete sich dann im Spiegel. In diesem Augenblick sah ich das Spiegelbild ihres Gesichts und ihrer Figur ganz deutlich in dem dunklen, länglichen Glase.«

»Und welcher Art waren diese?«

»Furchtbar und gespensterhaft schienen sie mir, Sir! O, ich habe niemals ein ähnliches Gesicht gesehen! – Es war ein blutiges Gesicht – es war ein wildes Gesicht. Ich wollte, ich könnte das Rollen der roten Augen vergessen – die fürchterlichen, aufgedunsenen, schwarzen Gesichtszüge!«

»Aber Geister sind doch gewöhnlich blaß, Jane!«

»Dieser Geist war aber blaurot, Sir; die Lippen waren geschwollen und dunkel, die Stirn gefurcht; die schwarzen Augenbrauen bildeten einen hohen Bogen über den blutunterlaufenen Augen. Darf ich Ihnen sagen, an was es mich erinnerte?«

»Das darfst du.«

»An das schauerliche, germanische Gespenst – an den Vampyr.«

»Ah! – Und was that es?«

»Sir, endlich nahm es meinen Schleier von seinem unförmlichen Kopfe, riß ihn in zwei Teile, warf diese auf [451] den Boden und trat mit beiden Füßen und voller Wut darauf.«

»Und weiter?«

»Dann zog es die Fenstervorhänge zur Seite und blickte hinaus. Vielleicht sah es, daß Tagesanbruch nahe war, denn es nahm die Kerze und ging an die Thür. Gerade neben meinem Bette blieb die Gestalt stehen. Die entzündeten Augen glotzten mich an – sie hielt mir das Licht dicht ans Gesicht und löschte es vor meinen Augen aus. Ich fühlte, wie ihr finsteres Gesicht dem meinen immer näher kam – – dann verlor ich das Bewußtsein; zum zweitenmal in meinem Leben – nur zum zweitenmal – wurde ich vor Schrecken bewußtlos.«

»Wer war bei dir, als du wieder zu dir kamst?«

»Niemand, Sir, als das helle Licht des Tages. Ich stand auf, kühlte mein Gesicht mit frischem Wasser und that einen kühlen Trunk; obgleich ich matt war, fühlte ich mich doch nicht krank, und so faßte ich den Entschluß, von dieser Vision niemand Mitteilung zu machen. Jetzt, Sir, sagen Sie mir, wer und was jenes Weib war?«

»Die Ausgeburt eines überreizten Gehirns, weiter nichts; davon bin ich überzeugt. Ich muß dich sorgsam hüten, mein Schatz. Nerven wie die deinen sind nicht gemacht, um widrige Schicksale zu ertragen.«

»Sir, verlassen Sie sich darauf, es war nicht die Schuld meiner Nerven; es war Wirklichkeit; der Übergang hat in der That stattgefunden.«

»Und deine vorhergehenden Träume? War das auch Wirklichkeit? Ist Thornfield-Hall eine Ruine? Bin ich durch unüberwindliche Hindernisse von dir getrennt? Verlasse ich dich ohne eine Thräne? – ohne einen Kuß? – ohne ein Wort?«

»Noch nicht.«

»Bin ich denn im Begriff, es zu thun? – Der Tag, der uns für alle Zeiten unauflöslich aneinander ketten soll, [452] ist bereits angebrochen; und wenn wir einmal verbunden sind, werden diese seelischen Qualen und Schrecken nicht wiederkehren; dafür stehe ich dir ein.«

»Seelische Qualen und Schrecken, Sir! Ich wollte, ich könnte glauben, daß es nichts anderes wäre; jetzt wünsche ich es mehr denn je, da selbst Sie mir das Geheimnis dieses fürchterlichen Besuchs nicht erklären können.«

»Und da ich es nicht kann, ist es auch nicht Wirklichkeit gewesen, Jane.«

»Aber Sir, als ich mir heute morgen beim Aufstehen dies alles sagte und im Zimmer umherblickte, um beim Anblick jedes bekannten und lieben Gegenstandes im hellen Tageslicht wieder Mut und Trost zu schöpfen – da sah ich – vor mir auf dem Teppich – das, was meine Hypothesen deutlich Lügen strafte – den Schleier, welcher in zwei Hälften gerissen am Boden lag!«

Ich fühlte, wie Mr. Rochester entsetzt und schaudernd zusammenfuhr; hastig umfing er mich mit beiden Armen und rief aus: »Allmächtiger Gott sei bedankt, daß nur dem Schleier ein Unfall zustieß, als ein böser Unhold sich in deiner nächsten Nähe befand. – O! zu denken, was hätte geschehen können!«

Er atmete schnell und zog mich so fest an sich, daß ich zu keuchen begann.

Nach minutenlangem Schweigen fuhr er dann plötzlich fröhlich fort:

»Jetzt werde ich dir alles erklären, Jane. Es war halb Traum, halb Wirklichkeit; ich zweifle nicht daran, daß ein Frauenzimmer in deinem Heiligtum gewesen: und jenes Weib war – Grace Poole. Du selbst nennst sie eine wunderliche, seltsame Person; nach allem, was du weißt, hast du ein Recht, sie so zu nennen – denn bedenke nur, was sie mir gethan! was sie Mason gethan! – In einem Zustande zwischen Wachen und Schlafen bemerktest du ihren Eintritt und ihre Geberden; aber fieberhaft erregt, [453] fast delirierend wie du warst, sahst du sie wie einen Kobold, ganz verschieden von ihrer wirklichen Gestalt; das lange, wirre Haar, das geschwollene schwarze Gesicht; die unnatürliche Gestalt, waren Ausgeburten deiner Einbildungskraft; die Resultate eines Alpdrückens. Das zornige Zerreißen deines Brautschleiers war Wirklichkeit – und dergleichen kann man von ihr sehr wohl erwarten. Ich sehe dir an, daß du fragen möchtest, weshalb ich ein solches Geschöpf im Hause behalte. Wenn wir Jahr und Tag verheiratet gewesen sind, dann werde ich es dir erzählen. Jetzt aber noch nicht. Bist du's zufrieden, Jane? Genügt dir meine Erklärung des Geheimnisses?«

Ich dachte einige Augenblicke nach, und dann erschien mir seine Deutung wirklich als die einzigmögliche. Zufrieden war ich allerdings noch immer nicht damit, aber ihm zu Liebe that ich, als sei ich es wirklich – und beruhigt war ich auch in der That. Deshalb antwortete ich ihm mit freundlichem Lächeln. Und da ein Uhr jetzt längst vorüber war, rüstete ich mich, ihn zu verlassen.

»Schläft Sophie nicht mit Adele in der Kinderstube?« fragte er, als ich meine Kerze anzündete.

»Ja, Sir.«

»Und für dich ist in Adeles kleinem Bette Platz genug. Diese Nacht mußt du es mit ihr teilen, Jane. Es ist kein Wunder, daß der Vorfall, über welchen du mir berichtet hast, dich nervös gemacht hat, und es wäre mir lieber, wenn du nicht allein schliefst. Versprich mir, daß du nach der Kinderstube gehst.«

»Ich bin nur zu froh, es thun zu dürfen, Sir.«

»Und verschließe die Thür sorgsam und sicher von innen. Wecke Sophie, wenn du nach oben gehst unter dem Vorwande, daß du sie bittest, dich morgen früh zeitig zu wecken. Denn du mußt vor acht Uhr angekleidet sein und gefrühstückt haben. Und nun keine trüben Gedanken mehr; verscheuche die bösen Sorgen, Jane! Hörst du nicht, wie der [454] Sturm sich gelegt hat und der Wind nur noch zärtlich und leise flüstert? Kein strömender Regen schlägt mehr gegen die Fensterscheiben: blick nur hinaus, – hier zog er den Vorhang zurück – ›es ist eine liebliche Nacht geworden!‹«

Es war eine liebliche Nacht. Die Hälfte des Himmels war klar und wolkenlos. Die Wolken, welche der Wind vor sich hertrieb, zogen jetzt in langen, silbernen Kolonnen gegen Osten. Und friedlich schien der Mond auf die schlummernde Erde herab.

»Nun?« sagte Mr. Rochester, indem er mir fragend in die Augen blickte, »wie fühlt meine Jane sich jetzt?«

»Die Nacht ist still und ungetrübt, Sir, – und ich bin es jetzt ebenfalls.«

»Und dir wird nicht wieder von Trennung und Trübsal und Kümmernissen träumen, sondern nur von einer glücklichen Liebe und seliger Vereinigung!«

Diese Weissagung ging nur zur Hälfte in Erfüllung. Mir träumte nicht von Trennung und Kümmernissen, aber auch ebensowenig von Freude und glücklicher Liebe; denn ich schlief überhaupt nicht einen Augenblick. Ich hielt die kleine Adele in den Armen und bewachte den glücklichen Schlummer der Kindheit – so ruhig, so leidenschaftslos, so unschuldig – und so erwartete ich den jungen Tag. Das Leben pulsierte mächtig in meinen Adern, und als die Sonne aufging, erhob auch ich mich. Ich erinnerte mich, wie fest Adele sich an mich klammerte, als ich mich losmachen wollte. Ich erinnere mich noch, wie innig ich sie küßte, als ich ihre kleine Händchen, die meinen Nacken umfaßt hielten, löste; eine seltsame Rührung übermannte mich, ich brach in Thränen aus und mußte mich von ihrem Lager fortschleichen aus Furcht, daß mein Schluchzen sie wecken könne. Sie lag noch in tiefem Schlaf. Sie war das Sinnbild meines ganzen bisherigen Lebens, und er, dem zu begegnen ich mich jetzt festlich schmückte, war der gefürchtete aber auch vergötterte Inbegriff meiner Zukunft.

Sechstes Kapitel [2]

[455] Sechstes Kapitel

Um sieben Uhr kam Sophie, um mich anzukleiden; es dauerte geraume Zeit, bevor sie sich ihrer Aufgabe entledigt hatte; so lange, daß Mr. Rochester, welcher über diese Verzögerung ungeduldig geworden, wie ich vermute, nach oben sandte und fragen ließ, weshalb ich noch immer nicht käme. Sie befestigte gerade meinen Schleier (schließlich hatte ich nun doch den einfachen Tüllschleier nehmen müssen) mit einer wertvollen Nadel. Sobald es mir möglich, entschlüpfte ich ihren Händen, um hinunter zu eilen.

»Halt!« rief sie auf französisch. »Sehen Sie sich doch im Spiegel an: Sie haben nicht einen einzigen Blick hineingeworfen.«

Ich wandte mich also noch in der Thür um. Im Spiegel sah ich eine Fremde; denn jene weißgekleidete, verschleierte Gestalt konnte unmöglich mein kleines Selbst sein.

»Jane!« ertönte eine Stimme und eilends lief ich hinunter. Am Fuße der Treppe empfing mich Mr. Rochester.

»Zauderin,« sagte er, »mein Gehirn flammt vor Ungeduld, und du zögerst so lange!«

Er führte mich in das Speisezimmer, betrachtete mich prüfend von Kopf bis zu Fuß, nannte mich so zart wie eine Lilie und nicht allein den Stolz seines Lebens, sondern auch den Wunsch seiner Augen, und indem er mir dann sagte, daß er mir zum Frühstücken nur zehn Minuten Zeit gestatte, zog er die Glocke.

Einer seiner erst kürzlich gemieteten Diener trat ein.

»Bringt John den Wagen in Ordnung?«

»Ja, Sir.«

»Ist alles Gepäck nach unten gebracht?«

»Die Leute sind im Begriff, es herunterzubringen.«

»Gehen Sie jetzt in die Kirche und sehen Sie, ob der Geistliche, Mr. Wood und der Küster bereits dort sind. [456] Dann kommen Sie eilends zurück, um mir den Bescheid zu bringen.«

Wie mein Leser schon weiß, lag die Kirche gleich hinter dem Parkthor. Der Diener kehrte also nach wenig Augenblicken zurück.

»Mr. Wood ist bereits in der Sakristei, Sir, und zieht den Chorrock an.«

»Und der Wagen?«

»Die Pferde werden angeschirrt.«

»Wir brauchen ihn nicht für den Weg in die Kirche; aber der Wagen muß vor der Thür stehen, wenn wir zurückkommen; alles Gepäck muß aufgeladen und festgeschnallt sein, der Kutscher auf dem Bocke sitzen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Jane, bist du bereit?«

Ich erhob mich. Wir hatten keine Brautführer, keine Brautjungfern; keine Angehörigen, die uns begleiteten oder uns erwarteten. Niemand, niemand außer Mr. Rochester und mir. Mrs. Fairfax stand in der Halle, als wir diese durchschritten. Ich hätte so gern mit ihr gesprochen, aber er hielt meine Hand mit eisernem Griffe fest. Er zog mich mit sich und schritt so schnell vorwärts, daß ich kaum folgen konnte; und als ich Mr. Rochester ins Antlitz blickte, da empfand ich deutlich, daß er mir um keinen Preis der Welt und unter keiner Bedingung auch nur eine Minute des Aufschubs gewähren würde. Ich möchte wissen, ob je ein Bräutigam seit Anbeginn der Welt so ausgesehen hat, wie er – so grimmig entschlossen, so energisch entschlossen zu handeln. Oder ob jemals die Augen eines Mannes auf seinem Wege zur Trauung unter hartnäckig gerunzelten Brauen so gefunkelt und geblitzt haben!

Ich weiß nicht, ob es ein schöner, klarer oder ein stürmisch regnerischer Tag war; als ich den großen Fahrweg hinunterschritt, blickte ich weder zum Himmel empor noch zur Erde hinab; meine Augen waren bei meinem Herzen, und [457] beide weilten jetzt bei Mr. Rochester. Ich wollte jenes unsichtbare Etwas sehen, auf das er während unseres Weges seinen wilden ungestümen Blick zu heften schien. Ich wollte jene Ge danken kennen, nachempfinden, mit denen er rang und kämpfte.

An der Kirchhofspforte hielt er inne; jetzt erst entdeckte er, daß ich vollständig außer Atem war.

»Bin ich grausam in meiner Liebe?« fragte er. »Warten wir einen Augenblick. Stütze dich auf mich, Jane.«

Und jetzt sehe ich wieder das Bild jenes grauen, alten Gotteshauses vor mir, wie es still und mächtig emporragte in den rosigen Morgenhimmel. Ein Raubvogel umkreiste den Kirchturm. Ich hege auch noch eine Erinnerung an die grünen Grabhügel; und ich habe ebensowenig jene beiden fremden Gestalten vergessen, welche zwischen den niedrigen Gräbern umhergingen und die Inschriften lasen, welche auf den wenigen moosbewachsenen Denksteinen zu entziffern waren. Ich bemerkte sie, weil sie augenblicklich hinter die Kirche traten, als sie unserer ansichtig wurden, und ich zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß sie durch die Thür des Seitenflügels in das Gotteshaus eintreten würden, um der Trauungsceremonie beizuwohnen. Von Mr. Rochester wurden sie nicht bemerkt; er blickte mir ernst ins Antlitz, aus dem für den Augenblick alles Blut gewichen war; denn ich fühlte, wie ein kalter Angstschweiß meine Stirn bedeckte und meine Wangen und meine Lippen eisig kalt wurden. Als ich mich erholt hatte, was sehr bald geschah, ging er langsam und fürsorglich den Pfad zum Kirchenportal mit mir hinauf.

Wir traten in den stillen, bescheidenen Tempel. Der Priester stand in seinem weißen Chorrock an dem niedrigen Altar und wartete. Neben ihm der Küster. Tiefe, heilige Ruhe überall. In einem entfernten Winkel bewegten sich zwei Schatten. Meine Vermutung war die richtige gewesen: die Fremden waren vor uns in die Kirche geschlüpft und [458] jetzt standen sie an dem Grabgewölbe der Rochesters. Sie hatten uns den Rücken zugewendet und blickten durch die Gitterstäbe auf den alten, von der Zeit geschwärzten Marmorstein, wo ein knieender Engel die irdischen Überreste des Damer de Rochester hütete, welcher zur Zeit der Bürgerkriege auf Marston Moor den Tod gefunden hatte. Neben ihm ruhte Elizabeth, seine Gemahlin.

Wir hatten uns am Abendmahlstische aufgestellt. Als ich einen vorsichtigen Schritt hinter mir hörte, blickte ich über meine Schulter: einer der beiden Fremden – augenscheinlich ein Gentleman – näherte sich dem Altarplatz. Der Gottesdienst begann. Die Erklärung des Endzwecks der Ehe wurde durchgenommen. Dann trat der Geistliche um einen Schritt vorwärts und indem er sich leicht zu Mr. Rochester herabbeugte, fuhr er fort:

»Und so bitte und verlange ich denn von euch beiden (da ihr am furchtbaren Tage des jüngsten Gerichts, wenn das Geheimnis aller Herzen enthüllt sein wird, dafür werdet Rechenschaft ablegen müssen), daß wenn einem von euch ein Hindernis bekannt ist, weshalb ihr nicht gesetzmäßig in die Ehe treten könnet, ihr es jetzt bekennet. Denn das sollt ihr wissen, daß so viele da beieinander leben anders als durch Gottes Wort verbunden, so viele sind nicht durch Gott verbunden und ihre Ehe bedeutet nichts nach dem Gesetz.«

Hier hielt er inne, wie es der Brauch ist. Wann wird die Pause nach jener Frage jemals durch eine Antwort unterbrochen? Vielleicht nicht ein einziges Mal in einem ganzen Jahrhundert. Und der Geistliche, welcher die Blicke nicht von seinem Buche erhoben und den Atem nur für einen Augenblick angehalten hatte, fuhr jetzt fort. Seine Hand war schon gegen Mr. Rochester ausgestreckt und er öffnete die Lippen um zu fragen: »Willst du dieses Mädchen hier zu deinem Weibe nehmen« – als eine Stimme deutlich und klar sagte:

[459] »Die Trauung kann nicht vollzogen werden. Ich erkläre hiermit, daß ein Hindernis existiert.«

Der Prediger blickte auf und sah den Sprecher an – sprachlos stand er da. Ebenso der Küster. Mr. Rochester machte eine leise Bewegung, als spüre er ein Erdbeben unter seinen Füßen. Dann faßte er wieder festeren Fuß und indem er weder das Haupt noch den Blick wandte, sagte er mit gebieterischer Stimme: »Fahren Sie fort!«

Als er diese Worte gesprochen hatte, herrschte tiefe Stille. Leise aber fest waren sie erklungen. Dann sagte Mr. Wood:

»Ich kann nicht fortfahren, ohne Nachforschungen über die Behauptung anzustellen, welche hier soeben gemacht worden ist. Ich muß untersuchen, ob es Lüge oder Wahrheit gewesen.«

»Die Ceremonie der Trauung hat hier ein Ende,« entgegnete die Stimme hinter uns. »Ich bin in der Lage beweisen zu können, daß das, was ich behaupte, auf Wahrheit beruht. Es existiert ein unüberwindliches Hindernis für diese Ehe.«

Mr. Rochester hörte wohl, aber er achtete auf nichts; steif und starr stand er da. Er machte keine Bewegung, nur meine Hand faßte er noch fester. Welch ein starker, mächtiger, heißer Griff das war! – Und wie marmorgleich war seine blasse, festgewölbte, starke Stirn in diesem Augenblick! Wie sein Auge blitzte, wie ruhig, wie wachsam und doch wie feurig es glänzte!

Mr. Wood schien in diesem Moment nicht zu wissen, was er thun solle.

»Und welcher Art ist dieses von Ihnen erwähnte Hindernis?« fragte er endlich. »Vielleicht ließe es sich hinwegräumen – erklären – überwinden?«

»Wohl kaum,« lautete die Antwort. »Ich habe es unüberwindlich genannt und ich spreche mit Überlegung.«

Der Sprecher trat vor und lehnte sich über das Gitter [460] des Altarplatzes. Dann fuhr er fort, deutlich, ruhig, ohne inne zu halten, aber nicht laut.

»Es besteht einfach in einer bereits früher geschlossnen Ehe. Mr. Rochester hat eine Gattin, welche noch am Leben ist.«

Diese leise und ruhig gesprochenen Worte machten meine Nerven erbeben, wie ein Donnerschlag es nicht vermocht hätte zu thun – mein Blut empfand ihre listige Gewaltthätigkeit, wie es niemals Frost oder Hitze empfunden hatte. Aber ich war gefaßt, grausam gefaßt, und die Gefahr des Ohnmächtigwerdens drohte mir nicht. Ich blickte Mr. Rochester an – und ich zwang ihn, mich anzusehen. Sein ganzes Gesicht erschien mir in diesem Augenblick wie ein farbloser Felsen. Sein Auge war Funke und Feuerstein zugleich. Er leugnete nichts. Er sah nur aus, als sei er bereit, allen Dingen der Erde und des Himmels Trotz zu bieten. Er sprach nicht; er lächelte nicht; er schien in mir kein lebendes Wesen mehr zu erkennen. Nun umschlang er meine Taille mit seinem Mannesarm und hielt mich so an seiner Seite fest.

»Wer seid Ihr?« fragte er den Störer.

»Mein Name ist Briggs – ich bin Advokat in Regentstreet, London.«

»Und Sie wollen mir eine Gattin imputieren?«

»Nein Sir, ich wollte Sie nur an die Existenz Ihrer Gemahlin erinnern! Das Gesetz erkennt Ihre erste Ehe an, wenn auch Sie selbst nicht gesonnen scheinen, dies zu thun.«

»Beglücken Sie mich doch mit einer Beschreibung dieser Dame – mit ihrem Namen – ihrem Herkommen – ihren Verwandten – ihrem Wohnsitz.«

»Gewiß Sir, ich stehe ganz zu Diensten.«

Hier zog Mr. Briggs ruhig ein Papier aus seiner Tasche und las mit einer gewissermaßen geschäftsmäßigen und nasalen Stimme folgendes:


»Ich bestätige und kann beweisen, daß am zwanzigsten Oktober anno domini, (hier folgte eine Jahreszahl, die um [461] fünfzehn Jahre zurück datierte) Edward Fairfax Rochester von Thornfield-Hall, in der Grafschaft –, und von Ferndean-Manor in –shire, England, mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, Tochter von Jonas Mason, Kaufmann, und seiner Gattin Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche Allerheiligen zu Spanish Town auf Jamaika getraut wurde. Das Protokoll über jene Trauung steht in den Kirchenbüchern der genannten Kirche verzeichnet – eine Kopie desselben befindet sich zur Zeit in meinen Händen.

gez. Richard Mason.«


»Das mag beweisen – wenn es übrigens ein echtes Dokument ist, daß ich einmal verheiratet war, aber es beweist nicht, daß jenes Weib, welches darin als meine Gattin bezeichnet wird, noch am Leben ist.«

»Wenigstens lebte sie vor drei Monaten noch,« entgegnete der Advokat, »das ist bewiesen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe einen Zeugen für jenes Faktum, Sir; einen Zeugen, Sir, dessen Aussagen selbst Sie nicht bestreiten oder entkräften können.«

»Bringen Sie ihn zur Stelle – – oder fahren Sie zum Teufel!«

»Vorerst will ich ihn zur Stelle bringen – er befindet sich in nächster Nähe. Mr. Mason, haben Sie doch die Güte vorzutreten.«

Als Mr. Rochester diesen Namen hörte, knirschte er mit den Zähnen; ein starkes convulsivisches Zittern machte seinen ganzen Körper erbeben; er hielt mich so fest an sich gedrückt, daß ich das krampfhafte Beben der Wut und der Verzweiflung, das seine ganze Gestalt durchfuhr, mit empfinden mußte.

Der zweite Fremde, welcher sich bis jetzt im Hintergrunde gehalten hatte, trat jetzt ebenfalls näher. Ein bleiches Gesicht blickte über die Schulter des Rechtsgelehrten – ja – es war Mr. Mason in eigener Person.[462] Mr. Rochester wandte sich um und starrte ihn an. Wie ich schon oft erwähnt habe, war sein Auge schwarz – jetzt aber hatte es einen rotbraunen, nein, einen blutigen Glanz in seiner Düsterkeit; – sein Antlitz färbte sich – die olivefarbenen Wangen, die bleiche Stirn wurden von einer Glut überzogen, die wie ein Feuer aus dem gemarterten Herzen emporzusteigen schien. Dann machte er eine Bewegung, erhob seinen starken Arm – er war im Begriff, Mason niederzuschlagen, ihn auf den Boden der Kirche hinzustrecken, schonungslos sein Leben zu zerstören – aber Mason zuckte zurück und schrie hilflos »Allmächtiger Gott!«

Hier bemächtigte plötzlich grenzenlose Verachtung sich Mr. Rochesters und machte ihn ruhig – seine Leidenschaft erlosch, als hätte der Frost sie mit einem Schlage vernichtet, und er fragte nur: »Was habenSie noch zu sagen?«

Eine unhörbare Antwort entrang sich den bleichen Lippen Mr. Masons.

»Der Teufel soll dich holen, wenn du nicht deutlich antworten kannst. Ich frage dich noch einmal, was du zu sagen hast,« schrie Mr. Rochester ihn an.

»Sir – Sir,« unterbrach ihn hier der Geistliche, »vergessen Sie nicht, daß Sie sich an geweihter Stätte befinden.«

Dann wandte er sich zu Mr. Mason und fragte sanft: »Wissen Sie, Sir, ob die Frau dieses Herrn hier noch am Leben ist oder nicht?«

»Mut, – Mut!« tröstete ihn der Advokat, »sprechen Sie nur gerade heraus.«

»Sie lebt noch – und zwar in – Thornfield-Hall;« sagte Mason mit deutlicherer Stimme. »Zum letztenmal sah ich sie dort im April. Ich bin ihr Bruder.«

»In Thornfield-Hall!« rief der Prediger entsetzt aus. »Unmöglich! Ich bin ein alter Bewohner dieser Gegend, Sir, und noch niemals, nein, niemals habe ich von einer Mrs. Rochester auf Thornfield-Hall gehört.«

[463] Ich sah, wie ein grausames Lächeln Mr. Rochesters Lippen verzerrte. Er murmelte:

»Nein, bei meinem Gott! Ich habe Sorge getragen, daß niemand davon hören sollte – oder von ihr – unter jenem Namen.«

Er dachte nach. Volle zehn Minuten ging er mit sich zu Rate. Dann hatte er seinen Entschluß gefaßt und verkündete ihn:

»Genug – genug! Jetzt soll alles mit einemmal heraus, wie die Kugel aus der Kanone. – Wood, schließen Sie Ihr Buch und ziehen Sie Ihren Chorrock aus; John Green (zum Küster gewendet) verlaßt die Kirche. Heute wird keine Trauung mehr stattfinden.«

Der Mann that, wie ihm geheißen.

Mr. Rochester fuhr fort, kühn und unentwegt:

»Bigamie ist ein furchtbares Wort! Und doch hatte ich die Absicht, ein Bigamist zu werden! – Aber das Schicksal hat mich überlistet – oder die Vorsehung hat mir Einhalt geboten, – vielleicht ist das letztere richtig. In diesem Augenblick bin ich wenig besser als ein Teufel, und, wie der Priester dort wahrscheinlich sagen würde, verdiene ich ohne Zweifel die furchtbarsten Strafen des Himmels – das ewige Feuer – die ewige Verdammnis. Ihr Herren, mein Plan ist durchkreuzt! – was dieser Advokat und sein Klient sagen, ist wahr: ich war verheiratet – und das Weib, mit welchem ich verheiratet war, lebt! Wood, Sie sagen, daß Sie niemals von einer Mrs. Rochester da drüben im Herrenhause gehört haben, – aber ich vermute, daß Sie Ihr Ohr gar manchesmal den Klatschereien über die geheimnisvolle Wahnsinnige geliehen haben, die dort unter Aufsicht und strenger Wacht gehalten wird. Einige Leute haben Ihnen zugeflüstert, daß sie meine illegitime Halbschwester sei, andere wieder, daß sie meine verstoßene Geliebte, welche ich selbst zum Wahnsinn getrieben! Aber ich sage Ihnen jetzt, daß sie meine Gattin ist, mit welcher [464] ich mich vor fünfzehn Jahren verheiratet habe, – Bertha Mason mit Namen, Schwester jenes entschlossenen, furchtlosen Menschen, der Ihnen jetzt mit seinen bebenden Gliedern und leichenfahlem Antlitz beweist, welch mutiges Herz mancher Mann im Leibe trägt! – Ermanne dich, Dick! hab doch keine Angst vor mir! – Ich würde doch eher ein wehrloses Weib schlagen als dich armen Kerl! – Bertha Mason ist wahnsinnig; und sie entstammt einer wahnsinnigen Familie – Idioten und Tobsüchtige seit drei Generationen! Ihre Mutter, die Kreolin, war sowohl eine Verrückte, wie eine Säuferin! Das erfuhr ich erst nachdem ich die Tochter geheiratet hatte, denn vor meiner Heirat hatten sie alle Familiengeheimnisse mit größter Diskretion gehütet. Bertha als pflichtgetreue Tochter ahmte ihrer Mutter in beiden Dingen nach. Ich hatte eine reizende Gefährtin – rein, unschuldig, klug, bescheiden – Sie können mir glauben, daß ich ein glücklicher Mann war! – Ich erlebte die schönsten Scenen! O! meine Erfahrungen waren himmlischer Art! Wenn Sie das alles nur wüßten! Aber zu weiteren Enthüllungen bin ich Ihnen nicht verpflichtet. Briggs, Wood, Mason, – ich lade Sie alle ein, hinauf ins Herrenhaus zu kommen und Grace Pooles Schutzbefohlene, meine Gemahlin, zu besuchen! – Sie sollen mit eigenen Augen sehen, wie man mich betrogen, als man mich dieses Geschöpf heiraten ließ. Und dann sollen Sie urteilen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, einen solchen Vertrag zu brechen und Sympathie und Teilnahme bei einem Wesen zu suchen, das wenigstens menschlich ist.«

»Wood,« fuhr er fort, »dieses Mädchen hier hatte ebensowenig eine Ahnung von dem widerlichen Geheimnis, wie Sie selbst. Sie glaubte, daß alles in bester Ordnung und nach dem Gesetz sei; sie ließ sich's nicht träumen, daß sie im Begriff war, eine fingierte Ehe mit einem betrügerischen, elenden Verbrecher einzugehen, der bereits an ein [465] schlechtes, wahnsinniges und vertiertes Weib gebunden ist! Kommt alle! alle! alle! Folgt mir!«

Und indem er mich noch immer mit eiserner Faust hielt, verließ er die Kirche. Die drei Herren folgten uns. Vor der großen Einfahrtsthür zur Halle fanden wir den Wagen.

»Fahr ihn nur zurück in die Remise, John,« sagte Mr. Rochester ganz ruhig und gefaßt, »heute werden wir ihn nicht mehr brauchen.«

Bei unserem Eintritt kamen uns Mrs. Fairfax, Adele, Leah und Sophie entgegen, um uns zu beglückwünschen.

»Fort mit euch! Jeder an seine Arbeit! – Fort! fort!« schrie der Gebieter, »zum Teufel mit euren Glückwünschen! Wer braucht sie! Wer hat sie verlangt? – Ich nicht! – Sie kommen um fünfzehn Jahre zu spät!«

Immer noch meine Hand haltend, stürmte er an den versammelten Frauen vorüber und machte den Herren ein Zeichen, ihm zu folgen, was auch geschah.

Wir gingen die erste Treppe hinauf, gingen über die Galerie und gelangten endlich in das dritte Stockwerk. Mr. Rochester öffnete mit seinem Hauptschlüssel die niedrige, schwarze Thür, ließ uns in das mit Gobelins behangene Zimmer eintreten, in welchem sich jenes große Bett und der altmodische, schöne Schrank befanden.

»Sie kennen dies Gemach, Mason,« sagte unser Führer, »hier war es ja, wo sie Sie biß und zu erdolchen versuchte.«

Er hob die Vorhänge an der Wand empor und enthüllte unseren Blicken auf diese Weise eine zweite Thür, welche er ebenfalls öffnete.

In einem Zimmer ohne Fenster brannte ein großes, helles Feuer, welches durch einen starken Kaminschirm geschützt wurde. Eine Lampe hing an einer Kette von der Decke herab. Grace Poole stand über das Feuer gebeugt und war augenscheinlich damit beschäftigt, irgend etwas in einer Kasserole zu kochen. An dem entfernteren Ende des [466] Zimmers in tiefem Schatten lief eine Gestalt unaufhörlich hin und her. Beim ersten Anblick vermochte man nicht zu entscheiden, ob es ein Tier oder ein menschliches Wesen sei. Anscheinend kroch es auf allen Vieren. Es schnappte und brüllte wie ein wildes Tier. Aber es war mit Kleidern behängt, und eine Menge dunklen, ergrauenden Haars verbarg Kopf und Gesicht wie eine wilde Mähne.

»Guten Morgen, Mrs. Poole!« sagte Mr. Rochester. »Wie geht es Ihnen? Und wie steht es heute mit Ihrer Schutzbefohlenen?«

»Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Grace, »es geht uns beiden ganz erträglich.« Dann setzte sie das kochende Gericht behutsam auf den Kaminsims. »Ziemlich bissig, aber nicht tobsüchtig.«

Ein wütender Schrei schien diesen günstigen Bericht Lügen strafen zu wollen. Die angekleidete Hyäne erhob sich und stand groß und gewaltig auf ihren Hinterfüßen.

»Ach, Sir. Sie hat Sie gesehen!« rief Grace; »es wäre besser, wenn Sie fortgingen!«

»Nur ein paar Minuten, Grace; ein paar Minuten müssen Sie mir gestatten.«

»Aber dann seien Sie vorsichtig, Sir! um Gottes willen – seien Sie sehr vorsichtig!«

Die Wahnsinnige stieß ein förmliches Gebell aus. Sie strich sich die wilde Mähne aus dem Gesicht und blickte ihre Besucher wild und tierisch an. Ich erkannte dies blaurote Gesicht gar wohl wieder, – diese geschwollenen Züge. Mrs. Poole näherte sich ihr.

»Gehen Sie mir aus dem Wege,« sagte Mr. Rochester, indem er sie beiseite stieß, »ich hoffe, daß sie in diesem Augenblick kein Messer hat; überdies bin ich auf meiner Hut.«

»Man kann niemals wissen, was sie hat, Sir; sie ist so listig, so verschlagen. Es liegt nicht im Bereich der Möglichkeit, ihre Schlauheit, ihre Hinterlistigkeit zu ergründen.«

[467] »Wollen wir sie nicht lieber verlassen?« flüsterte Mason.

»Geh zum Teufel!« lautete die freundliche Aufforderung seines Schwagers.

»Achtung!« schrie Grace. Die drei Herren traten gleichzeitig in den Hintergrund. Mr. Rochester warf mich hinter sich: die Wahnsinnige stürzte sich auf ihn, packte ihn wütend an der Kehle und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht. Sie rangen miteinander. Sie war ein starkes Weib, an Länge kam sie ihrem Gatten fast gleich, außerdem war sie korpulent. In diesem Kampfe bewies sie eine fast männliche Kraft; mehr als einmal war sie nahe daran, ihn trotz seiner atlethischen Geschmeidigkeit zu erdrosseln. Mit einem wohlgezielten Schlage hätte er sie zu Boden schlagen können; aber er wollte nicht schlagen, er wollte nur kämpfen und ringen. Endlich war er imstande, ihre Arme zu packen; Grace Poole gab ihm einen Strick, und er band sie ihr auf dem Rücken zusammen; mit einem zweiten Strick, der schnell zur Stelle geschafft wurde, band er die Rasende auf einem Stuhle fest. Diese Sache wurde unter dem gellendsten Geschrei vollzogen, und die Gebundene machte mehr als einen konvulsivischen Versuch, sich loszureißen. Jetzt wandte Mr. Rochester sich zu den Zuschauern. Er blickte sie mit einem Lächeln an, das zugleich bitter und trostlos war.

»Das ist nun mein Weib!« sagte er. »Dies die einzige Umarmung, die ich je noch von meiner Gattin zu erwarten habe – dies sind die Liebkosungen, welche den Trost meiner Mußestunden bilden sollen! – Und dies hier ist das, was ich zu besitzen mich sehnte, (hier legte er seine Hand auf meine Schulter) dies junge Mädchen, welches so ernst und still, so unentwegt am Schlunde der Hölle steht und das Treiben eines Dämons gefaßt mit ansieht. Ich begehrte sie – nur wie eine Art von Abwechselung nach jenem beißenden Ragout. Wood und Briggs! Sehen Sie sich doch den Unterschied an! Vergleichen Sie diese klaren Augen mit jenen rollenden Feuerkugeln da drüben – dieses [468] Gesicht mit jener graueneinflößenden Maske; diese Gestalt mit jenem Klumpen – und dann verurteilen Sie mich! – Du Priester des Evangeliums verurteile mich! Und du Mann des Gesetzes, thu desgleichen. Aber vergeßt nicht, daß ihr gerichtet werdet, wie ihr richtet! Und jetzt fort mit euch! Fort! Ich muß meinen kostbaren Schatz hier verschließen.«

Wir zogen uns alle zurück. Mr. Rochester verweilte noch einen Augenblick, um Grace Poole weitere Befehle zu erteilen.

Als wir die Treppe hinuntergingen, wandte der Rechtsanwalt sich zu mir.

»Sie, Madame,« sagte er, »trifft wahrlich nicht der leiseste Tadel. Ihr Onkel wird glücklich sein, das zu hören – wenn er in der That noch am Leben ist, sobald Mr. Mason nach Madeira zurückkehrt.«

»Mein Onkel? Was soll's denn mit ihm? Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Mr. Mason kennt ihn. Mr. Eyre ist jahrelang der Korrespondent seines Hauses in Funchal gewesen. Als Ihr Onkel jenen Brief von Ihnen erhielt, in welchem Sie von Ihrer beabsichtigten Verbindung mit Mr. Rochester sprachen, befand Mr. Mason sich gerade zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit auf Madeira, wo er einige Wochen bei Ihrem Onkel zuzubringen beabsichtigte, bevor er nach Jamaika zurückkehrte. Im Laufe des Gesprächs erwähnte Mr. Eyre zufällig dieser von Ihnen erhaltenen Nachricht; denn er wußte sehr wohl, daß mein Klient hier mit einem Herrn Namens Rochester bekannt sei. Mr. Mason, welcher, wie Sie sich wohl vorstellen können, ebenso erstaunt wie bestürzt war, enthüllte jetzt die ganze Lage der Dinge. Es thut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß Ihr Onkel jetzt auf dem Krankenbette liegt, von welchem er sich wahrscheinlich niemals wieder erheben wird, wenn man die Natur seiner Krankheit – die Schwindsucht – und [469] das Stadium, welches dieselbe bereits erreicht hat, in Betracht zieht. Er selbst konnte also nicht nach England eilen, um Sie aus der Schlinge zu befreien, in welche Sie geraten waren, aber er flehte Mr. Mason an, keinen Augenblick Zeit zu verlieren, sondern sofort die nötigen Schritte zu thun, um diese ungiltige Heirat zu verhindern. Er wies ihn an mich und ersuchte um meine Beihilfe. Ich wandte die größte Eile an und bin glücklich, daß ich nicht zu spät gekommen bin. Und ich hege keinen Zweifel, daß Sie es nicht ebenfalls sind. Wenn ich nicht moralisch überzeugt wäre, daß Ihr Onkel tot sein muß, bevor Sie Madeira erreichen, so würde ich Ihnen raten, mit Mr. Mason zusammen die Reise nach dort anzutreten; aber wie die Sachen liegen, halte ich es für besser, wenn Sie in England bleiben, bis Sie entweder von oder über Mr. Eyre Nachricht erhalten haben.«

»Warten wir noch auf irgend etwas?« sagte er dann zu Mr. Mason gewandt.

»Nein, nein, nein! Lassen Sie uns eilen, daß wir fortkommen,« lautete die angsterfüllte Antwort. Und ohne zu warten und sich von Mr. Rochester zu verabschieden, schritten sie zur Thür der großen Halle hinaus. – Der Prediger blieb noch, um seinem hochmütigen Gemeindemitgliede ein paar Worte entweder des Trostes oder des Tadels zu sagen. Als diese seine Pflicht gethan war, ging auch er fort.

Ich hörte ihn gehen, als ich so an der halbgeöffneten Thür meines Zimmers stand, in welches ich mich zurückgezogen hatte. Nachdem es im Hause ruhig geworden und ich alle Fremden fort wußte, schloß ich mich ein, schob den Riegel vor, damit niemand mich stören solle, und begann – nicht zu weinen, nicht zu jammern und zu trauern; dazu war ich noch zu ruhig – sondern mechanisch mein Hochzeitskleid auszuziehen und es durch das wollene Gewand zu ersetzen, welches ich noch am vorhergegangenen [470] Tage getragen und zwar, wie ich damals gehofft, zum letzten Male. Dann setzte ich mich. Ich fühlte mich müde und matt. Ich verschränkte die Arme auf dem Tische und legte meinen Kopf darauf. Und jetzt begann ich zu denken. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nur gehört, gesehen, hatte mich bewegt – ich war hinauf- und hinuntergelaufen, wohin man mich geführt oder gezogen hatte – ich hatte beobachtet, wie eine fürchterliche Begebenheit der andern folgte, wie auf eine grausame Enthüllung die nächste kam – aber erst jetzt begann ich zu denken!

Der Morgen war mit Ausnahme des einen kurzen Auftrittes mit der Wahnsinnigen ein ziemlich ruhiger gewesen. Die Transaktion in der Kirche war ohne Lärm vor sich gegangen. Keine Ausbrüche der Leidenschaft, kein lauter Wortwechsel, kein Streit, keine Herausforderung, keine Weigerung, keine Thränen, kein Schluchzen! Nur wenige Worte waren gesprochen worden, eine ruhig ausgesprochene Einwendung gegen die Heirat; einige harte Fragen von Mr. Rochesters Seite; Antworten und Erklärungen wurden gegeben, Beweise beigebracht; mein Herr und Gebieter hatte die Wahrheit offen eingestanden, – und dann hatten wir den lebenden Beweis gesehen! Jetzt waren all jene Eindringlinge wieder fort. – Alles war vorüber!

Ich war wie gewöhnlich in meinem Zimmer – mein eigenes Selbst, ohne die geringste sichtbare Veränderung. Ich war nicht verwundet oder verletzt – niemand hatte mich geschlagen, niemand hatte mich beschimpft! – Und doch! Wo war die Jane Eyre von gestern? – wo war ihr Leben? – wo ihre Hoffnungen fürs Leben?

Jane Eyre, die ein liebendes, erwartungsvolles Weib – beinahe schon Gattin gewesen – war wieder ein kaltes, starres, einsames Mädchen. Ihr Leben war farblos; ihre Aussichten trostlos. Ein harter Winterfrost war um die Mittsommerzeit gekommen; ein scharfer Dezembersturm war [471] durch den Juni gebraust; Reif lag auf den heranreifenden Früchten; Schneewehen hatten die knospenden Rosen erdrückt; ein eisiges Leichentuch lag über blühenden Wiesen und wogenden Kornfeldern; Heckenwege, die gestern noch im glühenden Blumenschmuck prangten, waren heute verschneit und pfadlos; und die Wälder, welche vor zwölf Stunden noch duftig und schattig rauschten wie tropische Haine, lagen heute weit und wild und weiß da wie Tannenwälder im winterlichen Norwegen. All meine Hoffnungen waren tot – gestorben unter einem grausamen Urteil, so wie es in einer einzigen Nacht all die Erstgeborenen Egyptens befallen hatte. Ich sah auf meine teuersten Wünsche – gestern noch so prangend und üppig – sie lagen da wie kalte, starre, bleiche Tote, die nichts mehr zum Leben zu erwecken vermochte. Und dann blickte ich auf meine Liebe: jene Empfindung, die meinem Herrn gehörte –, die er geweckt hatte; sie lebte in meinem Herzen wie ein krankes Kind in einer kalten, harten Wiege; Angst und Krankheit hatten sie erfaßt; sie durfte Mr. Rochesters Arm nicht mehr suchen – sie konnte nicht mehr Lebenswärme an seiner Brust finden. O, nimmer, nimmermehr durfte sie zu ihm flüchten, denn der Glaube war dahin – das Vertrauen zerstört! Mr. Rochester war für mich nicht mehr, was er gewesen, denn er war nicht das, wofür ich ihn gehalten. Ich wollte ihm nicht Lasterhaftigkeit beimessen. Ich wollte nicht sagen, daß er mich betrogen habe, aber mit dem Gedanken an ihn verband ich nicht mehr das Attribut fleckenloser Wahrheit. Und nun mußte ich fort aus seiner Nähe – das wenigstens empfand ich klar. Wann – wie – wohin – das sah ich jetzt noch nicht deutlich. Aber ich zweifelte nicht daran, daß er selbst mich so schnell wie möglich von Thornfield fortschicken würde. Wahre Liebe – so schien es mir – konnte er doch unmöglich für mich gehegt haben. Es war nur eine vorübergehende Leidenschaft gewesen, deren Befriedigung vereitelt [472] worden; jetzt würde er meiner nicht mehr bedürfen! Ich fürchtete mich sogar, jetzt seinen Pfad zu kreuzen: mein Anblick mußte ihm verhaßt sein. O! wie blind waren meine Augen gewesen! Wie jämmerlich schwach mein Verhalten!

Meine Augen waren bedeckt und geschlossen. Wirbelnde Dunkelheit schien mich zu umgeben; wie eine schwarze, schlammige Flut stürzten die Gedanken über mich hin. Machtlos, schwach, zu kraftlos um eine Anstrengung zu machen, war mir als läge ich in dem ausgetrockneten Flußbette eines großen Stromes: ich