Sophie Bernhardi
Evremont

Erster Theil

Vorrede [von Ludwig Tieck]
Vorrede

Dieser Roman, welchen ich dem Publikum übergebe, ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen SchwesterSophia 1, welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode vollendete. Mein Urtheil über dieses Werk könnte ein partheiisches scheinen, und ich enthalte mich daher, weitläuftig über diese Composition zu sprechen, oder ihre Vorzüge auseinander zu setzen. Der unpartheiische Kenner [5] wird ohne meine Erinnerung einsehn, mit welchem Fleiß und mit welcher Liebe dieses Werk, welches die Verfasserin so manches Jahr beschäftigte, ausgeführt ist. Wenn die Dichterin in ihren früheren Produkten nur Traum- und Mährchenwelt darzustellen strebte, oder ein schönes Gedicht des Mittelalters neu erzählte, so hat sie in diesem Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen niedergelegt. Die denkwürdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den Hintergrund dieses großen, mit mannichfachen, wechselnden Figuren ausgestatteten Gemäldes, und die Erzählung, die gut angelegt ist, hebt sich aus dem klaren Vordergrund, und das Interesse wächst mit jedem Kapitel. Die Erinnerungen eines [6] jeden, welcher beobachten konnte und richtig schildern kann, werden aus jener merkwürdigen Periode ein gewisses Interesse haben, und seine Worte werden um so eindringlicher sein, wenn ihm die Gabe verliehen ist, diese Bilder und Ereignisse in ein mehr oder minder künstliches Gewebe einzuflechten. Eine solch Darstellung, ergießt sie sich aus einem reichen und vollen Gemüth, wird sie nicht durch Eigensinn und Vorurtheil beschränkt, hat, außer dem poetischen, theilweise einen geschichtlichen Werth. Diese freie, deutsche Gesinnung offenbart sich in diesen Blättern, die ich hier dem Publikum übergebe, mit dem Wunsche, daß die Freunde der Wahrheit, daß der gebildete Leser sie nicht unbefriedigt aus der Hand legen mögen. Auch[7] hoffe ich, daß diese Darstellung das Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird, und daß ihr Name denen wird zugesellt werden, die das Schöne, Edle und Gute erkannten und es, so viel unsere geschränkten Kräfte vermögen, erstrebten.

Ludwig Tieck. [1]

I

Im Spätherbst, wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hängen, wenn die Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewölk durchdringen, und die Natur keinen erheiternden Anblick mehr gewährt; dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt, alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zurück zu rufen, und unwillkührlich bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrücken, die er von außen empfängt. In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806, an einem solchen traurigen Herbstabend, saß die Gräfin von Hohenthal mit ihrer Nichte, Fräulein Emilie von Stromfeld, am Theetisch, im Besuchzimmer des alten Schlosses Hohenthal. Die hohe Gestalt der Gräfin, ihre würdige Haltung, die dunkeln durchdringenden Augen, die edeln Formen des Gesichts ließen, obgleich durch zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet, dennoch deutlich erkennen, mit welch einem hohen Grade von Schönheit die Natur ihre Jugend geschmückt [1] haben mußte, und noch jetzt, obgleich sie vierzig Jahre zählte, durfte sie Anspruch auf jene würdevolle Schönheit machen, die oft noch lange bleibt, wenn der Reiz der Jugend auch verschwunden ist.

Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von vergangenen Leiden, so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf einen entschiedenen Charakter deuteten. Fräulein Emilie, ihre Nichte, war kaum achtzehn Jahre alt, in der Blüthe der Jugend und Schönheit, schlank, leicht, fein gebaut, so zart, daß die leiseste Bewegung des Gemüths eine Veränderung ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte; ihr frischer Mund lächelte mit unglaublicher Anmuth und verrieth im Lächeln die Neigung ihres Gemüths zur Heiterkeit, so wie die großen dunkelblauen, von langen seidnen Wimpern beschatteten Augen deutlich zeigten, daß ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war; die reiche Fülle der schönen, glänzenden blonden Haare erhöhte den Reiz dieser lieblichen Gestalt.

Beide Frauen saßen stumm da, Emilie mit einer Handarbeit beschäftigt, von der sie von Zeit zu Zeit aufsah, um einen theilnehmenden Blick auf die Gräfin zu richten, die, in sich versenkt, Alles um sich zu vergessen schien. Es ist heute ein trauriger Abend, unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser Stimme, der Herbst kündigt sich uns recht [2] schwermüthig an; die Gräfin fuhr beim ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen, und zeigte dadurch deutlich, daß ihre Gedanken sie so sehr beschäftigt hatten, daß die Gegenwart des Fräuleins gänzlich von ihr war vergessen worden. Sie hörte nur halb auf Emiliens Bemerkung, stand auf, ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann mit einem halb bittern, halb schmerzlichen Lächeln: An einem solchen Abende, glaube ich, würde auch der begeistertste Freund der schönen Natur und des einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden, und sich im Stillen wenigstens, wenn er sich schämte es laut zu gestehn, nach dem leichtsinnigen Geräusche der Stadt sehnen, nach Gesellschaft, die er oft langweilig genannt hat, nach Schauspiel, wenn es auch mittelmäßig wäre und die Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte, kurz, nach allem Dem, was wir immer so hochmüthig sind verachten zu wollen, und was doch kein gebildeter Mensch entbehren kann.

Ehedem, bemerkte Emilie, war das Leben auf dem Lande heiterer, man brachte wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu; mehrere Familien aus der Nachbarschaft vereinigten sich, man lachte und scherzte die düstern Stunden hinweg, und ehe man es dachte, war Herbst und Winter verschwunden, und der Frühling mit allen seinen Blüthen entzückte uns von Neuem. Es ist traurig, daß Ihr erster langer [3] Aufenthalt auf dem Lande grade in eine so ungünstige Zeit fällt. Der Krieg hat alle Menschen ängstlich gemacht, es wagt sich beinahe Niemand heraus, und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt, so fehlt doch die ehemalige Heiterkeit.

Die Gräfin unterdrückte eine Antwort, die sie geben, oder eine Bemerkung, die sie machen wollte, und sagte nur seufzend: ich wollte, gutes Kind, Du könntest mich zerstreuen.

Würde Musik Sie vielleicht erheitern? fragte Emilie, indem sie aufstand und sich dem Instrumente näherte. Um Gottes Willen nicht, erwiederte die Gräfin, in meiner jetzigen Stimmung würde Musik mein Gefühl beleidigen.

Soll ich Ihnen vorlesen? fragte Emilie ein wenig schüchtern. Lesen, sagte die Gräfin mit Bitterkeit, lesen statt leben, es ist die allgemeine Meinung unserer Zeit, wir verschleudern unser eigenes Leben, um das eingebildeter Personen zu lesen; nun so laß uns denn so thöricht sein, wie alle Andern, nimm ein Buch und lies mir vor, nur bitte ich Dich keine Poesien, laß es schlichte gewöhnliche Prosa sein, woran wir uns ergötzen wollen.

Wer sollte wohl in dieser Aeußerung, sagte Emilie lächelnd, die leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen?

Eben weil ich die Poesie verehre, versetzte die Gräfin, soll sie nicht in meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden. [4] Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit genug darauf zu verwenden, um die Schönheit eines Gedichtes heraus zu hören, und in solchem Zustande ist ein Roman das Beste, was man lesen kann.

Ich habe nicht geglaubt, sagte Emilie, daß Sie auch so gering von dem Romane dächten, wie die meisten gelehrten Recensenten, und nun, da es doch so scheint, werde ich in meiner eignen Ansicht irre.

Wer sagt Dir, daß ich gering von dem Roman denke? fragte die Gräfin; doch, fuhr sie fort, laßDeine Ansicht über ihn hören.

Sie wollen über mich lachen, antwortete Emilie, und wenn es Sie erheitern kann, will ich mich gern Ihnen so gegenüberstellen, als könnte auch ich ein Urtheil haben.

Gar zu bescheiden, sagte die Gräfin, Du weißt, meine Liebe, auch das Gute muß man nicht übertreiben.

Emilie erröthete ein wenig und sagte dann: jetzt wird es mir in der That schwer, eine Ansicht zu entwickeln, die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit in mir hatte; aber ich dächte, die Romane wären deßwegen so allgemein beliebt, weil sie uns in der That die Gesellschaft am Meisten ersetzen; wir leben im Kreise der Menschen, die uns dargestellt werden, wir kennen die Gegend, in der sie leben, ihre Häuser und Hausgenossen, es entwickelt sich ihr Charakter vor uns, [5] sie vertrauen uns ihr Glück und ihre Leiden an, und ist ein Buch beendigt, so habe ich wenigstens das Gefühl, als ob ich aus einer Gegend abreiste, worin ich viele Freunde und interessante Menschen zurücklasse, wo mir auch die komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind, und selbst die bösartigen sich so gezeigt haben, daß ich sie entweder beklagen oder bewundern muß.

Du sprichst von guten Romanen, sagte die Gräfin, aber selbst die mittelmäßigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen, und wenn uns ein wahrhaft elender in die Hände fällt, der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte Gesellschaft versetzt, so giebt es nichts Leichteres, als sich hier zurückzuziehen, denn nichts weiter ist nöthig, als daß wir das Buch wegwerfen. Nimm denn also einen Roman und lies; laß uns versuchen, ob wir uns fremde Menschen, eine andere Gesellschaft herzaubern und darüber uns selbst vergessen können.

Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Gräfin und wollte sich entfernen, um ein Buch zu holen; die Gräfin aber nahm sie bei der Hand und sagte mit milder Stimme: Ich quäle Dich, gutes Kind, durch meine heutige Laune, aber glaube mir, es liegt mir so Manches drückend auf dem Herzen, daß, wenn ich darüber spräche, Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben würdest.

Sie fürchten vielleicht, sagte Emilie mit einiger Beklemmung, [6] daß die Feinde dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden, obgleich der Onkel es für unmöglich hielt. Nicht diese Sorgen quälen mich am Meisten, erwiederte die Gräfin, obgleich ich fürchte, daß es möglich ist, und daß, wenn es geschieht, ein großer Theil unseres Vermögens verloren gehn kann, was doch auch nicht gleichgültig von uns betrachtet werden darf; Emilie schwieg und die Gräfin fuhr fort: Man braucht nicht geizig zu sein, um einen großen Werth auf ein bedeutendes Vermögen zu legen, das, indem es den Rang unterstützt, den wir in der Welt einnehmen, unsere Unabhängigkeit sichert, und gewiß hat man nur in der Jugend die Großmuth, alle irdischen Güter zu verachten, weil man weder ihren wahren Werth, noch ihren rechten Gebrauch kennt. Der edelste, uneigennützigste Mensch wird sich gedrückt fühlen, wenn Mangel an Vermögen ihn von Andern abhängig macht.

Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken, und die tiefe Röthe, die sich über ihre Wangen verbreitete, verrieth der Gräfin ihre Gedanken. Emilie fühlte sich errathen, und die schöne Röthe stieg bis zur reinen Stirn empor, indem die Augen sich senkten und Thränen darin hinter den langen Wimpern sich verbargen. Es schmerzte die Gräfin, ihre junge Freundin verwundet zu haben; sie legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete [7] Zimmer, damit Emilie in der größten Entfernung von den Lichtern die Thränen unbemerkt in den Augen zerdrücken konnte. Ich meine, fuhr die Gräfin nach einem kurzen Schweigen fort, es würde mir schmerzlich sein, wenn unser Vermögen so zerrüttet würde, daß der Graf gezwungen wäre, die Unabhängigkeit aufzugeben, die ihm so theuer ist, und dieß könnte geschehen, wenn ein feindlicher Einfall die Güter zerstörte; doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen, der mich mehr als diese Sorgen quält.

Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle Nacht hinaus; ein feiner Regen schlug gegen die Fenster, die Sterne waren durch schwarze Wolken verhüllt, und kein Gegenstand ließ sich draußen unterscheiden. Ich hoffe, sagte die Gräfin, wir werden allein bleiben, obgleich die Einsamkeit mir heute sehr drückend ist, denn ich wünsche nicht, daß der Graf, bei dieser unfreundlichen Witterung, in der dunkeln Nacht den Weg über das Gebirge zurück machen möge. Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben, versetzte Emilie. Es ist unrecht, erwiederte die Gräfin mit kaum bemerklichem Lächeln, daß der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Thorheiten ihm so sehr zuwider ist; ich hoffe aber, er wird heute lieber einige von dessen etwas weitläuftigen und nüchternen Geschichten anhören, [8] als bei diesem Wetter den Rückweg unternehmen wollen.

Schimmert nicht ein Licht dort unten im Thale? fragte Emilie. Wo? rief die Gräfin.

Dort, links vom Schlosse, erwiederte jene, mich dünkt, es bewegt sich aus der Schlucht her, auf dem Wege, den der Onkel kommen muß.

Die Gräfin schaute aufmerksam nach der Gegend hin, und in der That bemerkte man nun mehrere Lichter, die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen schienen. Die Dunkelheit der Nacht machte es unmöglich, einen Gegenstand zu unterscheiden, da selbst die Lichter nur matt und trübe durch den fallenden Regen schimmerten.

Die Gräfin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten, vom Schlosse aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehn und eilig zu berichten, Wer da komme, und ob diese unvermutheten Gäste das Schloß zu besuchen gedächten. Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen, und man bemerkte nun bald, wie mehrere Menschen aus dem Schlosse mit Laternen dem Zuge entgegen eilten, der sich offenbar dem Schlosse näherte. Einige Diener kehrten bald zurück und berichteten, es sei der Herr Graf, begleitet von mehreren Bauern aus einem nahe gelenen Dorfe, die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schlosse trügen.

[9] Bestürzt blickte die Gräfin auf Emilie, wickelte sich dann in ihren Shawl und befahl zu leuchten. Emilie folgte der Gräfin; Bediente gingen mit Lichtern voran, und so stiegen beide Frauen die große Treppe des Schlosses hinunter; die Flügelthüren des Hauses wurden geöffnet, und in demselben Augenblicke auch mit großem Geräusch das Thor des Hofes; der Graf sprengte, begleitet von einem Reitknechte, herein und warf sich sogleich vom Pferde, als er die Gräfin bemerkte, die im offenen Thore des Hauses stand, auf Emilie gelehnt, und hinter beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern. Der untere Raum des Hauses füllte sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses, die Neugierde, vermischt mit Furcht, herbei führte.

Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnäßten Mantel zu, trat dann eilig zu der Gräfin und sagte, indem er ihre Hand faßte: »Es ist nichts, meine Liebe, das Sie beunruhigen dürfte, der junge Mann ist im Walde ohnmächtig und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden. Da ich glaubte, daß wir hier am Besten im Stande wären, ihm wirksame Hülfe zu leisten, so habe ich ihn hieher tragen lassen. Er scheint, nach der Uniform zu urtheilen, ein französischer Officier zu sein, also zur feindlichen Armee gehörig, doch kann dieß kein Hinderniß sein, ihm alle Hülfe zu leisten, die in unsern Kräften steht.«

[10] Kaum hatte der Graf diese eilige Erklärung gegeben, als sich die Lichter, welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten, zum Thore des Hofes hinein bewegten. Voran ging der Schulze des Dorfes, ein junger, kräftiger Mann; er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit Pelz verbrämte sonntägliche Mütze ab, um, indem er sich tief vor der Gräfin verbeugte, zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschütteln. Mehrere Bauern trugen eine Bahre, auf der der Verwundete lag, und welche von andern, die Laternen mit brennenden Lichtern in den Händen trugen, umgeben war. Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das offne Thor des Schlosses getragen; die Gräfin zog sich an die Mauer zurück, um den Trägern Raum zu lassen, und warf einen Blick auf den Kranken, indem er vor ihr vorbeigetragen wurde. Er lag auf Kissen in Decken gehüllt und schien völlig leblos zu sein; so wie die Gräfin die Augen auf ihn richtete, zuckte ein schmerzlicher Schrecken durch ihren Körper; sie bedeckte die Augen mit ihrer Hand, und der fest geschlossene Mund zeigte, daß sie nach Fassung rang. Emilie berührte leise den Arm der Gräfin und fragte theilnehmend: Ist Ihnen nicht wohl? Es ist nichts, sagte die Gräfin, indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd auf [11] verschiedene Gegenstände richtete, um durch eine augenblickliche Zerstreuung einen gewaltsamen Eindruck zu bekämpfen; dann suchten ihre Augen mit einer gewissen Besorgniß den Grafen, der aber zu sehr mit dem Kranken beschäftigt war und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete.

Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schlosse bereitet; der Graf rief nach dem Arzte des Hauses, und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes vermehrt, der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte, daß ihm sogar die Bauern, welche den Kranken trugen, vorgeeilt waren. Er ritt in diesem Augenblicke zum Thore des Hofes ein, von einem Knechte begleitet, der ihm eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbügel hielt. Langsam und bedächtig stieg der Pfarrer ab, und sein kleines, mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne Weiteres nach dem Stalle geführt, indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer Stimme noch verschiedene Vorsichtsmaßregeln nachrief, wenn das Pferd etwa heiß sein sollte, was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten, regnigten Nacht kaum vermuthen ließ; auch schien das Pferd überhaupt nicht so viel Sorgfalt zu verdienen, noch auch sonst zu genießen, denn sein Bau und ganzes Ansehen verrieth, daß es eben sowohl zum Pflügen und jeder anderen Arbeit, als zu den Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde. Nachdem der bedächtige [12] Reiter auf diese Weise für sein getreues Roß gesorgt hatte, näherte er sich so eilig, als es ihm Mantel, Ueberrock und sonstige Verhüllungen seiner Person erlaubten, der Gräfin, die sich nun völlig wieder gefaßt hatte und den Prediger mit gewohnter Höflichkeit bewillkommnete.

Der Kranke war indeß in ein Zimmer des untern Stockwerkes gebracht worden, wohin der Graf, begleitet vom Arzte, folgte, und der Prediger eilte, von Theilnahme und Neugierde getrieben, ebenfalls zu dem Verwundeten; die Gräfin zog sich nach ihrem Zimmer zurück, und Emilie ging, um der Haushälterin alle Aufträge zu geben, die, um den Zustand des Kranken zu erleichtern, nöthig waren.

II

Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte, die von verschiedenen Säbelhieben herzurühren schienen, bemerkte er, daß er sie an sich nicht für tödtlich hielte, daß ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefährlich schiene, durch die starke Verblutung sowohl, als durch seine heftige Erkältung, da er wahrscheinlich lange hüflos im Walde gelegen hätte, der rauhen Jahreszeit und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben. In der That gab der Verwundete nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die großen dunkeln Augen auf, doch [13] ohne daß er irgend etwas von den Gegenständen um sich zu bemerken schien. Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mögliche Hülfe in der Behandlung des Kranken und verrieth eben so viel Theilnahme für den Verwundeten, als Kenntniß der Wundarzneikunst. Nachdem der Kranke versorgt war, und der Arzt die nöthigen Verhaltungsregeln gegeben, vor Allem verordnet hatte, daß man den Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen müsse, eine Verordnung, die dem Pfarrer sehr unangenehm war, obgleich er ihre Nothwendigkeit einsah, kehrten Alle in das Gesellschaftszimmer zurück. Die Gräfin zeigte nichts von der trüben Stimmung, der sie sich überlassen hatte, als sie mit Emilie allein war, und fragte mit Theilnahme nach dem Verwundeten.

Der Graf unterrichtete sie von seiner gefährlichen Lage und sagte, es wäre wohl gut, wenn Dübois die Sorge für ihn übernehmen wollte; es würde dem alten Manne zwar beschwerlich sein, indeß bei seiner Gutmüthigkeit und Theilnahme für alle Unglücklichen, glaube ich, würde er es gern thun, besonders da der Verwundete sein Landsmann ist, der wahrscheinlich keine andere, als die französische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der Dienerschaft verständlich machen kann. Die Gräfin zog die Klingel, und der Pfarrer sagte vorschnell: So sollten der Herr Graf ihm befehlen, die Nacht bei dem Kranken zu wachen. Ich [14] befehle nicht gern einem alten Manne, sagte der Graf höflich, doch ein wenig verdrüßlich, der mehr aus Anhänglichkeit an uns in meinem Hause lebt, als aus einem andern Grunde, und den ich niemals wie einen Bedienten betrachte. Man konnte überhaupt bemerken, daß sowohl der Graf, als die Gräfin ein uneingeschränktes Vertrauen zu dem alten Dübois hatten, der die Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters, wie es schien, freiwillig übernahm, denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn, sondern drückte seinen Willen als Wunsch aus und ließ ihn so gewöhnlich durch die Gräfin an den alten Mann gelangen, der auch bei aller Ehrerbietung, die er gegen den Grafen zeigte, doch eigentlich nur die Gräfin als seine Herrschaft betrachtete. Dem Bedienten, der auf den Ruf der Klingel eingetreten war, sagte die Gräfin, er solle Herren Dübois bitten, einen Augenblick zu ihr zu kommen.

Der Pfarrer, ein Mann ohne feine Erziehung, der in seiner Umgebung sich zu beherrschen nicht gelernt hatte, ließ durch seine Mienen, die eine schlaue Verwunderung ausdrückten, und durch das halbe Lächeln, mit dem er den Arzt ansah, deutlich merken, wie sehr ihn diese Art, mit seiner Dienerschaft umzugehen, befremdete.

Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer höflichen Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig [15] nah an der Thüre. Es war unmöglich, beim ersten Blicke, den man auf ihn richtete, dem alten Manne Wohlwollen und Zutrauen zu versagen. Seine hohe Stirn zeugte von einer so einfachen Redlichkeit des Gemüths, die grauen Augenbraunen beschatteten so gutmüthige Augen, die wenigen grauen, sorgfältig gepuderten Haare erweckten Theilnahme für sein Alter, und eine Trauer in seinem Gesichte, die niemals verwischt wurde, obgleich er bei jeder Rede ein wenig lächelte, verrieth mehr Tiefe des Gemüths, als man bei gewöhnlichen Dienern findet. Es war bekannt, daß er die französische Revolution mit allen ihren Folgen verabscheute, und er dehnte diesen Abscheu auf Alles, sogar auf die jetzige Kleidertracht aus, die, wie er meinte, auch eine Folge der Revolution sei. Er also war der alten guten Zeit getreu geblieben, wie in seinem Innern, so auch in seinem Aeußern, und ihn schmückte noch ein brauner Rock mit seidenem Futter und goldgesponnenen Knöpfen, wie es sich für einen Haushofmeister aus dieser guten Zeit ziemte. Seine Haare waren frisirt und gepudert und hinten in einem zierlichen Haarbeutel vereinigt, er steckte, wenn er vor seine Herrschaft trat, drei Finger seiner rechten Hand in die mit Seide und ein wenig Gold gestickte, atlaßne Weste, indeß er den Hut unter dem linken Arme hielt, auch erlaubte er sich nie anders, als in seidnen Strümpfen, vor der Gräfin zu [16] erscheinen. So belehrte er die Bedienten des Hauses, mit solcher Ehrerbietung behandelte man ehedem seine Herrschaft und zeigte dadurch öffentlich der Welt, daß man Leuten von hoher Geburt diente, die durch ihre edeln Eigenschaften unsere tiefste Verehrung verdienten. Aber jetzt, seufzte er dann oft, jetzt ist freilich Alles anders, seit der unglücklichen Revolution kümmert sich kein Diener mehr darum, von welcher Geburt seine Herrschaft ist, auch sind ihm ihre Eigenschaften gleichgültig, Geld und Lohn wird jetzt allein berücksichtigt. Wahrhaft gekränkt konnte der alte Mann sein, wenn auf solche Rede ein leichtsinniger Bedienter antwortete: Natürlich, was geht mich die Herrschaft an, Wer am Besten bezahlt, dem diene ich am Liebsten, und mich kümmert es wenig, was er ist oder wie er ist. Wenn er solche Antworten auf seine wohlgemeinten Reden erhielt, dann zog er sich gewöhnlich auf sein Zimmer zurück und las Anekdoten aus der guten alten Zeit, von treuen Dienern und edeln Herren, und Niemand würdigte so sehr, als er, den bekannten Haushofmeister des großen Condé, der sich in Verzweiflung selbst entleibte, weil er glaubte, er würde den König nicht so bewirthen können, wie es die Ehre seines Herren erforderte.

Diesem Dübois näherte sich nun die Gräfin und fragte, indem sie ihn mit ihrem gewöhnlichen durchdringenden Blick ansah, mit etwas leiser Stimme: Haben Sie den verwundeten [17] Officier schon gesehen? Ja, gnädige Gräfin, erwiederte der alte Mann, indem er sich verbeugte, ich habe ihn gesehen. Er richtete einen schnellen traurigen Blick auf die Gräfin, indem er diese wenigen Worte sagte, der Niemand sonst auffiel, der aber die Gräfin so bewegte, daß sie mit wankender Stimme sagte: Der Graf wünscht, lieber Dübois, Sie möchten die Sorge für den Kranken übernehmen, wenn es Ihre Kräfte und Ihre Gesundheit erlauben, das heißt, fügte sie erklärend hinzu, Sie möchten die Oberaufsicht führen, damit ihm nichts mangle, und da er wahrscheinlich nur französisch reden wird, und folglich Niemand von der Dienerschaft ihn verstehen kann, seine Wünsche von ihm erfahren und dann den Bedienten die nöthigen Befehle geben. Ich habe den gnädigen Herren Grafen schon um die Erlaubniß bitten wollen, antwortete der alte gutmüthige Mann, für die Pflege des Kranken zu sorgen; denn, sezte er mit einem Seufzer hinzu, wenn ich auch sonst keine Theilnahme für ihn hätte, so ist er doch ein Franzose, zwar ein Franzose aus der jetzigen Zeit, aber doch immer ein Sohn meines Vaterlandes, und das ist für mich hinreichend, um für ihn wie für einen eigenen Sohn zu sorgen. Ich wußte, daß Sie so denken, sagte der Graf, indem er ihm freundlich auf die Schulter klopfte, und Sie erzeigen mir eine wahre Gefälligkeit dadurch, daß Sie die Pflege des jungen[18] Mannes übernehmen, denn nun kann ich völlig sicher sein, daß nichts versäumt wird, und in seiner gefährlichen Lage alle Vorschriften des Arztes genau befolgt werden. Dieser war nun auch hinzugetreten, und da er vernommen hatte, daß Dübois die Krankenpflege übernehmen wollte, so behandelte er ihn von diesem Augenblicke an halb als einen Amtsgenossen, halb als einen Untergebenen; er gab ihm ohne Umstände eine Menge Aufträge, was er alles für den Kranken thun sollte, und fügte bei jedem Auftrage die Ursache hinzu, warum Dieses und Jenes geschehen müsse. Dübois hörte Alles geduldig an und blieb in seiner höflichen Fassung, doch als der Arzt endlich im Eifer der Rede einen Knopf der atlaßenen Weste faßte, und indem er heftig daran zog, ihm einschärfte, alles Sprechen des Kranken zu verhindern, wurde der alte Mann ungeduldig, entzog sich mit einer geschickten Bewegung den Händen des Arztes und verließ mit einer Verbeugung das Zimmer, indem er sich kaum enthalten konnte zu bemerken, daß ehedem, vor der Revolution, auch die Aerzte besser erzogen gewesen wären, und nur die eigene gute Lebensart ihm die Kraft gab, diese unfeine Bemerkung zu unterdrücken.

Der Graf wendete sich nun an den Prediger mit der Bitte, die Nacht auf dem Schlosse zu bleiben, um ihm am andern Morgen beizustehn, den nöthigen Bericht an die [19] Regierung über den Verwundeten aufzusetzen; mein Beamter, sagte er, ist in diesem Augenblicke abwesend, und ich, fügte er lächelnd hinzu, bin erst seit so kurzer Zeit hier, daß ich völlig fremd in den Geschäften bin. Der Prediger war sehr gern bereit, allen Beistand zu leisten, und nachdem auch seine Sache abgemacht war, und man den Befehl ertheilt hatte, den Schulzen und die Bauern auf's Beste zu bewirthen, begab sich die Gesellschaft nach dem Speisezimmer, um sich nach den Beschwerden des Tages bei einer wohl zubereiteten Abendmahlzeit zu erholen.

Da wir nun ein wenig zur Ruhe gekommen sind, sagte die Gräfin, so bitte ich Sie, uns doch mitzutheilen, wo Sie den Verwundeten in so kläglichem Zustande gefunden haben.

Sie wissen, erwiederte der Graf, daß unser guter Nachbar, der Baron Löbau, nicht mit mir über die Grenzen unserer Besitzungen einig ist, und daß ich, da mir der Zustand der Ungewißheit im Großen, wie im Kleinen zuwider ist, und ich Streitigkeiten verabscheue, mich entschloß, trotz der ungünstigen Witterung, mit ihm nach der Gegend hinzureiten, um wo möglich an Ort und Stelle Alles auszugleichen. Wir machten den Ritt mit einander, und auf einer kleinen, von waldbewachsenen Hügeln umgebenen Fläche, mitten im streitigen Grenzlande, fanden wir den unglücklichen jungen Mann; wir entdeckten, da wir untersuchten, noch [20] Spuren des Lebens, ich hüllte ihn in meinen Mantel und ritt nach dem nächsten Dorfe, um Hülfe herbei zu rufen; der Herr Prediger war so gut mich zu begleiten, wir boten den Schulzen und die Bauern auf, und eilten, so schnell es sich thun ließ, nach dem Walde zurück. Der gute Baron war indeß bei dem Verwundeten geblieben, er hatte ihn mit Hülfe des Bedienten auf eine trockene Stelle gebracht und suchte ihn gegen den Regen so viel als möglich zu schützen. Der Kranke hatte die Augen einigemale aufgeschlagen, und ein dumpfes Stöhnen zeigte, daß er noch lebte; der Herr Pfarrer verband in der Eile seine Wunden, wir legten ihn auf Kissen und hüllten ihn in Decken, und ich nahm meinen Mantel zurück. Als der Verwundete auf der Bahre lag, trat der Baron davor, und indem er feierlich um sich blickte, fragte er, wohin nun mit ihm? Es käme dem zu, für ihn zu sorgen und der Regierung darüber zu berichten, auf dessen Grund und Boden er gefunden worden, allein wessen ist der Grund und Boden? Ich bemerkte, da meine Wohnung näher liege, als das Schloß des Barons, so wollte ich mich der Pflege des Verwundeten annehmen. Sehr wohl, erwiederte der Baron, aber ohne daß dadurch ein Recht auf diesen Grund und Boden entsteht; wenn Sie es bloß als eine Handlung der Menschlichkeit und nicht als eine Posseß-Ergreifung betrachten wollen, so bin ich zufrieden, [21] daß Sie ihn fortbringen lassen. Ich gab feierlich mein Wort, auf die Handlung kein Recht zu begründen; der Herr Pfarrer war Zeuge unseres Vertrags, und danach sezte sich der Zug in Bewegung. Wir hielten im Dorfe an, der Herr Pfarrer suchte dem Kranken einige stärkende Mittel einzuflößen, wir versahen uns mit Lichtern, und so erreichten wir endlich nach manchen ängstlichen Augenblicken das Schloß.

Und hier, rief der Arzt mit Hastigkeit, wird nun der junge Mann unter meinen Händen entweder genesen oder sterben.

Eines von beiden, erwiederte der Graf, wird wahrscheinlich eintreten, doch hoffe ich von seiner Jugend und Ihrer Geschicklichkeit das Beste.

Es steht schlimm um ihn, bedenklich schlimm, sagte der Arzt, indem er die Augen fest zudrückte und den Kopf auf die linke Schulter senkte. Aber warum, fuhr er nach einem kurzen Schweigen den Pfarrer an, warum haben Sie ihn nicht lieber in ihrem Hause behalten? Der lange, beschwerliche Weg über das Gebirge hat die Kräfte des armen Kranken noch vollends erschöpft und gewiß seinen Zustand sehr verschlimmert.

Ich dachte, sagte der Pfarrer mit einiger Verlegenheit, da Sie hier im Hause sind, und ärztliche Hülfe das Wichtigste für den jungen Mann ist, daß es am Besten sei, wenn er unter Ihren Augen wäre.

[22] Nichts, nichts! rief der Arzt, Sie selbst verstehen recht viel von der Kunst, Sie hätten ihn gut pflegen können, Sie hätten die Einsichten gehabt, alle nöthigen Mittel richtig anwenden zu können, es wäre dem Kranken nichts bei Ihnen abgegangen.

Aber, sagte der Pfarrer verdrüßlich, Sie hätten nicht so oft nach ihm sehen können, und das ist doch das Wichtigste.

Ich hätte mir, rief der Arzt, mein Pferdchen satteln lassen, schnell wäre ich des Morgens bei Ihnen gewesen; was mach ich mir aus Beschwerde! Und hätte ich hier keinen Kranken gehabt, und das Wetter wäre zu schlecht gewesen, so wäre ich die Nacht bei Ihnen ge blieben, das hätte sich Alles machen lassen, und Sie haben immer unrecht daran gethan, den armen Menschen so weit, auf so schlechten Wegen, bei solchem Wetter und in einem so elenden Zustande fortschleppen zu lassen.

Der Arzt ahnte nicht, wie sehr er den Pfarrer quälte, denn er wußte nicht, daß dieser zwar höchst dienstfertig war und alle Hülfe leistete, so lange bloß seine Thätigkeit in Anspruch genommen wurde, daß er sich aber augenblicklich zurück zog, wo seine Hülfsleistungen ihm Kosten verursachten oder Verantwortlichkeit zuziehen konnten. Als man deßhalb vor seinem Hause mit dem Verwundeten anhielt, [23] kämpfte er in der That mit sich, ob er ihn nicht aufnehmen sollte, denn er sah das Gefährliche seines Zustandes wohl ein, indeß die Furcht vor Kosten und Verantwortlichkeit trug den Sieg über seine Menschenliebe davon, und er folgte dem Zuge mit banger Sorge, denn ihn quälte die Furcht, der Kranke möchte unterwegs sterben, und es war ihm eben so peinlich, daran zu denken, was auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen möchten, als wie sehr ihn sein eigenes Gewissen beunruhigen würde. Der Graf suchte den Pfarrer von den Vorwürfen des Arztes zu erlösen, indem er erklärte, er, als der Grundherr, würde es nicht wohl haben zugeben können, daß der Verwundete, der ein feindlicher Offizier scheine, sich anderswo, als unter seinen Augen aufhielte, so lange, bis eine Bestimmung über ihn von der Regierung einträfe. Der Arzt schwieg zwar einen Augenblick, wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief: Ich hätte mir den Kranken nicht entgehen lassen, Sie haben immer unrecht gethan!

Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zurück, und der Graf, begleitet vom Arzt und Prediger, besuchte noch einmal den Kranken; sie fanden ihn schlafend, und Dübois berichtete, er sei in so weit zu sich gekommen, daß man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflößen können, darauf sei er eingeschlafen. [24] Gut, sehr gut, rief der Arzt, nun gewacht, darauf geachtet, wenn er aufwacht, dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen, damit wir sehen, was alsdann zu thun ist; nur den Schlaf des Kranken nicht gestört, der Schlaf stärkt und beruhigt alle Nerven. Der Arzt hatte die Gewohnheit, alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Sätzen zu geben, oder sehr weitläuftig auseinander zu setzen, weßhalb dieses oder jenes geschehen solle, und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben, in der Regel wendete er aber die lezte Art, seine Verordnungen mitzutheilen, nur bei Gebildeten an, von denen er voraussetzte, daß sie ihn verstehen könnten.

Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister: Sie werden doch, lieber Dübois, nicht die Nacht aufbleiben wollen? Es würde Sie bei Ihrem Alter zu sehr angreifen?

Der gnädige Herr Graf bemerken, sagte der alte Mann, daß ich es mir schon in dieser Absicht bequem gemacht habe. (Er hatte einen weiten braunen Oberrock angezogen.) Es wird mir nichts schaden, einige Nächte aufzubleiben, und ich habe denn doch, wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte, ein ruhiges Gewissen. Er sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte seine Thränen nicht zurückhalten, ob er es gleich nicht schicklich fand, in Gegenwart des Grafen zu weinen. Dieser drückte [25] ihm gerührt die Hand und sagte: Sie sorgen stets so treu für Andere und so wenig für Sich selbst, denken Sie daran, wie sehr es die Gräfin und mich schmerzen würde, Sie zu verlieren, und schonen Sie sich.

Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen, und sah ihm mit Dankbarkeit und Entzücken in die Augen. Er kam sich in diesem Augenblicke vor wie der Diener eines hohen Fürsten aus der guten alten Zeit vor der französischen Revolution, dessen Treue und Ergebenheit öffentlich von seinem Herren vor den Edeln des Reichs anerkannt wird. Der Graf drückte noch einmal seine Hand und sagte mit großer Güte: Gute Nacht dann, lieber Dübois; schlafen Sie wohl, meine Herren, sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und Pfarrer, und verließ das Zimmer. Dübois schwieg, aber seine Liebe für den Grafen und die Gräfin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade, daß keine Opfer, welche sie auch von ihm hätten fordern können, ihm zu groß gedünkt hätten.

Der Arzt bemerkte, daß es noch nicht spät sei, und lud den Pfarrer ein, da nun die Geschäfte des Tages vollbracht wären, noch ein Stündchen ihm auf seinem Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten. Diese Einladung wurde vom Pfarrer um so bereitwilliger angenommen, je mehr er sich längst darnach gesehnt hatte, seine gewohnte Abendpfeife [26] in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen Unterhaltung zu rauchen.

III

Schon längst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen, die nähern Familienverhältnisse des Grafen zu erfahren. Ohne bösartig zu sein, wurde er von einem inneren Verlangen getrieben, Alles zu erforschen, was irgend einen Menschen oder eine Familie betraf, die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft, wenn auch in weitester Entfernung, gehörten; ja, Manche, die ihn näher kannten, behaupteten, seine große Dienstfertigkeit entspringe zum Theil daher, weil sie ihm Gelegenheit verschaffe, Manches zu erfahren, was ihm verborgen bleiben würde, wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen beschäftigte. So kam es, daß er der allgemeine Rathgeber der ganzen Gegend war, ihr Rechtsfreund, wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren, der Arzt aller Bauern und Beamten, die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten, als sich an einen wirklichen Arzt wendeten. Er häufte auf diese Weise Arbeit und Beschwerden aller Art auf sich, und fühlte sich vollkommen belohnt, wenn seine Klienten und Patienten alle Fragen, die er ihnen vorlegte, gewissenhaft, genau und treu beantwortteten, dagegen konnte er aber in unbescheiden üble Laune gerathen, [27] wenn es sich Jemand beikommen ließ, nur seine Arzneimittel oder seinen Rath benutzen zu wollen, ohne ihm weitere Auskunft über sich und Andere zu geben, so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand, die in der That nichts zu sagen wußten, weil sie sich nicht um die Angelegenheiten Anderer bekümmerten; einem Solchen konnte er mit wahrer Bitterkeit sagen: Es ist unbegreiflich, wie man in der Welt mit den Menschen kann leben wollen, ohne sich um sie zu bekümmern. Bei solchen Eigenschaften war es natürlich, daß, ob er zwar sein Amt vorschriftsmäßig verwaltete, und man nicht sagen konnte, daß er etwas von seiner Pflicht versäumte, doch allen seinen Handlungen der geistliche Charakter, möchte ich sagen, fehlte, und man auf der Kanzel, wie vor dem Altar immer den Geschäftsmann sah, der nun grade dieß Geschäft abmachte, weil Zeit und Stunde es forderten. Er fühlte dieß selbst und zwang sich oft, Ernst und Salbung in seine Haltung und Mienen zu bringen, die, weil sie im vollkommenen Widerspruche mit seinem übrigen Thun und Treiben standen, ihm einen Anstrich von Heuchelei gaben, die seiner Seele fremd war.

Diesem Manne nun mußte es höchst peinlich sein, daß der Graf seit einigen Monaten auf dem Schlosse lebte, ohne daß er erfahren konnte, weßhalb. Denn ihm schien es unnatürlich, daß ein Mann wie der Graf, der beinah funfzig [28] Jahr alt war und seit zwanzig Jahren unumschränkter Besitzer eines großen Vermögens, der sich in der ganzen Zeit wenig um seine Güter bekümmert, sondern immer abwechselnd in den größten Städten Europas gelebt hatte, nun auf ein Mal, und zwar im Herbst, sich ohne Ursache auf eines seiner Schlösser zurückziehen sollte. Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten über die Art, wie die Verbindung zwischen dem Grafen und der Gräfin sich gebildet hatte, denn obgleich die Gräfin in Schlesien geboren war, so war sie doch im Auslande mit dem Grafen verheirathet worden, und er wußte nicht einmal recht, wo? Der Graf war der protestantischen Kirche zugethan, dagegen war die Gräfin katholisch, ja er hatte dunkel gehört, sie sei dazu bestimmt gewesen, sich dem Kloster zu weihen, und er hatte nie erfahren können, was ihren Entschluß konnte geändert haben.

Der einzige Bruder der Gräfin hatte große Besitzungen, die kaum zehn Meilen von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren, aber auch er war seit langer Zeit abwesend, und der Pfarrer wußte nicht einmal, wo er sich aufhielt. Der Graf und die Gräfin behandelten sich gegenseitig mit großer Achtung, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, und es ließ sich nicht bestimmen, ob sie glücklich oder unglücklich mit einander lebten. Selbst der alte Dübois war ihm eine räthselhafte Person, und er konnte es nicht herausbringer, [29] weßhalb er von dem Grafen und der Gräfin mit so viel Schonung, Achtung und Aufmerksamkeit behandelt wurde.

Diese Fragen, die er sich selbst oft vorgelegt hatte, ohne sie befriedigend beantworten zu können, glaubte er, würden ihm nun wenigstens zum Theil aufgelöst werden. Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und, wie es schien, ihn schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte, so glaubte er, daß dieser ihm über Vieles Aufschluß geben könnte.

Es war dem Pfarrer zu vergeben, daß er so falsche Hoffnungen auf den Arzt gründete, er hatte noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn näher kennen zu lernen, nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen, die die ganze Aufmerksamkeit des Arztes in Anspruch nahmen, und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von nichts die Rede gewesen, als von dem Zustande dieser Kranken. Er hatte also nicht bemerken können, daß der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehörte, die nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren, für die also die übrigen Menschen nur in so weit bedeutend sind, als sie diese Wissenschaft an ihnen ausüben können. Darum war ein gefährlich Kranker für ihn von höchster Wichtigkeit, der seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm, dem er alle seine Zeit, alle seine Gedanken [30] widmen konnte, und für den er eine dankbare Liebe gewann, wenn er endlich, nachdem er sich pünklich allen Vorschriften unterworfen hatte, genas, und durch Leben und Gesundheit zeigte, daß die Wissenschaft über die Krankheit zu triumphiren vermag. Dagegen hatte er eine Art von Verachtung gegen Personen, die häufig leiden, ohne sich für eine bestimmte Krankheit zu entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen, deren reizbare Seele nachtheilig auf den Körper wirkt, und die dann, wenn der Körper dem Uebel erliegt, das ihm die Seele zufügt, zum Arzte ihre Zuflucht nehmen. Zu diesen Unglücklichen gehörte eigentlich die Gräfin, und es war dem Arzt jedesmal verdrießlich, wenn er zu ihr gerufen wurde. Gesunde konnten in der Regel nur in so fern darauf Anspruch machen, seine Theilnahme zu erregen, als er sie geeignet fand, mit ihnen über seine Wissenschaft oder über sein Leben zu reden. Denn so arm und eng sein Leben auch war, so höchst wichtig, bedeutend und lehrreich erschien es ihm; der kleinste Vorfall dünkte ihm eine wunderbare Begebenheit, die nicht verfehlen könnte, ein großes Interesse zu erregen; seine Meinungen und Ansichten kamen ihm entscheidend vor, und er hatte keine Ahnung davon, daß er von der Welt und dem Leben gar nichts wußte, denn er hielt sich sonderbarer Weise mit allen diesen Eigenheiten für einen Weltmann.

[31] Diese beiden nun saßen im Zimmer des Arztes, Jeder in einer Ecke des Sophas behaglich Taback rauchend, der Pfarrer mit dem bestimmten Plane, so viel als möglich vom Arzte zu erfahren, und dieser im Nachdenken versunken, wie sein Kranker auf's Beste zu behandeln sei.

Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen? unterbrach endlich der Pfarrer das Stillschweigen.

Auf Reisen? erwiederte der Arzt; ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen gewesen, ich liebe solide Studien, das kann man auf Reisen nicht haben. Ich war eine Zeitlang in Wien in des Grafen Hause und bin dann mit ihm hieher gereist, wo ich mich gänzlich nieder zu lassen denke. Ja, ja! rief er lächelnd, ich will mich hier ansiedeln, Sie hätten wohl nicht gedacht, daß ich hier meine Hütte bauen will.

Die Gegend ist äußerst angenehm, sagte der Pfarrer, das würden Sie im Frühlinge finden, jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen.

Ei, sagen Sie das nicht, rief der Arzt, ich bin sehr angenehm beschäftigt gewesen, so lange ich hier bin, ich habe drei so merkwürdige Kranke, daß mich die Aerzte in Wien darum beneiden würden. Der eine, wissen Sie, ist der alte Schmidt, bei dem ich Sie einmal antraf, wie heißt er doch gleich? ich fand ihn in dem erbärmlichsten Zustande von der Welt, als ich hier ankam, jetzt fängt er an sich zu erholen, [32] daß es eine Freude ist ihn anzusehn; bring' ich den Menschen den Winter durch, so sollen Sie sehen, er wird voll kommen hergestellt. Der Leinweber, das ist wahr, der ging mir drauf, aber es war auch nichts an dem Menschen, er hörte nicht, er folgte nicht, er wollte nach seinem Kopfe leben, und er hat gesehn, was dabei heraus kömmt.

Der Pfarrer wollte nichts hören von Leuten, die er in allen ihren Verhältnissen genau kannte, und suchte deßwegen das Gespräch auf andere Gegenstände zu lenken. Ich meine, sagte er, die Natur kann jetzt keinen Reiz für Sie haben, die im Frühling und Sommer hier unglaublich schön ist.

Freilich, freilich, erwiederte der Arzt, die Natur schlummert jetzt, aber die Studien, Herr Pfarrer, die Studien müssen uns schadlos halten, der Graf hat auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen, die älteren besitze ich längst selbst, dabei wird mir der Winter verfliegen, daß ich es beklagen werde, wenn er vorbei ist.

Sie leben wenig in der Welt, wie es scheint, bemerkte der Pfarrer. In der Welt, antwortete der Arzt, wie sollte ich nicht? Ich lebe immerfort in der Welt, von einem Kranken geht es zum andern, von Hohen zu Niedern, von Niedern zu Hohen, dadurch gewinnt man Menschenkenntniß, Herr Pfarrer, vor dem Arzte versteckt man sich nicht, der Arzt ist wie der Beichtvater, er durchschaut die innerste Seele.

[33] Sie haben Recht, sagte der Pfarrer, und manche Uebel könnten wohl nur der Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen.

Solche Uebel sind mir zuwider, sagte der Arzt, eine reine, vernünftige Krankheit, da weiß man, was man thun soll, und wenn in solchem Falle der Körper auf die Seele wirkt, der Kranke schwermüthig, trübsinnig wird, so weiß man, wie man ihn erheitern, zerstreuen soll; man liest ihm vor, man erzählt ihm, und ist es so weit, daß es angeht, so führt man ihn spazieren. Aber wo die Seele auf den Körper wirkt, mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen.

Sollte nicht die Frau Gräfin eine solche Kranke sein? fragte der Pfarrer mit schlauer Miene.

Ei, ei! rief der Arzt erstaunt, ja beinah erschreckt, wer hat Ihnen das verrathen? Meine Lippen sind versiegelt, ich bin stumm wie das Grab; schändlich der Arzt, der eines Mißbrauches dessen fähig ist, was er an seinen Kranken bemerkt.

Ich glaubte, sagte der Pfarrer, man kann es der Gräfin auf den ersten Blick ansehen, daß sie nicht glücklich ist.

Wie so? fragte der Arzt bestürzt; woran wollen Sie das bemerkt haben?

Sie hat etwas Schwermüthiges in den Augen, erwiederte der Pfarrer, ihre Stirn ist nicht heiter, die Blässe der [34] Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram und Kummer zu sein, sie thut sich selbst Gewalt an, um an der Unterhaltung Antheil zu nehmen; das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene, oder durch fremde Schuld gestörten Seelenfrieden.

Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich glaube, die Gräfin ist ungern hier, sie scheint das Landleben zu hassen, sie ist mehr für die große Welt. In der ersten Woche, die wir hier zubrachten, verließ sie beinah ihr Zimmer nicht, und ich sah sie gar nicht. Endlich führte mich der Graf eines Abends zu ihr, und ich fand sie so angegriffen, so verwandelt, daß ich mich recht entsezte. Es war mir leicht einzusehen, daß Gemüthsbewegungen das Alles hervorgebracht hatten; ich sagte es ihr klar und deutlich, daß sie selbst das Beste dafür thun müßte, um sich herzustellen, daß meine Mittel allein nicht wirken könnten. Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein, um wieder den ganzen Abend zu weinen, wie das solche Kranke an sich haben; aber ich sagte ihr gerade heraus, daß sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen müsse; ich bot ihr an, eine Parthie Schach mit mir zu spielen, dazu hatte sie mich sonst zuweilen aufgefordert; ich meinte es aufs Beste, aber nichts war mit ihr anzufangen, der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten, Einsamkeit würde heute am Wohlthätigsten auf sie wirken. Ich bewies ihm deutlich, daß er sich irrte, und gab [35] ihm zu verstehen, daß er von der Medicin nichts wüßte, und können Sie den ken, ein so gescheiter Mann, als der Graf, wurde empfindlich und sagte mir ganz trocken: meine Einsicht möge die bessere sein oder nicht, man müsse auf jeden Fall dem Wunsche der Gräfin nachkommen.

Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen: Wenn es also der Wunsch der Frau Gräfin ist, ihre Gesundheit völlig zu Grunde zu richten, so muß ich als Arzt ihr darin beistehen? Ich sah wohl, daß der Graf böse wurde, aber ich war so aufgebracht in dem Augenblick, daß ich Alles aufs Spiel setzte und mich um die Folgen nicht bekümmerte, wenn sie auch die entsetzlichsten gewesen wären. Die Gräfin sagte einige Worte englisch zum Grafen, sie weiß, das verstehe ich nicht, und auf einmal war der Graf ganz ruhig. Sie bat mich nun, den andern Morgen zu ihr zu kommen, und versprach mir, dann eine ernstliche Kur anzufangen und Alles, was ich verordnen würde, gewissenhaft zu brauchen. Was blieb mir übrig, ich mußte gehen, aber ich fühlte damals, lieber Herr Pfarrer, die Wahrheit der Behauptung: daß es keine Rosen ohne Dornen gibt; ich fühlte mich in einer, einem Manne nicht geziemenden Abhängigkeit vom Grafen und bedurfte aller meiner Philosophie, um mich über mein Schicksal zu trösten.

Es scheint also, bemerkte der Pfarrer, daß die Gräfin [36] sehr auf den Grafen einwirkt, daß seine Ansichten sich nach den ihrigen richten, mit einem Wort, daß sie eine gewisse Herrschaft über ihn ausübt.

Ja, ja! rief der Arzt, das mag wohl sein, da zünden Sie mir ein großes Licht an, Herr Pfarrer, wodurch ich auf einmal die richtige Ansicht bekomme. Es ist doch sonderbar, daß ich immer in meinen wichtigsten Lebensverhältnissen mit Frauen zusammentreffe, die ihre Männer beherrschen.

Ist Ihnen das schon öfter begegnet? fragte der Pfarrer lächelnd.

Auf eine höchst merkwürdige Weise ist es mir begegnet, entgegnete der Arzt, im wichtigsten Augenblick meines Lebens ist es mir begegnet. Ich wäre beinah Ihr Amtsbruder geworden, müssen Sie wissen, ich studirte Theologie, meine Angehörigen wünschten es, man verschaffte mir ein Stipendium, und der erste Professor der Theologie auf der Universität, die ich bezog, war mein Oheim. Ich verschweige den Namen der Universität, ich will Niemanden schaden: Sie sehen, ich hatte brillante Aussichten. Aber ich darf wohl sagen, von der Wiege an verfolgte mich das Unglück, vernichtete meine schönsten Träume und stählte mich eben dadurch zum Philosophen.

Was begegnete Ihnen denn so Seltsames? fragte der Pfarrer mit gespannter Neugierde.

[37] Denken Sie, antwortete der Arzt, ich komme an und finde meinen Oheim, den Professor, verheirathet.

Nun, sagte der Pfarrer lächelnd, das ist weder seltsam, noch merkwürdig, beinah alle Professoren sind verheirathet.

Ja, aber wie war er verheirathet, versetzte der Arzt, darauf kommt es an. Entwürdigt hatte er sich, erniedrigt bis zur Verbindung mit seiner Haushälterin, einer rohen Person, die von Bauern abstammte, keine Kenntnisse hatte, als was Kochen und Waschen anbetraf, eine Gesellschafterin, die eines Gelehrten völlig unwürdig war. Ich überwand mich, diese rohe Bäuerin Frau Base zu nennen, weil ich niemals gegen die Pflichten der feinen Lebenart verstoße; ich ließ mir aber die Ueberwindung deutlich merken, die es mich kostete, um meiner eignen Würde nichts zu vergeben, und die rachsüchtige Furie verfolgte mich von dem Augenblick an. Ich bemerkte es bald, daß sie meinen Oheim ganz beherrschte und zu meinem Nachtheil auf ihn wirkte; seine Güte für mich hörte auf, und das Leben in seinem Hause wurde mir sehr verbittert. Dadurch wuchs die Abneigung gegen die Theologie, die ich immer empfunden hatte; meine Neigung zur Medicin wurde größer, als je; außerdem erlaubte mir meine schwache Brust nicht zu predigen, und so entschloß ich mich zu handeln wie ein Mann. Ich schrieb meinem Oheim einen Brief, worin ich ihm alle Gründe auseinandersetzte, die [38] meinen Entschluß bestimmten, und nahm von der Theologie Abschied. Ich meldete ihm zugleich, ich wünschte ihn den Abend auf seinem Studirzimmer zu sprechen, um mich mit ihm über meine Laufbahn zu berathen. Ich stellte mich ein zu der Stunde, die ich ihm bestimmt hatte, aber denken Sie sich mein Erstaunen, er war abwesend, und auf seinem Studirzimmer traf ich statt seiner die Megäre, sein Weib. Er hatte die Schwachheit gehabt, ihr mein Schreiben mitzutheilen, und sie stürmte mir mit einem Strom von Scheltworten entgegen, nannte mich unsinnig, daß ich mein Studium aufgeben wollte, fragte mich, wovon ich leben wollte, ob ich ihr zur Last zu fallen gedächte, und was der Gemeinheit mehr war. Ich, empört, daß eine so unwürdige Person sich ein Urtheil über Männer anmaßen wollte, deren Handlungen sie gar nicht fähig war, zu begreifen, sagte, indem ich meine Stimme bedeutend erhob, mit einem Ausdruck von Würde, der sie stutzig machte: Frau Professorin und Frau Base, merken Sie den Spruch und wenden sie ihn auf sich an, denn es ist darin nicht bloß die Kirche gemeint, sondern alles Würdige und Edle, was für Männer und nicht für Weiber gehört,Mulier taceat in ecclesia, dieses verordnete schon der Apostel Paulus.

Nun, sagte der Pfarrer, da ihre Base vermuthlich nicht lateinisch verstand, so ging diese Bitterkeit unschädlich vorüber.

[39] Ich übersezte ihr, was ich gesagt hatte, rief der Arzt, aber nun war es auch hohe Zeit, der Furie zu entrinnen, ich verließ das Zimmer meines Oheims sogleich, und sein Haus vor Anbruch des Tages. Ich schrieb ihm aus Jena, wohin ich nun eilte, um mit ganzer Seele Medicin zu studiren, ich erhielt aber nur eine kurze, trockne Antwort, worin er mir meldete, daß er seine Hand gänzlich von mir abziehe, da ich mich erdreistet habe, seine Gattin mit solcher Frechheit zu beleidigen. Was war zu thun, ich mußte mich fügen, und ich kann sagen, daß ich mit geringen Mitteln die Arzneiwissenschaft wie ein Held erobert habe.

Jedoch, wie kamen Sie mit dem Grafen in Verbindung? fragte der Pfarrer, der gern wieder das Gespräch auf diesen Gegenstand leiten wollte, der ihm wichtiger war, als die Lebensgeschichte des Arztes, ob er gleich auch diese nicht ohne Theilnahme anhörte, denn es war ihm ein Bedürfniß geworden, aller Menschen Verhältnisse genau zu kennen, mit denen er irgend in Berührung kam.

Ich hatte es möglich gemacht, sagte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln, indem ich meine eignen Studien trieb, noch so viel durch Unterricht, den ich Andern gab, zu gewinnen, daß ich nicht nur lebte, sondern auch noch ein Sümmchen ersparte, womit ich mich auf den Weg nach Wien machte, um die großen Geister der dasigen Region kennen zu lernen. [40] Es ging auch dort mühsehlig, aber es ging doch; ich erreichte meinen Zweck und studirte mit Eifer. Der Graf hielt sich zu der Zeit in Wien auf, er suchte einen geschickten jungen Arzt, der ihn auf seine Güter begleiten sollte, man empfahl mich, und ich erndtete nun die Früchte meines Fleißes; ich kann bei einem bedeutenden Gehalte nun ein völlig sorgenfreies Leben führen und ungehindert mich meinem Lieblingsfach widmen.

Der Pfarrer versuchte es einigemal, das Gespräch wieder auf den Grafen zu lenken; indeß die Phantasie des Arztes war zu sehr durch seine eigne wunderbare Lebensgeschichte angeregt und alle Fragen, die der Pfarrer an ihn richtete, er mochte sie wenden, wie er wollte, führten den Arzt immer wieder auf einen Vorfall seiner Jugend oder Kindheit, so daß nichts mehr aus ihm herzubringen war, und der Pfarrer, verdrießlich über die geringe Ausbeute, die er gemacht hatte, sich endlich entschloß, zu Bette zu gehen. Er verabredete noch vorher mit dem Arzte, daß sie um fünf Uhr am andern Morgen aufstehen und den alten Dübois von seiner Krankenwache ablösen wollten.

Nach dieser Verabredung begaben sich beide zur Ruhe, und überließen sich den Träumen, die ihrem Lager nahen wollten.

[41]
IV

Mit dem Schlage fünf stand der Pfarrer, der in allen Geschäften höchst pünktlich war und sein ganzes Leben zum Geschäft machte, vor dem Bette des Arztes und ermahnte ihn, der Verabredung gemäß, aufzustehen, indem er ihm zugleich anzeigte, daß der Kaffee schon auf dem Tische stehe, wie sie es am vorigen Abend bestellt hätten.

Der Arzt sprang auf, kleidete sich mit großer Hast an und rieth dem Pfarrer, seine Morgenpfeife beim Kaffee zu rauchen, weil er nicht zugeben könne, daß im Zimmer des Kranken geraucht würde. Er selbst machte das Kaffeetrinken eilig ab, denn er hatte eine große Begierde, den Kranken zu sehen. Nach wenigen Minuten begaben sich beide, Arzt und Pfarrer, nach dem Krankenzimmer; sie fanden den Verwundeten ruhig schlummernd und den alten Haushofmeister neben dem Bette desselben in einem Lehnstuhl sitzend. Er hatte seine silbergrauen Haare mit einer weißen Nachtmütze bedeckt, Pantoffeln an den Füßen, seinen weiten braunen Ueberrock bis oben zugeknöpft und las mit der Brille auf der Nase andächtig in einem französischen Gebetbuche, beim Schein einer Lampe, deren Schimmer er so gerichtet hatte, daß der Kranke nicht von den Lichtstrahlen belästigt wurde.

Nun, wie gehts, bester Herr Dubois, rief der Arzt eilig, [42] wie geht's mit unserm jungen Manne? Sie haben mich nicht gerufen, in der Nacht ist also wohl nichts vorgefallen?

Der Kranke, versetzte der Haushofmeister, erwachte aus seinem Schlummer vor einigen Stunden, er blickte um sich und wollte sich aufrichten; es war ein rührender Anblick, dem armen jungen Mann fehlten die Kräfte, ich bat ihn ruhig zu sein. Wo bin ich? fragte er französisch. Ich gab ihm in der Kürze einige Auskunft, ich weiß aber nicht, ob er mich verstanden hat; er forderte zu trinken, und als ich seinen Wunsch befriedigt hatte, sank er wieder in Schlummer, wie Sie ihn noch sehen.

Es ist gut, sagte der Arzt, es ist sehr gut, indem er den Puls des Verwundeten lange mit bedächtigen Mienen untersuchte. Jetzt, alter Freund, können Sie zu Bett gehen, und wir Beide, der Herr Pfarrer und ich, wollen die Krankenwache übernehmen.

Wäre es nicht besser, wenn ich hier bliebe? fragte der Haushofmeister; der junge Mann hat sich vielleicht schon an meinen Anblick gewöhnt, auch kann ich mich ihm verständlich machen.

Meinen Sie, es könne Niemand hier französisch sprechen als Sie? sagte der Arzt empfindlich; ich spreche so gut als Sie, und kann also mich dem Kranken eben so wohl [43] verständlich machen. Diese letzten Worte fügte er als Beweis der Behauptung, die sie enthielten, französisch hinzu, indem er zugleich alles Nöthige zum Verbande des Verwundeten auf den Tisch in Ordnung legte; da er aber das Deutsche im härtesten Thüringer Dialekt sprach und diesen auch auf das Französische übertrug, so klangen seine Worte den Ohren des geboren Parisers so rauh, wie die Rede eines Wilden, und er sah den Arzt mit Erstaunen an, der so unbefangen behauptet hatte, dies sei so gutes Französisch, als nur immer er, der Pariser, zu sprechen vermöge.

Nun machen Sie, alter Mann, gehen Sie zu Bett, wiederholte der Arzt, Sie müssen durchaus einige Stunden schlafen, sonst werden Sie krank, und dann fallen Sie in meine Hände.

Diese letzte Aeußerung schien in der That Eindruck auf den Haushofmeister zu machen, denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernen, der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, doch sogleich einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nächsten Städtchen holen zu lassen; das hätten wir gleich gestern thun sollen, bemerkte er, es wurde aber in der Unruhe vergessen; es ist nöthig, daß er den Kranken sieht, der Herr Graf könnte sonst Ungelegenheiten haben. Dübois entfernte sich, um diesen Auftrag zu besorgen und [44] sich dann zur Ruhe zu begeben. Der Arzt wartete auf das Erwachen des Kranken, und der Pfarrer fing an, den Bericht an die Regierung über ihn aufzusetzen. Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt vermehrt. Der Kranke erwachte, seine Wunden wurden von allen Dreien gemeinschaftlich untersucht und verbunden, und auf einige Fragen, die er thun wollte, wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet, daß er in guten Händen sei, aber sich fürs Erste alles Sprechens enthalten müsse, wenn er sein Leben erhalten wolle. Die größte Ermattung des Verwundeten machte, daß er sich geduldig in Alles fügte, was über ihn beschlossen wurde, und die fremden Menschen, die ihn umgaben, mit ruhigem Erstaunen betrachtete.

Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft; man hatte ihm die Gegenwart des fremden Arztes gemeldet; er begrüßte ihn höflich und erkundigte sich mit vieler Theilnahme nach dem Verwundeten.

Nachdem ihm die Aerzte und der Pfarrer berichtet hatten, was sich nach der ruhigen Nacht, die der Kranke gehabt hatte, Gutes hoffen ließe, näherte sich der Graf dem Bette desselben. Der junge Mann richtete seine großen dunkeln Augen auf den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen, denn er versuchte es sich empor zu richten. Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht, so [45] war der Name des Hausarztes, riefen ihm zugleich zu: er solle alle Anstrengungen unterlassen. Der Graf, der sich neben seinem Lager nieder ließ, bat ihn, indem er seine Hand faßte, ruhig zu bleiben und nicht selbst durch unnöthige Anstrengungen seine Herstellung zu verzögern. Ein schwacher, kaum merklicher Druck der Hand, womit der seinige erwiedert wurde, zeigte dem Grafen, daß ihn der Kranke verstand. Er gab ihm nun selbst Nachricht, wo er sich jetzt befände, und bat ihn, sein Haus so zu betrachten, als ob er im Hause seines Vaters wäre, und alle Hülfe und Dienste, die man ihm gerne leisten wolle, so ruhig anzunehmen, als ob er sie von seinen nächsten Angehörigen empfinge.

Trotz seiner großen Schwäche richtete der Kranke einen so rührend dankbaren Blick auf den Grafen, daß dieser sich wunderbar erweicht fühlte. Es war ihm, als ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein theurer, geliebter Freund zu ihm aufblickte, auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen könne. Er betrachtete nachdenkend das schöne, edle, obwohl durch Krankheit entstellte Gesicht des jungen Mannes, die dunkeln Haare, die sich in weichen Locken um die hohe, kühne Stirn legten, den wohlgeformten Mund; Alles dünkte ihm so bekannt, und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden, dem dieser Jüngling glich.

Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf, daß unwillkührlich [46] alle im Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernsthaft betrachteten, wie er selbst, welches den jungen Mann zu quälen schien. Er wandte sich also an den Pfarrer mit der Bitte, ob er ihm nun behülflich sein wolle, den nöthigen Bericht an die Regierung abzufassen. Ich glaube, sagte der Pfarrer, es wird weiter nichts nöthig sein, als, was ich hier aufgesezt habe, zu unterschreiben. Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz hin, der ihn durchlas und sich nicht enthalten konnte, innerlich zu bemerken, daß der Pfarrer wohl nicht in der bürgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle stehe, und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei. Es herrschte eine Genauigkeit in diesem Aufsatze, die jedem möglichen Verdruß in der Zukunft vorbeugte, und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswürdigen Kürze und Deutlichkeit verbunden. Die Uniform des Verwundeten war beschrieben, wodurch die Gerichte, wenn ihnen daran gelegen war, ausmitteln konnten, zu welchem feindlichen Regiment er gehöre.

Die Zeugnisse der Aerzte waren diesem Bericht beigelegt, und der Graf hatte in der That nichts weiter nöthig, als seine Unterschrift hinzuzufügen.

Mit großem Vergnügen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers, und der Gedanke ging schnell durch [47] seine Seele, ob er sich nicht an ihn in manchen Angelegenheiten wenden sollte, die er ungern gerichtlich betreiben wollte, und wo sich ihm vielleicht in der Person des Pfarrers unvermuthet ein guter Unterhändler darbot. Nur die vorschnelle Art desselben, sich in alle Gespräche zu mischen, die unbescheidene Zudringlichkeit, womit er sich über Dinge zu fragen erlaubte, die man nicht beantworten wollte, machte den Grafen irre, und er fürchtete, ein unbescheidener Frager möchte nicht mit Bescheidenheit schweigen können. Indem der Graf dieß dachte, ruhten seine Augen forschend auf dem Pfarrer, der sich diesen Blick nicht erklären konnte und sich verdrießlich nach dem Arzt umsah, den er für einen halben Narren hielt, von dem ein vernünftiger Mensch nichts erfahren könne.

Der Graf besann sich, dankte dem Pfarrer sehr höflich, unterschrieb den Bericht, sendete ihn ab und nahm sich vor, den Geistlichen genauer zu beobachten und auf eine gute Art Erkundigungen über seinen Charakter einzuziehen, um dann diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gemäß sein Vertrauen zu bestimmen.

Der Pfarrer sowohl, als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem Schlosse und verließen es nach der Tafel, ohne daß weiter etwas Erhebliches vorgefallen wäre. Es war natürlich, daß sich beinah alle Gespräche um die [48] Begebenheiten drehten, die alle Gemüther mit Sorgen erfüllten. Die unglückliche Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen ließen befürchten, daß sich die Feinde auch über diesen Theil von Schlesien verbreiten würden; Alle glaubten, daß man es nur den engen Schluchten zu danken haben würde, die zu dem jetzigen Wohnorte des Grafen führten, wenn das Schloß von feindlichem Besuche verschont bliebe; desto mehr war für die andern Besitzungen des Grafen zu befürchten. Der Pfarrer erschöpfte sich in Vermuthungen, welche Veranlassung den französischen Offizier könnte nach einem so einsamen Orte im Walde geführt haben, wie der war, wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte. Eben so war es unbegreiflich, Wer seine Gegner gewesen sein konnten, da die vielen Wunden, die er empfangen, bewiesen, daß kein Zweikampf vorgefallen war, sondern wahrscheinlich mehrere Gegner den Unglücklichen niedergehauen hatten. Da Spuren von Pferden bemerkt worden waren, so ließ sich vermuthen, daß Reiter diese Handlung verübt und nach dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich geführt hatten; denn da er selbst mit Sporen gefunden worden, so konnte man annehmen, daß auch er zu Pferde gewesen war.

Es läßt sich nicht ausmitteln, sagte der Graf, wie die Begebenheit zusammenhängt, wir müssen uns in Geduld [49] fügen, bis die Brustwunden des Kranken so weit geheilt sind, daß er selbst sprechen und uns die nöthigen Aufschlüsse geben kann. Der Pfarrer gab diese Nothwendigkeit mit einem Seufzer zu und bemerkte nur: wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte, so werde man niemals den Zusammenhang erfahren. Die Gräfin wendete sich erschreckt an die Aerzte und fragte, ob sie die Wunden für so gefährlich hielten. Beide mußten es zugeben, daß hauptsächlich die große Erschöpfung den Zustand des jungen Mannes gefährlich mache, und daß man nur durch die sorgfältigste Pflege und die Jugend des Kranken eine ungewisse Hoffnung begründen könne. Die schöne Emilie in der unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit großer Rührung: Ach Gott, wie traurig muß es für eine Mutter oder Schwester sein, einen Sohn oder Bruder in der Blüthe der Jugend zu verlieren. Und wenn nun dieser vollends hier sterben sollte, wir wissen nicht, wer er ist; wir können seinen Angehörigen keine Nachricht geben, und sie haben nicht einmal den traurigen Trost zu erfahren, daß die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert worden sind, als es in menschlichen Kräften steht.

Die Gräfin, obgleich gewohnt, alle ihre Empfindungen zu beherrschen, konnte eine schmerzliche Theilnahme nicht verbergen, und man sah es ihr an, daß sie sich erleichtert [50] fühlte, als die Fremden das Schloß verließen. Sie äußerte, ehe sie sich auf ihr Zimmer zurückzog, den Wunsch, den alten Dübois zu sprechen, um ihm einige Aufträge zu geben, und der Graf versprach, ihn ihr zu schicken und indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben.

Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat, fand er sie in heftiger Bewegung mit gefalteten Händen, den thränenschweren Blick zum Himmel gerichtet, und hörte noch einige Worte eines klagenden Gebets, mit dem sie Trost und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien. Der alte Mann stand in seiner gewöhnlichen Stellung in der Nähe der Thüre und richtete einen schüchtern-flehenden Blick auf die Gräfin, die, als sie ihn bemerkte, schnell ihre Augen trocknete, dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte, als wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen. Der treue Diener wartete, bis sie ihn anreden würde, und endlich näherte sie sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte: Ich will eine Frage an Sie thun, lieber Dubois, die mich Ueberwindung kostet. Man hörte es ihrer Stimme an, mit welcher Anstrengung sie sprach, es schien, daß ein gewaltsam zum Herzen zurückgedrängter Schmerz die Brust beklemmte, und ihr das Athmen und das Sprechen beinahe unmöglich machte. Sie schwieg einen Augenblick [51] und fuhr dann mit noch leiserer, ungewisserer Stimme fort: Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende Aehnlichkeit bemerkt mit – sie zitterte und schwieg; ein Blick auf den alten Diener zeigte ihr, daß er sie verstand, denn seine alten Augen füllten sich mit Thränen; er faltete unwillkührlich die Hände und neigte einigemal bejahend sein graues Haupt. Der gewaltsam in die Brust der Gräfin zurückgedrängte Schmerz behauptete nun sein Recht und strömte in Thränenfluthen aus ihren Augen; die stillen Seufzer lösten sich in Klagen auf, die den Himmel der Ungerechtigkeit beschuldigten, und der erschreckte Alte wußte nicht, was er thun sollte, um diese Stürme zu beruhigen. Erschöpft sank die Gräfin endlich in einen Lehnstuhl nieder. Das Feuer ihrer Augen erlosch, die bleichen Wangen wurden noch bleicher, und die zitternden Hände, schien es, suchten ein befreundetes Wesen. Es schien, als wolle der Lebensfunken der unglücklichen Frau erlöschen, oder wenigstens eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern.

Sie fühlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu beherrschen, der Schmerz in ihren Zügen wurde milder, sie richtete das matte Auge auf den alten Diener, der in stummen Thränen ihr zur Seite stand. Lassen Sie uns ruhig sein, guter Dübois, sagte sie mit kranker Stimme, ich wollte Ihnen auftragen, wo möglich den Namen [52] des jungen Mannes zu erforschen, vielleicht hat er Papiere bei sich, die Auskunft geben, vielleicht – es ist Wahnsinn, Dübois, was ich hoffe, ich weiß es, und dennoch, ich bitte, thun Sie, wie ich Ihnen sage. Der Alte versprach, was die Gräfin von ihm forderte, und warf, ehe er sich entfernte, einen flüchtigen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob sein Gesicht und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte, den er so eben mit seiner Gebieterin getheilt hatte, und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen. Bitten Sie Fräulein Emilie zu mir, rief ihm die Gräfin mit matter Stimme nach.

Emilie eilte zur Gräfin. Der Haushofmeister hatte ihr gesagt, sie befände sich nicht wohl, aber Emilie bebte zurück, als sie die Gräfin erblickte, die völlig ermattet noch im Lehnstuhl saß, und deren bleiches Gesicht noch feucht von Thränen war, die ihren Augen unwillkührlich immer wieder von Neuem entströmten. Komm zu mir, liebe Emilie, sagte die Gräfin, Du mußt Geduld mit mir haben, Du sanftes Kind, ich plage Dich mehr, als ich mir selbst verzeihe.

Was ist Ihnen begegnet, fragte Emilie mit ängstlicher Stimme, das Sie so erschüttert haben kann? Soll ich den Onkel rufen? Soll man den Arzt kommen lassen?

Nein, mein Kind, sagte die Gräfin matt aber bestimmt, [53] ich will den Grafen nicht durch meinen Zustand beunruhigen, und der Arzt kann mir nicht helfen.

O! wüßte ich ein Mittel, sagte Emilie, indem sie die Hand der Gräfin weinend küßte, wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden könnten.

Befremdet sah die Gräfin ihre junge Freundin an, die erröthend die Augen niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verrieth, daß sie aus Liebe und Mitleid sich übereilt, und mehr gesagt hatte, als sie sich erlauben wollte. Weßhalb glaubst Du, daß mir Ruhe des Herzens mangelt? fragte die Gräfin nach kurzem Stillschweigen.

Emilie war zu wahr, als daß sie sich nun durch halbe Antworten hätte aus der Verlegenheit ziehen können; auch war die Gräfin zu klug, als daß sie sich anders als scheinbar durch solche Antworten würde haben befriedigen lassen, und Emilie wäre in Gefahr gerathen, Achtung und Vertrauen ihrer Tante völlig zu verlieren, und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben betrachtet zu werden; sie entschloß sich also offenherzig zu antworten, wenn sie auch die Gräfin dadurch kränken sollte. Warum antwortest Du mir nicht, fragte diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin, die noch von Röthe überzogen, verlegen, mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand.

Weil ich Sie kränken müßte, wollte ich diese Frage beantworten, [54] die meine Unbesonnenheit veranlaßt hat, sagte Emilie, indem sie die schönen blauen Augen freimüthig auf die Gräfin richtete.

Sprich aufrichtig mit mir, sagte diese in mildem Tone und doch halb mißtrauisch erwartend, welche Erklärung nun folgen würde.

Sie sind so weit erhaben, sagte Emilie, über Eitelkeiten und ähnliche kleinliche Leidenschaften, die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben, Ihr Geist ist zu gebildet, als daß Sie aus Eigensinn eine solche haben könnten, und dennoch – Emilie schwieg zögernd, – Und dennoch? fragte die Gräfin, ich bitte Dich fahre freimüthig fort.

Ich muß es, sagte Emilie, nachdem unser Gespräch diese Wendung genommen hat; Sie haben mir so viele Güte bewiesen, daß Sie mich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet haben, und ich bin in Gefahr, daß sie mich nun als undankbar verabscheuen werden.

Nein, nein, sagte die Gräfin, sprich ohne Zögerung und weitere Einleitung.

Bei der Güte Ihres edeln Herzens, bei der Großmuth Ihrer Seele, sagte Emilie, können Sie dennoch in der Laune, die Sie eben beherrscht, mich oft so schmerzlich verwunden, mit so kränkend wegwerfender Bitterkeit in manchen Stimmungen meine Fehler rügen.

[55] Glaubst Du, fragte die Gräfin mit erzwungenem Lächeln, daß Du niemals Tadel verdienst?

Ich bin so thöricht nicht, erwiederte Emilie sanft, aber thue ich meiner mütterlichen Freundin Unrecht, wenn ich glaube, es würde Güte und Liebe mir die Bahn zeigen, die ich zu wandeln habe, und nicht Bitterkeit und kränkender Spott, wenn Ihr Herz die schöne Ruhe empfände, die Sie so sehr verdienen? Würden Sie bei der Großmuth Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armuth sprechen, wie Ihre Laune es Ihnen oft gebietet, gegen das hülflose Geschöpf, das einzig von Ihrer Freigebigkeit lebt, und das Sie dadurch oft zwingen, die Nahrung, die es Ihrer Güte verdankt, mit seinen Thränen zu benetzen? Kann diese Bitterkeit, diese Heftigkeit, der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben, als daß Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet, Ihrer Seele der Frieden fehlt, den ich für Sie so oft mit Thränen vom Himmel erbeten habe?

Emilie schwieg erschrocken und erstaunt über ihre Dreistigkeit, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte. Die Gräfin hatte die Augen ernst auf ihre junge Freundin geheftet, indeß sie sprach, doch löste sich dieser Ernst bald in Liebe und Güte auf. Du hast Recht, Emilie, sagte sie, ich habe Dir Unrecht gethan, schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekränkt worden, und Deine Sanftmuth hat mir immer mit[56] Liebe erwiedert. Du hast Recht, diese Ungerechtigkeit entspringt aus einer gequälten Seele, aus einem von tausend Qualen zerrissenen Herzen; aus Erinnerungen an Leiden, die ich nicht vertilgen kann und nicht mit theilen will. Vergieb mir, Emilie, daß ich Dir wehe gethan habe, und statt ein Kind, das ich mir zu plagen erlaubt habe, wirst Du mir künftig eine Freundin sein, an deren Brust ich über meinen Kummer weinen kann; nur frage mich nie um diesen Kummer.

Sie breitete, indem sie dieß sprach, ihre Arme aus und drückte Emilie mit Liebe an die Brust, die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit erwiederte.

Nach diesen Erklärungen bat die Gräfin ihre junge Freundin, sie einige Zeit allein zu lassen, daß sie sich zu sammeln vermöchte, und Emilie war verwundert, als nach einer Stunde die Gräfin im Gesellschaftszimmer zur Theezeit erschien, zwar noch blaß und matt, aber im Aeußern vollkommen ruhig. Sie nahm an allen Gesprächen Antheil, und sprach mit Geist und Feuer über Musik und Poesie, als die Unterhaltung sich dahin lenkte, und bat zuletzt Emilie, viele ihrer Lieblingslieder zu singen, wozu der Graf bereit war zu accompagniren, so daß der Abend viel heiterer zugebracht wurde, als sich nach einem so stürmischen Tage erwarten ließ.

[57]
V

Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten, ohne daß auf dem Schlosse etwas Merkwürdiges vorgefallen wäre. Der Verwundete besserte sich langsam, aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden, um nicht die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen. Die Nachforschungen des alten Dübois waren fruchtlos gewesen, denn es schien, daß man den jungen Mann nach seinem Falle beraubt habe, weil eben so wenig ein Taschenbuch, als Geld oder Uhr oder irgend eine Sache von Werth in seinen Kleidern gefunden wurde. Der Graf hatte dem Haushofmeister aufgetragen, den jungen Mann mit Wäsche, Kleidern und Allem, was er bedürfen würde, zu versorgen, und man mußte nun abwarten, bis er selbst Aufschluß über sein Schicksal geben könnte. Der Pfarrer war mehreremale auf dem Schlosse gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen; der Kranke durfte nicht sprechen, der Arzt wußte nichts anders, als seine Begebenheiten, seine Erfahrungen, seine Empfindungen mitzutheilen, und die Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen. Alles, was der Pfarrer in Bezug auf das Ereigniß hatte in Erfahrung bringen können, war, daß feindliche Reiterei in der Entfernung von einigen Meilen passirt sei, was wenigstens möglicher Weise in Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte, aber die Nachrichten [58] die er darüber erhalten, waren dunkel, da sie ihm ein wandernder Krämer mitgetheilt hatte, der sie wieder von Bauern erfahren haben wollte. Es blieb nach vielen vergeblichen Versuchen dem Pfarrer nichts anders übrig, als sich so gut wie alle Andern in Geduld zu fügen.

Der Baron Löbau, Erbherr auf Heimburg, wie er sich gern nennen hörte, war ebenfalls auf dem Schlosse gewesen, um der Gräfin, wie er sagte, seine Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglücklichen zu erkundigen, dessen Pflege der Graf, wie er nachdrücklich bemerkte, aus Menschenliebe übernommen habe; man fülte, er wollte, indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte, doch zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern.

Der Baron Löbau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals die feinsten Sitten zu eigen gemacht, Neigung für das Landleben bestimmte ihn, sich früh zurückzuziehn und diesem sich zu widmen; obgleich er nun aber ein höchst thätiger Landwirth geworden war, so hatte er dessen ungeachtet nicht seine Ansprüche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben, hatte er auch seit mehr als dreißig Jahren diese glänzende Bühne, auf der er sich in früher Jugend hatte versuchen wollen, nicht mehr betreten. Er dachte nicht daran, daß auch über das Betragen die Mode herrsche, und zweifelte keinen Augenblick daran, daß, was [59] zu seiner Zeit als fein, galant und artig angesehen worden, auch noch jetzt so betrachtet werden müsse. Er hielt sich für einen Philosophen, weil er das Landleben liebte, für einen Hofmann, weil ihm auch Gesellschaft angenehm war, für einen Gelehrten, wenigstens für einen sehr gebildeten Mann, weil er einige Bücher gelesen hatte, für einen Kunstkenner, weil er einige schlechte Bilder und einige höchst mittelmäßige Kupferstiche besaß, für einen Staatsmann, weil er alle Rechte genau inne hatte, die sich auf die Provinz, in der er lebte, und auf seine besondern Verhältnisse anwenden ließen. Er gefiel sich in seiner Würde als ein bedeutender Gutsbesitzer, von dem viele andere Personen abhängig waren. Er war bei diesen unschuldigen Thorheiten gütig, dienstfertig, wohlwollend und dennoch weniger geliebt, als er es verdiente. Wenige Menschen gaben sich die Mühe, seinen Charakter genau kennen zu lernen, und beinah alle seine Nachbaren fühlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels an Aufrichtigkeit.

Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkührlich zu, denn bei seiner leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf ihn, und da er so viele Neigungen in sich vereinigte, so schloß er sich allemal unwillkührlich mit seiner Höflichkeit und Verehrung dem Repräsentanten eines Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an, der [60] in der Gesellschaft eben am Glänzendsten erschien; so huldigte er abwechselnd dem Reichsten, dem Vornehmsten, dem Gebildetsten, dem Klügsten, dem Künstler und dem Landwirth; und da er den Fehler beging, den ganzen Vorrath seiner höflichen Aufmerksamkeit immer diesem einen Begünstigten zu widmen, so geschah es ganz natürlich, daß er alle andern vernachläßigte und eben dadurch beleidigte. Doch gab sich diese unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen, denn da von Zeit zu Zeit jeder seiner ausschließlichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen hatte, so wurden sie abwechselnd versöhnt und beleidigt; nur allein mit dem Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten Verhältniß, denn da der Fall nie eintrat, daß dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste, der Vornehmste, der Klügste oder der Gebildetste erschien, so wurde er alsdann jedesmal gänzlich von ihm übersehen, und er war nur höflich gegen ihn, wenn er mit ihm allein war, wodurch der Pfarrer, indem er es ihm als Hochmuth auslegte, sich im Inneren sehr beleidigt fühlte. Seine Empfindlichkeit pflegte er dann durch kurze, mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrücken, so oft der Baron ihn anredete; dieser dagegen setzte seiner schnöden Bitterkeit dann wieder eine so kalte Höflichkeit entgegen, daß sie den Pfarrer jedesmal aufs Neue beleidigte, und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren [61] diese Stimmung. Der Baron glaubte es als einen Verstoß gegen die Höflichkeit betrachten zu müssen, wenn er im Beisein der Gräfin über die Grenzstreitigkeit sprechen wollte, und doch war es leicht zu bemerken, daß dies Geschäft ihm am Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war. Der Graf befreite ihn von der Qual, die er sich auferlegt hatte, darüber zu schweigen, indem er selbst das Gespräch darauf lenkte. Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang vertheidigt hatte, sagte der Graf: wir wurden neulich davon abgehalten, den ganzen Theil des Waldes zu durchreiten, über den wir streiten, ich werde beim ersten schönen Wetter den Ritt noch einmal unternehmen, Alles selbst betrachten, und können wir auch dann nicht einig werden, so denke ich, sollten wir die Sache Schiedsrichtern anvertrauen. Mit dieser Anordnung mußte der Baron zufrieden sein, denn es ließ sich nichts Vernünftiges dagegen einwenden, und dennoch hätte er es lieber gesehen, mit dem Grafen allein zu unterhandeln. Man trennte sich freundschaftlich nach dieser Verabredung, und der Graf versprach, sehr bald dem Baron seine Vorschläge mitzutheilen.

In der That lag dem Grafen daran, eine Streitigkeit, die zu Spannungen Anlaß geben konnte, sobald als möglich zu beendigen. Er ritt also an einem schönen Wintermorgen, begleitet von seinem Förster, nach der Gegend des Waldes [62] hin; er bemerkte, indem er die Grenzen umritt, daß der Baron in der That den Anspruch, den er machte, nicht begründen könne, daß aber für ihn selbst der Verlust nicht bedeutend sein würde, wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur Abtretung eines Theiles von dem, was der Baron forderte, verstände, und, indem er bei der Stelle wieder vorbei kam, wo Beide den Verwundeten gefunden hatten, beschloß er, dem Baron die Hälfte dessen freiwillig anzubieten, was er schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte, und dann die Grenze zwischen beiden Besitzungen durch dieß schöne Thal zu führen. Erfrischt, gestärkt durch den schönen Wintertag, unter dem heitern blauen Himmel, fühlte der Graf überhaupt mehr die Geringfügigkeit ihres Streites, als im geheizten Zimmer, in einem beschränkten Raume, und machte für sich selbst die Bemerkung, daß die Menschen überhaupt eigennütziger und eigensinniger in ihren Häusern als unter freiem Himmel sind.

Beschäftigt mit diesen Betrachtungen, näherte er sich dem Dorfe und dem Wohnhause des Pfarrers; es fiel ihm ein, denselben zum Vermittler in dieser kleinen Streitigkeit zu wählen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu finden, ihn auch in wichtigeren Fällen zu benutzen. Er hielt vor der Wohnung des Geistlichen an, bei dem längst Mittag vorüber war, und gab sein Pferd dem Reitknechte, der ihn begleitet[63] hatte, indem er zugleich dem Förster nach Hause zu reiten erlaubte. Als er die niedrige Pforte des Raumes öffnete, der das Haus zugleich als Hof und Garten umschloß, sprangen ihm mehrere Hunde von verschiedener Größe bellend entgegen, die von mehreren Kindern verschiedenen Alters, die im Hofe spielten, augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden; einige ältere Knaben sprangen eiligst in das Haus, um die Ankunft des Fremden zu melden, die jüngern Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem Hofe ein, um den Fremden und seine Pferde zu betrachten; der Pfarrer, der den Grafen vom Fenster aus bemerkt hatte, kam ihm an der Thür des Hauses so höflich und freundlich entgegen, daß man es ihm ansah, er erwarte etwas Ungewöhnliches von diesem Besuche. Als der Graf nach den ersten Begrüßungen das Zimmer betrat, bemerkte er den Schulzen des Dorfes, der sich vor dem gnädigen Herren, so tief er vermochte, bückte. Nu, lebe Er wohl, mein Freund, sagte der Pfarrer zu dem Landmanne, komme Er morgen wieder, Er sieht, ich habe heute keine Zeit mehr. Der Schulze bückte sich, indem er sich zugleich mit der linken Hand im Kopfe krazte, und blieb zögernd an der Thüre stehn.

Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat, Herr Pfarrer, sagte der Graf, so bitte ich, lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stören. Wenn mir der Herr Graf denn erlauben [64] wollen, sagte der Geistliche sehr freundlich, und indeß die Güte haben wollen, Platz zu nehmen; er machte eine einladende Bewegung nach dem Sopha hin, und schob mit dem Fuße zugleich hölzerne Pferde, Schubkarren und anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege, das auf dem Boden zerstreut lag. Der Graf stieg über ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg, um sich in der Ecke des Sophas niederzulassen, und der Pfarrer wendete sich kurz nach dem Landmanne um und sagte in einem gebietenden Tone: Nun hurtig, Freund, erkläre Er sich, was Er von mir zu wissen wünscht.

Der Schulze räusperte sich ein wenig und sagte: Nicht wahr, Herr Prediger, Sie kennen die alte Liese Lemmerten aus Krumbach? Der Pfarrer besann sich ein wenig und fragte: ist das nicht die Schenkwirthin? Der Schulze nickte bejahend. Nun, was ist mit der? rief der Pfarrer, Er sieht, ich habe Eile.

Nun, lächelte der Schulze freundlich: die hat Gott zu sich genommen. Was! rief der Pfarrer mit Verwunderung, ist die gestorben, wie tausend habe ich denn das nicht erfahren?

Ja, sagte der Schulze sehr zufrieden, morgen gehn wir alle zum Begräbniß, meine alte Mutter wird sich auch aufmachen.

Und was geht das mich an? sagte der Pfarrer, Krumbach [65] gehört nicht zu meiner Kirche, was habe ich dabei zu thun?

Nichts, Herr Pfarrer, sagte der Landmann, Sie sollen auch gar nicht zum Begräbniß kommen, ich sagte bloß, ich und meine alte Mutter werden hinüber fahren.

Was will Er denn eigentlich? fragte der Pfarrer ungeduldig. Die Erbschaft, erwiederte der Schulze. Die Lemmerten war eine alte reiche Frau, und von meinem Vater her muß ich erben. Nun da wünsche ich Ihm Glück, sagte der Geistliche, ich weiß, die Verstorbene muß ein bedeutendes Vermögen hinterlassen haben; der Bauer Kielmann hat auf sein Gut und Haus von ihr fünf tausend, der Bäcker Köhler weiß ich auch, auch der Krämer; zehn bis zwölf tausend Thaler müßen da sein, sagte der Pfarrer, nach meiner kurzen Berechnung, ohne ihr eigenes Haus und ihren Hof.

Ja, aber sie wollen mir nichts geben, klagte weinerlich der Schulze.

Weßhalb? fragte der Pfarrer schnell, Wer will es ihm verweigern, sind nähere Erben da?

Nein, nein, nein! rief der Schulze, gar keine Erben sind da, das ist eben das Unglück.

O! spreche Er deutlich und nicht unvernünftig, sagte der Prediger scheltend.

Nun, so lassen Sie mich doch die ganze Geschichte erzählen, [66] erwiederte der Schulze im zänkischen Tone. Die alte Liese Lemmerten, nun das war die Schwester von meinem Großvater, Gott habe ihn selig, nun weiter waren keine Geschwister, als der selige Mann und die selige Frau; nun sehn Sie, die selige Frau hatte keine Kinder, aber mein seliger Großvater der hatte zwei Kinder, meinen Vater und seine Schwester, nun, und die Schwester, das weiß nun kein Mensch, wo die geblieben ist, und darum soll ich die Erbschaft nicht kriegen, die Person soll erst ausgekundschaftet werden.

Wie wir das hörten, da sagte meine alte Mutter: Peter, – ich heiße Peter – nun Peter, sagte sie, gehe Du nur zum Herren Pfarrer, der Herr Pfarrer weiß Alles, und Deine alte Muhme mag stecken, wo sie will, so kriegt er es heraus, und kriegt er es nicht heraus, so wird es ein Anderer gar nicht herauskriegen.

Während dieses Vortrages war die alte Kinderwärterin herein gekommen und hatte das verschiedene Spielzeug der Kinder vom Boden aufgelesen, um es heraus zu bringen; sie hörte des Schulzen Rede mit an und mischte sich, als er geendigt hatte, ohne Umstände in das Gespräch. Seines Vaters Schwester, Herr Schulze, sagte sie, das war ja Lore Breitler, die diente ja, wie ich noch ein junges Ding war, mit mir zusammen bei der seligen Frau Baronin Schlebach [67] auf Seizheim, ich weiß aber nicht, wo sie nachher hingekommen ist.

Das war ja die Mutter der Frau Gräfin, sagte der Pfarrer, indem er sich schnell zum Grafen wendete, der diese Frage bejahte.

Komme Er nach dem Begräbniß wieder zu mir, sagte der Pfarrer hierauf zum Schulzen, ich werde suchen Erkundigungen einzuziehen und werde sehen, wie ich Ihm dienen kann.

Der Schulze und die Kinderwärterin verließen jetzt mit einander das Zimmer, und setzten ihr Gespräch über Lore Breitler und die zu hoffende Erbschaft noch vor der Thüre eine Zeitlang ziemlich lebhaft fort. Der Pfarrer aber wendete sich zum Grafen und bat ihn noch einmal um Entschuldigung, daß er sich habe durch den Landmann abhalten lassen, ihn zu unterhalten.

Ich konnte um so weniger verlangen, erwiederte der Graf, daß Sie den Schulzen ohne eine befriedigende Antwort von sich ließen, da ich selbst in der Absicht zu ihnen gekommen bin, Sie um Ihren Beistand in einer Angelegenheit zu bitten.

Der Geistliche, aus wirklicher Dienstfertigkeit und aus Reugiede, die Angelegenheit des Grafen zu erfahren, [68] erbot sich mit größter Bereitwilligkeit zu allen möglichen Diensten.

Der Graf war im Begriff dem Pfarrer seinen Entschluß über die Grenzstreitigkeit mit dem Baron Löbau mitzutheilen und ihn zu ersuchen, als Vermittler dem Baron sein Anerbieten mitzutheilen, als sich die Thüre öffnete und die Frau des Predigers die Unterhaltung unterbrach. Da man beim Pfarrer schon längst zu Mittag gespeist hatte, so wurde angenommen, der Graf mache einen Nachmittags-Besuch; ihm wurde Kaffee angeboten, und man fing zugleich an, Anstalten zum Theetrinken zu treffen; diese Aussicht bestimmte den Grafen, so schleunig als möglich dem Pfarrer die nöthigen Mittheilungen zu machen und den gewünschten Beistand von ihm zu erbitten. Der Geistliche bekämpfte eine Zeitlang den Entschluß des Grafen, ein Stück des Waldes abzutreten, indem er ihm auseinandersetzte, daß die Ansprüche des Barons sich auf leere Einbildungen gründeten; da er aber sah, daß der Graf entschlossen war, ein kleines Opfer zu bringen, um Weitläuftigkeiten zu vermeiden, so übernahm er gern den gegebenen Auftrag und versicherte im Voraus, daß dies Anerbieten sehr bereitwillig vom Baron würde angenommen werden. Der Graf dankte ihm vorläufig und stand auf, um Abschied zu nehmen. Ich fahre morgen nach Heimburg, sagte der Pfarrer, und [69] komme dann übermorgen zu Ihnen und bringe Ihnen die Antwort.

Zufrieden, dies Geschäft so eingeleitet zu haben, trabte der Graf heiteren Muthes nach seinem Schlosse zurück und kam noch zeitig genug an, um zu Mittag zu speisen.

VI

Versprochener Maßen fand sich der Pfarrer auf dem Schlosse ein, um die Antwort des Baron Löbau zu überbringen, die so ausgefallen war, wie er es vorhergesagt hatte, und schlug nun in dessen Namen vor, die Grenze in der künftigen Woche zu führen. Der Graf war dazu bereit, doch bemerkte der Geistliche, daß sein Betragen nicht so offen war wie sonst. Es schien ihn etwas zu beunruhigen, worauf seine Gedanken unwillkührlich immer wieder zurück kamen. Der Pfarrer blieb zu Mittag auf dem Schlosse, und der Arzt machte bei Tische Mittheilungen über den Zustand des Kranken, die ungemein günstig lauteten; man konnte aber bemerken, daß der Graf, so lebhaft er auch daran Theil nahm, doch nicht dadurch erheitert wurde. Auch die Gräfin schien verstimmt, und die Unterhaltung wurde nur mühsam fortgeführt.

Da ich doch einmal auf Heimburg war, fing der Pfarrer [70] nach einer Pause an, während welcher Jedermann mit sich beschäftigt war, so wollte ich auch gleich versuchen, ob ich nichts für den Schulzen thun könne, und erzählte dort den Todesfall der alten Schenkwirthin und auch die Verlegenheit wegen der Ausmittelung seiner Base. Die Frau Baronin versicherte mir, fuhr er fort, indem er sich an die Gräfin wendete, ich würde von der Frau Gräfin die beste Auskunft erhalten können.

Von mir? fragte die Gräfin verwundert. Sie wissen, ich bin hier wie eine Fremde zu betrachten, wie könnte ich Auskunft über den Schulzen oder seine Base geben?

Ich hatte erfahren, erwiederte der Pfarrer, daß die Miterbin des Schulzen einmal bei Ihrer seligen Frau Mutter gedient hatte, und theilte dies der Frau Baronin mit. Da beide Häuser immer in vielfachem Verkehr mit einander gestanden haben, so hoffte ich mit Recht etwas Näheres zu erfahren. Die Frau Baronin ließ ihre alte Dienerschaft rufen, und darunter sind noch manche, die sich recht gut der Zeit und der Person erinnern, und sie versicherten alle einstimmig, als die Frau Gräfin mit ihrer verstorbenen Frau Mutter vor einigen zwanzig Jahren nach fremden Ländern verreist sei, hätte sie diese Lore Breitler zu ihrer Bedienung mitgenommen, und sie würde [71] sich also wahrscheinlich erinnern, ob sie gestorben, oder wo sie sonst geblieben sei.

Die Gräfin schrak ein wenig zusammen, als sie den Namen hörte, und eine feine Röthe färbte die blassen Wangen; Beides entging dem beobachtenden Geistlichen nicht, eben so wenig, als die Bewegung in der Stimme, mit welcher die Gräfin nach einer kleinen Pause sagte: Es ist wahr, wir hatten diese Person zu unserer Bedienung mit uns genommen, sie hat uns aber nachher verlassen, und ich weiß nicht mehr, ob sie in Frankreich oder in der Schweiz von uns gekommen ist, auch habe ich nie wieder etwas von ihrem Schicksale erfahren.

In welchem Jahre hat sie wohl Ihren Dienst verlassen? fragte der Pfarrer, indem er den Blick fest auf die Gräfin heftete.

Ich vergesse so leicht Jahrzahlen, sagte die Gräfin, ich kann mich in der That nicht erinnern.

War sie noch bei Ihnen, fragte der Pfarrer im Ton eines Polizeibeamten, der eine Untersuchung zu führen hat, nachdem Sie mit dem Herren Grafen vermählt waren?

Nein, antwortete die Gräfin mit Beklemmung, ungefähr ein halbes Jahr vorher war sie von uns weggekommen.

Nun, dann läßt sich ja das Jahr ausmitteln, bemerkte der Pfarrer mit unbescheidenem Lächeln, denn die Frau Gräfin [72] werden ohne Zweifel sich des Jahres Ihrer Vermählung erinnern.

Es sind in diesem Herbst fünfzehn Jahre gewesen, sagte der Graf mit mehr Stolz in Haltung und Mienen, als man gewöhnlich an ihm bemerkte, daß ich so glücklich gewesen bin, mich mit der Gräfin zu verbinden, und ich glaube, fuhr er mit einem Tone der Stimme fort, der offenbar den Geistlichen in seine Schranken zurückweisen sollte, Sie werden nun die Nachforschungen nach der Base des Schulzen fortsetzen können, ohne daß die Gräfin ferneren Antheil daran zu nehmen braucht.

Der Pfarrer wurde empfindlich, doch fühlte er auch zugleich, daß er selbst zu weit gegangen war, und wollte sein Verhältniß zum Grafen nicht verderben. Emilie suchte einigemale ein Gespräch anzuknüpfen, die Unterhaltung aber wollte kein Leben gewinnen, und Jedermann athmete freier, als die Tafel aufgehoben wurde. Die Gräfin und Emilie verließen den Saal sogleich, der Arzt entfernte sich, um einige Kranken zu besuchen, und der Graf ging mit dem Pfarrer einige Zeit stillschweigend im Gesellschaftszimmer auf und ab.

Ich habe heute unsern Verwundeten noch nicht besucht, sing der Pfarrer nach langem Schweigen an; wenn der [73] Herr Graf erlauben, möchte ich wohl jetzt sehen, wie er sich befindet.

Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, sagte der Graf mit Hastigkeit; es war sichtbar, daß er mit dem Entschluß kämpfte, dem Geistlichen eine Mittheilung zu machen, und daß es ihm schwer wurde, dem Manne sein Vertrauen zu schenken, dessen vorschnelle, unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich verlezt hatte.

Ich wollte Ihnen eine Sache mittheilen, sagte der Graf nach langem Schweigen, die mir sehr am Herzen liegt; vielleicht könnte Ihr Rath und Ihre Thätigkeit mir vielen Verdruß ersparen, große Unannehmlichkeiten von mir abwenden; doch müßte ich vorher versichert sein, daß Sie sich der Mühe gern unterzögen und vor allen Dingen das unverbrüchlichste Stillschweigen beobachten wollten.

Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung völlig verschwunden, und mit wahrer Gutmüthigkeit und reger Theilnahme sagte er: So viel in meinen Kräften steht, bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen, und die Mühe, die ich dabei haben könnte, verdient gar nicht in Anschlag gebracht zu werden; auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort, daß, was Sie mir auch anvertrauen mögen, in meiner Brust so sicher bewahrt ist, wie in Ihrer eigenen. Ein Geistlicher, der nicht schweigen könnte, sezte [74] er mit schlauem Lächeln hinzu, wäre ja der verächtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der Welt.

So hören Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe, sagte der Graf. Der größte Theil meines Vermögens rührt von einer Erbschaft meines Aeltervaters her, die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte; mein Aeltervater behielt die Güter und zahlte seinem Bruder die Hälfte des Werthes aus, und es wurde ein Dokument darüber aufgesetzt, welches in dem Archiv des hiesigen Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden Papieren. Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gerücht, daß die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei, Ansprüche auf mein Vermögen zu machen, indem sie vorgebe, die Theilung sei nie geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermögens. Ich fand die Behauptung lächerlich, da ich zu gut wußte, daß das Dokument vorhanden sei. Indeß die Sache war zu wichtig, als daß ich sie hätte Fremden anvertrauen mögen, und ich entschloß mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen. Der Ausbruch des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor, und ich dachte nicht mehr ernsthaft an die erste Veranlassung meines Hierseins. Vor einigen Wochen erfuhr ich, daß meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen, [75] um ihren Prozeß gegen mich einzuleiten, und diese Nachrichten bestimmten mich, eine ernstliche Nachforschung anzustellen, und denken Sie sich meine Unruhe, ich habe das ganze Archiv durchsucht, ohne das Dokument zu finden.

Sind Sie gewiß, daß es vorhanden war? fragte der Pfarrer, indem er sinnend vor sich niederblickte.

So gewiß, als ich lebe und Ihnen dieß mittheile, rief der Graf.

Das gibt einen abscheulichen Prozeß, sagte der Pfarrer mit nachdenklicher Miene, und der Ausgang ist ungewiß, Sie können ihn verlieren und zu allen Kosten nicht nur verurtheilt werden, sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der Hälfte Ihres Vermögens, die in Anspruch genommen wird. Das würde nicht weniger als beinahe Alles kosten, was ich besitze, sagte der Graf mit bitterem Lächeln, und es ist keine erfreuliche Aussicht, wenn man sein ganzes Leben hindurch an Ueberfluß gewöhnt war, beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen befürchten zu müssen.

Nun, nun! so weit sind wir ja noch nicht, tröstete der Pfarrer. Wenn Sie gewiß wissen, hub er nach einer Weile wieder an, daß das Dokument in Ihrem Archive war, so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen; in so wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu ängstlich, zu übereilt, und findet darum nicht. Wollen Sie mir den Schlüssel anvertrauen [76] und mich noch einmal nachsuchen lassen? Vielleicht bin ich glücklicher.

Sehr gern, sagte der Graf, indem er dem Geistlichen den Schlüssel reichte, den er noch bei sich trug, denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung geendigt. Doch, fügte er mit einem Seufzer hinzu, ich bin überzeugt, Sie werden nichts finden.

Wer weiß, sagte der Pfarrer, indem er den Schlüssel nachdenklich betrachtete. Wenn ich nichts finde, fügte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen hinzu, so muß das Dokument entwendet worden sein. Haben Sie auf Niemanden Verdacht, Wer hätte in Ihrer Abwesenheit den Schlüssel des Archivs?

Der alte Lorenz, den Sie ja müssen gekannt haben, sagte der Graf. Er war eine Art von Kastellan hier im Schlosse seit dem Tode meines Vaters, er hatte alle Schlüssel, also auch diesen; aber ich glaube nicht, daß er jemals das Archiv betreten hat.

Hm, hm! brummte der Pfarrer, der alte Lorenz! Wer das Dokument entwendet hat, fuhr er wie im Selbstgespräche fort, hat es unfehlbar gethan, um es den Gegnern zu verkaufen, und es kann also der alte Lorenz nicht sein, denn hätte er es verkauft, so würde er nicht in Geldnoth sein, und er wollte noch diese Woche von mir borgen; das ist also [77] kaum möglich, und doch, wer kann des Menschen Herz ergründen? Weßhalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen? fragte er hastig den Grafen.

Sie wissen, antwortete der Graf, ich kam im Herbst allein hieher. Ich hatte die Gräfin in Breslau gelassen, ich wollte erst das Schloß mit Allem versorgen, was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann; ich kam also, dem alten Lorenz gewissermaßen unerwartet, eines Abends allein, und da mir die Sache mit dem Dokument am Herzen lag, forderte ich noch denselben Abend den Schlüssel des Archivs. Ich suchte die Schrift auf der Stelle, wo ich mir einbildete, daß sie liegen mußte, doch machte ich mir keine Sorgen, da ich sie nicht fand, und meinte, ich irrte mich über den Ort, wo ich sie aufgehoben glaubte, und nahm mir vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen. Der alte Mann schien mir empfindlich und verstimmt, daß ich ihm die Schlüssel sogleich bei meiner Ankunft abgefordert hatte; auch schien er mir verdrüßlich, als er die lange Ruhe des Schlosses gestört sah, da in den nächsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf, deren wir hier bedurften. Kurz, er bat mich, ihm zu erlauben, die Pension, die er von Alters her hat, an einem andern Orte verzehren zu dürfen, da er sich selbst zu alt fühle, mir noch dienen zu können. Ich bewilligte seine Bitte gern, und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, denn wenn [78] ihm die Unruhe zuwider war, so war mir seine ewige Unzufriedenheit unerträglich.

Hm, hm, brummte der Pfarrer, es ist kaum denkbar, daß er das Dokument haben sollte, und ich hoffe noch immer, ich werde es finden.

Sie würden mir eine große Unruhe vom Herzen nehmen, sagte der Graf.

Wir haben heute Mittwoch, bemerkte der Pfarrer, bis Sonnabend Nachmittag habe ich Zeit hier zu bleiben, dann muß ich nach Hause und an meine Predigt denken; wenn Sie mir könnten ein Zimmer in der Nähe des Archivs anweisen lassen, so wollte ich diese Zeit dazu benutzen, um eine genaue Nachsuchung anzustellen, ich müßte aber meine Frau davon erst benachrichtigen, damit sie mich nicht vergeblich erwartet.

Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nöthigen Aufträge. Wenn der Reitknecht gesattelt hat, fügte der Pfarrer hinzu, so soll er noch erst zu mir kommen, damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann.

Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet war, nahm er es in Besitz, und war so unvermuthet auf mehrere Tage ein Gast des Schlosses geworden. Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte, verfügte er sich sogleich nach dem Archive und fing [79] seine Nachforschungen an. Der Reitknecht kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zurück und brachte zugleich einige Wäsche für den Pfarrer, Pfeifen und einen großen Vorrath Taback zu seinem Gebrauche mit.

Während der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren, und der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte, hatte sich der Haushofmeister Dübois zur Gräfin verfügt, um ihr Alles, was er über den Kranken hatte in Erfahrung bringen können, mitzutheilen.

Der junge Mann war viel besser geworden, und selbst der Arzt untersagte seit einigen Tagen das Sprechen nicht mehr gänzlich. Dübois hatte ihm also mit Geschicklichkeit nach und nach abgefragt, wovon er glaubte, daß es die Gräfin zu wissen wünschte, um aber so viel als möglich ihr jede Bewegung des Gemüths zu ersparen, hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der Gräfin das Blatt. Es ist besser, sagte er, wenn die gnädige Frau Gräfin das Aufgeschriebene lesen, als wenn ich es mündlich vortrage, beim Sprechen könnten leicht Erinnerungen rege werden, die Erschütterungen verursachen würden.

Es hätte der Haushofmeister unstreitig besser gethan, an diese Erinnerungen nicht zu erinnern, indeß die Gräfin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer Gelassenheit das [80] Blatt aus seiner Hand. Der Name des jungen Mannes, las die Gräfin, ist Adolph St. Jülien. Adolph! wiederholte sie und eine Thräne fiel auf das Blatt. Er ist der Sohn, fuhr sie mit zitternder Stimme fort, eines reichen Banquiers, der vor mehreren Jahren gestorben ist; die Mutter lebt noch, und der Sohn wünscht sehnlichst, ihr Nachricht von sich geben zu können. Da er in den Rheinprovinzen erzogen ist, so spricht er beinah eben so gut Deutsch, als Französisch. Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des Regiments.

Die Gräfin schwieg und schaute lange vor sich nieder, endlich richtete sie mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte: Es klingt ganz so fremd, wie ich vernünftiger Weise erwarten mußte; nehmen Sie Ihr Blatt zurück, fuhr sie fort, indem sie es ihm hinreichte, und vergessen Sie meine wahnsinnigen Hoffnungen, die ich durch nichts, durch gar nichts begründen kann und kaum vor mir zu entschuldigen vermag.

Die Aehnlichkeit ist so auffallend, sagte Dübois furchtsam.

Sie rathen mir Erinnerungen zu vermeiden, sagte die Gräfin schmerzlich lächelnd, die Sie selbst nun erregen.

Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern, sagte der alte Mann schüchtern. Herr St. Jülien ist jetzt in der Besserung, er wird morgen etwas aufstehen; er wird [81] in einiger Zeit das Zimmer verlassen können, und wird dann doch natürlich wünschen, der gnädigen Frau Gräfin seine Dankbarkeit zu bezeugen. Wenn nun sein Anblick –

Ich verstehe Sie, sagte die Gräfin, Sie haben Recht, ich muß meine Gedanken schon daran gewöhnen, diese Aehnlichkeit in einem mir völlig fremden Wesen zu betrachten, um ruhig zu bleiben, oder doch zu scheinen, wenn er mir lebendig vor Augen steht. Sein Sie ohne Sorgen, guter Dübois, fuhr sie fort, indem sie sich ihm näherte. Hatte ich auch keinen Grund mich zu beherrschen, als nur diesen alten Augen Thränen zu ersparen, die schon so viele über meine Leiden vergossen haben, so würde er mir hinreichend sein. Verlassen Sie mich aber jetzt, fuhr sie gütig fort, wir sind in Gefahr uns beide zu erweichen, und wenn Sie das für meine Gesundheit nachtheilig finden, so kann es Ihnen bei Ihrem Alter nicht anders als höchst schädlich sein.

Der Haushofmeister folgte dem Winke seiner Gebieterin und schwur bei sich, daß niemals eine Königin auf Frankreichs Throne ihre Diener edler behandelt habe, als die Gräfin ihn.

VII

Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive, er kam nur zum Abendessen zur übrigen Gesellschaft. Frühstück, Mittagessen [82] und Thee ließ er sich dort hinbringen, und durchsuchte mit der größten Genauigkeit Alles. Endlich war die Nachforschung geendigt, und er hatte nichts gefunden. Er stützte sich gedankenvoll auf den großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und bedauerte wahrhaft den Grafen, für den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fühlte, als er mit seinen Geschäften und Verhältnissen bekannter wurde. Willenlos zog er die Schublade des Tisches auf, in der er noch einige Papiere bemerkte, die aber von keiner Wichtigkeit zu sein schienen, und unter denen das Dokument gewiß nicht verborgen sein konnte, denn es waren Umschläge von Briefen, alte Recepte zu Arzneien, kleine, zum Theil zerrissene Rechnungen. Auch der Graf hatte diese Schublade geöffnet, aber sich gleich überzeugt, daß sie nichts enthalte, was schon der Größe nach die gesuchte Schrift sein könnte, also den Inhalt nicht weiter beachtet; der Pfarrer aber, der dergleichen Dinge gründlicher betrieb, sezte sich noch einmal vor den Tisch nieder, entfaltete und betrachtete jedes Blatt, und so fielen ihm zwei kleine, unordentlich zusammengedrückte Stücke Papier in die Hände, in denen er, als er sie entfaltete, bald einen Anfang der Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte. Es war deutlich, daß der Abschreiber sich beide Male verschrieben, das Papier verdrüßlich zusammengedrückt und in die Schublade geworfen hatte, wo es [83] gewiß nicht hatten bleiben sollen. Freudig über seine gemachte Entdeckung, ließ der Geistliche sogleich den Grafen rufen und theilte ihm die gefundenen Papiere mit; der Graf erkannte die Hand des alten Lorenz; er holte Briefe herbei, die er früher von ihm erhalten hatte, und auch der Pfarrer überzeugte sich durch die Vergleichung, daß kein Anderer, als er, der Abschreiber der Urkunde gewesen sein könnte.

Was ist nun zu thun? sagte der Graf. Hat er die Urkunde meinen habsüchtigen Verwandten verkauft und kommt es zum Prozeß, so kann ich zwar durch diese Blätter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen, aber dann mache ich im besten Falle den Menschen unglücklich, der meinem Vater so lange gedient hat, und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie, die sich aus Eigennutz so niedrige Schritte erlaubt haben.

Ich glaube nicht, daß das Dokument schon verkauft ist, sagte der Pfarrer, nach einigem Nachdenken. Es ist klar, daß der alte Schelm die Urkunde abgeschrieben hat, und das läßt sich nur auf eine Art erklären, nämlich, man hat mit ihm unterhandelt und sich vorerst überzeugen wollen, ob er in der That im Stande wäre, eine so höchst wichtige Schrift zu überliefern. Da wir diese Blätter hier gefunden haben, so ist es klar, daß die Abschrift nicht lange vor Ihrer Ankunft[84] gemacht worden ist, und daß der Alte gewiß die Absicht gehabt hat, alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen. Daher können Sie sich auch seine üble Laune erklären, als Sie ihm bei Ihrer unvermutheten Ankunft sogleich die Schlüssel des Archives abforderten, und sein Gewissen trieb ihn, sich so bald als möglich davon zu machen.

Wohl, sagte der Graf, aber was kann ihn gehindert haben, nun, seitdem er sich aus dem Schlosse entfernt hat, die Urkunde meinen Gegnern zu überliefern?

Die Angst, erwiederte der Pfarrer, vor den möglichen Folgen; vielleicht auch ist der Handel noch nicht abgeschlossen, vielleicht fordert er mehr, als man ihm bietet. Kurz, da ich bestimmt glaube, daß die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht verkauft war, so zweifle ich mit Recht daran, daß sie es jetzt ist, denn auf den Fall würde er noch Geld haben, ob er gleich locker lebt, und er hat keins, denn er hat mich noch kürzlich schriftlich gebeten, ihm Geld auf seine Pension, die er von Ihnen zieht, vorzuschießen.

Was wollen Sie daran wenden, fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause, um die Urkunde wieder zu bekommen?

So viel Sie für nöthig halten, sagte der Graf, bin ich gern bereit zu zahlen, um diese Geschichte auf eine anständige und für mich beruhigende Art zu endigen.

[85] Sie lassen mir also völlig freie Hand, sagte der Pfarrer, wenn es Ihnen auch hundert Dukaten kosten sollte?

Ich würde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben, rief der Graf, wenn Sie mich für ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien könnten.

Das hoffe ich gewiß, versicherte der Pfarrer. Ich habe zugleich, fuhr er fort, da ich alle Papiere durchgehen mußte, das Archiv für Sie geordnet, und wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen, so kann es Ihnen niemals mehr Beschwerde machen, eine Urkunde, die Sie nöthig haben, aufzufinden. Bei diesen Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft, worin dieser alle Lehnbriefe, Schenkungen, Prozesse, Familien-Abmachungen, die das Archiv enthielt, numerirt und chronologisch geordnet fand. Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz wieder bekommen, bemerkte der Pfarrer, so brauchen wir es nur hier in diese Rubrik einzutragen; er deutete mit dem Finger darauf.

Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren, daß ein Mann, der in seiner nächsten Umgebung, in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedürfniß der Ordnung empfand, eine so musterhafte in alle Geschäfte brachte. Denn wie in dem Wohnzimmer des Pfarrers, so war ihm hier wieder, als er das Archiv betrat, das der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte, höchst widrig aufgefallen, [86] wie der Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte, die Pfeifen zwischen Papieren auf dem Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden, Kleidungsstücke auf allen Stühlen, und von frühem Morgen her die Geräthschaften zum Kaffee nachbarlich vereinigt mit Tellern, die noch die Ueberreste von kaltem Braten enthielten, den sich der Geistliche hatte kommen lassen. Dagegen aber waren alle Pergamente sowohl, als die Schränke, worin sie aufbewahrt wurden, von Staub gesäubert; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte, war in bestimmten Fächern geordnet, und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich gewesen, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag zu arbeiten, um dieß Geschäft zu beendigen.

So gewann denn der Graf die Ueberzeugung, daß von dem Pfarrer, der in seiner Umgebung weder der Ordnung, noch weniger der Zierlichkeit zu bedürfen schien, und dem so wenig darauf ankam, ob er in der Gesellschaft liebenswürdig erschien, doch ein Jeder, der reelle Dienste nöthig habe, die die höchste Thätigkeit und angestrengteste Arbeit erforderten, diese gewiß nicht vergeblich hoffen würde. Er nahm sich also vor, dessen schroffes Betragen künftig milder zu beurtheilen und keinen Anstoß mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen.

[87] Der Pfarrer erbat sich die Erlaubniß, den gefundenen Anfang der Abschriften mit sich zu nehmen, und versprach dem Grafen, ihm den Erfolg seiner Untersuchung sogleich mitzutheilen, sobald er den alten Lorenz gesprochen hätte. Man trennte sich freundlich, und der Pfarrer ritt nach Hause, um zunächst an seine Predigt zu denken, die er den Sonntag halten mußte. Als er damit fertig war, schrieb er dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen Geldvorschuß, welches er früher mit Stillschweigen zu übergehen gesonnen war, und lud ihn ein, persönlich zu ihm zu kommen, um über dies Geschäft mit ihm zu reden. Er stellte seine Worte mit Klugheit so, daß sie ihn zu nichts verpflichteten, aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben, das gewünschte Darlehn zu erhalten, und er erwartete also mit Recht, diesen mit Nächstem bei sich zu sehen.

Er hatte sich nicht getäuscht in seinen Vermuthungen, denn kaum waren drei Tage verflossen, so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine Equipage, die keinen vornehmen Besuch ankündigte. Ein Mittelding zwischen Karren und Kalesche, dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr beschädigten Riemen hing, und dessen Thüren in Ermangelung der Schlösser mit Schnüren gebunden waren, hatte ein mageres, auf allen Füßen steifes und[88] lahmes Pferd mühsam durch die Straße des Dorfes gezogen, und dadurch dem darin sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewährt, mit heuchlerischer Freundlichkeit auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrüßen, die die Köpfe verwundert aus den kleinen Fenstern steckten.

Der alte Lorenz – denn Niemand anders, als er war der Reisende – öffnete eine Thüre seines Wagens, indem er die befestigenden Schnüre losknüpfte, stieg langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Thränen aus seinen rothen, immer triefenden Augen, klopfte den Staub, so gut es gehen wollte, von dem blauen, mit metallenen Knöpfen versehenen Rocke und entblößte sein halb kahles, mit wenigen weißen Haaren bedecktes Haupt schon, ehe er die Pforte öffnete, die zu des Pfarrers Wohnung führte, wozu ihm dieser vollkommen Zeit ließ, indem er, ruhig am Fenster stehend, mit der Pfeife im Munde, alle Vorbereitungen betrachtete, die der alte Mann machte, um anständig vor ihm zu erscheinen. Nicht immer war Herr Lorenz so höflich gewesen, alle Bauern zu grüßen oder so besorgt, mit gehörigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen. Er hatte viele Jahre das Schloß beinah allein bewohnt, ein gutes Gehalt bezogen, sich des Kellers, der Gärten, der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstände bedient, stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheirathet [89] und, nachdem er Wittwer geworden war, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, nachläßig genug erzogen. Er ließ den Sohn die Rechte studiren, und man hatte ihn, seitdem er die Universität bezogen, in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr gesehen. Die Tochter verließ den Vater, vorgeblich, um als Kammerjungfer zu dienen, seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschränkte, indem er andern, zuverläßigern Personen die Verwaltung der Guts-Einkünfte übertrug, und Herr Lorenz konnte nun weder für sich selbst seinen Tisch nach gewohnter Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen, noch seine zahllosen Freunde mehr so gastfrei bewirthen. Da ihm Gesellschaft und Genüsse mancher Art zum Bedürfniß geworden waren, so suchte er auswärts, was er sich im Schlosse nicht mehr verschaffen konnte; fing an die Schenken zu besuchen, begnügte sich mit gemeineren Getränken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter, als sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurückzog. Natürlich war nun sein Gehalt nicht hinreichend, seine Ausgaben zu bestreiten; so verwickelte er sich in Schulden und fing an, als diese ihn nach und nach bedrängten, erst seine entbehrlichen Besitzthümer, und nach und nach alle zu verkaufen, so daß er eigentlich sich schon in großer Armuth befand, als der Graf ihn aus seinen Diensten entließ.

[90] In seiner früheren, glücklicheren Zeit war er von Allen, die ihn kannten, mit einer gewissen Achtung behandelt worden, und eben auch dem Pfarrer war er nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen, sondern dieser hatte ihn früher oft freundlich an der Thüre seines Hauses bewillkommnet; schon seit langer Zeit aber war dieß Verhältniß zwischen beiden aufgehoben, und der Geistliche nickte dießmal nur nachläßig mit dem Kopfe in Erwiederung der tiefen Verbeugung, mit der ihn der ehemalige Kastellan begrüßte, als er endlich das Zimmer betrat.

Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte der Pfarrer nach einem kurzen Schweigen, um das Gespräch zu eröffnen; wie geht's, seitdem Sie das Schloß verlassen haben?

Lorenz richtete die rothen Augen heuchlerisch gen Himmel, stützte sich mit beiden, gefalteten Händen auf seinen knotigen Stab und sagte, indem er aus tiefer Brust seufzte: Ach Gott! Herr Pfarrer, wie kann es einem alten, verlassenen Manne gehen? Kinderlos, freundlos, verstoßen von dem Herren, dem ich so viele Jahre gedient habe, wie seinem Vater vor ihm, nun, Gott sei es überlassen, ich klage Niemand an, aber ich wurde verstoßen, und Ausländer, Franzosen, Landesfeinde, die nehmen den Platz ein, der einem alten treuen Diener gebührte; nun, ich will nicht klagen, Gott mag richten, ihm sei es überlassen.

[91] Der Graf aber, erwiederte der Pfarrer, sagt, Sie selbst haben das Schloß verlassen wollen, also sind Sie gegangen, und Niemand hat Sie vertrieben.

Ja, ja, der Graf sagt so, fuhr Lorenz seufzend fort, aber wie ich behandelt wurde, welches Mißtrauen man mir zeigte, mir, dem alten redlichen Diener, das sagt der Herr Graf wohl nicht. Ja, ja! arme Leute müssen schweigen und großer Herren Unrecht leiden, das ist der Lauf der Welt, Herr Pfarrer, und ich will nicht darüber murren. Aber mein guter seliger Herr hätte mir das nicht gethan, sezte er weinend hinzu, mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in dieser Welt begraben.

Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt, sagte der Pfarrer, nach dem Ihr seliger Herr lange begraben war.

Was will das sagen, seufzte Lorenz, indem er ein schelmisches Lächeln kaum unterdrücken konnte; was ist alle irdische Lust, die man mit traurigem Herzen genießt? Und was ist die Erinnerung an vergangene, bessere Tage, wenn man mit Alter und Armuth kämpfen muß?

Aber der Graf, sagte der Pfarrer, hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und, wie ich gehört habe, sogar noch zugelegt.

Alles wahr, Herr Pfarrer, klagte Lorenz, aber was braucht ein alter schwacher Mann nicht Alles?

Sie könnten als ein einzelner Mann recht gut leben, [92] sagte der Pfarrer verweisend, wenn Sie nicht immer in den Schenken säßen, wenn Trunk und Spiel Ihnen nicht so viel kosteten.

Lieber, lieber Gott! jammerte Lorenz mit Thränen, wie sind deine Menschen doch so hart. Richtet nicht, Herr Pfarrer, so werdet ihr nicht gerichtet. Wenn ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt, und ruht sich nach der Ermüdung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk, so schilt ihn die Welt einen Säufer; wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will, und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blättern oder nach den Würfeln, so nennt Ihr ihn sündlich einen Spieler.

Es läßt sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen, sagte der Pfarrer ungeduldig, Sie sind ein rechter Heuchler geworden.

Ich ergebe mich in den Willen Gottes, sagte Lorenz, ohne sich aus seinem angenommenen Charakter herausschelten zu lassen. Ihm gefällt es, daß ein alter Mann geschmäht und gescholten werden soll von denen, auf deren Beistand er hoffte. Ich dachte Ihr Herz milder zu finden, Herr Pfarrer, sezte er mit einem Tone hinzu, in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte. Ich klagte Ihnen meine Noth, und Ihr Brief ließ mich hoffen, daß Sie genigt wären, sie zu lindern.

[93] Es ist gegen meine Grundsätze, sagte der Pfarrer, Geld zu solchen Zwecken auszuleihen, wozu Sie es verwenden würden, wenn ich auch eine Summe übrig hätte.

Des Herren Wille geschehe, sagte Lorenz; aber wozu, fügte er verdrüßlich hinzu, ließen Sie mich denn dann den weiten Weg machen? Um mir eine abschlägige Antwort zu holen? Hätten Sie mir die nicht schriftlich geben können, ohne mir die Zeit zu rauben, in der ich mich nach andern Mitteln hätte umsehn können?

Welche Mittel haben Sie denn? fragte der Pfarrer mit scheinbarer Theilnahme, um sich aus der Noth zu helfen.

Ich weiß es nicht, sagte der alte Heuchler, Gott wird mir Wege zeigen; vielleicht, daß mein Sohn im Stande ist, mir beizustehen.

Erhielten Sie kürzlich Nachrichten von Ihrem Sohne? fragte der Geistliche hastig.

Nicht so ganz kürzlich, antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit. Wo hält er sich jetzt auf? stürmte der Pfarrer auf ihn ein, treibt er die Rechte noch, bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht, eins zu erhalten?

Ich kenne seine Umstände nicht ganz genau, sagte der Alte ausweichend, sein Brief ist darüber nicht deutlich, doch hat er wohl Aussicht, Gottlob, sein Brot zu erwerben.

Von wo aus hat er Ihnen geschrieben? fragte der Pfarrer, [94] indem er nahe zu dem alten Manne hintrat, eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in die Augen sah.

Ich habe den Ort vergessen, erwiederte Lorenz zögernd.

Aber Ihr Sohn ist in Schlesien? fuhr der Pfarrer fort zu fragen. Der Brief hat keinen gar weiten Weg gemacht?

Ja, in Schlesien ist er, stotterte der Alte.

Hm! sagte der Pfarrer, indem er seine Hand von der Schulter des alten Sünders zurücknahm, der sich dadurch sehr erleichtert zu fühlen schien. Der Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab, und blies den Rauch aus seiner Pfeife gedankenvoll vor sich hin.

Wenn Sie mir also nicht helfen wollen, Herr Pfarrer, fing nach einem kurzen Schweigen der alte Lorenz wieder an, so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und mich wieder auf den Rückweg nach meiner armen Hütte begeben.

Ich hatte die Absicht, sagte der Pfarrer, indem er dem Alten wieder vertraulich näher trat, noch mit Ihnen über andere Gegenstände zu sprechen und Ihnen einen Weg zu zeigen, auf dem Sie vielleicht Geld erhalten könnten, ohne es zu leihen; denn Sie wissen, geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude, das Wiedergeben fällt gar zu schwer.

Man muß sich vor der Zeit darüber nicht grämen, lächelte der Alte. Doch lassen Sie hören; wenn man gar nicht für die Erstattung zu sorgen braucht, so ist es freilich am Besten.

[95] Setzen wir uns, sagte der Pfarrer, und lassen Sie uns offenherzig sprechen. Sie sehen, wir sind allein, und was wir auch sprechen mögen, es kann keine Folgen haben, da kein Zeuge vorhanden ist, um die Aussage, die Sie etwa machen wollten, für Sie bedenklich zu machen.

Befremdet und mißtrauisch sah der Alte den Pfarrer an, indem er seiner Einladung folgte. Beide setzten sich, so daß ein kleiner Tisch zwischen ihnen war. Sie hatten, hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an, auf dem Schlosse die Schlüssel zum Archiv in Händen, nicht wahr?

Ich hatte viele Schlüssel, sagte der Alte trotzig, so lange ich das Schloß verwaltete, Gott weiß, was sie Alles schlossen, ich habe mich nie darum bekümmert.

Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen? fragte der Pfarrer, indem er ihn bedenklich anblickte.

Wie kann ich wissen, wo ich im Schlosse gewesen bin, oder nicht, sagte Lorenz nicht ohne Verlegenheit. Es ist wohl viel verlangt, daß ein alter Diener Rechenschaft darüber ablegen soll, wo er vierzig Jahre lang seine Füße hingesetzt hat, oder wo er in einem alten, weitläuftigen Gebäude nicht gewesen ist.

Ich begreife nicht, sagte der Pfarrer mit einem mißtrauischen [96] Blicke, wie meine Fragen Sie so unruhig machen können.

Und ich begreife noch weniger, antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit, wer Ihnen ein Recht giebt, mir alle diese Fragen vorzulegen. Mich bestimmt, erwiederte der Pfarrer mit Herablassung, vor allem das Mitleid, welches ich mit Ihnen habe, denn mir würde es leid thun, einen alten Mann, den ich so lange gekannt habe, unglücklich werden zu sehen.

Was wollen Sie damit sagen? fragte der Alte mit einiger Bestürzung.

Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Sünder, und sagte dann langsam und nachdrücklich: Der Graf vermißt aus dem Archive eine ihm wichtige Schrift, sie ist warscheinlich entwendet, Niemand als Sie hat vor dem Grafen die Schlüssel gehabt; auf wen kann der Verdacht fallen, als auf Sie?

Was gehen mich die Schriften des Grafen an, sagte der Alte; ich habe sie nie angesehen, ich habe mich nie darum bekümmert, und der Graf hat mir ja die Schlüssel abgenommen, so wie er kam; warum hat er nicht gleich gesprochen, was will er nun von mir?

Sie waren also niemals im Archiv, um die Schriften zu durchsuchen? fragte der Geistliche gelassen.

[97] Niemals, antwortete Lorenz mit Frechheit, meine Hände haben die alten bestäubten Dinger nicht angerührt.

Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung unwillkührlich hinriß, und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften. Sie können Ihre Hand nicht ableugnen, rief er ihm drohend hinzu, und sehen Sie, Ihre Handschrift straft Ihre Worte Lügen. Wo ist die Urkunde hingekommen, fuhr er fort, weswegen haben Sie sie abgeschrieben?

Ich weiß es nicht, sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken. Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu üben. Mein Gott, Herr Pfarrer, fuhr er weinend fort, Sie werden doch einen alten Mann nicht unglücklich machen und ihn nicht solcher Dinge beschuldigen wollen, die er nie begangen hat.

Ich will Ihr Unglück nicht, sagte der Pfarrer, und eben so wenig der Graf. Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht, die Urkunde entwendet zu haben; schaffen Sie sie wieder herbei, und der Graf ist bereit, die Sache zu vergessen und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken.

Was ich nicht habe, kann ich nicht herbeischaffen, sagte Lorenz wieder ruhiger, nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte, Sie kränken meinen ehrlichen Namen, Herr Pfarrer, Gott mag Ihnen die Sünde vergeben.

[98] Der Geistliche that sich Gewalt an, um gelassen zu bleiben, er sagte aber dennoch mit unwillkürlicher Heftigkeit: Wenn Sie nicht selbst Ihr Unglück wollen, so handeln Sie als ein vernünftiger Mensch, vermeiden Sie die gerichtliche Untersuchung, die Sie ins Zuchthaus führen müßte; merken Sie das wohl. Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort, der Graf giebt hundert Dukaten, wenn die Schrift ohne gerichtliche Hülfe herbeigeschafft wird.

Mein Gott, sagte Lorenz, die Augen zum Himmel erhebend, mein Gott, Herr Pfarrer, wie wehe thun Sie mir altem, hüflosem Manne. Sie wollen Schande auf mein graues Haupt laden, der Herr vergebe es Ihnen. Was im Archiv gewesen ist vor funfzig Jahren, das muß noch jetzt darin sein, aber der Graf weiß nicht Bescheid, er versteht nicht zu suchen; wenn man mich will nachsuchen lassen, ungestört, ganz allein, und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen, so bin ich überzeugt, ich werde die Urkunde auffinden, und Sie werden dann einsehen, daß Sie mir altem Manne Unrecht gethan haben. Der Pfarrer sah ihn einen Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich glaube wohl, daß der Graf dieß billigen wird, Sie können also die Nacht hier bleiben, und Morgen können wir nach dem Schlosse, und Sie mögen dann Ihre Nachsuchungen anstellen.

Nein, nein! rief der Alte ängstlich, das ist nicht möglich, [99] ich muß heute Abend nach Hause, aber übermorgen bin ich wieder bei Ihnen; ich habe morgen ein dringendes Geschäft.

Der Pfarrer sah sehr wohl ein, welch ein Geschäft der ehemalige Kastellan beendigen mußte, ehe er daran denken konnte, die Urkunde im Archiv aufzufinden; er ließ ihn also ungehindert fahren, nachdem die gegenseitigen Versprechungen erneuert waren, daß nämlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten würde.

VIII

Einige Tage waren verflossen, seitdem Dübois der Gräfin die wenigen, unbefriedigenden Nachrichten über den Verwundeten gegeben hatte. Der Kranke besserte sich fortwährend und war endlich so weit, das Zimmer verlassen zu können. Der Haushofmeister benachrichtigte die Gräfin, daß es der sehnlichste Wunsch des jungen Mannes sei, ihr seine Dankbarkeit für die Aufnahme in ihrem Hause zu bezeigen. Sein Begehren ließ sich nicht abschlagen, ohne alle Sitte zu verletzen, und die Gräfin selbst fühlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn wieder zu sehen.

Das Verhältniß zwischen Emilie und der Gräfin war seit der Erklärung, die beide näher rückte, höchst freundschaftlich [100] geworden; die Gräfin war gegen ihre junge Freundin liebreich und vertraulich; sie that sich nicht mehr den Zwang an, mit ihr gleichgültige oder geistreiche Gespräche zu führen, wenn trübe Erinnerungen und quälende Gedanken ihre Seele beherrschten, und Emilie durfte ihre Theilnahme offen zeigen, statt daß sie sonst zu ihrer eigenen Qual in solche Gespräche einstimmen mußte.

Beide Frauen saßen im Theezimmer und erwarteten den Grafen, der versprochen hatte, um diese Zeit von Heimburg zurück zu kehren, wohin ihn der Baron Löbau dringend eingeladen hatte, und den Kapitain St. Julien, der zum ersten Male den Frauen seinen Besuch machen wollte. Beide Männer wurden mit Unruhe erwartet. Das Dringende der Einladung des Barons ließ deutlich merken, daß etwas Wichtigeres, als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlaßt hatte, und St. Julien wurde von der Gräfin mit Aengstlichkeit erwartet, weil sie befürchtete, daß sie sich bei seinem Anblick nicht so, wie sie es wünschte, würde beherrschen können.

Endlich öffnete sich die Thüre, und langsam näherte sich der junge Mann, den einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister stützend. Sein bleiches Gesicht, die eigefallenen Wangen, die gesenkten Augenlieder, die kaum gerötheten Lippen zeigten von großer Ermattung; aber indem er zu sprechen begann, glühte in [101] den dunkeln Augen, die er auf die Gräfin richtete, ein tiefes Gefühl, der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher Anmuth, und der Wohllaut der schönsten männlichen Stimme schien erschütternd auf die Gräfin zu wirken. Es währte einige Augenblicke, ehe sie sich zu fassen vermochte, und Dübois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin. Emilie betrachtete mitleidig den jungen Mann, der sich mit Mühe aufrecht zu erhalten schien. Die Gräfin löste endlich die peinliche Verlegenheit, die einige Augenblicke herrschte. Sie richtete mit Güte, aber großer Anstrengung, die ersten Worte an den jungen Mann, indem sie sagte: »Ich weiß, Sie sprechen deutsch, ich ziehe es vor, mich in dieser Sprache zu unterhalten, und Sie würden mich verbinden, wenn Sie nie französisch mit mir reden wollten.« St. Julien verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke, der Ausdruck der Empfindlichkeit war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte, er konnte nicht voraussetzen, daß die Gräfin die Sprache seines Landes nicht verstehe, und ihm mußte es auffallen, daß sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefühl, das er sich auszudrücken bemüht hatte, diese Bitte an ihn richtete, die nicht freundlich klang. Ich muß es beklagen, sagte er endlich in deutscher Sprache, daß meine Landsleute sich Ihnen so verhaßt gemacht zu haben scheinen, daß ihre Sprache Ihnen [102] selbst im Munde dessen unerträglich ist, dem Sie so viele Güte erwiesen haben.

Es ist nicht das, sagte die Gräfin in lebhafter Bewegung. Ich bitte Sie, mich nicht zu verkennen; es knüpfen sich für mich an dieß Land und diese Sprache so viele süße, schmerzliche und schreckliche Erinnerungen, daß ich das Land nicht wieder sehen könnte, die Sprache ungern höre und vor Allem aus Ihrem Munde nicht vernehmen möchte. Mit großer Bestürzung sah Emilie die Gräfin an, deren Wangen wie im Fieber glühten, und deren zitternde Stimme von der Bewegung der Seele zeugte. Bei der größten Zurückhaltung, die die Gräfin gegen Jedermann beobachtete, so daß sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals ihrer jungen Freundin öffnete, mußte der Zustand, in welchem sie, wie es schien, ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte, den sie zum ersten Mal sprach, Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen; Dübois sah verlegen vor sich nieder und St. Julien schwieg, erstaunt über den seltsamen Empfang.

Die Gräfin fühlte, daß sie sich hatte überwältigen lassen, und gewann, wie immer, bald die Herrschaft über ihre Empfindungen, so daß sie nach kurzem Schweigen sich mit Ruhe und Würde an St. Julien wendete, ihm ihre Theilnahme an dem Unglück bezeugte, das ihn zum Gast ihres [103] Hauses gemacht hatte, und ihre Freude darüber äußerte, ihn so weit hergestellt zu sehen. Sie forderte den Haushofmeister auf, ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, die seine Lage erheischte, und fragte höchst gütig, ob ihm seine Kräfte erlaubten, Antheil an der Gesellschaft zu nehmen. Man bemerkte zwar, daß die Gräfin von Neuem ein wenig zusammenschreckte, als sie seine Stimme wieder hörte, mit der er sich die Erlaubniß ausbat, noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben; sie blieb aber ruhig und befahl nur, einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen über an den Theetisch zu rücken, den der Kranke einnehmen mußte. Sie richtete oft das Wort an ihn, um, wie es schien, sich an den Klang seiner Stimme zu gewöhnen, und forderte dann nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf, damit, wie sie bemerkte, St. Julien nicht mehr gereizt würde zu sprechen, was ihm doch schädlich sein könnte.

Emilie gehorchte der Gräfin um so lieber, als sie sich heut nicht in ihr Betragen finden konnte; hätte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt, so daß sie wußte, wie höchst ungerecht ein solcher Argwohn sein würde, so würde sie sich nicht haben enthalten können zu glauben, daß die Gräfin einen vortheilhaften Eindruck auf den jungen Mann zu machen wünsche. St. Julien war anfangs verstimmt und verwirrt durch die seltsame Art, mit welcher die Gräfin ihre [104] Bekanntschaft eröffnet hatte; doch fühlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen, so wie durch die Güte, welche sie gegen ihn äußerte, ein Wohlwollen in seiner Brust erregt wurde, über das er sich weder nachzudenken, noch es sich zu erklären bemühte. Es hatte während des Gesprächs die Gräfin des jungen Mannes Aufmerksamkeit so gänzlich gefesselt, daß er Emilien, die sich überdies nicht in die Unterhaltung mischte, wenig beachtet hatte. Er betrachtete nun, indem sie sich durch das Zimmer bewegte, um sich dem Instrumente zu nähern, die schlanke, edle Gestalt, und konnte nicht umhin, die Fülle der glänzenden, schönen blonden Haare zu bewundern, die theils in Flechten aufgesteckt waren, theils in Locken den zarten, weißen Nacken umspielten; sie öffnete die frischen, rothen Lippen, und der Ton ihrer Stimme, der silberrein aus der Brust empor stieg, traf mit rührender Gewalt sein Herz. Emilie hatte den seltenen Vorzug, daß sie sich während des Gesanges verschönte; ohne Anstrengung standen ihr die Töne in der Höhe und in der Tiefe zu Gebote, und sie konnte sich ungestört dem Genuß an der Musik, die sie vortrug, überlassen; darum glühte das Gefühl, das ihre Töne auszudrücken strebten, während des Gesangs in ihren Augen; das Entzücken spielte um den lieblichen Mund und färbte mit höherer Röthe die zarten Wangen.

St. Juliens Augen waren auf die schöne Sängerin geheftet. [105] Die lieblichen Melodien, die ihren Lippen entströmten, durchdrangen sein Herz; die sanfte Glut ihrer blauen Augen schien sich heißer in den dunkeln Sternen der seinigen zu wiederholen, bis die zärtlichen Accorde ein wehmüthiges Gefühl hervorriefen, und er unvermuthet eine Thräne im Auge fühlte, als er die ihrigen im feuchten Glanze schimmern sah.

Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung, beschämt durch eine zu große Reizbarkeit, die ihm Folge seiner Krankheit schien, blickte er während des Gesanges zum ersten Mal nach der Gräfin, um zu er fahren, ob er von ihr beobachtet würde, doch diese schien selbst in Gefühlen oder Gedanken verloren, und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben. Der Gesang war beendigt, und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang, weil es Menschen, die Musik fühlen und lieben, gewöhnlich schwer wird, nach den himmlischen Tönen, die eine schöne Stimme im Gesange hervorgerufen hat, die Unterhaltung durch Worte und gewöhnliche Rede wieder anzuknüpfen.

Auf dem Gesichte der Gräfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Güte und Milde, als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat. Sie drückte die Hand ihrer jungen Freundin, und diese, die schon durch die Musik erweicht war, wendete sich schnell ab, um die Rührung zu verbergen, zu [106] der sie sich durch die Zärtlichkeit der Gräfin bewegt fühlte. Gewöhnlich drückten die Züge dieser Frau eine gewisse Entschlossenheit aus, keinem Unglück, wenigstens im Aeußern, unterliegen zu wollen, und die Hoheit und Kälte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher abweisen, als erwiedern zu wollen. In den wenigen Augenblicken aber, wenn sie sich zu vergessen und einem Eindruck rücksichtlos hingegeben schien, dann schwand Kälte, Stolz, Hoheit aus ihren Mienen, wie ein Nebel vor dem heitern Himmel, hinweg, und Liebe, Güte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen, und spielten als wehmüthiges Lächeln um den schönen Mund. In solchen Augenblicken schien sie viel älter zu sein, als in ihrem gewöhnlichen Zustande, und doch auch zugleich viel schöner. Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin eben so aufmerksam, als St. Julien betrachtet, und niemals war ihr die seltne Schönheit und Anmuth dieses lieblichen Wesens so aufgefallen, als diesen Abend. Sie erschien ihr in ihrer frischen, eben aufblühenden Jugend wie eine zarte junge Rose, die bewußtlos ihre Schönheit nach und nach dem Strahl der Morgensonne entfaltet. Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung gewesen, und sie mußte sich gestehen, daß, obgleich seine Gegenwart schmerzliche Erinnerungen in ihrem Herzen erregte, sie doch auch zugleich wohlthätig wirkte. Sie betrachtete mit Rührung die [107] geliebten Züge, die in ihr das Bild eines andern Wesens hervorriefen, und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den großen braunen Augen, deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward, und er erschien ihr, ihrer frischen jungen Rose gegenüber, wie eine Blüthe unter einem heißerem Himmel entsprossen, noch ungewohnt der rauheren Luft, die deßhalb krank und welk noch schmachtete, und nicht die Pracht der Farben zu entfalten vermochte.

Diese Träume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurückkommenden Grafen; er vermehrte die Gesellschaft, aber ohne die Unterhaltung durch seine Gegenwart zu beleben; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn, und die Worte, mit denen er St. Julien seine Freude darüber bezeichnete, ihn so weit hergestellt zu finden, daß er sein Zimmer verlassen könne, erschienen diesem kurz und kalt. Die Gräfin that einige Fragen an den Grafen, die ausweichend beantwortet wurden; St. Julien glaubte, daß seine Gegenwart eine freie Mittheilung hindere, und stand deßhalb auf, um sich nach seinem Zimmer zurück zu ziehen. Des Grafen Theilnahme kehrte wieder, als er die Ermattung des jungen Mannes und seinen noch hülflosen Zustand bemerkte. Er bot ihm die Hand, um ihm aufstehen zu helfen, und sagte mit etwas gezwungenem Lächeln: Da Ihre Kräfte zunehmen, und Sie sich bald wieder frei werden bewegen [108] können, so werde ich Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen müssen, das Schloß nicht ohne meine Einwilligung zu verlassen, um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen.

Welch ein ohnmächtiger Feind ich sein würde, sagte St. Julien scherzend, bemerken Sie wohl selbst, da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal aufzurichten vermag. In vollem Ernst, sagte der Graf zwar höflich, aber sehr bestimmt, ich muß Sie bitten, mir Ihr Ehrenwort zu verpfänden, daß Sie sich hier bei mir völlig wie ein Kriegsgefangener betrachten, folglich ohne meine bestimmte Einwilligung das Schloß nicht verlassen wollen; auch auf den Fall nicht, sezte er finster hinzu, daß Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen das Anerbieten machen sollten, sie zu begleiten.

St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an, bemühte sich dann, kalt und ernst, die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben, um sie dem Grafen zu reichen, und verpfändete förmlich und feierlich seine Ehre dafür, daß er sich als Gefangener betrachten und das Schloß nicht ohne Erlaubniß des Grafen verlassen wolle. Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch besonders gegen die Frauen; er versuchte es dann sich nach der Thür zu bewegen; Emilie zog rasch und ängstlich die Klingel; Dübois,[109] der im Vorzimmer gewartet hatte, trat ein und führte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen Krankenzimmer zurück.

Was ist vorgefallen? fragte die Gräfin mit Besorgniß, sobald der junge Mann das Zimmer verlassen hatte; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben?

Ganz Schlesien ist in den Händen der Feinde, sagte der Graf finster, alle Festungen ergeben sich, das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen. Sie müssen landeseingeborne Führer haben, kein Thal, keine Schlucht bleibt verschont, und ungeheure Erpressungen drücken das ganze Land.

Haben Sie diese übeln Nachrichten durch den Baron Löbau erfahren? fragte die Gräfin.

Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln, sagte der Graf, obgleich ich sie von ihm habe. Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel versammelt; man wollte sich berathen, aber man sah bald ein, daß man gezwungen sein würde, den Umständen gemäß zu handeln, folglich keine Beschlüsse im Voraus fassen könne, und die Gesellschaft, die sich versammelt hatte, um zu berathschlagen, vereinigte sich, da sie nichts Besseres thun konnte, zu einem so kleinmüthigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen, daß ich dadurch um alle Geduld gebracht wurde. Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft, daß, [110] wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten, sie dann wohl ihren Kameraden mit sich nehmen würden, den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten habe. Die Physiognomie des Menschen, der diese Bemerkung machte, war so einfältig, daß ich kaum glaube, er hat etwas Boshaftes gemeint, aber ich wurde durch sein Geschwätz daran erinnert, daß ich, um hier St. Julien besser zu verpflegen, als es im Hospital geschehen sein würde, und um ihn nicht der Gefahr auszusetzen, auf dem Wege dahin umzukommen, mich selbst verpflichtet habe, sobald es von der Regierung gefordert würde, ihn als Kriegsgefangenen zu stellen, und nahm ihm deßhalb das Ehrenwort ab, uns nicht zu verlassen, da er es gewiß bald erfährt, daß seine Freunde in der Nähe sind.

Die Nachrichten, die der Graf den Frauen mittheilte, waren wohl geeignet, Unruhe zu erregen, und nachdem nun Mehreres darüber hin und her gesprochen war, wurde man darüber einig, daß es allerdings möglich sei, auch hier von den Feinden beunruhigt zu werden, ob man gleich früher das Gegentheil gehofft hatte. Der Graf schlug den Frauen vor, sich wo möglich zu entfernen und sich nach Prag zu begeben, wenn noch Wege dahin offen sein sollten. Die Gräfin aber weigerte sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte, daß sie das Drückendste mit ihm weit leichter, als die Ungewißheit in der Ferne ertragen würde.

[111] Der Graf hatte es der Gräfin ungern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, es war ihm ein Bedürfniß, in ihrer Gesellschaft zu leben. Er hielt es aber für seine Pflicht, ihr die Wahl zu überlassen, ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn der Unruhe und möglichen Gefahr ausweichen, oder Beides mit ihm theilen wollte. Dankbar nahm er es daher an, als sie seinen Wünschen gemäß entschied. Daß Emilie blieb, war die natürliche Folge vom Entschlusse der Gräfin, denn diese war ihre einzige Stütze in der freundlosen Welt, und nicht allein Dankbarkeit, sondern auch innige Neigung fesselte sie an die Frau, die ihr seit Kurzem um so viel theurer geworden war, und die sie von Vielen verkannt glaubte.

Nach und nach war man, wie es immer geschieht, ruhiger geworden, nachdem man die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte; man sprach über mancherlei Vorsichtsmaßregeln, die anzuwenden wären; man entschloß sich, den größten Theil des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werthe zu verbergen, um den bevorstehenden Verlust so gering als möglich zu machen, denn man erwartete nichts Anderes, als Raub und Plünderung, von den feindlichen Truppen.

Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr, doch ließ sie nur wenig von der heftigen Furcht merken, von der sie befallen war, theils, weil sie nicht für kindisch gehalten werden [112] wollte, theils, weil sie besorgte, die Gräfin möchte sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen, wenn sie ihre Unruhe bemerkte. Während solcher trüben Gedanken und Gespräche war es spät geworden, als der Arzt mit seinen gewöhnlichen starken und raschen Schritten sich dem Zimmer näherte, und ganz erhitzt eintrat.

Nach den ersten flüchtigen Begrüßungen rief er dem Grafen zu: Haben Sie das Unglück schon erfahren? Die Franzosen stehen vor Breslau, das ganze Land ist in ihren Händen.

Woher haben Sie die Nachricht? fragte der Graf, und Emilie heftete ihre Augen ängstlich auf den Arzt.

Ich war beim Herrn Pfarrer, erwiederte der Doktor Lindbrecht, da kam ein Verwalter aus der Nähe, ich weiß nicht, wie das Gut heißt, ich habe mich auch nicht darum bekümmert, wie der schlechte Mensch heißt, kurz, der kam von einer Reise aus der Gegend zurück und brachte die Nachricht. Er war selbst mit Mühe der Gefahr entgangen, seine Pferde zu verlieren, wie er sagte. Ich wollte, er hätte sie verloren, der Schurke, und die Ohren dazu. Aber er wird sobald nicht wieder den Herren Pfarrer besuchen, hoffe ich. Wir haben ihm beide unverholen unsere Meinung gesagt, der Herr Pfarrer sowohl, als ich; er eilte auch zum Hause hinaus, als wenn ihn der böse Feind vertriebe.

[113] Wie? sagte der Graf verwundert, weil er die Nachricht brachte, daß die Feinde vor Breslau stehen? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin beleidigen?

Nicht deßwegen, rief der Arzt mit Heftigkeit, was gehen mich die Feinde weiter an, nicht der Franzosen wegen, die vor Breslau stehen, sondern um des armen Menschen Willen, den ich hier im Hause wieder herzustellen suche.

Was sagte er denn von dem? fragte der Graf mit einiger Spannung, kannte er ihn, wußte er etwas von seinen Verhältnissen?

Nichts wußte der elende Mensch, rief der Arzt mit Erbitterung, Lügen, Verläumdungen verbreitete er von dem Kranken, von mir, von Ihnen.

Was konnte er sagen? fragte der Graf mit erhöhter Verwunderung. Denken Sie, rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glühenden Wangen, er kannte mich nicht, er wußte nicht, wer ich bin, und hatte deßhalb die Frechheit, in meiner Gegenwart zu erzählen, bei Ihnen hier auf dem Schlosse würde ein französischer Spion unterhalten, der alle Wege auskundschaftete, der von hier aus den Feinden alle Nachricht zukommen ließe, um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben zu bringen.

Die Behauptung ist lächerlich, sagte der Graf mit Verachtung. Schändlich ist sie, rief der Arzt. Ein Mensch, der [114] in einem so elenden Zustande war, daß er Wochenlang nicht sprechen, ja beinah kein Glied rühren konnte, der soll ein Spion sein. Sie, der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglücklichen annahmen, sollen ihn bei sich haben, um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln, und ich, der ich meine Wissenschaft, meine besten Kräfte anwende, um einen Menschen dem Rachen des Todes zu entreißen, werde dafür als ein Landesverräther betrachtet.

Geben Sie sich zufrieden über das unsinnige Geschwätz des Pöbels; vernünftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe. Es wäre aber gut, fügte er hinzu, wenn Sie Herren St. Julien der gleichen verschwiegen, es könnte ihn aufreizen, kränken.

Was denken Sie von mir? fragte der Arzt beleidigt, halten Sie mich für so roh and unwissend? Jede Kränkung muß ihm schaden, und bei seiner Jugend muß man sich doppelt hüten. Ein solcher Feuergeist könnte darauf kommen, uns keinen Schaden zufügen und das Schloß verlassen zu wollen, ehe er hergestellt ist. Sorgfältig muß ihm darum Alles verborgen werden, was ihn auf solche Gedanken bringen könnte. Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch gleich sehen, wie er sich befindet.

Die Frauen erzählten nun dem Arzte, daß der junge [115] Mann einige Stunden in ihrer Gesellschaft zugebracht habe, und Emilie bemerkte mit Theilnahme, daß er noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe.

Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat, rief der Arzt, die Jugend kennt kein Maß, und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht werden, so kümmert sich so ein Kranker wenig darum, wie viele Sorgen er seinem Arzte verursacht. Nun, ich werde gleich sehen, welche Folgen sein Besuch gehabt hat. Er wollte sich nach dieser Erklärung entfernen, kehrte aber schnell in der Thüre wieder um und wendete sich hastig an den Grafen, der indessen nachdenkend auf und ab gegangen war. Beinah, rief er, hätte ich einen Auftrag vergessen; der Herr Pfarrer hat mir dieß Briefchen für Sie gegeben, und ich Dummkopf hätte es beinah aus Zerstreuung bei mir behalten, statt es Ihnen einzuhändigen. Er reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem Papier, nach des Pfarrers gewöhnlicher Weise in höchster Kürze, ohne alle Zierlichkeit abgefaßt, ja selbst ohne Beachtung der Formen, die Höflichkeit und Sitte sonst gewöhnlich dem Menschen vorschreiben. Der wörtliche Inhalt desselben war dieser: Statt des Titels:


P. P.

Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten[116] Lorenz bei Ihnen sein. Er wird die Urkunde wiederschaffen. Ich bitte also, den Schlüssel zum Archive und die versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten.

Seefeld,

Prediger zu – –.


Der Graf war freudig überrascht durch den glücklichen und schnellen Ausgang einer Sache, die ihm so viele Sorgen verursacht hatte, zugleich aber ein wenig beleidigt durch die unhöfliche Form, in welcher ihm dieser glückliche Ausgang gemeldet wurde, und indem er anerkannte, welchen wichtigen Dienst ihm der Pfarrer geleistet habe, beschloß er doch zugleich, die nächste Gelegenheit wahrzunehmen, wenn er etwas Bedeutendes für den Geistlichen thun könne, um sich von der Last der Dankbarkeit zu befreien, die ihm nach des Pfarrers Gemüthsart drückend zu werden drohte.

Der Arzt verfügte sich nun zu seinem Kranken, er fand dessen Puls fieberhaft, seine Wunden gereizt, kurz seinen Zustand auf alle Weise verschlimmert, und schrieb dieß Unglück dem zu langen Aufsitzen und einer zu lebhaften Unterhaltung zu. Es ist ganz so, wie ich es mir gedacht habe, rief er mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister künftig darüber zu wachen, daß Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den nächsten [117] zwei, drei Tagen das Zimmer gar nicht verließe. St. Julien schwieg. Er ließ sich mit dem Arzte in keinen Streit über die Ursache seines verschlimmerten Zustandes ein, er ließ sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern das Versprechen, sein Zimmer in den nächsten Tagen nicht zu verlassen. Wenn Sie wollen, sagte er mit einiger Bitterkeit, so will Ihnen versprechen, Monate lang mich hier einzuschließen, bis zum Frieden, wenn Sie es verlangen. Gott behüte, sagte der Arzt, nur so lange, bis Ihr Puls wieder ruhig geht, bis Sie ohne Gefahr Sich dem Vergnügen der Gesellschaft überlassen können; dann, im Gegentheil, werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen, denn Sie werden schwermüthig und das darf nicht sein, das hindert die Genesung.

Da St. Julien den Wunsch zu schlafen äußerte, so zog sich der Arzt zurück, indem er bemerkte, der Schlaf sei Balsam, den die Natur in alle Wunden träufle, und der am Besten die gereizten Nerven beruhige. Er ging; aber St. Julien war weit davon entfernt, die Wohlthat des Schlafes zu genießen; alle Bilder, die der heutige Tag ihm gezeigt hatte, gingen noch einmal vor seiner Seele vorüber, und er wiederholte sich innerlich alle Worte, die zu ihm waren gesprochen worden. Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Gräfin in Erstaunen, und von Neuem fühlte er [118] sich von der edeln Gestalt angezogen und gerührt von der Güte, die sie ihm gezeigt hatte.

Von Neuem entzückten ihn die süßen Töne, die Emiliens Lippen entschwebten, und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele; er fühlte den Blick der blauen Augen im Herzen, er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmuthigsten Jugend, aber er fühlte auch schmerzlich die Härte, die Kälte, mit welcher der Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte. So bin ich denn hier nichts, klagte er innerlich, als ein gefangener Feind, der so lange mit Schonung behandelt wurde, als er ein Gegenstand des Mitleids war, und der, kaum dem Grabe entrissen, Mißtrauen und Zweifel erregt; so schnell ist die Theilnahme verschwunden, daß mich der Graf im ersten Augenblicke, in dem er mich außerhalb des Bettes erblickt, mit Härte an meine Gefangenschaft erinnert. Hätten sie mich an dem unglücklichen Tage im Walde sterben lassen, so wäre ich nun frei. Er tadelte sich selbst über diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit; indem er sich die Güte des Grafen vergegenwärtigte, blieb ihm der Gedanke höchst quälend, daß er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war, und er Alles, von den dringendsten Bedürfnissen des Lebens an, bis zu den überflüßigen Dingen, die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt, der Güte des Grafen verdankte, [119] und daß er diese Güte nicht mehr so unbefangen benutzen könne, seitdem er, wie er glaubte, so unfreundlich behandelt worden war. Er seufzte tief, und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den Haushofmeister, daß er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte, den der Arzt als so heilsam pries.

Der alte Dübois näherte sich behutsam dem Lager, und indem er leise den Vorhang des Bettes aufhob, sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in Thränen gebadet. Um Gottes Willen, rief er, was ist Ihnen begegnet? Was kann Sie so erschüttern? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben. St. Julien schämte sich seiner Schwäche und sagte, indem er die Thränen von den bleichen Wangen trocknete: Sie sehen, lieber Dübois, die lange entkräftende Krankheit macht mich so schwach, wie ein Kind. Ich weine, indem ich an meine Mutter denke und mir ihren Jammer vorstelle, da sie so lange nichts von mir erfahren hat und nach der Art, wie ich aus dem Regiment verschwunden bin, wenn diese Nachrichten zu ihr gekommen sind, mich getödtet glauben muß.

Dübois hatte schon einige Male versucht, das Gespräch darauf zu lenken, wie der junge Mann im Walde gefunden worden war, und hatte von ihm zu erfahren gewünscht, Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe, und weßhalb [120] man ihn habe ermorden wollen; aber immer war St. Julien diesem Gespräche ausgewichen, und der Haushofmeister war viel zu höflich, als daß er ihm eine Antwort hätte abdringen sollen. Auch dieß Mal bemühte er sich etwas Näheres über diesen Gegenstand zu erfahren. St. Julien wich nicht, wie gewöhnlich, dem Gespräch aus, sondern sagte mit milder, aber ernster Stimme: Sie haben mir so viel Gutes erwiesen, daß ich Ihnen undankbar erscheinen muß, wenn ich nicht offen mit Ihnen spreche, aber selbst auf diese Gefahr hin muß ich über eine Sache schweigen, die nicht mich allein angeht, und ich bitte Sie, mich so wenig als möglich an diesen unglücklichen Tag zu erinnern.

Diese wenigen Worte waren hinlänglich, um die Lippen des gutmüthigen, wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig über diesen Gegenstand zu schließen, und er wollte sich vom Lager des Kranken zurückziehen, als dieser sich aufrichtete und ihn mit bewegter Stimme bat, einen Brief, den er ihm diktiren wollte, an seine Mutter zu schreiben. Ich kann nicht ruhig sein, sagte der Kranke, ehe sie nicht Nachricht von mir hat, und Sie wissen, in welchem Zustande mein Arm noch ist, ich darf noch nicht daran denken, selbst zu schreiben. Dübois setzte seine Brille auf, holte ein Schreibzeug herbei, legte Papier zurecht, und St. Julien diktirte ihm einen Brief, in dem sich die zärtlichste Liebe für seine Mutter aussprach. [121] Er meldete ihr, daß ein unglücklicher Zufall ihn betroffen habe, durch den er von der Armee getrennt sei, er sprach von seiner Verwundung und in so dankbaren Ausdrücken von der großen Hülfe, die er im Hause des Grafen gefunden, daß Thränen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten, und er die Brille abnehmen mußte, um sich die Augen zu trocknen. Endlich, nachdem sich Dübois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten konnte, wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefügt, daß die Mutter des jungen Mannes Mittel finden möchte, ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen, damit er nicht länger gezwungen wäre, von den Wohlthaten Anderer zu leben, wie edelmüthig sie ihm auch erwiesen würden. Dübois sah den Kranken verwundert an und legte die Feder einen Augenblick bei Seite; da aber St. Julien noch einmal die letzten Worte wiederholte, so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder, indem er kaum merklich mit dem Kopfe schüttelte. Als der Brief vollendet war, ließ der Kranke sich die Feder reichen, um mit höchster Anstrengung seinen Namen zu unterschreiben, und bat dann Dübois, den Brief dem Grafen offen zu überreichen, mit der Bitte, ihn an seine Mutter zu befördern; denn gewiß, sagte er, kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen, ein Mittel zu finden, dieß Schreiben auf irgend einem Wege [122] nach Frankreich zu befördern. Dübois versprach seinen Wunsch zu erfüllen, und es schien, daß der Kranke nun ruhigen Vorstellungen Raum gäbe, denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach diesem Gespräche, daß er entschlummert war.

IX

Der Graf hatte den Schlüssel des Archivs sowohl, als eine Rolle mit hundert Dukaten an Dübois abgegegeben, um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das Schloß einzuhändigen, und der Haushofmeister saß deßwegen des andern Morgens am Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen, um seinen Auftrag auszurichten. Es war noch nich neun Uhr, als die kleine, leichte, aber nichts weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte, und er selbst mit der Pfeife im Munde abstieg und verdrießlich durch das offene Thor auf den Weg hinausschaute. Er hatte nicht lange wartend gestanden, als dieselbe Equipage, worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte, durch dasselbe lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde, gegen welche der Wagen des Geistlichen ein prächtiges Ansehen gewann, als nun beide neben einander hielten.

Indeß Lorenz die Schnüre auflöste und so die Thüre seines Wagens öffnete, hatte sich Dübois dem Pfarrer genäherte und ihm Geld und Schlüssel, seinem Auftrag, gemäß, [123] eingehändigt; dieser steckte beides ein und befahl dann mit lauter Stimme, seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu führen, dagegen ermahnte Lorenz den Bauer, der ihm zum Kutscher diente, sich bereit zu halten, damit er nach wenigen Augenblicken wieder fahren könne. Wir wollen eine halbe Stunde von hier füttern, setzte er mit leiser Stimme hinzu, dort ist eine gute Schenke, wo wir uns auch selbst eine Güte anthun können. Der Bauer war es gern zufrieden. Des Pfarrers Pferde waren abgespannt, und dieser rief nun dem alten Lorenz zu, er solle kommen und sein Versprechen erfüllen.

Beide stiegen nun die große Treppe hinauf, der Pfarrer mit einem Ausdruck von Verachtung gegen Lorenz im Gesicht, und dieser mit Seufzern, die ihm die Erinnerung erpreßte, wie er sonst dieß Schloß beinah als sein Eigenthum betrachtet hatte; die glänzenden Tage gingen schnell vor den Augen seines Geistes vorüber, wo sonst zuweilen der Pfarrer als sein Gast auf dieser Treppe von ihm war bewillkommnet worden, dem er nun so demüthig und mit so bösem Gewissen folgte. Sie hatten das Archiv erreicht, und der Geistliche war mit dem ehemaligen Kastellan eingetreten, nachdem er die Thüre geöffnet hatte. Lorenz blickte ihn befremdet an und sagte: »Ich hatte mir ausgemacht, hier allein und ungestört zu suchen.« Der Pfarrer verschloß [124] gleichgültig von innen die Thür, steckte den Schlüssel zu sich und sagte dann sehr gelassen: meine Gegenwart wird Sie nicht stören, ich werde hier ruhig am Tische sitzen bleiben und das versprochene Geld aufzählen, damit Sie es gleich in Empfang nehmen können, sobald Sie mir die Urkunde einhändigen. Er fing dies Geschäft auch sogleich an, und die hundert Dukaten waren aufgezählt, ehe Lorenz noch wußte, was er thun sollte, ob er auf die Entfernung des Geistlichen dringen oder in dessen Gegenwart seine Schelmerei ausüben solle. Der Glanz des Goldes, der ihm in die Augen leuchtete, bestimmte ihn zu letzterem, und er näherte sich entschlossenen Schrittes den Schränken, worin die Urkunden aufbewahrt wurden, aber eine neue Verlegenheit machte, daß er gedankenvoll stehen blieb; er sah die Schränke aufgeräumt, alle Schriften darin in der besten Ordnung, er begriff nicht, wie er den Schein retten sollte, und sah auch keine Möglichkeit sich zurückzuziehen, ohne vorher sein Versprechen erfüllt zu haben. Ein Blick auf das funkelnde Gold, das eben recht in den Sonnenstrahlen glänzte, die durch ein hohes Fenster grade auf den Tisch fielen, gab ihm neuen Muth, und er näherte sich herzhafter einem der Schränke. Der Pfarrer bewachte mit den Augen alle seine Bewegungen. Lorenz blätterte ein wenig in den Papieren, hob einige Pergamente auf und legte sie wieder nieder, trat [125] dann ein wenig von dem Schranke zurück, und sagte mit gepreßter Stimme: Ei, was liegt denn hier? Er bückte sich tief auf den Boden, und der Pfarrer sah deutlich, wie er ungeschickt mit zitternden Händen die Urkunde aus dem Busen zog und dann that, als habe er sie zwischen dem Schranke und der Wand hervorgezogen. Was finde ich hier? rief er mit erleichterter Brust und reichte dem Pfarrer, der zu ihm getreten war, die Schrift hin.

Der Geistliche nahm schweigend das Dokument, um es schnell durchzusehen, ob es das Gesuchte und ob es auch vollständig sei. Lorenz hatte sich nun völlig gefaßt und sagte in seinem gewöhnlichen, heuchlerischen Tone: Gott sei gedankt, der mich das Gesuchte hat finden lassen und nicht hat zugeben wollen, daß der Name eines alten, redlichen Dieners der Verläumdung Preis gegeben würde. Er vergebe denen, die leichtsinnig ihre Augen nicht gehörig brauchen, und wenn sie dann nicht finden, was sie suchen, redliche Greise verlästern.

Der Pfarrer hatte sich während dieser Rede vollkommen überzeugt, daß er die Schrift in seinen Händen hielt, an deren Besitz dem Grafen so viel liegen mußte; er faltete sie zusammen, steckte sie in den Busen, und nachdem er den Rock sorgfältig zugeknöpft hatte, sah er dem alten Sünder [126] mit Zorn und Verachtung in die Augen, der diesen Blick nicht ertragen konnte, sondern schüchtern vor sich nieder blickte. Glauben Sie, hub der Geistliche nach einem augenblicklichen Stillschweigen an, daß ich so blödsinnig bin, mich von Ihnen täuschen zu lassen? Glauben Sie, daß ich nicht gesehen habe, wie Sie die Urkunde aus dem Busen zogen, die sie mich nun bereden wollen, hier gefunden zu haben? Hätten sie nicht verdient, daß der Graf Sie für Ihren schändlichen Diebstahl den Gerichten überlieferte und Sie der öffentlichen Schande Preis gäbe? Können Sie es vor Gott verantworten, daß Sie einen Herren zu Grunde richten wollten, dessen Brod sie funfzig Jahre gegessen haben, auf dessen Kosten Sie sich verheirathet und Ihre Kinder erzogen haben, und der trotz Ihrer Schlechtigkeit Erbarmen mit Ihrem Alter hat und Sie weder der Schande, noch dem Mangel Preis geben will? Denken Sie nicht daran, alter Sünder, daß Ihr grauer Scheitel bald von der Erde bedeckt im Grabe ruhen wird, daß Sie dann vor Gott stehen und Rechenschaft von Ihrem Sünderleben geben müssen?

Herr Pfarrer, stammelte der ehemalige Kastellan, wollen Sie mir Ihr Wort brechen, wollen Sie mich zu Grunde richten?

Nein, elender Mensch, rief der Pfarrer mit großer Verachtung, nehmen Sie Ihr durch Diebstahl und Betrug [127] gewonnenes Gold und eilen Sie, Sich aus dem Hause zu entfernen, dessen Bewohnern Sie so vielen Dank schuldig sind und so schändlichen Undank gezeigt haben. Der Geistliche öffnete die Thüre, indem er diese Worte sagte. Lorenz raffte mit gierigen und doch vor Furcht zitternden Händen das Gold zusammen, und war so eilig, sich zu entfernen, daß er Hut und Stock vergaß, und der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken mußte.

Fahre nur so schnell Du kannst, flüsterte Lorenz dem Bauern zu, indem er die Thüre seines Wagens zuband, nach der Schenke, nach Krumbach, ich bin ganz schwach geworden und brauche eine Stärkung. Der Bauer war gern dazu bereit, und so schnell das lahme Pferd es vermochte, verließ der ehemalige Kastellan das Schloß, mit dem Vorsatze, es nie wieder zu betreten.

Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber, aber äußerst mißmüthig und niedergeschlagen gefunden; er gab sich Mühe ihn zu zerstreuen und sing an ihm Mancherlei aus seinem Leben, von seinen wunderbaren Schicksalen zu erzählen. St. Julien achtete aber nicht darauf; er erbot sich, dem verwundeten Officier die merkwürdige Krankengeschichte eines Schneiders vorzulesen, die in der neuesten medicinischen Zeitschrift enthalten sei, und war erstaunt, als sich St. Julien diese Unterhaltung ziemlich [128] trocken verbat. Er griff zu seinem lezten Hülfsmittel und bot ihm an, eine Partie Schach mit ihm zu spielen, aber auch dieser Versuch mißglückte, denn der junge Mann versicherte, er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen. Was soll ich denn aber dann mit Ihnen anfangen? sagte der Arzt, Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit Ihrer Schwermuth. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal, sagte der Kranke verdrüßlich. Das geht nicht, rief der Arzt, das wäre gegen meine Pflicht; ich muß Alles thun, um Sie wieder herzustellen, und Sie hindern durch Ihre Traurigkeit die Genesung. Ich bin nicht traurig, versicherte St. Julien mit einem tiefen Seufzer, ich fühle mich nur schwach, und wünsche Ruhe und Einsamkeit.

Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte, den Kranken auf seine Weise zu erheitern, die sämmtlich mißglückt waren, mußte er ihn endlich, wie er sagte, seinem Eigensinne überlassen, weil er noch andere Kranke zu besuchen habe, denen er seinen Beistand auch nicht entziehen dürfe. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so fragte St. Julien den Haushofmeister mit einiger Heftigkeit, ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehändigt, und ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe.

Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen, antwortete Dübois, und kann ihn auch jetzt nicht [129] sprechen, da er sich mit dem Herrn Pfarrer in sein Kabinet verschlossen hat; aber verlassen Sie sich darauf, ich werde ihm noch vor Tische Ihr Schreiben übergeben. St. Julien mußte mit dieser Antwort zufrieden sein, und Dübois sah es mit Betrübniß, daß er sich in düstere Träumereien versenkte. Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem Kranken anzuknüpfen; da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete, so überließ er ihn endlich seiner düstern Laune und ging, um im Vorzimmer des Grafen zu warten, damit er diesem, sobald seine Geschäfte mit dem Geistlichen beendigt wären, den Brief überreichen könne, an dessen Absendung dem jungen Manne so viel zu liegen schien.

Der Graf hatte die Urkunde aus den Händen des Pfarrers erhalten, und da dieser selbst so viel Freude darüber zeigte, das Geschäft glücklich beendigt zu sehen und den Grafen von dieser Sorge befreit zu haben, so gewann er in den Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr, als er durch seine kurze und unhöfliche Art zu schreiben verloren hatte, und der Graf beschloß von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehörig zu würdigen, ohne sich durch die unangenehme Art, wie sie sich zu erkennen gaben, stören zu lassen. Er entschloß sich also, ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser Sache ferner zu erbitten. Er theilte ihm den Wunsch mit, die Familien-Verhältnisse [130] des Verwandten, der sich zu so unwürdigen Schritten hatte verleiten lassen, genauer zu kennen, um beurtheilen zu können, ob eigene Bedrängniß ihn verleitet habe, oder ob er bloß durch Habsucht bestimmt worden sei. Im letzteren Falle, schloß der Graf, habe ich den Vorsatz, jedes Verhältniß mit ihm zu vermeiden, im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage, da ich keine Kinder habe, Manches zu thun, was uns näher bringen und vielleicht uns beide beruhigen würde.

Es war dem Pfarrer nicht entgangen, daß der Graf seufzend die Bemerkung gemacht hatte, daß er keine Kinder habe, und er glaubte seine Vermuthung bestätigt zu finden, daß er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glücklich lebte. Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete sich ihm, in Kurzem genaue Nachrichten über die Lage seines Verwandten zu verschaffen. Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders, als höchst willkommen sein, denn bei seiner Neigung, aller Menschen Angelegenheiten zu erforschen, störte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens, und er konnte sich nicht abläugnen, daß eine solche Neugierde eines Geistlichen völlig unwürdig sei, also war es ihm alle Mal eine große Beruhigung, wenn er seiner Neigung folgend, sich zugleich sagen durfte, daß er aus Menschenliebe handle, daß er durch seine Nachforschungen Frieden stiften, kurz, etwas Löbliches erreichen wolle. Beide verließen also, [131] sehr mit einander zufrieden, das Kabinet des Grafen und fanden, als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben wollten, im Vorgemache Dübois wartend, der mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung dem Grafen St. Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des jungen Mannes bekannt machte. Der Graf faltete ein wenig verdrüßlich die Stirn und sagte: Ich werde den Brief nachher lesen, weil es Herr St. Julien wünscht, und dann ihn selbst darüber sprechen.

Der Pfarrer äußerte den Wunsch, den Kranken zu besuchen. Dübois machte ihn aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt, die ihn den Wunsch hatte äußern lassen, allein und ungestört zu bleiben. Der Geistliche gab also für dießmal seinen Vorsatz auf und verfügte sich zum Arzt, um zu erfahren, ob dieser nichts von dem Kranken erforscht habe, das Licht geben könne über seine schreckliche Mißhandlung an der einsamen Stelle im Walde, wo man ihn gefunden hatte. Er verlor aber seine Zeit mit dem Arzte, denn dieser wußte ihm nichts mitzutheilen, als Krankengeschichten, die wenig Reiz für den Pfarrer hatten, und Klagen über St. Juliens eigensinnige Schwermuth, die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte.

Unter solchen unerfreulichen Gesprächen waren die Stunden verflossen, und die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale [132] zur Mittagstafel. Wie es natürlich war in einer so verhängnißvollen Zeit, wendete sich das Gespräch bald auf die Begebenheiten des Tages. Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt, manche Befürchtniß und manche Hoffnung ausgesprochen, Alle aber mußten sich darin vereinigen, daß die einzige Hoffnung, die man sich vernünftiger Weise erlauben dürfte, auf den Beistand der Russen gegründet sei. Was wird nun der alte Obrist Thalheim sagen, rief der Pfarrer, wenn er sieht, wie alle seine Behauptungen zu Schanden werden. Wie viel tausendmal hat er versichert, daß die französische Macht an der Preußischen scheitern werde; daß der Geist des großen Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unüberwindlich mache. Zwar er wird sich jetzt wohl wenig um die Festungen kümmern, die den Franzosen übergeben werden, da ihm übermorgen selbst Alles abgenommen wird, was er etwa noch besitzt.

Thalheim? fragte der Graf nachdenkend, der Name ist mir so bekannt, und ich kann mich doch nicht gleich erinnern, auf welche Weise.

Er selbst, erwiederte der Pfarrer, hat es früher oft erzählt, daß er ein Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei. Ich erinnere mich, rief der Graf, bei dem Regiment, das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand, diente ein Major Thalheim, der oft und lange ein Gast meines [133] Vaters war, und beide lebten auf einem sehr vertraulichen Fuße mit einander, sollte es derselbe sein? Gewiß, antwortete der Pfarrer, er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und dann seinen Abschied genommen.

Und ist er in so bedrängten Umständen? fragte die Gräfin.

Er ist ganz zu Grunde gerichtet, erwiederte der Pfarrer, er soll ehedem ein artiges Vermögen gehabt haben, auch hatte er, da er sehr lange gedient hat, eine Pension, aber erstens hat er sich sehr spät, man kann sagen im hohen Alter, verheirathet, natürlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewählt, er dagegen soll sie ganz thöricht geliebt haben; also hat er Alles gethan, was sie wollte, das hat ihm viel gekostet; dann bestand sein Vermögen in baarem Gelde, das hat er bei verschiedenen Handlungshäusern, die nach einander fielen, verloren; endlich wurde er Wittwer und besaß beinah nichts, als eine unmündige Tochter; nun kam er auf den traurigen Gedanken, ein kleines Gut, eigentlich einen Meierhof, zu pachten und verstand nichts von der Wirthschaft, doch ging es so lange, als er zuzusetzen hatte, nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben, und das Gut ist ihm abgenommen, und wenn er übermorgen nicht bezahlt, so wird ihm das Wenige, was er an Mobilien besitzt, verkauft. Der Verwalter war gestern bei mir, der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles, was er hat, abnehmen soll.

[134] Mein Gott, das ist eine entsetzliche Lage, sagte die Gräfin, indem sie den Grafen ansah.

Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglücklichen Manne, sagte Emilie, indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob.

Ich glaube schwerlich, daß sich Jemand seiner annehmen wird, bemerkte der Pfarrer, vorschießen kann ihm Niemand, denn bei den jetzigen traurigen Zeiten wird ihm die Pension nicht ausgezahlt, die er früher hatte, wovon soll er also wieder bezahlen, da er sonst gar nichts hat?

Desto schrecklicher muß ja aber der Mangel sein, mit dem er kämpft, erwiederte die Gräfin.

Gewiß, antwortete der Pfarrer, aber gewisser Maßen hat er es sich auch selbst zugezogen, daß sich Niemand um ihn kümmert, denn je ärmer er wurde, je stolzer wurde er auch; je mehr er verlor, je mehr zog er sich von den Menschen zurück und wies jeden Rath ab, wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung beleidigt, Wer soll ihm also nun helfen, da er Niemandem vertraut hat?

Es ist wunderbar, sagte der Graf nachdenkend, daß nichts in der Welt so selten angetroffen wird, als Vertrauen, wahres uneingeschränktes Vertrauen, selbst unter den edelsten Menschen, und am Seltensten, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, das Vertrauen, das dem Freunde die [135] Zerrüttung unseres Vermögens zeigen möchte. Jeder Mensch schämt sich der Armuth, und verbirgt kein Gebrechen so ängstlich und sorgfältig als dieß, so lange es irgend in seinen Kräften steht.

Die Wangen der Gräfin hatten sich auffallend geröthet, als der Graf über Mangel an Vertrauen selbst zwischen edeln Menschen klagte, und diese Röthe war dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen. Sie richtete einen durchdringenden Blick auf den Grafen, der aber von diesem nicht bemerkt wurde, und sie wurde wieder ruhig, da es sich deutlich erkennen ließ, daß der Graf diese Bemerkung ohne Nebenabsicht gemacht hatte, und es sich besonders aus dem Schlusse seiner Rede ergab, daß ihn bloß die Lage des Obristen Thalheim in diesem Augenblicke beschäftigte.

Ich glaube, sagte sie endlich, daß sich nichts so leicht erklären läßt, als das Gefühl der Scheu, womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt.

Ja wohl, rief der Pfarrer mit seiner gewöhnlichen vorschnellen Art, es ist eine erbärmliche Eitelkeit, für reich angesehen sein zu wollen. Ich glaube nicht, daß dieß der Grund ist, erwiederte die Gräfin, sondern vielmehr die Einbildung derer, an die man sich wenden könnte, denn natürlich kann sich der Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden, und die werden alle Mal ihren glücklichen Zustand als [136] die Folge ihrer Klugheit, ihres Fleißes oder ihrer Ordnung betrachten, und werden immer annehmen, daß ihrem leidenden Bruder eine dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen.

Das ist aber auch gewöhnlich der Fall, fiel der Geistliche ein.

Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung, sagte die Gräfin lächelnd. Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natürlich, daß sich jeder Wohlhabende für klüger hält, als der Nothleidende ist, folglich mit der Hülfe, die er ihm leistet, zugleich eine gewisse Vormundschaft übernimmt und von dem, der seine Hülfe empfängt, fordert, er solle mit seinen Augen sehen, aus seinem Herzen fühlen und nach seiner Leitung handeln. Sagen Sie selbst, kann es für einen Menschen etwas Schmerzlicheres geben, als wenn er die Hülfe seiner Freunde so theuer erkaufen muß, daß er gezwungen ist, seine Einsicht, seinen Willen, seine Gefühle, seine Selbstständigkeit aufzugeben, und können Sie sich wundern, daß Jeder diesen traurigen Zustand so lange als möglich vermeidet? Könnten wie uns entschließen, mit den Augen unserer nothleidenden Freunde zu sehen, uns in ihre Lage zu versetzen, und unsere Hülfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu gewähren, so daß wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen hülfen, die sie hindern, sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen, statt daß wir ihnen jetzt höchstens [137] unter der Bedingung Beistand leisten, daß wir sie in die unsrige hinüber zwingen, dann, glaube ich, würde weder Vertrauen, noch Dankbarkeit in der Welt so selten angetroffen werden.

Der Geistliche verstand die Gräfin nicht recht, und machte nun bei sich aus, daß sie eine Neigung zur Schwärmerei habe. Dieß Wort war ihm ein Trost, denn Alles, was seiner Denkungsweise fremd war, was er nicht verstand, oder was ihm zuwider war, bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art von Selenkrankheit. Er endigte also das Gespräch von Wohlthätigkeit, indem er sich an den Grafen wendete und sagte: es fällt mir eben ein, da wir heute über Ihre Verwandten sprechen, Ihr Vetter, der junge Graf Hohenthal, stand hier in der Nähe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges, der ritt täglich zum alten Obristen, und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken; die böse Welt sagte aber, fügte er lächelnd hinzu, daß der junge Nittmeister mehr um des schönen Fräuleins, als um des alten Obristen Willen so oft den Weg machte. – Ich glaube, der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters? fragte der Graf.

Ich weiß es nicht, sagte der Pfarrer lachend, aber daß Sie es nicht wissen, sezt mich in Verwunderung.

Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren, erwiederte der [138] Graf, wenig mit meiner Familie in Verbindung gewesen, und natürlich können in einem solchen Zeitraume manche Mitglieder geboren sein, von denen ich nichts erfahren habe.

Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet, daß seine Pferde angespannt seien, so wie er befohlen habe; er verließ also das Schloß, nachdem er dem Grafen noch einmal versprochen hatte, ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten über seine Verwandten zu verschaffen, die ihm wichtig scheinen könnten. Der Graf las nun noch einmal St. Juliens Brief und verfügte sich dann zu ihm, um, wie er versprochen hatte, selbst mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen.

Er fand den jungen Mann noch in der schwermüthigen Stimmung, die sich seiner seit dem Augenblick bemeistert hatte, als ihm der Graf erklärt hatte, er müsse sich als Gefangener betrachten; er hatte beschlossen, dieß im strengsten Sinne zu thun und sein Zimmer so wenig als möglich zu verlassen, und bekämpfte mit Schmerz die Sehnsucht' die sich ihm im Herzen regte, die Gräfin und Emilie wieder zu sehen. In seiner trüben Laune bemühte er sich, Alles feindlich auszulegen, und so glaubte er, der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und habe ihn deßhalb in ihrer Gegenwart mit solcher Kälte behandelt. In dieser trübseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden, [139] die der Graf an ihn richtete, so kurz und trocken, als es nur immer die Höflichkeit erlaubte; der Graf aber ließ sich dadurch nicht abschrecken, sondern sagte im väterlich milden Ton, indem er seine Hand faßte und sie wohlwollend drückte: Sie sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bösen Laune, ich habe sie verlezt, indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte, ohne die Schonung zu haben, Ihnen zu erklären, wodurch ich gezwungen bin zu fordern, daß Sie das Schloß nicht ohne meine Einwilligung verlassen wollen.

So trübe St. Julien auch gewesen war, so fest er sich eingebildet hatte, er sei vom Grafen gekränkt, beleidigt, erniedrigt worden, so schmolzen doch alle diese Empfindungen in wenigen Augenblicken hinweg, und der väterlich milde Ton der Stimme des Grafen rührte sein Herz, die Güte, womit dieser sich selbst Unrecht gab, beschämte den jungen Mann, und er erröthete über seine eigene Undankbarkeit. Ich hätte Sie daran erinnern sollen, fuhr der Graf fort, daß in diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet, einander kleine Dienste zu leisten; ich hätte Sie nach den erlassenen Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden müssen, in der sich eine bedeutende Besatzung befindet; Ihr Zustand erlaubte keine Reise, und ich erhielt die Erlaubniß für Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch, daß ich mich verflichtete, Sie, so [140] bald es gefordert würde und Ihre Kräfte es erlauben, vor die Behörde zu stellen, die ein Recht haben würde, es zu verlangen. Seitdem hat sich die Lage der Dinge geändert, damit hätte ich Sie bekannt machen müssen; das Land ist in den Händen der Franzosen; ich muß erwarten, daß ich eben so wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde, als Andere, und es ist natürlich, daß Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern wer den, ihren Fahnen zu folgen; ich habe keine Macht es zu hindern, wenn Ihre Ehre Sie hier nicht fesselt, und könnte also in dem Fall, wenn Sie mit den Franzosen zögen, mein Wort nicht lösen. Wie nachtheilig dieß in der Folge für mich sein würde, werden Sie einsehen, wenn ich Ihnen sage, daß schon jetzt unsinnige Gespräche entstehen, als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stände, und daß Sie als der Unterhändler bezeichnet werden. Meine Ehre fordert also, daß Sie mich für jezt nicht verlassen, und darum verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen in dem Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte, wo ich mich selbst durch manche trübe Nachrichten verstimmt fühlte.

St. Julien sah erst jezt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein, die er gegen den Grafen hatte; tief beschämt durch sein eigenes Unrecht und doch auch zugleich erleichtert im Herzen, blickte er erröthend zum Grafen auf und [141] sagte: Ich habe mich betragen wie ein unverständiger Knabe, ich fühle erst jetzt Ihre großmüthige Schonung, mit der Sie mich über alles Harte meiner Lage hinweg gehoben haben, und ich Thor gebe aus gekränkter Eitelkeit der übeln Laune Raum, wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen.

Sie sind gegen sich selbst viel zu hart, sagte der Graf lächelnd. Ich weiß nicht, rief St. Julien, welch ein Gefühl Ihre Schonung und Milde würdig erwiedern könnte.

Vertrauen, sagte der Graf, wahres freundschaftliches Vertrauen ist der schönste Beweis, daß unsere Freundschaft erkannt wird; darum beziehen Sie es nicht auf Sich, wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen, und lassen Sie nicht solche Briefe schreiben, setzte er lächelnd hinzu, indem er ihm den Brief reichte, den St. Julien erröthend zurücknahm, die nichts weiter beweisen, als daß Sie mich mißverstanden haben. Ich sehe ein, fuhr er ernsthaft fort, daß Sie herzlich wünschen müssen, Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben, aber Sie werden nun auch einsehen, daß ich es nicht unternehmen kann, in diesem Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befördern. Ich fürchte aber, Sie werden bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden.

Vergeben Sie mir mein thörichtes Betragen, sagte St. Julien, und ich will mich gern in alles Uebrige finden.

[142] Beweisen Sie mir, daß Sie es aufrichtig bereuen, sagte der Graf gütig lächelnd, und lassen Sie mich wie einen Vater für Sie sorgen, ohne daß Sie sich meinen Einrichtungen wiedersetzen.

Welch ein Glück wäre es für mich, sagte St. Julien mit Thränen, wenn ich einen solchen Vater hätte, der meine Jugend leitete.

Und welch ein Glück wäre es, einen Sohn zu haben, wie Dich, sagte der Graf, indem die Empfindung ihn überwältigte und eine Thräne in seinem Auge schimmerte.

Lassen Sie uns nun Beide vernünftig sein, setzte er nach einigen Augenblicken hinzu, und zeigen Sie mir, daß Ihre Empfindung für mich Ihnen Ernst ist. Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt, es ist aber unmöglich, daß Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann, nehmen Sie also indessen von mir, was Sie mir ja später ersetzen können. Der Graf legte mit diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch, und St. Julien fühlte, daß es ein roher Eigensinn sein würde, wenn er sich weigern wolle, es zu empfangen. Er dankte also einfach, aber herzlich, und nahm es als ein Darlehn an.

Fühlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen, sagte der Graf, so begleiten Sie mich zu unsern Damen; das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein, als hier einsam [143] zu träumen, was der Arzt auch sagen mag. Freudig nahm St. Julien die Einladung an, der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem Theezimmer in Bewegung zu Dübois frohem Erstaunen. Die Gräfin heftete einen wehmüthigen Blick auf Beide, als St. Julien, auf den Grafen gestüzt, eintrat, und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude. Die Unterhaltung wurde lebhaft, man vergaß die gegenwärtige Zeit, und der Graf und St. Julien schienen sich mit jeder Minute einander mehr zu nähern, je mehr sich die Uebereinstimmung ihrer Denkungs- und Empfindungsweise offenbarte. Kunst, Poesie und Natur waren die über alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstände des Gesprächs. Emilie mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichthum des Geistes, einen Schatz von Kenntnissen, die den jungen Mann in Erstaunen sezten, weil er bei ihrer einfachen, beinah schüchternen Art sich zu betragen durchaus nicht auf die Vermuthung gekommen war, daß sie so unterrichtet sein könnte. Ohne Absicht von Emiliens Seite mußte er bemerken, daß sie alle neuern Sprachen verstand und die vorzüglichsten Werke in allen gründlich kannte; so weit aber war sie davon entfernt, aus Eitelkeit diese Gegenstände zu berühren, daß es ihr bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien, als verstände es sich von selbst, daß jeder Mensch, der Kunst und Poesie liebe, wenigstens dieß Alles kennen [144] müsse, und da St. Julien mit Feuer und Geschmack über Manches sprach, so sezte sie voraus, daß er weit mehr gelesen habe, als sie selbst, und sezte ihn dadurch zuweilen ein wenig in Verlegenheit, bis er endlich offenherzig gestand, daß er nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe, sich Kenntnisse dieser Art zu verschaffen, und daß die frühe Uebung in den Waffen ihn gehindert habe, in dieser Hinsicht seiner Neigung folgen; daß er aber nun, da seine Krankheit ihm nicht lange mehr hinderlich sein würde, sich eifrig mit der Erlernung des Englischen und Italienischen beschäftigen wolle. Der Graf bot sich ihm als Lehrer an, und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen.

Jeder fühlte sich wohl an diesem glücklichen Abend, die Gräfin war ruhig, beinah heiter; die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen für einige Stunden aus ihrem Gedächtniß gewichen zu sein; der Graf fühlte sich so heiter wie er seit Jahren nicht gewesen war, und St. Julien konnte, indem er abwechselnd Beide betrachtete, nicht mit sich darüber einig werden, wen er seinem Herzen näher fühlte; wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der schönen Emilie begegneten, dann schlug er sie schüchtern nieder und wagte nicht die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen, über den er sich eben die Frage vorgelegt hatte. Als sich das Gespräch wieder auf Musik wendete, versuchte [145] er es auszudrücken, wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzückt habe, und der Graf und die Gräfin forderten ihre junge Freundin auf, einige italienische Sachen aus der älteren Zeit zu singen, um auch den heutigen Tag würdig zu beschließen. Emilie sang, ohne sich zu weigern, und St. Julien gab sich rücksichtslos den süßesten Empfindungen hin; er konnte sich im Entzücken des Hörens keine größere Glückseligkeit denken, als seine Stimme mit den himmlischen Tönen vermischen zu dürfen, die den rosigen Lippen der jungen Sängerin entschwebten.

Als sie geendigt hatte, versicherte der Graf und die Gräfin, ihre Stimme werde täglich schöner; sie habe nie so vortrefflich gesungen, als am heutigen Abend. St. Julien konnte sich nicht entschließen, mit Worten ihren Gesang zu loben, oder, wie man sich auszudrücken pflegt, ihr etwas Verbindliches darüber zu sagen, aber der dankbare, entzückte Blick, dem Emiliens Augen begegneten, als sie sich zufällig zu ihm wendete, belehrten sie, daß er nicht ohne Empfindung zugehört hatte.

Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben, fragte ihn nach einigen Minuten die Gräfin, und haben sich gewiß selbst mit Musik beschäftigt?

Ein wenig, oberflächlich, antwortete St. Julien, wie beinah mit allen Dingen, die ich bis jetzt getrieben habe; [146] aber auch das soll besser werden, fügte er hinzu; sobald ich wieder hergestellt bin, will ich versuchen, ob ich meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe, und wenn dieß nicht der Fall ist, Musik und Gesang mit großem Eifer treiben. Singen Sie Tenor? fragte die Gräfin.

Ja, sagte St. Julien, und man versicherte mich oft, ich habe eine recht gute Stimme, die nur ausgebildet werden müsse, dazu mangelte mir aber die Geduld.

Ein schöner Tenor, sagte der Graf, ist das seltenste und beinah das schönste Geschenk des Himmels, und es ist eine wahre Sünde, im Besitze einer solchen Gabe zu sein, ohne sie auszubilden.

Wie schön wäre es, rief Emilie, wenn Sie erst wieder singen könnten; wir haben hier ganz vortreffliche Musik, die leider ungebraucht liegen muß; wie Vieles könnten wir mit einander ausführen.

St. Juliens Augen leuchteten und seine Wangen rötheten sich vor Freude bei dieser Vorstellung, und er versprach eben pünktlich Alles zu thun, was seine Genesung beschleunigen könnte, und sich streng den Vorschriften des Arztes zu unterwerfen, als dieser herein trat und, da er St. Julien in der Gesellschaft erblickte, aus Verwunderung drei Schritte zurück sprang: Sie sind hier! rief er aus der Ferne mit zornig[147] verweisenden Minen, ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden.

Kommen Sie nur näher, sagte der Graf lachend, und betrachten Sie ihn genauer, dann werden Sie finden, daß es ihm hier gar nicht übel geht. Kopfschüttelnd näherte sich der Arzt und betrachtete ernsthaft den jungen Mann, der sich des Lachens nicht erwehren konnte, als der Arzt mit komischer Feierlichkeit, nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte, seinen Puls untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief: Sie sind der wunderlichste Kauz, der mir noch vorgekommen ist, so lange ich die Arzneiwissenschaft ausübe. Gestern Abend, heute Morgen ohne alle Ursache im höchsten Grade schwermüthig, Puls fieberhaft, alle Lebenskräfte herunter, die Augen ganz matt und todt, so daß Sie mir recht gefährlich vorkamen. Heute Abend ohne Fieber, der Puls sehr gut, die Augen heiter, lebendig, eben so ohne die mindeste Ursache.

Die Gesellschaft, sagte der Graf lächelnd, hat ihn erheitert und so diese wohlthätige Wirkung hervorgebracht.

Das kann nicht sein, entgegnete der Arzt, ich wollte ihm ja heut Morgen Gesellschaft leisten, ich gab mir alle Mühe ihn zu erheitern, aber wer sich auf nichts einlassen wollte, das war mein Kranker.

Ja, dann läßt sich freilich seine Besserung gar nicht [148] erklären, sagte der Graf scherzend, die Ursache dieser Wirkung wird nicht aufzufinden sein.

Man muß darüber nachdenken, erwiederte der Arzt ganz ernsthaft; Jetzt muß ich aber darauf bestehen, sagte er zu St. Julien, daß Sie sich zur Ruhe begeben, das zu lange Aufsitzen ist Ihnen durchaus schädlich. Fügen Sie sich den Vorschriften des Arztes, sagte Emilie, wie Sie es versprachen, damit er Sie recht bald wieder herstellt, und wir bald mit einander das erste Duett singen können.

Singen, rief der Arzt im höchsten, mit Unwillen vermischten Erstaunen, Sie denken daran, zu singen? Gott behüte, ich habe Ihnen kaum zu sprechen erlaubt, von Gesang kann gar nicht die Rede sein, und wenn ich Sie auch ganz hergestellt habe, so ist es doch möglich, daß Ihre Brust schwach bleibt, und daß sie sich solche Gedanken müssen vergehen lassen.

Dann stellen Sie mich aber nicht ganz her, sagte St. Julien mit heiterer Laune, denn vor meiner Verwundung hätte ich Tagelang singen können, ohne daß ich es in der Brust gefühlt hätte; wenn Sie es also unternehmen, mich vollkommen wieder herzustellen, so müssen Sie mich in diesen Zustand zurück versetzen.

Was das für Ansichten sind, sagte der Arzt, das beweist recht, wie wenig Sie von der Arzneiwissenschaft verstehen. Wir wollen uns aber heut darüber nicht streiten, [149] sondern ich will Sie auf Ihr Zimmer führen und Ihre Wunden verbinden. Er wollte ihm den Arm bieten, um ihn zu führen, der Graf aber, der seine gutmüthige Ungeschicklichkeit kannte, zog die Klingel und überlieferte den Kranken der sanften Pflege des höflichen Dubois.

X

Des andern Morgens erschien der Graf nicht beim Frühstück, und man meldete der Gräfin, er habe das Schloß zu Pferde in Begleitung eines Reitknechts schon vor einigen Stunden verlassen. Die Gräfin sowohl, als Emilie vermutheten es leicht, wohin ihn dieser frühe Ritt geführt hatte, und ihre Vermuthung war nicht ungegründet. Ein scharfer Wind wehte dem Grafen schneidend entgegen, als er am frühen Morgen über die Hügel trabte, und der Sonnenschein funkelte blendend auf den Schnee, so weit sein Auge reichte; der Frost schüttelte seine Glieder, und er wünschte den Weg beendigt zu haben, aber dennoch hatte er nicht das Unangenehmste eines Wintertages empfunden; als aber nach und nach das Blau des Himmels von grauem Gewölk bedeckt wurde, das sich wie schwerer Nebel niedersenkte, so daß Erde und Himmel sich nicht mehr unterscheiden ließen, und, als er nun die tieferen Gründe und Schluchten hinter sich gelassen und eine ziemlich ausgedehnte Ebene erreicht hatte, ein scharfer [150] Wind heulend blies, der ihm den Schnee, der vom Himmel herabfiel, eben so entgegen trieb, wie den, der vom Boden aufgeweht im Wirbel gedreht wurde, so, daß Erde und Himmel auch in dieser Rücksicht sich vereinigt zu haben schien: da bereute er es beinah, daß er sich selbst der unfreundlichen Witterung ausgesetzt und nicht einem Diener die Botschaft anvertraut hatte. Herzlich erfreut war er daher, als er plötzlich bemerkte, daß er sich am Eingange eines Dorfes befand, denn der vom Himmel herabfallende und der von der Erde aufgewehte Schnee verdickte die Luft dermaßen, daß sich die nächsten Gegenstände kaum unterscheiden ließen. Der Graf stieg in der Schenke des Dorfes ab, um sich einigermaßen zu erwärmen, und erkundigte sich dann nach dem Meierhofe, den der Obrist Thalheim bewohnte. Der Wirth, ein wohlbeleibter, gutmüthiger Mann, gab die nöthige Auskunft, indem er den Obristen herzlich bedauerte.

Daß Gott erbarm! rief er aus, was wird der arme alte Herr anfangen, er hat Niemanden gedrückt, aber nun drücken ihn Viele, nicht der Feind ist so schlimm gegen uns, wie man gegen ihn ist.

Der Graf fragte, ob das kleine Gut, das der Obrist bewohnte, weit entfernt vom Dorfe liege? Keine halbe Viertelstunde, rief der Wirth, und ich habe schon wollen [151] hingehen und ihm anbieten, wenn sie ihn morgen austreiben, fürs Erste hieher zu ziehen; aber lieber Gott! so ein Herr kann nicht in einer Schenke wohnen, und dann könnte ich ihn auch nicht immer ernähren, und wäre er einmal hier, so würde ich ihn nicht wieder los, denn Wer wird sich die Last aufladen wollen; alt ist er auch, und stürbe er bei mir, so müßte ich ihn noch begraben lassen, und ich bin selber ein gedrückter Mann. Die schweren Zeiten, der Krieg, die vielen Abgaben, das soll Alles aus der Schenke bestritten werden, Kinder habe ich auch, das muß man Alles bedenken.

Der Graf, ob er zwar auf die edelste Weise jeden Vorzug anerkannte und niemals annahm, daß die Geburt allein schon Rechte verleihen könne, war doch keinesweges gleichgültig gegen die Vorzüge der Abkunft, und ihm schauderte innerlich vor dem Gedanken, daß ein Mann von vornehmer Geburt, von guter Erziehung, der dem Staate mit Auszeichnung gedient hatte, durch den Drang der Umstände so erniedrigt werden könnte, von der Wohlthätigkeit eines Schenkwirths abhängig zu werden. Er fragte deßhalb mit inniger Hast, ob er einen Boten haben könne, der ihm als Führer zum Wohnort des Obristen dienen wolle? Wollen Sie dem guten Herren Beistand leisten? fragte der Wirth höchst erfreut.

[152] Ich will ihn besuchen, erwiederte der Graf zerstreut. So! sagte der Wirth mit gedehntem Tone, rief den Hausknecht mit verdrießlicher Miene und gab diesem eben so unfreundlich den Befehl, diesen Herren nach der Wohnung des Obristen zu führen, den er besuchen wolle.

Der Graf hatte trotz der ungestümen Witterung den Weg bald vollendet; er hatte sein Pferd in der Schenke gelassen und näherte sich zu Fuße dem Haupteingange eines artigen Landhauses. Nicht hier hinein! rief ihm sein Führer zu, hier wohnt der Herr Verwalter jetzt; wenn Sie den alten Obristen besuchen wollen, müssen wir von der andern Seite hinein gehen. Mit diesen Worten führte er ihn durch den Hof, wo der Graf eine kleine Hinterthür des Hauses bemerkte. Nachdem ihm der Hausknecht gesagt hatte, daß diese zur Wohnung des Obristen führe, wurde er von dem Grafen verabschiedet, der nun die niedrige Thüre öffnete und sich in einem engen Raum befand, der eine Art Vorplatz bildete.

Er wollte eben eine andere Thüre gegenüber öffnen, als er eine lärmend-zankende weibliche Stimme vernahm, die in unangenehmen Tönen kreischte: Was geht es mich an, ob Sie frieren oder nicht; wollen Sie Feuer haben, so bemühen Sie sich nur selbst darum, schaffen Sie sich nur Holz an, ich werde mich nicht mehr darum bekümmern.

[153] Um Gottes Willen, erwiederte eine sanfte bittende Stimme, wie kannst Du nur jedes Wortes wegen, das mein Vater spricht, so aufgebracht sein, Du weißt doch, wie lange er Dir ein guter Herr gewesen ist.

Was Herr, rief das zankende Weib, wollen Sie eine Herrschaft vorstellen, so bezahlen Sie Ihre Leute, geben Sie mir, was mir zukommt an Essen, Trinken und Lohn, dann können Sie sagen, daß ich bei Ihnen diene.

O Gott! bat die andere Stimme, schreie doch nicht so, mein Vater muß ja jedes Wort hören.

Was kümmert es mich, ob er es hört oder nicht; er mag sich Leute suchen, die ohne Lohn bei ihm dienen, und Hunger und Kummer mit ihm leiden, und zum Dank sich noch müssen schelten und quälen lassen. Meinetwegen mag er erfrieren, ich werde kein Feuer machen, und wenn Sie vom Herren Verwalter Holz haben wollen, so mögen Sie selbst gehen und darum bitten, Sie werden noch um Manches bitten müssen.

Mit diesen Worten riß sie die Thüre auf, die der Graf öffnen wollte, und stürmte an diesem vorbei, nachdem sie ihn einen Augenblick, über den unvermutheten Anblick betroffen, angestarrt hatte.

Der Graf betrat nun den Raum, den sie eben verlassen hatte. Es war eine kleine Küche, worin aber beinah gar [154] kein Geräth sichtbar war, auch brannte kein Feuer auf dem Heerde, und durch eine zerbrochene Fensterscheibe wehte ein scharfer, kalter Wind das Schneegestöber hinein. Eine jugendliche, schlanke Gestalt lehnte sich, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, an der Mauer und schien sich nun, da sie sich allein glaubte, rücksichtslos dem Schmerz zu überlassen. Der Graf sah, wie ihre Thränen die feinen, von Kälte gerötheten Finger benetzten, doch schien sie im Schmerz die Kälte nicht zu fühlen, obgleich nur ein leichtes Kleid von gestreifter Leinwand den schlanken Körper bedeckte. Eine reiche Fülle dunkelbrauner Haare war ohne Kunst in starken Flechten um das zierliche Köpfchen geschlungen. Der Graf war einen Augenblick verlegen, wie er seine Gegenwart ankündigen sollte, da er so unvermuthet Zeuge ihres Kummers geworden war; endlich wendete er sich und machte die Thüre zu, die die hinausstürmende Magd hatte offen stehen lassen. Das Geräusch verursachte, daß die weinende Gestalt sich schnell aufrichtete, ihre Thränen eilig trocknete, und als sie sich zum Grafen wendete, mit erzwungener Fassung ihm entgegen trat. Der Graf fühlte sich innig bewegt, als die schönsten braunen Augen ihn fragend anblickten, deren Feuer durch Kummer und Thränen zu erlöschen drohte. Die reine Stirn, der milde, wehmüthige Mund, die blassen, mageren Wangen gewährten vereinigt ein so rührendes Bild von Hoheit, Schmerz und [155] Mangel, daß der Graf eines Augenblickes bedurfte, ehe er mit Fassung nach dem Obristen fragen und sich als einen alten Bekannten desselben ankündigen konnte.

Darf ich Sie nicht bitten, mir Ihren Namen zu nennen, erwiederte das junge Mädchen, damit ich meinen Vater auf Ihren Besuch vorbereiten kann?

Der Graf, der sich fürchtete abgewiesen zu werden, da der Obrist in seiner Lage so menschenscheu geworden war, sagte schnell: Erlauben Sie mir mit Ihnen zugleich einzutreten, ich muß Ihren Vater durchaus sprechen. Therese, so hieß die Tochter des Obristen, sah den Fremden mit Furcht und Zweifel an, ob er nicht ein Bote neuen Kummers sei, aber dennoch war sie zu schüchtern, als daß sie ihm den Eintritt zu verbieten gewagt hätte, und so betrat der Graf mit ihr zugleich ein kleines Zimmer, das der Familie zum Wohnort diente, da der Verwalter schon das übrige Haus in Besitz genommen hatte. Auch das Zimmer war beinah von allem Geräth entblößt und doch der Raum darin beschränkt; ein schmales Bett nahm die eine Wand ein, die andere wurde durch einen Schirm bedeckt, hinter welchem ein ähnliches zu stehen schien; ein Tisch von schlechtem Holz stand unter dem Fenster, ein Lehnstuhl von gleichem Werthe daneben; diese Dinge nebst einem Stuhle machten den ganzen Hausrath aus. In dem Lehnsessel am Fenster saß ein langer, hagerer alter [156] Mann, dessen Körper eine sehr abgetragene Uniform als Bekleidung dienen mußte, in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen hatten, dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schläfe hingen, dessen blasse Lippen sich fest, fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt deuteten, die er sich anthat, um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen. Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel. Es war der Obrist Thalheim, der, indem er den Grafen mit Kälte begrüßte, und ihn fragend und verwundert betrachtete, zu erwarten schien, daß dieser so kurz als möglich die Ursache aussprechen würde, die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe. Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt; Ich weiß nicht, fing er nach einigen Augenblicken an, ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere, die Sie früher für meinen Vater hatten. Ich bin der Graf Hohenthal.

Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete, daß der Graf weiter reden würde. Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gütern lebe, fuhr der Graf fort, und es erfahren habe, daß Sie sich in meiner Nähe aufhalten, so eilte ich Ihre Wohnung aufzusuchen, um wo möglich die Freundschaft, welche Sie für meinen Vater hatten, auch für mich in Anspruch zu nehmen.

[157] Sehr verbunden, sagte der Obrist, indem er sich abermals verbeugte. Der Graf, von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt, fuhr nach einer kleinen Pause fort: Ich beklage nur, daß ich Ihren Aufenthalt so spät erfahren habe, eben in dem Augenblicke, da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen.

Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte der Obrist mit bitterem Lächeln. Er schwieg einen Augenblick, und die blassen Wangen rötheten sich nach und nach, er suchte seine innere Wallung zu bekämpfen und fing seine Rede mit scheinbarer Gelassenheit an, die ihn nach und nach verließ, bis er endlich dem lange unterdrückten Schmerz die volle Gewalt über sich einräumen mußte.

Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte er noch einmal, indem er einen zornigen Blick auf den Grafen richtete. Es ist unmöglich, fuhr er fort, daß Ihnen meine Lage unbekannt ist; weßhalb wollen Sie meiner spotten? Ich habe mich von den Menschen zurückgezogen, ich habe ihnen meinen Jammer verborgen, weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen, noch ihn um einen zu theuern Preis erkaufen, ich habe mit meinem armen Kinde nach und nach Alles entbehren gelernt, was uns Gewohnheit theuer machte, ja endlich auch, was das Bedürfniß heischte; uns blieb nichts mehr, um uns zu erwärmen, wir haben kaum noch [158] ein Mittel uns zu sättigen, und morgen wird meinem grauen Scheitel und ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt; dann fasse ich die Hand meines Kindes und führe sie hinaus, dem stürmenden Winterwinde entgegen und versuche, ob es mein Herz leichter erträgt, sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen anzuflehen, ihr ein elendes Leben zu fristen. Die Stimme des Obristen wurde ungewiß, indem er die letzten Worte sprach; man sah, daß er die Thränen niederkämpfte, aber schnell gefaßt fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort: Da ich mein Elend nicht mehr verbergen kann, so habe ich es Ihnen mit wenigen Worten ganz gezeigt. Sie sehen nun, ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen will; was können Sie mir noch zu sagen haben? setzte er mit weicherer Stimme hinzu, als er die Rührung des Grafen bemerkte.

Ich muß mich selber tadeln, erwiederte dieser, daß ich nicht den rechten Ton gefunden habe, Ihnen meine Theilnahme zu zeigen. Ich hörte allerdings von Ihrer Lage und ich kam, Ihnen den Beistand anzubieten, den ich dem Freunde meines Vaters schuldig zu sein glaube.

Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an; es schien, als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben, die sich im Herzen anfing zu regen. Therese, die in Verzweiflung still geweint hatte, hob den [159] nassen Blick verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf, der eilig fortfuhr, um Beide zu beruhigen. Er eröffnete dem Obristen, daß ein Meierhof ganz nahe beim Schlosse Hohenthal unbewohnt sei, weil die Pachtzeit des vorigen Pächters geendigt wäre, und in diesen stürmischen Zeiten sich kein anderer gefunden habe. Er bot diesen dem Obristen zum Aufenthalt an, und, fügte er hinzu, da ich weiß, daß Ihre Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist, daß Ihre Pension in den letzten Zeiten nicht ist ausgezahlt worden, so erlauben Sie mir, diese kleine Summe für meinen König auszulegen; es ist das Geringste, setzte er schnell hinzu, was ein treuer Unterthan zu thun verpflichtet ist; ich werde diese Auslagen in der Zukunft gewiß zurück erhalten, und man wird mir noch danken, daß ich einen verdienten Krieger dadurch aus unwürdigen Verlegenheiten befreit habe.

Der Obrist, der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Muth dem schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen, fühlte nun seine Sehnen erschlaffen; wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten Kräfte auf einmal verlassen, wenn der Schmerz selbst von uns weicht, so machte ihn das Gefühl der Erlösung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos; er sank auf seinen Lehnsessel zurück und vermochte nicht die Thränen zurück zu halten, die [160] nun in reichen Strömen über seine gefurchten Wangen flossen; sein Auge richtete sich nach oben, und mühsam erhob er auch die zitternden, gefalteten Hände; die Lippen bewegten sich stumm, wie es schien, zum inbrünstigen Danke. Die Tochter flog herbei und warf sich mit Ungestüm vor den Vater nieder; sie umarmte mit Heftigkeit seine Knie, aber auch sie vermochte nicht zu reden. Der Greis blickte auf sein Kind nieder, er streckte eine Hand nach ihr aus, die aber kraftlos auf die schönen, braunen Locken des zierlichen Köpfchens herabsank; der Blick der Liebe erstarb, den er auf die Tochter richten wollte; sein Auge schloß sich und er sank zurück wie in die Arme des Todes. Der Graf hob erschrocken die Tochter vom Boden auf, die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte; Beide bemühten sich den entkräfteten Greis ins Leben zurück zu rufen. Therese hatte ein Glas kaltes Wasser geholt als einziges Stärkungsmittel, das im Hause vorhanden war; man besprützte den Obristen damit, man rieb ihm die Schläfe, bis er endlich zur größten Beruhigung des Grafen die Augen wieder öffnete, denn dieser fing im Ernst an zu fürchten, daß er nicht wieder athmen würde.

Der entkräftete Greis blickte lächelnd bald seine Tochter, bald den Grafen an, und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu können. Der Graf, der seine [161] größte Ermattung bemerkte, fürchtete noch immer für ihn und führte ihn mit Hülfe der Tochter zu seinem ärmlichen Lager. Der Obrist ließ es geschehen, ohne zu fragen und ohne sich zu sträuben, und ein wohlthätiger, erquickender Schlummer schloß aufs Neue seine von Thränen feuchten Augen.

Der Graf fühlte sich wunderbar bewegt; er blickte auf den schlafenden Greis, auf die seitwärts stehende Tochter; das ärmliche Gemach, die dürftige Kleidung der Bewohner, Alles drückte höchsten Mangel aus, und dennoch schien ein so lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen Raume verbreitet zu sein, daß der Graf sich unendlich wohl darin fühlte. Er setzte sich selbst auf den Lehnsessel des Alten nieder, eine behagliche Wärme fing an sich im Zimmer zu verbreiten, und man hörte das Feuer im Ofen knistern; die zankende Magd war nämlich, halb von Reue, halb von Neugierde angetrieben, zurückgekehrt, und hatte das nöthige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezündet.

Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter, unfreundlicher Witterung zurückgelegt, er fühlte sich selbst ein wenig entkräftet, und als er auf seine Uhr blickte, mußte er sich überzeugen, daß er nicht, wie er gehofft hatte, zur Mittagstafel zurück nach Hohenthal reiten könnte. Er wendete sich also an die Tochter des Obristen [162] mit der freundlichen Bitte, diesen Mittag ihr Gast sein zu dürfen, und bereuete die Bitte, sobald er sie ausgesprochen hatte. Er fühlte mit Beschämung, daß auch für ihn, wie für alle Reiche, selbst dann wenn sie die Brüder den drückendsten Mangel leiden sehen, die Armuth etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei. Seine unbesonnene Bitte setzte die arme Therese in die peinlichste Verlegenheit; sie, die sich gern vor ihm niedergeworfen hätte, um ihn wie ein himmlisches hülfreiches Wesen zu verehren, die gern die Hände mit dankbaren Thränen gebadet hätte, die so reichen Segen über ihres Vaters lezte Lebensjahre verbreiten wollten, und nur durch weibliche Scheu zurückgehalten wurde, hatte nun nichts, wußte nun nichts, was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte. Eine dunkle Röthe überflog ihr Gesicht, sie verbeugte sich schüchtern und wollte zur Thür hinausschlüpfen; der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke des Wortwechsels, den er gehört hatte, als er das Haus betrat, und folgte ihr auf dem Fuße. Die zänkische Magd stand am Heerde in der Küche, auf dem ein helles Feuer brannte. Der Graf befahl ihr mit ernster Stimme, das Mittagsessen für die Familie zu bereiten, indem er ihr zugleich versicherte, daß gleich nach Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl, als alle rückständigen Auslagen berichtigen [163] würde. Therese errieth aus dieser Anordnung, daß der Graf mit der Unverschämtheit der Magd bekannt sei, und indem ihre Thränen von Neuem flossen, wußte sie selbst nicht, ob aus erhöhter Dankbarkeit oder Beschämung.

Als beide nach dem kleinen Zimmer zurückkehrten, war der Obrist nach kurzem Schlummer sehr gestärkt erwacht, und der Graf konnte mit ihm alle nöthigen Verabredungen wegen seiner künftigen Einrichtung treffen; er strengte sich an, mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschläge des Grafen einzugehen, weil dieser bemüht war, jeden Schein der Wohlthat zu entfernen und die Sache wie ein Geschäft zwischen Freunden zu behandeln; indessen hörte man es seiner Stimme an, daß er die Rührung nur mit Gewalt unterdrückte; endlich aber, als der Graf die Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte, die seine rückständige Pension betrug, und noch einmal den Obristen bat, sie so lange von ihm zu empfangen, bis die Zeiten wieder ruhiger würden, wo sie ihm unfehlbar von den Behörden wieder ausgezahlt werden müsse, konnte der Greis sich nicht zurückhalten, er schloß mit leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die Arme und rief: O! Du echter Sohn Deines Vaters, Du wahrer Erbe seines Herzens, ich bin ja nicht so hoffährtig, daß ich es nicht erkennen sollte, wir armen bedrängten Menschen bedürfen einer des andern, ich bin ja nicht so roh, daß ich Deine [164] Milde nicht erkennen sollte, ich bin ja nicht so undankbar, daß ich für empfangene Wohlthat nicht danken könnte. Ach! hätte ich einen Freund gehabt, wie Dich, ich wäre ja nicht zu solchem Elende herabgesunken; hätte ich einen solchen Freund in meiner Nähe geahnet, ich würde ihn ja um Hülfe angesprochen haben und nicht in Gefahr gerathen sein, mit meinem armen Kinde zu verschmachten. Therese hatte sich nun auch einer Hand des Grafen bemächtigt, die sie mit Küssen und Thränen bedeckte. Der Graf überließ sich seiner Rührung und ihren Liebkosungen, weil er fühlte, daß man die Herzen gefühlvoller Menschen am schmerzlichsten verwundet, wenn man gleichsam zu vornehm ihren Dank gar nicht annehmen will, sondern sich unfreundlich ihrer Liebe entzieht. Die Gemüther waren endlich wieder ein wenig beruhigt worden, und man suchte sich gewaltsam zu fassen, als die Magd hereintrat, um den Tisch für die kleine Gesellschaft zu decken. Sie starrte verwundert die noch auf demselben liegenden Goldmünzen an und verließ das Zimmer augenblicklich wieder, weit bescheidener, als sie eingetreten war. Der Obrist betrachtete nachdenklich das kleine Häufchen Goldes, und ein wehmüthiges Lächeln schwebte um seinen Mund. Auch ich, sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, war einmal in der Lage, eine solche Summe weggeben zu können, und ich darf mir das Zeugniß geben, ich habe es mehr, als[165] ein Mal, gethan; aber dennoch muß ich gestehen, habe ich niemals das wahre Mitgefühl für meine leidenden Brüder gehabt, weil ich das gräßliche Elend, das ein Mensch erdulden kann, nicht kannte, weil ich nicht zu ahnen vermochte, von welchen Qualen eine solche Summe uns erlösen kann. Ach! fuhr er tief seufzend fort, wenn man sein Vermögen nach und nach schwinden sieht, wenn es endlich bis auf eine solche Summe geschwunden ist, und wir trostlos einem dürftigen Alter entgegen sehen, dann glaubt man zu verzweifeln; wenn aber auch dieser schwache Rest sich nun täglich vermindert und dadurch unsre Sorge vermehrt: wenn wir nichts mehr unser nennen, als eine solche Münze, wie glücklich dünkt uns dann der Zustand, in welchem wir noch eine solche Summe besaßen; wenn wir nun endlich mit zagender Hand das letzte Goldstück hinreichen und es in Scheidemünze verwandeln lassen, wie ängstlich zuckt unser Herz bei jedem Stückchen Silber, um welches wir unsern kleinen Schatz verringern. Ach! und mit welchem Gefühl geben wir die letzte, allerlezte kleine Münze hin; es ist, als ob man von dem Leben schiede. Der Obrist bedeckte sein Gesicht und konnte die Rührung nicht beherrschen, die sich seiner von Neuem bemeisterte. Der Graf legte sanft seine Hand auf den Arm des alten Mannes und sagte mit milder, tröstender Stimme: Lassen Sie das Vergangene vergangen sein, lassen Sie [166] uns muthig den Blick auf die Zukunft richten, die für uns Alle noch vieles Erfreuliche enthalten kann.

Der Obrist antwortete nur durch einen Händedruck und trocknete schnell seine Augen, als die Magd von Neuem eintrat und noch einen Stuhl brachte, der ganz unentbehrlich war, wenn drei Personen zu Tische sitzen sollten. Der Obrist nahm das Gold von dem Tische hinweg, über den ein schlechtes Tischtuch gebreitet werden sollte, und hielt es einen Augenblick verlegen in der Hand, denn nirgends im Zimmer war etwas, worin man diese Summe hätte aufbewahren können; lächeld steckte er sie endlich zu sich.

Das ärmliche Mahl war bald geendigt, und der Graf erinnerte an die nöthige Berechnung mit dem neuen Verwalter, die er gern noch beendigt sehen wollte, ehe er sich von seinen neuen Freunden trennte. Der Obrist befahl der Magd, den Herrn Verwalter zu ihm her zu bitten, und der Graf fing, als die Magd gegangen war, diesen Auftrag auszurichten, eben an, mit dem Obristen zu verabreden, daß er ihm morgen die nöthigen Pferde und Wagen senden wolle, um ihn in seine neue Heimath hinüberzuführen, als die Magd die Thür mit einigem Ungestüm aufriß und, durch die Grobheit des Verwalters selbst wieder zur Grobheit ermuthigt, zum Zimmer hinein rief: der Herr Verwalter hat keine Zeit hieher zu kommen, er sagt, wenn Sie etwas mit [167] ihm zu sprechen hätten, so könnten Sie eben so leicht zu ihm, als er zu Ihnen kommen. Eine glühende Röthe überflog das blasse Gesicht des Obristen, und hastig wollte er sich aus seinem Sessel erheben und der Magd folgen, die die Thüren wieder zugeworfen hatte. Der Graf aber drückte ihn sanft auf seinen Sitz zurück und sagte: Ich werde gehen und für Sie die Berechnungen mit dem Verwalter abschließen. Ein dankbarer Blick Theresens belohnte den Grafen, der das Zimmer sogleich verließ und der Tochter die Sorge überließ, den aufgeregten Vater wieder zu beruhigen.

Der Graf selbst war durch die Ungezogenheit empört worden, die man sich gegen eine Familie erlaubte, die man für hülflos hielt, und benutzte den Gang in der kalten Luft, um seinen Unwillen zu unterdrücken. Er mußte nämlich, wie schon bemerkt, nachdem er die Wohnung des Obristen verlassen, zur Hinterthür hinausgehen, das ganze Haus sammt dem Hofe umkreisen, um dann durch den Haupteingang zur Wohnung des Verwalters zu gelangen. Da kein Mensch im Hause sichtbar war, so stand der Graf mit einiger Verlegenheit in einem geräumigen Vorsaal und wußte nicht, wohin er sich wenden sollte, um den unhöflichen Bewohner des Hauses aufzufinden; endlich bestimmte ihn ein leises Geräusch, sich einer der verschiedenen Thüren zu nähern, er klopfte an diese Thür, und herein rief ihm [168] eine tiefe Baßstimme entgegen; der Graf öffnete und bemerkte an einem Tische sitzend zwischen dicken Tabackswolken einen Mann von ungefähr funfzig Jahren, dessen ansehnliche Breite und starker Gliederbau ihn sogleich als denjenigen bezeichneten; dem die tiefe Baßstimme angehörte, so wie er auch aus einer großen Tabackspfeife die Wolken heraus blies, in die er sich selbst halb verhüllte. Bei des Grafen Eintritt schob er einen beschriebenen Bogen unter andere Papiere, befreite mit plumpen Fingern die Kupfernase von der Brille, betrachtete einige Augenblicke den Grafen und fragte dann ohne alle Zeichen der Höflichkeit: Was begehrt der Herr? und gab sich so als den Herrn des Hauses kund. Ihm gegenüber saß an demselben Tische ein junger Mann von schlanker Gestalt, zierlich nach der neuesten Mode gekleidet, das braune Haar gelockt, der ansehnliche Backenbart gekräuselt, das Auge zwar auch mit Gläsern bewaffnet, doch schien auch dieß mehr Mode als Bedürfniß, auch verschmähte er die plumpe Art des älteren Mannes zu rauchen, sondern erregte nur ganz kleine Dampfwolken durch eine Cigarre, die in einer goldenen Röhre steckte. Dieser zierliche Mann war mit Schreiben beschäftigt, worin er sich durch den Eintritt des Grafen nicht stören ließ, ohne sich auch nur ein Mal nach ihm umzusehen, indem er mit weißen Fingern aus einer nach dem neuesten Pariser Geschmacke gearbeiteten goldnen Dose, [169] die neben ihm auf dem Tische stand, ein wenig Taback nahm; ein sehr feines battistenes Schnupftuch neben der Dose vollendete das Bild eines höchst zierlichen Herrn.

Der Graf hatte einen Augenblick die beiden so höchst verschiedenen Gestalten betrachtet und fragte dann: Wer von ihnen, meine Herren, ist der Verwalter des Guts? Ich, erwiederte der Breite, indeß der Schlanke ungestört fortschrieb; was verlangen Sie von mir? Ich komme, erwiederte der Graf, im Namen des Herrn Obristen von Thalheim, um mit Ihnen seine Berechnungen abzuschließen. Und Wer sind Sie? fragte mit einem hämischen Seitenblick die plumpe Gestalt. Ich bin der Graf Hohenthal, erwiederte dieser verdrießlich, und ich hoffe, Sie werden keine Schwierigkeiten dabei finden, sich mit mir im Namen des Herrn Obristen zu berechnen, da ich von ihm beauftragt bin, jeden Rückstand sogleich zu berichtigen. O! ganz und gar nicht, sagte der Verwalter, indem er mit plumper, verlegener Höflichkeit die Pfeife auf den Tisch legte, den beschriebenen Bogen, den er schon bei des Grafen Eintritt unter andere Papiere geschoben hatte, noch tiefer verbarg und nun so eilig, als sein schwerer Körper es gestattete, ging, um einen Stuhl für den Grafen zu holen. Der junge Mann war ebenfalls aufgestanden, als sich der Graf genannt hatte; er steckte scheinbar gleichgültig seine goldene Dose und sein battistenes [170] Schnupftuch ein, ließ dann seitwärts einen Blick an dem Grafen hinunter gleiten, nahm seine Papiere zusammen und verließ mit einer leichten, zierlichen Verbeugung das Zimmer.

Der Graf brachte nun sein Geschäft mit dem Verwalter sehr bald in Ordnung, dessen rohe Ungezogenheit sich in eine eben so plumpe Unterwürfigkeit verwandelt hatte, seitdem er wußte, Wer mit ihm sprach und Wer sich des Obristen annahm. Als der Graf zu diesem zurückkam, fand er ihn abermals in einem Wortwechsel mit der Magd. Diese war nämlich von ihrer Herrschaft bezahlt und ihr angekündigt worden, daß man ihre Dienste nur noch bis zum morgenden Tage bedürfe, und nun zerfloß sie in Thränen darüber, daß sie von ihrer Herrschaft, mit der sie so Vieles gelitten habe, verstoßen werden solle.

Der Graf rieth seinen Freunden, ihr Geschrei durch ein Geschenk zu beendigen, durchaus aber sie nicht mit sich nach ihrem neuen Wohnorte zu nehmen. Als endlich auch dieß beseitigt war, nahm der Graf von seinen neuen Freunden Abschied, indem er sein Versprechen wiederholte, am folgenden Tage ihnen die nöthigen Equipagen zu senden. Dem Obristen und seiner Tochter war es kaum möglich, den Grafen scheiden zu lassen, an dem sie mit der dankbarsten Liebe hingen, der wie ein höheres Wesen sie auf ein Mal aus dem tiefsten Elende befreit hatte. Beide hatten ihn begleitet, der [171] Vater hielt seine rechte, die Tochter seine linke Hand; so hatten sie die Schwelle des Hauses überschritten. Morgen, rief der Graf, morgen sehen wir uns wieder. Wenn nur meinem Vater die strenge Kälte nicht schadet, sagte Therese leise, indem ihr thränenschwerer Blick auf dem weißen Scheitel des Greises ruhte, dessen wenige graue Haare im scharfen Nordwinde flatterten, und dessen abgetragene Uniform die durch Kummer und Alter entkräfteten Glieder nicht gegen die rauhe Witterung zu schützen vermochte. Der Graf folgte mit seinen Augen dem Blicke der Tochter und betrachtete dann einen Augenblick die schlanke, feine Gestalt, die selbst vor Kälte in der dünnen Kleidung zitterte; noch ein Mal fühlte er, was es auf sich habe mit den Leiden der Armuth; kaum vermochte er seine heftige Rührung zu unterdrücken. Ich werde für Alles sorgen, rief er nur der Tochter noch zu und entzog sich mit einem herzlichen Händedrucke eilig Beiden.

Der Obrist und seine Tochter folgten mit den Augen ihrem Freunde so lange, bis ein Gebüsch ihn ihren Blicken entzog, und kehrten dann beruhigt, getröstet, in dankbarer Liebe überfließend in ihr ärmliches Gemach zurück. Der Graf suchte die Schenke eilig zu erreichen und bemerkte schon von fern, wie des Wirths rundes Gesicht ihm unendlich freundlich durch die Scheiben des kleinen Fensters entgegenblickte; [172] er kam auch dem Grafen schon an der Hausthür entgegen, nahm ihm den Mantel ab und öffnete geschäftig die Thüre des Zimmers. Eine Tasse warmer Kaffee, versicherte er gutmüthig, wird Ew. Gnaden bei dem kalten Wetter gut thun, ehe Sie Ihren Rückweg antreten, und sogleich näherte sich die Wirthin, um dem Grafen dieses Getränk in reinlichem Geschirr anzubieten. Diesem war es in der That nach dem ärmlichen Mahl eine Erquickung, und er nahm es gern an, obgleich er sich über des Wirths veränderte Stimmung wunderte, deren Ursache ihm jedoch nicht lange verborgen blieb. Der Wirth ließ es sich deutlich merken, daß er es schon erfahren habe, wie mild der Graf für den Obristen gesorgt habe. Die grobe Magd war nämlich schon früher, als der Graf in der Schenke gewesen und hatte die große Neuigkeit verkündigt. Da ihn der Graf nicht über diese Sache zu Worte kommen ließ, so suchte er seinen Beifall durch erhöhte Dienstfertigkeit auszudrücken, und als der Graf endlich nach seinen Pferden rief und seine Rechnung verlangte, hätte der Wirth gern nichts genommen, und nur des Grafen stolzes Gesicht schreckte ihn ab, doch richtete er seine Forderung äußerst mäßig ein, und als er das Geld empfing, beschloß er dasselbe dem ersten Armen zu schenken, der bei ihm herbergen würde; dann führte er des Grafen Pferd selbst vor und hielt ihm den Bügel. Nun reisen Sie [173] mit Gott, sagte er, als der Graf zu Pferde saß, Sie haben heut ein christliches Werk gethan. Sie sind es besser im Stande, als ich, der Segen bleibt nicht aus. Der Graf betrachtete einen Augenblick das breite, gutmüthige Gesicht des Mannes, der so herzlich froh und dankbar aussah, als ob ihm selbst eine große Last abgenommen wäre, und trat dann heiteren Muthes den Rückweg nach dem Schlosse Hohenthal an.

XI

Die Abenddämmerung war schon eingebrochen, und noch immer erwartete die Gräfin und Emilie mit ängstlicher Ungeduld den Grafen vergeblich. Die Sorge der Frauen war von Neuem erregt worden durch die Nachricht, die der Schulze so eben gebracht hatte, daß einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt seien, von denen er nicht mit Gewißheit angeben konnte, ob sie zu den feindlichen oder freundlichen Schaaren gehörten. St. Julien verweilte noch auf seinem Zimmer, Dübois war bei ihm beschäftigt und der Arzt schon am Morgen nach Krumbach geritten, wohin er eilig zu kommen aufgefordert worden war, um ärztlichen Beistand zu leisten. Emilie quälte sich mit der doppelten Sorge, daß der Oheim auf seinem Wege auf feindliche Truppen gestoßen sei, die ihn mit fortgeführt hätten, oder daß feindliche [174] Truppen während seiner Abwesenheit die Bewohner des Schlosses bedrängen könnten, und in beiden Fällen zeigte ihr ihre Phantasie ungewisse Bilder von Gräueln, die um so quälender waren, weil sie sich nicht deutlich bewußt war, was sie eigentlich fürchtete; auch die Gräfin war durch die Nachricht des Schulzen beunruhigt, doch war ihre Hauptsorge die, dem Grafen möchte ein Unfall begegnet sein, und sie war eben im Begriff, Befehle zu er theilen, daß man ihm auf dem Wege, den er kommen mußte, entgegen reiten sollte, als der Hufschlag eines Pferdes hörbar wurde und gleich darauf ein Reiter in den Hof sprengte. Beide Frauen eilten zum Fenster, sie vermutheten mit Gewißheit den Grafen, es war aber der Arzt, der gleich darauf hastig und lärmend die Treppen heraufstieg, und mit vor Zorn und Kälte gerötheten Wangen das Zimmer betrat, in dem die Frauen sich aufhielten. Man sah es dem Arzte an, daß etwas Großes seine Seele bewegte, der Zorn beherrschte ihn aber so sehr, daß er nicht sogleich durch Worte die Qual seines Herzens erleichtern konnte, und erst nach wiederholten Fragen der Gräfin und ängstlichen Bitten Emiliens strömte er abwechselnd lateinische und deutsche Sentenzen über die Schlechtigkeit der menschlichen Natur aus. Nur nach langem Forschen erfuhren die Frauen die Ursache des ungewöhnlich heftigen Zornes des Arztes. Er war, als er von seinen Krankenbesuchen [175] hatte heimkehren wollen, in der Schenke des Dorfes gewesen, um sein Pferd dort wieder in Empfang zu nehmen, und war bei seinem Eintritte durch heftig streitende laute Stimmen überrascht worden, die zu seinem Erstaunen den Namen des Grafen wiederholt nannten; hiedurch sei seine Aufmerksamkeit erregt worden, berichtete er, und er habe mit Abscheu gehört, wie man den Grafen öffentlich beschuldigt habe, er stehe mit den Feinden in Verbindung. In seinem Hause halte sich verkleidet ein bedeutender französischer Offizier auf und leite von da aus die Operationen der Feinde; auch der alte Haushofmeister diene als Spion. Er habe es deutlich bemerkt, behauptete er, daß diese schändlichen Beschuldigungen hauptsächlich von einem jungen Manne in schwarzer, zierlicher Kleidung ausgegangen waren, viele Bauern und andere in der Schenke anwesende Personen hätten ihren Abscheu durch laute Verwünschungen des Grafen kund gethan, andere, bessere, hätten den Grafen vertheidigt, diesen habe sich der Arzt natürlich angeschlossen, es habe nicht viel dazu gefehlt, daß ein blutiger Streit entstanden wäre, und Gott weiß, so schloß der Arzt seinen Bericht, welches mein Schicksal gewesen wäre, wenn nicht glücklicher Weise der Baron Löbau das Zimmer der Schenke betreten hätte, auf dessen Ermahnungen die Gemüther sich beruhigten, besonders als er mit großer Herablassung den unvernünftigen [176] Bauern die Geschichte des verwundeten Franzosen weitläufig erzählte. Als der Tumult sich gelegt hatte, fuhr der Arzt fort, reiste der Baron weiter, der bloß seine Pferde hatte ein wenig ausruhen lassen, und Jederman bemerkte nun mit Erstaunen, daß der schwarz gekleidete junge Mann sich ganz still beim Eintritt des Barons entfernt hatte. Es war weislich von ihm gehandelt, setzte der Arzt noch hinzu, denn seine Verläumdungen würden ihm nun übel bekommen sein.

Die Gräfin war sichtbar bestürzt über den Bericht des Arztes, und Emilie brach in Thränen und Klagen aus. Ist es möglich! rief sie, daß eine Handlung der Menschenliebe absichtlich so verkannt wird; wäre es glaublich, wenn wir es aus der Ferne vernähmen, daß eine so unschuldige Sache so böslich gedeutet werden kann? Ist es nicht höchst schmerzlich, daß Menschen so feindselig gesinnt sein können? Wie glücklich bist Du, liebe Emilie, sagte die Gräfin mit bitterem Lächeln, daß solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen; Du ehrst und liebst noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens; glaube mir, setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, man bedarf großer eigner Tugend, um, wenn man die Menschen kennt, nicht an der Menschheit zu verzweifeln. Gott lasse mich niemals Erfahrungen machen, rief Emilie mit Lebhaftigkeit, die mich zu [177] solchen Betrachtungen zwängen. Amen! sagte die Gräfin mit Ernst, von ganzem Herzen stimme ich diesem Wunsche bei; glaube mir, fuhr sie mit Güte fort, man erkauft solche Einsichten sehr theuer und fühlt sich nicht glücklicher durch die erlangte Weisheit. Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig; auch fühle ich mich kaum durch die Bosheit, die darin enthalten ist, verletzt, obgleich die Verläumdung einen der edelsten Menschen trifft; nur erfüllt es mich mit Sorgen, wenn ich bedenke, wie nächtheilig dergleichen Gerüchte dem Grafen werden können.

Nachtheil, sagte der Arzt, kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen, denn alle Menschen in der Schenke wurden über die Sache aufgeklärt und werden gewiß auch Andere belehren; wenn der schwarze Bösewicht mit seinen Verläumdungen sich noch ferner hervorwagen sollte, mit Feuereifer wird man ihm widersprechen.

Daran zweifle ich, sagte die Gräfin lächelnd, vielmehr steht zu befürchten, daß man die ganze Geschichtserzählung des Baron Löbau in solchem Falle vergessen wird, oder wenn man sich seiner auch erinnert, so wird er selbst als ein halber Mitschuldiger erscheinen, wie die erhitzten Gemüther jeden so betrachten werden, der es übernimmt, den Grafen zu vertheidigen, und dieß wird natürlich Jedermann zum Schweigen bewegen.

Mich nicht, rief der Arzt mit höchster Lebhaftigkeit, [178] mich nicht, und wenn es mir das Leben kostet, so werde ich Jedermann zeigen, wie schändlich und wie wahnsinnig eine solche Behauptung ist; auf mich kann der Herr Graf zählen. Wie ernsthaft der Gegenstand auch war, über den man sich besprach, so zwang die komische Heftigkeit des Arztes der Gräfin dennoch ein Lächeln ab, und sie erwiederte ihm in halb scherzhaftem Tone: ich zweifle an Ihrer Treue keinesweges, und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verläugnete in der Stunde der Gefahr, und uns dieß deutlich die Schwäche des menschlichen Herzens zeigt, so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen. Mit Empfindlichkeit versetzte der Arzt, man werde vielleicht noch einmal Gelegenheit haben, die Bemerkung zu machen, daß er nicht vergeblich die Kenntniß der größten Tugenden aus griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe, es könne wohl noch kommen, daß man ihm das Zeugniß geben müßte, daß er sie auch auszuüben verstände. Er richtete, indem er dieß sagte, seine kleinen blitzenden Augen scharf auf die Gräfin, die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und statt aller weiteren Erwiederung den Arzt bat, St. Julien die Sache zu verschweigen, um ihn nicht unnütz zu beunruhigen, und es ihr zu überlassen, dem Grafen die nöthige Mittheilung zu machen. Der Arzt hatte kaum jene Worte gesprochen, als er auch schon heftig erschrak über die gefährliche [179] Kühnheit, zu der ihn, wie er glaubte, sein lebhaftes Gemüth hingerissen hätte, und eben so sehr war er nun erstaunt, daß die Gräfin seine beabsichtigte Beleidigung gar nicht zu bemerken schien; um so bereitwilliger daher war er, das verlangte Versprechen zu geben. Man hatte während dieser Gespräche die augenblickliche Sorge für die Sicherheit des Grafen vergessen; man hatte nicht so ängstlich auf jeden Huf schlag gelauscht, so daß ein Ausruf freudiger Ueberraschung den Grafen bewillkommnete, als er von seinem späten Ritte heimkehrend die Gesellschaft vermehrte. Man sah es an der ungewöhnlichen Heiterkeit, mit welcher der Graf die Frauen begrüßte, daß er mit dem verflossenen Tage zufrieden war; sehr behaglich fühlte er sich am Theetische im warmen, erleuchteten Zimmer nach dem beschwerlichen Wege in Kälte und Dunkelheit. Wir waren recht besorgt um Sie, sagte Emilie, da Sie so lange ausblieben. Ich hielt mich beim Prediger auf, versetzte der Graf, aber wo ist St. Julien? Ich dachte ihn bei Euch, meine Lieben, zu finden; er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch? Kann es mir begegnen, rief der Arzt, indem er sich heftig vor die Stirn schlug, daß ich meine Pflicht versäume, daß ich meine Kranken nicht gehörig besuche? Mit diesen Worten wollte er zum Zimmer hinausstürmen und stieß auf St. Julien, der eben eintreten wollte. Kaum vermochte er es, [180] die Frauen und den Grafen zu begrüßen, so eilfertig bemächtigte sich der Arzt seiner, um sich in einen Strom von Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergießen, die St. Julien eine Zeitlang befremdet anhörte, ehe er begriff, was der Arzt eigentlich wollte; als er ihn endlich verstand, beruhigte er ihn mit der Versicherung, daß er sich lange nicht so wohl gefühlt habe, als am heutigen Abend, und daß Dübois den nöthigen Verband ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe. Doch konnten diese tröstenden Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben, die der Arzt mit sich selber empfand. Ich werde es mir nie vergeben, rief er feierlich, aber es soll mir auch nicht zum zweiten Male begegnen; strenge werde ich über mich wachen und keine Pflicht mehr vernachläßigen, und deßhalb will ich auch sogleich noch Manches an Medikamenten besorgen, die ich für meine Kranken in Krumbach morgen nöthig habe. Kaum ließ sich der Arzt bewegen, noch vorher mit der Gesellschaft Thee zu trinken; er that es zwar endlich auf allgemeines Verlangen, wie er sich ausdrückte, verließ aber doch sehr bald das Zimmer, um den ganzen Abend, wie er sagte, seiner Pflicht zu leben.

Man brachte den Abend heiter hin, aber dennoch war eine gewisse Spannung fühlbar. Die Gräfin wollte in St. Juliens Gegenwart nicht fragen, ob der Graf etwas für den [181] Obristen Thalheim gethan habe. Emilie konnte ihre Unruhe nicht beherrschen, weil ihr immer die verläumderischen Gerüchte im Sinne lagen, die über den Grafen verbreitet wurden, und sie betrachtete mit einer gewissen Wehmuth St. Julien, der die unschuldige Veranlassung dazu war. St. Julien fühlte sich gedrückt, weil er bemerkte, daß durch seine Gegenwart eine freie Mittheilung in der Familie gehindert wurde, die doch Jeder zu wünschen schien; nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung, die ihm nicht entging, auf Rechnung der Neugierde, von welcher er die Frauen gequält glaubte. St. Julien verließ bald nach der Abendtafel die Gesellschaft, und der Graf wendete sich, als sie kaum allein waren, lächelnd zu den Frauen und sagte: Nicht wahr, meine Lieben, heute war Euch unser liebenswürdiger Freund herzlich beschwerlich, und Ihr habt ihn schon lange weggewünscht, um nur zu erfahren, wo ich den ganzen Tag gewesen bin? Die Gräfin läugnete nicht, daß sie zu wissen wünschte, wie er den Tag verlebt habe, ob sie gleich gar nicht darüber zweifelhaft sei, wo er ihn zugebracht habe.

Der Graf gab eine treue Schilderung der Noth, in der er den Obristen und seine Tochter gefunden habe, und ging leicht über die Art hinweg, wie er ihm Hülfe geleistet hatte; auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen [182] Herrn. Die Gräfin wurde aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau, um welche Zeit dieß Zusammentreffen stattgefunden habe, und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort des Obristen entfernt sei. Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen, und nach gegenseitigen Erklärungen und Mittheilungen waren beide darüber einig, daß es wohl derselbe junge Herr gewesen sein könnte, den der Arzt in Krumbach angetroffen habe; nur blieb es räthselhaft, was einen ganz fremden Menschen bestimmen könne, diese Gerüchte in Umlauf zu bringen. Es kann um so eher sein, schloß der Graf, daß jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat, da er geraume Zeit vor mir hinweg ging, und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten habe. Es sind jetzt preußische Truppen hier in der Gegend, schloß der Graf; es sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt, und der Prediger hat durch genaue Erkundigungen erfahren, daß sie zu den Unsrigen gehören; dieß ist mir um des Obristen Willen lieb, denn sollte er ihnen begegnen, so, hoffe ich, werden sie ihn ruhig ziehen lassen, obgleich im Kriege das Bedürfniß Freunde, wie Feinde oft zwingt, Pferde in Beschlag zu nehmen. Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht verschweigen, daß dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten Verläumdungen erwachsen könnten, wie sie eben erfahren hatten; auch die Gräfin stimmte ihr bei und sagte mit Zärtlichkeit: [183] Wie würde es mich schmerzen, wenn Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrußes für Sie würden! Seid doch darüber ruhig, meine Lieben, sagte der Graf. Sollte mich irgend Wer zur Rechenschaft ziehen, der ein Recht hat, es zu thun, so wißt Ihr, daß ich mich vertheidigen kann; müßiges Geschwätz, ohnmächtige Bosheit aber laßt uns verachten, denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns das Leben. Emilie schwieg, doch fühlte sie sich durch diese Antwort des Grafen nicht beruhigt; auch die Gräfin sagte über diesen Gegenstand nichts mehr, aber man sah deulich, daß auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren.

Der Graf kam auf den Obristen zurück und eilte noch alle Aufträge zu geben, um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen. Die Gräfin übernahm es, für die Einrichtung des Hauses zu sorgen, und der Graf bemerkte, die Tochter des Obristen sei ungefähr von gleicher Größe mit Emilie. So kannst Du ja leicht, liebe Emilie, sagte die Gräfin, für die nächsten Bedürfnisse Deiner neuen Freundin sorgen. Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefaßt und erröthete nun, da sie das, was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte, als einen Auftrag zu erfüllen hatte; es schlich ein Gefühl von Traurigkeit durch ihr Herz, das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklären konnte. Man trennte sich nach dieser genommenen Abrede [184] bald, und als Emilie einsam in ihrem Zimmer war, fühlte sie Thränen über ihre Wangen fließen, die ihrem gepreßten Herzen Luft machten.

Was will ich denn, worüber klage ich denn? sagte sie zu sich selbst; kann denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen, sich nicht befriedigt und glücklich fühlen im Kreise der besten Menschen? Was ist es denn eigentlich, was mich schmerzt, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, Wer hat mich denn verletzt oder beleidigt? Nein, dachte sie seufzend, Niemand hat mich verletzen wollen, aber empfinden muß ich es dennoch, daß mir nicht ein Traum von Selbstständigkeit, nicht ein Schatten von Eigenthum bleibt. Nicht einmal die Freude darf ich empfinden, die der Arme hat, der dem Aermeren giebt, ich muß Alles, selbst was mich bedeckt und kleidet, als etwas Geliehenes betrachten, worüber die Eigenthümer, sobald sie wollen, auch anders bestimmen können. O, wohl, fuhr sie klagend fort, hat die Gräfin recht, gänzliche Armuth ist ein schreckliches Unglück; sie macht uns abhängig, nicht bloß in unseren Handlungen, in unseren Gedanken und Empfindungen sogar. Wie beneidenswerth, rief sie aus, ist das Loos des armen Tagelöhners gegen das meinige, die ich von scheinbarem Reichthume umgeben bin; er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit, ja mit dem Gefühle eines edeln Stolzes betrachten; er hat durch seine Anstrengungen es als [185] sein Eigenthum errungen, frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und Hülfloseren davon mittheilen, und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen, wenn liebevolle Blicke auf ihm ruhen, so fühlt er sich befriedigt; er hat diesen Dank, diese Liebe verdient; aber ich, was kann ich thun? Geliehenes Gut an Andere abtreten, das mir alsdann sogleich auf das Großmüthigste ersetzt wird. Ach, es ist entsetzlich hart, fuhr sie fort, immer empfangen zu müssen, ohne jemals geben zu können, und selbst die freundliche Täuschung, als ob man geben könnte, nicht einen Augenblick festhalten zu dürfen.


Niemals hatte Emilie noch ihre abhängige Lage so schmerzlich empfunden, als in dieser einsamen Stunde; sie überließ sich rücksichtslos dem Schmerz und dem Mitleid mit sich selber, und ihre Thränen flossen noch einige Stunden, bis endlich die Erschöpfung einen kurzen Schlummer herbeiführte, von dem sie wenig gestärkt am anderen Morgen erwachte.

Die Gräfin war schon im Saale, wo man frühstückte, als Emilie eintrat. Was fehlt Dir, Liebe, rief sie ihrer jungen Freundin entgegen, ist Dir nicht wohl? Du bist ungewöhnlich blaß. Mir fehlt nichts, sagte Emilie mit schwacher, wankender Stimme. Du bist krank, mein liebes Kind, sagte die Gräfin mit großer Zärtlichkeit, indem sie ihre beiden Hände faßte. Gewiß, mir fehlt nichts, erwiederte Emilie [186] mit gesenkten Augen und zitternder Stimme, und, sie konnte es nicht verhindern, die Thränen entströmten den sanften Augen von Neuem und flossen über die bleichen Wangen. Die Gräfin richtete das Gesicht der weinenden Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst: Ich errathe jetzt, was Dir fehlt, ich sah es wohl, daß ich Dich gestern verletzte, aber ich konnte nicht glauben, daß ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden würde. Ich könnte mich beklagen, fuhr sie mit großer Güte fort, daß Du dieser mißtrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst, wenn ich nicht selbst unglücklicher Weise dieß Gefühl in Dir erregt hätte durch die Bitterkeit, der ich mich so oft überlassen habe. Laß mich Dich bitten, mein theures Kind, fuhr sie mit großer Milde fort, bekämpfe diesen Feind in Deinem Herzen, er raubt Dir sonst jedes Glück des Lebens. Die leicht gereizte Empfindlichkeit würde Deine Freunde aus Vorsicht zurückhaltend machen; Du würdest die Furcht, Dich zu verletzen, für Kälte nehmen, und Dein Mißtrauen würde in demselben Maße zunehmen, wie alle Verhältnisse gespannter würden. Du würdest es dann vielleicht nicht Dir zuschreiben, wenn jede Heiterkeit, die inniges Vertrauen zu einander erzeugt, aus unserm Kreise verschwunden wäre, sondern Du würdest uns mit jedem Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerther finden.

[187] Können Sie mich für so gränzenlos undankbar halten? fragte Emilie.

Sprich nicht so oft von Dankbarkeit, sagte die Gräfin, ich will von Dir keine andere, als die, welche ein gutes Kind für seine Eltern empfindet, das ist die gefühlte, beinah bewußtlose, nicht die in jedem Augen blick erkannte. Und nun, sage mir, welche gute Tochter würde gereizt, gekränkt sein und eine ganze Nacht hindurch weinen, wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht, einen Theil ihrer Kleider zu verschenken an Personen, die es bedürfen, besonders wenn die Tochter ein Herz hat, wie Du, das sie selbst schon zu solchen Handlungen bestimmt?

Ich will mich nicht vertheidigen, sagte Emilie, aber ein wenig muß es mich entschuldigen, wenn Sie daran denken, daß eine Tochter Rechte hat, die ihr andere Empfindungen geben. Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag erfüllt, so gibt sie mit der Mutter, da ich nur von dem Ihrigen mittheile.

So habe ich es denn nicht erreichen können, sagte die Gräfin, daß Du mir in Liebe angehörest, Du siehst unser Verhältniß, ich möchte sagen, juristisch an; sind es denn bloß die Bande des Blutes, auf die sich Rechte gründen? Gibt nicht die Liebe eben so heilige? Ich fühle, setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu, ich habe einen bösen Samen in Dein [188] Herz gestreut. Ach! rief sie mit einem unendlich schmerzlichen Ausdruck, wenn ich nicht mehr bin, wirst Du es vielleicht einsehen, was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armuth erzeugt hat, und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen.

Vergeben Sie mir nur, rief Emilie, indem sie sich laut weinend in ihre Arme warf.

Du sprichst von Rechten, sagte die Gräfin wieder mild. Wenn uns ein unglückliches Schicksal aller anderen Hülfsmittel beraubte und uns ganz auf uns zurückwiese, hätte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben, Deine jüngeren Kräfte in Anspruch zu nehmen, und würde ich Dich nicht kränken, wenn ich Hülfe und Dienstleistungen von Dir zurückwiese, oder in diesen Zeichen Deiner Liebe aus mißtrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhängigkeit fände?

O Gott! rief Emilie. Warum, fuhr die Gräfin fort, willst Du mich denn kränken und die Zeichen meiner Liebe mißverstehen? Vergeben Sie mir nur, wiederholte Emilie. Die Gräfin küßte sie zärtlich und sagte dann mit Güte scherzend: Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zurückgekehrt ist, so mache nun, daß die Spuren der Thränen aus den Augen verschwinden, damit nicht St. Juliens ängstliche Blicke fragen, welch ein Unheil Dir widerfahren ist; zwar in dessen [189] Brust hättest Du gestern vielleicht ein gleichfühlendes Herz gefunden, er hat viel von Deiner Empfindlichkeit.

Sie spotten meiner mit Recht, sagte Emilie erröthend. Nein, im Ernst, erwiederte die Gräfin lächelnd, ich wollte auch nicht, daß der Graf Dich um die Ursache Deiner Thränen fragte, Du würdest doch ein wenig um die Antwort verlegen sein.

Die Vereinigung der Gemüther wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen befestigt und inniger als je, wie es nach jeder kleinen Störung geschah.

Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer, daß sie eine Nacht in Kummer und Thränen hingebracht, und damit gewissermaßen die besten Menschen angeklagt hatte; und die Gräfin beschloß, die Bitterkeit nie wieder in sich aufkommen zu lassen, die, wie sie sah, so nachtheilig auf diejenigen wirkte, die sie am zärtlichsten liebte. Sie beschloß zu vergessen, was eine lange Vergangenheit Schmerzliches enthielt, und dieser Vorsatz wurde in demselben Augenblicke gestört, denn der Graf trat mit St. Julien in den Saal. Der Anblick des jungen Mannes, der heiter lächelnd die Frauen begrüßte, schien in der Gräfin gewaltsam ein geliebtes Bild aus längst verflossener Zeit hervorzurufen, und nur mit Mühe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung einstimmen, der heute die kleine Gesellschaft belebte.

[190] Nach dem Frühstück eilte Jeder die nöthigen Anordnungen zu treffen, um dem Obristen Thalheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen. Der Graf sendete die erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel, um den alten Mann gegen die Kälte zu schützen. Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit für seine Tochter. Die Gräfin sorgte nun dafür, daß die nöthigen Möbel nach dem eine halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden, und Dübois wurde von ihr beauftragt, Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen; er war, wie immer, so auch hier der Vertraute der Gräfin und kannte also die Lage des Obristen; daher hieß ihn sein natürliches edles Gefühl Alles vermeiden, was bei der neuen Einrichtung als prächtig hätte auffallen können, weil er wohl wußte, daß das Gemüth dessen, der Unterstützung bedarf, dadurch schmerzlich verwundet wird, wenn die Unterstützung den Anschein von Prahlerei gewinnt; eben so sorgfältig vermied er den Anschein von Vernachläßigung, und es mangelte bald in dem freundlichen Hause nichts, was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer Familie erforderlich ist. Emilie fuhr selbst mit hinüber, und ordnete die Wäsche und Kleider in den Schränken, und es wurde beschlossen, daß Dübois die Ankommenden diesen Abend erwarten sollte. Die Zimmer waren behaglich erwärmt, ein anmuthiger Wohlgeruch schwebte durch[191] alle, denn Dübois hatte nicht versäumt, sie mit feinem Räucherwerk zu durchräuchern; ja selbst mehrere blühende Staudengewächse hatte er aus den Treibhäusern des Grafen hinüber geschafft, trotz der Schwierigkeit, sie auf dem Wege gegen die Kälte zu schützen, um damit das Zimmer zu schmücken, welches er für die Tochter des Obristen bestimmte. Endlich war Alles bereit; auch für ein einfaches Abendessen war gesorgt, und der Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer, um jedes einzeln zu betrachten, als der Wagen vorfuhr. Schnell eilte er, seiner Schuldigkeit gemäß den Obristen an der Thüre des Hauses zu empfangen, und schien die wehmüthige Verlegenheit nicht zu bemerken, die Vater und Tochter ergriff, als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte, und sie nun beide in höchst ärmlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmückten Zimmer standen. Früher, als nöthig gewesen wäre, ließ Dübois das Abendessen anrichten, um die Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen, die nicht recht wußten, wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Muth hatten, sich als die Bewohner des Hauses zu fühlen. Das Abendessen ging still vorüber und wurde in der Spannung, in der sich Alle befanden, kaum berührt; nur als Dübois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten Manne entgegen duftete, konnte [192] er sich nicht enthalten, mit einiger Begierde das Glas zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu schlürfen; die Wärme des Weins durchdrang seine Glieder und theilte ihm jene Ermattung mit, die man beinah eine wollüstige Empfindung nennen könnte; er ließ es daher ohne Widerrede geschehen, daß der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer führte, welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte, und machte keine Einwendungen dagegen, daß Dübois für diesen Abend das Geschäft eines Kammerdieners übernahm. Er wollte, als er zu Bett gebracht war, noch Manches denken und in seiner Seele ordnen, aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen scheuchte alle Gedanken zurück. Er dehnte sich mit wehmüthigem Entzücken auf seinem bequemen Lager aus, er fühlte die glänzend weißen feinen Betttücher und die seidne Decke mit den Fingern an, er wollte sein heutiges Lager mit dem gestrigen vergleichen, aber Gedanken und Gefühle gingen in dem seligen Vergessen unter, welches der Vorbote eines erquickenden Schlafes ist.

Therese war im Speisezimmer zurück geblieben und erwartete mit Schüchternheit Dübois Rückkunft. Die Veränderung ihrer Lage war so groß, daß sie sich betäubt fühlte und deßhalb noch nicht Muth zur Freude gewann; als endlich der Haushofmeister zurück kam, schlich sie zum Lager des Vaters, der schon im sanftesten, Schlummer ruhte; sie [193] küßte leise seine Stirn und folgte nun Dübois, der ihr die übrigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlüssel einhändigte, worauf er für heute ehrerbietig Abschied nahm.

Als sich Therese allein befand, hob sie die Hände dankend zum Himmel empor, und Thränen des Entzückens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen; es schien ihr ein Traum, der täuschend ihre Seele umfing, und sie fürchtete zu erwachen; endlich, als sie sich gesammelt hatte, ging sie noch einmal durch alle Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude; sie öffnete die Schränke und bemerkte mit dankbarem Erstaunen, wie großmüthig und zartsinnig für jedes Bedürfniß des Hauses gesorgt war, auch rührte es sie bis zu Thränen, als sie Alles vorfand, was zur Kleidung der Frauen aus besseren Ständen gehört.

Nach einem stärkenden Schlummer erwachte Therese am andern Morgen. Dübois hatte für die nöthige Bedienung gesorgt; sie wählte eine einfache Morgenkleidung, und fühlte sich bewegt und erhoben zugleich, als sie sich wieder in Gewänder gekleidet sah, wie sie ihr in früheren Zeiten nothwendig erschienen waren. Als sie nun ihr Zimmer verließ, fand sie Alles zum Frühstück bereitet, und sie näherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters; Alles war darin still, und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz, sie fürchtete, die plötzliche Umwandlung seiner Lage könne zu heftig auf ihn gewirkt haben, [194] sie öffnete daher behutsam die Thür des Kabinets und näherte sich leise dem Lager des schlummernden Greises. Er lag mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, aber seine Lippen bewegten sich wie im flüsternden Gebete, und zwischen den grauen Wimpern drängten sich Thränen über die gefurchten Wangen, die ähnliche Tropfen in Theresens glänzenden Augen hervorriefen. Sie beugte sich über den alten Vater und küßte mit inniger Liebe seine gefalteten Hände. Der Greis öffnete die noch thränenfeuchten Augen und lächelte entzückt bei dem Anblick seines schönen Kindes.

Meine gute Tochter, sagte er mit bewegter Stimme, es stärkt mein Herz, daß Deine Erscheinung wieder Deiner würdig ist; laß uns Gott innig dafür danken, daß wir aus dem höchsten Elende erlöst sind, denn niemals habe ich Dich ohne zu schaudern in der Tracht der höchsten Dürftigkeit betrachten können. Der Obrist wünschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt, als er bemerkte, mit welcher Zartheit sowohl für seine Bedienung, als für alles zur bequemen Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war. Nach dem Frühstück gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer, und bewunderten mit dankbarer Rührung die Anmuth und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung. Endlich ließ sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine Tochter neben sich, [195] die erschrocken zu ihm aufblickte, weil sie seine Hand zittern fühlte und hohen Ernst über sein Gesicht verbreitet sah.

Mein Kind, sagte der Obrist, wir dürfen unsere Pflicht nicht vergessen, wir müssen unsern Wohlthätern unsern Dank darbringen für so viele Güte; Du fühlst, mein liebes Kind, fuhr er fort, indem er die Hand der Tochter ängstlich drückte, wie schwer mir dieser Gang werden muß; so tief die Dankbarkeit in meiner Seele ruht, so sehr ich unsern edeln Freund verehre, so wird mir altem Manne dennoch das Förmliche in der Aeußerung meiner Dankbarkeit schwer, das mich, wie man es auch betrachten mag, dem Bettler gleich stellt, der für ein empfangenes Almosen dankt. Mißversteh mich nicht, fuhr er fort, als er bemerkte, daß die Tochter reden wollte, ich verkenne den Grafen nicht, aber bist Du überzeugt, daß er auch uns kennt? Ihn hat uns seine Art, wie er gegen uns handelt, vollkommen kennen gelehrt, wir können mit reiner Empfindung einen so edeln Mann bewundern und eben deßwegen von ihm annehmen, was uns seine Güte bietet, aber kennt er auch uns? Weiß er, ob wir seiner Freundschaft würdig sind? Ihn hat allein unsere Noth bestimmt, uns wohl zu thun, und darin liegt das Peinliche unserer Lage; wir sind ihm gegenüber Arme und nicht Freunde; der Freund kann die Güter des Lebens mit dem Freunde theilen, er weiß, der Freund ist[196] überzeugt, er würde, wenn das Verhältniß umgekehrt wäre, eben so handeln, und will nichts weiter, als die Liebe, die innige Achtung des Freundes; aber der Arme, ach, mein liebes Kind! er empfängt bloß, und der Geber, der ihn nicht kennt, weiß noch nicht, ob er jemals seinen Schützling in einen Freund wird verwandeln mögen; er weiß nicht, ob das Herz des Empfangenden nicht zu jeder edeln Empfindung unfähig ist, und deßhalb ist die äußere Dankbarkeit, die es so schwer fällt auszuüben, unerläßlich.

Ich dächte, erwiederte Therese, ich könnte die Hand des Grafen mit inniger Liebe, ohne peinliche Empfindung küssen. Auch ich, sagte der Obrist, kann seine Hand mit zärtlicher Bewunderung drücken, aber hast Du daran gedacht, daß damit unsere Pflichten noch nicht erfüllt sind? Hast Du vergessen, daß er vermählt ist, und daß wir also der Gräfin einen Besuch machen müssen? Therese senkte die Augen, ein peinliches Gefühl hob ihren Busen, der Schmerz zuckte um den schönen Mund und sie küßte schweigend die Hand des Vaters, die noch in der ihren ruhte. Beide fühlten, daß sie sich ohne Worte verstanden, denn jetzt erinnerte sich Therese an Alles, was sie und ihr Vater früher über die Gräfin gehört hatten, und zwar aus einem Munde, dessen Tönen die schöne Therese nicht ohne Parteilichkeit gelauscht hatte.

Der junge Graf Hohenthal nämlich, ein Verwandter [197] des Grafen, war in dem Hause des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden. So lange das Regiment, bei welchem er als Rittmeister diente, in der Nähe stand, hatte der junge Mann keine Gelegenheit versäumt, sich dem Obristen zu nähern, und die gleichen Ansichten über viele Verhältnisse des Lebens, der gleiche Haß gegen Frankreich, hatte sie bald in Freunde verwandelt, so weit die Verschiedenheit des Alters dieß erlaubte. Bei der Vertraulichkeit, die sich auf solche Weise gebildet hatte, geschah es, daß der Rittmeister zuweilen seine Familienverhältnisse berührte und sich dann jedes Mal mit großer Bitterkeit über die Gräfin äußerte. Er hatte von ihr behauptet, daß sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden habe, der im unrechtmäßigen Besitze des ganzen Vermögens der Familie sei, und daß sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte; deßhalb habe sie ihren Gemahl bestimmt, sich immer in der Ferne aufzuhalten, und ob er gleich ohne Kinder sei, habe sie ihn doch dazu vermocht, daß er niemals das Geringste für die dürftigen Mitglieder der Familie gethan habe; eben so hatte er oftmals ihres unmäßigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens, wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet würden; ja, er hatte erwähnt, daß sie einen unversöhnlichen Haß gegen ihren einzigen Bruder trüge und sich auch niemals die kleinste Annäherung habe [198] gefallen lassen, so viele Versuche dieser Bruder auch gemacht habe, dem diese Familienzwiste höchst schmerzlich wären. Der Rittmeister hatte zwar niemals Gelegenheit gehabt, die Gräfin kennen zu lernen, aber da er alle Nachrichten über ihren Charakter von seinem Vater hatte, so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben.

Diese Erinnerungen waren es, welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken stimmten, und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschließen, sich fertig zu machen, um einen Besuch abzustatten, der so peinlich auf ihr Gefühl wirken konnte. Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Rathschläge ertheilen, wie sie bei dem vermuthlich sehr stolzen Empfange der Gräfin sich zu betragen habe, als Beider Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande abgezogen wurde durch das lustige Geläute von Schellen, wodurch sich annähernde Schlitten ankündigten. Sie traten zum Fenster und sahen mit Ueberraschung, daß zwei Schlitten durch das kleine Thal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem Hause hielten. Ein Herr sprang aus dem einen, und sie erkannten sogleich den Grafen, der zweien Damen die Hand bot, und alle drei waren bald eingetreten, um den Obristen und seine Tochter zu begrüßen. Der Graf umarmte den Obristen und sagte, indem er freundlich dessen Hand schüttelte: meine Gemahlin wollte sich selbst überzeugen, [199] ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt, und zugleich meine Nichte mit ihrer künftigen Freundin bekannt machen. Der Obrist konnte nicht sogleich Worte finden, er hatte sich die Gräfin durchaus anders gedacht; er fand keine Spur von Härte und Stolz, sie behandelte ihn mit der Wärme und Achtung, wie man einen alten Freund der Familie empfängt; sie drängte ihm nicht das Gefühl ihrer Wohlthat durch ein zu ängstliches Fragen auf, ob Alles seinen Wünschen entspreche, sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gespräch über frühere Zeiten, über den König Friedrich den Zweiten, für den sie seine Verehrung aufrichtig theilte, und hatte so bald jede Spannung aufgehoben, die erst die Gesellschaft zu drücken schien.

Emilie hatte bald den Weg zu Theresens Herzen gefunden; Beide hatten, ohne den Genuß des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin, einsam gelebt, und Beide verlangten daher zu sehnlich danach, sich diesen Genuß zu verschaffen, als daß sie aus Zurückhaltung lange hätten einander fremd bleiben können. Es war leicht zu bemerken, daß Therese manche Kenntniß nicht hatte, die Emilie besaß; auch nicht die zierlichen Arbeiten der Frauen aus den höheren Ständen waren ihr bekannt, denn sie hatte in ihrer drückenden Lage nicht einmal Gelegenheit gehabt, sie zu sehen, noch weniger die Mittel, sich das Material zu verschaffen, [200] um solche artige Spielereien zu verfertigen. Ja, sie gestand, daß sie auch das Wenige, was sie von Musik verstanden, vergessen habe, weil das Instrument schon lange verkauft sei, und daß sie auch allen Muth zur Musik verloren hätte, und es ihr eine Sünde würde geschienen haben, die Stimme zum Gesange zu erheben, so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte. Beide junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet, was sie mit einander treiben und lernen wollten. Die Gräfin und der Obrist waren über die meisten Gegenstände ihrer Unterhaltung derselben Meinung, der Graf konnte nun, ohne Furcht, seinen alten Freund zu verletzen, noch alle nöthigen Anordnungen treffen, und Therese sah sich, noch ehe ihre neuen Freunde schieden, an der Spitze einer unabhängigen kleinen Haushaltung, wodurch ihr die Freude gewährt wurde, mit kindlicher Liebe selbst für die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit ihres geliebten Vaters sorgen zu können.

Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schloß. Man las, man machte Musik, man tauschte seine Meinungen gegen einander aus, und der alte Obrist machte, obwohl er alle Franzosen haßte, doch von jeher mit jedem einzelnen, den er kennen lernte, eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger, mit St. Julien dieß zu thun, weil dieser durch seine persönliche Liebenswürdigkeit ihn ganz für [201] sich einnahm, ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons, weil der junge Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte. Für Dübois, der mehr wie ein Mitglied der Familie, als wie ein Diener derselben betrachtet wurde, empfand der Obrist bald die Achtung, die sein Charakter jedermann einflößte, der ihn näher kennen lernte, und als die Gräfin sich sogar entschloß, zuweilen Theil an einer Partie L'Hombre zu nehmen, welches der Obrist mit großem Vergnügen spielte, so heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung völlig auf, und er sagte einige Mal seiner Tochter: Ich würde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glücklich leben, wenn sie nicht die Schwachheit hätten, dem Prediger alle Ungezogenheiten nachzusehen; selbst der alte verständige Dübois muß zuweilen recht an sich halten, wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt, ja, ich glaube, wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte, daß die Gräfin den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann, er würde sogar mit seiner Pfeife in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt, wer weiß, was geschehen könnte, wenn nicht zum Glücke der Narr, der Doktor, da wäre, zu dem er gehen und rauchen kann.

Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen, Therese hatte sich vom überstandenen Kummer erholt, ihre Wangen rötheten sich, ihre Augen gewannen ihr eigenthümliches [202] Feuer wieder, und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb, so konnte sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lächeln. Alle Fähigkeiten, die in ihrer Seele geschlummert hatten, begannen sich zu entwickeln, so daß Emilie über die Fortschritte erstaunte, die ihre junge Freundin machte, und beide sich immer inniger an einander anschlossen. Der Obrist bemerkte es nicht ohne Rührung, wie herrlich sich die Schönheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten, da der Druck der Armuth von diesem theuern Haupte genommen war. Er schloß dieß geliebte Kind eines Abends in seine Arme, und die Augen nach oben gewendet, rief er: Jetzt, Vater im Himmel, kann ich ruhig sterben, da ich mein Kind in Sicherheit weiß! Können Sie mich so kränken, daß Sie vom Sterben sprechen, rief Therese weinend, nun, da ich hoffe, daß wir noch viel glückliche Tage mit einander leben werden? Das wollen wir auch, mein Kind, sagte der Obrist; aber willst Du mir es nicht gönnen, daß ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann, da ich Dich sonst, als Du schutzlos warst, mit Verzweiflung betrachtete. Du kennst nicht das Gefühl eines Vaters, setzte er seufzend hinzu, der fürchten muß, daß er sein Kind hülflos und einsam in der harten Welt zurücklassen muß. Wenn jetzt der Himmel über mich verfügt, gehst Du zwar weinend, aber nicht verzweifelnd vom Grabe Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde. [203] Seit ich die Gräfin kenne, bin ich über Dein Schicksal ruhig, und ich werde um so länger leben, schloß er, indem er lächelnd mit den Locken der Tochter spielte, weil ich mein Ende ruhig abwarten kann.

Es schien, als ob die Sorge, welche die Gräfin für Theresens Ausbildung trug, sie selbst manchen Kummer vergessen ließ; sie erheiterte sich sichtlich in dem Umgange ihrer Kinder, wie sie beide junge Frauenzimmer nannte. St. Juliens Gesundheit befestigte sich täglich mehr, und der Graf bemerkte oft, er werde schmerzlich die Lücke in seinem Leben fühlen, wenn der endliche Friede den jungen Mann bestimmen würde, nach seiner Heimath zurück zu kehren. Auch der Gräfin war der junge Mann sehr lieb geworden, und nur noch zuweilen kehrte die Bewegung wieder, die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte; wenn er sie unvermuthet anredete, oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten, dann schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen, die sie nur mit Anstrengung bekämpfte. In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt, und wenn es auch nicht möglich war, ohne Kummer das unsägliche Elend zu betrachten, welches durch den Krieg über diesen Theil von Deutschland gebracht wurde, so gab es doch Stunden, in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab.

In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter [204] am vorigen Abend das Schloß verlassen; die jungen Leute hatten sich verabredet, Göthes Tasso den folgenden Abend zu lesen. Die Gräfin hatte dem Obristen versprochen, wenn es sein könnte, seine l'Hombre-Parthie so einzurichten, daß nicht der Geistliche sein Mitspieler sein müsse. Er freut sich zu gemein, versicherte der Obrist, wenn er ein gutes Spiel hat, spielt die Karten auf bäurische Weise aus, macht sehr schlechten Witz dabei und hält sich deßhalb für einen liebenswürdigen Spieler; gewiß, wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft gänzlich von der Leidenschaft für das Spiel heilen wollte, man brauchte es nur zu zwingen, täglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen. Die Gräfin scherzte beim Frühstück eben darüber, daß der Doktor, den sie anstatt des Geistlichen zum Mitspieler bestimmte, den Obristen nicht besser befriedigen würde, als man den Galopp eines Pferdes hörte, und gleich darauf der Arzt athemlos mit glühenden Wangen und mit Schweiß bedeckt in den Saal stürmte. Was giebt es? rief ihm der Graf bestürzt entgegen. Wir sind verloren! rief der Arzt, das Schloß wird gleich von Soldaten besetzt werden. So, sind Franzosen in der Nähe? rief der Graf, indem er aufsprang. Nein, keine Franzosen, Preußen sind es, keuchte der Arzt. Nun, sagte der Graf, dann sind es ja Freunde und wir haben nichts zu fürchten.

[205] Nichts zu fürchten? jammerte der Arzt; hätten Sie nur die Reden gehört, die sie geführt haben; der Herr Prediger trieb mich hieher, damit Sie sich, wo möglich, entfernen möchten, um nicht den Wirkungen der Verläumdungen zu unterliegen.

Der Graf sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder, zog dann hastig die Klingel und beschied Dübois eilig zu sich. Guter Dübois, redete er ihn an, ich weiß, ich kann auf Sie in jeder Lage rechnen, gehen Sie zum Kapitain St. Julien und halten Sie ihn auf jeden Fall auf seinem Zimmer zurück, welche Unruhe auch hier entstehen mag; sagen Sie ihm, dieß sei mein ausdrücklicher Wille, und bleiben Sie zur Sicherheit bei ihm.

Wir erwarten hier jeden Augenblick preußische Truppen, fuhr er fort, als er sah, daß der Haushofmeister ihn mit Verwunderung betrachtete; thun Sie ja, was ich Ihnen auftrage, und weichen Sie auf keinen Fall davon ab. Er hatte den Grafen noch nie so in Bewegung gesehen; eben wollte dieser die Frauen bitten, sich zurück zu ziehen, als eine Eskadron in den Hof sprengte, den Führer an ihrer Spitze. Die Gräfin erschrak, ihr fielen die verbreiteten Gerüchte ein, und sie sah an des Grafen Anordnungen, daß er Unannehmlichkeiten erwartete; sie stützte sich auf die Lehne eines Stuhls und erwartete mit Spannung die Dinge, die [206] da kommen würden. Emilie war blaß, sie ahnete dunkel, die Gräuel des Krieges würden nun hier beginnen. Der Arzt hatte sich entfernen wollen, doch ein Blick auf die Gräfin schien in ihm eine Erinnerung hervor zu rufen; seine Seele kämpfte offenbar mit einem großen Entschluße; auf einmal schien dieser Entschluß gefaßt, er trocknete den Schweiß von seinem Gesicht ab, blieb und erwartete das ungeheure Schicksal, das ihn nach seiner Meinung jetzt treffen mußte. Das Klirren der Sporen und des nachschleppenden Säbels im Vorsaale wurde vernehmbar, die Thüren wurden mit Heftigkeit geöffnet, und herein stürmte ein junger erhitzter Krieger und rief, ohne auf die Frauen zu achten: Wo ist der Herr des Hauses?

Ich bin der Graf Hohenthal, sagte der Graf, und Sie sind in meiner Wohnung.

So sind Sie es also, rief ihm der Rittmeister vor Zorn glühend zu, der sein Vaterland den Feinden verräth, Sie zeigen den Franzosen alle Vorräthe an, Sie lassen sie durch alle Schluchten führen, Sie halten die Spione in Ihrem Hause verborgen; nun, da Sie so wacker für die Feinde gesorgt haben, so werde ich auch hier wahrlich nicht schonen; die Pferde, die meinen Leuten gefallen sind, müssen hier ersetzt werden; Ihre Hafervorräthe nehme ich in Beschlag; meine[207] Leute müssen bewirthet werden, und den Spion liefern Sie freiwillig aus oder ich brauche Gewalt.

Der Graf bekämpfte den Zorn, der in ihm aufstieg, und sagte mit scheinbarer Gelassenheit: Es ist jetzt nicht der rechte Augenblick, meinen Charakter gegen Sie zu vertheidigen, ich werde mir Ihren Namen ausbitten, um dieß in der Zukunft zu thun; das Unglück der Monarchie fühlen wir Alle gleich schmerzlich, und was das Vaterland und seine Krieger von meinem Eigenthume bedürfen, steht ihnen zu Gebote, deßhalb mögen Sie meine Pferde nehmen, wie alle Hafervorräthe. Für die Bewirthung der braven Truppen werde ich sorgen, so gut es angeht; was steht weiter zu Ihrem Befehl?

Ich verlange, daß Sie den hier im Hause verborgenen Spion ausliefern, sagte der Rittmeister etwas gelassener in Folge des würdigen Benehmens des Grafen.

Wen bezeichnen Sie mit einer so schimpflichen Benennung? fragte der Graf.

Den französischen Offizier, rief hitzig der Rittmeister, der unter dem Vorwande einer Krankheit sich hier im Hause aufhält.

Unter dem Vorwande einer Krankheit? rief der Arzt, den der Graf nicht mehr zurück halten konnte; Vorwand nennen Sie seine Krankheit? rief er noch einmal, indem er den Kopf auf die linke Schulter senkte und die blitzenden [208] Augen auf den Rittmeister richtete. Mir hat er sein Leben zu verdanken, aus dem Rachen des Todes habe ich ihn gerissen, setzte er hinzu, und ich werde, ich muß ihn und den Herren Grafen gegen jede Verläumdung vertheidigen.

Ich verlange die Auslieferung des Franzosen, rief der Rittmeister, was gehen mich Ihre Narrheiten an?

Narrheiten! schrie aufs Aeußerste beleidigt der Arzt. Gehören Sie zu den Barbaren, die Kunst, Wissenschaft und Menschenliebe vereinigt Narrheit nen nen? Der Arzt hatte im Eifer seiner Rede alle Furcht vergessen und war dem Rittmeister so nahe getreten, daß dieser sich von Neuem gereizt fühlte und mit funkelnden Augen dem Arzte zurief: Kommen Sie mir nicht so ungezogen nahe, wenn ich Sie nicht zum Fenster hinaus werfen soll.

Der Graf warf einen glühenden Blick auf den Offizier, und indem er den Arzt mit der augenblicklichen großen Kraft des Zorns wie ein Kind bei Seite schob, sagte er: Sie werden Niemanden zum Fenster hinauswerfen, so lange ich lebe; über meinen Leichnam geht der Weg, um meine Hausgenossen zu beleidigen.

In dem Augenblicke, als der Offizier etwas Heftiges erwiedern wollte, wurde die Thüre geöffnet; ein alter Wachtmeister zeigte sich, der dem Rittmeister eifrig winkte; dieser [209] schritt durch den Saal und ging nach kurzem Gespräch mit dem Wachtmeister eilig nach dem Hofe hinunter.

Die im Saale Versammelten wagten es nicht, einander anzureden, weil sie die Zurückkunft des Offiziers jeden Augenblick erwarteten, als sie Pferdegetrappel auf dem Hofe vernahmen und zu ihrem Erstaunen die ganze Eskadron, den Führer an der Spitze, abreiten sahen.

Was bedeutet dieß? fragte die Gräfin nach kurzem, von Staunen erzeugtem Schweigen.

Das bedeutet, antwortete der Graf nachdenklich, daß Franzosen in der Nähe sind, die uns vermuthlich in größerer Anzahl ihren Besuch zudenken.

XII

Der Auftritt, der eben statt gefunden hatte, war schnell vorüber geflogen und hatte alle Anwesenden, jeden auf verschiedene Weise, so sehr aufgeregt, daß Niemand Worte gefunden hatte, um eine Ansicht zu äußern. Der Arzt stand noch in der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle, wo ihn der Graf im Zorn hingeschoben hatte; man sah, daß er mit dem Entschlusse kämpfte, etwas Bedeutendes zu sagen; endlich näherte er sich dem Grafen, der in Nachdenken versunken war, und sagte mit Haltung und unterdrücktem Gefühl: Ich muß meinem Herzen Luft machen; ich muß meiner [210] Empfindung Worte geben; edler Mann, verehrter Herr Graf, Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet, denn wäre ich diese Höhe hinunter geflogen, wie der Barbar drohte, auf den gepflasterten Theil des Hofes hier unter dem Fenster, so war es um mich geschehen, denn mit solcher Gewalt hätte er mich nicht werfen können, daß ich dort den Rasen im Fallen erreicht hätte. Es war meine Pflicht, Sie gegen die Verläumdung zu vertheidigen; ich habe auch immer geglaubt, daß Sie meinen männlichen Charakter gehörig würdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der Gefahr zutrauen würden, eine Verläugnung, ähnlich der des Apostel Petrus, fügte er mit einem Seitenblicke auf die Gräfin hinzu; aber ich habe nicht geglaubt, daß ich Ihrem Herzen theuer wäre, daß Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen, Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen würden. Die letzten Worte sprach er mit wankender Stimme und kaum beherrschter Rührung. Diese Handlung, schloß er endlich mit Pathos, bindet mein Geschick an das Ihrige für jetzt und immer.

Der Graf verstand erst nicht recht, was der Arzt wollte, denn er war zu jener Aeußerung am Wenigsten durch ein wärmeres Gefühl für denselben bestimmt worden, er hatte bloß sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefühlt; als er aber endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff, [211] sagte er, über den gutmüthigen Dünkel des Arztes lächelnd: Wir sind oft nicht so böse, mein lieber Doktor, wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben, aber oft auch bei Weitem nicht so gut, wie Sie sich uns vorstellen; deßhalb verdiene ich auch heut Ihren Dank nicht.

Bescheidenheit ist die Krone der Tugend, rief der Arzt begeistert und verließ den Saal, um seine Kranken zu besuchen. Die gutmüthige Einbildung des Arztes hatte dazu beigetragen, die Spannung aufzulösen, in die alle durch die eben erlebte Begebenheit versetzt waren. Lächelnd blickten sich die Zurückgebliebenen an, und Ruhe schien wieder im Schlosse herrschen zu wollen.

Dübois glaubte, da die Truppen den Hof verlassen hatten, daß auch St. Julien nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte; doch fragte er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung, der natürlich seine Ansicht theilte, und bald erschien St. Julien und erschöpfte sich mit dem Grafen in Vermuthungen, um es sich zu erklären, weßhalb das Schloß so eilig von den Truppen geräumt worden sei. Des Grafen Ansicht, daß Franzosen in der Nähe sein müßten, wurde bald bestätigt, denn ein Reiter sprengte in den Hof, den Niemand sogleich für den Prediger erkannte, weil er ganz die gemächliche Art zu reiten aufgegeben hatte und sein Thier zu völlig ungewohnten Kraftäußerungen zwang. [212] Roß und Reiter waren ganz aus der gewöhnlichen Fassung, denn da sich der Geistliche eilig herab warf, ohne, wie sonst, für sein Pferd zu sorgen, so fing dieß ohne Umstände an, auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten Blumenstücke zu zertreten.

Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein, und jetzt, in der Unruhe seines Gemüths, achtete er noch weniger, als sonst auf die höflichen Formen des Umgangs; daher grüßte er kaum die im Saale versammelten Personen und rief dem Grafen zu: Meine Frau und Kinder folgen mir nach, Sie werden hier im Schlosse doch besser aufgehoben sein, als bei mir, die Franzosen sind mir auf den Fersen.

Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf, ob ihn gleich selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte; die große Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Thor des Hofes, von einigen kleineren Equipagen begleitet, die die zahlreiche Familie desselben enthielten. Man hatte kaum für das Unterkommen Aller sorgen können, und der Prediger hatte eben seinen Entschluß ausgesprochen, für seine Person zurück zu reiten, um auf Ordnung zu sehen und so viel als möglich zur Erleichterung der Bauern zu thun, als Emilie ausrief: Ach Gott! dort kommen die Feinde. Alle Anwesenden eilten dem Fenster zu, an welchem [213] Emilie stand, und Alle bemerkten, daß in derselben Schlucht, durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen war, als er den verwundeten St. Julien nach dem Schlosse tragen ließ, ein Funkeln von Waffen sichtbar wurde. In ängstlicher Erwartung waren Aller Blicke dorthin gerichtet; der Geistliche bemächtigte sich eines vorhandenen Fernrohres und theilte laut seine Bemerkung mit: Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus; Wer kann sie diesen Weg geführt haben? Das muß ein Einheimischer sein, ein Fremder hätte ihn nie gefunden. Es sind Reiter, fuhr er fort, im Sonnenschein sehe ich es deutlich; jetzt biegen sie hier herum; sie kommen zum Schloß; am Ende hätte ich besser gethan, meine Familie nicht hieher zu bringen. Auch Equipagen sind in dem Zuge; Der dort mit dem großen Federbusch wird wohl der General sein. Was? Auch eine Dame zu Pferde und ein schwarzgekleideter Herr neben dem General? Wo soll das Alles unterkommen, und Gott weiß, ob nicht schon unterwegs Viele untergebracht sind; am Ende ist mein Haus schon voll wilder Menschen, die mir Alles zerschlagen und verzehren, und wie soll ich nun durch den Haufen zurück? Er sprach immer fort, das Fernrohr noch lange vor sein Auge haltend, ob es gleich nicht mehr nöthig war, denn Jedermann konnte schon längst ohne dessen Hülfe bemerken, wie ein bedeutender Zug Kavallerie sich dem [214] Schlosse näherte. Der Anführer ritt jetzt an der Spitze, zu seiner Rechten eine Dame in Reitkleidern, die mit großer Sicherheit zu Pferde saß und den Kopf nach allen Seiten hin wendete, so daß der Wind mit den wallenden Federn ihres Hutes spielte. Zur Linken des Anführers ritt ein junger Mann in schwarzer Kleidung, der, als der Zug sich schon dem Baumgange näherte, der zum Schloß führte, sich zurückzog, indem er sich vor dem Anführer ehrerbietig neigte; als er deßhalb den Hut abnahm, wurde sein dunkel gelocktes Haar sichtbar, und der Graf glaubte den jungen Mann zu erkennen, den er damals auf dem Meierhofe bei dem Verwalter antraf, mit dem er des Obristen Thalheims Rechnung berichtigte. Die den französischen Anführer begleitende Dame und der junge Mann begrüßten einander mit großer Vertraulichkeit, als der Letzte sich von dem Zuge trennte.

Der Graf wendete sich jetzt nach dem Saale zurück und bemerkte, daß die Gräfin bleich und bebend auf die ankommenden Feinde schaute, und Emilie sich ängstlich an sie schmiegte. Lassen Sie uns nicht die Fassung verlieren, meine Lieben, sagte der Graf, und eilig berathen, was nun geschehen muß. Diese, ach! diese Truppen, sagte die Gräfin mit dumpfer, kaum hörbarer Stimme; auch Dübois, der in den Saal getreten war, schien ungewöhnlich bleich und [215] blickte ängstlich auf die Gräfin. Der Graf hatte nicht Zeit über den Eindruck nachzudenken, den die ankommenden Feinde auf seine Hausgenossen machten. Er rief der Gräfin zu, sich zurück zu ziehen, die stumm Emiliens Arm nahm und mit ihr hinauswankte. St. Julien konnte nicht begreifen, wie die Annäherung der Franzosen einen so entsetzlichen Eindruck machen könne, wie er ihn an der Gräfin bemerkte, wenn er auch begriff, daß sie als Feinde unwillkommen sein mußten. Auch Sie bitte ich, sagte der Graf zu ihm, fürs Erste mit Dübois den Saal zu verlassen, ich und der Herr Prediger, wir wollen die neuen Gäste empfangen.

Kaum hatte man diese wenigen Anordnungen treffen können, als der französische General, von seinem Gefolge umgeben, die Dame zu seiner Rechten, in den Hof einritt. Man konnte wohl bemerken, daß die Feinde gut unterrichtet sein mußten, denn sie hatten den Verwalter des Guts schon in ihrer Mitte und zwangen ihn, ihnen die für die Pferde nöthigen Vorräthe anzuzeigen; auch gab ihm der General selbst in gebrochenem Deutsch den Befehl, die vorhandenen Pferde auszuliefern, damit der Wagen der Dame neu bespannt werden könnte; das Schloß, so endigte sein Befehl, nehme ich in Besitz, so lange ich hier verweile. Der Verwalter, ein ziemlich unterrichteter Mann, stellte dem General [216] in französischer Sprache vor, da der Graf und seine Familie hier sei, so würde seine Excellenz doch gewiß darauf Rücksicht nehmen. So lange ich hier bin, bin ich Ihr Herr, antwortete der General ebenfalls französisch, und Sie haben dafür zu sorgen, daß alle meine Befehle pünktlich befolgt werden. Ihr Graf mag es lernen, sich in dieser Zeit ohne sein Schloß und ohne seine Diener einzurichten. Er war mit diesen Worten abgestiegen; ein Adjudant bot der Dame die Hand, und der General rief diesem zu: Sorgen Sie zunächst für die Zimmer von Madame. Ich werde selbst für mich sorgen, erwiederte die Schöne mit dreistem Lächeln und hüpfte an der Hand des Adjudanten die Treppe hinauf.

Der General stieg nun ebenfalls, langsam, von vielen Offizieren umgeben, mit Würde die Treppe hinauf. Der Pfarrer fühlte, wie sein Herz innerlich bebte, als das Klirren der vielen Sporen sich dem Saale näherte. Er hatte vom Fenster aus bemerkt, in welcher Schnelligkeit die Feinde von allen Nebengebäuden und allen Vorräthen, die sie enthielten, Besitz genommen hatten; er fürchtete nun für sich, für seine Familie und auch für den Grafen und dessen Hausgenossen.

Die Flügelthüren des Saales wurden geöffnet, der General trat herein und der Graf ihm mit Anstand entgegen. [217] Ich weiß es, Herr General, daß der Krieger im Kriege oft genöthigt ist, mit Härte seine Bedürfnisse zu fordern, doch bin ich von französischen Kriegern überzeugt, daß sie jeden Druck vermeiden werden, den nicht die Umstände gebieten.

Der General schwieg einen Augenblick und betrachtete den Grafen zweifelhaft. Ihr Name, sagte er endlich, ist Ihr Name nicht Hohenthal? Der bin ich, sagte der Graf und blickte nun ebenfals verwundert auf den General. Mein Gott! rief dieser, indem er beide Arme nach dem Grafen ausstreckte, kennen Sie mich denn nicht wieder? Es ist ja unmöglich, theurer Freund, daß das Andenken an mich ganz bei Dir verlöscht ist; muß ich mich denn nennen, hast Du denn alle heitern Stunden in Paris vergessen? Clairmont! rief der Graf mit Erstaunen. Derselbe, bester Graf, erwiederte der General, indem er ihn herzlich in seine Arme schloß.

Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte endlich der Graf lächelnd, Vieles hat sich seitdem geändert, und es ist nicht leicht, in dem General Clairmont den heitern, schlanken, tanzenden Clairmont, meinen damaligen Freund, wieder zu erkennen, und gewiß hättest Du es damals wohl nicht geglaubt, daß Du jemals unter Umständen, wie die gegenwärtigen, mein Gast sein würdest. Gewiß, gewiß nicht, sagte der General und sah sich mit einiger Unruhe [218] nach seinem Adjudanten um. Erlaube, sagte er drauf zum Grafen, ein kleines Dienstgeschäft. Der Graf zog sich zurück, und der General trug dem Adjudanten auf, jede Gewaltthätigkeit zu verhindern, alle Vorräthe unberührt zu lassen, Alles, so viel als möglich, in die Nebengebäude einzuquartieren und sich überhaupt so zu betragen, als ob sie zum Besuch bei einem Freunde wären.

Der Adjudant eilte, diese, den früheren so entgegen gesetzten Befehle zu ertheilen, und der General wendete sich wieder zu dem Grafen. Hätte ich nur ahnen können, sagte er, daß dieß Dein Schloß wäre, mein alter Freund, so hätte ich Dich zwar besucht, aber nicht mit so ansehnlicher Begleitung, nicht auf Kriegsfuß; aber man hat Dich mir nur immer als den reichen Grafen, ohne Dich zu nennen, bezeichnet, und da dachte ich dann, – ich dachte, man könne es sich hier etwas bequem machen, ohne daß ich nach Deinem Namen fragte.

Der Adjudant kehrte zurück; der Befehl zu schonen war etwas zu spät gekommen; die Vorräthe waren schon unter die Truppen vertheilt, noch etwas Wein hatte der Adjudant retten können, weil man ihn zum Gebrauch des Generals zurück gelassen hatte, und auch die Pferde des Grafen hatte er wieder nach dem Stalle zurück führen lassen. Die dem [219] Prediger gehörigen hatten noch keinen Liebhaber gefunden und waren also ebenfalls gerettet.

Indem der General noch mit der Verlegenheit hierüber kämpfte, zeigte sich Dübois an der Thüre und winkte mit ängstlichen Mienen dem Grafen. Der General bemerkte es und fragte mißtrauisch: Es giebt doch keine neue Unordnung durch meine Leute? Und als Dübois statt aller Antwort mit den Achseln zuckte, rief er: Reden Sie, wenn, was Sie zu sagen haben, Jemanden aus meinem Gefolge betrifft. Wenn es Ew. Excellenz denn befehlen, sagte der Haushofmeister zögernd, so muß ich berichten, daß die gnädige Frau Generalin die Zimmer der Frau Gräfin und des Fräuleins in Besitz genommen und unsere Damen daraus verdrängt hat, so daß Alle, auch die Frau Predigerin, nun in das kleine Zimmer der Haushälterin zusammen gedrängt sind, wo die Frau Gräfin krank auf dem Bette liegt; ich wollte nun um den Befehl des Herrn Grafen bitten, um zu erfahren, was zur Erleichterung und Bequemlichkeit der Frau Gräfin geschehen kann. Eine dunkle Röthe, hervorgerufen von Scham und Zorn, verbreitete sich über das Gesicht des Generals. Führen Sie mich nach dem Zimmer der Frau Gräfin, rief er dem Haushofmeister zu. Voran! ich folge Ihnen. Dübois that, wie ihm befohlen worden, und schritt voran; der General folgte und der Graf schloß sich an, um wo möglich [220] einen unangenehmen Auftritt zu verhindern. Dem Prediger wäre es unmöglich gewesen, zurück zu bleiben, auch wenn ihm Jemand diese Qual hätte auferlegen wollen; er folgte also ebenfalls den Uebrigen.

Als dieser Zug das Zimmer der Gräfin erreichte, fanden sie die junge Dame, welche den General zu Pferde hieher begleitet hatte, vor dem Spiegel sitzen. Sie hatte das Reitkleid schon ausgezogen, und hatte um den entblößten Busen und die Schultern einen durchsichtigen Musselin geworfen, der bei jeder Bewegung enthüllte, was er scheinbar verhüllen sollte. Diese leichte Tracht erregte ihr keine Verlegenheit, obgleich drei bis vier Bediente im Zimmer waren, die Schachteln und Pappkasten aller Art herauf gebracht hatten, aus deren Inhalt ihre Gebieterin einen reizenden Anzug wählen wollte. Die eben gebrauchte Schminke stand noch vor ihr, und sie war damit beschäftigt, einen Zweig Rosen in ihre dunkeln Locken zu befestigen, als der General eintrat, dem sie zärtlich entgegen lächelte. Lassen Sie mich meine Kleidung vollenden, bat sie ihn, ehe ich Ihnen zur Tafel folge.

Nicht hier ist Ihr Ankleidezimmer, sagte der General mit Härte, folgen Sie mir dahin, wo Sie hingehören; und all der Kram uns nach! rief er den Bedienten zu. Er ergriff nach diesen Worten ziemlich unsanft die Hand seiner [221] Freundin und führte sie mit Gewalt in ihrer leichten Tracht nach dem Saale; die noch nicht recht befestigten Rosen hingen herunter, schlugen bei dem eiligen Schritte, zu welchem der General sie zwang, die Wangen der Schönen; die Bedienten rafften Reitkleid, Schminke, Blumen und Schachteln unordentlich zusammen, und folgten dem Zuge, der auf diese Weise in die Mitte des Saales gelangte, wo der General die Hand der Dame plötzlich los ließ und dem Grafen sagte: Du wirst gewiß die Güte haben, dieser Person ein Zimmer anweisen zu lassen.

Mit ungewissen Blicken betrachtete der Graf die junge Dame und sagte: Wenn Madame Deine Gemahlin ist, – Wenn Madame meine Gemahlin wäre, so würde sie sich wie eine Frau von Stande zu betragen wissen.

Dieß Wort klärte die Sache auf, und der Graf befahl, daß man ihr im untern Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte. Eben wollte sie, von den Bedienten, die ihre Schachteln trugen, begleitet, den Weg dahin antreten, als der Prediger zu ihr trat und sie folgendermaßen anredete: Ich habe meinen Augen nicht trauen wollen; ich habe es nicht für möglich gehalten, daß ich Sie unter solchen Umständen hier antreffen könnte. Kann man so durchaus jedes Gefühl der Scham und Dankbarkeit verläugnen.

Die junge Person hatte verlegen vor sich nieder geblickt; [222] da aber jetzt Alles auf sie einstürmte, so fand sie auf ein Mal den Muth zur Frechheit wieder, und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete, sagte sie: Ich wüßte doch nicht, Wem ich hier so viel Dank schuldig wäre; doch wohl Ihnen nicht dafür, daß Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen? Der Pfarrer wollte etwas erwiedern, aber der General, bei dem die Neigung für seine Geliebte wiederkehrte, so wie das Gefühl der Beschämung über ihr Betragen verschwunden war, machte es ihm unmöglich, indem er seine Schöne bei der Hand nahm und sagte: Komm, mein Kind, ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer führen.

Er verließ in dieser Absicht mit ihr den Saal, und der Graf konnte sich nun an den Pfarrer mit der Frage wenden, Wer denn eigentlich die junge Person sei? Mein Gott, rief dieser, Lisette ist es, des alten Schuftes, des Lorenz, Tochter. Man fand nicht Zeit, sich zu verwundern; der Graf eilte, die Gräfin wieder in Besitz ihrer Zimmer zu setzen, wohin sie krank und matt gebracht wurde, den Grafen dringend bittend, es zu vermeiden, daß sie gezwungen würde, den General zu sehen, wenn er etwa darauf kommen sollte, ihr einen Besuch machen zu wollen.

Als der Graf in den Saal zurückkehrte, fand er den General und den Prediger darin auf und abgehend, und er [223] hörte eben, wie der Letztere das Versprechen empfing, daß die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zurück gezogen werden sollten. Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte Vertraulichkeit der früheren Zeit erneuert worden, und der Letztere theilte dem feindlichen Anführer St. Juliens Begebenheit mit, sammt den Gründen, die ihn zu der Bitte bestimmten, den jungen Mann nicht zu nöthigen, seinen Fahnen zu folgen. Der General sah es ein, daß sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt werden könnte, wenn er den jungen Mann entließe und die preußische Regierung ihn jemals wieder in Anspruch nehmen könnte; aber, schloß er seine Rede, da dieser Fall nicht eintreten kann, so vermag ich auch Deine Besorgniß nicht zu begreifen.

Wie verstehst Du das? fragte der Graf mit Erstaunen. Glaubst Du denn in der That, erwiederte der General sehr gelassen, daß der Kaiser Napoleon die Großmuth so weit treiben wird, die preußische Monarchie wieder herzustellen, die schon vernichtet ist, und daß er zu diesem Behuf dem Könige Provinzen zurück geben wird, die wir schon besitzen?

Niemals war es dem Grafen eingefallen, daß es in dem Plane des französischen Kaisers liegen könnte, Preußen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen, und es erschütterte [224] deßhalb sein Innerstes, daß Jemand ihm gegenüber ein so ungeheures Unglück so gelassen aussprechen konnte. Könnte ich glauben, erwiederte er dem General, daß dieß Entsetzliche eintreten könnte, es würde mich zur Verzweiflung bringen. Ich kann begreifen, daß Ihr in Frankreich mit Gleichgültigkeit den Wechsel der Regenten, den Austausch der Länder betrachtet; Ihr habt so vielen Wechsel erlebt; Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu, als daß sie tiefe Wurzeln hätten schlagen können; Ihr würdet Euch ebenfalls trösten, wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten.

Halt! rief der General, lästre den Kaiser nicht, sprich nichts Hochverrätherisches in meiner Gegenwart; die Bourbons werden Frankreichs Boden nie wieder betreten.

Ich wollte nur sagen, erwiederte der Graf, daß diese Begebenheit nicht außerhalb der Gränzen der Möglichkeit liegt, und daß Euer Kaiser, so hoch das Glück ihn auch emporgehoben hat, selbst dazu beitragen kann, sie wirklich zu machen; denn meinst Du, wenn unser Unglück so groß sein sollte, daß wir dieß Mal gänzlich erliegen müßten, und die Macht von Rußland nicht hinreichen sollte, Euern Sieg zu hemmen, daß dann nicht ein neuer Muth eben aus der Verzweiflung entstehen würde? Glaube mir, Jeder würde sein ganzes Vermögen, seine Seelenkräfte und sein Herzensblut [225] daran setzen, das Vaterland zu retten und auf dessen Thron den angestammten König, der zu uns gehört, wie wir zu ihm, wieder zurückzuführen. Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegenträten, die Alle ein Gefühl, ein Gedanke begeisterte, von denen Jeder entschlossen wäre, wenn es sein muß, rühmlich zu unterliegen, aber nie von seinem Platze zu weichen, werdet Ihr dann auch diese besiegen können? Und wird nicht vielleicht dieß Gefühl sich aller Länder bemeistern, die Frankreich in Fesseln hält? Und wäre es dann nicht möglich, daß der Stern, der Euch jetzt leitet, verschwände und Ihr Eure alte Bahn suchtet? Ich bitte Dich, sagte der General mit einem mitleidigen Lächeln, laß uns nicht über Politik sprechen, ich darf Deine Aeußerungen nicht anhören, die nur Dich verderben können, ohne uns im Mindesten zu schaden. Ich will zu Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen, bis dieser Krieg geendigt ist und der Friede, der nicht lange ausbleiben wird, uns belehrt hat, wessen Ansicht die richtige war.

Der Graf fühlte selbst, daß es besser sei, dergleichen Gespräche zu vermeiden, und ließ St. Julien bitten, die Gesellschaft zu vermehren, indem er zugleich die Damen entschuldigte, die durch die Krankheit der Gräfin abgehalten würden, zu erscheinen. Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung zu gewähren, weil er sich nach dem, [226] was vorgefallen war, der Gräfin gegenüber unbehaglich gefühlt haben würde; auch seine Begleiterin erklärte, nicht erscheinen zu wollen, und so waren die Männer dieß Mal bei der Tafel allein, und der General benuzte die größere Freiheit, die dadurch entstand, als der Wein ihn etwas begeisterte, zu manchen Scherzen, die die Gegenwart der Frauen unmöglich gemacht haben würde, und es schien seine Heiterkeit zu erhöhen, wenn er solche witzige Einfälle an den Geistlichen richten konnte, der nicht recht den Muth hatte, sie abzuweisen, weil er den feindlichen General fürchtete, und sich doch empfindlich gekränkt fühlte, daß er seine geistliche Würde so verletzen lassen mußte.

Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schützen, indem er diesen an die früheren Zeiten erinnerte, die sie miteinander in Paris verlebt hatten, und sich nach manchen Bekannten erkundigte, die damals zu ihrem Kreise gehört hatten. Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck, daß der General gleichzeitig beinah über jeden berichtete, der ist in jener Schlacht geblieben; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht; den raffte eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg; so, daß kaum zwei oder drei als Lebende bezeichnet wurden, die sämmtlich einen bedeutenden Rang in der Armee erreicht hatten.

Es macht mich schwermüthig, rief der Graf, wie vieles [227] Leben untergehen muß, um die Pläne eines Einzelnen zur Ausführung zu bringen, und da beinah Alle, mit denen wir damals lebten, in Staub zerfallen sind, so frage ich mit Bangigkeit nach dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, und von dessen Schicksal ich, seit wir uns trennten, nichts habe erfahren können. Was ist aus dem jungen Evremont geworden.

Die Heiterkeit, mit welcher der General bis jetzt über den Tod aller Jugendbekannten gesprochen hatte, verschwand plötzlich aus seinen Zügen, und es schien, als ob in der Frage des Grafen ein Zauber läge, wodurch auch die Wirkung des Weins aufgehoben würde, denn ernst und nüchtern erwiederte er: Mit dieser Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurück, und alles Entsetzen, welches damals meine Brust erfüllte, droht mich von Neuem zu ergreifen. Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen, fuhr dann damit über die Stirn und sagte: Traurig hat unser junger Freund geendigt, und ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren können. Du verließest Paris, als die entsetzlichen Auftritte begannen, die unsere Revolution täglich hervorrief. Der alte Graf Evremont, der Vater unseres Freundes, hieß es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gerücht behauptete, er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte [228] man behaupten, er sei abwesend, als er plötzlich in Paris erschien und sich allenthalben öffentlich zeigte. Er ließ es sich gefallen, daß ihn Niemand mehr Graf, sondern Alle Bürger Evremont nannten. Es war die Rede davon, daß er bei der Armee angestellt werden sollte, als er auf ein Mal wieder verschwand; man behauptete, er sei emigrirt, und seine noch vorhandenen Güter wurden eingezogen, denn es ergab sich, daß Vieles verkauft war. Ich theilte die allgemeine Ansicht, daß er sich zur Condéschen Armee begeben habe, und dachte in Jahren nicht weiter an ihn.

Die Hinrichtungen waren damals häufig in Paris, und es war die traurige Pflicht des Dienstes, in solchen Fällen einen Platz um die Guillotine zu besetzen; so wurde auch ich eines Morgens beordert, diese Pflicht mit meiner Compagnie zu erfüllen. Es waren mehrere unglückliche Schlachtopfer schon gefallen; ich hatte mich von dem scheußlichen Anblick abgewendet, und ich begreife noch nicht, welche innere Macht mich zwang, mich endlich nach dem Schaffot hinzuwenden; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen, die geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte. Ich wollte rufen: Evremont! aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust; in demselben Augenblick ertönte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung, daß alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkürlich [229] nach der Seite hinwendeten, von woher der Schrei ertönte; auch meine Augen folgten der allgemeinen Richtung, und ich sah einen Augenblick zwei blendend weiße Arme nach dem Schaffot ausgestreckt, ein todtenbleiches Gesicht einer Frau mit wahnsinnigem Ausdruck; ein zweiter Schrei ertönte, und die Gestalt sank zurück und war mir in der Menge verloren. Als ich mich wieder nach dem Schaffot wendete, hatte unser unglücklicher Freund geendet, und sein edles Blut strömte dampfend hinunter. Ich gestehe Dir, sagte der General, nachdem Alle eine Zeitlang geschwiegen hatten, an diesem Tage kam mir die Revolution, der ich sonst mit ganzer Seele anhing, gräßlich vor; ich beweinte unsern Freund mit bittern Thränen, ich glaubte nicht, daß ich, nachdem ich dieß erlebt hatte, jemals wieder heiter werden könnte, und doch, was ist der Mensch mit seinen Freuden und Schmerzen? Ich überwand dieß, wie vieles Andere und wurde wieder mit dem Leben vertraut.

Und jene unglückliche Frau? fragte der Graf mit ungewisser Stimme.

Ich habe niemals erfahren, Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm stand, erwiederte der General; seine Schwester aber war es nicht, fügte er hinzu, die würde ich erkannt haben. Dabei fällt mir ein, fuhr er lächelnd fort, es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch, diese [230] Schwester mit Dir zu verbinden, und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt; wie hat sich denn doch Alles anders gestaltet; oder sollte die Gräfin, Deine Gemahlin vielleicht –

Meine Gemahlin ist eine Deutsche, versetzte der Graf. Nach meiner Abreise von Paris hatte ich bald jede Spur des unglücklichen Freundes, wie seiner liebenswürdigen Schwester verloren; die Zeit beruhigte mich nach und nach über den Verlust, und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten, hegte ich noch immer die Hoffnung, ich würde ihn, den ich so herzlich liebte, einmal plötzlich wieder erblicken; ja, so wie Du mir heute unvermuthet erschienst, so träumte ich oft, würde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich als herzlicher Freund in seine Arme schließen.

Und er wäre eine willkommenere Erscheinung gewesen, sagte lächelnd der General.

Sei nicht ungerecht, erwiederte der Graf, und tadele es nicht, wenn das traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt, den wir Beide liebten. Das ist der Fluch der Revolutionen, fuhr er mit bewegter Stimme fort, daß sie das Edelste hinwegraffen, daß sie den tugendhaftesten Bürger und den gemeinsten Bösewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern, und beider Blut oft auf gleiche Weise vergießen.

Das ist wahr! rief der General, und sind wir denn nun [231] nicht dem großen Geist unendlichen Dank schuldig, der dieß blutige Ungeheuer fesselte, der Ruhe und Sicherheit in alle Familien zurückkehren hieß und Frankreichs Söhne auf eine Bahn des Ruhms leitete, so kühn, so glänzend, wie die Geschichte kein Beispiel bietet?

Es wäre ungerecht, sagte der Graf, eine entschiedene Größe nicht anerkennen zu wollen, auch wenn wir sie im Feinde bewundern müssen, aber glaube mir, fügte er lächelnd hinzu, wir alle haben noch kein Urtheil über Napoleon; dieß müssen wir der unpartheiischen Nachwelt überlassen; wir sind zu sehr in der Gegenwart befangen; diejenigen, die er im kühnen Laufe seines Glücks mit sich erhebt, werden ihn vielleicht zu sehr bewundern, und die, die er als egoistischer Sieger schonungslos drückt, werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen; nur die Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern, Was wirklich groß in Euerm Helden erscheint, und auch anerkennen, daß er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher Selbstsucht war.

Du übernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt, sagte der General empfindlich, und urtheilst, ob Du gleich behauptest, daß wir nicht urthei len können.

Wir können uns über diesen Gegenstand nicht verstehen, erwiederte der Graf, indem er freundlich die Hand seines Freundes faßte, jeder von uns müßte seine Lebensansichten [232] und Erfahrungen aufgeben, wenn er zu der Meinung des Andern übertreten sollte, darum laß es uns erwarten, ob nicht auch uns die Zukunft in dieser Hinsicht wieder näher zusammen rückt.

Du meinst, sagte der General gereizt, wenn die Bourbons wieder über Frankreich herrschen, wenn alle alten Anmaßungen wiederkehren, wenn – Ich meine gar nichts, sagte der Graf ihn unterbrechend, als daß wir die Zeit unseres Beisammenseins nicht in unnützen Streitigkeiten verlieren sollten. Darin hast Du Recht, erwiederte der General, wir wollen nichts, gar nichts mehr über Politik sprechen, bis nach dem Frieden, der uns vielleicht auf eine andere Weise näher zusammenrückt, als Du vorhin meintest.

Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen, und St. Julien bat den General um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer; hier trug er ihm die Bitte vor, einen Brief an seine Mutter zu besorgen.

Ich darf eigentlich gar nicht wissen, daß Sie hier sind, sagte der General; da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist, und Sie doch keinen Antheil an den Gefechten nehmen können, so will ich Sie hier als krank zurücklassen und Ihren Brief besorgen, den Sie mir morgen abgeben müssen, da wir übermorgen weiter ziehen, um uns der großen Armee anzuschließen. St. Julien fühlte sich beschämt [233] und gekränkt, daß er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte; ihn ängstigte der Gedanke, daß der General sein Zurückbleiben für Feigheit halten könnte, und er setzte ihm deßhalb sein ganzes Verhältniß zum Grafen auseinander und bat ihn, selbst zu enscheiden, ob er sein dem Grafen gegebenes Wort verletzen könne.

Der General hörte mit Rührung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig die edle schonende Weise, mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet worden. Sie wären ohne den Grafen verloren gewesen, sagte er endlich, also sind Sie gewissermaßen sein, und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen; auch bin ich überzeugt, dieser Krieg wird bald beendigt sein, dann werden Sie uns zurückgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen, um sich Ruhm zu erwerben. Aber nun erklären Sie mir, schloß er seine Rede, wie kam es, daß man Sie, getrennt von der Armee, in dieser hülflosen Lage einsam fand?

Eine dunkle Röthe bedeckte St. Juliens Gesicht, er schwieg verlegen und stotterte endlich: es war eine Ehrensache, ein Duell, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich will nicht weiter in Sie dringen, sagte der General kalt, die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein, daß sie sich aufrichtig mittheilen läßt. Geben Sie mir morgen Ihren Brief. Hiemit entließ er den jungen Mann, der, aufs Tiefste verletzt, sein [234] einsames Zimmer suchte, um den Schmerz zu verbergen, der sein Herz zerriß, da er sah, wie er von dem General verkannt wurde, der offenbar zu glauben schien, daß wenig ehrenvolle Gründe ihn zum Schweigen bestimmten.

Der Arzt war indessen auf dem Schlosse angekommen und berichtete, daß das Unglück viel gelinder vorüber ginge, als man hatte vermuthen können. Anfangs, rief er, ja Anfangs, da sah es freilich übel aus; die Franzosen kamen wüthend wie die Tigerthiere; Der forderte Wein, Jener wollte Braten und Fisch, und die Verwirrung war grenzenlos, denn die armen unvernünftigen Bauern verstanden nicht einmal, was ihre Gäste wollten; diese nahmen ihre Zuflucht zu Prügeln, um sich verständlich zu machen; die Weiber fingen an zu heulen; die Kinder kreischten dazwischen; kurz, es war ein Getöse, als ob die Welt untergehen sollte. Zum Glück war ich gegenwärtig, fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort; ich, der niemals seine Pflichten versäumt, wenn die Erfüllung derselben auch mein Leben in Gefahr bringen sollte, ich besuchte heute wie immer meine Kranken, und auch zu dem Schmerzenslager drang das wüste Geschrei. Da ich nun französisch verstehe, so konnte ich wie eine wohlthätige Gottheit zwischen Feinde und Bauern treten; ich bewirkte, daß die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten, indem ich ihnen die Unmöglichkeit zeigte, daß der Bauer nicht geben könne, [235] was er nicht hat; und ich erklärte den Bauern die Bedürfnisse ihrer Gäste; diese hörten auf zu prügeln, und die Weiber, statt zu heulen, deckten die Tische. Die Feinde wurden guter Laune und die Gemüther näherten sich; dabei fand es sich, daß einige Franzosen krank sind, die Feldapotheke ist aber schlecht versehen, und der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit; auch hier kann ich heilbringend dazwischen treten; ich habe, was er bedarf; ich werde ihm selbst die nöthigen Arzneien hinbringen, und er wird meinen Rath benutzen; den Bauern aber habe ich befohlen, für Kraftbrühen für die Kranken zu sorgen.

Auch dafür, sagte der Graf, wird besser hier im Schloß gesorgt werden können.

Das ist wahr, rief der Arzt, auch Feinde sind Menschen, die Wissenschaft macht keine Unterschiede, ich muß sie wieder herzustellen suchen, und wollen sie so undankbar sein, wenn sie durch meine Hülfe ihre Glieder wieder brauchen können, sie zu unserem Schaden zu benutzen, so ist das ihre Sache, die sie verantworten mögen.

Der General war wieder zur Gesellschaft zurückgekehrt und hatte des Arztes Bericht, von diesem unbemerkt, gehört. Er verstand im Ganzen seine Mittheilung und lächelte über die seltsamen Geberden, womit er seine Rede begleitete. Jetzt, rief der lebhafte Arzt, muß ich erst sehen, wie es mit [236] Herrn St. Julien steht, und dann zurück zu meinen Franzosen. Er wendete sich schnell und bemerkte nun, daß der General dicht hinter ihm gestanden hatte, und da er, nachdem er sich gewendet hatte, in die Augen des feindlichen Anführers blickte, so sprang er vor Schrecken, St. Juliens erwähnt zu haben, drei Schritte zurück. Ich Unglücklicher! rief er aus, welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen! Der General, der ihn errieth, sagte: Beruhigen Sie sich, ich lasse Ihnen Ihren Kranken, Sie sind ein braver Mann, wenn auch etwas sonderbar, lächerlich würden wir in Paris sagen, aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht bloß etwas seltsam genannt werden.

Der Arzt war erstaunt und empört zugleich, daß man ihn lächerlich finden könnte, und die dunkle Röthe seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten, daß er etwas Heftiges antworten wollte; der Graf, der ihn errieth, lenkte jedoch seinen Zorn ab, indem er ihn erinnerte, daß er heute St. Julien noch nicht besucht habe, und ihn auch bat, sich nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen. Der Arzt eilte hinaus, diese doppelte Pflicht zu erfüllen, und der General sagte, als er den Saal verlassen hatte, zum Grafen: Das scheint eine gutmüthige Karrikatur. Du hast Deinen Haushalt recht vollständig auf den Fuß der guten alten Zeit eingerichtet, [237] denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte, wie es scheint, zugleich einen Hofnarren.

Wir müssen es unsern Besiegern gestatten, sagte der Graf lächelnd, unsere gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen, wie es ihnen gut scheint, und haben kein Recht oder wenigstens keine Macht, ihre Freimüthigkeit zu beschränken.

Nimm es nur nicht übel, sagte der General gutmüthig, daß ich meine Meinung ohne Umstände aussprach; aber gewiß muß man sich erst an die wunderlichen Manieren Deines Arztes gewöhnen, ehe man seine guten Eigenschaften gehörig würdigen kann, und mit einem Französisch ist der Mann behaftet, daß ich es, in welcher Gegend der Welt ich auch war, noch niemals barbarischer vernommen habe.

Und grade dieß, sagte der Graf, ist sein Stolz. Er ist überzeugt, daß er wie ein geborner Pariser spricht; sein Ohr hört gar keinen Unterschied.

Nun siehst Du, erwiederte der General, Du mußt seine Narrheit ja selbst zugeben.

Der Prediger konnte sich in der Nähe des Generals gar nicht behaglich fühlen, und es war ihm also sehr erwünscht zu vernehmen, daß die Rückkehr nach sei nem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei; er beschloß daher, seine Familie auf dem Schlosse zu lassen, wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze des feindlichen Generals am Sichersten [238] glaubte, und kehrte mit dem Arzte nach dem Dorfe zurück, um selbst zu sehen, wie es den Bauern erginge.

Alles war hier in vollkommener Ruhe, die französischen Soldaten hatten sich überzeugt, daß die Bauern bereit waren, sie so gut als möglich zu bewirthen; da sie die Vorräthe der Häuser selbst untersucht hatten, so wußten sie, wie weit sie ihre Forderungen ausdehnen könnten, und waren genügsamer geworden.

Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten, fingen sie an, mit den Kindern zu spielen oder ihrem Wirthe in seinen häuslichen Beschäftigungen zu helfen. Einige suchten sich eine Violine und einen Baß zu verschaffen, um in der Schenke zum Tanze zu spielen; denn die jüngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden gegeben, bis sie alle weiblichen Personen, die das Regiment begleiteten, zum Tanze willig gemacht hatten; auch einige Mägde aus dem Dorfe waren überredet worden, und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu, um den Ball zu eröffnen.

Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser, da sie sich durch die vom Schlosse gesendeten Kraftbrühen und durch den guten, ebenfalls von dort erhaltenen Wein sehr gestärkt fühlten.

Der französische Arzt war dankbar für die Arzneien, die ihm sein deutscher Kunstgenosse mittheilte, und der Prediger [239] lud den deutschen wie den französichen Arzt ein, den Abend bei ihm zuzubringen, welches von Beiden bereitwillig angenommen wurde.

XIII

Der andere Tag ging ohne Störung und ohne merkwürdige Vorfälle vorüber. Den folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter, um sich der großen Armee anschließen. Das Geräusch der Waffen der Gehenden und Kommenden war verschwunden, und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das Schloß nieder, als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nähe wütheten.

Der Graf besuchte nun den Obristen Thalheim, den er vom Schlosse entfernt gehalten hatte, so lange die Franzosen dort die Herren waren, denn der alte Krieger würde nicht mit der nöthigen Geduld den Anblick der übermüthigen Sieger ertragen haben. Er theilte ihm zum Troste die Nachricht mit, die sich anfing zu verbreiten, daß endlich die Russen zum Beistande erschienen seien, und man hoffte nun mit Gewißheit, daß Napoleons Macht an dem nordischen Koloß scheitern würde.

Auf St. Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemüths nachtheilig gewirkt zu haben, denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern; seine Wunden entzündeten [240] sich von Neuem, und der Arzt gerieth in Verzweiflung. Emiliens Kummer war sichtbar, wenn der junge Mann so bleich und im Fieber zitternd in der Gesellschaft erschien, und ihre fragenden, theilnehmenden Blicke senkten Balsam in das verwundete Gemüth des Kranken. Der Graf und die Gräfin bemühten sich liebevoll ihn aufzurichten, und Dübois verdoppelte Aufmerksamkeit und Pflege. Selbst der Obrist Thalheim bewies dem jungen Manne aufrichtige Theilnahme und vermied es sogar, in seiner Gegenwart die Franzosen zu verwünschen, so daß nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele zurückkehrte. Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr gelitten, als man Anfangs glaubte, und der Graf mußte auch hier helfend eintreten, wenn nicht einige ganz zu Grunde gehen sollten; er selbst erwähnte seinen eigenen Verlust nicht, ob dieser gleich nicht unbedeutend war.

So war das Weihnachtsfest herbeigekommen, und obgleich Jeder dem Andern kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing, so waren doch alle Gemüther zu sehr gedrückt, als daß eine allgemeine Heiterkeit hätte stattfinden können. Die Feinde waren Herren des Landes, das von ihnen planmäßig ohne Schonung benutzt wurde; die Festungen waren in ihrer Gewalt, und Niemand konnte es sich abläugnen, daß eine große Entscheidung nahe[241] sei, denn, mußte die Macht Rußlands vor der Napoleons weichen, so war es nur zu gewiß, daß er ohne Widerspruch das Schicksal des unglücklichen Landes bestimmen durfte.

Diese traurige Stimmung wurde noch erhöht, als die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete; beinah aller Muth und alle Hoffnungen wurden erschüttert. Die langen traurigen Winterabende trugen dazu bei, die Schwermuth zu erhöhen. Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus der Wirklichkeit hinweg zu flüchten, und in Poesie und Musik den Trost zu suchen, den das Leben in der Gegenwart nicht gewähren konnte.

Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht, die den 7 und 8 Februar bei Eylau geschlagen sein sollte. Das Gerücht verkündigte, die Russen wären die Sieger und Napoleons Armee nach einem fürchterliche Blutbade vernichtet. Wenn auch das menschliche Gefühl die auf Hohenthal vereinigten Freunde zu schaudern zwang über den gräßlichen Untergang so vieler Tausende, so erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude; die Hoffnung regte sich im Herzen; man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes, und wenn man auch ahnete, daß noch manche Kämpfe zu bestehen sein dürften, so faßte man doch Muth nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glücks. Nur St. Julien schlich bei der allgemeinen Freude hinweg; er fühlte mit innigem[242] Schmerz die Niederlage der Franzosen; er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte, der Sieg schien ihm gefesselt an die französischen Adler; er konnte sich die Möglichkeit nicht denken, daß die dreifarbige Fahne rückwärts wiche, und er hoffte also mit Sehnsucht auf bestimmte Nachrichten, die, wie er nicht zweifelte, diesen ersten widersprechen würden. Aber sein Herz war getheilt, er mußte es sich gestehen, daß ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude gewähren würde, weil er seine deutschen Freunde, an die ihn tausend zarte Bande knüpften, so innig schmerzen mußte.

Ueberhaupt hatte St. Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders betrachten gelernt; er hatte mit einem gewissen Leichtsinn, wie beinah alle jungen Leute in Frankreich, Militärdienste genommen; es schwebte ihm dunkel das Bild des glänzenden Ruhmes vor, den er, durch Napoleons Stern geleitet, gewinnen wollte, ein strahlender Name in der Geschichte, und als Lohn im gegenwärtigen Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich. Er hatte sich nie gefragt, weßhalb diese Kriege geführt würden und welchen Zweck sie befördern sollten.

Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden, der ihm das Leben rettete, und hier öffnete sich sein Herz Gefühlen, die ihm dieß Leben verschönerten [243] und ihm bis dahin fremd gewesen waren; denn wie innig er seine Mutter auch liebte, so fühlte er doch, daß er der Gräfin mit größerer Zärtlichkeit ergeben sei. Der Graf flößte ihm nicht nur die Liebe ein, die er für einen Vater empfunden haben würde, wenn er jemals einen Vater gekannt hätte, sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung; er war ihm das Vorbild eines vollendeten edeln Mannes, dessen kleine Schwächen selbst seinen Charakter mehr zierten, als entstellten. Sein empfängliches Gemüth öffnete sich dem Zauber, den die Dichtkunst auf ihn übte, die er durch den Grafen in den Werken aller Sprachen kennen lernte, und er empfand es lebhaft, welchen nie versiegenden Quell der edelsten Genüsse ein gebildeter Geist in sich trägt. Und Emilie! Schon der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen, jeder ihrer Blicke, jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber; er fühlte die glühendste Leidenschaft, die zärtlichste Sehnsucht in seiner Seele und wagte es zu hoffen, daß ein ähnliches Gefühl sich auch in ihrem Busen entzündet hätte.

Unter diesen Umständen war ihm der Gedanke schrecklich, dieß Haus, diese Menschen je verlassen zu müssen, und doch war dieß, sobald der Friede geschlossen war, unvermeidlich, und er schloß sich seinen deutschen Freunden und vor Allen Emilie nur um so inniger an, um über der beglückenden [244] Gegenwart die quälenden Sorgen für die Zukunft zu vergessen.

Es konnte der Gräfin nicht entgehen, daß zwischen St. Julien und Emilie sich das zarteste, innigste Verhältniß bildete; es erfüllte dieß ihr Herz mit Sorgen für die Zukunft ihrer jungen Freunde, und dennoch wagte sie nicht mit Emilien darüber zu sprechen, weil oft eine Leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt, wenn man unbestimmten Gefühlen Wort und Gestalt giebt. Die jungen Leute ferner als bisher von einander zu halten, ließ sich ohne fühlbaren Zwang nicht machen, und dieser würde ein Mißtrauen, welches keines von beiden verdiente, gezeigt haben. Es blieb also der Gräfin nichts weiter übrig, als von der Zukunft, wenn auch mit sorgendem Gemüthe, zu erwarten, wie das Loos ihrer jungen Freunde sich entwickeln würde.

Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde mehrere Tage gelebt; da begann die Hoffnung, welche nach der Schlacht bei Eylau erregt worden war, nach und nach zu sinken. Der Obrist Thalheim, der sich am lebhaftesten gefreut hatte, wurde zuerst bedenklich, da nach diesem großen Schlage keine Veränderung in der politischen Lage fühlbar wurde. Er fing zuerst an den großen Sieg zu bezweifeln, und bald konnte es sich Niemand mehr verbergen, daß zwar ein großes Blutvergießen bei [245] Eylau stattgefunden hatte, aber daß es für keine Partei entscheidend gewesen war. Ein Schimmer von Hoffnung erhielt sich noch; die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr kräftigen Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeuten den Vortheile gewonnen.

Während solcher Spannung kam der Frühling heran. Die Wiesen bekleideten sich mit zartem, frischem Grün; der würzreiche Duft der Veilchen schwebte in den Thälern; tausend Blumen öffneten ihre Knospen und schimmerten der wärmenden Sonne in allen Farben entgegen; die Bäche waren von den Banden gelöst, mit denen sie der Winter gefesselt hatte, und schlängelten sich wie Silberbänder durch das frische Grün; das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die silbernen Stämme, indeß Buchen, Linden, Eichen und alle später sich belaubenden Bäume ernsthaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der lauen Luft wiegten, gleichsam als ob sie das voreilige Thun der andern tadeln wollten.

Noch kein Frühling hatte St. Juliens Herz mit so trunkenem Entzücken erfüllt, als dieser, und Emilie behauptete, ihn in solcher Schönheit noch nie erlebt zu haben; auch Theresens Seele öffnete sich dem holden Zauber, und die jungen Leute vergaßen allen Kummer der Welt, wenn sie auf den nahen Bergen umher schweiften oder durch die [246] blühenden Thäler einem klaren Bache folgten, bis er sich mit Brausen auf die Räder einer einsam gelegenen Mühle stürzte. Die älteren Freunde genossen mit Sorgen die schönen Tage, denn trübe und schwül wie ein Gewitter drückte die französische Macht das Land, und bange harrte man der Zukunft entgegen.

Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen, und wenige Tage danach wurde der Waffenstillstand mit Rußland geschlossen und gleich darauf der mit Preußen. Jetzt mußten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben werden, denn Jedermann konnte voraussehen, daß ein höchst nachtheiliger Frieden diesem Waffenstillstande folgen werde.

In dieser Zeit hörte der Graf mit minderer Theilnahme, als wohl sonst in seinem Charakter lag, die Berichte des Predigers, der schon früher, wie er es versprochen hatte, Erkundigungen über alle Mitglieder der Hohenthalschen Familie hatte einziehen wollen, aber durch die unruhigen Zeiten daran war verhindert worden. Er konnte jetzt dem Grafen mittheilen, daß sein Verwandter, der den Prozeß gegen ihn habe einleiten wollen, in sehr bedrängten Umständen lebe, und daß vermuthlich das so wichtige Dokument, welches der alte Lorenz entwendet hatte, nur dadurch in die Hände des Grafen zurückgekommen sei, weil sein Vetter die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen können, [247] um dem alten Lorenz den Diebstahl zu bezahlen. Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner, daß sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe, der in der Schlacht bei Eylau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem tiefsten Kummer erfüllte, weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe.

Der Graf beschloß nach diesen Nachrichten, sobald es die Umstände erlaubten, mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen.

Es war ein schöner, heitrer Nachmittag in der ersten Hälfte des Juli, als die Gräfin mit St. Julien und Emilie den Obristen Thalheim besuchte, der so sehr von den neuesten Begebenheiten niedergebeugt war, daß man für seine Gesundheit fürchten mußte. Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter durchzusehen und versprach, den Uebrigen zu Pferde zu folgen. Eben waren seine Geschäfte beendigt, eben wollte er befehlen, sein Pferd vorzuführen, als das Schmettern eines Posthorns, das ein vielfaches Echo in dem engen Thale weckte, seine Aufmerksamkeit erregte. Er trat zum Fenster und bemerkte bald, wie ein leichter, glänzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und in den Baumgang einlenkte, der zu des Grafen Schloß führte. Der Wagen flog in den [248] Hof, zwei Bediente sprangen ab, um den Schlag eilfertig zu öffnen, und heraus stieg der General Clairmont, der eilig die große Treppe hinauf sprang und, ehe der Graf, der ihm entgegen ging, noch die Treppe erreichte, schon in dessen Armen lag. Ich mußte Dich noch sehen, mein guter, theurer Freund, rief der General, indem er dem Grafen herzlich die Hände drückte; ich kann nur eine Stunde bei Dir bleiben, ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris, und ich machte den kleinen Umweg mit Freuden, um Dich noch ein Mal zu umarmen.

Der Graf dankte ihm für seine Freundschaft, und da er nur einen so kurzen Besuch ankündigte, so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft, und beide Männer saßen bald in trauliche Gespräche vertieft, zu welcher Unterhaltung der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug.

Weißt Du, rief er endlich, weßhalb ich mit solchem Entzücken nach Paris fliege? Es ist meiner Familie gelungen, eine Verbindung für mich zu schließen, die ich schon einleitete, ehe dieser Krieg ausbrach, und jezt werden meine Wünsche gekrönt; eine der schönsten Damen in Paris ist meine Braut, jung, reich, liebenswürdig, talentvoll und, sezte er mit Gewicht hinzu, von altem Adel. Und die Schöne, die in Deiner Begleitung war? fragte der Graf lächelnd. [249] Ach! rief der General, die lustige Dirne ist fort. Ich wurde bei Eylau, wo es verdammt heiß herging, verwundet, zwar nicht bedeutend, aber ich mußte doch einige Wochen zu Bettliegen; ich vertraute der leichtsinngen Person zu sehr, sie zeigte mir große Liebe, übernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager, und so kam es, daß ich, als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und erwartete, sie werde wie gewöhnlich, mein Frühstück bereiten, erfuhr, sie sei mit einem jungen Manne davon gegangen, der sich auch im Lager aufhielt und den sie für ihren Bruder ausgegeben hatte. Als ich nachsehen konnte, ergab es sich denn freilich, daß sie alles mitgenommen hatte, wozu sie hatten kommen können, aber mag es sein, ich fluche ihrem Andenken deßhalb doch nicht; da ich nun eine ernsthafte Verbindung schließen will, so hätte ich sie doch von mir entfernen müssen; und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und einen deutschen Pinsel damit beglücken.

Es konnte nicht fehlen, daß die Unterhaltung bald die Gegenstände berührte, die für Alle die wichtigsten waren, und als der Graf des Waffenstillstands gedachte, rief der General: der Friede ist so gut wie geschlossen, und was ich nimmermehr geglaubt hätte, Preußen besteht noch. Der frühere Plan Napoleons, diese Monarchie gänzlich aus der Reihe [250] der Staaten verschwinden zu lassen, ist aus persönlicher Freundschaft für den russischen Kaiser von ihm aufgegeben worden. Freilich, fügte er lächelnd hinzu, werdet Ihr unschädlich gemacht, die Hauptfestungen bleiben in unsern Händen, eine Besatzung fürs Erste im Lande, aber Ihr besteht doch als Monarchie, und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge etwas Großes zu nennen.

Eine dunkle Röthe des Zorns färbte die Wangen des Grafen, der in dem leichtsinnigen Freunde einen höhnenden Feind zu erblicken glaubte; mit Mühe hielt er sein Gefühl zurück und sagte mit unterdrückter Stimme: Es ist auch etwas Großes, daß Preußen noch besteht, und Wer weiß, was sich in der Zukunft daraus entwickeln kann.

Gewiß, fuhr der General scherzend fort, ohne des Grafen veränderte Stimmung zu bemerken, Manches werdet Ihr Euch jetzt müssen gefallen lassen. Napoleon verfolgt standhaft seinen Plan, England zu verderben, und da dieses Volk am Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann, so müßt Ihr großherzigen Preußen dem Prohibitiv-Systeme beitreten und den Insulanern Eure Märkte verschließen; daraus folgt dann freilich, daß Eure alten Frauen und Kaffeeschwestern Napoleon verwünschen werden, weil er ihre Genüsse stört, aber dieser ohnmächtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschüttern.

[251] Gewiß, sagte der Graf, wäre es thöricht und kindisch von uns, an so armselige Genüsse zu denken, wenn das Vaterland untergeht, und mir scheint, es haben die denkenden Geister so triftige Gründe, so tief gefühlte Ursachen, Eures Kaisers eisernen Scepter zu verabscheuen, daß es dieser kleinlichen Dinge dazu nicht erst bedarf. Aber auch dafür wollt Ihr sorgen, so scheint es, daß auch der arme und beschränkte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegründeten Haß erinnert wird. Es ist ganz etwas anders, fuhr der Graf heftig fort, als er bemerkte, daß der General ihn unterbrechen wollte, wenn einem Volke eine Entbehrung auferlegt wird, die zu seiner Erhaltung dient, deren Nothwendigkeit es selbst fühlt und einsieht, und Frankreich wird vielleicht noch einmal erfahren, welche Entbehrungen die Preußen erdulden können, um ihr Joch abzuschütteln. In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen wäre unmännlich und verächtlich. Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnöde mißbraucht, wenn er, um unausführbare Plane zu verfolgen, den Armen selbst bis in seine häuslichen Einrichtungen verfolgt und drückt, so wird diesem Armen das weitere Nachdenken erspart und sein Haß wird ohne Geistesanstrengung genährt. So oft ein Armer den jämmerlichen Genuß eines angewöhnten Getränks entbehren muß, so oft die Frau eines in seinen Mitteln beschränkten Bürgers daran denken [252] muß, ihren Tisch so zu bestellen, daß sie den Zucker entbehren kann, eben so oft werden alle diese Menschen fühlen, daß ein furchtbarer Despotismus sich auf uns gelagert hat, und es wird der unerträgliche Druck, den Willkühr und Laune gegen das äußere Leben üben, im Volke gewiß einen eben so lebhaften Abscheu, einen eben so glühenden Haß entzünden, wie edlere Gründe bei dem gebildeten Theile der Nation, und wenn Frankreichs Kaiser, wie aus einem Herzen, von allen diesen Millionen verabscheut wird, so muß er unterliegen.

Halt! sagte der General ernsthaft, Dein Eifer führt Dich zu weit und Du bringst Dich in Gefahr, ohne Deiner Sache zu nützen. Ich kann es mir denken, wenn Ihr an Euerm König hängt, daß Euer Herz mit Kummer erfüllt ist. Ich sehe es ein, daß Eure National-Ehre gekränkt ist und dieß könnte auch einen Franzosen zur Verzweiflung bringen, aber wenn ich Dir so viel einräume, so gib auch Du zu, daß solche Rücksichten unsern Kaiser nicht hindern dürfen, sein großes Ziel zu verfolgen, und bedenke, daß die Zeit viel zu aufgeregt ist, als daß ungeahnet Reden, wie Du sie führst, geduldet werden können; bedenke, daß Du Dich dann nicht über Napoleon zu beklagen hast, wenn solche Unbesonnenheiten Dein Unglück herbeiführen, und wenn, wie es scheint, fuhr er lächelnd fort, die Kolonialwaaren zu Deiner Familienglückseligkeit nothwendig sind, so bin ich der Mann, der [253] Dir persönlich die Freiheit verschaffen kann, so viel davon kommen zu lassen, daß Du die Wohlthat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst.

Der Graf mußte lachen, sich so wenig verstanden zu sehen; indeß gab er dem besorgten Freunde darin Recht, daß die gegenwärtige Zeit mehr Vorsicht erheische, und er versprach ihm diese Vorsicht zu üben.

Und nun, rief der General, lebe wohl! Meine Zeit ist gemessen, empfiehl mich Deinen Damen, deren Anblick, wie es scheint, mir versagt bleiben soll, ich mag als Feind oder Freund erscheinen, und doch gestehe ich, ich hätte gern der Frau meine Huldigung dargebracht, die Dich Philosophen zu fesseln vermochte. Nachdem er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte, eilte er die Treppe hinunter, sprang in den geöffneten Wagen, und dahin flog die leichte Equipage durch den Baumgang, und bald schmetterte das Posthorn und weckte das Echo in dem engen Thale von Neuem. Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach, bis sich die Töne in der Ferne verloren.

XIV

Es war ziemlich spät geworden, als der Graf endlich die Wohnung des Obristen erreichte. Man war dort schon über sein langes Ausbleiben ängstlich geworden, und Alle [254] begrüßten ihn mit Herzlichkeit, da er in ihrer Mitte erschien. Der Graf theilte die Ursache seiner verzögerten Ankunft mit, und die Gräfin war froh, daß ein glücklicher Zufall sie begünstigt hatte, und sie, ohne daß es auffallend erschienen, die Gesellschaft des General Clairmont hatte vermeiden können. Der Obrist fragte ängstlich, ob der General nichts über den zu erwartenden Frieden geäußert habe, und als der Graf ihm nun alles mitgetheilt hatte, was ihm selbst bekannt war, rief der alte Krieger mit gefalteten Händen und den Blick gen Himmel gerichtet: Gott sei gedankt, daß doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes bleibt, aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann; in unserm unsäglichen Elende müssen wir den Himmel für diese Gnade preisen. Uns bleibt doch auch unser König, kein Franzose wird uns beherrschen. Ach! fuhr er mit Rührung fort, wenn es möglich ist, daß die Verstorbenen von uns wissen, so muß es den großen Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen, zu sehen, wie das Werk seines Heldenmuthes und seiner Staatskunst untergeht, und durch wen? Durch dieselben Franzosen, die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen Unterthanen vorzog.

Der Graf bemerkte, daß er nur das Allgemeinste über den bevorstehenden Frieden wisse, daß er aber gewiß mit Opfern aller Art werde erkauft werden müssen, und daß zu befürchten sei, daß, wenn die eigne Kraft zu sehr geschwächt [255] würde, dann auch von Rußland für die Zukunft nichts zu hoffen sei. Dieß Unglück, rief der Obrist, mag ich gar nicht denken, ich betrachte jeden Frieden mit Frankreich nur wie einen Waffenstillstand, um neue Kräfte zu sammeln, und der Kampf wird sich immer wieder erneuern, bis endlich der gemeinsame Feind erliegt.

Da der Graf bemerkte, wie peinlich für St. Julien die Unterhaltung wurde, so suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte den Obristen, ob er sich nicht freuen würde, vielleicht nach dem Frieden den jungen Grafen Hohenthal wieder zu sehen, da er gehört habe, er sei früher mit ihm bekannt gewesen? Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachtheilige ein, was der junge Graf so oft über seinen Oheim und dessen Gemahlin geäußert hatte, und er antwortete daher mit Befangenheit, wohl würde es ihn freuen, mit dem jungen Manne wieder zusammen zu treffen, der so oft die trüben Tage seiner Einsamkeit erheitert habe. Der Graf fragte über den Charakter seines jungen Vetters, und obwohl der Obrist nur lobend sich über ihn äußerte, so geschah dieß doch mit so vieler Zurückhaltung, daß der Graf mißtrauisch wurde und glaubte, der Obrist wollte nur aus Schonung für ihn nichts Nachtheiliges über seinen Verwandten sagen.

Theresens Wangen glühten, sie konnte die Zurückhaltung [256] ihres Vaters nicht begreifen; sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar zu sein; sie wußte, wie er über den jungen Grafen dachte, und nun war sein Lob so kalt, so gemessen, daß es beinah wie Tadel klang. Ach, hätte sie das Bild des jungen Mannes entwerfen dürfen, wie es in ihrer Seele lebte, der Graf würde dann nicht ein so gleichgültiger Zuhörer gewesen sein. Wie oft in den Stunden der bittersten Noth hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt, wie auf einmal der junge Held erscheinen, und durch ihn alles unsägliche Elend in Glück und Freude verwandelt werden würde, und nun, da sie ihn mit solcher Kälte mußte loben hören, schien es ihr, als ob die zärtlichen, sinnigen Augen ihres Freundes zu ihr hinüber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten.

Die Gesellschaft trennte sich spät und kehrte in einer schönen, warmen, mondhellen Nacht nach Schloß Hohenthal zurück. Hier erfuhr der Graf, daß der Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewünscht habe; auch berichtete Dübois, daß der geistliche Herr versprochen habe, des andern Tages in der Frühe wieder zu erscheinen. In der That war die Gesellschaft am andern Morgen auch kaum versammelt, als der Pfarrer eintrat, und nach den ersten kurzen Begrüßungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte, die General Clairmont mitgebracht [257] habe, dessen kurzer Besuch auf dem Schloß dem Pfarrer schon bekannt war. Der Graf mußte das schon öfter Mitgetheilte wiederholen, und weder der Prediger noch der Arzt, der auch hinzugetreten war, konnten viel Tröstliches in diesen Nachrichten finden. Der Krieg, sagte der Prediger endlich, hat uns viel Unglück gebracht, und von dem Frieden, scheint es, dürfen wir wenig Gutes hoffen; indeß wird doch wenigstens dann wieder ein geregelter Gang der Geschäfte eintreten; die Menschen werden sich doch regen und wieder erwerben können, und das ist bei der jetzigen allgemeinen Noth immer schon ein großer Trost. Ich werde dann auch wieder für Manche etwas thun können, um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und auch unserem Schulzen hier kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen, wenn alle Behörden erst wieder in Thätigkeit sind. Recht! rief der Arzt, nicht die Sache der Menschheit aufgegeben, durch keine Noth, durch kein Drangsal darf ein edler Geist dahin gebracht werden, auch ich will meine Studien fortsetzen, und wenn der Friede eintritt, werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr fehlen; der Verkehr der Geister wird wieder frei.

Der Graf bewunderte schweigend, welche Armseligkeiten die meisten Menschen zu trösten und zu beruhigen vermögen, [258] und durch welche unbedeutenden Gegenstände ihr inneres Auge von den großen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird.

Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt, und jeder Preuße konnte nicht anders als mit heißem Schmerz die tiefe Herabwürdigung des Vaterlandes betrachten, die in diesem Frieden lag. Er war so drückend, daß es beinah wie Spott klang, diese Uebereinkunft Friede zu nennen. Beinah unerschwingbare Summen mußten bezahlt werden, die Hauptfestungen blieben in Französischen Händen, eine Besatzung im Lande, und das Preußische Heer mußte bis zur Unbedeutenheit vermindert werden.

Ueber die gefurchten Wangen des Obristen Thalheim flossen heiße Thränen, als er die Bedingungen dieses Friedens las. Es ist vorbei, rief er dem Grafen zu, Preußen ist verloren, die Bedingungen können nicht erfüllt werden, dann haben die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren, und wenn durch ein Wunder Alles sollte erfüllt werden können, so bleibt es immer der Großmuth der Feinde überlassen, ob sie gehen wollen, denn wir behalten keine Armeen, sie zu vertreiben.

Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war, suchte er doch seinen alten Freund aufzurichten, indem er ihn darauf aufmerksam machte, daß gerade aus dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln könne, die Niemand noch ahnete. Die [259] nächste Sorge, schloß er, wird sein müssen, die Summen herbei zu schaffen, die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind, und dieß, mein theurer Freund, fürchte ich, wird noch vieles Unglück herbeiführen, denn durch diese Anstrengung werden unzählige Familien verarmen, und doch sind sie durchaus nothwendig, damit die Feinde aus Berlin weichen und der König wieder in der Mitte seiner Unterthanen sein kann.

Ach mein armer König! rief der Obrist, wie muß sein edles Herz bluten, wenn er all das Elend betrachtet, das auf seinen Kinder ruht, denn er liebt sein Volk; er hat das Herz eines Vaters für unsere Leiden, und mit welchen Schmerzen fühlt gewiß die Königin die allgemeine Noth.

Wir müssen, sagte der Graf, das edle Beispiel nachahmen, das unser Königshaus uns giebt. Der König hat seinen Haushalt auf's Aeußerste beschränkt, um die allgemeine Last so viel als möglich zu erleichtern. Wenn wir Alle uns auf das Nothwendigste beschränken und alles Ueberflüssige zum Besten des Staats verwenden, so läßt sich hoffen, daß vielleicht den drückenden Verpflichtungen genug gethan werden kann.

Der Obrist betrachtete den Grafen mit einem traurigen Blick, faßte dann seine Hände und sagte mit bebender Stimme: Der König kann nichts mehr für den Einzelnen thun, es wäre Wahnsinn, es noch zu hoffen; also, theurer [260] Graf, werden Sie niemals den kleinsten Theil aller für mich gemachten Auslagen zurückerhalten.

Sind wir denn noch so kalte Freunde, sagte der Graf in dem Tone sanften Vorwurfs, daß Sie an diese Armseligkeit denken und sich darüber Sorge machen? Lassen Sie uns jetzt den Kummer über unser Vaterland theilen, aber auch die Hoffnung für die Zukunft nicht ganz aufgeben.

Die Freunde trennten sich, und obwohl der Obrist tief über sein Vaterland trauerte, so segnete er doch sein Geschick, das ihm einen Freund zugeführt hatte, der ihn mit starker Hand von dem Abgrunde zurückgezogen hatte, in welchen er beinahe versunken wäre, und dessen Liebe nun sein Alter mild schirmte. Unwillkührlich wurden seine Gedanken Worte, und er rief, indem er die Hand der Tochter drückte: Ja, er handelt gegen mich wie ein liebender Sohn! Die Tochter verstand sein Gefühl und drückte einen Kuß auf die väterliche Hand.

Wenige Tage, nachdem der Friede allgemein bekannt geworden war, erschien der Baron Löbau auf Schloß Hohenthal, um den Grafen, seinen Nachbar, wie er sagte, freundschaftlich zu besuchen. Man bemerkte aber bald, daß mit diesem Besuche noch eine Absicht verbunden sei, und daß er das Gespräch mannigfach wendete, um mit diplomatischer Feinheit seinem Zwecke näher zu rücken; endlich äußerte er, da[261] doch nun der Friede dem Lande wiedergeschenkt sei, so schiene es ihm passend, eine anständige Freude darüber zu bezeigen.

Und aus welchem Grunde, fragte der Graf, kann uns dieser Friede erfreulich scheinen?

Einmal, sagte der Baron mit Verlegenheit, ist doch das Blutvergießen geendigt, und dann, theurer Graf, bester Nachbar, die Klugheit fordert es, daß wir uns erfreut darüber zeigen, daß wir unsern König behalten. Welcher preußische Unterthan, entgegnete der Graf, hat hierüber wohl ein anderes Gefühl, und welcher Mann von Ehre wird ein anderes bei uns voraussetzen?

Ganz gut, sagte der Baron mit wichtiger Miene, aber leider trifft man nicht auf lauter Männer von Ehre. Ich muß es sagen, ob es mich gleich schmerzt, man hat nur zu viel darüber gesprochen, daß Sie, mein bester Nachbar, ein heimlicher Anhänger der Franzosen wären, des guten Herren St. Julien wegen, der bei Ihnen im Hause lebt. Mir ist der Zusammenhang dieser Sache zu genau bekannt, ich habe also allenthalben widersprochen, überall Ihre Partei genommen, aber was ist die Folge davon gewesen? Nichts anderes, als daß man mich für Ihren Mitschuldigen erklärt. Wir müssen also durchaus etwas thun, die Gemüther zu versöhnen, wenn uns diese Ansicht nicht höchst nachtheilig sein [262] soll; kurz, wir müssen ein Friedensfest veranstalten, zuerst mag dieß bei Ihnen geschehen, dann bei mir.

Ich bin gern bereit, sagte der Graf mit Heftigkeit, alle meine Nachbaren und Freunde bei mir zu sehen, aber unmöglich kann ich sie unter dem Vorwande versammeln, als wolle ich mich mit ihnen über einen Frieden erfreuen, der mein Herz mit dem tiefsten Kummer erfüllt.

Thun Sie es unter welchem Vorwande Sie wollen, sagte der Prediger, der zu der Gesellschaft hinzugekommen war, aber ich glaube selbst, daß es gut ist, wenn Sie sich Ihren Nachbarn mehr nähern, denn ich kann nicht läugnen, daß die nachtheiligen Gerüchte, welche der Herr Baron erwähnte, wirklich bestehen, und es ist das letzte Mittel, um zu zeigen, daß man nichts Verdächtiges in seinem Hause hegt, wenn man es einer großen Gesellschaft öffnet.

Wenn es denn sein muß, sagte der Graf empfindlich, daß ich, um mich von Verdacht zu reinigen, meine Nachbarn bewirthe, so mag ein solches Reinigungsfest in des Himmels Namen stattfinden, ich will mich nicht weigern; aber als Freudenfest wegen dieses Friedens will ich es nicht betrachtet wissen.

Bedienen Sie sich eines andern Vorwandes, sagte der Prediger, man wird Ihnen auf jeden Fall dankbar sein, wenn Sie anfangen, die Gesellschaft wieder zu vereinigen, [263] wodurch den Menschen ein Uebergangspunkt von der langen drückenden Traurigkeit während des Krieges zu neuer Heiterkeit gegeben wird.

In einigen Tagen, sagte der Graf, fällt der Geburtstag der Gräfin ein; ich werde also an diesem Tage ein Fest veranstalten, so gut es auf Hohenthal gehen will.

Schön, sagte der Baron; dabei kann auf jeden Fall unter Trompetenschall die Gesundheit des Königs getrunken werden, der Lärm, das Jubeln dabei muß so laut als möglich getrieben werden, um eine bedeutende Wirkung hervorzubringen. Bei mir bleibt es ein Friedensfest, ich beabsichtige damit Mancherlei, worüber ich mich jetzt noch nicht erklären kann. Mit schlauem Lächeln entfernte sich der Baron, nachdem er seine Absicht erreicht hatte. Der Graf hatte nur ungern nachgegeben, ihm schien es nicht anständig, eine laute Freude zu bezeigen bei so viel Ursache zum Kummer; auch glaubte er, selbst die Summe, die für ein solches Fest aufgewendet werden müßte, könne im gegenwärtigen Augenblick besser benutzt werden; indeß, da nun einmal das Versprechen gegeben war, so wurden Einladungen weit und breit versandt. Die Gräfin und Emilie ordneten mit Dübois an, wie die Genüsse dieses Festes aufeinander folgen sollten, und der alte Haushofmeister sorgte viel zu eifrig für die Ehre [264] des Hauses, als daß nicht durch ihn die Wirthschafterin und die Köche gehörig in Thätigkeit gesetzt worden wären.

Während der Beschäftigungen des Schlachtens, Backens und aller anderen Vorbereitungen, die ein großes Fest auf dem Lande erfordert, konnte es der Graf nicht lassen, seinem Mißmuthe dadurch Luft zu machen, daß er zuweilen mit St. Julien darüber scherzte, wie mühselig diese Anstalten zur Freude wären, bei denen doch am Ende Alles auf Essen und Trinken hinaus liefe. Der junge Mann gab ihm Recht, und die Gräfin bemerkte: Es giebt überhaupt sehr wenige Festlichkeiten, bei denen der Genuß im Verhältniß zu der Mühe stände, die die Anstalten dazu verursachen.

Die Aufmerksamkeit wurde auf einen andern Gegenstand gelenkt, als der Prediger kam und dem Grafen einen Brief brachte. Ich kann es mir nicht erklären, sagte der Geistliche, ich habe hier noch einen Brief, der ist von dem alten Lorenz, worin er mich ersucht, ihm seine Pension, die Sie ihm auszahlen, zu übermachen; er fügt zu diesem Zwecke auch die Quittung bei, und mit demselben Boten kommt der Brief an Sie, und dieser Bote ist ein Bauer von dem Gute Ihres Herren Vetters, der mir versichert, der alte Lorenz sei dort auf dem Schloß; auch ist der Brief an Sie mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt.

Der Graf öffnete dieß Schreiben, und es fand sich, daß [265] es von seinem Vetter, dem jungen Grafen, war, der ihm meldete, daß er schon lange das Verlangen gehegt habe, ihm, als seinem Verwandten, seine Hochachtung zu bezeigen, und da nun durch die große Reduktion der Armee er für jetzt verabschiedet sei, so glaube er, die Muße, die ihm dadurch geworden, nicht besser benutzen zu können, als wenn er diesen lang genährten Wunsch befriedige, und so kündigte er sich hiemit für einen der nächsten Tage auf Hohenthal an.

Der Brief war mit so großer Zurückhaltung und trockner Kälte geschrieben, daß er keine gute Meinung für den Verfasser bei dem Grafen erregte, denn er dachte: Ist es für ihn ein so lästiger Zwang, mich zu besuchen, so hätte er es ja unterlassen können, da ihn Niemand dazu aufgefordert hat; macht er aber die Reise trotz seines Widerwillens, so muß eine Absicht damit verbunden sein. Indeß verschwieg der Graf diesen Gedanken und äußerte bloß gegen den Prediger, daß es ihn freue, seinen jungen Vetter kennen zu lernen, der ihm seinen Besuch ankündigte. Ich konnte nicht darauf kommen, setzte er hinzu, ihn zu unserm Feste einzuladen, da ich nicht wußte, daß er schon bei seinen Eltern ist, und auch die Entfernung zu groß ist, als daß man ihn zu den Nachbaren rechnen könnte; der Weg, den er zu machen hat, muß schon eine Reise genannt werden, und ich [266] hoffe deßhalb, er wird sich länger bei mir aufhalten wollen, wenn er auch noch zu unserm Friedensfeste kommen sollte.

Ich begreife nur nicht, was der alte Lorenz dort macht, sagte der Geistliche. Da er kein Dokument mehr verkaufen kann, sagte der Graf mit einiger Bitterkeit, so lassen Sie ihn treiben, was er will. Er händigte hierauf dem Geistlichen die halbjährige Pension des ehemaligen Kastellans gegen dessen Quittung ein, der darauf den Boten am andern Tage zurückzusenden versprach.

Es war am Vorabende des großen Festes, alle Anstalten waren beendigt, und man konnte nun dem verständigen Dübois die Ausführung ruhig überlassen. Jetzt, sagte die Gräfin scherzend zu Emilie, die eben etwas erhitzt und ermüdet eintrat, fängt das Fest für uns schon an; nun brauchen wir für nichts mehr zu sorgen, jetzt ruht die Bürde allein auf Dübois Schultern, der das große Werk gewiß zu unserer Zufriedenheit ausführen wird; also setze Dich nun zu uns und laß uns einmal wieder ein vernünftiges Gespräch führen, wozu seit gestern kein Mensch hat kommen können.

Emilie wollte eben antworten, als man einen Wagen vorfahren hörte. Um Gottes Willen! rief St. Julien, es kommt doch wohl nicht ein voreiliger Gast schon heute. Man [267] eilte zu den Fenstern; der angekommene Fremde war schon ausgestiegen, indeß der leichte, kleine, mit zwei unansehnlichen Pferden bespannte Reisewagen, der Knabe von funfzehn bis sechszehn Jahren, der zugleich Kutscher und Bedienter zu sein schien, dieß Alles deutete auf keinen vornehmen Gast. Die Gesellschaft wendete sich eben nach dem Saale zurück, als Dübois die Flügelthüren öffnete und mit ehrerbietiger Stimme in den Saal hinein rief: der Herr Graf von Hohenthal. Der Angekündigte trat ein, und Aller Augen waren auf einen jungen Mann gerichtet, dessen edler Anstand für ihn hätte einnehmen können, wenn nicht dem schönen, ausdrucksvollen Gesichte alle Freundlichkeit und Milde gemangelt hätte. Er war blaß und mager nach überstandener Krankheit und Anstrengung. Zwischen seinen Augenbraunen ruhte ein Zug, den man hätte feindlich nennen können, wenn nicht die Augen einen Trübsinn ausgedrückt hätten, der zuweilen bis zur wilden Verzweiflung gesteigert schien.

Er näherte sich dem Grafen und sagte, indem er sich mit Kälte verbeugte, er habe den Wunsch nicht unterdrücken können, ihm seine Aufwartung zu machen, und sei schon so frei gewesen, ihm diesen Vorsatz in einem früheren Briefe anzukündigen. Der Graf erwiederte eben so kalt, daß es ihn herzlich freue, einen Verwandten bei sich zu sehen, dessen [268] Bekanntschaft er sich schon lange gewünscht habe; er stellte ihn hierauf der Gräfin vor und machte ihn mit den Hausgenossen bekannt.

Der Gräfin verursachte das Feindliche in der Stellung, welche die beiden Verwandten gegen einander annahmen, die größte Pein, und durch einige herzliche Worte suchte sie sich dem jungen Manne zu nähern, auf die dieser indeß zwar höflich aber mit schroffer Kälte antwortete. Vor St. Julien, als der Graf ihn nannte, beugte er sich kaum merklich, ohne ein Wort zu sagen, der junge Franzose erwiederte den Gruß, wie er ihn empfing, und in wenigen Minuten war eine allgemeine und gründliche Verstimmung entstanden.

Um ein Gespräch anzuknüpfen, erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines neuen Gastes und bedauerte, daß er so viele Jahre außer aller Verbindung mit seiner Familie gelebt habe, so daß ihm alle Verhältnisse derselben fremd geworden wären. Der junge Graf schoß einen feindlichen Blick auf die Gräfin und sagte, die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein großes Unglück beklagt worden.

Ich wüßte nicht, sagte der Graf, dem der Blick nicht entgangen war, empfindlich, welch Unglück ich dadurch für Verwandte herbeigeführt hätte, die ich kaum in meiner Jugend gekannt habe. Ich fühle wohl, erwiederte sein Vetter, [269] daß diese Erklärung nur mein Vater geben könnte, und daß er sie nicht in Gegenwart von Fremden geben würde. St. Juliens Auge glühte, er stand auf und wollte den Saal verlassen. Wo wollen Sie hin, mein bester St. Julien, sagte der Graf, indem er ihm mit Zärtlichkeit die Hand bot, Sie wissen, wie lieb mir Ihre Gesellschaft ist, warum wollen Sie uns also verlassen? St. Julien setzte sich wieder, der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt, und es entstand ein drückendes Schweigen.

Die Gräfin versuchte es von Neuem, das Gespräch wieder zu eröffnen, aber alle ihre Fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwiedert, wie es der Anstand nur irgend erlaubte. Der Graf verlor beinah die Geduld, doch da er dachte, daß das Kommen seines jungen Vetters gewiß einen Zweck habe, so that er sich selbst Gewalt an, um wo möglich diesen kennen zu lernen. Es waren nach und nach alle Gegenstände vergeblich berührt worden, durch die man hoffen konnte, ein Gespräch einzuleiten, und der Graf that nun als letztes Hülfsmittel einige Fragen über den Krieg.

Ein schmerzliches, fast höhnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen Grafen. Wie glücklich, sagte er, daß Sie hier den Krieg nicht erlebt haben, daß Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege können erzählen lassen, und abwechselnd[270] Freunde und Feinde bewirthen. Ich will Ihnen nureine Geschichte aus dem Kriege erzählen, und Sie werden für Ihre Ruhe dem Himmel danken. Ein junger Offizier, mein Freund und Waffenbruder, ging mit mir zugleich zum Regiment, und machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswürdigen Schwestern bekannt, die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten. Wir hatten uns kaum entfernt, so hörten wir, die Franzosen hätten es genommen und geplündert. Mein unglücklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen; bald darauf wurde das Schloß von den Preußen genommen, welche die Noth zwang, ohne Rücksicht für die Bewohner die noch übrigen Vorräthe zu benutzen. So zogen fünfmal abwechselnd Feinde und Freunde hindurch, bis auch unser Korps wieder in die Nähe gedrängt wurde. Auf dem väterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die Saaten bei einem blutigen Scharmützel; die Feinde zogen sich zurück, aber mein Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen, auf seinem eigenen Boden. Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Väter und fand es öde, aller Mobilien beraubt, die Fenster zerschlagen, von allen Bewohnern verlassen; endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine weiße, bleiche Gestalt, die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem Lächeln auf die Leiche[271] ihres Bruders deutete, der schon gestorben war. Es war die jüngste Schwester meines Freundes; die Mutter und die beiden älteren waren todt, und diese durch Hunger und jede Mißhandlung wahnsinnig geworden. Dies ist der Krieg, schloß der junge Graf, von dem sich hier freilich keine Spuren zeigen.

Die Gräfin verhüllte bei dieser gräßlichen Geschichte das Gesicht, Emiliens Thränen flossen unverborgen, und auch die männlichen Zuhörer waren tief erschüttert. Der Graf glaubte, daß die allgemeine Theilnahme, die sein Vetter bemerken mußte, diesen geneigter machen würde sich anzunähern, aber im Gegentheil schienen durch die erzählte Begebenheit Gefühle in ihm erregt zu sein, die ihn noch feindlicher stimmten. Er äußerte sich in so starken Ausdrücken über die Franzosen, daß es der Graf nicht mehr hinderte, als St. Julien den Saal verlassen wollte, und sich selbst mit den übrigen Hausgenossen sobald als möglich zurückzog, um Gespräche mit seinem Vetter zu endigen, die zu leidenschaftlich von diesem geführt wurden.

XV

Während die Gesellschaft im Saale versammelt war, war Dübois noch für das Fest des folgenden Tages beschäftigt, und die Anordnungen, welche er machte, führten [272] ihn durch alle Gänge des Hauses. So ging er auch an dem Zimmer vorüber, in welchem die Bedienten versammelt waren, und hörte, wie ihm ein verwirrtes Getöse von Lachen, Weinen, Schelten und Fluchen daraus entgegen tönte. Entrüstet öffnete der alte Haushofmeister die Thüre, um sich nach der Ursache des unziemlichen Lärmens zu erkundigen. Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht sogleich, und er sah, wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und erhitzten Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnte; den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend ein blinkendes Messer. Schurken! rief er mit von Wuth entstellter Stimme, wagt es, und der erste, der mir naht, dem stoße ich dieß Messer in die Brust. Entsetzt sprang Dübois vor und rief: Um Gottes Willen, was geht hier vor? Soll ich Mord hier im Hause erleben? Die Bedienten wichen zurück, und der Lärm verstummte, auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen, ob gleich die Hand noch das Messer hielt. Junger Mensch, fuhr Dübois fort, sich zu diesem wendend, was konnte Dich zu solcher Wildheit reizen, daß Du in Deiner zarten Jugend ein Mörder zu werden drohst? Herr, erwiderte der Knabe mit zitternder Stimme, indem seine Wuth sich in Wehmuth auflöste und die hellen Thränen über seine Wangen flossen, Sie wissen nicht, wie mich diese [273] Menschen reizten. Ich gehöre nicht zu ihnen, drum hielt ich mich abgesondert. Nun fingen sie an mich zu necken, meine Dürftigkeit zu verlachen und über meine Kleidung ihren Spott zu treiben; da verlor ich die Geduld und sagte ihnen, was meine ernstliche Meinung ist, daß ich lieber sterben wollte, als eine Livree tragen, wie sie, wenn sie auch noch mehr Gold an sich hätten; drauf wurden sie wüthend und wollten mich schlagen, und so kam es, daß ich, um mich zu vertheidigen, – hier stockte der Knabe, seine Hand ließ das Messer fahren, und er blickte mit Beschämung vor sich nieder.

Und wenn Du nun so unglücklich gewesen wärest, in diesem thörichten Streite einen jener unnützen Schufte zu tödten, fragte der alte Mann, und seine blutende Leiche läge jetzt vor Dir, würdest Du dann nicht verzweifeln. Ich habe Unrecht, sagte der Knabe, aber sollte ich mich denn schlagen lassen? Der Haushofmeister wußte keine Antwort zu geben, denn sein eigenes Ehrgefühl sagte ihm, daß der Knabe schwer gekränkt worden sei, und doch wollte er keine gewaltsame Handlung entschuldigen. Er wendete sich deßhalb zu den Bedienten und sagte: Euer Betragen werde ich dem Herrn Grafen melden, und ich bin überzeugt, daß Ihr eher alle aus seinem Dienste gejagt werdet, ehe er es duldet, daß ein Gast seines Hauses, ein Verwandter in seinem Diener beleidigt [274] wird. Du, mein Sohn, sagte er zu dem Knaben, komm von diesen Menschen hinweg, Du sollst in meinem Zimmer bleiben, bis Dein Herr Deiner bedarf. Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und führte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg.

Das fehlte noch, sagte einer der Zurückbleibenden, daß wir um des Bettelprinzen Willen unsere Stellen verlören; aber Du, Johann, hast den Lärmen angefangen, bekommt es uns schlecht, so gehn wir über Dich her. Der Beschuldigte wollte sich vertheidigen, es wurde Partie für und wider ihn genommen, und es war nah daran, daß der Streit ernsthaft erneuert wurde, wenn nicht ein Jäger, der Vernünftigste der Gesellschaft, dringend zum Frieden ermahnt hätte. Seinem Rathe beschloß man auch einmüthig zu folgen, und man wollte Dübois, ehe er am andern Morgen den Grafen sprechen könnte, vermögen, die Sache zu verschweigen, und sich mit dem Knaben zu versöhnen suchen, damit auch dieser nicht bei seinem Herrn sich beklage.

Dübois hatte den Knaben auf sein Zimmer geführt und fragte ihn hier: Hast Du schon zu Abend gegessen, mein Kind? Nein, sagte der Knabe, da ich mich nicht unter die Bedienten mischen wollte, so hat mir auch Niemand etwas angeboten. Der Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine kleine Flasche Wein [275] vor seinen neuen Gast. Der Knabe fing unter stillen Thränen an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine. Als er seine Mahlzeit beendigt hatte, sagte Dübois: Und nun, mein Sohn, erzähle mir doch, weßhalb Du nicht zu den Bedienten zu gehören glaubst. Sie sind ein so guter Herr, sagte der Knabe zutraulich, recht wie einem Vater könnte ich Ihnen vertrauen, mit Ihnen kann ich gern über alles Unglück sprechen, das ich schon erlebt habe, so jung ich auch noch bin. Mein Vater war ein gelehrter Mann, aber weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte, so konnte er auch nicht auf eine Universität gehen und studieren, wie es sein Wunsch war, also konnte er auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an, wobei er sich auch recht gut stand. Es war ein schönes, großes Dorf und hieß Schönau, wo wir wohnten, ein anderes Dorf gehörte auch zu unserer Kirche, und mein Vater hatte eine reiche Einnahme. Die Bauern ehrten ihn als einen Mann, der beinah gelehrter war als der Prediger selber; unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater, und Beide waren recht große Freunde; selbst, wenn der gnädige Herr auf dem Schlosse war, so lud er niemals den Prediger zu Tische, ohne auch meinen Vater zu bitten; so ging Alles recht schön und gut; mein Vater unterrichtete mich sorgfältig und sagte oft zu mir: Du, Gustav, mußt Alles nachholen,[276] was ich aus Armuth habe versäumen müssen, denn Gottlob! ich habe so viel, daß ich Dich auf eine Universität werde schicken können.

So war ich etwa zehn Jahre alt geworden, da starb meine gute Mutter, die schon lange kränklich gewesen war. Sie können wohl denken, daß ich sie herzlich und lange beweinte; auch mein Vater trauerte tief über ihren Verlust, und wir wären vielleicht noch länger in unserm Kummer versunken geblieben, wenn nicht der Prediger so viel gethan hätte, uns zu trösten. Nachdem ein Jahr vergangen war, heirathete mein Vater eine Verwandte des Predigers, und ich war am Hochzeitstage recht betrübt; denn manche alte Bäuerinnen hatten mir gesagt: Nun, Musje Gustav, nun werden Seine guten Tage vorbei sein, nun kommt eine Stiefmutter ins Haus, nun wird Alles anders gehen. Aber es war nicht so; meine Stiefmutter war so gut, ach! so gut, wie es nur immer eine wahre Mutter sein kann. Es wurde freilich Manches anders bei uns im Hause, aber viel besser. Meine verstorbene Mutter hatte bei ihrer Kränklichkeit nicht mehr recht für Alles sorgen können; nach ihrem Tode hatte mein Vater sich aus Betrübniß um das Hauswesen gar nicht bekümmert, und so lebte nun Alles wieder bei uns auf; wir hatten feinere Wäsche, bessere Kleider, unser Haus wurde aufgepuzt, im Garten prangten die schönsten [277] Blumen; und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste, so bewirtheten wir ihn eben so anständig, wie er uns. Seine Söhne waren meine Freunde und Spielkameraden; mein Vater war mit meinem Fleiß zufrieden, und ich war recht glücklich bei meinen Eltern.

So ging es fort, bis mir ein Schwesterchen geboren wurde. Nun sagten die bösen Weiber wieder, nun wird es aus sein, nun hat die Stiefmutter selber ein Kind, nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kümmern; aber es war nicht wahr. Ich liebte mein Schwesterchen herzlich; ach! lieber Herr, es war ein Kind wie ein Engelchen, es war eine Belohnung für mich, wenn es die Mutter in meine Arme gab, und hätten Sie nur dieß Kind gekannt, fuhr der Knabe mit Thränen fort, hätten Sie nur gesehen, wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten, wie lieblich der rothe Mund im Lächeln die weißen Zähnchen zeigte! Jeder Mensch mußte dieß Kind lieben, und doch sprach meine Mutter immer so, als ob es eine besondere Tugend von mir wäre, daß ich mein Schwesterchen so liebte, und die gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafür noch zärtlicher gegen mich.

Sehn Sie, so gut, so glücklich war Alles, und so blieb es, bis ich beinah funfzehn Jahre alt war; nun sagte mein Vater: Gustav, nun mußt Du nach Königsberg auf die gelehrte Schule, und bist Du da recht fleißig gewesen und hast [278] alles Erforderliche gelernt, dann kannst Du dort gleich die Universität beziehen, und wenn Du brav und fleißig bleibst, so kann ich noch Freude und Ehre in meinem Alter durch Dich erleben.

Sie können wohl denken, daß ich mit Thränen von meinen Eltern schied, aber doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien, als es auf dem Lande ging. Mein Vater begleitete mich selbst nach Königsberg, und ich sah es wohl, daß er mich recht mit Stolz betrachtete, als man mich nach dem Examen gleich nach Sekunda setzte. So trennten wir uns, und ich blieb nun einsam in Königsberg zurück und dachte mit Eifer zu studiren. Aber ach! das Glück war bald zu Ende; mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten, mein liebes Schwesterchen sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden. Der Krieg war ausgebrochen, und mein Vater sagte, daß er uns ganz trennen könnte. Er befahl mir daher, die Reise nach Schönau mit einem Fuhrmanne anzutreten, den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte, daß er eine Reise unternehmen würde, die ihn nahe bei unserem Dorfe vorbeiführte. Ich gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm Dorfe, aber wie ganz anders war hier Alles geworden. Die Franzosen waren schon dort gewesen, und hatten Alles geplündert und zerstört, das Dorf [279] war zum großen Theile abgebrannt, und die Bauern hatten die Häuser verlassen, die noch standen. Meine Mutter fand ich sehr krank, der Vater war ganz tiefsinnig geworden. Nun kamen die Preußen, und verlangten Lebensmittel und Pferde, gleich darauf wurden sie von den Franzosen vertrieben; die feindlichen Kugeln zündeten das Dorf von Neuem an, und der Schrecken, als die Flammen wieder leuchteten, lähmte meine kranke Mutter; nun stürmten die Feinde in unser Haus und drohten, mich und den Vater umzubringen, aber der Anblick der sterbenden Frau machte, daß sie still wieder abzogen. In derselben Nacht starb meine zweite Mutter, und mein Vater war so betäubt, daß er nicht weinte und auch kein Wort sprach. Wir saßen beide bei der Leiche, indeß das Feuer draußen wüthete. Unser Haus stand etwas abseits und wurde deßhalb von den Flammen verschont; Niemand war von den Dorfbewohnern dageblieben, auch der Prediger war mit seiner Familie entflohen; so waren wir ganz verlassen. Mein Vater suchte endlich im Hause umher, und fand etwas Abendmahls-Wein und ein kleines Brod. Iß das, sagte er zu mir, ich will sehen, ob nicht irgend ein Mensch sich findet, der uns hilft die arme Frau begraben. Er ging hinaus. Ich konnte nichts essen und legte das Brod neben mich hin; da hörte ich auf ein Mal Flintenschüsse; meine Augen richteten sich nach dem Fenster, Feinde sprengten vorbei, [280] gleich darauf wurde unsere Thüre aufgestoßen, und Preußische Soldaten brachten meinen Vater mit Blut bedeckt herein; eine Kugel hatte ihn durchbohrt, und er lebte nur noch, um die Hand auf meine Stirn zu legen und mich ohne Worte zu segnen. Die Soldaten legten seine Leiche neben die meiner Mutter, und ich warf mich nieder und küßte die blutige, kalte Hand meines Vaters. Da trat ein junger Offizier herein, und der klägliche Anblick entlockte ihm Thränen; er kam zu mir, richtete mich auf und suchte mir Trost einzusprechen. Er zwang mich das Zimmer zu verlassen, und einige Weiber, die immer bei den Soldaten sind, mußten für die Leichen sorgen. Mit Güte fragte er mir alle meine Verhältnisse ab und sagte dann: Armes Kind, Du hast in solcher Jugend schon ein schreckliches Unglück erfahren, und bist nun ganz hülflos und verlassen. Diese Worte machten von Neuem meine Thränen fließen, und ich glaubte, das Herz würde mir vor Schmerz brechen. Der gute Herr suchte mich zu trösten und sagte dann: Wenn Du Niemanden hast, dem Du angehörst, so bleib bei mir, und ich will für Dich sorgen, so gut ich kann. Ich fühlte seine Güte, ich küßte seine Hände und sagte ihm, daß ich seine Wohlthat erkenne, aber daß ich um meine lieben Eltern immer weinen müßte. Er tadelte mich nicht und sorgte nun dafür, daß die armen Eltern begraben wurden, so anständig, als es gehen wollte; er [281] ließ auch ein Kreuz auf ihr Grab setzen. Und ich erfuhr nun auch, daß mein Wohlthäter ein Graf sei und Hohenthal hieße. Er blieb einige Tage noch im Hause, und ich war immer um ihn; er hatte mich nun ganz kennen gelernt und sagte: Deine Eltern haben Dir eine gute Erziehung gegeben, so bald es nur angeht, sollst Du wieder auf die gelehrte Schule und auf die Universität, und ich will sehen, ob ich mir nicht einen Freund in Dir erziehen kann. Diese Worte rührten mich tief, und ich gelobte mir, seine Liebe zu verdienen. Endlich kam ein Befehl, mein Herr mußte mit seinen Truppen weiter rücken. Ich muß Dich mit mir nehmen, sagte er zu mir, obgleich Krieg und Schlachten nicht für Deine Jahre taugen, aber ich weiß Dich nirgends unterzubringen, und so könnte der Krieg uns leicht für immer trennen. Ich folgte also dem gütigen Herrn und erlebte an seiner Seite die fürchterliche Schlacht bei Eylau. Den zweiten Tag dieser gräßlichen Schlacht wirft sich ein Trupp Franzosen auf die Bagage, bei der ich und mehrere Knaben waren, viele wurden niedergemetzelt, andere entkamen, und so auch ich. Nebst der Furcht für mein Leben quälte mich auch noch der Kummer, daß ich von meinem Herrn nichts wußte, auch die Sorge, daß er nun Alles verloren habe, und dann erfaßte mich die Angst, ob er nicht vielleicht geblieben sei und ich ihn so auf immer verloren habe. Diese mannichfachen Gefühle quälten[282] mich auf meiner Flucht, die ich immer weiter fortsetzte, bis ich durch ein niedergebranntes Dorf eilte, einem einsam stehenden Hause zu. Ich riß hastig die Thüre auf und stand bald in einem großen, leeren Zimmer, das ich sogleich für die ehemalige Wohnung meiner Eltern erkannte. Das Bett stand noch darin, auf dem beide Leichen gelegen hatten; der Anblick rief meine Thränen hervor, und ich stand schluchzend und Hände ringend vor dem leeren Bette, da wurde es auf einmal laut und lebendig, Degen und Sporen klirrten, die Thüre wurde geöffnet, und herein getragen wurde mein lieber Herr, ganz wie mein Vater bleich und mit Blut bedeckt. Ich schrie auf in der wildesten Verzweiflung. Schweig, dummer Junge, rief mir ein Arzt entgegen, er ist nicht todt. Ach! welch ein Trost war dieß Wort für mich, hätte der gute Mann auch noch weit ärger geschimpft, wie er nachher noch oft that, wenn ich etwas ihm nicht recht zu machen verstand, ich wäre doch niemals auf ihn böse geworden.

Sie legten meinen lieben Herrn auf dasselbe Bett, auf dem mein armer Vater gelegen hatte. Seine Wunden wurden untersucht und die Kugel herausgezogen, der Arzt gab die beste Hoffnung, und die Offiziere, die ihn hieher gebracht hatten, mußten nun zu ihren Truppen zurück. Der Arzt blieb, und die Offiziere versprachen, ihn nach einigen Tagen abzuholen. Als wir allein waren, verlangte der Arzt, ich [283] sollte ihm Lebensmittel verschaffen. Ich durchsuchte das ganze Haus und fand in einem kleinen oberen Zimmer einige alte Frauen, die nach dem Dorfe zurück gekommen waren und sich in dem einzigen Hause, welches noch stand, eingerichtet hatten; diese nun mußten Hülfe schaffen, und sie thaten es für Geld auch gern, und so wurde der Arzt befriedigt.

Die Offiziere hatten mir, als man meinen Herren entkleidete, das Geld gegeben, welches er bei sich trug, und auch seine Uhr; ich erfuhr auch von ihnen, daß sie ihn gerettet hatten, als er in ihrer Nähe, von einer Kugel getroffen, gefallen war.

Schon des andern Tages kamen die Offiziere zurück und brachten uns alle, auch meinen kranken Herrn, nach einem Orte, wo ein Lazareth eingerichtet war, und hier dauerte es lange, ehe mein armer Herr nur sprechen konnte. Endlich erlaubte es ihm der Arzt, und seine ersten Worte richtete er an mich. Gustav, sagte er, ich habe es wohl gesehen und gefühlt, mit welcher Liebe Du mich pflegst, Du leistest mir alle Dienste, auch die, die sonst nur einem Bedienten zukommen; aber, lieber Junge, die Dienste, die man dem Freunde leistet, erniedrigen nicht, und vielleicht kann ich es Dir noch einmal vergelten. Nach einigen Tagen fragte mein Herr: Lieber Gustav, wie viel Geld haben wir noch? Ich zählte die Summe und sagte sie ihm. Das [284] ist wenig, erwiederte er seufzend, und wir müssen vielleicht noch lange damit auskommen; rufe mir Jemanden, dem wir die Uhr verkaufen können, und dann hüte Dich etwas Ueberflüssiges auszugeben. Ein Jude fand sich bald, der die Uhr kaufte, und nun theilten wir das Geld sehr sparsam ein. Es war aber doch natürlich, daß ich meinen kranken Herrn nichts wollte entbehren lassen und lieber Manches selbst entbehrte, und nun machen sich die Schufte hier über meinen Herrn lustig, weil er mir keine bessern Kleider giebt. Laß diese elenden Menschen, mein gutes Kind, sagte Dübois mit weicher Stimme, und endige Deine Erzählung.

Nun fuhr der Knabe fort: Endlich war mein Herr so weit gekommen, daß wir reisen konnten. Der Waffenstillstand wurde auch bekannt, und wir machten uns nun, ich kann wohl sagen, recht arm auf den Weg, um zu seinen Eltern zu gelangen. Mein Herr war so gut, daß er sich ernstlich entschuldigte, wenn ich ihn bediente. Dich hat ein Gott recht zu meinem Beistande gegeben, sagte er ein Mal, wie wollte ich ohne Dich bestehen, da ich noch nicht gesund bin. So erreichten wir endlich seines Vaters Schloß; aber Sie werden es nicht übel deuten, lieber Herr, wenn ich es aufrichtig sage, daß der alte Graf mir nicht gefiel; auch sah ich wohl, daß mein gütiger Herr niedergeschlagener wurde, als er es im Felde und in Krankheit und Armuth war. [285] Hier wurde auch eine andere Einrichtung getroffen, und er litt es durchaus nicht mehr, daß ich ihn bediente; er nannte mich hundert Mal des Tages seinen jungen Freund oder seinen Pflegesohn, und ich hörte es wohl, wie sein Vater ihm oft Vorwürfe machte, daß er sich durch mich eine unnütze Last auf den Hals geladen habe. So aß ich dort mein Brodt mit Thränen, aber es wurde noch schlimmer; ein alter widriger Mann mit triefenden Augen kam dorthin, der trug dem alten Grafen Vieles vor und auch meinem jungen Herrn; was es war, kann ich nicht sagen; aber mein Herr wurde oft sehr aufgebracht, und ich hörte mehrere Male, wie er dem alten Grafen zuschwor, er würde solch Unrecht nicht dulden; dann suchte ihn der alte Graf selbst wieder zu besänftigen und bat ihn, nicht durch Hitze Alles zu verderben und zur Klugheit seine Zuflucht zu nehmen. Endlich kam die Nachricht, daß mein Herr verabschiedet sei; das brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Gustav, sagte er eines Abends zu mir, ich muß eine kleine Reise unternehmen, und ich will auf dieser Fahrt keinen von meines Vaters Leuten mit mir nehmen, denn ich habe bemerkt, daß sie ihrer Zunge zu viel Freiheit gestatten und über ihre Herrschaft zu viel schwatzen. Ich konnte dieß nicht läugnen. Hast Du so viel Liebe für mich, fuhr mein guter Herr fort, daß Du mir auf dieser Reise die Dienste leisten willst, die mir Erziehung [286] und Gewöhnung unentbehrlich gemacht haben, und kannst Du auch wohl ein Paar Pferde regieren? Ich versicherte ihm, daß ich Alles leisten wollte, und so machten wir uns auf den Weg. Mein Herr sorgte für mich besser, als für sich selbst, und ich hoffte, die Reise würde ihn erheitern. Ich bemerkte es wohl, daß er immer unruhiger wurde. Endlich, heute Morgen, hielten wir vor einem hübschen Hause an; ich sah es wohl, wie der Graf zitterte, als er abstieg; seine Augen und Wangen brannten, aber nach wenigen Minuten kam er bleich wie eine Leiche zurück, bestieg still den Wagen, sprach während des ganzen Weges kein Wort, und hier angekommen, hat er auch nicht an mich gedacht und mich zum ersten Mal wie einen Bedienten vergessen.

Der Graf muß etwas sehr Schmerzliches erfahren haben, mein lieber Sohn, sagte der alte Haushofmeister, da er Dich so hat vergessen können. Weißt Du denn nicht, Wer in jenem Hause wohnte?

Nein, sagte der Knabe, ich sagte Ihnen ja, mein Herr hat den ganzen Tag kein Wort mit mir gesprochen.

Ich sollte Dich nun eigentlich nicht Du nennen, mein liebes Kind, sagte Dübois, da Du schon ein halber Student gewesen bist, aber das wirst Du einem alten Manne, der Dir gut will, wohl erlauben.

[287] Wenn Sie mich Du nennen, rief der Knabe, so freut mich das, denn Sie sind ein guter, ehrwürdiger Mann, aber von den Bedienten hier im Hause werde ich es niemals leiden.

Da der gute junge Graf, fuhr Dübois fort, wie Du selbst bemerkt hast, so schon manchen Kummer zu haben scheint, so wirst Du ihm wohl das schlechte Betragen der elenden Bedienten gegen Dich nicht erzählen. Nein, gewiß nicht, rief der Knabe, ich weiß, es würde meinen Herrn schmerzen, und diese Menschen sind es nicht werth, daß er um ihretwillen einen trüben Augenblick haben soll.

Du bist ein braver Mensch, sagte der Haushofmeister, und da ich sehe, daß der junge Graf nicht sowohl Dein Herr, als Dein Freund und Wohlthäter zu nennen ist, so werde ich dafür sorgen, daß das Verhältniß hier so eingerichtet wird, wie er es sebst bei seinem Vater gestellt hat, ich werde befehlen, daß ihn einer von den hiesigen Bedienten aufwartet.

Nimmermehr! unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den alten Mann; von diesen Menschen, die über seine Armuth gespottet haben, soll ihn Niemand anrühren, sie würden sich am Ende noch heraus nehmen, auch darüber zu lachen, wenn nicht alle Stücke des Anzugs meines Herren so prächtig sind, wie ihr reicher Graf vielleicht Alles hat. Der gute Haushofmeister konnte das Gefühl nur ehren, welches den Knaben [288] bestimmte, den jungen Grafen selbst zu bedienen; er sagte also: Handle darin, wie Du willst, mein Kind, aber das wirst Du mir nicht abschlagen, daß Du, so lange der junge Graf hier bleibt, bei mir wohnst und an meinem Tische mit mir speisest. Dafür danke ich Ihnen herzlich, sagte der junge Mensch mit Thränen in den Augen, denn Sie können wohl einsehen, daß ich mich unter den Bedienten elend gefühlt hätte.

Kaum waren die letzten Worte gesprochen, als die Klingeln von allen Seiten läuteten, und die Bedienten eilten, ihre verschiedenen Herren zu bedienen. Der Haushofmeister nahm einen Armleuchter und eilte mit dem jungen Gustav, um den Saal zu erreichen. Die Gesellschaft trennt sich heut ungewöhnlich früh, bemerkte er noch unterwegs und kam eben zur rechten Zeit, um dem jungen Grafen vorzuleuchten und ihn nach seinem Zimmer zu führen.

Der junge Graf war finster eingetreten, das gutmüthige Gesicht und das silberweiße Haar des Haushofmeisters bewirkten aber doch, daß er ihn höflich entließ. Stumm ließ er sich nun die Dienste seines jungen Freundes gefallen und warf sich, rasch entkleidet, mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf sein Bett. Die Thränen stiegen dem Knaben in die Augen, als er sich anschickte das Zimmer zu verlassen, [289] ohne ein freundliches Wort aus dem Munde des geliebten Herrn zu vernehmen.

Gustav, rief dieser, als der Knabe eben gehen woll te, was wird aus Dir hier in dem prächtigen Hause?

Der gute alte Haushofmeister, sagte der Knabe, hat sich meiner angenommen, ich wohne bei ihm und speise an seinem Tische. Dann ist es gut, sagte der junge Graf, ich hatte Dich armen Jungen heute vergessen, Du wirst mir ein ander Mal erzählen, wie es kommt, daß sie Dich trotz dem nicht unter die Bedienten verstoßen haben; heut habe ich zu vielen Kummer, heut kann ich nichts mehr hören. Du armer Junge, setzte er mit weicher Stimme hinzu, ich dachte Dir wohl zu thun, und Du mußt so Vieles mit mir leiden. Der Knabe küßte die dargebotene Hand mit Thränen. Nun geh nur heut und suche zu schlafen, sagte der Graf, indem er ihm die Hand drückte; morgen, wenn wir beide geschlafen haben, wollen wir über Manches sprechen.

Der Knabe ging und fand den Schlummer bald, den der junge Graf ihm gewünscht hatte, aber Zorn, qualende Sorgen und herzzerreißender Gram hielten diesen selbst noch lange wach, und der Morgen fing schon an zu dämmern, als endlich auch seine Augenlieder sich senkten und der lang ersehnte Schlaf wohlthätig ihn umfing.

[290]
XVI

Als der junge Graf am andern Morgen erwachte, sah er seinen Knaben am Fenster sitzen und mit Eifer in einem Buche lesen. Er rief ihn zu sich und fragte nach seiner Beschäftigung. Ach, lieber Herr Graf, rief der junge Mensch, ich habe hier in dem alten Manne, dem Haushofmeister, einen wahren Schatz gefunden. Heut Morgen, schon sehr frühe, hat er mich in die Bibliothek des Grafen geführt und mir erlaubt, von den Büchern zu nehmen, was ich will; ich habe mir gleich den Shakespeare genommen. Sie können es nicht glauben, welche Glückseligkeit es ist, nach so vielen Monaten, nach einem wilden Leben, wieder ruhig bei solchem Buche zu sitzen.

Ich wollte, ich könnte Dir erst die Mittel verschaffen, Deine Studien fortzusetzen, sagte der Graf, und mich bekümmert es herzlich, daß sich für jetzt noch keine Aussicht dazu zeigt.

Man kann ja auch für sich studiren, sagte der Knabe tröstend, und hier der alte Mann, fuhr er lächelnd fort, hat mich ordentlich examinirt, doch er sah bald, daß ich mehr wußte wie er; aber mit meiner Aussprache des Französischen war er sehr unzufrieden, und er hat mir befohlen, so lange wir hier sind, immer mit ihm in dieser Sprache zu reden, damit er mir zurechthelfen kann, und ich nicht [291] eine Aussprache bekomme, wie ein gewisser Doktor, der hier im Hause sein soll, über die alle wohlerzogenen Leute lachen müßten, versicherte Dübois. Er hat mir auch versprochen, daß für unsere Pferde gut gesorgt werden soll, und da ich mich auf ihn verlassen kann, so kann ich den ganzen Tag, wenn Sie mich nicht brauchen, auf seinem Zimmer sitzen und lesen, denn hier sind unermeßlich viele Bücher.

Du und Dein neuer Freund, sagte der junge Graf, Ihr scheint zu glauben, daß mein Aufenthalt hier sehr lange dauern wird, da Ihr solche Pläne darauf gründet.

Herr Dübois meint freilich, erwiederte der Knabe schüchtern, daß Sie eine Zeitlang hier bleiben würden, um einen so vortrefflichen Verwandten, wie er den hiesigen Grafen schildert, näher kennen zu lernen.

Das wird sich zeigen, sagte der Graf düster, indem er sich erhob, um sich anzukleiden. Während dieser Beschäftigung rief er sich die Ursache zurück, die ihn hieher geführt habe, und daß er gezwungen sei, diese schwere, drückende Pflicht gegen seinen Vater zu erfüllen. Nur kann ich es nicht auf seine Weise, schloß er in Gedanken seine Betrachtungen; ich verstehe es nicht, eine Begebenheit langsam herbei zu führen; ich kann Niemanden untergraben und, wenn er fällt, geschickt seine Stelle einnehmen, wie mir der Vater das Alles so weitläufig auseinandergesetzt hat. Der Franzose [292] soll aus dem Hause, und das auf die einfachste Weise von der Welt.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, betrat er den Saal, wo er die Hausgenossen schon versammelt fand, auf die er einen bessern Eindruck machte, als am vergangenen Abend. Der kurze Schlaf hatte die leidenschaftliche Spannung gelöst, die den vorigen Tag zu bemerken war, er war höflicher, wenn auch Kälte und Zurückhaltung in seinem Betragen nicht zu verkennen war, und man es wohl bemerkte, daß seine Seele sich mit andern Gegenständen beschäftigte, als denen, die eben im Gespräch verhandelt wurden.

Er hatte einige Mal höflich das Wort an St. Julien gerichtet, so daß es Niemandem auffallen konnte, als er ihm endlich einen gemeinschaftlichen Spaziergang in den Garten vorschlug. Dem Grafen war es angenehm, daß die beiden jungen Männer sich zu nähern schienen, und auch St. Julien ergriff gern die Gelegenheit, einem Verwandten seines väterlichen Freundes näher zu treten, dessen unhöfliche Kälte ihn den vorigen Tag empfindlich beleidigt hatte.

Beide durchschritten die dem Hause zunächst liegenden Gänge des Gartens ohne zu reden, und als St. Julien ein Gespräch anzuknüpfen suchte, wurde er bald durch die einsylbigen Antworten des jungen Grafen davon abgeschreckt. So gingen sie stumm neben einander, bis sie einen einsamen, [293] vom Hause ziemlich entfernten Platz erreichten, und St. Julien fing eben an zu bemerken, daß mit dem Gange in dem Garten wohl kein harmloser Spaziergang beabsichtigt sei, als der junge Graf auf ein Mal still stand und seinen Begleiter also anredete: Ich habe Sie gebeten, Herr St. Julien, mich in den Garten zu begleiten, um ungestört Ihnen Eröffnungen machen zu können, deren Folgen die Art bestimmen wird, wie Sie meine Offenherzigkeit aufnehmen werden. St. Julien schwieg betroffen und erwartete mit Spannung, wie der junge Graf in seinen Mittheilungen fortfahren würde. Wenn von meinem Geschick allein die Rede wäre, hob dieser nach sichtbarem Kampfe von Neuem an, so könnte es sein, daß ich Ihren Plänen nicht in den Weg getreten wäre; da aber das Schicksal eines alternden Vaters, einer leidenden Mutter, die Zukunft jüngerer Schwestern auf dem Spiele steht, so sind mir dadurch Pflichten auferlegt, die ich erfüllen muß.

St. Julien glaubte zu träumen, er begriff nicht, wie er auf die entfernteste Weise auf das Schicksal aller dieser genannten Personen einwirken könne, und bat den jungen Grafen, fortzufahren, damit er diesen Zusammenhang begreifen möge. Sie könnten mich leicht verstehen, sagte der junge Graf mit Bitterkeit, ohne weitere Auseinandersetzung, da Sie es aber selbst so wollen, so will ich Ihnen eine genügende [294] Erklärung geben. Das Vermögen, welches Ihr Gönner, mein Oheim, besitzt, ist nicht so schlechterdings nach dem Rechte sein, sondern käme zum großen Theile meinem Vater zu, dessen beschränkte Lage ihn zwingt, den Raub in den Händen seines Verwandten zu lassen. Die unglückliche Heirath des Grafen hat ihn von seiner Familie gänzlich entfernt, welche die Gräfin, wie wir aus sicherer Quelle wissen, haßt und von der sie den Grafen fern hält, damit er nicht etwa in einer schwachen Stunde, von seinem Gewissen angeregt, der Familie einigermaßen Gerechtigkeit widerfahren lasse.

Hier nun übt der Graf, mein Oheim, Großmuth nach allen Richtungen aus fremden Mitteln, aber doch vorzüglich gegen die Feinde des Landes, die seine Freunde zu sein scheinen, und, schloß der Graf zornig, da die Gräfin eine Vorliebe für Sie empfindet, die sich nicht erklären läßt, und meinen schwachen Oheim beherrscht, so wissen wir, daß es im Werke ist, Ihnen das ganze Vermögen zuzuwenden, wie Sie auch schon große Summen empfangen haben. Deßhalb wollte ich Ihnen rathen, sich mit dem Empfangenen zu begnügen und nicht einer achtungswerthen Familie zu entziehen, was ihr wenigstens nach dem Tode des Grafen zufallen muß, wenn sie auch leidet, so lange er lebt, und ich fordre, um diesen Zweck zu erreichen, daß Sie das Haus meines Oheims verlassen, [295] und werde von dieser Forderung nicht abstehen, so lange ich lebe. Ich hoffe, Sie verstehen mich nun vollkommen.

St. Julien war erstarrt bei dieser Rede des jungen Grafen. Ein instinktartiges Gefühl leitete seine Hand, nach der Waffe zu greifen, die er aber glücklicher Weise nicht an seiner Seite trug; seine Augen schienen Funken zu sprühen, seine Wangen glühten und seine Glieder bebten vor Zorn. Blässe des Todes folgte dieser Gluth, und den Augenblick darauf schossen die Flammen des Zornes von Neuem in den Wangen empor; er suchte nach Worten, und seine Lippen bebten, ohne einen Ton zu finden; endlich, ohne dem Grafen zu antworten, eilte er mit schnellen Schritten einen Baumgang auf und ab, bis nach und nach sein Gang ruhiger, seine Haltung gemäßigter wurde. Er kehrte endlich zu dem seiner mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zurück, und das bleiche, mit kaltem Schweiße bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte selbst diesen, der ihm feindlich gegenüber stand.

Herr Graf, sagte St. Julien mit tonloser Stimme, Sie haben vermuthlich erwartet, daß nach den Mittheilungen, die Sie mir gemacht haben, kein Wort weiter zwischen uns nöthig sei, als die Bestimmung des Orts, wo wir uns beide noch ein Mal treffen, und den nur Einer lebend verläßt, und ich gestehe, daß mir dieß selbst ganz natürlich vorkommen [296] würde; da aber auch ich nicht bloß mich zu berücksichtigen habe, so muß auch von meiner Seite eine Erklärung vorangehen. Er erzählte ihm nun, wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein Haus genommen habe. Die Erinnerung, wie zart und edel er von der ganzen Familie behandelt worden war, füllte wieder seine Seele und löste die Bande, mit denen Haß und Wuth sein Herz umschnürt hatten. Mit weniger Empfindung erwähnte er, wie das Wohlwollen des Grafen für ihn täglich zugenommen habe und wie in seiner Seele die dankbare Verehrung täglich gewachsen sei. Dieß sind die Bande, rief er, die mich an dieß Haus fesseln; dieß sind die Gefühle, die ewig unauslöschlich in meiner Seele ruhen, und wahrlich, setzte er hinzu, heute fühle ich, daß ich der Liebe des Grafen nicht unwerth bin, da das Gefühl der Dankbarkeit mich bestimmt, so unerhörte Beleidigungen nicht sogleich auf die einzige Art, die hier unter Männern von Ehre denkbar ist, zu rächen. Da die lächerliche Verläumdung dem Grafen bekannt wurde, fuhr er fort, daß man mich als einen Kundschafter darstellen wollte, den er in seinem Hause hielte, um Frankreich zu dienen, so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab, sein Haus nicht ohne seinen Willen zu verlassen, damit er mich vor die Behörde stellen kann, die sein König ernennen mag, um diesen Flecken von dem Namen des [297] besten der Menschen zu vertilgen; und Sie sehen also, sagte er bitter lächelnd, daß, wenn ich auch so feig sein wollte, mich Ihren Wünschen zu fügen, ich dieß nur mit dem Willen Ihres Oheims thun könnte. Was sein Vermögen betrifft, so kann ich nicht beurtheilen, in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt; ich weiß nur, daß er den edelsten Gebrauch davon macht. Ihre Befürchtung aber, daß ich mich als sein Erbe eindrängen wolle, ist völlig grundlos. Ich habe selbst Anspruch auf ein großes Vermögen, und die Summen, die ich von dem Grafen als Darlehn empfangen habe, sind in Beziehung auf sein, wie auf mein Vermögen unbedeutend, und da ich täglich Briefe aus meiner Heimat erwarte, die mich in den Stand setzen werden, meine Verpflichtung zu lösen, so mag die Rückzahlung alsdann durch Ihre Hände gehen, um Sie völlig zu beruhigen. Alles dieß habe ich gesagt, schloß St. Julien, um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten, wenn mich ein unglückliches Schicksal zwingen sollte, seinen Verwandten beinah unter seinen Augen zu tödten, oder wenn er über die Leiche eines Freundes trauern muß, dem er seine Liebe geschenkt hat; und jetzt, Herr Graf, erwarte ich, welche Genugthuung Sie mir nach der mir zugefügten Beleidigung anbieten werden.

St. Juliens Worte trugen das unverkennbare Gepräge der Wahrheit, und unangenehme Gefühle kämpften in der [298] Seele des jungen Grafen. Er mußte sich gestehen, so schmerzlich ihm dieß als Sohn auch wurde, daß nicht immer die edelsten Beweggründe seinen Vater leiteteten, er konnte es nicht abläugnen, daß er nicht immer der Wahrheit treu blieb, um seinen Zweck zu erreichen, und doch hatte er keine andern Beweise für alle seine Anschuldigungen, als die Worte eben dieses Vaters; er erinnerte sich, daß ihm dieser selbst jedes offene, gewaltsame Unternehmen dringend widerrathen und von ihm begehrt hatte, er solle zu Falschheiten und Verläumdungen sich herablassen, die sein ganzes Herz verabscheute; ja er mußte es sich bekennen, daß der Inhalt aller Aufträge seines Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei, als auf jeden Fall eine Summe Geldes von seinem Verwandten zu erhalten, um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden. Diese Betrachtungen drängten sich ihm auf, und er fühlte lebhaft das Unschickliche und Unwürdige seines Betragens, und die Verlegenheit, die dieß in ihm erregte, erhöhte seinen Unmuth über sich selbst. Endlich, da er die Nothwendigkeit fühlte, eine Antwort zu geben, sagte er: Ich kann nicht läugnen, daß ich mich übereilt und auf zu wenig begründete Angaben Ihren Charakter falsch beurtheilt zu haben glaube; unsere Bekanntschaft ist zu neu, als daß ich Sie möchte in meinem Herzen lesen lassen, wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung meines Betragens fänden; ich [299] muß es mir also gefallen lassen, wie Sie auch immer meinen Charakter beurtheilen mögen; da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht geben muß, daß es eine unglückliche Nothwendigkeit wäre, wenn einer von uns beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben müßte, und meine unbesonnene Rede ein solches Unglück möglich gemacht hat, so bitte ich Sie dieser Rede wegen um Verzeihung, hier unter vier Augen, setzte er nachdrücklich hinzu; und wenn Sie mit dieser Genugthuung zufrieden sind, so gewähren Sie eben so einsam die Verzeihung, wie Sie die Beleidigung empfingen.

Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden, sagte St. Julien, und aus freiem Antriebe sage ich Ihnen noch, daß ich selbst es betreiben werde, so bald als möglich ein Haus verlassen zu können, an welches sich die schönsten Empfindungen meiner Seele knüpfen, das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewähren darf, weil man bei meinem hiesigen Aufenthalte mir Pläne unterlegt, die nur ein Ehrloser hegen könnte. Er verbeugte sich gegen den Grafen, und beide junge Männer gingen auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zurück.

St. Julien fragte sich unterweges oft, ob er recht gethan habe, nach einer so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen, und sein Stolz wollte ihm vorspiegeln, daß er sich zu willig zur Vergebung habe finden [300] lassen, aber sein besseres Selbst bekämpfte diese Gedanken, und er war zufrieden mit der Selbstüberwindung, die er seinem väterlichen Freunde zu Liebe geübt hatte. Die baldige Trennung von diesem und von der Gräfin, ach! und von Emilie, die er sich selbst auferlegt hatte, fiel beklemmend auf sein Herz; aber die glückliche Mischung seines Blutes machte, daß er in der Gegenwart leicht die nächste Zukunft vergaß, und so heiterte sich sein Auge auf, als Emilie ihm in dem Saale entgegen trat und ihn scherzend aufforderte, heut an diesem großen Tage als ein würdiger Hausgenosse dazu beizutragen, das Fest angenehm und lebendig zu machen, welches der Baron Löbau gewiß immer ein Friedensfest nennen würde, so wenig der Graf dieß auch wollte. Ein Friedensfest, wiederholte St. Julien lächelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung, die er eben im Garten gehabt hatte.

Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben, sagte die Gräfin, die hinzugetreten war, aber der Baron wird es nicht gelten lassen. Mit inniger Empfindung küßte St. Julien die Hand der Gräfin, indem er ihr seinen Glückwunsch darbrachte, und lobte sich innerlich, daß er einen Streit vermieden hatte, durch den dieser Tag als ein blutiger wäre bezeichnet worden.

Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm; [301] er fragte sich, was er eigentlich damit gewollt habe, daß er St. Julien beleidigte. Sein Vater hatte ihm die Nothwendigkeit vorgespiegelt, diesen zu entfernen und sich seinem Oheim anzuschließen, aber die Frage drängte sich ihm auf: welch ein Recht hatte Dein Vater dieß zu verlangen, und würdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein, wenn Dich nicht die verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt hätte. Und wie schön, sagte er zu selbst, wie schön habe ich die Aufträge des Eigennutzes ausgeführt? Durch mein größtes, entsetzlichstes Unglück, was mein Vater am Wenigsten verstehen würde, zur äußersten Verzweiflung gebracht, komme ich hier an und soll höfliche Reden wechseln, indeß ich selbst mit meinen Händen ein Grab aufwühlen und mich hinein verscharren möchte, um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen. Der Zorn über die verächtliche Rolle, die ich hier übernommen habe, kam hinzu, und ich ließ eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit büßen; und wenn ich nun den Franzosen erschossen hätte, sagte er bitter lächelnd, das würde unfehlbar meines Vaters klug angelegte Pläne sehr befördert haben, das würde meinen Oheim, der den jungen Mann liebt, gewiß bestimmt haben, dessen Mörder für seinen Erben zu erklären. Nein, sagte er zu sich selbst, indem er sich heftig die Thränen von den Wangen trocknete, nein, verläumde Du [302] Dich nicht selbst; nein, Du wolltest nicht morden aus Eigennutz, Du suchtest einen Zweikampf, um darin zu fallen, um dem gräßlichen Elende des Lebens zu entfliehen, das Du, Thor, doch zu feig bist freiwillig zu verlassen.

Der junge Graf hatte gesucht, auf einem einsamen Spaziergange die nöthige Fassung wieder zu gewinnen. Ich muß ja doch, sagte er sich selbst, was mein Herz auch leidet, heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen, morgen will ich darüber nachdenken, was ich eigentlich hier will. Er kehrte also ebenfalls nach dem Schlosse zurück und fand, daß man mit der Mittagstafel schon auf ihn wartete, denn es war beschlossen worden, heute früher zu speisen als gewöhnlich, um nicht durch die Ankunft der ersten Gäste in Verlegenheit zu gerathen.

Der Graf hatte geglaubt, sein Vetter und St. Julien wären einander näher getreten, und er erstaunte also, als er bemerkte, daß ihr Betragen gegeneinander noch förmlicher geworden war. Sie begegneten einander höflicher als früher, aber die Höflichkeit war von so sonderbarer Art, daß jede höfliche Rede, die der Eine an den Andern richtete, mit einer Herausforderung hätte endigen können. Das heutige Fest hinderte alle ernsten Mittheilungen, und der Graf nahm sich vor, den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder näher zu treten oder den peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukürzen.

[303] Die Mittagstafel war aufgehoben. Der junge Graf entfernte sich, um noch einen einsamen Spaziergang zu machen und in der Natur Trost für sein zerrissenes Herz zu suchen. Er fühlte sich aus tausend Gründen unglücklich, aber was ihm den letzten Trost und alle Haltung raubte, er mußte sich fragen, ob er noch seiner eignen Achtung werth sei, nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in dessen Aufträgen auf Schloß Hohenthal erschienen war; er konnte durchaus nicht begreifen, was er eigentlich hier wollte, denn Alles, was ihm sein Vater zur Aufgabe gemacht hatte, kam ihm geradezu verächtlich und abgeschmackt vor.

Die Damen hatten sich wegbegeben, um sich festlich zu kleiden, und St. Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zurück; der Graf blieb allein und wünschte, das Fest möchte vorüber und die gewöhnliche Ordnung des Hauses wieder eingetreten sein, da rasselten mehrere Wagen in den Hof, und aus verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie. Der Graf entschuldigte die Damen, daß sie, mit ihrer Kleidung beschäftigt, die Frau und Töchter des Predigers noch nicht empfangen könnten. Ich bin eigentlich etwas früher gekommen, sagte der Geistliche, weil ich, noch ehe die Gesellschaft kommt, etwas mit Ihnen zu sprechen wünsche. Der Graf führte den Prediger [304] in sein Kabinet, und die Familie desselben blieb für's Erste sich selbst überlassen in dem Gesellschaftszimmer, wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirthen ließ.

Wissen Sie, redete der Geistliche den Grafen an, als sie allein waren, daß es mit dem Vater Ihres jungen Vetters, der sich hier aufhält, erbärmlich steht. Es war ein Kornhändler heute bei mir, der brachte mir die Nachricht mit. Er ist gänzlich zu Grunde gerichtet, die Gebäude auf dem Gute sind alle verfallen, sein Viehstand ausgestorben, die Schaafheerden hat er verkauft, und jetzt bedrängt ihn eine Zahlung, die er durchaus nicht leisten kann. In dieser Noth hat sich der alte Schurke, der Lorenz, auf dem Schlosse eingefunden, er erbietet sich die Summe zu schaffen, das Gut für ein Jahr zu pachten, in welcher Zeit ihm Ihr Herr Vetter die vorgestreckte Summe zurückzahlen muß, oder das Gut bleibt für einen sehr niedrigen Preis in den Händen des Darleihers, und, der mir die Nachricht mittheilte, meinte, der Darleiher wäre der Sohn des Alten. Könnte ich nur begreifen, wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen? Der Graf erzählte dem Prediger, auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General Clairmont getrennt habe, und theilte ihm auch die Vermuthung mit, die er hegte, daß der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben möchte. Jetzt geht mir [305] ein Licht auf, rief der Prediger, wir sahen den jungen Mann ja selbst, der den General bis zu Ihrem Schlosse begleitete; jetzt kann ich mir Alles erklären, auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wußten. Aber ist es nicht abscheulich, daß solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im Lande werden sollen. Das muß man abzuwenden suchen, sagte der Graf, ich werde mit meinem Vetter über den Gegenstand zu sprechen suchen. Es ist nur schwer, fügte er hinzu, den jungen Mann zur Mittheilung zu bewegen.

Ich habe hier einen Brief für ihn, sagte der Pfarrer, derselbe Kornhändler brachte ihn mit; er ist vermuthlich von seinem Vater, denn er ist mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt; der wird wohl die traurige Geschichte umständlich enthalten. Wollen Sie mir dieß Schreiben anvertrauen, sagte der Graf, so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben, wir wollen heute dadurch seine Laune nicht verderben, er ist außerdem nicht in der heitersten Stimmung.

Das kann ich mir bei seiner Lage denken, bemerkte der Geistliche; der Vater zu Grunde gerichtetet und er selbst verabschiedet, das muß ihn natürlich niederdrücken.

Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun, nach dem Saale zurückzukehren, um Theil an der Gesellschaft zu nehmen.

[306]
XVII

Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, als der Graf und der Prediger den Saal wieder betraten, und es war in der That ein angenehmer Anblick, eine blühende, geschmückte Jugend nach langer Trauer wieder zur Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen. Einige durchschwärmten den Garten, aber dieß waren nur Wenige, denn die meisten jungen Leute freuten sich hauptsächlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes, und die jungen Damen wollten ihre für den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem Spaziergange im Freien aussetzen.

Endlich wurden für den ältereren Theil der Gesellschaft die Spieltische hingesetzt, und die Musik ertönte, um der jüngern Welt den Anfang ihrer Freude zu verkündigen. Die lustigen Klänge der Klarinetten und Hörner schwebten nach dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei, und viele Paare durchflogen mit leichten, von Freude beflügelten Füßen den Saal. St. Julien hatte den scherzenden Wink der Gräfin verstanden, die ihm rieth, nicht immer mit derselben Dame zu tanzen; er betrachtete es also wie eine Pflicht der Höflichkeit, auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen, und nur dann erst, wenn er dieß wie ein Geschäft abgemacht hatte, kehrte er immer mit neuem Entzücken zu Emilien zurück. Der Obrist Thalheim [307] hatte für diesen Abend kein Spiel angenommen, er wußte nicht recht, wie sich seine Tochter benehmen würde, die zum ersten Mal in einer so glänzenden Gesellschaft auftrat; er fürchtete mit väterlicher Eitelkeit, daß sie schlecht tanzen würde, da sie keinen andern Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte, als durch Emilie und St. Julien, von denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden. Aber obgleich Therese mit Schüchternheit den Saal betrat, so fand sie sich doch bald zurecht, die Nähe der Gräfin gab ihr Muth, Sicherheit gewann sie durch den Beistand ihrer jungen Freunde, und der zärtliche Vater sah mit Entzücken, daß sie an Leichtigkeit, Grazie und Anstand viele andere junge Tänzerinnen übertraf.

Der Graf hatte sich gewundert, daß sein Vetter immer noch in der Gesellschaft fehlte; er hatte sogar einige Male nach dessen Zimmer geschickt, um ihn auffordern zu lassen, Theil an der allgemeinen Heiterkeit zu nehmen, aber jedes Mal war die Antwort zurückgekommen, daß der junge Herr Graf gar nicht zu Hause sei. Verdrüßlich über diese Sonderbarkeit theilte er eben dem Obristen mit, daß sein Vetter bei ihm im Hause sei, und klagte über dessen seltsames Betragen. Der Obrist freute sich sehr auf das Zusammentreffen mit seinem jungen Freunde und bedauerte nur, daß er ihn noch nicht erblickte. Endlich trat der junge Mann, sorgfältig [308] gekleidet, in den hell erleuchteten Saal; sein Auge schweifte über die glänzende Gesellschaft hinweg und haftete auf der würdigen Gestalt eines Greises, der, in das Gespräch mit seinem Oheim vertieft, ihn nicht sogleich bemerkte. Eine glänzend neue Uniform, die ganze für sein Alter zwar passende, aber mit Sorgfalt gewählte Kleidung, deutete auf eine Wohlhabenheit, die den jungen Grafen irre machte und sich am Wenigsten mit seinen letzten Nachrichten vereinigen ließ; aber das edle ihm so wohl bekannte Gesicht, die dünnen Haare, die sich silberweiß an die Schläfe schmiegten, ließen keine Zweifel. Er wollte eben vortreten und den Obristen anreden, als dieser sich umwendete und ihn erkannte. Mit väterlicher Liebe trat er dem jungen Manne entgegen, dessen Staunen ihn verhinderte, sein Gefühl auszudrücken. Sie haben mich hier nicht erwartet, rief mit Gutmüthigkeit lächelnd der Obrist nach den ersten Begrüßungen, aber kommen Sie nur, ich will Sie noch mehr in Verwunderung setzen, Sie sollen auch meine Tochter begrüßen. Betäubt hatte der junge Graf sich führen lassen und stand nun vor einem reizenden Wesen, dessen schlanke Gestalt von leichten Gewändern umschwebt, von Blumen umrankt war, und das ihm aus heitern braunen Augen mit unschuldiger und unverhehlter Freude entgegen lächelte. Der junge Graf stand verwirrt. Theresens Bild hatte ihn begleitet in allen Gefahren, in allen kummervollen [309] und in allen besseren Stunden, aber in der Dürftigkeit war sie ihm erschienen, wie er sie gekannt hatte; das Letzte, was er von ihr erfahren, hatte ihn in Verzweiflung versenkt, ja er mußte sie für verloren halten, und nun fand er sie hier, umgeben mit allen Zeichen des Wohlstandes, in allem Uebrigen den versammelten Damen gleich, nur daß statt der reichen Perlen, der glänzenden Steine, mit denen die andern geschmückt waren, eine feine venetianische Kette, das Weihnachtsgeschenk der Gräfin, den schlanken Hals bescheiden umschlang.

Sie hier, stammelte endlich der junge Graf, wie bin ich so glücklich, Sie hier zu finden. Setzen Sie sich zu mir, sagte Therese mit vor seliger Freude feuchten Augen, ich will Ihnen Alles erzählen.

Der Graf nahm einen Stuhl neben ihr ein, und die Welt umher entschwand ihm. Er horchte mit Entzücken auf die Töne, die den rothen Lippen begeisternd entschwebten; das im schönen Gefühle der Dankbarkeit befeuchtete Auge blickte so rein, so zärtlich in das seine, daß er dem Zauber zu erliegen fürchtete; die Fassung wollte ihn verlassen; die Rücksicht auf die Gesellschaft entschwand ihm, und er war nahe daran, zu den Füßen des Wesens hinzusinken, das ihm wie durch ein Wunder so verschönert, so veredelt zurückgegeben wurde, nachdem es von ihm mit finster menschenfeindlicher Verzweiflung betrauert worden war.

[310] Die Gräfin hatte schon längst das Auffallende einer so langen und innigen Mittheilung in einer großen Gesellschaft bemerkt; sie war einige Male vorbei gegangen, aber die jungen Leute waren zu sehr mit sich beschäftigt, als daß sie auf einen leichten Wink hätten achten können. Die Gräfin bot also Theresen die Hand, als hätte sie ihr etwas zu sagen, und führte sie, freundlich mit ihr sprechend, von dem jungen Grafen hinweg, dessen trunkene Augen jeder Bewegung seiner reizenden Freundin folgten.

Die Musik spielte einen französischen Kontretanz, und St. Julien forderte Theresen auf, neben der die Gräfin saß, die ihrer jungen Freundin noch einige Worte zuflüsterte, worüber diese wie die schönste Rose erröthete, indem sie doch zugleich liebevoll zu der Gräfin auflächelte. Der junge Graf war mit seinen Gedanken wenig bei dem Tanze, man sah es ihm an, daß Gefühle seine Brust bewegten, die er sich vergeblich zu beherrschen bemühte.

Der Tanz war geendigt, und St. Julien hatte Theresen kaum zu ihrem Sitze zurückgeführt, als der junge Graf hastig zu ihm trat, seinen Arm merklich drückte und mit bewegter Stimme ihm eilig zuflüsterte: Folgen Sie mir auf einige Augenblicke in den Garten. St. Julien war erstaunt; der heftige Druck, das glühende Auge, die bewegte Stimme des Grafen, der schon den Saal verlassen hatte, ließen auf [311] eine Erneuerung der Feinschaft schließen, und er folgte ihm mißvergnügt darüber, daß er ihm die wenigen Stunden der Freude zu verbittern strebte.

Der junge Graf stürmte durch die Gänge des Gartens, so daß St. Julien ihn mit Mühe erreichte, und beide standen endlich auf demselben von Gebüschen umgebenen Platze, wo sie den Morgen ihr feindliches Gespräch geführt hatten. Es war eine stille, warme Nacht, der Mondschein ruhte auf dem Laube der Bäume und breitete seinen Silberschimmer über den Rasen aus, ein Springbrunnen plätscherte in der Nähe, und nur einzelne Töne der Musik klangen wie lockend zu ihnen vom Schlosse herunter.

Der Graf wendete sich hier plötzlich, und indem er St. Juliens Arme, die dieser über die Brust zusammen geschlagen hatte, mit beiden Händen heftig faßte, rief er: St. Julien, ich muß reden, heute noch; mein Herz würde sonst zerspringen; ich könnte das Gefühl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht hindurch ertragen. Nicht wahr, rief er aus, indem ihm die Thränen über die Wangen strömten, es wäre lächerlich, wenn Einer von uns den Andern für feig halten wollte, da wir Beide, jeder für sein Vaterland, aus schmerzlichen Wunden geblutet haben; deßhalb sind für uns solche abgeschmackte Rücksichten nichts, und was sind alle Rücksichten gegen mein Gefühl; hier an derselben Stelle, [312] wo ich Sie beleidigte, bitte ich Ihnen mein Unrecht ab; hier sage ich Ihnen, daß ein wilder Schmerz mich dahin brachte, Sie gern zu verkennen, daß ich einen Zweikampf suchte, um mein Leben darin zu endigen, und hier antworten Sie mir, ob Sie mein Gefühl mit derselben Freimüthigkeit erwiedern können.

Bester Graf, sagte St. Julien mit Rührung, Sie sind so erschüttert, daß Ihr Zustand mich besorgt macht, lassen Sie uns vergessen, daß wir uns gegenseitig verkannt haben, und schenken Sie mir Ihre Freundschaft.

Freundschaft? wiederholte der Graf mild lächelnd; ja, lassen Sie uns Freunde sein, und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzückens ertragen, die mich beide zu vernichten drohen. Sie müssen es erfahren, fuhr er nach einem kurzen Schweigen, während dessen er sich gesammelt hatte, mäßiger fort, was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schlosse in jene unselige Stimmung versetzt hatte, und wodurch jetzt mein Gefühl so gänzlich umgewandelt worden ist, damit Sie mich nicht für einen Thoren halten, dessen Zorn eben so wenig, als seine Freundschaft Achtung verdienen.

Sie müssen wissen, daß ein großer Theil unseres Adels mit der Armuth kämpft, und zu diesen Unglücklichen gehört mein Vater. Von frühester Kindheit an hörte ich es beklagen, [313] daß mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermögen mit Unrecht besitze; es wurden oft ohnmächtige Pläne gegen ihn entworfen, und man behauptete, daß hauptsächlich meine Tante ihn abhielte, sich mit meinem Vater in Unterhandlungen einzulassen. Auf mich machte dieß Alles keinen tiefen Eindruck, außer, daß ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine Tante faßte. Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Noth, als aus Neigung; ich lernte früh entbehren, denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstützen, von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurück, einen Bruder hatte ich nicht, und so lebte ich die schönsten Jahre der Jugend in tiefer Einsamkeit des Herzens.

Endlich lernte ich ein Wesen kennen, in noch beschränkterer Lage, als ich selbst, dessen zarte Schönheit, die wie eine Knospe im Erblühen war, dessen edle Eigenschaften, die sich unter den ungünstigsten Umständen dennoch herrlich zu entwickeln begannen, tausend zarte Bande um mein Herz legten, und ich lernte eine Seligkeit kennen, die ich in diesem armen Leben nie geahnet hätte. Ich erwartete von meinem Vater nichts, aber ich hoffte, daß sein Gut ihm die Mittel zur Existenz gewähren würde, so lange er lebte. Ich war Stabsrittmeister, und es konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange währen, daß ich eine Eskadron bekommen [314] müßte; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen, in dessen unschuldigen Augen ich zu meinem Entzücken las, daß sie, vielleicht ohne es zu wissen, auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute. Der Krieg begann, und ich mußte mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwürdigen Vater trennen. Bei Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles, was ich an irdischen Besitzthümern mein nennen konnte. Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt, daß ich reisen konnte, und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch möglich. Ich kam bei meinem Vater an, den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte, und in den ersten Stunden schon überzeugte ich mich, daß er völlig zu Grunde gerichtet war, wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte. Ich war kaum einige Tage bei meinen Eltern, als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt wurde, und in Folge der großen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen Abschied. Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgetheilt, daß mein Oheim damit umgehe, das gesammte Vermögen einem Fremden zuzuwenden. Mich erbitterte mehr, als alles Andere, die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater, und ich ließ mich bestimmen, die Reise hieher zu unternehmen; ich war hiezu um so lieber bereit, da mich die größte Unruhe quälte über das Schicksal meiner Freunde, alle meine Briefe waren unbeantwortet [315] geblieben, und die heißeste Sehnsucht erfüllte mein Herz.

Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen. Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin stärken und erfreuen; ich hoffte selbst Rath von ihrem Vater, vor Allem aber wollte ich sie sehen und über ihr Schicksal beruhigt sein; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der heißesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung. Fremde Menschen kamen mir entgegen; ich fragte nach dem Obristen Thalheim, ein plumper breiter Mensch fragte: Meinen Sie den vorigen Pächter? Nun ja, das war ja der Obrist Thalheim, rief ein Weib aus einem Winkel. Der ist gänzlich hier verarmt, ergänzte nun der widrige Mensch; vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon gestorben sein. Und seine Tochter? fragte ich mit höchster Anstrengung. Gott weiß, sagte der Mensch, wo das Mädchen hingekommen sein mag; wie kann man es wissen, da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind. Ich weiß nicht, wie ich das Haus verlassen habe; ich weiß nicht, was ich auf dem Wege hieher dachte und fühlte. – Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an. Alles kam mir nun feindselig vor, ja selbst der sichtbare Wohlstand empörte mich, denn ich dachte an die Entbehrungen meines Vaters; mir fiel es ein, daß vielleicht ein kleiner [316] Theil dessen, was hier überflüssig ausgegeben wird, das edelste Geschöpf erhalten hätte. Dunkel schwebte mir dabei vor, daß ich doch meinem Vater nicht einmal würde nützen können, und diese Gefühle brachten mich dahin, das Ende meines Lebens zu suchen. Können Sie nun die Stimmung begreifen, die mich dazu trieb, den Streit mit Ihnen zu beginnen? St. Julien drückte seine Hand, und der junge Graf fuhr fort: Ich war nicht so verstockt, daß ich nicht dennoch mein Unrecht empfunden hätte; ich war entzweit mit mir selbst; ich entzog mich den Blicken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher, um in der Einsamkeit das Gleichgewicht wieder zu finden, das meine Seele verloren hatte; die Stürme meines Busens wurden gekühlt, eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen, und ich beschloß schon auf meinem einsamen Spaziergange, mich näher gegen Sie zu erklären. Mit solchen Empfindungen kehre ich zurück und finde hier, begreifen Sie mein staunendes Entzücken, die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des Wohlstandes umgeben, blühender, schöner, als ich sie jemals kannte. Ihr leuchtendes Auge goß den Strahl des Friedens in meine Seele, von ihren Purpurlippen erfuhr ich, wie sie und ihr Vater schon am Rande des entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten; hier vernahm ich, welche Hand sie erhalten, daß mein Oheim wie ein edelfühlender Mensch [317] ihr Leid getheilt, wie ein milder Engel sie darin getröstet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm daraus errettet hatte. Ich vernahm, mit welcher schonenden Großmuth meine gütige Tante das Werk ihres Gemahls vollendete; wie ihr edler, gebildeter Geist alle schönen Keime zu entwickeln strebt, die in Theresens Seele ruhen; ich erfuhr, wie dieß himmlische Geschöpf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben, und sie heben und tragen auf den Wegen des Lebens. Liebe, Bewunderung, Entzücken durchbebten mein Herz, aber zugleich die brennende Scham über die verächtlichen Gründe, die mich dazu gebracht hatten, mich diesen Menschen feindlich gegenüber zu stellen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ich wäre zu Theresens Füßen gesunken und hätte allen meinen Empfindungen Worte gegeben, wenn nicht meine Tante das holde Geschöpf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen hätte.

Und nun, mein theurer Freund, sagte St. Julien, werden Sie doch gewiß schon den Entschluß gefaßt haben, sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden, und werden eben so, wie ich, überzeugt sein, daß Sie einen väterlich helfenden Freund an ihm finden werden?

Es kann nicht sein, sagte der junge Graf, daß mein Oheim das Vermögen besitzt, welches zum Theil meinem Vater zukäme; sein edler Charakter würde ihn sonst längst bestimmt [318] haben, Gerechtigkeit zu üben, und mein Vater schwebt gewiß darüber, wie über vieles Andere, im Irrthume; aber es sei, wie es will, ich werde mit meinem Oheim über Alles sprechen, und wenigstens zwischen uns soll ein reines Verhältniß stattfinden.

St. Julien konnte den Entschluß des jungen Grafen nur loben und erinnerte ihn nun daran, daß sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt wären und dieß leicht auffallen könnte.

In der That hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Männer bemerkt, die ihm bei der feindlichen Stellung, die sie gegen einander annahmen, mancherlei Besorgnisse erregte; um so größer war also seine Verwunderung, als sie Arm in Arm eintraten, und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten, daß auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Kälte getreten war.

Der junge Graf näherte sich seiner schönen Freundin von Neuem und fragte mit schmeichelnden Blicken: Darf ich nicht wissen, was meine Tante Ihnen sagte, als sie vorhin unsere Unterredung störte? Warum sollte ich Ihnen das nicht mittheilen dürfen, antwortete Therese, indem sie die großen, dunkeln Augen mit dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob; die Gräfin sagte mir: Ich werde gewiß, mein liebes Kind, Dich nicht mit unzeitiger Zudringlichkeit [319] stören, wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen Dich umgeben; dann kannst Du ohne Rückhalt Deinem Freunde alles mittheilen, was ihm wichtig scheint, aber hier, jetzt unter so vielen fremden Menschen, ist es besser, wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm führst. Und Sie wünschen den Rath meiner Tante zu befolgen? fragte lächelnd der Graf. Wenn es Sie nicht kränkt, wünsche ich es wohl, erwiederte Therese aufrichtig, denn die Gräfin behandelt mich so mütterlich, ihr Rath ist so wohl gemeint, daß ich ungern davon abweichen möchte.

Da wir denn nicht viel mit einander sprechen dürfen, sagte der junge Graf, so werden Sie es mir doch gewiß nicht abschlagen, mit mir zu tanzen? O gewiß nicht, rief Therese, ich habe mich schon lange darüber gewundert, daß Sie ganz weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten, mit mir zu tanzen. Und dahin schwebten Beide durch den Saal zum größten Erstaunen des Grafen, der die Verwandlung seines finstern Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch sich nicht aufklären mochte, weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St. Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte.

So war unter Tanz, Spiel und heitern Gesprächen ein großer Theil der Nacht verschwunden, und die Gesellschaft [320] begab sich nach dem Speisesaale zur Abendtafel. Die geschmackvolle Verzierung der Tafel, die glänzende Beleuchtung, machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre, als die Fülle der auserlesenen Speisen und Getränke. Die feurigen Weine erhöhten die Heiterkeit der Gäste, und auch die, welche sich bis jetzt ruhig gehalten hatten, wollten nun durch Witz und muntere Einfälle ihren Zoll zur allgemeinen Freude beitragen. Freilich trafen nicht Alle immer das Beste, und oft erhob sich Gelächter aus ganz andern Gründen, als der beabsichtigte, welcher es erregte; aber doch umschwebte die Freude die Tafel. Endlich neigte sich auch diese Lust zu Ende, und der Haushofmeister schenkte schon den perlenden Champagner ein; der Baron Löbau sah mit ängstlichen Blicken den Grafen an, der ihn sogleich verstand, ein Glas nahm und, indem er aufstand, mit lauter Stimme rief: Auf das Wohl unseres theuern Landesvaters, unseres geliebten Königs, den uns Gott lange erhalten möge! Ein langer schmetternder Tusch von Trompeten bestätigte die ausgebrachte Gesundheit, und es war, als ob die Töne in jeder Brust das gleiche Gefühl der Liebe und Hingebung hervorriefen, Aller Augen glänzten in Thränen, alle Stimmen wiederholten die Worte, und selbst der Baron Löbau, der die Sache wie eine Förmlichkeit betrieben hatte, fand unvermuthet eine Empfindung in seinem Busen, die auch seine Augen befeuchtete. Er hatte sich [321] nicht auf den Grafen verlassen und befürchtet, daß in Ansehung dieses wichtigen Gesundheitstrinkens nicht die gehörige Anordnung getroffen sein möchte, deßhalb hatte er es nicht verschmäht, in einem unbeachteten Augenblicke den Haushofmeister aufzusuchen und ihm selbst das Nöthige aufzutragen, und blickte nun mit einem Gefühl von Stolz gleichsam in die Trompetentöne hinein, die er glaubte veranlaßt zu haben.

Nach der Abendtafel wollten noch Einige den Tanz zu erneuern suchen, aber auch die Lust ermüdet den Menschen, und da der Tag schon wieder zu dämmern begann, so trennte sich die ermüdete Gesellschaft.

XVIII

Als nach einer Ruhe von einigen Stunden der Graf sich wieder von seinem Lager erhoben hatte, säumte Dübois nicht, aus doppelten Gründen, sogleich vor dem Herrn zu erscheinen; zuerst wollte er erfahren, ob der Graf mit der ganzen Anordnung des Festes zufrieden gewesen sei, und dann glaubte er, daß es gut gethan sei, wenn er ihm die Unterredung mittheilte, die er mit dem Knaben Gustav gehabt hatte.

Als ihn der Graf erblickte, rief er: Ei, ei, guter Dübois, sind Sie schon aufgestanden, nach der großen Anstrengung, die Sie gestern hatten? Sie sollten sich mehr schonen, Sie sollten daran denken, daß Sie sich uns noch lange erhalten [322] müssen. Dübois lächelte entzückt über diese Güte und versicherte, daß er gar keine Müdigkeit fühle, auch, fuhr er fort, stand mir der Knabe des jungen Herrn Grafen mit so vieler Gewandheit und Einsicht bei, daß ihm ein großer Theil des Lobes gebührt, wenn wir überhaupt Lob verdient haben.

Alles war vortrefflich, sagte der Graf, jede Anordnung verständig; wie läßt sich das auch von Ihnen anders erwarten; Sie haben in Paris eine so gute Schule gehabt; und Alles war so eingerichtet, wie ich es liebe; Jeder wohl versorgt, auch der geringste Gast beachtet, ein anständiger Ueberfluß ohne alle Prahlerei; durch Ihre Mühe war es ein so wohlgeordnetes Fest, daß ich Ihnen recht sehr dafür danke. Gewiß, sagte der Haushofmeister, ich bin innig erfreut über die Zufriedenheit meiner hohen Herrschaft, aber doch muß ich der Wahrheit gemäß eingestehen, daß ich mir ohne den lieben Knaben Gustav gar nicht in dem Grade diese mir so theure Zufriedenheit hätte erwerben können.

Was ist es mit dem Knaben, fragte der Graf, denn es scheint mir, daß Sie seiner nicht ohne Absicht gedenken?

So ist es, erwiederte Dübois und ließ sich gern bereit finden, Alles, was er von dem Knaben wußte, mitzutheilen. Der Graf hörte nicht ohne Theilnahme dessen traurige Geschichte und sagte, als sie geendigt war: Wie bereit doch ein [323] Jeder ist, dem Andern Unrecht zu thun; ich hätte meinem finstern, kalten Vetter nicht so viel Menschlichkeit zugetraut, und ich war sehr geneigt, das für seinen Charakter zu erklären, was vielleicht nur die Folge eines eben erduldeten Unglücks sein mag. Ich hielt es deßhalb für meine Pflicht, erwiederte Dübois, das Alles zu berichten, damit nicht vielleicht die Mitglieder eines verehrten hohen Hauses durch Mißverständnisse noch mehr von einander getrennt werden. Sie sind ein verständiger Mann, sagte der Graf mit Güte, und ich habe es oft mit Dank erkannt, daß Sie alles, was zu meinem Vortheil gehört, wie ein Freund berücksichtigen. Dieß ist die Pflicht eines treuen Dieners, sagte der alte Mann mit vor Rührung bebender Stimme, aber nicht immer wird diese Pflicht gegen so edle Herren ausgeübt. Ich bin so dreist gewesen, fuhr er sich beherrschend fort, dem Bürschchen Gustav den Gebrauch der Bibliothek zu gestatten, ohne um Ihre Erlaubniß dazu erst nachzusuchen, wie ich hätte thun sollen, aber die Geschäfte des Tages verhinderten mich, und ich hoffe, der Herr Graf verzeihen mir diese Freiheit. Sie haben auch daran Recht gethan, mein guter Dübois, sagte der Graf, wie ich alles, was Sie für den unglücklichen Knaben gethan haben, nur loben kann, und gewiß werde ich es nicht unterlassen, Ihre guten Absichten mit ihm nach besten Kräften zu unterstützen. Das Wort war [324] gesprochen, welches Dübois von der Großmuth seines Herrn erwartet hatte, und er ging in jeder Hinsicht befriedigt hinweg. Kaum hatte der Haushofmeister den Grafen verlassen, als St. Julien mit ganz ungewöhnlicher Heiterkeit hereintrat. Sie wollten kein Friedensfest, rief er lachend, nachdem er den Grafen umarmt hatte, aber wenn Sie auch dabei bleiben wollen, das gestrige Fest nicht so zu nennen, so haben Sie doch meinen Frieden mit einem heftigen Feinde dadurch gestiftet und, setzte er mit Herzlichkeit hinzu, ihn in meinen aufrichtigen Freund verwandelt.

Dann wäre durch eine geringe Ursache eine große Wirkung hervorgebracht, sagte der Graf lächelnd, aber theilen Sie mir doch mit, wie die Verwandlung sich begeben hat, die ich schon gestern bemerkte.

St. Julien wurde ernsthaft und erzählte dem Grafen das ganze, anfänglich so feindliche und dann so rührend herzliche Benehmen des jungen Grafen; er theilte ihm Alles mit, was er von ihm selbst erfahren hatte, und sein Zuhörer konnte sich des Mitgefühls nicht erwehren.

Der arme junge Mann, rief er, als St. Julien geendigt hatte, er hat Vieles durch ein hartes Geschick erduldet und sehr Vieles durch die ungereimte Falschheit seines Vaters, der den eigenen Sohn hintergeht, um ihn zu Schritten zu bewegen, die ihn nur hätten herabwürdigen können. [325] Ich sehe das deutlicher ein, als Sie, mein lieber Freund, und zweifeln Sie nicht, ich werde dem Vertrauen meines Vetters so begegnen, wie ich hoffe, daß es für uns Alle wohlthätig sein soll.

Nur gedenken Sie meiner nicht dabei, sagte St. Julien, denn ich weiß nicht, ob unsere junge Freundschaft nicht dadurch erschüttert werden könnte, wenn er darauf käme, zu glauben, ich habe sein Vertrauen mißbrauchen wollen.

Sein Sie unbesorgt, sagte der Graf lächelnd, ich werde ja nicht den kaum geschlossenen Frieden stören wollen.

Die Gesellschaft versammelte sich spät zum Frühstück, und die heiteren Erinnerungen an den gestrigen Tag wurden gehemmt und unterbrochen, weil man bemerkte, daß der junge Graf seine Gedanken auf andere, ernsthaftere Gegenstände richtete, und daß auch sein Oheim diesen Dingen wenig Aufmerksamkeit schenkte und hauptsächlich ein Gespräch mit seinem Vetter einzuleiten suchte. Endlich nach beendigtem Frühstück bat er diesen, ihm in sein Kabinet zu folgen, weil er sich über manche Gegenstände mit ihm zu unterreden wünsche. Der junge Graf folgte schweigend, nicht ohne peinliche Empfindungen, weil er nicht wußte, welche Wendung eine Unterredung nehmen würde, die er wünschte und fürchtete.

Als sie allein waren, sagte der Graf: Ich glaube, mein [326] lieber Vetter, Sie haben es leicht bemerken können, daß Offenheit und Freimüthigkeit die Hauptzüge meines Charakters sind; ich befürchte nicht mich zu täuschen, wenn ich dieselben Eigenschaften bei Ihnen voraussetze, es ist uns also ohne Frage beiden gleich quälend, wenn wir eine Spannung zwischen uns erhalten, die vielleicht durch eine offenherzige Unterredung aufgehoben werden kann. Der junge Graf fand auf diese Anrede keine Antwort und begnügte sich mit einer stummen Verbeugung. Ich will den Anfang des Vertrauens machen, fuhr sein Oheim fort, da mich die weitere Bahn, die ich auf dem Wege des Lebens zurückgelegt habe, vielleicht geschickter dazu gemacht hat, diese Aufgabe zu lösen. Ich glaube mich nicht zu irren, setzte er hinzu, wenn ich annehme, daß Sie mich durch Ihren Besuch hier nicht bloß deßhalb erfreuen, um die Bekanntschaft eines Verwandten zu machen, sondern daß Sie dazu auch noch durch andere Gründe bestimmt worden sind. Ich kann nicht läugnen, sagte der junge Graf mit einer Verlegenheit, die er nicht bekämpfen konnte, mein Vater hat mir mancherlei Aufträge gegeben, die es mir unendlich schwer fällt auszurichten.

Ich glaube, erwiederte ihm sein Oheim, ich kann Ihnen die Eröffnung, die Sie mir machen müssen, erleichtern, wenn ich sage, daß mir im Ganzen der Inhalt Ihrer Sendung bekannt ist. Ihr Vater beabsichtigt seit lange, Ansprüche [327] auf einen großen Theil meines Vermögens geltend zu machen, und die Kenntniß dieser Absicht, die mir mein Rechtsfreund mittheilte, bestimmte mich hauptsächlich hieher zu kommen, wo in einer so wichtigen Angelegenheit meine Gegenwart vielleicht unentbehrlich sein konnte.

Ich kann nicht läugnen, sagte der junge Graf, mein Vater ist überzeugt, bedeutende Ansprüche zu haben.

Ist es Ihnen bekannt, worauf er diese gründet? fragte der Graf.

Mein Vater ist überzeugt, erwiederte sein Vetter, daß nach dem Tode Ihres Aeltervaters die Summe, welche Ihr Großvater dem seinigen hatte auszahlen sollen, nie berichtigt worden ist.

Ich kann Sie vom Gegentheil überzeugen, sagte der Graf, und Ihnen das Dokument über die vollständig geleistete Zahlung vorlegen. Er reichte es ihm mit diesen Worten hin und zog sich etwas zurück, um seinem jungen Verwandten Zeit und Ruhe zum Lesen zu gewähren. Er beobachtete ihn während dieses Geschäfts und sah, wie das Gesicht des jungen Mannes während des Lesens erbleichte und das Gefühl einer völligen Hoffnungslosigkeit sich auf seinen Zügen ausdrückte. Noch eine Zeitlang hielt er das Blatt zitternd in der Hand, und sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf den Buchstaben, die alle seine [328] Erwartungen vernichtet hatten. Endlich nahm er sich zusammen und gab gefaßt seinem Oheim die Urkunde zurück. Es ist so, wie ich es schon früher ahnte, sagte er mit ruhiger Stimme, es war ein Irrthum meines Vaters. Ihr Vater, rief der Graf mit Heftigkeit und unterbrach sich selbst, er fühlte, wie hart es wäre, einem Sohne zu zeigen, wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei.

Mein Vater, ergänzte der junge Graf, muß seinen Irrthum schleunig erfahren, wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden; er muß es wissen, daß wir gar keine Rechte auf Ihr Vermögen haben.

Wenn ich auch zugeben muß, erwiederte sein Oheim, daß Sie diese Rechte in der That nicht haben, hören denn dadurch nothwendig alle Hoffnungen auf? Haben Sie, mein lieber Vetter, denn gar keine Rechte an einen Verwandten? Ueberrascht blickte der junge Graf empor, und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort:

Hören Sie mich ruhig an. Ich bin in einer so glücklichen Lage geboren, daß ich von frühester Jugend an mehr hatte, als ich bedurfte, meine Neigungen waren mehr auf geistige Genüsse, als auf kostbare Vergnügungen gerichtet. Die Gräfin theilte meine Lebensansichten, und so wurde es bei mir ein Grundsatz, von dem ich niemals abwich, meine Ausgaben immer so einzurichten, daß sie bedeutend unter [329] meinen Einnahmen blieben; durch diese Einrichtung bin ich in der Lage, immer eine Summe bereit zu haben, die ich zum Vortheil eines Freundes verwenden kann, und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht über Ihren Vater zu beklagen habe, so wäre es doch vielleicht besser gewesen, wenn ich mich ihm früher genähert hätte. Ich glaube, daß selbst Sie, mein lieber Vetter, nicht einmal ganz die Gefahr seiner Lage kennen; er ist nahe daran, sich in die Hände eines Menschen zu liefern, der sein gegenwärtiges Unglück und die Bedrängnisse, die in Folge des Friedens eintreten müssen, dazu benutzen wird, um ihm sein Vermögen zu entreißen. Ich erhielt gestern diesen Brief für Sie, es kann sein, Ihr Vater schreibt Ihnen selbst das Nähere; lesen Sie dieses Schreiben und theilen Sie mir dann das Nöthige daraus mit, damit wir gemeinschaftlich überlegen können, wie sich am Besten helfen läßt. Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich, um seinen Vetter ungestört den vielleicht wichtigen Inhalt überlegen zu lassen.

Erstaunt, bestürzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach; mit wenigen Worten hatte dieser seine ganze Lage geändert; er hatte es ausgesprochen, daß er die Mittel besitze, ihm zu helfen, und auch den Willen, ihm diese Hülfe zu leisten, und dieß war ohne allen Prunk wie eine einfache [330] Handlung abgemacht. Das Leben lächelte ihm wieder entgegen, die gränzenlose Noth seines Vaters und seiner Familie war gehoben, und Theresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie vorüber. In diesem Gedränge mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines Vaters unentsiegelten Brief in der Hand, und ein zufälliger Blick darauf erinnerte ihn, daß er ihn lesen müsse, um seines Oheims wohlthätige Absicht befördern zu helfen.

Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefühle des jungen Mannes. Es ließ sich nicht verkennen, daß es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben war; in dieser Angst verrieth sein unglücklicher Vater nur zu deutlich, daß er den Sohn getäuscht habe, um ihn nur überhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen zu vermögen; er rechnete auf dessen heftigen, reizbaren Charakter und gab ihm viele unwürdige Mittel an die Hand, eine Summe, die er nannte, von dem Grafen auf jeden Fall zu erpressen, indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfüllung der Pflichten darstellte, die der Sohn habe, das graue Haupt des Vaters vor schmachvoller Armuth zu bewahren, die kränkelnde Mutter und die noch unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen. Wenn Du nun auch, beschloß er dieß Schreiben, durch die Erfüllung dieser Pflichten einige schmerzliche Stunden mit meinem Vetter, Deinem Oheim, hinbringen [331] mußt, so bedenke, daß Du durch diese kurze Selbstüberwindung von uns Allen den Jammer eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst.

Der junge Graf fühlte sich durch dieß Schreiben vernichtet. Wie edel und einfach war sein Oheim, ihm vertrauend, entgegen getreten; mit welcher rührenden Freimüthigkeit hatte er die Hülfe eines Verwandten angeboten, und wie unwürdig zeigte sich sein Vater dieser Unterstützung. Mit brennendem Schmerz senkte sich die Ueberzeugung in seine Seele, daß der alte Vater die Achtung des Sohnes nicht verdiene; das bleiche Bild der leidenden Mutter stand rührend vor den Augen seines Geistes, und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den wehmüthig-lächelnden Mund, und sein eignes, von heftigem Leid beängstigtes Herz machte sich Luft durch den klagenden Ausruf: Ach, Du arme, Du unglückliche Mutter!

Der Graf hatte erwartet, sein Vetter würde ihm bald folgen, um das Nöthige über das eingeleitete Geschäft zu verabreden; nachdem er aber lange vergeblich auf ihn gewartet hatte, kehrte er nach seinem Kabinet zurück und fand dort seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit, der ihn erschreckte. Was ist geschehen, lieber Vetter? rief er ihm ängstlich zu; welch Unglück hat Ihre Familie betroffen? Der junge Graf saß an einem Tische, [332] auf den er die Ellbogen gestützt hatte, um das Gesicht in die flachen Hände zu versenken; er erhob sein bleiches Antlitz, als er angeredet wurde, und sagte mit zitternder Stimme: Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber, Alles, was mir heilig war, fängt an mir ein Irrthum zu erscheinen, und ich möchte beinah wünschen, gar nichts Achtungswerthes im Leben mehr anzutreffen, um mich über mein Unglück zu trösten.

Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken? fragte der Graf. Lesen Sie dieß Blatt, erwiederte sein Vetter, denn ich will Sie nicht hintergehen, wenn es mir auch als eine Pflicht befohlen wird, Sie müssen wissen, Wem Sie Ihre Hülfe anbieten.

Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Güte: Sie haben zu wenig in der Welt gelebt, mein lieber Vetter, deßhalb ist Ihr Gefühl so reizbar geblieben. Es ist gewiß ein großes, tief eingreifendes Unglück, wenn ein Kind die Einsicht bekömmt, daß der Charakter seines Vaters Schwächen hat, die das Unbedingte in der Achtung des Knaben aufheben, aber Sie sind ein Mann, Sie müssen mit dem Gedanken vertraut sein, daß die menschliche Natur überhaupt unvollkommen ist, und müssen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater ertragen. Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getröstet, doch beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims. [333] Es ist vielleicht zu Ihrer aller Glück, schloß dieser endlich, denn dieß muß Sie bestimmen, die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Händen zu nehmen, ohne die Rücksichten zu verletzen, die Sie als Sohn ihm schuldig sind; und wenn Sie ihn von den Geschäften entfernen und jede Sorge von ihm abwenden können, so wird auch manches Nachtheilige, durch die Noth Erzeugte aus seinem Charakter schwinden.

Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zurück, und der Graf ersah daraus, was er durch den Geistlichen schon wußte, daß eine bedeutende Summe sogleich nöthig sei, wenn das Vermögen seines Verwandten nicht in die Hände des alten Lorenz fallen sollte, und daß noch andere Unterstützungen erforderlich wären, um Ordnung in die Geschäfte zu bringen. Er rieth nun seinem Vetter, selbst zurückzureisen, mit der nöthigen Summe, um nur den alten Lorenz gleich aus dem Hause zu bringen; seinen Vater zu überzeugen, daß er durch kein Mittel der Gewalt oder List etwas erhalten könne, daß aber der Graf bereit sei, aus Freundschaft für den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten, daß aber auch dann dieser allein für Alles die Verantwortung übernehme und folglich die Geschäfte durch seine Hände gehen müßten.

Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen, um [334] die wohlgemeinten Pläne seines Oheims in Ausführung zu bringen. Das ist unmöglich, rief der Graf; Sie müssen übermorgen das Friedensfest bei dem Baron Löbau mit feiern helfen, ich habe es ihm in Ihrem Namen versprechen müssen. Und soll denn meine arme Mutter so lange in der Angst erhalten werden? sagte sein Vetter, der den Vater nicht zu nennen wagte.

Das wäre grausam, schreiben Sie sogleich; wir senden einen Boten, und Sie ersparen sich zugleich die Verlegenheit, unangenehme Dinge mündlich zu sagen, die doch berührt werden müssen. Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine Rathschläge zu ertheilen, die diesem eben so mild als vernünftig erschienen. Und, schloß er, wenn Sie sich dann genaue Kenntniß von Ihrer Lage verschafft haben, dann kehren Sie zu mir zurück und bleiben wenigstens einen Monat bei mir, damit auch wir uns genauer kennen lernen, indem wir Ihre Geschäfte ordnen; und dann wollen wir auch gemeinschaftlich für das Fortkommen Ihres Knaben sorgen, von dem mir der gute Dübois so viel Rühmliches gesagt hat. Der junge Graf konnte nur einige Worte des Dankes stammeln; die heftige Rührung machte es ihm unmöglich, Ausdrücke für sein Gefühl zu finden, er verließ seinen Oheim, um auf den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien Natur die mannichfachen Empfindungen [335] der Liebe, der Achtung, der wiederauflebenden Hoffnung und des Schmerzes über seinen Vater, die in seinem Busen stürmten, zu besänftigen. Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zurück unb schrieb nun den peinlichen, aber nothwendigen Brief an seinen Vater, auf den der Bote schon wartete.

Am Nachmittage war die Luft so mild und still, daß er die Gesellschaft im Garten versammelt fand, als er von einem Besuch, den er beim Obristen Thalheim gemacht hatte, zurückkehrte. Der Prediger war ebenfalls gekommen, und ihm schallte Gelächter und die streitende Stimme des Arztes aus dem Garten entgegen. Es wird Niemand behaupten können, hörte er noch den Arzt empfindlich rufen, daß ich nicht die Fähigkeit hätte, den Takt der Musik zu hören und mich im Tanze danach zu richten.

Das behauptet auch Niemand, erwiederte St. Julien, es ist bloß die Standhaftigkeit Ihres Charakters, die Sie bestimmt, sich immer auf einer Stelle herum zu drehen. Ihre Dame mag dagegen thun, was sie will, Sie lassen sich nicht beherrschen, und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle wieder auf ihren Plätzen stehen, so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte ein, als jeder Andere, weil Sie ihn so standhaft behauptet haben.

[336] Sie sind ein Spötter, sagte der Arzt ärgerlich, und wenn Sie nicht ein Mensch wären, den ich aus dem Rachen des Todes errettet hätte, so würde ich ernstlich böse werden.

Und das würde mich ernstlich kränken, sagte St. Julien, indem er dem leicht versöhnten Gegner freundlich die Hand bot.

Es wäre traurig, sagte die Gräfin zu dem Arzt gewendet, wenn Sie das Friedensfest des Barons in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten besuchen wollten, oder sich wohl gar durch ihn bestimmen ließen, das Tanzen aufzugeben.

Das werde ich nicht, rief der Arzt, es ist die Pflicht eines Jeden, zur Unterhaltung einer Gesellschaft nach besten Kräften beizutragen, die durch so viele Mühe und Anstrengung versammelt wird.

Und wie weise, sagte die Gräfin, hat es der gute Baron eingerichtet, daß er uns zwei Tage Ruhe zwischen den Festen gönnt, denn wer vermöchte die Last dieser Freuden zu ertragen, wenn sie ohne Erholung auf einander folgten.

Es ist das erste Mal, sagte St. Julien, daß ich Gelegenheit gehabt habe, die Zurüstungen zu einer großen Gesellschaft auf dem Lande zu beobachten, und ich habe bemerkt, daß eine solche Freude sich einigermaßen mit einer Schlacht vergleichen läßt; bedeutende Helden sind geblieben; ich sah, daß ein krummgehörntes, schwer hinwandelndes Rind der allgemeinen[337] Freude sein Leben zum Opfer bringen mußte, aber doch haben die leichten Truppen am Meisten gelitten, das Gakeln im Hühnerhofe hat sich seit der großen Katastrophe bedeutend vermindert.

Die größte Beschwerde, bemerkte der Graf, verursacht bei solchen Gelegenheiten die große Menge Pferde und verschiedenartiger Bedienten, die alle wieder ihre Rangordnung unter einander haben, die anerkannt werden muß; die begleitenden Kammerdiener dürfen nicht mit den gewöhnlichen Bedienten vermischt werden; die Kutscher und Vorreiter trennen sich von diesen, die Kammerjungfern wollen höher geachtet werden als die Kinderwärterinnen, die auch bei solchen Gelegenheiten nicht fehlen, und so gibt es in den unteren Zimmern zehn verschiedene Gesellschaften zu bewirthen, wenn sich eine in den Sälen des Hauses versammelt.

Störend ist es mir gewesen, sagte St. Julien, daß oft auf eine Dame mußte gewartet werden, wenn ein Tanz anfangen sollte, weil sie eben ihr Kind tränkte, oder daß aus den entfernten Zimmern sich zuweilen das Geschrei der Kinder vernehmen ließ, deren Bedürfniß die Mutter nicht befriedigen konnte, weil die Quadrille noch nicht beendigt war.

Es ist eine moderne Thorheit, sagte die Gräfin, daß die Frauen glauben, sie erfüllen eine wichtige mütterliche Pflicht, wenn sie ihre Kinder selbst tränken.

[338] Wie! rief der Prediger, halten die Frau Gräfin dieß nicht für die erste Pflicht einer Mutter?

Wenn eine Mutter, erwiederte die Gräfin, ihr Kind so sehr liebt, daß sie ihm die erste Nahrung durchaus selbst reichen will, so ist dieß weder Tugend noch Pflicht zu nennen, die Mutter befriedigt bloß ihr eigenes Gefühl; es versteht sich, daß ich hier nur von den wohlhabenden Müttern spreche, denn wenn eine arme Frau von schwacher Gesundheit, ohne hinreichende Nahrung und Pflege, die letzten Kräfte aus Noth und Liebe aufopfert, und recht eigentlich ihr Kind ihr Leben saugen läßt, so ist dieß ganz etwas anders; ich spreche bloß von unseren Damen, und ich meine, wenn diese eine solche Pflicht übernommen haben, daß sie sie dann auch ganz erfüllen müßten.

Nun dieß thun doch wohl alle Mütter, erwiederte der Prediger.

Ich glaube, wenn eine dieser Mütter, sagte die Gräfin, eine Amme bei ihrem Kinde hätte, die es sich beikommen ließe, eine Nacht hindurch tanzen zu wollen, daß sie sehr unzufrieden damit sein würde; aber, wie gesagt, es ist eine moderne Thorheit, und es wäre hart, wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben sollten, weil sie etwas unternommen haben, was sich mit dieser Lust nicht vereinigen läßt.

Es ist wahr, rief der Arzt, die Frauen sind auf die[339] Häuslichkeit angewiesen von der Natur, dieß ist ihre wahre und einzige Bestimmung.

Das ist eine Behauptung, der sich gar nicht widersprechen läßt, sagte die Gräfin, ob ich gleich überzeugt bin, daß wir beide einen ganz verschiedenen Sinn damit verbinden.

Und ich denke, meinte der Prediger, der Begriff der Häuslichkeit ließe sich leicht feststellen, und es könnte nicht schwer fallen, die Pflichten einer Frau auseinander zu setzen, die hauptsächlich in hingebender Liebe bestehen. Ich habe es immer getadelt, daß bei der Erziehung der jungen Mädchen mehr darauf gesehen wird, daß sie glänzen sollen, als daß man sie zu künftigen Gattinnen bildet, die ihre Pflicht erfüllen könnten, die doch hauptsächlich darin besteht, den Mann zu beglücken.

Ich möchte nicht gern, sagte die Gräfin, einen oft geführten Streit von Neuem führen, es sind so unzählige Bücher geschrieben worden, die davon ausgehen, den Satz als unbestreitbar hinzustellen, daß die Frauen dazu da sind, die Männer zu beglücken, und deren Verfasser sich nur in Rathschlägen erschöpfen, wie dieß am besten zu bewerkstelligen sei, daß viel Muth dazu gehört, sich gegen die allgemeine Ansicht aufzulehnen.

Wie! rief der Prediger, ist es möglich, an der edelsten Bestimmung des Weibes zu zweifeln?

[340] Würden Sie nicht finden, Herr Prediger, sagte die Gräfin, daß es eine seltsame Anmaßung wäre, wenn Jemand behaupten wollte, es sei die erste und heiligste Pflicht der Männer, ihre Frauen zu beglücken; sie wären eigentlich nur dazu da; und halten Sie den Schöpfer für so partheilich, daß er ein Geschlecht bloß dazu erschaffen haben sollte, damit das Andere beglückt wird? Ich glaube, daß sich beide Geschlechter ergänzen, daß aber beide ihre Selbstständigkeit bewahren müssen, und der größte Fehler in der weiblichen Erziehung liegt wohl darin, daß auf diese Selbstständigkeit wenig Rücksicht genommen wird und die armen jungen Mädchen nur für ihre künftigen Gatten gebildet werden.

Der Geistliche wollte die Gräfin unterbrechen, aber, ohne es zu bemerken, fuhr sie fort: Warum sollen die Talente, die Fähigkeiten und alle schönen Eigenschaften der Seele eines jungen Mädchens nicht eben sowohl ausgebildet werden, als die eines Knaben, schon um ihrer selbst Willen?

Dann würden wir also lauter gelehrte Frauen haben, bemerkte der Pfarrer mit spöttischem Lächeln.

So wenig, erwiederte die Gräfin, wie wir lauter gelehrte Männer besitzen, denn wo Neigung und Geistesfähigkeit nicht vorhanden ist, kann sie auch nicht ausgebildet werden; ja ich glaube zu Ihrer Beruhigung versichern zu können, fuhr die Gräfin fort, daß es mit sehr wenigen Ausnahmen [341] gar keine gelehrte Frau geben kann, so wenig wie eine Künstlerin im wahren Sinne des Worts.

So geben also die Frau Gräfin hierin doch die Ueberlegenheit des männlichen Geschlechts zu? fragte der Pfarrer.

Nicht weil ich glaube, erwiederte die Gräfin, daß die Fähigkeiten des einen Geschlechts an sich größer wären, als die des andern, aber hierin, glaube ich, entscheiden in der Natur begründete Verhältnisse. Gewöhnlich wird ein junges Mädchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheirathet, und ihre Erziehung ist damit beendigt. Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst seine Seelenkräfte kennen und bildet sich selbstständig in der ihm angemessenen Richtung aus; er wählt dann seine Studien, sucht in den Geist der Wissenschaft einzudringen, die ihn besonders anzieht, und widmet ihr sein ganzes Leben. Eine Frau übernimmt, indem sie sich verheirathet, wenigstens in Deutschland die Pflicht, ihrem Hause vorzustehen, und die vielen kleinen Beschäftigungen und Sorgen zerstückeln so sehr das Leben, daß an eine ernsthaftes Studium kaum mehr zu denken ist. Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein, und es kann eine Frau schon von Glück sagen, wenn sie so viel Geisteskraft behält, um sich nicht völlig zu vernachläßigen. Deßhalb kann auch selbst ein hervorragender Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten, und was [342] wir an den Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben, wird immer vornehmlich durch Tiefe des Gefühls, durch einen scharfen beobachtenden Geist, durch ein glückliches Gedächtniß errungen sein. Wenn also auch eine Frau sich mancherlei Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann, wenn sie auch einen richtigen Blick für das Leben gewinnt, wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimniß der menschlichen Natur erschließt, so kann sie eine höchst interessante Erscheinung, aber niemals eine Gelehrte sein.

So würde also das Cölibat erfordertich sein, um eine Gelehrte hervorzubringen, sagte der Prediger.

Auch dann würde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck erreicht werden, sagte die Gräfin. Was dem jungen Manne so leicht wird, ist für eine Frau unmöglich, sie könnte keine hohe Schule, keine öffentlichen Hörsäle besuchen; es müßte also, da sie sich unter die Studenten nicht mischen dürfte, ihr Vermögen so bedeutend sein, daß sie sich die vorzüglichsten Lehrer auf andere Weise verschaffen könnte, und dennoch würde ein solches, in der Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit führen, denn sie müßte den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich beschäftigten Freunden entbehren, durch den die Ausbildung der Männer so sehr befördert wird, und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben, [343] um nicht als pedantisch und anmaßend verlacht zu werden; also wäre auch dieß ein sehr mühevoller und unsicherer Weg. Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals etwas ausgezeichnet Großes werden leisten können, ist, glaube ich, noch leichter einzusehen. Ein unüberwindliches Gefühl der Sittsamkeit wird das Studium der Natur verbieten, und ich glaube, alle Künstler sind darüber einig, daß ihnen dieß unentbehrlich ist. Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert wieder die bedingte Freiheit, denn es kann doch nur die Stelle beobachtet werden, wohin man in anständiger Begleitung spazieren gehen kann. Die Gedanken, welche die Seele auf einsamen Wanderungen nährt, muß eine Frau entbehren, und auch hier kann nur der Rath eines Lehrers leiten, statt daß die jungen Männer sich gegenseitig mit einander berathen, verlachen und bewundern, und so durch Wetteifer alle Kräfte des Geistes anregen. Auch liegt in der Seele der Frauen eine gewisse Schüchternheit, die die Ausübung einer jeden Kunst hindert; ich meine nicht die so oft äußerlich gezeigte, die nicht einmal immer wahrhaft ist, sondern diejenige, die es einer Frau unmöglich macht, das Tiefste, Wahrste, Wildeste und Größte, was ihre Seele denkt, auszusprechen. Ich halte es für unmöglich, daß eine Frau eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele aufgeben kann, und deßhalb wird sie lieber die Tiefe ihres [344] Geistes verhüllen, als zeigen, und eben deßhalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken, daß große künstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind, aber ich zweifle, ob er irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern können.

Es scheint aber, sagte der Geistliche, als ob wir in einen Widerspruch geriethen; erst, glaube ich, verlangten die Frau Gräfin, daß unsere Töchter wie unsere Söhne ausgebildet werden sollten, und nun geben Sie selbst zu, daß dieß unmöglich ist.

Ich glaube nicht, erwiederte die Gräfin, daß ich mit mir selbst im Widerspruche bin, ich glaube nur den Wunsch geäußert zu haben, daß, so wie man die jungen Männer um ihrer selbst Willen erzieht, man diese Gerechtigkeit auch gegen das weibliche Geschlecht üben sollte. Daß die Erziehung an sich verschieden sein muß, habe ich nicht läugnen wollen, und wenn ich glaube, daß keine Frau eine gründliche Gelehrte oder eine vollendete Künstlerin sein kann, so habe ich wiederum damit nicht ausdrücken wollen, daß schöne Geistesanlagen nicht so viel als möglich ausgebildet werden sollten. Es wäre überhaupt zu wünschen, daß die Erziehung der Töchter ernsthafter betrachtet würde, denn welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen [345] in der Welt haben mag, so wird man doch darin übereinkommen, daß die Erziehung der Kinder großen Theils in den Händen der Mutter ruht, und schon deßwegen sollte man diese gehörig ausbilden, damit sie ihre Söhne vernünftig erziehen könnten. Aber auch wenn man betrachtet, wie vieler Standhaftigkeit, Selbstüberwindung und Klugheit eine Frau selbst in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens bedarf, so ist es unbegreiflich, daß man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen fordert, und zwar in einem Alter, wo den jungen Männern noch sehr Vieles nachgesehen wird, und doch so wenig dafür thut, durch eine vernünftige Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken, durch den allein alle diese Eigenschaften erworben werden können.

Der Geistliche schien dieß Gespräch mit Eifer fort setzen zu wollen, der Gräfin aber däuchte es, als habe sie sich schon zu weitläuftig über einen Gegenstand geäußert, über den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich, und sie nahm gern die Gelegenheit wahr, das Gespräch zu endigen, als der Obrist Thalheim die Gesellschaft vermehrte.

XIX

Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet zurückgezogen, er ging mit ihm noch ein Mal alle nöthigen Maßregeln durch, die zu ergreifen [346] sein möchten, um die Güter feines Vaters zu retten, und händigte ihm eine bedeutende Summe theils baar, theils in Wechseln ein, um nicht bloß die dringende Zahlung leisten zu können, sondern auch auf unvorhergesehene Fälle gefaßt zu sein und nun auch, wie der Graf noch bemerkte, etwas für den Knaben Gustav thun zu können, über dessen künftiges Schicksal die beiden Verwandten zugleich das Nähere bestimmten.

Nachdem diese Geschäfte beendigt waren, ging der junge Graf in den Garten hinunter, um in der Einsamkeit die mancherlei Gefühle zu ordnen, die ihn bei der unerwarteten Großmuth seines Oheims immer wieder von Neuem bestürmten. In den dunkeln Gängen desselben traf er St. Julien, der schwermüthig darin auf und abging, und mit Wehmuth auf einen Brief blickte, den er eben empfangen hatte und noch in der Hand hielt. Als er den jungen Graf erblickte, reichte er ihm die Hand und sagte: Es ist vorbei, der anmuthige Traum ist ausgeträumt, ich muß wieder zurück in das traurige, einsame Leben.

Was ist Ihnen begegnet? fragte der junge Graf, was kann Sie in dem Grade traurig stimmen? Theilen Sie mir Ihr Unglück mit.

Ich bin wohl undankbar, sagte St. Julien lächelnd, daß ich die Beweise der Liebe der zärtlichsten, besten Mutter auf [347] eine Art empfange, daß meine Freunde sie für ein Unglück halten müssen. Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden sehen, das, was man gewöhnlich Unglück nennt, enthält er nicht.

Der junge Graf fing den Brief zu lesen an, und nach den zärtlichsten Klagen einer Mutter über die Leiden eines geliebten Sohnes, sah er bald, daß sie so große Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies, wie sie nur der Reiche mit Großmuth bestimmen kann. Der Graf dachte an seinen frühern Streit mit St. Julien und glaubte einen Augenblick, dieser habe ein Mittel gesucht, um ihn auf eine etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu überzeugen; doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald, daß dieser sich jetzt am Wenigsten mit solchen Gedanken beschäftigte. Er las daher den Brief weiter und fand, daß die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit für den Grafen und seine ganze Familie ausdrückte; zum Schlusse bat sie den Sohn, sich nicht eher von dem Schlosse Hohenthal zu entfernen, bis sie selbst dort erscheinen würde, um der gräflichen Familie den Dank zu bringen, den ihr Herz so lebhaft empfände; bis dahin, hoffte sie, würden auch alle Verhältnisse so geordnet sein, daß der Sohn sie alsdann nach Frankreich zurück begleiten könne.

[348] In der That, sagte der junge Graf, ich begreife nicht, wie dieser Brief Sie hat traurig stimmen können.

Muß ich denn nicht, rief St. Julien mit Heftigkeit, dieß Haus nun bald verlassen, in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt, und den Grafen, den ich wie einen Vater ehre, und die Gräfin, die ich wie eine Mutter zärtlich liebe, und – er schwieg, und eine brennende Röthe flammte auf seinen Wangen.

Und Emilie, ergänzte der junge Graf lächelnd, wie wollen Sie das Gefühl des Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen?

Wenn Sie es denn errathen, kaltblütiger Mensch, rief St. Julien, so können Sie es ja begreifen, was mich zur Verzweiflung bringt. Er stürmte nach diesen Worten hinweg und ließ den Brief in den Händen seines Freundes zurück.

Da der junge Graf die Nothwendigkeit fühlte, einen so wichtigen Brief wieder in den Händen dessen zu wissen, an den er gerichtet war, so suchte er St. Julien im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger, als er ihn verlassen hatte; dieser nahm den Brief zurück und sagte: Diese Tage, diese Wochen, bis meine Mutter ankömmt, sind noch mein, ich will also den Rest des Lebens genießen.

Ich begreife nicht, sagte der junge Graf, was Sie eigentlich [349] zur Verzweiflung bringt. Ich glaube nicht, daß sich Emilie so gegen Sie beträgt, daß Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen dürften. Ein Strahl der Hoffnung flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf, und sein Freund fuhr fort: Daß mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt, bemerkt ein Jeder; meine Tante bezeigt Ihnen täglich das Gefühl einer Mutter. Von Ihrer Mutter, die Sie mit Zärtlichkeit überhäuft, scheint es mir, haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu befürchten; also, wo liegt denn Ihr Unglück?

Ihnen scheint Alles so klar und leicht, was mir zu entwirren so schwer däucht, erwiederte St. Julien. Haben Sie aber nicht selbst oft gehört, daß Emilie den Entschluß ausgesprochen hat, sich von der Gräfin nicht trennen zu wollen, und wenn ich zurück muß, wird sie mir dann nach einem Lande folgen, das diese zu verabscheuen scheint? Der Graf selbst, so hoch ich ihn ehre, wird er eine Verbindung mit mir gern sehen, da er doch an Deutschen Adelsvorurtheilen etwas hängt? Und wenn Alles glücklich gehen sollte, so bleibt doch der Schmerz unabwendbar, daß ich den Grafen und die Gräfin verlassen muß, und kann ich es wissen, ob ich nicht gezwungen bin, vielleicht einmal mit dem französischen Heer als Feind wiederzukehren?

Zuerst denke ich, sagte der junge Graf, thun Sie am [350] Besten, Ihre Mutter zu erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken; seine Welterfahrung und sein edles, liebevolles Gemüth werden Ihre Zukunft am Besten ordnen. Dieser Rath schien dem jungen Franzosen so vernünftig, daß er ihn ohne Einschränkung zu befolgen beschloß und sich vornahm, die Gegenwart in ungetrübter Heiterkeit zu genießen. Er vernahm es ungern, als ihm sein Freund eröffnete, daß er gleich nach dem Feste des Baron Löbau das Schloß zu verlassen gedenke; indeß tröstete ihn die Versicherung, daß die Abwesenheit nicht von langer Dauer sein würde.

Des folgenden Tages, als der junge Graf sich zum Feste des Baron Löbau ankleidete und sein Knabe ihm dabei Hülfe leistete, sagte er diesem: Heute, mein lieber Gustav, leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal.

Wie! rief der Knabe erschreckt, wollen Sie mich von sich entfernen; was habe ich gethan, Ihre Unzufriedenheit zu verdienen?

Nichts, mein liebes Kind, erwiederte der junge Graf, aber ich will mir nicht mehr erlauben, Deine Liebe zu mißbrauchen und Dich selbst zu erniedrigen, da die Noth mich nicht mehr dazu zwingt. Er theilte ihm nun alle mit seinem Oheim verabredeten Pläne mit, schrieb ihm vor, wie er sich in der Zukunft zu betragen habe, und händigte ihm [351] mehrere Goldstücke ein, mit dem Auftrage, durch Dübois Beistand sich eine anständige Kleidung dafür zu verschaffen.

Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dübois zurück, sobald der junge Graf seiner Hülfe nicht mehr bedurfte; sein Gefühl war überrascht, seine kühnsten Wünsche auf ein Mal befriedigt, und dieß Glück schien ihm so groß, kam ihm so unerwartet, daß er noch nicht den Muth sich zu freuen finden konnte.

Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen? fragte ihn Dübois, als er eingetreten war.

Ich habe keinen Herrn mehr, erwiederte der Knabe mit einigem Stolz, der Graf Robert aber ist in dem Saale, und Alle werden gleich zum Baron Löbau fahren.

Wie verstehe ich das, fragte der Haushofmeister; will der junge Graf Dich von sich entfernen?

Ach lieber Herr Dübois! rief der Knabe und die Thränen flossen ihm über die glühenden Wangen, Alles ist jetzt anders; mein guter, lieber Herr, doch so darf ich ihn ja nicht mehr nennen, das hat er mir streng verboten, er hat es ja mit Ihrem Grafen verabredet, daß ich wieder auf die gelehrte Schule soll, dann auf die Universität, damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann. Indeß er nach Hause reist in Geschäften, soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliothek studiren; wenn er wieder kommt, will er[352] mich selbst nach Breslau auf die gelehrte Schule bringen, und bis dahin soll ich Sie bitten, mir für dieß viele Geld gute Kleider zu verschaffen, damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort erscheinen kann, und ihn, meinen lieben Herrn, den soll ich nie mehr so nennen, sondern Graf Robert, oder meinen Freund und meinen Beschützer.

Ich habe es erwartet, mein Sohn, sagte der Haushofmeister, daß Dein Schicksal diese Wendung nehmen würde, und nun, da mein Graf sich mit seinem Verwandten verständigt hat, kann ich für Dich thun, was in meinen Kräften steht, und brauche nicht mehr zu befürchten, Deinen Beschützer dadurch zu beleidigen; behalte also nur das Geld, mein Söhnchen, es wird Dir auf der gelehrten Schule recht angenehm sein, wenn Du gleich ein hübsches Taschengeld mitbringst, wofür Du Dir manches anschaffen kannst, was Du vielleicht sonst entbehren müßtest, und überlasse es nur mir, Dich mit Wäsche und Kleidern zu versorgen, und ich werde es schon so einrichten, daß sich der junge Graf Deiner nicht zu schämen braucht.

Ach lieber Herr Dübois, rief der Knabe, wie gut sind Sie, wie gut sind hier alle Menschen auf dem Schlosse! Ach! hätte ich damals wohl hoffen können, daß ich solchen Beistand finden würde, als unser Dorf verbrannt und mein Vater getödtet wurde. Ach, mein guter, lieber Vater! fuhr [353] er laut weinend fort, jetzt könnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen, wenn er lebte und es sehen könnte, wie nun Alles wieder so gut wird. Ist es nicht traurig, daß ich so einsam in der Welt bin, daß Niemand mit Stolz mehr auf mich blicken wird, wenn ich mich auch noch so sehr anstrenge, kein Vater, keine Mutter, kein Bruder und keine Schwester, Alle sind dahin, Alles ist begraben!

Jetzt, sagte Dübois, gerührt von dem Schmerz des Knaben, mußt Du Deinem Beschützer Ehre zu machen streben.

Ach! erwiederte dieser, der Graf ist so gut, so milde gegen mich, aber er ist ein vornehmer Herr, er wird immer mein Wohlthäter bleiben, es wird ihn auch freuen, wenn ich etwas recht Tüchtiges lerne, weil er glaubt, daß es mir dadurch wohl gehen muß; aber welche Ehre kann ich ihm bringen? Welchen Stolz kann er empfinden, wenn er mich betrachtet, wenn ich auch alle Kräfte anstrenge und weit mehr als meine Kameraden leiste? Wenn Du ein recht großer berühmter Gelehrter wirst, antwortete ihm Dübois, so daß andere Gelehrte einmal Deine Lebensgeschichte schreiben, wenn sie dann berichten, wie Du verloren gewesen wärest und die Welt niemals Deine Kenntnisse zu ihrem Segen hätte benutzen können, wenn nicht der Graf Hohenthal als Dein Beschützer aufgetreten und Dich vom Verderben errettet hätte, so daß die Welt seiner Großmuth die Erhaltung eines ausgezeichneten[354] Geistes verdankt, glaubst Du nicht, daß dann der Graf mit Stolz auf Dich blicken wird, daß Du ihm Ehre machen kannst?

Und dann muß auch gesagt werden, rief der Knabe mit glühenden Wangen, indem er sich in die Arme des Alten warf, wie Herr Dübois für mich gesorgt hat, wie er mich aus der Gemeinschaft mit den Bedienten errettet hat, und alles, alles, was Sie für mich gethan haben, muß erwähnt werden.

Mache nur, daß ich es recht bald erlebe, sagte der gute alte Mann, daß mein Name so ehrenvoll genannt wird, dann werde auch ich Dich mit Stolz betrachten; aber bedenke, daß Du erst noch sehr Viel lernen mußt, ehe wir alle diese Freude haben können.

Daran soll es gewiß nicht fehlen, rief der Knabe mit Begeisterung, das werden Sie schon sehen, so lange ich hier bin, wie ich Tag und Nacht studiren will. Er ging auch sogleich, aus der Bibliothek die nöthigen Bücher zu holen, um diesen löblichen Vorsatz auszuführen.

Die Gesellschaft des Schlosses Hohenthal legte den Weg zum Baron Löbau in großer Heiterkeit zurück, denn obgleich der Himmel bedeckt war, so war der Tag doch mild, warm, und der Weg führte durch anmuthige Thäler, die von klaren Bächen durchrieselt waren. Der Blick auf die nahen [355] Gebirge gewährte Mannichfaltigkeit, und das Geläute der weidenden Heerden erregte das Gefühl des Friedens ländlicher Einsamkeit.

Wenn ich mich auch ein wenig davor fürchte, sagte die Gräfin, einen großen Theil der Nacht für die Freuden der Geselligkeit aufopfern zu müssen, so ist es doch, als Spazierfahrt betrachtet, ein großer Genuß, den Weg durch diese Thäler zu machen.

Man gelangte endlich auf Heimburg an, und der Baron Löbau empfing seine Gäste mit sichtbarer Freude. Er hatte befürchtet, da sie später als die übrige Gesellschaft kamen, daß irgend ein Unfall sie überhaupt verhindern würde, ihr Versprechen zu halten, und dieß würde ihm aus vielen Gründen höchst kränkend gewesen sein; denn erstens hielt er den Grafen für den vornehmsten und reichsten von allen seinen Nachbarn, dann hatte er die Absicht, dessen Fest durch das seinige merklich zu überbieten, und endlich beabsichtigte er noch einen Plan auszuführen, von dem er hoffte, daß er ganz besonders zum Glanze seines Festes beitragen sollte.

Die Wolken von übler Laune also, die sich schon auf seiner Stirn gelagert hatten, zerstreuten sich, so wie der Graf mit seiner Gesellschaft den Saal betrat, und er wurde sehr heiter, als die Gräfin und Emilie aufrichtig die schönen Pflanzen und Blumen bewunderten, womit die Säle geschmückt [356] waren; verdrüßlich wurde er zwar wieder etwas, als einige Tropfen Regen fielen, und trat mit sichtbarer Unruhe auf den Balkon hinaus; bald aber kehrte er beruhigt zurück, denn der Regen ließ sogleich wieder nach. Seine näheren Bekannten schlugen nun der Gesellschaft einen Spaziergang in den Park vor. Die Damen betrachteten ihre Kleider und wären gern zurück geblieben; da aber die ganze Gesellschaft aufbrach, mußte man sich fügen. Der Baron führte mit unendlicher Selbstzufriedenheit den Zug an, leitete die Gesellschaft in der That durch anmuthige Anlagen, die wohl befriedigt haben würden, wenn man sie einfach, ohne immer zum Bewundern gezwungen zu werden, hätte besuchen dürfen; da er selbst aber sich bei einer jeden schönen Aussicht überrascht und entzückt zeigte, und behauptete, daß er sie jetzt zum ersten Male bemerkte, obgleich seine näheren Bekannten diese Ueberraschung schon oft mit ihm getheilt hatten, so wurde das Vergnügen der Gesellschaft sehr vermindert. Auf dem Bache, der den Park durchschlängelte, zeigten sich von Zeit zu Zeit Kähne mit Menschen, die beschäftigt waren zu fischen. Der Baron schalt auf die Freiheit, die sie sich genommen hatten, machte aber gegen seine Gäste die Bemerkung, daß die Unverschämtheit dieser Menschen doch dazu beitrüge, in die Landschaft Leben zu bringen, und daß er sich gern seine Fische stehlen ließe, da dieser Umstand seinen [357] Gästen zufällig den angenehmen Anblick des regen Lebens in den grünen Buchten verschaffte. Die Gäste lobten die Wirkung, die die Fischerkähne machten, und bewunderten die Großmuth des Barons, der sich den Diebstahl um der malerischen Wirkung Willen gefallen lasse. Die Fischer ließen sich mit Ruhe schmälen und brachten, nachdem sie ihr Geschäft vollendet hatten, die Fische in die Küche des Barons, wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen worden. Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs gerieth der Baron auf einmal außer sich, denn eine Heerde auserlesen schönen Rindviehes weidete an dem Abhange eines Hügels; er beklagte sich heftig über die Frechheit des Hüters, daß er sich erlaube, die Heerde dorthin zu treiben und seine junge Anpflanzung dadurch zu zerstören. Diejenigen unter den Gästen, die den Baron weniger kannten, hielten seinen Zorn in der That für ernstlich und fürchteten für den Hüter der Heerden; seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf aufmerksam, welche schöne Wirkung die weidende Heerde zwischen den grünen Bäumen mache, und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich; er machte nun selbst auf die Schönheit des Viehes aufmerksam, auf den angenehmen Eindruck, den das Geläute der vielen Glocken mache, und unterließ es um so lieber auf die Bitte einiger Freunde, den Hüter rufen zu lassen, um ihn auszuschelten, weil er nicht [358] wissen konnte, ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung angeführt haben würde. Diese, wie der Baron behauptete, unangenehme Ueberraschung war kaum vorüber, als ein anderer Gegenstand seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Man hörte die Töne einer Flöte, die kunstreich genug geblasen wurde, um eine angenehme Wirkung im Freien zu machen, und bald entdeckte man auf einem ziemlich großen Grasplatze weidende Schafe, deren Hüter, ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, der Virtuose war. Der Baron ließ es sich nicht merken, daß er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen, und bewunderte die außerordentliche Gabe der Natur mit allen seinen Gästen.

Endlich war Alles erschöpft, womit der Baron überraschen und in Erstaunen setzen zu können glaubte, und er führte seine Gäste nach dem Schlosse zurück. Man konnte wahrnehmen, daß er noch einen Gast erwartete, denn seine Stirn verdüsterte sich, als er bemerkte, daß während des langen Spaziergangs Niemand angekommen sei. Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes, aber der Baron suchte dieß zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der Gesellschaft noch seine schönen Pferde, die von diesen aufrichtig bewundert wurden.

Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war, so [359] ließ sich der Anfang des Balles nicht mehr verschieben, und eben wollte der Baron mit verdrüßlicher Miene die nöthigen Befehle deßhalb geben, als noch eine Equipage vorfuhr; sichtlich erleichtert ging der Baron dem neuen Gaste entgegen, den er für's Erste in ein Seitenzimmer führte.

Die Gräfin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet; sie hatte ein Gespräch mit einigen Frauen angeknüpft und gab sich mit höflicher Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin; es überraschte sie deßhalb, als der Baron mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit großer Freundlichkeit, seinen neuen Gast an der Hand, vor ihr stand. Meine theure Gräfin, meine edle Freundin, redete er sie feierlich an.

Die Gräfin war aufgestanden, ein zweifelnder Blick ruhte bald auf dem Baron, bald auf dessen Begleiter, und sie beherrschte mit Anstrengung eine große Bewegung der Seele. Lassen Sie den Frieden, der unser Land beglückt, fuhr der Baron fort, auch in die Herzen der Einzelnen dringen; gönnen Sie mir das große Glück, etwas dazu beizutragen, Geschwister, die so lange getrennt waren, wieder zu vereinigen; nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf, und verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Versöhnung und eine herzliche Umarmung das Fest des allgemeinen Friedens. Die Gräfin hatte ihren Bruder, den sie so unerwartet nach vielen [360] Jahren wieder erblickte, nicht so gleich erkannt; ein heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Röthe flammte auf ihren Wangen; ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund. Als er aber, nachdem der Baron seine Rede geendigt, wirklich mit geöffneten Armen vortrat und die Gräfin an seine Brust drücken wollte, trat diese auf einmal, bleich wie Marmor, einen Schritt zurück, die Lippen bewegten sich, aber kein Ton war vernehmbar; matt erhob sie abwehrend beide Hände und wäre leblos zu Boden gesunken, wenn nicht St. Julien und der junge Graf, die den Auftritt aus der Ferne beobachtet hatten, hinzugesprungen wären und sie in ihren Armen aufgenommen hätten. Der Baron, der mit Sicherheit eine Umarmung der versöhnten Geschwister erwartete, hatte den Musikanten befohlen, so wie sie die Umarmung bemerkten, einen lang anhaltenden Tusch zu blasen; als diese nun die Gräfin in St. Juliens Armen sahen, schmetterten Trompetentöne lange und anhaltend durch den Saal.

Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gespräch gewesen und kehrte mit ihnen nach dem Saale zurück, um die Ursache des Trompetengetöns zu erfahren. Er sah eben die ohnmächtige Gräfin in ein Nebenzimmer bringen und eilte dieser nach. Nur halb und verworren [361] konnte er die Ursache dieses heftigen Auftritts erfahren; er drängte den Baron, der sich entschuldigen wollte, unfreundlich zurück. Die Gräfin sah aus wie eine Sterbende; der Arzt verlangte, sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden. Mit der letzten Anstrengung verweigerte sie dieß und verlangte den Wagen. Der junge Graf eilte sogleich, ihn vorfahren zu lassen, und Alle überstanden mit großer Qual die wenigen Minuten, bis man die Gräfin in den Wagen bringen und den Rückweg nach Schloß Hohenthal antreten konnte.

Der Baron Löbau und seine Gäste blieben erstaunt über diese unerwartete Störung zurück, und als man die Sprache wieder fand, vereinigten sich alle Stimmen, die Gräfin höchlich über ihr unversöhnliches Gemüth zu tadeln, obgleich die Klügeren es nicht billigen konnten, daß der Baron diese Versöhnung wie ein Schauspiel, um sein Fest zu verherrlichen, angelegt hatte. Der Bruder der Gräfin sprach wenig und beseufzte nur sein Unglück, wodurch ihm jeder Versuch der Annäherung an seine Schwester seit vielen Jahren mißlungen sei, aber viele der Gegenwärtigen tadelten im Stillen den letzten unschicklichen Versuch.

Dem Baron Löbau blieb endlich nichts übrig, als das Fest fortgehen zu lassen. Der Tag begann, aber es war ihm verdrüßlich, daß die besten Tänzer und Tänzerinnen [362] der Gräfin gefolgt waren, denn nicht nur der junge Graf, St. Julien und Emilie hatten das Schloß des Barons verlassen, sondern auch der Obrist Thalheim und dessen Tochter. Indeß bewegte sich die Jugend bald heiter durcheinander, und der Baron würde sich von seiner Verstimmung erholt haben, wenn nicht alle Feuerräder bei dem beabsichtigten Feuerwerke versagt hätten. Ein Schwärmer fuhr unglücklicher Weise in einen Strohhaufen und zündete diesen an, und der Baron vergaß alle Rücksicht für seine Gäste, aus Angst, daß die nah gelegenen Wirthschaftsgebäude in Brand gerathen könnten. Ein vom Himmel herabströmender Regen endigte zwar bald diese Sorge, aber löschte auch zugleich die Illumination aus, die zum Beschlusse das Fest hatte verherrlichen sollen.

So vielen Widerwärtigkeiten mußte sein Geist erliegen, und er war selbst froh, als ein Fest nun zu Ende geführt war, von dem er sich so viele Wirkung versprochen, und das doch alle seine Erwartungen getäuscht hatte.

[5]

Zweiter Theil

I

Der Graf war mit seiner Familie auf Schloß Hohenthal angekommen, und auch der Obrist Thalheim und seine Tochter waren dem Wagen gefolgt, weil der Zustand der Gräfin Alles beunruhigte. Auf dem Schlosse herrschte bei der unerwarteten Zurückkunft der Herrschaft große Verwirrung, denn die Dienerschaft hatte sich entfernt, um ihre eigenen Vergnügungen aufzusuchen, in der Ueberzeugung, daß sie die Herrschaft erst gegen den Morgen des kommenden Tages zu erwarten hätten; nur der Haushofmeister war gegenwärtig und der Knabe Gustav, der sich in Studien vertieft hatte. Emilie und Therese entkleideten die Gräfin und brachten sie zu Bette, während der bestürzte Dübois ausschickte, um die weibliche Dienerschaft zusammen zu rufen. Der Graf ging im Saale stumm auf und ab; ein finsterer Mißmuth ruhte auf seiner Stirn, und weder St. Julien noch der junge Graf wagten das Schweigen zu unterbrechen, denn [5] man sah wohl, daß nicht allein Theilnahme an dem Befinden der Gräfin diesen Mißmuth hervorrief, sondern daß ihn die Oeffentlichkeit des auf Heimburg stattgefundenen Auftritts tief verletzt hatte, und es zeigten sich auf seinem Gesichte Spuren von einem ihm sonst fast völlig fremden Groll, dessen Gegenstand er vielleicht selbst nicht mit Bestimmtheit anzugeben wußte.

Als die Gräfin zu Bette gebracht war, ging der Graf in ihr Schlafzimmer zu ihr. Er fand seine Gemahlin sehr entkräftet und den Arzt eifrig beschäftigt, alle Vorkehrungen für die Nacht zu treffen. Er hatte die Medikamente schon bereitet, deren Gebrauch er verordnete; er gab Dübois hundert Befehle, die dieser mit zitternder Stimme auszurichten versprach, indem er die thränenschweren Augen auf die Gräfin richtete; er verordnete, Wer die Nacht bei der Kranken wachen sollte, und schärfte es dringend ein, ihn sogleich zu rufen, wenn der mindeste Zufall eintreten sollte. Die Gräfin ließ sich schweigend Alles gefallen, fühlte sich aber sichtlich erleichtert, als der Arzt endlich das Zimmer verließ.

Der Graf trat nun an das Bett seiner Gemahlin, und indem er ihre Hand faßte, fragte er mit Theilnahme, ob sie sich besser fühle? Die dunkeln Augen der Gräfin richteten einen matten, aber forschenden Blick auf den geliebten Mann; sie las seine Gedanken und seine Gefühle auf der umwölkten [6] Stirn, und sagte mit kaum hörbarer Stimme: Durch Ruhe wird mir besser werden, entziehen Sie mir nur Ihre Liebe nicht. Sie hatte diese Worte mit bebender Stimme gesprochen, und ihre zitternden Lippen drückten einen Kuß auf die Hand des Gatten, die noch in der ihrigen ruhte. Der Graf beugte sich überrascht nieder und küßte die leichenblasse Stirn seiner Gemahlin. Er zog sich, wie sie es wünschte, zurück, damit sie, wo möglich, in Einsamkeit und Stille die zu ihrer Erhaltung so nöthige Ruhe fände.

Er konnte St. Julien und seinem Vetter, die seine Zurückkunft mit Aengstlichkeit im Saale erwartet hatten, wenig Tröstliches sagen, und Alle trennten sich von einander und harrten mit peinlicher Unruhe dem kommenden Morgen entgegen.

Als der Graf seine Gemahlin verlassen hatte, winkte diese Emilien zu sich und bat sie dafür zu sorgen, daß der Obrist und Therese sich nach Hause begeben möchten, damit nicht der alte Mann die Ruhe der Nacht entbehrte; und als Emilie zurück kam und ihr die Nachricht brachte, daß der Graf für die Erfüllung ihres Wunsches sorgen würde, bat die Kranke, daß nun auch sie sich zur Ruhe begäbe, vorher aber alle Dienerschaft aus dem Vorzimmer entfernen möge. Du weißt, mein Kind, sagte sie mit mattem Händedruck und hinsterbender Stimme, ich brauche nur Ruhe, um[7] mein Uebel zu besiegen. Emilie versprach Alles, und die Gräfin bat sie noch, die Vorhänge ihres Bettes zuzuziehen, damit weder das Nachtlicht, noch der Strahl des kommenden Morgens ihre Einsamkeit und Ruhe stören möge. Es geschah, wie die Kranke es verlangte, und ihre junge Freundin ging dann und befahl im Namen der Gräfin, daß Jedermann das Vorzimmer verlassen und sich zur Ruhe begeben sollte; nur Dübois winkte sie leise herbei und bat ihn zu bleiben. Er neigte sich bejahend und zeigte auf einen Armstuhl, in welchem er die Nacht hinbringen wollte. Sie hatte die Thür des Schlafzimmers geöffnet gelassen, damit der Alte während ihrer Abwesenheit auch das leiseste Geräusch hören könnte, und ging nun hinweg, um sich von dem Putze zu befreien, den sie für den Ball angelegt hatte und noch immer an sich trug. Dieß Geschäft war bald abgemacht; sie kehrte unbemerkt zurück, um auf dem Sopha im Schlafzimmer die Nacht hinzubringen, und rückte leise die Nachtlampe näher, um sich durch Lesen wach zu erhalten.

Bald aber wurde ihre Aufmerksamkeit ungetheilt auf die Kranke gerichtet, die, sich nun völlig einsam wähnend, ihrem gepreßten Herzen durch Klagen und Thränen Erleichterung verschaffte. Habe ich nicht Alles, Alles verloren? hörte sie diese mit leiser, zitternder Stimme zu sich selber sagen. Habe ich nicht das Gräßlichste erlebt? War ich nicht am [8] Rande des Wahnsinns und in der furchtbaren Verzweiflung, zwangen mich nicht heilige Gefühle, dieses Mannes rettende Hand zu ergreifen? Und nun! muß ich nun noch den letzten Halt im Leben, muß ich noch seine Achtung, sein Vertrauen und seine Liebe verlieren? Und muß ein unwürdiges Gaukelspiel die entsetzlichsten Bilder aus der Vergangenheit hervorrufen, um den so mühsam errungenen scheinbaren Frieden grausam zu zerstören?

Die Klagen gingen in rührende Gebete um Trost über und um Stärkung, um das Rechte thun zu können. Die Worte gingen endlich in einem leisen Schluchzen unter, und nach kurzer Zeit verstummte auch dieses. Emilie näherte sich leise dem Bette und öffnete behutsam den Vorhang; sie sah, daß die Gräfin aus völliger Entkräftung in Schlummer gesunken war, und hoffte, daß die Ruhe auf jeden Fall wohlthätig auf die Kranke wirken würde. Emilie kehrte nun zu ihrem Buche zurück, aber die fortwährende Stille, die ruhigen, obwohl matten Athemzüge der Gräfin beruhigten nach und nach ihr Gemüth, und die Natur übte ihr Recht aus. Sie empfand nun die Müdigkeit, die sie, durch mancherlei ängstliche Sorgen und Anstrengungen aufgeregt, früher nicht gefühlt hatte; unwillkührlich lehnte sich ihr Kopf in die Kissen des Sophas zurück, die Augenlieder senkten [9] sich über die glänzenden Augen; die Gegenwart entschwebte ihren Sinnen und bunte Traumbilder umfingen ihren Geist.

Die Gräfin war nach einigen Stunden erwacht und fühlte sich etwas gestärkt; ein langes, mit Ueberlegungen abwechselndes Gebet ließ einen Entschluß in ihrer Seele reifen, den sie schon oft gefaßt, aber immer nicht den Muth gehabt hatte auszuführen. Sie öffnete die Vorhänge ihres Bettes mit schwacher, zitternder Hand, um zu sehen, ob der Tag schon so weit vorgerückt sei, daß sie ohne große Störung durch ihre Klingel Jemanden herbeirufen könne, und ihre Blicke fielen auf Emilie, die, vom Schlummer geröthet, wie eine junge Rose ruhte und den Strahl des Morgens zu erwarten schien, um alle Pracht der Schönheit zu entfalten. Gerührt betrachtete die Kranke die liebliche Gestalt und erkannte mit Dankbarkeit die Liebe, die sie bestimmt hatte, den Schlaf der Nacht entbehren zu wollen, und lächelte, wie dennoch die Natur diese Liebe überwunden habe und der Schlummer sie mit seinen süßesten Banden umfinge. Emilie, rief sie mit schwacher Stimme und bemerkte, als ihre junge Freundin aus leichtem Schlummer aufsprang, daß auch die Thüre des Schlafzimmers mit Behutsamkeit, ohne Geräusch, halb geöffnet wurde und das greise Haupt des alten Haushofmeisters sich hineinbeugte, dessen treue Augen auf die leidende Herrin mit Liebe und Sorge blickten.

[10] Auch Sie, mein guter Dübois, rief die Gräfin, auch Sie haben die Ruhe der Nacht um meinet Willen verloren?

Ich danke Gott für die Gnade, erwiederte der alte Mann, indem die Thränen über seine bleichen Wangen flossen, daß er unsere geliebte Herrin erhalten hat; was liegt an einigen Stunden Schlaf.

Die Gräfin winkte ihn zu sich und sagte gerührt: Versprechen Sie mir jetzt zur Ruhe zu gehen, mir ist um Vieles besser; Sie müssen es thun, damit ich mich nicht um Ihre Gesundheit ängstige. Der alte Mann küßte die ihm dargebotene Hand der Gräfin mit inniger Ergebenheit und entfernte sich, um die Ruhe zu suchen, weil sie es wünschte.

Emilie hatte sich dem Lager der Kranken genähert, und diese sagte nun: Zuerst, mein liebes Kind, schaffe alle Medikamente bei Seite; Du darfst wohl wissen, daß nicht die Verordnungen des Arztes meine Uebel heilen können, aber wir wollen ihn damit nicht kränken; sage nur, daß ich Alles, wie er es gewollt, gebraucht habe und ich mich viel besser fühle; daß ich aber nur ruhen wolle und durchaus Niemanden sprechen, auch ihn nicht, denn ich könnte ein Gespräch mit ihm jetzt nicht wohl ertragen.

Als Emilie diesen Wunsch der Gräfin erfüllt hatte und zu deren Lager zurückkehrte, fand sie die Kranke sehr bewegt und blickte erschrocken in das bleiche, mit Thränen bedeckte [11] Gesicht. Kehre Dich nicht an meinen Schmerz, sagte die Gräfin, indem sie mit schwacher Hand ihre junge Freundin zu sich zog, ich habe mir selbst eine Pflicht auferlegt, und ich muß, ich will sie erfüllen, wenn auch mein Herz darüber brechen sollte; wenigstens werde ich dann in Frieden mit mir selber sterben. Emilie kniete am Bette der Gräfin nieder und küßte die zitternde, magere Hand ihrer mütterlichen Freundin mit heißen Thränen. Die Gräfin streichelte die blonden Locken der Knieenden und sagte: Wir wollen uns nicht erweichen, mein gutes Kind, ich wollte Dich bitten, einen wichtigen Auftrag für mich auszurichten, suche Dich also zu fassen. Emilie erhob sich und stand da, erwartend, was die Gräfin von ihr verlangen würde. Nach einigem Zögern beschrieb ihr diese ein Kästchen, welches sie in ihrem Schreibtische verwahrte, und bat es ihr zu bringen. Emilie fand es bald und kehrte damit zu der Kranken zurück, die eine Feder daran drückte, worauf der Deckel aufsprang, und es ließen sich darin mehrere Papiere und ein kleines Bild bemerken, welches zu Emiliens Erstaunen eine große Aehnlichkeit mit St. Julien hatte. Die Gräfin bedeckte dieses Gemälde sogleich, nahm ein Paket Papiere heraus und ließ den Deckel des Kästchens wieder zufallen, und Niemand würde leicht die verborgene Feder gefunden haben, durch die es die Besitzerin zu öffnen verstand.

[12] Die Kranke betrachtete sinnend die Papiere in ihrer Hand und sagte dann mit matter, aber entschlossener Stimme: Sobald der Graf aufgestanden ist, begib Dich zu ihm und übergib ihm diese Papiere; bitte ihn, sie alsbald zu lesen und, wenn er sie gelesen hat, zu mir zu kommen, um mich sogleich den Eindruck kennen zu lehren, den sie auf sein Gemüth gemacht haben. Bitte ihn um die Menschlichkeit, mich nicht länger, als es nöthig ist, in der fürchterlichen Qual dieser Ungewißheit zu lassen; sage ihm, es sei mein Vorsatz gewesen, daß er den Inhalt erst nach meinem Tode erfahren sollte, aber die Ereignisse des gestrigen Tages hätten mir die Nothwendigkeit gezeigt, ihn schon jetzt damit bekannt zu machen. Gehe nun und richte dieß sogleich aus, damit nicht die elende Feigheit der menschlichen Natur mich bestimme, meinen Vorsatz wieder zu ändern. Der Graf hatte sein Lager nach wenigen Stunden, in denen er die Ruhe vergeblich suchte, wieder verlassen; es kämpften mancherlei Gefühle in seiner Seele; er fühlte sich seiner Gemahlin so innig verbunden, er achtete ihren Geist, er ehrte ihren Charakter; es war die einzige Frau, die ihm jemals eine heftige Leidenschaft eingeflöst hatte; diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung mit ihm, wie er damals meinte, auf's Schönste befriedigt. Sie hatte ihm nicht die gleiche Leidenschaft geheuchelt, aber ihm ihre innige, zärtliche Freundschaft versichert. [13] Er durfte damals hoffen, in der Verbindung mit ihr ihr Herz lebhafter zu rühren; er ahnete das Glück, eine blühende Nachkommenschaft um sich zu sehen, und hoffte, die Mutter seiner Kinder würde dann ihre scheue Zurückhaltung aufgeben, und die gemeinsame Zärtlichkeit und Sorge würde sie mit ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen. Wie ganz anders hatte sich Alles gestaltet. Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie verhindert, die Jahre der Jugend heiter zu genießen, und nicht einmal das hatte seine ausdauernde Liebe errungen, daß sie ihm ein Vertrauen geschenkt hätte, welches der alte sie begleitende Diener besaß; er überraschte sie oft in Thränen, wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen, und nichts hatte sie vermocht, ihm den Quell der Thränen zu zeigen, den jener alte Diener kannte. In diesem innerlich nagenden Schmerze war sie früh verblüht, und auch die Hoffnung, einen Sohn als Stütze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen, war getäuscht worden, und er mußte sich gestehen, daß er sein ganzes Leben in trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte. Er fühlte mit lebhaftem Schmerz, daß etwas Fremdes, Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe, er mußte es sich sagen, daß, wie einig sie in allen edeln Empfindungen auch wären, wie sehr sie sich [14] gegenseitig schätzten und ehrten, doch die wahre innige Vereinigung fehle, die allein das Leben beglückt.

Es hatte ihn immer befremdet, daß die Gräfin jede Annäherung an ihren Bruder mit Widerwillen zurückgewiesen hatte, und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der Abscheu, den sie öffentlich gegen diesen gezeigt hatte; auch erfüllte es ihn mit Unmuth, wenn er daran dachte, welche Gespräche nach diesem unangenehmen Auftritte in der Nachbarschaft entstehen würden; er zürnte über den Baron, der alles Dieß durch seine kindische Thorheit veranlaßt hatte, und grollte doch auch mit der Gräfin, die eine so unnatürliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder öffentlich gezeigt hatte.

In diesen verschiedenen Empfindungen, die in seinem Busen sich nicht ausgleichen und ordnen wollten, wurde er von seinem jungen Vetter überrascht, der, wie es verabredet war, reisen wollte, aber vorher noch über das Befinden seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wünschte. Der Graf empfing ihn liebreicher als je, er fühlte inniger als sonst das Bedürfniß, Jemanden zu haben, der ihm angehörte, und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten, sobald als möglich zu ihm zurück zu kehren. Der junge Graf, obwohl er mit Dankbarkeit die Zuneigung erwiederte, die ihm so unverholen entgegen kam, wurde bestürzt über die Weichheit, die sein Oheim nicht beherrschen konnte; er fürchtete, um [15] die Gesundheit der Gräfin stehe es schlimmer, als man ihm sagte, und er nahm sich vor, sie wo möglich vor seiner Abreise noch zu sehen. Er verließ den Grafen, als Emilie eintrat, blieb aber im Vorzimmer, um durch diese die Erlaubniß zu erbitten, von seiner Tante Abschied zu nehmen.

Emilie richtete den Auftrag der Gräfin weinend aus. Es war ihr, als ob sie den Willen einer Sterbenden berichtete. Der Graf empfing das Paket mit bewegtem Gemüthe und erwiederte mit unbeherrschter Rührung, daß er dem Verlangen der Gräfin genau nachkommen werde. Er verschloß sich in sein Kabinet, sobald er allein war, um sein Wort zu erfüllen.

Als Emilie zur Gräfin zurückkehren wollte, traf sie auf den jungen Grafen, der ihr sein Anliegen vortrug; sie versprach ihm, seinen Wunsch der Gräfin mitzutheilen, machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfüllung, weil die Kranke erklärt habe, daß sie zu schwach sei, selbst den Arzt zu sprechen, und vor allen Dingen Ruhe bedürfe. Es war also Emilien selbst überraschend, als die Gräfin nach kurzem Besinnen erklärte, daß sie den jungen Grafen sehen wollte, und Emilien bat, ihn sogleich herein zu führen. Dieser erschrak sichtlich, als er sich dem Lager der Kranken näherte und bemerkte, welche Verwüstung eine Nacht des Leidens hervorbringen kann. Die Gräfin bat ihn, sich neben ihr [16] Bett zu setzen, und sagte, indem sie ihm die Hand reichte: Sie wollen uns verlassen, mein lieber Vetter, ich weiß, es ist nothwendig und Ihre Reise läßt sich nicht aufschieben; aber ich bitte Sie, eilen Sie recht bald zu uns zurück. Ich weiß, Sie haben geglaubt, daß ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschließe; Sie haben mir Unrecht gethan, es ist nie so gewesen; mein Unrecht gegen Sie besteht einzig darin, daß ich mich zu selbstsüchtig in meinen eigenen Gram verloren habe und deßwegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte; dieß Unrecht bitte ich Ihnen ab. Wenn Sie zurückkommen, werden Sie mich vielleicht besser finden, und dann, hoffe ich, werden Sie sich wohl in dem Hause liebevoller Verwandten fühlen, und jedes Mißtrauen gegen mich und den Grafen wird schwinden. Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Rückkehr nicht mehr, vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt; dann, mein theurer Vetter, dann bringen Sie ein kindliches Herz für Ihren Oheim mit und lassen Sie ihn fühlen, daß er nicht verarmt an Liebe ist, wenn auch mein Herz nicht mehr für ihn schlägt.

Der junge Graf wollte antworten, aber die Wehmuth beherrschte seine Stimme. Die Gräfin schien ihm so krank, daß er in der That fürchtete, dieß seien die letzten Worte, welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen würde; er beugte [17] sich über ihre Hand und benetzte sie mit heißen Thränen, indem er sie küßte. Lassen Sie uns jetzt scheiden, sagte die Kranke, indem sie die Hand des jungen Mannes schwach drückte. Ich darf nicht die letzten Kräfte meines Lebens in Rührung und Wehmuth auflösen, ich muß mich sammeln, um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl sprechen zu können. Nicht wahr, Ihr Versprechen habe ich, Sie werden sich mit Liebe an sein edles Herz schließen? Es soll die Aufgabe meines Lebens sein, rief der junge Graf, sein Wohlwollen zu verdienen. So leben Sie nun wohl, sagte die Kranke, vielleicht sehen wir uns wieder.

Der Himmel kann nicht so grausam sein, erwiederte der junge Graf, er wird uns allen Ihr theures Leben erhalten.

So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden, sagte die Kranke mit matter Stimme, und Emilie führte den jungen Grafen hinaus, der seine Bewegung nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang, ihm zu sagen, welche Hoffnung sie hege. Diese antwortete ihm nur mit Thränen und deutete mit der Hand nach oben, zum Zeichen, daß sie nur vom Himmel Hülfe erwarte. St. Julien hatte sich einige Mal im Vorzimmer der Gräfin gezeigt, um nach ihrem Befinden zu fragen, jetzt traf er auf den jungen Grafen, und dieser theilte ihm in heftiger Bewegung [18] die Unterredung mit, die er eben mit seiner Tante gehabt hatte. Beide Freunde trennten sich hierauf mit Thränen, und der junge Graf beschwor St. Julien, ihm einen Eilboten zu schicken, wenn der Zustand der Gräfin schlimmer werden sollte, da er aus Rücksicht für seine Eltern seine Reise nicht aufschieben dürfe.

St. Julien suchte den Grafen auf, um in dessen Nähe Trost in der quälenden Unruhe zu finden, die ihn zu zerstören drohte; dieser hatte sich in sein Kabinet verschlossen und war für Niemand zugänglich. Der bekümmerte junge Mann schlich nun zu Dübois, der ihn dadurch einiger Maßen aufrichtete, daß er ihm vertraute, wie die Gräfin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei, daß ihr aber Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewährt habe, sich durch den starken Willen der Seele wieder zu erheben, und daß er auch dieß Mal nicht verzage, wiewohl er zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe.

So schwach dieser Trost auch war, so ergriff ihn St. Julien doch als eine sichere Hoffnung; er konnte den Gedanken nicht fassen, daß die Gräfin aus dem Leben scheiden sollte; es schien ihm, als würden dadurch die Wurzeln seines eignen Daseins gestört.

Dübois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zurück [19] und St. Julien begleitete ihn. Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiederte Emilie, die Gräfin sei ruhig, wolle aber Niemanden sprechen, als den Grafen, und auch diesen nur, wenn er von selbst käme, rufen sollte ihn Niemand. Der junge Mann hörte die ihm so theure Stimme, die Jederman den Eintritt versagte, er schlich also hinweg und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu beruhigen.

Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Händen empfangen, er hatte sich in sein Kabinet verschlossen, um es sogleich, wie seine Gemahlin es wünschte, zu lesen, und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor, daß er sich mit todten Buchstaben beschäftigen sollte, in den Augenblicken, da die Krankheit des theuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfüllte. Warum sollte er überhaupt lesen, was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte? In allen Dingen, auch hierin, schloß er seine Betrachtungen endlich, will ich ihr meine Liebe beweisen, ich will jedes andere Gefühl beherrschen, jeden anderen Gedanken verbannen und thun, was sie von mir fordert. Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, löste das Siegel, entfaltete die Blätter und las Folgendes:

[20]
II

Wenn diese Blätter in die Hände meines Gemahls fallen, hob die Handschrift der Gräfin an, dann hat vielleicht das Herz aufgehört zu schlagen, das ihn so innig liebte und ehrte, und dennoch nie den Muth finden konnte, ihn in die Tiefe des Jammers blicken zu lassen, an dem es verblutete. Ach! nur zu gewiß ist es, die erste Falschheit führt unsägliche Verwirrung herbei und kettet ein Unrecht an das andere. Hätte ich sprechen dürfen vor unserer Verbindung, wie mein Gefühl mich trieb, ich hätte mir selbst und auch dem theuersten Freunde meines Herzens all den Kummer erspart, der aus dem Gefühle entspringen mußte, daß ich ihn fortwährend über mich täuschte. Hätte ich auch später geredet, so wäre dann vielleicht die Innigkeit auch eingetreten, die mir den dornenvollen Pfad des Lebens erleichtert hätte, aber die Furcht, daß mein theurer Gemal das erste Verschweigen nicht verzeihen würde, schloß fortwährend meine Lippen, und wir wandelten durch meine Schuld zwar neben einander, aber nicht mit einander auf dem Pfade des Lebens. Der tiefe Schmerz über dieß Unglück und über mein Unrecht, wodurch es herbei geführt worden ist, bestimmt mich, alle erlittenen Qualen noch ein Mal durchzufühlen und diesen Blättern meine Leiden zu vertrauen, damit [21] sie ein Mal, wenn auch erst nach meinem Tode, meinen Gemahl das Wesen ganz kennen lehren, das so unglücklich an seiner Seite wandelte und ach! in der Verbindung mit ihm so glücklich hätte sein können, wenn sein früheres Leben sich hätte anders gestalten wollen. Sein großmüthiges Herz wird dann vielleicht meine Qual beweinen und das Verschweigen dieser Qual verzeihen.

Ich muß, um über mich selbst vollkommenen Aufschluß zu geben, der Jugend meiner Eltern erwähnen. Mein Vater war in seiner Jugend ein schöner Mann; er war einer der reicheren Edelleute und seine Umgebung hielt ihn für liebenswürdig. Ich habe kein Urtheil darüber, denn ich habe ihn in so früher Kindheit verloren, daß sein Bild nur schwach in meiner Erinnerung dämmert. Er war Protestant, und die Aufklärung, die in der Zeit seiner Jugend sich aller ausgezeichneten Menschen bemeisterte, ergriff auch ihn und ließ ihn in aller Religion nur eine weltliche Anstalt sehen, durch welche die Moralität des Volks erhalten und den Fürsten das Regieren erleichtert würde; bei diesen Gesinnungen fiel es ihm nicht ein, daß die Religion jemals ein Hinderniß seiner Wünsche sein könnte, und er überließ sich der Liebe zu meiner Mutter, ohne nur daran zu denken, daß sie der katholischen Kirche angehörte.

Meine Mutter war von beschränkten Eltern geboren, [22] und ihre Erziehung wurde durch den Beichtvater ihrer Mutter geleitet; also war es begreiflich, daß sie nur einen Weg zur Seligkeit kannte und außerhalb ihrer Kirche nur Verderben erblickte. Mein Vater setzte seine Bewerbungen fort und fand selbst Mittel, den einflußreichen Beichtvater für sich zu gewinnen, indem er mit jugendlichem Leichtsinn den beschränkten Priester hoffen ließ, die Verbindung mit meiner Mutter könne ihn wohl bestimmen, sich in den Schooß der katholischen Kirche in der Zukunft aufnehmen zu lassen; nur jetzt, gab er zu verstehen, machten es ihm weltliche Rücksichten unmöglich, daran zu denken. Er erlaubte sich diese Falschheit ohne Vorwürfe seines Gewissens, denn ihm war die Religion überhaupt gleichgültig, und er betrachtete es als ein unschuldiges Mittel, seinen Zweck zu erreichen, wenn er auf diese Weise einen Priester und durch ihn meine Mutter hinterging.

Es ist natürlich, daß die Neigung meiner Mutter für meinen Vater mächtig in ihrem Herzen wuchs, da die Hoffnung sich damit verband, sein ewiges, wie sein zeitliches Glück zu begründen, und es ist begreiflich, daß auch die Eltern bald für einen Plan gewonnen wurden, den der Beichtvater unterstützte. Mein Vater hütete sich den Hoffnungen auf seine Bekehrung zu widersprechen und ließ alle Schritte geschehen, ohne eine andere Ansicht über die Religion der [23] Kinder aus zusprechen, die aus dieser Ehe entspringen könnten, als die, welche von seinen Schwiegereltern angenommen wurde, und diese glaubten, daß die Kinder eines Mannes, der selbst sich mit der katholischen Kirche vereinigen wollte, nicht anders, als in den Grundsäßen dieser Kirche erzogen werden könnten.

Mit dieser Falschheit von der einen und Beschränktheit von der andern Seite wurde die Verbindung geschlossen, und meine Mutter sah wenige Wochen nach ihrer Vermählung trotz der Beschränktheit des Geistes, in der man sie hatte aufwachsen lassen, daß an eine Bekehrung meines Vaters nicht zu denken sei, und er verwundete ihr Herz, wenn er sich schonungslos darüber zu scherzen erlaubte, durch welche Mittel er sie gewonnen habe. Die Gesellschaft meines Vaters bestand aus jungen Leuten, die mehr oder weniger seinen Meinungen über Religion anhingen, und meine Mutter mußte oft Gespräche anhören, von denen sie in frommer Einfalt glaubte, ihr frevelhafter Inhalt müsse das Feuer des Zornes vom Himmel herunter auf die sträflichen Häupter der Leichtsinnigen rufen.

Mit Schmerzen sah der Beichtvater, wie gröblich er sich hatte täuschen lassen, und die Eltern der unglücklichen Frau suchten durch fromme Werke den Himmel wegen ihres Irrthums zu versöhnen. In dieser Lage der Dinge wurde die [24] Schwangerschaft meiner Mutter fast wie ein Unglück betrachtet, denn man fürchtete mit Recht, daß auch die Kinder der katholischen Kirche würden entzogen werden und so auch diese Seelen verloren gehen würden. Indeß wurde es nothwendig, diesen Gegenstand zur Sprache zu bringen, und wie man es befürchtet hatte, lachte mein Vater nur über die Hoffnung, daß er die Erlaubniß geben würde, seine Kinder katholisch zu erziehen. Man bediente sich selbst der List, um ihn dazu zu vermögen, sein stillschweigend gegebenes Versprechen zu erfüllen, indem man ihm vorstellte, da ihm alle Religion gleichgültig sei, so könne er ja leicht zugeben, daß die Mutter, die sich nicht zu seinen Ansichten erheben könne, den Trost habe, daß die Kinder ihren Glauben theilten. Mein Vater stellte die weltlichen Nachtheile dagegen auf, die seinen Kindern aus dem Bekenntnisse der katholischen Religion erwachsen müßten, und nach langem Unterhandeln konnte endlich nur mit Mühe erreicht werden, daß die Söhne der Religion des Vaters, die Töchter aber dem Glauben der Mutter folgen sollten.

Jetzt stiegen eifrige Gebete zum Himmel empor, das Kind, welches meine Mutter noch unter ihrem Herzen trug, möge eine Tochter sein, ganz entgegen den gewöhnlichen Wünschen der Familien, die einen Sohn eifriger als eine Tochter zu erbitten pflegen. Auch diese Gebete erhörte der [25] Himmel nicht, und das Entzücken der jungen Mutter war mit Schmerz vermischt, als man ihr nach überstandener Qual den neugebornen Sohn hinreichte. Die Freude des Vaters war laut und heftig, ein glänzendes Fest sollte die Taufe des Neugebornen verherrlichen, und mit innerlichem Schauder sahen Mutter und Schwiegereltern den protestantischen Prediger die heilige Handlung verrichten. Der Beichtvater meiner Mutter tröstete sie mit dem Gedanken, daß noch nichts verloren sei, weil die Taufe, in welcher Kirche sie auch gefeiert werde, immer die gleiche Gültigkeit habe und es immer noch in der Macht meiner Mutter stände, die junge Seele dem wahren Heile zuzuwenden.

Dieser Gedanke entzündete eine neue Hoffnung in der Brust der unglücklichen Frau und wendete ihre leidenschaftliche Liebe dem Kinde zu, dessen Seelenheil sie gefährdet wähnte. Wenn sie in blinder Zärtlichkeit sich ganz dem Kinde hingab, alle seine Wünsche befriedigte, selbst die, welche der verkehrteste Eigensinn aussprach, so täuschte sie sich selbst und bildete sich ein, es geschähe, um sich die Liebe des Sohnes um jeden Preis zu erhalten, um ihn durch diese Liebe später zum wahren Heil zu leiten; es entging ihr der Widerspruch, daß sie den später leiten wollte, von dem sie sich schon als Kind völlig beherrschen ließ. Mein Vater zog das Kind ebenfalls an sich, weil er ihn mit dem gewöhnlichen Stolz [26] der Väter als Fortpflanzer seines Namens betrachtete, und weil er den Plänen der Mutter, die er gar wohl bemerkte, entgegen wirken wollte, und so kam es, daß dieses Kind im frühesten Alter der unumschränkte Gebieter des Hauses war, dessen eigensinnigste Launen auch die Bedienten als Befehle zu betrachten sich gewöhnten.

So verwöhnt war dieses Kind sechs Jahre alt geworden, und als meine Eltern die Aussicht auf weitere Nachkommenschaft schon fast aufgeben zu müssen glaubten, fühlte meine Mutter zum zweiten Male die Hoffnung, einem Kinde das Dasein zu geben. War schon bei der ersten Schwangerschaft das Flehen um eine Tochter inbrünstig gewesen, so wurden jetzt weder Gebete noch Gelübde gespart, und meine Mutter gelobte dem Himmel, Falls er ihr eine Tochter schenken würde, sie dem Dienste des Himmels zu weihen, um in ununterbrochenen Gebeten die Bekehrung des Vaters wie des Bruders zu erflehen.

Dieß Mal wurden ihre frommen Wünsche erhört, und ich Unglückliche erblickte das Licht des Tages. Meine Mutter empfing mich mit Entzücken in ihren Armen, aber nicht als ein Kind legte sie mich an die mütterliche Brust, sondern als ein Sühnopfer, welches sie wähnte vom Himmel errungen zu haben; nicht um mein selbst Willen widmete sie mir ihre Sorge und Pflege, sondern weil ich nun da war, um [27] ein ganzes Leben hindurch für einen begünstigten Bruder zu beten. Auch mein Vater begrüßte meinen Eintritt in's Leben nicht mit Liebe; er blickte mit Kälte auf mich, weil er die ihm unangenehme Verpflichtung hatte, mich in der katholischen Kirche erziehen zu lassen, denn es ging ihm, wie vielen Freigeistern, die ich später kennen lernte, die alle Religion hinwegspotten wollten und doch ihren Geist von den Fesseln nicht lösen konnten, in denen die Sekte sie hielt, in der sie geboren waren.

War die Feierlichkeit bei der Taufe meines Bruders groß gewesen, so wurde um so stiller die heilige Handlung begangen, die mich auf katholische Weise zur Christin weihte. Da mein Vater mich der Erziehung meiner Mutter und dem Einflusse ihres Beichtvaters überlassen mußte, so gewöhnte er sich, mich von der Geburt an als ein seiner nicht würdiges Wesen anzusehen, und betrachtete um so mehr meinen Bruder als seinen Stolz und sein Eigenthum, und so kam es denn, daß meine Erziehung von der frühesten Kindheit an ganz so eingerichtet wurde, daß ich dem Zwecke, wozu man mich bestimmte, einem Bruder das Heil zu erringen, einst vollkommen entsprechen könnte.

Ich war kaum fünf Jahre alt, als ein unglücklicher Sturz mit dem Pferde das Leben meines Vaters in Gefahr brachte. Es war ihm nicht entgangen, welche Pläne meine [28] Mutter mit mir hatte, ob er gleich nicht ahnete, daß ich geopfert werden sollte, um seine eigene wie meines Bruders Bekehrung zu erbeten; da ich aber seinem Gefühl völlig fremd blieb und er alle Neigung allein seinem Sohne zuwendete, so war ihm der Plan meiner Mutter in sofern lieb, als meinem Bruder dadurch der ungetheilte Besitz des Vermögens gesichert wurde, welches durch die Verwaltung meines Vaters bedeutend war vermindert worden. Da ihm der gefährliche Zustand seiner Gesundheit nicht verborgen bleiben konnte, ob er gleich von den Aerzten noch einige Zeit nach dem unglücklichen Sturze erhalten wurde, so richtete er sein Testament ganz zum Vortheile meines Bruders ein, und da meine Mutter während seiner Krankheit einige Mal seine Bekehrung mit Hülfe des Beichtvaters versucht hatte, so erregte dieß nicht nur seinen Zorn, sondern auch die Sorge, daß nach seinem Tode derselbe Eifer für die Seele meines Bruders sich zeigen würde, und er ernannte einen Vormund aus der Zahl seiner Freunde, der meinen Bruder zu sich nehmen und seine Erziehung leiten sollte, damit, wie er unverholen äußerte, der Knabe nicht durch die Mutter den Händen der katholischen Priester übergeben werden möchte.

Meine unglückliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes, daß sie den Mann ihrer Liebe verlor, ohne, wie sie meinte, seine Seele gerettet zu haben, und daß [29] gleich nach dessen Tode ihr auch der Sohn entrissen wurde, um dessentwillen sie nur noch lebte.

Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmöglich gemacht wurde, unmittelbar für seine Bekehrung zu wirken, in welchem Gedanken sie einen schwachen Trost beim Tode des Mannes gefunden hatte, so blieb nichts übrig, als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken, und ich wurde zu allen geistlichen Uebungen schon in dieser zarten Jugend angehalten.

Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde, daß mein Leben dem Dienste Gottes im Kloster geweiht sei, so hegte ich selbst auch keinen andern Gedanken, und da meine Mutter den Einfluß lebensfroher Gespielen fürchtete, so erzog sie mich in völliger Einsamkeit; ich sah beinah nur den Beichtvater und sie; und als Grund für diese Zurückgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung zum Klosterleben angeführt, so daß ich nicht Theil nahm an den wenigen Gesellschaften, die meine Mutter besuchte, und auch das Gesellschaftszimmer verließ, wenn zuweilen Besuch bei uns erschien.

Ich fügte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit; ich lebte in Träumen, die meine Phantasie erzeugte; ich bildete mir innerlich ein wunderbares, reiches Leben und hielt mich so für alle äußeren Entbehrungen schadlos. Mein lebhafter Geist, der mit nichts genährt wurde, [30] mußte alle Beschäftigung in sich selber suchen und führte mich oft an die Gränze des Wahnsinnes, denn ich glaubte selbst an meine wachen Träume. Die einzige Störung dieses einsamen, träumerischen Lebens trat ein, wenn uns mein Bruder, von seinem Vormunde begleitet, besuchte. Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne, und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzählte, so regte sich zuweilen die Sehnsucht in meiner Brust, Theil an seiner Freude zu nehmen. Auf meine Mutter machten diese Besuche, nach denen sie sich so heftig sehnte, jedes Mal den traurigsten Eindruck, und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden verdoppelt, um eine Bekehrung zu erflehen, die immer zweifelhafter zu werden schien.

Mein Bruder hatte ungefähr das Alter von sechzehn Jahren erreicht, als ich bemerkte, daß sein Betragen gegen uns anders wurde. Er kam jetzt zuweilen allein, theils weil seinem Vormunde der Aufenthalt bei uns langweilig war, theils weil er glaubte, mein Bruder sei so befestigt in seinen religiösen Ansichten, daß die Mutter keinen Einfluß mehr auf ihn würde ausüben können. Diese Besuche gewährten dieser einen kaum mehr gehofften Trost; mein Bruder spottete nicht mehr über meine Bestimmung, ja er konnte mit Bewunderung von der Heiligkeit eines einsamen, Gott geweihten Lebens sprechen; er ließ in solchen [31] Stunden meine arme Mutter hoffen, daß, sobald er das mündige Alter erreicht haben würde, er sich in den Schooß der katholischen Kirche würde aufnehmen lassen, und es bedurfte keiner großen Ueberredung, um die Mutter und den Beichtvater zu überzeugen, daß diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen gehalten werden müßten, damit dieser nicht den Sohn auf's Neue von der Mutter trennte. Die arme Frau hatte sich ohne große Kunst von dem Manne täuschen lassen, der ihre Liebe gewann, und ließ sich nun noch bereitwilliger von einem Knaben hintergehen. Sie bemerkte es nicht, daß sie diese frommen Aeußerungen jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen mußte, die mein Bruder von ihren Ersparnissen empfing. Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr mäßiges Einkommen bestimmt, da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren, so hatte sie durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel, und mein Bruder hatte nicht so bald Kenntniß von diesem Zuwachs, als er ihn für sich benutzte, durch eine Heuchelei, die der Beweis einer großen Schlechtigkeit gewesen wäre, wenn er diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dünkel für das Zeichen eines starken Geistes gehalten hätte, der sich erlauben dürfte, die Schwachheit einer bigotten Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen.

So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe [32] meiner Mutter erhalten, ehe er sein mündiges Alter erreichte, und diese fing an die Entbehrungen zu fühlen, die sie sich aus Liebe für diesen Sohn selbst auferlegt hatte; doch machte ihr dieß keinen Kummer, denn für mich war gesorgt, indem ich aus der Welt schied, und sie selbst konnte dann bei dem geliebten, geretteten Sohne den Rest des Lebens in heiliger Freude hinbringen. Ich war noch sehr jung, aber ich sah mit Befremden die bedenklichen Mienen, die mein Bruder zu solchen Träumen machte, wenn sie ihm mitgetheilt wurden.

Ich war ungefähr funfzehn Jahr alt geworden, und meine Mutter fing sich an ernstlich darüber mit dem Beichtvater zu berathen, in welchem Kloster ich meine Probezeit hinbringen sollte, als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam und unserem Leben eine neue Wendung gab. Diese Tante hatte sich mit einem bedeutenden Vermögen, die Schönheit der Natur zu genießen, nach der Schweiz zurückgezogen; sie war alt und kinderlos, und forderte meine Mutter auf, mit mir zu ihr zu kommen, damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen müsse, und versprach zugleich, wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig erfüllen wollte, sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen.

Niemand unterstützte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder, und als meine Mutter die Besorgniß [33] äußerte, daß er, getrennt von ihr, wieder lau werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben könne, versicherte er, daß er uns nach der Schweiz folgen würde, wo er, ohne Aufsehn zu erregen, leichter noch als im Vaterlande dieß Verlangen seines eignen Herzens stillen könne. Diese Aeußerung war entscheidend, und wir begaben uns auf die Reise zu der alten, reichen, lebenssatten Tante, wie sie von meinem Bruder genannt wurde.

Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen, meine Spaziergänge erstreckten sich nicht weiter, als bis in unsern Garten, dessen geschorene Hecken und regelmäßig abgetheilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung gewährten, als daß ich die Blumen blühen und verblühen sah, und doch hatte ich selbst in diesem beschränkten Raume in der Unschuld meines Herzens unsägliche Freude genossen. Waren doch die Sommerlüfte warm und lind, glänzte doch der Himmel über mir, dufteten mir doch die Blumen entgegen, und meine Phantasie füllte die Gänge mit wandelnden Gestalten; wache Träume der lieblichsten Art umfingen häufig meinen Geist in diesem Garten, und eine bunte Mährchenwelt umgaukelte mich.

Die angetretene Reise nun entführte mich aus der engbeschränkten, bekannten Welt und zeigte mir zum ersten Male eine großartige Natur. Schon unsere vaterländischen [34] Berge, unsere üppigen Thäler und rieselnden Bäche entzückten mein Herz, und ich dachte mit Beklemmung daran, daß ich von dieser herrlichen Welt scheiden sollte und wieder höchstens in einem beschränkten Garten würde verweilen dürfen. Aber als wir die Schweiz erreichten, war es, als ob mein Busen sich dehnte. Diese Seeen, diese Berge, diese Thäler weckten ein Gefühl des Lebens in mir, das mir bis dahin fremd gewesen; ich fühlte, daß ich da sei um mein selbst Willen, und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten, welches für Andere dahin gegeben werden dürfe, und leise im Herzen regte sich mir der Verdacht, ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene. Mein trunkenes Auge schweifte unersättlich über Berg und Thal, und meine Seele sog das reinste Entzücken in sich. Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fühlte, welches sich so glänzend und neu vor mir ausbreitete, versprach ich mir innerlich, leise, aber fest, eine Welt nicht zu verlassen, deren Zauber, sobald ich ihn kennen lernte, so mächtig auf mich wirkte.

III

Wir hatten Luzern erreicht, in dessen Nähe die Tante meiner Mutter ein herrlich gelegenes Landhaus bewohnte. Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als siebzigjährigen Frau empfangen, die das nahe Ende ihres einfachen, [35] schönen Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete, und sich durch die Gegenwart naher Verwandten gestärkt fühlte; aber dennoch ließ sich bald bemerken, daß ihre Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war, und daß der beschränkte Geist meiner guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewähren konnte, die sie in ihren einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte. Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein, daß ich schon vor meiner Geburt zum Opfer für einen Andern bestimmt war, und wenn sie die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekämpfte, so machte dieß deßhalb einen erschütternden Eindruck auf diese, weil sie keine frevelnde Freigeisterei bei ihrer Tante voraussetzen durfte, sondern sie in allen Handlungen ihres Lebens als fromme Katholikin verehren mußte.

Meine große Jugend erregte die Theilnahme dieser vortrefflichen Frau, und indem sie für meine Bildung zu sorgen beschloß und mich deßhalb mehr an sich zog, bemerkte sie mit Schrecken eine völlig verwahrloste Erziehung, und auf die Vorwürfe, welche sie meiner Mutter darüber machte, glaubte diese genügend mit der Frage antworten zu können, von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei meinem künftigen Aufenthalte im Kloster sein könnten, und ob sie nicht im Gegentheil dazu dienen würden, in mir eine Sehnsucht [36] nach der Welt zu erregen, die ich bestimmt sei zu verlassen. Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander zu setzen, die darin liege, wenn ein so lebhafter, feuriger Geist als der meine gar keine Nahrung erhielte und alle Hülfsquellen in der künftigen Einsamkeit nur in sich suchen müsse, worauf meine Mutter auf Beichte und Gebet als die sichersten Stützen der Seele hindeutete.

Die Tante gab bald jeden Streit über diesen Gegenstand auf und benutzte ihre Ueberlegenheit des Geistes, um für mich, ohne weiter zu fragen, Lehrer in allen nöthigen Wissenschaften anzunehmen, und da sie mich zugleich zu allen frommen Uebungen anhielt, die die Kirche vorschreibt, so konnte meine Mutter keinen Grund finden, sich einer Einrichtung zu widersetzen, von der die Tante behauptete, daß sie ihr eine erheiternde Beschäftigung im Alter gewähre.

Für mich begann in dieser Zeit ein so glückseliges Leben, daß vielleicht durch die Trunkenheit, in der mein Geist sich befand, alle Fähigkeiten meiner Seele erhöht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten. Meine Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschränken, denn die Herrin desselben begünstigte den Umgang mit Personen meines Alters, die in unserer Nähe lebten, und die anständige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns, auf den nahen Bergen umher zu schweifen, und mit [37] den reinen Lüften sog ich die Kräfte des Lebens in mich; mein Geist erstarkte wie meine Glieder, meine Wangen rötheten sich, meine Augen leuchteten in der Fülle des Glücks und der Gesundheit. Die Zaubergärten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem Geiste und übten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele. Meine Mutter bemerkte mit Unruhe die Verwandlung, die mit mir vorging und die sie eine traurige Verweltlichung nannte; die Tante war in demselben Grade darüber erfreut.

Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren, hatte sich zwischen meiner Großtante und einem alten Franzosen ein freundliches Verhältniß gebildet, welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte, der Tante in ihrer Einsamkeit und dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart.

Herr Blainville, so nannte sich der alte Mann, hatte Frankreich verlassen müssen, weil sein vorurtheilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Stürme erkannte. Seine Stellung in der Nähe seines Monarchen hatte ihn vermocht, diesen auf seine gefährliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Möglichkeit des Unglücks zu zeigen, welches bald furchtbar hereinbrechen sollte. Anfangs verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhänger verhaßter Systeme verdächtig gemacht, und er sah seine Freiheit um seiner treuen Anhänglichkeit Willen bedroht. Der entgegengesetzten [38] Partei war er ebenfalls verdächtig, weil er seinem Könige ergeben war, und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt, und hatte kaum noch Zeit, durch eine eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen, die sein Leben in Gefahr bringen konnte. Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hülfsmittel mit sich nehmen, und er mußte mit seinem Vermögen einen Sohn und eine Tochter in Frankreich zurücklassen, für deren Schicksal er unaufhörlich fürchtete, und je deutlicher sich in den fortschreitenden Begebenheiten der Zeit erkennen ließ, daß er nur zu richtig die Uebel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte, um so heftiger wurde seine Unruhe, und sein Herz wurde von den quälendsten Sorgen um das Schicksal seiner Kinder zerrissen, denn seine Phantasie spiegelte ihm die furchtbarsten Ereignisse vor. Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht gelingen, ihn zu beruhigen. Eine furchtbare Revolution, pflegte er oft, wenn sie ihm Trost einsprechen wollte, zu sagen, bricht über mein unglückliches Vaterland herein, und ich weiß wohl, daß diese in der Zukunft für Frankreich, ja für ganz Europa die heilsamsten Früchte tragen kann, aber in der Gegenwart, wo alle Leidenschaften aufgeregt sind, wird sie wüthen wie ein furchtbarer Orkan, der zwar auch die Luft reiniget, aber Wehe dem, der ihm nicht ausweichen kann.

[39] Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus, von einem jungen Manne begleitet, welchen meine würdige Großtante mit herzlicher Freude als den jungen Blainville begrüßte. Sie wünschte dem Vater aufrichtig Glück, daß durch die Ankunft des so heiß ersehnten Sohnes die Unruhe seines Herzens beendigt sei, und fragte den jungen Mann mit Theilnahme nach seiner Schwester. Er berichtete mit Kummer, daß es ihm unmöglich geworden sei, für die Schwester und sich Pässe zu erhalten, daß er gezwungen gewesen, sich ohne Paß über die Grenze zu schleichen, welches er nicht habe bewerkstelligen können, ohne Gefahren sich auszusetzen, denen ein junges Mädchen unmöglich könne preisgegeben werden; er habe also in Paris, wo sie verborgen und in Sicherheit leben könne, auf's Beste für sie gesorgt, und da er selbst bald zurück müsse, so hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden, auch sie dem Vater zuzuführen.

Der junge Blainville schien durch meinen Anblick überrascht, und es war nicht zu verkennen, daß er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit Innigkeit mir zuwendete; sein Vater schien seine Neigung durch seinen Beifall zu unterstützen, meine Großtante wirkte ihr nicht entgegen, und meine Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken.

Wer jemals die Süßigkeit der Momente empfunden hat, [40] wenn zwei junge Herzen sich gegeneinander öffnen, um sich zu vereinigen, der wird es begreifen, daß es mir schien, als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte, deren glänzende Strahlen Alles um mich her beleuchteten und verschönten. Der alte würdige Blainville streichelte oft meine glühenden Wangen und nannte mich sein Kind, seine zweite Tochter, den Trost seines Alters. Ich begriff nicht, warum diese Schmeichelworte mir Thränen entlockten, und doch war ich so selig in diesen Thränen.

Meine Großtante und der alte Blainville hatten jetzt häufig lange Unterredungen mit einander, die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu befestigen schienen, aber ich bemerkte, daß nach solchen Unterredungen die Tante oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete; endlich schien diese sich an die Gefühle ihrer Jugend zu erinnern, und sie begann die Gefahr, die ihren Plänen drohte, zu ahnen. Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen, mich nicht aus ihrer Nähe entfernen zu wollen, und wußte nicht, wie sie dieß erfüllen und doch zugleich ihrem Gelübde treu bleiben sollte. Endlich glaubte sie durch Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Uebel begegnen zu können. Sie ergriff also die erste schickliche Gelegenheit, um in des alten, wie des jungen Blainvilles Gegenwart zu erklären, daß sie mein Leben dem Heiland geweiht und mich deßhalb für das [41] Kloster bestimmt habe, und von ihrer gütigen Tante hoffe, daß sie mir erlauben würde, bald mein Probejahr anzutreten. Wie ein Donnerschlag wirkte diese Erklärung auf den jungen Blainville. Ich sah ihn erbleichen und hielt meine strömenden Thränen nicht zurück, der alte Blainville sah verlegen auf die Tante, die einen etwas zornigen Blick auf die Nichte richtete; aber diese blickte triumphirend, wie nach einem gewonnenen Siege, umher.

Die schöne Ruhe war aus unserm Kreise gewichen, aber dennoch war nicht erreicht worden, was meine Mutter im frommen Eifer für ihre Kirche und aus blinder Liebe für meinen Bruder wollte. Ich suchte die Einsamkeit, aber nicht bloß um meinen Thränen Luft zu machen, sondern um mich auch in dem Vorsatze zu bestärken, mich nicht für meinen Bruder opfern zu lassen. Ich entwarf manche Pläne, wie ich mich dem alten Herrn Blainville anvertrauen und seinen Rath benutzen wollte, aber wenn ich mit ihm zusammentraf, konnte ich den Muth nicht dazu finden.

Der junge Blainville hatte bald meine einsamen Spaziergänge entdeckt, und eine Erklärung, die vielleicht ohne die Aeußerungen meiner Mutter unsere Schüchternheit noch lange zurückgehalten hätte, vereinigte nun auf das Festeste unsere Herzen; wir gelobten uns mit allem Ungestüm der Jugendliebe ewige Treue, und hofften von der Zeit, von der [42] Güte meiner Großtante, von dem Einflusse des alten Blainville unser Glück; aber freilich konnten wir es uns nicht verhehlen, daß dieser niemals einem Plane seine Zustimmung geben würde, der offenbar das Recht einer Mutter verletzt hätte; von dieser Mutter aber konnten wir weder durch Bitten, noch durch Thränen etwas zu gewinnen hoffen, da das vermeinte Seelenheil eines geliebten Sohnes ihr wichtiger war, als das irdische Glück einer wenig geliebten Tochter, und so schlossen sich alle unsere Unterredungen mit hoffnungslosen Thränen, und nur Eins ward jedes Mal von Neuem beschlossen, in unserer Liebe ohne Wanken auszuharren.

Ich hatte dem jungen Blainville meine Vermuthung anvertraut, daß mein Bruder durch eigennützige Absichten bei seinem Handeln geleitet würde, und daß er die Bekehrung selbst, auf die meine Mutter so inbrünstig hoffte, nur vorspiegele, um mich in's Kloster zu verstoßen und so auch noch das kleine Erbe zu behalten, welches mein Vater mir ausgesetzt hatte, und wir beklagten um so schmerzlicher die Blindheit der Mutter, die mich diesem Bruder opfern wollte, als unvermuthet er selbst erschien und seine Ankunft uns zum Trost gereichte, was wir am Wenigsten erwartet hätten.

Als die erste Freude der Bewillkommnung vorüber war, erschrak meine Mutter, ihren Sohn so verändert zu finden; [43] die Blüte der Jugend war von seinen Wangen schon abgestreift, seine Gestalt zusammengesunken, obgleich er kaum zwei und zwanzig Jahre alt war, und er schob die Schuld der traurigen Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, auf den vielen Kummer, den ihm sein Vormund verursache, der, wie er behauptete, seine Neigung zur katholischen Religion entdeckt habe. Er trieb die Heuchelei so weit, daß wenig fehlte, und meine Mutter hätte ihn für einen Märtyrer des Glaubens gehalten. Der alte Blainville, der die Welt besser kannte, als sie, vertraute der Tante nach wenigen Tagen, daß ihm der junge Mann ein leidenschaftlicher Spieler zu sein schiene.

Es ließ sich bald erkennen, daß mein Bruder neue Summen von meiner Mutter zu erhalten wünschte, und daß diese so bedeutend sein mußten, daß sie ihre Kräfte überstiegen, denn sein Mißmuth ließ sich eben so wenig, als ihre Thränen verhehlen. Da der alte Blainville die Verhältnisse meiner Familie kannte, so gab er seinem Sohne einen Rath, der unser Glück herbeiführte. In Folge dieses Rathes nämlich suchte der junge Blainville sich meinem Bruder zu nähern, er bot ihm die Hülfe, welche die Mutter nicht gewähren konnte, und übernahm es zugleich, mich zu verpflichten, auf mein kleines Erbe Verzicht zu leisten, wenn er die [44] Mutter dazu bestimmen könne, in unsere Verbindung zu willigen.

Mit welchem frohen Erstaunen wurde mein Herz erfüllt, als mein Bruder sich mir nun liebreich näherte und den frommen Wahn der Mutter beklagte, der ohne Schonung meine Jugend opfern wollte; er segnete den Gedanken, der ihn zu rechter Zeit herbeigeführt hätte, um ein solches Unglück zu verhindern. Mir klangen diese Worte in seinem Munde so fremd, daß ich ihn Anfangs mit Mißtrauen betrachtete; er lächelte und sagte: wirst Du denn niemals Zutrauen zu mir gewinnen, meine gute Schwester? Ich beförderte den Plan der Mutter, weil ich glaubte, ein geistliches Leben sei Dein wahrer Beruf, Deine eigene Wahl; da mich aber Blainville, der mehr Vertrauen zu mir hat, als Du, eines Besseren belehrt hat, so werde ich die Mutter noch heute bestimmen, Eure Hände in einander zu fügen.

Da ich keine Kenntniß davon hatte, durch welche Mittel Blainville meinen Bruder bestimmt hatte, unser Glück zu befördern, so warf ich mich mit Thränen der Reue in seine Arme; ich gestand ihm die nachtheiligen Gedanken, die ich über ihn genährt hatte; ich bat ihn dieser innerlichen Beleidigung wegen um Verzeihung; ich überhäufte ihn mit Dank und Liebe, und war unendlich beglückt, als er mir großmüthig verzieh und sich meine Liebe gefallen ließ. Ich [45] fürchtete nur noch, er würde die Mutter nicht bestimmen können. Laß das meine Sorge sein, erwiederte er mit einem beinah verächtlichen Lächeln.

Er verließ mich, um die Mutter sogleich zu sprechen. Mein Herz pochte, als ich in ihrem Zimmer Beide laut und heftig sprechen hörte, und ich erfuhr nachher, daß mein Bruder erklärt habe, er könne es nicht ertragen, daß ich um einer Einbildung Willen geopfert würde, denn um seinen Uebertritt zur katholischen Kirche zu erreichen, dazu bedürfe es dieses Opfers nicht, und mein Gebet für ihn würde eben so kräftig wirken, wenn ich auch keine Nonne, sondern Blainvilles Gattin würde. Er sei entschlossen, so bald er mündig geworden, zu der katholischen Kirche überzutreten, wenn meine Mutter ihre Einwilligung zu meiner Verbindung geben wolle, würde aber diese verweigert, so werde er einen feierlichen Eid leisten, als Protestant zu sterben. Diese Drohung wirkte, wie sie sollte, und bestimmte meine Mutter, sogleich den lang genährten Plan aufzugeben, und sie trat an der Hand des Bruders in den Saal, um mir dessen große Liebe, die nur mein Glück wolle, zu verkündigen. Sie ermahnte mich, die oft begangene Sünde zu bereuen, daß ich diesen edeln Bruder des Eigennutzes beschuldigt habe, denn wäre er eigennützig, schloß sie ihre Rede, so würde er mich nicht bestimmt haben, Dich zu verheirathen, was ihn [46] nöthigt, Dir Dein Erbe auszuzahlen, welches ihm geblieben wäre, wenn Du den geistlichen Stand erwählt hättest. Mein Bruder ließ es geschehen, daß ich ihm meine Reue noch ein Mal bezeigte, ja er duldete es, daß ich seine Hände dankbar küßte, die, wie ich wähnte, mich dem Leben zurück gaben.

Noch denselben Abend wurde ich mit dem jungen Blainville verlobt, und in wenigen Tagen sollte unsere Verbindung gefeiert werden. Wir waren beide viel zu entzückt und zu sehr mit unserm Glück beschäftigt, als daß wir uns über die Art gegen einander erklärt hätten, wie mein Bruder unser Wohlthäter geworden war; nur lächelte mein Verlobter, wenn ich die Liebe und Großmuth dieses Bruders pries.

Befremdend war es mir daher, als nach wenigen Tagen der alte Blainville mich in sein Kabinet führte und mich bat, eine Schrift zu unterzeichnen, worin ich auf jede Erbschaft meines Vaters zum Vortheil meines Bruders Verzicht leistete, mit der Bewilligung meines künftigen Gemahls und meines Schwiegervaters. Dieser versicherte mir, meines Bruders Verhältnisse machten dieß durchaus nothwendig, auch wollte er mir sogleich die Summe ersetzen. Ich zögerte nicht zu unterschreiben, aber die Täuschung war geendigt, ich wußte nun, daß nicht Liebe für mich meinen Bruder bewogen hatte, mein Glück zu befördern, und ich hörte es ohne Kummer, wie mein Schwiegervater hinzufügte, daß meines Bruders [47] schleunige Abreise so nöthig sei, daß er nicht Zeuge meiner Verbindung mit seinem Sohne würde sein können, da diese um eine Woche hätte aufgeschoben werden müssen, weil der Geistliche krank geworden sei, der, wie er und meine Großtante wünschten, den Segen über unsere Verbindung sprechen sollte.

In der That reiste mein Bruder nach zwei Tagen ab, nachdem er die Summe von Blainville erhalten, die ihm dieser zugesichert hatte. Mein Schwiegervater liebte seinen Sohn auf das Zärtlichste; er wollte nur sein Glück, und da er sah, daß dieß Glück ohne eine Verbindung mit mir nicht denkbar war, so that er Alles, um sie herbei zu führen; aber da er mächtige Feinde in Frankreich hatte, da ihm dort noch eine Tochter lebte, um derent Willen er selbst oder der Sohn dahin zurückkehren mußte, so war Vorsicht für ihn um so nöthiger, weil er, um seine Feinde zu täuschen, das Gerücht hatte verbreiten lassen, er sei gestorben. Er hatte also selbst einen Aufschub meiner Verbindung mit seinem Sohne veranlaßt, um meinen ungeduldigen Bruder zu entfernen, dem er seinen wahren Namen nicht anvertrauen wollte, der doch in diesem feierlichen Augenblicke genannt werden mußte. Meine Mutter, deren Verschwiegenheit er nicht vertraute, war nicht zu fürchten, denn sie selbst hatte erklärt, ihr Gefühl erlaube ihr nicht, bei meiner Trauung gegenwärtig zu sein; da es [48] ihre liebste Hoffnung gewesen sei, mich als eine Braut Christi zu sehen, so könne sie mich zwar segnen, aber jede irdische Verbindung nur beweinen.

Zu meinem Befremden bestritt Niemand diesen Vorsatz, und als ich mit Thränen meine Mutter bewegen wollte, ihren Entschluß zu ändern, führte mich meine Großtante hinweg und sagte: Laß Deine Mutter bei ihrem Entschlusse, es ist für Alle der beste, den sie hätte fassen können.

Der feierliche Tag war erschienen; die Trauung sollte in der Kirche eines nahen Dorfes stattfinden; meine Großtante begleitete mich dahin, Blainville kam in Begleitung seines Vaters und des Kammerdieners, den ich ihn immer wie einen Freund hatte behandeln sehen; dieß waren die Zeugen, die gegenwärtig sein sollten.

Meine Großtante sagte mir auf dem kurzen Wege: Ich habe Dich nicht lange allein sprechen können in diesen Tagen, weil ich nicht die Aufmerksamkeit Deiner Mutter erregen wollte, und so bleibt mir nun keine Zeit, Dich gehörig vorzubereiten, und ich muß Dich nur bitten, nicht überrascht zu sein, wenn der Geistliche, der Euch verbindet, nicht den Namen Blainville ausspricht, den Dein künftiger Gemahl und Dein Schwiegervater hier nur ihrer Sicherheit wegen führen; in ruhiger Stunde wirst Du alles Nöthige von Beiden selbst erfahren, ich kann Dich nur daran erinnern, daß Du den Mann [49] liebst und nicht den Namen, auch daß Niemand eine Täuschung beabsichtigt hat und in der gegenwärtigen schlimmen Zeit manche Vorsicht nöthig wird. Es kränkt mich, daß Du in diesem wichtigen Augenblicke durch andere Gedanken zerstreut wirst, da Du nur fromme haben solltest; aber doch konnte ich Dich nicht ganz unvorbereitet lassen.

Ich hatte mich noch nicht von meinem Erstaunen erholt, als unser Wagen vor dem Eingange des Kirchhofes hielt, der die kleine Kirche umgab. Mein Verlobter wartete hier auf mich und führte mich zur Kirche; mein Gemüth war wunderbar bewegt, das kleine Gefolge, die beinah heimliche Trauung, die Ungewißheit über den Namen meines künftigen Gemahls, Alles versetzte mich in eine so ängstliche Spannung, daß ich das Feierliche der Handlung kaum empfinden konnte und vor Allem darauf lauschte, welchen Namen der alte, ehrwürdige Geistliche aussprechen würde, um den Mann, der ihn führte, mit mir zu verbinden, und überrascht zuckte ich zusammen, als er ihn unter dem Namen Graf Evremont fragte, ob er mich zur Gefährtin seines Lebens wähle.

IV

Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar, aber doch mit ruhiger Aufmerksamkeit gelesen, der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen Geist, die Blätter [50] entfielen seiner Hand, und die Erzählung des General Clairmont gewann in diesem Augenblicke ein furchtbares Licht.

Er sah seinen unglücklichen Freund auf dem Schaffot; er erblickte seine Gemahlin im Gedränge des Volks; er sah sie die weißen Arme erheben, sah den wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts, er hörte innerlich ihren lauten durchdringenden Schrei und verhüllte, vor entsetzlichem Schmerze laut weinend, sein Gesicht, und, so wunderbar ist des Menschen Gemüth, in diesem ungeheuern Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschämung seine Seele, sich seine Gemahlin so tief erniedrigt, vermischt mit dem Volke, als die Wittwe eines Hingerichteten zu denken. Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber, ehe er so viel Fassung gewann, daß er die Blätter wieder ergreifen und diese unglückliche Geschichte weiter verfolgen konnte. Die Erinnerung, mit welcher Pein seine Gemahlin ihn erwarten würde, gab ihm endlich den Muth dazu, und er kehrte zu dem Inhalte der verhängnißvollen Blätter zurück und las, wie die Gräfin den Fortgang ihrer Geschichte folgendermaßen berichtete:

Mein Schwiegervater führte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus und benutzte die erste ruhige Stunde, mir die Nothwendigkeit zu zeigen, seinen Namen zu verschweigen. Er hatte beschlossen, seinen Sohn keiner Gefahr mehr auszusetzen, sondern, sobald es sich thun ließe, selbst nach [51] Frankreich zurückzukehren, um seine Tochter und sein Vermögen in Sicherheit zu bringen, und er glaubte, er würde diesen Plan um so gefahrloser ausführen können, wenn Niemand seinen Tod bezweifelte. Ob ich gleich sehr jung war, sah ich die Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Nothwendigkeit, alle unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen. Der alte Geistliche, welcher uns eingesegnet hatte, war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters, also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zählen.

Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals theuer gewesen, aber seit meiner Verheirathung behandelte sie mich völlig wie eine Fremde und richtete jeden zärtlichen, liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder, dessen Mündigkeit sie sehnsüchtig herbeiwünschte, denn sie zweifelte nicht, daß er dann sein Versprechen erfüllen und seine Seele, wie sie es nannte, in Sicherheit bringen würde. Mich kränkte diese unverdiente Kälte, und dieß war der einzige Kummer, der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glückes verdunkelte.

Ich empfand es eine kurze Zeit, wie glücklich der Mensch sein kann, um bald mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren, welch furchtbares Leid das menschliche Herz zu ertragen vermag. Mein Schwiegervater liebte mich zärtlich und äußerte oft, wenn ein Franzose Frankreich vergessen könne, so [52] würde er sich hier, umgeben von unserer Liebe, vollkommen glücklich fühlen, besonders wenn er die Tochter erst mit uns vereinigt habe; aber ach! geliebte Kinder, seufzte er dann, der Himmel gewährt kein reines Glück, wir sind doch immer aus unserm Vaterlande verbannt. Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Möglichkeit der Rückkehr zu trösten. Es wird die Zeit einmal kommen, erwiederte er dann wohl, Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen, aber ich werde diese Zeit nicht mehr erleben.

Unser stilles Glück wurde durch den Tod meiner trefflichen Großtante getrübt; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften Schlummer ein wahrhaft frommes Leben. Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine Mutter für ihre einzige Erbin erklärt und, wie sie es versprochen hatte, ihr Testament diesem Zwecke gemäß eingerichtet. Später, als die treffliche Frau die ungerechte Vorliebe meiner Mutter für meinen Bruder bemerkte, wollte sie zu meinem Vortheile eine Aenderung treffen, die jedoch immer verschoben wurde, und so geschah es, daß der Tod sie überraschte und die frühere Anordnung in Kraft blieb. Ich beweinte die geliebte Frau, die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte, als die Mutter, die mich geboren hatte; aber das zärtliche Flehen meines Gemahls schmeichelte meinen Kummer hinweg, er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn, [53] gegen seinen Vater, und ach! an das Pfand unserer Zärtlichkeit, das noch unter meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler, ahnungsvoller Liebe zuneigte.

Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf, zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschäften beizustehen. Wie wir es erwartet hatten, folgte er bereitwillig diesem Rufe, um für meine Mutter die Erbschaft in Empfang zu nehmen, und diese erstaunte, als dieß Geschäft nach einigen Wochen beendigt war, den Nachlaß ihrer Tante so gering zu finden, daß sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen, wie es ihr Vorsatz war, zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte.

Nachdem mein Bruder die Geschäfte meiner Mutter geordnet hatte, verließ er uns, um ein Jahr in Paris zuzubringen, und dann nach seiner Rückkehr wollte er sein Vermögen aus den Händen seines Vormundes empfangen und, wie meine Mutter hoffte, den lang genährten Vorsatz ausführen, sich in den Schooß der katholischen Kirche aufnehmen zu lassen. Wir alle sahen ihn mit Vergnügen nach dem Lande seiner Sehnsucht abreisen, denn Paris war ihm der Mittelpunkt der Welt, das Ziel seiner glühenden Wünsche, und er hatte es bis jetzt nicht erreichen können, weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte.

[54] Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glück erhöht, denn der Himmel schenkte mir einen Sohn, den der Großvater mit dankbaren Thränen gen Himmel hob, der Vater mit trunkenem Entzücken betrachtete und den ich, in selige Freude verloren, an meinen Busen drückte. Gewiß begleitet die Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben, aber sie wird sich mit dem vorrückenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln, die wehmüthige Zärtlichkeit einer jungen Mutter aber, den rührenden Stolz, die ahnungsvolle Liebe, die trunkene Hoffnung auf eine glänzende Ferne, diese Gefühle kann nur dunkel ahnen, Wer sie nicht selbst erlebt hat.

Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufällig den Geistlichen bei sich, der unsere Trauung vollzogen hatte; der Arzt, ein Freund, auf dessen Verschwiegenheit er ebenfalls zählen konnte, erklärte, das Kind sei so schwach, daß es sogleich getauft werden müsse, ehe meine Mutter eingeladen werden konnte, der heiligen Handlung beizuwohnen, und so waren mein Schwiegervater und der Arzt die einzigen Taufzeugen, und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph genannt.

Meine Mutter schalt den Arzt unwissend, als sie das gesunde Kind erblickte, für dessen Leben er gezittert hatte, [55] und der gutmüthige Mann ließ sich lächelnd den Vorwurf gefallen und sagte, er danke Gott für seinen Irrthum.

Glück und Frieden, die seligste Ruhe umspielten mein Leben, und meine zagende Seele sträubte sich, die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines Daseins abzuwenden, um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu versenken.

Mein Sohn war ungefähr ein Jahr alt geworden, ich hatte ihn selbst genährt, denn meine eifersüchtige Liebe würde es mit Neid betrachtet haben, wenn sein erstes Lächeln sich einem fremden Wesen zugewendet hätte. Eine Aufwärterin, die meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war, hatte sich seit meiner Verheirathung in meinen Dienst begeben, und diese wurde nun die treue und sorgfältige Wärterin des Kindes. Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an, an manchen Uebeln zu leiden, die zwar für ihn beschwerlich waren, aber doch nicht sein Leben zu verkürzen drohten, und wir hielten es für unsere Pflicht, ihm mehr als je unsere Liebe und unsere Dienste zu weihen, um ihm sein Schmerzenslager erträglicher zu machen, aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens auf. Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und brachte die Kunde, daß die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte habe entfernen müssen, weil [56] ihre Beschützer selbst, um wieder sie verhängten Verfolgungen zu entgehen, aus Paris entflohen wären, ohne für ihre Schutzbefohlne zu sorgen. Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese Zeit an fühlbar zu werden, das Volk fing an seinen Haß gegen den Adel thätlich zu zeigen, schon schien seine Wuth Opfer zu fordern, und jeder, der nicht den Muth hatte, alle in früheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben, suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen. Wie viele Andere, so waren auch die Beschützer meiner Schwägerin entflohen, und man erfuhr in dieser Angst um ein geliebtes Wesen nur, daß eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in tiefster Verborgenheit aufgenommen habe. Mein Schwiegervater war in Verzweiflung, daß seine Krankheit eine Reise unmöglich machte, und es wurde nach langem Kampfe beschlossen, daß mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach Frankreich zurückkehren sollte. Ich erklärte, mich nicht von ihm trennen zu wollen, aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters, die Sorge für meinen Sohn, die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen Rückkehr bestimmte mich endlich, mich dem allgemeinen Wunsche zu fügen, und Evremont reiste, von schmerzlichen Thränen und heißen Segenswünschen begleitet, ab.

Ach! wie trübe wurden nun die Tage am Krankenlager [57] meines Schwiegervaters, dessen Zustand die Sorge um seine Kinder verschlimmerte; kaum gewährte mir das Lächeln der süßen Unschuld, mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob, einigen Trost! Die große Aehnlichkeit mit seinem Vater, den ich fern und in Gefahr wußte, erpreßte mir Thränen, so oft ich auf ihn blickte, und unser aller Angst wurde erhöht, als mein Bruder aus Frankreich zurückkehrte und alle Auftritte schilderte, die schon vorgefallen waren; aber dennoch hatte ihn Paris mit allen seinen Freuden so entzückt, daß er den Vorsatz aussprach, dahin zurück zu kehren, sobald er seine Geschäfte mit seiner Vormundschaft geendigt habe. Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen, die ihr am Wichtigsten waren, und er erwiederte mit frechem Scherze, den die gute Mutter nicht verstand, Paris sei am Besten dazu geeignet, die Religion zu verändern, und sie sollte von ihm hören, sobald er wieder dort sein würde. Er beklagte es, daß er seinen Schwager nicht in Paris getroffen, und machte mir Vorwürfe, daß ich zurückgeblieben sei und so die Gelegenheit verloren habe, die Hauptstadt der Welt, wie er Paris nannte, kennen zu lernen.

Nach einem kurzen Aufenthalte bei uns verließ uns mein Bruder, dem die trübe Einsamkeit, in der wir lebten, peinlich und langweilig war, und wir hörten nun nichts aus [58] Frankreich, als was uns öffentliche Blätter meldeten, denn ein Briefwechsel wäre unsicher und gefährlich gewesen, und in vielen verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich, Evremont sei schon als Opfer gefallen, und ich sah, daß dieselbe Sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte. Viele gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen; die Bastille war erstürmt worden, und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zurück. Das Kind, welches er auf den Armen der Wärterin zurück gelassen hatte, fing an seine Kräfte zu entwickeln und lernte den Namen Vater lallen, indeß wir fürchteten, der Vater sei ihm schon verloren.

In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die Hoffnungslosigkeit hatte alle Kräfte unseres Geistes gelähmt. Dazu gesellten sich andere Sorgen; die Hülfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu erschöpfen, und wir lebten einer kummervollen Ungewißheit der Zukunft in jedem Sinne entgegen.

Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzückens in unser dunkles Schicksal. Wir hatten einen kummer vollen Tag, wie viele vorhergehende, vollbracht und überlegten in der Stille des Abends, welchen Gefahren Evremont vielleicht habe erliegen müssen, als die Thür sich öffnete, und der, für dessen Schicksal wir noch eben fürchteten, gesund und heiter hereintrat. O! Wer vermöchte die rührende Freude [59] zu beschreiben, mit welcher der greise Vater den in voller Kraft der Jugend und männlicher Schönheit blühenden Sohn in seine Arme schloß. Wer vermöchte mein Entzücken nachzufühlen, als der langersehnte Vater an das Lager seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schläfers küßte, um den süßen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stören. Ja noch ein Mal umspielte die reinste Freude mein Herz, und die Thränen meines Entzückens vermischten sich mit den Tropfen, die Liebe und Rührung aus den Augen des geliebten Mannes preßten.

Als wir uns so weit gesammelt hatten, daß wir seine Mittheilung vernehmen konnten, berichtete mein Gemahl, daß er Alles in Paris viel besser gefunden habe, als wir hätten hoffen dürfen. Er habe dem Gerüchte, daß sein Vater gestorben sei, nicht widersprochen, um mit mehr Sicherheit und Ruhe für unser aller Wohl sorgen zu können, denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei, um meinem Schwiegervater zu schaden, so sei dagegen die Volkspartei viel mächtiger geworden, die sich einbilden könnte, sie wolle in seiner Person einen Feind ihrer Ansichten bestrafen. Er selbst hatte überall die beste Aufnahme gefunden, und er durfte hoffen, daß, wenn er schleunig zurückkehrte, man seine Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten bringen würde. Das gesammte Vermögen [60] wollte er dann nach und nach in Sicherheit zu bringen suchen, wie er schon Vieles von den liegenden Gründen veräußert habe und die Summen, die er nicht gleich baar hätte erhalten können, durch die Anweisung an einen Freund, dem der Vater vollkommen vertrauen konnte, sicher gestellt hätte. Bedeutende Summen, die er baar mitbrachte, erhöhten noch die allgemeine Zuversicht; auch beruhigte er den alten Vater über die zurückgebliebene Tochter, für deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war.

Für mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte; es wurde von meinem Gemahl mit Bestimmtheit ausgesprochen, daß er bald wieder nach Paris zurückkehren müsse, und auch mein Schwiegervater sah dieß als nothwendig an. Der Gedanke an eine neue Trennung war mir fürchterlich. Die Erinnerung an alle Leiden, an die qualvolle Angst, an die Schrecknisse, welche meine Phantasie mir vorgespiegelt hatte, erregte in mir ein solches Entsetzen, daß ich nicht den Muth hatte, alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben, und ich beschloß im Stillen, mich nicht wie der von Evremont zu trennen.

Die Gespräche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berührten in dieser Zeit oft den Zustand äußerster Aufregung, in dem sich Frankreich damals befand, und Beide gaben zu, daß inmitten aller Ausschweifungen, zu denen [61] das Volk sich verleiten ließ, große Kräfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen, und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam, daß sie von angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten, um in Frankreich ungestört zu leben, als sie hier freiwillig aufopferten, um unter fremdem Himmel, vergessen, ein dunkles Dasein zu fristen.

So zärtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte, so konnte dieser doch niemals diese Seite berühren, wie behutsam er es auch that, ohne den alten Grafen Evremont auf's Schmerzlichste zu verwunden, der sich dann wohl zu heftigen Vorwürfen hinreißen ließ und meinen Gemahl beschuldigte, daß auch er sich dem allgemeinen Schwindel hingäbe, und aus Verkehrtheit des Herzens sich mit dem Pöbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe.

Wenige Gespräche reichten hin, um meinen Gemahl zu überzeugen, daß dieß ein Punkt sei, über den er mit dem Vater nie seine Ansicht theilen würde, und daß es daher besser sei, Gespräche dieser Art gänzlich zu meiden und Alles zu thun, um der Neigung des Vaters zu entsprechen.

So waren zwei Wochen vergangen, als mein Gemahl daran erinnerte, daß er seine Rückreise nach Frankreich antreten müsse, wenn er es vermeiden wolle, daß seine Abwesenheit nicht bemerkt würde. Mein Schwiegervater gab die [62] Nothwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu, und Evremont blickte mit dem Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich. Dieser Blick gab mir den Muth, sogleich bestimmt zu erklären, daß ich mich nicht wieder von meinem Gemahl trennen würde.

Mein Schwiegervater hatte bemerkt, wie Viel ich während Evremonts Abwesenheit gelitten hatte, und lobte meinen Entschluß, der meinen Gemahl mit dankbarer Freude erfüllte. Nun wurde beschlossen, wir sollten die größte Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen, Falls sich die Lage der Dinge geändert hätte, daß wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten brauchten.

Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Antheil an unserer Sicherheit und verschaffte uns Pässe, worin wir als eine Schweizerfamilie, Namens Blainville, bezeichnet wurden; und als es nun endlich zur Abreise kam, bestand der alte Graf Evremont darauf, daß sein alter erprobter Diener, der mehr sein Freund geworden, als sein Untergebener geblieben war, uns begleiten sollte, da seine Kenntniß von Paris, seine Einsicht und Treue uns von unschätzbarem Nutzen sein könne. Der gute Dübois trennte sich mit Thränen von seinem geliebten, leidenden Herrn, dessen Pflege er nun Fremden überlassen mußte, aber er erkannte es als Pflicht, bei dem gefährlichen Unternehmen des [63] jungen Grafen seinen Beistand nicht zu versagen, um wo möglich das Vermögen retten zu helfen und auch die Tochter in die Arme des Vaters zu führen.

Meiner Mutter mußte die Ursache unserer Reise verschwiegen werden, und hatte sie schon früher den sträflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt, der ihn nach ihrer Meinung bestimmt hätte, Vater, Gattin und Kind zu verlassen, um sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben, so konnte sie nun nicht Worte finden, die ihr hart genug schienen, um meine Lieblosigkeit zu schelten, die nun auch mich bestimmte, einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden Vater zu verlassen. Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwäche, die ihn, wie sie glaubte, bestimmt hätte, seine Einwilligung zu einem unsinnigen Unternehmen zu geben, und ihr Unwille stieg auf's Höchste, als sie bemerkte, daß auch Dübois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe. Sie sagte mir mit Härte, sie habe immer geglaubt, da ich meine Pflicht gegen Gott nicht habe erfüllen wollen, daß ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein würde. So schieden wir, von dem Segen meines Schwiegervaters, von seinen eifrigen Gebeten begleitet, und von meiner Mutter mit Kälte und Unwillen entlassen.

Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris, unsere [64] Pässe wurden überall als gültig anerkannt; aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen Zeitraume während meines Gemahls Abwesenheit gestaltet. Die Erbitterung und die Zügellosigkeit des Volkes war auf's Höchste gestiegen. Der Adel wurde verfolgt, und Wer sein Vaterland verlassen hatte, wurde als ein des Todes schuldiger Verräther betrachtet, und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden. Die noch nicht verkauften Grundstücke waren eingezogen worden, und sein Leben wurde bedroht. Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines Freundes, des wohlwollenden Arztes; wir konnten uns nun als die Familie Blainville durch Dübois Beistand eine einfache Wohnung in einer Vorstadt miethen und lebten hier als Bürger mit beschränkten Mitteln gänzlich zurückgezogen, so daß ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt, wie mein Bruder sie nannte, wenig bemerkte, und auch mein Gemahl verließ das Haus nur in der Dämmerung, von Dübois begleitet, um die nöthigen Geschäfte zu besorgen. Diese strenge Eingezogenheit wirkte nachtheilig auf die Gesundheit meines Sohnes, und der herbei gerufene Arzt rieth uns, den Liebling unseres Herzens, der bisher beinah immer in freier Luft gelebt hatte, auf ein Dorf zur Pflege zu geben, wie so viele Eltern in Paris es thäten, die für die Gesundheit ihrer Kinder besorgt wären. Er rühmte uns zu diesem [65] Zweck eine Wittwe an, deren Gewissenhaftigkeit er aus Erfahrung kannte.

Mein Herz blutete bei diesen Vorschlägen und ich sah mit Thränen auf meinen bleichen Knaben. Der Arzt verließ uns, und Dübois stellte mir vor, daß ich der Gesundheit meines Sohnes dieß Opfer schuldig sei und in Gefahr geriethe, wenn ich es nicht bringen wollte, dieß liebliche Kind zu verlieren; auch sei die Lage meines Gemahls so gefährlich, daß man selbst nicht dem Arzte mit Sicherheit einen häufigen Zutritt in unser Haus gestatten könne, ohne Unvorsichtigkeit und Verrath fürchten zu müssen.

Ich fügte mich allen diesen Gründen, die Evremont lebhaft unterstützte, und gab das Kleinod meines Herzens dahin. Dübois versicherte uns, daß er in Paris viel sicherer sei, als mein Gemahl, denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten, ja selbst einige seiner Verwandten gehörten zu den heftigsten Jakobinern und waren als solche Magistratspersonen geworden, und sie hatten nicht so sehr alles menschliche Gefühl verloren, daß nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter einigen Schutz hätte finden sollen, aber ihr republikanischer Eifer ging so weit, daß er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte.

Ach! wie schmerzlich blutete mein Herz, als ich mein Kind in Dübois Arme legte, es war, als ahnete ich das [66] entsetzliche Unglück, von dem ich betroffen werden sollte, und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Rührung, daß er kaum vermochte, den als vernünftig erkannten Vorsatz auszuführen; doch siegte die Sorge für unsere Sicherheit über sein Mitleid und er trug mein Kind hinweg.

Der Zustand in Paris wurde immer trüber und ängstlicher. Wir wagten es nicht, am Tage meinen Sohn zu besuchen, und es konnte nicht fehlen, daß es der Wittwe auffallend erscheinen mußte, daß wir jedes Mal so spät Abends das Dorf erreichten, daß wir uns begnügen mußten, das schlummernde Kind zu betrachten, um uns von seinem Wohlsein zu überzeugen. Dübois warnte mich ernstlich vor der Gefahr, die hieraus für Evremont entspringen mußte, und auch diese Besuche durften nicht oft wiederholt werden.

Es wäre gefährlich gewesen, die Schwester meines Gemahls als Fräulein Evremont in unser Haus zu nehmen, es wurde also die Uebereinkunft getroffen, daß sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte, und als solche lebte die schöne und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns, und theilte unsere strenge Zurückgezogenheit; aber es ergab sich daraus eine Unannehmlichkeit, an die wir nicht gedacht hatten. Die Dienerin, welche mich begleitet hatte, hatte es schon sehr aufgebracht, daß der kleine Adolph ihrer Pflege entrissen worden war, und sie fand sich nun auf's Aeußerste [67] dadurch beleidigt, daß die neue Kammerjungfer Vorzüge genoß, die ihr nie zu Theil geworden waren, und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente; auch tadelte sie mich laut darüber, daß ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe, da ich mein Kind nicht mehr bei mir hätte, und sie doch sehr gut mit allen Geschäften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe. Es wäre diese schöne Einrichtung nur getroffen worden, weil wir nicht wüßten, wie wir Geld genug ausgeben sollten: kurz, sie ließ über diesen Gegenstand ihrer übeln Laune freien Lauf, und es bedurfte aller Klugheit und Gutmüthigkeit Dübois, um diese häuslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten. Er beruhigte sie zuletzt damit, daß er ihr vorstellte, ich habe die junge Person zu mir genommen, um die französische Sprache zu üben, und so ließ sich endlich die treue, aber herrschsüchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell gefallen, wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte, und ihr Schelten über die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu, jeden möglichen Verdacht deßhalb von uns zu entfernen, denn sie hatte nur zu sehr das Bedürfniß, gegen Jedermann tadelnd darüber zu sprechen und die angeblichen Gründe zu einer so unnützen Ausgabe lächerlich zu machen.

Uns Allen waren diese Verhältnisse peinlich und jeder [68] sehnte sich darnach, die Rückreise anzutreten. Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten, und selbst die Fragen, welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren gerichtet worden, konnten uns nicht beunruhigen, denn sie konnte nichts verrathen, weil sie uns selbst für das hielt, wofür wir in Paris galten.

So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen, in welchen wir das Ungeheuerste erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefährdet geblieben waren. Mein Gemahl hoffte nun, nur noch eine kurze Zeit verweilen zu müssen, um auch einen großen Theil des Vermögens mit sich nehmen zu können, den ein treuer Freund seines Vaters ihm überliefern sollte, und schon traf Dübois im Stillen alle Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung, einen Paß für die so genannte Kammerjungfer zu erhalten, die ebenfalls für eine Schweizerin angesehen werden sollte, und ach! mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke dieser Abreise entgegen.

Unser einziger Vertrauter, welcher die Geldgeschäfte für meinen Gemahl leitete, war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses, und weil ihm mein Schwiegervater in früheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte, blieb er uns aufrichtig ergeben; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit, daß selbst er meinen Gemahl dringend [69] bat, nie am Tage ihn in seinem Komptoir sprechen zu wollen, weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben eines theuern Freundes anvertrauen möge, Falls er von einem als Graf Evremont erkannt werden sollte. Deßhalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der Abenddämmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir, sondern in seinem Zimmer.

So standen die Sachen, als ein unglückliches Geschick es wollte, daß mein Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dübois auf der Straße begegnete; es ließ sich auf seine Erkundigung nicht abläugnen, daß wir noch in Paris wären, um so weniger, da ihm meine Mutter diese Nachricht schon mitgetheilt hatte, und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden, diesen Bruder zu uns zu führen, wie er verlangte. Er that es mit klopfendem Herzen und fand nur darin einige Beruhigung, daß der Leichtsinnige selbst seinen Schwager nur unter dem Namen Blainville kannte.

Nach dem ersten Besuche meines Bruders, der uns alle in Schrecken setzte, wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben, denn außer der Sorge für uns selbst, erfüllte es uns mit Unruhe, wie er die zunehmende Schwäche des alten Evremont schilderte, und er that dieß ohne Schonung, weil er glaubte, daß uns diese Nachrichten keinen [70] Kummer verursachen würden, denn da wir, nach seiner und meiner Mutter Ansicht, den alten Mann um unseres Vergnügens Willen leichtsinnig verlassen hatten, so setzte er keine große Liebe für ihn bei uns voraus, und wir mußten seufzend schweigen, um uns durch unsere Vertheidigung nicht zu verrathen. Wir waren aber nun in unserer Zurückgezogenheit nicht mehr die Herren unserer Zeit; meine schöne Schwägerin, die reizende Adele, die mein Bruder für meine Kammerjungfer hielt, machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf ihn, und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu. Bei seinen häufigen Besuchen mußte es ihm auffallen, uns immer zu Hause zu treffen, und da er eine gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte, so bildete er sich ein, daß diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte, und daß ich meine Zimmer kaum verließe, um die Beiden nicht unbewacht zu lassen. Dieses eingebildete Verhältniß gab ihm Gelegenheit, auf unsere Kosten witzig zu sein, und wir mußten es geschehen lassen, um ihn nicht auf die rechte Spur zu leiten.

Endlich schien es, daß wir von dieser Qual erlöst werden sollten. Mein Bruder kündigte uns an, daß er feine Abreise beschlossen habe, weil seine Gegenwart erforderlich sei, um wichtige Geschäfte in Ansehung seines Vermögens zu beendigen. Es hatte sich ein Reisegefährte gefunden, [71] dem er sich anschließen wollte, und alle Umstände schienen uns günstig; er hatte schon Abschied genommen und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen.

Wir saßen am Morgen dieses unglücklichen Tages ruhig bei einander, ohne irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft, als mein Bruder blaß und verstört bei uns eintrat. Er mußte nach kurzem Zögern meinem Gemahl vertrauen, daß er die Nacht in einem jener berüchtigten Spielhäuser zugebracht und nicht nur alles verloren habe, was er besaß, sondern auch noch eine beträchtliche Summe schuldig sei; der, an den er sie verloren, begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die Zahlung, und er beschwor meinen Gemahl, ihn aus diesem Labyrinthe des Unglücks zu erretten, denn in der Hitze des Spiels, aufgereizt durch seinen Verlust und durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein, hatte er sich Reden erlaubt, die sein Verderben herbeiführen konnten, wenn er nicht schleunig den noch in seinen Händen befindlichen Paß zu seiner Abreise benutzen könnte.

Evremont übersah nicht nur die Größe der Gefahr, in der mein Bruder schwebte, sondern er erkannte auch, wie nachtheilig für uns die Verbindung mit ihm werden könne. Alle diese Gründe bestimmten ihn, ihm eine Anweisung auf jenen Banquier zu geben, dem er vertrauen durfte, und er hoffte, dieser würde die angewiesene Summe sogleich auszahlen. [72] Unglücklicher Weise war das Bedürfniß meines Bruders so bedeutend, daß aus bester Absicht der wohlwollende Freund die Auszahlung zu verzögern beschloß, um meinen Gemahl vielleicht von einem leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten, denn die große Eile und die verstörte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht, die Güte meines Gemahls möchte gemißbraucht werden, und er erwiederte daher auf die dringende Forderung der Zahlung, er müsse sich erst mit dem Bürger Blainville berechnen, dann sei er bereit Zahlung zu leisten.

Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder, von seinem Gläubiger begleitet, zurück und beschwor meinen Gemahl, ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und die verlangte Berechnung abzuschließen, damit er noch diesen Tag reisen könne, denn seiner erhitzten Einbildung schwebte Gefängniß und Guillotine unaufhörlich vor.

Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte, seinen Gläubiger bei uns einzuführen, so sah Evremont, daß die Gefahr eben so groß sei, wenn er entschieden darauf bestände, die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen, als wenn er es wagte, sich ein Mal am Tage bei seinem Geschäftsfreunde zu zeigen, denn im ersten Falle könnte der ihn begleitende Gläubiger meines Bruders leicht Verdacht daraus schöpfen, daß mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen wolle. [73] Er beschloß also den unglücklichen Gang. Der wohlwollende Banquier richtete einen Blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl, als er begleitet von meinem Bruder und dessen Gläubiger in seinem Komptoir erschien. Hätten Sie mir geschrieben, sagte er verdrüßlich, daß die Sache so dringend sei, so würde ich mich dazu verstanden haben, die Summe noch zu zahlen. Die Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen, da mich andere Geschäfte drängen. Er gab seinem Kassirer Befehl, die Summe zu zahlen, und dieser that es stillschweigend, indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien.

Wir athmeten frei, als wir meinen Bruder entfernt wußten, den Dübois hatte abreisen sehen. Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben Tages, um eine andere entlegene Wohnung für uns zu suchen, da er glaubte, daß es besser sei, nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte entfernten Theil von Paris aufzusuchen, wo wir wieder völlig unbekannt wären. Es war ein schöner, warmer Nachmittag; Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fuß ausgegangen, um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der freien Luft zu bewegen; ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein, und wir bildeten Pläne, wie wir nun bald in ungestörter Ruhe in der Schweiz unserm Glück und unserer Liebe [74] leben wollten; da auf einmal wurde ein Geräusch von vielen Tritten auf den Treppen laut, wir hörten mit Entsetzen das Getöse von Waffen; die Thür wurde aufgestoßen und Polizeibeamte drängten sich, von Wachen begleitet, in unsere friedliche Wohnung.

Ich war betäubt von dem furchtbaren Schreck; ich hörte nur dumpf, daß der Polizei-Beamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete; dunkel wie im Traume sah ich, daß unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden; ich war innerlich erstarrt, ich fühlte in diesem Augenblicke nichts; als aber der Polizei-Beamte auch mich berührte, um mich als seine Gefangene zu bezeichnen, da zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust, daß ich leblos niederfiel.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich meinen Gemahl nicht mehr. Die Ungeheuer hatten ihn während meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen, und ich hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost, von ihm Abschied zu nehmen. Meine furchtbare Verzweiflung rührte selbst diese täglichen Diener der Grausamkeit, sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu verstehen, daß man mich zu Evremont führen, daß ich sein Gefängniß mit ihm theilen würde, und dieser Gedanke machte, daß ich ruhig wie ein Lamm folgte und mich führen ließ, wohin man wollte; dunkel schwebte mir der Tod als unvermeidlich vor, aber es [75] lag in diesem gräßlichen Augenblicke ein Trost in dem Gedanken, daß wir zusammen sterben würden. Auf der Straße vor unserer Wohnung hielt ein Wagen; ich stieg ohne Weigerung hinein und, diese Erinnerung ist mir noch jetzt beinah die fürchterlichste, ohne an mein Kind zu denken. Mich belehrte jetzt die Erfahrung, daß es einen so gewaltsamen Schmerz geben kann, der selbst die heiligsten Gefühle zu vernichten vermag, denn auf dem Wege nach dem Gefängnisse fiel es mir nicht ein einziges Mal ein, daß ich Mutter sei, nur die Angst um Evremont erfüllte meine ganze Seele.

Angelangt in diesem Orte des Grausens wurde ich beinah ohne Bewußtsein in ein großes, schwach erleuchtetes Gemach geführt, und dumpf hörte ich mit Schlössern und Riegeln die Thüre des traurigen Aufenthalts befestigen. Meine Augen schweiften irr umher, ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur Weiber, die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren Klagen in verworrenem Getön mir unverständlich summten. Eine weinende Stimme erhob sich endlich lauter als die übrigen und rief mit schmerzlichem Tone: Ach meine armen Kinder! Dieses Wort gab mir Leben, um mein Unglück zu fühlen, und Bewußtsein, um seine gräßliche Tiefe zu erkennen. Mein Kind! rief ich in schmerzlicher Klage, mein Sohn! mein Gemahl! und Thränen bedeckten mein Gesicht.

[76] Es waren um diese Zeit die Gefängnisse in Frankreich nicht allein mit Verbrechern angefüllt. Im Volke war nach langer Unterdrückung der unbändige Trieb nach Freiheit erwacht, dieser wurde oft mißleitet und die edelsten Opfer bluteten dem neuen Götzen. Es waren in diesem traurigen Aufenthalte einige Frauen, die mit wahrhafter Seelengröße ihr eignes Unglück und ihren wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten, und das Loos einer neuen Leidensgefährtin zu erleichtern suchten. Man machte in einem Winkel des Gemachs ein Lager für mich zurecht; Jede trug von dem ihrigen dazu bei; man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten, man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab, und ohne diesen menschenfreundlichen Beistand, den ich, von Tod und Grausen umgeben, fand, wäre ich wahrscheinlich verloren gewesen, und eine ewige Nacht des Wahnsinns hätte vielleicht meine Seele umfangen.

Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte, weiß ich nicht. Ich hatte nicht Besonnenheit genug, die Tage des Jammers zu zählen; die Gefährtinnen meines Elends verminderten sich, ob sie die Freiheit erlangten, ob sie dem Tode hingegeben wurden, erfuhr ich nicht, ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst verloren und wünschte den Tag herbei, an dem Frankreichs Boden auch mein unschuldiges [77] Blut trinken würde, und fürchtete doch zugleich seine Schrecken.

Eines Morgens öffnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert, mich vor meine Richter zu stellen. Verzweiflung und Krankheit hatten die Kräfte meines Körpers erschöpft, ich begriff kaum mehr, was man von mir wollte; ich fühlte nur noch dunkel, daß jetzt der Todestag gekommen sei, und schwankte einer Leiche ähnlich dahin, wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte. Man that verschiedene Fragen, deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen. Ich gab vermuthlich Antworten, doch weiß ich nichts von ihrem Inhalte. Ich hatte nur noch so viel Besinnung, daß ich das Ganze für eine Förmlichkeit hielt, die voran gehen mußte, ehe man mein Todesurtheil ausspräche, und ich erwartete mit einer Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen, als man mich für unschuldig und frei erklärte. Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine Richter und blieb vor den Schranken stehen; man machte mir bemerklich, ich könne den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich dieß zu thun, und ich blickte trostlos umher, denn ich wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. Da trafen meine Augen auf das treue Antlitz Dübois, der sich zu mir drängte, meine Hand faßte und mich hinaus führte. Ich ließ es geschehen, und als die Luft des Himmels [78] mich wieder anwehte, wollte ich reden, fragen; nur hier nicht, nur um Gottes Willen jetzt nicht, sagte der redliche Mann, und ich bemerkte nun, wie elend und abgemagert er aussah.

Er zog mich fort, er wollte einen Platz erreichen, um einen Wagen zu finden, da geriethen wir in ein Gedränge von Menschen, das uns gewaltsam mit sich fortschob. Dübois war nur mit mir beschäftigt, er suchte mir Platz zu machen, und ich, ermattet und geängstigt, hatte ein schwaches Verlangen, die Ursache des Gedränges zu erfahren. Ich blickte umher, mich blendete im hellen Sonnenscheine der Glanz von Waffen, ich bemerkte, daß durch diese Bewaffneten ein Raum von Menschen frei erhalten wurde, meine Augen trafen auf eine Maschine, die auf einer Erhöhung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnete. Menschen standen auf dieser Erhöhung, und Gott im Himmel! ich erkannte meinen Gemahl. Einen Schrei der Angst stieß ich aus, vor dem ich selber erbebte, alle Kräfte strebten hin nach dem unglücklichen Opfer, dieß ist das letzte, was ich von meinem damaligen Zustande weiß.

V

Ich weiß es nicht, wie lange ich, von Wahnsinn umfangen, mich selber und mein Kind nicht kannte. Ich erinnere [79] mich nur, daß ich eines Morgens, nach langem Schlaf, wie es mir schien, erwachte. Ich wollte mich erheben und fühlte zu meinem Erstaunen meine Glieder an mein Lager befestigt, ich blickte um mich und fand mich in einem kleinen, peinlichen Zimmer, vor dessen Fensten Weinreben sich empor rankten, deren breite Blätter sich in der Seine wiegten, so daß ihr Schatten sich auf dem Lande bewegte. Neben dem einfachen Lager kniete ein alter Mann, der ein Gebetbuch in den Händen hielt und so eifrig betete, daß ihm die Thränen über die Wangen flossen. Ich blickte genau hin und strengte mein Gedächtniß an, um irgend etwas zu erkennen, wodurch ich an die Vergangenheit erinnert und die Gegenwart mir deutlich würde, denn mir war jede Erinnerung entschwunden. Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte, schien sich ein schwaches Licht in meinem Geiste aufzudrängen, und ich rief: Dübois! mit matter Stimme. O! nie werde ich es vergessen, mit welchem Ausdrucke seliger Freude der gute Mann mich ansah, wie inbrünstig er Gott dankte für dieß erste Zeichen wiederkehrender Besinnung. Ich fragte ihn, weßhalb man mich so quäle und mich an mein Lager befestigt habe. Mit Thränen winkte er eine Wärterin herbei, und man löste meine Bande auf.

Es erschien bald ein anderer Mann, in dem ich einen [80] Arzt erkannte; er zeigte sich über meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte, daß kaum ein Rückfall zu befürchten und man nun berechtigt sei, bei meiner Jugend das Beste zu hoffen.

Als wir wieder allein waren, fragte ich den alten Dübois nach meinem Gemahl, und der Blick des Schmerzes, mit welchem er sich abwandte und stumm die Hände rang, gab mir Besinnung und Gefühl meines Leidens. Ich habe nie bestimmt erfahren, welche Mittel Dübois angewendet hat, um meine Freiheit zu bewirken; nur so viel habe ich nach und nach den Muth gehabt von ihm zu erfragen, daß sich zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden, und daß er es deßhalb wagen durfte, seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck zu geben; aber nie hat er mir vertraut, wie groß die Opfer waren, die er für mein armes Leben gebracht hat. Auch für meinen unglücklichen Gemahl hatte er sich verwendet und Versprechungen erhalten, die ihn zu Hoffnungen berechtigten; er hatte es sogar erlangt, ihn im Gefängniß sprechen zu dürfen, und dort hatte Evremont, der sich über sein Schicksal nicht täuschte, ihm das feierliche Gelübde abgenommen, mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu widmen. Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dübois vernichtet; man gab alle Gefangene, die [81] es mit dem verhaßten Namen der Aristokraten bezeichnete, Preis, und Evremont fiel mit vielen Andern.

Die Jugend übte ihr Recht; meine Kräfte begannen zurück zu kehren, und wenn ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte, so fühlte ich doch die Pflicht, für ihn zu leben. Ich bat also Dübois, ihn zu mir zu bringen, weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei; auch verlangte ich Adele zu sehen, und ich fühlte einen wehmüthigen Trost in der Hoffnung, mit der Schwester den Gemahl zu beweinen. Dübois suchte mich durch mancherlei Vorstellungen von meinen Wünschen abzuleiten und ihre Erfüllung weiter hinaus zu schieben. Ich litt selbst zu sehr, als daß ich gleich die Leiden des alten Mannes bei diesen Gesprächen hätte bemerken können; endlich aber konnte mir die ganze Tiefe meines unermeßlichen Unglücks nicht länger verborgen bleiben.

Dübois war an jenem unglücklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst spät, nachdem er eine seinen Wünschen entsprechende Wohnung gefunden hatte, in der Absicht zurückgekehrt, uns noch denselben Abend dorthin zu führen. Wie groß war sein Entsetzen, als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses unser unglückliches Schicksal erfuhr. Er dachte in diesem Augenblicke nur an Evremont und an mich. Als er den ersten Schmerz beherrscht [82] und die nöthige Besinnung wiedergefunden hatte, suchte er Erkundigungen darüber einzuziehen, nach welchem Gefängnisse man uns gebracht habe, und sich dann den Weg zu unserer Befreiung zu bahnen. In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren, ehe er nur daran dachte, sich nach meinem Sohne zu erkundigen. Von meiner Schwägerin und der deutschen Dienerin glaubte er, daß sie mit uns verhaftet wären, und so erfuhr er von ihrem Schicksal nichts. Als der gute alte Mann nach unsäglichen Bemühungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte, daß man mich des folgenden Tages unschuldig und frei sprechen würde, eilte er nach dem Dorfe, um meinen Sohn von seiner Pflegerin zurück zu nehmen und durch dessen Anblick mich zu ermuntern, das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen. Aber ach! der bittre Kelch des Leidens war noch nicht geleert; er mußte hier erfahren, daß die Wittwe, welche meinen Sohn verpflegt hatte, vor zwölf Tagen gestorben wäre, und Niemand wußte, was aus dem Kinde geworden sei, nur so viel wußten die Nachbaren zu sagen, daß sie während der letzten kurzen Krankheit der Wittwe kein Kind bei ihr bemerkt hatten. Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich, und es schien, als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden sollte. Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der [83] gute Dübois im Gerichtssaale, um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen, und es gehörte die Kraft der Religion dazu, die in seinem Herzen lebte, daß er nicht beim Anblicke des unglücklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor und in der Nacht des Wahnsinns, die meine Seele umgab, mich noch unterstützen konnte.

Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen, ob nach den entsetzlichen Erschütterungen meine Vernunft jemals wiederkehren würde, und Dübois hatte den edelmüthigen Entschluß gefaßt, sein Leben meiner Pflege zu weihen. Da er aber glaubte, daß er mir nicht alle Bequemlichkeiten würde verschaffen können, so wollte er sich zu dem Banquier begeben, den er als Vertrauten der beiden Grafen Evremont kannte, um von ihm einige Summen für meine Bedürfnisse zu erhalten. Aber auch von hier kehrte er trostlos zurück; er konnte nur erfahren, daß wahrscheinlich der Kassirer, welcher meinem Bruder die verlangte Summe ausgezahlt, meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere Verhaftung veranlaßt habe; der Banquier selbst sei, sobald er diese erfahren, mit seinen Hauptbüchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden, um einem ähnlichen Schicksale zu entgehen.

So waren denn alle Hoffnungen untergegangen, und Dübois brachte alles zusammen, was er besaß, verkaufte [84] jede Sache von Werth und miethete eine kleine Wohnung in der Vorstadt, wohin er mich führte, indem er mich hier für seine Nichte ausgab. Die Fenster unserer Zimmer gingen in den an das Haus grenzenden Garten, und so war ich mit meinem Elende und meinem Pfleger ganz allein, und völlig von der Welt geschieden. Dübois hatte die Behutsamkeit, mich nach und nach mit dem ganzen Umfange meines Unglücks bekannt zu machen, und zugleich an die Pflicht zu erinnern, die ich habe, den Rest meines Daseins dazu anzuwenden, um dem alten Grafen Evremont den Trost zu gewähren, den er nur von mir nach dem Verluste aller seiner Hoffnungen erwarten könne. Er gab es zu, daß dieß die letzte Pflicht sei, die ich im Leben zu erfüllen habe, und billigte meine Absicht, aus der Welt alsdann mich zurück zu ziehen.

Mein großes Unglück hatte mich muthlos gemacht, und Gedanken, die früher meine Seele von sich gewiesen haben würde, beherrschten jetzt meinen Geist. Ich glaubte zuweilen, daß sich die Vorhersagung meiner Mutter erfüllt habe, die mir den Zorn Gottes verkündigt hatte, wenn ich ihr Gelübde unerfüllt ließe und mich dem Gott entzöge, dem sie mich geweiht hatte. Meine matten, kraftlosen Gedanken kehrten immer wieder zu dieser Vorstellung zurück, und ich beschloß, so bald mein Schwiegervater die Bahn seines traurigen [85] Lebens geendet haben und meines Beistandes nicht mehr bedürfen würde, das Gelübde meiner Mutter zu erfüllen. Ein einsam gelegenes Kloster, eine enge Zelle und ein dunkles Grab waren die Gegenstände meiner Sehnsucht, wenn mein Herz noch Sehnsucht empfinden konnte.

Meine Kräfte waren nach und nach so weit hergestellt, daß Dübois daran denken konnte, die Reise mit mir anzutreten. Während meiner langen Krankheit hatten sich die Regierungsformen in Frankreich mehrere Male geändert, aber seinen Verwandten war es immer gelungen, Einfluß zu behalten, und so wurde es ihm möglich, die nöthigen Pässe für sich und seine Nichte, die Bürgerin Blainville, herbei zu schaffen. Der letzte Rest des Vermögens des guten Alten mußte angewendet werden, um die Kosten der Reise zu bestreiten, doch empfand ich hierüber keine Unruhe, da ich glaubte, der alte Graf Evremont würde jede Auslage bei unserer Ankunft großmüthig ersetzen.

Ich schied also von Frankreich und ach, mit welcher Empfindung! Sein Boden hatte das edle Blut des geliebten Mannes getrunken, und meine Augen wendeten sich mit Abscheu und Entsetzen hinweg; und doch konnte mein Herz von diesem verabscheuten und geliebten Boden sich nicht ganz losreißen, denn lebte mir nicht vielleicht noch hier ein verlornes [86] Kind, dessen Spur ich vielleicht wieder fände, wenn ich bleiben dürfte?

Wir reisten in der Nacht ab, denn Dübois fürchtete meine Erschütterung, wenn ich die Straßen von Paris wieder erblickte, und ich schied mit heißen, schmerzlichen Thränen von der Stadt, die mein ganzes Glück vernichtet hatte. Je näher wir dem Ziele unserer traurigen Reise kamen, um so heftiger wurde Schmerz und Angst in meiner Brust; ich fürchtete den Anblick meines greisen Schwiegervaters, mein Unglück lag wie ein Verbrechen auf meiner Seele; ich sollte ihm sagen: Ich komme allein, Dein Sohn ist ermordet, Dein Enkel und Deine Tochter verloren. Ich fürchtete nicht die Kraft zu besitzen, diese schwere Pflicht zu erfüllen, und ach! ich fürchtete vergebens; die Milde des Himmels hatte ihm das herbeste Leiden erspart, der Graf Evremont war gestorben, ehe eine Kunde unseres Unglücks zu ihm hatte dringen können.

Alle wichtigen Papiere hatte der Sohn in Händen gehabt, um das Vermögen aus Frankreich zu ziehen. Der Nachlaß des alten Grafen war also gering, und wurde durch die lange Krankheit und die Beerdigung erschöpft, so daß Dübois keine Hoffnung auf Ersatz hatte, aber der alte treue Mann beweinte nur seinen Herrn, ohne an einen andern Verlust zu denken.

[87]

Meine Mutter fand ich ganz nah dem furchtbaren Abgrunde der Armuth, in den Alter, Schwäche und Krankheit eine verlassene Wittwe versenken können, und meine Seele schauderte bei ihrer kleinmüthigen Verzweiflung. Die Liebe zu meinem Bruder, die sie früher so ungerecht gegen mich gemacht, hatte sich in den glühendsten Haß verwandelt; er hatte ihr nach und nach Alles abgenommen, und nun, da sie keine andern Hülfsmittel mehr hatte, als das ihr von meinem Vater ausgemachte Einkommen, zahlte er auch dieses nicht und gab die Mutter dem bittersten Elende Preis. So lange mein Schwiegervater lebte, theilte er seine Hülfsmittel mit meiner unglücklichen Mutter; durch seinen Tod aber war sie der letzten Stütze beraubt, und mein Bruder schilderte ihr seine eigne schlimme Lage, und sagte ihr bestimmt und kalt, daß er nichts für sie thun könne, und wenn auch der alte Herr Blainville gestorben sei, so lebe ihr ja doch ein reicher Eidam, der sie leicht zu sich nehmen und unterstützen könne. Die Religion hatte er nicht geändert und bat die gekränkte Mutter, ihn mit dieser thörichten Zumuthung zu verschonen.

In dieser Lage wendete Dübois das Letzte an, um für unsere nächste Zukunft zu sorgen, und schob die Ueberlegung, wie sich unser Leben gestalten sollte, für die nächsten Wochen zurück, indem er mich bat, mich zuerst von den Anstrengungen [88] der Reise zu er holen und meine Mutter in ihrer verzweiflungsvollen Stimmung einigermaßen zu beruhigen. Ich, mit dem entsetzlichsten Weh im Herzen, sollte Ruhe und Trost gewähren, da ich selbst nur Seufzer und Thränen hatte, aber dennoch fand die arme unglückliche Mutter Trost in meiner Liebe, und als ob sie ihre frühere Ungerechtigkeit gut machen wollte, wendete sie mir nun die zärtlichste Neigung zu. Indem wir in diesem traurigen Zustande lebten, hatte mein Bruder den Leichtsinn, Ihnen, mein theurer Graf, Briefe an seine Mutter und an seinen Schwager zu geben, dessen Tod er nicht wußte und den er wieder in der Schweiz vermuthete, und so betraten Sie unser Haus. Ich hatte es nicht über mich vermocht, mein Herz zu zerreißen und meiner Mutter den ganzen Zusammenhang meiner traurigen Geschichte zu erzählen; sie wußte bloß, mein Gemahl und mein Sohn seien gestorben, und sie glaubte keine Unwahrheit zu sagen, wenn sie mich Ihnen als die Wittwe Blainville vorstellte. Ich war es gern zufrieden, diesen Namen zu behalten und das entsetzliche Unglück meines Lebens im Verborgenen zu tragen, denn so konnte mich doch kein rohes Wort verletzen. Im Geheim bemühte sich Dübois immer noch, etwas von meinem Sohn zu erfahren, aber jede Spur seines Daseins war verschwunden.

Ich weiß es, mein theurer Freund, ich trat Ihnen bleich, [89] wie ein Marmorbild entgegen, mit tiefem Kummer im Herzen, voll Abscheu gegen eine Welt, die ich mich zu verlassen sehnte, und dennoch machte dieß vom Schicksal vernichtete Wesen Eindruck auf Ihre Seele und fesselte Ihr Herz. Ach! und ich erkannte mit Dankbarkeit die zarte Aufmerksamkeit eines edeln Gemüths; ich fühlte den milden Trost der Freundschaft, und ein dämmerndes Licht fiel in meine Seele und zeigte mir als schwachen Schatten einen fernen Reiz des Lebens. Ich weiß nicht, ob meine Mutter durch das erlittene Unglück scharfsichtiger geworden war, aber sie bemerkte zuerst Ihre wachsende Neigung und gründete die Hoffnung ihres Alters darauf. Ich gestehe es jetzt, mein edler Freund, mich erfüllte damals der Gedanke an jede andere Verbindung, als die ich glaubte mit dem Himmel geschlossen zu haben, mit Entsetzen, und ich zog mich unwillkührlich von Ihnen zurück und brachte meine Mutter dadurch zur Verzweiflung, die sich nun um ihre letzte Hoffnung betrogen sah. Wenn Sie ahnen könnten, was ich damals litt, Ihr edles Herz würde mich beklagen. Bitten, Thränen, Vorwürfe und Verwünschungen wendete mit wilder Leidenschaftlichkeit meine Mutter an, um mich Ihren Wünschen geneigt zu machen, und ich mußte mir gestehen, daß ihr von Alter, Krankheit und Gram geschwächter Körper diesen zerstörenden Empfindungen nicht lange würde widerstehen können.

[90]

Ich glaube, mein theurer Freund, Sie hatten damals eine zu strenge Ansicht von der weiblichen Würde, und bei verschiedenen Gesprächen, die zu meiner Qual über die französische Revolution geführt wurden, äußerten Sie sich hart über die Frauen, die auf irgend eine Weise daran Theil genommen hatten, und als ich ein Mal bemerkte, daß wohl ein hartes Schicksal eine Frau darin verflechten könne, erwiederten Sie mit großer Heftigkeit, daß dieß für eine edle Frau ein unermeßliches Unglück sein würde, denn ein solches männliches Handeln und Leiden würden jeden Reiz der Weiblichkeit vernichten, wie es ja auch Frauen so roh machen kann, fügten Sie hinzu, daß sie fähig sind, nachdem sie kaum den Mann begraben haben, der auf dem Schaffot verbluten mußte, einem andern die Hand zu reichen, und ihm Zärtlichkeit und Liebe zu versprechen, da ihre Seele nur Schauder und Entsetzen sollte fühlen können. Mir würde eine solche Frau, schlossen Sie damals, abscheulich bleiben, so lange ich lebte, und ich begreife nicht, wie irgend ein Mann anders fühlen kann.

Diese Worte, die vielleicht nur ein augenblickliches Gefühl Ihrer Seele, vielleicht nur eine Verstimmung bezeichneten, haben uns beide, mein geliebter Freund, um das reine Glück das Lebens gebracht. Ich, die ich die Pläne und Wünsche meiner Mutter kannte, betrachtete diese mit Wehmuth, [91] denn mir schien jetzt Alles beendigt. Ich beschloß nun, ewig über mein Schisal gegen Sie zu schweigen, aber mich auch entschieden von Ihnen zurückzuziehen, um nicht Hoffnungen zu nähren, die nicht erfüllt werden konnten, denn nach Ihrem eigenen Geständniß mußten Sie ja aufhören, mich zu lieben, wenn ich im Stande wäre, Ihnen die Hand zu bieten, nachdem ein entsetzliches Unglück mir den ersten Gemahl entrissen hatte, und nur, indem ich Sie über mich täuschte, hätte ich mir Ihre Liebe erhalten können.

Ich sah die Nothwendigkeit ein, meiner Mutter das Unglück meines Lebens in seiner ganzen Ausdehnung mitzutheilen, damit sie sich entschlösse, Hoffnungen, die sie mit Entschiedenheit nährte, aufzugeben. Ich erfüllte diese schwere Pflicht, deren Ausübung mich zu vernichten drohte. Meine Mutter, im Erstaunen über das ihr völlig Neue und Unerwartete, hatte noch die Grausamkeit, mich mit Klagen und Vorwürfen über dieß lange lieblose Schweigen zu bestürmen, und bemerkte ihre Härte erst, als sie mich wie sterbend vor ihr nieder sinken sah. Jetzt erwachte ihre Liebe wieder, und die Verzweiflung, in der ich sie erblickte, als ich wieder zur Besinnung kam, gab mir den Muth, zum Troste der Mutter das Leben zu ertragen.

Damals ahneten Sie nicht, mein theurer Freund, wie tröstend und wie quälend mir Ihre zärtliche Sorge während [92] der Krankheit war, die mich als Folge der stürmischen Auftritte mit meiner Mutter befiel. Es konnte mir nicht mehr verborgen bleiben, daß Sie sich mit leidenschaftlicher Liebe entschieden hatten, Ihr Geschick an das meine zu knüpfen, und sobald es meine Kräfte erlaubten, bat ich meine Mutter, Sie mit der Geschichte meines Lebens bekannt zu machen.

So willst Du mir denn hartnäckig um einer Grille des Grafen Willen alle Hoffnungen auf ein ruhiges Alter rauben? fragte meine Mutter mit Thränen. Können Sie wollen, entgegnete ich, daß ich einen edeln Mann hintergehen soll? Was nennst Du hintergehen? fragte meine Mutter. Wie Ihr Euch alle vereinigtet, mir die Wahrheit zu verschweigen und ich nicht einmal den Namen meines Eidams kannte, habt Ihr alle und die fromme Tante an der Spitze daran gedacht, daß Ihr mich hintergingt? Hat es Euch allen einen Seufzer, eine Thräne gekostet, mir das Geschick meines Kindes zu verheimlichen? Und wenn Dir dieß damals keine Sünde schien, worin liegt denn nun das Unrecht, wenn Du dem zweiten Gemahl die Todesart des ersten verschweigst.

Diese seichten Gründe meiner Mutter konnten meine Empfindung nicht ändern, aber ich fühlte, daß jeder Streit mit ihr, die entschlossen war, ihre Ansicht nicht aufzugeben, [93] fruchtlos sein würde, und ich wollte lieber aus ihren eignen Gefühlen sie bekämpfen und sagte also: Die Verbindung mit dem Grafen, theure Mutter, können Sie selbst ja nicht wünschen, da er Protestant ist. Ich habe darüber, sagte meine Mutter, anders denken gelernt, und obgleich ich Deinen Bruder nicht mehr liebe, so würde ich dennoch verzweifeln, wenn ich mir sagen müßte, ich habe ein Kind für die ewige Verdammniß geboren; kann also mein Sohn als Protestant die Seligkeit finden, so mag dieß meinem künftigen Eidam, den ich als besser und edler erkenne, noch leichter gelingen.

Ich wollte meiner Mutter antworten, und da sie bemerkte, daß ich mich ihren Gründen nicht fügen würde, wählte sie ein anderes sicheres Mittel. Ehe ich reden konnte, kniete sie an meinem Lager nieder, faßte meine Hände und sagte, indem ihre Thränen über die von Kummer gebleichten Wangen flossen: Wenn Du denn nicht um Deinet Willen Deine unglückliche Geschichte verschweigen willst, mein geliebtes Kind, so thue es um meinet Willen; in Deiner Hand liegt nicht bloß das Glück Deines eigenen Lebens, auch die Ruhe einer elenden, unglücklichen Mutter. Zwei Kinder habe ich geboren, eines hat mein Herz zertreten und die flehende Mutter von sich gestoßen; soll ich Euch beide, soll ich auch Dich vor Gott verklagen, daß Du der verschmachtenden [94] Mutter keine Hülfe leisten willst? Nein, o nein! rief ich, in Jammer und Thränen vergehend, mein Loos ruht in Ihren Händen, wenden Sie es, wie Sie wollen. Mit Entzücken drückte mich die Mutter an ihre Brust und ließ mich in ihre Hand einen feierlichen Eid schwören, Ihnen mein erlebtes Unglück zu verschweigen.

So, mein theurer Graf, wurde unsere Vereinigung geschlossen, und da ich über die Hauptsache zu schweigen gelobt hatte, so war es mir gleichgültig, daß ich mit Ihnen als Wittwe Blainville verbunden wurde, und meine Mutter war beruhigt, da sie auf behutsame Erkundigungen, die sie durch ihren Beichtvater eingezogen hatte, erfuhr, die Ehe sei vollkommen gültig, mein Familienname sei die Hauptsache bei dieser neuen Verbindung. Meine Mutter hatte einen Augenblick den Gedanken, meinen Bruder als Zeugen bei unserer Vermählung einzuladen, und auch Sie fanden es natürlich, und ich sah wohl Ihr Erstaunen, als ich mit Schauder und Entsetzen erklärte, daß ich diesen Bruder, die Quelle alles meines Unglückes, nie wieder sehen wollte.

So wandelten wir nun neben einander, und je mehr ich Ihr schönes Herz, Ihren edeln Charakter kennen lernte, um so drückender wurde mir die ausgeübte Falschheit. Meine Mutter dankte mir in jeder einsamen Stunde für das Glück, welches sich durch die liebende Sorge des neuen Eidams [95] über den Rest ihrer Tage breitete, und ihre Aengstlichkeit ließ mich das Versprechen der Verschwiegenheit jeden Tag erneuern; ja in der Sorge, die sie dafür trug, dieß Glück nicht wieder zu verlieren, ging sie so weit, daß sie von mir die schwärzeste Undankbarkeit forderte und verlangte, ich sollte Dübois, diesen Retter meines Lebens, gegen den sie selbst die größten Verpflichtungen hatte, von mir entfernen. Umsonst war es, daß ich ihr jeden Tag wiederholte, ein Wort von mir sei hinreichend, des guten Alten Zunge auf ewig zu fesseln, sie wiederholte mir ewig: Du hast früher Deiner Mutter nicht vertraut, und nun vertraust Du Dein und mein Glück einem Diener.

Mein Herz hatte zu grausame Schläge erlitten, die Kraft der Jugend war gebrochen, es konnte kein leidenschaftliches Gefühl des Glücks mehr durch meinen Busen zittern; mir war nur die Fähigkeit geblieben, den Schmerz auf diese Weise zu empfinden, aber die milde Wärme einer zärtlichen Freundschaft, die sanftere Empfindung einer grenzenlosen Verehrung erfüllte meine ganze Seele, und Sie, geliebter Freund, würden nicht so oft schmerzlich über die Kälte meines Herzens geklagt haben, wenn ich Ihnen in freier Hingebung, ohne Rückhalt, mein Gefühl hätte zeigen können; aber die schönsten Augenblicke innigen Vertrauens wurden mir gestört, jeder Erguß der Herzens gehemmt durch [96] den Gedanken: er kennt Dich nicht, er darf Dich niemals kennen, damit er Dich nicht verabscheut. Ich sah es, Sie waren nicht glücklich in unserer Verbindung, und der nagende Schmerz darüber gab mir die Bitterkeit, die ich eben so oft gegen Andere, als gegen mich selbst wendete; und in dem Grade, wie ich die Liebe Anderer dadurch von mir entfernte, wurde ich unzufriedener mit mir selbst. Sie, geliebter Freund, hatten Geduld mit allen diesen Schwächen, Sie hofften mein Herz von seinem langen Grame zu heilen, und als meine Mutter in unsern Armen verschieden war und ihre letzten Worte uns gedankt hatten für die zärtliche Kindesliebe, die wir ihr bewiesen, da glaubten Sie, mein theurer Gemahl, durch Zerstreuung auf Reisen meinen Kummer überwinden zu können. Sie waren verwundert, meine Abneigung gegen Frankreich zu bemerken, und wir gingen nach Italien. Es giebt wohl keinen Schmerz des Lebens, der sich unter dem milden Himmel Italiens nicht gelindert fühlte. Unser eigenes reges Dasein, unser persönliches Schicksal scheint uns kleiner da, wo eine große Vergangenheit jeden Augenblick ihre ernste, erhabene Sprache zu uns redet, und ich fühle, ich wäre in Italien ruhiger geworden, wenn es möglich wäre, daß eine Mutter aufhören könnte, ein verlornes Kind zu beweinen.

Ich vermochte Dübois, fortwährend geheime Nachforschungen [97] anzustellen, und ich erwartete mit gleicher Unruhe das Gelingen wie das Mißlingen derselben, denn wenn er nun auch das kaum denkbare Glück gehabt hätte, meinen Sohn aufzufinden, mit welcher Stirn wollte ich Ihnen mein so lange verhehltes Schicksal dann noch vertrauen, und würde mir nicht dieses späte, erzwungene Bekenntniß noch gewisser Ihre Liebe rauben, als ein freiwilliges vor unserer Verbindung? Und je mehr Jahre verflossen, je ängstlicher mußte ich mir die Frage wiederholen, wenn ich nun endlich einen Sohn wiederfände, erwachsen unter fremdem Einflusse, ob er mir dann noch die Kindesliebe bieten könne, nach der mein einsames Herz sich sehnte, und ob nicht vielleicht ein gespenstisches Wesen vor mir stehen würde, durch das Blut in seinen Adern mein eigen und durch alle Empfindungen seiner Seele mir fremd.

Diese nie ruhende innere Qual war der Grund, weßhalb meine Gesundheit sich nie wieder befestigte, und Sie mußten die Hoffnung, Vater zu werden, aufgeben und entbehrten um meinet Willen auch dieß Glück, wie beinah jede andere Freude des Lebens, und ich mußte mir gestehen, daß ich mit der innigsten Neigung, mit der zärtlichsten Freundschaft dennoch nichts anders vermocht habe, als Sie um jede Hoffnung und um jede schöne Heiterkeit des Lebens zu bringen, [98] da Sie in einer andern Verbindung wahrscheinlich glücklicher gewesen wären.

Mit zitternder Hand und mit unsäglichen Thränen habe ich diesen Blättern die ganze Tiefe meines Unglücks vertraut, und Ihr schönes Herz wird die Fehler und Irrthümer verzeihen, die unser Leben getrübt haben, und mit Rührung der treuen Gefährtin gedenken, deren innigste Neigung Sie dennoch nicht beglücken konnte, weil das Vertrauen unseren Herzen fehlte.

VI

Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Blätter nun alle gelesen und er blieb an dem Tische sitzen, auf welchen er die Ellenbogen stützte, das Gesicht in beide Hände senkend. Es stürmten so viele verworrene Empfindungen durch sein Herz, daß sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte, um sich darüber zu erheben. Das schreckliche, unverschuldete Unglück seiner Gemahlin erschütterte ihn bis in die innerste Seele; aber diesem Gefühle war dennoch eine mißmüthige Beschämung beigesellt, wenn er sie sich im Gefängnisse unter dem Volke oder wahnsinnig dachte. Das Schicksal des hingerichteten Gemahls, seines eigenen Freundes, erpreßte ihm Thränen, und dennoch wendete sich seine Seele mit Widerwillen ab, wenn er die Wittwe [99] dieses Unglücklichen als seine Gattin denken wollte. Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die wehmüthige Betrachtung in ihm erweckt, daß er in der That nie glücklich gewesen sei und das Gefühl seines Unglücks immer im Busen getragen, aber immer betäubt habe, durch Reisen, durch Studien, durch Gesellschaften. So drängt sich mir denn auf einmal die vernichtende Klarheit auf, dachte er innerlich, daß ich mein ganzes Leben in Wahn und Täuschung verloren habe; eine krankhafte Leidenschaft bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben, die ich niemals wahrhaft besessen habe, die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte, dessen Bild noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfüllt. Sie wurde nicht Mutter, um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewähren, und ihre mütterliche Zärtlichkeit wendet sich mit fortwährendem Gram auf ein verlornes, mir fremdes Wesen, das, wenn es noch lebt, vielleicht in niedrigen Verhältnissen erwachsen, die Mutter beschimpft, die es geboren, und mich zugleich, der ich mit dieser Frau verbunden bin. Ja ich bin sehr, sehr unglücklich, sagte er endlich laut, und seine Thränen träufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Blätter nieder. In dieser kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen, bis er endlich sich mit männlicher Kraft [100] erhob und edlere, großmüthigere Empfindungen Raum in seiner Brust gewannen. So zahle ich denn, wie jeder Andere, sagte er mit Bitterkeit zu sich selbst, den Tribut der menschlichen Schwäche; ich denke mit Selbstsucht nur an mich; ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schönen Stunden, die ich in dieser Verbindung durchlebte, und den Schmerz der unglücklichen Frau, die mir endlich ihren Kummer vertraut, wie die Angst, mit welcher sie erwartet, welchen Ein druck dieß Bekenntniß auf mich machen wird. O! Wohl hattest Du Recht, Du Arme, die Du meine Schwäche kennst, zaghaft ein Vertrauen zurück zu halten, das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt. Und könnte ich denn, fragte er sich, noch jetzt, ohne zerstörenden Schmerz, die Verbindung mit dieser Frau aufgeben; würde es nicht auch mich vielleicht vernichten, wenn der Tod sie mir entrisse? Habe ich jemals einen Menschen gekannt, der meine Eigenthümlichkeit so verstanden, mich mit so zärtlicher Freundschaft geliebt hätte, als sie? Kann ich dieß Wesen aus meinem Leben hinweg denken, ohne das Leben von allem Reize für mich zu entblößen? Und was ist es denn nun eigentlich, was mein Herz von ihr abwenden will? Doch hauptsächlich die Hinrichtung meines unglücklichen Freundes, und der ängstigende Widerwille wird doch mir unbewußt nur dadurch erzeugt, daß die Seele [101] beschimpfende Verbrechen und öffentliche Hinrichtung immer verbunden denken will. Aber sind nicht grade die Edelsten als Opfer gefallen, und soll sich ein kleinliches Gefühl unverändert erhalten, wenn ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wälzt, alle Dämme, die Sitte, Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben, brausend durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt? Und hat sie denn nicht das Ungeheuerste erduldet, setzte er mit Wehmuth hinzu, und hat sie diesen wilden Schmerz nicht ertragen, ohne den eignen Werth zu verlieren? Blieb nicht in ihrer Seele, neben ihrem Kummer, Raum für jede edle Empfindung, und bin ich klein genug, diesen wahrhaften Heldenmuth zu verkennen? Und ist es denn nicht möglich, daß noch Alles besser wird? Jetzt gehört sie mir im vollen Vertrauen, an meiner Brust wird ihr lange gepreßtes Herz nun freier schlagen, ich kann kräftiger, als sie es vermochte, die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen, dessen Herz vielleicht seiner Eltern würdig ist, der alsdann auch mir ein Sohn sein und die Tage meines Alters verschönern kann. Nein, ich bin nicht unglücklich, schloß der Graf sein langes Selbstgespräch, und neuen Muth und neue Hoffnung drückten seine edeln Züge aus, und mild leuchteten die noch von Schmerzensthränen feuchten Augen.

Die Gräfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt, es[102] äußerlich ruhig zu erwarten, ob der Graf liebevoll zu ihr zurückkehren würde, nach dem Bekenntnisse ihres Unrechts gegen ihn. Sie hatte die Vorhänge ihres Bettes zuziehen lassen und faltete nun zum stillen, leidenschaftlichen Gebet die Hände, sie krampfhaft fest in einander schließend, und flehte inbrünstig in Gedanken um das Ende ihrer Leiden und ihres Lebens, wenn sich das Herz des Grafen, durch ihr langes Schweigen beleidigt, von ihr abwenden sollte. Sie hatte eine peinliche Stunde gehabt, und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie, im Vorzimmer des Grafen zu erkunden, ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei, aber ihn auf keinen Fall zu rufen. Emilie berichtete, der Graf sei in seinem Kabinet und kein Laut vernehmbar. Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurück. Der Zustand der Gräfin wurde immer beunruhigender; Fiebergluth und Leichenblässe wechselten auf ihrem Gesichte, und die heftigen Schläge ihres Herzens hoben und senkten die Decke ihres Lagers. Als Emilie zum fünften Male mit demselben Auftrage abgeschickt wurde, nahm sie sich vor, den Grafen auf jeden Fall zu sprechen, um ihn mit dem gefährlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu machen, und eben näherte sie sich in dieser Absicht der Thüre, als er sein Kabinet öffnete. Der Graf trat heraus und [103] fragte mit Heftigkeit: Was macht meine Gemahlin? Sie lebt, erwiederte die weinende Emilie, aber ihr Zustand – – Er hörte nichts mehr; das eine Wort hatte ihm genug gesagt, um ihn mit höchster Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen. Er schlug mit Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurück, und die flehenden Augen der Gräfin, ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hände erfüllten ihn mit der schmerzlichsten Wehmuth. Mein theures, mein geliebtes Weib! rief er aus, indem er sie in seine Arme schloß. So hast Du mir vergeben? sagte die Gräfin mit kaum hörbarer Stimme. Es war das erste Mal, daß sie ihren Gemahl mit Du anredete, und diese einzige Sylbe, die er sich früher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu vernehmen, rührte ihn nun als Zeichen völligen Vertrauens auf's Innigste. Er konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken, die Gesundheit seiner Gattin zu schonen und erregende Gespräche zu vermeiden. Die leidenschaftlichsten Ergüsse des Herzens, die zärtlichste Selbstanklage, die großmüthigste Vergebung wechselten in schnell und heftig geführten Gesprächen mit einander ab, und der Arzt würde befürchtet haben, daß der schwache Faden des Lebens der so lange leidenden Frau durch diese Erschütterungen zerreißen müßte. Sie ruhte auch beinah vergehend in den Armen des Grafen, aber der Balsam des Trostes senkte [104] sich mild in ihre Brust. Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des leidenschaftlichen Freundes, der die Bilder eines glücklichen, genußreichen Lebens vor ihr entfaltete, aber selbst in dieser Aufregung des Gemüths Besonnenheit genug behielt, keine Hoffnung erregen zu wollen, daß der verlorne Sohn noch gefunden werden könnte; denn ob er sich gleich vornahm, die eifrigsten Nachforschungen nach ihm anzustellen, so schien es ihm doch grausam in der Mutter Hoffnungen zu erwecken, die er vielleicht niemals erfüllen könnte.

Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen, und die Ruhe, die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat, die das Herz der Gräfin bis auf diesen Augenblick geängstigt hatte, wirkte höchst vortheilhaft auf ihre Gesundheit; sie versprach dem Grafen, sich zu schonen und, um sich für ihn, zu dessen Glück sie nothwendig sei, zu erhalten, den Vorschriften des Arztes Folge zu leisten.

Getröstet, indem er Trost ertheilte, verließ der Graf, mit sich zufrieden, das Gemach seiner Gemahlin, nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit zärtlicher Rührung die höchste Sorge für die Kranke empfohlen hatte. Im Vorzimmer traf er Dübois, der mit ängstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein Wort über den Zustand der Kranken [105] vernehmen wollte. Dem Grafen flogen schnell, wie er den alten Mann erblickte, alle Bilder dessen, was er gethan und gelitten, vor den Augen des Geistes vorüber, und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener Aufregung ängstlich betrachteten, rief er mit vor Wehmuth zitternden Lippen: Mein guter alter Dübois! und streckte ihm die Hand entgegen, die der alte Mann faßte, um sie zu küssen; der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrückt. Der Haushofmeister wußte nicht, wie ihm geschah, und er stand und sah dem Grafen noch nach, als dieser schon lange das Zimmer verlassen hatte.

Am andern Morgen, als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe der Nacht wieder besänftigt waren, ließ der Graf den Haushofmeister zu sich rufen und sagte ihm mit höchster Güte: Ich weiß es jetzt erst, mein guter Dübois, wie Viel ich Ihnen schuldig bin; die Gräfin hat es mir vertraut, was Sie für sie gethan und gelitten, und daß ich außer der Erhaltung ihres mir so theuern Lebens Ihnen vielleicht noch große Summen schuldig bin, die Sie ausgelegt und nicht zurückerhalten haben; lassen Sie uns also darüber nun aufrichtig sprechen, damit Sie wenigstens Ihr Eigenthum nicht verlieren, wenn wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten können. Der alte [106] Mann sah den Grafen mit Ueberraschung an, und Thränen traten in die gutmüthigen Augen und flossen über die gefurchten Wangen. So ist mir denn endlich der Trost geworden, rief er aus, daß die Frau Gräfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geöffnet hat, und der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres Lebens nagen. Ja, gnädiger Herr Graf, fuhr er fort, wir haben Viel, entsetzlich Viel gelitten, und ich kann nicht zweifeln, daß Gott in dieser furchtbaren Zeit mein Leben nur deßhalb erhalten hat, damit ich der unglücklichen Frau nützlich sein konnte; dieß ist mir gelungen, und dafür danke ich dem Himmel täglich. Was ich damals an Geld ausgegeben, ach gnädiger Herr Graf! Welches Herz hätte wohl so verworfen sein und in solchen Stunden des höchsten Jammers daran denken, oder die armseligen Summen zählen können; doch bin ich überzeugt, daß die Frau Gräfin mir Alles längst vielfach ersetzt hat, und ich habe in dieser Rücksicht nichts zu fordern.

Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen, sagte der Graf gerührt, so geben Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns, dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben.

Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen? fragte der Haushofmeister lächelnd.

[107] Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will, sagte der Graf, indem er die Hand des alten Mannes drückte.

So hoch mich dieß Wort auch ehrt, versetzte Dübois mit großer Bescheidenheit, so erlaube ich mir doch zu bemerken, daß ich nicht einzusehen vermag, worin meine Erniedrigung bestände, wenn ich bei meiner gewohnten Beschäftigung bleibe. Ich glaube, es hängt von der Art ab, wie ein Geschäft betrieben wird, ob es edel oder unedel zu nennen ist, und wenn die wichtigsten Aemter im Staate mit knechtischer Seele, bloß des eigenen Gewinns wegen, verwaltet werden, ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen Verehrung für den Monarchen, so ist derjenige, der sie ausübt, mag er äußerlich so hoch stehen, wie er will, doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen; und wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein Leben dem Dienste einer edeln Herrschaft widme, und wenn mein treues Auge darüber wacht, daß bei Ihrem großen Haushalte Ihre Einkünfte nicht verschwendet werden und Ihnen so die Mittel bleiben, unendlich viel Gutes zu thun, so habe ich Antheil an allem Guten und Großen, was auf diesem Wege erreicht werden kann, und ich fühle mich durch meine Beschäftigung nicht erniedrigt.

Sie haben Recht, sagte der Graf, durch die Wahrheit [108] in den einfachen Worten des alten Mannes überrascht. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen, nur versprechen Sie mir, keine Anstrengung zu übernehmen, die Ihnen bei Ihrem Alter nachtheilig sein könnte. Der alte Mann versprach dieß willig und sagte dann: die Wahrheit meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden. Er wird gewiß einmal ein ausgezeichneter Gelehrter, daran läßt sich bei seinem großen Fleiß gar nicht zweifeln, und er war schon ein halber Student, als sein edler Beschützer sich seiner annahm. Sind ihm denn dadurch seine Vorzüge genommen, daß er aus freiem Antriebe seinem väterlichen Freunde alle Dienste leistete, die die ser bedurfte, so lange ihm die Mittel fehlten, es anders einzurichten, und müssen wir den Knaben nicht um so höher achten, der solcher Liebe fähig war?

Sie haben Recht, sagte der Graf, und ich freue mich, so oft ich den jungen Menschen in der Bibliothek antreffe. Seine Bescheidenheit, sein feines Wesen zeugen von der guten Erziehung, die er früher gehabt, und sobald mein Vetter zurückkommt, wollen wir alle drei für sein weiteres Fortkommen sorgen. Der Haushofmeister fühlte sich für alles, was er jemals gethan, durch dieß Wort des Grafen mehr als belohnt, der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und ihn gleichsam neben sich stellte, und seine Liebe wuchs[109] in dem Maße, wie ihm sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete, ihm eröffnend, daß er entschlossen sei, dem Schicksal des jungen Evremont auf's Eifrigste nachzuforschen und, wenn er ihn gefunden, ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten. Der alte Dübois gab alles an, was nur irgend auf eine Spur führen konnte, um den Verlorenen zu entdecken, und zerfloß beinah in Thränen, weil er dadurch gezwungen war, alles erlittene Unglück der Familie Evremont sich in's Gedächtniß zurückzurufen. Der Graf suchte ihn, nicht ohne eigne Rührung, zu trösten, und Beide kamen darin überein, daß vor der Gräfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden müßten, damit sie nicht Hoffnungen Raum gäbe, durch deren Nichterfüllung ihr Herz um so tiefer verwundet werden müßte.

Nach diesem langen Gespräche trennten sich Beide vollkommen befriedigt, und der Graf eilte, sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen. Die Kranke hatte eine sanfte Ruhe genossen, und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle Spuren einer schleunigen Besserung. Die Gräfin hatte in dieser ernsthaften Krankheit, wie er meinte, allen Eigensinn verloren, sie brauchte die vorgeschriebenen Mittel regelmäßig, und der Graf war so zärtlich besorgt, daß er den Arzt immer wieder angelegentlich bat, ja alle Sorgfalt für ihre Wiederherstellung anzuwenden. Schon den nächsten [110] Abend hatte St. Julien den Trost, eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen, Emiliens und ihrer Freundin Therese zubringen zu dürfen, und die Kranke war zwar sehr ermattet, aber so ruhig und heiter, wie er sie nie gesehen, und die innige zärtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf aufmerksam, daß früher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte.

Die unermüdete Sorgfalt des Arztes, verbunden mit der größeren Ruhe des Herzens, welche die Kranke jetzt genoß, hatte bald jede Gefahr entfernt, und die Gräfin konnte nach kurzer Zeit schon täglich einige Stunden außer dem Bette verweilen; ihre Kräfte nahmen sichtlich zu, und nach dem Verlaufe von sechs Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich, das Krankenzimmer zu verlassen und an der gemeinsamen Tafel zu speisen. Dieß war ein Fest der Liebe für alle Hausgenossen, und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen Thalheim, seine Tochter und auch den Prediger eingeladen. Der Arzt hatte sich im Stolz über die Genesung der Gräfin, die er ganz allein als einen Triumph seiner Kunst betrachtete, ein fast despotisches Ansehn über die Kranke angemaßt, welches sich diese mit lächelnder Geduld gefallen ließ, und so begleitete er sie nach dem Speisesaale, wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rührung, als dem Leben wiedergegeben, begrüßt wurde. [111] Bei Tische drängte sich der Arzt in ihre Nähe, nicht, wie er versicherte, aus thörichtem Hochmuth, sondern seiner Pflicht gemäß, damit er ihr die Speisen widerrathen könne, die ihm schädlich dünken würden; er übte aber eine so strenge Kritik, daß er der Gräfin beinah nichts erlaubte zu berühren. Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten unterworfen, als aber die Tafel beendigt war, sagte sie scherzend: Aber, lieber Herr Doktor, Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren, wie der Arzt mit dem Sancho Pansa, nachdem er endlich Gouverneur der längst versprochenen Insel geworden war, und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fällt mir diese Strenge beinah eben so beschwerlich, als ihm.

Niemand konnte begreifen, weßhalb dieser Scherz den Arzt so heftig beleidigte, daß er mit glühendem Gesicht und halb zugedrückten Augen, die im Zorn feurig blinkten, rief: Ich weiß, es herrscht jetzt die sonderbare Mode, die von müßigen Köpfen ersonnenen Narrheiten in die ernsthaftesten Angelegenheiten zu mischen, aber niemals hätte ich geglaubt, daß ich mit dem wahnsinnigen Don Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden könnte. Vergeblich bemühte sich St. Julien ihm deutlich zu machen, daß ihn Niemand mit dem edeln Ritter oder seinem braven Stallmeister verglichen habe, sondern mit dessen gelehrten Arzt. Er blieb zornig und antwortete nicht mehr, bis der Graf selbst ihm [112] ein Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte, an diesem schönen Tage versöhnlich zu sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken; doch auch jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen, aber man sah, daß er immer noch Verdruß im Herzen hegte. Der Graf erhob jetzt sein Glas, indem er sagte: Und nun auf Ihr Wohl, liebster Herr Doktor, dessen Kunst und treuer Sorge wir den heutigen frohen Tag verdanken. Jetzt schwanden die Wolken des Verdrußes von seiner Stirn, und er blickte wie ein siegender Held umher.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, trat die Gräfin zu ihm und sagte: Sie müssen mir heute, da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fühle, einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versöhnung ein Andenken nicht verschmähen. Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an, der die Brillanten, die nun an seinem Finger glänzten, mit demselben Gefühl betrachtete, wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen. Der Graf trat nun hinzu und überreichte ihm eine sehr schön gearbeitete goldene Dose, weil der Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewöhnt hatte. Emilie näherte sich und überreichte ihm die schönste feine Wäsche, Therese bot ihm einen von ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar, und St. Julien überreichte ihm, trotz seines, beinah zu großen Abscheus [113] gegen alles Tabackrauchen, eine so außerordentlich verzierte, schöne Tabackspfeife, daß dieß Geschenk des Werthes wegen zwar ernsthaft, der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien. Der Arzt blickte in verlegener Freude umher; Stolz über seine anerkannten Verdienste, dankbare Rührung über diese öffentliche Anerkennung und auch Freude über den Werth der Geschenke bestürmten sein Herz dermaßen, daß ihm Thränen in die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte, die ihm schicklich dünkten, seine Gefühle auszudrücken. Er küßte rasch hinter einander die Hände aller Damen, und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn und würde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls geküßt haben, wenn ihm nicht ein kräftiger Druck jedes Mal seinen Irrthum gezeigt hätte, wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde.

Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen, daß die frühere Spannung, die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt hatte, völlig verschwunden und an die Stelle formeller Höflichkeit eine herzliche Innigkeit getreten war. Er sah es leicht ein, daß die Krankheit der Gräfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei, aber eben so wenig, wie er begreifen konnte, wodurch dieß Zusammentreffen so erschütternd gewirkt habe, vermochte er einzusehen, wie durch diesen [114] öffentlichen Auftritt, der dem Grafen nur unangenehm sein konnte, eine größere Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wäre herbeigeführt worden. Er konnte sich ruhig in Nachdenken über die ihm unerklärliche Erscheinung versenken, denn seine Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen, weil Emilie, Therese und St. Julien mehrere Musikstücke dreistimmig eingeübt hatten und mit diesem kleinen Koncerte die Genesung der theuern Kranken feiern wollten.

Die Gräfin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens Stimme sichtbar, faßte sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin, den die zärtlichste Anhänglichkeit ihr bereitet hatte, und gestand sich innerlich, daß das Leben noch Reiz für sie haben könne, und daß selbst der Schmerz der Erinnerung den giftigsten Stachel verloren habe, da ein treues Herz ihn mit ihr theilte, und sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wußte.

Der Abend begann schon zu dämmern und man hatte während der fortgesetzten Musik das Rollen der Räder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt, so daß Allen unerwartet der junge Graf Hohenthal in den Saal trat. Ein allgemeiner Ausruf der Freude begrüßte den Neuangekommenen; doch wurde diese sogleich gemäßigt, als man die Blässe seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm, wodurch ein erlebtes Unglück des neuen Gastes angedeutet [115] wurde. Mit sichtbarem Gefühl bezeigte dieser der Gräfin seine Freude über ihre Genesung; ein Strahl wehmüthigen Entzückens leuchtete in seinen Augen, als er Theresens Hand küßte, welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drückte, mit gleichem Feuer erwiederte er St. Juliens stürmische Umarmung, und mit kindlichem Gefühl die väterliche Begrüßung des Obristen und seines Oheims. Was macht Ihr Vater, theurer Vetter? fragte dieser halb leise. Ich habe ihn vor wenigen Tagen begraben, sagte der junge Graf mit vor Rührung wankender Stimme; ich glaubte, Sie hätten die Anzeige seines Todes schon erhalten. Nein, erwiederte der Graf mit Bestürzung, mir ist Ihr Unglück völlig fremd, und es erschüttert mich um so mehr, da es mich daran erinnert, wie nahe daran ich selbst war, den schmerzlichsten Verlust zu erdulden.

Jedermann fühlte, daß es unschicklich sein würde, in den Ton lauter Freude jetzt wieder einzustimmen. Die Unterhaltung wurde also ernsthafter und die Gesellschaft trennte sich früher, als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen geschehen wäre. Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte, kam ihm ein junger Mensch entgegen, in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte, bis er sich laut weinend in seine Arme warf. Freudig überrascht, drängte ihn der junge Graf von seiner Brust zurück, um [116] ihn zu betrachten. Nein! rief er endlich aus, nimmermehr hätte ich geglaubt, daß wenige Wochen einen Menschen so zu seinem Vortheile verändern können; sage mir doch, wie hast Du es angefangen, daß Du während meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen hast.

Wenn das ist, sagte der junge Mensch, so kommt es wohl daher, daß mir Herr Dübois so außerordentlich gute Kleider hat machen lassen; die Frau Gräfin hat mir die feinste Wäsche geschenkt, und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen diese goldene Uhr, damit ich, wie er sagte, meine Studien regelmäßig einrichten könne; dabei habe ich noch alles Geld, das Sie mir schenkten. Das ist Alles ganz gut, sagte der junge Graf, aber woher hast Du den Anstand, die vortreffliche Haltung.

Das kommt denn wohl, meinte sein junger Freund lächelnd, von dem lustigen Herrn St. Julien, zu dem Herr Dübois viel von mir gesprochen hat, und der mich nun, seit das Leben der Gräfin außer Gefahr ist, täglich vexirt und mich dabei tanzen, reiten und fechten lehrt. Ich versichere Sie, fuhr er, plötzlich in Rührung übergehend, fort, hier im Schlosse sind lauter vortreffliche Menschen, die Bedienten abgerechnet; aber Herr Dübois meint, die wären beinah nirgends so gut, wie sie oft in Büchern geschildert werden, [117] und verzeihen Sie mir, wenn auch Herr Dübois nicht so vornehm ist, als sie Alle, so ist er gewiß einer der Besten hier im Schlosse.

Ich glaube es Dir, erwiederte der junge Graf, und es schmerzt mich, daß ich ihm früher Unrecht gethan habe; ich sehe, er handelt wahrhaft väterlich gegen Dich.

Sie haben das rechte Wort ausgesprochen, erwiederte der Jüngling; wie ein Vater sorgt er für mich, und der Rath, den er mir giebt, ist jedes Mal so weise, daß ich blind vor Undankbarkeit sein müßte, wenn ich ihn nicht befolgen wollte. Es war hier eine trübe Zeit im Hause, so lange die Gräfin so gefährlich krank war. Der Graf sprach mit Niemandem; Herr Dübois zehrte sich ganz ab vor Kummer; Herr St. Julien und Fräulein Emilie weinten mit einander, so oft sie sich sahen, Herr Dübois ermahnte mich, mit ihm für das Leben der Gräfin zu beten, und ich that es auch aus vollem Herzen und Gott verstand uns Beide, obgleich er katholisch und ich protestantisch betete; endlich erholte sich zu unserer aller Freude die Frau Gräfin. Da sagte mir vor wenigen Tagen Herr Dübois: Der Graf will durch ein kleines Fest die Genesung seiner Gemahlin feiern und hatte sich vorgenommen, Dich an diesem frohen Tage zum ersten Male an seinen Tisch zu nehmen, ich habe ihm dieß für jetzt widerrathen, und ich will Dir, mein lieber [118] Sohn, die Gründe sagen, weßhalb ich dieß that, damit Du siehst, daß ich es wohl mit Dir meine. Kein Mensch ist Herr seines Geschickes, wir können nichts thun, als, was uns auferlegt wird, mit Anstand tragen und, indem wir verständig unsere Verhältnisse ordnen, die schlimmen nach und nach besiegen. Du, mein liebes Kind, hast dieß Haus unter ungünstigen Umständen betreten, die ganze Dienerschaft beleidigte Dich, indem sie Dich für ihres Gleichen hielt; wenn Du jetzt auf ein Mal an der Tafel ihres Herrn speisest, so müssen sie Dich zwar bedienen, aber Du kannst denken, mit welchem Neide und innerem Grimm, und es läßt sich nicht berechnen, welche Kränkungen Dir durch ihre Bosheit entstehen können. Wenn Du uns aber jetzt verlassen hast und uns dann nach einiger Zeit als Student besuchst, dann ist ein Zwischenraum zwischen Deiner bedrückten Lage und der neuen Erscheinung; auch hat sich die Dienerschaft dann wohl zum Theil verändert, Du hast schon mehr Ansprüche in der Welt; dann speise an des Grafen Tafel und ich will Dich gern selbst bedienen. Ich erschrak vor diesem Worte, denn wäre es nicht eine wahre Gottlosigkeit, wenn ich die Unverschämtheit hätte, mich von diesem ehrwürdigen Manne bedienen zu lassen? Ich sagte ihm dieß auch und versicherte ihn, daß ich ihm die Dienste eines Sohnes bis an mein Lebensende leisten würde. Er umarmte mich ordentlich [119] gerührt, als ob mein Gefühl etwas Besonderes wäre, und so wurde beschlossen, daß, so lange ich jetzt noch hier bleibe, ich fortfahre, bei ihm zu speisen und zu wohnen.

Der junge Graf hatte diesen Bericht nicht ohne Rührung vernommen und beschloß, dem alten Manne seinen Dank für dessen freundliche Güte zu bezeigen. Mit großem Ernst aber untersagte er seinem jungen Freunde jede persönliche Dienstleistung, und dieser mußte es halb mit Kränkung, halb mit Stolz betrachten, wie ein fremder Bedienter, der mit ihm gekommen war, den jungen Grafen entkleidete, und er verließ, durch eine herzliche Umarmung beglückt, seinen edeln Beschützer, um ihn der Ruhe, die er bedurfte, zu überlassen.

VII

Es hätte zwar der junge Graf Hohenthal nach einer eiligen, etwas angreifenden Reise der Ruhe bedurft, um so mehr, da er in der jüngst vergangenen Zeit Vieles erlebt hatte, wodurch seine Kräfte erschüttert waren, aber eben diese Erfahrungen in seinem innern, wie in seinem äußern Leben waren so inhaltsschwer, daß Gedanken von der wichtigsten Art und die wichtigsten Pläne lange den Schlummer von seinem Lager scheuchten, und er den Tag herbei wünschte, um eine geheime, ernste Unterredung mit seinem Oheim zu [120] suchen, und doch wußte er nicht bestimmt, was er ihm sagen wollte oder durfte.

Als der junge Graf vor etwa sechs Wochen das Schloß Hohenthal mit schwerem Herzen verlassen hatte, um zu seinen Eltern zu reisen, wurde er auf diesem Wege von ängstigenden Sorgen und beunruhigenden Gedanken gequält, das Leben der Gräfin war in Gefahr und er hatte, wie es jedem edeln Menschen zu ergehn pflegt, eine um so größere Theilnahme für diese Frau gewonnen, als er ihr Unrecht gethan und sie sogar in seiner dumpfen Verzweiflung beleidigt hatte, und es erfüllte ihn daher ihr Zustand mit lebhaftem Kummer. Auf der andern Seite beunruhigte ihn nicht nur die Lage seiner Eltern, die ganz von dem Wohlwollen seines Oheims abhing, sondern er mußte auch mit Schmerzen daran denken, welche Schritte sein Vater von ihm verlangt hatte, um diesen Oheim zum Beistande zu vermögen, Schritte, die, indem er sie nur dachte, die Röthe der Scham auf seine Wangen trieben. Endlich gesellte sich zu allen diesen Sorgen durch einen Zufall noch eine andere, die für den Augenblick die ängstlichste wurde. Es zerbrach nämlich ein Rad seines Wagens, und dadurch wurde er mehrere Stunden aufgehalten. Da er nun die Zeit seiner Reise genau berechnet hatte, so fürchtete er, sein Vater würde schon nachtheilige Verbindungen eingegangen sein, ehe er mit der ängstlich [121] ersehnten Hülfe erschiene, denn er konnte sein Vaterhaus nicht an dem Abende erreichen, welchen er als den spätesten seiner Ankunft bezeichnet hatte, sondern erst am Nachmittage des folgenden Tages eintreffen. Er fand seine Mutter allein, die ihm ungewöhnlich bleich, mit verweinten Augen entgegen trat. Gottlob! daß Du kommst, rief sie, indem sie ihn mit Thränen umarmte, es ist der letzte Augenblick, wenn Du Hülfe bringst, wo sie uns nützlich werden kann. Der junge Graf beruhigte die leidende Mutter und fragte dann nach dem Vater. Du kommst wie ein Engel des Trostes, erwiederte die Mutter noch immer weinend und berichtete nun, daß der alte Lorenz und sein Sohn erklärt hätten, daß sie noch heute abreisen würden, wenn das beabsichtigte Geschäft nicht noch an diesem Tage zu Stande käme, und daß der Vater, voll Mißtrauen gegen seinen Verwandten, alle Hoffnung aufgegeben habe, da der Sohn nicht zur versprochenen Zeit eingetroffen sei, und nun krank, mit Verzweiflung im Herzen, eben mit den Beiden herum fahre, um ihnen alle Vortheile des Gutes zu zeigen, das ihnen noch diesen Abend übergeben werden sollte.

O, Mutter! rief der junge Graf schmerzlich bewegt, hätte mein Vater sich mit offenem, redlichem Vertrauen an seinen edeln Verwandten gewendet, niemals wäre unsere Lage so drückend geworden, daß sie ihn so tief erniedrigt hätte, mir [122] Rathschläge zu geben, die mein Gefühl mir verbietet zu wiederholen.

Du hast Recht, sagte die trauernde Mutter, ja hätte Dein unglücklicher Vater nur die Hälfte des Scharfsinns daran gewendet, auf rechtlichen Wegen seine Umstände zu verbessern, den er darauf gerichtet hat, sein Schicksal durch Mittel zu bezwingen, die ich beweinen muß, so glaube ich, wir würden ohne Kummer unsere Lage betrachten; aber dennoch, geliebter Sohn, beurtheile den armen Mann nicht zu hart, denn er ist mir ein treuer Freund und Euch ein liebender Vater, und der Kummer nagt ja eben an seinem Leben und bringt ihn vor der Zeit in's Grab, daß er nichts für uns alle thun kann.

Wenn uns der Vater liebt, sagte der junge Graffin ster, so sollte er nicht Handlungen begehen oder fordern, die uns zwingen, für ihn zu erröthen.

O! still mein Kind, erwiederte die sanfte Mutter, Dein Herz schlägt noch mit Jugendkraft, Du kannst es noch nicht wissen, wohin ein feindliches Geschick den Menschen bringen kann. Dein Vater hat in der Jugend mit aller Gluth und Kraft des Herzens geliebt, ihm wurde Erwiederung geheuchelt, indeß seine Empfindung verspottet und er mit dem schnödesten Eigennutz betrogen wurde, und zwar durch einen Freund, dem er sich mit ganzer Seele vertraute. Seine einzige[123] Schwester, bedeutend älter als er, war längst verheirathet, als die ältern starben, und der Schwager benutzte als Vormund das Vermögen, indeß Dein Vater seine Jugend in Dürftigkeit hinbrachte, sich in Schulden verwickelte, die, als er mündig wurde, sich so drückend zeigten, daß er die Einsicht gewann, er sei genußlos verarmt, denn was ihm nach der Theilung mit seinem Schwager blieb, hatte er in immerwährender durch Dürftigkeit und Noth erregter Herzensangst schon im Voraus ausgegeben, und wenn seine Schulden bezahlt werden sollten, behielt er nichts übrig. Wo er sich hinwendete um Unterstützung, wurde er mit Kälte, als ein Verschwender, dem man nicht vertrauen könne, zurückgewiesen und seine Schulden, denen seine Verwandten mit Eifer nachspürten, als Beweise gegen ihn gebraucht. In dieser Bedrängniß wendete er seine Augen auf mich und wählte, nicht aus Liebe, sondern aus Noth, mich zur Gefährtin seines Lebens, und hoffte durch die einzige Tochter eines reichen Handelsherren seine gesunkenen Vermögensumstände wieder zu heben. Meinem Vater schmeichelte vielleicht der Gedanke, daß eine Gräfin aus seinem einzigen Kinde werden solle, und da er nicht gewohnt war, die Ansichten Anderer zu vernehmen, so befahl er mir, Deinen Vater als meinen Bräutigam zu betrachten, und bestimmte den Tag der Vermählung. In der That fiel es mir auch nicht ein, daß ich [124] befugt sei, Einwendungen zu machen, und der Tag unserer Verbindung erschien und wurde auf's Glänzendste gefeiert. Es schien, als ob Wohlstand und Glanz mit mir in unser Haus gezogen wären; mein Vater gab die nöthigsten Summen bei unserer Vermählung sogleich und verlangte, Dein Vater sollte nach drei Monaten ein Verzeichniß einliefern von allen Schulden und allen Bedürfnissen, dann wolle er Alles berichtigen und unsere Haushaltung, wie er sagte, auf einem solideren Fuße einrichten. Jetzt erschienen dieselben Freunde und Verwandten, die Deinen Vater in seiner Bedrängniß mit Kälte abgewiesen hatten, und wünschten ihm Glück, sie wurden unsere täglichen Gäste, und erschöpften sich in Herzlichkeit und zuvorkommender Liebe; man fand mich höchst liebenswürdig, man lobte es, daß ich bei dem großen Reichthume meines Vaters doch gar keine Ansprüche mache, kurz, Dein Vater wurde noch ein Mal mit allen Menschen versöhnt und überredete sich, er habe sich geirrt und in seiner bittern, durch die Noth erzeugten Stimmung die Menschen mit zu feindlichen Blicken betrachtet. Aber ach! wie bald brach dieß scheinbare Glück zusammen. Ein großes Handlungshaus in England fiel, und sein Sturz zog den eines Amerikanischen und mehrerer Hamburger nach sich, mit denen mein Vater in Verbindung stand, und er war schon zu Grunde gerichtet, ohne es zu ahnen, als er meine Hochzeit [125] so glänzend feierte. Er konnte den Schreck nicht überwinden und wurde vom Schlage getroffen, als er die Nachricht seines Unglücks erhielt. Acht Wochen nach meiner Verheirathung wurde er begraben. Jetzt wurde Alles gerichtlich bei meinen Eltern versiegelt, und die Armuth übte dort ihre furchtbare Gewalt, wo eben noch Glanz und Ueberfluß geherrscht hatten. Mein Vater hatte von mehreren Verwandten meiner Mutter Gelder in seiner Handlung, und diese waren so vorsichtig gewesen, sie mit unterschreiben zu lassen, und jetzt so schamlos, die Kleider und Wäsche meiner unglücklichen Mutter verkaufen zu lassen, um sich bezahlt zu machen, und die arme Frau wäre ohne Obdach gewesen, wenn nicht Dein Vater, der die Verbindung mit mir nur geschlossen hatte, um Vermögen zu erlangen, ihr sein Haus und seine Unterstützung angeboten hätte.

Ach, mein Sohn! wie schnell verloren sich alle die Freunde, die Dein Vater während seines kurzen Glückes besessen hatte, als meine Mutter bei uns einzog und unsere Dürftigkeit theilte. Die Besuche hörten auf, und wenn unsere Einsamkeit zuweilen gestört wurde, oder wenn wir gezwungen waren, Besuche zu machen, so suchte man Gelegenheit, über Mißheirathen zu sprechen, die nie zum Guten ausschlagen könnten; und meine sanfte Seele empörte sich, wenn ich diese rohen Menschen, deren mangelhafte geistige Bildung [126] ich nur bemitleiden konnte, so reden hörte. Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen auf's Aeußerste erbittert und beschloß, jedes Mittel anzuwenden, um seine Umstände wieder zu verbessern. Er studirte die Landwirthschaft eifrig, aber ihm mangelten die Mittel zu den nöthigen Auslagen und die besten Pläne konnten deßhalb nicht gelingen. Dieß zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu, die viel zu beschränkt waren, als daß sie seine Einsichten hätten beurtheilen können; aber die Verläumdung that ihre Wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer. Mehrere Kinder waren geboren, die unsere Sorge vermehrten. Jetzt, da die ganze Welt uns feindlich gegenüber stand, gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen die Oberhand in Deines Vaters Brust. Er hatte nicht die heldenmüthige Kraft der Tugend, die uns über jedes Mißgeschick erhebt; und da er Ursache gefunden hatte, die Menschen so tief zu verachten, so glaubte er auch der Selbstachtung nicht mehr zu bedürfen. Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermögen, pflegte er oft zu sagen; sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen, um ihren nächsten Verwandten vom Verderben zu erretten: so muß man sie durch jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen. Seine Kenntniß der Rechte wie seine Ueberlegenheit des Geistes führten ihn in der That auf manche Mittel, bald [127] von dem Einen, bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu erpressen, die unsern Untergang verschob, aber es konnte nicht fehlen, daß sich nun alle, die seine Achtung niemals verdient hatten, herausnahmen, Deinen Vater zu verachten; und ach! die allgemeine Stimme übte eine so traurige Gewalt, daß er auch die Achtung der Besseren verlor. Er wollte sich überreden, daß ihm dieß gleichgültig sei, aber ich sah wohl, wie der Kummer darüber an seinem Leben nagte. Meine Mutter war längst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von ihm angewendeten Künste nur ein höchst dürftiges Leben gefristet; Deine Schwestern wuchsen, von allen Menschen zurückgesetzt, beinah ohne alle Erziehung heran, und wir waren auf's Aeußerste getrieben, als derselbe Lorenz, der jetzt Deines Vaters Vermögen an sich zu bringen strebt, hier erschien und, nachdem er einige Stunden sich in's Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte, sich wieder entfernte. Jetzt, sagte hierauf Dein Vater mit großer Heiterkeit zu mir, jetzt will ich meinen hochmüthigen Vetter wohl zwingen, mir beizustehen; bald werde ich die Mittel dazu in meinen Händen haben, und Du, mein unglückliches Weib, brauchst dann nicht mehr in Noth mit unsern armen Kindern zu vergehen. Wie flehentlich bat ich ihn damals, auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich offen, mit Vertrauen an diesen Verwandten [128] zu wenden. Er lachte mit Bitterkeit über meinen Rath und fragte mich, ob wir noch nicht Demüthigungen genug erfahren hätten, ob ich nach neuen lüstern sei?

Wie einen Bettler würde er mich abweisen, sagte er, wenn ich ihn freimüthig bäte, mir von seinem Ueberflusse Unterstützung zu gewähren, aber mit größtem Danke wird er einen Theil seines Vermögens aufopfern, wenn er fürchten muß, noch weit mehr zu verlieren.

Meine Thränen flossen nun im Verborgenen, denn ich wußte wohl, daß ich Deinen Vater zur Aenderung seiner Ansicht nicht würde bewegen können. Nach einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament, wofür er eine ansehnliche Summe verlangte. Ich hörte es wohl, wie ihm Dein Vater alles geben wollte, was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Werth im Hause befand, aber dieß Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe. Auf Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen, indem er behauptete, ein solcher Handel könne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden. Dein unglücklicher Vater war so in Verzweiflung, daß ich glaubte, er würde jede Rücksicht vergessen und es versucht haben, dem alten Lorenz die Schrift, auf die es ihm ankam, mit Gewalt zu entreißen, wenn nicht in diesem Augenblicke der Prediger gekommen [129] wäre, dem wir, wie vielen Andern, schuldig sind, und der also höflich empfangen werden mußte.

Der alte Lorenz benutzte diesen günstigen Augenblick, um sich zu entfernen, und sagte mit widrigem Lächeln, daß er nach einigen Wochen wieder anfragen wollte, ob der Herr Graf seine Dienste noch wünsche. Von jetzt an zehrte Dein Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben, die Summen zusammen zu bringen, die gefordert wurden, ehe der Alte die Schrift ausliefern wollte. Er erfuhr, daß sein Verwandter den ungetreuen Kastellan entlassen hatte, und dieß erregte in ihm eine lebhafte Freude, denn er hoffte nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen. In der That bot ihm der alte Lorenz die Schrift nun für die Hälfte der früher geforderten Summe an, aber auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmöglich, weil er sich nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte.

In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Unglück und der Friede vollendete es, denn Du, mein geliebter Sohn, kehrtest krank und des Dienstes entlassen zu uns zurück. Dein Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch; er kannte Dich zu gut, als daß er es nur hätte unternehmen mögen, Dir seine Ansichten mitzutheilen, er wußte, daß Du dann sein Begehren nicht erfüllen würdest, er ließ [130] Dich also glauben, Dein Oheim sei gegen uns im höchsten Unrecht, und schickte Dich ab, eine Ausgleichung mit diesem ungerechten Verwandten zu versuchen. Da er überzeugt war, die Schrift, durch die sich Dein Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte, sei noch in den Händen des alten Lorenz, so glaubte er, daß jener, wenn er sie vermißte, sich auf einen Vergleich einlassen würde, und da er es für unmöglich hielt, daß der alte Lorenz es wagen könnte, die aus dem Archive entwendete Schrift zurückzuliefern, so erregte es in ihm eine Art von Freude, auch diesen zu überlisten und seinen Diebstahl nun doch zu benutzen, ohne ihm etwas dafür zu bezahlen, da er sich so unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte.

Ich weinte und betete im Stillen, Gott möge uns aus diesem Drangsal erlösen, als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien, aber dieß Mal in ganz veränderter Gestalt auftrat. Er versicherte auf Deines Vaters ängstliche Frage, er habe die bewußte Schrift bei sich zu Hause und sie stehe demselben unter den früher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten, aber jetzt, da er durch glückliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei, komme er, um uns Dienste anderer Art zu leisten. Er kannte unsere gefährliche Lage ganz; er wußte, welche Forderungen Deinen Vater bedrängten, und machte nun die Dir bekannten Anträge. Dein [131] Vater versprach ihm darauf einzugehen, wenn Deine Reise zu Deinem Oheim, die nun beschlossen wurde, fruchtlos sein sollte. Mit spöttischem Lächeln willigte der Alte und mit hochmüthigter Verachtung sein übermüthiger Sohn in diesen Vorschlag ein.

Du reistest ab, und unsere unwürdigen Gäste fingen an sich ganz wie die Herren des Schlosses zu betragen, und ihr Uebermuth wuchs, je mehr sie bei einem längeren Aufenthalt die Noth bemerken mußten, die uns bedrängte. Dein Vater ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen Kraft Deine Rückkunft: da, mein geliebter Sohn, erschien Dein Bote und vernichtete alle unsere Hoffnungen. Was Du von der großmüthigen Gesinnung Deines Oheims schriebst, glaubte Dein Vater nicht, er meinte, Du hättest Dich durch gleißnerische Reden täuschen lassen; daß sein Verwandter sich wieder im Besitz der entwendeten Schrift befand, brachte ihn zur Verzweiflung, denn er sah nun keinen Grund mehr, weßhalb er uns helfen sollte, und er weinte untröstlich eine ganze Nacht hindurch über unsern unvermeidlichen Untergang. Am andern Morgen machte er dem alten Lorenz Vorwürfe darüber, daß er die Schrift seinem ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe. Der alte Heuchler antwortete aber mit schändlicher Dreistigkeit: Gott hat es nicht haben [132] wollen, mein Herr Graf, daß Sie auf diese Weise wieder zu Vermögen kommen sollten, ich bot Ihnen die Schrift erst für vierhundert Dukaten an, dann wollte ich sie Ihnen in Betracht Ihrer Umstände für zwei hundert Dukaten lassen; da Sie aber auch darauf nicht eingehen konnten, so entschloß ich mich, sie meinem vorigen Herrn, dessen Vater ich schon gedient hatte, und für den ich also noch immer Anhänglichkeit fühlte, für hundert Dukaten zurück zu geben, und seitdem ich hier bin, sehe ich ja auch deutlich genug, daß Sie mir sogar diese geringe Summe nicht hätten zahlen können. Trösten Sie sich also, gnädiger Herr Graf, es hat nicht sein sollen; Sie wissen wohl, Wer da hat, dem wird gegeben werden, und Wer da nicht hat, dem wird auch das noch genommen, was er hat; das lehrt uns selbst das Evangelium.

Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in düsterem Schweigen; es kam keine Klage mehr über seine Lippen, nur als er gestern um Mitternacht sein Lager suchte, drückte er meine Hand und sagte: Wir sind verloren, unser Sohn ist nicht gekommen; bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten, Nachmittag alle Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschließen; dann muß ich ihnen die Wohnung hier nach wenigen [133] Tagen überlassen und Gott weiß, wo wir unser Haupt hinlegen werden.

Du kannst es denken, geliebter Sohn, sagte die Mutter, indem sie den jungen Mann von Neuem umarmte, mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe, bis Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst.

Könnte auch ich nur Trost in dem Allen finden, sagte der junge Graf, indem er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte. Ich bringe Ihnen vollständige Hülfe, und zwar von dem Manne, gegen den mein Vater sich mit nichtswürdigen Gaunern vereinigte, um ihn zu betrügen. O, Mutter! können die Wogen des Weltmeers diesen Flecken von dem Namen eines Edelmannes abwaschen?

Glaube mir, erwiederte die Mutter, ich fühle sein Unrecht wie Du, aber sei mild, bedenke sein Unglück; der alte Mann hat Alles eingebüßt, Vermögen, Gesundheit, die Achtung seiner Mitbürger und seiner selbst; soll er ganz verzweifeln, wenn er sieht, daß er auch die Liebe seines Weibes und seiner Kinder verloren hat?

Der junge Graf schwieg und bedeckte sein Gesicht mit den Händen, bis das Geräusch eines vorfahrenden Wagens Beide aufschreckte. Sie trockneten schnell die herabströmenden Thränen und gingen dem Vater entgegen, der, wie der [134] Sohn mit Schmerzen bemerkte, nur mit Mühe aus dem Wagen steigen konnte, weil seine Füße geschwollen waren. Sein Gesicht war bleich und entstellt, er athmete schwer aus beklemmter Brust und konnte, auf den Arm des Sohnes gestützt, durch heftiges Husten gehindert, nicht so schnell die Treppe ersteigen, wie seine zitternde Eile es verlangte; er sah mit scharfen Blicken abwechselnd in die verweinten Augen der Mutter und des Sohnes, die ihm schlimme Vorzeichen zu sein schienen. Der alte Lorenz blickte mit lauerndem Lächeln von dem jungen Grafen auf seinen Sohn, und dieser erwiederte den Blick des Vaters durch ein spöttisches Zucken des Mundes. Alles dieß entging dem alten kranken Grafen nicht, der sich um so mehr beeilte, sein Zimmer am Arme des Sohnes zu erreichen, dessen Zorn beim Anblicke des beinah vernichteten Vaters schwand. Sie hatten endlich die Treppe erstiegen, und der Vater zog den Sohn in sein Kabinet und sagte, indem er noch dessen Arm umschlossen hielt, in heftigster Angst: Sprich es nur aus, zögre nur nicht, Du bringst nichts, wir sind verloren.

Könnte doch dadurch Alles gut werden, sagte der Sohn, indem er beide Hände des Vaters faßte, daß ich Ihnen vollständige Hülfe bringe. Wie war das, sagte der Vater, indem er, durch den freudigen Schreck ermattet, sich in einen Lehnstuhl senkte, hast Du die nöthigen Summen?

[135] Ich habe alles erhalten, was wir brauchen, erwiederte der Sohn, und zwar ohne Anstrengung, ohne Künste. O mein Vater, wie sehr haben wir den besten der Menschen verkannt. Laß das jetzt, rief der Vater, indem ein Strahl der Freude in seinen erlöschenden Augen aufblitzte, wir wollen uns schnell die beiden Schurken vom Halse schaffen, die mich ganz wie ihres Gleichen behandelt haben. Ach, mein Vater! seufzte der Sohn. Laß alle Erklärungen, rief der Vater, wenn die Beiden aus dem Hause sind, dann wollen wir über Alles sprechen. Er wollte sich schnell erheben, um dieß sogleich auszuführen, aber der Husten, der ihn von Neuem überfiel, verhinderte ihn an der Ausführung seines Vorsatzes. Es währte eine halbe Stunde, ehe der Kranke sich von der Anstrengung des heftigen Hustens erholen konnte. Ich habe mich um der Schurken Willen heute noch erkältet, sagte er endlich, und dieß wird mir um so nachtheiliger, da ich schon krank war, ehe wir in den Wagen stiegen; aber komm nur, wir wollen sie nun gleich abfertigen. Er erreichte, auf den Arm des Sohnes gelehnt, den Saal, in dem die Mutter mit dem alten Lorenz und dessen Sohne ein gleichgültiges Gespräch zu führen suchte. So krank der alte Graf sich auch fühlte, so richtete er sich doch stolz empor und sagte mit vornehmer Höflichkeit zu den Beiden: Es thut mir leid, meine Herren, daß Sie sich so [136] lange vergeblich bei mir aufgehalten haben, da aus unsern früheren Plänen nichts werden kann, weil ich gesonnen bin, meinem Sohn die Güter zu übergeben, und ich beklage nur, fügte er spöttisch lächelnd hinzu, daß Sie sich heute die unnütze Mühe gemacht haben, Alles in meiner Wirthschaft zu betrachten, die Sie niemals führen werden.

Der alte Lorenz so wohl, als sein Sohn waren nach dieser Erklärung sichtlich bestürzt, aber da sie fühlten, daß alle ferneren Versuche vergeblich sein würden, ging der Sohn hinweg, um seinem Bedienten zu befehlen, die Pferde anspannen zu lassen. Nicht eine Sylbe wurde gesprochen, um diesen Vorsatz zu verhindern, obgleich die Abenddämmerung schon eintrat, und beide unwürdige Gäste mußten sich von dem Schlosse entfernen, das sie schon wie ihr Eigenthum betrachtet hatten.

Gottlob! rief der alte Graf, als sie das Haus verlassen hatten, nun ist die Luft wieder rein, aber ich fühle mich krank und ermattet, ich will mich zur Ruhe begeben und Thee im Bette trinken, das wird mir wohl thun, und dann sollst Du, mein Sohn, mir Alles erzählen. Der junge Graf zog die Klingel, um einen Bedienten herbei zu rufen, aber wie heftig er dieß auch in kurzen Zwischenräumen wiederholte, so zeigte sich doch Niemand, um den Kranken zu entkleiden. Der Sohn ging endlich selbst, um einen Diener aufzusuchen, [137] aber seine Mühe war vergeblich. Von der zahlreichen Dienerschaft war Niemand zu finden. Es hatte sich in diesem Hause ein Jeder nach und nach so viele Freiheiten genommen, und so viele Dienstleistungen von sich abzulehnen gewußt, daß zwar viele Menschen darin waren, die ernährt werden mußten, aber niemand, der wahrhaft nützlich gewesen wäre. Da man ihnen allen den Lohn schuldig bleiben mußte, so fanden sie Mittel, sich auf andere Weise bezahlt zu machen, und indem ihre Forderung jeden Monat anwuchs, konnten sie um so trotziger bei jedem Tadel, den die Herrschaft auszusprechen wagte, erwiedern: Zahlen Sie mir meinen Lohn aus, so verlasse ich Ihren Dienst sogleich. Der junge Graf seufzte bei dieser fühlbaren Zerrüttung des ganzen Hauswesens, und dachte an die edle Einfachheit und Ordnung in dem Hause seines Oheims.

Da er seinen Zweck gänzlich verfehlte und keinen Diener fand, so kehrte er zu seinem Vater zurück, den er im heftigen Fieberfrost zitternd fand; die Mutter war hinunter gegangen, um Thee zu besorgen, denn auch dieß machte Schwierigkeit, da es etwas früher als gewöhnlich geschehen sollte. Der Zustand des alten Grafen erregte das innigste Mitleid des Sohnes, er führte den alten Mann nach dem Schlafzimmer und leistete ihm selbst die nöthige Hülfe, um ihn zur Ruhe zu bringen. Indeß hatte die Mutter jemanden gefunden, [138] der Thee besorgen wollte, und der Kranke fühlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Wärme erleichtert. Jetzt erzähle mir, sagte er nun zum Sohne, wie es Dir gelungen ist, Deinen Oheim zum Beistande zu bewegen. So wie ich ihn mit unserem Bedürfnisse bekannt machte, erwiederte der junge Mann, war er zu jeder Hülfe bereit.

Wie! sagte der Vater in heftiger Bewegung, er schlug Dir nicht zuerst Alles ab, er ließ Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen, um sich, an Deiner Erniedrigung sich ergötzend, nach und nach etwas abpressen zu lassen?

Nichts von allem Dem, erwiederte der Sohn; er gab mir die nöthigen Summen, um hier einigermaßen Ordnung hervorzubringen, und trug mir auf, so bald als möglich mit einer vollständigen Berechnung unserer Bedürfnisse wiederzukehren, damit er uns gründlich helfen könne. Und was sagte er zu meinen Ansprüchen? fragte der Kranke, indem die Röthe der Scham auf seinen Wangen brannte.

O mein Vater, antwortete mit dem Ausdrucke höchsten Schmerzes der Sohn, er zeigte mir, daß wir keine haben, wie ich Ihnen dieß schon in meinem Briefe meldete, und legte mir zur Bestätigung eine Schrift vor, die Sie nicht in seinen Händen glaubten.

Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht, worauf der Sohn nach kurzem Schweigen seine Hand [139] ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte: Sie haben, mein Vater, in diesem Verwandten den edelsten, besten Menschen verkannt und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt, deren Gebrauch für Sie selbst schmerzlich und beschämend sein muß, und mich schon um deßwillen unglücklich macht, weil ich als Ihr Sohn, der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden können, diese Worte des Vorwurfs aussprechen muß.

Der Kranke wendete sich um, richtete sich mit heftiger Bewegung auf und sagte dann nicht ohne Bitterkeit: Ich weiß es aus eigner Erinnerung, daß die Jugend nichts so freigebig bietet, als Achtung auf der einen und Verachtung auf der andern Seite, und daß sie häufig in beiden Fällen Unrecht hat. Mißverstehe mich nicht, fuhr er eifrig fort, da er sah, daß der Sohn antworten wollte: es kann sein, ja ich glaube es selbst, daß ich Deinem Oheim Unrecht gethan habe, aber kann dieß wohl beweisen, daß ich überhaupt im Irrthume gegen die Menschen und im Unrecht gegen sie bin, wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst, der auf gleiche Weise handelt? Die Menschen haben mein Herz zerfleischt, wohin ich mich wendete. In glücklichen Tagen hat mich Betrug, Bosheit, Neid und Mißgunst verletzt, in unglücklichen wurde ich durch Härte, Spott und Verachtung gekränkt. Ich fand nicht eine Ausnahme, [140] nicht einen einzigen Freund, was konnte ich denn also in diesen Menschen lieben und achten? Glaube mir, setzte er mit milderer Stimme hinzu, wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zufälligkeit ist, so hängt sie doch fast immer von zufälligen Umständen ab. Wäre ich so glücklich gewesen, in meiner Jugend einen wahren Freund, einen wohlwollenden Verwandten anzutreffen, so hätten sich meine Vermögensumstände herstellen lassen, und indem ich nach meiner Neigung ohne Sorgen hätte leben können, hätte ich auch die gewöhnliche Liebe und Achtung für die Menschen behalten, denn ihr wahres verächtliches Inneres hätte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte Täuschung wäre ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden. Du bist darin glücklicher als ich, setzte er hinzu, indem er dem Sohn liebevoll die Hand reichte, Du hast angetroffen, was ich durch Gebet und Thränen in der Unschuld meiner Jugend oft herbeirufen wollte, und die sogenannte Tugend in Deiner Brust wird nicht durch ein so trübseliges, gramvolles Leben erschüttert werden, wie ich es habe erdulden müssen. Ich weiß es, Du wirst, wenn Du auch Mitleid mit mir hast, meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken, und ich zürne Dir deßhalb nicht, ja es freut mich selbst um Deinetwillen, denn Du wirst die Achtung der Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren, und glaube mir, es ist ein [141] Unglück, dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst, das Gefühl dieser Achtung zu verlieren.

Hätte der Sohn auch so hart sein mögen, die Ansicht des Vaters zu bekämpfen, die dieser sich gewissermaßen zum Troste aufzustellen bemühte, so würde dieß schon durch den sich plötzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmöglich geworden sein. Die lange, leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen angegriffen; ein heftiger Husten war die Folge, der sich mit einem Blutsturz endigte. Die Mutter und der Sohn waren in Verzweiflung, aber der Anfall ließ zu ihrem Troste bald nach, und der Sohn verlangte nun, es sollte zum Arzte mit größter Eile gesendet werden. Es wird nichts helfen, sagte der Kranke mit ersterbender Stimme, und die Thränen der Mutter bestätigten seine Ansicht. Warum, fragte der Sohn, was kann ihn hindern? Wir haben öfter nach ihm geschickt, sagte die kummervolle Mutter, aber immer vergeblich, vermuthlich weil wir ihm einen früher geleisteten Bei stand noch nicht haben bezahlen können. Die Flammen des Zornes rötheten die Wangen des Sohnes, und er verstand ein schwaches Lächeln des Kranken, das ihn an die Menschenkenntniß seines Vaters erinnern sollte.

Ich werde selbst hinfahren und ihn gewiß mitbringen, sagte der Sohn entschlossen und verließ die Eltern, um Bediente aufzusuchen, die sich nun endlich eingefunden hatten. [142] Indeß nach seinem Befehle ein leichter Wagen angespannt wurde, nachdem er noch erst die Einwendungen mit einiger Heftigkeit beseitigt hatte, die der Kutscher erheben wollte, kamen seine Schwestern von einem Besuche beim Prediger nach Hause und begrüßten mit lärmender Freude den Bruder, indem sie sich auf wilde, unordentliche Art von den hindernden Hüten und Mänteln befreiten. Er umarmte Beide herzlich, aber es war ihm nicht möglich, die von der Sonne gebräunten Gesichter, die wenig geschonten Hände und Arme, die Wildheit der Gebehrden ohne Schmerz zu bemerken. Ihn erschreckten die lauten, heftigen Stimmen und innig betrübten ihn all die Zeichen einer vernachläßigten Erziehung, indem er an Therese und Emilie dachte, deren natürliche Schönheit durch eine anständige Haltung und edle Gebehrden gehoben wurde. Er ermahnte die sorglosen Schwestern, leise aufzutreten und den kranken Vater nicht durch ihre lauten Stimmen zu erschrecken. So ist der Vater krank? fragten sie ängstlich, und die großen unschuldigen Augen schwammen in Thränen. Habt Ihr denn das noch nicht bemerkt, fragte der Bruder, durch die gutmüthige Trauer in den unschuldigen Gesichtern bewegt. Er ist seit einigen Tagen nicht wohl, erwiederte die ältere Schwester, aber er sagte selbst, es hätte nichts zu bedeuten. Ich fahre jetzt zum Arzt, versetzte der Bruder, wenn ich mit ihm zurück[143] komme, dann werden wir hören, ob der Zustand unseres Vaters bedenklich ist. Er verließ die Schwestern und warf sich in den Wagen, um in möglichster Eile den Beistand herbei zu schaffen, der in diesem Augenblicke so wichtig war, da er nicht ohne Grund die Wiederholung des Blutsturzes fürchtete. Der eine Meile entfernte Arzt war bald erreicht, indeß der junge Graf wurde nur kalt von ihm empfangen, er machte Einwendungen dagegen, mitzufahren, er verlangte, der junge Mann solle ihm den Zustand seines Vaters schildern, so wolle er die nöhigen Mittel verschreiben. Als ihm aber von dem jungen Grafen die früher geleistete Hülfe freigebig bezahlt und die gleiche Freigebigkeit für den jetzigen Fall zugesichert wurde, änderte er seine Ansicht und entschloß sich selbst mitzufahren, um den Kranken zu sehen.

Aus tiefster Brust seufzend, trat der bekümmerte Sohn an der Seite des ihn begleitenden Arztes den Rückweg an. Die Bemerkungen seines Vaters beschäftigten seine Seele, und er konnte es sich nicht abläugnen, daß die Empfindungsweise und die Lebensansicht eines Jeden wenigstens zum Theil von seiner äußern Lage abhängig sei. Wie soll mein Oheim, dachte er, die Menschenverachtung meines Vaters nur verstehn, da der verächtlichste Eigennutz sich dem Einen ohne Rückhalt zeigt, weil er nichts glaubt gewinnen zu können [144] und also nichts zu schonen braucht, indeß er sich dem Andern ewig verbirgt, weil er seiner Befriedigung gewiß ist und sich ihm auf diese Weise als Anhänglichkeit, aufrichtige Freundschaft, Anerkennung des Verdienstes und Gott weiß für welche Tugend verkauft.

Der ihn begleitende Arzt ahnete nicht, daß er das finstere Nachdenken des jungen Mannes veranlaßt hatte, und glaubte, die Besorgniß für den Vater allein in dessen einsylbigen Worten zu erkennen; er suchte ihm also Muth einzusprechen, und der junge Graf würde sein Bestreben dankbar erkannt haben, wenn er sich nicht hätte gestehen müssen, daß nur der befriedigte Eigennutz die Menschlichkeit in der Brust des Arztes erweckt habe. Der Rückweg wurde mit derselben Schnelligkeit gemacht, die man angewendet hatte, den Arzt zu erreichen, obgleich der Kutscher laut genug bemerkte, damit der junge Graf es hören sollte, die Pferde würden wohl umfallen, wenn sie den Stall erreichten, da sie so wenig Hafer bekämen und doch übermäßig angestrengt würden.

Man hatte endlich die kleine Reise vollendet, und der Arzt fand den Kranken zwar nicht ohne Fieber, aber doch schlummernd; auch hatte sich der Blutsturz nicht erneuert, und er glaubte hierauf beruhigende Hoffnungen gründen zu können. Der ängstliche Sohn drang hierauf in den Arzt, [145] einige Tage zu bleiben, um den Gang der Krankheit zu beobachten, und dieser willigte ohne Schwierigkeit ein.

Die Blicke der Mutter waren etwas ängstlich bei diesen Einrichtungen, und der Sohn bemerkte bei der dürftigen Abendmahlzeit die Ursache dieser Aengstlichkeit, und seine Seele wurde mit innigster Wehmuth über die traurige Lage seiner Eltern erfüllt, als deren Opfer der Vater eigentlich fiel, und die sich während seiner Abwesenheit so sehr verschlimmert zu haben schien.

Es war von dem Arzte bekannt, daß er eine gute Tafel liebte, und der junge Graf entschuldigte die Mangelhaftigkeit des heutigen Mahles mit der Unruhe, die des Vaters Krankheit verursacht habe. Als noch die nöthigen Verordnungen für die Nacht gegeben waren, zog sich der Arzt in ein nahes Zimmer zurück, damit er sogleich gerufen werden könnte, wenn ein bedenklicher Zufall eintreten sollte. Der besorgte Sohn hieß die ältere Schwester am Bette des Vaters verweilen und winkte die Mutter hinaus, um ihr zu vertrauen, daß er gleich des andern Tages eine neue Ordnung des Hauses einzuführen gedächte. Er erkundigte sich bei der Mutter, welche sie für die brauchbarsten von den vielen unnützen Bedienten hielte, und erklärte, diese für's Erste behalten und alle andern entlassen zu wollen. Die Mutter weinte Freudenthränen, als sie vernahm, daß der [146] Sohn auch dazu die Mittel von dem verkannten Oheim empfangen hatte, auch daß er alle Bedürfnisse im Hause sogleich befriedigen und die nöthigen Vorräthe sogleich anschaffen könne. Die von der Mutter genannten Bedienten wurden aufgezeichnet, die weibliche Dienerschaft sollte ganz erneuert werden, denn von dieser, versicherte sie, müsse sie am Meisten leiden.

Es war spät geworden, und der junge Graf warf sich in den Kleidern auf sein Bett, weil er am frühen Morgen die Verbesserung des Hauswesens beginnen wollte. Er stand um drei Uhr nach kurzem Schlummer zu diesem Endzweck auf und wollte einen Diener selbst rufen, um nicht vielleicht durch das Herbeiströmen aller, wenn er die Klingel zöge, ein unnützes Getöse im Hause zu erregen; doch diese Sorge war vergeblich.

Es war kein Mensch im Hause und auch die Ställe waren leer, und als sich endlich ein schlaftrunkener Knabe fand, erfuhr der junge Graf auf seine Erkundigung, daß im nächsten Dorfe eine Hochzeit sei, wohin sich die ganze Dienerschaft begeben habe, indem sie sich der Pferde zu diesem Zweck bedient hätte.

Ein Trinkgeld machte den Knaben munter, der nun abgesendet wurde, um die freche Dienerschaft von ihrer Belustigung abzurufen, und nach einer Stunde kamen sie zu [147] Fuß und zu Pferde zurück, und verfügten sich mit einiger Verlegenheit auf das Zimmer des jungen Grafen, wie es ihnen befohlen war. Auf seine Vorwürfe über ihre Unverschämtheit erfolgte ihre gewöhnliche Antwort, daß man ihnen ihren Lohn auszahlen und sie entlassen möchte, wenn man mit ihren Diensten nicht zufrieden sei. Als aber dem ersten, der dieß Wort gesprochen hatte, der Wunsch erfüllt und ihm ernstlich angedeutet wurde, binnen einer Stunde das Schloß zu verlassen, traten die andern schüchtern bei Seite, baten um Verzeihung und gelobten ernstlich Besserung. Der junge Graf nahm nun die beabsichtigte Reinigung vor, die frechsten Trunkenbolde wurden entlassen, und die Verabschiedeten wie die Bleibenden bezahlt. Einem Jeden wurde sein Geschäft angewiesen und ihnen ernstlich versichert, daß ein Zeichen des Ungehorsams, eine unehrerbietige Miene ihre Verabschiedung sogleich veranlassen würde.

Dem Jäger wurde befohlen, Wild herbei zu schaffen; Andere mußten für Fische sorgen; aus dem nächsten Städtchen wurde Wein und andere Bedürfnisse gebracht, und zugleich das bei einem dasigen Juden verpfändete Silbergeräth zurückgenommen, und so wurde es möglich, zur innigen Freude der Mutter, dem Arzte anständige Mahlzeiten anzubieten und ihn auch in dieser Hinsicht zu befriedigen. Im Vorzimmer wartete beständig ein Diener, und die leiseste [148] Bewegung der Klingel rief ihn herbei, um die Befehle der Herrschaft ehrerbietig zu vernehmen.

Der Kranke war erwacht und betrachtete lächelnd die Sorgfalt, mit welcher der Arzt sich für seine Herstellung bemühte, die ehrerbietig aufwartenden Bedienten, den veränderten Ton des ganzen Hauses. Nicht wahr, fragte er den Sohn etwas spöttisch, Du erkennst die Macht des Geldes? Wie war ich verlassen, verhöhnt, von den Bedienten selbst vernachlässigt; Du bringst dieß Zaubermittel, und siehe die Verwandlung. Aber sage mir doch, fuhr er fort, ich habe die Nacht daran gedacht, da Dein Oheim so bereit ist, seine Schätze mitzutheilen, so hat wohl der junge Franzose, von dem uns der alte Lorenz erzählte, schon beträchtliche Summen im Voraus genommen auf die ihm für die Zukunft bestimmte Erbschaft.

Ach, mein Vater! erwiederte der Sohn, indem die Erinnerung an beschämende Auftritte seine Wangen röthete, zu welchen erniedrigenden Schritten hat mich auch in dieser Hinsicht Ihre falsche Ansicht verleitet. Der junge Mann ist weit davon entfernt, meinen Oheim mißbrauchen zu wollen. Er ist ein edler, feuriger, liebenswürdiger Mensch, der die Liebe des Oheims verdient und sie auf's Zärtlichste erwiedert, aber dessen Geld nicht bedarf, davon habe ich Gelegenheit gehabt, mich zu überzeugen; er erhielt große Summen [149] von seiner Mutter und würde sie bei der Freundschaft, deren er mich würdigte, im Falle mein Oheim mir meine Bitte abgeschlagen hätte, mit mir getheilt haben, wenn ich mich hätte entschließen können, ihn darum zu ersuchen.

So, so, sagte der Kranke, nun und der französische Haushofmeister, ist der auch so tief in Edelmuth versunken?

Ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten soll, erwiederte der Sohn gereizt. Ich wollte nur, wir hätten hier jemanden, der so treu, so uneigennützig, mit wahrer Ergebenheit für seine Herrschaft die Wirthschaft verwaltete, wie dieser gute alte Mann, den der Oheim mit Recht nicht wie einen Diener, sondern wie einen Freund behandelt, und der sich doch nie in diesem Verhältniß überhebt, und so nahe er seiner Herrschaft auch durch die Liebe, mit der er ihr ergeben ist, stehen mag, sich doch äußerlich immer in ehrerbietiger Ferne hält.

Das ist wahr, sagte der Kranke spöttisch, die Hofhaltung Deines Oheims liefert ja ein Abbild des himmlischen Paradieses; er thront ja recht in glänzender Herrlichkeit auf seinem Schlosse, und sammelt alles Schöne und Edle um sich her. Nun und die Damen, fuhr er fort, sie sind wohl auch frei von allem verwundenden Stolz, von aller kleinlichen Eitelkeit und Ziererei; sie verehren wahrhaft den großen Mann und täuschen ihn nicht durch scheinheilige Lüge, um ihn zu [150] betrügen, indem sie innerlich über seine Anmaßung lachen; nicht wahr, mein guter Sohn, fragte er mit scheinbarer Treuherzigkeit, sie sind eben so edel, eben so trefflich, wie alles Uebrige auf Schloß Hohenthal?

Der Sohn konnte den Zorn über die schnöde Undankbarkeit des Vaters nicht mehr bewältigen und war im Begriffe, etwas Heftiges zu erwiedern, als die Mutter ihre Hand sanft auf seinen Arm legte und sagte: Du siehst, daß Dein Vater sich heut um Vieles besser befindet als gestern, da er selbst heiter werden und scherzen kann. Der Kranke fühlte das Unziemliche seiner Reden und sagte in einer Anwandelung von Reue: Ich fühle es ja selbst, wie vielen Dank ich Deinem Oheim schuldig bin, durch seinen Beistand ist es mir wenigstens so gut geworden, ruhig und mit Anstand sterben zu können, obgleich es mir nie so wohl geworden ist, so zu leben; aber die langen Jahre des Duldens, des Zornes, des Kummers haben mein Herz verhärtet und mit Bitterkeit erfüllt; es wird mir deßhalb nicht so leicht, wie Du glaubst, zu den Empfindungen der Jugend zurückzukehren, die Du die besseren nennst. Hätte ich früher nur einen einzigen Menschen angetroffen, der mir großmüthige Liebe bewiesen hätte, so würde ich den Glauben an die Menschen nicht verloren haben. Sein Auge traf, indem er dieß sagte, den kummervollen, von Thränen umschleierten Blick der Gattin; [151] er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne Rührung: Dich habe ich freilich getroffen, Du gute, treue Seele; ein Befehl bestimmte Dich, Dein Geschick mit dem meinen zu verknüpfen, und dennoch ist Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmuth mein eigen geblieben auf dem langen, dornenvollen Wege des Lebens, den wir mit einander wandeln mußten; aber Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen, Du konntest mir keine Hülfe bieten.

Die Bewegung des Gemüths und das viele Sprechen erregte den gefährlichen Husten des Kranken, so daß der Arzt herbeieilte und, nachdem der Anfall vorüber war, das häufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemüths empfahl.

Als die Familie wieder allein war, sagte der Kranke spöttisch: Die Ruhe des Gemüths hat er mir immer ganz besonders empfohlen, und jetzt wird es mir auch möglich, dieß Recept zu benutzen. Aber wenn die täglichen Sorgen des Lebens mich niederbeugten, und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider, so wie sie es bedurften, verschaffen konnte, wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und gerichtliche Verfolgungen mich ängstigten, wenn ich mich meiner Dürftigkeit wegen überall verachtet und selbst von den Bedienten vernachläßigt sah, wenn ich in unserer drückenden Noth immer neue Verluste entstehen sah, weil ich sie auch nicht [152] durch die kleinste Auslage abwenden konnte: wie sollte ich es denn da möglich machen, die Gemüthsruhe mir anzueignen, die der gute Arzt so nothwendig findet?

Der Sohn bat den Vater, sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und, da nun hoffentlich Alles besser gehen würde, der Vorschrift des Arztes zu folgen und auch das Sprechen zu vermeiden, um nicht den Husten zu reizen. Der Kranke fügte sich willig dieser Bitte, und der Sohn verließ das Krankenzimmer nicht ungern, weil die Denkungsart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete. Er hielt es jetzt für seine Pflicht, das angefangene Werk zu vollenden und nach der Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirthschaft zu bringen; er ließ also den Verwalter rufen, der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachtheile zeigte, die im Laufe des Jahres durch den Mangel aller Vorräthe und durch die Unmöglichkeit, Auslagen zu machen, hatten entstehen müssen, und der junge Graf konnte leicht berechnen, daß die Familie seines Vaters allein von dem, was auf diese Weise verloren worden war, anständig hätte leben können. Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit vollkommener Ueberzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachtheile aufmerksam, die dadurch hatten entstehen müssen, daß keiner von den Beamten hatte bezahlt werden können. Der junge Graf [153] nahm hiebei Gelegenheit zu fragen, wie viel er selbst zu fordern habe. Es ergab sich, daß er seit vier Jahren keinen Gehalt bekommen hatte, und er versicherte, er würde dem gnädigen Herrn gewiß nicht beschwerlich gefallen sein, wenn die Noth ihn nicht dazu gezwungen, und da man gehört habe, daß die Güter verpachtet werden sollten, so habe er als Vater von acht Kindern die Pflicht gehabt, für diese zu sorgen. Der junge Graf verstand ihn nicht und fragte ihn, ob er etwas von seinem Vater erhalten habe. Mein gnädiger Herr Graf, erwiederte der alte Mann, seit vier Jahren nicht einen Heller, deßhalb zwang mich die Noth und Sorge für acht unerzogene Kinder, unbescheiden zu sein. Es fiel dem jungen Manne wohl auf, ihn trotz der so oft erwähnten Noth so überaus gut gekleidet zu sehen, indeß da er in allen Verhältnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte, so entließ er ihn mit der Versicherung, er würde ihn bald in seiner Wohnung aufsuchen, um das Nähere mit ihm zu verabreden. Er schickte ihn hinweg, um ihm nicht seinen Geldvorrath sehen zu lassen, weil er für's Erste nur die Hälfte seiner Forderung zu befriedigen gedachte, denn die Berichtigung der ganzen Rechnung würde eine zu empfindliche Lücke in seinen kleinen Schatz gemacht haben. Er folgte also dem Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner Wohnung auf, um die Noth des guten [154] Alten, von der er ihm so viel vorgesprochen, sogleich zu mildern.

Er traf ihn mit acht sehr wohlgekleideten Kindern, die ein Privatlehrer eben in verschiedenen Wissenschaften unterrichtete, und es drängte sich dem verwunderten jungen Grafen die Bemerkung auf, daß der gute, rechtliche Verwalter, wie er sich selbst nannte, andere Mittel haben müsse, den Aufwand seiner Haushaltung zu bestreiten, als seinen rückständigen Gehalt. Er konnte die große Verlegenheit des Alten nicht begreifen, mit der er seinen zweijährigen Gehalt als die Hälfte seiner Forderungen empfing, so wenig als die wiederholten Versicherungen, daß er den gnädigen Herrn Grafen nicht gedrängt haben würde, wenn die Güter nicht hätten verpachtet werden sollen.

Wenige Stunden darauf löste sich aber dieses Räthsel. Es traf nämlich eine gerichtliche Zuschrift an den alten Grafen ein, die Mutter und Sohn zu lesen beschlossen, ohne sie dem Kranken mitzutheilen, um ihm unnöthigen Verdruß zu ersparen. Aus diesem Schreiben nun ergab sich, daß der gute alte Verwalter bei den Behörden mit der Bitte eingekommen war, die Erndten seines Herrn zu seinem Vortheile in Beschlag zu nehmen, bis er befriedigt sei, ehe die Güter dem Pächter übergeben würden.

Der junge Graf war so aufgebracht, daß er dem Verwalter [155] sogleich das noch rückständige Geld auszahlen und ihn in derselben Stunde entlassen wollte; die Mutter aber widerrieth ihm diese übereilte Maßregel, und er sah selbst ein, daß es besser sei, nicht in der ersten Hitze zu handeln, sondern alle Rechnungen genau durchzugehen, ehe er einen Mann entließe, der es verstand, vier Jahre mit einer zahlreichen Familie anständig ohne alle rechtlichen Einkünfte zu leben.

In solchen Beschäftigungen gingen mehrere Tage hin. Der Arzt hatte das Schloß verlassen, weil die Besserung des Kranken sichtlich fortschritt, und der junge Graf dachte schon daran, nach Schloß Hohenthal zurück zu kehren und dem Oheim Bericht über Alles, was er gethan, abzustatten. Er wurde an der Ausführung dieses Vorsatzes nur dadurch gehindert, daß einige von seinen Kameraden, die, wie er, verabschiedet waren, ihn besuchten und erst in behutsamen Gesprächen, endlich mit offenem Vertrauen ihm Entwürfe und Pläne mittheilten, die seine eignen Angelegenheiten ihm klein und unbedeutend erscheinen ließen, und seine Seele mit einer Gluth erfüllten, die er vor Allem vor seinem Vater verbarg. Die Rettung des Vaterlandes schien möglich auf dem Wege, den man ihm zeigte. Preußens alter Kriegsruhm konnte sich erneuern, ja schöner, herrlicher wieder aufblühen, als jemals. Diese Träume konnten wirklich werden, [156] wenn alle treuen Herzen sich in der Stille vereinigten und dem edeln Könige, der sein Schicksal mit erhabener Milde trug, wie dem bedrängten Vaterlande ihr Blut und Leben weihten.

Auch um über diese Pläne einer innigen Verbindung aller Treuen mit seinem Oheime sich zu berathen, sehnte sich der junge Graf nach Hohenthal, und um, wie er sich leise gestand, die lang genährte Zärtlichkeit für die liebensdige Therese dem väterlichen Freunde zu vertrauen; denn bei seines Vaters Lebensansichten und dessen feindlichem Spott über Armuth und uneigennützige Liebe konnte es ihm nicht einfallen, mit seinem nächsten Anhörigen über seine Neigung zu sprechen.

In dieser Stimmung erwartete er mit Sehnsucht den Arzt, um seine Meinung über den Kranken zu vernehmen und danach seine Reisepläne zu bilden, als dieser eines Abends einen neuen und viel heftigeren Anfall des Blutsturzes erlitt, der die ganze Familie in Schrecken versetzte. Der Arzt wurde herbeigerufen, der dieß Mal nicht zögerte zu kommen, aber seine bedenklichen Mienen, als er den Kranken erblickte, so wie seine viel strengern und ängstlicherern Vorschriften ließen das Schlimmste befürchten. Er verließ das Schloß nicht mehr und widmete dem alten Grafen alle Sorge und alle Aufmerksamkeit, aber keine menschliche [157] Kunst konnte die Wiederholung des Uebels verhindern, und der alte Graf deutete sterbend auf seine weinende Frau und die jammernden Töchter, indem er matt die Hand des Sohnes drückte, und sein Geist entschwand der körperlichen Hülle.

Mit inniger Trauer schloß der Sohn die Augen des dahingeschiedenen Vaters und führte die weinende Mutter von dem Sterbebette hinweg. Er empfahl den Schwestern, ihren Jammer zu mäßigen und durch verdoppelte Liebe die Mutter zu trösten. Er selbst durfte sich keiner unthätigen Trauer überlassen, weil die Sorge für die Familie, deren Haupt und einzige Stütze er nun geworden war, seine ganze Thätigkeit in Anspruch nahm. Als das Nothwendigste geordnet und die irdischen Reste seines Vaters zur Erde bestattet waren, eilte er nach Schloß Hohenthal, um den Rath seines Oheims in höchst wichtigen Angelegenheiten zu vernehmen.

VIII

Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager, um noch vor dem Frühstücke den Oheim aufzusuchen, den er in seinem Kabinet mit der Durchsicht vieler Papiere beschäftigt fand. Der junge Mann eilte, seinem väterlichen Freunde Bericht darüber abzustatten, wie er die [158] Angelegenheiten seines Vaters habe ordnen wollen, als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht habe. Er sprach mit Rührung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die Ansicht des Oheims über dessen Charakter dadurch zu mildern, daß er sich zu zeigen bemühte, wie unglückliche Verhältnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und Menschenverachtung geführt hätten. Wir thun gewiß immer gut, erwiederte ihm der Oheim, wenn wir alle Erscheinungen im äußeren Leben als unsichere Zeichen des wahren Innern betrachten und unser Urtheil über die Menschen mild sein lassen, wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermögen.

Dieß würde uns aber zum völlig unthätigen Dulden führen, versetzte sein junger Freund.

Gewiß nicht, erwiederte der Graf; denn die Milde, mit welcher ich den Menschen betrachte, der mir Unrecht zufügen will, braucht mich noch nicht zu bestimmen, seine Ungerechtigkeit zu erdulden, wenn ich mich auch ohne Haß dagegen vertheidige; ja, ich kann mich über eine empörende Handlung höchlich erzürnen, ohne darum den, der sie ausübt, geradezu zu hassen.

Doch glaube ich, versetzte der junge Graf, daß es Verhältnisse gibt, in denen der Haß eine wahre Tugend wird, und ich meine, es liegen uns viele Gründe ganz nahe, die [159] alle besseren Gemüther bestimmen sollten, sich in dieser Empfindung gegen unsere Unterdrücker zu vereinigen.

Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten für unser Vaterland und unsern edeln König? fragte der Graf. Oder meinen Sie, fuhr er fort, als er sah, daß sein Verwandter schwieg, daß der Haß kräftiger wirkt, als die Liebe?

Nein, sagte der junge Graf, aber das ist nicht zu verkennen, daß er sich jetzt lauter ausspricht.

Wenn dieß ist, erwiederte sein Oheim, so kann man ihn mit Klugheit für edle Zwecke benutzen, ohne ihn zu theilen.

Zu dieser Höhe der Tugend kann ich mich nicht erheben, rief der junge Graf; ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Kräfte daran setzen, sie zu vernichten.

Hassen Sie auch St. Julien und Dübois? fragte der Graf, und sein Verwandter blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich: Diese machen eine Ausnahme; sie sind weit davon entfernt, den Druck zu billigen, den uns ihre Landsleute mit so empörender Anmaßung empfinden lassen.

So lassen Sie uns denn, sagte der Graf, den Uebermuth, die Anmassung hassen und alle Kräfte anwenden, um von dem unwürdigen Druck, unter dem wir leiden, uns zu befreien. Daß dieß nicht ohne gerechten Zorn gegen die [160] Unterdrücker geschehen kann, ist natürlich; aber warum wollen Sie deßhalb der unedeln Empfindung des Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten? Der Zorn kann den Menschen erheben, der Haß wird ihn immer ungerecht machen und deßhalb erniedrigen.

Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden, sagte der junge Graf, ich fühle nur, wie glühend ich Napoleon hasse, und kann mir diese Empfindung nicht abläugnen, setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu, obgleich ich fürchten muß, daß sie mich in Ihren Augen erniedrigt.

Der Haß, sagte der Graf, ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust des Menschen, wie die Liebe; ja Sie können mit dieser Gluth des Herzens gar nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung für den gehaßten Gegenstand.

Wie! rief der junge Graf überrascht, ich sollte Napoleon lieben?

Mißverstehen wir uns nicht, sagte sein Oheim. Sie erkennen ohne Zweifel viele Vorzüge des Geistes in Napoleon, Sie müssen ihn als Feldherrn oft bewundern und als Staatsmann zuweilen achten, und es erregt eben Ihren Haß, daß er die Vorzüge des Geistes und das Glück seiner Waffen mißbraucht, um die Welt mit Krieg zu verheeren, die Völker zu unterdrücken und im Uebermuthe seines Glückes [161] den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen. Würden Sie in dem allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswerthes finden, so würden Sie Ihr Gefühl nicht selbst glühend nennen, sondern ein kalter, auf Verachtung begründeter Haß würde Ihre Brust erfüllen, und dieser würde alles Andere eher, als eine Begeisterung gegen den gemeinsamen Feinb hervorrufen.

Unser Gespräch hat uns weit von dem Gegenstande abgeführt, sagte der junge Graf, den ich zu berühren wünschte.

Ich glaube nicht, erwiederte sein Oheim, denn ich bezweifle nicht, mein lieber Vetter, daß Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehören, der sich vorzüglich auf Tugend gründen will, und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm Gegenstande entfernt, wenn wir gemeinschaftlich überlegen, welche Art von Zorn oder Haß mit der Tugend im Bunde sein kann.

Da sein junger Verwandter mit Bestürzung schwieg, setzte der Graf hinzu: Ich will Ihnen kein Geheimniß entreißen und bin auch hiezu um so weniger berechtigt, als ich, um jedes Mißverständniß zu vermeiden, zugleich erklären muß, daß ich nach meinen Grundsätzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehören kann.

Sie würden sich also ausschließen, fragte sein Verwandter [162] mit Bestürzung, wenn alle Edeln sich zu vereinigen strebten, um einen Zustand zu endigen, der uns alle erniedrigt?

Keineswegs, sagte der Graf, und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben, wo ich es beweisen kann, daß mein ganzes Vermögen und der letzte Tropfen meines Blutes meinem Könige und meinem Vaterlande gehören; aber ich bin nicht für geheime Gesellschaften, obgleich ich es einsehe, daß Verhältnisse eintreten können, in welchen sie beinah nothwendig werden, und ich nicht so blind bin, nicht erkennen zu wollen, wie schwer, ja beinah unmöglich jetzt ein öffentliches Zusammentreten der Guten sein würde; das traurige Ende des unglücklichen Palm hat uns gezeigt, wie weit die Machthaber im Stande sind zu gehen. Aber auch im gegenwärtigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein nothwendiges Uebel betrachten.

Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend, sagte der junge Graf, als ich die Ueberzeugung habe, daß die bedeutendsten Staatsmänner entweder selbst an dieser Verbindung Theil nehmen oder sie doch wenigstens beschützen.

Sie haben vielleicht eine ähnliche Ansicht von der Lage der Dinge, wie ich, erwiederte der Graf.

Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden, sagte sein junger Verwandter, die in allen ihren Bestrebungen [163] von den einsichtsvollsten Staatsmännern gekannt und gebilligt wird.

Eben darum, erwiederte sein Oheim, wird sie, geleitet von diesen Männern, in der nächsten Zeit unendlich viel Gutes leisten. Aber wenn die Drangsale der Gegenwart vielleicht besiegt sein werden, wird sie sich dann ruhig auflösen, wenn der angegebene Zweck erfüllt ist, oder wird sie fortbestehen wollen, um andere Zwecke, die ihr jetzt fremd sind, zu verfolgen? Dieß ist eine Frage, die Sie mir nicht beantworten können, und dieß ist die Ursache, weßhalb ich mich unmittelbar nicht anschließen und durch keinen Eid mit einer Gesellschaft verbinden kann; auch bin ich nicht mehr jung genug, um unbedingt fremden, unbekannten Obern folgen zu können, da ich seit lange gewohnt bin, nach eigener Einsicht zu handeln.

So wäre denn die Hoffnung meiner Freunde und meine eigene auf Ihren Beistand vergeblich? sagte der junge Graf.

Das nicht, erwiedete sein Oheim, wenn ich auch nicht unmittelbar zu Ihrer Verbindung gehöre, so bin ich doch von ganzem Herzen bereit, jeden einzelnen guten Zweck, den Sie zu erreichen streben und mir mittheilen wollen, damit ich beurtheilen kann, ob auch ich ihn für gut halte, aus allen Kräften zu unterstützen, besonders wenn Sie mir versprechen [164] wollen, sich sogleich von dieser Verbindung zu trennen, so bald der jetzt angegebene Zweck, die Befreiung des Vaterlandes von den Franzosen, erreicht ist.

Wenn das erreicht ist, sagte der junge Graf mit glühenden Wangen, wofür wir alle bereit sind, unser Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen, wenn wir unser Vaterland vom fremden Drucke befreit sehen, wenn unser König wieder in der Mitte seiner Unterthanen mit Ruhe und Sicherheit für das Wohl Aller wachen, und Milde und Gerechtigkeit üben kann, dann bedarf es keiner Verbrüderung mehr, und gewiß kehren dann Alle wieder ruhig unter den Schutz der Gesetze zurück.

Habe ich Ihr Wort, daß wenigstens Sie so handeln werden? fragte der Graf. Gewiß, erwiederte sein Verwandter, indem er die dargebotene Hand des Oheims ergriff. Unter solchen Bedingungen, sagte dieser, können Sie mich gewissermaßen als ein Ehrenmitglied Ihrer Vereinigung betrachten, deren von mir gekannte und gebilligte Absichten ich aus allen Kräften unterstützen werde, und deren jetziges hochwichtiges Bestreben ich keinesweges verkenne.

Es wurde über diesen in der damaligen Zeit höchst wichtigen Gegenstand noch Vieles gesprochen und erörtert, und der Graf sagte endlich: Nachdem wir nun so viel über öffentliche Angelegenheiten gesprochen haben, sollten Sie mir [165] denn nichts über Ihr eigenes Glück zu vertrauen haben? Der junge Graf bekannte seinem Oheim die lang genährte zärtliche Neigung für die schöne Therese und den Vorsatz, ihr seine Hand anzubieten, obgleich er ihr kein glänzendes Loos versprechen könne. Der Oheim billigte sein Gefühl für ein zärtliches, edles Wesen, dessen Neigung für seinen Verwandten er lange errathen hatte. Er freute sich über eine Verbindung, die, wie er glaubte, Beide beglücken müsse, und schloß endlich, indem er lächelnd sagte: Und nun lassen Sie auch mich Ihnen einen Plan mittheilen, den ich seit einiger Zeit mit stillem Vergnügen innerlich ausbilde, und der Ihr häusliches Glück und Ihr öffentliches Wirken vereinigt fördern könnte. Der junge Graf erwartete mit Spannung, was sein Oheim ihm mittheilen wolle, und dieser fuhr fort: Sie haben, mein lieber Vetter, so vieles Trübe im Leben erduldet, daß dieß einigermaßen in Ihren Charakter überzugehen droht; deßhalb wäre es mein Rath, daß Sie ein Jahr Ihres Lebens daran wendeten, diesen Trübsinn wieder los zu werden und von der Welt etwas mehr kennen zu lernen, als den engen Raum, auf dem Sie sich bis jetzt unter ungünstigen Umständen bewegt haben. Dabei könnten Sie die Gesinnungen in Deutschland mit Behutsamkeit zu erforschen streben, vielleicht auch Verbindungen knüpfen, die in der Zukunft für Ihre Pläne dienlich wären; zugleich[166] könnten Sie sich die nöthigen Kenntnisse von der Landwirthschaft verschaffen, einen tüchtigen Mann in diesem Fache zu Ihrem Beistande auffinden, und wenn Sie mit einem solchen nach einem Jahre zurückkämen, dann würde ich Ihnen meine Güter zur Verwaltung übergeben und die Bedingungen natürlich so einrichten, daß Ihnen bedeutende Mittel bleiben, Ihre Pläne zu verfolgen; dann könnten Sie Neuerungen einführen, ohne aufzufallen; Sie könnten die Schulen verbessern und die Jugend in den Waffen üben, und käme die Zeit, so könnten Sie die jungen Landleute von meinen und Ihren Gütern wohl bewaffnet und wohl geübt dem Könige zuführen, und an deren Spitze selbst für unser aller Wohl fechten.

Der junge Graf war entzückt über diesen Plan, nur betrübte es ihn, daß er sich von Neuem von seiner schönen Freundin trennen sollte. Auch für diese, sagte sein Oheim, ist ein Aufschub ihrer Verbindung heilsam. Das arme Kind hat so vielen Druck des Lebens erduldet, daß ihre Gesundheit darunter gelitten hat; lassen Sie diese sich jetzt erst wieder befestigen und gönnen Sie ihr die Zeit, unter Anleitung der Gräfin ihre Bildung zu vollenden, die sie, durch ungünstige Umstände verhindert, früher hat versäumen müssen, und die sie um so weniger entbehren kann, da sie die Leitung eines [167] Hauses, die Sorge für eine entstehende Familie ohne den Beistand einer erfahrnen Mutter übernehmen muß.

Der junge Graf umarmte mit dankbarem Entzücken seinen gütigen Oheim und ging freudig in dessen wohlwollende Pläne ein. Es wurde nun noch beschlossen, die Mutter des jungen Grafen und seine Schwestern in Breslau wohnen zu lassen, damit die Erziehung der letzteren dort vollendet werden könne, und der junge Graf sowohl, als sein Oheim faßten den ernsten Entschluß, jede unnütze Ausgabe zu meiden, um den Ueberschuß ihrer Einkünfte zum Wohle des Vaterlandes verwenden zu können. Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die Nothwendigkeit, die stattgefundene Unterredung dem Obristen Thalheim in so weit zu verschweigen, in wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf, weil bei dessen heftiger Liebe für den König und daraus entspringendem heftigem Haß gegen dessen Feinde nicht Vorsicht genug von ihm zu erwarten war, und er also leicht, ohne es zu wollen, in freudiger Hoffnung Dinge verrathen könne, die durchaus verschwiegen bleiben mußten.

Von neuen entzückenden Hoffnungen erfüllt erschien der junge Graf mit seinem Oheime zum Frühstück im Saal, wo man Beide schon erwartete. Aber er konnte nicht Theil nehmen an heiteren Gesprächen; er sehnte sich nach der Einsamkeit und verließ deßhalb die Gesellschaft bald, um auf einem langen [168] einsamen Spaziergange die mannigfachen Gefühle in seinem Busen gegen einander auszugleichen. Zum ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen, die Sehnsucht seiner Liebe, die er bis jetzt nur zaghaft zu nähren gewagt hatte, sollte nun auf's Schönste befriedigt werden, und zugleich zeigte sich ihm ein Weg, seine begeisterte Liebe für seinen König und sein Vaterland thätig zu beweisen, und er fühlte in dem Maße den persönlichen Haß in seiner Brust sich mildern, als sich ihm die Mittel zeigten, seiner Liebe genug zu thun; so daß er sich leise im Inneren gestehen mußte, daß sein Oheim wohl Recht haben möge in seiner Andeutung, daß Liebe und Zorn vereinigt zu Thaten begeistern können, der Haß aber eigentlich durch das Gefühl der Ohnmacht erzeugt wird. Er dachte an seinen unglücklichen Vater, an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen, und wie auch dessen Haß aus dem Gefühle entsprungen sei, daß er sich nicht aus den ihn bedrückenden Verhältnissen loszuwinden vermöge. Ach, armer Vater! seufzte er, wenigstens darin hattest Du Recht, daß sich mein Loos glücklicher gestaltet, und daß es nicht Tugend in mir ist, wenn mein Herz wärmer für die Menschen schlägt, als das Deine, von Allen mißhandelte. Mit Beschämung dachte er daran zurück, in welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten hatte, dem er nun Alles [169] verdanken sollte, die beglückende Befriedigung seiner innigen Liebe und die stolze Hoffnung, die seinen Busen erweiterte und schwellte, so oft sie in seinem Geiste Raum gewann, daß er einst an der Spitze von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rücken und zur Befreiung des Vaterlandes beitragen würde.

Er hatte sich, vertieft in solche Gedanken, weit vom Schlosse entfernt, ohne es zu bemerken, und suchte nun den Rückweg durch anmuthige, enge Schluchten, indem er dem Laufe der Bäche folgte. Er erreichte endlich die Ebene wieder, bemerkte aber, daß er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten Seite des Schlosses her näherte. Ein Diener, der den kürzeren Weg zu einer nahe gelegenen Mühle gehen wollte, öffnete eben die Hinterthüre, die auf eine mit Bäumen bewachsene Wiese führte, und der junge Graf benutzte die Gelegenheit, den Garten von dieser Seite zu betreten. Wie er durch die schattigen Gänge hinging, hörte er mit Befremden ganz in der Nähe Schüsse fallen, und als er sich eilig der Gegend näherte, woher der ihn beunruhigende Schall kam, mäßigte er bald seine Schritte, denn er hörte St. Juliens Gelächter und erreichte auch bald eine kleine Ebene, die durch eine leichte Einfassung von dem übrigen Garten getrennt war, und die St. Julien zum Platze für Waffenübungen bestimmt zu haben schien, denn er und[170] der junge Gustav waren eben damit beschäftigt, nach dem Ziele zu schießen, und St. Juliens Gelächter erscholl jedes Mal, so oft der junge Mensch fehlte. Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte, daß St. Julien meisterhaft schoß, mit sicherer Hand und geübtem Auge beinah niemals fehlte, daß aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente, wie ihm durch seinen wohlwollenden Lehrer zu Theil wurde. Jetzt ist genug Pulver verdorben, hörte er St. Julien endlich sagen, jetzt zu den andern Waffen, und die Rapiere wurden von Beiden ergriffen, und hier erndtete der Schüler selbst von seinem Meister Lob. Der junge Graf hatte der Waffenübung eine Zeitlang mit Theilnahme zugesehen, ehe er seine Gegenwart bemerken ließ. Er betrachtete mit einem sonderbaren Gefühle den Eifer, welchen der junge Franzose anwendete, seinem aufmerksamen Schüler den Gebrauch der Waffen zu lehren, und konnte sich nicht enthalten, schaudernd an die Möglichkeit zu denken, daß dieser die erlernten Vortheile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende. Ja er dachte daran, daß er selbst, wenn seine Sehnsucht erfüllt werden sollte, dann auch dem Freunde feindlich gegenüber stehen müsse, und betete innerlich, daß nie eine Nothwendigkeit eintreten möge, die ihn zwänge, sein Schwert gegen dessen Brust zu richten.

Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden, machte [171] er seine Gegenwart bemerklich, indem er St. Julien rief. Dieser warf die Waffen von sich und schwang sich mit Leichtigkeit über die niedrige Umzäunung; nun! rief er dem Freunde zu, haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen, die heute Morgen Ihre edeln Gedanken beschäftigten, und kann man wieder Antworten erwarten, wenn man Sie anredet?

Zunächst, sagte der junge Graf, danke ich Ihnen, daß Sie sich für die Ausbildung meines jungen Freundes bemühen.

Ach, das thun wir gegenseitig, sagte St. Julien, Der dort ist gegen mich gerechnet ein Gelehrter, er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei, und ich suche ihm das Aeußerliche beizubringen, und ich wollte nur, ihm gelänge es mit mir so gut, wie mir mit ihm; denn betrachten Sie nur, wie er ganz das schulmeisterliche Ansehen unter meinen Händen verloren hat; aber auch ich mache ihm wenigstens keine Schande, ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch seinen Beistand selbst Ehre ein, denn er hatte mir meine Stimme vortrefflich eingeübt.

So verstehst Du Musik? fragte der junge Graf überrascht.

Mein Vater war ein so gelehrter Musiker, erwiederte der junge Mensch mit Bescheidenheit, daß er Kantor an der Hauptkirche der größten Stadt hätte sein können, und er hat [172] mich früh angehalten, Generalbaß und Kontrapunkt zu studiren; ich hatte nur in der letzten Zeit keine Gelegenheit Musik zu üben und habe darum die Fertigkeit im Spielen verloren.

Das ist nicht wahr, rief St. Julien, ich habe seit einigen Tagen ein Instrument auf meinem Zimmer und weiß darum, wie gut er spielt.

Ach lieber Herr St. Julien, sagte der junge Mensch, Sie verstehen zu wenig von Musik, als daß Sie es recht beurtheilen könnten, ob ich gut spiele.

Der junge Graf konnte sich des Lächelns über diese Treuherzigkeit nicht erwehren; St. Julien aber brach in ein lautes Gelächter aus; nein, mein Lieber, rief er, diese deutsche Aufrichtigkeit müssen Sie sich abgewöhnen, wenn Sie nicht gar zu oft gezwungen sein wollen, die durch meinen Unterricht erworbenen Fechterkünste zur Vertheidigung Ihrer Worte anzuwenden.

Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, sagte der junge Mensch verwirrt.

Ich bin auch nicht beleidigt, erwiederte St. Julien, denn ich habe zu viel Selbsterkenntniß, als daß ich nicht einsehen sollte, daß Sie Recht haben; aber man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt, die Mängel des Nächsten so offenherzig rügen zu hören; übrigens, fuhr er, gegen den jungen Grafen gewendet, fort, bin ich schon selbst so ehrlich [173] gewesen, meine geringe Kenntniß und sein großes Verdienst öffentlich einzugestehen, denn ich konnte nicht das allgemeine Lob, wie gut ich neulich meine Stimme in unserm Konzert ausgeführt habe, ganz allein auf meine Rechnung hinnehmen, ich entdeckte also den Damen den heimlich mir geleisteten Beistand, und es wurde beschlossen, daß der junge würdige Mann die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Uebungen übernehmen soll; aber er weigert sich hartnäckig, wie ich auch auf ihn einrede, und er muß doch nachgeben, denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen.

Weßhalb willst Du denn diese Gefälligkeit nicht haben, fragte der junge Graf den Jüngling. Weil der alte gutmüthige Aristokrat Dübois tausend Einwendungen hat, rief St. Julien, die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend.

Ich werde Dübois bitten, sagte der junge Graf, meiner Tante seine Ansicht mitzutheilen; wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist, so können wir weiter nichts thun; wenn sie aber Deine Theilnahme an der Musik wünschen sollte, so wirst Du Dich gewiß nicht weigern, Deine Freunde zufrieden zu stellen. Gewiß nicht, rief der Jüngling, sobald die Frau Gräfin es befiehlt und Herr Dübois nichts dagegen hat.

In der That, sagte St. Julien lächelnd, wenn ich nicht von Natur bescheiden bin, so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen, es zu werden. Er zeigt [174] ganz unverhohlen, daß meine Bitten nichts wiegen in der Schale, auf der er seine Handlungen abmißt.

Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen, der St. Julien aufsuchte, um ihm einen Brief abzugeben, der eben mit der Post gekommen war.

Von meiner Mutter! rief dieser freudig überrascht und verließ die Freunde, um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen, die eine zärtliche Mutter an ihn richtete.

Der junge Graf unterrichtete nun den Jüngling Gustav davon, daß er mit seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe. Für's Erste sollte er nach Breslau, um auf der dasigen gelehrten Schule die lange unterbrochenen Studien fortzusetzen, und dann auf eine Universität, die er selbst wählen könne. Sein Beschützer nannte ihm die für ihn bestimmte jährliche Summe, die weit des dankbaren Jünglings Erwartungen übertraf. Ich werde selbst nur noch einige Wochen hier bleiben, schloß der junge Graf, und dann eine Reise antreten; deßhalb bitte ich Dich, so lange ich jetzt hier bin, auch zu bleiben, denn es würde mir wehe thun, wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest.

Bin ich denn nicht Ihr Eigenthum, rief der Jüngling, indem er sich seinem edeln Beschützer in die Arme warf; wäre ich nicht ohne Sie verloren, wahrscheinlich im Elend umgekommen? [175] Und nun wollen Sie mich bitten, da Sie doch wissen, daß jedes Wort, jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist?

Vergiß nicht, sagte der Graf bewegt, daß ich Deiner Liebe und Pflege ebenfalls mein Leben verdanke; Verbindlichkeiten also, die wir gegen einander haben, sind einander gleich, und Du mußt Dich nicht wie einen Untergebenen, sondern wie meinen Freund betrachten, der nur darum von mir abhängt, weil ich älter als er und dadurch berechtigt bin, seine Schritte zu leiten.

Diese freundliche Unterredung wurde durch St. Juliens Rückkunft unterbrochen, der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden näherte. Lesen Sie, sagte er zu dem jungen Grafen, indem er ihm den eben erhaltenen Brief hinreichte, Sie werden sehen, das schöne Leben hier ist bald geendigt, und Gott weiß, wohin mich mein Schicksal führt. Der junge Graf nahm den Brief, und indeß er ihn las, ging St. Julien schweigend in einem Baumgange auf und ab.

Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe, daß sie die persönliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe, zu dessen Regiment er gehöre, und daß dieser die Gefälligkeit gehabt habe, ihr zu versichern, daß aus seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachtheil [176] für ihn erwachsen solle, indem sie einzig seinen gefährlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit zugeschrieben werden sollte. Der Kommandant der Festung würde den Befehl erhalten, ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zurückgebliebenen Kriegsgefangenen von der preußischen Regierung zurück zu fordern, und ihm dann noch einen Urlaub für zwei Monate gewähren zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit. Nach Ablauf dieser Zeit müsse er sich aber bei seinem Regimente einfinden, dessen Bestimmung unbekannt sei, das aber vermuthlich nach Italien gehen werde.

Vor Ablauf dieser Zeit, schloß die Mutter, würde sie unfehlbar auf Schloß Hohenthal erscheinen, um seinen edeln Freunden zu danken, und in der Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zurückreisen.

Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte, als St. Julien wieder zu ihm trat, um den Brief zurück zu nehmen. Nicht wahr, fragte er seinen Freund, es kränkt Sie auch, daß wir sobald uns trennen sollen? Ja wohl, sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer, und Gott weiß, wie wir uns noch einmal gegenüber stehen müssen.

Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen, um gegen uns zu fechten? fragte St. Julien überrascht. Gewiß nicht, versetzte sein Freund mit bitterem Lächeln.

[177] Nun dann ist keine Gefahr vorhanden, sagte St. Julien leichtsinnig, daß wir uns gegenseitig erschlagen müßten, denn Preußen kann nicht mehr wider uns, sondern muß mit uns sein, und auf diesen Fall wären wir ja Freunde und Waffenbrüder.

Junger Mann, erwiederte sein Freund, indem er beide Hände auf die Schultern des jungen Franzosen legte, ich wollte, Sie hätten etwas deutsches Blut in den Adern, dann würden Sie ahnen, was noch alles in dem dunkeln Schooße der Zukunft ruht; doch wozu, fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, sollen wir noch Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen, da unsere Trennung an sich betrübend genug ist.

Ja wohl, seufzte St. Julien; mit welchen Schmerzen werde ich von hier scheiden. Indem er dieß sagte, blickte er in die Ferne, und sein Freund bemerkte, indem er ebenfalls die Augen dahin richtete, Emilie und die Gräfin, die durch einen langen Baumgang sich dem Platze näherten, auf welchem die jungen Männer versammelt waren, die sogleich den Damen entgegen gingen. Der Jüngling Gustav wollte sich zurückziehen, aber St. Jülien bemerkte selbst in seinem Schmerze dessen Absicht. Er faßte deßhalb seinen Arm und zwang ihn so, sich ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen. Emilie bemerkte den Kummer in den Augen St. Juliens, und ihr ängstlich fragender, theilnehmender Blick [178] wirkte zauberhaft auf den jungen Mann. Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzücken leuchtete aus seinen Augen. Die Gräfin war heiter und fragte nach den ersten Begrüßungen lächelnd: Nun, haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden, die ersten Proben zu Ihrem großen Koncert heut Nachmittag zu leiten?

Er schlägt mir hartnäckig allen Beistand ab, erwiederte St. Julien, wenn ihm Dübois nicht die Erlaubniß dazu ertheilt.

Ich habe mit Dübois schon darüber gesprochen, sagte die Gräfin gütig; er sieht es ein, daß es eine Thorheit wäre, wenn man um kläglicher Rücksichten Willen in seinem Hause nicht sein eigner Herr sein wollte.

Nun, sagte St. Julien mit einem gutmüthig schadenfrohen Blick auf Gustav, der Sieg wäre also mein, und heut Nachmittag ist trotz Dübois Weisheit die erste Probe.

Wenn Sie auch über mich spotten, erwiederte der Jüngling empfindlich, so bleibe ich doch dabei, daß ich nichts gegen Herrn Dübois Rath unternehmen werde. Er ist viel zu gütig gegen mich gewesen, als daß ich ohne Undankbarkeit anders handeln könnte. Sie haben Recht, sagte die Gräfin, indem sie ihm gütig die Hand reichte, die der Jüngling mit großer Ehrerbietigkeit küßte. Ich achte selbst Herrn Dübois so hoch, daß ich nichts thun möchte, was ihn kränken[179] könnte, und ich würde lieber auf ein Vergnügen Verzicht leisten, als ihm einen Kummer verursachen, und Herr St. Julien denkt im Grunde eben so, wie ich.

Ja wohl, rief dieser mit inniger Empfindung, ich glaube, ich bin ihm noch mehr Dank schuldig, als unser Freund Gustav, und mich freut es, setzte er lächelnd hinzu, daß er ihm erlaubt, die Würde unseres Kapellmeisters anzunehmen, denn sonst, sehe ich, hätten wir doch wohl darauf Verzicht thun müssen.

St. Julien konnte sich nicht entschließen, die schöne Heiterkeit auf Emiliens Stirn durch die Nachricht zu trüben, daß er bald würde scheiden müssen; auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum, in welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brächte, so daß er selbst sich den Genuß nicht trüben wollte. Er beschloß aber, dem Grafen den Brief seiner Mutter mitzutheilen, weil nun doch bald auf die Forderung des französischen Kommandanten der Festung *** von der preußischen Regierung demselben die Weisung zukommen müßte, den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen.

So war also nun der Jüngling Gustav, der als ein armer Knabe auf Schloß Hohenthal angekommen war, zum Erstaunen der Bedienten, erst von ihnen abgesondert, dann wie ein junger Edelmann gekleidet, endlich in den Saal ihrer [180] Herrschaft eingeführt worden, und er nahm Theil an deren Gesellschaft und an ihren Vergnügungen. Die große Kenntniß der Musik, die er vor Allen voraus hatte, wurde nicht bloß St. Julien nützlich, sondern auch den Damen, deren Singübungen er besser zu leiten verstand, und den Bitten der schönen Therese gelang es sogar, daß der junge Graf sich entschloß, die fehlende Baßstimme zu übernehmen; aber freilich verursachte er bei seinem gänzlichen Mangel an musikalischer Kenntniß dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde, der gerade eine Ehre darin suchte, daß sein Beschützer sich besonders auszeichnen sollte.

So schwanden die schönen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergängen, Vorlesungen und musikalischen Uebungen, und der Jüngling Gustav fehlte nie in dem freundlichen Kreise, der nur durch den Prediger, den Arzt und den Obristen vermehrt wurde, denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zurück gezogen und als Grund offen die Nothwendigkeit des Ersparens angegeben, weil das Vaterland so vieler Opfer bedürfe, und er bemerkte oft, daß es ein peinliches Gefühl sei, sich unnütze Ausgaben zu erlauben, indeß, sagte er, unser erhabenes Königshaus ein so edles Beispiel des Entsagens giebt. Es war dieß gewiß die innere Empfindung des Grafen, aber er benutzte die Gelegenheit auch gern, sich von dem Umgange mit dem benachbarten [181] Adel zurück zu ziehen, denn es war ihm nicht unbekannt geblieben, wie viele Gespräche über seine Gemahlin der unangenehme öffentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem Friedensfeste des Baron Löbau veranlaßt hatte.

St. Julien theilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit, und beide Männer sahen seufzend ein, daß die Trennung nothwendig und nah sei. Der Graf gestand sich trauernd, daß er die Lücke nicht auszufüllen vermöchte, die durch des jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen würde, aber er verschwieg diesen Kummer, und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern den Schmerz über die nahe Trennung zu verbergen, um die letzten Stunden des Beisammenseins in ungetrübtem Frohsinn zu genießen.

IX

Es war ein schöner Sonntagnachmittag im Herbste des Jahres achtzehnhundert und sieben, als der Doktor Lindbrecht nach einem mäßigen Spaziergange seinen Freund, den Pfarrer, besuchte und sich an dessen Theetisch in der Ecke eines Sophas behaglich lehnte, um aus der von St. Julien erhaltenen Pfeife den Rauch in gelinden Wolken im Zimmer zu verbreiten. Das auffallend große, goldne Mundstück derselben, [182] so wie die überladene Verzierung mit Ketten, Quasten und Schnüren in allen Farben, sagte seinem Geschmacke zu. Lächelnd betrachtete er oft den funkelnden Brillanten an seinem Finger, nahm zuweilen aus der auf dem Tisch stehenden goldnen Dose Tabak und zog die schon zu weit hervorstehende feine Wäsche noch ein wenig mehr heraus, indem er mit gutmüthigem Hochmuth seinem Freunde erzählte, der Graf habe nach der Genesung der Gräfin seinen Gehalt ansehnlich vermehrt und St. Julien außer dem Geschenke zum Andenken ihn noch für die Heilung seiner Wunden großmüthig belohnt, so daß ich mich jetzt, schloß er, für einen reichen Mann halten und vielleicht bald an eine vernünftige Heirath denken kann.

Der Pfarrer ging eben im Kopfe alle seine Bekannten durch, die er vielleicht zu dieser Verbindung empfehlen könnte, als der Schulze des Dorfes mit Geräusch eintrat, den Sonnenschein der Heiterkeit in allen Mienen. Der kräftige Landmann übersah in der Freude das strenge Gesicht seines Seelsorgers, womit dieser den lauten, unehrerbietigen Eintritt tadeln wollte, und rief: Gott segne Sie, Herr Prediger! Meine Mutter hatte Recht, als sie sagte: Peter, geh Du zum Herrn Pfarrer, der schafft Deine Base heraus, mag sie stecken, wo sie will; dieß Wort der guten alten Frau ist wahr geworden, Sie haben die Base herbeigeschafft.

[183] In der That, fragte der Geistliche, wird sie kommen?

Sie ist schon hier, erwiederte der Schulze freundlich, und als eine vornehme Madame ist sie angekommen, sie wird auch gleich hier bei Ihnen sein, sie wollte selbst mit Ihnen über die Erbschaft sprechen. Sehen Sie, da kommt sie mit meiner Mutter und ihrer Tochter. Der Pfarrer trat zum Fenster und auch seine Gattin kam neugierig herbei, so wie alle Kinder; nur der Arzt blieb in philosophischer Ruhe in seiner bequemen Lage, denn ihn regte die Neugierde wenig an, die Verwandte eines Plebejers, eines Bauern zu sehen.

Die Frau des Predigers lächelte ein wenig über den überladenen und für ihr Alter nicht anständigen Putz der Ankommenden, der aber doch von großer Wohlhabenheit zeigte. Eine ziemlich wohlbeleibte Frau näherte sich mit etwas zu weit ausgreifenden Schritten dem Pfarrhause; ihr Kleid von hellfarbiger Seide hatte sie etwas hoch aufgehoben, um nicht im Gehen gehindert zu werden; die blaufarbigen Bänder der Haube flatterten im Winde und mischten sich mit rothen Rosen, die den Kopfputz verzierten. Die Mutter des Schulzen war in ihrer sonntäglichen Kleidung, und Beiden folgte ein junges, weißgekleidetes Mädchen, deren großer Strohhut ihr Gesicht nicht bemerken, aber deren sehr schlanke Form auf große Jugend schließen ließ. Der Pfarrer wußte nicht recht, ob er den Ankommenden wie seines [184] Gleichen entgegen gehen oder den Eintritt der Verwandten eines Bauern ruhig erwarten sollte. Er entschied sich für das Letztere, doch that es ihm alsbald leid, als er mehrere Schnüre echter Perlen um den sonnverbrannten Hals der Eintretenden bemerkte.

Die drei Frauen hatten das Wohnzimmer des Geistlichen betreten, und die Fremde sagte mit etwas durchdringender Stimme: Nehmen Sie es nicht übel, Herr Prediger, daß wir Ihnen beschwerlich fallen. Der Arzt hatte sich um die Ankommenden nicht gekümmert und war, in Gedanken versunken, sitzen geblieben. Der Ton der Stimme aber, mit welcher die wenigen Worte gesprochen wurden, zuckte wie ein elektrischer Schlag durch alle seine Nerven, und er sprang auf und stand nahe vor der Angekommenen, ohne daß er es wußte. Diese betrachtete ihn einen Augenblick, schlug die Hände zusammen und rief: Ist es möglich, kann es sein, muß ich den Hasenfuß hier antreffen? Der Arzt sprang beleidigt zurück. Na, sei Er nicht böse, rief die Fremde, indem sie ihm die Hände entgegenstreckte und sich nicht bemühte, die Thränen zurück zu halten, die reichlich über ihre vollen, braunrothen Wangen flossen; Er wird sich ja nun wohl die Hörner abgelaufen und von einer Tante, die es gut mit ihm meint, ein Wort vertragen gelernt haben?

[185] Der Arzt wußte nicht recht, wie ihm geschah. Frau Base, stammelte er und wollte die dargebotene Hand mit Höflichkeit küssen; er wurde aber wohlmeinend an eine volle Brust gezogen, mit kräftigen Armen, denen sich nicht widerstehen ließ, umschlungen und drei bis vier Mal schallend geküßt, indem er die noch immer fließenden Thränen warm an seiner Wange fühlte. Diese unverkennbaren Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefühl der Rührung bei ihm hervor. Frau Base, sagte er, Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich geändert.

Er war ja ein Narr, antwortete seine Verwandte, indem sie ihre Thränen trocknete; er bildete sich in seinem überstudirten Kopfe ja nur dummes Zeug von mir ein. Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint, so wie mein alter, guter seliger Mann.

So ist mein Oheim gestorben? fragte der Arzt mit Bestürzung. Ja wohl, erwiederte die Wittwe, und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er nicht aufgehört an Ihn zu denken, für ihn zu sorgen, und ich kann es Ihm sagen, wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wußte, wo Er geblieben wäre, haben wir oft bitterlich geweint und es bereut, daß wir Ihn so in die Welt hatten hinein laufen lassen, und mein Alter sagte oft: Es ist zu hart, daß wir ihm nicht geschrieben haben; der arme Mensch [186] hat alles Vertrauen zu uns verloren, wir hätten ihm seinen Fehler vergeben sollen; wer weiß, in welchem Elende er umgekommen ist. Solche traurige Gedanken hatten wir über ihn, und nun, Gottlob! finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Großtürken.

Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden Verwandten, und es gelang dem Ersten endlich, einige Ordnung in die Gespräche zu bringen.

Die Frau Professorin wurde, so bald sie als solche erkannt war, eingeladen, auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen, wogegen sie sich nicht sträubte. Das junge Mädchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter bezeichnet und gesellte sich zu den Töchtern des Predigers, auf deren Aufforderung sie den großen Strohhut abnahm und ein feines, blasses Gesicht mit großen blauen Augen zeigte, die sie schüchtern beinah nach jeder Bewegung auf die Mutter richtete, die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln schien; starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen Mädchens, das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte. Als diese Gäste Platz genommen hatten, sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und seiner Mutter um, die er nicht zu seiner Gesellschaft zählen und auch als Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte. Sie waren [187] aber schon bereit, sich zurück zu ziehen; denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz betrachteten, so wußten sie doch, daß sie sich dem Geistlichen nicht als Gesellschaft aufdrängen konnten. Der Arzt konnte sich noch immer in das, was ihm begegnet war, nicht recht finden, und der Prediger suchte das Gespräch auf die Angelegenheiten und auf die Begebenheiten der Frau Professorin zu leiten. Sie war, wie alle Leute ohne Erziehung, gleich bereit, auf Beides offenherzig und umständlich einzugehen, und erzählte: Wie ich in Gießen vor funfzehn Jahren eintraf und nach meinem Vaterlande zurückkehren wollte, beschädigte ich mich beim Absteigen vom Wagen so stark am Fuße, daß ich nicht weiter konnte und einige Wochen da bleiben mußte, um das Bein zu heilen. Während der Zeit hatte ich einige gute Freunde gefunden, die mir sagten, ein gewisser Professor, der sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekümmern könne, suche eine Haushälterin, auf deren Treue er sich verlassen könne, denn er sei ein Mann von Vermögen. Ich sagte zu mir, was willst du zu Hause machen? Das Bauernleben bist du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst, also besser gleich hier geblieben. So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem guten alten Manne an; aber, lieber Herr Prediger, was war bei dem für eine Wirthschaft! Jeder bestahl ihn, [188] Jeder betrog ihn, seine Kollegia wurden ihm nicht bezahlt, sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betrüger ab, kurz, es ging Alles drunter und drüber. Ich konnte das nicht mit ansehen. Zu seinem Besten zankte ich mich mit ihm alle Tage, aber es half nichts, er konnte sich nicht ändern. Ich stellte ihm hundert Mal vor, daß er auf diesem Wege ein verlorner Mann sei, und rieth ihm, eine Frau zu nehmen, die Gewalt über ihn habe und ihn in Ordnung halten könne, denn ich als seine Haushälterin könne darin nichts thun. Seine Blutsauger lachten mich nur aus, wenn ich sein Geld eintreiben wollte; er sah Alles ein, gab mir Recht, aber konnte sich immer nicht entschließen. Endlich hatten wir uns ein Mal wieder tüchtig gezankt und ich sagte ihm, wenn er keine Frau nehmen wolle, so würde ich auch nicht bei ihm bleiben, denn ich könne die unordentliche Wirthschaft nicht länger mit ansehen. Da sagte der gute Mann, was brauche ich denn in der Ferne zu suchen, was mir so nahe im Wege liegt. Wir können uns ja gleich selber heirathen, meine gute Leonore, wenn es nöthig ist, eine Frau zu nehmen, um Ordnung im Hause zu haben. Ich war anfänglich ganz bestürzt über seine Rede; wie ich es aber gehörig überlegt, fand ich, daß er ganz recht hätte. Ich erkundigte mich, ob er nahe Verwandte habe. Niemanden, sagte er, als einen Schwestersohn, der bald hieher auf die Universität[189] kommen wird, um unter meiner Anleitung Theologie zu studiren, und für den ich wie ein Vater zu sorgen denke. Nun, dachte ich, für den wird es auch besser sein, wenn er zugleich eine Muttr findet, denn ich dachte nicht, Herr Prediger, wie ich mich mit dem alten Herrn Professor zu dessen Bestem verheirathete, daß uns Gott noch Kinder schenken würde. Na, wie gesagt, so gethan, wir waren ein Paar, ehe der Trotzkopf dort ankam. Ich sah es wohl, dem war die Frau Base nicht recht, nicht vornehm genug, aber ich dachte, das wird sich schon geben; findet er nur täglich seinen Tisch gedeckt und gute Klöße in der Suppe, so wird er wohl einsehen, daß sein Oheim vernünftig darin gehandelt hat, für eine Pflegerin im Alter zu sorgen. Aber der Mensch war wie verhext; je mehr ich ihm Alles nach dem Munde einzurichten suchte, um so gröber wurde er und blinzte immer tückischer mit den kleinen Augen. Das bemerkte selbst mein guter Mann, der sonst auf wenig achtete, und ich hatte oft genug zu thun, um ihn zufrieden zu sprechen. Ich sagte ihm oft: Jugend hat keine Tugend, wenn er mehr zu Verstande kommt, wird ihm der dumme Hochmuth vergehen. Aber es wurde täglich schlimmer. Endlich schrieb er gar meinem Manne, daß er umsatteln und auf die Doktorei studiren wolle. Sie wissen, Herr Prediger, jeder Mensch liebt seine Profession, und ich dachte, [190] meinen alten Mann würde der Schlag rühren, wie er den Brief las, denn Der hatte schon das Versprechen erhalten, daß man ihn in eine schöne Pfarre einschieben wolle, wenn er ausstudirt haben würde. Lorchen, sagte der gute Mann zu mir, ich fürchte für meine Gesundheit, wenn ich den Undankbaren spreche; übernimm Du es, ihm sein Unrecht zu zeigen. Ich that das gern für den alten Mann und wollte dem Springinsfeld zeigen, daß er sein Stipendium und Alles verlieren müßte, wenn er nicht geistlich bliebe. Aber der war grob wie ein Kannibale und führte so anzügliche hebräische Redensarten, von denen er behauptete, sie ständen in der Bibel, daß mir endlich, wie er gar dem Apostel Paulus seine Grobheit zuschieben wollte, auch die Galle überlief und ich ihm tüchtig meine Meinung sagte.

Am andern Morgen war der Brausekopf auf und davon, und wir weinten hinterdrein, und ich weinte noch mehr, wie meine Tochter nach wenigen Tagen geboren wurde, denn nun konnte er nicht Gevatter stehen bei dem Kinde, wie ich ich es immer mit seinem Oheim ausgemacht hatte. Mein guter Mann sah, wie mich das Alles kränkte, und schrieb nach Jena an einen guten Freund, den er dort hatte, und der richtete es so ein, daß dem Neffen alle Unterstützung zukam, die er durch uns bekommen konnte, bald als Geschenk für eine glückliche Kur, bald auf andern Wegen, so [191] daß wir wußten, es ginge ihm dort nichts ab. Er blieb lange in Jena, ohne uns weiter zu schreiben, als ein Mal. Mein seliger Mann wartete immer auf Briefe und dachte ihm dann zu vergeben; denn für ihn schickte es sich doch nicht, mit der Vergebung aller Grobheit dem Neffen entgegen zu kommen; wer aber nicht schrieb, das war der übermüthige Patron, und so blieb es viele Jahre, bis man auf ein Mal meinem alten Manne meldete, der Vogel sei ausgeflogen. Er war aus Jena verschwunden und Niemand wußte, wo er geblieben war. Ich weiß nicht, fuhr die gute Frau ernsthaft, den Kopf schüttelnd, fort, ob mein lieber Vetter alle die Thränen verdient hat, die sein guter seliger Oheim um seinet Willen weinte. Vor zwei Jahren, wie der gute Mann sein Ende nahe fühlte, sagte er zu mir: Lorchen, wenn Du meinen Neffen auffinden kannst, so laß ihm doch aus meinem Nachlasse die Bibliothek und die Naturaliensammlung zukommen, wenn Du es glaubst, daß unser Kind es entbehren könne. Ich antwortete ihm, unsere Marie würde, wenn sie die Jahre hätte, wohl ohne die Bücher und all den Kram einen guten Mann finden, und ich wollte es dem Neffen geben. Er fragte mich, ob er darüber etwas aufzeichnen solle; ich antwortete aber, daß es ihm bewußt sei, daß ich keine Heidin wäre, und daß es keiner Schreiberei bedürfe, um seinen Willen zu erfüllen. Darauf [192] ist Sein Oheim gestorben, lieber Vetter, und er kann alles das Zeug nun haben.

Wie, rief der Arzt erstaunt, die ganze Bibliothek, das ganze Naturalienkabinet?

Alles, erwiederte seine Verwandte, die Bücher, die Steine, die ausgestopften Vögel und andern Thiere. Es hat mir Mühe genug gekostet, alles das Vieh zu erhalten, und Gott weiß, ob nicht doch die Motten die Kreaturen gefressen hätten trotz des vielen Pfeffers und Lavendels, der daran gewandt wurde, wenn sich nicht ein Paar von meinen Herren Kollegen der Sache angenommen hätten. Sie waren immer Freunde des Seligen gewesen und hatten auch seine Liebhabereien, und so wurde Alles erhalten.

In der That, sagte der Arzt gerührt, ich erkenne die Großmuth der werthgeschätzten Frau Base, ganz wie ich soll.

Na, was faselt Er nun wieder von Großmuth, lieber Vetter, erwiederte seine Verwandte gutmüthig; der Selige wollte ihm das alles gönnen, also kommt es ihm zu, und es wäre schlecht von mir gewesen, wenn ich es ihm hätte verderben lassen. Er verliert so dadurch, daß uns Gott ein Kind bescheert hat, aber wenn er sich nach etlichen Jahren ordentlich aufführt, so kann er mein Schwiegersohn werden mit der Zeit, und dann bekommt er mehr, als ohne mich der alte Mann, sein Oheim, nachgelassen haben würde, nicht[193] einmal das zu rechnen, setzte sie mit einer stolzen Bewegung des Kopfes hinzu, was ich hier noch erbe.

Frau Base, Ihre Güte – – stammelte der Arzt

Na, na, das ist nur so in's Blaue gesprochen, unterbrach ihn diese. Meine Marie hat noch lange Zeit, das braucht Ihn nicht zu binden und mich auch nicht.

Die schlanke Marie, ein Kind von dreizehn Jahren, betrachtete neugierig den Arzt, den ihre Mutter so ohne Umstände als den künftigen Bräutigam bezeichnete, indeß dieser, verlegen erröthend, an seinem Busenstreif zupfte. Es flogen ihm alle Vortheile dieser Verbindung schnell durch den Kopf, aber auch die ihm höchst anstößige Verwandtschaft mit Bauern, die daraus entspringen müsse. Er richtete die halb zugedrückten Augen scharf auf das junge Mädchen, deren feine Gestalt nichts Bäuerisches hatte, aus deren blassem Gesicht ihn die große Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Oheim rührend ansprach. Er beschloß also zu überlegen, zu prüfen und dann wie ein Mann sein Schicksal zu bestimmen. Daß er selbst seiner vermuthlichen Braut mißfallen könne, fiel ihm gar nicht einmal ein.

Die Base hatte durch den Gedanken an eine mögliche nähere Verbindung mit dem Vetter eine noch lebhaftere Theilnahme für diesen gewonnen, und fragte ohne Umstände nach allen seinen Verhältnissen, worauf sie lauter befriedigende [194] Antworten erhielt. Der Prediger mischte sich in dieß Gespräch und hoffte durch die nun anwesende ehemalige Dienerin der Gräfin Vieles über deren frühere Verhältnisse zu erfahren. Er sagte also: Da Sie, meine werthe Frau Professorin, in Ihrer Jugend die Baronin Schlebach und ihre Tochter auf Reisen begleitet haben, so werden Sie sich ja freuen, die Letztere hier wieder zu begrüßen. Was! rief die Angeredete, indem sie aus großer Ueberraschung von ihrem Sitze aufsprang, ist die Frau von Blainville hier? Frau von Blainville, wiederholte der Prediger verwundert, ich meine die Gräfin Hohenthal, die Gemahlin des hiesigen Gutsherrn.

So lebt sie also und hat sich wieder verheirathet? fragte die Wittwe des Professors. Nun, setzte sie mit Rührung hinzu, ich muß die Gnade Gottes preisen, daß er mir auch diesen Wunsch gewähren will, sie vor meinem Ende wieder zu sehen; ich habe mir vergebliche Mühe genug gegeben, sie wieder aufzufinden.

Also war die Gräfin schon ein Mal verehelicht, sagte der Prediger, der sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte.

Haben Sie das nicht gewußt? fragte die Fremde mit einem scharfen Seitenblicke. Nein, erwiederte der Geistliche, es ist mir überhaupt Manches auffallend gewesen; die Familie scheint Vieles zu verschweigen, und selbst die vertraute [195] Dienerschaft theilt das geheimnißvolle Wesen, denn der Haushofmeister Dübois ist eben so zurückhaltend wie seine Herrschaft. So ist der gute alte Dübois auch hier, rief die Fremde in freudiger Ueberraschung. Sie kennen ihn also? fragte der Prediger auf's Neue. Wie sollte ich nicht, rief mit Thränen in den Augen die Frau Professorin, indem sie vor Verwunderung die Hände zusammen schlug. Du große Güte! morgen am Tage gehe ich auf's Schloß, sie alle zu besuchen; Du mein Heiland! das hätte ich nicht gehofft, auch den guten Alten wieder zu finden nach so vielem Unglück, er war ja schon damals alt.

Sie werden uns ja vieles Interessante mittheilen können, Frau Professorin, sagte der Geistliche sehr freundlich. Sie äußerten sich verwundert darüber, die Gräfin lebend zu wissen, Sie drückten sich so aus, als ob sie Ihnen verloren gegangen wäre; das klingt ja Alles recht sonderbar und könnte wohl die Neugierde erregen. Die Befragte richtete abermals einen scharfen Blick auf den Geistlichen und erwiederte mit der Frage: Hat Ihnen denn die Gräfin das nicht alles selbst erzählt? Keine Sylbe, erwiederte der Pfarrer, und auch hier unserm Freunde, der doch der Arzt des Hauses ist, sind alle Verhältnisse desselben fremd. So, erwiederte die Frau Professorin trocken, wenn das ist, so ist es ein. Zeichen, daß die Frau Gräfin darüber nichts sprechen [196] will; denn Sie, mein lieber Herr Prediger, haben eine so dreiste Art zu fragen, daß man es sich schon recht fest vornehmen muß, wenn man ein Geheimniß bei sich behalten und Ihnen verbergen will. Ich will nun gerade nicht damit sagen, daß sich das für einen protestantischen Geistlichen schickt. Wenn Sie katholisch wären, so wäre es was Anders, denn die haben ihren Götzendienst und ihre Ohrenbeichte, aber wir guten Christen brauchen Gottlob unsern Priestern nicht Alles zu sagen.

Verlegen und empfindlich erwiederte der Pfarrer: Nach Ihrer Antwort muß ich glauben, daß Sie mir eine recht böse Absicht zutrauen, wenn ich aus Theilnahme mich nach den Verhältnissen der Gräfin erkundige.

Nehmen Sie es mir nicht übel, erwiederte die Base des Schulzen, ich bin mein Lebelang treu gewesen, und was die Gräfin für gut gefunden hat Ihnen zu verschweigen, werden Sie von mir auch nicht erfahren.

Der Geistliche war auf's Aeußerste verletzt, daß diese Frau mit bäuerischer Gradheit ihm seinen Fehler so treuherzig vorrückte; zugleich mußte er sich tadeln, daß er sie für zu einfältig gehalten, da er vermuthlich alles, was er wissen wollte, hätte erfahren können, wenn er nicht geglaubt hätte, hier ohne alle Umstände geradezu gehen zu dürfen. Er schwieg also verdrießlich. Der Arzt hatte auf diese Unterredung [197] seines Freundes mit seiner Base wenig geachtet. Sein eigenes Schicksal beschäftigte ausschließend seine Gedanken. Der Besitz einer bedeutenden Bibliothek, eines ansehnlichen Naturalienkabinets beglückte sein Herz. Er dachte daran, wie er dieß alles wolle hieher kommen lassen, und dabei fiel ihm die Nothwendigkeit ein, ein eigenes Haus zu haben, wenn er seine Schätze recht genießen wollte. An diesen Gedanken knüpfte sich der andere, daß alsdann eine Frau im Hause nothwendig sein würde, und er blinzelte so oft nach der schlanken Marie hinüber, daß diese trotz ihrer großen Jugend erröthete. Auf solche Weise war die Unterhaltung den Frauen überlassen, und die Frau des Predigers vertiefte sich mit der Base des Arztes bald in ein Gespräch über häusliche Einrichtungen, welches immer wärmer und lebhafter wurde, je mehr beide Frauen ihre gegenseitigen Einsichten erkannten, und man wechselte laut und lebhaft mit Fragen und Rathschlägen ab, worauf die beiden anwesenden Männer nicht zu achten schienen, sondern gedankenvoll und stillschweigend Tabak rauchten, indeß die jungen Mädchen in dieser langweiligen Umgebung nicht recht wußten, was sie mit sich anfangen sollten.

Wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel dämmert, so wurde die drückende Langeweile, die sich auf die Gesellschaft zu lagern begann, ein wenig durch einen rasch vorfahrenden [198] Wagen zerstreut, dessen zierliche, der neusten Mode entsprechende Form sich im hellen Mondenschein bemerken ließ. Der Prediger eilte erstaunt den neuen Gästen entgegen, denen ein gut gekleideter Diener den Schlag des Wagens öffnete, worauf ein junger, sehr zierlich gekleideter Mann heraussprang, dem ein alter etwas mühsam folgte. Der Herr sei gelobt, der uns so weit geführt hat, sagte dieser mit heuchlerischer Stimme, und der Prediger erkannte den alten Lorenz. Er war zweifelhaft, wie er ihn aufnehmen sollte, als dieser mit großer Unbefangenheit auf ihn zutrat und ihm die Hand mit Vertraulichkeit bot, die der Prediger, überrascht, nicht ausschlug. Wir fuhren so nahe bei Ihnen vorbei, lieber Herr Prediger, begann Lorenz, daß ich es nicht unterlassen konnte, Ihnen meinen Besuch zu machen, um so weniger, da auch mein Sohn sehr wünschte, Ihnen nach so langer Zeit ein Mal wieder seine Achtung zu beweisen. Die Neugier, diesen Sohn zu sehen, war in dem Augenblick das überwiegende Gefühl des Predigers, und er nöthigte die Angekommenen höflich, einzutreten. Der junge Mann näherte sich mit leichten Schritten und sicheren Gebehrden den Frauen, um sie zu begrüßen, und nach einigen höflichen Worten, mit denen er sei nen späten Besuch bei der Frau des Predigers entschuldigte, musterte er mit dreistem Blicke die Gruppe der jungen Mädchen, von welchen keine seinen besonderen Beifall zu erhalten [199] schien. Er fuhr sich hierauf mit den weißen Fingern durch die schwarzen Locken, ordnete vor dem Spiegel ohne Umstände seine Halsbinde und gesellte sich zu den Männern.

Der Prediger konnte sein Erstaunen weder beherrschen noch verbergen, indem er seine neuen Gäste betrachtete. Jede Spur von Armuth war verschwunden; die feinsten Kleider trug heute der alte Lorenz statt des abgetragenen Ueberrockes, dessen er sich noch vor Kurzem bediente. Sie waren seinem Alter angemessen, aber doch nach der Mode; den kahlen Scheitel deckte eine künstliche Perücke, und statt des im Walde geschnittenen Stockes diente ihm jetzt ein mit einem goldenen Knopfe versehenes Rohr als Stütze.

Der Arzt war durch das Geräusch der Eintretenden ebenfalls aufgeregt worden, und indem er die neu Angekommenen begrüßte, betrachtete er mit scharfen, stechenden Blicken den jungen Mann, der seine großen schwarzen Augen dafür höchst ruhig auf ihn richtete.

Irre ich nicht, redete ihn der Arzt mit vor Zorn flammenden Wangen an, so habe ich schon ein Mal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen. Ich wüßte nicht, antwortete der junge Lorenz; ich bin jetzt erst kurze Zeit wieder hier im Lande. Indem er diese Antwort höchst gleichgültig gab, nahm er aus einer goldenen Dose ruhig Tabak.

[200] Der Arzt ergriff seine eigene, viel schönere goldene Dose, und indem er heftig auf den Deckel schlug, rief er mit funkelnden, halb zugekniffenen Augen: Ich dächte doch, Sie müßten sich erinnern, was in Krumbach vorfiel, als ich Sie dort in der Schenke traf.

Ich halte mich nicht anders in Schenken auf, sagte der Andere verächtlich, als wenn auf Reisen meine Pferde Ruhe bedürfen, und so kann es wohl sein, wenn Sie solche Orte besuchen, daß Sie mich ein Mal in der in Krumbach vorhandenen getroffen haben, denn mein Weg hat mich mehrmals durch dieses Dorf geführt.

Und Sie hätten ganz vergessen, sagte der Arzt, indem er nahe auf ihn zutrat, was Sie damals alles sprachen, als ich durch mein Pflichtgefühl getrieben die Schenke besuchte, aus Menschlichkeit, die der Arzt niemals verläugnen darf, denn Wehe dem, der sich zu vornehm dünkt, an das Schmerzenslager zu treten, mag es stehen, wo es will. So können Sie mich in Schenken und an noch niedrigeren Orten antreffen, wenn Pflicht und Menschenliebe es mir gebieten; wenn ich aber zu meiner Erholung unter Menschen gehe, so werden Sie mich immer in der besten Gesellschaft finden, zu der ich gehöre.

Es ist gut, daß Sie mir das sagen, antwortete der junge Lorenz gleichgültig, denn Ihre unnütze, unbegreifliche [201] Heftigkeit würde mich das zum Beispiel nicht haben errathen lassen.

Der Arzt bemühte sich nun ebenfalls gleichgültig zu sprechen und fuhr deßhalb mit schlecht unterdrückter Heftigkeit fort: Es scheint also, Sie haben rein vergessen, was Sie damals über den Grafen Hohenthal sprachen, über seine Ergebenheit gegen die Franzosen, über den verwundeten Herrn St. Julien, dessen Leben ich mit Mühe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte, der arme Mensch, der weder sprechen, noch sich rühren durfte damals; jetzt, Gottlob! ist er hergestellt und kann sich selbst verantworten. Haben Sie das alles ganz aus Ihrem Gedächtnisse vertilgt?

Wenn ich damals in der That solche Ansichten hatte, erwiederte der junge Lorenz mit unzerstörbarer Ruhe und Gleichgültigkeit, so habe ich sie gewiß mit allen, die etwas von den Verhältnissen des Grafen wußten, getheilt, und ich sehe nicht ein, was Sie darin beleidigen kann, und wenn Sie wirklich zur guten Gesellschaft gehören, wie Sie versichern, so werden Sie selbst einsehen, daß es nicht passend ist, mich in einem fremden Hause über eine Ansicht, die Ihnen unrichtig scheint, mit Heftigkeit zur Rede zu stellen. Nach diesen sehr ruhig gesprochenen Worten ließ er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen gleichgültigen Antheil an dem Gespräche seines Vaters mit dem Prediger.

[202] Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewöhnliche heuchlerische Weise mitgetheilt, daß er ein kleines Gut für's Erste gepachtet habe, daß er aber wohl hoffen dürfe, es werde in Jahresfrist das Eigenthum seines Sohnes werden, der für jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem bedeutenden französischen Generale annehmen würde, der mit seinen Truppen noch so lange in Preußen verweilen würde, bis die Kontributionen alle abgetragen wären; und es ist dieß eine vernünftige Einrichtung, schloß der alte Heuchler, und Gott möge seinen Segen dazu geben, denn mein Sohn kann dem Herrn General nützlich sein in tausend Fällen, weil er die Rechte studirt hat, und kann auch wiederum manchem Freunde dienen, der die Hülfe eines Landsmannes bei dem Herrn General brauchen sollte.

Es entgingen die schlechten Gründe dem Pfarrer nicht, welche die Handlungen des Sohnes wie des Vaters bestimmten, und er betrachtete den jungen Mann mit mißtrauischen Blicken, als er sich in das Gespräch mischte.

Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm Mancherlei von ihrem verstorbenen Gemahl zu erzählen; dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang auf die Bibliothek und das Naturalienkabinet, und ging endlich auf merkwürdige Krankheitsfälle über, die dem Arzte vorgekommen [203] waren, und die sie sich umständlich erzählen ließ, so daß dessen üble Laune gänzlich schwand und er nach dem Abendessen, von ihr aufgefordert, mit Vergnügen diese Verwandte, die er sich eingestand verkannt zu haben, nach Hause zu begleiten versprach. Als sie nach einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie, und einer kaum merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen gefaßt hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen Wohnung des Schulzen zuwandelte, sagte sie gutmüthig scheltend: Er hat immer noch seinen unvernünftigen Trotzkopf, Vetter; was fing Er nur für unnütze Händel mit einem Menschen an, der ihn in's Unglück bringen kann? So wie ich hörte, daß der alte Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzählte, daß sein Sohn ein Franzose wird, so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und ließ mir geduldig vorerzählen, wovon ich kein Wort verstehe, damit Er nur nicht wieder mit dem schlechten, jungen Menschen in Zank und dadurch in Unglück gerathen sollte; aber sei Er für die Zukunft vorsichtig, versprech Er mir das. Sie meinen es gut mit mir, sagte der Arzt nicht ohne Bewegung. Das habe ich immer gethan, erwiederte seine Verwandte, und umarmte und küßte ihn herzlich, da sie das Haus des Schulzen erreicht hatten. Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand, die dieser höflich küßte, worüber [204] das junge Mädchen lebhaft erröthete, und die Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung.

Der Prediger hatte den Verdruß, daß Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen, und er war gezwungen ihnen ein Nachtlager anzubieten, damit er sich selbst zur Ruhe begeben könnte, und dieß wurde von Beiden wie eine Sache, die sich von selbst verstände, angenommen.

X

Der Arzt hatte am Morgen des nächsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag seiner Base zu besorgen, und der Gräfin ihre Ankunft und ihren Besuch für denselben Vormittag zu melden; denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten innerlich versöhnt hatte, so kostete es ihm doch Viel, seinen Hochmuth zu besiegen, und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der Gräfin zu bezeichnen. Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die unerwartete Nachricht, und suchte, sobald sie nur Fassung gewann, den Arzt auf eine geschickte Art über alle beim Prediger geführten Gespräche auszufragen, aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben, denn jenes Seele war besonders davon erfüllt, wie heldenmüthig er sich nach seiner Meinung dem Verräther, dem jungen Lorenz, gegenüber benommen hatte.

[205] Er hatte die Gräfin kaum verlassen, als diese Dübois rufen ließ, um ihm das Unerwartete mitzutheilen und ihn zu bitten, die ehemalige Dienerin zuerst zu empfangen, um ihr die nöthige Schonung zu empfehlen. Der alte Mann war bereit zu thun, wozu sein eigenes Herz ihn trieb, und er begab sich hinunter, um die Ankommende zu empfangen, ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte, denn der Haushofmeister kannte aus früheren Zeiten ihre große Redseligkeit und konnte nicht wissen, ob die Veränderung ihres Standes sie zurückhaltender gemacht haben würde. Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt; denn kaum war eine Viertelstunde verflossen, so nahte sich die Erwartete im höchsten Putz mit großen Schritten. Die Tochter folgte der Mutter, denn es gelang ihrer Anstrengung nicht, sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten, und kaum hatten Beide die Schwellen des Hauses überschritten, als die Mutter, ihren alten Freund erblickend, ihren Shawl heftig zurück warf, so daß er zur Erde fiel, und mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte. Dübois erwiederte diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit; da aber die oft wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten, und die schallenden Küsse ein spöttisches Lächeln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen Bedienten hervorriefen, so entzog er sich höflich den Armen, die ihn[206] umschlossen, und bat seine Freundin, erst bei ihm einzutreten, ehe sie ihren Besuch bei der Gräfin ablegte. Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser Einladung, von der Tochter begleitet, die den Shawl der Mutter vom Boden aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte.

Der Haushofmeister bewirthete seine Gäste mit einem Frühstück, während dessen er der Wittwe des Professors alles abfragte, was er zu wissen begehrte, und ihr rathen konnte, so gelinde als möglich ihrer ehemaligen Herrschaft mitzutheilen, was diese wissen mußte. Unter Strömen von Thränen war die Unterredung geführt worden, und die geduldige Marie saß während ihrer langen Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers, wohin sie die Mutter, nachdem sie dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt, verwiesen hatte, um ungestört mit ihrem alten Freunde zu sprechen.

Endlich war das Frühstück geendigt und das Nöthige verabredet; die Thränen wurden getrocknet, der Shawl in die gehörigen Falten gelegt, und der Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm, führte sie mit höflicher Aufmerksamkeit die große Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer ehemaligen Herrschaft.

Die Gräfin trat ihnen entgegen. Meine gute Freundin, rief sie, indem sie die ehemalige Dienerin erblickte, und wollte sie umarmen; diese aber ergriff mit Heftigkeit beide [207] Hände der ehemaligen Gebieterin, die sie abwechselnd mit Küssen bedeckte und mit Thränen überströmte. Sobald die Gräfin ihre Hände befreien konnte, umarmte sie die Wittwe des Professors und sagte: Wie freut es mich, meine Liebe, Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden, daß die Zeit den Antheil, den Sie an meinem Schicksal neh men, nicht geschwächt hat.

Mitten in ihrer Rührung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte: Millionen Thränen habe ich um Ihretwillen geweint und gewiß nicht verdient, daß Sie mich nun so fremd behandeln, und mich nicht mehr Du nennen und Leonore, wie in früheren Zeiten so viele Jahre hindurch.

Mein Herz ist darum nicht weniger warm, sagte die Gräfin, indem sie die Hände der erzürnten Frau drückte, aber dieß muß um Ihretwillen so bleiben; auch würde sich Ihr Neffe, der Arzt, gekränkt fühlen, wenn es anders wäre.

Nun ja, erwiederte besänftigt dessen Base, den Thoren kenne ich ja mit seinem Hochmuthe. Lassen Sie uns überhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten sprechen, sagte die Gräfin mit bewegter Stimme, meine gute Leonore. Sie kennen mein Unglück; haben Sie mir gar nichts Tröstliches zu sagen?

Die Wittwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den tiefsten Schmerz versenkt. O Gott! [208] rief sie aus, was haben Sie alles leiden müssen, und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht; wie mager sind die schönen weißen Hände geworden, und wo ist die herrliche Farbe geblieben? Blühten Sie doch wie eine Rose, und es war ganz natürlich, daß der gute Herr Blainville so verliebt blieb, ob Sie gleich schon lange verheirathet waren.

Meine Liebe, sagte die Gräfin aus beklemmter Brust, schonen Sie mich mit Erinnerungen, durch die Sie mich tödten können.

Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen: Sie haben Recht, ach! Sie haben Recht, aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen, wenn ich Sie ansehe.

Reden Sie nicht von mir, sagte die Gräfin mit großer Anstrengung, sprechen Sie von dem Schicksale des unglücklichen Kindes.

Ich weiß ja nichts von dem kleinen Herrn, klagte die Wittwe des Professors und sammelte sich endlich so weit, um, von Thränen und Klagen unterbrochen, ihrer ehemaligen Herrin erzählen zu können, wie sich ihr Schicksal gestaltet hätte, nachdem sie die Gräfin verloren. Diese, obgleich zerschmettert von dem Worte der Dienerin, durch das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen schien, bezwang dennoch ihr Gefühl und hörte mit ängstlicher Aufmerksamkeit [209] den Bericht, um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu finden.

Ach! hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an, wie war uns zu Muthe, mir und der Mamsell Adele, als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und nun ruhig nach Hause gegangen waren. Mein Gott, mein Gott! als wir die offenen Thüren erblickten, als wir ankamen, die geöffneten Schränke und die grausige Unordnung. Ihr schöner Hut lag auf dem Boden, und es hatte Jemand mit schmutzigen Füßen darauf getreten, der Wirth des Hauses stand im Wohnzimmer und schalt uns, so wie wir ankamen, schändliche Aristokraten; ich wollte ihm antworten, wie sich's gehörte, denn ich hatte französisch genug dazu in der Gottvergessenen Stadt gelernt, aber Mamsell Adele rief heftig: Wo ist Herr Blainville und seine Gemahlin? Herr Blainville, wiederholte plötzlich der Wirth, von dem weiß ich nichts, der Vaterlandsverräther, der verkappte Graf ist, wo er hingehört, im Gefängnisse. Mein Bruder, mein unglücklicher Bruder! schrie Mamsell Adele in Verzweiflung, und wurde bleich und starr wie eine Leiche. So groß mein Schmerz war, so ging mir doch ein Licht auf, und ich war recht böse, daß Sie mir die Sache nicht gehörig vertraut hatten, ich hätte nichts verrathen und hätte den gehörigen Respekt vor Mamsell Adele haben können, statt, daß ich sie [210] geärgert hatte, wo ich konnte, denn ich hielt sie für hochmüthig und von Ihnen begünstigt, und ich dachte, ich wollte sie dadurch aus dem Dienst treiben, denn sie kam mir unnöthig im Hause vor. Jetzt sah ich das alles anders ein durch dieß einzige Wort, das sie im Unglücke und im Schrecken ausgesprochen.

O mein Gott! seufzte die Gräfin und bedeckte ihre überströmenden Augen mit den Händen. Die rohe, aber gutmüthige Erzählerin sah, welche Schmerzen ihre Worte erregten, und zog mit sanfter Gewalt die Hände der ehemaligen Herrin von den weinenden Augen derselben zurück, um sie mit Küssen und mit warmen Thränen zu bedecken. Weiter, meine Liebe, sagte die Gräfin mit zitternder Stimme, um Gottes Willen fahren Sie fort.

Ja, weiter in der unglücklichen Geschichte, rief die Wittwe des Professors, Sie wissen nicht, wie mir das Herz blutet, wenn ich an all den Jammer und Trübsal denke. Ich wußte nicht, was ich mit Ihrer armen Schwägerin anfangen sollte, die bleich und starr da saß, ohne zu weinen, ohne zu reden, ja ohne ein Glied zu rühren. Ich war ganz allein mit ihr, der Hausherr hatte uns wieder verlassen, und ich wußte nicht, was ich anfangen sollte, denn ich hatte nicht den Muth, die Arme zu verlassen und einen Arzt zu rufen. Endlich brachte ich sie doch wieder etwas zur Besinnung, sie sprang [211] nun auf ein Mal auf, faßte heftig zitternd meinen Arm und sagte leise: Komm, wir müssen meinen Bruder aufsuchen. Ich war bereit und wir stürmten der Thüre zu, ohne zu wissen wohin. In der Thüre begegnete uns ein alter Herr, den das arme Fräulein Adele zu kennen schien. Mit gerungenen Händen fiel sie vor ihm auf die Knie und rief: Helfen Sie, retten Sie! Der gute Mann weinte selber und sagte: zuerst müssen Sie fort von hier und zwar sogleich, damit Sie nicht eben falls verhaftet werden, denn alsdann würde es noch schwieriger werden, etwas für Ihren Bruder zu thun. Ich fürchte, der Herr des Hauses ist schon ausgegangen, die Anzeige zu machen, denn ich traf ihn nicht zu Hause, deßhalb lassen Sie uns eilen. Als ich diese Worte hörte, kam mir schnell von Gott der gute Gedanke, daß Ihnen nicht damit geholfen wäre, wenn uns die unmenschlichen Jakobiner einsperrten, und ich sagte also dem guten alten Manne, der sich unserer annehmen wollte, daß man Mamsell Adele gar nicht fragen müsse, denn sie sei so außer sich, daß der Hausherr mit der Wache kommen würde, ehe sie nur begriffe, wovon die Rede sei. Der verständige Mann sah das ein, und wir faßten jeder die arme Weinende unter einem Arm und brachten sie mit Gewalt die Treppe hinunter in den Wagen des alten Herrn, und der Schurke, der Wirth, behielt nichts als das leere Nachsehen, wenn er mit seinen [212] Jakobinischen Wachen wird angekommen sein. Wie lange wir gefahren sind, weiß ich nicht, denn sowohl ich, als unser alter Begleiter, wir waren während des Weges nur bemüht, die arme Mamsell Adele ein wenig zu beruhigen, aber Gott weiß, es gelang uns schlecht. Endlich hielt der Wagen vor einem kleinen Hause in der Vorstadt; der alte Herr hieß mich ausstiegen und ging mit mir in dieß unscheinbare Haus, das, nachdem er drei Mal leise geklopft, geöffnet und hinter uns sogleich wieder verschlossen wurde. Eine alte Frau kam uns entgegen, und ich hörte wohl, wie mein Führer ihr auftrug, für mich auf's Beste zu sorgen, aber um Gottes Willen mich nicht ausgehen zu lassen, weil wir alle durch meine Unvorsichtigkeit unglücklich werden könnten. Als er mich verlassen wollte, fragte ich, was aus Fräulein Adele werden sollte. Er antwortete mir, wir dürften nicht zusammen bleiben, es wäre für uns beide sicherer, wenn Jede einen andern Zufluchtsort fände, er sei ein Freund ihres Hauses und sorge für unser aller Bestes mit großer eigener Gefahr.

Ich hatte lange genug unter den Heiden in Paris gelebt, ich konnte also wohl einsehen, daß wir behutsam sein müßten, und fügte mich in mein Schicksal. Als ich mit der guten Frau allein war, hatte ich Zeit genug, über unser Unglück nachzudenken, und ich brachte die ganze Nacht weinend und jammernd zu, denn nun, da die größte Angst vorbei [213] war, dachte ich auch an unsern kleinen Herrn. Endlich am Abende des andern Tages kam der Herr wieder, der mich hieher geführt hatte, und sagte mir, er würde mich des andern Abends um dieselbe Zeit abholen und zu einer deutschen Herrschaft bringen, die mich als Kammerjungfer mitnehmen und in Frankfurt am Main zurücklassen wolle, von wo ich meine Heimath leicht erreichen könne. Ich fragte nach Ihrem Schicksale. Er trocknete sich die Thränen und sagte, man müsse auf Gottes Beistand hoffen, er könne mir nichts darüber sagen. Als ich nach Fräulein Adele fragte, antwortete er etwas ungeduldig, er könne mir weiter keine Nachricht geben, als nur die Versicherung, daß sie außer Gefahr sei, und ich sollte froh sein, daß er auch mich in Sicherheit bringen wollte. Ich fragte ihn, ob ich nicht noch ein Mal nach unserer Wohnung zurück gehen könne, um meine Sachen abzuholen, die dort alle zurück geblieben waren. Er wurde hierauf recht grob und sagte, es sei ein Zeichen großer Dummheit, daß ich um der Lumpen Willen dahin zurück zu gehen dächte. Er besänftigte sich aber bald und befahl mir, ich sollte bis zum nächsten Abende zusammenrechnen, wie viel der ganze zurückgelassene Kram werth sei, er wolle ihn mir baar bezahlen, ich solle aber weder mich, noch ihn deßhalb unglücklich machen. Ich war damit zufrieden und fragte ihn nicht weiter nach unserm kleinen Herrn, denn ich dachte[214] mir schon, daß er doch nicht aufrichtig antworten würde. Kaum aber hatte er das Haus verlassen, so fing ich an die alte Frau, die es bewohnte, mit Bitten und Thränen so lange zu bestürmen, bis sie selbst zu weinen anfing und mir zu helfen versprach; denn da sie mich nicht recht verstand, so glaubte sie, der kleine Herr sei mein eigenes Kind, und ich ließ es geschehen, daß sie es glaubte, und gab gern zu, daß sie mich für eine leichtsinnige Dirne hielt, damit sie mir nur helfen möchte. In aller Frühe des nächsten Morgens drückte sie mir einen Hut tief in's Gesicht hinein, hing einen Schleier darüber, gab mir einen Mantel, und nachdem sie sich eben so angethan hatte, verließen wir das Haus, nahmen auf dem nächsten Platze einen Wagen und so ging es fort nach dem Dorfe. Gott, wie schlug mein Herz auf diesem Wege, theils aus Angst, daß man uns verhaften möchte, theils aus Verlangen nach dem lieben Kinde. Wir erreichten glücklich das Dorf, wir fanden das Haus, aber nur zu neuem Jammer. Die Pflegerin unsers kleinen Herrn lag im hitzigen Fieber, von dem Kinde war nichts zu sehen. Die Weiber, die die Kranke warteten, sagten mir, ein alter Herr habe am vorigen Tage das Kind abgeholt und es zu einer Dame in einen Wagen gehoben, die nach des alten Mannes Aussage die Mutter des Kindes gewesen sei. Ich dachte einen Augenblick, Sie selbst hätten Ihr Kind abgeholt, [215] aber ich besann mich bald, daß es nicht so sein könnte, denn Sie würden auch mich wieder zu sich genommen haben, wenn Sie frei gewesen wären. Es war nun nichts weiter zu thun, als den Rückweg mit Thränen anzutreten und den Abend zu erwarten. Als es dunkel geworden, kam der alte Herr richtig, wie er es versprochen. Ich hatte indeß meine Rechnung für Lohn und Kleider gemacht, wie er es verlangt hatte. Er bezahlte mir Alles und schenkte mir noch hundert Franken zur Reise. Da ich ihn in so gütiger Stimmung sah, so wagte ich es, ihm mein Leid mit unserem Kinde zu vertrauen. Er wurde sehr böse und schalt auch die alte Frau, daß wir gegen seinen Befehl das Haus verlassen hatten; als ihm diese aber, um sich zu entschuldigen, sagte, daß sie meinen Jammer und meine Thränen nicht mehr hätte mit ansehen können, weil ein Stein hätte durch meine Klagen bewegt werden müssen, da wurde er wieder sanftmüthig und sagte, da ich so große Treue für meine Herrschaft zeigte, so wolle er die Unbesonnenheit vergeben, und übrigens müsse ich zu meinem Troste glauben, daß Gott ein unschuldiges Kind nicht würde untergehen lassen, wenn ich es auch nicht mehr bei seiner Pflegerin gefunden habe. Das war alles, was ich mit Bitten und Flehen über den kleinen Herrn erfuhr, und ich mußte nun mit dem unbekannten Herrn fort, der mich zu meiner neuen Herrschaft brachte, die beinah kein[216] Wort mit mir sprach. Mit dem frühesten Morgen ging es aus Paris hinweg. Wir reisten Tag und Nacht, bis wir Gießen erreichten. Hier ließen sie mich zurück, und ich hatte nicht einmal erfahren, mit Wem ich die Reise gemacht hatte. Weil ich mir den Fuß beschädigt hatte, mußte ich in Gießen einige Zeit bleiben, und da fügte es Gott, daß ich an meinen alten Professor gerieth. Wie ich mit dem verheirathet war, vertraute ich ihm unser ganzes Schicksal an, denn er war eine treue Seele und ich dachte, er würde vielleicht etwas auskundschaften können über Ihr Schicksal oder über unsern kleinen Herrn. Er schrieb nun nach allen Weltgegenden hin und hatte überall seine gelehrten Freunde, die ihm allerlei Lappalien meldeten, was sie ihre wissenschaftlichen Forschungen nannten, aber das, was mir am Herzen lag, forschte keiner aus. Die Schweizer schrieben ihm, der alte Herr Blainville und Ihre Frau Mutter wären todt; von Ihnen wußte man nichts, und die Franzosen konnten von dem kleinen Herrn gar nichts ausspüren, und so mußte ich mich in Gottes Willen ergeben und dachte gar nicht mehr, daß ich Sie jemals wieder sehen könnte, und hier nun schenkt mir Gott die unvermuthete Freude. Und das bin ich doch eigentlich dem hiesigen Prediger schuldig, denn hätte er nicht in den Zeitungen bekannt machen lassen, daß ich mich hier einer Erbschaft wegen zu melden hätte, so wäre es mir wohl niemals [217] eingefallen, diese Reise zu unternehmen, und wenn mein alter Professor noch lebte, so würde er auch nun einsehen, daß er Unrecht hatte, darüber zu lachen, wenn ich mir aus den Zeitungen nichts vorlesen ließ, als solche Bekanntmachungen und Anzeigen, wo allerlei Sachen verkauft wurden; denn, sagen Sie selbst, was geht mich Bonaparte an, und was brauche ich noch über die Franzosen zu hören? Die habe ich hinlänglich kennen gelernt und den Krieg fühlt man genug, wenn er da ist, man braucht sich nicht um den zu bekümmern, der in der Ferne geführt wird. Solche Anzeigen aber haben ihren Nutzen, und man sollte nicht darüber lachen, wenn vernünftige Menschen sie lesen. Mir wird diese einfältige Neugierde, wie mein seliger Mann meine Leserei nannte, manchen schönen Thaler einbringen, denn ich erhalte nun dadurch die mir zukommende Erbschaft.

Die Gräfin hatte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht ihrer ehemaligen Dienerin vernommen, und sie fand einen schwachen Trost darin. Sie wußte doch nun bestimmt, daß ihre Schwägerin sowohl, als das geliebte Kind in den schrecklichsten Augenblicken ihres eigenen Lebens nicht umgekommen waren. Sie konnten beide leben, und es konnte vielleicht dem Grafen gelingen, diese schwachen Spuren zu verfolgen und die Verlornen aufzufinden. Sie dankte daher der ehemaligen Dienerin für die von ihr bewiesene Treue [218] und bat sie, während ihres hiesigen Aufenthaltes auf dem Schlosse zu wohnen. Die Wittwe des Professors nahm dieß Anerbieten mit Dankbarkeit an und sagte: Es ist nicht Hochmuth von mir, aber erstlich bin ich froh, wieder in der Nähe meiner ehemaligen Herrschaft zu sein, und dann habe ich mir das Bauernleben so abgewöhnt, daß ich es nicht lange bei den guten Leuten, meinen Verwandten, würde aushalten können.

Die Gräfin bat nun, sie möchte ihre Zimmer gleich in Besitz nehmen und alle ihre Sachen nach dem Schlosse bringen lassen, damit bei der Mittagstafel sie sich schon ganz als Hausgenossin fände.

Ich bemerke, rief die Professorin, Sie verlangen, ich soll an Ihrer Tafel speisen, und als die Gräfin dieß bejahte, fuhr sie fort: Nimmermehr werde ich mich dazu entschließen, und wenn ich mir auch das Bauernleben abgewöhnt habe, so habe ich doch keinen dummen Hochmuth bekommen. Sie sind lange Jahre meine Herrschaft gewesen, das werde ich nicht vergessen. Ja, ich habe mich nicht einmal zu der Gesellschaft der andern Professorsfrauen gehalten, wie mein seliger Mann noch lebte, denn ich sah es recht gut, daß ich ihnen zu gering war; ich war ihnen nicht fein, nicht gelehrt genug, aber mit aller ihrer Gelehrsamkeit hatten es ihre Männer nicht so gut, wie mein alter lieber Mann. [219] Der konnte ohne Sorgen leben, brauchte sich um nichts zu kümmern und hatte doch Alles im Ueberfluß, und wenn die Herren Professoren bei uns speisten, so gestanden sie alle aufrichtig, bei uns sei der beste Tisch. So lebten wir still und ruhig; ich pflegte meinen Mann, und hielt mein Kind zur Kirche und Schule an, und sorgte dafür, daß meine Marie früh die Wirthschaft lernte und nicht tausend unnütze Thorheiten. Deßhalb setzten die andern Professorentöchter das arme Kind auch zurück, denn mir fiel es nicht ein, daß es nöthig sei, daß sie in allen Sprachen Liebesbriefe zu schreiben verstehen müsse; eben so wenig braucht sie mit einem Schawl oder mit einer Trommel zu springen, oder auf allen Instrumenten zu klimpern. Auch ist es kein Unglück, wenn sie nicht alle Spielereien zu machen versteht, die im Grunde kein Mensch braucht, denn ich habe gesehen, daß die vornehm erzogenen Mamsellen nachher vor lauter Gelehrsamkeit ihr Haus nicht regieren konnten und mit allen ihren feinen Arbeiten nicht verstanden, wenn es Noth that, ein Hemd für ihren Mann und ihre Kinder zuzuschneiden.

Sie mögen im Ganzen Recht haben, sagte die Gräfin, obwohl ich fürchte, Sie gehen zu weit, was Ihre Tochter anbetrifft; doch Sie sind mir ein so lieber Gast, daß ich wünsche, Sie möchten sich in meinem Hause einrichten, wie es Ihnen am angenehmsten ist.

[220] Wenn Sie mir das erlauben, sagte die Professorin, so werde ich bei meinem alten Freunde Dübois speisen, und meine kleine Marie mögen Sie an Ihren Tisch nehmen, damit sie Manieren lernt, denn da ich sie in der Zukunft mit dem Doktor zu verheirathen wünsche und der so viel auf feine Lebensart hält, so wäre es mir lieb, wenn sie darin nicht hinter ihren künftigen Mann zurückbliebe.

Die Gräfin lächelte, indem sie die Bitte ihrer ehemaligen Dienerin bewilligte, und Dübois, der herbei gerufen wurde, erhielt den Auftrag, die Zimmer im untern Stockwerk der neuen Bewohnerin anzuweisen; zugleich theilte ihm die Gräfin scherzend mit, daß die Frau Professorin seine Gesellschaft der ihrigen vorzöge und an seiner Tafel zu speisen wünsche. Mit großem Ernst erwiederte der Haushofmeister, daß er die Ehre, so ihm seine Freundin erweise, zu schätzen verstehe. Nun, nun, sagte die Wittwe des Professors, sprechen Sie nur nicht mit so großem Respekt, wissen Sie nicht mehr, wie oft sie mich ausgescholten haben, wie wir noch Kameraden waren.

Die Gräfin wünschte die Tochter der Professorin zu sehen, und Dübois eilte, die stille, geduldige Marie herauf zu führen, die während der langen Unterredung zwischen ihrer Mutter und der Gräfin ruhig am Fenster in Dübois Zimmer gesessen hatte.

[221] Als der Haushofmeister das Zimmer verlassen hatte, trat St. Julien ein, um ein Buch von der Gräfin abzuholen, welches sie ihm am vorigen Tage versprochen hatte. So wie die Professorin ihn erblickte, wurde sie bleich und schlug die Hände zusammen. Als der junge Mann die Gräfin anredete, schien seine Stimme einen ähnlichen Zauber, wie sein Anblick auf die ehemalige Dienerin zu üben, denn sie seufzte tief auf und wurde glühend roth. St. Julien, der die Bewegung der Fremden bemerkte, ohne zu ahnen, daß er sie veranlasse, glaubte, sie habe ein Gesuch bei der Gräfin, und verließ deßhalb bald das Zimmer, um durch seine Gegenwart nicht zu stören.

Wer ist dieser junge Mann? rief die Professorswittwe außer sich, die Hände der Gräfin ergreifend, als sie allein waren.

So fällt Ihnen die große Aehnlichkeit auch auf? fragte die Gräfin mit zitternder Stimme, indem Thränen über ihre Wangen flossen.

Mein Gott, mein Gott! rief die Professorin bebend, es ist ja Herr Blainville, wie er leibte und lebte, sogar das Zucken des Mundes, womit er das Lachen unterdrückte, wie er mich in meiner Alteration bemerkte.

Die Gräfin hatte kaum noch Zeit, ihre ehemalige Dienerin mit den Verhältnissen des jungen Mannes bekannt zu [222] machen und sie zu bitten, von allen Leiden, die sie mit einander erlebt hätten, nichts dem Prediger anzuvertrauen, weil es für sie kränkend sein würde, wenn diese Schmerzen ein Gegenstand allgemeiner Gespräche werden sollten, und die Wittwe des Professors hatte kaum feierlich versprochen zu schweigen, als die Tochter derselben blöde und zitternd eintrat, und sich furchtsam der Gräfin näherte, um ihre Hand zu küssen, wie es ihr früher die Mutter befohlen hatte.

Die Gräfin fühlte Mitleid mit dem armen Kinde, das, offenbar durch eine übel angebrachte Strenge der Mutter unterdrückt, kaum zu athmen wagte. Sie sprach gütig mit dem eingeschüchterten jungen Mädchen, konnte aber doch nichts als einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen. Sie machte hierauf der Mutter den Vorschlag, ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen, weil junge Mädchen besser zu einander paßten, als zu bejahrten Frauen. Die Professorin fühlte sich geschmeichelt und gab ihre Einwilligung, worauf die Gräfin Emilie zu sich bitten ließ, um ihr ihre neue Freundin vorzustellen. Diese betrachtete mit Theilnahme das zitternde Kind, und die Wittwe des Professors sagte, nachdem sie Emilie mit einem scharfen Blick betrachtet hatte, zur Tochter: So kannst Du denn gleich hier bleiben; ich werde allein zu meinem Vetter, dem Schulzen, zurück gehen und unsere Sachen herschaffen lassen, damit wir [223] noch heute in Ordnung kommen. Die Worte hatte sie mit Härte und Trockenheit an die Tochter gerichtet. Hierauf trat sie zu Emilie, faßte ihre Hand und sagte, mit einer Thräne im Auge: Ich lasse gern mein Kind bei Ihnen, Sie sehen gut und milde aus, und werden eine Waise nicht verspotten, wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat, die ich ihr nicht habe geben können und der selige Professor auch nicht. Der gute Mann verstand nichts von Kindererziehung, obgleich er dicke Bücher darüber schrieb.

Emilie drückte die Hand der rohen, aber guten Frau und sagte: wenn Ihre Tochter mir Vertrauen schenken will, so werde ich sie als meine liebe Freundin be trachten.

Lieber Gott, erwiederte die Professorin, was hat so ein Kind zu vertrauen? Das wäre ja ein Unglück, wenn die schon ihre Geheimnisse hätte.

Die Gräfin konnte das Lächeln über dieses Mißverständniß nicht unterdrücken und sagte: Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle Sorge bei uns, meine liebe Freundin, und eilen Sie, sich Ihrem Wunsche gemäß einzurichten, damit ich die Freude habe, Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen.

Die Professorin ging und es ließ sich bemerken, daß die blöde Marie nach der Entfernung der Mutter tief aufathmete und sich sichtlich erleichtert fühlte. Sie ließ sich nun [224] auch zum Sprechen bewegen, und obgleich sie in allen Kenntnissen selbst für ihr Alter zurück zu sein schien, so ließ sich doch eine natürliche Munterkeit des Geistes, ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht verkennen, und man bemerkte deutlich, indem sie über ihre häuslichen Einrichtungen sprach, daß sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht so zufrieden war, wie diese es zu verdienen glaubte, sondern es regte sich in dem jungen Mädchen eine lebhafte Sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen, und sie hüpfte fröhlig an Emiliens Hand hinweg, indem sie ihr Glück pries, sich zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen Freundin gegenüber zu befinden.

Die Wittwe des Professors besorgte mit gewohnter Thätigkeit ihre Geschäfte und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dübois auf dem Schlosse für sie eingerichteten Zimmer. Der Haushofmeister hatte für seine Freundin auf's Beste gesorgt, und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet, auch ein zu ihrer Bedienung bestimmtes Mädchen. Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer Kleider behülflich und führte sie dann nach dem Zimmer, wo er für sich und seine Gäste die Tafel hatte bereiten lassen, und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav vorstellte. In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische, und heitere, ungezwungene [225] Gespräche würzten das Mahl. Dübois bediente mit ächt französischer Höflichkeit seine Freundin, für die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand, der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher Aufmerksamkeit bewogen, und Beider Bestrebungen wurden von der Wittwe des Professors dankbar anerkannt. Da aber Dübois sie immer Madame anredete, so folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele, und dieß verdüsterte, nachdem es einige Male geschehen war, sichtlich die Stirn der Frau Professorin. Mit auffallendem Verdruß wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit ziemlicher Heftigkeit: Mein lieber junger Herr, wenn mich Herr Dübois Madame nennt, so hat das nichts auf sich, wir sind alte Freunde, auch wissen die Franzosen nicht, was sich schickt; sie kennen keinen Unterschied und nennen Alles gradeweg Madame, ein Fischerweib und ihre Königin oder Kaiserin, aber ein Deutscher muß Lebensart lernen, und daher können Sie mich immer nach meinem Titel Frau Professorin nennen, denn selbst der Neid muß es meinem seligen Manne lassen, daß er ein gelehrter Professor war.

Der junge Mann schwieg mit Bestürzung, und Dübois sagte lächelnd: Vergeben Sie mir meinen Fehler, wertheste Freundin, wodurch unser Freund auch zum Irrthum verleitet wurde. Ich werde mir die französische Unhöflichkeit [226] abgewöhnen und den Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen.

Gott bewahre, rief seine Freundin, zwischen uns bleibt es beim Alten, aber die Jugend muß anständig erzogen werden, meinen Sie das nicht auch? Freilich, freilich, sagte Dübois lächelnd, und nicht wahr, mein Sohn, fuhr er, zu Gustav gewendet, fort, Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen? Der Jüngling neigte sich beistimmend, und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen Gesellschaft zurück, die ohne weitere verdrießliche Störung ihre Mahlzeit beendigte. –

XI

Die schüchterne Marie hatte im obern Stockwerke im Speisesaale an der Tafel Platz genommen und hielt sich ängstlich an der Seite ihrer Beschützerin Emilie. Sie konnte ihre Blödigkeit nicht überwinden, und wagte weder zu essen noch ein Wort zu sprechen, so gütig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde. Die Gräfin bat am Ende, Jedermann möge sie ungestört lassen, weil diese Blödigkeit nur durch die Zeit zu überwinden sei, wo sie sich dann von selbst verlieren würde. Der Arzt fühlte sich gekränkt durch das ungeschickte Betragen seiner Verwandtin und vermuthlichen künftigen Braut; doch tröstete er sich mit dem Gedanken, [227] daß sie eigentlich noch ein Kind sei, dessen Fähigkeiten unter seiner Leitung ausgebildet werden könnten.

Der Obrist Thalheim und seine Tochter, so wie der Prediger nahmen Theil an dem Mittagsmahle, welches durch heitere, freundschaftliche Gespräche zu Mariens Qual verlängert wurde, die erst dann wieder frei athmete, als man endlich die Tafel aufhob.

Emilie und Therese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf, sie zu begleiten. Herzlich froh, aus dem Saale zu entkommen, schloß sie sich gern an, und Emilie fragte, als sie in den dunkeln Baumgängen auf und ab gingen, weßwegen sie denn unter lauter wohlwollenden Freunden so ängstlich gewesen sei. Mein Herz war aus großer Ehrerbietung so beklommen, antwortete das unschuldige Kind. Der Graf meint es gewiß gut mit Jedermann, aber er hat so vornehme Augen, daß mir bange wurde, so oft er mich ansah; vor der Frau Gräfin fürchte ich mich schon weniger, denn sie ist eine Frau, aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernsthaft aus und dann der alte Herr Obrist so majestätisch. Wie er hat gewiß der alte König von Preußen ausgesehen, von dem er so viel spricht. Glauben Sie mir, ich kam mir recht unverschämt vor, daß ich mich unterstand, mit allen den Herren zu Tische [228] zu sitzen, und ich weiß nicht, weßhalb sie alle den Herrn St. Julien so zu lieben scheinen, denn der hat doch gewiß ein schlechtes Herz.

Wie kommen Sie darauf? fragte Emilie überrascht.

Bemerkten Sie denn nicht, erwiederte Marie, wie er immerfort meinen Herrn Vetter, den Doktor, zum Besten hatte, und doch sagt er selbst, daß er ihm das Leben gerettet hat.

Aber können Sie denn läugnen, fragte Therese, daß der Doktor etwas sonderbar in seinem Betragen ist?

Ach! das verstehen Sie nicht, antwortete die Kleine empfindlich, das kommt von der Gelehrsamkeit. Ich habe viele gelehrte Herren gesehen, die noch viel sonderbarer sich betrugen, und mein seliger Vater selbst, der ein großer Mann war, wie alle Andern sagten, sah doch auch seltsam genug aus.

Das müssen Sie nur Herrn St. Julien deutlich machen, sagte Emilie ein wenig spöttisch; wenn er seinen Fehler einsieht, wird er ihn gewiß verbessern.

Gott bewahre mich davor, mit dem Menschen zu sprechen, rief die Kleine erschrocken. Er würde ja noch weit mehr Ursache finden, über mich zu spotten, als über meinen armen Vetter.

Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen, bemerkte Emilie. [229] Und Sie kennen ihn so wenig, fügte Therese hinzu, Sie wissen nicht, wie gut er ist, fragen Sie nur Ihren Vetter selbst, ob er ihn nicht herzlich liebt.

Das würde wenig beweisen, sagte die Kleine mit altkluger Miene. Meine Mutter hat es tausend Mal gesagt, je größer die Gelehrsamkeit der Herren ist, die sie aus den Büchern haben, je einfältiger sind sie in der Welt, worin sie leben, und deßhalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken, wenn ihn Herr St. Julien verspottet. Das sehe ich besser ein, wie er, ob ich gleich noch ein Kind bin, wie meine Mutter sagt.

Emilie und Therese lächelten über den Eifer ihrer jungen Gefährtin, mit welchem sie den Arzt vertheidigte, und waren sehr zufrieden, als die Töchter des Predigers zum Besuch kamen, deren Alter mehr dazu geeignet war, daß sich die noch sehr junge Marie ihnen anschließen konnte. Sie verlor auch in deren Gesellschaft bald die große Schüchternheit, und in jugendlicher Lust überließ sie sich mit ihnen der Freude, und die jungen Mädchen liefen um die Wette, versteckten sich in den Hecken und tobten als glückliche Kinder umher, während die älteren Freundinnen viele ernsthafte und hochwichtige Gegenstände mit einander besprachen. Jede hatte der Andern vertraut, wie drückend die Einsamkeit für sie sein würde, wenn nun die Freunde schieden, an deren [230] Umgang sie sich so gewöhnt hätten, und Jede fühlte recht wohl, welcher Kummer dann das Herz der Andern erfüllen würde.

Der Graf hatte sich mit dem Obristen in sein Kabinet zurückgezogen, um ihm auseinander zu setzen, was er für seinen Vetter zu thun gesonnen sei, um diesem dadurch den Weg zu bahnen, sein Glück von Therese und ihrem würdidigen Vater zu erbitten; denn obgleich die tiefe Leidenschaft des jungen Grafen so wenig, wie die aufrichtige Neigung der schönen Therese den beobachtenden Freunden ein Geheimniß sein konnte, so fand es der Graf doch schicklich, dem Obristen erst seinen Plan vorzulegen, wie das häusliche Glück seines Verwandten gesichert werden sollte, ehe dieser förmlich um die Hand der Geliebten anhielte.

Der Obrist fand neue Ursache, die Großmuth seines Freundes zu bewundern, und willigte im Voraus in das Glück seines Kindes.

Der junge Graf und St. Julien waren zu Dübois hinunter gegangen, um ihren Kapellmeister aufzusuchen, wie St. Julien den jungen Gustav nannte. Sie fanden die Wittwe des Professors bei dem Haushofmeister; Beide saßen am Kaffeetische, aber man sah, daß die Unterhaltung nicht heiter gewesen war, denn Beide hatten viel geweint. So wie aber St. Julien eintrat, entfuhr ein Ausruf der Verwunderund der ihre Thränen trocknenden Frau, und sie betrachtete [231] mit auffallender Aufmerksamkeit den jungen Mann, der denn auch seinerseits seine Verwunderung hierüber nicht bergen konnte.

Beide eingetretenen Freunde hatten seit einiger Zeit eine so innige Verbindung geschlossen, daß ihnen jede Förmlichkeit lästig wurde, und sie nannten sich daher gewöhnlich bei ihrem Taufnamen; deßhalb sagte auch jetzt der junge Graf, nachdem Dübois seinen Pflegesohn gerufen hatte, wie er den jungen Gustav nannte: Laß uns nun gehen, Adolph, um unsere Musik gehörig einzuüben.

Heißen Sie Adolph? rief die Wittwe des Professors, indem sie mit Heftigkeit aufsprang. Ja, erwiederte St. Julien, und ich denke, dieß ist ein gewöhnlicher Name, den ich führen darf, wie jeder Andere, ich begreife nicht, was darin seltsam oder befremdend sein könnte. Die Wittwe des Professors hatte ihn während dieser Rede starr angesehen, und schlug nun mit sichtlichem Erstaunen ihre Hände zusammen und ihre Augen flossen in Thränen über. St. Julien kam auf den Verdacht, daß sie an Geistesverwirrung litte, und sah Dübois befremdet an. Dieser sammelte sich selbst mit Anstrengung und sagte mit erzwungenem Lächeln: Meine werthe Freundin und ich, wir haben so viele gute und kummervolle Stunden mit einander verlebt, und es knüpfen sich für uns Beide theure Erinnerungen an den Namen Adolph, [232] die auch mich zuweilen in Ihrer Gegenwart bewältigt haben, deßhalb werden Sie die Bewegung der Frau Professorin verzeihen.

Ich will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen, sagte St. Julien, den Dübois sichtliche Bewegung ernsthaft machte. Sie haben mich nie mit Fragen belästigt, und es ist nur billig, daß ich Ihre Bescheidenheit nachahme. Er reichte dem alten Manne freundschaftlich die Hand, verbeugte sich gegen die Wittwe des Professors und entfernte sich mit seinen beiden Freunden.

Als die Andern allein waren, sagte der Haushofmeister: Meine beste Freundin, wir müssen behutsamer das Geheimniß der Gräfin zu bewahren suchen. Die wehmüthige Erinnerung an die Vergangenheit hat heute eine zu mächtige Herrschaft über uns geübt, und wir sind in unserer Betrübniß unvorsichtig gewesen.

Das mag sein, erwiederte die Professorin, aber ich lasse es mir nicht nehmen, der Herr St. Julien sieht dem seligen Herrn Blainville ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem andern, und Gott weiß, wie das zusammenhängt. Unsern kleinen Herrn habe ich selbst gewartet und habe tausend Mal das kleine braune Maal unter dem linken Auge betrachtet, das hat nun der Herr St. Julien auch, und das ist doch wunderbar genug.

[233] Aber liebe Freundin, sagte Dübois, ich habe Ihnen alle Verhältnisse des Herrn St. Julien auseinander gesetzt. Seine Mutter lebt und wird in Kurzem hier sein, um den Sohn abzuholen.

Das kann sein, sagte die Wittwe des Professors, aber ich habe es öfter gehört, daß, wenn man ein Kind brauchte und Gott keins gewährte, man sich ein fremdes verschafft hat.

Meine theure Freundin, welchen Gedanken erregen Sie in mir, rief Dübois in freudiger Bestürzung.

Ich werde hier bleiben, sagte die Professorin trotzig, bis die Frau Mutter kommt. Ich werde sehen, wie das zusammenhängt, denn so ähnlich sieht ein Mensch dem andern nicht durch Zufall.

Sie zeigen mir eine Hoffnung, sagte Dübois, indem er die Hände seiner Freundin zitternd faßte, die mein altes Herz nicht mehr zu hegen wagte; aber um Gottes Willen, lassen Sie uns der Gräfin nichts davon sagen; ich glaube, sie würde sterben, wenn wir in ihr eine Vermuthung erregten, die sich nur zu wahrscheinlich in kurzer Zeit als nichtig erweisen wird.

Glauben Sie nur sicher, erwiederte die Wittwe des Professors, daß ich schweigen kann, wenn ich will und wenn es mir nöthig scheint. Ich rede nur, wo ich es für gut halte, und meinen Schreck habe ich nun auch überstanden. Ich [234] werde jetzt auch mit dem Herrn St. Julien ganz ruhig reden können und werde meine Zeit abwarten, wenn ich es für gut halte, hervorzutreten. Aber sagen Sie mir doch, hat denn die große Aehnlichkeit die Gräfin auf gar keine Vermuthung geführt?

Ich glaube wohl, erwiederte Dübois, daß sie beim ersten Anblicke des jungen Mannes eine schwache Hoffnung hatte, aber da ja seine Mutter lebt, so mußte sie bald das Nichtige derselben erkennen.

So sind die vornehmen Leute, grollte seine Freundin. Daß man ein Kind stehlen kann, ist ihr gewiß noch gar nicht eingefallen. Nun ich betrachte es als eine Fügung Gottes, daß ich hieher habe kommen müssen, und ich werde mir die Frau Mutter des Herrn St. Juliens etwas genauer betrachten, ehe der hinweg geht, den ich für unsern kleinen Herrn halte.

Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Aussprüchen seiner Freundin Hoffnungen zu nähren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur Behutsamkeit und Vorsicht, und Beide beschlossen, weder dem Grafen noch seiner Gemahlin das Geringste von ihren Vermuthungen vor der Ankunft der Mutter des jungen Mannes mitzutheilen, und dann ihr Betragen nach den Umständen einzurichten.

Während dieser verschiedenen Unterredungen war der [235] Prediger mit dem Arzte in dessen Zimmer, wo Beide, während sie eifrig Tabak rauchten, sich darin vereinigten, das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln, der Prediger aber dennoch dem Arzte rieth, sich klüger und mit mehr Mäßigung als bisher gegen Beide zu benehmen. Der Doktor Lindbrecht wollte außer sich gerathen, daß ein Geistlicher ihn, wie er es nannte, zur Falschheit ermahnen wollte, da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen könne, ohne ihm seine Verachtung zu zeigen, und keinen Verläumder, ohne ihn mit männlicher Kühnheit zu widerlegen. Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewöhnlich gegen den Arzt, um ihm überzeugend zu beweisen, daß dieses thörichte Angreifen des jungen Lorenz nicht allein für ihn selbst unangenehme Folgen haben würde, sondern auch leicht dem Grafen nachtheilig werden könne, so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im Lande hätten und noch immer gewissermaßen die Herren spielten. Sie hörten ja selbst, schloß er, daß der elende Mensch, der junge Lorenz, sich wie mit einer ehrenvollen Sache damit brüstete, daß er im Dienste eines französischen Generals sei. Bedenken Sie, was daraus alles entstehen kann, wenn Sie in so offenbarer Feindschaft mit ihm leben, daß Sie ihn angreifen, wo Sie ihn treffen.

Der Arzt sah endlich die Nothwendigkeit ein, die Glut seiner Seele zu beherrschen, wie er sagte, und er hatte bald [236] Gelegenheit, eine Probe seiner Mäßigung und Klugheit abzulegen.

Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Mühe auf die Bahn der Klugheit geleitet hatte, begaben sich Beide nach dem Gesellschaftssaale, wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden, noch in erste Gespräche vertieft, die den Obristen, so schien es, lebhaft angeregt hatten, denn er betrachtete mit Rührung sein schönes Kind, als Emilie mit ihrer Freundin Therese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat, begleitet von Marie und den Töchtern des Predigers, die sämmtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften Spielen eintraten.

Da die jungen Männer sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und kurz darauf auch die Gräfin erschien, so konnte die Musik beginnen, worauf sich heute St. Julien besonders freute, da er ein zärtliches Duett mit Emilie vorzutragen hatte, welches auch glänzend gelang, weil die eigene Empfindung sich den Tönen vertraute und Beide ihr unschuldiges Geheimniß, welches sie sich selbst noch nicht gestanden hatten, in fremde Worte gehüllt, schwebend auf himmlischen Tönen, öffentlich bekannten.

Es gibt wohl wenige Menschen, auf die Musik gar keinen Eindruck macht; auch war nicht Einer in der Gesellschaft, der sie nicht auf seine Weise empfand, aber doch war [237] Niemand so davon ergriffen, als die Verwandte des Arztes. Die Wangen des jungen Mädchens glühten und die großen blauen Augen strebten vergeblich die Thränen zurück zu halten, die zu ihrer Angst und Qual wie Thautropfen auf Rosen glänzten.

Emilie näherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig, denn alle Schüchternheit, die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte, war zurückgekehrt in der ernsthaften vornehmen Gesellschaft. Macht Musik einen so traurigen Eindruck auf Sie, fragte Emilie das junge Mädchen leise, daß Sie Ihre Thränen nicht zurückhalten können?

O! flüsterte Marie lebhaft und leise, ich habe niemals andern Gesang gehört, als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Straße, weil die Mutter mich nirgends hingehen ließ. In der Kirche habe ich auch so mitgesungen, wie alle Andern, aber lieber Gott, was ist das für ein Unterschied! Wie Sie hier sangen, war mir zu Muthe, als ob der Himmel geöffnet wäre und die Engel von oben herunter sängen. Ja gewiß, ich habe es schon heute bemerkt, hier sind alle Herrlichkeiten vereinigt in diesem Schlosse und Garten, und die Menschen darin leben, wie die Seligen im Paradiese; durch diese Mauern dringt keine Noth, und was Jammer und Schmerzen bedeuten, wissen Sie nicht.

Emilie lächelte still. Sie dachte an die jammernden Gebete, [238] die hier zum Himmel aufgestiegen waren, an die in diesen Sälen verhallten Seufzer, an die zahllosen Thränen, die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten, und entfernte sich von Marie, um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur Wehmuth stimmen zu lassen.

Die Stimmung der Gesellschaft veränderte sich, als ein Bote, den der Graf nach der nächsten Stadt geschickt hatte, zurückkehrte und unter mehreren Briefen auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte, worin ihm aufgetragen wurde, den französischen Kapitain St. Julien ungesäumt vor den Kommandanten der Festung *** zu stellen, die Bescheinigung, daß solches geschehen sei, der Behörde einzuliefern und zugleich anzugeben, weßhalb er den besagten St. Julien bei sich behalten und auf welche Autorität, statt ihn den Behörden einzuliefern.

Dieses Schreiben verscheuchte die Heiterkeit, die noch eben die Gesellschaft belebt hatte, denn es mahnte ernsthaft an die nahe Trennung, und rief außerdem manches Ernste und Kummervolle lebendig hervor, was sich Jeder gern zu verhüllen bestrebt hatte. Die Männer vereinigten sich, um zu berathen, was nun geschehen müsse, und indem Alles überlegt wurde, erkannte der Graf von Neuem, wie vielen Dank er dem Prediger schuldig sei, der damals schon, als St. Julien leblos in das Haus des Grafen gebracht wurde, mit Besonnenheit [239] und Genauigkeit dafür gesorgt hatte, daß man gehörig antworten und sein Betragen rechtfertigen konnte. Es wurde nach ernsthafter Berathung beschlossen, daß gleich des anderen Tages St. Julien nach der Festung *** abreisen solle, begleitet von dem Grafen und dem Arzte, von dem Ersten, damit die für die preußische Behörde erforderliche Bescheinigung nicht verweigert würde, und von dem Zweiten, damit erforderlichen Falls ein Zeugniß abgelegt werden könne, durch welches der junge Mann gerechtfertigt würde, so daß sein Ausbleiben von seinem Regimente nicht zu seinem Nachtheil für eine willkührliche Handlung ausgegeben werden könnte. Sobald Sie die Bescheinigung vom Kommandanten erhalten haben, sagte der Prediger, dann senden wir mit dieser die Eingabe zugleich ein, die wir machten, um anzuzeigen, wie ein französischer Offizier verwundet im Walde gefunden worden sei, nebst dem Zeugnisse der Aerzte über seinen gefährlichen Zustand und dem Bescheide der Behörde, daß besagter Offizier so lange unter Ihrer Obhut bleiben könne, bis weiter über ihn verfügt würde, und so sind alle Unannehmlichkeiten vermieden. Der Graf sah dieß wohl ein, und sein Blick trübte sich, nicht aus Besorgniß vor Unannehmlichkeiten, wie der Prediger zu glauben schien, sondern er verdüsterte sich bei dem Gedanken an die baldige unvermeidliche Trennung. Er reichte St. Julien die Hand, die dieser [240] zärtlich drückte, indem er schweigend die großen dunkeln Augen abwendete, die überzuströmen drohten.

Gustav näherte sich dem jungen Grafen, der sich still und sinnend an eine Fenstervertiefung lehnte, und dessen umwölkte Stirn zeigte, daß noch andere Gedanken sein Gemüth bewegten, und nicht allein die nahe Trennung. Emilie war blaß geworden und hatte mit der Gräfin den Saal verlassen. Der Arzt war, nachdem er vernommen hatte, daß sein Zeugniß bei dem französischen Generale vielleicht nöthig sein würde, im Gefühle seiner Wichtigkeit einige Mal mit hastigen Schritten im Saale auf und abgegangen, und zog sich nun in sein Zimmer zurück, einen weitläuftigen Krankenbericht aufzusetzen, den er dem Kommandanten der Festung *** vorzulegen gedachte, um ihn zu belehren, wie gründlich und vollkommen nach den Regeln der Kunst St. Juliens Wunden geheilt worden wären.

So war die Heiterkeit und Freude aus dem Kreise der Freunde entflohen und kehrte auch nicht für diesen Abend zurück, als man sich von Neuem vereinigte. Jeder fühlte das Bedürfniß, sich ungestört seinen Gedanken zu überlassen, und man trennte sich deßhalb früher als gewöhnlich.

Der Graf und St. Julien waren am andern Morgen in Begleitung des Arztes nach der Festung *** abgereist, und der junge Graf, der sie zu Pferde eine Strecke begleitet [241] hatte, war zurückgekehrt, und wandelte einsam und traurig in den dunkeln Baumgängen des Gartens. Sein Schützling und Freund, der junge Gustav, hatte sich zu ihm gesellt, und suchte ängstlich und schweigend aus den trüben Blicken seines Beschützers dessen Kummer zu errathen. Endlich brach der Graf Robert das Schweigen, indem er sagte: Bald wird nun hier alles auseinander gehen, was sich so schön zusammen gefunden hat, und auch von Dir, mein guter Junge, muß ich mich nun bald trennen.

Sie haben es selbst gewollt, erwiederte der Jüngling schüchtern, ich wäre gern bei Ihnen geblieben.

Das wäre eine Thorheit gewesen, versetzte der junge Graf. Dein eigenes Bestes fordert die Trennung, Du mußt Deine Studien vollenden. Aber vergiß nur über Deinen Studien nicht, daß Du ein Vaterland hast, denke daran, daß Dein König Deiner vielleicht in der Zukunft bedarf, und daß es die erste und edelste Pflicht aller Männer jedes Standes ist, ihrem Vaterlande ihren Arm zu leihen, wenn ihn dasselbe zu seinem Schutze bedürfen sollte; kurz, gedenke aller unserer Gespräche, die wir führten, wenn wir unser Vaterland beweinten, aber gedenke ihrer in Deinem verschwiegenen Innern und lasse Dich nicht verleiten, Knaben zu vertrauen, worüber sich nur Männer berathen sollen. Lasse Dich nicht dadurch täuschen, daß Du vielleicht denkst, ich habe [242] ja doch auch manches Ernste mit Dir besprochen, ohne Deine Jugend als Hinderniß zu betrachten. Dich hat ein hartes Schicksal erzogen und Dich frühe gereift; Deine Seele ist männlich geworden, obwohl Du noch ein Jüngling bist.

Ich werde gewiß alle Ihre Lehren in treuer Brust bewahren, erwiederte der Jüngling, und gewiß nicht der letzte sein, der, wenn es gilt, dem Vaterlande seine Dienste anbietet. Ich habe den Krieg in der Nähe gesehen, ich habe alle Leiden erfahren, die er herbei führen kann, und ich bin eben darum meiner um so gewisser, wenn es einmal dazu kommt; denn mich kann nichts Unerwartetes erschrecken und entmuthigen, und kein neuer grausenhafter Anblick kann meine Seele verwirren, und dennoch, wenn ich hier in diesen Baumgängen friedlich mit Herrn St. Julien auf und abgehe, so treibt mich oft der Gedanke auf ein Mal von ihm, daß er zu unsern Feinden gehört, und heute hat es mich recht mit Kummer erfüllt, daß er nun zu seinen Fahnen zurückkehrt.

Die Ehre gebietet es, antwortete der Graf finster, er kann nicht anders. Aber, sagte der junge Mensch ängstlich, indem er den Arm des Grafen heftig drückte, ohne es zu wissen, wenn uns nun dieser gute, freundliche St. Julien, der uns beide liebt, der mich selbst die Waffen brauchen lehrt, ein Mal feindlich gegenüber steht, ist es nicht wie ein [243] Brudermord, wenn wir unser Schwerdt auf seine Brust richten?

Gott wird solch Zusammentreffen verhüten, sagte der Graf abgewendet. Wenn es aber doch geschähe, fragte der Jüngling dringend, was wäre in solchem schrecklichen Falle unsere Pflicht?

Uns abzuwenden und einen Brudermord zu vermeiden, sagte der Graf, wenn es irgend möglich ist, ohne unsere Sache zu verrathen.

Und wenn wir aus der Ferne mit unserm Geschütz ihn niederschmettern und das Unglück erfahren, wenn wir als Sieger das Schlachtfeld behaupten? fragte der junge Mensch mit bewegter Stimme.

Dann beweinen wir einen gefallenen Freund, sagte der Graf mit hervorbrechendem Schmerz. Was quälst Du mich mit diesen Vorstellungen? Das ist es ja eben, was meine Seele ängstigt; ich habe diesen Menschen wie einen Bruder lieben gelernt. Ich sehe es ja, welche Bande ihn an dieß Haus fesseln werden, und dennoch kann er uns nicht wahrhaft angehören und das Schicksal fügt vielleicht einmal das Gräßlichste. Doch, fuhr er nach einigem Besinnen fort, diese Schreckbilder drohen noch aus so weiter Ferne, daß es thöricht ist, sich diesen Sorgen jetzt schon hinzugeben.

Als die Reise des Grafen und St. Juliens den Abend [244] vorher beschlossen wurde, hatte die Gräfin den Obristen gebeten, mit seiner Tochter auf Schloß Hohenthal bis zur Rückkehr der Herren zu verweilen, und dieser hatte gern ihren Wunsch erfüllt, und Therese verließ am andern Morgen Emiliens Zimmer, wo sie die Nacht zugebracht, indem ihre Freundin sich zur Gräfin begab, und wollte ungestört im Garten sich ihren Träumen und Hoffnungen überlassen, denn der alte Obrist liebte sein einziges Kind zu sehr, als daß er ihr seine Unterredung mit dem Grafen hätte verschweigen können. Sie wandelte sinnend, ein milder Ernst ruhte auf der schönen gesenkten Stirn und ein halb wehmüthiges Lächeln umschwebte die wie Purpurrosen glühenden Lippen. Vertieft in Gedanken, hatte sie nicht auf ihren Weg geachtet und keinen Gegenstand bemerkt, so daß plötzlich der Graf Robert und sein junger Freund vor ihr standen. Eine glühende Röthe bedeckte beim Anblick des Grafen das edle, ausdrucksvolle Gesicht, und der Zauber der Schönheit, die ihm nie so reizend erschienen war, fesselte die Zunge des liebenden Mannes. Der Jüngling Gustav zog sich nach den ersten Begrüßungen zurück, und Therese war allein mit dem Freunde unter dem blauen Himmel, der herbstlich mild sich über ihnen wölbte. Der Graf fand endlich Worte, die lang gehegte innige Zärtlichkeit seines Herzens zu enthüllen, und Theresens Seele war zu einfach, das Gefühl in ihrem Busen zu rein und edel, [245] als daß sie es dem Freunde hätte verbergen mögen; aber dennoch versagten ihr die Lippen, als sie nach Worten suchte. Die schönen braunen Augen füllten sich mit Thränen und blickten mit so tiefer, rührender Zärtlichkeit in die flehenden des geliebten Mannes, daß er die holde Antwort verstand und das liebliche Geschöpf, von seliger Freude trunken, in seine Arme schloß. Er drückte einen Kuß auf den rosigen, lebenswarmen, unentweihten Mund, und indem ihn die Schauer des Entzückens durchbebten, erschrak die unschuldige Jungfrau vor dem neuen, unbekannten Gefühl und entwand sich sanft den umschlingenden Armen.

Der Graf hatte die schweigende Antwort verstanden, und führte die Geliebte zum greisen Vater und bat hier um die Bestätigung seines Glücks. Der Obrist erhob die Hände dankend zum Himmel und flehte mit lautem, freudigem Gebet um Segen für seine geliebten Kinder.

Es waren die Minuten des reinsten Entzückens entschwunden, in denen der Mensch, in höheren Empfindungen lebend, sich selbst und die Gegenwart vergißt. Die Erde trat wieder in ihre Rechte ein, und indem die irdischen Verhältnisse wieder mit Klarheit hervortraten, wurden die Freunde an die Pflichten gegen diejenigen gemahnt, deren Großmuth ihr Glück erst möglich machte. Der Obrist führte seine Kinder selbst zur Gräfin, die er mit Emilien im Saale antraf, und [246] machte ihr die beschlossene Verbindung bekannt. Er hatte dieß mit Ruhe und Würde thun wollen, aber ihn bewältigte die Rührung und die Thränen flossen über die vom Alter gefurchten Wangen. Ihnen und Ihrem edeln Gemahl, schloß er, danke ich die himmlische Ruhe meiner letzten Tage und das Glück meines Kindes. Er wollte nach diesen Worten die Hand der Gräfin küssen, sie aber entzog sie ihm, um ihn gerührt und ehrerbietig zu umarmen. Sie sind ja unser aller Vater durch Ihr Gefühl, sagte sie, und ich bin Ihnen Dank schuldig. Ich habe meinen Vater so früh verloren, daß mein verwaistes Herz die ehrerbietige Neigung einer Tochter niemals empfand, bis ich sie, indem ich Ihr Wohlwollen erkannte, fühlen lernte.

Emilie neigte sich glückwünschend gegen den jungen Grafen und drückte mit inniger Liebe ihre Freundin an die Brust, und es durchzitterte ihren Busen ein so wehmüthiges Gefühl, indem sie die junge, glückliche Braut in ihren Armen hielt, daß sie den Saal verließ, sobald es, ohne auffallend zu sein, geschehen konnte, um in der Einsamkeit ein Gefühl zu überwinden, das sie um so mehr ängstigte, weil es ihr wie eine Anwandlung von Neid erschien.

Als sie allein war, schien es ihr, als ob ein Schleier von ihrem inneren Auge hinweggehoben sei. Sie erkannte nun mit Klarheit, was ihre dunkle Sehnsucht schon lange angedeutet [247] hatte. Das Leben ohne St. Julien schien ihr trübe und öde, und mit unaussprechlicher Trauer mußte sie sich eingestehen, daß die nächste Zukunft ihr das Gestirn entrücken würde, das, ihr unbewußt, ihr die Bahn des Lebens bezeichnet hatte. Früh gewöhnt indeß, die Schmerzen der Seele zu besiegen, kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zurück, und ihre Stirn erschien so heiter, daß Niemand als die Gräfin den Kummer ahnte, den ihre junge Brust verschloß.

XII

Die Reisenden hatten, um nach der Festung *** zu gelangen, mehr als eine Tagereise zurückzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den folgenden Morgen. Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche Kleider geworfen hatten, begaben sie sich nach der Wohnung des Kommandanten. Im Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen, die alle vorgelassen sein wollten, wie es dem Grafen schien. Ein Kammerdiener stand an der Thüre, und der Graf näherte sich ihm und bat, indem er seinen Namen nannte, ihn zu melden. Der Kammerdiener neigte sich höflich, indem er nach einem jungen Manne blickte, der in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach. Des Grafen Augen folgten dem Blicke und er erkannte ohne Mühe den schwarz gekleideten jungen Mann, den er schreibend bei dem[248] groben Verwalter angetroffen hatte, als er den Obristen Thalheim aus unwürdigen Verhältnissen erlöste. Ohne Verlegenheit näherte sich der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene, und des Arztes blitzende Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz. Ein Ausruf der Verachtung wurde nur mit Mühe unterdrückt, denn zur rechten Zeit fielen dem feurigen Arzte die Warnungen des Predigers ein, und er beschloß nun mit philosophischer Standhaftigkeit und männlicher Würde die Nähe eines Schurken zu ertragen. Der junge Lorenz näherte sich, ohne den Arzt weiter zu beachten, mit ruhiger, kalter Höflichkeit dem Grafen und fragte, ob ein dringendes Geschäft ihn zum Kommandanten führe, da er nur in diesem Falle gemeldet werden dürfe, weil seine Excellenz sehr beschäftigt sei.

Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhältnisse in der mit unverschämter Höflichkeit gestellten Frage, daß der Graf so gut wie der Arzt gezwungen war, sich zu beherrschen, um sich nicht durch einen Menschen verletzt zu zeigen, der dessen unwerth schien. Jener antwortete also mit Kälte, daß er darum ersuchen müsse, ihn gleich zu melden, weil es allerdings dringend nöthig sei, daß er seine Excellenz, den Herrn Kommandanten, spräche. Der junge Lorenz verließ ihn, wie es dem Grafen schien, mit einer spöttischen Verbeugung, [249] die sehr kalt erwiedert wurde, und verschwand durch die Thüre, die zu dem Kommandanten zu führen schien.

Wenn die Thüre geöffnet wurde, erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu werden, aber so oft einer, der Gehör gefunden hatte, das Kabinet des Kommandanten verließ, wurde ein anderer der Harrenden eingeführt, und den Grafen und seine Begleiter schien Niemand zu beachten. Der junge Lorenz erschien wie der im Vorsaale und ging an dem Grafen vorüber, ohne ihn anzureden, und dieser konnte sich nicht überwinden, seine Verwendung noch ein Mal zu fordern. Er erstaunte über sich selbst, sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines französischen Generals zu finden, und nur die Liebe, welche er für St. Julien empfand, konnte ihn bestimmen, das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu erwarten.

St. Julien hatte ungeduldig umher gesehen, um einen Offizier zu erblicken, an den man sich wenden könne, aber nur Personen, die wie Kaufleute und Handwerker aussahen, waren als Bittende im Vorsaale, und der Kammerdiener an der Thür, dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet waren, so oft ein neuer Bittender in das Heiligthum drang.

Endlich blieb der junge Lorenz vor dem Arzte stehen [250] und sagte mit großer Geringschätzung: Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben, so thun Sie am Besten, mir Ihre Mittheilung zu machen, denn der Herr General wird sich schwerlich mit Ihnen einlassen, und auch gegen mich, bitte ich, sich kurz zu fassen, denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu hören.

Wer sind Sie denn eigentlich hier, fragte der Arzt mit unterdrücktem Grimme, daß Sie sich in die Geschäfte des Herrn Generals mischen wollen? Es gehört eine große Beschränktheit des Geistes dazu, sagte Lorenz mit großer Ruhe, es nicht ohne Frage einzusehen, daß ich hier angestellt bin; aber Sie werden doch nicht in so hohem Grade geistig kurzsichtig sein, um es nun nicht zu begreifen, daß ich Sie die ungezogene Frage kann bereuen machen.

Es war klar, daß Lorenz, der verschiedene Male von dem Arzte war schnöde behandelt worden, ohne es rächen zu können, jetzt ihn veranlassen wollte, in der Heftigkeit, die ihm eigen war, sich zu vergessen und ungebührlich laut im Vorsaal des Generals zu werden. Durch ein solches Vergehen hoffte er den Arzt in so ernsthafte Unannehmlichkeiten zu verwickeln, daß er alle empfangenen Beleidigungen auf ein Mal rächen könnte. Der Graf sah den Kunstgriff gelingen und wußte nicht gleich, wie er das beabsichtigte Ungewitter abwenden sollte, denn wenn er sich selbst entschloß, [251] sich in das Gespräch der Beiden zu mischen, so konnte er nicht wissen, ob der Uebermuth des jungen Lorenz nicht so weit gehen würde, auch ihn zu beleidigen, und er fühlte, daß es seiner gleich unwürdig sei, eine Beleidigung dieses Menschen zu rügen, wie zu ertragen. Alle diese Gedanken flogen in einem Augenblicke mit Blitzesschnelle durch den Geist des Grafen und er sah unruhig auf den Arzt, der kampffertig da stand, mit glühenden Wangen und halb zugedrückten blitzenden Augen. Nur eines Wortes hätte es noch bedurft und seine Brust hätte sich ohne Rücksicht des furchtbaren Zornes entladen; da rettete ihn ein Zufall, den er oftmals während des Laufes seines Lebens segnete.

Die Thüre wurde geöffnet, und ein Adjudant trat in den Vorsaal und sagte französisch: Der Herr General kann heute Niemand mehr hören, da andere Geschäfte seine Zeit in Anspruch nehmen, und Wer noch etwas vorzutragen hat, mag morgen um dieselbe Stunde wieder erscheinen. Sagen Sie das deutsch, Herr Sekretair, fuhr er zu Lorenz gewandt fort, für diejenigen, die nicht französisch verstehen.

Mit einem boshaften Blick auf den Arzt, wiederholte Lorenz, nachdrücklich betonend, die Worte des Adjudanten, und die noch im Saale gewartet hatten, verließen ihn mißmüthig, und Lorenz hatte die Unverschämtheit, mit eimem Ausdrucke der Verwunderung den Grafen anzusehen, so daß [252] sein Blick zu fragen schien, was ihn nach dieser Erklärung noch bestimmen könne, zu verweilen.

Der Graf, auf's Aeußerste darüber empört, sich auf diese demüthigende Weise abgewiesen zu sehen, wollte eben den Adjudanten anreden, zu dem auch schon St. Julien treten wollte, als die Flügelthüre geöffnet wurde und der Kommandant, von einigen Adjudanten begleitet, heraustrat. Der Graf, mit all der natürlichen Würde, die ihm eigen war, und mit der Höflichkeit der Gebehrden, die durch die Erziehung und das Leben in der großen Welt erworben wird, trat dem Kommandanten entgegen und sagte: Mein Herr General, wenn es Ihre Zeit noch irgend erlaubt, so bitte ich Sie, mir, dem Grafen Hohenthal, und dem Kapitän St. Julien noch einen Augenblick Gehör zu verleihen.

Der General verbeugte sich verbindlich und fragte, zu dem Kammerdiener gewendet: Weßhalb sind die Herren nicht gemeldet? Der Kammerdiener deutete stumm auf Lorenz, und dieser sagte ohne alle Verlegenheit: Da Ew. Excellenz befohlen haben, die Personen nach der Reihefolge, wie sie gekommen sind, vorzulassen, und der Herr Graf mit seinen Begleitern zuletzt kam, so glaubte ich keine Ausnahme machen zu dürfen. Es ist gut, sagte der General kurz; ich hatte Ihnen befohlen, vorläufig die Vorträge derer zu hören, die nicht französisch verstehen, um Zeit zu ersparen.[253] Vergessen Sie nicht, daß dieß Ihr Hauptgeschäft ist. Er lud hierauf den Grafen und St. Julien ein, ihm in sein Kabinet zu folgen, und der Arzt schloß sich uneingeladen an, indem er einen triumphirenden Blick auf seinen Feind Lorenz schoß.

Mit ächt französischer Höflichkeit wurde das Geschäft behandelt. St. Julien fand nicht die Schwierigkeiten, die er befürchtet hatte. Er erhielt als dienender Offizier seines Regiments einen Urlaub auf zwei Monate, um seine Gesundheit zu befestigen, wie seine Mutter es ihm schon gemeldet hatte. Der Graf empfing die für seine Behörde wichtige Bescheinigung, und der General dankte ihm verbindlich, daß seine Menschlichkeit einen hoffnungsvollen Offizier erhalten habe, den er damals, als er sich seiner angenommen, doch als einen Feind hätte betrachten müssen. Der Graf erwiederte, daß er überzeugt sei, ein französischer Krieger würde in ähnlichen Fällen eben so handeln und in dem leidenden Menschen keinen Feind erblicken. Wenn aber die Rettung des Kapitäns, fuhr er fort, als ein Verdienst anerkannt werden muß, so darf ich mir dieß nicht anmaßen, denn mein Beistand würde ihn kaum einige Stunden erhalten haben. Daß er lebt und blühend vor uns steht, haben wir nur der Geschicklichkeit und dem Eifer des Herrn Doktor Lindbrecht zu danken. Der Graf erwähnte aus Mitleid[254] das Verdienst des Arztes, denn dieser stand seitwärts und drückte mit großer Verlegenheit sein ansehnliches Manuskript an die Brust, welches er in der Nacht ausgearbeitet hatte, um dem Kommandanten eine Uebersicht davon zu verschaffen, auf welche Weise die Heilung St. Juliens bewerkstelligt worden sei. Er hatte dieß Manuskript im Busen, um es auf den ersten Wink vorzulegen, und nun richtete Niemand eine Frage an ihn, kein Mensch kümmerte sich um ihn und er hatte alle seine Philosophie nöthig, um diese Vernachläßigung des Verdienstes mit Anstand zu ertragen.

Der General sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte, die sein Herz einigermaßen erquickten, und entschuldigte sich gegen den Grafen, daß ihm seine Zeit für jetzt nicht erlaube, das Vergnügen seiner Gesellschaft länger zu genießen, er hoffe aber ihn und St. Julien bei der Mittagstafel zu sehen. Der Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an, und Alle verließen das Kabinet des Generals, und indem sie den Vorsaal betraten, in welchem Lorenz noch auf und ab ging, nahmen alle drei Abschied vom General, der seine Einladung wiederholte und sagte: Ich hoffe, mein Herr Doktor, daß Sie den Herrn Grafen begleiten werden. Ein Sonnenschein triumphirender Genugthuung verbreitete sich über des Arztes Gesicht, und nachdem er sich tief vor dem Generale gebückt hatte, sah er seitwärts [255] nach Lorenz, ohne ihn zu grüßen, und ging wie ein siegender Held hinweg.

Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl bei dem Kommandanten ein. Der Graf sowohl, als der General fühlten, daß eine freundschaftliche Annäherung unmöglich sei, denn obgleich der Friede geschlossen war und die Franzosen nun als Freunde in Preußen zu stehen behaupteten, so konnte es doch einem einsichtsvollen Manne nicht entgehen, daß der Druck, den sie fort während auf das Land ausübten, sie den Preußen nicht als solche zeigen konnte. Auch das eigne ritterliche Gefühl sagte den bessern Franzosen, daß die Preußen, nach den großen Demüthigungen, die sie erlitten, sich nicht eher aufrichtig mit ihnen versöhnen könnten, bis die Schmach wieder getilgt wäre. Es war also natürlich, daß der Graf und der General nur über sehr allgemeine Gegenstände sprachen, und sich nur so weit näherten, wie es Männern von Welt die Sitte gebietet. Der Arzt war Anfangs scheu in dieser ihm durchaus fremden Gesellschaft und sein schroffes, seltsames Betragen wurde hier noch auffallender, als unter schonenden Freunden; auch tadelte er sich innerlich, daß er, ohne daß die Pflicht es gebot, an einer Gesellschaft Antheil nahm, deren Dasein schon sein patriotisches Gefühl verletzte, und er würde vielleicht den Grafen gar nicht begleitet haben, wenn [256] er nicht seinen Feind Lorenz hätte demüthigen wollen, der am Ende der Tafel saß, wohin der Arzt nun von Zeit zu Zeit übermüthige Blicke richtete. Eine andere Furcht beunruhigte ihn noch. Er besorgte nämlich, St. Julien werde, wie er es sich unter Freunden erlaubte, ihn auch hier zum Gegenstande des Scherzes machen, und er wußte nicht, wie er dann seine Fassung behaupten sollte; doch sah er zu seiner großen Freude bald, wie ungegründet diese Besorgniß war. St. Julien behandelte ihn hier unter Fremden mit der ernsthaftesten Achtung und sprach gegen die jungen bei der Tafel gegenwärtigen Offiziere mit lebhafter Dankbarkeit darüber, wie er dem Eifer, der Geschicklichkeit und der unermüdlichen, uneigennützigen Sorgfalt seines Arztes und Freundes sein Dasein verdanke. Dies war genug, um die lebhaften Franzosen seine seltsamen Manieren vergessen zu machen, und sie überschütteten den Arzt mit lebhaften und aufrichtigen Danksagungen dafür, daß er ihnen einen braven Kameraden erhalten habe. Der überglückliche Arzt bewegte sich heftig hin und her auf seinem Stuhle, um nach allen Richtungen hin, über seine erfüllte Pflicht sprechend, für das ihm bezeigte Wohlwollen zu danken. Erstaunt war er aber, daß die Franzosen sein Französisch größtentheils nicht verstanden, und daß es ihnen St. Julien oft wie eine fremde Sprache übersetzen mußte, und zum ersten Male kam er auf [257] die Vermuthung, daß es nicht Anmaßung und Eigensinn sein möchte, wie er früher glaubte, wenn ihm Dübois Winke über seine Aussprache des Französischen gegeben und zuletzt, da er sie nicht beachtet, nur immer Deutsch mit ihm geredet hatte.

St. Julien schien bei dem Anblick französischer Uniformen und Feldzeichen alle andern Verhältnisse vergessen zu haben. Mit Begeisterung erfüllten ihn die Berichte von Schlachten und Siegen, an denen seine Tischgenossen Theil genommen hatten, und er seufzte über die Unthätigkeit, zu der er selbst indeß durch seine gefährliche Verwundung war gezwungen worden. Er fragte nach manchen von seinen Bekannten und Kameraden, und wenn er auch von vielen hörte, daß sie in den Schlachten geblieben waren, in denen er nicht mitgefochten zu haben beklagte, so hatten doch auch andere militärischen Rang und Ehren erkämpft, während sein eigener Ehrgeiz unbefriedigt blieb, und er betrachtete mit einer Art von Neid ihr Loos.

Als das Gespräch schon eine Zeit lang mit Lebhaftigkeit über alle diese Gegenstände geführt worden war, sagte einer der Adjudanten zu St. Julien: Da Sie doch nach so vielen von Ihren Bekannten und Kameraden sich mit Theilnahme erkundigen, so wundert es mich, daß Sie gar nicht an die [258] drei Brüder Lambertis denken, die doch beinah Ihr Geschick getheilt hätten.

Was ist aus ihnen geworden? fragte St. Julien mit großer Bewegung. Der älteste, erwiederte der Adjudant, ist in der Schlacht bei Friedland geblieben, der zweite ist mit seinem Regimente nach Italien gegangen, und den jüngsten, der bei Friedland einen Arm verloren hat, habe ich vor einigen Monaten in Berlin gesprochen; er hatte die Absicht nach Paris zu gehen. Mit seiner Gesundheit aber stand es in Folge seiner gefährlichen Verwundung noch so schlecht, daß er bei meiner Abreise noch in Berlin bleiben mußte, um sich einigermaßen zu erholen, ehe er die weite Reise unternehmen konnte. Er theilte mir auch Ihr unglückliches Ende mit, denn er hielt Sie für todt.

Und was sagte er darüber, fragte St. Julien mit großer Spannung. Er erzählte mir, sagte der Adjudant, daß Sie beim Marsche Ihres Regiments einen Abend in heiterer Gesellschaft mit den Lambertis zugebracht, darauf des andern Morgens etwas spät mit ihnen ausgeritten wären, und um an dem gegebenen Sammelplatze wieder mit Ihrem Regiment zur rechten Zeit zusammentreffen zu können, hätten Sie einen Führer angenommen, der Sie auf kürzeren Wegen durch das Gebirge zu führen versprochen habe. Dieser aber sei ein Verräther gewesen, denn er habe Sie gänzlich [259] vom Wege abgeleitet, und endlich wären Sie in der Einöde eines sich weit ausdehnenden Waldes auf ein kleines Detachement preußischer Truppen gestoßen, bei deren Anblick Ihr Wegweiser sogleich entflohen sei. Von den Preußen angegriffen, hätten Sie, theurer St. Julien, nach der tapfersten Gegenwehr Ihrem Schicksale erliegen müssen, und auch Ihre Freunde, die Lambertis, wären nahe daran gewesen, Ihr Loos zu theilen, weil sie sich, aus mehreren Wunden blutend, schon ermattet gefühlt hätten, als Hörnertöne aus der Ferne das feindliche Detachement vermuthlich zu seinem Regimente riefen, denn ohne sich um den Todten zu bekümmern und ohne die Lebenden weiter zu bekämpfen, wären die Feinde so eilig als möglich davon gesprengt, und den Lambertis blieb nichts übrig, als ihren gefallenen Freund zu beweinen. Der jüngste Lamberti hatte Ihre Uhr, Ihren Ring und Ihr Taschentuch zu sich genommen, um bei seiner Rückkehr nach Frankreich Ihrer Mutter diese traurigen Zeichen von dem unglücklichen Ende eines geliebten Sohnes zu überreichen.

Es ist ein Glück, sagte St. Julien mit sehr bewegter Stimme, daß meine Muter anders unterrichtet ist und also, wenn der theilnehmende Bote die Zeichen meines Todes überreicht, nicht so heftig erschüttert werden kann, wie er vermuthlich erwartet.

[260] Und verhält es sich so mit der Geschichte Ihres Unglücks, wie eben erzählt wurde? fragte der General.

Alles verhält sich so, erwiederte St. Julien, der mit großer Anstrengung seine Fassung zu behaupten strebte. Der Graf hatte während dieses Gesprächs St. Julien aufmerksam beobachtet, und ihm entging es nicht, wie gewaltsam dieser sein Gefühl niederkämpfte. Bei der letzten Antwort begegneten die Blicke des junges Mannes denen des Grafen, und eine dunkle Röthe bedeckte augenblicklich sein Gesicht, wodurch der Letztere überzeugt wurde, die Sache verhalte sich anders.

Sie lebten in großer Vertraulichkeit mit den Lambertis, begann der Adjudant von Neuem. Ich glaube, Sie sind sogar verwandt.

Weitläuftig, sehr entfernt, erwiederte St. Julien kurz, um das Gespräch zu endigen.

Die Lambertis sind aber Italiener, sagte der Adjudant.

Die Mutter meines Vaters war eine Italienerin, erwiederte der junge Mann, und ich hoffe diesen Freunden und Verwandten noch als wieder erstandener Todter den gebührenden Dank für ihre Theilnahme an meinem unglücklichen Ende abzustatten.

Dem Grafen entging die Zweideutigkeit dieser Antwort nicht und er fing an zu glauben, daß St. Julien über seine [261] beinah tödtliche Verwundung darum ein hartnäckiges Stillschweigen beobachtet hatte, um nicht Gräuel und Verbrechen seiner eigenen Familie zu enthüllen. Er suchte ihn also auch jetzt von der unangenehmen Nothwendigkeit zu erlösen, noch mehr über diesen Gegenstand zu sprechen, und gab der Unterhaltung durch einige zweckmäßige Fragen eine andere Richtung.

Endlich wurde die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft trennte sich. Es war leicht zu bemerken, daß St. Juliens natürliche Heiterkeit ihn verlassen und einem trüben, ernsten Nachdenken Platz gemacht hatte. Der Graf fühlte sich erleichtert, als er, im Gasthofe angekommen, die nöthigen Befehle geben konnte, um die Rückreise nach Schloß Hohenthal anzutreten, denn der Aufenthalt unter französischen Kriegern, umringt von ihren Fahnen und Feldzeichen, beklemmte seine Brust, und ihn verwundete tief, was St. Julien in Entzücken versetzt hatte. Beide gaben sich also aus verschiedenen Gründen einem schwermüthigen Sinnen hin. Nur der Arzt war vollkommen heiter; er hatte den vollständigsten Sieg über seinen Feind Lorenz davon getragen, der an der Tafel des Kommandanten wenig war beachtet worden, während er selbst, nach seiner Meinung, die größten Auszeichnungen genossen hatte. Er war auch der erste, der Neigung zeigte, ein Gespräch anzufangen, als sie die Festung [262] hinter sich hatten. Ich hätte nicht gedacht, begann der Arzt seine Rede, daß die Franzosen so höflich und liebenswürdig sein könnten, wie ich sie heute gefunden habe, und wenn sie den Uebermuth aufgeben wollten, alle anderen Völker zu beherrschen, so würde ich mich nicht weigern, sie als Kinder der civilisirten Welt, als Brüder in der großen europäischen Familie zu betrachten.

Der Graf mußte bemerken, daß die letzte Unterhaltung an der Tafel des Kommandanten der Festung *** einen tiefen Schatten in St. Juliens Seele gesenkt hatte, da selbst diese Aeußerung des Arztes seine Laune nicht erregte und er es dem Grafen überließ, eine Antwort darauf zu geben, dessen Stimmung ebenfalls nicht heiter genug war, um in alle Ansichten des Arztes einzugehen. Es wurden also ziemlich stumm die ersten Meilen zurückgelegt. Je mehr sie sich aber Schloß Hohenthal näherten, um so lebhafter fühlte St. Julien das Glück, noch zwei Monate in dem Kreise seiner Freunde verweilen zu dürfen, und die Lebhaftigkeit des Geistes, der Frohsinn der Jugend waren zurückgekehrt, noch ehe der Wagen durch das Thor des Schlosses rollte.

Der Graf Robert eilte den Ankommenden entgegen, und wie einen neu gewonnenen Freund schloß er mit großer Freude St. Julien in die Arme, denn er hatte innerlich gefürchtet, der Kommandant der Festung *** würde Schwierigkeiten [263] machen, die Rückkehr zu erlauben, und vielleicht darauf bestehen, daß St. Julien sogleich zu seinem Regiment abreisen solle. Die Gräfin bewillkommnete ihn mit sichtbarer Rührung, und Emilie, die halb hinter derselben verborgen stand, sendete einen Blick zärtlicher, seliger Freude zu ihm hinüber, der ihm das Herz in seinen Tiefen bewegte, und ihm schien es, als ob er jetzt es zum ersten Male wahrhaft und mit ungemessener Dankbarkeit empfände, wie wahr und innig er in diesem Hause geliebt sei, wo ihn die zartesten Bande umschlossen.

Als die ersten freudigen Begrüßungen vorüber waren, wollte der Graf den Frauen erzählen, wie bereitwillig der Kommandant ihren Wunsch erfüllt habe, aber ehe er noch seinen Bericht begann, er schien der Prediger, der es wußte, daß die Freunde diesen Abend zurück erwartet würden, um so bald als möglich zu hören, wie es bei dem feindlichen General gelungen, und zu sehen, ob St. Julien wirklich wieder zurückgekehrt sei, woran auch er, wie der Graf Robert, gezweifelt hatte. Die Freude und die Glückwünsche wurden bei seinem Eintritte erneuert, aber er selbst kürzte sie gern ab, um zu erfahren, was der Graf über seinen kurzen Aufenthalt in der Festung *** mittheilen würde. Dieser konnte natürlich nur die Höflichkeit und Gefälligkeit des Kommandanten rühmen, der ihnen ohne alle Schwierigkeiten die Freude[264] gewährt hatte, St. Julien noch zwei Monate bei sich zu sehen, und zwar ohne Nachtheil für den jungen Mann. Zwei Monate schienen den jungen Leuten eine beträchtliche Zeit, und ein unbewußt schnell gewechselter Blick zwischen Emilie und St. Julien sprach ohne ihren Willen diese Meinung aus, und erregte in jedem ein tröstliches Gefühl. Der Graf erzählte dem Prediger die merkwürdige Ungezogenheit des jungen Lorenz, und dieser rief höchst entrüstet: So werden Sie doch dem Vater dieses übermüthigen Menschen die Pension nicht länger zahlen, die er von Ihnen zieht?

Und wie hinge das, was ich dem Vater versprochen habe, mit dem Betragen des Sohnes zusammen? fragte der Graf.

Glauben Sie denn, daß er weniger schlecht und undankbar ist, als der Sohn, erwiederte der Prediger; glauben Sie, daß er Ihre Unterstützung im Mindesten verdient oder auch jetzt nur bedarf?

Sie haben gewiß Recht, antwortete der Graf, und ich bin ganz Ihrer Meinung. Auch gestehe ich Ihnen, hätte ich diese unwürdige Familie bei meiner Ankunft gekannt, so wie ich sie jetzt kenne, daß dann meine Unterstützung wenigstens nicht so bedeutend ausgefallen sein würde, trotz der langen Dienstjahre, die der Alte geltend macht. Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntniß mein Wort einmal gegeben habe, so kann ich mich nicht wieder zurückziehen, obwohl ich[265] einsehe, daß der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat, wie er sich rühmt, als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten lassen, ohne Nutzen zu stiften, und gewiß hätte er dafür keine Belohnung verdient; aber, wie gesagt, die Sache läßt sich nun nicht mehr ändern und wir müssen uns darein ergeben.

Es ist aber ärgerlich, sagte der Pfarrer, dem noch Wohlthaten zuwenden zu sehen, der jetzt wieder mit Uebermuth wie ein reicher Mann unter uns auftritt. Er hat das kleine Gut Schönthal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann. Ich war neugierig, seine Einrichtung zu sehen, und brachte ihm deßhalb selbst die vierteljährige Pension hin, die Sie ihm zukommen lassen. Ich erstaunte, wie außerordentlich gut er das Haus meublirt hat, und er hatte die Unverschämtheit, mir mit seinem widrigen Lächeln zu sagen: Da jetzt so viele Edelleute in der schweren Kriegszeit, die Gott über uns verhängt hat, zu Grunde gehen, so kommt man wohlfeil an alle diese Dinge, Herr Prediger, und ich kann nach Gottes gnädigem Willen in meinem Alter doch noch fühlen, daß ich ein Mensch bin, so gut wie alle die Herren. Das Geld, welches ich ihm brachte, warf er so gleichgültig in seinen Schreibtisch, als wäre es für ihn eine ganz geringe Summe und keineswegs eine Unterstützung, die er der Großmuth verdankt, sondern die Bezahlung einer unbedeutenden[266] Schuld. Mein Schreiber soll die Quittung aufsetzen, sagte er vornehm, ich werde sie unterzeichnen, denn meine Augen werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben. Ich ärgerte mich so sehr über sein übermüthiges Betragen, daß ich ihn etwas zu demüthigen beschloß und daher sagte: So würden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr abschreiben können, wenn sich die Gelegenheit darböte? Nein, das würde mir nicht mehr möglich sein, antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit, auch habe ich es Gottlob nicht mehr nöthig, solche Arbeiten zu machen, und bin durch Gottes Gnade so eingerichtet, bester Herr Prediger, daß ich in meinem Hause nur über Dinge zu sprechen brauche, die mir angenehm sind. Ich wollte den alten Sünder verlassen, aber er bestand darauf, ich mußte den Abend bei ihm bleiben, und ich fand seinen Tisch außerordentlich gut besetzt. Man hat die Gottesgabe, bemerkte er, weit billiger, als die vornehmen Herren, denn die Kenntnisse, die ich mir in der Jugend erwarb, schützen mich besser vor Betrug. Das kann ich begreifen, erwiederte ich ihm, so daß er die Beziehung verstehen mußte. Freilich, freilich, antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit, es begreift sich leicht. Wer so lange, wie ich, in herrschaftlichen Häusern lebt, macht auch seine Studien, nur anders wie die Gelehrten, Herr Pfarrer. Bei Tische wurden sehr gute Weine angeboten, und der Alte sagte [267] mit unerträglicher Heuchelei: Gott hat mir gute Kinder geschenkt, die für ihren alten Vater sorgen. Mein lieber Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet. Lieber Gott, er ist in einer Lage, wo er das alles mit Leichtigkeit erwirbt, und er will nicht, daß das schwache Licht meines Lebens erlöschen soll, und sucht deßhalb die Flamme zu nähren; nun, der Herr wird es ihm vergelten. Er sagte mir hierauf, daß in der nächsten Woche seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen würden, um seinen siebzigsten Geburtstag festlich zu begehen, und er lud mich so dringend dazu ein, daß ich zusagen mußte. Als er mein Versprechen hatte, fing er an, wie er sagte, aus Freude darüber, unmäßig zu trinken, und ich verließ ihn im Zustande thierischer Betrunkenheit und schämte mich, daß ich ein solches Mahl mit einem solchen Menschen hatte theilen können. Auch war ich natürlich entschlossen, sein Haus nicht wieder zu betreten, obgleich ich gern sehen möchte, wie sich die saubere Familie an diesem Feste gebehrden wird. Auch möchte ich wissen, wo sich seine Tochter aufhält, nachdem sie den französischen General verlassen hat, der Alte gab darüber nur ausweichende Antworten. Ist es denn nun, schloß der Prediger, nach allem diesem nicht unerträglich, daß dieser übermüthige Mensch noch Wohlthaten empfangen soll, deren Werth er so wenig erkennt?

Sie haben Recht, erwiederte der Graf, und nur ein[268] gegebenes Wort bestimmt mich, eine Unterstützung fortzusetzen, die allerdings, wie ich selbst einsehe, besser angewendet werden könnte.

Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwiedern, und wurde von der Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem Arzte und St. Julien abgezogen, an dem nach und nach die ganze Gesellschaft Theil nahm. Der Arzt behauptete nämlich mit größtem Eifer, da die Franzosen in Deutschland wären, so wäre es ihre Schuldigkeit, deutsch zu lernen, und sie müßten es wie eine höfliche Gefälligkeit betrachten, wenn man sich dazu verstände, französisch mit ihnen zu reden, und hätten gar kein Recht, weder über schlechte Aussprache noch sonstige Mängel dabei zu lachen. St. Julien scherzte über den Gedanken und fand die Vorstellung ungemein belustigend, daß also, wenn ein Feldzug eröffnet werden sollte, die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in verschiedenen Zungen gemacht werden müßte.

Der Graf, der sich in das Gespräch mischte, sagte: Sie würden Recht haben, lieber Doktor, wenn die Franzosen zu uns als Bittende, Hülfesuchende kämen; da sie aber leider als Sieger hier sind, so können sie wohl erwarten, daß wir unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen, denn es möchte zu unserm eigenen Nachtheil gereichen, wenn wir dieß nicht [269] verständen, und so schafft eine Gewohnheit selbst, die mir immer so außerordentlich albern erschienen ist, doch auch ihren Nutzen, freilich bei einer unerfreulichen Gelegenheit.

Welche Gewohnheit? fragte der Prediger neugierig.

Der seltsame Gebrauch, erwiederte der Graf, der seit Jahrhunderten immer weiter um sich gegriffen hat, in den gebildeten Familien statt der Landessprache die französische zu reden, und nicht etwa gegen Franzosen oder überhaupt gegen Fremde, nein, unter sich, so daß recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer Nationalität entäußert und fremd, französisch, zu werden sucht.

Tadeln Sie die Kenntniß und den Gebrauch fremder Sprachen, fragte St. Julien verwundert, da Sie selbst mehrere gründlich kennen und lieben?

Der Graf antwortete lächelnd: Kaiser Karl der Fünfte sagte, ein kluger Mann, der vier Sprachen redet, ist so viel werth, als vier kluge Männer, und der Meinung bin ich auch. Aber würden Sie sich nicht wundern, wenn in den französischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen geredet würde, die darauf Anspruch machen, zu den Leuten von gutem Tone zu gehören, und Jeder dieß für vornehmer hielte, als wenn er an seinem eigenen Heerde sich der Sprache seines Landes bediente? Würden nicht alle wahren Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf [270] das Heftigste und zwar mit Recht tadeln? Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe, wenn ich mich immer eines fremden Idioms bediene, um meine besten Gefühle, sinnreichsten Gedanken und witzigsten Einfälle darin auszudrücken, daß die Sprache des Landes vernachlässigt werden, roh und ungebildet bleiben muß? In Deutschland hat ein gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet, und gewiß dadurch viel zu dem Glanze und der Anmuth beigetragen, die wir neben der Tiefe und Innigkeit bei den vorzüglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern. Die Vornehmen haben seit lange besser verstanden, sich französisch als deutsch auszudrücken.

Es ist wahr, sagte St. Julien, auch die Italiener erwarten, daß man in ihrem Lande ihre Sprache mit ihnen redet, aber ich habe dieß immer für Unwissenheit gehalten.

Zum Theil, sagte der Graf, mag es so sein. Aber noch weiter gehen in dieser Forderung die Engländer, und gewiß nicht aus Unwissenheit, sondern aus sehr zu lobendem Nationalstolze; denn ich wenigstens begreife nicht, worauf sich die Vaterlandsliebe am Ende stützen kann, wenn eine Nation alles Eigenthümliche, bis auf ihre Sprache selbst, bei sich zu vertilgen strebt. Ein Bequemlichkeit ist indeß, wie nicht zu läugnen ist, aus dieser lächerlichen Gewohnheit entstanden, daß nämlich die französische Sprache die geistige [271] Scheidemünze des Lebens geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht, um sich vom Tajo bis zur Newa und noch weiter hinaus verständlich zu machen.

Und das ist doch ein großer Vortheil, rief St. Julien.

Für die Franzosen, erwiederte der Graf; sie gewinnen dabei am Meisten, selbst an Bequemlichkeit, denn sie brauchen sich nicht mit dem Studium einer einzigen fremden Sprache zu bemühen, selbst nicht für ihre diplomatischen Unterhandlungen, denn auch diese werden in der Regel in französischer Sprache geführt, und ich weiß nicht, ob Jemand daran gedacht hat, welch ein großer Vortheil den Franzosen schon allein dadurch zugestanden ist, daß mit ihnen in ihrer Landessprache unterhandelt wird, die ein geistreicher Mann immer besser zu benutzen verstehen wird, wie eine fremde, wenn er sie sich auch noch so sehr zu eigen gemacht hat.

Aber eine Sprache muß doch bei diesen Verhandlungen angewendet werden, sagte der Prediger, und so würde es nicht zu vermeiden sein, daß eine Nation in dieser Rücksicht begünstigt wird.

Ehedem, bemerkte der Graf, wurden alle Staatsgeschäfte verschiedener Nationen lateinisch verhandelt, und ich begreife nicht, weßhalb dieß jetzt lächerlich und pedantisch gefunden wird. Es war wenigstens Gerechtigkeit darin, eine [272] Sprache, die keine lebende Sprache eines Volkes mehr ist, und die folglich alle Parteien erlernen mußten, in Fällen anzuwenden, wo es so sehr darauf ankommt, kein Uebergewicht zu gestatten.

Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen, daß Dübois eintrat und nach einem leisen Gespräch mit dem Grafen Robert das Zimmer mit demselben verließ. Alle, selbst der Graf nicht ausgenommen, waren verwundert über das Geheimnißvolle in der Art, wie der Haushofmeister den jungen Grafen abgerufen hatte, und erwarteten mit einiger Unruhe seine Rückkehr. Nach einigen Minuten erschien er wieder im Saale, und Ernst und Unruhe hatten sich auf seiner Stirn gelagert. Zwei ehemalige Regimentskameraden, sagte er zu seinem Oheim, bitten mich für diese Nacht um Gastfreundschaft, die natürlich ich nicht ohne Ihre Erlaubniß gewähren kann, und ich komme deßhalb – –

Lieber Vetter, unterbrach ihn der Graf mit leichtem Unwillen, bedarf es noch einer Frage, ob mir Ihre Freunde willkommen sein werden.

So erlauben Sie mir, erwiederte sein Verwandter mit einiger Verlegenheit, mich für heute mit ihnen zurückzuziehen und für die Bequemlichkeit meiner Gäste in Ihrem Hause zu sorgen, denn der eine ist nicht wohl; doch, hoffe [273] ich, wird er sich nach der Ruhe der Nacht erholen, und ich werde Ihnen, ehe sie weiter reisen, Beide vorstellen können.

Er verließ nach diesen Worten von Neuem den Saal, der Graf blickte ihm verwundert nach. Der Prediger war so lebhaft aufgeregt von diesem Vorfalle und versenkte sich in so tiefes Nachdenken darüber, was dieser geheimnißvolle Besuch zu bedeuten haben könne, daß er die sehr merklichen Winke des Arztes übersah, der sich ebenfalls mit ihm zu entfernen und ihm etwas anzuvertrauen wünschte. Der Graf konnte sich einer leichten Unruhe nicht erwehren; er vermuthete, daß dieser Besuch mit Verbindungen im Zusammenhange stehe, in die sich sein Verwandter, wie er wußte, eingelassen hatte, und er fürchtete, daß vielleicht eine Unbedachtsamkeit den jungen Mann in Verantwortung bringen und ihn selbst mit hinein ziehen könne. Er wurde also nachdenkend und still, und es gelang endlich dem Arzte, den Prediger auf sein Zimmer zu führen, um ein wichtiges Geheimniß in dessen Busen niederzulegen. Endlich, fing er triumphirend an, bester Herr Prediger, kann ich Ihren lang gehegten Wunsch befriedigen und Ihnen den vollständigsten Aufschluß über eine Sache geben, die Sie sich so oft vergeblich bemüht haben zu erfahren.

Und über welche Sache wäre Ihnen dieß möglich? fragte der Geistliche mit Spannung. Ueber die wunderbare [274] Verwundung unseres guten Herrn St. Julien, erwiederte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln.

Was haben Sie darüber erfahren, fragte mit Eifer der Pfarrer, und bei welcher Gelegenheit? Sie wissen, antwortete der Arzt, ich kümmere mich nicht sonderlich um die Angelegenheiten der Menschen, wenn sie nicht mit meiner Kunst zusammenhängen, und ich würde auch dieß Mal um meinet Willen nicht so aufmerksam darauf gewesen sein, denn für mich ist es die Hauptsache, daß ich den jungen Mann hergestellt habe. Wie er zu seinen Wunden gekommen, ist mir eigentlich gleichgültig, aber die Freundschaft hat ihre Rechte. Also um Ihret Willen, bester Freund, hörte ich genau hin und prägte mir die ganze Unterredung an der Tafel des Kommandanten so genau ein, daß ich sie Ihnen Wort für Wort wiederholen kann. Er that dieß hierauf mit großer Umständlichkeit und fragte mit selbstzufriedenem Lächeln, als er geendigt hatte, seinen aufmerksamen Zuhörer: Was sagen Sie nun, habe ich nun nicht den Zusammenhang der ganzen Sache zu Ihrer Kenntniß gebracht, und bin ich gänzlich unfähig, wie Sie so oft behauptet haben, einer Sache meine Aufmerksamkeit zu schenken, die nicht mit meiner Wissenschaft zusammenhängt?

Und halten Sie denn diese Erklärung für die aufrichtige, wahre? fragte der Geistliche etwas verächtlich. Die [275] geringste Ueberlegung hätte Ihnen ja sagen müssen, daß, wenn sich die Sache so verhielte, St. Julien keine Ursache gehabt hätte, sie uns allen so ängstlich zu verschweigen, und daß er uns, wenn dieß der richtige Zusammenhang der Sache wäre, diese Mittheilung denselben Tag gemacht haben würde, an welchem Sie ihm zu sprechen erlaubten.

Mann, Sie haben Recht! rief der Arzt, von seinem Sitze aufspringend, Sie sind ein wahrer Macchiavell an Scharfsinn.

Bedeutend ist in Ihrem Berichte, erwiederte der Prediger, daß die erwähnten Italiener des jungen Mannes Verwandte sind. Nun, fuhr er nach einigem Nachdenken fort, ich gebe es noch nicht auf, der Sache auf den Grund zu kommen, so wie manchem Geheimnißvollen in diesem Hause. Sagen Sie mir doch morgen, wenn Sie nach dem Dorfe reiten, um Ihre Kranken zu besuchen, ob die heut angekommenen Gäste auf dem Schlosse geblieben sind. Auf den Fall würde ich doch morgen wieder herkommen, um sie mir anzusehen. Der Arzt gab das verlangte Versprechen, und der Pfarrer trennte sich von ihm in wohlwollender Stimmung.

XIII

Es waren kaum einige Minuten verflossen, nachdem der Prediger den Arzt verlassen hatte, und dieser fing eben an [276] sich auszukleiden, wobei er aus tiefster Brust in abwechselnden Tönen gähnte, als seine Thüre geöffnet wurde und Graf Robert zu seinem Erstaunen bei ihm eintrat. Bester Herr Doktor, redete ihn dieser mit verstörter Miene an, mit Angst und Sorgen habe ich gewartet, bis der Prediger Sie verlassen hat, um Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ich weiß, Sie sind ein verschwiegener Mann und treuer Freund.

So weit die Welt mich kennt, sagte der Arzt, sich in die Brust werfend, wird mir Niemand diese Eigenschaften absprechen.

Eben darum, erwiederte der junge Graf, nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen. Einer meiner jungen Freunde ist in eine Ehrensache verwickelt, ein Duell war die Folge, in dem er verwundet worden ist. Er scheint sehr zu leiden und weigerte sich doch standhaft, Sie früher um Ihren Beistand zu bitten, als bis Sie allein sein würden, denn Verschwiegenheit ist in seiner Lage durchaus nothwendig.

Sie können darauf rechnen, sagte der Arzt, der seinen Rock schon wieder angezogen hatte, meine Lippen schweigen wie das Grab. Das ist die Pflicht des Arztes, und Sie wissen, daß ich alle meine Pflichten erfülle. Nach diesen mit großem Nachdruck gesprochenen Worten, nahm er alle chirurgischen Instrumente zusammen, so wie alles zum Verband [277] Erforderliche. Diese Sachen werden wir vermuthlich brauchen, sagte er mit einem schlauen Lächeln, da Sie des Wundarztes mehr, als des Doktors zu bedürfen scheinen.

Er folgte nun dem jungen Grafen nach dessen Zimmer, wo sie seine beiden Freunde und den jungen Gustav antrafen. Sie haben den jungen Menschen in Ihre Geheimnisse eingeweiht, sagte der Arzt, indem er verwundert einen Schritt zurücksprang; verlassen Sie sich auf seine unbedachtsame Jugend?

Sein Sie ruhig, erwiederte der Graf, ihn hat ein hartes Schicksal früh gereift; seiner Vorsicht dürfen wir uns unbedingt vertrauen.

Wenn das ist, sagte der Arzt, so verdient er die höchste Achtung. Aber, fuhr er mit bedenklicher Miene fort, wenn Ihr Geheimniß nicht verschwiegen bleibt, so denken Sie daran, daß Sie es mir nicht allein vertraut haben. Nach diesen Worten näherte er sich dem Kranken, der in einem Lehnstuhle saß und sehr zu leiden schien. Sein Gesicht war bleich wie das eines Todten, und die blauen, zuckenden Lippen deuteten auf heftige Kälte, die den ganzen ermatteten Körper zu beben zwang. Der hat ein tüchtiges Wundfieber, sagte der Arzt, zum Grafen gewandt; sein Zustand muß sogleich untersucht werden. Er näherte sich hierauf dem Kranken und sagte mit etwas heftiger Stimme: Und warum [278] liegen Sie denn bei Ihrer Ermattung nicht ordentlich ausgekleidet im Bette?

Sein Arm ist so aufgeschwollen, sagte der junge Graf, daß wir ihn nicht von seinem Rocke zu befreien vermochten.

Der Arzt sah, daß selbst über Hand und Finger sich eine starke Geschwulst verbreitet hatte. Er antwortete nichts, sondern nahm aus seinem Besteck eine Scheere und schnitt den Aermel des Rocks der Länge nach auf. So klug hätten Sie lange sein können, sagte er, sich an den jungen Gustav wendend, der ihm zu seiner Beschäftigung leuchtete, weil er diese verweisenden Worte nicht an die andern Gegenwärtigen geradezu richten und ihnen doch eine Lehre für die Zukunft geben wollte. Als der Verwundete von seinem beschwerlichen Kleidungsstücke befreit war, zeigte es sich, daß seine Wunden unter dem Verbande stark geblutet hatten, und es war nicht möglich, den alten Verband ohne Schmerzen abzunehmen. Während nun der Arzt hiemit beschäftigt war, rief er mehrere Mal: In welchen Händen sind Sie gewesen? Wie haben Sie sich einem Menschen anvertrauen können, der nicht einmal einen Verband aufzulegen versteht? Das ist ja ärger, als ob Sie unter die Wilden gerathen wären, denn die werden es doch noch besser verstehen, eine Wunde zu verbinden. Der junge Graf suchte ihn zu beruhigen, indem er ihm sagte, daß sein Freund nicht hätte daran denken [279] können, für seine Gesundheit zu sorgen, indem er nur auf seine Sicherheit habe Rücksicht nehmen können, und deßhalb wären schon zwei Tage verflossen seit dem ersten Verbande. Wenn Sie meinen Verband nach sechs Wochen abnehmen wollten, erwiederte der Arzt mit Verachtung, so würden Sie ihn immer noch in ganz anderm Zustande antreffen.

Während dieser Rede war es endlich gelungen, die Wunde zu befreien, und der Arzt heftete einen langen, bedeutenden Blick auf den jungen Grafen, indem er einen Ausruf, der seinen Lippen entschlüpfen wollte, gewaltsam zurück drängte und dabei so wunderliche Gesichter machte, daß nur der Ernst des Augenblicks so mächtig auf seine Umgebung wirken konnte, daß sich keine Spur von Lachlust zeigte. Der Graf mochte nicht fragen, aber ihn selbst hatte der Anblick der Wunde und der ganz blau aufgelaufene Arm belehrt, daß das Uebel seines Freundes zu den ernsthaften gehörte. Mit schonender, leichter Hand hatte der Arzt die schlimme Wunde gereinigt und den kunstgemäßen Verband aufgelegt, und der Kranke fühlte sich sehr erleichtert. Der Graf gab ihm von seiner Wäsche, und der Arzt half ihn in eine bequeme Lage auf sein Lager bringen. Auch dieß schien in ihm eine wohlthätige Empfindung zu erregen. Als alles dieß beendigt war, fragte der Arzt den Kranken: Was haben Sie gegessen zu Abend? Gar nichts heute den ganzen Tag, erwiederte dieser, der [280] mit diesen Worten zuerst das bis jetzt beobachtete Schweigen brach. Obgleich die Stimme matt und krank war, so erkannte sie der Arzt dennoch, und sprang im höchsten Erstaunen drei Schritte zurück und rief: wunderbar! höchst wunderbar! Der junge Graf gerieth in den verzeihlichsten Irrthum, daß der Arzt die lange Enthaltsamkeit seines Freundes so lebhaft bewunderte, und sagte daher: Die heftigen Schmerzen haben den Armen gehindert, an Nahrung zu denken. Ach was! rief der Arzt, ich dachte jetzt nicht an Lebensmittel; aber was mich erschütterte, davon ist jetzt nicht Zeit zu reden. Jetzt muß ich als Arzt, als Menschenfreund handeln. Ihr Freund muß durchaus einige leichte, stärkende Nahrung haben, deßhalb wird es nöthig sein, Dübois gewissermaßen in unser Geheimniß zu ziehen. Er ist ein braver Mann, ob er gleich ein Franzose ist, wie wir ja überhaupt einige achtungswerthe Subjekte von dieser Nation kennen gelernt haben; und er ist sehr dienstfertig, obgleich er hier im Hause sehr verwöhnt wird. Man muß sich an ihn wenden, damit er Ihrem kranken Freunde etwas Kraftbrühe verschafft, denn er darf nicht länger ohne Nahrung bleiben. Sie hätten mir dieß nur mit wenigen Worten auftragen dürfen, sagte der junge Gustav empfindlich. Herr Dübois ist der menschenfreundlichste Mann von der Welt und wird gewiß sogleich aus dem Bett aufstehen, um herbei zu schaffen,[281] was Sie bedürfen. Nach diesen Worten ging der junge Mensch hinweg, und der Arzt beobachtete noch eine Zeit lang den Kranken; dann sing er an, seine auf dem Tische ausgebreiteten Instrumente sorgfältig zu reinigen und einzupacken, und er hatte dieß Geschäft noch nicht geendigt, als der Jüngling schon wieder eintrat und eine Schale Kraftbrühe für den Kranken selber brachte. Der Arzt eilte, um diesen im Bette aufzurichten und, während er die dargebotene Nahrung nahm, zu unterstützen. Der Kranke fühlte die wohlthuende Wirkung der Nahrung, die er zu sich genommen, und senkte sein Haupt unmittelbar darauf zum Schlaf auf die Kissen nieder.

Der Arme! sagte Graf Robert, er hat zwei Nächte ohne Ruhe, gepeinigt von Sorgen, zu Pferde zugebracht, und diesen ganzen Tag ohne Nahrung, weil die Schmerzen der schlecht verbundenen Wunde zu heftig wurden.

Wir wollen nun sehen, sagte der Arzt, wie es morgen sein wird. Ich werde nicht eher kommen, als bis Sie mich rufen, damit ich nicht unnütz seinen Schlaf störe, denn Ruhe bedarf Ihr Freund vor allen Dingen. Sobald er aber erwacht ist, zögern Sie keinen Augen blick mich zu rufen. Nach diesen Worten ging der Arzt hinweg, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben, deren Bedürfniß er auch zu fühlen begann.

Der Graf Robert schlief wenig in dieser Nacht. Der[282] ängstliche Zustand seines verwundeten Freundes hatte keinen andern Gedanken bis jetzt Raum gegeben, als nur solchen, die dazu dienten, dessen Schmerzen zu erleichtern. Jetzt aber, in der Stille der Nacht, überließ er sich dem Nachdenken. Er wußte noch nicht, welche Mittheilungen ihm beide Freunde zu machen hätten, und er wünschte den Morgen herbei, um sowohl den Zusammenhang des Unglücks, welches den einen betroffen, zu erfahren, als auch zu der Kenntniß zu gelangen, welche Art von Beistand sie eigentlich von ihm erwarteten. Der Verwundete, sein ehemaliger Regimentskamerad, ein Herr von Wertheim, war entschlummert; der Andere, welcher gleichfalls bei demselben Regimente mit dem Grafen gedient hatte und ein Baron Lehndorf war, warf sich unruhig auf dem Lager umher, und der Graf hörte seine tiefen Seufzer, und er bemerkte, daß sein bekümmerter Gast erst in einen unruhigen Schlummer fiel, als schon der Morgen zu dämmern begann. Endlich behauptete die Natur ihr Recht und auch die Augen des Grafen Robert waren geschlossen. Ein sanfter Schlummer ruhte auf den Augenliedern der drei Freunde, als der Arzt mit leisen Schritten, von Gustav begleitet, in das Zim mer schlich. Er hatte sich gewundert, daß ihn noch Niemand gerufen hatte, und wunderte sich nun noch mehr, hier noch Alles in sanften Schlaf versenkt anzutreffen. Er näherte sich behutsam [283] dem Lager des Kranken und betrachtete ihn aufmerksam. Wenn Sie nun, wendete er sich tröstend zu Gustav, dieses jugendliche, bleiche Gesicht betrachten, dem der Kummer unverkennbar seine Züge aufgedrückt hat, wenn Sie diesen wehmüthigen Mund ansehen, werden Sie wohl glauben, daß diese Gliedmaßen und Lineamente dem rohesten Menschen angehören? Verwundert und zweifelnd sah der Jüngling den Arzt an. Ich weiß, was ich sage, rief dieser, durch die zweifelnde Miene seines Zuhörers beleidigt, die nöthige Vorsicht vergessend, und der Kranke schlug die blauen Augen auf, und zugleich ermunterten sich die andern Schläfer. Nun, wie geht es heute, fragte der Arzt den Verwundeten; es thut mir leid, daß ich Ihre Ruhe gestört habe.

Wunderbar, erwiederte der Verwundete mit tiefer, wohltönender Stimme, vor deren Klang aber der Arzt ein wenig zurückbebte, wunderbar hat Ihre Hülfe und die Ruhe der Nacht meine Schmerzen gelindert, und ich fühle, daß ich aufstehen kann, ohne meine Kräfte anzustrengen. Erst wollen wir Ihren Arm betrachten, sagte der Arzt, dann wird es sich zeigen, ob Sie aufstehen können. Der Verband wurde abgenommen und der Arzt überzeugte sich bald, daß der schlimme Anschein am vorigen Abend ihn getäuscht habe, der wahrscheinlich daher entstanden war, weil der junge[284] Mann seine Kräfte mehr angestrengt hatte, als die menschliche Natur erlaubt, denn er hatte, ohne zu ruhen, seine Reise zwei Tage und zwei Nächte zu Pferde fortgesetzt. Dadurch war die Wunde gereizt und das heftige Wundfieber erregt worden, auch mochte der schlechte Verband das Uebel vermehrt haben. Sie können aufstehen, sagte der Arzt gleichgültig, nachdem er den neuen Verband aufgelegt hatte. Es ist gar keine Gefahr, daß Sie den Arm verlieren könnten, wie es mir gestern schien, und man kann auch heute ein vernünftiges Wort, wie ein Mann zum Manne, mit Ihnen reden, ohne daß ein einsichtsvoller Arzt die Erschütterung Ihrer Nerven zu sehr befürchten muß.

Die Augen aller Anwesenden waren mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens auf den Arzt gerichtet, denn Niemand begriff, was auf diesen Eingang folgen sollte.

Ja, ja, meine Herren, sagte dieser, indem er mit Selbstgefühl umherblickte, Sie sehen mich an und Ihre Mienen drücken Verwunderung über meine Rede aus, aber Sie, mein junger verwundeter Herr, dessen Name ich nicht die Ehre gehabt habe zu erfahren, obgleich wir nun zum zweiten Male bei einer merkwürdigen Gelegenheit zusammentreffen, was wäre denn nun aus Ihnen geworden, Wer hätte hier Ihre Wunden verbinden sollen, wenn Sie mich, wie Sie vor einigen Monaten beabsichtigten, zum Fenster [285] hinaus geworfen hätten? Nach einem solchen Sturze hätte ich wahrscheinlich Niemandem mehr meine Hülfe angedeihen lassen können, und Falls ich mich auch vollkommen erholt hätte, so weiß ich doch nicht, ob meine Philosophie mich so stark gemacht haben würde, dem hülfreiche Hand bieten zu können, der seine Hände feindlich und gewaltthätig an mich gelegt hätte. Daß dieses Unglück vermieden ist, haben Sie nur dem Herrn Grafen zu verdanken.

Der Arzt hätte seine Rede noch viel länger fortsetzen können, denn alle Zuhörer waren so erstaunt, daß Niemand daran dachte, ihn zu unterbrechen. Als er endlich schwieg, trat der Graf Robert zu ihm und sagte, indem er ihm sanft die Hand auf die Schulter legte: Bester Doktor, reden Sie im Fieber?

Keineswegs, erwiederte der Arzt, indem er sich der Berührung entzog. Der Kranke weiß auch recht gut, daß dem nicht so ist, denn seinem Gedächtnisse wird es nicht entschwunden sein, daß er hier mit seinen Heerschaaren anrückte und statt höflich, wie es dem Freunde ziemte, seinen Bedarf für Rosse und Männer zu fordern, das Schloß gewissermaßen mit Sturm zu nehmen dachte, und friedliche, wissenschaftlich gebildete Einwohner, die sich nicht Landesverräther wollten schelten lassen, zum Fenster hinaus zu werfen drohte.

[286] Wie, rief der Kranke, indem er sich erhob; so bin ich hier unter dem Dache des Franzosenfreundes?

Sie sind unter dem Dache des edelsten Mannes, meines Oheims, erwiederte Graf Robert mit Ernst.

Wie ist es denn? sagte der verwundete Herr von Wertheim, dieser Arzt spricht ja doch, als ob ich im Hause des Mannes wäre, von dem damals angezeigt wurde, daß er während des ganzen Krieges einen französischen Offizier bei sich habe, mit dem er in der größten Vertraulichkeit lebe.

Den habe ich hier, den französischen Offizier, rief der Arzt mit glühenden Wangen und funkelnden Augen, und Sie können ihn sehen. Vollkommen habe ich ihn hergestellt, gesund und blühend kann ich ihn zeigen, und so gut kann es Ihnen auch werden, wenn Sie sich vernünftig betragen.

Der Graf eilte den Arzt zu unterbrechen, dessen steigende Hitze unangenehme Auftritte zu veranlassen drohte, wie er auch in seinem Eifer gänzlich vergaß, daß er den Kranken zu schonen habe. Diesem theilte nun der besonnenere Freund St. Juliens Verhältnisse in diesem Hause mit, und mäßigte die aufbrausende Hitze des Arztes am Besten dadurch, daß er, nachdem er den traurigen Zustand beschrieben, in welchem der junge Franzose im Hause seines Oheims aufgenommen wurde, es rühmend anerkannte, daß er nur durch die Geschicklichkeit [287] des Arztes lebe und seiner Familie zurückgegeben werden könne.

Wenn dem so ist, erwiederte Herr von Wertheim, und wie könnte ich daran zweifeln, da ich von Ihnen, theurer Freund, die Aufklärung erhalte, so habe ich in thörichter Hitze Ihren Oheim sehr beleidigt; ja, ich gestehe, ich habe mich so vergessen, daß nur allein die Verzweiflung, die in meinem Herzen tobte, mich einigermaßen entschuldigen kann. Sie wissen es selbst, wo wir uns zeigten, gewahrten wir den Untergang unseres Vaterlandes. Feigheit und Verrath zerrissen das Herz unseres Königs und seiner Getreuen, und es ist begreiflich, daß die Verläumdung Eingang fand. Aus diesen Gründen, hoffe ich, wird mir Ihr Oheim vergeben, und Sie werden auch Ihren Freund, den Herrn Doktor, bewegen, mir seine Verzeihung zu bewilligen.

Als Christ, rief der leichtversöhnliche Arzt mit feierlicher Stimme, als Christ habe ich Ihnen längst vergeben; als Mensch verzeihe ich Ihnen jetzt und als Arzt, fügte er hinzu, indem er die Augen halb zudrückte und schalkhaft blinzelte, denke ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu sammeln, und das wird mir nicht schwer werden, denn Ihre Verwundung wird mir nicht so viel Noth machen, wie die des armen St. Julien. Sie haben nur durch die Vernachläßigung so viel gelitten, aber er war in einem traurigen Zustande, [288] und stolz schlägt das Herz in meiner Brust, so oft ich ihn ansehe, denn ohne mich würde er längst im Grabe ruhen und könnte alle die Possen nicht treiben, mit denen er uns belustigt, aber auch mich zuweilen ärgert.

Nachdem die Versöhnung erfolgt war, frühstückte der Arzt in bester Freundschaft mit den drei Herren und eilte dann seine Kranken zu besuchen, so wie sein dem Prediger gegebenes Versprechen zu erfüllen und ihm zugleich das wunderbare Zusammentreffen mit einem Manne zu vertrauen, dessen feindselige Gesinnung einst seinem Leben Gefahr gedroht hatte; doch wollte er dessen Verwundung, wie er es gelobt hatte, pflichtmäßig verschweigen.

Als der Arzt die Freunde verlassen hatte, wurden alle Gesichter ernster. Der Graf Robert erwartete die Mittheilung, die ihm gemacht werden sollte, und seine Gäste fühlten die Nothwendigkeit zu reden.

Sie sehen uns hier bei Sich, theurer Freund, begann der Baron Lehndorf, in einem traurigen, ungewissen Zustande.

Laß mich reden, unterbrach der junge Wertheim den Sprechenden, die Erwähnung aller traurigen Umstände, die berührt werden müssen, würde Dich noch mehr als mich verletzen, wie ich Dein Gemüth kenne. Der Baron schien dem Freunde gern das Recht der Rede einzuräumen und lehnte sich still, mit bekümmerter Miene in den Sessel zurück.

[289] Es ist keine Schande, arm zu sein, begann der Herr von Wertheim, denn die zufälligen Gaben des Glücks bestimmen nicht den Werth des Menschen; deßhalb sage ich es ohne Erröthen, daß meine Jugend und Gesundheit mein einziges Vermögen waren, denn die sehr verschuldeten Güter meiner Familie sind schon mehrere Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie, und meine Vorfahren hatten sich rühmlich, wenn auch nicht prächtig, durch Kriegsdienste und Staatsämter erhalten. Meinen Vater hatte ich früh verloren, und meine sehr kränkliche Mutter lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschränkt, so daß ich selbst zuweilen noch einen Theil meines mäßigen Gehaltes anwenden mußte, um ihren kümmerlichen Haushalt zu unterstützen. Mit meinem Freunde Lehndorf verband mich früh eine brüderliche Neigung, und die zunehmenden Jahre steigerten diese bis zur innigsten Freundschaft, die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu bewies. Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter Stimme, indem er seinem Freunde die Hand reichte, und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort: Lehndorf war in einer besseren Lage als ich. Er war allein, und ein kleines Erbe unterstützte ihn so lange, bis er hoffen durfte, eine Eskadron zu bekommen, er genoß also seine Jugend ohne drückende Sorgen. Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht fehlen, daß er meine Schwester kennen lernte. [290] Ihre Jugend und Liebenswürdigkeit machten Eindruck auf das Herz meines Freundes, und sie schien eine Empfindung zu theilen, von der wir hofften, daß sie unser Lebensglück erhöhen würde. Es ward bestimmt, sobald Lehndorf eine Eskadron bekäme, daß alsdann der Segen der Kirche ein glückliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte, den ich längst als solchen liebte. Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer. Nachdem er sich gesammelt hatte, fuhr sein Freund also fort: So standen die Sachen, als der Krieg ausbrach. Welche unglückliche Wendung er nahm, ist bekannt. Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt, und ich traf meine Familie in der größten Armuth, als ich mit meinem Freunde zurückkehrte, der durch den unglücklichen Frieden so wie ich verabschiedet war. Jetzt schienen alle Hoffnungen zertrümmert und wir hätten dem größten Elende erliegen müssen, wenn mein Freund nicht großmüthig den Rest seines kleinen Erbes mit uns getheilt hätte.

Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung. Warum willst Du mich zwingen zu verschweigen, rief sein Freund, was die Wahrheit zu bekennen fordert, und was ich Dir eben so einfach und treu geboten hätte, wie Du mir, wenn die Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären? Zum Grafen [291] gewendet fuhr er darauf fort: Das Liebesglück meines Freundes mußte verschoben werden bis zu einer besseren Zeit, die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen. Meine Schwester gelobte die zärtlichste Treue, und unsere Sorgen richteten sich auf die nächste Zukunft. Sie selbst nahmen Theil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter Freunde, und kennen die Verpflichtungen und den edeln Zweck unserer Vereinigung. Also können Sie denken, daß wir nicht zögerten, als mir und meinem Freunde der Auftrag wurde, einige ehemalige Kameraden, die so wie wir verabschiedet und in Unthätigkeit lebten, zu prüfen und wo möglich für unseren edeln Zweck zu gewinnen. Wir eilten den Wunsch unserer Brüder zu erfüllen und lebten daher nah an zwei Monate entfernt von unseren Lieben. Ein feindliches Schicksal wollte, daß während dieser Zeit ein französisches Regiment, welches bis jetzt zur Besatzung gehört hatte, von einem anderen abgelöst wurde, und daß der Obrist des einrückenden seine Wohnung in dem Hause nahm, wo auch meine Mutter und Schwester in strenger Zurückgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten. Der Obrist hatte eine deutsche Frau, oder wenigstens galt sie dafür, denn ihre gemeinen Sitten haben mir Zweifel über die Art der Verbindung erregt, in welcher sie mit dem Obristen lebte. Diese suchte, unter dem Vorwande, daß ihr als einer Deutschen der Umgang [292] mit deutschen Frauen ein Trost sei, die Bekanntschaft meiner Mutter, und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht, eine schwache, kränkliche Frau für sich zu gewinnen, so wie sie die unerfahrene Jugend meiner Schwester benutzte, um diese ganz in ihren Kreis hinüber zu ziehen. Als ich und mein Freund nach mühevollen, nur halb gelungenen Geschäften zurückkehrten, und die kleine Wohnung betraten, wohin mich kindliches und brüderliches Gefühl, und meinen Freund die Sehnsucht einer innigen, treuen Liebe zog, überraschte uns, da wir unvermuthet erschienen, ein seltsamer Anblick. Meine Schwester stand vor uns in reizender Blüthe der Jugend und Schönheit, geschmückt mit allem Tand, den die Mode fordert, um auf einem Balle zu glänzen. Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem unglücklichen Geschöpf, so wie sie uns erblickte, und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu überwinden, um die nöthige Auskunft zu geben; so erfuhren wir, ein Ball, den der Obrist gebe, sei die Veranlassung des festlichen Putzes. Die deutsche Frau des französischen Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten, die ihrer armen einsamen Tochter doch auch nicht hartherzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen. Und als ich fragte, Wer denn den Tand bezahlt habe, der meine Schwester umflatterte, erfuhr ich, daß dieser der Frau Obristin gehöre, die meine Schwester so lieb gewonnen habe, [293] daß sie Alles mit ihr zu theilen wünsche. Sie können wohl denken, wie tief ich die zehnfache schmähliche Erniedrigung empfand, daß meine entartete Schwester bereit war, mit den Feinden ihres Vaterlandes im Tanze sich zu vereinigen, gegen die ihr Bruder und ihr Bräutigam jeden Augenblick mit Freuden gekämpft haben würden, auch den letzten Tropfen ihres Herzblutes nicht sparend, um sie von der Erde zu vertilgen, und daß die Tochter eines Edelmannes sich nicht schämte, um dieß zu können, den nichtigen Putz aus den Händen derselben Feinde zu empfangen, die ihr Vaterland zertreten und beraubt hatten, um nun mit diesem Raube eine prahlerische, entehrende Großmuth zu üben. Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles, was mein empörtes Gemüth mir eingab, und nur meinem Freunde gelang es mich zu besänftigen, indem er um Schonung für die Geliebte bat. Es versteht sich, daß aller Putz sogleich zurückgesendet werden mußte, und meine unvermuthete Ankunft diente als Entschuldigung dafür, daß meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle erschien. Aber ich hatte die Kränkung zu erfahren, daß es nicht das erste Mal war, daß meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten, solchen Einladungen zu folgen, und ich mußte erfahren, daß letztere auf früheren Bällen, ungestört durch einen mürrischen Bruder, hatte glänzen und Beifall gewinnen können. Mit scheinbarer Demuth [294] hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen; sie war blaß und still. Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen auf's Strengste und glaubte, daß mir pünktlich Folge geleistet werden würde. Gegen meinen Freund verhielt sie sich leidend und ließ sich seine Zärtlichkeit eben nur gefallen, und er machte mir Vorwürfe, indem er behauptete, meine heftige Art zu tadeln habe einen tiefen, schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemüth meiner liebenswürdigen Schwester gemacht. Auch die Mutter meinte, so gar groß könne das Versehen nicht sein, da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei, die auf den Bällen des Obristen getanzt habe. Da ich Mutter und Schwester nach wenigen Tagen wieder verlassen mußte, um noch unausgeführte Aufträge zum Besten unserer Verbindung zu besorgen, so ließ ich mich, im Vorgefühle der nahen abermaligen Trennung, leichter versöhnen, und der Friede in unserer kleinen Familie war hergestellt. Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem abreisen mußte, forderte ich von meiner Schwester das Versprechen, sich während unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner leichtsinnigen Lust nachzugeben. Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand, indem ihre Augen von Thränen überflossen. Ich hielt das für ein feierliches Versprechen, und nachdem ich meiner Mutter meine Wünsche ernstlich an's Herz gelegt, reiste ich mit [295] meinem Freunde ruhig dahin, wohin unsere Bestimmung uns führte. Wir fühlten uns beide unbehaglich in der Ferne, mein Freund in dem Verlangen, das Gemüth meiner Schwester wieder völlig mit sich auszusöhnen, denn ihm schien es, als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe, und ich, weil ein dunkles Gefühl mir sagte, daß diese Schwester einer anderen Aufsicht, als der einer zu schwachen Mutter, bedürfe. Wir eilten also beide nach wenigen Wochen zurück, wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen, doch ohne Ahnung des Jammers, der uns erwartete. Wir fanden die Mutter allein, verzweifelnd, dem Tode nah, die Schwester war verschwunden. Als unsere starre Verzweiflung so weit nachließ, daß wir nach den näheren Umständen fragen konnten, erfuhren wir, den Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt verlassen, um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen Gränze zu gehen; in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden. Ein zurückgelassener Brief an die Mutter erklärte mit all den Redensarten, die jetzt so häufig gemißbraucht werden, sie sei durch eine unwiderstehliche Leidenschaft zu diesem Schritte gezwungen worden. Ein Kästchen, worin sie manche Kleinigkeiten aufhob, war vermuthlich im Drange dieser Leidenschaft vergessen worden, denn darin fanden sich mehrere Briefe, die den Gegenstand [296] ihrer Neigung bezeichneten, dem die Unglückliche das Glück des Lebens, die Ehre ihrer Familie und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte. Es war niemand anders als der Bruder des Obristen, und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder Geliebten des Obristen belehrten uns, daß sie das Ganze geleitet hatte.

Mit diesen Briefen in der Hand ließen wir uns beim Obristen melden. Wir wollten von ihm den Weg erfahren, den sein Bruder genommen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen und die Unglückliche ihrem Verderben zu entreißen. Er wollte die Sache leicht französisch nehmen und gab ausweichende Antworten. Als mein Freund heftig und dringend wurde, sagte er lachend, für so unritterlich und unbrüderlich würden wir ihn doch nicht halten, daß er selbst uns seinem Bruder nachsenden würde, um ihm sein Glück zu entreißen. Als ich mit Heftigkeit von der Genugthuung sprach, die der erlittene Schimpf fordere, sagte er kaltblütig, er sei bereit, diese im Namen seines Bruders zu geben. Ich nahm ihn beim Worte und der nächste Tag wurde zur blutigen Entscheidung bestimmt. Mein großmüthiger Freund ließ den kleinen Rest seines Vermögens beinah ganz in den Händen der kranken, ihre Schwachheit zu spät bereuenden Mutter und sehnte sich statt meiner, von der Kugel des Franzosen zu sterben. Ich bestand auf meinem Recht, er [297] war mein Sekundant. Wir trafen am andern Morgen mit unserm Feinde zusammen; seine Kugel streifte mir den Arm und riß eine große Wunde hinein, ich aber traf meinen Gegner, wie wir glauben müssen, tödtlich, denn er blieb leblos in den Armen seines Sekundanten, der uns wohlmeinend zur Flucht antrieb, und mein Freund riß mich besinnungslos hinweg.

Herr von Wertheim schwieg. Tiefer Ernst lag auf der Stirn des Grafen, und Lehndorf bedeckte sein Gesicht mit der Hand, den Arm auf die Lehne des Sessels stützend. Nach kurzem Schweigen fuhr Wertheim fort: Alle unsere Handlungen nach der Flucht meiner Schwester waren in schmerzlicher Verzweiflung rasch auf einander gefolgt und Keiner hatte an einen bestimmten Plan verständig denken können. Wir fanden uns also auf der Landstraße mit sehr wenigem Gelde und den Kleidern, die wir an uns trugen. Wir spornten unsere Pferde an und wußten nicht wohin. So geriethen wir zufällig in ein Dorf und erfuhren, daß es zu Ihren Gütern gehöre und daß wir dem Herrenhause ganz nahe wären. Ich blieb in der Schenke, während Lehndorf einen kurzen Besuch bei Ihrer Mutter machte, um nach Ihnen zu fragen. Hier erfuhr er Ihren Aufenthalt und dieß gab unserer Flucht eine bestimmte Richtung. Ich war schlecht verbunden, aber wir eilten dessenungeachtet [298] vorwärts, ohne weder uns, noch unseren Pferden die nöthige Ruhe zu gewähren, und diese erlagen der Anstrengung. Zwei Stunden von hier mußten wir sie zurücklassen, und ich machte, obwohl zum Tode ermattet, trotz meiner Schwäche, den Rest des Weges mit meinem Freunde zu Fuß, und so kamen wir gestern bei Ihnen an, mit dem Plane, nach einiger Ruhe, dem Rathe und dem Troste eines Freundes gemäß, uns zu dem Korps von Schill zu begeben, um, wenn er uns nicht anders brauchen kann, als Gemeine unter ihm zu dienen, denn in diesem geht dem Vaterlande eine neue Sonne auf, und ich hoffe, wir werden Großes durch ihn erleben.

XIV

Wertheim schwieg, und der Graf Robert sagte: Sie zweifeln wohl keinen Augenblick daran, daß ich alles aufbieten werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Pläne zu befördern, aber ich glaube, lieber Wertheim, Sie werden einige Tage ruhen müssen, ehe Sie daran denken können, weiter zu reisen, und dieß erfüllt mich mit Sorgen, denn wenn der Obrist wirklich geblieben ist, so muß man Verfolgung befürchten, und wie leicht können Sie hier entdeckt werden.

Im Grunde, sagte Wertheim finster, liegt mir wenig am Leben, und mein Freund Lehndorf ist gesund. Schaffen [299] Sie ihm also die Mittel fortzukommen, damit mir wenigstens der Trost bleibt, wenn ich untergehen muß, daß er lebt, um vielleicht in der Zukunft an der Rache Theil zu nehmen und den Feind bestrafen zu helfen, der uns, nachdem er unser Vaterland in den Staub getreten, unsere Ehre gekränkt hat, durch seine Satelliten unsere Bräute und Schwestern rauben und, so wie die öffentliche Ehre verletzt ist, auch die Familienehre mit Hohnlachen zu Grunde richten läßt.

Der Baron Lehndorf erklärte sich bestimmt, daß er den Freund nicht verlassen würde, und der Graf bat den Verwundeten, es zu erlauben, daß er seinem Oheim die Geschichte seines Unglücks mittheile, da ja doch nur durch ihn in seinem Hause kräftiger Beistand zu erlangen sei. Nur schwer ließ sich Wertheim überreden, seine Einwilligung zu dieser Mittheilung zu gewähren, denn sein von Natur heftiges und durch das öffentliche sowohl, als sein eignes Unglück erbitterte Gemüth war schwer von einmal empfangenen Eindrücken zu heilen, und was auch der Graf Robert sagen mochte, er schwieg düster dazu, und verlor den Verdacht und Widerwillen gegen den Oheim seines Freundes nicht ganz. Endlich überstimmt und überredet, mußte er die verlangte Einwilligung geben, und Graf Robert begab [300] sich zu seinem Oheim, um das Beste seines düstern, ungestümen Freundes zu berathen.

Der Graf beklagte den jungen Mann und war um so mehr zur Hülfe bereit, da er dem Staate einen kräftigen Krieger zu erhalten wünschte. Doch entschied er dahin, daß jede Maßregel aufgeschoben werden müsse, bis der Arzt zurück sei, um seine Meinung zu hören, wie bald der Verwundete sich neuen Anstrengungen unterwerfen könne. Es ward also beschlossen, um jede Neugierde der Bedienten zu unterdrücken, die bei etwaigen Nachforschungen nachtheilig werden könnte, zu verbreiten, der junge Mann sei durch einen Sturz mit dem Pferde verletzt worden und müsse sich hier im Hause etwas erholen, ehe er weiter nach Warschau reisen könne, wie seine Absicht sei; und um allen Schein des Geheimnisses zu vermeiden, sollten die beiden Fremden der Familie des Grafen vorgestellt werden und in diesem Kreise scheinbar gleichgültig leben, bis der Arzt die Abreise erlauben würde. Der Graf Robert hatte es Anfangs zu erwähnen vermieden, daß der Herr von Wertheim derselbe sei, durch dessen ungestüme Hitze sein Oheim schon ein Mal war beleidigt worden. Er wollte erst die Unterstützung desselben für den jungen Mann in Anspruch nehmen und ihm dann dessen aus Vaterlandsliebe entstandenen Mißgriff bekennen. Im Eifer des Gesprächs aber vergaß er diesen [301] Vorsatz und hatte seinen Oheim verlassen, ohne ihm diesen Umstand zu vertrauen.

Zu seinem Freunde zurückgekehrt, fand er bei diesem den größten Widerwillen sich zu fügen, denn auf der einen Seite hielt ihn Scham und Verlegenheit zurück, sich einer Familie zu zeigen, bei der sein erstes Auftreten keinen vortheilhaften Eindruck konnte zurückgelassen haben, und dann war sein Mißtrauen gegen den Grafen, welches er freilich dem Verwandten desselben nicht zeigen durfte, keineswegs gehoben. Endlich mußte er einsehen, daß er, da sein böses Schicksal ihn zwang, gerade in diesem Hause Gastfreundschaft zu empfangen, wenigstens jetzt die Höflichkeit üben müßte, die sowohl die Sitte, als seine eigene Sicherheit forderte. Er ließ es also geschehen, daß der Graf Robert sowohl ihn, als seinen Freund Lehndorf mit Wäsche und Kleidern anständig versorgte, woran bei ihrer übereilten Flucht Keiner gedacht hatte, um dem Grafen und seiner Familie vorgestellt werden zu können. Als sie den Saal in dieser Absicht betraten, fiel es dem jungen Grafen ein, daß er es vergessen habe, seinen Oheim darauf vorzubereiten, daß er in der Person des Herrn von Wertheim keinen Unbekannten begrüßen würde, und er befürchtete unangenehme Folgen dieser Vergeßlichkeit.

Es war nicht zu verkennen, daß ein Schatten von Unmuth [302] über das Gesicht des Grafen flog, als sein Blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete. Die leise Hoffnung, daß er ihn nicht wieder erkennen würde, verließ den jungen Mann, Verlegenheit und Scham färbten sein Gesicht mit dunkler Röthe, und drohten ihn aller Fassung zu berauben.

Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefühl besiegt und sagte höflich, wenn auch mit einiger Kälte: Da ich das Vergnügen habe, Herr von Wertheim, Sie bei mir zu sehen, so muß ich glauben, daß Sie Ihre Ansichten über mich, die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen äußerten, geändert haben, und diese stillschweigende Erklärung ist mir im gegenwärtigen Augenblicke genügend, um jedes Mißverständniß zwischen uns aufzuheben. Der junge Mann wollte antworten, aber er strebte vergeblich danach, Worte zu finden, so daß der Graf, mit seiner Verlegenheit Mitleid fühlend, ihn, ohne weitere Antwort zu erwarten, mit seinem Freunde den Damen vorstellte.

Der Gräfin gegenüber, war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich, denn die Erinnerung stieg in ihm auf, wie er dieselben Frauen damals im Saale getroffen und sie keines Grußes, kaum eines Blickes werth gehalten habe, als er im Schmerz über das öffentliche Unglück mit zu großer Rohheit den Grafen als Landesverräther behandelte. [303] Er konnte also nur mit Mühe auf die Theilnahme, die ihm die Gräfin über seinen Unfall bezeigte, einige höfliche Worte antworten und war froh, als sich der Obrist Thalheim, der sich ebenfalls in der Gesellschaft befand, seiner bemächtigte und ihn in ein Gespräch über die letzten Gefechte, über die beinah gänzliche Auflösung der preußischen Armee und über den Druck der Franzosen verwickelte.

Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zurückgekommen und man begab sich zur Tafel; aber die Stimmung war nicht so unbefangen, wie gewöhnlich. Die neuen Gäste nahmen nur mit Zurückhaltung an den Gesprächen Theil, und des Grafen Höflichkeit war förmlicher und kälter, als man es an ihm gewohnt war. St. Julien hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen, aber die beiden Freunde des jungen Grafen würden es wie einen Verrath an ihrer heiligen Sache betrachtet haben, wenn sie den Scherz eines Franzosen belächelt hätten, wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet hätte, wie dieß nach der Entführung der Schwester und Braut der Fall war. Es zog sich also bald nach aufgehobener Tafel Jedermann zurück, und der Graf erkundigte sich bei dem Arzte, ob er es für möglich halte, daß der junge Wertheim seine beabsichtigte Reise fortsetze.

Da der Arzt sah, daß der Graf im Geheimniß sei, so [304] gestand er offen, der junge Mann müsse wenigstens zwei Tage ruhen, wenn die Wunde sich nicht auf's Neue heftig entzünden solle, in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei, den Arm zu verlieren. Der Graf richtete seinen Plan demgemäß ein und ließ seinen Vetter zu sich bitten. Es wurde nun beschlossen, daß der junge Gustav noch diesen Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle, daß der Graf Robert diese leichte Equipage als ein Geschenk für seine Schwestern nach seinem Gute sende. Der junge Mensch sollte aber statt dorthin zwei Poststationen nach Warschau machen und dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten, denen er Wagen und Pferde zu ihrem Fortkommen zu überlassen habe. Er selbst solle denn ein Reitpferd einhandeln und damit zurückkehren. Die Reisenden sollten öffentlich auf dem Wege nach Warschau von Schloß Hohenthal abreisen und von der bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin, oder wohin sie sonst wollten, richten, und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu führen, als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den Bewohnern von Hohenthal abzulenken. Der Graf Robert theilte seinen Freunden den entworfenen Plan mit, die, damit zufrieden, dankbar die Fürsorge des Freundes erkannten, nur hätten [305] sie gewünscht, sogleich abreisen zu können; die Verzögerung zweier Tage schien ihnen peinvoll. Der Graf Robert bat den jungen Gustav in Gegenwart seiner Gäste um die Gefälligkeit, diesen Auftrag zu übernehmen, weil es unmöglich sei, sich in einer so ernsthaften Sache jemandem zu vertrauen, auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen könne. Der Jüngling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschützenden Freundes, eine falsche Meinung seiner Gäste über ihn von ihm abzuwenden, und als er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach, überhäufte ihn dieser mit Danksagungen, in die der Verwundete sowohl, als der Baron Lehndorf herzlich einstimmten, und der Jüngling trat nach dem verabredeten Plan sogleich die Reise an.

Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Wertheim aus dem Gesellschaftssaale der Gräfin zurückgezogen. Er fühlte grollend die Kälte, mit welcher der Herr des Hauses ihn behandelte, und konnte sie doch innerlich nicht tadeln, denn mit Beschämung mußte er sich gestehen, daß sein früheres Betragen ihn nicht berechtigte, eine liebevolle Aufnahme zu fordern, und indem er gezwungen war, unter so drückenden Verhältnissen Hülfsleistungen in diesem Hause zu empfangen, die vielleicht sein Leben erretteten, betrachtete er St. Julien mit Unmuth und bemühte sich gewissermaßen, [306] einen Verdacht gegen den Grafen in seiner Seele fest zu halten, um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen Größe eingestehen zu müssen. Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen, auf die schönen muthigen Pferde nieder, mit denen eben der Jüngling Gustav abreiste, zum Abschiede noch freundlich hinauf grüßend, worauf ihm Graf Robert noch mit zärtlicher Besorgniß Warnungen zurief, die der junge Mensch lächelnd beantwortete, indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edeln Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verließ.

Trübe schlichen die Stunden vorüber, der Herbst war schon weit vorgerückt, feuchte Nebel senkten sich hernieder und die Natur bot dem bekümmerten Gemüthe keinen Trost, so daß nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewähren konnte. St. Julien kam, um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen. Er machte dem Grafen Robert Vorwürfe, daß er den jungen Gustav hatte abreisen lassen. Wir werden uns außerdem bald genug trennen müssen, sagte er, Du hättest doch gewiß einen andern finden können, der Deine Aufträge zu erfüllen im Stande wäre. Auch die Damen sind böse, daß Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast, und es wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen, und Du, nimm es nicht übel, Du bedarfst ihn am meisten. Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder, sagte der Graf lächelnd.

[307] Lieber Freund, erwiederte St. Julien ernsthaft, wenn man nur noch wenige Wochen zu leben hat, dann sind einige Tage viel. Du weißt, wir müssen uns bald trennen, und Gott weiß, wohin dann mich das Schicksal führt. Es scheinen sich neue Gewitter im Süden zusammen zu ziehen, und mir blutet das Herz, wenn ich denke, daß wir, die wir hier so glückliche Tage mit einander leben, uns nun trennen und vielleicht niemals wiedersehen, denn wer kann mit Bestimmtheit wissen, ob ich aus den Kämpfen, die sich zu entwickeln drohen, lebend wiederkehre.

Der Graf Robert drückte schweigend die Hand des jungen Mannes, indem er liebevoll in die dunkeln Augen blickte, die mit Zärtlichkeit auf ihn gerichtet waren, und der junge Wertheim sagte in der übereilten Hoffnung, daß sich vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrünnig machen ließe: Wenn Sie Ihre deutschen Freunde so lieben, wie Ihre Worte zeigen, warum verlassen Sie denn nicht die Sache des Weltunterdrückers und ersparen Sich einen Schmerz, den ich natürlich finde, und die späte Reue, zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben?

Beleidigt blickte St. Julien auf, doch die Flamme des Zornes verschwand, als sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete, und er erwiederte lächelnd: Es wäre unpassend, wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht [308] auf den Ruhm legen wollte, der die französischen Waffen umgiebt, und der allein hinreichend wäre, Frankreichs Krieger an ihren großen Feldherrn zu fesseln; aber ich frage Sie, Herr von Wertheim, wenn ich so glücklich wäre, von Ihnen sehr geliebt zu werden, ob Sie in dieser Neigung, wie mächtig sie auch wäre, einen Grund finden könnten, Ihren König, Ihr Vaterland, Ihre Sache zu verlassen, wenn sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln? Auch denken meine deutschen Freunde zu gut von mir, fuhr er etwas empfindlich fort, als daß sie einen solchen Schritt je auch nur für möglich gehalten hätten.

Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte, die nicht dazu dienten die Gemüther einander zu nähern, und der Graf Robert erinnerte endlich, daß es Zeit sei, sich in den Saal zu begeben, wohin ihn alle drei Freunde etwas mißmüthig begleiteten. Die Haus genossen waren schon versammelt, und man nahm um so lieber zur Musik seine Zuflucht, da sich ein heiteres Gespräch diesen Abend nicht wollte durchführen lassen, weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden war.

Während des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich geräuschvoll in den Saal, und man sah es ihm an, daß er mit Ueberwindung den Schluß der Musik erwartete, weil er etwas auf dem Herzen hatte, das ihm wichtiger als alle [309] Musik der Welt schien, und sein Bestreben, sich dem Grafen zu nähern, war so auffallend, daß selbst Emilie während des Gesanges sich dadurch gestört fühlte und dem Ende zueilte, ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages zu entfalten und ihr Gefühl in Tönen sich wiegen zu lassen.

Man hatte auch kaum geendigt, als die auffordernde Miene des Geistlichen den Grafen nöthigte aufzustehen und sich ihm zu nähern, worauf dieser ein scheinbar gleichgültiges Gespräch anknüpfte, indem er mit dem Grafen durch den Saal ging und dann, wie er glaubte, unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer führte. Als sie dieß erreicht hatten, ging der Prediger einige Mal auf und nieder, und der Graf brach endlich das Schweigen, indem er sagte: Sie haben vermuthlich etwas zu berichten, das nicht angenehmer Natur ist, denn sonst würden Sie, Herr Prediger, nicht so lange mit der Mittheilung zögern.

Wenigstens sonderbar ist es, erwiederte der Geistliche, und ich befürchte, Sie werden von mir glauben, daß ich mich in Ihre Familienangelegenheiten einzumischen suche, und doch konnte ich es, vermöge meines Amtes, nicht ablehnen, da ich ersucht wurde, meine Kräfte anzuwenden, um Frieden zu stiften und wo möglich zu vereinigen, was so lange schon unnatürlich entzweit ist.

[310] Wie verstehe ich das? fragte der Graf mit finstrer Stirn.

Ich will es zugeben, sagte der Geistliche mit so mildem Tone, wie er ihn nur von seiner scharfen Stimme erzwingen konnte, daß der Bruder Ihrer Frau Gemahlin Unrecht gegen seine Schwester geübt hat. Er gesteht dieß selbst ein mit herzlicher Reue, aber sollen deßhalb Geschwister einander ewig zürnen? Beten wir nicht täglich: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben. Und soll dieß ein leeres Wort bleiben, bei dem unsere Herzen nichts empfinden?

Lassen wir das, Herr Prediger, sagte der Graf kurz und finster; ich bitte Sie, diese Seite nie mehr zu berühren.

Der Graf wollte nach diesen Worten zur Gesellschaft zurückkehren, der Prediger aber hielt ihn zurück, und indem er den Ton des Seelsorgers fallen ließ, sagte er im Tone des Geschäftsfreundes: Gönnen Sie mir noch einen Augenblick, ich habe meine Pflicht gethan, indem ich die Versöhnung der Geschwister versuchte, worauf ich nie gekommen wäre, wenn ich nicht den bestimmten Auftrag dazu hätte.

Und Wer, fragte der Graf, mischt sich in meine Familienangelegenheiten? Wer kann Ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben?

Wer anders, erwiederte der Pfarrer lächelnd, als der, dem die Versöhnung am Meisten am Herzen liegt.

Wie, rief der Graf mit Erstaunen, der Baron Schlebach?

[311] Ihr Herr Schwager, ja, versetzte der Pfarrer mit schlauem Lächeln.

Niemals, erwiederte der Graf mit Heftigkeit, darf er auch nur die leiseste Annäherung erwarten; und ich kann die Hartnäckigkeit, mit der er darauf besteht, nicht achten. Ich bitte Sie, ihm dieß so deutlich zu machen, daß er es einsehen muß. Wählen Sie dazu Worte, welche Sie wollen, nur befreien Sie mich und seine arme Schwester von einer Zudringlichkeit, die für uns unerträglich ist.

Hören Sie mich, sagte ernsthaft der Geistliche, den die große Heftigkeit des Grafen in Verwunderung setzte. Es ist ganz unmöglich, daß Sie den Baron Schlebach nicht sprechen; Sie würden dadurch Auftritte veranlassen, die Ihnen, wie ich Sie kenne, im höchsten Grade widrig sein würden.

Wie kommen Sie mit diesem Menschen in Verbindung? sagte der Graf noch immer sehr entrüstet. Ohne mein Zuthun, erwiederte der Pfarrer. Der alte Lorenz brachte ihn heute zu mir, indem er zu mir mit seiner gewöhnlichen Heuchelei sagte, da ich von Gott dazu bestimmt sei, die Irrenden auf den rechten Weg zu leiten, so habe er dem Herrn Baron gerathen, sich an mich zu wenden, damit er den Frieden seiner Seele wieder gewänne und in Eintracht mit seiner Familie leben könne, denn ihm nage es das Herz ab, [312] wenn er sehen müsse, wie seinen verehrten Freund, den Herrn Baron, der Kummer darüber verzehre, daß sich diejenigen, die Gott ihm so nahe gestellt habe, so fern von ihm hielten. Der Baron sprach weniger von Gott zu mir, sondern sagte mir bloß, Herr Lorenz habe ihm versichert, daß ich der Freund Ihres Hauses sei, und da mein Amt es mir zur Pflicht mache, die Gemüther der Menschen zu versöhnen, so werde ich, wie er hoffe, gewiß auf das Bereitwilligste ihm eine Unterredung mit Ihnen auszuwirken suchen, die vielleicht eine Versöhnung zwischen lang getrennten Geschwistern herbeiführen könne, um so mehr, da er bereit sei, jedes Unrecht gegen seine Schwester einzugestehen und sie deßhalb um Verzeihung zu bitten. Dieß alles wurde sehr höflich gesagt, aber er fügte hinzu: Sagen Sie meinem Schwager, daß ich ihn durchaus sprechen muß, und wenn er eine Unterredung, die ich, wie Sie selbst sehen, mit Vorsicht einleite, nicht bewilligen will, so bin ich entschlossen, nach Schloß Hohenthal zu gehen, um ihn aufzusuchen, und er kann meinen Anblick nur dann vermeiden, wenn er den nächsten Verwandten seiner Gemahlin mit Gewalt von seiner Schwelle treiben läßt.

Was kann der Mensch von mir wollen? rief der Graf entrüstet, welch neues Unglück will er durch seine Gegenwart hervorrufen?

[313] Bewilligen Sie ihm die Unterredung, sagte der Pfarrer besänftigend. Ich habe ihn gebeten die Nacht bei mir zu bleiben, dann kann er morgen früh hieher kommen, und Sie sprechen ihn erst allein und bestimmen, ob er sich Ihrer Frau Gemahlin nähern soll.

Hieher nicht, rief der Graf noch immer sehr aufgeregt, hierher darf er nicht kommen, die Gräfin darf ihn nicht in ihrer Nähe ahnen. Der unglückliche Frevler, er kennt nicht einmal den Umfang seiner Schuld. Der Graf schwieg plötzlich, denn mitten in seiner Leidenschaftlichkeit bemerkte er den aufmerksam lauernden Blick des Predigers, der zu erwarten schien, daß im Drang verschiedener schmerzlichen Empfindungen der Graf jede Zurückhaltung aufgeben und ihm die Quelle der Leiden zeigen würde, die er oftmals in einer Familie wahrgenommen hatte, die von außen so glücklich schien.

Ein kurzes Schweigen war entstanden. Endlich sagte der Geistliche, ein wenig über die getäuschte Hoffnung verstimmt: So sprechen Sie ihn bei mir, wenn Sie ihn hier nicht sehen wollen, denn, glauben Sie mir, sprechen müssen Sie ihn durchaus, wenn nicht ärgerliche Auftritte entstehen sollen.

Nach einigem Nachdenken sagte der Graf mit ruhiger Fassung: Ich nehme dankbar Ihr Anerbieten an und bitte Sie die Sache so zu leiten, daß der Gräfin die Nähe ihres Bruders wo möglich verschwiegen bleibt. Auch ich hätte gern [314] ein Zusammentreffen vermieden, das nicht erfreulich sein kann; indeß auch solche Dinge gehören zu den Bürden des Lebens, die ein Mann muß ertragen können.

Der Prediger gelobte von seiner Seite Verschwiegenheit, doch bemerkte er gegen den Grafen, daß der Baron mit dem alten Lorenz gekommen sei, der um so weniger eine Zusammenkunft, die er eingeleitet habe, verschweigen würde, wenn er wüßte, daß man dieß wünsche. Der Graf gab ihm Recht, und Beide wunderten sich darüber, daß der Baron mit dem Alten in einer Vertraulichkeit lebe, die unziemlich genannt werden konnte, da ihn nur niedrige Gründe bestimmt haben konnten, sich einem Trunkenbolde vertraulich zu nähern, von dem er durch Erziehung und Bildung und Gründe aller Art entfernt gehalten werden sollte.

Der Graf kehrte jetzt mit dem Prediger scheinbar ruhig zu der Gesellschaft zurück und sagte, indem er dem ängstlichen Blicke der Gräfin begegnete, mit heiterem Lächeln: Der Herr Prediger hatte mir Mancherlei über die Gemeinde mitzutheilen; aber nicht wahr? setzte er hinzu, indem er ihm die Hand bot, wir werden gemeinschaftlich alle Uebel abwenden. Gewiß, antwortete der Pfarer lächelnd, das Schwerste haben Sie ja schon gethan.

Die Gräfin, die durch die lange Abwesenheit ihres Gemahls und des Predigers beunruhigt worden war, glaubte [315] nach diesem heiteren, gleichgültigen Gespräch, daß nichts Bedeutendes vorgefallen sein könnte, und wollte sich der Unterhaltung wieder hingeben, aber es war diesen Abend kein Leben in die Gesellschaft zu bringen. Der Graf war innerlich mit der Unterredung beschäftigt, die am folgenden Tage Statt finden sollte. Die Gäste des Grafen Robert waren, von Kummer und Mißtrauen gedrückt, zu keiner harmlosen Theilnahme an der Unterhaltung zu bewegen, so daß man zuletzt zu den Karten seine Zuflucht nahm, womit der Prediger besonders zufrieden war.

Da der Baron Lehndorf, sein Freund Wertheim und der Prediger die Parthie des Obristen Thalheim machten, so redete der Pfarrer den Verwundeten oftmals an und nöthigte ihn die verabredete kleine Fabel zu wiederholen, daß er nämlich mit dem Pferde gestürzt sei und sich den Arm beschädigt habe, welcher Unfall ihn genöthigt, das Vorwort seines Freundes zu benutzen, um die Gastfreundschaft hier in Anspruch zu nehmen, wo er zugleich so glücklich gewesen sei, den Beistand des Herrn Doktors für seinen Arm benutzen zu können. Und davon haben Sie mir nichts gesagt, sagte der Prediger, indem er einen scharfen Blick auf den Arzt richtete, der dem Spiele zusah. Der überraschte Freund wurde roth und sprang einen Schritt zurück, drückte dann die Augen zu und sagte, vor Verlegenheit blinzelnd: Es ist [316] eine unbedeutende Beschädigung, es war nicht der Mühe werth darüber zu sprechen.

Der Prediger erwiederte nichts weiter, richtete aber noch einige gleichgültige Fragen über das französische Militair an den Baron Lehndorf und seinen Freund, und spielte ruhig seine Parthie zu Ende. Nach dem Abendessen nahm er den Arzt am Arme und schlug ihm vor, noch eine Pfeife Tabak in seinem Zimmer zu rauchen, welches dieser nicht ablehnen konnte, und so trennte sich die Gesellschaft, weil ein Jeder sich danach sehnte, sich seinen Gedanken ungestört überlassen zu können.

Nachdem der Prediger im Zimmer des Arztes mit großer Gelassenheit seine Pfeife in Ordnung gebracht, gestopft und angezündet hatte, lud er seinen Freund ein, seinem Beispiel zu folgen, woran dieser noch nicht gedacht hatte, denn ihm war heute die Aussicht, daß der Geistliche noch lange könne bei ihm verweilen wollen, nicht angenehm, weil er sich gern losmachen und seine Pflicht erfüllen wollte; denn die Wunde des Herrn von Wertheim mußte noch verbunden werden, und er wollte den jungen Mann nur ungern noch länger die Ruhe der Nacht entbehren lassen.

Also, fing der Prediger das Gespräch an, den Rauch aus seiner Pfeife in die Höhe blasend, der Herr von Wertheim [317] ist mit dem Pferde gestürzt und dadurch ist er verwundet worden?

Unbedeutend, erwiederte der Arzt, er wird bald hergestellt sein und seine Reise fortsetzen können.

Und nach Warschau will er? fragte der Prediger weiter.

So höre ich, sagte sein ängstlich werdender Freund.

Lieber Doktor Lindbrecht, erwiederte hierauf der Geistliche lächelnd, Sie haben durchaus kein Talent zum Lügen. Das müssen Sie besser lernen, wenn Sie mich hintergehen wollen. Ich will Ihnen jetzt sagen, wie die Sache zusammenhängt. Ihr Kranker ist im Duell mit einem französischen Obristen verwundet worden, der noch übler weggekommen ist, denn an seinem Aufkommen wird gezweifelt, und der Divisions-General hat der Gemahlin des Obristen versprochen, den Mörder desselben auf's Nachdrücklichste zu verfolgen, deßwegen thun Sie gut, wenn Sie Ihrem Patienten rathen, seine Genesung nicht hier abzuwarten, und Sie müssen den Ruhm ihn herzustellen schon einem Andern überlassen.

Der Arzt betrachtete seinen Freund mit weit geöffneten Augen, blieb eine Zeit lang sprachlos vor Erstaunen und rief dann: Sie haben einen Dämon, der Sie lehrt in die Tiefe eines jeden Geheimnisses zu blicken, denn auf gewöhnlichen Wegen können Sie unmöglich Alles erfahren.

Sie sehen, ich habe meine Nachrichten, erwiederte der [318] Prediger selbstgefällig lächelnd, und Sie sehen auch, daß das zuweilen nicht so übel ist, denn man kann unbesonnenen Leuten dienen, wenn man wohl unterrichtet ist.

Noch stand der Arzt in Staunen verloren über die unbegreifliche Klugheit seines Freundes, als die Thüre geöffnet wurde und der Graf Robert eintrat, der mit einiger Verlegenheit den aufgeregten Arzt und den gelassen rauchenden Prediger betrachtete. Sie sehen nach, hob der Letztere schalkhaft lächelnd an, ob Sie unsern Freund, den Doktor, noch nicht allein finden, damit er die Wunden des Herrn von Wertheim endlich verbinde.

Nicht ich, rief der Arzt heftig vorspringend und die Hand auf die Brust legend, nicht ich habe den Verrath begangen. Er weiß unser Geheimniß, aber, welcher Dämon es ihm verrathen, ist mir unbekannt.

Sein Sie ruhig, sagte der Prediger ernsthaft, und gebehrden Sie sich nicht so wunderlich. Ich habe von Reisenden zufällig erfahren, daß ein französischer Obrist von einem verabschiedeten preußischen Offizier schwer verwundet worden ist.

Also lebt der Obrist, rief der Graf in freudiger Ueberraschung, jede Zurückhaltung aufgebend. Er lebte noch vorgestern, erwiederte der Geistliche. Die Aerzte sollen aber sein Aufkommen bezweifeln und der Divisions-General die heftigste [319] Verfolgung der Flüchtlinge beabsichtigen. Deßhalb rathe ich Ihnen, Ihre Freunde so bald als möglich fortzuschaffen und nicht eine Minute länger, als es nöthig ist, zu zaudern.

Der Graf dankte dem Prediger und eilte, seinem Oheime die Nachrichten, die er eben erhalten hatte, mitzutheilen, worauf Dübois gerufen wurde, der alsbald wieder die Zimmer des Grafen verließ, um Postpferde für den folgenden Morgen um fünf Uhr zu bestellen. Der Arzt hatte die Wunde des Kranken eben verbunden, als der Graf Robert zu diesem eintrat, ihm die Nothwendigkeit anzuzeigen, schon den andern Morgen zu reisen. Wertheim war mit dieser Anordnung zufrieden, denn er fühlte sich gedrückt unter dem Dache des Grafen. Der Arzt theilte ihm hierauf noch, ehe er sich zurückzog, die nöthigen Verhaltungsregeln für die Reise mit, versprach auch um vier Uhr die Wunde noch ein Mal zu verbinden und kehrte dann zum Prediger zurück, den er noch rauchend auf seinem Zimmer fand, und der nun auch mit dem übermüthigen Rathe von ihm schied, in der Zukunft das unnütze Bestreben ihm etwas zu verheimlichen aufzugeben.

XV

In der Dämmerung des Morgens hielt eine schlechte Postchaise auf dem Hofe und der Baron Lehndorf bestieg sie [320] mit seinem Freunde, nachdem dieser aus den Händen des Arztes befreit war, der dieß Mal seinen Verband noch sorgfältiger als gewöhnlich aufgelegt hatte, damit die Anstrengung der Reise die Wunde so wenig als möglich erhitzen möge. Ein kleiner Mantelsack war gepackt worden, der die nöthigsten Gegenstände enthielt, mit denen der Graf Robert die scheidenden Freunde versorgte. Eine Summe Geldes hatte er ihnen ebenfalls eingehändigt, die ihre nächste Zukunft sicherte, und ob sie ihm gleich herzlich dankten, so empfingen sie doch seine Hülfe ohne Beschämung, da er zu ihrer Verbrüderung gehörte und es die Pflicht eines jeden Mitbruders war, aus allen Kräften die Glieder des Bundes zu unterstützen, die eben Hülfe bedurften.

Da die Freunde aus sicheren Quellen wußten, daß Schill in Berlin erwartet wurde, so beschlossen sie, sich ebenfalls dahin zu begeben, und der Graf Robert hatte ihnen versprochen, dort wieder mit ihnen zusammen zu treffen, da auch er zunächst die Hauptstadt besuchen wollte und die Abreise dahin immer nur verzögert hatte, weil er sich vor dem Schmerze der Trennung fürchtete. Die beiden scheidenden Freunde hatten beinah die ganze Nacht dazu angewendet, ihn zu überreden, sich ebenfalls, wie sie es beschlossen hatten, an Schill anzuschließen. Der Graf aber war dem seinem Oheim gegebenen Worte treu geblieben, dem er feierlich versprochen [321] hatte, nichts übereilt zu beschließen und jedes Unternehmen vorher streng zu prüfen, ehe er sich zur Theilnahme bereit zeigte. Deßhalb blieb er standhaft dabei, den Freunden zu versichern, daß er, wenn ihm in der Nähe Alles so sicher und vortheilhaft für die gute Sache erscheinen sollte, wie es ihnen in der Ferne vorkäme, dann keinen Anstand nehmen würde, sich mit ihnen zu vereinigen.

Diese sehr bedingte Zusicherung war den Freunden keineswegs angenehm und sie beklagten in dieser Rücksicht ihren zu kurzen Aufenthalt auf Schloß Hohenthal, weil sie meinten, der Graf Robert würde ihrer Ansicht haben weichen müssen, wenn sie Zeit gehabt hätten öfter auf den Gegenstand zurück zu kommen. Doch trösteten sie sich damit, daß in Berlin der Anblick der Schaar begeisterter Krieger, die den heldenmüthigen Anführer umgab, auch die Seele des kälteren Freundes entzünden und ihn bestimmen würde, durch einen kühnen Entschluß in ihre Mitte einzutreten.

Die Gräfin wunderte sich über die schnelle Abreise seiner Freunde, als der Graf Robert sie ihr beim Frühstück anzeigte. Doch fand sie es natürlich, daß der Herr von Wertheim einen Aufenthalt zu verlassen eilte, der ihm unangenehme Erinnerungen aufdrängte, und sie beklagte nur, daß vielleicht seine Gesundheit durch die zu große unnütze Eile leiden könne.

[322] Der Graf meinte, in der Jugend habe man viele Lebenskraft und könne großen Beschwerden Trotz bieten. Er selbst könne die Abreise der beiden Freunde nur loben und würde an ihrer Stelle eben so gehandelt haben.

Man fand nichts Ungewöhnliches darin, als nach dem Frühstück der Graf sein Pferd zu satteln befahl, weil er dem Prediger einen Besuch machen wollte, mit dem er, wie er sagte, manche die Gemeinde betreffende Gegenstände zu berathen habe, und die Gräfin ahnte nicht, als sie ihm nachblickte, indem er von dem Hofe hinunter ritt, welcher Zusammenkunft er entgegen eilte.

Im Hause des Predigers war er schon mit Ungeduld erwartet worden, denn dem Hausherrn wurden seine Gäste überaus lästig, weil der alte Lorenz unter dem Schirme seines vornehmen Freundes den Prediger mit einer beleidigenden Vertraulichkeit quälte, die dieser nicht zurückzuweisen verstand und sich auch nicht geneigt fühlte zu ertragen. Er eilte also dem Grafen, so wie er ihn erblickte, vor die Thür seines Hauses entgegen und bewillkommnete ihn mit herzlicher Freude.

Der Graf erwiederte diese freundliche Begrüßung in merklicher Spannung, und die Eile, mit welcher er eintrat, zeigte deutlich, daß er die ihn erwartende peinliche Unterredung so bald als möglich zu beendigen wünschte. Als er [323] das Wohnzimmer des Pfarrers erreicht hatte, trat ihm der Baron Schlebach mit verbindlicher Freundlichkeit entgegen und wollte ihn mit der Vertraulichkeit eines Verwandten umarmen. Der Graf wich diesem Zeichen der Freundschaft durch eine höfliche, kalte Verbeugung aus und sagte, indem er einen strengen, verächtlichen Blick auf den alten Lorenz richtete: Da Sie mich wahrscheinlich allein und ungestört zu sprechen gewünscht haben, so denke ich, bitten wir beide den Herrn Prediger, daß er Ihrem Begleiter einen schicklichen Ort, Sie zu erwarten, anweiset; er wird uns diese Gefälligkeit nicht abschlagen, da er schon so gütig gewesen ist, uns dieß Zimmer für eine kurze Zeit zu überlassen und hier eine Zusammenkunft zu gestatten, die Ihnen unvermeidlich scheint.

Der Baron fügte sich dem Wunsche des Grafen, und der alte Lorenz hatte in der Gegenwart des Letzteren nicht den Muth, seine Unverschämtheit fortzusetzen. Er verließ also das Zimmer, und auch der Prediger fühlte, daß er der Unterredung zwischen den beiden, sich so seltsam gegenüberstehenden Verwandten schicklicher Weise nicht beiwohnen könne; auch er verließ also das Gemach, obwohl mit zögerndem Schritte, indem seine natürliche Neugierde ihn wie ein Magnet festhalten zu wollen schien.

So waren denn nun die beiden Verwandten allein,[324] und ein fragender Blick des Grafen lud den Baron zum Sprechen ein, der noch immer lächelnd schwieg, weil er, wie es schien, die rechten Worte suchte, um diese seltsame Unterredung zu eröffnen. Der Graf hatte also Zeit ihn zu betrachten und sich zu erinnern, daß der Baron in der Blüte der Jugend ein auffallend schöner Mann gewesen war. Jetzt hatte freilich die Zeit und mehr vielleicht noch ein unregelmäßiges Leben die herrliche Gestalt zerstört; aber immer noch leuchteten dem Grafen die schönen dunkeln Augen entgegen, die ihn an seine Gemahlin erinnerten, obwohl ein wilderes Feuer darin brannte. Die hohe, freie Stirn wurde durch die Beweglichkeit der Augenbraunen verunstaltet, und das süßliche Lächeln, welches den feinen Mund fortwährend umschwebte, gab diesem einen Zug von spöttischer Falschheit; aber dennoch machte noch jetzt die Persönlichkeit des Barons einen angenehmen Eindruck, der durch seine schöne, weiche und doch männliche Stimme erhöht wurde, als er endlich zu sprechen begann, so wie die edeln Gebehrden eine gute Erziehung und das Leben in der feinen Welt bewiesen.

Es ist wohl seltsam, hob der Baron mit scheinbarer Freimüthigkeit an, daß ich heute zum ersten Male das Glück habe, Ihnen als Verwandter gegenüber zu stehen, obgleich Sie schon so lange mit meiner einzigen Schwester verbunden [325] sind und man glauben sollte, daß nach dieser Verbindung unser natürliches Verhältniß zu einander das, in dem Brüder gegen einander stehn, wäre.

Es drängt sich uns im Leben, erwiederte der Graf, oft die Erfahrung auf, daß wir uns den Banden, welche die Natur zu knüpfen scheint, dennoch entziehen müssen, wie beklagenswerth uns auch diese Nothwendigkeit erscheinen mag.

Aber ist es möglich, sagte der Baron mit einschmeichelndem Lächeln, daß meine Schwester einen Groll so lange nähren kann, daß die vernünftigere Ansicht des Gemahls nicht im Stande sein sollte, ihn zu besiegen? Ich kann nicht glauben, daß sie einen so hohen Werth auf einige Summen legen sollte, die ich, ich gestehe es, von ihrem ersten Gemahl empfing und bei dem besten Willen nicht zurück geben konnte.

Wenn meine Gemahlin, versetzte der Graf mit höflicher Kälte, Gründe hat, jede Annäherung zu vermeiden, und lieber das lieblose Urtheil der Welt über sich ergehen läßt, die sie schonungslos genug tadelt, daß sie dem Wunsche des einzigen Bruders entgegen in dieser Zurückgezogenheit beharrt, so kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung geben, daß diese Gründe nicht so niedriger Art sind.

Sollte denn also ihr Herz, sagte der Baron mit den weichsten Tönen seiner sanften Stimme, sich auf immer [326] feindlich gegen mich geschlossen haben, weil sie glaubt, daß ich freventlich, unkindlich unsere arme Mutter Preis gegeben habe? Ach, könnte sie sich nur entschließen mich zu hören, sie würde dann auch dieß gewiß milder beurtheilen und mein Unglück vielleicht beklagen, wenn ich es auch durch Leichtsinn selbst veranlaßt haben sollte.

Meine Gemahlin, antwortete der Graf, hat jeden Anspruch darauf, Ihre Handlungen zu beurtheilen, längst aufgegeben, und wenn sie sich außer dem Bereiche schmerzlicher Erinnerungen zu halten wünscht, so ist dieß, um den Frieden ihres Lebens zu bewahren, nothwendig, ohne von feindlichen Gesinnungen zu zeugen.

Sie gewähren mir einen großen Trost, sagte der Baron mit scheinbarer Herzlichkeit, indem er dem Grafen die Hand bot, die dieser, wenn er nicht geradezu beleidigen wollte, nehmen mußte; denn Sie geben mir die Versicherung, daß ich von meiner Schwester nicht gehaßt bin, und so darf ich denn nun mit größerer Zuversicht die Hoffnung einer endlichen Versöhnung hegen.

Ich bitte Sie, entgegnete der Graf mit großem Ernst, jeden Gedanken an eine Annäherung gänzlich aufzugeben. Hat das Leben Ihrer Schwester den geringsten Werth für Sie, so werden Sie sich dieser Nothwendigkeit um so eher fügen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie auf das Haupt dieser [327] Unglücklichen ein Schicksal geladen haben, vor dem Sie vielleicht selbst schaudern würden, wenn Sie es in seinem ganzen Umfang kennen sollten. Wenn Sie aber trotz dieser Erklärung annähernde Schritte noch für angemessen halten, so muß ich noch hinzufügen, daß ich solche wie eine offenbare Feindseligkeit gegen mich betrachten würde, der ich auf gleiche Weise dann begegnen müßte.

So wäre diese Hoffnung vorüber, sagte der Baron seufzend, und ich scheide völlig verarmt im Herzen aus meinem Vaterlande. Sie sehen nur mein Unrecht, aber nicht meine Schmerzen. Sie wollen Ihre Gemahlin vor unangenehmen Eindrücken bewahren und beachten es nicht, wenn Sie das Herz des Bruders zerreißen. Doch es sei, Sie ahnen nicht das Gefühl der Verzweiflung, mit dem ich von Ihnen scheide, da ich in der Hoffnung kam, das Herz meiner geliebten Schwester zu rühren, und durch diese Versöhnung nicht bloß diese wieder zu gewinnen glaubte, sondern auch einen edeln Verwandten, einen brüderlichen Freund. Alle diese Träume sind vernichtet und ich muß freudlos, wie ich es begann, das traurige Leben enden.

Beide schwiegen eine Zeit lang, endlich sagte der Graf: Da die Absicht, aus welcher Sie diese Zusammenkunft wünschten, nicht erreicht werden kann, so werden Sie selbst es am Besten finden, wenn wir nun friedlich scheiden, da ich nicht [328] glaube, daß Sie mir noch sonst etwas zu sagen haben können.

Freilich, sagte der Baron, indem er wie aus tiefem Sinnen auffuhr, scheiden müssen wir, und ich kann Ihnen nichts mehr sagen. Und doch, fuhr er, wie sich besinnend, fort, warum sollte ich jetzt nicht über ein Geschäft wie ein Edelmann zum andern mit Ihnen sprechen können, obgleich es meine Absicht war, auch dieß freundlich und liebevoll, wie es zwischen Verwandten sich ziemt, zu behandeln.

Ich stehe zu Befehl, sagte der Graf mit höflicher Kälte.

Sie wissen, erwiederte der Baron, anmuthig lächelnd, daß unser Vaterland so gut wie vernichtet ist und daß die ungeheuern Lasten, die jeden einzelnen bedrücken, der nicht unermeßlich reich ist, wie Sie, schon viele kleinere Gutsbesitzer vermocht haben, ihr Eigenthum dem Staate gänzlich zu überlassen, weil es nicht möglich war die Forderungen dieses Staates zu befriedigen.

Ich weiß, antwortete der Graf seufzend, daß das Grundeigenthum beinah allen Werth verliert, weil der Druck der Abgaben nicht gemildert werden kann, so lange die Franzosen im Lande bleiben.

Nun, dann möchte er noch ziemlich lange anhalten, sagte der Baron mit schlauem Blick, und selbst Ihr großer Reichthum könnte am Ende nicht ausreichen.

[329] Mein Reichthum ist bei Weitem nicht so groß, wie Sie zu glauben scheinen, erwiederte der Graf trocken. Ich habe seit vielen Jahren von meinen Einkünften jährlich etwas zurückgelegt, und diese so ersparten Summen setzen mich nun in den Stand, die nothwendigen Forderungen des Vaterlandes zu befriedigen, ohne mein Vermögen zu zerstören, wie es andere, minder Beglückte leider müssen.

Das ist es ja, was ich meine, versetzte der Baron mit etwas spöttischem Lächeln. Sie haben mit bewunderungswürdiger, ja mit beneidenswerther Vorsicht die sieben fetten Kühe benutzt und können nun großmüthig die sieben magern ernähren.

Ich weiß nicht, sagte der Graf empfindlich, ob das Gespräch, wie wir es jetzt führen, die Einleitung eines Geschäftes sein kann, und ob es nicht besser wäre zu scheiden, ohne uns gegen einander zu verstimmen?

Ich denke, erwiederte der Baron, daß Sie mir, ehe wir uns trennen, noch das Zeugniß geben werden, daß ich wenigstens mein Schicksal mit Gleichmuth trage, denn auch ich bin einer der minder Beglückten, die ihr Eigenthum aufgeben müssen, um das wankende Vaterland zu unterstützen, und ich wollte nach der gelungenen Versöhnung Ihnen als Ihr Freund und nächster Verwandter meine Güter zum Verkauf anbieten. Da die Versöhnung leider gänzlich mißlungen [330] ist, so biete ich Ihnen den Handel an, wie ein Edelmann dem andern.

Sie wissen wohl selbst, sagte der Graf, daß es im gegenwärtigen Augenblicke beinah unmöglich ist, Güter zu kaufen, weil nicht allein die Aufbringung der Kaufsumme Verlegenheit hervorbringt, sondern weil man dadurch die Last der Abgaben so steigert, daß man davon erdrückt werden muß; also werden Sie es natürlich finden, wenn ich jeden Antrag der Art ablehne.

Ich weiß nicht, erwiederte der Baron höflich, ob Sie nicht diese abschlägliche Antwort zurücknehmen, wenn Sie die Sache von allen Seiten überlegt haben werden. Jedermann weiß, daß Sie Ihr großes Vermögen zu dem edeln Zwecke benutzen, alle Hülfsbedürftige zu unterstützen, daß Sie bei dieser löblichen Menschenliebe nicht einmal darauf Rücksicht nehmen, ob sie Freunden oder Feinden Ihres so hoch von Ihnen verehrten Vaterlandes zu Theil wird. Jedermann weiß, daß ich als der einzige Bruder Ihrer Gemahlin mich seit lange fruchtlos bemühe in der Jugend entstandene Irrungen mit meiner Schwester auszugleichen. Welch ein seltsames Licht müßte es auf diese Schwester und auch auf Sie werfen, wenn Ihre feindliche Stimmung gegen mich, deren Grund Niemand begreift, so weit ginge, daß Sie mich allein die Hülfe nicht finden ließen, die sonst Jedermann [331] bei Ihnen findet. Auch glaube ich, könnte es Sie bestimmen auf den Handel einzugehen,