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Das

Gesammtgebiet

der

teutschen Sprache,

nach

Prosa, Dichtkunst und Beredsamkeit

theoretisch und practisch dargestellt


von

Karl Heinrich Ludwig Pölitz. ──────



Dritter Band.

Sprache der Dichtkunst.



[Abbildung]



Leipzig, 1825.

J. C. Hinrichssche Buchhandlung.

|#f0006 : RII|

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[Abbildung]

Jnhalt des dritten Theiles. ──────


Das Gesammtgebiet der Sprache der Dichtkunst.




Einleitung.

1. Vorbereitende Begriffe.S. 1
2. Der eigenthümliche Charakter der Sprache der

Dichtkunst.4
3. a) Verhältniß des Gefühlsvermögens zur Sprache

der Dichtkunst.6
4. Fortsetzung.7
5. b) Verhältniß der Einbildungskraft zur Sprache

der Dichtkunst.11
6. Fortsetzung.14
7. c) Die Technik der dichterischen Form.18
8. Fortsetzung.21
9. Fortsetzung. Ueber Prosodie in der teutschen

Sprache.23
10. Fortsetzung. Ueber den Reim.28
11. Eintheilung der Dichtungsarten.31
12. Die drei Schreibarten in der Sprache der Dichtkunst.34


|#f0008 : RIV|



1) Die lyrische Form der Dichtkunst.

13. Charakter und einzelne Theile der lyrischen Dichtkunst.S.

36
14. a) Das Lied.39
15. Beispiele des religiösen Liedes, von Luther,

Opitz, Spee, Dach,
v. Cronegk, der

Gottschedin, Joh. Andr. Cramer,

Sturm,
Fr. Leop. Graf zu Stolberg, v.

Matthisson, Mahlmann, Tiedge.42
16. Beispiele des weltlichen Liedes vom Kaiser

Heinrich 6, Markgrafen Otto mit dem

Pfeile, Joh. Valent. Andreä, Andr. Tscherning,

v. Canitz, J. Chstn. Günther,

Lessing, Gleim, Weiße,
v. Halem,

v. Salis, Voß, Ludw. Tieck, Kuhn,

v. Houwald, und Grafen v. Löben (Jsidorus

Orientalis).58
17. b) Die Ode.79
18. Beispiele der Ode von Paul Flemming, Klopstock,

v. Gerstenberg, Eulog. Schneider,

Niemeyer, Heydenreich,
v. Herder,

v. Sonnenberg, Starke, Voß und

einem Ungenannten.85
19. c) Die Hymne.108
20. Beispiele der Hymne von Tscherning, Uz,

Gleim,
Mor. Aug. v. Thümmel, Lavater,

Fr. Leop. Graf zu Stolberg, Kosegarten,

Seume.
110
21. d) Die Dithyrambe.130
22. Beispiele der Dithyrambe von Willamov,

Blum, Kuhn.
132
23. e) Die Rhapsodie.139
24. Beispiele der Rhapsodie von Ramler und

Kosegarten.140
|#f0009 : RV|



25. f) Die Elegie.S. 143
26. Beispiele der Elegie von Drollinger, Albr.

v. Haller, Hölty, v. Herder, J. Geo.

Jacobi, Manso, v. Matthisson, Mahlmann,

Kuhn, Kosegarten.
147
27. g) Die Heroide.166
28. Beispiel der Heroide von Wieland.170
29. h) Die Cantate.175
30. Beispiele der Cantate von Gottsched, Karl

Gtfr. Küttner, Fr. Leop. Graf zu Stolberg,

Ramler.
183
31. i) Das Sonett.193
32. Beispiele des Sonetts von Paul Flemming,

Katharina v. Greiffenberg, Andr. Gryphius,

v. Hoffmannswaldau, Schiebeler,

Bürger,
Aug. Wilh. v. Schlegel,

Baggesen.
195
33. k) Das Madrigal, Rondeau und Triolet.203
34. Beispiele zu diesen Formen von v. Hagedorn,

Lessing, Tiedge, Gleim,
Klamor

Schmidt, Ernst Schulze, Haug, v.

Reinhard, Schneider, und einigen Ungenannten.204




2) Die didactische Form der Dichtkunst.

35. Charakter der didactischen Form der Dichtkunst.209
36. Beispiele aus dem Lehrgedichte von Opitz,

Zernitz, Dusch, Withof, Heydenreich,


v. Schiller, v. Nostitz und Jänckendorf

(Arthur vom Nordstern), Manso, Conz,

Christ. Schreiber, Tiedge, Pölitz.218


3) Die epische Form der Dichtkunst.

37. Charakter und einzelne Theile der epischen Form

der Dichtkunst.248
|#f0010 : RVI|



38. Fortsetzung.S. 252
39. a) Das ernste Heldengedicht.255
40. Beispiele desselben von v. Schönaich, Klopstock,

Bodmer,
v. Sonnenberg, Fr.

Aug. Müller.262
41. b) Das komische Heldengedicht.284
42. Beispiele desselben von Rollenhagen und

v. Thümmel.286
43. c) Die Romanze und Ballade.297
44. Beispiele von Seume, Wilh. Aug. v. Schlegel,

Luise Brachmann, v. Steigentesch.301
45. d) Die Legende.318
46. Beispiele von v. Herder, v. Göthe, Langbein.319


47. e) Die poetische Erzählung.327
48. Beispiele von Burcard Waldis, Hans

Sachs, Tscherning, Zernitz, Gotter,


v. Thümmel, Pfeffel, v. Gökingk,

Aloys Schreiber.330
49. f) Die Fabel.344
50. Beispiele von Bonerius, Burcard Waldis,

v. Hagedorn, J. Benj. Michaelis,

Lessing, Pfeffel, Gleim,
v. Kleist,

Burmann,
J. Nic. Götz, Tiedge,

Zink, Krummacher.
347


4) Die dramatische Form der Dichtkunst.

51. Charakter und einzelne Theile der dramatischen

Form der Dichtkunst.363
52. Fortsetzung.365
53. Fortsetzung.371
54. a) Das Trauerspiel.377
55. b) Das Lustspiel.383
56. c) Das Schauspiel.387
|#f0011 : RVII|



57. d) Das Singspiel.S. 390

1) Melodrama.
58. Fortsetzung.393

2) Oper. 3) Operette.


5) Die Ergänzungsklasse der vier Hauptformen

der Dichtkunst.


59. Begriff und einzelne Formen der Ergänzungsklasse

der Dichtkunst.397
60. a) Die Jdylle.399
61. Beispiele derselben von Sal. Geßner, Reckert,

Blum, Bronner.
401
62. b) Die poetische Epistel.410
63. Beispiele von v. Ziegler und Kliphausen,

Chstn. Gryphius, v. Cronegk, Blumauer,

Justi,
v. Thümmel, Tiedge,

Müchler, Schink.
412
64. c) Die dichterische Schilderung.426
65. Beispiele von Schwieger, Schottel, v.

Hoffmannswaldau, v. Lohenstein,

Joh. Nic. Götz, Gotter, Schubart,

Jean Paul, Oehlenschläger, Tieck,

Schink.
428
66. d) Die Parabel und Paramythie.442
67. Beispiele von Krummacher, Hamann, v.

Herder.444
68. e) Der Dialog und Monolog.448
69. Beispiele von Kosegarten, v. Schiller,

Heydenreich.
451
70. f) Die Satyre.457
71. Beispiele von Rachel, Neukirch, Rabener,

Falk.
549
72. g) Die Parodie und Travestirung.471
73. Beispiele von Gittermann, Bretschnei= |#f0012 : RVIII|



der, Müchler, Blumauer und zwei Ungenannten.S.

475
74. b) Der Roman, das Mährchen und die Novelle.482
75. Fortsetzung.487
76. Schluß.490
77. i) Das Sinngedicht und Epigramm.491
78. Beispiele von v. Logau, Heydenreich,

Conz,
J. Geo. Jacobi, v. Schiller,

Pfeffel,
Klam. Schmidt, Klinkicht,

Mnioch, Flemming,
Chstn. Gryphius,

Wernike, Lessing, Bürger, Kretschmann,

Haug, Buddeus, Herklots,

Weißer, Bouterwek,
v. Kyaw und einigen

Ungenannten.493
79. k) Das Räthsel, die Charade, der Logogryph

und das Anagramm.499
80. Beispiele von Müchler, Langbein, Kind,

Heyne
und einigen Ungenannten.501
[Abbildung]


Berichtigungen.



S. 88 Z. 18 v. o. l. meinen.



─ ─ Z. 6 v. u. l. 3 statt 2.



S. 100 Z. 11 v. o. l. 1805.



S. 176 Z. 1 v. u. l. durch diese.

|#f0013 : E1|

[Abbildung]

Das

Gesammtgebiet der Sprache der Dichtkunst.

──────────────────


Einleitung.


1.

Vorbereitende Begriffe.


Die Begründung und Entwickelung des selbstständigen

Charakters der Sprache der Dichtkunst, nach

der ursprünglichen, im Wesen des menschlichen Geistes

selbst enthaltenen, Verschiedenheit derselben von

der Sprache der Prosa und der Beredsamkeit, ist

nur vermittelst der Philosophie der Sprache möglich,

inwiefern diese von der ursprünglichen Gesetzmäßigkeit

des menschlichen Geistes ausgehet, und in den

Thatsachen des Bewußtseyns die Ankündigung der

drei selbstständigen Vermögen desselben ─ des Vorstellungs=,

des Gefühls- und des Bestrebungsvermögens

─ nachweiset. Denn, wenn gleich im Allgemeinen

jeder Darstellung durch Sprache zunächst

die Vorstellung des dargestellten Gegenstandes, und

also eine Thätigkeit des Vorstellungsvermögens vorausgehen

muß; so stammen doch die verschiedenartigen |#f0014 : 2|



Stoffe der Sprachdarstellung nicht blos aus

dem Vorstellungsvermögen. Es sind vielmehr das

Gefühls- und das Bestrebungsvermögen eben so, wie

das Vorstellungsvermögen, ursprüngliche Quellen

des Stoffes, der durch Sprache dargestellt wird.

Weil aber das Gefühl und die Bestrebung nicht

unmittelbar
als Gefühl und Bestrebung in der

Sprache dargestellt werden können, sondern nur

mittelbar
durch Vorstellungen, in welche die Gefühle

und Bestrebungen aufgelöset werden müssen,

bevor sie in den Kreis der Sprachdarstellung übergehen

können; so ergiebt sich auch daraus von selbst,

weshalb der Ursprung der Sprache der Dichtkunst

aus dem tiefbewegten menschlichen Gefühlsvermögen

und der Ursprung der Sprache der Beredsamkeit

aus den zu dem Bewußtseyn gelangten einzelnen

Zuständen des menschlichen Bestrebungsvermögens

so häufig verkannt werden konnte, woraus

die unrichtige Auffassung der Eigenthümlichkeit und

des Grundcharakters der Sprache der Dichtkunst

und der Beredsamkeit für Theorie und Praxis von

selbst hervorging.



Nur erst, nachdem in der Philosophie selbst

die drei geistigen Vermögen nach ihrer ursprünglichen

Selbstständigkeit, nach ihrer Eigenthümlichkeit,

nach ihrer Verschiedenheit von einander, und nach

ihrer Gleichordnung (Coordination) in Beziehung auf

die Ankündigung ihrer Thätigkeit im Bewußtseyn

wissenschaftlich durchgeführt worden waren, konnte

auch in der Philosophie der Sprache (Th. 1.

S. 146 ff.) die ursprüngliche Selbstständigkeit und

Eigenthümlichkeit der Sprache der Prosa, Dichtkunst

und Beredsamkeit ─ in Angemessenheit zu der

im Bewußtseyn vorausgehenden Thätigkeit des Vorstellungs=, |#f0015 : 3|



Gefühls- und Bestrebungsvermögens ─

wissenschaftlich entwickelt, und eben so die wesentliche

Verschiedenheit der äußern Ankündigung dieser drei

Sprachen, wie die Gleichordnung derselben in Beziehung

auf den durch sie vermittelten wörtlichen

Ausdruck der innern Zustände des Bewußtseyns durch

Sprache, nachgewiesen werden. Denn so nahe auch

im Kreise der Wirklichkeit die einzelnen Gebiete der

Sprache der Prosa, Dichtkunst und Beredsamkeit

an einander grenzen; so muß doch die Philosophie

der Sprache zwischen diesen Sprachgebieten eben so

scharf unterscheiden, und eben so genau ihren Umfang

ausmessen, ihre Grenzen bezeichnen und ihren

Jnhalt angeben, wie die Philosophie, in ihrem theoretischen

Theile, den eigenthümlichen Charakter jedes

der drei geistigen Vermögen nach seiner Ankündigung

und nach seiner Verschiedenheit von den beiden andern

Vermögen aufstellt, obgleich alle drei Vermögen

Einem und demselben geistigen Subjecte angehören,

und in Einem und demselben Bewußtseyn

wahrgenommen werden. So wie aber die Wirksamkeit

jedes der drei geistigen Vermögen, nach seiner

Ankündigung im Bewußtseyn, in der Wissenschaft

als ein in sich zusammenhängendes und abgeschlossenes

Ganzes dargestellt werden kann und dargestellt werden

muß, so nahe übrigens diese drei geistigen Vermögen

einander verwandt sind und so oft die Zustände

derselben in einander verschmelzen; so muß

auch jedes einzelne Gebiet der Sprache der Prosa,

der Dichtkunst und der Beredsamkeit als ein in

sich abgeschlossenes Ganzes,
nach allen seinen

Gattungen, Arten und Formen, wissenschaftlich aufgestellt

und durchgeführt werden, wenn gleich im

Umfange der Sprache selbst diese Gebiete genau an |#f0016 : 4|



einander grenzen und sich nicht selten gegenseitig

berühren.



2.

Der eigenthümliche Charakter der Sprache

der Dichtkunst.


Wenn der eigenthümliche Charakter der Prosa

auf der Darstellung der unmittelbaren Zustände des

menschlichen Vorstellungsvermögens, und der eigenthümliche

Charakter der Beredsamkeit auf der Darstellung

der einzelnen Zustände des menschlichen Bestrebungsvermögens

vermittelst der Sprache beruht;

so beruht der eigenthümliche Charakter der Sprache

der Dichtkunst
auf der Darstellung der

individuellen Gefühle vermittelst der

Sprache, unter der Bedingung der Jdealisirung

dieser Gefühle durch die Selbstthätigkeit

der Einbildungskraft.



Nach dieser Begriffsbestimmung gehört daher

zum Wesen des Dichters zuerst ein lebendiges, tiefes,

sorgfältig und gleichmäßig gebildetes Gefühl,

weil weder der Ausdruck bloßer Vorstellungen, noch

bloßer Bestrebungen das Gepräge der Dichtkunst tragen

kann; sodann eine selbstthätige Einbildungskraft,

welche die individuellen Gefühle zu idealisiren

vermag, weil nur derjenige Dichter ist, der die

ihm einwohnenden individuellen Gefühle im Lichte

des Jdeals darzustellen im Stande ist; und endlich

eine Form der Sprache, unter welcher der idealisirte

Ausdruck der individuelleu Gefühle nicht nur sogleich

erkannt werden kann, sondern die auch wegen ihrer

vollendeten äußern (technischen) Schönheit um ihrer

selbst willen gefällt.

|#f0017 : 5|



Wenn also der eigenthümliche Charakter der

Dichtkunst theoretisch begründet und wissenschaftlich

durchgeführt werden soll; so müssen drei Hauptgegenstände

in kurzen Umrissen erläutert werden, wovon

die beiden ersten das innere Wesen der Dichtkunst,

nach ihrer Verschiedenheit von dem ursprünglichen

Wesen der Prosa und Beredsamkeit im menschlichen

Geiste bezeichnen, der dritte aber die äußere Ankündigung

der Dichtkunst in dem Kreise der Sprache

betrifft. Denn wenn, nach der hier aufgestellten

Theorie, ein reiches, tiefes und vielseitig gebildetes

Gefühlsvermögen die unnachlaßliche Grundbedingung

des eigenthümlichen Charakters und des

Wesens der Dichtkunst bildet; so kann doch nur der

als Dichter gelten, dessen Einbildungskraft so reich,

so kräftig und so ausgebildet ist, daß er seine individuellen

Gefühle zu idealisiren und unter der

Hülle des Jdeals in der Sprache darzustellen

vermag. Soll aber das Letzte ihm gelingen; so muß

er auch über die Sprache nach ihrem ganzen Umfange

gebieten, damit unter der von ihm geschaffenen

Form der Sprache die Ursprünglichkeit seines

dargestellten Gefühls und die Jdealisirung desselben

vermittelst der Einbildungskraft bestimmt hervortrete.

Denn nicht blos Sylbenmaas oder Reim, sondern

die unverkennbare Ankündigung eines individuellen,

durch die Einbildungskraft idealisirten, Gefühls vermittelst

der Form der Sprache, entscheidet über die

äußere (technische) Vollkommenheit der dichterischen

Darstellung, während ─ im entgegengesetzten Sinne

─ bei erlangter Fertigkeit in prosodischer Bildung

rhythmischer Reihen, das, was nach seinem

ursprünglichen Wesen nur Prosa ist, und durchaus

nicht in das Gebiet der Sprache der Dichtkunst gehört, |#f0018 : 6|



unter der äußern Hülle von Sylbenmaas und

Reim sich ankündigen kann.



3.

a) Verhältniß des Gefühlsvermögens zur

Sprache der Dichtkunst.


Gäbe es im menschlichen Geiste kein selbstständiges,

vom Vorstellungs- und Bestrebungsvermögen

verschiedenes, Gefühlsvermögen; so gäbe es auch im

Gesammtgebiete der menschlichen Sprache keine selbstständige,

von Prosa und Beredsamkeit ursprünglich

verschiedene, Sprache der Dichtkunst. Die Selbstständigkeit

und der eigenthümliche Charakter der

Sprache der Dichtkunst steht und fällt daher mit

der ursprünglichen Selbstständigkeit und mit der ursprünglichen

Eigenthümlichkeit des menschlichen Gefühlsvermögens

nach seiner Ankündigung im Bewußtseyn.

Denn so unentbehrlich die Thätigkeit der Einbildungskraft

zur Vollendung einer dichterischen Form

bleibt; so liegt doch der im Gedichte darzustellende

Stoff nicht im Kreise der Einbildungskraft, sondern

im Kreise des Gefühlsvermögens. Forschen

wir daher nach allen gelungenen dichterischen Gebilden

vom Homer an bis auf Göthe und Schiller; so

mußte der Stoff der Dichtungen aus ihren Gefühlen

stammen,
obgleich die Einbildungskraft

dieser Dichter den Stoff zu der Form gestaltete,

unter welcher der im Gefühlsvermögen gebohrne

Stoff, als vollendete Form, in den Kreis

der äußern Sprachdarstellung eintrat.



Bei keinem Vermögen des menschlichen Geistes

ist es aber so schwierig, wie bei dem Gefühlsvermögen,

das Ursprüngliche und Eigenthümliche desselben |#f0019 : 7|



aufzusuchen, dasselbe von dem Ursprünglichen der

beiden andern Vermögen in ihren Ankündigungen

innerhalb des Bewußtseyns scharf zu unterscheiden,

und jenes Ursprüngliche und Eigenthümliche durch

Sprache bestimmt zu bezeichnen. Denn sobald der

an sich ursprüngliche Zustand des Gefühlsvermögens

durch Sprache bezeichnet wird; sobald hat er auch

bereits den Charakter seiner Ursprünglichkeit verloren,

weil er nur dann in der Sprache durch Worte

ausgedrückt werden kann, wenn er vorher Vorstellung

geworden, mithin das Gefühl in Vorstellung

─ in den Znstand eines andern geistigen Vermögens

─ übergegangen ist. So viel aber auch

von der im Bewußtseyn sich ursprünglich ankündigenden

Jnnigkeit, Tiefe und Gluth der Gefühle,

bei ihrem Uebergange in Vorstellungen, verloren gehen

mag; so wohnt doch diesen aus dem Gefühlsvermögen

stammenden Stoffen für die Sprachdarstellung

noch immer so viel Jnnigkeit und Wärme

bei, daß sie, nach ihrem Ursprunge, nicht mit den

unmittelbaren Zuständen des Vorstellungsvermögens

verwechselt werden können, sondern auf ihre Quelle,

auf das dem menschlichen Geiste zukommende selbstständige

Gefühlsvermögen, zurückgeführt werden

müssen.



4.

Fortsetzung.


Soll das Gefühlsvermögen, völlig gleichmäßig

mit dem Vorstellungs- und Bestrebungsvermögen,

in der ursprünglichen Gesetzmäßigkeit des geistigen

Wesens begründet seyn (Th. 1. S. 152 ff.); so

muß ihm, wie diesen, theils eine ursprüngliche eigenthümliche

Ankündigung
seiner Thätigkeit, theils |#f0020 : 8|



eine eigenthümliche Form dieser Thätigkeit,

theils eine eigenthümliche Richtung auf den

Gesammtzweck des menschlichen Daseyns zukommen.



Die eigenthümliche Ankündigung der

Thätigkeit des Gefühlsvermögens besteht aber darin,

daß das Gefühl nicht, wie die Vorstellung, die Verbindung

und Vereinigung eines Mannigfaltigen

ist, in welcher man jedesmal Stoff und Form unterscheiden

kann, sondern daß jedes Gefühl eine ursprüngliche

Einheit
bildet, die unauflöslich,

unzertrennlich, und in welcher Stoff und Form Eins

(identisch) ist. Durch diese Ankündigung ─ ursprünglich

im Bewußtseyn, und folglich auch in der

Sprachdarstellung ─ unterscheidet sich das Gefühlsvermögen

wesentlich von dem Vorstellungs- und Bestrebungsvermögen,

bei deren Ankündigung in jedem

einzelnen Falle Stoff und Form getrennt wahrgenommen

werden können.



Sind in jedem Gefühle Stoff und Form Eins

(identisch); so muß zweitens auch die eigenthümliche

Form der Thätigkeit des Gefühlsvermögens


von der Form der Vorstellung

und von der Form der Bestrebung wesentlich

verschieden seyn. Denn beruht die eigenthümliche

Ankündigung des Gefühlsvermögens auf der

Jdentität des Stoffes und der Form; so wird

in der Form des Gefühls nicht erst ein Mannigfaltiges

zur Einheit verbunden, wie bei der Thätigkeit

des Vorstellungsvermögens; es ist vielmehr jene Jdentität

des Stoffes und der Form diejenige Form,

unter welcher jedes Gefühl zum Bewußtseyn gelangt.

Alles also, was zum Gefühlsvermögen gehört,

kündigt sich unmittelbar an. Es giebt

daher von allem, was unter der Form des Gefühlsvermögens |#f0021 : 9|



wahrgenommen wird, eine unmittelbare

Gewißheit,
während alle Ueberzeugung

durch Begriffe des Verstandes, und selbst durch die

Jdeen der Vernunft, nur mittelbar ist, mithin durch

entgegengesetzte Begriffe und Jdeen bestritten und

weggeläugnet werden kann. Das Gefühlsvermögen

behauptet in dieser Beziehung den eigenthümlichen

Charakter des unmittelbar Wirklichen (Realen)

in dem gesammten (sinnlichen und geistigen)

Daseyn des Menschen. Durchs Gefühl werden wir

unsers Daseyns, unsers jedesmaligen Zustandes,

des Daseyns der Dinge außer uns, und

unserer Beziehung auf sie, so wie unserer individuellen

Beziehung auf eine übersinnliche Welt unmittelbar

gewiß,
so daß kein logischer Scharfsinn

und keine dialektische Gewandtheit die Ankündigung

dieser unmittelbaren Gewißheit im Bewußtseyn ganz

zu erschüttern vermag.



Das Gefühlsvermögen behauptet aber auch eine

eigenthümliche, von den beiden andern geistigen

Vermögen verschiedene, Richtung auf den Gesammtzweck

des menschlichen Daseyns.


Wenn das Vorstellungsvermögen diesen Zweck als

die höchste Jdee der Vernunft aufstellt, und das

Bestrebungsvermögen diesen Zweck durch freie Handlungen

verwirklichen will; so faßt ihn das Gefühlsvermögen

nach seiner Unermeßlichkeit und Ueberschwenglichkeit

auf, und trägt auf jedes einzelne Gefühl

nach dem Verhältnisse, in welchem das

einzelne Gefühl zu dem Gesammtgebiete des menschlichen

Daseyns steht, diesen Charakter der Unermeßlichkeit

und Ueberschwenglichkeit über. Denn wenn

die Gefühle, nach der Verschiedenheit ihrer Ankündigung

im Bewußtseyn, in sinnliche, intellec= |#f0022 : 10|



tuelle, ästhetische und sittliche eingetheilt werden;

so wird auch das Wahrnehmen der Unermeßlichkeit

und Ueberschwenglichkeit des sittlichen Gefühls,

als des edelsten und reinsten von allen, am

höchsten und stärksten seyn, und, nach dieser Gradabstufung,

das sinnliche Gefühl tiefer stehen, als das

sittliche, ästhetische und intellectuelle, weil nur das

sinnliche, nie aber ein geistiges Gefühl völlig befriedigt

werden kann. Kann nun kein geistiges Gefühl

völlig befriedigt, oder, was dasselbe heißt, der

letzte Punct, der höchste Grad desselben erreicht, und

eben so wenig der Jnhalt des Gefühls, als solches,

und die Jnnigkeit und Unermeßlichkeit desselben durch

Sprache völlig und erschöpfend ausgedrückt werden;

so ist auch dieses Unermeßliche und Höchste des Gefühls

ein Etwas, das alle Vergleichung mit den

Zuständen des Vorstellungs- und Bestrebungsvermögens

übersteigt, und als das Höchste und Letzte,

in welchem jedes Gefühl sich endigt, nicht beschrieben

und nicht zergliedert werden kann. Dieses Unermeßliche,

das jedem geistigem Gefühle des Menschen

beiwohnt, und selbst dem sinnlichen Gefühle

eine höhere Stärke, als der bloßen Vorstellung verleiht,

muß daher die unverkennbare Unterlage

von allem bilden, was innerhalb des

in sich abgeschlossenen Sprachgebiets der

Dichtkunst sich ankündigt,
und wodurch sich

ursprünglich die Dichtkunst von der Prosa und

Beredsamkeit unterscheidet. Denn jedes wirkliche Erzeugniß

der Dichtkunst wird daran erkannt, daß der dargestellte

Stoff weder aus bloßen Vorstellungen, noch

aus Bestrebungen, sondern in Gefühlen besteht, weil ohne

Reichthum, Fülle, Kraft und individuelle Eigenthümlichkeit

der Gefühle kein Dichter gedacht werden kann.

|#f0023 : 11|



5.

b) Verhältniß der Einbildungskraft zur

Sprache der Dichtkunst.


Jst gleich das Gefühlsvermögen die ursprüngliche

Quelle alles dichterischen Stoffes; so bedarf

doch dieser Stoff bereits innerhalb des menschlichen

Bewußtseyns einer eigenthümlichen Form und Gestaltung,

bevor er durch die Sprache nach außen

dargestellt werden kann. Diese Form und Gestaltung

erhält der dichterische Stoff durch die

Einbildungskraft,
nach der unerklärbaren Verbindung

und Wechselwirkung, in welcher sie mit

dem Gefühlsvermögen in dem Gemüthe des Dichters

steht. Denn obgleich im Allgemeinen die Wirksamkeit

der Einbildungskraft auf bestimmte Begriffe

zurückgeführt werden kann; so bleibt doch das Verhältniß,

in welchem sie zum Gefühlsvermögen bei

jedem einzelnen Dichter (bei Milton, Pope,

Klopstock, Matthisson, Schiller, Göthe


u. a.) steht, unerklärbar. Aus diesem unerklärbaren

Verhältnisse geht aber die dichterische Jndividualität

hervor, die, bei allen classischen Dichtern,

so unendlich verschieden ist, daß jeder wahre

Dichter sogleich an dieser Jndividualität erkannt und

von jedem andern vollendeten Dichter (Lessing von

Joh. Andr. Cramer, Gellert von Haller,

Thümmel
von Hölty, Bürger von Tiedge

u. s. w.) unterschieden wird.



Nach der allgemeinen philosophischen Entwickelung

und Durchführung der drei geistigen Vermögen,

wird die Einbildungskraft als eine besondere

Ankündigung der Thätigkeit (Function) des

Vorstellungsvermögens aufgeführt. Allein sie unterscheidet |#f0024 : 12|



sich dadurch wesentlich von dem Verstande

und der Vernunft, daß sie nicht das in der Anschauung

gegebene Mannigfaltige zur Einheit des

Begriffes verbindet, oder solche Vorstellungen hervorbringt,

die wir, weil ihnen kein sinnlicher und

erkennbarer Gegenstand entspricht, Jdeen nennen; sie

erzeugt vielmehr, nach ihrer ursprünglichen Gesetzmäßigkeit,

Bilder, die sie als vollendete Ganze

dem innern Sinne vorhält. So wie aber die Einbildungskraft,

nach ihrer eigenthümlichen Thätigkeit,

Begriffe des Verstandes und Jdeen der Vernunft

in Bilder zu verwandeln, und diese als Jdeale

darzustellen vermag, welche durch freie Handlungen

verwirklicht werden sollen; so vermag sie auch den

ursprünglichen Gefühlen, welche, bevor sie durch

Sprache dargestellt werden können, als Vorstellungen

zum Bewußtseyn gelangen müssen, die

idealische Versinnlichung zu geben, wodurch

sie in der eigenthümlichen und selbstständigen Sprache

der Dichtkunst sich ankündigen. Denn eben diese

Form und dieser Charakter des Jdealischen in

der Sprache der Dichtkunst stammt zunächst aus

der eigenthümlichen Wirksamkeit der Einbildungskraft,

doch so, daß, nach der Unermeßlichkeit und

Ueberschwenglichkeit jedes wahren Gefühls, den vermittelst

der Einbildungskraft identisirten Gefühlen

ein höherer Grad der Jnnigkeit und Wärme innerhalb

der Sprachdarstellung zukommt, als den durch

die Einbildungskraft versinnlichten Begriffen des

Verstandes und Jdeen der Vernunft, obgleich nicht

zu verkennen ist, daß die idealisirte Darstellung der

ursprünglichen Gefühle der idealisirten Darstellung

der Jdeen der Vernunft näher steht, als der idealisirten

Darstellung der Begriffe des Verstandes.

|#f0025 : 13|



Die zweite Grundbedingung der dichterischen

Darstellung beruht daher darauf, daß der aus dem

Gefühlsvermögen stammende Stoff für jedes dichterische

Erzeugniß, nach seinem Uebergange ins

Vorstellungsvermögen, vermittelst der Einbildungskraft

eine idealische Bekleidung erhalte, und, mit

dieser Ausstattung, eintrete ins Gebiet der Sprache;

denn nur das Jdealische trägt in der Sprachdarstellung

den Charakter der Dichtkunst. Der bloße

Begriff des Verstandes, und wäre er noch so abgeglättet

in Sylbenmaas und Reim gekleidet, kann

nie als Erzeugniß der Dichtkunst erscheinen; denn

ihm fehlt eben so die Abstammung aus dem Gefühlsvermögen,

wie er der idealischen Haltung durch

die Thätigkeit der Einbildungskraft ermangelt. (So

wird z. B. Kästners Lehrgedicht von den Kometen

nie als Gedicht gelten, ob es gleich im abgemessenen

Sylbenmaase sich bewegt; dagegen sind

viele Erzeugnisse Jean Pauls echt dichterische

Formen, ob sie gleich des Sylbenmaases und Reimes

ermangeln.)



Unter allen Urbildern (Jdealen) der Einbildungskraft

sind aber die Jdeale des Wahren,

des Schönen und des Guten die drei höchsten, die

sie hervorbringt, und welchen sie jede einzelne idealische

Form unterordnet. Wenn das Jdeal des

Wahren der höchste Zielpunct für alle durch das

Vorstellungsvermögen vermittelte Erkenntniß, so wie

das Jdeal des Sittlich-Guten der höchste Zielpunct

für alle durch das Bestrebungsvermögen hervorzubringende

freie Handlungen bleibt; so ist das

Jdeal des Schönen der höchste Zielpunct für

die gesammte Thätigkeit des Gefühlsvermögens.

Denn, was das Gefühlsvermögen rühren und erschüttern |#f0026 : 14|



soll, muß sich unter einer ästhetischen d.

h. unter einer schönen Form ankündigen, die

durch ihre vollendete Einheit ein unmittelbares Gefühl

der Lust anregt, und die Einbildungskraft in

ein freies und lebensvolles Spiel versetzt. Dieses

Jdeal des Schönen ist daher die höchste Aufgabe

für alle Werke der Kunst, so wie für alle

Erzeugnisse im Gebiete der Sprachdarstellung.





6.

Fortsetzung.


Ob nun gleich kein menschliches Jndividuum

des Gefühlsvermögens, und eben so wenig der Einbildungskraft

ganz ermangelt, wiewohl beide, nach

der unendlichen Verschiedenheit der Jndividuen, unter

höchst verschiedenen Abstufungen und Graden

der Stärke und Schwäche sich ankündigen; so wird

doch die dichterische Begeisterung nur bei

denjenigen Jndividuen unsrer Gattung angetroffen,

in welchen die höhere Lebendigkeit und Stärke des

Gefühlsvermögens mit einer ursprünglich schöpferischen

und gleichmäßig entwickelten Einbildungskraft

in der innigsten Verbindung steht, so daß der dem

Gefühlsvermögen ursprünglich angehörende dichterische

Stoff von der selbstthätigen Einbildungskraft

zu einer idealischen Form ausgeprägt und erhoben

wird. Jn diesem letztern Sinne ist die dichterische

Begeisterung und Weihe an sich unerklärbar und

ein Geschenk der Natur (poëtae non fiunt, sed

nascuntur
), inwiefern sie nämlich auf einer gleichmäßigen

Stärke und Fülle
des tiefbewegten

Gefühlsvermögens und der schöpferischen Einbildungskraft

beruht. Dieses innere dichterische Leben, |#f0027 : 15|



das, unerklärbar nach seinem Ursprunge, nach

seiner Ankündigung aber in einer gleichmäßigen Thätigkeit

des Gefühlsvermögens und der Einbildungskraft

besteht, ist die Bedingung der äußern dichterischen

Darstellung
vermittelst der Sprache.

Wo jenes innere dichterische Leben fehlt; da kann die

Sprachform, ─ sogar bei aller technischen Vollkommenheit,

─ den dichterischen Charakter nicht an

sich tragen; allein eben so wenig darf auch der dichterischen

Darstellung, wenn sie aus jener Fülle des

innern Lebens entsprungen ist, die äußere Vollendung

der Form fehlen, weil sie nur nach dieser

unter das höchste Gesetz für alle stylistische Darstellung,

unter das Gesetz der Form (Th. 1, S.

224), gebracht werden kann. ─ Der Charakter

eines dichterischen Kunstwerkes beruht also darauf,

daß in demselben, als Stoff, reine und unmittelbare

Gefühle
versinnlicht, diese aber, vermittelst

der schöpferischen Thätigkeit der Einbildungskraft,

zu einer idealischen Form für die innere

Anschauung,
und, in Angemessenheit zu diesem

dem Dichter im Bewußtseyn vorschwebenden Urbilde,

sodann in der Sprachdarstellung zu einer

vollendeten äußern Form erhoben werden. Jndem

auf diese Weise das dichterische Erzeugniß entsteht,

erscheint es, wie jedes andere Kunstwerk, als die

Versinnlichung eines im Bewußtseyn vergegenwärtigten

Jdeals,
als unmittelbare Folge

der vorhergegangenen hohen Rührung und Bewegung

des Gefühlsvermögens, und als selbstthätiges Erzeugniß

der Einbildungskraft.



Durch diese Eigenthümlichkeit unterscheidet sich

aber auch der wahre Dichter von dem Prosaiker,

welcher seine unmittelbaren Begriffe und Jdeen darstellt, |#f0028 : 16|



und von dem Redner, welcher durch die rednerischen

Formen unmittelbar auf den Willen wirken

und denselben zu Handlungen bestimmen will.

Beide Zwecke liegen außer dem Kreise des Dichters;

denn der Dichter folgt ausschließend dem unermeßlichen

Drange seiner Gefühle und der, nach

ihrem Zusammenhange mit dem Gefühlsvermögen

unerklärbaren, Wirksamkeit seiner Einbildungskraft.

Jn dem Augenblicke seines Erzeugnisses denkt der

Dichter nicht an die Wirkung, die er hervorbringen

wird, und beabsichtigt keine solche Wirkung; allein

indem sein gebildeter Geist eine dichterische Form

ins Daseyn ruft, erhält dieselbe auch sogleich, durch

den erreichten hohen Grad seiner individuelle Reife,

diejenige Gediegenheit, wodurch sie unwiderstehlich

auf Gefühl und Einbildungskraft zu wirken vermag.



Am Wesentlichsten unterscheidet sich aber der

Dichter dadurch von dem Prosaiker und dem Redner,

daß, ob er gleich nur zunächst seine individuellen Gefühle

unter der dichterischen Form darstellt, er doch

dadurch als Repräsentant seines ganzen Geschlechts

erscheint. Denn die Gefühle, welche in

ihm angeregt waren und die Vollendung des Kunstwerkes

bewirkten, entspringen aus den Jdealen,

welche ein Gemeingut der ganzen gebildeten Menschheit

sind*. Er versinnlicht daher die reine

*

Derselben Meinung ist Schiller in s. Recension von

Bürgers Gedichten; vgl. s. kl. prof. Schriften,

Th. 4. S. 193 ff. „Alles, was der Dichter

uns geben kann, ist seine Jndividualität. Diese muß

es also werth seyn, vor Welt und Nachwelt ausgestellt

zu werden. Diese seine Jndividualität so sehr

als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten

Menschheit hinauf zu läutern, ist sein erstes und wichtigstes
|#f0029 : 17|



Menschheit in der Unendlichkeit ihrer Gefühle;

seine Begeisterung erhebt ihn über die Schranken

des Jndividuellen, und stellt ihn in den Mittelpunct

seines ganzen Geschlechts. Zu diesem

spricht er; in dem Charakter und in dem Namen

desselben schildert er; so wie er fühlt, können

und sollen alle Jndividuen seiner Gattung fühlen;

denn in ihnen allen ist dieselbe Unermeßlichkeit des

Gefühlsvermögens, und dieselbe Richtung der Einbildungskraft

auf das Jdealische begründet. Mag

daher immer das Jdealische unerreichbar bleiben für

die Verwirklichung desselben in freien guten Handlungen;

so wird es doch nach seiner Unermeßlichkeit

im Gefühle wahrgenommen, und unter der möglichst

höchsten Versinnlichung in der vollendeten schönen

Sprachform dargestellt.



Beruht, nach dieser Ansicht, das Wesen der

Dichtkunst auf den aufgestellten Grundbedingungen;

so ergiebt sich daraus die scharfe Grenzbestimmung

derselben gegen Prosa und Beredsamkeit von

selbst, und wie fehlerhaft es ist, wenn der ursprüngliche

Charakter der Dichtkunst mit den beiden letzten

vermischt wird. Dies kann aber auf zweifache Weise

geschehen. Sind nämlich die individuellen Gefühle

nicht innig und stark, oder ist die Einbildungskraft

nicht thätig genug, um jene Gefühle nach ihrer Unermeßlichkeit



Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die

Vortrefflichen zu rühren. Vom Aesthetischen gilt eben

das, was vom Moralischen. Wie es hier der moralisch

vortreffliche Charakter eines Menschen allein ist,

der einer seiner einzelnen Handlungen den Stempel

moralischer Güte aufdrücken kann; so ist es dort nur

der reife, der vollkommene Geist, von dem das Reife,

das Vollkommene ausfließt.“
|#f0030 : 18|



und im Glanze des Jdeals darzustellen;

so mischt sich der zergliedernde Verstand in die

Darstellung, und die Form trägt das Gepräge einer

Zwittergattung und Mißgeburt: es entsteht die sogenannte

poetische Prosa. Eben so entspringt eine

andere Mißgeburt, die rhetorisirende Dichtkunst,

aus der Vermischung und Verwechselung

von Gefühlen und Bestrebungen innerhalb der

dichterischen Darstellung. Es behauptet daher nur

dann die dichterische Form ihren eigenthümlichen,

von der Sprache der Prosa und Beredsamkeit wesentlich

verschiedenen Charakter, und erhebt sich zum

vollendeten (ästhetischen) Gepräge der Schönheit,

wenn sie das Jdealische in den Zuständen des Gefühlsvermögens

nach seiner ganzen Reinheit, Kraft

und Unermeßlichkeit darstellt, und durch die Sprache

so vergegenwärtigt, daß, vermittelst der Anschauung

der vollendeten dichterischen Form, eine, der dichterischen

Begeisterung verwandte, Stimmung und

Rührung des Gefühlsvermögens und ein ähnliches

freies Spiel der Einbildungskraft bei Andern bewirkt

wird, in welches sich weder eine Thätigkeit

des Vorstellungsvermögens, das dargestellte Jdealische

als Gegenstand des Erkenntnißvermögens zu

behandeln und zu zergliedern, noch ein Trieb des

Bestrebungsvermögens, dasselbe durch Handlungen

zu verwirklichen, einmischt.



7.

c) Die Technik der dichterischen Form.


Soll aber die dichterische Form das Gepräge

der Vollendung an sich tragen; so muß zu den beiden

ersten wesentlichen Erfordernissen derselben, zu |#f0031 : 19|



der Abstammung des dichterischen Stoffes aus dem

Reichthume und der Fülle des Gefühlsvermögens und

zu der idealischen Gestaltung dieses Stoffes für den

innern Sinn durch die schöpferische Thätigkeit der

Einbildungskraft, noch ein drittes hinzukommen:

die gediegene äußere dichterische Form in

der Sprachdarstellung.
Bereits oben ward erinnert,

daß über das Erkennen und Wahrnehmen des

Dichterischen
in der äußern Sprachform durchaus

nicht allein und zunächst Sylbenmaas und Reim,

daß vielmehr die wahrgenommene Darstellung individueller

Gefühle unter einer idealischen Haltung und

Umgebung über den dichterischen Charakter eines

stylistischen Erzeugnisses entscheidet. Allein diese

innere Vollendung des dichterischen Geistes und

Wesens muß auch auf die äußere Gediegenheit

der Form in der Sprachdarstellung übergehen, damit

das Gedicht, nach seiner innern und äußern

Classicität, ein unauflösliches vollendetes Ganzes

bilde. Denn wenn gleich die technische Vollkommenheit

eines dichterischen Erzeugnisses den Mangel

des Gefühls und des Jdealischen in demselben nicht

ersetzen kann; so kann doch auch nur dasjenige Gedicht

als vollendet gelten, in welchem mit dem innern

wahrhaft dichterischen Leben des Gefühls und

der Einbildungskraft die äußere Vollkommenheit

der Form zusammentrifft.



Die Grundbedingung der technischen Vollendung

der Form ist der Wohlklang, welcher Melodie

und Harmonie in sich einschließt. Auf ihm beruht

der musikalische Charakter eines Gedichts. Denn

wie in der Tonkunst der Wohlklang auf der Melodie

und Harmonie der unarticulirten Töne beruht;

so in der Sprache auf der Melodie und Harmonie |#f0032 : 20|



der articulirten Töne. Wenn daher das Wesen der

Tonkunst in der versinnlichten und veredelten Darstellung

des jedem Gefühle eigenthümlichen Tones

oder lautwerdenden Ausdruckes besteht; so hängt

auch die technische Vollendung des Dichters davon

ab, für die in seinem Bewußtseyn unter einer idealischen

Haltung vergegenwärtigten Gefühle in der

Sprache den rechten Ton zu finden, und die

äußere Vollkommenheit seines Gedichts nach den

Gesetzen der Melodie und Harmonie
zu

gestalten.



Die Melodie besteht aber in der Tonkunst

in dem, von dem Tonkünstler frei dargestellten, Verhältnisse

der Aufeinanderfolge der Töne

des in ihm angeregten Hauptgefühls; so wie die

Harmonie die gleichzeitige Vereinigung verschiedener

Töne, und die mit dem Flusse der Melodie

fortschreitende Folge dieser Vereinigung, nach

den unveränderlichen, in der Natur und in den

Verhältnissen der Töne selbst begründeten, Regeln

ihrer Verbindung zum Gleichgewichte unter

sich selbst und zur Vollendung des musikalischen

Ganzen als einer ästhetischen Einheit, bezeichnet.

Wird dies von der Tonkunst auf die Darstellung

articulirter Töne durch die Sprache übergetragen;

so beruht in derselben die Melodie auf dem von

dem Dichter gewählten Verhältnisse der Aufeinanderfolge

der einzelnen Wörter nach rhythmischen Gesetzen,

und die Harmonie auf dem, theils in den

einzelnen größern Abschnitten, theils in der ganzen

abgeschlossenen äußern Form des Gedichts erkennbaren,

Gleichgewichte der einzelnen rhythmischen Theile

und Wortreihen zur technischen Vollendung der Einheit

des Ganzen. Der Wohlklang in der Sprachdarstellung |#f0033 : 21|



wird daher eben so von den gewählten

einzelnen Wörtern, wie von der Stellung, Aufeinanderfolge

und Verbindung derselben zu Perioden

abhängen. Dieser Wohlklang heißt in der Sprache

der Prosa und Beredsamkeit Numerus, hingegen

in der Sprache der Dichtkunst Rhythmus, der

in einer noch höhern Beziehung, als der Numerus,

den musikalischen Charakter an sich trägt, so wie

auch der Gebrauch des Rhythmus ausschließend den

Erzeugnissen der Dichtkunst vorbehalten, und in dem

Sprachgebbiete der Prosa und Beredsamkeit fehlerhaft

ist. Denn wenn der Numerus sich als denjenigen

Wohlklang in der Sprachdarstellung ankündigt,

der von der Ausdehnung der Melodie der einzelnen

Laute und Töne auf die Folge und Verbindung

ganzer Sätze und Perioden, und von der Berechnung

des musikalischen Verhältnisses der Vorder= und

Nachsätze gegen einander abhängt; so steht dagegen

der Rhythmus unter den Gesetzen des Metrums.



8.

Fortsetzung.


Wenn gleich das Gesetz der Form auch für

die äußere Sprachdarstellung der höchste Maasstab

bleibt; so ist doch der mehr oder minder musikalische

Charakter der einzelnen Sprachen ein Ergebniß der

Erfahrung, und die Sprachen des Erdbodens sind,

in musikalischer Hinsicht, sehr wesentlich von einander

verschieden. Jm Allgemeinen gilt aber als

Grundsatz, daß, je musikalischer ein Volk überhaupt

ist, und je früher bei demselben der Sinn für Tonkunst

geweckt und genährt wird, auch die Sprache

desselben um so musikalischer sich ausbildet. Allein |#f0034 : 22|



zu dieser musikalischen Fortbildung der Sprache trägt

ebenfalls unverkennbar viel bei, ob das Volk, das

dieselbe spricht, an sich lebhaft und für Tonkunst

empfänglich ist; ob es in der mündlichen geselligen

Unterhaltung (Conversation) und in dem Jugendunterrichte

Werth auf richtige Betonung legt; ob

seine Classiker Sinn für die musikalische Vollendung

der Sprache und gründliche Kenntniß der Lehre von

der Harmonie (vom Generalbasse) besitzen; ob bei

dem Volke, neben der geistlichen Beredsamkeit, eine

politische Beredsamkeit (z. B. in stellvertretenden

Versammlungen, beim mündlichen gerichtlichen Verfahren)

sich entwickelt, und namentlich ob seinen

Rednern (auf Katheder und Kanzel) musikalische

Kenntniß und Bildung zukommt. Für den Kenner

der Regeln der Tonkunst ist es nicht schwer, bei

Prosaikern, Dichtern und Rednern, aus der Art

und Weise der Wahl, der Bildung, der Stellung

und der Verbindung der Wörter zu Perioden und

zu größern stylistischen Ganzen auf die Bekanntschaft

derselben mit den Gesetzen der Tonkunst, und auf

die Anwendung der letzten zurück zu schließen.



Der Rhythmus, nach seiner Verschiedenheit

von dem Numerus in der Sprache der Prosa und

Beredsamkeit, und nach seiner Bestimmung, den

Wohlklang der Sprache in einem Erzeugnisse der

Dichtkunst zu vermitteln, beruht auf der Abtheilung

eines dichterischen Ganzen in seine Glieder, und auf

dem zwischen diesen Gliedern bestehenden Verhältnisse

der Hebung und Senkung. So wird der

Rhythmus die Grundbedingung des Metrums,

unter welchem eine aus abwechselnden Zeitfüßen

in bestimmt abgemessenen Schritten geordnete Folge

und Bewegung der einzelnen Wörter und Wortreihen |#f0035 : 23|



innerhalb eines dichterischen Ganzen verstanden

wird.



Alle gebildete Sprachen des Alterthums und

der neuern Zeit können, in Hinsicht des Rhythmus,

in quantitirende oder accentuirte eingetheilt

werden. Der Grundcharakter dieser Verschiedenheit

beruht darauf, daß in quantitirenden Sprachen,

die gewöhnlich unter dem Einflusse der Tonkunst sich

weiter ausbilden, der Accent zu Gunsten des Rhythmus

von seinem Sitze auf der Sylbe verdrängt

werden kann, so daß in diesen Sprachen der

Rhythmus die Grundbedingung des Accents


ist. Dagegen wird in den accentuirten

Sprachen der Sitz des Accents durch den Sinn

und die Bedeutung der Sylben und der Wörter unwiderruflich

bestimmt; folglich ist in ihnen der Accent

die Grundbedingung für den Rhythmus.


Zu den quantitirenden Sprachen gehören die

Sprachen des Alterthums, und namentlich die gebildetste

unter allen, die griechische; zu den accentuirten

Sprachen aber die Sprachen der jüngern

abendländischen Völker, und namentlich die teutsche.



9.

Fortsetzung. Ueber Prosodie in der teutschen

Sprache.


Die Sylbenmessung der Griechen erhielt unter

dem Einflusse der Tonkunst ihre bestimmten Formen

und ihren bezaubernden Wohlklang; sie bildete sich

unter dem Einflusse des allgemein herrschenden Hexameters.

Gewiß würde die ganze Prosodie der Griechen

sich anders gestaltet haben, wenn nicht der

Hexameter, sondern z. B. der Jambus das älteste |#f0036 : 24|



künstliche Maas ihrer Sprache gewesen wäre, welches

die begeisterten Laute der Dichter dargestellt hätte.

Die Länge und die Kürze der Sylben darzustellen,

ward daher der Zweck, und zugleich der Charakter

der ältern Prosodie. Mit dem Geiste jener

Völker verschwand aber, seit dem Zeitalter der

Völkerwanderung, die höhere Blüthe ihrer Sprachen,

die Harmonie ihrer Dichtkunst, und der darauf gegründete

rhythmische Mechanismus ihrer Prosodie.

Die Sprachen der in den Stürmen des Mittelalters

siegreichen germanischen Völker waren entfernt

von aller innern und äußern Ausbildung,

und blos das Mittel der gegenseitigen Verständigung,

welche von dem Accente, ohne Rücksicht

auf den Wohllaut, geleitet ward. Diese Herrschaft

des Accents blieb aber selbst in den spätern Zeiten,

wo die Sprachen der germanischen Völker zur höhern

Reife fortgebildet wurden. Der wesentliche

Unterschied der neuern abendländischen Sprachen

beruht also darauf, daß ihre Prosodie nicht

von der Quantität der Sylben, sondern zunächst

von dem Accente ausging, wodurch zugleich die

Dichtkunst der jüngern abendländischen Völker ihren

eigenthümlichen äußern Charakter erhielt.



Allein für den, der teutschen Sprache versagten,

Wohlklang der quantitirenden Sprachen fanden

ihre Dichter einen Ersatz in dem Gleichklange

der Sylben,
mit welchem die einzelnen Zeilen sich

schlossen. Dies ist der Reim in seiner ursprünglichen

Gestalt, der nicht erst, wie Mehrere behaupteten,

von den Arabern zu den Teutschen kam, sondern

viel früher bereits von den Teutschen gebraucht

ward, bevor der Einfluß der Araber auf Europa

begann, wenn gleich das erste auf unsre Zeit gekommene |#f0037 : 25|



gereimte teutsche Gedicht, ─ die evangelische

Geschichte des Weißenburger Mönchs Otfried,

─ ins neunte Jahrhundert gehört. Der Reim ist

in der Natur der teutschen Sprache selbst gegründet,

und bereits die Kirchenväter des vierten Jahrhunderts

* reimten, nach Art der neuern Völker,

lateinische Lieder. Allein die altsächsische Dichtkunst,

welche von Holstein nach England gebracht

ward, kannte so wenig den Reim, als die Dichtersprache

des skandinavischen Nordens, in welcher nur

die Alliteration (der Gleichklang in den Anfangsbuchstaben

der Wörter) getroffen wird.



Wenn also auch der Reim einzelnen teutschen

Völkerschaften bereits bekannt war; so verbreitete

sich doch sein allgemeiner Gebrauch erst später mit

der sogenannten Ritterpoesie über Teutschland,

welche von den Arabern zu den Franzosen ins südliche

Frankreich, wo sie die Troubadours ausbildeten,

und von diesen zu den Teutschen kam, die seit

der Mitte des zwölften Jahrhunderts mit glücklichem

Erfolge in derselben sich versuchten. Jn geschichtlicher

Hinsicht darf dabei nicht übersehen werden,

daß die Provence zum burgundischen Reiche

gehörte, das bereits im Jahre 1032, als Nebenreich,

mit Teutschland unter Einem Regenten vereinigt

ward.



Allein der Reim im Mittelalter, so viel auch

durch die lyrischen und epischen Dichter im Zeitalter

der Minnesänger für ihn geschah, konnte im

Ganzen nicht vollkommener seyn, als die Sprache

selbst damals war. Seine freiere und mannigfaltigere

*

Vgl. Grotefends Anfangsgründe der teutschen

Prosodie (Gießen, 1815. 8.) S. 163 ff.
|#f0038 : 26|



Gestaltung mußte nothwendig von der höhern

Reife der Sprache selbst abhängen, und nur

nach seiner Ankündigung in diesem spätern und gereiftern

Zeitalter kann über ihn entschieden werden,

wenn man nicht ungerecht über diese eigenthümliche

äußere Form der teutschen Dichtkunst absprechen

will. Denn allerdings war die Accentuation

der teutschen Sprache, als prosodischer Charakter

derselben, bereits bestimmt, bevor die ersten Gesänge

teutscher Dichter ertönten. Diese Dichter

waren daher, sogleich bei ihrem ersten Auftreten in

der Mitte des Volkes, in Hinsicht der Länge und

Kürze der Sylben an die vorgefundene Herrschaft

des Accents gebunden, wodurch zugleich die Prosodie

der teutschen Sprache, in ihrer damaligen Gestalt,

von der Prosodie der quantitirenden Sprachen wesentlich

sich unterscheiden mußte.



Nach dem geschichtlichen Charakter der teutschen

Sprache, als einer accentuirten, sind aber, in

der Prosodie derselben, accentuirte Sylben lange,

und accentlose Sylben kurze Sylben. Der Zeit

nach füllen die ersten zwei Theile aus, während

den letzten nur ein Theil zukommt, so daß für eine

jede lange Sylbe zwei kurze, und für zwei kurze

eine lange stehen können. Zugleich erscheint, nach

dem prosodischen Verhältnisse, die rhythmisch accentuirte

Sylbe als Grund, die rhythmisch accentlose

als Folge, und durch die Verbindung beider in

der Rede entsteht eine rhythmische Sylbenreihe. Weil

aber, ihrem Grundcharakter nach, in der teutschen

Sprache der Accent nur auf Sylben gelegt wird,

welchen die Bezeichnung des Sinnes in der Rede

zukommt; so hängt auch in der teutschen Sprache

das Verhältniß der accentuirten und accentlosen |#f0039 : 27|



Sylben, oder der Rhythmus, ganz von dem Wortverstande

ab, so daß in derselben der Wortaccent

nie dem rhythmischen aufgeopfert werden darf. Es

stehen aber zwischen den langen und kurzen Sylben

in der Sprache gewisse Sylben gleichsam in der

Mitte, die, unter gewissen Umständen, entweder

gedehnt, oder beschleunigt werden, und deshalb mittelzeitige

heißen. Zweizeitige (ancipites)

werden sie nur im Allgemeinen genannt, weil sie,

bei ihrem Gebrauche, jedesmal sogleich entweder lang

oder kurz sind.



Jst aber in der teutschen Sprache der Rhythmus

abhängig von dem Accente; so ist auch das

Metrum (das Versmaas) davon abhängig; denn

das Metrum besteht (§. 8) in einem rhythmischen

Ganzen aus abwechselnden Zeitfüßen, die zu einem

bestimmten Schritte verbunden werden, und dessen

Umfang, wenn er nicht zu klein ist, in Absätze

und Einschnitte (Cäsur) getheilt, und durch einen

sinnlich hervortretenden Schlußfall geendigt wird.

Vermittelst des Rhythmus wird also ein dichterisches

Ganzes, nach der Ankündigung seiner äußern

Glieder, abgetheilt, und in dieser Abtheilung das

Verhältniß der Hebung und Senkung der einzelnen

Glieder festgehalten; denn Hebung oder

Senkung, Steigen oder Fallen in abwechselnden

Verhältnissen, ist der allgemeinste Charakter

des Sylbenmaases. So einfach dieser Grundsatz

an sich ist; so viele Mannigfaltigkeit und Abwechselung

erhält er doch in der Anwendung auf die

Darstellung der Versfüße. Jede Zusammensetzung

mehrerer Sylben muß sich nämlich entweder mehr

zum Falle, oder mehr zum Sprunge neigen. Zum

Falle neigt sie sich, wenn das Lange vorangeht |#f0040 : 28|



und das Kurze nachtönt (Trochäus); zum Sprunge,

wenn das Kurze vorangeht und das Lange nachtönt

(Jambus). Selbst zwei lange Sylben neigen

sich, wegen ihrer Langsamkeit, mehr zum Falle,

als zum Sprunge (Spondeus); zwei kurze Sylben

hingegen neigen sich, ihrer Schnelligkeit wegen,

mehr zum Sprunge, als zum Falle (Pyrrhichius),

ob sie gleich in Hinsicht ihrer Dauer völlig

gleich sind.



10.

Fortsetzung. Ueber den Reim.


Der Reim, als geschichtliche Erscheinung, ist

ein ausschließendes Eigenthum der jüngern abendländischen

Sprachen, die sämmtlich accentuirte Sprachen

sind. Diese Sprachen bedurften eines Ersatzes

für den ihnen ursprünglich fehlenden quantitativen

Rhythmus, und dieser Ersatz liegt in dem

Reime. Da aber der Accent die Bedeutung der

Begriffe und Jdeen bezeichnet; so würde man bei

der Begriffsbestimmung des Reimes nicht ausreichen,

wenn man ihn blos in dem Gleichklange

zweier Sylben am Ende zweier Verse suchen wollte.

Mit diesem Formellen des Reims muß vielmehr

etwas Materielles, das von den dichterisch dargestellten

Vorstellungen abhängt, die in dem Gleichklange

des Reims verbunden werden, vereiniget seyn;

neben seiner äußern Natur muß ihm auch noch

eine innere zukommen. Das Wesen des Reimes

besteht daher darin: eine Reihe von Vorstellungen

so zu ordnen, daß, mit Festhaltung gewisser

Ruhepuncte, bestimmte Sylbenreihen mit solchen

Vorstellungen schließen, die im wörtlichen Ausdrucke |#f0041 : 29|



eine sinnlich=gleiche Gestalt annehmen (d. h. im

Gleichklange stehen) können. Der Reim ist also

nichts anders, als das Versinnlichen zweier verschiedenen

Vorstellungen in zwei gleichklingenden Wörtern,

und reimen heißt demnach: zu zwei verschiedenen

Vorstellungen zwei gleichklingende Wörter auffinden,

oder das in der Vorstellung Verschiedene

unter gleichen Klang in sinnliche Einheit bringen.

Soll der Reim ästhetisch wirken; so muß auf

diesem Gleichklange der Wörter, welche verschiedene

Vorstellungen zu einer sinnlichen Einheit verbinden,

die äußere und zufällige (erfahrungsmäßige) Schönheit

der Form beruhen, welche eben so, durch den

Wohlklang der zusammengestellten articulirten Töne,

ein reines Wohlgefallen bewirkt, wie die unter der

Hülle der äußern Laute versinnlichten und idealisirten

Gefühle. Denn nur auf diese Weise kann der

innere und äußere Charakter eines dichterischen

Erzeugnisses als Einheit zusammentreffen, und das

Wohlgefallen an der dichterischen Form durch die

Wahrnehmung gleichmäßiger Haltung und Durchführung

beider Theile bewirkt werden.



Die teutsche Sprache kannte zwar, nach ihrem

ursprünglichen Charakter als accentuirte Sprache,

blos den Reim als äußere Form ihrer dichterischen

Erzeugnisse; allein bei der hohen Bildsamkeit derselben

war es möglich, auch die griechischen Sylbenmaase

in die Mitte derselben zu verpflanzen.

Die ersten Versuche deshalb geschahen bereits im

siebenzehnten Jahrhunderte; doch war es zunächst

Klopstock, welcher, mit tiefer Erforschung der

Technik der griechischen und der teutschen Sprache,

die gelungene Anwendung derselben im Großen durchführte.

Er fand viele Nachahmer, von welchen |#f0042 : 30|



manche, aus Reiz der Neuheit und aus Vorliebe

für die fremdher entlehnten Sylbenmaase, den Reim

völlig aus der teutschen Dichtkunst verdrängen wollten,

den doch Klopstock selbst im religiösen Liede

beibehalten hatte. So wenig diese Absicht gelang;

so führte doch der freiere Anbau der neuen Sylbenmaase

zu einer bis dahin nicht geahneten Erweiterung

der teutschen Prosodie. Unverkennbar hat die

teutsche Dichtkunst selbst, so wie die Prosodie, dadurch

an Maunigfaltigkeit, Abwechselung und Reichthum

bedeutend gewonnen; auch ist aus dem fortgesetzten

höhern Anbaue beider, des der teutschen

Sprache ursprünglich einheimischen Reims und der

entlehnten und eingebürgerten fremden Sylbenmaase,

so wie aus dem frühern Kampfe beider mit einander,

das allgemeine Ergebniß hervorgegangen: daß beide

neben einander bestehen können und bestehen werden;

daß durch die Anwendung beider der Reichthum der

äußern Sprachformen vermehrt und eine größere

Mannigfaltigkeit dieser Formen bewirkt worden ist;

daß aber für gewisse Formen der dichterischen Darstellung

mehr der Reim, und für andere wieder mehr

die entlehnten Sylbenmaase sich eignen. Denn so

gewiß das religiöse Lied, das Volkslied, die Cantate,

die Romanze, und mehrere andere dichterische

Erzeugnisse, des Reims nicht entbehren können; so

gewiß hat doch z. B. die Elegie, so wie die epische

und die dramatische Dichtkunst durch die Anwendung

der fremden Sylbenmaase gewonnen. Bei einer

unpartheiischen Würdigung des Charakters und der

Fortschritte der teutschen Dichtkunst seit den letzten

siebenzig Jahren wird man daher gewiß die Ueberzeugung

erlangen, daß weder dem Reime ein Vorzug

vor den fremden Sylbenmaasen, noch den letzten ein |#f0043 : 31|



Vorzug vor dem Reime beigelegt werden darf, weil

überhaupt beide nur die äußere und zufällige Schönheit

der Form, nicht aber das wahre Wesen der Dichtkunst

selbst bezeichnen, und der ästhetische Gehalt der

äußern und zufälligen Schönheit der Form zunächst

von dem innern Geiste des Gedichts, und von dem

Verhältnisse des innern dichterischen Lebens zu der

äußern technischen Form abhängt, unter welcher

dasselbe erscheint.



11.

Eintheilung der Dichtungsarten.


Wenn der Stoff jeder dichterischen Darstellung

aus den individuellen Gefühlen des Dichters stammt;

so müssen gleichartige und verwandte Gefühle, die in

dem Gemüthe des Dichters auf das genaueste verbunden

sind, auch in der dichterischen Darstellung

einander ähnlich und verwandt seyn. Darauf beruht

der Grundsatz für die Eintheilung der verschiedenen

Dichtungsarten.



Unter einer Dichtungsart verstehen wir nämlich

eine Klasse von Werken der Dichtkunst, deren

gemeinsamer Charakter aus einer verwandten individuellen

Stimmung im Gefühlsvermögen des Dichters

hervorgehet. Alle in den besondern Gattungen

zusammengestellte einzelne dichterische Formen (z. B.

in der lyrischen Gattung das Lied, die Elegie, die

Ode u. s. w.) müssen daher auf eine ähnliche Bewegung

und Rührung des Gefühlsvermögens, und auf

die Fähigkeit des Dichters sich zurückführen lassen,

sein individuelles Gefühl durch die schöpferische Thätigkeit

der Einbildungskraft zur Einheit der Form

zu erheben. Nach dieser Ansicht muß es so viele

verschiedene Klassen von Dichtungsarten geben, als |#f0044 : 32|



es verschiedene Grundtöne des Gefühls für die ästhetische

Darstellung giebt.



1) Diejenigen dichterischen Formen, in welchen

das im Gemüthe des Dichters aufgeregte Gefühl

der Freude und des Entzückens, oder der

Wehmuth und Traurigkeit, als solches, in der

idealisirten Darstellung zur Einheit der Form

erhoben wird, so daß die Darstellung den unmittelbaren

Ton und Ausdruck des

Gefühls
wiedergiebt, bilden den Umfang der

lyrischen Dichtkunst.



2) Der Charakter der didactischen Dichtkunst

hingegen beruht darauf, daß die ästhetische Form

gewisse allgemeine Begriffe und Jdeen

der Vernunft
versinnlicht, die, durch ihre

Verbindung und Vergesellschaftung mit bestimmten

Gefühlen, eine höhere Bewegung des Gefühlsvermögens

und ein freies Spiel der Einbildungskraft

hervorbringen, so wie sie vermittelst

der dichterischen Form als ästhetische Einheit

erscheinen.



3) Die dichterische Darstellung kann ferner einzelne

Handlungen, Thatsachen und Jndividuen,

so wie den Zusammenhang der

menschlichen Handlungen
innerhalb des

bestimmt abgeschlossenen Kreises der menschlichen

Freiheit versinnlichen, diese freie Wirksamkeit

der handelnden Wesen idealisiren, und

die hohe Bewegung des Gefühls, hervorgebracht

durch die Vergegenwärtigung der Wirkungen

der menschlichen Freiheit, vermittelst

einer vollendeten ästhetischen Form bezeichnen.

Dies ist der Charakter der epischen Dichtkunst.



|#f0045 : 33|



4) Der Charakter der dramatischen Dichtkunst

besteht darin, daß der Zusammenhang der freien

menschlichen Thätigkeit, vermittelst der ästhetischen

Form, durch die dargestellten handelnden

Personen selbst
(ohne Wahrnehmung

der Jndividualität des Dichters) vor

unsrer Anschauung erscheint. Doch ist es

Grundbedingung bei allen Formen der dramatischen

Dichtkunst, daß das Wesen jedes einzelnen

dramatischen Kunstwerkes nur durch

die künstlerische Darstellung desselben

auf der Bühne
erschöpft und vollendet werde.



5) Endlich giebt es gewisse dichterische Kunstwerke,

deren Charakter zwar bald der einen,

bald der andern der vier aufgestellten Hauptklassen

dichterischer Formen sich nähert, bald

aber auch aus dem Verschmelzen der Eigenthümlichkeit

mehrerer Klassen hervorgehet. Wenn

denn nun auch in dem ersten Falle das einzelne

Gedicht bisweilen unter eine der vier

aufgestellten Klassen gebracht werden könnte;

so wäre dies in dem zweiten Falle ohne Zwang

nicht möglich, und bald würde die einzelne

poetische Epistel, die einzelne Jdylle u. s. w.

zur lyrischen, bald zur epischen Dichtungsart

gehören. Es ist daher zweckmäßiger, weil die

schöpferische Thätigkeit der Einbildungskraft

nicht nach den in der Theorie aufgestellten Klassen

von Dichtungsarten sich richtet, diese Dichtungsarten

vielmehr nach der Wirksamkeit der

Einbildungskraft aufgestellt und geordnet werden

müssen, jene gemischten Formen der Dichtkunst

in einer besondern Ergänzungsklasse

aufzuführen.

|#f0046 : 34|



12.

Die drei Schreibarten in der Sprache

der Dichtkunst.


So wie in der Sprache der Prosa und Beredsamkeit

jedes einzelne stylistische Erzeugniß, das

auf den Charakter der Classicität Anspruch macht,

einer der drei Schreibarten ─ entweder der niedern,

oder der mittlern, oder der höhern

(Th. 1. S. 474 ff.) bestimmt angehören muß; so

auch in der Sprache der Dichtkunst. Jedes einzelne

Gedicht, es sey Lied oder Elegie, es sey Ode

oder Hymne, es sey Fabel oder Epos, es sey

Jdylle oder Epigramm, muß entweder in der niedern,

oder in der mittlern, oder in der höhern

Schreibart gehalten seyn, über welche Wahl der

Schreibart zunächst, als innere Ursache, die Jndividualität

des Schriftstellers, nicht selten aber

auch, als äußere Ursache, bald der Charakter des

darzustellenden Stoffes, bald der Zweck entscheidet,

für welchen die stylistische Darstellung berechnet

ist. Denn so wie Gellerts Jndividualität, in

allen seinen dichterischen Erzeugnissen, ihn zunächst

zur Anwendung der niedern und bisweilen der mittlern

Schreibart führte, die höhere aber ganz ausschloß;

so eignete sich wieder die Jndividualität von

Joh. Andr. Cramer, von Klopstock, von Leopold

Graf zu Stolberg, von Kosegarten, mehr

zur mittlern und selbst zur höhern Schreibart, als

zur niedern. Dazu kommt, daß selbst die äußern

Ursachen bei der Wahl einer der drei Schreibarten

in den meisten Fällen durch die innere Ursache, d.

h. durch die Jndividualität des Dichters bedingt

sind, weil die dichterische Jndividualität, ─ nach |#f0047 : 35|



den in dieser Einleitung aufgestellten Grundsätzen,

─ auf der unerklärbaren innern Wechselwirkung

des Gefühlsvermögens und der selbstthätigen Einbildungskraft

beruht, so daß, wenn dem Dichter, durch

diese innern Ursachen, der Stoff zu einer Messiade

zugeführt wird, er von selbst für diese die

mittlere Schreibart wählt. Dagegen wird er,

wenn er ein religiöses, oder ein weltliches Volkslied

beabsichtigt, in den meisten Fällen die niedere,

und nur bisweilen die mittlere Schreibart

für seine Darstellung, in der Hymne aber nie die

niedere, sondern die mittlere, ja selbst die höhere

Schreibart wählen.



Es ist übrigens von Wichtigkeit sowohl für die

Theorie und Praxis der Dichtkunst, als auch für

die Kritik der vorhandenen dichterischen Erzeugnisse,

den in jedem vorhandenen dichterischen Erzeugnisse

vorherrschenden Charakter der einen oder der andern

Schreibart auszumitteln, weil nicht blos das Urtheil

über die zweckmäßige Auswahl der Schreibart

für den dargestellten Stoff, sondern auch das Urtheil

über die Festhaltung und Durchführung der

gewählten Schreibart zur Einheit und Classicität

der stylistischen Form, davon abhängt.



Was endlich die sogenannte Manier des Dichters

betrifft; so wird darunter, im guten Sinne,

die erkennbare Jndividualität desselben an allen seinen

stylistischen Erzeugnissen (selbst den anonymen)

verstanden, inwiefern sie in gewissen, eben nur diesem

Schriftsteller eigenthümlichen, Gefühlen, Jdeen,

Bildern, Wendungen, Zusammenstellungen und einzelnen

Ausdrücken, in der ganzen Anlage, dem Baue

und der Vollendung der stylistischen Form besteht.

Jn dieser Beziehung lassen sich die einzelnen Erzeugnisse |#f0048 : 36|



von Luther, Klopstock, Göthe, Schiller,

Kosegarten, Matthisson
u. a. sogleich

erkennen und von jedem andern Schriftsteller unterscheiden.

Allein fehlerhaft wird die Manier,

wenn sie nicht aus der Jndividualität des Schriftstellers

selbst hervorgeht, sondern auf der bloßen

Nachahmung eines originellen Dichters beruht. Deshalb

sind denn auch die Nachäffungen der eigenthümlichen

Manier von Göthe, Schiller, Matthisson

und andern so widerlich, während wir dem

selbstständigen Dichter gern die Wiederkehr von Formen

verzeihen, die er einmal aus seiner Eigenthümlichkeit

ausgeprägt und den meisten seiner Werke

ertheilt hat.



1) Die lyrische Form der Dichtkunst.


13.

Charakter und einzelne Theile der lyrischen

Dichtkunst.


Der Charakter der lyrischen Dichtkunst besteht

nicht, wie einige Theoretiker wollen, in der

Erregung, sondern in der idealisirten Darstellung

(Objectivisirung) bestimmter individueller Gefühle

unter der Einheit einer vollendeten ästhetischen Form.

Bei allen einzelnen Erzeugnissen der lyrischen Dichtkunst

beruht daher der dargestellte Stoff auf den

subjectiven Gefühlen des Dichters, welche durch

seine selbstthätige Einbildungskraft unter einer idealischen

Umgebung aufgefaßt, und nach dieser idealischen |#f0049 : 37|



Haltung vermittelst einer stylistischen Form

dargestellt werden, die dem Gesetze der Form

vollkommen entspricht, und, als vollendete Einheit,

Richtigkeit und Schönheit der Form unausflöslich

verbindet.



Ob nun gleich die von dem lyrischen Dichter

als Stoff dargestellten Gefühle ihm ganz individuell

angehören, so daß sie, nach dieser Gestaltung

und Ankündigung, in keinem andern menschlichen

Gemüthe entstehen konnten; so erscheinen sie

doch, unter der Einheit der dichterischen Form, nach

ihrem Zusammenhange mit den höchsten Jdealen der

Menschheit, als so geläuterte und rein menschliche

Gefühle, daß jedes gebildete Wesen unsrer Gattung

in denselben, als in seinen eigenen, sich wieder erkennt.





Je verschiedener aber die menschlichen Gefühle

theils an sich nach ihrer Quelle als sinnliche, intellectuelle,

ästhetische und sittliche Gefühle, theils

nach dem Grade ihrer individuellen Stärke seyn

können; desto verschiedener ist auch der Charakter

der einzelnen lyrischen Gedichte, so wie die Stärke

des Tones und der ästhetischen Farbengebung in

denselben. Denn anders äußert sich das sinnliche

Gefühl bei dem Genusse der Liebe und des Weins,

als das intellectuelle Gefühl bei der Wahrnehmung

der Unermeßlichkeit des Weltalls, und das sittliche

Gefühl bei der Vergegenwärtigung unsrer individuellen

Fehler und Verirrungen, oder bei der dichterischen

Darstellung des Glaubens an Gott und

Unsterblichkeit. Wenn daher auch der gemeinsame

Charakter aller lyrischen Gedichte darauf beruht,

daß sie unmittelbare Gefühle unter einer idealischen

Darstellung in einer vollendeten stylistischen Form |#f0050 : 38|



schildern; so muß doch, bei der nähern Beurtheilung

der einzelnen Erzeugnisse der lyrischen Dichtkunst,

zunächst dasjenige Gefühl aufgesucht werden,

welches als Stoff dem Gedichte zum Grunde liegt,

und sodann der im Gedichte enthaltene Ton dieses

Gefühls, der, innerhalb der Form, bald als Ton

der Freude, gesteigert bis zur höchsten Stufe derselben,

bis zum Ausdrucke des Entzückens, ─ bald als

Ton der Trauer, bis zur höchsten Steigerung derselben

in der tiefsten Wehmuth, nach sehr verschiedenen

Graden der Stärke und der Fülle des Gefühls

schattirt, erscheinen kann. Jene Verschiedenheit

in dem ursprünglichen Charakter der zum Bewußtseyn

des Dichters gelangten individuellen Gefühle,

und diese Schattirungen in dem Tone der

dargestellten Gefühle, entscheiden über die Verschiedenheit

des Charakters und des Tones in den einzelnen

Untergattungen
der lyrischen Form der

Dichtkunst.



Diese Untergattungen sind:



a) das Lied;
b) die Ode;
c) die Hymne;
d) die Dithyrambe;
e) die Rhapsodie;
f) die Elegie;
g) die Heroide;
h) die Cantate;
i) das Sonett;
k) das Madrigal, das Rondeau und Triolet.


|#f0051 : 39|



14.

a) Das Lied.


Der Charakter des Liedes beruht auf der Darstellung

nur Eines, aber eines bestimmten Gefühls,

welches zum deutlichen Bewußtseyn gelangt, unter

der Einheit einer vollendeten ästhetischen Form. Jm

Tone des Liedes steht das zum Bewußtseyn gelangte

und durch Sprache dargestellte Gefühl mit sich selbst

im Ebenmaase. Dadurch unterscheidet sich das Lied

von den übrigen einzelnen Formen der lyrischen

Dichtkunst, namentlich von der Ode, der Hymne

und der Dichyrambe, welche, im höhern Schwunge

der dichterischen Begeisterung, das im Gefühle sich

ankündigende Unendliche, bei gleichstarker Vergegenwärtigung

der Schranken der Endlichkeit, darstellen.



An sich ist der Ton des Liedes ein Ton reiner

Freude, Beruhigung und Hoffnung. Dieser Ton

wird angeregt durch die Richtung des Gefühls auf

ein Gut, nach welchem das Gemüth sich sehnt, oder

dessen Besitz und Genuß das Gefühl ergreift und

erhebt, oder das im Allgemeinen dem Gefühle und

der Einbildungskraft lebhaft vorschwebt. Denn dadurch

unterscheidet sich das Lied von der Elegie und

der Heroide, daß der in demselben herrschende Ton

der Freude durch keine Beimischung eines Gefühls

der Wehmuth verdunkelt wird.



Das Lied wird eingetheilt in das religiöse

(geistliche) und weltliche Lied.



Das religiöse Lied enthält den Ausdruck und

die Darstellung der erhabenen Rührung, die den

Menschen bei der im Gefühle wahrgenommenen Allvollkommenheit

Gottes, seiner Allheiligkeit und Allseligkeit,

und bei der Vergegenwärtigung seiner Verhältnisse |#f0052 : 40|



zu uns und unserer Verhältnisse zu ihm ergreift,

die für uns die wohlthuendsten und beseligendsten

sind, und die unser ganzes gegenwärtiges und künftiges

Daseyn umschließen. Das religiöse Lied erscheint,

je nachdem ein bestimmtes Gefühl sich in uns ausgebildet

hat, bald als Ausdruck des Dankes gegen

Gott, bald als Ton der Bewunderung desselben, der

Demuth und der Pflichten gegen ihn, der Hoffnung

auf ihn, und der Vergegenwärtigung unsers Abstandes

zu ihm. Zugleich liegt der ganze Kreis der

Lehren der positiven Religion im Umfange des

religiösen Liedes. ─ Doch muß genau zwischen dem

religiösen Liede und der religiösen (geistlichen)

Dichtkunst überhaupt unterschieden werden. Denn

die letzte beschränkt sich nicht blos auf das geistliche

Lied, wenn gleich von jeher innerhalb des Gebiets

der geistlichen Dichtungen der Anbau des religiösen

Liedes am reichsten, vielseitigsten und mannigfaltigsten

gewesen ist. Zur sogenannten geistlichen Dichtkunst

gehören aber, außer dem Liede, auch die religiöse

Ode und Hymne, und die religiöse Elegie.

Denn viele religiöse Gedichte von J. Andr.

Cramer, Klopstock, Balth. Münter und andern

unterscheiden sich von dem Tone und der Farbengebung

des Liedes so, daß sie, der Form nach,

als religiöse Hymnen aufgestellt werden müssen;

auf gleiche Weise gehören alle, zur ästhetischen Einheit

erhobene, Bußlieder in den Kreis der religiösen

Elegie. Besonders sind viele Gedichte, bestimmt

für die Feier der christlichen Feste, nicht blos religiöse

Lieder, sondern Hymnen im eigentlichen Sinne,

worin die Erscheinung des Erlösers in der Welt,

sein irdisches Werk, seine Auferstehung und seine

Himmelfahrt verherrlicht wird; so wie viele sogenannte |#f0053 : 41|



Passionslieder, sobald ihre ästhetische Form

classisch ausgeprägt ist, zu den gelungensten Elegieen

gehören.



Jm Gegensatze des religiösen Liedes, enthält

das weltliche Lied die Darstellung eines bestimmten

individuellen Gefühls, das durch die Zustände

und Vorgänge des wirklichen Lebens angeregt wird,

unter der vollendeten Einheit einer ästhetischen Form.

Das weltliche Lied schildert als Lied der Liebe

die Jnnigkeit, Stärke und Glut des Gefühls, das

durch ein geliebtes weibliches Wesen bewirkt wird.

Als Trinklied stellt es die Freuden sinnlich vollkommen

dar, die der Wein gewährt. Als Gelegenheitsgedicht

bezieht es sich auf eine denkwürdige

Begebenheit des häuslichen oder öffentlichen

Lebens, welche das Gefühlsvermögen anspricht und

bewegt. Zu diesen Gelegenheitsgedichten gehören die

Geburts=, Hochzeits=, Neujahrs- und Trauergedichte

u. a., die nur deshalb so selten gelingen, und unter

einer vollendeten Form erscheinen, weil nur selten

das Ereigniß, das sie feiern sollen, ein wahres

und inniges Gefühl in dem Gemüthe des Dichters

aufregt. Denn wo diese Bewegung des Gefühlsvermögens

fehlt; da wird auch das Gelegenheitsgedicht

gerade des Dichterischen ermangeln, das

nur aus dem Gefühlsvermögen stammen und dann

unter der, von der Einbildungskraft geschaffenen,

idealisirten Form erscheinen kann. ─ Es können

aber auch Naturgegenstände und andere Vorgänge

des Lebens, sobald sie den Zustand eines bestimmten

Gefühls in dem Dichter zum Bewußtseyn erheben,

den Stoff zum weltlichen Liede enthalten. ─

Volkslied nennt man das weltliche Lied dann,

wenn die Darstellung desselben, durch das allgemeine |#f0054 : 42|



Jnteresse seines Stoffes, so wie durch die höchste

Einfachheit des Ausdruckes, unbeschadet der classischen

Vollendung der Form, für alle Stände und

Klassen des Volkes verständlich, genießbar und anziehend

wird.



15.

Beispiele des religiösen Liedes.


1) von Luther († 1546).



[Nach der Originalausgabe.]



Eine feste Burg ist unser Gott,

Ein gute wehr unnd waffen;

Er hilfft unß frey auß aller not,

Die unns jetzt hat betroffen;

Der alt böse Feindt

Mit ernst ers jetzt meint,

Groß macht und vil list

Sein grausam rüstung ist,

Auff Erd ist nicht seins gleichen.


Mit unser macht ist nichts gethan,

Wir sind gar bald verloren.

Es streit für uns der rechte Man,

Den Got hat selbs erkoren;

Fragst du, wer er ist?

Er heist Jesus Christ,

Der Herr Zebaoth,

Und ist kein ander Gott,

Das Feld muß er behalten.


Und wenn die welt voll Teuffel wer,

Und wolt unns gar verschlingen;

So fürchten wir unns nicht so sehr,

Es soll unns doch gelingen.
|#f0055 : 43|



Der Fürst dieser welt,

Wie sawr er sich stelt,

Thut er vns doch nicht,

Das macht, er ist gericht,

Ein wörtlein kan ihn fellen.


Das Wort sie sollen lassen stan,

Und kein Danck darzu haben,

Er ist bey unns wol auff dem plan

Mit seinem geist und gaben;

Nemen sie den leib

Gut, ehr, Kind und Weib,

Laß faren dahin,

Sie habens kein gewin,

Das Reich muß unns doch bleiben.


2) von Martin Opitz († 1639).



Morgenlied.



O Licht, gebohren aus dem Lichte,

O Sonne der Gerechtigkeit,

Du schickst uns wieder zu Gesichte

Die angenehme Morgenzeit.

Drum will uns gehören

Dankbarlich zu ehren

Solche deine Gunst.

Gieb auch unsern Sinnen,

Daß sie sehen können

Deiner Liebe Brunst.


Laß deines Geistes Morgenröthe

Jn unsern dunkeln Herzen seyn,

Daß sie mit ihren Stralen tödte

Der eitlen Werke kalten Schein.

Siehe, Herr, wir wanken;
|#f0056 : 44|



Thun und auch Gedanken

Gehn auf falscher Bahn.

Du wollst unserm Leben

Deine Sonne geben,

Daß es wandeln kann.


Verknüpfe mit des Friedens Bande

Der armen Kirche schwache Schaar;

Nimm weg von unserm Vaterlande

Verfolgung, Trübsal und Gefahr!

Laß uns ruhig bleiben,

Unsern Lauf zu treiben

Diese kleine Zeit,

Bis du uns wirst bringen,

Wo man dir soll singen

Lob in Ewigkeit.


3) von dem Jesuiten Friedrich Spee († 1635).



Lob Gottes

aus Beschreibung der fröhlichen Sommerzeit.

(aus seiner Trutznachtigall ─ abgekürzt.)



Jetzt wicklet sich der Himmel auf

Jetzt b'wegen sich die Räder;

Der Frühling rüstet sich zum Lauf,

Umgürt't mit Rosenfeder.

O wie so schön, wie frisch und kraus!

Wie glänzend Elementen!

Nit mögens gnügsam streichen aus

Noch Redner, noch Scribenten.

O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn,


O reines Jahr! o schöner Tag!

O spiegelklare Zeiten!
|#f0057 : 45|



Zur Sommerlust nach Winterklag

Der Frühling uns wird leiten.

Jn Luft ich hör die Musik schon,

Wie sichs mit Ernst bereite,

Daß uns empfang mit süßern Ton,

Und lieblich hin begleite.

O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn.


Für uns die schöne Nachtigall

Den Sommer laut begrüßet,

Jhr Stimmlein über Berg und Thal

Den ganzen Luft versüßet.

Die Vöglein zart in großer Meng

Busch, Heck und Feld durchstreifen,

Die Nester schon seyndt ihn zu eng,

Die Luft klingt voller Pfeifen.

O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn.


Wer legt nun ihn'n den Ton in Mund

Dann laut und dann so leise?

Wer zirkelt ihn'n so rein und rund

So mannigfaltig Weise?

Wer misset ihn'n den Athem zu,

Daß mögens vollentführen

Den ganzen Tag fast ohne Ruh

So freudigs Tütelüren?

O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn.


Jetzt öffnet sich der Erdenschoos,

Die Brünnlein fröhlich springen;

Jetzt Laub und Gras sich geben blos,

Die Pflänzlein anher dringen.

Wer wird die Kräuter mannigfalt
|#f0058 : 46|



Jn Zahl und Ziffer zwingen,

Welch uns der Sommer mit Gewalt

Ans Licht wird stündlich bringen?

O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn.


Mein! saget an ihr Blümlein zart,

Und laßt michs je doch wissen,

Weil ihr an euch kein Farb gespart,

Wer hat euch vorgerissen?

Wo nahmet ihr das Muster her,

Davon ihr euch copeiet?

Das Vorbild wollt ich schauen ger',

Welchs ihr habt conterfeiet.

O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn.


Wo nur das Aug man wendet hin,

Mit Lüsten wirds ergetzet;

Ergetzet wird fast jeder Sinn,

Und alles Wunder schätzet:

Ohn Maas ist alle Welt geschmückt,

Wer Künstler möchts erdenken?

Wers recht bedenkt, wird gar verzückt,

Das Haupt thut niedersenken.

O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn.


Drum lobet ihn ihr Menschenkind,

Bei nun so schönen Zeiten;

All Traurigkeit nun schütt't in Wind,

Spannt auf die besten Saiten.

Auf Harf und Lauten tastet frei,

Schneid't an die süßen Geigen,

Mit reiner Stimm' und Orgelschrei

Thut ihm all Ehr' erzeigen.
|#f0059 : 47|



O Gott, ich sing von Herzen mein,

Gelobet muß der Schöpfer seyn.


4) von Simon Dach



(† 1659 als Prof. in Königsberg).



Begräbnißlied.



O wie selig seyd ihr doch, ihr Frommen,

Die ihr durch den Tod zu Gott gekommen!

Jhr seyd entgangen

Aller Noth, die uns noch hält gefangen.


Muß man hier doch wie im Kerker leben,

Da nur Sorge, Furcht und Schrecken schweben;

Was wir hie kennen,

Jst nur Müh' und Herzeleid zu nennen.


Jhr hergegen ruht in eurer Kammer

Sicher und befreit von allem Jammer;

Kein Kreuz und Leiden

Jst euch hinderlich in euern Freuden.


Christus wischet ab euch alle Thränen;

Jhr habt schon, wornach wir uns erst sehnen;

Euch wird gesungen,

Was durch Keines Ohr allhier gedrungen.


Ach, wer wollte denn nicht gerne sterben,

Und den Himmel für die Welt ererben?

Wer wollt' hier bleiben,

Sich den Jammer länger lassen treiben?


Komm, o Christe, komm, uns auszuspannen!

Lös' uns auf, und führ' uns bald von dannen!

Bei dir, o Sonne,

Jst der frommen Seelen Freud' und Wonne!
|#f0060 : 48|



5) von v. Cronegk († 1758).



Der auferstandene Heiland.



Das Grab zerbricht und Gottes Sohn

Verläßt der Todten Grüfte.

Es dringt ein lauter Jubelton

Siegprangend durch die Lüfte.

Du, den der Engel Loblied preist,

Entreiße, Vater, meinen Geist,

Daß er dir heilig werde,

Den Neigungen der Erde.


Die Menschheit, Herr, erlaubt mir nicht,

Mit dir empor zu steigen,

Bis meines Körpers Grab zerbricht,

Bis sich mein Haupt wird neigen.

Alsdann nimm, nach vollbrachtem Lauf,

Erstandener Heiland, nimm mich auf.

Herr, nimm bei meinem Ende

Den Geist in deine Hände.


Mensch, willst du Gott in seinem Reich

Nach deinem Tode sehen;

So mußt du, deinem Heiland gleich,

Von Todten auferstehen.

Der lebt nicht, den die Lust der Welt,

Den ihre Pracht gefesselt hält;

Nach Gott und Tugend streben,

Nur das heißt wirklich leben.


Wohl dir, wenn du das Laster fliehst,

Dem Frevler dich entziehest,

Und liebst den Gott, den du nicht siehst,

Jm Menschen, den du siehest!

Als schon die nahe Stunde kam,

Als der Erlöser Abschied nahm,
|#f0061 : 49|



Da sprach er zu den Seinen:

Hört, Kinder, auf zu weinen!


Jch geh zum Vater in das Reich,

Das auch für euch beschieden.

Geht! meinen Frieden laß ich euch,

Jch geb' euch meinen Frieden.

Nicht geb' ich, wie die Welt ihn giebt;

Daran, daß ihr einander liebt,

Daran will ich erkennen,

Ob ihr auch mein zu nennen.


Erretter! Heiland! Menschenfreund!

Erweck' in mir die Triebe

Durch die man sich mit dir vereint,

Den Glauben und die Liebe!

Mein Leben weih sich dir allein;

Laß mich dem Nächsten nützlich seyn!

Gieb selbsten Geist und Kräfte

Zu jeglichem Geschäfte!


So kann ich leben als ein Christ,

Und als ein Christ erblassen.

Jch weiß, daß du mein Heiland bist,

Jch will von dir nicht lassen.

Herr, segne mich! zu seiner Zeit

Laß mich zu deiner Ewigkeit

Vom Grab empor mich schwingen,

Und heilig! heilig! singen.


6) von der Professorin Gottsched (geb. Kulmus),

(† 1762) ─ abgekürzt ─



Die Ewigkeit.



O Gott! du warst von Ewigkeit,

Bevor noch Himmel, Erd' und Zeit
|#f0062 : 50|



Auf deinen Wink entstanden.

Eh noch dein Wink dem Sonnenstrahl

Der Welt zu leuchten anbefahl,

Warst du bereits vorhanden;

Und stürzt einmal der Weltkreis ein,

Wirst du nicht minder ewig seyn.


Der Stunden Dauer scheint uns lang,

Wenn wir voll Kummer, matt und krank,

Fast Augenblicke zählen.

Der Tageslauf verzehrt das Herz,

Wenn wir bei ungewohntem Schmerz

Uns unaufhörlich quälen.

Dann däucht uns ja die bittre Pein,

Ein ganz Jahrhundert lang zu seyn.


Doch, ach! wie kurz ist unser Lauf,

Mit wenig Jahren hört er auf,

Als wären's so viel Stunden.

Und wärest du Methusalah,

Der nah bei tausend Jahren sah,

Wie schnell sind sie verschwunden!

Vor dir, o Herr, ists nur ein Tag,

Ein kurzer Puls- und Herzensschlag.


Der ganzen Welt bestimmte Zeit,

Seitdem die Sonne weit und breit

Luft, Berg und Thal verkläret;

So lange Mond und Sterne sind,

So lange hier ein Adamskind

Und dieser Erdball währet:

Was ist sie gegen dich, o Gott?

Ein kurzes Nun, ein Nichts, ein Spott.


Unendlicher, du alterst nicht,

Dein ewig heitres Angesicht,

Zeigt stets der Jugend Stärke.
|#f0063 : 51|



Dein Arm, der alle Wesen schafft,

Bleibt ungeschwächt bei gleicher Kraft,

Wirkt immer größre Werke.

Der Mensch verschleißt wie ein Gewand;

Dein ewig Thun hat stets Bestand.


Könnt' jeder Tropfen in dem See

Und jede Flocke von dem Schnee

Und jedes Blatt auf Erden,

Könnt' jeder Staub von Berg und Thal

Und jeder Stern am Himmelssaal

Ein ganz Jahrhundert werden;

So wäre doch die lange Zeit

Kein Punct von deiner Ewigkeit.


Was ist denn, Herr, vor deinem Thron

Das Menschenkind, der Erdensohn,

Der Staub, der Wurm, die Made?

Ein Augenblick bringt ihn zur Welt,

Ein Augenblick hat ihn gefällt;

Gebricht ihm deine Gnade.

Ja füllt sein Lauf den weit'sten Raum,

Jst doch sein Leben nur ein Traum.


Das wahre Leben ist in dir;

Dein Seyn, o Gott, daur't für und für,

Dein Wesen nimmt kein Ende.

Drum reiß' mich aus der Eitelkeit,

Und scheid' ich einst aus dieser Zeit,

Nimm mich in deine Hände.

So werd' ich ewig vor dir stehn,

Und, frei vom Tode, dich erhöhn!
|#f0064 : 52|



7) von Joh. Andr. Cramer († 1788).



Der erste Psalm.



Heil, Heil dem Manne, der dem Rath

Der Frevler sich entzieht;

Dem Manne, der den krummen Pfad

Der Uebertreter flieht!


Der, wo der Gottheit Spötter lacht,

Die fromme Seel' entfernt;

Sich Gottes Recht zur Freude macht,

Und Tag und Nacht es lernt.


Er grünet, wie am Bach ein Baum

Von seinem Segen schwillt,

Sich hebt, und einen weiten Raum

Mit seinem Wipfel füllt.


Er trägt, wann seine Zeit kommt, Frucht,

Stets unentlaubt und grün;

Er tröstet den, der Schatten sucht,

Der Wandrer segnet ihn.


Das ist der Fromme! Was er macht,

Wird Segen und erfreut.

Der Sünder ists, der seiner lacht,

Spreu, die der Wind zerstreut.


Der, der sich gegen Gott empört,

Besteht nicht im Gericht,

Und wo ein Volk ist, das Gott ehrt,

Blühn die Verbrecher nicht.


Der Herr verklärt die edle Bahn,

Die der Gerechte geht.

Er schaut im Zorn den Sünder an:

Des Sünders Weg vergeht.
|#f0065 : 53|



8) von Sturm († 1786).



Bruchstück aus einem Weihnachtsliede.



─ Kommt, laßt uns niederfallen

Vor unserm Mittler Jesu Christ,

Jhm danken, daß er Allen

Erretter, Freund und Bruder ist.

Er, gleich der Morgensonne

Mit ihrem ersten Strahl,

Verbreitet Licht und Wonne

Und Segen überall.

Durch ihn kommt Heil und Gnade

Auf diese Welt herab;

Er segnet unsre Pfade

Durchs Leben bis zum Grab.


O du, dem jetzt die Menge

Der Engel und Verklärten singt,

Empfang die Lobgesänge,

Die dir dein Volk im Staube bringt.

Auch du warst einst auf Erden,

Was deine Brüder sind,

Ein Dulder der Beschwerden,

Ein schwaches Menschenkind.

Was du jetzt bist, das werden

Einst deine Brüder seyn,

Wann sie, entrückt der Erden,

Sich deines Anschauns freun.


Bald sind wir zu dem Lohne

Der Himmelsbürger dort erhöht;

Nah sind wir dann dem Throne,

Und schauen deine Majestät.

Nicht mehr aus dunkler Ferne

Schallt dann der Dank zu dir;
|#f0066 : 54|



Weit über Sonn' und Sterne

Erhaben danken wir.

Und dann durch jede Sphäre

Schallt unser Lobgesang:

Dem Ewigen sey Ehre,

Dem Menschgewordnen Dank!


9) vom Grafen Friedr. Leop. zu Stolberg

(† 1819).



Danklied (abgekürzt).



Daß unser Gott uns Leben gab,

Deß wollen wir uns freuen,

Und von der Wiege bis ans Grab

Jhm unsern Dank erneuen;

Denn auch zur Freude gab uns Gott

Auf dieser Welt das Leben,

Und hat verheißen, nach dem Tod

Der Wonne mehr zu geben.


Wie fromme Kinder können wir

Jn froher Einfalt leben;

Drum hat der Vater schon allhier

Ein Eden uns gegeben.

Die Frühlingswärme haucht sein Mund,

Und Kühlung wehn die Wogen;

Am Himmel zeugt von seinem Bund

Der schöne Regenbogen.


Und Auen, Berge, Feld und Wald

Verkünden seine Gnade,

Und seines Namens Größe schallt

Am hallenden Gestade.

Jhn singt die kleine Nachtigall.

O, laßt mit ihr uns singen!
|#f0067 : 55|



Laßt mit der frohen Lerche Schall

Auch unser Lied erklingen!


Aus freier Gnade hieß der Herr

So schön die Erde werden.

Bedarf zu seinem Wohlseyn Er

Der Früchte dieser Erden?

Drum wollen wir auch geben gern,

Wie wir von ihm vernommen,

Und ähnlich werden unserm Herrn,

Und seyn, wie er, vollkommen.


Wie Aeltern ihrem zarten Sohn

Die Frühlingsblumen weisen;

So zeigt uns Gott auf Erden schon,

Wie seine Sterne kreisen.

Wir schaun die Wunder seiner Hand

Aus unsern tiefen Fernen,

Und wissen, unser Vaterland

Sey über jenen Sternen.


Auf unserm Leben schwimmt, wie Schaum,

Ein wenig Müh und Kummer;

Das Leben ist ein Morgentraum,

Der Tod ein kurzer Schlummer.

Wir sinken freudig in den Staub,

Der unsre Väter decket,

Und gönnen Würmern ihren Raub,

Weil Gott uns auferwecket.


Es töne zu der Saiten Klang,

So lange wir hier wallen,

Sein Lobgesang; und Lobgesang

Soll schon das Kindlein lallen!

Und wenn's nach seinem Namen fragt;

So drückt mit beiden Armen

Das Kindlein fest ans Herz, und sagt:

Sein Name heißt Erbarmen!
|#f0068 : 56|



10) von v. Matthisson.



Heiliges Lied.



Dich preißt, Allmächtiger, der Sterne Jubelklang!

Dich preißt, Allgütiger, der Seraphim Gesang!

Die ganze Schöpfung schwebt in ewgen Harmonieen,

So weit sich Welten drehn und Sonnenheere glühen.


Dein Tempel, die Natur, wie deiner Herrlichkeit,

Wie deiner Milde voll! Des Lenzes Blumenkleid,

Des Sommers Aehrenmeer, des Herbstes Traubenhügel,

Des Winters Silberhöhn, sind deiner Allmacht Spiegel!


Was bin ich, Herr, vor dir? Seit gestern athm'

ich kaum!

Es trennt vom Todtenkreuz mich nur ein Spannenraum!

Wohl dennoch mir! Wer sanft entschläft in Vatersarmen,

Darf dem Erweckungswort vertraun! Es heißt: Erbarmen!


11) von Mahlmann.



Lied des Trostes.



Was grämst du dich?

Noch wenig trübe Stunden,

Dann heilen deine Wunden;

Dann blickt dein Auge hell und klar!

Dein Geist, so fest gekettet,

Fliegt dann empor, und rettet

Zum Lande seiner Heimath sich!

Was grämst du dich?


Der große Geist,

Um den die Welten schweben,

Sieht unser kleines Leben

Und unsern Kummer gnädig an.

Er zählt die Thränentropfen;
|#f0069 : 57|



Er stillt des Herzens Klopfen.

Er ist es, der uns Trost verheißt,

Der große Geist!


Verzage nicht!

Blick' auf in jene Ferne,

Da glänzen tausend Sterne;

Wie groß ist deines Vaters Haus!

Ach dort, ach dort erwarmen

An seiner Brust wir Armen!

Drum, wenn dein Herz in Thränen bricht;

Verzage nicht!


12) von Tiedge.



Vertrauen auf Gott. (abgekürzt)



Groß ist der Herr! Die Berge zittern

Vor seiner Gottesmajestät,

Wann er in dunkeln Ungewittern,

Der Heilige, vorübergeht;

Doch Liebe strömt aus seiner Hand,

Jn finstern Wolken auf das Land.


Vom Raum, wo sich der Halm entfaltet,

Bis zu der letzten Sonn' hinaus,

Herrscht sein Gesetz; als Vater waltet

Er durch das große Weltenhaus,

Der Leben giebt und Freuden schafft;

Mit Liebe waltet er und Kraft.


Was dich auch drückt, mein Herz: er rettet!

Vertraun zu ihm ist deine Pflicht!

Er, der dem Wurm ein Lager bettet,

Der Gott verläßt den Menschen nicht.

Der so viel giebt, und mehr verheißt ─

Erhebe dankend ihn, mein Geist!
|#f0070 : 58|



Vermiß dich nicht, mit ihm zu rechten!

Mit Demuth nahe dich dem Herrn.

Jn trauervollen Mitternächten

Jst dir der Ewige nicht fern;

Mit deinem Frieden, deinem Harm

Wirf seiner Huld dich in den Arm!


Vertraue Gottes Vaterhänden,

Wenn er den frömmsten Wunsch versagt;

Was hier beginnt, wird dort vollenden,

Wo dir ein neues Leben tagt.

Es ruhn im engen Raum der Zeit

Die Keime deiner Ewigkeit.


16.

Beispiele des weltlichen Liedes.


1) Minnelied vom Kaiser Heinrich 6

(† 1197),



aus der Manessischen Sammlung, mit Nassers

Verteutschung *

Ich grueſſe mit geſange die sueſſen

Die ich vermiden niht wil noch enmac.

Doh ich si von munde rehte mohte grueſſen

Ach leides des iſt manig tag.

Swer nu diſü liet singe vor ir
*

Verteutschung.



Jch grüße mit Gesang die Süße,

Die ich vermeiden nicht will, noch mag.

Seit ich sie mündlich recht mochte grüßen,

Ach leider das ist schon mancher Tag.

Wer nun dieses Lied singet vor ihr,
|#f0071 : 59|



Der ich so gar unsenfteclich enbir

Es si wib oder man der habe si gegrueſſet von mir.


Mir ſint dü rich und dü lant undertan

Swenne ich bi des minneclichen bin,

Und swenne ich geſcheide von dan

So iſt mir aller min gewalt und richtum dahin.

Wan senden kumber den zelle ich mir danne ze

habe,

Sus kan ich an freuden ſtigen uf und ouch abe,

Und bringe den wechſel als ich wenne dur ir liebe

ze grabe.


Sit das ich si so gar herzeclichen minne

Und si ane wenken zallen ziten trage

Beide in herze und ouch in sinne

Underwilent mit vil maniger clage,

Was git mir dar umbe dü libe ze lone,


Der ich so gar unsanft (ungern) entbehr,

Es sey Weib oder Mann, der habe sie gegrüßet von mir.


Mir sind die Reiche und Länder unterthan,

Wenn ich bei der Minniglichen bin,

Und wann ich scheide von dannen (von ihr),

So ist all meine Gewalt und mein Reichthum dahin.

Nur herben Kummer den zähl' ich mir dann zur Habe

(ist dann mein Loos),

Sonst kann ich an Freuden steigen auf und ab

Und bringe den Wechsel, wie ich wähne, durch ihre Liebe

zu Grabe.


Seit daß ich sie so gar herziglich minne,

Und sie ohne Wanken zu allen Zeiten trage,

Beides im Herzen und auch im Sinne,

Unterweilen mit viel mancher Klage;

Was giebt mir darum die Liebe zum Lohne?
|#f0072 : 60|



Da biutet si mirs so rehte ſchone

E ich mich ir verzige ich verzige mich ê der crone.


Er sündet swer des niht geloubet,

Das ich moehte geleben manigen lieben tag,

Ob ioch niemer crone kemme uf min houbet,

Des ich mich an si niht vermeſſen mag.

Verlur ich si was het ich danne,

Da tohte ich ze freuden weder wibe noch manne,

Uns wer min beſter troſt beide ze ahte und ze banne.



2) Bruchstück eines Minneliedes,



vom Markgrafen von Brandenburg Otto mit

dem Pfeile
(† 1308); aus der Manessischen

Sammlung.



Winter was hat dir getan

Dü bluot vil minnecliche

Und der kleinen voglin sueßes singen;

Ich weis vürwar gar ane wan 1

Wil mich dü seldenriche 2


Ja, böte sie mir auch noch so schöne,

Eh ich ihr entsagte, ich entsagte der Krone.


Er sündigt schwer, ders nicht glaubt,

Daß ich möchte leben manchen lieben Tag,

Ob auch nie eine Krone käme auf mein Haupt,

Der ich mich ohne sie nicht rühmen mag.

Verlör ich sie, was hätt' ich dann?

Dann taugt' ich zu erfreuen weder Weib noch Mann,

Und wäre mein bester Trost beides zur Acht und zum Bann.
.
1

ohne Wahn; ohne allen Zweifel.
2

an Vortrefflichkeit, an Vorzügen reiche.
|#f0073 : 61|



Tröſten was kanſtu mich danne getwingen 3

Ich neme eine lange naht

Fur tuſend hande4 bluete

Ich han mich des vil wol bedaht

Mich tröſtet bas 5 ir guete

Danne der meie mir kan froide bringen.


3) von Joh. Valentin Andreä († 1654).



Die verborgene Liebe.



Edele Liebe, wie bist du bei uns verstecket,

Daß sich dein Ursprung uns so selten nur entdecket?

Von Gott bist du gebohren,

Gott selbst hat dich erzeugt,

Dem Menschen auserkohren,

Dem die Natur sich beugt.


Liebliche Liebe, wo bist du bei uns verborgen,

Daß wir dein Saft und Kraft nicht schmecken heut, noch

morgen?

Die Welt thust du erfüllen

Mit süßem Honigseim,

Das größte Leiden stillen

Durch deinen milden Schein.


Jnnige Liebe, wo bist du bei uns verschlossen,

Daß wir zu deiner Treu uns schicken so verdrossen?

Alles kannst du verbinden,

Was irgend ist zerstreut,

Jn dir ist alles zu finden,

Was Menschenherzen freut.
3

bezwingen.
4

tausenderlei Arten.
5

besser; mehr.
|#f0074 : 62|



Stetige Liebe, wo bist du bei uns verloren,

Daß du, Standhafteste, nie kommst vor unsre Ohren?

Du mußt den Bund erhalten,

Den Bund der Menschenpflicht;

Denn Liebe mag nicht alten,

Die Treu kann rosten nicht.


4) von Andreas Tscherning († 1659).



Auf einen Ausbund eines lustigen und

possirlichen Hündleins.
(abgekürzt)



Freude des Herren und Liebe der Frauen,

Herzfänger, Zeitendieb, Störer der Pein,

Einer kann dich ohne Lachen nicht schauen;

Käme der Sauertopf Cato herein,

Er würd' in Gebärden

Bald lustiger werden.


Sollte nicht Menschen die Weise behagen,

Wann du, sobald nur die Tafel gedeckt,

Bringest dein' eigene Schüssel getragen.

Lächerlich ists, so sie irgend versteckt,

Das eifrige Suchen,

Das hungrige Puchen.


Raben, die müssen an Augen dir weichen,

Phöbus Geflügel der singende Schwan

Kann sich an Farbe mit deiner nicht gleichen,

Deine, Liebuschlin, die gehet voran,

Du prangest mit Gaben,

Die wenige haben.


Laß dem Catullus den Sperling vor allen;

Statius sey auf die Tauben erhitzt;

Laß dem Petrarca die Katze gefallen,

Welche die Schriften vor Mäusen beschützt.
|#f0075 : 63|



Dich müssen die Weisen

Viel rühmlicher preisen.


Lipsius hätte vor seinem Saphire,

Liebes Liebuschlin, dich werther geschätzt.

Alles, was ich dir jetzt dactylisire,

Was mein geringer Verstand dir gesetzt,

Jst für dich, o König

Der Hunde, zu wenig.


Soll ich es sagen, als wie ich gedenke,

Wann du in Fröhlichkeit trunken und geil

Giebest zu sehen die künstlichen Ränke;

Wahrlich, so hat die Natur dir ein Theil

Vom Menschenverstande

Gegeben zum Pfande.


Cerberus muß dich genädig empfangen,

Wann du wirst reisen in Acherons Haus.

Still' aber späte sein heißes Verlangen,

Atheme langsam den Flattergeist aus.

Du wirst mit dem Leben

Viel Freude begeben.


Ehe du werdest gezwungen zu sterben,

Lieber, so denke zuvor auf die Zucht;

Mache dich wieder lebendig durch Erben.

Wo du verlässest dir ähnliche Frucht;

So kann man dein Scheiden

Geduldiger leiden.


Wann du verblichen; so wirst du begraben,

Wo Amarißlein und wo Servitor

Jhre gekammerte Grabestatt haben,

Zwischen der Blumen gestirneten Flor,

Als die in dem Garten

Schon deiner erwarten.
|#f0076 : 64|



5) von v. Canitz († 1699).



Lob des Tabaks. (abgekürzt)



Sonn' und Licht hat sich verkrochen,

Und die Nacht ist angebrochen.

Soll ich nun des Tages Last,

Meine Sorgen und mein Grämen,

Auf das Lager mit mir nehmen?

Nein, ich will, um meine Rast

Zu befördern, erst die Pfeifen

Mit Tabak gestopft ergreifen.


Unter allen seltnen Waaren,

Die man uns in vielen Jahren

Hat aus Jndien gebracht,

Wird bei Jungen und bei Alten

Dieses Kraut den Preis behalten,

Weil es frohe Geister macht.

Ja, bis sich die Welt wird trennen,

Wird sein stetes Opfer brennen.


Des Tabakskrauts goldne Blätter

Sind bei manchem Unglückswetter

Ein beliebtes Gegengift.

Wider Pest und Liebeswunden

Sind sie schon bewährt gefunden;

Und wenn uns ein Kummer trifft,

Können wir durch sanftes Hauchen

Sie zu unserm Labsal brauchen.


Daß die Lust und Pracht der Erden,

Und ich selbst zu nichts muß werden,

Hat mich der Tabak gelehrt,

Wenn sein zarter Dampf sich zeiget,

Der hoch in die Lüfte steiget,

Und sich bald in Nichts verliert.
|#f0077 : 65|



Daß nun solch ein Kraut entsprossen,

Hat den Satan sehr verdrossen.


Er kann ohnedem nicht leiden,

Wenn ein Mensch in stillen Freuden

Jn sich selbst vergnüget ist.

Drum, des Vaters eitler Grillen

Bösen Wunsch nicht zu erfüllen,

Schmauch ich, als ein frommer Christ.

Er und alle Welt mag toben:

Jch will doch den Tabak loben.


6) von Joh. Chstn. Günther († 1723).



Die Rosen. (abgekürzt)



An Rosen such' ich mein Vergnügen,

An Rosen, die die Herzen ziehn,

An Rosen, die den Frost besiegen,

Und hier das ganze Jahr durch blühn,

An Rosen, die wir bei den Linden

Sonst nirgends leicht so reizend finden.


Man lobt die bräunlichen Violen,

Sie sind auch ihres Lobes werth;

Doch, weil sie nur die Kinder hohlen,

So bin ich nicht für sie erklärt,

Und wähle mir die holden Stralen,

Womit die vollen Rosen pralen.


Erhebt mir nicht die Kaiserkronen,

Die sonder Kraft und Balsam sind.

Entfernt euch mit den Anemonen,

Jhr Nam' und Ruhm ist nichts als Wind.

Narcissen sind im besten Lande

Ein Abriß von dem Unbestande.
|#f0078 : 66|



Die Ros' erquickt die blöden Sinnen

Und hat das beste Zuckerrohr.

Jhr goldner Umfang bricht von innen,

So wie die Sonn' aus Nacht, hervor.

Die Rose nährt die süßen Triebe,

Und reizt die Liebe selbst zur Liebe.


Mit Rosen schmück' ich Haupt und Haare,

Die Rosen tauch' ich in den Wein;

Die Rose soll für meine Jahre

Die allerbeste Stärkung seyn.

Die Rose zieret meine Flöten

Und krönt mit mächtige Poeten.


Auf Rosen mach' ich gute Reime,

Auf Rosen schläfet meine Brust,

Auf Rosen hab' ich sanfte Träume

Von still- und warm- und weicher Lust;

Und wenn ich einst von hinnen fahre,

So wünsch' ich Rosen auf die Bahre.


7) von Gotthold Ephraim Lessing († 1781).



Für wen ich singe.



Jch singe nicht für kleine Knaben,

Die voller Stolz zur Schule gehn,

Und den Ovid in Händen haben,

Den ihre Lehrer nicht verstehn.


Jch singe nicht für euch, ihr Richter,

Die ihr, voll spitz'ger Gründlichkeit,

Ein unerträglich Joch dem Dichter

Und euch die Muster selber seyd.


Jch singe nicht den kühnen Geistern,

Die nur Homer und Milton reizt;
|#f0079 : 67|



Weil man den unerschöpften Meistern

Die Lorbeern nur umsonst begeizt.


Jch singe nicht durch Stolz gedrungen,

Für dich, mein teutsches Vaterland.

Jch fürchte jene Lästerungen,

Die dich bis an den Pol verbannt.


Jch singe nicht für fremde Reiche.

Wie käm' mir so ein Ehrgeiz ein?

Das sind verwegne Autorstreiche.

Jch mag nicht übersetzet seyn.


Jch singe nicht für fromme Schwestern,

Die nie der Liebe Reiz gewinnt,

Die, wenn wir munter singen, lästern,

Daß wir nicht alle Schmolken sind.


Jch singe nur für euch, ihr Brüder,

Die ihr den Wein erhebt, wie ich,

Für euch, für euch sind meine Lieder.

Singt ihr sie nach; o Glück für mich!


Jch singe nur für meine Schöne,

O muntre Phyllis, nur für dich.

Für dich, für dich sind meine Töne.

Stehn sie dir an; so küsse mich!


8) von Gleim († 1803).



Straflied.



Dumm machen lassen wir uns nicht,

Wir wissen, daß wirs werden sollen!

Vernunft heißt das von Gott uns angesteckte Licht,

Das sie auslöschen wollen!

Wir wissen, daß wir dumm, dumm wieder werden sollen,

Und werdens ganz gewiß mit Gottes Hülfe nicht!
|#f0080 : 68|



Wir thun in allem unsre Pflicht;

Mehr kann man nicht von uns verlangen.

Auslöschen wollet ihr das angesteckte Licht,

Jhr heuchlerischen Klapperschlangen,

Jhr Katzen! ihr wollt uns wie dumme Mäuse fangen,

Jhr fangt uns ganz gewiß, wie dumme Mäuse, nicht!


Wir lieben unsern lieben Gott,

Und unsern lieben guten König;

Die beiden schützen uns: wir werden Hottentot

Und Dumrian so wenig,

Als ihr vernünftigen Gesetzen unterthänig,

Gegeben durch Vernunft von unserm lieben Gott!


Vernünftige Gesetze sind,

Daß wir einander lieben sollen,

Wie eine Mutter ihr gebohrnes erstes Kind,

Und daß wir, wie wir wollen

Anbeten den, um welchen Donner rollen,

Und sanfte Winde wehn, und brausen Sturm und Wind.


Der ist uns eine feste Burg!

Dem werden sie schon unterliegen!

Der hilft durch ihre Macht mit seiner Macht uns durch,

Sie mögen heucheln, lügen, trügen!

Das angesteckte Licht wird Finsterniß besiegen!

Gott, aller Götter Gott, ist unsre feste Burg!


9) von Weiße († 1804).



Schuhflickerlied.



„Minister flicken am Staat;

Die Schöppen flicken am Rath;

Die Priester an dem Gewissen;

Die Aerzte an Händen und Füßen.“
|#f0081 : 69|



„O Jobsen! was flickest denn du?“

„Jch flicke den Herren Ministern,

Den Schöppen, den Aerzten, den Priestern,

Zerrißne Schuh.“


„Sie flicken, und flicken nicht recht;

Sie flicken, und flicken oft schlecht,

Und reißen unter dem Flicken

Das Gute wieder in Stücken.“


„O Jobsen! wie flickest denn du?“

„Jch flicke den Herren Ministern,

Den Schöppen, den Aerzten, den Priestern,

Zerrißne Schuh

Recht dichte zu.“


10) von v. Halem († 1819).



Trinklied.



Das Leben gleichet der Blume!

So sagen die Weisen. Wohlan!

Das lasset uns, Freunde, bedenken,

Und klüglich mit Weine sie tränken;

Denn frischer blühet sie dann!


Das Leben gleichet der Reise!

So sagen die Weisen. Wohlan!

Füllt, Freunde, die Gläser! Jch meine,

Wir sprengen die Wege mit Weine;

Viel lustiger reiset sichs dann.


Das Leben gleichet dem Traume!

So sagen die Weisen. Wohlan!

Schon will es mich selber so dünken.

Zum Glase! zum Glase! Wir trinken!

Viel herrlicher träumt es sich dann!
|#f0082 : 70|



11) von v. Salis.



Das Grab.



Das Grab ist tief und stille,

Und schauderhaft sein Rand.

Es deckt mit seiner Hülle

Ein unbekanntes Land.


Das Lied der Nachtigallen

Tönt nicht in seinen Schoos,

Der Freundschaft Rosen fallen

Nur auf des Hügels Moos.


Verlaßne Bräute ringen

Umsonst die Hände wund;

Der Waisen Klagen dringen

Nicht in der Tiefe Grund.


Doch sonst an keinem Orte

Wohnt die ersehnte Ruh;

Nur durch die dunkle Pforte

Geht man der Heimath zu.


Das arme Herz hienieden,

Von manchem Gram bewegt,

Erlangt den wahren Frieden

Nur, wo es nicht mehr schlägt.


12) von Voß.



Gesang der Teutschen.



Der Geisteswildheit Nacht voll Grauen

Lag öd' auf Teutschlands dumpfen Gauen;

Da wandte Gott sein Angesicht,

Und rief herab: Es werde Licht!

Die Nacht verdämmert; Dämmrung schwindet;

Der Wild', ein kaum belebttr Kloß,
|#f0083 : 71|



Wird Mensch, blickt um sich und empfindet,

Was wahr und edel ist und groß.


Chor.



Wir alle! wir alle!

Wir heben Herz und Hand!

Es rufe Mann und Weib, das Kind am Busen lalle;

Heil, Freiheit, dir! Heil, Vaterland!


Vernunft, durch Willkühr erst befehdet,

Doch kühn und kühner, singt und redet

Von Menschenrecht, von Bürgerbund,

Von aller Satzung Zweck und Grund!

Jn Zauberschrift umher geschwungen,

Fliegt tausendfach der weise Schall,

Hat bald des Volkes Herz durchdrungen,

Und schafft Gemeinsinn überall.

Wir alle &c.


Nicht herrscht durch fremder Formeln Düster

Hinfort Gerichtsherr oder Priester;

Das Volksgesetz wägt grad' und gleich

Gerechtigkeit für Arm und Reich.

Nicht mehr verfolgt wird Lehr' und Meinung,

Nicht gilt für Gottesdienst ein Brauch.

Nur Lieb' ist aller Herzen Einung,

Der Tempel und Moscheen auch.

Wir alle &c.


Nur Tugend, nicht Geburt, giebt Würde;

Vertheilt nach Kraft ist Amt und Bürde;

Der bauet Kunst, Gewerb' und Saat,

Der schmückt den Geist, der Heer und Staat;

Der, gegen Feind' und Unterdrücker,

Trägt Obermacht zu treuer Hut,

Und giebt, des freien Volks Beglücker,

Jhm Rechenschaft von Hab' und Blut.

Wir alle &c.
|#f0084 : 72|



Was zittert ihr, der Staaten Wächter?

Veredelt strebt das Volk nicht schlechter;

Nur frei vom Mißbrauch wird der Thron,

Vom Wahne die Religion!

Die Fessel strengt ihr an? Vergebens!

Zur Freiheit ruft uns unser Gott!

Dem Geist im Vollgefühl des Sterbens

Jst aller Welten Macht ein Spott!

Wir alle &c.


13) von Ludw. Tieck.



An einen Liebenden im Frühlinge.



Wonne glänzt von allen Zweigen,

Muthig regt sich jedes Reiß,

Blumenkränz' aus Bäumen steigen,

Purpurroth und silberweiß.


Und bewegt wie Harfensaiten

Jst die Welt ein Jubelklang,

Durch der Welten Dunkelheiten

Tönt der Nachtigall Gesang.


Warum leuchten so die Felder?

Nie hab' ich dies Grün gesehn.

Lustgesang dringt durch die Wälder,

Rauschend wie ein Sturmeswehn.


Sieg und Freiheit blühn die Bäume,

Heil dir Vaterland! erschallt

Jubelnd durch die grünen Räume;

Freiheit! braust der Eichenwald.


Hoch beglückt, ja hoch gesegnet,

Wem in diesem Lustgefild

Liebesglück noch hold begegnet,

Und die letzte Sehnsucht stillt.
|#f0085 : 73|



14) von Fr. Adolph Kuhn.



Rundgesang.



Durch Teutschlands Gauen schwebt der Rhein

Wie Teutsche stark und frei.

Durch Felsen drängt sich bald der Fluß,

Bald fliegt er schnell, mit leisem Kuß,

Am Rebenland vorbei.


So war im alten Eichenhain

Der Ahnen gut Geschlecht.

Wie Blitze traf ihr starker Arm;

Sie waren noch für Freiheit warm,

Und stolz auf Menschenrecht.


Ha, Jubel! wann der Haingesang

Aus düstern Harfen scholl;

Wann zu der Enkel schönem Sieg

Der Väter Chor aus Wolken stieg,

Und Tod in Strömen quoll.


Das galt dir, stolzer Römerling!

Der, selbst entnervt und Sklav,

Der Despotieen morsches Band

Um unsre freien Berge wand,

Bis dich der Donner traf!


Da sank dein Zeus, dein Capitol,

Vor Teuto's Heldenchor,

Und unsrer Sprache Kraftgesang,

Gezeugt bei Sturm und Schwerterklang,

Flog Götterfrisch empor.


Ja Dank, ihr Väter, opfern wir,

Jhr nahmt die Freiheit auf,

Als sie von Völkern feiger Art

Zur Bettlerin erniedrigt ward,

Jhr schlugt Despotenlauf!
|#f0086 : 74|



Daß nicht im bunten Römerkleid

Der Teutschen Sprache lallt,

Daß sie, von eigner Kraft gehegt,

Noch unsrer Väter Züge trägt,

Noch Teutsch in Liedern hallt;


Daß unsrer Bildung freien Strom

Kein enges Ufer zwängt;

Daß sich ein großer Genius

Mit freier Liebe freiem Gruß

Zu jedem Volke drängt;


Und daß ein gutes Vaterland

Reich, an Heroen reich,

Zur Schande nie dem braven Mann

Nerone sog und sängen kann;

Das dankt der Enkel euch!


Zwar stürzten eure Eichen hin,

Und Wodans Dienst verklang;

Allein das Volk lebt immer noch,

Das, nie gebeugt ins Römer Joch,

Einst Legionen zwang.


Der Freiheit hohes Unterpfand,

Das eure Kraft uns gab,

Das erb' auf unsre Söhne hin,

Und weihe sie für teutschen Sinn,

Und für ein freies Grab!


15) von v. Houwald.



Trinklied bei dem akademischen Erinnerungsfeste

der Niederlausitzer.



Ein Gaudeamus soll uns heut vereinen!

Jhr Juvenes der alten Zeit ─ herbei!
|#f0087 : 75|



Doch bei des Festes Freude sollt' ich meinen,

Ständ' auch dem Dichter eine Frage frei?

Chor. Auf alles ist heute die Antwort bereit,

Drum frag' er getrost, wir geben Bescheid!


Bringt ihr zur Lust, die aus dem Becher winket,

Wie sonst, noch einen frohen, freien Geist?

Begreift ihr jetzt, warum man: Schmollis trinket?

Und was das tiefe Wort: Fiducit heißt?

Chor. Ja, Schmollis dem ganzen Menschengeschlecht,

Und dann Fiducit auf Gott und Recht!


Der Arm, der sonst den Hieber rasch geschwungen,

Daß er zum Kampf des Lebens sich gestählt,

Hat er auch nun den rechten Kampf gerungen?

Und ernst vertheidigt, was er treu gewählt?

Chor. Wohl hat er gestritten mit Feder und Schwert,

Und segnend und strafend die Kraft bewährt.


Das Burschenherz, im Lieben und im Hoffen,

Bei Mangel selbst, so überselig doch,

Blieb, arm und reich, es immer treu und offen?

Glaubt es an Liebe und an Freundschaft noch?

Chor. Wir fanden die Liebe, wir fanden den Freund,

Wir haben nicht einsam gelacht und geweint.


Wohlan! so lebe denn im Saft der Reben,

Wer die Dogmatik sich im Herzen fand!

Wer Exegese aus Natur und Leben,

Und Homiletik lernt' im Ehestand!

Chor: Ja wer die Menschen zu Menschen erzog,

Wer lehret und tröstet, der lebe hoch!


Es lebe, wer begriffen Kant und Fichte,

Und wessen Herz Jacobi warm gehaucht;

Wer bei dem Aufblick zu der Wahrheit Lichte

Nicht schwarzgefärbte Augengläser braucht.
|#f0088 : 76|



Chor. Es lebe, wer ahnet im stillen Gemüth,

Was kein Verstand der Verständigen sieht.


Es lebe, wer da richtet ohne Binde,

Wer Stadt und Land nur nach dem Landrecht mißt,

Wer allerwegen, wo man auch ihn finde,

Ganz durch und durch im Corpus juris ist.

Chor. Es lebe, wer, muthig aufs jus gestützt,

Das Laster bestrafet, die Unschuld beschützt.


Es lebe, wer des Seyns geheimes Walten

Und seiner Pulse stilles Wort vernimmt,

Wer kühn mit Zaubertränkchen weiß zu schalten,

Damit das Lebensflämmchen weiter glimmt.

Chor. Es lebe, wer Leben erquickt und erhält,

Und rastlos dem Tode entgegen sich stellt!


Es lebe, wer, noch eingedenk der Musen,

Für's Vaterland den Degen muthig schwingt.

Es lebe, wer, Natur an deinem Busen,

Sein friedliches: beatus ille singt!

Chor. Es lebe, wer nützt! das sey uns genug!

Mit Wort und mit Feder, mit Schwert und

mit Pflug!

Es lebe alles, was wir einst besessen,

Was uns erfüllt, begeistert und geweckt!

Es lebe, was das Herz nie wird vergessen,

Obgleich es längst ein dunkler Schleier deckt!

Chor. Du holde Erinn'rung der seligen Zeit,

Dir sey ein fröhlicher Becher geweiht!


Und daß wir jene Zeit in Ehren halten,

So bleibe stets der Burschensinn in Kraft!

Ein reines Herz, ein frohes, kräft'ges Walten,

Das sey der Geist der alten Burschenschaft.

Chor. Und Schmollis ihr Brüder, dem Menschengeschlecht!



Und nur Fiducit auf Gott und Recht!
|#f0089 : 77|



16) vom Grafen v. Löben (Jsidorus

Orientalis
) († 1825).



Gelegenheitsgedicht*; zur Feier des Tages (6 März

1806), an welchem Professor Schröckh seine

akademische Laufbahn vor 50 Jahren antrat.



Die Zeiten lösen, was die Zeiten banden,

Und flüchtig braust die Lebensflut dahin,

Die vollen Segel brechen, Schiffe stranden,

Ein Meer umschließt des Steuernden Gewinn;

Und die aufsteigend schon in Wolken schwanden,

Ergreift der Tod im Flug' und stürzt sie hin.

Wie weit ihr Ruf auch durch die Welt gedrungen,

Bald ist der Tuba stolzer Gruß verklungen!


Doch wer, wenn Wellen sich auf Wellen gießen,

Und rastlos wechselnd sich die Fluten drehn,

Wer bleibt am Strand, zu dem die Strudel fließen,

Jn immer gleicher Ruhe herrlich stehn,

Und hält, die schönsten Perlen zu umschließen,

Aus jenen Fluten, die zur Tiefe gehn,

Die weite Urne still in zarten Händen,

Dem Durst des Wandrers reich aus ihr zu spenden?


Du Muse bist's, Erfahrene vor allen!

Du, der sein Herz der Herrliche geweiht,

Dem heute, froh vereint, die Stimmen schallen,

Dem sich ein schöner Frühlingstag erneut.

Stets wird Sein Nam' in deinem Tempel hallen,
*

Der Dichter studierte damals in Wittenberg, und

schrieb dieses Gedicht im Namen sämmtlicher Studierenden

bei dieser feierlichen Gelegenheit. Damals hatte

der Dichter sich noch nicht zum Mysticismus hingeneigt.

Das Gedicht selbst ist nirgends abgedruckt

worden, und damals in Quartformat einzeln erschienen.
|#f0090 : 78|



Sein Ruhm verklärt sich in Unsterblichkeit ─

Und jenen Kranz, mit dem Jhn Götter krönen,

Kann dieser stille Lorbeer nicht verschönen!


Doch magst Du nicht Dein Ohr dem Dank versagen,

Den Dir die Jugend, greiser Priester, bringt!

Und wenn die Lippen keinen Honig tragen,

Und wenn zu schwach der Sänger Stimme singt;

So mag der Glaub' an unser Herz Dir sagen,

Was zu verschweigen uns die Sprache zwingt,

Und fühl's, wie süß es sey, den Mann zu grüßen,

Jn dessen Brust sich Güt' und Weisheit küssen!


Weit war die Bahn ─ Heil Dir! ─ die Tagesfeier

Des Halbjahrhunderts, wonnebringend, bricht

Wie Abendroth vor aus der Zeiten Schleier,

Bis hieher führt' und weiter führt die Pflicht!

Und schön, wie Deines Lebens Morgenfeier

Sey dieser Abendröthe sanftes Licht,

Und der vergangnen Zeiten goldne Blüthe

Sie lächle dir im innersten Gemüthe.


Erhebend ist's, auf jener Bahn zu gehen,

Wo Luther fest, wo still Melanthon stand,

Die an der Wahrheit reinen Sonnenhöhen

Die Fackel ihres Glaubens angebrannt;

Erhebend, an dem heil'gen Quell zu stehen,

Dem sich der segensreiche Quell entwand:

Und was ihr Muth gepflanzt in jenen Stunden,

Hast Du um ihren Sarkophag gewunden!


Magst Du, auf dem der Beste der Monarchen

Noch jüngst mit kaiserlicher Huld* geruht,
*

Als im November 1805, wenige Wochen vor der

Schlacht von Austerlitz, der Kaiser Alexander von Rußland

durch Wittenberg reiste, begrüßte ihn Schröckh
|#f0091 : 79|



Wie die Erwählten einst auf sichern Archen,

Noch lange steuern auf der Lebensflut:

Denn, wie die Schaar sich drängt zum Patriarchen,

Sucht Dich der Blick, das Herz in frommer Glut.

Mag sich der Himmel unserm Flehen neigen!

Doch, ─ wo das Herz spricht, muß die Lippe schweigen.


17.

b) Die Ode.


So wie beim Liede, so ist auch bei der Ode

ein aufgeregtes und zum deutlichen Bewußtseyn erhobenes

individuelles Gefühl der Stoff des Gedichts.

Allein die Bewegung und Erschütterung des Gefühlsvermögens

durch dieses zum Bewußtseyn gebrachte

Gefühl ist schon an sich, wegen der Stärke und

Erhabenheit des der Ode zum Grunde liegenden

Gefühls, mächtiger, als beim Liede, weshalb auch

die idealische Form, unter welcher die Einbildungskraft

diesen Stoff als vollendete Einheit darstellt,

einen höhern dichterischen Charakter ankündigt, als

das Lied. Dazu kommt, daß, zugleich mit dem

Bewußtwerden dieses idealischen, im Gefühle

sich ankündigenden Gegenstandes, der unermeßliche

Abstand des Endlichen von demselben im

Gefühlsvermögen wahrgenommen wird und mit derselben

Stärke zum Bewußtseyn gelangt, so daß

zwei einander entgegengesetzte Gegenstände, das Unendliche

und das Endliche, unter irgend einem bestimmten

Stoffe gedacht, im Gefühlsvermögen die

zwei einander entgegengesetzten Gefühle der Lust



im Namen der Universität, wobei der Kaiser sich erinnerte,

daß er in seiner Jugend nach Schröckhs geschichtlichen

Lehrbüchern unterrichtet worden wäre.
|#f0092 : 80|



und der Unlust bewirken, die beide die Einbildungskraft

des Dichters so mächtig ergreifen, daß

sie beide, nach ihrem im Gefühle wahrgenommenen

Gegensatze, in den Ton und die Farbengebung des

Gedichts übergehen. Denn je stärker der Dichter

von dem im Gefühle geahneten Unendlichen ergriffen

und zur höchsten Versinnlichung dieses in der Wirklichkeit

Unerreichbaren innerhalb der idealischen Form

des Gedichts fortgerissen wird; desto mächtiger kündigt

sich, in derselben Form der Darstellung, zugleich

auch der im Bewußtseyn wahrgenommene

Abstand des Endlichen vom Unendlichen und die gefühlte

Unmöglichkeit an, den idealisch gedachten Gegenstand

in der äußern freien Thätigkeit zu verwirklichen.

Das im Jdeale wahrgenommene Unendliche

kann aber nur mit einem Gefühle der Lust

vergesellschaftet seyn, so wie die im Bewußtseyn sich

ankündigenden Schranken der Endlichkeit von einem

Gefühle der Unlust begleitet sind. Die hohe Begeisterung

nun, wo der Dichter seine endliche

Kraft an die Unendlichkeit des ihm im Jdeale vorschwebenden

Gegenstandes hält, und, von dessen Erhabenheit

durchdrungen, das Unvermögen der endlichen

Kraft fühlt, jenen idealisirten Gegenstand zu

erreichen oder zu verwirklichen, denselben aber im

höchsten Schwunge der Begeisterung durch Sprache

darzustellen und zu versinnlichen sucht, bewirkt die

Entstehung der Ode. Sie ist daher der Ausdruck

der höchsten dichterischen Bewegung eines endlichen

Geistes, und Hymne, Dithyrambe, so wie in einzelnen

Schilderungen die epische und didactische

Dichtkunst, können nur insofern der Ode sich nähern,

inwiefern sie gleichfalls den Abstand des Endlichen

vom Unendlichen versinnlichen.

|#f0093 : 81|



Die Ode unterscheidet sich also, nach dieser

Ansicht, dadurch wesentlich von dem Stoffe und

dem Tone des Liedes, daß ihr ein gemischtes Gefühl

der Lust und der Unlust zum Grunde liegt;

das Gefühl der Lust, aufgeregt durch die Unendlichkeit

des Gegenstandes und durch das Wohlgefallen

an dem Schwunge der Einbildungskraft und des

Gefühls, das Jdeal in der dichterischen Darstellung

zu verwirklichen; das Gefühl der Unlust,

veranlaßt durch die Unmöglichkeit, das Jdeal in

der Wirklichkeit
zu erstreben; doch so, daß bei

dem Uebergewichte des Unendlichen über das Endliche

im Gefühle, und bei der Wahrnehmung der

vollendeten Versinnlichung des Jdealischen vermittelst

der Darstellung, das Gefühl der Lust zuletzt das

Gefühl der Unlust überwiegt, weil, durch den aufgeregten

Schwung des Gefühlsvermögens und der

Einbildungskraft der Gegensatz des Endlichen zu

dem Unendlichen geschwächt und gleichsam verdunkelt,

und das Bewußtseyn ausgefüllt wird von dem

Entzücken über die Verwirklichung des Jdeals in

der dichterischen Darstellung. Ueber der ästhetischen

Haltung und Durchführung der Ode vergißt der

menschliche Geist die Endlichkeit und Beschränktheit

seines Willens in der Erstrebung eines unendlichen

Ziels, weil das Gefühlsvermögen und die Einbildungskraft

von der Unendlichkeit des idealischen Gegenstandes

ergriffen werden. Dieses Gefühl des

Unendlichen, und dieser Wiederschein des Jdealischen

ist es daher, was als Sieg des Gefühls der Lust

über das Gefühl der Unlust in jeder vollendeten

Ode, die dieses Namens würdig ist, sich ankündigt.

Weil aber in dem großen Augenblicke der wahren

dichterischen Begeisterung der idealische Gegenstand, |#f0094 : 82|



der dem Dichter vorschwebt, weder logisch zergliedert,

noch metaphysisch durchgeführt, sondern nur unter

starken, ergreifenden Zügen geschildert, und das

dem innern Sinne vorschwebende Bild in eine äußere

Darstellung ─ in das dichterische Ganze einer Ode

─ verwandelt werden kann; so geht, schon aus

dieser ästhetischen Bestimmung der Ode, ihre wesentliche

Verschiedenheit von der philosophischen Behandlung

desselben Gegenstandes hervor, der in der Metaphysik

der Vernunft, in der Dichtkunst aber dem

Gefühlsvermögen und der Einbildungskraft dargeboten

wird.



Da der Charakter der Ode aus der innern

hohen Bewegung des Gefühlsvermögens und aus

der Versinnlichung des Gegensatzes des Endlichen

mit dem im Jdeale dargestellten Unendlichen entspringt;

so ist es vergeblich, eine nähere Classification

der vorhandenen Oden zu versuchen, und namentlich

sie, mit einigen Theoretikern, in philosophische

und heroische Oden einzutheilen, wenn

gleich damit keineswegs abgeläugnet wird, daß eben

so die höchsten Jdeen der übersinnlichen Welt ─

Freiheit, Tugend, Unsterblichkeit, Gottheit, ─ wie

die idealisirte Tapferkeit und die dem edlern Menschen

möglichen Opfer der Entsagung und Aufopferung,

als angemessene Gegenstände von dem Odendichter

behandelt und unter einer vollendeten ästhetischen

Einheit dargestellt werden können.



Viele der in der Philosophie der Sprache aufgestellten

untergeordneten Eigenschaften der Schönheit

der Form (Th. 1. S. 280): die freieste Versinnlichung

des Stoffes, die Mannigfaltigkeit, die

ästhetische Einheit, die Schattirung, die Vertheilung

von Licht und Schatten, das Neue, die Kraft, das |#f0095 : 83|



Kühne, das Edle, Würdevolle und Große, besonders

aber das Erhabene und Feierliche, gehören unmittelbar

in den Umkreis der Ode, wenn sie eine

hohe Wirkung auf Gefühlsvermögen und Einbildungskraft

hervorbringen soll; doch wird das Unerwartete,

das Pathetische, das Feierliche, selbst das

Wunderbare nicht ganz von ihr ausgeschlossen.



Wenn übrigens die Ode, in Hinsicht der übrigen

Formen der lyrischen Dichtkunst, von dem Liede

durch Stoff und Stärke des Tones, und besonders

durch das in ihr ausgedrückte gemischte Gefühl

der Lust und Unlust sich unterscheidet; so hat sie

zwar mit der Elegie diese Darstellung der gemischten

Gefühle gemein, erhebt sich aber durch die höhere

Stärke und Kraft des Ausdruckes über dieselbe.

Von der Hymne, mit der sie am nächsten verwandt

und die, streng genommen, nur eine Untergattung

der Ode ist, unterscheidet sie sich dadurch, daß die

Ode jeden als unendlich gedachten Gegenstand versinnlichen

kann, der Gegenstand der Hymne aber

ein als göttlich dargestelltes Wesen ist. Denn wenn

einige Theoretiker der Hymne, im Gegensatze der Ode,

einen stärkern lyrischen Ausdruck beilegen wollen;

so widerstreitet die Praxis dieser Lehre, weil es

Oden giebt, welche viele Hymnen an Kraft des

dichterischen Tones übertreffen, während allerdings

auch Hymnen vorhanden sind, die im höhern lyrischen

Ergusse dahin rauschen, als mehrere Oden.

Nur selten wird, bei Ode, Hymne und Dithyrambe,

die Stärke und Fülle des dichterischen Tones

von dem gewählten Stoffe, in den meisten Fällen

von der Judividualität und dem innern Feuer des

Gefühlsvermögens und der Einbildungskraft des

Dichters abhängen.

|#f0096 : 84|



Tragen wir dies über auf die teutsche Sprache;

so giebt es, den Ueberschriften nach, bereits Oden

unter den dichterischen Erzeugnissen mehrerer Dichter

des siebenzehnten Jahrhunderts; denn Opitz, Flemming,

Tscherning, Günther
u. a. haben einzelne

Gedichte mit diesem Namen belegt. Allein

halten wir den innern ästhetischen Charakter dieser

ältern sogenannten Oden an den aufgestellten Maasstab;

so hat die teutsche Literatur vor Albrecht v.

Haller keinen eigentlichen Odendichter. Desto reicher

ist aber ihre Zahl seit J. Andr. Cramer,

Klopstock,
v. Cronegk, v. Gerstenberg u. a.

diese dichterische Form anbauten. ─ Der wesentliche

Grund, daß bei den ältern teutschen Dichtern

keine Oden in dem Sinne der Classiker späterer Zeit

getroffen werden, liegt darin, daß keine Sprache

gediegene Oden- und Hymnen-Dichter aufstellen kann,

bevor nicht die Philosophie, und namentlich die

Metaphysik, bei dem Volke, das diese Sprache

spricht, bedeutende Fortschritte gemacht hat. Denn

erst wenn der philosophische Geist in das Gebiet der

übersinnlichen Welt einzudringen, und über die höchsten

Jdeen der Vernunft ─ über Daseyn überhaupt,

über Seele, Welt und Gott, und über alles,

was mit diesen Jdeen zusammenhängt ─ sich zu

verständigen gesucht hat, wie es bei den Teutschen

in der Zeit der weitern Verbreitung der Leibnitz-

Wolfischen
Philosophie der Fall war; erst dann

kann auch von dieser höhern und lebendigern philosophischen

Forschung eine freiere Beziehung auf die

Behandlung idealischer Stoffe von den Dichtern

und auf die kräftigere Farbengebung derselben in

der Ode und Hymne übergehen. Daß dem so sey,

erhellt sogar geschichtlich daraus, daß nur diejenigen |#f0097 : 85|



Völker, welche Philosophen im höhern Sinne des

Wortes hatten, wie Griechen, Teutsche und Britten,

reich im Anbaue des Gebietes der Ode sind,

während andere Völker, ohne eigentliche Metaphysiker

unter ihren Philosophen, mehr den Anbau der

leichtern und gefälligern dichterischen Formen, als

der Ode und der Hymne, in dem Umfange ihrer dichterischen

Literatur besitzen.



18.

Beispiele von Oden.


1) von Paul Flemming*

(† 1640).



Tugend ist mein Leben,

Der hab' ich mich ergeben,

Den ganzen mich.

Tugend will ich ehren,

Tugend wird mich lehren,

Was sie selbst kann mehren,

Sie wächst durch sich.
*

Die mitgetheilte Ode von Flemming, der übrigens

an dichterischem Schwunge die sogenannten schlesischen

Dichter übertraf, wird als Beleg für die am Schlusse

des vorigen §. aufgestellte Behauptung hinreichen. Wie

man gegen die Mitte des 17ten Jahrhunderts den

Begriff der Ode nahm, erhellt schon daraus, daß das

an sich treffliche Flemmingische Kirchenlied: Jn

allen meinen Thaten
&c. in seiner Gedichtsammlung

mitten unter den Oden steht. ─ Außerdem gehört

das Th. 1. S. 380 f. aufgestellte Beispiel des

Erhabenen von v. Haller ebenfalls hieher ins Gebiet

der Ode, und zwar gewissermaßen als der erste

gelungene Versuch einer Ode in der teutschen Literatur.
|#f0098 : 86|



Nicht des Weges Länge,

Noch des Pfades Enge

Schreckt mich davon.

Laß dich Dornen stechen,

Füß' und Kleider brechen,

Sie wird alles rechnen

Durch ihren Lohn.


Alles andre alles

Hat die Art des Balles,

Der steigt und fällt.

Schätze haben Flügel,

Ehre läßt den Zügel,

Lust kommt aus dem Bügel.

Die Tugend hält.


Hab' ich Gott und Tugend;

So hat meine Jugend,

Was sie macht werth.

Die schönen Beide

Wehren allem Leide,

Lieben alle Freude,

So man begehrt.


2) von Klopstock († 1803).



Dem Erlöser.



Der Seraph stammelt, und die Unendlichkeit

Bebt durch den Umkreis ihrer Gefilde nach

Dein hohes Lob, o Sohn! wer bin ich,

Daß ich mich auch in die Jubel dränge?


Vom Staube Staub! Doch wohnt ein Unsterblicher

Von hoher Abkunft in den Verwesungen!

Und denkt Gedanken, daß Entzückung

Durch die erschütterte Nerve schauert.
|#f0099 : 87|



Auch du wirst einmal mehr wie Verwesung seyn,

Der Seele Schatten, Hütte, von Erd' erbaut,

Und andrer Schauer Trunkenheiten

Werden dich dort, wo du schlummerst, wecken.


Der Leben Schauplatz, Feld, wo wir schlummerten,

Wo Adams Enkel wird, was sein Vater war,

Als er sich jetzt der Schöpfung Armen

Jauchzend entriß, und ein Leben dastand!


O Feld vom Aufgang bis, wo sie untergeht

Der Sonnen letzte, heiliger Todten voll,

Wann seh ich dich? wann weint mein Auge

Unter den tausendmal tausend Thränen?


Des Schlafes Stunden, oder Jahrhunderte,

Fließt schnell vorüber, fließt, daß ich aufersteh!

Allein sie säumen, und ich bin noch

Diesseits am Grabe! O helle Stunde,


Der Ruh Gespielin, Stunde des Todes, komm!

O du Gefilde, wo der Unsterblichkeit

Dies Leben reift, noch nie besuchter

Acker für ewige Saat, wo bist du?


Laß mich dort hingehn, daß ich die Stätte seh!

Mit hingesenktem trunkenen Blick sie seh!

Der Ernte Blumen drüber streue,

Unter die Blumen mich leg', und sterbe.


Wunsch großer Aussicht, aber nur Glücklichen,

Wenn du die süße Stunde der Seligkeit,

Da wir dich wünschen, kämst; wer gliche

Dem, der alsdann mit dem Tode ränge?


Dann mischt' ich kühner unter den Throngesang

Des Menschen Stimme, sänge dann heiliger

Den meine Seele liebt! den Besten

Aller gebohrnen, den Sohn des Vaters!
|#f0100 : 88|



Doch laß mich leben, daß am erreichten Ziel

Jch sterbe! Daß erst, wenn es gesungen ist

Das Lied von dir, ich triumphirend

Ueber das Grab den erhabnen Weg geh!


O du mein Meister, der du gewaltiger

Die Gottheit lehrtest! zeige die Wege mir,

Die du da gingst! worauf die Seher,

Deine Verkündiger, Wonne sangen.


Dort ist es himmlisch! Ach, aus der Ferne Nacht,

Folg' ich der Spur nach, welche du wandeltest:

Doch fällt von deiner Stralenhöhe

Schimmer herab, und mein Auge sieht ihn.


Dann hebt mein Geist sich, dürstet nach Ewigkeit,

Nicht jener kurzen, die auf der Erde bleibt;

Nach Palmen ringt er, die im Himmel

Für der Unsterblichen Rechte sprossen.


Zeig mir die Laufbahn, wo an dem fernen Ziel

Die Palme wehet! Meinem erhabensten

Gedanken lehr' ihn Hoheit! führ' ihm

Wahrheiten zu, die es ewig bleiben!


Daß ich den Nachhall derer, die's ewig sind,

Den Menschen singe! daß mein geweihter Arm

Vom Altar Gottes Flammen nehme!

Flammen ins Herz der Erlösten ströme!


2) von v. Gerstenberg († 1823).



Unsterblichkeit.



Er sprachs! und hervor aus der Tief' und der Nacht

Entsprangen die Ordnungen alle,

Vom Wurme des Sumpfs bis zum ersten Aeon,

Vom Staube der Luft bis zur Sonne.
|#f0101 : 89|



Unendlichkeit schied

Von Raum sich und Zeit,

Und von der Verwesung das Leben.


O du, die sich in mir ein Leben begreift,

Und staunt, daß sie ist, und sich ahnet;

Du ahnest Unsterblichkeit, Seele! Dein Traum

Jst Lispel geheimen Erwachens.

Nicht wirst du, mein Geist,

Ein Hauch, der verweht,

Deß leb' ich und sterb' ich, verwehen!


Wann Erden zertrümmern und Sonnen verglühn,

Und Staub sich versammelt zum Staube,

Unsterbliche! schwingst du dich über das Grab!

Was Nacht war, wird Tag und Erwachen!

Was Nacht war, wird Tag!

Dem Schlummer vermählt

Sich Nacht, das Erwachen dem Tage.


Sieh auf! es entschwebet der Wagen des Lichts,

Mit seinen geflügelten Rossen,

Dem spähenden Blick ins Verborgene hinab,

Von Wogen der Meere verschlungen:

Am Morgen der Nacht

Steigt purpurner auf

Zur Feste die Fürstin des Tages.


4) von v. Gerstenberg.



Schlachtgesang.



Feuerbraunes Angesichts,

Jhr Auge blutroth, starr ihr Blick,

So tanzen sie zum Todesreihn,

Zum Todesreihn, zum Rabenmahl,

Die Donnergötter, rasch dahin.
|#f0102 : 90|



Die Sonne steigt, und stiller wirds im Thal,

Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.


Gegenüber tritt hervor

Aus Wald und Felsenkluft der Feind,

Hervor mit hohem Opferspiel,

Zum Todesreihn, zum Rabenmahl,

Hervor das Opfer, Mann und Roß.

Die Sonne steigt, und stiller wirds im Thal,

Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.


Brüllend wälzet sich die Schlacht,

Von Heer zu Heer die Hyder fort.

Und vom Gebrüll ertönt der Hain,

Und der zerrißne Himmel tönt;

Und Raben schweben näher her.

Die Sonne steigt, und stiller wirds im Thal,

Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.


Rosse brausen dumpf im Blut,

Und ihre Reiter weinen laut,

Ha! die zu Roß und die zu Fuß,

Hinsturz! Verzweiflung! Wuthgeheul!

Ha! Todesschaur ergreifen sie!

Die Sonne sinkt, und stiller wirds im Thal,

Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.


Auf Leichen und auf Sterbenden,

Zerrißnen Gliedern seines Rumpfs,

Schwankt noch einmal der Feind daher;

Umsonst! umsonst! der Donner brüllt,

Umsonst! umsonst! der Rabe schwebt.

Die Sonne sinkt, und stiller wirds im Thal,

Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.


Schleunig hebt er seine Schenkel,

Bluttriefend flieht er durchs Gefilde,
|#f0103 : 91|



Brüllt aus sein Leben aus der Wunde;

Und Donner rollen hinter ihm,

Und fernher tönt das Opferspiel.

Der Mond steigt auf, und Stille herrscht durchs Thal,

Und Raben lagern sich aufs Leichenfeld.


5) von Eulogius Schneider († 1793).



Ode auf Friedrichs (2) Tod.



Ein Denkmal dir, vergötterter Friedrich!

Unaufgefordert bau' ichs, und unbezahlt.

Die Nachwelt seh' es einst, und spreche:

Friedrichs Denkmal von Priesterhänden!


O, daß es würdig werde des Einzigen!

O, wie es tobt das Meer von Empfindungen

Jn diesem Busen! wie vor meinen

Augen der Riese der Menschheit dasteht!


Jhn schildern will ich. Sterbliche, seht Jhn,

Nicht eingehüllt in flimmernden Dichterschmuck!

Jn seiner Größe, wie er dasteht,

Will ich den Riesen der Menschheit schildern.


Jn seiner Rechten blinket das Siegesschwert;

Die Wage unentweihter Gerechtigkeit

Hängt von der Linken; dies dem Schutze,

Diese der Ruhe der Brennen heilig.


Die Fürstenhüfte zieret, vom Hofgeschmack

Nie aufgelöst, der Gürtel der Mäßigkeit;

Sein Schwert ist der Aberglaube

Und der zertretene Fanatismus.


Wer bebte nicht vor Friedrichs Thatenfaust?

Wer zählte die Trophäen, auf Galliens

Zermalmten Uebermuth gepflanzet,

Prangend auf modernden Sklavenknochen?
|#f0104 : 92|



Dort stehn sie am Ufer der Moldau, einst

Gestemmt mit Oestreichs Leichen, bei Lissa dort,

Und dort bei Mollwitz, Roßbach, Breslau

Und auf den Felsen zerstörter Festen.


Groß sind des Riesen Thaten! Mit Russenblut,

Mit Franzenblut, mit Schweden- und Ungarnblut,

Und, ach, mit teutschem aufgezeichnet,

Stehn sie flammend im Buch der Zeiten.


Doch ─ war er Held nur? war er nicht Menschenfreund?

Nicht Vater seiner Tausende? Strömte nicht,

Nachdem er ausgedonnert, Segen

Auf die Gefilde geschützter Brennen?


Sie aßen Brod, und hörten von ferne nur

Des Hungers Brüllen, der Alemanniens

Verdorrten Winzer, und nach Kalchmehl

Lüsternen Pflüger begierig auffraß.


Jn Friedrichs Arme flüchtete sich, verbannt

Von heilig frommen Ländern, die Jndustrie,

Des Reichthums Mutter. Auf Morästen

Säet der Landmann, und Heerden blöken


Auf dürren Haiden. Griechischer Kunstgeschmack

Beseelt den Preußen. Seinen Anakreon

Und seinen Pindar hört Apollo

Staunend in nordischen Wäldern singen.


Aus tausend Quellen strudelt Friedrichs Gold;

Jn tausend Flüssen strömt es ihm wieder zu.

So rollet von und zu dem Herzen

Ab, und zurück, der Saft des Lebens.


Verkriechet euch, Despoten! Was schauet ihr

Jhm ins Gesicht? Er tränkte den Schmeichler nicht

Mit Waisenblut, und feile Dirnen

Mästet' er nicht mit dem Mark des Bürgers.
|#f0105 : 93|



Jn seinem Kerker faulte der Denker nicht;

Sein Censor fraß nicht, gleich dem Getreidewurm,

Der Schriften Kern aus, daß die Hülsen

Schmachtenden Lesern den Gaumen ritzten.


Sein Glaube war nicht künstliches Wortgeweb',

Nach keines Wurmes dreistem System geformt,

Nicht millionenfach durchflochten,

Einfach, wie Gott und die Wahrheit, war er.


Das Beste thun, war seine Religion;

Sein Opfer rastlos wirkende Thätigkeit;

Die Welt sein Tempel; seine Priester

Herzberg und Carmer, der Brennen Solon.


Sey Mensch, sey Bürger, sprach er, das Jnnere

Des Herzens und der Meinungen richte der,

Zu welchem Moses, Zoroaster,

Christus und Muhamed rufen: „Vater!


Verheerte Friedrichs Jäger die Hoffnungen

Des Landmanns, spottend? War nicht die höchste Lust

Des Weisen, in der dunkeln Vorwelt

Tiefen bei nächtlicher Lampe graben?


Dort fand er dich, allmächtige Herrscherkunst,

Die auf das Wohl des Ganzen ihr eignes baut,

Bedächtlich eilt, und ihre Wunder,

Wie die Natur, in der Stille wirket.


Groß sind die Wunder Friedrichs, groß und viel!

Wer rüttelte Europa ins Gleichgewicht?

Wer sagte zu dem Erstgebohrnen

Preußens: „Du herrschest dereinst am Mönus?“


Wer schlug von deinem Busen, Bavaria,

Des nahen Buhlers nervigen Arm zurück?

Wer schnitt Sarmatien in Stücke?

Deckte die Weichsel mit freien Segeln?
|#f0106 : 94|



Nur fehlte die eherne Kette, die

Er schlingen sollte um Alemanniens

Getheilte Herrscher, daß sie schützten

Graue Gesetze, den Bojerzepter


Bewahrten den Absprößlingen Wittelsbachs,

Die, unbehaucht vom römischen Cölibat,

Dem Mörder teutscher Fürstenstämme,

Blühen am Ufer des Vaters Rhenus.


Er schlang die Kette um Almanniens

Getheilte Herrscher. Als es Allvater sah,

Da sprach er aus: „Sie sind vollendet

Friedrichs Thaten, sie sind vollendet.“


Jetzt eilt der Engel Erster zu Friederich,

Und bringt ihm die Botschaft: „Allvater sprach:

Sie sind vollendet, deine Thaten,

Friedrich Brennus, sie sind vollendet!“


„Komm, wirk' in jenen höhern Gegenden,

Nicht mehr gehüllt ins hindernde Erdgewand,

Nicht mehr bestritten von der Dummheit,

Trotzend dem Gifthauch des blassen Neides!“


Dem Engel folgte Friederich, unverrückt

Die Miene, seines innern Gehalts gewiß,

Entschlossen, ewig fortzuwirken,

Ewig zu streben nach Thatengröße.


Jetzt kam er an. Sein harreten am Jaspisthor

Der graue Ziethen, und der getreue Keith

(Unsterblicher, als er hienieden

Hätte vermuthet), Schwerin und Bevern.


Jhm glänzt der Schwester Friederichs Sohn und Stolz,

Der Held der Liebe, Guelfiens Leopold

Entgegen; laut ertönt die Harfe

Kleistens, des Barden mit hundert Narben.
|#f0107 : 95|



Ein Chor verklärter Weisen, von Sokrates

Herab bis zum tiefblickenden Mendelssohn,

Umringet ihn; halblächend reicht ihm

Wilhelm, der Strenge, die Vaterrechte.


So ziehen sie zum Throne Allvaters hin.

Allvater krönet Friedrichs Haupt, und spricht:

„Wirk' ewig! Bald bist Du den Göttern,

Was Du den Söhnen der Erde warest!“


6) vom Kanzler Niemeyer.



Der Sternenhimmel.



Wie gesät sind Tausendmaltausend ins Unermeßliche,

Sonnen und Erden! Gott! Gott! wie herrlich!

Steig' ich hinauf bis zu der Welten letzten,

Dennoch erreicht' ich dich nicht! der Staub den

Unendlichen!


Welches Jauchzen, welcher Triumph schallt, welches Thränengebet



Dir aus den Welten! Hoch tönt's, wo Pole

Schneller sich drehn, sanft, wo der Lüfte Säuseln

Kühlungen weht und der Quell! ─ Wird mit

Entzückungen


Einst vernehmen, staunend mein Ohr, Jubel der Himmlischen?



Werd' ich euch kennen, Mitanbeter, euch?

Wallen zu euch sterblich nicht mehr? Feiern

Dort auf dem Siebengestirn, im Sirius, unter der


Goldnen Aehre Feste der Seligen, werdet, Himmlische,

Unter die Lauben, die aus Himmels Sproß

Dort die Natur, ewig zu blühn, um euch schuf,

Jhr mich begleiten? Komm' ich mit den Geliebteren,


|#f0108 : 96|



Dir kein Tod mehr dann mir entreißet, hinauf, wo

lächelnde

Himmelsbewohner mit uns zum Pfalme

Singen dem Herrn, welcher den Staub zum Leben

Schuf, das am Grabe nicht endet, ihn zur Unsterblichkeit.




7) von Heydenreich († 1801)



Der erste Mai.



Willkommen, Erstgebohrner des schönen Mais!

Tag heil'ger Wonne! werth, daß der edelste

Der Weine fließe, und des Liebreiz

Göttinnen scherzend im Chortanz schweben!


Sey mir willkommen, Liebling und Stolz des Jahrs!

Willkommen, die du wieder erwachend jetzt

Uns lächelst, holde Lebensblüthe

Unsrer zum Alter schon flieh'nden Erde!


Einst, da des ersten Frühlings milder Geist

Die neugebohrne schmeichelnd umsäuselte,

Und jugendlich im heii'gen Strale

Goldner Jahrhunderte sie sich wiegte;


Da schwebte dieser freundliche Frühlingswind

Mit nimmer müden Fittigen um die Flur,

Und ohne Saat und Menschenpflege

Glänzten die Felder von reichen Früchten.


So fanft durchwehn die Jnseln der Seligen

Wohlthät'ge Lüfte, wehn und verwehen nie;

So wallen ewig laue Weste

Jn der Unsterblichen heil'gen Fluren.


So säuselts durch den dämmernden stillen Hain

Der stummen Schatten, lispelt mit Zauberhall
|#f0109 : 97|



Um der Vergessung holde Quelle,

Spielt in der Trauerzipressen Zweigen.


Und wann einst Gott mit heiliger Flammenglut

Die Erde läutert, und die Jahrhunderte

Des goldnen Friedens und der Unschuld,

Jugendlich prangend, ihr wiederkehren;


Dann wallet, ahn' ich, eben der sanfte Geist

Um die verjüngte, wallt und verwallet nie,

Und unsrer Seelen Aetherhüllen

Laben des ewgen Frühlings Lüfte.


O sey gegrüßt mir, Erster des schönen Mais!

Tag hoher Ahnung! Sey mir gegrüßt, du Bild

Des Jugendlebens unsrer Erde,

Und der verjüngenden heiligen Zukunft!


8) von v. Herder († 1803).



Die Tonkunst. (abgekürzt)



Die du droben den Reihn der Sterne

Und der Unsterblichen führst,

Jn ewig jungem, schwebendem Jubeltanz,

Nah und näher hinan des Allvollkommnen Thron,

Und tief hienieden im Erdenthal,

Unter des Himmels heiligem Blau,

Jn leisen Tönen, im verlornen Laut

Der Ahnung, unser Herz

Jn die Chöre der Himmel erhebst:


Ewige Harmonie!

Kling' ein in meine Saiten!

Heilige Harmonie!

Kling' ein in meine Seele!

Sie fühlt dich; sie will, sie wird dich fühlen!
|#f0110 : 98|



Des Wohllauts ew'ge Kette zieht

Auch meinen Geist. Es wallt mein Herz

Jm Strome der Melodie zum hallenden Ocean

Der Allvollkommenheit.


Wach auf in mir, du leiser Himmelston,

Der meine Seele ward.

Aus keiner Engelsharf' entquollest du. Dich hauchte

Der Ewige selbst mir ein.

Du bist mir Ewigkeit,

Bist Gottesgefühl in mir, der unendlichen Harmonie

Vorahnende Verkünderin.


Wann einst mein Geist

Vom Erdenstaube sich hebt empor,

Und seiner Fesseln sanft sich windet los;

Zu Hülfe komm' ihm dann, du heil'ger Strom,

Von Tönen andrer Welt,

Umström' ihn ganz, und trag' ihn sanft hinüber!

Des Himmels Gabe bist du uns,

O Tonkunst! bist ein Tropfen

Von jenem hellen melodischen Wollustmeer,

Jn dem das Weltall schwimmt,

Ein Meer von Zahl und Maas und Lieb' und Tanz

und Leben!


Wann in des Lebens Labyrinth,

Jm dunkeln Hain der bangen Mitternacht,

Umringt von Thiergeheul und Höllenstimmen,

Mein Herz erbebt,

Und über sich verzagt,

Und nirgends Ausgang findet:

Des Himmels Tochter, süße Zauberin,

Nicht mit Sirenen=, nicht mit Feenklang

Erscheine mir; ein Lied der Andacht flöße

Mir Ruh' ins Herz.
|#f0111 : 99|



Wie wird mir? Hör' ich nicht

Jhr Kommen? Fühl' ich nicht

Jhr sanftes Schweben wie im Mondesstral?

Sie spricht mir zu; ein Engel spricht zu mir,

Ein Himmelswesen, das unmittelbar

Mein Herz berührt, die weinende

Gerührte Laute, und den Klageton

Schnell in Triumph verwandelt.


„Verlassener, was zagest du,

Jn trüber Einsamkeit?

Gott, der den Gang der Sterne kennt,

Kennt auch der Menschen Herz.


Er giebt dem Schiffe seinen Weg,

Den Winden ihre Bahn;

Er wird auch dir im Weltenmeer

Des Lebens Weg verleihn.


Was zagest du? Der Erde Noth

Geht wie ein Traum vorbei,

Und was dir heute Mißlaut dünkt,

Jst morgen Harmonie.“


„Schau gen Himmel, und sieh! Am hohen Tempelgewölbe



Funkeln Sterne, da glänzt Gottes unsterbliche Schrift.

Kann dein Auge sie zählen? dein Ohr die Stimme vernehmen,



Die des Erschaffenden Ohr ewig und ewig vernimmt?

So tönt alles um dich! Ein Stral der Sonne erklingt dir

Sieben Töne des Lichts, golden und heilig im Klang.

Allenthalben strömet dir zu das große Geheimniß

Deiner Vollendung; du lernst ewig und ewig daran.

Maas, Bewegung und Zahl im Kampf der liebenden

Eintracht

Spricht in Tönen dir zu: Eines in Allem ist Gott!“
|#f0112 : 100|



O Harmonie, ich flehe dir,

Du Seele meiner Seele! Rufe mir,

Aus jedem Wesen rufe

Den reinen Ton hervor, zu dem es klingt.

O Führerin durchs Leben! Freundschaft ist

Der Seelen Einklang. Lieb' und Güte sind

Der süße Wohlklang, der in Allem tönt;

Der immer reiner, immer höher steigt.

Wohin? wohin? zu welcher Symphonie

Der Symphonieen?


9) von v. Sonnenberg († 1806).



Die Phantasie. (abgekürzt)



Phantasie, schöner Traum der ersten Unschuld

Unterm Baume des Lebens, der in Eden

Mit des Wipfels Säuseln in mondheller

Lenznacht herabsank!


Und nun eröffnest du den großen Tempel

Der Natur; an der Sonnen Feu'rgestaden

Hallt dein Flug; verweht in den Sternenwelten,

Welche dort glänzen!


Träumest an Edens stillen Blumenhügeln

Nicht blos, hörest in tiefer, blauer Ferne

Auch den ernsten Baum der Erkenntniß fei'rlich

Rauschen im Winde!


Phantasie, ja dich schuf in ihrer schönsten

Stunde fröhlich die Gottheit, die Natur wand

Einen Regenbogen zum Kranze dir aus

Blüthengelock her;


Gab dir der Schönheit reine Schwanenflügel,

Adlereile dann ihrem Silbersturme,

Kleidete hell dich in der Morgenröthe

Rosengewande!
|#f0113 : 101|



Ewige Jugend trankest du, o Göttin,

Aus dem Strome des Lebens, und der Liljen

Silberschnee umglänzte deines Busens

Wallende Reize!


Grazienkönigin! auch über Gräbern

Blühest du; dir dampfet aus den Thälern

Das Gebirg, vom ganzen Altar der Erde

Nebel zum Opfer!


Tief in des Haines dichten Laubgewölben

Wallst du, lächelnd im wilden Sturm des Abends,

Sieh, er bringt nur duftende Blüthenopfer

Hin dir zu Füßen.


Deinen Altären dampft der erste Weihrauch,

Durch die ganze Natur, und ihrer Kinder

Jubelchöre huldigen dir in dem schönen

Frühe- und Spätroth!


Einst, wann du auch im leisen Abendlüftchen,

Unter säuselnder Eichen Schattenkühle,

Mir am mondbeschimmerten Blumenhügel

Rosig erscheinest;


Sollen der Saiten reinste Silbertöne

Mit dem Säuseln der Eichen Dank dir schallen,

Bis ich endlich unter dem Blumengrase

Ruhiger schlummre!


10) von Starke (Hofpred. zu Ballenstedt).



Gefühl und Hoffnung der Menschheit.

(abgekürzt)



Entzücken ström' aus meinem Munde,

Wie Flammen steig' empor mein Lied;

Jch feire meine schönste Stunde

Von süßem Hochgefühl durchglüht.
|#f0114 : 102|



Wie friedevoll des Stromes Wellen

Jn Eine Flut zusammenschwellen;

So laßt, im innigsten Verein,

O Menschen, laßt uns Menschen seyn!


Wir theilen auf der Bahn zum Ziele

Des Lebens Schmerz, des Lebens Lust,

Der Menschheit Ernst, der Menschheit Spiele;

Wie meine, hebt sich eure Brust.

O fühlet, wie mein Herz sich reget,

Jch fühle, wie das eure schläget;

Auch euch durchströmet Blut, wie mich,

Und was ihr alle seyd, bin ich.


O kommt, und kniet voll Andacht nieder,

Und betet weinend mit mir an;

Denn wir sind Menschen, wir sind Brüder,

Und wandeln all' auf Einer Bahn.

Der König in des Glanzes Fülle,

Der Bettler in zerrißner Hülle,

Der Mann der Weisheit und des Lichts,

Der Mann im Schweis des Angesichts.


Jch finde mich in Allen wieder;

Verdammet selbst den Bösen nicht,

Wir sind ja Menschen, wir sind Brüder,

Es fehlt dem Armen nur an Licht.

Ach wir sind Menschen; ─ Menschen bleiben!

Was uns umhüllet, mag zerstäuben;

Was in uns Menschheit heißt, besteht,

Wann alles um uns her vergeht.


Und sänk' in Millionen Trümmer

Der Welten Heer, in Nacht ihr Lauf;

Wir gehen neu mit Sternenschimmer

Noch manchen Tag des Daseyns auf!
|#f0115 : 103|



Triumph! und jeden Tag verschwindet

Die Thierheit mehr, und mehr entbindet

Das Edle sich, das Zeit und Welt

Hienieden noch gefesselt hält. ─


Mit Beben blickt nach deinen Kämpfen,

Bedrängte Menschheit, wer dich liebt,

Und wendet oft von deinen Krämpfen

Die nassen Augen tiefbetrübt.

So weint ein Weib mit Mutterherzen

Den kranken Sohn und seine Schmerzen,

Und zaget, wenn er stöhnend bebt,

Und wann der Krampf ihn zuckend hebt.


Entsage, Mutter, deinem Leide,

Jetzt ruht dein Sohn in Schlaf gewiegt,

Jndeß sein Geist mit junger Freude

Sich warm um holde Bilder schmiegt;

Genesung und Gedeihn und Leben

Muß ihn im Traume jetzt umschweben,

Er lächelt süß, und horch, er spricht,

Und deutet uns sein Traumgesicht:


Jhm däucht in seinen sel'gen Träumen,

Er wall' im rosenfarbnen Licht

Jm Frühling unter Blütenbäumen,

Durch die des Morgens Röthe bricht.

Wie Blumenduft umweht ihn linde

Der Zephyrathem kühler Winde,

Jndeß sein Haupt an Blüten streift,

Und seine Hand nach Blüten greift.


Er träumt, es hüben Adlerflügel

Jhn in ein jugendliches Chor

Von höhern Wesen über Hügel

Und Hain und Wolken leicht empor. ─
|#f0116 : 104|



Entsage, Mutter, deinem Leide,

Dein Liebling träumt von Kraft und Freude;

Sein wonnevolles Traumgesicht

Jst Bürge: du verlierst ihn nicht. ─


Jch hänge trunken an dem Bilde;

Es ist der Menschheit schöner Traum!

Jch weide mich an seiner Milde

Und fasse mein Entzücken kaum.

Noch kämpfet sie, ─ doch, Heil den Kämpfen!

Jm Kriege lernt sie Kriege dämpfen;

Jm Streit mit Dunkel siegt das Licht,

Jm Zwist mit Sinnlichkeit die Pflicht.


Die Menschheit hofft; ─ in süßen Träumen

Empfindet sie sich stark und groß,

Erblicket Blüten in den Keimen

Und Freiheit in des Dranges Schoos.

Entsaget, Brüder, euerm Leide,

Die Menschheit träumt von Kraft und Freude,

Die Menschheit unterlieget nicht;

Das bürget uns ihr Traumgesicht!


Was reget sich in ihrem Sehnen

Nach Wahrheit, Recht und Würdigkeit

Und in dem Flehen heißer Thränen

Nach höherer Vollkommenheit?

Was hebt den Helden, Lehrer, Richter,

Den Philosophen und den Dichter?

Was glüht in jeglichem Gefühl

Und adelt unsrer Künste Spiel?


O das ist Ahnung, leises Wehen

Entzückungsvollen Vorgefühls

Von ihrer Würde höchsten Höhen

Und Schimmer von dem Glanz des Ziels.
|#f0117 : 105|



Vor vollem Aufschwung ihrer Flügel

Bedeckt uns zwar des Grabes Hügel;

Doch sehn wir schon, sie strebt hervor,

Sie schwingt sich siegend einst empor!


Auf ihres Tempels Altar glühet

Dann hell der Geistesfreiheit Licht,

Und wer die Flamme lodern siehet,

Erbebt vor ihrem Lodern nicht.

Drum drückt sie nicht voll Jrrsinns nieder!

Der ganze Tempel leuchtet wieder,

Jn welchem Brüder auf den Knien

Von heiligen Gefühlen glühn!


Einst führt in starker, fester Rechte

Vernunft den hohen Herrscherstab;

Dann schwinden jedes Wahnes Nächte

Und alle Fesseln fallen ab.

Wie Harmonie vom schönsten Liede

Beseligt jeden milder Friede,

Ein Friede, den kein Schicksal bricht,

Jhn schützt der Demantschild der Pflicht. ─


Triumph! zum Ziele laßt uns ringen,

Zum Ziel, uns stralet schon sein Glanz,

Und einst verschwindet, was die Schwingen

Der Menschheit jetzt noch hemmet, ganz.

Sie hebt sich dann mit kühnem Flügel

Und segnend über unsre Hügel;

Wir sehn auf lichter Sternenbahn

Sie schön sich unsern Sternen nahn.


O namenloses, süßes Beben!

Wir stammen aus der Menschheit Schoos.

Die Menschheit wird sich höher heben,

So warf der Schöpfer ihr das Loos.
|#f0118 : 106|



O Brüder, Brüder, seht sie ringen;

Triumph! sie dehnt, sie hebt die Schwingen;

Wir sehn, auf lichter Sternenbahn,

Sich kühn dereinst den Sternen nahn!


11) von Joh. Heinr. Voß.



Die erneuerte Menschheit.



Stille herrsch', Andacht, und der Seel' Erhebung,

Rings umher! Fern sey, was befleckt von Sünd' ist,

Was dem Staub anhaftet, zu klein der Menschheit

Höherem Aufschwung!


Dem die Weltkreis' all' in den Sonnenhimmeln

Staub sind, dem Weltjahre wie Augenblicke;

Dem, gesammt aufstrebend, der Geister Tiefsinn

Nur Ein Gedank' ist;


Dessen Macht kein Maas der Erschaffnen ausmißt;

Dessen fernhin dämmerndes Licht Begeistrung

Kaum erreicht, hochfliegend: den Geist der Geister!

Betet ihn an! Gott!


Nicht der Lipp' Anbetung ist werth der Gottheit,

Nicht Gepräng' abbüßenden Tempeldienstes,

Nicht Gelübd' und Fasten; nur That geklärter

Menschlichkeit ehrt ihn!


Dich allein, Abglanz von der Gottheit Urlicht,

Menschlichkeit, dich sah der entzückte Denker,

Bebt' in Wollust, rang, wie zur Braut der Jüngling,

Ach! und umschloß dich!


Ob wie todt auch starre der Geist der Menschheit

Durch der Willkühr Zwang und gebotnen Wahnsinn;

Doch erringt siegreich auch der Geist der Menschheit

Neue Belebung.
|#f0119 : 107|



Zwar er schlief Jahrhunderte, dumpf in Fesseln,

Todesschlaf, seit himmelempor die Freiheit

Vor den Zwingherrn floh, und des Götzenpriesters

Lauerndem Bannstral.


Luther kam; auf schaudert' im Schlaf der Geist ihm,

Blickt umher, schloß wieder das Aug' in Ohnmacht,

Und vernahm leis' ahnend den Laut aus Trümmern

Attischer Weisheit.


Bald, wie Glut fortglimmt in der Asch', am Windhauch

Fünkchen hellt, roth wird, und in Feuerflammen

Licht und Wärm' ausgießt; so erhob der Menschheit

Schlummernder Geist sich,


Lebensfroh! Hin sank die verjährte Fessel,

Sank der Bannaltar, und die Burg des Zwingherrn;

Rege Kraft, Schönheit, und des Volks Gemeinsinn

Blühten mit Heil auf!


12) von einem Ungenannten.



(aus dem Merkur, von Philippi redigirt, Jahrg.

1824. St. 131.)



Dem 31. October.



Jsts doch still um mich her? Nebel der Frühlingszeit

Wähn' ich aufsteigen dort an dem Gebirgsabhang,

Wo der feiernde Chorus

Oft unsterblichen Jubel sang.


Und ein mahnender Geist, einsam und fürchterlich

Steigt aus jenem Gewölk'! Hör' es, Thuiskons Volk,

Worte strafender Predigt

Ruft der einsame Geist dir zu.


Lichthell flammet der Nord, als er die Red' beginnt,

Und zum östlichsten Gau dringt der Erleuchtung Stral,
|#f0120 : 108|



Meerflutgegenden zittern,

Als er drohend die Rechte hebt.


„Wunderträumendes Volk! siehst du die Finsterniß

Dort den Süden umziehn, furchtbar wie Höllennacht?

Jst des schrecklichen Traumes

Unglückseliger Schau'r dir fremd?“


„Jrrthum hüllte dich lang', grause Verwüstung schritt

Kühn einher in der Nacht, und im Gefolg' der Tod.

Da nahm göttlich Erbarmen

Sich der armen Verirrten an.“


„Und ein heiliges Licht nahete dir, ein Trost

Jn der Finsterniß Tief'. Kennst du nicht mehr dies Schwert

Hoher göttlicher Wahrheit,

Das des Satanas Seele traf?“


„Und ihr liebet nunmehr wieder die Finsterniß,

Stellt das heilige Licht unter den Scheffel hin,

Während ihr in der Dämm'rung,

Leere Träume des Himmels träumt.“


„Evangelisches Volk! denk der Vergangenheit.

Geistertödtender Wahn steht aus den Gräbern auf.

Wehe dir, wenn er waltet ─

Fluch verkündet dir Luthers Geist ─!“


19.

c) Die Hymne.


Keine andere Form der lyrischen Dichtkunst ist

der Ode so nahe verwandt, als die Hymne; denn

auch in ihr wird der Gegensatz des Unendlichen und

Endlichen durch die erhöhte Stärke der Einbildungskraft

lebhaft versinnlicht; auch in ihr wogen die

durch diesen Gegensatz aufgeregten Gefühle der Lust |#f0121 : 109|



und Unlust mächtig gegen einander an; auch in ihr

erscheint der dargestellte Hauptgegenstand im hohen

Glanze des von dem Dichter gezeichneten Jdeals;

auch in ihr steht die Wirklichkeit tief unter der von

dem Dichter zur ästhetischen Einheit erhobenen idealischen

Welt; auch in ihr siegt zuletzt das Jdeal

über die Wirklichkeit, so wie das Gefühl der Lust

über das Gefühl der Unlust. Dies alles hat die

Hymne mit der Ode gemeinschaftlich; selbst nach der

Fülle und Stärke des Tones, und nach dem Reichthume

und der Mannigfaltigkeit der dichterischen Farbengebung,

kann, wie schon bei der Ode bemerkt

ward, zwischen Ode und Hymne kein wesentlicher

Unterschied aufgestellt werden, weil die Kraft der

dichterischen Darstellung und die Hochglut ihrer Farben

weniger von dem Hauptgegenstande des Gedichts,

als von der Jndividualität des Dichters,

und von seinem ganz subjectiven Ergriffenseyn von

dem darzustellenden Stoffe abhängt.



Behalten wir aber die gelungensten dichterischen

Erzeugnisse, welche zunächst als Hymnen bezeichnet

werden, im Auge; so wird die dichterische Eigenthümlichkeit

der Hymne, im Gegensatze der Ode,

zunächst dadurch bestimmt, daß theils zum Gegenstande

der Hymne nicht, wie bei der Ode,

jede metaphysische Jdee überhaupt sich eignet, sondern

entweder Gott selbst, oder ein allegorisches,

als Gottheit personificirtes Wesen (z. B.

die Sonne, die Tugend), wenigstens ein durch die

Darstellung aus der Reihe des Endlichen herausgehobenenes,

und nach seiner höhern, übersinnlichen Kraft

gefeiertes Wesen; ─ theils daß, nach dem in der

Hymne vorherrschenden dichterischen Grundtone,

weniger der Gegensatz des Unendlichen und Endlichen |#f0122 : 110|



und der das Gefühl bestürmende und erschütternde

Abstand des letzten von dem ersten versinnlicht,

als vielmehr ein Gleichgewicht in der Schilderung

und Durchführung des vorherrschenden Gefühls

der Lust festgehalten, und das ─ durch die

Schranken der Endlichkeit zum Bewußtseyn gebrachte

─ Gefühl der Unlust minder stark gezeichnet wird,

als das Gefühl der Lust. Wenn daher auch, der

höhern dichterischen Schattirung wegen, das Gefühl

der Unlust, veranlaßt durch den Abstand der Wirklichkeit

von der Unermeßlichkeit des Jdeals, in der

Hymne nicht ganz fehlen darf; so wird es doch

nicht mit solcher Kraft emporgehoben und dem Gefühle

der Lust gegen über gestellt, wie das Gefühl

der Lust, so daß nicht nur in der ganzen dichterischen

Haltung der Ton der Lust vorherrscht, sondern auch

im Voraus der ästhetische Sieg des Gefühls der

Lust über das Gefühl der Unlust entschieden ist.



Was den Anbau der Hymne von den frühern

teutschen Dichtern betrifft, wohin namentlich

Opitz und Tscherning gehören; so gilt dasselbe

davon, was bei der Ode erinnert ward, daß die

von den ältern Dichtern gewählte Aufschrift

nicht über den innern Charakter ihres Gedichts entscheiden

konnte, und daß, erst nach den Fortschritten

der Philosophie im achtzehnten Jahrhunderte, der

dichterische Aufschwung in der Hymne, wie in der

Ode, möglich war.



20.

Beispiele von Hymnen.


1) von Tscherning († 1659).

|#f0123 : 111|



Lob des Weingottes (Bruchstück). *



O Vater Bacchus komm, mein Geist der reget sich

Zu fliegen in dein Lob. Komm her, ich singe dich,

Du edles Blitzen-Kind. Jch mag nicht letzter bleiben,

Da Teutschland diesen Tag sich unter dir läßt schreiben,

Und stellt die Feier an. Du Geber aller Lust

Giebst meiner Zunge Kraft, erquickest mir die Brust.

Jch singe noch so gut, wann du mir in die Stirne

Mit rechtem Maaße zeuchst. Ein nüchternes Gehirne

Singt etwas, so doch nicht in langer Zeit besteht,

Das mit dem Meister lebt, mit ihm auch untergeht.

Was wäre doch das Pfand des Lebens ohne dich?

Was hätten wir für Lust? Mit Weinen hebet sich

Dies kurze Leben an, mit Hoffen und mit Zagen

Vollführt man seine Zeit, mit Seufzen, Ach und Klagen

Gesegnen wir die Welt. Da hilft kein Widerstehn!

Jm Fall ich gut nicht will, so muß ich böse gehn.

Drumb handelt dieser wohl, der seiner Zeit gebraucht,

Der Zeit, die als ein Dampf in freier Luft verraucht,

Und reißt uns mit sich hin; der auch mit großem Herzen

Bleibt immer, wie er ist, verlachet Noth und Schmerzen,

Stirbt ab der Sterblichkeit, und härtet seinen Muth.

Hierzu, du Hüfte-Kind, sind deine Reben gut.

Du starker Liber, du entzückst uns von der Erden,

Du weckst die Sinnen auf, daß sie voll Geistes werden,

Gehn allzeit über sich, bestehn wann alles fällt,

Und schlügen auf sie zu auch Stücke von der Welt.
*

Absichtlich ist dieses Bruchstück unter die Hymnen,

und nicht unter die Dithyramben aufgenommen, wohin

es der Ueberschrift nach gehört hätte, weil

der Ton und die Haltung der dichterischen Form durchaus

nicht die trunkene Begeisterung bezeichnet, welche

in der Dithyrambe vorherrschen muß.
|#f0124 : 112|



Stets nüchtern seyn betrübt und martert das Gehirne,

Der Sinnen edles Haus. Erhitzest du die Stirne

Da gehn die Sorgen fort, da wandert alle Pein,

Da wird der Knecht ein Herr, wie schlecht er auch mag seyn.

Gefangne gehen los, und greise Köpfe jüngen;

Dann ist man reich genug, und hat an allen Dingen

Noch satten Ueberfluß, sorgt ganz für morgen nicht,

Wie mancher für sein Geld den Hals ihm selber bricht.

O Evan Evoe, laß jenen nüchtern bleiben,

Dem Geld und Gut den Durst und Hunger muß vertreiben,

Der dich ein ganzes Jahr auf seinen Tisch nicht kauft,

Und wie das dumme Vieh das liebe Wasser sauft.

Man weiß, wie mancher ist zu einem Weibe kommen,

Auf die er nie gedacht, der deinen Saft genommen.

Wo der in Gläsern springt, da thut das Lieben wohl,

Da geht das Weibesvolk noch weiter, als es soll.

Bei der kein Kuß verfängt, kein Bitten statt will finden,

Läßt oftmals durch den Wein, wie keusch sie war, sich

binden.

Wo aber du nicht bist, da läßt die Liebe nach,

Sie schöpfet ihre Lust aus deiner Reben Bach. ─


Was grämet man sich viel? Die Sorgen, so mich

kränken,

Die will ich allzumal heut in das Weinfaß senken.

Nicht lebe morgen erst, wer heute leben kann.

Herum, trinkt eines her, die Zunge klebt mir an.


2) von Uz († 1796).



Gott der Weltenschöpfer. (abgekürzt)



Zu Gott, zu Gott flieg' auf, hoch über alle Sphären

Jauchz' ihm, weit schallender Gesang,

Dem Ewigen! Er hieß das alte Nichts gebähren;

Und sein allmächtig Wort war Zwang.
|#f0125 : 113|



Jhm, aller Wesen Quelle, werde

Von allen Wesen Lob gebracht,

Jm Himmel, auf der Erde,

Lob seiner weisen Macht.


Von ihrer hohen Bahn, in jener lichten Ferne,

Jauchzt ihm die Sonne freudig zu.

Du machtest mich, du Gott! Und rings umher die Sterne,

Das Heer des Himmels, machtest du!

Sein Lob, ihr schimmerreichen Schaaren,

Tönt auf der dunkeln Erde nach,

Von Wesen, die nicht waren,

Und wurden, als er sprach.


Jhr Himmel, öffnet euch, daß ich bewundernd preise,

Wie Sonn' an Sonne friedlich glänzt,

Und, ewig unverwirrt im angewies'nen Kreise,

Doch weit gebietend, jede glänzt.

Umsonst, die schwindelnden Gedanken,

Verloren in dem großen Blick,

Entfliehen in die Schranken

Der niedern Welt zurück.


Hoch über Sonnen stand der Schöpfer, dem sie leben,

Und eine sah er an und sprach:

Der Erde hab' ich dich zur Königin gegeben;

Zeuch sie durch sanfte Bande nach,

Daß du, ihr leuchtend, sie erfreuest,

Und sanfte Klarheit in der Nacht

Dem stillen Monde leihest,

Den ich für sie gemacht.


Wie war dir Erde nun, da dich zum erstenmale

Der Sonne glänzend Antlitz fand,

Da deine Königin, auf einem lichten Strale,

Den liebreizvollen Tag dir sandt?
|#f0126 : 114|



Er kam; die goldnen Locken flogen

Gezähmt durch einen Blumenkranz;

Die jungen Stunden zogen

Jhn auf zum Frühlingstanz.


Du hast mit reichem Strom das Leben ausgegossen,

Bis in die kleinste Felsenkluft!

O Schöpfer! Gütigster! wie viele Stimmen flossen

Dir dankend in der heitern Luft,

Und drängten sich, in tausend Weisen,

Ein lieblich wild vermischtes Chor,

Dich, ihren Herrn zu preisen,

Zu deinem Thron empor.


Bald kam zur frohen Schaar der Zeuge deiner Größe,

Der Mensch, den du zuletzt gemacht,

Damit ein Wesen wär', das mit Vernunft genösse,

Was deine Huld hervorgebracht.

Geschaffen, daß er vor dir wandle,

Dir unterwürfig, aber frei

Nach weisen Pflichten handle,

Dich lob' und glücklich sey!


Er stammelte dein Lob mit dankbarem Gemüthe,

Sobald er dacht' und froh empfand,

Und überall dich sah, dich, o du höchste Güte,

Dich am bestralten Himmel fand,

Dich auf der blumenvollen Fläche,

Dich im gewürzten Myrrhenduft,

Jm Murmeln kühler Bäche,

Dich in der Frühlingsluft.


Dich loben, Herr, ist Pflicht! Dein Ruhm schallt

ungezwungen

Von meinem dankbarn Saitenspiel,

Dein Ruhm erschalle laut von aller Menschen Zungen
|#f0127 : 115|



Bis an der Erde letztes Ziel,

Jn ewig trauernden Gefilden,

Und wo die Sonne sanft regiert,

Und wo verbrannte Wilden

Sie zu dem Schöpfer führt!


3) von Gleim († 1803).



Die Sonne.



Hast du die Morgendämmerung gesehn?

Hast du das sanfte Roth betrachtet, das

Die Wiederkunft der großen Sonne dir

Verkündigt? War's in deinem Herzen still?

Jn deiner Seele heiter? da du sie

Die große Sonne sahst, was dachtest du?

O welche Wunder meines Gottes dort

Jn dieser einen Sonne! Herz, bet' an!

Du, meine ganze Seele, voll von ihm,

Sing' ihm ein Lied! Jn jedem Sonnenstral,

(Und jeder Staub empfängt den seinigen)

Jn jedem glänzt und leuchtet seine Macht

Und seine Gnade! Singet, Menschen, ihn,

Den mächtigen und guten Gott! Wenn ihr

Jn ihrem herrlich schönen Aufgang sie

Betrachtet, dann, ihr Menschen, singet ihn,

Den mächtigen und guten Gott! Er hat

Mit dieser Schönheit sie geschmückt; er läßt

Das sanfte Roth, das euch gefällt, so sanft

Aus ihren Stralen fallen, daß es euch

Gefallen muß. Jhr Menschen, singet ihn,

Den mächtigen und guten Gott! Er stellt

Dies helle Thaugewölk vor ihren Glanz,

Daß euer Auge, nicht geblendet, sie

Aufsteigen seh' in ihrem Pomp! Sie geht
|#f0128 : 116|



Vor euern Augen ihren stolzen Gang,

Und alles Finstere wird Licht. Sie steigt

Jm Unermeßlichen empor, und thut

Den Willen ihres Gottes; Leben fließt

Mit ihrem Licht in alles um sie her!

Jn alles strömt die Gotterschaffene

Wohlthaten ihres Gottes. Blickt empor!

Sie stehet da! Hat eines Menschen Hand

Sie hingestellt? Hat eines Königs Macht

Die ebne Bahn, aus welcher sie nicht weicht,

Jhr angewiesen? Fraget sie! Sie geht

Vor euern Augen ihren stolzen Gang,

Und predigt ihren Schöpfer schweigend, thut

Den Willen ihres Gottes, Tag für Tag

Und Jahr für Jahr! Jhr Menschen, singet ihn,

Den mächtigen und guten Gott! Sie geht

Vor euern Augen ihren stolzen Gang.

Und wenn es scheint, sie gehe niedriger

Vor euern Augen ihren stolzen Gang;

Dann deckt ein Purpurmantel ihr Gesicht

Dann ist ein Stralenmeer um sie; dann sinkt

Sie nieder, aber ruhet nicht! Sie geht

Vor euern Augen ihren stolzen Gang,

Und um den eurigen ist Finsterniß;

Dann ruhet ihr. Jhr Menschen, singet ihn,

Den mächtigen und großen, guten Gott!


4) von Moritz Aug. v. Thümmel († 1817).



An die Sonne. (abgekürzt)



Staub, der, zu Gott empor gedrungen,

Am Fußtritt seines Thrones glimmt,

Ziel meines Psalms, im Chor gesungen,

Das jubelnd, dich umschlungen,

Jn deinem Aether schwimmt.
|#f0129 : 117|



Seit du, der leeren Nacht entsunken,

Dein stolzes Licht von ihm gehohlt,

Sah' es in dem Gewühl der Funken,

Die durch den Lichtraum prunken,

Schon manchen Stern verkohlt.


Nur deinem Urgestirn veraltet

Kein Reiz! Mit gleicher Kraft beflammt,

Treibt es sein großes Rad, entfaltet

Die Zeiten, und verwaltet,

Wie sonst, sein Mittleramt.


Und lenken aller Erden Psalmen

Gleich nicht den Ausfluß deines Strals;

Doch überkleidest du die Palmen

Des Athos, wie die Halmen

Des rauhsten Schweizerthals!


Juwel in des Erschaffers Kranze,

Und erstes Wunder seines Hauchs,

Du leitest, schmückst, vereinst das Ganze;

Eins fehlt nur deinem Glanze:

Bewußtseyn des Gebrauchs.


Du stehst im größten Wirkungskreise

Als Sklave, der im Joche prangt.

Beherrscher seiner kurzen Reise

Durchs Leben, dringt der Weise,

Wohin sein Herz verlangt.


Sey größer noch! Um deine Würde

Vertauscht, selbst auf dem Weg ins Grab,

Der Staubbewohner einer Hürde

Nicht seines Lebens Bürde,

Nicht seinen Wanderstab.


Denn bald zu höhern Geistesproben,

Entrückt den Prüfungen der Zeit,
|#f0130 : 118|



Schwingt ihn die Hand, die dich erhoben,

Von diesem niedern Globen

Auf zur Unsterblichkeit.


Durch diesen heitern Blick ins Freie

Verliert im Nebel meiner Bahn

Sich keine Stunde mir; ich weihe

Dem Ausgang sie, und reihe

Sie meiner Zukunft an;


Daß, wenn ich einst zu höhern Sphären

Auf deinem Lichtweg übergeh',

Der Fruchtstaub vieler guten Aehren

Noch in dem Thal der Zähren

Um meinen Hügel weh'!


5) von Lavater († 1801).



Anbetung des Unendlichen. (abgekürzt)



Jn stille Einsamkeit entflieh' ich!

Entflieh', entreiße mich den holden Winken

Der reizevollen Sterblichkeit ─ entfliehe

Der Gattin und dem Freund'; entfliehe

Der Kinder freudevollem Lächeln;

Von allem weg zu dir, verborgner Vater!

Gedanken weicht! Begierde flieh'! Steh' still

Für alles Sterbliche, mein Athem!

Denn leiser Freud' und tiefer Demuth voll

Gelüstet's meine Seele, anzubeten

Den Einzigen, der ewig ist,

Dich, aller Geister Vater!

Mit jedem Athem meines Mundes,

Mit jedem Blicke meines Auges,

Mit jeder Regung meiner Menschheit anzubeten

Dich, meines Geistes Vater.
|#f0131 : 119|



Nicht war ich! Nicht! Du wolltest, und ich ward!

O aller Wesen Wesen!

Jch war ─ ja Jch auch war ein ewiger Gedanke

Von dir! Du sprachst ihn aus! Da war

Mein Jch mit jeder Kraft, mit jedem Leben,

Die jede Zukunft, auch die fernste,

Entwickeln wird! Jch ward, und mit mir ward

Der Ewigkeit von dir mein ganzes Wesen

Mit allen seinen Künftigkeiten

Unsterblich ausgesprochen...


Wie bet' ich an? wo find' ich Worte

Den anzubeten, der mich werden hieß!

Du bist, o Wesen aller Wesen,

Denn ich, ich bin!

Bin! Unergründlichstes von allen

Geheimnissen, und doch gewissestes

Von allem, was ich weiß!

Sey aller meiner Lustgedanken Erster!

Sey letztes aller meiner Lustgefühle!

Du Gott, du bist! ich bin!


Du warst eh' meine Mutter mich gebahr!

Eh' mich mein Vater zeugte;

Eh' meines Vaters Vater ihn gezeugt;

Eh' einen Sohn gezeugt der Erste aller Väter!

Nicht ewig waren wir! Nicht Einer ist's,

Der ist, der war, ─ der Frühste ward,

Da du sprachst: „Werde! sey der Vater

Von Millionen Vätern und von Söhnen!“

Du bist, nur du bist ewig! Erster! Erster!

Denn ewig ist von uns nicht Einer!

Du warst ─ du Undenkbarer! warst,

Eh' aller Sterblichkeit urerster Vater

Dem Rufe da stand: „Werde! Sey!“
|#f0132 : 120|



Jch sinke tiefer vor dir hin! ─ Du warst,

Eh' aller deiner Stralensöhne frühester

Mit unnennbaren Wonnen: „Liebe! Liebe!“

Mit jedem Stral des Augs, mit jedem Schlage

Des lebensvollen Herzens,

Erstaunet über sich, und jede Regung seiner

Natur dir „Liebe! Liebe!“ rief ─ ─

Da aller Thronen Erster aufzustreben

An deiner Herrlichkeiten Saum

Vor Milliarden Sonnenjahren

Die kühnen Schwingen schwang ─

Und im Gefühle seines Seyns,

Und deines undurchdringlichen Vorherseyns,

Von Wonne trunken niedersank und schwieg;

Da warst du ewig schon! Nur Jünglinge, nur Knaben sind

Vor dir, du Ewiglebender,

Nur Embryonen sind der Leben frühste;

Sie, die den Erdball werden sahn,

Jhn blühen sahn mit tausend neuen Leben;

Verblühen wieder, wieder aufblühn sahn

Den Erdenball, der mich im Unermeßlichen

Vor deinem Angesicht vorüberträgt. ─

Was bin dann ich, was ich vor dir?

Unreifer Staub bin ich! Ein Tropfen nur

Vom Meere hingespritzt ans Ufer

Der Wesen, bin seit gestern nur!

Kaum lebend! Staub! noch kaum entsunken

Der Nichtempfindung!

Kaum sichtbar, Wesen kaum, ein Hauch,

Der erst hinüberzittert an die Grenze

Des Seyns, des Menschenlebens oder Todes.

Was bin ich dann? was ich vor dir?

Vor dir, der ist, der war, der seyn wird!

Wer bin ich, daß mit dir ich reden,
|#f0133 : 121|



Dir meine kindlichen Gedanken,

Dir meine bebenden Empfindungen

Jn Menschensprache niederlegen darf;

Mit meinem mir selbst unerforschten Wesen

Mich nahen darf zu dir! Zu dir,

Jch Athmender der Erdenluft? ─ Wie darf ich

Dich, Ewiger, dich Vater nennen?

Doch darf ich es; o Wonne, daß ich's darf!

Dein Athem schafft und hält,

Dein Athem tödtet, trennt, zernichtet

Jetzt Sonnen, Funken jetzt! Jetzt Stern'! Jetzt Stäubchen!

Mit Einem Hauche hauchest du zehntausend Sonnen

Mit hunderttausend Erden aus!

Ziehst du des Athems Hauch zurück;

So ist der Sonnen all' kein Lichtstral mehr!

Kein Stäubchen mehr der Erden all'!

Wie Blumen an der Sonne welken,

Verwelken Weltsysteme dir!

Du nur, nur du bleibst, der du bist!

Dir selber ewig gleich, Jehova, namenlos!

Und was, Unendlicher, sind meine Preisgesänge

Der tiefsten Ewigkeiten,

Was gegen alle Geister, aller

Unsterblichkeiten Jubelharmonie?

Was gegen aller Lebenden und Athmenden

Gesänge? gegen ihrer Jubel Summe?

Vom höchsten aller Himmel ─ nieder

Durch alle tief're Himmel,

Herab durch alle Reihn von Sonnenwelten,

Bis auf den Erdensäugling,

Den Embryo, der athmet;

Bis auf die unsichtbaren

Bewohner jener tief verschloßnen Ströme

Jn jedes Laubes tausendfachen Adern!
|#f0134 : 122|



Was gegen dieser aller Lobgesänge,

Die Summe aller, was mein himmelvollstes Lied

Jn fernen Ewigkeiten?

Was diese ungeheure Summe,

Was gegen dich, Unendlicher!

Der Wesen Wesen! Erster! Letzter!

Dich, Ewigeinziger!

Dich, Ewigunerschöpfter!

Jch stehe still, und sink' unmächtig!

Denn ein Gedanke trifft, ein Lichtstral Gottes

Ein Pfeil der Wahrheit

Trifft die erstaunte Seele! ─

Jch neige tiefer mich;

Die Stirne flammt; das Herz schlägt glühender;

Du, Namenloser, du, bist jetzt schon der,

Den mein erhabenstes, mein kühnstes Himmelslied

Nach keinen hingeflohnen Milliarden

Aeonen je erschöpfen, je erreichen wird;

Den, wenn auch nach Jahrtausenden

Noch immer höher, herrlicher,

Noch unaussprechlicher, unendlicher,

Undenkbarer sich meine Seele denken,

Unausempfindbarer mein Herz empfinden wird ─

Du, du bist jetzt, bist jetzt schon,

Da ich mit tiefer Ehrfurcht still,

Jch Staub vom Staube, deinen Namen nenn',

Mein ganzes Wesen sich vor dir, der Wesen Wesen,

Ein Opfer niederlegt auf dem Altar der Erde ─

Du bist schon jetzt, der du mir seyn wirst

Nach tausendmal Jahrtausenden;

Du Ewigunerreichter bist mein Vater!
|#f0135 : 123|



6) von Fr. Leop. Graf zu Stolberg († 1819).



An die Erde. (abgekürzt)



Erde, du Mutter zahlloser Kinder, Mutter und Amme!

Sey mir gegrüßt! sey mir gesegnet im Feiergesange!

Sieh', o Mutter, hier lieg' ich an deinen schwellenden

Brüsten,

Lieg', o Grüngelockte, von deinem wallenden Haupthaar

Sanft umsäuselt, und sanft gekühlt von thauenden Lüften.

Ach du säuselst Wonne mir zu, und thauest mir Wehmuth

Jn das Herz, daß Wehmuth und Wonn', aus schmelzender

Seele

Sich in Thränen und Dank und heiligen Liedern ergießen!

Erde, du Mutter zahlloser Kinder, Mutter und Amme!

Schwester der allerfreuenden Sonne, des freundlichen

Mondes,

Und der stralenden Stern' und der flammenbeschweiften

Kometen,

Eine der jüngsten Töchter der allgebährenden Schöpfung.

Erde, dich liebt die Sonne, dich lieben die heiligen Sterne;

Dich der himmelwandelnde Mond! Sobald du vom

Schlummer

Dich erhebst, und Thau aus düftenden Wolken dir träufelt,

Sendet die Sonne dir Purpur und Gold und glänzenden

Safran,

Daß du bräutlich geschmückt erscheinst im Morgengewande.

O wie schimmerst du dann im rosigen Schleier, mit tausend

Jungen Blumen umkränzt, von silbernen Tropfen umträufelt,



Und mit glänzender Binde des blauen Meeres umgürtet!

Erde, wie bist du so schön, mit Gottes Strömen gewässert!

Wer vermag sie zu singen? Die Zwillingshelden, den Ganges

Und den Jndus? wer die rauschenden Wasser des Euphrats?

Wer den segnenden Nil, der aus ungesehener Urne
|#f0136 : 124|



Seine schwellenden Fluten durch sieben Mündungen ausströmt?



Wer die herrschende Tiber? den heldenberühmten Eurotas,

Welcher früh die nervige Jugend Lakoniens stählte?

Ach, wer bringt mich hinüber auf Adlers Flügeln zu deinen

Rollenden Meeren, du mächtigster Orellana? du Riese

Unter den Flüssen! Dir staunen die heiligen Fluten des

Weltmeers,

Wenn du, stark wie ein Gott, in den Ocean dich ergießest!

Aber vor allen seyd mir gegrüßt im steigenden Liede,

Vaterländische Ströme! Du edle Donau! dem Morgen

Strömst du erröthend entgegen, und grüßest die kommende

Sonne,

Wann sie flammend ihr Haupt aus purpurnen Wogen

erhebt.

Wankende Saaten umrauschen dich jährlich, und freudiges

Landvolk

Tanzet, mit blauen Blumen umwunden, an deinem Gestade,



Wenn der Abend auf dir mit falben Fittigen ruhet,

Und die glänzenden Sicheln dem winkenden Abendstern

weichen!

Dir gebührt ein eigner Gesang, o Rheinstrom! vor

allen

Flüssen Teutschlands bist du mir werth! Dich sah ich als

Knabe,

Wo, mit umwölkter Hand, die Natur am gängelnden

Bande,

Ueber Nebel und stürmenden Winden und zückenden Blitzen,

Deinen wankenden Tritt auf zackiger Felsenbahn leitet!

Zahllos sind, o Erd', und edel deine Geschenke!

Deinen Kindern geben sie Kraft und Nahrung und Freude!

Sieh', ich hoff' es zu dem, aus dessen segnendem Fußtritt

Sonnenstralen und Rosen blühn: erlöschenden Sonnen
|#f0137 : 125|



Und hinwelkenden Rosen verleiht er ewige Jugend,

Wann dereinst die Ströme des Lebens dem himmlischen

Urborn

Werden entfliehn', in Flüß' und Bäch' und Quellen

vertheilet,

Und die ganze Schöpfung, verklärt, Ein Himmel, ihm

lächelt!

Erde, harre ruhig der Stunde des besseren Lebens!

Samml' indessen in deinem Schoose die harrenden Kinder!

Siehe, noch werden dich oft die wechselnden Stunden

umtanzen,

Dich mit blendendem Schnee und blühendem Grase noch

kleiden!

Nimmer wirst du veralten! Jm lächelnden Reize der Jugend

Werden plötzlich erbleichen die Sonnen, die Monde, die

Erden,

Wann die Sichel der Zeit in der Rechten des Ewigen

schimmern

Und hinsinken wird, in Einem rauschenden Schwunge,

Diese Garbe der Schöpfungen Gottes, die Wölbung des

Himmels,

Den wir sehn mit tausendmal tausend leuchtenden Sternen.


7) von Kosegarten († 1818).



An die Natur.



Ruhst und rastest du dann nimmer, erhabene

Große Mutter? Versiegt nimmer der Lebensquell,

Der den Schoos dir befruchtet,

Der die säugende Brust dir schwellt?


Von dem mattesten Stral, welcher den Morgen färbt,

Regt die Rüstige sich, schafft und zerstört, und wirkt,

Bis die blasseste Rose

Jn den Locken des Abends welkt.
|#f0138 : 126|



Auf thauduftender Flur schlummert die Mitternacht.

Seine wolkige Bahn wandelt der müde Mond,

Ringsum gähnet die Schöpfung;

Rastlos waltet die Schöpferin;


Schwirrt im flüsternden Schilf, plätschert im Rohr des

Sumpfs,

Tränkt die Saaten mit Thau, duftet im Fliederbusch,

Gurgelt heiser im Frosche,

Flötet gellend im Wachtelschlag;


Summt im blühenden Baum aus den Zehntausenden

Goldner Käfer, beseelt Völker von gaukelnden

Mücken, schrillt in der Grille

Flügel, donnert im Wasserfall;


Thürmt am Saume des Süd Wolken wie Berg' empor,

Wälzt die Berge daher, prasselt aus kämpfenden

Wolken, zückt in der Leuchtung,

Stürmt im brausenden Wirbelwind.


Die du, heilige Kraft, brünstig das All umschlingst,

Alles Leben gebierst, alles Gebohrne nährst,

Unbekannte, wer bist du?

Nie erlauschte, wo wirkest du?


Durch die Adern des All spritzest du flammend Blut,

Kochst in Schachten das Gold, rüttelst den Ocean,

Wölbst Basalte zu Domen,

Höhlst kristallne Grotten aus.


Aus dem Staube herauf rufst du die Pflanzenwelt.

Säuselnd wallet die Saat, sausend der Eichenwald.

Sonnan rauschet die Ceder,

Würzig duftet das Veilchenthal.


Stoffen giebst du Gestalt, giebst dem Atom Gefühl;

Jubel füllen den Busch, Jubel die blaue Luft.

Schau, es wimmelt im Tropfen;

Schau, das Sandkorn bevölkert sich.
|#f0139 : 127|



Leben, nimmer gezählt, preisen dich, Künstlerin,

Leben jeglicher Art, Kondor und Kolibri,

Straußpolype und Flußpferd,

Riesenmuschel und Räderthier.


Aber lauter als sie preißt dich des Menschen Geist,

Dich der Kante Vernunft, dich der Gesang Homers,

Dich der Cirkel des Newton,

Dich der Pinsel des Raphael.


Ahn' ich Wahrheit? Bist du jenes unendliche,

Unergründliche Ding, welches des Denkers Loth

Zu ergründen, der Hymne

Flug umsonst zu erfliegen strebt?


Bist du Gottheit? bist du's, welche die Myrias

Menschenzunge besingt, den der Mäander Zeus,

Den der Jordan Jehova,

Den Jsuren der Ganges grüßt?


Schwindelnd steh' ich am Saum deiner Unendlichkeit!

Eines ahn' ich: ich bin deiner Unendlichkeit

Mitgenosse, bin Tropfe

Deines stiebenden Flammenborns.


Jn des flammenden Borns Silbergeriesel fließt

Einst der Tropfe zurück, freut sich der Einigung,

Und verschmilzt in der Welten

Allumgürtenden Ocean.


8) von Seume († 1810).



Gebet. (abgekürzt)



Gott, Gott, den Mönch und Bonze nennet,

Und weder Mönch noch Bonze kennet,

Den man von Nation zu Nation,

Durch schleichenden Betrug geblendet,
|#f0140 : 128|



Jn frömmelnder Verehrung schändet,

Hier bet' auch ich, des Staubes Sohn.


Des Weisen forschender Gedanke

Bebt ehrfurchtsvoll in seiner Schranke,

Und blickt mit Ahnung in dein Heiligthum,

Und stehet, wenn in ihren Kreisen

Dich Myriaden Welten preisen,

Anbetend still zu deinem Ruhm.


Du säest Welten aus wie Saaten,

Und das Geheimniß deiner Thaten

Jst blendend Licht und Harmonie und Sturm!

Und in der Kette deiner Wunder

Jst eine Sonne nur ein Zunder,

Und eine Erde nur ein Wurm.


Wer kann, o Wesen aller Wesen,

Des Schicksals große Rolle lesen,

Auf welche du der Himmel Ordnung schreibst?

Wer hat mit dir im Rath gesessen,

Das ewige Gesetz zu messen,

Nach welchem du die Sphären treibst?


Gott, in den Glanz des Lichts gehüllet,

Gott, dessen Hauch das Weltall füllet,

An dessen Kleid die Sonnen funkelnd stehn;

Auf dessen Wink die Welten fallen,

Und aus den Trümmern neue wallen,

Und jubelnd sich in Sphären drehn:


Gott, Vater, Schöpfer, Ordner, Walter,

Des Cherubs und des Wurms Erhalter,

Laß nichts mir, wann die Bosheit teuflisch glotzt,

Laß nichts mir meinen Kinderglauben

An deine Vatergüte rauben,

Der aller Bosheit Giften trotzt.
|#f0141 : 129|



Jch bin, kann ich in Hypothesen

Gleich nicht das große Räthsel lösen,

Jch bin ein Funke deiner Ewigkeit;

Und mein Gefühl mit Feuerschwingen

Kann auf zu deiner Größe dringen

Jn seines Werthes Trunkenheit.


Laß mich nicht, wenn mein Busen wüthet,

Und Lästerung und Wahnsinn brütet,

Jm hohen Wahnsinn deine Weisheit schmähn;

Jch stehe blind am großen Spiele,

Und kann hinab zum fernen Ziele

Nicht mit dem schwachen Auge sehn.


Laß mich nicht, wenn mit Hohngelächter

Des Rechtes rechtliche Verächter

Der Tugend kaum den Götterwerth verzeihn,

Laß mich nicht, wenn des Elends Knaben

Umsonst nach Futter schrein, wie Raben,

Durch Lästerung die Zung' entweihn.


Laß mich nicht, wenn Hyänenhorden

Provinzen zur Verwüstung morden,

Und jubelnd über Menschentrümmern gehn,

Laß mich nicht unter Menschenteufeln

An deiner Vaterhuld verzweifeln,

Wenn Höllengeister mich umwehn.


So laß den Zweifel in mir stürmen,

Und Nacht auf Nacht sich um mich thürmen,

Und alle Sinne sich im Schwindel drehn;

Jch will, o Gott, die Hände falten,

Und mich an dich im Sinken halten;

Und sinkend werd' ich nicht vergehn.


Es sollen mich nicht Widersprüche,

Nicht infulirter Männer Flüche,
|#f0142 : 130|



Nicht Edda, Vedam, und nicht Alkoran,

Nicht Bibel, und nicht irre Weisen

Von meiner Felsenwarte reißen,

Auf der ich sicher harren kann.


Aus deiner Hand gehn Orionen;

Du hauchst der Geister Millionen

Mit Götterkräften hin in ihre Bahn,

Und zündest, wann die Geister zagen,

Aus Mitternacht zu Sonnentagen

Gewiß die Fackel wieder an.


Aus Tod und Grab bricht meinen Blicken

Dann unter himmlischem Entzücken,

Gewiß der Ordnung Morgenlicht zuletzt;

Dann tauch' ich mich in jene Kreise

Der Welten, wann zur Weltenreise

Aurora mir die Füße netzt.


21.

d) Die Dithyrambe.


Die Dithyrambe gehört zu der dichterischen

Form der Hymne, unterscheidet sich aber von derselben

durch zwei wesentliche Merkmale, theils in

Hinsicht des Gegenstandes, theils in Hinsicht des

lyrischen Tones und der ganzen Haltung und Durchführung

desselben. Denn wenn die Hymne die Gottheit

selbst, oder jeden als göttlich gedachten Gegenstand

feiert; so ist der Gegenstand der Dithyrambe

ausschließend der Wein und der Gott des Weines;

kein anderes, unter göttlichen Eigenschaften

dargestelltes, Wesen kann der Stoff der Dithyrambe

werden. Allein noch schärfer unterscheidet sich

die Dithyrambe von der Hymne durch den in ihr |#f0143 : 131|



vorherrschenden eigenthümlichen Ton des Gefühls,

und oft selbst durch die regellose Form der Darstellung.

Denn es ist der Ton einer trunkenen,

oder nahe an die Trunkenheit hinstreifenden Begeisterung,

welcher in der Dithyrambe vorherrscht,

und als Folge einer vorhergegangenen sinnlichen Berauschung

durch den Genuß des Weines sich ankündigt,

woraus von selbst die kecke Auswahl üppiger

Bilder, der Gebrauch gewagter Gleichnisse, ungewöhnlicher

Ausdrücke, und das Vorhandenseyn kühner

Sprünge in Hinsicht der Folge und Verbindung

der aufgestellten Jdeen, Bilder und Gefühle sich

erklären läßt. ─ Obgleich Ursprung und Benennung

der Dithyrambe griechisch ist; so haben sich

doch keine Gesänge dieser Art aus dem Alterthume

erhalten, und nur die Nachrichten davon sagen aus,

daß die Dithyramben bestimmt waren zur Verherrlichung

des Bacchus an den ihm geheiligten Festen,

so wie sie an diesen Tagen während eines wilden

und regellosen Tanzes abgesungen wurden. ─ Bei

der Wiedererweckung der Dithyramben von den neuern

Dichtern mußte nothwendig der Anstrich der griechischen

Oertlichkeit und Eigenthümlichkeit wegfallen.

Willamov, Blum, Mahler Müller, Joh.

Heinr. Voß, Schiller, Kuhn u. a. haben unter

den Teutschen gelungene Dithyramben aufgestellt.

Sie haben gefühlt, daß die Betrunkenheit an sich

nie ästhetisch seyn, mithin auch nicht in einer schönen

Form dargestellt werden kann, daß aber wohl

der Uebergang von dem völlig nüchternen Bewußtseyn

zu dem Zustande des begeisternden Rausches

eine ästhetische Darstellung verstattet, wodurch Gefühl

und Einbildungskraft mächtig bewegt werden,

ohne doch dadurch im Leben selbst die Mittellinie |#f0144 : 132|



des Schicklichen und in der dichterischen Schilderung

die ästhetische Einheit der Form zu verletzen.



Soll daher die Dithyrambe dem Gesetze der

Form entsprechen; so darf sie zwar die schulgerechte

Form eines bestimmten Sylbenmaases überschreiten,

und mit Willkühr, selbst ohne die innere nothwendige

Folge des dargestellten Gefühls, sich bewegen,

weil dieses Gefühl durch den Genuß des

Weins über die Ankündigung der Gefühle im nüchternen

Zustande hinaus gesteigert wird; nie darf sie

aber gegen die Richtigkeit und gegen die Schönheit

der Form überhaupt verstoßen, weil sie sonst auf

Gefühl und Einbildungskraft des wohlthuenden Eindrucks

nothwendig ermangelt.



22.

Beispiele der Dithyrambe.


1) von Willamov († 1777).



Bacchus und Ariadne. (abgekürzt)



Jubel, Jubel, Jubel!

Jn wilder wüster brausender Fröhlichkeit

Dir von uns gesungen, Vater Evius

Unter orgischen Hochzeitfesten!

Da hüpfen die weingebirgigen Jnseln alle

Unsern hohen Gesängen nach,

Und rauhe Felsen in Wonne.

Die Nereiden in gesalzner Fluth

Tanzen uns nach in Hochzeitreigen,

Und Aeols tausendstimmige Heere

Singen trunkne Hymenäen.


Welche Taumelfeste, ihr Faunen!

Er, auf dessen Stirn
|#f0145 : 133|



Ewige Jugend aufblühet,

Und auf der vollen Wange

Götterglanz purpurfarbig

Um die Honiglippen sich ergießt,

Drückt an die Götterbrust voll Glut,

Eine süße Belohnung schwerer Thaten,

Ariadnen, von Cytheren ihm erkohren,

Seit er mit uns von den Triumphen

Ueber die östliche Welt zurücke kam.


Jubel, Jubel ihm! ─

Ho! ihr Faunen, wo sind wir?

Wo die Naxischen Weinhügel? ─

Schöpferisch erhebt sich sein Thyrsus.

Plötzlich hochgewölbte Lauben an Lauben

Von Jasmin und Myrthen- und Rosengebüschen

Kunstreich ein weiter Pallast um uns

Mit Brautteppichen rund umzogen.

Weite Schläuche vom Rebensafte schwellend

Und Kelch an Kelch auf Purpurdecken

Alle mit frischen Blumengehängen bekränzt.

Er, Bacchus, unser Vater will so

Sein Hochzeitmahl feiern!


Schaut, Bacchanten, das lockre Rosengewölke

Und den lazurn purpurbekleideten

Goldumstralten Wagen

Von zärtlichen Tauben leichtschwimmend gezogen!

O! der unnennbaren Wonne,

Die schnell durch alle Empfindung rauscht

Bei diesem unausbildlichen Anblick

Der Paphischen Fröhlichkeitsstifterin,

Die mit ihrem lachenden Gefolge

Ambraduftend herabschwebt.

Die Amorn flattern vor ihr her,
|#f0146 : 134|



Und gaukeln lüstern

Um die buntfarbigen Lauben

Und fröhliche Rosen- und Rosmaringebüsche.


Kommt in unsre Reigen,

Götter der Fröhlichkeit, kommt!

Seht ihr, wie Vater Lenäus

Wollustlächelnd von Aphroditens Hand

Die schöne Braut empfängt,

Und Hochzeitfackeln ihm festlich lodern?

Ein Sternendiadem setzt Paphia

Der Götterbraut aufs stralende Haupt,

Und ewig zu ihrer Vermählung Gedächtniß

Wird von des hohen Aethers Gewölben

Diese Sternenkrone schimmern.


Auf dem furchtbaren Adler sanft daher gewiegt,

Majestätischer Ernst im schwarzen Auge

Und auf der gebieterischen Stirn, ─

Neigt euch zur Erde, ihr Bacchanten und Mänaden! ─

Der Donnrer erscheint, unsers Vaters

Freudenfeste zu feiern;

Und mit ihm auf Silbergewölkewagen

Die blauäugigte Panzerbegürtete Pallas,

Und der Kriegsempörer im eisernen Gewande,

Und Phöbus der Gesängegebieter,

Und alle Himmlischen kommen hernieder.


Zehnfach, zehnfach laßt

Eure Jubellieder schallen, Faunen, Satyrn und Nymphen!

Dem kommenden Götterchor

Und Lyäens Liebe heilig!

Um die Myrthen umflochtenen Ufer

Mit Amorn und Grazien Hand in Hand

Tanzen wir, tanzen wir, Evoe!

Lauter müßt ihr Pauken lärmen!
|#f0147 : 135|



Feierlicher ihr Zinken und Pfeifen tönen!

Höher ihr brausenden Meereswogen toben! ─


Aber ─ laßt mich,

Süßlächelnde Amors, laßt mich

Meine trunknen Rundetänze vollenden!

Faunen, helft mir! helft mir, ihr Nymphen!

Mit Blumenketten gefesselt

Werde ich euern Kreisen entrückt. ─


Wunderthätige Götter!

Wo ─ wo bin ich hin?

Vom Mänadentaumel erwacht

Fühl' ich mein Herze nicht mehr. ─


Ho! Cypern! ─ Sey mir gegrüßt!

Wollustathmendes Cypern!

Der schaumgebohrnen Entzückungsschafferin

Dreimal glückliches Vaterland!

Wonneduftend um und um

Aus tausend Blumengefilden,

Die Busch an Busch der Liebesgöttin

Jhre Opfergerüche weihen! ─


O diese Holdin, die ihr da

Mit Rosen geschäftig umflechtet,

Laßt mich von eurer wohlthätigen Hand,

Holde Liebesgötter, empfangen!

Bei Paphos und Knidos Heiligthum,

Und eurer Mutter mächtigem Zaubergürtel selbst,

Schwör' ich, euch Göttern der Zärtlichkeit

Geweihet zu seyn! ─ Da ward mir

Von der Amorn freudeberauschter Schaar,

Feierlich mit Brautblumen geschmückt,

Daphne unter Gesängen zugeführt.

O des süßen Zärtlichkeitstaumels,

Als ich sie also empfing!
|#f0148 : 136|



An ihrer Hand will ich, ─

Verzeih' es mir, trunknes Getümmel

Epheu- und Rebenbekränzter Bacchanten ─

Jn süßerer Trunkenheit

Den Göttern der Zärtlichkeit heilig seyn.

Und du, Vater Dionysus, der selbst,

Von Ariadnens Reizen bezwungen,

Der Schönheit und Liebe huldigt,

Verzeih, ich kann nicht,

Jch kann nicht mehr euch folgen.

Hier ist mein Thyrsus

Und die Epheukrone zurück!

Rosen und Myrthen und Jasmin

Wallen jetzt um das gesalbte Haar!


2) von Blum († 1790).



Jch fühl', ich fühle deine Feuer,

Du göttlicher Tokayer,

Du königlicher Wein!

Reicht mir die mächt'ge Leier;

Es sollen seine Feuer

Unsterblich seyn!


Unsterblich seyn? ─

So nehmt sie nur zurück die Leier,

Und schenkt noch einmal ein;

Es sollen seine Feuer

Durch Thaten ewig seyn!

Jch will, ich will verliebte Kriege,

Mir sagt die Hoffnung süßer Siege:

Jch werd' ein Cäsar meiner Zeiten seyn!


Ja, seht, dort taumeln Liebesgötter,

Berauscht von meinem Wein,

Und streuen Rosenblätter,
|#f0149 : 137|



Und pflanzen einen Myrthenhain,

Soll dies mein Schlachtfeld seyn;

So eilt nicht, blanke Waffen,

Jhr Knaben, mir zu schaffen,

So bringt nicht Schild und Speer;

Bringt rasche Kämpferinnen her,

Bringt mir die braune Doris,

Die kriegerische Chloris,

Und Lauren und Nerinen,

Und alle, die mein Herz verdienen!

Denn fonst, ihr süßen Kinder,

Kann ich auf solchen Wein

Kein würd'ger Ueberwinder,

Kein Cäsar meiner Zeiten seyn!


3) von Fr. Adolph Kuhn.



Vor dem Rausche.



O goldne, süße Reben,

Jhr träufelt Himmelslust,

Ein neues beßres Leben

Jn froher Zecher Brust.

Was Weise nicht erringen,

Was Dichter nicht ersingen,

Erfliegt auf Sonnenschwingen

Der Adler: Trunkenheit.


Was kümmert seine Flügel

Des Ruhmes Gängelband,

Der Wünsche steiler Hügel,

Der Zukunft Nebelland;

Was kümmert seine Lippe

Der Wissenschaften Krippe,

Wo ärmliche Gerippe

Bei Folianten stehn.
|#f0150 : 138|



Er fliegt durch Orionen

Mit glühendem Gesicht,

Und buhlt um Myrthenkronen

Der Alltagsliebe nicht.

Jm Taumel höh'rer Wonne

Umarmt er Baum und Sonne,

Und hohlt aus voller Tonne

Sich Lieb' und Sympathie.


Jn Einem langen Zuge

Trinkt er Vergessenheit,

Und löscht vom Aschenkruge

Das Wort: auf Ewigkeit.

Bekränzt mit Rebenblättern

Wird er den Mond erklettern,

Und über Donnerwettern

Mit frohem Auge sehn.


Drum trinkt die goldnen Reben,

Die uns zu Adlern weihn,

Und laßt uns höher schweben,

Und mehr als Menschen seyn.

Laßt uns das arme Denken

An Aermere verschenken,

Und hin den Fittig lenken,

Wo Denken Thorheit wird.


Dort necken keine Berge

Des Wandrers raschen Gang,

Dort modern keine Särge,

Lauscht kein Sirenensang;

Der Freude vollste Trauben,

Die Götter uns erlauben,

Darf uns kein Bonze rauben,

Der Götter mißverstand.
|#f0151 : 139|



Dort rauschen Himmelsbäume

Mit Blüthen überschneit,

Dort blüht am zarten Keime

Die Allzufriedenheit.

Dort sind der Väter Hallen,

Und ihre Schatten wallen

Mit frohem Wohlgefallen

Den frohen Söhnen zu.


23.

e) Die Rhapsodie.


Die Rhapsodie, die als besondere Form der

Dichtkunst wenig angebaut worden ist, unterscheidet

sich von der Ode und der Hymne weder durch die

Verschiedenheit des dargestellten Gegenstandes, noch

durch die Verschiedenheit des in der Rhapsodie vorherrschenden

Tones des Gefühls; denn alle Gegenstände,

welche in der Ode und Hymne dargestellt

werden können, eignen sich auch als Stoffe für die

Rhapsodie, und dieselbe Stärke, Jnnigkeit und

Glut des Gefühls kann eben so in der Rhapsodie

geschildert werden, wie in der Ode und Hymne.

Allein dadurch unterscheidet sich die Rhapsodie wesentlich

von der Ode und Hymne, daß in derselben

entweder der dargestellte Gegenstand, wegen seiner

Unermeßichkeit und wegen der durch ihn hervorgebrachten

allzustarken Erschütterung des Gefühlsvermögens

und der Einbildungskraft, nicht gleichmäßig

und erschöpfend durchgeführt, sondern blos in

allgemeinen, unter sich nicht streng zusammenhängenden

Umrissen verzeichnet, oder, eben wegen der

aufgeregten Fülle des Gefühls und der Einbildungskraft,

kein bestimmtes Metrum in der dichterischen |#f0152 : 140|



Form festgehalten wird. Jn dieser letzten Hinsicht

nähert sich die Rhapsodie der Dithyrambe, die ebenfalls

nicht selten in einem willkührlichen Sylbenmaase

sich bewegt; doch hat die teutsche Literatur

auch Rhapsodieen mit bestimmt festgehaltenen Sylbenmaasen.





24.

Beispiele der Rhapsodie.


1) von Ramler († 1798).



Allgemeines Gedicht



(von Ramler selbst in der Ueberschrift: Rhapsodie

genannt).



Zu dir entfliegt mein Gesang, o ewige Quelle des

Lebens!

O du von den Lippen danksagender Wesen Jehova gegrüßet,

Und Oromazes und Gott! gleich groß im Tropfen des

Thaues,

Der hier vom Grase rollt, gleich groß in der Sonne,

die rastlos

Rund um sich an goldnen Seilen glückselige Welten herumführt;



Jm Wurm, der einen bestäubten Erntetag lebt, und im

Cherub,

Der alle Naturen durchforscht seit seiner undenklichen

Jugend,

Und viele Glieder bereits an der Kette der Wesen verknüpft

sieht,

Er selbst der oberste, doch in deiner Größe versinket,

(Wie soll ich in menschlicher Rede den Kindern der Erde

Dich nennen?)

O deines unendlichen Weltraums allbelebende Fülle! ─
|#f0153 : 141|



Mit Schaudern versenkt sich in ihn mein Geist in den

Tempeln der Wälder,

Auf himmelanstrebenden Felsen, am Rande der brausenden

Tiefe;

Und o, wie verschwindet mir dann die sinnliche Freude!

wie werden

Mir alle Begierden erhöht! ─ Du Weltgeist, hier steh'

ich, verloren,

Auf einem Staube des Ganzen, und breite die Hände

zu dir aus;

Erhältst Du, wann einst dies zarte Gewebe des Leibes

sich auflöst,

Ein höheres Antheil von mir; so soll die Bewundrung deiner

Mein langes Geschäfte verbleiben, mein langer Gesang. ─


2) von Kosegarten († 1818).



An die untergehende Sonne.



Sonne du sinkst!

Sonne du sinkst!

Sink' in Frieden, o Sonne!

Still und ruhig ist deines Scheidens Gang,

Rührend und feierlich deines Scheidens Schweigen.

Wehmuth lächelt dein freundliches Auge;

Thränen entträufeln den goldenen Wimpern;

Segnungen strömst du der duftenden Erde.

Jmmer tiefer,

Jmmer leiser,

Jmmer ernster und feierlicher

Sinkst du die Lüfte nach.


Sonne du sinkst!

Sonne du sinkst!

Sink' in Frieden, o Sonne!

Es segnen die Völker,
|#f0154 : 142|



Es säuseln die Lüfte,

Es räuchern die dampfenden Wiesen dir nach;

Winde durchrieseln dein lockiges Haar;

Wogen kühlen die brennende Wange;

Weit auf thut sich dein Wasserbett ─

Ruh' in Frieden!

Schlummr' in Wonne!

Die Nachtigall flötet dir Schlummergesang.


Sonne du sinkst!

Sonne du sinkst!

Sink' in Frieden, o Sonne!

Schön sinkt sich's nach den Schweißen des Tags,

Schön in die Arme der Ruhe,

Nach wohlbestandenem Tagewerk.

Du hast dein Tagewerk bestanden,

Du hast es glorreich vollendet,

Hast Welten erleuchtet und Welten erwärmt,

Den Schoos der Erde befruchtet,

Die schwellenden Knospen geröthet,

Der Blume Kelch geöffnet,

Die grünen Saaten gezeitigt,

Hast Welten gesäugt und Welten erquickt ─

Geliebt und Liebe geerntet,

Gesegnet, und rings mit Segnungen

Dein rollendes Haar bekränzt.


Schlummre sanft

Nach dem Schweiße des Tags;

Erwache freudig

Nach verjüngendem Schlummer!

Erwach' ein junger freudiger Held!

Erwach' zu neuen Thaten!

Dein harrt die lechzende Schöpfung;

Dein harren Au'n und Wiesen;
|#f0155 : 143|



Dein harren Vögel und Heerden;

Dein harrt der Wandrer im Dunkeln;

Dein harrt der Schiffer in Stürmen;

Dein harrt der Kranke im Siechbett;

Dein harrt der Wonnen seligste:

Die Wonne zu lieben und zu werden geliebt;

Der Seligkeiten unaussprechlichste,

Die hohe vergötternde Seligkeit: wohlzuthun.

Sink' in Frieden!

Schlummr' in Ruhe!

Erwach' in Entzückungen, Sonne!


25.

f) Die Elegie.


Wenn die Elegie dadurch der Ode sich nähert,

daß in ihr, wie in der Ode, das gemischte Gefühl

der Lust und der Unlust, der Wonne und der Wehmuth,

sich ankündigt, bis zuletzt, im Augenblicke

der ästhetischen Vollendung des dichterischen Erzeugnisses,

das Gefühl der Lust über das Gefühl der

Unlust triumphirt; so unterscheidet sie sich doch wesentlich

von der Ode theils durch die Art und

Weise, wie sie den Gegenstand auffaßt und darstellt,

der das gemischte Gefühl der Wonne und Wehmuth

in dem Gemüthe des Dichters anregte, theils

durch die Milde des in der Elegie vorherrschenden

Tones der dargestellten Gefühle, so wie durch die

sanftere Farbengebung in Hinsicht der von dem Dichter

gezeichneten Bilder. Der ästhetische Charakter

der elegischen Begeisterung ist nämlich die süße Wehmuth,

welche aus der Verschmelzung der gleichmäßig

aufgeregten Gefühle von Lust und Unlust entsteht.

Jn diese wehmüthige Stimmung wird aber das Gemüth |#f0156 : 144|



versetzt, wenn es mit ungetheiltem Jnteresse

ein Gut sich vergegenwärtigt, das es entweder nie

zu erreichen befürchtet, oder dessen Besitz und Genuß

es vergeblich erstrebte, oder bereits wieder verlor,

und wo dennoch, durch die von der Einbildungskraft

bewirkte idealische Versinnlichung dieses

Gegenstandes, das Entzücken bei der Betrachtung

desselben, oder die Sehnsucht nach demselben, oder

die Erinnerung an die ehemals im Besitze desselben

genossene Seligkeit, das Gefühl der Lust, freilich

bald stärker, bald schwächer, ein Uebergewicht über

das Gefühl der Unlust behauptet, wodurch die dichterische

Begeisterung vermittelt wird, in welcher die

Elegie entsteht. Die hohe dichterische Wirkung der

Elegie beruht daher auf dem Verschmelzen der Gefühle

der Wonne und der Wehmuth bis zum endlichen

Uebergewichte des Gefühls der Lust über die

Unlust, ein Uebergewicht, das entweder aus der

erhöhten Vergegenwärtigung und idealischen Versinnlichung

des Gutes selbst, oder aus der von der

Einbildungskraft bewirkten Erneuerung der ehemals

im Genusse desselben gefühlten Seligkeit, oder aus

der Thätigkeit der Einbildungskraft, den Genuß und

Besitz desselben in die Zukunft zu versetzen, oder

aus dem mächtig aufgeregten Bewußtseyn, dieses

Gut verdient, und ohne eigene Schuld verloren zu

haben, oder aus dem zur ästhetischen Einheit erhobenen

Bilde von der Größe des mit dem idealisch

gezeichneten Gute verbundenen Genusses entspringt.

Nur in dieser Stimmung des Gemüths entsteht

die bezaubernde Form der Elegie, an deren Hervorbringung

die Jdeale der Einbildungskraft eben so

vielen Antheil haben, als die erhöhte Sinnlichkeit

und die im Gefühlsvermögen gegen einander ankämpfenden |#f0157 : 145|



und allmählig mild in einander verschmelzenden

Gefühle der Wonne und der Wehmuth. Deshalb

herrscht auch im Tone der Elegie die Wehmuth

des Unvermögens, den ersehnten Gegenstand entweder

in der Gegenwart überhaupt nicht zu besitzen,

oder ihn bereits verloren zu haben, oder ihn nie

besitzen zu können. Diese Wehmuth des Unvermögens

ist Ton der Trauer, allein nicht von der Art

und Stärke, wie in der Ode, wo das Gefühl der

Unlust aufgeregt wird von dem wahrgenommenen

Gegensatze der Beschränkungen des Endlichen gegen

das Unendliche. Zugleich vergesellschaftet sich mit

diesem Tone der Trauer der Ton der Freude an dem

Gegenstande selbst, der nicht, wie in der Ode, als

unendlich, wohl aber unter dem milden Glanze des

Jdeals erscheint, welches jedesmal das gebildete

Wesen mit hoher Sehnsucht und mit dem Verlangen

nach dessen Erreichung und Verwirklichung erfüllt.

So kündigt sich im Tone der Elegie eine

milde Schattirung der Gefühle an, wodurch für

das Bewußtseyn zwar keine bleibende (weil ein gemischtes

Gefühl kein bleibender Zustand seyn kann),

aber eine unendlich süße Stimmung vermittelt wird.



Der in der Elegie in den Mittelpunct gestellte

Gegenstand kann entweder sittlich und religiös

seyn, oder er kann, in den Schilderungen der

Liebe, der Freundschaft und der irdischen

Güter
überhaupt, die Farbe der geläutertsten und

vollendetsten Sinnlichkeit an sich tragen. Von

selbst versteht es sich, daß die grobe Sinnlichkeit

von der Elegie ausgeschlossen wird, weil sie keiner

idealischen Darstellung fähig ist; allein alle, mit den

Gesetzen der Vernunft und mit den geläutertsten

Gefühlen der Sittlichkeit vereinbaren Gegenstände |#f0158 : 146|



des wirklichen Lebens eignen sich für die Darstellung

in der Elegie. (So z. B. Schillers Jdeale;

Matthissons Elegie in den Ruinen eines Bergschlosses

geschrieben; seine Kinderjahre; sein Genfersee

&c.) Gleichmäßig gebietet die Elegie über

die Kreise der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft;

oft findet sie die Gegenwart zu arm, wenn

sie dieselbe mit Vergangenheit und Zukunft zusammenstellt;

oft hält sie die Zukunft an den Spiegel

der Vergangenheit, und erhebt die letztere über die

erste; oft vergleicht sie auch die Armuth der Vergangenheit

mit den in der Zukunft bevorstehenden

Genüssen, die sie im Zauber ihrer Bilder im Voraus

zum Daseyn ruft. Nur die Gegenwart verliert jedesmal

in der Elegie bei der Zusammenstellung mit

Vergangenheit und Zukunft; in der Gegenwart hat

nichts Reiz, als die eben aufgeregte individuelle

Stimmung des Dichters selbst, dessen Wehmuth

entweder an den Farben der Vergangenheit, oder an

den Bildern der Zukunft hängt.



Daß die Elegie zur lyrischen Dichtkunst gehört,

ist dadurch entschieden, daß die Gegenstände, die sie

schildert, unmittelbare Gefühle, und weder Gefühle,

durch Jdeen der Vernunft veranlaßt, noch

Gefühle sind, die durch Thatsachen und Vorgänge

in der Wirklichkeit angeregt werden. Vom Liede

unterscheidet sich die Elegie, daß jenes den Ton einer

reinen Freude, diese den Ton einer mit Wehmuth

gemischten Freude enthält, weshalb denn auch, aus der

religiösen Dichtkunst, alle sogenannten Bußlieder,

Sterbelieder
u. a. (§. 14.), nach ihrem dichterischen

Charakter zur Elegie, und nicht zum Liede

gehören. Wie die Elegie, dem Stoffe und dem

Tone nach, verschieden von der Ode sich ankündige, |#f0159 : 147|



ist bereits erinnert worden; desto mehr nähert sie

sich aber der Heroide, theils nach der Darstellung

des gemischten Gefühls der Lust und Unlust,

theils nach der beiden gemeinschaftlich milden Farbengebung

und nach der Durchführung des in ihnen

vorherrschenden Grundtones des Gefühls. ─ Zur

Einseitigkeit würde es führen, wenn man die äußere

Form der Elegie
entweder an abwechselnde

Hexameter und Pentameter, oder, wie bei den ältern

teutschen Dichtern, an das schwerfällige und

ermüdende alexandrinische Versmaas binden wollte;

vielmehr eignet sich jedes, dem Charakter der lyrischen

Form überhaupt angemessene, Metrum auch

zur Darstellung der Elegie. ─ Wenn gleich bereits

griechische und römische Dichter die Elegie anbauten;

so stehen doch, unter den gebildeten Völkern

der neuern Zeit, die Teutschen, in Hinsicht

der Elegie, über den Britten, Franzosen und Jtalienern,

theils nach der Mannigfaltigkeit und dem

Reichthume der elegischen Form, theils nach der

Jnnigkeit, Wärme und Zartheit des idealisirten

Gefühls. (v. Haller, v. Kleist, v. Göthe,

v. Schiller, Klopstock, Hölty, v. Herder,

Heydenreich, Jacobi,
v. Stolberg, Kosegarten,

Voß,
v. Matthisson, v. Salis,

Manso, Tiedge
u. a.)



26.

Beispiele der Elegie.


1) von Drollinger († 1742).



Herbstgedanken.



Der schwüle Sommer ist verschwunden,

Die Sonne läuft der kühlen Wage zu;
|#f0160 : 148|



Die Erde neiget sich zur Ruh

Nach ihren arbeitsvollen Stunden.

Jhr bunter Schmuck wird blöd' und alt,

Und, was sich nächst im Flor befunden,

Verändert Farben und Gestalt.

Der Himmel trübet sich. Es haucht ein frischer Duft

Gleich einer kühlen Abendluft,

Und will des Jahres Abend kühlen.

Der Bäume Zierath weicht; die leichten Winde spielen

Mit dem entlaubten Schmuck! O welch ein Unbestand!


Doch nein, ich kenne deine Hand,

Du großer Schöpfer und Erhalter!

Des Laubes Schirm, die schattenvolle Wand,

Die ihrer Früchte zartes Alter

Vor Hitz' und Sturm in Sicherheit beschloß,

Hat nun die treue Hut vollendet,

Da der verwahrte Schutz gezeitigt und geendet;

Drum fällt sie weg, und stellt ihn frei und bloß.

O reicher Schatz, den wir bewundern müssen!

Schau, wie die süße Last die schwanken Aeste beugt!

Es scheint, als wollten sie die werthe Mutter küssen,

Die Mutter, welche sie gezeugt.

Der Blätter Schmuck, der allgemach verfleugt,

Erscheinet nun noch eins so prächtig.

Die schlanke Rebe steht an Frucht und Zierath trächtig.

Schau, wie sie ihre grüne Pracht

Mit Gold und Purpur ausgesticket;

Wie sich ihr sterbend Laub zu guter Letzte schmücket,

Und seinen Abschied herrlich macht.


Wie aber? welch betrübtes Bild

Erblick' ich voller Scham und Schanden!

Jch Armer, ach! mein Herbst ist auch vorhanden,

Mein Sommer ist bereits erfüllt!
|#f0161 : 149|



Wie darf ich, Höchster, vor dir stehn,

Und mein beschämtes Haupt zu deinen Wolken strecken?

Jch bin ein kahler Baum, gleich einer dürren Hecken,

Von keinen Früchten reich, von keiner Zierath schön.

O wehe mir! Die Axt der Rache blinket schon,

Und dräut mir schnödem Holz mit dem verdienten Lohn!


Erbarme dich! erwecke meine Kraft,

Du Wesen voller Huld und Liebe;

Und fülle mich mit neuem Saft,

Mit einem gnadenvollen Triebe,

Eh mich dein Grimm zur Straf' und Flamme rafft!

Herr, laß mich noch in dieser Zeit,

Obgleich mit später Frucht, zu deinem Ruhme dienen!

So werd' ich dort in Ewigkeit

Bei dir im Paradiese grünen!


2) von Albr. v. Haller († 1777).



Beim Absterben seiner geliebten Mariane.

(gedichtet 1736; ─ abgekürzt)



Soll ich von deinem Tode singen?

O Mariane, welch' ein Lied!

Wann Seufzer mit den Worten ringen,

Und ein Begriff den andern flieht.

Die Lust, die ich an dir empfunden,

Vergrößert jetzund meine Noth;

Jch öffne meines Herzens Wunden,

Und fühle nochmals deinen Tod.


Jch seh dich noch, wie du erblaßtest,

Wie ich verzweifelnd zu dir trat,

Wie du die letzten Kräfte faßtest

Um noch ein Wort, das ich erbat.

O Seele, voll der reinsten Triebe!
|#f0162 : 150|



Wie ängstlich warst du für mein Leid?

Dein letztes Wort war Huld und Liebe,

Dein letztes Thun Gelassenheit.


Ach, herzlich hab' ich dich geliebet,

Weit mehr, als ich dir kund gemacht,

Mehr, als die Welt mir Glauben giebet,

Mehr, als ich selbst vorhin gedacht.

Wie oft, wann ich dich innigst küßte,

Erzitterte mein Herz und sprach:

Wie, wenn ich sie verlassen müßte!

Und heimlich folgten Thränen nach.


Jm dicksten Wald, bei finstern Buchen,

Wo niemand meine Klage hört,

Will ich dein holdes Bildniß suchen,

Wo niemand mein Gedächtniß stört.

Jch will dich sehen, wie du gingest,

Wie traurig, wann ich Abschied nahm;

Wie zärtlich, wann du mich umfingest;

Wie freudig, wann ich wieder kam.


Auch in des Himmels tiefer Ferne

Will ich im Dunkeln nach dir sehn,

Und forschen, weiter als die Sterne,

Die unter deinen Füßen drehn.

Dort wird an dir die Unschuld glänzen

Vom Licht verklärter Wissenschaft;

Dort schwingt sich aus den alten Grenzen

Der Seele neu entbundne Kraft.


Dort lernst du Gottes Licht gewöhnen,

Sein Rath wird Seligkeit für dich;

Du mischest mit der Engel Tönen

Dein Lied und ein Gebet für mich.

Du lernst den Nutzen meines Leidens,
|#f0163 : 151|



Gott schlägt des Schicksals Buch dir auf;

Dort steht die Absicht unsers Scheidens

Und mein bestimmter Lebenslauf.


Vollkommenste! die ich auf Erden

So stark, und doch nicht gnug geliebt;

Wie liebenswürdig wirst du werden,

Nun dich ein himmlisch Licht umgiebt.

Mich überfällt ein brünstigs Hoffen;

O, sprich zu meinem Wunsch nicht nein;

O, halt die Arme für mich offen!

Jch eile, ewig dein zu seyn.


3) von Hölty († 1776).



Die Mainacht.



Wann der silberne Mond durch die Gesträuche blinkt,

Und sein schlummerndes Licht über den Rasen streut,

Und die Nachtigall flötet,

Wandl' ich traurig von Busch zu Busch.


Selig preis' ich dich dann, flötende Nachtigall,

Weil dein Weibchen mit dir wohnet in Einem Nest,

Jhrem singenden Gatten

Tausend trauliche Küsse giebt.


Ueberhüllet von Laub, girret ein Taubenpaar

Sein Entzücken mir vor; aber ich wende mich,

Suche dunklere Schatten,

Und die einsame Thräne rinnt.


Wann, o lächelndes Bild, welches wie Morgenroth

Durch die Seele mir stralt, find' ich auf Erden dich?

Und die einsame Thräne

Bebt mir heißer die Wang' herab.
|#f0164 : 152|



4) von v. Herder († 1803).



Das Grab des Heilandes *.



So schläfst du nun den Todesschlaf im Grabe,

Du junger Held, gefärbt mit schönem Blut,

Dein Leben war für tausend Lebensgabe,

Dein Tod erquickt auch Sterbende mit Muth.

Ruh' dann, erlößt von jedem Jammer,

Womit dich Menschenhärte traf,

Jn deiner stillen Kammer

Den schwer errungnen Schlaf.


Du aber, Freund, an diesem bittern Tage,

Komm, schau mit mir der Menschheit Scenen an.

Sieh, welch' ein Mensch! betracht' ihn still, und sage:

Wer Menschen segnender je werden kann.

Komm, laß an seiner Gruft uns denken,

Was uns im Tod allein erfreut;

Aus Liebe sich zu kränken,

Jst süße Dankbarkeit.


Jn Nazareth, am Galiläermeere,

Wer gab dem Jünglinge den hohen Geist,
*

Größtentheils ist bei dieser Elegie die ältere Ausgabe

in Herders Briefen, das Studium der

Theologie betreffend,
beibehalten, und nicht

die zweite in s. Gedichten, herausgegeb. v. J. G.

Müller (Stuttg. u. Tüb. 1817) Th. 2. S. 171

befolgt worden, weil sich in derselben kaum erklärbare

Nachlässigkeiten finden. Man vergleiche nur z. B.

sogleich die zweite und vierte Zeile der ersten Strophe:

So schläfst du nun den Todesschlaf im Grabe,

Du junger Held, der schöne Dornen trug.

Dein Leben war für tausend Lebensgabe,

Dein Tod erquickt auch Sterbende mit Muth.


u. s. f.
|#f0165 : 153|



Der wie entkommen schon der Erden Schwere *,

Sein Reich den Himmel, Gott nur Vater heißt,

Und schaut, wie seine Sonne leuchtet

Auf Bös' und Gute, wie sein Thau

So Ros' als Dornen feuchtet

Auf Einer Gottesau.


„Auf, laßt uns Kinder seyn der Vatergüte,

Vollkommen, wie der Herr vollkommen ist!“

So pflanzt' er in der Sterblichen Gemüthe

Unsterblichs Wesen, das sich selbst vergißt,

Und im Verborgnen schafft und flehet **,

Für Menschen schafft, für Feinde fleht,

Still für die Zukunft säet,

Und still von dannen geht.


„Glücksel'ge Armen! glücklich, die da leiden,

Jn sanfter Unschuld, die Erbarmenden,

Die, reines Herzens, Menschen Fried' und Freuden

Und Mitleid reichen, und den Haß bestehn.

Seyd fröhlich und getrost! euch lohnet

Jm Himmel ew'ger Trost und Lohn;

Der Staub, den ihr bewohnet,

Jst bald dem Staub entflohn ***.“


„Auf, seyd der Zeiten Licht, das Salz der Erde,

Ein Stern der Nacht, ein Keim der Fruchtbarkeit.

Jn euch ist Licht, damit Glanz um euch werde;

Jn euch ist Gold, das ihr den Menschen leiht.
*

Hier hat die ältere Ausgabe: Erden sphäre.
**

Hier hat die neue Ausgabe: schafft und betet, ohne

doch die drei folgenden Zeilen zu verändern, wo säet

nicht auf betet sich reimt.
***

So die ältere Ausgabe. Die spätere hat:

Wo jeder Gute wohnet,

Dem Haß der Welt entflohn.
|#f0166 : 154|



Auf! dringet durch der Sieger Pforte!

Eng ist die Pforte, schmal der Weg,

Zum höchsten Freudenorte

Ein unbetretner Steg *!“


Er sprachs, und ging voran die Donnerpfade **

Die noch dem Sterbenden sein blutig Haupt

Jm Kranze schmückten. Haupt, du lächelst Gnade,

Als hätte Ros' und Lorbeer dich umlaubt.

Entschlummre! ─ Bald wird deine Krone,

Siegprangend, wie der Sterne Glanz,

Dem Menschengott zum Lohne,

Ein ew'ger Gotteskranz.


Denn, sanft wie Gott, gefällig gleich den Engeln,

War Güte nur und Huld sein Königreich.

Mitfühlend unsrer Last und unsern Mängeln,

Nur sich allein an Kraft und Würde gleich.

Einsam im lauten Weltgetümmel

Jn seine Größe still verhüllt.

So stralt am hohen Himmel

Die Sonne, Gottes Bild ***.


Und konnten dem ein Unheil Fromme stiften?

Die Priester, ach, ergrimmte sein Bemühn.
*

So die ältere Ausgabe. Die spätere:

Der zu dem Freudenorte

Führt unbetretnen Steg.
**

So die ältere Ausgabe. Die spätere:

So sprach er, und ging selbst der Dornen Pfade.
***

So die erste Ausgabe. Die spätere hat:

Ein Gotteseifrer ohn' Entrüsten,

Der, nie verhöhnend, oft beweint,

Was Menschen dulden müßten,

Ein echter Menschenfreund.
|#f0167 : 155|



Sie riefen ihn aus ihren alten Schriften,

Und als er kam, erwürgten Priester ihn.

Zu schwer der Heuchelei geworden,

Entging er ihrer Tücke nicht.

Jhn riß der Segensorden

Jns ärgste Blutgerüst *.


Wie? hatt' er nicht schon lebend viel gelitten?

Er, dessen Herz das Mitleid selber war.

Ein zarter Sproß, um den die Stürme stritten,

Ein Arzt, dem fremdes eignes Leid gebahr.

„Laß diesen Kelch vorübergehen!

Doch Vater, du hast ihn gefüllt.

Dein Wille soll geschehen;

Nicht ich, wie du, Herr, willt!“


Er trank den Kelch, und als nun seine Glieder

Gefühl der Gottverlassenheit durchdrang;

Schon drückte Nacht die matten Augenlieder,

Des schweren Hohnes schwarze Wolke sank.

Zerrissen war der letzten Schmerzen

Geliebter Knote, der den Freund

Mit Freund- und Mutterherzen

Jm Tode noch vereint;


Da blickt' er auf und sah die schönen Auen,

Die er dem Sünder Mitleidsvoll verhieß.

„Gedenk' an mich, und laß dein Reich mich schauen;

„Heut sollst du's schaun, der Freuden Paradies.“

„Empfang' in deine Vaterhände

Den matten Geist ─ es ist vollbracht!“

Da kam sein stilles Ende,

Sein Auge brach in Nacht. ─
*

Diese ganze kräftige Strophe fehlt in der neuen

Ausgabe.
|#f0168 : 156|



Nicht Thränen, Freund, ein Leben ihm zu weihen,

Wie seines, das nur ist Religion.

Was ihn erfreute, soll auch uns erfreuen,

Was er verschmähte, sey uns schlechter Lohn.

Mit Güte Bosheit überwinden.

Undank der Welt, wie er, verzeihn,

Jm Wohlthun Rache finden,

Soll Christenthum uns seyn!


5) von Joh. Georg Jacobi († 1814).



Die Linde auf dem Kirchhofe.



Die du so bang den Abendgruß

Auf mich herunter wehest,

Zur Wolke schwebst, und mit dem Fuß

Auf Todtenhügeln stehest,

O Linde! manche Thräne hat

Den Boden hier genetzet,

Und Menschenjammer, blaß und matt,

Auf ihn sein Kreuz gesetzet.


Die auf dem einen Hügel hier

Geweint um ihre Lieben,

Die birgt ein andrer neben dir;

Und ihrer wenig blieben.

Sie schlafen. Ach! um ihr Gebein

Verhallet schon die Trauer;

Du Linde rauschest ganz allein

Jn athemlose Schauer.


Vergebens läßt auf kühles Grab

Dein Zweig die Blüthe fallen;

Vergebens tönt von dir herab

Das Lied der Nachtigallen;

Sie schlummern fort; du aber schlägst

Jn modervolle Grüfte
|#f0169 : 157|



Die Wurzel, schmückest dich, und trägst

Empor die Blüthendüfte.


Auf Erden sieht man immer so

Den Tod ans Leben grenzen;

Doch ewig kannst du, stolz und froh,

Die Aeste nicht bekränzen.

Es trocknet schon der Jugend Saft

Jn dir; Verwesung winket,

Bis endlich deine letzte Kraft

Dahin auf Gräber sinket.


Wann aber dein Geflüster auch

Verstummt an diesen Hügeln;

So bringet neuen Frühlingshauch

Der West auf Rosenflügeln.

Damit die Felder wieder blühn,

Umwallt er Berg' und Gründe;

Will deinen Sprößling auferziehn,

Und krönt die junge Linde.


Wohl uns! der große Lebensquell

Versiegt dem Geiste nimmer.

Das Kreuz auf Gräbern, wie so hell

Jn dieser Hoffnung Schimmer!

O Linde! gern an deinem Fuß

Hör' ich des Wipfels Wehen;

Dein feierlicher Abendgruß

Verkündet Auferstehen!


6) von Manso.



Was sie mir nahm und gab.



Auch mich hat einst der Wahn argloser Seelen,

Der schmeichelnde, geliebt zu seyn, beglückt,

Und unterm Schlag tonreicher Philomelen
|#f0170 : 158|



Ein Schwanenarm ans volle Herz gedrückt.

„Nimm, sprach zu mir, am schönsten meiner Tage,

Die lieblichste der Grazien,

Nimm diesen Kuß, daß man, dich neidend, sage:

Auch er war in Arkadien!“


Jch nahm den Kuß, und von mir selbst geschieden,

Fühlt' ich für nichts, als für die Schmeichlerin.

An sie verlor mein Herz den goldnen Frieden,

Jhr opfert' ich den sorgenfreien Sinn.

Mein Leben war Gedanke an die Traute,

Mein kleinster Wunsch ihr Eigenthum,

Und jedes Lied in die gewölbte Laute

Ein süßes Lied zu ihrem Ruhm.


Oft fragt' ich sie, wenn meine Silbertöne

Jhr Ohr verschlang: „Was schenkst du mir dafür?“

„Nimm diesen Kuß, erwiederte die Schöne,

Und sey mir treu, mein Herz gelob' ich dir!“

Und ich, berauscht von ihren Nektarküssen,

Ließ ruhig in ihr Netz mich ziehn.

So hat sie schlau, was mein war, mir entrissen,

Und von dem Jhren nichts verliehn.


O tief hinab in Lethens Strom versenken

Möcht' ich das Bild, das meinen Jammer nährt ─

Und doch, und doch ist mir das Angedenken

An ihre Huld und meine Qual so werth;

Und doch gewann ich, in der wunderbaren,

Mir täglich süßern Dienstbarkeit,

So manches, was mein Herz sich zu bewahren,

Mein Geist sich zu erneuern freut.


Wer sonst, als sie, gab mir das süße Sehnen,

Das bald mit Lust, und bald mit Schmerz erfüllt?

Wer lehrte mich, was aus der Duldung Thränen
|#f0171 : 159|



Für himmlisches Entzücken niederquillt?

Was zog mich zu der Freude Melodieen,

Und band mich an der Schwermuth Ach?

Was gaukelt noch in bunten Phantasieen

Mir in vertraute Schatten nach?


Vergiß dein Wort und mich, Adelaide,

Vergiß den Kuß, mein theures Unterpfand!

Jch werde nie dein zu gedenken müde,

Und ehre gern, was ich für dich empfand!

Das Saitenspiel, das mir im Busen tönet,

Jst deiner Liebe Wiederklang;

Was heute noch mich mit der Welt versöhnet,

Der Traum, der schmeichelnd mich umschlang.


7) von v. Matthisson.



Wunsch. An Salis.



Noch einmal möcht' ich, eh' in die Schattenwelt

Elysiums mein seliger Geist sich senkt,

Die Flur begrüßen, wo der Kindheit

Himmlische Träume mein Haupt umschwebten.


Der Strauch der Heimath, welcher des Hänflings Nest

Mit Kühlung deckte, säuselt doch lieblicher,

O Freund, als alle Lorbeerwälder

Ueber ber Asche der Weltbezwinger.


Der Bach der Blumenwiese, wo ich als Kind

Violen pflückte, murmelt melodischer

Durch Erlen, die mein Vater pflanzte,

Als die blandusische Silberquelle.


Der Hügel, wo der jauchzende Knabenreihn

Sich um den Stamm der blühenden Linde schwang,

Entzückt mich höher, als der Alpen

Blendender Gipfel im Rosenschimmer.
|#f0172 : 160|



Drum möcht' ich einmal, eh' in die Schattenwelt

Elysiums mein seliger Geist sich senkt,

Die Flur noch segnen, wo der Kindheit

Himmlische Träume mein Haupt umschwebten.


Dann mag des Todes lächelnder Genius

Die Fackel plötzlich löschen; ich eile froh

Zu Xenophons und Platons Weisheit,

Und zu Anakreons Myrthenlaube!


8) von Mahlmann.



Das Grab.



Selig die Todten!

Sie ruhen und rasten

Von quälenden Sorgen,

Von drückenden Lasten,

Vom Joche der Welt und der Tyrannei;

Das Grab, das Grab macht allein nur frei.


Ueber der Erde,

Da walten die Sorgen; ─

Jm Schooße der Mutter

Jst jeder geborgen!

O Nacht des Todes, du bettest weich; ─

Das Grab, das Grab macht allein nur gleich.


Land der Verheißung,

Du führest die Müden

Nach brausenden Stürmen

Zum seligen Frieden.

Wann Freude verschwindet, wann Hoffnung verläßt;

Das Grab, das Grab hält den Anker fest.


Wieder sich finden,

Und wieder umarmen,

Und wieder am Herzen
|#f0173 : 161|



Geliebter erwarmen!

Und ewig zu leben im süßen Verein! ─

Das Grab, das Grab wird uns all' erfreun!


Kränzet die Thore

Des Todes mit Zweigen!

Und tanzt um die Gräber

Den fröhlichen Reigen!

Und steuert muthig zum Hafen hinein,

Das Grab, das Grab soll Triumphthor seyn!


9) von Fr. Adolph Kuhn.



Elegie an einen Wahnsinnigen.



Vergieb, mein Bruder, daß der Harfe Saiten

Den Klaggesang der Wehmuth nicht begleiten,

Den mancher Mund dir noch entgegenträgt;

Daß ich im Kerker deiner Mißgeschicke

Noch einen Stral, noch Labungen erblicke,

Die Sonnenlicht in keinem Busen hegt.


Zwar beut kein Licht dir seine sanfte Rechte,

Dein Leben ist wie dumpfe Mitternächte,

Dein Herz ein auferstehungsloses Grab;

Du bist nur dir dein ewiger Genosse,

Erspähst vom Leben nur die nächste Sprosse,

Und taumelst wie ein Jrrlicht dann hinab.


Kein lichter Tag entzückt aus deinen Grüften

Dich Modernden zu seinen Rosenlüften,

Wenn Lenz Natur wie seine Braut umfängt;

Kein halber Schimmer jubelnder Gefühle,

Kein Odem aus der Schöpfungen Gewühle

Hat sich in deine Felsenbrust gedrängt.
|#f0174 : 162|



Der bessern Erdenliebe Schmeichelworte

Zersprengten nie für dich die goldne Pforte

Des Allerheiligsten, das Geistern prangt;

Und nie hast du, an Menschen hingesunken,

Aus vollem Kelch die Wollust dir getrunken,

Die eine Welt für ihren Kuß verlangt!


Beweint von Keinem, wie nur wenig sanken,

Wirst du allein, allein zum Grabe wanken,

Allein und unbegrüßt dort auferstehn;

Und wenn sich dort die Freunde jauchzend winken,

Sich glühend Seelen in die Arme sinken,

Dich freudelos und ewig einsam sehn.


Von Weihestunden nimmer aufgefordert,

Hat nie dein Geist zu Gott emporgelodert,

Und nimmer dich sein Odem mild umrauscht,

Und nimmer hat im Reiche der Naturen,

Jm Sternenflug, auf lichten Sonnenfluren

Dein matter Blick Unsterblichkeit belauscht.


Vergieb, mein Bruder, daß der Harfe Saiten

Den Klaggesang der Wehmuth nicht begleiten,

Aus deren Blick dir manche Zähre dringt,

Und höre mich, für den in hellen Stunden

Gefühl und Geist wohl einen Kranz gewunden,

Wie er nicht alle Locken hier umschlingt.


Ha juble! von der Menschheit losgerissen

Wirst du auch nie vom grausen Schicksal wissen,

Wo Edle wild den Adelsbrief entweihn;

Wo die, die Göttlichkeit im Busen tragen,

Gleich Rasenden dem Sonnenlicht entsagen,

Um in der Finsterniß sich fremd zu seyn.


Kein Freund wird dich zum frohen Gotte lügen,

Und dich zuletzt um jenen Schwur betrügen,

Der in dem Bruder Brudersinn erblickt.
|#f0175 : 163|



Kein Liebeskuß wird mit entflammten Zügeln

Dich in der Träume Feenland beflügeln,

Aus dem ein Blitz dich in die Hölle schickt.


Kein Kraftgefühl wird unter seinen Fahnen

Um hohe That, um Heldenkampf dich mahnen,

Jn dem zerknickt so oft der Arm erliegt,

Und Phantasie wird nie mit ihren Stralen

Ein Aetherbild aus dir und Träumen malen,

Das deiner spottend über Sterne fliegt.


Aus wildem Sturm, aus abgerißnen Aesten,

Aus Hütten, aus verzweifelnden Pallästen,

Aus Wogentrümmern, aus der Rasengruft

Wird nie dein Ohr in dumpfen Trauerchören

Das bange Sterbelied der Trennung hören,

Das fürchterlich durch unsre Jubel ruft.


Was nie ein Thor, ein Weiser nie errungen,

Das ist nur deiner schwachen Hand gelungen,

Die nimmer solchen Würfen nachgestellt.

Emporgehoben über alles Sehnen,

Und über alle Freuden, alle Thränen,

Bist du allein dir ewig deine Welt.


Drum zürne nicht, daß meiner Harfe Saiten

Den Klaggesang der Wehmuth nicht begleiten,

Jn deren Wimper manche Zähre bebt;

Und du, o Geber mancher schwülen Tage!

Vergieb, daß ich den Mann nicht ganz beklage,

Den Wahnsinn auf in kühle Zonen hebt!


10) von Kosegarten († 1818).



Der Maalstein.



Wen haben sie hier in den Staub gebettet?

Wen in die Nacht, die eiserne, verscharrt?
|#f0176 : 164|



Aus der kein Hahnenschrei, kein weckend Frühroth rettet,

Auf die kein Sonnenaufgang harrt?


Jn jene Nacht, in die kein Laut des Lebens,

Kein leiser Hoffnungslispel niederwallt;

Für die der Freude Sturm, der Angst Geheul vergebens

Empor zum blauen Bogen hallt.


Jn jene Nacht, in die der Wittwe Stöhnen,

Der Waisen Klage nicht hinunterdringt;

Jn jene Fernen, draus kein Flehen und kein Sehnen

Den theuren Flüchtling wiederbringt.


Bist du es, Edler, der in unserm Kreise

So würdig und demüthig wandelte?

So friedlich und so still, so schlecht und recht, so weise

Und christlich dacht' und handelte?


Geschlossen ist dein freundlich Aug' auf immer?

Verriegelt ewig dein mitleidig Ohr?

Du liegst und schläfst, und schlägst die schweren Wimper

nimmer

Aus deinem Todesschlaf empor?


Und Herzensgüte, Herzensreinheit wäre

Nicht besser, als das Gras, das Wiesen schmückt

Und in der Sonne dorrt? nicht edler, als die Aehre,

Die halbgereift der Sturmwind knickt?


Nein, Menschenfreund, in diesem engen Hause

Wohnt nicht dein beßres Selbst, dein wahres Du!

Dein wahres Du, verschmähend dieser Welt Karthause,

Flog jenen schönern Welten zu.


Nur dein Gewand, zerrissen und zertrümmert,

Vertrauten wir der großen Mutter Schoos, ─

Ein Samenkorn, dem einst der Menschheit Blum' entschimmert,



Unkränkbar, schmerzlos, todeslos.
|#f0177 : 165|



Du selbst, Verklärter, schwangst mit Lichtstralsschnelle

Dich über Erdengram und Sargesnacht

Und Grabeseng' empor zu deines Edens Schwelle,

Wo dir ein mildrer Himmel lacht;


Wo eine schön're Sonne dich umlächelt,

Wo eine schön're Erde dich umglänzt,

Wo linde Kühlung dir die heißen Schläfen fächelt,

Und der Vollendung Kranz dich kränzt. ─


Wie war dir, Sel'ger, als die neue Sonne

Dir Staunenden entgegen funkelte?

Als dich des Paradieses namenlose Wonne

Hochwogig überflutete?


Als Er, der Menschenretter Erster, Größter,

Als Jesus Christus lächelnd zu dir sprach:

„Sey mir gegrüßt, Geliebter, sey getrost, Erlöster!

Dir folgen deine Thaten nach.“


„Mich hungerte, und du hast mich gespeiset!

Mich schauderte, und du hast mich erwarmt!

Nackt war ich und entblößt, verlassen und verwaiset,

Und du hast meiner dich erbarmt!“


„Jch ward verklagt, und du hast mich vertreten;

Krank lag ich, und du nahmst dich meiner an;

Gefangen saß ich hart, du hast mich losgebeten,

Und mich befreit von Acht und Bann!“


Da sprachst du: „Herr, mein Heiland, Quell des Guten,

Wann hätt' ich jemals hungernd dich erblickt,

Dich, der die Raben speist? dich durstig, der mit Fluten

Lebend'gen Wassers uns erquickt?


Dich nackend, der die Frühlingsanger kleidet,

Dich eingekerkert, der die Himmel füllt,

Dich heimlos, der in Eden neue Rosen weidet,

Dich krank, dem alle Kraft entquillt?
|#f0178 : 166|



Doch liebend schaute Jesus auf dich nieder,

Und: „Wahrlich, sprach er, Freund, ich sag' es dir:

Was du gethan hast Einem meiner kleinsten Brüder,

Das thatest du, mein Bruder, mir.“ ─


O süßes Wort! So hoch lohnt Jesus Christus

Dem Mann, der wie sein Jch die Brüder liebt!

Der, schauend auf sein großes Vorbild Jesus Christus,

Barmherzigkeit an Brüdern übt.


Barmherzigkeit, du Zarte, Klare, Milde,

Einfältig, anspruchslos, voll Kraft und Ruh,

Du allerschönster Zug aus Gottes Ebenbilde,

Barmherzigkeit, wie schön bist du!


Barmherzigkeit, du träufst in Todeswunden

Des Mitleids Oel, der Hoffnung Labewein;

Die schauerliche Nacht der letzten bangen Stunden

Erhellt dein sanfter Mondenschein.


Barmherzigkeit, du führst uns stracks und grade

Zum Vater der Barmherzigkeit empor,

Kniest an des Richters Stuhl, und flehest Gnade,

Gnade,

Und sprengst des Paradieses Thor.


Barmherzigkeit, du flichtst in stiller Schwermuth

Um unsre Todten diesen Rosmarin,

Der blühn und duften soll, bis Rosmarin und Wermuth

Nicht mehr auf Leichenhügeln blühn!


27.

g) Die Heroide.


Die Heroide ist eine Elegie, doch mit der

Eigenthümlichkeit, daß in derselben der Dichter nicht

in seiner Person, sondern im Charakter einer abwesenden |#f0179 : 167|



Person, gewöhnlich eines Verstorbenen,

spricht, und auf diesen den Ausdruck seiner Gefühle

überträgt. Die Benennung gehört dem Ovid,

welcher in 21 Heroiden ausgezeichnete und bereits

vollendete Jndividuen aus dem heroischen Zeitalter

unter der lyrisch=epistolischen Form vergegenwärtigte.

Denn dadurch eben gehört die Heroide, obgleich ihr

äußeres Gewand epistolisch ist, zunächst zur lyrischen

Form der Dichtkunst, daß in ihr weder

Thatsachen, noch Grundsätze und Lehren versinnlicht,

sondern individuelle Gefühle unter einer idealischen

Haltung dargestellt werden. Enthielte die Heroide

gleichmäßig oder abwechselnd die Schilderung von

individuellen Gefühlen, Thatsachen und Lehren; so

müßte sie, in der Theorie, als Untergattung der

poetischen Epistel unter der Ergänzungsklasse dichterischer

Formen aufgeführt werden.



Sie wird aber, durch den in ihr vorherrschenden

Grundton eines aus Wonne und Wehmuth gemischten

Gefühls, eine Untergattung der Elegie. Die

bald stärkere, bald schwächere Farbengebung in der

Darstellung dieses gemischten Gefühls beruht theils

auf dem in der Heroide versinnlichten Stoffe, theils

auf der Lebendigkeit und Stärke der in dem Dichter

aufgeregten Gefühle. So wie die einzelnen

Elegieen an Fülle der Bilder und Kraft des Tones

sehr von einander verschieden sind; so auch die Heroiden.

Die dichterische Literatur der Britten, Franzosen

und Jtaliener erscheint verhältnißmäßig reicher

im Anbau der Heroide, als die teutsche, in welcher

unter den Dichtern des siebenzehnten Jahrhunderts

Hoffmannswaldau und Lohenstein, und unter

den Dichtern des achtzehnten Jahrhunderts

Dusch, von Trautzschen, Schiebeler und |#f0180 : 168|



Eschenburg sehr mittelmäßige Heroiden schrieben,

und nur Wielands acht Briefe der Verstorbenen

an hinterlassene Freunde (im zweiten Supplementbande

seiner sämmtlichen Werke, S. 201 ff.)

sich auszeichnen. Eine nicht unbrauchbare Sammlung:

Heroiden der Teutschen, erschien von

Fr. Raßmann, Halberst. 1824, wo, außer einer

aufgenommenen Heroide von Wieland, auch eine

von Bürger (frei nach Pope), eine von Tiedge,

Kosegarten,
Aug. Wilh. Schlegel, und von einigen

minder wichtigen Dichtern, mitgetheilt worden sind.



Weil übrigens jedesmal der Theorie, in Hinsicht

der einzelnen Formen der Sprachdarstellung, der vielseitige

Anbau dieser Formen durch die Classiker vorausgehen

muß, bevor die Theorie derselben umschließend

und erschöpfend entwickelt werden kann;

so darf es nicht befremden, daß die Theorie der

Heroide hinter der theoretischen Darstellung der übrigen

lyrischen Formen zurücksteht, weil eben diese

Form von ausgezeichneten Dichtern verhältnißmäßig

am wenigsten angebaut worden ist. Unverkennbar

ist der dichterische Stoff der Heroide weit beschränkter,

als der Stoff der Elegie überhaupt; denn es

sind Verstorbene, es sind vollendete Wesen, die in

derselben redend, und nach dem ihnen von dem Dichter

beigelegten Tone des Gefühls, eingeführt werden.

Doch würde das Gebiet des Stoffes der Heroide

noch mehr beschränkt werden, wenn die von einigen

Theoretikern aufgestellte Bedingung gelten sollte, daß

die aufgeführten Jndividuen und ihre Verhältnisse

allgemein bekannt seyn, und von dem Dichter nach

ihrem geschichtlichen Charakter geschildert werden

sollten. Dies ist allerdings in einzelnen Heroiden

der Fall, nicht aber eine unerläßliche Forderung an |#f0181 : 169|



die Heroide überhaupt. Denn warum soll die schöpferische

Einbildungskraft des Heroidendichters in

Erfindung des Stoffes beengter seyn, als des Dichters

der Elegie, der Ode, der Epopöe und andrer

dichterischer Formen? Nicht der geschichtlich vorhandene,

nicht der von dem Dichter idealisch geschaffene

Stoff, sondern die vollendete Form der Darstellung

entscheidet über den ästhetischen Gehalt der

Heroide. Wohl aber muß der Heroidendichter,

der einen geschichtlichen Stoff wählt (z. B. Brutus,

Cäsar
u. a.), dem in Thatsachen ausgeprägten

Charakter seines Helden treu bleiben.



Nach den besseren, in der teutschen und ausländischen

Literatur vorhandenen, Heroiden unterscheiden

sich dieselben von den Elegieen weniger

durch den in beiden vorherrschenden Grundton des

gemischten Gefühls der Wonne und Wehmuth,

als durch eine größere Ausführlichkeit der

Darstellung, welche eine vollständigere Schilderung

der individuellen Gefühle, und der diese Gefühle

veranlassenden Verhältnisse, verstattet. Doch eben

in dieser lyrischen Mahlerei muß der Dichter nach

der ganzen Lebendigkeit und nach dem Reichthume

seiner Einbildungskraft sich ankündigen, damit nicht

Einförmigkeit und Eintönigkeit die Form der Heroide

drücke, und den ästhetischen Eindruck derselben

vermindere und verdunkle. Wird aber diese

Klippe von dem Dichter vermieden; so beruht unverkennbar

das hohe Jnteresse, das die Heroide als

lyrische Form gewährt, auf der stillschweigenden

Annahme einer fortdauernden Verbindung zwischen

den Vollendeten und ihren auf Erden zurückgebliebenen

Geliebten, einer Verbindung, die von allen

Mängeln der Sinnlichkeit, von allen auf Erden bestehenden |#f0182 : 170|



Ungleichheiten der persönlichen und bürgerlichen

Verhältnisse befreit, und von der Ruhe und

Seligkeit des Zustandes vollendeter Geister umflossen

ist.



28.

Beispiel der Heroide.

Alexis an Dion,
(abgekürzt)

von Wieland († 1813).


Freund, die Liebe, die uns im irdischen Leben vereinte,

Hat mein Sterben erhöht. Wie könnt' ich mein irdisches

Glück dir

Länger verhehlen, da einst uns jede Freude gemein war?

Billig weih' ich die Erstlinge dir der himmlischen Früchte,

Deiner göttlichen Freundschaft, die ich mit Seraphim

breche.

Doch du genießest sie schon, indem dein Freund sie genießet,



Und durch dich sie genießt. Welch eine himmlische Wollust

Muß es durch dein Jnnerstes athmen, das süße Bewußtseyn,

Einen Engel gebildet zu haben! So lohnet die Weisheit!

Dion, du weißt, wie freudig der Tod mich fand, ihm

zu folgen,

Ja ganz thränenfrei, hätte mich nicht mein Dion gehalten,

Und die Klagen der zärtlichen Schwester. ─ Jch hoffte

vom Tode,

Was mir ein nächtliches Leben verweigert hatte; still

lauschend

Horchte mein Ohr dem Rauschen des Todesengels entgegen,

Dem ich flehte zu eilen. Er kam. Sein kältender Anhauch

Schauerte sanft durch jede Ader; nur flatternden Lüftchen

Aehnlich, berührte mein Ohr die weinende Stimme der

Freundschaft,
|#f0183 : 171|



Und jetzt sank ich in süße Betäubung, so sanft, wie der Abend

Jn die Arme der Nacht auf weiche Blumen dahin sinkt.

Als ich erwacht', o Wunder, so schwebt' ich, vom Körper

entfesselt,

Und von ätherischem Schimmer umflossen, über dem Lager,

Wo ich die irdische Hülle gelassen, um die ihr im Kreise

Sprachlos standet. Mit schüchternem Blick voll froher

Verwund'rung

Sah ich zweifelnd umher, und des Lichts noch ungewohnt,

schlossen

Jmmer die Augen sich wieder, wiewohl der irdische Mittag

Einem ätherischen Auge nur matter dämmernder Glanz

scheint.

Eine Göttergestalt trat aus dem eröffneten Lichtkreis

Majestätisch hervor, und löschte der irdischen Schönheit

Dunklere Bilder aus meinem Gemüth', wie die steigende

Sonne

Schnell das Morgengewölk und die flüchtigen Schimmer

der Dämmrung

Löscht, und in triumphirendem Glanz den Himmel erfüllet.

Mein zu junges Gesicht ertrug den Anblick des Engels

Einen Augenblick kaum; ich sank in sanfter Betäubung

Jhm in die zärtlich eröffneten Arme. Die himmlischen Lüfte,

Die sein duftender Fittig verweht', erweckten bald wieder

Mein entschlafnes Gefühl. Er hatte mit schwächeren

Farben

Seine zu göttliche Pracht gemildert. Jetzt sah ich ihn kühner

Und bald unverrückt an; die Liebe, die mir sein Lächeln

Eingoß, stärkte mein Auge zum überirdischen Anblick.

Er hieß mich folgen. Mein Blick zerfloß in der blendenden

Aussicht

Durch den ätherischen Raum. Sein unermeßlicher Umfang

War noch glänzendes Chaos für mich; ich schaute verwundernd


|#f0184 : 172|



Jn die ätherischen Felder. Da flammten unzählbare Sterne

Um mich in grenzlosen Weiten; die einen schossen wie Blitze

Jn das geblendete Auge; die andern, dem Abendstern

ähnlich,

Hauchten ein sanfteres Licht. Jn weiten helleren Kreisen

Ruhten die Sonnen in göttlicher Pracht, in kreisendem Fluge

Drängten sich, zahllos, die Erden zu ihrem beseelenden

Lichte.

Dreimal sank ich entzückt auf mein Antlitz; erhabene

Gedanken

Schwellten in meiner Seele sich auf, und strebten gen

Himmel

Hin zu dem göttlichen Licht, von dem die Funken hier

schwammen.

Auch der Engel, wiewohl des göttlichen Schauspiels gewohnet,



Theilte mein Entzücken, und sah mit denkenden Augen

Bald in die sternvolle Tiefe, bald auf mein Antlitz,

das heller

Schimmert'. Jetzt blickt' ich behend in den glänzenden

Abgrund zurücke,

Athmete geizig die himmlische Luft, und fühlt' es, o Dion,

Daß hier mein Vaterland sey. Wir flogen weiter. Die

Freude

Ueber mein neues Leben gab meinem Fluge des Lichtes

Schnelligkeit. Ganze Himmel entflohn mit ihren Gestirnen

Unter uns weg. Schon schaut' ich mit festern, geübteren

Blicken,

Jn den ätherischen Ocean hin. Wie staunt' ich auf's neue,

Da ich, was ich für Wüsten gehalten, voll Wesen erblickte.

Freund, ich erstaunte noch mehr. Doch könnt' ich, was

ich gesehen,

Jn der irdischen Sprache dir mahlen? Die Sprache der

Engel
|#f0185 : 173|



Selber ist noch zu arm, die Wunder des Schöpfers zu

nennen.

Mein Begleiter sah meinen Geist in Bewund'rung versunken,



Ob ich gleich schwieg. Er sagte: wie billig entzückt dich

der Anblick

Einer dir neuen Schöpfung! Du glaubst, die Gottheit

zu sehen,

Die du vorher nur geahnt. Du fühlst sie dir näher,

und schmeckest

Still in dir selbst die Seligkeiten des großen Gedankens,

Daß, der diese Himmel ins Leben hauchte, dich liebet.

Hier, hier wachsen die Flügel der Seele, die göttliche

Liebe,

Liebe zum einzigen Wesen, dem alle Herzen gehören.

Nur der thierische Mensch, versunken im Schlamme

des Stoffes,

Hat kein Auge, das Licht, das ihn durchleuchtet, zu sehen,

Hat kein Ohr, zu vernehmen, was jeder Laut in der

Schöpfung,

Was ihm der mächtige Einklang von allen Welten verkündigt.



Während mein Führer dies sprach, entdeckte sich endlich

die Sphäre,

Die ich bewohne, dem suchenden Aug'. Aus hundert

Gestirnen

Stralte sie prächtig hervor. Mit dreimal schnellerem

Flügel

Flohn wir ihr zu; ein süß erquickender zirkelnder Lichtstrom

Ging von ihr aus; nie gefühlte Wollust durchstralte

mein Wesen.

Jch empfand, daß der Leib, womit mein himmlischer

Schutzgeist

Mich im Tode bekleidet, für diese Sphäre geschaffen,
|#f0186 : 174|



Seine Geburtsluft hauchte, er schien mir verklärter und

leichter.

Sieben saffirne Monde gehn mit harmonischen Schritten

Um sie herum. Mit der sanften Dämm'rung des fernsten

Begleiters

Sanken wir auf die schönste der Welten. ─ Doch, Dion,

hier schweigen

Alle Menschenbegriffe; was ich gefühlt und gesehen,

Wirst du alsdann erst fühlen und sehn, wann die einzige

Hoffnung,

Die der Tugend auf Erden erlaubt ist, der Tod dich

mir zuführt.

Hier, wo ich wohn', ist Sitz der Schönheit. Die übrigen

Sonnen

Scheinen nur Schatten von ihm. Ein Engel, der tausend

Olympe

Durchgeflogen, verweilet sich hier; sein Fuß, wie geheftet,

Säumt auf den lazurnen Hügeln, und fast vergißt er

im Anschaun

Seines Fluges erhabenen Zweck. ─ Hier herrschet die

Weisheit

Schattenfrei, einfach, göttlich, die Schöpferin ewiger

Wollust.

Jeglicher Blick ist Wahrheit, in jeder Empfindung der

Himmel,

Jede Minute schwingt sich, mit Lobe der Gottheit beladen,

Zum benachbarten Himmel der Himmel. Die heiligen

Geister,

Die hier wohnen, umarmen mich irdischen Fremdling so

zärtlich,

Als sie einander umarmen. Jch ruh' an der reinsten

Freude

Ewigem Brunnen. Jch bet', in Entzückungen ausgegossen,

Jhn, den Unendlichen, an, der mich durch Tiefen von Liebe
|#f0187 : 175|



So beseligt hat. ─ O Freund, zu welchem mein Herz sich

Mitten aus diesen Freuden nach deiner Erde gezogen

Fühlet, mein ähnlichster Freund, wann kommst du, die

Früchte der Tugend

Mit mir von Bäumen des Lebens zu brechen? Wann werd'

ich dich wieder

Sehen, mit dir das Glück, das ich dir danke, zu theilen?


29.

h) Die Cantate.


Die Cantate gehört zur lyrischen Form der

Dichtkunst, weil sie Gefühle darstellt; allein ihre

Eigenthümlichkeit und ihre Verschiedenheit von allen

übrigen Formen der lyrischen Dichtkunst beruht auf

ihrer Bestimmung zur Darstellung vermittelst

der Tonkunst.
Es ist daher die Cantate ein Erzeugniß

der lyrischen Dichtkunst, dessen Stoff der

Darstellung durch die Tonkunst fähig, und dessen

Form auf diese Darstellung und Durchführung durchgehends

berechnet ist. Aus diesem Gesichtspuncte

betrachtet, ist der eigenthümliche Charakter der Cantate

mehr ein äußerer, als ein innerer; doch muß,

eben weil die Cantate erst durch die Verbindung der

Dichtkunst und der Tonkunst Ein ästhetisches Ganzes

bilden soll, die ganze dichterische Form derselben

mit Beziehung auf das ihr zu ertheilende tonkünstlerische

Gewand behandelt werden.



Jm Kreise der lyrischen Dichtkunst bildet aber

die Cantate nicht blos nach dieser ihrer äußern Eigenthümlichkeit,

sondern auch nach dem in ihr vorherrschenden

Tone der dargestellten Gefühle eine

selbstständige, von den übrigen Formen der lyrischen

Dichtkunst verschiedene, Form. Denn, nach |#f0188 : 176|



den im Gebiete der teutschen Sprache vorhandenen

Mustern in der Cantate ist sie durchaus nicht blos

eine Untergattung des Liedes, wie die Dithyrambe

von der Hymne, und die Heroide von der Elegie;

sie kann sich vielmehr, nach dem Ausdrucke, der

Fülle und Stärke des Tones der Gefühle, eben so

der Ode, der Hymne und der Elegie, wie dem Liede

nähern; es können in ihr reine Gefühle der Freude

und Wonne, wie reine Gefühle der Wehmuth und

Trauer, und gleichmäßig auch gemischte Gefühle der

Lust und Unlust, bald in der Milde der elegischen

Stimmung, bald in dem kühnen Schwunge der

Ode und Hymne aufgestellt werden; bald können

die Gefühle des Unendlichen und Endlichen in der

Cantate in einem stark versinnlichten Gegensatze sich

ankündigen, bald aber auch mit sich im Gleichgewichte

stehen. Dazu kommt, daß in längern Cantaten,

oder sogenannten Oratorien, eine große Abwechselung,

Mannigfaltigkeit und Schattirung des

lyrischen Tones in den Arien und Chören statt finden

kann, besonders wenn durch die Recitative die

Uebergänge aus dem einen Gefühle in das andere

gehörig geleitet werden. Doch müssen, ungeachtet

dieser Abwechselung und Schattirung der dargestellten

Gefühle, die sämmtlichen einzelnen Theile der Cantate,

deren Aufeinanderfolge gleichmäßig von

dichterischen und tonkünstlerischen Rücksichten abhängt,

überhaupt Ein ästhetisches Ganzes bilden, dessen

Vollendung auf der innern Einheit und auf

dem psychologischen Zusammenhange aller in der Cantate

im Einzelnen verzeichneten und dargestellten Gefühle

beruht. Weil aber die Cantate zunächst und

durchgehends auf die tonkünstlerische Darstellung berechnet

ist, und nur diese erst als Kunstwerk vollen= |#f0189 : 177|



det wird (nach demselben Verhältnisse, in welchem

die Oper, in der dramatischen Form der Dichtkunst,

zu den übrigen Gattungen und Arten des Drama

sich ankündigt); so muß auch der Dichter dem

Tonkünstler vorarbeiten.
Er darf daher die

tonkünstlerische Behandlung weder bei der Wahl des

Stoffes und des Metrums, noch bei dem Wechsel

und der Aufeinanderfolge der einzelnen Recitative,

Arien und Chöre, ja selbst nicht bei der Anwendung

und Stellung der einzelnen Vocale aus dem

Auge verlieren. Daraus folgt für die technische

und ästhetische Gestaltung der Cantate, daß der Dichter

und Tonkünstler auf halbem Wege sich begegnen

müssen; daß aber auch der Dichter der Cantate die

Grundsätze der Tonkunst verstehen und sich aneignen,

so wie der Tonkünstler der dichterischen Begeisterung

zu folgen im Stande seyn soll.



Dem Stoffe nach, den die Cantaten behandeln,

sind sie entweder religiöse oder weltliche. Die

religiösen Cantaten versinnlichen, unter der vollendeten

Einheit einer ästhetischen Form, bald die Eigenschaften

und die Größe Gottes, die Verhältnisse,

in welchen er zu uns stehet, und in welchen wir zu

ihm stehen; bald die Tugenden, zu denen wir berufen

sind, so wie die Verirrungen, durch welche

wir uns von dem Ziele unsers Daseyns entfernen;

bald den dunkeln und wundervollen Gang der menschlichen

Schicksale auf Erden; bald die Unsterblichkeit

und Vergeltung, die uns jenseits des Grabes erwartet;

bald aber auch die Thatsachen und Lehren der

jüdischen und christlichen Religion nach ihrem ganzen

Umfange. (Dahin gehören viele treffliche Oratoria in

teutscher Sprache: z. B. Ramlers Tod Jesu; die

Auferstehung und Himmelfahrt; die Hirten bei der |#f0190 : 178|



Krippe zu Bethlehem; ─ Niemeyers Lazarus;

Abraham auf Moria; Thirza und ihre Söhne; ─

Patzke's Tod Abels [nach Geßner]; Saul, oder

die Gewalt der Musik; Davids Sieg im Eichthale;

Schiebeler's Jsraeliten in der Wüste;

und mehrere Cantaten von v. Gerstenberg, Zachariä,

Lavater,
Karl Gtfr. Küttner, Mahlmann,

Rochlitz, Krummacher, Dolz
u. a.) ─

Jm Gegensatze der religiösen, feiern die weltlichen

Cantaten entweder wichtige Vorgänge und Gegenstände

des wirklichen Lebens (z. B. bei Geburtstagen,

bei Vermählungen, bei Einweihungen gewisser

Anstalten, nach gewonnenen Schlachten), oder

Gegenstände der Wissenschaft und Kunst (z. B.

Meißners Lob der Musik), oder Stoffe der Mythologie

(z. B. Ramlers Pygmalion) u. s. w. ─

Beide, sowohl die religiösen, als die weltlichen Cantaten,

können von dem Dichter dramatisch behandelt

werden, so daß er die handelnden Personen,

zur größern Versinnlichung des Gegenstandes, selbst

aufführt (so z. B. Niemeyer im Lazarus, im

Abraham auf Moria; Patzke im Tode Abels &c.);

doch ist diese Dramatisirung des Stoffes keine wesentliche,

sondern nur eine zufällige äußere Form

der Darstellung, wodurch selbst nicht einmal die höhere

Jdealisirung und gesteigerte Versinnlichung des

Stoffes, im Verhältnisse zu den nicht dramatisirten

Cantaten und Oratorien, bewirkt wird. Denn

kein Urtheil der ästhetischen Kritik wird Ramlers

allgemein bekannten Tod Jesu in ästhetischer Hinsicht

irgend einer andern ältern oder neuern Cantate

nachstellen, ob er gleich nicht dramatisch behandelt

ist. Der ästhetische Gehalt der Cantate hängt

nicht ab von solchen außerwesentlichen Merkmalen,

sondern von der wahren Begeisterung des Dichters |#f0191 : 179|



von seinem Stoffe, von der gleichmäßigen idealisirten

Durchführung desselben, von der vollendeten ästhetischen

Einheit der Form, und von der durchgängig

festgehaltenen Rücksicht auf die tonkünstlerische Darstellung

aller einzelnen Theile, aus welchen die Cantate

besteht.



Diese einzelnen Theile der Cantate, auf deren

Abwechselung und gegenseitiger Verbindung der

äußere Charakter derselben beruht, sind ursprünglich:

das Recitativ, die Arie und der Chor. Alle

übrige Formen und Benennungen der einzelnen Theile

der Cantate (z. B. Arioso, Cavatine, Duett,

Terzett
u. s. w.) sind blos nähere Schattirungen

einer dieser drei wesentlichen Bestandtheile

jeder Cantate. ─ Das Recitativ hat nämlich

die Bestimmung, die in den Arien und Chören darzustellenden

Gefühle, und die Wirkungen, welche diese

Gefühle hervorbringen sollen, zu veranlassen und

vorzubereiten; überhaupt soll das Recitativ in die

Stimmung versetzen, welche die Cantate als vollendete

ästhetische Form zu bewirken beabsichtigt. Dagegen

muß die Arie Ein bestimmtes Gefühl der

Wonne oder Wehmuth, oder die Schattirung eines

gemischten Gefühls, als ein in sich abgeschlossenes

Ganzes im menschlichen Bewußtseyn, versinnlichen,

so daß auch in der tonkünstlerischen Behandlung die

Einheit des Gefühls sorgfältig festgehalten wird.

Die ältern Dichter der Cantate befolgten bei der

Arie gewöhnlich mit Strenge und Sorgfalt die Abtheilung

derselben in zwei Abschnitte, wovon der

zweite gewöhnlich ein, dem in der ersten Abtheilung

dargestellten Gefühle entgegengesetztes, Gefühl vergegenwärtigte,

wofür auch der Tonkünstler eine andere

Tonart (z. B. die Dominante, oder die Molltonart), |#f0192 : 180|



bisweilen selbst ein anderes Zeitmaas (Mensur)

wählte *, doch so, daß nach der kurz ausgeführten

zweiten Abtheilung die erste wiederhohlt

ward. Die neuern Dichter aber haben weniger

streng diese frühere äußere Gestaltung der Arie befolgt.

─ Das Duett, Terzett, Quartett

u. s. w. sind an sich blos erweiterte Gestaltungen

der Arie, und stehen nur dann an ihrem Platze

in der Cantate, wenn mehrere Gefühle nach und

neben einander individualisirt werden, die aber in

Einem Gesammtgefühle ihren gemeinschaftlichen Mittelpunct

haben, weil ohne diese Bedingung sowohl

die dichterische, als die tonkünstlerische Behandlung

der Einheit der Form unmöglich wäre. Allein wenn

wirklich im Duett, Terzett u. s. w. ein Wechsel

und ein Gegeneinanderhalten mehrerer Gefühle versinnlicht

wird; so ist auch, bei gleicher dichterischen

Behandlung, das ästhetische Jnteresse am Duette

*

So z. B. Ramler in dem Tode Jesu, in der

Arie, die der Schilderung folgt, daß Petrus den

Erlöser dreimal verläugnete, und darauf, von Jesu

angeblickt, in sich ging und bitterlich weinte.

Erster Abschnitt.

Jhr weich geschaffnen Seelen

Jhr könnt nicht lange fehlen;

Bald höret euer Ohr

Das strafende Gewissen,

Bald weint aus euch der Schmerz.


Zweite Abtheilung.

Jhr thränenlosen Sünder, bebet!

Einst, mitten unter Rosen, hebet

Die Reu den Schlangenkopf hervor,

Und fällt mit unheilbaren Bissen

Dem Frevler an das Herz.


Sehr treffend hat Graun für die erste Abtheilung

Es dur, für die zweite C moll gewählt.
|#f0193 : 181|



noch höher, als an der Arie, weil der Wechsel der

dargestellten Gefühle eine mannigfaltigere Schattirung

und eine höhere Farbengebung für den Dichter

und Tonkünstler möglich macht. ─ Die sogenannte

Cavatine ist eine Arie im verjüngten Maasstabe,

die theils, in Hinsicht auf die dichterische Darstellung

Eines Gefühls, gewöhnlich von kürzerm Umfange,

theils in Hinsicht auf die Erfindung der Melodie

und auf die ganze tonkünstlerische Durchführung,

der Arie größtentheils ähnlich, nur aber ihrem

Umfange nach beschränkter und kleiner ist, weil die

Cavatine die in der Arie (wenigstens ehemals) übliche

Abtheilung in zwei oder mehrere Haupttheile,

und die derselben eigenthümliche Wiederkehr und weitere

Ausmahlung des dichterischen und tonkünstlerischen

Hauptgedankens von sich ausschließt. ─ Das

Arioso, das entweder in der Mitte, oder am

Schlusse eines Recitativs eintritt, kann nicht einmal

als eine Arie im verjüngten Maasstabe gelten,

weil der Dichter nur dann diese Benennung wählt,

wenn ein angeregtes Gefühl stark genug wird, die

ruhige Betrachtung, die im Recitative vorherrscht,

zu unterbrechen, und sich unter dem Ausdrucke einer

höhern innern Bewegung anzukündigen (z. B. bei

der Darstellung eines Wunsches, einer Bitte, oder

des raschen Ueberganges von einem Gefühle zu einem

andern), wo denn auch der Tonkünstler die declamatorische

Behandlung des Recitativs mit der Aufnahme

und Vergegenwärtigung einer Melodie und

dem Eintritte eines bestimmt festzuhaltenden Zeitmaases

vertauscht, wodurch unmittelbar angeregte Gefühle,

aber nicht in der Fülle und in dem Umfange

der für eine Arie gewählten Melodie, bezeichnet

werden. ─ Der Chor endlich hat die Bestimmung, |#f0194 : 182|



das Gesammtgefühl zu vereinigen und

auszudrücken, das durch die einzelnen Theile der

Cantate, und namentlich durch die in den Arien,

Duetten u. s. w. einzeln dargestellten und durchgeführten

individuellen Gefühle vorbereitet worden ist. Namentlich

müssen die Schlußchöre der einzelnen Theile

einer längern Cantate die in den einzelnen Abtheilungen

vergegenwärtigten Gefühle zu Einem kräftigen

Ganzen bringen, besonders aber muß der Schlußchor

(Finale) der ganzen Cantate das durch sie vermittelte

Gesammtgefühl in der ganzen Fülle und Kraft

desselben aussprechen, und sowohl die dichterische,

als die tonkünstlerische Einheit der Form vollenden;

denn der Chor vertritt die ganze als anwesend gedachte

Gemeine, es sey in der religiösen oder in

der weltlichen Cantate, und soll ihr Wortführer

seyn, indem er den in Allen mächtig aufgeregten

Gefühlen Sprache, Wohlklang, Ebenmaas und Einheit

giebt *

*

Classische Dichter haben den Chor nach diesem Maasstabe

behandelt. So z. B. Ramler im Schlußchore

des Todes Jesu:



Hier liegen wir gerührte Sünder,

O Jesu, tief gebückt,

Mit Thränen diesen Staub zu netzen,

Der deine Lebensbäche trank:

Nimm unser Opfer an.

Freund Gottes und der Menschenkinder,

Der seinen ewigen Gesetzen

Des Todes Siegel aufgedrückt;

Anbetung sey dein Dank!

Den opfre jedermann!


Eben so Meißner im Schlußchore seiner Cantate:

Lob der Musik:


Von der letzten kleinsten Erde
|#f0195 : 183|



30.

Beispiele der Cantate.


1) von Gottsched († 1766).



Bruchstück aus der Cantate auf das (1723) eingefallene

Jubelfest der roßgärtischen Kirche zu Königsberg.





Arie.



(Tochter Zion)



Auf, ihr jauchzenden Gedanken!

Derer Gottgeweihte Kraft

Mich fast selber aus mir rafft.

Alles Aechzen muß jetzt schweigen,

Da sich Freudenstunden zeigen,

Die der Herr mir selber schafft.

Auf ihr &c.   Da Capo.


Recitativ.



Komm, frohes Christenvolk!

Der Höchste läßt dich rufen,

Betritt jetzt deines Tempels Stufen,

Worin er dich ein Jubelfest

Nach hundert Jahren feiern läßt.


Chor.



(Gemeine)



Dies ist der Tag, den der Herr machet. Lasset uns

freuen und fröhlich darin seyn.



Bis zur Gottheit Thron empor,

Sey von tausendfachen Zungen,

Tonkunst, dir ein Lob gesungen,

Schalle dir ein Freudenchor!

Engelharfen, Menschendank,

Lerchenlied und Sphärenklang

Mische sich zu deinem Ruhme,

Töne dir im Weltgesang!
.
|#f0196 : 184|



Recitativ.



(Gottes Stimme)



Du höchstgeliebte Schaar!

So wird denn die Verheißung wahr,

Die ich dir längst gethan:

Dies Haus soll meine Rechte schützen,

Des Höllenfeindes Blitzen

Soll dir nicht schädlich seyn,

Denn du bist mein.


Arie.



(Tochter Zion)



Nie empfundne Süßigkeit

Tränkt mich jetzt mit vollen Schalen,

Gott, ich kann dir nicht bezahlen,

Deine Huld ist täglich neu,

Meiner Lippen Dankgeschrei

Preiset dich zu tausendmalen;

Denn ich schmeck' jetzt auf das Leid

Nie empfundne Seligkeit.


Recitativ.



(Gottes Stimme)



Sag an, o kleine Heerde,

Hat dir bisher auch irgend was gefehlt?

Hat dich, nachdem ich dich erwählt,

An deiner Seelenweide

Ein Hunger oder Durst gequält?

Hab' ich dich nicht im Leide

Mit Quellen süßes Trosts getränkt,

Und dieses Haus mit Sicherheit beschenkt?


Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen,

aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der

Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der

Herr, dein Erbarmer.

|#f0197 : 185|



Arie.



(Tochter Zion)



Mischet euch, rinnende Freudenkrystallen,

Mischet euch mit Lob und Dank.

Seufzer und Lachen

Müssen jetzt ein Bündniß machen.

Denn wir verknüpfen ein thränendes Lallen

Mit Saiten und Klang.

Mischet euch &c.   Da Capo.


2) von Karl Gtfr. Küttner (Sup. in

Pirna, † 1789).



Cantate bei der Einweihung einer neuen

Orgel.


Chor.



Kommet herzu, lasset uns dem Herrn frohlocken, und

jauchzen dem Hort unsers Heils. Lasset uns mit Danken

vor sein Angesicht kommen, und mit Psalmen ihm

jauchzen.



Recitativ.



Ja strömt herzu im fröhlichen Gedränge,

Jhr, denen heut die Brust vor Freude schwillt,

Zum Tempel, der durch feiernde Gesänge

Jed' Herz und Ohr mit heißer Andacht füllt.

Mit lautem Jubel sey der Herr der Welt gepriesen,

Der sich an uns nicht unbezeugt erwiesen.

Jn rührender erhabner Einfalt stand

Zwar längst ein Tempel hier, der durch des Meisters Hand

Mit reizender lichtvoller Schönheit prangte.

Eins fehlte noch, was Aug' und Ohr verlangte, ─

Jetzt ist es da; ─ vor unsern Augen steht

Der neuen Orgel Pracht in edler Majestät,

Und schallt für jedes Ohr, das zum Gefühl des Schönen
|#f0198 : 186|



Nicht ganz verstimmet ist,

Zum Lobe deß, der dreimal heilig ist,

Jn ernsten feierlichen Tönen.

Sein triumphirender gebieterischer Klang

Herrscht kühn, und überstimmt die größten Dissonanzen,

Und zwingt den tausendstimmigen Gesang

Des Volks zur Harmonie im Ganzen.


Arioso.



Doch soll die süße Harmonie

Jm Himmel Beifall finden;

So muß sich mit der reinen Melodie

Des Herzens Reinigkeit verbinden.


Recitativ.



Kalt, wie ein Marmorbild, von keinem Geist beseelt,

Jst jedes Lied, dem Glaub' und Liebe fehlt,

Umsonst erweckt's den Wiederhall,

Es ist und bleibt ein leerer Schall.

Nie wird es durch die Wolken dringen,

Nie werden Engel es zum Thron der Allmacht bringen.

Durch Gottesfurcht belebe den Gesang;

Dann wird des Herzens wärmster Dank

Aus meinem Liede singen.


Arie.



Wann auf heißer Andacht Schwingen

Unsre Jubel aufwärts dringen,

Quelle süßer Harmonie,

Orgel, dann begleite sie.

Schwebt, von Gram und Schmerz zerrissen,

Unser Geist in Finsternissen,

Thränt aus uns der Buße Schmerz;

O, dann schmelze Aug' und Herz!

Durch dein schauervolles Schweben

Zittre sanft in unser Ach!

Um uns wieder zu erheben,
|#f0199 : 187|



Ahme durch ein süßes Beben

Tröstend unsre Wehmuth nach.

Wann auf heißer &c.


Chor.



Erhebt den Herrn, ihr weiten Himmelskreise!

Jhr Erden singt, ihr Sonnen flammt sein Lob!

Jhr Engelsharfen tönt zu dessen Preise,

Den Assaph einst voll heil'ger Glut erhob.

Jhn preist der Christ mit freudigem Entzücken,

Stets eingedenk, was Gott an ihm gethan,

Er ists, durch den sich Berg' und Thäler schmücken,

Jhm jauchzt der Wald, ihn rühmt der Ocean.

Jhn lobt im Lenz die duftende Viole,

Jhn ehrt der Sturm in schauervoller Nacht;

Jm Donner rollt sein Ruhm von Pol zu Pole,

Und jeder Stern verkündigt seine Macht!

Er, dessen Ruhm durch tausend Welten schallet,

Verdient er wohl, ihr Christen, euern Dank?

Jhr, die ihr heut zum Tempel feiernd wallet,

Auf bringt ihm Preis, Anbetung und Gesang!


Recitativ.



Ja preist den Herrn, Bewohner dieser Stadt,

Die seine Huld so hoch begnadigt hat!

Wer schafft, daß Krieg und mörderische Seuchen,

Und Hungersnoth von unsern Grenzen weichen?

Wer flößt zur bösen Zeit uns Muth und Hoffnung ein?

Wer krönt des Handels Fleiß mit Segen?

Wer schenkt zur rechten Zeit uns Sonnenschein und Regen?

Wer giebt dem Bürger Brod, den Früchten ihr Gedeihn?

O eilt, ihm heut den wärmsten Dank zu weihn!


Chor.



Den bringen wir

Empfindungsvoll, allgüt'ger Vater, dir!
|#f0200 : 188|



Recitativ.



Ja, ihm sey Preis und Dank und Ehre;

Noch wirkt durch seinen Geist die Kraft der reinen Lehre,

Licht für den Geist, Gottseligkeit fürs Herz,

Für Sünder Angst, und süßen Trost im Schmerz

Für alle, die dem Wort nicht widerstreben.

Den gottesdienstlichen Gesang zu heben,

Gab seine Vorsicht uns der Orgel Majestät,

Gebaut von Meisterhänden.

Wer gab den Künstlern Kraft, sie rühmlich zu vollenden?

Der Gott, zu dessen Ruhm sie heute festlich geht.


Chor.



Froh weihen wir

Dies edle Werk, o Gott, zum Dienste dir!


Recitativ.



Laß unter uns dein Wort im Segen wohnen!

Mit Heil erfüll' die Priester dieser Stadt!

Für unsre Schulen sey ein Gott von Rath und That!

Mit Brand wollst du dies Gotteshaus verschonen,

Und segensvoll der Künstler Fleiß belohnen,

Durch den es sich so sehr verschönert hat.

Dem Magistrat und jedem Bürger dieser Stadt,

Der diesen Bau, der dieses Tempels Zierde

Durch edle Mildigkeit

Zu deiner Ehr' und sich zum Ruhm vollführte,

Sey du ein Segensgott in Zeit und Ewigkeit!


Chor.



O du, durch den die Thäler blühen,

Zu dir jauchzt unser Lied empor.

O du, durch den die Sonnen glühen,

Dir schallt ein jubelvolles Chor:

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!

Erdkreis, sey fröhlich dem Schöpfer zu Ehren!

Freut euch, ihr Himmel, frohlocket ihr Sphären!
|#f0201 : 189|



Hymnen voll Dankbarkeit höret er gern!

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!


3) vom Grafen Fr. Leopold zu Stolberg

(† 1819).



Wechselgesang.



Einer.



Wer spannet den Bogen

Jm dunkeln Gezelt?

Wer schwärzet die Wogen?

Wer schrecket mit Blitzen die zagende Welt?


Chor.



Er spannet den Bogen

Jm friedlichen Zelt;

Er stillet die Wogen,

Er tränket mit Labsal die lechzende Welt.


Einer.



Wer fähret auf Wettern

Jm Wagen der Nacht?

Wer dräut zu zerschmettern

Den Fels und die Ceder, die wankend erkracht?


Chor.



Es trägt Jhn im Sturme

Der Wagen der Nacht.

Dem Menschen, dem Wurme,

Verkündet sich segnend des Herrlichen Macht.


Einer.



Wer schaute die Rosse

Von Seinem Gespann?

Mit welchem Geschosse

Durcheilt er, mit Wettern umgürtet, die Bahn?


Chor.



Die Kraft und die Eile,
|#f0202 : 190|



So heißt Sein Gespann!

Des Mächtigen Pfeile

Sind Flammen! Unendlichkeit heißet die Bahn!


Einer.



Ach höret ihr rollen

Den Wagen daher?

Er nahet! Ach, sollen

Die Berge zerschmelzen, versiegen das Meer?


Chor.



Des Mächtigen Nähe

Beseele die Welt!

Hier ist Er! O, spähe

Nach ihm nicht von ferne durchs Wolkengezelt!


Einer.



Wie soll ich ihn kennen?

Wer zeiget mir ihn?

O dürft' ich ihn nennen,

Und zitternd vor ihm in den Staub hinknien!


Chor.



Sein Nam' ist Erbarmen,

Und Liebe sein Thun!

Wir sollen erwarmen

Von Lieb', und im Schooße, wie Kinder, ihm ruhn!


4) von Ramler († 1798).



Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu.

(abgekürzt)


Chor.



Gott, du wirst seine Seele nicht in der Hölle lassen,

und nicht zugeben, daß dein Heiliger die Verwesung

sehe.



Recitativ.



Judäa zittert! seine Berge beben!
|#f0203 : 191|



Der Jordan flieht den Strand! ─

Was zitterst du, Judäens Land?

Jhr Berge, warum bebt ihr so?

Was war dir, Jordan, daß dein Strom zurücke floh? ─

Der Herr der Erde steigt

Empor aus ihrem Schoos, tritt auf den Fels, und zeigt

Der staunenden Natur sein Leben. ─

Des Himmels Myriaden liegen auf der Luft

Rings um ihn her; und Cherub Michael fährt nieder,

Und rollt des vorgeworfnen Steines Last

Hinweg von seines Königs Gruft.

Sein Antlitz flammt, sein Auge glühet.

Die Schaar der Römer stürzt erblaßt

Auf ihre Schilde: „Flieht, ihr Brüder,

Der Götter Rache trifft uns, fliehet!“


Arie.



Mein Geist, voll Furcht und Freude bebet;

Der Fels zerspringt, die Nacht wird Licht.

Seht, wie er auf den Lüften schwebet!

Seht, wie von seinem Angesicht

Die Glorie der Gottheit stralt!

Rang Jesus nicht mit tausend Schmerzen?

Empfing sein Gott nicht seine Seele?

Floß nicht sein Blut aus seinem Herzen?

Hat nicht der Held in dieser Höhle

Der Erde seine Schuld bezahlt?

Mein Geist &c.


Choral.



Triumph! Triumph! des Herrn Gesalbter sieget!

Er steigt aus seiner Felsengruft.

Triumph! Triumph! ein Chor von Engeln flieget

Mit lautem Jubel durch die Luft.


Recitativ.



Freundinnen Jesu! sagt, woher so oft
|#f0204 : 192|



Jn diesem Garten? Habt ihr nicht gehört, er lebe?

Jhr zärtlichen Geliebten hofft

Den Göttlichen zu sehn, den Magdalena sah? ─

Jhr seyd erhört. Urplötzlich ist er da,

Und Aloen und Myrrhen düftet sein Gewand:

„Jch bin es! seyd gegrüßt!“ Sie fallen zitternd nieder.

Sein Arm erhebt sie wieder:

„Geht hin in unser Vaterland,

Und sagt den Jüngern an: Jch lebe,

Und fahre bald hinauf in meines Vaters Reich;

Doch will ich alle sehn, bevor ich mich für euch

Zu meinem Gott und eurem Gott gen Himmel hebe!“


Arie.



Jch folge dir, verklärter Held!

Dir, Erstling der entschlafnen Frommen!

Triumph, der Tod ist weggenommen,

Der auf der Welt der Geister lag.

Dies Fleisch, das in den Staub zerfällt,

Wächst fröhlich aus dem Staube wieder.

O, ruht in Hoffnung meine Glieder

Bis an den großen Erntetag!

Jch folge dir &c.


Chor.



Tod! wo ist dein Stachel? dein Sieg, o Hölle, wo

ist er? ─

Unser ist der Sieg! Dank sey Gott! und Jesus ist

Sieger!


Recitativ.



Auf einem Hügel, dessen Rücken

Der Oelbaum und der Palmbaum schmücken,

Steht der Gesalbte Gottes. Um ihn stehn

Die seligen Gefährten seiner Pilgrimschaft.

Sie sehn erstaunt von seinem Antlitz Stralen gehn;

Sie sehn in einer lichten Wolke
|#f0205 : 193|



Den Flammenwagen warten, der ihn führen soll;

Sie beten an. ─ Er hebt die Hände

Zum letzten Segen auf: „Seyd meines Geistes voll;

Geht hin, und lehrt,

Bis an der Erden Ende,

Was ihr von mir gehört:

Das ewige Gebot der Liebe! ─ Gehet hin,

Thut meine Wunder! Gehet hin,

Verkündigt allem Volke

Versöhnung, Frieden, Seligkeit!“

Er sagts, steigt auf, wird schnell emporgetragen;

Ein stralendes Gefolg umringet seinen Wagen.


Arie.



Jhr Thore Gottes, öffnet euch!

Der König ziehet in sein Reich.

Macht Bahn, ihr Seraphimenchöre,

Er steigt auf seines Vaters Thron.

Triumph! werft eure Kronen nieder!

So schallt der weite Himmel wieder:

Triumph! gebt unserm Gott die Ehre!

Heil unserm Gott und seinem Sohn!

Jhr Thore Gottes &c.


Chor.



Gott fähret auf mit Jauchzen, und der Herr mit heller

Posaune.

Lobsinget, lobsinget Gott! Lobsinget, lobsinget unserm

Könige.


31.

i) Das Sonett.


Das Sonett gehört, wie das Madrigal, Rondeau

und Triolet, nach seinem Umfange, zu den

kleinern, und, seinem äußern Mechanismus nach,

zu den bestimmt berechneten metrischen Formen. |#f0206 : 194|



Sein dichterischer Charakter ist lyrisch; denn es

stellt Gefühle, und zwar, in den meisten vorhandenen

Erzeugnissen, die Gefühle der Liebe, nach ihrer ganzen

Jnnigkeit und Zartheit, dar, welche, in Hinsicht

auf den vorherrschenden Grundton, mehr mit

milden und sanften, als mit starken Farben gezeichnet

werden. Doch verschmilzt in mehrern Sonetten

das Gefühl der Liebe in die verwandten Gefühle

der Freundschaft, der Sympathie, der Religion, und

der stillen Feier tiefer Gemüthsbewegungen überhaupt.

Da übrigens der genau berechnete, kleine

Umfang des Sonetts die weitere Entwickelung des

angeregten dargestellten Gefühls von sich ausschließt;

so muß das im Grundtone des Sonetts vorherrschende

Gefühl unter der Form einer vollendeten

ästhetischen Einheit sich ankündigen.



Die äußere Eigenthümlichkeit des Sonetts

beruht auf dem ursprünglichen und festbestimmten

Mechanismus seiner Form. Dieser besteht in vierzehn

gleich langen Versen (zwei Quadrainen und

zwei Terzetten), wovon die ersten acht in zwei vierzeilige

Strophen, die letzten sechs in zwei dreizeilige

Strophen eingetheilt sind. Nach der frühern Gestaltung

dieser äußern Form wechselten in den ersten

zwei Strophen nur zwei Reime, und vier männliche

mit vier weiblichen Endsylben ab, worauf in den

sechs folgenden Zeilen wieder drei Zeilen männliche

Reime, und drei Zeilen weibliche Reime enthielten,

mit der Rücksicht, daß am Schlusse jedes Quadrains

und jedes Terzetts ein dichterischer Gedanke

geschlossen ward. Allein neuere Dichter haben, nicht

ohne Erfolg, diese ängstliche Berechnung der äußern

Form des Sonetts im Einzelnen verlassen, und nur

den allgemeinen Mechanismus des Sonetts in |#f0207 : 195|



Hinsicht auf die vierzehn gleich langen Zeilen, so

wie in Hinsicht der zwei Quadraine und zwei Terzetts

beibehalten.



Das Sonett ist nicht teutschen, sondern italischen

Ursprungs, und erhielt zunächst durch Petrarca's

118 Sonette eine weitere Verbreitung; denn

diese wurden in die meisten gebildeten Sprachen

übersetzt, und von italienischen und ausländischen

Dichtern nachgeahmt. Von den teutschen Dichtern

des siebenzehnten Jahrhunderts bauten Opitz, Flemming,

Gryphius, Lohenstein,
v. Hoffmannswaldau

und andre das Sonett an; doch,

im Ganzen, ohne auf ihre Sonette das höhere dichterische

Leben überzutragen. Weit gelungener war

der Anbau desselben seit dem dritten Viertheile des

achtzehnten Jahrhunderts von Schiebeler, Bürger,

Aug. Wilh. Schlegel, Manso u. a.; nur

daß theils die Unzahl mißlungener Sonette, theils,

selbst bei den gelungenen Formen in dieser Dichtungsart,

die Einförmigkeit des Mechanismus und

die Eintönigkeit des Ganzen demselben Abbruch gethan

haben.



32.

Beispiele des Sonetts.


1) von Flemming († 1640).



Klage über die Furchtsamkeit der Teutschen.

(während des 30jährigen Krieges.)



Jetzt fällt man ins Confect, in unsre vollen Schalen,

Wie man uns längst gedräut. Wo ist nun unser Muth?

Der ausgestählte Sinn, das kriegerische Blut?

Es fällt kein Ungar nicht von unserm eitlen Prahlen.
|#f0208 : 196|



Kein Busch, kein Schützenrock, kein buntes Fahnenmahlen



Schreckt den Croaten ab. Das Ansehn ist sehr gut,

Das Ansehn mein' ich nur, das nichts zum Schlagen thut.

Wir feigsten Krieger wir, die Phöbus kann bestralen.


Was ängsten wir uns doch, und legen Rüstung an,

Die doch der weiche Leib nicht um sich leiden kann;

Des großen Vaters Helm ist viel zu weit dem Sohne.


Der Degen schändet ihn. Wir Männer ohne Mann,

Wir Starken auf den Schein, so ist's um uns gethan,

Uns Namens-Teutsche nur. Jch sag's auch mir zum

Hohne.


2) von Flemming.



Grabschrift, von ihm selbst kurz vor seinem Tode

niedergeschrieben.



Jch war an Kunst und Gut und Stande groß und reich,

Des Glückes lieber Sohn; von Aeltern guter Ehren;

Frei; meine; kunnte mich aus meinen Mitteln nähren.

Mein Schall flog über weit. Kein Landsmann sang mir

gleich.

Von Reisen hochgepreist; für keiner Mühe bleich;

Jung, wachsam, unbesorgt. Man wird mich nennen hören,

Bis daß die letzte Glut dies alles wird verstören.

Dies, teutsche Klarien, dies Ganze dank' ich euch.


Verzeiht mir, bin ichs werth, Gott, Vater, Liebste,

Freunde;

Jch sag' euch gute Nacht, und trete willig ab.

Sonst alles ist gethan, bis an das schwarze Grab.


Was frei dem Tode steht, das thu' er seinem Feinde.

Was bin ich viel besorgt, den Athem aufzugeben?

An mir ist minder nichts, das lebet, als mein Leben.
|#f0209 : 197|



3) von Katharina v. Greiffenberg, geb.

v. Seyßenegg.



(Jhre Gedichte erschienen 1662.)



Die Gott lobende Frühlingslust.



Das schöne Blumenheer geht wiederum zu Feld,

Um Ruh und Farbenpracht recht in die Welt zu streiten,

Des Laubes Lorbeersträuch' bekränzen's aller Seiten;

Dryaden schlagen auf die kühlen Schattenzelt.


Es ist mit Lieblichkeit verguldet alle Welt;

Die Freudengeister sich ganz in die Luft ausbreiten.

Die Welt=regierend Kraft will all's in Freud verleiten.

Die süße Himmelsfüll' sich etwas erdwärts hält.


Es weißt die Ewigkeit ein Fünklein ihrer Schöne,

Ein Tröpflein ihres Safts, ein Stäublein ihrer Zier.

Dies lieblich Kosten macht, daß ich mich erst recht sehne,


Und lechz' mit dürrer Zung' und heißer Gier nach ihr.

O Frühling, Spiegelquell, du netzest und ergötzest;

Aus Erd' in Himmel-Lust die Seele schnell versetzest.


4) von Andr. Gryphius († 1664).



Es ist alles eitel.



Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.

Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;

Wo jetzo Städte stehn, wird eine Wiese seyn,

Auf der ein Schäferskind wird spielen mit der Heerden.


Was jetzo prächtig blüht, soll bald zertreten werden;

Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch' und Bein;

Nichts ist, das ewig ist, kein Erz, kein Marmorstein.

Jetzt lacht das Glück uns an, bald dauern die Beschwerden.


|#f0210 : 198|



Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.



Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?

Ach, was ist alles das, was wir so köstlich achten,


Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und

Wind,

Als eine Wiesenblum', die man nicht wieder findt! ─

Noch will, was ewig ist, kein einz'ger Mensch betrachten.


5) von Christian Hoffmann v. Hoffmannswaldau

(† 1679).



Beschreibung vollkommner Schönheit.



Ein Haar, so kühnlich Trotz der Berenice spricht,

Ein Mund, der Rosen führt und Perlen in sich heget,

Ein Zünglein, so ein Gift für tausend Herzen träget,

Zwo Brüste, wo Rubin durch Alabaster bricht;


Ein Hals, der Schwanen-Schnee weit weit zurücke

sticht,

Zwei Wangen, wo die Pracht der Flora sich beweget,

Ein Blick, der Blitze führt und Männer niederleget,

Zwei Arme, deren Kraft oft Löwen hingericht;


Ein Herz, aus welchem nichts als mein Verderben

quillet,

Ein Wort, so himmlisch ist, und mich verdammen kann,

Zwei Hände, deren Grimm mich in den Bann gethan,


Und durch ein süßes Gift die Seele selbst umhüllet,

Ein Zierrath, wie es scheint, im Paradies gemacht,

Hat mich um meinen Witz und meine Freiheit bracht.


6) von Schiebeler († 1771).



Du forderst ein Sonett von mir?

Du weißt, wie schwer ich dieses finde,
|#f0211 : 199|



Darum, du lose Rosalinde,

Versprichst du einen Kuß dafür.


Was ist, um einen Kuß von dir,

Das sich Myrtill nicht unterstünde?

Jch glaube fast, ich überwinde;

Sieh, zwei Quadrains stehn ja schon hier.


Auf einmal hört es auf zu fließen.

Nun werd' ich doch verzagen müssen!

Doch nein, hier ist schon ein Terzett.


Nun beb' ich doch ─ wie werd' ich schließen?

Komm, Rosalinde, laß dich küssen!

Hier, Schönste, hast du dein Sonett!


7) von Bürger († 1794).



Die Unvergleichliche.



Welch Jdeal aus Engelsphantasie

Hat der Natur als Muster vorgeschwebet,

Als sie die Hüll' um einen Geist gewebet,

Den sie herab vom dritten Himmel lieh?


O Götterwerk! mit welcher Harmonie

Hier Geist in Leib, und Leib in Geist verschwebet!

An allem, was hienieden Schönes lebet,

Vernahm mein Geist so reinen Einklang nie.


Der, welchem nie der Adel ihrer Mienen,

Der Himmel nie in ihrem Aug' erschienen,

Entweiht vielleicht mein hohes Lied durch Scherz.


Der kannte nie der Liebe Lust und Schmerz,

Der nie erfuhr, wie süß ihr Athem fächelt,

Wie wundersüß die Lippe spricht und lächelt.
|#f0212 : 200|



8) von Bürger.



Auf die Morgenröthe.



Wann die goldne Frühe, neu geboren,

Am Olymp mein matter Blick erschaut;

Dann erblaß' ich, wein' und seufze laut:

Dort im Glanze wohnt, die ich verloren!


Grauer Tithon! du empfängst Auroren

Froh aufs neu, sobald der Abend thaut;

Aber ich umarm' erst meine Braut

An des Schattenlandes schwarzen Thoren.


Tithon! deines Alters Dämmerung

Mildert, mit dem Glanz der Rosenstirne,

Deine Göttin, ewig schön und jung;


Aber mir erloschen die Gestirne,

Sank der Tag in öde Finsterniß,

Als sich Molly dieser Welt entriß.


9) von Aug. Wilh. v. Schlegel.



An Bürger.



Süßer Sänger, willst du mir vertrauen,

Wo sie wohnt, die dein Gesang erhebt?

Wo sie wandelt, wo ihr Athem webt,

Muß Gedeihn und Lust die Flur bethauen.


Wie? du winkst mir da hinauf zu schauen,

Wo der Feiertanz der Sterne schwebt?

Die im Liede lieblich blüht und lebt,

Weilt sie schon auf Paradiesesauen?


Sänger, deine Müh' wird doch belohnt;

Einsam klagst du nicht am Grabeshügel,

Jedem Laute gabst du Seraphsflügel.
|#f0213 : 201|



Wo bei Laura deine Molly wohnt,

Hören beide, zart, wie Tauben girren,

Durch die Amaranthenlaub' ihn irren!


10) von Aug. Wilh. v. Schlegel.



Laura's Thränen.



Jch sah der höchsten Schönheit zarte Blüthe,

Den Reiz, der meine Sinne so verwirrt,

Daß alles sonst mir Traum und Schatten wird,

Gepaart mit Seelenhuld und Engelsgüte.


Und sah, von stummer Wehmuth wie berauscht,

Jhr helles Aug' im Thau der Thränen schwimmen;

Ach, Wald und Waldstrom hätte wohl gerauscht

Bei ihren Reden, ihren Klagestimmen!


Denn Weisheit, Seelenadel, Lieb' und Gram

Verbanden da harmonisch sich zu Weisen,

Die nimmer noch die Welt so süß vernahm.


Es hallte nach in allen Himmelskreisen;

Es säuselte kein Blatt an Busch und Baum,

Nur Melodie durchfloß der Lüfte Raum.


11) von Baggesen *.



An Kanne.



Du sahst Europa's Söhne traurig darben,
*

Die beiden folgenden Sonette sind aus Baggesen's

Karfunkel, oder Klingklingel-Almanach; ein Taschenbuch

für vollendete Romaniker und angehende Mystiker.

Auf das Jahr der Gnade 1810. ─ Jn diesem

Almanache wurden die Schwärmereien der neuesten

Mystiker mit Braminenweisheit gegeiselt, und ihre

schwerfälligen Sonettenformen, in gelungenen Parodieen

derselben, scharf gerügt.
|#f0214 : 202|



Als stammdurchsägte, gottentfallne Splitter;

Da zogest du gen Osten, edler Ritter,

Wo junger Morgen stralt mit alten Farben.


Bald ziehst du heim. Wie froh zum Fest der Garben

Der Schnitter zieht, umwallt von goldner Flitter,

Jm Freudenschall der Festposaun' und Zitter,

So voll Triumph gehst du zum Fest der Narben.


Denn unsrer Wunden Arzt bist du erkohren,

Und bannst des blinden Heidenthums Gespenster,

Die uns umflattern gräßlich, klassisch=schaurig.


Aus dir denn werd' Europa neugebohren,

Und schaue durch des Ostens offnes Fenster,

Die süße Himmelsbraut, nicht länger traurig!


12) von Baggesen.



Jndische Ost-West=Erlösung.



Jch seh', ich seh' herleuchten von den Anden

Des neugebohrnen Lebens Gottverklärung.

Des ostgekehrten Herzens Wunschgewährung

Erlößt uns aus der Griechenhölle Banden.


Europa's Völker, die sich trostlos wanden

Jn abgestandner Lutherthums Verjährung,

Erstehen neu, durch Orients Gebährung

Zu Wonne, die sie nimmer noch empfanden.


An Brama's Busen werden sie erwarmen;

Vom herben Schmerz der alten Vaterschläge

Wird indisch=gottversöhnt ihr Herz gesunden.


Jch seh' ihn schon, mit beiden offnen Armen,

Auf indisch=südamerikan'schem Wege.

Wohl mir! Bald werd' ich aller Noth entbunden!
|#f0215 : 203|



33.

k) Das Madrigal, Rondeau und Triolet.


Madrigal, Rondeau und Triolet sind dem Sonett

dadurch verwandt, theils daß sie, weil in ihnen

Ein vorherrschendes Gefühl in einer vollendeten

ästhetischen Form dargestellt wird, wie das Sonett,

zur lyrischen Dichtkunst gehören; theils daß der

kleine Umfang ihrer äußern Form auf einen bestimmten

technischen Mechanismus berechnet ist, der

aber in frühern Zeiten sorgfältiger, als gegenwärtig

festgehalten ward. Ob nun gleich jedes zur ästhetischen

Einheit erhobenes Madrigal, Rondeau und

Triolet, nach seinem Grundcharakter, ein innerhalb

der Form oft mehr nur angedeutetes, als durchgeführtes

Gefühl aussprechen muß; so hat doch, in

den meisten Fällen, der Witz einen eben so großen

Antheil an der Hervorbringung und Festhaltung der

kleinen dichterischen Form, als das Gefühl und die

Einbildungskraft. Denn, nächst dem Ausdrucke

eines milden und wohlthuenden Gefühls, verlangt

auch die Vollendung der ästhetischen Form dieser

kleinen Gedichte ein leichtes Spiel des Witzes, um

ein augenblickliches Jnteresse zu erregen, weil sie

weder nach Stoff noch nach Form geeignet sind,

einen ähnlichen bleibenden Eindruck hervorzubringen,

wie die größern Formen der lyrischen Dichtkunst:

das Lied, die Ode, die Hymne, die Elegie u. a.



Der vormals genau festgehaltene äußere Mechanismus

dieser kleinen dichterischen Formen (beim

Madrigal nie unter sechs, und nie über eilf Zeilen

─ beim Triolet acht Zeilen) ist von neuern

Dichtern wenig berücksichtigt worden, so daß man

alle kleinere lyrische Ergüsse, die weder Sonett, |#f0216 : 204|



Rondeau, noch Triolet sind, in denen aber Zartheit des

Gefühls, Feinheit der Wendungen und leicht tändelnder

Witz ausgedrückt wird, Madrigale nennt. Dagegen

ist das Rondeau eine dichterische Tändelei,

wo in jeder Strophe nur zwei Reime abwechselnd

vorkommen, die erste Zeile nach der dritten wiederhohlt

wird, und der Refrain die ersten zwei Zeilen

wiederhohlt, auf welche, vor dem Refrain, fünf

Zwischenzeilen folgen. Das Triolet, das in neuerer

Zeit bei den Teutschen mehr, als das Rondeau

angebaut ward, ist, der Form nach, ein abgekürztes

Rondeau, wo gewöhnlich nach der dritten Zeile

die erste, und nach der sechsten die erste und die

zweite Zeile wiederhohlet werden.



34.

Beispiele zu diesen Formen.


a) Beispiele des Madrigals.



1) von Fr. v. Hagedorn († 1754).



Der Wettstreit.



Mein Mädchen und mein Wein,

Die wollen sich entzwein.

Ob ich den Zwist entscheide,

Wird noch die Frage seyn.

Jch suche mich durch beide

Jm Stillen zu erfreun.

Sie giebt mir größ're Freude,

Doch öft're giebt der Wein.


2) von Lessing († 1781).



Der alte und der neue Wein.



Jhr Alten trinkt, euch jung und froh zu trinken;
|#f0217 : 205|



Drum mag der junge Wein

Für euch, ihr Alten, seyn.

Der Jüngling trinkt, sich alt und klug zu trinken;

Drum muß der alte Wein

Für mich, den Jüngling, seyn.


3) von Tiedge.



Die Welle.



Wohin, du trübe Welle?

Wohin mit solcher Schnelle,

Als trügst du einen Raub? ─

Jch bin des Lebens Welle,

Befleckt mit Uferstaub;

Jch eil' aus den Gewühlen

Des engen Stromes, weit

Zur Meerunendlichkeit,

Um ab von mir zu spülen

Den Uferschlamm der Zeit.


4) von einem Ungenannten.



Der Singsang des Lebens.



Das Knabenalter ist Jdylle;

Der Jüngling braust des Herzens Fülle

Jn Oden aus und Dithyramben;

Der Mann schwankt hin und her in Jamben;

Der Greis beklagt in Elegien

Der guten Zeiten schnelles Fliehn;

Der Tod macht auf den ganzen Kram

Ein bittres Epigramm.


b) Beispiel des Rondeau.

von Fr. v. Hagedorn.

|#f0218 : 206|



Die Empfindung des Frühlings.



Du Schmelz der bunten Wiesen!

Du neubegrünte Flur!

Sey stets von mir gepriesen,

Du Schmelz der bunten Wiesen!

Es schmückt dich und Cephisen

Der Lenz und die Natur,

Du Schmelz der bunten Wiesen,

Du neubegrünte Flur!

Jhr schnellen Augenblicke

Macht euch des Frühlings werth!

Daß euch ein Kuß beglücke,

Jhr schnellen Augenblicke!

Daß uns der Kuß entzücke,

Den uns die Liebe lehrt.

Jhr schnellen Augenblicke,

Macht euch des Frühlings werth!


c) Beispiele des Triolets.



1) von Gleim († 1803).



Ein Triolet soll ich ihr singen?

Ein Triolet ist viel zu klein,

Jhr großes Lob hinein zu bringen!

Ein Triolet soll ich ihr singen?

Wie sollt' ich mit der Kleinheit ringen,

Es müßt' ein großer Hymnus seyn!

Ein Triolet soll ich ihr singen?

Ein Triolet ist viel zu klein.


2) von Klamer Schmidt († 1824).



Willkommen, alle kleine Freuden!

Die großen sind für mich zu groß.

Jch sitz' auf meines Liebchens Schoos;
|#f0219 : 207|



Willkommen, alle kleine Freuden!

Hier könnt' ich Fürsten nicht beneiden.

Hier heiß' ich ─ o wie anspruchslos ─

Willkommen alle kleine Freuden;

Die großen sind für mich zu groß.


3) von Ernst Schulze († 1817).



Willst du den losen Amor fangen;

So werde keck und wild, wie er;

Kein Wagestück sey dir zu schwer,

Willst du den losen Amor fangen!

Denn stille Treu und leises Bangen

Die reizen jetzt den Schalk nicht mehr.

Willst du den losen Amor fangen;

So werde keck und wild, wie er!


4) von Tiedge.



An das Leben.



Fließ' hinab, mein stilles Leben!

Hier ist nicht das Thal der Ruh.

Trüb' und schleichend zitterst du,

Von Zypressennacht umgeben,

Deinem Wasserfalle zu.

Fließ', o fließ' hinab, mein Leben!

Wo die Segnungen der Ruh

Um sein still'res Ufer schweben.

Fließ', o fließ' hinab, mein Leben!

Dort, wie still, was zögerst du?


5) von Haug.



An Luisen.



Ein schnelles Triolet

Belohnst du mit drei Küssen?
|#f0220 : 208|



O Wonne, mir geräth

Ein schnelles Triolet.

Wie könnt' auch ein Poet

Cytherens Gabe missen!

Mein schnelles Triolet

Belohne mit drei Küssen!


6) von Karl v. Reinhard.



Man liebt nur Einmal.



Einmal, einmal liebt man nur!

Einmal nur in seinem Leben

Kann man ganz sein Herz vergeben.

Einmal, einmal liebt man nur.

Und die Huldgöttinnen weben

Einmal in der Liebe Schwur

All' die Seligkeiten nur,

Die zu Göttern uns erheben;

Einmal, einmal liebt man nur!


7) von K. A. Schneider.



Die flüchtige Freude.



Die Freude flieht wohl über Thal und Hügel,

Und nirgends bleibt der luft'gen Sohle Spur!

Die Freude flieht wohl über Thal und Hügel,

Kein Locken hemmt die nimmer lassen Flügel,

Kein Goldpallast und keine Rosenflur.

Nur Mäßigkeit, nur Weisheit ist ihr Zügel;

O merkt euch das, ihr Söhne der Natur.

Die Freude flieht wohl über Thal und Hügel,

Und nirgends bleibt der luft'gen Sohle Spur!


8) von einem Ungenannten.



Nolo, nolo Florus esse.



Jch mag, ich mag nicht Cantor werden!
|#f0221 : 209|



Jn Kirchen schweig' ich sittsam still.

Man muß sich wunderlich gebährden,

Wenn man den Cantor machen will;

Jch mag, ich mag nicht Cantor werden!

Es recht zu seyn, macht viel Beschwerden,

Und Plärren ist kein Kinderspiel.

Jch mag, ich mag nicht Cantor werden!

Jch trinke, leider, schon zu viel.


2) Die didactische Form der Dichtkunst.



35.

Charakter der didactischen Form der

Dichtkunst.


Wenn der eigenthümliche Charakter der lyrischen

Form der Dichtkunst auf der idealisirten Darstellung

unmittelbarer Gefühle unter der Einheit

einer ästhetisch=vollendeten Form beruht; so unterscheidet

sich die didactische Form der Dichtkunst,

oder das sogenannte Lehrgedicht, dadurch

wesentlich von derselben, daß der unmittelbare

Stoff
des Lehrgedichts in Begriffen des Verstandes

und Jdeen der Vernunft
besteht.

So wenig aber diese eigenthümliche Quelle des Stoffes

im Lehrgedichte verkannt werden kann; so wenig

folgt doch auch daraus, daß die Darstellung von

Begriffen des Verstandes und Jdeen der Vernunft,

blos vermittelst eines dichterischen Sylbenmaases

oder vermittelst des Reims, solche metrische Formen

zu Gedichten erheben könne, sobald sie des eigentlichen |#f0222 : 210|



Wesens der Dichtkunst ─ der idealischen Darstellung

individueller Gefühle ─ ermangeln. Denn

so gewiß der Stoff zu allen Gebilden und Erzeugnissen

der didactischen Form der Dichtkunst ursprünglich

aus Begriffen und Jdeen des menschlichen

Geistes besteht; so gewiß müssen doch diese

Begriffe und Jdeen aus dem Kreise des Vorstellungsvermögens

heraus- und in den Kreis des

Gefühlsvermögens
eintreten, und in demselben

bestimmte, mit jenen Begriffen und Jdeen

unmittelbar vergesellschaftete, Gefühle veranlassen,

bevor von einer didactischen Form der Dichtkunst

die Rede seyn kann. Nicht Metrum und Reim

entscheiden über den eigenthümlichen Charakter der

Dichtkunst; dies ward bereits in der Einleitung erwiesen.

Denn könnten diese äußern und zufälligen

(übrigens nichts weniger, als zu vernachlässigenden)

Kennzeichen der Form über den aus dem innern

Wesen des Menschen stammenden dichterischen

Charakter eines ästhetischen Erzeugnisses entscheiden;

so würden mehrere der ältern Dichter

des siebenzehnten Jahrhunderts, die den Anbau

der didactischen Dichtkunst bei den Teutschen erneuerten,

in der That Gedichte aufgestellt haben,

während ihre Formen nur metrisch behandelte

Prosa
enthalten. Wenn nämlich die Begriffe des

Verstandes und die Jdeen der Vernunft blos als

solche,
ohne Vergesellschaftung mit reinen und starken,

durch sie aufgeregten, Gefühlen, im Metrum

oder Reim dargestellt werden; so gehören sie nicht

ins Gebiet der Dichtkunst, sondern der Prosa, weil

nur das den dichterischen Charakter ankündigt, was

zunächst, bevor es in die Form der Sprachdarstellung

übergeht, aus rein menschlichen Gefühlen |#f0223 : 211|



stammt, wenn gleich diese Gefühle zu ihrem Bewußtwerden

der Anregung durch Begriffe und Jdeen

bedurften.



Jst diese Ansicht im Wesen des menschlichen

Geistes, in den Ankündigungen des Bewußtseyns,

und in der unverkennbaren Verschiedenheit zwischen

der Sprache der Prosa und der Sprache der Dichtkunst

begründet; so folgt von selbst, daß diejenigen

Dichter ─ gelind zu urtheilen ─ einen Pleonasmus

sich zu Schulden kommen lassen, welche ihre

unter die Form der didactischen Dichtkunst gehörenden

Erzeugnisse lyrisch=didactische nennen, sobald

nämlich durch das erste Prädicat die Vergesellschaftung

individueller Gefühle mit Jdeen der Vernunft

bezeichnet werden soll. Denn jedes didactische Gedicht

muß, sobald es überhaupt Gedicht seyn, und

also unter die Form der didactischen Dichtkunst gebracht

werden soll, den Ton und die Farbe des Lyrischen,

d. h. den Ton und die Farbe zum Bewußtseyn

gebrachter und zur Einheit der ästhetischen Form

erhobener Gefühle an sich tragen.



Nach dieser, im Wesen des menschlichen Geistes

und in dem gegenseitigen Verhältnisse des Vorstellungs-

und Gefühlsvermögens begründeten, Ansicht

beruht der Charakter der didactischen Form

der Dichtkunst auf der idealisirten Darstellung

von Begriffen des Verstandes und Jdeen der Vernunft,

mit welchen bestimmte Gefühle vergesellschaftet

sind, in der Einheit einer ästhetisch=vollendeten

Form. Die Aufgabe und der Zweck der didactischen

Form der Dichtkunst ist daher nicht Belehrung, wie

dies die Bestimmung des prosaischen didactischen

Styls ist; sondern ästhetische, d. h. aus dem Gefühlsvermögen

stammende Darstellung und lebensvolle |#f0224 : 212|



Versinnlichung gewisser Wahrheiten und Lehren

aus den Kreisen der Wissenschaften und der Künste,

welche, durch ihre Bedeutsamkeit, Größe, Tiefe

und Fülle, eine kräftige Bewegung des Gefühlsvermögens,

und, vermittelst dieser Bewegung, die dichterische

Darstellung ihrer Gegenstände bewirkten.

Nur solche Erzeugnisse der didactischen Form der

Dichtkunst werden dem Gesetze der Form entsprechen,

sobald der Dichter ─ was sich von selbst in Hinficht

einer vollendeten dichterischen Form versteht ─

die übrigen Bedingungen dieses Gesetzes an jede

ästhetisch vollendete stylistische Form erfüllt.



Wenn daher in dem Lehrgedichte Gefühle vorherrschen

und zur Einheit der Form erhoben werden,

welche durch vorausgegangene Jdeen der Vernunft

zum deutlichen Bewußtseyn gelangen; so folgt

von selbst, daß das Lehrgedicht diese Jdeen der

Vernunft nicht nach ihrem Verhältnisse zum Gebiete

der menschlichen Erkenntniß (wie z. B. in der Metaphysik,

in der Sittenlehre &c.), sondern nach ihrer

Wirkung auf das Gefühlsvermögen darstellt. Deshalb

darf auch weder die Darstellung des Lehrgedichts

im Ganzen, noch im Einzelnen die Aufeinanderfolge

der ästhetisch behandelten Jdeen der Vernunft

den Anstrich einer systematischen Abhandlung oder

einer logisch streng berechneten Entwickelung enthalten,

weil beides dem naturgemäßen Ergusse mächtig

aufgeregter Gefühle widerstreitet. Eben so wenig

wird von dem didactischen Dichter eine die dargestellten

Jdeen planmäßig erschöpfende ─ oder gegen jeden

Einwurf polemisch durchführende ─ Behandlung verlangt;

dagegen versinnlicht der Dichter die zu seinem

Bewußtseyn gelangten Jdeen der Vernunft unter

der idealisirten Einheit eines Bildes, das um seiner |#f0225 : 213|



ästhetischen Vollendung willen in der Anschauung

gefällt, und durch welches jene Jdeen aus dem

Gebiete des Vorstellungsvermögens herausgehoben,

und in den Kreis des Gefühlsvermögens und der

Einbildungskraft versetzt werden.



Als unnachlaßliche Bedingung wird aber die

ästhetische Darstellbarkeit jener Begriffe des

Verstandes und jener Jdeen der Vernunft dazu erfordert,

weil nicht alle und jede Begriffe und Jdeen,

als Theile der menschlichen Erkenntniß, zur Vergesellschaftung

mit menschlichen Gefühlen sich eignen.

Denn schwerlich dürften die Lehren der Logik über

Begriffe, Urtheile und Schlüsse, und über die Kategorieen,

oder die Grundsätze der Größenlehre, der

Sprachlehre u. s. w. als Stoffe des Lehrgedichts

behandelt werden können, weil sie, ihrem Wesen

und ihrer Ankündigung nach, mit dem Gefühlsvermögen

in keiner Berührung stehen, und eben so wenig

die Einbildungskraft zu einer idealischen Form begeistern

können. Dagegen aber werden die Jdeen

der practischen Vernunft ─ die Jdeen der Freiheit,

der Sittlichkeit, der Tugend, der Unsterblichkeit,

der Vergeltung, der Gottheit, des Weltalls und der

ewigen Weltregierung ─ die an sich schon im Bewußtseyn

mit einer höhern Stärke, als andere Begriffe

und Jdeen des Vorstellungsvermögens, sich

ankündigen, wegen ihres Zusammenhanges mit den

geläutertsten und erhabensten Gefühlen des menschlichen

Geistes, der dichterischen Darstellung am meisten

fähig seyn. Nur auf diesem Wege wird die

eigentliche dichterische Ansicht der Welt, des menschlichen

Lebens und der menschlichen Erkenntniß nach

ihrer abgeschlossenen Gesammtheit gewonnen, welche

der Prosa, nach ihrem eigenthümlichen, von der |#f0226 : 214|



Dichtkunst wesentlich verschiedenen Charakter, abgeht.

Dies ist daher auch der Standpunct, aus welchem

theils das Verhältniß der didactischen Form der

Dichtkunst zur didactischen Prosa richtig aufgefaßt,

theils die Stellung der didactischen Form der

Dichtkunst gegen die lyrische, epische und dramatische

Form derselben ausgemittelt wird.



Unter diesen einzelnen Formen der Dichtkunst

nähert sich aber die didactische am meisten und häufigsten

der lyrischen Form, weil die Jdeen, welche

den Stoff der didactisch=ästhetischen Darstellung

enthalten, noch inniger mit dem durch sie angeregten

Gefühle verschmolzen erscheinen, als in der epischen

und dramatischen Dichtkunst die, der Außenwelt

angehörenden, Thatsachen mit den durch sie erweckten

Gefühlen. ─



Wenn einige Theoretiker das Lehrgedicht in

das philosophische und scientifische einzutheilen

versuchten; so ist dazu kein Grund vorhanden,

weil keine ursprüngliche, in einem Vermögen

des menschlichen Geistes enthaltene, Verschiedenheit

zwischen beiden statt findet; denn die Stoffe von

beiden sind gemeinschaftlich in den Begriffen

und Jdeen des menschlichen Vorstellungsvermögens

enthalten, so daß zwischen den einzelnen Lehrgedichten,

nach der Verschiedenheit ihres Stoffes innerhalb

der Jdeen der Vernunft, nur eine Steigerung von

dem Höhern zum Höchsten statt finden kann, inwiefern

die Jdeen der Vernunft selbst einander, dem Grade

nach, untergeordnet sind, und Seele, Welt und Gott

eben so die höchsten metaphysischen Jdeen bilden, wie

Wahrheit, Schönheit und sittliche Güte die höchsten

Jdeale der schöpferischen Einbildungskraft. ─



Was die einzelnen Untertheile der didactischen |#f0227 : 215|



Dichtkunst betrifft; so giebt es keine

solchen
in dem Sinne, wie in der lyrischen Dichtkunst

das Lied, die Ode, die Hymne, die Elegie

u. a. als Untertheile von einander verschieden sind,

welche durch den Grundton eines dargestellten einfachen

oder eines gemischten Gefühls, so wie durch

die mildere Farbengebung, oder durch die höhere

Stärke des lyrischen Ausdruckes, von einander sich

unterscheiden. Denn nur nach dem zufälligen äußern

Umfange der Form kann das ausführliche

Lehrgedicht (z. B. Tiedge's Urania, Schillers

Künstler) von dem kürzern (z. B. der Theodicee

von Uz u. a.) unterschieden werden, weil die Abwechselung

und Mischung der in dem Lehrgedichte

vorherrschenden und dargestellten Gefühle von den

Jdeen der Vernunft abhängt, welche die mit ihnen

vergesellschafteten Gefühle in dem Gemüthe des

Dichters zum Daseyn rufen, und von der Einbildungskraft

unter dem Glanze des Jdeals aufgestellt

werden. Selbst die im dichterischen Gewande dargestellten

Gnomen sind nicht besondere Untertheile,

sondern nur kürzere Formen des Lehrgedichts, das

eigentliche Lehrgedicht im verjüngten Maasstabe,

und müssen, in ästhetischer Hinsicht, eben so

nach dem Gesetze der Form beurtheilt werden, wie

die größere didactische Form, welche einen Gesammtkreis

von Vernunftideen durchführt und umschließt.



Was endlich die Satyre, die sogenannte poetische

Epistel
und das Epigramm betrifft, welche

von einigen Theoretikern der didactischen Dichtkunst

zugetheilt werden; so werden sie in diesem

Gesammtgebiete der Sprache der Dichtkunst unter

der Ergänzungsklasse, oder unter den gemischten Formen

der Dichtkunst aufgeführt, weil (wie ihre Theorie, |#f0228 : 216|



weiter hinten, im Einzelnen zeigt,) durchaus nicht alle

Satyren, nicht alle poetische Episteln, und nicht alle

Epigramme nach Einem Maasstabe beurtheilt, und in

Eine und dieselbe Klasse von Dichtungen gebracht werden

können. Denn zugestanden, daß einzelne in

der Sprache vorhandene Satyren, einzelne poetische

Episteln und einzelne Epigramme der Theorie des

Lehrgedichts untergeordnet werden könnten; so würde

dies, im Verhältnisse zur Gesammtheit aller ästhetisch

vollendeten Satyren, poetischen Episteln und

Epigrammen, nur ein kleiner Theil seyn, weshalb

es gerathener scheint, die Theorie dieser Formen nach

der Mehrheit der in ihnen vorhandenen classischen Erzeugnisse

zu bestimmen, und ihnen den Platz in der

Ergänzungsklasse dichterischer Formen anzuweisen.

Denn unverkennbar ist das Satyrische keine wesentliche

und ursprüngliche Eigenschaft des Lehrgedichts,

sondern, wo es in denselben angetroffen

wird, nur ein zufälliges Merkmal des Didactischen,

weil unzählige Stoffe der didactischen Dichtkunst

ohne den Beisatz des Satyrischen bestehen, und

dieser Beisatz ─ oder die Darstellung der Jdeen der

Vernunft mit der Rüge der Verirrungen der menschlichen

Freiheit von denselben ─ blos in der Jndividualität

des Dichters ihren Grund hat, der durch

die ästhetische Versinnlichung dieser Verirrungen das

Jdeal von seiner indirecten Seite vergegenwärtigt.

So sind die Sermonen des Horaz an

sich Lehrgedichte mit satyrischer Haltung und Einkleidung,

und versinnlichen allgemeine Wahrheiten durch

den Kontrast des Ungereimten und Unsittlichen mit

denselben. Eben so zufällig ist es, wenn, vermittest

der epistolischen Einkleidung, allgemeine

Wahrheiten auf die Verhältnisse eines bestimmten |#f0229 : 217|



Jndividuums bezogen werden; denn die poetische

Epistel
ist, nach den vorhandenen classischen Formen

in derselben, weder ausschließend eine Untergattung

der didactischen, noch ausschließend eine Untergattung

der lyrischen oder der epischen Form der

Dichtkunst. Sobald sie unmittelbare Gefühle in

Beziehung auf eine bestimmte Jndividualität schildert;

so gehört sie der lyrischen Form der Dichtkunst

an. Versinnlicht sie Gefühle, veranlaßt durch Thatsachen

und Vorgänge des wirklichen Lebens; so

müßte sie der epischen Form untergeordnet werden.

Vergegenwärtigt sie aber Gefühle, erregt durch

Jdeen und Wahrheiten der Vernunft; so würde sie,

nur in diesem letztern Falle, zur didactischen

Dichtkunst, mit dem zufälligen Merkmale der unmittelbaren

Beziehung der dargestellten Jdeen auf

eine bestimmt gedachte Jndividualität, gehören. ─

Auf gleiche Weise verhält es sich mit dem Epigramm,

das gleichmäßig unmittelbare Gefühle und

Thatsachen des Lebens, wie Jdeen und Aussprüche

der Vernunft als Stoff behandeln kann, mit dessen

Vergegenwärtigung im Bewußtseyn rein menschliche

Gefühle sich vergesellschaften, deren idealische Darstellung

die dichterische Form des Epigramms vermittelt.



So reichhaltig von den frühern teutschen

Dichtern die Form des Lehrgedichts angebaut ward;

so gilt doch für den ästhetischen Charakter dieser

Form dasselbe, was bereits in der Theorie der Ode

ausgesprochen ward, daß nur erst mit den Fortschritten

der Philosophie auf teutschem Boden, und namentlich

mit dem tiefern Erforschen und Verbreiten

der höchsten metaphysischen Jdeen, und den mit denselben

in unmittelbarer Verbindung stehenden sittlichen |#f0230 : 218|



Gesetzen, das Lehrgedicht, nach seinem Stoffe,

einen höhern dichterischen Gehalt behaupten, und

unter gediegenern Formen sich ankündigen konnte,

als dies im siebenzehnten und in der ersten Hälfte

des achtzehnten Jahrhunderts möglich war.



36.

Beispiele aus dem Lehrgedichte.


1) von Opitz († 1639).



Lob des Feldlebens. (Bruchstück)



O wohl, und mehr als wohl, dem, welcher weit von

Kriegen,

Von Sorgen, Müh' und Angst, sein Vatergut kann

pflügen,

Lebt sicher und in Ruh, noch wie die alte Welt

Zu Zeiten des Saturns, und pflügt sein kleines Feld;

Spannt Roß und Ochsen vor, darf seinen Sinn nicht

kränken

Um armer Leute Schweis, weiß nichts von Wechselbänken,



Von Wucher und Finanz, ist alles Kummers frei,

Daß nicht sein Haab' und Gut im Meer ertrunken sey.

Er denkt nicht, wie er komm' hoch an das Bret vor

allen,

Und könne Königen und Herren wohlgefallen;

Steht nicht in Furcht und Trost, hält vor der Reichen

Thür

Sein Hütlein in der Hand, und kommt doch selten für.

Das Alles darf er nicht, er hat, was er begehret,

Sein Gut wird ihm von Gott, auch wenn er schläft,

bescheret,

Hat mehr, als der sein Herz auf bloßen Reichthum stellt,
|#f0231 : 219|



Besitzt nicht was er hat, ist arm und hat viel Geld.

Er gehet fröhlich hin, führt jetzt die süßen Reben

An Ulmenbäumen auf, daß sie beisammen kleben,

Als ehelich vermählt; jetzt, weil die Schösse klein,

Bricht er, was wild ist, ab, impft gute Sprößlein ein;

Nimmt bald die Schaufel her, macht Furchen frei zu

fließen

Dem Wasser übers Feld; die Wiesen zu begießen,

So dürr und durstig stehn, spaziert bald in das Gras,

Das durch den Silberthau des Morgens noch ist naß.

Bald stützt er einen Baum, der, von der Frucht gebeuget,



Vor Last zerbrechen will, und sich zur Erden neiget;

Und etwa sieht er gehn dort um das grüne Thal

Die Schafe, Kälber, Küh' und Ochsen überall.

Schaut er dann über sich; so sieht er seine Geißen

Das Laub von dem Gestäud an einer Klippe reißen;

Dabei ihr Mann, der Bock, vor Lust und Freuden

springt;

Hört, wie der Hirte wohl von seiner Phyllis singt,

Die hinter einen Baum sich hatte nächst verkrochen,

Als er ihr schönes Obst und Blumen abgebrochen;

Hört, wie die braune Kuh im nächsten Thale brüllt,

Daß ihre rauhe Stimm hoch über Feld erschüllt.

Bisweilen leert er aus den Honigmacherinnen

Jhr wächsern Königreich, das sie mit klugem Sinnen

Sehr artlich aufgebaut, nimmt auch zur rechten Zeit

Den feisten Schafen ab ihr dickes Wollekleid.

Kommt dann, nachdem er hat den Sommernutz empfangen,

Der Obst- und Traubenmann, der reiche Herbst, gegangen;

Wie freut er sich so sehr, wenn er die Birnen ropft

Vom Baume, den er selbst vor dieser Zeit gepfropft,

Und lieset Aepfel auf, die selber abgefallen,

Nimmt ihm hernachmals vor die schönsten unter allen,
|#f0232 : 220|



Beißt ungeschälet an; geht dann, besieht den Wein,

Bricht reife Trauben ab, die purpurähnlich seyn.

Jst er vom Gehen laß; so kann er sich fein strecken,

Dort in den Schatten hin, wo ihn die Bäume decken;

Der Vögel leichtes Volk macht seinen Lobgesang,

Schreit überlaut, und wünscht den Sommer noch so

lang.

Die schöne Nachtigall läßt sonderlich sich hören,

Schwingt ihre Stimme hoch dem Meyer wie zu Ehren.

Die Frösche machen auch sich lustig an der Bach,

Und ihr Coax Coax giebt keinem Vogel nach.

Nicht weit von dannen kommt aus einem nahen Brunnen,

Ein Bächlein durch das Gras gleichwie Krystall gerunnen,

Draus schöpft er mit der Hand, eh er sich schlafen legt,

Wozu der Bach Geräusch und Murmeln ihn bewegt. &c.


2) von Christ. Fr. Zernitz († 1745).



Von den Endzwecken der Welt. (Bruchstück)



Es herrscht ein Gleichheitsrecht bei aller Kreatur,

Von Mensch und Thieren ist die Mutter die Natur,

Das Leben hauchet sie in allen Blutgefäßen;

Von ihr sind jedem Geist und Glieder zugemessen;

Umsonst wirkt Weisheit nie. Mit Kräften ausgerüst't,

Wirkt jede Seel' ihr Heil, so weit sie fähig ist.

Nachdem sie Gutes kennt, wird ihr die Wahl gelingen,

Und Wollust findet sie in sich und andern Dingen.

Nur zu der Einrichtung der großen Harmonie

Empfing der Mensch sein Theil, und auch sein Theil

das Vieh,

Es liegt in Aller Seyn ein solcher Geist verborgen,

Der jede Art es lehrt, für ihren Zustand sorgen.

So weih' denn zum Altar der Gottheit, Mensch, dein

Herz;
|#f0233 : 221|



Es steige deine Lieb' in Flammen himmelwärts!

Verehr' mit Jnbrunst Gott, knie hin, weil, uns zu

lieben,

Die Welt kein leeres Nichts, kein wüstes Rund geblieben.

Erwäge, wie Natur zur Menschen Glück entstand,

Und merk' das wohl, wozu Gott Sittlichkeit erfand;

O welch ein groß Geschenk der Werth so vieler Welten;

Wie kann der Menschen Dank doch Gottes Huld vergelten!



Ja, Heiliger, es glaubt der Weise dir zum Ruhm,

Die Welt, dein Werk, ist nicht des Todes Eigenthum;

Aus Liebe hast du sie einst wollen zubereiten,

Und deine Lieb' ist hier ein Vorbild künft'ger Zeiten.

Der Tod, der unsern Leib mit Fäulniß einst durchdringt,

Macht, daß der edle Theil, der Geist, sich höher schwingt;

So wie vom Samenkorn die Staude sich erhebet;

Wird auch zuerst der Mensch im dunkeln Stand belebet,

Er keimt in der Geburt, wächst durch die Lebenszeit,

Und seiner Blüthe Frucht ist die Unsterblichkeit.


3) von Joh. Jac. Dusch († 1787).



Die Wissenschaften. (Bruchstück)



─ Die Weisheit stieg vom Himmel im goldnen Siegeswagen,



Von sanften Frühlingswinden auf Fittigen getragen.

Um ihre Schläfe blühte ein frischer Lorbeerkranz,

Und eine Morgenröthe umstrahlte sie mit Glanz.

Jhr folgt' in einem Zuge der Chor der jungen Töchter,

Erhabne Wissenschaften, die geistigen Geschlechter.

Von ihrer ernsten Stirne sprach Tiefsinn und Verstand,

Und eine helle Fackel in der erhabnen Hand

Umleuchtete ihr Antlitz mit einem Kreis von Klarheit.
|#f0234 : 222|



Du bahntest ihr die Wege, Erfinderin der Wahrheit,

Die du den Geist erheiterst, der dann, durch dich gelenkt,

In Schlüssen und Verbindung nach deinen Regeln denkt.

Dein starker Geist enthüllet der Wahrheit sichre Zeichen,

Durch richtiges Zergliedern, Zertheilen und Vergleichen.

Du zogst an ehrnen Ketten den Jrrthum hinter her,

Die Brut der Vorurtheile, ein unzählbares Heer;

Des Witzes Erstgeburten, phantastische Geschlechter,

Den Wahn, die blöde Meinung, und ihre blinden

Töchter.

Den frechen Sekteneifer, der unterm Sklavenjoch,

Gezerrt vom alten Jrrthum, noch stolz im Staube kroch;

Die bauten Hypothesen, geflügelte Chimären,

Den dummen Aberglauben mit seinen finstern Heeren.

O Wahrheit, wo ihr Flügel das forschende Gesicht

Der Sterblichen umflattert, stralt deine Fackel nicht;

Da werden dich die Füße der Priester niedertreten,

Vor deinem dunkeln Altar den Jrrthum anzubeten.

Der Haß wird dich verfolgen, und der Zeloten Zunft

Aus frommem Grimme rufen: Verflucht sey die Vernunft!

Mit Flammen wird der Pöbel sich an den Weisen rächen,

Und wer nicht gläubig irret, wird dann den Tod verbrechen!



Jhr folgte das Naturrecht im fliegenden Gewand;

Ein heiliges Gesetzbuch trägt ihre rechte Hand;

Gesetze, die der Schöpfer in unläugbaren Trieben

Den denkenden Geschöpfen tief in die Brust geschrieben,

Die auch der Malabare, der ohn' Erkenntniß irrt,

So sehr er sie verläugnet, nie ganz vertilgen wird.

Sie hat die Welt versöhnet, sie hat den Zwist vertrieben;



Von ihr lernt beßre Nachkunft Gerechtigkeit zu üben;

Der Frevel geht an Ketten, und ihre größte Pflicht

Lehrt: Menschen seyd verträglich, beleidigt Andre nicht!
|#f0235 : 223|



Tyrannen, die voll Herrschsucht die Völker unterdrücken,

Und mit beglückten Waffen der Freiheit Fesseln schicken,

Gekrönten Straßenräubern, die mit kostbarem Blut

Verächtlich Gold bezahlen, und, gleich der wilden Glut,

Wenn sie den Wald ergreifet, begierig um sich fressen,

Hat sie die ersten Grenzen der Herrschaft abgemessen. ─

Mit Ernst im Angesichte folgt ihr die Geisterlehre;

Jhr Flug steigt über Körper zu einer höhern Sphäre,

Sie stürzt der Gottesläugner entsetzliches Gebäu,

Wenn Gottes Donner säumet. Sie reißt die Tyrannei

Des blinden Wahns vom Throne. Jhr heil'ger Zorn

zerschmettert

Die angebetnen Klötze, die sich Betrug vergöttert.

Sie schrecket Wunderthäter, macht die Orakel stumm,

Stürzt feigem Aberglauben sein blutig Altar um;

Zerbricht sein eisern Zepter, und führt durch beßre Lehren

Die Welt von fürchterlichen zu heiligen Altären.

Du unumschränktes Wesen, das alles schuf und trägt,

Das in der starken Rechten die Morgensterne wägt;

Gott, der du ewig warest, eh aus des Chaos Tiefen

Die jauchzenden Gestirne zu deinen Füßen liefen;

Eh diese niedre Erde den ersten Trieb empfing,

Und feiernd vor dem Schöpfer der Welt vorüberging;

Wo ohne dich ist Ruhe, du aller Freuden Quelle?

Dich läugnen, Gott, verwandelt die Welt in eine Hölle.

Verzweiflung ist das Leben, o Schöpfer, ohne dich;

Die Sonnen werden traurig, und glänzen fürchterlich.

Doch, Gott, du bist wahrhaftig, und meine Seele fliehet

Beruhigt zu dem Schöpfer, den sie in allem siehet!

Allein wer bin ich selber? Das weiß ich, dieser Staub,

Der meine Glieder bildet, wird einst des Todes Raub.

Dies sterbliche Gebäude wird einst die Pflanzen nähren,

Eiu Theil von Andern werden, und mir nicht zugehören.

Die Erde, seine Mutter, nimmt ihn bald wieder hin;
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Nichts werd' ich endlich bleiben, wenn ich ganz Körper bin.

So will es eine Ordnung; so wechseln die Gestalten;

Der Untergang des ersten muß stets das Neu erhalten.

O Abgrund voller Schrecken, worin zurück geführt,

Sich alles Leben endigt, und die Natur verliert;

Wird denn die Nacht auf ewig, wenn sie herabgestiegen,

Verbreitet auf dem Moder der ganzen Schöpfung liegen?

Wie, oder führt beständig der alte Cirkellauf

Das Alternde hinunter, das Neuere herauf?

Ach! und ich hoffe Leben, zum Untergang erschaffen?

Wo? an des Abgrunds Rande, wo meine Väter schlafen?

Jetzt tret' ich ihre Hügel; sie waren, was ich bin!

Bald wandelt eine Nachwelt auf meinem Grabe hin.

Dann lieg' ich, aufgelöset, ins stille Nichts verloren,

Und, was auch nach mir auftritt, ich werde nie geboren.

Jn jedem Lenz ermuntert der Sonne warmer Stral

Die Blumen aus dem Schlafe, und weckt ein schlummernd

Thal;

Die Pflanzen auferstehen, die schon begraben schienen;

Der todte Baum erwachet, und seine Blätter grünen;

Der jugendliche Frühling stellt alles wieder her;

Für mich nur, schlaf' ich einmal, ist keine Widerkehr;

Allein auf meine Asche, verscharrt im kleinen Hügel,

Streckt ewig unerbittlich der Todtesschlaf den Flügel.

Der Vorhang wird geöffnet. Nicht alles ist hier aus;

Jch seh' in weitre Felder der Ewigkeit hinaus.

Nicht ganz darf mich auf ewig der Schoos der Erden

rauben;

Wo nicht; so muß ich lästern, und keinen Schöpfer glauben.

O jetzt erwach' ich wieder; der Leib wird Moder seyn,

Doch das, was in mir denket, ist nicht, wie er, Gebein.

Unsterblich ist das Wesen, das in mir will und denket;

Nicht theilbar, wie sein Körper, den Form und Dau'r

umschränket;
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Jn ihm besteht mein Leben; doch seiner Hütte Staub,

Sey, wenn mein Schicksal winket, der Elemente Raub!


4) von Joh. Phil. Lorenz Withof († 1789).



Sokrates, oder von der Schönheit.

(bereits 1755 erschienen.)



─ ─ Licht! Schönheit! höchster Plan! Natur!

Selbstständig Wesen!

Geist! oder was du dir für Namen auserlesen;

Beweger! Tugend! Kraft! Du, die in allem lebt!

Wie stark bist du? wie groß? wie vielfach ausgegossen?

Auch ich bin deiner Art und aus dir ausgeflossen,

Und fließ' in dich zurück, wann sich mein Geist erhebt.

Ach, ich bescheide mich und decke meine Blöße;

Um dich allein gefall' ich mir,

Nur blos ein Theil der ungeheuern Größe,

Ein Theil, jedoch ein Theil von dir.


Ganz herrlich, ewig jung, nie fähig zum Veralten

Jn täglich sterbenden, stets werdenden Gestalten,

Bleibst du das, was du warst, stets voll und immer neu.

Hier treten Wesen auf, dort gehen Wesen unter;

Du tilgst und zeugest stets; stets wirkend und stets munter,

Sorgst du, daß jeder Tod ein Brunn des Lebens sey.

Dort schwind't die flücht'ge Pracht der abgelebten Floren;

Doch Floren folgt Pomona nach;

Und jene wird von dieser neu gebohren,

Das Grabmal wird ein Brautgemach.


Wann unsre Geister sich mit reiner Tugend gatten,

Verschwind't der Liljen Glanz gleich überstralten Schatten,

Und lüstern lauschen sie nach unsrer Herrlichkeit.

Die stille Majestät vollkommen guter Thaten,

Die mehr durch Tugend uns, als sich mit Stolz berathen,
|#f0238 : 226|



Jst gleich verehrungswerth an Pracht, an Seltenheit.

Wie kann ein Geist doch so der Schönheit sich entwöhnen?

Und jauchzt noch, wann er sie verdrängt.

Das thut der Wahn, der sich in allen Scenen

Mit dummem Eigennutz vermengt.


Ja, Phädon, wisse du: ein Geist, den Tugend kleidet,

Kann nimmer schöner seyn, und wird mit Recht beneidet;

O, Tugend ist ein Schatz, der Kronen überwiegt.

Geuß, ew'ge Schönheit, doch, geuß du doch starke Fluten

Jn meines Phädons Brust; sie sind ein Theil vom Guten,

Warum allein mein Geist sich betend vor dir schmiegt.

Wie Licht und Wärme nur aus jener Flammensphäre,

Quillt wahre Tugend nur aus dir;

Und kehrt zurück, wie Flüsse zu dem Meere,

Und fließt in dich und ich mit ihr.


5) von Heydenreich († 1801).



Das Selbstbewußtseyn.



O Selbstbewußtseyn, meiner Unsterblichkeit

Trugloser Bürge! Urquell der Hoffnungen,

Die durch des Staubes Moderhülle

Jn die umdämmerte Seele leuchten!


Du bist mir heilig, weil noch wie Epheu sich

Um meine Glieder Leben und Jugend schlingt;

Dich werd' ich einst im Todeskampfe

Noch mit den starrenden Lippen segnen. ─


Kaum fragt' ich sehnend, heiliger Ahnung voll,

Nach jenem Land, das jenseits des Lebens liegt;

(Viel hatt' ich von ihm durch die Sage,

Viel durch die Lieder des Volks vernommen;)


Wird, fragt' ich selbst mich, wann in den ängstenden

Entbindungsqualen sterbend dein Wesen seufzt,
|#f0239 : 227|



Wird in des Todes Schweis die Seele

Hin mit der Flamme des Lebens sterben?


Wie, oder wird sie, wann nun die Flamm' erlischt

Des matten Lebens, siegend der Asch' entfliehn;

Und wird sie dann ein Zephyr Gottes

Säuselnd in schönere Welten tragen?


Da traten zu mir, Treue im Angesicht,

Der Bürger viele, die in der Ewigkeit

Nachtvollen Thälern meiner Seele

Schon ihre lachende Stätte wiefen.


Doch Heuchler waren's, Heuchler mit Freundes Blick,

Trug ihre Rede, schimmernd im Fabelschmuck,

Und eh' ichs wähnte, war die ganze

Täuschende Rotte von mir geflohen.


Da nahtest du dich, schuldlosen Angesichts,

Der ungeschminkten göttlichen Wahrheit gleich,

O Selbstbewußtseyn, ewig treuer

Bürge der Hoffnungen meiner Seele.


Jn dieser Hülle, künstlich von Staub gewebt,

Zur Nahvertrauten eines Unsterblichen,

Jn dieser Hülle, lehrtest du mich,

Welch ein unsterblicher Fremdling wohne.


Hin, in die ferne schattende Dämmerung

Verlebter Leben, zogest du den Staunenden;

Jch sah' im Geist mein ewiges Daseyn

Wandern durch mancherlei Erdenhüllen.


Und leise Laute tiefer Erinnerung

Aus grauer Vorzeit lispelten wieder auf;

Dich kannt' ich wieder, meines Daseyns

Treusten Gefährten vom ersten Keim an. ─
|#f0240 : 228|



Ha, daß vom Schlummer, welcher dich fesselte,

Da du begannest, durch der Erwachungen

Zahllose Grade, bis zum hellen

Traumlosen Mittage deines Daseyns,


O Selbstbewußtseyn, ich dich verfolgte, daß

Von irgend einem schwindelnden Hügel her

Mein Blick ihn schaute, deinen Lichtstrom,

Wie er allmählig begann zu wogen,


Jetzt dunkel dämmernd sich durch die Nächte wand,

Jetzt immer heller, heller sich breitete,

Und jetzt, zu vollem Glanz ergossen,

Hell, wie der Mittag, sich auf mich senkte!


Dich gab der Vater, da er mich wandern hieß,

Mir zum Geleiter meiner Unsterblichkeit;

Dich mit dem Staube nicht verwandten

Kann die Zerstörung mir nicht entreißen.


Von Jahr zu Jahr wandelt die Hülle sich,

Staub mit dem Staube, wechselt und wechselt stets,

Und doch im Wandeln meiner Hülle

Stehst du mir fest, wie im Sturm die Eiche.


Und o Triumph, Triumph! Wann die morsche fällt,

Dann folgst du sicher deiner Unsterblichen;

Wann ihre Trümmer Sturm verwehet,

Folgst du ihr traulich in ferne Welten.


O Selbstbewußtseyn, meiner Unsterblichkeit

Trugloser Bürge, Urquell der Hoffnungen,

Die durch des Staubes Moderhülle

Jn die umdämmerte Seele leuchten!


Du bist mir heilig, weil noch wie Epheu sich

Um meine Glieder Leben und Jugend schlingt;

Dich werd' ich einst im Todeskampfe

Noch mit den starrenden Lippen segnen.
|#f0241 : 229|



6) von v. Schiller († 1805).



Die Künstler. (abgekürzt)



Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige

Stehst du an des Jahrhunderts * Neige,

Jn edler stolzer Männlichkeit,

Mit aufgeschloßnem Sinn, mit Geistesfülle,

Voll milden Ernsts, in thatenreicher Stille,

Der reifste Sohn der Zeit;

Frei durch Vernunft, stark durch Gesetze,

Durch Sanftmuth groß, und reich durch Schätze,

Die lange Zeit dein Busen dir verschwieg;

Herr der Natur, die deine Fesseln liebet,

Die deine Kraft in tausend Kämpfen übet,

Und prangend unter dir aus der Verwild'rung stieg!

Jm Fleiß kann dich die Biene meistern,

Jn der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer seyn;

Dein Wissen theilest du mit vorgezognen Geistern,

Die Kunst, o Mensch, hast du allein!

Nur durch das Morgenthor des Schönen

Drangst du in der Erkenntniß Land;

An höhern Glanz sich zu gewöhnen,

Uebt sich am Reize der Verstand.

Was bei dem Saitenklang der Musen

Mit süßem Beben dich durchdrang,

Erzag die Kraft in deinem Busen,

Die sich dereinst zum Weltgeist schwang!

Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen,

Die alternde Vernunft erfand,

Lag im Symbol des Schönen und des Großen,

Voraus geoffenbahrt dem kindischen Verstand.

Jhr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben,
*

Noch im achtzehnten Jahrhunderte gedichtet.
|#f0242 : 230|



Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich gesträubt,

Eh' noch ein Solon das Gesetz geschrieben,

Das matte Blüthen langsam treibt.

Eh vor des Denkers Blick der kühne

Begriff des ew'gen Raumes stand;

Wer sah hinauf zur Sternenbühne,

Der ihn nicht ahnend schon empfand?

Die, eine Glorie von Orionen

Ums Angesicht, in hehrer Majestät,

Nur angeschaut von reineren Dämonen,

Verzehrend über Sternen geht,

Geflohn auf ihrem Sonnenthrone,

Die furchtbar herrliche Urania,

Mit abgelegter Feuerkrone

Steht sie ─ als Schönheit vor uns da.

Der Anmuth Gürtel umgewunden,

Wird sie zum Kind, daß Kinder sie verstehn;

Was wir als Schönheit hier empfunden,

Wird einst als Wahrheit uns entgegen gehn.

Glückselige, die sie ─ aus Millionen

Die reinsten ─ ihrem Dienst geweiht,

Jn deren Brust sie würdigte zu thronen,

Durch deren Mund die Mächtige gebeut,

Die sie auf ewig flammenden Altären

Erkohr, das heil'ge Feuer ihr zu nähren,

Vor deren Aug' allein sie hüllenlos erscheint,

Die sie in sanftem Bund um sich vereint.

Freut euch der ehrenvollen Stufe,

Worauf die hohe Ordnung euch gestellt;

Jn die erhab'ne Geisterwelt

Wart ihr der Menschheit erste Stufe!

Je reicher ihr den schnellen Blick vergnüget,

Je höh're schön're Ordnungen der Geist

Jn einem Zauberbund durchflieget,
|#f0243 : 231|



Jn Einem schwelgenden Genuß umkreis't;

Je weiter sich Gedanken und Gefühle

Dem üppigeren Harmonieenspiele,

Dem reichern Strom der Schönheit aufgethan ─

Je schön're Glieder aus dem Weltenplan,

Die jetzt verstümmelt seine Schöpfung schänden,

Sieht er die hohen Formen dann vollenden;

Je schön're Räthsel treten aus der Nacht,

Je reicher wird die Welt, die er umschließet,

Je breiter strömt das Meer, mit dem er fließet,

Je schwächer wird des Schicksals blinde Macht,

Je höher streben seine Triebe,

Je kleiner wird er selbst, je größer seine Liebe,

So führt ihn, in verborg'nem Lauf,

Durch immer rein're Formen, rein're Töne,

Durch immer höh're Höhn und immer schön're Schöne

Der Dichtung Blumenleiter still hinauf ─

Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten,

Noch eine glückliche Begeisterung,

Des jüngsten Menschenalters Dichterschwung,

Und ─ in der Wahrheit Arme wird er gleiten.

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben;

Bewahret sie!

Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!

Der Dichtung heilige Magie

Dient einem weisen Weltenplane,

Still lenke sie zum Oceane

Der großen Harmonie!

Der freisten Mutter freie Söhne,

Schwingt euch mit festem Angesicht

Zum Stralensitz der höchsten Schöne;

Um andre Kronen buhlet nicht.

Die Schwester, die euch hier verschwunden,

Hohlt ihr im Schoos der Mutter ein;
|#f0244 : 232|



Was schöne Seelen schön empfunden,

Muß trefflich und vollkommen seyn.

Erhebet euch mit kühnem Flügel

Hoch über euern Zeitenlauf;

Fern dämmert schon in euerm Spiegel

Das kommende Jahrhundert auf.

Auf tausendfach verschlungnen Wegen

Der reichen Mannigfaltigkeit,

Kommt dann umarmend euch entgegen

Am Thron der hohen Einigkeit.

Wie sich in sieben milden Stralen

Der weiße Schimmer lieblich bricht;

Wie sieben Regenbogenstralen

Zerrinnen in das weiße Licht:

So spielt in tausendfacher Klarheit

Bezaubernd um den trunknen Blick;

So fließt in Einen Bund der Wahrheit

Jn Einen Strom des Lichts zurück!


7) von v. Nostitz und Jänckendorf (Arthur

vom Nordstern);



aus s. Anregungen für das Herz und das

Leben
(Leipz. 1825).



Gott.



Gott ist uns das, wofür uns beim Gedanken

Das Wort gebricht; was Ziel nicht kennt, nicht Schranken,

Was kein Begriff bestimmt und lehrt;

Wo Gleiches mangelt, um es zu vergleichen;

Was durch Beschreibung nimmer zu erreichen,

Was, forscht man nach, im Forschen stets sich mehrt.


Bahn zu Gott.



Die Bahn zu Gott kann die Natur dir zeigen;

Doch kannst du bis zu ihm empor nicht steigen,
|#f0245 : 233|



Die Endlichkeit schließt dir das Thor.

Nur durch die Menschheit, geistig einberufen

Zum Heiligthum, eilst du zu höhern Stufen;

Der Geist schwebt nur durch Geistiges empor.


Werth der Beobachtungen.



Ob richtig deine Uhr die Zeit dir zeige?

Dein Wetterglas ob's sinke? ob es steige?

Du hast drauf Acht, deß nimmst du wahr.

Merkst du auch drauf: wie du die Zeit verwaltet?

Ob dein Gefühl erwärmt sey? ob erkaltet? ─

Von Außen nicht, von Jnnen droht Gefahr!


Verschiedenheit im Wachsthum.



Der Weisen Zahl ─ wie klein! ─ Wie klimmt zum

Hohen

Der Mensch gemach! ─ Schnell wächst die Zahl der rohen

Gemeinheit, die sich trotzig zeigt. ─

Giftpflanzen wuchern üppig, fast unzählig,

Auch Pilz und Schwamm gedeihn ─ indeß allmählig

Der Eichbaum kraftvoll zu den Wolken steigt.


8) von Manso.



Zukunft.



Was harret unsrer hinter jenen grauen

Gebirgen dort, die feuchter Nebel drückt?

Sinds Wüstenein ohn' Ende? Sind es Auen,

Von Licht umstralt, mit ew'gem Reiz geschmückt?

Wir möchten gern ins Land der Zukunft schauen,

Und fühlen uns durch nichts so hoch beglückt.

Der Geist versucht, aufstrebend, sein Gefieder;

Allein, ermattend, kehrt er immer wieder.


Was er zurück von seiner Wallfahrt bringet,

Es ist ein Bild, halb Schatten, halb Gestalt;
|#f0246 : 234|



Ein Vorgefühl, das, schmeichelnd, ihn umschlinget,

Ein Ton, der leicht im Jnnern wiederhallt.

Je kühner er sich in die Wolken schwinget,

Um zu erspähn, was droben wogt und wallt;

Je mehr verwirren, wie im bunten Traume,

Jhn die Gestalten aus dem fernen Raume.


Er hört, erstaunt, vom Wesen sonder Schranken,

Das rastlos schafft, und wirket und erneut;

Vom Samenkorn unsterblicher Gedanken,

Das, wuchernd, in der Erde Schoos gedeiht;

Von Zeugnissen, die wir der Vorwelt danken;

Vom Tugendsinn, der seines Lohns sich freut!

Doch alles wird der Zweifelsucht zum Raube;

Nichts bleibt ihm, als der Einfalt frommer Glaube!


Ja, glauben soll, nicht wissen, nicht ergründen,

Der Sterbliche, so lang' er diesseits lebt.

Jst Licht sein Theil; er wird es jenseits finden,

Wo sich gewiß auch eine Sonn' erhebt.

Was mangelt uns in diesen Dämmergründen,

Um die der Hoffnung milder Schimmer schwebt?

Sie bietet uns Beruhigung und Frieden.

Zum Glück bedarf das Herz mehr nicht hinieden!


9) von Conz.



Das Orakel der Weisheit. (abgekürzt)



Unbegreifliches,

Wenig begreifendes Geschlecht der Sterblichen!

Ausgesät über die unendliche Erde,

Unendlich für dich,

Aber der Schatten eines Puncts

Vor dem, der das Unendliche selbst ist.

Du kommst, weißt nicht woher?

Gehst, weißt nicht wohin?
|#f0247 : 235|



Stückwerk dein Wissen, Arbeit dein Thun. ─

Ueber dir kreisen Sonnen und Planeten

Jn ewiger Jugend,

Scheiden, und kommen, und kennen ihre Zeit,

Und du, unaussterblich in deiner Gattung,

Lebst nur in der Gattung fort,

Und findest kein Mittel,

Dem Alter und dem Tode zu entgehn.

Jmmer entgegenreifend der Zerstörung;

Jm Kern des Lebens

Trägst du den Wurm des Todes.

Ueber dir hin

Wandelt ihren ehrnen Gang die Nothwendigkeit.

Du aber über deinen geschmückten Gräbern,

Ueber deinen blumigen Trümmern,

Weilest flüchtige Tage.

Vor allen Kindern der grüngelockten Erde

Gab dir der Schaffende

Den Blick vorwärts ins Kommende,

Und den Blick rückwärts ins Vergangne;

Und zwischen zwei Welten,

Der sichtbaren und der unsichtbaren,

Stehest du da.

Aber nur Dämmerung ist die Aussicht,

Und einzelne Stralen der Morgenröthe

Schwimmen in der weiten Ferne.

Jch hörte viele Fragen

Vom Orakel der Weisheit;

Jahrtausende fragen sie,

Jahrtausende streiten sie über der Antwort:

„Was kann ich wissen, was glauben, was thun?

Wo ist das Orakel der Weisheit?

Jch will den Fels hinanklimmen,

Und engten Dornen und Klippen den Pfad;
|#f0248 : 236|



Jch will durch die Dornen und Klippen

Den steilen Gang hinauf,

Wo das geheiligte Becken ertönt,

Und mir Kunde der Weisheit

Durch den Spruch der Weihe wird.

Nicht im Dunkel des Hains,

Nicht über klippigten Höhen,

Wo magischer Bezauberung Gestalten

Dich umwehn,

Jn dir, Mensch, ist das Orakel der Weisheit.

Höre dich selber!

Genieße und leide!

Dulde und entbehre!

Liebe, hoff' und glaube!

Suche den Ewigen nicht,

Du möchtest ihn desto weniger finden,

Vielleicht verlieren, wenn du ihn suchest.

Glaub' ihn!

Er ist dir nahe, um dich, über dir, in dir!

Und seine schönste Tochter, die Liebe,

Mit ihrer Schwester, der Hoffnung,

Gab er dir zur Braut und Gespielin!

Jhn singt dir die ganze Natur,

Und sein feurigster Psalm ist dir der wandelnde Sternenhimmel.



Such' ihm zu gleichen durch Liebe, so viel du kannst.

Ringe nach Tugend.

Und geböte der Unbekannte nicht;

Pflicht ist für dich

Der Vollkommenheit Gesetz,

Der ewig unwandelbaren,

Vor allem vorhandenen;

Und die Harmonie des Weltalls

Deutet auf sie!
|#f0249 : 237|



Und lohnte kein Jenseits;

Und strafte kein Jenseits;

(Nur irrende Leiter sind Lohnsucht und Furcht;)

Gehorche der Pflicht!

Bewahre die Krone, die du hast,

Der Menschheit Würde!

Fürchte den Tod nicht!

Aber verachte ihn nicht!

Den großen Lehrer,

Den Heiland aus vieler Noth,

Der dir die Bande lös't,

Der's mit dir endet, oder vollendet!

Glaube, er wird es vollenden!

Glaub' an dich und Unsterblichkeit!

Was drüben seyn wird,

Wenn du Weisheit und Tugend

Ehrtest und übtest;

Wohl dir! du hast dich!


10) von Christian Schreiber.



Die Sprüche des Lebens.



Es regt sich die Menschheit in ewiger Fülle;

Das Göttliche ruht in erhabener Stille! ─

Und wie auch gebietet der Wechsel der Zeit,

Sie ist nur ein Bild der Unendlichkeit;

Und wirst du auch nimmer das Leben ergründen,

So strebe, dich selbst in dem Leben zu finden.


Es schauet dein Blick nur die endliche Scene,

Es höret dein Ohr nur verrauschende Töne;

Das Leben ist Schatten, die Ewigkeit Licht,

Die Sinne erforschen das Göttliche nicht.

Doch was dir vertrauen die innern Gefühle,

Dem folge, du nahest dem ewigen Ziele! ─
|#f0250 : 238|



Es giebt eine Ahnung, ein heiliges Glauben!

Wer wollt' es der Menschheit, der Hoffenden, rauben? ─

Denn wie auch die Meinung der Völker getrennt,

Eins ist, was ein jeder im Herzen bekennt;

Daß ein Höheres ist, als das Leben im Staube,

Und das ist der wahre, der einzige Glaube!


Es giebt eine Liebe zum Hohen und Schönen,

Nach stiller Verklärung ein inniges Sehnen;

Denn wie auch der Wüstling die Liebe entehrt,

Die Reine hat stets ihre Würde bewährt;

Und sänken ermattet die feurigsten Kräfte,

Die Liebe belebt sie zum neuen Geschäfte.


Es giebt eine Hoffnung zu glücklichern Stunden,

Ein heilender Balsam für blutende Wunden;

Und wie auch die Täuschung, der Trug uns umflicht,

Die tröstende Hoffnung verlässet dich nicht.

Sie läßt dich nicht sinken im Strome der Zeiten;

Durch sie erst gewinnet das Leben Bedeuten.


Die Räthsel des Lebens, ─ wer lös't sie dem Auge? ─

Wer ist, der hinab in die Tiefe sich tauche,

Die Perle zu suchen auf trüglichem Grund? ─

Wer thut uns den Urquell des Göttlichen kund? ─

Tief unter den Bildern, da lieget die Wahrheit,

Und über dem Scheine nur findest du Klarheit!


11) von Tiedge.



Unsterblichkeit und Gottheit.

(Bruchstück aus der Urania.)



─ Zwei Stunden Zeit, zu werden und zu schwinden,

Und eine Sehnsucht, die an Ewigkeiten hängt:

Kannst du den Widerspruch ergründen,

Daß ans Unendliche das Endliche sich drängt?
|#f0251 : 239|



Die Rose fällt, die Duftgestalt geht unter! ─

Der Staub, der sich durch tausend Formen treibt,

Verwes't, verwittert, und in bunter

Verwandlung wiederkehrt ─ er bleibt!

Und ist der Mensch, der, selbstgebietend,

Ein freies, lichtes Seyn in seinem Busen pflegt,

Er, der in sich die Welt, in sich die Gottheit trägt,

Jst er nur Form, nur Staub? ein Blumenkelch, den

wütend

Der letzte Sturm herab von seinem Lenze schlägt?

Doch warum muß der Mensch durch tausend Tode

gehen?

Weil tausendfaches Leben ihm gehört.

Das ganze Weltall ist ein großes Auferstehen,

Das ewig, ewig wiederkehrt.

Durch Tode soll der Mensch erst leben lernen;

Die Erd' entsinkt, das Reich der Seelen thut sich auf;

Die Sonn erlischt, ─ zu tausend Sonnenfernen

Winkt uns die dunkle Nacht hinauf!

Verlaß den Laubesitz voll abgefallner Blätter!

Tritt auf den Jura hin! Vernimm dort die Natur,

Dies große Lied von Gott, dies Heldenlied für Götter;

Und fühle deine eigne Götterspur.

Wohin das Auge blickt, wie sich die Aussicht weitet,

Wir ahnen einen tiefen Sinn;

Die ganze Gegenwart, die uns umwogt, sie deutet

Auf eine große Zukunft hin.

Vom Schimmerlicht am Sumpf, bis zu dem Kranz von

Tagen,

Der blühend durch den Himmel kreis't;

O welche Flut des Seyns! Die tiefen Wogen schlagen

Bedeutungsvoll an deinen Geist.

Es spiegelt in dem Geist, der so erhaben waltet,

Weissagend mehr als Eine Welt sich ab,
|#f0252 : 240|



Wenn sie das Heiligthum der Nacht vor dir entfaltet;

Und weihend steigt ein Genius herab,

An deine Hoheit dich zu mahnen,

Zu der du feierlich berufen bist.

Unendlichkeit kann nur das Wesen ahnen,

Das zur Unendlichkeit erkohren ist.

Wie? oder ist es eines Traumgesichtes

Verirrung nur, die uns ein hell'res Seyn verspricht?

Jst dieser Drang nach höherm Licht

Nicht Weissagung des höhern Lichtes?

Dann sprich, warum, warum ward uns der Drang verliehn,

Der tiefe Wahrheitssinn, der feierlich und kühn,

Wie ein erhabner Seher, zu den Räumen

Der Unermeßlichkeit hinüber reißt?

Woher der immer rege Geist,

So über sich hinaus zu träumen,

Um dort zu fordern, was ihm hier gebricht? ─

Aus Licht ist er zum Licht gebohren;

Zu einem höhern Loos' erkohren,

Jst seine Heimath hier auf Erden nicht.

Hier ist der Vorsabbath der lichten Sonnenfeier;

Die Morgenstunde, die den Späher weckt,

Hinauf zu schauen zu dem Schleier,

Der uns das Heiligthum versteckt.

Und sieh! des Dulders finstern Horizont

Umzittert, wie ein rother Morgenschimmer,

Ein stilles Leuchten, das die Trümmer

Des Lebens freundlich übersonnt.

Der Wolkenvorhang war hinweggezogen;

Wie eine junge blühende Natur

Umarmte sanft ein schöner Friedensbogen

Die Stille seiner Lebensflur;

Da war's, als spräch' ein Geist zu ihm die Worte:

„Kein Funken einer Göttlichkeit verglüht!
|#f0253 : 241|



Zu höherm Glanz führt diese Blumenpforte;

Sie ist aus Thränen aufgeblüht!“


Vom Seyn zum Seyn geht alles Leben über;

Gestaltung reift zur Umgestaltung nur,

Und die Erscheinung schwebt vorüber;

Zum Nichtseyn ist kein Schritt in der Natur.

Zwar überschattet Nacht den Urquell unsrer Tage;

Wir wissen nicht, woher? wir wissen nicht, wohin

Der große Strom die kleine Welle trage;

Doch mein Triumph ist, daß ich bin!


Seyn werd' ich, weil ich bin! des Daseyns höchste

Blüthe,

Des Daseyns Bürgschaft ist die Kraft in meiner Brust,

Die Kraft, daß ich die Tugend mir gebiete;

Durch mich bin ich mir dieses Seyns bewußt.


Wie Geist und Körper ist, und wie sich Eins hinüber

Jns Andre tief zu Einem Seyn verflicht,

Zu einem solchen Seyn! der Mensch erforscht es nicht;

Es ruhet Gottes Hand darüber!

Erforschten wir es auch; sprich, was gewönnen wir?

Genug, die Tugend bürgt dafür,

Daß nicht in der Natur ein Quell versiegen werde,

Der jenseits der Natur entrann.

Was irdisch ist, gehört der Erde,

Das Heilige gehört dem Himmel an! ─


Unsterblichkeit, auf hehren Schwingen

Erflieget der Geist dein lichteres Reich,

Und hinter ihm, wo die Gewalten ringen,

Verrauscht der Sturm am dürren Gesträuch.


Jhr, vom Naturgesetz gehalten,

Jhr Sonnen, durchstralt den ewigen Raum;

Mein Geist fliegt auf von den Naturgewalten,

Und leuchtender stralt sein ahnender Traum!
|#f0254 : 242|



Es ist von ihm hinweggesunken

Der irdische Druck; das Göttliche nur,

Den heiligen, den reinen Aetherfunken

Entwinket ein Gott dem Schoos der Natur!

Uns ward ein Tugendsinn und Trieb nach Lebenswonne;

Sie sind der Doppelstral, der in dies Leben fällt.

Woher der Stral? Er zeigt von einer höhern Sonne,

Und deutet mächtig hin auf eine Geisterwelt,

Es ist ein Gott! und sieh, die Nebel sind zerflossen

Vor diesem Sonnenstral; ein großer Lebenstag,

Ein Auferstehungstag ist ausgegossen,

Wo dumpfe Mitternacht voll Todesgeister lag!

O Mensch, vermisse diesen Glauben,

Und fühle, was dein Heiligstes vermißt.

Du würdest die Vernunft selbst ihres Lichts berauben;

Gott ist, weil eine Tugend ist!

Und Heil und Heiligkeit sind zwei verwandte Flammen;

Sie flammen hoch durch das Gebiet der Zeit,

Und neigen ewig sich durch die Unendlichkeit,

Und fallen dort in Einen Geist zusammen;

Und dieser Geist ist Gott, kann Gott nur seyn.

Kein Endlicher kann sich zu dieser Höh' erheben;

Die höchste Seligkeit, das reinste Geistesleben,

Sind in sich, durch sich eins; Gott fasset sie allein!

Das wär' ein Wahn, ein Traum, was ich so warm

umfasse?

Was vor dem Geiste sich so dunkelhell enthüllt?

Was meinen reinsten Sinn so rein, so tief erfüllt?

Nein, jenes Weltall ist die große Körpermasse,

Wohinter eine Welt der Geister sich verhüllt.

Und diese Geisterwelt ist die erhab'ne Seele,

Der Sinn des großen Alls, voll Gott und Götterart;

Was göttlich ist, gehört zu dieser großen Seele,

Die sich dem stillen Sinn der Ahnung offenbahrt.
|#f0255 : 243|



Du kannst dich dieser Ahnung nicht berauben;

Dein Zweifel selbst verräth dir ihre leise Spur.

Sie spricht durch die Natur zum Glauben,

Der Glaube spricht von ihm zu der Natur.

Du zweifelst nicht an jenen Himmelskerzen;

Du ahnest Größe dort, und schaust entzückt hinan.

Jst denn die Geisterwelt entfernter deinem Herzen?

Jn deinem Geiste fängt das Reich der Geister an.

Der höchste Geist ist Gott, und du wirst seiner inne,

Wann tief der reine Sinn der Tugend dich entzückt;

Hier ist sein Heiligthum, und dort im Reich der Sinne

Jst er durch Weltnatur und Weisheit ausgedrückt.

Jch war dem Tropfen Zeit entronnen;

Und offen lag vor meinem Geiste nun

Der Ocean, an dessen Ufer Sonnen,

Wie ausgeworf'ne Kiesel, ruhn.

Die Milchbahn streckte weit durch unermeßne Fluren

Die tausend Arme wundervoll hinaus;

Dort drückte seine hellen Spuren

Verweilender das Wandeln Sottes aus.

Da blitzten, wie von Götteridealen,

Unsterbliche Gedankenstralen

Jn meinem tiefsten Leben auf.

Verklärter schwebten Monden hin und Erden,

Aus Schattenhallen gingen sie herauf;

Zu Morgensternen sah ich Abendsterne werden;

Die Schatten blühten selbst zu Lichtgestalten auf.

Gestirne zogen dort in weit entfernten Gleisen,

Sie drangen bleich herauf mit ihren Nebelaun,

Wie Geister, die aus öden Lebenskreisen

Nach einer hellern Sonne schaun.

So schwang mein Geist sich auf zum Gottesdienst der

Sphären.
|#f0256 : 244|



Ha, welch ein Gottesdienst der Nacht! und doch kein

Gott? ─

Bei jenen flammenden Altären

Jm Tempel der Natur! Hier ist, hier waltet Gott!

Sein Odem weht durch diese Stralenlaube;

Dort betet die Vernunft: Erhabener, du bist!

Bist nahe dem beseelten Staube!

Ja, wenn den Heiligen die Grübelei vermißt;

Dann findet ahnend ihn der Glaube,

Der die Vernunft der Tugend ist.

Es sey kein Gott! und todt sind diese Himmelsflammen;

Sie haben hin durch deine Nacht geblitzt,

Und Trümmer baun den wüsten Thron zusammen,

Auf welchem einsam nur und stumm der Tod noch sitzt.

Es sey kein Gott, von dem die Welten stammen;

Jm Schoos des Zufalls ist der Lichttag aufgewacht;

Der weise Zufall rief in aller ihrer Pracht

Die tausend Sonnen hin in diese Glanzgefilde,

Damit aus tausend Sonnen ─ Eine Nacht,

Des Nichtseyns große Nacht sich bilde?

Und die Natur, die holde Pflegerin,

Auf deren Schoos wir einst in Schlummer fallen,

Sie fragt umsonst: woher? wohin?

Nein, Gottes Finger schrieb an diese Aetherhallen

Mit heller Sternenschrift: ich bin!

So find' ich denn im großen Weltenstrome,

Wo Schöpfung sich an Schöpfung knüpft,

Und im lebendigen Atome,

Der, kaum gesehn, im Lichtstral hüpft:

Ein Gott bevölkerte die unermeßnen Weiten

Mit Geistern, angestralt von seiner Göttlichkeit;

Vor ihm ist keine Zeit, uns gab er Raum und Zeiten;

Er wandelt still dahin durch seine Ewigkeiten,

Sein großer Schatten fällt durch das Gebiet der Zeit.
|#f0257 : 245|



Es herrscht sein unbeschränktes Walten

Durch die Unendlichkeit in aller Kraft des Seyns;

Gedanken Gottes sind die hehren Weltgestalten;

Gott ist das All, das All ist Eins!

Jhn preißt dein Leben mehr, als alle Huldigungen

Der ewigen Natur, die kein Gedank' ermißt;

O glaub' es dir, und den Versicherungen

Von tausend Welten, daß Gott ist!

Sey denn mit Dunkelheit des Pilgers Pfad umschleiert;

Natur und Tugend, hin zur Gottheit führen sie!

Der Tugend öffnet sich das Reich der Harmonie;

Gott ist das hohe Lied des Tempels, wo sie feiert,

Und die Natur die Melodie!


Es ist ein Gott! der Tugend verbürgendes Leben

Verkündigt ihn; sie wäre nicht, wäre kein Gott.

Jhr ist das Wort der innigsten Weihe gegeben;

Sie spricht es aus: es ist ein Gott!


Sie zeuget laut, sie ruft es hinaus in die Ferne,

Hinaus in die mit Welten umblühete Flur.

Es ist ein Gott, antworten die ewigen Sterne

Durch das Gewölbe der Natur.


Der stille Geist, der innerste, seligste Friede

Vertraut dem Hain das hohe Geheimniß von Gott.

Und leise spricht im flötenden Nachtigallliede

Der Hain es nach: es ist ein Gott!


Der Erde Druck, die heiligen Leiden des Lebens,

Erhöhn den Geist, erheben die Seele zu Gott;

Die Tugend kämpft, und fordert den Sieg nicht vergebens;



Sie triumphirt: es ist ein Gott!
|#f0258 : 246|



12) von Pölitz.



Die zehn Gebote vom Hirschensteine*.



Ein zweiter Sinai, erhebet in die Lüfte

Sein graues Haupt der Hirschenstein,

Und Gottes Allmacht grub in diese Granitklüfte

Zehn heilige Gebote ein.


Von Allem, was da lebt im Staube, fühlet Keiner

Jn sich des ewgen Daseyns Spur;

Unendlich ist im ganzen Geisterreich nur Einer,

Der waltet groß in der Natur.


Jhn sucht dein sehnend Herz; ihm beugt sich dein Gewissen;



Du sollst ihn lieben, ihm vertraun.

Du sollst des Vaters Segen rings um dich genießen;

Doch wähne nicht, ihn selbst zu schaun.


Du sollst das Gute um des Guten willen üben;

Denn dann nur ist dein Wille rein.

Du sollst dich selbst, doch mehr noch deine Brüder lieben,

Und einig mit dir selber seyn!


Zur Herrschaft soll schon hier das ew'ge Recht

gelangen,

Der Sultanismus untergehn;

Jm Frieden soll die mütterliche Erde prangen,

Und hoch der Freiheit Fahne wehn!


Der Zwingherrn Fesseln, und der Diplomaten Sünden,

Sie sollen einst, noch wär's zu früh,

Jns Grab, das sie sich selbst bereiten, niederschwinden;



Denn Gottes Kraft zerschmettert sie.
*

im Karlsbade am 7 Aug. 1818 niedergeschrieben,

und in den thüringischen Erhohlungen abgedruckt.
|#f0259 : 247|



Du sollst als freier Geist nach höchster Reife

streben,

Kein Sklave fremder Meinung seyn;

Denn nur die selbsterrung'ne Wahrheit führt zum Leben

Und zu dem innern Frieden ein.


Du sollst das Reich des Lichts auf Erden weit

verbreiten;

Gott wohnt im Licht, und schuf das Licht,

Und er erzieht uns hier zum Licht der Ewigkeiten ─

Was auch des Bonzen Jrrsinn spricht.


Doch störe nie den Bruder, der nach andrer

Meinung

Dem Weltenurgeist schüchtern naht;

Wir alle harren jenseits erst des Lichts Erscheinung,

Und gehn hier einen dunkeln Pfad.


Du sollst, willst du dem Vater in den Höhen gleichen,

Sein Ebenbild auf Erden seyn;

Dem Strauchelnd-Fallenden die Hand der

Liebe reichen,

Und selbst dem Sünder gern verzeihn.


Du sollst nicht angstvoll zweifeln, nicht im Glauben

wanken,

Wann sich das letzte Licht verliert;

Der Vorsicht Plan stammt nicht aus irdischen Gedanken;

Genug, daß dich ein Vater führt!


Du bist unsterblich! Lüfte kühn des Geistes

Schwingen

Jm Vorhof seines Heiligthums!

Wann Geist und Leib sich trennen, wirst du siegreich

dringen

Zu höhern Tempeln seines Ruhms.
|#f0260 : 248|



Es wird ─ mag auch des Hirschensteins Geklüft verwittern,



Die Glut des Sprudels untergehn,

Des Kreuzbergs wilde Höh' im Sturme niederzittern, ─

Dies heilige Gesetz bestehn!


3) Die epische Form der Dichtkunst.



37.

Charakter und einzelne Theile der epischen

Form der Dichtkunst.


Wenn der Character der didactischen Form der

Dichtkunst auf der zur ästhetischen Einheit erhobenen

Darstellung von Gefühlen beruht, die durch

Begriffe des Verstandes, oder durch Jdeen der Vernunft

aufgeregt und hervorgebracht werden; so beruht

der Charakter der epischen Form der Dichtkunst

auf der zur ästhetischen Einheit erhobenen Darstellung

von Gefühlen, die durch Gegenstände

in der Naturwelt, oder durch Vorgänge

im Reiche der menschlichen Freiheit angeregt

und erzeugt werden.



Denn ob es gleich der allgemeine Charakter

der Dichtkunst, und die Grundbedingung jedes einzelnen

dichterischen Erzeugnisses ist, daß Gefühle

dargestellt, und diese, vermittelst der idealischen Gestaltung

des Stoffes, zur Einheit der Form verbunden

werden; so unterscheiden sich doch die einzelnen

Hauptklassen der Dichtkunst dadurch von einander,

daß der darzustellende Stoff in der lyrischen |#f0261 : 249|



Form in unmittelbaren Gefühlen des Dichters,

in der didactischen Form in Gefühlen, hervorgebracht

durch Begriffe des Verstandes oder durch Vernunftideen,

und in der epischen Form in Gefühlen,

vermittelt durch die Wahrnehmung von Naturgegenständen

oder durch die Thatsachen und Wirkungen

der menschlichen Freiheit, besteht. So wie also beim

Lehrgedichte ein Begriff des Verstandes oder eine

Jdee der Vernunft die Gefühle im Gemüthe des

Dichters aufreget, welche, unter der Thätigkeit der

idealisirenden Einbildungskraft, zur vollendeten Einheit

der Form verbunden werden; so sind es im

epischen Gedichte entweder Gegenstände und Erscheinungen

in der Naturwelt, oder Jndividuen, Thatsachen

und Vorgänge in der Welt der Freiheit,

welche Gefühle anregen, denen die Einbildungskraft,

vermittelst des freien Spieles ihrer Thätigkeit, die

idealische Hülle ertheilt.



Die Stoffe der epischen Dichtkunst unterscheiden

sich daher von den Stoffen der geschichtlichen

Prosa, bei aller übrigen Verwandtschaft mit denselben,

theils dadurch, daß sie Gefühle, welche

durch Thatsachen und Ereignisse veranlaßt werden,

und nicht zunächst und ausschließend Thatsachen und

Vorgänge schildern, wie die geschichtliche Prosa;

theils dadurch, daß kein reingeschichtlicher Stoff

als episch betrachtet und behandelt werden kann, der

nicht an sich geeignet ist, Gefühle zu erregen, und

der nicht in dem Gemüthe des epischen Dichters die

aufgeregten Gefühle zur ästhetischen Einheit erhebt.

Es werden also nicht alle geschichtliche Stoffe, ohne

Ausnahme, der epischen Darstellung fähig seyn.

Denn so wie es Begriffe, Jdeen und Gegenstände

der menschlichen Erkenntniß giebt, welche keine Gefühle |#f0262 : 250|



für die ästhetische Darstellung in der didactischen

Dichtkunst zu vermitteln vermögen; so giebt es auch

Naturgegenstände und Vorgänge in der Wirklichkeit

(z. B. ein stinkender Sumpf, ein verwesender thierischer

Leichnam, eine Lazareth-Amputation, eine Section

u. s. w.), die sich nicht für die dichterischen Darstellungen

eignen, weil sie das Gefühl zurückstoßen, statt

daß es für die dichterische Behandlung mächtig aufgeregt,

so wie, durch diese Aufregung, die Einbildungskraft

in eine freie Thätigkeit zur Hervorbringung

einer idealischen Form versetzt werden soll.



Allein für diese Beschränkung der epischen Dichtkunst

von der einen Seite in Hinsicht des Stoffes,

wird sie von der andern wieder hinreichend entschädigt,

daß sie, was dem Geschichtschreiber in der

Prosa nie verstattet ist, theils die wirklichen Naturgegenstände

und Thatsachen der Geschichte, nicht

nach ihrer geschichtlichen Wahrheit, sondern nach

ihrer ästhetischen Darstellbarkeit, d. h. nach den Gesetzen

des Jdeals behandeln, theils daß sie sogar,

nach der Aehnlichkeit wirklicher Erscheinungen und

Vorgänge, Naturerscheinungen, Jndividuen und

Thatsachen, die nie im Kreise der wirklichen Welt

bestanden, durch die schöpferische Einbildungskraft

ins Daseyn rufen darf, unter der einzigen Bedingung,

daß der darzustellende Stoff einen ästhetischen

Charakter trägt, und daß er von dem Dichter

zur vollendeten Einheit der Form erhoben wird.



Durch dieses freie Schaffen einer idealischen

geschichtlichen Welt unterscheidet sich daher der epische

Dichter wesentlich von dem Geschichtsschreiber

in der Prosa. Es heißt den Charakter der epischen

Dichtkunst, nach der Unermeßlichkeit ihrer Stoffe

und Gebilde, ganz verkennen, wenn man z. B. dem |#f0263 : 251|



Dichter eines Romans vorwirft, er habe einen

Marc Aurel, einen Karl den Großen, einen Attila,

einen Tamerlan, eine Jungfrau von Orleans, eine

Maria Stuart, u. a. nicht mit geschichtlicher Treue

gezeichnet. Dies war weder sein Beruf, noch seine

Aufgabe. Allein wenn er diesen, im Allgemeinen

aus der wirklichen Welt entlehnten, Stoff durch

seine Behandlung nicht zu idealisiren, wenn er ihm

nicht die ästhetische Einheit der Form zu ertheilen,

wenn er nicht innerhalb dieser Form tiefe, innige

und warme Gefühle auszuathmen vermochte; dann

hat er freilich den Stab über sich selbst gebrochen,

weil er weder Historiker, noch Dichter war, indem

er das erste nicht seyn wollte und zu seyn nöthig

hatte, das zweite aber, aus Mangel an Tiefe

des Gefühls und aus Mangel an schöpferischer, die

Einheit der ästhetischen Form erzeugenden, Einbildungskraft

nicht zu seyn vermochte. Sobald aber

der epische Dichter mit schöpferischer Kraft über den,

der wirklichen Geschichte entlehnten, Stoff waltet,

und denselben für ästhetische Zwecke in idealischen

Formen ausprägt; sobald darf ihn das Urtheil der

strengen Historiker nicht kümmern, wenn sie über

den Eingriff in ihr Gebiet Klage führen. Denn

kommt ihnen die Kraft des Geistes zu, den rein

geschichtlichen Stoff zu einer vollendeten Form des

prosaischen Styls, nach allen Bedingungen des

Gesetzes der Form, zu gestalten; so werden sie innerhalb

ihres Gebietes eben so classisch erscheinen, als

der epische Dichter in dem seinigen, und Niemand

wird Bedenken tragen, Schlözer, Spittler,

Johannes Müller, Wachler, Luden u. a. auf

gleiche Linie, innerhalb der gediegenen Form der geschichtlichen

Prosa, mit den classischen Dichtern in |#f0264 : 252|



den Formen der epischen Dichtkunst zu stellen, so

verschiedenartig auch die Art und Weise ist, wie der

Prosaiker, und wie der epische Dichter dem Gesetze

der Form Genüge leistet.



38.

Fortsetzung.


Unverkümmert bleibt daher dem epischen Dichter

das Recht, gleich dem Geschichtsschreiber in der

Prosa, über alle Stoffe der beiden geschichtlichen

Kreise: der Vergangenheit und der Gegenwart,

unter der einzigen Bedingung zu gebieten, daß diese

Stoffe ästhetisch darstellbar sind. Allein vorzugsweise

vor dem Geschichtsschreiber in der Prosa

behauptet der epische Dichter auch das Recht, eine

idealische Vergangenheit und Gegenwart,

als reines Erzeugniß seiner schöpferischen Einbildungskraft

zu gestalten, sobald er den frei ins

Daseyn gerufenen Stoff theils nach dem Gesetze

der logischen und ästhetischen Möglichkeit, theils

nach dem Gesetze der Form, als eine in sich gediegene

und vollendete Kunstform, behandelt. Unter

diesen Bedingungen gehört die ganze Zauber= und

Geisterwelt in den Kreis der Stoffe des epischen

Dichters, die er in den meisten einzelnen Formen

der epischen Dichtkunst, in dem ernsthaften und komischen

Epos, in der Romanze, Ballade, in der

Legende u. s. w., mit dichterischer Freiheit anwenden

kann; nur daß alle, der wirklichen Welt nicht

einheimische, Wesen (z. B. Engel, Teufel, Feen,

Sylphen, Nixen u. a.) nach dem Gesetze der logischen

Möglichkeit und der ästhetischen Darstellbarkeit

sich ankündigen müssen. Gegen die logische Möglichkeit |#f0265 : 253|



verstößt aber blos der Unsinn, d. h. was nach

dem Gesetze der formellen Wahrheit, ohne innern

Widerspruch, nicht gedacht werden kann; so wie gegen

die ästhetische Darstellbarkeit das verstößt, was

keine Schönheit der Form verstattet, was mithin

nie unter das Gesetz der Form ─ das höchste für

alles durch Sprache Darstellbare und Dargestellte ─

gebracht werden kann.



Weil aber unzählige einzelne vollendete Formen

der epischen Dichtkunst ohne diese Beimischung einer

Zauber- und Geisterwelt bestehen; so darf diese

sogenannte Maschinerie nicht als zum Wesen

der epischen Dichtkunst selbst erforderlich


betrachtet werden, wie einige Theoretiker gethan

haben. Denn so gewiß diese Maschinerie,

nach den vorhandenen classischen Dichtern in der

epischen Form, zu den Eigenthümlichkeiten der epischen

Dichtkunst gehört; so gewiß darf sie doch nur

zum Luxus, und nicht zum ursprünglichen Wesen

dieser dichterischen Form gerechnet werden, weil

sonst die Maschinerie bei keinem einzelnen classischen

Erzeugnisse der epischen Dichtkunst fehlen dürfte. ─



Noch aber gehört es zu der Erweiterung des

reichen Gebietes der epischen Stoffe, daß der epische

Dichter ─ nächst den Thatsachen und Erscheinungen

in der Wirklichkeit, sie heiße Vergangenheit

oder Gegenwart, und nächst den durch die Einbildungskraft

ästhetisch umgeschaffenen wirklichen

Vorgängen, oder vermittelst der Einbildungskraft,

nach dem Gesetze der logischen Möglichkeit und ästhetischen

Darstellbarkeit, völlig neugestalteten Jndividuen,

Begebenheiten und Naturerscheinungen,

─ eben so gut auch abwärts von dem Menschen

(z. B. in der Fabel) seine Stoffe aus dem Kreise |#f0266 : 254|



der unbelebten und der thierischen Organisationen,

wie aufwärts aus den Kreisen der übersinnlichen

Welt entlehnen, und beide Kreise mit dem

unmittelbaren Kreise der menschlichen Freiheit in

Verbindung und Wechselwirkung bringen kann,

doch jedesmal nach einem festbestimmten

Verhältnisse beider Kreise zum Kreise der

menschlichen Freiheit.
Denn das in der Fabel

dargestellte Thier erscheint so wenig um seiner

selbst willen, als das höhere Wesen in dem Epos

und in der Ballade; beide sind des Menschen

wegen
da, um entweder den thierischen Jnstinkt

in einer ästhetischen Verhüllung an den Wirkungskreis

der menschlichen Freiheit zu halten, oder ein

übersinnliches Wesen, nach seiner geistigen und überirdischen

Kraft, in Gegensatz und Widerstreit, oder

auch in Verbindung und Unterstützung mit den geistigen

und physischen Kräften der handelnden Jndividuen

zu bringen.



Die dramatische Form der Dichtkunst, die

der epischen nahe verwandt ist, unterscheidet sich dadurch

wesentlich von derselben, daß in der epischen

Form der Dichter in seinem eignen Namen spricht

und wirkt, während der dramatische Dichter seine

Jndividualität ganz aufopfert, und die Personen,

die er schildert, selbst in die Mitte der Darstellung

versetzt, um durch dieselben die Handlung durchführen

und die ästhetische Einheit der Form vollenden

zu lassen.



Die einzelnen Formen der epischen Dichtkunst

sind:



a) das ernste Heldengedicht;



b) das komische Heldengedicht;



c) die Romanze und Ballade;

|#f0267 : 255|



d) die Legende;



e) die poetische Erzählung;



f) die Fabel.



39.

a) Das ernste Heldengedicht.


Der Charakter des ernsten Heldengedichts beruht

auf der zur ästhetischen Einheit vollendeten

Darstellung des Kampfes der menschlichen

Kraft überhaupt,
besonders aber der Kraft des

freien Willens mit der Macht des Schicksals.


Das Heldengedicht versinnlicht daher zwei

einander gegen über stehende Größen: Freiheit

und Naturnothwendigkeit; die erste vergegenwärtigt

in der Thätigkeit eines menschlichen Wesens,

die zweite in einer auf den Menschen eindringenden

äußern Macht und Gewalt, so daß die

ästhetische Aufgabe des Epos und die Wirkung desselben

in der Darstellung dieses Anwogens zweier

feindlicher Kräfte gegen einander sich ankündigt, wodurch,

bei der Anschauung dieses Kampfes, das gemischte

Gefühl der Lust und der Unlust
angeregt

wird, bis zuletzt im Augenblicke der ästhetischen

Vollendung der Form ─ es siege nun

der Held über das feindliche Schicksal, oder er unterliege

demselben ─ das Gefühl der Lust das Uebergewicht

über das Gefühl der Unlust behauptet.

Das Heldengedicht verlangt also Handlung, und

zwar Handlung eines menschlichen d. i. eines, neben

der physischen Kraft, mit geistiger Kraft und mit

Freiheit des Willens ausgestatteten, aber unter den

Schranken der Endlichkeit stehenden, und gegen die |#f0268 : 256|



Macht der Naturnothwendigkeit, oder gegen die

Vernichtung drohende Freiheit Andrer, anstrebenden

Wesens. Denn im Epos wird unter dem Schicksale,

das der Kraft des Helden feindlich sich entgegenthürmt,

bald die in ihren Ankündigungen unaufhaltbar

wirkende äußere Natur, bald die mit

allem Nachdrucke berechneter Klugheit und abgemessener

Bosheit anstrebende feindliche Freiheit andrer

Wesen seiner Gattung, bald beides zusammen in

abwechselndem Kampfe, bald aber auch der Antheil

überirdischer Wesen an diesem mächtigen Kampfe

verstanden. Von selbst folgt daraus, daß ─ sobald

der Dichter seines Stoffes völlig mächtig ist ─ die

ästhetischen Eigenschaften der Kraft, des Kühnen,

des Edlen und Würdevollen, des Unerwarteten und

Wundervollen, des Großen, des Erhabenen und

Feierlichen, des Pathetischen und Rührenden (vgl.

Th. 1. §. 51. 53─59), für die Aufnahme in das

ernste Heldengedicht besonders sich eignen, so wie,

durch die Vergegenwärtigung dieser Eigenschaften

innerhalb der vollendeten epischen Form, in dem

Gemüthe des Anschauenden der Kampf des Gefühls

der Lust mit dem Gefühle der Unlust veranlaßt wird,

der, nur in dem Augenblicke der Entscheidung der

epischen Handlung, in den Sieg des Gefühls der

Lust über das Gefühl der Lust übergeht.



Ob nun gleich der im Epos dargestellte Held

eben so nach seiner physischen Kraft, und nach

seinen geistigen Vermögen, namentlich nach der

Größe seiner Vernunft und nach der Jnnigkeit seines

Gefühls, wie nach seiner sittlichen Freiheit

im Kampfe mit dem auf ihn eindringenden feindlichen

Verhängnisse erscheinen kann; so erfüllt doch

der Kampf der sittlichen Kraft gegen die Macht |#f0269 : 257|



des widrigen Schicksals mit einem erhöhtern gemischten

Gefühle der Lust und der Unlust, als die bloße

Wahrnehmung der Aeußerung der physischen oder

intellectuellen Kräfte, obgleich die ästhetische Wirkung

des Heldengedichts zunächst auf dem idealisirten

Anstreben gegen große, während des Kampfes

fortdauernd gesteigerte, Schwierigkeiten beruht, in

deren Besiegung die dem Helden einwohnende Kraft

sich bewährt.



Unter dieser Bedingung darf es auch nur Ein

Jndividuum
seyn, das im Mittelpuncte der

dichterischen Darstellung steht. Auf diesen Helden

muß sich alles im Epos beziehen; alles muß um

seinetwillen da seyn; nichts darf in die Darstellung

aufgenommen werden, das nicht in näherer oder

entfernterer Verbindung mit ihm, und zwar nach

dem Verhältnisse
stände, in welchem er seine

Kraft thätig beweiset. Das Erste daher, worauf

es im Epos ankommt, bleibt die versinnlichte Darstellung,

Haltung und Durchführung des Helden

und der Aeußerung seiner durch das Schicksal aufgebotenen

Kraft. Das Zweite ist die dichterische

Schilderung der Macht des Schicksals, gegen

welche er kämpft. Zwischen seiner Kraft und der

Macht des Schicksals muß aber in der epischen

Kunstform das sorgfältigst berechnete Verhältniß

herrschen. Denn wäre die Macht des Schicksals

ursprünglich stärker, als die Kraft, die gegen sie

ankämpft; so wäre der Sieg des Schicksals im

Voraus entschieden. Wäre hingegen die Kraft des

Helden, als solche, sogleich in ihrer ersten Ankündigung

überwiegend über die Gewalt des Schicksals,

das sie zum Kampfe anregt; so könnte der Held

nicht der Gegenstand unsrer Theilnahme und Bewunderung |#f0270 : 258|



werden, weil nur die Gleichmäßigkeit

der Kraft des Andranges und des Widerstandes die

hohe Bewegung und den innern Kampf der Lust

und Unlust im Gefühlsvermögen hervorbringt. Nur

dadurch also, daß, bis zum Schlusse des Epos,

gleichmäßig mit der sich verstärkenden Macht des

Schicksals auch die Kraft des Helden in einer unverkennbaren

Steigerung sich ankündigt, wird das

Jnteresse an der Darstellung erhalten und erhöht.

Mag übrigens der Held zuletzt siegen oder unterliegen;

so streitet beides nicht mit dem Charakter

des Epos; nur muß der Held, wann er unterliegt,

als ein Wesen fallen, das bis zum letzten Augenblicke

den Anspruch auf Achtung, Theilnahme und

Bewunderung behauptet. Selbst der überirdische,

der göttliche Held muß, sobald er im Epos erscheint,

als sittlich vollendeter Mensch, im Vollgefühle

und in der Vollkraft aller höhern geistigen

Vermögen, nach der höchsten Reife der Vernunft,

nach der größten Jnnigkeit, Reinheit und Stärke

des Gefühls, und nach der unwiderstehlichen Kraft

der geläutertsten sittlichen Freiheit sich ankündigen,

um, ausgestattet mit dieser Gesammtheit vollendeter

Eigenschaften, den großen Kampf mit der andringenden

Macht des feindlichen Schicksals zu bestehen;

denn der Knoten, dessen Schürzung auf der

Steigerung dieses Kampfes beruht, soll nicht durch

überirdische Kräfte zerhauen, sondern durch die Kraft

des freien Willens gelöset werden.



Der Dichter des Epos ist, wie die Theorie der

epischen Dichtkunst überhaupt (§. 37 und 38.) zeigte,

wenn er auch geschichtliche Thatsachen zur Unterlage

seiner Darstellung wählt, nicht an das Gesetz der geschichtlichen

Wahrheit gebunden; wohl aber muß |#f0271 : 259|



er die dichterische Wahrheit, die innere Nothwendigkeit

in den Handlungen des Helden, und

den innern Zusammenhang zwischen der Freiheit

des Helden und der Macht des Schicksals festhalten,

weil ohne diese innere Nothwendigkeit keine

Einheit der ästhetischen Form möglich ist. Aus

dem Festhalten dieser innern Nothwendigkeit ergiebt

sich die Eintheilung des Epos in die einzelnen

Acte oder Gesänge, so daß jeder einzelne Gesang

ein in sich abgeschlossenes Ganzes des dargestellten

Kampfes zwischen der Freiheit des Helden und der

Macht des Schicksals bildet, obgleich jeder einzelne

Gesang mit den vorhergehenden und nachfolgenden

Gesängen im nothwendigen Zusammenhange stehen

muß. Selbst die Aufnahme des Wunderbaren

und Uebersinnlichen in das Heldengedicht (§.

38.) steht unter diesem Gesetze der innern ästhetischen

Nothwendigkeit, so daß es keinen zufälligen

und außerwesentlichen, sondern einen nothwendigen

Bestandtheil der ganzen Handlung bildet.



Die künstlerische Anlegung, Haltung und Durchführung

des Epos, der darin vorherrschende Ton

des Gefühls, und die wechselnde Farbengebung in den

einzelnen dargestellten Gruppen und Schilderungen,

ist eine Wirkung der Begeisterung und der schöpferischen

Einbildungskraft des Dichters, und wird deshalb

─ im ganzen Umfange der ästhetischen Form ─

das Gepräge der Jndividualität des Dichters an sich

tragen. Je größer seine dichterische Kraft ist, den

Helden nach allen seinen Handlungen und Ankündigungen

im Glanze des Jdeals, und, ihm gegen

über, die Macht des Schicksals in ihrem ganzen

Umfange darzustellen; je bestimmter das Gesetz des

innern Zusammenhanges und der Nothwendigkeit |#f0272 : 260|



zwischen allen einzelnen Theilen herrscht, und je mehr

es ihm gelingt, das Jnteresse an der Darstellung

bis zu dem Schlusse hin zu steigern; desto umschließender

und sicherer wird die Wirkung des Epos

seyn.



Wenn man in neuerer Zeit den ästhetischen

Charakter des Epos beinahe zu überschätzen und

die epischen Dichtungen über die lyrischen zu

stellen suchte; so darf man, um beide gehörig zu

würdigen, den wesentlichen Unterschied zwischen beiden

nie übersehen. Die lyrische Form der Dichtkunst

versinnlicht nämlich die höchste Kraft des intensiven

Lebens der Gefühle, die epische Form

die möglichst höchste extensive Ankündigung dieser

Gefühle in Handlungen, welche rückwärts in dem

menschlichen Gefühlsvermögen begründet und mit

den Aeußerungen dieser Gefühle vergesellschaftet sind.

Die Aufgabe und der Zweck der lyrischen Dichtkunst

ist daher die sinnlich vollendetste Subjectivität,

so wie die Aufgabe und der Zweck der epischen Dichtkunst

die sinnlich vollendetste Objectivität.

Ungeachtet dieser ursprünglichen Verschiedenheit ihres

ästhetischen Charakters, stehen aber doch die lyrische

und epische Form der Dichtkunst einander gleich

in Hinsicht des ästhetischen Gehalts; denn dieser

beruht nicht auf der Wahl des dichterischen Stoffes,

sondern auf der Gediegenheit und ästhetischen

Vollendung der Form, so wie das größere Wohlgefallen

entweder an der lyrischen, oder an der epischen

Form ─ bei gleicher Classicität derselben ─

von der individuellen Stimmung dessen abhängt, der

bei der Betrachtung dieser Kunstformen verweilt.



Man darf übrigens den modernen Epos nicht

mit dem griechischen verwechseln; denn mehr, als |#f0273 : 261|



die lyrische und didactische Form der Dichtkunst,

trägt die epische die Farbe und das Gepräge

der einzelnen Völker und Zeiten,
weil ihr

Jndividuen, Ereignisse und Thatsachen

zum Grunde liegen, die nur im Lichte ihrer Zeit

ganz richtig aufgefaßt werden können. So viel daher

auch der epische Dichter von der geschichtlichen

Wahrheit in seiner Darstellung abgewichen seyn mag;

so wird er doch das Zeitalter, mit seinen Vorstellungen

und Ansichten von Religion und Staatsleben,

so wie das Volk nicht verläugnen können, aus dessen

Geschichte mehr oder weniger in die einzelnen

Schilderungen ─ vielleicht selbst nur in die Episoden

─ des Epos übergeht. Dies gilt von der

Jlias und Odyssee, wie von dem Heldenbuche und

dem Niebelungenliede. Kein Dichter der griechischen

und römischen Vorzeit hätte des heiligen Grals, oder

des Ezels und Siegfrieds gedenken können, und

Dante in seiner göttlichen Komödie, Tasso in

seinem befreiten Jerusalem kündigen nicht nur sogleich

sich als christliche Dichter, sondern auch ─

im Gegensatze der Ritterdichtkunst des eigentlichen

Mittelalters ─ als epische Dichter im ausgehenden

Mittelalter an. Eben so tragen Miltons

verlornes und wiedergefundenes Paradies theils den

Charakter eines brittischen Dichters, theils die Farbe

der religiösen und kirchlichen Ansichten seiner Zeit.

Dies gilt selbst von dem vollendetsten Epos in teutscher

Sprache, von Klopstocks Messiade. ─

v. Schönaichs Hermann, oder das befreite

Teutschland, Bodmers Noachide, und Joh. Elias

Schlegels Heinrich der Löwe stehen, in Hinsicht

der ästhetischen Haltung, weit hinter dem Messias.

Kräftig war der Ton in Zachariä's Schöpfung |#f0274 : 262|



der Hölle; sein Cortes aber, und Wielands

Cyrus
blieben Bruckstück. Geßners Tod Abels

und Voß Luise müssen als idyllisches Epos aufgeführt

werden. Allein v. Sonnenberg schwang

sich im religiösen Epos ─ im (unvollendeten) Weltende,

und in Donatoa ─ dem Sänger des Messias

am nächsten; so wie v. Alxinger im Doolin

von Mainz und im Bliomberis, und Fr. Aug.

Müller
im Richard Löwenherz, Alfonso, Adelbert

dem Wilden ─ mit wenigen andern ─ im ernsten

weltlichen Epos nicht ohne Achtung genannt zu werden

verdienen, wenn auch der ästhetische Gehalt ihrer

Epopöen nicht überfeiert werden darf.



40.

Beispiele aus dem ernsten Heldengedichte.


1) vom Freiherrn v. Schönaich († 1807;

81 Jahre alt).



(aus s. Hermann, oder das befreite Teutschland;

neue Aufl. Leipz. 1753. ─ Bruchstück

aus dem zwölften Buche, wo Hermann die

Teutschen den unter Varus sich nähernden Römern

entgegen führt.)



„Jauchzet Brüder, rufet Hermann, daß sie so vermessen

sind;

Daß die längst gehemmte Rache endlich Platz nnd Feld

gewinnt;

Gold und Purpur gleißen zwar auf den aufgeputzten

Waffen;

Aber was kann Gold und Glanz wider Stärk' und Tugend

schaffen?

Marsen! schaut! das sind die Feinde, die euch Joch und

Ketten dräun;
|#f0275 : 263|



Schaut doch die vergoldten Waffen! Sollten die euch

schrecklich seyn?

Friesen, Sachsen, dämpft die Welle, die von jenem

Hügel braust!

Folgt Cherusker, und ihr Katten, thut, wie eures

Fürsten Faust!

Es wird keine Kunst doch seyn, Weichlinge zu überwinden;



Und der Stolzen Lager muß heut in Rauch und Dampf

verschwinden.

Rastolf, nimm dort jenes Adlers, der so prächtig

schimmert, wahr;

Stell' ihn, Herzog, nach dem Treffen im geweihten

Haine dar!

Wer des Varus Scheitel wird vor des Hermanns Füße

bringen;

Dem soll unsrer Barden Mund Lob und Dank und Lieder

singen.“

Säng ich gleich mit Götterstimmen, würde doch mein

Lied zu schwach;

Welche Göttin folgt den Helden unter Schwert und

Spieße nach?

Zwar die Zwietracht schürt die Glut, und Bellonen

sieht man toben;

Und Morbona selber hat ihre Schwingen frech erhoben.



Krachend bricht sie aus der Hölle, bringet Tod und

Schrecken mit;

Das bewegte Teutschland zittert, wenn die Göttin niedertritt.



Aus den Wüsten treibt sie Volk; sie entzündet Süd'

und Norden;

Und die stets beeiste Welt ist zur Schlacht gerufen

worden.
|#f0276 : 264|



Hier spannt Mavors seinen Bogen, und sein Ruf erhitzt

die Schlacht;

Römer und auch Teutsche gleiten, weil das Blut sie

gleiten mache.

Varus, den die Schlacht nunmehr, Noth und Schand'

und Ruhm entflammen,

Sammlet seinen ganzen Muth in der stolzen Brust zusammen.



Römer, ruft er, denkt an Cäsar, denkt an Rom und

an die Welt,

Die nun ihre scheuen Blicke nur auf euch gerichtet hält.

Folget mir!“ und also bricht er der Ketten feste Glieder;

Rastolf selber wird gehemmt; Teutsch' und Römer sinken

nieder;

Diesen flammen Ruhm und Ehre, und die goldnen Adler an;

Jenen treibt die Freiheit wieder, die er nicht verlieren

kann. ─

Varus, der sich von dem Sande unterdessen aufgemacht,



Schweigt, und sieht mit bittern Schmerzen seines Heers

gebrochne Kraft.

Zähren voller Blut und Staub dringen von bestaubten

Wangen,

Die Verzweiflung zwinget ihn, nach dem Tode zu verlangen,



Rasend greift er nach dem Schwerte, das zerknicket vor

ihm liegt;

Stößt es wütend in den Busen, daß sich Griff und

Klinge biegt.

Sprudelnd springt das Blut und fleußt auf die grauserfüllten

Matten;

Seine schwarze Seele fleucht zu der Väter edlen Schatten.

Haubold, ein verwegner Teutscher, nimmt der Römer

Feldherrn wahr;
|#f0277 : 265|



Gleich trennt er mit einem Hiebe seinen Kopf vom

Rumpfe gar,

Eilt zum Helden, ruft und spricht: „Fürst, hier liegt der

Feind im Staube!“

Hermann siehts, und giebt ihm gleich den vergoldten

Helm zum Raube.

Edmund aber wird berufen. „Freund, so klingt des

Herzogs Wort,

Bringe diesen Kopf dem Marbod!“ Augenblicklich eilt

er fort,

Dieses Zeichen des Triumphs, da hier Teutschland Rom

geschlagen,

An der Marcomannen Hof zur Beschämung hinzutragen.

So erfocht der Held die Freiheit; so bezwang er die

Gefahr,

Die der ganzen Erde schrecklich, und den Teutschen

rühmlich war.

Des beeisten Nordens Meer sah die frechen Adler glänzen;

Nur der lorbeerreiche Tag setzte Rom den Rhein zu

Grenzen.

Rom erschrack; Augustus bebte; und man hielt den

Feind so nah,

Daß der Bürger ganz erschrocken Hermanns Schwert entgegen

sah.

Blut von tausend Opfern floß, wie das Fett von den

Altären;

Wahn und Andacht sollten nun den erzürnten Schwertern

wehren.

Doch der Held war seinen Völkern lang ein Fels, und

starker Schild;

Und ist noch den spät'sten Enkeln der vergeßnen Pflichten

Bild.

Bei den Teutschen hörte Rom endlich auf, zu überwinden;


|#f0278 : 266|



Endlich mußte diese Macht durch der Väter Arm verschwinden.



Ach, wo lebt nun wohl ein Hermann? Holder Himmel,

schaff' ihn doch!

Teutschland heget ja wohl Helden; aber keinen Hermann

noch.

Jst es möglich, o, so laß meinen heißen Wunsch gelingen;



Und du, Muse, sollst alsdann mit erhabnerm Tone

singen!


2) von Klopstock († 1803).



Jesus in Gethsemane.

(aus dem fünften Gesange des Messias.)



─ Jetzt denkt Gott sich selbst, und das Geisterheer,

das ihm treu blieb,

Und den Sünder, das Menschengeschlecht! Da zürnet

er. Ruhend

Hoch auf Tabor, hält er den tieferzitternden Erdkreis,

Daß der Staub nicht vor ihm in das Unermeßliche stäube!

Wendet gegen Eloa darauf sein schauendes Antlitz,

Und der Seraph versteht die Red' in dem Antlitz Jehovah's;



Steigt von dem Tabor gen Himmel. So hub von der

Hütte des Bundes

Sich die Führerin weg, die himmelstützende Wolke,

Wenn das Volk, der sichtbare Zeuge von Bethlehems Sohne,

Seine Gezelte von Oede zu Oed' auf Moses Gebot trug.

Und der Gesendete stand auf einer Mitternacht stille,

Schaute zum Oelberg nieder, erhub die Donnerposaune,

Tönte des Weltgerichts Entsetzen aus der Posaune,

Rufte gegen die Erd', und sprach: Bei dem furchtbaren

Namen
|#f0279 : 267|



Dessen, der ewig ist, und seiner Gerechtigkeit Dauer

Mit Unendlichkeit maß; der hält die Schlüssel des Abgrunds,



Der mit rügender Flamme die Hölle, den Tod mit Allmacht,



Und mit Gericht bewaffnet! Jst einer unter den Himmeln,

Welcher, statt des Menschengeschlechts, im Gericht will

erscheinen,

Dieser komme vor Gott! So ruft Eloa vom Himmel.

Und der Gottmensch schaute dem hohen Seraph ins

Antlitz,

Hörte den Klang der Posaune! Da ging er mit schnellerem

Schritte

Jn Gethsemane fort. Noch folgten ihm drei von den

Jüngern

Jn die schreckende Nacht. Er entriß sich ihnen, und eilte

Ganz in das Einsame hin. Jehovah hub das Gericht an.

Jn das Heiligste hast du mich zwar, Sionitin, geführet,

Aber nicht in das Allerheiligste. Hätt' ich die Hoheit

Eines Propheten, zu fassen die ewige Seele des Menschen,

Und mit gewaltigem Arm sie fortzureißen; und hätt' ich

Eines Seraphs erhabene Stimme, mit welcher er Gott

singt;

Tönete mir von dem Munde die schreckensvolle Posaune,

Die auf Sina erklang, daß unter ihr bebte des Bergs

Fuß;

Sprächen der Cherubim Donner aus mir, Gedanken zu

sagen,

Deren Hoheit selbst der Posaune Ton nicht erreichte:

Dennoch ersänk' ich, du Gottversöhner! dein Leiden zu

singen,

Als mit dem Tode du rangst, als unerbittlich dein Gott war.

Ueber den Staub der Erde gebückt, die, im Graun

vor dem Richter,
|#f0280 : 268|



Gegen sein Antlitz herauf mit stillem Schauer erbebte,

Und im Beben den Staub zahlloser Kinder von Adam,

Alle verdorrten Gebeine der todten Sünder, bewegte,

Lag der Messias, mit Augen, die, starr auf Tabor gerichtet,



Nichts Erschaffenes sahn, des Richtenden Antlitz nur

schauten,

Bang, mit Todesschweiße bedeckt, mit gerungenen Händen,

Sprachlos, aber gedrängt von Empfindungen! Stark,

wie der Tod trifft,

Schnell, wie Gottes Gedanken, erschütterten Schauer

auf Schauer,

Auf Empfindung Empfindung, des ewigen Todes Empfindung



Den, der Gott war, und Mensch. Er lag, und fühlt',

und verstummte.

Aber da immer bänger die Bangigkeit, heißer die Angst

ward,

Dunkler die Nacht, gewaltiger klang die Donnerposaune;

Da stets tiefer bebte der Tabor unter Jehovah;

Statt des Todtesschweißes, vom Antlitz des Leidenden

Blut rann:

Hub er vom Staube sich auf, und streckte gen Himmel

die Arm' aus;

Thränen flossen ins Blut; er betete laut zu dem Richter:

Vater, die Welt war noch nicht. Bald starb der Erste

der Menschen;

Bald ward jede der Stunden mit sterbenden Sündern

bezeichnet!

Ganze Jahrhunderte sind, von deinem Fluche belastet,

Also vorübergegangen. Nun ist sie, Vater, gekommen;

Da die Welt noch nicht war, da noch kein Todter verwes'te,



Wurde sie schon die selige Stunde des Leidens erkohren!
|#f0281 : 269|



Und nun ist sie gekommen! O seyd mir, Schlafende

Gottes,

Seyd mir in euren Grüften gesegnet! Jhr werdet erwachen!



Ach wie fühl' ich der Sterblichkeit Loos! Auch ich bin

geboren,

Daß ich sterbe! Der du den Arm des Richters emporhältst,



Und mein Gebein von Erde mit deinen Schrecken erschütterst,



Laß die Stunde der Angst mit schnellerem Fluge vorbeigehn!



Vater! es ist dir alles möglich, ach laß sie vorbeigehn!

Ganz von deinem Zorn, von deinen Schrecken gefüllet,

Hast du mit ausgebreitetem Arm den Kelch der Leiden

Ueber mich ausgegossen. Jch bin ganz einsam, von allen,

Die ich liebe, den Engeln, den Mehrgeliebten, den

Menschen,

Meinen Brüdern, von dir, von dir, mein Vater, verlassen!



Schau, wo du richtest, ins Elend herab! Jehovah! wer

sind wir,

Adams Kinder, und ich! Laß ab, die Schrecken des Todes

Ueber mich auszugießen! Doch nicht mein Wille geschehe!

Vater, dein Wille gescheh'! Mein hingeheftetes Auge

Schauet aus in die Nacht, und kann nicht weinen; mein

Arm bebet,

Starrt nach Hülfe gen Himmel empor; ich sink' auf

die Erde:

Sie ist Grab! Es ruft, durch alle Tiefen der Seele,

Laut ein Gedanke dem andern: Jch sey von dem Vater

verworfen!

Ach, da der Tod noch nicht war! da noch die Stille

des Vaters
|#f0282 : 270|



Ruht' auf dem Sohne! da Adam ward, daß er ewig

lebte.

Aber mein Erdegebein trägt auch die Gottheit! Jch leide!

Jch bin ewig, wie du! Es gescheh', o Vater, dein Wille!

Also sprach er, und richtete sich von seinem Gebet auf,

Stützt' auf die wankende Rechte sich nieder, und schaut'

in die Nacht hin.


3) von Bodmer (1783).



Bruchstück aus dem achten Gesange der Noachide.

(nach der umgearbeiteten Auflage vom J. 1781).



─ Als der Komet den Grenzen der Erde so nahe gekommen,



Daß er kaum seinen Durchschnitt von ihrer Kugel entfernt

flog,

Sieh, da verließen die Wasser des Oceans ihre Gestade,

Hoben den Rücken empor, und schwollen gegen den

Stern auf.

Lange schon streifte die Atmosphäre des fremden Gestirnes

An die Grenzen der Erde, die beiden vermengten sich

kreuzend,

Seltsam verflochten; mit Arbeit und Müh rangen Stern

und Erdball

Einen Pfad durch den andern, damit er unaufgehalten

Seinen verordneten Kreis in des Aethers Gefilden vollbrächte.



Von der Gewalt im Grund unwiderstehlich erschüttert,

Fielen die Thürme zu Trümmern, die Tempel und hohen

Paläste,

Hügel fielen auf Hügel, und Klippen stießen an Klippen.

Als die Planeten so kämpften, zerriß der Dunstball des

Schweifsterns.

Eine Nacht hing über der andern an ehernen Ketten,
|#f0283 : 271|



Schwärzere Schatten, als welche sich über Cimmerien

hängen.

Oefters erhellte die tödtlichen Schatten ein schlängelndes

Blitzen,

Breit, wie ein Strom, und kreuzend vom Aufgang zum

Untergang, Donner

Brüllten mit schmetternder Stimm', und unter die

Stimme des Donners

Heulte Verzweiflung. Der Tod war in allen Gestalten

vorhanden;

Hing in der Luft, und wühlt' in der Erd', und stürmte

vom Meer her;

Wo man hinsah, da droht' allgegenwärtig sein Antlitz,

Aber jetzt rissen die Bande der Wolken; die Urnen und

Schläuche

Thaten sich auf, und gossen kometische Meere herunter.

Wen nicht die Erde begrub; den ergriff die Flut, o sie

schleppte

Unerbittlich zum Tod Nationen von Menschen und Thieren.

Von der gehörnten Flut gespart, auf Berge geflohen,

Standen da blasse Schaaren, den Tod nur länger zu schmecken,

Keuchten nach Luft, und umschlangen mit beiden Armen

die Bäume,

Eine Frist von drei Athemzügen vom Tod zu gewinnen.

Ueber sie rauschte die Flut mit Riesenschritten, nicht müde,

Bis sie die Erde durchwandert hatte von Pole zu Pole.

Ach, sie erhaschte die Sünder in ihrer sichersten Stunde,

Eingeschläfert, im Schwindel der Lüst' und des Unsinns

begraben;

Denn sie kam wie ein Feind, der in der Mitternacht

einbricht.

Jn dem gestadlosen Meer, mit den Leichen der Sünder

vermischet,

Schwammen die Körper der Edlen, zur Seite der Thiere

des Feldes,
|#f0284 : 272|



Alles Fleisch, das sich von der Speisetragenden Erde

Nähret, verfolgte der Tod weltherrschend von Zone zu

Zone.

O wie war die Gestalt des Landes verkehrt, wie verwandelt!



Wo nur jüngst noch der Lenz in seinem blumigten Kleide

Zwischen der duftenden Ros' und dem Liede der Nachtigall

lachte,

Schmachtet' er unter den Banden, womit die Flut ihn

gebunden.

Schweflichte Dämpfe von finstern und groben Erzen

des Abgrunds

Flogen empor, und mischten mit Gift die Luft und das

Wasser.

Unterdeß floh der Komet, und rühmt', ihm hätte die Erde

Nichts als die äußersten Ecken der Durstgebirge genommen.

Vor dem Antlitz der Menschen, die Gott in die Arche

beschlossen,

Brüllten nicht ungehört die verschlossenen Donner im

Erdreich,

Wankte nicht unempfunden in ihrer Feste die Erde.

Auch sie hatten den eisernen Himmel, gepeitscht von den

Winden,

Kommen gesehn, und über das Land sich breiten gesehen,

Bis er aus seinen Cavernen die Meere Gewässers herabgoß.



Aber den feindlichen Stern, der das Uebel der Erde gebracht

hat,

Sahn sie nicht mehr; er nahm, gehüllt in cimmerische

Schatten,

Seinen Lauf zu dem Kreis des Mercurs mit geflügelter

Eile.

Aber noch reichte die Flut nicht hinauf zur schirmenden

Arche.
|#f0285 : 273|



Wo sie ein Fels umwölbend in Schutz nahm; über dem

Haupt hin

Fiel von der Höh' das Getös der Flut in schäumenden

Wogen.

Jnnerhalb schien ein nächtlicher Tag, die eisernen Wolken

Hemmten das Licht, und vermischten die Tag' und die

Nächte zusammen.

Also flossen die Tage vorüber, zweideutige Tage,

Die ein entkräftetes Licht nur mit welken Zügen bezeichnet.

Unterdeß war die Flut beständig gewachsen, sie trat jetzt

Ueber die Pforte des Paradieses, sie stieg in das Thal ein,

Wo die Arch', an die Klippe gelehnt, dem Verderben

entflohn war.

Aber indem die Wolken mit jedem Tage zerflossen,

Reinigte sich der Himmel, das Licht brach durch und

besiegte

Seine schwebenden Wässer, sie waren jetzt alle vergossen;

Auf das Silber der Flut fiel die Sonn' im güldenen

Glanze,

O wie erstarrten die Menschen, als sie die gestadlose Wüste

Sahn, allgegenwärtig die Flut, die Meere nach Meeren.

Diese Gefilde von Wassern, die nur der Himmel begrenzte,

Setzten sie lang aus sich selbst; sie standen und sahen

erstaunet,

Als in Gedanken bemüht, die Weiten der Meere zu messen;

Aber verloren sich über dem Anblick, und hatten Mühe

Jhre verirrten Sinne zu sich zurücke zu sammeln.

Dann erhoben vor ihrer Stirne sich tödtliche Bilder,

Eine Wahlstatt des Todes; sein Tummelplatz, seine Gerichtsstatt,



Allgemeine Vertilgung, der Untergang aller Geschlechter,

Aller Geschöpfe, die kürzlich den Athem des Lebens gehauchet;


|#f0286 : 274|



Aber vornämlich der Menschen, unzähliger, welche der

Schöpfer

Halb nur von Staub und halb von himmlischer Flamme

gemacht hat,

Die der Tod jetzt auf einmal in ihren Sünden ergriffen,

Jüngling' und Greise, die Kinder und Väter, die Mütter

und Bräute,

Alle gemäht, und zugleich in Einem Grabe vermischt hat.

Was für Hoffnung noch war, den Riß in der Schöpfung

zu heilen,

Kaum auf die Wenigen an, die der enge Kasten beschlossen.


4) von v. Sonnenberg († 1805).



Bruchstück aus Donatoa, oder das Weltende.



Anfang des vierten Gesanges.



Sey mir, o Morgensonne, gegrüßt in deinem Erwachen;

Rosiger Jugend noch, schwingst du dich heiter vom Lager

des Aufgangs

Wie die gekrönete Lieb' empor, an den Busen der Erde,

Schmückst die Erde, wie dich, mit junger Herrlichkeit,

lächelst

Allem Leben und Tode mit Einer Liebe, und freust dich

Ueber den Jugendspielen der Welt ─ auch dort, wo ins

Kühle,

Weich in die Blumen, mich einst zu meiner Kindheit

Gespielen

Niederbettet der Tod, ─ in der Hoffnung anderer Welt

schon.

Sonne, du steigst auch einst wie der Jüngling hinab,

und dein Auge

Schließt sich in Nacht, und schlägt es nun aus, dein

Herz der Freude,

Sinkest du mit im großen Zubettgehn aller Naturen.
|#f0287 : 275|



Aber, wann einst du aus Wolkengräbern in hoher Verklärung



Wieder erwachst, und das Erstlings Lächeln des himmlischen

Lebens

Dir um die Morgenwange, wie ewiger Frühling, emporschwebt,



Du, mit dem Sterne der Lieb' hochzeitlich geschmückt an

dem Busen,

Braut in der Jugend Gefühl, in deiner Göttlichkeit

jauchzest,

Und im Triumph mit dem jubelschlagenden Herzen dich

vorschwingst,

Ach, an die Erde dich schmiegst, die kalte Mutter erwärmend,



Trunken vor Liebe und Licht, mit dem Kuß der Liebe

sie aufweckst;

Sonne, wann dann du dich froh in deiner Herrlichkeit

umschaust,

Alle Gräber sich dir aufschließen, wie Rosen dem Frühstral,

Alle du kränzest, sie alle noch kennst, und nun auch des

Jünglings

Schlummerhügel besuchst, der gern einst deiner sich freute,

Wann du ihn siehst, den noch schlummernden Sänger, und,

gern ihn noch hörend,

Nun ihm die Aschenlippen mit Edens Jugend umröthest.

O der Wonne, dich wiederzusehn, und in deiner Umstralung,



Weit um die Erde hinab, vom Niedergang bis zum

Aufgang,

Alles voll hoffender Auferstehungen, die in die Hymne

Deines stillen Triumphs ihr lautes Entzücken nun mischen;

Wann die Lieben jetzt all' aus ihren Gräbern heraufgehn,

Alle die Trauten der Wiegenjahre, die ersten Umarmten,

Meiner Kindheit Gespielen und meiner Jugend Gefährten,
|#f0288 : 276|



Du auch, Vater! und dir an der Hand, mit dem lieben

Geschwister,

Und mit den beiden hinübergeschlummerten Kleinen, die

Mutter,

Zwischen ihnen der Große, der, Mensch zu werden, mich

lehrte,

Alle in Mitte mit hochaufbebendem Busen, mit heißer

Glühender Wange, mit stralendem Auge, die künftig der

Jüngling

Findet, die Jhn mit findet, vor dir, o Sonne, ihn

findet!

Wann von den Schlummerhügeln empor, an den stralenden

Händen

Aller dieser Verklärten zum Richter ich eil', und, den

Arm jetzt

Streckend zu ihm, sie all' um mich her, aufjauchze:

„Hier komm' ich,

Vater, mit meinen Geliebten, nun komm' auch, Vater,

dein Reich uns!“

O wann er dann von dem Liebethron in unsre Umarmung

„Meine Kinder!“ nun ruft, der große Lehrer der Liebe

Unsre Umarmung umarmt, und Vaters Reich sich uns

öffnet;

Sonne, dann will ich mein Lied auf der neuen Erde

dir singen!


Bruchstück aus dem zwölften Gesange; der

Schluß des Epos.

─ ─ Und der Engel der Lieb' enthüllte das Räthsel

des Schicksals,

Lichter und lichter; da klärte des Allerheiligsten Nacht sich

Rings im Unendlichen auf, die Nacht war lauterstes Urlicht



O wie glänzten sie hier, wie stralte jede der Thaten
|#f0289 : 277|



Ein in den göttlichen Plan der unendlichen Seligkeit

Aller!

Sieh, so löste das ewige Schicksal aller Natur sich

Jn die unendliche Harmonie auf: Gott ist die Liebe!

Ach, da sank nun aufs Knie das Universum des Lebens,

Hob die Arme zu Gott, und tief aus dem schlagenden

Herzen,

Aller Schöpfungen riefs mit der Stimme des höchsten

Erstaunens,

Schauernden Wonneerstaunens aus Allen mit einmal:

Allvater!

Und jetzt schwebten im All der Entzückung die Wiederverklärten



Jauchzend empor, es jauchzeten alle Naturen im Umkreis

Alle Schöpfungen auf; des Lebens unendliches All ward

Eine Jubelumarmung, und sieh' die Jubelumarmung

Sank an die große Jehovabrust, an den Busen der Liebe.

Und Jehova blickt' auf das All; da drängten der Welten

Unermeßliche Heere sich all' um die große Umarmung,

Eine Welt nur zu seyn, und allgegenwärtiger Himmel

Ward die unendliche Welt, und ihre Sonne Jehova.

Ach! da lag jetzt alle Natur, die Engel und Menschen

Und der Dämonen Geschlecht an der Brust Allvaters

Jehova,

Alle wunde geblutete Herzen; da wurden jetzt alle

Zugedeckt von der großen Allvaterhand, und die Thränen

Jedes müde geweineten Augs von Jhr getrocknet;

Und da blühten um sie die Paradiese der Liebe,

Unter der Ewigkeit Morgenröthe mit allen Olympen,

Jn der unendlichen Gotteswelt um alle vereinet.

Ach da bebte, da zitterte selig an jeglichem Herzen

Alles, was je es umschlang in allem Großen und Schönen,

Alles in jeder Umarmung umarmte, in jeglicher Freude,

Jn der Wonne umarmte, in allen Gespielen der Kindheit,
|#f0290 : 278|



Allen Jugendgeliebten, und kindlich in Vater und Mutter,

Brüderlich traut in allen Geschwistern, und väterlich

liebend

Jn der Unschuld des Kindes und Enkels, am Busen

umschlungen,

Alles in höheren Wonnestunden des Lebens Umfaßte,

Mitten im Jubel Erweinte, in jedem Schlagen des Herzens

Heiß Ersehnte, in jeglicher Thräne vom Himmel Erflehte,

Und in jeder süßen Beklemmung Erahnete, Alles,

Ach in aller Liebe Geliebte, in allen Gebeten

Je nur Erhoffte, und selbst im Olymp; ach alles, wornach

nur

Thränen gerufen, und ewige Sehnsucht von erster Geburt

an

Hatte geweint, da lags jetzt allen am Herzen, was je nur

Junge seraphische Thränen, von Edens verjüngter Aurora

Liebend gesättigt, je lächelten; da das All des Geliebten,

Ach das Alles fassende Herz, wornach vom Beginn an

Alle unsere Wünsche, und unsere Hoffnungen alle,

Jedes liebende Ach, und jedes heiße Verstummen,

Unser ewiges Greifen hinauf von Sterne zu Sterne,

Ueber die Morgenröthen hinauf und über die Himmel,

Jedes brechende Herz und jedes gewendete Auge,

Alle Leben nur ewige Armausstreckungen waren:

Sieh das Urideal, das nur für jegliches Wesen

Einmal in der Jehovaschöpfung Unendlichem athmet,

Und im engsten Vereine mit ihm nur Eine Natur ist;

Endlich, endlich ruht es ja nun, ach endlich, Allvater,

Allen im Arm, am schlagenden Herzen, mit schlagendem

Herzen

Mit umschlingendem Arm an seinem Urideale,

Lächelte, Wonne weinete, jubelte, zitterte Liebe.

Weint' in des Anderen Seligkeit laut das innere Eden,

Aller Himmel Himmel aus überwallendem Herzen!
|#f0291 : 279|



Gott! da jubelt' die ganze lebendige Schöpfung im

Einlaut

Unser Vater, der du im allgegenwärtigen Himmel

Ueberall bist, nun sind wir endlich vom Uebel erlöset,

Hast nun den Fall uns verziehn, wie wir einander verziehen;



O, wir fallen durch alle unendliche Ewigkeit nie mehr,

Hast jetzt Allen Alles gegeben, dein Will' ist geschehen,

Wie im Reiche der Engel vordem, in aller Natur jetzt,

Allen gekommen dein Reich, dein Nam' in allen geheiligt,

Ewig und überall bist du im allgegenwärtigen Himmel

Unser Vater!!!


5) von Fr. Aug. Müller († 1807).



Bruchstück aus seinem: Richard Löwenherz in

7 Büchern. (Berl. 1790. 8.)



Die fromme Wuth, fürs Heil der Christenheit

Durch einen Schwur zum Kreuz sich zu verbinden,

Und im Geruch der Heiligkeit,

Für ein erlog'nes Glück, erträumte Seligkeit

Und vollen Ablaß aller Sünden,

Das heim'sche Land, die Ruh' am eignen Heerd zu fliehn,

Zum heilgen Grabe nach Jerusalem zu ziehn,

Sein Schwert mit Bruderblut zu färben,

Und endlich hart getäuscht im Arm des Grams zu sterben:

Die fromme Wuth war noch nicht abgekühlt.

Ein starker Wind aus Süden unterhielt

Die Flammen immer noch, und fachte neues Feuer

Jn jedem Christenherzen an.

Vom Herrscher bis zum niedern Unterthan

War Keiner, dem der Ruhm, Befreier

Der Christenwelt im Orient zu seyn,

Nicht preißlicher erschienen wäre,
|#f0292 : 280|



Als häuslich Glück, als Glück des Bürgers, und die Ehre

Ein guter Fürst des guten Volks zu seyn.

Wer fromm und heilig war, trat in den Bund mit ein;

Und wer sein Lebelang ein böser Mann gewesen;

Der schwor zum Kreuz, der schiffte sich mit ein,

Und sieh', sein Haupt umstralt' ein goldner Himmelsschein,

Und seine Seele war vom Sündentod genesen.

So zog noch jedes Jahr ein immer größ'res Heer

Gekreuzter Heiligen und Thoren über's Meer;

Oft, um zu büßen, oft, für Gottes Ruhm zu streiten,

Doch öfter, wuchs kein Glück im Vaterlande mehr,

Jn jener Welt die Gunst des Schicksals zu erbeuten.

Ein rein'rer Trieb und ein Gelübde hieß

Auch Richard, Englands Fürst, in jenem Paradies

Für Gottes Ruhm und seinen Glauben kämpfen.

Der Heiden Uebermuth zu dämpfen,

Und seinen Vater, dessen Fluch

Er brennend auf dem Haupte trug,

Durch heiße, reuevolle Thränen

Am Grabe Christi zu versöhnen:

Dies war sein frommer Schwur, und den

Mit aller Treu' erfüllt zu sehn,

Mußt' er sein neues Reich, noch kaum gekrönt, verlassen,

Jn Rom auf seinen Knie'n des Himmels Huld erflehn,

Vom Papst sich segnend weihen lassen,

Und dann mit Frankreichs Fürst nach Palästina gehn.

Er zog, umjauchzt von seinem tapfern Volke,

Als Held und Büßender, zum mühevollen Streit.

Und wie, in herbstlich später Zeit,

Wann sich auf einer goldnen Wolke

Des Tages Königin am Abendmeere senkt

Und ihren Segenslauf nach andern Welten lenkt,

Wie, wann ihr letzter Stral erbleichet,

Der Schatten schwarzes Heer aus seinen Höhlen schleichet,
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Giftschwang're Nebel aus den See'n

Und aus dem Bauch der Erde sich erheben,

Und von den finstern Wolkenhöhn

Mit starren Fittigen Orkane niederwehn;

So sah man jetzt in dem verwaisten Staate

Des Schicksals friedliche Gestirne untergehn

Und Wetterwolken schwarz sich über ihm erhöhn.

Verwirrung regte sich; der kühne Aufruhr nahte

Dem unbewachten Königsthron;

Die Zwietracht hob ihr Haupt, mit ihr Rebellion

Und Elend bürgerlicher Kriege.

Nur Einer blieb noch seinem König treu,

Und war bereit, selbst Blut und Leben

Mit Freuden für ihn hinzugeben.

Und diesen kühnen Mann, der den gewagten Streit

Für Richard oft beging, wer sucht' ihn in dem Stande

Der Jünger Ossians, im friedlichen Gewande

Der frohen Schaar, der Scherz und Freude nur gefiel?

Ein Sänger war es, Blondel nannte

Er sich. Schon früh entbrannte

Sein edles Herz beim frohen Saitenspiel

Für Tugend, Freundschaft und der Liebe Hochgefühl;

Früh wählt' er schon, bestimmt von höherm Drang, das

Ziel

Der edlen, hohen Kunst, zu der er sich bekannte,

Die Fürsten selbst geübt ─ das ehrenvolle Ziel:

Ein Sänger unschuldsvoller Triebe,

Erhab'ner Freundschaft, reiner Liebe,

Der Fürsten Günstling und der Schönen Freund zu seyn.

Jhn weihte Rollo selbst zu dieser Würde ein,

Und England sah die ersten Früchte

Von diesem früh genährten Drang.

Er zeigte sich im schönsten Jugendlichte

Am königlichen Hof. Sein göttlicher Gesang,
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Sein männlich schöner Bau, die Reize seiner Jugend

Gewannen bald des jungen Richards Herz,

Und seine liebenswürd'ge Tugend,

Sein männlicher Verstand, sein Witz und edler Scherz

Erhielten ihm das königliche Herz,

Trotz der Verläumdung Gift, selbst auf dem stolzen Throne.

O wohl dem reichen Erdensohne,

Der auf dem Lebensweg ─ nicht eine Krone,

Nicht Ehr' und Gut, nicht göttlichen Verstand, ─

Der einen Freund, wie diesen Jüngling, fand.

Er ziehe hin zu der entfernt'sten Zone,

Wo ew'ger Nebel schwebt, wo in dem Sonnenbrand

Noch nie ein Baum gegrünt, er wohne

Tief im verwachsenen Wald, auf Fels und dürrem Sand,

Er traue Flut und Sturm, ─ des Glückes Unbestand

Verfolg' ihn ohne Rast auf jeder Erdenstelle;

Sein Freund hängt fest an ihm und weicht nicht einen

Schritt,

Und stieg' er selbst hinab zum Schwefelpfuhl der Hölle,

Sein Freund blieb' immer treu und schritte herzhaft

mit.

Zwar wär' auch Blondel seinem Freunde

Mit Freuden nachgefolgt, wohin sein Schwur ihn rief;

Doch Richards übermüth'ge Feinde,

Jhr Haß, der niemals starb, nur gleich dem Löwen

schlief,

Um fürchterlicher zu erwachen,

Bedurfte nie so sehr den aufmerksamen Blick

Der Redlichkeit, als jetzt, und Blondel blieb zurück,

Um jeden Schritt der Bosheit zu bewachen,

Und dem entfernten Freund' durch Briefe kund zu machen.

Viel litt er schon in diesem schweren Amt',

Auch hatt' er das Verderben mancher Streiche

Von Richard und dem steuerlosen Reiche
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Durch Klugheit abgewehrt. Allein von neuem flammt

Jetzt der Empörung Glut; mit schändlichen Gerüchten,

Von Richards Tugend ausgesprengt,

Sucht man den letzten Rest von Treue zu vernichten,

Womit das irre Volk an seinem König hängt,

Und schon entreißt es sich, von Neurungssucht gedrängt,

Den Banden zugeschworner Pflichten.

Umsonst hofft Blondel, seinem Freund

Die drohende Gefahr durch Boten zu berichten;

Kein Bote kommt zurück, und Richard selbst erscheint

Noch immer nicht, obgleich die Zeit bereits verflossen,

Nach welcher man die frohe Wiederkehr

Jn das verwaiste Reich beschlossen.

Nun sieht der treue Freund kein Rettungsmittel mehr,

Als selber über Land und Meer

Nach Asien zu ziehn. „Nur Richard kann der Retter

Des schon verlornen Volkes seyn,

Nur seine Gegenwart das aufgethürmte Wetter,

Das seinem Reich' und ihm Verderben droht, zerstreun!“

So denkt der edle Mann; fest steht in seinem Herzen

Der eiserne Entschluß, den keine Furcht entmannt;

Ja, eh' der Morgen noch des Tages goldne Kerzen

An Titans Fackel angebrannt,

Tritt er, in Talifers Gewand,

Trotz Frühjahrsluft und rauhen Stürmen,

Der Freundschaft große Wallfahrt an;

Und als der neue Tag den trüben Lauf begann,

Schwand schon die stolze Stadt mit ihren hundert

Thürmen

Vor seinem oft gewandten, nassen Blick

Jn undurchdringlich Grau der Morgenluft zurück.
|#f0296 : 284|



41.

b) Das komische Heldengedicht.


Das komische Heldengedicht ist dem ernsten

Epos dadurch verwandt, daß es, wie dieses, ein

im Mittelpuncte der Darstellung erscheinendes Jndividuum

im Kampfe mit einem widrigen Geschicke

versinnlicht, und durch die ästhetische Anlage, Haltung

und Durchführung dieses Kampfes das gemischte

Gefühl der Lust und der Unlust anregt, bis

endlich, im Augenblick der Entwickelung und Entscheidung

des Kampfes, der Held des komischen Epos

als Sieger aus dem Kampfe hervortritt, und gleichfalls

das Gefühl der Lust den vollständigen Sieg

über das Gefühl der Unlust behauptet. Denn das

ist eine nothwendige Bedingung des komischen Epos,

daß das in den Mittelpunct des Ganzen gestellte

Jndividuum zuletzt glücklich wird, und nicht dem

widrigen Schicksale erliegt, wie dies im ernsten Heldengedichte

eben so oft, als der Sieg des Helden

über die Macht des auf ihn einstürmenden Schicksals,

eintreten kann.



Ob nun gleich das komische Heldengedicht, wie

das ernste, eine sehr vielseitig durchgeführte und vielfach

verwickelte Handlung, nicht selten auch eine

Mischung von ernsten und komischen Scenen, darstellen

kann; so ist doch weder das in die Mitte des

Ganzen gestellte Jndividuum ein Held in dem

höhern Sinne des Wortes, wie er in dem ernsten

Heldengedichte (z. B. der Messias, Noah, Hermann

der Cherusker, Richard Löwenherz u. a.) erscheint;

noch ist das feindliche Geschick, das seine

Kräfte in Thätigkeit setzt, von der Art und Weise,

daß man eine völlige Vernichtung des Helden von |#f0297 : 285|



ihm befürchten dürfte. Wenn denn also auch das

Gefühl der Unlust durch die ästhetische Schilderung

dieses widrigen Geschicks oft angeregt wird, und mit

dem Gefühle der Lust in dem Gemüthe des Anschauenden

abwechselt; so ist doch durchgehends im

komischen Epos das Gefühl der Lust vorherrschend,

weil der Dichter des komischen Epos die Widerwärtigkeiten

seines Helden nur als Schatten zum Lichte

gebraucht, nicht aber um, bis zur Auflösung des

Ganzen, einen mächtigen und immer höher steigenden

Gegensatz des Schattens und des Lichtes aufzustellen.

Jm komischen Heldengedichte schimmert, bei

allen neueintretenden Schwierigkeiten, doch im Voraus

der Sieg und das Glücklichwerden des vielfach

versuchten und geprüften Helden hindurch, so daß

die Hauptaufgabe des Dichters bleibt, seinen Helden

gegen alle Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten so

ankämpfen zu lassen, daß er nicht nur unsre Theilnahme,

sondern auch unsere Achtung behält, und

daß wir ihn, am Schlusse des Ganzen, deshalb

mit einem hohen Gefühle der Lust, als Sieger und

belohnt erblicken, weil er den Kampf mit dem widrigen

Geschicke ehrenvoll und durch seine eigne geistige

Kraft bestand. Dieses Gefühl der Lust kann

aber nur dann rein und vollständig seyn, wenn die

Form des komischen Heldengedichts, als solche, eine

in sich vollendete ästhetische Einheit bildet, die auch

als bloße Form, noch abgesehen von dem dargestellten

und glücklich gewordenen Helden, um ihrer selbst

willen gefällt.



Die teutschen Dichter des Mittelalters bauten

das komische Heldengedicht vielfach an; allein allen

fehlt die ästhetische Einheit und Vollendung der

Form, und vielen der rein epische Charakter, weil |#f0298 : 286|



das Didactische und Satyrische zu oft eingemischt

ward. Doch gehört die vielfach in beiden teutschen

Hauptdialecten gestaltete Fabel vom Reinecke dem

Fuchs
zu den gelungensten Formen des komischen

Heldengedichts, neben welcher Rollenhagens sinnreicher

Froschmäuseler seinen Platz verdient. ─ Unter

den teutschen Dichtern des achtzehnten Jahrhunderts

versuchte sich besonders Zachariä in dem

Renommisten (wovon der erste Theil dieses

Werkes S. 409 ein Bruchstück enthält), in dem

Schnupftuche, im Phaeton, im Murner in

der Hölle
nicht ohne Erfolg im komischen Epos.

Jhm folgten Uz, Löwe und Dusch mit geringerm

Werthe. Allein v. Thümmels Wilhelmine, obgleich

nicht in die äußere Form des Metrums gekleidet,

von dem Dichter selbst „ein romantisches

Heldengedicht“ genannt, dürfte, nächst Wielands

Oberon, unter allen diesen jüngern komischen Heldengedichten

den Vorzug behaupten, wenn gleich

Prätzels Feldherrnränke nicht ohne einzelne gelungene

Schilderungen sind.



42.

Beispiele aus dem komischen Heldengedichte.




1) von Rollenhagen († 1609).



Bruchstücke aus dem sinnreichen Froschmäuseler,

vorstellend der Frösche und Mäuse

wunderbare Hofhaltung.



α) Anfang des ersten Capitels.



Das Hofhalten, die Feind' und Macht,

Das Blutbad und erschrecklich' Schlacht
|#f0299 : 287|



Der mannhaften Frösch- und Mäuse-Helden,

Will ich in diesem Buch vermelden.

Gott verleih dazu Rath und Gnad,

Daß es zur Lehr und Lust gerath.

Jhr freien Schulkünst' allgemein,

So der Poeten Muſae seyn,

Tret' auch herzu, und steht mir bei,

Daß ich, was nütz' und lieblich sey,

Weißlich bedenk', künstlich aufzeich,

Das euch zu Ehren auch gereich.

Denn weil ihr seyd Jungfräulein zart;

So bleibt ihr stets fröhlicher Art,

Seht nicht ernstlich saur alle Stund,

Sagt oft wahr mit lachendem Mund,

Damit im Scherz die gute Lehr

Bei der Jugend schaff desto mehr.

Lasset die auch etwas Weisheit

Allhie lesen in Fröhlichkeit,

Und an Fröschen und Mäusen sehen,

Wie es pflegt in der Welt zu gehen.

Wie kanns besser seyn, denn daß Musen

Einmal reden von den Frösch und Mäusen.

Und ihr junge lustige Knaben,

Die Lust zu ehrbar Kurzweil haben,

Und suchet gern bei allen Sachen,

Daß ihr in Freuden habt zu lachen,

Wollt den Reimen ohn Beschweren

Mit gutem Nachdenken zuhören.

Soll euch ohn Zweifel mehr Nutz schaffen,

Denn alles Narrenspiel der Affen,

Der man auch wohl zu lachen pflegt,

Obs gleich nicht viel in Beutel trägt.
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β) aus dem 7ten Capitel, wo Ulysses seine Diener

wieder zu Menschen machen läßt.



Ulysses sprach aus großem Grimm:

Es betreugt mich denn all mein Sinn.

So beraubt euch der Circe Kunst

Aller Witz und der Menschen Gunst.

Es ist umsonst, daß man euch fragt;

Das sey Gott im Himmel geklagt.

Und ging damit wieder zum Schloß.

Bald vom Dach zu ihm abher schoß

Ein' wunderbare Vogelrott,

Ein' graue Taub', war eh sein Bot'.

Ein Papagoy war sein Orator,

Ein Geyer war sein Procurator.

Ein weiße Gans war sein Mundschenk,

Ein Aff sein Schösser wohlgelenk.

Ein hurtig Pferd sein Postlakai,

Ein großer Bär und starker Leu,

Die waren von sein' Kriegeshelden,

Und sich gar sehr bekümmert stellten.

Ein bunte Katz, zween kleine Hund

Regten den Schwanz, leckten den Mund,

Und legten sich für sein Füß.

Bellten, schnarchten, winselten süß,

Waren sein Edel Kammerknaben,

Er wollt' aber ihren Dienst nicht haben,

Und sprach: Geht hin zu euern Orden,

Jhr seyd am mir zu Schelmen worden.

Jch will mit euch nicht disputiren,

Der Teufel mag euch sämmtlich führen,

Und trieb sie mit der Ruthen abe.

Also ward getroffen ein Knabe,

Der bat: Ach Herr, hör' zuvor recht,

Ehe du verläßt dein' arme Knecht.
|#f0301 : 289|



Wider unsern Willen ist geschehn,

Daß wir also müssen hergehn.

Wenn du wollst bei Circen erhalten,

Daß sie uns gäb' unsre Gestalten,

Ewig wir dir dankbar seyn wollten,

Auch thun und leiden, was wir sollten.

Das ist mir eine Wunderstimm,

Sprach Ulysses, die ich vernimm.

Wohlan, so tret zur rechten Hand,

Der mich für seinen Herrn erkannt,

Der Menschen Gestalt wieder begehrt,

Mit mir in sein Vaterland fährt.

Sie traten zu der Rechten all,

Mit ein'm demüthigen Fußfall,

Daß Ulysses vor Freuden weint,

Und sprach: Das hätt' ich nicht gemeint.

Jhr seyd mein treue liebe Knecht,

Jch sorg für euch billig und recht.

Jch will euch Menschen-Sprach erst geben,

Die Menschen Gestalt auch darneben,

Sollt ihr allsammt wieder empfangen.

Circe kommt auch schon zu uns gangen.

Damit rührt er sie mit der Ruth';

Sie dankten ihm mit Herz und Muth.

Und Circe fragt: Mein lieber Gast,

Sag an, wen du gefunden hast,

Der gern mit dir heim reisen wollt,

Den ich zum Menschen machen sollt?

Ulysses sprach: Jn der Gemein

Sagt einer Ja, der andre Nein.

Jch weiß auch nicht, wie ich sie richt,

Ob sie mein' Leut seyn, oder nicht?

Darum bitt' ich vor allen Dingen,

Wollst du sie all zusammen bringen,
|#f0302 : 290|



Und ihn'n ihr Gestalt wieder geben,

So kann ich sie ausfragen eben.

Darauf pfiff sie in einen Ring,

Der an ihrer Halsketten hing,

Daß es durch Haus und Wald erschallt,

Und die Thiere herzu kamen bald.

Und sprach: Nun tret auf diesen Ort,

Wer vor zum Ulysses gehort,

Daß ich ihm eine Verehrung geb',

Der er gedenkt, so lang er leb.

Sie traten zusamm auf ein Ecken;

Circe ließ sie was Süßes lecken

Aus einer großen silbernen Schaal,

Und schenkt neu ein auf jedesmal,

Und schlug sie mit verwandten Stecken;

Da fiel auf all ein großes Schrecken.

Das Haupt richt' sich wiederum empor,

Der Rück' ward gerad, wie zuvor;

Zween Füß traten beständig nieder,

Die Händ wuchsen urplötzlich wieder.

Die Haar und Federn gingen abe,

Der ward ein Mann und der ein Knabe,

Wie sie zuvor gewesen waren,

Stärker, schöner, jünger von Jahren.

Und Circe gab jedem ein Kleid;

Das war ein'm lieb, dem andern leid.

Einer lacht, der andre weint,

Einer war Freund, der andre Feind,

Schämten sich doch zu widersprechen,

Fürchten, Ulysses würd' es rächen.

Allein der Koch trotziglich pocht,

Daß man ihn aus dem Dreck gesocht,

Aus einer Sau zum Mensch'n gemacht;

Darüber Circe selber lacht,
|#f0303 : 291|



Und sprach: Seht ihr nun, lieben Kind,

Woher sich euer Elend findt?

Daher, daß Niemand jeder Frist

Mit seinem Stand zufrieden ist.

Was Gott und die Natur uns geben,

Das ist uns nimmer gut und eben.

Man muß stets nach ein'm andern gaffen,

Das macht die ganze Welt voll Affen.


2) von Moritz Aug. v. Thümmel († 1817).



Bruchstück aus s. Wilhelmine.



─ Nah an der glänzenden Residenz eines glücklichen

Fürsten, nicht fern von der schiffbaren Elbe, verbreiteten

sich in dem anmuthigsten Thale zwanzig kleine Wohnungen

fröhlicher Landleute. Junge Haselstauden und wohlriechende

Birken verbauten dieses Landgut in Schatten,

und versüßten dem fleißigen Bauer die entkräftende Arbeit,

wenn der Hundsstern wütete, und, entblättert

vom Boreas, flammte dieß nutzbare Gebüsch in wohlthätigen

Oefen, wenn der Winter das Thal mit Schnee

füllte, und nun ein Nachbar zum andern schlich, um die

langen müßigen Stunden durch schlaue Gespräche zu verkürzen.

So lebten diese Hüttenbewohner ruhig und mit

jeder Jahreszeit zufrieden.



Nur der Pastor des Dorfes allein, der gelehrte Sebaldus,

hatte seit vier unglücklichen Jahren die ländliche

Munterkeit verloren, die auch sonst auf seiner offenen

Stirne gezeichnet war. Ein geheimer Kummer peinigte

sein Herz. Wenn er die ganze Woche hindurch in der

Einsamkeit seiner verrußten Klause getrauert hatte; dann

winselte er am Sonntage der schlafenden Gemeinde unleidliche

Reden vor, und selbst bei dem theuer bezahlten

Leichensermone verließ ihn seine sonst männliche Stimme. |#f0304 : 292|



Die Klügsten der Gemeine marterten sich umsonst, die

Ursachen seines Leidens zu entwickeln. Was fehlt unserm

Magister? fragte einer den andern. Wir lieben

ihn ja; er ist der Vornehmste im Dorfe, und wird auch

nicht etwa, wie dieser und jener, von einem hochmüthigen

Junker geplagt, denn der unsere lebt, Gott sey es

gedankt, fern von uns, und verbrauset seine Renten in

Frankreich. So klagten die Bauern den Kummer ihres

Magisters! Aber umsonst blieb ihr mitleidiges Nachforschen;

der tiefsinnige Pastor verbarg seine Sorgen der

Neugier, und außer Sonntags, wo sein Amt ihm gebot,

schien seine Sprache verloren. Vier Jahrgänge

finsterer Predigten hatte er also geendiget. Mit zitternden

Händen geschrieben und auf einem Haufen gesammlet,

lagen sie in einem verriegelten Schranke, oft von

andächtigen Würmern besucht, die alle Buchstaben zerfraßen.





Aber die komische Muse hüpft ängstlich über den

heiligen Staub und über die traurigen Scheduln des

Pastors. Sie beschäftige sich nur mit seinem Glücke,

und erzähle den wunderbaren Traum, der ihn bewillkommend

an der letzten Stufe des Jahres, mit dem

Ende seines schwindsüchtigen Kummers schmeichelte. Jn

der zwölften Stunde der Nacht erschien Amor dem eingeschlummerten

Pastor, der über das Zudrängen dieses

kleinen Unbekannten heftig erschrack; denn bisher hatte

er ihn nur aus dem großen Rufe seiner Verwüstungen

gekannt. Doch der freundliche Amor ließ ihn nicht lange

in seinem ungewissen Erstaunen, schüttelte seinen Köcher,

und sprach also zu ihm: Entschuldige den Amor, theurer

Sebaldus, wenn er bisher wider seinen Willen dein

Feind gewesen ist, und erschrick nicht über seine Erscheinung,

die dir dein Glück verkündiget. Wilhelmine ─

bei diesem Namen durchströmte ein leuchtendes Roth die |#f0305 : 293|



verfallenen Wangen des Pastors, und Amor fuhr lächelnd

fort: Jch sehe, du erinnerst dich noch dieser lebhaften

Schönen, die einst, in diesen Fluren geboren, nur von

der unschuldigen Natur erzogen ward, die dir oft in der

feurigsten Predigt, durch einen einzigen Blick ihrer hellblauen

Augen, ein langes verhaßtes Stottern, ─ und,

wenn du allein warest, manchen lauten Seufzer erregte.

Ach, sie hätte dich gewiß zum Glücklichsten deines Standes

erhoben, wenn nicht die Jntrigue eines neidischen

Hofes sie deinem Kirchspiele entführt, und unter die

fürstlichen Zofen versetzt hätte. O wie traurig hast du

diese Zeit ihres Hofdienstes hinschleichen lassen! Doch

das Ende deiner Leiden ist da! Wie leicht wird dir es

werden in Wilhelminens tröstenden Armen, oder an ihrem

wallenden Busen, der vergangnen traurigen Tage

zu vergessen. Ermuntere dich also und höre meinen liebreichen

Rath. Morgen wird die reizende Wilhelmine

den graubärtigen Verwalter, ihren Vater, besuchen; ─

von keinem Höflinge begleitet, wird sie des Mittags zu

ihm fahren. Welch ein bedeutender Wink, den das

Schicksal dir giebt! Folge ihm; suche Wilhelminens Gesellschaft,

und eröffne ihr, so rührend als du vermagst,

deine brennende Neigung!



Die neue Sonne rollte den jungen Tag des Jahres

herauf. Ein Heer vorausbezahlter Gratulanten jauchzte

ihr entgegen; andere, unglücklicher, zerrissen das Neujahrsgedicht,

seit dem September geschmiedet; denn ihr

alter Mäcen ist den heiligen Abend vorher gestorben, und

hinterläßt geizige Erben. Verjährte Rechte, drohende

Wechselbriefe, erfüllte Hoffnungen und erseufzte Majorennitäten

drängten sich auf den Stralen des neuen

Lichts in das beunruhigte Herz der erwachten Sterblichen.

Und der voll Hoffnung erwachte Pfarrherr ging

in der Frühe zu Niclas, dem Verwalter; wünschte ihm |#f0306 : 294|



ein fröhliches neues Jahr, und ließ sich wieder eins

wünschen; dann erzählte er ihm seinen nächtlichen Traum

bündig und kurz; denn die gebietenden Glocken hatten

schon zum drittenmale geläutet, und die geputzte Gemeinde

sah sehnlich ihrem Herrn Pastor mit seinem Neujahrswunsche

entgegen. Ach wie fröhlich klopfte Niclas

dem Herrn Magister die Achsel, und zweifelte gar nicht

an der Erfüllung des Traumes. Hurtig bestellt' er die Küche;

auch bat er den werthesten Träumer zur Tafel, und

ging an seiner rechten Seite mit ihm vertraulich in die

Kirche. Der künftige Herr Schwiegersohn hielt eine erbauliche

Predigt, bis unter Singen und Beten die Mittagssonne

hervortrat. Schon eilte die buntschäckige Gemeinde

mit gesättigter Seele und hungrigem Magen

nach Hause, als der erwartete Wagen zur Höhe des

Dorfes hereinschimmerte. Mit weiten Schritten und

fliegendem Mantel eilte der hagere Magister den sechs

Schimmeln vorzukommen, um seine Schöne aus dem

Wagen zu heben. Keuchend schmälte er auf sich, daß

er so lange gepredigt; aber dennoch überhohlte er die

rollende Kutsche, und empfing die holde Wilhelmine

an der Thüre ihrer vormaligen Wohnung. Von dem

Zurufe ihrer herzugelaufenen Bekannten begrüßt, reichte

sie, nicht mehr als eine Nymphe des Dorfes, ihrem unerkannten

Liebhaber die Hand mit kostbaren Ringen gezieret,

und sagte höflich zu ihm: Wie geht es, werther

Herr Pastor? Darauf umarmte sie ihren alten weinenden

Vater, der vor der Hofstimme der Tochter erschrack,

und nicht wußte, ob er mit seiner bäuerischen Sprache

ihre Ohren beleidigen dürfte. Noch scheuer und in einem

unaufhörlichen Bücklinge stand ihr Liebhaber vor

ihr, und hustete immer, und sprach ─ nichts, ─ lange

getrauete er sich auch nicht, sie anzublicken; denn ihr

hüpfender Busen, von keinem ländlichen Halstuche bedeckt |#f0307 : 295|



, war ein zu ungewöhnlicher Anblick für ihn, und setzte

seine Nerven in ein fieberhaftes Erzittern. Mit zufriedenem

Mitleiden beobachtete Wilhelmine den Einfluß ihrer Person,

und riß endlich Vater und Liebhaber aus ihrer Betäubung.

Jhre harmonische Stimme belebte manche vertraute

Erzählung, bald von den Freuden des Hofes, von

englischen Tänzen und überirdischen Opern, und von den

unnützen Verfolgungen ihrer lächerlichen Amanten; bald

aber auch bejammerte sie mit nachdenkender Stimme den

steten Wechsel des Hofes und den Ekel, der hinterlistig

dem taumelnden Höflinge nachschleicht, und da wünschte

sie sich ─ welch ein Vergnügen für den horchenden Priester

─ einst wieder mit Ehren zur glücklichen Stille des

Landes zurück.



Unter diesen anmuthigen Gesprächen, wovon meine

Muse nicht die Hälfte verräth, setzte sich die liebe Gesellschaft

vertraulich und ohne Gebet zu Tische. Erschrocken

dachte zwar der Magister daran; doch durfte er es jetzt

nicht wagen, sich wider die Gewohnheiten des Hofes

zu empören. Um das Mittagsmahl zu verherrlichen,

hatte die schöne Tochter des Hauses vier Flaschen köstlichen

Weins mitgebracht. Sie öffnete eine davon, und

schenkte mit wohlthätigen Händen ihrem Liebhaber und

Vater schäumende Gläser ein. Lange besah der Magister

das unbekannte Getränk, kostete es mit der Miene des

Kenners, und ließ doch sein Feuer verrauchen. Endlich

fragt' er pedantisch: Liebe Mansell, für was kann ich

das eigentlich trinken? Lächelnd antwortete sie: es ist

von unserm Burgunder. Nach ihm setzte man auch eine

langhälsichte Flasche des stillscheinenden bleichen Champagners

auf die Tafel. Schon ganz freundlich durch

den Burgunder, reichte sie der Magister den befehlenden

Händen der Schönen. Aber er wäre bald vor Schrecken

versunken, als der betrügerische Wein den Stöpsel an |#f0308 : 296|



die Wand warf, und wie der vogelfreie Spion, der

sich einsam und sicher in dem Walde geglaubt hat, durch

den Mörser eines feindlichen Hinterhalts aus seiner Ruhe

geschreckt wird ─ so betäubte der schreckliche Knall die

Ohren des zitternden Pastors. Erst auf langes Zureden

und hundert Betheuerungen der Schönen trank er den

tückischen Wein, und empfand bald dessen feurige Wirkung;

denn nun öffnete der laute Scherz und der wiederkehrende

Witz seine geistlichen Lippen. Antithesen und

Wortspiele jagten einander; und da gewann er auf einmal

den ganzen Beifall der artigen Wilhelmine, wie

ihm sein Traum vorher verkündigt hatte. Jetzt erschrack

er nicht mehr vor dem erhabenen Busen, den er selbst

belebender fand, als den brausenden Champagner. Dreimal

hatt' er mit lüsternen Augen hingeschielt; da ward

er so dreist und wagte es, von dem alten Verwalter unterstützt,

das Herz der englischen Kammerjungfer zu bestürmen.

So viele Waffen der Liebe, als nur seine unerfahrne

Hand regieren konnte; so viele zärtliche Blicke,

so ein gefälliges Lächeln, als ihm nur zu Gebote stehen

wollte, verwendete er auf die Hoffnung einer geschwinden

Eroberung. Welch eine Verschwendung von süßen

rührenden Worten! Erstaunt sah Wilhelmine ihren dringenden

Freund an, und dreimal wankte sie, ─ aber, ein

geheimer Stolz und die Rücksicht auf den prächtigen

Hof erhielt sie noch ─ bis ihr endlich Vater und Liebhaber,

immer einander unterbrechend, das Wunder des

Traumes entdeckten. Denn da erkannte sie selbst in allem

die sichtbaren Wege des Himmels und ihren Beruf, und

durch die Beredsamkeit des Pastors bekehrt, entfernte

sie allen Zwang des Hofes von ihren offenherzigen Lippen.

Wohlan! sagte sie, nachdem sie in einer kleinen freundlichen

Pause die Beschwerden und die Vortheile des Hymen

gegen einander gehalten, und noch die reife Ueberlegung |#f0309 : 297|



auf ihrer Stirne saß. ─ „Wohlan! ich unterwerfe

mich den Befehlen meines Schicksals; ja, ich will

selbst mit Vergnügen das unruhige Leben des Hofes mit

den stillen Freuden meines Geburtsortes vertauschen;

und da Sie mich einmal lieben, Herr Pastor, so würde

es unzeitig seyn, spröde zu thun. Jch sehe die Ungeduld

Jhrer Neigung auf Jhrem Gesicht! Kommen Sie her,

mein Geliebter, und ─ welch ein Triumph für einen

Unerfahrnen, der nie den Ovid gelesen ─ küssen Sie

mich, und nehmen Sie zum Zeichen unsrer Versprechung

diesen Ring an!“ Und mit unaussprechlichem Vergnügen

kam der schwerfällige Liebhaber gestolpert, küßte sie

dreimal, und machte es zur Probe, recht artig. Sie

steckte ihm einen Demant, in Form eines flammenden

Herzens, an das kleinste Glied seines Fingers, und Er

─ welcher Tausch! ─ überreichte ihr einen ziegelfarbnen

Karniol, worein ein Anker gegraben war. Nun brachte

jede Minute neuen Zuwachs von Liebe und Vertrauen in

ihre verbundene Gesellschaft, und frohe Gespräche von

ihrer baldigen Hochzeit beschäftigten ihre unermüdeten

Lippen.



43.

c) Die Romanze und Ballade.


Wie in der lyrischen Form der Dichtkunst die

Elegie zur Ode und Hymne sich verhält; so ungefähr

verhält sich in der epischen Form der Dichtkunst

die Romanze und Ballade zum eigentlichen Epos.

Denn wie im Epos die Freiheit des im Mittelpuncte

der Darstellung stehenden Helden zu dem ihn bestürmenden

widrigen Schicksale sich ankündigt; so in

der Romanze und Ballade die Thätigkeit und Kraftäußerung

des aufgestellten Jndividuums in Beziehung

auf die widrigen Schicksale, die auf dasselbe eindringen. |#f0310 : 298|



Wie im Epos der Held entweder siegt,

oder der Macht des Schicksals unterliegt; so wird

er auch in der Romanze und Ballade entweder sein

Ziel erreichen, oder dasselbe verfehlen. Wie endlich

im Epos die gemischten Gefühle der Lust und Unlust

gegen einander anwogen und um das Uebergewicht

im Bewußtseyn des Anschauenden streiten, bis,

am Schlusse der Form, bei der Wahrnehmung der

ästhetischen Entwickelung, Auflösung und Entscheidung

des Ganzen, und bei dem vor die Seele tretenden

vollendeten Bilde von der Einheit der dichterischen

Form, das Gefühl der Lust den Sieg über

das Gefühl der Unlust feiert; so muß auch, am

Schlusse der Romanze und Ballade, das Wohlgefallen

an der Entwickelung der dargestellten Handlung

und an der vollendeten dichterischen Form, den

Sieg des Gefühls der Lust über das Gefühl der

Unlust vermitteln.



Die Romanze und Ballade gehört, dem Stoffe

nach, zur epischen Dichtkunst; denn er schildert

zunächst Jndividuen, nach ihren Handlungen und

Schicksalen. Oft ist es nur Ein Jndividuum, dessen

Begebenheiten und Handlungsweise der Dichter

vergegenwärtigt; oft aber wird eine Mehrzahl von

Jndividuen in der Darstellung der Romanze geschildert,

unter welchen jedesmal Ein Jndividuum als

Hauptperson sich ankündigt. Doch nach der Form

und dem Tone, der in der Romanze und Ballade

vorherrscht, ist sie unter allen einzelnen Formen

der epischen Dichtkunst der lyrischen am

nächsten verwandt,
weil nicht nur, wie in den

übrigen epischen Formen, tiefe Gefühle durch die

Darstellung menschlicher Handlungen und menschlicher

Schicksale aufgeregt werden, sondern in den meisten |#f0311 : 299|



Fällen die innigsten Gefühle des menschlichen Herzens,

die Gefühle der Liebe, der Zärtlichkeit, der

Freundschaft und der Theilnahme, den in der Romanze

und Ballade versinnlichten Handlungen und

Begebenheiten zum Grunde lagen. Der Stoff der

Romanze und Ballade, er sey nun entweder aus

der wirklichen Geschichte entlehnt und nur von dem

Dichter für seinen ästhetischen Zweck gestaltet, oder

er sey ein reines Erzeugniß seiner schöpferischen

Einbildungskraft, kann bald der Mythologie, bald

dem heroischen Zeitalter der Völker, bald den religiösen

Vorstellungen und Ansichten, bald dem Klosterleben,

bald auch den Vorgängen des gewöhnlichen

Lebens angehören; nur muß ein höheres Gefühl

als Grundton des Ganzen sich ankündigen, und

die ästhetische Vollendung der Form auf der Haltung,

Durchführung und Steigerung dieses Gefühls

beruhen. Denn selbst bis zur Stärke der Leidenschaft

kann dieses Gefühl von dem Dichter erhoben werden,

je mächtiger entweder dieses Gefühl ursprünglich

erscheint, oder je größer der Kampf ist, den die

einwohnende Kraft des handelnden Jndividuums mit

den Schwierigkeiten und Hindernissen eines widrigen

Geschicks bestehen muß. Die Maschinerieen,

die, wie in der Epopöe, in mehrern Romanzen und

Balladen vorkommen, gehören nicht zu ihrem eigentlichen

Wesen; denn es sind viele, der Form nach

vollendete, Romanzen vorhanden, die der Maschinerie

ermangeln (z. B. Schillers Bürgschaft;

Seume's Opfer u. a.). Wo sie aber aufgenommen

wird (z. B. in Bürgers Leonore u. a.), muß

sie als ästhetisch = nothwendig erscheinen, und zur

Schürzung und Entwickelung des Knotens der Hauptbegebenheit

gehören. Die Kürze oder Länge der |#f0312 : 300|



Form der Romanze und Ballade wird durch die

gleichmäßige ─ weder abgebrochene, noch gedehnte ─

Haltung aller einzelnen Theile des ästhetischen Ganzen

bedingt; so wie die Schlußentwickelung der Handlung

oder der Schicksale des Jndividuums erfreulich

(z. B. in Schillers Bürgschaft) oder traurig

(z. B. in des Pfarrers Tochter von Taubenhain

von Bürger) seyn kann, ohne daß dadurch die

Forderungen des Gesetzes der Form an die ästhetische

Vollendung der Romanze und Ballade verändert

werden.



Ohne hinreichenden Grund bestimmten einige

Theoretiker die Bezeichnung Romanze für die frohe

und heitere Einkleidung und Durchführung, das

Wort Ballade aber für die traurige und erschütternde

Darstellung dieser epischen Kunstformen.

Denn die Benennung Romanze stammt aus der

verderbten lateinischen (romanischen) Sprache, in welcher

man seit dem zehnten Jahrhunderte dichterische

Schilderungen von kriegerischen und verliebten Abenteuern

niederschrieb; und Ballade bezeichnete ursprünglich

ein Lied, das man zur musikalischen Begleitung,

ja selbst zum Tanze, sang. Jn theoretischer

Hinsicht kann zwischen beiden Benennungen

kein wesentlicher Unterschied ausgemittelt und

durchgeführt werden; auch haben die classischen Dichter

nie ausschließend an die eine oder die andere

Bezeichnung sich gebunden. ─ Auf gleiche Weise

verhält es sich mit der von einigen Theoretikern aufgestellte

Forderung, daß der Ton der Romanze dem

Volksliede
sich nähern müsse. Zugestanden, daß

dies bei einzelnen gediegenen Romanzen und Balladen

─ namentlich bei den Bürgerschen, Stolbergischen

und Langbeinischen ─ wirklich der |#f0313 : 301|



Fall ist; so liegen doch auch andere treffliche Gedichte

aus dieser Gattung (besonders die von Schiller,

Göthe, Seume, Schlegel, Tiedge, Kosegarten


u. a.) nicht geradezu in dem Gesichtskreise

der Kenntnisse, Meinungen und Ansichten des Volkes,

sondern verlangen, um verstanden und ganz gefühlt

zu werden, einen höhern Grad von geistiger

und ästhetischer Bildung, als man gewöhnlich in der

Mitte des Volkes antrifft.



44.

Beispiele aus der Romanze und Ballade.


1) von Seume († 1810).



Das Opfer.



Noch strömte von den Thermopylen

Der Perser Blut herab ins Meer,

Die durch das Schwert der Griechen fielen,

Als Sparta's Held sein kleines Heer

Entschlummern hieß, und um die zweite Wache

Gewaffnet seyn zu heißer Rache.


Die Würger ruhn am Fels im Thale;

Der Herold weckt um Mitternacht

Zum feierlichen Todtenmahle.

Sie stehn; das Opfer wird gebracht;

Der König folgt, den Lorbeer in dem Haare

Und schweigend, ihm zu dem Altare.


Der Priester schlägt; das heilge Feuer

Erhellt den Berg; Megist besprengt

Mit einem grünen Lorbeerweiher

Der Kämpfer Haupt, die dicht gedrängt

Mit hohem Muth sich um die Flamme reihen,

Zum Tod im Kampf sich einzuweihen.
|#f0314 : 302|



Leonidas sah, wie Alcide,

Sein Ahnherr, als er Riesen zwang,

Mit Götterblick von Glied zu Gliede

Die Krieger an, und plötzlich drang

Ein Flammenstral, als käm' er von dem Gotte,

Jn jedes Herz der Heldenrotte.


Der König sprach: „Gefährten, Brüder,

Eßt jetzt der Freiheit letztes Mahl,

Und trinkt den Wein; denn wenn wir wieder

Zusammenkommen, ists im Thal

Elysiums, wo glühend vor Verlangen

Die Väter stehn, uns zu empfangen.“


„Denkt an die Männer, die im Streite

Des Vaterlandes starben! Denkt,

Jhr Heldengeist schwebt euch zur Seite,

Und wägt der Enkel Werth und lenkt

Des Schwertes Stahl, den östlichen Barbaren

Mit tieferm Druck ins Herz zu fahren.“


„Das Weib mit ihren kleinen Knaben

Beim Abschiedskuß, und jedes Pfand

Der Liebe und der Freundschaft haben

Sich uns vertraut. Das Vaterland,

Die Freiheit ruft: wir sind der Freiheit Erben!

Brauchts mehr zum Siegen oder Sterben?“


Er sprachs und aß; die Krieger zehrten

Das Mahl, auf Schild und Speer gelehnt,

Jn stiller Feier auf, und leerten,

Des Landes Göttern ausgesöhnt,

Die Schalen aus bei des Altares Dampfe,

Und stärkten sich zum Todeskampfe.


Der Zug geht, gleich dem Zug der Götter,

Der vom Olymp die Rache trägt,
|#f0315 : 303|



Und wie vereinte Donnerwetter

Der Erde Brut zu Trümmern schlägt;

So trägt ihr Schwert, der Tyrannei zu lohnen,

Den Tod in Xerxes Millionen.


Tief ist die Nacht; aus Wolken blicket

Selene mit dem jüngsten Stral,

Und von des Helmes Spitze nicket

Die Feder durch das Felsenthal,

Jndeß im Schlaf mit tiefen Athemzügen

Die Sklaven und Despoten liegen.


Durch stumme Nationen schreitet

Der kleine Heldenzug, zum Zelt

Des großen Königs, und bereitet

Verderben für die Morgenwelt.

Schon glaubt im Traum mit taumelndem Vergnügen

Der Stolz sich im Triumph zu wiegen,


Stracks donnert ihn aus den Gefühlen

Der Vorhof wach, wo schon in Blut

Der Herakliden Dolche wühlen,

Wo, mit gereizter Löwen Wuth,

Die Griechen hoch dem Unterdrücker fluchen

Und ihn mit Rächerstahle suchen.


Der Droher flieht durch dunkle Gänge

Vor seinem Tod; der Griechen Schwert

Frißt hungrig in die reiche Menge

Der goldnen Sklaven, und zerstört

Den Schmuck des Jochs, dem sich mit krummen Rücken

Die Schmeichler bis zum Staube bücken.


Die Flamme steigt wie Nebelwolke

Vom Lager zu dem Himmel auf;

Der Schrecken wälzt von Volk zu Volke

Laut heulend seinen Schlangenlauf;
|#f0316 : 304|



Die Opfrer mähn die zitternden Barbaren

Zum Styx hinab bei langen Schaaren.


Die Gegend raucht, die Kriegswuth brüllet,

Verwirrung herrscht, bis Titans Licht

Die todtenvolle Nacht enthüllet

Und durch den dunkelnSchleier bricht;

Leonidas ruft nun aus Blut und Flammen

Sein göttergleiches Heer zusammen.


Des Orients Entflohne schauen

Mit Schaam nunmehr ihr Lager an;

Der Anblick füllt mit Furcht und Grauen.

Doch des Tyrannen Busen kann

Das Todtenfeld und ein geheimes Zittern

Noch nicht in seinem Stolz erschüttern.


Die Sparter ruhn in Oeta's Grotten,

Mit Herzen, die nach heißer Schlacht

Des nahen Todes kühner spotten;

Als schnell, wie mit Gewitternacht,

Das ganze Heer in Stürmen auf sie dringet,

Und sie zum neuen Treffen zwinget.


Das Volk auf Wagen und auf Rossen

Schwoll rund wie Meeresflut heran;

Die Sparter standen, und beschlossen,

Der Freiheit heilig, Mann für Mann

Den Todeskampf, im Stolz gerechter Rache,

Für ihres Vaterlandes Sache.


Noch lange hielt der Heraklide

Leonidas, mit Schwert und Speer,

Gleich einer Felsenpyramide,

Und gab Verderben um sich her,

Bis, Mann auf Mann, die Seinen, ohne Wanken,

Mit ihm im Wogenschwall versanken.
|#f0317 : 305|



Jhr Edlen, leuchtendes Exempel!

Bewundrung jeder Nation,

Und hohes Lob und Ehrentempel

Sind durch Aeonen euer Lohn;

Und, was euch mehr als alle Lorbeer kröne,

Jhr seyd der Freiheit Lieblingssöhne!


2) von Aug. Wilh. v. Schlegel.



Pygmalion.



Festlich duften Cypriens Altäre,

Vom Gesang ertönet Paphos Hain.

Schön geordnet ziehn geschmückte Chöre

Jn den Myrthumkränzten Tempel ein.

Rosig blüh'nde Mädchen, zarte Knaben;

Alle bringen sie Gelübd' und Gaben,

All' erflehn, Verlangen in der Brust,

Liebe, Reiz und Jugendlust.


Wollust athmet aus den Rosenlauben,

Wo sich willig manches Paar verirrt;

Wo ein Paar von buhlerischen Tauben

Jhrer Ankunft süß entgegen girrt.

Küsse hört man flüstern in den Büschen,

Wo sich Licht und Dunkel lieblich mischen,

Wo der Grund, mit Moosen überwebt,

Sich zum Lager schwellend hebt.


Aber einsam, in sich selbst verschlossen,

Schaut Pygmalion dem Feste zu;

Das Frohlocken muthiger Genossen

Weckt ihn nicht aus seiner ernsten Ruh.

Suchtest du denn von den Schönen allen,

Holder Jüngling, keiner zu gefallen?

Oder hat, für die dein Sinn entbrannt,

Spröde sich dir abgewandt?
|#f0318 : 306|



Ach, ihm kam wohl mancher Gruß entgegen,

Mancher Wink verhieß ihm Gunst und Glück,

Und es hob von schnellen Herzensschlägen

Mancher Busen sich vor seinem Blick.

Doch umsonst! nie öffnet er die Arme,

Daß davon umstrickt ein Herz erwarme;

Dieser Mund, wo frisch die Jugend blüht,

Wird von Küssen nie durchglüht.


Zur Geliebten hat er sich erlesen,

Die noch nie ein sterblich Auge sah;

Nur ein Schatte, doch ein mächtig Wesen,

Jst sie fern ihm, und doch ewig nah.

Tief in seines Jnnern heil'ger Stille

Pflegt die Dichtung sie mit reger Fülle,

Und umarmt das göttlich schöne Bild,

Halb von eignem Glanz verhüllt.


Jn erstauntes Anschaun so versunken,

Fühlt er sich allein, wann er erwacht.

„Götter! seufzt er dann, nur Einen Funken,

Einen Funken eurer Schöpfermacht!

Bin ich blos zu eitlem Wahn gebohren?

Meine Lieb' an einen Traum verloren,

Der, von ihrem Odem nie beseelt,

Liebevoll sich mir vermählt?“


„Oder thronet, die ich lieb', im Saale

Des Olymps mit sel'ger Allgewalt?

Trinkt sie jeden Tag aus goldner Schale

Jugend und ambrosische Gestalt?

Wird sie zürnend den Vermeßnen tödten,

Der in Lieb' entbrennt, statt anzubeten?

Oder lächelt sie, voll Größ' und Huld,

Seiner hoffnungslosen Schuld?“
|#f0319 : 307|



„Göttin, deren neugebohrne Schöne

Einst das Meer in Purpurglut getaucht;

Du, die in die Brust der Menschensöhne,

Wie der Götter, linde Wonne haucht!

Sieh mit unaussprechlichem Verlangen

Mich am Schatten deines Bildes hangen;

Diese Züge hoher Anmuth lieh

Nur von dir die Phantasie.“


„Zwar dich darf kein Sterblicher erblicken

Wie du bist, wie dich der Himmel kennt;

Kaum durchblitzen würd' ihn das Entzücken

Einen schnell vernichtenden Moment.

Aber laß, wie Frühlingswehn, dein Lächeln

Eine jungfräuliche Stirn umfächeln,

Wie die Sonn' im Bache sich beschaut:

Und ich grüße sie als Braut!“


Also fleht er oft, doch aus den Sphären

Steigt Erhörung niemals ihm herab.

Nur die Kraft kann seinen Wunsch gewähren,

Die zuerst dem Wunsche Flügel gab.

Hoffst du Labung außer dir? Vergebens!

Jn dir fließt die Quelle schönes Lebens.

Schöpfe da, und fühle froh geschwellt

Deine Brust, dein Aug' erhellt.


Jener Zaubrer wandelnder Gestalten,

Dädalus, erzog ihn einst für sie,

Lehrt' ihn Bildung aus dem Stoff entfalten,

Bis sie schön zum Ebenmaas gedieh.

Gern besiegt von seines Meisels Schlägen,

Schien der starre Felsen sich zu regen,

Und er ward auf seines Lehrers Spur

Nebenbuhler der Natur.
|#f0320 : 308|



Wie Prometheus Menschen, seine Brüder,

Bildet er der Götter ganzes Chor;

Zog zur Erde nur den Himmel nieder,

Nicht die Erde zum Olymp empor.

Edle Wesen, irdische Heroen,

Doch nicht groß wie die unnennbar hohen,

Schien ihr mildres, nicht umstraltes Haupt

Der Unsterblichkeit beraubt.


Aber seit ein namenloses Sehnen

Süß und quälend seine Brust entzweit;

Seit der Wahn des nie erblickten Schönen

Jhn berauscht mit Allvergessenheit,

Ließ er ruhn die Kunstbegabten Hände,

Unbesorgt, ob er ein Werk vollende,

Das nur halb, mit zweifelhaftem Sieg,

Aus dem Stein ins Leben stieg.


Nun, da zu der holden Unsichtbaren

Jhn hinan des Muthes Fittig trägt,

Will er seinen Augen offenbaren,

Was sein Busen heimlich längst gehegt.

Jn der Flut begeisternder Gedanken,

Die entbunden um die Sinne schwanken,

Liebeglühend, tritt Pygmalion

Jn der Werkstatt Pantheon.


Und, o Wunder, in verklärtem Lichte

Stehen rings die stolzen Bilder da.

Es enthüllt dem staunenden Gesichte

Gottheit sich, wie er sie nimmer sah.

Wie von reinem Nektarthau durchflossen,

Wonnevoller Ewigkeit Genossen,

Schön und furchtbar, scheinen sie erhöht

Zu des Urbilds Majestät.
|#f0321 : 309|



Freudig, doch mit ahnungsvollem Schweigen,

Blickt er auf der Himmelsmächte Kreis;

Richter sind sie ihm und heil'ge Zeugen,

Wie er ringt nach der Vollendung Preis.

Nicht zu ruhn, noch feige zu ermatten,

Schwört er, bis er den geliebten Schatten,

Einen Fremdling in der niedern Welt

Seinen Göttern dargestellt.


Schöner Stein! in Paros kühlen Grüften

Hat die Oreade dir gelacht;

Ja, du wurdest aus den Felsenklüften

Jn beglückter Stund' hervorgebracht!

Von der Hand Pygmalions erkohren,

Reiner Marmor, wirst du neugebohren.

Was sein Stahl dir liebend raubt, vergilt

Tausendfach das holde Bild.


Wann Aurora kaum noch deine Weiße

Röthet, eilt der Künstler schon herzu,

Und ihm winkt von immer süßerm Fleiße

Nur die Nacht gebieterisch zur Ruh.

Wann des Schlafes Arm' ihn leis' umfangen,

Spielt um ihn das schmeichelnde Verlangen,

Zeichnet sein gelungnes Werk der Traum

Dämmernd in des Aethers Raum.


Endlich geht die freundlichste der Sonnen

Ueber ihm, Vollendung bringend, auf.

Endlich, endlich ist das Ziel gewonnen,

Und die Palme kühlt des Siegers Lauf.

Vor ihm blüht das liebliche Gebilde,

Gleich der Rose, die der Frühlingsmilde,

Welche webend, athmend um sie floß,

Kaum den Purpurkelch erschloß.
|#f0322 : 310|



Hüllenlos, von Unschuld nur umgeben,

Scheint sie sich der Schönheit unbewußt;

Jhre leicht gebognen Arme schweben

Vor dem Schoos und vor der zarten Brust.

Reine Harmonie durchwallt die Glieder,

Deren Umriß, von der Scheitel nieder

Zu den Sohlen, hingeathmet fliegt,

Wie sich Well' in Welle schmiegt.


Selig festgezaubert im Betrachten

Schaut Pygmalion, und glüht und schaut.

Bald verstummt er, aufgelöst in Schmachten,

Bald erschallt des Herzens Hymne laut.

Mit des Steines nachgeahmtem Leben

Strebt er sich so innig zu verweben,

Daß sein Herz, von Lieb' und Lust bewegt,

Wie in beider Busen schlägt.


Was ersann er nicht, ihr liebzukosen?

Welche süße Namen nannt' er nicht?

Das Gebüsch verarmt an Myrth' und Rosen,

Die er sorgsam ihr in Kränze flicht.

Aber ach! wann wird ihr holdes Flüstern

Seinen Liebesreden sich verschwistern?

Wann besiegelt der erwärmte Mund

Wiederküssend ihren Bund?


Lächelnd einst, wie mildes Frühlingswetter,

Schaut Urania vom lichten Thron;

Von der Menschen Vater und der Götter

Fordert sie der reinsten Treue Lohn:

Sieh, allein von allen Erdensöhnen

Hat Pygmalion, dem höchsten Schönen

Huldigend, und frei vom Sinnenbrand,

Sich zu meinem Dienst gewandt.
|#f0323 : 311|



Nicht aus Trotz, zu eitlem Schöpferruhme;

Folgsam lauschend nur dem innern Ruf,

Stellt' er im verborgnen Heiligthume

Uns die Göttin dar, die er sich schuf.

Jenen Funken, den Prometheus raubte,

Zum Verderben seinem stolzen Haupte,

Gieb ihn mir für den bescheidnen Sinn

Meines Künstlers zum Gewinn.


So die Göttin, und mit Wohlgefallen

Winkt ihr Zeus, und neigt den Herrscherstab;

Locken, den Olymp erschütternd, wallen

Auf die Stirn ambrosisch ihm herab.

Ein gewohntes Opfer darzubieten,

Stand Pygmalion in Duft und Blüthen,

Als es wie ein Blitz sein Mark durchdrang,

Daß er zagend niedersank.


Doch ihn locken ferne Melodieen

Zauberisch ins Leben bald zurück.

Rosenfarbne Morgenschimmer fliehen

Um das Bild und laben seinen Blick.

Wie von eines Aetherbades Wogen

Wird sie sanft gewiegt und fortgezogen.

Soll sie eures Himmels Zierde seyn?

Götter! Götter! sie ist mein!


Und er fliegt hinzu, und schlingt die Arme

Kühn und fest um das geliebte Weib.

Glühend, schauernd fühlt er, sie erwarme;

Seinem Drucke weicht der Marmorleib.

Und es schlägt ihr Herz die ersten Schläge,

Und die Pulse werden hüpfend rege,

Und das Drängen junger Lebenslust

Schwellt die ungeduld'ge Brust.
|#f0324 : 312|



Und ihr Auge ─ Wonne würd' ihn tödten,

Schloß' es sich dem fremden Tage nicht.

Ach, sie drückt mit schüchternem Erröthen

An des Jünglings Busen ihr Gesicht.

Liebe! Liebe! stammeln beider Zungen,

Und die Seelen, ganz in eins verschlungen,

Hemmt ein Kuß im schwesterlichen Flug

Mit geheimnißvollem Zug.


3) von Luise Brachmann († 1822).



Columbus.



„Was willst du, Fernando, so trüb' nnd bleich?

Du bringst mir traurige Mähr!“ ─

„Ach, edler Feldherr, bereitet Euch:

Nicht länger bezähm' ich das Heer.

Wenn jetzt nicht die Küste sich zeigen will;

So seyd ihr ein Opfer der Wuth;

Sie fordern laut, wie Sturmgebrüll,

Des Feldherrn heiliges Blut.“


Und eh' noch dem Ritter das Wort entflohn;

Da drängte die Menge sich nach.

Da stürmten die Krieger, die Wüthenden, schon,

Gleich Wogen, ins stille Gemach.

Verzweiflung im wilden, verlöschenden Blick,

Auf bleichen Gesichtern der Tod: ─

„Verräther! wo ist nun dein gleisendes Glück?

Jetzt rett' uns vom Gipfel der Noth!“


„Du giebst uns nicht Speise; so gieb uns denn

Blut!“ ─

„Blut!“ ─ riefen die Schrecklichen, ─ „Blut!“

Sanft stellte der Große den Felsenmuth

Entgegen der stürmenden Fluth.
|#f0325 : 313|



„Befriedigt mein Blut euch; so nehmt es und lebt!

Doch, bis noch ein einzigesmal

Die Sonne dem feurigen Osten entschwebt,

Vergönnt mir den segnenden Stral.“


„Beleuchtet der Morgen kein rettend Gestad;

So biet' ich dem Tode mich gern.

Bis dahin verfolgt noch den muthigen Pfad,

Und trauet der Hülfe des Herrn!“ ─

Die Würde des Helden, sein ruhiger Blick,

Besiegte noch einmal die Wuth.

Sie wichen vom Haupte des Führers zurück,

Und schonten sein heiliges Blut.


„Wohlan dann, ─ es sey noch! ─ doch hebt sich

der Stral,

Und zeigt uns kein rettendes Land;

So siehst du die Sonne zum letztenmal!

So zittre der strafenden Hand!“ ─

Geschlossen war also der eiserne Bund;

Die Schrecklichen kehrten zurück. ─

Es thue der leuchtende Morgen uns kund

Des duldenden Helden Geschick. ─


Die Sonne sank, der Schimmer wich,

Des Helden Brust ward schwer;

Der Kiel durchrauschte schauerlich

Das weite, wüste Meer.

Die Sterne zogen still herauf,

Doch, ach, kein Hoffnungsstern;

Und von des Schiffes ödem Lauf

Blieb Land und Rettung fern.


Sein treues Fernrohr in der Hand,

Die Brust voll Gram, durchwacht,

Nach Westen blickend unverwandt,

Der Held die düstre Nacht.
|#f0326 : 314|



„Nach Westen, ─ o, nach Westen hin,

Beflügle dich mein Kiel!

Dich grüßt noch sterbend Herz und Sinn,

Du meiner Sehnsucht Ziel!“


„Doch mild, o Gott, von Himmelshöhn

Blick' auf mein Volk herab!

Laß' es nicht trostlos untergehn

Jm wüsten Flutengrab!“ ─

Er sprachs, der Held, vom Mitleid weich;

Da horch, welch eiliger Tritt?

„Noch einmal, Fernando, so trüb' und bleich?

Was bringt dein bebender Schritt?“


„Ach, edler Feldherr, es ist geschehn!

Jetzt hebt sich der östliche Stral.“ ─

„Sey ruhig, mein Lieber, von himmlischen Höhn

Entwand sich der leuchtende Stral.

Es waltet die Allmacht von Pol zu Pol,

Mir lenkt sie zum Tode die Bahn!“ ─

„Leb' wohl dann, mein Feldherr, leb' ewig wohl!

Jch höre die Schrecklichen nahn!“


Und eh' noch dem Ritter das Wort entflohn,

Da drängte die Menge sich nach;

Da strömten die Krieger, die Wüthenden, schon,

Gleich Wogen, ins stille Gemach.

„Jch weiß, was ihr fordert, ich bin bereit,

Ja, werft mich ins schäumende Meer!

Doch wisset, das rettende Ziel ist nicht weit;

Gott schütze dich, irrendes Heer!“


Dumpf klirrten die Schwerter, ein wildes Geschrei

Erfüllte mit Grausen die Luft;

Der Edle bereitete still sich und frei

Zum Wege der fluchenden Gruft.

Zerrissen war jedes geheiligte Band;
|#f0327 : 315|



Schon sah sich zum schwindelnden Rand

Der treffliche Führer gerissen, und ─ „Land!“ ─

Land!“ ─ rief es und donnert' es, ─ „Land!!


Ein glänzender Streifen, mit Purpur gemalt,

Erschien dem beflügelten Blick;

Vom Golde der steigenden Sonne bestralt,

Erhob sich das winkende Glück.

Was kaum noch geahnet der zagende Sinn,

Was muthvoll der Große gedacht; ─

Sie stürzten zu Füßen dem Herrlichen hin,

Und priesen die göttliche Macht.


4) vom Freih. v. Steigentesch.



Der Troubadour.



Am Quell, vom Tage matt beschienen,

Saß Ritter Raymond, kalt und wild;

Blaß, wie der Burggeist in Ruinen,

Schwamm auf dem Felsenquell sein Bild.

Da lispeln sanft der Harfe Saiten,

Jm Liede weht ein weicher Sinn,

Und des Gesanges Töne gleiten

Wie Wellen über Blumen hin.

Die Vorzeit flüstert durch die Lieder,

Ein Geisterlaut umschwebt sein Ohr;

Der Schrecken sträubt sein Haar empor,

Und drückt den Blick zur Erde nieder.


Die sanfte Sprache der Gefühle

Wird jetzt auf jeder Saite wach,

Des Morgens Traum, der Kindheit Spiele,

Ahmt schwach und stark die Saite nach.

Die halbgedämpften Töne beben,

Wie durch das Laub der West im Mai;
|#f0328 : 316|



Der Kindheit goldne Träume schweben

Jm Spiegel des Gesangs vorbei.

Der schöne Traum, zu früh vergangen,

Hat sanft des Ritters Herz erweicht;

Ein mattes, kaltes Lächeln schleicht

Auf die vom Gram gebleichten Wangen.


Jetzt klagt hier, wie der Welle Tosen,

Bald schwach, bald stark, mit leisem Schwung,

Die Sehnsucht um verblühte Rosen,

Jm Echo der Erinnerung.

Der Ton, gleich scheidenden Gewittern,

Verhallt nun sterbend, dumpf und schwach;

Die Saite ahmt mit leisem Zittern

Den süßen Ton der Freude nach.

Der Vorzeit blasse Nebel sinken;

Der Freude heitres Bild erwacht;

Die Liebe ruft, das Leben lacht,

Und des Genusses Horen winken.


Dem Arm der Freude schnell entrissen

Erhebt sich dumpf das Lied der Schlacht;

Die Erde wird des Todes Kissen,

Das Blut und Wunde schrecklich macht.

Die Harfe schweigt. Jn ihren Pausen

Verblutet röchelnd sich der Held,

Und, wie des Meeres Wogen, brausen

Die Töne durch das Leichenfeld.

Des Ritters blasse Wangen färben

Sich brennend, wie das Abendroth;

Sein Auge rollt, es sucht den Tod,

Umdonnert von der Schlacht, zu sterben.


Der Harfe Stürme rauschen wilder,

Das Siegel springt am Grab der Zeit,

Der Sturm des Sängers weckt die Bilder
|#f0329 : 317|



Jm Nebel der Vergangenheit.

Dumpf rauscht in jedem Grabe Leben,

Wie in der Felsenkluft der Nord.

Des Sängers blasse Lippen beben,

Sein Stammeln malt den Brudermord.

Die Wangen, wild entbrannt, verglühen;

Jm Auge rollen Schuld und Haß.

„Laß, ruft der Ritter leichenblaß,

O laß das Bild vorüberfliehen!“


Da flüstern leise durch die Saiten

Der Hoffnung süße Töne hin.

Sanft, wie des Schicksals Fäden, leiten

Sie in den Arm der Trösterin.

Kühn trotzt der Mörder den Gesetzen,

Jhn lenkt das ewige Geschick;

Auf seinen Wink hält das Entsetzen

Des Frevels, Dolch und Arm zurück.

Der Ritter schlägt um die Gestalten

Der Möglichkeit den Arm voll Kraft,

Am Busen ohne Leidenschaft

Das süße Traumbild festzuhalten.


Der Sänger schweigt. Des Finstern Miene

Wird wieder kalt und wolkenschwer;

Da flüstert's leise durch das Grüne:

„Erkennst du Erichs Ton nicht mehr?“

Er blickt empor. Die Augen wenden

Sich ab, von Schuld und Schaam gepreßt;

Er klammert sich mit kalten Händen

An seines Bruders Knieen fest.

Das Band des Schreckens löst sich wieder,

Das seine Kraft gefesselt hält,

Und auf die blassen Lippen fällt

Die Thräne der Verzeihung nieder.
|#f0330 : 318|



45.

d) Die Legende.


Die Legende steht in demselben Verhältnisse

einer Untergattung zur Romanze und Ballade, wie

die Dithyrambe zur Hymne. Denn sie enthält die

Darstellung von Gefühlen, welche durch die Vergegenwärtigung

von Jndividuen, Handlungen und Begebenheiten

erregt werden, unter der Einheit einer

vollendeten ästhetischen Form. Allein der eigenthümliche

Charakter der Legende, wodurch sie von der

Romanze und Ballade sich unterscheidet, beruht

darauf, daß ihr Stoff aus der religiösen Mythologie,

und, wenn der Stoff der christlichen

Religion angehört, aus der kirchlichen Ueberlieferung

entlehnt ist. Mag nun der Stoff aus

der indischen, oder der ägyptischen, aus der griechischen,

oder der christlichen, oder der mahomedanischen

Sagenwelt entnommen seyn; so hängt doch sein

dichterischer Gehalt ab von seiner ästhetischen Darstellbarkeit

in einer vollendeten Form. Enthält daher

die kirchliche Sage, als Stoff, Handlungen und

Thatsachen, welche entweder große Aufopferungen

im Dienste der Tugend und den Heldensinn der

Märtyrer bezeugen, oder welche angebliche Wunderthaten

der sogenannten Heiligen und selbst manche

lächerliche Ueberlieferung versinnlichen; so berücksichtigt

der Dichter der Legende nicht die geschichtliche

Beglaubigung
dieser Stoffe; denn seine Aufgabe

ist keine geschichtliche, sondern eine ästhetische,

und diese wird erreicht, sobald er den ihm dargebotenen

Stoff, inwiefern er einen wohlthuenden

Eindruck auf sein Gefühlsvermögen vermittelte, zur

Einheit der ästhetischen Form erhob.

|#f0331 : 319|



Nach den verschiedenartigen, bald ernsthaften,

bald belustigenden, Stoffen, welche der Dichter der

Legende zur Einheit der Form gestaltet, erscheint die

Legende, wie auch die Romanze und Ballade, bald

unter einer ernsthaften, bald unter einer komischen

Einkleidung. Jn der ersten liegt das Außerordentliche,

Uebernatürliche und Wunderbare in den

Aeußerungen eines gesteigerten sittlich=religiösen Gefühls,

dessen Bestrebung mit einem alle Erwartung

übertreffenden Erfolge gekrönt wird. Jn der zweiten

wird das Wunderbare in der Begebenheit, unter

der Voraussetzung, daß die Begebenheit selbst

der Erfolg eines sich verirrenden Gefühls war, als

ein Gegenstand dargestellt, der vermittelst der vollendeten

ästhetischen Hülle unser Lachen erregt. Die

ernsthafte Legende ward mit Erfolg von v. Göthe,

Aug. Wilh. v. Schlegel, v. Herder, Kosegarten,

Justi, Krummacher, Uhland
u. a.,

die komische besonders von Pfeffel und Langbein

angebaut.



46.

Beispiele der Legende.


1) von v. Herder († 1803).



Der Tapfere.



Ein edler Held ist, der fürs Vaterland,

Ein edlerer, der für des Landes Wohl,

Der edelste, der für die Menschheit kämpft.

Ein Hoherpriester, trug er ihr Geschick

Jn seinem Herzen, und der Wahrheit Schild

Auf seiner Brust. Er steht im Felde, Feind

Des Aberglaubens und der Ueppigkeit,
|#f0332 : 320|



Des Jrrthums und der Schmeicheleien Feind,

Und fällt, der höchsten Majestät getreu,

Dem redlichen Gewissen, das ihm sagt:

Er suchte nicht, und floh nicht seinen Tod.

„Was tödtet ihr die Glieder? (rief die Wuth

Des Heidenpöbels,) sucht und würgt das Haupt.“ ─

Man sucht den frommen Polykarpus, ihn,

Johannes Bild und Schüler. Sorgsam hatten

Die Seinen ihn aufs Land geflüchtet: ─ „Jch

Sah diese Nacht das Kissen meines Haupts

Jn voller Glut (so sprach der kranke Greis);

Und wachte mit besondrer Freude auf.

Jhr Lieben mühet euch umsonst; ich soll

Mit meinem Tode Gott lobpreisen.“ ─ Da

Erscholl das Haus von stürmendem Geschrei

Der Suchenden. Er nahm sie freundlich auf.

„Bereitet, sprach er, diesen Müden noch

Ein Gastmahl, ─ ich bereite mich indeß

Zur Reise auch.“ ─ Er ging, und betete,

Und folgete mit vielen Schmerzen ihnen

Zum Consul. Als er auf den Richtplatz kam,

Rief eine mächt'ge Stimm' im Busen ihm:

„Sey tapfer, Polykarp!“ ─ der Consul sieht

Den heitern, schönen, ruhig sanften Greis

Verwundernd. „Schone (sprach er) deines Alters,

Und opfre hier, entsagend deinem Gott!“ ─

„Wie sollt' ich meinem Herrn entsagen, dem

Zeitlebens ich gedienet, und der mir

Zeitlebens Gutes that?“ ─ „Und fürchtest du

Denn keines Löwen Zahn?“ ─ „Zermalmet muß

Das Weizenkorn doch einmal werden, sey's

Wodurch es will, zur künft'gen neuen Frucht.“

Der Pöbel rief: „Hinweg mit ihm! Er ist

Der Christen Vater! Feuer, Feuer her!“
|#f0333 : 321|



Sie trugen Holz zusammen und mit Wuth

Ward er ergriffen. ─ „Freunde, sprach er, hier

Bedarfs der Bande nicht. Wer dieser Flamme

Mich würdigte; der wird mir Muth verleihn.“

Und legte still den Mantel ab, und band

Die Sohlen seiner Füße los, und stieg

Hinauf zum Scheiterhaufen. ─ Plötzlich schlug

Die Flamm' empor, umwehend rings um ihn,

Gleich einem Segel, das ihn kühlete,

Gleich einem glänzenden Gewölbe, das

Den Edelstein in seine Mitte nahm,

Und schöner ihn verklärte, bis ergrimmt

Jhm eine freche Hand das Herz durchstieß.

Er sank; es floß sein Blut; die Flamm' erlosch;

Und eine weiße Taube stieg empor.

Du lachst der weißen Taube? Soll einmal

Ein Geier dir dem Sterbenden die Brust

Durchbohren? Dem Gestorbenen das Aug'

Ein Rab' aushacken? Aus der Asche sich

Molch oder Natter winden? ─ Spotte nicht

Des Bildes, das die Sage sich erschuf;

Nur Einfalt, Unschuld, giebt im Tode Muth.


2) von v. Göthe.



Der Gott und die Bajadere.



Eine indische Legende.



Mahadöh, der Herr der Erde,

Kommt herab zum sechstenmal,

Daß er unsers Gleichen werde,

Mit zu fühlen Freud' und Qual.

Er bequemt sich hier zu wohnen,

Läßt sich Alles selbst geschehn.

Soll er strafen oder schonen,

Muß er Menschen menschlich seyn.
|#f0334 : 322|



Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet,

Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,

Verläßt er sie Abends, um weiter zu gehn.


Als er nun hinausgegangen,

Wo die letzten Häuser sind,

Sieht er, mit gemahlten Wangen,

Ein verlornes schönes Kind.

Grüß' dich Jungfrau! ─ Dank der Ehre!

Wart', ich komme gleich hinaus ─

Und wer bist du? ─ Bajadere,

Und dies ist der Liebe Haus.

Sie rührt sich, die Zimbeln zum Tanze zu schlagen;

Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,

Sie neigt sich und biegt sich, und reicht ihm den Strauß.


Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,

Lebhaft ihn ins Haus hinein.

Schöner Fremdling, lampenhelle

Soll sogleich die Hütte seyn.

Bist du müd', ich will dich laben,

Lindern deiner Füße Schmerz.

Was du willst, das sollst du haben,

Ruhe, Freuden oder Scherz.

Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden;

Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden

Durch tiefes Verderben, ein menschliches Herz.


Und er fordert Sklavendienste;

Jmmer heitrer wird sie nur,

Und des Mädchens frühe Künste

Werden nach und nach Natur.

Und so stellet auf die Blüthe

Bald und bald die Frucht sich ein;

Jst Gehorsam im Gemüthe,

Wird nicht fern die Liebe seyn.
|#f0335 : 323|



Aber, sie schärfer und schärfer zu prüfen,

Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen

Lust und Entsetzen und grimmige Pein.


Und er küßt die bunten Wangen,

Und sie fühlt der Liebe Qual,

Und das Mädchen steht gefangen,

Und sie weint zum erstenmal;

Sinkt zu seinen Füßen nieder,

Nicht um Wollust noch Gewinnst,

Ach! und die gelenken Glieder,

Sie versagen allen Dienst.

Und so zu des Lagers vergnüglicher Feier

Bereiten den dunkeln behaglichen Schleier

Die nächtlichen Stunden das schöne Gespinnst.


Spät entschlummert, unter Scherzen,

Früh erwacht, nach kurzer Rast,

Findet sie, an ihrem Herzen,

Todt den vielgeliebten Gast.

Schreiend stürzt sie auf ihn nieder;

Aber nicht erweckt sie ihn,

Und man trägt die starren Glieder

Bald zur Flammengrube hin.

Sie höret die Priester, die Todtengesänge,

Sie raset und rennet, und theilet die Menge.

Wer bist du? was drängt zu der Grube dich hin?


Bei der Bahre stürzt sie nieder,

Jhr Geschrei durchdringt die Luft:

Meinen Gatten will ich wieder!

Und ich such' ihn in der Gruft.

Soll zu Asche mir zerfallen

Diefer Glieder Götterpracht?

Mein! er war es, mein vor allen!

Ach, nur Eine süße Nacht!
|#f0336 : 324|



Es singen die Priester: wir tragen die Alten,

Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,

Wir tragen die Jugend, noch eh' sie's gedacht.


Höre deiner Priester Lehre:

Dieser war dein Gatte nicht.

Lebst du doch als Bajadere,

Und so hast du keine Pflicht.

Nur dem Körper folgt der Schatten

Jn das stille Todtenreich;

Nur die Gattin folgt dem Gatten;

Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.

Ertöne, Trommete, zu heiliger Klage!

O, nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage,

O, nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!


So das Chor, das ohn' Erbarmen

Mehret ihres Herzens Noth;

Und mit ausgestreckten Armen

Springt sie in den heißen Tod.

Doch der Götter-Jüngling hebet

Aus der Flamme sich empor,

Und in seinen Armen schwebet

Die Geliebte mit hervor.

Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;

Unsterbliche heben verlorene Kinder

Mit feurigen Armen zum Himmel empor.


3) von Langbein.



Der Substitut des heiligen Georgs.



Jn einer dunkeln Dorfkapelle,

Dem heiligen Georg geweiht,

Stand er in Lebensgröß' auf einer hohen Stelle

Zum Trost des Volks seit langer Zeit.
|#f0337 : 325|



Der Priester sorgte stets aufs Beste

Für des verehrten Schutzherrn Ruhm,

Und reinigt' einst zu seinem Feste

Mit eigner Hand das Heiligthum.

Um dieses gute Werk zu krönen,

Wollt' er ihn selbst ─ den Herrn Patron ─ verschönen,

Und säubert' ihn vom Fuße bis zum Schopf;

Der Besen aber stieß zu hart ihn an den Kopf,

Und dieser ─ der vielleicht schon immer

Ein wenig schwach gewesen war ─

Brach knacks vom Hals, und fiel in Trümmer.

Der Priester raufte wild sein Haar.

O ich Unglücklichster auf Erden!

Was fang' ich an? Das Dorf wird rasend werden!

Jch stehe morgen in Gefahr,

Daß es in Rotten sich vereinigt,

Und mich aus Christeneifer steinigt. ─

So klagend trat er an die Thür,

Und seufzte Himmel an: Jhr Engel,

Jhr guten Engel, helfet mir!

Es kam nicht Einer; ─ doch dafür

Erschien ein alter Galgenschwengel,

Der weit und breit das Land durchzog,

Theils betteln ging, und theils betrog.

Er schlich gebückt an einem Stabe,

Und bat um eine kleine Gabe.

Mit Staunen sah der Capellan

Vom Fuße bis zum Kopf ihn an,

Und murmelte hinweg gewendet:

Den haben mir die Engelein gesendet!

Er gleichet, schwarzbraun wie ein Mohr,

Dem Heil'gen, der sein Haupt verlor,

So Zug für Zug, als wärens Zwillingsbrüder.

Der Kerl ist mir ein wahrer Schatz;
|#f0338 : 326|



Jch stell' ihn an Georgens Platz,

Und alles Volk fällt vor ihm nieder!

Ein kluger Einfall! Der Vagant

War in der Gegend nicht bekannt,

Und nah und fern ließ sich kein Lauscher spüren.

So hemmte nichts den Capellan,

Das kühne Wagstück auszuführen,

Und leise fühlt' er stracks dem Bettler auf den Zahn:

Ob er des nächsten Tags der Rolle

Des heiligen Georgs sich unterziehen wolle.

Der Gauner hätte wohl, für ein Glas Brantewein,

Sich nicht bedacht, der Teufel selbst zu seyn.

Was sollt' er lange sich besinnen,

Als Heiliger ein Trinkgeld zu gewinnen?

Er sagte Ja, verschlief die Nacht

Jn einem Winkel der Capelle,

Und blähte sich bei früher Tageshelle,

Bekleidet mit der Gallatracht

Des Heiligen, an seiner Stelle. ─

Bald fanden sich viel fromme Seelen ein,

Und strömten hin zum Könige des Festes.

Er that, wie ihm befohlen war, sein Bestes,

Und stand wie ein gebohrner Stein.

Sie warfen sich mit flehenden Gebärden

Zu seinen Füßen auf die Knie,

Und glaubten fest, von ihm gehört zu werden,

Seht, wie er lächelt, riefen sie, ─

Er blickt uns an, als lebt' er noch auf Erden!

Der Afterheilige vernahm

Mit Schrecken diese Schmeichelworte,

Verwünschte still den bösen Kram,

Und sehnte weit sich weg von seinem Orte,

Wo bald das Ding noch schlimmer kam. ─

Ein Teufelchen, das ─ ohne Zweifel
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Beordert von dem Oberteufel ─

Jn einer Wespe Körper fuhr,

Stach, wie mit einem Dolch, ihn tückisch in die Nase,

Fast platzte er heraus mit einer Flucherphrase,

Doch blieb's bei den Gedankenschwur:

Flugs nach dem Gottesdienst der Rache zu genießen,

Und jenen Plagegeist zu fangen und zu spießen.

Jndessen nahm die schwellende Blessur

Der Fliegengott selbst in die Cur,

Und eilte, Balsam drauf zu gießen.

Das war brühheißes Wachs, das an des Altars Wand,

Drei Spannen über'm Kopf des Substituten,

Von einer Kerze floß, die dort hellflammend stand,

Und, schief gebeugt von Satans Hand,

Nicht geizig war mit ihren Perlengluten.

Dies Tropfbad hielt der Patient

Nur zwei Secunden aus: „Kreuz tausend Element!“

Schrie er, und sprang mit Schmerzgrimassen

Herab von seinem Postament.

Ha, welcher Aufruhe in des Kirchleins Gassen!

Die sämmtliche Gemeinde floh

Zur Thür' mit Zetermordio,

Als würd' ein Leu von Ketten losgelassen,

Der Bettler, stürzend durchs Gewühl,

Rief laut: „Schön Dank für solch ein Spiel!

Nein, lieber ein Verdammter in der Hölle,

Als so ein Heiliger in dieser Angstkapelle!“


47.

e) Die poetische Erzählung.


Je allgemeiner der Begriff des Erzählens ─

der mündlichen oder schriftlichen zusammenhängenden

Mittheilung des Geschehenen ─ überhaupt ist; desto |#f0340 : 328|



weiter ist auch, in der Reihe der epischen Formen,

der Begriff der poetischen Erzählung. Denn alles,

was aus dem Kreise des Wirklichen und Möglichen

ästhetisch dargestellt, d. h. als aus den Gefühlen

des Dichters stammend und als Gefühle anregend

geschildert, und zur Einheit der Form verbunden

werden kann, eignet sich zum Stoffe der poetischen

Erzählung. Dadurch aber unterscheidet sich die

poetische Erzählung vom Epos, daß in der erstern

die dargestellte Handlung oder Begebenheit, in

dem letztern hingegen das handelnde Jndividuum

den Mittelpunct der ästhetischen Darstellung

bildet. Jn der poetischen Erzählung erscheint nämlich

das handelnde Jndividuum nicht als ein eigentlicher

Held, der in noch unentschiedenem Kampfe

mit dem auf ihn eindringenden widrigen Schicksale

wahrgenommen wird; auch können die verwickelten

Verhältnisse und Ereignisse, welche die poetische Erzählung

schildert, nicht in der höhern Beziehung, wie

im Epos, Schicksal genannt werden, weil es zunächst

eine mehr oder weniger in sich fassende Thatsache

ist, die der Dichter der poetischen Erzählung

in den Mittelpunct des Ganzen stellt.



Bei dieser Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit

des Stoffes für die poetische Erzählung bleibt es

die Hauptaufgabe für dieselbe, vermittelst der Vollendung

der ästhetischen Form dieselben Gefühle anzuregen,

welche in dem Gemüthe des Dichters das

Entstehen der ästhetischen Form bewirkten, und zugleich

die Einbildungskraft in ein freies Spiel

zu setzen, um durch beides gemeinschaftlich ein reines

Wohlgefallen an der Form hervorzubringen. ─

Je häufiger aber der erzählende Dichter mit der Darstellung

freier Handlungen sich beschäftigen muß; |#f0341 : 329|



desto mehr bedarf er des psychologischen Urtheils

und Tactes. Zwar darf er die psychologischen Erscheinungen

und Ergebnisse nicht philosophisch verarbeiten;

allein er behandelt sie dichterisch, d. h.

sein psychologischer Sinn und Tact unterstützt seine

schöpferische Einbildungskraft, wenn diese, für die

im Mittelpuncte der Erzählung darzustellende Handlung,

einen ästhetischen Zusammenhang von Ursachen

und Wirkungen vermittelt, der mit derselben Nothwendigkeit

sich ankündigt, wie der Zusammenhang

von Ursach und Wirkung im wirklichen Leben der

Menschen. Selbst das, was aus dem Kreise der

physischen Welt in die poetische Erzählung aufgenommen

wird, erscheint nach seiner Verbindung und

nach seinem Zusammenhange mit der geistigen und

sittlichen Kraft der handelnden Jndividuen, weil es

nicht um seiner selbst willen, sondern zur Versinnlichung

gewisser Thatsachen und Handlungen freier

Wesen, in die poetische Erzählung gehört.



Die poetische Erzählung kann entweder im

ernsthaften, oder im komischen Gewande erscheinen.

Die ernsthafte poetische Erzählung stammt

aus Gefühlen, welche theils durch ernsthafte und

wichtige Ereignisse des Lebens, theils durch ergreifende

Handlungen des freien Willens angeregt, und

vermittelst der Einbildungskraft zu einem lebensvollen

dichterischen Ganzen gestaltet werden. Dagegen

entspringt die komische poetische Erzählung aus

dem, durch die Vergegenwärtigung menschlicher

Schwachheiten, Thorheiten und Fehler, im Bewußtseyn

des Dichters aufgeregten, Gefühle der Lust, das

seine schöpferische Einbildungskraft in der ästhetischen

Form der poetischen Erzählung in einem so hohen

Grade versinnlicht, daß dadurch bei Allen dasselbe |#f0342 : 330|



Gefühl der Lust veranlaßt wird. Doch muß der

Dichter der komischen poetischen Erzählung, bei aller

Lebendigkeit seiner Darstellung, sich innerhalb der

Grenzlinie der Erzählung halten, und nicht ins Gebiet

der eigentlichen Satyre hinüber streifen, welche

die Unvollkommenheiten der intellectuellen Welt und

die Gebrechen in der sittlichen Ordnung der Dinge

mit aller Schärfe geiselt, die, durch den stark versinnlichten

Abstand der wirklichen Welt zu der Höhe

des dem Menschen gebotenen Jdeals der Wahrheit

und sittlichen Güte, in dem Gemüthe des Satyrikers

erzeugt wird. Von der Fabel, die häufig mit der

poetischen Erzählung verwechselt wird, unterscheidet

sie sich bestimmt dadurch, daß der Fabel ausschließend

die Versinnlichung der Eigenschaften der Thierwelt

zusteht.



Die wesentlichsten Bedingungen der poetischen

Erzählung sind Leichtigkeit und Natürlichkeit in der

Darstellung. Eine gewisse Ausführlichkeit wird in

dieser epischen Form eher, als in den übrigen, dem

Dichter verziehen, sobald nur nichts eingemischt

wird, was als entschieden überflüssig und außerwesentlich

sich ankündigt; die unverkennbare Breite der

Darstellung aber ist unvereinbar mit der Festhaltung

des ästhetischen Charakters der Form. Reim

und Metrum sind, wie bei allen dichterischen Erzeugnissen,

auch in der poetischen Erzählung keine

wesentlichen, sondern nur zufällige Eigenschaften

der äußern Schönheit der Form.



48.

Beispiele der poetischen Erzählung.


1) von Burcard Waldis († nach 1554).

|#f0343 : 331|



Vom Bischoff und einem Lotterbuben.



Zum Bischoff kam ein Lotterbub,

Sein Bengel gegen jm auffhub,

Vnd bat jn, das er jm da bar

Ein gülden geb zum neuwen Jar.

Der Bischoff war ein karger Mann,

Den Freihart sah er scheußlich an,

Sprach: bist vnsinnig hab den Ritten

Darffst umb ein gülden neuw Jar bitten?

Der Bub sprach, schont gnediger Herr,

Ob denn ein güld zu viele wer,

Gebt ein Batzen, ich nem jn an,

Daß jr ein gut neuw Jar müßt han.

Er sprach, du bittest ja zu viel;

Er sprach, ein kleines nemmen wil,

Das ich mag haben euwre Gnad;

Zuletst jn umb ein Pfenning bat.

Denselben er jm auch nicht gab.

Er sprach, das ich dennoch was hab,

Von euwern gnaden beger sonst nit,

Denn theilt mir euwern Segen mit.

Er sprach: knie nieder lieber Son,

Das du denselben magst entpfahn.

Da sprach der Bub: behalt euwrn Segen,

Jr dörfft jn zwar auff mich nicht legen;

Ja wenn er wer eins Pfennings wehrt,

Würd er mir nicht von euch beschert.


2) von Hans Sachs († 1576).



Warum die Bauern nicht gern Lanzknecht

herbergen.



Mich thät eines Tages ein Pfaff fragen,

Ob ich nicht warhaft wüßt' zu sagen,
|#f0344 : 332|



Warum die Bauern unwillig wär'n,

Und herbergten die Lanzknecht nicht gern.

Jch sagt: es liegt im Schwabenland

Ein Dorf, Gersthofen ist genannt,

Da hat die Ursach sich angefangen,

Jm kalten Winter nächst vergangen.

Da loff ein armer Lanzknecht hart

Zerrissen, frostig auf der Gartt

Jn großer Kält für einen Galgen,

Darauf hört er die Raben balgen,

Und sah einen Dieb hangen daran,

Der hätt' zwei gute Hosen an.

Da dacht ihm der arme Lanzknecht,

Die Hosen kommen mir gleich recht;

Und streift dem Dieb die Hosen ab,

An Füßen wollten sie nicht rab,

Wann (denn) sie waren daran gefroren.

Der Lanzknecht flucht und thät im Zoren (Zorn)

Und hieb dem Dieb ab beide Füß',

Sammt den Hosen int (in den) Ermel stieß.

Nun war es etwas spät am Tag,

Gersthofen das Dorf vor ihm lag;

Da trabet er gar frostig ein,

Zu suchen da die Nahrung sein.

Als er nun herumgartet spat,

Zuletzt er dann um Herberg bat

Ein Bauren, der sagt' ihm zu willig,

Gab ihm ein Schüssel voll warmer Millich,

Trug ihm in die Stuben ein Schütt Stroh,

Deß war der frostig Lanzknecht froh.

Nun hätt diesem Bauren dazu

Diesen Abend kälbert eine Kuh;

Nun war es eine grim kalte Nacht,

Drum wars Kalb in die Stuben bracht,
|#f0345 : 333|



Daß es in Kält keinen Schaden empfing.

Als jedermann nun schlafen ging,

Und still wars in dem ganzen Haus,

Zog der Lanzknecht die Hosen raus,

Die er dem Dieb abzogen hätt,

Die Füß' er ledig machen thät,

Und zog des Diebes Hosen on (an),

Und machet sich vor Tag davon,

Ganz still, daß sein kein Mensch wahrnahm,

Ließ liegen die Diebsfüß' beisam.

Als früh die Bauermäd' aufston

Und ward hinein die Stuben gon,

Trug mit ihr ein großes Spanlicht.

Als sie den Lanzknecht nicht mehr sicht,

Allein das Kalb dort in der Ecken

Höret gar laut schreien und blöken,

Jndem sie die Diebesfüß' ersicht,

Vermeinet gänzlich anders nicht,

Denn das Kalb hätt' den Lanzknecht fressen.

Erst wurd mit Furchten sie besessen,

Säumt in der Stuben sich nicht lang,

Und zu der Stubenthür aus sprang,

Schreit am Tennen Zeter und Mord.

Der Bauer ihr Mordgeschrei erhort,

Erschrack und aus der Kammer schrier:

Was ist dir? Sie antwort: weh mir

O Bauer, es hat unser Kalb

Den Lanzknecht fressen mehr denn halb;

Allein liegen noch da seine Füß'.

Der Bauer zucket sein Schweinspieß,

Fuhr in rostigen Harnisch sein,

Und wollt' zum Kalb in die Stuben nein.

Die Bäurin schrie: o lieber Monn,

Mein und deiner klein Kinder verschon;
|#f0346 : 334|



Das Kalb das möcht zerreißen dich.

Der Bauer trat wieder hinter sich,

Die Kinder weinten alle sam.

Der Knecht auch aus dem Stadel kam;

Sie konnten des Lanzknechts nicht vergessen,

Meinten, das Kalb das hätt' ihn fressen.

Jn sie kam ein solch Furcht und Graus,

Und loffen alle aus dem Haus.

Der Bauer zum Schultheiß sagt böse Mähr,

Wies mit seinem Kalb ergangen wär

Des Lanzknechts halb; darob wurd heiß

Dem Schultheiß ging aus der Angstschweis,

Hieß bald läuten die Sturmglocken.

Die Bauern liefen all' erschrocken

Auf den Kirchhof zitternd und frostig

Mit ihrer Wehr und Harnisch rostig.

Da sagt der Schultheiß in (ihnen) die Mähr,

Wie daß ein grausames Kalb da wär,

Das hätt' einen großen Mord gethon,

Es hätt' ein Lanzknecht gefressen schon

Bis an die Füß. Mit diesem Wurm

Da müssen wir thun einen Sturm,

Daß man es von dem Leben thu;

Wann würd' das Kalb groß wie ein Kuh,

So fräß' es uns all nach einander.

Die Bauern erschracken allsander,

Und zogen für das Haus hinan.

Der Schultheiß, der war ihr Hauptmann,

Der sprach zu ihnen: Nun stoßets auf.

Die Bauern stunden all zu Hauf

Und sahen das Haus alle an;

Doch wollt' ihr keiner voren dran,

Furchten, das Kalb möcht' ihn zerreißen;

Deshalb thäten sie sich all' spreißen.
|#f0347 : 335|



Ein alter Bauer den Rath gab:

Jch rath', wir ziehen wieder ab,

Und fristen vor dem Kalb unser Leben.

Wir wollen eine g'meine Steuer geben

Jn dem ganzen Dorfe durchaus,

Dem guten Mann bezahlen sein Haus,

Und wollen darein stoßen ein Feuer,

Verbrennen sammt dem Kalbungeheuer.

Die Bauern schrien: fürwahr, jo, jo,

Das ist der beste Rath also!

So zündten an das Haus die Bauern,

Mit gewohnter Hand stunden die Lauern

Darum fürchten, das Kalb möcht' entrinnen,

Und in dem Feuer nicht verbrinnen.

Doch lag das Kalb, konnt noch nicht gehn;

Das wollt kein närrischer Bauer verstehn.

Jetzt nahm das Feuer überhand,

Daß ihm das ganze Dorf abbrannt;

Deß kamen die Bauern zu großem Schaden.

Haben seit die Lanzknecht kein Gnaden,

Und vermeinen des Tages noch heut:

Lanzknecht sind unglückliche Leut.

Deshalb herbergens die Bauern nicht gern,

Thun ihr Beiwohnung sich beschwern,

Daß ihnen nicht weiter Schaden wachs;

Von solchen Gästen spricht Hans Sachs.


3) von Tscherning († 1659).



Ein junger Hirte war zu schreien oft beflissen:

Kommt, Brüder, helft! Der Wolf hat mir ein Schaf

erbissen.

Wenn nun das Hirtenvolk gesammt zur Stelle war;

Da sprach er: seyd zur Ruh, es hat noch nicht Gefahr,

Jch habe nur versucht, ob ihr auch wachsam wäret.
|#f0348 : 336|



Nachdem er aber sie auf andre Zeit begehret,

Als Ernst vorhanden war, und jetzt vom Wolfe schon

Ein Schaf war hingewürgt; da blieben sie davon,

Wie laut er immer rief. Jetzt ward der Narr erst inne,

Wie thöricht er gethan, und zog ihm stracks zu Sinne,

Daß einem hier die Welt, der einmal Lügen liebt,

Auch wenn er Wahrheit redt, nicht leichtlich Glauben giebt.


2) von Zernitz († 1745).



Der Satz des nicht zu Unterscheidenden.



Ein Philosoph, der Witz und seine Schöne liebt,

Jm Scherz nur nicht der Wahrheit Beifall giebt,

Gerieth, doch sonder Zorn, mit seinem Freund ins Streiten,

Und sprach: Es ist nach hundert Logiken

Der Satz des nicht zu Unterscheidenden

Ein leerer Ton, und hat nichts zu bedeuten.

Denn höre, fuhr er fort, und prüfe nur den Schluß:

Ein jeder glaubt, es sey ein Kuß, ein Kuß;

Mit der Erklärung ist man selbst beim Kuß zufrieden,

Und sie spart mir jetzt zum Beweise Zeit.

Ruht nun in dem Begriff kein Unterscheid;

So ist kein Kuß vom andern unterschieden.


Ja, sprach sein Gegner, ja du hast zum Theile Recht,

Du nennest nur von Küssen das Geschlecht;

Allein, dabei ist auch der Satz nicht anzuwenden.

Doch gieb nur auf die Art der Küsse acht;

Ein Kuß, geschickt auf Lippen angebracht,

Entscheidet sich von dem auf zarten Händen.

Noch mehr, kein einz'ler Kuß ist je dem andern gleich;

Freund, sey einmal im Geist an Bildern reich,

Sieh ein verliebtes Paar, so ist dein Schluß bestritten;

Es wird, wenn man den Mund zum Kuß erwählt,
|#f0349 : 337|



Beim zweiten schon der erste Fleck verfehlt,

Den Wangen nach küßt man nicht in der Mitten.


Was Bilder? nein! ward hier von jenem eingewandt,

Mit Augen seh' ich zwar, mehr mit Verstand.

Wer nur den Sinnen traut, macht wenig starke Schlüsse.

Der Unterschied im Kuß hat schlechten Grund,

Es ist zudem ein rother Mund, ein Mund,

Und Küsse sind im Wesen doch nur Küsse.


Gut, rief bei diesem Streit der dritte Kaffeegast,

Freund, aber sey zum Einwurf nur gefaßt;

Denn sonst reichst du die Hand zum ersten zum Versöhnen,



Den Satz des nicht zu Unterscheidenden

Erweis ich dir mit deiner Lesbien,

Die küssest du in einer Welt voll Schönen.


5) von Gotter († 1797).



Der reisende Virtuose.



Ein Virtuos aus jenem Lande,

Wo, nächst der Weihe, keine Bahn

So leicht zum Reichthum führet, als ─ o Schande! ─

Ein Messerschnitt, erwies dem teutschen Vaterlande

Die Ehr' und setzt' es einst in Contribution.

Die Wochenblättler (Ehrenmänner,

Und aller Künste tiefe Kenner,

Und Schöpfer mancher Reputation!)

Verglichen seinen Silberton

Der ersten Sängerin in Vater Zeus Orchester.

Zwar kenn' ich jene Primadonna nicht;

Doch wett' ich gleich mein glücklichstes Gedicht:

So göttlich, als der Musen zehnte Schwester,

Als unsre Mara, sang er nicht.

Er kam an einen Hof (ein Höfchen wollt' ich sagen,
|#f0350 : 338|



Das meine Chronika nicht nennt)

Und, ob die Außenwerk' ihm gleich nicht sehr behagen,

So nöthigt ihn doch ein zerbrochner Wagen,

Der Appetit, sein Element,

Und ach! ein Ding, noch leerer, als sein Magen,

Sein Beutel, sich beim Marschall anzusagen;

Beim Marschall, der auch Kanzler, Präsident,

Und General, und Haupt der Jägereien,

Der Kirchen, hohen Schulen, Stutereien,

Und Secretär des Luftballordens war;

Ein Orden, der so fein zum Staatssysteme paßte,

Daß er so Hof, als Stadt und gar

Die Nachbarschaften in sich faßte;

Mit Ausschluß der Montur und Liverei,

Stand (Hungers stürbe sonst die arme Kanzelei)

Der Eintritt jedermann für zehn Ducaten frei.

Seit lange war für Geiger und Kastraten

Dies Ländchen das Schlaraffenland.

Kein Wunder, daß, so vortheilhaft bekannt,

Ein gnädigstes Gehör auch Bellavoce fand.

Die Durchlaucht, die im Zirkel der Magnaten,

Umwölbt von einem Plüschsammt-Himmel, stand,

War so begeistert, daß das Klatschen ihrer Hände

Den Baß zum Schweigen zwang, und sie, noch vor

dem Ende

Der schmelzenden Cadenz, ihm in die Arme lief,

Aus voller Kehle, die noch von Champagner rauchte:

Bravo! bravissimo! vortrefflich! himmlisch! rief,

Und in ein Meer von Lob ihn untertauchte.

„Beim Teufel! schloß das Lied, und müßt' ich Sie mit

Gold

Aufwiegen, großer Mann, ich nehme Sie in Sold;

Was fordern Sie? Jhr' ist die erste Stelle,

Mit Jntendantenrang in meiner Leibcapelle,
|#f0351 : 339|



Empfangen Sie zum Pfand den Ring ─ und diese

Uhr!“

Mein Sänger, dem nichts als die Schelle

Zum Narren fehlt', bläst zur Karrikatur

Sich auf, und küßt den Rock, und pfeifet: „Monseigneur,

Suis à vos ordres, für fünftausend Gulden.“

Betäubt, als sah' er schon, zur Geisel seiner Schulden,

Sich den Sequester nahn, erwiedert in C dur

Der Fürst: „Wie? was? Jhm Gurgler! Jhm? fünftausend

Gulden?

Mein Kanzler hat fünfhundert nur!“

„Mag seyn, spricht der Sopran mit unverschämtem

Lachen,

Die Kanzler können Sie auch Dutzendweise machen;

Doch ein Talent, wie meines, macht Natur.“


6) von v. Thümmel († 1817).



Die Frau Gemahlin und ihr Gemahl.



Der Frau Gemahlin ihrem Mann

─ Jch wollte dir den Namen sagen,

Allein er geht uns hier nichts an;

Wozu auch das in unsern Tagen? ─

Ward eine Sache vorgetragen.

Er sprach: die Sach' ist von Gewicht;

Jch müßte mich des Ausgangs schämen,

Und kurz ─ ich kann sie nicht auf meine Hörner nehmen.

Hier sah ihm Frau Gemahlin ins Gesicht: ─

Mein Schatz, Sie kennen ihre Stärke nicht.“


7) von Pfeffel († 1809).



Der Bußprediger.



Der wilde Pater Chrysolog,

Der täglich neue Ketzer machte,
|#f0352 : 340|



Und täglich neue Wunder log,

Die selbst der Pöbel oft belachte,

Stieg einst, es war zur Faschingszeit,

Auf einen Eckstein, um zu lehren,

Und von dem Dienst der Eitelkeit

Das Volk zur Buße zu bekehren.

Schon hatte der erhitzte Streit

Mit Sünd' und Teufel angehoben,

Als ein Hannswurst mit lautem Toben

Der Hörer dichten Damm durchbrach.

Schnell ward der Prediger verlassen;

Janhagel lief durch alle Gassen

Dem bunten Pickelhering nach.

Der Mönch ergrimmte. Welche Schmach,

Rief er, ein Auswürfling der Hölle,

Ein Narr entlocket euch der Quelle

Des Heils, und tödtet euern Durst

Nach Weisheit! Ach, ihr seyd verloren!

Bin ich, ihr Gottvergeßnen Thoren,

Denn nicht so gut, als ein Hannswurst?


8) von Pfeffel.



Die zwei Griechen.



Zwei Griechen, welche durch das Band

Der Sympathie verbrüdert waren,

Verließen jung ihr Vaterland

Und suchten Glück bei den Barbaren.

Das Schicksal trennte sie. Porphyr

Kam nach Jllyrien, ward Kriegsknecht, Officier,

Spion, Feldmarschall, Großvezier,

Und kurz, in zwei und zwanzig Jahren

Bestieg er, als der Schwiegersohn

Des Königs, den ererbten Thron.
|#f0353 : 341|



Aret, der nichts von ihm erfahren,

Kam als ein armer Philosoph,

Vom Unglück stets verfolgt, an seines Freundes Hof,

Der eben Audienz ertheilte.

Was seh ich, Himmel, rief Aret,

Der weinend ihm entgegen eilte,

Porphyr, mein Bruder! ─ Was? fiel seine Majestät

Erröthend ihm ins Wort; hinweg mit diesem Tollen,

Der unsern Stand vergißt! Vielleicht hat gar ein Feind

Sich hinter ihm verbergen wollen. ─

Vergieb mir, sprach Aret, ich hätte keinen Freund

Auf einem Throne suchen sollen!


9) von Pfeffel.



Die Jnjurienklage.



Vor einem edlen Magistrat

Erschien Herr Maß, ein neugebackner Rath,

Und sprach: Hochweise Herrn, ein frecher Zeitungsschreiber



Beschimpfte mich; da lesen Sie sein Blatt,

Und rächen mich an diesem Ehrenräuber.

Er sagt: ein teutscher Titus hat

Jüngst einen Schöps zu seinem Rath erhoben.

Herr, sprach der Präsident, wir haben keine Proben;

Sie sind ja nicht genannt. ─ Ei, Sie befremden mich,

Rief Matz, wer kann der Schöps wohl anders seyn,

wie ich?


10) von v. Gökingk.



Predigt am Magdalenentage.



Ein Priester predigte am Fest der Magdalene

Vom Gräuel ihrer ersten Lebensart;
|#f0354 : 342|



Doch ward hernach das Lob der Schöne,

Ob ihrer Reu' und Buße, nicht gespart.


Nun, fuhr der Redner zu den Damen,

Die vor ihm saßen, eifernd fort:

Wie viel sind unter Euch, die mehr an diesen Ort

Sich zu belustigen, als zu erbauen, kamen!

O, sonderlich ist Eine unter Euch,

Bei der hilft weder Drohn noch Bitten;

An unverschämten lüderlichen Sitten

Bleibt sie vielmehr sich immer gleich.

Wie heilig hat sie alle Jahr

Jm Beichtstuhl Besserung versprochen!

Allein wie bald ward dies Gelübd' gebrochen!

Und da sich ihre Frechheit immerdar

Noch gar vermehrt: wer kann uns übel nehmen,

Wenn endlich wir sie öffentlich beschämen?

Denn, sagt die Bibel, wenn dein Bruder fehlt,

Erinnr' ihn ein= auch zweimal dran;

Doch wenn er dann den Weg der Besserung nicht wählt,

So zeig's nach Pflicht der Kirche an.


Das will auch ich jetzt thun. Es ist ─ es ist ─

Was meint ihr? Soll ich namentlich sie nennen?

Jch sollte billig wohl; doch wißt ─

Allein, warum nicht? Gut, ihr sollt sie kennen!

Vielleicht bringt dies zu ihrer Pflicht

Sie noch zurück, so leid mir's thut, sie zu beschämen.

Es ist ─ doch ohne Makel könnt' ich nicht

Den Namen nur einmal auf meine Zunge nehmen.

Jch will sie denn auf andre Art der Welt

Kund machen, und einmal an ihr das Strafamt schärfen.

Dort sitzt sie! Wie sie sich nicht stellt!

Jetzt werd' ich mein Gebetbuch nach ihr werfen;

Gebt Acht! gebt Acht! auf welch' es fällt! ─
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Jndem er nun empor mit seinem Buche fuhr,

War jede bange vor dem Falle,

Und jede bückte sich. ─ „Verdorbene Natur,

Jch dacht', es wäre Eine nur;

Nun seh' ich erst, sie sind es Alle!“


11) von v. Aloys Schreiber.



Der Bramin.



Zu einem alten weisen Bramen,

(Die Zeit verlor uns seinen Namen!)

Der, ferne von der Thorheit Spiel,

Jn einer stillen Klause lebte,

Und da durch guten Rath, so viel

Er konnte, noch zu nützen strebte,

Kam einst ein junger Biedermann,

Und redet ihn bescheiden an:

Mein Vater, bange Zweifel quälen

Schon lange, lange meine Brust;

Der Tugend Bahn ging ich mit Lust;

Doch welch System soll ich erwählen?

Als Knabe schon saß ich im Staub

Der Schule zu der Weisen Füßen,

Und horchte ihren strengen Schlüssen,

Und blieb doch stets der Zweifel Raub.

Der eine rief: geh meine Wege!

Der andre: näher führ' ich dich!

Ein dritter sprach Sanscritt für mich.

Der Brame lächelt: O, die Rege

Zum Guten gibt die Schule nicht!

Dein eignes Herz kennt jede Pflicht,

Mein Sohn; bewahre seine Lehren,

Und folge ihnen stets mit Muth.

Das übrige sind taube Aehren,

Nur für gelehrte Scheunen gut.
|#f0356 : 344|



49.

f) Die Fabel.


Je häufiger der eigenthümliche Charakter der

Fabel verkannt, und die poetische Erzählung mit

der Fabel verwechselt wird; desto nöthiger ist es,

die unterscheidenden Merkmale der Fabel von jeder

andern Form der epischen Dichtkunst aufzufassen,

und die Eigenthümlichkeit derselben, im Sinne der

eigentlichen äsopischen Fabel, herzustellen. Denn

nur die äsopische (die Thier=) Fabel verdient ausschließend

diesen Namen, weil durch sie eine selbstständige,

von jeder andern verschiedene, dichterische

Form in den Kreis der epischen Dichtungsarten eintritt,

in wiefern nämlich das Eigenthümliche der

Fabel darauf beruht, menschliche Jndividuen,

Zustände und Handlungen in dem, der

menschlichen Freiheit verwandten, Kreise

des Jnstinkts in der Thierwelt,
unter der

Einheit einer vollendeten ästhetischen Form darzustellen.

Jn der Fabel erscheint daher der Mensch

nicht selbst, nach seiner Jndividualität und nach den

Wirkungen seiner Freiheit; er wird aber unter der

symbolischen Hülle des Jnstinkts versinnlicht. So

gewiß also, nach dieser Ansicht, nie ein menschliches

Jndividuum, sondern nur ein, nach seinen Eigenschaften

und nach seiner Ankündigung bekanntes,

Thier in den Mittelpunct einer Fabel gestellt werden

darf; so gewiß wird doch auch die Fabel nicht

der Darstellung des Thieres selbst wegen


gedichtet. Es soll vielmehr der Mensch im Spiegel

des Jnstinkts, eben so wohl nach den Ankündigungen

seiner Freiheit überhaupt, wie nach den Verirrungen

derselben, sich wieder erkennen, weil ─ |#f0357 : 345|



ungeachtet aller ursprünglichen Verschiedenheit des

Kreises der menschlichen Freiheit und des thierischen

Jnstinkts ─ doch zwischen beiden theils eine Aehnlichkeit

in Hinsicht auf die Hervorbringung einer

äußern Wirkung in Angemessenheit zu einem vorausgegangenen

innern Antriebe, theils sogar eine

Verwandtschaft statt findet, da der Mensch,

neben der seiner übersinnlichen Natur zustehenden

Freiheit, in seiner sinnlichen Natur ebenfalls einen

thierischen Jnstinkt wahrnimmt, und dieser nicht

selten, in den äußern Handlungen des Menschen,

ein Uebergewicht über die Ankündigung der sittlichen

Freiheit behauptet. Der Mensch soll nämlich, im

ästhetisch vollendeten Gegenbilde, sein eignes Bild,

nach seinen guten Seiten, so wie nach seinen Fehlern

und Mängeln, unter der Hülle der Dichtung

erkennen. Sobald daher in der Darstellung der

Fabel an die Stelle der Thiere entweder Menschen

oder Gegenstände der leblosen Natur treten,

verdient die ästhetische Form nicht mehr den

Namen der Fabel, obgleich, in einzelnen Fällen,

gleichsam als Ausnahme von der Regel, Gegenstände

der leblosen Natur,
gleich den

Thieren, in den Mittelpunct der Fabel gestellt werden

können, sobald, in einer allerdings sehr starken

Personification, diesen leblosen Gegenständen Wirkungen

beigelegt werden, die sich nach einer gewissen

Verwandtschaft und Aehnlichkeit mit den Wirkungen

der menschlichen Freiheit ankündigen. Denn die eigenthümliche

Versinnlichung des Kreises der menschlichen

Freiheit innerhalb des in sich abgeschlossenen

Kreises des thierischen Jnstinkts beruht eben darauf:

daß der Charakter der als handelnd aufgestellten

Thiere allgemein bekannt ist, und daß man bei der |#f0358 : 346|



Anschauung der ästhetisch vollendeten Form der Fabel

stillschweigend voraussetzt, der Dichter schildere

die Thiere nicht um ihrer selbst willen, sondern gebe

eine menschliche Jndividualität unter der glücklich

ergriffenen Aehnlichkeit derselben mit einem thierischen

Wesen.



Ob nun gleich im Kreise der Thierwelt keine

Freiheit und Sittlichkeit angetroffen wird; so folgt

daraus doch keinesweges, wie einige Theoretiker

wollen, daß die Fabel blos Klugheitsregeln, nicht

aber sittliche Ankündigungen ─ Tugenden und Verirrungen

der Freiheit ─ versinnlichen könne. Denn

nicht nur, daß der für die Fabel geeignete Kreis

darstellbarer Stoffe durch diese Forderung sehr beengt

werden müßte; es haben auch die ausgezeichnetsten

Fabeldichter nicht blos Klugheitsregeln, sondern

auf gleiche Weise sittliche Erscheinungen und

sittliche Vorschriften vergegenwärtigt. Dies folgt

von selbst aus der Bestimmung der Fabel, die Ankündigungen

und Wirkungen der menschlichen Freiheit

unter der Hülle des Jnstinkts zu versinnlichen,

so, daß wenn auch den Thieren nicht Freiheit des

Willens zukommt, doch in Angemessenheit zu den

Antrieben des Jnstinkts nicht selten Wirkungen geschildert

werden, welche die sittlich entarteten Wesen

unsrer Gattung zu beschämen vermögen; z. B. in

der Kindesliebe; in der Treue; in der Anhänglichkeit,

in der Aufopferung für seinen Herrn u. s. w.

Denn wenn das Thier, geleitet vom Jnstinkte, in

seinen Aeußerungen naturgemäßer, unverdorbener

und edler sich ankündigt, als der in sittlicher Hinsicht

ausgeartete, von seinem Eigennutze und von

seinen Leidenschaften fortgerissene Mensch; so muß

durch die Versinnlichung dieses Kontrastes zwischen |#f0359 : 347|



dem sicher führenden Jnstinkte und der sich von ihrem

Ziele entfernenden Freiheit eine große Wirkung

hervorgebracht werden.



Doch gehört als unnachläßliche Bedingung dazu,

daß die Fabel in ästhetischer Hinsicht nach der Einheit

ihrer Form vollendet sey, so daß diese Form

um ihrer selbst willen, auch abgesehen von dem im

Stoffe enthaltenen Jndividuum, gefällt. Die Fabel

soll nämlich die höchste Anschaulichkeit und Lebendigkeit

der in ihr verhüllten Wahrheit bewirken, und

deshalb soll die Hülle, welche das Gegenbild des

wirklich gemeinten Gegenstandes enthält, das Gepräge

der möglichst höchsten ästhetischen Vollendung

an sich tragen. Daraus folgt von selbst, daß nur

diejenige Fabel den Charakter eines dichterischen

Kunstwerkes
behauptet, welche in ästhetischer

Einheit vollendet ist, so wie viele sehr gut gemeinte

Fabeln (z. B. für Kinder berechnet) in pädagogischer

Hinsicht brauchbar seyn können, ohne doch die Forderungen

des gereiften Geschmacks an die ästhetische

Gediegenheit der Form zu befriedigen.



50.

Beispiele der Fabel.


1) von Bonerius (der in der zweiten Hälfte

des 14ten Jahrhunderts lebte).



Ein Fuchz hungern began,

Unter einen hohen Boum er kan,

Uf den ein rapp kam gepflogen

Mit einem Kes gezogen,

Den er geroubet hatte do;

Des was der Fuchz unmassen fro.

Do in der Fuchz erst an sach,
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Mit glatten worten er do sprach:

Got gruez dich lieber Herre min,

Uiwer diener wil ich sin,

Und iemer wesen niwer knecht,

Das dünkt mich billich unde recht.

Jr sind so edel wnd so rich,

Kein vogel mag sin niwer glich

Jn allen kuinierichen;

Jch wên uich (euch) muos entwichen

Der sperwer und das faelkelin,

Der habk und ouch des pfawe schin.

Sueß ist uiwer (eurer) kêlen schal,

Uiwer stim hoert man überal

Jn dem walt erklingen,

Wen ir geraten singen;

Des hab ich wol genomen war.

Der rapp sprach, das sol sin an alle var.

Er liez sin stim us und sang,

Das es dur den walt erklang.

Jn dem gesang enpfiel im do

Der kês; das wart der Fuchz vil fro

Des muost der rappe schamrot stân,

Darzuo muost er den schaden hân.


2) von Burcard Waldis († nach 1554).



Von den schwangern Bergen.



Jn alten zeiten, vor tausent Jarn

Begab sichs, wie ich hab erfarn,

Ein Landtgeschrey kam vnder die leut,

Wie die Berge zur selben zeit

Schwanger waren vnd solten geberen.

Alls Volck lieff zu, mit grossem begeren,

Vnd kam zusamen ein grosse schaar
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Auß vielen Landen gelauffen dar,

Vnd schauwten an die Berge groß;

Sie waren bauchet über dmoß,

Ein lange zeit sie da erharten

Mit grosser forcht theten erwarten

Wenn sich nun offne würd die Erden

Was seltzams dings darauß solt werden,

Ein Dromedari oder Elephant,

Oder sonst ein wunder vnbekannt.

Zu letst kroch zu dem Berg herauß

Ein kleine lecherliche Mauß;

Als sie heraus lieff' und sich regt,

Ward alles Volk zu lachen bewegt.


3) von v. Hagedorn († 1754).



Der Bauer und die Schlange.



Ein Ackersmann fand eine Schlange,

Die fast erstarrt vor Kälte war.

Sein Arm entriß sie der Gefahr

Und ihrem nahen Untergange.

Er nahm sie mit sich in sein Haus,

Und sucht' ihr einen Winkel aus,

Wo noch ein Rest von Reisern glühte.

Doch, als ihr Frost und Noth entwich,

Erhohlte, regt' und hob sie sich,

Und lohnte dem mit Biß und Stich,

Den ihre Rettung so bemühte.

Betrogne Huld und Zärtlichkeit,

Die Frevlern blindlings Hülfe beut.

Hier folgt der Schade stets der Güte.


4) von Löwen († 1771).



Ein Esel trug des Volkes größten Götzen,

Und jederman ging in Prozession.
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Nun kennt man ja die guten Esel schon,

Wie wichtig sie sich immer schätzen.

Auch dieser Esel war so kühn,

Und meinte: alle die Gesänge,

Das Niederknien, der Weihrauch, das Gepränge,

Kurz, alles sey für ihn.

Ein klüg'res Thier, das dieser Dummheit lachte,

Rief ihm ins Ohr: Herr Esel, glaube mir,

Der Reverenz, den jetzt der Pöbel machte,

Galt deinem Götzen, und nicht dir.

Was hier die Fabel spricht, gehöret

Für manche Excellenz und manche Herrlichkeit.

Was auch der Pöbel oft an Jhro Gnaden ehret,

Wovor er tief sich bückt, was ist es wohl? ─ sein Kleid!


5) von Joh. Benj. Michaelis († 1772).



Die Buße der Wölfe.



Zwei Wölfen kam bei sattem Magen

Einmal die liebe Buße ein.

Zwei Wölfen? wird mein Leser fragen. ─

Genug die Fabel sagts; ─ soll denn bei sattem Magen

Nicht auch einmal ein Wolf die Missethat bereun;

Da mancher wohl in unsern Tagen,

Der noch um eins Gesetz und Recht verdreht,

Um zwei Uhr in die Beichte geht!

Sie fingen also an, ihr Leben zu beklagen.


Ach, heulte Jsegrimm, wir haben viel gethan!

Viel, hob der andre Sünder an.

Ach, fuhr der erste fort, wie viel, das ich verschweige,

Sah dieser fürchterliche Zeuge,

Der Wald und unsre Höhle an.

Wie manche Mutter sucht noch jetzt ihr Kind mit Aengsten!

Wie manches Schaf beweint die Frucht!
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Allein von nun an sey die Grausamkeit verflucht;

Denn ehrlich, Bruder, währt am längsten.


So heulten sie, und weinten bitterlich

Aus inn'rer Reue über sich.

Allein im allerbesten Beten

Zeigt sich ein Schaf ─


Ein jeder war betreten.

Die Buße ─ und ein fettes Schaf!

Je, fing drauf einer an, weil uns das Glück so traf,

Wer weiß, wenn's wieder kommt! Komm, Bruder, friß

das Schaf;

Wir können morgen weiter beten.


6) von Michaelis.



Die Hähne und der Marder.



Die Herrschsucht, die mit jedem Ei gebohren

Und mit der Zeit genährt, von Hahn zu Hahne stammt,

Die Herrschsucht, sag' ich, war's, durch die, zur Wuth

entflammt,

Zwei Hähne sich den Tod geschworen.

Sieg oder Sterben, ihr Entschluß,

Stieß Brust auf Brust, und Fuß auf Fuß.

Ein Schnabel prallte von dem andern.

Ein Marder saß unfern in Ruh,

Und sah dem Spiele lange zu.

Nu, nu, sprach drauf der Schelm mit Lachen,

Jch will geschwinde Friede machen.

Gleich sprang er einem ins Genick,

Und wanderte mit ihm zurück.

Der andre flatterte indeß zum Hühnerhause,

Und krähte zehnmal wohl dem Friedensstifter zu:

Wie schmeckt das Morgenbrod? ─ So gieb dich doch

zur Ruh,
|#f0364 : 352|



Erwiederte der Dieb; du sollst, ich schwör' dir's zu,

Sowahr ich ehrlich bin! gewiß zum Abendschmause.


7) von Lessing († 1781).



Der Rabe.



Der Rabe bemerkte, daß der Adler volle dreißig Tage

über seinen Eiern brütete. Daher kommt es ohne Zweifel,

sprach er, daß die Jungen des Adlers so scharfsehend

und stark werden. Gut, das will ich auch thun!

Und seitdem brütet der Rabe wirklich ganze dreißig Tage

über seinen Eiern; aber noch hat er nichts, als elende

Raben, ausgebrütet.



8) von Lessing.



Der Dornstrauch.



Aber sage mir doch, fragte die Weide den Dornstrauch,

warum du nach den Kleidern des vorbeigehenden

Menschen so begierig bist? Was willst du damit?

was können sie dir helfen?



Nichts, sagte der Dornstrauch. Jch will sie ihm

auch nicht nehmen; ich will sie ihm nur zerreißen.



9) von Pfeffel († 1809).



Der Bandwurm.



Der Sultan Leu war krank; ihn plagte

Ein Hunger, der mit steter Wuth

An seinem Eingeweide nagte.

Sein Leibarzt rieth ihm kurz und gut

Zu essen. Der Monarch vollstreckte

Die Vorschrift so gewissenhaft,

Daß er das Land mit Knochen deckte,

Und selbst die hohe Dienerschaft
|#f0365 : 353|



(Er fing schon an) verschlungen hätte,

Wenn ihn der Tod nicht weggerafft.

Nun ward, nach alter Etikette,

Der Leichnam durch den Arzt secirt.

Er fand mit schauderndem Erstaunen

Jn den durchlauchtigen Kaldaunen

Den größten Bandwurm einquartirt.

Nach der Bestattung des Erblaßten

Berief der Divan alle Kasten;

Und man befahl durch ein Decret

Dem Mufti, seinen Litaneien

Die fromme Formel einzustreuen:

Behüt', o mächtiger Prophet,

Vorm Bandwurm Seine Majestät.


10) von Pfeffel.



Die Beförderung.



Des Löwen rauher Majestät

Ward von der weisen Facultät

Einst eine Cur von Eiern angerathen;

Des Tags ein Schock. Die Cur schlug trefflich an;

Doch eh die Herren sichs versahn,

Gebrach es an Arznei. Dem siechen Potentaten

Ging dieser Mangel nah. Als dies der Fuchs erfuhr,

Erbot er sich mit einem hohen Schwur,

Jhn bis zum Ueberfluß mit Eiern zu versehen;

Und, wie man leicht errathen kann,

Bedachte sich der Großsultan

Nicht einen Augenblick, den Vorschlag einzugehen.

Nun streifte Reinecke mit Paß durch Stadt und Land,

Und wo er eine Henne fand,

Verschlang er sie. Dem hohen Potentaten

Bracht' er den Eierstock. „Vortrefflich, lieber Sohn,
|#f0366 : 354|



Rief der Monarch, was geb' ich dir zum Lohn?

Wohlan, ich mache dich zum ─ Kammerpräsidenten.


11) von Pfeffel.



Der Pelikan.



Gesengt vom heißen Wittagswind

Erstarb die Flur. Die Nymphe klagte

Am trocknen Quell; und täglich jagte

Der Hunger und sein Mordgesind,

Die Seuchen, ganze Hekatomben

Von Thieren in die Katakomben

Der alten Nacht. Ein Pelikan

Am Jda litt mit seinen Jungen

Des Orcus Durst. Der Hyderzahn

Des Tods, mit dem er lang gerungen,

Durchwühlt ihr Mark. Von Harm durchdrungen,

Sieht er verstummt die ganze Brut,

Mit hohlem Aug' und heiserm Aechzen

Nach einem Tropfen Wassers lechzen.

Jetzt bricht sein Herz; voll schöner Wuth

Reißt er mit der gestählten Spitze

Des Schnabels eine tiefe Ritze

Sich in die Brust, und spritzt sein Blut

Den Kindern in die dürre Kehle.

Sie trinken froh den Purpursaft

Und schöpfen, wie vom frischen Oele

Die seichte Lampe, neue Kraft.

Nur folgt dem schaurigen Befehle

Das jüngste nicht. Sein starrer Blick

Klebt auf der Wunde; seine Seele

Zerreißt ihr Band; es sinkt zurück,

Verhüllt sein Haupt mit seinem Flügel ─

Und stirbt. ─ Von dem geweihten Hügel
|#f0367 : 355|



Schaut Vater Zeus mit stiller Lust

Jn dieses Heiligthum der Liebe.

Er weint. Der göttlichste der Triebe,

Das Mitleid, schwellt des Rächers Brust;

Er wischt den Tod vom Augenliede

Des Martyrers. Der Pelikan

Wacht glänzend auf, und der Chronide

Nimmt ihn zum zweiten Vogel an;

Doch nicht als Diener seines Zornes,

Der mit dem Blitz bewaffnet ist;

Als Träger jenes Segenshornes,

Das er auf fromme Kinder gießt.


12) von Gleim († 1803).



Zum Löwen sprach der Fuchs: Jch muß

Dir's endlich nur gestehen, mein Verdruß

Hat sonst kein Ende;

Der Esel spricht von dir nicht gut;

Er sagt: was ich an dir zu loben fände,

Das wiss' er nicht; dein Heldenmuth

Sey zweifelhaft; du gäbst ihm keine Proben

Von Großmuth und Gerechtigkeit;

Du würgetest die Unschuld, suchtest Streit;

Er könne dich nicht lieben und nicht loben.


Ein Weilchen schwieg der Löwe still;

Dann aber sprach er: Fuchs, er spreche, was er will;

Denn was von mir ein Esel spricht,

Das acht' ich nicht.


13) von Ewald Christian v. Kleist († 1759).



Der gelähmte Kranich.



Der Herbst entlaubte schon den bunten Hain

Und streut' aus kalter Luft Reif auf die Flur;
|#f0368 : 356|



Als am Gestad' ein Heer von Kranichen

Zusammenkam, um in ein wirthbar Land,

Jenseits des Meers, zu ziehn. Ein Kranich, den

Des Jägers Pfeil am Fuß getroffen, saß

Allein, betrübt und stumm, und mehrte nicht

Das wilde Lustgeschrei der Schwärmenden,

Und war der laute Spott der frohen Schaar.


Jch bin durch meine Schuld nicht lahm, dacht' er

Jn sich gekehrt, ich half so viel, als ihr,

Zum Wohl von unserm Staat. Mich trifft mit Recht

Spott und Verachtung nicht. Nur ach, wie wird's

Mir auf der Reis' ergehn, mir, dem der Schmerz

Muth und Vermögen raubt zum weiten Flug'!

Jch Unglückseliger! Das Wasser wird

Bald mein gewisses Grab. Warum erschoß

Der Grausame mich nicht? ─ Jndessen weht

Gewogner Wind vom Land' ins Meer. Die Schaar

Beginnt geordnet jetzt die Reis' und eilt

Mit schnellen Flügeln fort, und schreit vor Lust.

Der Kranke nur blieb weit zurück, und ruht'

Auf Lotosblättern oft, womit die See

Bestreuet war, und seufzt vor Gram und Schmerz.


Nach vielem Ruhn sah er das beß're Land,

Den mildern Himmel, der ihn plötzlich heilt.

Die Vorsicht leitet ihn beglückt dahin;

Und vielen Spöttern ward die Flut zum Grab.


Jhr, die die schwere Hand des Unglücks drückt,

Jhr Redlichen, die ihr mit Harm erfüllt,

Das Leben oft verwünscht, verzaget nicht,

Und wagt die Reise durch das Leben nur;

Jenseits des Ufers giebt's ein beß'res Land;

Gefilde voller Lust erwarten euch!
|#f0369 : 357|



14) von Burmann († 1805).



Der Esel und der Fuchs.



Auf unschätzbare Lasten stolz ─

Denn Esel tragen oft sehr große Säcke Golds ─

Tappst einer bei dem Fuchs vorbei.


Herr Esel, rief der Fuchs, warum so aufgeblasen;

Wiewohl die Zeiten sind nicht immer einerlei,

Jch weiß doch sonst, wie demuthsvoll Sie grasen!

Sind die Juwelen Schuld, die heut' Jhr Buckel trägt?

O lassen Sie den Kitzel sich vertreiben.

Gesetzt, daß man halb Peru auf Sie legt;

Sie werden doch ein Esel bleiben!


15) von Joh. Nic. Götz († 1781).



Die gegenseitige Räucherung.



Auf einer blassen Haide

Von Lethe still durchflossen,

Erblickt' ich, vor einander

Auf ihrem Steiße sitzend,

Die Schatten zweier Esel.

Mit einem Vorderfuße

Schwang jeglicher ein Rauchfaß

Voll Ambra vor der Nase

Des Bruders hin und wieder,

Den Bruder zu verehren.


Als ich erstaunet da stand,

Sprach Minos: Siehe, Jüngling,

Zwei alte Schulmonarchen,

Die sich in ihrem Leben,

Weil sie die Welt nicht lobte,

Einander selber lobten.
|#f0370 : 358|



16) von Tiedge.



Das Privilegium.



Der Vogel Zeus, der, wie ihr wißt,

Der Großsultan der Vögel ist,

Hatt' einen Landtag ausgeschrieben.

Die Vögel kamen all' herbei;

Und ward auch wohl nicht viel betrieben,

So gab es doch viel Schmauserei.

Mitunter wurden denn auch Klagen

Dem hohen Sultan vorgetragen.

Es war ein Sprosser, der begann.

Hart klagte der die Melodramen

Des unbescheidnen Kukuks an.

„Der Kukuk schreit, so hub er an,

Bis zum Betäuben seinen Namen

Jm ganzen, weiten Wald herum.

Erhabner Adler, mach' ihn stumm!

Wir alle hören lieber Raben,

Als diesen Narrn, den Wald durchschrein.“ ─

Der Adler sprach: „Ein Narr zu seyn,

Die Freiheit muß ein jeder haben!“


17) von Zink.



Der Affe.



Ein alter Affe setzte sich

Zu seiner Lieblingskost, zu reifen Haselnüssen.

Nachdem er Eine kümmerlich

Mit stumpfen Zähnen aufgebissen,

Sprach er voll Unzufriedenheit:

Wie Alles doch sich ändert mit der Zeit!

Die Nüsse selbst; auch diese waren

Bei weitem nicht so hart in meinen Jugendjahren!
|#f0371 : 359|



18) von Pfeffel.



Der Phönix.



Der Phönix lag auf seinem Sterbebette

Von Myrrhen, Aloe und Zimmetreis.

Minervens Kauz, ein Denker, wie man weiß,

Erspähte die geweihte Stätte,

Und sprach zum Einzigen: So, glaubst du, blöder Greis,

Daß, hat die Glut zur Asche dich verzehret,

Dein Jch verneut ins Leben wiederkehret?

Der Phönix schwieg. Der Kauz fuhr fort: Erkläre mir,

Was gründet deinen Wahn von einem andern Leben?

Jch fordre stets Beweis. Den kann ich dir,

Versetzt der Phönix, wohl nicht geben;

Denn was man fühlt, beweist sich nicht,

Und ein Gefühl, das laut, wie ein Orakel, spricht,

Sagt mir: ich werde nicht vergehen.

Drauf stecket er mit heit'rer Zuversicht

Den Holzstoß an, und ruft: Auf Wiedersehen!


Der Phönix, lieber Freund, philosophirte schlecht,

Allein er wußte froh zu sterben,

Und wer nicht fühlt, wie er, hat, wie mich dünkt, kein

Recht,

Jhm seine Freude zu verderben.


19) von Krummacher.



Die Raupe und der Schmetterling.



Dicht an der Erd' auf dunkelm Strauche saß

Eine rauchbehaarte Raup' und fraß

Das herbe Laub. Da schwebte auf leichtem Gefieder

Vom bläulichen Himmel ein Schmetterling hernieder:

Jhn trugen die spielenden Wellen der Lüfte

Zur Blume, da trank er die würzigen Düfte.
|#f0372 : 360|



Die Raup' erhob erstaunt vom dunklen Strauch

Jhr thierisch Haupt und seufzt: Auf niederm Bauch

Muß ich mich kriechend im Staube plagen,

Jndeß den Vogel dort durch die heitre Luft

Vier goldgeschmückte Schwingen tragen.

Jhn nährt der Blumen Saft und Duft,

Und ich muß herbes Laub zernagen! ─

Der Sommervogel sang: Getrost, mein verkleideter

Bruder, nicht immer

Wirst du dich plagen im rauhen Gewand;

Bald wird auch dich die freundliche Hand

Der Mutter bekleiden mit Schimmer:

Bald wird ein doppeltes Flügelpaar

Auch dich zum fröhlichen Leben erheben,

Den Staub abschüttelnd, verjüngt wie ein Aar,

Wirst du in den Lüften und Düften dann schweben.

Drum glaube und harre der besseren Zeit,

Und trage geduldig dein staubiges Kleid!


20) von Pfeffel.



Die Kirchenvereinigung.



Jn einer griechischen Abtei

Am Fuß des hohen Tabors, nährte

Der Prior einen Papagei,

Den er das Ave singen lehrte.

Der Prior starb. ─ Die Reis'lust wacht

Jm Virtuosen auf; er kehrte

Mit leisem Flug, bei dunkler Nacht,

Jns alte Vaterland zurücke.

Er stellte sich dem Hofe dar.

Der Adler, der zu gutem Glücke

Ein Freund der edlen Tonkunst war,

Erhob, als er in der Kapelle
|#f0373 : 361|



Sein Lied begann, ihn auf der Stelle

An des verstorbnen Mufti Platz.

So hohe Würden hatte Matz

Sich auch im Traume nicht versprochen.

Doch Ehre bläht, Gewalt macht kühn!

Das neue Haupt des Sanhedrin

Gebar gleich in den ersten Wochen

Die Grille: seine Psalmodie

Bei allen Vögeln einzuführen.

Der frohe König billigt sie.

Der Waldgesang, die Liturgie

Des Herzens, konnt' ihn nicht mehr rühren;

War für sein Ohr Kakophonie.

Zudem ist ja das Reformiren

Der Fürsten Steckenpferd. Sogleich

Ließ er in seinem ganzen Reich

Den neuen Kanon publiciren. ─

Nun schützte zwar der Vögel Chor

Die hergebrachten Rechte vor;

Allein da half kein Protestiren.

Der Mufti drohte mit dem Bann,

Der Sultan sprach vom Stranguliren;

Und kurz, das neue Lied begann.

Die Sänger wetzten sich den Schnabel,

Und orgelten mit Angst und Pein

Das tollste Wirrwarr durch den Hain,

Das seit der Symphonie zu Babel

Auf unserm Erdenrund erscholl.

Den Vorsang führte, andachtsvoll,

Der Storch, der wälsche Hahn, die Eule,

Die Gans, der Kukuk und der Pfau.

Sie kollerten sich braun und blau,

Und füllten durch ihr Klaggeheule

Das Land auf eine halbe Meile.
|#f0374 : 362|



Ein weißer Rabe, lahm und grau

Vor Alter, saß bei dem Monarchen

Und schwieg. Mit zornigem Gesicht

Sprach der Despot zum Patriarchen:

„Rebelle, warum singst du nicht?“ ─

„Weil dein Gebot mein Herz empöret,“

Versetzt der Alte, „glaube mir,

Der Schöpfer hat ein jedes Thier

Sein eigenes Gebet gelehret,

Das ihm gefällt. Ein Lobgesang,

Den Furcht erpreßt, ist Uebelklang,

Jst Lästerung, die ihn entehret.

Befiehl nur meinen Tod!“ ─ Er schwieg.

Der Sultan auch. Wie Meereswogen

Erschäumt sein Blut. ─ Noch schwankt der Sieg!

Doch schnell rief er: „Jch ward betrogen.

Heil dir, o Freund, du zogst mir ab

Den Schleier, der mein Aug' umgab.

Und ihr empfangt die Freiheit wieder,

Jhr Vögel; singet eure Lieder

Jn euerm angebohrnen Ton!“

Jetzt drangen sie in dichten Kreisen

Entzückt um des Monarchen Thron,

Und lobten Gott nach tausend Weisen.

Der majestätische Choral

Steigt wallend in die lichten Sphären.

Der Sultan staunt. Zum erstenmal

Hört er, was keine Mufti's hören:

Jn der verschied'nen Melodie

Die feierlichste Harmonie.
|#f0375 : 363|



4) Die dramatische Form der Dichtkunst.


51.

Charakter und einzelne Theile der dramatischen

Form der Dichtkunst
*

.


Wenn gleich die dramatische Form der Dichtkunst

der epischen näher verwandt ist, als der lyrischen

und didactischen, weil sie, wie die epische, Gefühle

darstellt, welche in dem Gemüthe des dramatischen

Dichters mit der Vergegenwärtigung gewisser

Jndividuen, Handlungen und Thatsachen sich vergesellschaften;

so unterscheidet sie sich doch durch zwei

wesentliche Puncte von der epischen Dichtkunst, und

behauptet, nach denselben, einen eigenthümlichen Charakter.

Denn erstens darf in keinem Erzeugnisse

der dramatischen Dichtkunst die Jndividualität des

Dichters selbst wahrgenommen werden, wie dies in

der epischen Dichtkunst geschieht; vielmehr muß der

dramatische Dichter die ganze Handlung durch die

von ihm aufgestellten Personen beginnen, fortführen

und beendigen lassen, so daß das in sich zusammenhängende

und abgeschlossene Ganze des dramatischen

Gedichts als ein nothwendiges Ergebniß der menschlichen

*

Weil jedes echte Drama ein in sich abgeschlossenes

Ganzes bildet, das, nach seinem ästhetischen Charakter,

nur als ein Ganzes richtig aufgefaßt werden

kann; so war es nicht rathsam, einzelne Bruchstücke

und Scenen aus den verschiedenen Formen der

dramatischen Dichtkunst, als Belege für die aufgestellte

Theorie, aufzunehmen, da der Umfang und die

Bestimmung dieses Werkes die Mittheilung eines vollständigen

dramatischen Erzeugnisses von selbst ausschloß.
|#f0376 : 364|



Freiheit erscheint, hervorgebracht durch die

äußere Wirksamkeit der von dem Dichter in den Mittelpunct

der Handlung gestellten Jndividuen. Daran

schließt sich die zweite, jedem dramatischen Gedichte

eigenthümliche, Bedingung, daß es durchgehends

für die Bühne berechnet
sey, und daß es durch

die theatralische Darstellung als schöne Form vollendet

werde. Durch diese zweite Bedingung erhält

das dramatische Gedicht eine äußere Aehnlichkeit

mit der Cantate in der lyrischen Form der

Dichtkunst, die zwar, als Gedicht, ein in sich zusammenhängendes

ästhetisches Ganzes bilden muß,

die aber, nach ihrer durchgängigen Berechnung für

die tonkünstlerische Darstellung, erst durch die Verbindung

mit einer gleichmäßig gediegenen musikalischen

Kunstform das Gepräge der ästhetischen Vollendung

erhält. ─ Ob nun gleich jede dramatische

Form, inwiefern sie blos als Gedicht, ohne theatralische

Darstellung, betrachtet wird, unmittelbar

nach ihrem dichterischen Gehalte ein reines

Wohlgefallen an der Einheit der ästhetischen Form

bewirken kann und soll; so würde doch die Unmöglichkeit

der theatralischen Darstellbarkeit derselben sie

von der Reihe aller derjenigen classischen dramatischen

Erzeugnisse ausschließen, deren Vollendung auf der

gleichmäßigen dichterischen Einheit und theatralischen

Darstellbarkeit beruht.



Fassen wir, nach diesen Vordersätzen, den Charakter

der dramatischen Dichtkunst auf; so beruht er

auf der vollendeten ästhetischen Form, welche, berechnet

für die theatralische Darstellung, eine in sich

nothwendig abgeschlossene Handlung versinnlicht, die,

nach ihrem Ursprunge, aus der tiefen Bewegung und

Erschütterung des menschlichen Gefühlsvermögens |#f0377 : 365|



stammt. Denn obgleich die dramatische Dichtkunst

von der lyrischen dadurch wesentlich sich unterscheidet,

daß sie nicht unmittelbare Gefühle, sondern Handlungen

darstellt, welche aus der mächtigen Anregung

menschlicher Gefühle stammen, und deren Vergegenwärtigung

innerhalb der vollendeten Form unmittelbar

auf das Gefühlsvermögen wirkt; so muß doch

jedes dramatische Gedicht, wie das lyrische und epische,

eine in sich abgeschlossene Einheit, sowohl nach

dem Stoffe als nach der Form, bilden, und durchgehends,

nach ihrer eigenthümlichen Wirkung, für

die Darstellung auf der Bühne berechnet seyn.



52.

Fortsetzung.


Nach diesen Grundsätzen müssen die sogenannten

drei Einheiten des Aristoteles, die er

von jedem dramatischen Gedichte verlangt, beurtheilt

werden: die Einheit der Handlung, der Zeit

und des Ortes, welche namentlich von den ältern

französischen dramatischen Dichtern nicht selten mit

Aengstlichkeit festgehalten wurden.



Unerläßlich für die Vollendung eines dramatischen

Gedichts ist allerdings die Einheit der

Handlung.
Sie verlangt, daß der Stoff des

Drama ein in sich nothwendiges und bestimmt abgeschlossenes

Ganzes bilde. Es dürfen daher weder

Personen, noch Handlungen und Ereignisse in den

Stoff aufgenommen werden, die nicht in den Zusammenhang

der darzustellenden Handlung in irgend

einer Beziehung wesentlich gehören. Denn selbst

das, was in einem dramatischen Gedichte, bei dem

ersten Anblicke, zufällig zu seyn scheint, muß, am |#f0378 : 366|



Schlusse des Ganzen, als nothwendige Bedingung

in dem Zusammenhange des ganzen Stoffes sich ankündigen.

Es darf daher kein Act, keine Scene,

selbst keine Stelle in den einzelnen Scenen, überflüssig

und müßig dastehen; es muß vielmehr ihr

Verhältniß zu dem sich allmählig bildenden und ründenden

Ganzen mit Sicherheit nachgewiesen werden

können. Dasselbe gilt auf gleiche Weise von der

Form des Drama. Sie muß, in Beziehung auf

die Forderungen des Gesetzes der Form, ein in sich

abgeschlossenes und vollendetes Ganzes bilden, so

daß die Sprachdarstellung im Drama gleichmäßig

den einzelnen Eigenschaften der Sprachrichtigkeit, wie

den untergeordneten Eigenschaften der Sprachschönheit

Genüge leistet.



So gewiß daher ohne Einheit der Handlung

kein dramatisches Gedicht auf Gediegenheit und ästhetische

Vollendung Anspruch machen kann; so gewiß

dürfen doch die beiden andern vom Aristoteles

geforderten, Einheiten ─ die Einheit der Zeit

und des Ortes
─ nicht als gleichgeltende Grundbedingungen

mit der Einheit der Handlung aufgestellt

werden. Denn, wenn gleich zugestanden wird,

daß die Einheit der Zeit, und selbst die Einheit des

Ortes in vielen dramatischen Erzeugnissen festgehalten

worden sind, und, nach dem Wesen des darzustellenden

Stoffes, auch in vielen derselben festgehalten

werden müssen; so stehen sie doch mit der

Einheit der Handlung nicht auf gleicher Linie der

Bedeutsamkeit, und treffliche dramatische Dichter haben

sie nicht festhalten wollen und festhalten können.



Soll aber das dramatische Gedicht als Einheit

in der Form sich ankündigen; so muß in dem

Mittelpuncte desselben eine Hauptperson, nach |#f0379 : 367|



ihrem Thun und Leiden, erscheinen, von deren Verhältnissen

die ganze dargestellte Handlung ausgeht

und abhängt, und auf deren Schicksale, in den einzelnen

Theilen und Gruppirungen des Drama, alles

sich bezieht. Diese Hauptperson im Drama muß

daher der Einbildungskraft immer gegenwärtig seyn,

selbst wenn sie von der Bühne, in den einzelnen

Scenen, abgetreten ist; auch muß die Verwickelung

und Entwickelung des dramatischen Knotens

entweder von diesem Jndividuum selbst ausgehen,

oder doch ─ in Angemessenheit zu seiner freien

Thätigkeit ─ auf sein Schicksal den entschiedensten

Einfluß behaupten. Nach dem Verhältnisse, in welchem

der Dichter diese Hauptperson in den Mittelpunct

des Drama stellt, muß er, mit künstlerischer

Gewandtheit und ästhetischem Tacte, alle übrige im

Drama auftretende Personen, so wie die gesammte

Umgebung der Hauptperson, in Hinsicht auf den

Gang ihrer Wirksamkeit und ihres Schicksals, behandeln.





Die äußere Form des Drama, nach der Eintheilung

in Acte (Aufzüge) und Scenen (Auftritte),

hängt ab von der ästhetisch berechneten Folge

in der Handlung selbst, um vermittelst derselben die

innere Einheit des Ganzen fortzuführen und zu

vollenden, zu welcher die gleichmäßige Behandlung

der einzelnen Theile, und das innere und äußere

nothwendige Verhältniß derselben gegen einander,

wesentlich gehört. Die Anordnung, Verbindung

und Folge dieser Aufzüge und Auftritte ─

als der einzelnen nothwendigen Glieder und Theile

eines größern Ganzen ─ darf daher nicht der Willkühr

und dem Zufalle überlassen bleiben; sie muß

vielmehr aus dem Gesetze der innern Nothwen= |#f0380 : 368|



digkeit hervorgehen, die theils in den Charakteren

der handelnden Personen, theils in dem Verhältnisse

der aus der Verwickelung des Knotens hervorgehenden

Entwickelung desselben, zur Ausmittelung der

ästhetischen Einheit des Ganzen, begründet ist. Denn

nach diesem Gesetze der innern Nothwendigkeit muß

jede Scene in Beziehung auf den Act, zu welchem

sie gehört, und jeder Act nach seinem Verhältnisse

zu der gesammten dramatischen Form ─ mithin nach

dem Verhältnisse der einzelnen Theile zu dem vollendeten

Organismus des Ganzen ─ erkannt werden

können, so daß durch die Menge der handelnden

Personen so wenig, wie durch die Mannigfaltigkeit

der einzelnen Handlungen und Scenen, welche in

dem dramatischen Gedichte angetroffen werden, die

Einheit der Handlung und die ästhetische Vollendung

der ganzen Darstellung gestört, sondern vielmehr

auf die sicherste Unterlage zurückgeführt wird. Aus

diesem Gesichtspuncte gefaßt, darf keine Person,

die im Drama erscheint, keine Scene, am wenigsten

ein ganzer Act, müßig dastehen und als überflüssig

erscheinen; vielmehr muß Ein Geist das

Ganze durchdringen, und dieser Geist muß, nach

seiner Kraft, gesteigert sich ankündigen, je mehr der

verflochtene Knoten der Handlung seiner Auflösung

und Entwickelung, ─ und zugleich das dramatische

Gedicht dem letzten Puncte seiner ästhetischen

Vollendung sich nähert. ─



Die Form der Sprache in dem dramatischen

Gedichte muß, im Allgemeinen, der dargestellten

ästhetischen Handlung angemessen seyn; sie wird

deshalb, nach Ton, Haltung und Farbengebung im

Einzelnen, im Trauerspiele anders, als im Schauspiele

und im Lustspiele sich ankündigen, obgleich in |#f0381 : 369|



jeder Gattung und Art der dramatischen Dichtkunst

das einzelne dramatische Gedicht dem Gesetze der

Form,
nach seinen beiden Grundbedingungen, der

Wahrheit und Schönheit der Form, entsprechen

muß. Je verschiedener daher die einzelnen Stoffe

für das Trauerspiel, Schauspiel und Lustspiel sind;

desto verschiedener wird auch der stylistische Ausdruck

seyn; denn anders muß die Sprache im Wallenstein,

als im Egmont, anders in Müllners

Schuld,
als in Klingers Medea auf dem

Kaukasus,
anders in Werners Weihe der

Kraft,
als in Klingemanns Luther sich ankündigen,

obgleich die beiden letzten Dichter im Ganzen

denselben Stoff behandelten. Dazu kommt,

daß, obgleich der dramatische Dichter nicht selbst,

wie der epische, in der Darstellung seines Gedichts

erscheint, doch die Sprache im Drama, nach ihrer

Kraft und Fülle, nach ihrer Klarheit und Gediegenheit,

so wie nach der ganzen Farbengebung und

Haltung im Einzelnen, von seiner Jndividualität

ausgeht, die er nicht verläugnen kann. Nach

dieser psychologischen Nothwendigkeit erkennen wir

im Dichter der Jungfrau von Orleans, den Dichter

des Dom Karlos, des Fiesko, des Wallenstein und

der Maria Stuart, ─ im Dichter des Clavigo

und der Jphigenia den Dichter des Tasso und des

Egmont, ─ im Dichter der Albaneserin den

Dichter der Schuld, ─ im Dichter des Moses

den Dichter des Luther, ─ im Dichter der Freunde

den Dichter der Erdennacht (Raupach) wieder.

Denn so schöpferisch auch die Einbildungskraft des

dramatischen Dichters walten, und so vielseitig sein

Gefühl sich ankündigen mag; so liegt doch diejenige

nothwendige Beschränkung in jedem endlichen ─ |#f0382 : 370|



selbst hochgebildeten ─ Geiste, daß er nicht aus

seiner Jndividualität ganz heraustreten, und seiner

eignen, bereits früher angekündigten, Classicität nach

allen ihren individuellen Eigenthümlichkeiten untreu

werden kann. Diese Einheit und Gleichmäßigkeit

in der Wahrnehmung der Jndividualität des classischen

Dichters ist aber, unter dem Reichthume und

der Mannigfaltigkeit der einzelnen dramatischen Formen

eines und desselben Dichters, eine sehr willkommene

Erscheinung. Denn nicht das Wiedererkennen

derselben Eigenthümlichkeit eines classischen

Dichters in der Behandlung eines neuen dramatischen

Stoffes, sondern nur die Nachahmung einer

entlehnten Manier stößt uns zurück, weil diese Nachahmung

als Armseligkeit des Geistes sich ankündigt,

bei welcher der Aufschwung zu einer eigenthümlichen

Gestaltung der dramatischen Form, und zur

Festhaltung und Durchführung dieser Eigenthümlichkeit

in allen einzelnen dramatischen Erzeugnissen

Eines und desselben Dichters unmöglich ist.



Die Hauptklippen, welche der dramatische Dichter

in Hinsicht der stylistischen Form vermeiden muß,

sind: daß er weder ins Gebiet der Sprache der

Prosa, noch ins Gebiet der Sprache der Beredsamkeit

hinüberstreife, außer in den äußerst seltenen

Fällen, daß der Stoff einen kurzen Uebergang

in diese beiden Sprachgebiete verlangt. Denn

selbst wenn der dramatische Dichter die Vorgänge

und Erscheinungen des gewöhnlichen Lebens schildert,

muß doch die stylistische Form die Ergreifung dieser

Vorgänge von dem Gefühlsvermögen und die Wirkung

jener Erscheinungen auf das Gefühlsvermögen

überall hindurch schimmern lassen, weil jede Sprachdarstellung

des dichterischen Charakters ermangelt, |#f0383 : 371|



die ohne irgend eine Verbindung mit dem

Gefühlsvermögen sich ankündigt. ─ Jn Hinsicht

auf die äußere Gestaltung der stylistischen Form

ist es aber der Dialog, in Abwechselung mit dem

Monologe, an welchen die Folge und Fortführung

der dramatischen Handlung geknüpft ist. Je

schärfer daher die Zeichnung der einzelnen, in dem

Drama auftretenden Charaktere, und je bestimmter

die Haltung und Durchführung dieser Charaktere

von Seiten des Dichters seyn wird; desto vielseitiger,

mannigfaltiger und abwechselnder wird das innere

Leben und die ästhetische Farbengebung im

Dialog seyn, weil ─ selbst bei der übrigen Gediegenheit

der dramatischen Sprachform ─ es Mangel

an Reichthum des Geistes und der Einbildungskraft

ankündigt, wenn entweder alle, oder doch die

meisten Personen in Einem und demselben Drama

ganz einerlei Sprache reden, und so die Mannigfaltigkeit

im Gepräge des Jndividuellen nothwendig

verloren geht.



53.

Fortsetzung.


Einer der ersten dramatischen Dichter des teutschen

Volkes, und was noch mehr sagen will, einer

der edelsten Männer dieses Volkes, hat die Schaubühne

als eine moralische Anstalt
* betrachtet

*

So v. Schiller in der, von ihm zu Mannheim

1784 gehaltenen, und mit dieser Aufschrift versehenen,

Vorlesung, die zuerst in der rheinischen Thalia,

und dann berichtigt in s. kleinen pros.

Schriften
Th. 4. S. 3 erschien. ─ Vgl. J. H.

v. Wessenberg, über den sittlichen Einfluß der

Schaubühne. Konstanz, 1825. 8.
|#f0384 : 372|



und dargestellt. Dies macht eine kurze Erklärung

nothwendig.



Nach unsrer Ansicht und Ueberzeugung ist

weder der Zweck und die Bestimmung der dramatischen

Dichtkunst im Besondern, noch der Dichtkunst

überhaupt, der Zweck der Sittlichkeit. Der

Zweck der Schönheit ist vielmehr der höchste

Zweck aller Kunstwerke, mithin auch der gesammten

einzelnen Formen der lyrischen, epischen, didactischen

und dramatischen Dichtkunst. Die Bestimmung der

Dichtkunst beruht daher auf ihrer völligen Angemessenheit

zum Gesetze der Form, nicht aber zum Sittengesetze.

Daraus folgt aber weder, daß sie sittliche

Handlungen von sich ausschließen, noch daß sie vielleicht

gar das Unsittliche als Gegenstand des Wohlgefallens

auf die Bühne bringen soll. Nur so viel

ergiebt sich aus dem höchsten Gesetze der Schönheit

der Form, daß selbst das Sittliche,


das die Bühne zeichnet, unter der Form der

Schönheit sich ankündigen muß,
wenn es

unter die Stoffe der dramatischen Dichtkunst aufgenommen

werden soll; denn, unter Festhaltung

dieser Bedingung, wird allerdings der aus dem

Kreise der sittlichen Welt entlehnte Stoff das Gemüth

weit stärker ansprechen, als ein Stoff, der

blos dem Kreise der intellectuellen Welt ─ z. B.

der Vergegenwärtigung von Schwächen und Mängeln

des menschlichen Verstandes, oder von Wirkungen

des menschlichen Eigennutzes und der individuellen

Eitelkeit, ─ angehört. Mag immer in

Kotzebue's Lustspielen und Possen ein Langsalm,

ein Herr von Püffelberg, oder der Page in den

Pagenstreichen ein Gefühl der Lust in uns anregen,

und unsre Einbildungskraft in ein freies und |#f0385 : 373|



lebendiges Spiel versetzen; so wird doch die sittliche

Kraft und Haltung des Marquis von Posa,

des Max Piccolomini, und des Klingemannischen

Luthers unser Gefühl stärker und mächtiger ergreifen,

als die bloße Versinnlichung menschlicher Schwächen,

Lächerlichkeiten und Verirrungen. Deshalb ist auch

das Sittliche dem Schönen nahe verwandt, und

wirkt unaufhaltbar, sobald es unter einer vollendeten

schönen Form erscheint. Nur darf weder das

dramatische Gedicht, noch die Bühne, an die Stelle

der Sittenlehre und der Religion auf dem Katheder

und der Kanzel treten und diese beiden geistigen

Bildungsanstalten ersetzen sollen, weil sie dies, nach

ihrer ursprünglichen Bestimmung, das Schöne

in vollendeten Formen darzustellen,
weder

zu leisten vermögen noch dürfen. Nur also unter dieser

Voraussetzung, und mit Festhaltung dieser Einschränkung

unterschreiben wir folgende Sätze Schillers

*: „Welche Verstärkung für Religion und

Gesetze, wenn sie mit der Schaubühne in Bund

treten, wo Anschauung und lebendige Gegenwart

ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und

Elend, Thorheit und Weisheit in tausend Gemälden

faßlich und wahr an dem Menschen vorübergehen,

wo die Vorsehung ihre Räthsel auflöset, ihren Knoten

vor seinen Augen entwickelt, wo das menschliche

Herz auf den Foltern der Leidenschaft seine leisesten

Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke

verfliegt, und die Wahrheit, unbestechlich wie Rhadamanthus,

Gericht hält. Die Gerichtsbarkeit der

Bühne fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gesetze

sich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für Gold

*

Ebendas. S. 7. ff.
|#f0386 : 374|



verblindet, und im Solde der Laster schwelgt; wenn

die Frevel der Mächtigen ihrer Ohnmacht spotten,

und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet;

dann übernimmt die Schaubühne Schwert und

Wage, und reißt die Laster vor einen schrecklichen

Richterstuhl. Das ganze Reich der Phantasie und

Geschichte, Vergangenheit und Zukunft stehen ihrem

Winke zu Gebote. Kühne Verbrecher, die längst

schon im Staube vermodern, werden durch den allmächtigen

Ruf der Dichtkunst jetzt vorgeladen, und

wiederhohlen zum schauervollen Unterrichte der Nachwelt

ein schändliches Leben. Ohnmächtig, gleich den

Schatten in einem Hohlspiegel, wandeln die Schrecken

ihres Jahrhunderts vor unsern Augen vorbei,

und mit wollüstigem Entsetzen verfluchen wir ihr

Gedächtniß. Wenn keine Moral mehr gelehrt wird;

keine Religion mehr Glauben findet; wenn kein Gesetz

mehr vorhanden ist, wird uns Medea noch

anschauern, wenn sie die Treppen des Pallastes herunter

wankt, und der Kindermord geschehen ist.

Heilsame Schauer werden die Menschheit ergreifen,

und in der Stille wird jeder sein gutes Gewissen

preisen, wenn Lady Macbeth, eine schreckliche

Nachtwandlerin, ihre Hände wäscht, und alle Wohlgerüche

Arabiens herbeiruft, den häßlichen Mordgeruch

zu vertilgen. So gewiß sichtbare Darstellung

mächtiger wirkt, als todter Buchstabe und kalte Erzählung;

so gewiß wirkt die Schaubühne tiefer und

dauernder, als Moral und Gesetze. ─ Aber der

Wirkungskreis der Bühne dehnt sich noch weiter

aus. Auch da, wo Religion und Gesetze es unter

ihrer Würde achten, Menschenempfindungen zu begleiten,

ist sie für unsre Bildung noch geschäftig.

Sie ist es, die der großen Klasse von Thoren den |#f0387 : 375|



Spiegel vorhält, und die tausendfachen Formen derselben

mit heilsamem Spotte beschämt. Was sie

oben durch Rührung und Schrecken wirkte, leistet

sie hier durch Scherz und Satyre. Die Schaubühne

allein kann unsre Schwächen belachen, weil

sie unsre Empfindlichkeit schont, und den schuldigen

Thoren nicht wissen will. Ohne roth zu werden,

sehen wir unsre Larve aus ihrem Spiegel fallen,

und danken im Geheimen für die sanfte Ermahnung.

─ Aber ihr großer Wirkungskreis ist noch lange

nicht geendigt. Die Schaubühne ist mehr, als jede

andere öffentliche Anstalt des Staates, eine Schule

der practischen Weisheit, ein Wegweiser durch das

bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den

geheimsten Zugängen der menschlichen Seele. Jch

gebe zu, daß Eigenliebe und Abhärtung des Gewissens

nicht selten ihre beste Wirkung vernichten, daß

sich noch tausend Laster mit frecher Stirne vor ihrem

Spiegel behaupten; aber wenn wir auch diese

große Wirkung der Schaubühne einschränken, ─

wie unendlich viel bleibt noch von ihrem Einflusse

zurück? Wenn sie die Summe der Laster weder

tilgt noch vermindert; hat sie uns nicht mit denselben

bekannt gemacht? Mit diesen Lasterhaften, diesen

Thoren müssen wir leben. Wir müssen ihnen

ausweichen, oder begegnen; wir müssen sie untergraben,

oder ihnen unterliegen. Jetzt aber überraschen

sie uns nicht mehr. Die Schaubühne hat uns das

Geheimniß verrathen, sie ausfindig und unschädlich

zu machen. ─ Zugleich ist die Schaubühne der

gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden

bessern Theile des Volkes das Licht der Weisheit

herunterströmt, und von da aus in mildern

Stralen durch den ganzen Staat sich verbreitet. |#f0388 : 376|



Richtigere Begriffe, erläuterte Grundsätze, reinere

Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volkes;

der Nebel der Barbarei, des finstern Aberglaubens

verschwindet; die Nacht weicht dem siegenden

Lichte ─ Unmöglich darf auch der große Einfluß

übergangen werden, den die Bühne auf den Geist

einer Nation haben kann. Nationalgeist eines Volkes

nenne ich die Aehnlichkeit und Uebereinstimmung

seiner Meinungen und Neigungen bei Gegenständen,

worüber eine andere Nation anders meint und empfindet.

Was kettete Griechenland so fest an einander?

Was zog das Volk so unwiderstehlich nach

seiner Bühne? Nichts anders, als der vaterländische

Jnhalt der Stücke, der griechische Geist, das

große überwältigende Jnteresse des Staates und

der bessern Menschheit, das in derselben athmete.“



Zugestanden, daß alle diese Stoffe, insofern

sie ästhetisch darstellbar sind, im Bereiche der

dramatischen Dichtkunst liegen, und daß durch die

dichterische Gestaltung derselben viel auf das Gemüth

der Jndividuen und der Völker gewirkt werden

kann; so hängt doch diese Wirkung selbst zunächst

ab von der Vollendung der dramatischen

Form,
unter welcher diese Stoffe versinnlicht

werden, und deshalb bleibt, ─ ohne die sittliche

Wirksamkeit der Bühne zu verkennen oder abzuläugnen,

─ das Gesetz der Form, und nicht das

Sittengesetz, der höchste Maasstab für die Würdigung

der ästhetischen Vollendung dramatischer Dichtungen.





Die einzelnen Formen der dramatischen Dichtkunst

sind:



a) das Trauerspiel;



b) das Lustspiel;

|#f0389 : 377|



c) das Schauspiel;



d) das Singspiel.



54.

a) Das Trauerspiel.


Das Trauerspiel ist, in vielfacher Hinsicht,

eben so dem ernsthaften Epos, wie das Lustspiel

dem komischen Epos verwandt; nur daß bei dem

Trauer- und Lustspiele als allgemeiner Grundzug

des Dramatischen vorwaltet: die Haltung und Durchführung

der Handlung durch die handelnden Personen

selbst, ohne Wahrnehmung des dramatischen

Dichters, und die Berechnung der dramatischen Form

für die Darstellung auf der Bühne.



Das Trauerspiel ist eine ästhetisch vollendete

Form, welche durch die Versinnlichung der

Art, wie die Freiheit des im Mittelpuncte der Handlung

erscheinenden Helden gegen die Macht des auf

ihn eindringenden Schicksals anstrebt, und durch die

Versinnlichung des endlichen Unterliegens

des Helden unter der Macht des Schicksals,


das gemischte Gefühl der Lust und Unlust

anregt und lebendig erhält, bis, in dem Augenblicke

der Vollendung der Handlung, das Uebergewicht

der Lust über das Gefühl der Unlust bewirkt wird

durch das reine Wohlgefallen an der selbst in ihrem

Unterliegen hohen geistigen oder sittlichen Kraft des

Helden. ─ Denn, wie im ernsten Epos, steht

im Mittelpuncte des Trauerspiels ein Jndividuum,

das durch die ihm einwohnende geistige und sittliche

Kraft gegen das auf ihn eindringende widrige

Schicksal ankämpft, so daß, unter dem fortgesetzten

Kampfe der Freiheit und des Schicksals, die Kräfte |#f0390 : 378|



beider gesteigert und verstärkt erscheinen, und das

handelnde Jndividuum, nach der von ihm entwickelten

Kraft, der Held der Handlung genannt zu

werden verdient. Soll aber das gemischte Gefühl

der Lust und Unlust nicht nur aufgeregt, sondern

auch während der Betrachtung des Kampfes der

Freiheit des Helden mit der Macht des Schicksals

erhöht und gesteigert werden; so müssen, in den

einzelnen Acten und Scenen des Trauerspiels, die

Kraft der Freiheit und die Macht des Schicksals in

einer fortgesetzten gleichmäßigen Haltung erscheinen,

weil das Gefühl der Lust nur durch die

lebhafte Versinnlichung der entwickelten und gesteigerten

hohen Kraft des Helden, das Gefühl der

Unlust hingegen durch die auf ihn eindringende

und ihn überwältigende Macht des Schicksals genährt

wird, bis endlich, wenn der Held unterliegt,

das Wohlgefallen an der erhabenen geistigen oder

sittlichen innern Nothwendigkeit in der Handlungsweise

des Helden, im Gegensatze der äußern

Nothwendigkeit in der Macht des ihn zermalmenden

Schicksals, so wie zugleich das Wohlgefallen

an der Vollendung der ästhetischen Form, in uns

das Uebergewicht des Gefühls der Lust über das

Gefühl der Unlust hervorbringt.



Der Held des Trauerspiels, wie er in der

Kraft seiner Freiheit dargestellt wird, erscheint entweder

als ein Edler, der ohne seine Schuld leidet

und gegen ein widriges Verhängniß ankämpft (so

Wilhelm Tell; die Jungfrau von Orleans;

Ferdinand Walter
in Kabale und Liebe; Egmont),

oder
als ein Verirrter, dessen sittliche

Kraft zwar eine fehlerhafte Richtung genommen hat,

die aber selbst in der eigenthümlichen Ankündigung |#f0391 : 379|



ihrer Verirrungen eine hohe Theilnahme zu erregen

vermag (so Karl Moor in den Räubern; so

Fiesko; so Wallenstein; so Maria Stuart;

so Klingers Medea; so Leisewitzens Julius von

Tarent
u. a.). Allein je mehr sittlich und rein

menschlich der Held des Trauerspiels erscheint; je

weniger er durch eigene Schuld, je mehr er um seiner

sittlichen Größe und Erhabenheit willen leidet;

oder, wenn er die Schuld eigener Verirrungen trägt,

je öfter die sittliche Kraft in ihm sich ermannt, je

entschiedener das Uebergewicht der Lichtseiten in seinem

Wesen über die Schattenseiten ist, und je gereinigter

er von seinen Verirrungen in dem Augenblicke

seines Unterganges erscheint; je mehr überhaupt

die Kraft, die er entfaltet, aus seinem innersten

Wesen hervorgehet, und mit der Steigerung

der auf ihn eindringenden Leiden und Gefahren ebenfalls

immer höher steigt; je fester und gehaltener

er, bis zum letzten entscheidenden Augenblicke, die

Kraft der Freiheit gegen die Macht des Schicksals

behauptet und geltend macht; desto mehr werden

auch in dem Anschauenden alle edlere Gefühle der

Theilnahme und der Bewunderung aufgeregt, und

von dem dramatischen Dichter die Eigenschaften des

Großen, des Erhabenen, des Rührenden und des

Pathetischen angewendet. Die hohe Kunst des

Trauerspieldichters besteht also zunächst darin, die

Freiheit des Helden und die Macht des Schicksals,

selbst während der ununterbrochenen Steigerung ihres

Kampfes, im gleichmäßigen Gegengewichte bis

zum Augenblicke der Entwickelung im letzten Acte

des Trauerspiels zu erhalten, so daß die Theilnahme

an diesem Kampfe ununterbrochen genährt und befriedigt

wird, bis sie in dem entschiedenen Siege |#f0392 : 380|



des Gefühls der Lust über das Gefühl der Unlust

endigt.



Die Frage über die Wiedererneuerung

des Chors im Trauerspiele
erhielt durch

Schiller ein lebhaftes Jnteresse, als er in der

Braut von Messina diese Wiedererneuerung

practisch versuchte, und in dem Vorworte zu diesem

Trauerspiele sie theoretisch rechtfertigte. Zugestanden,

daß diese Anwendung des Chors in der

Braut von Messina, schon wegen der Neuheit der

Erscheinung und wegen der gelungenen Haltung des

Chors, zu den interessantesten Erscheinungen der

tragischen Dichtkunst gehören; so hat doch derselbe

Dichter in dem später erschienenen Wilhelm Tell

keinen wiederhohlten Gebrauch von dem Chore gemacht,

und selbst Göthe hat in seiner Jphigenie,

einem Trauerspiele völlig griechischen Ursprungs,

desselben sich enthalten. ─ Gehen wir aber auf den

Ursprung des Chors bei den Griechen zurück;

so beruht die Anwendung des Chors auf dem ganzen

örtlichen Charakter ihrer dramatischen Dichtkunst.

Bei ihnen wurden die Feste der Gottheiten mit der

dramatischen Darstellung einer Nationalbegebenheit

beschlossen, an welcher das Volk, nach seiner republikanischen

Souverainetät, Antheil genommen hatte.

Deshalb erhielt es auch, wegen dieses seines Antheils,

in der dramatischen Darstellung (der Kopie

der Wirklichkeit) den Platz, den es im Urbilde eingenommen

hatte. Der Chor ward der Repräsentant

des ganzen Volkes im Trauerspiele, und Dichter,

die ihren Vortheil verstanden, legten dann dem Chore

öfters Gesinnungen und Urtheile bei, durch die sie

die Meinung des Volkes leiten und bestimmen wollten. |#f0393 : 381|



─ Allein gleich nothwendig war bei den Griechen

der Chor in Hinsicht auf das Locale der

dramatischen Darstellung.
An jenen Festen

war nämlich eine Masse von Zuschauern anwesend,

die oft über zwanzigtausend stieg. Kein Schauspielhaus

in unserm Sinne faßte sie, und die Stimme

der einzelnen Schauspieler würde zu oft verschollen

seyn, wenn nicht der Chor, verbunden mit Musik

und Tanz, die Handlung fortgeführt hätte. Nicht

also zunächst eine ästhetische, sondern eine politische

und locale Ursache, die aus dem Charakter eines

Volksschauspieles und zwar bei einem republikanischen

Volke hervorging, war es, was in der Tragödie

der Griechen die Anwendung des Chors, der

Musik und des Kothurns nöthig machte, wozu noch

kam, daß die alte Tragödie keine Pause zwischen

den Acten kannte, sondern der Chor den Faden der

Handlung fortführte.



Einen von der Tragödie der Griechen völlig

verschiedenen Charakter trägt das Trauerspiel der

Neuern. Handlung, sinnlich vollkommen und idealisirt

dargestellt; eine innere Nothwendigkeit in der

Verkettung und Folge der Verwickelung und Entwickelung,

die durch nichts Fremdartiges unterbrochen

werden darf; fortdauernde Thätigkeit aller wesentlich

zum tragischen Kunstwerke nöthigen Personen,

die durch keine Reflexion über sie zerstört wird, um

die allmählig sich bildende ästhetische Einheit der Form

in der Einbildungskraft des Anschauenden zu vollenden,

und dann ihnen selbst die Reflexion darüber

zu überlassen; dies ist der Charakter der neuern

Tragödie. Der Chor wird nun beinahe in den meisteu

Fällen das alles hindern, was man von dem

modernen Trauerspiele, als einem vollendeten Kunstwerke, |#f0394 : 382|



verlangt. Denn er unterbricht die nothwendige

Folge der Handlung; er trägt weder zur Verwickelung,

noch zur Entwickelung etwas bei; er unterbricht

den Genuß an den idealisirten Charakteren,

weil er selbst nichts Jdealisches darzustellen vermag,

das nicht bereits in dem allgemeinen Grundrisse der

innerhalb der ästhetischen Form durchzuführenden

tragischen Handlung läge; er tritt vielmehr als etwas

Fremdartiges in die Mitte der Handlung, und

wenn er auch das erstemal bei seiner Erscheinung

durch Ueberraschung, so wie durch die Gediegenheit

der Sprachform interessirt, so spricht doch das tragische

Gefühl gegen ihn, das in seiner freiesten Bewegung

durch ihn sich unterbrochen fühlt. Selbst

wenn man ihm (mit Schiller) die Bestimmung

beilegt, die Reflexion von der Handlung zu sondern,

und Ruhe in die Handlung zu bringen; so ist dies

eben dem Charakter des Trauerspiels geradehin zuwider.

Das Trauerspiel soll reine, idealisirte, ästhetisch

vollendete Handlung seyn; denn nur durch diese

Vollendung kann es dem Gesetze der Form entsprechen.

Mischt nun der Chor Reflexion in die Mitte

der Handlung; so stört er das Wohlgefallen an der

Form, und vernichtet den innern Organismus dieser

Form in seiner Einheit für die Einbildungskraft.

Bringt er ferner Ruhe in die Handlung;

so dürfte er dadurch noch nachtheiliger für die Wirkung

der Handlung werden, die, so erschütternd

auch die Darstellung seyn mag, doch nie so tiefgreifend

seyn wird, daß Menschen sie nicht ertragen

könnten, sondern einer darzwischen tretenden Ruhe

bedürften. Denn was von Menschen gedichtet und

auf der Bühne dargestellt wird, und wenn es auch

der genialischste Dichter in dem überflutendsten Strome |#f0395 : 383|



des Gefühls und mit der höchsten Bewegung der

schöpferischen Einbildungskraft ins Daseyn ruft, kann

doch, nach einem ewigen Gesetze für die Geisterwelt,

von Wesen derselben Art ertragen werden, zu

welchen auch der Dichter gehört. Noch kein vollendetes

Trauerspiel hat seine Wirkung über die Grenzen

eines menschlichen Gefühlsvermögens hinausgetrieben;

denn einzelne nervenschwache Leser oder Zuschauer

können nur die Ausnahme von der Regel

bilden. Jn der Annäherung aber an die möglichst

höchste Erschütterung des Gefühlsvermögens, und

in der Bewirkung des möglichst freiesten Spieles

der Einbildungskraft durch die Versinnlichung der

dargestellten tragischen Handlung, liegt eben die große

Aufgabe der tragischen Kunst.



55.

b) Das Lustspiel.


Wenn es zunächst die ästhetischen Eigenschaften

des Edlen, des Großen, des Erhabenen, des Rührenden

und Pathetischen sind, welche, nach ihrer

freiesten Versinnlichung, den Grundton in der Darstellung

der Tragödie bilden; so sind es die Eigenschaften

des Scherzhaften, des Lächerlichen

und Komischen *, deren ästhetische Farbengebung

in der Komödie vorherrscht. Denn der Scherz

besteht in einer absichtlichen, von dem Andern sogleich

anerkannten, Verstellung, wodurch der Scherzende

das in ihm aufgeregte Gefühl der Lust nach

außen mittheilen, und dem, welchem der Scherz gilt,

ein unmittelbares Gefühl der Lust gewähren will.

*

Vgl. Th. 1. S. 402 und S. 406.
|#f0396 : 384|



Der Scherzende tritt daher aus seinem natürlichen

und bekannten Charakter heraus, um durch einen

angenommenen Ton ein augenblickliches Gefühl der

Lust bei Andern zu vermitteln. Jm Gegensatze des

Scherzes beruht das Lächerliche auf der äußern

Ankündigung der Verirrungen des menschlichen Verstandes

und Geschmackes, nach allen dadurch in den

Handlungen sichtbaren Schwachheiten, Einseitigkeiten

und Schiefheiten, sie mögen nun aus unreifen Meinungen

und Urtheilen, oder aus Verbildungen des

Geschmacks (z. B. in der Kleidung, in äußern Sitten),

oder aus Selbsttäuschungen in der gesellschaftlichen

Ankündigung (z. B. durch Eitelkeit, Aufgeblasenheit,

Stolz, Verliebtseyn im Alter &c.) hervorgehen.

Nie können aber unmittelbare sittliche

Verirrungen ein Gegenstand des Lachens werden.

Denn werden sie unter einer ästhetischen Form dargestellt;

so verfallen sie dem Richterstuhle der Satyre.

Sie sind zu wichtig und stehen mit dem

höchsten Zwecke der Menschheit, dem Zwecke der

Sittlichkeit, zu sehr im Gegensatze, als daß sie, wie

das in der äußern Ankündigung wahrnehmbare Widersinnige,

Zweck- und Verhältnißwidrige, ein Gegenstand

des Lachens werden könnten. ─ Das Komische

endlich, das, wie das Lächerliche, auf einem

unmittelbaren Gefühle der Lust beruht, das durch

die zur ästhetischen Form ausgeprägte Versinnlichung

des Widersinnigen, Unvollkommenen und Zweckwidrigen

vermittelt wird, unterscheidet sich dadurch von

dem Lächerlichen, daß mit diesem allgemeinen Gefühle

der Lust das Gefühl unsers Uebergewichts

über das nach seinen Schwachheiten und Verirrungen

dargestellte Jndividuum sich verbindet. Denn

bei dem, was uns als komisch erscheint, fühlen wir |#f0397 : 385|



nicht blos überhaupt und im Allgemeinen ein Gefühl

der Lust über das vermittelst der dichterischen Versinnlichung

zur Einheit der Form gebrachte Unvollkommene

und Zweckwidrige; wir fühlen zugleich,

daß wir höher stehen, als das vor unsere Anschauung

gebrachte Jndividuum, und daß wir nicht

fähig wären, die ihm beigelegten Schwächen und

Verirrungen uns zu Schulden kommen zu lassen.



Tragen wir diese ästhetischen Grundbegriffe des

Scherzhaften, Lächerlichen und Komischen auf diejenige

dramatische Kunstform über, die wir das Lustspiel

nennen; so beruht der Charakter desselben

entweder auf der ästhetisch vollendeten Versinnlichung

gewisser menschlicher Schwächen, Thorheiten,

Mängel und Unvollkommenheiten, oder auf der

mannigfaltigsten, durchgängig aber auf das Gefühl

der Lust berechneten Verwickelung (Jntrigue) in der

dargestellten Handlung, so daß, in beiden Formen

des Lustspiels, durch die Wahrnehmung des ästhetisch

versinnlichten Causalzusammenhanges in der Handlung,

das Gefühl der Lust angeregt, und, vermittelst

der Durchführung der Verwickelung der Handlung,

lebhaft erhalten und gesteigert wird, bis die Auflösung

des Knotens am Schlusse der vollendeten dramatischen

Form die innigste und völligste Befriedigung

des Gefühls der Lust vermittelt. Wenn daher

bei dem Trauerspiele, durch die Anlegung der

Charaktere und durch die Fortführung der Handlung,

die gemischten Gefühle der Lust und Unlust angeregt

werden, die beide, während der ganzen Darstellung

der Handlung, mit einander wechseln und

gegen einander anstreben, bis endlich das Wohlgefallen

an der Vollendung der tragischen Form, so

wie das Wohlgefallen an dem in seiner Freiheit |#f0398 : 386|



unterliegenden Helden, den Sieg des Gefühls der

Lust bewirkt, und das Gefühl der Unlust an dem

widrigen Gange seines Schicksals niederschlägt; so

ist dagegen in dem Lustspiele die Erfindung der Handlung,

die Haltung der Hauptperson, die Durchführung

der Verwickelung, die bestimmte Berechnung

des Verhältnisses der Episoden zu dem Ganzen, besonders

aber der Schluß, oder die Auflösung und

Entwickelung des ästhetisch geschürzten Knotens, auf

den völligen und entschiedenen Sieg des Gefühls der

Lust über das Gefühl der Unlust berechnet. Doch

unterscheidet sich im Einzelnen das sogenannte Jntriguenstück

von dem eigentlichen Lustspiele und

der Posse, daß in den letztern die Schilderung

menschlicher Schwächen und Thorheiten, oder auch

die Darstellung ununterbrochen fortgesetzter Neckereien

und einer idealisch gezeichneten Petulanz, das

Gefühl der Lust unaufhörlich nähren und steigern,

während im Jntriguenstücke das Gefühl der Lust,

wegen der mannigfaltigen Verwickelung der Handlung,

bisweilen durch die ─ ein gemischtes Gefühl

der Unlust leise anregende ─ Besorgniß unterbrochen

wird, wie der Knoten sich lösen, und ob die

Person, für welche unser Gefühl sich erklärt, das

Ziel ihrer Wünsche erreichen und glücklich werden

dürfte. (So rechnen wir Jüngers Er mengt sich

in alles, Kotzebue's teutsche Kleinstädter &c. zu

den eigentlichen Lustspielen; Lessings Minna von

Barnhelm, Großmanns Nicht mehr als sechs

Schüsseln, Jfflands Herbsttag und Aussteuer,

Kotzebue's Jndianer in England &c. zu den Jntriguenstücken;

und Kotzebue's Pagenstreiche, Wildfang,

Wirrwarr &c. zu den Possen.)

|#f0399 : 387|



56.

c) Das Schauspiel.


Wenn gleich der Begriff des Schauspiels an

sich so allgemein ist, daß er alle für die Bühne berechnete

dramatische Kunstformen umschließt; so wird

doch, in der Reihe der einzelnen Gattungen und

Arten der dramatischen Dichtkunst, unter der Benennung:

Schauspiel eine, blos der teutschen Dichtkunst

und Literatur angehörende, Mittelgattung

dramatischer Formen zwischen dem Trauer-

und Lustspiele
verstanden, deren Eigenthümlichkeit

darauf beruht, daß das Schauspiel, gleich dem

Trauerspiele, das gemischte Gefühl der Lust und

der Unlust, allein nicht in der Stärke und Fülle,

wie das Trauerspiel, aufregt, und den Wechsel

beider Gefühle, während der ganzen Fortbildung der

Handlung, lebendig erhält und steigert; mit dem

Lustspiele aber die fröhliche Entwickelung und Auflösung

des dichtgeschürzten Knotens theilt, und dadurch

den Sieg des Gefühls der Lust über das Gefühl

der Unlust vermittelt. Ob nun gleich im Schauspiele

die in den Mittelpunct der Handlung gestellte

Hauptperson nicht im Charakter eines tragischen

Helden sich ankündigt, und die Masse widriger

Verhältnisse und Ereignisse, die auf sie eindringt

und ihre Kraft beschäftigt, nicht, im Sinne des

Trauerspiels, Schicksal genannt werden kann; so

erscheint doch die Hauptperson im Schauspiele im

Kampfe mit mannigfaltig verflochtenen und widrigen

Verhältnissen, die ihre geistige und sittliche Kraft

in vielfache Thätigkeit setzen, und die endliche, frohe

oder ungünstige, Entwickelung dieser Verhältnisse,

bis zu der letzten Scene der Handlung, unentschieden |#f0400 : 388|



lassen. Deshalb ist auch der Ton im Schauspiele

ernst und würdevoll, und die Farbengebung

im Einzelnen nicht aus den Gebieten des Lächerlichen

und Komischen entlehnt. Der Stoff der

Handlung selbst gehört gewöhnlich dem Kreise des

häuslichen und bürgerlichen Lebens an, so

daß nicht nur die Hauptperson zunächst nach ihrer

Stellung im häuslichen und bürgerlichen Leben erscheint,

sondern auch die ihre Thätigkeit aufregenden

und ihre Kraft spannenden Verhältnisse und Ereignisse

unmittelbar aus jenen Kreisen stammen. Alles

ästhetisch=Darstellbare aus den häuslichen Verhältnissen

der Gatten, der Aeltern, der Kinder, der

Verwandten, und der Dienstboten gegen einander,

so wie aus den öffentlichen Verhältnissen des

bürgerlichen Lebens, nach den verschiedenen Ständen,

Aemtern und Berufsarten im Staatsdienste, eignet

sich zum Stoffe des Schauspiels, der, in seinen

unendlich mannigfaltigen Schattirungen, eben so viele

Veranlassungen für die Hauptperson enthält, Adel

der Gesinnung und Charakterfestigkeit zu bethätigen,

wie ihm zugleich die Prüfungen und Leiden angehören,

an welchen die geistige Kraft und der sittliche

Charakter der Hauptperson sich üben und bewähren

soll. Je neuer, vielseitiger und kräftiger die Verhältnisse

sind, unter welchen der dramatische Dichter

die Hauptperson im Schauspiele und die Leiden und

Widerwärtigkeiten erscheinen läßt, die den Frohsinn

seines Lebens und seine berufsmäßige Ankündigung

im häuslichen und öffentlichen Kreise verkümmen;

desto mehr wird es ihm gelingen, die gemischten Gefühle

der Lust und Unlust in gleichmäßiger Lebendigkeit,

während der Dauer und Fortführung der dargestellten

Handlung, zu erhalten, bis endlich die dichterische |#f0401 : 389|



Gerechtigkeit gehandhabt, und Edelmuth und Rechtschaffenheit

anerkannt, gerechtfertigt und belohnt, so

wie das Laster entlarvt, beschämt und bestraft wird.

Je länger und zweifelhafter der Kampf der Hauptperson

gegen die widrigen Verhältnisse ihres Lebens

fortdauert; je mehr sie, bei diesem fortgesetzten

Kampfe, den Reichthum eines vielseitig gebildeten

Geistes, und die Hoheit, Kraft und Würde eines

völlig reinen Charakters entfaltet; desto mehr muß

die siegende und befriedigende Entwickelung dieser

verflochtenen und traurigen Verhältnisse das Uebergewicht

des Gefühls der Lust über das Gefühl der

Unlust am Schlusse der Handlung herbeiführen.



Wird das Schauspiel in diesem Sinne und

Geiste als eine selbstständige Gattung der dramatischen

Dichtkunst festgehalten und zur ästhetischen Einheit

der Form ausgeprägt; so verdient es nicht den

früher ihm beigelegten Namen der weinerlichen

Komödie.
Es behauptet vielmehr einen eigenthümlichen

Charakter in der Mitte zwischen dem

Trauer- und Lustspiele, und bereichert das Gebiet der

dramatischen Formen mit neuen gediegenen Kunsterzeugnissen.

Oder wollten wir wirklich Schauspiele,

wie v. Gemmingens teutschen Hausvater, Lessings

Nathan den Weisen, Jfflands Jäger, Mündel,

Verbrechen aus Ehrsucht, den Spieler, die Advokaten,

und Dienstpflicht, selbst Kotzebue's Menschenhaß

und Reue und seinen Benjowsky, ─ wollten

wir Göthe's Tasso, Götz von Berlichingen

und Stella, Schröders Ring, Kratters Mädchen

von Marienburg, Babo's Strelitzen, Klingemanns

Luther, Columbus und Moses, selbst

Werners Weihe der Kraft und seinen Attila, so

wie so viele andere zur Gattung des eigentlichen |#f0402 : 390|



Schauspieles gehörende einzelne Erzeugnisse, aus dem

Gebiete der dramatischen Formen für immer streichen,

weil es einigen Theoretikern unwillkommen

war, einer neuen dramatischen Gattung in der Mitte

zwischen dem Trauer- und Lustspiele einen Platz zu

verstatten, und das, worin die Praxis der Dichter

vorausgeeilt war, in der Theorie allmählig nachzuhohlen!





So wie aber das Schauspiel die Mitte zwischen

dem Trauer- und Lustspiele hält; so auch der

Ton und die Stärke der durch das Schauspiel aufgeregten

und genährten Gefühle. Denn an sich

schon gewährt die Mischung und der Wechsel der

Gefühle der Lust und der Unlust eine eigenthümliche

Befriedigung des Gefühlsvermögens, wie

dies die Elegie und die ganze epische Dichtkunst

beweiset. Dazu kommt beim Schauspiele, daß dieses

das Gefühl der Unlust dem Gefühle der Lust mehr

gegenüber stellt, als es beim Lustspiele möglich ist,

wo das Gefühl der Lust fast ausschließend vorwaltet;

daß es aber auch nicht so erschütternd auf

das Gefühlsvermögen einwirkt, wie das Trauerspiel,

weil die Hauptpersonen des Schauspiels nicht als

tragische Helden, und die Hindernisse, die sie zu bekämpfen

haben, nicht unter den Machtschlägen eines

unwiderstehlichen Fatums sich ankündigen.



57.

d) Das Singspiel.


Das Singspiel verhält sich zu den einzelnen

Formen der dramatischen Dichtkunst, wie die Cantate

zu den übrigen Formen der lyrischen Dichtkunst;

es ist die ästhetisch=vollendete Einheit einer dramatischen |#f0403 : 391|



Handlung, die, nach ihrer Anlage, Haltung

und Durchführung, entweder auf eine beständige

oder abwechselnde Begleitung der

Tonkunst,
und, vermittelst der Verbindung der

dramatischen Dichtkunst mit der Tonkunst, auf eine

hohe Bewegung und Rührung des Gefühlsvermögens,

so wie auf die Hervorbringung eines reinen

Wohlgefallens an der gleichmäßig durch Dichtkunst

und Tonkunst vollendeten ästhetischen Form, berechnet

ist. Es gilt daher von der dichterischen Behandlung

des Singspiels alles, was (§. 29) im

Allgemeinen von dem Verhältnisse der Cantate, als

eines dichterischen Kunstwerkes, zur tonkünstlerischen

Behandlung und Darstellung derselben gesagt worden

ist. Der Dichter muß den Tonkünstler durchgehends

im Auge behalten, und ihm vorarbeiten. Dies gilt

sowohl von den in die dramatische Handlung aufgenommenen

männlichen und weiblichen Personen, als

auch von dem Umfange und Jnhalte, und von der

Länge und Kürze der einzelnen Scenen und Acte,

so wie von dem genau berechneten Verhältnisse der

Arien und Cavatinen, der Duette, Terzette u. s.

w., und der Chöre gegen einander. Da die ästhetische

Vollendung des Singspiels auf dem gleichmäßigen

Zusammenwirken zweier Künste beruht;

so müssen auch beide in der Bildung und Ausprägung

der dramatischen Form des Singspiels als

unauflöslich verbunden sich ankündigen.



So gewiß aber die theatralische Wirkung des

Singspiels von dieser unauflöslichen Verbindung

der Dicht- und Tonkunst abhängt; so kann doch in

einer wissenschaftlichen Darstellung des Gesammtgebietes

der teutschen Sprache nur von den verschiedenen

Formen des Singspiels, nach ihrem dichteri= |#f0404 : 392|



schen Charakter, und nach ihrer Stelle in der Reihe

der übrigen dramatischen Dichtungsarten, die Rede

seyn. ─ Das Singspiel zerfällt in die drei einzelnen

Formen: das Melodrama, die Oper, und

die Operette.



1) Das Melodrama ─ welches Monodrama,

Duodrama u. s. w. seyn kann ─ ist ein dramatisches

Gedicht, dessen Eigenthümlichkeit darin besteht,

daß die Rede durch abwechselnd eintretende

Musik unterbrochen wird.
Es unterscheidet

sich wesentlich von der Oper und Operette dadurch,

daß weder Arien, noch Duette und Chöre darin

vorkommen, sondern die Anwendung der Tonkunst

theils zur Versinnlichung und Erweiterung der in

der Rede bereits ausgedrückten Gefühle, theils

zur Vorbereitung auf die sogleich in der Handlung

darzustellenden Gefühle dient. ─ Unter den Teutschen

ward das Melodrama zuerst von Brandes

in der Ariadne auf Naxos angebaut, welchem

Benda das tonkünstlerische Gewand mit solchem

Erfolge gab, daß Ariadne auf Naxos noch jetzt

nicht ganz von der Bühne verschwunden ist, und

mehrere Dichter und Tonkünstler diesem gelungenen

Vorbilde, doch mit geringerem Erfolge, nachstrebten.

So Ramler im Pygmalion, Gotter in der

Medea, Fr. Rambach in dem Theseus auf

Kreta, Kaffka
in der Rosamunde und andere.

─ Ob nun gleich die dramatische Dichtkunst durch

den Eintritt des Melodrama in die Reihe der dramatischen

Dichtungsarten einen Zuwachs erhielt; so

behauptet es doch, in dem Kreise der dramatischen

Kunstformen, die unterste Stelle. Denn seine

Darstellung hat, durch den Mangel mehrerer Personen,

zu wenig Handlung, und folglich auch zu wenig |#f0405 : 393|



Abwechselung und Mannigfaltigkeit; sein Stoff

muß sich auf einen zu kleinen Kreis von Gefühlen

und von Begebenheiten beschränken, durch welche

Gefühle aufgeregt werden.



Es wird daher die ästhetische Vollkommenheit

des Melodrama hinter der durch Dichtkunst und

Tonkunst ungleich reicher ausgestatteten Oper und

Operette zurück bleiben. Dazu kommt, daß die

eintretende Tonkunst, und zwar je mehr sie dem

Charakter der dargestellten Gefühle anpaßt, das

Einförmige des Eindruckes verstärken muß, weil

sie nichts anders durch Töne darstellen kann, als

was bereits durch Worte ausgedrückt worden ist.

Der natürlich fortschreitende Gang des Gefühls wird

aber auch durch die stets wiederkehrende Tonkunst

nicht selten unterbrochen und aufgehalten, und dadurch

der innere nothwendige Zusammenhang zwischen

den zur ästhetischen Einheit verbundenen Gefühlen

gestört. Endlich häufen sich auch für den

beinahe durchgehends allein auf der Bühne auftretenden

Schauspieler die Schwierigkeiten dadurch, daß

er die häufigen Zwischenzeiten der Tonkunst durch

ein passendes mimisches Spiel ausfüllen muß.



58.

Fortsetzung.


2) Der dichterische Charakter der Oper nähert

sich bald dem Trauerspiele, bald dem Lustspiele, bald

dem Schauspiele. Denn in der ernsthaften

Oper (opera seria) handelt ein Held nach der

ähnlichen Ankündigung des Helden im Trauerspiele;

in der komischen Oper (opera buffa) werden

Thorheiten und Fehler versinnlicht dargestellt, oder |#f0406 : 394|



Jntriguen ausgesponnen, an deren Darstellung der

Faden bis zur völligen Entwickelung fortläuft; die

gemischte Oper endlich wird auf gleiche Weise,

wie das Schauspiel, gebildet, und wechselt mit

ernsthaften und heitern Stoffen und Scenen. ─ Für

den Dichter der Oper tritt, in der umschließendsten

Bezeichung des Begriffes, dasselbe Verhältniß ein,

in welchem der Dichter der Cantate zum Tonkünstler

steht. Denn, nach der ursprünglichen Bestimmung

der Oper, schreiten nicht nur in derselben Dichtkunst

und Tonkunst gemeinschaftlich und unauflöslich

verbunden durch Recitative, Arien und Chöre

fort; es muß auch der Ausdruck der Verwickelung

und Entwickelung des Ganzen an beide Künste zugleich

gebunden seyn. Ob nun gleich die Verbindung

der Dicht- und Tonkunst die Grundbedingung

des ästhetischen Charakters der Oper bildet;

so werden doch nicht selten auch die Wirkungen der

übrigen Künste, namentlich der Mahlerei, der Plastik

und der Tonkunst, aufgeboten, um den Gesammteindruck

der Oper zu verstärken. Nothwendig wird,

unter diesen Verhältnissen, die Oper zu den vollendetsten

Kunstwerken gehören, sobald der Dichter

eine wirklich ästhetisch gediegene dramatische Form

ins Daseyn rief, und der Reichthum seiner Einbildungskraft,

frei und rücksichtslos auf absichtlich berechnete

Wirkungen und Theaterschläge, über die

Anwendung der übrigen Künste für den Gesammtzweck

der theatralischen Darstellung der Oper gebot.

Denn sollen diese verbundenen Künste einen gemeinschaftlichen

und unwiderstehlichen Eindruck auf das

Gefühlsvermögen hervorbringen, der von der vollendeten

Einheit der Oper als Kunsterzeugniß abhängt;

so müssen die einzelnen Ankündigungen der |#f0407 : 395|



übrigen in den Kreis der Oper gezogenen schönen

Künste auf dem Gesetze des ästhetischen Causalzusammenhanges

beruhen, und mit der dichterischen

und tonkünstlerischen Vollendung der Form zu Einem

unauflöslichen Ganzen verschmelzen.



3) Die Operette ist jüngern Ursprungs, als

die Oper, und dadurch von derselben verschieden,

daß in der Operette die tonkünstlerische Begleitung

zunächst auf Arien, Duette und Chöre beschränkt

ist, und regelmäßig mit dem Dialoge abwechselt,

während in der Oper, nach ihrer ursprünglichen

Einrichtung, kein Wort und Laut

ohne tonkünstlerische Begleitung sich ankündigen darf.

Die Operette hingegen war ursprünglich ein dramatisches

Kunstwerk, in welchem der Dialog vorherrschte,

der nur, wenn die Gefühle der handelnden Personen

mit einer höhern Lebendigkeit und Stärke aufwogten,

von Arien, Duetten und Chören unterbrochen ward.

Auch hatte die Oper, in ihrer ursprünglichen Gestalt,

blos eine komische, dem Lustspiel ähnliche, Einfassung,

und die Anlegung, Haltung und Durchführung

ihrer Arien und Chöre war gewöhnlich höchst

einfach, natürlich und kunstlos. (So erscheint die

Operette noch in der Jagd von Weiße und Hiller,

in der Liebe auf dem Lande, in Lottchen

am Hofe,
im Dorfbarbier, im Erntekranze

u. a.) Als aber die italienischen und französischen

Opern, mit Hinweglassung der Recitative,

an deren Stelle der Dialog trat, auf teutschen Boden

versetzt und mit teutschen Texten begleitet wurden;

da ward auch bald der frühere Unterschied zwischen

der Oper und Operette und der einfache Ton

und Charakter der Operette vergessen; das Publicum

verlangte kunstvollere Arien und Chöre in der |#f0408 : 396|



Operette, an welche es sich bei der Oper gewöhnt

hatte, und eine fast eben so reiche Maschinerie, wie

in der Oper. Entschieden hat dies auf den dichterischen

und tonkünstlerischen Anbau der Operette

nachtheilig eingewirkt, weil Dichter und Tonkünstler

von dem frühern bestimmt ausgeprägten und eigenthümlichen

Charakter der Operette sich entfernten,

um durch ihre Formen dem Publicum desto sicherer

zu gefallen. Daher die oft so häufigen Ueberladungen

und sinnlosen Ausschmückungen der Operette

mit Gegenständen, die dem dichterischen Stoffe derselben

fremd sind; daher überhaupt der wesentliche

Mangel an Operetten, deren dichterischer Gehalt,

auch ohne die tonkünstlerische Gediegenheit der Form,

anerkannt und entschieden wäre. ─ Denn soll die

Operette auf ihre ursprüngliche Eigenthümlichkeit zurückgeführt

werden; so muß der Dichter derselben

die Gesangstücke nur dann eintreten lassen, wenn

der ästhetische Zusammenhang des Ganzen den Ausdruck

lebendiger und hoher Gefühle der handelnden

Personen mit sich bringt, und der prosaische Ton

des Dialogs von selbst in Sylbenmaas und Reim

übergeht.

|#f0409 : 397|



5) Die Ergänzungsklasse der vier Hauptformen

der Dichtkunst.


59.

Begriff und einzelne Formen der Ergänzungsklasse

der Dichtkunst.


Die Praxis ist in allen Künsten, und also

auch in der Dichtkunst, der Theorie vorausgeeilt,

so daß die Theorie, im Allgemeinen, das Abstractum

von dem enthält, was in der Praxis einer und

derselben Gattung oder Art von den entschiedenen

Classikern zur vollendeten Form ausgeprägt ward,

und deshalb als Muster für alle Zeiten gilt. Wenn

denn nun auf diese Weise die Theorie der Praxis

folgt, und das, der Form nach Aehnliche, Verwandte

oder Gleiche, unter gewisse Hauptgesichtspuncte

bringt; so entstehen dadurch die verschiedenen Klassen

von Dichtungsarten, inwiefern jede einzelne

Dichtungsart die Gesammtheit von dichterischen Formen

in sich faßt, deren gemeinsamer Charakter aus

einer verwandten individuellen Stimmung im Gefühlsvermögen

des Dichters hervorgehet.



Nun giebt es aber im Kreise der Dichtkunst

jeder Nation, wie bereits bei der Ausmittelung des

Grundsatzes für die Eintheilung der verschiedenen

Dichtungsarten (§. 11.) erinnert ward, gewisse dichterische

Kunstwerke, deren Charakter zwar bald der

einen, bald der andern der vier aufgestellten Hauptklassen

dichterischer Formen (der lyrischen, didactischen,

epischen und dramatischen Dichtkunst) sich

nähert, bald aber auch aus dem Verschmelzen der

Eigenthümlichkeit mehrerer dieser Klassen hervorgehet. |#f0410 : 398|



Solche dichterische Formen würden nicht

ohne Zwang unter eine der vier aufgestellten Hauptklassen

der Dichtkunst gebracht werden können, weil

z. B. wohl die einzelne, nicht aber jede Jdylle

zur epischen Form, und eben so die einzelne

poetische Epistel, nicht aber jede poetische Epistel,

zur lyrischen Form der Dichtkunst gerechnet werden

kann.



Mag daher auch der Ausdruck einer Ergänzungsklasse

der vier Hauptformen der Dichtkunst

etwas Unbequemes haben, und zur Bezeichnung der

hieher gehörenden einzelnen Kunstformen ein noch

schärfer bestimmender Begriff zu wünschen seyn; so

ist es doch besser, den Begriff einer Ergänzungsklasse

beizubehalten und in derselben alle diejenigen

dichterischen Formen aufzuführen, die nicht ausschließend

einer der vier Hauptklassen der Dichtkunst untergeordnet

werden können, als diese Unterordnung

durch künstelnde Deutung und ästhetischen Zwang

zu bewirken.



Zu dieser Ergänzungsklasse rechnen wir als einzelne

dichterische Formen:



a) die Jdylle;



b) die poetische Epistel;



c) die dichterische Schilderung;



d) die Parabel und Paramythie;



e) den Dialog und Monolog;



f) die Satyre;



g) die Parodie und Travestirung;



h) den Roman, das Mährchen und die Novelle;





i) das Sinngedicht und Epigramm;



k) das Räthsel, die Charade, den Logogryph,

und das Anagramm.

|#f0411 : 399|



60.

a) Die Jdylle.


Je weiter die Wirklichkeit von dem Jdeale

eines goldenen Weltalters abliegt; desto erquickender

ist die idealisirte Darstellung der Menschheit unter

einem friedlichen und harmonischen Verhältnisse

zu sich selbst, zu dem Schicksale, und zu der äußern

Natur. Diese Darstellung enthält die Jdylle.

Das goldene Weltalter, das die älteste Dichtkunst

in die Vergangenheit, die Philosophie in den fernen

Kreis der Zukunft, nie aber ein Historiker und

Philosoph in die Gegenwart und Wirklichkeit versetzt,

stellt der Jdyllendichter als verwirklicht, unter

dem Zauber einer ästhetischen Form, vor uns hin.

Reinheit und Einfachheit der Sirten, Unschuld des

Herzens und Wandels, Wahrheit, Zartheit und

Jnnigkeit des Gefühls müssen die Ankündigung

des Menschen in der Jdylle bezeichnen. Noch hat

ihn das Gift der bürgerlichen Gesellschaft nicht berührt;

noch kennt er keine andern Bedürfnisse, als

die, zu welchen ihn die einfache Natur selbst leitet;

noch ist seine Liebe reiner Naturklang; noch sind

seine Neigungen unschuldig und unverdorben, und

noch trägt sein Charakter das Gepräge ursprünglicher

Güte und Unverdorbenheit. Die äußere Natur

bringt mit diesem Adel der innern Gesinnung ein

Leben ohne Schmerz und Kummer, eine friedliche,

schöne, paradiesähnliche Umgebung in die innigste

Verbindung, und so stralt in der Jdylle die Ruhe

des innern Lebens zurück in die große, harmonische

Natur. Alle Thorheiten und sittliche Gebrechen der

wirklichen Welt, alle beengende Formen der Convenienz

und der bürgerlichen Verhältnisse, liegen tief |#f0412 : 400|



unter dem Kreise der Jdylle. Jn ihr erscheinen

die Menschen einander gleich, und sogar die Thiere

sind in ihr weder Feinde des Menschen, noch Feinde

gegen sich selbst. Der Mensch der Jdylle darf aber

auch von dem Dichter nicht auf die Höhe der künstlichen

Cultur gestellt werden, welche blos die Folge

der im bürgerlichen Leben eingeführten und bestehenden

Verhältnisse ist. Daraus läßt sich erklären,

warum die Jdyllendichter die Menschen, die sie

schildern, gewöhnlich aus dem Hirten=, Schäfer=,

Fischer=
und Jäger=Leben entlehnen, und weshalb

im Ganzen die einfache ländliche Natur in ihren

Gebilden vorherrscht. Denn der Kreis des Jdyllendichters

ist ein Kreis neben oder außerhalb der

Wirklichkeit; ja sogar nur selten mit der geschichtlichen

Hindeutung, daß diese Wirklichkeit in der

fernsten Vergangenheit vorhanden gewesen, aber

nun auf immer verschwunden sey. Deshalb schildert

die Jdylle auch kein bestimmtes und mit einem

geschichtlichen Namen bezeichnetes Volk der Erde

und keine bestimmte Oertlichkeit des Erdbodens.



Dem Stoffe nach gehört die Jdylle zur epischen,

nach dem in ihr vorherrschenden Grundtone

des Gefühls aber zur lyrischen Form der Dichtkunst.

Die teutsche Literatur erfreut sich vorzugsweise,

vor der Literatur andrer europäischer Völker, eines

reichen Anbaues der Jdylle; zugleich ein sicherer Beleg

des reinen unverdorbenen Naturtones der teutschen

Dichter und ihrer Nation, so lange sie Wohlgefallen

an der milden idealischen Welt der Jdylle

findet. Salomo Geßner, Rost, Reckert,

Ewald v. Kleist, Götz, Blum, Mahler Müller,

Hölty, Jacobi,
Klamer Schmidt, v.

Göthe, v. Bonstetten, Bronner, Voß, |#f0413 : 401|



Kosegarten, Krummacher, Baggesen u. a.

sind gefeierte Namen im Gebiete der Jdyllendichtung.





61.

Beispiele der Jdylle.


1) von Salomo Geßner († 1787).



Bruchstück aus dem Tode Abels.



Die stillen Stunden führten den rosenfarbenen Morgen

herauf, und gossen den Thau auf die schattigte Erde;

indeß schoß die Sonne ihre frühen Stralen hinter den

schwarzen Cedern des Berges herauf, und schmückte mit

glühendem Morgenroth die durch den dämmernden Himmel

schwimmenden Wolken. Da gingen Abel und seine

geliebte Thirza aus ihrer Hütte hervor, in die nahe geruchreiche

Laube von Jasmin uud Rosen. Zärtliche Lieb'

und reine Tugend gossen sanftes Lächeln in die blauen

Augen der Thirza, und reizende Anmuth auf ihre rosenfarbenen

Wangen; und weiße Locken flossen am jugendlichen

Busen und ihre Schultern herunter, und umschwebten

ihre schlanken Hüften. So ging sie dem Abel

zur Seite. Braune Locken kräusten schattigt sich um die

hohe Stirne des Jünglings, und zerflossen auf seinen

Schultern; denkender Ernst mischte sanft sich in das

Lächeln der Augen. Jn schlanker Schönheit ging er

daher, wie ein Engel daher geht, wenn er in einen

dichteren Körper sich hüllet, den Sterblichen sichtbar zu

werden. Er soll irgend einem Frommen, der im Einsamen

betet, mit guter Botschaft von dem Herrn erscheinen.

Zwar umhüllet ihn ein Körper, menschlich gebildet;

aber aus seiner reizenden Schönheit hervor schimmert

der Engel. Thirza sah mit zärtlichem Lächeln ihn an,

und sprach: Geliebter! jetzt da die Vögel zum Morgenlied |#f0414 : 402|



erwachen, sey mir gefällig, und singe mir den

neuen Lobgesang, den du gestern auf der Flur gedichtet

hast. Was ist lieblicher, als mit Gesängen den Herrn

loben? Wenn du singest, o dann wallet mein Herz voll

heiligen Entzückens, wenn du die Empfindungen sagst,

die ich nur empfand und nicht sagen konnte! Jhr antwortet'

Abel und umarmte sie: Was deine süßen Lippen

von mir begehren; das alles sey dir gewähret, meine

Thirza! Les' ich einen Wunsch in deinen Augen, dann

sey er erfüllt; wir wollen hier auf das weiche Moos

uns setzen, dann will ich den Lobgesang singen. Sie

setzten sich neben einander in der düftenden Laube, deren

Eingang die Morgensonne vergoldete, und Abel hob so

seinen Lobgesang an:



Weiche du Schlaf von jedem Aug', entweichet ihr

flatternden Träume! Die Vernunft geht wieder hervor,

und erhellet die Seele, wie die Morgensonne die

Gegend erhellet. Sey uns gegrüßt, du liebliche Sonne

hinter den Cedern herauf! du gießest Farb' und Anmuth

durch die Natur hin, und jede Schönheit lachet verjüngt

uns wieder entgegen. Entweiche du Schlaf von jedem

Aug'; entfliehet, ihr flatternden Träume, zu den Schatten

der Nacht! Wo sind sie, die Schatten der Nacht?

Jns Dunkel der Haine und in die Felsenklüfte sind sie

gewichen, und erwarten uns da, oder in dicht verwachsenen

Lauben mit erquickender Kühlung am heißen Mittage.

Dort, wo der Morgen den Adler früher weckte;

was dampft dort von den schimmernden Häuptern der

Felsen, von den glänzenden Stirnen der Berge in die

helle Morgenluft empor, wie Opferrauch dem Altar entsteigt?

Die Natur feiert den Morgen, und opfert dem

Herrn der Schöpfung Dank. Jhn soll jedes Geschöpf

loben, ihn, der alles schaffet und erhält. Ja ihm zum

Lobe zerstreuen die jungen Blumen ihre frühen Gerüche; |#f0415 : 403|



ihm singet der Vögel mannigfaltiger Chor, hoch in der

Luft, oder von den Wipfeln der Bäume, der Morgensonn'

entgegen; ihm zum Lobe geht der Löw' aus seiner

Höhle hervor, und brüllet sein Entzücken fürchterlich

durch die Wildniß aus. Lob' ihn, du meine Seele, den

Herrn, den Schöpfer und Erhalter; des Menschen Lobgesang

steige vor allen zu dir empor! Er soll dich loben,

wenn jedes Geschöpf noch in seinem Lager schlummert;

wenn kein Gesang noch von den Wipfeln tönt, und aus

den wiegenden Büschen. Ertöne mein einsames Lied

laut durch die stille Dämmerung, daß du weit umher

jedes Geschöpf zum Lobe erweckest. Herrlich, herrlich ist

die Schöpfung, in der er uns Unwürdigen seine Weisheit

und Güte enthüllet. Jeder meiner Sinne fchöpfet

Entzückung aus diesem unendlichen Meere von Schönheit,

und strömt sie der entzückten Seele zu.



So sang Abel an der Seite seiner Geliebten; in heiliger

Andacht saß sie noch wie horchend; jetzt schlang sie

ihren lilienweißen Arm um seinen Hals, sah zärtlich

ihn an, und sprach: Geliebter! wie schwang sich meine

Andacht mit deinem Gesange höher! Ja, Geliebter!

nicht nur meinen schwächern Leib schützet deine zärtliche

Sorgfalt; auch meine Seele schwinget sich unter deiner

Führung empor. Wenn sie auf ihrem Pfad sich verliert,

und Dunkel um sich her sieht, und in heiligem Erstaunen

hinsinket; dann hebest du sie, und erhellest das

Dunkel, und entwickelst das stille Erstaunen zu lauten

erhabnern Gedanken.



So sprach sie, und die zärtlichste reinste Liebe goß

unaussprechliche Anmuth in jeden Ton der Stimme und

in jede Gebärde. Abel antwortete nicht; aber wie er

zärtlich sie anblickte und an seinen Busen sie drückte;

das redete von seinen Empfindungen mehr, als Worte

hätten reden können. Ach! so glücklich war der Mensch, |#f0416 : 404|



da er noch zufrieden nichts von der Erde begehrte, als

Früchte, die sie willig gab, nichts vom Himmel flehte,

als Tugend und Gesundheit; eh' seine Unzufriedenheit

nimmer gesättigte Wünsche aussendete, die unzählige Bedürfnisse

erfanden, und sein Glück unter schimmerndes

Elend vergruben.



2) von Karl Christian Reckert († 1800).



Milet.



O wie entzückt mich der schöne Abend, sprach der

junge Milet. Jch will mein Mädchen hohlen; denn

die Gegend schlummert, und sanfte Ruhe verbreitet sich

über die Gefilde. Dann wollen wir uns dort auf den

herabgerissenen Felsen setzen, und ich will ihr ein frohes

Lied singen.



Jetzt ging er hin und hohlte sein Mädchen, und sie

setzten sich auf den herabgerissenen Stein, und er sang

ihr ein Lied, während daß seine Hand auf ihrem klopfenden

Busen ruhte. Ach, Phillis, hob er an, Phillis,

mein Herz ist froh, wenn du mich liebst; es fühlt sein

Glück, der Busen bebt mir voll Freude! O Phillis, seit

ich dich sah bei den Blumen am Wasser stehen, und

dein rosenfarbener kleiner Mund zum Lächeln sich öffnete;

Phillis, ach, da war ich voll Freude! Wann sie

dich liebte, Milet, so sprach ich oft seufzend; dann wäre

ich glücklicher, wie ein König, der weite Länder beherrschet.

Aber, o Phillis, das Glück belohnte meine Liebe;

du wurdest mir gewogen, und liebtest mich zärtlich.

Ach, dein Herz werde nie untreu; es bleibe friedlich, wie

diese Gegend, die umher lachet, indeß daß der Mond

sie erhellet, und dein Mund öffne sich freundlich zu

sanften Küssen.



O du, hob Phillis an, du, den ich mehr liebe, als |#f0417 : 405|



wie die Hirten die Blüthen, oder die Mädchen die bunten

Kränze. Seit ich dich sah in meiner Hütte; als

du nach einem nicht verlornen Lamme fragtest; da gabst

du mir Feigen, und drücktest mir froh die Hand, und

meine Mutter lachte recht freundlich, als du mich küßtest;

denn, Milet, sie liebt dich. Seit der Zeit war

ich voll Freude; denn dein Kuß, süßer, als wie die Feigen,

machte mein Herz unruhig. ─ Ach, wenn er dich

liebte, hob ich öfters an, Phillis; wie glücklich würdest

du seyn! Dann ging ich unter das schützende Dach

hervor, und sah seufzend zum Himmel, und weinend

bat ich um deine Wiederkunft und Gegenliebe. Oder

ich wartete deiner am Hügel, wenn das Abendroth lachte;

und wenn ich dich dann sah, so hüpfte ich vor Freuden,

und du brachtest mir im Körbchen Feigen mit Blumen,

und dann umarmten wir uns recht lange, und

weinten voll Freude über unsre Liebe. O mein Milet,

ich kann, nein, ich kann es dir nicht sagen, wie ich

mich freue, wenn ich dich erblicke. Drücke mich an

deine klopfende Brust, und reiche mir freundlich die rothen

Lippen zum Küssen.



Jetzt umarmten sie sich, und Phillis erzählte auf den

herabgestürzten Steinen ein Geschichtchen. Höre, hob

sie an, höre Milet, ich mußte jüngst recht lachen, als

mir Daphnis erzählte: Chloe wollte ihn nicht lieben,

unerachtet er ihr so oft ein Liedchen gesungen. Aber

Phillis, ihr Herz ist nicht so zärtlich, wie das deine,

liebe Phillis; du bist gefälliger, als Chloe; o liebe mich!

Und da wollte er mich küssen. Aber Milet, wie stutzte

Daphnis, als ich ihm sagte: er sollte dich fragen. Da

ward er böse, recht böse, und ging von mir ohne

Abschied.



So erzählte die artige Phillis, und Milet belohnte

ihre Liebe mit unzähligen Küssen, und jetzt gingen sie, |#f0418 : 406|



unter lieblichem Scherze, sich froh umarmend, zu ihren

Hütten.



3) von Blum († 1790).



Amyntas.



Zum Flötenspieler Daphnis kam

Die kleine Doris mit dem blonden Haar.

„Du, sprach sie, dessen Lieder süßer sind

Als Honig, süßer sind als Rosenduft,

Amynt ist heut der Wälder Lied,

Die Mädchen alle singen heut sein Lob,

Und ich, ich lieb' ihn sehr, und säng' ihn gern

Am besten; aber an Gesang

Bin ich nur arm, und stammeln kann ich nur.

Lehr' mich von ihm ein Lied! denn keiner singt

Wie du so schön, du lieber Hirt;

Du Freund der Mädchen mit dem blonden Haar!“


„Amyntas, sprach der Hirt, verdient Gesang,

Und hättest du sein Lob von mir auch nicht,

Du süßes Kind der Grazien, begehrt;

So hätt' ich dennoch weit umher

Den Hügeln seinen Namen kund gemacht,

Die stolzen Tannen hätten sich vor ihm

Geneigt, und alle Quellen ihm gerauscht.


Hebt an, ihr Musen, in den Büschen,

Und in dem tiefen Thal!

Der Abend röthet schon den Saum der Wolken,

Und Echo wartet auf Gesang.


Entzücken füllet meinen Busen,

Jhr guten Götter, ihr!

Mein Auge sieht, daß unter einem Dache

Die Tugend bei dem Glücke wohnt.
|#f0419 : 407|



Amyntas, nicht die tausend Hufen

Mit Heerden überschwemmt,

Sind dein Verdienst; ein fühlend Herz im Busen

Gesellet dich den Göttern bei.


Du wirst in unsern Liedern leben,

Amyntas, bis das Meer

Versiegt, und Wälder aus den Fluten steigen,

Und Fische schwimmen durch die Luft.


Verstummet nun, ihr scheuen Musen;

Die laut're Freud' erwacht.

Amynt erschallet aus den hohlen Thälern,

Und von den Bergen schallt Amynt.“


So sang der Hirt. Der kleinen Doris schlug

Das Herz vor Freude; lange sprach sie nicht,

Bis seines Liedes letzter Silberlaut

Aus tiefen Hainen sterbend wieder kam.

Da sagte sie gerührt: „Nun dank' ich dir,

Nun werd' ich nicht der Spott der Mädchen seyn;

Erquickend ist dein Lied, wie Sonnenglanz

Jn kalter Luft, wie Morgenthau,

Der lieblicher die Blumen macht.

Und nun, wie soll ich deine Güte dir

Vergelten, o du bester Hirt? denn ach,

Ein armes kleines Mädchen hat wohl nichts,

Das deine Lieder dir bezahlen kann!“


„Du sollst mir tausend Küsse schuldig seyn,

Sprach Daphnis, bis du sechszehn Sommer hast,

Und einen Kuß verstehst!“


4) von Franz Xaver Bronner.



Die Fische des Thierkreises.



Kühle Abenddämmerung entlockte frische Wohlgerüche

den blühenden Bäumen, und der thauigen Wiese. Lüstern |#f0420 : 408|



umherriechend streckte der naschhafte Aal den Kopf aus

dem Wasser, und wälzte sich spielend aufs Land, im

jungen Hafer zu schwelgen, oder im weichen Erbsenkeime.

Da saßen Amymone und Elon, beide schön, wie

Latonens lockige Kinder, hinter duftenden Rosensträuchen

am Bache, und beklagten thränend, und Wange an

Wange geschmiegt, ihr widriges Geschick.



Schwerer Kummer preßte schon lang ihre liebenden

Herzen. Denn ein strenger Spruch des delphischen Orakels

hatte ihnen die Hoffnung geraubet, von Hymens

sanften Banden sich jemals umschlungen zu sehen. Jhr

väterliches Thal, einsam und abgesondert vom übrigen

bewohnten Lande, ward in mehrern Jahren nur durch

wenige Blüthen nachwachsender Jugend erfreuet. Denn

die Mütter grüßten meistens nur schwächliche Kinder ins

Leben, die bald hinwelkten, wie kränkelnde Pflanzen;

und Niemand wußte dem Uebel zu steuern; Niemand

dachte, daß die fortgesetzten Zeugungen naher Verwandten,

von keinem fremden Blute erfrischt, endlich ausarten

können, dem Weizen gleich, der immer eben denselben

Acker besämt. Da sandte man Geschenke nach Delphi,

zwei zierlich geformte Becher und eine köstliche

Opferschale, den Willen der Götter zu hören. Und die

begeisterte Priesterin sprach:



Heil euern Gefilden,

Jhr fragenden Boten,

Wenn künftig die Söhne

Einheimischer Mädchen

Umarmungen fliehen!


Seitdem gaben die folgsamen Väter ihre reifenden Töchter

nur auswärtigen Freiern, und mannbare Jünglinge

hohlten sich fremde Bräute.



„O warum, Geliebte, sprach Elon mit sanfter Wehmuth,

warum trennt uns ein unerbittliches Schicksal? |#f0421 : 409|



Wann ich die blühende Winde sehe mit weißen Glocken,

wie sie umarmend am geliebten Strauche hinanstrebt;

wenn ich sehe, wie jeder summender Käfer, jeder Vogel

buhlend zur wartenden Gattin hinschwebt, und jeder

gesellige Fisch wollüstig sein streichendes Weibchen umhüpft;

und wenn ich denn denke, daß unsre Verbindung

allein ein feindliches Verhängniß verbietet; dann, Geliebte,

dann weinet etwas aus meinem Jnnersten heraus;

mir wird so bange ─ ich kann's nicht aussprechen!

Dann wünsche ich mir das Glück des summenden Käfers

oder des hüpfenden Fisches, und manchmal möchte

ich sie beneiden, weil niemand bei ihnen die heiligste

Neigung in lästige Fesseln zwängt. O warum mußte

ich hier gebohren werden, hier, wo die Götter mir verbieten,

dich, Mädchen voll Unschuld, als meine Gattin

zu lieben? Glücklicher wäre ich, viel glücklicher, wenn

mich einsam mit dir, auf der fernsten Jnsel, das große

Weltmeer umschlösse, wie den fernen Mond das blaue

Leere umschließt.“



Amymone. O du sanft leuchtender Mond, und

ihr funkelnden Lichter da oben! Schon oft hab' ich euch

betrachtet, schon oft hab' ich gesagt: ihr kleinen Sterne,

ihr wißt wohl auch von der Liebe; denn das reinste

Feuer ist die Liebe, und ihr brennet mit dem reinsten,

glänzendsten Feuer. Und wenn ihnen der holde Mond

auf seiner Bahn sich nahte; wenn endlich sein wandelndes

Antlitz sie langsam berührte; dann fiel mir ein heiliges

Lied ein, und ich fragte mich: war das nicht ein

Kuß?



Elon. Starr blickte ich neulich seine volle Scheibe

an; da glaubte ich schöne Auen und leuchtende Hügel

darin zu sehen; er schien mir in blauer Ferne einher

zu fahren, wie eine schwimmende Jnsel auf unermeßlicher

See. O Amymone, dachte ich, wäre ich mit |#f0422 : 410|



dir in diesen lichten Auen droben, in diesen wonnigen

Gefilden, wo gewiß kein herbes Verhängniß treue Liebende

trennt! Wie wohl wär' uns dort! Wie wohl

im seligsten Genusse der Liebe! Wüßtest du mehr zu

wünschen?



„Alles, alles hätt' ich dann, Geliebtester!“ sprach

das zärtliche Mädchen, und schlang ihren sanft bebenden

Arm um ihn. „O wie glücklich wären wir dort,

wie unaussprechlich selig! Die Gestirne, so glaub' ich

im Ernste, sind der Liebe hold; man liebt dort auch.

Jst nicht der Abendstern der Liebe geheiligt? Und sind

die beiden Fische des Thierkreises nicht ein liebendes

Paar? Die Priesterinnen im Tempel lehrten es neulich.

Wann ich traurig bin, dann denk' ich des Liedes, das

sie sangen; dann sing' ich es, und sanfte Heiterkeit erhellet

meine Seele wieder, wie wenn die Sonne nach

trüben Regentagen durch dünnes Gewölke das Land beleuchtet.



──────



Vernehmt es, gefühlvolle Seelen! Mit süßem Entzücken

sehen die guten Götter auf treue Liebende nieder,

und krönen sie, wo nicht hinieden, doch über den Sternen

mit Wonne.



62.

b) Die poetische Epistel.


Die poetische Epistel unterscheidet sich von dem

eigentlichen Briefe, dessen Theorie in dem Sprachgebiete

der Prosa aufgestellt ward, dadurch, daß sie

vermittelst des Jndividuums, an das sie gerichtet

ist, zu dem ganzen menschlichen Geschlechte spricht,

und Wahrheiten, Gefühle oder Thatsachen von allgemeinem

Jnteresse versinnlicht, während der prosaische |#f0423 : 411|



Brief zunächst und ausschließend Einer Person

bestimmt, und, im strengsten Sinne, auch dieser

nur verständlich und interessant ist. Es beruht

daher der Charakter der poetischen Epistel auf der

individualisirten Darstellung gewisser allgemeiner

menschlicher Wahrheiten, Gefühle, Verhältnisse oder

Ereignisse, unter der Einheit einer ästhetisch vollendeten

epistolischen Form. Der Dichter spricht zwar

in der poetischen Epistel nur zu Einer Person; er

idealisirt aber dieselbe so, daß er zu ihr, als zu seinem

ganzen Geschlechte redet, und daß diese Person

in der poetischen Epistel gleichsam selbst zu einem

poetischen (idealisirten) Wesen wird; denn in die

Darstellung der poetischen Epistel gehört nur das,

was von dem Jndividuum, als Theil seiner

Gattung,
aber nach individuellen, von dem Dichter

ihm beigelegten, Beziehungen ausgesagt wird.

Daraus folgt, im Gegensatze des prosaischen Briefes,

daß dieser so speciell, die poetische Epistel

aber so generell als möglich seyn muß, und daß,

je specieller der Jnhalt und die Form der Darstellung

in der poetischen Epistel ist, sie um so mehr

von ihrer eigentlichen Bestimmung, und von ihrem

ästhetischen Charakter sich entfernt. Denn der ästhetische

Gehalt der poetischen Epistel steigt um so höher,

je allgemeiner, d. h. je verwandter den rein menschlichen

Jnteressen, ihr Stoff ist, und je freier der

Dichter über die Form gebietet, um, vermittelst

derselben, dem Stoffe die möglichst höchste Versinnlichung

und das frischeste dichterische Leben zu ertheilen.



Die poetische Epistel gehört zu den gemischten

Formen der Dichtkunst, weil sie eben so oft

rein subjective Gefühle, wie Gefühle veranlaßt durch

allgemeine Wahrheiten, oder hervorgebracht durch |#f0424 : 412|



Verhältnisse und Vorgänge des wirklichen Lebens

versinnlichen, und bald im ernsthaften, bald im komischen,

ja selbst im satyrischen Gewande erscheinen

kann, je nachdem die vorherrschende Stimmung der

Gefühle des Dichters in derselben sich ankündigt.

Jm Besondern kann jede einzelne poetische Epistel

unter eine der drei Hauptgattungen der Dichtkunst

gebracht werden. Denn bilden die reinen individuellen

Gefühle des Dichters den Stoff der poetischen

Epistel; so gehört sie zur lyrischen Form. Versinnlicht

sie bestimmte allgemeine Wahrheiten

und Jdeen der Vernunft unter der ästhetischen

Hülle; so schließt sie sich an die didactische Form

an. Schildert sie endlich Jndividuen, Verhältnisse

des Lebens
und Thatsachen der

Geschichte
unter einer idealisirten Umgebung; so

ist sie Untergattung der epischen Form. ─ Die

Wahl des Sylbenmaases hängt von dem sichern

Tacte des Dichters ab, und muß dem darzustellenden

Stoffe entsprechen; doch ist das in den ältern

teutschen Episteln gewöhnliche Alexandrinische Sylbenmaas,

wegen seiner Unbehülflichkeit, veraltet.



63.

Beispiele der poetischen Epistel.


1) von Heinr. Anshelm v. Ziegler und

Kliphausen
(† 1690).



Aus Th. 1. seiner: „Heldenliebe der Schrift

alten Testaments
“ ─ (abgekürzt).



David an Bathseba.



Was Brand und Centnerpein aus Mund und Herzen

presset;

Das wirft der schwache Kiel an ein geringes Blatt.
|#f0425 : 413|



Was meinen matten Geist kaum Seufzer hohlen lässet,

Das suchet Klee und Trost in Jebus holder Stadt.

Jch bin nicht, der ich bin, noch der ich bin gewesen;

Jch will nicht, was ich weiß, ich weiß nicht, was mir fehlt.

Man wird in Jsrael von meiner Thorheit lesen,

Wo dieses Thorheit heißt, was auch die Weisen quält.

Jm Feuer such' ich Eis, und Schatten bei der Sonnen,

Bei Dornen Lust und Schlaf, bei Flammen kühle Luft,

Des Geistes süße Ruh hat einen Riß gewonnen,

Der nicht zu heilen ist, bis Bathseba mich ruft.

Es starret Kiel und Hand, es schämet sich das Herze

Zu sagen, was mein Aug' im Garten hat erblickt.

Wodurch im Hui erlosch der Weisheit helle Kerze,

Wodurch Verstand und Geist mir selber wird entrückt.

Wiewohl ein König darf hier etwas freier schreiben,

Und einer Fürstenhand ist etwas mehr erlaubt.

Jch schreibe, was dir nicht kann mehr verborgen bleiben,

Was mir die Ruhe stört, was Heil und Leben raubt.

Der Sonnen helles Rad lief nach dem blauen Westen,

Und senkte sich bereits in Thetis grünen Schoos;

Man hörte voller Lust in den belaubten Aesten

Die Sängerin der Nacht, als David sich entschloß,

Auf der erhöhten Burg sich einsam zu ergötzen.

Er setzte seinen Fuß auf das gewohnte Dach.

Es ließe keine Lust sich dieser gleiche schätzen,

Die Aug' und Herz ergötzt. Dort lief ein Silberbach

Durch das bekleete Thal, und spielte mit den Wellen;

Hier war ein grünes Thal mit Rosen überstreut.

Man hörte hier und da die Schäferhunde bellen,

Der Hirten Feldgeschrei bei brauner Abendzeit.

Der Sonnen letztes Gold bezog die bunten Matten,

Und der entfernte Berg gab einen Wiederschein.

Der Bäume dickes Laub warf einen langen Schatten,

Man trieb das müde Vieh auf allen Straßen ein.
|#f0426 : 414|



Ach, hätt' ich meine Lust hier gleichfalls eingetrieben,

So wär' ich sonder Schmerz, so lebt' ich sonder Weh.

Ach wäre Blick und Sinn im freien Felde blieben;

So aber wandt' ich mich in der geraumen Höh,

Und ließe Aug' und Stern Jerusalem bestralen.

Der Häuser hohe Pracht, der Gassen weite Zier,

Die schienen Müh und Lust nach Würden zu bezahlen.

Der Mauern Wunderbau vermehrte die Begier

Die innre Gartenlust in etwas zu beschauen.

Nicht weit von dieser Burg war Florens holder Sitz,

Den selbst Natur und Kunst nicht schöner konnte bauen.

Hier rührte meinen Geist der Wollust strenger Blitz.

Mein Vorwitz führte mich zu einem Marmorkasten,

Jn welchem Perl und Fluth mit sanftem Rauschen sprang.

Hier konnte nicht mein Geist nach Willen länger rasten,

Als deine Wunderpracht die müden Augen zwang

Auf deinen Fuß zu sehn. Der Kleider leichtes Prangen

Verrieth den heißen Schluß; du suchtest Fluth und Bad.

Es spielten durch die Luft die glutbeseelten Wangen,

Jch weiß, wie sich mein Geist dadurch entzündet hat.

Die weiße Liljenhand entschnürte Rock und Kleider,

Und warf Gewand und Schmuck in das bekleete Gras.

Es schwand mir Aug' und Licht; ich starb, ich ward,

ach leider

Durch dich in mich verstrickt. Bald ward ich roth,

bald blaß.

Jch wußte ferner nicht fast in mir selbst zu bleiben,

Als das gewellte Haar schwamm auf der vollen Brust.

Jch kann dir meine Qual nicht, wie ich will, beschreiben,

Als deines Leibes Schnee war meine Augenlust.

Es will Vernunft und Brunst nunmehr den Zügel rauben,

Und der Begierden Roß zerreißet Zaum und Band.

Du magst, wie meiner Schrift, dem Boten kühnlich glauben;

Es ist ihm meine Noth mehr, als zu wohl, bekannt.
|#f0427 : 415|



Laß dir des Mannes Grimm nur nicht im Wege stehen;

Jm Brennen sieht man nicht, im Lieben ist man blind.

Zudem so will ich ihn durch meine Hand erhöhen,

Daß er zur Dankbarkeit mir Frau und Liebe gönnt.

Man muß verbotne Brunst nur an dem Pöbel strafen;

Gekrönten ist Gesetz und Lieben unterthan.

Ein Hirte braucht zur Kost das beste von den Schafen,

Und bei dem Fürsten gilt nicht ein gemeiner Wahn.

Es ist mein Harfenspiel durch deine Hand verstimmet,

Die Saiten sind entzwei, ich such' ein neues Spiel,

Das voller Anmuth dort im Marmorkasten schwimmet,

Der Wollust süßer Ton beseelet Geist und Kiel.

Komm Bathseba, mein Licht! Komm Bathseba, mein

Leben!

Mein Lager soll der Brunn, ich deine Quelle seyn.

Es kann dich dieses Bad einst auf den Thron erheben.

Komm, komm, und gieb sofort den zarten Willen drein.


2) von Demselben.



Bathseba an David. (abgekürzt)



Kein Blitz erhellet mehr die schattenreichen Wälder,

Als mich, Durchlauchtigster, dein Schreiben hat beschämt.

Es rannte Scham und Blut durch meiner Wangen Felder.

Gewiß, ich habe mich zu Tode fast gegrämt.

Jch weiß nicht, ob ich werd' ein förmlichs Wort ersinnen;

Es irret Kiel und Hand, es zittert Arm und Fuß.

Es will die Dinte nicht, so wie sie sollte, rinnen,

Weil ich mich allzusehr vor David schämen muß.

Hat meinen Seelenbau der Fürst entblößt gesehen?

Hab ich ihm, wie er schreibt, Brust, Schoos und Haut

entdeckt?

O Himmel! ach wie wird, wie soll mir nun geschehen?

Gewiß, dies Centnerwort hat mich in Tod erschreckt.
|#f0428 : 416|



Jedoch ich kann mich nicht so, wie ich soll, verstellen;

Mein Ungehorsam wär' ein nur verstellter Zwang,

Es mag von mir die Welt ein schlimmes Urtheil fällen,

So sag ich doch: ich bin durch dich vor Liebe krank.

Wer ungehorsam ist, wenn Fürstenaugen winken,

Der weiß nicht, was ein Prinz, und was Verhängniß ist.

Er weiß den Göttertrank der Wollust nicht zu trinken,

Wenn uns ein Heldenmund auf Brust und Wangen küßt.

Jch wünsche dir durch mich ein doppeltes Vergnügen;

Jch wünsche, daß mein Leib auch Perl und Schwan

beschämt.

Kann dieser nur mit Lust in Davids Armen liegen,

So hat sich Bathseba vergebens nur gegrämt.

So bald der Abend wird Burg, Stadt und Feld bedecken,

So mach' ich Leib und Geist von Kleid und Sorgen los.

Alsdann wird Aug' und Fuß sich nach der Höhe strecken,

Und meine Gaben sind die Frucht der glatten Schoos.


3) von Christian Gryphius († 1706).



Der Tempel der keuschen Liebe,

an Herrn * * Hochzeittage. (abgekürzt)



Jch saß, geehrter Freund, nnd wollte dieses Fest,

Das deine Liebe krönt, mit freier Hand bedienen;

Doch weil mich Phöbus nur Cypressen pflanzen läßt,

So konnte keine Blum' auf meinem Pindus grünen.

Jch griff die Saiten an; doch war kein Freudenhall,

Kein angenehmer Ton, kein Brautlied zu verfassen.

Es schien, als wollte mich der stete Trauerschall,

Nach dem ich singen muß, nichts Schönes singen lassen;

Bis mir ein seltner Trieb in Herz und Augen fiel,

Den ich, vertrauter Freund, dir jetzt entdecken will.


Jch war, ich weiß nicht wo, doch gänzlich außer mir,

Jn einer andern Welt, auf angenehmen Höhen;
|#f0429 : 417|



Und sah das schönste Schloß von Jaspis und Porphyr,

Jn einem Cedernhain vor meinen Augen stehen.

Was weiland Rom, Athen und Babel groß gemacht,

War hier weit trefflicherund edler vorgestellet,

Weil reiche Lieblichkeit und wundervolle Pracht

Sich zu der seltnen Kunst und Zierlichkeit gesellet.

Das Auge ward entzückt; die Sinne stimmten ein,

Und schlossen, dieses Werk muß mehr als menschlich seyn.


Jndem ich aber noch an diesem Wunderbau,

Der unvergleichlich war, mich freudenvoll ergötze;

So hör' ich eine Stimm': Auf, Sterblicher, komm, schau,

Wie hoch des Himmels Gunst die reinen Seelen schätze;

Halt aber Augen, Hand, Herz, Ohr' und Zunge rein,

Und zieh dich völlig ab von Venus geilem Triebe;

Hier glänzt ein göttlichs Licht, ein Engelgleicher Schein;

Hier ist, mit einem Wort, der Tempel keuscher

Liebe.

Komm, lerne, daß die Welt und ihr bethörter Wahn

Nicht, wie der Himmel will, die Liebe treiben kann.


Damit bewegte sich das diamantne Thor;

Die Riegel sprangen ab; ich kam in einen Garten,

Der überirdisch war; hier wurden Aug' und Ohr

Mit höchster Lust erquickt; die hundertfachen Arten

Des schönsten Rosenstocks vermählten ihren Glanz

Mit Nelken, Lilien, Violen und Jesminen.

Hier stand kein flüchtiger, kein welker Blumenkranz;

Die sanfte Frühlingsluft war voller Seraphinen;

Die stimmten einen Ton mit Händ' und Lippen an,

Dem sich kein Lautenspiel des Orpheus gleichen kann.


Nachdem ich mich genug an diesem Ort erquickt;

So hieß ein Seraphin mich, über mein Verhoffen,

Noch etwas weiter gehn; wie ward ich hier entzückt;

Jch fand, o schönster Blick! den Tempel selber offen.
|#f0430 : 418|



Was Rubens, Titian und Sandrart dargethan,

Was Raphael, Bernin und Küsel aufgesetzet,

Jst bloßes Schattenwerk; das stolze Vatican

Wird gegen diesen Bau nur wie ein Tand geschätzet.

Hier ist ein solcher Schmuck, dem Gold und Silber

weicht,

Und dem kein Glanz, kein' Pracht der edlen Steine

gleicht.

Jch warf, nicht ohne Furcht, ein Aug' auf das Altar;

Das hatte Fleiß und Kunst aus köstlichen Magneten

Bis in die Höh' geführt, und auf demselben war

Ein immer brennend Feur, das keine Kräfte tödten,

Kein Wasser dämpfen kann, in reinem Porcellan.

Hier läßt, wer stets die Glut des Himmels in dem Herzen

Zu unterhalten sucht, und vor der geilen Bahn

Der Wollust fliehen will, bei den geweihten Kerzen

Sich in ein Bündniß ein, das keinem Tode weicht,

Und Gottes milde Gunst mit Haufen auf sich zeucht.


Hier sah ich dich, mein Freund, mit deiner Liebsten

knien;

Jhr trugt ein weißes Kleid, nebst grünen Lorbeerkränzen;

Der Himmel that sich auf, und wie es damals schien,

So fing der ganze Platz weit schöner an zu glänzen.

Die Flamm' auf dem Altar schlug heller in die Höh;

Jch hörte hin und her viel süße Saiten klingen;

Man wünschte Glück und Heil zu dieser neuen Eh,

Und hieß der Sterne Chor ein nettes Brautlied singen.

Bis endlich dieser Schall, selbst bei dem Saitenspiel,

Aus einer Wolke dir recht in die Ohren fiel:


Nimm hin das fromme Kind, der keuschen Liebe Pfand,

Und lebe wohlvergnügt in tausendfachem Segen,

Bis, nach vollführtem Lauf, der Kindes-Kinder Hand

Euch wird zu gleicher Zeit in Eine Grube legen.
|#f0431 : 419|



Dies ist des Himmels Schluß. Hiermit verschwand das

Licht,

Der Tempel und Altar mit allen Wunderschätzen.

Jch aber dachte bald, dies liebliche Gesicht

Dir, werther Herzensfreund, wohlmeinend aufzusetzen,

Versichert: Trifft der Wunsch nach meinem Willen ein;

So werd' ich ein Prophet, nicht ein Poete seyn!


4) vom Freih. v. Cronegk († 1758).



Er schrieb, wenige Tage vor seinem Tode, auf seinem

Krankenbette, an einen Freund:



Wann sich ein Reimer untersteht,

Und deines Cronegks Asche schmäht;

So sey dein Amt, sein Herz zu rächen!

Hier liegt ein Jüngling, kannst du sprechen,

Der seines Lebens kurze Zeit

Unschuld'ger Musen Scherz geweiht.

Hätt' ihm die Parze läng'res Leben

Und wen'ger Flüchtigkeit gegeben;

So würden seine Schriften rein,

Und kritisch ausgebessert seyn.

Die Nachwelt wird ihn zwar nicht nennen;

Und dies erträgt er ohne Schmerz:

Doch sollte sie sein Herz recht kennen,

So schätzte sie gewiß sein Herz.


5) von Blumauer († 1798).



Brief eines strengen Vaters an seinen

Sohn.



Ein strenger Vater schrieb an seinen Sohn:

„Durch gegenwärt'gen Postillon

Erhältst du einen Beutel, wohlbespicket

Mit Thalern, den dir ─ ohne daß ich's weiß ─
|#f0432 : 420|



Hier deine liebe Mutter schicket.

Nach einem Monat hohlt, wenn du mit Fleiß

Und mit mehr Emsigkeit studirest,

Mit meiner Stutte unsre Magd dich ab.

Besteige sie, sie geht den besten Trab;

Doch hüte dich, daß du sie nicht forcirest.

Von dir ist übrigens die Sage allgemein,

Du könnest nicht ein Wort Latein

Bis Dato sprechen oder schreiben.

Jch sagt' es dir ja immerhin:

Du bist und bleibst ein Eselskopf! „Jch bin

Dein treuer Vater:


Hans von Eiben.“



6) von Karl Wilh. Justi.



An Engelschall. (abgekürzt)



O selig, wem nach Nacht und Stürmen

Entschleiert Gottes Sonne lacht,

Die Wogen sich nun minder thürmen,

Und Ruhe mit dem Tag erwacht:

Doch dreimal selig, wer mit Wonne

Sein Tagewerk vollendet denkt,

Und der entwölkten Abendsonne

Den frohen Blick des Dankes schenkt!

Erkenne dich in diesem Bilde,

Und lächle der Vergangenheit!

Schau froher hin in die Gefilde

Der Zukunft ─ deine Rosenzeit.

Nun blühet Friede deinen Tagen,

Sie fließen sanft und kummerlos;

Denn Edelsinn und Weisheit tragen

Dich lächelnd in Fortuna's Schoos.

Mir aber hätte nicht vergebens

Ein Genius den Kelch des Lebens
|#f0433 : 421|



Gemischt aus Wermuth und aus Wein,

Um weis' und sittlich gut zu seyn;

Und wähnt' ich einsam oft zu gehen,

Verlassen, ohne Schutz und Licht;

So führt' er mich doch ungesehen,

Und gab dem Herzen Zuversicht.

Wohl blühten, Trauter, mir hienieden

Auch Rosen ─ unsrer Jugend Wahn ─

Doch öfter, ach, war mir's beschieden,

Zu wallen auf der Dornenbahn.


Hold schwebst du nun im bleichen Bilde,

Helldüstere Vergangenheit,

Um meinen Geist! Ein Lustgefilde

Scheint mir das Thal der Jugendzeit.

Es hebt mein Geist sich mit der Sonne,

Wenn sie, vom Wolkenflor enthüllt,

Mit neuem Glanz und Himmelswonne

Die ganze weite Schöpfung füllt!


So mahlt sich deinen Seherblicken,

Freund, nach der kurzen Winternacht,

Die Welt in ungeseh'ner Pracht,

Wann einst dein Auge, ganz Entzücken,

Beim Urbild' aller Schönheit weilt.

Und hast du spät das Ziel ereilt,

Dann siehst du deinen Engel winken,

Der dich in Gottes Eden führt,

Wo deine Seele, tief gerührt,

Wird aus der Lebensquelle trinken!


Auch mir ruft einst mein Engel zu, ─

Wann meiner Freunde Zähren fließen,

Und sanft sich meine Augen schließen,

Wie Blumen in der Abendruh;

Die bange Wehmuth, spricht er, schweige!
|#f0434 : 422|



Du, trockne deine Thränen ab;

Am Hügel steht der Wanderstab,

Und wird zum Rosenzweige!


7) von v. Thümmel († 1817).



Der Liebhaber an seine junge Geliebte, mit der er

schon einige Zeit versprochen war.



Du übertreibst, o Freundin meiner Jugend,

Den Reiz der Schaam und Sittsamkeit,

Und in dem Fieber deiner Tugend

Betrügst du dich um Glück und Zeit.

Wie lange willst du noch, wie lange

Das treuste Band der Ehe fliehn,

Und mir zur Qual im kurzen Uebergange

Vom Fräulein bis zur Frau ─ verziehn?

Du hörst mich nicht? Geliebteste! so höre

Doch deiner ersten Mutter Rath;

Sie, die das Maas der jungfräulichen Ehre

Am richtigsten gemessen hat.

Als sie der Herr, mit jedem Reiz umgeben,

Der dich jetzt schmückt, ins Leben rief,

Bewahrte sie dies jungfräuliche Leben

So lange nur, als Adam ─ schlief.


8) von Tiedge.



An Rosalia. (Bruchstück)



─ ─ O Freundin, glaub' an diese Lehre:

Die Tugend ist sich gleich. Du bist

So groß, so gut in deiner Sphäre,

Wenn du sie bis zur kleinsten Leere

Ganz ausfüllst, wie der Seraph ist,

Der freilich eine größre Sphäre,

Jedoch mit Sonnenflügeln mißt.
|#f0435 : 423|



Halbherzigkeit ist augenblicklich,

Jst nur ein Ton, nicht Melodie;

Nicht Eine Tugend, Harmonie

Der Tugenden macht glücklich.

Hier liegt die Kunst, die jeder nennt,

Die hochgepriesne Kunst, zu leben.

Das Leben ist ein Jnstrument,

Von Gott uns in die Hand gegeben;

Von ihm zu Wahrheit und Verstand

Ganz rein gestimmt; nur, Harmonieen

Für Geist und Herz daraus zu ziehen,

Das überließ er unsrer Hand.

Da leiert freilich mancher Stümper

An Geist und Herzen, unserm Ohr

Sein unmelodisches Geklimper

Nicht ohne eignes Bravo vor.

Wie lieblich hallt aus Griechenland

Die edle Harmonie herüber,

Die Sophroniskus Sohn verstand!

Wie, Freundin, oder hörst du lieber

Den Mann von Nazareth, den Mann,

Der für die Tugend starb? Wohlan!

Jch folge dir zur Felsenhöhle,

Wo dieser Göttermuth entschlief,

Der aus der größten Menschenseele

Der Tugend Harmonieen rief,

Ein Leben rief, das durch die Stürme

Des Schicksals so harmonisch floß,

So friedlich, wie es in dem Schirme

Der Zöllnerhütte sich ergoß.

Ein Geist so hell, ein Herz, vom Staube

Der Pilgerschaft so unbestreut,

Vereinen sich zur Göttlichkeit,

An die ich voller Rührung glaube.
|#f0436 : 424|



Und dieser Geist, der sich geweiht

Jm Lebensstral der Wahrheit sonnte,

Jst ein Gestirn, das hell und schön

Hervortritt, um am Horizonte

Der Menschheit herrlich aufzugehn.

Der edle Mann lebt nie vergebens;

Er geht einst, hemmt sich hier sein Lauf,

Nach Sonnenuntergang des Lebens,

Als ein Gestirn der Nachwelt auf.

O blicke zu dem Mann des Strebens,

Mit stiller Andacht blick' hinauf!

Wir sehn ihn unter seinen Freunden,

Ganz Friede, tragende Geduld;

Dort steht er mitten unter Feinden,

Groß, wie der Sieg; sanft, wie die Huld.

Hier predigt er. Mit welcher Weihung

Reißt seiner Lehre Geist und Sinn

Zur Wahrheit seiner Tugend hin!

Dort spricht er göttliche Verzeihung

Herab auf eine Sünderin.

Hier stillt er thränenvolle Klagen,

Und dort verschmäht er einen Thron.

Wer ist der Mann, um für den Lohn

Der Wahrheit Alles das zu tragen?

Er sagt es selbst ─ ein Menschensohn,

Der, weil er anders war und glaubte,

Als ihm des Wahnes Täuschungsspiel

Zu glauben und zu seyn erlaubte,

Zum Opfer seiner Wahrheit fiel.

Er geht, mit ruhiger Erhebung

Zum Himmel, den er selbst sich gab,

Den dunkeln Todesweg hinab;

Sein letztes Athmen spricht Vergebung

Auf seine Peiniger herab.
|#f0437 : 425|



Er fühlt sein Werk. Durch das Getümmel

Der Feind' und durch die Todesnacht

Drängt dies Gefühl mit Göttermacht,

Und strömt in sein: Es ist vollbracht!

Den fürchterlich errungnen Himmel.

O dieser Zauber hält uns fest;

Durchglüht uns, wie ein mildes Feuer;

Er reißt uns fort, daß ihren Schleier

Die Seel' im Fluge fallen läßt,

Und wie in einer Engelfeier,

Wo unter ihr die Sorge wühlt,

Die nahende Vergött'rung fühlt.


9) von Müchler.



Liebesbrief eines Sprachmeisters.



Nein, es genügt dir nicht ein Brief im Substantiv;

Verschönern möcht' ich ihn durch manches Adjectiv;

Zu schwach ertönt mein Lied von deinem Nom'nativ,

Denn meine Muse steht, ach, stets im Genitiv,

Und niemals war für mich Apollo ein Dativ;

O, Holde, sey für mich nie ein Accusativ!

Taub blieb der Musengott bei meinem Vocativ,

Und immer steh' ich nur bei ihm im Ablativ.

Nimm meine Huldigung; denn sie ist positiv,

Und meine Zärtlichkeit kennt keinen Comp'rativ;

Bis zu des Lebens Ziel bleibt sie superlativ.

Welch Glück, erschiene sie dir recht indicativ.

Stell' auf die Probe sie durch den Jmperativ,

Sie übertrifft gewiß den höchsten Optativ.

Jn meinem Herzen bleibt die Lieb' infinitiv;

Und hiermit schließ' dein Knecht in Demuth seinen Brief.
|#f0438 : 426|



10) von Schink.



An das Ding in Kiel.

(Aus dem Liter. Merkur, 1820. St. 99.)



Du sprichst von Christenthum, und willst ein Lutherthum

Nach deiner Mache darauf gründen?

Blödsinniger, du lästerst Luthers Ruhm,

Und ladest auf ihn deine Sünden.

Er wollte Licht, du willst die Finsterniß;

Er löste, wie sein Herr und Meister,

Von Knechtschaft die gefangnen Geister;

Du stürztest gern, wärst du des Siegs gewiß,

Zurück ins Joch die Freigewordnen wieder,

Und schleudertest, wie der in Rom

Einst vor Jahrhunderten, aus Peters heilgem Dom,

Gern Jnterdict und Bannstral nieder;

Wärst gern, wie er, dreifach gekrönt

Mit obermönchischer Tiare,

Jn deinem schwarzen Amtstalare

Kiels Papst. Dein blinder Wahn verhöhnt

Das heiligste der Menschenrechte,

Des Geistes Freiheit, die Vernunft.

Nicht Christen machst du, Priesterknechte,

An Christus Glauben nicht, an dich und deine Zunft.

Und wähnest du, es werde dir gelingen,

Zurück zu führen Nacht ins helle Reich des Lichts?

Du irrst dich, Päpstlein, irrst! Die Nacht wird dich

verschlingen,

Und die Tiare, die du faselst zu erringen,

Ein Strohkranz ist sie ─ weiter nichts!


64.

c) Die dichterische Schilderung.


Obgleich die schöpferische Einbildungskraft überhaupt |#f0439 : 427|



daran erkannt wird, daß sie die ihr vorschwebenden

Gegenstände schildert, indem sie jeden einzelnen

Theil der dargestellten Form unter bestimmten

und lebensvollen Umrissen zeichnet und die Gesammtheit

dieser Theile zur Einheit der ästhetischen Form

erhebt; so giebt es doch auch eine selbstständige Gattung

der Dichtkunst, die dichterische Schilderung,

durch welche entweder die Erscheinungen

des äußern, oder die Erscheinungen des innern

Sinnes, nach dem innerhalb des Gefühls wahrgenommenen

nothwendigen Zusammenhange zwischen

diesen Erscheinungen, gleich einer plastischen Form,

zu einer in sich abgeschlossenen (objectiven) Einheit

ausgeprägt werden. ─ Denn dem Dichter erscheint

eben so die Natur- und Menschenwelt, wie die

Geisterwelt und die Kunstwelt, als ein in sich abgeschlossenes

vollendetes Ganzes. Schildert er daher,

im Drange seiner Gefühle, die Erscheinungen der

Natur (z. B. Opitz den Vesuv, Haller die Alpen,

v. Kleist den Frühling, Zachariä die Tageszeiten,

Kosegarten Arkona, v. Matthisson den

Genfersee &c.); oder schildert er menschliche Formen,

oder die Regungen der Liebe; so dürfen sie nicht blos

nach ihren Einzelnheiten, sie müssen vielmehr nach

ihrer innigen und unauflöslichen Verbindung zu

kleinern oder größern sinnlichen Ganzen dargestellt

werden. So entstehen im Gebiete der Dichtkunst

die Naturgemählde, nach der Aehnlichkeit verwandter

Kunstformen in der Mahlerei und Bildnerei.



Auf gleiche Weise gestaltet die schöpferische

Einbildungskraft des Dichters die Ankündigungen

und Erscheinungen der übersinnlichen Welt in

seinem Jnnern zu einer in sich abgeschlossenen Schilderung,

in welcher die einzelnen Theile (Jndividuen, |#f0440 : 428|



Geister, Thatsachen u. s. w.) zwar als besondere

Glieder des Ganzen mit Bestimmtheit erkannt, zugleich

aber auch nach ihrem Verhältnisse zu dem mit

hoher Lebendigkeit und Kraft gehaltenen und durchgeführten

ästhetischen Ganzen versinnlicht werden.

(So v. Schiller die Götter Griechenlands, Manso

die Jnseln der Seligen, v. Matthisson Elysium,

Jean Paul viele Naturgemählde, Träume u. a.)



Wenn nun auch die einzelne dichterische

Schilderung, je nachdem sie entweder die Versinnlichung

unmittelbarer Gefühle, oder die Versinnlichung

von Gefühlen enthält, die bald durch Jdeen

der Vernunft, bald durch Thatsachen der Vergangenheit,

bald durch Stoffe aus der Mythologie und

Geisterwelt veranlaßt werden, entweder der lyrischen,

oder der didactischen, oder der epischen Form der

Dichtkunst angehört; so kann doch, eben wegen der

großen Verschiedenheit des Ursprungs und der Anregung

der individuellen Gefühle, welche der dichterischen

Schilderung zum Grunde liegen, diese höchst

vielseitige dichterische Form nur in der Ergänzungsklasse

dichterischer Formen aufgeführt werden.



65.

Beispiele derselben.


1) von Jacob Schwieger († nach 1665).



(Aus s. geharnschten Venus, die er Hamb. 1660

unter dem Namen: Filidor der Dorfferer,

herausgab.)



Es ist ein Ort in düstrer Nacht,

Wo Pech und blauer Schwefel brennet,

Deß hohler Schlund nie wird erkennet,

Als wenn ein Blitz ihn heiter macht;
|#f0441 : 429|



Mit Schlamm und schwarzen Wasserwogen

Jst sein verfluchter Sitz umzogen.


Megära denkt da Martern aus

Mit ihren Schwestern, denen Schlangen

Um die vergift'ten Schläfen hangen;

Dort ist die Grausamkeit zu Haus;

Dort wohnet Neid und Widerwillen,

Man höret da des Cerbers Brüllen.


Jxions Marterrad ist da,

Und Tantalus, zum Durst verbannet;

Der Tityus steht ausgespannet,

Und wünscht, sein Ende wäre nah.

Dort sind die ausgehöhlten Fässer

Jn Lethens dunklem Todgewässer.


Zu dieser Höhlen ist bestimmt,

Wer mit der zarten Liebe spottet.

Wer gegen Amor auf sich rottet,

Und wilder Venus Waffen nimmt,

Treibt mit Verliebten Scherz und Possen,

Wird hier in Ketten eingeschlossen.


Hingegen ist ein grünes Thal,

Wo die beblümten Weste kühlen;

Hier höret man von Saitenspielen,

Von Lust und Freuden ohne Zahl;

Die Felder blühn in bunten Nelken

Und Rosen, welche nie verwelken.


Hier wehet eine Zimmetluft;

Man höret hier ohn' Ende schallen

Den Schlag der muntern Nachtigallen;

Hier ist kein Frost, kein Nebelduft;

Kein Blitz, kein Donnerschlag, noch Regen,

Zieht schwarzen Wolken hier entgegen.
|#f0442 : 430|



Hier ist ein milder Liebesstreit;

Das junge Volk spielt mit Jungfrauen

Auf Elis bunten Silberauen;

Scherz, Liebe, Lust und Fröhlichkeit,

Vergnügung, Ruh und süßes Lachen

Verkürzt ihr unaufhörlichs Wachen.


Wohl dem, der sich der Lieb' ergiebt!

Der wird, bekrönt mit Myrthenkränzen,

Genießen dieses kurzen Lenzen;

Wohl dem, der keusch und treulich liebt!

Jhn wird mit Sieg, Triumph und Singen

Der bleiche Charon überbringen.


2) von Georg Schottel († 1676).



(Bruchstück aus „der nunmehr hinsterbenden

Nymphen Germaniae elendesten Todesklage
“,

Braunschw. 1640. 4., wo er die Geister

der teutschen Vorfahren redend einführt.)



─ Soll dieses Teutschland seyn? So würden sie

wohl sagen,

Das alte Vaterland, worinnen wir geschlagen

Und donnergleich erlegt, wer nur kam übern Rhein?

Hie ist das Land ja nicht; es kann gewiß nicht seyn.

Es muß sein Scytherland, der Tartaren Gebiete,

Ein Land voll Grimmigkeit, erfüllt mit Höllen Wüte.

Es ist die Barbarei, da wilde Drachen seyn.

Sie speien Feur, auf daß sie selbst sich äschern ein.

Nein, es muß Teutschland seyn! Die Sternen uns nicht

trügen.

Der Rhein und Elb' ist hie; die Luft selbst kann nicht lügen.

Der blau schwarz dicke Harz; schaut, hie ist noch der Ort,

Da Varus biß ins Gras. Die Donau läuft noch fort.

Hier wurden von der See die Leiber angetrieben,
|#f0443 : 431|



Nachdem der Römer Volk samt tausend Schiffen blieben,

Hier hielt Germanicus! Dort floh hin der Cäcin!

Der Menschenwürger auch, der Cäsar, zog hier hin!

Es ist das Land, da wir gebohren und erzogen,

Und mit der ersten Milch die Tugendlust gesogen.

Es wird ohn Zweifel seyn von Grund auf umgekehrt.

Wir sehens überall verwüstet und verheert,

Der Gallier Gesind, das sehen wir bei Haufen.

Dort tritt ein Wälscher her. Schau, wie sie herrisch laufen

Die Spanier, recht aus Trotz! Hier zieht ein Schotte an;

Ein Schwede und ein Finn steht dort beim Engelsmann.

Ein Unstern böser Art muß haben dir geleuchtet;

Ein giftig reicher Thau hat durch und durch befeuchtet

Dich, liebstes Vaterland; bist du nun so veracht,

Erbettelst Recht und Schutz vom Glück' und fremder Macht!


3) von v. Hoffmannswaldau († 1679).



Lobrede auf das liebwertheste Frauenzimmer.

(Bruchstück)



Hochwerthes Jungfernvolk, ihr holden Anmuths-Sonnen,

Jhr auserwählter Schmuck, der Haus und Gassen ziert.

Wer ist so steinern, der euch nicht hat liebgewonnen?

Und welchen habt ihr nicht mit Fesseln heimgeführt?

Wer ist so kühn, der darf vor eure Augen treten,

Wenn ihr die Waaren habt der Schönheit ausgelegt?

Wer will euch, Liebste, nicht als einen Gott anbeten,

Weil ihr das Bildniß seyd, das Venus selbst geprägt.

Jedoch ich will nur blos ein Theil von dem berühren,

Mit welchem die Natur euch herrlich hat versehn.

Der Sinnen Schiff soll mich in solche Länder führen,

Wo auf der See voll Milch nur Liebeswinde wehn.

Die Brüste sind mein Zweck, die schönen Marmorballen,

Auf welchen Amor ihm ein Lustschloß hat gebaut;

Die durch das Athemspiel sich heben und auch fallen,
|#f0444 : 432|



Auf die der Sonne Gold wohlriechend Ambra thaut.

Sie sind ein Paradies, in welchem Aepfel reifen,

Nach deren süßer Kost jedweder Adam lechzst,

Zwei Felsen, um die stets des Zephyrs Winde pfeifen,

Ein Garten schöner Tracht, wo die Vergnügung wächst;

Ein überirdisch Bild, dem alle opfern müssen,

Ein ausgeputzt Altar, vor dem die Welt sich beugt;

Ein krystalliner Quell, aus welchem Ströme fließen,

Davon die Süßigkeit den Nektar übersteigt.

Sie sind zwei Schwestern, die in Einem Bette schlafen,

Davon die eine doch die andre keinmal drückt;

Zwei Kammern, welche voll von blanken Liebeswaffen,

Aus denen Cypripor die goldnen Pfeile schickt.

Sie sind ein zäher Leim, woran die Sinne kleben;

Ein Feuer, welches macht die kältsten Herzen warm;

Ein Bezoar, der auch Entseelten giebt das Leben;

Ein solcher Schatz, vor dem das Reichthum selbst ist arm.

Ein kräftigs Himmelsbrod, das die Verliebten schmecken;

Ein Alabasterhaus, so mit Rubinen prahlt;

Ein süßer Honigseim, den matte Seelen lecken;

Ein Himmel, wo das Heer der Liebessterne strahlt;

Ein scharf geschliffen Schwert, das tiefe Wunden hauet,

Ein Rosenstrauch, der auch im Winter Rosen bringt;

Ein Meer, worauf man der Sirenen Kräfte schauet,

Von denen das Gesäng bis in die Seele dringt.

Sie sind ein Schneegebirg, in welchem Funken glimmen,

Davon der härtste Stahl wie weiches Wachs zerfleußt;

Ein wasserreicher Teich, darinnen Fische schwimmen,

Davon sich sattsam ein verliebter Magen speist.

Sie sind der Jugend Lust, und aller Kurzweil Zunder,

Ein Kranz, in welchem man die Keuschheitsblume sieht;

Sie kürzen Langezeit, und stiften eitel Wunder,

Weil beides Glut und Schnee auf ihrem Throne blüht.

Sie sind ein Blasebalg, ein Feuer aufzufachen,
|#f0445 : 433|



Das durch kein Mittel nicht kann werden ausgelöscht.

Zwei Beete, wo Rubin und Marmel Hochzeit machen,

Wo süße Mandelmilch der Rosen Scharlach wäscht.

Ein werthes Heiligthum, das keusche Lippen küssen,

Vor dem sich Herz und Knie in tiefster Demuth neigt;

Ein Meer, aus dem sich Lust und Lieblichkeit ergießen;

Ein Bergwerk, dessen Grund zwei Demantsteine zeigt. u. s. w.


4) von v. Lohenstein († 1683).



Siegeskranz der auf dem Schauplatze der

Liebe streitenden Röthe.
(abgekürzt)



Schwarz.



Jhr Schwestern, unser Glanz führt in sich Anmuthsquellen,



Nährt Zunder reiner Brunst, hat Oele süßer Glut.

Doch können wir uns nicht in gleichen Reihen stellen;

Der steht der Vorzug zu, die größte Wunder thut.

Welch Richter soll nun nicht für mich sein Urtheil fällen?

Mein Stral zermalmet Erz, macht brennend Eis und Flut.

Wenn kalte Seelen soll'n der Liebe Wirkung fühlen,

Muß mein liebäugelnd Blitz aus meinen Wolken spielen.


Weiß.



Kein düstrer Schatten gleicht sich hellen Sonnenstralen;

Mein Glanz tilgt deinen Dunst, mein Schimmer deine

Nacht.

Der schöne Himmel muß mit meinem Silber prahlen;

Schau, wie die weiße See mit meinen Perlen lacht.

Narziß und Lilie muß den Schoos der Erde mahlen;

Was schön ist in der Welt, wird weiß ans Licht gebracht.

Aus der verspritzten Milch der Juno mußten werden

Die Milchstraß' im Gestirn, und Lilien auf der Erden.


Roth.



Gebt Schwestern mir den Preis im holden Liebeskriege;

Der Liebe Glut läßt sich in Schnee nicht hüllen ein.
|#f0446 : 434|



Die Purpurmuschel war der Venus erste Wiege;

Cupido muß gesäugt mit rothen Flammen seyn.

Selbst die Natur steckt aus Merkmale meiner Siege,

Des Himmels Garten blümt der Sterne rother Schein.

Mit Rosen prangt die Welt, das Wasser mit Korallen,

Wenn alle drei verliebt einander woll'n gefallen.


Schwarz.



Sagt, wie ihr dort und da geborgte Farben nehmet;

Wenn ihr entfärbt seyd, scheint mein nie erbleichend Licht.

Der Schnee erblaßt vor mir, die Röthe steht beschämet,

Wenn ein verliebter Stral aus schwarzen Augen bricht.

Aus diesen Wolken wird der Liebe Blitz gesämet;

Es fährt aus heller Luft, aus Regenbogen nicht.

Der Liebe Zeughaus ist in diese Nacht gebauet,

Wo man mehr Sonnenschein, als nicht am Tage, schauet.


Weiß.



Wenn meine Lilien gleich nicht woll'n den Rosen weichen,

Da, wo die Braut von sich der Liebe Samen streut;

So muß mein Silber doch nur vor der Röth' erbleichen,

Wo ihren reinen Geist der süße Trieb erfreut.

Jedoch ich werde noch des Ruhmes Zweck erreichen,

Wenn, süßes Paar, mein Trieb euch noch was Lust verleiht.

Weil sich mein Schnee nicht wird von euern Gliedern

trennen,

Wird süßer Liebesreiz in euern Herzen brennen.


Roth.



Kommt, Schwestern, kränzet mich mit Ros- und Myrthen=Zweigen;



Komm, Venus, opfere den goldnen Apfel mir.

Weil meine Flamme muß die Liebesfackel zeugen;

So zieht ihr Nymphen mich jetzt allen Farben für.

Es kann die keusche Braut nicht meinen Trieb verschweigen,



Der Wangen Röthe mahlt den Liebsten ab in ihr.
|#f0447 : 435|



Ja morgen wird die Braut durch Schamröth' uns entdecken,

Daß starke Liebeskraft im Rothen müsse stecken.


5) von Joh. Nic. Götz († 1781).



Die Welt.



Die Welt gleicht einer Opera,

Wo jeder, der sich fühlt,

Nach seiner lieben Leidenschaft

Des Lebens Rolle spielt.

Der Eine steigt die Bühn' hinauf

Mit einem Schäferstab;

Ein Andrer, mit dem Marschallsstab,

Sinkt, ohne Kopf, herab.

Wir armer guter Pöbel stehn

Verachtet, doch in Ruh,

Vor dieser Bühne, gähnen oft,

Und sehn der Fratze zu.

Die Kosten freilich zahlen wir

Fürs ganze Opernhaus;

Doch lachen wir, mißräth das Spiel,

Zuletzt die Spieler aus.


6) von Gotter († 1797).



Die Neuvermählte an ihrem Hochzeitballe.



Leicht schwebt durch die Reihen, die staunend sich trennen,

Leicht schwebt sie am Arme des Liebenden hin,

Gott Hymens jüngste Priesterin.

Kaum wagen's die Mädchen, sie Schwester zu nennen;

Mit forschenden Blicken und trauterem Sinn

Umarmen die Weiber die neue Geweihte;

Die Männer beneiden dem Sieger die Beute;

Den Jünglingen drängen, im Taumel der Lust,

Sich Seufzer der Sehnsucht aus klopfender Brust.
|#f0448 : 436|



So feiert, im Schauspiel, das Jauchzen der Menge,

Bewillkommnen Tänze, begrüßen Gesänge

Ein glückliches Paar, im entscheidenden Act.

O schwebt, von gefühlvollen Zeugen umgeben,

So leicht und harmonisch auf Blumen durchs Leben;

Den Ton gebe Freundschaft, und Liebe den Tact!


7) von Schubart († 1791).



Die Messiade.



Willst du dich auf gen Himmel schwingen,

Und hören, was die Engel singen,

Und hören, was Jehova spricht;

So lies dies himmlische Gedicht!


Willst du den Mittler hangen sehen,

Ach, auf des Schädelberges Höhen,

Mit jammerbleichem Angesicht;

So lies dies christliche Gedicht!


Willst du in Glut und Schwefelmeeren

Das Brüllen der Satane hören,

Gedrückt vom Fluch und vom Gericht;

So lies dies schreckliche Gedicht!


Willst du gesalbte Männer, Frauen,

Und Mädchen, gleich den Engeln, schauen,

Getreu der gottgeweihten Pflicht;

So lies dies heilige Gedicht!


Willst du, bei Harmonie der Sphären,

Die teutsche Sprache donnern hören

Mit felsensplitterndem Gewicht;

So lies dies Vaterlandsgedicht!


Willst du in süßen Sympathieen,

Voll Ahnung jenes Lebens, glühen,

Und wünschen, daß dein Auge bricht;

So lies dies göttliche Gedicht!
|#f0449 : 437|



8) von Jean Paul.



─ Die Pyrenäen ruhten groß, halb in Nächte,

halb in Tage gekleidet, um uns, und bückten sich nicht,

wie der veraltende Mensch, vor der Zeit, sondern erhoben

sich ewig, und ich fühlte, warum die Alten die Gebirge

für Giganten hielten. Die Häupter der Berge

trugen Kränze und Ketten von Rosen aus Wolken gemacht.

Aber so oft sich Sterne aus dem leeren tiefen

Aethermeere herausdrängten, und aus den blauen Wolken

glänzten; so erblichen Rosen an den Bergen und

fielen ab. Nur das Mittagshorn schaute, wie ein höherer

Geist, lange der tiefen einsamen Sonne nach und

glühte entzückt. Ein tieferes Amphitheater aus blühenden

Citronenbäumen zog uns mit Wohlgerüchen auf die

eingehüllte Erde zurück, und machte aus ihr ein dunkles

Paradies. Und die Nachtigallen wachten in den Rosenhecken

am Wasser auf, und zogen mit den Tönen ihres

kleinen Herzens tief in das große menschliche. Und

glimmende Johanniswürmchen schweiften um sie von

Rose zu Rose; und im spiegelnden Wasser schwebten nur

fliegende Goldkörner über gelbe Blumen. ─ Aber da

wir gen Himmel sahen, schimmerten schon alle Sterne,

und die Gebirge trugen, statt der Rosenketten, ausgelöschte

Regenbogen, und der Riese unter den Pyrenäen war

statt der Rosen mit Sternen gekrönt. ─ O müßte dann

nicht jeder entzückten Seele seyn, als falle von der gedrückten

Brust die irdische Lust, als gebe uns die Erde

aus ihrem Mutterarme reif in die Vaterarme des unendlichen

Genius, ─ als sey das leichte Leben verweht?

─ Wir kamen uns wie Unsterbliche, und erhabener vor;

wir wähnten, das Sprechen über die Unsterblichkeit habe

bei uns den Anfang der unsrigen bedeutet.

|#f0450 : 438|



9) von Oehlenschläger.



Johannes in der Wüste.



Fort, fort, ihr Otterngezüchte, fort!

Verpestet mit Nebeln nicht die heilige Luft!

Fort! Suchet im Moore den Wohnungsort!

Nistet tief, tief in der Felsenkluft!

Aber fort, daß der Blüthenduft

Samenschwanger befruchte den Ort.

Flieht, gehorcht meinem Wort.


Jn euern Nebeln nistet nur Laster und Tod;

Jhr verschleiert das steigende Morgenroth,

Erstickt, wie Herodes, die Kindelein,

Damit der Heiland nicht soll gedeihn.

Aber er gedeiht! ich künd' es euch an.

Fort! daß er wachsen und blühen kann!


Brauset, ihr Eichen, und schüttelt das lockige Haar.

Krachet tief in die mächtigen Wurzeln hinein;

Laut will ich zornig im Winde schrein,

Damit das Gesindel verzage gar.


Es sterbe, was nicht befördert des Lebens Heil.

An Baumes Wurzel lieget das Beil,

Und welcher Baum der nicht gedeiht ─

Den hau' ich um und werf' ihn weit;

Weit, ohn' alle Barmherzigkeit!


Fort vom Ort!

Jhr Schlangen, ihr Molch', ihr Kröten!

Bald wird Sonne die Luft erwärmen, erröthen,

Wecken im Waldsgrün unzählige Flöten,

Euch mit euern Dünsten tödten.

Darum flieht

Weit vom Gebiet.

Fort, gehorcht des Zornes Lied!
|#f0451 : 439|



10) von Ludw. Tieck.



Bruchstück aus der „Frühlingsreise.



─ Nie vergißt der Frühling wieder zu kommen,

Wenn Störche ziehn, wenn Schwalben auf der Wiese sind.

Kaum ist dem Winter die Herrschaft genommen;

So erwacht und lächelt das goldne Kind.


Dann sucht er sein Spielzeug wieder zusammen,

Das der alte Winter verlegt und verstört;

Er putzt den Wald mit grünen Flammen,

Der Nachtigall er die Lieder lehrt.

Er rührt den Obstbaum mit röthlicher Hand;

Er klettert hinauf die Aprikosenwand;

Wie Schnee die Blüthe noch vor dem Blatt ausdringt;

Er schüttelt froh das Köpfchen, daß ihm die Arbeit gelingt.


Dann geht er, und schläft im waldigen Grund,

Und haucht den Athem aus, den süßen;

Um seinen zarten rothen Mund

Jm Grase Viol' und Erdbeer sprießen.

Wie röthlich und bläulich lacht

Das Thal, wann er erwacht!


Jn den verschloßnen Garten

Steigt er über's Gitter in Eil,

Mag auf den Schlüssel nicht warten;

Jhm ist keine Wand zu steil.


Er räumt den Schnee aus dem Wege,

Er schneidet das Buxbaum-Gehege,

Und feiert auch am Abend nicht;

Er schaufelt und arbeitet im Mondenlicht.


Dann ruft er: wo säumen die Spielkameraden,

Daß sie so lange in der Erde bleiben?

Jch habe sie alle eingeladen,

Mit ihnen die fröhliche Zeit zu vertreiben.
|#f0452 : 440|



Die Lilie kommt und reicht die weißen Finger;

Die Tulpe steht mit dickem Kopfputz da;

Die Rose tritt bescheiden nah,

Aurikelchen und alle Blumen, vornehm und geringer.


Der bunte Teppich ist nun gestickt:

Die Liebe tritt aus Jasminlauben hervor.

Da danken die Menschen, da jauchzt der Vögel ganzes Chor;

Denn alle fühlen sich beglückt.


Dann küßt der Frühling die zarten Blumenwangen,

Und scheidet und sagt: ich muß nun gehn;

Da sterben sie alle an süßem Verlangen,

Daß sie mit welken Häuptern stehn.


Der Frühling spricht: Vollendet ist mein Thun,

Jch habe schon die Schwalben herbestellt,

Sie tragen mich in eine andre Welt;

Jch will in Jndiens duftenden Gefilden ruhn.


Jch bin zu klein, das Obst zu pflücken,

Den Stock der schweren Traube zu entkleiden,

Mit der Sense das goldene Korn zu schneiden;

Dazu will ich den Herbst euch schicken.


Jch liebe das Spielen, bin nur ein Kind,

Und nicht zur ernsten Arbeit gesinnt;

Doch wenn ihr des Winters überdrüssig seyd,

Dann komm' ich zurück zu eurer Freud',

Die Blumen, die Vögel, nehm' ich mit mir,

Wann ihr erntet und keltert, was sollen sie hier?

Ade! Ade! ist die Liebe nur da,

So bleibt euch der Frühling ewiglich nah!


11) von Schink.



Tyrannentod.



Das Angesicht vom Schrecken bleich,

Von Nacht das Aug' umgeben,
|#f0453 : 441|



Lag ein Tyrann in kaltem Schweis,

Und rang mit Tod und Leben.

Starr stand das Hofgesind' um ihn,

Still, wie des Grabes Höhle.

Er aber zuckte, röchelte,

Und sträubend floh die Seele.


Als sie empor fuhr, schwebt' auf sie

Mit blutigem Gefieder

Aus düsterm, nächtlichem Gewölk

Ein Todesengel nieder.

Dem hochgeschwungnen Schwert entfuhr

Ein ganzes Meer von Flammen.

„Mir nach ─ erscholl des Rächers Ruf ─

Und höre dich verdammen!“


Sie folgte. Abermals rief's laut:

„Hier weile! Dir vorüber

Gehn deines Lebens Thaten jetzt,

Sieh, und verzweifle drüber.

Der Spiegel der Vergangenheit

Sinkt deinen Augen nieder,

Und jede That des Unrechts kehrt

Jn dein Gedächtniß wieder!“


Also geschah's. Geschändeter,

Erwürgter Unschuld Jammer;

Entweihete Mysterien

Jn stiller Tugend Kammer;

Hier eine Kindesmörderin,

Dort, zugesellt den Todten,

Ein überschmeichelt treues Weib

Umschwebten den Despoten.


Dann sah er sich auf seinem Thron,

Und an des Thrones Füßen

Ein bleiches ausgemergelt Volk
|#f0454 : 442|



Für seine Prachtsucht büßen.

Er trank der Unterthanen Fleiß

Aus funkelnden Pokalen,

Fraß seines Landes fettes Mark

Bei seinen Königsmahlen!


Sah ein unendlich Leichenfeld

Jm ungerechten Kriege;

Vernahm des Elends Angstgeschrei

Bei jedem seiner Siege;

Geheul um ihn, und Ströme Bluts,

Und Schädel, halb gebrochen,

Wollt' er entfliehn, und stürzt', und sank

Bleich unter Todtenknochen.


„Verdammt, rief jeder Schädel laut.

Fluch, rauschte jede Welle

Des Blutstroms um ihn, Ungeheu'r!

Hinab, hinab zur Hölle!“

Er stürzt, umzischt vom Rächerschwert,

Umblitzt von seinen Flammen;

Und alle Knochen rasselten

Hoch über ihm zusammen!


66.

d) Die Parabel und Paramythie *.


Die Parabel enthält die Darstellung einer

Handlung, die das Sinnbild einer höhern Wahrheit

der Vernunft oder eines sittlichen Grundsatzes

*

Die Allegorie und Vision, die, als selbstständige

dichterische Ganze betrachtet, auch hier aufgeführt

werden konnten, sind bereits, in der Lehre von

den Tropen, Th. 1. S. 461 und 465 theoretisch

und practisch erläutert worden.
|#f0455 : 443|



in sich einschließt, unter der Einheit einer vollendeten

ästhetischen Form. So wie das Gleichniß aus

einer fortgesetzten und durchgebildeten Vergleichung

entsteht; so die Parabel aus einem völlig durchgebildeten

Gleichnisse. Sie trägt den Charakter des

Epischen, weil sie eine Handlung in den Mittelpunct

der Darstellung stellt; allein sie ist auch der didactischen

und lyrischen Dichtkunst nahe verwandt, weil

sie die Handlung nicht ihrer selbst wegen, wie der

epische Dichter, sondern als Versinnlichung einer

Vernunftwahrheit oder eines ewig gültigen Grundsatzes

der Sittlichkeit, unter der bildlichen Hülle

darstellt, und weil dieser von der selbstthätigen Einbildungskraft

bewirkten freien Versinnlichung eine

hohe Bewegung des Gefühlsvermögens zum Grunde

liegt, ohne welche die Parabel überhaupt nicht das

Gepräge der Dichtkunst tragen könnte. Dadurch

unterscheidet sich denn auch die Parabel wesentlich

von der Allegorie und der Fabel. Denn die Allegorie

(Th. 1. S. 461) nennt den eigentlichen Gegenstand,

der versinnlicht werden soll, nicht selbst,

sondern läßt ihn unter einem ihm völlig entsprechenden

Bilde erscheinen; auch ist es nur zufällig, wenn

die Allegorie eine Vernunftwahrheit oder einen sittlichen

Grundsatz versinnlicht, weil sie auf gleiche

Weise auch das Gegenbild von etwas Mythischen,

Geschichtlichen u. s. w. ästhetisch vollendet aufstellen

kann. Noch bestimmter unterscheidet sich die Parabel

von der Fabel (§. 49.), deren eigenthümlicher

Charakter auf der Versinnlichung menschlicher Handlungen

und Zustände in dem, der menschlichen Freiheit

verwandten, Kreise des Jnstinkts beruht.



Die Paramythie, von Herder mit diesem

Namen belegt, und (in s. zerstreuten Blättern) |#f0456 : 444|



in vielen gelungenen Formen ausgeprägt, enthält die

ästhetisch vollendete Darstellung eines Jndividuums,

einer Begebenheit, oder einer Handlung, die den

orientalischen oder griechischen Mythen des Alterthums

angehören, mit einer modernen Deutung und

Beziehung. Die Paramythie hat durchgehends eine

epische Unterlage; allein gewöhnlich waltet in ihr

der Ton des Gefühls noch stärker vor, als in der

Parabel.



Beiden, der Parabel und Paramythie, ist es

wesentlich, daß ihr Ausdruck natürlich, einfach und

ungekünstelt sey, damit auch der Verstand und das

Gefühl des Volkes und der Jugend den gemeinten

Gegenstand, oder die versinnlichte Wahrheit, unter

der sinnbildlichen Hülle sogleich wiedererkenne, und

diese, vermittelst der vollendeten ästhetischen Form,

einen desto tiefern Eindruck auf das Gefühlsvermögen

hevorbringe.



67.

Beispiele der Parabel und Paramythie.


a) der Parabel.



1) von Krummacher.



Der Blinde.



Ein Blinder stand mit aufgerichtetem Haupte in den

Stralen der milden Frühlingssonne. Jhre Wärme durchströmte

seine Glieder, und ihr Glanz senkte sich auf die

dunkeln Globen seines Angesichts, das er unverwandt

ihr darbot.



O du unbegreifliches Lichtmeer! rief er aus, du Wunder

der allmächtigen Hand, die dich erschuf, und auf

deiner herrlichen Bahn dich leitet. Aus dir strömet ewige |#f0457 : 445|



Fülle, Leben und Wärme, und nie versieget deine Kraft!

Wie groß muß der seyn, der dich gebildet hat!



So sprach der blinde Mann. Seine Rede vernahm

ein Anderer, der neben ihm stand. Und es befremdeten

ihn die Worte des Blinden. Deshalb begann er und

fragte: Wie kannst du das Gestirn des Tages bewundern,

und siehest es nicht?



Da antwortete der Blinde und sprach: Eben darum,

mein Freund. Seit das Licht meiner Augen verdunkelt

und der Glanz der Sonne mir verschlossen ward, nahm

ich sie in meine Seele auf! Jedes Gefühl ihrer Nähe

lässet sie in mir selbst aufgehen, und ihren Glanz in

meinem Jnnern leuchten. Jhr aber schauet sie nur, wie

alles, was ihr täglich sehet, mit leiblichem Auge!



2) von Hamann.



Frage und Antwort.



„Wie kömmt's doch, daß von allen Blumen, die

Auf Feld und Anger blühn, so wenig nur

Den Wohlgeruch, den süßen Duft uns weihn,

Der dieses Veilchen hier so werth uns macht?

Sie trinken alle doch denselben Thau,

Denselben Stral der Sonne und des Monds;

Sie sprossen alle ja aus Einem Schoos,

Und Eine Mutter ist es, die sie nährt!“ ─

So sprach der Jüngling zu dem weisen Mann.

„Wie kommt's, mein Sohn, erwiedert der, daß von

Den Menschen nicht ein Jeder Wohlgeruch

Zum Himmel schickt durch edle, gute That?

Hat die Natur doch Keinen je versäumt!

Es leuchtet Jedem ja die Sonne mild,

Und milder noch der Mond. Für Jeden schmückt

Die Erde sich mit goldner Frucht. Es wölbt
|#f0458 : 446|



Für Jeden sich der blaue Aether, weht

Mit kräft'gem Lebenshauch um seine Stirn.

Es flimmert Jedem doch der Stern des Rechts,

Und Jedem schallt die Stimme des Gefühls!“


b) der Paramythie.



1) von v. Herder.



Der sterbende Schwan.



„Muß ich allein denn stumm und gesanglos seyn?

sprach seufzend der stille Schwan zu sich, und badete

sich im stillen Glanze der schönsten Abendröthe; beinahe

ich allein im ganzen Reiche der gefiederten Schaaren.

Zwar der schnatternden Gans und der gluckenden Henne

und dem krächzenden Pfau beneide ich ihre Stimmen

nicht; aber dir, o sanfte Philomele, beneide ich sie,

wenn ich, wie festgehalten durch dieselbe, langsamer

meine Wellen ziehe, und mich im Abglanze des Himmels

trunken verweile. ─ Wie wollte ich dich singen, goldene

Abendsonne! dein schönes Licht und meine Seligkeit

singen, mich in den Spiegel deines Rosenantlitzes

niedertauchen und sterben.“



Stillentzückt tauchte der Schwan nieder, und kaum

hob er sich aus den Wellen wieder empor, als eine leuchtende

Gestalt, die am Ufer stand, ihn freundlich zu sich

lockte. Es war der Gott der Abend=und Morgensonne,

der schöne Phöbus. „Keusches, liebliches Wesen, sprach

er, die Bitte ist dir gewährt, die du so oft in deiner

verschwiegenen Brust nährtest, und sie konnte dir nicht

eher gewährt werden.“



Kaum hatte er das Wort gesagt; so berührte er den

Schwan mit seiner Leier, und stimmte auf ihr den Ton

der Unsterblichen an. Entzückend durchdrang der Ton

den Vogel Apollo's, und aufgelöset und ergossen sang |#f0459 : 447|



er in die Saiten des Gottes der Schönheit, dankbar

froh besingend die schöne Sonne, den glänzenden See,

und sein unschuldiges seliges Leben. Sanft, wie seine

Gestalt, war das harmonische Lied; lange Wellen zog

er daher in süßen entschlummernden Tönen, bis er

sich ─ im Elysium wieder fand, am Fuße des Apollo

in seiner wahren himmlischen Schönheit. Der Gesang,

der ihm im Leben versagt war, war sein Schwanengesang

geworden, der sanft seine Glieder auflösete; denn

er hatte den Ton der Unsterblichen gehört, und das

Antlitz eines Gottes gesehen. Dankbar schmiegte er sich

an den Fuß Apollo's und horchte seinen göttlichen Tönen,

als eben auch sein treues Weib ankam, die sich in

süßem Gesange ihm nach zu Tode geklaget. Die Göttin

der Unschuld nahm beide zu ihren Lieblingen an;

das schöne Gespann ihres Muschelwagens, wenn sie im

See der Jugend badet.



Gedulde dich, stilles, hoffendes Herz! Was dir im

Leben versagt ist, weil du es nicht ertragen konntest,

giebt dir der Augenblick deines Todes!



2) von v. Herder.



Die Sterne.



Müde und matt war Daniel von seinen Gesichten

der Zukunft, die ihm so oft seine Kraft genommen, und

ihn mit Schauder erfüllet hatten; als endlich Einer aus

dem Rathe der Wächter zu ihm sprach: „Gehe hin,

Daniel, und ruhe, bis das Ende komme, daß du aufstehest

in deinem Theile am Ende der Tage!“



Gelassen hörte Daniel das räthselhafte Wort und

sprach zu dem Manne, der neben ihm stand: „Meinest

du, Herr, daß diese Gebeine werden wieder grünen?“

Und der himmlische Bote nahm ihn bei der Hand, und

zeigte ihm den Himmel voll leuchtender Sterne. „Viele, |#f0460 : 448|



sprach er, so unter der Erde schlafen, werden erwachen;

die Lehrer aber werden leuchten, wie des Himmels Glanz,

und die, so viel zum Guten gewirkt haben, wie die

unvergänglichen Sterne.“ ─ Er sprachs, und berührte

ihn mit seiner Rechte, und Daniel entschlief unter dem

Anblicke des Himmels und seiner hellleuchtenden ewigen

Sterne.



68.

e) Der Dialog und Monolog.


Obgleich der Dialog und Monolog nach ihrer

Abwechselung und Aufeinanderfolge, und beide durchgeführt

nach dem Gesetze der Form, eine Grundbedingung

der äußern Ankündigung der dramatischen

Dichtkunst sind; so beschränken sie sich doch keinesweges

allein auf die dramatische Form. Sie können

eben so in die epische, wie in die didactische und

lyrische Dichtkunst abwechselnd eingelegt werden, um

eine höhere Mannigfaltigkeit der Form und ein verstärkteres

Jnteresse an derselben zu vermitteln; sie

können auch zur ästhetischen Selbstständigkeit

erhoben
und als größere, für sich bestehende

Kunstformen, durchgeführt werden. Nach dieser

ästhetischen Durchführung und Gestaltung unterscheiden

sie sich völlig von der blos mündlichen Unterhaltung;

und je nachdem durch sie entweder unmittelbare

Gefühle, oder Jdeen und Wahrheiten der

Vernunft, oder wichtige Vorgänge des menschlichen

Lebens versinnlicht werden, nähern sie sich bald mehr

der lyrischen, bald mehr der didactischen, bald mehr

der epischen Dichtkunst.



Erscheint der Dialog als eine selbstständige

Kunstform; so wird durch ihn entweder eine |#f0461 : 449|



reichere Mannigfaltigkeit, Schattirung und Abwechselung

im Tone und Ausdrucke derselben Gefühle,

oder die Versinnlichung gewisser einander entgegengesetzter

Gefühle, Wahrheiten oder Thatsachen

(die Versinnlichung eines ästhetisch durchgeführten

Antagonismus) beabsichtigt und bewirkt,

weil die Verschiedenheit und der Contrast dieser Gefühle,

Wahrheiten und Thatsachen durch ihre Gegeneinanderstellung

am bestimmtesten vergegenwärtigt

wird.



So wie aber die poetische Epistel gegen den

zum Sprachgebiete der Prosa gehörenden Brief sich

verhält; so verhält sich auch der ästhetische Dialog

zum gewöhnlichen Gespräche bei der mündlichen Unterhaltung.

Je specieller nämlich der prosaische

Brief und die mündliche Unterhaltung sind; desto

mehr entsprechen sie ihrem Zwecke. Dagegen stellen

die poetische Epistel und der ästhetische Dialog idealisirte

Menschen auf, die namentlich im Dialoge

als Repräsentanten der gesammten Menschheit, oder

doch als Repräsentanten einzelner Gattungen, Klassen

und Stände derselben geschildert werden. Daher

kann der Dialog eben so das Gefühl der Liebe, nach

seiner verschiedenartigen Ankündigung in den beiden

Geschlechtern der Menschengattung, wie den Kampf

zweier einander entgegengesetzten (religiösen oder politischen)

Ansichten und Systeme darstellen, so, daß

die schöpferische Einbildungskraft des Dichters besonders

an der glücklichen Erfindung, gelungenen

Haltung und erschöpfenden gegenseitigen Stellung

und Durchführung der Eigenthümlichkeit der einander

entgegengesetzten Jndividuen und Charaktere, nach

der Ankündigung ihrer Gefühle, Grundsätze, Ansichten

und Meinungen, erkannt wird. Ob nun gleich |#f0462 : 450|



durch die ästhetische Versinnlichung dieses Antagonismus

menschlicher Gefühle, Grundsätze und Handlungen

das gemischte Gefühl der Lust und Unlust

in dem Anschauenden angeregt und unterhalten wird;

so soll sich doch dasselbe, in dem Augenblicke der

Vollendung der Form, durch die an die Stelle

dieses Antagonismus getr