Parzival

1. Belakane

Inhalt
Inhalt.

In der Einleitung wird die Treue gegen Gott und Menschen der Untreue und dem Zweifel entgegengesetzt; dann gewarnt vor dem Vertrauen zu dem Unstäten. Auch die Frauen sollten ihre Gunst nur dem Getreuen zuwenden, sie selbst nur durch ihre Treue, nicht durch äußere Schönheit des Lobs der Männer theilhaftig werden. So bricht der Dichter seine Betrachtungen ab, verspricht seinen Zuhörern ein mannigfaltiges Gedicht von großem Umfange, und geht nach dem Lobe seines noch ungeborenen Helden zu der Geschichte seines Vaters über. Gahmuret, der jüngere Sohn Gandeins, Königs von Anschau (Anjou), daher er auch Anschewein (Anjevin) heißt, will nach dem Tode seines Vaters nicht Ingesinde seines Bruders Galoes sein, dem nach dem Erstgeburtsrecht die Krone zugefallen war. Entschloßen, keinem andern zu dienen, als der auf Erden die höchste Macht besäße, begiebt er sich, von der Mutter, dem Bruder, und einer Freundin stattlich ausgerüstet, nur von edeln Kinden (Pagen), Knappen und Hausgesinde begleitet, in den Dienst des Baruchs (Kalifen) von Baldag (Bagdad), der mit zweien babylonischen Brüdern, Pompejus und Ipomidon, im Kriege begriffen ist. Seines Vaters Wappen, den Panther, hat er mit dem Anker vertauscht. Nachdem er sich hier und in vielen andern Ländern versucht, schlägt ihn der Sturm in [5] den Hafen von Patelamunt, wo Belakane, die Königin von Zaßamank im Mohrenlande, der Ermordung Eisenharts beschuldigt, von zweien Heeren, einem christlichen und einem heidnischen, belagert wird. Der Mohrenkönig Eisenhart von Aßagog hatte im Minnedienst Belakanens auf ihren Befehl und zum Beweise seiner Ergebenheit und Kühnheit, die Rüstung weggegeben. Als er nun bloß auf Abenteuer ausritt, ward er von seinem Nebenbuhler Prothißilas, einem Fürsten Belakanens, in der Tjost, dem ritterlichen Zweikampf, erschlagen, und Belakanen traf der Verdacht, ihn verrathen zu haben. Der Schottenkönig Friedebrand, dessen Oheim Tankanis des Erschlagenen Vater war, zog, seinen Mord zu rächen, mit vier Genoßen über Meer, und bestürmte Patelamunt vor acht Thoren, während die andern acht der Mohr Raßalig von Aßagog, ein Vasall, Eisenharts, bedrängte. Friedebrand selber war mit Morholden, der aus Gottfried von Straßburgs Tristan bekannt ist, wieder heimgezogen, um sein eigen Land gegen die Verwandten Hernants, den er Herlindens wegen erschlagen hatte, zu schirmen; sein Heer aber bedroht noch Patelamunt. Die Belagerer führen einen durchstochenen Ritter in der Fahne, die Belagerten das Bild ihrer Königin, welche zwei Finger der rechten Hand zum Eide ausgestreckt hält, daß sie an Eisenharts Tode unschuldig sei. Sich zur Rache anzuspornen, haben die Belagerer die gebalsamte Leiche Eisenharts nebst dessen kostbarer Rüstung unter einem prächtigen Gezelte vor der Stadt aufgestellt. So stehen die Dinge, als Gahmuret anlangt, und der Königin, die ihm trotz ihrer Schwärze gefällt, seine Dienste widmet. Am Morgen reitet er zuerst in das Christenheer, besiegt und fängt dessen Anführer, die Herzogen Heuteger von Schottland und Gaschier von Normandie, entweicht aber vor Kaileten, den er an dem Strauß auf dem Helm und dem Sarapandratest (Tête de serpent) am Schilde als seinen Muhmensohn erkennt. Doch will auch dieser [6] nicht mit ihm streiten, als er von Heuteger seinen Namen erfährt. Von da reitet er zu den Mohren, deren Fürsten Raßalig er gleichfalls gefangen nimmt. Da hiermit der Krieg entschieden ist, kehrt er in die Stadt zurück, wo ihn die Königin entwappnet, und sogleich in ihr Schlafgemach führt. So wird er König der Mohrenreiche Zaßamank und Aßagog. Gahmuret giebt seine Gefangenen, und seinen Neffen Killirjakak von Champagne, den die Städter früher gefangen hatten, frei, belehnt seine Fürsten, und schenkt seinem Wirthe das von Prothißilas hinterlaßene Herzogthum. Eisenharts Leiche wird zur Erde bestattet, sein prächtiges Gezelt erhält Gahmuret, und die kostbare Rüstung, welche Raßalig, um sie dem Lande zu erhalten, seinem neuen Könige gleichfalls erbeten hatte, verspricht Heuteger von seinem Herren Friedebrand zu erwerben, und ins Mohrenland zurückzuschicken. Die christlichen Fürsten fahren heim, Gahmuret bleibt zurück, sehnt sich aber bald, zumal er keine Ritterschaft findet, wieder nach der Christenheit. Heimlich schifft er sich ein, und hinterläßt der Königin einen Brief, der ihr den Grund seiner Flucht meldet, und für das Kind, das sie von ihm trägt, sein Geschlechtsregister ausführlich mittheilt. Jenes kommt wie eine Elster schwarz und weiß gefleckt zur Welt, und wird Feirefiß Anschewein genannt. Gahmuret begegnet unterwegs noch dem Schiffe, das Eisenharts kostbare Rüstung zurückbringt. Er läßt sie sich aushändigen und fährt gen Sevilla.

Belakane
[7] [9]Belakane.
Wo Zweifel nah dem Herzen wohnt,
Das wird der Seele schlimm gelohnt.
Geziert ist und zugleich entstellt,
Wo Verzagtheit sich gesellt
Zu des kühnen Mannes Preis
Wie bei der Elster Schwarz zu Weiß.
Der mag gleichwohl fröhlich sein,
Denn noch harren beide sein
Himmel oder Höllenschlund.
Wer Untreu hegt in Herzensgrund
Wird schwarzer Farbe ganz und gar
Und trägt sich nach der finstern Schar;
Doch fest hält an der blanken
Der mit stätigen Gedanken.
Dieses flüchtge Gleichniss
Den Blöden ists zu schnell gewiss,
Sie faßen nicht der Lehre Sinn.
Es huscht im Saus vor ihnen hin
[9]
Wie ein aufgeschreckter Hase.
Zinn verlöthet hinterm Glase
Täuscht wie des Blinden Traumgesicht.
Sie weigern flüchtgen Anblick nicht;
Doch beständig kann nicht sein
Dieser trübe, leichte Schein,
Seine Freud ist kurz fürwahr.
Wer rauft mich wo mir niemals Haar
Wuchs, in hohler Hand so bloß?
Der hat zu nahe Griffe los.
Schrei ich doch auf vor solcher Noth,
So ist mein Verstand wohl unbedroht.
Wie werd ich Treue finden
Wo sie sicher muß verschwinden
Wie das Feuer in dem Bronnen,
Wie der Thau vor der Sonnen?
Auch kannt ich nie so weisen Mann,
Der nicht gerne Kunde hätt empfahn,
Wie hienach zu leben frommt
Und was daraus für Lehre kommt.
So beschieden wird er nie verzagen
Bald zu fliehen, bald zu jagen,
Nun zu weichen, nun zu kehren,
Jetzt zu tadeln, jetzt zu ehren.
Wer mit dem allen umgehn kann,
[10]
An dem hat Weisheit wohlgethan,
Der sich nicht versitzet noch vergeht
Und sonst auch wohl Bescheid versteht.
Des wandelbaren Freundes Sinn
Führt zum Höllenfeuer hin,
Verhagelt hoher Ehren Glanz.
Seine Treue war so kurz von Schwanz,
Daß sie kaum den dritten Stich vergalt,
Wenn sie von Bremsen litt im Wald.
Aber nicht allein den Mann
Gehn alle diese Lehren an;
Dieß Ziel steck ich den Frauen:
Die meinem Rath will trauen,
Die wiße wohl, wohin sie kehre
Ihren Preis und ihre Ehre
Und welchem Mann sie sei bereit
Ihrer Lieb und Würdigkeit,
Auf daß sie nicht gereue
Ihrer Keuschheit, ihrer Treue.
Von Gott erfleh ich gutem Weibe,
Daß sie dem Maß getreu verbleibe.
Scham ist ein Schloß vor aller Sitte:
Dieß Heil ists, daß ich ihr erbitte.
Die Falsche lohnt nur falscher Preis.
Wie lange währt ein dünnes Eis
[11]
Wenn des Augustmonds Sonne schien?
So fährt auch bald ihr Lob dahin.
Viel Schönen preist die weite Welt;
Ist deren Herz nicht wohlbestellt,
Die lob ich, wie ich loben wollt
Ein blaues Glas, gefaßt in Gold.
Des Missgriff auch ist nicht gering,
Der in den schlechten Messing
Verwirkt den köstlichen Rubin,
All seines Glückes Vollgewinn:
Dem gleich ich rechten Frauenmuth.
Die weiblich denkt und weiblich thut,
Nach deren Aussehn frag ich nicht,
Noch ob ihr Herzensdach besticht:
Ist sie innerhalb der Brust bewahrt,
Bleibt volles Lob ihr ungespart.
Sollt ich euch nun Weib und Mann
So gründlich schildern wie ichs kann,
So würd uns Zeit und Weile theuer;
Hört lieber dieses Abenteuer.
Es weiß von Lieb und Leide
Und lehrt sie kennen beide;
Freud und Angst sind auch dabei.
Und wären hier statt meiner drei,
Deren Jeder Kunst besäße,
[12]
Daß man meiner Kunst vergäße,
Es brauchte doch manch seltnen Fund,
Thäten euch die dreie kund
Was ich euch künden will allein;
Ihre Mühe sollte sauer sein.
Die Märe, die ich erneue,
Meldet von großer Treue,
Von Weibes rechter Weiblichkeit,
Von echten Mannes Mannheit,
Die nie vor hartem Stein sich bog.
Sein Herz ihn nie darum betrog,
Er Stahl! wo er zum Streite kam,
Daß seine Hand nicht siegreich nahm
Manchen rühmlichen Preis.
Er kühner Mann, versucht und weis
(Der Held ists, den ich grüße),
In der Frauen Augen süße,
Und doch der Frauenherzen Sucht,
Im Unglück sichre Zuflucht!
Den ich hiezu mir auserkoren,
Im Gedicht ist er noch ungeboren,
Den diese Aventüre meint
Und was von Wunder drin erscheint.
Noch pflegt man wie man sonst gepflegt,
Wo man Lit und welsch Gerichte hegt;
[13]
Nach Deutschland ist es auch gekommen,
Das habt ihr ohne mich vernommen:
Wer je da herscht' im Lande,
Der gebot wohl ohne Schande,
Es ist die Wahrheit sonder Wahn,
Der ältre Bruder sollt empfahn
Des Vaters Erbschaft allzumal.
Das schuf den jüngern Söhnen Qual,
Denn Ihnen nahm des Vaters Tod
Die Rechte, die sein Leben bot.
Das Land war allen sonst gemein;
Der ältre hat es jetzt allein.
Das rieth jedoch ein weiser Mann,
Daß Alter Gut sollt empfahn:
Jugend hat viel Würdigkeit,
Das Alter Seufzen nur und Leid.
Es ist wohl nichts so trübgemuth
Als Alter bei der Armut.
Könge, Grafen, Herzogen,
Das sag ich euch für ungelogen,
Daß die des Guts enterbet sind
Bis auf das älteste Kind,
Das ist gar ein seltsam Ding.
Der fromme, kühne Jüngling,
Gahmuret der Weigand
Verlor so Burgen auch und Land,
[14]
Wo sein Vater einst mit Fug
Zepter und Krone trug
In königlicher Herrlichkeit
Bis ihn dahin nahm Ritterstreit.
Sie klagten ihn im Lande sehr.
Ohne Makel Treu und Ehr
Bracht er bis auf seinen Tod.
Alsbald der ältre Sohn entbot
Des Landes Fürsten her zu sich.
Sie kamen alle ritterlich,
Denn große Lehen sonder Wahn
Sollten sie von ihm empfahn.
Da sie zu Hof gekommen,
Eines Jeden Recht vernommen
War, daß sie die Lehn empfiengen,
Nun höret, was sie da begiengen.
Wie ihre Treue rieth den Biedern,
Das Volk zumal, die Hoh'n und Niedern,
Inständig haben sie gebeten,
Daß der König Gahmureten
Die Brudertreu bewährte,
Und sich selber damit ehrte,
Daß er ihn nicht ganz verstieße
Und ihm in seinem Lande ließe
[15]
Einen Edelsitz, nur daß er hätte
Seiner Freiheit eine Stätte,
Darauf sein Name möchte ruhn.
Der König wollt es gerne thun:
»Ihr wißt bescheiden zu begehren,
Ich will euch das und mehr gewähren.
Was nennt ihr nicht den Bruder mein
Gahmuret Anschewein?
Anschau heißet dieß mein Land:
Wir beide sein davon genannt.«
Also sprach der König hehr.
»Mein Bruder wiße, daß er mehr
Stäter Hilfe bei mir finde
Als ich sagen könnte so geschwinde.
Er soll mein Ingesinde sein.
Ich laß euch nicht im Zweifel sein
Ob uns dieselbe Mutter trug.
Er hat wenig, Ich genug:
Drum soll ihm spenden meine Hand,
Daß nicht mein Heil dafür zu Pfand
Steh vor Dem, der nimmt und giebt,
Beides ganz wie ihm geliebt.«
Als die Fürsten all umher
Vernahmen, daß der König hehr
Dem Bruder ganzer Treue pflag,
[16]
Das war den Herrn ein lieber Tag;
Auch dankt' es ihm ein Jeder sehr.
Da säumte Gahmuret nicht mehr
Zu reden, wie das Herz ihm sann.
Zum König hub er gütlich an:
»Herr und lieber Bruder mein,
Wollt ich Ingesinde sein
Eines Mannes auf der Welt,
So wärs hier wohl um mich bestellt.
Nun meßet daran meinen Preis,
Seid ihr doch getreu und weis,
Und rathet nach der Dinge Stand;
Darnach geht hülfreich mir zur Hand.
Ein Harnisch nur gehört mir an;
Hätt ich mehr darin gethan,
Das in der Ferne Lob mir brächte,
So hofft ich, daß man mein gedächte.«
Gahmuret sprach weiter: »Noch
Sechszehn Knappen hab ich doch,
Davon ich sechs geharnischt finde.
Gebt ihr mir dazu vier Kinde
Von guter Zucht, von hoher Art,
So wird an ihnen nichts gespart,
Das ich erwerben mag mit Händen.
Ich will mich in die Fremde wenden;
[17]
Ich hab auch früher Land durchfahren.
Wenn das Glück mich will bewahren,
So erwerb ich guten Weibes Gruß.
Wenn ich dafür ihr dienen muß
Und ich dessen würdig bin,
So räth mir Herz und bester Sinn,
Daß ich der rechten Treue pflege.
Gott leite mich des Heiles Wege!
Wir fuhren einst gesellt umher
(Damals trug die Krone hehr
Noch unser Vater Gandein),
Wir litten Kummer viel und Pein
Manchmal um ein liebes Lieb.
Ihr wart ein Ritter und ein Dieb,
Ihr konntet dienen, konntet hehlen;
Ach, könnt auch Ich nun Minne stehlen!
Weh mir, hätt ich Eure Kunst
Und bei der Schönen wahre Gunst!«
Mit Seufzer sprach der König da:
»O weh, daß ich dich jemals sah,
Da du so mit leichtem Scherz
Mir zerschnitten hast das Herz
Und zerschneiden wirst im Scheiden.
Mein Vater hat uns beiden
Hinterlaßen Gut genug:
[18]
Dir sei daran der gleiche Fug.
Ich bin dir von Herzen hold:
Licht Gesteine, rothes Gold,
Rosse, Waffen, Volk, Gewand,
Des nimm so viel von meiner Hand,
Daß du nach deinem Willen fährst
Und deine milde Hand bewährst.
Deine Tapferkeit ist auserkoren:
Wärst du von Gilstram geboren,
Oder kämst von Rankulat daher,
Lieber könnt ich nimmermehr
Dich haben, als ich dich gewann:
Du bist mein Bruder sonder Wahn.«
»Herr, mich zu loben ist euch noth,
Da eure Zucht es euch gebot.
Nun sollt ihr mir auch Hülfe leihn.
Wollt Ihr und auch die Mutter mein
Mir geben eures fahrenden Gutes,
So steig ich aufwärts frohes Muthes.
Empor ist meines Herzens Streben:
Warum hat es dieses Leben,
Daß so mir schwillt die linke Brust?
Wohin, ach, jagt mich ihr Gelust?
Ich wills erfahren, wenn ich kann:
Nun naht der Abschied mir heran.«
[19]
Der König Alles ihm gewährte,
Er gab ihm mehr als er begehrte:
Fünf Rosse schön und auserkannt,
Die besten in des Königs Land,
Stark, kühn und rasch von Feuer;
Viel Goldgefäße theuer
Und manchen Kloß von Golde schwer.
So milde war der König hehr,
Er füllt' ihm des vier Reiseschreine;
Darein auch muste viel Gesteine.
Da sie gefüllet lagen,
Knappen, die des pflagen,
Waren wohl bekleidet und beritten.
Sie weinten laut mit Jammerssitten,
Als er vor seine Mutter gieng
Und sie herzend ihn umfieng.
»Fils dü Roi Gandein,
Willst du nicht länger bei mir sein?«
Sprach das weibliche Weib.
»O weh, es trug dich doch mein Leib!
Du bist auch König Gandeins Kind.
Ist Gott, daß er mir hülfe, blind
Oder ließ sein Ohr ertauben,
Daß er mir nicht will glauben?
Soll ich noch neuen Kummer haben?
[20]
Meines Herzens Lust hab ich begraben
Und die Süße meiner Augen:
Will er noch mehr mir rauben?
Der doch stäts gerecht gerichtet:
So ist das all erdichtet
Was sie von seiner Hülfe sagen,
Da er so gar mich läßt verzagen.«
»Frau,« sprach der junge Anschewein.
»Gott tröst euch um den Vater mein;
Wir beide sollen um ihn klagen.
Laßt euch von Mir Niemanden sagen
Was euch Sorge schüf und Leid.
Ich fahr um höhre Würdigkeit
Nach Ritterschaft in fremdes Land:
So ist es, Frau, um mich bewandt.«
Da sprach zu ihm die Königin:
»Hast du Dienst und Herz und Sinn
Gewandt auf hoher Minne Lohn,
So verschmähe, lieber Sohn,
Nicht mein Gut zu dieser Reise.
Deine Kämmerlinge weise
Her, daß sie empfahn von mir
Schwerer Reiseschreine vier,
Breite Zeuge drin von Seiden,
[21]
Ganze, die noch zu verschneiden,
Und theuern Sammt zu manchem Kleid.
Süßer Mann, laß mich die Zeit
Wißen, wann du wiederkehrst,
Daß du meine Freuden mehrst.«
»Frau, das ist mir unbekannt;
Ich weiß auch nicht voraus das Land.
Doch wo ich sei zu jeder Zeit,
Ihr habt nach eurer Würdigkeit
Rittersehre mir bezeigt.
Auch der König war mir so geneigt,
Daß ich viel Dank ihm schuldig bin.
Ich weiß, daß Ihr ihn, Königin,
Darum noch mehr in Zukunft liebt,
Was immer sich mit mir begiebt.«
Wie uns die Aventüre sagt,
So ward dem Degen unverzagt
Von Liebeswegen zugesandt,
Und weil er edeln Fraun bekannt,
Ein Kleinod tausend Marken werth.
Wenn heut ein Jude Pfand begehrt
Er würd es gern dafür empfangen
Und weitre Bürgschaft nicht verlangen.
Das sandt ihm eine Freundin.
[22]
Ihm brachte stäts sein Dienst Gewinn,
Der Frauen Gruß und ihre Minne;
Er ward doch selten Trostes inne.
Urlaub nahm der Weigand.
Mutter, Bruder, beider Land
Sein Auge nimmer wiedersah;
Daran doch manchem Leid geschah.
Die ihm je gefällig waren
Bis er heute sollte fahren,
Und wars mit noch so kleinen Dingen,
Groß war der Dank, den sie empfiengen;
Mehr als genug gedäucht es sie.
Sich merken ließ der Höfsche nie,
Daß sie ihm nur sein Recht gegeben;
Sein Sinn war ebner noch als eben.
Wer selber sagt, wie werth er sei,
Da steht Unglaube Jedem frei:
Zuschauer sollten von ihm melden
Und Die daheim gesehn den Helden,
Wenn er in der Fremde wäre,
So fände Glauben wohl die Märe.
Gahmuret ohn Unterlaß
Blickte nach dem rechten Maß
Unverlockt von anderm Ziel;
Seines Rühmens war nicht viel.
[23]
Große Ehre must' er leidend leiden,
Uebermuth wollt er meiden.
Doch wähnte der Gefüge,
Daß Niemand Krone trüge,
Wärs König, Kaiser, Kaiserin,
In dessen Dienst er dürfe ziehn,
Er hätte denn die höchste Macht,
Die je auf Erden ward erdacht:
Der Will in seinem Herzen lag.
Ihm ward gesagt, zu Baldag
Wär ein so gewaltger Mann,
Daß ihm des Erdreichs unterthan
Zwei Drittel wären oder mehr.
Er war im Heidenthum so hehr,
Daß er des Baruchs Namen trug.
Seine Herschaft nahm so hohen Flug,
Mancher König war sein Mann,
Mit gekröntem Leib ihm unterthan.
Des Baruchs Amt besteht noch heut:
Wie man Christenrecht uns beut
Zu Rom, die wir die Tauf empfingen,
Die Heiden so nach Baldag giengen,
Ihr Pabstrecht nahmen und gedachten
Für unfehlbar sei's zu achten.
Der Baruch pflegt der Sünden
Ihnen Ablaß zu verkünden.
[24]
Brüdern zwen von Babylon,
Pompejus und Ipomidon,
Denen nahm der Baruch Ninive,
Das ihrer Vordern war von je:
Sie thaten starken Widerstand.
Da kam der Anschewein ins Land:
Dem wurde bald der Baruch hold.
Für Dienste nahm von ihm den Sold
Gahmuret der werthe Mann.
Nun verzeiht ihm, daß er dort gewann
Ander Wappen, als Gandein
Ihm einst verliehn, der Vater sein.
Der Herr trug mit bescheidnen Sitten
Auf seine Kouvertür geschnitten
Anker von lichtem Härmelin:
Diesen ähnlich führt' er ihn
Auf dem Schild und all der Tracht
Grüner noch als ein Smaragd
War sein Reitzeug und Gewand,
Das ganz aus Achmardi bestand:
So heißt ein Zeug von Seiden,
Daraus der Held ließ schneiden
Korsett und Wappenrock gesamt,
Denn es ist beßer als der Sammt;
Anker von Harm darauf genäht,
Viel goldne Fäden drum gedreht.
[25]
Seine Anker hatten niemals Land
Gefaßt an eines Ufers Rand,
Sie wurden nie in Grund geschlagen.
Der Degen muste weiter tragen
In manches Land, der werthe Gast,
Diese wappenliche Last
Und die ankergleichen Zeichen,
Weil es nirgend in den Reichen
Ihn nur zu kurzer Ruh gelitten.
Wieviel der Länder er durchritten
Und in Schiffen hab umfahren?
Sollt ich schwörend mich verwahren,
So sagt' ich euch auf meinen Eid
Und ritterliche Sicherheit
Nur was die Aventüre spricht,
Denn weitre Zeugen hab ich nicht.
Sie sagt, daß seiner Mannheit Kraft
Den Preis nahm in der Heidenschaft,
In Persien und in Marokko.
Seine Hand erwarb auch anderswo,
Zu Haleb und Damaskus auch,
Und wo nur Ritterspiel Gebrauch,
In Arabien und rings umher,
Daß im Turniere Niemand mehr
Mit ihm zu streiten mocht heran:
So war der Ruf, den er gewann.
[26]
Sein Herz rang nach dem höchsten Lob:
Aller Andern That zerstob,
Vor seiner ganz vernichtet.
So wurde stäts berichtet
Wer gegen ihn zu streiten kam.
Zu Baldag man es auch vernahm.
Aufwärts strebt' er sonder Wank.
Von dannen gegen Zaßamank
Fuhr er, in das Königreich.
Da klagte Freund und Feind zugleich
Eisenharten, der das Leben
Einem Weibe dienend hingegeben.
Dazu zwang ihn Belakane,
Die reine, wohlgethane.
Weil sie ihm niemals Minne bot
Lag er um ihre Minne todt.
Da rächten ihn die Freunde bald,
Offen und im Hinterhalt:
Die Frau bedrängt' ihr mächtig Heer.
Sie stellte kräftig sich zur Wehr,
Als Gahmuret kam in ihr Land,
Das der Schotte Friedebrand
Von den Schiffen aus verbrannte
Eh er hinweg sich wandte.
[27]
Nun hört von unsers Ritters Fahrt.
Vom Sturm er her verschlagen ward;
Er büßt' es mit dem Leben fast.
Vor der Königin Palast
Kam er gesegelt in den Hafen,
Wo ihn viel Gafferblicke trafen.
Nun sah er um sich: dort im Feld
War aufgeschlagen manch Gezelt
Rings um die Stadt bis zu dem Meere:
Da lagen zwei gewaltge Heere.
Er fragte nach der Märe,
Wem Burg und Herschaft wäre;
Vernommen hat ers nie bis heute,
Noch Einer seiner Schiffleute.
Sie thaten seinen Boten kund,
Es wäre Patelamunt.
Das entboten sie ihm minniglich,
Bei ihren Göttern flehentlich
Um Hülf ihn bittend: die wär Noth:
Sie rängen nur noch um den Tod.
Als der junge Anschewein
Vernahm von ihres Kummers Pein,
Da bot er seinen Dienst um Gut,
Wie es oft ein Ritter thut,
Daß er wißen möcht um Was
[28]
Er dulden sollte Feindeshaß.
Da sprach aus Einem Munde
Der Sieche, der Gesunde,
Es sollt ihm unverweigert sein
All ihr Gold und ihr Gestein:
Darüber möcht er schalten
Und froh bei ihnen alten.
Doch bedurft er nicht des Soldes:
Arabischen Goldes
Hatt er manchen Knollen mitgebracht.
Leute finster wie die Nacht
Waren Die von Zaßamank:
Bei denen ward die Zeit ihm lang.
Doch ließ er Herberg nehmen:
Da müsten sie sich schämen
Wenn sie ihm nicht die beste gaben.
Noch immer in den Fenstern lagen
Mägdelein und Frauen:
Sie musten Alles schauen,
Seine Knappen, sein Gewaffen
Wie das bestellt war und beschaffen.
Sie sahn, es trug der Degen mild
Auf einem härmelinen Schild
Wer weiß wie manchen Zobelbalg.
Das Wappenbild dem Marschalk
[29]
Der Königin ein Anker schien.
Gar unverdroßen blickt' er hin:
Da musten ihm die Augen sagen,
Er habe schon gesehn vor Tagen
Diesen Ritter oder seinen Schein.
Zu Alexandrien must es sein
Als der Baruch lag davor:
Da that es Niemand ihm zuvor.
So fuhr der Hochgemuthe
In die Stadt mit Volk und Gute;
Zehn Säumer ließ ers faßen;
Die keuchten durch die Gaßen,
Und zwanzig Knappen ritten nach.
Sein Volk voraus zu reiten pflag:
Lakaien, Köche, Küchenjungen,
Die kamen vorn einher gesprungen.
Stolz war sein Ingesinde:
Zwölf hochgeborner Kinde
Hinter seinen Knappen ritten
Mit guter Zucht und süßen Sitten;
Darunter waren Sarazenen.
Acht Rosse zog man hinter denen
An den Zäumen, allzumal
Verdeckt mit gutem Zindal;
Das neunte seinen Sattel trug.
[30]
Seinen Schild, der euch bekannt genug,
Führt' ein muntrer Knapp herbei.
Nach diesem ritten in der Reih
Posauner, die man auch bedarf.
Ein Tambour schritt und schlug und warf
Seine Trommel hoch empor.
Dem Herren kam es spärlich vor,
Ritten Flötenspieler nicht dabei
Und der guten Fiedler drei.
Sie eilten alle nicht zu sehr.
Er selbst ritt hinter ihnen her,
Den Schiffmann zu der linken Hand,
Den weisen, weithin wohlbekannt.
Soviel Volks auch war darinnen,
Mohren und Möhrinnen
Waren beide, Weib und Mann.
Auch sah der Degen wohlgethan
Viel Schilde da zerbrochen
Und von Speren ganz durchstochen.
Man sah sie aufgehangen
An Wand und Thüren prangen.
Sie hatten Angst und Jammer da.
In die Fenster, kühler Luft zu nah,
War gebettet manchem Wunden:
Hätt er den Arzt gefunden,
[31]
So konnt er doch nicht mehr genesen.
Die waren vor dem Feind gewesen.
So ergeht es uns, die ungern fliehn.
Sich entgegen sah er Rosse ziehn
Durchstochen und zerhauen:
Auch viel dunkelfarbge Frauen
Zu beiden Seiten neben sich:
Ihr Schein der Rabenschwärze glich.
Gar freundlich nahm ihn auf sein Wirth,
Der bald noch mehr sich freuen wird.
Er war ein kraftreicher Mann:
Mit seiner Hand hatt er gethan
Manchen Stich und manchen Schlag,
Da er einer Pforte hütend pflag.
Viel Ritter, die er bei ihm fand,
Hängten die Hände in ein Band,
Die Häupter voller Schrunden.
So stands mit ihren Wunden,
Sie übten dennoch Ritterschaft;
Unverkürzt war ihre Kraft.
Sein Wirth, der Burggraf der Stadt,
Den Gast mit holden Worten bat,
Sich für daheim zu halten
Und nach freier Lust zu schalten
[32]
Ueber sein Gut und über ihn.
Er führt' ihn seinem Weibe hin,
Die Gahmureten küsste,
Wars auch nicht sein Gelüste.
Dann gieng es in den Speisesaal.
Als sie gegeßen allzumal,
Da gieng der Marschall hin zuhand,
Wo er die Königstochter fand
Und heischte großes Botenbrot.
Er sprach: »Herrin, unsre Noth
Ist mit Freuden nun zergangen.
Der hier gastlich ward empfangen,
Der Ritter ist so kühn im Streit,
Wir müßen danken allezeit
Den Göttern, die ihn hergebracht,
Daß sie uns Rettung zugedacht.«
»Nun sag mir bei der Treue dein,
Wer der Ritter möge sein?
Frau, es ist ein stolzer Degen,
Dem einst der Baruch Gold ließ wägen,
Ein Anschewein von hoher Art.
Avoi! wie wenig er sich spart,
Wenn er daher sprengt zu dem Streit!
Wie behende kann er jederzeit
Weichen und vorwärts dringen
[33]
Und Feinden Schaden bringen.
Ich sah ihn kämpfen gar verwegen,
Als vor Babylon die Degen
Alexandrien entsetzen sollten
Und den Baruch treiben wollten
Mit Gewalt aus dem Feld.
Wie Manchen hat er da gefällt
Bei des Heeres Niederlage!
Wohl begieng an diesem Tage
Der edle Held so kühne That,
Sie musten fliehn, es blieb kein Rath.
Auch rühmten Alle so den Mann,
Man erkannte leicht daran,
Daß ihm ob manchen Landen
Der Preis wird zugestanden.«
»So sieh mir zu und säume nicht,
Daß er herkommt und mich spricht.
Wir haben Frieden diesen Tag,
Daß er herauf wohl reiten mag
Zu mir; oder soll ich hin?
Er ist andrer Farbe denn ich bin:
O weh, verdrießt ihn das auch nicht?
Hätt ich darüber nur Bericht!
Wenn mirs die Meinen riethen,
Wollt ich ihm Ehre bieten.
[34]
Geruht er, mir zu nahen,
Wie soll ich ihn empfahen?
Ist er so wohl geboren,
Daß mein Kuss nicht sei verloren?«
»Er ist von königlichem Blut,
Ich bürg euch, Frau, mit Leib und Gut.
Frau, euern Fürsten will ich sagen,
Daß sie reiche Kleider tragen,
Und vor euch stehn nach Hofessitten,
Wenn wir kommen hergeritten;
Das sagt auch euern Fraun zumal.
Nun eil ich wieder hin zu Thal
Und bring euch her den Degen werth;
Keiner süßen Tugend er entbehrt.«
Das Alles fiel auf guten Grund:
Der Marschall that behend ihm kund
Wes die Herrin ihn gebeten.
Schnell wurden Gahmureten
Reiche Kleider hingetragen:
Die zog er an; ich hörte sagen,
Daß sie gar köstlich wären;
Seine Anker drauf, die schweren,
Aus arabschem Golde fein:
Also wollt er, sollt es sein.
Da bestieg der Minne süßer Lohn
[35]
Ein Ross, darauf vor Babylon
Ein Ritter ihn bestand im Streit:
Er stach ihn ab, das war dem leid.
Ob sein Wirth auch mit ihm war?
Er und seiner Ritter Schar:
Ja gewiss, des sind sie froh.
Sie ritten miteinander so
Und stiegen ab vor dem Saal.
Da war der Ritter große Zahl:
Die musten wohlgekleidet sein.
Seine Kinde liefen mit ihm ein
Und gaben sich je zwei die Hand.
Ihr Herr auch manche Frau da fand,
Die wonniglich gekleidet gieng.
Die reiche Königin empfieng
Durch ihre Augen hohe Pein,
Als sie ersah den Anschewein.
Sein Antlitz war so minniglich:
Ihr Herz erschloß er völlig sich
Ob es ihr lieb war oder leid;
Sonst schloß es ihre Weiblichkeit.
Ein wenig trat sie ihm entgegen
Und ließ sich küssen von dem Degen.
Sie nahm ihn selber bei der Hand.
[36]
Sie setzten sich zum Feind gewandt
In eines Fensters Ecke
Auf gesteppter Sammetdecke,
Die über weichen Kissen lag.
Ist etwas lichter denn der Tag,
Dem glich nicht viel die Königin.
Sie hatte weiblichen Sinn;
Sonst bleibt die tadellose
Ungleich der thau'gen Rose:
Schwarze Farbe von ihr schien,
Die Kron ein lichter Rubin,
Daß man ihr Haupt durchscheinen sah.
Zum Gaste sprach die Wirthin da,
Er wär ihr sehr willkommen.
»Viel hab ich, Herr, vernommen,
Wie ritterlich und kühn ihr seid.
Bei eurer Zucht, sei euch nicht leid,
Daß ich euch den Kummer klage,
Den ich nah am Herzen trage.«
»Meine Hilfe bleibt euch unversagt.
Frau, was euch kümmert oder plagt,
Mag das wenden meine Hand,
Sei sie zu euerm Dienst verwandt.
Ich bin nur der Eine Mann:
Wird euch was zu leid gethan,
[37]
So halt ich meinen Schild entgegen;
Doch macht den Feind das nicht verlegen.«
Da hub ein Fürst mit Züchten an:
»Fehlt' uns nicht ein Hauptmann,
So wollten wir den Feind nicht sparen.
Denn Friedebrand ist heimgefahren,
Er befreit nun dort sein eigen Land:
Ein König Namens Hernant,
Den er Herlindens halb erschlug,
Des Freunde thun ihm leid genug;
Sie wollen es ihm nicht erlaßen.
Doch hat er Helden hier gelaßen:
Den Herzogen Heuteger,
Des kühne That schon viel Beschwer
Uns schuf, und seine Ritterschaft;
Ihr Streit hat Kunst genug und Kraft.
So hat auch manchen Söldner hier
Der Normanne Gaschier,
Der versuchte Degen hehr.
Noch hat er hier der Ritter mehr
Kailet von Hoskurast,
Manchen zornigen Gast.
Die alle bracht in dieses Land
Der Schottenkönig Friedebrand
Und die vier Genoßen sein;
[38]
Mancher Söldner zog mit ihnen ein.
Gegen Westen dort am Meer
Lagert Eisenhartens Heer:
Ihre Augen trocknen nimmer sich.
Nicht geheim noch öffentlich
Hat man sie anders je gesehn
Als jämmerlich in Klage stehn.
Ihr Herz zerströmt sich so in Güßen,
Weil ihr Herr im Zweikampf enden müßen.«
Da sprach zu seiner Wirthin
Der Gast mit höflichem Sinn:
»Geruhet doch und sagt mir an,
Wie dieser Haß sich entspann.
Was ziehn sie euch mit Macht entgegen?
Ihr habt so manchen kühnen Degen:
Mich jammert, sind sie so beladen
Mit Feindeshaß zu ihrem Schaden.«
»Vernehmt es, Herr, da ihrs begehrt.
Mir dient' ein Ritter, der war werth,
Aller Tugend blühend Reis.
Mannhaft war der Held und weis,
Der Treue wohlgediehne Frucht,
Seine Zucht gieng über alle Zucht.
[39]
Er war noch keuscher als ein Weib,
Kraft und Kühnheit trug sein Leib.
Kein Ritter über allem Land
War auch noch je so milder Hand
(Wer weiß was nach uns soll geschehn?
Da mögen andre Leute spähn).
Er war zu falscher That ein Thor,
Gleich mir von schwarzer Farb ein Mohr.
Sein Vater hieß Tankaneis:
Der König trug auch hohen Preis;
Mein Freund hieß selber Eisenhart.
Meine Weibheit war nicht wohlbewahrt,
Mir dient' er doch um Minnelohn,
Daß er den Wunsch nicht trug davon:
Das muß ich ewig nun beklagen.
Ich ließ ihn, wähnen sie, erschlagen.
Verrathens bin ich unerfahren;
Wie mich des zeihen seine Scharen.
Mehr als sie selber liebt ich ihn,
Des ich nicht ohne Zeugen bin:
Damit bewähr ich es wohl noch.
Die rechte Wahrheit wißen doch
Meine Götter und die seinen.
Wie must ich um ihn weinen!
So zog ich mit verschämter Strenge
Seinen Lohn, mein Leid auch, in die Länge.
[40]
Mein Dienst erwarb im Ritterthum
Dem Helden oftmals hohen Ruhm.
Ich versucht' ihn, ob er Freund zu sein
Verstünde: bald wohl sah ichs ein.
Er gab um mich den Harnisch hin,
Der unter jenem Baldachin
Nun steht (das herrliche Gezelt
Brachten Schotten auf dieß Feld).
Als des der Degen ledig ward,
Da hat er sich nicht viel gespart,
Weil ihn des Lebens schier verdroß:
Manch Abenteuer sucht' er bloß.
Da es also mit uns stand,
Ein Fürst, Prothißilas genannt,
Mein Höfling und mein Unterthan,
Der unerschrockenste Mann,
Ritt auf Abenteuer aus
Und fand des Schadens viel im Strauß.
Dort im Wald von Aßagog
Eine Tjost ihn nicht um Tod betrog,
Die er that auf einen kühnen Mann,
Der auch sein Ende da gewann.
Das war mein Freund Eisenhart.
Mit einem Speer durchstochen ward
Jedweder durch Schild und Leib.
Das klag ich noch, ich armes Weib:
[41]
Der beiden Tod mich ewig müht,
Auf meiner Treue Jammer blüht.
Ich vermählte nie mich einem Mann.«
Gahmuret erwog und sann,
Obwohl sie eine Heidin wär,
Weiblichen Sinnes sei doch mehr
Nie in ein Frauenherz gekommen.
Statt Taufe müß ihr Keusche frommen,
Der Regen auch, der sie begoß,
Von ihren Augen strömt' und floß
Ihr auf den Zobel, auf die Brust.
Trauern nur war ihr Gelust,
Dazu jammerhaftes Klagen.
Da hub sie wieder an zu sagen:
»Nun kam mich suchen über Meer
Der Schottenkönig und sein Heer;
Der war seines Oheims Sohn.
Sie konnten mir nichts Schlimmres drohn
Als mir schon geworden war
An Eisenharten, glaubt fürwahr.«
Viel Seufzer sie entschickte,
Zwischen Thränen manchmal blickte
Sie beschämt und scheu hinan
Zu Gahmureten: da begann
[42]
Ihr Aug dem Herzen zu vertraun,
Der Degen wäre schön zu schaun.
Sie war auch eine Kennerin
Lichter Farbe: früherhin
Sah sie schon viel lichte Heiden.
Da erwuchs zwischen beiden
Getreuer Minne mehr und mehr:
Sie blickte hin, er blickte her.
Schenken hieß sie nun den Wein;
Dürfte sie, sie ließ' es sein.
Gern säh sie, wenn es unterblieb,
Weil es die Ritter stäts vertrieb,
Die gerne sprachen mit den Fraun.
Doch wars sein Leben, sie zu schaun;
Auch hatt er Ihr den Sinn gegeben,
Sein Leben war der Frauen Leben.
Da erhob er sich und sprach:
»Frau, ich schaff euch Ungemach.
Zu lange hab ich hier geseßen;
Da war ich klugen Sinns vergessen.
Ich dien euch gern; doch ist mir leid,
Daß eure Noth so groß und breit.
Frau, gebietet über mich:
Wohin ihr wollt, dahin will ich.
[43]
Ich dien euch immer wo ich kann.«
»Ich seh euch,« sprach sie, »dafür an.«
Alles thut der Burggraf nun,
Sein Wirth, was er vermag zu thun,
Ihm zu kürzen Zeit und Stunde.
Er frug mit höfschem Munde,
Ob er spazieren wolle reiten?
»So seht ihr auch, wo wir streiten
Und wie die Pforten stehn in Hut.«
Gahmuret der Degen gut
Sprach, er wünsche wohl zu sehn,
Wo ihr Kampfspiel wär geschehn.
Hinunter mit ihm ritten
Viel Degen edler Sitten,
Hier der Junge, dort der Greise.
Sie führten ihn im Kreise
Wohl vor sechszehn Pforten
Und beschieden ihn mit Worten,
Daß keine je verschloßen ward,
»Seit sie rächten Eisenhart
An uns mit Zorn. Mit gleicher Macht
Stritten wir fast Tag und Nacht,
Sie blieben offen all die Zeit.
Vor acht Pforten giebt uns Streit
[44]
Des getreuen Eisenhartens Bann:
Sie haben Schadens viel gethan.
Wie sie nach Rache dürsten,
Diese wohlgebornen Fürsten
In des Königs Bann von Aßagog!«
Vor jeglicher Pforte flog
Eine lichte Fahn ob kühner Schar,
Drauf ein durchstochner Ritter war,
Weil Eisenhart so zu sterben kam,
Den nun sein Volk zum Wappen nahm.
»Wir haben andern Brauch dagegen,
Womit wir sie zu trösten pflegen:
Unsre Fahne wird daran erkannt,
Daß zwei Finger ihrer Hand
Die Fürstin bietet zu dem Eid,
Ihr sei noch nie geschehn so leid
Als durch Eisenhartens Tod;
Der schuf ihr bittre Herzensnoth.
So von des Krieges Anbeginn
Belakane stand die Königin
In einem weißen Sammetfeld
In schwarzen Farben ausgestellt,
Seit wir des Feinds Panier erschaut
(Ihre Treue wird im Jammer laut):
So steht sie ob den Thürmen hoch.
Vor den andern acht bedrängt uns noch
[45]
Friedebrands des Schotten Heer,
Die Getauften von über Meer.
Ein Fürst behütet jedes Thor;
Oftmals zieht er auch davor
In den Streit mit dem Panier.
Gaschier, dem Normann, nahmen wir
Einen Grafen ab im Feld:
Der bietet hohes Lösegeld.
Ein Schwestersohn ists von Kailet:
Was uns Der nun Böses thät,
Muste Dieser stäts entgelten.
Doch solch Glück kommt uns selten.
Grünes Angers wenig, Sandes
Wohl an dreißig Ritte Landes
Ist zu den Zelten von dem Graben:
Da sieht man sie zum Kampfspiel traben.«
So gab sein Wirth ihm Bericht.
»Ein Ritter unterläßt das nicht,
Er kommt hervor und tiostiert.
Wenn Der seinen Dienst verliert
Bei Jener, die ihn hergeschickt,
Was hilft ihm dann, wie frech er blickt?
Das ist der stolze Heuteger.
Ich darf wohl sagen, seit das Heer
[46]
Uns der Feinde hält umseßen,
Daß der Held vermeßen
Allmorgentlich bereit erschien
Vor der Pforte bei dem Baldachin.
Auch weiß ich, daß der kühne Mann
Manches Kleinod hat verthan,
Wenn er uns durch die Schilde stach,
Das man für kostbar ansprach
Wenn es die Knappen ausgebrochen;
Er hat uns Manchen abgestochen.
Der Held läßt sich gerne schauen;
Ihn loben auch unsre Frauen.
Wen Frauen loben, wird bekannt,
Er hat den Ruhm an der Hand
Und seines Herzens Wonne.«
Nun hatte müd die Sonne
Eingestellt den Stralenschein:
Des Lusttritts must ein Ende sein.
Der Gast ritt heim mit seinem Wirth;
Das Mal er fertig finden wird.
Ich muß von ihrer Speise sagen:
Die ward mit Anstand aufgetragen:
Man diente ihnen ritterlich.
Mit Gefolge kam und stellte sich
Die Königin vor seinen Tisch;
[47]
Hier stand der Reiher, dort der Fisch.
Sie war herabgefahren,
Um selber zu gewahren
Ob man fleißig pfläge sein.
Mit Jungfraun kam sie, nicht allein.
Sie kniete nieder (ihm wars leid):
Mit eigner Hand zerschnitt die Maid
Dem Ritter seine Speise so.
Die Frau war ihres Gastes froh.
Da bot sie ihm sein Trinken dar
Und pflag sein gut; wohl nahm er wahr
Ihr Gebehrden wie ihr Wort.
Unten an dem Tische dort
Saß ihm mancher Spielmann
Und gegenüber sein Kaplan.
Beschämt empor zur Herrin sah
Der Degen: schüchtern sprach er da:
»So hofft ichs nicht zu finden hier,
Wie Ihr es, Frau, erbietet mir,
Mit also hohen Ehren:
Wenn ich euch dürfte lehren,
So hätt ich nur von euch begehrt
Eine Pflege, der ich wäre werth:
Dann kamt ihr nicht herabgeritten.
Darf ich, Königin, euch bitten,
[48]
So laßt mich in der Maße leben:
Zu viel Ehre habt ihr mir gegeben.«
Sie wollt auch das nicht laßen,
Seine Kinde, die dort saßen,
Bat sie freundlich: »Eßet doch.«
So ehrte sie den Fremdling noch.
Die Herrlein alle wie es schien
Waren hold der Königin.
Noch eins die Herrin nicht vergaß:
Sie gieng auch wo der Wirth saß,
Und sein Weib die Burggräfin.
Den Becher hob die Königin
Und sprach: »Laß dir befohlen sein
Unsern Gast: die Ehr ist dein.
Ich bitt euch beide höchlich drum.«
So nahm sie Urlaub, wiederum
Gieng sie hin zu ihrem Gast.
Schon trug sein Herz der Minne Last;
Ein Gleiches Ihr von Ihm geschah,
Ihr Herz, ihr Auge sagt' es ja:
Die mustens mit ihr eingestehn.
Mit Züchten sprach die Herrin schön:
»Gebietet, Herr: was ihr begehrt,
Das schaff ich, denn ihr seid es werth;
Und laßt mich Urlaub haben:
[49]
Wenn sie euch fleißig laben,
So bin ich ihnen herzlich hold.«
Ihre Leuchter waren Gold:
Vier Kerzen trug man drauf entbrannt;
Hin ritt sie, wo sie Ruhe fand.
Sie saßen auch nicht länger so;
Der Held war traurig und doch froh.
Ihn freute, daß man Ehr ihm bot;
Doch zwang ihn wieder andre Noth:
Das war die strenge Minne,
Die da neiget hohe Sinne.
Die Wirthin kam zu ihrer Ruh;
Viel Zeit gehörte nicht dazu.
Man bettete dem kühnen Mann;
Das ward mit allem Fleiß gethan.
Der Wirth sprach zu seinem Gast:
»Schlafet nun in guter Rast
Und ruht die Nacht: das ist euch Noth.«
Den Platz zu räumen gebot
Der Wirth dem Ingesinde.
Des Gastes edle Kinde,
Ihr Bett rings um das seine lag,
Ihr Haupt daran, wie er es pflag.
Da standen Kerzen schön und groß
[50]
Und brannten hell. Den Held verdroß,
Daß so lang war die Nacht.
Ihn brachte oft in Ohnmacht
Diese schwarze Möhrin,
Des Mohrenlandes Königin.
Er wand sich oft wie Weidenholz;
Da erkrachten ihm die Glieder stolz.
Minn und Kampf war sein Begehren;
Nun wünscht, man mög es ihm gewähren.
Sein Herz von lauten Stößen scholl,
Weil es nach Ritterthaten schwoll.
Das begann dem kühnen Recken
Beide Brüste weit zu strecken
Wie die Sehne streckt die Armbrust;
Zu heftig war da sein Gelust.
Der Herr ohn alles Schlafen lag
Bis er grauen sah den Tag.
Der gab noch keinen lichten Schein,
Da stellte sein Kaplan sich ein
Zur Messe nach des Herrn Gebot:
Er sang sie ihm zugleich und Gott.
Den Harnisch trug man ihm zuhand:
Hin ritt er, wo er Tjoste fand.
Der Degen säumte sich nicht lang:
Das Ross, darauf er schnell sich schwang,
[51]
Das konnte ruckweis springen
Und geschwinde vorwärts dringen,
Bekehrig wenn mans rückwärts zog.
Seinen Anker auf dem Helme hoch
Man zum Thore führen sah.
Weib und Mann gestand ihm da,
Kein schönrer sei in allen Reichen:
Ihm sollten ihre Götter gleichen.
Man trug ihm manchen starken Sper;
Wie der Held gerüstet wär?
Von Eisen trug sein Ross ein Dach,
Das gab vor Schlägen ihm Gemach.
Eine andre Decke überzog
Es leicht, weil sie nur wenig wog;
Die war ganz von grünem Sammt.
Korsett und Wappenrock gesamt
War auch ein grüner Achmardi;
In Arabien wirkt man die.
Lug will mir nicht geziemen;
Seine Schildriemen
Waren unverblichne Borten
Mit Gestein aller Orten
Besetzt, das war theuer.
Geläutert in Feuer
War sein Schild von rothem Gold.
[52]
Sein Dienst erwarb der Minne Sold,
Weil scharfer Streit nur Spiel ihm schien.
Am Fenster lag die Königin;
Der Frauen saßen da noch mehr.
Nun seht, da hielt auch Heuteger,
Der hier oft den Preis genommen.
Als der den Herrn sah kommen
Galoppierend auf sich an,
Gedacht er: »Wie oder wann
Kam der Franzos in dieses Land?
Wer hat den Stolzen hergesandt?
Schiene der mir ein Mohr,
So wär mein bester Sinn ein Thor.«
Die das Springen doch nicht ließen,
Mit Sporen sie die Rosse stießen
Aus dem Galopp in die Rabbin.
Voll Ritterkraft Jedweder schien,
Als sie der Tjost sich nicht entzogen.
Die Splitter in die Lüfte flogen
Vom Sper des stolzen Heuteger;
Auch fällt' ihn seines Gegners Wehr
Auf das Gras hinters Ross,
Was ihn als ungewohnt verdroß.
Er ritt auf ihn und trat ihn nieder;
Zwar erholt' er oft sich wieder
[53]
Und zeigte sich zu wehren Lust;
Doch steckt' im Arm, ihm unbewust,
Schon ihm Gahmuretens Lanze:
Der erheischte da Fianze.
Seinen Meister hatt er funden.
»Wer hat mich überwunden?«
Also sprach der kühne Mann.
Alsbald hub der Sieger an:
»Ich bin Gahmuret Anschewein.«
Er sprach: »Meine Sicherheit sei dein.«
Er nahm sie an und sandt ihn ein.
Da must er hochgepriesen sein
Von den Fraun, die es gesehen haben.
Von dort begann heranzutraben
Der Normanne Gaschier,
Der starke Degen stolz und zier,
Der versuchte Lanzenbrecher.
Gahmuret der Unbillsrächer
Hielt schon zur zweiten Tjost bereit.
Seinem Spere war das Eisen breit,
Der Schaft stark und feste.
Da wägten diese Gäste
Ungleich Gewicht einander zu.
Darnieder lag Gaschier im Nu,
Mit dem Pferde gefallen
[54]
Und den Gewaffen allen.
Gezwungen gab er Sicherheit
Ob es ihm lieb war oder leid.
Gahmuret der Weigand
Sprach: »Mir sichert eure Hand;
Doch that sie mannliche Wehr.
Nun reitet zu der Schotten Heer
Und bittet, daß sie uns mit Streit
Verschonen: sind sie des bereit,
So kommt mir nach in die Stadt.«
Was er gebot oder bat,
Das war allzumal vollbracht:
Vom Streite ließ der Schotten Macht.
Da kam geritten Kailet.
Vor dem entwich Gahmuret,
Denn er war seiner Muhme Sohn:
Er spart' ihm gerne Spott und Hohn.
Der Spanier rief ihm nach genug.
Einen Strauß er auf dem Helme trug;
Gekleidet war derselbe Mann,
Soviel ich euch berichten kann,
In Pfellelseide weit und lang.
Das Gefilde von dem Helden klang:
Seine Schellen gaben Töne.
[55]
Diese Blum an Mannesschöne!
Er behielt den Preis der Schönheit,
Nur nicht vor zwein nach seiner Zeit:
Beaukorps, Lotens Kind,
Und Parzival, die hier nicht sind:
Sie waren jetzt noch ungeboren
Und wurden dann für schön erkoren.
Gaschier ihn mit dem Zaume nahm:
»Eure Wildheit wird wohl zahm,
Das sag ich bei der Treue mein,
Besteht ihr dort den Anschewein,
Der meine Sicherheit schon hat:
Merket, Herr, meinen Rath
Und thut, wie ich gebeten.
Ich verhieß Gahmureten,
Ihn Kampfs mit euch zu überheben;
Drauf hab ich ihm die Hand gegeben.
Nun laßt den Ehrgeiz mir zu Lieb:
Er zeigt euch Kraft in Stich und Hieb.«
Da sprach der König Kailet:
»Ist das mein Vetter Gahmuret,
Fils dü Roi Gandein?
Mit Dem laß ich mein Streiten sein.
Laßt mir den Zaum.« »Es soll geschehn,
Hat mein Aug erst ersehn
[56]
Euer unbedecktes Haupt;
Meins hat er schier Gehörs beraubt.«
Den Helm er gleich sich niederband;
Gahmuret doch Streit noch fand.
Es war schier halber Morgen.
Den Städtern schwanden Sorgen,
Da sie diesen Kampf gesehn.
Ruhig konnten sie nun gehn
Hinter ihrer Mauer Zinnen.
Er war ein Netz für sie da innen:
Was drunter kam, das war beschlagen.
Ein ander Ross, hört ich sagen,
Bestieg alsbald der werthe Held:
Das flog und rührte das Feld
Kunstrecht nach jeder Seite,
Kühn, wo es galt im Streite,
Geschickt und besonnen.
Was er darauf begonnen?
Das rechn ich ihm für Großthat an.
Hin ritt er, wo ihn Mohren sahn.
Die lagen dort mit ihrem Heer
Gegen Westen bei dem Meer.
Ein Fürst war Raßalig genannt,
Der jeden Tag sich unterstand
[57]
Von Aßagog der reichste Held
(Sein Geschlecht das nicht in Frage stellt:
Das war von königlicher Art),
Er hob sich immer auf die Fahrt
Und tiostierte vor der Stadt.
Jetzt machte seine Kräfte matt
Unser Held von Anschau.
Das beklagte eine schwarze Frau
(Die hatt ihn dahin gesandt),
Daß ihn da Jemand überwand.
Ein Knapp bot ungebeten
Seinem Herren, Gahmureten,
Einen Sper mit einem Schaft von Rohr:
Damit stach er den Mohr
Hinters Ross auf den Grieß,
Wo er ihn nur liegen ließ
Bis ihm gesichert war der Frieden.
Hiermit war der Krieg entschieden,
Und ihm erworben großer Preis.
Acht Fahnen sah der Degen weis
Feindlich fliegen nach der Stadt,
Die er zurück zu senden hat
Den kühnen sieglosen Mann.
Er gebot ihm alsdann
Ihm zu folgen, ritt' er ein;
Das that er, denn es muste sein.
[58]
Gaschier auch säumte nicht zu kommen.
Als von Dem der Wirth vernommen,
Sein Gast sei weiter noch hinaus –
Daß er nicht Eisen wie ein Strauß
Verschlang und Kieselsteine,
Das macht', er fand keine.
Sein Zorn erhob Gebrülle
Wie der Löw aus Zornesfülle.
Er riß sich aus die Haare:
»Nun hab ich meine Jahre
Zu eitel Thorheit verwandt.
Die Götter hatten mir gesandt
Einen kühnen werthen Gast:
Ueberlädt sich Der mit Streites Last,
So werd ich Werthen nie mehr werth.
Was taugt mir Schild nun und Schwert?
Ein Schimpf ists, mahnt man mich daran.«
Von den Seinen stob er da hindann
Zum Thor mit Spornschlägen.
Ihm kam ein Knapp entgegen,
Der trug einen gemalten Schild,
Ein durchstochner Mann im Wappenbild;
Gewirkt in Eisenhartens Land.
Einen Helm auch trug er in der Hand,
Und ein Schwert, das Raßalig,
Der kühne, bracht in diesen Krieg;
[59]
Nun must er von ihm scheiden,
Dieser kühne Fürst der Heiden,
Der sich weites Lob erworben.
Ist er ungetauft gestorben
So erbarme sein sich bald,
Der aller Wunder hat Gewalt.
Da der Burggraf das ersah,
Nie freut' er sich wohl mehr als da.
Als er die Wappen hatt erkannt,
Kam er vor das Thor gerannt:
Seinen Gast sah er da halten,
Den jungen, noch nicht alten,
Als harrt' er einer weitern Tjost.
Da nahm in Lachfilirost,
Sein Wirth, und griff ihm nach dem Zügel;
Er stach heut keinen mehr vom Bügel.
Lachfilirost Schachtelakunt
Sprach: »Lieber Herr, macht mir kund,
Ward besiegt von eurer Hand
Raßalig? So ist dieß Land
Vor Kampf gesichert immerdar:
Ihm folgt der Mohren ganze Schar
Im Lehn des treuen Eisenhart,
Davon so viel uns Schaden ward:
[60]
Zu End ist unsre Noth und Pein.
Ein zornger Gott gab ihnen ein
Uns heimzusuchen mit dem Heer:
Darnieder liegt nun ihre Wehr.«
Er führt' ihn wider Willen mit.
Die Köngin ihm entgegen ritt:
Seinen Zaum ergriff sie mit der Hand
Und entstrickt' ihm des Visieres Band.
Der Wirth must ihn ihr laßen;
Seine Knappen nicht vergaßen,
Sie ritten ihrem Herren nach.
Da führte durch die Stadt gemach
Ihren Gast die weise Königin,
Dem erstritten war des Siegs Gewinn.
Ab saß sie, da sie däuchte Zeit:
»Weh, wie getreu ihr Knappen seid!
Ihr sorgt wohl, ihr verlört den Mann!
Ihm wird schon ohn euch Dienst gethan.
Nehmt sein Ross und führt es hin:
Sein Geselle Ich hier bin.«
Viel Fraun er auf dem Saale fand.
Entwappnet mit schwarzer Hand
Ward er von der Königin.
Von dem besten Zobel schien
[61]
Die Decke, und das Bette weich:
Da erwies sie ihm sogleich
Eine heimliche Ehre.
Zeugen waren da nicht mehre.
Die Jungfrauen giengen vor die Thür
Und schoben Riegel dafür.
Da nahm des Landes Königin
Süßer Minne Hochgewinn,
Und Gahmuret ihr Herzenstraut;
Sie waren ungleich doch von Haut.
Den Göttern opferten zumal
Die von der Stadt. Was befahl
Der Held dem kühnen Raßalig,
Eh er schied aus dem Krieg?
Das leistet' er in Treue;
Doch wuchs sein Leid aufs Neue
Um seinen Herren Eisenhart.
Als des der Burggraf inne ward,
Kam er herbei. Da hob sich Schall:
Die Fürsten nahten allzumal
Aus der Köngin Land von Zaßamank,
Und sagten ihm des Preises Dank,
Den er erworben hatt im Feld.
Vierundzwanzig gefällt
Hatt er hier vom Sattelbogen,
[62]
Der Meisten Rosse fortgezogen.
Gefangner Fürsten waren drei:
Viel Ritter ritten auch herbei
Mit ihnen vor den Königssaal.
Geruhet und gespeist zumal
Und wonniglich herausstaffiert,
Mit Kleidern herrlich geziert,
War des höchsten Wirthes Leib.
Einst hieß sie Magd, nun war sie Weib,
Die ihn nun vorführt' an der Hand
Und sprach: »Mein Leben und mein Land
Sind diesem Ritter unterthan,
Gönnt Feindeshaß ihm Theil daran.«
Nun folgten Alle Gahmureten;
Sie thaten gern, was er gebeten.
»Herr Raßalig, nun kommt heran,
Meines Weibes Kuss sollt ihr empfahn.
Thut Ihr ein Gleiches, Herr Gaschier.«
Auch Heutegern den Schotten zier
Bat er sie küssen an den Mund;
Der war von seiner Tjost noch wund.
Sich zu setzen, bat er Jeden;
Er stand zu sinnigen Reden.
»Ich säh auch gern den Neffen mein,
[63]
Könnt es mit dessen Hulden sein,
Der ihn hier gefangen hat.
Die Sippe giebt mir keinen Rath
Als schnell ihn frei zu machen.«
Belakanen sah man lachen:
Sie befahl ihn herzubringen.
Dort eilte vorzudringen
Der minnigliche beau Comte,
Von Ritterschaft nicht unverschont;
Er hatt im Streite viel gethan.
Gaschier der Normann
Bracht ihn: gar höfisch that er;
Ein Franzose war sein Vater,
Er selbst Kailetens Schwestersohn;
Seine Fahrt geschah um Minnelohn.
Er hieß Killirjakag;
Schön war er wie ein Mann nur mag.
Kaum hatt ihn Gahmuret erkannt
(In ihrem Antlitz Sippe stand,
Sie sahen sehr einander gleich),
Er bat die Königin sogleich,
Daß sie ihn küsse und umarme;
»Nun komm auch her in meine Arme.«
Da küsste selber ihn der Wirth.
Das Wiedersehn sie freuen wird.
[64]
Gahmuret hub wieder an:
»Weh, du junger süßer Mann,
Was sollte hier dein schwacher Leib?
Sag an, gebot dir das ein Weib?«
»Herr, die gebieten wenig mir.
Mich hat mein Vetter Gaschier
Hergebracht, er weiß wohl wie.
Ich halt ihm tausend Ritter hie,
Denn ich steh ihm gerne dienstlich bei.
Gen Roems in der Normandei
Kam ich zur Versammlung.
Ich brachte manchen Helden jung
Aus der Champagne mit mir hin.
Nun hat der Schaden Kunst und Sinn
Verwandt, ihn zu beschweren;
Ihr wollt euch selbst denn ehren:
Um meinetwillen gebt ihn frei,
Daß seine Pein gesänftet sei.«
»Den Rath behalte nur bei dir.
Geh du hin und Herr Gaschier
Und bringet mir Kaileten her.«
Sie erfüllten gerne sein Begehr
Und brachten ihn wie er gebeten.
Da ward auch Er von Gahmureten
Minniglich empfangen
[65]
Und zu öfterm Mal umfangen
Von der reichen Königin;
Sie küsst' ihn auch mit holdem Sinn.
Mit Ehren durfte sie das schon:
Er war ihres Mannes Muhmensohn
Und von Geschlecht ein König hehr.
Lachend sprach der Wirth noch mehr:
»Gott weiß, Herr Kailet,
Nähm ich euch nun ab Toled
Und euer Land zu Spanien
Für den König von Gaskanien,
Der oft euch drängt mit Zornbegier,
Untreue wäre das von mir,
Denn Ihr seid meiner Muhme Kind.
Die besten Helden mit euch sind,
In Ritterschaft erfahren:
Wer zwang euch her zu fahren?«
Da sprach der stolze Degen jung:
»Mir entbot mein Vetter Schiltung,
Weil Friedbrand seine Tochter hat,
Ich sollt ihm dienen, wär sein Rath.
Seines Weibes wegen hat der hier
Nur alleine von mir
Sechstausend Ritter auserkannt;
Wehrlich ist der Degen Hand.
[66]
Noch bracht ich ihm der Ritter mehr;
Ein Theil fuhr wieder über Meer.
Hier stritten für die Schotten
Viel wehrlicher Rotten.
Ihm kamen von Grünlanden
Helden, die im Streite standen,
Zwei Könige mit großer Kraft:
Eine Flut der Ritterschaft
Brachten sie auf manchem Kiel;
Ihre Rotte mir gar wohl gefiel.
Hier war auch Morhold für ihn;
Dessen Kampf hat Kunst und Sinn.
Diese sind nun heimgekehrt.
Wie jetzt die Königin begehrt,
So thu ich mit den Meinen.
Ihrem Dienst will ich mich einen;
Des Dienstes danktest Du mir nicht,
Denn schon aus Sippe wär er Pflicht.
Die verwognen Helden sind nun deine:
Wären sie getauft wie meine
Und ihnen an der Haut auch gleich,
Kein gekrönter König wär so reich,
Dem sie nicht drohten Streits genug.
Mich wundert was dich her verschlug
Und wie's geschah: das sage mir.«
[67]
»Ich kam gestern, heute bin ich hier
Herr geworden übers Land.
Mich fieng die Köngin bei der Hand;
Da wehrt' ich mich mit Minne:
So riethen mir die Sinne.«
»Wohl hat dir deine süße Wehr
Bezwungen hier und dort das Heer.«
»Du meinst wohl, weil ich dir entrann?
Du riefst mich ja so heftig an:
Was wolltest du von mir erzwingen?
Laß mich also mit dir dingen.«
»Ich erkannte nicht den Anker dein:
Meiner Muhme Mann Gandein
Führt' ihn niemals mit sich aus.«
»Doch Ich erkannte deinen Strauß,
Im Schild ein Sarapandratest;
Dein Strauß stand hoch und ohne Nest.
Ich sah gar wohl an Mann und Ross,
Daß dich die Sicherheit verdroß,
Die zwei Helden mir gelobt:
Die hatten erst sich wohl erprobt.«
»Wie ihnen wär auch mir geschehn.
Dem Teufel selbst müst ich gestehn,
Werd ich auch seiner nimmer froh:
[68]
Hätt er den Preis erworben so
Wie du an freveln Helden, traun,
Für Zucker äßen ihn die Fraun.«
»Dein Mund des Lobs zuviel mir spricht.«
»Nicht doch, schmeicheln kann ich nicht;
Nimm anders meiner Hülfe wahr.«
Sie riefen Raßaligen dar.
Mit Züchten sprach da Kailet:
»Euch hat mein Vetter Gahmuret
Mit seiner Hand gefangen.«
»Ja Herr, so ists ergangen.
Ich hab ihn wohl dafür erkannt,
Daß nun Aßagog das Land
Treu in seinem Dienst verharrt,
Da unser König Eisenhart
Dort nicht sollte Krone tragen.
Er ward in Ihrem Dienst erschlagen,
Die sich euerm Vetter hat ergeben:
Ihre Minne kostet' ihm das Leben;
Die Rache hat mein Kuss verschworen.
Ich habe Herrn und Freund verloren.
Will nun eurer Muhme Kind
Thun was Ritterpflichten sind,
Daß er uns will entschädgen sein,
So falt ich ihm die Hände mein.
[69]
So hat er Reichthum und Preis
Und Was sich nur von Tankaneis
Auf Eisenhart vererbet hat,
Der gebalsamt steht an jener Statt.
Seine Wunden sah ich jeden Tag,
Seit dieser Sper sein Herz zerbrach.«
Den zog er aus dem Busen sein
Hervor an seidner Schnur so fein,
Und wieder sahen ihn die Degen
Ihn an bloße Brust sich legen.
»Es ist jetzt frühe noch am Tag:
Will mein Herr Killirjakag
Im Heere meine Botschaft melden,
So folgen ihm hieher die Helden.«
Ein Ringlein schickt' er seinen Scharen,
Die nach der Hölle farbig waren:
Die Fürsten kamen allzumal
Durch die Stadt in den Saal.
Da lieh mit Fahnen seine Hand
Den Fürsten Aßagog das Land.
Jeglichen freute wohl sein Stück;
Der beste Theil blieb doch zurück
Ihrem Herren, Gahmureten.
Die Ersten waren abgetreten:
[70]
Nun kamen Die von Zaßamank
Mit Gepränge zum Empfang.
Sie erhielten nach der Frau Beschluß
Von ihm ihr Land und des Genuß,
Ein Jeglicher sein Gebiet.
Die Armut ihren Herren mied.
Nun hatte Prothißilas,
Der auch einst Fürstenrang besaß,
Hinterlaßen ein Herzogthum:
Das lieh er Dem, der hohen Ruhm
Oft mit seiner Hand erjagt
(Nie war er vor dem Streit verzagt):
Lachfilirost Schachtelakunt
Nahm es mit Fahnen gleich zur Stund.
Von Aßagog die Fürsten hehr
Nahmen den Schotten Heuteger
Und Gaschiern den Normann
Und traten vor den Herrn heran:
Der gab sie frei wie sie gebeten;
Das dankten alle Gahmureten.
Heutegern, den Schotten,
Baten sie sonder Spotten:
»Laßt unserm Herrn das Prachtgezelt
Seiner Kühnheit zum Vergelt.
Es raubt' uns Eisenhartens Leben,
[71]
Daß unsres Landes Zier gegeben,
Sein Harnisch, wurde Friedebrand.
Seine Freude stand zu Pfand;
Er selber leider liegt hier todt;
Unvergoltner Dienst schuf ihm die Noth.«
Die Welt nicht beßre Wehr besaß:
Der Helm war von Adamas,
Dicht und großer Härte,
Der beste Streitgefährte.
Da gelobte Heuteger,
Wenn er daheim in Schottland wär,
Wollt ers erbitten von dem Herrn
Und wiedersenden dann von fern.
Das verhieß er frei und ohne Zwang.
Zum König Urlaub bittend drang
Nun der edeln Fürsten Zahl:
Also räumten sie den Saal.
Wie verwüstet war sein Land,
Doch konnte Gahmuretens Hand
Schwenken solcher Gabe Sold
Als trügen alle Bäume Gold.
Große Gabe ward vertheilt.
Freund' und Mannen unverweilt
Nahmen hin des Helden Gut;
Da war der Köngin wohl zu Muth.
[72]
Zu Stande kam die Hochzeit
Nun nach manchem harten Streit;
Doch ward er so geschlichtet,
Ich hab es nicht erdichtet:
Man sagte mir, daß Eisenhart
Königlich bestattet ward
Von Freund und Mannen insgemein.
Der Zins, den sein Land ihm ein
Trug in einem Jahre,
Ward erlegt bei seiner Bahre;
Das thaten sie aus freiem Muth.
Gahmuret das große Gut
Seine Holden ließ behalten;
Sie mochten drüber schalten.
Am Morgen vor der Veste
Schieden aus dem Land die Gäste.
Sich trennten Die da waren,
Und führten viel der Bahren.
Der Herbergen stand das Feld
Entblößt bis auf des Königs Zelt;
Das hieß er auch zu Schiffe tragen.
Seinem Volke ließ er sagen,
Er brächt es nur gen Aßagog:
Mit der Red er sie betrog.
[73]
Diesen kühnen stolzen Mann
Fiel nun bald das Heimweh an.
Seine Freude war der Sorgen Pfand,
Als er nicht mehr zu kämpfen fand.
Jedoch war ihm das schwarze Weib
Lieber als sein eigner Leib.
Nie war ein Weib so rein wie sie:
Vergeßen mocht ihr Herz es nie,
Keuschheit und zarte Weiblichkeit
War ihr das wertheste Geleit.
Aus Sevilla der Stadt
War geboren, den er bat
Daß er mit ihm enteile.
Er hatt ihn manche Meile
Gefahren schon, ihn auch zuvor
Hieher gebracht; er war kein Mohr.
Der Steurer sprach, der weise:
»Hehlt es vor ihnen leise,
Die so schwarze Haut hier tragen.
Meine Schiffe können jagen:
Nimmer holen sie uns ein,
Wir wollen bald von dannen sein.«
Er ließ sein Gold zu Schiffe tragen.
Nun muß ich euch von Scheiden sagen.
Bei Nacht fuhr ab der werthe Mann:
[74]
Das ward verstohlen gethan.
Als er entrann vom Weibe,
Trug sie schon im Mutterleibe
Ein zwölf Wochen altes Kind.
Ihn entführte rasch der Wind.
Die Frau in ihrem Beutel fand
Einen Brief von ihres Mannes Hand.
Auf Französisch, das sie konnte,
Zu sagen ihr die Schrift begonnte:
»Hier entbeut ein Lieb dem andern Lieb:
Wohl bin ich dieser Fahrt ein Dieb;
Ich muß sie Jammer fürchtend stehlen.
Ich kann dir, Fraue, nicht verhehlen,
Wär dein Glaube gleich dem meinen,
Immer müst' ich um dich weinen;
Und hab schon immer nach dir Pein.
Wird unser beider Kindelein
Von Anblick einem Manne gleich,
Fürwahr, so wird er tugendreich.
Er ist von Anschau geboren;
Minn ist ihm zur Frau erkoren.
Er wird ein Blitz in Streit und Fahr,
Dem Feind ein übler Nachbar.
Wißen soll der Sohn mein,
Sein Ahnherr war genannt Gandein
[75]
Und fand im Ritterstreit den Tod.
Des Vater litt die gleiche Noth:
Er war geheißen Addanz;
Sein Schild verblieb gar selten ganz.
Addanz war ein Breton;
Er und Utepandragon
Waren zweier Brüder Kind,
Die beide hier geschrieben sind:
Der Eine war Lazaließ;
Brikus der Andre hieß,
Und beider Vater Mazadan.
Ihn führt' eine Fee gen Feemorgan,
Die Terdelaschoie hieß,
Und ganz ihr Herz ihm überließ.
Mein Geschlecht entsprang von diesen zwein,
Und immer giebt es lichten Schein.
Jeglicher noch die Krone trug
Und hatte Würdigkeit genug.
Herrin, läßt du taufen dich,
Wohl noch erwerben magst du mich.«
Seinem Glauben trug sie keinen Haß:
»O wie bald geschähe das!
Käm er gleich zurückgeeilt,
Ich vollbrächt' es unverweilt.
Wem hat hier seine edle Zucht
[76]
Gelaßen seiner Minne Frucht?
Weh liebliche Genoßenschaft!
Soll mir nun der Trauer Kraft
Immer zwingen Seel und Leib?
Seinem Gott zu Ehren,« sprach das Weib,
»Ich gern mich taufen wollte
Und leben, wie ich sollte.«
Ihr gab dieß Leid manch harten Streich;
Ihre Treue fand den dürren Zweig,
Wie noch die Turteltaube thut:
Die hatte stäts den gleichen Muth:
Trug sie um Minne Kummers Last,
Ihre Treue kor den dürren Ast.
Die Frau zu rechter Zeit gebar
Einen Sohn, der zweier Farben war.
Ein Wunder legte Gott an ihn:
Weiß und schwarzer Farb er schien.
Die Köngin küsst' ihn tausend Male
Alsbald auf seine blanken Male.
Die Mutter hieß ihr Kindelein
Feirefiß Anschewein.
Der ward ein Waldschwende,
Da die Tjoste seiner Hände
Manches Speres Schaft zerbrachen,
Der Schilde viel durchstachen.
[77]
Wie die Elster ganz und gar
Trug ihm Farbe Haut und Haar.
Nun war es über des Jahres Ziel,
Seit Gahmureten man so viel
Gepriesen dort in Zaßamank,
Wo seine Hand den Sieg errang.
Noch immer schwebt' er auf der See:
Ihm thaten schnelle Winde weh.
Ein seiden Segel sah er fern:
Das trug ein Schiff, und auch die Herrn,
Die als Boten Friedebrand
Frau Belakanen zugesandt.
Er bat sie, daß sie ihm verzeihe,
Wie auch sein Freund erschlagen seie,
Daß sein Heer je ihre Stadt umsaß.
Da brachten sie den Adamas,
Halsberg, Schwert und Hosenpaar.
Ein großes Wunder wars fürwahr,
Daß ihm das Schiff entgegenfuhr
Wie mir die Aventüre schwur.
Sie gabens ihm: er gab sein Wort,
Daß er ihre Botschaft dort
Vermelde, käm er heim zu ihr.
Sie schieden sich; man sagte mir,
Daß ihm das Meer den Hafen gab:
[78]
Zu Sevilla stieg er ab.
Mit Gold der Degen wohlgethan
Lohnte seinem Steuermann
Reichlich seine Arbeit.
Sie schieden sich; das war dem leid.

2. Herzeleide

Inhalt
Inhalt.

Da sein Vetter, König Kailet, den er zu Sevilla vergebens aufsucht, gen Kanvoleis zum Turnier gezogen ist, so macht auch Er mit hundert neuen Speren sich dahin auf. Dieß Turnier hatte die Königin Herzeleide, die jungfräuliche Wittwe, ausgeschrieben, und dem Sieger ihre Hand und beide Königreiche, Waleis und Norgals, mit den Hauptstädten Kanvoleis und Kingrivals, verheißen. Gahmuret läßt sein vor Patelamund erworbenes Prachtgezelt aufschlagen, und hält einen glänzenden Einzug in Kanvoleis: durch beides erregt er die Bewunderung der Königin, deren stralende Schönheit auch ihn durchzuckt. Hier findet er auch Kailet, Killirjakag und Gaschier wieder. Kailet bittet ihn, ihm im Turnier gegen Hardeiß, König von Gaskon, beizustehen, der ihn haßt, weil er seine Schwester Aleiß verschmäht hat, welche jetzt dem gleichfalls gegenwärtigen Herzogen Lämbekein von Brabant vermählt ist. Die zum Turnier anwesenden Ritter haben sich in ein inneres und äußeres Heer getheilt, jenachdem sie in der Stadt oder draußen auf dem Felde liegen. Zum innern Heere, dem sich Gahmuret beigesellt, halten sich, außer dessen schon genannten Freunden, der alte Brittenkönig Utepandragon, dessen Sohn Artus schon drei Jahre seiner von dem Zauberer Klinschor entführten Mutter nachzieht, ferner König Lot von Norwegen, mit seinem [83] unmündigen, hier zuerst erwähnten Sohne Gawan, die Könige von Patrigalt und Portugal, die Provenzalen und Waleisen u.s.w. Zum äußern gehören, außer König Hardeiß von Gaskon, und seinem Schwager, dem Herzogen Lämbekein von Brabant, noch die Könige Brandelidelein von Punturtois und Schaffilor von Arragon, dann König Lähelein, und der König von Askalon, ferner Morhold von Irland, Cidegast von Logrois, Poitewin von Prienlaskros u.s.w. Als Theilnehmer am Turnier werden ferner erwähnt Schiolarz de Poitou, Gurnemans de Graharz, und Riwalin, König von Lohneis, der Vater Tristans. Schon am Vorabend beginnt der Kampf mit einem Vesperspiel (Vorturnier). Gahmuret, in Eisenharts Rüstung, besiegt und fängt unter Andern die Könige Hardeiß von Gaskon, Brandelidelein von Punturtois, Schaffilor von Arragon und Lähelein; Kailet sticht den Herzogen von Brabant nieder, wird aber selbst von den Punturteisen gefangen, wie Killirjakag, der zuvor den König Lach niedergerannt hat, von Morholden. Doch bleibt der Sieg den Innern, vornämlich durch Gahmurets Tapferkeit. Traurig empfängt er gleichwohl die Königin Herzeleide, die ihn am Abend in seinem Zelte besucht. Ihn foltern die widersprechendsten Gefühle, denn während des Kampfs hatte ihm seine Jugendgeliebte, die Königin Anflise von Frankreich, deren Gemahl gestorben ist, ihre Hand antragen laßen; auch verdüstert seinen Sinn die Ahnung von dem Tode seines Bruders Galoes, denn ein Fürst des Landes Anschau hatte dessen Wappenschild umgekehrt, mit emporgerichteter Spitze, getragen. Dazu peinigen ihn Gewissensbiße über seine treulose Flucht von Zaßamank, dessen schwarze Königin er immer noch liebt, da ihn doch auch Herzeleidens Schönheit nicht unempfindlich läßt. Kailet und Killirjakag, von den Aeußern zur Auswechselung gegen König Brandelidelein hereingeschickt, kommen hinzu, und erklären Gahmuret für Sieger im Turnier, da die Aeußern, deren [84] Stärke Gahmuret gefangen genommen hat, es bei dem Vesperspiel bewenden laßen wollen. Da hiernach Herzeleide, dem Gesetze des Turniers gemäß, seine Hand anspricht, und zugleich Anflisens Boten deren Rechte verwahren, gelobt Gahmuret, Kanvoleis nicht zu verlaßen, bis über Herzeleidens Sache entschieden sei. Als sie sich entfernt, erfährt Gahmuret durch Kailet die Bestätigung seiner Ahnung von dem Tode seines Bruders, und zugleich die Nachricht, daß auch seine Mutter Schoiette gestorben ist. Er zieht sich in sein Zelt zurück, und bringt die Nacht mit Jammer hin. Am andern Morgen finden Schiedsrichter, seiner Einrede, daß gar kein Turnier Statt gefunden, ungeachtet, das Urtheil, Gahmuret, als Sieger im Ritterspiel, dürfe Herzeleidens Hand nicht ausschlagen. Er unterwirft sich dem Spruch, worauf Anflisens Boten unwillig hinwegreiten. Da ihm nun mit der Hand Herzeleidens zwei Königreiche, und als Erben seines Bruders auch die Krone von Anschau zugefallen, entschließt er sich als Volksherrscher zur Freude, vertauscht den Anker mit seines Vaters Wappen, dem Panther, und begeht, nachdem er Hardeißen mit Kailet versöhnt hat, eine glänzende Hochzeit. Von Herzeleiden hatte er sich monatlich ein Turnier ausbedungen: darin trägt er das seidene Hemde seiner Frauen über dem Harnische, welches sie dann, durchstochen und zerhauen, wieder anlegt. Dieß war achtzehnmal geschehen, als er wieder über Meer fährt, um dem Baruch, der von jenen babylonischen Brüdern abermals überfallen ist, beizustehen. Herzeleide, die schwanger zurückgeblieben ist, wird eines Tags von einem Traume geängstigt, der ihr den Tod des Gemahls und zugleich ihres Kindes Schicksale vorbedeutet. Als sie erwacht, bringt Tampaneis, Gahmurets Meisterknappe, die Trauerbotschaft von dessen Tod durch den Verrath Ipomidons. Vierzehn Tage später gebiert sie die Blüthe aller Ritterschaft, Parzival.

Herzeleide
[85] [87]Herzeleide.
Dort zu Spanien in dem Land
War ihm der König wohlbekannt;
Das war sein Vetter Kailet;
Zu diesem fuhr er gen Toled.
Der war nach Ritterschaft gefahren,
Wo es galt den Schild nicht sparen.
Da läßt auch er bereiten sich
(So lehrt die Aventüre mich)
Mit Speren, die von Buntheit stralen
Und mit grünen Zindalen:
Denn jeder hatte sein Panier,
Härmeline Anker drauf so zier,
Daß man sie köstlich pries und reich;
Sie waren lang und breit zugleich,
Und reichten nieder auf die Hand,
Wenn man sie zur Spitze band
Oder tiefer eine Spanne.
Deren ward dem kühnen Manne
[87]
Einhundert da zurecht gemacht
Und durch die Lande nachgebracht
Von seines Vetters Hausgetreuen.
Ehren und mit Dienst erfreuen
Konnten sie ihn nach Würdigkeit;
Das war auch ihrem Herrn nicht leid.
Er strich ihm nach wer weiß wie lang,
Bis er Herberg sich errang
In dem Lande Waleis.
Geschlagen war vor Kanvoleis
Mancher Pavillon auf einen Plan.
Ich sag es nicht nach eitelm Wahn;
Gebietet ihr, so ist es wahr.
Halten ließ da seine Schar
Der Herr, und sandte vor ihm ein
Den klugen Meisterknappen sein:
Er sollte, wie sein Herr ihn bat,
Herberge nehmen in der Stadt.
Der eilte sich, er war kein Träumer;
Man zog ihm hinterdrein die Säumer.
Kein Haus mocht er gewahren,
Des Dach nicht Schilde waren;
Auch die Wände sah er all behangen
Und mit Speren rings umfangen.
[88]
Die Königin von Waleis
Hatt angesagt zu Kanvoleis
Ein Turnier von solcher Strenge,
Manchem Zagen wird es enge
Ums Herz, wo er dergleichen sieht;
Auf sein Gebot es nicht geschieht.
Eine Jungfrau war sie, nicht ein Weib,
Zwei Länder und den eignen Leib
Bot sie Dem, der Sieger wäre.
Manchen fällte diese Märe
Hinters Ross auf den Sand.
Wer ein solch Gefälle fand,
Viel Glück ward dem nicht nachgesagt.
Des pflagen Helden unverzagt,
Sie zeigten Muth zur Ritterschaft:
Mit hurtiglicher Schenkel Kraft
Ward da manches Ross ersprengt,
Und der Schwerter viel erklängt.
Ueber einen Fluß geschlagen
Eine Brücke sah man ragen,
Mit einem Thor beschloßen,
Das ein Knappe unverdroßen
Aufthat, wenn man ihm befahl.
Darüber stand der Königssaal.
Auch saß des Landes Königin
[89]
In den Fenstern darin
Mit Mägdelein und Frauen,
Die sah man spähn und schauen
Was die Knappen drüben thaten.
Sie hatten sich berathen
Und schlugen ein Gezelt hier auf.
Zu ungewährter Minne Kauf
Ward des einst ein König ledig,
Dem Belakane war ungnädig.
Mit Mühen ward aufgeschlagen,
Das dreißig Säumer musten tragen,
Ein Zelt von höchster Kostbarkeit.
Auch war der Plan wohl so breit,
Daß sich die Schnüre streckten dran.
Gahmuret der werthe Mann
Nahm im Freien erst den Imbiß,
Darauf mit Fleiß er sich befliß,
Wie er höfisch käm geritten.
Verzug ward nicht gelitten;
Die Knappen hatten ihm zumal
Gebunden seiner Spere Zahl,
Jedweder fünf mit Einem Band;
Den sechsten führt' er in der Hand
Mit dem Anker im Paniere:
So zog heran der Ziere.
[90]
Vor der Köngin ward vernommen,
Daß ein Fremdling kommen
Sollt aus einem fernen Land,
Der hier Niemand wär bekannt.
»Höfisch ist sein Volk, aus beiden
Gemischt, Franzosen und Heiden;
Mancher mag ein Anschewein
Wohl nach seiner Sprache sein.
Ihr Muth ist stolz, ihr Gewand ist klar,
Wohl geschnitten auch fürwahr.
Seiner Knappen sprach ich einen;
Die werden nicht um Mangel weinen.
Sie sagen, wer um Habe flehe,
Wenn der zu ihrem Herren gehe,
So scheid er ihn von Kummers Schwere.
Bei ihnen fragt' ich nach der Märe:
Da sagten sie mir sonder Wank,
Der König wärs von Zaßamank.«
Die Kunde bracht ihr ein Garzon.
»Avoi! welch ein Pavillon!
Eure Krone stünd und euer Land
Wohl nicht halb dafür zu Pfand.«
»So sehr zu loben brauchst du's nicht.
Mein Mund dir das nicht widerspricht,
Es gehört wohl einem reichen Mann,
[91]
Der wenig Armut je gewann.«
Also sprach die Köngin hehr.
»Weh, was kommt er selbst nicht her?«
Das zu erfragen bat sie ihn.
Durch die Stadt höfisch ziehn
Sah man nun diesen Kecken
Und die Schlafenden wecken.
Viel Schilde fand er hangen.
Posaunen schmetternd klangen
Voraus auf seinen Wegen;
Mit Wurf, mit mächtgen Schlägen
Zwei Trommeln gaben lauten Schall,
Ueber all die Stadt erscholl der Hall.
Es war jedoch der Ton gemischt,
Mit Flötenstimmen süß erfrischt.
Es war ein Marsch, den sie bliesen.
Vergeßen wir nicht über diesen,
Wie ihr Herr gekommen sei;
Dem ritten Fiedelspieler bei.
Da legte der Degen werth
Ein Bein vor sich übers Pferd,
Zwei Stiefel an den bloßen Beinen.
Den Mund sah man ihm röthlich scheinen
Wie ein glühender Rubin;
[92]
Die Lippen dick und nicht zu dünn.
Sein Leib war allenthalben klar,
Schön gelockt das lichte Haar
So weit es sehen ließ der Hut;
Köstlich war auch der und gut.
Grün sammten war der Mantel sein;
Der Pelz davor gab schwarzen Schein
Auf einem Hemde fein und blank.
Von Gaffern war da großer Drang.
Die Frage viel vernommen ward,
Wer der Ritter wäre sonder Bart,
Der solchen Reichthum möge zeigen?
Sie brauchtens Niemand zu verschweigen:
Man sagt' es ihnen ohne Trug.
Nach der Brücke nahm den Zug
Ander Volk und auch das seine.
Von dem lichten Scheine,
Der ausgieng von der Königin,
Bis in das Bein durchzuckt' es ihn.
Auf richtet sich der Degen werth
Wie ein Federspiel, das gehrt.
Die Herberge däucht ihn gut;
Also stand des Helden Muth.
Sie empfand auch wohl, die Wirthin,
Von Waleis die Königin.
[93]
Der König Spaniens erfuhr,
Es stünd auf der Löwenflur
Ein Gezelt, das Gahmureten
Von Raßalig erbeten
Einst wurde vor Patelamunt:
Das that ihm ein Ritter kund.
Auf sprang er hurtig wie der Wind,
Er war der Freuden Ingesind.
Noch sprach derselbe Ritter da:
»Eurer Muhme Sohn ich sah
Kommen in alter Ziere:
Es sind hundert Paniere
Bei einem Schild ins grüne Feld
Gestoßen vor sein Prachtgezelt;
Die Fähnlein alle grüne.
Endlich hat der Kühne
Von Harm drei Anker licht und schön
Auf jeglichem Zindal stehn.«
»Ist er unterm Helme hie?
Avoi! so soll man schauen, wie
Er die Scharen weiß zu mengen
Und im Sturm einher zu sprengen!
Der stolze König Hardeiß
Hat mit Zorn seinen Fleiß
Nun lang genug auf mich gewandt;
[94]
Den soll hier Gahmuretens Hand
Mit seinen Tjosten neigen.
Nun will mein Glück sich zeigen!«
Seine Boten sandt er gleich hindann,
Wo Gaschier der Normann
Mit großem Ingesinde lag,
Und der lichte Killirjakag:
Die waren da, von ihm erbeten.
Zum Pavillone mit Kaileten
Giengen die zwei Helden gut.
Da empfiengen sie mit frohem Muth
Den werthen König von Zaßamank.
Die Weile däuchte sie zu lang
Bis sie ihn wiedersahen:
Das gestanden sie beim Nahen.
Da fragte sie der Held um Märe,
Wer zum Turnier zugegen wäre.
Da sprach seiner Muhme Kind:
»Aus fernem Land gekommen sind
Ritter, die die Minne jagt,
Viel kühner Helden unverzagt.
Hier hat manchen Breton
Roi Utepandragon.
[95]
Diesen sticht es wie ein Dorn,
Daß er sein Weib hat verlorn,
Die Artusen ihm gebar.
Ein Pfaffe, der ein Zaubrer war,
Hat die Frau ihm entwandt;
Dem ist Artus nachgerannt.
Es geht ins dritte Jahr nun schon,
Daß er Weib vermisst und Sohn.
Hier ist auch seiner Tochter Mann,
Der Waffenspiel wohl spielen kann,
Lot von Norwäge,
Zu falscher That der träge,
Geschwind jedoch zum Preise,
Der kühne Degen weise.
Hier ist auch sein Sohn Gawan,
So schwach noch, daß er nie gethan
Ritterschaft im Ehrenfeld.
Er war bei mir, der kleine Held:
Er sagte, könnt er einen Schaft
Zerbrechen, fehlt' ihm nicht die Kraft,
So thät' er gerne Rittersthat.
Wie es früh sein Muth begonnen hat!
Auch der König hat von Patrigalt
Von Speren einen ganzen Wald;
Doch heißt noch nichts ihr Wesen all
Gegen Die von Portugal.
[96]
Die heißen wir die Frechen,
Die durch Schilde wollen stechen.
Hier haben Provenzalen
Schilde, die von Helle stralen.
Hier sind endlich die Waleise,
Die da reiten ihre Kreise
Durch die Haufen nach Gelüsten,
Mit ihres Landes Kraft sich brüsten.
Noch Viel sind hier um Weibesgruß,
Deren Namen ich verschweigen muß.
Von denen ich sie kund gethan,
Wir alle liegen sonder Wahn
Mit großem Aufwand in der Stadt,
Wie die Königin geboten hat.
Nun hör auch Wer im Felde liegt
Und unsre Stärke leicht besiegt.
Der werthe König Askalons
Und der stolze König Arragons,
Cidegast von Logrois
Und der König von Punturtois;
Der heißet Brandelidelein.
Da ist auch der kühne Lähelein;
Da ist Morhold von Irland:
Der raubt uns hier gar manches Pfand.
Drüben liegen auf dem Plane
[97]
Die stolzen Allemane:
Der Herzog von Brabant
Kam gefahren in dieß Land
Für den König Hardeiß.
Seine Schwester Aleiß
Gab ihm der König von Gaskon:
Sein Dienst empfieng voraus den Lohn.
Die stehn mit Zorn entgegen mir;
Jedoch vertrauen will ich dir.
Gedenke nun der Sippe dein;
Bei Lieb und Treue, warte mein.«
Da sprach der Held von Zaßamank:
»Von Dir begehr ich keinen Dank,
Was dir mein Dienst zu Ehren thut:
Wir haben billig Einen Muth.
Steht dein Strauß noch sonder Nest?
Du sollst dein Sarapandratest
Wider seinen halben Greifen tragen.
Mein Anker wird in Grund geschlagen
Bei seines Antritts schnellstem Hurt:
Er selber suche die Furt
Hinterm Ross auf dem Grieße.
Wenn man uns zusammen ließe,
Ich fällt' ihn, oder Er mich,
Bei meiner Treu versichr ich dich.«
[98]
Heim ritt da Kailet erfreut;
Bei seiner Freude war kein Leid.
Jetzt erhob sich Kampfgeschrei
Von erlauchter Helden zwei:
Von Poitou Schiolarz
Und Gurnemans de Graharz,
Die tiostierten auf dem Plan.
Da hob das Vesperspiel sich an,
Hier ritten sechse, dorten drei;
Da gesellten leicht sich Haufen bei.
Sie begannen rechte Rittersthat;
Es gab nun auch nicht andern Rath.
Noch war es um den mitten Tag;
Der Held in seinem Zelte lag:
Da erfuhr der König von Zaßamank,
Die Ritte wären weit und lang
Auf dem Feld geworden
Nach rechtem Rittersorden.
Da fuhr auch hin der Kühne
Mit manchem Banner grüne.
Noch sollte nichts von ihm geschehn:
Er wollte nur in Muße sehn
Wie es stünd auf beiden Seiten.
Seinen Teppich ließ er spreiten
Wo die Haufen sich verwirrten,
[99]
Und gestochne Rosse kirrten.
Von Knappen war umher ein Ring,
Dazu von Schwertern Klinge Kling.
Wie nach Preis die Helden rangen,
Deren Klingen also klangen!
Die Spere krachten auch wohl so,
Man brauchte nicht zu fragen wo?
Geschwader waren statt der Wände;
Da wirkten Wunder Rittershände.
Dieses Kampfspiel war so nah,
Von dem Saal hernieder sah
Manche Frau der Helden Streit.
Doch wars der Königin leid,
Daß von Zaßamank der König hehr
Sich nicht drängte mit der Andern Heer
»Weh, wohin ist er gekommen,
Von Dem ich Wunder viel vernommen?«
Nun war auch Roi de Franze todt,
Des Weib ihn oft in große Noth
Gebracht mit minniglichem Sinn.
Die erlauchte Königin
Hatte Boten ausgesandt,
Ob er nicht wieder wär ins Land
Gekommen aus der Heidenschaft:
Sie zwang dazu der Liebe Kraft.
[100]
Da ward im Streite viel gethan
Von manchem kühnen armen Mann;
Doch jagten Die dem Ziel nicht nach,
Das die Königin versprach:
Ihre Hand und beide Länder;
Sie begehrten andrer Pfänder.
Nun war auch Gahmuretens Leib
In jener Rüstung, die sein Weib
Einst der Sühne hatt ermahnt,
Dem sie der Schotte Friedebrand
Zur Gabe schickte für den Schaden,
Womit sein Streit sie überladen.
Die Erde Beßres nicht besaß.
Da schaut' er nun den Adamas,
Den Helm. Darüber man ihm band
Einen Anker; der bestand
Aus verbundnen Edelsteinen,
Großen, nicht zu kleinen;
Das war doch eine schwere Last:
So gehelmziert war der Gast.
Wie der Schild geschmückt ihm war?
Aus arabschem Golde klar,
Eine theure Buckel drauf geschlagen,
Schwer von Gewicht, die must er tragen.
[101]
Sie gab von Röthe solchen Glanz,
Drin spiegeln mochte man sich ganz.
Ein Anker stand von Zobel drauf.
Ich lüde gern mir selber auf
Womit der Held sich hat beschwert,
Denn manche Mark war es werth.
Sein Wappenrock war räumig weit,
Ich wette, daß man in den Streit
So guten selten führte,
Der lang den Teppich rührte.
Er glänzte, wenn ichs kenne,
Wohl so als ob da brenne
Bei der Nacht ein queckes Feuer;
Verblichne Farbe war da theuer.
Sein Schimmer mied die Blicke nicht,
Doch mied Ihn gern ein schwach Gesicht.
Er war von Gold gebildet, das
Am Gebirge Kaukasas
Greifenklauen aus dem harten
Felsen zerrten und bewahrten,
Und noch bewahren heute.
Aus Arabien kommen Leute,
Die erwerben es mit List
(Beßres nicht zu finden ist)
Und bringens heim gen Arabie,
[102]
Wo man die guten Achmardi
Wirket und die Pfellel reich:
Kein Gewand kommt diesem gleich.
Den Schild der Held zu Halse nahm.
Da stand ein Ross gar lobesam,
Gewappnet schier bis an den Huf;
Dabei von Knappen Ruf auf Ruf.
Er sprang hinauf, als er es fand.
Da verschwendete des Helden Hand
Manch starken Schaft im Lanzenspiel,
Der Haufen auch zertrennt' er viel,
Immer durch, und jenseits wieder aus;
Dem Anker folgte nach der Strauß.
Gahmuret stach hinters Ross
Poitewin de Prienlaskros
Und sonst noch manchen werthen Mann,
Von dem er Sicherheit gewann.
Wenn er bekreuzte Ritter sah,
Die genoßen seiner Stärke da:
Die erkämpften Rosse gab er ihnen;
Sie mochten viel an ihm verdienen.
Gleicher Paniere
Ihm entgegen fuhren viere
[103]
(Darunter sah man Rotten reiten;
Auch wuste wohl ihr Herr zu streiten):
Auf jedem eines Greifen Schweif.
Zahllosen Rittern war vom Greif
Dieser Schwanz ein Wappenbild;
Den vordern Theil auf seinem Schild
Der König von Gaskone trug,
Den halben Greif, ein Ritter klug.
Gerüstet war der Held zu schauen,
Daß er wohl gefiel den Frauen.
Er hob sich vor den Andern aus,
Als er auf dem Helm ersah den Strauß;
Doch kam der Anker erst an ihn.
Da stach ihn hinters Ross dahin
Der werthe König von Zaßamank
Und fieng ihn. Groß war da der Drang:
Furchen wurden glatt getennt,
Mit Schwertern wirres Haar gekämmt;
Da ward verschwendet der Wald,
Daß zur Erde Mancher niederprallt.
Die wandten sich (so hört ich sagen)
Nach hinten, wo da stehn die Zagen.
Das Kampfgetümmel war so nah,
Die Frauen sahen wohl, wer da
Sich erwarb des Ruhms Gewinn.
[104]
Vom Sper des minnenden Riwalin
Schneite von Splittern ein neues Gleis;
Das war der König von Lohneis:
Laut krachte seiner Stöße Schall.
Einen Ritter ihnen Morhold stahl,
Den er aus dem Sattel zu sich hub:
Das war ein ungefüger Schub.
Der Ritter hieß Killirjakag.
Von Dem hatte König Lach
Zuvor empfangen solchen Sold,
Den man fallend an der Erde holt;
Auch hatt er sonst noch viel gethan.
Da gelüstete den starken Mann,
Ihn zu bezwingen ohne Schwert:
Also fieng er den Degen werth.
Zu Boden stach Kailetens Hand
Den Herzogen von Brabant,
Der hieß mit Namen Lämbekein.
Was thaten da die Degen sein?
Sie beschirmten ihn mit Schwerten,
Die eitel Kampf begehrten.
Da stach der König von Arragon
Den alten Utepandragon
Hinters Ross auf den Plan,
[105]
Diesen König von Bretan.
Es stunden Blumen viel um ihn.
Seht, wie höfisch ich doch bin,
Daß ich den werthen Bretaneis
Bette so schön vor Kanvoleis,
Wohin nie eines Bauern Fuß
(Wie ich in Wahrheit sagen muß)
Noch trat, vielleicht auch nimmer tritt –
Da er doch einmal niederglitt
Von dem Ross, drauf er geseßen.
Doch ward sein länger nicht vergeßen:
Ihn beschirmten, die da um ihn stritten.
Da wurde mancher Stoß erlitten.
Da kam der König von Punturteis:
Der ward allhier vor Kanvoleis
Auf seines Rosses Spur gefällt,
Daß er dahinter lag im Feld.
Das that der stolze Gahmuret.
Tret ihn nieder, trete, tret!
Im Streite fanden sie zu treten.
Seiner Muhme Sohn, Kaileten,
Fiengen die Punturteise:
Da wurde rauh die Reise.
Als man ihnen Brandelideleinen,
Ihren König nahm, die Seinen
[106]
Einen andern König für ihn fiengen.
Hin und wieder liefen, giengen
Helden viel in Eisenschienen.
Mich dünkt, da ward der Braten ihnen
Zermürbt mit Schlegeln und mit Keulen;
Ihre Haut trug schwarze Beulen.
Von Quetschung mochten melden
Die wohlgethanen Helden.
Lautre Wahrheit bleibt mir Pflicht:
Ruhe liebte man hier nicht.
Die Werthen führte Lieb ins Feld,
Manchen Schild von Kunst erhellt
Und manch hochgekrönten Helm:
Hier lagen sie in Staub und Melm.
Im Felde sah man Blumen blühn
Und kurzes Gras so saftig grün:
Darauf fiel mancher werthe Mann,
Dem solche Ehre ward gethan.
Mein Ehrgeiz ward bescheidner längst:
Ich sitze lieber auf dem Hengst.
Hin ritt der Held von Zaßamank
Aus des Kampfgetümmels Drang,
Wo ein geruhtes Ross ihm stand.
Man band ihm ab den Diamant,
Daß Wind ihn kühle von der Hitze,
[107]
Sonst aus keinem Aberwitze.
Man streift' ihm ab sein Härsenier;
Ihm war der Mund so roth und zier.
Ein Weib, die ich genannt vorher,
Hier kam nun ihr Kaplan daher
Und kleiner Jungherren drei,
Nebst starken Knappen, welche zwei
Säumer führten an der Hand.
Die Boten hatte hergesandt
Anflise, Frankreichs Königin.
Der Kaplan mit klugem Sinn
Alsbald erkannt er seinen Mann
Und sprach ihn auf französisch an:
»Bien sois venü, beau Sir,
Meiner Frauen so wie mir
Es ist die Reine de Franze:
Die traf deiner Minne Lanze.«
Einen Brief ihm gab er in die Hand,
Darin der Degen Grüße fand
Und ein kleines Ringelein:
Das sollt ein Wahrzeichen sein;
Empfangen hatt es seine Frau
Einst von dem Helden von Anschau.
Er neigt, als er die Schrift ersieht:
Nun höret, wie ihn die beschied.
[108]
»Dir entbietet Minn und holden Gruß
Mein Herz, das immer trauern muß,
Seit es deine Minn empfand.
Deine Minn ist Schloß und Band
Vor meines Herzens Herzenslust,
Deine Minn erstickt mir die Brust.
Bleibt mir deine Minne fern,
So glänzt mir nie der Minne Stern.
Komm her, und nimm von meiner Hand
Krone, Zepter und ein Land:
Da sie mir sind anerstorben
Hat sie deine Minn erworben.
Auch nimm zum Soldimente
Die reichen Präsente
In den vier Saumschreinen.
Als mein Ritter sollst du auch erscheinen
In dem Lande zu Waleis
Vor der Hauptstadt Kanvoleis.
Sieht es auch die Königin:
Das bringt mir wenig Ungewinn.
Schöner, reicher bin ich sicher,
Dazu kann ich minniglicher
Minn empfahn und Minne geben.
Willst du nach werther Minne streben,
So nimm meine Krone
Deiner Minne zu Lohne.«
[109]
Das wars, was in dem Briefe stand.
Das Härsenier des Knappen Hand
Wieder ihm zu Häupten zieht.
Gahmureten Kummer mied.
Man setzt' ihm auf den Adamas,
Der dick und hart war ohne Maß.
Da wollt er wieder streiten.
Die Boten ließ er leiten
Sich auszuruhn in sein Gezelt.
Wo Gedränge war, das schied der Held.
Dieser verlor, jener gewann.
Nachholen mochte wohl ein Mann
Was er versäumt an kühner That;
Hier war dazu genugsam Rath.
Die Einen sah man tiostieren,
Die Andern rottenweis punieren.
Sie begaben sich der Schliche,
Die man nennet Freundesstiche;
Trauliche Gevatterschaft
Ward zunicht vor Zorneskraft.
So wird die Krümme selten schlicht.
Man saß nicht lange zu Gericht:
Wer was gewann behielt sich das
Sorglos um des Andern Haß.
Aus manchen Landen stammten sie,
[110]
Die mit Rittershänden hie
Schildesamtspflichten übten,
Sich um Schaden nicht betrübten.
Da geschah von Gahmureten
Was Anflise sich erbeten,
Daß er ihr Ritter wäre;
In dem Brieflein stand die Märe.
Avoi! nun ließ er erst sich los!
Thats Minne oder Kühnheit bloß?
Große Lieb und starke Treu
Schuf ihm seine Kräfte neu.
Nun sah er wie der König Lot
Den Schild dem Sturm entgegenbot;
Schier hätt er sich zur Flucht gewandt:
Das wehrte Gahmuretens Hand.
Die Haufen er im Anritt brach
Und Arragoniens König stach
Hinters Ross mit einem Rohr;
Der König hieß Schaffilor.
Der Sper hatte kein Panier,
Mit dem er stach den Degen zier;
Er bracht ihn aus der Heidenschaft.
Die Seinen wehrten ihn mit Kraft;
Er fieng jedoch den Degen hehr.
Vom innern ward das äußre Heer
[111]
Zurück geschlagen tief ins Feld.
Ihr Vesperspiel war wohl bestellt:
Wohl durft es heißen ein Turnei,
Denn mancher Schaft lag hier entzwei.
Da begann zu zürnen Lähelein:
»Sollen wir so entehret sein?
Das schuldet Der den Anker trägt.
Unser Einer heut noch legt
Den andern wo er unsanft liegt:
Schier haben sie uns schon besiegt.«
Raumes schuf ihr Anlauf viel:
Da gieng es über Kinderspiel.
Ihre Hände schufen bald,
Daß verschwendet ward der Wald.
Sie trugen beid ein gleich Begehr:
»Spere her, her neuen Sper!«
Doch muste dulden Lähelein
Eine schmähliche Pein:
Ihn stach der König von Zaßamank
Hinters Ross, des Speres lang,
Der in das Rohr geschäftet saß.
Seine Sicherheit er an sich las;
Doch läs ich lieber süße Birn,
Wie die Ritter vor ihm niederschwirr'n.
[112]
Von Vielen ward der Ruf erhoben
Die vor seiner Tjost entstoben:
»Hier kommt der Anker, flieh o flieh!«
Entgegen ritt dem Helden hie
Ein Fürst des Landes Anschau
(Trauer trug er jetzt zur Schau),
Des Schildes Spitz empor gekehrt:
Das hatt ihn Jammersnoth gelehrt.
Der Held die Wappen bald erkannte:
Warum er sich da von ihm wandte?
Wollt ihr, ich bescheid euch des:
Dieß Wappen gab ihm Galoes,
Fils dü Roi Gandein,
Der vielgetreue Bruder sein,
Eh Minne dem das Looß erwarb,
Daß er von einer Tjost erstarb.
Da band er nieder seinen Helm.
Weder Gras noch Staubesmelm
Sein Kampf noch eben bahnte,
Weil ihn großer Jammer mahnte.
Mit sich selber lag sein Sinn im Streit,
Warum ers nicht erfragt zur Zeit
Von seiner Muhme Sohn Kailet,
Was sein Bruder doch wohl thät,
Daß er nicht turnierte hie.
[113]
Leider wust er noch nicht, wie
Der vor Montori gestorben.
Viel Leid hatt er erworben:
Einer reichen Königin
Minne zwang ihm Herz und Sinn.
Die kam darauf um Ihn in Noth:
Ihr gab der Treue Schmerz den Tod.
Wie Gahmuret nun stand in Klage,
Doch hatt er an dem halben Tage
So manchen Sper verstochen,
Wär des Turniers Tag angebrochen,
Verschwendet würd ein Wald zumal.
Hundert war der farbgen Zahl,
Die verthan hatt dieser Ziere.
Seine schimmernden Paniere
Waren den Krieurs geworden;
Wohl gefiel das ihrem Orden.
Da ritt er nach dem Pavillon.
Der Waleisin Garzon
Folgte ihm dahin in Eil,
Wo der theure Wappenrock zu Theil
Ihm ward, durchstochen und zerhauen;
Den trug er hin zu seiner Frauen.
Er war von Gold und noch so gut,
[114]
Er glänzte gleich der glühnden Glut.
Man sah daran, wie reich er war.
Da sprach die Königin: »Fürwahr,
Den hat ein werthes Weib gesandt
Mit diesem Ritter in dieß Land.
Nun muß ichs klug zum Ziele lenken,
Die Andern alle nicht zu kränken,
Die Aventüre hergebracht;
Glück hätt ich Jedem zugedacht,
Denn mir sind Alle Sippe,
Die entstammen Adams Rippe.
Doch ist es Gahmuretens That,
Die den Preis erworben hat.«
Die Andern übten Ritterschaft
Noch mit solchen Zornes Kraft,
Daß sie stritten bis zur Nacht.
Die Aeußere stieß der Innern Macht
Zurück bis an ihr Pavillon;
War nicht der König von Askalon
Und Morholt von Irland,
Man wär ihnen durch die Schnur gerannt.
Da war gewonnen und verloren:
Die Einen hatten Schmach erkoren,
Die Andern Preis und Ehre.
[115]
Nun ist Zeit, daß man sie kehre
Von einander: Niemand sieht hier mehr.
Der Pfandner giebt kein Licht mehr her.
Wer trieb' im Dunkeln gern das Spiel?
Den Müden wird es so zuviel.
Leicht der Finsterniss vergaß
Man dort, wo Gahmuret nun saß
Als wär es Tag. Das war es nicht;
Doch leuchtend schien manch großes Licht,
Und kleine Kerzen ohne Zahl
Auf Oelbaumlaub vertheilt im Saal;
Zum bequemen Sitz für Viele
Reiche Polster auf der Diele,
Breite Teppiche davor.
An die Schnüre ritt die Köngin vor
Mit Mägdelein und Frauen:
Sie wollten gerne schauen
Den werthen König von Zaßamank;
Ihre Ritter Müdigkeit bezwang.
Das Tischtuch war schon abgenommen
Eh sie zu dem Zelt gekommen.
Der Wirth erhob sich gleich vor ihr
Mit gefangner Könge vier;
Etliche Fürsten sah man auch.
[116]
So empfieng er sie nach höfschem Brauch.
Er gefiel ihr wohl, als sie ihn sah.
Die Waleisin sprach mit Freuden da:
»Ihr seid hier Wirth wo ich euch fand,
Und ich bin Wirthin hier im Land:
Wollt ihr, daß ich euch küssen soll,
So geschiehts mit meinem Willen wohl.«
Da sprach er: »Euer Kuss sei mein,
Wollt ihr diesen Herrn ihn auch verleihn:
Soll Fürst und König des entbehren,
So darf auch ich es nicht begehren.«
»Wohl habt ihr Recht; es soll geschehn;
Die Herren hab ich nie gesehn.«
Sie küsste, die es waren werth:
Das hatte Gahmuret begehrt.
Nun lud er sie zu sitzen ein.
Der König Brandelidelein
Ihr höfisch dort zur Seite saß.
Grüne Binsen, thauig naß,
Dünn auf den Teppich ausgestreut,
Da saß er drauf, des hier sich freut
Der Waleisen Königin.
Seine Minne zwang ihr doch den Sinn.
So nahe saß er wohl bei ihr,
Sie hob ihn auf und zog ihn hier
[117]
Zur Seite neben sich genau.
Eine Jungfrau war sie, keine Frau,
Die ihn so nahe sitzen ließ.
Wollt ihr nun hören wie sie hieß?
Die Köngin Herzeleide.
Ihre Base hieß Rischeide,
Vermählt dem König Kailet,
Dem Muhmensohn von Gahmuret.
Frau Herzeleid gab solchen Schein,
Erlöschen all die Kerzen sein,
Es wär doch hell von ihr genug.
Wenn seiner Freude hohen Flug
Nicht hemmte bittres Herzenleid,
Seine Minne wär ihr wohl bereit.
Sie sprachen manches höfsche Wort.
Nun traten Schenken ein von dort,
Und Gezier von Aßagog,
Dran großer Reichthum Niemand trog,
Das trugen Jungherren ein.
Theure Näpfe mustens sein
Vom edelsten Gesteine,
Weite, nicht zu kleine;
Sie waren alle sonder Gold,
Einst erworben von des Landes Sold,
Das Eisenhart so manchmal bot
[118]
Belakanen in der Minne Noth.
So reichte man das Trinken dar
In manchem Steine hell und klar,
Smaragden und Sardinen;
Darunter auch Rubinen.
Zu seinem Zelte ritten dort
Zwei Ritter auf ihr Ehrenwort.
Die Aeußern hatten sie gefangen;
Hier kamen sie herein gegangen.
Der Eine war Herr Kailet.
Der sah wie König Gahmuret
Da saß, als wär er unfroh.
Da sprach er: »Wie gebahrst du so?
Dein Preis ist doch dafür erkannt,
Frau Herzeleiden und ihr Land
Hast du dir errungen,
So gestehn hier alle Zungen:
Es sei Breton, sei Irischmann,
Oder Wer hier wälsche Sprache kann,
Aus Brabant oder Frankreich,
Einhellig sagen Alle gleich,
Es komme dir bei solchem Spiel
Voraus kein Andrer an das Ziel.
Des les ich hier den wahren Brief,
Da deine Kraft fürwahr nicht schlief,
[119]
Als sie diese Herren bracht in Noth,
Deren Hand nie Sicherheit entbot:
Der König Brandelidelein,
Und der kühne Lähelein,
Hardeiß und Schaffilor.
O weh, Raßalig der Mohr,
Der dir vor Patelamunt
Auch einst that Fianze kund!
So bedarf dein Preis im Streite
Der Höhe wie der Breite.«
»Die Köngin denkt gewiss du tobst,
Daß du also mich belobst.
Verkaufen wirst du doch mich nicht,
Leicht sieht der Käufer, wo's gebricht.
Du hast den Mund zu voll genommen.
Doch wie bist du hieher gekommen?«
»Das werthe Volk von Punturtois
Hat mich und diesen Champanois
Freigelaßen dieses Mal.
Morholt, der meinen Neffen stahl,
Von dem soll er entledigt sein,
Wenn Herr Brandelidelein
Ledig wird von deiner Hand.
Wir stehn noch beide sonst zu Pfand,
Ich und meiner Schwester Sohn:
[120]
Du lösest uns, das weiß ich schon.
Ein Vesperspiel nur gab es hier;
Es kommt nun gar nicht zum Turnier
Diesesmal vor Kanvoleis,
Wenn ich die rechte Märe weiß.
Der Aeußern Stärke sitzet hie:
So sage selbst, wie könnten sie
Vor uns das Feld noch halten?
Großen Preises magst du walten.«
Da wandte sich die Königin
Zu Gahmureten bittend hin:
»Was mein Recht nun an euch sei,
Ich flehe, laßet mich dabei:
Gern wär ich eurer Huld auch werth.
Könnte, wenn ihr dieß gewährt,
Euer Preis zu Schaden kommen,
So würde mir Entsagung frommen.«
Anflise, der Königin,
Der weisen mit bescheidnem Sinn,
Auf sprang ihr Kapellan alsbald.
Er sprach: »Nicht doch, Sein hat Gewalt
Meine Frau, die in dieß Land
Um seine Minne mich gesandt.
Schon lang verzehrt sie sich um ihn:
[121]
Ihrer Minne hat er sich verliehn,
Sie soll ihn auch behalten, traun,
Denn sie liebt ihn über alle Fraun.
Ihre Boten sind hier Fürsten drei,
Kinder alles Tadels frei.
Der eine heißet Lanzidant
Von hoher Art aus Grünland:
Der ist gen Kärlingen gekommen
Und hat die Sprache angenommen;
Der andre heißet Liedarz
Fils dü Comte Schiolarz.«
Wer denn nun der dritte wäre?
Davon vernehmet auch die Märe.
Seine Mutter hieß Belleflur
Und sein Vater Pansamur:
Die waren von der Feien Art;
Das Kind hieß Liachturteltart.
Die liefen alle drei vor ihn
Und sprachen: »Herr, hast du nun Sinn
(Dir zollt la Reine de Franze
Der werthen Minne Schanze),
So magst du spielen sonder Pfand,
Deine Freud ist Kummers frei zuhand.«
Als diese Botschaft ward vernommen,
Kailet, der näher war gekommen,
[122]
Sprach heimlich mit der Königin;
Da wandte sie das Wort an ihn:
»Sag an, ist dir noch mehr geschehn?
Ich habe Blut an dir gesehn.«
Da begriff sie ihm zur Stunden
Sein Quetschungen und Wunden
Mit ihren linden Händen weiß,
Auf die verwandt war Gottes Fleiß.
Da hatt er manchen Schaden,
War mit Schrunden überladen
An Hüfte, Kinn und an der Nase.
Vermählt war ihm der Köngin Base,
Die ihm diese Ehr erzeigte,
Sich so nahe zu ihm neigte.
Da sprach sie, wie die Zucht sie hieß,
Zu Gahmureten nur noch dieß:
»Der Franzosen Königin
Entbeut euch minniglichen Sinn.
Nun ehrt an mir die Frauen all
Und bringet nicht mein Recht zu Fall.
Bleibt hier bis ich mein Recht genommen,
Ihr laßt mich sonst zu Schaden kommen.«
Das versprach der werthe Mann;
Mit Urlaub schied sie da hindann.
Sie hob Kailet, der Degen werth,
[123]
Ohne Schemel auf ihr Pferd.
Wieder trat er dann herein
Wo er fand die Freunde sein.
Er sprach zu König Hardeiß:
»Eure Schwester Aleiß
Bot mir einst Minne, die ich nahm.
Da nun ein Andrer sie bekam
Und ein Beßrer als ich,
So erlaßt doch eures Zornes mich.
Sie hat den Fürsten Lämbekein;
Soll sie auch nicht gekrönet sein,
Sie herrscht doch als gewaltge Frau.
Brabant und Hennegau
Dient ihr, und mancher Ritter gut.
Grüßt mich nun wieder frohgemuth,
Laßt mich in euern Hulden stehn;
So soll mein Dienst euch nicht entgehn.«
Gaskoniens König sprach dagegen
Ernstlich, wie Männer pflegen:
»Eure Rede stäts war süße:
Wenn ich euch wieder grüße,
Dem ihr so manche Schmach gethan,
So scheint es, Furcht wär Schuld daran.
Mich fieng hier eurer Muhme Sohn;
[124]
Der wägt zwar Niemand übeln Lohn.«
»Euch giebt wohl ledig Gahmuret:
Das sei zuerst von ihm erfleht.
Wenn ihr dann ungezwungen seid,
So erlebt mein Dienst wohl noch die Zeit,
Daß ihr mich zum Freunde nehmt.
Ihr habt euch nun genug geschämt.
Was mir auch von euch geschicht,
Eure Schwester schlüge mich doch nicht.«
Der Rede lachten sie zumal,
Bald ward getrübt der Freude Schall.
Versunken saß aufs Neue
Der Wirth in Leid und Reue,
Denn Jammer ist ein scharfes Reis.
Sie sahen Alle rings im Kreiß,
Wie er schwer mit Kummer rang
Und seine Freude Leid bezwang.
Seiner Muhme Sohn hub zürnend an
Und sprach: »Du thust nicht wohl daran.«
»Nein, ich weiß warum ich traurig bin:
Aus Sehnsucht nach der Königin.
Ich ließ zu Patelamunt,
Um die mir noch das Herz ist wund,
Von reiner Art ein süßes Weib.
[125]
Ihre Reinheit legt mir Seel und Leib
In des Minnekummers Band.
Sie gab mir Leute, gab mir Land.
Mannliche Freuden meinem Sinn
Raubt Belakane, die Königin:
Scham geziemt dem Mann doch gut
Um der Minne Wankelmuth.
Da mich ihre Zärtlichkeit
Hütete vor Kampf und Streit,
Da wähnt ich, daß mir Ritterschaft
Sänftete des Unmuths Kraft;
Hier hab ich doch genug gethan.
Wohl denkt manch unverständger Mann,
Daß ihre Schwärze mich vertrieb:
Die war mir wie die Sonne lieb.
Mir schafft der Werthen Preis dieß Leid:
Sie hat die gröste Würdigkeit.
Ich muß das Ein und Andre klagen:
Meines Bruders Wappen sah ich tragen
Mit emporgekehrtem Ende.«
Weh diesem Elende!
Wie laut der Jammer da erscholl!
Die Augen wurden Waßers voll
Auch dem kühnen Spaniole:
»O weh, Königin Fole,
[126]
Um deine Mine starb den Tod
Galoes: das ist die Noth,
Die treulich klagen sollten
Alle Frauen, wenn sie wollten,
Daß es ihrer Sitte brächte
Ruhm, wo man des gedächte.
Ja, Averrens Königin,
Rührt es dir auch nicht den Sinn,
Den Freund verlor ich doch durch dich,
Dem das Ende ritterlich
Gab eine Tjost, die ihn erschlug
Als er deine Farben trug.
Nun wollen Fürsten, die ihm waren
Genoßen, keine Klage sparen.
Sie haben ihres Schildes Breite,
Als zum Trauergeleite,
Zu der Erden gekehrt,
Wie sie großer Kummer lehrt.
Also thun sie Ritterschaft.
Sie überwältigt Jammers Kraft,
Da Galoes, meiner Muhme Sohn,
Nicht Dienst mehr thut um Minnelohn.«
Als er vernahm des Bruders Tod,
Das schuf ihm neue Herzensnoth.
Da sprach der Degen jammerhaft:
[127]
»Wie hat nun meines Ankers Haft
Grund erfaßt bei einem Grab!«
Da legt' er dieses Wappen ab.
Das Herz ihm schier vor Jammer brach.
Der Held aus wahrer Treue sprach:
»Von Anschau Galoes!
Wohl versichert sind wir des:
Nie wurde so mannliche Zucht
Geboren; wahrer Milde Frucht
Dir aus dem Herzen blühte:
Nun erbarmt mich deine Güte.«
Da begann er zu Kailetten:
»Wie ergeht es nun Schoietten,
Meiner Mutter, der Freudenarmen?«
»So daß Gott es mag erbarmen:
Da ihr erstorben war Gandein,
Und Galoes, der Bruder dein,
Und sie auch dich nicht bei sich sah,
Im Tode brach das Herz ihr da.«
Da sprach der König Hardeiß:
»Nun kehrt auf Mannheit euern Fleiß.
Wenn ihr Mannheit wißt zu tragen,
Sollt ihr das Leid mit Maßen klagen.«
Sein Kummer leider war zu groß:
[128]
Ein Guß ihm von den Augen floß.
Er schuf den Rittern gute Ruh;
Er selbst gieng seiner Kammer zu,
Ein kleines Zelt von Sammt: die Nacht
Ward mit Jammer zugebracht.
Als der andre Tag erschien
Vereinten Alle sich dahin,
Das innre wie das äußre Heer:
Wer zum Streit zugegen wär,
Sei er alt oder jung,
Sei er schwach, sei stark genung,
Sie tiostierten heute nicht.
Da schien der mitte Morgen licht.
Sie waren auch so aufgerieben,
Die Pferde schon so abgetrieben,
Daß die Ritter kühn im Streit
Doch übernahm die Müdigkeit.
Selber ritt die Königin
Zu Felde nach den Werthen hin
Und nahm sie mit sich in die Stadt,
Wo sie die Allerbesten bat,
Daß sie zum Löwenplane ritten.
Da geschah nach ihren Bitten:
Sie kamen, als man Messe sang
Dem traurgen König von Zaßamank.
[129]
Da nun gegeben ward der Segen,
Frau Herzeleide war zugegen.
Nun sprach sie Gahmureten an:
Ihr Recht erkannte Jedermann.
Da sprach er: »Frau, ich hab ein Weib,
Die ist mir lieber als der Leib.
Wenn ich der ledig wäre,
Wüst ich noch andre Märe,
Damit entgieng ich euch fürwahr,
Nähm Jemand meines Rechtes wahr.«
Sie sprach: »Die Möhrin laßet
Und nach meiner Minne faßet;
Die Taufe hat viel beßre Kraft.
Begebet euch der Heidenschaft,
Nach unserm Glauben Mich zu minnen;
Eure Minne liegt mir in den Sinnen.
Oder bringt mir Ungewinn
Der Franzosen Königin?
Ihre Boten haben süß gesprochen
Und nie habt ihr sie unterbrochen.«
»Ja, Die ist mir Gebieterin!
In Anschau schuf ihr Rath Gewinn
Mir an Zucht und sittgem Muthe,
Ihre Hülfe kommt mir noch zu Gute:
[130]
Sie bildete mich erst zum Mann,
Denn sie floh, was Fraun entstellen kann.
Wir waren Kinder beide noch
Und sahn wir uns, es freut' uns doch.
Anflise hat, die Königin,
An allem Frauenpreis Gewinn.
Was ihr steuern mocht ihr Land
Gab sie mir mit milder Hand
(Ich war da noch ein armer Mann):
Das nahm ich Alles willig an.
Zählt mich jetzt noch zu den Armen.
Ihr solltet, Frau, euch mein erbarmen;
Mir ist mein werther Bruder todt,
Erlaßt mir gnädig andre Noth.
Kehrt Minne hin, wo Freude wohnt;
Mein Herz hat Jammer nicht verschont.«
»Soll ich noch länger mich verzehren?
Sagt, womit wollt ihr euch wehren?«
»Vernehmt Bescheid der Frage:
Ein Turnier sollt an dem Tage
Hier sein: es hat nicht Statt gefunden;
Das können Zeugen viel bekunden.«
»Ein Vesperspiel hat das erlähmt;
Die Kühnsten sind schon jetzt gezähmt:
Davon verdarb das Turnier.«
[131]
»Eure Stadt nur wehrt' ich hier
Mit Andern, Siegern in der Fehde.
Erlaßt mir weitre Gegenrede:
Hier thaten Viele mehr als ich.
Ihr seht, ihr habt kein Recht an mich;
Nur euer Gruß geziemt mir wohl,
Wenn ich Den noch haben soll.«
Wie mir die Aventüre sagt,
Da nahm der Ritter und die Magd
Schiedsrichter über ihre Klage;
Es nahte schon dem mitten Tage.
Man sprach dieß Urtheil zuhand:
»Wer hier den Helm sich überband,
Wenn zum Turnier er war gekommen,
Hat er den höchsten Preis genommen,
Dem vermähle sich die Königin.«
Die Folge war dem Spruch verliehn.
Da sprach sie: »Herr, nun seid ihr mein.
Ich will euch Huld und Dienst verleihn,
Geb euch an Freuden solchen Theil,
Daß ihr vom Jammer werdet heil.«
Er hatte doch von Jammer Pein.
Nun war schon des Aprilen Schein
Zergangen und das ganze Feld
[132]
Von kurzem grünen Gras geschwellt.
Man sah es überall ergrünen.
Das mag ein blödes Herz erkühnen
Und verleihen Hochgemüthe.
Man sah die Bäum in Blüthe
Von der süßen Luft des Maien.
Vom Geschlecht war er der Feien:
Das muß minnen oder Minne gehren;
Seine Freundin wollt ihm die gewähren.
Frau Herzeleiden blickt' er an,
Mit Zucht sein süßer Mund begann:
»Frau, soll Ich bei euch gedeihn,
So müßt ihr nicht mein Hüter sein.
Läßt ab von mir des Jammers Kraft,
So thät ich gerne Ritterschaft.
Laßt ihr nicht turnieren mich,
So kann ich noch den alten Schlich,
Womit ich meinem Weib entrann,
Die ich auch mit Ritterschaft gewann:
Weil sie Streitens mich entband,
Ließ ich ihr Volk und ließ ihr Land.«
Sie sprach: »Herr, nehmt euch selbst ein Ziel;
Ich laß euch eures Willens viel.«
»Viel Speere brech ich noch entzwei.
Alle Monat ein Turnei:
[133]
Wenn ich die besuchen will,
Darüber, Herrin, schweiget still.«
Sie versprachs, ward mir gesagt:
Er empfieng die Länder und die Magd.
Anflisens kleine Junker drei
Stunden wohl so nah dabei,
Und der Königin Kaplan,
Da Spruch und Urtheil ward gethan,
Daß er wohl Alles hört' und sah.
Zu dem König sprach er heimlich da:
»Meiner Herrin wurde kund,
Ihr hättet von Patelamunt
Den höchsten Preis erhalten,
Dürftet zweier Kronen walten.
Sie hat auch Land und solchen Muth,
Daß sie euch Leben giebt und Gut.«
»Seit Sie mir gab die Ritterschaft,
Must ich nach des Ordens Kraft,
Und wie des Schildes Amt mir sagt,
Dabei mich halten unverzagt.
Durch Sie hab ich den Schild gewonnen;
Ich hätt es sonst wohl nie begonnen.
Es sei mein Schaden, sei mein Glück,
Mich hält hier Ritters Spruch zurück.
Nun sagt ihr meinen Gruß daheim,
[134]
Ich woll ihr Ritter dennoch sein.
Wären alle Kronen mir bereit,
Nach Ihr hab ich mein höchstes Leid.«
Da bot er ihnen große Gabe;
Doch sie verschmähten seine Habe
Die Botschaft fuhr zu Lande
Ohn ihrer Frauen Schande.
Um Urlaub hielten sie nicht an,
Wie es im Zorn wohl wird gethan.
Den Fürsten sah man, diesen Kinden,
Die Augen schier vor Leid erblinden.
Die im Feld den Schild verkehrt getragen,
Hörten ihre Freunde sagen:
»Frau Herzeleid die Königin
Ist des Anscheweins Gewinn.«
»Wer war von Anschau hier am Ort?
Mein Herr ist leider längst schon fort
Um Rittersehre zu den Heiden:
Das ist hier unser gröstes Leiden.«
»Der hier den Preis erwarb im Feld,
Der so manchen Ritter hat gefällt,
Derselbe, der so stach und schlug,
Und der den theuern Anker trug
Auf dem Helme lichtgesteinet,
Der ist es, den man meinet.
[135]
Mir sagt der König Kailet,
Der Anschewein war Gahmuret.
Dem ist hier wohl gelungen.«
Zu den Rossen ward gesprungen.
Ihr Kleid ward von den Augen naß
Als sie hinkamen wo er saß.
Sie empfiengen ihn, er empfieng auch sie:
Freud und Jammer sah man hie.
Da küsst' er die Getreuen all:
»Ihr sollt euch meines Bruders Fall
Nicht allzusehr zu Herzen ziehn:
Ich hoffe, ich ersetz euch ihn.
Kehrt auf den Schild nach alter Art,
Nach der Freude Brauch gebahrt.
Meines Vaters Wappen will Ich tragen:
Mein Anker hat sein Land beschlagen.
Der Anker sei ein freies Ziel:
Den nehm und trage, Wer da will.
Ich muß nun wie ein Lebemann
Gebahren, da ich Gut gewann.
Ich soll des Volkes Herscher sein:
Dem schüfe leicht mein Jammer Pein.
Frau Herzeleide, helfet mir,
Daß wir bitten, Ich und Ihr,
Könge und Fürsten insgemein,
[136]
Daß sie mir zu Willen sei'n,
Und bleiben, bis Ihr mir gewährt
Was Lieb von süßem Lieb begehrt.«
Die Bitte bat da beider Mund:
Da versprachens jene gleich zur Stund.
Ein Jeder fuhr zu seiner Ruh.
Die Köngin raunt dem Freunde zu:
»Verlaßt euch nur auf meine Pflege.«
Da wies sie ihn geheime Wege.
Der Gäste ward doch wahr genommen,
Wohin der Wirth auch sei gekommen.
Beider Ingesinde ward gemein;
Den König sah man ganz allein,
Nur mit zweien Jungherrn, ziehn.
Jungfrauen und die Königin
Ihn führten, wo er Freude fand
Und all sein Kummer gar verschwand.
Seine Trauer lag darnieder,
Hochgemüthe kam ihm wieder:
Das hat die Liebe stäts verliehn.
Frau Herzeleid die Königin
Ihres Magdthums ohne ward.
Die Munde blieben ungespart,
Mit Küssen wurden die verzehrt,
Und dem Leid mit hoher Lust gewehrt.
[137]
Eine höfsche Zucht ward da begangen:
Er gab sie frei, die er gefangen.
Hardeißen und Kailet,
Seht, die versöhnte Gahmuret.
Da ergieng eine solche Hochzeit,
Wer Gleiches schuf nach seiner Zeit,
Wohl hatt er Reichthum und Gewalt.
Gahmuret entschloß sich bald,
Seiner Habe ward nicht viel gespart.
Arabisch Gold gespendet ward
Dürftgen Rittern insgemein;
Den Köngen manchen Edelstein
Schenkte Gahmuretens Hand,
Und allen Fürsten, die er fand.
Da ward das fahrnde Volk ihm hold,
Sie empfiengen reicher Gaben Sold.
Nun laßt die Gäste reiten heim
Mit Urlaub von dem Anschewein.
Den Panther, den sein Vater trug,
Auf den Schild man ihm von Zobel schlug.
Von weißer Seide lind und fein
Der Königin ein Hemdelein,
Das ihr berührt den bloßen Leib,
Die nun geworden war sein Weib.
Das deckte seinen Halsberg da.
[138]
Ihrer achtzehn man durchstochen sah
Und mit Schwertern ganz zerhauen,
Eh er schied von der Frauen.
Sie legt' es auf die bloße Haut,
Wenn aus dem Streite kam ihr Traut,
Wo er durchstochen manchen Schild.
Ihre Minne war der Treue Bild.
Er hatte Würdigkeit genug,
Als ihn seine Mannheit trug
Zum andern Mal über Meer.
Mich jammert diese Reise sehr.
Ihm kam gewisse Botschaft,
Der Baruch wär mit Heereskraft
Ueberfallen vor Babylon.
Der Eine war Ipomidon,
Pompejus der andre hieß;
Die Aventüre meldet dieß.
Das war ein stolzer, werther Mann
(Nicht jener, der von Rom entrann
Julius Cäsarn hiebevor);
Der König Nabuchdonosor
Seiner Mutter Bruder war,
Der in verlognen Büchern gar
Las, er wäre selber Gott:
Das wäre nun der Leute Spott.
[139]
Sie schonten weder Leib noch Gut.
Edel war der Brüder Blut:
Von Ninus, der der Herschaft pflag
Eh gestiftet wurde Baldag;
Er stiftete auch Ninive.
Ihnen that ein Schimpf, ein Schade weh:
Der Baruch sprach sie an für eigen;
Drum muste sinken Glück und steigen
Im Krieg zu beiden Seiten:
Man sah die Helden streiten.
Nun schifft' er wieder über Meer
Und mehrte seines Herren Wehr.
Mit Freuden er empfangen ward
Wie mich auch jammert seiner Fahrt.
Was da geschah, wie's da ergeh,
Wie es um Gewinn, Verlust da steh:
Das weiß Frau Herzeleide nicht.
Sie war als wie die Sonne licht
Und hatte minniglichen Leib.
Jugend und Gut besaß das Weib
Und Freuden mehr noch als zuviel:
Sie überflog der Wünsche Ziel.
Ihr Herz sann nur auf gute Kunst,
Das erwarb ihr aller Leute Gunst.
Frau Herzeleid die Königin
[140]
Erwarb durch Sitte Lobs Gewinn;
Ihre Reinheit ward mit Preis erkannt.
Drei Lande dienten ihrer Hand:
Waleis und Anschau,
Die beherschte sie als mächtge Frau;
Auch trug sie Krone zu Norgals
In der Hauptstadt Kingrivals.
Ihr war auch wohl so lieb ihr Mann,
Wenn nimmer eine Frau gewann
So werthen Freund, was that ihr das?
Dawider trug sie keinen Haß.
Als er außen blieb ein halbes Jahr,
Seines Kommens harrte sie: es war
Ihr Wunsch und Leibgedinge.
Doch ihrer Freuden Klinge
Brach mitten in dem Heft entzwei.
Weh o weh und heia hei!
Daß Güte solchen Kummer trägt
Und immer Treue Jammer regt!
Seht das Looß der Menschheit!
Heute Freude, morgen Leid.
Die Frau um einen mitten Tag
In ängstlichem Schlafe lag.
Plötzlich schreckte sie empor,
[141]
Als ob ein Blitz, so kams ihr vor,
In die Lüfte sie entführte,
Wo sie mit Schlägen rührte
Mancher feurge Donnerstral.
Ringsher flogen sie zumal
Nach ihr: mit Knistern sengte Glut
Ihres langen Haares Flut.
Der Donner mit Gekrach erscholl,
Sein Guß von heißen Zähren schwoll.
Als sie Besinnung wieder fand
Griff ihr ein Greif die rechte Hand.
Das Bild mit Eins verwandelt sich
Da sah sie Dinge wunderlich:
Wie sie mit einem Wurme kreiße,
Der ihr den Mutterschooß zerreiße,
Ihr ein Drach die Brüste söge,
Und dann plötzlich von ihr flöge,
Daß sie ihn nimmer wiedersah.
Das Herz im Leibe brach ihr da
Der Schrecken, den sie muste sehn.
Wohl nie ist einer Frau geschehn
Im Schlaf ein Unheil diesem gleich.
Bis dahin war sie freudenreich;
Nun fürcht ich, das verkehrt sich gar,
Sie hat nun Jammer immerdar.
[142]
Ihr Schade wird noch lang und breit,
Ihr droht ein nahend Herzeleid.
Die edle Frau begonnte
Was sie bisher nicht konnte,
Im Schlaf die Glieder zu rühren,
Ein laut Geschrei zu verführen.
Vier Jungfrauen saßen hie,
Die sprangen hin und weckten sie.
Da kam geritten Tampaneis,
Ihres Mannes Meisterknappe weis
Und kleiner Jungherren viel.
Ihre Botschaft gab der Freud ein Ziel:
Sie klagten ihres Herren Tod.
Da kam Frau Herzeleid in Noth,
Sie sank besinnungslos dahin.
Die Ritter sprachen: »Den Gewinn
Nahm unser Herr im Wappenkleid?
Er ritt doch wohlverwahrt zum Streit.«
Wie den Knappen Jammer plagte,
Die Helden sah er an und sagte:
»Kein langes Leben Gott ihm gab.
Er zog das Härsenier sich ab;
Die Hitze zwang ihn zu der Frist.
[143]
Verfluchte heidnische List
Hat uns geraubt den Ritter gut.
Ein Ritter hatte Bocksblut
Genommen in ein langes Glas;
Das schlug er auf den Adamas:
Da ward er weicher denn ein Schwamm.
Den man oft gebildet als ein Lamm
Und ihm ein Kreuz zu tragen gab,
Den erbarme was sich da begab.
Als die Scharen auf einander ritten
Aooi! wie wurde da gestritten!
Des Baruches Ritterschaft
Wehrte sich mit Muth und Kraft.
Vor Baldag auf dem Gefilde
Durchstochen wurden viel der Schilde
Da sie sich treffen mochten.
Wie die Haufen sich verflochten,
Panier sich wirrte mit Panier!
Da fielen viel der Helden zier.
Hier wirkte meines Herren Hand,
Daß aller Andern Preis verschwand.
Da fuhr heran Ipomidon:
Mit Tod er meinem Herren Lohn
Gab; er stach ihn nieder da,
Daß es manch Tausend Ritter sah.
[144]
Vor Alexandrien der Stadt
Hatt er ohne falschen Rath
Sich dem König zugekehrt,
Des Tjost ihn Sterben hat gelehrt.
Der Sper durchschnitt ihm Helm und Stirn,
Das Eisen fuhr durch Haupt und Hirn,
Daß man den Splitter drinne fand.
Noch saß zu Ross der Weigand;
Sterbend ritt er aus dem Streit
Auf einen Plan, der war breit.
Da kam zu ihm sein Kapellan.
Er hob mit kurzen Worten an
Zu beichten, und sandte her
Dieß Hemde und denselben Sper,
Der ihn von uns geschieden hat.
Er starb ohn alle Missethat.
Euch, Frau Königin, befahl
Er Kind' und Knappen allzumal.
Zu Baldag ward der Held besargt.
Da hat der Baruch nicht gekargt:
Mit Golde ward das Grab geschmückt,
Des Reichthums Siegel drauf gedrückt;
Auch glühn viel edle Steine
Wo bestattet ist der Reine.
Gebalsamt ward sein junger Leib.
[145]
Jammer faßte Mann und Weib.
Es deckt ein köstlicher Rubin
Sein Grab: durchscheinend sieht man ihn.
Nach Christensitte ließ man auch
Ein Kreuz ihm, nach der Marter Brauch,
Durch die uns Christi Tod erlöste,
Daß es seine Seele tröste
Und schirme, bilden auf sein Grab.
Der Baruch gern die Kosten gab.
Es ist von köstlichem Smaragd.
Ohne der Heiden Rath ward dieß vollbracht,
Die nicht das Kreuz zu ehren pflegen,
Daran Christ uns sterbend ließ den Segen.
Ihn selber beten sonder Spott
Die Heiden an als ihren Gott,
Zwar nicht dem Kreuz zur Ehre,
Noch nach der Taufe Lehre,
Die uns einst am jüngsten Tag
Von Höllenstricken lösen mag.
Die ritterliche Treue sein
Giebt ihm im Himmel lichten Schein
Und seine reuge Beichte,
Den Falschheit nie erreichte.
In seinen Helm, den Diamant,
Ein Epitaph geschrieben stand,
[146]
Das man ins Kreuz versenken ließ.«
Die Buchstaben melden dieß:
»Eine Tjost durch diesen Helm erschlug
Den Werthen, der Mannheit trug.
Gahmuret war er genannt;
Drei Reiche dienten seiner Hand.
Sein Haupt trug dreier Kronen Zier
Und reiche Fürsten folgten ihr.
Er war von Anschau geboren
Und hat vor Baldag verloren
Das Leben für den Baruch.
Seine Tugend nahm so hohen Flug,
Kein Anderer erreicht das Ziel,
Man prüfe Ritter noch so viel.
Von der Mutter ist noch ungeboren,
Dem er als Dienstmann Treu geschworen,
Uebt' er anders Schildesamt.
Doch lieh er Hülf und Rath gesamt
Mit Stätigkeit den Freunden sein.
Von Fraun erlitt er scharfe Pein.
Er war getauft nach Christenbrauch;
Der Sarazene klagt ihn auch:
Das ist ohne Lüge wahr.
Seit er bei vollen Sinnen war
Hat seine Kraft nach Preis geworben
Bis er mit Ritterpreis gestorben.
[147]
Der Falschheit hat er obgesiegt.
So wünscht ihm Heil denn, der hier liegt.«
Also sprach der Knappe da;
Der Waleisen viel man weinen sah.
Die hatten Grund zu klagen.
Schon hatt ein Kind getragen
Die Frau, das ihr im Leibe stieß,
Die man hier hülflos liegen ließ.
Schon lebt' es achtzehn Wochen lang,
Des Mutter mit dem Tode rang,
Frau Herzeleid die Königin.
Die Andern hatten Thorensinn,
Daß man nicht half dem Weibe,
Denn sie trug in ihrem Leibe
Der aller Ritter Blume wird,
Wenn ihn der Tod daran nicht irrt.
Da kam ein altgreiser Mann
Klagend zu der Frau heran,
Die da mit dem Tode rang:
Ihre Zähn er von einander zwang,
Man goß ihr Waßer in den Mund:
Alsbald ward ihr Besinnung kund.
»O weh, wo ist mein Herzenstraut?«
Sie beklagt' ihn überlaut.
[148]
»Vor Freude ward das Herz mir weit
Ueber Gahmuretens Würdigkeit.
Sein Hochsinn ließ ihn mir nicht mehr.
Ich war viel jünger als Er
Und bin ihm Mutter doch und Weib:
Trag ich hier nicht seinen Leib
Und von seinem Fleisch den Samen?
Wir gaben ihn und nahmen
Durch unser beider Minne.
Hat nun Treue Gott im Sinne,
Laß er ihn mir zu Reife kommen.
Zuviel Schaden hab ich schon genommen
An meinem stolzen werthen Mann.
Wie hat der Tod an mir gethan!
Ward je ihm eines Weibes Minne,
Ihre Freuden freuten seine Sinne,
Ihr Leid sein Herz betrübte,
Weil er immer Treue übte,
Denn alles Falsches war er leer.«
Nun vernehmet andre Mär
Was die edle Frau begieng:
Kind und Mutterschooß umfieng
Sie mit Armen und mit Händen.
Sie sprach: »Gott soll mir senden
Die werthe Frucht von Gahmuret:
[149]
Das erfleht mein herzliches Gebet.
Gott wahre mich vor dummer Noth:
Das wär Gahmuretens andrer Tod,
Wenn ich mich selber schlüge,
Dieweil ich bei mir trüge
Was ich von seiner Minn empfieng,
Der immer Treu an mir begieng.«
Unbekümmert wer es sah
Das Hemd vom Busen riß sie da,
Ihre Brüstlein lind und weiß
Pflegte sie mit Mutterfleiß,
Und hob sie an den rothen Mund:
Weiblich Gehaben thät sie kund.
Also sprach die weise:
»Du wahrst meines Kindes Speise:
Die hat es sich voraus gesandt,
Seit ichs im Leibe lebend fand!«
Es schuf der Frau kein Ungemach,
Daß ihr überm Herzen lag
Die Milch in ihrem Tüttelein:
Die drückte draus die Köngin rein.
Sie sprach: »Du kommst von Treue her.
Wär ich noch ungetauft bisher,
[150]
Mit Dir ich gern mich taufen ließe;
Ich weiß, daß ich mich oft begieße
Mit Dir und mit den Augen mein
Oeffentlich und insgeheim;
Denn Gahmureten will ich klagen.«
Sie ließ ein Hemd zur Stelle tragen,
Das von Blut geröthet war,
Darinnen vor des Baruchs Schar
Das Leben Gahmuret verlor,
Der ein herrlich Ende kor
Mit rechter mannhafter Wehr.
Da fragte sie auch nach dem Sper,
Der Gahmureten schuf das Weh:
Ipomidon von Ninive
Gab also wehrlichen Lohn,
Der stolze Held von Babylon:
In Fetzen hieng das Hemd von Schlägen.
Die Herrin wollt es an sich legen
Wie sie sonst auch wohl gethan,
Wenn vom Turnieren kam ihr Mann:
Sie nahmen ihr es aus der Hand.
Die Fürsten allzumal im Land
Begruben Sper und auch das Blut
Im Münster, wie man Todten thut.
Da ward in Gahmuretens Land
Allwärts Jammer bekannt.
[151]
Darauf am vierzehnten Tag
Ein Kindlein bei der Frauen lag,
Ein Sohn, der hatte solche Glieder,
Kaum erholte sie sich wieder.
Hier beginnt der Aventüre Spiel:
Wir stehn an ihres Anfangs Ziel;
Nun ist er erst geboren
Dem die Märe ward erkoren.
Seines Vaters Freud und Noth,
Sein Leben und zumal sein Tod,
Davon vernahmet ihr bisher.
So habt ihr Kunde denn, woher
Dieser Märe Held entsprang
Und wie man ihn bewahrte lang:
Man barg ihn vor Ritterschaft
Bis er erwuchs zu Sinn und Kraft.
Als die Köngin zu sich kam,
Und ihr Kindlein wieder nahm,
Mit den dienenden Frauen
Begann sie nachzuschauen
Was es zwischen den Beinen trug.
Geliebkost ward ihm genug
Als er männlich war von Glieden.
Mit Schwertern lernt' er schmieden:
[152]
Den Helmen Feuers viel entschlug,
Des Herze Kraft und Mannheit trug.
Die Köngin kannte kein Gelüste,
Als daß sie ihn fleißig küsste.
Sie sprach viel tausendmal gewiss:
»Bon Fils, scher Fils, beau Fils.«
Die Köngin ohne lange Wahl
Nahm das rothbraune Mal,
Ihres Brüstleins Zutscherchen
Und schob es in sein Lutscherchen.
Selber wollt ihm Amme sein,
Die ihn trug im keuschen Schrein:
Sie erzog ihn an der Brust,
Der aller Falsch war unbewust.
Sie däucht', als wär ihr Gahmuret
In ihren Arm zurück erfleht.
Sie legte sich auf keinen Trug;
Demuth hatte sie genug.
Frau Herzeleid sprach mit Sinn:
»Die allerhöchste Königin
Jesu ihre Brüste bot,
Der für uns den scharfen Tod
Am Kreuze menschlich empfieng
Und seine Treu an uns begieng.
[153]
Der eignen Seele Schaden bringt,
Wer ihn nun zum Zorne zwingt,
Wie verständig sonst er wäre:
Des weiß ich sichre Märe.«
Sich begoß des Landes Frau
Mit ihres Herzens Jammerthau.
Ihre Augen regneten auf das Kind;
Getreuer war kein Weib gesinnt.
Seufzen, Lachen konnt ihr Mund
Beides wohl in Einer Stund.
Des Sohns Geburt erfreut' ihr Herz;
In der Klage Furt ertrank ihr Scherz.

3. Gurnemans

Inhalt
Inhalt.

Das Vorwort enthält einen beschönigenden Widerruf dessen, was der Dichter in der Erbitterung wider Eine von den Frauen überhaupt zu Anfange dieses Abschnitts gesagt hatte: es lebe nun kein Weib mehr, die wie Herzeleide die weltlichen Freuden um der himmlischen willen hingeben würde. Herzeleide hat sich, ihren Kronen entsagend, mit wenigen Leuten in die Wüste von Soltane zurückgezogen, wo sie ihren Knaben in bäurischer Einfalt erzieht und ihn sorgfältig vor aller Kunde des Ritterthums zu bewahren sucht. Doch schnitzt er sich Bogen und Bolzen und schießt nach den Vögeln, deren Tod er gleichwohl beweint, weil ihr Gesang ihm die Brust schwellt. Da will die Mutter alle Vögel fangen und tödten laßen; er aber bittet für sie und sie gedenkt, daß es auch Gottes Geschöpfe sind. Er fragt sie nach Gott und sie beschreibt ihn lichter als der Tag, und Er sollte ihn anflehen, dagegen den schwarzen Höllenwirth so wie den Zweifel meiden. Er übt sich auch mit dem Wurfspieß und erlegt viel Wild. Einst begegnen ihm auf seiner Jagd vier Ritter in glänzenden Rüstungen, welche den Jungfernräuber Meljakanz (vgl. 343, 25ff.) verfolgen. Er hält sie für Engel; sie bescheiden ihn aber, daß sie nur Ritter seien, und weisen ihn, da er auch Ritter zu werden verlangt, zu König Artus. Seinem Verlangen dahin kann die Mutter nicht [157] widerstehen, sie giebt ihm aber Thorenkleider und Lehren auf den Weg, die er allzuwörtlich befolgt. Sein Abschied bringt ihr den Tod. Im Walde Briziljan kommt er zu Orilus prächtigem Gezelte, dessen Gemahlin Jeschute er, nach der Mutter Rath, Fingerring und Fürspann (Halsschmuck) raubt. Er findet Sigunen, mit dem eben von Orilus (von dem auch Galoes gefallen ist) erschlagenen Schionatulander. Sie sagt ihm seinen Namen und weist ihn gen Bretagne. Ein Fischer, dem er den Fürspann schenkt, geleitet ihn bis in die Nähe von Nantes, der Hauptstadt des Artus. Hier begegnet ihm Ither, der rothe Ritter, der auf Artus Krone Anspruch erhebt und mit seinen Rittern zu kämpfen draußen hält. Mit dessen Aufträgen kommt er an den Hof, wo sein Aufzug wie seine Schönheit Alles in Verwunderung setzt. Kunneware, des Orilus Schwester, die nicht eher lachen wollte, bis sie den Ritter des höchsten Preises ersähe, lacht, und Antanor, der nicht eher reden wollte, bis sie lachte, bricht sein Schweigen. Beide werden von Keien gezüchtigt, welche Misshandlung Parzival zu rächen gedenkt. Mit dem Wurfspieß erschlägt er Itheren, und bemächtigt sich seiner Rüstung, die ihm Artus auf seine Bitte geschenkt hatte. So kommt er zu Gurnemans, dem Hauptmann der wahren Zucht (feinen höfischen Sitte), wo er seine kindische Einfalt ablegt. Gurnemans wünscht ihm seine Tochter zu vermählen, und entläßt ihn so ungern, als verlöre er in ihm den vierten seiner Söhne.

Gurnemans
[158] Gurnemans.
Wer nun von Frauen beßer spricht,
Fürwahr, ich haß ihn darum nicht;
Ich vernehme gern was sie erfreut.
Nur Einer bin ich unbereit
Hinfort zu dienstlicher Treu,
Ihr ist mein Zorn immer neu;
Ihr Fehltritt schafft mir Ungemach.
Ich bin Wolfram von Eschenbach,
Nicht unerfahren im Gesange,
Und halte fest wie eine Zange
Meinen Zorn wider ein Weib,
Denn sie hat mir Seel und Leib
Betrübt durch solche Missethat,
Sie zu haßen, anders ist kein Rath.
Trifft mich darum der Andern Haß,
O weh, warum denn thun sie das?
Sei mir auch ihr Haßen leid,
Es beweist doch ihre Weiblichkeit,
Da sich mein Mund versprochen hat,
[159]
Und mir selber Schaden that;
Es geschieht auch wohl so leicht nicht mehr.
Doch mögen sie sich nicht zu sehr
Beeilen, mir das Haus zu stürmen:
Ich weiß mich wehrlich zu schirmen.
Auch hab ichs nicht vergeßen,
Ich kann noch wohl ermeßen
Wie ihre Zucht und Sitte sei:
Wohnt einem Weibe Reinheit bei,
Deren Kämpe will ich sein,
Mich jammert herzlich ihre Pein.
An der Krücke hinkt sein Ruhm,
Der das ganze Frauenthum
Schmäht um Seiner Frauen Schmach.
Die mich recht beachten mag,
Zugleich mit Schaun und Hören,
Die werd ich nicht bethören.
Zum Schildesamt bin ich geboren:
Sind Kraft und Muth an mir verloren –
Die mich um Sang will minnen,
Dünkt mich nicht kluger Sinnen.
Trag ich edler Frau Begehr
Mag ich nicht mit Schild und Sper
Erwerben ihrer Minne Sold,
So sei sie mir mit Nichten hold.
[160]
Es ist doch hoch genug gespielt
Wer mit Ritterschaft nach Minne zielt.
Schiens Schmeicheln nicht den Frauen,
Ich ließ euch ferner schauen
An dieser Märe Neues viel
Bis an der Aventüre Ziel.
Wer deren Kunde will empfahn,
Der rechn es für kein Buch mir an:
Ich kenne keinen Buchstaben.
An Büchern mag wer will sich laben:
Diesen Abenteuern
Sollen Bücher nicht steuern.
Eh man sie hielte für ein Buch,
Lieber wär ich ohne Tuch
Nackt, wenn ich im Bade säße,
Des Büschels freilich nicht vergäße.

[161]
Es betrübt mir Seel und Leib,
Daß so Manche heißet Weib.
Die Stimme lautet Allen hell,
Doch Viele sind zum Falsche schnell,
Andre frei von falschem Wandel:
So theilt sich dieser Handel.
Daß Die mit gleichem Namen prangen,
Das hat mein Herz mit Scham befangen.
Weibheit, dein ordentlicher Brauch,
Treue hielt und hält der auch.
Viele sprechen, Armut
Sei zu keinem Dinge gut;
Wer sie um Treu will leiden,
Mag doch die Hölle meiden.
Die trug ein Weib um Treue.
Da ward ihr stäts aufs Neue
Im Himmelreich gegeben.
Nun werden Wenge leben,
Die jung der Erde Reichthum
Ließen um des Himmels Ruhm.
[162]
Ich kenne keinen, der das will,
Mann und Weib sind mir gleichviel,
Sie gleichen Alle sich darin.
Frau Herzeleid die Königin
Floh ihren dreien Landen fern:
Sie trug der Freuden Mangel gern.
Aller Fehl so ganz an ihr verschwand,
Daß ihn nicht Ohr noch Auge fand.
Ein Nebel war ihr die Sonne;
Sie mied die weltliche Wonne.
Auch war die Nacht ihr wie der Tag,
Ihr Herz nur stäten Jammers pflag.
Sie zog sich vor des Grams Gewalt
Aus ihrem Land in einen Wald
In der Wildniss von Soltane;
Nicht um Blumen auf dem Plane:
Ihr Herz erfüllte Leid so ganz,
Sie kehrte sich an keinen Kranz,
Ob er roth war oder fahl.
Sie flüchtete dahin zumal
Des werthen Gahmuretes Kind.
Leute, die da bei ihr sind,
Müßen reuten und pflügen.
Ihre Pflege konnte wohl genügen
Dem Sohn. Eh Der Verstand gewann,
[163]
Rief sie ihr Volk zu sich heran,
Wo sie Mann und Weib zumal
Bei Leib und Leben anbefahl,
Daß von Rittern schwieg' ihr Mund:
»Denn würd es meinem Herzlieb kund
Was ritterliches Leben wär,
So hätt ich Kummer und Beschwer.
Nun legt die Zunge klug in Haft
Und hehlt ihm alle Ritterschaft.«
Darüber war da Niemand froh.
Der Knabe ward verborgen so
In der Wüste von Soltan erzogen,
Um königlichen Brauch betrogen
Außer in dem Einen Spiel:
Bogen und Bolzen viel
Schnitt er sich mit eigner Hand
Und schoß die Vögel, die er fand.
Wenn er jedoch das Vöglein schoß,
Dem erst Gesang so hold entfloß,
So weint' er laut und strafte gar
Mit Raufen sein unschuldig Haar.
Sein Leib war klar und helle:
Auf dem Plan an der Quelle
Wusch er sich alle Morgen.
[164]
Auch schuf ihm wenig Sorge
Als über ihm der Vöglein Sang,
Der ihm das Herz so süß durchdrang:
Das dehnt' ihm seine Brüstlein aus.
Mit Weinen lief er in das Haus.
Die Köngin sprach: »Wer that dirs an?
Du warst ja draußen auf dem Plan.«
Da wust er ihr kein Wort zu sagen.
So gehts Kindern noch in unsern Tagen.
Das macht' ihr viel zu schaffen.
Da sah sie einst ihn gaffen
Nach einem Baum, von dem es scholl.
Sie ward wohl inne, wie ihm schwoll
Von dem Gesang die junge Brust;
In seiner Art lag solch Gelust.
Frau Herzleid trug den Vögeln Haß
Seitdem, sie wuste nicht um Was:
Sie sandte Knecht und Enken
Ihr Singen zu beschränken,
Vöglein mit Netz und Stangen
Zu würgen und zu fangen.
Die Vöglein waren gut beritten
Daß sie den Tod nicht all' erlitten:
Etliche blieben wohl am Leben,
Die hört man neuen Sang erheben.
[165]
Der Knabe sprach: »Bei eurer Huld,
Was giebt man wohl den Vöglein Schuld?«
Er erbat ihnen Frieden gleich zur Stund.
Seine Mutter küsst' ihn auf den Mund.
Sie sprach: »Was brech ich Sein Gebot,
Der doch ist der höchste Gott?
Sollen Vöglein trauern meinethalb?«
Der Knappe sprach zur Mutter bald:
»Höre Mutter, was ist Gott?«
»Das sag ich, Sohn, dir ohne Spott:
Er ist noch lichter denn der Tag,
Der einst Angesichtes pflag
Nach der Menschen Angesicht.
Sohn, vergiß der Lehre nicht,
Und fleh ihn an in deiner Noth,
Dessen Treu uns immer Hülfe bot.
Ein Andrer heißt der Hölle Wirth,
Der schwarz Untreu nicht meiden wird:
Von dem kehr die Gedanken
Und auch von Zweifels Wanken.«
Seine Mutter unterschied ihm gar
Was finster ist, was licht und klar.
Dann eilt' er wohl waldein zu springen.
Das Gabilot auch lernt' er schwingen,
Womit er manchen Hirsch erschoß,
[166]
Davon der Mutter Haus genoß.
Ob man Grund sah oder Schnee,
Dem Wilde thät sein Schießen weh.
Hört aber fremde Märe:
Wenn er erschoß das schwere,
Einem Maulthier wär die Last genug,
Die er unzerlegt nach Hause trug.
Er kam auf seinem Waidegang
Eines Tages einer Hald entlang,
Und brach zum Blatten einen Zweig.
In seiner Nähe gieng ein Steig:
Da vernahm er Schall von Hufschlägen:
Er begann sein Gabilot zu wägen.
»Was hab ich da vernommen?
Daß nun der Teufel kommen
Wollte grimm und zorniglich:
Ich bestünd ihn sicherlich.
Meine Mutter Schrecken von ihm sagt:
Mich dünkt, sie ist auch zu verzagt.«
So stand er da in Streits Begehr.
Seht, da traben dortenher
Drei Ritter in der Rüstung Glanz
Von Haupt zu Fuß gewappnet ganz.
Der Knappe wähnte sonder Spott
Jeglicher wär ein Herregott.
[167]
Wohl stand er auch nicht länger hie,
Er warf sich in den Pfad aufs Knie;
Mit lauter Stimme rief er gleich:
»Hilf Gott, Du bist wohl hilfereich!«
Der Vordre zürnte drum und sprach
Als ihm der Knapp im Wege lag:
»Dieser täppische Waleise
Wehrt uns schnelle Weiterreise.«
Ein Lob, das wir Baiern tragen,
Muß ich von Waleisen sagen:
Sie sind täppischer als Bairisch Heer
Und leisten doch gleich tapfre Wehr.
Wen dieser Länder Eins gebar,
Wird Der gefüg, ists wunderbar.
Da kam einher gallopiert,
An Helm und Harnisch wohl geziert
Ein Ritter, welchem Zeit gebrach:
Streitgierig ritt er jenen nach,
Die ihm schon voraus gekommen.
Zwei Ritter hatten ihm genommen
Eine Frau aus seinem Lande:
Das däuchte Diesen Schande.
Der Jungfrau Leid betrübt' ihn schwer,
Die erbärmlich ritt vor ihnen her.
[168]
Die Dreie sind ihm unterthan.
Er ritt ein schönes Kastilian;
An seinem Schild war wenig ganz.
Er hieß Karnachkarnanz,
Le Comte Ulterleg.
Er sprach: »Wer sperrt uns hier den Weg?«
So fuhr er diesen Knappen an;
Dem schien er wie ein Gott gethan:
Er sah noch niemals lichtre Schau.
Sein Wappenrock benahm den Thau.
Mit goldrothen Schellen klein
Waren an jedwedem Bein
Ihm die Stegereif' in Klang gebracht
Und zu rechtem Maße lang gemacht.
Sein rechter Arm von Schellen klang,
Wenn er ihn rührt' oder schwang;
Er war von Schwertschlägen hell.
Der Degen war zur Kühnheit schnell.
Also diesen Wald durchstrich
Der Fürst gerüstet wonniglich.
Aller Mannesschöne Blumenkranz,
Den fragte da Karnachkarnanz:
»Knapp, saht ihr hier vorüberfahren
Zwei Ritter, die nicht können wahren
Das Gesetz der Rittergilde?
[169]
Sie tragen Raub im Schilde
Und sind an Würdigkeit verzagt:
Sie entführten eine Magd.«
Was er auch sprach, doch hielt ihn noch
Der Knapp für Gott: so malt' Ihn doch
Die Königin Frau Herzeleid,
Die vom lichten Schein ihm gab Bescheid.
Da rief er laut sonder Spott:
»Nun hilf mir, hilfreicher Gott.«
Niederwarf sich zum Gebet
Le Fils dü Roi Gahmuret.
Da sprach der Fürst: »Ich bin nicht Gott;
Doch leist ich gerne sein Gebot.
Vier Ritter möchtest du hier sehn,
Wenn du beßer könntest spähn.«
Der Knappe fragte fürbaß:
»Du nennest Ritter: was ist das?
Hast du selbst nicht Gotteskraft,
So sage, Wer giebt Ritterschaft?«
»Die theilt der König Artus aus.
Junker, kommt ihr in sein Haus,
So mögt ihr Ritters Namen nehmen,
Daß ihrs euch nimmer habt zu schämen.
Ihr seid wohl ritterlicher Art.«
Von den Helden er beschauet ward:
[170]
Da sahn sie Gottes Kunst und Fleiß.
Von der Aventür ich weiß,
Die mich mit Wahrheit des beschied,
Daß Mannesantlitz nie gerieth
So schön wie seins von Adams Zeit:
Drum lobten Fraun ihn weit und breit.
Da hub der Knappe wieder an,
Daß sein zu lachen Der begann:
»Ei Ritter gut, was soll dieß sein?
Du hast so manches Ringelein
An den Leib gebunden dir,
Dort oben und auch unten hier.«
Der Knapp befühlte mit der Hand
Was er eisern an dem Fürsten fand.
»Laßt mich den Panzer schauen:
Meiner Mutter Jungfrauen
Wohl an Schnüren Ringlein tragen,
Die nicht so an einander ragen.«
Noch sprach der Knappe wohlgemuth
Zum Fürsten: »Wozu ist dieß gut,
Was sich so wohl will schicken?
Kanns nicht herunterzwicken.«
Da wies der Fürst ihm sein Schwert:
»Nun sieh, wer Streit mit mir begehrt,
Des erwehr ich mich mit Schlägen.
[171]
Gegen seine muß ichs an mich legen:
Dieß und der Schild behütet mich
Vor dem Schuß und vor dem Stich.«
Wieder sprach der Knappe schnell:
»Trügen die Hirsche solches Fell,
Sie versehrte nicht mein Gabilot;
So fällt doch mancher vor mir todt.«
Die Ritter zürnten, daß er sprach
Mit dem Knappen, welchem Sinn gebrach.
Da sprach der Fürst: »Gott hüte dein!
O wäre deine Schönheit mein!
Dir hätte Gott genug gegeben,
Besäßest du Verstand daneben;
Nun halte Gott dir Kummer fern.«
Da ritt er weiter mit den Herrn.
Sie gelangten alle bald
Zu einem Feld im tiefen Wald.
Da fand er an der Pflugschar
Frau Herzeleidens Bauernschar.
Dem Volke nie so leid geschah.
Die man künftig ernten sah,
Sie musten sän und egen,
Starken Ochsen dräun mit Schlägen.
Der Fürst ihnen guten Morgen bot
Und frug sie: »Sahet ihr nicht Noth
[172]
Eine Jungfrau leiden?«
Da konnten sie's nicht meiden,
Sie sagten ihm, was er gefragt:
»Zwei Ritter und eine Magd
Sahn wir reiten heute Morgen.
Das Fräulein schien in Sorgen.
Kräftig mit den Sporen rührte
Die Pferde, der die Jungfrau führte.«
Es war Meliakanz,
Dem nachritt Karnachkarnanz
Und ihm im Kampf die Jungfrau nahm:
Sie war an aller Freude lahm.
Sie hieß Imäne
Von der Bellefontäne.
Die Bauern waren sehr verzagt,
Da diese Helden sie befragt.
Sie sprachen: »Wie ist uns geschehn!
Hat unser Junker ersehn
An diesen Rittern schartges Eisen,
So dürfen wir das Glück nicht preisen.
Uns trifft darum mit Recht fürwahr,
Der Zorn der Köngin immerdar,
Weil er mit uns zu Walde lief
Heute früh, da Sie noch schlief.«
Gleich galts dem Knappen, Wer nun schoß
[173]
Im Wald die Hirsche klein und groß;
Heim zur Mutter lief er wieder
Und sagt' es ihr. Da fiel sie nieder,
Seiner Worte sie so sehr erschrak,
Daß sie bewustlos vor ihm lag.
Als darauf die Königin
Bewustsein wieder fand und Sinn,
Wie sie zuvor auch war verzagt,
Doch sprach sie: »Sohn, wer hat gesagt
Dir von ritterlichem Orden?
Wie bist dus inne geworden?«
»Mutter, ich sah vier Männer licht,
Lichter ist Gott selber nicht:
Die sagten mir von Ritterschaft.
Artusens königliche Kraft
Soll nach ritterlichen Ehren
Mich Schildespflichten lehren.«
Das war ihr neuen Leids Beginn.
Die Königin sann her und hin
Wie sie eine List erdächte
Und ihn von solchem Willen brächte.
Der einfältge Knappe werth
Bat die Mutter um ein Pferd.
Das begann sie heimlich zu beklagen.
Sie gedacht: »Ich will ihm nichts versagen;
[174]
Aber grundschlecht muß es sein.
Es giebt noch Leute,« fiel ihr ein,
»Die gar lose Spötter sind.
Thorenkleider soll mein Kind
An seinem lichten Leibe tragen:
Wird er gerauft und geschlagen,
So kehrt er wohl in kurzer Frist.«
O weh der jammervollen List!
Sie wählt ein grobes Sacktuch aus
Und schuf ihm Hemd und Hosen draus,
Aus Einem Stick geschnitten
Zu des blanken Beines Mitten;
Eine Kappe dran für Haupt und Ohren:
So trugen damals sich die Thoren.
Zwei Ribbalein statt Strümpfen auch
Aus Kalbshäuten frisch und rauch
Maß man seinen Beinen an.
Da weinten Alle, die es sahn.
Die Königin mit Wohlbedacht
Bat ihn zu bleiben noch die Nacht:
»Du darfst dich nicht von hinnen heben,
Ich muß dir erst noch Lehren geben:
Du sollst auf ungebahnten Straßen
Dich nicht auf dunkle Furt verlaßen;
Ist sie aber seicht und klar,
[175]
So hat der Durchritt nicht Gefahr.
Du sollst auch Sitte pflegen,
Jeden grüßen auf den Wegen.
Will dich ein grauweiser Mann
Zucht lehren, wie ein Solcher kann,
So folg ihm gerne mit der That,
Und zürn ihm nicht, das ist mein Rath.
Eins laß dir, Sohn, befohlen sein:
Wo du guter Frauen Ringelein
Erwerben mögest und ihr Grüßen,
Da nimms: es kann dir Leid versüßen.
Magst du ihren Kuss erlangen,
Und herzend ihren Leib umfangen,
Das giebt dir Glück und hohen Muth,
Wenn sie keusch ist und gut.
Deinen Fürsten, wiße, Sohn mein,
Hat der stolze kühne Lähelein
Zwei Länder abgefochten,
Die dir sonst nun zinsen mochten:
Waleis und Norgals.
Deiner Fürsten Einer, Turkentals,
Den Tod von seiner Hand empfieng:
All dein Volk er schlug und fieng.«
»Das räch ich Mutter, will es Gott,
Ihn verwundet noch mein Gabilot.«
[176]
Da Morgens schien des Tages Licht,
Der stolze Knappe säumte nicht:
Artus ihm im Sinne lag.
Sie küsst' ihn oft und lief ihm nach.
Das gröste Herzleid ihr geschah,
Da sie den Sohn nicht länger sah.
Der ritt hinweg: wen mag das freun?
Da fiel die Fraue Falsches rein
Zur Erde, wo sie Jammer schnitt
Bis sie den Tod davon erlitt.
Ihr getreulicher Tod
Bewahrt sie vor der Hölle Noth.
O wohl ihr, daß sie Mutter ward!
So fuhr die lohnergiebge Fahrt
Diese Wurzel aller Güte,
Aus der das Reis der Demuth blühte.
Weh uns, daß uns nicht verblieb
Ihre Sippe bis zum eilften Glied!
Drum muß man so viel Falschheit schaun.
Doch sollten die getreuen Fraun
Heil erwünschen diesem Knaben,
Den sie hier sehen von ihr traben.
Da fuhr der Knappe wohlgethan
In den Wald von Briziljan.
Er kam an einen Bach geritten,
[177]
Den ein Hahn hätt überschritten.
Da stunden Blumen hell und klar;
Doch weil sein Fluß so dunkel war,
Fiel seiner Mutter Rath ihm bei:
Er ritt tagüber dran vorbei,
Wie es ihm denn im Haupt nicht sonnte.
Die Nacht verbracht er wie er konnte;
Doch als der lichte Tag erschien
Hub er zu einer Furt sich hin,
Die lauter war und wohlgethan.
Auf jener Seite war der Plan
Mit herrlichem Gezelt geschmückt;
Viel Reichthum ward daran erblickt.
Das Zelt war hoch und weit dabei,
Der Sammt von Farben dreierlei;
Auf den Nähten lagen Borten gut.
Von Leder hieng dabei ein Hut,
Den man drüber ziehen sollte
Immer wenn es regnen wollte.
Dük Orilus de Lalander,
Des Weib darunter fand er
Wonniglich ruhen, wie es schien,
Eine reiche Herzogin,
Ihres Ritters liebstes Pfand;
Jeschute war sie genannt.
[178]
Entschlafen war die Fürstin werth.
Sie trug der Minne schärfstes Schwert:
Einen Mund durchleuchtig roth,
Verliebten Ritters Herzensnoth.
Während die Schöne schlief,
Der Mund ihr von einander lief:
Das schuf der Minne Glut und Feuer.
So lag das schönste Abenteuer.
Schneeweiß, wie von Elfenbein,
Zusammen dicht gefügt und klein,
So standen ihr die lichten Zähne.
Mich gewöhnt man nicht, ich wähne,
An so hochgelobten Mund;
Solch Küssen ward mir selten kund.
Von Zobel eine Decke fein
Sollt ihr verhüllen Hüft und Bein,
Die sie vor Hitze von sich stieß,
Wenn sie der Wirth alleine ließ.
Sie war geschmückt nach Hofes Art,
An Ihr war keine Kunst gespart:
Gott selber schuf den süßen Leib.
Es trug das minnigliche Weib
Langen Arm und blanke Hand.
Der Knapp daran ein Ringlein fand,
Das ihn nach dem Bette zwang,
[179]
Wo er mit der Fürstin rang.
Ihm rieth ja die Mutter sein
Zu der Frauen Ringelein.
Schnell sprang der Knappe wohlgethan
Von dem Teppich an das Bett heran.
Das reine Weib unsanft erschrak
Da der Knapp ihr in den Armen lag:
Sie muste wohl erwachen.
Beschämt und sonder Lachen
Sprach die man keusche Zucht gelehrt:
»Wer ist es, der mich so entehrt?
Jungherr, es ist euch allzuviel:
Wählt euch doch ein ander Ziel.«
Wie laut sie sich beklagte,
Er frug nicht was sie sagte,
Ihren Mund er an den seinen zwang.
Auch bedacht er sich nicht lang,
Er drückt' an sich die Herzogin,
Ihr ein Ringlein abzuziehn,
Eine Spange sah er ihr am Hemd:
Die brach er nieder ungehemmt.
Die Frau war nur ein Weib zur Wehr,
Seine Kraft war ihr ein ganzes Heer:
Sie wandt ihn doch mit Ringen ab.
[180]
Seinen Hunger klagte jetzt der Knapp:
Da war sie frei der schweren Pflicht.
Sie sprach: »Mich eßen sollt ihr nicht.
Wärt ihr ein wenig weise,
Ihr nähmt euch andre Speise.
Dahinten stehen Brot und Wein
Und zwei Rebhühner obenein,
Die eine Jungfrau brachte,
Nicht euch sie zugedachte.«
Er frug nicht wo die Wirthin saß:
Einen guten Kropf er aß.
Darnach er schwere Trünke trank.
Die Frau bedäuchte gar zu lang
Sein Weilen in dem Pavillon.
Sie wähnt', er wär ein Garzon,
Dem Verstand und Sinn entkommen.
Vor Scham war ihr das Herz beklommen.
Doch sprach zu ihm die Fürstin rein:
»Jungherr, ihr sollt mein Ringelein
Hier laßen und den Fürspann.
Hebt euch hinweg: denn kommt mein Mann,
So müßt ihr Zorn erleiden,
Den ihr lieber möchtet meiden.«
Da sprach der Knappe wohlgeborn:
»Was fürcht ich eures Mannes Zorn?
[181]
Doch kränkts euch an den Ehren,
So will ich hinnen kehren.«
Da schritt er zu dem Bett heran:
Ein andrer Kuss ward da gethan:
Gar leid war das der Herzogin.
So ritt er ohne Urlaub hin;
Er sprach jedoch: »Gott hüte dein,
Denn also rieth die Mutter mein.«
Der Knappe war des Raubes froh;
Eine gute Weile ritt er so,
Nicht fehlt' ihm an der Meile viel:
Da kam von dem ich sprechen will.
Bald erspürt' er an dem Thau
Den Besuch bei seiner Frau;
Der Schnüre hatt' ein Theil gelitten.
Da war der Knapp durchs Gras geschritten,
Der werthe Herzog auserkannt
Sein Weib im Zelte traurig fand.
Da sprach der stolze Orilus:
»Wie hab ich, Frau, um euern Kuss
Meine Dienste schlecht verwendet;
Gelästert und geschändet
Ist all mein ritterlicher Preis:
Einen Buhlen habt ihr: ich weiß.«
Sie schwur, was mocht ihrs taugen?
[182]
Mit waßerreichen Augen
Daß sie unschuldig wäre,
Denn er glaubte nicht der Märe.
Sie sprach jedoch mit Angst und Pein:
»Es kam ein Thor zu mir herein:
Was jemals meine Augen sahn,
Nie erblickt ich schönern jungen Mann.
Mein Ringlein und den Fürspann hier
Nahm er wider Willen mir.«
»Ei, wie er euch so wohl gefällt:
Gewiss, ihr habt euch ihm gesellt.«
Da sprach sie: »Das verhüte Gott!
Seine Ribbalein, sein Gabilot
Sind mir schon zu nah gekommen.
Wie mag die Red euch frommen?
Es missstünde Königinnen,
So niedrig zu minnen.«
Der Herzog wieder begann:
»Frau, nähmt ihr guten Rath nur an,
So ließt ihr Eine Sitte fahren:
Statt der Königin Namen zu bewahren,
Hießt ihr nach Mir nun Herzogin.
Mir bringt der Handel Ungewinn.
Meine Mannheit ist doch wohl so keck,
Daß euer Bruder Ereck,
[183]
Mein Schwager, Fils dü Roi Lak,
Euch wohl deswegen haßen mag.
Auch erkennt der Degen weis,
Wohl ist mein ritterlicher Preis
Von jedem andern Flecken rein,
Als daß er mich vor Prurein
Im Tjoste hat bezwungen.
Doch hab Ich an ihm errungen
Hohen Preis vor Karnant.
In rechter Tjost stach meine Hand
Ihn vom Ross und heischte Fianze.
Durch den Schild hat meine Lanze
Ihm euer Kleinod gebracht.
Eure Huld, hätt ich da nicht gedacht,
Käm' Andern je zu Gute,
Meine Herrin Jeschute.
Ueberzeugt auch seid ihr des,
Frau, daß der stolze Galoes,
Fils dü Roi Gandein,
Im Tod erlag der Tjoste mein.
Ihr selber hieltet nah dabei,
Wo mir Plihopliherei
Entgegen tiostierend ritt
Und mich im Streite da bestritt.
Hinters Ross mein Sper ihn zückte,
[184]
Daß kein Sattel mehr ihn drückte.
So hab ich manchen Preis errungen,
Viel Ritter hinters Ross geschwungen.
Das kam mir nicht zu Gute hier:
Die höchste Schande wehrt es mir.
Sie haßen mich mit Grunde,
Die von der Tafelrunde.
Ihrer achte stach ich nieder da
Wo es manche Jungfrau sah,
Bei dem Sperber dort zu Kanedig.
Ich behielt euch Preis und mir den Sieg,
Wie ihr bei Artus wohl ersaht,
Der meine Schwester bei sich hat,
Die Süße, Kunnewaren.
Ihr Mund kann nicht gebahren
Mit Lachen, eh sie Den ersehn,
Dem den höchsten Preis sie zugestehn.
Ach käm mir doch derselbe Mann!
So würd ein Streiten hier gethan
Wie heute Morgen, da ich kämpfte
Und eines Fürsten Hochmuth dämpfte,
Der mir sein Tiostieren bot:
Da gab ihm meine Tjost den Tod.«
»Ich will von solchem Zorn nichts sagen,
Daß Mancher hat sein Weib geschlagen
[185]
Um ihre schmähliche Schuld.
Sollt ich euch verliebte Huld
Im Ritterdienst noch bieten,
So gewännt ihr nur die Nieten.
Ich will nicht mehr erwarmen
In euern blanken Armen,
Wo ich wohl sonst in Minne lag
Manchen wonniglichen Tag.
Ich mach euch bleich den rothen Mund,
Euern Augen thu ich Röthe kund;
Eurer Freude will ich wehren,
Euer Herze Seufzer lehren.«
Die Fürstin sah den Fürsten an,
Ihr Mund da jämmerlich begann:
»Nun ehrt an mir die Ritter all.
Weis und getreu seid ihr zumal
Und wohl auch so gewaltig mein,
Ihr könnt mir schaffen hohe Pein;
Nur geht erst weislich zu Gericht,
Bei allen Fraun, versäumt es nicht!
Verdien ichs, trag ich gern die Noth.
Fänd ich von andrer Hand den Tod,
Daß es Euch nicht Schmach erwürbe,
Wie gern ich dann erstürbe!
[186]
Das wär mir eine süße Zeit,
Da Ihr mir doch erzürnet seid.«
Wieder brach der Zornge los:
»Frau, euer Hochmuth wird zu groß,
Dem sei ein Maß beschieden.
Gesellschaft wird vermieden
Mit Trinken und mit Eßen,
Beilagers gar vergeßen.
Euch wird kein anderes Gewand
Als dieß, worin ich heut euch fand.
Sei euer Zaum ein Seil von Bast,
Der Hunger lad eur Pferd zu Gast;
Allen seinen Schmuck verliert
Euer Sattel wohlgeziert.«
Hurtig zerrt' und riß er da
Den Sammt herab. Als das geschah,
Und der Sattel brach, den sie geritten
(Ihre keuschen reinen Sitten
Hatten seinen Haß erfochten):
Mit dem Strick, von Bast geflochten,
Richtet' er ihn wieder zu;
Sein Haß benahm ihr gar die Ruh.
Der Herzog sprach nach solchem Thun:
»Herrin, laßt uns reiten nun.
Wie wär ich froh, erreicht ich ihn,
[187]
Der eure Minne nahm dahin.
Ich bestünd das Abenteuer,
Gäb auch sein Athem Feuer
Wie eines wilden Drachen.«
Mit Weinen sonder Lachen
Schied aus dem Zelte trauriglich
Die edle Frau, und härmte sich.
Sie hieng dem eignen Leid nicht nach,
Nur ihres Mannes Ungemach.
Sein Trauern schuf ihr solche Noth,
Ihr wäre lieber wohl der Tod.
Nun sollt ihr treulich sie beklagen,
Sie muß nun hohen Kummer tragen.
Wär mir aller Frauen Haß bereit,
Mich härmte doch Jeschutens Leid.
So ritten sie auf seiner Fährte.
Der Knapp sein Ross auch Eile lehrte;
Nur wuste nicht der Unverzagte
Daß man hinterdrein ihm jagte;
Doch Wen sein Auge wahr nahm,
Sobald er ihm so nahe kam,
Der gute Knappe grüßt' ihn sein
Und sprach: »So rieth die Mutter mein.«
Also ritt der täppsche Knab
Einen Berghang hinab.
[188]
Als er vor den Felsen kam,
Eines Weibes Stimm er dort vernahm.
Vor Jammer schrie sie manchen Schrei;
Ihr war die Freude gar entzwei.
Der Knappe ritt ihr eilends nah:
Nun hört, was that die Jungfrau da?
In ihres Herzleides Drang
Riß die braunen Zöpfe lang
Sigune jammernd aus der Haut.
Als der Knapp sich umgeschaut,
Schionatulander
In der Tjost erschlagen fand er
Liegen in der Jungfrau Schooß,
Die aller Freuden nun verdroß.
»Mag er traurig oder fröhlich sein,
Ihn grüßen hieß die Mutter mein:
Gott wahr euch,« sprach des Knappen Mund.
»Ich habe jämmerlichen Fund
In euerm Schooß gefunden;
Wer schlug ihm solche Wunden?«
Der Knapp sprach unverdroßen
Noch: »Wer hat ihn erschoßen?
Geschahs mit einem Gabilot?
Mich dünket, Frau, er liege todt.
Wollt ihr mir davon nicht sagen
[189]
Wer euch den Ritter hat erschlagen?
Kann ich ihn noch erreiten,
Ich will gerne mit ihm streiten.«
Da nahm der preiswerthe Knab
Einen Köcher herab,
Drin er scharfe Gabilote fand.
Er trug auch noch in seiner Hand
Was er Frau Jeschuten nahm,
Zu der er in der Einfalt kam.
Wär seines Vaters Brauch ihm kund,
Der doch sein angebornes Pfund,
Er hätte wohl den Schild geschwenkt,
Doch nicht die Herzogin gekränkt,
Die er von aller Freude schied.
Mehr denn ein ganzes Jahr vermied
Sie mit Gruß und Kuss der Mann;
Unrecht ward der Frau gethan.
Nun hört auch von Sigunen sagen:
Die konnt ihr Leid mit Jammer klagen.
Sie sprach zum Knappen: »Du hast Tugend;
Geehrt sei deine süße Jugend
Und dein Antlitz minniglich:
Fürwahr, das Glück erwartet dich.
Diesen Ritter mied das Gabilot,
Er empfieng von einer Tjost den Tod.
[190]
Dir wurzelt Treu im Herzen,
Daß er dich so kann schmerzen.«
Eh die Beiden Abschied nahmen,
Frug sie ihn nach dem Namen
Und gestand, daß Gott sich an ihm fliß.
»Bon Fils, scher Fils, beau Fils,
Also hat mich stäts genannt,
Der ich daheim bin bekannt.«
Da gesprochen war das Wort,
Sie erkannte ihn sofort.
Nun hört ihn endlich nennen,
Daß ihr hinfort mögt kennen
Dieser Aventüre Held,
Der dort noch bei der Jungfrau hält.
Da sprach ihr rother Mund zumal:
»Fürwahr du heißest Parzival.
Der Name sagt: Inmitten durch.
Die Liebe schnitt wohl solche Furch
In deiner Mutter treues Herz;
Dein Vater hinterließ ihr Schmerz.
Nicht sag ichs mir zum Ruhme:
Deine Mutter ist mir Muhme.
Vernimm auch ohne falsche List
Die rechte Wahrheit wer du bist.
[191]
Dein Vater war ein Anschewein;
Ein Waleis von der Mutter dein
Bist du geborn zu Kanvoleiß,
Wie ich mit ganzer Wahrheit weiß.
Du bist auch König zu Norgals:
In der Hauptstadt Kingrivals
Soll dein Haupt die Krone tragen.
Für Dich ward dieser Fürst erschlagen,
Der stäts dein Land dir wehrte,
Seine Treue nie versehrte.
Junger schöner süßer Mann,
Zwei Brüder thaten Leid dir an.
Zwei Länder nahm dir Lähelein;
Diesen Ritter hier, den Oheim dein,
Schlug Orilus im Einzelstreit;
Der ließ auch mich in diesem Leid.
Mir dient' ohn alle Schande
Dieser Fürst von deinem Lande,
Wo deine Mutter mich erzog.
Lieber Vetter, höre doch,
Wie ihm solch Ende ward zu Theil;
Ihm schuf solch Leid ein Brackenseil.
In unsern Diensten hat den Tod
Der Held erjagt, und Sehnsuchtsnoth
Mir nach seiner Minne.
Wohl hatt ich kranke Sinne,
[192]
Daß ich ihm Minne nicht geschenkt:
Drum hat Der Alles schafft und lenkt
Jede Freude mir verboten:
Nun minn ich so den Todten.«
Da sprach er: »Nichte, mir ist leid
Meine Schande wie dein Herzeleid.
Mag ich das künftig rächen,
Will ich michs nicht entbrechen.«
Da wollt er schon zum Streit hinweg;
Doch wies sie ihn den falschen Weg,
Daß Er das Leben nicht verlöre
Und Sie noch größern Schaden köre.
Er gerieth auf eine Schneise,
Die führt' ins Land der Bretaneise;
Sie war gar breit und wohlgebahnt.
Wen er zu Fuß und Ross da fand,
Ritter oder Kaufmann,
Die sprach er alle grüßend an,
Denn das wär seiner Mutter Rath;
Die gab ihn auch ohn Uebelthat.
Da die Dämmerung begann
Große Müde fiel ihn an.
Da sah der Einfalt Spielgenoß
Ein Haus, das war nicht eben groß:
[193]
Darinnen saß ein karger Wirth,
Wie der Bauer selten höfisch wird.
Dieser war ein Fischersmann,
Der auf keine Güte sann.
Den Knappen Hunger lehrte,
Daß er bei ihm einkehrte
Und klagte seines Hungers Noth.
Der sprach: »Ich gäb ein halbes Brot
Euch noch nicht in dreißig Jahren.
Wer meine Milde zu erfahren
Harren will, wie säumt der sich!
Ich sorg um Niemand als um mich,
Demnächst um meine Kindelein.
Hier kommt ihr heute nicht herein.
Hättet ihr Pfennig oder Pfand,
Ich behielt' euch gleich zu Hand.«
Was bot der Knappe da ihm an?
Frau Jeschutens Fürspann.
Wie der Bauer das ersah,
Lachendes Mundes sprach er da:
»Willst du bleiben, süßes Kind,
Dich ehren alle, die hier sind.« –
»Kannst du heut Nacht mich speisen,
Den Weg mir morgen weisen
Zu Artus (dem bin ich hold),
[194]
So mag verbleiben dir das Gold.«
»Das thu ich,« sprach der Villan.
»Ich sah nie Kind so wohlgethan:
Ich bring dich als ein Wunder
Vor des Königs Tafelrunder.«
Die Nacht verblieb der Knappe dort;
Frühmorgens zog er wieder fort.
Er hatte kaum des Tags erharrt;
Der Wirth auch balde fertig ward
Und lief voraus; der Junggesell
Ritt nach: sie waren beide schnell.
Mein Herr Hartmann von Aue,
Ginover eurer Fraue,
Und Artus euerm König hehr,
Ihnen kommt von mir ein Gast daher.
Seht, daß man sein nicht spotte.
Er ist Geige nicht noch Rotte,
Laßt sie ein ander Spiel sich nehmen:
So muß sich ihre Zucht nicht schämen.
Sonst wird eure Frau Enide
Und ihre Mutter Karsnafide
Durch die Stampfmühl auch gezückt,
Mit Hohn ihr Lob all überbrückt.
Sollt ich den Mund mit Spott verschleißen,
Meinen Freund wollt ich dem Spott entreißen.
[195]
Da kam mit dem Fischersmann
Unser Knappe wohlgethan
Des Landes Hauptstadt so nah,
Daß man Nantes wohl ersah.
Da sprach er: »Kind, Gott hüte dein.
Nun sieh, dort must du reiten ein.«
Der Knappe guten Sinnes bar
Sprach: »Weise mich noch näher dar.«
»Das laß ich bleiben, liebes Kind:
So stolz ist all das Hofgesind,
Kommt ihm ein Villan zu nah,
Der fände übeln Lohn allda.«
Da ritt der Knapp allein voran,
Auf einen nicht zu breiten Plan
Von bunten Blumen überzogen.
Kein Kurvenal hat ihn erzogen.
Er wuste nichts von Kurtoisie:
Der Ungereiste weiß das nie.
Von Bast geflochten war sein Zaum,
Sein armes Rösslein trug ihn kaum,
Strauchend thät es manchen Fall.
Auch war sein Sattel überall
Von neuem Leder unbeschlagen.
Von Härmelin und sammtnen Kragen
Trug er kein zu schwer Gewicht;
[196]
Mantelschnüre braucht er nicht:
Für Sukni und für Sürkot
Hatt er nur sein Gabilot.
Der nie der reinsten Zucht vergaß,
Sein Vater einst geschmückter saß
Auf dem Teppich dort vor Kanvoleis:
Dem machte Furcht nie kalt noch heiß.
Einem Ritter, der da kam geritten,
Bot er Gruß nach seinen Sitten:
»Gott wahr euch, rieth die Mutter mir.«
»Gott lohne, Junker, euch und ihr,«
Sprach Artusens Basensohn,
Den erzogen Utepandragon;
Auch sprach derselbe Weigand
Als Erbtheil an der Britten Land.
Es war Ither von Gahevieß,
Den man den rothen Ritter hieß.
All seine Rüstung war so roth,
Daß sie den Augen Röthe bot.
Sein Ross war roth aber schnell.
Allroth war sein Gügerel,
Seine Kovertür von rothem Sammt,
Sein Schild ein Feuer roth entflammt,
Roth sein Korsett, laßt euch melden,
[197]
Und wohlgeschnitten an dem Helden,
Roth war sein Schaft, roth war sein Sper;
Roth auch hatt auf sein Begehr
Sein Schwert der Schmied geröthet,
Doch die Schärfe nicht verlöthet.
Der König von Kukumerland
Roth von Gold in seiner Hand
Stand ein Becher reich geziert,
Den er der Tafelrund entführt.
Mit blanker Haut, mit rothem Haar
Zum Knappen sprach er, freundlich zwar:
»Gesegnet sei dein süßer Leib,
Dich trug im Schooß ein reines Weib.
Der Mutter Heil, die dich gebar!
Niemand war je so schön und klar.
Du wirst der Minne Brand und Krieg,
Ihre Niederlage wie ihr Sieg.
Du wirst der Frauen Wunsch und Lust,
Du wirst ihr Jammer, ihr Verlust.
Lieber Freund, willst du zur Stadt,
So grüße doch, wie ich dich bat,
Den König Artus und die Seinen
Und sag: nicht flüchtig zu erscheinen
Woll ich hier warten und beschaun
Wer sich zum Kampfe wird getraun.«
[198]
»Es nimmt sie, hoff ich, all nicht Wunder.
Ich ritt hin vor die Tafelrunder
Und machte Anspruch auf mein Land.
Diesen Kopf mit ungefüger Hand
Erhob ich, daß der Wein entfloß
Frau Ginoveren in den Schooß.
Das that ich, Anspruch zu erheben;
Verbrannten Strohwisch übergeben,
Davon wird russig leicht die Haut:
Drum mied ichs,« sprach der Degen laut.
»Auch um Raub bin ich nicht hergefahren,
Meine Krone kann mir das ersparen.
Nun sage, Freund, der Köngin an,
Nicht Ihr hab ichs zur Schmach gethan,
Nur den Werthen, die da saßen
Und der rechten Wehr vergaßen.
Seins Könge, seiens Fürsten,
Soll dort ihr Wirth verdürsten?
Holen sie seinen Goldnapf nicht,
Ihr hoher Preis wird all zunicht.«
Der Knapp sprach: »Ich bestelle dir
Was du gesprochen hast zu mir.«
Er ritt von ihm, zu Nantes ein.
Ihm folgten viel der Junkerlein
Auf den Hof vor den Saal:
[199]
Da war ein Leben, war ein Schall!
Bald entstand Gedräng um ihn;
Iwanet sprang zu ihm hin:
Dieser Knappe Falsches frei
Bot ihm seine Kompanei.
Der Knappe sprach: »Gott wahre dich;
Meine Mutter lehrte mich
Eh ich von ihr schied, den Gruß.
Hier seh ich manchen Artus:
Welcher soll mich Ritter machen?«
Iwanet begann zu lachen:
»Du hast den rechten nicht gesehn;
Doch es soll sogleich geschehn.«
Da trat er mit ihm in den Saal
Zu den Tafelrundern allzumal.
Er hatte so viel Lebensart,
Er sprach: »Daß Gott euch All bewahrt,
Zumal den König und sein Weib.
Meine Mutter rieth, daß ich beileib
Die begrüßte gleich zur Stunde,
Und Wer hier an der Tafelrunde
Mit Ehren Sitz erworben hat,
Die alle sie mich grüßen bat.
An Einer Kunst mir noch gebricht:
[200]
Wer hier der Wirth ist, weiß ich nicht:
Ein Ritter ihm durch mich entbot
(Den sah ich allenthalben roth),
Er harre seiner vor dem Thor;
Mich dünkt, er soll zum Kampf hervor.
Ihm ist auch leid, daß er den Wein
Verschüttet auf die Köngin rein.
O hätt ich doch sein Streitgewand
Empfangen von des Königs Hand!
Aller Freuden rühmt ich mich,
Denn es steht so ritterlich!«
Unser Jungherr unbezwungen
War von Leuten so umrungen,
Ihn trieb bald hin bald her die Schar.
Sie nahmen seines Aussehns wahr.
Da war es leicht zu schauen:
An Herren noch an Frauen
Sah man nie holder Angesicht.
In übler Laune war es nicht,
Daß Gott Parzivaln erdachte,
Dem kein Schrecken Schrecken brachte.
So stellte sich Artusen vor
Den Gott zu einem Wunder kor.
Haßen konnte Niemand ihn.
[201]
Da beschaut' ihn auch die Königin,
Eh sie aus dem Saale schied,
Wo ihr Gewand der Wein nicht mied.
Artus sah den Knappen an;
Zu seiner Einfalt sprach er dann:
»Habt, Junker, eures Grußes Dank;
Ich vergelt ihn gerne lebenslang
Mit Herzen und mit Gute:
Traun, so ist mir zu Muthe.«
»Wollte Gott, das würde wahr!
Bis dahin dünkt mich wohl ein Jahr.
Daß ich nicht Ritter werden soll,
Das thut mir übler viel als wohl;
Nun haltet mich nicht länger hin:
Sei Rittersehre mein Gewinn.«
Der Wirth sprach: »Ich bin gern bereit,
Gebricht mir selbst nicht Würdigkeit.
Du bist so edel wohl von Art,
Mit vollen Händen ungespart
Will ich dir meine Gabe schenken;
Fürwahr, ich darf mich nicht bedenken.
Gedulde dich bis Morgen,
So will ich's dann besorgen.«
Der wohlgeborne Knappe
Stand gaggernd wie eine Trappe.
[202]
Er sprach: »Ich will nicht mehr erbitten:
Der mir entgegen kam geritten,
Kann ich nicht Dessen Rüstung haben,
So frag ich nichts nach Königsgaben.
Mir giebt wohl noch die Mutter mein;
Die soll doch eine Köngin sein.«
Artus hub zum Knappen an:
»Die Rüstung trägt ein solcher Mann,
Ich wag es nicht, sie dir zu geben.
Ich selber muß in Kummer schweben
Sonder alle meine Schuld,
Weil ich darbe seiner Huld.
Es ist Ither von Gahevieß,
Der Leid mir durch die Freude stieß.«
»Ihr wärt unmilde, König hehr,
Schien euch solch Geschenk zu schwer.
Gebts ihm immer,« sprach Herr Keie,
»Und laßt ihn zu ihm in das Freie.
Wollt ihr zurück den goldnen Kopf,
Hier ist die Geisel, dort der Topf:
Gönnts dem Kind, ihn umzutreiben;
Man wird es Fraun mit Ruhm beschreiben.
Er muß noch manchen Stoß ertragen.
Noch manche Ruthe wird ihn schlagen.
[203]
Ich sorg um ihrer Keines Leben:
Man soll Hund um Eberköpfe geben.«
»Ungern wollt ich ihm versagen,
Ich fürchte nur er wird erschlagen,
Den ich zum Ritter machen soll,«
Sprach Artus aller Treue voll.
Der Knapp empfieng die Gabe doch.
Wie nahe gieng das Manchem noch!
Der Jüngling eilends aufbrach;
Alt und Jung drang ihm nach.
Iwanet zog ihn an der Hand
Vor einer Schaulaube Rand.
Sein Auge vor und rückwärts flog:
Auch war die Laube nicht zu hoch,
Daß er gar wohl darauf vernahm
Was bald ihm Kummer schuf und Gram.
Da wollte selbst die Königin
An das Laubenfenster hin
Mit Rittern und mit Frauen.
Sie wolltens Alle schauen.
Da saß auch Kunneware,
Die stolze und die klare:
Die lachte weder laut noch leis
Bis Der kam, der den höchsten Preis
[204]
Erworben oder sollt erwerben;
Lieber wollte sie ersterben.
Alles Lachens blieb sie frei;
Doch als der Knappe ritt vorbei,
Da erlacht' ihr minniglicher Mund:
Dafür ward ihr der Rücken wund.
Da faßte Kei der Seneschant
Frau Kunnewaren de Lalant
Bei ihrem lockigen Haar.
Ihre langen Zöpfe klar
Wand er sich um seine Hand:
Er spängte sie ohne Spängelband.
Ihrem Rücken ward kein Eid gestabt;
Doch ward ein Stab so dran gehabt
Bis sein Sausen ganz verklang,
Daß es Kleid und Hut durchdrang.
So sprach der Unweise:
»Ihr habt nun euerm Preise
Mit Schmach den Abschied gegeben:
Ich fieng ihn im Vorüberschweben
Und will ihn wieder in euch schmieden,
Daß ihr's empfindet in den Glieden.
Mich dünkt, dem König Artus wär
Zu Haus und Hofe schon bisher
[205]
Geritten mancher werthe Mann;
Doch Ihr lachtet ihn nicht an,
Und lacht um jenen Mann so laut,
Der Rittersitte nie geschaut.«
Was auch im Zorn geschehen mag,
Das Reich hätt ihm doch keinen Schlag
Zuerkannt auf diese Magd,
Die sehr von Freunden ward beklagt.
Dürfte sie der Schildrand tragen,
Sein Unfug würd ihm heim geschlagen.
Ihr fürstlich Blut ist recht und rein:
Orilus und Lähelein,
Ihre Brüder, hättens Die gesehn,
Mancher Schlag wär nicht geschehn.
Der verschwiegne Antanor,
Der um sein Schweigen däucht ein Thor,
An gleichen Schicksalsfäden
Hieng Ihr Lachen und Sein Reden:
Er wollte nie ein Wörtlein sagen
Bis Sie gelacht, die Kei geschlagen.
Als ihr Lachen nun geschah,
Sein Mund sprach zu Keien da:
»Gott weiß, Herr Seneschant,
Daß Kunneware de Lalant
[206]
Um den Knappen ward misshandelt,
Freud in Leid wird euch verwandelt
Noch dafür von seiner Hand,
Wenn erst sich Zeit und Stunde fand.«
»Da euer erstes Wort mir dräut,
So sorg ich, daß es euch gereut.«
Zermürbt ward ihm der Braten,
Zugeflüstert und gerathen
Viel dem sinnbegabten Thoren
Mit Faustschlägen um die Ohren.
Das that Herr Keie vor dem Saal,
Daß der junge Parzival
Die Beschimpfung mochte schauen
Antanors wie der Frauen.
Leid war ihm herzlich ihre Noth;
Er griff wohl oft zum Gabilot:
Vor der Königin war solcher Drang,
Daß er es darum nicht schwang.
Urlaub nahm da Iwanet
Vom Fils dü Roi Gahmuret.
Alleine hub sich Der sodann
Hinaus zu Ithern auf den Plan.
Dem bracht er dort die Märe,
Daß in Nantes Niemand wäre,
[207]
Der Lust mit ihm zu streiten habe.
»Mich gewährte Artus einer Gabe.
Ich sagt' ihm, wie dein Auftrag war,
Daß es dein Wille ganz und gar
Nicht war, die Köngin zu begießen:
Dich werde Unfug stäts verdrießen.
Sie gelüstet nicht des Streites.
Das Ross gieb, drauf du reitest
Und deine Rüstung allzumal:
Ich empfieng sie auf dem Saal,
Weil ich drin Ritter werden muß.
Versagt sei dir mein Gruß,
Wenn du mir es ungern giebst:
Nun gieb mir, wenn du Klugheit liebst.«
Der König von Kukumerland
Sprach: »Hat dir Artusens Hand
Meine Rüstung gegeben?
Er gäbe dir mein Leben,
Könntest du mirs abgewinnen:
So kann er Freunde minnen.
War er dir schon früher hold?
Dein Dienst erwarb so schnell den Sold.«
»Ich mag erwerben, was ich will.
Wohl ist es wahr, er gab mir viel.
[208]
Gieb her und laß dein Landrecht:
Ich will nicht länger sein ein Knecht,
Ich soll nun Schildesamt bekommen.«
Schon hatt er ihn beim Zaum genommen:
»Am Ende bist du Lähelein,
Von dem mir klagt die Mutter mein.«
Der Ritter wandte seinen Schaft,
Und stieß den Knappen so mit Kraft,
Daß er mit seinem armen Ross
Nieder auf die Blumen schoß.
Ihn schlug der Zornerhitzte,
Daß ihm vom Schafte spritzte
Aus der Haut sein rothes Blut.
Parzival der Knappe gut
Stand hier zornig auf dem Feld.
Sein Gabilot ergriff der Held:
Wo der Helm und das Visier
Sich scheiden ob dem Härsenier
Traf ihn durchs Aug das Gabilot
Und durch den Nacken, daß er todt
Hinfiel, der Falschheit Gegensatz.
Seufzern, Klagen machte Platz
Ithers Tod von Gahevieß,
Der Frauen naße Augen ließ.
Die seine Minne je empfand,
[209]
Der war die Freude fern gebannt,
Der war verscherzt der heitre Scherz,
Verwandelt in der Trauer Schmerz.
Parzival war noch so dumm,
Er kehrt' ihn hin und wieder um,
Ihm die Rüstung abzustreifen;
Doch konnt ers nicht begreifen.
Das Helmband und das Schinnelier
Mit seinen blanken Händen zier
Wust er nicht aufzustricken,
Noch sonst herab zu zwicken;
Jedoch versucht ers oft genug,
Der weder weise war noch klug.
Das Streitross und das Pferdelein
Huben an zu wiehern und zu schrein.
Da vernimmt es Iwanet,
Der vor der Stadt am Graben steht,
Vetter und Knapp der Königin:
Da er hörte wie die Pferde schrien,
Und da er Niemand drauf ersah,
Der Liebe willen that ers da,
Die er zu Parzivalen trug,
Daß zu ihm lief der Knappe klug.
Da fand er Itheren todt,
Und Parzival in Dümmlingsnoth;
[210]
Wie bald er ihm zu Hülfe sprang!
Da sagt' er Parzivalen Dank,
Daß den Preis erworben seine Hand
An dem von Kukumerland.
»Gottlohns. Doch rathe was ich thu.
Ich kann hier gar nicht recht dazu:
Wie brings ich von ihm und an mich?«
»Sei nur getrost, ich lehr es dich,«
Sprach der stolze Iwanet
Zum Fils dü Roi Gahmuret.
Entwappnet ward der todte Mann
Da vor Nantes auf dem Plan,
Das Kleid dem Sieger angelegt,
Der noch der Einfalt Zeichen trägt.
Iwanet sprach: »Die Ribbalein
Dürfen nicht unterm Eisen sein:
Du sollst nun tragen Ritterskleid.«
Das Wort war Parzivalen leid.
Da begann der gute Knab:
»Was mir meine Mutter gab,
Das soll nicht von mir kommen,
Mag es schaden oder frommen.«
Das däuchte wunderlich genug
Iwaneten (der war klug);
Dennoch folgt' er ihm getrost,
[211]
Und war ihm nicht darum erbost.
Er schuht' ihm über die Ribbalein
Zwei Eisenhosen licht von Schein;
Zwei Schraubesporen ohne Leder
(Sie gehörten zu jedweder)
Fügt' er ihm an, von Golde roth.
Eh er ihm den Halsberg bot,
Band er ihm um das Schinnelier.
Nicht lange mehr, so sah man hier
Von Haupt zu Fuß in blankem Stahl
Den ungeduldgen Parzival.
Gern hätt der Knappe wohlgethan
Seinen Köcher umgethan.
»Ich reiche dir kein Gabilot,
Weil dieß die Ritterschaft verbot,«
Sprach Iwanet der Knappe werth;
Er schnallt' ihm um ein scharfes Schwert:
Das lehrt' er ihn vom Leder ziehn
Und widerrieth ihm zages Fliehn.
Näher zog er dann heran
Des todten Mannes Kastilian;
Es war von Beinen hoch und lang.
Der gewappnet in den Sattel sprang,
Stegereife braucht' er nicht,
Von dessen Raschheit man noch spricht.
[212]
Noch ließ Iwanet nicht nach,
Er lehrt' ihn unter Schildesdach
Nach Kunstgebrauch gebahren
Und des Feindes Brust nicht sparen.
Er gab ihm in die Hand den Sper.
Darnach verlangte Den nicht sehr;
Doch fragt' er: »Wozu soll das frommen?«
»Die gegen dich tjostierend kommen,
Auf die sollst du ihn brechen,
Durch ihren Schild verstechen.
Wer das recht zu treiben weiß,
Der hat vor den Frauen Preis.«
Die Aventüre giebt Bericht,
Nicht zu Köln noch Mastricht
Könnt ihn ein Maler schöner malen
Als man ihn sah vom Pferde stralen.
Zu Iwaneten hub er an:
»Lieber Freund und Kumpan,
Ich hab erworben was ich bat:
Meinen Dienst nun magst du in der Stadt
Dem König Artus sagen
Und ihm meine Schande klagen.
Bring ihm zurück den Goldnapf hier.
Ein Ritter brach die Zucht an mir,
Daß er die Jungfrau schlug so sehr,
[213]
Die mein gelacht von Ohngefähr;
Mir liegt ihr Jammer stäts im Sinn,
Es rührt mein Herz nicht obenhin:
Wohl muß inmitten drinne sein
Der Jungfrau unverdiente Pein.
Nun thus, weil wir uns gerne sehn,
Und laß den Schimpf dir nahe gehn.
Gott hüte dein; ich will nun fahren;
Der mag uns Beide wohl bewahren.«
Jämmerlich da liegen ließ
Der Held Ithern von Gahevieß.
Der war im Tod noch minniglich,
Im Leben lebt' er seliglich.
Hätt ihn getödtet Ritterschaft,
Ein Sperschuß ihn dahingerafft,
Wer klagte dann so seltne Noth?
Er starb von einem Gabilot.
Viel lichte Blumen ihm zum Dach
Iwanet darnieder brach.
Er stieß des Gabilotes Stiel
In die Erde, wo er fiel;
Dann in Kreuzesform ein Holz
Stach der sinnge Knappe stolz
Durch des Gabilotes Schneide.
Daß er dieß auch nicht vermeide,
[214]
Er macht' es in der Stadt bekannt,
Wo manche Frau verzagend stand,
Und mancher Ritter weinte,
Seine Treue so bescheinte.
Da ward der Jammer allgemein.
Man holte schön den Todten ein:
Die Königin ritt aus dem Thor;
Man trug das Heiligthum ihr vor.
Ob dem König von Kukumerland,
Gefällt von Parzivalens Hand,
Frau Ginover die Königin
Sprach jammervoller Worte Sinn:
»Weh, o weh und heia hei!
Artusens Würdigkeit entzwei
Muß brechen dieses Wunder:
Der aller Tafelrunder
Höchsten Preis sollte tragen,
Wo der vor Nantes liegt erschlagen.
Sein Erbtheil nur begehrte
Den man hier sterben lehrte.
Er war doch lange Ingesind
Allhier, daß weder Mann noch Kind
Uebles je von ihm vernahm.
Aller Falschheit war er gram,
Ueber allen Trug erhaben.
[215]
Nun muß ich allzufrüh begraben
Des höchsten Preises Siegel.
Sein Herz, der Tugend Spiegel,
Der Treue Grundfeste,
Rieth immer ihm das Beste,
Wo man nach Frauenminne
Mit festem Muth und Sinne
Sollt erweisen Mannestreu.
Den Frauen wuchert immer neu
Des hier gesäten Leides Kraut,
Aus deiner Wunde Jammer thaut.
Dir war doch wohl so roth dein Haar,
Daß dein Blut die Blumen klar
Nicht röther konnte machen.
Du verbietest weiblich Lachen.«
Ither der lobesreiche Held
Ward königlich der Gruft gesellt.
Sein Tod die Frauen seufzen lehrte,
Als ihm die Rüstung den bescherte:
Das Ende gab ihm ja nach Ihr
Des blöden Parzivals Begier;
Als er mehr Verstand gewann,
Da hätt ers lieber nicht gethan.
Dieser Sitte pflag das Ross,
Daß keine Arbeit es verdroß:
[216]
Ob es kalt war oder heiß,
Es gerieth vom Laufen nie in Schweiß,
Obs über Stein und Wurzeln gieng.
Das Gürten war an ihm gering:
Ein Loch schnallt' es nur hinauf
Wer zwei Tage saß darauf.
Gewappnet ritts der kindsche Mann
Den Tag so weit, ein Kluger kann
Es nicht in zweien reiten
Stünd er auch auf bei Zeiten.
Er ließ es rennen, selten traben
Und wust ihm wenig anzuhaben.
Da der Abend anbrach
Gewahrt' er eines Thurmes Dach.
Da wähnt' in seinem Sinn der Thor,
Der Thürme wüchsen mehr hervor;
Ihrer stunden viel auf Einem Haus.
Er dachte, Artus säe sie aus.
Das schrieb er ihm für Wunder an
Und dacht', er wär ein heilger Mann.
Also sprach der blöde Held:
»Meiner Mutter Volk baut schlecht ihr Feld:
So hoch ja wächst ihr nie die Saat,
Die sie in dem Walde hat,
[217]
Wo es doch selten trocken wird.«
Gurnemans de Graharz hieß der Wirth
In der fern erschauten Veste.
Ein Linde wiegte breite Aeste
Davor auf grüner Wiese.
Zu breit noch lang war diese,
Nur in dem rechten Maße.
Da trug ihn Ross und Straße
Dahin, wo er ihn sitzen fand,
Dem die Burg war und das Land.
Ermüdung war es, die ihn zwang,
Daß er den Schild nicht richtig schwang,
Zu sehr vor, zu sehr zurück,
Und nimmer nach der Sitte Schick,
Die da galt für rechtes Maß.
Fürst Gurnemans alleine saß.
Die Linde gab mit Wonne
Schatten vor der Sonne
Dem Hauptmann aller wahren Zucht.
Des Sitte Tadel zwang zur Flucht,
Der empfieng den Gast: so war es recht;
Nicht Ritter war bei ihm noch Knecht.
Parzival alsbald begann,
In seiner Einfalt hub er an:
[218]
»Meine Mutter hieß mich Dessen Rath
Erflehn, der graue Locken hat.
Dafür will ich euch dankbar sein,
Da so mir rieth die Mutter mein.«
»Kommt ihr guten Rath zu hören
Hieher, so müßt ihr es verschwören
Mir zu zürnen um den Rath
Und immer thun, wie ich euch bat.«
Da warf der edle Fürst zuhand
Einen jährgen Sperber von der Hand,
Der gleich sich in die Veste schwang,
Daß seine goldne Schelle klang.
Das war ein Bote; Jungherrn gleich
Kamen in Kleidern schön und reich.
Die bat er: »Führt hinein den Gast
Und entledigt ihn der Eisenlast.«
Der sprach: »Meine Mutter sprach wohl wahr,
Altmannes Wort bringt nicht Gefahr.«
Da führten sie ihn ein zuhand,
Wo er viel werthe Ritter fand.
Auf dem Hof war eine Statt,
Wo man ihn abzusteigen bat.
Der warf in seiner Thorheit ein:
»Mich hieß ein König Ritter sein;
[219]
Was mir darauf auch widerfährt,
Ich komme nicht von diesem Pferd.
Euch zu grüßen rieth die Mutter mir.«
Sie dankten beiden, ihm und ihr.
Da so das Grüßen war gethan
(Das Ross war müd und auch der Mann),
Manches Grundes sie gedachten,
Eh sie vom Ross ihn brachten
Zu einer Kemenaten.
Da hört' er Alle rathen:
»Laßt den Harnisch von euch thun,
Daß sich die müden Glieder ruhn.«
Sie entwappneten ihn insgemein.
Als sie die rauhen Ribbalein
Und die Thorenkleider sahen,
Da erschraken Die sein pflagen.
Mit Scheu ward es am Hof gesagt;
Der Wirth war schier vor Scham verzagt.
Ein Ritter sprach mit höfscher Zucht:
»Gleichwohl, so edle Frucht
Ersah nie meiner Augen Licht;
Er hat was Glück und Heil verspricht
In reiner hoher süßer Art.
Wie ist so der Minne Stolz bewahrt?
Mich jammert immer, daß ich fand
[220]
An der Lust der Welt so schlecht Gewand.
Wohl doch der Mutter, die ihn trug,
Der aller Gaben hat genug.
Sein Helmschmuck ist wohlgethan,
Die Rüstung stand ihm herrlich an,
Eh wir sie niederbanden,
Und von Quetschungen fanden
Manche Schramme roth von Blut,
Die an sich trug der Knappe gut.«
Zu dem Ritter sprach der Wirth: »Gieb Acht,
Ein Weib gebot ihm diese Tracht.«
»Nein Herr, er hat noch solche Sitten,
Er wüste wohl kein Weib zu bitten,
Ihn zum Diener zu erwählen;
Sonst möcht ihm nichts zur Minne fehlen.«
Der Wirth sprach: »Laßt uns zu ihm gehn,
Und seine fremde Tracht besehn.«
Die Herren gingen hin zur Stund
Und fanden Parzivalen wund
Von einem Sper; der blieb doch ganz.
Sein unterwand sich Gurnemans.
Der war solch ein Unterwinder,
Daß ein Vater seine Kinder,
An Treue Theil zu haben,
Nicht beßer könnte laben.
[221]
Seine Wunden wusch und band
Ihm der Wirth mit eigner Hand.
Nun war auch aufgelegt das Brot.
Des war dem jungen Gaste Noth:
Hungrig war er überaus.
Nüchtern war er Morgens aus
Geritten von dem Fischersmann.
Die er vor Nantes dann gewann,
Die Wunde, und der Harnisch schwer,
Macht' ihn müd und hungrig noch viel mehr.
Und die weite Tagereise
Von Artus dem Bretaneise,
Wo man ihn allwärts fasten ließ.
Der Wirth ihn mit sich eßen hieß;
Da mocht erlaben sich der Gast:
In den Gaumen schob er solche Last,
Viel Speise ward zu nicht gemacht.
Des hatte doch der Wirth nicht Acht:
Ihn ermahnte stäts aufs Neue
Gurnemans der Vielgetreue,
Daß er wacker äße
Und der Müdigkeit vergäße.
Man hob den Tisch hinweg zur Zeit.
»Ich wette, daß ihr schläfrig seid;
Ihr wart früh auf am Morgen doch.«
[222]
»Meine Mutter, Gott weiß, schlief wohl noch;
Sie pflegt nicht früh zu wachen.«
Der Wirth begann zu lachen
Und führt' ihn zu der Schlafstatt hin:
Da bat er ihn sich auszuziehn;
Er thats nicht gern, doch must es sein.
Von Härmelin ein Laken fein
Bedeckte seinen bloßen Leib;
Nie gebar so werthe Frucht ein Weib.
Wie ihn Schlaf und Müde lehrte,
Auf die andre Seite kehrte
Sich der Held nicht manches Mal;
So lag er bis zum Morgenstral.
Der edle Fürst gebot bei Zeit,
Daß ein Bad ihm wär bereit
Vor dem Teppich wo er lag,
Eh höher stiege der Tag.
Also must es Morgens sein;
Viel Rosen warf man ihm hinein.
Ob Niemand ihn bei Namen rief,
Der Gast erwachte, der da schlief.
Der werthe, süße Jüngling
In die Kufe sitzen gieng.
Ich weiß nicht, wer sie darum bat:
Jungfraun in reichem Staat
[223]
Und von Ansehn minniglich,
Kamen zu ihm sittsamlich:
Die wuschen ihm und strichen sanft
Seiner Quetschungen Ranft
Mit blanken linden Händen.
Das durft ihn nicht befremden,
Dem Witz noch wenig Hülfe bot.
Also trug er Freud und Noth,
Und entgalt der Einfalt nicht bei ihnen,
Da ihn mit holden Mienen
Jungfrauen so hantierten.
Wovon sie parlierten,
Zu Allem schwieg er stille fein.
Es dürft ihm doch zu früh nicht sein,
Denn sie schienen wie ein zweiter Tag.
Als so ihr Schein im Wettstreit lag,
Da löscht' Er selbst das Doppellicht:
Versäumt an Weiße war er nicht.
Sie boten ihm ein Laken dar;
Doch nahm er des mit Nichten wahr.
So konnt er sich vor Frauen schämen:
Er wollt es nicht vor ihnen nehmen.
Die Jungfrauen musten gehn,
Sie durften da nicht länger stehn.
Sie hätten gern gesehn zuletzt,
[224]
Ob er auch tiefer wär verletzt.
So getreu ist Weiblichkeit,
Des Freundes Schaden ist ihr leid.
Da schritt der Gast ans Bett und fand
Für sich bereit schön weiß Gewand.
Von Gold und edler Seide fein
Einen Hosengürtel zog man drein.
Auch gab man roth scharlachne Hosen
Dem nimmer Kraft- noch Muthlosen.
Avoi! wie seine Beine standen!
Da war der rechte Schick vorhanden.
Scharlachbraun von schönem Schnitte
Und wohlgefüttert nach der Sitte
Waren Rock und Mantel lang,
Von Härmelin inwendig blank.
Schwarz- und grauer Zobel stand
Als Besatz vor jedem Rand;
Die warf er über sogleich.
Mit einem Gürtel schön und reich
Must er den Leib verzieren,
Und dazu sich affischieren
Einen theuern Fürspann;
Sein Mund dabei vor Röthe brann.
Da kam der treue Wirth daher,
Ihm folgten Ritter stolz und hehr.
[225]
Der empfieng den Gast. Als das geschehn,
Die Ritter musten all gestehn:
»Wir sahen niemals schönern Leib.«
Getreulich priesen sie das Weib,
Die solche Frucht der Welt gebar.
Aus höfscher Zucht, und weil es wahr,
Sprachen sie: »Ihm wird gewährt,
Wohin um Huld den Dienst er kehrt.
Minn und Gruß sind ihm bereit,
Ergehts nach seiner Würdigkeit.«
Das gestanden Alle da
Und Jeder, der ihn künftig sah.
Der Wirth ergriff ihn bei der Hand
Und führt' ihn mit sich unverwandt.
Unterweges fragt' ihn der,
Wie seine Ruhe wär
Bei ihm gewesen diese Nacht?
»Herr, lebend wär ich nicht erwacht,
Ein Glück, daß mir die Mutter rieth,
Euch zu besuchen, als ich schied.«
»Nun Gott lohn es euch und ihr;
Herr, zu gütig seid ihr mir.«
Hin gieng der Held, an Witz noch krank,
Wo man dem Wirth und Gotte sang.
Der Wirth ihn bei der Messe lehrte,
[226]
Was der Seele Heil ihm mehrte:
Opfern, und segnen sich
Und rüsten vor des Teufels Schlich.
Sie giengen wieder auf den Saal:
Da stand der Tisch gedeckt zum Mal.
Der Wirth bei seinem Gaste saß,
Der ungeschmäht die Speisen aß.
Da sprach der Wirth mit Höflichkeit:
»Wär euch die Frage, Herr, nicht leid,
So hätt ich gern vernommen
Wannen ihr wärt gekommen?«
Er sagt' ihm Alles ungelogen,
Wie er von der Mutter war gezogen,
Vom Ringlein und vom Fürspann,
Und wie er Harnisch gewann.
Der Wirth erkannte den Ritter roth:
Er seufzte, denn es schuf ihm Noth.
Dem Gast er nun den Namen ließ
Und ihn den rothen Ritter hieß.
Da man hinweg die Tafel nahm,
Da wurde wilde Sitte zahm.
Der Wirth sprach zu dem Gaste sein:
»Ihr redet wie die Kindelein:
Was geschweigt ihr eurer Mutter nicht
[227]
Und gebt uns anderlei Bericht?
Haltet euch an meinen Rath,
Der scheidet euch vom falschen Pfad.
So heb ich an: ›Legt nimmer hin
Die Scham, die aller Zucht Beginn.
Schamloser Mann, wie taugte Der?
Als ob er in der Mauße wär,
So rieselt von ihm Würdigkeit
Und weist ihn zu der Hölle Leid.‹
Ihr tragt so edeln Schickes Schein,
Wohl mögt ihr Volkes Herre sein.
Ist hoch und höht sich eure Art,
Seht, daß ihr stäts im Herzen wahrt
Erbarmung gegen dürftgen Mann;
Wider dessen Kummer kämpfet an
Mit Gut und milden Gaben:
Solche Demuth sollt ihr haben.
Der kummervolle werthe Mann,
Der vor Scham nicht betteln kann
(Das ist ein unsüßes Leid),
Dem seid zu helfen gern bereit.
Wenn ihr dessen Kummer stillt,
Das ist zu lohnen Gott gewillt.
Er ist übler dran, als der da geht
Zur Thüre, wo das Fenster steht.
[228]
Ihr sollt verständig überein
Wißen arm und reich zu sein.
Denn wo der Herr zu viel verthut,
Das ist nicht herrlicher Muth,
Und will er Schatz nur mehren,
Das mag ihn auch nicht ehren.
Das rechte Maß sei euer Orden.
Ich bin wohl inne geworden,
Daß ihr rathbedürftig seid:
Nun meidet Unfug jederzeit.
Meidet lästges Fragen;
Doch dürft ihr nicht versagen
Bedachte Antwort, die gemeßen
Ziemet auf die Frage dessen,
Der euch mit Worten will erspähn.
Ihr möget hören, möget sehn,
Erwittern, spürend merken:
Das wird den Sinn euch stärken.
Laßt Erbarmung bei der Kühnheit sein:
Dem Rathe sollt ihr Folge leihn.
Wer im Kampf euch bietet Sicherheit,
That er euch nicht solches Leid,
Das Herzleid müste geben,
Nehmt sie und laßt ihn leben.
[229]
Ihr tragt oft Harnisch und Zeuch:
Legt ihr sie ab, se reinigt euch
Gleich an Händen und Gesicht
Vom Rost des Eisens, das ist Pflicht.
So schaut ihr wieder hell und klar:
Des nehmen Frauenaugen wahr.
Seid mannlich und wohlgemuth,
Das ist zu werthem Preise gut.
Die Frauen haltet lieb und werth:
So wird ein junger Mann geehrt.
Gebt keinem Wankelmuth euch hin:
Das ist rechter Mannessinn.
Wenn ihr sie thören wollt mit Lügen,
Wohl mögt ihr ihrer viel betrügen:
Lohnt treuer Minne falsche List,
Das bringt euch Lob gar kurze Frist.
Da wird des Schleichers Klage
Das dürre Holz im Hage,
Denn es knistert und kracht,
Daß der Wächter erwacht.
Strauchweg und verbotner Schlich
Führen übeln Streit mit sich.
Dieß meßet gegen wahre Minne.
Die werthe hat auch kluge Sinne
Wider Falschheit, List und Kunst.
[230]
Verwirkt ihr jemals ihre Gunst,
So müßet ihr geunehrt sein
Und immer dulden Scham und Pein.
Dieß sollt ihr nah dem Herzen tragen:
Ich will euch mehr von Frauen sagen.
Mann und Weib, die sind geeint,
Wie die Sonne, die heut scheint,
Und der heut genannte Tag,
Die beide Niemand scheiden mag.
Sie blühn hervor aus Einem Kern:
Das merket und erwäget gern.«
Dem Wirthe dankt' er für das Wort.
Der Mutter schwieg er hinfort
Mit Reden, doch im Herzen nicht;
Das ist getreuen Mannes Pflicht.
Der Wirth sprach was ihm Ehre schuf:
»Lernt auch Kunst, euch ists Beruf,
An ritterlichen Sitten.
Wie kamt ihr her geritten!
Glaubt mir, ich sah schon manche Wand,
Wo der Schild an seinem Band
Beßer hieng als euch am Hals.
Es ist wohl Zeit noch allenfalls:
[231]
Laßt uns hinaus zu Felde,
Daß ich von Kunst euch melde.
Bringt sein Ross und mir das meine,
Und jedem Ritter das seine.
Auch sollen Junker mit zuhand:
En jeder führ' an seiner Hand
Einen starken Schaft und neu durchaus;
Den bring er uns aufs Feld hinaus.«
So kam der Fürst auf den Plan:
Da ward mit Reiten Kunst gethan.
Er unterrichtete den Gast,
Wie er das Ross in voller Hast
Mit des Sporengrußes Pein,
Bei fliegender Schenkel Schein
Auf den Gegner sollte schwenken,
Den Schaft gehörig senken,
Und den Schild tjostierend vor sich halten:
»So müßt ihr Schildesamt verwalten.«
So trieb er Ungeschick ihm aus,
Wie ein schwankes Reis im Saus
Unartgen Kindern gerbt das Fell.
Dann ließ er kommen Ritter schnell,
Daß er mit ihnen tiostierte.
Seinen Gast er selber führte
Einem entgegen in den Ring.
[232]
Da brachte dieser Jüngling
Seinen ersten Tjost durch einen Schild,
Daß es wohl für ein Wunder gilt,
Und daß er hinters Ross verschwang
Einen starken Ritter groß und lang.
Ein andrer Gegner war gekommen.
Da hatt auch Parzival genommen
Einen starken neuen Schaft.
Seiner Jugend blühte Muth und Kraft.
Den jungen Süßen sonder Bart
Lehrte Gahmuretens Art
Und angeborne Mannheit:
Das Ross ersprengt' er wohl zum Streit
In gestrecktem Laufe wie man soll,
Und zielt' auf die vier Nägel wohl:
Des Wirthes Ritter hielt nicht Bügel
So daß er fallend maß den Hügel.
Viel kleiner Stücklein wohl zerschellt
Von Splittern sah man auf dem Feld.
Also stach er fünfe nieder.
Da nahm der Wirth ihn zu sich wieder;
Erhalten hatt er hier den Preis:
Er ward im Streit noch klug und weis.
Die sein Reiten hier gesehn,
Die Kundgen musten all gestehn,
[233]
Es wohne Kunst und Kraft ihm bei.
»Mein Herr wird seines Jammers frei.
Nun verjüngt sich wohl sein Leben.
Er soll zu Weib ihm geben
Seine Tochter, unsre Frauen.
Ist er klug, ihr sollt es schauen,
So lischt ihm seines Kummers Noth.
Für der dreien Söhne Tod
Ritt ihm nun Ersatz ins Haus:
Nun endlich blieb sein Heil nicht aus.«
So kam der Fürst am Abend heim;
Gedeckt die Tafel muste sein.
Seine Tochter ließ er kommen
Zu Tisch, so hab ich es vernommen.
Da das Mägdlein kam heran,
Nun höret wie der Wirth begann
Zu der schönen Liaßen:
»Du sollst dich küssen laßen
Diesen Ritter, biet ihm Ehre;
Ihn beräth des Heiles Lehre.
Euch aber macht ichs zum Beding,
Daß ihr der Magd den Fingerring
Ließet, wenn sie einen hätte;
Sie hat ihn nicht, noch Spang und Kette.
Wer schenkt' ihr einen Fürspann
[234]
Wie der Frauen dort im Tann?
Die hatte Einen, der ihr gab
Was ihr der Schönen nahmet ab.
Liaßen könnt ihr wenig nehmen!«
Der Gast begann sich des zu schämen;
Er küsste sie doch auf den Mund:
Dem war wohl Feuerfarbe kund.
Liaße war gar minniglich,
Voll wahrer Keusche sicherlich.
Der Tisch war nieder und lang;
Man sah an ihm nicht großen Drang.
Am Ende saß der Wirth allein;
Den Gast setzt' er mitten ein
Zwischen sich und sein Kind.
Ihre blanken Hände lind
Musten schneiden wie der Wirth gebot,
Den man hieß den Ritter roth
Was der zu eßen trug Begehren.
Niemand würd es ihnen wehren,
Blickten sie sich zärtlich an.
Das züchtge Mädchen wohlgethan
That gern des Vaters Gebot.
Sie und der Fremdling blühten roth.
Bald gieng das Mägdlein hinaus.
So pflegte man den Gast im Haus
[235]
Bis an den vierzehnten Tag.
In seinem Herzen Kummer lag,
Um anders nichts, als weil ihm schien,
Ihm müß erst Ruhm im Streite blühn,
Eh er daran würde warm
Was man da heißet Frauenarm.
Ihn däuchte, werthe Brautschaft
Sei ein Glück von hoher Kraft
Für dieses Leben wie für Dort.
Ungelogen ist das Wort.
Eines Morgens er um Urlaub bat:
Da räumt' er Graharz die Stadt.
Der Wirth gab ihm ins Feld Geleit;
Da hob sich neues Herzeleid.
Da sprach der Fürst aus Treu erkoren:
»Mir geht der vierte Sohn verloren,
Da ich mich entschädigt glaubte
Dreier, die der Tod mir raubte.
Nur dreifach war bisher mein Schmerz;
Wer mir aber jetzt das Herz
Mit der Hand in Viere schlüge,
Jedes Stück von dannen trüge,
Das däuchte mich ein Hochgewinn.
Eins für euch (ihr reitet hin);
Für meine Söhne drei, die lieben,
[236]
Die muthig sind im Kampf geblieben.
Doch solchen Lohn giebt Ritterschaft;
Ihr End umstrickt mit Jammers Haft.
Mir lähmt ein Tod die Freude gar,
Meines Sohnes, der so blühend war;
Er hieß mit Namen Schenteflur.
Da Kondwiramur
Leib und Land nicht wollt ergeben,
Verlor ihr Helfer er das Leben
Von Klamide und von Kingraun.
Mir ist durchlöchert wie ein Zaun
Das Herz von Jammersschnitten.
Nun zu früh seid ihr geritten
Von mir trostlosem Mann.
O weh, daß ich nicht sterben kann,
Da Liaße die schöne Magd
Und mein Land euch nicht behagt.
Mein andrer Sohn hieß Komte Laskoit:
Den hat mir Ider Fils de Noit
Erschlagen eines Sperbers halb:
Davon ist meine Freude falb.
Mein dritter Sohn hieß Gurzgri,
Dem Mahaute verlieh
Ihren blühenden Leib,
Denn es gab sie ihm zum Weib
[237]
Ihr stolzer Bruder Eckunat.
Gen Brandigan der Hauptstadt
Kam er um Schoidelakurt geritten;
Da hat auch Er den Tod erlitten;
Ihn erschlug Mabonagrein.
Mahaut verlor den lichten Schein.
Seine Mutter auch, mein Weib, ist todt
Vor Leid um ihn und Sehnsuchtsnoth.«
Wohl sah der Gast des Wirthes Qual;
Der unterschied sie ihm zumal.
Da sprach er: »Herr, ich bin nicht weise;
Doch komm ich je zu Ritters Preise,
Daß ich wohl Minne mag begehren,
Liaßen sollt ihr mir gewähren,
Eure Tochter, die schöne Magd.
Ihr habt mir allzuviel geklagt:
Kann ich des Jammers euch entschlagen,
Des laß ich euch so viel nicht tragen.«
Urlaub nahm der junge Mann
Von dem getreuen Fürsten dann
Und von dem Ingesind zumal.
Die Dreizahl in des Fürsten Qual
Stieg traurig nun zur Vierzahl auf.
Die vierte Einbuß ist sein Kauf.

4. Kondwiramur

Inhalt
Inhalt.

In Gedanken an die schöne Liaße überläßt sich Parzival seinem Pferde, das ihn in einem Tage von Graharz in das Königreich Brobarz trägt, dessen Hauptstadt Pelrapär von einem feindlichen Heere belagert und ausgehungert wird. Da er seine Dienste anbietet, wird er eingelaßen und der Königin Kondwiramur, der Tochter Tampentärs, vorgestellt, welcher er, nach Gurnemans Rath, unnützes Fragen zu meiden, stumm gegenüber sitzt, bis sie selber das Schweigen bricht. Ihre Oheime, Kiot und Manfilot, die nach Schoisianens Tod sich des Schwerts begeben haben und als Einsiedler befriedet im Gebirge wohnen, versprechen ihr einige Lebensmittel zu schicken. In der Nacht schleicht sich die Königin an Parzivals Bette, weckt ihn mit ihren Thränen, und klagt ihm, wie Klamide, König von Brandigan und Iserterre, und sein Seneschall Kingron, ihr Land verheert, ihr Volk erschlagen hätten, sie aber lieber sterben wolle, als sein Weib werden, zumal Klamide auch Schenteflur, ihren Verlobten, Liaßens Bruder, getödtet habe. Am Morgen besiegt Parzival den Seneschall und nöthigt ihm das Versprechen ab, sich Kunnewaren, jener an Artusens Hof seinethalb von Keie gemisshandelten Jungfrau, als Gefangener zu gestellen. Der Sieger wird von den Belagerten, denen der Sturm nun auch Lebensmittel in den Hafen verschlägt, der Königin zugeführt, die ihn umarmt, und keines Andern Weib zu werden gelobt. Das Beilager wird vollzogen, er läßt sie aber Magd, obgleich sie sich [241] sein Weib wähnt. Erst in der dritten Nacht gedenkt er der Lehren seiner Mutter und des alten Gurnemans und umfängt sie minniglich. Klamide vernimmt seines Seneschalls Besiegung, und versucht, während Jener den König Artus in seinem Jagdhause Karminal antrifft, die Stadt mit Sturm zu nehmen. Die Bürger wehren sich mit niederstampfenden Baumstämmen und zerstören sein Belagerungswerkzeug durch griechisches Feuer. Als auch die Hoffnung verschwindet, Pelrapär durch Hunger zu zwingen, fordert Klamide den Gemahl der Königin zum Zweikampf, in welchem auch Er gezwungen wird, sich als Kunnawarens Gefangener zu Artus zu begeben, den er zu Dianasdron beim Pfingstfeste findet. Nach einiger Zeit nimmt Parzival Urlaub von Kondwiramur, um nach seiner Mutter zu sehen, wohl auch um Abenteuer aufzusuchen.

Kondwiramur
[242] Kondwiramur.
So schied von dannen Parzival,
Der mit Freuden nun zumal
Ritters Kleid und Sitte führte,
O weh, nur daß ihn rührte
Manche unsüße Strenge.
Ihm war die Weite zu enge,
Und auch die Breite gar zu schmal,
Alle Grüne däucht ihn fahl,
Sein rother Harnisch däucht ihn blank:
So thät sein Herz den Augen Zwang.
Seit er der Einfalt ledig ward,
Da wollt ihn Gahmuretens Art
Sehnens nicht erlaßen
Nach der schönen Liaßen,
Dieser tugendreichen Maid,
Die ihm mit Geselligkeit
Ehre geboten ohne Minne.
Wohin sein Ross zu laufen sinne,
[243]
Er kann den Zügel nicht gehaben
Vor Leid, mags springen oder traben.
Kreuzen und umhegter Flur,
Tiefer Wagengleise Spur
Blieb sein Waldweg ungesellt:
Er ritt auf ungebahntem Feld,
Wo wenig Wegerich stand.
Ihm war nicht Berg noch Thal bekannt.
Man hört den Spruch in Weit und Breite:
Wer irre geh oder reite,
Der sei des Schlegels Finder.
Schlegel fänd ein Blinder
In solchem Wald nicht selten,
Wenn für Schlegel Knorren gelten.
Dennoch ritt er wenig um.
Auf geradem Weg, nicht krumm,
Kam er des Tages von Graharz
In das Königreich Brobarz
Durch Gebirge wild und hoch.
Da schon der Tag zum Abend bog,
Kam er an ein Waßer schnell
Und von Geplätscher laut und hell:
Die Felsen schickten es einander.
Er ritt daran herab. Da fand er
[244]
Die Stadt zu Pelrapäre,
Die der König Tampentäre
Vererbt hatte seinem Kind,
Bei der viel Leute traurig sind.
Schnell fuhr das Wasser wie ein Bolz,
Der wohlgeschnitten ist von Holz,
Wenn ihn gespannter Sehne Drang
Gefiedert von der Armbrust schwang.
Eine Brücke drüber hieng,
An die einst mancher Holzstoß gieng;
Darunter floß der Strom ins Meer.
Pelrapär stand wohl zur Wehr.
Wie Kinder schaukelnd sich vergnügen,
Die sich auf Schaukeln dürfen wiegen,
So fuhr die Brück hinauf, hinunter;
Vor Jugend war sie nicht so munter.
Auf jener Seite stunden,
Die Helme aufgebunden,
Dreißig Ritter oder mehr.
Sie riefen: »Wags und komm hieher!«
Mt aufgehobnen Schwerten
Die Schwachen Kampf begehrten.
Sie wähnten, es wär Klamide,
Den sie oft gesehen eh,
[245]
Da so königlich der Held
Zur Brücke ritt auf breitem Feld.
Da sie so den jungen Mann
Mit lauten Stimmen riefen an,
Ob der dem Ross die Sporen gab,
Die Brücke scheut' aus Furcht sein Trab.
Den Verzagtheit immer floh,
Der sprang herab und führte so
Sein Ross hin auf die Brücke schwank.
Eines Zagen Muth wär allzukrank,
Um in solche Fahr zu gehn;
Auch galt es wohl sich vorzusehn:
Er fürchtete des Rosses Fall.
Nun schwieg auch jenseits der Schall.
Die Ritter trugen wieder ein
Helm und Schild, der Schwerter Schein;
Auch verschloßen sie ihr Thor
Besorgt, es zög ein Heer davor.
So zog hinüber unser Held,
Und kam geritten an ein Feld,
Wo Mancher seinen Tod erkor,
Der um Ruhm den Leib verlor
Vor der Pforte bei dem Saal,
Der hoch und prächtig war zumal.
[246]
Einen Ring er an der Pforte fand,
Den rührt' er kräftig mit der Hand.
Seines Rufens nahm doch Niemand wahr
Als eine Jungfrau schön und klar:
Aus einem Fenster sah die Magd
Den Ritter halten unverzagt.
Da sprach das züchtge Mägdlein gut:
»Seid ihr mit feindlichem Muth
Gekommen, Herr, des ist nicht Noth,
Da uns Haß genug schon bot
Ohne euch zu Land und Meer
Ein ergrimmtes starkes Heer.«
Da sprach er: »Frau, hier hält ein Mann,
Der euch dient, wofern ich kann.
Euer Gruß nur sei mein Sold;
Ich bin euch dienstbereit und hold.«
Da gieng die Magd mit klugem Sinn
Hin vor ihre Königin
Und schuf, daß sie ihn ließen ein,
Der ihnen wandte hohe Pein.
So ward er eingelaßen.
Rechts und links der Straßen
Stand das Volk in dichter Schar,
Das zur Wehr gekommen war:
[247]
Schleudrer und Schiffssoldaten,
Die in langem Zuge nahten,
Scharfschützen auch in großer Zahl.
Bei ihnen sah er zumal
Viel verwegener Sarjande,
Der Besten aus dem Lande,
Mit langen starken Lanzen,
Geschliffenen und ganzen.
Da war auch, hat mir kund gethan
Die Märe, mancher Kaufmann
Mit Beilen und mit Gabilot,
Wie es ihre Zunft gebot.
Das Volk war dürr und schmächtig all.
Der Königstochter Marschall
Führt' ihn durch die dichte Schar
Auf den Hof, was mühsam war.
Der war zur Wehr berathen:
Thürm über Kemenaten,
Wichhäuser, Erker, Söller auch
Waren da so viel im Brauch,
Er sah im Leben wohl nicht mehr.
Da kamen allwärts Ritter her,
Die ihn begrüßten und empfiengen;
Einige ritten, andre giengen.
Auch war die jämmerliche Schar
[248]
All wie Asche grau fürwahr
Oder wie ein falber Leim.
Mein Herr, der Graf von Werthheim,
Wär ungern Landsknecht da gewesen:
Wie möcht er bei dem Sold genesen?
Ihnen schuf der Mangel Hungersnoth.
Sie hatten Käse, Fleisch noch Brot,
Sie ließen Zähnstochern sein;
Sie schmalzten wohl auch selten Wein
Mit dem Munde, wenn sie tranken.
Die Wänste ihnen niedersanken;
Hochschlanke Hüften hatte Jeder;
Eingeschrumpft wie ungrisch Leder
Auf ihren Rippen lag die Haut;
Der Hunger hatt ihr Fleisch verdaut.
Dem Mangel waren sie befohlen,
Ihnen troff es selten in die Kohlen.
Sie zwang hiezu ein werther Mann,
Der stolze König von Brandigan,
Weil vergebens Klamide geworben.
Nicht oft verschüttet noch verdorben
War der Meth hier in der Kanne.
Keine Truhendinger Pfanne
Mit Krapfen hörte man erschrein,
Ihnen schuf der Misslaut selten Pein.
[249]
Wollt ich ihnen das verdenken,
Das hieße wohl mich selber kränken,
Denn wo ich oft bin eingekehrt,
Und wo man mich als Herren ehrt,
Daheim in meinem eignen Haus
Freut auch sich selten eine Maus.
Die Maus muß ihre Speise stehlen;
Die braucht man nicht vor mir zu hehlen,
Ich finde keine offen.
Zu oft hat das betroffen
Mich Wolfram von Eschenbach,
Zu erdulden solch Gemach.
Meiner Klage ward genug vernommen;
Nun mag die Märe wieder kommen,
Wie Pelrapär stand Jammers voll:
Da gab das Volk von Freuden Zoll.
Die der Treue sich ergeben,
Die Helden musten spärlich leben;
Doch Mannheit wars, die das gebot.
Erbarmen sollt euch ihre Noth,
Denn ihr Leben steht zu Pfand,
Sie löse denn die höchste Hand.
Hört mehr noch von den Armen:
Sie sollten euch erbarmen.
[250]
Sie empfiengen roth vor Scham
Den edeln Gast, der ihnen kam.
Sie sahn, er war so reich und werth:
Aus Nothdurft nicht hatt er begehrt
Herberge hier zu solcher Zeit:
Er kannte nicht ihr tiefes Leid.
Ein Teppich ward gespreitet,
Wo gestützt war und geleitet
Eine schattenreiche Linde.
Da entwappnete ihn das Gesinde.
Viel andre Farb er bald gewann,
Als er des Eisens Rost hindann
Sich wusch mit klarem Bronnen.
Schier hätt er da der Sonnen
Ueberstralt den lichten Glast;
Drum däucht er sie ein werther Gast.
Man bot ihm einen Mantel gleich,
Geschnitten aus demselben Zeuch
Wie der Rock, den er zuvor getragen.
Wildneu roch der Pelz am Kragen.
Sie sprachen: »Wollt ihr schauen
Die Köngin, unsre Frauen?«
Da sprach der Ritter zu den Herrn,
Ja, er sähe sie wohl gern.
[251]
Sie giengen zu des Saales Thor
(Es führten Stufen viel empor),
Daß ihn ein lieblich Antlitz grüße,
Künftig seiner Augen Süße.
Von der Königstochter gieng
Ein Lichtglanz, eh sie ihn empfieng.
Von Katelangen Kiot
Und der werthe Manfilot
(Die beide Herzoge sind)
Brachten ihres Bruders Kind,
Dieses Landes Königin.
Sie hatten Gott zu Liebe hin
Gegeben Harnisch, Schild und Schwert.
Da giengen die Fürsten werth,
Blühend, ob von Haaren grau,
Und brachten ihm des Landes Frau
Mit Zucht bis an die Thür entgegen.
Da küsste sie der werthe Degen;
Die Munde waren beide roth.
Die Königin die Hand ihm bot:
Ein führte sie Herrn Parzival:
Sie setzten nieder sich zumal.
Die Frauen und die Ritterschaft
Hatten alle schwache Kraft,
[252]
Die da saßen oder stunden.
Die Freude war verschwunden
Dem Gesinde wie der Wirthin.
Kondwiramur die Königin
Hat zwar ihr Liebreiz ausgeschieden,
Denn Jeschuten und Eniden
Und Kunnewaren de Laland,
Und die man je preiswürdig fand,
Wo es Frauenschöne galt,
Die überschien sie mit Gewalt,
Und der Isalden Lob, der beiden.
Ja, ihr muß man den Preis bescheiden,
Ihr, Kondwiramor:
Die trug den wahren beau korps;
Das heißt im Deutschen: schöner Leib.
Jedwede war ein nützes Weib,
Die uns die Zwei gebaren,
Die hier beisammen waren.
Da thaten Alle, Weib und Mann,
Nichts, als daß sie spähend sahn
Auf die Zwei beieinander.
Viel guter Freunde fand er.
Der Gast gedachte, höret wie:
»Liaße dort, Liaße hie.
Will Gott der Sorgen mich entbinden?
[253]
Soll ich Liaßen wiederfinden,
Das Kind des werthen Gurnemans?«
Doch war Liaßens Schönheitsglanz
Nichts gegen sie, die vor ihm saß,
An der Gott keinen Wunsch vergaß.
Also saß des Landes Frau,
Wie erquickt von süßem Thau
Die Ros aus zarter Hülle
Hebt frischen Schimmers Fülle,
Der zumal ist weiß und roth;
Das schuf dem Gaste große Noth.
Inne hatt er Zucht so ganz,
Seit der werthe Gurnemans
Ihn von seiner Einfalt schied
Und ihm Fragen widerrieth,
Außer wo es nöthig wär –
Bei der Königin hehr
Saß er stumm und ohne Wort,
Und saß doch nah, nicht ferne dort.
Doch sieht man Manchen Rede sparen,
Der mehr zu Frauen ist gefahren.
Da sprach die Königin bei sich:
»Dieser Mann verschmähet mich,
Ich bin ihm nicht schön genug.
Nein, er thut daran wohl klug:
[254]
Er ist Gast, ich Wirthin hier,
Die erste Rede ziemet mir.
Er hat mich gütlich angeschaut,
Seit wir hier sitzen ohne Laut,
Und seine Zucht wohl offenbart:
Meine Red ist all zu lang gespart:
Hier soll nicht mehr geschwiegen sein.«
Zu dem Gaste sprach das Mägdelein:
»Weil ich als Wirthin reden muß –
Mir erwarb ein Kuss, Herr, euern Gruß:
Auch habt ihr Dienst mir angetragen,
So hört ich eine Jungfrau sagen:
Das that uns selten noch ein Gast;
Drum trägt mein Herz der Sorge Last.
Herr, ich hätte gern vernommen,
Von wannen ihr hieher gekommen?«
»Frau, ich ritt am frühen Tage
Von einem Mann, den ich in Klage
Ließ; der trägt der Treue Kranz;
Des Fürsten Nam ist Gurnemans:
Von Graharz ist er genannt,
Von dort ritt ich in dieses Land.«
Dawider sprach die werthe Magd:
»Herr, hätt es anders Wer gesagt,
[255]
Ich würd ihm schwerlich zugestehn,
Es sei in Einem Tag geschehn.
Mein schnellster Bote mochte jagen,
Doch ritt ers nicht in zweien Tagen.
Seine Schwester war die Mutter mein,
Eures Wirthes. Seiner Tochter Schein
Bleicht sich wohl auch vor Ungemach.
Wir haben manchen sauern Tag
Mit naßen Augen verklagt,
Ich und Liaße die Magd.
Schenkt ihr euerm Wirthe Huld,
So nehmt vorlieb hier in Geduld
Wie wir hier lange, Weib und Mann:
Ihr dienet ihm zugleich daran.
Ich will euch unsern Kummer klagen:
Wir müßen bittern Mangel tragen.«
Da sprach ihr Oheim Kiot:
»Frau, ich send euch zwölf Laib Brot,
Schultern und Schinken drei;
Acht Käse liegen auch dabei
Und zwei Legel mit Wein.
So soll euch auch der Bruder mein
Heute steuern; wohl ists Noth.«
Da sprach der Herzog Manfilot:
»Ich send euch, Frau, wie er gesagt.«
[256]
Da saß in Freuden da die Magd:
Sie dankte, die so viel gelitten.
Sie nahmen Urlaub und ritten
Zu ihrem Siedelhause.
In der Wildniss lag die Klause,
Wo die Alten saßen ohne Wehr;
Sie hatten Frieden vor dem Heer.
Ihr Bote kam zurück getrabt:
Da ward das schwache Volk gelabt.
Verzehrt war all der Bürger Kost:
Nur diese Speise war ihr Trost.
Doch lag vor Hunger mancher todt,
Eh ihm ward von diesem Brot.
Das vertheilte nun das Mägdelein,
Dazu die Käse, Fleisch und Wein,
An ihr Volk, das hungersmatte,
Wie Parzival gerathen hatte.
Kaum ein Schnittchen blieb den Zwein:
Sie theilten ohne Zank sich drein.
Der Vorrath war bald verzehrt
Und Manchem Tod damit gewehrt,
Den noch der Hunger leben ließ.
Dem Gaste man nun betten hieß
Sanft, wie ich wohl glauben will.
[257]
Wären die Bürger Federspiel,
So überkröpfte man es nicht:
Wohl bezeugt's ihr Tischgericht.
Sie waren all von Hunger fahl
Bis auf den jungen Parzival.
Zum Schlafgang nahm er Urlaub.
Waren seine Kerzen Schaub?
Nein beßer wars damit bestellt.
Da gieng der junge blühnde Held
An ein Bette schön und reich,
Einem königlichen gleich,
Nicht nach der Armut Brauch bereitet;
Ein Teppich lag davor gespreitet.
Er bat die Ritter heimzugehn
Und ließ sie da nicht lange stehn.
Ihn entschuhten Kinde, er entschlief,
Bis ihn der wahre Jammer rief
Und lichter Augen Herzensregen:
Die weckten bald den werthen Degen.
Das kam wie ich euch sagen will;
Mit Nichten brachs der Weibheit Ziel.
Stäte Keuschheit trug die Magd,
Von der hier Manches wird gesagt.
Ihr zwang des langen Krieges Noth
[258]
Und der lieben Helfer Tod
Das Herz in solches Ungemach,
Ihre Augen blieben wach.
Da gieng die reiche Königin
(Nicht zu solcher Lust Gewinn,
Die aus Mädchen Frauen macht
Unversehns in einer Nacht),
Sie suchte Hülf und Freundes Rath.
Sie trug auch wehrlichen Staat:
Ein Hemd von weißer Seide fein.
Wie könnte streitbarer sein,
Wenn sie zum Manne geht, ein Weib?
Auch schwang die Frau um ihren Leib
Von Sammet einen Mantel lang:
Sie gieng wie sie der Kummer zwang.
Jungfrauen und Geleiterinnen,
So viele bei ihr lagen drinnen,
Die ließ sie schlafen allzumal.
Da schlich sie leis, ohn allen Schall,
Zu einer Kemenaten.
Der Köngin war verrathen,
Daß Parzival alleine lag.
Von Kerzen hell wie der Tag
War es vor seiner Schlafstatt.
Zu seinem Bette geht ihr Pfad,
[259]
Auf den Teppich kniet sie sich.
Sie hatten beide sicherlich,
Er und auch die Königin,
Verbuhlte Minne nicht im Sinn.
Anders ward hier geworben:
An Freuden verdorben
War die Magd; sie zwang der Gram.
Ob er sie nicht zu sich nahm?
Leider das versteht er nicht;
Doch geschahs zuletzt nach Vorbericht,
Und mit so bedungnem Frieden,
Daß sie im Bett geschieden
Die Glieder nicht zusammen brachten;
Des sie auch wenig gedachten.
Der Jungfrau Jammer war so groß,
Daß manche Zähre niederfloß
Auf den jungen Parzival.
Der hörte ihres Schluchzens Schall:
Da wacht' er auf: als er sie sah,
Lieb und Leid geschah ihm da.
Sich erhob der junge Mann,
Der zu der Königin begann:
»Herrin, bin ich euer Spott?
Knieen sollt ihr nur vor Gott.
Geruht, und setzt euch zu mir her
[260]
(Das war sein Bitten und Begehr),
Oder legt euch wo ich lag
Und laßt mich bleiben wo ich mag.«
Sie sprach: »Wollt ihr euch ehren,
Mir solche Zucht bewähren,
Nicht zu rühren meine Glieder,
Leg ich mich zu euch nieder.«
Den Frieden gab er feierlich:
Da barg sie in das Bette sich.
War es gleich schon späte,
Da war kein Hahn, der krähte.
Die Hahnenbalken standen ledig,
Keinem Huhne war der Mangel gnädig.
Das Fräulein unter Jammerslast
Frug mit Zucht den werthen Gast:
»Wollt ihr hören meine Klage?
Ich fürchte, wenn ichs sage,
Euch flieht der Schlaf: es thut euch weh.
Mir hat der König Klamide
Und Kingraun sein Seneschant
Verwüstet Burgen und Land
Bis gen Pelrapäre.
Mein Vater Tampentäre
Ließ mich arme Wais im Tod
In einer schrecklichen Noth.
[261]
Vettern, Fürsten, mancher Mann,
Reich und Arm, mir unterthan
War ein kräftiges Heer:
Die sind erstorben in der Wehr
Halb, wo nicht die gröste Zahl.
Wes tröst ich Arme mich einmal?
Ich bin gekommen an das Ziel,
Daß ich mich selber tödten will,
Eh ich Magdthum und Leib
Ergebe und Klamides Weib
Werde: seine Hand erschlug
Mir Schentefluren, der da trug
Im Herzen ritterlichen Preis.
Der Mannesschön' ein blühend Reis,
Alle Falschheit mied er gar,
Der Liaßens Bruder war.«
Da Liaße ward genannt,
Neuer Kummer war gesandt
Dem dienstbereiten Parzival.
Sein hoher Muth fiel in ein Thal;
Liaße gab ihm den Gewinn.
Da sprach er zu der Königin:
»Sagt, Frau, wie man euch tröste.«
»Herr, wenn man mich erlöste
Von Kingraun dem Seneschant.
[262]
Er fällte mir mit seiner Hand
In der Tjost viel Ritter nieder.
Nun kommt er morgen wieder
Und wähnt, sein Herr solle warm
Liegen in meinem Arm.
Ihr habt wohl meinen Saal geschaut:
Wie hoch der ist empor gebaut,
Lieber spräng ich in den Graben,
Eh Klamide sollt haben
Mit Gewalt mein Magdthum:
So wollt ich wehren seinem Ruhm.«
Da sprach er: »Herrin, sei Kingron
Franzose oder Breton,
Mir gilt gleichviel aus welchem Land,
Wehren soll euch meine Hand
So gut ich es vollbringen mag.«
Die Nacht war hin, nun kam der Tag.
Auf stand die Königin mit Neigen;
Sie wollt ihm nicht den Dank verschweigen.
Hin schlich sie wieder leise.
Da war Niemand so weise,
Der ihres Gehens ward gewahr
Als Parzival der Degen klar.
Der schlief nicht länger mehr darnach.
Die Sonne klomm zur Höhe jach:
[263]
Ihr Schimmer durch die Wolken drang.
Da lud zum Münster Glockenklang,
Wo sich mit Gott das Volk berieth,
Daß Klamide von Freude schied.
Da erhob sich auch der junge Mann.
Der Königstochter Kappelan
Sang Gott und seiner Frauen.
Da durft ihr Gast sie schauen
Bis gegeben ward der Segen.
Nach seiner Rüstung frug der Degen
Darin er bald gewappnet stund.
Wohl that er Ritterstärke kund
Mit rechter mannlicher Wehr.
Da kam Klamides Heer
Mit manchem Banner gezogen.
Kingraun war voran geflogen
All dem übrigen Heer
Auf einem Ross von Iserterre;
So hab ich vernommen.
Vors Thor war auch gekommen
Fils dü Roi Gahmuret;
Mit ihm der Bürger Gebet.
Dieß war sein erster Ritterstreit.
Er nahm den Anlauf wohl so weit,
Daß von seiner Tjoste Stoß
[264]
Beide Rosse wurden gürtellos.
Die Riemen brachen, nicht die Flechsen;
Die Rosse saßen auf den Hächsen.
Da durften Die darauf geseßen
Ihrer Schwerter nicht vergeßen;
In den Scheiden wurden die gefunden.
Kingraun trug schon Wunden
Durch den Arm und in der Brust.
Gelehrt hatt ihn die Tjost Verlust
Alles Preises, des er durfte pflegen
Bis seine Hoffahrt schwand vor diesem Degen.
Hoch pries man seine Streitergaben:
Sechs sollt er abgeworfen haben,
Die zu ihm ritten auf ein Feld;
Doch so bezahlt' ihn unser Held
Mit seiner kraftreichen Hand,
Daß Kingraun dem Seneschant
Zu Muthe ward in seinem Sinn,
Als ob ein Schleuderwerkzeug ihn
Mit schweren Würfen erreichte.
En andrer Streit wars, der ihn neigte:
Ein Schwert ihm durch den Helm erklang.
Parzival ihn niederzwang;
Er setzt' ihm auf die Brust ein Knie:
Da bot er ihm was er noch nie
Einem Mann geboten, Sicherheit.
[265]
Die wollte nicht sein Herr im Streit:
Er gebot, daß er Fianze
Brächte Gurnemanze.
»Nein Herr, gieb lieber mir zum Lohn
Den Tod. Ich schlug ihm seinen Sohn,
Schenteflurn nahm ich das Leben.
Viel Ehre hat dir Gott gegeben:
Wenn man künftig sagt von dir,
Wie du Kraft erwiesen hast an mir,
Da du mich hast bezwungen,
So ist dir wohl gelungen.«
Da sprach der junge Parzival:
»Ich will dir laßen andre Wahl:
Bring der Köngin Sicherheit,
Der dein Herr so großes Leid
Hat gethan in seinem Zorn.«
»So wär ich sicherlich verlor'n:
Mit Schwertern schnitten sie mich klein
Den Stäubchen gleich im Sonnenschein:
Solch Herzeleid hab ich gethan
Da drinnen manchen kühnen Mann.«
»So bringe denn von diesem Plan
Mit dir in das Land Bretan
Deine ritterliche Sicherheit
Einer Magd, die meinethalben Leid
[266]
Erlitt, das sie nicht hätt erlitten,
Wenn Kei bescheiden war von Sitten.
Sag ihr, was mir geschehe,
Daß sie mich nicht fröhlich sehe,
Bis ich ihm den Schild durchsteche
Und ihre Unbill räche.
Artus und seinem Ehgemahl
Melde meinen Dienst zumal:
Und der ganzen Tafelrunde:
Nicht käm ich vor der Stunde,
Da ich der Schmach mich entschlage,
Die ich gesellig trage
Mit Jener, die mir Lachen bot;
Sie kam dadurch in große Noth.
Sag ihr, ich sei ihr Dienstmann,
Mit Dienst ihr dienstlich unterthan.«
Der Andre sprach zu Allem Ja;
Die Helden man sich scheiden sah.
Zu Fuß kam heim gegangen,
Da sein Ross war gefangen,
Der Bürger Trost im Streite,
Die er bald ganz befreite.
Muthlos war das äußre Heer,
Denn sie trugen nichts als Speise;
So fügt' es Gott, der weise.
[267]
Die Innern führten Parzival
Zu ihrer jungen Königin.
Die empfieng umarmend ihn:
Sie drückt' ihn fest sich an den Leib
Und sprach: »Ich werde nimmer Weib
Eines Mannes auf der Welt
Als den mein Arm umfangen hält.«
Sie half, daß er entwappnet ward;
Ihr Dienst blieb nicht dabei gespart.
Nach seiner großen Arbeit
War wenig Labung bereit.
Ihm war so hold die Bürgerschaft
Sie schwor ihm Treu aus Herzenskraft;
Er müß ihr Herr und König sein.
Die Köngin willigte darein,
Ihn zum Amis zu haben,
Da er so hohe Gaben
An Kingraun bewiesen.
Zwei braune Segel fließen
Sah man von der Mauer Thurm.
Die verschlug in ihren Hafen Sturm.
Um der Kiele Ladung stand es so,
Daß all die Bürger wurden froh,
Da Kingraun in seiner Wehr
Erlitten hatte jähen Fall.
[268]
Sie stoben von den Zinnen
Die Beute zu gewinnen
Den Kielen zu, ein hungrig Heer.
Am Fleische trugen sie nicht schwer:
Wie die Läuber mochten fliegen.
Die magern, und sich biegen,
Nicht bauchsatt strotzend bis zum Kinn.
Der Marschall der Königin
Ließ den Schiffen Frieden geben:
Er gebot bei Leib und Leben,
Niemand solle sie berühren.
Die Verkäufer hieß er führen
In die Stadt vor seinen Herrn.
Der bezahlte doppelt gern
Den Werth all ihrer Habe:
Ihnen schien das große Gabe.
Sie ließen ihre Waare theuer:
Den Bürgern troff es nun ins Feuer.
Jetzt wär ich gerne Söldner hier,
Denn da trinkt nun Niemand Bier,
Sie haben Wein und Speise viel.
Da that wie ich euch sagen will
Der edle Ritter Parzival.
Zuerst in Bißen klein und schmal
Theilt' er die Kost mit eigner Hand,
[269]
Zumal den Besten all im Land:
Er wollte speisentwöhnte Magen
Nicht Ueberfülle laßen tragen.
Sein Maß erhielt ein Jeder so;
Sie wurden seines Rathes froh.
Zu Nacht beschied er ihnen mehr,
Der nicht zu lose war noch hehr.
Ums Beilager frug man da:
Er und die Köngin sprachen Ja.
So mäßig hielt er sich die Nacht,
Es würd ihm sicherlich verdacht
Bei mancher Frau in unsrer Zeit.
Daß sie so an Lüsternheit
Sitt und Zucht verlieren
Und doch sich gerne zieren!
Sie zeigen Gästen keusche Sitte;
Doch wohnt in ihres Herzens Mitte
Das Widerspiel der Geberde.
Dem Freunde heimliche Beschwerde
Schafft ihre Zärtlichkeit.
Sich selbst bezwingt zu jeder Zeit
Ein getreuer stäter Mann,
Der auch der Frauen schonen kann.
Er denkt wohl, und es ist auch wahr:
»Um Minne sah mich manches Jahr
[270]
Diesem holden Weibe dienen;
Nun ist der Tag erschienen,
Da sie mir lohnt: nun lieg ich hier.
Genügt auf ewig hätt es mir,
Wenn ich mit meiner bloßen Hand
Rühren durft an ihr Gewand.
Ließ' ich nun von edler Scheu,
So schien' ich selbst mir ungetreu.
Soll ich im Schlaf sie stören
Und uns beide so entehren?
Holde Kunde vor dem Schlaf
Vernimmt, wer Frauenkeusche traf.«
So lag auch der Waleise,
Der sich fürchtet keiner Weise.
Den man den rothen Ritter hieß
Der Königin ihr Magdthum ließ;
Sie wähnte doch, sein Weib zu sein:
Ihr Haupt trug bei des Morgens Schein
Seiner Minne halb ein Band.
Da gab ihm Burgen und Land
Die Frau mit magdlichem Sinn;
Längst war ihr Herz schon sein Gewinn.
Sie waren beieinander so
In unschuldger Liebe froh,
[271]
Zwei Tage bis zur dritten Nacht.
Ans Umfangen hatt er oft gedacht,
Zumal es seine Mutter rieth;
Gurnemans ihn auch beschied,
Daß Mann und Frau untrennbar sein:
Sie verflochten Arm und Bein.
Wenn ich euch berichten soll,
Ihm gefiel die Nähe wohl:
Den alten, immer neuen Brauch
Uebten da die beiden auch.
Wohl war ihnen, war nicht weh.
Nun höret auch, wie Klamide,
Da er die Heerfahrt begann,
Unfrohe Botschaft gewann.
Einen Knappen hört' er sagen,
Des Rösslein Sporen wund geschlagen,
Daß auf dem Plan vor Pelrapär
Ritterschaft geschehen wär
Scharf genug, von Heldenhand:
»Bezwungen ist der Seneschant;
Des Heeres Führer Kingron
Fährt zu Artus dem Breton.
Das Kriegsheer liegt noch vor der Stadt
Wie scheidend er befohlen hat.
Euch und euerm Doppelheer
[272]
Steht noch Pelrapär zu Wehr.
Die Stadt verficht ein Ritter werth,
Der anders nichts als Streit begehrt.
Von euern Söldnern hört ich Kunde,
Zu Hülfe von der Tafelrunde
Sei der Königin gesandt
Ither von Kukumerland.
Des Wappen zog für sie zu Feld,
Und ohne Tadel trugs der Held.«
Der König warf dem Knappen ein:
»Kondwiramur begehrt ja mein,
Und Ich will Sie und auch ihr Land.
Kingraun mein Seneschant
Mir mit Wahrheit entbot,
Die Stadt bezwinge Hungersnoth;
Mir aber werde zum Gewinn
Die Huld der werthen Königin.«
Der Knapp erwarb da nichts als Haß;
Mit dem Heer der König zog fürbaß.
Ein Ritter ihm entgegen ritt,
Der auch sein Ross mit Sporen schnitt:
Der sagt' ihm gleiche Kunde.
Klamide gewann zur Stunde
Einen unmuthschweren Sinn:
Es däucht ihn großer Ungewinn.
[273]
Ein Fürst sprach in des Königs Bann:
Was Kingraun auch hat gethan,
Uns vertrat er nicht im Streit,
Nur seine eigne Mannheit.
Sollen, wär Er erschlagen,
Zwei Heere drum verzagen,
Dieß und jenes vor der Stadt?
Den Herrn er Muth zu faßen bat:
»Versuchen Wir es noch einmal;
Und wehrt sich ihre Minderzahl,
Sie werden so von uns bekriegt,
Daß ihre Freude bald erliegt.
Freund' und Mannen sollt ihr mahnen,
Die Stadt bedrohn mit zweien Fahnen.
Wir mögen hier im Weiten
Wohl zu Ross mit ihnen streiten;
Zu Fuße nahen wir den Thoren:
So ist ihr Uebermuth verloren.«
Den Rath gab Galogandres,
Der Herzog von Gippones:
Die Bürger brachte Der in Noth;
Er fand auch vor der Stadt den Tod.
Mit ihm auch der Graf Narant;
Er war ein Fürst aus Uckerland;
Und von den Söldnern mancher Mann,
Den man erschlagen trug hindann.
[274]
Nun höret andre Märe,
Wie die Bürger vor dem Heere
Schützten des Walles Räume.
Sie nahmen lange Bäume
Und stießen starke Stecken drein:
Das schuf den Stürmenden Pein,
Wenn die Stämme niedergiengen
An Seilen, die in Rädern hiengen.
Das wurde Alles fertig, eh
Zum Sturm heranzog Klamide
Nach des Marschalls übelm Abenteuer.
Sie hatten griechisches Feuer
(Mit der Speise kam es in das Land):
Der Feinde Rüstzeug ward verbrannt,
Ihre Ebenhöhn und Mangen,
Was auf Rädern kam gegangen,
Igel, Katzen und dergleichen,
Die musten vor dem Feuer weichen.
Kingraun indes, der Seneschant,
Kam zu Bretagne in das Land
Und traf den König Artus an
Im Jägerhaus in Briziljan,
Das hieß mit Namen Karminal.
Da thät er, wie ihn Parzival
Geheißen, der ihn hin gesandt;
[275]
Kunnewaren de Lalant
Bracht er seine Sicherheit.
Das Fräulein war hoch erfreut,
Daß so getreulich ihre Noth
Zu Herzen nahm der Ritter roth.
Die Mär ward allwärts bald vernommen.
Als vor den König war gekommen
Der bezwungne werthe Mann,
Ihm und den Seinen sagt' er an,
Was Parzival durch ihn entbot.
Kei erschrak und wurde roth.
»Bist du es,« sprach er, »Kingron?
Avoi, wie manchen Breton
Hat überwunden deine Hand,
Du Klamides Seneschant!
Mag mirs dein Sieger nie verzeihn,
Dein Amt soll dir Empfehlung sein.
Der Keßel ist Uns unterthan,
Mir hier, und dir zu Brandigan.
Hilf mir, daß Kunnewar die Maid
Um breite Krapfen mir verzeiht.«
Er bot kein ander Schmerzengeld.
Wollt ihr nun hören, was im Feld
Vor Pelrapär geschehen sei?
[276]
Mit dem Heer zog Klamide herbei.
Da wurde bald zum Kampf geschritten:
Die Innern mit den Aeußern stritten.
Sie hatten Trost und frische Kraft,
Man fand die Helden wehrhaft.
So behielten sie das Feld.
Ihr Landesherr, der junge Held,
Stritt den Seinen weit vorauf;
Da standen alle Pforten auf.
Wenn er die Arme fechtend schwang,
Sein Schwert durch harte Helme klang.
Die Ritter, die er niederschlug,
Die fanden Marter genug:
Man stach mit Schwerterspitzen
Sie durch des Halsbergs Schlitzen.
Die Bürger thaten Rachsucht kund
An manchem, der schon fährlich wund:
Drum wollt es Parzival nicht leiden:
Er schalt: da musten sie es meiden.
Zwanzig sie lebend fiengen,
Eh aus dem Streit sie giengen.
Parzival ward wohl gewahr,
Daß Klamide mit seiner Schar
Nicht kämpfte vor den Pforten
Vielmehr an andern Orten.
[277]
Da ritt der junge kühne Held
Hinaus auf ungebahntem Feld:
Die Stad umreitend kam er da
Des Königs Heerfahne nah.
Seht, da holte Klamide
Schaden erst und Herzensweh.
So kühn die Bürger stunden,
Ihnen waren bald verschwunden
Die harten Schilde vor der Hand;
Auch Parzivals Schild verschwand
Von Schüßen und von Schwerterschlägen.
Frommt' es wenig gleich die Degen,
Die Feinde musten doch gestehn,
Daß sie nie kühnern Mann gesehn.
Galogandres die Fahne trug,
Das Heer ermahnt' er wohl genug;
An des Königs Seite lag er todt.
Klamide kam selbst in Noth;
Ihm und den Seinen wurde weh:
Den Kampf verbot da Klamide.
Da hatte muthig sich verschafft
Des Sieges Preis die Bürgerschaft.
Parzival der werthe Degen
Ließ die Gefangnen wohl verpflegen
Bis an den dritten Morgen.
[278]
Das äußre Heer war in Sorgen.
Da ließ der junge Wirth bei Zeit
Die Gefangnen frei auf ihren Eid.
»Sobald ich Botschaft schicke,
Lieben Freunde, kehrt zurücke.«
Man behielt nur ihre Eisenwehr;
Entwappnet kehrten sie ins Heer.
Die Aeußern sprachen, ob sie roth
Von Trünken waren: »Hungersnoth
Trugt ihr dort, ihr Armen.« –
»Nein, sparet das Erbarmen,«
Sprachen die gefangnen Helden:
»Sie haben Speise, laßt euch melden,
Lägt ihr hier noch ein volles Jahr,
Für sich und euch genug fürwahr.
Die Köngin hat den schönsten Mann,
Der jemals Schildesamt gewann.
Er ist gewiss von hoher Art,
Der aller Ritter Ehre wahrt.«
Da dieß erhörte Klamide,
Da that ihm erst sein Kummer weh.
Da schickt' er Boten in die Stadt
Und ließ entbieten: »Wen sich hat
Die Königin zum Mann genommen,
Wagt es Der zum Kampf zu kommen,
[279]
Und hat sie ihn dafür erkannt,
Daß er sie selber und ihr Land
Mir im Kampfe dürfe wehren,
So biet ich Frieden beiden Heeren.«
Als das Parzival vernahm
Und ihm solche Botschaft kam,
Daß ein Zweikampf sollt entscheiden,
Der Unverzagte sprach mit Freuden:
»Meine Treue steh zu Pfand:
Im innern Heer rührt keine Hand
Sich um meinethalben mehr.«
Zwischen dem Graben und dem äußern Heer
Ward geschloßen dieser Friede.
Da bewehrten sich die Kampfesschmiede.
Da bestieg der König von Brandigan
Ein gewappnet Kastilian,
Das hieß mit Namen Guverjorz;
Von seinem Neffen Grigorz,
Dem König von Ipotente,
Mit manchem reichen Präsente
Hatt es erhalten Klamide
Von Norden über den Uckersee.
Ihm bracht es Graf Narant daher,
Und tausend Söldner in der Wehr,
[280]
Nur den Schild nehm ich aus.
Ihnen war die Löhnung auch voraus
Gesichert bis ins vierte Jahr,
Spricht die Aventüre wahr.
Grigorz ihm sandte Ritter klug,
Fünfhundert: jeglicher trug
Den Helm aufs Haupt gebunden,
Die im Kampfe furchtlos stunden.
Da hatte Klamides Heer
Pelrapär zu Land und Meer
So umseßen und umlegen,
Die Bürger musten Kummer hegen.
Hinaus ritt Parzival der Held
Auf das entscheidende Feld,
Wo Gott bezeigen sollte,
Ob er ihm laßen wollte
Das Kind des Königs Tampentär.
Stolzlich fuhr er einher;
Doch bald aus dem Galopp entschloß
Zum vollsten Rennen sich das Ross.
Gewappnet wars für alle Noth;
Von Sammet eine Decke roth
Auf der eisernen lag.
An sich selber zeigt' er diesen Tag
Rothen Schild und rothes Kleid.
[281]
Klamide begann den Streit.
Einen kurzen unbeschabten Sper
Bracht er zur Tiost daher,
Und nahm damit den Anlauf lang.
Guverjorz gewaltig sprang.
Wohl getiostieret ward
Von den beiden jungen ohne Bart,
Und sonder Falieren.
Von Leuten noch von Thieren
Geschah wohl nie so harter Kampf;
Von den müden Rossen stieg der Dampf.
Sie hatten so gefochten,
Daß die Rosse nicht mehr mochten:
Die stürzten von der Arbeit,
Zumal, nicht zu verschiedner Zeit.
Da begannen beide mit Behagen
Den Helmen Feuer zu entschlagen;
Sie durften sich nicht lange ruhn:
Hier war vollauf für sie zu thun.
Die Schilde splitterten so sehr
Als ob mit Federbällen Wer
Spielend würfe in den Wind.
Doch spürte Gahmuretens Kind
Müdigkeit an keinem Gliede.
Da wähnte Klamide, der Friede
[282]
Würd ihm gebrochen von der Stadt.
Seinen Kampfgenoßen bat
Der Held, daß er sich selber ehrte
Und den Mangenwürfen wehrte,
Denn Schläge giengen auf ihn schwer
Wie ein Mangenstein gewesen wär.
Ihm ward von Parzival entgegnet:
»Nicht Steine sind es, was hier regnet,
Dafür ist meine Treue Pfand.
Gäbe dir Frieden meine Hand,
Dir bräche nicht der Mangen Schwenkel
Haupt und Brust, dazu den Schenkel.«
Klamiden zwang Müdigkeit;
Die kam ihm noch zur Unzeit.
Wer Sieg verloren, Sieg gewonnen,
Das bringt der Kampf nun an die Sonnen.
Doch brachte Niederlage
Hier Klamide in Klage.
Zu Boden lag er gezückt,
Von Parzivals Hand gedrückt,
Daß Blut ihm schoß aus Ohr und Nasen;
Das färbte roth den grünen Rasen.
Das Haupt entblößt' ihm Jener hier
Vom Helm und von dem Härsenier.
Entgegen sah dem Todesschlag
[283]
Der bezwungne Mann. Der Sieger sprach:
»Nun bleibt mein Weib wohl von dir frei:
Lerne jetzt was Sterben sei.«
»Nicht doch, kühner Degen werth.
Dir ist jetzo gemehrt
Der Preis schon dreißigfaltig,
Da du meiner bist gewaltig.
Wie kann der Ruhm dich höher tragen?
Nun mag Kondwiramur wohl sagen,
Daß Ich der Unselge bin,
Und du erwarbst des Glücks Gewinn.
Du hast dein Land nun erlöst,
Wie Der sein Schiff vom Riffe stößt:
Von hinnen trägts die Welle flott.
Meine Macht wird zu Spott;
Mannesstolz und hoher Sinn
Weicht von mir und fährt dahin.
Was hülfe dir mein Sterben?
Ich muß Schande doch vererben
Auf alle Nachkommen.
Du hast Preis und Frommen:
Thust du mir mehr, das ist nicht Noth.
Ich trage den lebendgen Tod,
Da ich von Ihr geschieden bin,
Die das Herz mir und den Sinn
[284]
Mit Gewalt gefangen nahm,
Ob es mir nie zu Gute kam.
Nun muß dir sieglos meine Hand
Sie überlaßen und ihr Land.«
Da gedachte Dem Gott Sieg beschied,
Wie einst Gurnemans ihm rieth,
Daß zu kühner Mannheit
Gezieme Barmherzigkeit.
Diesem Rathe folgt' er nach;
Zu Klamide der Degen sprach:
»Dem Vater von Liaßen,
Ich will dirs nicht erlaßen,
Dem bringe deine Sicherheit.«
»Nein, Herr: dem hab ich Herzeleid
Gethan: ich schlug ihm seinen Sohn:
Da wägtest du mir übeln Lohn.
Wegen Kondwiramur
Focht mit mir Schenteflur;
Auch wär ich todt von seiner Hand,
Half mir nicht mein Seneschant.
Es hatt ihn in das Land Brobarz
Gurnemans de Graharz
Gesandt mit starken Heeres Kraft.
Da thaten gute Ritterschaft
Neunhundert Ritter, die wohl stritten
[285]
Und geschiente Rosse ritten:
Fünfzehnhundert Söldner auch,
Gewappnet all nach Kriegsgebrauch,
Nur den Schild nehm ich aus:
Bloß der Samen kam davon nach Haus.
So vernichtet' ich sein Heer;
Du nahmst mir jetzt der Helden mehr.
Ich muß Ehr und Freud entbehren:
Was willst du noch begehren?«
»Ich will dich sanftre Wege weisen:
Fahre zu den Bretaneisen
(Kingraun ist vor dir hingeritten)
Zu König Artus dem Britten.
Dem sollst du Grüße von mir sagen.
Bitt ihn, daß er mir helfe klagen
Eine Schande, die ich dort gewann.
Mich lachte eine Jungfrau an:
Daß man die deshalb zerbläute,
Das reut mich wie mich nichts noch reute.
Sag ihr, es sei mir leid;
Bring ihr deine Sicherheit
Und leiste willig ihr Gebot,
Oder nimm von mir den Tod.«
»Soll dieses Unheil gelten,
Ich will es nicht beschelten,«
[286]
Der König sprachs von Brandigan,
»Diese Fahrt wird gethan.«
Das gelobt' ihm eh er schied
Den seine Hochfahrt verrieth.
Parzival der Weigand
Sein müdes Ross wieder fand.
Er hob den Fuß darnach nicht auf,
Ohne Stegreif sprang er drauf,
Daß umwirbelten mit Schall
Des zerhaunen Schildes Scherben all.
Die Bürger hatten frohe Zeit;
Die Aeußern nichts als Herzeleid
Und in allen Gliedern Weh.
Man brachte König Klamide
Hin wo seine Helfer waren.
Die Todten ließ er aufbahren
Und bringen zu des Grabes Rast.
Das Land räumte mancher Gast.
Der werthe König Klamide
Ritt gen Löver an die See.
Die von der Tafelrunde
Waren zu der Stunde
Versammelt in Dianasdron
Mit König Artus dem Breton.
[287]
Sag ich euch keine Lüge dran,
Zu Dianasdron der Plan
Muste Zeltstangen tragen
Mehr als im Spessart Stämme ragen.
So zahlreich war das Hofgelag
Womit Artus den Pfingstentag
Begieng und all die Frauen.
Da waren auch zu schauen
Paniere viel und mancher Schild,
Jeder mit eignem Wappenbild,
Vor manchem schöngeschmückten Zelt.
Es nähme Wunder jetzt die Welt:
Wer könnte all die Zeltlachen
Solchem Heer van Frauen machen?
Da wähnt' auch jede Frau fürwahr,
Sie verlör den Preis der Schönheit gar,
Wenn sie nicht ihren Ritter hätte.
Käm ich selbst an solche Stätte
(Da waren so viel junge Herrn),
So brächt ich doch mein Weib nicht gern
In ein so groß Gemenge!
Ich scheue Volksgedränge.
Vielleicht, daß Einer zu ihr spräche,
Daß ihn ihre Minne stäche,
Er könne nie gesunden:
Wenn sie heile seine Wunden,
[288]
Er woll ihr dienen ewiglich.
Mit ihr von dannen höb ich mich.
Genug gesprochen ist von Mir:
Nun hört, wie König Artus hier
Sein Zelt mit Schnüren hatt umzogen.
Davor mit Freuden ungelogen
Aß mit ihm das Ingesind,
Manch werther Mann zu Falschheit blind,
Und manche stolze Fürstin,
Die nichts als Tjoste trug im Sinn.
Sie schoß den Freund dem Feind entgegen:
Kam zu Schaden da der Degen,
So zart war ihr Gemüthe,
Daß Sie's vergalt mit Güte.
Klamide der Jüngling,
Ritt mitten in den Zeltbering.
Verdecktes Ross, umstählten Leib
Sah an ihm Artusens Weib,
Doch Helm und Schild verhauen.
Das sahen all die Frauen,
Wie er zu Hofe war gekommen;
Ihr habt zuvor wohl schon vernommen
Wer zu solcher Fahrt ihn zwang.
Nun stieg er ab. Durch groß Gedrang
[289]
Must er, eh er sitzen fand
Frau Kunnewaren de Lalant.
Da sprach er: »Herrin, seid ihrs wohl,
Der ich willig dienen soll?
Zum Theile zwingt mich zwar die Noth.
Euch entbietet Dienst der Ritter roth:
Eur Schimpf soll euch nicht grämen,
Er will ihn auf sich nehmen;
Auch hofft er, Artus wirds beklagen.
Ihr wurdet Seinethalb geschlagen.
Frau, ich bring euch Sicherheit,
So gebot der Sieger mir im Streit.
Gern leist ichs, wenn es euch gefällt.
Mein Leben war dem Tod verfällt.«
Kunneware de Lalant
Führt' ihn an der Eisenhand
Hin wo Frau Ginover saß,
Die ohne den König mit ihr aß.
Keie von dem Tisch erstund,
Da ihm die Märe wurde kund:
Sie kam ihm etwas ungelegen;
Kunnewaren freute sie dagegen.
Da sprach er: »Frau, daß dieser Mann
Die Reise hat hieher gethan,
[290]
Dazu hat ihn die Noth bewogen;
Doch wähn ich, hat man ihn betrogen.
Ich war mit jener Prügeltracht
Euch zu beßern bedacht:
Zum Lohne wird mir euer Groll.
Jedoch, wenn ich euch rathen soll,
Gönnt dem Ritter abzulegen;
Zu stehn verdrießt den Degen.«
Ihm ließ die Jungfraue zier
Lösen Helm und Härsenier.
Als man die von ihm streift' und band,
Klamide ward bald erkannt.
Auch sein Seneschant Kingron
Erkannt' ihn und erschrak davon.
Er sah den Herren überwunden:
Seine Hände wurden gewunden,
Sie huben an zu krachen
Gleich dürren Balkenspachen.
Den Tisch zurücke stieß zuhand
Klamides Seneschant.
Er frug den Herrn um neue Mär,
Und fand ihn aller Freuden leer.
Er sprach: »Ich bin zu Schaden geboren:
Mir gieng solch herrlich Heer verloren:
Nimmer sog der Mutter Brust,
[291]
Der erlitten schmerzlichern Verlust.
Doch schmerzt mich meiner Leute Tod
Noch minder: Minnemangelsnoth
Lästet auf mich solche Last,
Mir ist Freude fremd und Frohsinn Gast.
Kondwiramur macht mich greis.
Pontius Pilatus weiß
Nicht von solcher Höllenqual,
Der arme Judas nicht einmal,
Der unsern Heiland Jesus
Verrieth mit treulosem Kuss.
Wie das ihr Schöpfer rächte,
Die Noth ich tragen möchte,
Wär von Brobarz die Königin
Und ihre Huld mein Gewinn,
Daß ich sie sanft umfienge,
Wie es mir dann auch gienge.
Ihre Minne leider hofft nicht mehr
Der König von Iserterre.
Land und Volk von Brandigan
Mag stätes Leid davon empfahn.
Meines Oheims Sohn Mabonagrein
Litt auch dort zu lange Pein.
Nun bin ich, Artus, König hehr,
Geritten in dein Land hieher,
Bezwungen von Ritters Hand.
[292]
Du weist, daß dir in meinem Land
Viel zu Leide ward gethan.
Das vergiß nun, werther Mann,
Dieweil ich hier gefangen bin
Und gieb dich solchem Haß nicht hin.
Kunneware, hoff ich, werde
Mich bewahren vor Gefährde,
Die meine Sicherheit empfieng,
Als ich gefangen vor sie gieng.«
Artus verzieh ihm seine Schuld,
Der Vielgetreue schenkt' ihm Huld.
Da erfuhr Weib und Mann,
Der König von Brandigan
Sei geritten vor das Zelt.
Da gabs ein Drängen auf dem Feld!
Es erscholl die Märe weit und breit.
Höflich um Geselligkeit
Bat der freudenlose Mann:
»Ihr solltet, Frau, mich Herrn Gawan
Empfehlen, bin ichs anders werth;
Ich weiß wohl, daß ers selbst begehrt.
Euch ehrt er und den Ritter roth,
Wenn er leistet eur Gebot.«
Artus bat seiner Schwester Sohn
(Ohne das geschäh es schon),
[293]
Sich dem König freundlich zu erweisen.
Willkommen wurde da geheißen
Von der Tafelrunde Reihe
Der bezwungne Falschesfreie.
Zu Klamide sprach Kingron:
»Weh, daß dich jemals ein Breton
Sah in seinem Haus bezwungen!
Mehr Reichthum als Artus errungen
Und mehr der Helfer hattest du,
Und deine Jugend dazu!
Muß Artus Preis dadurch empfangen,
Daß Kei im Zorn sich hat vergangen
An einer edeln Fürstin,
Die aus unschuldigem Sinn
Sich den mit Lachen hat erwählt,
Den man wahrlich ungefehlt
Mag krönen mit dem höchsten Preise!
Wohl wähnen jetzt die Bretaneise
Ueber allen Andern hoch zu stehn;
Doch ohn ihr Zuthun ists geschehn,
Daß in den Tod hier ward gesandt
Der König von Kukumerland,
Und daß mein Herr den Sieg Ihm ließ,
Der schon jenen niederstieß.
Der Selbige bezwang auch mich
[294]
Ohne verhohlnen Schlich:
Man sah aus Helmen Feuer wehn,
In den Händen sich die Schwerter drehn.«
Da sprach die Tafelrunde,
Reich und Arm aus Einem Munde,
Unrecht habe Kei gethan.
Begnügen wir uns jetzt hieran
Und gehn zurück auf unsrer Spur.
Das wüste Land ward blühnde Flur,
Wo Parzival die Krone trug;
Da war auch Freud und Lust genug.
Gelaßen hatt auf Pelrapär
Ihm sein Schwäher Tampentär
Licht Gestein und rothes Gold.
Das vertheilt' er so, daß man ihm hold
Ward um seine Milde.
Paniere, neue Schilde
Sah man sein Land verzieren
Und fleißiglich turnieren
Ihn und all die Seinen.
Oft ließ die Kraft erscheinen
An seines Landes Grenzmark
Der junge Degen kühn und stark.
Da priesen für die beste
Stäts seine That die Gäste.
[295]
Nun hört auch von der Königin:
Wie käm ihr größerer Gewinn?
Die junge süße Werthe
Hatte was ihr Herz begehrte.
Ihre Minne blühte wonniglich,
Nicht Wank noch Wandel zeigte sich.
Sie hat des Mannes Werth erkannt;
Jedweder an dem andern fand:
Er war ihr lieb, sie ihm noch mehr.
Wenn nun melden soll die Mär,
Daß sie sich musten scheiden,
So wächst Leid den beiden.
Auch dauert mich das werthe Weib:
Ihr Volk, ihr Land, ja Seel und Leib
Schied seine Hand von großer Noth;
Dagegen Sie ihm Minne bot.
Eines Morgens sprach der Werthe,
Daß es mancher Ritter hörte:
»Mags euch gefallen, Fraue,
So erlaubt mir, daß ich schaue
Wie's um meine Mutter steh.
Ob ihr wohl sei oder weh,
Das ist mir völlig unbekannt.
Ich treffe, reit ich in ihr Land,
Wohl auch Abenteuer an.
[296]
Wenn ich darin euch dienen kann,
So bleib ich eurer Minne werth.«
So hatt er Urlaub begehrt.
Er war ihr lieb, die Märe sprichts,
Darum versagte sie ihm nichts.
Von allen seinen Mannen
Schied er allein von dannen.

5. Anfortas

Inhalt
Inhalt.

Mit schnellem, ziellosem Ritt gelangt Parzival Abends an einen See, wo er Fischer nach Herberge fragt. Der Eine, reichgekleidet, doch traurig, bescheidet ihn zu einer nahen Burg, wo er selber Wirth sein werde. Er reitet dahin. Ein Knappe läßt, als er hört, daß ihn der Fischer gesandt habe, die Zugbrücke nieder. Im Burghofe wächst Gras, ein Zeichen, daß hier fröhliche Ritterspiele selten begangen werden. Er wird gut empfangen und mit dem Mantel der Königin, Repanse de Schoie, bekleidet. Ein Mann ruft ihn gebieterisch zum Könige: ergrimmt ballt Parzival die Faust, wird aber beruhigt, weil es dieses Mannes Amt sei, ihre Traurigkeit durch Scherze zu erheitern. Im Saale findet er hundert Kronleuchter und eben so viel Ruhebetten, auf jedem vier Ritter. Auf drei marmornen Feuerheerden brennt Aloeholz. Der Wirth, der in Pelzwerk gehüllt bei der mittlern Feuerstatt auf einem Spannbette (Feldbette) ruht, läßt Parzival neben sich Platz nehmen. Ein Knappe trägt eine bluttriefende Lanze durch den Saal, bei deren Anblick Alles in Jammer ausbricht. Nun beginnt der Dienst, d.i. die Bewirthung. Durch eine Stahlthüre treten zwei Jungfrauen ein, auf goldnen Leuchtern brennende Kerzen tragend; die eine ist Klarischanze, Gräfin von Tenabrock, die andere Garschiloie von Grünland. Ihnen folgen zwei Herzoginnen, jedwede setzt einen Helfenbeinstollen vor den König hin. Diese vier tragen braunen Scharlach, die folgenden acht sind in grünen Sammt von Aßagog [301] gekleidet. Viere davon tragen Lichter voraus, die vier andern ein Tischblatt aus durchsichtigem Granatjachant, das sie auf die Tafel legen. Zwei Gräfinnen, Florie von Nonel und Anflise von Reil, bringen scharfe silberne Meßer; bei ihnen vier Jungfrauen mit Lichtern. Sechs andere wie die vorigen in getheilten Röcken, halb Plialt, halb Seide von Ninive, begleiten, in Gläsern brennenden Balsam tragend, die in arabischen Pfellel gekleidete jungfräuliche Königin, Repanse de Schoie, von welcher der Gral, ihrer Reinheit willen, sich tragen zu laßen würdigte. Diesen setzt sie auf einem grünen Achmardizeuge vor den König, tritt dann zurück und steht mit der Krone in der Mitte der vier und zwanzig Jungfrauen. Darauf werden hundert Tische, je Einer für vier Ritter, hereingetragen und gedeckt; an jedem reicht ein Kämmerer in goldenem Becken das Handwaßer, und ein Junker eine weiße Zwickel zum Abtrocknen; dem Wirth und Parzival bietet sie ein Grafensohn knieend. Bei jeder Tafel schneiden zwei Knappen knieend vor, zwei andere tragen Trank und Speise zu. Vier Wagen mit goldenen Trinkgeschirren fahren im Saale umher, vier Ritter setzen sie auf die Tische, ein Schaffner hebt sie hernach wieder ab. Hundert Knappen nehmen vor dem Gral Brot in weiße Tücher und vertheilen es auf die Tische. Von dem Gral kommt auch sonst Trank und Speise, was und so viel nur ein Jeder zu eßen und zu trinken begehrt. Wohl bemerkt Parzival dieß Wunder, des Königs Schmerz und die allgemeine Trauer bei solchem Reichthum, aber der Lehre Gurnemans eingedenk fragt er nicht, auch dann nicht, als ihm der König ein kostbares Schwert schenkt und dabei seiner schweren Verwundung erwähnt. Als das Mal zu Ende geht, wird das Geräth wieder in gleicher Ordnung hinausgeschafft, und die Königin und ihre Jungfrauen entfernen sich, wie sie gekommen waren. Parzival blickt ihnen nach und sieht durch die offene Thüre einen schönen schneeweißen Greis (Titurel) auf einem Spannbette ruhen. Vom [302] Wirth entlaßen, bringen ihn Ritter in ein kerzenhelles Schlafgemach mit prächtigem Bette, wo er von Edelknaben entkleidet und noch im Bette von Jungfrauen mit Obst und Getränke gelabt wird. In der Nacht quälen ihn ängstliche Träume, am Morgen erwacht er, vermisst die Dienerschaft und entschläft wieder. Spät erwacht, sieht er seine Rüstung und zwei Schwerter vor dem Bette liegen. Er wappnet sich und geht hinaus; sein Ross ist vor der Stiege angebunden, Schwert und Schild lehnt dabei. Vergebens ruft er und sucht nach den Leuten: Niemand zeigt sich: nur Spuren in Gras und Thau. Er reitet hinaus: gleich zieht ein Knappe die Brücke auf, schilt ihn eine Gans, daß er den Wirth nicht gefragt habe und schlägt das Thor vor ihm zu. Einer klagenden Frauenstimme folgend, findet er Sigune auf einer Linde den gebalsamten Leichnam des Geliebten in den Armen haltend. Von Ihr erfährt er, daß er zu Monsalväsche gewesen ist, wohin man nur unfreiwillig gelangen kann, und welche Bewandtniss es mit dem geschenkten Schwerte hat. Sie preist ihn über Alles glücklich, wenn er gefragt habe; als sie aber hört, daß die Frage unterblieben ist, schilt sie ihn aufs Heftigste und will nichts mehr von ihm hören. Traurig reitet Parzival weiter und begegnet Jeschuten, welcher er die seinethalb eingebüßte Huld des Gemahls wieder erwirbt, indem er ihn besiegt und zu Kunnewaren schickt, darnach aber ihre Unschuld freiwillig beschwört. Orilus findet Artus am Plimizöl.

Anfortas
[303] [305]Anfortas.
Wer nun will hören wo er bleibt,
Den Aventür von Haus vertreibt,
Der mag großer Wunder viel
Vernehmen, eh er kommt ans Ziel.
Laßt reiten Gahmuretens Kind.
Wo nun getreue Leute sind,
Die wünschen Heil ihm und Gedeihn:
Er muß nun leiden hohe Pein;
Dazwischen Freud und Ehre.
Eins schuf ihm Herzensschwere:
Er mied ein Weib, die er besaß,
So edel, daß kein Mund je las
Oder meldete die Märe,
Daß Eine schöner, beßer wäre.
Gedanken an die Königin
Trübten ihm den frohen Sinn:
Er hätt ihn längst schon ganz verloren,
Wär er nicht herzhaft geboren.
Selbst trug das Ross den Zaum empor
Ueber Blöcke, Sumpf und Moor;
[305]
Nicht führt' es seines Reiters Hand.
Uns macht die Aventür bekannt,
Er ritt denselben Tag so weit,
Ein Vogel hätte Arbeit,
Wollt er's auf einmal überfliegen.
Will mich die Märe nicht betriegen,
So glich sein Ritt kaum so dem Flug
Des Tages, da er Ithern schlug,
Und später, als er von Graharz
Ritt in das Königreich Brobarz.
Hört nun wo er Herberg nahm.
An einen See er Abends kam,
Fischer ankerten daran;
Ihnen war das Waßer unterthan.
Wohl hören mochten sie sein Fragen,
Unfern vom Gestade lagen
Sie noch, da sie ihn reiten sahn.
Einen sah er in dem Kahn
In so herrlichem Gewande,
Dienten ihm alle Lande,
Es wäre schwerlich noch so gut.
Von Pfauenfedern war sein Hut.
An diesen Fischer wandt er sich,
Und ermahnt' ihn bittentlich,
Daß er ihm riethe, Gott zu Ehren
[306]
Und seine Zucht zu bewähren,
Wo er träfe Herberg an.
Zur Antwort gab der traurge Mann.
Er sprach: »Herr, nicht bekannt ist mir,
Daß dreißig Meilen weit von hier
Das Land bebaut und urbar sei.
Ein Haus nur kenn ich nahebei;
Zur Herberg darf ich es empfehlen;
Ihr könnt kein andres heute wählen.
Dort wo die Felsen enden
Müßt ihr zur Rechten wenden.
Kommt ihr dahin, der Graben
Läßt euch nicht weiter traben.
So heißt die Brücke senken,
Wollt ihr zum Burghof lenken.«
Er that wie ihm der Fischer rieth;
Mit Urlaub er von dannen schied.
Der sprach: »Wenn ihr euch nicht verirrt,
So bin ich selber euer Wirth;
So danket wie wir euch verpflegen.
Nur hütet euch vor falschen Wegen:
Ihr könntet bei der Halde
Irr reiten leicht im Walde;
Unlieb geschäh mir doch daran.«
[307]
Da hub sich Parzival hindann
Und fand mit wackerm Traben
Den Weg bis an den Graben.
Da war die Zugbrück aufgezogen,
Die Burg um Feste nicht betrogen,
Wie auf der Drechselbank gedreht.
Beschwingt nur oder vom Wind geweht
Dränge man hinein mit Sturm.
Mancher Saal und mancher Thurm
Stand da in wunderbarer Wehr:
Und zögen alle Völker her,
Sie gäben drin um solche Noth
In dreißig Jahren noch kein Brot.
Ein Knappe hatt ihn wahrgenommen,
Und frug ihn, wo er hergekommen,
Und was er suche vor dem Wall?
»Der Fischer,« sprach da Parzival,
»Hat mich zu euch hergesandt.
Ich neigte dankend seiner Hand,
Da sie mir Herberg hier geschenkt.
Er will, daß ihr die Brücke senkt,
Daß ich reite zu euch ein.«
»Herr, ihr sollt willkommen sein.
Da der Fischer es versprach,
Man beut euch Ehr und Gemach,
[308]
Ihm der euch sandte zu Gefallen,«
Sprach der Knapp und ließ die Brücke fallen.
In die Burg ritt der Kühne,
Auf weiten Angers Grüne
Unzerstampft im Ritterspiel;
Kurzen Grases stand da viel.
Da ward nicht oft turniert, gestritten,
Mit Panieren hin und her geritten
Wie auf dem Anger zu Abenberg.
Selten war solch fröhlich Werk
Da geschehn in langer Zeit:
Sie hatten Noth und Herzeleid.
Der Gast jedoch des nicht entgalt:
Ihn empfiengen Ritter jung und alt;
Kleine Junker volle Zahl
Sprang ihm nach dem Zaum zumal;
Ein Jeder thäte gern das Beste.
Sie hielten ihm den Stegreif feste,
Dieweil er abstieg von dem Ross.
Ritter führten ihn ins Schloß
Wo sie ihm schufen gut Gemach.
Unlange währt' es darnach
Bis er mit Zucht entwappnet ward.
Da sie den Jungen ohne Bart
[309]
Ersahen also minniglich,
Glücklich pries ihn männiglich.
Um Waßer bat der junge Mann:
Da er den Rost sich hindann
Gewaschen von Gesicht und Händen,
Da schien er Jung und Alt zu blenden
Wie eines zweiten Tages Helle:
So saß der wonnige Geselle.
Ein Mantel ward ihm hingebracht,
Aus arabschem Stoff gemacht
Und alles Tadels ledig gar:
Den legt er an, der Degen klar.
Die Schnur blieb unverbunden dran:
Da gefiel er Allen, die ihn sahn.
Da sprach der Kammerwärter klug:
»Repans de Schoi wars, die ihn trug,
Meine Frau, die Königin.
Er sei euch von ihr geliehn,
Denn euch ist noch kein Kleid geschnitten.
Wohl mocht ich sie's mit Ehren bitten,
Denn ihr seid ein werther Mann,
Wenn ichs recht ermeßen kann.«
»Gott lohn euch, Herr, daß ihr mir traut.
Wenn ihr recht mich beschaut,
[310]
So war das Glück mir immer hold:
Gottes Kraft giebt solchen Sold.«
Man schenkt' ihm ein und pflegt' ihn so,
Die Traurgen waren mit ihm froh;
Ein Jeder bot ihm Lieb und Ehr.
Da war auch aller Fülle mehr
Als er zu Pelrapäre fand,
Das von Kummer schied des Helden Hand.
Sein Rüstzeug war beiseit getragen:
Das wollt er jetzo schier beklagen,
Da er Scherzes hier sich nicht versah.
Allzu vorlaut mahnte da
Ein immer wortreicher Mann
Den edeln Fremdling wohlgethan
Zum Wirth, als spräch er es im Zorn.
Das Leben hätt er schier verlorn
Von dem jungen Parzival.
Da er sein Schwert von lichtem Stahl
Nicht mehr bei sich liegen fand,
Da zwang er so zur Faust die Hand,
Daß den Nägeln Blut entschoß
Und ihm den Aermel übergoß.
»Nicht doch, Herr,« sprach die Ritterschaft,
»Dieser Mann uns gern zu lachen schafft,
[311]
Wie traurig wir auch anders sei'n;
So mögt ihr wohl ihm freundlich sein.
Ihr habt nichts andres vernommen,
Als der Fischer sei gekommen.
Geht hin, ihr seid sein werther Gast;
Schüttet ab des Zornes Last.«
Hundert Kronen niederhiengen
In dem Saal, zu dem sie giengen,
Mit vielen Kerzen besteckt;
So war auch rings überdeckt
Mit kleinen Kerzen die Wand.
Hundert Ruhebetten fand
Man an den Seiten aufgeschlagen,
Darauf hundert Kissen lagen.
Je vier Gesellen trug ein Sitz;
Die Plätze unterschied ein Schlitz.
Davor ein Teppich bilderhell:
Le Fils dü Roi Frimutel
Besaß doch Reichthum unermeßen.
Eines Dings war nicht vergeßen:
Sie hatte nicht das Gold gedauert,
Von Marmor waren aufgemauert
Drei viereckge Feuerrahmen.
Da brannt ein Holz, daß man mit Namen
Nannte lignum aloe.
[312]
Wer hat so große Feuer je
Hier gesehn zu Wildenberg?
Es war fürwahr ein kostbar Werk.
Der kranke Wirth selber hat
Vor der mittlern Feuerstatt
Auf einem Spannbett Platz genommen.
Zum Bruche war's gekommen,
Zwischen ihm und der Freude;
Sein Leben war ein morsch Gebäude.
In den Saal gegangen
Ward da gar wohl empfangen
Von dem, der ihn dahin gesandt,
Parzival der Weigand.
Ihn ließ der Wirth nicht lange stehn,
Er bat ihn, nah heran zu gehn
Und zu sitzen: »hier an meine Seite;
Wies' ich euch in größre Weite,
Das hieß' euch allzu fremd gethan.«
So sprach der jammersreiche Mann.
Des Wirthes Siechthum heischte leider
Große Feur und warme Kleider.
Weit und lang, von Zobel fein,
So muste aus und innen sein
Der Mantel und der Pelz darauf.
Der geringste Balg war theur zu Kauf
[313]
Schwarz- und Grauwerk fand man da.
Um das Haupt de Wirthes sah
Man die gestreifte Mütze gehn,
Von Zobel, theuer zu erstehn.
Arabsche Borten giengen
Oben in goldnen Ringen,
Und von der Spitze nieder schien
Als Knopf ein leuchtender Rubin.
Ritter saßen da genug,
Als man Jammer vor sie trug.
Herein zur Thür ein Knappe sprang,
Eine Lanze trug er, die war lang,
(Die Sitte war zur Trauer gut);
Die Schneide nieder tropfte Blut
Und lief am Schaft bis auf die Hand,
Wo es am Aermel verschwand.
Da ward geweint überall
Und geschrien in dem Saal,
Daß dazu mit Kehl und Augen
Kaum dreißig Völker möchten taugen.
Also trug er den Sper
An den vier Wänden umher
Bis wieder zu des Saales Thür,
Wo der Knappe sprang hinfür.
Da war des Volkes Noth gestillt,
[314]
Das erst von Jammer stand erfüllt,
Da es die Lanze hatt erkannt,
Die der Knappe trug in seiner Hand.
Mag es euch nicht verdrießen,
Will ich die Mär erschließen,
Daß ihr vernehmet und erfahrt,
Wie herrlich da gedienet ward.
Zu Ende an dem langen Saal
Auf gieng eine Thür von Stahl:
Zwei werthe Kinder traten ein;
Vernehmt, wie die geschaffen sei'n:
Daß sie wohl gäben Minnesold,
Wem sie um Dienste würden hold.
Das waren Jungfrauen klar,
Kränzlein über bloßem Haar:
Die Blumen hielt ein lichtes Band.
Jedwede trug in der Hand
Einen Leuchter von Gold.
Ihr Haar in blonden Locken rollt.
Auf jedem Leuchter brennt ein Licht.
Vergeßen wollen wir nicht
Von der Jungfraun Kleid zu sagen,
Das sie vor den Rittern tragen.
Die Gräfin von Tenabrock,
Von braunem Scharlach war ihr Rock;
[315]
So war auch ihr Gespiel geziert.
Das weite Kleid war affischiert
Mit zweien Gürteln, da wo schlank
Die Frauen sind und schmal und schwank.
Hinzu tritt eine Herzogin
Und ihr Gespiel. Sie trugen hin
Kleiner Stollen zween von Helfenbein.
Ihr Mund gab feuerrothen Schein.
Alle Viere neigten sich;
Nun setzten zwo behendiglich
Vor den Wirth die Stollen hin;
Das war ihr Dienst, wie es schien.
Dann traten sie gepaart zurück
Und waren klar und hell von Blick.
Die Viere trugen gleiches Kleid.
Nun versäumen nicht die Zeit
Andrer Frauen zweimal vier.
Was hatten die zu schaffen hier?
Vier musten große Kerzen tragen;
Die andern durftens nicht versagen,
Sie trugen einen theuern Stein,
Die Sonne warf hindurch den Schein.
Sein Namen ist uns wohl bekannt:
Es war ein Granatjachant,
[316]
So lang und breit, daß ers wohl litt,
Als ihn so dünne zerschnitt,
Der zum Tischblatt ihn zersägte,
An dem der Wirth zu eßen pflegte.
Die Jungfraun traten alle acht
Vor den Wirth, indem sie sacht
Wie zum Gruß ihr Haupt bewegten.
Die Viere dann die Tafel legten
Auf der Stollen schneeweiß Helfenbein,
Das zuvor getragen war herein.
Man sah sie züchtig wieder gehn
Und bei den ersten vieren stehn.
Röcke grün wie Gras zu schauen
Trugen diese acht Frauen
Aus edelm Sammt von Aßagauch,
Lang und weit, so wars Gebrauch.
Ein theurer Gürtel schmal und lang
In der Mitte sie zusammen zwang.
Dieser acht Jungfrauen klug
Auf dem Haupt Jegliche trug
Ein Blumenkränzlein wohlgethan,
Von Nonel der Graf Iwan
Und Jernis, der Herr von Reile,
Ihre Töchter über manche Meile
Hatte der Gral in Dienst genommen.
[317]
Man sah die Jungfrauen kommen
In gar wonniglichem Staat.
Zwei Meßer, schneidig wie ein Grat,
Trugen die Jungfrauen hehr
Auf zwo Zwickeln daher.
Von Silber ist die Kling und weiß,
Und nicht versäumt von Künstlerfleiß,
Geschärft, gewetzt zu solcher Glätte,
Daß es wohl Stahl geschnitten hätte.
Vor dem Silber trugen Frauen werth,
Die auch der Gral zum Dienst begehrt,
Lichter, daß es heller sei,
Vier Kinder alles Tadels frei.
So giengen diese Sechse nun:
Höret, was sie sollen thun.
Sie grüßten. Zwei Jungfräulein
Trugen auf der Tafel Schein
Das Silber, legten es da nieder.
Dann giengen sie mit Züchten wieder
Zu den ersten Zwölfen hin.
Wenn ich recht berichtet bin,
Hier sollen achtzehn Frauen stehn.
Nun sieht man neue sechse gehn
In Kleidern, die man schwer bezahlt;
Es war zur Hälfte Plialt,
[318]
Zur Hälfte Pfell von Ninnive.
Sie und die Sechse, der ich eh
Erwähnt, getheilt war ihre Tracht,
Jeder Theil aus anderm Stoff gemacht.
Nach diesen kam die Königin.
Ein Glanz von ihrem Antlitz schien,
Sie wähnten all es wolle tagen.
Ein Kleid sah man die Jungfrau tragen
Von Pfellel aus der Arabie.
Auf grünem Kissen von Achmardi
Trug sie des Paradieses Fülle
So den Kern wie die Hülle.
Das war ein Ding, das hieß der Gral,
Irdschen Segens vollster Stral.
Repanse de Schoie hieß
Von der der Gral sich tragen ließ.
Der Gral war von solcher Art:
Sie hat das Herz sich rein bewahrt,
Der man gönnt des Grals zu pflegen:
Sie durfte keine Falschheit hegen.
Lichter kamen vor dem Gral:
Die waren schön und reich zumal.
Sechs lange Gläser hell und klar,
Drin brannte Balsam wunderbar.
[319]
Da sie gemeßnen Schritts herfür
Zur Tafel kamen von der Thür,
Die Königin verneigte sich
Und jede Jungfrau züchtiglich,
Die da Balsamgläser trug.
Die Köngin ohne Falsch und Trug
Setzte vor den Wirth den Gral.
Die Märe spricht, daß Parzival
Sie hab andächtig lang beschaut,
Der der Gral war anvertraut;
Er hatt auch ihren Mantel an.
Die Sieben giengen sacht hindann
Zu den achtzehn Ersten.
Da nahmen sie alle die Hehrste
Zwischen sich: Zwölf standen ihr
Zu beiden Seiten, sagt man mir.
Da stand die Magd die Krone tragend
Schön aus den Gespielen ragend.
All den Rittern zumal,
Die da saßen in dem Saal
Ließ man von den Kämmerlingen
In goldnen Becken Waßer bringen.
Je vier bediente Einer
Und ein Junker, ein kleiner,
Der eine weiße Zwickel trug.
[320]
Man sah da Reichthum genug.
Der Tafeln musten hundert sein,
Die man zur Thüre trug herein.
Man setzte jegliche hier
Vor der werthen Ritter vier:
Tischlachen blendend weiß
Legte man darauf mit Fleiß.
Der Wirth nun selber Waßer nahm;
Er war an frohem Muthe lahm.
Da wusch sich Parzival zugleich.
Eine seidne Zwickel bilderreich
Hielt ein Grafensohn ihm hin;
Den sah man hurtig niederknien.
Wo eine Tafel war gestellt,
Bier Knappen sah man da gesellt,
Daß sie zu dienen nicht vergäßen
Denen, die an ihr säßen.
Zweene musten knieend schneiden;
Die andern durftens nicht vermeiden,
Sie trugen Speis' und Trank herbei
Und dienten ihnen nach der Reih.
Hört mehr von Reichthum sagen.
Vier Karossen musten tragen
[321]
Manchen Becher goldenklar
Jedem Ritter, der zugegen war.
Die wurden rings umher gerollt;
Von vier Rittern ward das Gold
Auf die Tafeln hingesetzt.
Ein Schaffner folgte zuletzt;
Dem war es aufgetragen,
Alles wieder in den Wagen
Zu setzen, wenn gedienet wäre.
Nun vernehmet andre Märe.
Hundert Knappen man gebot,
Daß sie in weiße Zwickeln Brot
Knieend nähmen vor dem Gral.
Zurück dann traten sie zumal
Und vertheilten vor die Tafeln sich.
Man sagte mir, so sag auch ich
Auf euern eigenen Eid:
Vor dem Grale war bereit
(Sollt ich damit betrügen,
So helfet Ihr mir lügen)
Wonach einer bot die Hand,
Daß er alles stehen fand,
Speise warm, Speise kalt,
Speise neu und wieder alt,
Fisch und Fleisch, Wild und Zahm.
[322]
Es ist kein wahres Wort daran,
Hör ich Manchen sprechen;
Der will sich viel erfrechen,
Denn der Gral war alles Segens Born,
Weltlicher Süße volles Horn:
Es that es dem beinahe gleich
Was man erzählt vom Himmelreich.
In kleine Goldgefäße kam
Was man zu jeder Speise nahm,
Pfeffer, Salz und Agraß.
Der Genügsame, der Fraß,
Alle hatten da genug;
Höflich man es vor sie trug.
Moraß, Wein, Sinopel roth,
Wonach den Napf ein Jeder bot,
Was er Trinkens mochte nennen,
Das konnt er drin erkennen,
Alles durch des Grales Kraft.
Die herrliche Genoßenschaft
Ward bewirthet von dem Gral.
Wohl bemerkte Parzival
Den Reichthum und das große Wunder;
Doch nicht zu fragen unterstund er.
Er gedachte: »Treulich rieth
Mir Gurnemans, bevor ich schied,
[323]
Viel zu fragen sollt ich meiden;
Man wird mich hier wohl auch bescheiden
Wie es dort bei ihm geschah.
So hör ich ohne Frage ja
Wie es um diese Leute steht.«
Wie er so dachte, sieh, da geht
Ein Knappe her und bringt ein Schwert,
Die Scheide tausend Marken werth;
Das Gehilz war ein Rubin;
Auch war die Klinge wie es schien,
Großer Wunder Thäterin.
Seinem Gaste gab der Wirth es hin
Und sprach: »Es half mir in der Noth
Manchesmal, bevor mich Gott
So schwer am Leibe hat verletzt.
Ich hoffe, daß es euch ersetzt
Was hier fehlt an eurer Pflege;
Führt es künftig allewege:
Ihr seid, erkennt ihr seine Art,
Im Streite wohl damit verwahrt.«
Weh, daß er da vermied zu fragen!
Das muß ich noch für ihn beklagen.
Denn da das Schwert ihm ward gegeben,
Das mahnt' ihn, Frage zu erheben.
Auch jammert mich sein edler Wirth,
[324]
Daß er der Qual nicht ledig wird,
Der ihn enthoben hätte Fragen.
Nun war hier sattsam aufgetragen.
Die's angieng, griffens wieder an
Und trugen das Geschirr hindann.
Die vier Karossen lud man da;
Jedes Fräulein seinen Dienst versah,
Erst die letzten, dann die ersten.
Sie traten alle mit der Hehrsten
Wieder hin zu dem Gral.
Vor dem Wirth und Parzival
Verneigte sich die Königin
Und all die Jungfraun wie vorhin
Und trugen wieder aus der Thür
Was sie mit Zucht gebracht herfür.
Parzival blickt ihnen nach:
Da sieht er in dem Vorgemach
Eh sie die Thüre zuthun,
Auf einem Spannbette ruhn
Den allerschönsten alten Mann,
Des er Kunde je gewann.
Ich greif es traun nicht aus der Lust,
Er war noch grauer als der Duft.
[325]
Wer der Greis gewesen,
Das hört ihr künftig lesen,
Dazu der Wirth, die Burg, das Land,
Die werden euch von mir genannt
Künftig, wenn es an der Zeit,
Bescheidentlich, ohn allen Streit,
Und sogleich, unverzogen.
Die Sehne sag ich sonder Bogen.
Die Sehne dient zum Gleichniss hier.
Behende scheint der Bogen dir,
Doch ist schneller was die Sehne jagt.
Hab ichs nicht unbedacht gesagt,
So gleicht die Sehne schlichten Mären,
Womit wir gern zufrieden wären;
Denn wer die Krümme wandelt viel,
Der führt uns allzuspät ans Ziel.
Wenn ihr den Bogen spannen saht,
Erst war die Sehne schlicht und grad;
Sie muß sich dehnen, muß sich biegen,
Soll der Schuß zum Ziele fliegen.
Doch Wer die Märe schießt dem Thoren,
Der hat sein Dehnen auch verloren:
Sie findet nirgend eine Statt
Und gar geräumigen Pfad
Zu einem Ohr ein, zum andern aus.
[326]
Lieber bleib ich zu Haus,
Als daß ich den mit Mären dränge,
Denn ich sagte oder sänge
Beßer wahrlich einem Bock
Oder einem morschen Stock.
Ich will euch ferner doch bedeuten
Von den jammerhaften Leuten,
Die hier besucht hat Parzival.
Mn vernahm da selten Freudenschall,
Weder Tanz noch Ritterspiel.
Ihrer Trübsal war so viel,
Sie dachten auf Erholung nicht.
Oft wohnt die Volkszahl minder dicht,
Doch thut ihr manchmal Freude wohl;
Hier waren alle Winkel voll
Und auch der Hof, wo man sie sah.
Der Wirth sprach zu dem Gaste da:
»Nun ist eur Bette wohl bereit,
Drum rath ich, wenn ihr müde seid,
Euch zur Ruhe zu begeben.«
Nun sollt ich Zeterschrei erheben
Um ihr so gethanes Scheiden!
Hir wächst Unheil ihnen beiden.
Vor des Wirthes Bette trat
Auf den Teppich hin und bat
[327]
Um den Urlaub Parzival;
Gute Nacht ihm bot der Wirth zumal.
Auf sprang die Ritterschaft in Eil;
Ihn zu geleiten kam ein Theil.
Da führten sie den jungen Mann
In ein Schlafgemach hindann:
Das war also ausstaffiert,
Mit einem Bette geziert,
Daß mich die Armut schmerzlich müht,
Da der Erde solcher Reichthum blüht.
Dem Bett war Armut theuer;
Als glüht' er im Feuer
Gab drauf ein Pfellel lichten Stral.
Die Ritter bat da Parzival,
Sie möchten auch zur Ruhe gehn;
Denn Ein Bett sah er hier nur stehn.
Mit Urlaub giengen sie hindann.
Hier hebt ein andrer Dienst sich an.
Viel Kerzen und sein klar Gesicht
Wetteifernd gaben helles Licht:
Wie möchte heller sein der Tag?
Vor seinem Bett ein andres lag,
Ein Polster drauf; da setzt' er sich.
Jungherren gar behendiglich
[328]
Entschuhn ihm Beine, die sind blank:
Mancher ihm zu Hülfe sprang.
Auch zog ihm seine Kleider ab
Mancher wohlgeborne Knab:
Es waren schmucke Herrlein.
Zur Thüre traten jetzt herein
Vier klare Jungfrauen,
Die man gesandt zu schauen,
Ob man ihn wohl verpfläge,
Und ob er sanft gebettet läge.
Die Märe meldet sonder Trug,
Eine helle Kerze trug
Ein Knappe Jeglicher voran.
Parzival der schnelle Mann
Sprang unters Decklachen.
Sie sprachen: »Ihr sollt wachen
Uns zu Lieb noch eine Weile.«
Verborgen in der Eile
Hatt er unterm Bett sich ganz;
Nur seines Antlitzes Glanz
Gab ihren Augen Hochgenuß
Eh sie empfiengen seinen Gruß.
Ihnen schufen auch Gedanken Noth,
Daß sein Mund ihm war so roth
Und daß vor Jugend Niemand wahr
Da nahm auch nur ein halbes Haar.
[329]
Diese vier Jungfrauen klug,
Hört was Jegliche trug:
Moraß, Wein und Lautertrank
Trugen drei auf Händen blank;
Die vierte Jungfraue weis
Trug Aepfel aus dem Paradeis
Auf blanker Zwickel hin vor ihn.
Diese sah man niederknien.
Er hieß das Mägdlein sitzen:
Sie sprach: »Laßt mich bei Witzen;
Ich könnt euch sitzend nicht bedienen,
Und darum sind wir hier erschienen.«
Süßer Red er nicht vergaß;
Der Herr trank, einen Theil er aß,
Dann giengen sie mit Urlaub wieder.
Da legte Parzival sich nieder.
Die Junker setzten vor ihn
Die Kerzen auf den Teppich hin,
Da sie ihn entschlafen sahn;
Also eilten sie hindann.
Parzival lag nicht allein:
Gesellt bis zu des Morgens Schein
War ihm strenges Herzeleid.
Alles künftige Leid
Hat Boten ihm vorausgesandt,
[330]
Daß Schreck den Blühnden übermannt;
Seine Mutter bracht einst so in Noth
Der Traum von Gahmuretens Tod.
So verbrämt war ihm der Traum,
Mit Schwertschlägen um den Saum,
Mit Tjosten oben reich gestickt:
Von Lanzen auf sein Herz gezückt
Litt er im Schlafe manchmal Noth.
Lieber zwanzigmal den Tod
Hätt er dulden mögen wach:
So gab den Sold ihm Ungemach.
Der Aengstigungen Strenge
Must ihn wecken auf die Länge.
Ihm schwitzten Adern und Gebein.
Auch drang der Tag durchs Fenster ein.
Da sprach er: »Weh, wo sind die Kinde,
Daß ich sie nicht vor mir finde?
Wer soll mir reichen mein Gewand?«
So erharrte sie der Weigand
Bis er abermals entschlief.
Niemand sprach, Niemand rief,
Sie blieben all verborgen.
Wieder zu Mitte Morgen
War erwacht der junge Mann;
Vom Bette sprang er schnell hindann.
[331]
Auf dem Teppich sah der Werthe
Seine Rüstung liegen und zwei Schwerte:
Eins das der Wirth ihm geben ließ,
Das andre war von Gahevieß.
Da hub er zu sich selber an:
»Weh, wer hat mir dieß gethan?
Gewiss, ich soll mich wappnen drein.
Ich litt im Schlafe solche Pein;
Wachend ist mir Arbeit
Heute sicher auch bereit.
Wenn diesen Wirth ein Feind bedroht,
So leist ich gerne sein Gebot,
Und Ihr Gebot mit Treuen,
Die den Mantel, diesen neuen,
Mir geliehen hat aus Güte.
Stünd also ihr Gemüthe,
Daß sie Dienst von mir begehrte,
Wie gern ich den gewährte!
Doch nicht um Minnelohns Gewinn,
Denn mein Weib die Königin
Ist von Antlitz wohl so klar
Wie sie, und klarer, das ist wahr.«
Er hilft sich selber, weil er muß,
Wappnet sich von Haupt zu Fuß,
Daß er fertig sei zum Streite;
[332]
Zwei Schwerter schnallt er an die Seite.
Der werthe Degen gieng hinaus;
Da war sein Ross vor dem Haus
Angebunden, Schild und Sper
Stand dabei; das freut' ihn sehr.
Eh Parzival der Weigand
Sich des Rosses unterwand,
Der Held in manche Kammer lief,
Wo er nach den Leuten rief.
Niemand hörte, sah er da,
Daran ihm großes Leid geschah.
Der Degen kam in übeln Zorn.
Da lief er in den Burghof vorn,
Wo er gestern stieg vom Pferde.
Da war Gras und Erde
Von manchem Hufschlag berührt
Und der Thau hinweggeführt.
Der junge Mann mit lautem Rufen
Kehrte zu des Hauses Stufen.
Mit manchem Scheltworte
Sprang er zu Ross. Die Pforte
Fand er weit offen stehn
Und große Stapfen aus ihr gehn.
Die Brücke war hinab gelaßen:
[333]
Hinüber ritt er seiner Straßen.
Ein verborgner Knappe zog das Seil:
Der Schlagbrücke Vordertheil
Brachte schier sein Ross zu Fall.
Das Haupt wandte Parzival:
Da wollt er gerne sich befragen:
»Der Sonne Haß sollt ihr tragen«
Sprach der Knapp. »Ihr seid 'ne Gans.
Hättet ihr gerührt den Flans
Und hättet den Wirth gefragt!
Nun bleibt euch großer Preis versagt.«
Der Gast rief um Erklärung:
Da ward ihm nicht Gewährung.
Wie viel er bat, wie lang' er rief,
Der Knappe that, als ob er schlief'
Und schlug die Pforte vor ihm zu.
Allzu früh für seine Ruh
Schied da hinweg, der nun mit Leid
Entgalt seiner frohen Zeit:
Die blieb ihm nun verborgen.
Er hatt um schwere Sorgen
Gedoppelt, als den Gral er fand,
Mit seinen Augen, ohne Hand
Und ohne Würfel zumal.
Weckt ihn Kummer nun und Qual,
[334]
Des war er früher ungewohnt;
Ihn hatte Trübsal noch verschont.
Parzival verfolgte da
Die Hufspur, die er vor sich sah.
»Die vor mir,« dacht er, »reiten,
Die werden mannlich streiten
Heut um des Wirthes Ehre.
Sie verschmähns, sonst wäre
Ihre Schar mit mir just nicht geschwächt:
Ich wollt in keinem Gefecht
Von ihnen weichen in der Noth,
Daß ich verdiente mein Brot,
Und dieß wonnigliche Schwert,
Das ihr Herr mir hat verehrt,
Und das ich unverdient noch trage.
Sie wähnen wohl, ich wär ein Zage.«
Der aller Falschheit that entgegen,
Hielt sich an den Hufschlägen.
Daß er so scheidet, jammert mich;
Nun erst aventürt es sich.
Die Fährt allmählich ihm zerrann:
Hier schieden, die ihm sind voran.
Die Spur ward schmal, erst war sie breit,
Er verlor sie ganz: das war ihm leid.
[335]
Da erfuhr der junge Mann,
Davon er Herzeleid gewann.
Der kühne Degen ohne Zagen
Hört' eine Frauenstimme klagen.
Naß von Thau noch war das Gras.
Vor ihm auf einer Linde saß
Ein Weib, die Treu gebracht in Noth.
Gebalsamt lag ein Ritter todt
Ihr zwischen beiden Armen.
Wollt es Einen nicht erbarmen,
Der sie so säh in Schmerzen,
Das geschäh aus falschem Herzen.
Sein Ross der Ritter zu ihr wandte,
Der sie immer nicht erkannte:
Sie war doch seiner Muhme Kind.
Was irdsche Treue nur ersinnt,
Das ward vor ihrer Treu zunicht.
Nun grüßt sie Parzival und spricht:
»Herrin, mir ist herzlich leid,
Daß ihr so bekümmert seid.
Könnt euch mein Dienst davon befrein,
Zu euerm Dienste wollt ich sein.«
Sie dankt' ihm mit des Jammers Sitten
Und frug: »Wo kommt ihr hergeritten?«
[336]
Sie sprach: »Es folgte schlimmem Rath
Wer noch je die Reise that
Her in diesen öden Wald.
Unkundem Gaste mag da bald
Großen Schadens viel geschehn;
Gehört oft hab ich und gesehn
Von Leuten, die den Tod hier nahmen
Und wehrlich doch zu sterben kamen.
Hinweg, wenn ihr das Leben liebt!
Nur sagt, wo diese Nacht ihr bliebt?«
»Eine Meile nur von hier, nicht mehr,
Steht eine Burg, wie keine hehr
Durch alle Pracht und Herrlichkeit:
Die ließ ich erst vor kurzer Zeit.«
Sie sprach: »Der euch Vertraun will schenken,
Den sollt ihr nicht mit Lügen kränken.
Eur Schild muß euch als fremd bekunden;
Ihr hättet Wald zuviel gefunden
Von gebautem Lande hergeritten.
Dreißig Meilen weit ward nie verschnitten
Zu einem Hause Holz noch Stein.
Nur Eine Burg steht dort allein,
Reich an Allem was die Erde preist.
Wer die zu suchen sich befleißt,
Der kann sie leider niemals finden:
[337]
Doch sind Viele, die sichs unterwinden.
Es muß unwißend geschehn
Soll Jemand die Burg ersehn.
Die ist euch, Herr, wohl nicht bekannt.
Monsalväsch ist sie genannt.
Terre de Salväsch geheißen wird
Das Reich, wo Krone trägt der Wirth.
Vererbt einst hat es Titurel
Seinem Sohn, dem König Frimutel:
So hieß der werthe Weigand;
Den Preis erwarb oft seine Hand.
Auch gab ihm eine Tjost den Tod,
Den ihm die Minne gebot.
Vier werthe Kinder ließ er nach:
Drei haben Gut, doch Ungemach;
Der vierte wählte Armut:
So büßt er seinen sündgen Muth;
Er heißt mit Namen Trevrezent.
Anfortas sein Bruder lehnt,
Denn sitzen kann er nicht noch gehn,
Auch weder liegen noch stehn,
Der auf Monsalväsche wohnt;
Groß Unheil hat ihn nicht verschont.«
Sie sprach: »Wenn ihr gekommen wärt
Zu der Schar, die Gram beschwert,
[338]
Vielleicht wär nun der Wirth befreit
Von seinem lang getragnen Leid.«
Zu der Jungfrau sprach der Waleis laut:
»Groß Wunder hab ich da geschaut
Und viel Frauen wohlgethan.«
An der Stimm erkannte sie den Mann.
Da sprach sie: »Du bist Parzival.
Nun sage, sahest du den Gral
Und den Wirth, den Freudeleeren?
Laß liebe Kunde hören.
Ist sein Jammer noch zu stillen,
Wohl dir, der sel'gen Reise willen!
So weit die Lüfte Land umfangen,
So weit soll deine Hoheit langen.
Dir dienet Alles, Zahm und Wild,
Aller Erdenwunsch ist dir gestillt.«
Parzival der Weigand
Sprach: »Woran habt ihr mich erkannt?«
Da sprach sie: »Sieh, ich bins, die Magd,
Die dir ihr Leid schon hat geklagt,
Dir deinen Namen nannte.
Verschmäh nicht die Verwandte:
Deine Mutter ist mir Muhme,
Aller Erdenreinheit Blume,
Ob lautern Thau sie nie empfieng.
[339]
Gott lohn's, daß dir so nahe gieng
Mein Freund, den eine Tjost mir schlug.
Hier hab ich ihn. Noth genug
Hat mir Gott an ihm gegeben,
Daß er nicht länger sollte leben.
Er war reich an Mannesgüte:
Aus seinem Tod mein Leid erblühte;
Auch hat sich mir von Tag zu Tage
Schmerzlich um ihn erneut die Klage.«
»O weh, wo blieb dein rother Mund!
Bist dus, Sigune, die mir kund
That so getreulich, wer ich war?
Dein lockig langes braunes Haar,
Das ist von deinem Haupt geschwunden.
Da ich dich in Briziljan gefunden,
Da warst du noch so minniglich,
Obwohl schon Jammer warb um dich.
Jetzt verlorst du Farb und Kraft.
Dieser traurigen Gesellschaft
Verdröße mich, sollt ich sie haben:
Laß diesen Todten uns begraben.«
Die Augen näßten ihr das Kleid.
Auch hätt ihr wohl zu keiner Zeit
Lunete solchen Rath gegeben.
Die rieth der Herrin: »Laßt am Leben
[340]
Diesen Mann, der euern schlug:
Er giebt euch wohl Ersatz genug.«
Sigune wollte kein Ersetzen
Wie Fraun, die Wechsel mag ergetzen,
Die mir zu nennen nicht behagen.
Hört mehr Sigunens Treue sagen.
Die sprach: »Soll mir noch Freude werden,
Die wird mir, wenn Ihn die Beschwerden
Laßen, den unselgen Mann.
Sollt er Hülf von dir empfahn,
Fürwahr, so bist du Preises werth;
Du trägst am Gürtel auch sein Schwert.
Kennst du auch des Schwertes Gaben?
Du magst zum Streit wohl furchtlos traben.
Ihm liegen seine Schärfen recht.
Ein Schmied von edelm Geschlecht,
Trebüschet, schufs mit eigner Hand.
Ein Brunnen steht bei Karnant;
Drum heißt des Landes König Lach.
Das Schwert besteht den ersten Schlag,
Doch von dem andern brichts entzwei.
Bringst du's zum Brunnen, wieder neu
Wird es von des Waßers Guß.
Doch von der Quelle nimm den Fluß,
Am Fels, eh ihn beschien der Tag.
[341]
Der Brunnen heißt auch selber Lach.
Wenn nicht versplittert sind die Stücken,
Man muß sie recht zusammendrücken
Indem der Brunnen sie benetzt;
Ganz und noch viel schärfer jetzt
Wird gleich ihm Falz und Schneide sein
Und jedes Mal behält den Schein.
Doch das Schwert bedarf ein Segenswort:
Das fürcht ich, ließest du dort.
Hat's jedoch dein Mund gelernt,
So gedeiht und wächst und kernt
Des Heiles Fülle stäts bei dir.
Lieber Vetter, glaube mir,
So dienet immer deiner Hand
Was Wunders dort dein Auge fand;
So muß dir die Krone
Des höchsten Heils zum Lohne
Ob allen Würdgen werden;
Was man wünschen mag auf Erden
Wird dir völlig gegeben:
So reich mag Niemand leben,
Der sich dir vergleichen kann,
Hast du der Frag ihr Recht gethan.«
»Keine Frage,« sprach er, »that ich da.«
»O weh, daß euch mein Auge sah,«
[342]
Sprach die jammersreiche Magd,
»Da ihr zu fragen habt gezagt!
So große Wunder, wie ihr saht,
Daß eur Mund da keine Frage that!
Ihr sahet doch den hehren Gral,
Saht edler Frauen reiche Zahl,
Die werthe Garschiloie
Und Repans de Schoie,
Schneidendes Silber, blutgen Sper.
O weh, was kommt ihr zu mir her?
Unseliger, verfluchter Mann!
Ihr tragt des giftgen Wolfes Zahn,
An dem die Galle bei der Treue
So früh sich zeigt zu später Reue.
Euch hätt eur Wirth erbarmen sollen,
An dem Gott Wunder wirken wollen:
So fragtet ihr nach seiner Noth.
Ihr lebt und seid am Heile todt.«
Da sprach er: »Liebe Base, zeigt
Beßer, daß ihr mir geneigt.
Ich büß es, wenn ich was verbrach.«
»Das sei euch erlaßen,« sprach
Sigune. »Mir ist wohl bekannt,
In Monsalväsch an euch verschwand
Ehr und ritterlicher Preis.
[343]
Ihr findet nun in keiner Weis
Antwort fernerhin bei mir.«
So schied Parzival von ihr.
Daß er zu fragen war so laß,
Als er bei dem traurgen Wirthe saß,
Das muste da in Treuen
Den kühnen Degen reuen.
Seine Noth war groß, der Tag war heiß,
Er begann zu triefen von Schweiß.
Den Helm, sich zu lüften, band
Er ab und trug ihn in der Hand;
Auch entstrickt er die Vinteilen sein;
Durch Eisenrost war licht sein Schein.
Er kam auf eine frische Spur:
Vor ihm, wenig Schritte nur,
Gieng ein Ross gar wohl beschlagen,
Und ein barfuß Pferd, das sah man tragen
Eine Frau, die vor ihm ritt
In einem hinkenden Schritt.
Von Mangel schien das Pferd gequält,
Man hätt ihm durch die Haut gezählt
Seine Rippen allzumal:
Wie ein Härmlein war es fahl.
Eine Halfter trugs von Bast,
[344]
Zu den Hufen fiel die Mähne fast,
Die Augen tief, die Gruben weit.
Der Gaul war von langem Leid
Abgequält und abgehetzt;
Oft weckt ihn Nachts der Hunger jetzt.
Er war dürr wie Zunder;
Sein Gehn war ein Wunder,
Zumal die Werthe, die er trägt,
Wohl selten noch ein Pferd gepflegt.
Das Reitgeräthe allzumal
War ohn alle Breite schmal,
Schellen, Sattelbogen
Zerstückt und verbogen.
Sie hatt an Ueppigkeit nicht Theil;
Ihr Obergurt war ein Seil:
Dem war sie doch zu wohlgeborn.
Hier ein Zweig und dort ein Dorn
Hatt ihr das Kleid zerrißen.
Wo's von Zerren war zersplißen,
Da wars geflickt mit Stricken;
Darunter sah er blicken
Ihre Haut noch weißer denn ein Schwan.
Sie hatte nichts als Hadern an:
Wo ihr die geschützt die Haut,
Da wurde sie so blank erschaut;
[345]
Das Uebrige litt von Sonne Noth.
Wie es auch kam, ihr Mund war roth:
Den sah man solche Farbe tragen,
Man hätte Feuer draus geschlagen.
Wo man sie mocht anreiten,
Stäts wars zur bloßen Seiten,
(Nannte sie Einer Vilan
Der hätt ihr Unrecht gethan),
So wenig hatte sie an ihr.
Unverdient, das glaubet mir,
Trug die Frau so großen Haß,
Die nie der reinsten Zucht vergaß.
Noch viel von ihrer Armut
Sagt' ich leicht; es ist schon gut:
Ich nähm doch ihren bloßen Leib
Für manches wohlgeschmückte Weib.
Da Parzival den Gruß ihr bot,
Sie erkannt' ihn gleich und wurde roth.
Er war der schönste Mann im Land,
Drum hatte sie ihn bald erkannt.
Sie sprach: »Ich hab euch einst gesehn;
Groß Leid ist mir davon geschehn.
Möcht euch mehr Freud und Ehren
Gott immerdar gewähren
Als ihr verdient habt an mir.
[346]
Nun hat mein Kleid nicht solche Zier,
Als da ihr mich zuerst ersaht.
Herr, wenn Ihr mir nicht genaht
Wäret zu derselben Zeit,
So hätt ich Ehre sonder Leid.«
Da sprach er: »Frau, bedenkt es wohl,
Wer euern Unmuth dulden soll.
Nimmer ward (so viel ich weiß)
Euch noch andrer Frau mit Fleiß
Schande zugefügt von mir
(Es wär mir selber keine Zier),
Seit ich den Schild zuerst gewann
Und auf Waffenthaten sann.
Doch muß mich euer Kummer peinen.«
Sie ritt dahin mit lautem Weinen,
Auf die Brüste rann es ihr,
Brüste, wie gedreht so zier,
Sie standen hoch empor und weiß;
Es könnte keines Drechslers Fleiß
Sie schöner bilden sicherlich.
War sie gleich so minniglich,
Sie must' ihn doch erbarmen.
Mit den Händen, mit den Armen
Begann sie sich zu decken
Vor Parzival dem Recken.
[347]
Da sprach er: »Herrin, nehmt um Gott,
Denn ich biet es ohne Spott,
An euern Leib mein Ueberkleid.«
»Herr, und wär das außer Streit,
Daß all mein Glück daran hienge,
So wagt' ich nicht, daß ichs empfienge.
Wollt ihr uns Tödtens machen frei,
So reitet schnell an mir vorbei:
Obwohl ich minder meinen Tod
Beklagen würd als eure Noth.«
»Frau, wer nähm uns wohl das Leben?
Das hat uns Gottes Macht gegeben.
Und heischt' es auch ein ganzes Heer,
So stünd ich doch für uns zu Wehr.«
Sie sprach: »Es heischts ein werther Degen:
Der ist so tapfer und verwegen,
Daß eurer Sechs ihn nicht bestreitet:
Mir ist leid, daß ihr hier bei mir reitet.
Ich bin einmal sein Weib gewesen;
Jetzt taugte mein verkümmert Wesen
Des Helden Dirne nicht zu sein;
So schafft er mir mit Zürnen Pein.«
Da hub er zu der Frauen an:
»Sagt an, Wer ist bei euerm Mann?
Denn flöh ich jetzt nach euerm Rath,
[348]
Das däucht euch selber Missethat.
Bevor ich fliehen lerne,
Ich sterbe wohl so gerne.«
Da sprach die bloße Herzogin:
»Ich bin hier ganz allein um ihn:
Das hilft euch nicht, wenn Streit sich hübe.«
Nichts als Hadern und die Schiebe
War an der Frauen Hemde ganz.
Bei Armut trug sie den Kranz
Weiblicher Zucht in Blüthe.
Sie pflag so reiner Güte,
Daß aller Falsch an ihr verschwand.
Er verstrickte der Vinteilen Band,
Den Helm er mit den Schnüren,
Zum Kampf ihn zu führen,
Auf dem Haupt zurechte rückte.
Das Ross, das sich bückte,
Schrie dem Pferde zu mit lautem Schall.
Der da ritt vor Parzival
Und vor der bloßen Frauen,
Vernahms, und wollte schauen
Wer bei seinem Weibe ritte.
Das Ross mit Zornessitte
Warf er herum mit aller Kraft.
Mit eingelegtem Lanzenschaft
[349]
Hielt der Herzog Orilus
Zur Tjost bereit, mit festem Schluß
Und rechter mannlicher Wehr.
Von Gahevieß war sein Sper:
Die Farben zeigt' er oft genug,
Die er auch in seinem Wappen trug.
Seinen Helm wirkte Trebüschet.
Der Schild war zu Toled,
In König Kailetens Land,
Geschmiedet diesem Weigand;
Rand und Buckel hatten Kraft.
Zu Alexandrien in der Heidenschaft
War gewirkt ein Pfellel gut,
Davon der Herzog hochgemuth
Trug so Kleid als Wappenrock.
Seine Decke war zu Tenabrock
Aus harten Ringen geschaffen.
Sein Stolz war sichtbar in den Waffen.
Der Eisendecke Bezug
War ein Pfellel, man schlug
Ihn an, daß er nicht wohlfeil wär.
Ihm waren reich und doch nicht schwer
Hosen, Halsberg, Härsenier.
In manches Eisenschillier
War gewappnet dieser kühne Mann,
[350]
Gewirkt zu Bealzenan,
In der Hauptstadt von Anschau.
Die Kleider dieser bloßen Frau
Glichen Seinen nicht in Stoff und Schnitt,
Die hinter ihm so traurig ritt,
Und es leider jetzt nicht beßer hatte.
Von Soissons war die Harnischplatte;
Sein Ross war von Brumbane
De Salwäsch bei der Montane;
In einer Tjost Roi Lähelein
Erwarb es da, der Bruder sein.
Parzival war auch bereit:
Galoppierend ritt er in den Streit
Gegen Orilus de Lalander.
Auf dessen Schilde fand er
Einen Wurm, als ob er lebte.
Ein andrer Drache schwebte
Auf seinen Helm gebunden;
Drachen wurden auch gefunden
Goldgetrieben, zierlich klein
(Mit manchem kostbaren Stein
War ein jeder ausgeschmückt,
Von Rubin ihm Augen eingedrückt)
Auf dem Helm und auf dem Kleid.
Den Anlauf nahmen da weit
[351]
Die beiden Helden unverzagt.
Von keinem ward erst widersagt,
Weil sie der Treu schon ledig waren.
In die Lüfte sah man fahren
Starke Splitter von den Schäften.
Mein Ehrgeiz käm zu Kräften,
Hätt ich solche Tjost gesehn
Wie hier die Märe läßt geschehn.
Da ward in vollem Lauf geritten
Und eine neue Tjost gestritten.
Sich gestand Frau Jeschute
Nie sah sie Tjost so gute.
Die hielt da, rang die Hände;
Die freudenlos elende
Gönnte beiden keinen Schaden.
Im Schweiß sah man die Rosse baden.
Sie wollten beide Preis erringen.
Den Glanz der blitzenden Klingen,
Das Feur, das aus den Helmen sprang
Bei manchem kräftigen Schwang,
Sah man leuchten fern und nah.
Die besten Kämpfer waren da
Im Kampf zusammen gekommen,
Mög es schaden, möge frommen
Den Kühnen kampferfahren.
[352]
Wie bereit die Rosse waren,
Darauf sie beide saßen,
Des Sporns sie nicht vergaßen,
Noch des Schwerts von lichtem Stahl.
Preis verdient hier Parzival,
Daß er sich also wehren kann
Vor hundert Drachen, Einem Mann.
Der Drachen Einer ward versehrt,
Mit mancher Wunde beschwert:
Der auf Orilus Helme lag.
So durchleuchtig, daß der Tag
Hindurch warf seinen vollen Schein,
Stob nieder mancher Edelstein.
Das ergieng zu Ross und nicht zu Fuß.
Jeschuten ward des Mannes Gruß
Wieder erobert mit dem Schwert
Durch diesen Degen kühn und werth.
Im Anritt sie einander schoben,
Daß die Ringe von den Knien zerstoben,
Ob sie gleich von Eisen waren.
Sie wusten kampflich zu gebahren.
Dem Einen reizt' es den Zorn,
Daß seiner Frauen wohlgeborn
Jüngst Gewalt war geschehn,
Die ihn zum Vogt doch hatt ersehn;
[353]
Ihm war ihr Schutz und Schirm verliehn.
Er wähnt', ihr weiblicher Sinn
Hätte sich von ihm gekehrt,
Also daß sie hätt entehrt
Keuschheit und Reine
In verbotenem Vereine.
Das verzieh er ihr nicht;
Auch ergieng sein Gericht
So über sie, daß größre Noth
Kein Weib noch litt, bis auf den Tod,
Und Alles doch ohn ihre Schuld.
Er durft ihr freilich seine Huld
Versagen, wenn er wollte;
Niemand ihn hindern sollte,
Da der Mann des Weibes Meister ist.
Doch unser Held, der das vergißt,
Jeschuten mit dem Schwerte
Orilusens Huld begehrte.
Sonst pflegt mans gütlich zu erbitten;
Doch Er vergaß der Schmeichelsitten.
Unrecht haben Beide nicht.
Der was krumm ist und was schlicht
Erschuf, der möge beiden
Den Kampf so gnädig scheiden,
Daß es ohne Tod ergehe;
Sie thun doch sonst sich wehe.
[354]
Nun stieg der Kampf zur Härte.
Sie wehrten mit dem Schwerte
Kühn den Preis einander.
Dük Orilus de Lalander
Stritt nach früh erlernten Sitten.
Wo hat ein Mann so viel gestritten?
Er hatte Kunst genug und Kraft;
Drum war er manchmal sieghaft
Geworden, wie es heut auch gieng.
Das gab ihm Muth: er umfieng
Den jungen starken Parzival.
Doch der ergriff auch ihn zumal
Und hob ihn aus dem Sattel so:
Wie eine Garbe Haferstroh
Hielt er ihn untern Arm geschwungen,
Und schnell mit ihm vom Ross gesprungen
Drückt' er ihn über einen Klotz.
Da ließ besiegt von seinem Trotz,
Der solcher Noth war ungewohnt.
»Du büßest, daß so übel lohnt
Dieser Frau dein blöder Zorn.
Sieh, nun bist du verlorn,
Wenn du ihr deine Huld nicht schenkst.«
»Das geht so schnell nicht als du denkst,«
Sprach der Herzog Orilus:
»Noch zwingt mich nichts zu solchem Schluß.«
[355]
Parzival der werthe Degen
Drückt' ihn, daß des Blutes Regen
Aus dem Helme kam gesprungen.
Da war der Fürst bezwungen,
Man mochte viel von ihm erwerben:
Er wollte doch nicht gerne sterben.
Der Held zu Parzival begann:
»Weh, du kühner starker Mann,
Wie verdient' ich solche Noth,
Durch dich zu sterben den Tod?«
»Ich will dich gerne laßen leben,«
Sprach Parzival, »doch must du geben
Dieser Frauen deine Huld.«
»Das thu ich nimmer: ihre Schuld
Ist so, daß man sie nie verzeiht.
Sie war so reich an Würdigkeit:
Die hat sie selber gekränkt
Und mich in tiefes Leid gesenkt.
Ich leiste was du sonst begehrst,
Wenn du das Leben mir gewährst.
Das war mir sonst von Gott verliehn:
Nun bracht es deine Kraft dahin,
Daß ichs danke Deinem Preise.«
So sprach der Fürst, der weise.
[356]
»Mein Leben kauf ich theur von dir.
In zweien Landen trägt die Zier
Der Königskrone würdiglich
Mein Bruder, reicher viel als ich.
Nimm dir, Welches dir gefällt,
Daß ich dem Tod nicht sei gesellt.
Ich bin ihm lieb, er löset mich
Wie ichs bedinge gegen dich.
Auch nehm ich dann mein Herzogthum
Von dir. Dein preislicher Ruhm
Erwarb hier neue Würdigkeit.
Nur erlaß mir, Degen kühn im Streit,
Diesem Weibe hold zu werden:
Alles magst du sonst auf Erden
Mir gebieten immerhin.
Mit der entehrten Herzogin
Will ich nicht versöhnt mich sehn,
Mag mir was da will geschehn.«
Parzival mit hohem Muth
Sprach: »Leute, Land, noch fahrend Gut,
Nichts kommt dir zu Gute hier,
Es sei denn, du gelobest mir
Gen Britannien zu fahren,
Und die Reise länger nicht zu sparen
Zu einer Magd: die schlug um mich
[357]
Ein Mann, ich räch es sicherlich,
Wenn Sie's nicht wehrt: das ist geschworen.
Du sollst dem Mägdlein wohlgeboren
Sichern und meinen Gruß ihr sagen:
Wo nicht, so wirst du hier erschlagen.
Artus und seinem Ehgemahl
Bringe meinen Gruß zumal:
Sie lohnen meinen Dienst damit,
Wenn sie Ihr vergüten, was sie litt.
Dazu will ich schauen,
Daß du verzeihst dieser Frauen
Ohn Arglist und Gefährde,
Sonst must du statt zu Pferde
Auf einer Bahre hinnen reiten,
Willst du mirs widerstreiten.
Merk das Wort und thu die Werke;
Deine Hand mirs eidlich bestärke.«
Da sprach der Herzog Orilus
Zu Parzival mit Verdruß:
»Mag dem Niemand widerstreben,
So leist ichs, denn ich will noch leben.«
In der Furcht für ihren Mann
Jeschute dachte kaum daran,
Daß noch zu scheiden wär der Streit:
Ihr war des Feindes Kummer leid.
[358]
Parzival ihn aufstehn ließ,
Da er Verzeihung ihr verhieß.
Der Bezwungne sagte da:
»Frau, da dieß um euch geschah,
Daß ich den Unsieg hab erlangt,
Wohl her, daß ihr den Kuss empfangt.
Mir geht viel Preis durch euch verloren:
Was thuts? das hab ich auch verschworen.«
Die Frau mit dem zerrißnen Kleid
War zum Sprunge schnell bereit
Von dem Pferd auf den Rasen.
Wie das Blut aus der Nasen
Noch den Mund ihm machte roth,
Sie küsst' ihn, als er Kuss gebot.
Die dreie ritten unverwandt
Vor eine Klaus in felsger Wand,
Weil Parzival der König da
Eine Heilthumskapsel sah;
Ein bemalter Sper daneben lehnt.
Der Einsiedel hieß Trevrezent.
Parzival getreu verfuhr,
Auf das Heilthum that er diesen Schwur;
Er selber stabte sich den Eid
Und sprach: »Hab ich Würdigkeit –
[359]
Ob ich sie habe oder nicht,
Wer mit mir unterm Schilde ficht,
Der erfährt wohl meine Ritterschaft.
Dieses Namens ordentliche Kraft,
Wie uns des Schildes Amt besagt,
Hat oftmals hohen Preis erjagt;
Es ist auch noch ein hoher Nam.
Ich aber will verzagter Scham
Stäts vor aller Welt verfallen,
Und meinen Preis verlieren allen.
Diesen Worten steh mein Glück zu Pfand
Vor der Allerhöchsten Hand;
Ich zweifle nicht, die trage Gott.
Mög ich denn Verlust und Spott
In beiden Leben stäts empfangen
Durch Seine Kraft, wenn sich vergangen
Hat diese Frau, da sichs begab,
Daß ich ihr nahm den Fürspann ab:
Noch führt' ich Goldes mehr hindann.
Ich war ein Thor und noch kein Mann,
Zu klugen Sinnen nicht gediehn.
Ich sah sie weinen und sich mühn,
Vor Jammer schwitzt' ihr all der Leib:
Sie ist wahrlich ein unschuldig Weib.
Ich nehm es nimmermehr zurück,
Zu Pfande stell ich Ehr und Glück.«
[360]
»So laßt sie denn unschuldig sein.
Seht, gebt ihr hin ihr Ringelein;
Ihr Fürspann wurde so verthan,
Meine Thorheit sah man wohl daran.«
Die Gab empfieng der Degen gut.
Da strich er von dem Mund das Blut
Und küsste sie, sein Herzenstraut;
Auch bedeckt' er ihre bloße Haut.
Ihr schob der Degen auserkannt
Das Ringlein wieder an die Hand
Und legt' ihr an sein Ueberkleid.
Das war von theuerm Pfellel, weit,
Und von Heldeshand zerhauen.
Noch selten hab ich Frauen
Wappenröcke sehen tragen,
Die im Streite so zerschlagen.
Ihr Ruf hat auch nicht oft Turnei
Gesammeliert noch Sper entzwei
Gebrochen, wo es sollte sein.
Der gute Knapp und Lämbekein
Wüsten beßer wohl Bescheid.
So ward die arme Frau befreit.
Der Herzog Orilus begann
Zu Parzival dem kühnen Mann:
[361]
»Held, mir schafft dein freier Eid
Große Freud und kleines Leid.
Die Niederlage, die ich litt,
Macht mich alles Kummers quitt.
Wohl mit Ehren darf ich nun
Der werthen Frau Genüge thun,
Die ich aus meiner Huld verstieß.
Als ich die süße einsam ließ,
Wars Ihre Schuld, was ihr geschehn?
Doch weil sie sprach, du wärst so schön,
So wähnt' ich, wäre mehr dabei.
Gott lohn dir, Sie ist Falsches frei:
Ich hab ihr Unrecht gethan.
Aus dem Wald zu Briziljan
Ritt ich dir nach durch jeune Bois.«
Parzival nahm den Sper von Troyes
Und führt' ihn mit sich hindann.
Den vergaß der wilde Taurian,
Dodines Bruder, dort.
Nun sprecht, wie und an welchem Ort
Uebernachten wohl die Helden?
Von Helm und Schilden kann ich melden,
Man sah sie ganz verhauen.
Der Held nahm von der Frauen
Urlaub und von ihrem Herrn.
Der edle Herzog nähm ihn gern
[362]
Mit sich an seine Feuerstatt:
Es half ihm nicht, wie viel er bat.
Die beiden Degen schieden hier,
So sagt die Aventüre mir.
Als Orilus der werthe Held
Wieder heimkam an sein Zelt,
Wo er sein Jagdgesinde fand,
Die Freud in Aller Augen stand,
Daß ihr Herr versöhnt erschien
Mit der liebreichen Herzogin.
Das blieb nun länger nicht gespart:
Orilus entwappnet ward;
Auch wusch er Rost sich ab und Blut.
Er nahm die Herzogin gut,
Sie an die Sühnstatt zu geleiten;
Zwei Bäder ließ er auch bereiten.
Da lag Frau Jeschute
Weinend bei ihm, die gute,
Vor Freude, nicht von Leideswegen,
Wie noch wohl gute Frauen pflegen.
Auch ist das Sprichwort Vielen kund:
Weinende Augen, süßer Mund.
Davon zu sagen wär noch viel,
Die Lieb ist Freud und Jammers Ziel.
[363]
Wer der Liebe Freud und Qualen
Legt in verschiedne Wagschalen,
Hielt' er ewig sich am wägen,
So ist's, so bleibt es allerwegen.
Zur Sühne kams hier sicherlich;
Dann giengen sie und badeten sich.
Zwölf klare Jungfrauen
Mochte man bei ihr schauen,
Die sie gepflegt, seit sie den Mann
Ohne Schuld zum Feind gewann.
Sie theilten Nachts ihr Decken mit,
Wie bloß sie oft am Tage ritt.
Sie jetzt zu baden, freute sie.
Wollt ihr nun gerne hören (wie
Orilus des inne ward)
Aventüre von Artusens Fahrt?
So begann ein Ritter ihm zu sagen:
»Auf einem Plan sind aufgeschlagen
Tausend Zelte, wo nicht mehr.
Artus, der reiche König hehr,
Den die Britten nennen ihren Herrn,
Lagert dort, von uns nicht fern,
Mit wonniglicher Frauen viel;
Eine Meile fern ist uns das Ziel.
[364]
Da ist auch von Rittern großer Schall.
Sie liegen den Plimizöl zu Thal
Dieß- und jenseits vom Gestade.«
In Eil fuhr aus dem Bade
Orilus der Herzog froh;
Er und Jeschute thaten so:
Die süße Herrin wohlgethan
Gieng zu seinem Bett heran
Aus dem Bad: sie hatten frohe Zeit.
Sie verdiente wohl ein beßer Kleid
Als lange ward der Armen.
Mit engem Umarmen
Gab Minne freudigen Gewinn
Dem Herzog und der Herzogin.
Die Fürstin zogen Jungfraun an;
Die Rüstung brachte man dem Mann.
Jeschutens Kleid war wohl zu loben.
Vögel gefangen auf dem Kloben
Die Zwei mit Freuden aßen,
Die vor dem Bette saßen.
Frau Jeschute manchen Kuss
Empfieng; den gab ihr Orilus.
Da brachte man der Fraue werth
Ein schönes starkes Zelterpferd;
[365]
Gezäumt ists und gesattelt wohl.
Man hebt sie drauf, die reiten soll
Von hinnen mit dem Kühnen.
Sein Ross trug Eisenschienen,
Wie er es heut im Streit geritten.
Das Schwert, mit dem er früh gestritten,
Vorn vom Sattel niederhieng.
Von Haupt zu Fuß gewappnet gieng
Der Herzog zu dem Pferde hin
Und sprang drauf vor der Herzogin.
Eh er mit ihr fuhr hindann,
Gebot er seinem ganzen Bann
Gen Laland heimzukehren;
Nur ein Ritter sollt ihn lehren
Wo König Artus weile,
Sein harrn das Volk derweile.
Sie waren Artus schon so nah,
Daß man seine Zelte sah
Am Waßer prangen nicht mehr fern:
Da ward der Ritter von dem Herrn
Zurückgesandt, der ihn geleitet.
Frau Jeschute nur begleitet
Ihn als Gesind, und Niemand mehr.
Artus der reiche König hehr
War nach dem Eßen
[366]
Auf einem Plan umseßen
Von der Tafelrunder Reihe.
Orilus der Falschesfreie
Kam da in ihren Kreiß geritten;
Sein Helm, sein Schild war so verschnitten,
Man sah da keiner Zierde Mal:
Die Schläge schlug ihm Parzival.
Vom Rosse sprang der kühne Mann;
Frau Jeschute hielt es an.
Mancher Junker näher sprang;
Um ihn und sie war großer Drang:
»Laßt uns der Rosse pflegen.«
Orilus der werthe Degen
Legt' auf's Gras des Schildes Scherben
Und begann nach Ihr, der sein Werben
Galt, zu fragen allzuhand.
Kunneware de Laland
Ward ihm gezeigt, wo sie saß,
Die nichts an edler Zucht vergaß.
Gewappnet er so nahe gieng,
Daß ihn das Königspaar empfieng.
Er gieng und brachte Sicherheit
Seiner Schwester, der schönen Maid.
Bei den Drachen am Gewand
[367]
Hatte sie ihn gleich erkannt.
Sie sprach: »Du bist der Bruder mein,
Orilus oder Lähelein.
Nicht nehm ich eure Sicherheit:
Ihr wart mir beide stäts bereit
Zu jedem Dienste, der mir Noth.
Ich wär an aller Treue todt,
Sollt ich wider euch kriegen,
Mich selbst um Zucht betriegen.«
Der Herzog kniete vor der Magd.
Er sprach: »Du hast wahr gesagt:
Dein Bruder Orilus bin ich.
So zwang der rothe Ritter mich,
Dir Sicherheit zu geben;
So erkauft ich mir das Leben.
Nimm sie an: so thu ich nur
Was ihm verheißen hat mein Schwur.«
Sie empfieng die Treu in weiße Hand
Des, der trug den Serpant,
Und gab ihn frei. Als das geschah,
Aufstehend sprach der Kühne da:
»Nun zwingt die Treue mich zu klagen:
O weh, wer hat dich geschlagen?
Deine Schläge thun mir auch nicht wohl:
Wird es Zeit, daß ich sie rächen soll,
[368]
So sieht, wer Lust hat, es zu sehn,
Mir sei groß Leid daran geschehn.
Auch hilft der kühnste Mann mirs klagen,
Den je ein Mutterschooß getragen:
Der nennet sich der Ritter roth.
König und Köngin, er entbot
Euch seine Dienste williglich,
Und meiner Schwester sonderlich.
Ihr lohnt ihm seinen Dienst damit,
Ihr zu vergüten, was sie litt.
Auch hätt ichs sicherlich genoßen
Bei dem Helden unverdroßen,
Wüst er, wie nahe sie mir steht,
Und mir ihr Leid zu Herzen geht.«
Keie erwarb da neuen Haß
Von Rittern, Fraun und Wer da saß
Am Gestad des Plimizöl.
Gawan und Jofreit, Fils Idöl,
Und von dessen Noth ihr höret eh,
Den gefangnen König Klamide
Und sonst noch manchen werthen Mann
(Deren Namen ich wohl nennen kann,
Doch will ich es nicht längen),
Sah man sich um sie drängen.
Ihr Dienst ward höfisch angenommen.
[369]
Jeschute muste näher kommen
Auf ihrem Pferd, wo sie noch saß.
Der König Artus nicht vergaß,
Und sein Weib die Königin,
Sie giengen grüßend zu ihr hin.
Von den Frauen mancher Kuss geschah.
Zu Jeschuten sprach Herr Artus da:
»König Lach von Karnant,
Euer Vater, war mir so bekannt,
Daß ich euern Kummer klagte,
Als man davon mir sagte.
Auch seid ihr selbst so wohlgethan:
Wie that der Freund euch Solches an?
Denn euer minniglicher Glanz
Erwarb zu Kanedig den Kranz:
Weil ihr trugt der Schönheit Krone
Ward der Sperber euch zum Lohne,
Er ritt auf eurer Hand hindann.
Was Orilus mir auch gethan,
Euch gönnt ich nicht des Leids Beschwer,
Und gönne sie euch nimmermehr.
Mir ist lieb, daß ihr versöhnet seid
Und wieder herrliches Kleid
Tragt nach eurer großen Noth.«
Sie sprach: »Herr, das vergelt euch Gott:
[370]
So wird auch euer Preis gemehrt.«
Jeschuten und den Herzog werth
Nahm da mit sich an der Hand
Frau Kunneware de Laland.
In des Kreises Befang,
Wo ein Brunnen laut entsprang,
War ihr Pavillon zu schauen:
Da schlug ein Wurm die Klauen
Halb um einen Apfelknauf.
Vier Seile zogen den Drachen auf,
Als ob er lebend flöge,
In die Luft das Zelt ihr zöge.
Der Fürst erkannt es an dem Bild;
Denn er trugs in seinem Wappenschild.
Entwappnet ward er in dem Zelt;
Die süße Schwester bot dem Held
Ehre sattsam und Gemach.
All das Ingesinde sprach,
Des rothen Ritters Kraft und Muth
Wär zum höchsten Preise gut.
So sprach man unverhohlen.
Kei bat Kingraun verstohlen,
»Dient Orilus an meiner Statt!«
Er konnt es wohl, den er da bat,
[371]
Denn er hatt es oft gethan
Vor Klamide zu Brandigan.
Warum er selbst den Dienst vermied?
Weil ihm einst sein Unstern rieth
Des Fürsten Schwester hart zu schlagen:
Drum must er solchem Dienst entsagen.
Auch wollt ihm nicht die Schuld verzeihn
Das wohlgeborne Mägdelein.
Doch schickt' er Speise hin genug:
Kingraun sie Orilusen trug.
Kunnewar, die löblich weise,
Schnitt dem Bruder seine Speise
Mit ihrer blanken linden Hand.
Frau Jeschute von Karnant
Bei ihm bescheiden saß und aß.
Artus der König nicht vergaß,
Er kam hin wo Beide saßen,
Freundlich beisammen aßen.
Er sprach: »Dient man euch übel hie,
Mein Wille sicher war es nie.
Ihr aßt noch keines Wirthes Brot,
Der es mit beßerm Willen bot:
Das ist sicherlich wahr.
Nun sollt ihr, Frau Kunnewar,
Eures Bruders gütlich pflegen;
[372]
Gute Nacht leih Gottes Segen.«
Da gieng Artus zur Ruhestätte;
Orilusen wurde solch ein Bette,
Daß sein Frau Jeschute pflag
Geselliglich bis an den Tag.

6. Artus

Inhalt
Inhalt.

Artus war von Karidol aufgebrochen, um dem rothen Ritter nachzuziehen, welchen die Tafelrunde in ihre Genoßenschaft aufnehmen wollte. An den Ufern des Plimizöl läßt er sich wegen der Nähe von Monsalväsche und des Gralsheeres von seinen Rittern geloben, ohne seine ausdrückliche Erlaubniss nicht zu streiten. Parzival, den der Zufall dahin führt, versinkt beim Anblick dreier Blutstropfen im Schnee ganz in Gedanken an Kondwiramur. So findet ihn ein Knappe Kunnewarens, der es als einen Schimpf für die Tafelrunde beschreit. Segramors wirkt sich Erlaubniss zum Kampf aus, wird aber von dem bewustlosen Parzival abgestochen. Gleiches Schicksal hat Keie, der im Fall den rechten Arm und das linke Bein zerbricht, womit Kunnewarens Schmach an ihm gerochen ist. Gawan reitet unbewaffnet hinaus, erkennt Parzivals Zustand und wirft ein Tuch über die Blutstropfen. Parzival kommt zu sich und reitet mit Gawan zu Artus, wo ihn Kunneware als ihren Ritter empfängt, kleidet und schmückt. Artus und seine Ritter bitten ihn, Genoß der Tafelrunde zu werden, die zwar zu Nantes geblieben ist, hier aber durch ein rundgeschnittenes Tuch vorgestellt wird. Ueber dem Festmal erscheint Kondrie la Sorziere, die ungeheure Botin des Grals, er klärt die Tafelrunde für entehrt durch die Mitgliedschaft Parzivals (dessen Namen und Geschlecht hier zuerst verlautet) und flucht diesem, weil er bei Anfortas Qual und den [377] Wundern des Grals nicht gefragt habe. Dann lädt sie zur Befreiung der vier zu Chatelmerveil gefangen gehaltenen Königinnen ein. Gleich darauf erscheint Kingrimursel und fordert Gawanen, als den Mörder seines Herrn und Vetters Kingrisin, zum Zweikampf, der nach vierzig Tagen zu Schampfenzon vor dem König Vergulacht von Askalon Statt haben soll. Klamide wird auf Parzivals Fürsprache mit Kunnewaren verlobt. Ekuba, die heidnische Königin von Janfuse, erzählt Parzival von seinem Bruder Feirefiß. Parzival verzichtet auf die Tafelrunde, gelobt sich dem Gral und reitet traurig und an Gott verzweifelnd hinweg. Auch Gawan rüstet sich zu seiner Fahrt, Ekuba schifft sich ein, Artus zieht gen Karidol und Orilus mit Klamide gen Brandigan, wo seine Hochzeit mit Kunnewaren feierlich begangen wird.

Artus
[378] Artus.
Wenn ich euch nun sagen soll,
Wie Artus von Karidol
Und von seinem Lande schied,
Wie ihm sein Ingesinde rieth –:
Er ritt, so thut die Mär uns kund,
Auf seinem und auf fremdem Grund
Nun schon den achten Tag umher,
Jenen aufzusuchen, der
Sich nennen ließ den Ritter roth
Und ihm so viel Ehre bot.
Denn ihn schied von langem Gram
Der Ithern das Leben nahm,
Und Klamiden und Kingronen
Sandte zu den Bretonen
An seinen Hof zu guter Stunde.
Er wollt ihn an die Tafelrunde
Ziehn, ihr Genoß zu werden:
Drum scheut' er nicht Beschwerden.
Er sucht' ihn über Berg und Thal.
Es hatten Alle zumal,
[379]
Die jemals Schildesamt erprobt,
Dem König Artus angelobt:
Wo sie sähen Ritterschaft,
Daß sie, bei ihres Eides Kraft,
Nur dann mit Jemand föchten,
Wenn sie's erbitten möchten,
Daß er sie ließe streiten.
Er sprach: »Wir müßen reiten
In manches Land, das kühne Degen
Zählt, die uns bestreiten mögen:
Da droht uns mancher scharfe Sper.
Wollt ihr dann rennen kreuz und quer
Wie freche Rüden, deren Band
Abgestreift des Meisters Hand,
Das geschäh mir nicht zu Willen;
Den Tollmuth will ich stillen.
Ich geb euch Urlaub, thut es Noth;
Bis dahin haltet mein Verbot.«
Dieß Gelübde habt ihr wohl vernommen.
Nun hört, wohin uns ist gekommen
Parzival der Waleis.
Ueber Nacht der Schnee war leis
Doch dicht auf ihn herab geschneit.
Es war jedoch nicht Schneiens Zeit,
Wenn ich die Kunde recht vernahm.
[380]
Artus der maienhafte Mann,
Was man je von ihm sang und sprach,
Das geschah an einem Pfingstentag,
Oder in des Maien Blüthenzeit.
Wie man mit süßer Luft ihn freut!
Meine Märe hat viel andern Brauch:
Sie kleidet sich in Schnee wohl auch.
Seine Falkner von Karidöl
Ritten Abends an den Plimizöl
Beizen. Schaden traf sie dort:
Ihnen flog der beste Falke fort;
Der hob hinweg sich balde
Und blieb die Nacht im Walde:
Ueberkröpfung verbrockte,
Daß kein Köder mehr ihn lockte.
Er blieb die Nacht bei Parzival.
Ihnen war der Wald unkund zumal;
Auch litten beide sehr an Frost.
Als der Tag erschien im Ost,
War ihm ganz verschneit der Weg.
Da ritt er durch das Waldgeheg
Pfadlos über Stock und Stein.
Der Tag gab immer lichtern Schein;
Auch hellte sich des Waldes Raum;
[381]
Doch lag gefällt ein mächtger Baum
Auf einem Plan, zu dem er bog
(Und Artus Falken nach sich zog),
Wo wohl tausend Gänse lagen;
Da vernahm man ihr Gagagen.
Hurtig flog er unter sie,
Der Falk, und traf die Eine hie,
Daß sie ihm mit Noth entgieng,
Unterm Ast des Baumes Schutz empfieng.
Ihrem hohen Flug geschah da Weh.
Aus ihren Wunden auf den Schnee
Fielen drei Blutstropfen roth:
Die schufen Parzivalen Noth.
Seine Treue sah man da:
Als er die Blutszähren sah
Auf dem Schnee, der war so weiß,
Da gedacht er: »Wer hat seinen Fleiß
Gewandt auf diese Farben klar?
Kondwiramur, Dir fürwahr
Nur gleichen diese Farben.
Mich läßt Gott an Glück nicht darben,
Da ich hier Dein ein Gleichniss fand.
Gepriesen möge Gottes Hand
Und seine ganze Schöpfung sein!
Kondwiramur, hier liegt dein Schein.
[382]
Da der Schnee dem Blute Weiße bot,
Das Blut den Schnee gefärbt so roth,
Kondwiramor,
Dem vergleicht sich dein beau Korps:
Das erlaß ich dir nicht.«
Ihm schwebte vor ihr Angesicht,
Wie ers jene Nacht sah prangen,
Zwei Zähren an den Wangen,
Das dritt an ihrem Kinne.
Er pflag getreuer Minne
Zu ihr ohn alles Wanken.
So versank er in Gedanken,
Daß er da hielt mit Unbedacht:
Ihn zwang der starken Minne Macht.
Solche Noth gab ihm sein Weib.
Dieser Farbe glich der Leib
Von Pelrapär der Königin!
Die nahm ihm die Besinnung hin.
So hielt er da, als ob er schlief'.
Erkennt ihr ihn, der zu ihm lief?
Kunnewars Garzon war ausgesandt:
Er sollte gegen Laland,
Als er vor dem Wald gewahrte
Einen Helm mit mancher Scharte,
Und einen Schild arg verhauen
[383]
Und zwar im Dienst seiner Frauen.
In voller Rüstung hielt ein Held
Wie zur Tjost hier aufgestellt
Mit hoch empor gekehrtem Schaft.
Der Garzon lief heim aus aller Kraft.
Sicher hätt ihn nicht verschrien
Dieser Knapp, erkennt' er ihn,
Daß er seiner Herrin Ritter wär.
Als träfe Bann und Acht ihn schwer,
Hetzt' er das Volk hinaus an ihn:
Er wollt ihm schaffen Ungewinn.
So vergieng er sich an höfschem Brauch;
Nun, los war seine Herrin auch.
Höret wie der Knappe schrie:
»Fi, o fi! Fi, o fi!
Fi, verzagte Tafelrunder!«
Zählt man Gawanen für ein Wunder,
Und diese Ritter allzumal
Zu ehrenwerther Degen Zahl,
Und Artusen, den Breton?
Also rief der Garzon.
»Die Tafelrunde steht entehrt!
Die Schnüre hat man euch versehrt.«
Die Ritter hoben großen Schall:
Man hörte fragen überall
[384]
Welch Waffenwerk da wär gethan.
Nun hörten sie, ein einzger Mann
Halte dort, zur Tjost bereit.
Da gereute sie der Eid,
Den jüngst Artus hatt empfangen.
So schnell, es war nicht mehr gegangen,
Lief hinaus oder sprang
Segramors, der stäts nach Streiten rang.
Wo der glaubte Kampf zu finden,
Mit Stricken muste man ihn binden,
Sonst wollt er bei dem Tanze sein.
Nirgend ist so breit der Rhein,
Säh er jenseits am Gestade
Kämpfen, würd er nach dem Bade
Nicht tasten, ob es warm ob kalt,
Ins Waßer spräng der Held alsbald.
Eilends lief der Jüngling
Zu Artusens Zeltbering,
Da noch der werthe König schlief.
Segramors ihm durch die Schnüre lief.
Zu des Zeltes Thüre drang er ein,
Von Zobel eine Decke fein
Entriß er ihnen, die da lagen
Und noch süßen Schlafes pflagen,
So daß sie musten wachen
[385]
Und seines Unfugs lachen.
Seiner Base rief er: »Königin,
Ginover, Gebieterin,
Es weiß die Welt, wir sind verwandt;
Auch ist es kund im ganzen Land,
Um Fürsprache fleh ich dich.
So hilf mir, Herrin, und sprich
Ein Wort bei Artus, daß dein Gatte
Eine Gnade mir gestatte:
Ein Abenteuer ist nicht fern;
Ich wär zur Tjost der Erste gern.«
Zu Segramors Herr Artus sprach:
»Du weist, wie mir dein Mund versprach,
Nach meinem Willen zu verfahren
Und dich vor Vorwitz zu bewahren.
Wird von Dir hier eine Tjost gethan,
Darnach will mancher andre Mann,
Daß ich ihn laße reiten,
Sich auch Preis zu erstreiten.
Doch damit schwächt sich unsre Wehr.
Wir nahn uns Anfortasens Heer,
Das von Monsalväsche fährt
Und seinen Wald mit Kämpfern wehrt.
Da wir nicht wißen, wo die stehn,
So kann uns Schaden viel geschehn.«
[386]
Ginover bat Artus so,
Daß Segramors wurde froh.
Da sie ihm das Abenteur erwarb,
Daß er da nicht vor Freude starb
War viel, so hatte sich der Held.
Da hätt er wahrlich um kein Geld
Belaßen all des Ruhmes Zoll,
Den diese Fahrt ihm bringen soll.
Der junge Stolze sonder Bart,
Sein Ross und Er gewappnet ward.
Aus fuhr Segramors roi
Galoppierend über jeune Bois,
Sein Ross hoch über Stauden sprang.
Manche goldne Schelle klang
An der Deck und an dem Mann:
Man hätt ihn wohl nach dem Fasan
Geworfen in ein Dornicht.
Wer ihn zu suchen wär erpicht,
Der fänd ihn wieder an dem hellen
Klang der läutenden Schellen.
So fährt der unberathne Held
Zu dem, den Minnezauber hält.
Doch schlägt und sticht er keinen Schlag
Bis ihm sein Mund den Frieden brach.
[387]
Besinnungslos hielt Parzival.
Ihn zwang des Blutes dreifach Mal,
Dazu die strenge Minne,
Die auch mir oft raubt die Sinne
Und mir das Herz unsanft bewegt.
Ach ein Weib ists, die mir Noth erregt:
Will sie mich also zwingen
Und mir nimmer Hülfe bringen,
So muß ich wohl mich ihr entziehn
Und von ihrem Troste fliehn.
Nun hört auch von jenen Beiden,
Von ihrem Kommen, ihrem Scheiden.
Segramors sprach also:
»Ihr gebahret, Herr, als wärt ihr froh,
Daß hier ein König liegt mit seinem Heer.
Die beiden wiegen euch nicht schwer:
Dafür müßt ihr mir Buße geben
Ich verliere denn mein Leben.
Ihr seid auf Streit zu nah geritten;
Doch will ich erst euch höflich bitten:
Ergebt euch meiner Gewalt,
Sonst wäg ich solchen Lohn euch bald,
Daß euer Fallen rührt den Schnee.
Beßer, ihr ergebt euch eh.«
[388]
Parzival der Drohung schwieg;
Frau Minne gab ihm andern Krieg.
Die Tjost zu bringen warf sein Pferd
Segramors der Degen werth.
Auch wandte sich das Kastilian,
Drauf Parzival der kühne Mann
Noch der Besinnung ohne saß
Und das Blut mit Augen maß.
Da ward sein Blick davon gekehrt
Und der Preis ihm neuerdings gemehrt:
Denn als er nicht mehr sah das Blut,
Zu sich selber kam der Degen gut.
Hier ritt Segramors Roi.
Parzival nahm den Sper von Troyes,
Der zäh war und feste,
Dazu bemalt aufs Beste,
Wie er ihn vor der Klause fand:
Den senkt' er nieder mit der Hand.
Eine Tjost empfängt er durch den Schild,
Die er mit einer Tjost vergilt,
Daß Segramors der Recke
Lag auf der schnee'gen Decke,
Und der Sper doch ganz verblieb,
Der ihn aus dem Sattel trieb.
Parzival ritt ohne Fragen
[389]
Hin, wo die Tropfen lagen:
Als die sein Auge wieder fand,
Frau Minne knüpft' ihn an ihr Band.
Er sprach dabei nicht das noch dieß;
Besinnung wieder von ihm ließ.
Segramors Kastilian
Hob sich zu seinem Stall hindann;
Er selbst auch muste sich erheben,
Wollt er sich zur Ruh begeben.
Sonst legt man sich um auszuruhn,
Das pflegt ihr selber wohl zu thun.
Welche Ruhe fand er in dem Schnee?
Darin zu liegen thät mir weh.
Zum Schaden stäts gesellt sich Spott;
Dem Glücklichen half immer Gott.
Des Königs Heer lag wohl so nah,
Daß es Parzivalen sah
Und was mit ihm geschehen war.
Er ließ den Sieg der Minne gar,
Die Salomonen auch bezwang.
Jetzo währt' es nicht mehr lang
Bis Segramors ins Lager kam;
Ob ihm Einer gut war oder gram,
Er empfieng sie Alle gleich:
Austheilt' er scheltend manchen Streich.
[390]
Er sprach: »Habt ihr noch nicht gewust,
Daß der Kampf Gewinn hat und Verlust
Und Einer meist bei Tjosten fiel?
Im Sturm sinkt halt der beste Kiel.
Ihr hört mich wohl nicht sagen,
Mein zu harrn werd er nicht wagen,
Wenn er erkenne meinen Schild.
Zu übel hat mir mitgespielt
Der noch da draußen Tjost begehrt:
Der Degen ist wohl Preises werth.«
Keie der kühne Mann
Bracht es bei dem König an,
Daß Segramors verloren habe:
Draußen halt' ein übler Knabe,
Der Tjost begehre wie vorher:
»Mir läg es auf der Seele schwer,
Gieng' es ungestraft ihm hin!
Wenn ich euch so würdig bin,
So laßt mich fragen, wes er gehrt,
Der dort den Sper emporgekehrt
Noch hält vor euerm Weibe.
Versagt ihr mirs, ich bleibe
In euerm Dienst keine Stunde.
Beschimpft ist all die Tafelrunde,
Wenn man ihm nicht bei Zeiten wehrt.
[391]
Seine Kraft an unserm Ruhme zehrt.
Gebt mir zu streiten Urlaub:
Wären wir alle blind und taub,
Ihr müstets wehren, es ist Zeit!«
Artus erlaubte Kei'n den Streit.
Gewappnet ward der Seneschalt.
Da wollt er schwenden den Wald
In der Tjost auf diesen künftgen Gast.
Der trägt schon von der Minne Last,
Da ihn bezaubert Schnee und Blut;
Sich versündigt wer ihm mehr noch thut.
Auch höht es nicht der Minne Preis,
Die so ihn bannt in ihren Kreiß.
Frau Minne, wie thut ihr so,
Daß ihr den Traurgen machet froh
Mit schnell verrauschter Freude,
Ihn verkommen laßt im Leide?
Wie steht euch das, Frau Minne,
Daß ihr mannhafte Sinne,
Des hohen Muthes Zuversicht
Zu Schanden machet und zunicht?
Das Geringste wie das Beste,
Was auf der Erde Veste
[392]
Widerstreitet eurer Macht,
Ihr habt es bald zu Fall gebracht.
Wir müßen eure Meisterschaft
Erkennen, groß ist eure Kraft.
Ein Ding, Frau Minne, ehrt euch sehr,
Ein einziges; das achtet mehr:
Frau Freude sei euch beigesellt,
Sonst ist es schwach um euch bestellt.
Frau Minne, ihr seid ungetreu;
Die Unart ist so alt als neu.
Manches Weib habt ihr entehrt,
Die des verwandten Manns begehrt.
Durch Euch hat an dem Lehensmann
Oft der Lehnsherr missgethan,
Oft der Freund an dem Gesellen,
Solche Sitte muß euch fällen,
Oft der Dienstmann an dem Herrn.
Frau Minne, das sei euch fern,
Daß ihr den Leib der Gier ergebt,
Wofür die Seele Schmerz durchbebt.
Frau Minne, daß ihr mit Gewalt
So die Jugend machet alt,
Die noch an Jahren dürftig ist,
Das ist Tücke, die man nicht vergißt.
[393]
Diese Rede ziemte keinem Mann,
Der jemals Trost von euch gewann.
Wär mir eure Hülfe kund,
So säumig lobt' euch nicht mein Mund.
Ihr habt mir Mangel nur zum Ziel gesetzt,
Meiner Augen Schärfe so verwetzt,
Daß ich euch nicht mehr trauen kann;
Nie nahmt ihr meiner Noth euch an.
Dennoch seid ihr mir zu hehr,
Als daß ich so thöricht wär,
Euch zu schelten in des Zornes Hitze:
Ihr drückt uns mit so scharfer Spitze,
Belastet uns, wir tragens kaum.
Heinrich von Veldeck unterm Baum
Hat schön von eurer Art gedichtet:
Hätt er uns lieber unterrichtet
Wie man eure Gunst behalten soll!
Er gab uns Unterweisung wohl
Wie man euch mög erwerben.
Durch Einfalt muß verderben
Manches Thoren hoher Fund.
Wird mir selber Solches kund,
Des zeih ich euch, Frau Minne:
Ihr seid ein Schloß ob klugem Sinne.
Wider Euch hält weder Schild noch Schwert,
Schnell Ross, noch Veste thurmbewehrt:
[394]
Ihr werdet Meister aller Wehr.
Auf der Erd und auf dem Meer
Was entrinnet euerm Kriege
Ob es fließe, ob es fliege?
Frau Minne, Ihr wart auch zugegen,
Da Parzival der kühne Degen
Durch eure Kraft den Sinn verlor;
Er ward durch große Treu ein Thor.
Die süße klare Königin
Sandt Euch als Botin her an ihn,
Die Sein gedenkt zu Pelrapär.
Kardeißen, fils Tampentär,
Ihrem Bruder, nahmt ihr auch das Leben.
Muß man solchen Zins euch geben,
Wohl mir, daß ihr mir nichts geborgt,
Wenn ihr so für eure Schuldner sorgt.
Für uns Alle nahm ich hier das Wort;
Nun hört, was sich begeben dort.
Kei, der kraftreiche Mann,
Gewappnet ritt er stolz heran,
Als er da Kampf begehrte;
Auch mein ich, Kampf gewährte
Ihm König Gahmuretens Kind.
[395]
Wo nun zwingende Frauen sind,
Die sollten Heil ihm erflehn:
Durch ein Weib ists ihm geschehn,
Daß ihm Minne nahm die Sinne.
Vor dem Anritt hielt Kei inne,
Zu dem Waleisen sprach er da:
»Da es Herr, euch geschah,
Daß ihr den König habt geschändet,
So ists am besten wohl bewendet
Nach meinem Rath zu euerm Heil,
Nehmt ihr selbst euch an ein Hundeseil,
Und laßt euch vor ihn ziehen.
Ihr könnt mir nicht entfliehen,
Ich bring euch doch bezwungen hin,
So wird euch übler Lohn verliehn.«
Den Waleisen zwang der Minne Kraft
Zu schweigen. Keie zog den Schaft
Zurück und stieß ihm einen Schwang
Ans Haupt, daß laut der Helm erklang.
Er sprach: »Ich bringe dich zum Wachen.
Willst du ohne Leilachen
Hier schlafend halten deinen Stand?
Anders fügt es meine Hand:
Auf den Schnee wirst du gelegt.
Der Säcke von der Mühle trägt,
[396]
Wollte man ihn also bleuen,
Seiner Trägheit würd ihn reuen.«
Frau Minne, seht fein beßer nach:
Dieß geschieht zu eurer Schmach.
Ein Bauer spricht, wenn sie ihn schelten:
»Meinem Herren soll dieß gelten.«
Er gehts ihm klagen, darf er sprechen.
Frau Minne, gönnt ihm sich zu rächen,
Diesem werthen Waleisen.
Laßt ihn aus euern Zauberkreisen,
Enthebt ihn eurer schweren Last,
So wehrt sich, wett ich, dieser Gast.
Kei, der heftig auf ihn schoß,
Kehrt' ihm um und um das Ross:
Als ihm vor Augen nicht mehr lag
Sein süßes, saures Ungemach,
Das seinem Weib zu gleichen schien,
Von Pelrapär der Königin,
Ich meine den gefärbten Schnee,
Besinnung kehrt' ihm da wie eh,
Er wurde sein bewust aufs Neue.
Galoppieren ließ sein Ross Herr Keie,
Tiostierend ritt er her;
Im Anlauf senkten sie den Sper.
[397]
In der Tjost brach Kei dem Helden jetzt,
Wie er sich zielend vorgesetzt,
Ein weites Fenster durch den Schild.
Den Stoß der Waleis ihm vergilt:
Kei, Artusens Seneschall,
Nahm vom Gegenstoß den Fall
Auf den Stamm, zu dem die Gans entrann,
Daß das Ross und der Mann
Beide litten harte Noth:
Der Mann ward wund, das Ross lag todt.
Zwischen dem Sattel und einem Stein
Den rechten Arm, das linke Bein
Zerbrach Herr Kei von diesem Fall.
Sattel, Gurt, die Schellen all
Zerbrach ihm diese Niederlage.
So vergalt zwei Schläg' in Einem Schlage
Der Waleis: den von Kunnewaren,
Und den er selber hatt erfahren.
Dem nichts von Falschheit war bekannt,
Ihn lehrte Treue, daß er fand
Schneeigen Blutes Zähren drei,
Die ihn machten Sinnes frei.
Seine Gedanken an den Gral
Und das der Köngin gleiche Mal,
Beides schuf ihm gleiche Noth;
[398]
Doch war strenger, die ihm Minne bot.
Trauern und Minne
Zerbricht die zähsten Sinne.
Sollen dieß Abenteuer sein?
Sie hießen beßer beide Pein.
Kühne Leute sollten Keiens Noth
Beklagen: Mannheit ihm gebot
Sich zu erdreisten manchen Streit.
Man singt in manchen Landen weit,
Kei, Artusens Seneschant,
Wär ein arger Höllenbrand.
Des sagt ihm meine Märe los.
Es war der Würdigkeit Genoß:
Stimmen mir auch Wen'ge bei,
Ein getreuer, kühner Mann war Kei,
Das Zeugniss giebt ihm mein Mund.
Ich thu euch mehr wohl von ihm kund.
Artusens Hof war ein Ziel
Für der fremden Leute viel,
Von verschiednem Thun und Trachten;
Nicht Alle konnte man achten.
Wer nur zu betriegen sann,
Kei sah ihn mit dem Rücken an;
Doch welcher Kurtoisie begieng,
Nur werthe Kompagnie empfieng,
[399]
Einen Solchen konnt er ehren,
Ihm jeden Wunsch gewähren.
Zugestanden sei es zwar,
Daß Herr Kei ein Merker war.
Er meint' es gut mit seinem Herrn,
Schirmt' ihn durch seine Rauheit gern,
Den Lecker und den falschen Wicht
Litt er bei Ehrenmännern nicht:
Ein Hagelschauer war er ihnen
Und stach sie schärfer als die Bienen.
Seht, die beschrieen Keiens Preis;
Weil er getreu war und weis,
Fiel ihn ihr Haß verläumdend an.
Von Thüringen Fürst Hermann,
Wie ich dein Ingesind befinde,
Ein Theil hieß beßer Ausgesinde.
Dir wär auch eines Keien Noth,
Da wahre Milde dir gebot
Deinen Hof so bunt zu mischen,
Daß zu den Werthen, Höfischen
Auch viel Verächtliche dringen.
Darum muß Herr Walther singen
»Gut und Böse, guten Tag.«
Wo man also singen mag,
Da sind die Falschen geehrt.
[400]
Das hätt ihn Keie nicht gelehrt,
Noch Herr Heinrich von Rispach.
Nun höret zu, ich trage nach
Was sich am Plimizöl begab.
Da holten sie Herrn Keien ab:
Ihn zu Artusens Zelt zu tragen.
Seine Freunde kamen ihn zu klagen,
Frauen viel und mancher Mann.
So kam auch mein Herr Gawan
In das Pavillon, wo Keie lag.
Er sprach: »O weh, unselger Tag!
Daß jemals diese Tjost geschah,
Denn einen Freund verlor ich da.«
Er klagt' ihn herzlich und gut.
Keie sprach im Unmuth:
»Herr, wollt ihr mir Beileid sagen?
So sollten alte Weiber klagen.
Ihr seid der Neffe meines Herrn:
Ich wollt euch ferner dienen gern;
Nie schlug ich einen Dienst euch ab,
Als mir Gott gesunde Glieder gab.
Da ließ ich mich nicht lange bitten;
So hab ich viel für euch gestritten,
Und thät es künftig, sollt es sein.
Nun klagt nicht mehr, laßt mir die Pein.
[401]
Euer Ohm, der König hehr,
Trifft nimmer solchen Keien mehr.
Ihr seid zur Rache mir zu hochgeboren;
Doch wär ein Finger euch verloren
Gegangen, hätt ich gern mein Haupt
Daran gesetzt: seht ob ihrs glaubt.«
»Kehrt euch nicht an mein Hetzen.
Er weiß unsanft zu letzen,
Der noch unflüchtig draußen hält;
Nicht trabt noch galoppiert der Held.
Auch ist wohl hier kein Frauenhaar
So mürbe weder noch so klar,
Es wäre doch ein festes Band
Am Streit zu hindern eure Hand.
Ein Mann, der solche Demuth übt,
Zeigt wohl, daß er die Mutter liebt;
Zum Kampf hielt ihn der Vater an.
Der Mutter folgt doch, Herr Gawan:
Vor scharfen Schwertern werdet bleich,
Mannlich zu streiten hütet euch.«
So fiel den hochbelobten Mann
An der unbewehrten Seite an
Sein Wort; der konnt es nicht vergelten;
Der Wohlgezogne kann das selten,
[402]
Denn ihm verschließt die Scham den Mund,
Die nie dem Schamlosen kund.
Gawan zu Keien sprach:
»Wo man schlug oder stach,
Ward ich je dabei gesehn,
Wer meine Farbe wollt erspähn,
Der sah wohl nie, daß ich erblich,
Nicht vor Schlag noch vor Stich.
Du zürnest mit mir ohne Noth:
Ich bins, der stäts dir Freundschaft bot.«
So schritt Herr Gawan aus dem Zelt:
Bringen hieß sein Ross der Held:
Sonder Schwert, ohne Sporen
Bestiegs der Degen wohlgeboren.
Als er den Waleisen fand,
Des Sinn noch war der Minne Pfand,
Drei Tjoste durch den Schild der trug,
Die zweier Helden Hand ihm schlug;
Auch hatt ihn Orilus verletzt.
Heranritt Herr Gawan jetzt,
Sonder Galoppieren;
Auch wollt er nicht tjostieren;
Er wollte gütlich nur ersehn
Mit Wem denn Kampf hier wär geschehn.
[403]
Den Fremdling grüßte Gawan zwar,
Der aber ward das nicht gewahr.
Wie konnt es wohl auch anders sein?
Frau Minne nahm ihn völlig ein,
Den Frau Herzeleid gebar:
Wie es angestammt ihm war
Must er vom Sinne scheiden
Kraft angeerbter Leiden
Von des Vaters und der Mutter Art:
Der Waleis wenig inne ward
Was des Herrn Gawanens Mund
Ihm da mit Worten machte kund.
König Lotens Sohn begann:
»Herr, ihr thut zu viel daran,
Daß ihr mir den Gruß versagt.
Ich bin doch nicht so ganz verzagt,
Daß ichs wohl anders fügen kann.
Ihr habt den Freund mir und den Mann
Und den König selbst entehrt,
Unsre Schande hier gemehrt:
Doch erwerb ich euch die Huld,
Daß euch der König schenkt die Schuld,
Wollt ihr nach meinem Rathe leben
Und mir Gesellschaft zu ihm geben.«
[404]
Den Gahmuret erzeugte,
Nicht Flehn noch Drohn ihn beugte.
Der höchste Preis der Tafelrunde
Hatt auch von Liebesnöthen Kunde:
Unsanft hatt er sie erkannt,
Da er sich das Meßer durch die Hand
Stach: das schuf der Minne Kraft
Und weibliche Genoßenschaft.
Auch war er von des Todes Banden
Durch eine Königin erstanden,
Da Lähelein der kühne Held
In stolzer Tjost ihn einst gefällt.
Zu Pfande setzte da für ihn
Ihr Haupt die süße Königin;
Die getreue Schöne hieß
Reine Ingüs de Bachtarließ.
Da dachte mein Herr Gawan:
»Vielleicht, daß Minne diesen Mann
Bezwingt so, wie sie mich einst zwang,
Daß sie fest sich um ihn schlang,
Sinn und Gedanken ihm bestrickte.«
Er gab Acht, wohin der Waleis blickte,
Wohin er stäts das Auge trug.
Ein Sureiner Seidentuch
Gefüttert mit gelbem Zindale,
Schwang er auf die blutgen Male.
[405]
Der Schleier barg das schnee'ge Blut;
Nicht sah es mehr der Degen gut.
Da gab zurück ihm Witz und Sinn
Von Pelrapär die Königin;
Sein Herz jedoch behielt sie dort.
Wollt ihr vernehmen nun sein Wort?
Er sprach: »O weh, Herrin und Weib,
Wer benahm mir deinen schönen Leib?
Erwarb im Kampfe meine Hand
Deine werthe Minne, Kron und Land?
Bin ichs, der dich von Klamide
Erlöste? Ich fand Ach und Weh
Und seufzend heiße Herzensbrunst
In deiner Hülfe. Augendunst
Hat dich bei lichter Sonne hie
Mir entführt, ich weiß nicht wie.«
Er sprach: »O weh, wo blieb mein Sper,
Den ich mitgebracht hieher?«
Da sprach mein Herr Gawan:
»Ihr habt ihn in der Tjost verthan.«
»Mit Wem?« sprach der Degen werth,
»Habt Ihr doch weder Schild noch Schwert.
Wie sollt ich Preis an euch erjagen?
Doch muß ich euern Spott ertragen:
[406]
Ihr lernt vielleicht mich beßer kennen:
Ich war auch wohl bei Lanzenrennen.
Find ich an Euch auch keinen Streit,
Doch sind die Lande wohl so weit,
Ich mag den Drang im Kampfe kühlen,
Noch Beides, Angst und Freude fühlen.«
Da sprach zu ihm mein Herr Gawan:
»Die Rede, die ich hier gethan,
War lauter und minniglich,
Mit keiner Tücke trübt sie sich.
Ich verdiene noch was ich begehre.
Ein König liegt hier mit dem Heere,
Viel schönen Fraun und edeln Herrn.
Gesellschaft leist ich euch gern
Geliebts euch, hinzureiten,
Und bewahr euch auch vor Streiten.«
»Dank euch, Herr; ihr redet fein:
Ich will dafür erkenntlich sein.
Ihr bietet Kompagnie mir;
Wer ist eur Herr und Wer seid Ihr?«
»Ich heiße Herren einen Mann,
Von dem ich große Lehn gewann,
Die mein Mund euch nicht verschweigt.
Er war mir immer so geneigt,
Daß er mirs ritterlich erbot.
[407]
Seine Schwester hat der König Lot,
Die mich zur Welt hat gebracht.
Was mir von Gott war zugedacht,
Das dienet Alles seiner Hand:
König Artus ist er genannt.
Meinen Namen trag ich unverstohlen,
Er bleibt auch keinem Land verhohlen;
Leute, die mich kennen,
Pflegen Gawan mich zu nennen.
Ich und mein Name dient' euch gern,
Bleibt nur üble Deutung fern.«
»Bist Du es,« sprach er da, »Gawan?
Wie wenig ich mich rühmen kann,
Daß du so wohl hier thust an mir!
Sagen hört' ich stäts von dir,
Du hast noch Allen wohlgethan.
Doch will ich deinen Dienst empfahn,
Vielleicht, daß ichs vergelte.
Sag an, wes sind die Zelte?
Dort ist so manches aufgeschlagen.
Liegt Artus hier, so muß ich klagen,
Daß ich nicht mit Ehren ihn
Darf sehen, noch die Königin,
Ich räche denn zuvor die Schläge,
Die ich im Herzen trauernd hege
[408]
Seit ich schied; aus diesem Grund:
Mir lachte eines Mägdleins Mund;
Die schlug darum der Seneschalt,
Daß von ihr niederstob ein Wald.«
»Unsanft ist das gerochen,«
Sprach Gawan, »ihm ist zerbrochen
Der rechte Arm, das linke Bein.
Reit her, sieh Ross und auch den Stein.
Hier noch Splitter auf dem Schnee
Des Spers, nach dem du fragtest eh.«
Da Parzival die Wahrheit sah,
Weiter frug und sprach er da:
»Ich verlaße mich auf dich, Gawan,
Ob dieß war derselbe Mann,
Der solche Schmach begieng an mir:
So reit ich wo du willst mit dir.« –
»Ich will nicht lügen deinetwegen.
In einer Tjost ist auch erlegen
Segramors, ein kühner Held;
Seiner That war immer Preis gesellt.
Das geschah, eh Keie ward bezwungen:
An Beiden hast du Preis errungen.«
Zusammen ritten sie hindann,
Der Waleis und Gawan.
[409]
Viel Volk zu Ross und auch zu Fuß
Bot ihnen ehrenvollen Gruß,
Gawanen und dem Ritter roth,
Wie es ihre Zucht gebot.
Er führt' ihn in sein Zelt zuhand.
Frau Kunneware de Lalant,
Ihr Zelt schier an das seine gieng:
Die ward froh, mit Freud empfieng
Die Magd den Ritter, der gerochen
Was Keie hatt an ihr verbrochen.
Ihren Bruder nahm sie an die Hand
Und Frau Jeschuten von Karnant.
So sah sie kommen Parzival;
Dem wars durch manches Eisenmal
Wie thauge Rosen angeflogen.
Den Harnisch hatt er abgezogen.
Er sprang auf, als er die Frauen sah:
Zu ihm sprach Kunneware da:
»Gott zuerst, darnach auch mir
Sollt ihr willkommen sein, da ihr
Euch so mannlich habt bewährt.
Mir war zu lachen gar verwehrt,
Eh Euch mein Blick, mein Herz erkannt;
Alle Freuden hat mir da gebannt
Kei, der mich deswegen schlug;
[410]
Gerochen habt ihr das genug.
Ich küsst' euch, wär ich Küssens werth.«
»Das hätt ich selber jetzt begehrt;«
Sprach Parzival, »wenn ihrs erlaubt,
Eures Grußes bin ich froh, das glaubt.«
Sie küsst' und ließ ihn nicht mehr stehn.
Ihrer Jungfraun Eine hieß sie gehn,
Daß sie ihr reiche Kleider brächte:
Geschnitten waren sie zurechte
Aus Pfellel von Ninive,
Da sie König Klamide,
Ihr Gefangner, sollte tragen,
Die Jungfrau brachte sie, mit Klagen,
Dem Mantel fehle noch die Schnur.
An ihre blanke Seite fuhr
Kunnewar: ein Schnürlein
Fand sie dort, das zog sie drein.
Er bat um Urlaub, daß er sich
Den Rost abspüle: sicherlich
Seine Haut war licht und roth sein Mund.
Als er angekleidet stund,
Da war er lauter und klar;
Wer ihn sah, der sprach, fürwahr
Recht eine Blume sei der Mann.
Seine Farbe hohes Lob gewann.
[411]
Herrlich stand ihm seine Tracht;
Einen grünen Smaragd
Schob sie ihm vor sein Halsgewand;
Auch gab ihm Kunnewarens Hand
Eines theuern Gürtels Zier.
Auf der Borte sah man manches Thier
In edeln Steinen erglühn;
Die Schnalle war ein Rubin.
Wie stands dem Jüngling sonder Bart,
Als er damit gegürtet ward?
Die Märe meldet, schmuck genug.
Das Volk ihm holden Willen trug.
Wer ihn sah, Weib oder Mann,
Ihn werth zu halten begann.
Als die Messe war gethan,
König Artus kam heran
Mit der ganzen Tafelrunde,
Die Niemand rieth mit falschem Munde.
Sie hatten Alle wohl vernommen,
Der rothe Ritter wär gekommen
Zu Gawanens Pavillon.
Dahin gieng Artus der Breton.
Der zerbläute Antanor
Sprang dem König immer vor,
[412]
Daß er den Waleis sehen möchte.
Er frug: »Seid Ihr es, der mich rächte,
Und Kunnewaren de Laland?
Viel Preis erwarb eure Hand.
Keien wird es nun gereun,
Es ist gethan mit seinem Dräun;
Ich fürchte wenig seinen Schlag:
Der rechte Arm ist ihm zu schwach.«
Da sah der junge König reich
Ohne Flügel Engeln gleich,
Wie er blühend auf der Erde gieng.
Mit seinem Ingesind empfieng
Ihn Artus minniglich und wohl.
Gutes Willens waren voll
Alle die ihn hier ersahn.
Sein Urtheil würden sie bejahn,
Zu seinem Lob sprach Niemand Nein;
Er hatte minniglichen Schein.
Artus hub zum Waleis an;
»Ihr habt mir Lieb und Leid gethan.
Doch habt ihr mir der Ehre mehr
Gesendet und gebracht hieher,
Als ich je von einem Mann empfieng;
Ich dient euch noch mit keinem Ding.
Und hättet ihr nicht mehr gethan
[413]
Als daß die Herzogin gewann,
Jeschute, ihres Mannes Huld.
Gern auch hätt ich Keies Schuld
Vergolten ungerochen,
Hätt ich früher euch gesprochen.«
Artus sagt' ihm ihre Bitten,
Um die sie Alle sei'n geritten
So fern her über Berg und Thal.
Da baten sie ihn allzumal
Bis er mit Hand und Munde
Verhieß der Tafelrunde
Genoßenschaft auf alle Zeit.
Der Herrn Gesuch war ihm nicht leid,
Er mocht es wohl zufrieden sein:
Drum gab er seinen Willen drein.
Höret, urtheilt nun und sprecht,
Ob die Tafelrund ihr Recht
Bewahrte heut. Seit manchem Tag
Hieng Artus dieser Sitte nach:
Kein Ritter durfte mit ihm eßen,
Wenn Aventüre noch vergeßen
War, an seinen Hof zu kommen.
Aventür genug ward heut vernommen,
Man darf zur Tafelrunde gehn.
Blieb sie gleich zu Nantes stehn,
[414]
Man sprach ihr Recht auf blumgem Feld;
Nicht störte Staude noch Gezelt.
So hatt es Artus geboten,
Der den Ritter ehren wollt, den rothen,
Seiner Würdigkeit zu Lohn.
Ein Pfellel aus Akraton,
Fern aus der Heidenschaft gebracht,
Ward zum Tischtuch gemacht,
Nicht breit, doch rund geschnitten
Nach der Tafelrunde Sitten.
Denn so höfisch waren sie,
Vom Ehrensitze sprach man nie,
Die Sitze waren alle gleich.
Auch gebot Artus der König reich,
Daß man Herrn und Frauen
An dem Kreiße dürfe schauen.
Alles was da Preis besaß,
Magd, Weib und Mann zu Hofe aß.
»Da kam die Köngin Ginover
Mit schöner Frauen viel daher,
Manch edle Fürstin in den Reihn;
Sie hatten minniglichen Schein.
Auch war der Tafel Kreiß so weit,
Daß ungedrängt und sonder Streit
Manche Frau bei ihrem Freunde saß.
[415]
Artus, zu aller Falschheit laß,
Führte den Waleis an der Hand.
Frau Kunneware de Laland
Gieng ihm zur andern Seite,
Die er von Harm befreite.
Artus sah den Waleis an;
Hört, wie der König da begann;
Ich will euern klaren Leib
Küssen laßen mein Weib.
Ihr würdet Niemand zwar drum bitten,
Ihr kommt von Pelrapär geritten:
Da ist des Küssens schönstes Ziel.
Nur um Eins ich bitten will:
Daß ihr vergeltet diesen Kuss
In euerm Hause,« sprach Artus.
»Ich thu wie Ihr mich bittet, dorten,«
Sprach der Waleis, »und aller Orten.«
Ein wenig trat sie ihm entgegen
Und empfieng mit einem Kuss den Degen.
»So sei verziehen,« sprach sie da,
»Das Leid, das mir von euch geschah:
Viel Kummer habt ihr mir gegeben,
Da ihr Itheren nahmt das Leben.«
Diese Sühne schöpfte Thränenthau
Ins Aug der königlichen Frau,
[416]
Denn Ithers Tod that Frauen weh.
Man setzte König Klamide
Ans Ufer zu dem Plimizöl.
Bei ihm saß Jofreit fils Idöl.
Zwischen Klamide und Gawan
Der Waleis seinen Platz gewann.
Wie die Aventüre weiß,
Niemand saß in diesem Kreiß,
Der je Mutterbrüste sog,
Dessen Tugend minder trog.
Kraft und Tugend trug fürwahr
Der Waleis und ein Antlitz klar.
Wer Männer kennt, der muß gestehn,
Manche Frau hat sich besehn
In trüberm Spiegel, denn sein Mund.
Von seiner Farbe sei euch kund
Am Kinn und an den Wangen,
Sie wär zu einer Zangen
Wohl gut: sie wüste festzuhalten
Und ließe Unbestand nicht walten.
Ich meine Fraun, die wanken,
Von Dem zu Jenem schwanken:
Die Frauen feßelte sein Glanz.
Ihr Unbestand verschwand da ganz,
Ihr Blick getreulich an ihm hieng,
Durch die Augen in ihr Herz er gieng.
[417]
Ihm waren Mann und Weib ergeben:
So lebt' er würdigliches Leben
Bis an das klagenswerthe Ziel.
Hier kam von der ich sprechen will,
Eine Maid, um Treue hoch zu loben,
Scheint ihre Zucht uns gleich zu toben.
Ihre Botschaft in viel Herzen schnitt.
Nun höret wie die Jungfrau ritt:
Ein Maulthier wie ein Kastilian,
Fahl, doch scheckig um und an,
Geschlitzter Nase, und verbrannt
Wie ein Pferd aus Ungerland.
Ihr Zaum und all ihr Reitgeräth
War schön gestickt und wohl genäht,
Dazu kostbar und reich.
Das Maul gieng eben und gleich.
Fräulich war nicht ihr Erscheinen.
Weh, was mag ihr Kommen meinen?
Sie kam jedoch, das muste sein:
Sie bracht Artusens Heere Pein.
Die Jungfrau war der Künste voll,
Alle Sprachen sprach sie wohl,
Französisch, Heidnisch und Latein.
Sie hatt erlernt obendrein
Dialektik und Geometrie;
[418]
Auch von Astronomie
War ihr Alles wohlbekannt:
Kondrie wurde sie genannt.
Sorziere war der Zunamen
Der am Mund fürwahr nicht Lahmen,
Denn er sprach ihr genug,
Die viel hoher Freuden niederschlug.
Diese Magd an Künsten reich
Sah doch Denen wenig gleich,
Die man gerne beau gens nennt.
Ein Brautlaken wars von Gent,
Lazurfarben und noch blauer,
Das trug der Freuden Hagelschauer
Als einen Mantel wohl geschnitten
Nach französischen Sitten:
Darunter sah man Pfellel gut.
Von Lunders ein Pfauenhut
Unternäht mit Plialt
(Der Hut war neu, die Schnur nicht alt),
Hieng ihr nieder auf den Rücken.
Ihre Botschaft glich wohl einer Brücken,
Die Jammer über Freude trug:
Behagens raubte sie genug.
Ueber den Hut ihr Zopf sich schwang
Bis auf das Maulthier: der war lang,
[419]
Schwarz und fest, nicht allzu klar,
Lind wie der Schweine Rückenhaar.
Genaset war sie wie ein Hund;
So ragten auch ihr aus dem Mund
Zwei Eberzähne spannenlang.
Jedwede Augenbraue schwang
Sich in langen Zöpfen nieder.
Wahr sprech ich, ob der Zucht zuwider,
Daß ich so muß von Frauen sagen;
Keine andre darf es von mir klagen.
Kondrie hatt Ohren wie die Bären;
Zu scheuchen zärtliches Begehren
War ihr Antlitz rauh genug.
Eine Geisel in der Hand sie trug;
Die hatte seidner Schwenkel viel;
Ein Rubin war der Stiel.
Von Farbe wie des Affen Haut
Trug Hände diese schöne Braut;
Die Nägel waren nicht zu licht,
Denn die Aventüre spricht,
Sie sahn wie Löwenklauen aus.
Um Sie gabs selten Kampf und Strauß.
So ritt sie zu des Kreißes Rund,
Des Leids Beginn, der Freuden Schlund.
[420]
Sie hatte bald den Wirth erkannt.
Kunneware de Lalant
Aß mit König Artus;
Die Königin von Janfus
Mit Frau Ginoveren aß.
Artus der König herrlich saß.
Kondrie ritt vor den Britten hin;
Ansprach sie auf französisch ihn;
Wenn ichs im Deutschen sagen soll,
Ihre Botschaft thut mir auch nicht wohl:
»Fils dü Roi Utpandragon,
Dir selbst und manchem Breton
Hast du geworben Schande.
Die Besten aller Lande
Säßen hier, ein würdger Kreiß,
Fiele nicht dieß Gift in euern Preis.
Hin ist die Tafelrunde:
Ein Falscher ist im Bunde.
König Artus, hoch erhob
Ueber deine Genoßen sich dein Lob;
Dein steigender Preis, er sinkt,
Deine schnelle Würde hinkt,
Dein hohes Lob wird tief geneigt,
Da Falsch an deinem Preis sich zeigt.
Der Preis der Tafelrunde
[421]
Muß erlahmen seit der Stunde,
Daß ihr aufnahmt Parzivalen,
An dem die Ritterzeichen prahlen.
Ihr nennt ihn nach dem Ritter roth,
Der vor Nantes fand den Tod;
Doch ungleich sind die Zwei gewesen:
Von Niemand ward noch je gelesen,
Der so höchlich wär zu preisen.«
Von dem König ritt sie zum Waleisen.
Sie sprach zu ihm: »Ihr sollt mir büßen,
Daß ich versagen muß mein Grüßen
Artusen und den Rittern sein.
Verflucht sei euer lichter Schein
Und eures Wuchses Männlichkeit.
Hätt ich Heil und Seligkeit,
So blieben sie euch theuer.
Ich dünk euch ungeheuer
Und bin geheurer doch als Ihr.
Herr Parzival, nun saget mir,
Wie sich das begeben hat:
Da ihr den traurgen Fischer saht
Freudlos sitzen, ungetröstet,
Daß ihr des Leids ihn nicht erlöstet?«
»Er zeigt' euch seines Jammers Last:
O ihr ungetreuer Gast!
[422]
Da sollt euch seine Noth erbarmen.
Möcht euch der Mund verarmen,
Der Zunge, mein ich, drinne,
Wie eur Herz ist rechter Sinne!
Der Hölle hat euch vorbestimmt
Der im Himmel giebt und nimmt:
So soll euch auch auf Erden
Der Guten Abscheu werden.
Ihr Glücksverwiesner, Heilverbannter,
Vom Preis verlaßner, ungekannter,
Ihr seid an Ehre lahm und schwank
Und an der Würdigkeit so krank,
Euch kann kein Arzt mehr Heil gewähren.
Ich will auf euerm Haupte schwören,
Stabt mir Jemand solchen Eid,
Nie sah man größern Trug bis heut
An einem also schönen Mann.
Ihr tücksche Angel, Natternzahn!
Gab euch nicht der Wirth das Schwert,
Des ihr niemals wurdet werth?
Doch statt zu fragen, schwiegt ihr still;
Ihr seid des Höllenhirten Spiel.
Ehrloser Mann, Herr Parzival!
Trug man nicht vor euch hin den Gral,
Schneidendes Silber, blutgen Sper!
Ihr Freudenziel, des Leids Gewähr!«
[423]
»Hättet Ihr zu Monsalväsch gefragt,
Eine Stadt im Heidenlande ragt,
Tabronit, die jeden Wunsch erfüllt:
Hier hätt euch Fragen mehr enthüllt.
Feirefiß Anschewin
Hat jenes Landes Königin
In scharfem Ritterkampf erworben.
An dem ist nicht die Kraft verdorben,
Die euer beider Vater trug.
Eur Bruder ist wunderbar genug:
Wohl ist schwarz zumal und blank
Der Köngin Sohn von Zaßamank.«
»Nun gedenk ich auch an Gahmureten,
Des Herz nie Falschheit hat betreten.
Von Anschau euer Vater hieß,
Der euch ein ander Vorbild ließ,
Denn wie ihr habt geworben:
Ihr seid am Preis verdorben.
Hätt eure Mutter je gesündigt,
So hätte mir eur Thun verkündigt,
Daß ihr sein Sohn nicht könntet sein.
Doch nein, sie lehrte Treue Pein.
Glaubt von ihr das Allerbeste
Und daß eur Vater ehrenfeste
War, zu aller Treue weise,
[424]
Und weitfängig hohem Preise.
Die Welt erfüllt' er rings mit Schalle;
Großes Herz und kleine Galle,
Darob war seine Brust ein Dach.
Er war Reus und Netz und fängig Fach:
Seine Kraft, sein hoher Muth
Stellten nach dem Preise gut.
Nun ist eur Preis zu Fall gekommen.
O weh mir, hätt ichs nie vernommen,
Daß der Sohn von Herzeleiden
Sich vom Preise mochte scheiden!«
Kondrie war selbst des Kummers Pfand,
Daß sie die Hände weinend wand,
Eine Zähre ihr die Andre schlug:
Groß Leid sie in den Augen trug.
Treue lehrte so die Maid
Klagen ihres Herzens Leid.
Sie kehrte wieder zu dem Wirth,
Wo sie noch Andres melden wird.
Sie sprach: »Ist hier kein Ritter werth,
Des kühner Muth nach Preis begehrt
Und nach hoher Minne Zier?
Ich weiß der Königinnen vier
Und vierhundert Jungfrauen,
[425]
Die man gerne möchte schauen.
Zu Chatel Merveil ists wo sie sind.
All Aventür ist nur ein Wind
Gegen Die; wer die Gefahr nicht scheute,
Der fände hoher Minne Beute.
Schafft mir die weite Reise Pein,
Ich will doch heunte dort noch sein.«
Traurig war die Magd, nicht froh;
Ohn Urlaub schied sie dannen so.
Die oft noch weinend um sich schaut,
»Weh!« ruft sie endlich überlaut,
»Weh Monsalväsch, du Jammers Ziel,
Weh, daß dich Niemand trösten will!«
Kondrie la Sorziere,
Die unsüße, gleichwohl fiere,
Den Waleis schwer bekümmert hat.
Was half ihm kühnes Herzens Rath,
Und wahre Zucht und Mannheit?
Der Beschämung blieb er nicht befreit,
All seines Thuns gereut' ihn doch.
Wahre Bosheit mied ihn noch,
Denn Scham giebt Preis zu Lohne
Und wird einst der Seele Krone;
Scham will alle Zucht bewahren.
Weinen sah man Kunnewaren,
[426]
Daß Parzivaln, den Degen werth,
Kondrie beschimpft hatt und entehrt,
Ein Geschöpf so wunderlich.
Vor Herzeleid ergoßen sich
Der Augen viel der werthen Frauen,
Die man weinend muste schauen.
Kondrie hats ihnen angethan.
Die ritt hinweg: da ritt heran
Ein Ritter, der trug hohen Muth.
All seine Rüstung war so gut
Vom Fuß empor bis an das Haupt,
Daß man sie theur und kostbar glaubt.
Reich ist der Helmschmuck, den er führt,
Ritterlicher Harnisch ziert
Das Ross wie auch des Helden Leib.
Er fand sie alle, Mann und Weib,
Bekümmert in dem Kreiße hie;
Dem ritt er zu; vernehmet wie:
Sein Muth stand hoch, doch Jammers voll.
Wie kann das sein? Ich weiß es wohl:
Mannheit gab ihm hohen Sinn;
Den Jammer lehrte Herzleid ihn.
Er kam dem Kreiße zugesprengt.
Ward da der Degen wohl gedrängt?
[427]
Viel Knappen sprangen näher gleich:
Da empfiengen sie den Degen reich.
Sein Schild wie er war unbekannt;
Den Helm er nicht vom Haupte band.
Dem alle Freude war verwehrt,
Er trug in seiner Hand das Schwert,
Doch bedeckt von der Scheiden.
Da fragt' er nach den beiden:
»Wo ist Artus und Gawan?«
Die zeigten ihm die Junker an.
Da gieng er durch die weite Schar.
Sein Wappenrock war reich und klar,
Mit lichtem Pfellel wohl geschmückt.
Als er den Wirth hatt erblickt
Stand er still und sprach also:
»Gott mache König Artus froh!
Dazu den Herrn und Frauen,
Die meine Augen schauen,
Biet ich dienstbereiten Gruß,
Den ich Einem nur versagen muß:
Dem will ich nicht zu Diensten stehn,
Sein Haß mag wider mich ergehn:
Was er mit Haßen leisten kann,
Mein Haß ist seinem Haße Mann.«
[428]
»Wer Der sei, will ich euch sagen.
Wohl bin ich Armer zu beklagen,
Daß er so verwundet hat mein Herz:
Durch Ihn ist allzugroß sein Schmerz.
Das ist hier der Herr Gawan,
Der sonst wohl hohen Preis gewann.
Er hatte Würdigkeit errungen;
Doch Unpreis hat ihn jetzt bezwungen,
Da seine Gier so weit ihn trug,
Daß er meinen Herrn im Gruß erschlug:
Judas küssender Verrath
Verführt' ihn zu der Missethat.
Es geht viel tausend Herzen nah.
Meuchelmörderisch war da
An meinem lieben Herrn gethan.
Läugnet das Herr Gawan,
Mit Kampf er sich befreien mag
Von heut am vierzigsten Tag
Vor dem Könige von Askalon
In der Hauptstadt Schamfanzon.
Kampflich fordr ich ihn heraus
Mit mir zu fechten Kampf und Strauß.«
»Daß er sichs nicht entschlage,
Und des Schildes Amt dort trage,
Will ich ihn ferner mahnen
[429]
Beim Helm und bei den Fahnen,
Und allem Brauch der Ritterschaft.
Die hat zwei Schätze großer Kraft:
Rechte Scham und stäte Treu;
Der beiden Preis ist alt und neu.
Von Scham soll sich nicht scheiden
Gawan, will er bekleiden
Noch die edle Tafelrunde,
Die hier steht zu dieser Stunde,
Denn um ihr Recht wärs gethan
Säß ein Treuloser dran.
Ich bin zu schelten nicht gekommen;
Glaubt mir, denn ihr habts vernommen,
Ich fordre Kampf für Schelten.
Da soll der Tod nur gelten
Oder Leben mit Ehren,
Wem das Glück es will gewähren.«
Der König schwieg und war unfroh;
Doch entgegnet' er der Rede so:
»Herr, Gawan ist mein Schwestersohn:
Wär er todt, ich gienge schon
Selbst in den Kampf, eh sein Gebein
Beschimpft und ehrlos sollte sein.
Wills Gott, so macht euch Gawans Hand
Wohl im Kampfe dort bekannt,
[430]
Daß er Treue hält und ehrt
Und sich aller Bosheit hat erwehrt.
Hat euch anders Jemand Leid
Gethan, so wärs nicht an der Zeit,
Daß ihr Ihn schmähtet sonder Schuld.
Denn erwirbt er eure Huld
Und beweist, daß er unschuldig ist,
So habt ihr hier in kurzer Frist
Von ihm gesagt, was euerm Preise
Schadet, sind die Leute weise.«
Beaukorps, der stolze Mann
(Dessen Bruder war Gawan),
Der sprang empor und sprach zuhand:
»Herr, ich stelle mich zum Pfand,
Wohin ihr immer Gawan fodert.
Sein Schmähn hat mich mit Zorn durchlodert.
Laßt ihr ihn der Schmach nicht frei,
Haltet euch an mich, sein Pfand ich sei,
Ich will für ihn den Kampf bestehn.
Es kann mit Worten nicht geschehn,
Daß man höhern Preis erniedre
Als den Gawan trägt, der Biedre.«
Er gieng zu seinem Bruder hin,
Fußfällig bat er ihn;
[431]
Hört wie er zu dem Bruder sprach:
»Gedenke, daß du manchen Tag
Mir halfst zu großer Würdigkeit.
Laß mich für Dich in diesem Streit
Ein kampfliches Geisel sein.
Soll ich dann im Kampf gedeihn,
Stäts wird dirs Ehre bringen.«
Er wollt ihn flehend zwingen
Bei Bruderlieb und Ritterpreis.
Gawan sprach: »Ich bin so weis,
Daß ich dir, Bruder, nicht gewähren
Kann dein brüderlich Begehren.
Was mir der Streit soll, weiß ich nicht,
Auch bin ich nicht auf Streit erpicht:
Ungerne wollt ich dir versagen:
Doch müst ichs ewig Schande tragen.«
Beaukorps fuhr zu bitten fort;
Da sprach der Gast an seinem Ort:
»Hier bietet Kampf mir ein Mann,
Des ich Kunde nie gewann.
Was hätt ich wider ihn zu klagen?
Stark, kühn, sonder Zagen,
Reich, getreu und minniglich,
Ist er da Alles völliglich,
So taugt er wohl zum Bürgen;
[432]
Doch ich will ihn nicht würgen.
Mein Herr und nächster Vetter ists,
Des Tod mich mahnet solchen Zwists.
Unsre Väter Brüder hießen,
Die nichts einander ließen.
Kein gekrönter König ist so hehr,
Dem ich nicht ebenbürtig wär,
Ihm kampflich Rede zu stehn,
Der Rache Pflicht zu begehn.
Ich bin ein Fürst aus Askalon,
Der Landgraf von Schamfanzon,
Und heiße Kingrimursel.
Tönt Herrn Gawans Lob so hell,
So kann er nimmer sich entschlagen
Gegen mich den Schild zu tragen.
Ich geb ihm Frieden durch mein Land,
Nur nicht von meiner eignen Hand.
Der Friede, den ich ihm verheiße,
Gilt allwärts außerm Kampfeskreiße.
Gott nehm euch All in Schutz und Hut;
Nur Einen nicht: ihr kennt ihn gut.«
So schied der wohlgelobte Mann
Von des Plimizöls Plan.
Da Kingrimursel ward genannt,
Da war er Allen wohlbekannt:
[433]
Voll von seines Namens Preis
War das Land in weitem Kreiß;
Sie sprachen Alle, Herrn Gawan
Dürf im Kampf wohl Sorge nahn;
Kraft genug und Mannheit habe
Der Fürst, der dort von hinnen trabe.
Auch schuf es Manchem große Noth,
Daß man ihm hier nicht Ehre bot;
Doch solche Botschaft ist gekommen,
Ihr habt es selber wohl vernommen,
Daß leicht ein Gast des Wirthes Gruß
Diesen Tag entbehren muß.
Von Kondrinen erst vernahm man recht
Parzivals Namen und Geschlecht,
Daß eine Köngin ihn gebar,
Und der Anschewein ihr Gatte war.
Da hub wohl Mancher an: »Ich weiß
Daß er sie vor Kanvoleiß
Ritterlich erworben hat
Mit mancher Tjost, die er that,
Und seine Mannheit unverzagt
Ihm erwarb die wonnigliche Magd.
Anflise, die geehrte,
Auch Gahmureten lehrte
Kurtoisie und reine Sitte:
[434]
Nun freue sich ein jeder Britte,
Daß der Held uns ist gekommen,
Da so viel Preises ward vernommen
Von ihm, und Gahmureten auch;
Würdigkeit war stäts sein Brauch.«
Artusens Heer war an dem Tage
Gekommen Freude so wie Klage:
Ein so gezweites Leben
War den Helden hier gegeben.
Sie standen auf überall:
Man sah sie trauern allzumal.
Die Besten giengen wo im Kreiß
Sie Gawan und den Waleis
Beieinander fanden stehn:
Sie wollten sie zu trösten sehn.
Klamide den Degen wohlgeboren,
Gedäucht', er hätte mehr verloren
Als Einer, der da möchte sein;
Allzuscharf war seine Pein.
Da hub er an zu Parzival:
»Wärt ihr auch König bei dem Gral,
Doch müst ich sprechen sonder Spott:
Die Heidenstadt Tribalibot
Und des Kaukasas goldreicher Grund,
[435]
Was je von Reichthum las ein Mund,
Dazu des Grales Herrlichkeit,
Die ersetzten nicht das Herzeleid,
Das ich vor Pelrapär gewann.
Ich armer, unselger Mann!
Mich schied von Freuden eure Hand.
Hier ist Kunware de Laland:
Auch ist als ihrem Ritter euch
So zugethan die Fürstin reich,
Daß sie andern Dienst nicht will,
Mag sie auch lohnen Rittern viel.
Doch verdröß es billig ihren Sinn,
Daß ich ihr Gefangner bin
So lange Zeit gewesen.
Soll ich zum Glück genesen,
So helft, daß sie sich selber ehrt,
Mir ihre Minne des gewährt
Ein Theil, das eure Kraft mir nahm,
Als der Freude Ziel mir ferne kam.
Getroffen hätt ichs, säumtet Ihr!
Nun helft mir zu dem Mägdlein hier.«
»Das thu ich,« sprach der Waleis,
»Wenn sie Bitten zu erhören weiß.
Ich tröst euch gern: denn Die ist mein,
Um Die ihr wollt unselig sein,
[436]
Sie, die da trägt den beau korps,
Kondwiramor.«
Von Janfus die Heidin,
Artus und die Königin,
Kunneware de Laland
Und Frau Jeschute von Karnant,
Die traten tröstend hinzu.
Was wollt ihr, daß man weiter thu?
Kunwaren gab man Klamide:
Dem war nach ihrer Minne weh.
Er gab sich ihr zu Lohne
Und ihrem Haupt die Krone.
Als das Die von Janfuse sah,
Zu dem Waleis sprach die Heidin da:
»Kondrie nannt uns einen Mann,
Der als Bruder wohl euch freuen kann.
Seine Kraft reicht weit und breit,
Zweier Kronen Herrlichkeit
Dient mit Furcht seiner Hand
Auf dem Meer wie auf dem Land:
Aßagog und Zaßamank,
Zwei mächtge Reiche weit und lang.
Seinem Reichthum vergleicht
Sich nur des Baruchs vielleicht,
Oder auch Tribalibot.
[437]
Er wird angebetet als ein Gott.
Seine Haut ist wunderlich:
Nicht weiß noch schwarz, wie Ihr und Ich,
Nein, er ist schwarz und weiß zugleich.
Ich kam gefahren durch sein Reich:
Wohl große Mühe wandt' er an,
Von der Fahrt, die ich hieher gethan,
Mich abzuziehn; doch nicht vermocht er.
Seiner Mutter Muhmentochter
Bin ich: er ist ein König hehr.
Vernehmt von ihm der Wunder mehr.
Nie hielt Wer Sitz vor seinen Tjosten,
Er läßt sich seinen Preis auch kosten:
Kein mildrer Mann ward je geboren.
Die Falschheit hat das Spiel verloren
Bei Feirefiß Anschewein;
Oft litt er Fraun zu Ehren Pein.«
»Zwar hatt ich wenig Freunde hier,
Doch reist ich her aus Neubegier
Nach Aventür und Ritterwerke.
Nun seh ich, blüht die höchste Stärke
In Euch, daß alle die Getauften
Durch Euern Preis sich Lob erkauften,
Wenn euch edler Anstand zählt,
Und wie sich Schönheit vermählt
[438]
In Euch mit mannlichem Brauch;
Der Kraft gesellt Ihr Jugend auch.«
Der reichen weisen Heidin
Gab Unterweisung den Gewinn,
Daß sie gut französisch sprach.
Der Waleis begann darnach:
Also sprach er zu ihr:
»Gott lohn euch, Herrin, daß ihr hier
Mich so freundlich trösten wollt;
Mir zahlt doch Kummer nur den Sold:
Warum, laßt euch bescheiden.
Ich mag das Leid nicht leiden,
Das sich mir angekündigt:
Daß sich Mancher nun versündigt
An mir, der meinen Schmerz nicht räth,
Und mich mit seinem Spott belädt.
In Frieden sieht mich Niemand mehr
Ersah ich nicht den Gral vorher,
Es währe kurz oder lang.
Mich jagt dahin der Seele Drang;
Auch wendet nichts mir den Entschluß,
So lang ich bin und leben muß.«
»Trug Bescheidenheit und Zucht
Mir den Spott der Welt als Frucht
[439]
So traf es wohl sein Rath nicht ganz:
Mir rieth der werthe Gurnemans,
Daß ich unbescheidne Frage miede,
Und mich von allem Vorwitz schiede.
Viel werther Ritter seh ich hier:
Bei eurer Zucht, nun rathet mir,
Wie erwerb ich wieder eure Huld?
Man warf mir eine schwere Schuld
Hier mit strengen Worten vor.
Wessen Huld ich drum verlor,
Der ist mir ohne Grund nicht gram.
Wenn ich zu Preis einst wieder kam,
So seht, ob ihr darnach mich schätzt:
Von euch zu scheiden eil ich jetzt.
Ihr gelobtet mir Genoßenschaft,
Dieweil ich blüht' in Preises Kraft:
Deren seid nun frei. Hin zu dem Orte,
Wo meine grüne Freude dorrte!
Mein Herz soll tiefen Jammers pflegen,
Den Augen geb es immer Regen,
Seit ich auf Monsalväsch verließ
Was mich vom wahren Heil verstieß,
O Gott, wie manche klare Magd!
Was je von Wundern ward gesagt,
Viel größre Wunder hat der Gral.
Der Wirth trägt seufzerreiche Qual.
[440]
Ach hülfeloser Anfortas
Was half dir, daß ich bei dir saß!«
Was sollen sie hier länger stehn?
Es muß nun an ein Scheiden gehn.
Da begann der Waleis
Zu Artus dem Bretaneis,
Den Rittern und den Frauen,
Ihren Urlaub woll er schauen
Und Heil erwünschen Allen.
Niemand wollt es gefallen,
Daß er so traurig ritt hindann.
Leid war sein Scheiden Weib und Mann.
Artus gelobt' ihm in die Hand,
Käm je in solche Noth sein Land
Wie es von Klamide gewonnen,
So woll er ihm zu Hülfe kommen.
Auch bedaur' er, daß ihm Lähelein
Nahm zweier reichen Kronen Schein.
Viel Dienste Mancher noch ihm bot;
Den Helden trieb hindann die Noth.
Kunnewar die schöne Magd
Nahm den Degen unverzagt
Und führt' ihn an der Hand hindann.
[441]
Da küsst' ihn mein Herr Gawan.
Auch sprach der Held verwegen
Zu dem kraftreichen Degen:
»Ich weiß wohl, Freund, du must nun fahren,
Darfst dich in manchem Kampf nicht sparen.
Gebe Gott dir Glück im Streit,
Und mir noch einst Gelegenheit
Dir zu dienen, wie ich es begehre.
Daß seine Kraft mir das gewähre!«
Der Waleis sprach: »Weh, was ist Gott?
Wär Der gewaltig, solchen Spott
Gäb er uns beiden nicht fürwahr!
Wär er nicht aller Kräfte bar.
Ich war mit Dienst ihm unterthan,
So lang ich bin und beten kann.
Ich will ihm künftig Dienst versagen:
Hat er Haß, den will ich tragen.
Freund, kommt deine Kampfeszeit,
Ein Weib beschütze dich im Streit.
Die müße segnen deine Hand,
An der du Keuschheit hast erkannt
Und weibliche Güte,
Ihre Minne dich behüte.
Weiß nicht, wann ich dich wieder sehe;
Ich wünsche, daß dir Heil geschehe.«
[442]
Zu Nachbarn gab ihr Scheiden
Nun Trauer diesen beiden.
Kunneware de Laland
Führt' ihn wo das Zelt ihr stand.
Sein Geräth ließ sie ihm bringen:
Ihre linden Hände hiengen
Es um dem Gahmuretens-Sohn.
Sie sprach: »Ich schuld euch solchen Lohn,
Da der König mich von Brandigan
Euerthalb zur Braut gewann.
Sonst giebt mir eure Würdigkeit
Noth und seufzerreiches Leid.
Wenn Ihr euch Trauerns nicht erwehrt,
Eure Sorg an meiner Freude zehrt.«
Nun war sein Ross mit Stahl verdeckt,
Ihm selber neue Noth erweckt.
Auch hat der Degen wohlgethan
Lichtweißen Eisenharnisch an,
Theuer, aller Mängel bar;
Korsett und Wappenrock, das war
Geschmückt mit Gesteine.
Seinen Helm alleine
Hatt er nicht aufgebunden.
Da küsst' er unumwunden
Kunewar die klare Magd;
[443]
Also ward mir gesagt.
Da geschah ein traurig Scheiden
Von den liebenden Beiden.
Wir laßen reiten unsern Helden;
Was die nächsten Abenteuer melden,
Das geht ihn so genau nicht an;
Doch hört ihr einst was er begann,
Wohin er fuhr und wo er blieb.
Wem Kampf und Ritterspiel nur lieb,
Denk unterdessen nicht an ihn,
Räth ihm das sein stolzer Sinn.
Kondwiramor,
Dein minniglicher beau korps,
Wie oft der Degen sein gedenkt,
Was er dir Aventüren schenkt!
Schildesamt um den Gral
Uebt nun der Held, den mit Qual
Einst Frau Herzeleid gebar,
Der auch des Grals Anerbe war.
Da fuhr des Ingesindes viel
Zu einem mühvollen Ziel:
Das Schloß zu erschauen,
Wo vierhundert Jungfrauen
Und vier Königinnen hehr
[444]
Gefangen hielt ein Zauberer.
Das Schloß heißt Schatelmerveil.
Was ihnen dort ward zu Theil,
Nicht beneid ich ihnen das;
Ich bin doch Frauenlohnes laß.
Da sprach der Grieche Klias:
»Ich bins, der da den Boden maß.«
Das gestand er öffentlich:
»Der Türkowite fällte mich
Hinters Ross zu meiner Schmach.
Von vier Königinnen sprach
Er mir, die da gefangen sind;
Zwei sind alt, und zwei noch Kind.
Die Eine heißet Itonjê,
Die andre heißet Kondriê,
Die dritte heißt Arnive,
Die vierte Sangive.«
Die Neugier trieb sie hinzugehn;
Doch konnt' es anders nicht geschehn,
Sie musten Schaden dort erjagen;
Den Schaden will ich mäßig klagen.
Wer um Frauen duldet Noth und Streit,
Das giebt ihm Freude, wenn auch Leid
Wohl mitunter überwiegt:
So geht es wo die Minne kriegt.
[445]
Auch Gawan machte sich bereit,
Er wappnete sich für den Streit
Vor dem König von Askalon.
Leid war es manchem Breton;
Von mancher Frau und mancher Magd
Ward es herzlich auch beklagt,
Daß er zum Kampf sollt reisen.
An Würdigkeit verwaisen
Sah man die Tafelrunde.
Gawan erwog zur Stunde,
Womit er möchte siegen.
Harte Schilde wohlgediegen
(Gleich galt ihm wie die Farbe war)
Brachten Kaufleute dar
Auf Säumern, doch nicht wohlfeil:
Dreie wurden ihm zum Theil.
Auch erwarb der Degen hochgemuth
Sieben Ross zum Kampfe gut;
Zwölf scharfe Spere von Angram
Sich der Held zu Freunden nahm,
Starke Rohrschäfte drein
Von Oraste Gentesein,
Aus einem Moor im Heidenland.
Gawan nahm Urlaub zuhand
Und fuhr hinweg mit Mannheit.
Artus gab willig und bereit
[446]
Zu der Fahrt ihm reichen Sold,
Licht Gestein und rothes Gold
Und Silber manchen Sterling;
Viel Mühen er entgegen gieng.
Nach der Heimat schiffte da
Sich ein die junge Ekuba;
Die reiche Heidin mein ich.
Allwärts hin zerstreute sich
Das Volk von dem Plimizöl.
Artus fuhr gen Karidöl;
Doch nahmen von ihm Urlaub eh
Kunnewar und Klamide.
Orilus der Herzog auserkannt
Und Frau Jeschute von Karnant
Nahmen Urlaub auch sofort;
Doch verblieben sie noch dort
Bis zum dritten Tag bei Klamiden:
Des Hochzeit sollte da geschehn;
Jedoch nicht laut, nur insgeheim:
Sie wurde größer bald daheim.
Denn wie ihm seine Milde rieth,
Viel Ritter, welche Reichthum mied,
Nahm er mit in seiner Schar;
Die Fahrenden noch alle gar.
Daheim in seinem Lande
[447]
Mit Ehren ohne Schande
Vertheilt' er ihnen seine Habe,
Versagte Niemand karg die Gabe.
Auch Frau Jeschute fuhr zumal,
Und Orilus ihr Gemahl,
Klamiden zu Lieb gen Brandigan.
Das ward zu Ehren gethan
Kunnewar, der Königin:
Der ward die Krone da verliehn.
Nun hoff ich, sinnge Frauen gut,
Haben sie getreuen Muth,
Die dieß einst geschrieben sehn,
Sie werden mir wohl eingestehn,
Daß ich Frauen beßer schildern mag
Als ich einst von Einer sprach.
Belakane, die Königin,
Tadelsohne war ihr Sinn
Und zu aller Falschheit laß,
Da ein todter König sie umsaß.
Frau Herzeleiden füllt' ein Traum
Mit Seufzern aus des Herzens Raum.
Wie groß war Ginoverens Klage
An Itherens Todestage!
Auch fühlt ich ihren Kummer mit,
[448]
Da Jeschute solche Schmach erlitt,
Des Königs Tochter von Karnant,
Eh ihre Unschuld ward erkannt.
Misshandelt wurde Kunnewar
Und gerauft ihr schönes Haar:
Das seht ihr Beiden wohl ersetzt;
Sie haben Preis für Schande jetzt.
Diese Märe führe fort ein Mann,
Der Aventüre schlichten kann
Und Reime weiß zu sprechen,
Zu paaren und zu brechen.
Ich thäts euch gerne weiter kund,
Geböt und lohnt' es mir ein Mund,
Den aber kleinre Füße tragen
Als die mein Ross mit Sporen schlagen.

7. Obilot

Inhalt
Inhalt.

Gawan, während Parzivals Verzweiflung Herr der Aventüre, begegnet einem Heere, das der junge König Meljanz von Li gegen Lippaut, seinen Erzieher und Lehnsträger, nach Beaurosche führt, weil ihm dessen Tochter, die schöne Obie, obwohl sie ihn liebte, Minnelohn verweigert hat. Sein Oheim, König Poidikonjonz von Gross, dessen Sohn Meljakanz, und der Herzog Astor von Lanveronz, der die vor Jahren von Poidikonjonz gefangen genommenen Britten führt, bilden die Stärke seines Heeres, das sonst meist aus Kinden (Edelknaben) besteht, die Meljanz zu Rittern geschlagen hat. Die Bürger, welche die Pforten vermauert hatten, öffnen sie wieder, als ihnen Hülfe zuzieht. Auch Gawan, welcher der Burg zugeritten ist, wird von Obiens kleiner Schwester Obilot zum Beistand ihres Vaters vermocht, während Obie selbst, aus Minnezorn und um gegen die Schwester Recht zu behalten, ihn als einen Falschmünzer verfolgen läßt. Die kindische Jungfrau nimmt ihn zu ihrem Ritter an und schenkt ihm einen Aermel als Kleinod, den er auf seinen Schild schlagen läßt. Gawan reitet mit seinem Wirthe, dem Burggrafen Scherules, in den Streit, rennt Lisavander, den Schatelier (Kastelan) von Beauvais, einen der Kinde des jungen Königs, der die Sporen an ihm verdienen will, nieder, schützt den Herzog Kardefablet de Jamor, den Schwager Lippauts, vor Meljakanz, fängt den starken Lahduman, Komte de Montan, weicht den gefangenen Britten aus, verwundet und fängt Meljanzen, [453] und würde auch Meljakanzen gefangen haben, wenn ihn der Herzog Astor ihm nicht entzogen hätte. Unterdessen hat ein rother Ritter (Parzival), der auf Meljanzens Seite focht, den König Schirniel von Lirivoin, dessen Bruder König von Avendroin, und den Herzog Marangließ gefangen, die er nun in die Stadt schickt, um gegen Meljanz ausgewechselt zu werden. Gawan giebt den im Kampf zerfetzten Aermel Obiloten zurück, die ihn sogleich anlegt. Hernach schenkt er ihr auch seinen Gefangenen König Meljanz. Sie schenkt ihn ihrer Schwester Obie, wodurch Sühne und Vermählung zu Stande kommt. Gawan, dessen Ross Ingliart, mit den kurzen Ohren, bei Meljanzens Gefangennehmung dem rothen Ritter zugelaufen ist, nimmt Abschied von Obiloten und zieht weiter.

Obilot
[454] Obilot.
Der Schande floh bis in den Tod,
Eine Weile soll ihm zu Gebot
Diese Aventüre stehn,
Gawan, dem Degen ausersehn.
Manchen Helden rühmt sie gern
Neben oder vor dem Herrn
Dieser Märe, Parzival.
Wer seinen Freund in jedem Fall
Auf den höchsten Thron will tragen,
Muß Andern billges Lob versagen.
Doch Dem alleine glaubt die Welt,
Des Lob sich an die Wahrheit hält;
Sonst, was er spricht und was er sprach,
Bleibt seine Rede sonder Dach.
Wer soll des Sinnes Haus erhalten,
Will die Weisheit sein nicht walten?
Verlogne, falsche Märe,
Bedünkt mich, beßer wäre
Die dach- und fachlos auf dem Schnee,
So daß dem Munde würde weh,
[455]
Der für Wahrheit sie verbreitet:
So hätt ihn Gott dahin geleitet
Wo ihn der Gute gerne sieht,
Dem oft um Wahrheit Leid geschieht.
Wer sich zu solcher That beeilt,
Der Unglück billig Lohn ertheilt,
Will Den ein werther Dichter preisen,
Des müst ihn Thorheit unterweisen.
Er meidets, weiß er sich zu schämen:
Den Brauch soll er zum Vogte nehmen.
Gawan trug den rechten Muth:
Seine Tapferkeit hielt solche Hut,
Daß Verzagtheit seinem Preise
Schaden mochte keinerweise.
Im Felde war sein Herz ein Thurm,
Und doch so rasch im Kampfessturm,
Daß man stäts ihn im Gedränge fand.
Freund und Feind ihm zugestand,
Sein Schlachtruf laute löblich hell,
Wie gern ihm auch Kingrimursel
Hätte solchen Preis benommen.
Nun war von Artus gekommen,
Ich weiß nicht, schon wie manchen Tag
Gawan, der aller Mannheit pflag.
So ritt der Degen wohlgestalt
[456]
Seines Wegs aus einem Wald
Mit dem Gefolg durch einen Grund.
Da ward ihm auf dem Hügel kund
Ein Ding, das Angst wohl lehrte,
Doch seine Mannheit mehrte.
Da sah der Held wohl unbetrogen,
Unter Panieren zogen
Volle Scharen mit Gepränge.
»Hier wird es,« dacht er, »mir zu enge:
Kehr ich wieder in den Wald.«
Da ließ der Degen gürten bald
Ein Ross, das Orilus ihm ließ;
Zwei rothe Ohren senkte dieß.
Gringuljet sein Name war:
Er empfieng es ohne Bitte gar.
Es war von Monsalväsch gekommen;
Da hatt es Lähelein genommen
Bei Brumban, so hieß der See.
Seine Tjost that einem Ritter weh,
Den er todt herunter stach:
So erzählte Trevrezent hernach.
Gawan gedachte: »Wer verzagt
Flieht bevor ihn Einer jagt,
Das ist zu früh für seinen Ruhm:
Stapf ich näher hin darum,
[457]
Was mir davon auch mag geschehn.
Die Meisten haben mich gesehn;
Doch wird Rath zu Allem werden.«
Da schwang er sich zur Erden,
Als wollt er rasten sich einmal.
Die Haufen waren ohne Zahl,
Die da rottenweise ritten.
Er sah viel Kleider wohlgeschnitten
Und manchen Schild mit solchen Zeichen,
Daß er noch nie gesehn dergleichen,
Noch die ein Fähnlein an dem Sper.
»Fremd bin ich sicher diesem Heer,«
Sprach der werthe Gawan,
»Da ich Ihrer Kunde nie gewann.
Will man mir das zum Argen kehren,
Einer Tjost wohl will ich sie gewähren
Mit eignen Händen, Gott weiß,
Eh ich scheid aus ihrem Kreiß.«
Da war auch Gringuljet bereit,
Der oft in ängstlichen Streit
Tiostierend war gebracht.
Das ward ihm jetzt auch zugedacht.
Gawan sah da reich floriert,
Mit manchem Wappenbild geziert
Kostbarer Helme viel.
[458]
Sie führten vor ihr Kriegsziel
Neuer Spere manche Garbe.
Sie waren bunt von Farbe,
Junkern in die Hand gegeben;
Im Banner sah man Wappen schweben.
Gawan Fils du Roi Lot
Sah von Gedränge große Noth.
Mäuler musten Rüstzeug tragen,
Rosse zogen volle Wagen;
Zur Herberg eilte Maul und Ross.
Hinterdrein der Krämertross
Zog gar wunderlich daher;
Es geht halt anders nimmermehr.
Auch Frauen sah man da genug;
Manche den zwölften Schwertgurt trug
Zu Pfande für verkaufte Lust.
Nicht Königinnen warens just:
Dieselben Buhlerinnen
Hießen Marketenderinnen.
Dabei Hallunken mannigfalt,
Der eine jung, der andre alt:
Sie liefen sich die Glieder krank.
Manchem ziemte mehr der Strang,
Als daß er hier das Heer vermehrte
Und werthes Volk verunehrte.
[459]
Die hier Gawan traf, die Haufen
Waren vor geritten und gelaufen;
So begab es sich da,
Daß Wer den Helden halten sah,
Meint', er wär desselben Heers.
Weder dieß- noch jenseits Meers
Fuhr jemals stolzre Ritterschaft;
Sie hatten hohen Muth und Kraft.
Dicht hinter ihnen fuhr,
Eilends folgend ihrer Spur,
Ein Knapp gar alles Tadels frei;
Ein ledig Ross gieng nebenbei.
Er führte einen neuen Schild;
Die Sporen stieß er unmild
Dem Ross in die Seiten,
Denn ihn lüstete zu streiten.
Sein Gewand war wohlgeschnitten.
Gawan hatt ihn bald erritten
Und frug ihn nach dem Gruß um Märe,
Wes das Ingesinde wäre?
Der Knapp sprach: »Herr, ihr spottet mein.
Hätt ich solcher Züchtgung Pein
Von euch verwirkt durch mein Betragen,
Lieber wollt ich andre Noth ertragen:
Sie beschimpfte mich nicht so wie das.
[460]
Um Gott, besänftigt euern Haß.
Ihr seid bekannter hier als ich:
Warum also fragt ihr mich?
Sicher tausendmal so gut
Kennt ihr dieses Heeres Flut.«
Gawan ihm hoch und theuer schwur,
Alles Volk, das vor ihm fuhr,
Sei ihm unkund völliglich.
Der Degen sprach: »Ich schäme mich;
Doch hab ich Alle nie gesehn,
Wie ich in Wahrheit muß gestehn,
Vor dieser Zeit an keinem Ort,
Dient' ich gleich bald hier bald dort.«
Der Knappe sprach zu Gawan:
»So that ich Unrecht, Herr, daran,
Daß ich euch nicht Bescheid gesagt:
Da war mein beßrer Sinn verzagt.
Richtet über meine Schuld
Nach eurer eigenen Huld:
Hernach will ich euch Alles sagen;
Erst ziemts, mein Unrecht zu beklagen.«
»Nun sagt mir, Junker, wer sie sei'n,
Wollt ihr so gefällig sein.«
»Herr, so heißt der vor euch fährt
Und dem die Reise Niemand wehrt:
[461]
Roi Poidikonjonz,
Mit Dük Astor de Lanveronz.
Bei ihnen fährt ein wüster Mann,
Der Frauenminne nie gewann.
Er trägt der Unsitte Kranz
Und heißt mit Namen Meljakanz.
Ob es Weib war oder Magd,
Von der er Minne je erjagt,
So nahm er sie mit Nöthen:
Man sollt' ihn drum ertödten.
Poidikonjonzens Sohn ist Er
Und will auch kämpfen mit dem Heer.
Oftmals hat er Ritterschaft
Gethan mit unverzagter Kraft.
Was hilft sein mannlicher Brauch?
Ein Mutterschwein wehrt sich auch
Tapfer, wenns dem Ferkel gilt.
Der Mann verdient, daß man ihn schilt,
Der zum Muth nicht Sitte fügt;
Ihr bezeugt mir, daß mein Mund nicht lügt.«
»Herr, noch meld ich Wunder viel:
Merket, was ich sagen will.
Uns folgt mit großer Heeresmacht,
Den Unart hat in Leid gebracht,
Von Li Meljanz der König hehr.
[462]
Sich selber schuf er viel Beschwer
Durch Zorn und Hochfahrt ohne Noth.
Verschmähte Lieb es ihm gebot.«
Noch sprach der höfsche Knappe da:
»Herr, ich sag euch was ich selber sah.
König Meljanzens Vater,
Auf dem Todbett zu sich bat er
Die Herrn in seinem Lande.
Unlöslich zu Pfande
Stand sein tugendreiches Leben:
Es muste sich dem Tod ergeben.
Da solches Leid ihm widerfuhr
Bei ihrer Treu er sie beschwur
Und befahl Meljanz den klaren
Den Fürsten, die da waren.«
Aus diesen wählt' er Einen dann,
Der war sein höchster Lehensmann;
Er hatte stäts sich treu bewährt,
Von aller Falschheit abgekehrt.
Den bat er, seinen Sohn zu ziehn.
Er sprach: »Bewähre gegen ihn
Deine Treu aufs Beste.
Lehr ihn, daß er die Gäste
Und die Heimschen halte werth.
Wenn der Dürftige begehrt,
[463]
So lehr ihn milde sein mit Gaben.«
So befahl er ihm den Knaben.
»Da that der Fürst Lippaut
Was sein Herr, der König Schaut,
Ihm befohlen hatt im Sterben.
Er ließ kein Wort verderben,
Richtet' Alles treulich aus.
Er nahm den Knaben in sein Haus.
Zwei liebe Kinder hatt er dort,
Er liebt sie wohl noch immerfort:
Eine Tochter, welcher nichts gebräche
Als das Alter, daß man spräche,
Sie möge Minn um Minne leihn.
Obie heißt das Töchterlein;
Ihre Schwester heißet Obilot.
Obie schafft uns diese Noth.«
»Eines Tags es sich begeben hat,
Daß sie der junge König bat
Für seinen Dienst um Minne.«
Sie verfluchte seine Sinne
Und fragt' ihn, was er dächte,
Daß er sich von Sinnen brächte?
Sie sprach zu ihm: »Wärt ihr so alt,
Daß ihr gefochten, wo es galt,
Den Helm aufs Haupt gebunden
[464]
Unterm Schild in würdgen Stunden,
In Gefahr und hartem Drang
Fünf volle Jahre lang;
Hättet stäts den Preis gewonnen
Und wäret dann zurück gekommen,
Mir zu Gebot gewesen da,
Und ich spräche dann erst Ja
Zu dem was ihr schon heut begehrt,
Noch hätt ichs euch zu früh gewährt.
Ihr seid mir lieb (wer leugnet des?)
Wie Annoren Galoes,
Die den Tod um ihn erwarb,
Da Er in einer Tjost erstarb.«
»Ungern, Frau, ich muß bekennen,
Seh ich euch so in Liebe brennen,
Daß euer Zorn sich auf mich kehrt.
Dienst,« sprach er, »ist doch Gnade werth,
So mag man Minne wohl erproben.
Frau, ihr habt euch überhoben,
Als ihr mich von Sinnen schaltet;
Da hat Klugheit nicht gewaltet.
Wenig dachtet ihr daran,
Daß euer Vater ist mein Mann
Und daß er hat von meiner Hand
Burgen viel und all sein Land.«
[465]
»›Dem ihr was leiht, verdien ers auch,‹
Sprach sie; ›doch höher zielt mein Brauch.
Von Niemand nahm ich Lehen an.
Meine Freiheit ist sogethan,
Jeder Krone hoch genug,
Die ein irdisch Haupt noch trug.‹
Er sprach: ›Das hat man euch gelehrt,
Daß ihr so die Hochfahrt mehrt.
Da euer Vater gab den Rath,
So büß er mir die Missethat.
Ich will hier Wappen also tragen,
Gestochen werd und geschlagen.
Ob es Krieg heißt ob Turnei,
Hier bricht noch mancher Sper entzwei.‹
Im Zorne schied er von der Magd.
Sein Unmuth wurde schwer beklagt
Von all der Massenie;
Wohl klagt' auch drum Obie.
Auf des Herrn Beschuldigung
Drang auf Untersuchung
Und erbot zum Eid sich gar
Lippaut, der unschuldig war.
Ob es krumm wär oder schlicht,
Von Genoßen heisch' er ein Gericht,
Wenn die Fürsten all bei Hofe wären,
[466]
Denn er käm zu solchen Mären
Ganz ohn alle seine Schuld.
Er bat um gnädigliche Huld
Inständigst seinen Herrn;
Den hielt der Zorn von Freuden fern.
Es wär nicht angegangen,
Daß Lippaut hätt gefangen
Seinen Herrn: er war sein Wirth;
Das wär von Treue weit verirrt.
Der König ohne Urlaub schied,
Wie sein bethörter Sinn ihm rieth.
Da weinten mit Gestöhne
Seine Knappen, Fürstensöhne,
Die mit dem König dort gewesen:
Sie ließen Lippaut gern genesen.
Getreulich hatt er sie erzogen,
Um edle Sitte nicht betrogen;
Meinen Herrn nur lockt ehrgeizger Sinn;
Wohl pflegte doch der Fürst auch ihn.
Mein Herr der ist ein Franzais,
Le Schatelier de Beauvais;
Er heißt Lisavander.
Alle Knappen miteinander
Musten dem Fürsten widersagen;
Sie sollten Schildesamt hier tragen.
[467]
Fürsten- und Grafenkinder schlug
Zu Rittern Meljanz heut genug.
Des vordern Heeres pflegt ein Mann,
Der scharfen Streit wohl kämpfen kann,
König Poidikonjonz von Gross;
Er führt manch wohlgewappnet Ross.
Meljanz ist seines Bruders Sohn.
Hochfahrt verstehen Beide schon,
Der Junge wie der Alte.
Daß denn der Unfug walte!
So hat der Zorn sich vorgenommen,
Daß die Könige gezogen kommen,
Beide vor Beaurosch: da muß
Uns Kampf erwerben Frauengruß.
Mancher Sper wird da zerbrochen,
Gerannt wird und gestochen.
Doch steht Beaurosche wohl zu Wehr:
Hätten wir zwanzigmal dieß Heer
Und größer als wirs haben,
Wir füllten nicht den Graben.
Dem hintern Heer bleibt verhohlen
Meine Fahrt: ich trug verstohlen
Diesen Schild weg vor den andern Kinden,
Ob mein Herr möge finden
[468]
Eine Tjost durch seinen ersten Schild,
Die seinen jungen Ehrgeiz stillt.«
Da sah der Knappe hinter sich:
Sein Herre folgt' ihm hurtiglich.
Zwei blanke Spere und drei Rosse
Wurden ihm nachgebracht vom Trosse.
An seiner Hast verrieth sich klar,
Er sann, vorauf der ganzen Schar,
Die ersten Tjoste zu erjagen;
Die Aventüre hört ichs sagen.
Der Knappe sprach zu Gawan hier:
»Herr, euern Urlaub gönnet mir.«
Er wandte seinem Herrn sich zu.
Was wollt ihr nun, daß Gawan thu?
Soll er nicht bei dem Tanze sein?
Ein Bedenken schuf ihm scharfe Pein:
Er dachte: »Soll ich kämpfen sehn,
Und solls von mir nicht auch geschehn,
So ists um meinen Preis gethan.
Und fang ich erst zu kämpfen an,
Und versäume meine Stunde,
So muß ich mit Grunde
Auf allen Preis verzichten.
Nein, ich bleibe hier mit Nichten;
Ich folge meinem Kampfgebot.«
[469]
Verwickelt wurde seine Noth:
Zu bleiben bis sein Tag erschien,
Allzugefährlich däucht' es ihn;
Und doch war hier nicht durchzukommen.
»Nun mag mir Gottes Hülfe frommen,
Daß ich bestehe wie ein Mann.«
Gen Beaurosche ritt Gawan.
So vor ihm lagen Burg und Stadt,
Daß Niemand beßern Wohnsitz hat.
Er sah sie glänzend glästen,
Eine Krone aller Besten,
Mit starken Thürmen wohlgeziert.
Schon war das äußre Heer quartiert
Vor der Stadt auf den Plan.
Da ersah Herr Gawan
Manch reich geschmückten Zeltbering.
Die Hochfahrt war da nicht gering!
Von Panieren mannigfalt
Sah er einen ganzen Wald,
Und fremden Pöbel aller Art.
Mit Zweifel war sein Muth gepaart;
Der legt' ihm scharfe Foltern an:
Mitten hindurch ritt Gawan.
Eine Zeltschnur die andre drang
Das weite breite Heer entlang.
[470]
Da sah er wie sie lagen,
Was der, was jene pflagen.
Wer zu ihm sprach Bien sois venü,
Dem gab er Antwort Grand Merzi.
In großer Rotte dorten lag
Ein Söldnerheer von Semblidag;
Von Bogenschützen lag dabei
Ein Geschwader auch aus Kahetei.
Unbekanntschaft zeugt oft Haß,
An König Lotens Sohn bewies sich das:
Da ihn zu bleiben Niemand bat,
Gawan wandte sich zur Stadt.
Er dachte: »Muß ich Schmuggler sein,
So berg ich vor Verlust was Mein
Draußen nicht so gut als drinnen.
Auf Gewinn will ich nicht sinnen,
Nur das Meine zu erhalten,
Will das Glück mir freundlich schalten.«
Zu einer Pforte ritt er hin:
Was er da sah, bekümmert' ihn.
Die Bürger hatt es nicht gedauert,
Ihre Pforten waren all vermauert.
Die Thürme stehen wohl verwahrt:
An jeder Zinne gewahrt
[471]
Einen Schützen er, die Armbrust
Gerichtet auf der Feinde Brust;
Sie flißen sich zu trotzger Wehr.
Bergauf ritt der Degen hehr.
War er gleich dort unbekannt,
Er ritt bis er die Veste fand.
Da durften edler Frauen
Seine Augen viel erschauen.
Gekommen war des Wirths Gemahl
Sich umzuschauen auf den Saal
Mit ihren schönen Töchtern zwein;
Ihre Farbe hatte lichten Schein.
Wohl hat er ihr Gespräch vernommen:
»Wer mag uns da zu Hülfe kommen?«
Sprach die alte Herzogin:
»Wo will er mit den Säumern hin?«
Da hub die ältre Tochter an:
»Mutter, es ist ein Kaufmann.« –
»Er führt doch manchen Schild daher.« –
»Das thun der Kaufleute mehr.«
Die Jüngere versetzte da:
»Du zeihst ihn was wohl nie geschah,
Schwester, dessen schäme dich:
Er war nie Kaufmann sicherlich.
[472]
Er ist so minniglich und hold,
Zum Ritter ich ihn haben wollt.
Er mag um Dienst hier Lohn begehren:
Ich will ihm Lieb und Lohn gewähren.«
Da sah sein Ingesinde,
Daß bei Oelbäumen eine Linde
Unten an der Mauer stund:
Das däuchte sie ein lieber Fund.
Was meint ihr, daß geschehen werde?
Herr Gawan schwang sich vom Pferde,
Wo er willkommnen Schatten sah.
Sein Kämmrer säumte nicht, ihm da
Matratz und Kissen hinzulegen:
Drauf setzte sich der stolze Degen;
Ein Heer von Frauen sahs von Oben.
Von den Saumthieren hoben
Die Knappen Rüstzeug und Gewand.
Wo sich sonst ein Baum noch fand,
Da nahmen Herberg im Schatten
Die ihn dahin begleitet hatten.
Die alte Herzogin begann:
»Tochter, welcher Kaufmann
Wüste so sich zu gehaben?
Du unterschätzest seine Gaben.«
[473]
Da sprach die junge Obilot:
»Unart ihr noch mehr gebot:
Durch Hochmuth verletzte sie
Den König Meljanz von Li,
Der sie um Minne wollte bitten:
Das sind unfeine Sitten.«
Obie sprach dagegen,
Unmuth mochte sie bewegen:
»Ich kann so viel nicht an ihm finden:
Ein Wechsler sitzt dort an der Linden;
Er wird ein gut Geschäft hier machen.
Den Goldschrein hütet gleich den Drachen
Dein Ritter, närrsche Schwester mein:
Er will sein Wächter selber sein.«
In Herrn Gawans Ohren
Gieng kein Wort verloren.
Nun laßen wir die Rede bleiben
Und sehen was die Städter treiben.
Ein schiffbar Waßer floß vorüber;
Von Stein gieng eine Brücke drüber:
Dort war noch unverheert das Land,
Da der Feind der Stadt im Rücken stand.
Ein Marschall angeritten kam,
Der vor der Brücke Herberg nahm
[474]
Auf einem Felde groß und breit.
Sein Herr kam auch zur rechten Zeit
Und die Andern, die noch sollten kommen.
Ich sag euch, habt ihrs nicht vernommen,
Wer dem Wirth zu Hülfe ritt,
Und wer für ihn mit Treue stritt:
Ihm kam von Brevigariez
Sein Bruder Dük Marangliez;
Und dem zu Lieb zwei Ritter schnell,
Der werthe König Schirniel,
Der die Krone trug zu Lirivoin,
Und sein Bruder, Herr zu Avendroin.
Als die Bürger sahen,
Ihnen solle Hülfe nahen,
Was mit Aller Willen war geschehn,
Schien ihnen da ein groß Versehn.
Da sprach der Herzog Lippaut:
»Weh daß Beaurosch den Tag erschaut,
Wo ihm vermauert sind die Pforten.
Doch wenn ich meinem Herren dorten
Im offnen Feld entgegen stünde,
So würde Tapferkeit zur Sünde.
Mir ziemt' und frommte seine Huld
Mehr als sein Haß ohn alle Schuld.
Eine Tjost steht meinem Schilde schlecht,
[475]
Die mein Herr mir stößt im Zwiegefecht;
Ungern auch verletzt mein Schwert
Den Schild ihm, meinem Herren werth!
Wenn ein edles Weib das lobt,
Die hat sich allzulos erprobt.
Gesetzt, ich hätte meinen Herrn
In meinem Thurm: ich löst' ihn gern
Und gienge mit in seinen.
Wie er mich wollte peinen,
Ich stünd ihm gänzlich zu Gebot.
Danken gleichwohl muß ich Gott,
Daß ich noch ungefangen,
Da Lieb und Zorn ihn zwangen,
Daß er mich hier umlagert hat.
Gebt mir einen weisen Rath,«
Sprach er zu den Bürgern nun,
»Was in solcher Noth zu thun?«
Wohl sprach da mancher werthe Mann:
»Säh der König eure Unschuld an,
So stünd es anders hier zur Stunde.«
Sie riethen ihm aus Einem Munde,
Daß er die Pforten aufthäte,
Und die Besten alle bäte,
Zur Tjost hinaus zu reiten.
»Laßt uns offen streiten,
[476]
Statt von den Zinnen uns zu wehren,
Mit Meljanzens beiden Heeren.
Es sind doch meist nur Kinde
In des Königs Heergesinde.
Vielleicht, daß wir ein Pfand uns fangen:
So ist oft schon großer Zorn vergangen.
Wenn er Ritterschaft hier thut,
So legt sich wohl sein Unmuth,
Daß er aus dieser Noth uns nimmt
Und seinen Zorn herunterstimmt.
In der Feldschlacht lieber sterben
Als vermauert hier verderben.
Es sollt uns wohl gelingen
Vor ihren Zeltberingen,
Wär Poidikonjonz nicht so stark:
Dem folgt des Heeres Kern und Mark.
Da müßen wir zumeist erbangen
Vor den Britten, die er hält gefangen:
Sie führt der Herzog Astor,
Der kämpft im Streit den Andern vor.
Dann ist sein Sohn Meljakanz:
Hätte Den erzogen Gurnemanz,
So mehrte sich sein Preis erst recht,
Und so schon scheut er kein Gefecht.
Doch auch Uns ist Hülfe jetzt gekommen.«
Nun habt ihr ihren Rath vernommen.
[477]
Der Herzog that wie man ihm rieth:
Die Maur er aus den Pforten schied.
Um Kraft und Muth unbetrogen
Die Bürger aus den Pforten zogen,
Hier Eine Tjost, die Andre dort.
Auch zog das fremde Heer sofort
Der Stadt zu mit hohem Muth;
Ihr Vesperspiel wurde gut.
Zu beiden Seiten zahllos Heer:
Die Knappen riefen hin und her;
Wälsch und Schottisch her und hin
Und durcheinander ward geschrien.
Von Ritterthat wär viel zu melden:
Waidlich versuchten sich die Helden.
Es waren meistens wohl nur Kinde
In des Königs Heergesinde,
Die doch viel kühne That begiengen,
Die Bürger auf dem Saatfeld fiengen.
Der ein Kleinod nie von einem Weibe
Verdiente, mocht an seinem Leibe
Beßer Gewand nicht tragen.
Von Meljanz hört' ich sagen,
All seine Rüstung wäre gut;
Er trug auch selber hohen Muth,
Und ritt ein schönes Kastilian,
[478]
Das einst Meljakanz gewann,
Als er Kei'n so hoch herunter trieb,
Daß er am Aste hängen blieb.
Das dort Meljakanz erstritt,
Meljanz von Li wars, der es ritt.
Er war voraus schon so bekannt,
Obiens Blick hieng unverwandt
Vom Saal an seinem Ritterspiel,
Wo sie zusah mit der Frauen viel.
Sie sprach zur Schwester: »Sieh doch, Kleine,
Fürwahr, mein Ritter und der deine
Begehn hier ungleiche That.
Der deine wähnt, daß wir die Stadt
Und die Burg verlieren sollen;
Andre Wehr wir suchen wollen.«
Die Junge must ihr Spotten tragen.
Sie sprach: »Man soll an nichts verzagen:
Ich trau es seiner Kraft noch zu,
Er schafft vor deinem Spott sich Ruh.
Mag er mit seinem Dienst mich ehren,
Dafür will ich ihn Freude lehren:
Da du sagst, daß er ein Kaufmann sei,
Meinen Lohn erhandeln mag er frei.«
Von dem Streit der Jungfraun über ihn
Ließ Gawan sich kein Wort entfliehn.
[479]
Ohn einen Laut zu sagen
Must ers geduldig tragen.
Soll sich ein lauter Herz nicht schämen,
Das muß der Tod von hinnen nehmen.
Das große Heer noch stille lag,
Dessen Poidikonjonz pflag.
Nur Ein werther junger Mann
Nahm Theil am Streit mit seinem Bann:
Der Herzog von Lanveronz.
Da kam Poidikonjonz;
Auch nahm der altweise Mann
Sie allzumal mit sich hindann:
Vorüber war das Vesperspiel,
Um werthe Fraun gestritten viel.
Da sprach Poidikonjonz
Zum Herzogen von Lanveronz:
»Was harrt Ihr mein nicht, wie's gebührt,
Wenn Ehrgeiz in den Kampf euch führt?
Wähnt ihr, das sei wohlgethan?
Hier ist der werthe Lahduman
Und mein Sohn Meljakanz:
Kommen die zwei in den Tanz,
Und ich, so mögt ihr Streiten sehn,
Wenn ihr Streit könnt prüfen und verstehn.
[480]
Ich komme nicht von dieser Statt,
Ich mach euch All noch Kämpfens satt,
Es sei denn, daß sich mir mit Beben
Weib und Mann gefangen geben.«
Da sprach der Herzog Astor:
»Euer Neffe, Herr, stritt vor dem Thor,
Der König, und sein Heer von Li:
Und die Euern, sollten sie
Sich inzwischen schlafen legen?
Wann lehrtet Ihr das eure Degen?
So schlaf ich wo man streiten soll;
Den Streit verschlafen kann ich wohl.
Doch glaubt mir, wär ich nicht gekommen,
Die Bürger hätten Preis und Frommen
Davon getragen bei der Fahrt:
Vor Schanden hab ich euch bewahrt.
Um Gott, besänftigt euern Zorn:
Hier ist mehr gewonnen als verlorn
Von eurer Massenie,
Wills gestehen Frau Obie.«
Wohl muste Meljanz, seinen Neffen,
Poidikonjonzens Zorn auch treffen;
Doch trug der werthe junge Mann
Manche Tjost durch seinen Schild hindann.
[481]
Sein neuer Preis darfs nicht beklagen.
Nun höret von Obien sagen.
Die erwies nun Haß genug
Gawanen, der ihn schuldlos trug;
Sie erwürb ihm Schande gern und Hohn.
Sie sandte einen Garzon
Hin zu Gawan unterm Saal.
Sie sprach: »Geh hin und frag einmal,
Ob die Rosse zu verkaufen sei'n,
Und ob er wohl in Kist und Schrein
Führe gutes Kramgewand?
Wir Frauen kaufens allzuhand.«
Der Garzon kam gegangen:
Mit Zorn ward er empfangen.
Kaum hat ihn Gawan angeblickt,
Als sein Herz zusammenschrickt.
Der Garzon wurde so verzagt:
Ungefragt und ungesagt
Blieb was sie ihn bestellen hieß.
Gawan die Rede doch nicht ließ:
Er sprach: »Hallunke, packe Dich,
Maulschellen fürchterlich
Sollst du haben kreuz und quer,
Kommst du noch einmal hieher.«
[482]
Der Garzon lief was er konnte:
Nun höret, was Obie begonnte.
Einen Junker schickt sie wieder
Zu dem Burggrafen nieder,
Welcher Scherules hieß.
»Bitt ihn,« sprach sie, »daß er dieß
Thu zu meiner Ehre
Und seine Mannheit dran bewähre.
Sieben Rosse dort am Graben
Unterm Oelbaum soll er haben,
Und noch andern Reichthums viel.
Einen Kaufmann, der uns trügen will
Soll er des Gutes pfänden.
Ich getrau es seinen Händen,
Sie nehmens unvergolten;
Auch behält ers unbescholten.«
Der Knappe gieng hinab und sagte
Worüber seine Herrin klagte.
»Gilts vor Trug uns zu bewahren,«
Sprach Scherules, »so will ich fahren.«
Da ritt er hin wo Gawan saß,
Der selten hohen Muths vergaß.
Da fand er jedes Fehls Verlust,
Lichtes Antlitz, hohe Brust
Und einen Ritter wohlgethan.
[483]
Scherules blickt' ihn prüfend an,
Er sah den Arm, jedwede Hand,
Wie Alles ihm so adlig stand.
»Herr,« sprach er, »unser Gast seid Ihr;
Nicht wohl bei Sinnen waren wir,
Daß ihr nicht Herberg längst empfiengt;
Unsre große Schuld ists unbedingt.
Ich will nun selber Marschall sein;
Leut und Gut, und Was nur mein,
Das soll euch ganz zu Diensten stehn.
Keinen Wirth hat je ein Gast gesehn,
Der ihm so gern ist unterthan.«
»Großen Dank, Herr,« sprach Gawan.
»Nicht verdient' ich Solches noch;
Gerne folg ich euch jedoch.«
Scherules, den Tadel mied,
Sprach wie ihm die Treue rieth:
»Da es Mir zu thun verbleiben muste,
Wohlan, ich schütz euch vor Verluste,
Es beraub euch denn das äußre Heer:
Dann steh ich mit euch wohl zu Wehr.«
Er sprach mit frohem Munde
Zu den Knappen in der Runde:
»Hebt auf das Rüstzeug allzumal:
Wir wollen nieder in das Thal.«
[484]
Gawan fuhr mit seinem Wirth.
Obie, auch hiedurch ungeirrt,
Schickt' ein Gespiel als Gesandte
Zu ihrem Vater, der sie kannte:
»Geh und sag ihm Wort für Wort:
Ein Falschmünzer reite dort
Und führe bei sich großes Gut.
Bitt ihn (da er doch die Flut
Von Knechten habe, deren Sold
Rosse sei'n, Gewand und Gold),
Ihnen diesen Preis zu geben:
Ihrer Sieben hätten so zu leben.«
Sie gieng und sagt' ihm unverhohlen
Was seine Tochter ihr befohlen.
Wer in Fehden ist befangen,
Kann Der reiche Beute fangen,
Die nimmt er ohne Weigern an.
Lippaut, den getreuen Mann,
Die vielen Söldner drängten ihn:
Da dacht er wohl in seinem Sinn:
»Ich muß dieß Heil gewinnen,
Er soll mir nicht entrinnen.«
Alsbald verfolgt' er den Degen.
Da kam ihm Scherules entgegen
Und frug ihn: »Herr, wohin so jach?«
[485]
»Einem Betrüger reit ich nach:
Ich höre von ihm sagen,
Falsch Geld hab er geschlagen.«
Schuldlos war Herr Gawan ganz;
Nur seinen Rossen galt der Tanz,
Seinem Gold und seinen Sachen.
Scherules muste lachen.
Da sprach er: »Herr, ihr seid betrogen,
Wer es euch sagte, hat gelogen,
Ob es Weib sei oder Mann.
Unschuldig ist mein Gast hieran;
Lernet jetzt ihn anders preisen:
Keine Münze hat er aufzuweisen.
Wollt ihr der rechten Märe lauschen,
Er kann nicht wechseln, kann nicht tauschen.
Seht ihn nur an, vernehmt sein Wort;
Er ist in meinem Hause dort.
Kennt ihr ritterliches Wesen,
So mögt ihr hier nur Gutes lesen:
Er war auf Falschheit niemals aus.
Wer ihn des zeihen will durchaus,
Wärs mein Vater, wärs mein Kind,
Alle die ihm feindgesinnt,
Mein nächster Freund, mein Bruder,
Müste des Kampfes Ruder
[486]
Wider mich ziehn: ich will ihn wehren,
Alle Unbill von ihm kehren,
Wenn Ihr mich, Herr, nicht drum verdammt.
In einen Sack aus Schildesamt
Wollt ich mich lieber ziehen,
In eine Wüste fliehen
Zu unbekanntem Lande,
Eh ihr eure Schande
Solltet, Herr, an ihm begehn.
Gütlich, würd euch beßer stehn
Sie zu empfangen, die da kommen,
Weil sie von eurer Noth vernommen,
Als daß ihr sie berauben wollt;
Das meidet, Herr, ich bin euch hold.«
Da sprach der Fürst: »Laß mich ihn sehn.
Ihm soll nichts Arges geschehn.«
Sie ritten wo sie Gawan fanden:
Zwei Augen und ein Herz gestanden
(Die kamen Lippaut zugesellt),
Daß der Gast ein edler Held,
Und rechter mannlicher Sinn
Aus seinen Geberden schien.
Wen jemals wahrer Liebe Drang
Zu herzlicher Minne zwang –
[487]
Herzlieb' ist wohl dafür bekannt,
Daß sie das Herz als Minnepfand
So versetzet und verpfändet,
Kein Mund es je vollendet
Was Minne Wunder wirken kann.
Es sei Weib oder Mann,
Sie schwächt an klugem Sinne
Oft herzliche Minne.
Obie und Meljanz,
Die beiden liebten sich so ganz
Und gar mit solchen Treuen,
Sein Zorn sollt euch nicht freuen,
Der sie verzürnt hat und entzweit.
Nun gab ihr Trauer solches Leid,
Zum Zorne stimmt' es ihre Huld.
Das büßte Gawan sonder Schuld
Und andre, die es mit ihm litten.
Sie fiel aus weiblichen Sitten,
Ihre Sanftmuth trübte sich mit Zorn.
Es war ihr beider Augen Dorn,
Wo sie den werthen Mann erblickte.
Ihrem Herzen, das Meljanz entzückte,
Sollt er durchaus der Höchste sein.
Sie dachte: »Bringt er mich in Pein,
Für ihn will ich sie tragen –
Der ganzen Welt entsagen
[488]
Für den werthen jungen süßen Mann:
Das hat das Herz mir angethan.«
Da oft aus Zorn die Minne spricht,
So tadelts an Obien nicht.
Nun höret ihren Vater an:
Als er den werthen Gawan
In seinem Land willkommen hieß,
Zu ihm begann und sprach er dieß:
»Herr, daß ihr hergekommen
Mag uns um Heile frommen.
Ich bin gefahren manche Fahrt,
Kein Antlitz hab ich je gewahrt,
Das mir solche Freude bot.
In dieser ängstlichen Noth
Soll uns eurer Ankunft Tag
Trösten, der wohl trösten mag.«
Er bat ihn: »Thut hier Ritterschaft.
Fehlt euch Harnisch, Schild und Schaft,
Das laß ich euch bereiten,
Herr, wollt ihr für uns streiten.«
Da sprach der werthe Gawan:
»Ich wär dazu ein willger Mann;
Ich bin gesund und wohlgerüstet –
Doch streiten darf ich, wie mich lüstet,
[489]
Nicht vor bestimmtem Tage.
Sieg oder Niederlage
Wollt ich für euch erleiden;
Doch muß ich es vermeiden,
Herr, bis der Kampf geschlichtet,
Dem ich theuer bin verpflichtet,
Wo ich bei aller Werthen Gruß
Mich mit dem Schwerte lösen muß
(Mich führt dahin die Straße),
Wenn ich nicht das Leben laße.«
Das war Lippaut ein Herzeleid.
»Herr, bei eurer Würdigkeit,
Eurer höfschen Zucht und Huld,
Vernehmet meine Unschuld.
Zwei Töchter hab ich, sie sind
Mir lieb; wer liebte nicht sein Kind?
Was mir an denen Gott gegeben,
Damit will ich in Frieden leben.
Wohl mir, auch des Kummers wegen,
Den ich jetzt um sie muß hegen!
Den trägt doch die Eine
Mit mir in engerm Vereine;
Nur sind wir darin entzweit:
Ihr thut mein Herr mit Minnen leid
Und mir mit Unminne.
[490]
Wenn ich mich recht besinne,
So thut mein Herr Gewalt mir an,
Weil ich keinen Sohn gewann.
Mir sollen Töchter lieber sein;
Was thuts, erleid ich diese Pein?
Ich will sie mir zum Heile zählen.
Wer mit der Tochter einst soll wählen,
Ist ihr verboten gleich das Schwert,
Sie weiß schon wie sie sonst sich wehrt:
Sie wird ihm würdiglich erwerben
Einen wackern Sohn zum künftgen Erben.
Darauf ist auch mein Sinn gestellt.«
»Das gewähr euch Gott,« so sprach der Held.
Lippaut der Herzog bat ihn sehr:
»Um Gott, Herr, bittet mich nicht mehr,«
Sprach da König Lotens Sohn,
»Bei eurer Zucht, laßt ab davon,
Daß ich nicht Treue müß entbehren.
Eins jedoch will ich gewähren:
Es zu erwägen diese Nacht;
Dann hört ihr, wie ich mich bedacht.«
Der Fürst ihm dankt' und gieng zur Hand;
Zu Hof er seine Tochter fand,
Und des Burggrafen Töchterlein;
[491]
Die beiden schnellten Ringelein.
Da sprach er Obiloten zu:
»Von wannen, Tochter, kommst du?« –
»Zur Stadt, Vater, will ich.
Er gewährt mirs sicherlich:
Ich will den fremden Ritter bitten,
Daß er mir dient nach Ritterssitten.«
»So sei dir, Töchterlein, geklagt:
Er hat mir zu- noch abgesagt;
Doch unterstütze meine Bitte.«
Sie lief zum Gast mit schnellem Schritte.
Da sie in seine Kammer gieng,
Aufspringend Gawan sie empfieng;
Hin zu der Süßen setzt' er sich,
Und dankt' ihr, daß sie minniglich
Ihm bei der Schwester Beistand bot.
Er sprach: »Litt je ein Ritter Noth
Um ein so kleines Fräulein,
So sollt ichs auch gesonnen sein.«
Die junge süße klare Maid
Sprach da ohne Schüchternheit:
»Wie mir Gott bezeugen kann,
So seid ihr, Herr, der erste Mann,
Der je mein Sprechgeselle ward.
[492]
Ist meine Zucht dabei bewahrt
Und auch mein verschämter Sinn,
Das giebt mir freudigen Gewinn,
Denn meine Meisterin sprach,
Die Rede wär des Sinnes Dach.«
»Herr, ich flehe Euch und Mich;
Wahrer Kummer nöthigt mich:
Ich will ihn nennen, wenn ihr wollt.
Seid mir darum nicht minder hold;
Ich wandle doch des Maßes Pfad,
Da ich zugleich mich selber bat:
Ihr seid in der Wahrheit Ich,
Scheiden auch die Namen sich.
Nehmet meinen Namen an,
So seid ihr Maid zugleich und Mann.
Drum hab ich Euch und Mich begehrt.
Laßt ihr mich, Herr, nun ungewährt
Und beschämt von hinnen gehn,
So muß dafür zu Rede stehn
Euer Preis vor euer wahren Zucht,
Daß eine Magd umsonst gesucht
Euch zur Hülfe zu bewegen.
Ist euch, Herr, daran gelegen,
Ich will euch geben Minne
Mit Herzen und mit Sinne.«
[493]
»Habt ihr mannlichen Brauch,
So weiß ich, Herr, ihr dient mir auch;
Seht, ich bin wohl Dienens werth.
Wohl hat mein Vater schon begehrt,
Daß ihm Freund' und Vettern Hülfe senden:
Das braucht euch doch nicht abzuwenden,
Nein, dienet uns um meinen Lohn.«
Er sprach: »Frau, eures Mundes Ton
Will mich von Treue scheiden:
Wollt ihr mir Treu verleiden?
Da ich Treu zum Pfande bot,
Lös ich sie nicht, so bin ich todt.
Doch setzt auch, daß ich Dienst und Sinne
Richten wollt auf Eure Minne;
Eh ihr Minne möchtet geben,
Müstet ihr noch fünf Jahr leben;
Das ist für eure Zeit die Zahl.«
Da gedacht er doch, wie Parzival
Sich mehr auf Fraun als Gott verließ.
Ihm war als ob der Freund ihn hieß',
Er soll' ihr zu Gebote sein.
Er versprach dem Fräulein,
Helm und Schild für sie zu tragen.
Scherzend hörte sie ihn sagen:
»In eurer Hand sei mein Schwert;
So jemand Tjost von mir begehrt,
[494]
Ihr müßt den Buhurd reiten,
Für mich tjostierend streiten.
Ob Mich Alle kämpfen sehn,
Doch muß der Kampf von Euch geschehn.«
Sie sprach: »Des bin ich gern gewillt:
Ich bin eur Schirm, ich euer Schild,
Ich euer Herz, ich die euch tröstet,
Wie ihr vom Zweifel mich erlöstet.
Ich bin für alle Fälle
Eur Geleit und eur Geselle,
Wider Unglücks Sturm ein Dach,
Im Ungemach ein sanft Gemach.
Meine Minne soll euch Frieden geben,
Vor Sorge sichernd euch umschweben,
Daß eure Kraft nichts stört noch irrt,
Sich zu wehren trotz dem Wirth.
Ich bin Wirth und Wirthin,
Bin euch im Streit Begleiterin.
Bleibt Ihr dessen eingedenk,
Wird Heil und Kraft euch zum Geschenk.«
Da sprach der werthe Gawan:
»Um Beides, Herrin, halt ich an.
Da ich euch soll zu Wunsche leben,
Ihr müßt mir Trost und Minne geben.«
[495]
Derweil lag ihre kleine Hand
In der seinen festgebannt.
Da sprach sie: »Herr, ich will nun gehn,
Was meines Amts ist, zu versehn.
Wie zögt ihr ohne meinen Sold?
Dazu wär ich euch allzuhold.
Meine Sorge sei, bei Zeiten
Euch mein Kleinod zu bereiten:
Wenn ihr das tragt, in keiner Weise
Weicht euer Preis dann anderm Preise.«
Aufbrach die Magd und ihr Gespiel.
Sie erboten sich zu Diensten viel
Ihrem Gaste Gawan.
Dankend sprach der kühne Mann:
»Werdet ihr erst achtzehn alt,
Trüg dann Spere nur der Wald,
Der jetzt viel ander Holz noch hat,
Das ist euch Zwein geringe Saat.
Da so schon eure Jugend zwingt,
Wenn ihrs zu vollen Jahren bringt,
Eure Minne lehrt noch Rittershänden
Schild und Spere viel verschwenden.«
Mit Freuden sonder Leide
Fuhren hin die Mägdlein beide.
[496]
Des Burggrafen Töchterlein
Sprach: »Nun sagt mir, Herrin mein,
Womit wollt ihr ihn begaben?
Da wir nichts als Docken (Puppen) haben.
Wenn meine schöner wären,
Gebt die, ich wills nicht wehren,
Und verschmerze sie auch balde.«
Mitten in des Berges Halde
Kam Lippaut der Fürst geritten.
Obiloten und Klauditten
Sah er sich entgegen gehn:
Er bat sie beide, stillzustehn.
Da sprach die junge Obilot:
»Vater, mir war nie so noth
Deiner Hülfe noch; auch gieb mir Rath.
Der Ritter thut, wie ich ihn bat.«
»Tochter, was dein Sinn begehrt,
Das wird dir, hab ich es, gewährt.
Heil dem Tag, der dich mir brachte:
Wie da das Glück mir freundlich lachte!«
»So will ich, Vater, dir es sagen,
Dir meinen Kummer heimlich klagen;
So thu an mir dann gnädiglich.«
Er hob sie auf sein Pferd zu sich.
Sie sprach: »Wo bleibt dann mein Gespiel?«
[497]
Der Ritter hielten bei ihm viel:
Die stritten Wer sie nehmen sollte,
Da sie ein Jeder haben wollte,
Bis endlich Einer sie gewann.
Klauditte war auch wohlgethan.
Unterwegs ihr Vater sprach zu ihr:
»Obilot, nun sage mir,
Was hast du für große Noth?«
Sie sprach: »Ich hab ein Kleinod
Dem fremden Ritter angelobt.
Da hab ich, fürcht ich jetzt, getobt.
Hab ich ihm nichts zu geben,
Was soll mir dann das Leben,
Da er mir zu dienen sich erbot?
Scham und Schande färbt mich roth,
Wenn ich ihm nichts geben kann;
Einer Magd war nie so lieb ein Mann.«
Da sprach er: »Tochter, zähl auf mich:
Des nicht darben laß ich dich.
Da du Dienst von ihm begehrst,
So sorg ich, daß du ihm gewährst,
Deine Mutter müst es denn verdrießen.
Möcht uns Heil daraus entsprießen!
O der stolze, werthe Mann,
[498]
Wie zieht er Herz und Sinn mir an!
Gesprochen hatt ich nie ihn noch;
Da sah ich heut im Schlaf ihn doch.«
Lippaut gieng zur Herzogin,
Obiloten führt' er zu ihr hin.
Da sprach er: »Herrin, helft uns zwein.
Laut vor Freude möcht ich schrein,
Daß Gott mich dieser Magd berieth,
Die mich von Sorg und Unmuth schied.«
Die alte Herzogin begann:
»Was heischt ihr meines Gutes dann?«
»Frau, da ihr uns willfährig seid,
Obilot begehrt ein beßer Kleid.
Sie meint auch wohl, sie wär es werth,
Da ein Solcher ihrer Minne gehrt;
Da er ihr zu dienen denkt
Und das Kleinod will, das sie ihm schenkt.«
Da hob des Mägdleins Mutter an:
»Der gute, herrliche Mann!
Ich weiß, ihr meint den fremden Gast;
Er glänzt wie Maiensonnenglaft.«
Sammet von Ethneise
Trug da herbei die weise;
Man bracht' auch andre Zeuge mit:
[499]
Pfellel von Tabronit
Aus dem Land Tribalibot.
Das Gold vom Kaukasas ist roth,
Daraus die Heiden schön Gewand
Wirken; mit Kunstverstand
Legen sie das Gold in Seiden.
Da muste man das Kleid ihr schneiden
Nach des Herzogs Gebot.
Er misste gern für Obilot
Das beste wie das schlimmste Tuch.
Einen Goldstoff fest genug
Schnitt man an das Fräulein.
Ihr must ein Arm entblößet sein:
Ein Aermel ward davon genommen,
Den sollte Gawan bekommen.
Das war ihr Kleinod, ihr Präsent,
Pfellel von Naurient,
Fern aus der Heidenschaft geführt.
Ihren rechten Arm hatt er berührt;
Doch noch dem Rock nicht angenäht:
Nie ein Faden ward dazu gedreht.
Klauditte bracht ihn alsobald
Gawan dem Degen wohlgestalt:
Da ward er aller Sorgen frei.
Seiner Schilde waren drei:
[500]
Auf einen schlug er ihn zuhand.
All sein Kummer verschwand;
Auch entbot ihr großen Dank der Degen.
Heil erfleht' er Weg und Stegen
Wo die Jungfraue gieng,
Die ihn so gütlich empfieng,
Und sein wahrnahm minniglich,
Daß aller Kummer von ihm wich.
Der Tag war hin, nun kam die Nacht.
Beiderseits stand große Macht,
Manch wohlbewehrter Ritter gut.
Wär des äußern Heers nicht solche Flut,
Die Innern hätten Wehr genug.
Sie steckten ihrer Letzen Zug
Ab bei lichtem Mondenschein.
Sie mochten wohl erledigt sein
Aller Furcht und Zagheit.
Da hatten sie vor Tag bereit
Der Zingeln zwölf, von großer Weite;
Die schützten Gräben vor dem Streite.
Jede Zingel muste haben
Drei Barbigan, hinauszutraben.
Kardefablets von Jamore
Marschall nahm da vier Thore,
Wo man am Morgen sah sein Heer
[501]
Kämpfen mit entschloßner Wehr.
Der Herzog erprobte sich
Selber auch gar ritterlich;
Die Wirthin war seine Schwester.
Er war entschloßener und fester
Als mancher streitbare Mann,
Der sich im Streit wohl tummeln kann.
Drum litt er gern im Streiten Pein.
Sein Heer zog über Nacht herein.
Er kam aus fernem Land gefahren,
Denn selten pflegt' er sich zu sparen,
Wo es Kampfgetümmel galt.
Vier Thore wehrt' er mit Gewalt.
Was der Brücke jenseits lag,
Die Scharen zogen sich vor Tag
Zu Beaurosch in die Stadt,
Wie Lippaut der Fürst sie bat,
Wogegen Die von Jamor
Ueber die Brücke ritten vor.
Die Pforten wurden so bemannt,
Stark genug zum Widerstand
Sah man sie beim Morgenscheine.
Scherules erkor sich eine:
Mit Gawan dem Degen gut
Ließ er die nicht aus der Hut.
[502]
Man hörte da von Gästen
(Das waren traun die Besten)
Beschwerde, daß schon Kampf geschehn
Wär, von dem sie nichts gesehn,
Da man das Vesperspiel gefochten
Eh sie mit tjostieren mochten.
Gar überflüßig war die Klage:
Ungezählt am selben Tage
Bot man es Allen, die Gelüsten
Trugen, sich zum Kampf zu rüsten.
In den Gaßen sah man groß Gewühl:
Flatternder Paniere viel
Zogen allenthalben ein,
Immer noch bei Mondenschein;
Auch mancher Helm, kostbar verziert
(Am Morgen ward damit tjostiert)
Und mancher Sper von lichtem Stahl.
Ein Regensburger Zindal
Würde nicht sehr gepriesen
Vor Beaurosch auf den Wiesen:
Da sah man Wappenröcke tragen,
Deren Kaufpreis hatte mehr betragen.
Die Nacht hielt ihren alten Brauch:
Die Tage wich sie endlich auch.
Man erkannt' ihn nicht am Lerchensang;
[503]
Dröhnend scholl hier andrer Klang;
Das kam vom Kampfgetümmel:
Spergekrach, als ob am Himmel
Eine Wolk am Platzen wär.
Da war von Li das junge Heer
Im Kampf mit Denen von Lirivoin
Und mit dem König von Avendroin.
Da erscholl so manche laute Tjost,
Als würfe man auf glühnden Rost
Kastanien, daß sie sprängen.
Avoi, wie sie sich mengen!
Wie von den Gästen ward geritten
Und von den Bürgern gestritten!
Der Burggraf und Gawan,
Der Seele Heil zu empfahn,
Eh sie zum Kampfe giengen,
Ließen eine Messe singen;
Die sang ein Pfaffe Gott und ihnen:
Da mochten sie wohl Preis verdienen,
Denn sie hielten ihr Gesetze.
Sie ritten hinter ihre Letze:
Die Zingeln nahmen wohl in Hut
Viel der werthen Ritter gut.
Das waren Scherules Leute;
Wacker stritten die heute.
[504]
Was bericht' ich nun noch mehr?
Poidikonjonz war stolz und hehr.
Der kam mit solcher Heereskraft,
Wär im Schwarzwald jedes Reis ein Schaft,
Da könnte dichtrer Wald nicht stehn
Als in seiner Schar zu sehn.
Er kam sechs Fähnlein stark geritten:
Von denen wurde bald gestritten.
Posaunen hört man krachend tönen,
So pflegt der Donner zu erdröhnen,
Wenn er die Welt in Schrecken setzt.
Wirbelnd stimmten Trommeln jetzt
In der Posaunen Blasen.
Blieb noch ein Halm am Rasen
Unzerstampft, so weiß ichs nicht.
Der Erfurter Wingert spricht
Noch von solcher Tritte Noth,
Dem mancher Huf Verwüstung bot.
Da kam der Herzog Astor
Im Kampf an Die von Jamor.
Da stachen Spere scharf gewetzt;
Da ward manch werther Mann entsetzt
Hinters Ross auf den Acker.
Sie stritten scharf und wacker.
Da scholl viel fremdes Feldgeschrei,
[505]
Manch Rösslein lief im Felde frei,
Des Herr auf seinen Füßen stund;
Mich dünkt, Dem war Gefälle kund.
Da ersah mein Herr Gawan
Sich verflechten auf dem Plan
Die Freunde mit der Feinde Reihn:
Da schwang auch Er sich mitten drein.
Ihm zu folgen hielt da schwer;
Die Rosse schonten doch nicht sehr
Scherules und die Seinen:
Gawan zwang sie sich zu peinen.
Was er da Ritter niederstach,
Und was er starker Spere brach!
Dieser werthe Tafelrunder,
Lieh' ihm die Kraft nicht Gottes Wunder,
Des höchsten Preises wär er werth;
Da ward erschwungen manches Schwert.
Er fragte nicht, von welchem Heer,
Seine Hand traf Beide schwer,
Die von Li und Die von Gross.
Man sah ihn manch erbeutet Ross
Von der wie jener Seiten
Zu des Wirths Panier geleiten.
Ob es Jemand wolle, frug er da;
[506]
Ihrer Viele sprachen Ja.
Manchem wurde Gut verschafft
Durch seine Kampfgenoßenschaft.
Da kam ein Ritter angefahren,
Der auch nicht Spere konnte sparen;
Von Beauvais der Kastellan
Und der höfische Gawan
Geriethen aneinander,
Daß der junge Lisavander
Hinterm Ross auf Blumen lag:
In der Tjost empfieng er solche Schmach.
Das thut mir um den Knappen leid,
Der gestern erst mit Höflichkeit
Gawanen sagte Märe,
Wie der Zwist entsponnen wäre:
Der bog auf seinen Herrn sich nieder.
Ihn erkennend, gab ihm Gawan wieder
Das Ross, das er dem abgejagt.
Dank sprach der Knapp, ward mir gesagt.
Nun seht wie dort Kardefablet
Selber auf dem Acker steht,
Auf den ihn eine Tjost gerannt,
Gezielt von Meljakanzens Hand.
Die Seinen hoben ihn empor.
[507]
Vielstimmig ward da Jamor
Zu hartem Schwertschlag geschrien.
Enger ward es rings um ihn,
Da Anlauf wieder Anlauf drang
Und mancher Helm betäubend klang.
Zu Hülfe kam ihm Gawan.
Kräftig sprengt' er heran:
Ueberdeckt hatt er schier
Mit seines Wirthes Panier
Von Jamor den edeln Mann.
Mit ihm wurden auf dem Plan
Kühner Ritter viel gefällt.
Glaubets, wenn es euch gefällt:
Zeugen sind mir gar versagt;
Mir hats die Aventür gesagt.
Le Komte de Montan ersah
Zum Gegner sich Gawanen da.
Eine schöne Tjost ward gethan,
Davon der starke Lahduman
Hinterm Ross lag auf der Flur.
Sicherheit bezwungen schwur
Der stolze Degen auserkannt:
Die gelobt' er in Gawanens Hand.
Zunächst vor der Zingeln Thor
Stritt der Herzog Astor:
[508]
Da gabs Getös und Lanzenstreit.
Nantes ward oft laut geschreit:
Das war Artusens Heerzeichen.
Man sah da stehen und nicht weichen
Manch vertriebnen Bretaneis;
Die Söldner auch von Destrigleis
Aus König Ereckens Land
Machten sich da wohlbekannt:
Sie führte Dük de Lanveronz.
Auch dürfte jetzt Poidikonjonz
Die Bretonen ledig laßen gehn,
Die er so tapfer heut gesehn.
Dem König Artus waren
Sie am Berge Klus vor Jahren
Genommen und hiehergebracht;
Das war geschehn in heißer Schlacht.
Sie riefen Nantes nach ihren Sitten
Hier und wo sie immer stritten;
Das war ihr Ruf nach altem Brauch.
Schon grauen Bart trug mancher auch.
Dann führte jeder Breton
Zum Kennzeichen ein Gampilon
Auf dem Helm und auf dem Schild,
Ilinotens Wappenbild:
Der war Artusens Sohn gewesen.
Wie sollte Gawan hier genesen?
[509]
Er seufzt', als er das Wappen sah,
Weil ihm im Herzen weh geschah.
Seines Oheims Sohnes Tod
Schuf Gawanen Herzensnoth.
Er erkannte wohl der Wappen Schein:
Seine Augen füllten sich vor Pein.
Die Bretonen ließ der Held
Unbestritten auf dem Feld;
Mit ihnen kämpfen mocht er nicht;
So ehrt man noch der Freundschaft Pflicht.
Er ritt zu Meljanzens Heer.
Die Bürger standen dem zur Wehr,
Man sagt' es ihnen billig Dank;
Wiewohl es dießmal nicht gelang
Das Feld der Uebermacht zu wehren:
Da sah man sie zum Graben kehren.
Der hier den Bürgern Tjoste bot,
Der Held war allenthalben roth;
Er hieß der Ungenannte,
Weil hier ihn Niemand kannte.
Dieß ists was ich vernommen.
Her zu Meljanz gekommen
War er erst vor dreien Tagen.
Die Bürger mochtens wohl beklagen,
[510]
Daß er Meljanzen sich versprach.
Der gab ihm da von Semblidag
Zwölf Knappen, bei der Tjost sein wahr
Zu nehmen, und in dichter Schar:
Was er Spere mocht aus ihren Händen
Empfahn, die sah man ihn verschwenden.
Seine Tjoste schollen hell,
Als er den König Schirniel
Und seinen Bruder nahm gefangen.
Doch ward noch mehr von ihm begangen,
Da er dem Herzog Marangließ
Gefangenschaft auch nicht erließ.
Die fieng er Alle vor dem Heer;
Noch lange stand ihr Volk zur Wehr.
Meljanz ritt selber in den Streit.
Ob er Lieb Wem oder Leid
Gethan, sie musten All gestehn:
Selten sah man Mehr geschehn
Von einem also jungen Mann,
Als von ihm hier ward gethan.
Seine Hand manch festen Schild zerklob,
Manch starker Sper vor ihm zerstob,
Als Haufen sich in Haufen schloß.
Sein junges Herz war so groß,
Stäts must er Kampf begehren.
[511]
Niemand konnt ihm gewähren
Voll und satt, das schuf ihm Noth,
Bis ihm Gawan Tjostieren bot.
Gawan zu seinen Knappen nahm
Der zwölf Spere Einen von Angram,
Die er erwarb am Plimizöl.
Meljanzens Ruf war Barbigöl,
So hieß die werthe Hauptstadt Li's.
Gawan seiner Tjost sich fliß;
Da lehrte Meljanzen Pein
Von Oraste-Gentesein
Der starke Schaft, der gerohrte,
Der ihm Schild und Arm durchbohrte.
Eine schöne Tjost geschah da wieder:
Gawan stach ihn flüglings nieder;
Doch brach sein hintrer Sattelbogen,
Daß beide Helden ungelogen
Hinter den Rossen stunden.
Da schlugen sie sich Wunden
Mit den Schwertern, den hellen.
Da ward zwei bäurischen Gesellen
Gedroschen mehr als genug.
Des andern Garbe Jeder trug;
Die Stücke wurden hingeschlagen.
Einen Sper auch muste Meljanz tragen:
[512]
Der stak dem Helden im Arm;
Ihm war von blutgem Schweiße warm.
Da zog ihn mein Herr Gawan
In der Brevigarier Barbigan
Und zwang ihn, Sicherheit zu geben:
Die gab er, denn er wollte leben.
Wäre der junge Mann nicht wund,
So bald gelobte wohl sein Mund
Sich keinem Helden unterthan;
Das stünde länger wohl noch an.
Lippaut, des Landes Fürsten,
Sah man nach Ehre dürsten,
Da er mit dem König focht von Gross.
Da musten beide, Leut und Ross,
Von Geschütz erleiden Pein,
Als die Söldner von Kahetein
Und von Semblidag die Schergen
Ihre Kunst nicht wollten bergen.
Die Schützen sah man schnell sich schwenken;
Die Bürger musten erdenken
Was den Feind von ihren Letzen schied.
Sie hatten Schergen a pied:
Ihre Zingeln schützten die so gut
Als die allerbeste Hut.
Die das Leben dort verlor'n
[513]
Entgalten schwer Obiens Zorn:
Ihre junge Thorheit
Brachte Manchem Herzeleid.
Wes entgalt der Fürst Lippaut?
Sein Herr, der alte König Schaut,
Hätts ihm erlaßen fürwahr.
Müdigkeit befiel die Schar.
Wacker stritt noch Meljakanz:
War der Schild ihm noch ganz?
Kaum handbreit war er ihm geblieben.
Ihn hatte weit zurückgetrieben
Der Herzog Kardefablet,
Bis jetzt ihr Spiel zur Neige geht
Auf einem blumigen Plan.
Da kam dahin auch Herr Gawan.
Das brachte Meljakanz in Noth,
Daß selbst der werthe Lanzelot
Ihm schärfer nicht entgegentrat,
Als er von der Schwertbrücke Pfad
Kommend mit ihm hob den Streit.
Dem war die Gefängniss leid,
Die Frau Ginover erlitt,
Der die Freiheit er erstritt.
Lotens Sohn kam angesprengt:
Da war wohl Meljakanz gedrängt,
[514]
Den Gaul entgegen ihm zu führen.
Viel Leute sahn ihr Tiostieren.
Wer da hinterm Ross gelegen?
Den Der von Norwegen
Geworfen hatte auf die Au.
Der Ritter viel und manche Frau,
Die diese Tjost mit angeschaut,
Priesen Gawan überlaut.
Leicht konnten es die Frauen
Vom Saal hernieder schauen.
Meljakanz ward gestampft:
Den Rock betrat ihm unsanft
Manch Ross, dem nie mehr Hafer schmeckte:
Schweiß und Blut ihn überdeckte.
Heut ist der Rosse Schelmetag,
Der wohl die Geier sättgen mag.
Da nahm der Herzog Astor
Meljakanzen Denen von Jamor:
Die hätten ihn gefangen schier.
Vorüber war das Turnier.
Wer da am Besten hat geritten
Und um der Frauen Lohn gestritten?
Darüber kann ich nicht erkennen:
Sollt ich die Besten alle nennen,
Das wär ein allzuweites Feld.
[515]
Im innern Heer stritt ein Held
Für die junge Obilot;
Im äußern ein Ritter roth:
Die Zween errangen da den Preis
Und gönnten Niemand nur ein Reis.
Da der Gast im äußern Heer
Gewahrte, daß er Dank nicht mehr
Von seinem Dienstherrn mocht empfangen
(Die Städter hielten ihn gefangen),
Ritt er, bis er die Seinen sah.
Zu den Gefangnen sprach er da:
»Ihr Herren gabt mir Sicherheit;
Nun widerfuhr mir hier ein Leid:
Von Li der König ist gefangen.
Nun seht, ob ihr es mögt erlangen,
Daß sie für Euch ihn befrein;
So kann ich ihm doch nützlich sein,«
Sprach er zum König von Avendroin
Und zu Schirniel von Lirivoin
Und dem Herzogen von Marangließ,
Die er mit dem Gelübde ließ
Zu den Bürgern reiten,
Daß sie Meljanz befreiten,
Wo nicht, ihm hülfen zu dem Gral.
Da konnten sie ihm allzumal
[516]
Nicht sagen, wo der wäre,
Als daß Anfortas ihn wehre.
Da diese Rede geschah,
Wieder sprach der rothe Ritter da:
»Kann nicht geschehen mein Begehr,
So fahrt gegen Pelrapär
Und bringt der Köngin Sicherheit.
Da sagt, Der einst für sie den Streit
Focht mit Kingraun und Klamide,
Dem sei nun nach dem Grale weh,
Und zugleich nach ihrer Minne;
Darnach tracht ich stäts und sinne.
Als meine Boten mögt ihrs melden.
Bewahre nun euch Gott, ihr Helden!«
Mit Urlaub ritten sie hinein.
Da sprach er zu den Knappen fein:
»Uns blieb Gewinn hier unversagt;
Nehmt was von Rossen ward erjagt
Und laßt Mir selbst nur Eines,
Ihr seht wohl, wund ist meines.«
Da sprachen die Knappen gut:
»Großen Dank, Herr, ihr thut
An uns mit großer Mildigkeit:
Wir sind nun reich für alle Zeit.«
[517]
Da wählt' er Eins für seine Fahrt,
Mit den kurzen Ohren Ingliart,
Das Gawanen war entgangen
Als er Meljanz gefangen;
Da nahms des rothen Ritters Hand:
Das büßte mancher Schildesrand.
Mit Urlaub schied der Degen hehr;
Fünfzehn Rosse wo nicht mehr
Ließ er den Knappen ohne Wunden:
Sie mochten ihm wohl Dank bekunden.
Zu bleiben baten sie ihn viel;
Doch fern gesteckt war ihm das Ziel.
Hin fuhr der getreue Mann,
Wo er nicht oft Gemach gewann,
Denn er suchte nur zu streiten.
Mich dünkt, zu seinen Zeiten
Stritt kein Mann so viel als Er.
Da vertheilte sich das äußre Heer
Wo es Herberg hoffte zu gewinnen.
Lippaut unterdes dort innen
Frug wie Alles wär gekommen;
Denn er hatte wohl vernommen,
König Meljanz wär gefangen:
Da war es ihm nach Wunsch ergangen;
[518]
Auch sollte jetzt ihm Freude nahn.
Den Aermel löste Gawan
Von dem Schilde sonder Zerren
(Es blühte neuer Preis dem Herren)
Und gab ihn Klauditten.
Am Rand und in der Mitten
War er durchstochen und durchschlagen:
Sie sollt ihn Obiloten tragen.
Da ward des Mägdleins Freude groß.
Ihr blanker Arm war noch bloß:
Darüber schob sie ihn zuhand.
Sie sprach: »Wer hat mir dieß gesandt?«
Wenn sie vor ihre Schwester gieng,
Die diesen Scherz mit Zorn empfieng.
Den Rittern war Erholung Noth
Nach großer Müdigkeit Gebot.
Scherules nahm Gawan
Und den Grafen Lahduman
Und was er da der Ritter fand,
Die Gawan mit seiner Hand
Des Tags gefangen hatt im Feld,
Wo Manchen niederwarf der Held.
Der Burggraf setzte sie zumal
Vor ein ritterliches Mal.
So müd er war, und All sein Lehn,
[519]
Man sah sie vor ihm dienend stehn,
Während Meljanz aß, der König;
Seiner Haft entgalt der wenig.
Das däuchte Gawan allzuviel:
»Wenn der König es gestatten will,
Herr Wirth, so sitzt: was sollt ihr stehn?«
Sprach der Degen ausersehn,
Wie ihn edle Zucht bewog.
Der Wirth versagt' es ihm jedoch:
»Mein Herr ist des Königs Mann:
Diesen Dienst hätt Er gethan,
Wenn dem König beliebte,
Daß er den Dienst wieder übte.
Aus Zucht vermied mein Herr zu kommen,
Weil ihm des Königs Huld benommen.
Sühn und Freundschaft stifte Gott,
Und Alle thun wir sein Gebot.«
Da sprach der junge Meljanz:
»Ihr bewahrtet stäts die Zucht so ganz,
Als ich hier Wohnsitz hatt erwählt:
Nie hat mir euer Rath gefehlt.
Wie ihr mir riethet, that ich so,
So sähe man mich heute froh.
Helft mir nun, Graf Scherules,
Wohl getrau ich euch des,
[520]
Bei dem Herrn, der mich gefangen hat
(Sie thun wohl gern nach Euerm Rath),
Und Lippaut, dem zweiten Vater mein,
Daß sie mir Gnad und Gunst verleihn
Ich wär in seiner Huld geblieben;
Doch hat Obie mit mir getrieben
Possenhaften Thorenscherz:
Das zeigt unweibliches Herz.«
Da sprach der werthe Gawan:
»Eine Sühne wird hier bald gethan,
Die Niemand scheidet als der Tod.«
Da kamen, Die der Ritter roth
Den Städtern abgefangen,
Vor den König hingegangen.
Sie sagten ihm wie Alles kam.
Als Dessen Wappenschild vernahm
Gawan, Der sie besiegt' im Streit,
Und Dem sie gaben Sicherheit,
Und sie ihm sagten von dem Gral,
Da sah er wohl, daß Parzival
Es war, der Alles dieß gethan.
Seine Augen auf zum Himmel sahn
Und dankten Gott, daß er sie heut
Von einander hielt im Streit.
Es war bescheidner Zucht ein Pfand,
[521]
Daß Beide blieben ungenannt.
Sie kannte Niemand hier zur Zeit,
Doch kennt die Welt sie weit und breit.
Zu Meljanz Scherules begann:
»Herr, wenn ich euch erbitten kann,
So geruht ihr, meinen Herrn zu schauen,
Und der Freunde Urtheil zu vertrauen
Was beidenthalben gelten soll.
Tragt ihm ferner keinen Groll.«
Sie billigten den Rath zumal.
Da ritten zu des Königs Saal
All die Krieger aus der Stadt
Wie sie des Fürsten Marschall bat.
Da sprach mein Herr Gawan
Zu dem Grafen Lahduman
Und den Andern, die er heut gefangen
(Sie kamen All dahin gegangen):
»Bringet eure Sicherheit,
Die ihr mir angelobt im Streit,
Meinem Wirthe Scherules.«
Niemand säumt sich unterdes:
Die Entbotnen eilen allzumal
Gen Beaurosch auf den Saal.
Meljanzen reiche Kleider trug
Die Burggräfin, dazu ein Tuch,
[522]
Den rechten Arm hineinzuhangen,
In den er Gawans Tjost empfangen.
Gawan durch Scherules entbot
Seiner Freundin Obilot,
Daß er wünsche sie zu sehn,
Um ihr mit Wahrheit zu gestehn,
Er sei ihr treulich unterthan;
Auch halt' er um den Urlaub an:
»Ich laß' ihr auch den König hie;
Sie möge sich bedenken, wie
Sie also mit ihm schalte,
Daß sie Ruhm davon behalte.«
Die Rede hörte Meljanz:
»Obilot wird recht ein Kranz
Weiblicher Güte.
Es leiht mir froh Gemüthe,
Daß ich ihr Sicherheit soll geben
Und in ihrem Frieden leben.«
»Euch fieng hier, seis euch nur bekannt,
Niemand als des Mägdleins Hand,«
Fiel der werthe Gawan ein;
»Ihr gehört mein Preis allein.«
Scherules kam vorgeritten.
Man sah bei Hof nach höfschen Sitten
Weder Mann, Magd noch Weib,
[523]
Die nicht so geziert den Leib,
Daß man in ärmlichem Gewand
Des Tages selten Jemand fand.
Mit Meljanz zu Hofe ritten
Die seine Freiheit zu erbitten
Waren in die Stadt geschickt.
Schon saßen droben wohlgeschmückt
Lippaut mit Töchtern und Gemahl.
Die da kamen, traten in den Saal.
Der Wirth dem Herrn entgegensprang.
Groß im Saale ward der Drang,
Als er Freund und Feind empfieng;
Neben Gawan Meljanz gieng.
»Konnte sie's von euch erlangen,
Küssend möcht euch gern empfangen
Eure alte Freundin:
Das ist mein Weib die Herzogin.«
Zum Wirthe hub da Meljanz an:
»Gern will ich Gruß und Kuss empfahn
Zweier Frauen, die mein Aug ersieht;
Der dritten Sühne nicht geschieht.«
Die Aeltern weinten bitterlich;
Obilot nur freute sich.
Mit Kuss der Fürst empfangen ward
Und noch zwei Könge sonder Bart,
[524]
Dazu der Herzog Marangließ;
Auch Gawanen man ihn nicht erließ.
Seine Herrin ward ihm vorgeführt:
Er zog das schöne Kind gerührt
Wie eine Dock an seine Brust;
Dazu zwang ihn freundliches Gelust.
Zu Meljanz sprach er von der Maid:
»Eure Hand versprach mir Sicherheit:
Die gebet diesem Mägdlein jetzt.
Alles was mein Herz ergetzt
Sitzet zu der Rechten mein:
Ihr Gefangner sollt ihr sein.«
Als da Meljanz näher kam,
Gawanen bei der Hand sie nahm:
Das sahn viel Ritter kühn im Streit.
»Herr König, Unrecht thatet ihr,
Wenn ein Kaufmann ist mein Ritter hier,
Wie meine Schwester hat gewollt,
Daß Ihr Fianz ihm habt gezollt.«
So sprach die junge Obilot.
Meljanzen sie darauf gebot,
Er solle Sicherheit geloben,
Und zwar Hand in Hand geschoben,
Ihrer Schwester Obie.
»Zur Herrin und Amie
[525]
Habt sie mit Gottes Segen;
Zum Ami und Herrn dagegen
Soll Sie euch haben immerfort:
Gehorchet Beide meinem Wort.«
Gott sprach aus ihrem jungen Munde.
Ihr Gebot geschah zur Stunde.
Da meisterte Frau Minne
(Wohl hat die Kraft und Sinne)
Im Bund mit herzlicher Treu
Der Beiden Minne wieder neu.
Obiens Hand dem Kleid entschlüpfte,
Meljanzens Armbinde lüpfte:
Mit Weinen küsst' ihr rother Mund
Ihn, der von der Tjost noch wund.
Manche Zähre seinen Arm begoß,
Die ihr aus lichten Augen floß.
Wer macht sie vor dem Volk so dreist?
Die Lieb ermuthigt allermeist.
Lippaut sah seinen Wunsch vollbracht:
Er hatte Liebres nie erdacht,
Da ihm Gott die Ehre zuerkannte,
Daß er die Tochter Herrin nannte.
Wie man die Hochzeit begieng
Fragt Den, der Gabe dort empfieng,
[526]
Und Die beim Feste ritten.
Ob sie ruhten oder stritten,
Das ist mehr, als ich berichten kann.
Man sagte mir, daß Gawan
Auf dem Saale Urlaub nahm,
Zu dem er Urlaubs willen kam.
Wohl weinte Obilot da viel.
Sie sprach: »Nun führt mich mit euch hin.«
Da ward der jungen süßen Magd
Von Gawan dieser Wunsch versagt.
Die Mutter kaum sie von ihm brach,
Als er des Abschieds Worte sprach.
Lippaut, der holdes Herz ihm trug,
Der bot ihm Dienste da genug.
Scherules, sein stolzer Wirth,
Mit den Seinen nicht versäumen wird,
Den Helden zu geleiten.
Es gieng durch Waldesweiten.
Drum sandt' er Jäger vor mit Speise
Ihn zu versorgen auf der Reise.
Urlaub nahm der Degen werth:
Mit Kummer war Gawan beschwert.

8. Antikonie

Inhalt
Inhalt.

Gawan kommt vor die prächtige Burg Schampfanzon, im Lande Askalon, dessen König Vergulacht, um sich bei der Reiherbeize nicht stören zu laßen, ihn der Pflege seiner Schwester Antikonie empfiehlt. Beide Geschwister, welche Kingrisin, den Gawan ermordet zu haben fälschlich beschuldigt ist, mit Fleurdamur, der Tochter Gandeins und Schwester Gahmurets? erzeugt hat, theilen die Schönheit des ganzen von den Feien stammenden Geschlechts. Die Reize Antikoniens, mit der Gawan allein geblieben ist, verleiten ihn zu ungestümer Liebeswerbung. Eben soll er erhört werden, als ein grauer Ritter eintritt und das Volk zu den Waffen ruft, weil Gawan, nicht zufrieden den König ermordet zu haben, nun auch dessen Tochter nöthigen wolle. Gawan flüchtet sich mit der Königin in einen festen Thurm, gebraucht den Thorriegel als Waffe, und ein Schachbret dient ihm zum Schilde, während Antikonie die Schachbilder gegen die Anstürmenden schleudert. Vergulacht kommt hinzu und mahnt die Seinen zu neuem Angriff, statt sich als Wirth seines Gastes anzunehmen; der Landgraf Kingrimursel aber, der Gawanen zum Zweikampf dahin geladen, schlägt sich auf seine Seite, weil er ihm Geleit zugesagt hatte. Auf das Zureden der Seinigen bewilligt Vergulacht einen Waffenstillstand, Antikonie und Kingrimursel, seines Oheims Sohn, tadeln sein Betragen; letzterer geräth darüber mit Liddamus, einem reichen aber feigen [531] Lehnsfürsten des Königs, in Wortwechsel, und schließt mit Gawan einen Sonderfrieden, wonach ihr Zweikampf nach einem Jahre zu Barbigöl vor dem König Meljanz von Li gefochten werden soll. Vergulacht, indem er sich mit seinen Fürsten beräth, erzählt diesen, wie er jüngst einem Ritter (Parzival), der ihn abgestochen, geloben müßen, ihm den Gral zu erwerben, oder der Königin von Pelrapär seine Sicherheit zu bringen. Auf den Rath des Liddamus wird Gawan unter der Bedingung entlaßen, daß er diese Verpflichtung Vergulachts über sich nehme. Kingrimursel verspricht, seine Edelknaben durch Scherules Vermittlung zu Artus zu senden, worauf Gawan Urlaub nimmt und hinwegreitet, nach dem Grale zu forschen.

Antikonie
[532] Antikonie.
Wer auch gen Beaurosch war gekommen,
Doch hatte Gawan da genommen
Den Preis allein auf beiden Seiten;
Nur Ein Ritter könnt ihn ihm bestreiten,
Bei rothen Waffen unbekannt,
Des Preis die höchste Höhe fand.
Gawan hatte Ehr und Heil,
An beiden seinen vollen Theil;
Nun naht' auch seines Kampfes Zeit.
Lang war der Wald und weit,
Den er hatte zu durchstreichen,
Dem Kampf nicht zu entweichen,
Zu dem er schuldlos war erwählt;
Da Ingliart ihm leider fehlt,
Sein Ross mit kurzen Ohren:
Zu Tabronit von Mohren
Ward nie ein beßer Ross ersprengt.
Nun ward der Wald bunt gemengt,
Hier ein Busch und dort ein Feld,
So schmal noch manches, daß ein Zelt
[533]
Platz kaum fände dazustehn.
Gebautes Land dann sollt er sehn,
Das hieß mit Namen Askalon.
Da fragt' er nach Schamfanzon
Alle Leute, die er fand.
Hoch Gebirg und sumpfig Land
Hatt er schon durchmeßen viel.
Eine Burg ihm in die Augen fiel,
Die glänzte schön im Sonnenschein;
Da kehrte dieser Fremdling ein.
Nun hört von Aventüre sagen
Und helft mir auch dabei beklagen
Gawanens großen Kummer.
Ob ich weiser sei ob dummer,
Doch thut es aus Geselligkeit
Und trauert mit mir um sein Leid.
O weh, nun sollt ich schweigen;
Doch nein, laßt ihn sich neigen,
Der sonst das Glück herbeigewinkt,
Und jetzt in Ungemach versinkt.
Die Burg war so stolz und hehr,
Daß Karthago nimmermehr
So herrlich vor Aeneas stand,
Als Tod um Minne Dido fand.
[534]
Meld ich euch wie mancher Saal
Da prange, all der Thürme Zahl?
Sie genügten wohl für Akraton,
Die Stadt, die nach Babylon
Den weitsten Umfang gewann,
Wenn man den Heiden glauben kann.
Sie war so hoch im Kreiß umher
Und wo sie abschoß nach dem Meer,
Sie brauchte keinen Sturm zu scheun
Noch ungefügen Haßes Dräun.
Meilenbreit lag ein Plan
Vor ihr: darüber ritt Gawan.
Fünfhundert Ritter oder mehr
(Einer war vor Allen hehr)
Entgegen kamen ihm geritten
In lichten Kleidern wohl geschnitten.
Wie mir die Aventüre sagte,
Ihr Federspiel den Kranich jagte
Oder was vor ihnen flog.
Ein spanisch Streitross schnell und hoch
Ritt der König Vergulacht;
Sein Blick war Tag wohl bei der Nacht.
Sein Geschlecht entsandte Mazadan
Aus dem Berge Feimorgan;
Denn er stammte von den Feien.
[535]
Als sähe man den Maien
Blühen in der Rosenzeit,
So war des Königs Lieblichkeit.
Wohl bedäuchte Gawan,
Da er so blühend ritt heran,
Es wär der andre Parzival,
Oder Gahmuret dazumal
Als er, wie diese Märe weiß,
Einzug hielt in Kanvoleis.
Zu einem sumpfgen Weiher
Vor Falken floh ein Reiher.
Der König der die Furt nicht fand,
Als er den Falken beistand,
Wurde naß in dem Moor.
Sein Ross er noch dazu verlor
Und seine Kleider allzumal
(Doch die Falken schied er von der Qual);
Die Falkner nahmen Alles hin.
War ihnen solches Recht verliehn?
Es war ihr Recht, sie solltens haben,
Es ließ sich aus dem Recht nicht schaben.
Ein ander Ross ward ihm geliehn;
Auf immer gab er seins dahin.
Man zog auch ander Kleid ihm an,
Da seins die Falknerzunft gewann.
[536]
Da kam Gawan herzugeritten.
Fürwahr, da sah man höfsche Sitten:
Man empfieng ihn beßer wohl,
Als man einst zu Karidol
Erecken sah empfahen,
Da er Artusen nahen
Wollte nach dem Streite
Und Enit an seiner Seite
War seiner frohen Ankunft Zier.
Ein Zwerg hatt ihn, Maliklisier,
In Ginoverens Gegenwart
Geschlagen mit der Geisel hart:
Zu Tulmein must er das rächen,
Wo im weiten Kreiß ein Stechen
Ward um den Sperber angestellt.
Ider Fils Noit der kühne Held
Wars, der ihm da Fianze bot,
Denn anders mied er nicht den Tod.
Doch laßt es dort und horchet her:
Sicher habt ihr nimmermehr
Schönern Empfang vernommen.
Weh, das wird schlimm bekommen
König Lotens werthem Sohn.
Wollt ihr, so steh ich ab davon,
Euch das Weitre zu berichten,
[537]
Aus Mitleid will ich drauf verzichten.
Doch vernehmet noch aus Güte,
Wie ein lauter Gemüthe
Fremde Falschheit konnte trüben.
Soll ichs noch ferner üben,
Diese Mär euch zu sagen,
Werdet ihrs mit mir beklagen.
Da sprach der König Vergulacht:
»Herr, so hab ich mirs bedacht:
Reitet Ihr zur Burg herein.
Kanns mit euern Hulden sein,
Möcht ich euch weiter nicht begleiten.
Kränkt euch jedoch mein Weiterreiten,
So sei mein Jagen eingestellt.«
Da sprach Gawan, der werthe Held:
»Herr, Was ihr zu thun geruht,
Recht ist immer, daß ihrs thut:
Ich spare darum meinen Haß,
Mit gutem Willen thu ich das.«
Der König sprach von Askalon:
»Herr, ihr seht wohl Schamfanzon.
Meine Schwester wohnt dort, eine Magd:
Was je von Schönheit ward gesagt,
Davon hat Sie das vollste Theil.
[538]
Rechnet Ihr es euch zum Heil,
So wird mein Bote sie bewegen,
Euch an meiner Statt zu pflegen.
Ich komme früher als ich soll,
Denn gern entbehrt ihr meiner wohl,
Wenn ihr meine Schwester seht:
Ihr klagt nicht, komm ich noch so spät.«
»Ich seh Euch gern und gerne Sie.
Doch haben Königinnen nie
Wirthespflicht an mir gethan,«
So sprach der stolze Gawan.
Einen Ritter sandt er mit ihm ein
Und gebot der Schwester sein,
Ihn zu pflegen, daß die längste Weile
Ihn bedünke kurze Eile.
Gawan that, wie er gebot.
Wollt Ihr, noch schweig ich großer Noth.
Nein, ich will euch weiter melden.
Pferd und Straße trug den Helden
Hin zu des Schloßes Thor,
Wo der Pallas sich verlor.
Wer je ein Haus hat aufgeschlagen,
Der wüste beßer wohl zu sagen
Von dieses Baues Feste.
[539]
Welch eine Burg! die beste,
Die wohl je die Erde trug.
Auch war ihr Umfang weit genug.
Laßen wir des Schloßbaus Preis,
Ob ich mehr zu sagen weiß
Von des Königs Schwester, einer Magd.
Von Ihrem Bau ward viel gesagt;
Ich beschreib ihn, wie ich soll.
War sie schön, das stand ihr wohl;
Hatte sie den rechten Muth,
Das war zu ihrem Preise gut:
So mochte sie an Sitt und Sinn
Wetteifern mit der Markgräfin,
Die oftmals von dem Heitstein
Warf über all die Mark den Schein.
Wohl ihm, ders traulich dort bei ihr
Erfahren soll! Glaubet mir,
Der Kurzweil so viel als dort
Findet er an keinem Ort.
Ich will nur Frauentugend loben,
Die ich mit Augen konnt erproben –
Die ich rühmen soll und preisen
Muß sich sittsam erweisen.
Nun, vernehm dieß Abenteuer
Ein lautrer Mann, ein treuer.
[540]
Was soll der Ungetreue?
Mit durchbohrender Reue
Verliert er seine Seligkeit,
Seine Seele duldet scharfen Streit.
Auf den Saalhof ritt Gawan
Zu der Gesellschaft heran,
Der ihn der König sendete,
Der sich selber an ihm schändete.
Der Ritter führt' ihn zu ihr ein:
Da saß sie in der Schönheit Schein,
Antikonie die Königin.
Ist Frauenehre Hochgewinn,
Stäts hat sie solchen Kauf geschloßen,
Zu aller Falschheit so verdroßen,
Daß sie der Reinheit Preis erwarb.
O weh, daß uns so früh erstarb
Von Veldeck der weise Mann!
Wer ist nun, der sie loben kann?
Als Gawan die Jungfrau sah,
Der Bote gieng und sagt' ihr da
Was ihr der König laße melden.
Ungesäumt sprach zu dem Helden
Die Königin: »Herr, tretet ein.
[541]
Ihr sollt mir selbst Zuchtmeister sein:
Ihr mögt gebieten, mögt mich lehren.
Mag ich euch Kurzweile mehren,
Das soll wie Ihr gebietet sein.
Da euch mir der Bruder mein
Anempfohlen hat so wohl,
Ich küss euch, wenn ich küssen soll.
Nach euerm Sinn gebietet nun
Ueber mein Laßen und mein Thun.«
Mit großer Zucht sie vor ihm stund.
»Frau,« sprach Gawan, »euer Mund
Sieht sich gar so kusslich an,
Euern Gruß und Kuss will ich empfahn.«
Ihr Mund war heiß und voll und roth,
Zu dem Gawan den Seinen bot.
Der Fremdling küsste sie nicht fremd.
Zu dem Mägdlein ungehemmt
Setzte sich der werthe Degen.
Sie durften süßer Rede pflegen
Beiderseits mit Treuen.
Oft musten sie erneuen
Er sein Gesuch, Sie ihr Versagen;
Herzlich wollt er das beklagen.
Um Gewährung bat er viel;
Sie sprach wie ich euch sagen will:
[542]
»Herr, wofern ihr anders klug,
So bedünk euch dieß genug.
Weil mich der Bruder drum gebeten
Bot ich euchs so, daß Gahmureten
Anflis es nimmer beßer bot,
Meinem Ohm. Wohl um ein Loth
Schwerer möge noch mein Pflegen,
Wollte man es gründlich wägen.
Weiß ich doch, Herr, nicht wer ihr seid,
Der ihr nach so kurzer Zeit
Meine Minne schon begehrt.«
Da sprach Gawan der Degen werth:
»Wollt ihr das wißen, Königin?
Ich sag euch, Herrin, ich bin
Meiner Vatersschwester Bruderssohn.
Wollt ihr mir schenken Minnelohn,
Meiner Herkunft halb säumt nicht damit:
Die hält mit eurer so den Schritt,
Daß beid auf gleicher Höhe stehn
Und Hand in Hand wohl dürfen gehn.«
Die Magd, die ihnen eingeschenkt,
Hatte schon den Schritt hinaus gelenkt;
Die Fraun, die erst bei ihr geseßen,
Durften länger nicht vergeßen
Was sie draußen musten pflegen;
[543]
Auch der Ritter war nicht mehr zugegen,
Der ihn der Königin vorgestellt.
Da gedachte der Held,
Da sie alle waren draußen,
Daß oft den großen Straußen
Fangen mag ein kleiner Aar.
Er griff ihr untern Mantel gar,
Die Hüfte rührt' er ihr, ich glaube:
Da ward er großer Pein zum Raube.
Von der Liebe solche Noth gewann
So die Magd wie der Mann,
Daß schier ein Ding da wär geschehn,
Hättens üble Augen nicht ersehn.
Sie waren beide fast bereit:
Sieh, da naht' ihr Herzeleid!
Herein zur Thüre trat alsbald
Ein Ritter blank, weil grau und alt.
Im Waffenrufe nannt er
Gawanen: Den erkannt er.
Er schrie dazu mit lautem Schrei:
»Weh o weh und heia hei
Meinem Herrn, den eure Hand erschlug!
Doch dünkt euch das noch nicht genug:
Seiner Tochter thut ihr hier Gewalt.«
Dem Waffenrufe folgt man bald:
[544]
Das war es was auch hier geschah.
Zur Königin sprach Gawan da:
»Nun rathet, Herrin, saget an:
Wie wehren wir uns, wenn sie nahn?
Hätt' ich doch nur mein Schwert!«
Da begann die Jungfrau werth:
»Wir müßen uns zur Wehre ziehn,
Dort auf jenen Thurm entfliehn,
Der bei meiner Kammer steht:
Vielleicht, daß Gnade noch ergeht.«
Hier den Ritter, dort den Kaufmann,
Schon hörte sie die Jungfrau nahn,
Und all das Volk aus der Stadt,
Da sie zum Thurm mit Gawan trat.
Noth must ihr Freund erleiden.
Sie bat sie oft, es doch zu meiden:
Sie schrien und lärmten all so toll,
Daß es ungehört verscholl.
Zur Thüre drang der Feinde Heer:
Gawan stand innerhalb zur Wehr
Und hielt vom Leibe sich den Tross.
Einen Riegel, der den Thurm verschloß,
Brach er aus, sich zu bewahren.
Seine übeln Nachbaren
Zwang er oft, vor ihm zu fliehn.
[545]
Die Königin lief her und hin,
Ob sie was fände dort im Thurm
Wider der Ergrimmten Sturm.
Endlich fand die Reine
Eines Schachspiels Steine
Und ein Bret, schön und weit:
Gawanen brachte sie's zum Streit.
Es hieng an einem Eisenring,
Mit dem es Gawan empfieng.
Auf diesem viereckgen Schild
War schon manchmal Schach gespielt:
Er ward ihm sehr verhauen.
Nun hört auch von der Frauen.
Ob König oder Thurm es war,
Sie warf es in der Feinde Schar:
Die Bilder waren groß und schwer;
Wohl zu glauben ists daher,
Wen ihres Wurfes Schwang getroffen,
Der stürzte wider sein Verhoffen.
Wohl stritt die reiche Königin
Bei Gawanen da so kühn,
Sie warf so ritterlich darein,
Daß die Kauffraun nie zu Tollenstein
Zu Fastnacht tapfrer stritten.
Sie thuns nach Narrensitten
[546]
Und ermüden ohne Noth den Leib.
Wenn eisenrostig wird ein Weib,
Ist sie ihres Rechts vergeßen,
Weiß ich Frauenzucht zu meßen;
Es sei, daß sie's aus Treue thut.
Antikonie war treu und gut:
Sie hats zu Schamfanzon gezeigt;
Doch ward ihr hoher Muth geneigt,
Im Kampf vergoß sie Zähren.
So mochte sie's bewähren,
Daß Liebe stät und tapfer ist.
Was Gawan that zu selber Frist?
Ließ man ihm nur Muße da,
Daß er die Jungfrau recht besah,
Ihre Augen, Mund und Nasen:
So wohlgegliederten Hasen
Am Spieße sahet ihr wohl nie,
Als sie dort war und hie,
Um die Hüften, an den Brüsten.
Minnegehrendes Gelüsten
Konnt ihr Liebreiz wohl erregen.
Ihr wißt wie Ameisen pflegen
Um die Mitte schmal zu sein:
Noch schlanker war das Mägdelein.
Das gab ihrem Kampfgesellen
[547]
Muth, der Feinde viel zu fällen:
Sie bestand mit ihm die Noth.
Sein sichres Looß war der Tod,
Und anders kein Entkommen.
Ihm war die Furcht benommen
Vor Feindeshaß, wenn er sie sah:
Das büßten viel der Feinde da.
Da kam der König Vergulacht
Und sah die streitbare Macht
Wider Gawanen kriegen.
Ich will euch nicht betriegen,
Und beschönen kann ichs nicht,
Daß er der wirthlichen Pflicht
An seinem werthen Gast vergaß.
Der wehrte sich ohn Unterlaß.
Da mischte so der Wirth sich drein,
Daß es mir leid ist um Gandein,
Den König von Anschau,
Daß eine doch so werthe Frau,
Seine Tochter, je den Sohn gebar,
Der seines Volks untreue Schar
Nicht zurückrief aus dem Streit.
Gawanen ließen sie nur Zeit,
Bis der König sich gerüstet,
Den selbst zu kämpfen jetzt gelüstet.
[548]
Gawan muste wohl entweichen,
Es kann ihm nicht zur Schmach gereichen:
Die Thurmthür gab ihm Schutz fortan.
Nun seht, da kam derselbe Mann,
Der ihn kampflich angesprochen
Bei Artus vor einer Wochen,
Kingrimursel der Landgraf.
Gwanens Noth ihn schwer betraf,
Daß er die Hände rang und wand,
Denn seine Ehre stund zu Pfand,
Daß er Frieden und Geleit
Finden sollte, bis im Streit
Ihn ein Einzelner bezwungen.
Die Alten wie die Jungen
Trieb er im Zorne von dem Thurm;
Doch befahl der König neuen Sturm.
Kingrimursel hub da an,
Indem er aufsah zu Gawan:
»Held, laß mich friedlich zu dir ein,
Daß ich geselliglich die Pein
Mit dir trage dieser Noth.
Schlage mich der König todt,
Ich erhalte dir das Leben.«
Da ihm der Friede ward gegeben,
Der Landgraf sprang in den Thurm.
[549]
Das äußre Heer ließ ab vom Sturm:
Er war auch Burggraf alldort,
Drum hatte Jung und Alt sofort
Sich des Kämpfens abgethan.
Ins Freie wieder sprang Gawan;
So that auch Kingrimursel:
Sie waren beide kühn und schnell.
Die Seinen mahnte Vergulacht:
»Wie lange stehn wir hier auf Wacht
Vor zweien Männern, die uns drohn?
Unterfängt sich meines Oheims Sohn
Zu beschirmen diesen Mann!
Der mir Schaden hat gethan,
Den er selber rächen sollte,
Wenn er Kühnheit zeigen wollte.«
Da schickten sie aus treuem Sinn
Einen zu dem König hin:
»Herr,« so ließen sie ihm sagen,
»Der Landgraf bleibt unerschlagen
Hier von unsern Händen.
Mög euch Gott auf Dinge wenden,
Die der Ehre beßer frommen.
Aller Preis wird euch benommen,
So ihr erschlagt euern Gast:
[550]
Das belädt euch mit der Schande Last.
Der Andre ist euch nah verwandt,
Mit dessen Hülf er kam ins Land:
Darum stehet ab davon;
Es bringt euch nichts als Fluch und Hohn.
Geht einen Waffenstillstand ein
So lange währt des Tages Schein,
Und dazu die nächste Nacht.
Was ihr alsdann euch habt bedacht,
Das steht euch immer noch frei
Ob es euch Ehr ob Schande sei.«
Unsre Frau Antikonie,
Die von Falschheit wuste nie,
Seht ihr dort weinend bei ihm stehn.
Kann euch das nicht zu Herzen gehn,
Da Euch doch Eine Mutter trug,
So bedenkt, Herr, seid ihr anders klug:
Ihr selber sandtet ihn der Maid.
Gäb auch sonst ihm nichts Geleit,
So sollt er Ihrethalb gedeihn.
Der König gieng den Frieden ein
Bis er beßer sich besprochen,
Wie sein Vater würd gerochen.
Unschuldig war Herr Gawan;
Ein andrer Mann hatt es gethan,
[551]
Denn der stolze Eckunat
Gab einer Lanze durch ihn Pfad,
Da er gegen Barbigöl
Führte Jofreit Fils Idöl,
Den er fieng von Gawans Seite:
So kam Der zu diesem Streite.
Kaum war der Friede kundgethan,
Aus dem Felde sah man Jedermann
Zu den Herbergen ziehn.
Antikonie die Königin
Herzte ihres Oheims Sohn:
Sie gab ihm manchen Kuss zum Lohn,
Daß er Gawanen Schutz gewährt
Und selbst der Unthat sich erwehrt.
Sie sprach: »Du meines Oheims Kind
Bist gegen Niemand falsch gesinnt.«
Hört nur zu, so thu ich kund,
Wovon gesprochen hat mein Mund,
Daß lauter Gemüthe trübe ward.
Unselig heiße diese Fahrt
Vergulachts auf Schamfanzon.
Es stammte solches Thun dem Sohn
Nicht von Vater noch von Mutter an.
Gefoltert ward dem jungen Mann
[552]
Von Schamgefühl der beßre Sinn,
Da seine Schwester jetzt, die Königin,
Ihn zu schelten begann;
Um Erbarmen fleht' er oft sie an.
Also sprach die Jungfrau werth:
»Herr Vergulacht, trüg ich ein Schwert,
Und wär ein Mann nach Gottes Willen
Das Amt des Schildes zu erfüllen,
Ihr wärt am Kampf mit mir verzagt;
Nun bin ich wehrlos, eine Magd;
Jedennoch führ ich einen Schild
Mit ehrenvollem Wappenbild.
Ich will das Wappen nennen,
Daß ihr es lernet kennen:
Reinheit und gerecht Betragen,
Die treuen Beistand nie versagen.
Den hielt ich Euch, zum Schirm dem Degen,
Den ihr mir sendetet, entgegen:
Kein andrer Schild war mir verliehn.
Büßt ihr die Schuld auch gegen Ihn,
Ihr habt euch doch an mir vergangen,
Soll Frauenpreis sein Recht erlangen.
Ich hörte stäts: wo es geschieht,
Daß in den Schutz der Frauen flieht
Ein Mann, so sollen Die ihn jagen
[553]
Der Verfolgung entsagen:
So ziem es männlicher Zucht.
Herr Vergulacht, des Gastes Flucht
Zu mir, daß er dem Tode wehre,
Belädt mit Schmach eure Ehre.«
Der Landgraf sprach ihm ins Gewißen:
»Herr, es geschah mit Euerm Wißen,
Daß ich dem Herren Gawan
Auf des Plimizöls Plan
Frieden gab in euer Land.
Hatt ich doch euer Wort zu Pfand:
Trüg ihn her sein kühner Muth,
So stünden wir dafür ihm gut,
Nur Einer sollt ihn hier bestehn.
Herr, das ließt ihr nicht geschehn.
Meine Genoßen mögen das bedenken,
Ob ihr so uns dürfet kränken.
Wißt Ihr der Fürsten nicht zu schonen,
So achten wir nicht mehr der Kronen.
Soll man euch ehrlich nennen,
Ehrlich müßt ihr bekennen,
Daß ich euer Vetter sei.
Wär ein Kebsschlich dabei
Meinerseits, wär das erwiesen,
Ihr hättet mich schon längst verwiesen.
[554]
Ich bin ein Ritter, hoff ich doch,
An dem man niemals Tadel noch
Fand, und wills erwerben,
Des ledig auch zu sterben.
Zu Gott hab ich die Zuversicht,
Er verhängt mir Solches nicht.
Doch von Wem die Märe wird vernommen,
Artusens Neffe sei gekommen
In meinem Schutz gen Schamfanzon –
Sei's Franzose, sei's Breton,
Provenzale, Burgondois,
Galizier oder Punturtois,
Hören Die von Gawans Noth,
Hab ich Preis, der ist dann todt.
Mir macht sein ängstlicher Streit
Schmal das Lob, den Tadel breit.
Es nimmt mir alle Freude hin
Und giebt mir Schande zum Gewinn.«
Als diese Rede geschah,
Stand ein Mann des Königs da,
Der Liddamus den Namen trug;
So nennt ihn Kiot oft genug.
Kiot le Chanteur, dem war
Wohl die Kunst offenbar,
So zu singen und zu sprechen,
[555]
Daß nie der Dank ihm darf gebrechen.
Kiot ist ein Provenzal,
Der die Mär von Parzival
Fand in arabischem Buch.
Wie ers französisch übertrug,
So wirds, wenn mir der Sinn nicht fehlt,
Von mir im Deutschen nacherzählt.
Fürst Liddamus brach zornig aus:
»Was soll in meines Herren Haus
Der seinen Vater erschlug,
Und ihm so nah die Schande trug?
Hält mein Herr auf seinen Werth,
Er muß es richten mit dem Schwert.
So vergilt Ein Tod den andern Tod:
Gleich sei hier wie dort die Noth.«
Nun seht wie dort Herr Gawan stand:
Da ward ihm Sorge erst bekannt.
Da sprach Kingrimursel:
»Wer sich im Drohen zeigt so schnell,
Der sollt auch eilen in den Streit.
Der Raum sei eng oder weit,
Man erwehrt sich Euer leicht.
Herr Liddamus, vor Euch vielleicht
[556]
Wär noch zu retten dieser Mann:
Hätt er euch noch so viel gethan,
Ihr ließets ungerochen.
Ihr habt hier zu viel gesprochen;
Man würd euch eher glauben,
Daß euch Niemands Augen
Noch zuvorderst sahn im Streit.
Stäts war euch Kampf ein Herzeleid;
Ihr bliebt gern weit davon entfernt.
Ihr habt auch wohl noch mehr gelernt,
Wo ihr Kampf saht beginnen,
Floht ihr wie ein Weib von hinnen.
Ein Fürst, der Euerm Rathe glaubt,
Dem steht die Krone schief zu Haupt.
Wohl hätt ich ohne Schanden
Im Kreiße bestanden
Gawan den Degen unverzagt:
Das hatten wir uns zugesagt.
Auch hätten wir den Kampf gefochten,
Wenn wir vor dem Könge mochten.
Dem zürn ich nun, ich sag es laut;
Ich hätt ihm Beßres zugetraut.
Gelobt, Herr Gawan, mir fürwahr,
Daß Ihr von heut nach einem Jahr
Mir im Kampf wollt Rede stehn,
[557]
Falls es nämlich kann geschehn
Daß mein Herr euch läßt das Leben:
So wird euch Kampf von mir gegeben.
Ich sprach euch an am Plimizöl;
Nun sei der Kampf zu Barbigöl
Vor Meljanz dem König hehr.
Der Sorgen ein ganzes Heer
Trag ich bis zu jenem Tag,
Da ich mit euch fechten mag:
Da wird mir Angst und Noth bekannt
Durch eure wehrliche Hand.«
Da gab Gawan der Degen werth,
Wie der Landgraf begehrt,
Sein Wort und seine Sicherheit.
Zu neuer Red indes bereit
War der Herzog Liddamus.
Er hatt in seiner Rede Fluß
Die Worte wohl verflochten,
Wie Alle hören mochten.
Er sprach, es war ihm Sprechens Zeit:
»Komm ich je zu einem Streit,
Ob ich Fechtens mich befleiße,
Oder schmählich ausreiße,
Ob ich verzagt da zage,
[558]
Ob Preis und Ruhm erjage,
Herr Landgraf, ohne Schonen
Laßt nach Verdienst mich lohnen.
Versagt Ihr mir dann euern Sold,
So bin ich mir doch selber hold.«
So sprach der reiche Liddamus:
»Wollt Ihr sein Herr Turnus,
Wohlan, so will ich Tranzes werden:
Straft mich, habt ihr erst Beschwerden,
Und überhebt euch nicht dergleichen.
Wenn Ihr der Fürsten meinesgleichen
Der Höchste wärt, was nicht sein wird –
Ich bin auch Fürst und Landeswirth.
Ich hab in Galizia
Manche Burg fern und nah
Bis hinaus nach Vedron.
Was Ihr und jeder Breton
Mir da zu Schaden möchtet thun,
Da flöh doch nie vor Euch ein Huhn.
Von den Britten ist hieher gekommen
Gegen Den ihr Kampf habt übernommen:
So rächt den Blutsfreund und den Herrn;
Mir aber bleibt mit Kämpfen fern.
Euerm Ohm (Ihr wart sein Mann),
[559]
Der dem das Leben abgewann,
Rächt es an Dem; ich that ihm nichts,
Und wenn mir recht ist, Niemand sprichts.
Euern Oheim brauch Ich nicht zu klagen:
Sein Sohn soll jetzt die Krone tragen,
Der ist zum Herrn mir hoch genug.
Die Köngin Fleurdamur ihn trug;
Sein Vater war Kingrisein,
Sein Ahne König Gandein.
Auch kam es hier nicht in Vergeß,
Daß Gahmuret und Galoes
Ihm Oheime waren.
Vor Lug will ich mich wahren:
Ich darf mit Ehren wohl mein Land
Zu Lehn empfahn von Seiner Hand.
Wen zu fechten lüstet, thu er das.
Bin ich selbst zum Streite laß,
Doch ist mir unverhohlen:
Wer im Kampfe Preis kann holen,
Dem dankt es manches stolze Weib.
Ich will um Niemand meinen Leib
Verleiten in zu scharfe Pein.
Was sollt ich solch ein Wolfhart sein?
Mir ist zum Kampf der Weg versperrt,
Die Kampfgier hat mich nie genärrt.
[560]
Würdet Ihr mir nimmer hold,
Ich folgte eher Rumold,
Der dem König Gunther rieth,
Da er von Worms gen Heunland schied:
Lange Schnitten bat er ihn zu bähn,
Im Keßel fleißig umzudrehn.«
Da sprach der Landgraf muthesreich:
»Euer alten Sitte thut ihr gleich,
Die wir Alle fürwahr
An euch gewohnt sind manches Jahr.
Ihr rathet mir zum Streit, und doch
Thut ihr wie da rieth ein Koch
Den kühnen Nibelungen,
Da sie zogen unbezwungen
Hin, wo an ihnen ward gerochen,
Was sie an Siegfried einst verbrochen.
Herr Gawan gebe mir den Tod
Oder fühle meiner Rache Noth.«
»Da thut ihr recht,« sprach Liddamus.
»Doch was sein Oheim Artus
Besitzt, und Die von India,
Was man da je von Schätzen sah –
Wer mir das all zu eigen brächte,
Ich laß es ihm, eh daß ich fechte.
[561]
Nun behaltet euern Ruhm und Preis:
Segramors bin ich nicht, Gott weiß,
Den man um Fechtgier binden muß;
Ich erwerbe doch der Könge Gruß.
Sibich hat nie ein Schwert gezogen:
Er war stäts bei Denen, die da flohen;
Dennoch muste man ihn flehn:
Großer Gab und starker Lehn
Schenkt' ihm Ermenrich genug,
Ob er nie ein Schwert durch Helme schlug.
Für Euch, Herr Kingrimursel, schaut
Ihr keine Schramm auf meiner Haut:
So bin ich gegen Euch gesinnt.«
König Vergulacht beginnt:
»Schweiget eurer Wechselreden.
Unbescheiden find ich euch Jedweden,
Daß Ihr mit Worten seid so frei.
Allzunah bin ich dabei
Zu sothanem Wortgefecht:
Es steht so Euch als Mir nicht recht.«
Das geschah auf dem Saal
Wo seine Schwester war zumal;
Neben ihr stand Herr Gawan
Und manch andrer werthe Mann.
[562]
Der König sprach zur Schwester sein:
»Nun nimm den Gesellen dein
Und den Landgrafen auch mit dir.
Die mir Gutes gönnen, folgen mir,
Daß sie mir rathen, was ich thu.«
»Deine Treue,« sprach sie, »nimm dazu.«
Da gieng der König Raths zu pflegen.
Die Königstochter nahm dagegen
Ihres Oheims Sohn und ihren Gast;
Das dritte war der Sorgen Last.
Wie es ihr gar trefflich stand,
Nahm sie Gawanen bei der Hand
Und führt' ihn in ein nah Gemach.
»Wärt Ihr nicht heil,« die Schöne sprach,
»Alle Lande hätten Ungewinn.«
An der Hand der Königin
Gieng da König Lotens Sohn.
Ohne Schande durft ers schon.
Zu der Kemenaten ein
Trat die Köngin mit den Zwein;
Von den andern blieb sie leer:
Dafür sorgten Kämmerer;
Nur der klaren Mägdelein
Durften viel bei ihnen sein.
[563]
Die Königin in Ehren pflag
Gawans, der ihr am Herzen lag.
Zugegen war der Landgraf auch;
Der schied sie nicht von solchem Brauch.
Viel Sorge trug die werthe Magd
Für Gawan, wurde mir gesagt.
So mochten nun die Beiden
Bei der Königin verbleiben
Bis der Tag ließ seinen Streit;
Die Nacht kam: da war Eßenszeit.
Moraß, Wein, Lautertrank
Brachten Jungfraun um die Mitte schwank,
Und Speise zu dem Tische:
Fasan, Rebhühner, Fische
Und manchen Kuchen blank und hell.
Gawan und Kingrimursel
Waren ledig großer Noth.
Da es die Königin gebot
Aß Jeder was er sollte
Und was er eßen wollte.
Vergebens wehrten die Degen
Antikonien vorzulegen.
Soviel man kniender Schenken fand,
Keinem brach der Hosen Band:
Mägdlein warens, in den Jahren
[564]
Wo sie die Reize frisch bewahren.
Darob bin ich unerschrocken,
Trugen sie gekraust die Locken
Wie der Falke sein Gefieder:
Ich streite nicht dawider.
Nun hört, bevor der Rath sich schied
Was man dem Herrn des Landes rieth.
Ihm war manch weiser Mann gekommen,
Den hatt er in den Rath genommen.
Ein Jeder sprach, wie ihn gedäuchte,
Daß ihn sein bester Sinn erleuchte.
Da erwogen sie es hin und her;
Ums Wort auch bat der König hehr.
Er sprach: »Jüngst ward mit mir gestritten.
Ich kam um Aventür geritten
In den Wald Lächtamreis.
Ein Ritter, der zu hohen Preis
Wohl an mir sah in dieser Wochen,
Flüglings hatt er mich gestochen
Hinters Ross ohn alle Wahl.
Da zwang er mich, daß ich den Gral
Ihm gelobte zu erwerben.
Wollt ich nicht ersterben,
So must ich leisten Sicherheit
[565]
Wie er mich zwang im Ritterstreit.
Nun rathet, denn es ist mir Noth.
Mein bester Schild war für den Tod,
Daß ich zum Schwure hob die Hand,
Wie ichs frei euch eingestand.
Er ist durch Kraft und Mannheit hehr.
Noch gebot der Held mir mehr:
Daß ich sonder arge List
Innerhalb Jahresfrist,
Wenn ich den Gral nicht hätt erworben,
Zu Ihr käm, der angestorben
Die Krone sei zu Pelrapär
Von ihrem Vater Tampentär.
Wenn die mein Auge hätt ersehn,
Ich sollt ihr Sicherheit gestehn.
Er entbot ihr, dächte Sie an ihn,
Das gäb ihm freudigen Gewinn:
Er sei's, der sie befreit hab eh
Von dem König Klamide.«
Als diese Rede kam zum Schluß,
Wieder sprach da Liddamus:
»Erlauben mir die Herrn ein Wort;
Die Reihe kommt an sie sofort.
Was Ihr gelobt habt jenem Mann,
[566]
Das mag erfüllen Herr Gawan,
Der's Gefieder schlägt auf euerm Kloben:
Vor uns allen mög er hier geloben,
Daß er euch den Gral gewinne.
So laßt mit guter Minne
Ihn denn von hinnen reiten,
Den Gral euch zu erstreiten.
Wir müsten All die Schmach beklagen,
Würd er in euerm Haus erschlagen.
Nun vergebt ihm seine Schuld
Und behaltet eurer Schwester Huld.
Er erlitt hier große Noth
Und muß nun reiten in den Tod.
So weit die Erd umwogt das Meer,
Stand nie ein Haus so wohl zur Wehr
Als Monsalväsch; nicht eben breit
Führt hin ein rauher Pfad durch Streit.
Laßt ihn schlafen diese Nacht;
Sagt ihm Morgen was wir hier erdacht.«
Beifall ward dem Rath gegeben.
So behielt Herr Gawan hier das Leben.
Man pflag des kühnen Helden
Die Nacht so, hört ich melden,
Daß er ruhte wohlgeborgen.
Als andern Tags, um mitten Morgen
[567]
Aus der Messe kam die Menge,
War im Saale groß Gedränge
Von Pöbel und von werther Schar.
Der König, wies beschloßen war,
Ließ Gawanen vor sich bringen.
Er wollt ihn zu nichts Anderm zwingen
Als man schon vernommen hat.
Nun seht, wie dort sich mit ihm naht
Antikonie die schöne Maid;
Ihres Oheims Sohn gab ihr Geleit
Und Mancher aus des Königs Bann.
Die Köngin führte Gawan
Vor den König an der Hand;
Ein Blumenkranz ihr Haupt umwand.
Den Blumen nahm den Preis ihr Mund:
In dem Kränzlein keine stund,
Die so glühend war und roth.
Wem den Kuss sie gütlich bot,
Der mochte wohl den Wald verschwenden
Mit Lanzenbrechen sonder Enden.
Nun folgt mir, wenn ich grüße
Mit Lob die reine, süße
Antikonie,
Die von Falschheit wuste nie,
Denn sie lebt' in solcher Weise,
[568]
Nie ward ihrem Preise
Ein zweifelnd Wort verwoben.
Die sie hörten loben,
Jeder Mund wünscht' ihr froh,
Daß ihren Preis immer so
Verschone Tadels trübe Lauge.
Weitreichend wie ein Falkenauge
War des Balsams Stätigkeit an ihr.
Dieß rieth ihr würdige Begier:
Die süße wonnigliche Maid
Sprach mit Wohlgezogenheit:
»Hier bring ich, Bruder, dir den Degen,
Den du mir selbst befahlst zu pflegen:
Laß ihms zu Gute kommen;
Gewiss, es wird dir frommen.
Treue steht dir beßer an
Als den Haß der Welt empfahn,
Und meinen, könnt ich haßen:
Den lehr mich, zu dir laßen.«
Da sprach der werthe junge Mann:
»Das thu ich, Schwester, wenn ich kann;
Dazu gieb selber deinen Rath.
Dich dünkt, ich habe Missethat
Meiner Würdigkeit verwoben,
[569]
All mein Preis sei zerstoben:
Wie taugt' ich dann zum Bruder dir?
Und dienten alle Kronen mir,
Die gäb ich hin auf Dein Gebot:
Dein Haß wär meine höchste Noth.
Ich verschmähe Freud und Ehre,
Wird sie mir nicht nach Deiner Lehre.
Herr Gawan, laßt euch bitten:
Ihr kamt um Preis geritten:
So thut es um des Preises Huld
Und helft mir, daß um meine Schuld
Schwinde meiner Schwester Groll.
Eh ich sie verlieren soll,
Verzeih ich euch mein Herzeleid,
Wollt ihr mir geben Sicherheit,
Daß ihr mir treulich werbt sogleich
Um des Grales Königreich.«
So ward der Zwist geendet,
Gawan hinaus gesendet,
Daß er mit des Schwertes Blitz
Werbe nach des Grals Besitz.
Auch verzieh der Landgraf jetzt
Dem König, der ihn schwer verletzt,
Daß sein Geleit er nicht geehrt:
Das geschah vor all den Fürsten werth.
[570]
Die Waffen waren aufgehangen.
Da kamen auch daher gegangen
Gawans Knappen, ihm ein lieber Fund:
Im Streite ward ihm keiner wund.
Ein gewaltger Mann der Stadt,
Der ihnen Frieden erbat,
Fieng sie, um sie zu schonen:
Die Franzosen und Bretonen,
Oder aus welchem Land sie sind,
Ob starker Knapp, ob kleiner Kind,
Die wurden frei zurückgesandt
Gawan dem Degen auserkannt.
Als ihn die Kinde wiedersahn,
Geschah groß Küssen und Umfahn:
Wie sie sich weinend an ihn hiengen!
Doch mit Thränen, die der Freud entspringen.
Da war bei ihm von Kornewal
Komte Laiz Fils Tinal.
Dann war ein edel Kind dabei,
Dük Gandilus, Fils Gurzgrei,
Der um Schoi de la Kour erstarb,
Wo manche Frau noch Leid erwarb.
Liaße war des Kindes Base.
Ihm waren Augen, Mund und Nase
Recht aus der Minne Kern geschnitten;
[571]
Bei aller Welt wars wohlgelitten.
Dazu sechs andre Kindelein.
Diese acht Jungherren fein
Waren von Geburt gesamt
Hoher edler Art entstammt.
Sie waren ihm als Neffen hold
Und dienten ihm um seinen Sold.
Was er zu Lohn gab? Würdigkeit
Und gute Pflege jederzeit.
Gawan sprach zu den Kindelein:
»Wohl euch, süße Neffen mein:
Mich dünkt, ihr würdet mich beklagen,
Hätten sie mich hier erschlagen.«
Zutrauen mocht ers ihnen wohl:
Sie waren so noch Jammers voll.
Er sprach: »Ich hatt um Euch viel Leid:
Wo wart ihr, da mir kam der Streit?«
Sie sagtens ihm und Keiner log.
»Ein junger Sperber entflog,
Da ihr saßet bei der Königin;
Da liefen wir und jagten ihn.«
»Die da stunden, saßen,
Und zu spähen nicht vergaßen,
Die sahen wohl, Herr Gawan
[572]
War ein tapfrer, höfscher Mann.
Der König ihm gewährte,
Da er Urlaub begehrte,
Dazu das Volk allgemein,
Bis auf den Landgraf allein.
Die Beiden nahm die Königin
Und Gawans Junker mit sich hin.
Sie führten sie, wo von Jungfrauen
Sie gute Pflege sollten schauen:
Mit Zucht nahm ihrer dienend wahr
Manche Jungfrau schön und klar.«
Als sich vom Mal erhob Gawan,
(Wie Kiot mir bezeugen kann)
Aus herzlicher Treue
Erwuchs groß Leid aufs Neue.
Der Held begann zur Königin:
»Frau, behalt ich klugen Sinn,
Und schenkt mir Gott das Leben,
Muß ich dienstlich Bestreben
Und ritterlich Gemüthe
Eurer weiblichen Güte
Zu Diensten immer kehren.
Ihr hört des Heiles Lehren,
Aller Falschheit habt ihr obgesiegt,
Euer Preis all andre überwiegt:
[573]
So muß das Glück euch Heil gewähren.
Urlaub laßt mich, Frau, begehren:
Den gebet mir und laßt mich fahren;
Eure Zucht mög euern Preis bewahren.«
Sein Scheiden schuf ihr Herzenspein.
In ihr Weinen stimmten ein
Viel schöner Jungfrauen klar.
Die Königin sprach offenbar:
»Hätt ich mehr euch mögen frommen,
So wär mir Freude nicht benommen;
Doch blüht' euch hier kein beßrer Frieden.
Glaubt mir, wird euch Pein beschieden,
Oder bringt euch Ritterschaft
In sorgenvollen Kummers Haft,
So wißet, mein Herr Gawan,
Mein Herz hat immer Theil daran,
Am Verlust wie am Gewinn.«
Die viel edle Königin
Küsste da Gawanens Mund.
Der ward an allen Freuden wund,
Daß er schon muste scheiden.
Leid war es sicher Beiden.
Die Knappen hattens wohl bedacht,
Seine Pferd' ihm vor den Saal gebracht,
[574]
Daß er auf dem Hof sie finde,
Wo Schatten gab die Linde.
Auch war dem Landgraf gekommen
Sein Gefolge (so hab ich vernommen):
Da ritt er mit ihm vor die Stadt.
Gawan ihn draußen freundlich bat,
Daß er sich bemühe
Und mit seinen Leuten ziehe
Gen Beaurosch: »Scherules ist dort:
Sie bitten ihn, daß er sie fort
Geleite gen Didasdron.
Da wohnet mancher Breton:
Der bringt sie wohl dem König hehr
Oder der Köngin Ginover.«
Das versprach Kingrimursel:
Urlaub nahm der Degen schnell.
Gringuljet nach kurzer Zeit
Stand wie sein Herr im Eisenkleid.
Seine Neffen, die Kindelein,
Küsst' er, und die Knappen sein.
Nach dem Grale, wie sein Eid gebot,
Ritt er allein zu großer Noth.

9. Trevrezent

Inhalt
Inhalt.

Die Aventüre begehrt Einlaß in des Dichters Herz, um ihm weiter von Parzival zu sagen. Sie übergeht Manches, Anderes deutet sie nur an, wie das Abenteuer von dem zersprungenen, in dem Brunnen Lach bei Karnant wieder ganz gewordenen Gralsschwerte. Es folgt eine neue Begegnung mit Sigunen, die jetzt im härenen Hemde eine Klause über dem Grabe des Geliebten bewohnt. Sie verzeiht ihm, in Betracht, daß er hart genug gestraft sei, die unterlaßene Frage, und räth ihm, Kondrieen, welche ihr alle Samstag Nacht Speise brächte, und sie erst vor Kurzem verlaßen hätte, nachzureiten. Parzival folgt der frischen Spur, hat sie aber wieder verloren, als ein Gralsritter ihm Kampf bietet, weil er es gewagt habe, Monsalväsch so nahe zu reiten. Der Templeise wird besiegt, entkommt aber lebend; sein Ross mit der Turteltaube, dem Wappen des Grals, am Buge besteigt Parzival statt des ihm erschlagenen. Lange Zeit darnach begegnet ihm ein grauer Ritter, der mit seinem Weib, zweien Töchtern und fürstlichem Gefolge barfuß, obgleich Schnee gefallen war, seine jährliche Buß- und Bittfahrt durch den Wald zu einem Einsiedel unternommen hat, und es herzlich beklagt, daß Parzival im Harnisch die heilige Zeit nicht begehe, indem heute Karfreitag sei; er räth ihm, gleichfalls bei dem Einsiedel zu beichten und Buße zu thun. Die Jungfrauen laden ihn zu Gaste: er will aber nicht neben ihnen reiten, während Sie zu Fuße gehen, Den [579] zu verehren, welchen er haßt, beurlaubt sich und reitet weiter. Darauf aber wird er reuig, gedenkt zum Erstenmal seines Schöpfers, und überläßt, dessen hülfreiche Führung zu versuchen, dem Ross die Zügel. Da bringt es ihn gen Fontain-sauvasche, wo Trevrezent als Einsiedel ein strenges Bußleben führt. Hier erfährt er die Märe von dem Gral, welche der Dichter bisher absichtlich verschwiegen hat. Parzival erkennt die Stelle, wo er Orilus durch einen Eid über Jeschutens Treue beruhigt hat. Er steigt vom Pferde, und erzählt dem Klausner von dem Ritter, der ihn hieher gewiesen habe, seine Sünden zu beichten. Trevrezent führt sein Ross an einen Felsenbrunnen, ihn selbst zu einem Feuer in einer Gruft, wo der Held sich wärmt, entwappnet und einen Rock des Einsiedels anlegt. In einer zweiten Höhle findet er auf dem Altar die Heilthumskapsel, der er bei jenem Schwur die Hand aufgelegt hat. Er fragt, wie lange das her sei, und erfährt, daß fünftehalb Jahre seitdem verfloßen sind. Er bekennt, in all dieser Zeit kein Gotteshaus besucht zu haben, indem er Haß zu Gott im Herzen trage. Der Klausner belehrt ihn über Gottes hülfreiche Barmherzigkeit und Güte, warnt ihn vor Vermeßenheit an Lucifers, Evas und Kains Beispiele, und fragt, welcher Kummer ihn beschwere. Als ihm Parzival seine Sorgen um den Gral und sein Weib klagt, lobt er letztere, und nennt die andere thöricht, weil den Gral nur der vom Himmel dazu Benannte gewinnen könne. Nun erzählt er von dessen himmlischem Ursprung, von der Taube mit der Oblate, von der erscheinenden und verschwindenden Schrift u.s.w. Als Parzival ihn mit dem Wunsch unterbricht, durch die Schrift zum Gral benannt zu werden, warnt er ihn vor Hochfahrt an dem Beispiele des Anfortas, und fährt fort zu berichten, wie die Templeisen die Grenzen des Gralreichs schützen; gleichwohl sei Lähelein bis an den See Brumbane vorgedrungen, wo er einen Gralsritter getödtet und dessen Ross erbeutet habe. Für Lähelein hält der [580] Einsiedel seinen Gast wegen seines Pferdes, doch bekennt sich dieser für den Sohn Gahmurets und Ithers Sieger. Trevrezent erschrickt als er hört, daß sein Neffe den nahen Blutsfreund (Ither war mit Lamiren, der Tochter Gandeins, also Gahmurets Schwester, vermählt) erschlagen; wie er denn auch scheidend seine Mutter, Trevrezents Schwester, getödtet habe. Er erzählt nun von seinen übrigen Geschwistern, Tschoisianen, der Mutter Sigunens, Repansen de Schoie, die den Gral zu tragen gewürdigt wird, und Anfortas, dem König des Grals; dann des letzten Verirrung im Minnedienst, seine Verwundung mit dem vergifteten Sper des Heiden, die vergeblichen Heilungsversuche, und wie zuletzt die Schrift am Gral einen Ritter gemeldet, dessen Frage Erlösung brächte, der aber dann keine Frage gethan habe. Dann gehen Beide Gras und Laub für das Ross, sich selber Wurzeln und Kräuter suchen. Nach dem kargen Mal gesteht Parzival, daß Er jener Ritter gewesen sei. Sein Oheim beklagt ihn, hofft aber, ihm werde noch Heil blühen, wenn er sein Herz so erkühnen könne, daß er an Gott nicht mehr verzweifle. Darauf erklärt er ihm Alles, was er zu Monsalväsche gesehen hat, die blutige Lanze, die Meßer mit den Silberklingen, Anfortas Frieren und Lehnen, sein Fischen auf dem See Brumbane und die dienenden Frauen; schildert ihm dann der Templeisen Leben, wie der Gral aus seiner Schar den herrenlosen Ländern Fürsten heimlich schicke, die Jungfrauen aber, wie Parzivals Mutter, öffentlich vermähle, und wie alle Gralsritter, außer dem Könige, Frauenminne verschwören müsten, eine Vorschrift, die auch Er in seiner Jugend unbeachtet gelaßen, wie seine Erzählung ergiebt. Nach solchen und ähnlichen Gesprächen gehen sie zur Ruhe. Vierzehn Tage bleibt Parzival bei dem Einsiedel; beim Abschied ermahnt ihn dieser, Frauen und Priester zu ehren und spricht ihn frei von Sünden.

Trevrezent
[581] [583]Trevrezent.
»Thut auf!« Wem? Wer seid ihr?
»Ich will ins Herz hinein zu dir.«
So begehrt ihr engen Raum.
»Was thut es, faßt er mich auch kaum;
Ueber Druck wirst du nicht klagen,
Ich will dir nun viel Wunder sagen.«
Seid Ihrs, Frau Abenteuer?
Was macht der Degen theuer?
Ich meine den werthen Parzival,
Den Kondrîe nach dem Gral
Mit unsüßen Worten jagte;
Manch schönes Weib beklagte,
Daß unerläßlich wär sein Reisen.
Von Artus dem Bretaneisen
Schied er da: wo ist er nun?
Die Märe eilt uns kund zu thun:
Ob er an Freuden ganz verzagte,
Oder hohen Preis erjagte.
Blieb heut ihm seine Würdigkeit
Noch ganz wie sonst, so lang und breit,
Oder ward sie kurz und schmal?
[583]
Sagt uns Alles auch zumal
Was noch von seiner Hand geschah;
Ob er Monsalväsch nun sah
Und Anfortas den klagenswerthen,
Dem Seufzer das Herz beschwerten?
Gebt Trost uns aus Barmherzigkeit,
Ob er des Jammers ward befreit.
Laßt hören, gebt uns Kunde,
Ist da Parzival zur Stunde,
Der uns beiden zu gebieten hat?
Nun erhellt mir seinen Pfad:
Gahmurets Sohn, was beginnt
Der süßen Herzeleide Kind,
Seit er von Artus Abschied nahm?
Hat er Freude, hat er Gram
Seitdem erkämpft im Streite?
Stürmt er noch in die Weite,
Oder liebt er sich zu ruhn?
Sagt mir sein Ueben und sein Thun.
Aventüre macht uns nun bekannt,
Erkundet hab er manches Land
Zu Ross, in Schiffen auch zu Meer;
Landsmann, Blutsfreund, oder Wer
Sich ihm tjostierend stellte,
Daß er den siegreich fällte.
[584]
So kann sich seine Schale neigen,
So weiß sein Preis empor zu steigen
Und der Andern Preis zu dämpfen.
Er hatt in harten Kämpfen
Der Niederlage sich erwehrt,
Sich so versucht mit Lanz und Schwert,
Wer Preis von ihm zu borgen
Gedachte, thats mit Sorgen.
Das ihm Anfortas verehrt
Bei dem Grale, jenes Schwert,
Da ers im Streite schwang, zerbrach:
Bei Karnant der Brunnen Lach
Macht' es dann ihm wieder ganz;
Stäts mehrt' er seines Ruhmes Glanz.
Wer es nicht glaubt, der sündigt.
Die Aventür verkündigt,
Daß Parzival der kühne Held
Geritten kam in ein Gewäld,
Zu welcher Stunde, weiß ich nicht:
Da stand vor seinem Angesicht
Eine neuerbaute Klause;
Ein Quell lief durch mit Brause:
Sie war darüber ausgehöhlt.
Der junge Degen muthbeseelt
Suchte Abenteuer dort:
[585]
Da kam er zu der Gnade Port.
Er fand da eine Klausnerin;
Gott zu Liebe gab sie hin
Magdthum und alle Erdenlust.
Ihrer weiblichen Brust
Entblühte Trauer, ewig neue,
Doch aus der Wurzel alter Treue.
Schionatulander
Und Sigunen fand er.
Begraben lag der Held und todt;
Sie erlebt' auf seinem Sarge Noth.
Sigune la Düschesse
Hörte selten Messe;
Doch all ihr Leben war Gebet.
Ihr rother Mund von Glut gebläht,
Nun war er blass, so ganz erblichen
Seit alle Weltlust ihr gewichen.
Keine Maid litt je so hohe Pein:
Um zu trauern will sie einsam sein.
Da der Fürst sie nicht erwarb,
An ihm die Minne ihr erstarb,
Sie minnte seinen todten Leib.
Wär sie wirklich jetzt sein Weib,
Frau Lunet hätt ihr im Leben
[586]
Solchen Rath wohl nie gegeben
Wie sie gab ihrer Frauen.
Man mag noch Frauen schauen,
Bei denen eine üble Statt
Fände Frau Lunetens Rath.
Ein Weib, die um des Lieben willen,
Und der Zucht Gebot zu erfüllen,
Sich enthält fremder Minne,
Täuscht mir kein Trug die Sinne,
Läßt sie's bei ihres Mannes Leben,
Dem ward an ihr ein Heil gegeben.
Kein Fasten kleidet sie so wohl:
Das beeid ich wenn ich soll.
Hernach mag sie beliebig schalten;
Kann sie auch dann noch sich enthalten,
Das ziert sie, keinen schönern Kranz
Trägt sie je beim Freudentanz.
Vergleich ich Freude mit der Noth,
Die Sigunen ihre Treu gebot?
Das sollt ich lieber laßen.
Ueber Blöcke sonder Straßen
Ritt Parzival dem Fensterlein
Allzunah: das schuf ihm Pein.
Er wollte nach dem Walde fragen
Und wohin der Weg ihn werde tragen.
[587]
Bescheid zu finden hofft' er da.
»Ist Jemand drin?« Da sprach sie: »Ja.«
Als er die Frauenstimm erkannte,
Auf unzertretnen Rasen wandte
Der Held zurück das Rösselein;
Schon däucht es ihn zu spät zu sein:
Daß er nicht gleich war abgestiegen,
Fühlt' er Scham sich überfliegen.
An des gefällten Baumes Ast
Band sein Ross alsbald der Gast
Und hieng des Schildes Scherben dran.
Der bescheidne kühne Mann
Das Schwert auch von der Seite band:
So trat er zu des Fensters Rand
Nachzufragen wo er wär.
Die Klaus war aller Freuden leer
Und aller Kurzweil bar und bloß:
Nur Jammer fand er, der war groß.
Er bat, daß sie ans Fenster trete.
Da erhob sich vom Gebete
Mit Zucht die Jungfrau bleich und fahl.
Noch immer war ihm dazumal
Wer sie wäre völlig fremde.
Sie trug ein hären Hemde
Unter grauem Rock zunächst der Haut.
[588]
Großem Jammer war sie angetraut:
Der hatt ihr hohen Muth gesenkt,
Ihrem Herzen Seufzer viel geschenkt.
Mit Zucht die Magd zum Fenster gieng,
Wo sie den Fremdling wohl empfieng.
Den Psalter trug sie in der Hand.
Parzival der Weigand
Sah sie ein kleines Ringlein tragen,
Dem sie im Leid nicht mocht entsagen;
Sie behielts nach treuer Minne Rath.
Das Steinlein war ein Granat;
Das sah man aus dem Dunkel glühn,
Recht wie Feuer Funken sprühn.
Sie trug ums Haupt ein schwarzes Band.
Sie sprach: »Da draußen bei der Wand
Seht ihr eine Bank gestellt:
Setzt euch, wenn es euch gefällt
Und vergönnt die Muße.
Daß ich zu euerm Gruße
Kommen durfte, lohn euch Gott;
Der hilft getreulich in der Noth.«
Der Degen folgte gern dem Rath;
Vors Fenster setzt' er sich und bat:
»Sitzet ihr da drinnen auch.«
[589]
Sie sprach: »Gar selten wars mein Brauch,
Daß ich hier saß bei einem Mann.«
Da hub der Held zu fragen an,
Was sie der Sitte pflege,
»Daß Ihr so fern dem Wege
Wohnet in der Wildniss hier.
Große Unbill scheint es mir,
Herrin, was ihr hier begeht,
Da rings kein Haus euch nahe steht.«
Sie sprach zu ihm: »Mir wird vom Gral
Der Kost genug gesandt zum Mal.
Kondrie la Sorzier
Bringet mir von dorten her
Jeden Samstag in der Nacht
(Den Vorsatz hat sie sich gemacht)
Was ich die Woche haben soll.«
Sie sprach: »Wär mir nur anders wohl,
Um die Nahrung würd ich wenig sorgen;
In diesem Stück bin ich geborgen.«
Da wähnte Parzival, sie löge,
Und daß sie sonst ihn gern betröge.
Er sprach im Spott zu ihr hinein:
»Von wem habt ihr dieß Ringelein?
[590]
Stäts hab ich sagen hören,
Liebschaft müsten verschwören
Klausner und Klausnerinnen.«
»An der Rede werd ich innen,
Ihr zeihtet mich der Falschheit gerne.
Wenn ich jemals Falschheit lerne,
Merkt sie wohl, seid ihr dabei;
Wills Gott, ich bin der Falschheit frei:
Aller Fehltritt widert mir.«
Noch sprach sie: »Diesen Mahlschatz hier
Trag ich um einen lieben Mann.
Seine Minne nie gewann
Ich zwar mit menschlicher That.
Magdthumlichen Herzens Rath
Rieth mir zu seiner Minne.«
Sie sprach: »Er ist hier drinne,
Dessen Kleinod ich trug
Seit ihn Orilus im Kampf erschlug.
Ich will ihm Minne geben
All mein jammerreiches Leben.
Rechte Minne muß ich ihm gewähren,
Da er mit Schwert, Schild und Speren
Um meine Minne wehrlich warb
Bis er in meinem Dienst erstarb.
Reines Magdthum blieb mir noch;
[591]
Er ist vor Gott mein Mann jedoch.
Rechnet Gott Gedanken an
Für That, so sind wir Weib und Mann
Verbunden in der rechten Ehe.
Sein Tod that meinem Leben wehe.
Vor Gott soll dieses Ringelein
Uns wahrer Ehe Zeugniss sein.
Es bindet meine Treue fest,
Mit Herzensthränen oft genäßt.
Hier bin ich selbander:
Schionatulander
Und die andere bin Ich.«
Nun erst überzeugt' er sich,
Daß es Sigune war, die Maid.
Ihr Kummer schuf ihm Herzeleid.
Eh er weiter sprach zu ihr,
Zog er herab das Härsenier,
Daß sie sein bloßes Haupt erschaue.
Da sah an ihm die Jungfraue
Durch Eisenrost die Haut so licht.
Jetzt erkennt sie ihn und spricht:
»Wie, seid Ihrs, Herr Parzival?
Sagt an, wie steht ihr mit dem Gral?
Habt ihr nun seine Kraft erkannt?
Wie ists um eure Fahrt bewandt?«
[592]
Er sprach zur Jungfrau wohlgeboren:
»Ich habe Freud und Glück verloren,
Der Gral giebt Sorgen mir genug.
Das Land, wo ich die Krone trug,
Ließ ich, dazu das schönste Weib.
Geboren ward so schöner Leib
Auf Erden nie von Menschenfrucht.
Ich sehne mich nach ihrer Zucht,
Um ihre Minne traur ich viel;
Doch mehr noch nach dem hohen Ziel,
Wie ich Monsalväsche mög ersehn
Und den Gral: das ist noch ungeschehn.
Base, du vergehst dich schwer,
Sigun, an mir: ich leide sehr,
Und doch feindest du mich an.«
Da sprach sie: »All mein Zorn fortan,
Vetter, sei auf dich verschworen.
Du hast doch Freude viel verloren,
Da die Frage unterließ
Dein Mund, die dir so viel verhieß,
Als dir der edle Anfortas
Dein Wirth, dein Glück, zur Seite saß.
Da hätt dir Fragen Heil erjagt;
Doch nun ist Freude dir versagt
Und all dein hoher Muth gelähmt.
Dein Herz hat Sorge nun gezähmt,
[593]
Die stäts dir fremde wäre,
Erfrugst du dort die Märe.«
»Ich that wie der sich schaden soll.
Nun, liebe Base, rath mir wohl:
Nahverwandt ja bist du mir;
Und sag mir auch: wie stehts mit dir?
Dein Leid sollt ich beklagen,
Müst ich nicht größres tragen
Als je war eines Mannes Looß:
Meine Noth ist allzugroß.«
Sie sprach: »Dir helfe Dessen Hand,
Dem aller Kummer ist bekannt.
Vielleicht, daß es dir noch gelingt,
Daß ein Pfad dahin dich bringt,
Wo du Monsalväsch ersiehst
Und deinem Herzen Trost entsprießt.
Kondrie la Sorzier ritt noch
Nicht lange fort: hätt ich sie doch
Gefragt, ob sie dahin will ziehn,
Oder anderswohin.
Ihr Maulthier läßt sie dort wohl halten,
Wo der Brunnen fließt aus Felsenspalten.
Mach dich auf und folg ihr unverweilt,
Vielleicht daß sie vor dir nicht eilt:
So holst du sie in Kurzem ein.«
[594]
Da durfte nicht gezögert sein:
Mit Sigunens Urlaub folgt' er bald
Den frischen Stapfen durch den Wald.
Doch ritt ihr Maulthier solche Wege,
Daß bald im dichten Waldgehege
Die Spur verschwand, die er erkoren.
So war der Gral aufs Neu verloren.
Da vergaß er Freud und Lust.
Beßer hätt er jetzt gewust
Zu fragen, wär er hingekommen,
Als damals, wie ihr habt vernommen.
Nun laßt ihn reiten; doch wohin?
Dort sich entgegen sieht er ziehn
Einen Ritter, der sich bloßhaupt trug.
Sein Wappenrock war theur genug,
Der Harnisch drunter stralt von Glanz,
Denn sonst ist er gewappnet ganz.
Der ritt auf Parzival einher
Und sprach: »Herr, ich zürn euch sehr,
Daß ihr dringt in meines Herren Wald.
Fort, sonst ermahn ich so euch bald,
Daß euer Herz sich ferne sehnt.
Monsalväsch ist nicht gewöhnt,
Daß ihm wer so nahe ritt,
Es sei denn daß er siegreich stritt
[595]
Oder solche Buße bot,
Die sie vor dem Walde heißen Tod.«
Einen Helm in der Hand
Sah man ihn tragen, dessen Band
War von seidenen Schnüren;
Einen scharfen Sper auch führen:
Von frischem Holze war sein Schaft.
Der Held band mit Zorneskraft
Sich den Helmhut fest aufs Haupt;
Man hätt es gerne geglaubt,
Er wolle zu den Zeiten
Nicht vergebens dräun mit Streiten.
So schickt' er zu der Tjost sich an.
Spere hatt auch viel verthan
Parzival wie diese reich:
Er gedacht: »Ich wär des Todes gleich,
Ritt' ich dem Manne durch sein Korn:
Wie gerieth' er dann wohl erst in Zorn?
Hier tret ich nur auf wilde Haide.
Versagt ihr Arme mir nicht beide,
So lös ich mich mit solchem Pfand,
Daß mich nicht bindet seine Hand.«
Sie brachten ihre Pferde drauf
Beiderseits in vollen Lauf
[596]
Und trieben sie mit Sporenschlägen
Einander pfeilgeschwind entgegen.
Die Tjost gerieth auch beiden jetzt;
Doch in mancher Tjost blieb unverletzt
Parzivals hohe Brust.
Den lehrte Kunst und ein Gelust,
Daß seine Lanzenspitze fuhr
Recht in den Strick der Helmschnur.
Er traf ihn, wo man hängt den Schild,
Wenn es Tiostieren gilt,
Daß der Templer von dem Gral
Vom Ross herabfiel in ein Thal
Und sank die Hald hinunter tief:
Wohl scheint es, daß der Held nicht schlief.
Der Sieger folgt des Schwungs Gewalt;
Umsonst gebot dem Ross er Halt:
Es fiel hinab, zerbrach im Fall.
Den Ast ergriff noch Parzival
Einer Ceder mit den Händen.
Es wird ihn wohl nicht schänden,
Daß er sich ohne Schergen hieng.
Mit den Füßen glücklich fieng
Er sich auf festem Felsengrund.
Im unerreichbaren Schlund
Lag sein Ross da unten todt.
[597]
Der Templer aus der Lebensnoth
Floh zu der andern Thalwand hin.
War er stolz auf den Gewinn,
Den er erwarb an Parzival,
So frommt' ihm mehr daheim der Gral.
Da sich Parzival hinauf begab,
Des Templers Zügel hieng herab
Vom Ross, das sich darin verfangen:
Drum war es weiter nicht gegangen,
Als es der Ritter dort vergaß.
Da Parzival im Sattel saß,
Hatt er den Sper nur eingebüßt:
Der Verlust war durch den Fund versüßt.
Gewiss, der starke Lähelein,
Noch der stolze Kingrisein,
Noch der König Gramoflanz,
Noch Komte Laskoit Fils Gurnemans
Hatten nimmer beßre Tjost geritten,
Als womit er dieses Ross erstritten.
Da ritt er weglos immerdar,
Und der Monsalväscher Schar
Bot ihm weiter keinen Streit.
Ihm gebrach der Gral, das war sein Leid.
Wers hören will dem geb ich Kunde
Was ihm widerfuhr nach dieser Stunde.
[598]
Doch weiß ich nicht der Wochen Zahl,
Wie lang hernach noch Parzival
Auf Abenteuer ritt wie eh.
Eines Morgens war ein dünner Schnee,
Doch wohl so dicht herabgeschneit,
Daß Frost daraus ward prophezeit.
Es war in einem tiefen Wald:
Da begegnet' ihm ein Ritter alt.
Dem war ergraut des Bartes Haar,
Jedoch das Antlitz licht und klar;
Klar und licht auch war sein Weib.
Die Beiden auf dem bloßen Leib
Trugen Röcke rauhbehaart
Auf ihrer Buß- und Bittefahrt.
Ihre Kinder, zwei Jungfrauen,
Die man gerne mochte schauen,
Giengen auch in solchem Kleid.
Ihnen rieth Bescheidenheit,
Daß sie barfuß waren allzumal.
Seinen Gruß bot Parzival
Dem grauen Ritter, der da gieng,
Von dem er selgen Rath empfieng.
Er mocht ein Landesfürst wohl sein.
Den Frauen folgten Hündelein.
Demüthig schritten, nicht zu hehr,
Ritter noch und Knappen mehr
[599]
Sittig auf der Gottesfahrt,
Noch Mancher jung und ohne Bart.
Parzival der Weigand
Trug am Leibe solch Gewand,
Daß sein reiches Ritterkleid
Ihm herrlich stand wie allezeit.
Er fuhr so stolz gerüstet,
Daß er sich anders brüstet
Als jener graue Mann sich trug.
Aus dem Wege früh genug
Wandt er mit dem Zaum sein Pferd.
Gern hätt er fragend sich belehrt
Ueber der frommen Leute Fahrt;
Sie beschieden ihn mit guter Art.
Da war des grauen Ritters Klage,
Daß er die heiligen Tage
Nicht also ehrte nach der Sitte,
Daß er ungewappnet ritte,
Oder barfuß gienge
Und des Tages Fest begienge.
Da gab ihm Parzival Bescheid:
»Herr, ich weiß zu keiner Zeit
An welchem Ziel das Jahr nun steht
[600]
Und wie der Wochen Zahl vergeht.
Wie die Tage sind benannt,
Das ist mir Alles unbekannt.
Ich diente Einem, der heißt Gott,
Eh seine Ungunst solchen Spott
Mir gab und solchen Ungewinn,
Da doch nie von ihm gewankt mein Sinn.
Man sagte mir, er helfe gern;
Doch bleibt mir seine Hülfe fern.«
Da sprach der Ritter grau von Haar:
»Meint ihr Gott, den eine Magd gebar?
Glaubt ihr, daß er Mensch geworden
Und heut für uns am Kreuz gestorben,
Weshalb wir diesen Tag begehn,
So muß solch Kleid euch übel stehn.
Denn es ist Karfreitag heut,
Des alle Welt sich billig freut
Und doch in Leid befangen ist.
Sprecht ob ihr höhre Treue wißt
Als die Gott an uns begieng,
Da man für uns ans Kreuz ihn hieng?
Habt ihr die Tauf empfangen,
So muß euch Leid umfangen:
Er hat sein heiliges Leben
Um unsre Schuld dahingegeben;
[601]
Sonst wär der Mensch verloren,
Zu der Hölle Pein erkoren.
Wofern ihr nicht ein Heide seid,
Herr, so heiligt diese Zeit.
Reitet eures Weges fort:
Nicht ferne wohnt von diesem Ort
Ein heilger Mann: der giebt euch Rath
Wie ihr büßet eure Missethat.
Wollt ihr ihm Reue künden,
Er spricht euch los von Sünden.«
Seine Töchter huben an zu sprechen:
»Was willst du, Vater, an ihm rächen?
So böses Wetter wie nun ist,
Was räthst du ihm zu solcher Frist?
Hilf ihm vielmehr, daß er erwarme.
Seine geharnischten Arme,
Wie ritterlich und stark sie sind,
Doch ist die Kälte nicht gelind:
Er erfrör und wär er seiner drei.
Hast du doch hier nahe bei
Gezelt und Kleiderkammer stehn;
Käm Artus und sein ganzes Lehn,
So gebräch dir auch die Speise nicht.
So übe denn des Wirthes Pflicht
Und nimm dich dieses Ritters an.«
[602]
Da sprach alsbald der graue Mann:
»Herr, meine Töchter sprechen wahr.
Mit Zelt und Hütten jedes Jahr
Fahr ich durch diesen wilden Wald,
Ob es warm sei oder kalt,
Naht uns Dessen Marterzeit
Der stäten Lohn für Dienst verleiht:
Was ich Gott zu Liebe hergebracht,
Das ist euch willig zugedacht.«
Die beiden Jungfrauen
Ließen guten Willen schauen.
Sie baten ihn zu bleiben;
Ihn solle nichts vertreiben,
Sprachen sie mit holden Mienen.
Parzival ersah an ihnen,
Obgleich das Wetter Frost nur bot,
Munde heiß und voll und roth.
Sie hatte Trauer nicht entstellt
Um den Heiland der Welt.
Hätt ich mit ihnen mich entzweit,
Ich nützte die Gelegenheit
Den Kuss der Sühne zu empfahn,
Nähmen sie die Sühne an.
Frauen sind doch immer Fraun:
Wo sie den tapfern Mann erschaun
[603]
Da sind sie bald bezwungen;
Das bezeugen tausend Zungen.
Mit süßem Wort, mit holden Sitten
Hörte Parzival sie bitten,
Kinder und Aeltern beide.
Er gedachte: »Wenn ich bleibe,
Gern zieh ich nicht in dieser Schar.
Die Mädchen sind so schön fürwahr,
Mein Reiten würde übel stehn,
Da Mann und Weib zu Fuße gehn.
Es fügt sich beßer, daß wir scheiden,
Da Haß mir Jenen muß verleiden,
Den Sie von Herzen minnen
Und auf seine Hülfe sinnen.
Mir hat er Hülfe stäts verwehrt,
Nur meiner Sorgen Zahl gemehrt.
›Herr und Frau,‹ hub er an,
Laßt euern Urlaub mich empfahn.
Das Glück verleih euch volles Heil,
Und Freude werd euch stäts zu Theil.
Ihr süßen Jungfraun beide,
Eure Zucht euch Lohn bescheide,
Daß ihrs so gut gemeint mit mir.
Nun gebt mir euern Urlaub hier.«
[604]
Da neigt er sich und Jene neigen;
Sie konnten Klage nicht verschweigen.
Hin reitet Herzeleidens Frucht.
Den lehrte mannliche Zucht
Demuth und Barmherzigkeit.
Dem die junge Herzeleid
Angeboren Treu und Güte,
Traurig ward sein Gemüthe.
Jetzt zuerst gedacht er Seiner Macht,
Der die Welt aus Nichts gemacht,
Der ihn erschaffen und erhalten,
Wie Der gewaltig müße walten:
»Wie, wenn Gott doch sendete
Was meinen Jammer wendete?
Ward er jemals einem Ritter hold,
Erwarb ein Ritter seinen Sold,
Hält er seiner Hülfe werth
Die da führen Schild und Schwert
Unverzagt und mannhaft,
So lös er mich aus Sorgenhaft:
Ist heute seiner Hülfe Tag,
So helf er wenn er helfen mag.«
Er ritt zurück daher er kam.
Noch standen jene, wie im Gram,
[605]
Daß er so von ihnen schied.
Wie ihr getreuer Sinn es rieth,
Blickten ihm die Jungfraun nach.
Doch auch das Herz des Ritters sprach,
Daß er sie gerne möge sehn,
Denn sie waren hold und schön.
Er sprach: »Ist Gottes Kraft so groß,
Daß sie beide, Mann und Ross,
Mag rechte Wege weisen,
Seine Hülfe will ich preisen.
Kann von Gott uns Hülfe nahn,
So weis er dieses Kastilian,
Daß meine Reise glücklich sei:
Seine Güte steh mir hülfreich bei.
Nun geh nach göttlichem Bescheide.«
Zaum und Zügel legt' er beide
Frei zu des Rosses Ohren
Und trieb es mit den Sporen.
Gen Fontän sauvasche wars gegangen,
Wo den Eid hatt Orilus empfangen.
Der fromme Trevrezent dort saß,
Der manchen Montag wenig aß
Und auch den Rest der Wochen.
Sich hatt er abgebrochen
[606]
Moraß, Wein, dazu das Brot.
Strenger war noch sein Gebot:
Fisch und Fleisch, und was nur Blut
Trüge, mied sein keuscher Muth.
So war sein heiliges Leben.
Gott hatt ihm solchen Sinn gegeben.
Zu des Himmels Herrlichkeit
Macht' er übend sich bereit,
Indem er fastend Noth erlitt,
Der Freud entsagend widerstritt.
Von Dem erfährt nun Parzival
Die verhohlne Märe von dem Gral.
Wer mich früher drum gefragt
Hätt, und weil ichs nicht gesagt,
Mir Feindschaft bieten wollen,
Verschwendet wär sein Grollen.
Zu hehlen bat michs Kiot,
Weil ihm die Aventür gebot
Es heimlich noch zu wahren;
Niemand sollt es erfahren
Bis im Verlauf der Märe
Davon zu sprechen wäre.
Kiot, der Meister wohlbekannt,
Zu Toled verworfen liegen fand,
Und in arabischer Schrift,
[607]
Die Märe, die den Gral betrifft.
Der Charakter ABC
Must er innehaben eh
Ohne nigromantische Kunst.
Ihm half dabei der Taufe Gunst,
Sonst wär die Mär noch unvernommen.
Heidenkunst mag nimmer frommen
Zu künden was uns offenbart
Ist von des Grales Kraft und Art.
Ein Heide, Flegetanis,
Den man um seltne Künste pries,
Hatte manche Vision.
Er stammte von Salomon,
Aus israëlischem Geschlecht erzielt
Von Alters her, eh unser Schild
Die Taufe ward vor Höllenqual.
Der schrieb der Erste von dem Gral.
Ein Heide war er vaterhalb,
Flegetanis, der noch ein Kalb
Anbetete, als wär es Gott.
Wie darf der Teufel solchen Spott
Doch an so weisen Völkern thun?
Will sie zu wahren nicht geruhn
Davor des Allerhöchsten Hand,
Dem alle Wunder sind bekannt?
[608]
Flegetanis den Heiden
Mochte seine Kunst bescheiden
Vom Lauf aller Sterne
Und ihrer Heimkehr aus der Ferne,
Wie lang ein jeder hat zu gehn
Bis wir am alten Ziel ihn sehn.
Menschliches Geschick und Wesen
Ist in der Sterne Gang zu lesen.
Flegetanis der Heid erkannte,
Wenn er den Blick zum Himmel wandte,
Geheimnissvolle Kunde.
Er sprach mit scheuem Munde
Davon: Ein Ding wird Gral genannt;
Im Gestirn geschrieben fand
Er den Namen, wie es hieß.
»Eine Schar ihn auf der Erde ließ,
Die zu den Sternen wieder flog,
Ob Gnad ob Unschuld heim sie zog.
Dann pflegte sein getaufte Frucht
Mit Demuth und reiner Zucht.
Die Menschheit trägt den höchsten Werth,
Die zum Dienst des Grales wird begehrt.«
So schrieb davon Flegetanis.
Kiot der Meister, den ich pries,
Suchte dann aus Wißensdrang
[609]
In lateinschen Büchern lang,
Wo ein Volk der Ehre
Je werth gewesen wäre,
Daß es des Grales pflege,
Demuth im Herzen hege.
Er las der Lande Chronika
In Irland und Britannia,
In Frankreich und manch anderm Land
Bis er die Mär in Anschau fand.
Da mocht er lesen sonder Wahn
Vom ersten Ahnherrn Mazadan,
Und die von ihm den Ursprung nahmen
Fand er geschrieben all mit Namen.
Und andrerseits, wie Titurel
Und sein Sohn Frimutel
Den Gral Anfortas überwies,
Des Schwester Herzeleide hieß,
Die Gahmureten trug den Helden,
Von welchem diese Mären melden.
Der ritt nun auf der neuen Fährte,
Von der der graue Ritter kehrte.
Er erkennt die Statt, obwohl nun Schnee
Da liegt, wo Blumen blühten eh:
Es war vor jener Bergeswand,
Wo seine mannliche Hand
[610]
Einst Jeschuten Huld erwarb,
Und ihres Gatten Zorn verdarb.
Doch nicht verlor der Weg sich dort:
Fontän sauvasche hieß der Ort,
Zu welchem seine Reise gieng:
Er fand den Wirth, der ihn empfieng.
Da sprach der Einsiedel gut:
»O weh, Herr, daß ihr also thut
In dieser heiligen Zeit!
Hat euch fährlicher Streit
In diesen Harnisch getrieben,
Oder seid ihr ohne Streit geblieben?
Euch stünde beßer sonst ein Kleid,
Ließet ihr Vermeßenheit.
Geruht nun, Herr, und steigt vom Pferde
(Mich dünkt, daß es euch wohlthun werde)
Und erwarmt bei einem Feuer.
Seid ihr auf Abenteuer
Ausgesandt um Minnesold,
Seid ihr rechter Minne hold,
So minnt wie nun die Minne will,
Dieses Tages Minne nehmt zum Ziel;
Ein andermal dient Frauen wieder.
Ich bitte, steigt vom Pferde nieder.«
[611]
Parzival der Weigand
Stieg vom Pferde gleich zur Hand;
Mit großer Zucht er vor ihm stund.
Er that ihm von den Leuten kund,
Die ihn dahin gewiesen,
Seinen Rath ihm angepriesen.
Da sprach er: »Herr, nun gebt mir Rath;
Ich bin ein Mann der Sünde that.«
Als diese Rede geschah,
Wieder sprach der Gute da:
»Euch zu rathen bin ich wohl geneigt:
Nun sagt mir, Wer euch hergezeigt.«
»Herr, im Wald begegnet' ich
Einem Greisen; wohl empfieng der mich,
Und Die da mit ihm waren.
Der, in Falschheit unerfahren,
Wars, der mich euch finden lehrte:
Ich ritt hieher auf seiner Fährte.«
Der Wirth sprach: »Das war Kahenis,
Den man um Tugend immer pries.
Der Fürst ist ein Punturteis:
Es hat der König von Kareis
Seine Schwester zum Gemahl erkoren.
Reinere Frucht ward nie geboren
Als seine Töchter beide,
[612]
Die ihr fandet auf der Haide.
Er stammt aus königlichem Hause;
Jährlich besucht er meine Klause.«
Zum Wirthe sprach der Fremdling da:
»Als ich euch vor mir stehen sah,
Hat euch Furcht da übernommen?
Erschrakt ihr, als ich angekommen?«
Das sprach der Alte: »Glaubt mir, Herr,
Der Hirsch erschreckt mich und der Bär
Wahrlich öfter als ein Mann.
Mit Wahrheit ich euch sagen kann,
Ich fürchte nicht was menschlich ist:
Ich hab auch Menschenkunst und List.
Selbstruhm sei fern; doch in dieß Leben
Hätt ich aus Furcht mich nicht begeben.
Nie ist mir so das Herz erkrankt,
Daß ich vor tapfrer Wehr gewankt.
In meiner wehrlichen Zeit
War ich ein Ritter wie ihr seid,
Der auch nach hoher Minne rang.
Manch sündiger Gedanke schlang
Sich durch mein keusches Leben.
Es war mein höchstes Streben,
Daß ein Weib mir gnädig wär;
Vergeßen bin ich des nunmehr.
[613]
Gebt den Zaum in meine Hand.
Dort unter jener Felsenwand
Soll euer Ross sich ruhend stehn.
Nach einer Weile laßt uns gehn
Und brechen Gras und Farrnkraut ab,
Da ich kein ander Futter hab;
Ich hoffe doch, daß wirs ernähren.«
Da wollte Parzival sich wehren,
Daß er den Zaum nicht sollt empfangen.
»Die Zucht kann nicht von euch verlangen
Wider euern Wirth zu streiten:
Laßt Unfug nicht die Zucht verleiten.«
Also sprach der gute Mann:
Da ließ er ihn den Zaum empfahn.
Der zog das Ross nun vor den Stein,
Den selten traf der Sonne Schein:
Das war ein wilder Marstall;
Hindurch gieng einer Quelle Fall.
Parzival stand auf dem Schnee:
Einem kranken Manne thät es weh,
Wenn er Harnisch trüge
Und der Frost so an ihn schlüge.
Ihn führt der Wirth in eine Gruft,
Die nie durchwehten Wind und Luft;
Hier lagen glühende Kohlen,
[614]
Da mochte sich der Gast erholen.
Eine Kerze ward auch angebrannt:
Da entwappnete sich der Weigand.
Unter ihm lag Reis und Stroh.
Da erwarmten ihm die Glieder so,
Daß seine Haut gab lichten Schein.
Er mochte wohl waldmüde sein:
Lang war er Straßen ferne,
Nur die lichten Sterne
Sein Obdach, Nachts umher geirrt:
Hier fand er nun getreuen Wirth.
Da lag ein Rock, den zog ihm an
Der Wirth, und führt' ihn mit sich dann
Zu einer zweiten Gruft, wo aufgeschlagen
Des Einsiedels Bücher lagen.
Entblößt stand nach des Tages Brauch
Der Altar: jene Kapsel auch
Darauf, die ihm gar wohl bekannt;
Sie wars, auf der einst seine Hand
Schwur den ungefälschten Eid,
Der Jeschutens langes Leid
In Freude verkehrte,
Ihr neues Glück gewährte.
Zum Wirthe sprach der Held sofort:
»Herr, die Heilthumskapsel dort
[615]
Erkenn ich, weil ich einst drauf schwur,
Da ich hier vorüber fuhr.
Einen farbgen Sper, der bei ihr stand,
Herr, den nahm hier meine Hand;
Viel Preis hab ich damit erjagt,
Zum mindsten ward es mir gesagt.
Der Gedanke wars an mein Gemahl,
Der mir die Besinnung stahl;
Zwei Tjoste rannt ich doch damit,
Die unbewust ich beide stritt.
Gleichwohl fand ich Sieg und Ehr;
Ach, jetzt hab ich der Sorgen mehr
Als wohl je zuvor ein Mann.
Bei eurer Zucht sagt mir an,
Von jener Zeit wie lang ists her,
Daß ich hinwegnahm jenen Sper?«
Da sprach zu ihm der gute Mann:
»Den Sper vergaß hier Taurian;
Mein Freund erhob darum auch Klage.
Fünfthalb Jahr ists und drei Tage
Seit ihr den Sper euch nahmt zu eigen:
Glaubt ihrs nicht, ich wills euch zeigen.«
Da las er ihm im Psalter all
Der Wochen und der Jahre Zahl,
Die seitdem vergangen waren.
[616]
Er sprach: »Nun hab ich erst erfahren,
Wie lang ich irre weisungslos
Und aller Freuden bar und bloß,«
Sprach er: »mir ist Freud ein Traum;
Ich trage Kummers schweren Saum.
Herr, ich thu euch mehr noch kund.
Wo Münster oder Kirche stund,
Darin Gott Ehre soll geschehn,