Abwege

So eine gehorsame und redliche Gattin die Ahnfrau war, einmal hat sie, wie sie gestanden, doch nicht ganz den geraden Weg eingeschlagen mit ihrem gestrengen Herrn (gestrenge Herren müssen sich das schon hie und da gefallen lassen), als eine schwere Gefahr das Glück und den Frieden ihres jungen Hausstandes bedrohte.

[282] »Da war einmal eine Kommission von der Regierung hier, weiß nicht mehr warum, ein paar vornehme junge Herren; die hatten auch mit meinem Mann selig Geschäfte und schienen großes Wohlgefallen an ihm zu finden. Jeden Abend holten sie ihn ab in den Schwanen, und da ihnen die Gesellschaft dort nicht vornehm genug war, schlossen sie sich in ein besonderes Stüblein ein. Nun hat es keinen rechtschaffeneren und verständigeren Mann gegeben als meinen, und kein Kaiser in der Welt hätte ihn bewegen können, unrecht zu tun oder unwahr zu reden; aber das war seine Schwäche, daß es ihm erstaunlich wohl tat, wenn vornehme Leute freundlich mit ihm verkehrten; mag vielleicht daher kommen, daß er in sehr dürftigen und bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen war.

Er kannte die Karten gar nicht und hatte großen Abscheu vor dem Spiel; eines Abends aber erzählte er mir, die Herren haben ihn ein gar sinnreiches Kartenspiel gelehrt; er hätte nie geglaubt, daß es solche gebe. Das war mir nun gleich nicht recht, doch schwieg ich darüber. Als aber die Herren jeden Abend kamen und er, der sonst auf die Minute heimkehrte, immer länger mit ihnen sitzen blieb, immer erpichter auf ihre Gesellschaft wurde, immer weniger nach seinen alten, guten Freunden fragte, da wurde mir bang, und ich faßte mir ein Herz, ihm zu sagen: ›Aber, Vater, meinst du nicht, das Spiel und die vornehme Gesellschaft werden dir gar zu lieb? Hast ja selbst gesagt, die erste Spielkarte, die einer in die Hand nimmt, sei das Haar, an dem ihn der Teufel faßt.‹ Da wurde er aber recht böse. – ›Hältst du mich für so schwach, daß ich nicht aufhören könnte, wann ich will? Kann ich darum unmanierlich sein gegen die Herren, weil sie eben an dieser Unterhaltung Freude finden?‹ – Ach, er fand sie selbst daran; aber ich durfte nichts mehr sagen. Und doch bemerkte ich, daß er viel öfter als sonst Geld aus der Hauskasse nahm und es vor mir zu verbergen suchte, was sonst so gar nicht seine Art war; auch kam er oft recht übler Laune heim und war dann am andern Tag nur erpichter auf das Spiel. Es war mir eine rechte Herzensangst, und ich lag viele Nächte schlaflos in stillem Beten und im Besinnen, wie ich's wohl anders machen könnte.

[283] Mein Mann hatte seine Arbeitsstube im Seitenflügel des großen alten Baues, in dem wir wohnten, und die Herren holten ihn immer dort ab. Da schlich ich denn einmal leise, als ob es die schlimmste Tat wäre, in großer Seelenangst über den Hof zu der Zeit, wo sie allemal kamen, schloß die Vortür ab und steckte den Schlüssel ein. Mit Zittern und Zagen wartete ich hinter dem Küchenfensterlein, bis sie kamen. Sie klopften an die Tür; als sie nicht aufging, probierten sie das Schloß, eine Glocke war nicht da, und zogen zuletzt, wie's schien, verwundert und verdrießlich ab. Ich schlüpfte wieder hinüber und schloß auf. Nach einer halben Stunde kam mein Mann und sah nach der Uhr. ›Schon so spät? Ist niemand hier gewesen?‹ – ›Bei mir nicht,‹ sagte ich mit einem Herzklopfen, das mich schier erstickte. Er ging verstimmt in der Stube auf und ab. Da sprang unser kleiner Christian herein: ›Papa, gehen Sie nicht auch ein einziges Mal wieder mit in den Augarten?‹ Das kam nun eben zur guten Stunde; er willigte freundlich ein, und wir erfreuten uns miteinander an dem schönen Obst.

Am andern Tag probierte ich's wieder mit dem Abschließen. Die Fenster seiner Schreibstube gingen zum Glück nicht auf die Haustür. Die Herren kamen und zogen abermals ab; beim Weggehen begegneten sie der Magd. ›Ist der Syndikus ausgegangen?‹ – ›Nein, sie sind daheim.‹ – ›Aber die Tür ist ja verschlossen.‹ – ›Da müssen sich der Herr selber eingeschlossen haben,‹ sagte diese, die von nichts wußte; ›soll ich die Frau fragen?‹ – ›Nein, nein,‹ sagten die Kommissäre und zogen kopfschüttelnd ab. Ich machte wieder auf, und in einer Viertelstunde kam der Mann wieder, recht verdrießlich, fragte aber nicht mehr. Da kam der Hofrat, der schon lange nicht mehr eingesprochen hatte. Mir war's, als ob ihn der Himmel schickte. ›Muß doch auch einmal wieder sehen, wie's steht und ob wir nicht mal wieder ein Brettspiel miteinander machen.‹ – ›Warum nicht!‹ meinte mein Mann, schon ein wenig aufgeheiterter. ›Bring 's Brettspiel, Auguste, und laßt auch den Herrn Hofrat vom Neuen versuchen! Er wird sich wundern, wie gut sich der macht.‹

[284] Da saßen denn die zwei wieder beisammen, und ich mit meinem Strickzeug hinter dem Tisch; ich hätte weinen mögen vor Freude. – ›Eben ist mir auch der Kaufmann Mohrle begegnet,‹ erwähnte der Hofrat; ›der hat ganz gestrahlt vor Freude und wieder mehr französisch als deutsch gesprochen. [285] Die Herren Kommissäre haben ihn zu einem L'hombre eingeladen.‹ – ›Der alte Narr!‹ sagte mein Mann ärgerlich, ›weil er einmal ein halb Jahr in Straßburg gewesen, meint er heute noch, er sei ein Franzos und berufen, mit hohen Herrschaften zu verkehren.‹

Dabei blieb's aber, die Herren kamen nicht wieder; ihnen nachzulaufen, wäre mein Mann zu stolz gewesen; er blieb wieder daheim wie zuvor und war viel vergnügter als je. Die Gefahr war glücklich vorüber.«

»Aber, Ahnfrau, war das recht?« – »So ganz glaub' ich nicht, Kind; ich hab's wohl gespürt an meinem Herzklopfen und meinen großen Ängsten, daß es kein gerader und guter Weg war, wenn ich's auch gut gemeint. Aber der liebe Gott hat zum Besten gewendet, was ich in meiner Schwachheit nicht anders anzugreifen wußte. Ich hab's ihm immer nachher einmal gestehen wollen; aber wenn dann später vom Spiel und seinen Gefahren die Rede war, und er so gar vergnügt sagte: Ja, ja, mich hätte der Spielteufel beinahe auch einmal gepackt, aber ich hab's noch zur rechten Zeit gemerkt und mich frei gemacht, da fand ich das Herz nicht, ihm zu sagen, wie es zugegangen. Und als er noch in seinen letzten Stunden mit demütigem Herzen Gott die Ehre gab auch für diese Bewahrung, da fühlte ich, daß er jetzt kein Geständnis mehr brauche und daß er mein ganzes Herz und meinen Sinn bald besser verstehen werde als ich selbst.«


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TextGrid Repository (2012). Wildermuth, Ottilie. Abwege. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0005-A774-B