Moritz August von Thümmel
Reise in die mittäglichen Provinzen
von Frankreich im Jahr
1785 bis 1786.

Erster Band

Nimes
Nimes.

Freund! Ich bin nun gerettet – wie ein Fisch, der den Köder vom Faden gebissen hat, und mit dem Angelhaken in der Gurgel davon schwimmt. Hätte ich, zu einem Bettler herab gesunken, mein Land verlassen müssen, wo ich als König regierte, bänger hätte mir [312] kaum um das Herz seyn können, als da mir nun die Wohnung der Unschuld und Freude im Rücken – und, abgeschnitten von allem, was mir lieb war, die ganze weite freudenlose Welt vor mir lag. Ach! nichts begleitete mich, als mein trauriger Schatten. – Mir fehlte Margots sonorische Stimme – ich vermißte den Nachtrab meines treuen schwatzhaften Johann, und mein zerstreuter Blick, der selbst manchmal sich nach meinem guten asthmatischen Mops umsah, kehrte betroffen über seinen Verlust zurück. Und o wie viele andere stachlichte Empfindungen – die ich aus Zärtlichkeit gegen mich nicht berühren mag – kletteten sich nicht an dieses belastende Gefühl von Trennung und Einsamkeit! Es war mir, als ob an jedem Pflasterstein, über den ich auf meinem Wege fortschritt, ein Theil meines Eigenthums hängen blieb, so daß ich es mit jeder Minute kleiner, unbedeutender werden, und zuletzt in ein Nichts verschwunden sah.

Ich konnte es nicht über mich gewinnen, auf der Chaussee fort – bei der steinernen Bank vorbei zu gehen, auf der sich meine Eigenliebe, und, wie Du weißt, ganz ohne Noth, brüstete, und aus einem Mißverständnisse, das ich mir noch nicht vergeben kann, in so lebhafte Bewegung gerieth. In solchen Umständen, lieber Eduard, ist es sehr bequem, wenn man neben der Landstraße noch einen Rasenweg findet. Wie klein war indeß die Erleichterung, die ich mir damit verschaffte! – Denn, ob ich gleich weder Menschen noch Esel begegnete, die mich an mein Dörfchen erinnerten, so konnte ich doch unmöglich jedem Moose, jedem sprossenden Strauche, das den Moosen und Gesträuchen auf dem Fichtenberge ähnlich sah, aus dem Wege gehen: und als ich mir vollends einfallen ließ, einen seitwärts gelegenen Hügel zu besteigen, so brachte ich mich auf einmal um allen Vortheil meines listigen Umwegs; denn nun trat mir, in dem weiten Zirkel des freundlichen Languedocs, den ich übersah, das kleine liebe Caverac so nahe vor die Augen, daß sie mir übergingen, ehe ich es wehren konnte.

Ein Weilchen ließ ich meinem kindischen Herzen seinen Willen: da aber der annähernde Abend die Gegend immer mehr in's Dunklere zog, so nahm ich den Zeitpunkt wahr, ehe sie mir entwischte, [313] ihr meinen feierlichen Segen zu geben. Es war ein süßer belohnender Augenblick, der mich über mich selbst erhob – ein Gefühl, wie es nur der heilige Vater haben kann, wenn er auf dem Balkon der Peterskirche seine segnende Hand erhebt, und sein ganzes Volk in andächtiger Schwärmerei vor ihm zur Erde niederstürzet. – Der Fleck, wo Margot wohnte, schien noch, ehe er meinen Blicken verschwand, einen sanften Schimmer von sich zu werfen, der meine Seele stärkte, erwärmte, beruhigte. Ich ergriff gutes Muths meinen Wanderstab, und suchte mich zu überreden, ich wäre gefaßt und zufrieden.

Ueberlege noch mit mir, Eduard, indem ich unter dem Wiederscheine des Abendroths nach meinem Pavillon schleiche, wie viele wichtige Geschenke, die vielleicht eine größere Summe von Glückseligkeit umfassen, als das ganze Königreich Schweden zu seinen! Antheil erhielt, diesem von der Natur so begünstigten Winkel der Erde und seinen Bewohnern zugefallen sind.


Die dreimal Glücklichen! Wie leicht

Wird's ihnen nicht, in ihrem vollen Garten

Des Lebens Traum, durch Sorgen nie verscheucht,

Ganz durchgeführt, so weit er reicht,

In jener Einfalt abzuwarten,

Die dem Gefühl so gütlich däucht!


Die Freude tanzt hier ohne Regeln,

Der Scherz gesellt sich ohne Zwang

Zu ihrem Wein, zu ihren Kegeln

Und ihrem baskischen Gesang.

Sie haben das, was sie bedürfen:

Ein leichtes Blut und Lieb' und Wein,

Und alle ihre Sinne schlürfen

Den Zaubertrank des Lebens ein.

Im Schatten ihres Oelbaums wohnen

Glück und Zufriedenheit. Kein Sturm der Leidenschaft

Jagt sie aus ihrer Ruh nach weit entfernten Frohnen

In's magere Gebiet wurmstichiger Patronen,

Nach Gnadenmitteln ohne Kraft,

Und die der Müh des Wegs nicht lohnen –

Giebt es für Wallungen ein sichrers, als den Saft

Von ihren kühlenden Limonen?

[314]

Wenn Colas Händedruck, im Ringeltanz mit Rosen,

Die erste Scham des lieblichen Gesichts,

Den ersten Seufzer weckt, so fragt er nicht nach Mosen,

Nach dem Propheten und dem großen

Christophel, wenig oder nichts.

Welch ein Elysium! Schon dreizehn Jahre steuern

Des Landes Töchter aus. Ihr spähendes Gesicht

Trifft unter einem Trupp von Freiern

Bald auf den Glücklichen, dem nicht der Muth gebricht,

Auch ohne Heirathsgut der Liebe Fest zu feiern.

Willst Du den ächten Ton von ihren Hochzeitleiern,

So trällre nach, was jener Spottgeist spricht:

»Sie spinnen, säen, ernten nicht.

Und sammeln nicht in ihre Schauern.«

Doch sorge nicht für sie! Um einen Blätterschmaus

Hilft Amor hier ein Heer verliebter Spinnerinnen

Den Kindern der Natur gewinnen,

Die Schüsseln auf den Tisch, und Möbeln in das Haus,

Und Feuer auf den Herd erspinnen.

Kein leerer Raum läßt sich ersinnen;

Der Gott der Liebe füllt ihn aus!


Wie verzeichnet und verschossen kommen uns doch unsere prächtigen theuern Kabinetsmalereien vor, wenn wir sie auf eine Weile bei Seite räumten, und unsere Augen an den größern Gemälden der Natur stärkten! – Nimes mit seinen Antiquitäten, seinen Gesellschaften und Gastmählern – wie wenig ist es doch für das Herz, gegen die ungeschmückten Freuden meines ländlichen Aufenthalts, die keines Schmuckes bedurften! Mein Pavillon kam mir lächerlich groß vor, wie ich eintrat. – Ich setzte mich geschwind an mein Tagebuch, um mir die Angst wegzuschreiben, die mich in dieser Einöde befiel, und dem Schlafe freien Eingang zu dem Herzen zu schaffen, das heute mehr als jemals seines Balsams bedarf.

Fußnoten

1 Mamsell Cadiere, ein schönes und so unschuldiges Mädchen, daß sie lange Zeit den schändlichen Mißbrauch, den Pater Girard mit ihr ihm Beichtstühle trieb, für Absolution hielt. Die Geschichte machte unter Ludwig dem Funfzehnten so großes Aufsehn, daß sie zu vielen Schriften Anlaß gab.

2 G. des Königs von Preußen Gedicht, Codicille, in den Oeuvres posthumes de Frederic II. Tom. 8. pag. 125.

Cet autre est occuppé d'une genisse blanche

En lui pressant le sein.

3 Caron de Beaumarchais, der hier, umVoltaire's Werke in Ruhe zu drucken, eine große Buchdruckerei angelegt.

4 Voltaire. Sein unversöhnlicher Haß gegenFreron, der ihn in seiner Monatsschrift: l'année littéraire und in mancherlei fliegenden Blättern angriff, ist aus seiner Schottländerin, wo er ihn unter dem Namen Frelon aufgeführet, und aus unzähligen Epigrammen bekannt.

5 Anspielung auf das Epigramm der Mademoiselle de Maine gegen die Wunderkuren, die zu ihrer Zeit auf dem Grabe des heiligen Pâris geschahen:

Un décorateur à la Royale

Du talon gauche estropié

Obtint par grace spéciale

D'être boiteux sur l'autre pied.

6 Die Platonische Liebe und das Platonische Dreieck sind einander gerade entgegen gesetzt. – Das Wesen einer jeden Zeugung, sagt dieser Weltweise, besteht in der Einheit der Uebereinstimmung der Zahl Drei oder des Dreiecks, wozu der Vater, die Mutter und das Kind die Linien geben.

7 Die Königin Christina sagte vom Salmasius, daß er so gelehrt sei, den Stuhl in allen Sprachen der Welt nennen zu können – nur wüßte er sich nicht darauf zu setzen.

8 Die Königin Christine von Schweben, die ihren Oberstallmeister Monaldeschi zu Fontainebleau, unter ihren Augen ermorden ließ. Leibnitz vertheidigte diese That, aber dießmal ohne zu überzeugen.

9 Clitoris oder Clitoria, eine Nymphe, der zu Gefallen sich Jupiter in eine Ameise verwandelte. Ob das Redoutenkleid, von dem hier die Rede ist, vom lichtigsten Costum war, ist zweifelhaft. Es wurde als eine neue französische Hofmaske nach Berlin geschickt, fand aber wenig Beifall.

10 Plat. Phaed. pag. 150. edit. Fischer.

11 D. Johann Bartholomäus Adam Beringer, Rath und Hofmedikus des Fürsten Bischofs von Würzburg, Professor, d.Z. Dekanus und Senior der Universität daselbst. Sein Werk führt den Titel:

Litographiae Wirzeburgensis, ducentis lapidum figurtorum, a potiri insectiformium, prodigiosis exornatae specimen etc. Wirceb. 1726.

12 Graf Hans George von Mansfeld kam todt krant nach Wittenberg. D. Luther besuchte ihn als seinen lieben Landesherrn. – Der kranke Graf ergriff Luthers Hand mit höchster Danksagung für seine christliche Vermahnung und treuherzigwohlgemeinte Erinnerungen.

Als nun D. Luther auf solche des Grafens gute und süße Worte, wiederum will zu Hause gehen und ihn gesegnet, konnte er zwar nicht recht zur Stuben hinauskommen, so sticht ihme der Graf hinterwärts einen Münch mit diesen Worten, Geck, Geck, was soll der Doktor von diesen Sachen verstehen, es gehet mich gleich so viel an, als pfiff mich eine Gans an.

Aus dem Codice Manuscripto Razenbergii, in der

Bibliothek des Herzogs von Gotha.

13 Ludewig der Vierzehnte hatte den Untergang des Sürintendanten Fouquet, schon beschlossen, als er ihm noch die verrätherische Ehre erwies, das prächtige Fest anzunehmen, das er ihm auf seinem Landhause zu Veaux gab. Ohne die Vorstellung seiner Frau Mutter, Anna von Oesterreich, die es ein wenig zu stark fand, würde er ihn selbst während dem Feste in die ewige Gefangenschaft geschickt haben, zu der er ihn nachher verdammte. Sein Hauptverbrechen bestand darin, daß er die nachmalige Herzogin von Valiere schön fand, und ihr Anträge thun ließ, ehe er noch wußte, daß der König bald nachher gleiche Neigungen bekommen würde. Alle die beredten Vertheidigungsschriften Pelissons, die sich freilich nur über die Beschuldigungen verbreiteten, die jener zum Vorwande dienten, konnten ihn nicht retten; da das Herz des Königs selbst nicht edel genug war, ihm den natürlichen Wunsch, und der damals seine Majestät noch nicht beleidigen konnte, zu einer andern Zeit zu verzeihen, wo er ihn selbst faßte, und, wie wir wissen, königlich ausführte.

14 La Fontaine war, ausser Pelisson, welcher den Advokaten von Fouquet machte, der einzige Unbedachtsame, der es wagte, das Unglück seines ehemaligen Beschützers laut zu bejammern, anstatt einen neuen in dessen Nachfolger zu suchen. Er unterstand sich sogar, den König mit einer Elegie zu behelligen, in der er auf's rührendste für den gestürzten Minister um Gnade bat. Dieser Beweis seiner wenigen Lebensart brachte ihn so sehr um allen Kredit bei Hofe, daß der stolze Monarch, dessen Freigebigkeit sich doch sogar auf die Gelehrten fremder Länder erstreckte – für einen solchen Schafskopf, als la Fontaine, nicht das geringste thun mochte. Der gute Fabler lebte beinahe nur von den Allmosen einiger wenigen Freunde. Er – dessen Schriften jetzt die Nation durch einen immer prächtigern Druch nach dem andern, vor allen seinen Zeitgenossen ehrenvoll auszeichnet, hatte nicht so viel, um sich ein neues Kleid schaffen zu können! Er – der, wie alle große Schriftsteller, durch den Ausfluß seines Geistes, auch nur als Kaufmannswaare betrachtet, seinem Vaterlande ein ewig fortwucherndes Kapital hinterließ, war selbst einmal im Begriff, über das Meer zu gehen, um in der Fremde seinen Unterhalt zu suchen. Obige zwei Verse auf Fouquet sind von ihm entlehnt:

Jours sans soleil,

Nuits sans sommeil,

Quelque peu d'air pour toute grace etc.

Zweiter Band

Nimes
[3] Nimes.

Den 1sten Januar.


Freund! daß ein frisches Gesicht, im Schatten wild fliegenden Haares,

Dem keine Feder, kein Schmuck den Bau der Locken verbog;

Ein Busen, welcher, bei Gott! mit allem, was er auch Nares

Entdeckt' und verbarg, zwo Mirabellen kaum wog;

Ein kleines närrisches Ding, das gaukelnd – sonder ein klares

Bewußtseyn seines Berufs, mit dem Geschwätze des Stahres

Den Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen umflog –

Daß eine Fee dieser Art jüngst auf ein eben so wahres

Als seltnes Weihnachtsgeschenk an ihre Tafel mich zog,

Und, als ich hungrig erschien, mich, wie wir wissen, betrog –

Für einen Schüler Berlins war das zum Schlusse des Jahres

Ein ärgerlicher Epilog!


Doch daß, zu meinem Ruhm, es Welt und Nachwelt wisse!

Ich stahl bei dem Geräusch mir nicht bestimmter Küsse

Vom Schauplatz mich hinweg, und wie ein Held, ver wies

Ich mir sogar den Blick, den hinter die Kulisse

Die Lüsternheit mich werfen hieß!

Der letzte Nest von Amors Sorgen

Schwand mit dem Traum der letzten Nacht. –

Aus solchem Sturm der Leidenschaft geborgen,

Ist wohl nie muthiger am ersten Feiermorgen

Des Jahrs ein Philosoph erwacht! –


So bang um den Ersatz, so ernst, wie ein Verschwender

Das Gold, das er verlor, im Geist zusammen reiht,

Durchzählt' auch ich den Werth der mir entflohnen Zeit,

Und webte mir ein Jahr im künftigen Kalender

Aus Festen der Enthaltsamkeit.

[3] O Weisheit! rief ich aus, o du, die in der Mitte

Der Freuden sitzt, die keine Reu vergällt –

Entziehe mich der Schmach, die jede niedre Bitte

Um eines Weibes Gunst enthält!

Verleih, daß ich, selbst unerschüttert

Im Brennpunkt einer Griechin steh,

Und, wenn auch schon an ihrem Negligee

Das Band sich bläht, der Atlas knittert,

Doch nicht in Gährung übergeh!

Gieb, daß ein höh'rer Zweck der Neugier Zügel lenke,

Als der an Ruhebetten lauscht,

Und auch dem Glücklichsten, dem dort die Zeit verrauscht,

Doch nur armselige Geschenke

Auf Kosten seiner selbst vertauscht! –


Ist's möglich, daß ein Geist, der Sonnen zu erklettern

Vermag, und ihre Strahlen theilt,

Zum Thron des Ewigen in blitzerfüllten Wettern

Mit unversengtem Fittich eilt,

Nun diesen Fittich senkt, und kindisch sich verweilt,

Um eine Rose zu entblättern?

So tief sank Newton nie. An weis're Sorgen band

Er seine Thätigkeit und seines Namens Ehre;

Zu stolz für ein System, das weniger Verstand

Als Mark erheischt – war ihm ein Kuß – ein Druck der Hand,

Und was ein Mann nur wünscht, daß ihm ein Weib gewähre,

Ein Spiel, das er nicht werth der Untersuchung fand,

Unnöthig zum Beweis der Lehre,

Die er von dem Gesetz der Schwere

Der sträubenden Natur entwand.

Von allen Globen, die uns Licht

Und Ebb' und Flut und Tag und Nacht gewähren,

Kannt' er den Lauf und das Gewicht,

Hob alle Schleier auf, das Dunkel aufzuklären,

Selbst von Johannes Traumgesicht: 1

Die Globen nur, die, wie ihr Schmeichler spricht,

Den Musen gleich, 2 uns in der Kindheit nähren,

[4] Als Mann, als Greis erfreun, selbst unsern Wohlstand ehren,

Und unsre Freunde sind, wenn Rath und Trost gebricht,

Nur die besuchtesten von allen Hemisphären

Besucht' er nie und kannt' er nicht. 3


Es ist eine herzerhebende Empfindung für einen Mann, der an seiner Vervollkommnung arbeitet, wenn er sich beim Erwachen klüger wieder findet, als er sich den Abend vorher verließ. – Ich fühlte die frommen Morgengedanken, die ich Dir eben mittheilte, mein Eduard, mir so nahe und so warm am Herzen liegen, daß ich sie, ehrlicher Weise, für sichere Anzeigen seiner Besserung hielt, und schon mit Vergnügen die guten Folgen davon berechnete: ein kleiner Umstand aber, der dazwischen kam, zeigte mir bald, daß es nichts weiter als philosophische Dünste waren, die gern so geschwind verfliegen als sie aufsteigen, und zu allen Zeiten wohl selten etwas beitragen mögen, die Gesundheit einer kranken Seele zu befestigen.

Der gute Junge, den ich gestern miethete – ich hatte ihn ganz aus der Acht gelassen – trat seinen Dienst bei mir an, und pflanzte sich, da ich mich seiner am wenigsten versah, schön gekräuselt und in die Livrei gekleidet, die sein Schwager ehrlich getragen und glücklich abgelegt hatte, vor mein Bette. Die Sache ging sehr natürlich zu, und doch kam sie mir als eine unerwartete Erscheinung vor, und erregte Ideen bei mir, die meiner armen Philosophie nichts weniger als zuträglich waren. – Urtheile nun selbst, wie es mit einem solchen Kopfe aussehen mag, den so gleichgültige Dinge schon aus seiner Fassung bringen. Das reisefertige Ansechen Bastians, sein freundlicher Glückwunsch zum neuen Jahre, und seine überraschende Frage: ob er das Anspannen bestellen solle? machten mich, eins wie das andere, mit mir selbst irre. – Ich blickte ihm ungewiß in das Gesicht, als ob mir eine dunkle Erinnerung von ihmvorschwebte, und runzelte, statt ihm zu antworten, die Stirn. Endlich merkte ich was mir war. – »Keinen Gruß von Margot?« sagte ich heimlich zu mir; »das heißt deine Befehle fast zu pünktlich [5] befolgt!« und legte mich unwillig auf das andere Ohr. Er mußte mich noch ein paarmal mit der sonorischen Stimme seiner Schwester und mit den Aehnlichkeiten ihres lieben Gesichtchens erschrecken, ehe ich gefaßt genug war, ihn mit einem grämlichen Ja! abzufertigen. – Er verließ mich – und ich – nicht halb mehr so zufrieden mit mir als vor einigen Minuten, stand lässig auf; meine Morgenbetrachtungen blieben unvollendet in der Nachtmütze hängen, die ich abwarf, und ich trat mit einer Art von Trotz in das Nebenzimmer, wo eine Kleinigkeit, die meiner wartete, mich vollends, und eben so geschwind verstimmte, als sie mir in die Augen fiel.

Es war eine Rose, die mir Bastian von seiner Schwester mitgebracht, und auf den Bogen, woran ich jetzt schreibe, gelegt hatte. Ich erkannte sie sogleich, wie ich ihrer ansichtig ward. Es war die oberste von den dreien, die gestern noch als Knospen an dem Stocke hingen, den Margot täglich in die Sonne trug und begoß. – »Die erste die sich entfalten wird,« sagte immer das liebe Kind, »soll niemand bekommen als Sie, mein gütiger Herr!« und wie wird sie sich freuen, daß sie mir noch Wort halten konnte! Ich hob die Blume zitternd in die Höhe, und die Thränen traten mir in die Augen. Alle die frohen Erinnerungen der ländlichen Stunden, wo sie mit aufgestreiften Aermeln vor ihrem Blumenstocke stand, ihn genau musterte, und bald eine summende Mücke, bald eine näschige Wespe davon verjagte – schienen jetzt mit dem Geruche dieser lieblichen Blume in mich überzuströmen, und ich konnte mich an der frischen Farbe dieser Erstlingin des Jahres nicht satt sehen.

Du kennst doch die Provencer Rosen, trauter Eduard? Viel kleiner als die unsern, röther, elastischer und koncentrischer, als es bei weitem unsre Centifolien sind, scheinen sie dem Auge eines Deutschen nur desto reizender – und nun vollends so früh im Jahre, und in der feierlichen Nacht entfaltet, die mich, ach! auf immer, von dem nachbarlichen Bette meiner guten Margot entfernt hat! Wäre es ein Wunder, wenn ich, trotz einem Brokes und seinem irdischen Vergnügen in Gott, über Betrachtung dieser Blume zum Kinde würde? Ich habe sie zwischen meinem Busenstreife verborgen, [6] nahe bei meinem pochenden Herzen, und würde es für Sünde halten, wenn ich sie mit prahlendem Leichtsinn auf meinen Reisehut stecken wollte. Nein! sie soll durch ihren sanften Gegendruck – durch den Aushauch ihres Wohlgeruchs, mir nur fühlbarer machen, daß ich noch athme, und ein Mensch bin; und selbst über ihre sterbenden Blätter will ich eine gewissenhafte Rechnung halten, sie, wie sie abfallen, in meine Brieftasche sammeln, und sie nur empfindsamen Freunden, als kostbare Reliquien aus dem heiligen Caverac, zeigen.

Der ungeduldige Junge hat mir schon zweimal gemeldet, daß alles zu meiner Abreise fertig sei. Er that es, und das weiß ich ihm Dank – ohne des wichtigen Geschenks zu erwähnen, das er mir so heimlich zugebracht hat. Ich werde suchen, ihm in der Unbefangenheit nachzuahmen, die er gegen mich über das Vergangene heuchelt. Ich will ihn von nun an nicht weiter als den Bruder Meiner Margot, sondern als Johanns Schwager und meinen Bedienten betrachten, und nie gegen ihn meine Empfindungen laut werden lassen: denn, kann Etwas unserm Ansehn nachtheilig werden, so ist es wohl die Schwachheit unsres Herzens. Verrathe sie ja keiner, wer sich in jenem bei seinen Untergebenen zu erhalten wünscht! Die Hengste vor meinem Wagen wiehern und stampfen, und der Postillion knallt einmal über das andere. – So muß ich denn wohl mein Tagebuch einpacken. Ich muß fort, trauter Eduard, fort aus der paradiesischen Gegend, wo ich jenes herrliche Mädchen fand, das einzige vielleicht, das der Unkosten der Liebe noch werth ist.

Avignon
Avignon.

Abends.


Kaum hatte ich mich heute Morgens mit meiner Provencer Rose in den Wagen, und Bastian sich mir gegen über zurechte gesetzt; so sah ich schon, daß ich eine Thorheit begangen hatte, ihm diesen vornehmen Platz anzuweisen. Sein Anblick war mir so [7] sonderbar im Wege, daß ich beinahe an seine Stelle meinen alten schnarchenden Begleiter aus seiner Verwesung zurück gewünscht hätte, der mir, wie Du weißt, immer zu einem guten Gedanken verhalf. Doch da der Mensch einmal da saß, mußte ich ihn nun auch schon sitzen, und mir gefallen lassen, daß sein spähendes Auge, manchmal zu einer ganz ungelegenen Zeit, den freien Aufblick der meinigen hinderte.

Ich ließ mir nicht einfallen, als ich durch die Stadt rollte, nur nach einem Fenster meiner Bekannten in die Höhe zu fahren, oder die römischen Alterthümer, so gewiß ich auch bei ihnen zum letztenmale vorbei kam, nur eines Abschiedsblickes zu würdigen. Dafür zog ich mein Fernglas aus der Tasche, wie ich in's Freie kam, und hob es immer mechanisch vor die Augen, so oft mir die Wendung meines Wagens die Thurmspitze von Caverac zu Gesichte brachte. Welche bittersüße Erinnerungen wehten mir immer noch von dorther entgegen! Einigemal wurden sie so lebhaft, daß ich im Begriffe stand, den Postknecht umlenken zu lassen; so groß war der Kampf meiner Nachwehen: ja, ich verzweifelte, daß die Zeit jemals im Stande seyn würde, dieses nagende Gefühl zu zertheilen.

Indeß that ich der Zeit Unrecht, Eduard, und ich hätte mir diese Sorge ersparen können; denn ich will Dir es nicht verschweigen, daß mir eine Stunde nachher die Sache lange nicht mehr so unmöglich schien. Mein Herz ward müde, langer für ein Mädchen zu pochen, das so weit hinter mir war, und meine sympathetische Rose verlor nach und nach immer etwas mehr von ihrer anziehenden Kraft. Ich fühlte nur noch, daß sie welkte, daß sie mir die Haut rieb, daß sie mir beschwerlich ward – schob sie ein paarmal seitwärts – und steckte sie endlich, da sie mir es zu arg machte, ohne mich weiter mit ihr einzulassen, in die Weste. Nun ging es, zu meinem Erstaunen, auch mit jeder andern Beruhigung so geschwind, daß ich mich selbst darüber mit mir hätte verfeinden mögen. Ich machte mir Vorwürfe über Vorwürfe – nannte mich den Wankelmüthigsten unter dem Monde; aber es fruchtete wenig. Je weiter ich mich von dem guten Dörfchen entfernte, je näher ich dem [8] Gebiete des Papstes kam, desto muthwilliger ward mein Blut, und ich betrat endlich das Comtat mit Ahndungen, die mir angst und bange für mich selbst machten.

Als ich über die französische Gränze hinaus war, steckte ich mein Fernglas ein, das mir zu nichts weiter dienen konnte, schlug munter meine Arme in einander, ließ meine Blicke einige Zeit mit Wohlgefallen auf dem hübschen Jungen ruhen, der mir gegen über saß, ward bald nachher seines ehrerbietigen Stillschweigens müde, und forderte ihn, indem ich zugleich mit Verwunderung nach meiner Uhr blickte, endlich selbst auf, mich von seiner Schwester zu unterhalten. Er schien nur auf meinen Befehl gewartet zu haben. Ich erfuhr von ihm, daß er das Haus in den großen Anstalten zu ihrer Hochzeitfeier verlassen habe, hörte es ohne merkliche Bewegung, und, indem mir mancher im Geschmack des Ostade gelungener Zug seines Gemäldes ein gutmüthiges Lächeln abnöthigte, rührte es mich öfter noch durch die feinsten Züge, die selbst ein Poussin zu seinen arkadischen Bildern, oder ein Berghem zu einem Stillleben nicht würde verschmäht haben.

Nachdem ich die Kunst seiner Darstellung lange genug bewundert hatte, und mancher verstohlne Blick, den ich mitunter dabei in mein Herz that, mich hoffen ließ, daß ich mich noch angenehmer mit mir selbst unterhalten würde, drückte ich meinen Hut um einen Zoll tiefer in die Augen, und legte mich in die Ecke des Wagens. Bastians Takt war auch sein genug, mich zu verstehn. Er besah den Aufschlag seines Rocks – blies eine Feder davon ab, und schwieg. Ungesucht legte sich nun das Glück so vieler guten Seelen, das ich mir aus dem Vorhergehenden deutlich genug vorstellen konnte, als der reichhaltigste Text meinen Betrachtungen unter: es stand, sammt allen seinen möglichen Folgen, in einem so sonderbaren Zusammenhange mit dem heillosen Schnupfen, den mir die Bise zu Nimes an die Nase warf, daß ich nicht genug den Zufall bewundern konnte, der so heterogene Dinge zu vereinigen wußte, um, wie es mir vorkam, durch den systematischsten Gang von der Welt, am Ende auch noch meine eigene Zufriedenheit zu bewirken.

Ja wohl, Eduard, meine eigene Zufriedenheit! denn ich ging [9] hier nicht so leer aus, als Du dem ersten Ansehn nach wohl denken könntest. Wolltest Du wohl das wieder erlangte Vermögen – um ein Mädchen seufzen, und den Glücklichen beneiden zu können, dem ihr Besitz zu Theil ward – für nichts achten? Wie wäre mir noch vor vier Wochen in Berlin so etwas eingefallen? – Der ganze Hof, von dem Vornehmsten bis zum Geringsten, hätte sich zwei- und dreimal verheirathen mögen – ich würde mich wenig um das Glück ihrer ersten Nächte bekümmert, noch weniger daran geglaubt, oder nur Einen Augenblick gewünscht haben, in ihrer Lage zu seyn. Zu solchen menschlichen Wünschen gehört eine gewisse Spannkraft des Herzens, von der ich schon langeher keinen Begriff mehr hatte, und ohne die doch selbst ein Monarch – zwar groß und bewundert, so viel Du willst – aber für seine Person nie so glücklich seyn wird, als der Tagelöhner, dem sie die Natur, vielleicht zur Entschädigung für alle andre ihm versagte Herrlichkeiten, in vollem Maße geschenkt hat. In welchem wohlthätigen Lichte mußte mir also nicht der Zufall erscheinen, der mich zwar mit einer kranken Nase nach Caverac brachte, mich nun aber dafür mit jenem männlichen Bewußtseyn in die offene und mädchenreiche Welt weiter schickte! Diesen schnellen Uebergang von Kleinmuth zu einem edlen Selbstvertrauen, das über den erschlafftesten Geist Wohlbehagen verbreitet – wem habe ich es zu verdanken, als allein dem mächtigen Zufalle?

»So sollst du mich denn, du Freund aller der Weisen, die ohne Anmaßung, ohne Rechnung und Forderung, ihr Leben durchschlendern, auch fernerhin leiten,« rief ich andächtig aus, stieß alle die überklugen Aussprüche, die mir seine Wirklichkeit verdächtig machten, mit Gewalt von mir, und fand ihn, bei zunehmendem Nachdenken, auf allen Blättern der Menschengeschichte, unwiderleglich bewiesen. Ich übersah den Umlauf irdischer Dinge – ihre Anlagen, ihre Absichten, und ihren Erfolg, in einigen ernsten Minuten. Das Feuer der Ode ergriff mich. – Ich warf bedeutende Blicke bald auf das päpstliche Gebiet, das, wie ein Ball des Ungefährs, vor mir lag – bald auf Bastian, der seine Augen von dem Brande der meinigen wegwandte und zitterte. Es flogen mir [10] mehr Gedanken zu, als mein Gehirn auffassen konnte. – Ich knetete nur die zusammen, die sich am nächsten wagten, und überließ den übrigen Vorrath größern Dichtern, die, wenn sie wollen, ihn zu einem dicken Gesangbuche von Klag- und Trostliedern verarbeiten mögen, das auch wohl einmal – wer kann dafür stehen? seine Gemeinde findet. »O du!« – rief ich mit innerer Erschütterung aus, die selbst, wie ich vermuthe, meine Gesichtsmuskeln verzog: denn Bastians Unruhe war nur zu sichtbar, und verrieth nur zu sehr, wie bange ihm in meiner Nähe seyn mochte. Aber welcher Dichter, der in der Begeisterung liegt, bekümmert sich um das staunende Gassen seines prosaischen Dieners? –


»Du, der auf unsrer Pilgerreise

Bald Blinde führst, bald aus dem Gleise

Die Führer anderer verdrängst;

Belasteten das Leitband ihrer Fesseln

Oft selbst im Riesenarm der Tyrannei zersprengst,

Und einen Zaum non Nesseln

Ihr in die Fäuste hängst!


So weit des Adlers Augen sehen,

Vom Gotthard zu den Pyrenäen,

Vom Rhein bis an den Quell des Nils,

Horcht die Natur nom Isop bis zur Zeder

Nur Dir, und von dem Schwarm, der nach dem Kranz des Ziels

Hinströmet, dienet jeder

Zum Würfel Deines Spiels.


Zwar nennen Dich die stolzen Buhlen

Des Sokrates auf hohen Schulen

Verwegner Phantasien Kind:

Doch fühlen sie erschrocken Dich, und heulen,

Gebeugt von Deiner Kraft, die Nächte durch, und sind

Scheu wie Miuervens Eulen,

Und Deinem Glanze blind.


Sie scheu'n des Schöpfers Plan zu schelten,

Daß er von Myriaden Welten

An Dich den Ball der unsern band;

Begreifen nicht, daß er nur seine Zügel

Zur Lehn Dir übertrug, weil Ordnung und Bestand

Er diesem Todtenhügel

Nicht angemessen fand:


[11]

Nein! sie begreifen's nicht, und stellen

Den Sturz, selbst ihrer Mitgesellen,

Als Zweck zum Wohl des Ganzen dar.

Des Staubes Sohn berechnet nicht, wie eitel

Für ihn das Ganze sei, und, trotzend der Gefahr,

Ruft er: Von meiner Scheitel

Fällt ungezählt kein Haar.


So opferten im Spiel der Lanzen

Sich Tausende dem Wohl des Ganzen,

So wenig auch ihr Wahn gelang;

Indeß hältst Du, den ein Lukrez erhoben,

Und den non seinem Sitz kein Polignac verdrang, 4

In Ordnung unsern Globen

Und sein Gewirr im Gang.


So war's nur Spielwerk Deiner Grillen,

Was, als Beweis vom höchsten Willen,

Auf Welt und Nachwelt überging?

So kam allein die komische Verkettung

Von Dir, die unser Heil an einen Fischerring, 5

Und Galliens Errettung

An ein Paar Handschuh hing. 6


Ihr Seher! steigt von euerm Sitze,

Steigt, wenn ihr könnt, bis zu der Spitze,

Wo menschliches Verhängniß schwebt:

Wird nicht die Schnur der folgenreichen Stunden,

Die auf dem Rad der Zeit sich zu entwickeln strebt,

Vom Zufall aufgewunden,

Vom Zufall abgewebt?


[12]

Wer öffnete von allen Zwergen

Auf euern Warten Guttenbergen,

Und Fausten der Erfindung Thor?

Was auszuspähn kein Doktorwitz vermochte,

Im Dickicht der Natur seit Seculn sich verlor,

Bei guter Laune pochte

Sein Jagdspieß es hervor.


Das Wild springt auf – und nun erst setzen

Ihm eure Jäger nach, durchhetzen

Die weite Welt nach seinem Lauf:

Sie fangen es, sie satteln es, sie führen

Es ohne Ruh' und Rast, zur Schau und zum Verlauf,

Und rennen Thor und Thüren

Zu seinem Einlaß auf.


Ihr Lärm von Trommeln und Posaunen

Treibt alle Messen neue Launen

Auf Guttenbergs Gefahr herbei;

Ihr wüthend Heer auf Faustens Mantel schwebet

Bis in das Feenland zum Thron der Schwärmerei;

Selbst der Olymp erbebet

Von ihrem Jagdgeschrei;


Kein Laut zufälliger Gedanken

Entfährt dem Mund, ersteigt die Schranken

Der Nachwelt ohne Wiederklang;

Kein Lied verhallt, und wenn es auch in Nächten

Wollüstigen Tumults ein kranker König sang; 7

Es kürzet den Gerechten

Des Lebens Uebergang.


O Zufall! freundlicher Erhalter

Des Lorborg, den uns Neid und Alter

Gern von dem Haupte nimmt, verleih

Auch mir den Schutz, den Du dem hohen Sänger

Verliehst, daß mein Gesang, gleich seiner Litanei,

Noch manchem Müssiggänger

Der Nachwelt heilig sei.


Wie vieler Unsinn, klug betitelt,

Hätt' es Dein Kompaß nicht vermittelt,

Schwämm' unbemerkt im Strom der Nacht!

[13] Dir danken wir die Kunst, den Schall zu malen,

Du hast manch Quentchen Witz zu einer Zentnerfracht

Erhöht, und Kern und Schalen

Der Schreibsucht flott gemacht.


Gewohnt dem Grübler nachzuwandern,

So weit ein Zirkel in den andern

Als über unsre Gränzen tritt.

Sprichst Du ihm Hohn, wenn er das Unsichtbare

In einer Tiefe sucht, die noch kein Mensch beschritt,

Und bringst dafür uns Waare,

Die wir bedürfen, mit.


Der Propagande Jünger dringen,

Für Gott mehr Ernten zu erringen,

Bis in der Bonzen Heiligthum,

Der Feind verdirbt zwar ihre frommen Saaten:

Doch Du entschädigst sie, Du schickst sie heim mit Ruhm,

Mit Putern und Pataten

In's Refektorium


Und Heidenkost strömt neuen Segen

Auf Länder, die des Lichtes pflegen,

Das aus der Offenbarung strahlt.

Schmaust ein Prälat, – seht, ob nicht in der Mitte

Des christlichen Gelags, das die Kommun bezahlt,

Ein fetter Proselyte

Des Lands Kalkutta prahlt?


So bringen selbst aus Deinen Schachten

Die Heiligen, die Dich verachten,

Beweise Deiner Huld an Bord:

Europens Ruhm trägst Du nach China über,

Führst uns Rhabarber zu, getauscht um Gottes Wort,

Und peitschest deutsche Fieber

Mit Peru's Ruthen fort.


So trage denn, o mein Begleiter

Und Freund, auch meinen Schnupfen weiter

Nach Monomotapa, zum Schach. 8

[14]

Dort feiert man der hohen Zirbeldrüsen

Getös: kaum niest der Fürst, so niest das Vorgemach;

Bis an die Gränzen niesen

Ihm seine Sklaven nach.


Doch, ohne Nasen zu verhöhnen,

Die Hof und Stadt und Land durchtönen,

Wie viel hingst Du der meinen an!

Hingst Du nicht ihr die jugendliche Runde,

Die ich nicht ganz umsonst um Amors Zelt gethan,

Und die Vollendungsstunde

Der guten Margot dran?


Und alle die Erobrungsplane,

Die Amor dem zu ihrer Fahne

Geschwornen Fremdling überträgt –

Das falsche Kind! Wie freundlich, wie ermuntert,

Giebt sie die Rosen Preis, die ich so treu gehegt,

Und die ihr Freund verwundert

Nun, Blatt für Blatt, zerlegt.


Hört mich, ihr Glücklichen! Verirret

Euch nicht zu weit! Der Zufall schwirret

Dem Traume nach, der euch verzückt:

Ach! möglich, daß auf euerm Schwanenbette

Zu rasche Lüsternheit ein Wesen niederdrückt,

Das an des Schicksals Kette

Mehr als ein Glied verrückt!


Doch möglich auch der Weihungsstille,

Daß Merciers erhabne Grille

Mit in die Zukunft überschwimmt,

Und daß vielleicht dieß Kinderspiel, das sausend

Mir jetzt das Ohr zerreißt, den Gang des Wohllauts nimmt

Der zu dem Jahr: Zweitausend

Vierhundert vierzig stimmt; 9


Und daß, der nächsten Nacht entsprossen,

Ein Keim, fortwuchernd nur Genossen

Der Tugend, all einander reiht,

Alis deren Schooß zum Wohl der bessern Erde,

Gott, welch ein Traum! der Genius gedeiht,

Der einst der Menschenherde

Das höchste Gut verleiht.


[15]

Wohlanl so folg' ich Deinen Zügeln

Gutwillig, Du, den auszuklügeln

Selbst Meistern nicht vom Stuhl gelingt;

Weil doch der Weg zum wahren Menschenglücke,

Den oft ein Magus zeigt, der selbst die Hände ringt,

Uns eher an die Krücke,

Als an die Scheibe bringt.


Nichts ist doch geschickter uns sanft über einen lästigen Zeitraum zu heben, als der Bau einer Ode. Ich hatte meine Station so unbemerkt zurück gelegt, daß mich die ausgezackten Mauern von Avignon mitten in meinem hoch tönenden Gesange, wie ein Epigramm, überraschten, das den ernsten Gang eines Heldengedichts unterbricht, und uns zum Lachen bewegt. Kaum hatte ich noch Zeit, meinem Feentempel den Schlußstein aufzusetzen, als ich mich schon mitten auf dem Markte befand. Doch konnte mich das Geräusch, das mir von allen Ecken her zuströmte, so wenig in meiner fortschreitenden Andacht stören, daß ich vielmehr, um sogleich von der frommen Sorglosigkeit!, zu der mich meine Hymne gestärkt hatte, Gebrauch zu machen, und noch ehe ich den schmutzigen Gasthof betrat, vor welchem ich ausstieg, meinen Bastian abfertigte, mir in der Stadt irgendwo auf gut Glück eine Wohnung zu suchen.

Ich hätte dem Zufall auf keine thätigere Art mein unbegrünztes Zutrauen beweisen können, als daß ich die bedenkliche Wahl meines Quartiers einem jungen Flüchtlinge überließ, der nur seit wenig Stunden in meinen Diensten stand, meinen Geschmack nicht kannte, und die erste Probe des seinigen, in einer ihm ganz fremden Stadt ablegen sollte – in einer Stadt, wo der Vorzug, den man einer von den vier Klassen ihrer Einwohner giebt, seine eigene Gefahr hat, und wo es nicht gleichgültig ist, ob man sich bei einem Orangenhändler, bei einem Juden, neben einem geistlichen Herrn, oder bei einer Seidenspinnerin einmiethet.

Ich machte unterdeß einen Spaziergang nach der Burg des Legaten, die, wie fast alle Prälaten-Schlösser, ihre demüthige Lage auf dem höchsten Flecke der Stadt hat. Der Hausknecht, der mich dahin führte, schwatzte mir, unterwegs viel von einem dort befindlichen [16] offenen Platze vor, auf welchem man das ganze päpstliche Gebiet übersehen könne. Ich nahm seine Versicherung in dem eingeschränktesten Sinne, den er vermuthlich nur darein legen wollte, und fand daher die Ansicht der herrlichen Gegend, die, wie ein ausgebreitetes großes Gemälde, da lag, für mein leibliches Auge so erquickend, als ein Ermüdeter nur wünschen kann. Auf diesem schönen vorplatze des geistlichen Palats soll zu Zeiten ein gewaltiger Zugwind herrschen, der über die französische Gränze herkommt, und dem Legaten, der nie viel Gutes von daher erwartet, oft den Athem versetzt. Heute, zu meinem Vergnügen, ruhte er in dem Abendglanze der Sonne, die gerade über ihm stand, als ob sie meiner erwartete. Mit welcher Freundlichkeit begrüßte sie hier den ersten Tag des Jahres, den sie höchstens nur matt bei Euch überschwimmert! O, Ihr armen erfrornen Berliner! Wie glücklich fühlte ich Mich in diesem warmen Augenblicke gegen Euch, da ich an den beschwerlichen Kreislauf zurück dachte, in welchem Euch das neue Jahr zu dem albernsten Vertausche abgenützter Wünsche herumtreibt, die Ihr mit etstarrender Zunge einander feil bietet, während daß ich mich im Sonnenscheine gleichsam badete, und nur in Gedanken fror wenn ich mich unter die Sonne meiner heimath versetzte. Wahrlich, es scheint nicht dieselbe zu seyn – so unvergleichbar ist sie sich selbst in dieser Verschiedenheit.


Als hätt' ein Vorgefühl der Freude

Dieß Inkarnat ihr angeweht,

Dritt sie hier auf in ihrem Sonntagskleide,

Stolz, wie ein Bräutigam aus seiner Kammer geht.

Da sie, bei Gott! im Dunstkreis Eues Landes,

Kalt, abgezehrt und ausgebleicht,

Wie ein Skelet des Ehestandes

Am Horizont vorüber schleicht.


Ich stand lange ganz unbeweglich auf diesem Sonnenplatze, sog ihre wohlthätigen Strahlen ein, wie die Säule des Memnon; und daß ich auch nicht ohne Klang war, zeigt Dir die Harmonie meiner Rede.

[17] Bastian war mir schon eine Weile unter die Augen getreten; aber ich blinzte in das majestätische Licht, und er mußte mich anreden, um mir seine Gegenwart bekannt zu mache«. »Wollten Sie wohl,« lispelte er mir endlich zu, »einen Ihrer feurigen Blicke auf die Wohnung werfen, die ich Ihnen ausgemacht habe?« –

»So! mein Herr Abgesandter,« erwiederte ich, »ich höre du bist wieder zurück, denn sehen kann ich dich durchaus nicht.« – Wirklich war ich in diesem Augen blicke in so hohem Grade geblendet, daß ich glaube, Paulus und Schwedenburg haben nur einige Minuten länger in die Sonne gesehen, um jene unaussprechlichen Dinge zu entdecken, die unsere gemeine Vorstellungskraft so weit übersteigen.

»Ich hoffe,« fuhr Bastian fort, »das Quartier wird Ihnen gefallen, wenn Sie nur Ihres Gesichts erst wieder mächtig sind. – Wie? Sie suchen mich ja auf der Gegenseite – Sehen Sie mich denn noch nicht? Mein Gott, wie Angst machen Sie mir! Ach, mein Herr! mit der hiesigen Sonne ist nicht zu spassen.« –

»O, mit der hiesigen habe ich es auch nicht gethan, mein lieber Bastian,« antwortete ich und rieb mir die Augen: »wenn mir die Berliner Sonne nur nichts nachträgt! Doch führe mich in meine Miethe; denn meine Blindheit, Gott sei Dank! fängt an zu vergehen.« –

»Der Weg dahin ist nicht weit,« fuhr Bastian nun in seinem Hauptberichte fort, indem er, stolz auf seine gute Verrichtung, ziemlich anmaßlich neben mir hertrabte. »Sie werden das Quartier gewiß lieb gewinnen, denn zufälliger Weise liegt es an der Mittagsseite. Ein helles freundliches Haus – eine schöne bequeme Stiege, die in einen großen Vorsaal führt, wovon Sie in ein weitläuftiges Zimmer treten, an das eine Kammer mit dem artigsten Bette, und an diese wieder ein Verschlag stößt, der eine kleine Bibliothek enthält. Unter dem Spiegel in dem Hauptgemache ein schlafender Amor von Marmor – und Rousseau's Büste von Gyps gegen über auf dem Gesimse des Kamms – und das alles, mein Herr, in dem ersten Stockwerke! Aber, das Beste kommt noch: Sie sind, so lange es Ihnen gefällt da zu wohnen, Herr allein im [18] Hause; denn es gehört einer todten Hand zu – dem Hospitale der, Probstei, dem eine andächtige Seele die Einkünfte davon vermacht hat. Ein einzelnes altes Weib, die man für nichts rechnen kann, ist auf der Seite der großen Stube Ihre Nachbarin, aber wie hier durch die Mauer, so auch auf dem gemeinschaftlichen Vorsaale, ganz von Ihnen geschieden. Das Weib ist aus der Kommun des Hospitals genommen, und in dieß Haus gesetzt, um es in Aufsicht und Beschluß zu halten, und sie macht ihrem Amte Ehre. Zufällig traf ich es so glücklich, daß sie eben aus der Messe kam, als ich vor ihrer Thüre stand, und das logement à deux Louis par Sémaine nicht so recht herausbringen konnte; denn vermuthlich ist das Haus schon für sich in zu gutem Rufe, als daß es einer leserlichen Aufschrift bedürfte.«

»Ich fand,« fuhr mein geschwätziger Geschäftsträger fort, »die Zimmer, das Geräthe und die ganze Gelegenheit artig genug für einen einzelnen Herrn; aber den Miethzins, bei alle dem, zu hoch. Doch konnte ich es nicht über das Herz bringen, dem alten Mütterchen ein geringeres Gebot zu thun, da jeder Liard, wie sie mir sagte, den das Haus abwirft, unter Nothleidende vertheilt wird. Dieser Umstand, dachte ich, ist gewiß deinem guten Herrn mehr werth, als die paar Livres, die er vielleicht zu viel bezahlt! Doch das ist seine Sache, der Handel ist ja noch nicht so fest abgeschlossen, daß es nicht bei ihm stände, ihn fallen zu lassen, wenn ihm die Wohnung, die Wirthin, oder der Preis nicht gefällt.«

Ich habe Dir, lieber Eduard, das ganze umständliche Geschwätz meines Gesandten hergesetzt, weil es mich der Mühe überhebt, Dir meine schöne Wohnung selbst zu beschreiben. Sie empfahl sich mir schon durch das zufälliger Weise, das Bastian einigemal so geschickt anbrachte, als hätte er meine Ode gelesen, und ich hatte sie schon in Gedanken gemiethet, ehe ich mich noch mit eigenen Augen überzeugte, daß sie des Zinses werth sei, den ich allenfalls, (darin hat Bastian Recht,) nur als ein wöchentliches Almosen ansehen darf, um ihn nicht zu hoch zu finden.

Hätte mich etwas von dem Handel abschrecken können, so wäre es wohl die alte Ausgeberin gewesen, bei der es beinahe unmöglich [19] ist, eine gute Absicht des Zufalls zu vermuthen. Sie ist das wahre Gegenbild meiner vortrefflichen Wirthin zu Caverac, für den Anblick sowohl als für das Herz. Da ich nicht so gern Runzeln male als Denner, so scheide ich von ihrem Porträte, selbst ohne näher zu untersuchen, ob sie des Criminis rugarum 10 so schuldig sei, als es leider! das Ansehn hat. Fromm, wie man es hier zu Lande nennt, mag sie wohl seyn: denn sie ist mit so viel Heiligenbildern, Amuleten und Rosenkränzen behängt, daß sie bei der geringsten Bewegung, wie ein Skelet im Zugwinde, klappert. Als sie mir mein Stubengeräthe, zugleich mit dem Verzeichnisse davon, übergab, that sie mir die freundschaftliche Erklärung, daß, sie, außer dem, was sie mir hier zum Gebrauche überließ, sich weiter um keines meiner Bedürfnisse bekümmern könne: und das ist mir auch ganz recht. Mit dem Anfange jeder Woche, fuhr sie fort, würde sie den bedungenen Miethzins abholen, nahm den jetzigen in Empfang, und empfahl sich meinem Gebete.

Ich untersuchte nun etwas genauer, was mich umgab, fand alles reinlich und artig, aber ohne Schmuck, wenn ich den schlafenden Amor ausnehme, der aus weißem Marmor und wirklich schön gearbeitet ist. Wie mag sich ein solches Kabinetsstück in dieses Haus verirrt haben? Ich begriff es nicht eher, bis ich das Verzeichniß nachschlug, wo ich die Auflösung fand; denn hier stand die Figur als ein heiliger Engel, mit dem Beisätze eingetragen, daß er bei der ersten Besitzerin des Hauses versetzt worden, und ihr für aufgelaufene Zinsen verfallen sei. Man ist von Jugend auf an die Abweichungen der Künstler von dem Sprachgebrauche bei dieser Art von Geschöpfen so gewöhnt, daß ich überlaut lachen mußte, hier zum erstenmale einen so decidirten männlichen Engel zu finden, als seit ihrer Entstehung noch keiner gemodelt und gemalt worden. Wo muß die gute Frau ihre Augen gehabt haben? Ich glaube, man brächte kein Mädchen mehr in die Kirche, wenn [20] sie mit solchen Figuren umgeben wäre, oder am Feste der Verkündigung vor so einem Engel knieen sollte! Indeß, da Freund Amor in diesem Hause dafür gilt, so mag er es, so lange Gott will! Woher mag nun aber in aller Welt dieser konventionelle Verstoß der Künstler, die uns diese Boten Gottes darstellen, wider die Analogie der Sprache wohl herrühren? Er muß doch eine Ursache haben! aber wer weiß sie mir anzugeben? Ich vertiefte mich umsonst in dieser artistischen Untersuchung, und selbst weit länger, als es mir gut war: denn ich kann fast über nichts mehr kaltblütig nachdenken.

Die Büchersammlung, vor der ich mich Anfangs am meisten fürchtete, wird mir hoffentlich kein Kopfweh verursachen. Sie besteht, so viel ich nach einem flüchtigen Blick entdeckt habe, in nichts, als in theologischmoralischen, dialektischen und kasuistischen Abhandlungen und andern dergleichen Meisterstücken des vorigen Jahrhunderts.

Sebastian wohnt eine Treppe höher, steht aber durch einen Schellenzug in gehöriger Verbindung mit seinem Herrn.

Ich dächte für meine stillen Absichten hätte derZufall mir keine bequemere Wohnung verschaffen können. Scheint die Sonne die vier Wochen hindurch, die ich etwan hier zubringen werde, mir immer so freundlich wie heute; so wüßte ich in der That nicht was meinen einfachen Gang nach Gesundheit und Seelenruhe stören sollte? Mein Aufenthalt in Avignon wird sonach, lieber Eduard, wie das immer der Fall bei den wahrhaft glücklichen Epochen unsres Lebens ist, einen ganz kleinen Raum in meiner Geschichte einnehmen. Wenn ich Dir nicht täglich aufs neue erzählen will, wie ich nach einem gesunden Schlaf, einer mäßigen Mahlzeit, müde von meinem einsamen Spaziergange, nach Hause komme, um den folgenden Tag denselben Zirkel zu wiederholen; so begreife ich wahrlich nicht, wovon ich Dich unterhalten soll. Bei einem Leser, wie Du mir bist, Eduard, sollte mir das zwar nicht schaden. Du dürftest mich nur desto gesunder, klüger, zufriedener, und desto näher am Ziele meiner Reise denken, je mehr mein Tagebuch an Interesse abnimmt; aber bei aller Deiner Theilnähme,[21] mein guter Freund, fürchte ich, wird es Dir dennoch um nichts merkwürdiger vorkommen. Schreiber und Leser stehen gar zu leicht in Ansehung ihrer Empfindung im umgekehrten Verhältnisse zu einander. Was dem ersten behagt, ist leicht dem zweiten zuwider. Ihr wollt immer nur euren Robinson mit Wetter und Wellen im Streite sehen – Je trauriger und gefahrvoller seine Lage wird, desto anziehender kommt sie euch vor. Wehe ihm aber, wenn er nun Land gewonnen hat, und sich einfallen läßt, euch nun auch seine Ruhe nach vollbrachter Arbeit, und seine häusliche Glückseligkeit zu schildern – wenn er endlich seine Amanda heirathet, und von den großen Anlagen seiner Kleinen euch vorplaudern will: dazu habt ihr keine Ohren – ihr fangt an zu gähnen, und schlagt die langweiligen Blätter ohne Barmherzigkeit um. Da bin ich nun zum Beispiele diesen Nachmittag wieder auf meinem Sonnenplatze gewesen, um meinen Spinat recht gemächlich zu verdauen; habe den Himmel ohne Wolken, und die Sonne sich so rosenroth zu ihrem Untergange neigen sehen, daß ich mir morgen einen gleich heitern Tag versprechen darf, als der heutige war. Das ist nun für mich freilich sehr wichtig; aber eben so gut fühle ich, daß, wenn Du nun diese Merkwürdigkeiten ein paar Dutzend Male hinter einander wirst gelesen haben, Deine Ungeduld wohl gereizt werden dürfte, mir Hagel und Frost auf den Hals zu wünschen; geschähe es auch nur aus Liebe zur Veränderung.

Nach dieser vorläufigen Erklärung eines schachmatten Schriftstellers, bleibt mir für heute nichts klügeres zu thun übrig, als daß ich mein Bette suche, um die Stunde Schlaf zu ersetzen, die ich mir diesen Morgen abbrach. Du siehst, lieber Freund, wie ich aufange alles in Ordnung zu halten.


Da stößt mir doch noch etwas so drolliges auf, daß ich nicht umhin kann, die Feder wieder aufzunehmen, und es Dir als eine Seltenheit des hiesigen Landes zu erzählen. Indem ich mich auskleide, singt meine veraltete Nachbarin einen Psalm ab, der mir warm an das Herz geht; so volltönend – so einschmeichelnd singt sie ihn! – Wie hätte ich ihr dieß Talent zutrauen sollen? Eine [22] solche Stimme in dem Munde einer Margot? – bei allen Heiligen! die Scheidewand sollte uns nicht lange scheiden. Indeß wirst Du selbst gestehen, daß es schon angenehmer ist, unter dem Gesang eines alten Weibes, als unter ihrem hektischen Husten einzuschlafen, wie es leider! manchem armen Sklaven von Manne geht, der sich won seiner Gebieterin nicht wegbetten darf.


Den 2ten Januar.


Wenn die Eigentümer dieses Hauses in ihren Besitzungen so gut schlafen, als ihr Miethmann diese Nacht geruht hat, so wollte ich zum Wohl der Menschen, daß sie deren recht viel hätten – so wollte ich manchem Großen der Erde, dem seine Sorgen, sein Gewissen, oder was es sonst ist, keinen Schlaf verstatten, wohl rathen, sich in dieß Hospital einzukaufen: ich glaube, und wäre es ein Sünder wider alle zehn Gebote – er würde doch hier das Glück finden, das ihm abgeht; so eine Kraft der Ruhe scheint an diesem Hause zu kleben. Auch bin ich so gestärkt an Leib und Seele erwacht, daß ich, um mein Feuer zu vertheilen, einen neuen Lobgesang auf den freundschaftlichen Zufall dichten möchte, der mir diese heitere Wohnung verrieth, die alles gewährt, was dem Aufenthalte eines Philosophen angemessen seyn kann: Reinlichkeit, Stille, und jenen einfachen Schmuck, der aller sybaritischen Weichlichkeit, allen Lockungen der Leidenschaften eben so entgegen arbeitet, als er mit dem Gefühle der unschuldigen Natur und der Sittlichkeit in naher Verbindung steht.


Wie versah's die Frömmigkeit,

Daß sie diese stille Klause

In dem Gott geschenkten Hause

Der Philosophie geweiht?

Und ob sie zum Hospitale

Manchen Weisen schon verwies,

Ihn doch hier zum erstenmale

Freundlich bei ihr wohnen hieß?

Wem's behaget, sich zum Jünger

Eines Plato zu kasteyn,

Könnte dem ein Sittenzwinger

Wohl bequemer seyn?


[23]

Was vielleicht zur Ritterzeit

Reizung und Betrug entfaltet,

Predigt mir jetzt mißgestaltet

Nur den Trost der Sicherheit:

Von Ihr an, die Gottes Wunder

Mir zur Ehrenwache gab,

Big zu dem gelehrten Plunder

Ihres Bücherschranks herab,

Was, die Sinne zu berücken,

Sich die Phantasie erträumt.

Hat dem geistigen Entzücken

Hier das Feld geräumt.


Trümmer nächtlichen Gelags,

China's nackte Schildereien

An der bunten Wand, entweihen

Nicht die Lauterkeit des Tags.

Statt des Götzen nach der Mode, 11

Ueberdeckt Minervens Schild,

An dem Standort der Pagode,

Des erhabnen Rousseau Bild.

Meinem und Emilens Lehrer

Unter'm ernsten Auge, liegt

Fest in Schlaf der Friedensstörer

Juliens gewiegt.


Auf mein Polster hingestreckt,

Allem Weltgeräusch verborgen,

Siehe! wie zum frohsten Morgen

Mich der Strahl der Sonne weckt!

Wie sie den bescheidnen Wänden

Ihren Glanz entgegen strahlt,

Freundlich, ohne mich zu blenden,

Meinen Bogen übermalt!

Möchten, ihrem sanften Schimmer

Aehnlich, – ungefärbt und rein

Auch die Ohrenbeichten immer

Deines Freundes sein!


Gott! welch ein Entzücken nimmt

Jetzt den Weg zu meiner Seele!

Welcher Seraph hat die Kehle

Jener Heiligen gestimmt,

[24]

Die auf Pergolesens Flügel

Ihren frommen Geist erhebt,

Immer näher zu dem Hügel

Der Verklärten überschwebt,

Zu der Glorie des Psalters

Assaphs ihre Stimme mischt,

Alle Spuren ihres Alters

Von der Stirn gewischt?


Ich war so in Andacht versunken, daß es mir höchst zuwider war, als Bastian, der mir eben mein irdisches Frühstück brachte, mich in diesem Feste der Empfindung störte. Wie hätte ich ihm ansehen können, daß er solches noch erhöhen, ja selbst meinen leiblichen Augen das Wunder der Verklärung versinnlichen sollte, worüber er meinen Geist brütend antraf? Ich hatte ihn kaum aufmerksam auf das erstaunliche Talent unserer Wirthin gemacht, so schlug er seine Hände zusammen, als ob er meine wenige Kenntniß in der Musik bemitleiden wollte. »O, mein bester Herr,« rief er aus, »wie konnten Sie nur einen Augenblick denken, daß der zahnlose, häßliche Rachen unserer Aufseherin diesen Nachtigallenton hervor zu gurgeln geschickt sei? Nein, mein lieber Herr: das alte Weib hat einen Engel bei sich, der ihr vorsingt. Ich habe ihn hinter dem Fenster stehen sehen, und erschrak so sehr über seinen Anblick, daß ich bald Ihren Kaffee verschüttet hätte, den ich über die Straße trug. Ohne daß ich geradezu behaupten will, daß er vom Himmel gestiegen sei – denn das müßte in einer mittelmäßigen Stadt, wie Avignon, schon mehrern Lärm machen – so versichere ich Sie doch bei alledem, daß es selbst Ihnen so schwer werden sollte als mir, es nicht zu glauben, wenn Ihnen diese himmlische Figur eben so unerwartet erschiene.«

Dieses enthusiastische Lob eines Engels, – denn der unter dem Spiegel machte mich nicht irre – dieses Lob sage ich, aus dem Munde eines Menschen, der eine Margot zur Schwester hat, mußte nothwendig den Eindruck auf meine Seele machen, den Du Dir denken kannst. Ich winkte ihm zu schweigen, bekümmerte mich um kein Frühstück, setzte mich so nah als möglich an die Scheidewand, [25] und ließ nun meine nüchterne Seele auf dem Strome der Harmonie, wie eine Feder, hin und her schaukeln. Ich glaubte in meinem Entzücken, alle die Schönheiten zu hören, die mir zu sehen verwehrt waren – die gewölbte Brust – den kleinen, mit Perlen besetzten Mund – die liebevollen, schmachtenden Augen – ja, es kamen sogar Noten vor, bei denen ich auf die unverletzte Tugend hätte schwören wollen, die mit der Kehle eines Mädchens, wie Du wissen wirst, in so sonderbarer Verbindung steht. Meine Einbildungskraft, die, großer Gott! noch vor einer Viertelstunde so ruhig war, gerieth in Aufruhr. Ich war heilfroh, als der erschütternde Psalm zu Ende war, und ich nun den Empfindungen Luft machen konnte, die sich indeß in meiner beklommenen Brust gehäuft hatten.

»Woher – um aller Barmherzigkeit willen, mag diese reizende Sängerin in dieß einsame Haus kommen?« kehrte ich mich gegen Bastian, der während des Gesanges sich mäuschenstill in den Bogen des Fensters gelehnt hatte. »Das,« antwortete er seufzend, »mag Gott, und jener kleine verschobene Kerl von Buchhändler wissen, der uns gegen über wohnt. – Der muß den Diskant so sehr lieben als Sie, mein Herr. Sehen Sie nur, wie verloren er da steht! Blickt er nicht nach dem Fenster des Engels, wie ein Salamander, der einen Colibri belagert? Er, mein lieber Herr, möchte wohl am ersten Ihre Neugier befriedigen können.« –

»Wahrlich,« rief ich aus, »Du bist ein kluger Kerl, Bastian! Geschwind gieb mir meine Schuhe und meinen Frack! Mit der Frisur kann es anstehen, bis ich zurück komme.« Und so trabte ich denn bald darauf über die Gasse, ohne an die Warnung meines Jerom eher zu denken, als bis ich mich schon mitten unter der mir verbotensten Waare von allen befand.

Der Name des Mannes, der hier den gelehrten Handlanger machte, stand über der Thüre seines Ladens mit großen goldenen Buchstaben geschrieben, und verdiente es auch mehr als ein anderer. Ein Streit der Großmuth mit Voltairen hatte mir ihn schon längst rühmlichst bekannt gemacht. Es war, mit Einem Worte, wo nicht der berühmte Herr Fez selbst, doch wenigstens sein Sohn, den ich [26] hier, von der Natur zwar ein wenig gemißhandelt, übrigens aber als einen sehr gebildeten Mann kennen lernte. Du wirst Dich erinnern, daß ihm einst P. Nonotte eine Handschrift in Verlag gab, die schon durch ihren Titel: Les Erreurs de Voltaire, diesen wahrheitsliebenden Dichter auf das gröbste beleidigen mußte. Aber Herr Fez – ehe er sie zum Druck beförderte, schrieb höflich an ihn, meldete ihm den Vorgang, und erbot sich, gegen einen Ersatz von zwei tausend Livres, das anzügliche Werk zu unterdrücken. Doch Voltaire, wie Du ihn kennst, viel zu edel, jemanden in Schaden zu setzen, widerrieth dem Buchhändler ernstlich sein großmüthiges Opfer, rechnete in seiner Antwort den außerordentlichen Gewinn ihm gutmüthig vor, den er gegen eine so geringe Summe auf's Spiel setzen würde, nahm das höfliche Erbieten nicht an, sondern bot sogar nachher seinen ganzen Witz auf, dem so wackern Herrn Fez recht viele Abnehmer zu werben. Diese Anekdote schon verschaffte ihm mein ganzes Zutrauen, noch ehe es seine nähere Bekanntschaft that. Er nöthigte mich mit einer Freundlichkeit in seinen Laden, die nur bei jenen abgeschliffenen Menschen sich findet, die immer in guter Gesellschaft leben, und zog sogleich, als ob er mich seinen Freunden vorstellen wollte, ein paar Vorhänge zurück, die mir eine ganze Wand der glänzendsten Werke entdeckten. Doch dießmal trug ich zu meinem Glücke ein Gegengift in mir, das mich gegen alle Gefahren der Litteratur, gegen die Verführung der Schreiber aller Zeiten und Völker, vollkommen fest machte.


Ich ließ sie stehn, wie jetzt, nach einer matten,

Durch's todte Meer der Bücherwelt

Gehaltnen Fahrt – ihr Schutzgeist sie den Schatten

Der Unbegrabnen beigesellt –

Der Größe nach, die sie errungen hatten,

In Reih' und Gliedern aufgestellt:

Sie, die der Freude sich verweigert,

Als noch die Sonne sie beschien:

Um in Journalen ausgeschrien,

Einmal verkauft, zehnmal versteigert,

Gespenstern gleich herum zu ziehn:

Ich ließ sie stehn, die aufgeblähten Werke,

Geburten mancher kalten Nacht,

[27]

Sammt dem Gefolg in Kindertracht

Des Zwerggeschlechts, das ihre Riesenstärke

Mit flinker Hand in eine Nuß gebracht.

Vergebens luden mich an ihres Tempels Thoren

Minervens Schreier ein! Ich schätzte den Gewinn,

Den sie verheißen, als verloren;

Und hatt' ich noch für eine Muse Sinn,

So lag er mir, wenn ich nicht irrig bin,

Doch anderwärts als in den Ohren.


Ungeachtet dessen erwartete ich doch von der Dienstfertigkeit eines Mannes, der in so aufgeklärter Gesellschaft, einer Sängerin gegen über, wohnte, zu viel, um nicht in meiner geringen Kenntniß der französischen Litteratur Mittel aufzusuchen, mich seiner Freundschaft so viel als möglich zu versichern, ohne daß ich doch selbst etwas mehr, als allenfalls ein paar verschleuderte Louisdor, dabei wagte.

Wie gut kam mir nicht jetzt eine und die andere langweilige Stunde zu Statten, die ich beim Durchlesen der Gazette ecclésiastique – des Journals von Trevoux, und anderer dergleichen berühmter Zeitschriften, viel zu voreilig, wie ich nun wohl sah, für verloren gehalten hatte! Ich strengte mein Gedächtniß an, und forderte, zu dem freudigen Erstaunen des Herrn Fez, manche dort angepriesene Schrift, nach der seit ihrem Daseyn wohl keinem vernünftigen Menschen noch eingefallen sehn mochte zu fragen; und versorgte mich zuletzt, um mein Ansehn bei ihm ganz zu befestigen, mit einem Dutzend Exemplaren des belobten Trauerspiels jenes glücklichen Dichters zu Nimes, für mich und meine auswärtigen Freunde.

Der Mann ward zusehends freundlicher, je länger und tiefer er unter dem seit Jahren angewachsenen Schutte nach diesen vergessenen Kleinodien suchen mußte. Er konnte nicht aufhören, die so seltenen Kenntnisse eines Ausländers in der französischen Litteratur – und meinen gebildeten Geschmack zu erheben; und ich dachte wahrlich, er würde mich gar umarmen, als ich ihm beiläufig vertraute, daß ich in der gelehrten Absicht reiste, nach und nach alle die fliegenden Blätter zu sammeln, die, ihrer Leichtigkeit ungeachtet, so selten bis über die Gränzen des Königreichs flögen.

[28] »Ich opfere,« sagte ich mit einer Treuherzigkeit, die den Mann entzückte, »den größten Theil meiner Zeit den keuschen Musen, suche deshalb immer den berühmtesten Buchhändlern in der Nähe zu wohnen, und habe auch hier, wie Sie sehen, die stillste Wohnung bezogen, die in Ihrer Nachbarschaft zu finden war; die alte Dame, deren Miethmann ich bin, wird mich sicher nicht in meinen Studien stören.« –

»Das wohl nicht,« fiel mir Herr Fez in's Wort, »wenn es nur nicht ihre Nichte thut, die das alte Weib bei sich hat!« –

»So?« antwortete ich ganz gelassen, »eine Nichte?«

»Ja,« erwiederte er laut seufzend, »eine gewisse Klara. Gott gebe Ihnen Ruhe vor ihr! Mich jagt sie allemal von meinen Rechnungen auf, so oft in die Kirche geläutet wird; denn zu keiner andern Zeit ist sie mir sichtbar. Eine wahre Heilige! und dabei – denken Sie, mein Herr! – erst fünfzehn Jahr alt. Als Kind schon soll ihr ein Marienbild lieber gewesen seyn, als alle andere Puppen. Schließen Sie nun, wie groß erst jetzt ihre Andacht für die Gebenedeite seyn mag, da sie zu reifern Jahren gekommen! Sie soll, sagt man, alle ihre Gliedmaßen der Mutter Gottes geweiht haben; und es ist zu glauben, wenn man sie gehn sieht, so jungfräulich sind alle ihre Bewegungen. Wollten Sie nur wenige Augenblicke verziehen, und Sich einstweilen in meinen Büchern umsehen, so würden Sie Sich mit eigenen Augen überzeugen, wie groß die Gefahr Ihrer Wohnung sei. Das Frühamt bei den Minimen wird bald angehn, und da muß sie ganz nahe bei meinem Laden vorbei – da sollen Sie sehen, mein Herr! da sollen Sie erstaunen!«

Inzwischen nun Herr Fez nach Makulatur suchte, um diejenige einzuschlagen, die ich gekauft hatte, las ich, die Zeit hinzubringen, die Aufschriften seiner Ballen, und zählte gähnend die Bände der Encyklopädie. Die Minimen ließen uns nicht lange warten; und kaum fingen ihre Glocken, bei dem Einklange meines ungeduldigen Herzens, ihr Spiel an, so warf der Buchhändler geschwind seinen Plunder aus der Hand, und: »Kommen Sie, mein Herr! – hier! – hierher! – Lassen Sie jetzt den Abbadie und den Bourdaloue [29] stehen!« schrie er mir zu, und zog mich mit Gewalt an die Thür seines Ladens. Und in demselben Augenblicke erschien – wie sich ein Frühlingstag an ein Sekulum schließt – Klara, unter Voraustretung der Alten. Je näher sie meinen Augen kam, je stiller und tiefgefühlter meine Bewunderung ward, desto schwatzhafter und lärmender ward Herr Fez in der seinigen.

»Welch ein Gang!« flüsterte er mir einmal über das andere in's Ohr: »was das für ein Wuchs ist! und mit welcher natürlichen Bescheidenheit sie einher tritt! O, über das herrliche Madonnengesichtchen! So sanft und glänzend, wie ein Didotischer Druck, und rein, wie in Kupfer gestochen. Ah! sehen Sie nur, wie aller Augen auf ihre niedlichen Schritte geheftet sind, indeß sie, nur in sich gekehrt, keinen Blick ausschickt, der nicht Andacht und Ruhe der Seele verräth. Sie weiß es nicht – sie hat es nie gewußt, wie alt und wie reizend sie ist.«


»Gern wiederholt mein Herz die Klagen ihres bangen

Gefühls, zur Zeit als ihr die Blumenhülsen sprangen,

Ein Morgenlied, bei Gott! als ob sie fest geglaubt,

Es hätten in der Nacht Hyänen oder Schlangen

Den reinen Körper angeschnaubt –

Doch waren's Blüthen nur, die hier ein Schleifchen zwangen,

Dort einen leeren Raum verdrangen,

Nur Primeln, die vielleicht zum Theil nun abgestaubt,

Erstorben sind und heim gegangen.

Ach! rechnete sie nach, wie viel auf ihren Wangen

Andächtelei uns Ernten schon geraubt!

Begriffe sie nur einmal, welch Verlangen

Uns quält, wenn sie das Glück an ihrem Hals zu hangen

Nur einem Todtenbein erlaubt!

Sie ringt nur um ein Loos, das viele wohl errangen,

Die nicht so rein die Metten sangen,

Wünscht sich mit Einem Wort bald Strahlen um das Haupt:

Denn eher hofft sie nicht – das nenn' ich unbefangen –

Von einem Pater angeschraubt,

In einem Klostergang zu prangen.«


»Das, mein Herr,« fuhr Herr Fez fort, »ist ihre einzige Sorge; und es ist abscheulich, daß ihre alte Tante ihr solche kindische Einfälle nicht ausredet, und keine gutherzige Seele zu ihr läßt, die ihr den Verstand öffnen könnte. Aber mein bester Herr,« indem er [30] sich nach mir kehrte, ohne darum vor eigener allzu großer Bewegung die meinige zu bemerken, so schlecht ich sie auch verbarg: »Sie sagen ja kein Wort? Wie wünsche ich Ihnen Glück zu der Ruhe Ihres Temperaments! Sie müssen es nothwendig in der Gelehrsamkeit hoch bringen, da solch eine Erscheinung Sie nicht einmal zerstreuen kann. So gut wird es mir leider nicht! Die Stunden, die das liebe Mädchen in der Kirche bleibt, sind auch für mich verloren – ich kann an nichts denken, als an den süßen Augenblick, wo sie wieder zurück kommen wird; und dann sehne ich mich gleich wieder auf ihren nächsten Kirchgang. In der Länge muß mein Handel darüber zu Grunde gehn – das sehe ich zum voraus: aber ich kann – wahrlich ich kann mir nicht helfen!«

Ich hatte nicht das Herz, über den guten Mann zu spotten, da mir für meinen eigenen Verstand nur zu bange war: doch fand ich auch keinen sonderlichen Beruf über den Text meiner geheimen Empfindungen einen andern predigen zu hören als mich. Ich bezahlte also dem Herrn Fez seine Makulatur, ließ sie nach meiner Wohnung tragen, und zitterte so ängstlich hinter drein, als ob ich sie auch lesen müßte. Ich übergab meinem Bastian den ganzen Ankauf zu beliebigem Verbrauch, ohne daß es mir nur einfiel, wie unmanierlich ich mich gegen Schriftsteller betrüge, denen ich doch im Grunde Dienste verdanke, die mir der gesuchteste – der geschätzteste Autor nicht halb so gut würde erwiesen haben. Die schnelle, aufbrausende, plaudernde Freundschaft des guten Fez, an der mir so viel gelegen war, ist ihr Werk! Ihnen verdanke ich das belohnende Anschauen der liebenswürdigsten Heiligen, und alle die unnennbaren frohen Empfindungen, die es mir zurück ließ; und ich glaube, daß selbst der strenge Jerom sie bei den kleinen Diensten für unschädlich erklären würde, zu denen ich sie gegenwärtig noch aufhebe. So sehr, lieber Eduard, kommt alles auf Zeit und Umstände an, und mein Freund, der Zufall, kann uns in so unglaublich sonderbare Verhältnisse verwickeln, wo uns Lünichs Reden großer Herren – wichtiger als ein Plutarch und Lucian, und Masius Schriften auf weichem Druckpapier brauchbarer werden können, als der schönste Kodex auf Pergament.


[31] Da ich bei den Minimen keinen Bescheid wußte, so blieb mir nichts übrig, als meinen Stuhl an das Fenster zu rücken, und, während mir Bastian das Haar in Locken schlug, mit pochendem Herzen die Zurückkunft der Psalmistin zu erwarten. Die letzte Stufe, auf die ich sie vorhin in die Halle treten sah, zog jetzt meine Blicke, wie auf einen Brennpunkt zusammen. Ich bot alle meine Geduld auf, mir beizustehen, und sah dennoch immer eine Sekunde um die andere, fluchend, nach meiner zu langsamen Uhr. »Wird sie denn ewig in der Kirche bleiben?« murmelte ich, und ließ mir angst werden, die Minimen möchten sie wohl, ohne sich an den Mangel ihres Nimbus zu kehren, schon jetzt mit der ausgezeichneten Ehre überraschen, nach der das gute unbefangene Kind fast athemlos hinstrebt. Aber in diesem Augenblicke erlebte ich die Freude – daß die Thüre der Halle sich öffnete, erst andere gestärkte Seelen, dann die Alte, und zwei Schritte hinter derselben auch nun Sie, die Erwartete, in ihrem ganzen Engelsschmucke heraustrat.

War mir's doch, als ob sie mir geschenkt würde, so bald ich sie nur außer dem Kloster sah! Ich zählte jeden ihrer kleinen Schritte über die Gasse. Aber mit dem letzten, den sie in das Haus setzte, trat auch ich aus meinem Zimmer, mit Hut und Stock, um nicht das Ansehn zu haben, als ob es ihrer schönen Augen wegen geschähe.

Wir begegneten einander auf der Mitte der Treppe – Ehrerbietig stellte ich mich seitwärts – Die Alte erwiederte mir mit grämlichem Ernst meinen Gruß, der ihr auch am wenigsten galt; und wie schielte ihr gelbes Auge auf die bescheidene Verbeugung, die ich von ihrer Nichte erhielt, als sie in dem Anstand einer Novice bei mir vorbei zog!

Nun erst kann ich sagen, Eduard, daß ich sie gesehn habe; denn wohl zwei Sekunden habe ich mit ihr auf Einer Stufe gestanden. O! ich würde mich brüsten, wie ein Apelles, wenn ich Dir die ganze Lieblichkeit, alle die Grazien ihrer Nymphen-Gestalt, alle die schönen Formen, die ich aus jedem Falkenschlag ihres Florkleides mir abzog, so anschaulich darstellen könnte, daß Du weiter nicht nöthig hättest, mich über den Eindruck abzuhören, den [32] dieser vereinte Reichthum von Schönheit auf meine Sinnlichkeit machte. Komm – ich bitte Dich – dem Unvermögen meiner, Sprache mit Deiner schwelgenden Einbildungskraft zu Hülfe! Hole Dir aus den Werkstätten der Künstler ein Bild der Liebe; modele so lange daran, bis Du Deine Vorstellung so erhöht hast, daß Du nicht ohne Widerwillen an ein andres sterbliches Mädchen denken kannst, und schließe dann aus dem blumigen Irrgange, den Deine Wünsche einschlagen, auf das Hinstreben der meinigen.


Nur hole nicht aus Winklers Kabinette

Der Venus Busenbild von Cigniani's Hand!

So göttlich schön es ist, so setzt es doch, ich wette,

Kein wahres Männerherz in Brand.

Ein Kopf des Boileau, des Racine,

Ist freilich uns genug. Was hier das Aug' entbehrt,

Ob das auch einen Blick verdiene,

Ist keiner Untersuchuug werth.

Sieht man nicht klar genug in jenes Satyrs Miene

Den Autor der Pücell' erklärt?

Doch wer bleibt wohl, dem's nicht gelüste,

Der Fülle der Natur, so weit die Kraft zu sehn

Die Augen spannet, nachzugehn? –

Wer bleibt gelassen bei der Büste

Der winkenden Cythere stehn?

Sie winkt – allein wohin? – Unb da fällt erst der Fehler

Des Künstlers Dir auf's Herz: sein Stückwerk unterbricht

Den wärmsten Trieb der Uebersicht.

Der Blöde, der es schuf, begriff den Werth der Thäler

In einem heißen Klima nicht!


Es ging mir schwer ein, die Treppe vollends herab zu steigen, wie ich doch Schande halber wohl thun mußte: aber was sollte ich nun erst mit mir anfangen, als ich mich, der Richtung meiner Wünsche ganz entgegen, auf der staubigen Gasse befand? Ideen von der Art, wie sie jetzt auf mich los stürmten, verlangen beinahe eine gleiche Abgezogenheit der Seele, als die Träume der Metaphysik: und da ich mich doch nicht wohl auf einen Eckstein setzen, und, den Finger auf der Nase, nach Klärchens Fenster hinstaunen konnte, wie ich unstreitig am liebsten gethan hätte; so mußte ich [33] mir wohl die erste beste Zerstreuung gefallen lassen, die sich mir, darbot. Ich erinnerte mich zum Glücke eines Empfehlungsschreibens in meiner Brieftasche, das mir der gute Bischof von Nimes, als ich ihn das letztemal sah, an einen hiesigen Domherrn von seiner Bekanntschaft, Namens Ducliquet, mitgab. Das brachte mich endlich vom Platze, und versetzte mich mit aller der Fülle meiner weltlichen Schwärmereien in das Studierzimmer eines geistlichen Herrn.

Ich habe in meinem Leben angenehmere Bestellungen gehabt, das kann ich Dir sagen! Der Himmel weiß, in was für einem Gedankenkram ich den ehrlichen Mann stören mochte; aber hätte ich ihn auch in flagranti überrascht, verlegener hätte er sich kaum betragen können. Gleich nach dem ersten steifen Komplimente, das unsere Bekanntschaft eröffnete, sahen wir es gegenseitig uns an, daß Gott gewiß keinen zur Unterhaltung des andern geschaffen hätte; und über der Sorge, unsere erste Unterredung so geschickt einzuleiten, daß es zeitlebens keiner weiter bedürfe – konnten wir nicht dazu kommen, sie anzufangen. Ihm glückte es indeß eher noch als mir, diese alberne Stille zu unterbrechen. Das morgen kommende Fest der heiligen Genoveva löste ihm die Zunge, und gab sogar zu einem Gespräche Anlaß, von dem ich mir nie hätte träumen lassen, daß es am Ende noch so belehrend für mich ausfallen würde. Er bürstete erst ein paarmal mit der flachen Hand seinen Aermel; dann that es ihm sehr leid, daß er heute so ganz außer Stande sei, einem so lieben und gut empfohlnen Fremden die geringste Höflichkeit zu erzeigen; dann freute er sich wieder, daß er hoffen könne, morgen alles desto reichlicher wieder gut zu machen.

Das gab mir einen Stich in's Herz. Du weißt, lieber Eduard, daß ich nichts so sehr hasse, als ein großes vorbereitetes Mittagsmahl, das ich nach der Wendung, die sein Gespräch nahm, schon so gut als aufgetischt sah. – Gewiß ist morgen Markttag, sagte ich zu mir, und da wirst du wieder einmal zu Mittage alles das ausgelegt finden, woran du dir des Morgens schon deinen Ekel ersehen hast. Ich ging also geschwind dem guten Manne mit der [34] Versicherung entgegen, daß ich meine Gesundheit sehr schonen, und es ernstlich verbitten müßte, sich meinetwegen in die geringsten Unkosten zu stecken – und berief mich auf den redenden Beweis meines blassen Gesichts. Aber das half mir nichts. – »Nein,« erhob er seine Stimme, »Sie dürfen meine Einladung nicht ausschlagen. – Ich will Sie morgen selbst, – es macht mir ein gar zu großes Vergnügen, – bei guter Zeit zu – dem prächtigen Hochamte abholen, das der heiligen Genoveva zu Ehren in der Domkirche gehalten wird, und ich werde Ihnen, verlassen Sie Sich auf mich, einen guten Platz verschaffen.«

War mir's doch jetzt auf einmal so leicht um's Herz, als ob ich das ängstliche Diner wirklich verdaut hätte, das doch dem wackern Domherrn gar nicht in den Sinn gekommen war mir zu geben. Es geschieht mir zuweilen, daß ich danke, und den Hut abziehe, ehe ich gegrüßt werde, und es macht mich immer heimlich lachen. Jetzt konnte ich meinem Manne schon ruhiger zuhören.

»Wenn Sie mich,« fuhr er fort, »heute in meinem Alltagsrocke überrascht haben, so sollen Sie mich morgen dafür im Purpur sehen, den das hiesige Kapitel, wie Sie aus der Geschichte wissen werden, mit den Kardinälen und Königen gemein hat.«

»Ist nicht sonst noch ein Spektakel hier?« fragte ich in der albernsten Zerstreuung, die aber dem guten Manne nicht im mindesten auffiel. – »Nein,« antwortete er, »vor dem Feste der heiligen drei Könige nicht, das in unserm Lande den sechsten dieses gefeiert wird.«

»Auch in dem meinigen,« antwortete ich gähnend. »Aber hochwürdiger Herr,« fragte ich weiter, weil es mir nicht länger möglich war, das schlaffe Gespräch fortzusetzen, ohne wenigstens meinem Ohre mit dem Klange jenes süßen Namens zu schmeicheln, den mir die Liebe in das Herz geschrieben hatte, »ist denn nicht auch ein Hochamt für die heilige Klara gestiftet, die, nach meinem Gefühle, so viel Anbetung verdient als vielleicht keine andere?«

»Da haben Sie Recht, mein Herr,« fiel mir der Domherr mit einer Hitze in's Wort, die mich beinahe erschreckt hätte: »Ihr Fest fällt auf den achtzehnten August, und wird, wie billig, unter unsere [35] vornehmsten gerechnet. Klara von Falkenstein« – jetzt merkte ich erst, wie schief er mir wieder antwortete – »hat in einer Reliquie der christlichen Kirche eine Erbschaft hinterlassen, die der Höchsten Verehrung werth ist – Kleinodien von dem wunderbarsten Gehalt, und durch die uns Gott selbst das Geheimniß der heiligen Dreifaltigkeit versinnlicht hat.«

Diese Nachricht überraschte mich so, daß ich dem Manne, der sie mir gab, mit einer Art von Mißtrauen in das Gesicht blickte. Da ich aber nicht die entfernteste Spur von Zerrüttung des Gehirns darin wahrnahm, so erkundigte ich mich, mit zunehmender Verwunderung, nach der eigentlichen Beschaffenheit dieses schweren Beweises. Sogleich langte er ohne die mindeste Verlegenheit nach einem beschmutzten Quartanten, schlug die Beweisstelle auf, und las sie mit pathetischer Stimme vor:

»In der S.V. Blase der heiligen Klara de monte falcone,« las er, »fand man drei runde Steine von der Größe einer Nuß, von gleichem Umfange, gleicher Farbe und gleichem Gewichte. Wenn man Einen dieser Steine auf die eine Wagschale, und auf die andere die zwei übrigen legte, so hat der Eine so viel als beide gewogen; hat man dann in jede Schale nur Einen gelegt, so haben sie abermals gleiches Gewicht gehabt; daraus denn klärlich abzunehmen, wie tief bei ihr das Geheimniß der heiligen Dreifaltigkeit eingedrückt war, welche einig im Wesen, dreifaltig in Personen, und deren keine weder größer, noch älter, noch mächtiger ist, als die andere.«

Ich ward, als ich ihm zuhörte, beinahe so ernsthaft als er. »Um Vergebung,« fragte ich ihn jetzt, »hat denn dieser Autor, der so bestimmt spricht, auch diejenige Glaubwürdigkeit, die« ...

»Wie, mein Herr?« fiel er mir hitzig ein, und schlug das Titelblatt auf: »Es ist ja, sehen Sie, die verbesserte Legende Pater Martin's von Cochim, vor zehn Jahren, ungefähr 1779 gedruckt! Dieses vortreffliche Buch trägt den Stempel der Wahrheit wie die Bibel; denn, sehen Sie, hier steht auch die Censur, und die Approbation der Sorbonne.«

Der Domherr freute sich wie ein Kind über mein sichtbares [36] Erstaunen. Um es zu erhöhen, war er im Begriff, mir noch ältere Schriftsteller vorzulegen, die dieses Wunders Erwähnung thun, und es als Augenzeugen bestätigen. Ich verbat es jedoch, nahm mir nur noch so viel Zeit, die Blattseite dieser merkwürdigen Stelle in meiner Schreibtafel aufzuzeichnen, um bei Gelegenheit unsern Kant damit in die Enge zu treiben. Das Buch selbst findet sich ja wohl in der königlichen Bibliothek, oder doch gewiß bei einem unserer Konsistorialen; und da ohnehin über dieses belehrende Gespräch der Mittag unvermerkt herbei gerückt war, so begnügte ich mich um so viel eher mit dieser Seelenspeise aus der Vorrathskammer des Domherrn, und empfahl mich.

Dieser für meine Kenntnisse zwar nicht gleichgültige, für mein Herz aber desto ermüdendere Besuch war indeß nur eine Kleinigkeit gegen den Verdruß, der meiner zu Hause wartete. Schon zehn höllische Stunden würge ich daran, und sehe mich jetzt um alle die metaphysischen Freuden gebracht, die ich mir für diesen Abend aufhob.

Höre nur, lieber Eduard! Ungefähr hundert Schritte, sah ich, als ich das Haus des Domherrn verließ, einen ungleich jungern und stattlichern Geistlichen, als jener war, vor mir hergehen, gab jedoch nicht eher Acht auf ihn, als bis er sich durch den Umstand nur zu bemerklich machte, daß er ganz meinen Weg nahm, sich zuweilen nach mir umsah, und gerade die genannten hundert Schritte eher eintraf, als ich; denn als ich mein Zimmer erreichte, saß er bei Klärchen schon fest.

Daß ein geistlicher Herr eine angehende Heilige besucht, ist in der Ordnung: daß er aber vom Mittag an bis in die sinkende Nacht bei ihr verweilt – die Scheidewand nicht einmal das fröhliche Geschwätz, das laute Lachen und die bedenkliche Stille, die von Zeit zu Zeit nachfolgt, von meinem lauschenden Ohre abhalten kann, und daß ich jetzt ohne Psalm schlafen gehen muß, scheint mir eine offenbare Verletzung der guten Sitten, ein verpönter Eingriff in meine Rechte auf Ruhe und Hausfrieden zu seyn, die mir nach meinem Mietkontrakte gebühren. Kurz, es ist unverantwortlich!


[37] Den 3ten Januar.


Die Ungeduld über den lärmenden Geistlichen, auf dessen Abzug aus meiner Nachbarschaft ich gestern Abends nicht länger warten mochte, brachte mich auch noch die halbe Nacht um meinen ruhigen Schlaf. Darüber verrückte sich meine ganze Lebensordnung. Ob sie diesen Morgen gesungen hat, mag Gott wissen; denn ich erwachte weit später als gewöhnlich, und hatte kaum meine Nachtmütze vom Kopfe geschleudert, als mir auch schon der Domherr seinen gestern angekündigten Gegenbesuch abstattete. Wäre ich nicht schon so ziemlich mit ihm bekannt gewesen, so würde es mich vermuthlich noch mehr, als es that, außer Fassung gesetzt haben, einen Mann im Purpur bei meinem petit Lever zu sehen; so aber hatte ich statt aller Entschuldigung nur nöthig, den Kontrast unsers Aufzuges recht hell in's Licht zu setzen, um seine Selbstzufriedenheit so lange zu beschäftigen, bis ich angekleidet und zu seinem Befehle war.

Wir schlenderten nun zusammen in die Kirche. Ich bekam einen sehr guten Platz: wenn nur das Stück besser gewesen wäre, das man aufführte! Es wurde mir eine freie Seitenloge, neben der Hauptloge des Kapitels, angewiesen. Hier stand ich in mich gekehrt, unter der beständigen Abwechselung heiliger Gebräuche, die mir jedoch zu fremd waren, als daß sie auf meine Andacht wirken konnten. Ueberhaupt war wohl von den mancherlei Vorzügen, mit denen ich mich in meinem Leben dann und wann beehrt sah, schwerlich einer so übel auf meine Verhältnisse berechnet gewesen, als die Höflichkeit, die mir der Domherr zu erzeigen glaubte. Mein Mißbehagen wuchs mit jeder Minute, und war eben in dem Augenblicke auf's höchste gestiegen, als der dienende Geistliche am Hauptaltar das Venerabile in die Höhe hob, und die ganze Versammlung mit einem Getöse zur Erde niederfiel, das meine längst verlorne Aufmerksamkeit wieder herbei zog. War ich nun gleich der Einzige, der ruhig in seiner ersten Stellung blieb, so war ich es doch nicht auf lange. Die Pseudo-Kardinäle, denjenigen nicht ausgenommen, der mich hierher verlockt hatte, winkten mir mit so ernsten, mürrischen Blicken zu, daß ich, aus Furcht vor einer Kirchenstrafe, geschwind [38] ihrer Weisung folgte, und, indem ich meine Kniee beugen wollte, aus Mangel an Uebung, mit beiden Füßen auf den harten Marmor hingleitete. Ich hätte den Schmerz für etwas Verdienstliches halten müssen, wie ein Bramine oder ein Büßender, wenn diese Erschütterung eine nur leidlich wohlthätige Wirkung auf mich hätte hervorbringen sollen: da ich keines von beiden war, folgte ich meiner natürlichen Empfindung, rieb mir die Kniee, und fluchte so lange heimlich über das Bittere und Lächerliche eines erzwungenen Gottesdienstes, bis ich, da die Versammlung sich nach geendigter Zeremonie wieder erhob, und nun Chor und Gemeinde ihren hoch tönenden Gesang anstimmten, der Gelegenheit wahrnahm, meinem innern Verdrusse Luft zu machen.


Aus Andachtsspott, (das Wort ist neu,

So alt die Sach' auch ist im päpstlichen Gebiete,)

Mischt' ich dreust ihrer Litanei

Ein deutsches Epigramm von unserm Luther bei,

Und sang: »Uns fernerhin behüte

Vor Papsts Lehr' und Abgötterei!«

Das sang ich laut im päpstlichen Gebiete,

Nach wohlbekannter Melodei.


So verrichtete ich, im Angesichte des ganzen Kapitels, und in seiner eigenen Kirche, meine Andacht nach Grundsätzen meiner Religion, und ging nach diesem Simultaneo, und ohnedem Domherrn für erwiesene Ehre zu danken, gerächt und fröhlichen Muthes meinem Mittagsmahle entgegen.

Diese gute Laune nahm zu, so bald ich mich wieder in Klärchens Nähe befand. Der Enthusiasmus für ihre übermenschliche Tugend, mit dem mich mein Freund, der Buchhändler, auf eine Weile angesteckt hatte, war zwar seit gestern Abend auf und davon: er hatte mir aber seine Stätte noch immer warm genug zurück gelassen, um eine andere Art von Gefühl, das, obgleich nicht so uneigennützig, doch darum nicht minder angenehm war, leidlich genug zu beherbergen. Doch war ich entschlossen, ihm nicht eher Raum zu geben, bis ich vorerst Herrn Fez über einige Artikel verhört hätte, die das wahre Verhältniß betrafen, worin vielleicht der geistliche Herr mit der kleinen Heiligen stehen möchte. Diese Vorkenntnisse [39] schienen mir so unentbehrlich, daß ich nach dem Essen keine Minute zauderte, sie mir zu verschaffen.

Die kleinen unschuldigen Mittel, die ich gestern gebrauchte, dem schwatzhaften Manne Vertrauen zu mir einzuflößen, thaten auch heute ihre Wirkung. Ich erfuhr auf die ungezwungenste Weise, erst den Ladenpreis dieses oder jenes, in Vergessenheit gekommenen Dichters und Prosaisten, und erfuhr, sobald mein Conto gemacht war, eben so genau den wahren Zusammenhang des Besuchs, der mir so verdächtig schien.

Daß man doch, der vielen Erfahrungen ungeachtet, sich durch den äußern Anschein noch immer so leicht zu übereilten Urtheilen verleiten läßt! Es macht der menschlichen Vernunft wirklich wenig Ehre. Herr Fez hob durch ein paar Worte, die mir viele Unruhe würden erspart haben, wenn sie mir gestern zu Ohren gekommen wären, alle die nachteiligen Zweifel, die ich gegen die Sittsamkeit meiner lieben Nachbarin gefaßt hatte. Die Sache verhält sich so: Das Haus, wo wir wohnen, gehört, wie mehrere in der Stadt – und das wußte ich ja vorher – dem Hospitale der Probstei. Nun ist der junge Geistliche seit kurzem zum Probste erwählt worden, und besucht sonach, in Gemäßheit seines Amtes, eins um das andere, um theils die Miethzinsen einzukassiren, theils für Bau und Besserung der Gebäude zu sorgen, und die Rechnungen abzunehmen, die dahin einschlagen. So mancherlei Geschäfte können ja wohl einen etwas pünktlichen Mann, der nichts gern auf den andern Tag verschiebt, bis in die Nacht aufhalten; und ich wüßte nicht, wie ich denken müßte, wenn ich noch länger nachtheilig von seinen Kabinetsarbeiten urtheilen, oder der kleinen Heiligen es aufmutzen wollte, daß sie, außer Psalmen zu singen, auch noch im Stande sei, wenn es nöthig ist, die gute Gesellschafterin zu machen, und durch Witz und Laune die trockenen Geschäfte ihres Vorgesetzten aufzuheitern. Sie gewinnt vielmehr dadurch in meiner hohen Vorstellung von ihren Verdiensten; und so wenig ich, wie Du Dich erinnern wirst, bei meinem vorgestrigen Einzuge, und so lange ich nur die alte Tante gesehn hatte, die guten Absichten des Zufalls mit meinem Individuum spitz kriegen konnte, so trefflich scheint mir [40] jetzt, seitdem ich auch die Nichte kenne, alles von ihm angelegt zu seyn, damit mein Bestreben nach Weisheit und Gesundheit mich nicht in der Länge durch zu viele Einförmigkeit ermüde und stumpf mache.

Das Mädchen ist ganz geschaffen, das Phlegma eines überladenen Gehirns durch das flüchtige Salz ihres Umgangs zu reizen, aufzulösen, und vor einer gänzlichen Vertrocknung zu bewahren. Müssen wir nicht immerfort arbeiten, lieber Eduard, den Firniß, den wir kochen, flüssig zu erhalten, wenn er seine Dienste leisten und Festigkeit und Glanz zugleich gewähren soll? Jetzt ist mir auch nicht weiter für mein Tagebuch und für Deine Unterhaltung bange. Wir sind doch beide in unsern Wanderungen noch an keine Heilige gerathen. Dieß unbebaute Feld unserer Erfahrungen blieb uns noch zu bestellen übrig; und ob ich mir gleich nicht schmeichle, bei Klärchen den Beweis eines so großen Geheimnisses auszufinden, als der war, den ihre berühmte Namensschwester den Gläubigen vererbt hat, so hoffe ich doch, ohne bis auf ihre Sektion zu warten, manche andere feine Entdeckung zu machen, die keinen geringen Reiz der Neuheit für uns haben, und die Mühe reichlich belohnen soll, die ich mir von Stund' an geben werde, der jungen Heiligen, sammt ihren Abweichungen von dem Gewöhnlichen, so nahe als möglich zu kommen.

»Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich von dem geistlichen Herrn weiß, der Sie gestern so lange in Ihren Studien störte,« fuhr Herr Fez fort, indem er dieErreurs de Voltaire und die Lettres édifiantes für mich zusammen packte. »Sollte Ihnen aber damit gedient seyn, mehr noch von diesem Manne zu wissen, und überhaupt, sollte Ihnen in unserer Stadt etwas aufstoßen, wovon Sie gern gründlich unterrichtet seyn möchten, so kann ich Ihnen einen Mann empfehlen, der in dieser Rücksicht ungleich mehr Genüge leisten kann, als ich und jeder andere. Er ist ein getaufter Jude, der Jahr aus Jahr ein nur zwei Beschäftigungen hat, denen er aber auch desto pünktlicher vorsteht. Die eine ist, das Grab der Laura zu bewachen, und es den Fremden zu zeigen; die andere, in allen Dingen der Neugier ihnen Auskunft zu geben. Vor [41] seiner Bekehrung stand er eben so pünktlich an der Ecke des Stadthauses, bot den Vorübergehenden Lotteriezettel an, und fragte sich heiser, ob sie etwas zu verschachern hätten? Aber keine Seele gab Achtung auf ihn. Sein Bart schadete ihm in allen seinen Unternehmungen. Jetzt hingegen, seit er ein Christ ist, ist es ein Wunder, wie ihm alles gelingt! Sollten Sie es glauben? aber er ist gesuchter, geschätzter und reicher als ich!«

»Das Grab der Laura?« sagte ich. »Da haben Sie mir einen rechten Gefallen gethan, lieber Herr Fez, daß Sie dieser Merkwürdigkeit erwähnten: es hätte sonst leicht kommen können, daß ich, zu meiner ewigen Schande, in mein Vaterland zurück gegangen wäre, ohne an dieß Wahrzeichen der Stadt eher zu denken, als bis mich meine Landsleute darum befragt hätten. Was hätte ich ihnen antworten wollen? Jetzt habe ich einen Beruf mehr, meinen Spaziergang dahin zu lenken, da Sie mir dort eine so nützliche Bekanntschaft versprechen. Nächstens will ich auch eine Fahrt nach Vauclüse thun, um das alte Schloß des guten Petrarch zu besuchen ... Mein Paket Bücher? – Legen Sie es nur einstweilen bei Seite! Mein Bedienter soll es abholen.«

Ich schlenderte nun durch die Gassen, die Nase immer nach der Thurmspitze gerichtet, die mir Herr Fez zum Merkmahl angab. Es währte nicht lange, so sah ich die Kirche des Cordeliers frei vor mir liegen, und auch den Konvertiten, den ich suchte, wie einen Sphinx an den einen Pfeiler der Thüre gelehnt, auf den zufälligen Tribut neugieriger Reisender lauern. Schon von weitem zog ich meinen Hut, und näherte mich ihm mit dem launigen Lächeln, mit dem ich immer die Zeile im Voltaire las, die sich mir jetzt als die natürlichste Anrede, ungesucht darbot:

»De cette église êtes vous Sacristain?« 12

Ich wollte, Du hättest den feinen Gesichtszug gesehen, der jetzt in seine Physiognomie trat und mir mehr, als sein einsylbiges Ja! bewies, wie gut er meine Frage verstanden habe.

Um uns beide nicht unnöthig aufzuhalten, schielte ich nur von [42] fern nach dem einfachen Steine, dessen Lage er mir zeigte, und sich nun anschickte, mich seine tägliche Predigt darüber hören zu lassen. Ich ließ es nicht dazu, kommen – »Es ist hinlänglich,« sagte ich, und wies mit zwei Laubthalern, die ich ihm in demselben Augenblick in die Hand drückte, seine drohende Beredsamkeit glücklich von mir. Dieß stiftete in der Geschwindigkeit eine gewisse Sympathie unter uns, von der ich mir in der Folge manches Gute verspreche. »Ihre zuvorkommende Art, mein Herr,« sagte er lächelnd, »mit der Sie Sich dieser heiligen Grabstätte nähern, läßt mich ungefähr vermuthen, wie begierig Sie seyn mögen, die Geschichte meiner Pflegbefohlnen zu hören. Es ist schwer von ihr zu schweigen – doch thue ich es, da Sie mir es so eindringend befehlen.«

»Sie haben mich in der That errathen,« antwortete ich: »aber, wie Schade, daß ein Mann von so feinem Takt nur die Asche eines hübschen Weibes bewachen soll! Dieses Geschäft, mein Herr, ist doch so eingeschränkt, so traurig, und enthält so wenig Belohnendes für einen denkenden Geist!«

»Im Ganzen, mein Herr,« versetzte der Kirchner, »mögen Sie wohl Recht haben; doch sollten Sie, däucht mich, einen Wächter an dem Grabe einer Laura davon ausnehmen. Nicht das schöne Weib, das hier begraben liegt, und das, als sie noch ganz beisammen war, neben ihrem Gemahle auch noch das Herz eines andern entflammte, – nicht diese gewöhnlichen Vorfälle machen ihre Gruft merkwürdig, und veredeln die Sorge dessen, der sie bewacht – sondern der reine Geist ist es, der nach Jahrhunderten noch, gleich einem Phönix, über ihrer Asche zu schweben scheint, der einem fühlenden Herzen dieses sonst unbedeutende Aemtchen so werth macht; der Geist der Liebe ist es, ihres unsterblichen Dichters.«

Er sprach das unsterblich so pathetisch aus, wie ein Professor. Ich verzog den Mund nur ein wenig, und dennoch verstand mich der Schlaue, als ob er mir in das Herz geblickt hätte, und antwortete mir nach meiner Miene: »Wenn Sie, mein Herr, Laurens berühmten Liebhaber nur als einen gesunden jungen Mann von gewöhnlichem Schlage betrachten, so verdenke ich Ihnen nicht, daß Sie seiner Unsterblichkeit ein wenig spotten. Ein solcher thut [43] freilich für eine einzige schwelgende Nacht bei seiner Geliebten gern auf allen Plunder des Nachruhms Verzicht. Aber Petrarch, mein Herr, kalkulirte ins Große. Seine weit sehende Seele zog die Sättigung einer fortdauernden Gemeinde seinem luxuriösen Hunger vor, und ohne selbst, wie ein Hochzeitbitter, an dem Gastmahle Platz zu nehmen, zu dem seine süßen Worte tausend andere einladen, sparte er das Feuer der Liebe, statt es auf die gewöhnliche Art zu verschnaufen, nur zum Stoffe seiner ewigen Gesänge. So gewiß er auch war, daß sie bei Lauren für ihn ohne Wirkung blieben, zählte er in dichterischem Enthusiasmus alle die Seufzer, die er nach Jahrhunderten noch erregen, alle die Herzen, die er erwärmen und öffnen, und alle die Schwierigkeiten, die er unter Liebenden vermitteln würde, und tröstete sich auf seinem einsamen Lager, mit dem traulichen Geflüster, das er auf tausend andern hervorzurufen gewiß war. Könnten Sie ihn wegen dieses umfassenden Gefühls bedauern? O, gewiß nicht! Denn welcher Großdenkende wird nicht gern sein einzelnes Leben daran setzen, wenn er hoffen darf, dadurch ein allgemeines Wohlbehagen zu befördern, auf unzählige Geschlechter Freude und Genuß zu verbreiten; – wenn er hoffen darf, daß eine Schaar empfindsamer Geschöpfe sich das Verdienst seiner Leiden zurechnen, und den Lohn ernten werde, dem er gutmüthig entsagte! Dieser stolze Gedanke, ist er nicht der letzte Trost aller der heiligen Märtyrer gewesen, die zum Vortheile des Ganzen freiwillig ihr eignes Glück opferten?«

Bei diesen Worten sah mir der Redner scharf in die Augen, und wäre ich nicht von seinem Uebertritte zum christlichen Glauben, unterrichtet gewesen, wer weiß, ob ich nicht seine schöne Tirade für eine strafbare Ironie aufgenommen hätte, auf die ich, oder D. Leß hätten antworten müssen! So aber wußte ich nicht, was ich davon denken sollte – lüftete meinen Hut und seufzte, und der Redner fuhr fort: »Sie nannten vorhin meinen Wirkungskreis traurig und eingeschränkt – Wie leicht wollte ich Sie eines bessern überzeugen, müßte ich nicht« ... und er hielt inne – doch besann er sich bald – »Habe ich nicht,« sagte er nach einer kleinen Pause, »einen höflichen Fremden, einen Mann von Ehre vor mir, der [44] mein Zutrauen nicht mißbrauchen wird? Das ist mir genug. Sie wissen, daß ich von der geistlichen Obrigkeit, nach vor her gegangenem scharfen Examen, eingesetzt bin, dieses Grab zu bewachen, und jedem der es verlangt, eine und eben dieselbe veraltete Liebesgeschichte zu erklären. Ein armseliges Geschäft dem ersten Ansehn nach! Aber auch das armseligste kann, unter der Behandlung eines thätigen und nachdenkenden Mannes, wichtig für seine Zeitgenossen, wichtig sogar für die Nachwelt werden. Freilich würde ich ohne Kenntniß des menschlichen Herzens, in dem beschränkten Zirkel, den man mir anwies, nicht weit gekommen seyn – aber wo kommt man auch weit ohne sie? Ich begnügte mich nicht, meine mir aufgelegten beschwornen Pflichten so schlechtweg zu erfüllen. Nein, mein Herr! ich besah sie, sobald sie mir erst Brod geschafft hatten, auf allen Seiten, und studierte sie aufmerksam, in der Absicht sie mit der Zeit zu veredeln. Ich erlangte bald eine gewisse Fertigkeit in meinem Vortrage, den keiner meiner Vorgänger in dieser Vollkommenheit besessen hat, sogar daß ich die hundert und acht Sonette, die Petrarch seiner Geliebten sang, mit aller der Zärtlichkeit wiedergeben kann, die er hinein legte. Dieses Talent, mein Herr, so wenig es auch gemein ist, würde jedoch nur ein vorübergehendes Vergnügen gewähren, wenn ich es nicht zum Besten des gemeinen Wesens, das doch immer der vorzüglichste Augenmerk jedes guten Bürgers seyn muß, anzuwenden gelernt hätte. Die Asche der Laura ist, mit aller Ehrfurcht für das, was sie sonst war – doch jetzt nur einCaput mortuum. Ihr Grabmahl ist unscheinbar und unbedeutend, und es wird darum um nichts ehrwürdiger, weil es einmal ein König 13 besuchte, es öffnen ließ, und seine schlechten Verse hinein legte. Aber seit es unter meiner Aufsicht steht, ist es der feinste Probierstein des Tugendgehalts meiner Mitbürgerinnen geworden.«

»In der That, mein Herr,« fiel ich ihm lächelnd ein, »ist das kein kleines Verdienst um den Staat – Aber in aller Welt, durch was haben Sie diesem gemeinen Sandstein eine so magische Kraft zu geben gewußt?«

[45] »Wenn Sie mir zuhören wollen, ohne mich weiter zu unterbrechen,« versetzte er, »so sollen Sie den ganzen Prozeß – von den Grundsätzen an, von denen ich ausging, bis zu den Resultaten erfahren, die er mir täglich abwirft.«

»Weibliche Unschuld, wie man es im gemeinen Leben so nennt,« fuhr er fort, indem er dabei, vermutlich aus alter Gewohnheit, an sein spitziges Kinn griff, »ist den Goldstücken gleich, die unter einerlei Stempel im Umlaufe sind: eins glänzt so gut als das andere, und trägt im Kommerz den Werth, den ihm der Wechselkours und der gute Glaube beilegt.« – O, über den Juden! dachte ich – »Aber wie rein, wie frei von fremdem Zusatze jedes sehn mag, kann doch selbst der Scheidekünstler nicht eher wissen, als bis er es auf die Kapelle gebracht hat. Nun kann ich aber, kraft meines Amtes, jedem, dem hiebe: um besondere Sicherheit zu thun ist, diesen um deßwillen mißlichen Prozeß, weil er meistentheils eine gewisse Destruktion voraussetzt, Rundung und Prägerlohn immer dabei verloren geht, um vieles erleichtern. Und wäre einer noch so mißtrauisch, ohne Bedenken kann er doch nach dem pretiösen Stücke greifen, das er im Auge hat, ohne zu befürchten, daß es in seinem Umlaufe aufgesotten, beschnitten, oder vermischt ist, sobald ich ihm dafür Gewähr leiste.«

»Der bessern Deutlichkeit wegen,« unterbrach ich hier den seltenen Währmann, »wünschte ich wohl, daß Sie die Vergleichungen bei Seite setzten, und mit mir ohne Allegorie sprechen wollten.«

»Ohne Allegorie?« wiederholte er. »Das, mein Herr, ist bei dem Thema, das ich abhandle, wirklich nicht so leicht, als Sie wohl denken. Doch ich will mein Möglichstes thun! Ich stand nicht lange auf meinem Posten, als ich schon wahrnahm, daß kein weibliches Herz (da falle ich doch wieder in die Allegorie, aber ich kann mir nicht helfen) zu fühlen anfing, das nicht den Antritt seiner Wallfahrten bei dem heiligen Grabe der Laura eröffnet hätte. Durch wiederholte Erfahrungen brachte ich meine Bemerkungen zur Gewißheit und endlich in ein förmliches System. Wenn ich jetzt ein neues Gesichtchen von vierzehn, funfzehn Jahren in mein Heiligthum treten sehe, so weiß ich ziemlich genau anzugeben, was [46] für dunkle Träume ihm die Nacht vorher vorgeschwebt haben. Die armen Unbefangenen! Sie horchen auf die Geschichte der selig Verstorbenen mit einem Nachdenken, das wirklich recht rührend ist. Mit welchem Heißhunger eignen sie sich nicht die harmonischen Weissagungen und Aufforderungen zu, die ich ihnen, nach Befinden ihrer Bedürfnisse, aus dem Magazine meines Petrarch zu Gute gebe! Jede glaubt ihre Empfindungen flott werden zu sehen, und die geheime Geschichte ihres Gefühls zu hören. So lange nun, mein Herr, dieses Spiel ihrer Einbildungskraft dauert, so lange die junge Schöne ihren Besuch bei Lauren und mir fortsetzt, und der Herzensergießungen des ehrlichen Petrarch an seine Geliebte nicht satt werden kann, stehe ich auch mit Leib und Seele für ihre – Unschuld. Aber, aber, mein Herr, wenn ihre Morgenbesuche anfangen seltener zu werden – wenn sie gar aufhören – alsdann,« setzte der schlaue Kirchner leiser hinzu, »weiß ich auch eben so gewiß, was die Glocke geschlagen hat. Sie begreifen nun doch, wie einzig in ihrer Art eine solche Kenntniß ist, und wie wohl die jungen Herren thun, die zum Ehe-Sakramente schreiten wollen, daß, ehe sie sich mit ihrer Angelegenheit an den Bischof wenden, sie zuvor ein geheimes Gutachten bei dem Kirchner einholen? Vielleicht ist bei keinem andern öffentlichen Amte das Nützliche mit dem Angenehmen so fest verbunden, als bei dem meinigen. Da es mich nöthiget, wie eine Bildsäule, auf Einem Flecke stehen zu bleiben – da jedermann gewiß ist, daß ich ihm Stand halten muß; so müssen schon deßwegen eine Menge Geschäfte an mich gelangen, die keinen Allfschub vertragen; und das sind unstreitig immer die interessantesten. So bin ich nach und nach, ohne Bemühung auf meiner Seite, von den geheimsten Anliegen der hiesigen Einwohner unterrichtet worden – wirke jetzt auf den Sohn, wie ich auf den Vater – auf die Tochter, wie ich auf die Mutter gewirkt habe – sehe mich, wie die Orakel der Alten, in den Stand gesetzt, das allgemeine Zutrauen der Familien zum Vortheile ihrer einzelnen Glieder zu nutzen – wie ein heimliches Gericht, hier zu belohnen, dort zu bestrafen, manchen traulichen Wunsch des einen mit der Erwartung des andern auszugleichen, und sonach, ganz in der [47] Stille, wie es einem Weisen geziemt, auf Welt und Nachwelt zu wirken. – Aber, mein werthester Herr, was ist Ihnen? Siestehen ja in gar tiefen Gedanken!«

»Halten Sie mir meine Zerstreuung zu Gute, lieber Herr Kirchner,« versetzte ich; »aber eben ging mir eine sehr neugierige und zudringliche Frage durch den Kopf, die ich« ...

»Nicht das Herz habe mir vorzulegen?« faßte er selbst höflich meinen Gebauten auf: »O, machen Sie mit mir keine Umstände! – Ich bin an allerlei Fragen gewöhnt, und selten verlegen, darauf zu antworten.«

»Nun so sagen Sie mir aufrichtig,« fuhr ich fort, »setzt denn wohl die schöne Klara, die dort oben in der Stiftsgasse bei einer alten Tante wohnt, ihre jugendlichen Wallfahrten bei diesem heiligen Grabe fort, oder ist sie auch schon über Ihre petrarchischen Vorbereitungen hinaus, mit denen Sie der hiesigen Jugend zu Hülfe kommen?«

»Welch eine Verbindung von Ideen!« rief der Kirchner mit sichtbarer Verwunderung. »Wie in aller Welt kommen Sie doch von meiner Mädchenprobe auf das zerknirschte Herz dieser Heiligen?« –

»Das geht doch sehr natürlich zu,« antwortete ich. »Schon drei Tage wohne ich neben ihrer Kammer, höre sie täglich einen oder ein paar Psalmen mit einer Engelsstimme singen, kann keinen Blick auf sie werfen, wenn sie in die Messe geht, ohne durch und durch erschüttert zu werden, und« ...

»Und so wird es freilich begreiflich,« half mir der gute Kirchner wieder ein, »warum Sie einen so warmen Antheil an ihren Wallfahrten nehmen. In ganz Avignon hätten Sie für Ihre Ruhe Sich in keine gefährlichere Nachbarschaft einmiethen können; so viel kann ich Ihnen vertrauen.«

»Und meine Frage?« rief ich mit Ungeduld ...

»Ist sehr verfänglich,« fiel er mir in die Rede: »Aber Sie verdienen,« – hier rasselte er mit meinen zwei Laubthalern – »daß ich sie ohne Zurückhaltung beantworte. Es mögen ungefähr zwei Jahre her seyn, als sie mir, mit den schüchternen und verschämten[48] Blicken eines dreizehnjährigen Mädchens, zum erstenmale unter die Augen trat. So lange ich meinem Amte vorstehe, sah ich noch auf keinem Gesichte den Uebergang der ruhigen Einfalt in die glückliche Zeit der Erwartuug sanfter bezeichnet, sah das letzte Verathmen der Kindheit nie in einer sittsamern Bewegung – Ich hätte der jungen Brust helfen mögen, sich auszudehnen! Ich that, was ich konnte, und wurde für die einschmeichelnde Erzählung meiner alten Geschichte durch immer lebhaftere Blicke ihrer feurigen Augen nur zu sehr belohnt; denn ich stotterte mehrmalen, was mir sonst nicht widerfährt, und fühlte, daß ich noch roth werden konnte. Wie bedauerte sie nicht den armen Petrarch, und was für Geschmack fand ihre harmonische Seele nicht an seinen herrlichen Sonetten! Sie hat sie so oft, unter klopfendem Herzen und mit feuchten Augen, angehört, daß ich nicht zweifle, sie weiß sie nun so auswendig als ich. Seit einiger Zeit hat sie sich jedoch ganz auf die sublime Seite der Andacht gewendet, auf der sie, wie es scheint, einzig ihr Glück zu machen gedenkt: nicht, als ob sie nicht dann und wann noch diese heilige Grabstätte besuchte; nur geschieht es seitdem nie anders, als unter Begleitung ihres zeitigen Gewissensraths, deren sie drei – einen nach dem andern versteht sich – vorher gehabt hat, ehe das Glück ihr unsern Herrn Propst zuführte, der seine meiste Zeit auf die Seelsorge dieses ausgezeichneten Mädchens zu wenden – und mit dem auch sie vollkommen zufrieden zu seyn scheint.«

Das Blut stieg mir ins Gesicht – »Kennen Sie,« – fragte ich stotternd, »diesen Mann genau?«

»Ob ich ihn kenne?« fiel mir der Kirchner so hitzig ein, als ob ihn meine Frage verdröße. »Ein Steinfremder, dächte ich, dürfte ihn nur einmal über die Straße gehen sehen, um ihn ganz zu kennen. Die Männer grüßen ihn demüthig wie einen Apostel, und die Weiber, die flüchtigsten Mädchen sogar bleiben stehen, wenn er vorüber geht, heben die Augen gen Himmel, und drücken seine segnende Hand an ihren schwellenden Busen. Seitdem dieser brave Herr das Amt der Schlüssel trägt, hat er« ...

»Ohne Unterbrechung, lieber Herr Kirchner,« fiel ich dem enthusiastischen [49] Lobredner ein, »was für ein Amt bezeichnen Sie unter dieser sonderbaren Benennung?«

Der gute Mann schien Mitleiden mit meiner Unwissenheit zu tragen, die wirklich auch in allem, was zur Kirchenverfassung gehört, über die Maßen seicht ist; und um mir die Sache recht anschaulich zu ma chen, zählte er mir alle die Schlüssel an den Fingern her, die der junge Mann, durch seine Beförderung zum Propst, in seine geistliche Gewalt bekommen hatte. – »Er löst,« sagte der Kirchner mit anständigem Ernst –


»Er löst die Bande der Natur,

Und schiebt ihr Riegel vor –

Von der verborgenen Clausur,

Bis zu dem offnen Thor;

Hat seinen Gang, nach eigner Wahl,

Zu allen Schlössern frei,

Vom Kirchthurm, zu dem Speisesaal,

Bis zu der Kellerei.«


»Sie begreifen doch nun,« fuhr der Kirchner mit uuveränderten Gesichtszügen fort, »in welcher wahren Pastoral-Glückseligkeit dieser würdige Mann auf die Zukunft des Herrn wartet? Ich kenne von den vielen Freuden eines guten Hirten in der That nur Eine, die ihm noch zur Zeit abgeht, ihm jedoch gewiß« ...

Hier hielt er auf einmal inne, als ob er Bedenken fände, sich weiter heraus zu lassen, spannte aber dadurch, wie Du denken kannst, meine Neugier nur desto höher; und da seine Pause dießmal länger anhielt, als ich an ihm gewohnt war, so ergriff ich traulich seine Hand, und: »Ich verstehe Sie nicht, theuerster Freund,« sagte ich so freundlich, als ich nur konnte. »Bei allen den Schlüsseln, die Ihrem Propste zu Gebote stehen, was für eine Freude könnte ihm mangeln?«

»Nur die,« fuhr jetzt der Kirchner durch meine Herablassung gewonnen, jedoch mit gedämpfter Stimme fort, »daß er kein verirrtes Schaf zu seiner Herde zurück kehren sieht, weil, zu seinem Lobe sei es gesagt, bei der guten Art, mit der er sie weidet, ihm noch keins verloren ging.«

[50] Nach diesen geheimnißvollen Worten verfiel der liebe Mann aufs neue in eine so ministerielle Miene, als ob er mir nicht geradezu sagen wolle, er habe nun, wie es ihm dünke, seine zwei Laubthaler ehrlich und redlich verdient. Sie schreckte mich ab, weiter in ihn zu dringen; und, so viel es mir auch kostete, schickte ich mich an, ihn zu verlassen.

Er begleitete mich stillschweigend bis an die Thür; hier aber gab er mir noch einen kleinen Nachtrag zu dem Panegyrikus, dessen ich schon lange satt hatte, mit auf den Weg. – »Hoffentlich,« sagte er, »gehen Sie nun ganz überzeugt von den Verdiensten unsers würdigen Propstes von mir! ja, ich schmeichle mir sogar, daß Sie mit dem guten Entschlusse von mir gehen, die Summe seiner Freuden zu vermehren, wenn Sie Gelegenheit finden. – Unterdeß leben Sie wohl!« –

»Eine schöne Zumuthungl« murmelte ich vor mir hin. »Der Kerl ist der erste Rasende, den ich für sei nen Vorgesetzten betteln höre.« Meine Laubthaler fingen an mich zu reuen. Ich schlich wie belastet nach Hause. Das Bild des Propstes, von dem ich hier eine viel vorteilhaftere Zeichnung erkauft hatte als ich erwartete, sein ausgebreiteter guter Ruf, sein beneidungswerthes Amt, sein Wirkungskreis, seine Thätigkeit, alles vereinigte sich, um mich zu demüthigen. Ich warf mich höchst mißmüthig auf meinen Stuhl, saß lange vertieft in schwermüthige Gedanken, und fühlte, wie drückend die Verdienste anderer sind, wenn man keinen Muth hat, sie nachzuahmen. »Daß doch,« rief ich mit Bitterkeit, »mir ein Mann in die Nähe kommen – die Stille meines Museums – und die hohen Gedanken, die mir über der Seele schwebten – verscheuchen mußte, der zu jedem geistlichen Geschäfte – wenn nicht etwa auch das Graben in den Pontinischen Sümpfen darunter gehört, verdorben ist – ein Mann, der sich im Besitze aller menschlichen Freuden schaukelt, während ich einen Stein nach dem andern einzeln zusammen lese, um den Bau eines idealischen Glücks aufzuführen – und daß – ach! ein Engel wie Klara, sich von ihrer Höhe herab lassen muß, um ihn durch ihre Scherze, ihr harmonisches Lachen, und durch ihr melodisches Organ in die Entzückungen [51] des Paradieses zu versetzen – und das alles bloß deßwegen, weil er Propst ist!«

Ach! der Neid, lieber Eduard, ist doch ein dummes, häßliches Laster, mit Sophismen und Uebertreibungen überladen, und aus Giften zusammen gesetzt, die wir, wie Rasende, verschlucken, so gewiß wir auch sind, daß sie Grimmen in unsern Eingeweiden erregen werden. Dieß Gefühl ward mir bald so unerträglich, daß ich den schnellen Entschluß faßte, es abzuschütteln.

Das erste Hülfsmittel, nach dem ich griff, war die Klingelschnur. Bastian, dachte ich, soll dir die überlästige Einsamkeit verscheuchen, und deiner ärgerlichen Unterredung mit dir selbst durch die Dazwischenkunft seines muntern Geschwätzes ein Ende machen. »Wie steht es, Freund,« rief ich ihm entgegen, als er herein trat: »weißt Du mir nichts von meinen Hausgenossen zu erzählen?«

»O! sehr viel,« antwortete er mir mit einer selbstgefällige!! Miene: »ich habe in Ihrer Abwesenheit das Glück gehabt, sie beide zu sprechen. Die Alte, mein Herr, hat einen Anschlag auf Sie!«

»Auf mich?« fuhr ich auf: »das verzeihe ihr Gott!« –

»Ja, mein Herr,« erwiederte Bastian: »aber er ist nicht böse gemeint, und ich wünschte selbst ... doch lassen Sie Sich nur erst den ganzen Vorfall erzählen. Ist es Ihnen nicht schon aufgefallen, wie ich Ihre Entfernung genützt, wie ich Ihre Zimmer gekehrt, und Ihre Möbeln gesäubert habe? Nun war ich eben daran, der Figur unterm Spiegel den Staub abzublasen, als die Damen aus der Kirche zurück kamen, und mich in dieser Beschäftigung auf dem Vorsaale antrafen. Die alte Tante trat zuerst zu mir. – Nehme Er Sich in Acht, mein Freund, sagte sie mir, daß Er ja über dem Putzen dem schlafenden Engel nicht schade! – Und, mein guter Freund, sagte die Nichte, die auch herzu trat: Sein Blasen wird Ihm wenig helfen – der Staub sitzt zu fest – Warte Er! ich hole Ihm etwas Baumwolle, damit wird es eher gehen. – Sie trippelte in ihr Zimmer, kam bald zurück; da sie mich aber mit ihrer Tante im Gespräche sah, nahm sie mir die Figur ab – und es währte keine zehn Minuten, so ward der Engel unter ihren Händen wieder wie neu.«

[52] »Wie?« unterbrach ich den weitläuftigen Burschen: »Klärchen hat ihn mit eigenen Händen geputzt? Da muß ich doch ...«

Ich sehe es nun zum voraus, Eduard, es wird Dir sehr geringfügig vorkommen, wenn ich Dir jetzt erzähle, wie ich bei diesen Worten aufsprang, und mich bedächtig und langsam über den schlafenden Amor bog, um zu sehen, wie glänzend er aus Klärchens Händen gekommen sei. Du hast aber Unrecht! Nichts ist dem Beobachter geringfügig, wenn es darauf ankommt, Charakter zu schildern. Die unmerklichsten Züge, die der große Haufe übersieht, können dem Seelenmaler von Bedeutung werden, und durch eine glückliche Übertragung auf die Leinewand seinem Gemälde vielleicht alle die Physiognomie geben, nach der gemeine Pinsler vergebens herum stören. Rubens hatte ein lachendes Kind gemalt – Er that einen einzigen Pinselstrich – und siehe! es weinte zum Erstaunen der Umstehenden.

Gesetzt also, daß mein Hinblick auf den gereinigten Amor mir zu einer Bemerkung verholfen hätte, die der Aufbehaltung werth sei, die es verdiente, einst ihren Platz in Klärchens Legende zu finden; würdest Du nicht gezwungen seyn, das Auge zu bewundern, das nie vergebens auf seine Entdeckungen ausgeht – dem Scharfsinne des Mannes zu huldigen, der auch in Sonnenstäubchen Farben bemerkt, die sich zu seinen psychologischen Schattirungen benutzen lassen; und würde Dir nicht die Sicherheit seiner Hand gefallen, die mit so kleinen Mitteln die Wirkung eines Rubens hervorbrächte?

Hätte mir Bastian auch nicht gesagt, daß Klärchen den Engel gesäubert habe, es wäre doch für mich entschieden gewesen, daß es nur eine jungfräuliche Hand seyn könne, die es that. Sie hatte die Figur im Ganzen zwar funkelnd und weiß wieder hergestellt, bis auf eine Kleinigkeit, die, da sie unmöglich zu übersehen war, ihr also wohl so erstaunlich befremdend gewesen seyn mußte, daß sie ihre Baumwolle darüber verlor. Dieß, schloß ich weiter, würde ihr nicht geschehen seyn, wenn sie mehr bewandert in der Mythologie, weniger fremd in der Naturgeschichte, und nicht so schreckhaft wäre, wie ein kleines Kind, das bei allem, was ihm ungewohntes [53] aufstößt, große Augen macht und davon läuft. Ich schloß ferner, und, wie ich glaube, sehr richtig, daß, da sie die Figur so gar wenig kannte, sich wohl noch kein Miethmann rühmen könne, daß ihn die schöne Nachbarin auf der Stube besucht habe, in welcher der Engel schläft. Und ich schloß endlich, daß, bei allen ihren petrarchischen Vorbereitungen und ihrem Umgange mit drei geistlichen Vätern, ihre Kenntnisse doch zum Erstaunen beschränkt, und von einer so ruhigen Einfalt seyn müßten, als sie wohl noch nie auch der strengste Richter von einer Heiligen verlangt oder erwartet hat. Das alles, Freund, schloß ich aus dem Staube, der, höchstens in der Länge eines Zolls, an dem schlafenden Engel zurück blieb.

Ob man von dem Gesichtspunkte, den ich in's Auge gefaßt hatte, allemal ausgehen müsse, um über den Werth oder Unwerth eines räthselhaften Mädchens zu urtheilen, will ich nicht entscheiden: so viel ist aber gewiß, daß Klärchen durch den Mangel ihrer Kenntnisse, und durch das augenscheinlich erste Schrecken ihrer Hand, unendlich in meiner Vorstellung gewann. Auch die einzelnen Züge, die ich vorher schon von ihr aufgefaßt hatte, wurden durch diesen noch hervortretender, und trugen das ihrige bei, mich mit mir selbst über die Ehrfurcht zu vereinigen, die ich einer so frisch erhaltenen Tugend schuldig bin. Ach! wenn es wahr ist, daß es Heilige giebt – und wie könnte ich jetzt daran zweifeln? – so verdient Klärchen wohl diesen Titel vor allen ihres Geschlechts: Sie, die schon als Kind nur in den Kramläden der Klöster ihre Spielwerke suchte, und immerfort, wie es die Figur zeigt, unbekannt mit denen blieb, die für ihr Alter gehören; Sie, deren Stimme noch unverdorben blieb, ob sie gleich so oft mit ihren Beichtvätern gewechselt hat, wie ich mit meinen Spazier-Schuhen, das heißt, bis ich ein Paar gefunden habe, das mir recht sitzt.

Was hat mir nicht alles Herr Fez von ihren kleinen Spekulationen erzählt, die mir nach und nach wieder beifallen werden! Eins nur davon: Ihr erster Vertrag mit der Maria – ist er nicht eben so fein ausgedacht, als er fromm ist? Ich frage Dich selbst, Eduard, welche Schöne würde bei dem Uebergange in die Zeit ihrer [54] Rosen so viele Besonnenheit behalten, als dieses unschuldige Kind? so daß es sie alle, wie sie unter seiner Hand aufschießen, mit der minorennen Angst, es möchte die ganze Stadt ihren Reichthum erfahren, und mit der Sorge in Empfang nimmt, was es damit anfangen, und wer sie bewachen solle? und bei der Unerfahrenheit, welche wohl dem Verwelken, welche der Beraubung am nächsten sei? einzeln erst diese – dann jene, und endlich den ganzen Strauß – der Mutter in den Schooß legt. Es liegt ein System von Unschuld in diesen kindischen Begriffen, daß ich den Kurzsichtigen bedauern würde, der keinen Zusammenhang darin fände. Er muß nie ein unbefangenes Herz unter Augen gehabt – nie eine Klara gekannt, oder gar das Unglück haben, an keine weibliche Tugendzu glauben.

Für eine solche Heldin ihres Geschlechts, als ich Dir jetzt gemalt habe, Eduard, könnte ich selbst meine Stimme zu den Beiträgen ihres verarmten Vaterlands geben, um ihre Seligsprechung zu befördern; um so mehr, da eine so billige Steuer schwerlich öfter als Einmal in einem Jahrhunderte vorfallen dürfte. – Und gegen dieß herrliche Geschöpf konnte ich auf Augenblicke verblendet genug seyn niedrige Absichten zu hegen?

»Fahre nun fort, Bastian,« rief ich aus einer Art von Bedürfnis;, eine andere Stimme zu hören als die meinige; denn ich hatte mir nichts Höfliches zu sagen. – »Sie suchte mich auszuforschen,« fuhr der Erzähler fort – »Wer denn?« unterbrach ich ihn. – »Sie sind zerstreut, mein Herr,« antwortete Bastian: »Sie haben verhört, oder vergessen, was ich Ihnen eben in diesem Augenblicke erzählte. Die alte Tante war es, die mich über den Besuch ausforschen wollte, den Ihnen diesen Morgen der Herr im Purpur abstattete. Diese vornehme Bekanntschaft mochte in ihren einfältigen Augen wohl einen gewaltigen Glanz auf Sie werfen, mein Herr. Ich wußte nun freilich selbst nicht viel davon; aber was thut das? Man muß niemanden seine gute Meinung von andern benehmen, am wenigsten ein treuer Bedienter, wenn es das Ansehn seines Herrn betrifft: so muß man im gemeinen Leben denken, wie man in der Religion thut. Auch suchte ich es so sehr [55] aufzustutzen, als ich konnte, und so erzählte ich am Ende mehr Rühmliches von Ihnen, mein Herr, als mir selbst bekannt war. Was wollen Sie sagen, Madam? antwortete ich: das ist nicht der erste Purpurmantel, den mein Herr vor seinem Bette sieht. Von einem Erzbischof, von einem Prälaten an den andern empfohlen, wird er von allen wie ein Freund vom Hause empfangen. Es ist ein Spaß mit so einem Herrn auf Reisen zu seyn; denn wo wir nur hinkommen, fliegen uns die vornehmen Geistlichen wie die Spatzen ins Haus. – Sollte nicht etwa Sein guter Herr, muthmaßte dabei die Alte, gar die fromme Absicht haben, zu unserer einzig selig machenden Religion überzugehen? – Kann wohl seyn, erwiederte ich, und ich wünsche es von Herzen; denn seine jetzige mag so gut seyn wie sie will, so sieht man doch wohl, wie blaß und mager er dabei geworden ist. – Das dünkt mich auch, fiel mir hier Mamsell Klara ins Wort: er dauert mich, wenn ich ihn ansehe. – Laßt es gut seyn, Kinder! war zuletzt der Ausspruch der Tante. Ich müßte mich sehr irren, wenn es bei einem Manne, der solche Anzeigen giebt, der so weit her kommt, um unsere Klerisei aufzusuchen, der einen so verständigen Menschen von unserm Glauben, sagte die Tante, in seinen Diensten hat, und der seine Wohnung bei uns nahm, es müßte sonderbar zugehen, wenn es bei dem nicht zum Durchbruche kommen sollte. – Hier schwieg sie, und da ich an ihren Lippen und Zeichen sah, daß sie ein Paternoster für Sie betete, so that ich ein Gleiches; auch Klärchen setzte den Engel bei Seite, schlug ihre Augen in die Höhe, und knötelte an ihrem Rosenkranze, und es war einige Minuten ganz still auf dem Vorsaale.« –

»Ist das der Anschlag, den die Alte auf mich hat?« fragte ich meinen Bastian lächelnd. »Nun der mag noch hingehen – aber nur weiter!« –

»Ach! mit welchem Seelenvergnügen,« fuhr er jetzt noch lebhafter fort, »haben Tante und Nichte die Andacht nicht heute Morgens bemerkt, mit der Sie, mein Herr, als ob Sie schon zum Kapitel gehörten, dem heiligen Hochamte beiwohnten!« –

»Was sagst Du?« fuhr ich auf: »Klärchen war in der Kirche, und ich habe es nicht geahndet?«

[56] »Und doch« – erwiederte Bastian, »stand sie gar nicht weit von Ihrer Loge. Als Hausgenosse, hatte ich mich neben sie gestellt; aber Sie waren so vertieft in Ihrer eigenen Andacht, daß Sie die unsere gar nicht gewahr wurden. Ich wünschte, Sie hätten das liebe Kind beten gesehen! Sie erbaute den ganzen Zirkel, der um sie her kniete, und ich bin versichert, es wurden ihr aus allen Ecken und Enden mehr Blicke, mehr Seufzer zugeschickt, als der heiligen Genoveva selbst.« –

»Hole mir eine Flasche oeil de perdrix, Bastian!« unterbrach ich hier den Schwätzer. »Thue Dir auch selbst für Deine heutige leibliche und geistliche Anstrengung etwas zu gute. – Hier hast Du einen kleinen Thaler dazu: aber um meine Bekehrung bekümmere Dich weiter nur nicht! Hörst Du?«

Bastian machte eine erbärmliche Miene, steckte sein Trinkgeld ein, und ging. Der gute Narr! Könnte ich in seine Munterkeit, n seine fröhliche Laune, in seine blühende Gesichtsfarbe und in seine Jugendkräfte so leicht übertreten als in seine Religion! –! Von so einem Umtausche ließe sich schon eher sprechen. Er kam bald wieder zurück, setzte mir den Wein stillschweigend auf den Tisch, und entfernte sich mit einem so bedeutenden Blicke, als wollte er mir sagen: Brauchen Sie nur dieses Mittel! es ist das wirksamste zu Ihrer Bekehrung. Nun, das wollen wir sehen, dachte ich, zog den Pfropf aus meiner Bouteille, und warf ihn wider die Wand.


Abends eilf Uhr.


Ich habe in meinem Tagebuche eine Lücke von sechs wichtigen Stunden auszufüllen. Ich möchte sie auch nicht bis zu dem andern Tage verschieben, selbst nicht wenn ich bis zu seinem Anbruche fortschreiben sollte. Nur bitte ich Dich, Eduard, gieb genauer Acht, als gewöhnlich; denn ich bin im Begriffe, Dir einen neuen Beweis von der ungleichen, schwankenden und materiellen Zusammensetzung meiner Seele zu geben, der vollständiger ist, als alle vorhergehende. Ich selbst, da ich ihn niederschreibe, möchte beinahe glauben, daß ich, seit der vorigen Blattseite, um zehn Jahre zurück getreten [57] sei; so ausschweifend muß ich mich, wenn ich der Wahrheit treu bleiben will, auf dieser hier schildern. Welch ein unbegreifliches Wesen, das in mir wirkt! Ich hoffe für das Glück der Welt, daß die Form davon, wie bei Rousseau's Seele, zerbrochen seyn soll, und daß meine einzelne Anomalie in dem Universo nicht so gar viel zu bedeuten habe. – Doch wozu diese Vorrede? Sie ist nach der Zeitordnung, die ich doch gern beobachte, viel zu voreilig. Ich will mich fassen! Denn wenn Du die Anklage meiner richtig beurtheilen sollst, so mußt Du ja wohl erst sehen, wie, und wodurch ich sie verdient habe.

Sobald ich diesen Nachmittag den Pfropf aus der Hand warf, und mich mit meiner Flasche allein sah, entrunzelte sich meine Stirne, die noch von dem System her, das ich mir von Klärchens Unschuld zusammen setzte, alle Zeichen eines ernsthaften Nachdenkens trug. Ich lächelte meinen freundlichen Wein an, und, wie er mir erst unter die Nase sprudelte, setzte auch sein Geist den meinigen augenblicklich in Gährung. Ein flüchtiger Gedanke zog nach dem andern vorüber, ohne daß ich ihn aufhielt; bis endlich einer so zudringlich ward, daß ich ihn faßte, und mir durch alle mögliche Sophistereien den Spaß machte, ihn so lange aufzustutzen, bis er mir am Ende zu meinem Unglücke über den Kopf wuchs.

Ich habe Dir, – Du hast es auch gewiß gefühlt, Eduard, – mit aller Stärke der Wahrheit die Gründe vorgelegt, die für die Heiligkeit meiner vortrefflichen Nachbarin sprechen. Wie konnte es mir nun einkommen, jetzt, als ein Advocatus Diaboli, Beweise aufzusuchen, die sich auf das unverschämteste ihrer Seligsprechung gerade entgegen stellten? Es ist unglaublich, und doch wahr. Wie ich diesen Irrweg einschlug, ahndete mir freilich nicht, daß ich so weit, und bis zu dem Abgrunde vorrücken würde, vor dem mich noch schaudert. Mein Blut gerieth bei jedem frischen Glase, das ich hinunter stürzte, mehr in Feuer, und meine Einbildungskraft gewann die Oberhand über meine bessern Gesinnungen. Ich konnte immer weniger an das herrliche Geschöpf hinter der Scheidewand ohne Begierde denken, und setzte sie mit einer unerklärbaren Frechheit, nach jedem Schlucke, den ich zu viel that, von den hohen [58] Stufen ihrer Würde immer tiefer und wieder tiefer herab, bis ich sie endlich, nicht ohne Schwierigkeiten, mit mir unter Eine Linie gebracht hatte; und nun erst ging ich unbarmherzig mit ihr um. Die klarsten Beweise ihrer Unschuld schickte ich mit einem Schnippchen in die Luft. Ihre Heiligkeit schien mir nichts mehr, als eine angenommene Rolle zu seyn. die sie gut genug vor dem Publikum spielte. Und um Dir alles zu sagen, wie es in so einer Seele aussieht, konnte ich sie mir endlich unter keinem andern Bilde mehr denken, als dem – der Iphigenia von Tauris, die wir einmal, noch als junge Leute, von dem Theater nach Hause führten, und die uns, wie wir damals dachten, einen so frohen Abend verschaffte.

Nun kennst Du meine Grundsätze, Eduard, wenn Du anders das Wort hier gelten lassen willst. Von jeher hat mich nichts mehr aufbringen können, als wenn ein Fürst zum Beispiele, mich durch seinen lakonischen Ernst, über seine Regententugend – ein Minister durch höfische Zurückhaltung, über seine Staatsklugheit – ein Pfarrer durch seinen faltigen Rock, über seine innere Ueberzeugung – und ein Mädchen durch den Flitter ihrer Sentiments, über ihre Tugend hinter das Licht zu führen gedenken. Es gehört ein so gutes Herz dazu als ich habe, daß ich nur selten bei solchen Gelegenheiten meiner Gabe zu spotten Raum gebe. Bei einem Mädchen aber, das sich mit so außerordentlichen Annehmlichkeiten, als Klärchen besitzt, in meiner Nähe für sicher hielt, weil sie auf ihren Betrug und meine Blindheit rechnet, das mein brennendes Herz zwei volle Tage mit der Ungewißheit getäuscht hatte, ob es sie als eine Heilige bewundern, oder als eine gemeine Sängerin behandeln solle – bei so einem Geschöpfe würde die Rache meines Muthwillens ohne Gränzen seyn. Gewiß sollte sie mir die Gegenbeweise ihrer Unschuld auf das demüthigendste ausliefern, ihren ersten und letzten Betrug in meinen Armen gestehen, und durch alle mögliche Züchtigungen der Liebe für den erborgten Schimmer büßen, durch den sie einen erfahrnen Mann zu blenden gedachte.

Noch will ich nicht entscheiden – sagte ich sehr großmüthig – aber es gilt einen Versuch: und beschämt gestehe ich Dir, daß [59] ich in diesem Augenblicke vor der Möglichkeit erschrak, in ihr eine Heilige zu finden; so sehr hatte ich mich schon daran gewöhnt, sie als ein irdisches Mädchen Zu behandeln.

Sie mag eins oder das andere seyn, fuhr ich nach einigem Nachdenken fort, so kann sie mir doch als ihrem Nachbar unmöglich verargen, daß ich ihr mei nen Besuch mache. So viel ich weiß, ist das in keinem römischen Kalender verboten; ja mich däucht sogar, ich habe gelesen, daß es die Pflicht einer Heiligen sei, wenn sie Heiden bekehren will, sich ihnen zu nähern, und keine gesellschaftlichen Mittel unversucht zu lassen, ihre Seelen an sich zu ziehen. – Klärchen sehnt sich also wohl so sehr nach meinem Umgange, als ich mich nach dem ihrigen, wenn es ihr, wie ich glaube, mit ihrem Gebete auf dem Vorsaale ein Ernst war; zumal diesen Abend, wo es, gegen das gestrige Geräusch, in ihrem Zirkel so still ist, als ob sie von Himmel und Erde vergessen wäre.

Mein Muth wuchs nun in demselben Verhältnisse, in welchem meine Flasche abnahm; und kaum war das letzte Glas überwunden, so war ich auch schon auf dem Wege nach Klärchen. Aber meine Bewegung dauerte dießmal nicht fort; denn in diesem Augenblicke, und da ich eben den Griff der Thür in die Hand nahm, trat ich zufälliger Weise auf den Stöpsel meiner leeren Bouteille. Ich hob ihn auf, und besah ihn. Kein Pfropf ist Wohl noch so bedenklich besehen worden. Es war mir, als ob der Blick noch fest an ihm klebe, den mir Bastian so bedeutend zuwarf, als mir vorhin der Kork aus der Hand flog. Sollte Bastian mit seinem Blicke Recht haben? befragte ich mich erschrocken; sollte es wirklich für die Religion gefährlich seyn, sich in dem Taumel des Weins einer Heiligen zu nähern? Das muß ich zuvor noch untersuchen, sagte ich, und zog mich mit meinem Stöpsel langsam nach meinem Lehnstuhle, auf den ich mich nun in eine Lage warf, die zum Nachdenken eines Betrunkenen wie gemacht war. Auch mochte ich nur etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als ich schnarchend erwachte, und unstreitig viel klärer in meiner Angelegenheit sehen gelernt hatte, als vorhin.

Es war schon spät, Eduard, und der Mond schon im Aufgehen; [60] viel später, als heute vor sechs Tagen, da er mir auch schien, als die gute Margot mir ihr warmes Halstuch um den Kopf band. Hätte ich diesen Gedanken behutsamer verfolgt als ich that, ich glaube, es wäre nichts aus meiner Visite geworden. So aber kam ich von Margots Halstuch auf das Halstuch der Heiligen, von dem Hundertsten in das Tausendste, und – mein guter Gedanke entwischte mir unter den Händen.

Indeß war es doch drollig, daß ich noch immer wie angeheftet auf meinem Lehnstuhle verweilte, ohne mich ganz von dem Mißtrauen in meine Einsichten trennen zu können, das Du von jeher an mir gewohnt bist, und das mir immer noch anklebt, wie eine Nervenschwäche. Mein Vorsatz war zwar gefaßt; aber um ihn auszuführen, fehlte mir nur noch die Aufmunterung eines Freundes, der mir für den glücklichen Erfolg und für allen Schaden haftete, der daraus erwachsen könnte; und auch diese Gewähr wußte ich mir endlich zu verschaffen.

Ja, lieber Eduard, alles mein voriges Hin- und Her-Ueberlegen hätte ich mir recht gut ersparen können, wenn ich eher an Den gedacht hätte, der mir in Avignon alles in allem war – an den Vorbereiter der Jugend, an das Orakel der Stadt, an den ehrlichen Kirchner. Ich brauchte ihn nur noch einmal in Gedanken abzuhören, um zu wissen, woran ich mit Klärchen war. Sein dunkles Gespräch schwebte mir vor, als ob er mir gegenüber säße, und entwickelte sich jetzt zu meiner ungleich größern Zufriedenheit, als da ich ihn selbst hörte. Meine Wünsche bekamen ihre einzigewahre Richtung. Mit dem Uebertritte zu Klärchens Religion, fühlte ich, habe es heute wohl nicht viel zu bedeuten, und ich steckte, um nicht wieder darauf zu treten, den Propf in die Tasche. Sein dunkles Gespräch? Mein Gott! durfte er es denn wohl weniger behutsam anlegen, wenn er seiner neuen Freundschaft für mich ein Geschick geben wollte, ohne geradezu seiner ältern für den Propst zu schaden? Wie war es möglich, daß ich so blind seyn konnte? Ich erstaunte, als ich die feinen Winke erwog, die er mir, wie von ungefähr zuwarf, als ich die schlauen Bemerkungen analysirte, die er fallen ließ, und die Lokal-Farben, die er zum Gemälde [61] seines Vorgesetzten brauchte, mit den psychologischen Nachrichten verglich, die er mir von Klärchen mittheilte – ich erstaunte, sage ich, über die Deutlichkeit, die in allem dem herrschte. Der sonderbare Accent, den er, wie es mir schien, ohne Noth auf dieses oder jenes Wort legte, bekam nun Bedeutung und Sinn. Sein Aufruf an mich zu Gunsten des Propstes erklärte sich mir, wie das Einlaßbillet einer Komödie; und obgleich seine Räthsel so theologisch verflochten waren, als man sie nur von einem getauften Juden erwarten kann, so war mir doch weiter nicht bange, diese feinen Fäden glücklich aus einander zu wirren.


Den Dünsten gleich, die von den Auen

Beim Ueberschein der Sonne fliehn,

Sah mein geschärfter Blick des schlauen

Orakels Dunkel sich verziehn.

Ich forschte mit der Kraft, die Bacchus mir verliehn,

Dem schweren Räthsel nach, bis mit geheimem Grauen

Sein Knoten mir entgegen schien.

Neu, jung und modulirt, als keiner nach Berlin

Zu Markte kommt, und doch nicht von der rauhen,

Antiken Festigkeit, um ihn,

Anstatt zu lösen, durchzuhauen –

Lag er im Schutz der heiligsten der Frauen,

Schon darum werth um vor ihm hinzuknien.

Und wie der erste Trieb, sein Felsennest zu bauen,

Den jungen Adler hebt auf eine Höh', wohin

Kein Aug' es wagt, ihm nachzuschauen,

So Überflügelte mein männliches Vertrauen

Das Heiligthum der Sängerin.

Ich forderte von ihr, die mir den Schlaf verwehret,

So lang' Ersatz für den verlornen Schlaf,

Bis ich den ganzen Schwarm der Freuden aufgestöret,

Die der Verlauf der Zeit vielleicht dem Propst bescheret,

Wenn die Ermüdete, als ein verirrtes Schaf,

Zu seiner Herde wiederkehret,

Und sah erstaunt wie das, was jedem Theil gehöret,

In Einem Punkt zusammen traf.


Hast Du selbst je von einem Plane gehört, lieber Eduard, der einfacher in seiner Anlage, geschmeidiger für die Ausführung, und für den Endzweck, den er beabsichtigt, so harmonisch in allen [62] seinen einzelnen Theilen wäre? Wie geübt, dachte ich mit schuldiger Bewunderung, muß die Hand des Meisters seyn, der ihn entwarf! wie groß seine Erfahrung der Welt, wie sicher seine Kenntniß des Lokals und seine Bekanntschaft mit den Sitten der Andächtigen!

Ich hatte nur einige Schritte über den Vorsaal zu thun, die bei dem hellen Scheine, den der Mond über ihn breitete, keine Schwierigkeit machten. Ehe ich aufbrach, bedachte ich noch, wie wenig man oft bei solchen Besuchen Herr seiner Zurückkunft ist, und setzte aus Vorsicht mein Licht in den Kamin. Im Vorbeigehn beim Spiegel würdigte ich auch noch meinen äußern Menschen einer flüchtigen Untersuchung, und wie vorteilhaft fiel sie dießmal nicht aus! Wäre der schlafende Amor in die Höhe gesprungen mich zu umarmen, wahrlich, ich hätte es in diesem Augenblicke für kein Wunder gehalten. So einen Schlummer möchte ich mir wünschen, sagte ich, indem meine freundlichen Augen den Ausdruck der glücklichsten Ruhe verfolgten, den ihm der Künstler zu geben gewußt hatte. – Ich gelobte, wenn ich so ausdrucksvoll von Klärchen zurück käme, ihm das Restchen Staub abzuwischen, bei dem sich ihre zitternde Hand, mitten in der Arbeit, so artig zurückzog. Ob wohl allen Heiligen dieses Gefühl der Sensitiven eigen seyn mag? und ob sie wohl solches auch noch bis nach Untergang der Sonne behalten? Ich sah, als ich in dem Spiegel wieder nach mir aufblickte, daß mich dieses Problem, und die Hoffnung es aufzulösen, roth gemacht hatten bis über die Ohren; und wie auserwählt schien nicht diese Farbe zu meinen großen viel versprechenden Augen, und wie schön nüancirte sie nicht mit dem Inkarnat meiner Lippen! – Ach, meine Lippen! Auf keinen andern habe ich je diesen Anreiz und dieses Hinstreben entdeckt. Ich möchte wohl, sagte ich höhnisch, das Mädchen sehn, das solche Figuren vor ihrer Thür abzuweisen das Herz hätte! Und so trat ich mit der Zuversicht eines guten Gesellschafters endlich über die Schwelle, und gelangte glücklich an den Verschlag, der, wie der Vorhof zum Allerheiligsten, Klärchens Zimmer begränzte.

Bei der Stille, die in diesem frommen Hause herrschte, war [63] nicht viel Geräusch nöthig, um ihr Ohr aufmerksam auf meine Annäherung zu machen. Auch rief ich kaum ein paarmal ihren harmonischen Namen mit gedämpfter Stimme, so hörte ich auch schon ihre Kammer sich öffnen. Nun trippelte sie nach der Thüre des Verschlags; nun hob sie – stelle Dir das Vergnügen vor, das mich durchzitterte – den Riegel auf; und lebhaft stand nun – Klärchen zwar nicht – aber ihre abgemergelte, zahnlose Tante, in ein weißes katunenes Nachtkleid gehüllt, vor mir.

In dem ersten Anfalle meines Schreckens dachte ich nichts gewisser, als die gute Frau habe wohl Lust sich selbst meinen späten Besuch zuzueignen, und könne so von Gott verlassen seyn, sich einzubilden, daß ich, ohne Scheu für ihr ehrwürdiges Alter ... Aber sie ließ mich diesen heillosen Gedanken nicht endigen. Sie fuhr mir nur zu bald mit einem: »Was beliebt Ihnen mein Herr?« auf den Hals, und zeigte dabei eine so schnakische Befremdung in ihrem Gesichte, als hätte sie in dem langen Laufe ihres Lebens noch nie eine männliche Gestalt im Mondscheine erblickt. Ich hingegen auf meiner Seite, und gewiß betroffener noch als sie – wahrlich ich mußte mir ihre einfache Frage noch einmal wiederholen lassen, ehe ich meiner Stimme so mächtig ward; ein paar verunglückte Worte darauf zu antworten. Ich starrte das alte Weib vorher noch sprachlos und mit aufgerissenen Augen an – ein Anblick, der, wenn er auch sonst nichts Gutes hat, einem Menschen in meiner Lage doch einiger Maßen dadurch wohlthätig werden kann, daß er ihn aus einem hitzigen Fieber in ein kaltes versetzt. Mag man indeß solche Veränderungen noch so sehr unter die guten Symptome rechnen, so möchte ich sie doch selbst meinen Feinden nicht wünschen. Ich weiß nun aus eigner Erfahrung, wie viel es dem armen Kranken kostet, die erhabenen Phantasien, die seine Seele beschäftigen, unter Zähnklappen verschwinden zu sehen.

»Die langen Abende – meine angenehme Nachbarschaft – die Einsamkeit,« – stotterte ich endlich in abgebrochenen Sätzen heraus, zu denen es mir je länger, je schwerer ward, eine, Verbindung zu finden. Meine Verlegenheit nahm mit jeder Sekunde [64] zu, glaubte sich Luft zu schaffen, und verfiel darüber in die unbesonnenste Erklärung, die sich nur ausfindig machen ließ. »Liebe Madam,« sagte ich, »die anziehenden Reize Ihres guten Klärchens werden mich schon hinlänglich bei Ihnen entschuldigen, und die Freiheit, die Sie dem Propst erlauben, hoffe ich, werden Sie doch wohl nicht Ihrem Miethmanne versagen?« – Das hatte ich vortrefflich gemacht – Du hättest nur sehen sollen, was die alte Katze bei diesen Worten für Feuer fing. – »Klärchen? Klärchen,« beantwortete sie meine wohlgesetzte Rede, »nimmt keine nächtlichen Besuche – ja sie nimmt gar keine, und zu keiner Zeit an. Gehen Sie, mein guter Herr,« setzte sie höhnisch hinzu, »suchen Sie anderwärts Ihre Unterhaltung, und lassen Sie Ihre Nachbarn in Ruhe!«

Schwerlich hat noch jemand einen unfreundlichern Bescheid aus einem häßlichem Munde gehört. Da es aber noch einen einpörendern Anblick in der Natur giebt, so gab sie mir auch den noch zu Gute: ich meine ein altes Weib, das die Begeisterte macht. Sie warf ihre beiden Irrwische von Augen in die Höhe, als. ob sie die Engel aus dem Himmel verjagen wollte, legte ihre linke Hand auf ihr schlotterndes Halstuch – streckte ihren rechten Arm steif und gerade nach mir zu, und kreischte mir mit der Stimme einer Besessenen durch die Ohren:


Irrgläubiger! was treibet Dich

So frech, so blaß, so schauerlich

Herum im Mondenschein?

Vernimm, furchtbares Nachtgespenst,

Es schließt die Burg, die Du berennst,

Ein Kind des Lichtes ein!


Und welch ein Kind! So voll und rund,

So früh kam noch kein Busen, und

Kein weiblich Herz in Flor.

Ein Seraph sah den ersten Flug

Der kleinen Sängerin, und trug

Sie der Madonna vor;


Und diese nahm sie in Beschluß:

Und wollte selbst mit seinem Gruß

[65]

Sich Gabriel ihr nahn,

Sie ließ' ihn vor der Thüre stehn,

Und hieß' ihn, spottend, weiter gehn,

So wie sie Dir gethan.


Der Propst, des Himmels Liebling, nur

Verehrt den Schöpfer der Natur

In meiner Nichte Reiz.

Der Reichthum ihres Gärtchens ist

Auch sein, und wird vor Räuberlist

Gesichert durch sein †.


Und jedes Kreuz, das er ihr schlägt,

Weckt eine Blüthe mehr, erregt

Ihm eine Hoffnung mehr;

Und Sie bewahret, zum Erkauf

Des Himmels, ihren Vorrath auf

Und zu Mariens Ehr!


Von der Holdseligen bedeckt,

Erhält sich frisch und unbefleckt

Ihr schöner Aerntekranz:

Und wenn ihm auch ein Kreuz verblich,

Der Propst mit einem Pinselstrich

Hebt den verlöschten Glanz.


Was stört, verlorner Geist, Dein Blick

Für Bilder in mir auf! – Erschrick

Und weiche meinem Fluch:

Dich müsse jede Jungfrau fliehn,

Maria keine Dir erziehn

Zu nächtlichem Besuch!


O! das soll mir ganz recht seyn, dachte ich, indeß die alte Närrin während der sublimen Worte ihrer mystischen Romanze, die ich vielleicht ganz der Quere verstand, dasselbe heilige Zeichen mehrmal über ihre Brust und ihr Gesicht zog, die doch wahrlich dieses Schutzes gar nicht bedurften, und zugleich mit ihrem Zeigefinger auf etwas hindeutete, das mir doch nicht eher verständlich und sichtbar ward, bis sie die Thür mir vor der Nase zugeschmissen und verriegelt hatte: – denn nun erst fiel mir eins von den Kreuzen in die Augen, auf die sich die Alte in ihrer Begeisterung bezog, und davon die eine Hälfte an der obern Bekleidung [66] – die andere an dem Flügel der Thüre, nun in einem ungetrennten Zuge wieder zusammen paßten, vermuthlich mit einer Kreide gemalt, über die ein Weihbischof den Segen gesprochen hatte. »Liegt es nur daran?« sagte ich und warf den Mund auf. »Diese Wunderzeichen des Propstes sind doch wohl noch zu verwischen, wenn ich nur erst die Stationen kenne, die er damit besetzt hat.« Und so schlich ich mit verbissenem Aerger in mein einsames Zimmer zurück.

Meine Abwesenheit konnte nicht lange gedauert haben; denn ich hatte nicht einmal nöthig, mein Licht zu putzen, als ich es aus dem Kamin langte, es wieder auf den Tisch, und mich mit in einander geschlagenen Armen davor setzte. Es währte eine ziemliche Weile, wo ich gedankenlos auf die leere Flasche hinblickte, ehe ich sie in Verdacht nahm, daß sie wohl an dem eben geschehenen Vorgange die meiste Schuld habe. Dieß brachte mich gelegentlich auf den Text, den ich mir in Ansehung der verletzten Diät und Moral, die leider! bei mir immer gleichen Schritt halten, zu lesen hatte. »Ja!« rief ich aus, »man muß betrunken, seyn, um einen Augenblick an der Tugend und Unschuld dieser Heiligen zu zweifeln, und so ungleiche Absichten, als mir mein Gewissen vorwirft, darauf zu bauen. Ich habe es verdient, vor ihrer Thür abgewiesen zu werden; denn ich bin nicht werth über ihre Schwelle zu treten – nicht werth ihr nur die Schuhriemen – geschweige sonst etwas aufzulösen, und das geringste der Kreuze zu verlöschen, womit der Propst ihre Zugänge verwahrt hat.«

Da ich nicht gewohnt bin, mich selbst zu schonen, sobald ich nur erst so weit bin, mich in die Augen zu fassen, so ward ich auch dießmal so böse auf mich selbst, daß ich mich gern vor jedem ehrlichen Manne an den Pranger gestellt hätte, der mir die Wahrheit noch derber hätte sagen wollen, als ich es selbst that. Ich fühlte in dieser ärgerlichen Stunde die Entfernung von Dir, mein Eduard, stärker als jemals, und wußte lange nichts an ihre Stelle zu setzen. Wie aber die gütige Natur für gewöhnliche Uebel auch die Mittel da gegen vorzüglich gehäuft hat, und man zum Beispiele gegen einen bösen Hals, oder eine jede andere Krankheit, welche schleunige [67] Hülfe verlangt, die bewährtesten Recepte an allen Zäunen und Hecken findet; so, glaube ich, ist in unserm aufgeklärten Zeitalter kein Winkel der Erde mehr so verwildert, auf dem sich für eine kranke Seele ihrem Bedürfnisse gemäß, nicht bald ein anhaltendes, bald ein abführendes Mittel, auftreiben ließe. Wäre es Tag gewesen, so hätte ich freilich bei meinem Freunde, dem Buchhändler, das Aussuchen gehabt; so aber mußte ich mir zu helfen suchen wie es gehn wollte, und das that ich auch. Ich näherte mich zum erstenmale der, zu der frommen Stiftung gehörigen, kleinen Bibliothek meines Kabinets, sicher, daß ich hier eben so gewiß ein oder das andere moralische Buch finden, als ich nicht umsonst nach Pimpernelle oder Klatschrosen ausgehen würde, wenn ich eines Gurgelwassers benöthigt wäre.

Der erste Folioband, den ich heraus zog, den ich aber auch ehrlich genug war, sogleich wieder an seinen Ort zu stellen, war Sanchez de matrimonio. Ich griff auf besser Glück nach einem andern von mittlerem Format, und bekam die Aphorismen des großen Emanuel Sa de dubio in die Hand.

Das ist wahrscheinlich, sagte ich, so ein Buch, als du suchst, und setzte mich damit an meinen Tisch. Ich hätte auch für mein gegenwärtiges Bedürfniß kein besseres finden können. Auf allen Seiten strahlten mir die herrlichsten Anweisungen entgegen, sich mit Ehren aus den schlüpfrigsten Händeln seines Gewissens zu ziehen, und mit Hülfe kleiner artiger Distinktionen sich über alle Fehltritte zu beruhigen, die eine strenge, ungeläuterte Moral, im Ganzen genommen, unbarmherzig verdammt. Du kannst denken, daß mir in meinen Umständen dieser Sittenlehrer ungleich mehr behagen mußte, als jeder andere, der, ohne nur die Schwierigkeiten der Ausführung mit seinen Forderungen vergleichen zu wollen, mir geradezu gesagt hätte: Thue recht und scheue niemand! Das ist weiter keine Kunst. In diesem herrlichen Buche hingegen fand ich sogar mehr als ich suchte. Wie viel Vorwürfe, die ich mir in meiner ersten mißlaunigen Aufbrausung machte, würde ich mir nicht erspart haben, hätte ich diesen gründlichen Schriftsteller nur eine halbe Stunde eher gekannt! Ich las mich dick und satt, bis ich [68] vollkommen überzeugt war, daß, wären mir auch alle die Absichten gelungen, an deren Ausführung mich das alte hämische Weib hinderte, ich zwar von der geraden Straße ab – doch gar nicht viel umgegangen wäre.

Ich schloß nicht unwahrscheinlich von dem Werthe dieses einzelnen Buchs auf die Wichtigkeit der ganzen Sammlung, holte mir, um bei der Entscheidung meiner Streitfragen der Mehrheit der Stimmen gewiß zu seyn, noch andere herbei, die auch, mehr oder weniger, den guten Gründen jenes großen Kasuisten beitraten, wovon ich Dir besonders einen gewissen Thomas Tambourin nennen und empfehlen will, der mir wirklich vielen Spaß gemacht hat. Hier hast Du den Titel seines Buchs: Explicatio Decalogi, in qua omnes fere conscientiae casus, mira brevitate, claritate, et quantum licet, benignitate, declarantur.

Ich war in guten Händen, wie Du siehst. Meine Lektüre ward immer anziehender. Der Unterricht dieser vortrefflichen Männer hatte mich endlich so fest gemacht, daß ich weiter keine Gefahr für mich sah, auch den ehrbaren Sanchez mit zu Rathe zu ziehen. Ich las bis in die sinkende Nacht hinein, ohne seiner verwickelten Fragen und Auflösungen überdrüssig zu werden, und lege ihn jetzt, da mein abgebranntes Licht mir kaum noch Zeit läßt, meinen Bericht an Dich niederzuschreiben, mit den Worten aus der Hand, mit welchen die vorgedruckte Approbation seines geistlichen Censors anhebt: Librum hunc legi, perlegi, lectitavi, felix pensum D. Sanchez, Cathol: Majest: in Regio Incarnationis Coenobio a Sacello et Sacris: in quo nihil nec devium ab orthodoxa nostra fide, nec obvium bonis moribus percepi etc. Und gehe nun, ich gestehe es Dir, als der eifrigste Anhänger einer Gesellschaft zu Bette, der es, da sie so vorzügliche Mittel gegen menschliche Schwachheiten im Vertriebe hat, nicht fehlen kann, trotz der kleinen Kränkungen, die sie in unsern Zeiten erlitten hat, an allen Enden der Erde Proselyten zu machen.


Den 4ten Januar.


Von allen moralischen Hülfsmitteln der Lojoliten, die ich mir gestern Abends eigen zu machen suchte, rührte mich keines so sehr, [69] als der Ausweg, den sie einstimmig vorschlagen, um, in dem Hand, gemenge der Leidenschaften mit der Sittlichkeit, die mitspielende Person sicher zu stellen. Setze, sagen diese Herren, wenn ich den Sinn ihrer Worte ins Kurze fasse, jeder zweideutigen Handlung, die du unternimmst, zur Beruhigung deines Gewissens, nur geschwind eine andere Zweideutigkeit entgegen! – Laß, zum Beispiele, zur Zeit ihres sträflichen Vorgangs den Gedanken voraus treten, daß ein anderer sie begehe als du, und schwöre sogar, wenn du dazu aufgefordert wirst, du habest die That nicht begangen, nämlich – wie du stillschweigend hinzu thun mußt – an diesem oder jenem Tage, oder vor deiner Geburt. Durch diesen kleinen Kunstgriff setzest du dich am geschwindesten über alle, deiner Ruhe nachtheilige Folgen hinaus; denn diese nehmen alsdann von selbst die Richtung an, in der du dich in so kritischen Minuten von dir selbst zu entfernen gewußt hast. Das ist bei vielen Gelegenheiten überaus bequem, sagt Sanchez in seiner Sittenlehre: 14 ob es aber auch immer recht ist, wie er dazu setzt, ist eine andere Frage, über die ich lange nicht mit mir einig werden konnte. Ich sah wohl ein, daß die Herren diesen verfeinerten Lehrsatz nicht so oft und so dreist würden ausgekramt haben, wären sie nicht von seiner Brauchbarkeit und Güte, aus langer praktischer Erfahrung, vollkommen überzeugt gewesen – und doch, wenn ich nun dran war ihn auf mich anzuwenden, versagte mir auf einmal der Muth, wie einem Kinde, das aufgefordert wird einem Seiltänzer nachzuspringen. Es war Mangel an Uebung, lieber Eduard! Ich setzte den Fuß nieder, den ich schon aufgehoben hatte, lief meinen Tröstern in die Arme, um mir Herz zu holen, und kauete jedes Wort wieder, das sie mir zusprachen. So gelang es mir am Ende ihren herzhaften [70] Zuruf wörtlich meinem Gedächtnisse einzuprägen; und das ist, wie Du noch aus Deinen Lehrjahren her wissen wirst, schon viel, wo nicht alles, für die Ueberzeugung gewonnen. Die Zweifel, die mir dann und wann über die Zuverlässigkeit meiner Rathgeber aufstießen, machten mir eigentlich am meisten zu schaffen: aber ich fand doch bald einen erfahrnen Mann, der mich auch hierin zur Ruhe wies; denn die würdige Zunft der Kasuisten hat so sehr für alles gesorgt, daß der Satz des einen die Sätze der andern auf das brüderlichste unterstützt. Dans les choses douteuses, sagt der berühmte P. Poignant, der aufgeschlagen neben dem Sanchez lag, nous ne sommes pas obligés de suivre le sentiment le plus sur. – Und so blieb mir denn zuletzt weiter keine Sorge übrig, als die, mich nur recht bald in der Lage zu sehen, meinen Rathgebern Ehre zu machen, und in Klärchens Armen das süße Gefühl meines Unrechts ihrem Glaubensgenossen, dem Propste, der mir am schicklichsten dazu schien, unterzuschieben.

Aber die Hauptschwierigkeit, die ich weder durch Nachdenken, noch durch mein Nachlesen in den Kirchenvätern wegzuräumen wußte, die Frage, wie ich mich in diese glückliche Lage bringen sollte, blieb immer noch unbeantwortet. Der Vorgang von gestern Abend hatte mich außerordentlich schüchtern gemacht. Man hätte mir die Welt bieten können; ich würde es darauf nicht gewagt haben, den bösen Geist, der den Schatz bewachte, noch einmal herauszufordern, ehe ich ihn nicht zu beschwören verstand.

In dieser Verlegenheit die mich vom Rousseau zum Amor, von einer Ecke des Zimmers in die andere trieb, konnte es indeß nicht lange währen, so mußte mir der einzige Mann beifallen, der sie vielleicht heben konnte. Mein mißlungener Versuch von gestern, den ich zwar auf seine Autorität unternahm, hatte mein Zutrauen zu ihm nicht im mindesten geschwächt. Der beste Plan muß wohl scheitern, wenn man in der Ausführung nicht auch Rücksicht auf Zeit und Gelegenheit nimmt; und das, mußte ich mir selbst vorwerfen, war ich so albern gewesen ganz zu unterlassen. Ich steckte also meine Goldbörse ein, und machte mich gutes Muths zu ihm auf den Meg. Ich traf ihn auch dießmal wieder mit der heitern [71] Miene auf seinem Posten, die mich gleich die erste Stunde unserer Bekanntschaft so sehr zu seinem Vortheile einnahm, und durch die sich so sprechend die ganze Ruhe seiner Seele und seines Amtes verkündiget. – Unser Gespräch kam indeß dießmal nicht so geschwind in Gang als gewöhnlich; ich mußte lange die Kosten der Unterhaltung allein tragen. Er hatte die Unbarmherzigkeit, meine Beichte von Anfange bis zu Ende mit geschlossenen Augen ruhig anzuhören, ohne das Bittere davon nur durch ein tröstliches Wort zu mildern, geschweige daß er durch einen zuvorkommenden, freundlichen Rath mir die Verlegenheit erspart hätte – so in der Nähe von Laurens Asche – so ganz ohne Achtung für ihr sittsames Andenken – ihm mein geheimes Anliegen zu entwickeln. Selbst als ich nun meinen mißlichen Vortrag gethan hatte – voll verschämter Erwartung vor ihm stand, und es ihm endlich gefiel die Lippen zu öffnen, hätte es im Anfang doch nur der Teufel seinem gleichgültigen Geschwätze ansehen können, was es am Ende noch alles Lehrreiches und Gutes für mich enthalten würde.

»Ja, ja,« fing er wie im Traume an, und rieb sich die Stirn – »unser Leben, mein junger Herr, währt siebenzig Jahr, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen. Auch ich habe diesen Morgen die meinige gehabt – habe die Stühle, die Bänke und den Altar abgestäubt, und bin wohl zehnmal über Laurens Grab mit dem Besen gefahren, ehe ich es rein bringen konnte; aber es war nothwendig. Diese Kirche hat morgen einen ansehnlichen Besuch zu erwarten; denn wir feiern das Fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita, der von den vornehmsten hiesigen Einwohnern der Patron ist.«

»Was in aller Welt geht mich dieser Schnak an!« dachte ich, machte eine höchst verdrießliche Miene, und setzte mich auf die nächste Bank.

»Sie müssen wissen, mein Herr,« trat er nun näher vor mich, »daß unter Heiligen und Heiligen ein gewaltiger Unterschied ist. – Der eine hat mehr Rang, der andere mehr Zulauf – die eine fromme Seele schmiegt sich lieber diesem, die andere jenem an,[72] nachdem entweder ihr Alter, ihr Gewerbe, ihr Name, oder ihre besondern Sünden diese Auswahl veranlassen. So ist mein Einsiedler, zum Beispiel, durch die christliche Sündhaftigkeit, mit der er seine Gicht- und Zahnschmerzen ertrug, der Schutzpatron aller der Unglücklichen geworden, die an diesen Uebeln leiden. Schließen Sie nun selbst, mein Herr, auf den Zuspruch, den er erhalten wird. Leider hat seit einigen Jahren auch Ihre gute Hauswirthin unter seine Fahne treten müssen – Auch sie wird morgen den größten Theil des Tages in meiner und des Heiligen Gesellschaft zubringen – Geben Sie Acht, ob ich wahr rede!«

»Und Klärchen?« fragte ich hastig; er aber that nicht, als ob er mich hörte. – »Morgen,« fuhr er mit ernstem, dogmatischem Tone fort, »ist es Krankheit, die ihre Andacht in Bewegung bringt; zwei Tage darauf, am Feste der heiligen Bertilia, thut es ihr Name.« –

»Und Klärchen?« fuhr ich zum zweitenmale auf – »Wird unterdessen,« antwortete er ganz gelassen, »allein zu Hause bleiben – so wie hingegen am Feste der heiligen Concordia die Tante daheim bleibt, und nur ihre Nichte zur Kirche schickt.«

»Und was giebt hiezu Veranlassung?« fragte ich äußerst neugierig. – »Das verschiedene Alter der beiden Andächtigen!« erwiederte er. Er sah mir an, daß ich ihn nicht verstand. – »Ich habe schon mehrmalen die Schwierigkeit bemerkt,« fuhr er fort, »einem Deutschen, auch selbst von unserm Glauben, den Zusammenhang dieses Festes begreiflich zu machen – aber es ist mir doch endlich immer durch Hülfe der Analogie gelungen. Diesen Ausweg verdanke ich einem Reisenden aus Ingolstadt, der vor vielen Jahren hier war, und auch das Grab der Laura besuchte. – Von dem erfuhr ich gesprächsweise, daß in seiner Vaterstadt der heilige Augustin von allen denen besonders verehrt werde, die an den Augen leiden. – Bei uns hingegen ist dieser Heilige – als Augenarzt, gar nicht bekannt. – Die Ursache davon liegt einzig in der Verschiedenheit beider Sprachen. In der Ihrigen soll, wie Sie besser wissen als ich, die erste Sylbe in dem Namen dieses Wunderthäters gleichen Schall und Bedeutung mit dem Worte haben, [73] welches das Glied bezeichnet, mit dem wir sehen: und nun, mein Herr,« fuhr er fort, »wird es Ihnen weiter nicht schwer werden, die Ursache auszufinden, warum bei uns nicht allein Mädchen, wie Klara, nein auch Weiber und Wittwen, wenn sie nicht, wie unsere Freundin Bertilia, über die fünfzig hinaus sind, das Fest der Concordia mit einem Eifer feiern, der deutschen Damen, die unsre Sprache nicht bis auf solche Kleinigkeiten wissen, mehr als übertrieben vorkommen muß.« – Ich verstand zum Glücke so viel Französisch, um diese Aufgabe der Analogie bald genug zu errathen, und ich hatte keine genüge Freude darüber. – »O,« rief ich aus, »dieser Unterricht in Ihrer Religion, lieber Herr Kirchner, verdient eine ausgezeichnete Belohnung – Hier – machen Sie keine Umstände!« – Und so drückte ich ihm einen holländischen Doppel-Dukaten in die Hand, der so funkelte, als ob er erst aus der Münze käme. – »Ei, mein Herr«, sagte der liebe Mann, und besah das Goldstück mit besonderm Vergnügen, »Sie beschenken mich ja so reichlich, als ob Sie Sich meine Fürbitte bei dieser Heiligen erkaufen wollten! – Die soll Ihnen auch nicht fehlen. – Aber, bei allen Engeln und Erzengeln! mein Herr – was seh' ich? Diese Umschrift – ich bitte Sie – war sie immer auf dieser Münze? – Ist sie zur Ehre der Heiligen geschlagen? oder ist es ein Wunder, durch das sie Ihnen ihre Hülfe zusagt? Hören Sie nur und hören Sie es mit Zutrauen, was sie Ihnen Gutes verspricht!«

Ich war bei diesem unerwarteten Ausfalle des Kirchners einige Schritte zurück getreten, und glaubte nichts gewisser, als der gute Mann Ware toll geworden; wurde aber, als er mir nun die bekannte Umschrift aller holländischen Dukaten herlas, doch selbst so davon überrascht, als wenn wirklich etwas Wunderwürdiges darin läge. – »Concordia,« las. er, indem er den Dukaten zwischen den Fingern herum drehte – »res parvae – crescunt;« und zugleich sah er mich so bedeutend an, daß mir das Blut in's Gesicht stieg. – »O Klara, Klara!« rief ich aus, ohne zu wissen, warum? – »Das ist wahrlich ein sonderbarer Zufall, lieber Herr Kirchner. – Wie gern will ich ihn für eins der größten Wunder ansehn, wenn [74] die heilige Concordia ihre Zusage erfüllt! – Aber sagen Sie mir geschwind, lieber Mann, an welchem Tage des Jahres wird denn dieses große weibliche Fest begangen?«

»Den achtzehnten Februar,« antwortete er. – »Sollte es wohl den Eindruck auf Sie machen, daß Sie bis zu seiner Feier bei uns verweilen möchten?«

»O, ganz gewiß!« antwortete ich mit glühenden Wangen. – Und es ist mein völliger Ernst, Eduard!

»Nun dann wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem Muthe,« erlviederte der gute Mann. »Es hat noch keinen jungen Fremden gereut, diesen merkwürdigen Festtag in Avignon abzuwarten. Doch, da alsdann gewöhnlich die Häuser besetzter noch sind als zu Frankfurt bei der Kaiserwahl, so rathe ich Ihnen wohlmeinend – sind Sie anders mit Ihrer Miethe zufrieden, Sich ihrer ja in voraus auf diesen Zeitpunkt zu versichern; denn Quartiere, wie das Ihrige, steigen alsdann über die Gebühr.«

Hier störte ein Engländer, der Laurens Grab mit einer so verächtlichen Miene aufsuchte, als ob sie seine Freundin gewesen wäre, unser interessantes Gespräch. Ich konnte meinen Verdruß über diesen ungelegenen Fremden kaum vor ihm selbst verbergen, und doch konnte ich noch weniger dem Kirchner zumuthen, ihn abzuweisen; denn ein abgewiesener Engländer kommt selten wieder. – Wir Kurzsichtigen ärgern uns oft über zufällige Dinge, die uns doch gerade unsern Wünschen entgegen führen. Du sollst noch auf diesem Bogen zu lesen bekommen, Eduard, wie viel ich der Dazwischenkunft dieses Reisenden zu danken habe: so viel daß ein rechtgläubiger Katholik an meiner Stelle darauf schwören würde, die heilige Concordia habe sie veranstaltet. – Ich schreibe sie auf Rechnung des Zufalls, der immer mein Freund war. Der Kirchner zuckte die Achseln, indem er mir die Hand zum Abschiede reichte, und bat mich bald wieder zu kommen, welches ich ihm denn auch treulich versprach. Der goldne Wahlspruch der sieben Provinzen hat zwischen diesem guten Manne und mir eine stärkere Vereinigung zu Stande gebracht, als, glaube ich, zwischen den sieben Provinzen selbst. Es ist doch eine hübsche Sache um die Freundschaft!

[75] Ich taumelte, ohne mich um den nächsten Weg nach Hause zu bekümmern, aus einer Gasse in die andere, und mir war beinahe so zu Muthe, als einem jungen Gelehrten, der nicht recht weiß, was er in aller Welt mit den vielen neuen Kenntnissen anfangen soll, die er aus dem Hörsaale mitnimmt. Darüber stieß ich – Ehre sei dem freundlichen Zufalle! auf die launigste Begebenheit, die er je aus seinem weiten Aermel geschüttelt hat. Eine Menge Menschen, die aus einem ansehnlichen Hause theils heraus stürzten, theils ihm zuströmten, erregte meine Aufmerksamkeit. Ich erkundigte mich nach der Ursache dieses Gedränges, und erfuhr, daß hier eine wichtige Versteigerung von Kostbarkeiten gehalten würde. Nun mag ich Wohl dann und wann dergleichen öffentlichen Glücksspielen beiwohnen; denn, ob ich mich gleich enthalte, mein Inventar auf diesem Wege zu verstärken, seitdem ich einmal in Holland einen englischen Tubus erstand, in welchem, als ich ihn zu Hause genauer untersuchte, das Objektiv-Glas fehlte, so kann es doch immer den Geist angenehm beschäftigen, wenn man mit philosophischen Augen die verschiedenen Hülfsmittel übersieht, die der Besitzer derselben vor seinem physischen oder moralischen Tode gebrauchte, so gelehrt, so artig oder so arm zu werden, als er war. Selbst die kleinen Absichten, die sich manchmal bei denen recht gut errathen lassen, die jetzt dieses oder jenes Stück aus dem Nachlasse des Verstorbenen an sich bringen, gewährt schon einige Unterhaltung. Ich widmete also auch dießmal meiner Neugierde die halbe Stunde, die mir noch bis zum Mittage frei blieb, und stieg, nicht ohne Mühe, die von Menschen angefüllte Treppe hinauf nach dem Auktions-Zimmer.

Hätte ich einige Stunden früher eintreffen können, ohne mich um das belehrende Gespräch des Kirchners, das mir über alles gehn mußte, zu bringen, so wäre der Zeitvertreib, den ich hier fand, freilich noch vollkommner gewesen. Jetzt waren ungefähr nur noch ein Dutzend Nummern von einer der seltensten Sammlungen übrig, die wohl jemals versteigert wurden. Der arme Mann, der sie mit Aufopferung seines Vermögens errichtet hatte, und nun sein mühsames, kostbares Gebäude durch unbarmherzige Gläubiger[76] zerstören sah, saß, von Schmerz und Unruhe gefoltert, in einem ausgeleerten Nebenzimmer, und flößte mir gleich beim Eintritt in den Saal das größte Mitleid ein, selbst ehe ich noch einen Blick auf seine Sammlung warf.

Ich habe zwar oft gesehen, lieber Eduard, daß vernünftige Männer Weib und Kinder und jedes andere Glück des Lebens hintan setzten, um Muscheln, Steine, Bücher, Schmetterlinge oder Gemälde zusammen auf einen Haufen zu bringen – habe ihnen oft, nach Verlauf eines ängstlichen Zeitraums, diese Spielwerke ihres Geistes durch die Gesetze und zu Abfindung ihrer Schulden entreißen, und sie an andere berühmte Kenner, wahrscheinlich zu einem einst ähnlichen Schicksale, übergehen sehen – aber noch nie fand ich den Vermögensbestand eines freien Mannes so sonderbar in einem Kabinet koncentrirt, als hier: denn stelle Dir vor, Eduard! ich befand mich, ehe ich mir so etwas versah, unter einer vollständigen, Gott weiß nach was für einem System! geordneten Sammlung heiliger Reliquien. Die ersten und wichtigsten Stücke an ganzen Körpern, Gerippen und andern Schätzen aus den Katakomben, waren zwar schon an Mann gebracht; doch waren die noch vorräthigen Nummern, die eben ausgerufen werden sollten, dessen ungeachtet noch von sehr schätzbarem Gehalte. Sechs Fläschchen mit Thränen der heiligen Magdalene wurden einzeln verlassen, und, nach meiner Einsicht, weit unter ihrem Werthe. Ein artiger Mann, der neben mir stand, erklärte mir die Ursache davon, als er meine Verwunderung merkte, und mir ansah, daß ich fremd war. »Wir sitzen hier,« sagte er, »an der Quelle dieser Waare. Die Höhle von Beaumont, wo die Heilige zwölf Jahre ihre Sünden beweinte, liegt uns in der Nähe – Aber Sie, als ein Fremder, mein Herr, sollten sie auf Spekulation für das Ausland kaufen; denn es ist keine Frage, daß Sie nicht hundert Procent daran gewinnen könnten.« – Ich hätte vielleicht nicht übel gethan, seinem Rathe zu folgen; aber, Du weißt es, Eduard, ich habe zu wenig Kaufmannsgeist, und ich ließ, einfältig genug, auch diesen wahrscheinlichen Gewinn einem Juden zu gute gehn, der mit Reliquien handelt.

[77] Ein Finger des H. Nepomuk, an dessen Aechtheit einige anwesende Kenner zweifeln wollten, und ein Schlußbein des heiligen Franz, hatten eben so wenig Glück, und mußten zusammen ausgeboten werden, ehe sie einen Abnehmer fanden. Ja, sogar Etwas von der keuschen Petronelle, in Weingeist aufgehängt, und recht hübsch konservirt, ging an einen Benediktiner, der es in Kommission erstand, für ein solches Spottgeld weg, daß ein paar artige Geschöpfe, die vermuthlich gleichen Namen führten, die Hände über den Kopf zusammen schlugen. Dafür fanden sich aber zu der folgenden Nummer desto mehr Liebhaber, und das Kleinod verdiente auch mehr als ein anderes diese ausgezeichnete Achtung – Der Ausrufer selbst nahm ehrerbietig den Hut ab, als er das Sammetkästchen, das es verschloß, in die Höhe hielt, und nun unter einer allgemeinen Stille, die nur dann und wann ein Seufzer des Unglücklichen im Nebenzimmer unterbrach, folgendes Heiligthum ankündigte: »Nummer Ein tausend vierhundert und drei und dreißig; das Strumpfband der gebenedeiten Jungfrau und Mutter, das sie an ihrem linken Fuße zu tragen gewohnt war,inklusive eines dazu gehörigen Ablaßbriefs weiland Ihro Päpstlichen Heiligkeit Alexander des Sechsten, nebst einem Handschreiben gedachten heiligen Vaters an die Gräfin Vanotia.«

Diese Reliquie machte den Eindruck, der zu erwarten stand. Der ganze Haufe der Umstehenden gerieth in Bewegung, und verschiedene Stimmen zugleich erhoben sich mit einem Gebot von zehn, fünfzehn und zwanzig Dukaten. Bei dem zweiten Ausrufe stieg es bis auf vier und dreißig. Nach einem kleinen Stillstande trat ein ansehnlicher Mann, mit der gesetzten Miene eines ächten Kenners, in's Mittel, und bot die gerade Summe von vierzig. Der Auktionator fing von vorn, und, um jedermann Zeit zu lassen sich zu bedenken, mit gedehnter Stimme an: Einmal vierzig – zum zweitenmal vierzig Dukaten – Der Hammer war schon aufgehoben, und ich glaubte den vornehmen Mann schon ganz gewiß in dem Besitze dieser merkwürdigen Reliquie, als, aus der fernsten Ecke des Zimmers, unvermuthet eine helle Stimme mit einem halben Dukaten überbot. Der Schall fiel mir sonderbar in das [78] Ohr – Ich erhob mich auf meine Fußzehen, und entdeckte – Himmel, wie ward mir! – das reizende Ovalgesichtchen meiner kleinen Nachbarin. War es Freude, oder Betäubung? – war es unwillkürlicher Trieb, ihr nachzulallen? – oder sollte es eine Aufforderung seyn, ihre sonorische Stimme noch einmal hören zu lassen? Genug, kaum prallte ihr wohl bekannter Diskant an die Saiten meines Herzens, so schlug mein Baß als ein Echo zurück: Einen halben Dukaten. – Der Laut war entwischt – Klärchen schwieg – die ganze Versammlung schwieg – und zu meinem Erstaunen ward mir das Heiligthum für ein und vierzig Dukaten zugeschlagen.

Wer war betroffener als ich, da mir die Nebenstehenden zu dem erlangten Besitze dieser Kostbarkeit Glück wünschten, und mir Platz am Zahlungstische machten, um den unschuldigen Einklang mit Klärchens Diskante theuer genug zu büßen! Um aller Heiligen und aller Götter willen! was willst du mit diesem Kabinetsstücke anfangen? sagte ich heimlich zu mir selbst, als ich die Summe aufzählte; und der Gedanke, daß ich zugleich in ihr das Versprechen der heiligen Concordia auf ein und vierzigmal zurück gab, vermehrte mein Herzklopfen um ein merkliches. Nie hat wohl der Neid, der, als ich das Sammetkästchen in Empfang nahm, aus den Blicken derer hervor brach, die vor mir darauf geboten hatten, sich gröber versehen, als dießmal. Denn ungeachtet alle Umstehende, bei denen ich mit meinem Heiligthume vorbei ging, mich anlächelten und die Hüte abzogen; so hätte ich doch so unbefangen seyn müssen, als der Esel in der Fabel, der das Bild der Diana trug, wenn ich mir diese Ehrenbezeugung hätte zueignen wollen. Ich kam mir im Gegentheil in diesem Augenblicke überaus albern vor, und hätte nimmermehr vermuthet, daß mich diese mißlichen Umstände doch noch am Ende auf einen so klugen Einfall leiten würden, als ich eben faßte, wie mit der letzten Nummer eine Feder aus dem linken Flügel des Würgengels verkauft, die Versteigerung geendigt, die Versammlung im Aufbruch, und jedes nur darauf bedacht war, das erste auf der Gasse zu seyn.

Wenn ich prahlen wollte, Eduard, so könnte ich es Dir als [79] einen Zug meines erfindungsreichen Genies angeben, daß ich in diesem Tumulte den wichtigen Vortheil zu ergreifen wußte, den mir doch vermuthlich nur die Gelegenheit und meine Schutzpatronin Concordia darbot. Ich übersah mit einem geschwinden Blicke, was hier für mich zu thun sei, studirte jeden meiner Schritte, den ich vor- oder seitwärts that, und leitete das Volk so geschickt, daß es nothwendig, beim Austritte aus dem Saale, mich und Klärchen in einen so verengten Zirkel zusammenbrachte, daß sie heilfroh seyn mußte, auf einen hülfreichen Arm zu treffen, um den sie ihre zarte Hand schlingen, und nun hoffen konnte, sich, ohne erdrückt zu werden, aus diesem unbändigen Gedränge zu ziehen. Mächtiger Zufall! mein Verstand wirft sich hier nochmals in Staub vor dir nieder, und erkennt dich als seinen Herrn und Wohlthäter.

Ich wäre der heiligen Atmosphäre, die mich umgab, wäre des Dankes des Engels nicht werth gewesen, wenn ich den einzigen Augenblick, in welchem so viel für die Folge lag, ungenutzt hätte verstreichen lassen. »Meine vortreffliche Nachbarin,« flüsterte ich ihr zu, indem wir uns auf dem Vorsaale so lange in ein Fenster zurück zogen, bis sich das Volk würde vertheilt haben, das die Treppe verstopft hielt, »es war wohl unartig, daß ich Sie überbot; ich hoffe aber, meine gute Absicht soll mich bei Ihnen entschuldigen. Sie können wohl denken, daß, so kostbar auch das Strumpfband seyn mag, das mir das Glück verschaffte, es doch für mich nur dann einen Werth haben kann, wenn ich es wieder an eine Person bringe, die es zu tragen verdient. Ein glückliches Ungefähr hat mich zu Ihrem Nachbar – aber Ihre Verdienste, liebes Klärchen, haben mich auch zu Ihrem eifrigsten Bewunderer gemacht. Ich dachte an Sie, theuerste Freundin, ich erblickte Sie in dem Augenblicke, als Sie auf dieses Kleinod boten, und es ward mir unmöglich, nicht nach einer Sache zu ringen, die Ihnen lieb war, um sie Ihnen als einen Beweis meiner Hochachtung auszuliefern. Ich wünschte nur, daß sie dadurch in Ihren Augen noch einigen Werth mehr bekäme. In dieser Rücksicht« – Hier stockte ich ein wenig, und ihre großen Augen schienen zu fragen, wo das hinaus wollte? – »hätte ich eben so gern mein ganzes [80] Vermögen, als einen armseligen Theil davon daran gewendet. Ich empfahl mich der heiligen Concordia, meiner Beschützerin, und, wie Sie gesehen haben, nicht ohne eine recht auffallende Wirkung: sie verstopfte allen andern Liebhabern den Mund, selbst Ihre frommen Lippen, liebenswürdiges Mädchen, und verschaffte mir diese kostbare Reliquie für diesen unbegreiflich geringen Preis.« Klärchen erröthete von Sekunde zu Sekunde immer mehr, ohne mich zu unterbrechen – »Um Ihnen indeß,« fuhr ich traulicher fort, »auch die kleinste Bedenklichkeit zu ersparen, ein Kleinod für Sie zwar von unendlichem, für mich aber nur relativem Werth anzunehmen – so erlauben Sie mir, meine schöne Nachbarin, es Ihnen – nicht als Geschenk, sondern gegen einen Tausch anzutragen.« Sie erröthete noch mehr, und ihr Stillschweigen gab mir Muth, weiter zu reden – »Wenn ich,« fuhr ich fort, »das Vergnügen haben kann, Ihnen morgen früh« ... O wie dankte ich hier dem ehrlichen Kirchner, der mich so genau von den Festen der alten Tante unterrichtet hatte! – »aufzuwarten ... gewiß, theuerstes Klärchen, ein ähnliches Band, das mir alsdann Ihre Güte erlauben wird dagegen einzutauschen, soll meinem Herzen tausendmal werther seyn, als jenes.«

Jetzt erwachte der Stolz der kleinen Heiligen. – »Es ist nicht großmüthig von Ihnen, mein Herr,« gurgelte sie mit sanfter Stimme hervor, »daß Sie die Verlegenheit, in die mich dieß Volksgedränge versetzt, noch vermehren. Sie erlauben Sich eine Sprache, die mir – um nur wenig zu sagen – ganz fremd ist. Sie müssen wissen, mein Herr, daß ich von meiner Tante abhänge, und keine Besuche anzunehmen habe; und Ihr angebotner Tausch, mein Herr ...«

»Setzt doch gewiß,« fiel ich ihr geschwind in's Wort – »keinen Betrug voraus. Wie könnte er wohl – überlegen Sie es selbst, bestes Klärchen – bei einem Heiligthum, so einzig in seiner Art, Statt finden?«

Ich schwieg, als ob ich ihr Zeit zur Ueberlegung lassen wollte – Sie brüstete sich ein wenig – und: »Ihre Auslage,« fuhr sie jetzt mit einer Stimme fort, die mir nur zu gut verrieth, wie viel ihr an dem Besitze dieses Bandes gelegen seyn mochte – »würde[81] Ihnen meine Tante gewiß gern ersetzen, wenn Sie geneigt seyn sollten ...«

»Klärchen!« unterbrach ich sie, mit angenommenem Erstaunen – »Mir? sagen Sie das? – Doch ich entschuldige Sie – Sie kennen mich noch nicht – aber der Erfolg wird es zeigen, wie unrecht Sie thaten, ein Unterpfand des Himmels gegen eine irdische Kleinigkeit, um die Sie ein Freund bittet, auf's Spiel zu setzen. Entweder – meine liebe, bedenkliche Freundin, erlauben Sie mir, daß ich meine gute Absicht ausführe, und Ihnen das Band, das einst den linken Fuß der hochgelobten Jungfrau umschloß, längstens morgen, an demselben Orte befestige, wo sie es trug; oder ich schwöre, daß, wie ich nach Hause komme, ohne auf die achtzehnhundert Jahre zu achten, die das ehrwürdige Band überlebt hat, ich es dem Feuer meines Kamins übergebe, und Ihnen den Frevel zuschiebe, der dadurch begangen wird.« –

O Eduard! Wie erschreckte ich nicht das arme Kind durch meinen Schwur, und durch den entschlossenen Ton, mit dem ich ihn ausstieß! Sie erblaßte, schlug die Augen staunend empor, und drückte ihre gefalteten Hände an ihre Brust – »Nun denn,« rief sie endlich in einer kleinen angenehmen Begeisterung – »bin ich, heiligste Mutter, von dir ausersehen, diesen deinen Nachlaß aus dem Feuer zu retten – so folge ich in Demuth – so geschehe dein Wille! – Eine einzige Bitte nur, mein Herr! bewilligen Sie mir nur noch den Aufschub eines Tages!« –

»Und warum das, meine Beste?« fragte ich.

»Weil Sie nicht verlangen werden,« versetzte sie mit gesenktem Blick, »daß ich Ihren Besuch in Abwesenheit meiner Tante annehme; und diese ist morgen durch ein Fest gebunden und den größten Theil des Tages in der Kirche.«

»Wie, mein liebes frommes Klärchen?« erwiederte ich etwas spöttelnd: »Liegt Ihnen der baldige Besitz dieses Heiligthums so wenig am Herzen, daß Sie ihn über eine armselige Bedenklichkeit aufschieben mögen? Oder glauben Sie weniger dadurch begünstigt zu seyn, wenn es nicht auch andere wissen? Und wollen Sie muthwillig den Samen des Neids in den Busen einer Freundin ausstreuen? [82] Denn ach! Ihre gute Tante müßte nicht so fromm seyn als sie ist, wenn sie einer andern als sich selbst diese so einzige Reliquie gönnen sollte, da wohl selbst Klöster und Kirchen um weit geringere in Hader und Streit liegen? Ich berufe mich auf Sie selbst, liebes Klärchen! Mit was für einer Empfindung würden Sie es ansehen, wenn ich mit diesem unschätzbaren Bande den Fuß Ihrer würdigen Tante schmückte? – Nein, meine Beste! Es sei fern von mir, durch meinen wohlgemeinten Tausch zwo so gute Seelen zu entzweien! Zudem gehe ich übermorgen nach Vauclüse; und sollten Sie beharren, den Tag von Sich zu weisen, den ich Ihnen geben kann; nun, so weisen Sie zugleich das Geschenk auf immer von Sich, das Ihnen die gebenedeite Jungfrau durch mich zudachte, und ich schwöre nochmals ...«

Hier streckte sie ihre Hände bittend nach mir – und ihr Gesicht und ihre Stimme wurden ganz feierlich. – »So sei es denn – wenn Sie nicht anders wollen, mein Herr! Aber bei der heiligen Concordia beschwöre ich Sie! heben Sie, bis zu unserer Vertauschung, dieses himmlische Pfand mit der Sorgfalt auf, die es verdient!«

»O, das verspreche ich Ihnen, Klärchen!« konnte ich noch so ziemlich ernsthaft heraus bringen, und hätte gern aus ihrer Ermahnung mehr geschlossen, als, nach der Wichtigkeit ihrer Miene zu urtheilen, wirklich darin lag. – Indeß freute es mich schon, daß mich das liebe Mädchen für einen Günstling jener großen Heiligen zu halten schien, mit der mich der gelehrte Kirchner, mittelst eines Doppeldukatens in so angenehme Bekanntschaft brachte, und freute mich unendlich, daß schon der erste Versuch meiner aus dem Traktate de probabilitate geschöpften Beredsamkeit, selbst über meine Erwartung, so guten Eingang gefunden hatte.

Ich führte nun, da ich die Treppe frei sah, voll Zufriedenheit mit dem Gegenwärtigen, und voll süßer Ahndung für das Künftige, die schöne Heilige hinunter, mit der ich in einer glücklichen Viertelstunde um vieles bekannter geworden war, als es der scharfsichtige Herr Fez hoffentlich in seinem Leben werden soll.

Ehe wir auf die Gasse traten, erinnerte sie mich freundlich, daß man nicht gewohnt sei, sie von irgend einem andern Herrn, [83] als ihrem Gewissensrathe, begleitet zu sehen. Es war eine bittere Erwähnung. Indeß ließ ich sogleich ehrerbietig ihre Hand fahren, und nahm sogar einen ziemlichen Umweg, um ihr Zeit zu lassen, mit ihren unbegreiflich kleinen Schritten vor mir zu Hause einzutreffen.

Mich erwartete eine Aalpastete, ein rothes Feldhuhn und die schönste Wintermelone; aber hätte mich auch das Gastmahl des Lügners erwartet, so wäre doch meine Neugier, die mich nach dem Sammetkästchen zog, stärker gewesen als meine Eßluß. Ich öffnete es mit eben so viel Behutsamkeit als Begierde, und ging nun meine Beute auf das genaueste durch. – Aber wie schoß mir das Blut, als ich, nach einer flüchtigen Bewunderung des heiligen Strumpfbandes, den päpstlichen Ablaßbrief überlas! – Ich sah zu meiner Beschämung und Aergerniß, wie gar sehr ich mich durch meinen Vertrag mit Klärchen übereilt hatte. Ja, lieber Eduard! die Urkunde des heiligen Vaters wäre für einen Liebhaber – für einen König – unsern jetzigen nur nicht, Tonnen Goldes werth. Es ist unmöglich, daß unter so genügen Bedingungen, als ich aus Unwissenheit eingegangen bin, mein Tausch-Kontrakt bestehen kann. Die ersten drei Punkte dieses geistlichen Frei-Passes müssen schon jedes unparteiische Gericht davon überzeugen. Und der siebente Punkt vollends! Nein, mein gutes Klärchen, du wirst den Preis gewaltig erhöhen müssen, wenn ich dich in den Besitz einer Reliquie setzen soll, an der so herrliche Indulgenzen haften.

Es ist mir recht lieb, daß ich schon einige Bekanntschaft mit den großen Kasuisten in meinem Kabinette gemacht habe. Im Falle mich ja meine erhöhte Forderung mit Klärchen in Streit verwickeln sollte, werden sie hoffentlich alle auf meine Seite treten, und zu meinem Vortheile entscheiden. Kannst Du es mir wohl in diesen Umständen verdenken, lieber Eduard, daß ich heute die Unterhaltung mit diesen in meinem Prozesse so wichtigen Männern der Deinigen vorziehe? Wenn ich ihn gewonnen habe, so will ich gern desto länger zu Deinen Diensten seyn.


Den 5ten Januar.


Das Fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita ist erlebt, und schon spielen seine Glocken in der schönsten Harmonie. Mit [84] herzlichem Mitleid verfolge ich aus meinem Fenster jeden schwerfälligen Trupp der Unglücklichen, die, von Gicht, Schwindsucht, und Entkräftung gebeugt, dennoch in ihren verzerrten Gesichtern Hoffnung der Besserung und Glauben an ihren Wunderthäter tragen, dessen Altare sich ihr Schneckenzug nähert. Nie habe ich so viele Krücken beisammen gesehen. Einige darunter, von fremdem, glänzendem Holze, mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegt, zeugen von dem hohen Stande ihrer Besitzer und von dem Luxus unsers Jahrhunderts. Dennoch wünschte ich, daß der prächtige Zug schon vorbei, und die alte überlästige Tante aus dem Hause wäre, die sich, Gott verzeihe ihr diese Sünde! wahrscheinlich noch nicht in dem Grade niedergedrückt fühlt, um sich in diesem ausgedienten Vortrabe mit auf der Gasse zu zeigen. Mein Herz ist voll von gegen einander laufenden Empfindungen. Meine Jugend, die ungeduldig nach Genüsse hinter der Scheidewand schmachtet, erblickt, indem ich an das Fenster trete, das furchtbare Beispiel verschwendeter Kräfte öffentlich zur Schau ausgestellt. O möge nie Sancta Concordia zulassen, daß ihr treuester Verehrer der Hülfe eines so einfältigen Heiligen benöthigt werde, als mir in diesem Augenblicke Simeon Stylita mit seinen Nachtreten: vorkommt. Doch ich höre – freue Dich mit mir, Eduard! – die alte Tante aufbrechen – Jetzt – steigt sie die Treppe hinab; jetzt verschließt sie das Haus; und nun sehe ich sie auch schon über die Gasse hinken. Aber warum pocht mir das Herz? Von so guten Sachwaltern unterstützt – mit so herrlichen Dokumenten versehen – was kann ich fürchten? Muß mein Prozeß mit Klärchen nicht den besten Ausgang gewinnen? Und doch – unbegreiflich! – bin ich muthlos, wie einer der seinen Rechten nicht traut, wie einer der sich noch nicht ganz in den Sinn seiner Konsulenten einstudiert hat. Doch wie mag ich meine Zeit so verplaudern, da Klärchen wartet?


Indem ich vor drei Stunden, mein schwarzes Sammetkästchen in der Hand, das kleine artige Zimmer des lieben Kindes zum erstenmale betrat, kam sie mir mit einer Miene entgegen, die aus [85] Ernst, Freude und Bescheidenheit zusammen gesetzt schien. Wie leicht läßt es sich mit so einem Mädchen sprechen! Ihr Herz, das so hell auf ihrer Physiognomie wiederscheint – wie schön erklärt es nicht das konventionelle Dunkel ihrer Rede! Einem erfahrnen Manne, der solche Dolmetscher gegen über hat, kann keine Verhandlung, sie sei noch so verwickelt, zu schwer fallen.

Ich nahm, wie billig, das erste Wort, das in Verhältnissen, wie die unsrigen, immer so drückend ist. »Meine liebe Nachbarin,« hub ich an, »ich stelle mich Ihnen zwar als ein ehrlicher Mann; aber urtheilen Sie selbst, bestes Klärchen, von meiner Verlegenheit, da ich mit der Erklärung voraustreten muß, daß unser Handel, in dem Maße, wie ich ihn gestern abschloß, unmöglich bestehen kann.« – Sie machte gewaltig große Augen bei diesen Worten, die sie unter allen wohl am wenigsten erwartete. Der Ernst ihres Gesichtchens nahm zu, die Freude nahm ab, und die Bescheidenheit wußte nicht woran sie war. – »Hören Sie nur einige geduldige Augenblicke zu,« antwortete ich ihrer Miene: »Das Strumpfband der Maria, wie wir es einstweilen so benennen wollen, müßte zwar nach den freiwilligen Bedingungen, denen ich mich gestern unterwarf, Ihnen, bestes Kind, nach allen Rechten gehören, wenn es nur möglich wäre, diese kostbare Reliquie von dem Ablasse zu trennen, den weiland Papst Alexander der Sechste an den Besitz dieses Kleinods gebunden hat. Ich war in Unwissenheit, als ich den Tausch Ihnen antrug, hatte das wichtige Dokument nicht gesehen – nicht gelesen, konnte mir nicht vorstellen, daß es Dinge enthielte, die mich, wenn ich den Vertrag erfüllte, weit über die Hälfte verletzen würden; ein Umstand, der alle Verträge in der Welt aufhebt.« – Ich bemerkte, während des Eingangs meiner pathetischen Erklärung, mit geheimem Vergnügen, wie sich alles nach und nach aus den Mienen des guten Kindes entfernte, was mich in der Fortsetzung hätte scheu machen können. Statt aller Einwendungen, oder statt der, mir am meisten furchtbaren Gegenerklärung, daß sonach jeder Theil sein Eigenthum behalten solle, wußte sie nur die kurze neugierige Frage heraus zu stottern: Wie denn in einem so veralteten Briefe Punkte von solcher Wichtigkeit für mich enthalten [86] seyn könnten, die –? Hier hielt sie inne; aber ihr unruhiges Auge sagte mir zur Genüge das übrige, und ich fuhr schon viel gefaßter fort: »Ja wohl, meine Theuerste, sind sie von solcher Wichtigkeit, daß ich mich des größten Leichtsinns schuldig machen würde, wenn ich mich darüber wegsetzen wollte – sie sind wahrlich von so einem Gehalte, daß der Engel selbst, dem ich doch schwach genug bin, alle Anwartschaften der Zukunft gegen einen gegenwärtigen billigen Ersatz anzubieten, kaum im Stande ist, die Erwartungen zu vergüten, zu denen mich dieses Dokument berechtigt. Doch, Klärchen, Sie sollen erst das heilige Band sehen, dem so große Vorrechte ankleben.« – Und hiermit zog ich es aus seiner Hülle, und legte es in die weißen Hände der kleinen Heiligen. Sie besah es lange mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen, während ich das Pergament des Ablaßbriefs behutsam aus einander schlug. Und als sie sich endlich seufzend von der Reliquie trennte, deren Besitz ihr noch nicht verstattet war, und nun willig und bereit schien, meine weitere Rechtfertigung und die neuen Vergleichsvorschläge anzuhören, rückte ich ihr einen Stuhl an den Tisch, den meine ausgebreitete Urkunde beinahe zur Hälfte bedeckte, setzte mich ihr zur Seite, und erleichterte ihr, kraft meiner Vorkenntnisse, die geschwinde Uebersicht und die Untersuchung meiner Beweise. – »Hier sehen Sie zuerst, liebenswürdige Klara, die eigenhändige Unterschrift des großen Papstes, die vollkommen mit dem an die Gräfin Vanotia 15 gerichteten Breve übereintrifft, mittelst dessen er dieser seiner Busenfreundin das geweihte Band überschickt. Sehen Sie, wie gut das große Siegel unter dem Ablaßbriefe, so wie der Abdruck des Fischerrings auf dem Umschlage des Breve, erhalten ist? Ein klarer Beweis, welchen Werth alle vorhergehende Besitzer dieser wichtigen Schriften, bis auf den Tag, wo das sonderbarste Glück sie in meine Hände gebracht hat, darauf gesetzt haben. Und nun lassen Sie uns den Inhalt der päpstlichen Bulle selbst durchgehen. Die flüchtigste Uebersicht wird schon hinlänglich seyn, Sie von der Billigkeit meiner [87] erhöhten Forderung zu überzeugen. Den ersten Punkt überschlagen wir, da er bloß die eigenen Verhältnisse der seligen Gräfin betrifft, die mit ihrem Tode aufhörten. Der zweite Satz enthält die Entsündigung eines Falls, der uns beide nichts angeht, da Sie, meine Beste, wie ich glaube, so wenig Brüder und Söhne haben, als ich Schwestern und Töchter. Von der Erlaubniß des dritten und vierten Punkts, hoffe ich, wollen wir auch nie in die Verlegenheit kommen, Gebrauch zu machen; denn es ist doch wahrlich kein Zufall wahrscheinlich, der uns auf eine wüste Insel verschlagen könnte. Ich überhüpfe auch diesen und diesen Abschnitt, die mir beide, so wiederholt ich sie überlesen, doch immer noch über meine Erfahrung und meinen Verstand gehen, und eile zu dem desto deutlichern Inhalte des siebenten Paragraphs, an welchem ich für meine Person dießmal genug habe. Er beweist klar für mich, entschuldigt mich hinlänglich, und giebt Ihnen, in dem Falle, den der heilige Vater auf das genaueste bestimmt, zugleich mit dem zärtlichsten Wunsche meines Herzens, die einzige Bedingung zu erkennen, unter der ich meinen gestrigen Tauschhandel noch zu erfüllen bereit bin.«


§. 7.


Mulierem aut virginem, quae tempore, quo hanc ligaturam cruralem sanctissimam portat, cum bruto, monacho aut haeretico, peccatum quodcunque carnale committit, eo ipso et auctoritate nostra Papali, inculpabilem declaramus, absolvimus et in integrum restituimus.

Ich hielt nicht für nöthig, diese kitzliche Stelle meiner schönen Freundin zu übersetzen, da nach der guten Erziehung, die hier auch das andere Geschlecht erhält, die meisten jungen Frauenzimmer, oft vor dem zehnten Jahre, im Stande seyn sollen, das elegante Latein päpstlicher Bullen zu verstehen. Ich glaubte es auch zur Genüge an Klärchens verfärbten Wangen wahrzunehmen, daß sie den Gedanken des heiligen Vaters vollkommen faßte; ob sie mir gleich durch ein paar Worte, die noch dazu unter Weges verunglückten, das allzu große Zutrauen benehmen wollte, das ich in ihre Kenntnisse zu setzen schien. – »Sie werden nun gern zugeben, schöne [88] Klara,« fuhr ich in dieser vielleicht zu freigebigen Voraussetzung fort, indem ich meinen Zeigefinger auf dem haeretico meines Paragraphs stehen ließ, »daß ich es gegen mich und meine Nachkommen nie verantworten könnte, wenn ich diese bestimmte Erklärung des heiligen Vaters, mit blindem Undanke gegen die Wohlthaten die sie mich hoffen läßt, so schnöde verachten wollte, um nicht entweder in Rom selbst unter dem Glanze seines ehemaligen Throns, oder doch in andern seiner geistlichen Gewalt untergebenen Städten und Ländern, eine der Schönsten Ihres Geschlechts aufzusuchen, die zugleich fromm genug wäre, für diese ligatura cruralis der Gebenedeiten großmüthig eine Indulgenz mit mir zu theilen; und noch dazu eine, die von allen, die er diesem heiligen Bande verlieh, die kleinste ist – Es müßte denn seyn,« fuhr ich nach einer kurzen Pause fort, »daß Sie selbst zur Gewinnung dieses Ablasses sich geneigt fühlten. Sie haben das Vorrecht; nutzen Sie es, meine schöne Nachbarin, und diese vorzüglich dotirte Reliquie kann in einer Stunde Ihr Eigenthum seyn. Ach liebe Kleine!« indem ich einmal über das andere ihre zitternde Hand küßte, »könnten Sie begreifen, wie mich dieser siebente Paragraph begeistert, Sie würden – ach! gewiß Sie würden mir keine Zeit lassen, mein Anerbieten mit kaltem Blute zu überlegen.« – »Mein Herr,« fiel mir das gute Kind mit weinerlicher Stimme ins Wort, »lassen Sie doch, ich bitte Sie, meine Empfindungen auch für etwas gelten! Der Fall ist zu verwickelt – Ihre Forderungen sind mir noch gar nicht deutlich; aber gewiß sie sind zu ungestüm um gleichgültig zu seyn, – ach! und ich fürchte mich zu sehr vor Uebereilung. Vergönnen Sie mir Bedenkzeit – nur bis auf übermorgen, an dem Namenstage meiner Tante, wo ich wieder, wie heute, mir selbst überlassen seyn werde. Sie wissen nicht, was mein Gewissensrath für schwere Interdikte auf mich gelegt hat! Sie wissen nicht, mein Herr,« (o ja, ich wußte es noch von ihrer Tante her, als sie mir die Thür wies), »unter welchem mächtigen Zeichen ich stehe! Nein, wahrlich, die Veranlassung mag noch so löblich seyn – ich darf mich ohne Vorwissen Ihro Hochwürden zu gar nichts verstehen.«

[89] Hier trat nun der Fall ein, lieber Eduard, meinen Sachwaltern Ehre zu machen. Ich that es mit der feurigsten Beredsamkeit, die mir bei einer halben Stunde die Aufmerksamkeit meiner Freundin zuzog. Ich sah jede Minute deutlicher, wie mächtig die Salbung eines Kasuisten auf das Herz einer Heiligen wirkt; und nachdem ich sie von den Vorrechten der päpstlichen Schlüssel, von der überwiegenden Gewalt des Papstes gegen alle heiligen und heimlichen Künste subalterner Geistlichen, und besonders durch meine herzhaften und liebevollen Augen überzeugt hatte, daß ich in allem, was zu der großen Wirtschaft der Natur gehört, an keinen mystischen Widerstand glaube, so ward es mir immer wahrscheinlicher, daß eine noch nähere Ursache, als ein Gewissenszweifel, da seyn müsse, die das gute Kind nöthigen konnte, hartnäckig auf ihrer Bedenkzeit stehen zu bleiben. Sie zog während meiner Rede das Sammetkästchen einigemal vor sich, und betrachtete das heilige Band, als ob sie sich nicht satt daran sehen könne, und schob es immer mit einem neuen Seufzer von sich. Ich hätte mit kindischen und weiblichen Gelüsten sehr unbekannt seyn müssen, wenn ich nicht daraus geschlossen hätte, was zu schließen war; und noch weniger müßte ich meine eigenen verstanden haben, wenn ich nicht den ihrigen in so weit zu Hülfe gekommen wäre, als es die Umstände erlaubten. Wie sie also zum drittenmale: nach dem Schatzkästchen griff, legte ich mich großmüthig ins Mittel: »Wissen Sie was, Klärchen,« sagte ich mit dem Tone der Gefälligkeit, »da ich sehe, wie schwer es Ihnen ankommen würde, Sich von der heiligen ligatura, zu trennen, so will ich Ihnen den Gebrauch derselben, jedoch mit Vorbehalt meines Eigenthums, bis auf den Entscheidungstag überlassen. Es wird alsdann von Ihnen immer noch abhängen, den einstweiligen Tausch zu bestätigen oder aufzuheben. Wissen Sie doch die Bedingungen.«

Sie schien zwar sehr gerührt über mein Zutrauen, doch selbst bei der sichtbaren Freude, die ihr mein Anerbieten verursachte, zeigte das kluge Mädchen eine Behutsamkeit, die mich sonderbar überraschte, und mich zu einem Exegeten machte, wie es nur einen giebt. – »Warum,« fragte sie ernsthaft, »warum, mein Herr, vermeiden [90] Sie doch dieser heiligen Reliquie ihren rechten Namen zu geben? Ist es nicht das Strumpfband der Madonna? la jartiere de Marie – Warum bleiben Sie nicht bei dem französischen Ausdrucke?« – Zu einer andern Zeit, Du traust es mir wohl zu, Eduard, würde ich es nicht der Mühe werth geachtet haben, nur ein Wort über die richtige Benennung dieses Kabinetsstücks zu verlieren. Jetzt aber – da mich der Einwurf der schönen Klara aufmerksam auf die Folgen machte, welche die eine oder die andere Bedeutung herbei führen würde – jetzt, da mir die Rechte einer ligatura cruralis weit wichtiger vorkamen, und mich wenigstens um einige Zoll weiter zu bringen versprachen, als die eines französischen Strumpfbandes, jetzt kam alles darauf an, meinen gebrauchten Ausdruck gegen die kleine Wortkrämerin zu vertheidigen. – »Liebe Freundin,« antwortete ich ihr mit einer viel sagenden Miene: »dem äußern Ansehn nach, sollte man freilich diese heilige Reliquie nur für ein Strumpfband halten. Sie haben noch überdieß die Angabe des Ausrufers für Sich. Nun ist zwar der Mann, dem Sie in einer so wichtigen Sache Glauben beimessen, wohl nichts mehr als ein unwissender Miethling, der die Grundsprachen nicht versteht, und dem eine richtige Erklärung der fremden Waare, die er ausbietet, ganz einerlei ist, wenn er sie nur an den Mann bringt, und seine Procente davon zieht; doch hier ist er billig eher zu entschuldigen, als Ihre schwankende, flüchtige Sprache. Es war nicht seine Schuld, daß er in derselben kein anderes als das Wortjartiere finden konnte, wovon auch die besten Ausleger eingestehen müssen, daß es den zwiefachen Sinn – sowohl eines Bandes hat, das um den Strumpf – als eines, das, wie das vorliegende, um das Knie gebunden wird.« – »Um das Knie?« fiel mir Klärchen hier hastig in die Rede. »Aus was für Gründen können Sie das behaupten?« – »Wenn es Noth hätte, sollte es mir sehr leicht seyn,« antwortete ich ernsthaft, »der Stellen eine Menge aus dem Talmud beizubringen, die Ihnen diese Gewohnheit bewiesen; ja, hätten wir Zeit, so könnten Sie selbst – es sind ja Jüdinnen genug in der Stadt – darüber bei ihnen nach fragen lassen: aber zum Glück können wir aller dieser Weitläuftigkeiten entbehren, da [91] die klaren Worte des Textes vor uns liegen. Der heilige Vater nennt das Band nicht umsonst ligaturam cruralem, das nur mitjartiere crurale übersetzt werden darf, um den Sinn ganz zu umfassen. Die siebenzig Dolmetscher konnten es nicht wörtlicher ausdrücken; und in heiligen Dingen,« setzte ich mit einem Seufzer hinzu, »ist es immer das Sicherste sich an den Buchstaben zu halten. Uebrigens seyn Sie ganz unbesorgt, liebes Klärchen!Es kommt dermalen nicht auf das Maß Ihrer Strümpfe – die Sie künftig verlängern können, wenn wir Handels eins sind, sondern es kommt auf die Gegend an, die ich die Ehre haben werde Ihnen zu zeigen, wohin eigentlich das Band, nach seiner ersten Bestimmung, und nach den Gebräuchen des Morgenlandes, gehört, denen allein die Mutter Gottes, während ihrer Wallfahrt auf Erden, gefolgt ist. Es war meine Schuldigkeit, liebes Klärchen,« endigte ich, »Sie erst mit dem Kleinode, das ich Ihnen anbiete, auf das genaueste bekannt zu machen, damit kein Mißverständlich bei der Auswechselung vorfalle; denn so gern ich Ihnen auch in gleichgültigen Dingen zu Gefallen lebe, und so zufällig ich auch zum Dienste dieses Heiligthums berufen seyn mag, so kann ich dochnun auf keine Weise zugeben, daß Sie es für das halten, was es Ihren leiblichen Augen scheint – für ein Strumpfband, oder daß Sie glauben, es bedeute nur einen Kniegürtel, da ich in meinem Gewissen überzeugt bin, und mich darauf todt schlagen lasse, daß es einer ist.«

Meine Rede machte, entweder durch ihren langweiligen Gang, oder durch ihre Wahrheit, den Eindruck, den ich wünschte. Meine schöne Schülerin schien beruhigt, und indem sie sich auf den Sopha zurecht setzte, versprach sie, um auch mich zu beruhigen, mit feierlichem Ernste, mir das Kleinod, das ich ihr auf einige Zeit anvertrauen wollte, ohne allen Schaden wieder zu überliefern, wofern wir nicht des Handels eins würden. Gutes Klärchen! dachte ich bei mir selbst, das ist das letzte, was ich fürchte. – Was denkst Du davon, Eduard? Wird ihr nicht die süße Schwärmerei ihrer Seele jeden noch so bedenklichen Schritt erleichtern? Wird sie nicht, wie jeder Enthusiast, sobald sie das Band an sich fühlt, zugleich [92] auch wirklich den wohlthätigen Einfluß empfinden, auf den ihr Glaube hofft? – stolzer einhertreten, ruhiger in die Welt und verächtlicher auf ihre Mitgeschöpfe blicken, und in immer süßen Träumen wachen und schlafen? Ja, du kannst, sprach ich mir muthig und hoffnungsvoll zu, deine Forderungen noch so hoch spannen, sie wird für diesen mystischen Gürtel alles andere ohne Reue verschwenden, wovon sie Herr ist.

Während dieser meiner psychologischen Betrachtung hatte Klärchen den rechten Fuß, der nicht mit in den Vertrag geschlossen war, gerade vor sich auf den Sopha gelegt, als ob er, wie die Hand des Gerechten, nicht wissen sollte, was der Linke thäte – Und –


Und voller Güte streckte sie

Den auserwählten Fuß bis an das weiße Knie,

Und sah, erröthend, mich bei meiner Arbeit lauschen.

Mit zitternder verwöhnter Hand

Löst' ich das eingetauschte Band

Voll Scham, so wenig einzutauschen. –

Ach, daß ich's eher nicht bedacht!

Was hätt' ich nicht mit einer Thräne

Der heiligen, erfahrnen Magdalene

Für einen guten Kauf gemacht!


Der richtigen Erklärung des Grundtextes allein hatte ich es zu verdanken, daß meine Augen sich nicht bloß mit der herrlichen Form des Fußes begnügen mußten, der, mit einem weißseidenen Strumpfe bedeckt, mir in der Hand lag. Nein, Eduard, ich gewann, kraft meiner Exegese, auch noch den Anblick einer guten Spanne der blendendsten Haut, wie sie wohl selten ein Schriftgelehrter zu sehen bekommt. Welche Entdeckungen der Sinnlichkeit versprach mir nicht diese kleine Probe der unverhüllten Natur, sobald ich nur die heiligen drei Könige hinter mir haben würde, die mir verzweifelt langsam zu reisen schienen. Die Lust des Anschauens fesselte mich so sehr, daß ich – wer kann mir's verdenken? – alle Kunstgriffe der Analyse und Polemik aufsuchte, um nur mein Wohlbehagen zu verlängern. – »Hier, schöne Klara,« stotterte ich, indem ich bald dieser, bald jener Hand vergönnte, wechselsweise den elastischen Fuß zu umspannen, damit keine bei der Spende [93] eines süßen Gefühls zu kurz käme, »hier ist die Gegend, wie die besten Ausleger des Talmud versichern, wo die Jungfrauen in Kanaan und Judäa den Gürtel zu tragen pflegten, obgleich« – meine Finger wagten sich noch über einen Zoll hinauf – »der gelehrte Ritter Michaelis behaupten will, daß es sehr die Frage sei, ob nicht nach dem samaritanischen Texte« ... »Mein Herr,« fiel mir hier Klärchen hastig in's Wort, indem sie sich ein wenig höher setzte, »ich dächte, die jüdischen Gebräuche wären sehr albern, und Sie würden mir wirklich einen Gefallen thun, wenn Sie Sich nicht weiter dabei aufhielten.« – »Dieser kurze, kalte Zuruf machte mich irre. Ich kam mit meinen Beweisen in's Stocken, verknüpften den heiligen Gürtel so ungeschickt als möglich, und sah sogar vor Betäubung nicht eher, als bis die Auswechselung vorbei war, was für ein neues himmelblaues seidenes Band, mit einer großen Schleife, ich statt des verblichenen linnenen Fetzen der Reliquie eingetauscht hatte. Die kleine bräutliche Koketterie, die ich in der gesuchten Auswahl dieses schimmernden Bandes zu entdecken glaubte, schien mir von der besten Vorbedeutung. Ich wies mein prophetisches Herz, bis zu der nahen Erfüllung seiner ungestümen Wünsche, zur Ruhen und dachte, wie ich mir vorstelle, daß die zu einer Spiel-Partie um das Königreich Pohlen vereinigten Mächte gedacht haben, als sie die Scheidungslinie ihres leichten Gewinnes, vermutlich in der kühnen Voraussetzung entwarfen, sie gelegentlich wohl noch zu erweitern, und nach und nach, erst diese, dann jene angränzende Starostei, oder diesen und jenen Paß in das offne Land an sich zu ziehen.

Klärchen erlaubte mir, nachdem der Vorhang des ersten Akts gefallen war, noch über drei Stunden bei ihr zu bleiben. Das ist eine entsetzlich lange Erlaubniß, wirst Du denken. Aber laß Dir nicht bange seyn! Das Mädchen giebt so viel zu beobachten und zu enträthseln, daß, wenn ich Dir die mannigfaltigen Blüthen ihrer Unterhaltung nur so frisch zubringen könnte, als sie mir in die Hände fielen, Du wohl begreifen solltest, wie einem die Zeit in ihrem Zirkel vergehen kann. Aber da liegt eben der Knoten! Es fällt der Feder lange nicht so leicht zu schwatzen, als der[94] Zunge, die von hundert Kleinigkeiten: unterstützt wird, welche auf dem Papiere verschwinden. Das Spiel der Mienen, das den Fügungen der Worte besser zu Statten kommt als alle Regeln des Syntaxes, geht in der Beschreibung so gut wie verloren. Die Modulation eines wohl angebrachten Seufzerchens, das oft einem dunkeln oder müßigen Ausdrucke erst den Verstand giebt – das Dehnen – das Verschlucken – das Steigen und Fallen der Stimme, ach! alle jene vielfältigen bedeutenden Schätzungen der Rede – wer ist vermögend, sie mit der Wirkung wieder zu geben, die sie nicht allein auf das Ohr, sondern öfter noch auf das Herz haben? Diese gewöhnlichen Schwierigkeiten, die allen Erzählern gemein sind, wie sehr würden sie mich erst zwängen und drängen, wenn ich es unternähme, den Dialog eines Mädchens zur Schau zu legen, das solche mitsprechende Augen, solch ein beredtes Stillschweigen, solch ein bedeutendes Lächeln, und eine Art von Erröthung in ihrer Gewalt hat, die mir nirgends noch vorkam! Setze noch dazu, daß dieses Mädchen ein Kind auf der einen Seite – eine ausgebildete Heilige auf der andern – mit dem Gegenwärtigen nur halb zufrieden – über das Bevorstehende nicht einig mit sich selbst, und seit Minuten erst in dem erborgten Besitze eines Kleinods ist, das sie übermorgen bezahlen soll, ohne zu wissen woher? – und Du müßtest blind seyn, um nicht einzusehen, daß sie nichts weiter zu entwickeln braucht, um es dem besten Erzähler unmöglich zu machen, so feinen Uebergängen des Geschwätzes und des Gefühls, als bei einer solchen Zusammensetzung von Charakter und Verhältnissen nothwendig vorkommen müssen« mit seiner Feder nachzutraben. Und doch muß ich, so schwer ich daran gehe, Dir wenigstens ein Fragment unserer Unterhaltung mittheilen, weil es gar zu sonderbare Neuigkeiten über den weitern Fortgang meines Läsions-Prozesses mit dem Mädchen enthält, die Du eben so wenig wirst geahndet haben als ich.

Die Kleine saß, nachdem sich das erste Aufwallen ihrer Lebhaftigkeit gelegt hatte, jetzt desto ernster in sich gekehrt, bei einer Viertelstunde schon vor mir, und gönnte mir durchaus keinen andern Zeitvertreib, als im Stillen den Nuancen ihrer Empfindungen [95] nachzuspüren, wie sie sich äußerlich zeigten. Aber auch das war, ich versichere Dich, keine leichte Arbeit. Mitten in ihrem stolzen seligen Gefühl, worin sie über den vergönnten Gebrauch des heiligen Bandes verloren schien, färbte ein ungefährer Blick auf den, der es ihr umband, ihre Wangen mit dem brennendsten Roth, und drückte ihre Augen zur Erde. Sah ich nun gleich bald hinterher den tröstenden Gedanken nachsteigen, zu wessen Glorie sie ihre Bescheidenheit verläugnete, und ihr Knie den ungeweihten Blicken eines Ketzers Preis gab – und trat gleich nunmehr ein Anstand, wie man ihn selten sieht, in dem Verhältnisse bei ihr hervor, in welchem ihr aufbrausendes Blut allmählich sich setzte; so dauerte doch diese Ruhe nicht lange. Ihr süßes Lächeln, das schon auf dem Wege war, verflog wieder; der harmonische Laut, auf den sich meine beiden Ohren schon spitzten, erstarb vor meinen Augen auf ihren bebenden Lippen. Sie warf wilde Blicke, bald auf den lateinischen Brief, der zwischen uns lag, bald auf mich; und diese Ebbe und Fluth ihrer Empfindungen war so schnell, daß ich Mühe hatte, ihnen nachzukommen, und die geheime Ursache davon aufzufinden, die, als ich ihr am Ende mit meiner Untersuchung beikam, – solltest Du es glauben, Eduard? – in nichts anderm als in dem Grausen vor den unbekannten Ceremonien bestand, unter welchen sie berufen seyn dürfte, den Namenstag ihrer geliebten Tante zu feiern. Da sie während dieses ihres innern Tumultes, aus dem ich sie so gern gezogen hätte, zweimal schon ihren linken Fuß beinahe krampfartig bewegt hatte, so nahm ich beim drittenmale Gelegenheit, unser so lange unterbrochenes Gespräch wieder in Gang zu bringen. –

»Sie zucken mit dem Fuße, liebes Klärchen:« hub ich an, »ich habe Ihnen doch wohl nicht den heiligen Kniegürtel zu fest gebunden und Ihnen weh gethan?« – »Nein,« antwortete sie, nach ihrer unbefangenen Art: »Sie haben es so recht gut gemacht – Allenfalls wäre auch Rath dafür.« – »Und wofür, Klärchen, wäre denn nicht Rath in der Welt?« – »Meinen Sie?« – »Außer für den Tod,« fuhr ich lächelnd fort. – »Und außer für übermorgen,« murmelte sie, doch laut genug, daß ich es hören konnte, ward dabei [96] roth, und hielt einen Augenblick ihre rechte Hand vor die Augen. – »Liebes Klärchen, das ist eine seltsame Verbindung von Ideen!« – »O!« dehnte sie, »nicht so seltsam als es Ihnen vorkommt. Die Zumuthungen Ihres Geschlechts, habe ich immer gehört, gehen einem tugendhaften Mädchen bitterer ein als der Tod.« – Diese letzten fünf Worte, Eduard, waren wie auf Noten gesetzt. – »Gewiß, liebe Kleine,« antwortete ich traulich, »gewiß habe ich Ihnen den Gürtel zu fest gebunden.« – »Woraus, ich bitte Sie, wollen Sie das schließen?« – »Aus Ihrer kindischen Furcht vor übermorgen,« sagte ich lächelnd. – »Nun, das gestehe ich, mein Herr, diese Ihre Ideenverbindung ist Wohl seltsamer als die meinige; sie ist mir ganz räthselhaft.« – »Kann wohl seyn, liebenswürdiges Kind; warum vermeiden wir, deutlich mit einander zu reden?« – »Noch deutlicher, mein Herr? Ich dächte, hierüber hätten Sie Sich wenig vorzuwerfen.« – »Und auch Sie nicht, Klärchen?« – »Auch ich nicht, mein Herr. Ich habe Ihnen alle Zweifel entwickelt – aber wie wenig haben Sie darauf geachtet!« – »Ich hätte nicht darauf geachtet? Kleine Schwätzerin! habe ich sie denn nicht sogar völlig gehoben?« – »O bei weitem nicht, mein Herr!« – »Klärchen! Ich erstaune – Also wären alle meine billigen Erklärungen in den Wind gesprochen gewesen? Sie fänden die himmlische Reliquie für den gemeinen Preis, den ich darauf setze, noch immer zu theuer? und bei der Menge von Indulgenzen, mit denen ich Sie, ohne daß ich groß thun will, bereichere, könnte es Ihnen noch einen Augenblick sauer ankommen, die kleinste davon mit mir zu theilen?« – »Hören Sie mich an, mein Herr,« unterbrach sie mich jetzt mit edlem Anstände: »Das Strumpfband der Gebenedeiten – ich gestehe es Ihnen unverholen – ist mir mehr als lieb; es ist mir unschätzbar, und ich weiß nicht, ob ich es überleben würde, wenn ich mich von ihm trennen sollte. Sie haben es, unter sehr bänglichen Minuten für ein sittsames Mädchen, zu einem Kniegürtel erklärt; auch das habe ich mir gefallen lassen: aber welche neue Demüthigung in aller Welt soll ich denn noch für das Band, oder den Gürtel der reinen Jungfrau bezahlen, die – ach, mein Herr! von keinem Manne gewußt hat? Sehen Sie, ich bin nur ein einfältiges [97] unschuldiges Kind – mit allem meinem Nachdenken bringe ich es doch in Ewigkeit nicht heraus, was Sie übermorgen etwa von mir erwarten – und das ängstigt mich eben.« – »Wie, Klärchen?« antwortete ich ganz betroffen: »Sieht es mit unserm Handel noch so weitläuftig aus? Ist es denn, ich bitte Sie, der Kniegürtel der Madonna allein, den ich Ihnen anbiete? Gehören denn nicht auch die Freiheiten dazu, mit denen ihn Papst Alexander so großmüthig beschenkt hat? und haben Sie denn wirklich den siebenten Paragraph sei nes Ablaßbriefs so gar wenig verstanden?« – »Auch nicht eine Sylbe davon, mein Herr,« antwortete sie. »Ja, ich, und fremde Sprachen!« – »Wenn es nur daran liegt, Klärchen, so soll es mir keine Mühe kosten, Ihnen den Inhalt in gutes Französisch zu übersetzen – Sie müßten denn lieber warten wollen, bis übermorgen, wo ich ihn in einem Dialekte vorzutragen hoffe, der aller Welt – den sinnlosen Bewohnern des Feuerlandes so gut als der klügsten und artigsten Europäerin – gleich verständlich und angenehm ist.« – Sie stockte – »Werden Sie nur nicht ungehalten, mein Herr!« nahm sie endlich mit einem scheuen und bittenden Blicke das Wort wieder: »aber darf ich wohl in Ihrer eigenen Sache mich auf Ihre Übersetzung verlassen? Denken Sie sich nur an meinen Platz! Ich zittere so leicht vor allem woran ich nicht von Jugend auf gewöhnt bin. Zum Glücke habe ich mich immer in verwickelten Fällen an den Rath meiner Tante und meines Gewissensrathes halten können,die Vater- und Mutter-Stelle bei mir vertreten; und jetzt – in der bedenklichsten Lage meines Lebens vielleicht – soll ich mit treuloser Verwegenheit« – das Wort gab mir einen Stich in's Herz, Eduard, – »mich selbst um ihre Hülfe betrügen? soll hinter dem Rücken so erprobter Freunde – auf das Wort eines Fremden – mit mir schalten und walten, als ob ich ihrer Erfahrung nicht weiter bedürfe? Sagen Sie mir auf Ihr Gewissen, mein Herr, ob dieß redlich, ob dieß erlaubt sei? Habe ich nicht schon,« fragte sie auf das beweglichste, »unrecht, sehr unrecht gethan, daß ich den befeuerten Blicken eines jungen Herrn den ruhigen Ort Preis gab, wo in Canaan und Judäa – wie Sie mir, glaube ich, [98] haben weiß machen wollen ... Ach, mein Herr,« unterbrach sie sich hier selbst mit einem über die Maßen verlängerten Seufzer, »Ihre Nachbarschaft, fürchte ich, ist mir eine nahe Gelegenheit zu sündigen geworden. Heilige Madonna! Ein junger Fremder – heute und übermorgen – allein mit mir in Einem Zimmer? Zweimal in Einer Woche? Je unglaublicher mir alles das würde geschienen haben, wenn es mir jemand hätte wahrsagen sollen, desto mehr muß es jetzt mein Herzklopfen vermehren. Ich möchte so gern, ich wiederhole es Ihnen, mein Herr, die heilige Reliquie gewinnen: aber bei den eilftausend Jungfrauen schwöre ich Ihnen zu, daß ich so wenig weiß, was Sie noch von mir fordern können, als ich weiß, was mir in solchen Umständen meine Religion zu geben erlaubt. Ach, wer soll mir in dieser unaussprechlichen Verlegenheit rathen?«

Weißt Du wohl, Eduard, was mir, während dieses frommen Anfalles der Kleinen, durch den Kopf fuhr? Das will ich Dir aufrichtig sagen! Anfangs nichts weiter, als eine Zeile von Voltaire, die ich Dir zu errathen gebe – nachher die zwo darauf folgenden, die ich Dir hersetze:


C'est un grand bien! mais de toucher un cœur

Est à mon sens un plus cher avantage.


Zuletzt aber gingen meine ausschweifenden Gedanken stufenweise vom Erstaunen zum Mitleid, in den großmüthigen Entschluß über, meine Ohren nicht länger dem Girren dieser Unschuldigen zu verstopfen, und einer so bewährten Heiligkeit – mochte sie mich auch noch so sehr überraschen – – in Zukunft die Ehre zu erzeigen, die sie verdient. Reizender zwar hatte ich das Mädchen noch nicht gesehen, als in diesem rührenden Auftritte. Aber die einfache Beredsamkeit ihres reinen Herzens – welcher Sophist vermag ihr zu widerstehen! – machte einen ungleich stärkern Eindruck auf das meinige, als alle Lockungen ihrer Jugend, und bewirkte eine so gänzliche Umstimmung in mir, daß ich in diesem Augenblicke nicht vermögend gewesen wäre, ihre beseelten Lippen nur um einen Kuß zu betrügen. Wie rührte mich das offene Geständniß ihrer Unwissenheit, das mit dem stillern Beweise so artig übereinstimmte, [99] den ihre bebende Hand, ohne zu ahnden, daß ihr ein menschliches Auge nachschleichen würde, schon bei dem schlafenden Engel abgelegt hatte! Jenes Restchen von Staub, wie viel wog es nicht nach meinen Gedanken, um bei einer künftigen Berechnung weiblicher Unschuld und Tugend der ihrigen den Ausschlag zu geben! Wie dankte ich es dem Zufalle, der mich endlich einmal eine Heilige, in der ächten Bedeutung des Worts, kennen lehrte, da ich mir zuvor von der sonderbaren Zusammensetzung eines solchen Geschöpfs keinen Begriff machen konnte! – Wo hätte ich ihn hernehmen sollen? Ich staunte gerade vor mich hin, und war drauf und dran, dem frommen unbefangenen Kinde das Spielwerk ihrer Seele, nebst der rückständigen Bezahlung edelmüthig zu schenken, und – meine Wege zu gehen.

»Klärchen, gutes frommes Klärchen,« sagte ich, und ergriff und drückte, beinahe mit väterlicher Zärtlichkeit, ihre Hand, »noch ist nichts unter uns vorgegangen, was nicht in allen Religionen der Welt zu vergessen und zu vergeben wäre; darauf können Sie sich verlassen! Ihre übrigen Zweifel aber, liebe Kleine, sind von mehrerem Belange. Wenn ich sie Ihnen nach meinem Gewissen, das Sie aufgefordert haben, nach der strengen Moral, in der ich unterwiesen bin, nach meinem Glauben, nach meiner Ueberzeugung beantworten soll, so muß ich Ihnen unverholen sagen, daß Sie« ... »O!« unterbrach mich hier das in Furcht gejagte Kind, »wie darf ich der Moral und der Ueberzeugung eines Ketzers Gehör geben? Wie darf ich einer andern Glaubenslehre folgen als der meinigen? Nimmermehr, mein Herr, nimmermehr!« – »So hören Sie doch nur, Klärchen,« fiel ich mit ernster Stimme ein: »Die Regeln der Sittenlehre sind« – hätte ich beinahe gelogen – »in allen Religionen und bei allen Völkern der Erde, dieselben;« aber sie ließ mir nicht Zeit dazu. – »Nein,« rief sie mit ängstlichen Geberden, »nein, mein Herr, ich darf Sie nicht anhören.« – Ich ward hitzig. »Auch nicht,« fragte ich mit starker männlicher Stimme, »wenn ich Ihre wankende Tugend befestigen, wenn ich wider meinen Vortheil sprechen – wenn ich Sie vor dem Ablaßbriefe des heiligen Vaters warnen will – auch dann nicht?« – Sie hielt sich, [100] statt mir zu antworten, die Ohren zu. »Nun bei Gott!« murmelte ich vor mir hin, »das ist unerträglich!« stampfte mit dem Fuße und sah ungewiß in die Höhe. »Seit acht Tagen, war ich mir bewußt, hatte ich keinen Gedanken gefaßt, der meinem Herzen mehr Ehre machte; und jetzt trat mir nun das Kind, dasselbst ihn entwickelte, in den Weg, da ich eben daran war ihn auszuführen. Ich dächte doch bei meiner Ehre, die ein und vierzig Dukaten, die ich, mit allem dem was daran hängt, so großmüthig im Stiche lasse, verdienten es schon, daß sie mir zuhörte! – Aber gewiß hat sie mich noch nicht so recht verstanden. – Ich will mich deutlicher machen, und es müßte nicht gut seyn, wenn sie mir nicht noch zu Füßen fallen und mich als ihren Schutzengel verehren sollte, so bald sie mich nur erst kennen lernt. In diesen Gedanken setzte ich mich ungefähr in dieselbe Stellung, als letzthin, wo ich, nicht weit von der Eselspost, der guten Margot warnenden Unterricht über den Amor gab.

Ich ergriff die Hände des sträubenden Mädchens, um sie abzuhalten sie nicht wieder vor die Ohren zu nehmen, faßte das« wilde Kind mit meinen beiden Knieen, daß es mir Stand halten mußte, und wie sie nun so vor mir stand, blickte ich ihr mit der zärtlichsten Aufrichtigkeit in die Augen. – »Liebes Klärchen,« redete ich sie an, »Sie sind jung, schön, und frömmer und unschuldiger, als ich noch je ein Mädchen gekannt habe; aber Sie haben mir nun zu sehr schon Ihre Schwachheit gegen Reliquien verrathen, und da werden Ihnen alle Ihre Tugenden nichts helfen, wenn ich nicht ehrlich mit Ihnen verfahren will. Sie werden der Gewalt, die mir das Zauberband der Maria und Papst Alexander der Sechste über Sie giebt, so tief unterliegen müssen, als es unser Kontrakt verlangt. Aber, bestes Kind,« indem ich mit meinen beiden Knieen sanft die ihrigen drückte, »hören Sie mich nur einen Augenblick mit Aufmerksamkeit an, und Sie werden sehen, daß ich es nicht so böse mit Ihnen meine. Sehen Sie, so schwer es mir auch ankommt, allen den Freuden von übermorgen – allen den Indulgenzen zu entsagen, die ich Ihnen mit dem heiligen Kniegürtel ungetheilt überlasse, so fühle ich doch mit innigster Selbstzufriedenheit, [101] daß ich es vermag. Ich verlange nichts dafür als Ihre Freundschaft; und diese erlaubt Ihnen Ihre Religion – warum sehen Sie Sich so schüchtern um? – auch einem Ketzer zu schenken, wenn er sonst ein ehrlicher Mann ist. Wundern Sie Sich nicht zu sehr über meine Großmuth! Sie ist nicht so uneigennützig als Sie denken. Es liegt ein gewisses stolzes Vergnügen darin, das mir selbst mehr werth ist, als die höchste Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie sind wahrlich nicht das erste Mädchen, das ich in seiner wankenden Tugend befestigt – selbst in der kritischsten Lage befestiget habe, wohin ich sie erst selbst gebracht hatte; – und ich habe immer gefunden, daß ihnen diese Lektion dienlicher gewesen ist, als jede andere. Ein unschuldiges weibliches Herz, ich gestehe es Ihnen, ist mir Zeit meines Lebens immer das liebste Spielwerk gewesen; und ich bin gewiß der Freude nicht unwerth, um die ich Sie bitte, mich die geheimsten Falten auch des Ihrigen, jede seiner Empfindungen, und alle die kleinen lieblichen Wendungen seiner liebenswürdigen Unerfahrenheit ohne Zurückhaltung sehen zu lassen – die mir wirklich ungleich mehr Freude machen, liebes Klärchen, als die wundervollsten Reize des Körpers. Gönnen Sie mir, mit einem freundschaftlichen, unumschränkten Zutrauen, diesen süßen Anblick, und ich stehe sogleich von allen Ansprüchen meines Handels ab.« – Du siehst, Eduard, wie weit ich ging, um nur zur Ehre meiner Religion und Moral Recht zu behalten; aber es war nicht möglich. – »Nein, nein, nein,« schrie das einfältige Ding einmal über das andere: »ich darf die Freundschaft eines Ketzers – ich darf seine Geschenke nicht annehmen; und mein Gewissen verbeut mir, auf die Fallstricke seiner Lehren zu achten. Warum, wenn Sie es so ehrlich mit mir meinen, lassen Sie mich nicht Rücksprache bei meinem Gewissensrathe und Glaubensgenossen halten?«

Ich war so vollkommen überzeugt, Eduard, daß in diesen Augenblicken, wo ich es so gut mit dem Mädchen meinte, auch in ihrer Seele kein anderer Gedanke herrschen könne, als die Bewunderung meiner Uneigennützigkeit und Großmuth. Stelle Dir also vor, wie mir zu Muthe ward, als ich mich so häßlich betrogen[102] sah. Du weißt, es geht mir mit dem Propste, wie jenen bezauberten Ohren in einer gewissen Feengeschichte mit dem Worte Trarara. – Ich konnte den Ehrenmann nicht nennen hören, ohne sogleich aus der angenehmsten Ideenverbindung in die bitterste überzuspringen, die man sich denken kann. Meine gespanntesten Empfindungen erschlafften, und meine Treuherzigkeit gegen das Mädchen verwandelte sich in sichtbaren Unmuth. Ich ließ ihre warmen Händchen fahren, und entließ sie so plötzlich aus der Gefangenschaft meiner Kniee, daß sie nicht wußte wie ihr geschah. Sie blickte mir verwundernd unter die Augen. – »Sie sind doch nicht böse?« fragte sie, setzte sich neben mich, und streichelte mir schmeichelnd die Wangen. Nun hat jeder Beweis eines guten Herzens, er mag sich zu erkennen geben wie er will, immer den stärksten Eindruck auf das meinige gemacht, und es brauchte auch jetzt weiter nichts, um mich schnell wieder umzustimmen. So weit, dachte ich, hat sich wohl diese kleine schüchterne Hand, deren Unschuld ich so genau kannte, noch nicht verstiegen. – Das rührte mich ungemein. Ich schwieg zwar, aber ich drückte dieser niedlichen Hand so wiederholte und ausdrucksvolle Zeichen meiner Versöhnung auf, daß die gute Kleine wohl fühlen mußte, daß es mein ganzer Ernst damit war. Mit Einem Worte, Eduard, das Mädchen fing an, mich noch herzlicher zu dauern als vorher. Mein Gott! sagte ich mir, wie magst du dich nur über das liebenswürdige Kind ärgern! Bei seiner Aufrichtigkeit und Unschuld kann es ja beinahe nicht anders sprechen und handeln! nur aber bringt uns das weder einen Zoll rückwärts, noch vorwärts. – Ich hätte ihr, Du weißt es Eduard, so gern alle meine Heiligthümer umsonst überlassen; aber sie will sie ja so wenig zum Geschenke von mir annehmen, als meine Freundschaft. Zu fromm auf der einen Seite, mir den heiligen Kniegürtel, den sie ein mal am Fuße hat, wieder zurück zu geben, kommt ihr doch auf der andern alles wieder zu theuer vor, was sie auf seine völlige Abtretung bieten soll. Die kleine Närrin hat sich da sowohl als mich in eine Verlegenheit gebracht, aus der ich wahrlich nicht einsehe, wie wir uns ziehen wollen. – Alles das ging mir eine lange Weile durch den Kopf. [103] Endlich glaubte ich einen Ausweg wahrzunehmen, und blieb dabei stehen.

»Klärchen,« wendete ich mich jetzt mit nachdenkender Miene an sie, »auf die Art, wie Sie Sich benehmen, kommen wir in alle Ewigkeit nicht aus einander. Ihr Propst, mit allem Respekte für das Amt der Schlüssel, das er trägt, geht mich nichts an. Ihm zu Liebe habe ich wahrlich den Kniegürtel nicht erstanden, und – so viel werden Sie doch begreifen, daß bei unserm Tausche eine dritte Person ganz überflüssig seyn würde. So wohlmeinend ich mich auch gegen Sie erklärt habe, so mögen Sie doch mit meiner Moral und mit meinen Geschenken nichts zu thun haben; und doch möchten Sie gern den Nachlaß der Maria behalten. Ihr unverdientes Mißtrauen schmerzt mich: aber ich will über nichts weiter in Sie dringen; und, da ich Ihre Gewissenszweifel Ihnen nicht zu Danke beantworten kann, und Sie darauf bestehen, erst Rückfrage bei Ihren Glaubensgenossen zu halten, ehe Sie Sich zu etwas entschließen, so mögen Sie es meinetwegen. Ihre Stiftungsbibliothek ist ja in der Nähe; und da sie wahrscheinlich in keiner andern Absicht aufgestellt ist, als um sich in schwierigen Fällen bei ihr Raths zu erholen, so ist kein Zweifel, daß auch Sie ihn da finden werden: wenigstens, so viel ich es beurtheilen kann, besteht diese ganze Sammlung aus Schriftstellern, die ungleich mehr Ruf und Gelehrsamkeit vereinigen, als selbst Ihr Propst. Sind Sie dießmal mit meinem Vorschlage zufrieden, Klärchen? Soll ich Sie dahin führen?« – »Sehr, sehr gern,« antwortete sie mit auffallender Freude, und ihr Gesichtchen klärte sich nun wieder auf wie ein Maitag. – »Und wollen Sie sich,« fuhr ich fort, »den Aussprüchen dieser gelehrten Männer ohne die geringste Weigerung unterwerfen?« – »Ja doch, ja mein Herr,« erklärte sie sich voller Ungeduld, »das will ich! Hier haben Sie im Voraus meine Hand darauf.« – »Nun gut,« erwiederte ich ziemlich gesetzt, »so ist es mir lieb, daß ich hier eine schöne Gelegenheit finde, Sie über Ihr voriges unbilliges Mißtrauen ein wenig zu beschämen. Ich will mich nicht hinter meinem Glauben verstecken wie Sie. Die Schiedsrichter, die Sie Sich wählen werden, sollen auch die meinigen [104] seyn. Mögen Sie mir auch alles aus den Händen spielen, worauf mir Papst Alexander ein Recht gab; war ich doch selbst auf dem Wege Verzicht darauf zu thun, wenn Sie mich hätten gehn lassen, liebes furchtsames Klärchen. Doch das ist vorbei! Ich erzeige deßhalb Ihren Bedenklichkeiten noch dieselbe Ehre als vorher. Sie sind wahrlich von der größten Wichtigkeit, und es wird mir immer eine Freude machen, daß ein so junges liebenswürdiges Mädchen aus eigenem Instinkt darauf gefallen ist. – Das sage ich Ihnen offenherzig; ob ich gleich mit einiger Wehmuth voraus sehe, daß, so lange solche in ihrer Kraft bestehen, wir nimmermehr bis an die lieblichen Indulgenzen des Papstes gelangen können. Doch das ist jetzt mehr Ihre Sache als die meinige, da ich Ihnen ganz überlasse, Sich den heiligen Kniegürtel eigen zu machen, auf welche Art Sie und Ihre Rathgeber für gut finden. – Kann man sich wohl billiger erklären?« – »Nein, gewiß nicht,« antwortete Klärchen: »Ich bin auch recht gerührt von Ihrer Güte; aber seyn Sie versichert, daß ich auf meiner Seite alles thun werde, was ich mit gutem Gewissen thun kann. Denn ich bin weit entfernt, Sie um eine Kostbarkeit betrügen zu wollen, deren Werth niemand mehr schätzen kann als ich.« – »Aber möchten wir nicht,« unterbrach ich sie, indem ich ihr meinen Arm reichte, »noch einmal, unterweges, die Schwierigkeiten überzählen, über die Sie eigentlich Auskunft nöthig haben? In einer großen Bibliothek ist das beinahe nothwendig; denn sonst kann man sich darin verlieren, um nicht wieder heraus zu kommen. So viel ich mich erinnere, sind Sie erstlich wegen des schönen, mir unvergeßlichen Anblicks unruhig, den Sie mir bei der Auswechselung der Bänder doch zu vergönnen genöthigt waren, wenn ich Ihnen den heiligen Kniegürtel, auf seine gehörige Stelle, umbinden sollte; – nicht wahr, meine Beste?« – »Ja mein Herr,« antwortete sie, »freilich, liegt mir das recht schwer auf dem Herzen.« – »Und Sie haben sehr Recht,« versetzte ich, »daß Sie Sich darüber in Zeiten zu verständigen suchen; denn wie wollen wir übermorgen sonst fertig werden? Und nun,« fuhr ich fort, »was war denn Ihre zweite und dritte Frage, die mir nicht eben so gut mehr erinnerlich [105] sind?« – »Aber mir desto mehr,« antwortete sie. »Sehen Sie das eine ist die Angst, die ich habe, ob ich mich nicht mit Ihnen in der nahen Gelegenheit zu sündigen befinde: denn davor, kann ich Ihnen sagen, hat mich mein Katechismus vor allen andern gewarnt, und es ist mir also nicht zu verdenken, daß ich darüber genaue Erkundigung einziehe.« – »Nicht mehr als billig,« versetzte ich: »es soll mir selbst lieb seyn, wenn ich es erfahre.« – »Und endlich,« fuhr sie fort, »martert mich die grausame Ungewißheit, ob ich mich, so ohne Vorwissen der Meinigen, mit einem Fremden in einen Handel einlassen darf, den ich nicht verstehe? Sie sehen selbst, mein lieber Herr, daß, so gern ich auch wollte, ich doch unmöglich mit ruhigem Herzen einschlagen kann, so lange ich nicht über diese drei Hauptpunkte mit mir selbst einig und eines Bessern belehrt bin.« – »Das ist sehr begreiflich,« antwortete ich: »Aber, wie gesagt, deßwegen hätten Sie nicht gebraucht, erst in eine Bibliothek zu gehen – Ich würde eben so gut im Stande gewesen seyn, Ihnen hierüber Auskunft zu geben, wenn Sie, kleine Mißtrauische, mir nicht Ihre Ohren verstopft hätten.«

Unter diesen lehrreichen Gesprächen waren wir unvermerkt bis vor die Thür meiner Klause gekommen, die jetzt das gute Kind voller Frohsinn öffnete, und mit mir eintrat. Wir kamen glücklich dem Rousseau und Amor vorbei, ließen mein Bette linker Hand liegen, und traten nun beide sehr neugierig vor unsern Gerichtsstand. Zum Glücke waren von den Hauptquellen, außer den Originalen, auch gute Übersetzungen da, die es Klärchen leicht machten, in der Geschwindigkeit eine Kommitee aus ihnen zu errichten, gegen die auch nicht die geringste Einwendung Statt fand. Sie setzte sie aus dreien der erfahrensten Männer zusammen, denen man schon Verstand, Gelehrsamkeit und kollegialische Eintracht zutrauen mußte, sobald man sie in ihrer altväterischen Tracht ansteigen sah. Ich ließ ihr mit Vorbedacht die Ehre der Wahl allein. Denn so angenehm es auch ist, wie ich wohl weiß, wenn ein Klient auf die Besetzung des Tribunals, das ihn richten soll, einigen Einfluß hat; so mußte es doch auf der andern Seite, an der mir jetzt ehrenhalber noch mehr gelegen war, kein geringes[106] Vorurtheil von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen und der Güte meiner Sache bei dem lieben Mädchen erwecken, wenn sie mich selbst da ruhig sah, wo jeder zu zittern Ursache hat, er mag seines Rechtes auch noch so gewiß seyn. Ohne die entfernteste Theilnahme also an der Ernennung dieser Herren, begnügte ich mich bloß mit der subalternen Rolle, nach dem Range, den ihnen Klärchen anwies, ihnen die Stühle zu rücken und sie von ihrem Schulstaube zu reinigen. Der erste, dem ich diesen Dienst zu erzeigen hatte, hieß Escobar. Der Mann hatte ganz das Ansehen eines Vorsitzenden. Der andere, beinahe noch verschrumpfter und schmutziger, war der ehrwürdige Pater Lessau. Der dritte aber, an der Spitze einerSomme de pechés, nannte sich Pater Bauny, und war von einem ziemlich manierlichen Ansehn. Auch fiel sein Korduanband mit goldenem Schnitte Klärchen am meisten in die Augen; denn sie setzte sich mit ihm, sobald er abgestäubt war, mir gegen über auf einen Stuhl.

»Kannten Sie diese gelehrten Männer schon vorher?« fragte ich, indem wir beide ihre Schriften vorläufig überblätterten. – »Es ist zwar,« antwortete sie, »das erstemal, daß ich mit ihnen zu thun habe; aber übrigens sind sie mir schon längst als die ersten Stützen unserer geheiligten Religion bekannt; der Herr Propst führt ihre Namen immer im Munde, und beruft sich in streitigen Fällen meistens auf sie.« – »Nun das ist ja recht gut,« versetzte ich: »da haben Sie doch endlich Ihren Willen, und können Sich so gut über Ihre Zweifel belehren, als wenn Sie Ihren Gewissensrath selbst sprächen!« – »Das denke ich auch,« antwortete Klärchen kurz abgebrochen, weil sie sich eben mit einer Stelle beschäftigte, auf die sie sehr nachdenkende Augen heftete. – »Haben Sie etwas Sachdienliches gefunden, liebes Kind?« fragte ich neugierig, indem ich selbst in meinem Buche auf eine ihrer Bedenklichkeiten stieß, die ich einstweilen zeichnete. – »Ich habe wohl so etwas,« dehnte sie, »über die nahe Gelegenheit – aber« ... »Nun das trifft sich recht gut,« rief ich dazwischen: »auch ich habe darüber eine Erläuterung in dem Escobar gefunden, die mir ganz neu ist.« – »Nur ärgert es mich,« fuhr sie in ihrer Rede fort, »daß mir eben [107] da, wo ich am liebsten fortlesen möchte, eine dumme lateinische Zeile in die Quere kommt.« – »Wollen Sie mir wohl Ihren Fund mittheilen, Klärchen?« – »On doit,« las sie laut und ohne Anstoß, »absoudre une femme, qui a chez elle un homme avec qui elle peche souvent, si non po« – – – »Geben Sie nur her, Kind,« unterbrach ich ihr Stottern, »ich will sehen was es ist.« – »Sie reichte mir das Buch, und nun las ich mit ziemlicher Verlegenheit, und war froh, daß sie kein Latein verstand: si non potest ejicere aut habet aliquam causam retinendi. – Sie haben wohl Recht, Klärchen, es ist eine dumme Zeile.« – »Nun, mein Herr,« sah sie mir fragend in das Gesicht, »unter was für einer Bedingung gilt das Souvent?« – »O!« antwortete ich, »hier ist eine vorausgesetzt, die auf uns gar nicht paßt – Urtheilen Sie selbst: Si non potest und so weiter – das heißt: Wenn sie den Herrn nicht zur Stube hinaus werfen kann, oder sonst eine Ursache hat, ihn bei sich zu behalten.« – »Da ist ja gar kein Verstand darin,« sagte Klärchen. – »Beinahe,« antwortete ich: »aber nehmen Sie deßwegen das Buch nur wieder! Einige Seiten weiter werden Sie die Frage schon deutlicher aus einander gesetzt finden, wenn Escobar, wie wir bald sehen wollen, richtig citiert hat. Horchen Sie recht auf: On n'appelle pas occasion prochaine celle, où l'on ne peche que rarement, comme de pecher par un transport soudain avec celle ou celui, avec qui on demeure trois ou quatre fois par an, ou selon Bauny pag. 1802. Schlagen Sie doch einmal nach, Klärchen! une ou deux fois par semaine« – »Die Pagina trifft zu,« sagte Klärchen, und reichte mir zugleich das Buch wieder hin. Ich hielt es neben das meinige, verglich die Parallelstellen, und freute mich laut über das freundschaftliche Einverständnis zweier so berühmter Schriftsteller in einer so wichtigen Sache. – »Ist das nicht,« wendete ich mich an das Mädchen, »so ganz unser Fall, liebe Kleine? als wenn ihn die Herren hundert Jahre voraus gesehen, und Ihnen die eigenen Worte Ihres Gewissenszweifels aus dem Munde genommen hätten? Die süße Beruhigung abgerechnet,« fuhr ich fort, »die Ihnen diese Beweisstelle verschafft, so freue ich mich auch besonders über den kurzen und deutlichen Begriff, den [108] sie mir nebenbei über mein Näherrecht giebt.« – »Ueber Ihr Näherrecht?« fragte Klärchen. – »Jawohl,« antwortete ich: »das liegt ganz in den Worten, avec qui on demeure – une ou deux fois par semaine. Und ohne eins in das andere zu reden, meine schöne Nachbarin, will ich mir doch, da es eben die Gelegenheit giebt, Ihren guten Rath in Ansehung meines Quartiers erbitten, das mir immer je länger je besser gefällt. Sie wissen, ich habe es nur auf einen Monat gemiethet; was meinen Sie, würde mir es Ihre gute Tante nicht eben so gern auf ein Jahr zusagen, wenn ich es voraus bezahlte?« – »Das kann ich Ihnen in der That nicht mit Gewißheit sagen,« antwortete mir Klärchen mit einer solchen liebenswürdigen Unbefangenheit, daß ich sie gern dafür hätte küssen mögen. – »Aber ich sollte beinahe nicht daran zweifeln.« – »Nun gut,« sagte ich, indem ich den beschwerlichen Escobar neben mich legte: »so will ich mich nächstens mit ihr darüber besprechen;« und fuhr nun fort mich mit dem ehrlichen Pater Bauny, den ich noch in der andern Hand hatte, weiter zu unterhalten. – Ich that sehr wohl daran, und Escobar kann es mir wahrlich nicht übel nehmen; denn ich hatte noch gar nicht lange in der Somme de pechés seines Kollegen gestört, so fand ich unvermuthet eine der größten Bedenklichkeiten meiner kleinen Unschuldigen so deutlich entwickelt, und so gründlich beantwortet, daß es das unerfahrenste Kind verstehen konnte. – »O, treten Sie einen Augenblick näher, liebe Kleine,« rief ich ihr zu. »Fragten Sie mich nicht vorhin auf mein Gewissen, ob es recht – ob es erlaubt sei, ohne Vorbewußt Ihrer guten Tante und Ihres Seelsorgers, über das schönste Eigenthum, das Sie besitzen, über Ihre Person, nach Belieben zu schalten und zu walten? Ich läugne nicht, mein gutes Klärchen, und Sie müssen mir es angesehen haben, daß mich Ihre Frage nicht wenig stutzig machte. Wie lieb ist es mir, daß Sie mich gar nicht dazu kommen ließen darauf zu antworten! denn gründlicher hätte ich es unmöglich thun können, als der rechtschaffene Pater Bauny, dessen Ausspruch auch in dieser Sache alles enthält, was darüber zu sagen ist. Hören Sie nur: Lorsqu'une fille qui est en la puissance de son père et de sa mère se laisse ... [109] Werden Sie doch nicht gleich über alles roth, närrisches Kind! Das folgende Wort ist freilich nicht eben manierlich; aber Sie haben Sich gewiß noch ein ärgeres gedacht:se laisse corrompre, ni elle, ni celui, à qui elle se prostitue ... Ich gebe zwar gern zu, liebes Klärchen, daß ein Dichter wie Bernard zum Beispiel, dieselbe Sache ungleich reizender vorzustellen gewußt hätte – Inzwischen kommt es darauf nicht an, und ein Arzt der Seele, wie des Körpers, ist schuldig bestimmt zu reden, sobald er in solchen Dingen um Rath gefragt wird ... Aber wo bin ich denn stehen geblieben?« – »Bei prostitue,« sagte Klärchen. – Ich fuhr also fort: »ne font aucun tort au père ni à la mere« – »Viel weniger also denen, die ihre Stelle vertreten. – Sie verstehen doch das, liebes Kind?« – »O, ja,« antwortete sie, »es ist ja deutlich genug.« – »et ne violent point,« las ich weiter, »la justice à leur égard parcequ'elle – sehr richtig – est en possession de sa virginité – und da dieser Grund, nach der Natur der Sache, mehr als Einmal nicht anwendbar ist, so ist das darauf folgende – aussi bien que de son corps nichts weniger als überflüssig, dont elle peut, faire ce que bon lui semble, à l'exclusion – was dächten Sie, Klärchen? de la mort, ou ... lieber Pater Bauny! wie in aller Welt kommen Sie darauf? – du retranchement de ses membres. – Da bewahre uns Gott vor!« sagte ich ganz erschrocken: »Da müßte es doch wohl sehr arg hergehen, wenn das einem von uns beifallen sollte.« »Lesen Sie mir doch diese wichtige Stelle noch einmal vor,« sagte Klärchen, indem sie mit dem Finger auf das Buch tippte: »aber nur den reinen Text ohne Anmerkungen.« – »So oft Sie wollen, meine Beste,« antwortete ich, »und so rein als er da steht,« faßte zugleich beim Lesen ihre Hand, als ob ich ihr die Empfindung mittheilen wollte, die, wie ein elektrisches Feuer, aus dieser lehrreichen Schriftstelle auf mich überströmte, fühlte auch wirklich bei dem Worte virginité ein gemeinschaftliches Zucken, das einer Kommotion nicht unähnlich war.

Klärchen nahm mir das Buch aus der Hand, sobald wir zum zweitenmale über die Auflösung dieses wichtigen Zweifelpunktes glücklich hinaus waren, setzte sich mit dem ehrwürdigen Pater in [110] eine Ecke, und schien sich noch einige Seiten weiter mit ihm zu unterhalten, die hoffentlich die Sache nicht verdorben haben. In der Zwischenzeit ruhte ich ein wenig von meiner Vorlesung aus, saß stillschweigend und nachdenkend gerade ihr gegenüber, und wußte mich gar nicht recht in die anscheinende Heiterkeit und Seelenruhe dieses sonderbaren Mädchens zu finden, das mir je länger je unerklärbarer ward. Hätte man nicht von der liebenswürdigen Unwissenheit, die sie mit in die Bibliothek brachte, nach allen Regeln der Metaphysik erwarten sollen, daß der Zufluß der vielen neuen Begriffe, den sie schon in den wenigen Zeilen erhielt, die ich vorlas, sie für alles weitere Nachschlagen bange machen, ihr die Adern auftreiben, und den Kopf sprengen würden? War es nicht höchst wahrscheinlich, daß eine so bewährte Heiligkeit als die ihrige, über die zwar sehr zweckmäßigen, aber doch ganz ungewählten Ausdrücke des vorigen rauhen Jahrhunderts sich entsetzen – daß ihr verschämtes Blut sich empören, und das liebe Kind endlich in die Verlegenheit kommen würde, weder mir, noch ihren Schiedsrichtern frei unter die Augen zu sehen? Konnte ich nicht mit einigem Grunde fürchten, oder hoffen, wie Du willst, daß sie sich weit eher unter einem Strome von Thränen von ihrem voreilig eingegangenen Kompromisse losarbeiten, als sich entschließen würde, ein Wort zu halten, das sie gewiß unter ganz andern Erwartungen von sich gab? Wie ging es nun zu, daß, dieser Wahrscheinlichkeiten ungeachtet, von allem dem nichts geschah? Ich bitte Dich, Eduard, wie ging das zu? Siehe! kennte ich das Mädchen nur seit unserer gemeinschaftlichen gelehrten Arbeit; wahrlich! ich würde ihr eher zutrauen, sie habe die Engel zu Dutzenden, und selbst da geputzt und gewaschen, wo sie am schmutzigsten sind, als daß ich an jenes erste Schrecken ihrer Hand glauben möchte, wovon doch die deutlichsten Spuren noch immer unter meinem Spiegel zu sehen sind. Es ist nicht anders möglich, sie muß alle die gefährlichen Stellen hören und lesen, ohne, aus unbegreiflicher Unschuld, den Sinn der Worte zu verstehen. – Wie Henker soll ich ihr aber den beibringen?

Nach dieser stillen Unterredung mit mir selbst, rief ich in [111] kollegialischer Ordnung den einzigen Beisitzer unsres Gerichts auf, den wir noch nicht gehört hatten – den Pater Lessau, schmutzigen und moderigen Ansehens. Wenn der Schein überhaupt trügt, so thut er es vorzüglich bei einem geistlichen Tribunale: dieser unansehnliche Mann, wie das nicht selten geschieht, verschloß einen ungeheuern Vorrath von Gelehrsamkeit und Erfahrung. Freilich brauchte ich dermalen nur einen sehr kleinen Theil davon, nur so viel als eben nöthig war, um die einzige noch übrige Gewissensfrage des frommen Kindes zu beantworten; die zwar, nachdem wir über die zwei vorhergegangenen belehrt und einig waren, bei einem gewöhnlichen Mädchen kaum einer besondern Antwort würde bedurft haben – mit einem so ängstlichen Geschöpfe aber als Klärchen, geht es nicht so geschwind – Eins mag noch so nothwendig aus dem andern fließen, sie weist sicher jede einzelne Forderung zurück, die man nicht sogleich mit einer förmlichen Anweisung belegen kann. Die Schrift, in der ich sie suchte, hatte, bei dem Reichthum ihres Inhalts, zum Glück auch noch ein gutes Register, ohne das ich schwerlich so geschwind die benöthigte Stelle würde gefunden haben. Sie war ganz so wie ich sie brauchte, und führte beinahe noch näher zum Zweck, als die beiden vorher gegangenen. Ich hätte zugleich – in Ermangelung der Aloisia Sigea – keine auftreiben können, die geschickter gewesen wäre, mich über den Rest von Ungewißheit, in die ich noch manchmal in Ansehung der Unschuld des räthselhaften Kindes gerieth, so wie über die Bedingungen unsers Handels, endlich einmal mit mir selber einig zu machen. Wenn sie, sagte ich heimlich zu mir, dabei höchstens nur roth werden sollte, ohne mir zugleich das Buch an den Kopf zu werfen und davon zu laufen, so habe ich übermorgen gewonnenes Spiel. Ich packe dann meine Großmuth ruhig wieder ein, ohne daß ich noch länger vergebens auf die Gelegenheit warte sie anzuwenden; und ich will nicht ehrlich seyn, wenn ich sie eher wieder an das Tageslicht bringe, als bis ich den Schimpf, den das Mädchen meiner Moral angethan hat, und den ich immer noch nicht verschmerzen kann, zur Genüge gerächt, und zugleich die große metaphysische Frage entschieden habe, die ich Dir beim ersten Anfange[112] meiner Bekanntschaft mit Klärchen nicht so aus bloßem Leichtsinne aufstellte, als es Dir vielleicht vorkam, und deren Auflösung immer ein hübscher Gewinn für die Philosophie des Lebens seyn wird – die Frage nehmlich: welche Tugend sicherer, erhabener und schmackhafter sei, die eines weiblichen Wildfanges, wie ich heute vor acht Tagen einen unter den Händen hatte, oder die einer Heiligen?

Indem sah ich Klärchen ihr Buch bei Seite legen, als wenn sie genug daran hätte, und aufstehen. Ich glaubte, es wäre nun Zeit das unterbrochne Gespräch wieder in Gang zu bringen. – »Hatten Sie,« fragte ich, »nicht noch etwas auf dem Herzen, worüber wir nachschlagen wollten?« – »Daß ich nicht wüßte,« antwortete sie voller Zerstreuung, trat vor den Schrank, zog ein anderes Buch heraus, das noch darzu ein Quartant war, den sie alle Mühe hatte bis in ihre Ecke zu schleppen. Nun ist mir, ich weiß nicht warum? jedes schwerfällige Buch in der Hand eines Weibes ganz unerträglich. Kommt es daher, daß es mir zu anmaßlich aussieht, oder weil ich glaube, daß ein mäßiger Oktavband – ein Almanach, alles enthalten kann, was ihnen an Gelehrsamkeit nöthig ist? Bei Klärchen verdroß es mich vollends, daß sie so ohne Beihülfe meines lebendigen Unterrichts, ihre Studien fortsetzte, und darüber sogar ihre dritte Gewissensfrage aus den Augen verlor, für die ich eine so schöne Antwort gefunden hatte. Sie heftete ihre Blicke mit solcher Begierde auf das Blatt, das sie aufschlug, daß ich nach dem Namen dieses glücklichen Autors äußerst verlangend war. – »Sie haben vergessen,« rief ich ihr zu, »daß Sie nicht hierher gekommen sind, um das ganze System der Moral durchzuarbeiten.« – Da sie mir nicht antwortete, stand ich auf um mich ihr zu nähern; sie streckte mir aber ihre Hand entgegen um mich abzuwehren, und verbarg das Buch. Ich unterdrückte meine Neugierde so weit, daß ich mich stillschweigend wieder zurück zog, und nur das Fach und die Lücke bemerkte, aus der sie ihren Quartanten genommen hatte. Mit Hülfe des guten Fernglases, das ich, seit mir die Thurmspitze von Caverac aus dem Gesichtskreise schwand, nicht ein einzigesmal wieder gebraucht hatte, entdeckte [113] ich, in welcher Gegend des Werks die Stelle ungefähr stehen mußte, die so mächtig ihre Aufmerksamkeit anzog; und da ich vollends sah, daß, beim Umwenden des Blatts, ein wenig Puder aus ihren Haaren dazwischen fiel, so war ich nicht weiter verlegen, noch vor Abends ihrer Wißbegierde auf die Spur zu kommen, und erwartete ruhig, bis sie fertig, und das dicke Buch wieder an seinen alten Platz gestellt war.

»Sie haben Ihre schönen Augen recht angestrengt, liebes Kind,« redete ich ihr freundlich entgegen: »Darf ich denn nicht wissen, über welchen neuen Gewissenszweifel Sie Sich unterrichtet haben?«- »O, mein Herr,« antwortete sie, »was ich eben las, betraf eine alte Geschichte, die mir vor etlichen Jahren, nur mit andern Umständen, erzählt wurde. Es ist manchmal gut, sich mit eigenen Augen zu überzeugen.« – »Da haben Sie wohl Recht, Klärchen,« erwiederte ich ernsthaft: »und es ist mir lieb, daß ich Ihnen eben eine Gelegenheit verschaffen kann, diese Vorsichtsregel sogleich wieder anzuwenden, um in Uebung zu bleiben. Unser Pater Lessau hat sich hier recht deutlich über den Fall erklärt, der Ihnen heute nach der Auswechselung unserer Bänder beinahe mehr Herzklopfen verursachte als vorher. Sie hätten Sich's ganz ersparen können, wie Sie gleich hören sollen.« – Ich rückte ihren Stuhl neben den meinigen, hielt ihr das Buch nahe vor, und schlug meinen andern Arm so vertraut um ihren schönen Hals, wie ein Bruder, der mit seiner Schwester eine Idylle von Geßner liest. – »Les femmes,« las ich mit langsamer gedrängter Stimme, damit ihr kein Wort verloren ginge, »ne pechent pas, quand elles s'exposent à la vue de jeunes gens, encore qu'elles sachent, bien qu'ils les regarderont avec des yeux impudiques.« – Ich sah hier dem Mädchen mit einem Blicke in's Auge, wie ihn nur Pater Lessau verlangen konnte, und las weiter: »Si elles le font par nécessité ou utilité – Nécessité,« wiederholte ich, »diese liegt nur zu klar in dem siebenten Paragraph der päpstlichen Bulle und in unserm Kontrakte; und die utilité kann bei der heiligsten aller Reliquien wohl keine Frage seyn.« – Klärchen hob ihre Augen gen Himmel, und ich fuhr fort: »Elles ne pechent pas, quand elles se servent d'habits si deliés, qu'on [114] voit leur sein, ou quand même elles se decouvrent entiérement, si elles le font selon la coutûme du païs.« – Ich sah dem schönen, und, was mir noch lieber war – dem erröthenden Mädchen in das Gesicht, wie ich ihr diese Erlaubniß vorlas, in der Erwartung, sie würde wenigstens von so einer Landessitte, als der Autor voraussetzte, nichts wissen wollen; sie war aber zu ehrlich dazu, und schwieg. Auch ich schwieg; und doch schienen wir beide keine lange Weile zu haben. Nachdem meine Augen lange genug auf den ihrigen geruht hatten, fragte ich mit einem unterdrückten Seufzer: »Nun Klärchen – sind Sie endlich einmal über die Freude beruhigt, die Sie meinen Blicken gegönnt haben? und fürchten Sie Sich noch immer vor übermorgen?« – Sie schien in ihrem stillen Nachdenken so verloren, daß ich, um sie zurück zu bringen, meinen wurmstichigen Autor zu seinen Kollegen warf, ihre frischen Händchen dafür an meine Lippen hob, und jeden ihrer Pulsschläge mit einem Kusse beantwortete.

Nichts ist Wohl in der ganzen Natur der Sophisterei beförderlicher als dieses kleine Spiel. Es war nicht das erstemal, daß ich es bemerkte. Ich ging gewiß hier wieder einen falschen Weg. Die Kleine, dachte ich, ist nur erröthet – Sie hat dir nicht das Buch an den Kopf geworfen, also – schloß ich – wird es nicht einmal nöthig seyn, bis übermorgen zu warten. – »Klärchen!« fing ich zitternd an und stockte. – »Was beliebt Ihnen?« fragte sie. – – »Werden nicht,« fuhr' ich fort, »hier zu Lande die Namenstage manchmal, nach Zeit und Umständen, einige Tage voraus gefeiert?« – »Niemals,« antwortete sie kurz, und übersah mich mit so großen Augen, als ob ich nicht klug wäre. – »Bei uns,« setzte ich seufzend hinzu, »geschieht das sehr häufig am Hofe und in der Stadt, selon la coutûme du païs; auch kürzt man in manchen Fällen die Bedenkzeit und die Zahlungsfristen ab – par nécessité ou utilité!« – »Das ist sonderbar!« antwortete das einfältige Ding. »Sie haben also wohl in Ihrem Lande lauter bewegliche Feste?« – Ich weiß nicht mehr, was ich ihr darauf antwortete – ich verlor ganz meine Besinnungskraft, schwatzte nun ins Gelag hinein, und traf mich unvermuthet an, daß ich ihr von dem Löwen [115] in dem Wiener Zwinger erzählte, der einem Mädchen, das er liebte, die Hand so lange leckte, bis Blut kam, darüber in Wuth gerieth, sie in Stücken zerriß, und sich darauf bei ihrem Leichnam hinlegte – und starb. Wie ich auf diese rührende Geschichte gekommen seyn mag, ist unbegreiflich. Aber Klärchen schien angst zu werden. – Sie zog mir ihre Hände vom Munde hinweg, und mit der Frage: »Wollen Sie mich nicht wieder in mein Zimmer führen?« schlang sie mir die eine um den Arm, und nöthigte mich aufzustehen. Wahrlich es war hohe Zeit, und ich war froh als ich aus der Atmosphäre der Kasuisten in eine andere Luft kam.

Klärchen schien mir, als ich sie zu ihrem Sopha glücklich zurück brachte, noch um vieles schöner, ungezwungener und verträglicher von ihrer gelehrten Reise zurück zu kommen, als sie es vorher war. Ich schloß sogar aus einem sprechenden Blicke, den sie auf den Ablaßbrief warf, daß ich es jetzt wohl eher wagen durfte, ihr eine wörtliche Übersetzung des siebenten Paragraphs anzubieten, ohne abgewiesen zu werden; und ich betrog mich nicht. Sonderbar genug, daß ihr zärtliches Ohr erst ein wenig durch die Beredsamkeit der Kasuisten abgehärtet werden mußte, um nicht vor der Hirtenstimme des heiligen Vaters zu erschrecken! Sie horchte jetzt desto geduldiger darauf, und ließ mich das et in integrum restituimus zweimal wiederholen, so schön kam es ihr vor.

Mein Läsions-Prozeß, sah ich nun wohl, war so gut wie gewonnen. Klärchen hatte es kein Hehl, daß sie den Kniegürtel der Jungfrau schon als ein Stück ihrer Toilette betrachtete; und dieser Gedanke streute so viel Grazie über alles, was sie sprach und that, daß ich nicht genug die Wirkung bewundern konnte, die der Glaube an Reliquien, und das Bewußtseyn ihres Besitzes, nicht allein auf die innere Zufriedenheit, sondern sogar, wie das Wohlbehagen eines guten Gewissens, in dem Umgange des gemeinen Lebens hervorbringt. – Wodurch gewann wohl Klärchen diesen sichtbaren Zufluß von Begeisterung in ihren Augen, diesen Ton der guten Gesellschaft, den ich gestern auf der Treppe wenig an ihr bemerkte? wodurch dieses feine Gemisch von großer Welt und Ruhe der Seele, die so selten bei einander gefunden werden, als [116] – ich schäme mich fast es zu sagen – durch den alten verblichenen Fetzen, den ich ihr um das Bein band? Und doch sind wir andern so übereilt, diese mystischen Geschenke der katholischen Religion als armselige Kleinigkeiten zu verschreien! Wo haben wir denn in der unsern etwas, das diesen Abgang von Hülfsmitteln zu einer frohen Existenz ersetzte? Wenn König August aus unserer Nachbarschaft, und so manche andere Fürsten des deutschen Reichs, den sterilen Glauben ihrer Vorfahren gegen das beruhigende System des römischen Stuhls vertauschen und auf ihre Kinder vererben, wer kann es ihnen mit Grunde verargen? – Und wie philosophisch richtig handelte nicht selbst Karl der Zweite in dieser Rücksicht, als er in der Wahl, entweder sein Reliquair oder seine drei Kronen wegzuwerfen, ohne Bedenken sich zu dem letztern entschloß?

Meine Sehnsucht, einer Kirche in den Schooß zu kommen, die uns so angenehm einwiegt, die durch ein geweihtes Todtenbein – durch eine Scherbe aus der Haushaltung eines Erzvaters, und durch andere dergleichen Raritäten uns in dem Frieden mit uns weiter bringt, als die Weisheit eines Garve, wuchs nun desto schneller, je mehr ich unter Klärchens funkelnden Augen meinen tiefsinnigen Betrachtungen nachhing; und war gleich meine verwöhnte Vernunft, wie ich manchmal zu fühlen glaubte, noch immer nicht so ganz mit meinem Herzen einverstanden, als ich wohl gewünscht hätte, so ist dieses doch ein gewöhnlicher Fall bei Neophyten, und so soll doch, hoffe ich, auch dieses bängliche Gefühl übermorgen durch ein ungleich mächtigeres verjagt werden.

So schön alle diese Erwartungen waren, die ich aus dem Zauberzirkel der kleinen Heiligen mit mir nahm, sobald die knarrende Hausthür mir die Zurückkunft der Tante verrieth; so fand ich doch, wie ich wieder in mein einsames Zimmer trat, daß bloße Hoffnung nicht genug beschäftigt. Die meinige setzte eine Geduld von zwei Tagen voraus, und diese hatte in meiner gegenwärtigen Lage ihre große Unbequemlichkeit. Ich sah mich bald nach einer lindernden Zerstreuung um; und wo hätte ich die gewisser finden können, als in der kleinen auserwählten Büchersammlung meines Kabinetts, die mir heute und gestern schon so merkwürdige Dienste geleistet hatte? [117] Kein Buch schien mir jedoch für's erste der Mühe mehr werth es zu suchen, als das, mit dem sich vorhin Klärchen so vorzüglich beschäftigte. Ich zog es heraus. Was fand ich? Die Legendensammlung des Pater Martin von Cochim. – So? sagte ich, bist du auch hier, guter Freund? Aber was für eine Intrigue hast du mit der Kleinen? – Ich blätterte so lange, bis ich – es war in dem Leben ihrer Namensschwester – das Blatt fand, bei welchem sie ihren Puder verloren hatte. – Wie? sagte ich, und rieb mir die Augen: die berühmte Erzählung ist es von den drei Blasensteinen? Wer in aller Welt kann ihr diese Geschichte mit andern Umständen erzählt haben, als hier stehen? Und was kann für sie so wichtiges daraus entstanden seyn, daß sie, um der Berichtigung dieses Wunders willen, beinahe ihr Kompromiß vergaß? Warum versteckte sie diese Stelle vor mir, da sie ohne die geringste Verlegenheit ganz andere mit mir gelesen hat? Ich sann der Sache so ernstlich nach, als ob sie noch so wichtig für mich wäre, und brachte doch am Ende nichts weniger als eine befriedigende Vermuthung heraus. Ich gab also mein Nachgrübeln auf, setzte den Schächer wieder in sein Glied, und durchirrte nun die übrige Besatzung.

Die Wahl unter Büchern ist immer schwer, und Kenntnisse, die man auf diesem Wege erlangt, sind, mit Erlaubniß unserer stolzen Gelehrten, nicht weniger Geschenke des blinden Zufalls, als so viele andere Erwerbnisse menschlicher Thätigkeit. Dir, Eduard, habe ich nicht nöthig, so etwas zu beweisen, sonst sollte es mir wahrlich nicht schwer werden. Ich stand lange unentschlossen und ganz mit dem Eigensinne eines längst abgestumpften Gaumens vor dem Schranke, blies von verschiedenen dickleibigen Bänden den Staub ab, blätterte einige Augenblicke darin, und setzte sie – und ach! mit ihnen vielleicht eine wahrhaft stärkende Geistesnahrung, nach der ich lange umsonst strebe, unbenutzt wieder an ihren Ort, in der sehr mißlichen Hoffnung, für meine leckere Wißbegierde wohl etwas schmackhafteres noch aufzugabeln. Beinahe glaube ich, daß es mir nicht besser hätte gelingen können. Wenigstens stieß ich auf ein Werkchen, das mir über alle meine Erwartung Genüge [118] that. Es entfernte mich – doch nicht zu weit – von dem Gegenstande meiner Wünsche, und bereicherte meine Einbildungskraft mit neuen Bildern, deren freie Zeichnung und kräftiges Kolorit wohl noch eine gränzenlosere Einsamkeit, als die meine war, hätte beschäftigen können. Kein Buch in der Welt konnte, glaube ich, in meiner gegenwärtigen Lage eine anziehendere Kraft für mich haben. Sein Verfasser gewann bei dem ersten Anblicke mein ganzes Zutrauen. Er war geistlichen Standes – war ein Deutscher – war Augenzeuge der großen Begebenheiten, die er erzählt, und nur zu oft selbst mit darin verflochten. Sein Buch war, wie das meine, ein Tagebuch – war – welch ein Zufall! das Tagebuch eben des großen Papstes, dessen Freipaß mich und Klärchen auf so gute Wege gebracht hatte. Wie kindisch freute ich mich nicht meines Fundes, als ich den Titel las: »Buchardi Archentinensis, Capellae Alexandri Sexti Papae. Clerici Ceremoniarum Magistri – Diarium.« 16 Und wie eilte ich damit an meinen Tisch! Ich hatte nun die angenehmste Beschäftigung, die ich mir wünschen konnte; denn es macht uns doch immer eine eigene Freude, den Mann auch im Schlafrocke kennen zu lernen, der in pontificalibus unserer Ehrfurcht gebeut.

Von den vielen merkwürdigen Stellen dieses päpstlichen Tagebuchs, mit denen ich das meinige ausschmücken würde, wenn ich nicht befürchten müßte dem Interesse meiner eigenen Geschichte zu schaden, kann ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen, Dir wenigstens Eine auszuheben, die, ihres zufälligen Bezugs wegen auf meinen gegenwärtigen Handel mit Klärchen, eine Ausnahme verdient. Sie wird nebenbei, wenn Du Dir etwa einfallen ließest an der Aechtheit meiner Urkunde zu zweifeln, schon das ihrige beitragen, Dich eines bessern zu überzeugen. Ich wurde erst in dem Augenblicke mit ihrer Entdeckung überrascht, und aufs neue fortzulesen ermuntert, da ich, aus Unvermögen meine Augen länger anzustrengen, schon das Blatt, wo ich stehen blieb, gezeichnet, und [119] das anziehende Buch zugeschlagen hatte. Indem ich es gähnend von mir schob, geschah es, daß ich zufällig einen Blick auf den Ablaßbrief warf, der, wie eine Post- und Reisekarte, ausgebreitet auf meinem Tische lag; und das brachte mich auf den Einfall, in der Geschwindigkeit noch, ehe ich mein Licht auslöschte, nachzusehen, was wohl Ihro Päpstliche Heiligkeit denselben Tag begannen, da Sie das für mich so wichtig gewordene Dokument auszustellen geruhten, und das Sonntags den vier und zwanzigsten Oktober datirt war. Ich hatte kaum das Diarium des ehrlichen Burchard wieder aufgeschlagen, so fand ich auch bald, kraft der guten Ordnung, die darin herrscht, was ich suchte. Der Autor, der, wie das Titelblatt sagt, Ceremonien-Meister Seiner Heiligkeit war, welches ich nicht zu vergessen bitte, beschreibt unter demselben Tage eine Feierlichkeit, die ihn wohl selbst sein Amt nöthigte mit anzuordnen – einen Abendzeitvertreib, mit welchem der gottselige Papst den Festtag des heiligen Martinus beschloß.

Dominica ultima, erzählt er, mensis Octobris in sero fecerunt coenam cum Duce Valentinensi in Camera sua, in palatio Apostolico quinquaginta meretrices honestae, Cortegianae nuncupatae, quae post coenam chorearunt cum servitoribus et aliis ibidem existentibus, primo in vestibus suis, deinde nudae.

Post coenam posita fuerunt candelabra communia mensae cum candelis ardentibus, et projectae ante candelabra per terram castaneae, quas meretrices ipsae super manibus et pedibus, nudae candelabra pertranseuntes colligebant, Papa, Duce, et Lucretia sorore sua praesentibus et adspicientibus: tandem exposita dona ultimo, diploides de Serico, paria caligarum bireta et alia, pro illis, qui plures dictas meretrices carnaliter agnoscerent, quae fuerunt ibidem in aula publice carnaliter tractatae arbitrio praesentium, et dona distributa victoribus.

Ich überlas diese unbefangene Erzählung mehr als Einmal, und klatschte dem großen Geiste wiederholt meinen Beifall zu, der frei genug von Vorurtheilen war, ein solches Fest zu veranstalten, und so hochgesinnt seine Freunde und Dienerschaft daran Theil nehmen zu lassen. Denken wir uns diesen unumschränkten [120] geistlichen Fürsten an jenem fröhlichen Abende, so wird es begreiflich, wie eine so volle Freude sein Herz bis zu der – beinahe möchte man sagen übertriebenen – christlichen Freigebigkeit erheben konnte, die aus seinem Ablaßbriefe hervorstrahlt, sich übrigens ganz herrlich mit dem schönen Vorrechte verträgt, das ihm die Kirche verlieh, über alle mögliche sinnliche Einfälle seiner Heerde den Schwamm zu ziehen.

Je seltener es ist, daß Züge aus dem Privatleben der Großen zur Erläuterung ihrer Gesetze dienen, desto mehr mußte es mich freuen, hier beides einmal in so gutem Verhältnisse zu finden, daß diese Hof-Lustbarkeit des Oberhauptes der Kirche, und der Ablaßbrief, den er wahrscheinlich während derselben unterschrieb, eins das andere auf das ungezwungenste kommentirt. Ein Glück für mich, daß die Gräfin Vanotia nicht so gut dabei war, als seine berühmte Schwester, die dem Namen so viele Ehre machte, den sie in der heiligen Taufe erhielt; denn da hätte er vermuthlich seiner Freundin den Gürtel der unbefleckten Jungfrau – anstatt ihn ihr jetzt als ein Konfekt von seiner Tafel zu schicken, während des Festes selbst umgebunden, ohne Zeit zu haben, ihn mit jenem allgemeinen Ablaß auszusteuern, der von dem Tage seiner Ausfertigung an, bis auf uns Glückliche, die wir übermorgen daran Theil nehmen werden, vermuthlich im Stillen fortgewuchert hat. Vergieb mir, Eduard, diese schwerfällige Periode ihres Reichthums wegen, ob ich gleich immer auf neue Betrachtungen komme, so oft ich nur einen Blick auf dieses kostbare Dokument werfe. Wie manchen Anstoß der Sittlichkeit mag es schon gehoben, wie manche lebhafte Scene befördert und entsündiget haben, über deren Menge und Eigentümliches wir erstaunen würden, hätten sie immer ihren Burchard gefunden! Es war, ich wiederhole es, ein Glück für mich, daß eben solche Umstände an dem Feste des gottseligen Papstes zusammen trafen, um eine so wichtige Urkunde zu ihrer Entstehung, und mir zu der gelehrten Freude zu verhelfen, die mir, dreihundert Jahre nachher noch, die Harmonie seines Lebens und seiner Gesetze verschafft.

Für meinen gesunden Schlaf zwar wäre es wohl besser gewesen, [121] die ganze Parallele ungezogen, und das Augenzeugniß des Ceremonien-Meisters ungelesen zu lassen; denn es setzte mein Blut in die heftigste Wallung. Lange konnte ich das Naturgemälde nicht aus dem Kopfe bringen, und gruppirte mich und Klärchen immer in Gedanken dazu. Mein Herz pochte, meine Augen glühten, ich fühlte unter einem heiligen Schauer den übermächtigen Andrang des Jesuitismus. Die Stunde der Mitternacht schien mir von Minute zu Minute feierlicher zu werden, und der Geist Alexanders mich aufzufordern, in ihr meinen Profeß zu thun. Sein Freipaß überdeckte meinen Tisch, sein Tagebuch lag aufgeschlagen neben dem meinen, und zwei Wachskerzen brannten zu beiden Seiten. Alle diese Umstände zusammen wirkten gerade auf meine Ueberzeugung, und trieben mich, unter fieberhaftem Erzittern, zur Ablegung meines Gelübdes. Da mir noch oben drein mein hülfreiches Gedächtnis statt der vorgeschriebenen Formel, die mir unbekannt war, eine andere an die Hand gab, die, bis zu meiner förmlichen Weihe, einstweilen den Abgang jener gar füglich ersetzen konnte; so trat ich ohne weiteres Besinnen vor meinen Altar, auf dem meine Schwärmerei das verklärte Bildniß meiner Heiligen und Geliebten in die Höhe stellte, so frei von allem irdischen Putze, als es jene fünfzig Auserkornen immer nur können gewesen seyn, die den befeuerten Blicken meines großen Vorgängers so wohl thaten – und so ganz in der Glorie, wie mein trunkener Geist hofft sie übermorgen von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Ich legte zu gleich die linke Hand auf die anziehende Stelle in dem Tagebuche des heiligen Vaters, hielt den Zeige- und Mittelfinger der Rechten in die Höhe, und den Blick, von Rousseau ab, nach dem schlafenden Engel gewendet, entledigte ich mich meines Gelübdes, das, zwar nicht den Worten, doch dem Geiste nach, mit dem Eide eines Jesuiten auf das vollkommenste übereintraf. Si ille hoc fecit, sprach ich langsam und ernst, qui templa concutit sonitu – Ego homuncio hoc non facerem? ego vero illud feci ac lubens. 17

[122] Wie die Ceremonie vorbei war, taumelte ich endlich mit der eigenen Zufriedenheit eines Neubekehrten zu Bette, und wenn schon der gute Vorsatz verdienstlich ist, so darf ich hoffen, mehr als Ein Baret verdient zu haben, ehe ich einschlafe..


Den 6ten Januar.


Der Wagen, der mich nach Vauclüse bringen sollte, stand, wie der Wagen des Apollo, mit vier weißen Pferden bespannt, zur Rettung meiner Ohren, schon vor der Thüre, als mich die Glocken von allen Thürmen der Stadt zu dem Feste der heiligen drei Könige erweckten. Ohne nach ihrem Golde, ihrem Weihrauch und ihren Myrrhen zu fragen, warf ich mich geschwind in einen gewiß artigern Reiserock, als der ihrige war, von silbergrauem Sammet, schlug, als ein Diadem, das ich um das ihrige schwerlich vertauschen würde, das blaue Strumpfband um meinen Sonnenhut, und schwebte nun, zwischen der süßen Erinnerung von gestern und der stolzen Erwartung auf morgen, dem Gebauer meiner kleinen Sängerin vorbei, die Treppe hinunter. Während daß Klärchen durch das Fenster des geheimnißvollen Kabinets blickte, in das mich Papst Alexander morgen zur Weihe einführen soll, und gegen über Herr Fez, ohne nur zu ahnden, welchen Dank ich ihm schuldig war, mir die Verbeugung eines Klienten machte, hob mich meine Selbstzufriedenheit federleicht in die Höhe, und der Wagen rollte durch die festlich geschmückten Gassen.

Mein armer Sebastian saß demüthig neben mir; seine Aehnlichkeit mit Margot war in meinen Augen verschwunden; er fühlte sich zu einem gemeinen Bedienten erniedriget, und hatte nicht das Herz mehr, seinem vornehmen Herrn eine andere Frage zu thun, als seine Bestallung rechtfertigen konnte. Und ich! von welcher stolzen Höhe sah ich auf alles herab, was sich meinen geistigen und leiblichen Augen außer Klärchen darbot! Ich blickte so neidlos auf die stillen Thäler, die neben mir, als auf die lärmenden Königsstädte, die weit aus meinem Gesichtskreise lagen, bemitleidete das zwangvolle Leben der Großen, wie das Idyllenleben der Hirten, wenn jene auf Flaum – diese auf Moos gestreckt – hier immer [123] nur weidende Lämmer – dort immer nur bettelnde Sklaven im Auge – hier immer nur den einförmigen Ton der Glöckchen – dort das Geklapper des Stolzes im Ohr haben, durch den die eine ärmliche Herde bei jedem Genuß eines Gräschens – die andere oft ohne Genuß, die höhern Bedürfnisse menschlicher Thorheit verkünden; und mit wohlgefälligem Lächeln kehrte ich nun meine Blicke auf Mich – sah mich im Sonnenschein glänzen – mit Starke der Jugend und Gesundheit gerüstet, unter dem Machtspruche eines menschenfreundlichen Papstes – ach' nach einer kurzen Wallfahrt zu dem Sänger der Liebe, in die Arme eines Mädchens dahin sinken, das nur für den unsterblichen Genuß der Engel gespart schien, und, ohne die Vermittlung des heiligen Kniegürtels, gewiß allen menschlichen Wünschen entschlüpft wäre. Wie schwärmte ich; Freund! Wie oft nahm ich meinen Sonnenhut ab, um das himmelblaue Band anzulächeln, und von ihm in optischen Träumereien über den Gränzort hinzuschweifen, wo die Auswechselung geschah!

Endlich hielt der Wagen. Wo bin ich? fragte ich voller Verwunderung. – »Zu Vauclüse,« tönte mir mein Führer mit einer Stimme ins Ohr, die so kreischend war als das Knarren einer Thür, und die mich aus das unangenehmste aus meiner Ueberspannung zurück brachte. Ich stieg aus, und die Blicke, die ich wild um mich herum schoß, prallten, wie die Strahlen der Morgensonne, von den nackten weißen Bergen zurück, die das steinige Thal, und in demselben den hohen spitzen Felsen mit der verfallenen Burg umkränzen, in welcher der Sänger der Liebe geweilt hat. Unter einem dunkeln Gewölbe am Fuße dieses Kreidengebirgs liegt der berühmte Quell, der zu Zeiten sich aus seiner Untiefe ergießt, und rauschend diese Marmorlandschaft überströmt. Fürchterlich mag alsdann der Anblick seiner Ergießung in den Schooß der todten Natur werden: aber still und beweglos sah ich sie jetzt allein um mich herum herrschen, und entsetzte mich über ihr ernstes Gesicht. Mein Herz hatte gehofft, sich in diesem durch liebliche Gesänge berühmten Thale gütlich zu thun; aber alles war ihm entzogen, woran es sich hätte schmiegen können. – Nicht einmal [124] ein Oelbaum mit seinem unfreundlichen Grün – kein Gräschen, das sich durch die Spalten des Felsen stahl – kein abgestorbenes Minchen, woran auch nur der kleinste Wurm hätte saugen oder darauf ausruhen können! Ein paar einzelne armselige Hütten in Elend schmachtender Tagelöhner, die nur zur Zeit der Fluth einen gefahrvollen kleinen Verdienst erwarten, und indeß von Fremden, die der wohlklingende Name des Orts – wohlklingend wenn ihn ein Dichter ausspricht – und der Gedanke an seinen ehemaligen Bewohner Hieher zieht, ein Ungewisses Almosen erbetteln. Und diesen Wohnsitz der Bekümmerniß, armer Petrarch! diesen abgestorbenen Theil unserer freundlichen Welt, konntest du wählen? konntest in dieser Gefangenschaft von Bergen – in diesem Brennpunkte einer frei wirkenden Sonne gutwillig schmachten, um nur ungestört, und abgezogen von allem, was an das Leben erinnert, dem einzigen Gedanken nachzuhängen, der den ganzen Neichthum deiner Wallfahrt und deines Nachlasses ausmacht? Sit tibi terra levis! Aber deine Laufbahn hienieden gefällt mir nicht. Ich fühle in Demuth, daß ich für so, hohe Verläugnungen, als die deinigen waren, zu schwach bin, und möchte nicht eine Nacht für so eine Belohnung verwachen, als du erreicht hast. Ich bewundere dich, ohne dir nachzuahmen.


»O wie belohnend muß die süße

Empfindung seyn deß, der den Talisman

Petrarchs besitzt! Was gehn ihn non Vauclüse

Die dürren Kreidefelsen an?

Ihn, der sein Feld und seine Wiese

Im Schubsack trägt, und irdisch Zugemüse

Bei Götterkost entbehren kann?

Ein schöner Geist ist w Urdig. nur von Geistern

Bedient zu seyn – Ein Gnom putzt ihm die Schuh,

Ein Sylphe braut ihm Thee, und Amoretten kleistern

Die Spalten seiner Fenster zu.

Was mangelt ihm? Ein überirdisch Feuer

Erwärmt sein Stübchen – flammt auf seinem Herd;

Und menn bei himmlischem Tokaier

Ein Dichterwunsch nach süßem Abenteuer

Auch dann und wann durch seine Nerven fährt –

Auf einen Laut der stets gestimmten Leier

[125]

Führt ihm schon Amor, sein Getreuer,

Das Mädchen zu, wie es sein Herz begehrt,

Blond oder braun – und lockender und neuer,

Als mir der Schelm noch keins gewahrt:

Denn was zur nächsten Morgenfeier

Er mir verheißt, liegt unter heil'gem Schleier

Dem Auge noch nicht aufgeklärt.

So hast du deinem treusten Sänger,

Monarchin, die zu Paphos thront,

So fürstlich hast du ihn belohnt!

Noch steht der Fels, auf dem er, enger

Mit dir vereint, in Phöbus Strahl gewohnt,

Als keiner der den Musen frohnt.

Hier saß der Virtuos in Himmelslust, und geigte

Der Welt und Nachwelt deine Freuden vor.

Daß selbst die Schöne, die sein Herz erkohr,

Das Knie vor deinem Zepter beugte,

Und voller Sympathie, so still und liebekrank,

Acht Erben – dem Apoll sei Dank!

Mit ihrem Ehemann erzeugte.


Diese Betrachtungen der idealischen Glückseligkeit eines Dichters jagten mir eine stiegende Hitze in's Gesicht. Ich ließ mir geschwind ein Glas Wasser aus der Quelle Petrarchs holen, warf mich, so bald ich mich abgekühlt hatte, in meinen Wagen, und floh diesen poetischen Ort, der mir je länger je unbehaglicher ward. Ich hielt mich vor den Anfällen der platonischen Liebe, der dichterischen Schwärmerei, und jener schwermüthigen Laune der Empfindsamen nicht eher sicher, als bis ich, eine Stunde nachher, auf meinem Rückwege den Gasthof zu Lille erreicht hatte, wo ich einen langen Mittag hielt, und bei großen Krebsen und saftigen Haselhühnern mich noch mehr in der Wahrheit bestärkte, der ich immer anhing, so oft man sie mir auch verdächtig zu machen suchte, daß nichts vernünftiger sei, als seines Lebens zu gebrauchen, so lange es noch da ist.

Sobald ich nach dieser guten Mahlzeit mit mir selbst wieder in meinem Wagen zusammen traf, stürmten auch schon alle jene grausen Ahndungen auf mich ein, die mich diesen Morgen nach Vauclüse begleiteten. Umsonst wendete ich alle Kräfte an, meine[126] weit schweifende Einbildungskraft im Zaume zu halten. Ehe ich mich versah, war sie von den ruhigen Gegenständen, die ich ihr zur Zerstreuung vorlegte, von den moralischen und statistischen Bemerkungen, die ich über das Land anstellen wollte, das ich durchreiste, zum großen Vortheile der päpstlichen Regierung, in der Stille weggeschlichen; und ich ertappte sie, wie sie eine Menge Konterbande aufpackte, über die Du vielleicht, wem: sie der morgende Tag zu Markte bringt, nicht weniger erschrecken wirst, als der güte Kardinal von Este, als er zum erstenmale den Orlando Furioso las, den ihm der unbefangene Verfasser zugeeignet hatte. Messer Ludovico,« fragte er ihn mit äußerster Verwunderung »dove diabolo avete pigliato tante coionerie?« »Ich könnte Dir freilich diese Frage ersparen, wenn es in einem so unsystematischen Werke als mein Tagebuch ist, nur nicht so gar sonderbar aussähe, die Krümmen, auf denen sich bei dieser und jener Gelegenheit unser ungezogenes Herz betrete« läßt, anders als obenhin zu erwähnen, und es überdieß nicht weit bequemer wäre, so unvollständig auch die Akten bleiben, das zu erzählen, was man gethan hat, als wie man dazu kam, es zu thun. Ich verschiebe diese Beichte auf einen ruhigen: Zeitpunkt, wo es dem gemeinen Besten noch zuträglicher seyn wird, sie abzulegen. Denn da ich Willens bin einmal ein eigenes Buch über die Post- und Heerstraße des menschlichen Herzens zu schreiben, so wird es ganz natürlich herauskommen, wenn ich in einem Anhange auch von seinen Neben- und Schleif-Wegen handle, die meine meisten Vorgänger so ganz aus der Acht gelassen haben. Alsdann will ich desto offenherziger alle und jede Kenntnisse von der Art, die ich auf meinen Wanderungen sammelte, erzeigen, um jene gelehrten Herren besser auf die Spur zu bringen, wo sie etwa noch einen Schlagbaum aufzurichten, oder einen offenen Paß zu besetzen haben, um jedem Unterschleife, jeder Beeinträchtigung des Zolles auf's künftige vorzubeugen.

Diese vorläufige Anzeige meines moralischen Werkes, zu dem ich Dir einstweilen erlaube, Subskribenten zu sammeln, hast Du vorzüglich der Stille zu danken, in der ich meine Wohnung wieder antraf. So angemessen sie auch einem Propsteilehn immer seyn[127] mag, so fiel sie mir doch bei dem Ungestüm meiner Empfindungen so widrig auf, daß ich froh war, mein Aergerniß darüber mit Dir zu verplaudern. Nur ein Laut von Klärchen, nur ein Zeichen, daß sie noch lebe – und ich wäre zufrieden gewesen! Eine solche Nachbarschaft, und so geräuschlos, ist das unerträglichste Ding von der Welt.

Nach einer ängstlichen Stunde bequemte sich endlich die Alte in einem groben Basse zu husten, und zugleich hüstelte auch Klärchen, aber wahrlich so harmonisch, daß der größte Kenner es eher für eine Passage von Gluck hätte halten müssen, als für einen Katharr. Auch beunruhigte es mich gar nicht – Ich schloß nur, daß die Tante in eine ernste Vorbereitung auf ihr morgendes Fest vertieft seyn möchte, in welcher ihre gutmüthige Nichte nicht wagen wollte sie zu stören. Aus gleicher Achtung für den Seelenschlummer der guten Frau, setzte ich auch mich mit der möglichsten Behutsamkeit vor meinen Tisch, nahm zur Abwechselung bald das Buch de probabilitate – bald meine Feder in die Hand, und habe nun, meine Fahrt nach Vauclüse, die bis zum Einschlafen angenehm war, ungerechnet, mich seitdem so müde gelesen und geschrieben, daß ich jetzt für räthlich halte, nach den Regeln der Mechanik für mich zu sorgen, und jener glücklichen Hälfte von mir Ruh' und Stärkung zu gönnen, die morgen unstreitig die erste Rolle Zu spielen hat.


Den 7ten Januar.


Und das erwartete Fest ist nach überstandener alltäglicher Ruhe erschienen. Noch hat wohl nie ein Höfling den Namenstag seiner abgelebten Fürstin, an der seine Pension, sein ganzer Unterhalt hängt, mit solchem Wohlbehagen des Herzens begangen, als mit dem ich mich von meinem Lager erhob, und der Feier entgegen sah, die mir der heilige Name meiner alten Aufseherin sichert. Ein froher Gedanke wurde schon unter meiner Nachtmütze, ehe ich sie abwarf, durch einen noch frohern verdrängt. Die Erwartung des größten jugendlichsten Glücks durchströmte mein Herz. Mit welchem Wohlgefallen habe ich nicht schon die Menschengestalt im Spiegel [128] begafft, der so viele Freuden zu Theil werden sollen, und wie zufrieden habe ich nicht zu dem ausgewählten Anzuge gelächelt, in welchem ich mich dem Altare meiner Göttin nähern werde! O, daß nur schon die Alte zu den Füßen ihrer Fürsprecherin liegen, und mir Raum geben möchte, zu den Füßen der meinigen zu fallen!

Indeß ist es doch sonderbar, Eduard, daß jede Erwartung einer übermäßigen Freude immer eine gewisse Aengstlichkeit mit sich führt. Wenigstens bin ich geneigter, die Unruhe, die ich mitunter spüre, lieber durch diesen als wahr angenommenen Satz, als durch eine Ursache zu erklären, die mich noch weniger trösten würde. Gab uns die sorgsame Natur dieses Gefühl als ein bitteres Gewürz, damit es in der Süßigkeit des Genusses der Unverdaulichkeit der Seele entgegen wirke; so sei ihr doppelt Dank dafür, und so wird sie auch schon ihren Beisatz zu mischen wissen, daß er nicht zu herbe weder vor- noch nachschmecke. Sollte aber die Bänglichkeit, die mir um das Herz schwebt, Ahndung eines Unrechts in meinem Vorhaben – sollte sie eine Aufforderung seyn, die Sache ernstlicher und gründlicher zu untersuchen, so wäre ich übel daran, Eduard! Denn man hat schon zum drittenmale in die Kirche geläutet, ich habe keine Zeit mehr übrig zum Nachdenken, und wenn ich das heutige Fest ungenutzt vorbei lasse, so mag meine Untersuchung ausfallen wie sie will, der Verlust des an der laufenden Stunde klebenden Gewinnstes ist nicht wieder zu ersetzen. Dans les choses douteuses ... sagt ja einer von den Kirchenlehrern, on n'est pas obligé de suivre le plus sûr. An diesen Satz will ich mich vor der Hand halten. – Ja, ja; wenn nur damit Ruhe wäre! Der Uebertritt zu einem andern Glauben, als wir gewohnt sind, ist wie ein Spaziergang in neuen Schuhen; sie mögen noch so gut gemacht, noch so viel werth seyn, sie lassen uns doch die abgelegten bedauern, und werden uns so lange brennen und drücken, bis wir sie so ausgetreten haben als die alten. Sei versichert, Eduard! daß, wenn ich nicht Acht auf mich gäbe, nicht meinen Hut schwenkte und trällerte, wenn sich so etwas, das einem Gewissensskrupel ähnelt, aufdringen will, ich sehr leicht in einen Widerspruch mit [129] mir selbst gerathen könnte, der stark genug wäre, mich mit Einem male um die gereiften Früchte meines Jesuitismus zu bringen. Kannst Du wohl glauben, was mich eben jetzt für eine Kleinigkeit beinahe ganz aus meiner Fassung gebracht hätte? Mit Scham gestehe ich Dir's unter vier Augen – der Kopf – der Gypskopf von Rousseau. Es war mir, indem ich meine funkelnden Augen in die Höhe warf, als ob er mir mit strafendem Ernste gerade in das Gesicht blickte. Ich stutzte, wie ein furchtsames Kind – mir ward ganz heiß um das Herz, und wahrlich ich mußte geschwind die malerische Stellung von gestern überlesen, um nicht in der Hitze meinen Ablaßbrief zu zerreißen, und den ganzen Handel mit Klärchen zum Henker zu schicken. Aber die lieblichen Bilder des Ceremonienmeisters thaten auch dießmal ihre Wirkung. Meine Phantasie kam rosenfarbener zurück als zuvor, und meine lieben Schlafkameraden, die Kasuisten, bestreuten den Weg wieder mit frischen Blumen, von dem mich jener Widersacher der Freude verscheuchen wollte. Ich trat jetzt sogar dem Gespenste mit Trotz und Hohn unter die Nase ... – Die Arme in einander geschlagen, stand ich vor ihm, wog seine traurigen Verdienste gegen den Werth meiner freudigen Empfindungen ab, und ward endlich dreist und launig genug, mich lächelnd seinem Standorte zu nähern, und, als wenn er mich eben so gut hören könne als ich mich selbst, ihn in einem tragischkomischen Ton anzureden:


»Du! den ein traurig Roß, ein Sohn des Rosinante,

Durch Wüsten der Moral in die verarmten Lande

Der kalten Metaphysik trug;

Der ein gewöhnlich Glück, als seiner Zeiten Schande,

Verwarf; sich selbst genug, im cynischen Gewande,

Als Don Quichott des Rechts, auf manchem Ritterzug

Des Morgens sich mit einer Räuberbande,

Des Nachmittags mit Marionetten schlug;

Der, stets verfolgt von einer hohen Grille,

Nach Eulenart, der Mitternächte Stille –

Und Lunens Schein nach Plato's Art genoß;

Bis ihn Priapus 18 in Ermenonuille 19

[130]

Mit in sein Staatsgefolge schloß –

Dein Ruhm ist groß! Doch hebt mich das Vergnügen,

So groß er ist, weit über ihn.

Mit jenem Traum, der mir, so ganz im Gegensinn

Von Plato's Traum, zu Kopf gestiegen,

Schwingt sich mein Herz aus dem Gebiet der Lügen

Zum Tempel der Gewißheit hin.

Weg, weg mit allem Schulgewinn!

Und soll mich ja noch ein System betrügen,

So sei es das: Bis zum Genügen

Am Busen meiner Nachbarin

Den Werth der Menschheit nachzuwiegen;

Von jenen Höhn, wo ihre Rosen blühn,

In's Winterfeld der Zeit zu fliegen,

Und aus der kleinen Kunst, sich an ein Weib zu schmiegen,

Erfahrung für das Herz zu ziehn –

Das scheint mir noch, den Irrthum zu bekriegen,

Die glücklichste der Theorien.


Wenn man seine Sache, sie mag so schlimm seyn, wie sie will, nur systematisch behandelt, so findet man noch am ersten Gnade in den Augen eines Philosophen. Die Büste dieses moralischen Grillenfängers schien mir jetzt lange nicht mehr so abschreckend als vorher; ja ich schmeichle mir sogar, er würde, wenn er noch lebte, vielleicht mit derselben Beredsamkeit, mit der er einst den Vorzug der Ignoranz gegen die Wissenschaften vertheidigte, sich auch meines Tauschhandels mit Klärchen annehmen, und ihn, auf den geringsten Widerspruch, nicht allein für unschuldig, sondern selbst für verdienstlich erklären. Wer wollte aber einer so einfachen Wahrheit wegen einen großen Dialektiker in Unkosten setzen? Sie spricht ja laut genug für sich selbst. Sind denn im Ernst, Eduard, die Umarmungen, die ich der Heiligen zudenke – die Spiele der Sinne, mit denen ich sie bekannt machen – die Vergleichungen, die ich dabei anstellen werde, und alle die Phänomene des ersten Unterrichts, die ich zu beobachten noch nie Gelegenheit fand – ist denn die ganze Sache etwas weniger oder mehr bei mir, als was sie bei einem [131] Büffon oder d'Alembert sehn würde – ein psychologisches Experiment, das mir auf mein ganzes künftiges Leben von Nutzen seyn wird? Wenn man mit solchen Versuchen warten will, bis man erst Dekanus der philosophischen Fakultät ist, o! da weiß man schon, wie erbärmlich sie gemeiniglich ablaufen. Selten daß die gelehrten Herren, die uns über den Gang der Leidenschaften vorpredigen, aus Erfahrung sprechen; denn ach! was sie so gut sind dafür zu nehmen, ist es oft so wenig, daß man nicht weiß, ob man mehr über ihren Selbstbetrug, oder über das kalte Geschwätz lachen soll, das sie darüber hergießen. Das mag hingehen, wirst Du mir sagen; wie, und durch was kommt aber die unschuldige Klara dazu, daß sie dir sitzen, und die Heimlichkeiten ihrer Seele und ihres Körpers deinen Spekulationen bloß stellen soll? Durch was? guter Freund! Durch ihre eigene Religion und ihre Vertheidiger – durch die Rechte des Handels – und durch den übermäßig hohen Werth meiner Zahlung. Eine Heilige hier zu Lande wird durch eine Reliquie tausendmal reichlicher für die momentane Aufopferung ihrer ruhigen Unschuld abgefunden, als eine bei uns durch ein Rittergut, oder eine Grafschaft. Ja, ich traue Klärchen zu, wenn sie auch das – was ein unschuldiges Mädchen sonst nur Einmal in ihrem Leben verlieren kann, einige Dutzend- und mehrmal daran setzen könnte, um den heiligen Kniegürtel zu erlangen, würde sie sich kein Bedenken machen, es zu thun – viel weniger jetzt, wo sie gar nichts wagt, und das päpstliche et in integrum restituimus ihr für allen Schaden gut steht. Mit zwei Worten, Freund, ich glaube gewiß, daß, seitdem es Kontrakte giebt, keiner noch unter so annehmlichen Bedingungen von beiden Theilen geschlossen wurde als dieser.

Aber um aller Welt willen, warum stelle ich das ganze Gefolge meiner Gedanken Deiner Musterung dar? Du bist doch gewiß der Mann nicht, der mir über meinen jugendlichen Versuch nur die kleinste Chikane machen würde, und wenn er auch wirklich nicht so gut zu vertheidigen wäre. Doch so geht es, wenn man sich gewöhnt hat über alles zu räsoniren. Man wird ein Schwätzer, ohne daß man es selbst weiß. Eine zu allen Zeiten einfältige [132] Rolle, die aber in meinen jetzigen Verhältnissen noch abgeschmackter heraus kommt! Denn wie leicht könnte ich darüber wohl gar den Aufbruch der alten Tante verhören, und, zur ewigen Schande, mein armes, verschämtes Klärchen in die Verlegenheit bringen, ihren Liebhaber selbst abzurufen! Doch meine brennende Ungeduld, die das hämische Weib so grausam auf die Probe setzt, will durch etwas getäuscht seyn; ich muß die Hitze wegschreiben, die mir sonst das Herz zermalmen würde – Gut! so will ich wenigstens, um über mein Nachdenken nicht das Objekt selbst aus dem Gesichte zu verlieren, wie das nicht selten bei Prosektionen der Seele geschieht, einstweilen, und bis ich den Besitz aller meiner Anwartschaften erlebe, sie mit meiner Einbildungskraft zu fassen suchen.

Aber ach, Eduard, wie ist mir bei dieser idealischen Ansicht zu Müthel Was soll bei meinem hohen Gefühl für Schönheit, bei dem Auge, in das die Natur so richtige Blicke für Ebenmaß und Verhältnisse gelegt hat – was soll aus mir werden, wenn nun Klara vor mir stehen wird, wie jene freundliche Göttin, die man sich bekleidet nicht denken kann, ohne sie zu beschimpfen! Versinnlicht in Stein – ist ihr Bild nicht schon das vorzüglichste Kleinod aus dem reichen Nachlasse der Mediceer? Bentley versicherte, daß er lieber das so artige donet gratus eram tibi des Horaz möchte gemacht haben, als König von Arragonien seyn; und mit gleichem Kunstgefühl habe ich einen Kenner behaupten hören, daß er, jenes marmorne Bildniß der nackenden Venus ausgenommen, keine der übrigen Besitzungen des Hauses Österreich beneide. Da diese Herren nun über menschliches Machwerk das Maul so voll nehmen, wie soll ich mein gerechteres Entzücken an den Tag geben, wenn ich mit freudigem Erschrecken von dem Ungeheuern Abstand einer todten Kopie – auf das lebendige Urbild der Natur hinstaune? wenn ich mir zu allen den Schönheiten der Form noch jene ungleich köstlicher« – wenn ich mir den Anstrich dazu denke, den ihnen die Bewegungen eines jungfräulichen Herzens geben werden – diese ächte Feuerfarbe der beängstigten Sittsamkeit, die über die Morgenröthe ihrer ruhigen Unschuld zum erstenmal hervorschießen – »dieses Sträuben gegen unerhörte Forderungen, die [133] ein einziger Blick aus die heilige Reliquie in frommes Nachgeben verwandeln wird – und ach! endlich das sanfte Kolorit der stolzen Ruhe, wenn sie nun, nach so schweren Prüfungen, zu sich sagen kann: Der Kniegürtel der unbefleckten Jungfrau ist dein! Vergönne mir eine Pause, Freund, daß sich mein Gehirn ein wenig abkühle. –

Eduard! ich bin toll und böse auf mich, da ich meine feurige Periode wieder überlese. Enthusiasmus verträgt sich nie gut mit politischer Zurückhaltung. Da habe ich nun meine besten Farben zu meinem idealischen Entwürfe verschwendet, die mir, ehe ein paar Stunden vergehn, beim Ausmalen des wirklich Erblickten fehlen werden. Einfältig genug! zumal da man bei den wenigen Hülfsmitteln, die uns die Kritik bei dieser Art von Kabinetsmalereien verstattet, hohe Ursache hat, sparsam damit umzugehen! Das Widersprechende liegt doch überall, wo man nur hinsieht. In den Zeughäusern des Kriegs, in der schrecklichen Wissenschaft Menschen zu tödten, sind alle Kunstwörter gleich edel und brauchbar; in den kleinen Kriegen der Liebe hingegen, in der ungleich löblichem Kunst, die der Vernichtung der Welt entgegen arbeitet, welche unbegreiflich enge Schranken hat nicht der Eigensinn unserer Sprache dem Schriftsteller gesetzt! Es sollte einem bange werden, die schönsten Auftritte seines Lebens zu beschreiben, da unsere verschämten Kunstrichter jene alten kraftvollen, der Natur der Sache angemessenen Ausdrücke fast alle verschreien, ohne, bei dem täglichen Bedürfnisse, uns bessere dagegen zu geben. In der That, Eduard, so sehr ich auch immer auf Deine Nachsicht rechne, so begreife ich doch nicht, wie ich mich nur mit halben Ehren aus dieser Verlegenheit ziehen will. Dir nur Näthsel hinzuwerfen, uno die Auflösung für mich zu behalten, würde offenbar die historische Treue verletzen; und würde ich nicht vollends alles verderbe«, wenn ich zu den verbrauchten Wendungen unserer Dichter und Prosaistcu, mit denen sie sich seit undenklichen Zeiten schlecht genug aus den blumigen Irrgängen der Natur helfen, meine Zuflucht nehmen, und meinen originellen Sündenfall durch Nachahmung der gewöhnlichen herabwürdigen wollte? Nein, tausendmal [134] lieber will ich mich den ästhetischen Hieben meiner gestrengen Richter und allen den launigen Strafen des erröthenden Geschlechtes unterwerfen, ehe ich meine Blöße mit solchen Lumpen decken, und, um nicht das forschende Auge der Neugier zu reizen, nach der viel zweideutigern Ehre greifen möchte, in der Schalaune meiner Vorgänger, die immer einer dem andern verschabter und zersetzter hinterließ, dem gähnenden Pöbel zur Schau zu stehen. Ich möchte es nicht, und hätte sie einst Karl der Große getragen, und läge sie sammt ihrem Schmutze und ihren Motten, bis zu so feierlichen Tagen, unter dem Verschlüsse des weisen Raths zu Nürnberg begraben.

Doch – welch ein Geräusch hinter der Scheidewand! Jetzt – ich schreibe es mit zitternder Feder – jetzt endlich erhebt sich die Alte – nun hustet sie wirklich zur Kammer – nun zum Vorsaal hinaus – nun die Treppe hinunter. Gehab dich wohl, fromme Bertilia! Mit Entzücken sehe ich dich, von meinem Pulte aus, über die Gasse hinken – so feierlich langsam, daß, ehe du die Nische deiner Heiligen erreichst, ich hoffen darf schon vor der meinigen zu knieen, und selbst in den Armen deiner zaghaften Nichte schon manche Blume der Jugend gebrochen zu haben, ehe du deine Matinen gesungen hast. Gehab auch Du Dich wohl, Du Freund des glücklichsten Sterblichen! Lassen sich die thatenreichen Augenblicke der erlebten Stunde durch menschliche Worte darstellen, so sollst Du sie treu geschildert erhalten, sobald ich sie, wie kostbare Perlen, in das Diadem meines Lebens verflochten habe.


Der Abstand des Traums zur Wirklichkeit ist nun gemessen! Hier sitze ich mit hinstaunendem Blicke wieder vor meinem Tagebuche, und das Versprechen, das ich der Freundschaft ausstellte, tritt, so oft ich auf meinen Bogen schiele, mir mahnend unter die Augen.

So setze Dich denn her, Eduard! und nimm mir alles ab, was mir auf dem Herzen liegt. – Erst aber Deine Hand, daß es unter uns bleibt! Hätte ich Dir eine Liebesgeschichte zu erzählen von gemeinem Schlage, wie man sie etwa als ein schreckendes [135] Beispiel auf dem Katheder braucht, so bedürfte es der vielen Umstände freilich nicht, ich wollte bald damit zu Rande seyn: aber hier ist mehr, als dieß – hier ist das visum repertum einer Heiligen – ein Feenmährchen, nur mit dem mächtigen Unterschiede, daß es wahr ist. Frage nicht nach der Zeit meiner physischen Abwesenheit! Ich würde Dich in Irrthum bringen, wenn ich sie bestimmte. War es nicht ein Kalif, dem ein Engel des Himmels befahl, seinen Kopf in einen Eimer voll Wasser zu tauchen? – Er that es so lange, als man braucht um nicht zu ersticken; und als er ihn wieder heraus zog – glaubte der Mann, ein Jahrhundert wenigstens voll Seligkeit durchlebt zu haben. Das muß ein Engel der Liebe gewesen seyn, Eduard, der dieses Wunder than Meiner Uhr nach ist es mir ergangen wie dem Kalifen.

Welch ein Abenteuer! So einfach in seinem Beginnen, und doch so verwickelt in seinem Fortgange, und doch so herzerschütternd in seinem Ende! Mystische und magische Kräfte im Streite mit den Kräften der Natur! Mönchische Empörung gegen Papstes-Gewalt! Tumult des Gefühls! Ohnmacht des Willens! Und dieser Reichthum von Erfahrung in dem beschränkten Raume weniger Augenblicke!

»Widder, mein guter Freund!« sagte der Riese Molineau zu Hamiltons schwatzhaftem Widder, und Du sagst es vermuthlich zu mir, »fange doch deine Erzählung, ich bitte dich, beim Anfange an.« – So sage mir nur erst, mein kluger Herr, wo der Anfang meiner Geschichte zu finden ist? und gern will ich Deinen Rath befolgen. Aber wo höhere Mächte im Spiele schon lange vorher unsichtbare Faden an die Werkzeuge Deines Willens knüpften, ehe es Dir nur ahndete ihre Puppe zu seyn – wer kann da sagen: Jetzt hebt meine Geschichte an?

Jede Reliquie, behaupten die Sachverständigen, steht unter der unmittelbaren Aufsicht eines Seraphs, und alle die Wunder, die zusammentrafen, um mir die meinige aus den Händen zu spielen, beweisen wahrlich für diesen Satz. War es denn wohl ein so natürliches Ereigniß, daß eben ich – der einzige Ketzer einer großen Versammlung, den heiligen Kniegürtel erstand, um ihn durch den [136] sonderbarsten Zusammenhang der Dinge derselben frommen Seele auszuliefern, die nur einen halben Dukaten weniger darauf bot? Ist es zu glauben, daß nur ein Ungefähr mich zu ihrem Nachbar – zu ihrem Bewunderer – zu ihrem Freunde machte? – zu glauben, daß sich die gelehrtesten Kasuisten nur von ungefähr mit mir in einer Schlafkammer befanden – daß der Buchhändler Fez – der Wächter der Laura, mir so geschwind ihr Zutrauen schenkten, – und daß endlich die zwei einzigen Feste im Jahre, welche Klärchen ohne Aufsicht ließen, eben in dem engen Zeitraume meiner Miethzeit einfallen mußten? – Wer hier die übernatürliche Leitung menschlicher Begegnisse verkennt, muß wahrlich noch fester an den Zufall glauben – muß noch mehr Herz haben als ich. Doch die Folge wird Dich noch besser davon überzeugen; denn diese Vorbetrachtungen, so anziehend sie auch mir seyn mögen, da ich das Ende weiß, sollen Dir nicht länger die Geschichte selbst vorenthalten, zu deren genauer Darstellung mich mein Versprechen verbindet.

Ich trat, Du weißt in welcher Bewegung der Seele, aus meiner Klause – war mit zwei Schritten an dem Vorsaale, mit zwei andern vor Klärchens Kammer – löschte hier das eine – dort das andere Kreuz aus, das der zauberische Propst mit seiner geweihten Kreide über die Thüren gemalt hatte, und in der behaglichen Zuversicht, nun auch über die kleinsten Hindernisse hinweg zu seyn – trat ich muthig dem Engel unter die Augen. Ich las auf ihren Rosenwangcn mein nahes Glück, und hörte zugleich die erste Losung dazu aus ihrem lieblichen Munde. »Ich hoffe,« sagte sie, doch sagte sie es mit einer hoffnungslosen Stimme, »Sie, mein Herr, heute mit großmüthigern Entschließungen bei mir zu sehen, als da Sie mir das heilige Band anvertrauten. Es hat Wunder an mir gethan, die es mir schwer – die es mir unmöglich machen, mich wieder von ihm zu trennen. Möchte doch dieses offenherzige Geständniß Sie bewegen, mein lieber Herr, von dem hohen Preise nachzulassen, den Sie darauf gesetzt haben!« – »Nicht ich, Klärchen,« fiel ich ihr in die Rede, »der heilige Vater hat den Preis gemacht, von dem ich Unwürdiger nicht um einen Buchstaben [137] abgehen werde. Hier lege ich die Urkunde seiner Macht und Gnade dem Sopha gegen über: und wenn selige Geister auf Handlungen schwacher Menschen, wie sie einst auch waren, achten; so wird der verklärte Papst mit Wohlgefallen meinen Eifer erblicken, das lieblichste Mädchen seines vormaligen Gebiets aller der Indulgenzen würdig zu machen, die er, an einem seiner fröhlichsten Abende, diesem heiligen Gürtel hier vermacht hat. Die Thüren, liebes Klärchen, sind verriegelt – Ihre Tante – zittern Sie nicht! bittet für Sie. Die Interdikte des Propstes sind durch höhere Macht aufgehoben, und alle seine Kreuze verlöscht .... Doch wie? was sagt mir diese bedeutende Erröthung? Wie, Klärchen?« fuhr ich heimlicher fort, indem ich ihre bebende Hand an mein Herz drückte, »so wären sie nicht alle verlöscht? Ihr viel sagendes Stillschweigen, Klärchen, liebes Klärchen! zu welchem verwegenen Gedanken muß es mich nicht berechtigen? Doch es sei darum! Mag der Schwarzkünstler sein letztes Kreuz noch so versteckt haben – ich hoffe, es zu finden und zu tilgen.« – Und indem ich sprach, sehnten sich meine lüsternen Augen nach dem Anblicke der heiligen unverhüllten Natur – mein Kunstgefühl stieg auf's höchste, und arbeitete, wie es alle menschlichen Kräfte thun – nach Beruhigung. – »Um der eilf tausend – Jungfrauen willen, mein Herr,« rief nun das höchst erschrockene Kind, »nimmermehr! und wenn Sie Bischof – und wenn Sie Papst wären – Sind Sie von Sinnen, mein Herr? Was verlangen Sie?« – »Dich, Dich Klärchen,« rief ich entschlossen, »nur Dich in Deiner ganzen Wahrheit und Unschuld! Glaubst Du denn, daß mich der heilige Vater gesandt hat, Dich einzukleiden? Weißt Du nicht mehr, was alles das Urtheil besagt, das Du Dir selbst bei unsern Schiedsrichtern geholt hast?« – Diese Erinnerung kam zu rechter Zeit. – »Ach, wie konntest du, Pater Lessau,« schluchzte sie nur noch, »wie konntest du, Pater Bauny, so etwas gut heißen?« – Und sie sträubte sich nun wie ein gehorsames Kind. In einer bänglichen Minute kam sie erröthend dem schlafenden Engel – in einer andern dem Ablaßbriefe vorbei – und immer näher dem Sopha – und nun – Doch Freund, was erschöpf' [138] ich meinen Athem in alltäglicher Prosa? Ist die Größe und Seltenheit meiner Erfahrung in dieser feierlichen Stunde – ist sie nicht mehr werth? und kann es Bilder geben, die des Firnisses der Dichtkunst würdiger wären, als die Hingebung einer Heiligen in das allgemeine Schicksal der Schönheit? So denke Dir denn, lieber Eduard, die beängstigte Heilige, denke Dir Klaren, kurz vor dem Hintritte in den Freistaat der Natur, dicht neben mir auf dem traulichen Sopha –


Mit schnellern Schwingen schien mein Traum,

Als selbst der Gott der Zeit, zu fliegen.

Das Chor begann, die Glocken schwiegen

Und unsre Tante mochte kaum

Am Schämel ihres Götzen liegen,

Als meine Kusse schon den Raum

Des Aethers theilten, und den Saum

Von Klärchens Halstuch überstiegen.


Sie flatterten dem Silberschein

Der Brüssler Kanten – wie die Mücken

Dem Lichte, zu, voll Sorgen in die fein

Gesponnenen Verrätherein

Die Flügelchen nicht zu verstricken,

Und schwirrten auf und ab, und flogen aus und ein,

Bis es dem Schwarm gelang, das letzte kalte Nein

Auf Klärchens Lippen zu ersticken.


»Du, des Enthüllens werth, du, wie die Wahrheit rein,

Um eingethan wie sie zu seyn.

Bespiegle dich in ihren Blicken!

Ihr eigner Nimbus hüllt sie ein;

Sie deckt die Quellen nicht, die ihr die Kraft verleihn,

Das Universum zu erquicken,

Läßt gern ihr Heiligthum mit Frühlingssprossen schmücken,

Und Primeln sich am liebsten weihn,

Und kann dir – nein – sie kann dir nicht verzeihn

Mit Nadeln ihren Freund zu picken.

Hör' auf, beschwör' ich dich, bei diesen Streiferei'n

In ihr Gebiet, bei diesen kleinen Lücken,

Die ich dir abgewann, bei diesen Tändelei'n,

Die mich so königlich beglücken –

Hör' auf, den Prediger der Wahrheit lahm zu zwicken!

Mariens Band ist lange noch nicht dein,

[139]

Und nach dem päpstlichen Verein

Wird mancher Flor sich noch verrücken.«


So sprach ich ihr an's Herz – allein

Die Fromme schrie, als wollte sie die Krücken

Des heiligen Synllets erschrei'n:

»Dir, fleh' ich, Trägerin der großen Eins in Drei'n,

Dich schwesterlich zu mir herabzubücken! –

Hilf, Heilige von Falkenstein,

Hilf mir – und hilf vor allen Stücken

Mein sprödes Kleinod mir befrei'n!

Hab' ich nur erst, was himmlisch ist, im Rücken,

So mag die Weltlust kurz und klein,

Was irdisch an mir ist, zerpflücken.« –

»Dein Kleinod?« – »Ja mein Herr! Sind Sie denn vor Entzücken

Ganz blind? und wollen Sie denn mein

Hochheiliges Nicaisen-Bein,

Das mir hier hängt, durchaus zerknicken?

Nach Ihrer Art, Sich kräftig auszudrücken,

Was könnte da wohl haltbar seyn?« –

»O!« rief ich, »den will ich schon weiter schicken;

Kein Heiliger soll uns entzwei'n!«


Ein holder Augenblick befreite

Sie dieser frommen Angst. Vergnügter als dieß zweite,

Knüpft' ich ihr kaum das erste Bändchen ab,

Das mir in unserm offnen Streite

Das Kaperrecht auf alle gab.

Frei irrte nun mein Blick, sobald als der Geweihte

Zu Tage kam, die Läng' und Breite

Des aufgehellten Pfads herab.

Welch Labyrinth! als schwebt' es erst seit heute

Im Raume der Natur – als hätt' ein Zauberstab

Die kleinen Hügelchen zur Seite

Aus Aether aufgewölbt – Und wäre dieß ein Grab

Für kalte Katakomben-Beute?

Und hier, wo du, geliebte Dulderin,

Kaum meinen Kuß verträgst, hat dein bethörter Sinn

Ein morsches Todtenbein gelitten?

Und ich? ich sollte nicht an diesen Küsten hin,

Weil ich nicht Sankt Nicaise bin,

Um eine kleine Landung bitten? –

O! ihr, die mit dem Geist des Malers von Urbin

Den höchsten Preis der Kunst erstritten,

[140]

Malt, es wird Zeit, malt mir der Unschuld Cherubin,

Der, aus dem Staub der Welt nach dem Olymp zu fliehn

Schon im Begriff – die Fittiche beschnitten

Sich fühlt; malt seinen Glanz – malt seine Angst – malt ihn

Vermögt ihr's, wie er mir erschien,

Ganz im Kostüm der Adamiten!


Wie unterm vollen Mond die Nebel sich verzieh'n,

Trat jetzt aus dem Gewölk von Flor und Musselin

Der junge Busen vor. Zum erstenmale glitten

Der Indulgenzen froh, die ihm der Papst verliehn,

Der Sonne Strahlen über ihn.

Kein Reinerer vereint, seit dem Verfall der Sitten,

Von Ilium bis Rom, von Paphos bis Stettin,

Mehr Augenlust für Sybariten

In seinem Pünktchen von Karmin,

Und keiner blähte sich mit wildern Phantasien

Der Angst, so vor der Zeit den Rubikon beschritten,

Die Blumen abgemäht, die unter ihm gediehn,

Sein ganzes Tempe mit Ruin

Bedeckt zu sehn, so bald es, mitten

Im Bausche des Gewands, der List gelang, den dritten

Und letzten Knoten aufzuziehn.


Einen Augenblick Geduld, lieber Eduard! Ich stehe hier, zwar nicht wie ein Herkules, doch wie ein verschämter deutscher Schriftsteller, am Scheidewege. Der eine seiner Pfade, der zur Wahrheit führt, die ich jetzt vor Augen habe, leitet offenbar von der konventionellen Bescheidenheit abwärts. Halte ich mich an diese, so soll mich zwar eine der gewöhnlichen Wendungen geschwind genug aus dem schlüpfrigen Handel gezogen haben; aber mein Tagebuch, das mich und Klärchen bis zu diesem kritischen Augenblicke ganz so schilderte wie es uns fand, wird dafür in den Augen eines so offen denkenden Menschenbeobachters, als Du bist, bell größten Theil seines Werths verlieren. Was soll ich thun? »Gehe den Weg der Wahrheit,« rufst Du mir zu, »und erinnere dich deines Versprechens!« Gut! so laß mich wenigstens vorher – vielleicht hätte ich es schon längst thun sollen – für alle die unbefangenen Seelen, die mir nachschleudern ohne zu wissen wohin? einen Strohwisch als Warnungszeichen aussteckeul Denn obgleich meine Malereien [141] nur Dir gewidmet sind, so giebt es doch der möglichen Fälle so viele, durch die sie in unrechte Hände gerathen, ruhige Herzen in Wallung setzen, und zärtliche Augen, die Ehrfurcht gebieten, beleidigen können. Werden denn nicht täglich die vertrautesten Briefe durch den Druck bekannt, die uns über die Tugend längst verblichener Vestalinnen – über die Ehrlichkeit manches zu seiner Zeit berühmten Menschenfreundes, und über die praktische Philosophie unserer Lehrer, das Verständniß öffnen? Ich muß allemal lächeln, wenn ich unter den Beichten, die sich Busenfreunde, wie wir, in einer geheimen Korrespondenz, nur unter vier Augen abzulegen glauben, die Bitte lese, sie sogleich zu verbrennen. Es ist als wenn jeder Brief durch diese Formel erst recht feuerfest würde, und für das Ganze, worauf ich gern alles beziehe, mag es auch recht gut seyn, daß kein Freund hierin den andern ehrlich bedient. Denn wenn noch zehn Alexandrinische Bibliotheken in Rauch aufgingen, es wäre für die wahre Menschenkunde lange kein so großer Schade, als wenn dieß Schicksal jenen traulichen Ergießungen des Herzens widerführe, die zu allen Stunden in Postpaketen verschickt werden. Ein wahrheitsliebender Genius scheint über ihre Erhaltung zu wachen, und dadurch das Problem zu lösen, warum die Nachkommen von den Scenen vergangener Jahrhunderte richtiger urtheilen als die Zeitgenossen, die mit ihren Nasen dabei waren. Sie sahen zwar den Erfolg, glaubten sich klug in den Zeitungen zu lesen, und tappten nichts desto weniger im Finstern. Die wahren wirkenden Ursachen der Begebenheiten kann sicher nur erst das darauf folgende Zeitalter entwickeln, das die geheimen Schubfächer der abgetretenen Akteurs ohne Rücksicht auspackt, und gegen einander vergleicht. Dann erst sieht man, wie einer den andern mit falschen Wechseln und falschen Quittungen betrog: wie dieser und jener große Mann die Marionette seines Schreibers, der Spott seiner Vertrauten, der Ball seines Weibes, seines Kanzlers oder seiner Buhlerin war, ohne es nur zu ahnden; lächelt über die geringfügigen Mittel, durch die der Regierer der Erde ihr bald Konvulsionen erregt, bald ihren Schlummer bewerkstelligt; und spottet herzlich über die festen Erwartungen eines [142] ewigen Nachruhms, der oft, kaum zwanzig Jahre nachher, durch ein glücklich entronnenes Papier verrathen, als eine lächerliche Anmaßung der großen Männer die darnach zielten, dokumentirt wird. Nun wäre mir zwar in Absicht des Nachruhms das dereinstige Schicksal meines Tagebuchs so ziemlich gleichgültig; aber doch möchte ich gern, so viel an mir ist, alles mögliche Unglück verhüten, das durch seine Erhaltung entstehen könnte. Und wenn es sich zutrüge, daß allererst hundert Jahre nach meinem Tode, wo ich von dem schönen Geschlechte weder etwas mehr zu hoffen noch zu fürchten habe, ein unschuldiges und mit den Zumuthungen der Liebe unbekanntes Kind meine zeitige Handschrift aus dem Staube eines alten vergessenen Schrankes hervor kramte, und sich nun bis hierher so glücklich hinein buchstabirt hätte, um ohne Anstoß weiter fortlesen zu können, so sollte es mir noch leid thun, wenn es nicht abgerufen würde. Erlaube mir immer, mein Eduard, daß ich mich diesen nach Wahrheit strebenden Geschöpfen, die noch nicht wissen, daß ihnen nicht jede Wahrheit gut ist, mit einer freundschaftlichen Bitte entgegen stelle.

Lesen Sie also nicht weiter, meine jungen liebenswürdigen Freundinnen aller folgenden Jahrhunderte, wenn Ihnen die Ruhe Ihres Herzens und der Glaube Ihres künftigen Eheherrn lieb ist! Es ist wahrlich nicht der Mühe werth, daß Sie Ihre Augen mit diesem veralterten Plunder verderben! Studieren Sie lieber eines von den schönen moralischen Werken, in denen es vermuthlich Ihre Zeit der meinigen um ein großes zuvor thun wird! Stecken Sie Ihr Halstuch fester, das ein wenig klafft! Ziehen Sie Ihre Schleifen enger zusammen, und lassen Sie mich jetzt ruhig mit meinem Freunde schwatzen! Ein junger Mensch, der sich mit einem andern Flüchtling über die Irrthümer seiner Jugend unterhält, geschähe es auch nur aus der weisen Absicht, der Eitelkeit der verführerischen Wollust näher auf die Spur zu kommen, ist wirklich kein Gegenstand der Aufmerksamkeit eines behutsamen Mädchens; und ich gestehe Ihnen offenherzig, daß ich nichts weniger als die Ehre Ihrer Gegenwart bei dem nächsten Auftritte erwarte. Ich sage es Ihnen im voraus, daß dort alles bunter durch einander [143] gehen wird, als Ihre stille Lage vertragen kann. Sie würden, wie Sie auch wohl schon aus den Vorbereitungen geschlossen haben, nichts mehr und weniger, als die geheimen Netze einer Heiligen bloß gestellt finden – eine Ansicht, die, bei der Kenntniß Ihrer eigenen Reichthümer, Ihr Auge nur empören muß, ohne es zu befriedigen. Sie würden – sehen Sie Sich in den Spiegel! – eine Person von gleichem liebenswürdigem Anstände in einer Unordnung finden, in die Sie hoffentlich nie zu gerathen wünschen. Und sollten Sie vollends einen Seitenblick auf mich werfen – ach! so würden Sie noch weniger begreifen können, wie ein Verehrer der unbescholtenen Sittsamkeit Ihres Geschlechts ihr jemals so nahe zu treten im Stande seyn konnte. Die Wißbegierde meines forschenden Geistes, mein natürliches Kunstgefühl, mein Kontrakt mit Märchen, und die berauschende Hitze des hiesigen Klima's, würden mich doch nur schlecht bei Ihnen entschuldigen; auch würde das Versprechen, mich künftig artiger zu betragen, nur wenig bei so holden Geschöpfen verfangen, die ich einmal genöthigt hätte, sich, gleich den empfindlichen Pflanzen, in sich selbst zurück zu ziehen; und, was mich am meisten kränken würde, ich könnte, wenn Sie meine Geschichte nun ganz übersähen, mit der Wahrheit in ein Geschrei kommen, das sie doch nicht immer verdient. – Die Lehre, die etwa für Sie, meine Freundinnen, in meiner Begebenheit liegt, sind Sie gewiß schon scharfsichtig genug gewesen auszufinden, und Ihrem Herzen einzuprägen, da ohnehin schwerlich einer meiner moralischen Vorgänger sie Ihnen anschaulicher gemacht hat. Um jedoch allem Mißverständnisse zuvor zu kommen, will ich sie hier zum Ueberflusse mit dürren Worten wiederholen: Willst du zu den klugen Jungfrauen gehören, liebes Mädchen, so sei geizig mit allem was dir angehört! Laß dich weder durch männliche Bitten, kämen sie auch aus dem Munde eines Kasuisten, noch durch dein eigenes weibliches Gefühl, das oft noch kasuistischer ist, als jene, zu der anscheinenden Kleinigkeit verleiten, auch nur dein abgelegtes Strumpfband gegen ein anderes zu vertauschen, das dir dein Liebhaber anbeut, hätte es auch selbst die Mutter Gottes getragen! – Trauen Sie meinen Worten, lieben Kinder! der Satz, der jetzt so [144] fest steht, möchte nur locker werden, wenn Sie daran künsteln und nach Beweisen forschen wollten, die ihn noch mehr bestätigen. Ich habe denen, die meinem Rathe folgen – aber auch leider habe ich derjenigen von Ihren Gespielinnen nichts weiter zu sagen, die, ungeachtet meiner redlichen Zurechtweisung, es dennoch wagen kann, den Vorhang von der andern Hälfte meines Natur-und Kunstgemäldes wegzuziehen. Sie büße die Strafe ihrer Verwegenheit, und gebe mir keine Schuld, wenn sie in den Tropfen der schwachen Hortensia 20 Hülfe suchen, und ein geschwindes Kopfweh vorschützen muß, um bald auf ihr Ruhehette, ihrem nachdenkenden und nachfragenden Liebhaber aus den Augen zu kommen. Ja, wenn es nach Zeit und Umständen noch gefährlicher abliefe, ich bin außer Schuld, und verwahre mich hierdurch auf das feierlichste gegen alle Vorwürfe ihrer Frau Mutter, und gegen die Verweise ihrer eigenen reuigen Thränen, so wie ich dagegen von Herzen gern auf den Dank des Entzückens Verzicht leiste, den mir, eine Stunde nach der verbotenen Lektüre, ihr Hausfreund möchte schuldig zu seyn glauben.

Ich hoffe nun, durch die Gegenwart der Unschuldigen, denen ich mich eben empfahl, nicht weiter gestört, den Nest meines merkwürdigen Traums mit Dir allein abzuthun, lieber Eduard; indeß wünschte ich doch, daß Du mir noch über die Zeit, die ich mir schon selbst nahm, und mit jenen neugierigen Kindern verplauderte, aus eigener Gutmüthigkeit einen kurzen Aufschub vergönntest, ehe ich meinen Pinsel wieder aufnehme. Die Büste des Engels, den ich male, hat mich sehr angegriffen; meine Hand zittert noch, und ich brauche Erholung. Ach! wäre es so leicht, die Natur in ihrer Enthüllung zu zeichnen, würden wohl die Titiane so rar seyn? Da ich nun ohnehin, bei aller meiner Pünktlichkeit, eines Hauptschmuckes meiner heutigen Toilette zu erwähnen vergaß, der in manchem Betracht eine besondere Beschreibung verdient, so kann ich ja das erbetene Viertelstündchen nicht schicklicher gewinnen, als wenn ich sie hier einschiebe. Es ist ein optisches Kunststück in einem Ringe,[145] den mir vor vielen Jahren eine junge Putzhändlerin auf der Frankfurter Herbstmesse verkaufte. Es macht mir noch eine kindische Freude, wenn ich an diesen drolligen Handel gedenke – noch drolliger beinahe als mein jetziger mit Klärchen. Als ich in ihre schimmernde Bude trat, war, nach ihr, ein Kästchen mit Ringen das vorzüglichste, was mir in die Augen fiel, nicht etwa der kostbaren Steine, sondern der hübschen Mignaturen wegen, die jene ersetzten, und die mir damals über alles gingen. Zwei davon zogen mich durch die große Ähnlichkeit mit der jungen Verkäuferin am meisten an. Dieselbe unschuldige, gefällige Miene – dieselben feurigen braunen Augen – dieselbe reine weiße Haut – dasselbe Roth des küssenswerthen Mundes – alles war auf das Sprechendste in diesen kleinen Porträten ausgedrückt. – »Man hat es mir schon mehrmal gesagt,« antwortete sie, als ich ihr meine Entdeckung mittheilte: »Es ist ein Zufall, der vielleicht nur ihren Verkauf hindert.« – Diese ungezwungene Aeußerung der Bescheidenheit eines so artigen Geschöpfes verdiente doch wohl ein Kompliment, lieber Eduard? Ich wußte ihr kein größeres zu machen, als daß ich, zum Beweise wie ungerecht ihre Furcht sei, ihr einen dieser Ringe abkaufte. – »Was kostet das Stück?« fragte ich lächelnd. – »Dieser hier,« antwortete das Mädchen, »zwei Louisd'or, und der andere achte.« – »Und warum das?« fragte ich weiter: »Ich sehe doch keinen Unterschied zwischen diesen beiden Bildern; das eine sieht Ihnen so ähnlich, als das andere – sie sind mit gleichem Fleiße gemalt, und so viel ich beurtheilen kann, sind auch die Reife von einerlei Weite, Größe und Gehalt.« – »Von allem dem,« versetzte das junge Ding, »kann ich Ihnen keine Rechenschaft ablegen. Ich vertrete hier nur die Stelle meiner Mutter, die anderwärts zu thun hat, und kann Ihnen nur die Preise angeben, die sie bestimmte, ohne daß ich für mein Theil etwas mehr vorschlage.« Das machte mich nur noch stutziger. Anstatt den wohlfeilen Ring zu kaufen, besah ich den theuern mit äußerster Neugierde; und es währte nicht lange, so entdeckte ich an ihm einen Punkt, groß wie ein Nadelstich, der an dem andern nicht war. Ich vermuthete eine verborgene Feder, und betrog mich nicht. – »Ah! liebes Kind,« [146] rief ich ungeduldig, »Sie haben da eine goldene Nadel vorstecken; darf ich wohl auf einen Augenblick darum bitten?« – Das gute Mädchen zog sie so unbefangen heraus, als ich darum bat – das Halstuch flatterte auf beiden Seiten und das Brustbild ward ihr noch ähnlicher; aber kaum stach ich in den Ring, so sprang der Kristall auf, ihre sittsame Büste verschwand, und es erschreckte mich ein so schönes Kniestück von ihr, daß ich über und über roth ward. – »O, jetzt begreife ich,« sagte ich mit funkelnden Augen, »warum dieser Ring noch dreimal so viel werth ist als der andere. So con amore 21 gemalt, habe ich keine Mignatur noch gesehen. Ihre Frau Mutter muß den Handel vortrefflich verstehen; denn der Ring ist des Geldes unter Brüdern werth.« – »O gewiß, mein Herr,« sagte sie gleichgültig, »übertheuern wir niemanden.« – »Für einen großen Thaler,« fuhr ich fort, »überlassen Sie mir auch wohl Ihre goldene Nadel, die zum Schlüssel des Rings wie gefunden ist?« – »Von Herzen gern,« antwortete das gutmüthige Geschöpf, und das Halstuch flatterte nun so lange vor meinen Augen fort, bis ich das Gold sortirt und aufgezählt, sie es dmchgewogen und eingestrichen, und ich des schönen Anblicks vor der Hand genug hatte.

Ich war damals ein blutjunger Mensch, Eduard, der das Geld nicht achtete, das tanti poenitere non emo nicht begreifen konnte, und an allen Ecken der Stadt betrogen wurde. Aber diesen Ring wenigstens habe ich gewiß nicht zu hoch bezahlt; denn, ungerechnet, daß, so lange ich auf der Messe war, nicht ein Tag verging, wo ich mir nicht die Lust machte, seine Feder ein paarmal springen zu lassen, und kein Abend, wo es mir nicht durch seine Vermittelung gelang, dieß artige Kind in ihr Quartier zu begleiten, hat er mir auch noch in der Folge meines Lebens die wichtigsten Dienste geleistet. Die Ringe des Giges und des Salomo in Ehren, hat doch sicher keiner eine so süße magische [147] Kraft von sich geströmt, als der meinige. An seinen Besitz scheint das Geschick die vielen glücklichen Stunden geknüpft zu haben, die ich seit jenen erstern der Frankfurter Messe verlebte. Sollte auch die junge Putzhändlerin noch nicht ganz von der Oberfläche unserer Erde verschwunden seyn, so würde ich sie doch schwerlich jetzt aus ihren Runzeln hervor ziehen können, wenn sie mir irgendwo wieder aufstieße; aber das jugendliche Andenken, das sie mir mit dem Ringe übergab, wird hoffentlich mir so lange noch zu Hülfe kommen, als ich unter den Lebenden wandle. O du überschwengliches Glück der Einbildungskraft und der Erinnerung! Und doch wie wenig wirst du in unserm Alltagsleben benutzt! als ob wir Armen unserer flüchtigen Freuden noch so sicher, und des wiederholten Genusses der gegenwärtigen Augenblicke noch so gewiß wären! Ließe jeder Ehelustige seine Braut am Tage ihrer Uebergabe in dem Costume meiner Putzhändlerin unter dem Krystalle seines Traurings malen, die erste Auslage würde ihm in altern Jahren zehnfach wieder zu gute kommen. Wie mancher widrigen Stunde der Erschlaffung würde er durch diese Kleinigkeit wieder aufhelfen! Wie manchen häuslichen Zwiste könnte er mit diesem Dokumente, das beiden Theilen zum Beweise dienen würde, vorbeugen! Warum rettetet ihr nicht, ihr Veralteten, einen Feuerbrand aus eurer Jugend, an dem sich jetzt euer erkaltetes Herz erwärmen, und der euch mit wiederkehrenden Kräften beleben könnte? So stecke ich allemal, und selten umsonst, meinen Frankfurter Ring an den Finger, wenn ich nöthig habe den jungen Herrn zu spielen. Er dient mir oft als ein Medusen-Kopf, mit dem ich den feindlichen Ernst aus meinem Museum verjage; und nie vergesse ich, ihn in so kritischen Stunden zu tragen, als mir heute zu Theil wurden. Wundershalber will ich nur sehen, wie lange er seine magische Wirkung noch äußern, und ob nicht, wenn seine Feder erschlafft und seine Farben verbleichen, auch endlich sein jugendlicher Einfluß auf mich selbst verschwinden wird?

Doch ich bin und bleibe ein Schwätzer, und vergesse immer die eine Geschichte über der andern. Mache es nur jetzt, um geschwind von der Sache zu kommen, wie ich es eben mit dem Ninge gemacht[148] habe, lieber Eduard; besieh erst noch einmal auf das genaueste das artige Brustbild meiner Heiligen – die verschämte ängstliche Miene – das belebte Kolorit, und das Steigen und Fallen ihrer frommen Empfindungen; und nun wende geschwind das Blatt um, wenn Du Dir auch die andere Hälfte des pitoresken Anblicks gönnen willst, den ich erlebte. Du gehörst, gottlob, nicht zu jenen Unerfahrnen, die ich verscheucht habe, und es würde wohl sehr lächerlich herauskommen, wenn ich einem Manne, wie Du bist, meinen guten Rath mit auf den Weg geben wollte.


Als Schüler Epiktets, weißt Du zu gut den schnellen

Begierden zu entfliehn. Dich wird kein Uebersprung

In's Thal der Leidenschaft den Faunen beigesellen,

Die meine Muse, trotz dem Diadem von Schellen

Auf ihrem Haupte, nie besung.

Die Weisheit führe Dich mit Glück durch jene Wellen –

Und Schlangenlinien den angestaunten Zellen

Der feinsten Haut vorbei, bis in die Dämmerung

Der Werkstatt der Natur, die selbst mein Adelung

Zu schüchtern ist Dir aufzuhellen.

Blick, alter Freund, blick her! An diesen Wunderquellen

Sah sich ein Nestor wieder jung.


Wie bebend stand sie da, die Perle der Pücellen!

Wie ein verklärter Geist, den an des Himmels Schwellen

Ein Schauer der Verherrlichung

Zum erstenmal ergreift! Sie, jedem Dichterschwung,

Zu hoch, sie traulicher dem Auge darzustellen,

Ist keine Sammlung von Pastellen,

Ist keine Sprache reich genung.

Wie ward mir! Ach, aus meinen Augen blickte

Ein Herz, das wie ein Gott genoß;

Die Stimme fehlte mir – in meinen Adern floß

Ein Feuerstrom, der sie nur stärkender erquickte,

Je wüthender er sich ergoß.

Die Lieb' in Ungestüm verweilte nirgends – pickte

Ein Röschen hier, das seinen Kelch verschloß,

Eins dort, das sich schon besser schickte,

Schon prahlender in Blätter schoß,

Und jedes, das die lange Zeit verdroß,

Die es umsonst im Schutz der Interdikte

Der Lüsternheit entgegen sproß.


[149]

So schweifte mein Gefühl mit wechselndem Gewinnste

Durch Berg und Thal, den Bienen gleich, und sog

Sich voll – flog schwerer – und verflog

Zuletzt sich an das Kreuz, das unter Florgespinnste

Des Propstes Zaubergriffel zog.

Wie ängstlich flatterten die aufgeschreckten Reize

Der Scham, den Tauben gleich bei einer Reiherbeize,

Von allen Scherzen ausgezischt

Aus dem Tumult. Genug! – mit Thränen untermischt,

Wird nun der Opfertrank dem lang' getäuschten Geize

Des hungrigsten der Götter aufgetischt.


Doch kaum begann das Fest, die Augen angefrischt,

Sah ich kaum, unter mir, von dem versteckten Kreuze

Des Propstes den Kontour verwischt,

So fühlt' ich schon mit jedem Blick von Klaren

Die Strahlen seines Banns mir in das Auge fahren,

Das wild bis an die Schranken lief,

Die, ihm zwar weit genug durch meinen Ablaßbrief

Geöffnet, doch zugleich mit einer wunderbaren

Geheimen Kraft gesegnet waren,

Die alles, was im Reich der Phantasieen schlief,

Die Gränzen zu bedecken rief.

Gespenster stiegen auf; die Gegend wurde trüber,

Sturm zog sich um den Kreuzgang her;

Mir war als schleudre mich ein ungestümes Meer

In das Gebiet der Schatten über,

Gelähmt zu jeder Wiederkehr; –

Mir war als schlüge das Gebelle

Des Höllenhundes an mein Ohr:

Mir war als ob der Danaiden Chor

Sich mir mit ihren Eimern vor,

Und neben mir sich der Verdammte stelle,

Der, ewig durstend an der Quelle,

Die Tropfen zählt, die er verlor.

Neugierig streckte sich so mancher Diebsgeselle

Verbotner Freuden aus der Welle

Des Phlegethons nach mir empor – – –


Doch was erhebt dort aus dem Feuer

Des Orkus sich für ein Koloß?

Entsetzlicher, als selbst die Ungeheuer

Aus jenem fabelhaften Troß!

Die Dietriche des Himmels glühen

In seinen Händen – Funken sprühen

[150]

Von seinem purpurnen Talar!

Sein Nimbus schwebt im Qualm der Seuchen,

Die ihm die neue Welt gebar! 22

Sie nagen sein Geripp und scheuchen

Der Neugier Blick von seinem Schlangenhaar!

Sein Haupt, das frech drei Kronen auf einander

Getürmt, sein Fürstenstuhl. den eine nackte Schaar

Umzingelt, stellen mir im Glanz der Salamander

Das Oberhaupt der Kirche dar;

Ihn, der verwüstend wie ein Brander,

Titus Thron – Papst Alexander.

Jetzt auf Klärchens Brust ein Unterhändler zwar,

Doch selbst auch hier, wie vor dem Hochaltar,

Ein ehrvergeßner Abgesandter

Des Todes und der Sünde war.

Statt eines Gnadenbriefs warf spottend der Barbar

Ein Leichentuch auf meine Schwanenbetten;

Mein Auge schwindelte im Bann

Des Propstes, und erstarb – die letzte Oelung rann

Kalt über mich, und Todtenmetten

Vereitelten den Amoretten

Die Ueberfahrt nach Canaan.

Mir schien, als schleppe mich ein brausendes Gespann,

Mit Krepp behängt, mit traurigen Aigretten

Bekrönt, dem Hügel zu, wo man

Das Glück der Schlafenden schon aus dem Kranz von Kletten

Der ihn umweht, erraten kann.

Erschreckt durch solch ein Bild, sah ich mich um und sann,

Nur noch den Rest der Seligkeit zu retten,

Die mir mein Dokument gewann.

Umsonst! Die Hölle schien auf meinen Fall zu wetten;

Dem schwindenden Phantom begann

Mein eifersüchtiger Tyrann

Ein neues Blendwerk anzuketten.

Schon dreimal hatt' ich mich in den Bezirk gewandt.

Wo sich mein erster Blick mit Hoffnungen verband,

Die lange noch nicht eingetroffen;


[151]

Und dreimal prallt' ich ab, gleich einem, der am Strand

Calabriens sein schönes Mutterland

Vergebens wieder sucht. Sein Gärtchen ist ersoffen;

Sein alter Spielplatz ist mit Sand

Bedeckt – sein Veilchenthal steht jetzt bis an den Rand

Voll Nesseln, und er sieht dort die Charybdis offen,

Wo sonst ein Meilenzeiger stand!


Doch hier entfällt die Feder meiner Hand,

Ich geb' es auf den Stoff noch besser auszustoffen. 23

Genug! Noch eh' ich mich in diesem Schutt und Brand

Ein wenig nur zurechte fand,

Zerfloß mein Jugendtraum – ach! wider mein Verhoffen,

Selbst wie ein Schatten und verschwand.


In mancher Fährlichkeit, wenn ich bald Menschenhasse,

Bald frommer Heuchelei die freie Stirne wies,

Wenn ich in dunkler Nacht, trotz meinem Weisheitspasse,

Mich manchmal an die Nase stieß,

Malt' ich mich Dir so gern; doch dießmal, Freund, erlasse

Den Umriß mir der kläglichen Grimasse,

Die mir mein Unfall hinterließ.

Der Sohn des Dädalus fiel, glaub' ich, nicht viel strenger

Bestraft, vom Himmel in die See;

Die traurigste Gestalt schlug nicht ihr Auge bänger

Nach Rosinanten in die Höh;

Kein Wittwer fühlte sich wohl je

Verwittweter als ich; selbst nicht der Minnesänger

Der höllischen Euridice.


»Ach, Klärchen, ach! wo kamen die Bilder – die schrecklichen Bilder her?« rief ich trostlos aus, indem ich dem lieben Kinde von unserm traulichen Sopha herunterhalf. – »Was denn für Bilder?« fragte sie, trat zugleich vor den Spiegel, ohne auf meine nachstrebenden Blicke zu achten, und schon rollte der Vorhang über jene heiligen Kleinodien, die vielleicht von mehr Gespenstern bewacht wurden, als je einen Schatzgräber erschreckt haben. Sie hatte so eine Eile damit, als ob sie befürchtete, ein einziger Sonnenstrahl schon könnte dem herrlichen Gemälde, das ihr so rein und treu, [152] wie aus einem Krystall wiederschien, alle seine Schatten und Lichter ausziehen. Mein Herz war beklemmt – es fühlte mit Wehmuth seinen Uebergang aus der schönen Natur in die gemeine Welt. – »Nun mein Herr,« wiederholte sie, während sie ihren ersten Unterrock über sich warf, »was für Bilder waren es denn?« – »Blendwerke der Hölle,« antwortete ich. »Sie hätten wohl einen Riesen aus seiner Fassung bringen – einen Furchtsamern als mich wohl tödten können.« – »So bin ich denn recht froh,« fiel sie mir in das Wort, »daß wir noch so gesund beisammen sind.« Und dabei knüpfte sie die Hauptschleife, von der ich Dir, glaube ich, schon oben etwas gesagt habe, wohl noch einmal so fest zusammen, als sie war, da ich sie aufzog. – »Wo ich hinsah,« fuhr ich fort, »lagen die Phantome vor mir, stiegen mir nach wo ich hindachte, und haben mir den schönsten Handel verdorben, der wohl je über einer Reliquie geschlossen wurde.« – »Das thut mir herzlich leid, mein Herr,« erwiederte sie, und langte nach ihrem Nadelkissen. »Ohne die Mühe des Aus- und Anziehens eben hoch in Anschlag zu bringen, würde ich sie mir doch ganz erspart haben, hätte ich vermuthen können, daß Ihnen dieselbe Ansicht, auf die ihr Eigensinn so hartnäckig bestand, so übel bekommen würde. Weder Pater Bauny,« sagte sie, und fuhr in den einen Aermel ihres Mieders, »noch der Pater Lessau,« und sie fuhr in den andern, »weder Sie noch der Papst,« und sie fing an sich einzuschnüren, »würden mich haben bereden können, Ihnen damit beschwerlich zu fallen, wenn ich, wie gesagt, es gewußt hätte.« – »Sie sind die Güte selbst, Klärchen, und so aufrichtig als schön; um desto mehr ist es zu bejammern, daß so viele Vollkommenheiten unter dem Drucke eines Zauberers liegen.« – »Wie, mein Herr?« drehte sie sich verwundernd nach mir um: »Halten Sie den Schutz der Mutter Gottes – das Kreuz der heiligen Cäcilia, für Zauberei? und rechnen Sie die frommen Interdikte meines Seelsorgers unter die verbotnen Künste?« – Ich ließ mich nicht durch ihre Frage irren. – »Unbegreiflich!« fuhr ich nur noch ingrimmiger fort, je fester sie ihr Schnürleibchen zusammen zog, »wie ein Propst gegen einen Papst – ein gemeiner Schwarzkünstler gegen den größten, so [153] ganz ohne Widerrede Recht behielt!« – »O! mein Herr,« fiel sie mir hier sehr ernsthaft ein, »seine väterliche Fürsorge für mein Bestes ...« – »Was meinen Sie damit? Klärchen!« fragte ich in der albernsten Zerstreuung – »verdient auch selbst in Ihrem Munde, diese Schmähung nicht. Wie können Sie nur den guten Mann mit Ihren Phantomen in Verdacht haben? Wie hätte er denn Ihren Handel verderben können, der, glauben Sie mir, viel zu sonderbar war, als daß ihn selbst ein Prophet hätte errathen. sollen? Thun Sie immer der Wahrheit die Ehre, und gestehen Sie, daß Sie nichts mehr als Ihre eigene Schuld trugen, und da Sie über allen unsern Ein- und Ausgängen die Kreuze des Propstes mit lachendem Muth verwischten, Sie notwendig die rächenden Geister wider Sich empören mußten, die diese heiligen Zeichen umschweben. Es ist mir lieb, daß Sie aus eigener Erfahrung lernen, wie wenig Ihr Glaube gegen den unsern vermag, und daß man ungestraft auch das geringste Geschöpf nicht unrecht ansehen darf, das unter dem Schutze der Heiligen steht. Aber, mein lieber Herr,« fuhr sie jetzt mit mehr Theilnahme fort, »da Sie nun das erfahren haben, wie mögen Sie Sich immer noch nicht besser mit Ihren Augen in Acht nehmen? Sie verfolgen ja jede Nadel die ich mir anstecke, als wenn Ihnen noch so viel an Ihrem Schwindel gelegen wäre. Warum setzen Sie Sich nicht einstweilen in eine Ecke, bis ich mit meinem Anzuge zu Stande bin?«

Beinahe glaube ich, Eduard, daß Klärchen mit ihrem kindischen Geschwätz nicht ganz Unrecht hatte. Ich begreife es noch nicht, warum ich, ohne zu wanken, neben ihrem Spiegel gelehnt blieb, den sie doch, mit so gänzlicher Ausschließung meiner, über ihren Anputz zu Rathe zog, als wenn ich nicht in der Stube wäre. Mit der traurigsten langen Weile stand ich da, und mußte zusehen, wie sie alles so artig wieder aufbaute, was ich zu Ehren der Natur einriß – wie mir jede Minute eine Augenfreude mehr entzog, bis alle und jede ihrer heiligen Reize – und wie ich fürchtete – auf ewig meinem Anblick verschwanden.

Sie war nun so weit mit sich fertig, daß sie nur noch das letzte Streifchen Musselin um ihren Busen zu schlagen hatte, als [154] sie, durch einen flüchtigen Hinblick nach ihrem Halsgeschmeide, meine Füße in Bewegung brachte. Ich holte den guten Nicaise aus seinem Winkel, und ich hoffe, daß der bescheidene Ernst, unter welchem ich ihn jetzt wieder zu seiner warmen Ruhestätte begleitete, den Leichtsinn hinlänglich verbüßt hat, mit dem ich mich unterfing ein so heiliges Gebein der Erkältung auszusetzen. Und nun stand das fromme Klärchen wieder so erbaulich vor mir, daß ich nichts weniger als ein neues Schrecken von ihr erwartete, mit dem sie mich doch bald genug überraschte. – »Jetzt, mein Herr,« sagte sie freundlich, »jetzt geht mir zur völligen Beendigung unseres Handels nichts mehr ab, als – Sie wissen wohl – die restitutio in integrum, die Sie mir, als eine Hauptbedingung, zugesagt haben.« – »Ihre restitutio?« fing ich das Wort auf, und ward roth bis über die Ohren. »Kann das fromme Klärchen auch spötteln? O haben Sie nur Geduld! Jene Schreckbilder werden mich nicht ewig verfolgen, und mein Näherrecht wird dem heiligen Vater schon noch Gelegenheit verschaffen, seine ganze Macht und Gnade an Ihnen zu versuchen.« – »Da verstehen wir uns einmal wie der nicht,« antwortete sie, und legte ihre Hand traulich auf meinen Arm. »Ich rede sehr ernstlich, mein Herr! Mein Spiegel hat mir keine Kleinigkeit, und hat mir also nicht verschwiegen, in welche Gefahr jene unruhige Lage auf dem Sopha meine Singstimme versetzt hat. Ich beschwöre Sie also bei der Unschuld der Harmonie, bei der Glorie der heiligen Cäcilia, das Mahlzeichen wieder in seinen vorigen Stand herzustellen, das unter Ihren Händen verlosch. Hier ist die geweihte Farbe, die auf dem Altare dieser großen Erfinderin der Orgel – dieser Patronin aller Sängerinnen und Sänger, gemischt, und der einzige Reichthum meiner Toilette ist.«– Mit diesen Worten reichte sie mir aus dem einen Schubfach einen Pinsel, aus dem andern eine krystallene Schale, die diese kostbare Schwärze enthielt. Es lagen in dieser ihrer Zumuthung wieder so viel neue Begriffe für mich, daß ich nicht gleich wußte wo ich damit hin sollte. – »Also nur Ihrer sonorischen Stimme wegen, Klärchen?« fragte ich lakonisch, und schüttelte den Kopf. – »Und weßwegen könnte es denn sonst seyn?« fragte sie dagegen; [155] und wir blickten einander wieder mit der Verwunderung an, in die uns schon so oft unsre Mißverständnisse gebracht hatten. Das Mädchen, Eduard, wird mir ein Räthsel bleiben bis zu dem letzten Augenblicke.

So wenig ich auch von Zeichnung und Malerei verstehe, so hatte ich doch nicht das Herz ihre Forderung von der Hand zu weisen. Ich folgte ihr also, und dießmal ganz demüthig, bis an den Sopha nach – knieete mit der nichts sagenden Miene eines elenden Malers, den ein Narr miethete eine Venus von Correggio auszubessern, vor die beschädigte Sängerin – sah zum letztenmal im Vorbeigehn den theuern Kniegürtel, der mich in so viele Verlegenheit schon gebracht hatte, und der Vorwurf, den ich mir machte, seine weitläuftigen Indulgenzen so ärmlich benutzt zu haben, lief mir eiskalt über den Leib. Ich nahm mich jedoch auf das beste zusammen – zog meine Striche die Länge und die Quere auf dieselbe Stelle, wo ich die Spur der ersten halb verlöschten antraf, und ehe ich mich umsah, stand mein Gemälde im möglichsten Glanze da. Wenn Du aber denkst, daß es ein Kreuz war, Eduard, so irrest Du Dich. Die Grundsätze meiner Moral und Religion werden mir nie erlauben, für den Aberglauben einen Pinselstrich zu thun, es müßte denn seyn, um ihn zu verspotten; und dazu hatte ich hier freilich alle mögliche Aufmunterung. Was soll das Symbol des heiligen Kreuzes, ich bitte Dich, an dem Scheidewege einer Sängerin? Ich wollte nur, dachte ich, daß der Propst da wäre, um ihm das Lächerliche und Unschickliche davon begreiflich zu machen. Doch bin ich denn nicht sicher genug daß er herkommt? Gut! so will ich ihm denn einen Beweis ziehen, der ihm so stark in die Augen leuchten soll, daß sie ihm übergehen. Die Gelegenheit war wirklich zu schön! Denn so gewöhnlich es auch ist, seinen Gegner an einen dritten Ort zu bestellen, so konnte doch zu der stillen Rache, die ich an dem meinigen zu nehmen gedachte, wohl schwerlich einer besser gelegen seyn, als die einsame Gegend seines täglichen Besuchs, die seine vertrauteste Freundin durch einen Zusammenfluß glücklicher und unglücklicher Zufälle mir selbst zu verrathen genöthiget wurde. – Und so malte ich denn dem guten[156] Mädchen, ohne daß sie auch dießmal so wenig erfuhr, was auf ihrer Grundfläche vorging, als sie die feine Verbindung meiner guten Absichten mit meiner schlechten Arbeit argwöhnen konnte – Etwas – das sich ungleich besser für ihre Umstände schickte; malte ihr statt des heiligen Kreuzes, das sie erwartete, mit allem Ausdrucke der Wahrheit, ein Bild, das auf einen flüchtigen Blick jener Figur nicht ganz unähnlich war – kurz, ich malte ihr nichts mehr und nichts weniger als – was denkst Du wohl Eduard? als einen – Stimmhammer.

Wir waren beide, obgleich aus verschiedenen Gründen, mit dem guten Fortgange der Wiederherstellung so zufrieden, daß wir noch, während das Gemälde abtrocknete, die freundlichsten Blicke mit einander wechselten. Stelle Dir aber mein Erstaunen – stelle Dir ... nein Du kannst es nicht – mein Erschrecken und ihre Verzweifelung vor, als ihr Aufstehen vom Sopha ihr nur zu fühlbar entdeckte, daß ich während meiner Arbeit – wo muß ich die Augen gehabt haben? – den ganzen Rest der geweihten Farbe, der wenigstens noch zu hundert Kreuzen hinlänglich gewesen wäre, verschüttet – das feinste Linnen, das man sich denken kann, verdorben, und selbst den Kniegürtel der unbefleckten Jungfrau ein wenig befleckt hatte. Alle die entsetzlichen Folgen meiner Ungeschicklichkeit, ob ich sie gleich nicht so geschwind übersehen und so genau berechnen konnte als Klärchen, traten mir doch lebhaft genug unter die Augen, um mich aus meiner Fassung zu bringen. Ich hatte kaum das Herz nach dem armen Kinde in die Höhe zu blicken, das, durch diesen Unfall ganz niedergedrückt, seinen vorigen Heroismus unwiederbringlich verlor. Sie schlug die Hände über den Kopf zusammen, lehnte sich hinfällig an die Wand, vergoß in der Geschwindigkeit mehr Thränen, als letzthin von der heiligen Magdalena versteigert wurden, und stürzte sich endlich, wie ohnmächtig, auf den Sopha zurück. – »Liebes, bestes Klärchen,« rief ich in der äußersten Bestürzung, »um aller Götter willen beruhigen Sie Sich! Sagen Sie mir, in welchem Kloster diese Schwärze der heiligen Cäcilia zu kaufen ist; ich will hinlaufen – sie holen, und Ihnen den Verlust Ihrer Toilette, wenn er auch noch so beträchtlich [157] wäre, mit tausend Freuden ersetzen. Vor allen Dingen aber bitte ich Sie – und ich will Ihnen gern dabei hülfliche Hand leisten – kleiden Sie Sich um.« – Jetzt erwachte sie, und drehte ihre mächtigen Augen, mit dem verächtlichsten Blicke den sie fassen konnten, nach mir Unglücklichem zu. – »Gehen Sie, mein Herr,« rief sie mit sublimer Stimme: »Machen Sie, daß Sie bald aus unserm Hause kommen! Es ist kein Glück und Segen in Ihrer Nachbarschaft.« – Mehr erlaubte ihr der Schmerz nicht vorzubringen. Sie stützte ihren Kopf auf die rechte Hand, über die ich neue Thränen in Perlen herab rollen sah. Ich stand wie versteinert vor dem so hoch betrübten Kinde. Eine Weile darauf erhob sie noch einmal ihr trauerndes schönes Gesicht und ihre bebende Stimme. »Muß ich Sie noch immer sehen, mein Herr?« fragte sie mit einer Empfindlichkeit, die mir das Innerste der Seele bewegte. – »Undankbare!« versetzte ich jetzt mit tragischem Ernste: »Sie soll ich, Ihr Haus soll ich – mein Näherrecht soll ich verlassen? Und Sie wollten das Knieband der Madonna – den Ablaßbrief Papst Alexanders – wollten Sich alle seine Indulgenzen zueignen, ohne mir nur eine kleine Frist zu gönnen, sie mit Ihnen zu theilen?« – »Das,« fiel mir das fromme Mädchen mit unbegreiflichem Stolz in's Wort, »ist noch der einzige Trost in meinem Unglücke, daß ich diese Heiligthümer unwürdigen Händen entreiße! – Auf meiner Seite habe ich die Bedingungen erfüllt, mehr als zu sehr erfüllt, und bin darüber in Ruhe. Dieß, mein Herr, ist, bei der gebenedeiten Mutter! das letzte Wort, das Sie von mir hören. – Jetzt können Sie gehen, oder meine Tante erwarten, wie es Ihnen beliebt.« Sie hatte kaum ihrer Tante erwähnt, so ward mir schwühl um das Herz. Ich wagte keinen Augenblick länger zu verweilen, und, nach ein paar hingeworfenen Worten zum Abschiede, die mir das Geschöpf nicht einmal beantwortete, eilte ich zur Thüre hinaus, die ich auch sogleich hinter mir zuriegeln hörte.

Ich kannte mich kaum vor Aerger, wie ich in mein Zimmer trat. Ich klingelte nach Bastian, um ihn zu fragen, was er wolle? und klingelte ihm wieder, um ihm zu befehlen, ungesäumt einzupacken [158] und die Post zu bestellen. – Ich will fort, Eduard! Was brauche ich die Zurückkunft der alten Hexe erst abzuwarten? Sie ist für ihre Miethe einen Monat voraus bezahlt, und ihr heiliges Klärchen kostet mir ein und vierzig Dukaten, die ich nicht übler hätte anwenden können. Was soll ich länger an diesem abscheulichen Orte? Es würde mich nur um mein Bißchen Verstand bringen, wenn ich noch einen Abend hier verleben, die Ankunft des Propstes erinnern, und wohl gar bei seiner morgenden Inspektion gewärtigen müßte, mit meinem Stimmhammer konfrontirt zu werden. Wohl mir, daß ich der unterirdischen Wirtschaft dieses Gesindels noch so glücklich entwischt, und der Mühe überhoben bin, um den Preis des vermaledeiten Ablaßbriefes noch einmal mit den Geistern der Hölle zu ringen! Ich thue hiermit feierlich Verzicht auf meinen Antheil an jenem unheiligen Fetzen, der einst Zeuge der Mordschaffenden Umarmung eines ehrlosen Papstes war, und jetzt, als Zeuge der verrätherischen Heuchelei eines nichtswürdigen Mönchs, das Knie seiner Buhlerin gürtet. Das Wort, um das ich so lange ungewiß herum ging, ist endlich, gottlob! über die Zunge – Ich nehme es nicht wieder zurück, Freund! und hoffentlich wirfst Du mir auch nicht vor, daß ich es zu voreilig gesprochen habe. Aber was kümmert es mich? Mögen doch diese Heiligen ihr Unwesen treiben, bis sie selbst zu Reliquien werden! Mein armer Kopf! wie er feuert und tobt! Ich muß – ich muß meine Bosheit thätiger auslassen als mit der Feder!


Weißt Du, von woher ich zurück komme? Ich habe dem gesegneten Andenken des vortrefflichen Rousseau, das ich vor einer Stunde so grausam beleidigte, mein Versöhnungsopfer gebracht; habe alle die teuflischen kasuistischen Bücher meiner Schlafkammer vertilgt, die mich, großer Gott! der Versuchung so nahe brachten, ein Jesuit zu werden. Von dem Traktat an de probabilitate bis zum Sanchez de matrimonio – von siebenzehn Büchern, mit denen ich in nähere Bekanntschaft gerathen war, ist nichts übrig, als die leeren Hornbände, und das einzelne Blatt aus der Legende der heiligen Klara, das den großen Beweis der Dreieinigkeit enthält, [159] und das mir noch beifiel aus dem Feuer zu retten, um es als einen Beleg meiner Erzählung zu gebrauchen, als das Buch schon lichterloh brannte. Alles übrige ist vom Feuer verzehrt. Der Scheiterhaufen dieser unseligen Werke brannte gerade unter der Büste jenes unsterblichen Schriftstellers – Die empor rollende Flamme röthete, je mehr sie sich in dem Kamine verbreitete, sein blasses Gesicht, das, wie vom Feuer der Tugend belebt, auf mich herab blickte. Ich glaubte in seinen ernsten Mienen die höchste Mißbilligung meines Leichtsinns zu lesen, und schamhafte Reue über die Verirrungen meiner verlockten Sinne färbten nun meine Wangen.

Wenn Bilder von jenen Tausenden Seliggesprochener gleiche Empfindungen zu schaffen vermöchten ... ach! wer könnte die religiöse Verehrung derselben verdammen? Wer könnte alsdann über die Andacht eines fühlenden Mädchens spotten, das vor der Madonnengestalt neben ihrem Bette das Knie beugt, um ihre schwankende Tugend zu stärken? Wer möchte es wagen, ein Bild, das zur Erinnerung an Ehre und Rechtschaffenheit dient, – es sei ein Boromeus oder ein Rousseau – aus seinem Gesichtskreise zu verbannen? – O, ihr Päpste, Pröpste und Mönche! die ihr eine Legion von Lotterbuben, nicht zur Bewahrung, sondern zur Verführung der Tugend, auf Altäre gestellt – durch heillose Künste das zarte Gefühl des Gewissens verhärtet – manche schwache Seele durch Freipässe zum Laster sicher gemacht – an jede Lampe, die eure heiligen Concordien, Magdalenen und Madonnen erleuchtet, einen Trost für Verbrecher gehängt – durch ihren werthlosen, erdichteten Nachlaß die Armuth um ihr Brod betrogen – durch eure geweihten Todtenbeine Verstand und Unschuld erhitzt und geschändet – und an Rosenkränzen, unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes, manches ehrliche Mutterkind in das Lazareth verlockt habt – könnte ich doch, o ihr Verworfensten des Menschengeschlechts! alle eure Nischen und Kapellen – alle eure dem Verbrechen geheiligten Schutzörter zerstören, wie ich jetzt die giftschwangern Blätter vernichtet habe, die meiner Leidenschaft stöhnten! – Und ihr, meine guten Landsleute, die ihr etwa nach mir diese [160] Miethe beziehet, danket es mir, daß ich sie voll jener unsaubern Gesellschaft, deren Asche bald in alle Winde verfliegen wird, gereiniget habe! Kauft dafür zu euerm Zeitvertreibe Rousseau's geistreiche Schriften bei euerm Nachbar Fez, und lest sie im Angesichte seiner Büste! Vor den bezaubernden Reizungen der Psalmistin brauche ich euch kaum zu warnen: ihr kennt sie nun, und auch sie selbst wird schwerlich einem Ketzer mehr trauen.

Wenn die kürzeste Thorheit die beste ist, so darf ich nach allein dein, was die meinige bei ihrer Entstehung zu werden versprach, immer noch froh seyn, daß sie nicht den siebenten Tag überlebt hat. Ihre pittoreske Ausstellung ist freilich – ich will es lieber selbst erklären, ehe es ein anderer sagt – die partie honteuse meines Tagebuchs, die ich gern, so wenig ich auch sonst auf kastrirte Schriften halte, davon trennen möchte, wenn es nur ohne Beschädigung des Ganzen geschehen könnte. – Der Sturm war heftig, Eduard; ich verlange keinen seiner Art noch einmal zu erleben – aber da er nun glücklich vorbei ist, möchte ich auch um vieles nicht die Erfahrung missen, die er mir gab. Er hat mir die tiefsten Blicke in den Abgrund geöffnet, zu dessen Erforschung alle, die ihn befahren, das Ihrige beitragen sollten; und ich kann wohl sagen, daß ich nie einen stärkern Beruf gefühlt habe, über seine gefährlichen Klippen zu predigen, als eben jetzt, da ich, ermattet und zerschlagen, von ihm zurück komme. Es wäre doch sonderbar, wenn etwa alle Wegweiser der Tugend und der Sitten aus diese Weise zur Welt kämen, und uns nur weiß machen wollten, daß sie urplötzlich mit Spieß und Schild gerüstet, gleich Minerven, aus Jupiters Gehirn gesprungen wären. Für das Ansehn im Publiko möchte diese Verläugnung ihrer wahren Abkunft allerdings sein Gutes haben: aber diesen Herren selbst, wenn sie nun einander antreffen, müßte es, dächte ich, alsdann auch gehen, wie dem ehrlichen Cicero, der, sobald er zum Augur geweiht war, keinem andern Augur auf der Straße begegnen konnte, ohne zu lachen. –

Die Pferde wollen noch nicht kommen, und doch hätte ich so gern diese häßliche Geschichte hinter mir, an die mich hier alles auf das unangenehmste erinnert, von der glimmenden Asche an in [161] meinem Kamine, bis zu den leeren Bänden, die, wie Schlangen- und Krokodillen-Bälge, daneben liegen. – Ja wohl, ja wohl, lieber Eduard, ist es eine häßliche Geschichte! Was würde aus meinem guten Rufe werden, wenn sie durch Deine Nachlässigkeit oder Deinen Muthwillen bekannt würde! Laß mich, ehe ich Avignon verlasse, darüber noch erst Abrede mit Dir nehmen. Suche es auf allen Fall – ich rede jetzt ernsthaft mit Dir, lieber Freund, – wenigstens zu vermitteln, daß mich die letztvergangene unglückliche Stunde nicht zu sehr in dem guten Zutrauen unserer Damen zurück setze. Gieb den ganzen Handel für ein Spiegelgefecht meiner luxuriösen Einbildungskraft – für eine launige Spötterei über die falsche Glorie menschlicher Tugend aus. Und wenn das auch nicht verfangen will, so gehe nur den jetzt so gewöhnlichen Weg, der selten fehl schlägt, und mache, wenn von meinem Falle gesprochen wird, eine geheimnißvolle Miene dazu! Was gilt's, man übersieht alsdann die Wahrheit, und sucht nun hinter meinen Nuditäten versteckte Prophezeihungen, wie man sie in dem hohen Liede sucht. – In dem hohen Liede? sagte ich. Wie kommt mir das ein? Ich widerrufe diese Vergleichung, die meinem Tagebuche offenbar Unrecht thun würde. Salomo mag es mir nicht übel nehmen; aber, nach meiner Einsicht, hat ihm der Zufall viel zu viel Ehre erwiesen, seine poetischen Grotesken bis auf unsere Zeiten zu erhalten, zumal in der ehrwürdigen kanonischen Maske, hinter der sie vermummt sind. Ich bin zwar von dem Stolze weit entfernt, mich in der feinern Denkungsart und in der höhern Dichtkunst für ein Muster auszugeben; unser Vaterland hat deren ganz andere aufzuweisen, die so sehr respektirt werden, daß man sie kaum liest – aber doch glaube ich behaupten zu können, daß, so erhabenschlüpfrig auch jene erotischen Vorstellungen des Orients seyn mögen, meine kleinen deutschen, anspruchlosen Gemälde doch immer noch natürlicher, höflicher und geschwinder zum Zwecke führen, als jener Gesang aller Gesänge. Klärchen – ich will sie nicht loben – ist gewiß niedlicher gebaut als die Sulamit; und es käme noch darauf an, ob sie nicht besser als jene zu einem emblematischen Modelle der christlichen Kirche dienen könnte. Doch sage ich dieses nur im [162] Vorbeigehen, und wahrlich ohne den mindesten Anspruch: denn, ob es mir gleich Spaß machen sollte, wenn Du meine schönen Landsmänninnen dahin brächtest, Weissagungen selbst hinter den Bildern zu suchen, die ich ohne Vorhang ausgestellt habe; so geschähe mir doch offenbare Gewalt, wenn auch die Nachwelt sich einfallen ließe, mit mir umzugehen, wie die Vorwelt mit dem ehrlichen Salomo, und mich für einen Propheten erklärte. Du kannst es am besten den künftigen Jahrhunderten bezeugen, daß, so oft ich mich in das Paradies der Dichtkunst verstieg, ich nie anders als auf einem natürlichen Wege dahin gelangte, und doch vielleicht mehr Ursache habe als der inspirirteste Dichter, mit meiner poetischen Laufbahn und mit den Gunstbezeugungen zufrieden zu seyn, die mir die Musen erwiesen. – »Wie so?« fragst Du verwundert, und lachst mir spöttisch in's Gesicht: »Ich habe doch nicht gehört, daß deine Dudelei eben so gar viel Lärm und Aufsehn in der Welt gemacht habe.« – Ich auch nicht, guter Freund: aber das ist von jeher auch meine geringste Sorge gewesen; und ich würde selbst den Horaz von Herzen bedauern, wenn er für seine harmonischen Gesänge keine wichtigere Belohnung eingeerntet hätte, alsmonstrari digitis et dicier hic est. Nimm also nur Deinen Spott wieder zurück; denn, klängen auch die Ausdrücke, die mir vorhin entfielen, für einen – sage es nur heraus – für einen Zwerg des Apollo etwas zu vornehm, so sind die Riesen, die seinen Thron um geben, doch gewiß zu großmüthig, um dem kleinen Spieler, den sie so lange unter sich geduldet haben, die Airs aufzumutzen, die er ihnen nachmacht. Aber dieß bei Seite gesetzt; auch ohne groß zu thun, kann ich wohl behaupten, und Dir es durch Vorlegung meiner Ab- und Zurechnungen mit den Musen beweisen, daß, ungeachtet der kleinen Abzüge, die ich mir gern gefallen lasse, meiner neidlosen Genügsamkeit immer noch ein hübscher Gewinn übrig bleibt. Hast Du Zeit – wie leider! ich eben jetzt, denn ich höre und sehe noch nichts von meinen Postpferden – so wollen wir die Rechnung mit einander durchgehen. Diese Beschäftigung, die man sonst gern so lange zu verschieben pflegt als möglich, wie wohlthätig wird sie mir nicht in diesem Augenblicke! Es ist schon weit lichter um [163] meinen Schreibtisch. – Alle Grillen sind abgetreten – alle Mißgestalten entfernen sich – denn sie sehen daß ich Linien ziehe und nicht gestört seyn will. Deine Monita? O die beunruhigen mich auch nicht – die liegen allenfalls noch in der Ferne – und wo sollen sie überhaupt herkommen, wenn Du, wie ich hoffe, meine Angaben so richtig findest als meine Belege?


Noch übergab kein Vehmgericht

Mich abgelebten Harfenisten

Den Häschern, und verwies mich nicht

In Nicolai's Todtenlisten. 24


Das ließ mich hoffen, mit der Zeit

Mir einen Freipaß zu erlaufen,

Um sichrer der Unsterblichkeit

Mit meiner Klingel nachzulaufen.


Allein, je besser ich den Rauch

Vom Wesen unterscheiden lernte,

Um desto mehr die Hoffnung auch

Sich in den Hintergrund entfernte.


Es ist mit eines Dichters Ruhm

Gar eine wunderliche Sache:

Mißtrauen ist sein Eigenthum,

Und Mißvergnügen seine Wache.


Im Schweiße seines Angesichts,

Im Taumel eines leeren Schalles,

Verdient er wenig oder nichts,

Erhält nicht viel – und fordert Alles.


Jetzt seh' ich nur zu gut, wie viel

Akkorde meiner Leier fehlen,

Um mich, wie Orpheus, durch ihr Spiel

In das Elysium zu stehlen.


Hat nicht einmal mir ein Koncert,

Das kunstreich Philomelens Noten

In Takt setzt, in Oktaven sperrt,

Mir eine Fiedel angeboten.


[164]

Wär' ich solch einer Ehre werth,

Gewiß ich stände längst in Pflichten

Des Tribunals auf Strang und Schwert,

Um meine Sünden selbst zu richten,


Und die Hausirer jagten sich

Von Markt zu Markt mit meiner Büste,

Und – – – doch ich schwöre Dir, daß ich

Nach solchem Nimbus kaum gelüste.


Dank der Natur! mein Dichterkampf

Ist wie ein Fieberfrost verschwunden;

Längst wärm' ich mich im Opferdampf

An dem Altare der Gesunden.


Jetzt brauch' ich keinem Oberon

Wie sonst von weitem nachzukeichen;

Wir gehen gleich – weiß ich doch schon

Zu rechter Zeit ihm auszuweichen.


»Du wolltest,« raun' ich ins Geheim

In's Ohr mir, »mit den Musen schmollen,

Weil sie Gedanken zu dem Reim

Dir nicht wie ihrem Wieland zollen?


Sein Gang, das schlauste Menschenherz

In seiner Tiefe fest zu greifen,

Stört dich ja nicht, mit leichtem Scherz

An seinen Flächen hin zu streifen;


Und bist Du nicht mit Klopstocks Flug

Den Geistern in's Gebiet gedrungen,

So hast du dich doch oft genug

Zu Menschenfreuden warm gesungen.


Hat sich denn einer je gehärmt,

Daß ihn kein Lorberkranz umschließet,

Wenn an dem Busen, der ihn wärmt,

Er der Vergessenheit genießet?


Und wer hat Zeit, wenn ihm sein Kohl

Die Zunge reizt, zu überlegen,

Ob süßere Gemüse wohl

In Otaheite reifen mögen?«


Gewiß ich müßte sonderbar

Mein eignes Richteramt verwalten,

Um diese Gründe nicht als wahr

Der Eigenliebe vorzuhalten.


[165]

Was zog mich, als das Zauberband

Des Selbstgenusses, zu den Musen?

Ich fand mein Daseyn – ach ich fand

Nur Ruh' allein an ihrem Busen.


Wenn höfische Gespenster mich

Mit Gott und Welt verfeindet hatten,

Entschlüpft' ich ihrem Kreis, und schlich

Ein Stündchen in des Pindus Schatten.


Hier sang ich meines Lebens Traum,

Erpfiff mir neuen Muth zu leben,

Und segnete den Wunderbaum,

Der mir sein Blatt dazu gegeben.


Hier an den Liebreiz der Natur

Mit allen Sinnen angeklammert,

Hat meine Zither nie der Flur

Der Zeiten Elend vorgejammert.


Doch hat mir auch mein Brod dafür

Die fröhliche Natur gewürzet,

Und niemals karg um die Gebühr

Der Freudenfänger mich verkürzet.


Gelockt durch meinen Waldgesang,

Hat manches Vögelchen in Stunden

Der Neugier sich am Ueberhang

Der Birken bei mir eingefunden:


Sie faßten Herz, von Baum zu Baum,

Von Ast zu Ast, mir nachzuschweben,

Und bald sah ich in ihrem Flaum

Den ersten Schlag der Freude beben.


So hab' ich mir durch Stolz und Groll

Des Lebens Pfade nie verdorben,

Und, wie ein reisender Apoll,

Mir meine Musen selbst geworben.


Da schon, als im Tumult der Schlacht

Die Flöte Friedrichs wiedertönte,

Und durch die Harmonie der Nacht

Die Furien des Kriegs versöhnte,


Schon da, sucht' ich den Helikon

Auf Hügelchen, die erst begonnen;

Und vor dem Frieden hatt' ich schon

Ihm beide Gipfel abgewonnen.


[166]

So hab' ich durch mein Saitenspiel

Die vollen Spulen meiner Stunden

Vergnügt bis an das nahe Ziel

Des letzten Knötchens abgewunden!


Und klagst du nicht den Wand'rer an,

Der still und friedlich heimgeschlichen,

Daß er nach Cookens Reiseplan

Nicht das bestürmte Meer durchstrichen;


Fragst nicht, wie bunt der Faden war,

Ob locker oder grob gesponnen,

Durch den einst Theseus der Gefahr

Des dunkeln Labyrinths entronnen:


So frag' auch nicht, was für Gewinnst

Mein Tagewerk der Welt verspreche;

Ach schon genug, wenn mein Gespinnst

Nur mehr beträgt als meine Zeche!


Dem Geist der wirkenden Natur

Sei heimgestellt es zu verputzen,

Und, wär' es auch als Einschlag nur,

Zu höherm Stoff es zu benutzen:


Damit, was ich der Freude spann,

Der Nachwelt nicht so ganz verschwinde,

Daß nicht ein Mädchen dann und wann

Ein abgetröselt Fädchen finde.


Sein ehrlicher antiker Schein

Müß' ihr den ersten Antrieb geben,

Auch ihren Knäul bald im Verein

Der holden Musen abzuweben;


Es leihe da, wo Widerstand

Nur Freude bringt, ihr seine Kräfte,

Dien' ihr zum Oehr am Brautgewand,

An ihrem Myrtenkranz zum Hefte;


Dien' ihr als Sinnbild beim Empfang

Des letzten Unterrichts der Mädchen,

»Ach!« denke sie, – »welch ein Vergang!

Ach! Alles hing an diesem Fädchen!«


Täuscht mich nicht optischer Betrug,

So seh' ich in den fernsten Zeiten

Sich über meinen Aschenkrug

Noch manche Glorie verbreiten.


[167]

Wenn dann umsonst die Marmorgruft

Des Fürsten, den sein Land vergessen,

Die Tugenden zu trauern ruft,

Die er im Leben nie besessen:


Wird ungerufen, Arm in Arm,

Den Busen unter Rosenbändern

Gelüftet, guter Mädchen Schwarm

Zum Grabmal ihres Freundes schlendern


Sie werden, über meinem Staub

Gelagert, auf den jungen Rasen

Das abgefallne Winterlaub

Von der bescheidnen Urne blasen;


Sanft soll alsdann mein Genius

Mit seinem Fittich sie berühren,

Und sie durch manchen Kettenschluß

Zuletzt in seine Werkstatt sichren.


Dort, wo beim Quell der Phantasien

Wir unsre Nacht mit neuen Sternen,

Mit Rosen unsern Tag umziehn,

Und zum Genuß uns täuschen lernen;


Wo wir an dem Altar der Zeit

Das weiseste Gewerb' erlauschen,

Gesänge gegen Traurigkeit,

Scherz gegen Thränen einzutauschen;


Wo warnend Psyche's Lampe brennt,

Damit nicht das Gespenst der Reue

Den Weg nach unserm Monument

Mit Gift, statt Lorbern, überstreue:


Hier wird sich gern der holde Kreis

Der Mädchen um den kleinen Götzen,

Den meine Muse sang, zum Preis

Wohlthätiger Gefühle, setzen;


Hier werden sie Apollens Macht,

Sie werden das Bedürfniß fühlen,

Das Feuer, das er angefacht,

Durch seine Jünger abzukühlen;


In Sappho's Drang nach Amors Lust,

Müß' ihrem Mund der Schwur entgleiten

Den ersten Funken ihrer Brust

Auf einen Dichter abzuleiten.


[168]

Denk nur! wie müßte nicht die Herrn

Des Pindus solch ein Schwur erfreuen!

Sie würden, glaub' ich, mir schon gern

Um seinetwillen Weihrauch streuen:


Und hätt' Apoll um seinen Berg

Nur erst den Nebel aufgeheitert,

Spräch' er wohl selbst; dort hat mein Zwerg

Die Aussicht ungemein erweitert.


Diese meine offenherzige Beichte, die ich Dir hier im Vorbeigehen über meinen Beruf zur Dichtkunst – über die Forderungen und Erwartungen, die ich darauf gründe, abgelegt habe, könnte auch wohl, wenn ich es recht überlege, allein schon hinlänglich seyn, mir die Absolution des schönen Geschlechts zu verschaffen, um die mir so bange ist. Thue Dein möglichstes, lieber Eduard, sie auf eine oder die andere Art zu erhalten, wenn Dir daran gelegen ist, mich wieder in Berlin zu sehen. Mit vernünftigen Männern ist es etwas anders. Mit denen wirst Du über den Werth meines Tagebuchs schon einig werden. Halten diese meine Geschichte für wahr, so ist mir nicht angst, daß sie mir sie nicht aus den edelsten Grundsätzen vergeben sollten – Halten sie die Sache für Erdichtung, so wissen sie auch schon, daß es nicht so gefährlich ist als es aussieht, wenn ein ernsthafter Carlin 25 sich herabläßt eine bunte Jacke anzuziehen, eine schwarze Maske vor das Gesicht zu nehmen, und den Harlekin so natürlich zu spielen, als wenn ihn Gott bloß dazu erschaffen hätte. Was schaden ihm seine Jacke und Maske und seine Mütze mit Schellen, wenn sie ihm nur Eingang bei seinen Zuhörern verschaffen, die, so benöthigt sie auch seiner moralischen Arzeneien seyn mögen, sich doch für viel zu gesund halten, um einenernsthaften Schritt darnach zu thun. So ist auch meine Art zu erzählen auf der ganzen Tonleiter der Unterhaltung die allerverschrienste; aber sie ist es gewiß mit Unrecht. Ich habe eine zu gute Erfahrung von dem wahren Nutzen, den solche geistige [169] Ausschweifungen bei Gelegenheiten hervorbringen können, wo sonst nichts Gutes verfangen will. Ich kann Dir diese Behauptung mit einer Thatsache aus meinem vorigen Leben belegen.

Als ich von Leiden zurück kam, wo ich den Gang des menschlichen Herzens, ich gestehe es, besser noch studirt hatte als die Pandekten, wurde ich, wie das so geht, in ein Tribunal gesetzt, das über Gut und Ehre, Hals und Hand, zu entscheiden hatte. Da merkte ich nun gar bald, wie viel es auf die jedesmalige Stimmung der Herren Beisitzer ankam, was die Gesetze sprechen sollten. Man sah es sicher ihren Urtheln an, ob sie an einem regnigen Tage, bei beschwerlicher Verdauung, bei unterbrochener Ausdünstung und mit beklemmter Brust – oder ob sie bei heiterm Wetter, nach einer gesunden Bewegung und ruhigem Schlaf, und in Erwartung eines menschlichen Vergnügens gefällt waren. Mit diesen Leuten über die natürliche Billigkeit zu streiten, wenn sie eben an Krämpfen oder sonst einem physischen Uebel litten, war verlorene Arbeit, und es wurde oft nur um desto gewisser ein armes, und, wie sie es nannten, überwiesenes Geschöpf zum Pranger verurtheilt, je mehr ich mich seiner aus den Gründen der Toleranz annahm. O! dachte ich, ihr guten Herren! euch will ich doch wohl noch beikommen. Beccaria war mein Liebling, Ich trug sein Büchlein immer in meiner Tasche, und hielt es als Spiegel, der den Basilisken bersten macht, überall dem voluminösen Carpzov entgegen, wo ich ihn fand; und ach! wo fand ich ihn nicht? Seine kriminelle Gelehrsamkeit strotzte in dicken Bänden hinter den Gitterschränken unserer Rathsstube, und betäubte durch ihren giftigen Aushauch jeden schwachen Kopf, der ihnen zu nah kam. Dieser Moloch seiner Zeit, dem während seines Lebens unsere mechanischen Zentgerichte, nach einer mäßigen Rechnung, an die dreißig tausend ihrer Zeitgenossen geopfert haben, breitete auch nach seinem Tode noch seine häßliche Lehre durch seine Jünger aus, die, in der Blindheit des Geistes und in dem Stolze ihrer Kenntnisse, ihm anhingen. Die Fiskale, anstatt selbst zu denken, fanden es bequemer sich auf ihren Meister zu beziehen, der alles das, was sie überdenken sollten, schon überdacht und in die einfachsten Regeln von [170] der Welt gebracht hatte. Die Untersuchungsakten waren mit seinen Machtsprüchen durchspickt, und jeder Sachwalter, jeder Richter beugte gehorsam seine runzelige Stirn vor dem Despoten. Ich hätte, was ich nicht war, ein Herkules seyn müssen, um dieses vielköpfige Ungeheuer mit Einem Streiche zu tödten. Ich fühlte mit Ingrimm, daß diejenigen, die seine Keule geerbt haben, sie nicht schwingen mochten. Ich hatte nur eine Pritsche, um gegen einen Drachen zu fechten – aber auch dieses armselige Gewehr gebrauchte ich als ein muthiger ehrlicher Mann, und es ist unglaublich wie gut es mir gelang. So oft es mir ahndete, daß der Beschluß der nächsten Sitzung eine arme Gefallene entweder zur Kirchenbuße, zum Zuchthause, oder zu einem Geschmeide verdammen würde, das einem hübschen Halse nicht gut steht; so machte ich mir geschwind eine Geschichte zurecht, von der ich hoffen konnte, daß sie das harsche Zwerchfell meiner Herren Kollegen tüchtig erschüttern würde. Kaum las ich sie dann beim Eintritte der ernsthaften Versammlung als eine Neuigkeit vor, die mir dieser oder jener schwatzhafte Freund zu Regensburg oder Wetzlar gemeldet hätte; so klärten sich auch schon ihre gestrengen Gesichter auf, von dem Präsidenten an bis zum untersten Beisitzer. Sie gingen nun mit jenem Wohlbehagen, das uns zur Nachsicht gegen uns und andere so geneigt macht, an ihre wichtigen Geschäfte, und wenn es zur Umfrage kam, hatten sie sich gemeiniglich mit ihrem gesetzmäßigen Urtheile um viele Schritte in die lachenden Gränzen der Menschlichkeit zurück gezogen, ohne daß sie selbst begreifen konnten wie es zuging. Carpzovs Ansehen verlor nach und nach immer mehr gegen das meinige – eine Ehre, die mir gewiß keiner meiner ehemaligen Lehrer geweissagt hätte; das Tribunal gewöhnte sich an eine liberale Denkungsart; und da zugleich ein guter Genius dem Fürsten eingab, das Zimmer unserer Zusammenkünfte weißen – die kleinen Fenster ausbrechen, erweitern – mit Spiegelscheiben versehen, und, als ein Sinnbild der obsiegenden Unschuld, eine Susanna im Bade an der Mittelwand des Saals befestigen zu lassen, so bekam durch diesen erheiterten Anstrich des Aeußeren auch unsere Gerichtsverfassung selbst ein freundlicheres Ansehn. Die Herren [171] träumten, sie wären in guter Gesellschaft; ihr Tempel schien ihnen in ein Boudoir verwandelt; ihre sonst schneidenden Aussprüche verloren sich in empfindsame Sentenzen, und das Kollegium rückte in Ansehung gemässigter und wohlwollender Gesinnungen wenigstens um ein halbes Säkulum vorwärts. Und nun ward es auch mir leichter, die Ehre des guten Beccaria in dieser Versammlung zu retten. Noch jetzt denke ich mit innigster Zufriedenheit daran, wie ich um jene Zeit, durch nichts mehr oder weniger als eine Polisonerie – ich besinne mich im Deutschen auf keinen leidlichen Ausdruck – die bei meinen Herren Kollegen ein unerwartetes Glück machte, einen alten Vater aus den Händen des Henkers in die stille Verwahrung seines Sohns brachte, der noch jetzt als ein wackerer Officier bei den Truppen unsers Königs den Tag segnet, an dem es mir gelang, ein beschimpfendes Urtheil von seiner Familie wegzuscherzen. O, mein Eduard! könnte ich jetzt alle die um meinen Schreibtisch versammeln, denen ich durch dieses Kunststück, das ich allen Beisitzern der Kriminal-Gerichte, cum grano salis empfehlen möchte, Erlaß einer entehrenden Strafe verschafft, theils sie, statt in das Raspelhaus, unter die Haube gebracht, theils durch das falsche Zeugniß einer ehrlichen Geburt, wovon meine lachenden Kollegen mir die Verantwortung überließen, in eine bürgerliche Zunft verholfen habe; wie viele dankbare Thränen würden nicht um den Mann fließen, der jetzt selbst in dem mißlichen Fall ist, um Abolition zu bitten! Doch ich weiß es endlich zu gut, wie man es anfangen muß, sie ohne viele Unkosten zu erhalten. Ich frage nur den Referenten bei dem Tribunal, das sich etwa anmaßt über meinen Handel in der Nebenstube zu urtheilen – ich frage ihn auf sein Gewissen, ob nicht sein erster Gedanke war, als er meine Akten durchlas: O wärest du doch an der Stelle des Inquisiten gewesen! Du hättest deine Sache schon besser machen wollen. Es ist zwar noch die Frage, ob der Herr wahr redet – Aber schon der Gang seiner Empfindung sollte es ihm doch begreiflich machen, daß es hart seyn würde, mich nach der Halsgerichts-Ordnung Karls des Fünften, oder nach den rationibus decidendi eines Carpzov zu richten.

[172] Das Studium der Toleranz ist eine der schönsten neuern Erfindungen. Sie verdiente, so gut als die Oekonomie, eine eigene besoldete Lehrstelle. Fände sich einmal einer der Nutritoren unserer Akademien, der Ursache genug hätte, diese Wissenschaft in solch einen besondern Schutz zu nehmen, so wollte ich vorläufig rathen, daß er ihr ja keine andere als die umgekehrte Ordnung unserer so genannten Brotstudien anwiese. Der erfahrne Lehrer, wenn ja über ein Kompendium gelesen seyn muß, lege kein anderes zum Grunde als ein – nur richtiges – Protokol seines eigenen Lebens, und ziehe dabei, wo dieses nicht hinlangt, die Beichten zu Rathe, die einige große Männer öffentlich abgelegt haben – einen Petrarch und Lavater, einen Rousseau und Fielding, den heiligen Augustinus und mich. Wäre auch ihren Aussagen nicht immer zu trauen, so wird er es doch bald genug merken, wo der eine falsch gesehen, der andere falsch geschlossen – der eine zu viel, der andere zu wenig gesagt, der – gelogen, jener – seine Schwachheiten bemäntelt, oder gar mit der Maske der Tugend verlarvt hat. Er führe seine Zuhörer an, über dem Chaos ihrer trotzigen und verzagten Herzen zu schweben, suche es ihnen geläufig zu machen, ihre eigenen Empfindungen auf alle mögliche menschliche Zufälle zu kalkuliren, und sich in das Alter, in die Umstände und in das stürmische Blut dessen zu versetzen, den ihre ruhige Vernunft zu verdammen eilt. Er lehre den Jüngling Tagebücher halten, wie das meinige ist, und, wenn die Langeweile seines hinschleichenden Lebens ihn bitter und böse gemacht hat, kein anderes Buch fleißiger lesen. Meinetwegen mag er auch, wenn er Herz und Geschick genug dazu hat, es zum Besten der Welt, mit allen den moralischen Anmerkungen drucken lassen, die ihm Zeit und Erfahrung behülflich gewesen sind zu sammeln. Es ist freilich nicht die gewöhnliche Art die Tugend zu predigen, wenn man sich selbst auf den erhabenen Ort des Prangers stellt; aber deßhalb ist es auch nicht die schlimmste. Es giebt der Mittel viel, eine heilsame Arzenei gemeiner zu machen. Jedes Jahrhundert, jeder Quacksalber, jeder Professor hat sein eigenes. Wird denn nicht jetzt selbst das feste Wort des Herrn in einem neuen Modegewande ausgeboten? Warum sollte denn nicht [173] auch ich einen noch wenig versuchten Weg betreten, um durch ein offenes Geständniß meiner Verirrungen jedem andern menschlichen Herzen näher zu kommen?

Ueberhaupt muß der Mann besser rechnen können als ich, der sich zu bestimmen untersteht, ob dieses oder jenes beschriebene Blatt zum Nutzen des Ganzen mehr beitragen werde. Ziehen die Schriftsteller, wie gewöhnlich, nur ihre Eigenliebe darüber zu Rathe, so ist die Frage freilich geschwind genug zur Ehre ihrer Talente entschieden; aber auch hier hängt alles von der Weisheit jenes unsterblichen, unbekannten und glorreichen Genius ab, der auch den anspruchlosesten Lumpen noch immer gebrauchen kann, einem Bedürfnisse mehr, auf einer solchen Bettlerwelt als die unsrige ist, abzuhelfen.

Du räusperst Dich, Eduard, winkst mir inne zu halten, und die Lust des Widerspruchs schwebt Dir um den Mund. Gut! Meine Pferde sind noch nicht da, meine Tinte ist fließend, und Papier und Federn liegen noch auf dem Tische. Das schreckt Dich nicht, ich weiß es; so laß denn hören! – »Wenn du glaubst,« hebst Du trocken an, »mit allen deinen Tadlern eben so gut fertig zu seyn als mit mir,« wie ich denn das wirklich geglaubt habe, »so thut es mir leid um deinen schönen Traum. So lange dein Tagebuch nur unter uns, und, wie so viele andere Schreibereien der Welt, nur Manuscript unter Freunden bleibt, o! da verlohnt es sich freilich nicht der Mühe viel Aufhebens davon zu machen. Nimmst du aber den pro securitate publica so bedenklichen Fall an, daß die Gemälde deiner Unsittlichkeit zu der Ehre einer öffentlichen Ausstellung gelangen, so wäre ich wohl neugierig das Bedürfniß zu erfahren, das euch leichtsinnige Schriftsteller berechtigen könnte, eine Leidenschaft zu spornen, die wir ohnehin Noth genug haben im Zaume zu halten.« – Das klingt nun sehr systematisch – sehr ernsthaft, und hat mir Mühe gekostet herzuschreiben. – Aber mache mich nicht böse, Eduard! sonst verschaffe ich Dir zur verdienten Antwort einen Anblick, dessen Du gewiß gern überhoben seyn würdest, rufe Dir mehr bleichsüchtige Mädchen in meinem Hörsaale zusammen, als Du übersehen kannst, und lege [174] Dir jenes Bedürfniß, an dessen Daseyn Du zweifelst, so zergliedert vor, daß Du froh seyn sollst wenn nur ich das Maul halte. Gehe ehrlicher mit mir zu Werke, guter Freund! Verstecke Deine gesunden Augen nicht immer hinter die Blenden Deiner Bücher, und ziehe erst, ehe Du mit mir rechtest, den schleichenden, unnatürlichen, unmännlichen Gang in gehörige Betrachtung, den die schönste aller Leidenschaften in einem Zeitalter nimmt, das in so vielen Rücksichten nur von ihr seine einzige Hülfe erwartet. Sage mir auf Dein Gewissen, Eduard, ob man es einem Schriftsteller, der nur einigermaßen hoffen darf in gute Häuser zu kommen – ob man, anstatt ihn zu tadeln, es ihm nicht als ein Verdienst anrechnen sollte, wenn er das Herz faßt, Mädchenliebe zu predigen, und sie mit so lebhaften Farben zu schildern sucht, als diese Art Malerei nur vertragen kann. Mag meinetwegen ein künftiges tugendbelobteres Jahrhundert meine armen Schriften zum Scheiterhaufen verdammen! Ich habe nicht das geringste dagegen; wenn sie nur vor der Hand in dem großen Magazine nothwendiger Uebel geduldet werden. Das ist doch weiter keine zu vornehme Anmaßung, die mir Mißgunst zuziehen, und nur jemanden in Angst setzen sollte, daß ich mir damit ein Aemtchen zu erschreiben gedächte, auf das er selbst Anspruch macht. Was könnte es denn für eins seyn, als höchstens das eines Pestpredigers? das mühseligste in der ganzen Republik – ohne Rang, ohne Sporteln, und zu dem sich, schon seiner Gefahr wegen, nur wenig Kandidaten melden. Man gönne es mir doch! Das Ministerium kann ja die Stelle wieder einziehen, wenn sie überflüssig geworden und die Seuche vorbei ist. Auch kann meinethalben die Nachwelt die Arzeneien, die ich mir jetzt, sogar während der Kirche, kein Gewissen machen darf unter die armen Preßhaften zu vertheilen, als unnütze, verdorbene Waare zu den übrigen Exkrementen unsers Jahrhunderts werfen; leisten sie nur gegenwärtig eine solche Nothhülfe, wie sie ungefähr geschickte Aerzte von einem Scharlachfieber bei Kranken erwarten, die an einer hartnäckigen Fühllosigkeit darnieder liegen. So würde auch ich bei denen, die ich in der Kur habe, es schon für ein gutes Symptom halten, wenn meine Umschläge ihre verschobene Einbildungskraft [175] nur erst so weit wieder in Ordnung brächten, daß ihnen die gewöhnliche Hausmannskost nicht länger widerstände, die Schönheit und Natur der Genügsamkeit darreicht. Könnten sich auch die Mattherzigen nicht sofort bis zu jener Stärke eines reinen Gefühls erheben, daß sie an der Unbefangenheit und Unschuld meiner Margot, und an den eben so einfachen als gefunden Gerichten Geschmack fänden, die sie ihren bessern Bekannten vorsetzt; so wäre es einstweilen schon gut, wenn der Heißhunger sie nur in den ersten besten Gasthof triebe, wie zum Beispiel der zum schwarzen Kreuze ist, von dem ich selbst eben zurück komme, und wo sich schon einer sättigen kann, der nicht an gar zu feine Ragouts gewöhnt ist.

Ich sehe, Eduard, Du zuckst die Achseln, drehst Dich seufzend von mir, und glaubst mir in Deine Bibliothek zu entwischen; aber den Weg dahin kenne ich auch, und es ist heute wohl nicht das erstemal, daß ich Dir bis vor Deinen Arbeitstisch nachschleiche. Du hast hier noch immer, wie ich sehe, um Deinen globum terrestrem sehr disparate Dinge herliegen: Landcharten und Zeitungen neben Garvens meisterhaften Versuchen – Smith über den National-Reichthum neben Archenholz siebenjährigem Kriege – hier sogar Lavaters geheimes Tagebuch über dem meinigen – alles so bunt unter einander wie in der Welt selbst. Die Sachen, sagst Du, haben sich hier zusammen gefunden, wie ich sie nach Maßgabe meiner Laune gebraucht habe, ohne daß sie unter sich selbst weiter etwas gemein hätten. Das ist zu glauben, lieber Eduard, und in so weit mag auch wohl eins so viel Recht auf seinen Platz haben als das andere. Indeß hätte ich wohl die Grille, daß ich genau wissen möchte, was ein Schächer wie ich, unter einer so gelehrten Gesellschaft allenfalls für einen behaupten könne, wenn hier nur das Verdienst um die Welt den Rang bestimmte. Schiebe nur mein unglückliches Tagebuch her – ich bin darin doch am meisten belesen, und muß am besten wissen, wo seine Stärke und Schwäche liegt. – Was hast Du mir nun aus dem Haufen, den ich Dir lasse, entgegen zu setzen, um mich zu demüthigen? Jenen Moralisten dort? O! streiche ihm nur ein wenig seine Runzeln, mir aber meine struppigen Haare aus dem Gesichte, und Du wirst zu Deiner [176] Verwunderung eine gewisse Gleichheit der Verwandtschaft entdecken, die mich Dir um vieles erträglicher machen – die mehr als alles Dich aufmuntern wird, mich gegen diejenigen in Schutz zu nehmen, die mir so gern die Titel meiner Herkunft abstreiten möchten.

Um Dir die Sache zu erleichtern, so breite, mit Beihülfe unsers Archenholz, nur Deine Landcharten und Zeitungen aus einander, und halte nun die Kinderspiele meiner Phantasie, wie ich sie Dir zureiche, gegen die Ritterspiele der Großen – meine nackenden Gemälde gegen ihre blutigen Bataillen-Stücke, und irre mit philosophischem Auge von den einen zu den andern. Ich lasse Dir Zeit, Freund, und verlange nicht, daß Du mir eher gewissenhaft erklären sollst, welche von beiden Du für verdienstlicher hältst, als bis Du ihren verschiedenen Eindruck auf das menschliche Herz mit Deinem vorigen strengen Urtheile verglichen; und im Angesicht Deines Globens genau erwogen hast, auf welche Seite der Gemälde sich das bürgerliche Wohl, das häusliche Glück, und das System der so grausam verfolgten Bevölkerung am meisten hinneigt.

Ich will Dich nicht weiter in Deinen stillen Betrachtungen stören. Aber o könnte ich nur meiner Feder jene elektrische Kraft mittheilen, die mir, trotz meinem Frankfurter Ringe, in Klärchens Kammer versagte; wie herzhaft wollte ich sie gegen die physischen und moralischen Verirrungen, die man so ehrbar mit dem Ansehn eines Plato und mit dem Mantel des Sokrates zu bedecken glaubt, und gegen die politischen Gräuel schärfen, mit denen zusammen ein Geist des Verderbens den fröhlichen Genius der Erhaltung verfolgt! Ich wollte den Jünglingen männlichere Neigungen, den Mädchen wirksamere Lockungen, und den Zepterträgern Menschlichkeit anschwatzen, und die lachendsten Phantasien der Liebe zum Beitritt aufbieten, um alle mordlustige Gedanken von unserm freundlichen Erdstrich zu scheuchen, und seine allgemeine Trauer zu heben. Aechte Philosophen, und ihr besonders würdet es mir verdanken, ihr guten, tugendhaft schmachtenden und verlassenen Töchter meines Vaterlandes. Ihr würdet, sittsam erröthend, mir selbst den [177] schlüpfrigsten Umweg vergeben, wenn ich ihn, da beinahe alle gebahnten Straßen der Natur entzogen sind, mit einigem Glück einschlüge, um euch zu euern Rechten zu verhelfen, und die verwilderten, ehescheuen und verblendeten Ueberläufer meines Geschlechts durch gute Worte wieder in euern sanften Sprengel zurück zu führen; auf daß eure wahre Bestimmung zu ihrer verlornen Ehre gelange; auf daß die Freude, die ihr zu erwecken geschaffen seid, ehrlicher und ritterlicher benutzt, und, statt der Dornen und Disteln eines Schlachtfeldes, das hohe mütterliche Gefühl auf euern rosigen Wangen entwickelt werde, das ihr Schuldlosen in einer Bleichsucht ersticken müßt, die laut wider die Tyrannen der Welt, laut wider die Verächter eurer Reize um Rache schreit. Könnte ich durch rührende Darstellung aller der entzückenden Augenblicke, mit denen eure Sanftmuth und eure Launen – eure Stärke und eure Schwäche – eure Schmeicheleien und eure lehrreichen, sanften Strafen, mir das Leben erheitert, und meine Besserung bewirkt haben – mein abtrünniges Geschlecht zum Anschmiegen an das eurige wieder beilocken – bei Gott! ich wollte mich keines wollüstigen Bildes schämen, das mir selbst die Tugend erlauben würde, zu dieser guten Absicht von euren geheimsten Reizen zu borgen; ich würde noch beim Austritt aus diesem jammervollen Planeten mit väterlicher Zufriedenheit auf die anwachsende Nachkommenschaft hinblicken, die ich mir schmeicheln dürfte zum Genuß besserer Zeiten erschrieben zu haben. – Sollte sich in der auserwählten Schaar dieser Abkömmlinge einer befeuerten Liebe ein und der andere Fürstensohn befinden, so wünsche ich ihm zu dem seltenen Umstande seines Daseyns Glück. Seine bürgerliche Stammhaftigkeit übernehme meine Vertheidigung in dem Zirkel seiner Innung, in den Schlössern der Großen, die sich zu vornehm dünken, der Natur und der Einbildungskraft etwas schuldig zu werden.

Scheint Dir dieser Glückwunsch nicht mit jenem Abscheu zu reimen, den ich vorhin gegen die blutdürstige Kaste geäußert habe, die über uns herrscht, so hast Du zwar nicht ganz Unrecht: wenige aus ihrem Mittel – Du siehst daß ich billig bin – verdienen es, daß ein gutes Herz sich ihrer Fortdauer annimmt. Da sie denn [178] aber nun einmal da sind, wäre doch wenigstens zu wünschen, daß sie nicht gleich in ihrer Geburt verunglückten, indem unsere demüthige Lage nur desto schimpflicher wird, je krüppeliger sie selbst sind. Das ist so wahr, daß ich es damit wohl könnte bewenden lassen; aber, um es Dir offenherzig zu gestehen, ist es doch nicht die eigentliche Ursache des Absprungs meiner Ideen. Daran war wahrlich nur eine kleine Anekdote Schuld, die mir nach einer ganz andern Verwandtschaft von Begriffen eben beifiel. Ich würde sie, als einen überflüssigen Beleg, nicht einmal der Mühe werth halten meinen vorhergegangenen anzuhängen, nähme ich in dieser ungeduldigen Stunde nicht selbst nur zu gern alles mit, was mich, bei dem ewigen Außenbleiben meiner Pferde, nur im mindesten zu zerstreuen vermöchte. Zudem kann man auch nicht wissen, ob nicht mein Geschichtchen recht gut bei Dir angewendet sei. Deine Verdienste werden Dich doch über lang oder kurz an das Ruder eines Staats bringen. Zufällig könnte es ja wohl eins seyn, das aus seinem natürlichen Schwung, und bloß aus der Ursache gekommen wäre, weil kein Mensch den Verstand hatte es darin zu erhalten. Meine Erzählung liefert nun, wie Du sehen wirst, eine recht gute praktische Anweisung hierzu.

Sie ist nicht wie so viele andere, die von Höfen in Umlauf und nichts weniger als bewiesen sind, aus der Luft gegriffen. Nein, guter Freund, die meine ist aus Quellen geschöpft, wie sie wohl selten einem Geschichtschreiber zu Gebote stehen. Ich wüßte zugleich keine aufzutreiben, die, ihren belehrenden Inhalt ungerechnet, geschickter wäre, mich über meine gegenwärtige drückende Lage zu erheben. Welche wohlthätige Eigenschaft der Seele ist doch eine lebhafte Erinnerung! Ein einziger Rückblick, den ich über ein paar Dutzend verflossene Jahre werfen muß, um auf den Zeitpunkt der Begebenheit, um auf die schöne Nebenrolle zu kommen, die ich dabei zu spielen das Glück hatte, wie freundlich tröstet er mich über meine mißlungene auf jenem bezauberten Sopha, den ich, übelgelaunter als je einen, eben verließ. Mögen meinetwegen die Postpferde bis in die sinkende Nacht ausbleiben, ich habe Zeitvertreib genug für mich und meine Feder gefunden. Es war ein gewisser, [179] Gott weiß warum? verabschiedeter Kammerherr, eben des Hofs, von dem die Rede ist, der mich zuerst auf die Spur brachte. Er hatte aus seinem politischen Schiffbruche nichts weiter gerettet, als eine mäßige Pension, die er in unserm wohlfeilen akademischen Landstädtchen verzehrte – einen ironischen Zug um seinen zahnlosen Mund, und eine ganz eigene verblümte Sprache, wenn ihm, als einen alten Praktikus die Laune ankam, meine Träume von dem Glück und den Sitten der großen Welt zu berichtigen. –

Gewohnt, mich wöchentlich zweimal zu besuchen, um lieber in meinem freundlichen Gartensaale, als unter den Tabakswolken des lärmigen Kaffeehauses die Zeitungen zu lesen, fand er mich auch eines Abends, ein Blatt davon in der Hand, setzte sich mit dem andern, das auf meinem Tische lag, in eine Ecke am Fenster und »hören Sie,« – rief er mir bald nachher zu – »was mir hier für eine unerwartete Neuigkeit mit Schwabacher Schrift gedruckt in die Augen leuchtet. Nächsten Sonntag vermält sich unser Erbprinz mit der Durchlauchtigsten Tochter des benachbarten Fürsten. Das ist doch wieder eine der Ehen, wie sie nur in diesem hohen Hause gerathen und gedeihen – ein Kinderspiel, wenn Sie wollen, voll grillenhafter Mysterien, mit denen Ihnen sonder Zweifel, Ihre Herren Professoren der Statistik und Geschichte schon längst den Mund gewässert hätten, wenn es nicht eben Mysterien wären, die aber ihren wohlthätigen Einfluß auf das Ganze, so gut wie das Geheimniß der Freimaurer, von einem Jahrhunderte zum andern, durch eine ununterbrochene Stufenfolge braver Regenten bewährt haben. Alle Vasallen haben Gott anzurufen, daß er auch gegenwärtiger Verbindung gleichen Segen ertheile, und auch Sie, junger Herr, könnten deßwegen künftigen Sonntag schon ein Vaterunser mehr beten. Denn sehen Sie, wenn Ihr alter Hagestolz von Oheim in die andere Welt geht, und Sie nun, Freundchen, in der unsern an die Stelle eines Sohnes treten, den er, als ein ungeschickter Steuermann auf dem schwarzen Meere einer wilden Ehe gleichsam über Bord warf – und Sie nun seine beiden schönen Rittergüter erkapern, die Ihnen das Standrecht unserer lieben ungerechten Lehnsverfassung zuspricht, – haben Sie es da nicht für [180] einen doppelt glücklichen Zufall anzusehen, daß solche in dem herrlichen Gebiet unsers angebornen Beherrschers liegen – und wäre es nicht für Sie so traurig als für alle und jede im Lande, wenn dieselbe Sünde, die Ihr abgelebter Vetter an seinem eigenen Fleische und ritterlichen Blute beging, und die ihm jetzt, wenn er Sie ansieht, aufs peinlichste am Herzen naget; – wenn, sage ich, ein gleicher oder ähnlicher widersinnlicher Verstoß gegen die Ordnung, die im schönsten Flor prangenden, und vom ersten Stamme bis zu dem jetzt aufblühenden Sprößling, treu erhaltenen Besitzungen unsers Fürsten, unter seine saubern mit Schulden und Lastern beladenen Herren Erbverbrüderten, versplitterte, vor deren Regierung uns Gott in Gnaden bewahren möge. Sie, lieber Wilhelm, haben freilich gut lachen, ich verdenk's Ihnen auch nicht, aber noch weniger kann ich es einem bemittelten Manne verdenken, wenn er allen lachenden Erben, die oft schon von weitem nach seinem offenen Thorweg schielen, so früh als möglich einen Riegel vorschiebt, wie den Hausdieben. Vor unserm Erbprinzen, der sich schon gegen solche Laurer in Positur setzen wird, ist mir nicht bange, desto mehr aber für seine junge Gefährtin, die ich schon im Geiste bei ihrer Einweihung in jene Mysterien, Augen machen sehe, wie groß!« Auf mein hingeworfenes Warum? rückte er seinen Stuhl näher. Wir sind allein, dämpfte er seine Stimme, – und Sie geben mir die Hand, daß Sie schweigen wollen. – Ich versprach's, es ist aber so lange her, daß ich wohl, ohne Nachtheil des längst begrasten Erzählers, mein Ehrenwort brechen kann. Auf der linken Seite der Burg, zischelte er mir ins Ohr, erhebt sich, wie angeklebt ein uralter rother Thurm, dem es von außen kein Mensch ansieht, was er alles enthält. Der obere Stock ist zu einer Art Kapelle eingerichtet, die an ein großes Schlafzimmer mit einem mächtigen antiken Paradebett stößt. Den untern Raum bewohnt, umringt mit allerlei Hexengeräthen, eine vermaledeite Zigeunerin, von der ich Ihnen aus eigener Erfahrung tausend heimtückische Streiche erzählen könnte. Man beehrt sie allgemein mit dem Titel der klugen Frau, doch nicht bloß deßhalb, weil ihre gelbsüchtigen Augen Manches entdecken und verrathen, wobei die duldsame Oberhofmeisterin [181] die ihrigen zudrückt, auch nicht darum, weil sie aus der Ehren- und Lebenslinie einer Jungfrauenhand Romane schneidet, als man deren so abenteuerlich keine in unsern Buchläden findet, auch eben so wenig des ziemlich zweifelhaften Talents wegen, aus den Kankergespinnsten, die ihr zu Gesichte kommen, Hitze oder Kälte bestimmter vorauszusagen, als ein florentinisches Wetterglas; – sondern, weil das abergläubische Volk als gewiß voraussetzt, der allsehende Gott befördere zu dem schlüpfrigen Posten, in den sie durch den Tod ihrer Vase und Vorgängerin vor vierzig Jahren gerückt ist, immer nur eine kluge Frau, die am Schlusse eines so wichtigen Tages als übermorgen eintritt, den Einfluß, den er auf das Schicksal des Landes haben werde, so klar wie in einem Krystall vorhersähe. – Was, dachte ich, wird aus diesem Windeie seiner Einleitung wohl für ein Molch herauskriechen? – schlug die Arme in einander und spitzte die Ohren.

Ob nun schon, fuhr er mit dogmatischer Weitläuftigkeit fort, dieß heilige Amt wie die Erbämter bei Kaiserkrönungen, nicht eher etwas gilt, als bis es, hier ein häusliches – dort ein politisches Bedürfniß, das Vielen oft nur zu lange ausbleibt, auf eine kurze Zeit in Thätigkeit setzet; so wird es ihr demungeachtet von allen unsern Staatsdienern beneidet, die Sinn für das Schöne, und gesunde Augen im Kopf haben – und zwar nicht ohne Grund; denn es verhilft dieser sogenannten klugen Frau nun schon seit sie die Kapelle besorgt, künftigen Sonntag zum drittenmal zu einer Augenweide, für die wohl gern ein römischer Augur, dem, wie Sie wissen, nur oblag, sich in den Gedärmen der Opferthiere zu bespiegeln, die seine vertauscht haben würde. – Und zwar steigt sie aus ihrem Raupenstand in derselben Stunde zu dieser Ehre empor, wo die kleine Adamstochter, blaß wie ein Nebelstern zu der Warte des Günstlings im Aufsteigen ist, dessen Nächte sie erleuchten soll, ohne zu wissen wie? denn ich traue der lieblichen Unbefangenen zu, daß ihr die. Rolle, die sie spielen soll, eben so fremd ist, wie sie es der Tochter des Roi bien faisant, als Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings gewesen seyn würde, wäre nicht noch zur rechten Zeit die dienstfertige [182] Marquise de Prie beiden in ihrer artigen Unwissenheit zu Hülfe gekommen. 26

»Lieber Kammerherr,« unterbrach ich ihn hier, »ich will ein Schelm seyn, wenn ich ein Wort von Ihren gelehrten Anspielungen verstehe.« –

»Nun dann, um Ihnen verständlicher zu werden,« erwiederte er, »darf ich Sie nur ganz kurz von einem in dieser Familie, seit der Ritterzeit bestehenden Hausgesetze unterrichten, so unerhört es auch in andern erlauchten Häusern seyn mag.« – Es verbindet nicht nur jeden Erben des Fürstenstuhls, wie es dermalen auch unsern sechzehnjährigen verband, seine, zur Erhaltung des edeln Stammes, benöthigte Gehülfin, weder auf Messen, Hofbällen, noch in andern Festivitäten, mit einem Worte, nirgends anderwärts aufzusuchen, als allein in den Zwingern der Kinderstuben. Was aber beinahe noch auffallender ist, so legt es zugleich jeder nach der Vorschrift erwählten jugendlichen Schönen die unerläßliche Pflicht auf, ehe sie den letzten Schritt thun darf, der ihre, bereits durch die Beistimmung der Aeltern, durch die Eheberedung, den Ring am Finger und den priesterlichen Segen erlangten Ansprüche auf ihren Verlobten bestätiget, ihre, wie soll ich mich doch bescheiden genug ausdrücken [183] – ihre eigenthümlich angeborne Ausstattung den prüfenden Blicken der geheimen Güterbeschauerin zu unterwerfen, die zu der Zeit eben hierzu angestellt und verpflichtet seyn wird. – Nach genauer Wahrnehmung alles dessen, was etwa wahrzunehmen ist, und wovon der begaffte Gegenstand oft selbst keine Silbe weiß, hat so ein Weib das Recht zu beurtheilen, ob es dem künftigen Mitbesitzer gnügen werde oder nicht. – Nun kann ich mir lebhaft vorstellen, wie in der Geisterstunde des nächsten Sonntags unsere alberne Pythonissin, auf ihrem mit Kerzen umleuchteten Dreifuß, gleich jenem bis in den dritten Himmel entzückten Apostel, der unaussprechliche Dinge sah, die vor ihm noch kein Auge gesehen, und von denen kein Ohr gehört hatte, sich von der einen Seite wie eine Närrin brüsten, von der andern aber eben so gewiß wie ein höllischer Geist erzittern wird, wenn ihm ein heiliger Engel in seinem ätherischen Glanze erschiene. Mit welchem ungleich reineren Anschauen und männlichem Nachdenken würden nicht bei so einer Gelegenheit die Augen eines Philosophen dem hohen Berufe weiblicher Schönheit bis auf den kleinsten zwar, aber in dem großen Brennspiegel der Natur wirksamsten Fünkchen nachspüren! Wie würde die Betrachtung Seelen wie die eines Haller, Büffon und Harvey erschüttern, daß der Schöpfer und Regierer unzähliger Welten, die Erhaltung der unsrigen einem kaum merkbaren Atom übertrug und in seiner Dämmerung den Zunder verbarg, der die erloschenen Menschengeschlechter zu neuem Aufleben wieder anzufachen, und ohne es selbst zu ahnden, alle Jahrhunderte zu einer ewigen Fortdauer aneinander zu reihen geschickt ist. Und einer elenden unverständigen Dienstmagd, die, wenn das Glück gut ist, höchstens aus seiner Strahlenbrechung wie aus dem flatternden Gewebe ihrer Spinnen nur gemeine Tageserscheinungen zu folgern weiß, konnte ein abgeschmacktes Herkommen, ohne Zuziehung, wenn auch nicht des dabei am meisten interessirten Theils, doch wenigstens eines Landes-Deputirten, die richterliche Gewalt einräumen, unwidersprechlich zu entscheiden – (Pardon! junger Herr, wenn ich aus Ehrfurcht gegen eine angehende Landesmutter den Schleier der Allegorie über die heiligen Urkunden werfe) – ob dem himmlischen[184] Meteor schon in der laufenden Stunde, oder erst nach mehrern Mondwechseln, oder gar nicht der Eintritt in den ehelichen Thierkreis zu gestatten sei. Während der nächtlichen Beleuchtung dieses Zweifelknotens betet für dessen fröhliche Auflösung der Hofkapellan zu Bekräftigung seines am Traualtare darauf abgezielten Segens. Auch die geheimen Staatsräthe bleiben in dieser mystischen Nacht in banger Erwartung so lange versammelt, bis ihnen eine Botschaft der wachthabenden Fee aus ihrem Schlupfwinkel kund thut: »Das allsehende Auge der Vorsehung habe die prophetische Sehkraft der ihrigen vollkommen gerechtfertiget. Die Herren könnten nun getrost auseinander und schlafen gehen; ihre politischen Hoffnungen wären durch den schönsten Erfolg gekrönt.«

Und wie der Pöbel zu Neapel in Staatsbedrängnissen vor den Pforten des Tempels, der das Wunder seines Aberglaubens – das verdickte Märtyrerblut des heiligen Januarius in einer goldnen Kapsel verwahrt, knieend der Ankündigung des Prälaten entgegenharrt, daß seine Fürbitte bei Gott es endlich zum Fließen gebracht habe; – so belagert auch hier der unruhige Volkshaufe die geheimnißvolle Burg so lange, bis die Thurmwächterin zum Zeichen, daß die Wohlfahrt ihres Landes fester als die so vieler andern gegründet, und das altweltfürstliche Haus durch einen neuen Tragbalken vor seinem Einsturze gesichert sei – zu ihrem Fensterladen eine brennende Laterne aushängt. – Sie können wohl denken, mein Herr, wie der allgemeine unerträgliche Lärmen beiderlei Geschlechts, den die Gauklerin so gewiß wieder als die vorigen beiden Male, wo es meine eigenen Ohren empfanden, in der Residenz veranlassen wird, manchen ehrlichen Mann, den nicht etwa selbst die Umarmung einer Geliebten munter erhält, in dem Schlafe stören muß. Unbegreiflich ist es daher gar nicht, warum sie in einem Wirkungskreis von so bedeutendem Umfange mehr Ehre und Besoldung genießt, als der erste Minister. Auch trägt sie die Nase höher als er, und damit sie ja in ihrem Amtsgeschäfte keinen Schein von Beweisen übersehe, auf die sich ihr Richterspruch gründet, trägt sie noch obendarauf eine Brille. »Qu'après demain – Dieu le grand Dieu confonde.« Hier stampfte er mit dem Fuße und wischte sich den Schweiß [185] von der Stirn. Ist der Mann toll, dachte ich. Was in aller Welt geht dich doch die alte Runkunkel sammt ihren Deutereien, ihrer Brille, ihren prophetischen Spinneweben, und was geht dich vollends der alte Groll an, den er, Gott weiß aus welcher Ursache, gegen sie gefaßt hat. –

»Aber, lieber Kammerherr,« wendete ich mich lächelnd an seine verstörte Miene, »was hat es denn nun eigentlich für eine Bewandtniß mit der Kapelle, die Ihnen über dem alten Weibe ganz aus den Augen gekommen ist?« – »Diese steht,« kam er endlich wieder. ins Gleis, »außer jener Blindschleiche, die einen Tag um den andern dort herum kriechen und kehren muß, unter dem alleinigen Verschluß des jedesmaligen Regenten, zu der er, nach dem Testamente seines Ahnherrn, sogar seinem Sohn und Erben den goldnen Schlüssel nicht eher, als in der Stunde seines Beilagers anvertrauen darf. Zugleich wird dem jungen Prinzen aus dem Hausarchive eine von dem ersten Stammvater entworfene Schrift versiegelt eingehändiget; die er den Morgen darauf auch mit seinem Petschafte bedruckt wieder zurückliefern muß – und die, was glauben Sie wohl? den Neuvermählten unter den drohendsten Beschwörungsformeln verbietet, das hochzeitliche Bett zu besteigen, bevor sie nicht in der hinter der Tapete verborgenen Kapelle ihre Andacht verrichtet hätten. – Trotz des heftigen Gegenstoßes von widereinanderlaufenden Empfindungen, den ein so unerwarteter Befehl bei Jedem hervorbringen muß, dem er in dem kostbarsten Augenblicke seines Lebens in die Ohren gerasselt kommt, ist nun schon seit undenklichen Zeiten dieses sonderbare Herkommen, wie ein elektrischer Schlag von Vater auf Sohn in dem festen Glauben übergegangen, daß an dessen gewissenhafter Befolgung das Glück des Fürsten und die Wohlfahrt des Landes gebunden sei, so wie es nicht umsonst durch die Zeichen und Wunder verkündiget worden sei, die den begeisterten Augen der unzähligen Sibillen im rothen Thurme vorüberzogen. Lange wähnte man, der mysteriöse Thurm verwahre unter Aufsicht eines weiblichen Drachen das Arkanum der Adepten. Da sich aber ein Finanzminister nach dem andern erbot, den Ungrund dieses Gerüchts aus den Kammerakten darzuthun, [186] so würde sich noch keine Seele rühmen können, das Geheimniß erforscht zu haben, hätte sich nicht das liebe Ungefähr ins Mittel geschlagen. Der jetzige Herr, der den Hang seiner nun in Gott ruhenden Gemahlin zur religiösen Einsamkeit kannte, ließ ihr, da er eben auf die Hirschbrunst verreiste, den goldnen Schlüssel zu der abgelegenen Kapelle zurück, um sich durch frohe Erinnerungen an ihre hier genossenen glücklichen Stunden über seine Abwesenheit zu trösten. Was er aber nicht erwartete geschah. Die Hochselige verlor ihn eines Morgens am Eingange der heiligen Halle. Ein Kamerad und Blutsfreund von mir fand und hielt ihn für den seinigen, und versuchte ihn an dem zugehörigen Schlosse, das er ohne Mühe öffnete; der Zufall, dachte er, soll mir nicht umsonst diesen Fund in die Hände gespielt haben, und so bemächtigte er sich der so viele Seculn hindurch verheimlicht gebliebenen Wahrheit mit innigster Freude, und bei der langen Entfernung ihres rechten Besitzers mit aller Bequemlichkeit. Einst, in einer traulichen Abendstunde, entdeckte er mir sein Abentheuer unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Auch sind Sie der erste, dem ich es unter gleicher Bedingung aufs Herz binde. Nach der Beschreibung meines lieben Vetters, sollte man die fensterlose Rotunde eher für das Museum eines Liebhabers der Kunst, als für ein Betzimmer halten, denn mit diesem hat sie nur eine entfernte Aehnlichkeit. Sie ist mit einem gläsernen Kuppelgewölbe überspannt, durch welches in der Nacht die Sterne magisch herabschimmern. Doch scheint es, der verständige Erbauer habe aus eigener Erfahrung sehr richtig geschlossen, daß die beiden hieher verlockten Andächtigen sich und das Irdische nicht so weit aus den Augen verlieren würden, um nach dieser eine Weile angestaunten ätherischen Beleuchtung nicht auch einer ihren menschlichen Sinnen behaglicheren entgegen zu sehen – und in diesem wohlberechneten Augenblicke bricht, wie aus einem Krater, eine Lichtmasse aus der Tiefe des rothen Thurms herauf, die ihre dunkeln Ahndungen aufklärt, und zugleich, indem alles was sie umgiebt, Farbe und Beleuchtung erhält, eine Sammlung trefflicher Malereien bestralt, die ihre bänglich gestimmten Herzen auf einmal belehrt, was Gott, Natur und Fürstenpflicht in dieser [187] feierlichen Stunde von ihrem Daseyn verlangen. Nun frag' ich Sie selbst, mein Herr! ob einem mit diesen ernsten Anforderungen unbekannten Kinde nicht grün und gelb vor den Augen werden muß, wenn es so ohne alle Vorbereitung in solch einen Zauberstrudel geräth, gegen den die glänzendste Oper nur eine Armseligkeit ist? Die übrigen Verzierungen dieses Heiligthums bestehen in zwei großen Wandspiegeln, die von dem Fuße des sammetnen Teppichs auf bis an das obere Gesims steigen, und alles auffassen und treu abgebildet zurückgeben, was sich ihrem Strahlenkreis nähert. An den beiden Seiten eines jeden blinket eine niedliche Handbibliothek hinter vergitterten Schränkchen hervor, über die Genien und Amoretten von kararischem Marmor Wache – statt des Gewehrs aber ein blau seidnes Schnürchen in der Hand halten, das die mattherzigste nur mit einem Finger anziehen darf, um diese reichen Schätze geistiger Erholungen zu entriegeln. In der Mitte der Rotunde bläht sich ein einzelner elastischer Sopha, dem Hochaltare gegenüber, auf welchem in einem ziemlich abgenutzten Einbande, gleich dem Buche des Schicksals die Annalen des Fürstlichen Hauses, bis auf die leeren Blätter aufgeschlagen da liegen, die zur Fortsetzung bestimmt sind. Am Anfange des Werks steht die Vorrede von der eignen Hand des Stifters. Mein Vetter hat mir eine Abschrift davon gelassen, die ich Ihnen gelegentlich zum Versuch mittheilen will, ob es Ihnen besser gelingen wird als mir das Kauderwälsch zu enträthseln.« Hier schien es dem guten Manne einzufallen, daß ihn wohl der Zeitungsartikel zu einer größern Schwatzhaftigkeit möchte verführt haben, als einem pensionirten Kammerherrn anstünde – er legte auf einmal das Blatt verdrießlich auf den Tisch, griff nach Hut und Stock und eilte nach der Thür. »Warten Sie nur einen Augenblick,« hielt ich ihn auf, »bis ich meinem Bedienten geklingelt habe, um Ihnen nach Hause zu leuchten. Unmaßgeblich könnten Sie ihm auf seinem Rückwege die versprochene Vorrede mitgeben, wenn Sie solche bei der Hand haben.« »Wohl!« sagte er, und verließ mich. Bald darauf händigte mir mein Laternenträger die Handschrift ein. Ich hatte mich inzwischen in mein Studierstübchen zurückgezogen, und [188] ohne daß ich prahlen will, war mir nach drei Stunden, mit Hülfe meines Glossariums, eine verständliche Übertragung der alten Urkunde in reineres Deutsch so vollkommen gelungen, daß ich vor Freude den Kammerherrn hätte küssen mögen; denn erst jetzt sah ich um wie ungleich mehr mir seine Unkenntniß in den Schriften der Vorzeit werth war, als sein im Grunde verworrenes Geschwätz. Der Stiftungsbrief des edeln Erbauers jener Kapelle enthält neben manchen andern Vorschriften einen ungemein treuherzigen Zuruf an seine männlichen Nachkommen. Man sieht in jeder Zeile wie gut er es mit ihnen meint, und wie viel ihm an der ächt ritterlichen Fortpflanzung seines Geschlechts gelegen sei – und obschon die Sicherheitsmaßregeln, die er ihnen bei der Wahl ihrer Ehehälften empfiehlt, von unsern verfeinerten Sitten so himmelweit abgehen, als das Heldenbuch von Geßners Idyllen, so kann man doch bei den Grundsätzen von denen er ausgeht, höchstens die Achseln zucken und lächeln, ohne gerade seine Ansichten zu verwerfen – So bestimmt er z.B. eine jährliche Extra-Steuer zum Gehalt einer erfahrnen und bis ins Grab verschwiegenen Matrone, die er, vor der standesmäßigen Uebergabe seiner Verlobten, zur Beglaubigung ihrer jungfräulichen – und nachher zur Bewachung ihrer Würde als Landesmutter ohne Einfluß ihrer Oberhofmeisterin angestellt wissen will. Diese Stelle seiner Vorrede, mit allen den einzelnen Anweisungen, die ich jedoch vor der Hand noch übergehe, gab mir einen ganz andern Begriff von den Pflichten der ehrwürdigen Bewohnerin des rothen Thurms, die mir kurz vorher der Kammerherr mit so grellen Farben schilderte.

Während dem Entziffern der gothischen Buchstaben der veralteten Urkunde, war der Wunsch bei mir rege geworden, die beiden Pilger vor dem Eintritt in die Kapelle persönlich kennen zu lernen.

Meinst Du nicht auch, daß es in unsern moralischen sowohl als physischen Studien einen eignen Spaß macht, wenn wir bei der Puppe eines Zwiefalters, die scheinbar todt vor uns liegt, die Farbe seiner Flügel und die Lebhaftigkeit vorher zu errathen gesucht haben, mit der wir ihn, nach seiner Ausbildung, dem ängstlichen Naturzwange entschlüpfen, und er staunt über seine schöne [189] Verwandlung mit funkelnden Augen dem blühenden Jelänger jelieber zuflattern sehen. Jung wie ich damals und sehr geneigt zu so einem Gedankenspielwar, kam es mir auf eine Reise von ein paar Meilen nicht an, um mir einen so unschuldigen Zeitvertreib zu machen.

Ich entschloß mich kurz, ließ meinen Staatsrock einpacken und richtete es so ein, daß ich am Abend vor der Festlichkeit in der Residenz eintraf. –

Aber hier, wo ich vor dem grünen Lorbeerbaum still hielt, schien es, als ob mein guter Genius Zeit und Ort so richtig abgemessen hätte, um mir das Vergnügen einer wohlthätigen Handlung zu verschaffen, die, zehn Schritte weiter, nicht mehr möglich war. Denn in dem Augenblicke, da ich den Schlag meines Wagens hinter mir zuwarf, war eine in schwarzen Flor verkappte Fremde im Begriff aus dem ihrigen zu steigen, verfehlte aber den Tritt, und hätte, ohne mein schnelles Zuspringen, Gott weiß, welchen häßlichen Fall, auf das Steinpflaster gethan.

Vor Schrecken konnte sie nur einsilbige Danksagungen herstammeln. Sie zitterte noch an meinem Arme, den ich ihr, ohne noch zu wissen, wie jung und schön sie war, aus bloßem Antrieb gemeiner Höflichkeit darbot, um sie durch das Gedränge des Gasthofs hindurch in das Zimmer zu führen, das man ihr anwies. Ein noch günstigerer Zufall machte mich hier – so verschieden sind bei aller Familienähnlichkeit, die verschwisterten Horen unsers Lebens – näher noch zu ihrem Nachbar, als ich es bei Klärchen geworden bin. Das Haus war so von Fremden besetzt, daß mir der Wirth nur ein Hinterstübchen ohne Ausgang einräumen konnte, das von ihrem Zimmer bloß durch eine Thür getrennt war, die man jedoch von der einen wie von der andern Seite verriegeln konnte. Der Fehltritt des, wie ich nun sah, höchst lieblichen Mädchens, erleichterte ungemein unsere Bekanntschaft. – Wir wechselten zuerst unsere Namen gegen einander aus. – Der ihrige, sagte sie, den sie vor achtzehn Jahren in der heiligen Taufe erhalten, sei Amanda. – Der ist doch, erwiederte ich, um das Gespräch in Gang zu bringen, theils sonorischer, theils passender, als [190] so viele, die jetzt Väter die Mode haben, ihren Töchtern beizulegen, wie sie ihnen der erste beste Roman an die Hand giebt, als z.B. Fredegunde, Hildegarte, oder Aloisia Sigea und dergleichen. –

Mittlerweile wurde ein Eßtischchen mit zwei Couverts hereingetragen. Ich sah sie fragend an, – sie schien nichts dawider zu haben – und ich noch weniger. Wir hatten einander schon abgemerkt, daß jedem eine andere Gesellschaft lieber wäre, als seine eigene. Ehe wir uns noch vor unserer Erdbeerkaltschale niedersetzten, erfuhr ich schon so viel, daß sie in Geschäften hier sei, die ihr wohl nicht so leicht jemand ansehen würde.

Aber jetzt, bevor ich zu den grünen Erbsen übergehe, die ich ihr vorlegte, und mit Zucker bestreute, bitte ich Dich und Euch alle, Ihr politischen Schleichhändler, die Ihr wohl öfter als ich krumme Wege einschlagen und Schreiber, Minister und Generale bestechen müßt, um hinter Dokumente zu kommen, die in Euern Kram taugen, für das Folgende um eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit. Es wäre doch möglich, daß sich etwas, einem grano salis ähnliches darin fände, mit dem Ihr die Suppen würzen könntet, die Ihr für Euern Herrentisch zu kochen habt.

Eben da ich für die schöne Unbekannte, am Schlusse unsers gemeinschaftlichen Mahls die Flügel eines Rebhuhns abgelöst hatte, und nur die beiden Beine für mich behielt, schien sich alles fremdartige unter uns zu verlieren. Sie trat mir auf einmal – vermuthlich um mich nicht länger in Ungewißheit zu lassen, ob sie, mit der ich so ungleich theilte, der Leckerbissen auch werth sei, die mir schon genügten, wenn sie ihr schmeckten – ja, ehe ich's nur von ferne ahnden konnte, trat sie mir – erstaune Eduard! – in dem Nimbus einer so blendenden Würde unter die Augen, daß ich nicht sogleich wußte, was ich mit der Ehrerbietung und Hoffnung anfangen sollte, die sie mir einflößte; denn dieses reizende Mädchen – denke nur – war nichts geringeres als eine bevollmächtigte Gesandtin der ersten Klasse, wie ehemals die Prinzessin Ursini. – Ich traf so auffallende Berührungspunkte unter beiden an, daß ich meiner schönen Tischgenossin auf keine Weise zu viel Ehre anthue, wenn [191] ich sie der verschmitztesten Unterhändlerin des vorigen Jahrhunderts an die Seite stelle – mit Ausnahme der allzugroßen Verschwiegenheit, welche die Neugierigen im Wiener Kabinet jener hochmüthigen Frau vorwarfen. Ich würde an meiner Gesellschafterin das offenbarste Unrecht begehen, wenn ich sie dieses Fehlers der Unterhaltung beschuldigen wollte: dafür bewahre mich die Erinnerung ihrer allerliebsten Offenherzigkeit. – Genannte Prinzessin, – wirst Du Dich wohl noch aus ihrer Geschichte erinnern – war heimlich beauftragt, Staatsgeheimnisse eines fremden Hofs auszuforschen und sie dem ihrigen zu verrathen. Amandchen mit ihrer Instruktion war in demselben Falle. –

Ich hätte, wäre es darauf angekommen, – meine Parallele zwischen diesen beiden wichtigen Personen, sehr weit, ja bis zum spanischen Successionskrieg ausdehnen können, der nicht, zu seiner ewigen Schande, das Brandmal seiner Veranlassung, das Blutzeichen seines Ursprungs so offen an der Stirn tragen würde, hätte man auch die kluge Vorsicht des mehrmals schon gedachten und gepriesenen Ahnherrn angewandt, die teterrima belli causa, vorher, ehe es zu spät war, von verständigen Matronen beleuchten zu lassen. Die Vergleichung ließe sich noch weiter bis zum Baadner und Utrechter Frieden fortsetzen – denn in allen diesen wichtigen Welthändeln hatte die schlaue Französin ihre Hände im Spiel, so gut wie jetzt Amandchen die schönen ihrigen in dem Krieg und Frieden des künftigen Sonntags. – Ich wünschte Dir dieß alles nicht nur deutlicher, sondern auch so anschaulich zu machen, als es mir in dem süßen Augenblicke wohl werden mußte, wo meine Ohren dem Tenor ihrer Stimme, meine Augen der Geschicklichkeit ihres Athemzugs nachspürten, der manchmal, wie der Zephir auf einem Schmerlenbach, an dem Obertheile ihres Muselins mit ein paar Wellenlinien spielte, die meiner Aufmerksamkeit beinahe eine andere Richtung gegeben hätten. Mir kam es zugleich vor – doch kann ich mich irren, – als ob die kleine Gesandtin sich nicht ohne Grund, mehr auf die Wunder ihrer achtzehn Jahre, als auf die Würde ihrer Mission zu Gute thäte, und ich versprach ihr heimlich, mich darnach zu richten – denn wenn sie mich die reichhaltige[192] Tiefe jener nur errathen ließ, so enthüllte sie mir hingegen diese, wie sie sich selbst ausdrückte, bis auf die Gräten.

»Damit Sie doch,« fing sie mit einer eben so artigen als rührenden Wendung an, »– auch erfahren, wer eigentlich die junge Person ist, der Sie als ein schützender Engel in dem schrecklichsten Moment ihres Lebens zuflogen – ach, es durfte nur noch einer vergehen, und es lag ein gutes Mädchen vom gesundesten Gliederbau und erträglichem Aeußern zerschmettert zu Ihren Füßen – so darf ich kein Bedenken tragen, meinem so großen Wohlthäter im Vertrauen zu eröffnen, daß ich bei der lieben Prinzessin, die morgen Nachmittags zu ihrer Vermählung hier erwartet wird, mehr die Stelle ihrer Freundin, in der weitläuftigsten Bedeutung des Worts, als dem Titel nach, die, ihrer Kammerjungfer vertreten habe.« –

Diese unerwartete Nachricht brachte mich so ganz aus meiner Fassung, daß ich in diesem Augenblicke höchst verlegen war, welcher von ihren beiden schönen Eigenschaften ich vorzüglich huldigen müsse. Schon diese Verhältnisse, fuhr sie fort, können es erklären, warum die Fürstin Frau Mutter, dem Wunsche ihrer geliebten Tochter gemäß – damit sie doch eine alte Bekannte in der Stadt fände, mit der sie ein Wort allein schwatzen könnte – mich heute schon und um so viel lieber hieher schickte, weil ihr selbst zu viel daran liegt, bald zu erfahren, wie ihrem furchtsamen Kinde die erste Nacht außer dem älterlichen Hause vergangen sei. Das werde ich nun freilich umständlich genug in der Audienz hören, die sie mir den Morgen nach ihrem Beilager ertheilen will; denn das gute Kind kann nun einmal nicht das Geringste vor mir auf dem Herzen behalten. –

Ach, Gott gebe nur, seufzte ich heimlich, daß kein ungünstiger Ausspruch der Thurmwächterin der Braut den Eingang in das Allerheiligste versperre, und deine ganze schöne Gesandtschaft, mein gutes Amandchen, zu- Wasser mache. –

»Ob ich nun zwar, fuhr sie mit vielem Anstande fort, gar wohl einsehe, daß die pünktliche Ausführung eines so kitzlichen Geschäfts, bei welchem sich wohl selbst die gelehrtesten Männer ungeschickt [193] benehmen würden, nur einer Person möglich ist, die das gute Kind von seinen Windeln an gepflegt, und sein Zutrauen in so hohem Grade erworben hat, als meine Wenigkeit; so gestehe ich Ihnen doch, daß ich der Ehre dieses geheimen Auftrags gern überhoben gewesen wäre. Schicklicher würde es ohnehin seyn, die Tochter entwickelte der Mutter die beklommenen Gefühle ihrer Seele in einem Handbriefchen, aber beide wissen wir es nur zu gut, wie viel sie mit der Feder vermag – und nun vollends, mein Gott! nach einer so ungewohnten Veränderung! Leider muß ich sonach der armen Kleinen zum Sprachrohr dienen – das ihre Ohrenbeichte aufnehmen und weiter bringen soll; es mag mir auch noch so himmelangst davor seyn.«

Diese kleinmüthigen Aeußerungen einer Herzensfreundin und langjährigen Kammerjungfer der jungen Verlobten, versprachen mir schon nicht viel tröstliches über die heiligen Urkunden zu hören, auf die es hier ankam; aber meine Besorgniß stieg noch um vieles höher, je seltener sich das naive Amandchen des allegorischen Schleiers bediente, den der alte Hofmann darüber geworfen hatte.

Doch um sie nicht stutzig zu machen, hütete ich mich weislich, sie vor der Hand von meinem Selbstgespräch mehr merken zu lassen, als mir in Rücksicht des Plans dienlich schien, der sich nun unter meinem Scheitel zu bilden anfing. – Ich rief dafür den Aufwärter, uns ein paar Gläser Punsch zu bringen; diese thaten auch redlich das ihrige. –

Mit einer nachdenkenden Miene, die ihrem Gesichtchen recht artig ließ – und während sie von dem warmen Getränk, nippte, hob sie ihre blauen Augen in die Höhe und schüttelte das Köpfchen. Nein – schien es ihr nicht länger möglich zu seyn, ihren innern Aerger zu unterdrücken – nein, es ist unverantwortlich, wie die beiden Höfe die vierzehnjährige Dame behandeln. Nicht eher als gestern, mein Herr, beim Frühstück, von dem ich nicht glaubte, daß es das letzte von mir aufgetragene seyn würde, wurden ihr die Ansprüche des Prinzen auf ihr Persönchen bekannt gemacht, und der Ehekontrakt vorgelegt, um ihren Namen darunter zu kritzeln. Ich dachte der Schlag würde mich rühren, als ich ihr die Feder [194] eintunken mußte. Schon vier Wochen lag er hinter ihrem und meinem Rücken ausgefertiget in dem Kabinette des Fürsten, als ob unser eins nicht besser beurtheilen könnte, als Aeltern und Minister, was – hier fiel es ihr ein, noch einmal an den Knöcheln des Feldhuhns zu knaupeln, das sie schon weggelegt hatte, und vergaß darüber den Nachsatz, auf den ich doch so begierig war.

Die kindischen Thränen – knüpfte sie nach einem Weilchen den Faden ihrer Erzählung wieder an – welche die arme Unbefangene vergoß, fruchteten eben so wenig, als unsere triftigsten Vorstellungen. Ihre gewiß erfahrne Oberhofmeisterin sagte es der Fürstin ins Gesicht, daß der Uebersprung ihrer Tochter aus der Schulstube in die Lehrstunden des Brautbetts ein wahrer salto mortale sei. Possen, antwortete Ihro Durchlaucht – jener Hof, der um unser Jettchen geworben hat, ist nach einem alten Hausgesetz verbunden, keine zu wählen, die älter ist. Uns bleibt nichts übrig, als der Grille nachzugeben. Der Fehler ihrer Jugend wird nach Jahr und Tag nicht mehr sichtbar seyn – und was müßten verständige Leute von der Einsicht eines Fürsten denken, der solcher Lappalien wegen eine so vorteilhafte Verbindung ausschlüge. – Die Länder beider Herren stoßen an einander, und ich wette, in zweimal vier und zwanzig Stunden giebt es keine Gränzstreitigkeiten – keine Pyräneen mehr. –

An dem Leitband einer solchen Politik wird nun morgen das unschuldige Kind einem Manne in die Hände gespielt, – das ist noch die Frage, dachte ich – den es weder gesehen, noch von dessen Vorhaben mit ihr sie auch nicht den geringsten Begriff hat. Ich bitte Sie um Gottes Willen, mein Herr, was soll aus so einer Heirath kluges herauskommen. Mit dem Prinzen ist es freilich etwas anders – der hat ihre großen Augen, ihren sittsamen Anstand und ihren herrlichen Wuchs schon lieb gewonnen, als er, wie es nun verlautet, incognito in einem grauen Ueberrocke, ihrer öffentlichen Konfirmation beiwohnte. Sie war auch damals zum Verlieben – Ich hatte sie auf das schönste herausgeputzt, ein wenig geschminkt, und sie fiel der ganzen Gemeine in die Augen – ich aber wußte am besten, was dahinter steckte – dafür kann [195] aber auch niemand neugieriger auf übermorgen seyn, als ich – Außer mir – fiel ich der kleinen Verrätherin unbedachtsam in die Rede, und ließ, um ihr zu zeigen, daß ich wohl auch Geheimnisse zu verschwatzen hätte, ein paar unverfängliche Worte von jener räthselhaften Kapelle fallen; hätte aber bald darüber meinen ganzen Kram verdorben: denn wie ich sie auf die Mysterien dieses Heiligthums fast so neugierig gemacht hatte, als ich es selbst war, – nur unglücklicher Weise hinzusetzte, ob die junge Prinzessin nicht billigen Anstand nehmen würde, ihre dort verrichtete Andacht den Ohren auch ihrer innigsten Jugendfreundin Preis zu geben; so brachte mein geäußerter Zweifel ihren kleinen Gesandtenstolz in sichtbare Bewegung. – Nun das wird sich zeigen, antwortete sie mir ziemlich-schnippisch. Ich kann nur ausrichten, was mir die Tochter an die Mutter aufgeben wird, und wäre die Sache ja des Verschweigens werth, so sollte ich denken, werden die einzigen drei Personen, die davon Kunde haben, es auch wohl zu beobachten wissen – Das aber war eben der Stein des Anstoßes, den ich beseitigen mußte; denn, wollte ich nicht auf halbem Wege stehen bleiben, so mußte auch meine vierte Person mit ihren beiden Ohren ihren Antheil davon bekommen. Einer Schwätzerin gegenüber hat ein Aufpasser immer gut Spiel; denn unerachtet mir ihre schmollende Miene sehr deutlich zu sagen schien – du glaubst mich zu überlisten, guter Freund, da mußt du aber leiser auftreten, wenn du das Vögelchen nicht verscheuchen willst, das du in deinem Sprenkel zu fangen denkst – so ließ ich mich dadurch doch nicht irre machen. Ich stimmte nur meine Lockpfeife anders, bald so, bald so, bis ich den Ton traf, den es am liebsten hörte. Ein Wort für tausend! Mein zu jener Zeit eigenes Glück mit dem verschmitzten Geschlechte, brachte es endlich dahin, daß mir die liebenswürdigste aller möglichen Gesandtinnen, mit zitternden Lippen, bebender Brust, das Versprechen zustammelte: – von nun an nichts in der Welt mehr vor mir geheim zuhalten, es möchte auch daraus entstehen, was Gott wollte.

Diesen glücklichen Ausgang, wähnte mein stolzes Herz, wird die schöne Fremde bei aller ihrer Klugheit schwerlich geahndet haben [196] – O ich eingebildeter Thor, der ich immer gewesen bin! – Sie hatte ihn, glaube ich, schon bei unserer Kaltschale vorausgesehen, schon, wie eine geübte Nätherin, beim Einfädeln des Zwirns auf das letzte Knötchen gedacht. So traulich, als man nur in einer Kammer ohne Ausgang seyn kann, schlang sie im Auf- und Abgehen ihren weißen Arm um den meinigen. – Jetzt, mein zudringlicher Herr, faßte sie sich kurz, noch ein ernsthaftes Wort. Ihrer unmäßigen Neugier zu gefallen darf ich weder mein Berufsgeschäft aus den Augen, noch mit Verplaudern die Zeit verlieren, denn mit fürstlicher Ungeduld ist nicht zu spaßen. Nun habe ich aber so für mich im Stillen vorausgesetzt, daß Sie mich, wenn ich hier abgehe, wenigstens die Hälfte Weges gern – nicht wahr, Sie thun es gern? – begleiten, das hebt denn alle Schwierigkeit. Während ich mich in meinen Reiserock werfe, bestellen Sie das Anspannen – setzen Sich neben mir in meinen Wagen und lassen den Ihrigen so lange leer nachfahren, bis Sie Sich an den Lamenten meines Beichtkinds satt gehört haben. – Was sagen Sie zu meinem Plan? – »Was ich dazu sage – liebes vorsichtiges Mädchen – ich bewundere ihn und mache ihn in allen seinen Punkten und Klauseln zu dem meinigen. Kein Alberoni, kein Choisel, kein Kaunitz hätte ihn in vorliegenden Umständen angemessener entwerfen können. Wahrlich Sie sind zu einem Gesandtschaftsposten geboren.« Sie erwiederte meine Schmeichelei mit einem herzlichen Händedruck, und wir bestärkten noch – ehe sie die Thür hinter mir verriegelte, unsere gegenseitige Zusage so gut als durch einen körperlichen Eid. Ich warf mich so beruhigt, so mit mir zufrieden, auf meine Matratze, wie ein Spion, der sich mit heiler Haut durch die feindlichen Vorposten geschlichen hat. Den Morgen nach dieser nächtlichen Verschwörung tranken ich und Amandchen noch unsern Kaffee zusammen – dann dachte jedes an nichts weiter, als durch seinen Anputz der Einladung – ich an die fürstliche Tafel – sie an den Kammertisch – Ehre zu machen. Die Scheidelinie, die uns den Tag über trennte, reichte doch nicht – das war unser Trost – bis zu unserer Nachbarschaft im Gasthofe.

Mein Wunsch, die ersten Akteurs des heutigen Duodramas [197] kennen zu lernen, gelang vollkommen. Ich kam dem Erbprinzen an seiner Tafel gegenüber zu sitzen, freute mich der schönen ritterlichen Gestalt und wünschte der Braut in Gedanken Glück zu einem solchen Wegweiser nach der dunkeln Kapelle.

Die Ähnlichkeit mit seinem Herrn Vater – der sich aber nach einer kurzen Erscheinung, des Herkommens oder des Podagras wegen, dem Feste seines Sohnes entzog – beruhigte mich über den verlornen Schlüssel seiner Frau Mutter höchstseligen Andenkens. – Wir tafelten in großer Eil – Der Nachtisch war noch nicht in Ordnung gesetzt, als ein Signal-Schuß, der die Annäherung der fürstlichen Braut verkündigte, uns alle von dem Konfekt hinweg an die Fenster jagte. Nach Verlauf einer ungeduldigen Viertelstunde kam sie – und ich faltete wehmüthig die Hände – dem rothen Thurme und seinem Zwinger vorbei, in den Schloßhof gerollt, und alle unsere Herzen flogen ihr entgegen, als der glückliche Eroberer des ihrigen unter dem Lauffeuer der Kanonen und dem Geläute der Glocken, dieß betäubte Kind der Natur aus dem Wagen hob. So schön blaß als ich mir einen sterbenden Engel vorstellen würde, wenn ein solcher sich denken ließ, reichte sie in ihrem Hochzeitsstaate ihrem nicht weniger geschmückten Bräutigam zitternd die Hand, und von dieser Minute an nahm meine Seele einen so innigen Antheil an ihrer reizenden Unschuld, daß, wäre es mir nachgegangen, ich die heillose Kapelle gern dem gewöhnlichen Schicksal milder Stiftungen Preis gegeben hätte.

So lange das Uhrwerk der Etiquette fortrasselte, verloren sich alle meine Blicke in den offenen Himmel der ihrigen. – Ich trippelte an dem Schweif des Hofstaats hinter ihr her, als nach einer kurzen Pause der Erholung ihr Verlobter diese blaßblühende Rose aus dem Halbzirkel der hochfarbigen Mohn- und Klatsch-Blumen, die ihr ohne Aufhören um die Ohren säuselten, rettete, und mit dieser herrlichen Blume an der Hand, sich in dem anstoßenden Zimmer dem heiligen Mann näherte, der sie an seine pochende Brust befestigen sollte – mit einem Worte, als der Prinz seine schöne Braut zum Traualtar führte. Unaufmerksam auf die – vermutlich stattliche Rede des Kapellans, erbaute ich mich nur an [198] der Wirkung, die sie hervorbrachte, an den kleinen köstlichen Perlen, die den andächtig gesenkten Augen der hingegebenen Jungfrau entfielen. Ich bemerkte mit innerm Schauder, wie bei dem göttlichen Befehl: Seid fruchtbar und mehret euch – die Juwelen ihres Brautkranzes zitterten, und als der Priester nach Auswechselung der Ringe die Verbundenen für das weitere eingesegnet hatte und ein allgemeines Amen die heilige Handlung beschloß, welche Ausdehnung mußte dieses fromme Losungswort nicht bei mir – bei dem einzigen von der mittönenden Gemeinde erhalten, der die Verlegenheiten so genau kannte, die es ihnen nach Verlauf weniger Stunden zuziehen würde.

Unter dem Nachsummen der Orgel leitete uns der Stab des Obermarschalls in das Pantheon der fürstlichen Hausgötter – in den prächtigen antiken Speisesaal. Aus der Mitte der Hauptwand strotzte das Bildniß des bärtigen Stammvaters hervor. Ueber seinem Harnisch blinkte an einer goldenen Halskette der Binde- und Löseschlüssel zu dem Himmelreich seiner Kapelle, den in den langen Nebenreihen seiner beseligten Nachkommen eine nachbarliche Hand der andern zugereicht hatte. Ihre immer freundlicher werdenden Trachten spiegelten das allmählige Fortsteigen zum bessern Geschmack aufs deutlichste ab, und alle überstrahlte sie diesen Abend ihr letzter Abkömmling mit glattem Kinn und gepudertem Haare in einem goldstoffenen, mit königlichen Adlern und andern Raubthieren verzierten Gewand – eine Huldin an seiner Rechten, die durch Glanz der Jugend, die Anmuth des Putzes, die ganze weibliche Linie der heimgegangenen Fürstinnen verdunkelte, die sich zwischen den festen Körpern ihrer Eheherrn, gleich der freundlichen Milchstraße am nächtlichen Horizont – zwischen den Stieren, Löwen, Steinböcken und Skorpionen durchschlängelte.

Wie Schatten aus dem Elysium schienen jene alten Ritter ernsthaft auf das heutige Prunkmahl herabzuschielen, das statt der gewaltigen Schüsseln der Heldenzeit – statt der Humpen und goldenen Becher nur mit Reizmitteln des Gaumens – nur mit aromatischen Leckereien – ausländischen in krystallnen Gefässen[199] blinkenden Weinen und Spielwerken des ästhetischen Konditors besetzt war – für Gäste und Zuschauer ein sprechendes Symbol unsers verfeinerten Zeitalters, das mit den Faustkämpfen und Turnieren unserer gediegenen Vorfahren, zugleich ihre männliche Eß- und Trinklust an ihren Gelagen verdrängt hat. Wie geschwind würde sie auch, wenn sie sich der Schmetterlinge, die die hochzeitliche Tafel umkränzten, durch ein Wunder bemächtigte, ihnen die bunten Flügelchen – die zarten Fühlhörner zerknicken, und das feine Nervensystem zerreißen, das ihre lustigen Körperchen zusammenhält. Aber meine betrachtenden Blicke hefteten sich vorzüglich auf sie – die in der Würde der Unschuld – unter einem Thronhimmel – zur Seite eines liebefunkelnden Fürsten dennoch mein Mitleiden erregte. Ich schlich forschend den Bewegungen der reinen Seele nach, die sich aufs herrlichste in ihrem verschämten Gesichtchen abdrückte. Bei jedem Ermunterungsworte, das sein Tenor ihrem Diskant zuflüsterte, brachte das Bewußtseyn – heute Nachts ein Bette mit diesem Manne zu theilen, aus der Tiefe des Herzens bis über die bescheidenen Grübchen ihrer Wangen, alle Blutkügelchen in sichtbaren Aufruhr. Unter ihren niedergesenkten Wimpern zitterte hinterher noch die Angst, daß die vielen Zeugen ihrer Erröthung auch den gehässigen Gedanken unartig erriethen, den sie sich so gern selbst verschwiegen hätte. Armes Kind, dachte ich, welche Unruhe würde dich vollends ergreifen, könntest du nur von weiten die Vertraulichkeiten ahnden, in die ich gestern mit deiner Busenfreundin gerathen bin.

Nach drei lästigen Stunden, die sie – die Königin des Festes, trotz der Künste des Kochs, ohne Genuß, und in der mit jeder Minute höher steigenden bangen Erwartung, welche Marter-Krone ihr das Ende ihres Ehrentags aufsetzen würde, verseufzt hatte, lockte die Göttin der Tanzkunst mit ihren harmonischen Gehülfen die bunte Tischgesellschaft in die Erleuchtung eines blendenden Marmorsaals. Ein Chor reizender geputzter Nymphen, an den Händedruck muthiger Jünglinge gefesselt, erwartete – sie alle, denen noch der Strom der Jugend durch die Adern brauste – erwarteten nur noch den Eintritt des gefeierten Paars, um ihre Annehmlichkeiten [200] zu entwickeln und aus den Flügeln des hinschwindenden Lebens Freude, Beifall und Verherrlichung des Festes ihres zukünftigen Gebieters zu erjagen. Nur sie, die schönste und edelste in dem strahlenden Kreis, dem Bilde einer nächtlichen Hore gleich, die der verschwisterten Aurora zueilt – eröffnete den Ball mit ihrem Lebensgefährten ohne Einklang mit seinem Frohsinn, und schwebte, walzte und taumelte unter dem Nebel ihres Schicksals ohne Theilnahme an unserer lärmenden Bewunderung.

Welch einen sklavischen Zwang mußten nicht während dieses sinnlichen Sturms die Schlangen- und Wellenlinien ihres zarten Körpers unter dem Panzer eines reichen Schleppkleides erdulden – bis nach Vergang einer Stunde das traurige Adagio zwischen einer langen Reihe brennender Fackeln, wie bei einem Leichen-Begängniß, die Ermattete zur Ruhestätte ihres Toilette-Zimmers begleitete.

Wiewohl sie nun an dieser letzten Station ihrer jungfräulichen Reise meinen stillen Betrachtungen entschwand, so leistete mir doch der Schimmer der Wachskerzen, deren eine auch ich ihr vortrug, den beruhigenden Dienst, daß ich meine kluge Stellvertreterin dem lieben Kinde nachschlüpfen sah. Wie die verscheuchte Feldmaus der Fabel schlich ich mich nun aus dem Geräusch der großen Welt zurück in den stillen Schatten des grünen Lorbeerbaums und harrte auf die Ankunft meiner Vertrauten.

Jetzt dachte ich, hat endlich der gebietende Stammvater die schöne Urenkelin, wo er sie haben will. Die laufende Stunde ist die erste, wo er sein Puppenspiel mit ihr beginnt, denn ich erinnerte mich aus seiner Vorrede ganz dunkel einer Stelle, die dahin Bezug hatte. Ich holte mein Portefeuille und suchte sie auf – sah aber zugleich, wenn sie mir ganz verständlich werden sollte, wie nothwendig es war, einen Augenzeugen über die Umstände abzuhören, die er in seinem tollen Gehirne voraussetzt.

Ich kenne – sagte er – aus eigener Erfahrung – die muß doch sehr sonderbar gewesen seyn, Eduard – das unerträgliche Frösteln, denn so glaubte ich müsse das veraltete Wort übersetzt werden, das da stand, ich aber in meinem Glossarium durchaus [201] nicht finden konnte – das die Reize so unbefangener Geschöpfe mit einer Gänsehaut überzieht, wenn sie zum erstenmal, wie ein Krebs im Frühling, die Schaale abwerfen, und ihr zartes Gewebe – ihre natürliche Aussteuer, die mehr werth ist, als die reichste Morgengabe an Gold und Edelsteinen, der Luft aussetzen sollen.

Ihr guten Fräuleins – fuhr er zu faseln fort – laßt diesen albernen Schauer, der Euch so übel als einem muthlosen Knaben zu Gesichte steht, der seinem Ritter auf der Stechbahn das Schild vortragen soll – laßt dieses alberne Zittern in der kalten Herberge Eurer Toilette zurück, ehe Ihr die heiße Zone meiner Kapelle betretet, damit das hochgestiegene Barometer der Liebe, das Euch gute Tage verspricht, nicht zum Gefrierpunkte herabsinke – Wie soll sich ein so leidenschaftlicher Junge, als ich hoffe, daß meine Prinzen, Enkel und Urenkel seyn werden, benehmen, wenn ihr Liebchen zitternd und bebend vor ihnen steht, und sich jedem Lichtstrahl zu entziehen sucht, der ihr auf die Brust fällt. – Ueber solche Grimassen können Momente verloren gehen, die für meine Nachkommenschaft von den wichtigsten Folgen sind.

Ob ich gleich diese Stelle seines Hirtenbriefs zweimal überlas, konnte ich mich doch nicht über ihren wahren Sinn recht verständigen. Desto mehr freute ich mich auf den Kommentar, den mir eine unverwerfliche Augenzeugin darüber geben würde.

Dergleichen spitzfindige Grillen, als diese ist, gingen den turniersüchtigen edeln Herren gewöhnlich durch den Kopf, ohne etwas Übels dabei zu denken, sobald sie sich einfallen ließen, in das Gebiet der Weiblichkeit einzubrechen, wo sie weder Weg noch Steg kannten. Nur ein Spießgeselle der grauen Ritterzeit, der seine Freiwerberei als eine Weglagerung – das Ehebett für einen Tummelplatz, und seine Auserwählte nur in dem Lichte einer gekaperten Christin betrachtete, die ein Sklavenhändler zu Tunis und Tripolis auf offenem Markte feil bietet – nur so ein grob zugehauener Klotz, auf den unsere Stammbäume errichtet sind, konnte jenes verschämte Frösteln einer zarten Haut anstößig finden, das uns feiner gestimmten Jünglingen, wenn wir es nur öfter zu sehen bekämen, als das Wetterleuchten einer sittsamen Natur [202] erscheinen, und der moralischen Sinnlichkeit die lieblichste Augenweide gewähren würde. Ich saß vertieft in diesen Gedanken, als ich Amandchens Sänfte vor der Hausthüre niedersetzen hörte, ihr sogleich entgegen eilte und sie in ihr heimliches Stübchen führte. Hier warf sie sich theatralisch auf einen Lehnstuhl. Sie sehen, mein Herr, erhob sie ihr sonorisches Stimmchen, und zeigte zugleich auf ihr klopfendes Herz und ihr flatterndes Halstuch, in welchem Zustande ich mich befinde; aber die vergangene Stunde hat mich auch mehr angegriffen, als irgend eine, die ich noch erlebt habe. Ich kenne doch auch ein wenig die Höfe, aber der abgeschmackteste steht gegen den hiesigen in Schatten. Hier regiert kein Fürst, sondern altes Herkommen, denn dieß ist immer das erste und letzte Wort, womit sie ihre einfältigen Gebräuche entschuldigen.

Es war zum Erbarmen, wie das bis zum Umfallen erschöpfte Kind aus dem Fackeldampf heraus in das Putzzimmer trat, wohin ich ihr nachschlüpfte. Dort empfing sie ein halbes Dutzend Dirnen von den niedrigsten Gesichtern, an ihrer Spitze eine ganz zu ihnen passende Matrone, die das große Wort führte.

Ich erboste mich von weiten über die zwölf Hände, die auf das ungeschickteste die junge Dame ihres schweren Brautstaates entledigten. Denn mir – schnippte Amandchen die Finger – ließen die Närrinnen nur die Ehre des Zusehens.

So weit entkleidet, daß sie Athem schöpfen konnte, führte man sie – und das war noch das klügste, wenn es lange gedauert hätte, in ein hinter einem Vorhang bereitetes aromatisches Bad, worin man ihr jedoch – damit ja dem Prinzen die Zeit nicht zu lang werden sollte, höchstens acht Minuten vergönnte, mit sich selbst zu vertändeln. Denn als diese verstrichen waren, hob die alte Sybille die Gardine und trat – denken Sie – mit dem Spiongesicht eines Visitators vor das liebe schüchterne Kind, das dem Bade entstiegen, wie die Venus in meinem Bilderbuche da stand, und mit vorgestreckten Händchen sich in sich selbst zu verstecken suchte.

Nur ein Wort – unterbrach ich die Schwätzerin – hatte die [203] Frau nicht eine Brille auf der Nase? Ja wohl, antwortete sie, und noch dazu eine der unverschämtesten, die je unter Luchsaugen gesessen hat.

Holla! dachte ich, da haben wir ja die Wahrsagerin aus den Spinneweben in ihrer ganzen Glorie. Amandchen, rief ich, nun bin ich so gut wie zu Hause. Das ist mir lieb, versetzte sie, so will ich Ihnen wundershalber nur erzählen, was der Zigeunerin für sinnloses Zeug aus dem häßlichsten Munde ging, als sie die schöne Gestalt vom herrlichsten Wuchs und dem tadellosesten Gliederbau, abtrocknete.

Das ist doch einmal, rief sie in ihrer tollen Bewunderung aus, eine Ausstattung, wie sie nicht leicht einem fürstlichen Hause zugebracht wird; fahren Sie fort, theuerste Prinzessin, wie Sie angefangen haben, das Glück des Landes steht von nun an in Ihren Händen.

Unter diesem dunkeln Orakelspruch überreichte sie ihr das mit Spitzen besetzte Brauthemd und ordnete das übrige an.

Aber wie man eine junge Fürstin ankleiden muß, war ihnen allen böhmische Dörfer. Sagen Sie mir, mein Herr, sind denn die Stecknadeln erst in neuern Zeiten erfunden? denn in diesem abgelegenen Winkel der alten Burg konnte mein ungeduldiges Jettchen zu keiner gelangen, um ihren Busenstreifen festzustecken. Ich zog zwei Karlsbader aus meinem Halstuch, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen, aber dem grämlichen Weibe mußten sie, wie Ihnen gestern, zu spitzig vorkommen, denn sie schlug mir sie aus der Hand, unbekümmert, daß mir darüber, wie Sie sehen, die Zipfel auf die, Achsel hängen.

Das alles möchte noch hingehen, wie man ihr aber das Miederchen anlegte, in welchem sie die Nacht über glänzen sollte, da kam das gute Kind aus seiner Fassung.

Wie, ich bitte Euch, liebe Leutchen, lispelte sie gegen die sechs ungeschickten Mädchen, – wie können denn die Schleifen, die ihr so locker bindet, nur eine Stunde halten? Doch das war so gut als in den Wind gesprochen. Statt aller Antwort griff das alte zauberische Weib nach einer Schnur, die an der Wand herab hing, [204] zog sie an und verursachte dadurch in der Nähe und Ferne der alten Burg ein so durchdringendes Geklingel, daß gewiß dem Taubsten die Ohren davon gegällt haben – und zugleich thaten sich in derselben Minute die zwei Flügel zum Eingang in das Brautgemach von selbst auf.

Mir lief es, ich versichere Sie, eiskalt über den Leib.

Die Alte winkte uns – küßte zum Abschied die Hand ihrer neuen Gebieterin mit einer so verfluchten anmaßenden Miene, als wolle sie ihr sagen: ich bin es, die dich dazu erhob, und meinen nachsichtigen Augen nur, vergiß es nie – hast du es zu danken, daß dich schon heute der Hof und die Stadt für wehrhaft halten.

Darauf verbeugten sich auch die andern; ich war die letzte, die sich ihr näherte, und meine Blicke und meinen Händedruck hat ihr fühlend Herz, ich weiß gewiß, verstanden. Die Alte verließ nun mit steifem Schritte das Zimmer, und das arme Kind blieb nun ohne alle menschliche Hülfe, so zu sagen, zwischen Thür und Angel stehen, indem auch wir übrigen, eine nach der andern, uns trollten.

Ich empfahl meinen Liebling in einem stillen Gebet der Obhut des Himmels, eilte die Stiegen herunter, und blickte noch einmal seufzend nach dem verwünschten Thurm, vor dem Sie mir banger gemacht haben, als Sie wohl denken.

Das, lieber Herr Nachbar, ist alles, was ich Ihnen für heute zu vertrauen weiß. Meine Offenherzigkeit – ich gestehe es – hat mir Ueberwindung gekostet. Doch ich war ja – lächelte das gewissenhafte Amandchen, durch einen körperlichen Eid dazu verbunden, das beruhiget mich. Morgen – ach Gott was werde ich morgen alles zu hören bekommen! – frühstücke und bleibe ich in dem Vorzimmer meiner zur Erbprinzessin erhobenen Pflegetochter, bis sie mir Audienz giebt. So bald ich abgefertiget bin, sehen wir uns wieder, und das übrige haben wir ja schon der Länge und Breite nach besprochen. Unter dieser tröstlichen Aussicht auf den folgenden Tag suchte nun jedes seine Erholung von der Unruhe des heutigen in den Armen des Schlafs.

Blicke, lieber Eduard, nur nicht so verächtlich auf das Garderoben-Geschwätz, [205] das ich Dir, meinem vertrauten Leser, nicht umsonst so weitläuftig ausgesponnen habe. Die Plaudereien eines Kammermädchen und eines in Pension gesetzten Hofschranzen, sind wahre Gold- und Fundgruben für jeden, der sich mit der histoire scandaleuse der vornehmen Welt befassen, oder gar einer solchen Wunderblume Glaubwürdigkeit verschaffen will, als ich der Mühe werth hielt, Dir hier mit der Treue eines Linnée bis auf ihre kleinsten flimmernden Staubfäden abzuzeichnen. Mit den klug ausgedachten Ursachen, warum der alte Patron eine so überaus zarte Pflanze erst an die Luft gewöhnen will, ehe er sie in seinen Kunstgarten versetzt, hat die angeführte Stelle aus seiner Vorrede Dich schon bekannt gemacht. Auch sie gehört zu den vielen Auswüchsen der männlichen Phantasie seines Zeitalters – jener unbegreiflichen Zeit, in der ein Sanchez – Svarez – P. Mato und ihres gleichen Folianten über die Jungfrauschaft der Mutter Gottes, mit Erlaubniß der Obern in Druck gaben – in öffentlichen Hörsälen ihre anziehenden Schönheiten zergliederten und mit mystischem Stumpfsinn nachgrübelten, anvirgo Maria semen ministrarit in incarnatione Christi – Damals, wo es Landessitte war, daß in gemischten Gesellschaften edle Ritter mit ihren Puder- und Pumphosen auftreten konnten, wie deren noch in alten Rüstkammern hie und da zum Skandal aufgehängt sind, und auf die kein noch so freches Weib im Vorbeigehen einen Blick werfen kann, ohne die Nase zu rümpfen oder bis über die Ohren zu erröthen – damals, wo nach der gangbaren Mode, (die ich bei meinem beständigen Lesen theologischer Schriften, unerwartet in dem Kommentar des berühmten Salmasius über die erste Epistel an die Korinther umständlich beschrieben fand 27) der Kopfputz des schönen Geschlechts so sinnreich [206] geformt war, daß jeder, der sich einer Dame näherte, ihr gleich an der Haube ansehen – und sich darnach richten konnte – ob sie werehelicht – Wittwe oder Jungfrau sei. Ihr freundlichen sittsamen Augen, wo habt Ihr Euch doch damals hinflüchten können, ohne vor Schrecken zurückzuprallen! Wie mochte ein ehrbares Fräulein, ohne Empörung ihres Innern, vor dem Spiegel ihre Locken so legen, wenden und kräuseln, als es die Mode verlangte!

Was für Empfindungen müssen nicht das Herz einer Wittwe in den ersten Trauertagen gefoltert haben, wo sie das Wahrzeichen ihres vorigen glücklichen Standes umkehren, und es dem falsch freundschaftlichen Bedauern anderer Preis geben mußte, die es noch prahlend umhertrugen. In Betracht solcher Geistesverirrungen und Anstöße gegen das zarte weibliche Gefühl, ist die Maßregel, die der Graubart nahm, um dem Brautschauer seiner Urenkelinnen vorzubeugen, eine wahre Kleinigkeit, und dennoch, stände mir nicht Amandchens Zeugniß für die Wahrheit, würde ich nimmermehr geglaubt haben, daß es auf deutschem Boden eine Fürstenburg gäbe, wo ein so veraltetes Possenspiel noch gesetzliche Kraft habe. Welcher himmelweite Abstand jener trüben Tage von den aufgeklärten unsern.

Die jetztlebenden liebenswürdigen Prinzessinnen, so viel ihrer der Staatskalender aufzählt – ich nehme die kleine aus, die in der laufenden Stunde den Fehler ihrer Jugend und Erziehung büßen muß, wie wenig haben sie, so bald sie über das erste Dutzend Jahre hinaus sind, von einem zu kalten Luftzug der folgenden zu fürchten. Das müßte ein Mikroskop aus der andern Welt seyn, das an ihren entblößten Schwanenhälsen die geringste Spur eines Gänsehäutchens entdeckte. Nach ihrer ersten Andacht treten sie, zu allem abgehärtet, mit dem nil admirari des Rousseau in die ihnen geöffnete große Welt. Jede giebt sich, mit Recht oder Unrecht, das Ansehen der erfahrensten ihres Geschlechts. Sie kennen den Rubicon aus den vielen Beschreibungen, die sie vor Schlafengehen gelesen[207] haben, zu gut, um sich nicht – wenn man sie zum Ueberschwimmen einladet, scherzend dem Spiel seiner Wellen zu überlassen, und sollte ja eine und die andere bei ihrer Landung ein Frösteln überfallen, so erregt es gewiß ein anderes Schreckbild als das, einer zu ritterlichen Ueberraschung an dem jenseitigen Ufer. Diese muthvolle Ergebung in ihr Geschick haben sie den aufgeklärten Begriffen zu danken, die sie aus der Schulstube mitbringen, und die einen so vorbereitenden Unterricht überflüssig machen, als dieMarquise de Prie der Tochter des Roi bienfaisant und Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings zu geben genöthiget war, 28 und haben sie nicht ganz ohne Aufmerksamkeit dem Ballonspiele der Hofdamen mit den aufgeblasenen windigen Herzen ihrer Anbeter zugesehen und nur ein wenig besonnener als ein Schaf, von dem Salze geleckt, das ihnen zur Schärfung ihres Züngelchens, dergleichen philosophische Schriften, als etwa die meinigen sind, vorstreute, so wird ihre fein geschliffene kleine Taschen-Lorgnette das Eiland, auf das sie hinsteuern, hinter dem vorliegenden Nebel so gut entdecken, als Columbus mit seinem Fernrohr die neue Welt.

Dafür setzen sich aber auch unsere gebildeten Fürstensöhne mit leichtem Anstand über die grillenhaften Vorurtheile ihrer ritterlichen Vorfahren hinweg, und weit entfernt, gleich jenen ernsthaft und gerüstet, wie zu einem Zweikampf auf Leben und Tod, zum Puppenspiel der Liebe überzugehen, schreiten sie nach einem angenehmen Herumschweifen in den Irrgärten der Jugend zur Ehe, wie zu einer Ruhebank, die ihnen unter den vielen, aus dem Gesträuche zuwinkenden, die bequemste dünkt, gleichgültig, ob ein anderer hier etwa kurz zuvor ausgeruhet oder gefrühstückt hat. Genug für die ermüdeten Herren, daß sie sitzen. In dieser glücklichen Lage nehmen sie den Blumenstrauß, den ihnen ihre Gefährtin als ein Weihgeschenk darbringt, unbesehens und unbekümmert, ob nicht das Knöspchen der Centifolie ein Blättchen, – die Aurikel ihren feinen Staub verloren – doch als ein unbezweifeltes Unterpfand [208] ihrer ersten Liebe, mit eben so herzlichem Dank in Empfang als die edeln Herren der Vorzeit, nur daß sie ihn manierlicher ausdrücken. Diese zudringlichen Gedanken – umsonst schob ich meine Nachtmütze hin und her, um sie zu verscheuchen – kamen mir sehr zur Unzeit. – Die beiden Bundesgenossen mochten sich schon lange über ihr eigenes Glück verständigt, undwie guten Fürstenkindern geziemt, die daraus entspringende Wohlfahrt ihres Landes treulich besorgt haben, ehe ich einschlief. Ich that die besten Wünsche für ihre Zufriedenheit, die mir noch auf den Lippen schwebten, als ich mit Aufgang der Sonne erwachte. Desto eilfertiger war ich nunmehr mit meinem Anzug und meinen kleinen Geschäften. Ich berechnete mich mit dem Wirth und berichtigte freigebig nebst meiner auch Amandchens Zeche. Es war das wenigste, was ich aus dankbarer Rücksicht unserer verträglichen Nachbarschaft für sie thun konnte – dann nahm ich Abrede mit unserm Kutscher, mußte aber noch zwei ungeduldige Stunden das Fenster hüten, ehe das schwatzhafte Vögelchen ihrem Bauer zuflatterte.

Nun, meine theure Freundin! trat ich ihrem heitern Gesichtchen entgegen – Sie legte aber ihre Finger auf den Mund, winkte mich in mein Stübchen zurück und verriegelte das ihre. So bald sie ihre Hofmaske abgelegt hatte, standen auch unsere angespannten Wagen vor der Hausthür, unter dem Schatten des Lorbeerbaums.

Ohne uns um die Ferngläser der Fremden zu bekümmern, die uns einsteigen sahen, fuhren wir so eilig davon, als fürchteten wir ein Hinderniß von Seiten der Polizei, und drückten einander stillschweigend die Hände, bis wir die Stadt, ihre Ehrenpforten von gestern und die fürstliche Burg mit dem rothen Thurm im Rücken hatten. Jetzt rief Amandchen dem Kutscher zu, langsam zu fahren, schmiegte ihr Köpfchen an meine Brust und ließ mich nun, um es kurz zu machen, so frei als in ihre eigene, in die Herzenstiefe einer Prinzessin blicken, als wohl noch keine so traulich, beredt und rührend die Scene ihrer Weihe der Mutter entwickelt hat.

Mein Puls kam nicht eher zur Ruhe, bis kein Wörtchen, kein Komma, kein Pünktchen mehr an dem kindlichen Bericht fehlte. Die [209] kleine Malerin bildete ihr Original so sprechend nach, daß sie mich sogar mit mehr als einer Kopie des warmen Kusses beschenkte, den ihr die entschiedene Erbprinzessin zum Abschied auf die Lippen gedrückt hatte. Er zitterte so herzlich auf den meinigen wieder, als ob es der lieben Geberin ahndete, daß es trotz unsers gegenseitigen Versprechens, der letzte Tauschhandel unserer freundschaftlichen Gefühle seyn würde. Nunmehr leiste ich auch völlig Verzicht darauf, denn da – um es im Vorbeigehen zu erwähnen, seit jener Epoche die damals so anspruchslose, schüchterne Prinzessin schon zehnmal Mutter geworden ist, und auf ihren Lorbeern ausruhen könnte, läge ihr nicht eine häusliche Sorge auf dem Herzen, die täglich größer wird; sie sieht ihren Liebling, den ersten Sprößling jener mystischen Nacht traurig sein schönes Haupt hängen, ohne daß es ihr gelungen ist, es aufzurichten – die Kapelle wird seit verschiedenen Jahren nicht mehr besucht – wie gern würden die liebenden Aeltern dem Sohn den goldnen Schlüssel überlassen, bände ihnen der Stiftungsbrief nicht die Hände; denn bis jetzt haben sie sich noch immer vergebens an den Höfen nach einer Fürstentochter umgesehen, die eben so unbefangen, so wenig erfahren und unterrichtet wäre, als es die Mutter vor ihrem Eintritt in die Kapelle war – so hat, sage ich, die Zeit in ihrem Umschwung, nebst so manchem andern meiner Wünsche, auch die Sehnsucht nach jener liebenswürdigen Gesandtin verzettelt – und ich würde tüchtig erschrecken, wenn sie mir auf meiner Retourreise von Klärchen irgend in einem Gasthof begegnete. Als ich neben ihr in dem Wagen saß, der durch ihren Fehltritt mir so lieb geworden war, die Fenster aufgezogen und die Stores herabgelassen hatte, konnte ich freilich nicht glauben, daß ich zwanzig Jahre nachher mich ihrer in Avignon so gleichgültig erinnern würde. Vom Anfang bis zum Ende ihrer Erzählung waren alle meine Sinne zugleich auf ihre mitspielenden innern Empfindungen gerichtet, die sich mir bald durch ihre funkelnden Augen, bald durch einen nachbarlichen Händedruck, bald durch das Verstecken ihres verschämten Gesichtchens hinter den Schlagschatten des meinigen verriethen, und das Kolorit ihrer geschichtlichen Darstellung um vieles erhöhten.

[210] »Ich werde,« begann sie, »in meinem Leben nicht vergessen, wie verändert seit gestern die junge Dame mir vorkam, als ich in ihrem Boudoir meine Abfertigung holte. Leuchtend wie ein Cherubin, in ihrer Morgentracht, sprang sie vom Sopha auf, als ich eintrat und Nantchen! liebes Nantchen!! – schlang sie ihre beiden Händchen um meinen Hals – seit Du mir gestern mit allen den Närrinnen, die mir den Kopf warm machten, aus den Augen kamst, was für unerhörte Dinge habe ich nicht erlebt. Du kannst sie nicht eher, als bis Du selber einmal Braut seyn wirst – aber auch meine Mutter wird sie kaum glauben,« und nun warf die gute Kleine in der Freude ihres Herzens – wie sie es immer mit ihren Kleidungsstücken zu machen pflegte, – alles, was sie mir vertraute, so bunt unter einander, daß es Noth thät, sie in ihrem eigenen Roman zurecht zu weisen, und alles das, was sie bald aus Uebereilung zur Hälfte vorausgeschickt hatte und wieder zurückholen, bald das wieder hervorstören mußte, was sie beinahe vergessen hatte – in Ordnung zu bringen.

»Das will ich übernehmen, mein gutes Nantchen,« erwiederte ich; »ich will hinterher schon aufräumen – fahren Sie nur fort.«

»Doch Dir zu Gefallen, Eduard, muß ich hier den Strom ihrer Rede durch Einschaltung eines Prologs unterbrechen, der zur Verständniß unsers Dramas nöthiger ist, als es nur einer vor den Schauspielen der Alten seyn kann. –

Der graubärtige Ahnherr trete in seiner Maske auf und entwickele die guten Absichten seines Plans noch näher, als sie hier und da aus einigen Stellen seiner Vorrede durchgeschimmert haben, damit Du aus dem eigenen Munde seiner erlauchten Urenkelin desto gründlicher zu beurtheilen vermagst, in wie weit er sie erreicht hat.

Vertausche ich auch manchmal unsern feiner gestimmten Ohren zu Liebe ein allzuderbes Wort, das ihm in seiner verjährten Sprache über die Zunge sprudelt, mit einem glimpflichern Ausdruck, so will ich doch sorgen, daß es dem Sinne keinen Abbruch thue, und die heroischen Hülfsmittel nicht vertusche, durch die er der moralischen und physischen Erschlaffung vorzubeugen gedenkt, die, wie er glaubt, seiner Nachkommenschaft droht.

[211] Sie kann nicht ausbleiben, dachte er, wenn die Herren Erbverbrüderten so fortfahren wie sie anfangen – wenn sie als einen Damm ihrer ziemlich ausgeschöpften Hoheit, Prunk und Statuen um sich herum stellen, die ihnen jede freie Aussicht in die Natur versperren, und wenn sie immer so hoch auf den Stelzen ihres Standes einher treten, daß kein Blick der Freundschaft – kein Ausdruck der Vertraulichkeit ihre Augen und Ohren erreichen kann, sie flössen ihnen denn von andern Stelzentretern in gerader Richtung zu; und da weiß man schon wie wahr und rührend sie ausfallen. Sie müssen – es ist nicht anders – in ihrer Welt fremd werden, und endlich unter den Possen ihres Anstands erliegen. Was soll, dachte er ferner, anders als Zwecklosigkeit und lange Weile aus ihren ehelichen Verbindungen entstehen, da sie immer nur ein zehnfach verwandtes Blut in dem kleinen Zirkel herum treiben, auf den sie der genealogische Kalender einschränkt, und wodurch ihre Körper und ihre Seelen einander am Ende alle so ähnlich werden, daß es ein Elend ist? Großer Gott! was soll da Kluges heraus kommen, wenn sie aus einer Idylle eine politische Rechnung – aus einem Schäferspiele eine Haupt- und Staatsaktion machen? Der gute Mann blickte dabei mit seinen gesunden Augen in die offene Flur, sah, wie der Baum kränkelt, der nur mit seinen eigenen Ablegern gepfropft wird – sah, daß der Acker nur kümmerliche Ernten treibt, der mit dem Korne, das er jährlich einbringt, immer wieder besäet wird, – sah in der Wirthschaft des Thierreiches, wie tief am Ende die vollkommensten Racen herabsinken, wenn man sie zwingt sich unter einander zu vervielfältigen. Verwies ich nicht schon – fragte er in seinen Ingrimm – manchen Gaul dieser Art in den Bauhof, dessen Ahnherr, nach dem Stallregister, den Kaiser bei seiner Krönung trug – manchen in die Post, der in gerader Linie von der Haquenée, oder gar von dem Bucephalus abstammte?

Da entschloß sich der biedere Fürst – in väterlicher Rücksicht auf die gemeinschaftliche Wohlfahrt seines Landes und seiner Erben entschloß er sich, keinen Schwächling in seiner Familie aufkommen zu lassen. Nach langem Hin- und Hersinnen glaubte er es am[212] besten zu treffen, wenn er eine Macht, deren großen Einfluß er nur zu oft an sich wahrnahm – wenn er die wohlthätige Macht der Phantasie in den, für das Land gefährlichsten Augenblicken, gegen den kraftlosen Hofton zu Hülfe rief, und seine Lieblinge – die Erbprinzen, wenigstens in der media nocte ihres Beilagers, durch einen natürlichen Einfall aus der Contenance brächte. Muß ich auch zugeben, da ich es nicht ändern kann – wendete er ein – daß die guten Leutchen, die ich im Auge habe, noch vorher auf dem Burgplatze alle die raren Künste entwickelten, für die ihres Gleichen bezahlt werden, wie sie es verdienen, – kann ich auch der tyrannischen Etiquette nicht so scharf in die Leine greifen, daß sie nicht erst das arme angekuppelte Paar in Ceremonien müde treibt, ehe sie es bis an den Standpunkt seiner Vereinigung bringet; so wäre es mir doch außer Spaß, wenn ich im Geiste diese Staatspuppen, sammt ihrer Kälte, ihrer Erschlaffung und ihrem fürstlichen Anstande, das Paradebett besteigen sähe. Nein! sagt er, das lasse ich nicht zu. Ich will der wohl erzogenen steifen Prinzessin zuvor Gelenke – ihrem niedlichen Gesichtchen erst Ausdruck – ihrem in etwas zurückgebliebenen Busen mehr Schnellkraft, und will dem uralten Geblüte, das in ihren Adern schleicht, Leben und Wärme geben. Sie mag ihrer Oberhofmeisterin Ehre machen wo sie nur will – aber in dem wichtigen Augenblicke, wo sie nicht nöthig hat vornehm zu thun, behalte ich mir, als Stammherr, ihre Zurechtweisung allein vor, und hoffe, so Gott will, sie vor ihrem Uebergange zu einem zweckmäßigen, feurigen, natürlichen Mädchen umzugestalten, das, wie Freund Lavater von einer sagt 29 – denn sein prophetischer Geist sah alle Fragmente der Welt voraus – Kraft hat zu geben und zu empfangen.

Mein Prinz – fährt er fort und streicht sich den Knebelbart – soll vor seiner Umarmung erst in einen muntern – gefälligen – verliebten Jungen verwandelt werden, wie sie in der Welt herum laufen, oder – ich will nicht Hans heißen! Das Fünkchen Liebe, [213] das er aus der Hofkapelle mitbringt, soll in einer ganz andern von meiner Erfindung erst zu Flammen auflodern, – seine Pflichten sollen ihm, wie trägen Kindern, durch Bilder verständlich gemacht, – und seine natürliche Rolle, ehe er sie spielen darf, soll ihm erst so lieb werden, daß er seine angelernte darüber vergißt. Er habe das Opfer, das er zu den Füßen seiner Verlobten für sich und sein Land erbettelt, nur den Verlockungen der Sinne, dem Tumulte des Bluts – habe alles was er wünscht und erhält – nur dem Zauberstabe der gereizten Einbildungskraft – nichts davon dem Stabe des Hofmarschalls zu danken!

Und der brave Stammvater setzte sich hin und fertigte sein ewiges Kanzelei-Schreiben an alle die Glücklichen aus, die durch ihn und seinen Erbprinzen, für dessen Stammhaftigkeit er selbst patriotisch gesorgt hatte, in der Folge der Zeit zu der Ehre gelangen würden ihr Vaterland zu beherrschen. Wenn sie auch, murmelte er vor sich, alle meine andern löblichen Anstalten im Lande mustern, meistern und umstoßen, so, denke ich, sollen sie doch nichts wider meine Einrichtung ihrer ersten Nächte haben, da ihnen ja, wenn sie nur das geringste Nachdenken besitzen, ihr eigenes Daseyn verbürgen muß, daß ich den Rummel verstand. Und so stiftete er jene Kapelle mit ihrem Sopha – ihrem Stammbuche und ihrem Ornate.

Nimm einstweilen mit diesem kurzen Auszuge aus seinem Stiftungsbriefe vorlieb. Könnte ich nur mit eben so leichter Feder Jettchens Geständnisse aus den Bruchstücken zusammen setzen, die ich von ihrer Vertrauten erhielt. Jene ihres Wegs so unkundige Pilgerin gleicht in der Erzählung ihrer empfindsamen Reise einem Schiffer, der auf dem unabsehbaren Meere vom Sturm ergriffen, sich endlich glücklich an ein lachendes Eiland getrieben sieht. Er überläßt sich zuerst dem entzückenden Gefühle seiner Rettung, er gedenkt nicht mehr der Wellen, die ihn dahin schaukelten, und möchte sich lieber schämen, wenn er auf die überstandenen Minuten seines Zagens zurückblickt. Eben so wenig kann ich, ohne unbillig zu seyn, einem träumenden Kindsköpfchen zumuthen, daß es die grausen Phantasien, die ihm bis zum Erwachen vorschwebten, im [214] Zusammenhange entwickele. Ich hingegen, der ich ein Nachtstück zu malen habe, das nicht sowohl zur Zierde meiner Bildergallerie, als vorzüglich zur Beantwortung jener in diesen Blättern schon mehrmal angedeuteten Streitfrage der Gelehrten und Naturphilosophen diene, ob es bei Behandlung eines zarten weiblichen Herzens zweckmäßiger sei, ihm auf der Reisecharte der Liebe die Stationen seiner Bestimmung mit rother Dinte zu unterstreichen, oder es ohne Vorbereitung allen Schrecken des Hinscheidens jungfräulicher Unschuld in der Hoffnung Preis zu geben, den süßen Lohn, der dahinter liegt, durch Ueberraschung noch zu erhöhen. Ich darf, wenn ich unpartheiisch handeln und nicht ein Gemälde ohne Perspektive und clair obskur, gleich einem Chinesischen aufstellen will, unsere kleine Unerfahrne auch nicht eine Stufe ihrer kindischen Angst überhüpfen lassen, um mit ihr, eher als es Zeit ist, in die Region des Trostes überzuschweben. Beides muß gegen einander genau erwogen werden, um mit Grund entscheiden zu können, ob der altmodische Ahnherr, der seine Urenkelinnen nicht unbefangen genug habhaft werden kann, oder ob die Erzieherin der jungen Prinzessin Recht behalten wird, die erst abwarten wollte, bis der Hofmaler den Kopf des Amors unter ihrer Bleifeder nicht mehr für ein Fratzengesicht erklärte und deßhalb Anstand nähme, ihr zum Nachzeichnen die ganze Figur des Götterknaben vorzulegen, bis sie erst mit ihrem Klaviermeister eine vierhändige Sonate ohne Anstoß abspielen, und der junge Kapellan ihr an den Augen ansehen könnte, daß sie seiner Auslegung des sechsten Gebots, die er bis jetzt weislich überschlug, die gehörige Aufmerksamkeit schenken werde; – denn so lange die Fähigkeiten der jungen Dame nicht bis zu diesem Grade ausgebildet wären, fanden es die Frau Oberhofmeisterin zu bedenklich, sie dem Zügel der Erziehung zu entlassen« Das Unglück – wenn es eins seyn sollte – ist geschehen. Es wird sich bald zeigen, gnädige Frau, ob es so groß war, als Sie Sich einbildeten.

Meine Pinsel sind rein – und an meinem Farbenkasten, der wie der Seidelmannische von der Gallenblase des Zitteraals, bis zu der brennenden Purpurmuschel fortsteigt, liegt es nicht, wenn [215] meine pittoreske Darstellung nicht so meisterhaft ausfallen sollte, als die seinige.

Wir haben gestern, lieber Eduard, die durch Urtheil und Recht losgesprochene und zu den großen Pflichten einer Landesmutter für tüchtig erklärte Dame zwischen Thür und Angel stehen gelassen. Noch zittert, noch weilt sie und kann es nicht über sich gewinnen, den letzten Schritt in die Dämmerung zu thun, die das Geheimniß ihres Berufs verbirgt – aber da stürmt die Klingelschnur der Zauberin aufs neue und verbreitet seinen Metallklang durch die Hallen der Burg bis zum rothen Thurm hin. –

Die Kleine fährt wie bei einem Erdbeben zusammen, und eilt nun vom Schrecke getrieben, wie ein verscheuchtes Mäuschen, in das spärlich erleuchtete Brautgemach. Stelle Dir nur vor, wie einem so zärtlich gebauten Körper nach solchen Anstrengungen – wie einer wohlorganisirten Seele, die alle Martern des Ceremoniels bis auf den letzten Grad erhalten – mit einem Worte, wie der kleinen Prinzessin zu Muthe seyn muß, wenn sie nun statt der tröstlichen Aussicht der Ruhe, ein mit Franzen und Federn überladenes Staatsbett schimmern sieht, von dem sie schon dem äußern Ansehen nach eben so wenig etwas Kluges erwarten kann, als sie heute erlebt hat.

Wie eine Drathpuppe, die von der Rolle nichts weiß, die sie spielt – die es von obenher erwartet, welches Gelenk sich zuerst heben – welches Glied sich bewegen soll, steht das gute Kind da, und blickt mit unbelebten Augen – und nur mit dem hölzernen Gefühl der Abhängigkeit nach ihrem Gebieter. Dieser tritt nun zwar strahlend wie Phöbus – doch ernst und langsam wie ein Bote herein, der von weitem her eine üble Nachricht zu bringen hat. – »Beklagen Sie mich, meine Auserwählte,« redet er sie mit kaltem Anstand und kostbaren Worten an: »In dem Augenblicke, nach welchem ich einen ganzen beschwerlichen Tag gerungen habe, erhalte ich noch ein Kanzlei-Schreiben von meinem Ur-Ur-Urältervater, das ich, großer Gott! vorher noch beantworten soll, ehe ich die Erlaubniß habe Sie die meinige zu nennen. Es soll an dieses Zimmer eine Kapelle stoßen, zu der der Höchstselige mir den[216] Schlüssel schickt – Dort sollen wir, beste Prinzessin, auf dem Altare unsere Namen in ein Buch schreiben – dort sollen wir eine heilige Handlung verrichten, auf der, wie sein Brief sagt, das Glück des ganzen Landes ruhe. Was muß der gute alte Mann gedacht haben? Ich bitte Sie, liebe Prinzessin, wo soll ich an Ihrer Seite – ach! würde er mir es zugemuthet haben, wenn er Sie gekannt hätte? – nur einen Funken von Andacht hernehmen? Zu einer ungelegneren Zeit, dächt' ich, wäre wohl keine menschliche Seele noch in eine Kapelle geschickt worden.« – Die gute Prinzessin denkt im Grund ihres Herzens dasselbe. Sie macht keine kleinen Augen, da sie wieder von Ceremonien hört, vor denen sie wenigstens in der Mitternachtsstunde gehofft hatte sicher zu seyn – Aber sie nimmt sich zusammen. – »Wenn die Landeswohlfahrt darauf beruht,« sagt sie so manierlich als ob ihre Oberhofmeisterin zwei Schritte davon stände, »so bin ich in Wahrheit noch nicht so schläfrig, daß ich nicht meinen Namen noch schreiben und ein Vater Unser beten könnte.«

Sie suchen nun beide die verborgene Thür der Kapelle, und finden sie glücklich dem Brautbett gegenüber, hinter den Tapeten. Der goldne Schlüssel wird versucht – er schließt, und sie stehen, als die Thür hinter ihnen zufällt, zwischen ihr und dem Vorhange des Allerheiligsten. Mit einem Schritt über die Schwelle treten sie in das Innere, der gestirnte Himmel zieht mit seinem sanften Abglanz ihren ersten Aufblick an sich, ein heiliges Grauen umringt sie – Eins sucht in dem feierlichen Halbdunkel – und drückt stillschweigend die Hand des andern. Stille Seufzer, die alles, ja mehr enthalten, als was Worte zur Verherrlichung Gottes auszusprechen vermögen, steigen als ein gemeinschaftliches Gebet aus ihren gleichgestimmten Herzen empor und beseligen sie; aber nach wenigen der Andacht gewidmeten Minuten steigt auch in ihnen der Wunsch auf, daß sie einander sehen – an die Brust schließen und die hohen, selbst durch ihre Größe drückenden Gefühle mittheilen möchten. Keine andere Leidenschaft beherrscht sie, als zu danken und anzubeten, und mit dieser Seelenruhe, bei welcher die Welt, ihre Herrlichkeit und ihre Freuden ihren Augen entschwanden – [217] war dem Prinzen der Gang zu seiner Bestimmung beinahe gleichgültig geworden, und Sie – indem beide sich anschickten, die Kapelle zu verlassen, ergab sich schon weniger scheu dem Willen der Vorsehung. Aber in diesem Augenblicke treten an allen Ecken kristallene und in Rosenöl brennende Lampen hervor, und verbreiten ihr Licht auf jene Meisterstücke der Kunst, die so lebhaft, als wären sie erst diesen Abend fertig geworden, und in solcher Harmonie von der Wand strahlen, daß sie alle zugleich nur auf Einen Punkt wirken. Stelle Dir nun die großen, beleidigten, unschuldigen Augen vor, die so etwas nie gesehn – nie geahndet hatten! Sie prallen ab, wie sie hinfallen. Die auf das höchste Erschrockene staunt ihren Führer an, der selbst mit den schnellsten Gedanken seiner Ueberraschung nicht nachkommen kann, und so verlegen vor seiner Braut da steht, als wenn er die Unartigkeiten aller seiner Ahnherren zu verantworten hätte. Aber wie ganz anders erscheint ihm zugleich seine Geliebte! – So hatte er sie nicht gekannt, so hätte er sie schwerlich in seinem Leben kennen gelernt. Ihre gepreßte Brust hebt sich, und fängt ein paar köstliche Thränen auf, die dem Unmuth der verwundeten Unschuld entwischen. Sie wagt es nicht noch einmal zwischen die Lichter hinzublicken, und weiß doch auch nicht wo sie mit ihren großen blauen Augen bleiben soll. Sie ringt nach einer Erklärung, die sie nicht zu fordern das Herz hat, und, tausendmal schöner in der Angst ihrer Jugend, als sie es je in dem Zirkel des Hofs war, entwickelt sie in dem kurzen Zeitraum einer Minute mehr Physiognomie der Seele, als selten ein Fürst zu sehen bekommt, mit jenen feinen Uebergängen und sanften Schattirungen, die uns ein Mädchen erst lieb machen, und die, glaube ich, in allen Paradebetten verloren gehen. Das Gedränge nie gefühlter Empfindungen nimmt auf das schnellste zu – die Füße wanken ihr wie einem gemeinen Mädchen, sie sieht nichts, woran sie sich halten kann, als den einzigen Sopha – der immer der beste Zufluchtsort auch für eine müde Prinzessin ist. Hier – dem Altare gegen über, auf dem die Annalen des fürstlichen Hauses ausgebreitet da lagen – hier war es, wo der weise Stifter dieses Heiligthums sie erwartete, und hier kniete nun auch der entzückteste [218] seiner Nachkommen, wie er es selbst sagt und ihm niemand abstreiten wird, vor seine Auserkorne nieder – wagt es erst kaum, ihre widerstrebenden Hände in die seinigen zu fassen – nennt ihren Unwillen gerecht – sucht ihren empörten Stolz zu besänftigen, und schiebt alles, wie er es mit Recht thun kann, auf seinen Stammvater. – Er würde außer sich seyn, sagt er mit bebender Stimme, wenn das alte sonderbare Herkommen ihn um die Achtung seiner geliebtesten Prinzessin, und in demselben Augenblicke bringen sollte, wo er sie erst ganz zu verdienen gehofft hätte. – Kein Mensch, weder aus dieser noch jener Welt, würde ihn haben bewegen können, den zärtlichen Augen seiner einzig Geliebten so weh zu thun, wenn ihm nur im geringsten geahndet hätte, welch ein Kabinet die Haupturkunde seines Hauses verwahre. – Er müsse sich, fährt er fort, in Erstaunen verlieren, wenn er, die lange Reihe seiner Ahnen herunter – an alle die, bekannter Maßen so reizenden – unschuldigen – erhabenen und höchst vortrefflichen Fürstinnen dächte, die doch eine nach der andern sich dieser Probe der Angst hätten unterwerfen, und ihren Namen als Landsmutter in dieser Kapelle verdienen müssen. – Nichts hätte sie wahrscheinlich dabei aufrecht erhalten und trösten können, als der Gedanke an das allgemeine Beste, dessen Erhaltung allein dieser Tempel geweiht sei. – Freilich, setzt er hinzu, wäre es auch wohl das erste Gesetz jedes gutdenkenden Fürstenkindes, ob man es gleich nur zu oft in Winkeln suchen müßte, wo man es nicht denken sollte.– –

Indem er alles dieses mit einer zärtlich stammelnden Stimme vorbringt, kann er sich zugleich an ihren scheuen Augen – an ihrer holden Erröthung – an der immer höher steigenden Empörung ihres blendenden Busens, und an der schönen Unordnung nicht satt sehen, die durch so manche heftige Bewegung der beunruhigten Sittsamkeit unter ihren Spitzen und Bändern entstanden ist. Er leidet treulich mit ihr, und forscht, nach jedem Kusse, den er ihren zitternden Händen aufdrückt, in ihren Blicken, um wie viel Grade ihr Schrecken gesunken, und um wie viel sie schon gefaßter sei einen neuen zu ertragen. Aber noch vergehen einige bange Minuten, ehe sich das Gute dieser Anstalt und der große Sinn zeigt, den der [219] Stifter darein gelegt hat. Kaum aber haben die eben so wahren als zärtlichen Vorstellungen ihrem belasteten Herzen die erste unmerkliche Erschütterung mitgetheilt – so rollt die ganze schwere Masse, wie ein Schiff, das vom Stapel gelassen wird, nur desto geschwinder – reißt alles mit sich fort, was es auf seinem Wege antrifft – und schwebt nun stolz zwischen Himmel und Erden. Sie sieht mit dem fröhlichsten Erstaunen – was sie nie erwarten konnte – sieht ihren Liebhaber in ihrem Gebieter. Die Drahtpuppe ist verschwunden – Sie bewegt jetzt selbst was sie bewegt – Sie findet Geschmack an ihrer Rolle, und spielt sie vortrefflich. Kein Blick ihrer besänftigten Augen fällt auf den innigst gerührten, schmachtenden Jüngling, der ihr nicht eine süße Empfindung – keiner fällt verstohlen an die Wand, der nicht eine kleine Belehrung mitbrächte. Ohne es zu wissen, ahmt sie die eigene Miene der furchtsam nachgebenden Psyche nach, die aus dem herrlichen Altarblatte auf sie herüberblickt – und mit welchem Feuer kehrt nicht sein Auge auf die ihrigen zurück, wenn es die Zeit einer halben Sekunde gewann, auf ein Gemälde aus Titians Jugend zu gleiten, das ihm gerade vor den Augen über dem Sopha, seiner furchtsamen Prinzessin aber im Rücken hing, wie ihm Psyche's Apotheose! Ach wie weiden sich beide an dem hohen und wahren Ausdrucke des Gefühls, das jedes in dem Herzen des andern zu erregen sich einbildet, ohne zu ahnden, wie viel sie davon dem Widerscheine der Kunst, die hier so schwesterlich der Natur die Hand reicht, zu verdanken haben! Gott segne ihren glücklichen Irrthum! Trunken von der Seligkeit ihres Daseyns – erschüttert durch den Zauber dieser heiligen Stätte – zu Göttern verklärt durch das Feuer der Einbildungskraft – sinken sie staunend einander in die Arme – sinken in die Vergessenheit ihrer selbst. – Der Segen ihres großen Ahnherrn – das Wohl des Landes, und das höchste Entzücken der Liebe schwebt über ihnen. Millionen Sphären rollen über den Häuptern der Glücklichen hin. – Sie mögen kommen – gehen – verschwinden – was kümmert es sie? Die Sterne, die lange über dem Sopha funkelten, stehen jetzt unter ihm – aber was fragen sie nach den Körpern des Himmels – ihrem Stande und ihrer [220] Bewegung? Was sollten sie? Sind sie nicht selbst ein Universum? Aus der Zusammenkunft ihrer Planeten in dem schönsten Punkte des Thierkreises werden sich neue Epochen der Freude, neue Systeme der Liebe entwickeln, die in dem unermeßlichen Raume der Geister- und Körperwelt – unabhängiger und glorreicher als jene, ihre unbekannte Bahn beschreiben – durch Jahrtausende sich fortwälzen, und dem lieblichen Genius der Erhaltung vorleuchten werden bis an das Ende der Tage. Umsonst arbeiten alle Wirbel und Kräfte der Schöpfung, schwingen, reiben und drücken sich, um aus dem Leben der Verherrlichten diese erste stolze Nacht zu verlöschen – Sie verlischt – aber das rührende Andenken derselben, mit allen ihren menschlichen Folgen, wird ihren Seelen unvertilgbar und den entferntesten Zeiten noch heilig seyn.

Schon glänzen die Gebirge, die Thäler und Hügel des Erdballs in den Strahlen der Morgenröthe – der entzückte Prinz bemerkt ihr Farbenspiel nur an denen, die in seiner Herrschaft liegen, und die ihm auf der ganzen Oberfläche der Natur die liebsten geworden sind. Von ihrem Horizont aus wirft er noch einen Seherblick in die Nachwelt – sieht sich glücklich eingereiht in die Mitte unzähliger Vorfahren – unzähliger Nachkommen, und der Wunsch seines Stammvaters ist in allen seinen Theilen erfüllt. Sein Kanzlei- Schreiben ist beantwortet, und dem Einsturze seines stolzen Gebäudes ist durch zwei neu angestellte, tüchtige Arbeiter vorgesehen, und die Anlage seiner Kapelle gegen allen Tadel gerechtfertigt. Sanft belastet von der Schwere ihres vielfältigen Glücks, reichen sich die Liebenden dankbar die Hände. Keines weiß, wer das andere besiegt hat. Arm in Arm treten sie an den Altar der Psyche – blättern bei dem Glanz ihrer Lampe in dem heiligen Stammbuche die Stelle auf, die es ihnen anweist, und setzen unter alle die Namen, die hier mit zitternden Händen geschrieben stehn – in auch nicht festern Zügen, den ihrigen. Ein herrliches Werk! an dessen Fortsetzung es jedem gutdenkenden Sohne dieses hohen Geschlechts eine Freude seyn sollte zu arbeiten. Das glückliche Paar giebt sich das Wort es gelegentlich durchzugehn – um – wie die wackere Prinzessin hinzu setzt, die Geschichte eines[221] Hauses kennen zu lernen, in das sie so freundlich aufgenommen wurde. An der letzten Stufe der Kapelle geloben sie noch der schaffenden Natur ein Votiv-Gemälde, das selbst in einer solchen Sammlung der Aufbewahrung noch werth sei. Schwach – vielleicht zu schwach aus überschwenglicher Liebe, und unbegreiflich allen benachbarten Fürsten, wenn sie es erfahren sollten, übergiebt der Held dieser fröhlichen Nacht an dem Ausgange des Tempels – seiner Gemahlin den goldenen Schlüssel zum Zeichen seiner ewigen Treue – ohne Furcht, daß sie ihn jemals verräumen oder verlieren werde, wie seine Frau Großmutter Liebden höchstseligen Andenkens.

Ein wohl verdienter Schlaf erwartet sie beide in dem weiten Umfange des Brautbetts, das unterdeß nichts von seinen Franzen, nichts von seinem Ansehn verloren hat, und gegen das sich der einfache Sopha verstecken muß. Die Engel des Himmels wären ungerecht, wenn sie nicht gütig auf die Geweihten herunter blickten, die alles, was die Natur und die Kunst, und was selbst das Geschwätz des Kapellans verlangt, das zu keinem von beiden gehört, auf das pünktlichste erfüllt, und schon Vater und Mutter vergessen haben, ehe sie einschlafen. Mögen jene freundlichen Bilder ihnen im Traume vorschweben, unter deren Abglanze sie des Landes Wohlfahrt besorgten! Die ehrlichen Dichter und Prosaisten, die sich heute in diesem Tumulte der Sinne mit ihrem Krame bescheiden zurück zogen, werden schon zu einer gelegeneren Zeit ihre, nicht minder wirksamen Dienste dem fürstlichen Hause anbieten, wenn der erste Eindruck der Farbenmalerei verraucht seyn – und die ekle Seele sich nach Hülfe umsehen wird, um der größten Gefahr der Liebe – dem drohenden Ueberdrusse, zuvorzukommen.

Vielleicht daß ein solcher Augenblick selbst mein armes Tagebuch aus seiner Dunkelheit hervorzieht, und ihm – Gott geb' es! – die Ehre verschafft, das Vehikulum einer Prinzessin, die meiner Margot gleich sieht, oder eines Prinzen zu werden, der meinen Haß gegen alle andere Ritterthaten mit auf die Welt bringt, die nicht in das Gebiet der Menschheit gehören.

Du magst von dieser Kapelle und ihrem goldenen Schlüssel [222] denken was Du willst, Eduard! ich wenigstens habe keine an irgend einem Hofe gesehen, die philosophischer ausgedacht, und niedlicher angelegt wäre. Die Gemälde, die dieses Kunst- und Naturalien-Kabinet zieren, sind wohl nicht weniger zweckmäßig und selbstsprechend, als das Gastgebot des Storchs in dem Audienz-Gemache zu C-, das einem Gesandten, der nicht blind ist, gerade in die Augen fällt, wie er hinein tritt, und wohl eher als jene verursachen könnte, daß ein ehrlicher Mann in seinem Vortrage stecken bliebe.

Sollte Dich einmal der Zufall in diese Dir etwas abgelegene Gegend bringen, so bitte ich Dich, Eduard, scheue den Umweg nicht von etlichen Meilen, um diesen Hof mit seiner alten Burg und seinem rothen Thurm – wäre es auch nur auf einen Mittag, zu besuchen. Ich würde Dir keines andern wegen so etwas zumuthen; aber bei diesem hier wäre es mir lieb. Du würdest nicht allein Dich mit eigenen Augen überzeugen, wie gut dem alten Herrn sein Einfall gelungen ist, und könntest ihn bei Gelegenheit weiter empfehlen – sondern auch Ich dürfte hoffentlich so viel dabei gewinnen, daß Du nicht länger mit mir über meine malerischen Vorstellungen zanktest. Denn, wie wäre es wohl möglich, daß Du nicht den tiefsten Respekt für die Kapelle, und nebenbei auch für mein Bilder-Kabinet, bekämest, da es ganz nach demselben Risse gebaut ist, wenn Du einer der wunderschönen Prinzessinnen in der Nähe, oder zwischen einem Paar jungen, kraftvollen, freundlichen Herren zu sitzen kämest, die ihre frohe Existenz jener milden Stiftung verdanken, und für deren Erhaltung sie, als künftige Nutritoren derselben, schon durch ihr leichtes, ungezwungenes Betragen gut sagen. Diese, der Natur gleichsam abgestohlnen Kinder gewähren jedem gesunden Auge den freudigsten Anblick. Sie schreiten in einer reinen Erbfolge, ehrlich, fest, und zufrieden mit sich und andern, durch die Zeit fort, ohne den Namen des entfernten Edeln zu beschimpfen, von welchem sie so weit herkommen: während in andern erlauchten Geschlechtern die animalischen Feuertheile ihrer Stammältern so sehr unter dem Mantel der Etiquette verraucht sind, daß die meisten Länder vor unserer Nase nur noch von Menschengestalten regiert werden, denen ein Frost über den Leib [223] geht, wenn sie in ihrer Rüstkammer den offenen Helm betrachten, der das Haupt ihres Ahnherrn umgab – die nicht den Panzer zu bewegen vermögen, den sie ihren Vorfahren sehr bequem in dem angebornen Wappen nachtragen. Wie können so ausgeartete Ritter dem Lande ein Ansehn geben, dem sie vorstehen? Wie können sie dem Geschlechte, das die Preise austheilt, und dem, zu ihrem Unglücke, die Folge der Zeit nichts von seinen hohen Erwartungen geraubt hat, nachkommen, ohne zu den unmännlichen Hülfsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen, die, wie das Historienbuch sagt, schon viele in der Verzweiflung ihrer Mattherzigkeit ergriffen, ihren Schweiß auf Haasen- Schwein- oder Hirsch-Jagden verloren und wohl gar, um Friede im Hause zu haben, den goldnen Schlüssel ihrer Frau Gemahlin in fürstlicher Rücksicht anvertrauten, daß wenigstens sie dafür sorgen würde, dem Lande, das sie nun einmal ihren Lehnsvettern mißgönnen, einen Beherrscher zu verschaffen, gesetzt auch, daß es ihm die Unterthanen schon an den feurigen Augen, männlichen Gesichtszügen und festem Anstand ansehen, wie wenig es ihm nach allen göttlichen und menschlichen Rechten gebührt.

Sage mir, Eduard ... Doch – Himmel und Hölle was erblick' ich! Gott! wie wird mir mein politisches Geschwätz eingetränkt werden! Das einzige Gespenst, vor dem ich mich fürchten kann – erscheint – hinkt über die Gasse, und kommt immer näher. Mit großen Augen begafft es jetzt meinen aufgepackten Wagen – und nun – ach! steigt es schauerlich die Treppe her auf. Mit Einem Worte, die alte Bertilia ist zurück! Aber, um aller Barmherzigkeit willen! wo bleiben die Pferde? Wahrlich, ich glaube, sie müssen erst, sammt ihrem Knechte die Messe hören, ehe ihnen ihre Religion erlaubt, einen Ketzer weiter zu schaffen. Eduard! lieber Eduard! was sollte wohl aus mir werden, wenn die gelbsüchtige Tante nur die geringste Spur von meinem Besuche bei Klärchen – nur die Zerknitterung entdeckte, die während ihrer Abwesenheit das florne Halstuch ihrer Nichte erlitt, und mich nun die kleine betrogene Heilige, als eine zweite Delila, meinen Feinden verriethe? – O wenn doch nur dießmal die Postpferde kämen! Aber [224] selbst Bastian, den ich nun zum drittenmale darnach geschickt habe, bleibt außen. Ich komme mir wie verrathen und verkauft vor – – –

Es ist aus mit mir, Eduard! Die Tante – sie pocht an – die Feder entfällt mir.


Ich habe Dir, bester Freund! von einer bitterbösen Stunde Rechenschaft zu geben, und ich kann es mit aller Bequemlichkeit thun; denn leider! ist es so weit mit mir gediehen, daß ich unter dem Verschlusse eines alten Weibes stehe, mit keinem Menschen, als vor der Hand noch mit Dir, sprechen kann, und dem Hospitale so zweckwidrig versetzt bin, wie der heilige Engel unter dem Spiegel. Für heute ist weiter an keine Abreise zu denken, und manchmal will mir gar angst werden, daß man mich wohl bis zum Feste der heiligen Cäcilia, Gott weiß zu was für einer Ceremonie! inne behalten könne.

Das abscheuliche Weib! Sie trat höflich genug zu mir herein, und auch ihre Miene kam mir nicht widriger vor als gewöhnlich. Ich setzte ihr, mir gegenüber, einen Stuhl, und unser Gespräch begann: –

»Sie wollen uns schon verlassen, mein Herr, wie ich aus den Anstalten schließe?« – »Briefe aus Marseille, liebe Madam, nöthigen mich dermalen zu einer geschwindern Abreise; doch denke ich, so Gott will, gegen den achtzehnten künftigen Monats wieder zurück zu seyn. Wollten Sie mir wohl das Quartier auf diese Zeit aufheben?« – »Je, mein Herr – so wissen Sie denn auch schon von der merkwürdigen Feier dieses Festtages? Wissen Sie denn aber auch, wie unbegreiflich hoch die Miethen in der Stadt alsdann stehen?« – »Ich weiß es – aber der Preis thut nichts – was ein anderer geben kann, gebe ich auch.« – »Das wäre schon gut, mein Herr; aber ohne Rückfrage bei dem Herrn Propste kann und darf ich mich so weit hinaus auf nichts einlassen. Kann ich doch nicht wissen, was er mit dem Quartiere vorhat. Er kann es ja einem Freunde zugesagt, oder gar die Absicht haben, um Unruhe zu vermeiden, es leer stehen zu lassen. Sie wissen, er ist Vorsteher von dieser milden Stiftung; und da ist es wohl natürlich..« [225] – »O sehr natürlich!« fiel ich ihr ungeduldig ins Wort. »Wenn ich nur begreifen könnte, wo meine Pferde so ewig lange blieben!« – Sie wollte mich aber nicht verstehen. – »Es thut mir nur leid,« fuhr sie fort, »mein Herr, daß Sie gegenwärtig kaum das Viertheil Ihres Miethzinses abgesessen haben..« – »O, ich bitte Sie, liebe Madam, einer solchen Kleinigkeit nicht zu erwähnen – Es kommt ja der Armuth zu Gute ...« und ich sah mit einem finstern Blicke nach meiner Uhr. – »Ueber diesen Punkt,« fing sie – und ich fing an: »Sagen Sie mir nur, ob die Post weit von hier ist? Ich thue wohl am klügsten, ich laufe selbst hin« – und ich stand zugleich auf. – »Unterbrechen Sie mich nur nicht immer, mein Herr,« antwortete das dumme Weib, und erhob sich nun auch. »Ueber diesen Punkt,« sagte sie, »wären wir also einverstanden, mein Herr. Und um Sie nicht aufzuhalten, will ich nur noch flüchtig das kleine Inventarium durchgehen, das Sie im Gebrauch hatten – nur der Formalität wegen, da ich überzeugt bin, alles in Ordnung zu finden.«

Jetzt schoß mir das Blatt – Ich Unbesonnener! Wie war es möglich, daß mir nicht eher die Bücherschalen auffielen, die hinter dem Stuhle der Alten wie auf meine peinliche Anklage zu lauern schienen? Da ich das Weib, wie ich von Herzen gern gethan hätte, nicht auf der Stelle blind machen konnte, so sah ich keine menschliche Möglichkeit diese Beweise meiner Schuld bei Seite zu schaffen. Konnte ich mich doch nicht einmal auf eine leidliche Verteidigung besinnen, gleich als ob alle und jede Sophistereien mit diesen verbrannten Schriften aus der Welt wären. – Sie setzte bedächtlich ihre Brille zurechte – besah den Spiegel, trotz dem Wiederscheine ihrer scheußlichen Figur, auf das genaueste – drehte den schlafenden Engel nach dem Lichte – breitete die taffenten Fenstervorhänge aus einander – und da ich eben im Begriffe war, die Schweinshaut von meinem Koffer über das Corpus delicti zu werfen, drehte sie nun endlich ihre Drachenaugen auch dem Kamine zu.

Könnte man doch malen, wie man wollte! Aber ein altes Weib im Zorne gehört ja, glaube ich, zu den Dingen, die uns [226] Horaz verbeut auf die Bühne zu bringen. Du sollst also nur ihre Stimme hören, Eduard! und Du wirst, denke ich, schon daran genug haben. Länger nicht als eine furchtbare Minute sah sie, noch sprachlos, bald auf mich, bald auf die ausgeschälten Bände, als ob sie an ihrer Besinnungskraft, oder ihrer Brille zweifelte. Sie trat näher, rollte einen Blick der Verzweiflung über den theuern Aschenhaufen, hob einen Hornband des Sanchez in die Höhe – ließ ihn vor Entsetzen fallen, und stürzte nun selbst, wie wahnsinnig, und mit gefaltenen Händen daneben. Eine Furie, die den Höllengott anruft, kann keinen gräßlichem Anblick geben, als sie mir darstellte. Das Haar sträubte sich mir, und ich trat selbst mit einem Andachtsschauer zurück, als ihre Lefzen in Bewegung geriethen. Ich habe in meinem Leben nicht allein viele einfältige und zweckwidrige – nein, ich habe auch verdammliche und fluchende Gebete ausstoßen gehört; doch von der Zusammensetzung des ihrigen war mir noch keines zu Ohren gekommen. Im Anfange waren ihre Ausdrücke nur albern, wie etwa der Eingang mancher Controverspredigt. »Sancta trinitas!« schrie sie, »ora pro nobis! Rechnet mir, o ihr Heiligen und Märtyrer, die Missethat nicht zu, die ein Verächter eures Namens in diesem Gotteshause beging!« Aber als ob sie damit nur das Recht errungen hätte zu fluchen, knetete sie hinterher alles, was nur Gräuliches und Verworrenes in hundert Gebetbüchern verzettelt seyn mag, zu einem Anathema wider mich zusammen, daß selbst, in Vergleichung dessen, diebulla in coena domini 30 eine Höflichkeit seyn würde – Gott bewahre mich, daß ich es ihr nachspreche!

Ich hörte ihr lange mit geduldigem Erstaunen, ja, wenn Du willst, mit einer Art Bewunderung ihrer höllischen Beredsamkeit zu. Endlich aber, da ihr giftiger Ausfluß nicht nachließ – ihr [227] Mund immer schäumender und ihre Augen flammender wurden – da sie mir entgegen donnerte, daß viele meines Gleichen, in ihrem frommen Lande, geringerer Verbrechen halber gerädert wären, und den Raben am Bache zur Speise dienten – und mir der arme unschuldige Calas darüber einfiel – da überlief mir die Galle. – »Den Augenblick steh auf, und packe dich, du abscheuliches Weib, packe dich zu deinem Schandbalge von Nichte, damit ich dich nicht in der Asche des Otterngezüchts ersticke, das du beheulst.« – Und so lief ich, selbst ein wenig von ihrer Wuth angesteckt, nach dem Schellenzuge, und stürmte nach Bastians Hülfe. – Aber indeß ich, wie ein Narr, klingeltewar mir die Hexe entwischt; und ehe ich mich besann, warum ein Mensch, den man auf die Post geschickt hat, unmöglich zu Hause seyn kann, hatte sie den Schlüssel abgezogen und die Thüre von außen verschlossen. Ich mußte nun selbst einsehen, wie überlegen sie mir war, da meine Aufwallung von gerechtem Zorn mich blind gegen alle Nebenumstände machte, die mir hätten dienen können; sie hingegen, ungeachtet ihrer Wuth, auch nicht die geringern Bosheiten aus der Acht ließ.

Dieser Auftritt, Eduard, hat mich ganz außer Fassung gebracht. Ich kann mich noch gar nicht recht in mein Verhältnis; mit dem Hospitale hinein denken, und das pro und contra meines Falles abwägen. Freilich habe ich Bücher verbrannt, die einer milden Stiftung gehörten; aber, großer Gott! was waren es für Bücher! Verdient man wohl den Galgen, wenn man Gift stiehlt, um es in einen Abgrund zu werfen, damit es niemanden schade? O! gewiß verdient man ihn, wenn es Mörder sind, die uns richten. Das ist keine tröstliche Aussicht, und ich fürchte, – ich fürchte, man wird mir das Brandopfer eintränken, das ich dem Andenken des unsterblichen Rousseau gebracht habe.

Eben habe ich alle Thüren des Vorsaals und des Hauses verschließen hören, und sehe nun Tante und Nichte – Gott mag wissen nach welchen Gehülfen ihrer Bosheit – über die Gasse rennen. – Meinetwegen mögen sie alle Schöppen und Schergen der Stadt zusammen treiben! Ich will lieber, wie ein Mann von[228] Erfahrung sagt, mit Löwen und Drachen kämpfen, als mit einem einzigen bösen Weibe. – Daß nichts Gutes für mich aus einer Conjunction entstehen kann, die sich aus der Heimtücke des Alters und aus dem beleidigten Gefühle der Jugend, und zwar von da aus, gebildet hat, wo die Rachsucht am lebhaftesten und wie ein Kitzel wirkt – kann ich mir an den Fingern abzählen. Jener drückende Groll des frommen Mädchens, der kaum eine volle Stunde alt und von einer desto gefährlichern Beschaffenheit seyn muß, je verdeckter er ist – wie wird er nicht der lauten Anklage der Tante bei den Beschützern des Rechts zu Statten kommen, zu denen sie beide hineilen! Wie wird die fromme Sängerin mich die Beschimpfung nicht büßen lassen, die ich ihren Reizen und ihren Indulgenzen anthat! Wie theuer werde ich alle die Kreuze bezahlen müssen, um die sie meine Ungeschicklichkeit brachte! Sie darf nur den Feuereifer ihrer würdigen Tante mit ein paar heuchlerischen Thränen unterstützen – darf, wenn ihr Rechtspatron in Gedanken da steht, nur den heiligen Nicaise ein wenig lüften, oder, wie sie es mir gemacht hat, durch einen pittoresken Faltenschlag ihres Florkleides das Auge des Richters fesseln, und ihn durch den tollsten aller Kettenschlüsse verleiten, Beweise von Unschuld dahinter zu suchen; so wird ihm mein Vergehen gegen Gott und seine Kirche so einleuchtend und strafwürdig vorkommen, als es die Alte verlangt. – O, du betrügerisches Geschlecht! Warum hüllte dich die Natur in jene blendende Decke, die alle und jede Nachforschung nach deiner wahren Gestalt vereitelt? Warum verlarvte sie deine Abscheulichkeit mit Reizen, die auch den hellsehendsten Mann überlisten? und ach! warum ließ sie nur Einen Weg zu jenem verflochtenen Labyrinthe deines Herzens? Wie ganz anders würden nicht jetzt meine Aktien stehen, wenn ich ... Doch warum sollte ich mich noch strafbarer aus Klärchens Kammer zurück wünschen, als ich sie, Gott sei Dank! verlassen habe? Um des verächtlichen Vortheils willen, bei dem Widerspruche meines Gewissens, in den Augen solcher Menschen, als ein Mann von Ehre, feiner Lebensart, und als einer zu gelten, der es so ganz werth sei, ihrer Religion anzugehören?

[229] Ich trenne mich ungern von Dir, mein Eduard, aber die Klugheit verlangt es. Wenn zwei Weiber wider Einen Mann in Aufruhr sind, bleibt ihm wohl nichts nöthigeres zu thun übrig, als auf alle mögliche Mittel zu sinnen, ihrem unermüdeten Hasse entgegen zu arbeiten, ehe er sich noch durch andere Leidenschaften, die ihnen immer bei der Hand sind, verstärke, und es zu spät wird. Ich hoffe schon noch Zeit zu finden mit Dir fortzuplaudern, wenn ich nur erst über meine Vertheidigungsanstalten mit mir selbst einig seyn werde. Möchte doch der folgende Tag – denn der laufende ist schon wirklich zu kurz dazu – hinreichen, alle meine heutigen Morgenthorheiten, wo nicht wieder gut, doch unschädlich zu machen! – Wahrlich, Eduard, heute vor acht Tagen konnte ich mir nicht träumen lassen, daß ich meine erste Neujahrswoche mit so einem Wunsche endigen würde.


Vom 7ten bis 8ten Januar –

aus meinem Gefängnisse.


Meine arme freundschaftliche Feder! Heute zum ersternmale von ekeler Schreiberei abgestumpft, die mir meine mißliche Lage abdrang, nehme ich sie jetzt, wie Mendelssohn die seinige, erst in der Ruhe der Nacht mit Vergnügen wieder in die Hand, – nicht, wie er, um über die Unsterblichkeit der Seele zu schreiben, sondern Dir in kläglichen Tönen das Mißbehagen meines armen Körpers zu schildern, der gern in die weite Welt möchte, und sich schon zu lange in seinen Bewegungen unnatürlich gehemmt sieht. Es giebt einen hübschen Text eine traurige Stunde zu verschwatzen, und ein Gefangener bedarf der Zerstreuung. – Ein Gefangener – welch ein häßliches Wort! Von Jugend auf ist es mir ein Mißlaut gewesen, und Du glaubst nicht, wie widrig der Begriff davon immer auf meine Nerven gewirkt hat. Ich gehe bei keinem Kerker vorbei, ohne daß der Gedanke an Fesseln mir in die Beine fährt. Nie habe ich es über das Herz bringen können, selbst den gemeinsten Vogel in einen Käfich zu sperren; denn der Verlust der Freiheit [230] wirkt gewiß mit gleichem Kummer auf alle, es mögen die Federn einem Dompfaffen angehören oder einem Zaunkönig. So mache ich mechanisch schon, und wenn es mich in der tiefsten Betrachtung der Glorie Gottes unterbrechen sollte, dem Hunde die Thüre auf, sobald er daran kratzt; und nichts ist mir auch um deßwillen von jeher lächerlicher und thörichter vorgekommen, als die treuherzige Zumuthung, bei gewissen Gelegenheiten mein eigener Scherge zu werden, und den besten Theil von mir – meine Vernunft, gefangen zu nehmen. Auch bin ich, Gott sei Dank! nie in dem Falle gewesen, worin ich jetzt bin. Denke Dir, Eduard, wie empfindlich ich ihn fühlen muß! Schon meine heutige kleine Erfahrung läßt mich ahnden, was aus mir werden würde, wenn sie so viele Jahre fortdauern sollte, als sie Stunden gedauert hat. Alle guten Kräfte meiner Seele und meines Leibes würden in eine Lähmung verfallen. Ich könnte in einem Kerker Freunde um mich haben – ich würde sie hassen lernen; ja es könnten, glaube ich, die drei Grazien mit mir eingesperrt werden, es würde mir nicht besser gehen als den gefangenen Elephanten, und keine Nachkommenschaft würde wider meine Enthaltsamkeit zeugen.

Unbegreiflich, daß es Gemüther giebt, die mit diesem natürlichen Gefühle scherzen, ruhig ihre Zeit verschwelgen, verjagen und in Schauspielen vertändeln können – bei dein Bewußtseyn, daß inzwischen ihre rechtliche Strenge, oder ihr Uebermuth gleich organisirte Maschinen wie sie sind, in Ketten und Banden hält! – Wehe dem Regenten, der diese Gewalt, die nur eine noch höhere Pflicht, als das Mitleid ist, rechtfertigen kann, leichtsinnigen, unmündigen oder boshaften Händen überläßt! – der nicht den Zaum locker hält, den er der Freiheit anlegt, und nicht immer fürchtet, das arme Geschöpf, das unter ihm seufzet, hartmäulig, stättisch, kollerig und unbrauchbar für diese und jene Welt zu entlassen! – der, statt Lustschlösser zu bauen, die seine Nachfolger dem Verfalle Preis geben, nicht lieber seine Baulust – zur Verschönerung der Gefängnisse, zur Erweiterung ihrer Höfe, und zur Bepflanzung derselben mit Blumen und Bäumen benutzt, und der den Uebertreter, selbst aller Gesetze von der Wohlthat der Sonne auszuschließen[231] wagt, die doch der oberste Richter ausspendet, um zu scheinen über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte! – Und was soll ich über euch ausrufen, o ihr, die ihr die Kunst eures Gleichen zu martern, bis zu dem Grade verfeinert habt, daß ihr nicht allein ihre Körper, nein, auch ihre Seelen einzukerkern versteht, – ihren Phantasien alle Nahrung abschneidet, dem Redelustigen keine Antwort, der Neugier keine Zeitungen gönnt, Feder und Tinte verbietet, und dem Abgematteten, nach einem mühseligen Tagewerke, die noch größere Strafe der Unthätigkeit aufbürdet, und ihm zu aller Erholung von seinem Elende mir die nagende Betrachtung desselben übrig laßt?

Der trostreiche Ersatz, den mir jetzt mein Schreibtisch für den Verlust der vorher gegangenen einfältigen Stunden gewährt, belehrt mich, welche Pein es seyn mag, den Strom seiner Gedanken in sich selbst verrauschen zu hören, ohne ihm einen Ausfluß verschaffen zu können, der an das Herz eines Mitmenschen anschlage. Wie fühle ich nicht jetzt, bester Eduard, selbst in Deiner Entfernung, den Werth Deiner Gegenwart! und zu was für einem Kleinod ist mir nicht meine Feder geworden!

Um mir meine lange Tirade zu gute zu halten, darfst Du nur hören, wie es mir heute ergangen ist. Als ich mich, ernsterer Geschäfte wegen, von Dir losgerissen, und mein Tagebuch weggelegt hatte, setzte ich mich nachdenkend in meinen Lehnstuhl. Das erste, wonach sich wohl jeder mehr oder weniger Bedrängte umsieht, sind Freunde: aber leider! fand ich diese schöne Aussicht hier noch um vieles eingeschränkter, als an jedem andern Orte der Welt. Du weißt, wie klein der Zirkel meiner hiesigen Bekanntschaften ist. Außer meinen Anklägerinnen zieht er sich nur noch um drei Geschöpfe herum; soll ich sie Männer nennen – so sey's! davon immer einer zu Unternehmungen ungeschickter ausfällt als der andere. – Auf den elenden Tropf in Purpur, an den mich der Oheim der Marquise empfahl, kann wohl kein vernünftiger Mann den geringsten Staat machen. Ein Kerl, der nichts als die drei Blasensteine der heiligen Klara von Montefalcone im Kopfe hat, verdirbt sicherlich jede Sache, zu der nur ein Gran Menschenverstand nöthig [232] ist. – Buchhändler Fez, der nur, der Himmel mag wissen über was von Klaren der zweiten? nachgrübelt, das, wenn es auch nicht so tief liegt als jene Beweise der Dreifaltigkeit, doch alle Strahlen seines Geistes wie auf einen Brennpunkt zusammen zieht – sollte der sich mit den Angelegenheiten eines andern bemengen, so müßte es wohl nur einer seyn, der ihm von dem, worüber seine Einbildungskraft brütet, angenehmere Nachrichten geben könnte, als ich es zu thun im Stande bin. – Und Laurens Wächter? – Der steht fest, wie eine Bildsäule. Wo Beine nöthig sind – und beim Sollicitiren sind sie es gewiß – ist der nicht zu gebrauchen; und daß meine Herren Inquisitoren – in so einer Angelegenheit wohl zu verstehn – sich zu ihm bemühen sollten, ist nicht zu erwarten. – Indeß, da man von seinen Freunden nur den Vortheil ziehen kann, den sie zu gewähren geschickt sind, so schien mir, auch ohne Beine, der Kopf des getauften Juden immer noch den Vorzug vor den beiden andern zu verdienen.. So belesen in dem Petrarch als Er ist, wird er zu meiner Schwachheit bei Klärchen nur lächeln, und die Harmonie, an die der Dichter sein Ohr gewöhnt hat, wird es ihm unmöglich machen, an dem Geschrei eines Unglücklichen auf dem Scheiterhaufen einen bischöflichen Spaß zu finden. Hat er nicht übrigens in dem täglichen und stündlichen Umgange mit Fremden Gelegenheit genug gehabt, auch die guten Seiten eines Ketzers kennen zu lernen? und wer könnte genauer berechnen als Er, zu was allem die Toleranz gut sei? Ohne weiteres Besinnen setzte ich mich also an meinen Schreibtisch, meldete dem Ehrenmanne meine sonderbare Gefangenschaft, bemäntelte die Veranlassung derselben so gut es ging, und legte, um ihm meine Unschuld desto begreiflicher zu machen, mit dem letzten Dukaten, den ich in meiner Barschaft fand, zugleich das letzte Versprechen der falschen Concordia bei, auf das ich mich Schande halber bezog.

Sobald meine Depesche fertig war, trat ich an das Fenster, und lauerte auf Bastians Zurückkunft, um ihn damit abzufertigen. – Ich sah ihn bald genug über die Gasse gesprungen kommen. Aber zum Malen war es, wie er nun vor dem Hause stand, bei jedem Schlage, den er mit dem Klopfer that, hinhorchte, und wie [233] ungeberdig er sich anstellte, als er endlich merkte, daß er von seinem Herrn abgeschnitten sei. Ich rief ihm zu, und erschreckte ihn vollends durch den kläglichen Ton, den ich in meiner Bekümmerniß auf seinen Namen legte. Du hättest die Augen sehen sollen, die er in die Höhe warf! Mit wilderem Erstaunen hätte sie seine Schwester nicht aufreißen können, wenn ich an jenem kritischen Abende das liebe Kind wirklich um das kleine Hausmittel betrogen hätte, das sie mir, ohne Zeichen des heiligen Kreuzes – und doch gewiß unschuldiger darbot, als das vielfach gesegnete Klärchen. Es war seit dem neuen Jahre das zweitemal, daß mich wieder etwas an die gute Margot erinnerte, und Du kannst nicht glauben, Eduard, wie wohl es mir that; so wohl, daß ich beinahe darüber ihren Bruder und seine Gesandtschaft vergessen hätte. Es schien, als wenn es ihm selbst leid thäte, mich in meinem süßen Traume zu stören. Er öffnete ein paarmal den Mund, ehe er es über das Herz bringen konnte, mir die Neuigkeit, die er von der Post mitbrachte, zu entdecken: der Legat habe die Verabfolgung meiner Pferde verboten, und der Teufel möge wissen, warum? Seine weinerliche Stimme und sein scheuer Hinblick bald auf mich, bald auf den Thürklopfer, zeigten nur zu deutlich, in welchem furchtbaren Zusammenhange ihm jenes Verbot des Legaten mit dem verschlossenen Hause zu stehen schien; und auch auf mich wirkte seine Nachricht so viel, daß ich mich nicht länger in seine Familienähnlichkeit vertiefte, geschwind von Margots Busen – auf meine gegenwärtige, weit unbequemere Lage zurück kam, und nicht weiter säumte, meinen Brief an der Mauer herab fallen zu lassen. Bastian fing ihn sehr geschickt mit dem Hut auf; und erst jetzt sah ich ein, wie bedenklich es sei, einen Kommunikationsweg durch das Fenster zu eröffnen. Schon die einzelnen Worte, die wir einander zuwarfen, hatten eine Menge Neugieriger um mein Haus versammelt; einer theilte dem, andern seine Muthmaßungen mit, man setzte vor meinen Augen eine Geschichte zusammen, die ich wohl hätte hören mögen, und die vermuthlich zur Grundlage aller heutigen Gespräche der Stadt dienen wird. Einige Patrioten hielten sich sogar berechtigt, meinen Eilboten anzuhalten, und ihm seine Depesche abzufordern. [234] Aber hier zeigte sich's, was für ein herrlicher Freipaß ein guter Ruf sei; denn kaum las man die Ueberschrift an den Wächter der Laura, so zogen sie lachend den Hut ab, ließen dem Briefe seinen Lauf, und glaubten den Inhalt errathen zu haben.

Kaum hatte ich mit meinem Fenster die einzige Oeffnung, die mir noch zugänglich war, zugemacht, und mich in meinen Lehnstuhl zurück gezogen, so fühlte ich ganz deutlich, daß der Mittag vorbei sei, und knöpfte meine Weste enger zusammen. Die französische Artigkeit, sagte ich mir, wird dich doch nicht verhungern lassen, ehe sie dich verhört hat? Das sieht ihr nicht gleich. Selbst in dem dickköpfigen Deutschland befördert die Gerechtigkeit, die überall konsequent handelt, keinen in die andere Welt, dem sie nicht eine Henkersmahlzeit mit auf den Weg giebt. Es muß, nach der Regel, dem Verurtheilten erst wieder wohl seyn, ehe sie ihn weiter über die Gränze des Lebens schickt; die Migräne muß dich erst verlassen haben, ehe man dir den Kopf abschlägt, und die Strafe des Stranges wird aufgeschoben, so lange der kranke Dieb noch nicht von seiner Bräune kurirt ist.

Diese Gedanken, die mir der Hunger eingab, wurden durch einen Auftritt unterbrochen, der ihnen eine ganz andere, aber um nichts bessere Richtung anwies. Meine Nachbarinnen – auch mein Bastian kamen zurück – Haus und Stube wurden geöffnet, und meine verspätete Mahlzeit wurde aufgetragen. Wenn dieses eine Veränderung in meiner Lage gab, so war sie jedoch mit Umständen begleitet, auf die ich ganz gern Verzicht gethan hätte. Tante und Nichte brachten eine Verstärkung mit, die mir nicht anstand. Die Alte wurde von einem schwarzbraunen Kerle von Prokurator geführt, und Klärchen, was mich am meisten verdroß, zipperte mit dem Propst über die Gasse, ihre Händchen so traulich um seinen vielfaltigen Aermel geschlagen, als ob es darin ausruhen sollte, und zu meiner Thüre, als sie geöffnet wurde, sah ich meine Schüsseln, statt, wie es sich gehörte, durch meinen Bastian, den ich so sehnlich erwartete, von zwei päpstlichen Soldaten auftragen, die man nicht zerlumpter und ausgemergelter hätte aussuchen können, um mir meine jetzige Ohnmacht fühlbar zu machen. Diese schmutzigen [235] Truchsesse benahmen mir alle Eßlust. Ich fühlte keinen Hunger mehr, und begaffte sie nur mit großen Augen. Wer Preußen in der Nähe gesehen hat, noch besser aber von fern, kann schon keinen Blick auf diese geistliche Miliz thun, ohne zu lachen; aber der Reiz dazu wurde bei mir gar sehr durch den Aerger gemäßiget, der mir über meine so elende Bewachung aufstieg. Die beiden verhungerten Kerle schienen über ihren Dienst noch verlegener zu seyn als ich. Sie zogen sich langsam, ernsthaft, und mit gebogenem Knie an die Thüre zurück, und pflanzten sich, jeder an einen Pfeiler, davor, als ob es ihre Schuldigkeit wäre. Ihre Blicke, die dabei so unverrückt auf meine Schüsseln geheftet blieben, als ob sie in ihrem Leben noch kein altes Huhn in der Suppe gesehen hätten, würden schon jeden Historiker überzeugt haben, daß sie unter keinem Heinrich dem Vierten das Land bewachten. Ich hätte diesen armseligen Gesellen wohl keinen größern Possen spielen können, als recht bequem meine duftenden Gerichte vor ihren Augen zu verzehren.. Aber, die Ursachen ungerechnet, die mich schon physisch davon abhielten, würde es mir auch noch eine gewisse Empfindlichkeit der Seele verwehrt haben, die sich immer mit mir zu Tische setzt, und jeden Anblick von Elend, jeden Gedanken an Unterdrückung aus seinem Umkreis entfernt wünscht. Der unreinste Nahrungssaft, dächte ich, müßte meine Adern durchströmen, wenn ich mich im Beiseyn eines, zum Hunger Verdammten sättigen könnte, ohne meine Bissen mit ihm zu theilen. Ich würde weniger die wollüstige Befriedigung meines Bedürfnisses, als die gewaltsame Erstickung des seinigen fühlen, und fürchten, daß sich die gallige Empfindung mit meinen Brüdern vermische, die der Anblick meiner Mahlzeit, in der Angst zu leben, worin er dastände, nothwendig bei ihm erregen müßte; denn in solchen animalischen Augenblicken ist wohl kein Herz so gut, daß es sich nicht gegen die widersprechende Grausamkeit des Schicksals auflehnen sollte, das bei der ungleichen Vertheilung menschlicher Güter und ihres Erwerbs alle Erdenbewohner nur durch den Ungestüm des Hungers gleich gesetzt hat.

Ich gab diesen Bettlern, mit denen mich, wenn ich es genau überlege, doch nur meine Thorheit in der Nebenstube in Bekanntschaft [236] brachte, meine Gerichte Preis; und es that mir nur leid, daß mir meine Freigebigkeit so wenig kostete; denn das dankbare Gefühl, das nun ihre entkräfteten Augen überglänzte, würde mich für die höchste Verläugnung meines Gaumens hinlänglich belohnt haben. – »Geht nur, ihr guten Leute,« unterbrach ich ihr gratias, »tragt die Schüsseln auf den Vorsaal, und laßt es euch wohl schmecken. Wenn ihr mir meinen Bedienten herbeischafft, soll er euch auch noch ein paar Flaschen Wein auftragen, und es soll euch frei stehen, ob ihr auf des Papstes Gesundheit, oder auf die meine trinken wollt.«

Es giebt wohl kein geschwinderes Mittel, eine Gegenrevolution zu bewirken, als das ich eben gebrauchte. Meine Wache war durch meine Herablassung und durch meine Fürsorge für ihren Magen so gut zu meinem Vortheile bestochen, daß es mir nur einen Wink würde gekostet haben, um die Arme, die man gegen mich bewaffnet hatte, wider meine Verfolger zu lenken, und den Prokurator und die Alte, den Propst und die Nichte, in meine Gewalt zu bekommen. Da ich aber auch, um mir Pferde zu schaffen, die Post hätte stürmen – da ich Stadt und Vorstadt hätte betrinken müssen, um es dahin zu bringen, einen Mann im Stiche zu lassen, der, kraft des Amtes der Schlüssel, von lange her über sie herrschte; so gab ich den Einfall auf, und begnügte mich vor der Hand mit dem Vortheile, den ich schon dadurch gewann, daß jetzt die Besatzung des Vorsaals meinen Bastian frei und ungehindert passiren ließ, ohne sich um unsere geheime Unterredung zu bekümmern. – »Weise jetzt deine Neugier zur Ruhe,« rief ich ihm entgegen, als er mit großen Augen herein trat, »und befriedige vorerst die meinige! Erzähle mir ohne Weitläufigkeit, wie mein Freund, der Kirchner, meine Botschaft aufgenommen hat.« – »Ach, ich will wünschen,« versetzte Bastian, »daß Sie klüger aus dem Geschwätze des ehrlichen Mannes werden als ich. Ihren Brief habe ich freilich nicht gelesen; aber in der Antwort wenigstens, die er mir mündlich an Sie auftrug, liegt doch gewiß nicht ein Funken Menschenverstand.« – »Das geht mit allen Orakeln so,« erwiederte ich: »der Befrager muß ihn erst hinein legen; das ist in der Ordnung. – Laß nur [237] hören!« – »Als er das Goldstück aus Ihrem Briefe in Sicherheit gebracht hatte,« fuhr Bastian fort, »las er ihn bedachtsam durch, lächelte, schüttelte den Kopf bei einigen Stellen, sprach durch die Nase, und wiederholte seinen Unsinn einigemal, damit ich ihn ja nicht vergessen möchte: Sage Er Seinem Herrn meinen Gruß – Er solle sich nicht grämen und wundern, daß er in Avignon, in dem Gränzstreite zweier Heiligen, verloren – und die hochbelobte Concordia, vielleicht aus wohlmeinenden Ursachen, ihm verwehrt habe, das Weichbild der harmonischen Cäcilia zu überschreiten. Anderwärts, hoffe er, würde sie ihm ihre anscheinende Härte zehnfach ersetzen. Er habe nur bald die Schwierigkeiten zu entfernen – die ihm – ich versichere Sie, mein Herr, daß er diesen Unsinn wörtlich gesagt hat – dieses Anderwärts mache. Die Mittel dazu, behauptete er, lägen in Ihrer Gewalt. – Sie sollten nur die guten Einfälle aufbieten, wodurch Sie ihm Ihre Unterhaltung so angenehm und geistreich gemacht hätten ...« – »Ich glaube,« unterbrach ich hier meinen Gesandten, »der Kerl raset, oder er will mich zum Besten haben.« – »Wohl möglich!« antwortete Bastian. – »Wann hätte ich mich denn,« fuhr ich nachdenkend fort, »nur im geringsten seinetwegen mit meinem Witze in Unkosten gesteckt? Aber nur weiter!« – »Ferner sage Er Seinem Herrn,« schnarrte Bastian auf das natürlichste dem Kirchner nach, »habe er sich nur die Augen zu reiben, und über die Gasse zu blicken, so werde ihm der Zwerg erscheinen, der allein die Verbrannten aus ihrer Asche wieder erwecken könne.« – Hier riß mir die Geduld, ich sprang vom Stuhl, und: »Was zum Teufel,« fluchte ich, »soll ich mit diesem albernen Geschwätze anfangen? Aber so geht es, wenn ein Narr einen großen Dichter nachahmen will. Weil sein Petrarch immer und ewig ihm unverständlich seyn wird, so denkt der Tropf, glaube ich, Laurens Schatten möchte es übel nehmen, wenn ihr Wächter sich deutlicher ausdrückte. Den Augenblick gehe zu ihm, und sage ihm zur freundlichen Antwort, daß er für seine scherzhafte Laune ein anderes Ziel suchen solle als mich – so wie ich zu meinem Goldstücke, das ich mir wieder ausbäte, auch schon einen andern Liebhaber ..... Doch warte nur.« – Ich trat ärgerlich an das Fenster; [238] aber ich sah nicht lange gedankenlos über die Gasse, so stieß ich auf etwas – das mir mit Einem Blicke jenes verworrne Räthsel in's Licht setzte – stieß auf die Zwerggestalt meines Freundes Fez, der, auf seinen Laden gelehnt, mir gerade in das Gesicht gähnte. – »Ja wohl, guter buckliger Mann,« rief ich aus, »bist du es allein, der mich aus meiner Gefangenschaft retten kann – Du bist der Zwerg, auf den mich das Orakel verwies. Geschwind, Bastian, reiche mir eine Bücherschale nach der andern von dem Haufen her, der an dem Kamine liegt! Ihre betrügerischen Titel sollen bald in eine Liste gebracht seyn. – Eins bis siebenzehn! Gottlob, daß ich damit fertig bin! Nun, Bastian, trage geschwind dieß Papier zu unserm Nachbar, dem Buchhändler – laß ihn den Ladenpreis daneben setzen, und laß ihn unterschreiben, daß er gegen die Summe sich für die Beischaffung dieser seltenen Werke verbürge!« – Eben so glücklich löste sich die andere Hälfte des Räthsels. Ich begriff jetzt, ohne lange zu suchen, die guten Einfälle, die meinem nachsichtigen Freunde in meiner schlechten Unterhaltung so wohl gefielen, den in allen Ländern beliebten und bei allen Prozessen anwendbaren Witz – einer gefüllten Börse. Ich zog die meinige heraus, und besah sie mit Wohlgefallen; und da es einmal dort oben geschrieben stand, daß ich alle meine Thorheiten bezahlen sollte, so nahm ich mir vor, es mit der besten Art und wie ein großer Herr zu thun.

Meine gute Laune kam während dieser Betrachtung in gleichen Schritten mit meinem Hunger zurück, der eben auf's höchste gestiegen war, als Bastian herein trat, und mir die theure Rechnung des Herrn Fez einhändigte. Ich warf sie gleichgültig auf den Tisch. – »Geschwind, Bastian,« rief ich ihm zu, »schaffe mir etwas Gutes zu essen, und bringe mir auch eine Flasche Sillery mit, damit ich vergesse, daß ich noch in Avignon bin.« – Man würde sich vielen Kummer ersparen, wenn man von den widrigen Vorfällen, die uns in dem kurzen Uebergange vom Leben in's Grab aufstoßen, den finstern Anblick zu vermeiden, und nur die lächerliche Seite davon aufzusuchen gelernt hätte, die jedes menschliche Ereigniß, wenn man es nur recht zu drehen versteht, darbeut. Sogar dieEmpfindung [239] eines gewaltsamen, schmerzhaften Todes kann uns durch die Gewißheit zum Lachen bewegen, daß der Tyrann, der uns damis belegt, sie doch nicht über eine, kurze Spanne der Zeit, auszudehnen vermag. Ich würde mir vornehmen, sie mit Großmuth und mit Verspottung der Ohnmacht meines Feindes zu ertragen, wie man es von den gefangenen Wilden erzählt, und mich durch die Vorstellung erheitern, daß mein unsterblicher Geist in der unendlichen Zeit, die ihm nachfolgt, über den Einsturz seines Kerkers eben so herzlich lachen werde, als wir jetzt über den heftigsten Schmerz einer Viertelsekunde – spotten. Ich kann nimmermehr glauben, daß ich nachher noch geneigt seyn würde, die Narren, die hier an meiner ohnehin morschen Hütte noch zupften, zur Verantwortung zu ziehen, oder ihnen zur Bestrafung nur ein kaltes Fieber an den Hals zu wünschen. Mag es ihnen doch gehen wie Gott Will! Die Empfindung der Nache ist mir so unangenehm, daß ich ihrer bald satt habe, und meinen Widersachern den Vortheil nicht einmal gönnen möchte, ihre Bosheit gegen mich durch Erregung dieses widrigen Gefühls noch zu verstärken.

Dieser große Gedanke begleitete mich freundlich zu Tische, und hielt an, bis ich gesättigt aufstand, und ein anderer ihn feindselig verdrängte. – »Welchen frohen Abend,« seufzte ich, indem ich meine Weste aufknöpfte, »würde ich jetzt genießen, wenn ich in Berlin wäre! Ich würde meinen Eduard zu einem Gange in die Komödie oder zu sonst einer gesunden Bewegung abholen. Wer soll mir aber hier eine Komödie spielen? Was soll ich hier, in einem Viereck von zwanzig Quadratellen, mit einem vollen Magen und einer erschwerten Verdauung anfangen.« – Meine vorige philosophische und stolze Betrachtung wäre gewiß in den Wind gewesen, wenn sie nicht die Hoffnung noch ein wenig hingehalten hätte, die ich auf die Macht meiner gefüllten Geldbörse setzte. Ich öffnete behutsam die Thür, sah meine Wache fröhlich an ihrem Tische sitzen, und winkte Bastianen, der eben seinem Nachbar ein Glas zubringen wollte. – »Suche dir einen Eingang in die Nebenstube zu verschaffen,« sagte ich ihm, »und überbringe der Vesammlung daselbst, nebst meinem Empfehl, folgende Vergleichs-Vorschläge, [240] die ich dir der Neihe nach zuzählen will! Nimm deinen ganzen Verstand zusammen, und gieb Acht! Sage ihnen erst insgemein, daß mir der Vorfall, der mir Arrest zugezogen, von Herzen Leid thäte; daß ich aber erbötig wäre; ihn auf alle Art – vergiß diesen Ausdruck nicht, denn er ist hier von Bedeutung – wieder gut zu machen. Ueberreiche sodann dem Herrn Propste die Liste der verbrannten Bücher! Erkläre ihm, daß ich sie nach der Taxe bezahlen, und auch noch etwas für die beschädigten Bände zulegen woll te. – Dem Prokurator mache verständlich, daß ich ihm willig die Versäumniß vergüten würde, an der ich schuld sei. – Die alte Tante bitte in meinem Namen auf das demüthigste um Verzeihung wegen meines übereilten Betragens gegen sie – und der frommen Klara versichere, daß ich, für das Aergerniß, das ich ihr gegeben, auf dem Altare der heiligen Cäcilia zwei Wachskerzen zu stiften gedächte, und es ihr überließe, die Größe und Schwere davon selbst zu bestimmen – daß ich bereit sei, diese Anerbietungen noch diesen Abend, in Erfüllung zu bringen, und dagegen erwarte, daß die hohe Versammlung meine Abreise morgen mit dem frühesten – oder auch diese Nacht, nicht weiter erschweren würde.« – Nicht wahr, Eduard, das war ein übertriebenes Gebot? – Ich fühlte es selbst recht gut als ich es that; aber, bei Gott! ich fühlte auch, daß ich mich zu noch größern Aufopferungen verstehen könnte, um nur aus einer Gefangenschaft zu kommen, die ich für die dümmste hielt, in die wohl noch je ein ehrlicher Mann gerieth. Ich will gern, dachte ich, diese unberechnete Ausgabe auf einer andern Seite wieder ersparen, und ließ Bastian gehen, ohne daß ich es über mich gewinnen konnte nur einen Heller davon zurück zu handeln. Du wirst sehen, daß ich nichts bei meiner Freigebigkeit verlor.

Nach einer guten Viertelstunde trat Bastian vor meinen Lehnstuhl, auf dem mich ein leichter Schlaf gefesselt hatte. – Er räusperte sich, und ich erwachte. – »Nun,« fragte ich, »sind die Pferde schon angespannt?« – »Noch nicht,« antwortete der arme Schelm, und die Thränen traten ihm in die Augen. – »Was ist dir, Bastian?« fuhr ich hastig auf. – »Ach, mein Herr,« stockte er, »die Versammlung hat Ihre Friedensvorschläge – nicht angenommen.« [241] – »Nicht angenommen, sagst du?« erwiederte ich, und blickte ihm halb wüthend in das Gesicht. »So erzähle mir denn!« – »Sie werden sehen, lieber Herr,« fuhr Bastian fort, »daß ich alles in der Welt gethan habe, was in so einer verwickelten Sache möglich war; aber wir haben mit Felsenherzen zu thun. Ich pochte an – die Tante, die mir aufmachte, ward roth, wie ein Ziegelstein, als sie meiner ansichtig ward. Ich machte ihnen allen meine tiefste Verbeugung – wendete mich mit meinem Auftrage zuerst an den Propst, der, einem großen Spiegel gegen über, auf einem Sopha saß von hellgelbem Atlas, mit – wenn ich mich nicht irre – mit Lillastreifen und weißen Franzen behängt« – »O, halte dich damit nicht auf,« unterbrach ich ihn, »ich weiß schon, wo er steht, und wie er aussieht.« – »Dann drehte ich mich mit meiner Rede nach dem Prokurator – von ihm nach der Tante, und endigte sie endlich bei Klärchen, und – erwartete meinen Bescheid. Wie denken Sie daß er ausfiel? Erschrecken Sie nur nicht zu sehr, mein bester Herr; aber es ist meine Schuldigkeit Ihnen klaren Wein einzuschenken.« – »Das thue nur bald,« sagte ich lachend »sonst möchten dir deine Freunde draußen keinen mehr übrig lassen.« – Der Wink that seine Wirkung. »Der Propst,« fuhr jetzt mein wortreicher Gesandter weit gedrungener fort, »nahm zuerst das Wort, mit so vieler Würde, daß ich selbst vor ihm zittern mußte. Ist es begreiflich, fuhr er mich an, daß ein Mann, der sich solcher Verbrechen bewußt ist als Sein Herr, es wagen kann, der Gerechtigkeit mit so nichtigen Anerbietungen unter die Augen zu treten? und daß auch Er, mein Freund, der in der reinen Lehre erzogen und geboren ist, sich nicht scheut, solche Anträge zu übernehmen? Fällt denn nicht schon durch die schwarze That selbst, die Sein Herr beging, sein Eigenthum, so groß es auch seyn mag, dem geistlichen Fiskus anheim? und seine Richter sollten sich herablassen, mit ihm über seine Bestrafung zu handeln? O, wir wollen schon sorgen, daß sie exemplarisch ausfallen soll. Er hat nicht nur die Gastfreiheit unsers Landes auf das undankbarste erwiedert – nicht nur einen Kirchenraub an den Schätzen der frommen Stiftung begangen, die ihm Schutz gab; nein! er [242] hat selbst die Werkzeuge auf das treuloseste vernichtet, die unsere gottseligen Vorfahren zur Ausbreitung der Religion und Tugend diesem Hause übergaben. – Er hat – schrie der Prokurator mit einer sehr gelehrten Miene darein, ärger und verabscheuungswürdiger als Herostratus gehandelt: denn jener verbrannte nur den Götzentempel einer Diana; er aber hat das Lehrgebäude unsers heiligen Glaubens, im Bunde mit dem Satanas, zu Asche verwandelt. – Er hat mich – er hat Gott gelästert, krähete die alte Bertilia. – Er hat alle Heiligen beschimpft, tönte Klärchen. – Solche Gräuelthaten, übernahm ihr Nachbar, der Propst, das Wort, lassen sich nicht mit Gold und Silber verbüßen. – Mit Freuden will ich ihn brennen sehen, sagte die Alte. – Und auch ich will keine Thräne dabei vergießen, stimmte die Nichte bei. – Morgen, donnerte der Prokurator, soll es Sein unwürdiger Herr schon erfahren, mit wem er zu thun hat. – Meine Klagrede ist bald fertig – Schwer solles ihm werden darauf zu antworten. – –

Und nun tret' Er ab, mein Freund, rief mir der Propst mit einem so ernsthaften Winke zu, als ich nie wieder zu sehen verlange: Sage Er Seinem Herrn – denn heute ist er es noch – was Er gesehn und gehört hat. Der morgende Tag wird ihn das Weitere schon lehren.« – »Und was soll er mich lehren?« fragte ich mit verächtlichem Grimme, »was ich nicht heute schon weiß? daß dieses Winkelgericht aus den niedrigsten Heuchlern zusammen gesetzt ist, verworfener selbst als jene, die ich dem Rousseau geopfert habe. Ich biete ihnen Trotz! Bin ich nicht ein Unterthan Friedrichs des Großen und Weisen? Auch in der Entfernung von ihm, wird sein Name mich schützen. Und du, mein guter Bastian, bekümmere dich meinetwegen nur nicht! Du sollst hoffentlich länger in meinem Dienste bleiben, als dir der Schwarzkünstler gedroht hat. Trinke jetzt ruhig den Wein aus, von dem ich dich abgerufen habe, und laß auch den armen Soldaten nichts abgehen! Du hast doch ein Abendessen für sie bestellt? – Nun gut! So laßt es euch bei meiner Gefangenschaft wohl schmecken. Ich verlange heute nichts weiter von dir, als daß du mir Licht bringest, wenn es dunkel wird.« – Unter vier Augen kann ich Dir nun wohl sagen, [243] Eduard, daß mir nicht ganz so heroisch zu Muthe war, als ich mich gegen meinen beängstigten Bastian anstellte. Der Name meines Königs, so geltend er auch überall seyn mag, wird auf dieses Gesindel so wenig Eindruck machen, als auf die Bewohner des Feuerlandes. Kommst Du unter die Gewalt der Wilden, so werden sie Dich braten, und wenn Du auch preußischer Kammerherr wärest, oder Ritter vom schwarzen Adler. Nur unter civilistrten, aufgeklärten Völkern ist so etwas von Gewicht, und hat da schon manche Special-Inquisition von größern Verbrechern abgewendet als ich bin.

Ich hatte meinen Kopf, ganz schwer von diesen Betrachtungen, auf den Arm gestützt, und dachte meiner verdrießlichen Sache nicht ohne manche Besorgniß nach, als Bastian mit einem Gesichte herein trat, das mir nur zu gut bewies, daß sie draußen zu meinen Ehren wohl nicht den wohlfeilsten Wein trinken mochten, und mein ehrlicher Kerl vermutlich meine Goldbörse ohnehin für konfiscirt hielt. – »Mein Herr,« wendete er sich freundlich an mich, indem er mir Lichter aufsetzte, »Ihre Soldaten sind ganz von Ihnen eingenommen. Nicht ein Glas von den vier oder fünf Bouteillen, die ich aufgetragen habe, ist anders getrunken worden als auf Ihre Gesundheit. Zehnmal lieber, sagen sie, wollten sie für ihren Gefangenen ihr Leben daran setzen, als ein einzigesmal für ihren Kommandanten, der ihnen kaum so viel von ihrer Löhnung abgäbe, als nöthig sei, es zu fristen.« – »Warum,« antwortete ich gleichgültig darauf, »ließen sich die Narren unter solche Truppen anwerben?« – »Warum?« wiederholte Bastian. »O, das sollten Sie Sich wundershalber von den beiden unglücklichen Brüdern erzählen lassen. Es ist der Mühe werth, und kann Ihnen, mein Herr, ein großes Licht über den hiesigen Gerichtsgang aufstecken.« – »Nun das,« antwortete ich, »sollte mir nicht unangenehm seyn, Bastian!« – »Also darf ich sie herein schicken, mein Herr?« – »Meinetwegen! Habe ich doch ohnehin nichts zu versäumen.«

Sie traten herein, und brachten dießmal ein viel gescheidteres Ansehn mit, als da sie mir das Essen aufsetzten. Die Schminke des Wohlbehagens färbte ihre Wangen, und der Stillstand ihres [244] gewohnten Elends, den sie so unerwartet einmal in ihrem Dienstgeschäfte fanden, flimmerte so deutlich in ihren freundlichen Augen, daß ich mir nur um deßwillen kein Gewissen machen konnte, die Lauterkeit ihrer süßen Empfindungen zu trüben, weil ich zu gut aus eigener Erfahrung weiß, daß nichts so sehr den Genuß eines frohen Augenblicks erhöht, als die Uebersicht unsers überstandenen Unglücks. Denn, wie der Mensch ist! anstatt finsterer Beweise für die Zukunft, zieht er viel eher angenehme Fehlschlüsse auf bessere Zeiten daraus, und das Gefühl eines wirklich erlebten glücklichen Tags macht ihm die Möglichkeit vieler künftigen nur gar zu wahrscheinlich. Glückliche Blindheit, die in der weit ausgespannten, Finsterniß nur die hellen Punkte entdeckt und vereinigt, die einzeln, ach! sehr einzeln, aus ihr hervorstrahlen! – »Es ist euch auch, wie ich höre, nicht sonderlich in der Welt gegangen,« redete ich sie zutraulich an. »Setzt euch nieder, ihr guten Leute, und erzählt mir eure Geschichte! Vielleicht trägt sie etwas zu meiner eigenen Beruhigung bei, die ihr mir gewiß gern gönnen werdet.« – »O, ganz gewiß, bester Herr,« nahm der eine das Wort. »Wir sind so gerührt von Ihrer Güte! Seit sechzehn Monaten war es heute das erstemal, daß wir uns satt aßen, und einige Tropfen Wein über die Zunge brachten und was für ein Wein – großer Gott! Ehemals fehlte es uns an nichts, wir waren dick und fett; aber die Geistlichkeit, Gott vergelte es ihr, hat uns mager gemacht.« – »Das sieht ihr gleich,« konnte ich mich aus Bitterkeit gegen den Propst nicht enthalten mit spöttelndem Tone hinzu zu setzen. »Von allen Verwandlungen, die jene Diener des Altars täglich und stündlich vor unsern Augen vornehmen, gelingt ihnen diese immer am besten. Doch wie versaht ihr es denn, ihr guten Leute, daß ihr in ihre Hände geriethet?« – »Wenn Sie Zeit und Lust haben meiner Erzählung zu folgen,« antwortete der Grenadier, »so hoffe ich Ihnen den Zusammenhang unseres Unglücks auf das anschaulichste darzustellen. Wir sind zwei Brüder, aus der Vorstadt. Unsere Aeltern und Vorältern waren Weber. Sie hinterließen uns, ich gestehe es, ein Handwerk, das auch uns würde ernährt haben; und so hätten wir denn ganz friedlich und schiedlich durch die Welt [245] schleichen können, wie sie. – Aber wir fühlten einen unwiderstehlichen Drang nach höhern Dingen – setzten unsere Erbschaft ins Geld – warben junge flinke Bursche und Dirnen, die so dachten wie wir, und stellten uns an die Spitze einer Bande – Schauspieler.«

Ich kann Dir nicht sagen, lieber Eduard, wie diese unbedeutende Nachricht mir doch ganz sonderbar auf das Herz fiel. War es nicht eine der drolligsten Gaukeleien des Schicksals, daß es mir in derselben Stunde, wo mir eine so heiße Sehnsucht nach der Komödie ankam, wie ich Dir an Ort und Stelle gesagt habe, auf einmal einen abgedankten Theater-Direktor unter die Augen stellte? »Du darfst ja nur,« spaßte ich mit mir selbst, »ihn auf diesen Abend engagiren, so kannst du dein Lüstchen vielleicht so gut stillen, als wenn du in Berlin wärest.« Beinahe ist Ernst aus meinem Spaße geworden. Mir ist wenigstens alleweile nicht schlimmer zu Muthe, als wenn ich eben von einem Privattheater zurück käme.

»Stolze, glückliche Zeiten!« fuhr der Akteur jetzt in einer edeln Deklamation fort. »Wenn wir,« hier kehrte er sich mit einer anständigen Bewegung der Hand gegen seinen Bruder, »den Tag über Könige und Feldherrn gespielt hatten, waren wir jeden Abend im Stande unsere Zeche zu bezahlen – blieben unserm Hofe – unserm Militär und unserm Zettelträger nichts schuldig, und gingen als ehrliche Leute zu Bette. Das dauerte ein volles Jahr. Aber hören Sie weiter, mein Herr! Einst führten wir an der Gränze des Landes – zu Cavaillon, wo wir den Tag vorher mit unserer Truppe angelangt waren, ein ausländisches Drama auf – Faust – den Doktor, wie er vom Teufel geholt wird. Und aus der Oekonomie dieses Stücks, sollten Sie es glauben, mein Herr? hat sich nachher alles unser Unglück entsponnen. – Wir hatten unsere Bühne in dem Wirthshause zum Propheten, auf einem sehr großen Saale des Hintergebäudes aufgeschlagen, der aber dennoch gedrängt voll war, als wir den Vorhang aufzogen. Mein guter Bruder stellte den bösen Feind vor, sah fürchterlich aus, und brüllte, nach der Schrift, wie ein Löwe. Da aber jedermann wußte, [246] daß es nur Verkleidung war, so fand das Stück einen so lauten, weit um sich greifenden Beifall, daß wir eine Stunde nachher – eine Sache, die in den Annalen der Schauspielkunst unerhört ist – es vor einer noch verstärkten Versammlung wiederholen mußten. Freilich griff es uns an, und mein Bruder spie Blut; aber dafür hatten wir auch eine doppelte Einnahme. Das Spiel dauerte bis nach Mitternacht, und die Zuschauer gingen höchst vergnügt aus einander. Wer hätte sich einbilden sollen, daß der Teufel, während wir ihn in seiner Herrlichkeit vorstellten, uns den boshaftesten Streich spielen würde, den er je ausgeführt hat? Gegen mich und die Meinigen hätte er wenigstens kein ärgeres Bubenstück ausdenken können. Wir waren so abgespannt und schläfrig, daß wir kaum die Lichter ausgeputzt hatten, ausgenommen das Endchen, mit welchem mein Bruder uns vorleuchtete, so trabten wir auch schon über den langen Gang unserer Schlafkammer zu. Nun hatte aber der gewinnsüchtige Wirth in unserer Abwesenheit zwo andere Personen in derselben Kammer aufgenommen, ohne ihnen über uns Bescheid zu sagen, anstatt sie, wie er ehrlicher würde gethan haben, in ein anderes Gasthaus zu weisen, da in dem seinigen keine Stube mehr leer war. –

Aber gut genug! es war ohne unser Wissen geschehen; uns ahndete nichts böses, und wir traten ein. Mein Bruder, das Stümpfchen Licht in der Hand, lief gerade nach seinem Bette, zog die Vorhänge zurück, und das Unglück war geschehen. Der fremde Herr, der darin lag – Heiliger Anton! was für ein Schrecken überfiel ihn, als er aufwachte, und diese Höllenfigur vor sich stehen sah! Er verfiel in ein Angstgeheul, wodurch in dem gleich anstoßenden Bette eine andere Figur erweckt wurde, die, gleich einer Venus die noch nicht ausgemalt ist, schon damals nicht weniger versprach, als sie nachher gehalten hat, wie Sie am besten wissen werden, mein Herr..« – »Wie denn ich?« fragte ich voll Verwunderung. – »Weil es,« antwortete der Grenadier, »niemand anders war, als – die Mamsell hier im Hause.« – »Träumt ihr, Freund?« unterbrach ich den Soldaten, »oder faselt ihr?« – »Nichts weniger,« erwiederte er sehr bestimmt. – »Besinnt euch,« fuhr ich auf ihn [247] zu; »denkt nur, welche schöne Zeit müßte das nicht her seyn!« – »Das ist,« besann sich der Erzähler, »mit Ende dieser Woche, ein und zwanzig völlige Monate.« – »Und da schon,« warf ich ein, »sollte die schöne, fromme, unmündige Klara.. Das ist nicht möglich.« – »So möglich,« versetzte der Grenadier, und hob die Hand wie zum Schwur in die Höhe, »daß es selbst mein Bette war, aus dem sie, ich will Ihnen nicht sagen wie schlank und artig heraus fuhr, und sich entweder aus Furcht oder Bescheidenheit unter die Decke ihres zitternden Nachbars flüchtete. Welcher Sturm des Ungefährs übrigens sie in diese Kammer – in das Bette eines Komödianten, und unter den Wendezirkel des Domherrn verschlagen hatte, mag Gott wissen.« – »Was für eines Domherrn?« fragte ich hastig. – »Er heißt,« antwortete mir der Soldat ganz, gelassen – »Ducliquet, und lebt hier in dem größten Ansehen.« –

Nun du barmherziger Gott! murmelte ich in den Bart, so habe ich mir denn nicht vorzuwerfen, die Geheimnisse deiner Heiligen zuerst aufgedeckt, und die Ruhe ihrer Unschuld gestört zu haben. Noch vor Erfüllung der Zeit, noch vor Erschaffung ihres schwellenden Busens – lag sie schon dem Verehrer ihrer Patronin – lag sie herzhaft dem Manne zur Seite, vor dem wohl jeder Christin, die auf den Namen der heiligen Klara getauft ist, ganz besonders bange seyn sollte. Nun läßt sich schon eher begreifen, warum sie die berühmte Stelle in der Legende ihrer Seelenschwester so nachdenkend überlas. Von jener Schreckensnacht in dem Propheten zu Cavaillon her mag sie wohl die alte Geschichte datiren, von der sie mir sagte, sie sei ihr unter andern Nebenumständen erzählt worden. Ach! diese Nebenumstände! Was gäb' ich für die Menschenkenntniß darum, wenn ich sie wüßte! Wie gut würden sie mir vielleicht die Schwärmerei des Domherrn für die heiligen Steine erklären, die seinen schwachen Kopf fast mehr, als der Stein der Weisen das Gehirn eines Adepten, verrücken! O der Unschuldigen, die erst von den Kasuisten erfahren mußte, was in der Liebe Rechtens ist! O der jungfräulichen Hand, die über die abartige Bildung des schlafenden Engels so scheu ward! und o des Thoren, der nur einen Augenblick über die fromme Unwissenheit eines solchen [248] Mädchens nachgrübeln konnte! – »Doch, guter Freund, fahre in deiner Erzählung nur fort,« unterbrach ich endlich meine kleinlauten Betrachtungen, und verdoppelte meine Aufmerksamkeit. – »Hätte das Geschrei dieser beiden,« hub der Grenadier wieder an, »die halbe Stadt in Aufruhr gebracht, es wäre kein Wunder gewesen. Umsonst stellten wir uns alle, wie wir waren, theilnehmend um ihre Lagerstatt her, suchten ihnen begreiflich zu machen, daß wir nicht mehr und weniger Teufel wären wie sie – daß diese Kammer unsere tägliche Wohnung, und unser fürchterliches Ansehen nur ein Theaterkleid sei. Todtenblaß blieben sie immerfort einander in den Armen liegen, kreuzigten und segneten sich, als sie die Augen aufschlugen, und wurden auch ihrer fünf Sinne nicht eher mächtig, als bis Doktor Faust und der Teufel mit jedem ein Vaterunser gebetet hatten. Sobald mein Bruder sein Schlangenhaar an den Nagel gehängt, seine Pferdefüße abgeschnallt, die Hörner, die seinen Kopf fürchterlich zierten, neben dem Bette des Domherrn niedergelegt, und vor den Augen des blinzelnden Mädchens seinen langen Schweif zusammen gerollt und in die Tasche gesteckt hatte, und nun der Angstschweiß dem Prälaten zu trocknen begann, so kehrte auch schon die natürliche Würde seines Charakters zurück. Er hätte uns gern unser sündliches Leben in einer langweiligen Predigt an das Herz gelegt, wäre ihm nicht selbst mehr damit gedient gewesen, uns von unserm Bette zu verjagen als uns einzuschläfern. Sonach hielt er es für das sicherste, uns durch sein Ansehen in Furcht zu setzen, nannte uns seinen Namen und Stand, bedrohte uns mit der Inquisition, die wir als Masken der Hölle verdienten, und war in kurzem sogar, hätten Sie das erwartet, mein Herr? gefaßt genug, mich zu fragen, ob das Kind, das sich in sein Bette versteckt hätte, mit zu unserer Bande gehöre? So sehr wir auch Komödianten waren, so erschraken wir doch alle über die Miene der Wahrheit, mit der er seine Frage vorbrachte. Wir sahen einander an, wußten nicht was wir antworten sollten, und beriefen uns voller Verwirrung auf die Aussage der kleinen Schönen, die indeß aber unter seinem Bette vor in das ihrige wieder zurück gekrochen war, und keine Lust bezeigte, sich in unsere Rechtfertigung [249] zu mengen. Wir brachen sie auch selbst bald genug ab, hielten es für das klügste, den beiden Pilgern unsere Schlafstellen in gutem zu überlassen, und suchten uns zu behelfen wie es anging. –

Mit Tages Anbruch waren sie aus unserer Kammer geschlichen, und in einer Chaise auf und davon gefahren, ohne sich zu bekümmern, was wir davon denken würden. Der Wirth, den wir zur Rede setzten, entschuldigte seine doppelte Einnahme für unsere Kammer, mit unserer doppelten Einnahme auf seinem Saale; der ganze schnakische Handel wurde eine Weile belacht, und bald hernach vergessen. Wir spielten in der dortigen Gegend, so lange sich noch Zuschauer einfanden, und gingen einige Wochen nachher, in der schönsten Erwartung auf Einnahme und Ruhm, nach unserm Avignon zurück. Aber, wie der tragische Dichter sehr geistreich sagt:


Du schlenderst an der Hand der Hoffnung, dem Gesang

Des Glücks unwissend nach, daß dich sein Blumengang

In Labyrinthe führt, wo hungrig Minotauren,

Im Dienst der Grausamkeit, auf deine Ankunft lauren.«


– »Deine Verse in Ehren,« unterbrach ich hier den Akteur; »sie mögen so wohlklingend seyn als sie wollen, so ist mir doch jetzt mehr um deine Geschichte zu thun, als um die erhabenen Maximen, die ein kluger Kopf daraus kochen kann. Laß sie lieber in deiner Erzählung weg, und sage mir in einfältiger Prosa, in welche Labyrinthe und unter was für Minotauren du gerathen bist.« – »So wissen Sie denn, mein Herr,« fuhr der Grenadier fort, »daß wir kaum den andern Morgen unsere Garderobe ausgepackt hatten, als ich und mein Bruder von dem geistlichen Gerichte freundlich beschickt und eingeladen wurden, vor ihm zu erscheinen. Was haben wir doch, dachte ich flüchtig, mit diesen Herren zu theilen? und wir erschienen mit dem ruhigsten Herzen vor ihren Schranken. Aber ach, unser Muth dauerte nicht lange. Was will die Unschuld eines Komödianten vor einem Tribunale bedeuten, das aus Leuten zusammen gesetzt ist, die nie an gute Absicht glauben, aus Achtung für die Unwissenheit alle freie Künste verfolgen, und immer und ewig vom Brodneide gegen unser Handwerk gedrängt werden! Der Vorsitzende legte uns eine Anklage des[250] furchtsamen Domherrn vor, die uns als Landstreicher schilderte, und das Schrecken, das wir ihm nächtlicher Weile eingejagt hatten, für nichts geringeres als einen öffentlichen Friedensbruch und als den boshaftesten Eingriff in die Geheimnisse unserer geheiligten Religion erklärte. Alle unsere gegründeten Einwendungen dagegen wurden verworfen, man glaubte dem Domherrn mehr als den Komödianten, und unsere Muthmaßung über Klärchens Nachbarschaft an seinem Bette brachte vollends seine Herren Kollegen so wider uns auf, daß sie alle, keinen ausgenommen, auf die Verabschiedung und Trennung unserer Truppe zusammen stimmten, und uns mit dem kurzen Bescheid entließen, nie wieder mit lebendigen Personen zu spielen. – Wir schlichen belastet von unserm Unglücke nach Hause, dem Sturme entgegen, der jetzt unter unserer Gesellschaft entstand, als wir wie Gespenster unter sie traten, und ihr den Ausspruch ihrer Vernichtung bekannt machten. Das schreckliche Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag auf alle. Mein alter zitternder Dekorateur malte eben an einer Morgenröthe. Der Pinsel entschlüpfte seiner gelähmten Hand, und fiel gerade auf die Schürze der Anatme, die neben ihm saß, und ihrem Theseus die Halbstiefeln putzte. Zwei von meinen Grazien, die diesen Abend zum erstenmale in dem Nachspiele auftreten sollten, ließen den Schleier fallen, um den sie sich zankten, und die dritte sprang wie eine Furie hinter dem Verschlage vor, wo sie sich anzog, und überfiel meinen armen Bruder, dessen gottlose Maske sie als die einzige Ursache unsers allgemeinen Unfalls ansah, und worin sie auch nicht ganz Unrecht hatte. Ich trat dazwischen, gebot Ruhe, und ersetzte meine verlorne Gewalt über die Gesellschaft, durch eine derbe Beredsamkeit. Den Damen legte ich ihren zweideutigen Ruf nahe an das Herz, und ermahnte sie brüderlich, die Geistlichkeit nicht noch mehr wider ihr weltliches Leben aufzubringen, und wohl gar noch, bei zunehmenden Jahren, in die Exkommunikation zu fallen. Meine Helden beruhigte ich durch einige glückliche Tiraden aus unsern Trauerspielen über die Würde der Standhaftigkeit im Unglück, und empfahl allen, die mancherlei Erfahrungen nun auch zu nützen, welche sie unter meiner Leitung erlangt hätten. Der Kleinmuth [251] verlor sich nach und nach auf ihren geschminkten Gesichtern, der Trieb der Selbsterhaltung erwachte, und mein guter Rath wurde befolgt. Die eine von meinen Grazien vermiethete sich noch diesen Abend, die andere sieben Wochen später, als Amme, die dritte ward – um sich, glaube ich, an dem geistlichen Tribunale zu rächen – Ausgeberin bei dem Präsidenten. Meinen ersten Akteur brachte seine Baßstimme in's Chor. Mein Dekorateur malt jetzt Altäre und Kapellen. Ariadne hat eine kleine Wirtschaft angelegt, und findet ihr Conto so gut dabei, als die alte Dame neben an. Meinen Theseus müssen Sie oft gesehen haben, mein Herr! Er trägt die kleinen Pasteten zum Frühstück umher, die, wie man sagt, vortrefflich sind; denn der Undankbare hat seinem alten Direktor nie eine zu kosten gegeben. Ich wüßte mit Einem Worte keines von meiner Gesellschaft, für das die Vorsehung nicht augenscheinlich gesorgt hätte. Auch für uns beide Brüder sorgte sie, die doch in diesem Tumulte am meisten verloren. Da uns der verhaßte Bescheid verbot, mit lebenden Personen zu spielen, so fanden wir in dieser Klausel selbst den besten Wink für unsern wahren Beruf. Wir schafften uns Drathpuppen an, und waren in kurzem im Stande mit einem recht gut besetzten Theater die Märkte zu beziehen. Als die Empfindung der falschen Schaam überwunden, und die erste Auslage verschmerzt war, befanden wir uns sogar selbst besser bei unsern Marionetten, als bei dem vorigen hochmüthigen Trotz. Wir hatten nun keinen Zank mehr unter unsern Heerführern zu schlichten. Jede Puppe war mit der Rolle zufrieden, zu der sie ihre Gelenke bestimmten. Sie schickten sich weit besser in den engen Kreis, den wir ihnen anwiesen, und stießen nicht an die Wolken, wie ich mich wohl erinnere, daß es sonst geschah, wenn meine Helden Sturmhauben, meine Göttinnen Federbüsche aufsetzten. Mit dem einzigen Anzüge des Perseus, den ich zerschnitt, konnte ich jetzt meine ganze Truppe bekleiden, und ich bekam zwei Vorhänge aus der Schürze, die der Ariadne zu kurz war. Die Mechanik unserer jetzigen Aktricen ward nicht so oft wandelbar wie bei den vorigen. Unsere Könige und Ritter lagen mit ihnen in Einem Kasten, ohne daß wir unangenehme Folgen [252] besorgen mußten, und, was das beste war, so hatten wir nicht nöthig unsern brüderlichen Gewinn mit unserer Gesellschaft zu theilen. Jetzt spielten wir den Doktor Faust, ohne daß ein Hahn darüber krähte; und da wir überall zu Lachen machten, und von dem Vornehmsten bis zu dem Geringsten Aufmunterung und Beifall erhielten, so glaubten wir endlich das blinde Schicksal eben so gewiß an dem Seuchen zu führen als unsere Puppen. Es ist, glaube ich, kein Mensch so klug, den nicht ein anhaltender Wohlstand zum Thoren macht. Er denkt immer an den Fortgang seines Glücks – nie an seinen Wechsel. Die traurigen Begebenheiten, über denen ich doch täglich schwebte, wenn ich sie auf meiner kleinen Schaubühne darstellte, wirkten am wenigsten zurück auf mich. Daß Belisar in dem ersten Akte, als Befehlshaber mit einem Ordensband behängt, einherstrotzte, und in demletzten, als ein Bettler mit einer Klingel umher ging, fiel mir gar nicht mehr auf. Ich sah den Nebukadnezar an seiner königlichen Tafel – und bald darauf Gras fressen wie ein Rind, ohne daß es mich rührte. Ich hielt mich zu erhaben über alle Zufälle, die ich andern zur Schau gab; vermuthlich weil ich sie, wie der Regierer der Welt, von oben herab sah und lenkte. Ich dachte, ich wär' es. So trieb ich mich in dem besten Einverständnisse mit meinem Bruder an die sechs Monate herum. Unser täglicher Ueberschuß häufte sich dergestalt, daß wir unsere Truppe bis zu fünfzig Stück – immer eins künstlicher gebaut als das andere – verstärkten, und nun die weitläuftigsten Historien vorzustellen im Stande waren. Aber auf einmal geschah der unerwartete Schlag, der dieses große kostbare und zusammenhängende Gebäude in seinen Grundpfeilern erschütterte und über den Haufen warf .... Warum lachen Sie, mein Herr? – Verwechseln Sie mich nicht, ich bitte Sie, mit einem gemeinen Puppenspieler, der seine Kunst wie ein Handwerk treibt, und nicht daran denkt, daß man auch hölzernen Figuren Gesinnungen in den Mund legen kann, die gerade auf das menschliche Herz wirken. Ich war, wie Sie mich hier sehen, der erste meines Standes, der einen schönen Geist besoldete – einen Metastasio in seine Dienste nahm, der unablässig für mein Theater arbeiten mußte, alte Waare [253] für das Bedürfniß der Zeit ausbesserte, und neue fertigte, die gegen die strengste Kritik sich aufrecht erhielt. Durch diese Einrichtung hätte vielleicht mein Puppenspiel endlich so viel zur Aufklärung beigetragen, als die königliche Schaubühne zu Paris. Aber weislich ließ es die hohe Klerisei nicht bis dahin kommen. Es war vor dem Jahre in der Weinlese, als wir das älteste Stück von allen die jemals gespielt wurden, aufführten, nur neu bearbeitet und in einem Modegewande. Wir hatten es bis zu dieser Epoche aufgehoben, wo das menschliche Herz, wie unser Theaterdichter sagte, besonders zum Gefühl des Großen und Erhabenen gestimmt sei. Unsere Zettel kündigten es von einer Ecke der Stadt bis zur an dern unter dem prächtigen Titel an: Das allgemeine Trauerspiel der Menschheit, oder das verlorne Paradies. Hatten wir gleich auf eine große Menge Zuschauer gerechnet, so übertraf der Zulauf doch unsere größte Erwartung. Als alle Himmelslichter angezündet waren, und der Vorhang nun aufflog, gerieth die Versammlung in einen so lärmenden Beifall, daß durch die Erschütterung, die es verursachte, ein Stern der ersten Größe vom Horizonte herab fiel. Indem trat ich als Prologus auf – winkte mit der Hand, und es war rührend anzusehen, wie augenblicklich dieser unbändige Tumult in die tiefste Stille überging. Meine Anrede an das Publikum enthielt, wie bei den Schauspielen der Griechen und Römer, den ganzen Plan des Stücks, und war so gut gearbeitet und darstellend, daß es Ihnen seyn würde, mein Herr, als hätten Sie mit, in dem Parterr gesessen, wenn es Ihnen gefällig wäre sie anzuhören. Ich weiß sie noch so auswendig als damals; denn, ob sie mich gleich und die Meinigen in Kummer und Elend gestürzt, und ihren poetischen Verfasser genöthigt hat landflüchtig zu werden, so kann ich doch einmal das schnakische Ding nicht vergessen, und recitire es oft mir selbst vor, und gemeiniglich um so viel pathetischer, je weniger ich vor Hunger weiß was ich anfangen soll. Heute, hoffe ich, wird es noch besser gehn, da ich ein gutes Souper in der Aussicht habe. Darf ich, mein Herr?« – »Ganz gern, lieber Grenadier,« antwortete ich, und setzte mich in meinem Lehnstuhle zurechte. –

[254] Ich versichere Dich, Eduard, der Mann beschämte in diesem Augenblicke unsere berühmtesten Akteurs; denn kaum hatte er seine Mütze abgenommen und sein rostiges Gewehr, das ihm während seiner Erzählung noch immer im Arme lag, in die Ecke gelehnt, so befeuerten sich seine Augen, und der Drang des Genies zitterte auf seinen Lippen. Er trat in einer edeln Stellung mir gegenüber, und es herrschte eine Würde auf seinem Gesichte, die mit der Arbeit seines Dichters sonderbar abstach. »Ich bin,« deklamirte er, mit langsamer, ernster, und besonders mit der sonorischsten Stimme, ohne die selbst das schönste Gedicht keinen Eindruck auf unser Herz macht,


»Ich bin der Prologus. Hört an,

Wie Gott der Herr die Welt begann.

Denkt ihr, daß er mit Einem Ruf

Dem Chaos Ordnung anerschuf,

So denn ihr falsch – so macht ihr euch,

Wohlweise Herrn, dem Pöbel gleich.

Noch immer braußt es. Gift und Schaum

Durchströmt die Zeit, verschlammt den Raum;

So viel es dessen sich entlud,

Steht es noch immerfort in Sud;

Unförmlich, wie es Anfangs war,

Schäumt es nicht aus und wird nicht klar.

Denn, wie auf einem Feuerherd

Ein Topf voll Spülicht kocht und gährt,

Daß alles wild und unbestimmt

Bald abwärts fährt, bald oben schwimmt,

So treibt das heut'ge Sekulum

Das morgende mit sich herum;

Die Wasserblase, die gebläht

Sich jetzt am Rand des Topfes dreht,

Und Farben strahlt, zerplatzt und sinkt

Von ihrer Höh' herab und – stinkt.

Nachdem sich hier ein Element

Der Fäulniß von dem Ganzen trennt,

Und sich, wie es dem Zufall g'nügt,

An einen andern Unrath fügt,

Entstehn Systeme und entstehn

Beweise, die in Rauch vergehn;

Der alte Irrthum sinkt und schnellt

Bald einen neuen in die Welt,

[255]

Daß alles durch einander irrt,

Der Maulwurf ein Gesalbter wird,

Und oft der Wirbel einer Nacht

Den Narren zum Propheten macht.

Mischt Faulheit sich und Heuchelei

Mit Unvernunft in Einen Brei,

So stößt die Gährung mit Gebraus

Konvente von Geweihten aus,

Wie die Chymisten Tinte ziehn

Aus Salz, Galläpfeln und Urin;

Aus ähnlicher Mixtur entstand

Papst Bonifaz und Hildebrand.

Da Gott der Herr in Gloria

Von fern schon diesen Gräuel sah,

Warum zermalmt' er nicht den Topf

Auf ewig, sammt dem ersten Tropf,

Der an dem Boden lag, noch eh'

Er seinen zweiten spaltete?

Doch da's dem Schöpfer nicht gefiel,

So stell' euch unser Puppenspiel

Die erste Menschenthorheit dar,

Die in's Unendliche gebar:


Im ersten Aufzug sollt ihr sehn

Sich Sonn' und Mond im Kreise drehn,

Und fünkeln ohne Maß und Zahl

Die lieben Sternlein allzumal:

Zwar bleibt noch, bis zur Wiederkehr

Des andern Tag's, die Erde leer;

Doch währt's ein Vaterunser kaum,

So schwindet auch der leere Raum.


Ein zweiter Vorhang öffnet euch

Das Thierreich und das Pflanzenreich,

Wo mit dem schnellsten Uebergang,

Bei Wolfsgeheul und Vogelsang,

Sich Berg und Thal mit Grün umzieht,

Der Giftstrauch bei der Rose blüht,

Der Tiger ohne Trug und List

Des ersten Schafes Freund noch ist,

Und über alles ausgeziert

Die Schlang' aus Hörn sich distinguirt.

Und seid ihr dieses Anblicks satt,

Tritt Adam ohne Feigenblatt


[256]

Im dritten Aufzug auf, gelehnt,

Am nächsten Apfelbaum, und gähnt;

Und weil er weder wie noch wann –

Woher – wohin – begreifen kann,

Weiß er auch weiter nichts zu thun

Von der Erschaffung auszuruhn,

Als er geht hin und strecket sich

Zum erstenmale – königlich

In's Gras – versucht's und macht sich blind

Für Erd' und Himmel, und ersinnt

Das Glück der Menschen – wie bekannt –

Von allen Zungen Schlaf genannt.

Doch bald drauf schwebt von ungefähr

Gott über das Theater her,

Blickt um sich, und erblickt, wie tief

Der schläft, den er zum Leben rief,

Und steigt herab – sinnt – und erschafft

Der Ruhe schönste Gegenkraft.

Aus Adams Rippen steigt ein Weib

Von weißer Haut und schlankem Leib,

Die erste Jungfer! – die's auch blieb,

Bis sich ihr Herr die Augen rieb.

Sie sehn sich – werden Frau und Mann,

Wie's die Mechanik wünschen kann.

Doch dauert ach! nur kurze Zeit

Der Flitterwochen Herrlichkeit.

Der böse Feind der sie so gern

Zu stören sucht, lauscht schon non fern

Nimmt die Gelegenheit in Acht,

Die er verschläft und sie – bewacht,

Fährt in die Schlange, die gewandt

Geschlichen kommt, wie ein Amant

Sich schmiegt und biegt, und sich verlängt,

Bis sie an Evens Lippen hängt.

Sie – die nicht weiß, was ihr wohl wißt,

Daß sie in ihr den Teufel küßt,

Freut sich, daß sie der Schmeichelei

Auch eines Thieres würdig sei,

Das, wie sie's kennen lernt, den Mann,

So oft er schläft, ersetzen kann,

Und sucht und treibt es, bis zuletzt

Die Schlange ganz den Mann ersetzt,

Und macht, daß wir von Kind zu Kind

[257]

Des bösen Feinds Bastarden sind.


Der gute Mann, der neu gestärkt,

Erwacht, und keinen Unrath merkt,

Sucht seine Gattin halb im Traum,

Und trifft sie an am Lebensbaum,

Und, ohne Skrupel und Verdacht,

Was ihr die Schlange weiß gemacht,

Nimmt er, uneingedenk der Pflicht,

Den Apfel, den sie eben bricht.

Aus ihrer Hand – dankt und beißt an,

Wie Moses uns hat kund gethan.

Doch kaum daß er von dannen geht,

Findt er schon alles umgedreht:

Der Himmel scheint ihm schwarz gewölbt,

Sein schönes Weib scheint ihm vergelbt,

Erschlafft ihr junger Busen – und

Zu weit und groß ihr Rosenmund.

Der Löwe brüllt mit Ungestüm

Ihm nach, kein Hase läuft vor ihm,

Die ganze Schöpfung lacht ihn aus,

Vom Elephanten bis zur Maus.

Und muthlos, nackenb, roth vor Scham,

Die wie ein Frost sie übernahm,

Erborgen sie – unüberlegt,

Von einem Baum, der Feigen trägt,

Sich Blätter, und bedecken sich

Zur Hälfte kaum, gar kümmerlich.


Und Gott der Schöpfer ruft ihm zu:

Was thust du Adam, wo bist du?

Er horcht und kratzt sich hinterm Ohr,

Schleicht stumm mit seiner Frau hervor,

Die, ungewiß ob Gott auch sah,

Was sie gethan und ihr geschah,

Mit aller Last der ersten Scham

Vor's geistliche Gerichte kam.

In seinen Blicken Zorn und Spott,

O, ihr Gefallenen! rief Gott,

Warum erscheint ihr so verblüfft?

Was – Adam! Hast du angestift?

Benahm ein Apfel aus der Hand

Des Weibes dir schon den Verstand,

Wie wirst du wissen, was du thust,

Wenn du an ihrem Busen ruhst,

[258]

Geschmeichelt und berauscht durch sie

Von Lieb' und Wein und Harmonie?

Und dir, Frau Eva – noch so jung!

Dir war Ein Mann noch nicht genung?

Selbst hier, wo es nur Einen giebt,

Und der dich wie ein Riese liebt?

Wie sollen denn, stellt einst der Lauf

Der Zeit und Welt mehr Männer auf.

Sich deine armen Töchter bloß

An Einen halten – halb so groß,

In keinem Stücke halb so rar

Und neu, als es dir Adam war?

Was stehst du da und blickst mir grob

In das Gesicht, und thust, als ob

Für Weiberherzen einerlei

Ein Mann und eine Schlange sei?

Gehorsam merk' ich, Ehr' und Pflicht

Ist euer beiden Sache nicht.

Gut! Eure Strafe steht bereit,

Und breite sich in Ewigkeit

Von Eh zu Eh, von Haus zu Haus,

Auf eure Söhn' und Töchter aus.

Merkt auf! Die Frau soll ewig ein

Abhängiges Geschöpfe seyn,

Von allen Wirbeln der Natur,

Vom Mond – vom Mann – von seiner Uhr,

Von seiner Laun', es wäre dann

Sie launiger als selbst ihr Mann.

Das Feigenblatt, das wie du meinst,

So schön dir läßt, weck' auf dereinst

Den Drang, der deine Töchter toll

Auf neue Moden machen soll!

Selbst unter Muselin und Flor

Tret' Eva's Lüsternheit hervor,

Den Busen zehnfach eingeschnürt,

Gescheh' ihm doch was ihm gebührt,

Und jede bleib' an Seel und Leib,

Was du verstecken willst – ein Weib!


Und nun zum Mann! der sich das Haupt

Des Weibes und der Erde glaubt,

Wenn schon die Mücke, die ihn sticht,

Dem plumpen Irrthum widerspricht,

Der, wenn er Korn und Weizen sät,

[259]

Nur Stroh dafür und Disteln mäht,

Und immer, zehne gegen Eins!

Nur Essig ziehet statt des Weins.

So lang' er kann, dünk' er sich frei,

Und Herr, selbst in der Sklaverei,

Und mach' in seinem Dünkel sich

Vor Erd' und Himmel lächerlich!

Doch seine Hölle geh' erst an,

Wenn eine Frau und ihr Organ,

Ihr Trauungs- und ihr Wochenstaat

Sich seiner stillen Wirtschaft naht:

Wenn sie schon in der ersten Nacht

Ihm seine Herrschaft streitig macht,

Und sein Befehl sich, Kuß für Kuß,

Nach ihren Grillen schmiegen muß,

Und sie für Ein Recht das sie giebt

Zehn Forderungen unterschiebt,

Mit ihrer Schwachheit sie beschönt,

Und täglich immer weiter dehnt,

Bis ein verdoppeltes Geschrei

Ihm vorwirft, daß er Vater sei;

Indeß er im Kalender stört,

Ob auch der Gast ihm angehört,

Für den er jetzt Geleit und Zoll

Und Wegegeld entrichten soll.

Wenn dann sein Herz sich ausgespült

Und federleicht und müßig fühlt,

Und, alt und schwach und seiner satt,

Sein Weib ihn überwunden hat;

Dann fluch' er noch dem Apfelbiß,

Der ihm sein Paradies entriß;

Dann erst nehm' ihm ein ödes Grab

Den königlichen Zepter ab!


Und wie der Schöpfer sie verdammt,

Thut auch der Cherubin sein Amt;

Als wär's ein Bettler, heißt er ihn

Mit seiner Dirne weiter ziehn.

Und sie – des dummen Sündenfalls

Vermaledeiung auf dem Hals,

Sie schlendern nun, wie's Gott gefällt,

Aus Eden in die weite Welt,

Und lange Weile, Spott und Schmach

Folgt ihnen auf dem Fuße nach.

[260]

Und unter Blitz und Donner packt

Gott unser Herr, im vierten Akt,

Sein Gärtchen ein, und Nacht und Graus

Füllt das Gerüst des Himmels aus;

Die Bäume werden aufgerollt;

Das Reich der bunten Thiere trollt

Sich fort – des Ohrs und des Gesichts

Erlustigung fällt in ein Nichts;

Die Sonne, die so herrlich schien,

Verlischt, und Mond und Sterne fliehn.

Damit's nicht stinkt, wird vor dem Schluß

Geräuchert vom Epilogus.«


Kaum hörte sich der Epilogus nennen, so fiel er seinem Bruder, aus Furcht, er möchte seine poetische Rede in Prosa fortsetzen, hastig in das Wort, und überraschte mich nicht weniger durch die unerwartete Lebhaftigkeit, mit welcher auch Er von seinem militärischen Standorte ab, in das Feld seiner verlassenen Kunst überging. – »Sie werden an der Vorrede meines Bruders genug haben, mein Herr,« wendete er sich zu mir, »denn sie enthält alles, was durch unser Schauspiel nachher nur in Handlung gebracht wurde, und ich mag Sie mit meiner Nachrede nicht noch aufhalten. Auch ist es wahrlich weder diese noch jene, die den Umsturz unsers Theaters bewirkte. Sie mußten nur nachher der Ungerechtigkeit zum Vorwande dienen, die ein Heuchler, der in seiner eigenen Rolle gestört wurde, an uns, an der Schöpfung der Welt, und dem Stande der Unschuld beging. Hören Sie, mein Herr und erstaunen Sie! Ich hatte schon alle Reihen Bänke unsers Parterres durchgeräuchert, als ich in der hintersten, dunkelsten Ecke auf ein paar Zuschauer traf, die vermuthlich selbst keine verlangten; denn sie fuhren, aus aller Fassung gebracht, aus einander, als ich ihnen mit meinem Rauchfasse zu nahe kam. Es war ein junger Officier, und es war – – stellen Sie Sich meine Verlegenheit vor! – abermals das schöne Mädchen, das ich schon als Reisegefährtin des Herrn Ducliquet so unschuldiger Weise erschreckte. Ich sah es ihr an, daß sie in diesem Augenblicke sich mehr vorzuwerfen hatte als alle unsere Marionetten; und doch mußten diese schwerer als [261] sie für die Untreue büßen, die sie diesen Abend an ihrem Patron beging. Die damals verlornen Minuten des rachgierigen Domherrn liegen schwer auf uns, und werden uns drücken so lange wir noch in dieser Zeitlichkeit wallen.« – »Das wäre sehr Schade um deine ausgezeichneten Talente,« unterbrach ich den Grenadier: »Du bist Zu pathetischen Rollen wie geboren, und ich hoffe, daß der Druck nicht lange mehr dauern soll, der das Publikum um ein paar so treffliche Redner gebracht hat. – Doch davon ein andermal – Jetzt, fahre nur fort!«

Indem meldete Bastian, daß ihr Abendessen auf dem Tische stehe. Der Prologus setzte sich in Bewegung; aber der Epilogus, den mein Beifall noch mehr in Feuer gebracht hatte, bat seinen Bruder noch um einige Augenblicke Geduld, und wendete sich mit einem pragmatischen Uebergange wieder an mich. – »Es war immer noch ein glücklicher Zufall,« sagte er, »daß sich mir das schöne Gesicht unter dem Schimmer meines Rauchfasses verrathen mußte; denn sonst würden wir bis diese Stunde noch nicht den geheimen Zusammenhang unserer tragischen Geschichte entdeckt haben.« – »Sind wir deßhalb jetzt besser daran?« murmelte sein hungriger Bruder. – »So aber,« fuhr der andere fort ohne sich stören zu lassen, »können wir von der ersten verborgenen Feder an, die so viele Räder in Bewegung setzte, den unglücklichen Vorfall bis zur Auflösung des Knotens verfolgen. Es sollte einem Dichter leicht werden ein Trauerspiel daraus zu verfertigen – so regelmäßig als es die Verschwörung von Venedig oder der Umsturz des babylonischen Reichs ist; wären wir nur noch so glücklich ein Theater zu haben, um es aufzuführen. Die drei Einheiten, mein Herr, des Orts, der Zeit, und der Handlung, finden sich hier, nach den Forderungen des Aristoteles, auf das genaueste vereinigt, und würden, mein Herr, so gewiß ihre Wirkung thun, als« ... Jetzt fing mir vor der Ueberstrümnng seiner Gelehrsamkeit ein wenig an angst zu werden. – »Du bist zwar der erste, den ich sehe,« unterbrach ich ihn mit einer verwunderten Miene, »der seine Unglücksfälle nach der Kunst zu ordnen im Stande, und selbst fähig ist, wie die Spinne, aus dem Stoffe seines eigenen Lebens ein[262] Kunstwerk zu weben; indeß rathe ich dir als ein guter Freund, es vor des Hand noch zu verschieben, damit nicht etwa deine Suppe nach den Regeln des Aristoteles – kalt werde.« – »O, der unglücklichen Gabe der Redseligkeit!« brach er nun mit einem Seufzer aus: »Sie ist mir immer in allem, wie mein Genie, im Wege gewesen – Sie ist es – warum sollte ich es läugnen? die mir und meinem armen Bruder alle warmen Suppen vereitelt hat – Denn – sehen Sie, mein lieber Herr, ehe ich damals auf meinen angewiesenen Standort kam, erzählte ich einigen meiner Bekannten im Parterre die Entdeckung, die ich in der Ecke gemacht hatte, ein Nachbar erzählte sie dem andern, und alle Köpfe drehten sich zuletzt nach der verrathenen Gruppe herum. – Auf dem Theater – anstatt zu epilogiren, hielt ich mich damit auf, mein Geheimniß erst meinem Bruder, dann unserm Theaterdichter, und dann – dem Lichtputzer vorzuschwatzen. Die Zeit verging – ich ließ das Parterre lange pochen und toben, ehe ich auftrat um meine Nachrede zu halten – Ach! ich dachte damals nicht, daß es meine letzte seyn würde! Durch diesen Aufenthalt, mein Herr, geriethen viele Haushaltungen in Avignon in Unordnung. Jedes kam um eine halbe Stunde zu spät nach Hause, besonders aber die schöne Klara. Ja! könnten wir immer in die Kabinette der Großen blicken, wie viel anders würden wir über den Werth ihrer Zeit, und über den Einfluß, den oft der Verlust einer Minute in ihrer Wirthschaft auf die Regierung der Welt hat, urtheilen! Die kritische Stunde, wo der Domherr seine Freundin erwartete, war verflossen. Er war in die Abendmette gegangen, ohne sie in ihrem Betstuhle zu finden. Sobald er fertig war, eilte er nach Hause, und sie trat nicht vor ihm her, wie sonst. Er rief, fragte, suchte nach ihr, und vermißte sie auf das schrecklichste, und schickte seine ganze Dienerschaft, sogar seinen Koch, aus, sich nach ihr zu erkundigen. Dieser, nachdem er vergebens bei ihrer Tante nachgefragt hatte, stieß von ungefähr auf den Haufen, der unser Schauspiel verließ – Er sah das verspätete Mädchen an dem Arme des jungen Officiers – hörte bald ausführlich das Wie und Warum, und brachte es seinem Herrn. Gott weiß mit was für Zusätzen, zu Ohren. Kein Epilogus [263] sollte ausschwatzen, das habe ich damals gelernt. Der Erfolg zeigte, wie gut es gewesen wäre, wenn ich es eher gewußt hätte. Der Domherr hob alle Gemeinschaft mit Klärchen auf, und verwies sie noch diesen Abend aus seinem Sprengel. Sie durfte nicht mehr, wie das Schaf des armen Mannes, auf seinem Schooße schlafen und aus seiner Schüssel essen ...« – »Lieber Bruder,« fiel ihm hier der Prologus in's Wort, »würde es nicht gut seyn wenn wir die unsere warm setzen ließen?« – »Thue das,« antwortete der Redner, »aber unterbrich mich nicht.« Und nun fuhr er mit demselben Feuer fort: »Der Unmuth des Domherrn wirkte jetzt schrecklich zurück auf uns. Er erweckte den Fiskal, klagte uns an als Verführer der Jugend, ließ unsere Zettel abreißen, veranstaltete eine Haussuchung, und rächte an uns Unschuldigen das marternde Gefühl seiner Eifersucht auf die grausamste Art. Die Gerichtsdiener brachen in unsere stille Wohnung ein, bemächtigten sich unserer Dekorationen, unserer Drathpuppen und unserer Papiere..« – »Ohne dich zu stören,« unterbrach ich hier seine Erzählung, »deiner Papiere – sagst du?« – »Ja wohl, unserer Papiere!« wiederholte er und trocknete sich die Stirn. »Wir haben nichts gerettet als was uns im Kopfe blieb – haben zwar seitdem unsere Lust- und Trauerspiele noch einmal, – aber, stellen Sie Sich vor! – als Akten geheftet haben wir sie zu Gesichte bekommen. Die Stellen darin, die immer den meisten Beifall erhielten, waren mit rother Tinte unterstrichen, und der Fiskal hatte sie in eine Liste zusammen gesetzt, die er unser Sündenregister nannte.« – »So?« sagte ich ernsthaft, und das Herz schlug mir so hoch, daß ich aufstehen mußte. »Geht einstweilen hin,« sagte ich zu den beiden Brüdern: »Wenn ihr gegessen habt, will ich euch weiter hören.« – Und so eilte ich von ihnen weg in meine Bibliothek, um mich von der schnellen Bestürzung, die mich überfiel, in einem Zimmer zu erholen, das dem Nachdenken gewidmet war. Hier stammte ich meinen Kopf an den Bücherschrank, und fing an mich mit mir selbst ernstlich über das zu besprechen, was ich so eben vernahm. Das ganze gräßliche Schicksal, das meinem Tagebuche drohte, trat mir vor die Augen – Ganz gewiß, sagte ich, [264] wird man sich seiner so gut bemächtigen als der Rollen der armen Puppenspieler – Man wird es – ich ward über und über roth bei diesem Gedanken – einem gerichtlichen Translator Preis geben, und die ganze Stadt wird die geheimsten Nachrichten deines hiesigen Aufenthaltes, deiner einfältigen Streiche, und deine kritischen Bemerkungen über die Narrheiten anderer zu lesen bekommen. Was – um aller Barmherzigkeit willen! was sollte wohl aus dir werden, wenn der Propst deinen dogmatischen Handel mit Klärchen, und alle die zweideutigen Vorfälle auf deiner berühmten Kreuzfahrt ersähe, sie mit rother Tinte unterstriche, und dein Bißchenhautgout das, mit zehn Bogen guter Gedanken verdünnt, auch den feinsten Gaum nicht beleidigen kann, – heraus stocherte, und, auf ein Quartblatt zusammen gedrängt, dem Gerichte übergäbe? – – Ihr Heiligen! Ihr Märtyrer der Wahrheit! wendet gütig dieses Unglück von mir! – Ich that mir einen albernen Vorschlag nach dem andern – sah immer keinen Ausweg, und gerieth am Ende so in Furcht, daß, hätte ich nur eine so gute Gurgel gehabt als Johannes, ich seine Kolik gewagt und mein bitteres Buch würde verschluckt haben. Sollte ich es meiner eigenen Wache anvertrauen? Sollte ich mich, oder meinen Bedienten damit ausstopfen? Diese Mittel, flüsterte ich mir zu und schlug die Arme in einander, sind schon zu oft da gewesen, um nicht gefährlich zu seyn. – Aber welche unerschöpfliche Quelle listiger Einfälle ist nicht das Herz eines Beängstigten! Laß ihm Zeit, und es ergrübelt sich Schlupfwinkel und Ausgänge, die dem erfahrensten Schergen unbekannt blieben. Nach einem, nur kurzen Nachdenken, schwand meine Verlegenheit. Ich sah den sichern Ort, den ich suchte, und sah ihn in meiner Nähe. In der weiten Natur hätte ich keinen geschicktern ausfinden können, mein verfolgtes Werk zu verbergen. Dem listigsten Jesuiten, dem eifrigsten Inquisitor würde ein Grausen befallen, wenn er sich diesem Schutzorte nähern, oder seine geweihte Hand darnach ausstrecken sollte. Dir zwar, der meine ganze Wirtschaft kennt, der, frei von Vorurtheilen, keine Nachforschung anstößiger findet als die andere, wird es nicht schwer fallen, schon in voraus meinen Schlupfwinkel zu errathen – aber zu meinem Glücke ist [265] hier keine Seele so genau bekannt mit mir, und so verschmitzt wie du; selbst der Propst, selbst der Wächter der Laura nicht.

Ich ging nun ganz ruhig wieder in mein Sprachzimmer, warf mich nachlässig auf meinen Lehnstuhl, rief meiner Leibwache, und forderte nur desto begieriger den Erzähler auf, in seiner tragischen Geschichte fortzufahren, je mehr ich mich in meinem Selbstgespräche überzeugt hatte, wie nützlich es sei, aus dem Beispiele eines schon Bestraften den Gang der Justiz zu erfahren, in deren Hände man fällt. –

»Sollte es nicht besser seyn,« fing jetzt der Epilog mit einer Frage an, die von seinem guten Herzen zeugte, »ich ließ den Vorhang über die Folge unsers erbarmungswürdigen Schicksals fallen, da schon der Anfang, wie ich gesehen habe, Ihre mitleidige Seele so heftig erschüttert hat? Ach, mein Herr, der gute Wein, von dem ich eben herkomme, scheint auch mich zur Wehmuth noch mehr gestimmt zu haben, und ich stehe nicht dafür, daß die Sympathie des Unglücks nicht unter uns..« – »Suche dich zu fassen,« sprach ich ihm gutmüthig zu, »ich will es auch thun. Mäßige aber nur, wenn ich bitten darf, deine affektvolle Sprache, und laß lieber, wo er nicht hingehört, deinen tragischen Accent weg; denn ich bin kein Liebhaber von Thränen und Ohnmächten.« – »Ich will mein möglichstes thun,« antwortete er, und hielt, meinen Ohren zur großen Beruhigung, so ziemlich auch Wort. – »Unser Theater,« faßte er sich jetzt in's kurze, »wurde geschlossen. Ich und mein armer Bruder wanderten zum Leidwesen der ganzen Stadt in's Gefängniß, und unser unseliger Prozeß nahm seinen Anfang. Neunmal wurden wir zum Verhör geführt, ohne daß die Herren unsere Unschuld begreifen wollten. Es wurden lange Reden für und wider gehalten, und dicke staubige Bücher nachgeschlagen, ehe sich das Gericht über unser Verbrechen vereinigen konnte. So haben wir, bei Wasser und Brod, sieben schreckliche Wochen hinter eisernen Gittern gesessen, ehe unser Endurtheil gefällt ward. In Rücksicht unsers Unverstandes – erklärte der höfliche Präsident endlich in der letzten Sitzung – habe das geistliche Tribunal dahin gestimmt, Güte für Recht ergehen zu lassen. Statt der Leibes- [266] und Lebensstrafe, habe es uns nur mit einer Geldbuße von dreihundert Livres belegt, die wir an die Armenkasse des Domstifts zahlen sollten; und wegen der aufgelaufenen Sitz- und Gerichtskosten habe es seinen Untereinnehmer angewiesen, sich an unsere Effekten zu halten. Wir verstummten beide bei Anhörung dieses gnädigen Bescheids, der uns mit glatten Worten zu dem schmählichsten Hungertode verdammte. Man ließ uns nicht zum Worte kommen – der Präsident wies uns aus dem Saale, und wir wurden nun in unsere Wohnung geführt, um die Vollstreckung der Hülfe, wie sie es nennen, mit anzusehen. Ach, mein Herr! könnte man vor Gram sterben, ich würde den Tag nicht überlebt haben, an dem ich den vieljährigen Erwerb unseres sauern Schweißes, die theuere Sammlung unserer mechanischen Kunstwerke, theils in einer öffentlichen Versteigerung an Ignoranten verschleudert – die Hauptfiguren aber der Rache unsers Klägers geopfert sah! Brutus und Cato, Cäsar und Pomponius Mela, kamen in die Hände der Juden. Der eine Trödler kaufte den Baum der Erkenntniß – der andere den Mond und die Sterne. – Die Vögel unter dem Himmel und die Thiere auf dem Felde wurden jetzt Spielwerke der Kinder; und unsere ersten Aeltern verdammte man, auf Verlangen des Domherrn, ihrer Blöße wegen, wie seine Worte waren, zum Feuer. O des einfältigen boshaften Richters! Verträgt sich denn mit dem Stande der Unschuld ein anderes Costum? und waren denn diese herrlichen Puppen nicht ganz getreue Nachbilder der Natur? Eben das, antwortete er, wäre das Strafwürdigste bei der Sache. Es half kein Bitten und Flehen. Sie wurden beide von den Schergen ergriffen und – o des Barbaren! – vor unserer Hausthüre verbrannt. Entschuldigen Sie, mein Herr, die Thränen, der ich mich noch jetzt nicht enthalten kann ihrem Andenken zu weihen. Man vergaß, daß es Drathpuppen waren. Eva – in der ungestörten Blüthe weiblicher Schönheit, und gebaut wie ein Döckchen! und Adam – man konnte nicht auf ihn Hinblicken, ohne in ihm den Herrn der Welt zu erkennen! Der Stand der Unschuld ist auf ewig dahin. – Das haben wir der Klerisei zu verdanken. Sie Zertrümmerte – es ist ihre Art – die ganze Schöpfung mit [267] lachendem Muthe, um zu ihren Sporteln zu gelangen. – Die Strafe der dreihundert Livres, der verwickeltste Knoten unsers Trauerspiels, blieb indeß noch immer ungelöst. Der Held, der ihn zerhauen sollte, trat auf. Stellen Sie Sich, mein Herr, wenn Ihre Einbildungskraft so weit reicht, unsere Empfindung vor, als nun an den Schranken, vor denen wir knieten – wie ein Gott aus den Wolken – eben der junge Officier erschien, der vor sieben Wochen in unserm Parterre mit so viel Bequemlichkeit die Erschaffung des Weibes belauschte – mit dem Erbieten erschien, uns der Armenkasse abzukaufen. Der Handel wurde vor unsern Augen geschlossen. Verrathen, konfiscirt und verkauft, wie unser Cäsar und Cato, wurden wir von dem Werber abgeführt – gemessen – in Lumpen gesteckt, die wir uns gescheut hätten unserm Belisar anzuziehen – und befinden uns seitdem unter der päpstlichen Garde. – Aber hören Sie noch, mein Herr, auf was für einem Fuß! Von der armseligsten Löhnung, die je den Sklaven unseres Standes gereicht wurde, zieht der Barbar, der uns kaufte, noch monatlich die Hälfte so lange ab, bis wir dadurch unsern eigenen Ankauf ihm ersetzt haben. O des niederträchtigen jungen Mannes! Doch er wird seinen Menschenhandel theuer genug büßen, das ist noch unser Trost! der Trost unserer Rache! Bei dem langsamen Tode, den er uns auflegt, wird uns hoffentlich der Hunger immer noch eher ins Grab bringen, ehe sein abscheulicher Vorschuß erstattet sehn wird.«

»Bastian,« rief ich hier meinem Bedienten zu, und wischte mir die Augen, »ich sage dir, laß diesen armen Leuten nichts abgehen so lange sie mich bewachen. Schaffe ihnen der Nahrung so viel als sie verlangen, und stärke ihre Herzen durch geistiges Getränke. Fordere, wenn du es holst, von dem Kommunionweine; denn in diesem vermaledeiten Lande, weiß ich, ist es, nach einem andern Verhältnisse als bei uns – der beste, weil es nur Pfaffen sind die ihn trinken.«

Eine süßere menschliche Empfindung nahm jetzt den Platz der Rache ein, die diese armen Wichte an ihrem Hauptmanne zu nehmen gedachten. – »Gott segne Sie, großmüthiger Herr,« sagte der eine, »für Ihr Mitleiden gegen ein paar der betrübtesten Lustigmacher, die je die Erde getragen hat!« – »Die Klerisei,« sagte [268] der andere, »hat alle unsere Schätze geraubt – nur die guten Perlen nicht, die jetzt unsern Augen entfallen. Wir fühlen, daß wir nicht ganz arm sind – fühlen in diesem rührenden Augenblicke, daß wir noch ein Herz haben, das Ihrer Achtung und Ihrer Güte nicht unwürdig ist.« – »Kinder! steht auf!« unterbrach ich den Strom ihrer Empfindungen, indem ich jedem eine Hand reichte, um ihn von dem Boden aufzuheben, auf dem sie vor mir, wie vor dem Bilde eines Heiligen, lagen. »Vergeßt euer Unglück bei der frischen Flasche die eurer wartet – Laßt es euch wohl schmecken, und erinnert Bastian, wenn er euch versorgt hat, daß er mir mein Tintenfaß fülle.« – Ich sah den beiden verbrüderten Trauergestalten ernsthaft nach, wie sie unter Thränen und Lächeln sich von mir wendeten, und Hand in Hand auf ihren Posten zurück schlichen, und verfiel, ach wahrlich nicht ohne Ursache! von einem wehmüthigen Gedanken in den andern.

So finde ich denn wieder einmal, dachte ich, Talente dem Kummer – fröhliche Menschen mißgünstigen Heuchlern – gutmüthige Geschöpfe dem Hungertode preis gegeben! O ihr unglücklichsten aller Puppenspieler! So blieben denn auch eure schönen Tiraden und Denksprüche über Großmuth und Mitleid, die ihr täglich euern Zuhörern warm an das Herz legtet – ohne Frucht? So dachte denn keine Seele daran, euch nur Einen der lustigen Abende zu vergelten, deren ihr im Schweiße eures Angesichts so viele unter eure leichtsinnigen Mitbürger vertheiltet? So rührte denn euer sprechendes Elend nicht Einen eurer Bekannten bis zu einem freiwilligen Beitrage zur Hinfristung eures Lebens, den sie sonst, ohne nachzurechnen, dem Vergang einer müßigen Stunde opferten, und den sie sich am Maule ersparten, um ihn an eure hölzernen Trauerspiele zu wenden? O der Thoren! die erst Dichter, Maschinen und Puppen nöthig haben, um die süße Frucht des Mitleids ihrem Gaumen schmackhaft zu machen! – die, indem sie sich nach dem Schauplatze drängen, um für ihren Gulden über den nachgeäfften Tod des Ugelino zu weinen, mit trockenen Augen das arme Geschöpf am Wege vorbeigehn, das nur dieses Almosens bedarf, um nicht inzwischen, wie er, zu verschmachten! Unglaublicher [269] Widerspruch des menschlichen Herzens, das, mächtiger gerührt durch sinnlichen Betrug als durch die schreiendste Wahrheit, kalt und grausam gegen brüderliches Elend, nur gerechtes Erbarmen für das fühlt, das längst überstanden und aus der fabelhaften Vorzeit entlehnt ist! – Ihr armen Märtyrer einer unschuldigen Freude! wendete sich jetzt mein bewegtes Herz an die unglücklichen Brüder; da euch eure nichtswürdigen Landsleute verlassen, so will ich von meinem Kerker aus euer Freund werden, und, wenn mich Gott diese Nacht überleben läßt, sollt ihr schon selbst zu euerm morgenden Frühstücke von den Pasteten essen, die euer schändlicher Theseus so oft eurer Nase vorbei trug. Wie viel bin ich euch nicht für die so lebhafte Darstellung euers erbärmlichen Schicksals schuldig, das mich mehr gerührt hat als das regelmäßigste Stück auf dem besten Theater! Es hat mich ganz wieder mit dem kleinen Unfalle versöhnt, der mich unter eure glimpfliche Bewachung gebracht hat. Vorzüglich aber habt ihr euch, ohne es zu ahnden, um mich, um meinen Eduard, und vielleicht um die Nachwelt, auf das beste verdient gemacht, indem ihr mein Tagebuch, das durch die Aufbewahrung eurer Geschichte allein schon lehrreich seyn würde, von seinem schmählichen Untergange rettet. – Wahrlich das soll euch nicht unbelohnt bleiben!

Ich schlug mit diesen Worten in großer Bewegung meine Augen gen Himmel, fühlte, daß ich auf dem Wege war eine edelmüthige Handlung zu begehen, und kann Dir nicht sagen, Eduard, was es mir für Freude machte, noch etwas Gutes aus meiner verworrenen Historie mit Klärchen entstehen zu sehen. Denn das ist gewiß, ohne meinen neugierigen Ausfall auf ihre Tugend und Schönheit, ohne meine Zudringlichkeit in den Kirchensprengel des Propstes, ohne meinen Feuereifer gegen das kasuistische Gesindel, wäre ich wohl schwerlich in die Bekanntschaft der beiden trübseligen Puppenspieler gerathen. Wie hätte ich ihnen helfen, wie hätte sich der edle Gedanke bei mir entwickeln sollen, der jetzt meine ganze Seele erwärmt, und mich zur Lebenserhaltung zweier ehrlicher und gut organisirter Menschen anspornt, die, so Gott will, der Natur und der Welt den Zuschuß meiner Descendenz doppelt ersetzen [270] werden, um die wahrscheinlich mein schreckhafter Traum auf dem Sopha die hiesige Gemeinde gebracht hat?

Diese lachende Aussicht, die ich im Hintergrunde entdeckte, reizte mich noch mehr, die Wildniß durchzuhauen, die mich vor der Hand noch umgab. Aber, großer Gott! wie sollte ich es anfangen? Das Nothwendigste schien nur indeß immer zu seyn, meine Papiere in Sicherheit zu bringen. Ich ergriff nun, ohne mich länger zu besinnen, die sämmtlichen Kriminalakten meines Tagebuchs, rollte sie und schnürte sie mit Klärchens blauem Strumpfbande bis auf den Bogen zusammen, woran ich schreibe, und so mußten diese meine offenherzigen Bekenntnisse sich so lange biegen und schmiegen, bis sie glücklich – obgleich ein wenig gezwängt – an den Zufluchtsort, den ich ihnen anwies, und den Du längst errathen hast, glücklich in den hohlen Gypskopf des guten Rousseau gelangten. Ich konnte mich unmöglich des Lachens erwehren, als ich die Büste wieder an ihren Ort gestellt hatte, nun vor ihr stand, und die ernsthafte Miene, die sie mir zuwarf, mit den Possen verglich, die dahinter versteckt waren. Ach! sagte ich, hätten sie ihren Platz in dem Kopfe dieses Mannes gefunden als er noch lebte! hätte der flüchtige Geist meines leichtsinnigen Werkchens die verstopften Röhren seines trockenen Gehirns bespült und geöffnet, der Durchgang durch die Welt wäre ihm gewiß nicht halb so sauer – nicht schwerer geworden als mir. Seine traurigen Bekenntnisse würden nicht so in's Schwarze gemalt, und sein Bild nicht mit so tiefen Furchen entstellt auf die neugierige Nachwelt kommen. Aber alsdann, begreife ich wohl, wär' er auch nicht Rousseau gewesen – hätte zwar, wie ein Eichhörnchen an einer seidenen Schnur, den Kindern zum Spielwerk dienen – Zuckerbrod aus den Händen eines tändelnden Mädchens erlauschen, und manche trauliche Stunde in dem Schauer ihres Halstuches verschlummern können – nur wäre er nicht als Elephant mit zermalmenden Schritten über unsere verdorbene Erde getrabt, und hätte nicht das Erstaunen seiner Zeitgenossen erweckt, denen die Erscheinung eines solchen Denkers eben so unerwartet als ungelegen war.

Ich mußte mich mit Gewalt von seiner Büste entfernen, um [271] den Gedanken an ihn los zu werden, und nicht in seinen Ernst zu verfallen, den ich für mein morgendes Verhör für viel zu gut hielt. Die Stimmung, in die mich der Prologus und sein Bruder versetzt hatten, mochte wohl Schuld seyn, daß ich mich lange nicht überwinden konnte, an meinen Vorstand vor Gericht anders zu denken als an ein Puppenspiel. So setzen wir hinterher noch alles auf Noten, beten unter einem Triller, und schlafen nach dem Takt ein – wenn wir eben aus einem Koncerte gekommen sind. Hätte ich mich gehen gelassen, ich möchte wohl wissen was morgen aus mir geworden wäre! Zu meinem großen Glücke hatte ich, während meiner äußern und innern Thätigkeit, mein abgebranntes Licht übersehen. – Es senkte sich – sprudelte und verlosch, ehe ich nach einem andern rufen konnte. Unterdeß Bastian es zurecht machte, nöthigte mich die Dunkelheit – denn ich konnte weder den Amor noch seinen Präceptor erkennen – meinen Armstuhl zu suchen. Diese kleine Ruhe, so vorübergehend sie auch war, gab doch den Ausschlag. In den drei oder vier zerstreuungslosen Minuten, die mir Bastian gönnte, verdunstete meine Verwegenheit ganz, die auch hier wie anderwärts nur Sache des Bluts war.

Das Verhör, das mir bevorstand, kam mir lange nicht mehr so lustig vor. Die Herren, gegen die ich mich verantworten sollte, so sehr ich sie auch für Komödianten hielt, schienen mir doch ungleich mehr Freude an tragischen Ausgängen zu haben als an Farcen. Selbst nach dem langsamen Gange der hiesigen Rechtspflege, wie mir ihn meine Wache vorgezeichnet hatte, war immer eher auf ein Kerkerfieber zu rechnen, als auf ein Absolutorium. Ich verschwieg mir nicht, daß meine Vergehungen ungleich wichtiger waren als die ihrigen, und daß ein hämischer Referent nicht einmal viel Geschicklichkeit nöthig habe, um aus den Beweisen, die Wider mich da lagen, und aus meinem eigenen Geständnisse, das ich ungefragt schon abgelegt hatte, ein Verbrechen zusammen zu setzen, über das wohl selbst das Kammergericht zu Berlin große Augen machen, und, bei aller seiner Liebe zur Gelindigkeit, ohne einen Kabinets-Befehl nicht wagen würde mich loszusprechen.

[272] Den guten Einfällen, die mir der Kirchner aus Unkenntniß meiner Verhältnisse, oder vielleicht nur darum empfahl, weil sie Ihm am meisten behagten, stand leider die trostlose Konfiskation im Wege, die der Propst schon vorläufig über meine Habseligkeiten gesprochen hatte. Was in aller Welt sollte mich also gegen die Religion meiner Gegner schützen? – eine Religion, die, wider allen Rittergebrauch, die Waffen in Beschlag nimmt, noch ehe sie den Handschuh hinwirft. Ich kratzte mich einmal über das andere hinter den Ohren, runzelte die Stirn ärger als Rousseau, und überzählte kleinmüthig die wenigen Stunden, die mir, nach abgerechneter Nacht, nur noch frei blieben, mich in Vertheidigungsstand zu setzen. Ich fühlte die Notwendigkeit immer dringender werden, einen gescheidten Plan zu entwerfen; doch, sobald ich alle die Schwierigkeiten der Ausführung übersah, vergingen mir die Gedanken, und ich schien mir ohne Rettung verloren. Meine Einbildungskraft, je geschäftiger sie war, mir die Klagrede nach ihrem ganzen schreckhaften Inhalte vorzuhalten, mit der mich der Prokurator auf morgen bedroht hatte, machte es meinem armen Verstande nur desto unmöglicher, etwas kluges und bewährtes darauf zu antworten. Mein leichtsinniger Muth fing an gewaltig zu sinken. Natürlich stieg, nach dem Gesetze der Schwere, nun auch dafür meine Furcht desto höher. Nur ein Wunder, rief ich in einer Art von Verzweiflung, kann dich aus dieser höllischen Verlegenheit ziehen; und – Dank, freundlicher Dank sei dem leeren Schalle, der mir entfiel! – Wie mag es doch zugehen, daß oft das sinnloseste Wort, das der Zunge entschlüpft, unsere Seele so mächtig ergreift, und Gedanken und Entschließungen bewirkt, nach denen wir mit der größten Anstrengung unsers Geistes vergebens herumtappen? – Ein Wunder? wiederholte ich mir mit hinstaunendem Nachdenken – Und wäre es denn so unmöglich, daß dir eins gelänge, das kräftig genug wäre deine Widersacher zu Boden zu schlagen? – Ich ging eine Weile alle Wundergeschichten durch, so viel mir deren bekannt waren; keine aber wollte auf meine Kräfte und meinen Zustand passen. Wenn du, sagte ich launig zu mir, zum Fenster hinaus sprängest, so wäre es zwar ein Wunder, [273] wenn du nicht den Hals brächest: aber selbst dann – zu was würde dir es helfen? Der Pöbel – da du doch nicht über die Stadt springen kannst – würde dich zeitig genug einfangen, dich der alten Aufseherin auf's schimpflichste ausliefern, und der Propst und der Prokurator würden in dem Versuche deiner Flucht nur einen Beweis mehr wider dich aufstellen. Nein! das ist nichts, fertigte ich mich ab, ohne jedoch müde zu werden, mir immer neue und eben so unsinnige Vorschläge zu thun. Ein Klügerer als ich, hätte gewiß keine Minute länger mit diesen Albernheiten verloren, und hätte unrecht gethan. Ich habe aber das Gute an mir, daß, ungeachtet ich in meinem alltäglichen Leben, und in dem gemeinen Umgange mit andern, nur wenig auf den Zusammenhang der Dinge achte, die in Gesellschaften verarbeitet werden – ich mich selbst so wenig als meinen Nachbar auffordere, die dunkeln Begriffe des Gesprächs, um das sich oft die andern bis zum Schwindel drehen in's Klare zu setzen, und mit Einem Worte die Kraft meines Nachdenkens schone; so kann ich dagegen, wenn es seyn muß, auch meinem Kopfe eher etwas zumuthen als viele andere; und das kam mir auch dießmal gar sehr zu Statten.

Sollte Dir dieses einer Prahlerei ähnlich sehen, so entschuldige sie mit meinen großen Erwartungen, und bedenke nur was ich vorhabe! Dagegen will ich auch in so weit wieder einlenken und Dir eingestehen, daß, so gut ich auch meine Maßregeln genommen, und so fest ich hoffe, daß mir mein Wunder um vieles, besser gelingen soll, als dem Kapellan der Gräfin Bentink das seinige 31 – es doch bei allem dem – selbst in dem albernen Lande, dem ich es zuwenden will, immer ein Wagestück bleibt. Mehr darf ich Dir vor der Hand nicht darüber sagen, um Dir weder zu viel Hoffnung, noch zu viel Angst zu machen. – Von einer Person, die dabei mit in's Spiel kommen wird, muß ich jedoch noch ein Wort fallen lassen, damit Du nicht zu sehr erschrickst, wenn sie auftritt – ich meine den Domherrn, den ich auf morgen früh neun Uhr, als der [274] Stunde meines Verhörs, durch ein Handbriefchen eingeladen habe, dieser übernatürlichen Ereignung beizuwohnen. Außer dem daß ich nichts weniger thun kann, ihm die Höflichkeit seines Hochamts zu erwiedern, bin ich seiner Gegenwart bei meinem Vorhaben so benöthigt, daß ich alles zurück nehme, was ich in den vorigen Blättern von seiner Unbrauchbarkeit zu allen Geschäften viel zu voreilig geurtheilt habe. Er steht jetzt sogar in meiner Rechnung unter den drei elenden Menschen, die ich Dir, mit Deiner Erlaubniß, als meine hiesigen Freunde vorstellte, obenan. Die nähere Bekanntschaft seiner, die ich der Plauderhaftigkeit meiner Wache verdanke, zeigt mir ihn jetzt in einem Lichte, das den Buchhändler sowohl als den Kirchner gewaltig in Schatten setzt. Ich gestehe, ich hielt ihn bisher ungerechter Weise für nichts mehr, als einen aufgeblasenen abergläubischen Schwachkopf – mochte seit dem Tage, wo er mir am Feste der Genoveva den Possen spielte, nichts weiter mit ihm zu thun haben, und begriff nicht, wie mich der Bischof von Nimes mit gutem Gewissen an einen so unbedeutenden Menschen hatte empfehlen können. Jetzt aber, da mir ihn der Epilogus auch noch als einen boshaften, wollüstigen, rachgierigen und furchtsamen Mann geschildert hat, der sich aber auf sein großes Pferd setzen kann, wenn ihm ein anderer den Zaum hält, scheint mir die Empfehlung des guten Bischofs sehr richtig, und genau auf seine Kenntniß des hiesigen Lokals berechnet; und ich müßte mir wohl selbst gram seyn, wenn ich noch länger versäumen wollte, diese Eigenschaften eines ausgebildeten, und dem hier herrschenden Gemeingeiste so angemessenen Charakters, in Thätigkeit zu setzen, um meine Verfolger mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Sage nur also niemand, daß dieser und jener in der Welt zu nichts tauge! Es ist der Irrthum schwacher Regenten. Selbst die Kröte, vor der Dich ekelt, dient Dir zum Ableiter giftiger, und Deinem Körper schädlicher Dünste; und mußt Du nicht jeden Bettler, der Dein Mitleiden erregt, als Deinen Wohlthäter betrachten, wenn Du anders ein Freund gutmüthiger Empfindungen bist? Sprich offenherzig, ob nicht der Blödsinnige – der Schwärmer – der Tugend-Talent- und Geschmacklose Deinem hungrigen Stolze die beste [275] Nahrung gewähren? ob die Vergleichung ihrer Fehler mit Deinen Vorzügen Dir nicht manche Stunde erheitert? und ob es Deinen schwachen Augen nicht sanfter thut, auf die Dunkelheit derer, die unter Dir stehen, als in den Glanz jener zu blicken, die Fleiß, Natur und Erziehung neben Dich oder über Dich gestellt haben? Ich habe jetzt keine Zeit dieß Thema auszuführen; aber ich wünschte, Eduard, es übernähme es ein anderer geschickter Kopf: denn es schwebt mir wie im Dunkeln vor, daß man leicht, bei weiterm Nachdenken darüber, auf den rechten Weg kommen würde, den man einschlagen muß, um kein Mitgeschöpf zu verachten, und mit der ganzen Welt Freundschaft zu halten.

Der Domherr, dem ich diese menschenfreundliche Ausschweifung verdanke, hat mir eben geantwortet. Er will zur gesetzten Stunde erscheinen. Das überhebt mich nun der Mühe, diesen Bogen – ob er gleich, wenn er meinen Feinden in die Hände gerieth, so gut seyn würde wie ein Steckbrief – zu seinen Vorläufern zu gesellen, denen selbst, so viel ihrer sind, ich ganz wohl ihre Freiheit wieder geben könnte, wäre es nicht einerlei, ob sie diese Nacht in Rousseaus Kopfe Herbergen, oder auf meinem Schreibtische. Denn da ich nun sicher bin, lieber Eduard, daß der Mann im Purpur meinem Verhöre beiwohnen wird, so sind, glaube ich, die Anstalten zu meinem Wunder so gut getroffen, daß ich sehr wenig von den Puppenspielern müßte gelernt haben, wenn es schief ablaufen sollte. – Nur noch eine einzige Kleinigkeit geht mir ab – das ist meine Defension in einer Gegenrede an den Prokurator, die ich, mit Deiner Erlaubniß, Eduard, aus dem Kopfe zu Papier und von dem Papiere wieder in den Kopf bringen muß, ehe ich ruhig und mit der vollen Gewißheit zu Bette gehen darf – morgen das ganze Winkelgericht zu meinen Füßen zu sehen.

Fußnoten

1 Er suchte die Apokalypse zu erklären, und brachte, wie es scheint, der menschlichen Schwachheit dieß Opfer, um sich, wegen seiner überschwenglichen Größe, mit den Menschen auszusöhnen.

2 Nach einer Stelle des Cicero pr. Archia Cap. 7. Haec studia adolescentiam alunt, senectutem oblectant, secundas res ornant, in adversis solatium praebent.

3 Er starb in hohem Alter, und, wie seine Sektion bewies, ohne je, bei vollkommnem Zustande der Mannheit, ihren Forderungen untergelegen zu haben.

4 Der Kardinal von Polignac, der den Antilukrez geschrieben.

5 Ring des Papstes, womit die apostolischen Breve besiegelt werden. Das Siegel stellt den heiligen Petrus als einen Fischer vor.

6 Ein Paar neumodische Handschuhe, die Sara Jennings, vermählte Herzogin von Marlborough, sich weigerte ihrer Freundin, der Königin Anna, abzutreten, verursachten in einer Reihe von Folgen die große Revolution, durch die Philipp der Fünfte auf dem spanischen Throne befestiget, Oesterreich davon ausgeschlossen, der verdunkelte Ruhm Ludwigs des Vierzehnten wieder hergestellt, und die stolzen Hoffnungen seiner Feinde vereitelt wurden. Der Keim dieser großen Begebenheiten kam aus den Händen eines armseligen französischen Beutlers, dem es nicht träumte, was für glückliche Folgen für seinen König und für sein Vaterland der Zufall auf sein Tagewerk legen würde.

7 Erst in neuern Zeiten wird das Hohe Lieb für das gehalten was es ist, nachdem mystische Andacht ihr Spiel lange genug damit getrieben hat.

8 Au Monomotapa, quand le roi éternue, tous les courtisans sont par politesse obligés d'éternuer. L'éternuement gagnant de la cour à la ville, et de la ville aux provinces, tout l'empire paroit affligé d'un rhume général. Helvetius de l'Esprit p.m. 118.

9 L'An deux mille quatre cent quarante, par M. Mercier.

10 Scilicet ut careat rugarum crimine venter,

Sternatur pugnae tristis arena tuae.

Ovid. Amor. lib. 2. eleg. 14. v. 7, 8.

11 Voltaire.

12 S la Pucelle chant 14.

13 Franz der Erste, König von Frankreich.

14 Il est permis d'user des termes ambigus en les faisant entendre en un autre sens qu'on ne les entend soi-même. On peut jurer qu'on n'a pas faite une chose, quoiqu'on l'ait faite effectivement, en entendant en soi-même, qu'on ne l'a pas faite un certain jour, ou avant qu'on fut né. Cela est fort commode en beaucoup de rencontres et est toujours très juste, quand cela est nécessaire pour la santé, l'honneur ou le bien.

Sanchez Opp. p. 2. 1. 3. c. 6. n. 13.

15 Die öffentliche Buhlerin Alexanders des Sechsten, und Mutter des Cäsar Borgia, seines Sohnes.

16 S. Eccardi Corpus historic. medii aevi, wo dieses Tagebuch, das sich selten gemacht hat, abgedruckt ist.

17 Eunuch. Act. 3. Sc. 3.

18 Der Gott der Gärten.

19 Der Name des Landguts, wo Rousseau starb, und in dem Garten daselbst, auf einer kleinen Insel begraben liegt, die eine der schönsten Partien des Gartens ausmacht.

20 Mancini.

21 Diesen Ausdruck, den ich damals gebrauchte, hat unser Wieland seitdem so Mode gemacht, daß ich ihn sogar vor einiger Zeit in der Predigt eines Kandidaten von der Kanzel gehört habe.

22 Während seiner Hierarchie ward Amerika entdeckt. Als Statthalter Gottes bestätigte er dem Eroberer den eigenthümlichen Besitz durch einen Schenkungsbrief, und überschwemmte sogleich den neuen Welttheil mit Mönchen, die für das Evangelium, das sie dahin trugen, im Tausch jene unglückliche Krankheit zurück brachten, die selbst die ersten Quellen der Natur vergiftet.

23 Ein gewagtes Wort für étoffer.

24 Nicht die Todtenliste von Nicolaus Klim, sondern die meines Freundes Nicolai in Berlin, die vielleicht den größten Raum der allgemeinen deutschen Bibliothek einnimmt.

25 Ein ehemals sehr berühmter Schauspieler auf dem italienischen Theater zu Paris, der im gemeinen Leben von einem ernsthaften und festen Charakter war.

26 Fleury imagina de lui faire voir des peintures lascives, pour l'endoctriner, et Bachelier chargea Mademoiselle R. dont le talent étoit connu pour peindre de belles nudités, d'apporter des desseins de la nature en action. On alla plus loin; on chercha les sculptures les plus obscènes, pour qu'il pût les palper et les voir dans tous les sens, et qu'il ne fut point entrepris, lorsque la princesse polonoise, aussi neuve et aussi modeste que lui, seroit arrivée. Douze tableaux, dessinés et peints par l'habile peintre de grâces, et représentant les amours des patriarches, furent donc placés dans un lieu où la curiosité pouvoit engager le prince dans un moment de solitude, à y jeter les yeux. On représentoit dans le premier numéro l'innocente société d'un berger et d'une bergère; dans le numéro suivant on voyoit dans le berger une passion naissante, des regards, quelques libertés galantes; le numéro troisième représentoit des attouchemens. Dans le quatrième le berger cherchent autre chose; et ainsi de suite jusques au grand dénouement Madame de Prie étoit partie pour Strasbourg pour apprendre la même chose à la princesse, etc.

Mémoires de Richelieu Tom. IV. p. 51. 52. 53.

27 Vid Cl. Salmasii Epistola ad Andr. Colvium super Cap. XI. primae ad Corinth. Epistol. de Caesarie virorum et mulierum coma. Lugd. Batavor. ex officina Elzevirorum MDCXLIV. p. 643. Helveticus etiam virilis scite sexum discernit expressa parte in braccis quae virum facit. Apud nos olim talis fuit. In quibusdam etiam Galliae locis nuptae in capitis cultu supra frontem praeferunt pro insigni quo distinguantur ab innuptis, virilis membri figura. Viduae inversam eam habent, maritae rectam. Non ad haec pudenda descendendum est ut veste utamur aut ornatu sexus discrimen nimis exacte et graphice repraesentante. Nuditas ut est simplicior, non est etiam multo turpior etc.

28 Vid. Memoires de Richelieu Tom. VI. p. 52.

29 S. Physiognomische Fragmente zweiten Versuch, S. 122, wo man auch das Porträt der Dame sehen kann, an der diese Kraft gerühmt wird.

30 So heißt die aus Verwünschungen und Flüchen zusammengesetzte Schrift, welche seit Jahrhunderten alle grüne Donnerstage in Gegenwart der Päpste, wider alle diejenigen verlesen wird, die sie mit dem Namen Ketzer beehren. Am Ende derselben wird eine brennende Fackel auf die Erde als Sinnbild des Bannstrahls geworfen, den sie im Geiste über die anders denkenden schleudern. Ein herzerhebendes Fest zu Rom!

31 Siehe den launigen Brief Voltair's an den König von Preußen in seinen questions sur l'Encyclopédie, unter dem Artikel miracles modernes.

Dritter Band

Avignon
[3] Avignon.

Den 8ten Januar.


Wirf Dich in den Staub nieder vor dem Blatte, das Du hier empfängst, Eduard! Folge in Demuth der stolzen Feder, die es berührt, und trenne es, als ein Heiligthum, von der Gemeinschaft der übrigen Blätter, wenn Du einmal so glücklich seyn wirst, mein Tagebuch zu besitzen. Welchen Genuß von Glorie opfere ich Dir nicht mit der Stunde auf, die ich Deiner Neugier widme! Fühle es einmal ganz, wie sehr ich Dein Freund bin!

Mein Wunder ist gethan, und ich bin frei! – nicht frei, wie ein entlassener Sklave, sondern wie ein König. Du nur hältst mich ab, daß ich nicht jetzt die Gassen durchfliege, und Tausenden, die, mir zur Seite, auf ihre Knie fallen, meinen Segen ertheile. – Was für ein mächtiger Sterblicher ist nicht ein Wunderthäter unter einem solchen Volke! Ich dürfte nur winken – und ich schmauste bei allen Prälaten dieses glücklichen Staats, und jede Mutter würde mir freundlich die Kammer ihrer beneideten Tochter eröffnen. Von dem Sonnenplatze an bis zum Grabe der Laura – wo ich nur weilte und wandelte, werden die Wege gekehrt und die Plätze geschmückt. Mein Haus ist umringt von Wallfahrern und von summenden Chören, wie das Haus zu Loretto. Auf der Treppe – auf dem Vorsaale lauern Schaaren von blühenden Jungfrauen, werfen mir Küsse und Blumen zu, so oft ich mich zeige, und bitten um das Gegengeschenk meiner Kreuze.

Und woher kommt denn dieser Unterschied zwischen Gestern und Heute? Woher diese zügellose Bewunderung – dieser Aufruhr von Ehrfurcht, die mich auf den wankenden Thron von Avignon heben? Wie entstand dieser schnelle Uebergang aus der Sklaverei[3] eines alten Weibes zu der Herrschaft über die Gemüther? Wie bildete sich diese Masse von großen Wirkungen? Wie entwickelte sie sich in dieser Spanne von Zeit? – Durch frommen Betrug! Du sollst es gleich hören, Eduard, wenn ich nur vor dem Lärmen der Hymnen, die aus allen Ecken zu meinem Ruhme ertönen, zum Worte kommen kann.

Der entscheidende Morgen war erschienen. Da trat Bastian, zitternd und blaß, wie der Diener des Kanzlers Morus, mir vor das Bette, fragte mich nach einer ernsten Pause, ob ich mich etwan in Schwarz kleiden wollte? und staunte mich an, und riß das Maul auf, wie eine Maske von Schlütern, an dem königlichen Schlosse zu Berlin, als ich ihm statt aller Antwort in das Gesicht lachte, und auf meine gewöhnliche Kleidung hinwies. Sobald ich mit meinem Anzuge fertig war, setzte ich mich in meinen Lehnstuhl, legte meine Uhr vor mir auf den Tisch, und sah dem Possenspiele, das meiner wartete, ruhig entgegen. Ich beschäftigte mich still mit der ungewohnten Rolle, die ich darin spielen sollte, überlas meine Rede, mochte wohl eine Stunde so da gesessen haben, und überzeugte mich eben auf meiner Uhr, daß ich nur noch eine bis zur Eröffnung meines Verhörs zu meinen fernern Betrachtungen übrig behielt – als sich die Thüren meines Gefängnisses entriegelten, und meine Ankläger, Richter und Zeugen herein traten – der Propst und der Prokurator, die alte Bertilia in der Mitte, und ihre Nichte zum Schlusse. Hatte mich ihr Besuch, den ich so früh nicht erwarten konnte, überrascht, so that es die kalte gerichtliche Würde noch mehr, die sie mitbrachten. Beides stand nicht in meiner Rechnung; doch ängstigte mich der jetzt sehr wahrscheinliche Fall am meisten, mein Schutzengel – der Domherr, möchte zu meiner Hülfe zu spät kommen.

Der Propst näherte sich gravitätisch dem Tische, warf sich in meinen Armstuhl, ohne die Verbeugung zu erwiedern, mit der ich ihm meinen weichen Platz überließ. Der Prokurator zog erst das Koncept seiner Rüge, dann – die fünf bis sechs Bogen aus seinem Busen, die zum Protokoll meiner Aussagen bestimmt schienen – legte seine Brille auf den Tisch, seine Akten darneben, und [4] pflanzte sich, so lang und dürr wie er war, zur Linken des wohl beleibten Präsidenten. Die keichende Tante schob ihren Stuhl an die eine Seite des Kamins, mitten unter die Beweise meines Verbrechens, auf die sie gallensüchtig hinblickte, ohne, zu meinem Glücke, zu ahnden, was für weit wichtigere sich eben so nahe bei ihr, unter der Büste eines Mannes versteckt hielten, der gar nicht wie ein Verräther aussah. Klärchen mit ihrer unbefangenen Miene, setzte sich, auf der Gegenseite, parallel mit ihrer würdigen Tante. So drängte mich von selbst die Ordnung, in der sie sich zu setzen beliebten, auf den einzigen Standpunkt, der mir zwischen den beiden Damen noch frei blieb. – Der Aschenhaufen der Kasuisten lag mir im Rücken, und der Kopf meines Freundes und Hehlers ragte hoch über dem meinen hervor, und blickte mit mir zugleich dem Propst in die Augen, ohne ihn in seinem Anstande irre zu machen. Er würde es übel nehmen, wenn man nur so etwas von ihm glauben könnte. So stand ich vor diesem Winkelgerichte, aus Mangel eines übrigen Stuhls, kerzengerade, und machte mir eine Weile den Spaß, durch mein schüchternes, gedemüthigtes Aussehn ihren gerichtlichen Hochmuth zu kitzeln. Als aber der Prologus die Federn – der Epilogus die Tinte gebracht – sich sogar der Prokurator gesetzt hatte, und der Propst sich schon anschickte zu sprechen, und noch immer kein Auge sich höflich nach einem Sitze für mich umsah – so erschreckte ich auf einmal die beiden Damen, die neben mir saßen, durch den vornehmen Anstand, in den ich überging – klingelte nach Bastian, und befahl ihm zwei Stühle zu bringen. »Es ist schon an Einem zu viel,« rief der strenge Richter ihm nach; aber Bastian benahm sich so ungeschickt, daß er auf Gefahr des Kirchenbanns meinen Befehl pünktlich befolgte.

Stille Erwartung herrschte nun in unserm Kreise, und der Propst fing zur Einleitung an, uns die Absicht dieser Zusammenkunft bekannt zu machen, ob sie uns gleich allen mehr als zu gut bekannt war, und die Pflichten und Rechte, die ihm, als Aufseher aller milden Stiftungen, in diesem Hause zuständen, mit geheimem Wohlgefallen zu zergliedern. Ich merkte es dem Narren bald ab, daß er mit dem, was er seinem Richteramte schuldig zu seyn glaubte, [5] zugleich die Nebenabsicht verband, den hohen Vorzügen seines Verstandes und dem Talente seiner beredten Zunge gegen einen Ausländer die möglichste Ehre zu machen, und dem armen Sünder noch einen großen Begriff von seinem erhabenen Genie und seiner Wohlredenheit mit auf den Weg zu geben. Wir stimmten dießmal vortrefflich zusammen; denn mir war viel zu viel daran gelegen sein Geschwätz zu verlängern, als daß ich den geringsten Anstand hätte nehmen sollen, jede noch so schiefe Wendung, die er seinen Sätzen gab, mit dem beifälligsten Lächeln – jede noch so schwülstige Redensart mit einem Blicke des Erstaunens zu belohnen. Ja, als er sich einmal in einer Periode so hoch verstieg, daß er einen Brocken nach dem andern ergreifen mußte, um sich nur mit Ehren wieder herunter zu helfen, und der Schwall von Worten, die ihm darüber nachrollten, das unleidlichste Geklirr in meinen Ohren erregte – war ich boshaft genug, daß ich wie begeistert mich seitwärts nach dem guten Rousseau umwendete – ihn mitleidig ansah, und die Achseln zuckte. Nie habe ich so grob einem Wortkrämer geschmeichelt; aber nicht weniger selten war auch die Wirkung, die es hervorbrachte. Wenn ich ihn sinken sah, durfte ich nur einen recht treuherzigen Blick der Erwartung und Aufmerksamkeit auf ihn schießen, so trieb ich ihn damit auf wie einen Kreisel, daß er mit erneuerter Schnellkraft noch eine gute Weile fortlief. Ich wiederholte das Spiel mehr als Einmal mit innerm Vergnügen. Je länger es dauert, dachte ich, desto weniger wird sich der Domherr versäumen. Zuletzt aber ging dem Ehrenmanne im ganzen Ernste der Athem aus. Er konnte kaum noch ein paar Worte heraus bringen, womit er die genauere Entwickelung meiner peinlichen Anklage dem Prokurator anheim gab.

Dieser schwarzbraune Kerl, wie er von seinem Sitz in die Höhe fuhr, verdunkelte sich noch um eine Schattierung mehr, setzte hastig seine Brille auf, und machte, das Koncept in der Hand, seine gedrohte Beredsamkeit flott.

Da ich das Spiel, wodurch ich mir den Vortrag des Präsidenten erträglich machte, bei der studierten Chrie des Prokurators nicht anbringen konnte, so würde mich die lange Weile getödtet [6] haben, die sie mir verursachte, hätte sie mir nicht Gelegenheit gegeben, mir das schönste Kompliment über meinen Scharfsinn zu machen, durch den ich schon gestern Abends alles errathen, und bereits in meiner Gegenrede beantwortet hatte, was der alberne Kerl diesen Morgen in Perioden auskramte, die lange nicht so geschmeidig waren als die meinigen. Ich gäbe nicht einen Dreier für die Abschrift seines Brandbriefs, und Du gewiß auch nicht! Auch setzte mich sein Geschrei mit allen den donnernden Ausfällen gegen die Widersacher des Glaubens nicht eher in Verlegenheit, als in dem Augenblicke, wo er es endigte. Sein Dixi gab mir einen Stich in's Herz. Ich mußte mich nun anschicken darauf zu antworten; und doch war, so lange der Domherr ausblieb, der Zeitpunkt noch nicht da, wo ich es mit dem gehörigen Nachdrucke thun konnte. Zwar hatte ich es durch mein Spiel mit dem Propste schon so weit gebracht, daß nur noch höchstens einige Minuten bis zum Eintritte dieses Planeten in unsern Kreis fehlen konnten; aber auch diese, wie hätte ich sie ausfüllen – wie hätte ich die Gefahr meines Stillschweigens abwenden wollen, wäre mir nicht in diesem kritischen Augenblicke, ein kleiner Vortheil, von meinen Schuljahren her, beigefallen, der bei vielen Gelegenheiten von der trefflichsten Wirkung ist.

Es ist so gar selten, daß man aus dem Schutte seiner ersten Erziehung einmal einen Splitter hervorzieht, der im wirklichen Leben anwendbar ist und einige Brauchbarkeit zeigt, daß ich mir nicht versagen kann, mich selbst zu unterbrechen, um Dich mit dem innern Gehalte meines Funds bekannter, und Dir die Freude begreiflich zu machen, die er mir verursachte. Dergleichen Kabinets-Stücke sind uns schon um deßwillen so kostbar, weil sie uns gewöhnlich unter Schlägen, Scheltworten und manchen ominösen Wahrsagungen anvertraut wurden, und uns, so oft wir sie wieder sehen, an den Nothzwang unseres jugendlichen Muthwillens, und an alle die Aufopferungen jener wahren Freuden der Kindheit erinnern.

Du hast den klugen Mann gekannt, lieber Eduard, dessen Unterrichte ich mein Bißchen Beredsamkeit verdanke. Da er selbst [7] bestimmt war wöchentlich einmal Reden an Schwache zu halten, so kannte er alle die berauschenden Mittel, um die Zuhörer taumelig, und ihnen weiß zu machen, daß sie überzeugt wären. Er hatte eine so sichere Geschicklichkeit erlangt, über jedes Thema, das man ihm vorlegte, für und dawider – gleich gut zu predigen, daß er nach den Gesetzen des Lykurg verdient haben würde, ohne Umstände aus dem Lande gejagt zu werden; und das ist doch wohl das Stärkste, was man zum Lobe eines öffentlichen Redners sagen kann. Gott habe ihn selig! Er hat mir die Kunst schicklich von nichts zu reden, gar sehr erleichtert. Unter einer Menge Modellen, die er immer aus allen Sprachen zur Unterstützung seines Unterrichts und als Beweise zusammen trug, wie man auf dem Strome der Worte eine Stunde fortschwimmen kann, ohne stecken zu bleiben oder zu sinken, war mir besonders Eins durch öfteren Gebrauch sehr geläufig geworden: denn nicht allein wurden in jüngern Jahren alle meine Standreden an den Geburtstagen meiner Aeltern darnach geformt; sondern selbst an dem wichtigen Tage, wo ich in den Schooß der christlichen Kirche aufgenommen wurde, ordnete ich mein Glaubensbekenntniß darnach, und erbaute die ganze Gemeinde. – Seitdem ist mir freilich nur noch ein einzigesmal eine Gelegenheit aufgestoßen, dieses schöne Muster zu nutzen; und das war bei Eröffnung eines Landtags, bei dem ich, unschuldiger Weise, als Deputirter meines Kreises erschien. Auch da zog mir die getreue Nachbildung meines schönen Originals die größten Lobsprüche des Ministers und die Schmeicheleien der anwesenden Stände zu. Du kannst beurtheilen, Eduard, ob ich sie verdiente, wenn Du jetzt meine Antwort an den Prokurator hören wirst, in der ich mich ganz an jene beredte Vorschrift, und um so viel lieber hielt, da sie einen französischen Schriftsteller 1 zum Verfasser hat, der die Art [8] wohl kennen muß, wie man seine Landsleute am besten behandelt. Ich erhob mich mit Würde von meinem Sitze, überblickte mit furchtlosen Augen den Zirkel der mich richten sollte, und mit der bedächtigen Stimme, die große Wahrheiten erwarten läßt, fing ich an:


Bedenk' ich, meine Herrn, die Unbeständigkeit

Der Menschen und der Welt, des Raumes und der Zeit,

Seh' ich in den Bezirk vergänglicher Gestalten

Oft einen Irrwisch sich für einen Fixstern halten,

Seh, daß sich Licht und Recht um eigne Axen dreht,

Was früh im Aufgang war, des Abends untergeht,

Daß mit erborgtem Glanz, wenn sich die Sonne wendet,

Ihr prahlender Trabant noch unsre Augen blendet;

Geh' ich die Vorzeit durch, und seh' am Tiberstrand

Dort einen Zwerg sich blähn, wo sonst ein Riese stand;

Hör' ich des Schicksals Ruf aus großen Trümmern schallen,

Da selbst der Riese fiel, wird auch der Zwerg wohl fallen;

Des Bonzen Fischerring wird ein gemeiner Stein,

Als Splitter nur berühmt verlorner Künste seyn;

Steig' ich dann in mich selbst, tief in mein Herz, und hebe

Sein flatterndes Gewand, sein blendendes Gewebe,

Und seh', aus welchem Teig von Trug und Heuchelei

Und Stolz die kleine Welt, der Mensch, geknetet sei,

Geh die Geschichte durch, und seh, daß mit einander

Wir, vom Thersites an bis zu dem Alexander,

Nur leichten Federn gleich in ungewissem Wind,

Des Zufalls Gaukelspiel und niemals unser sind,

Und daß, so hoch ein Propst sein Hirtenämtchen achtet,

Und seine Schafe schiert, und ihre Milch verpachtet,

In mancher schwülen Nacht das Pallium schon trägt,

Und sich zum Bischof träumt und seine Kreuze schlägt,

Und wenn sich Miethlinge in seinen Schafstall schleichen,

Die Hörner des Altars – – – Doch dixi! Es entweichen

Begriff' und Worte mir – Mein Engel zeigt sich jetzt

In stolzer Purpurtracht mit Hermelin besetzt.


Es war auch hohe Zeit, daß er erschien; denn ich weiß nicht, was sonst aus meiner feurigen Rede und dem Eindrucke möchte geworden seyn, der schon anfing sich auf den verzogenen Gesichtern meiner Zuhörer zu zeigen. Garrick, sagt man, konnte das Alphabet [9] mit so rührendem Accente aussprechen, daß alle die ihm zuhörten in Thränen zerflossen. Ohne meine Rede, ihres bessern Zusammenhangs wegen, zu loben, that sie doch, ich muß es sagen, eine nicht minder große Wirkung. Der Probst gerieth in augenscheinliche Unruhe, ließ einmal mehr als der durch Cicero's Beredsamkeit erschütterte Cäsar, das Schnupftuch fallen – warf bei einigen starken Stellen Blicke des ungeduldigsten Zorns auf mich – Blicke eines wüthenden Erstaunens auf das arme Klärchen, das darüber, außer aller Fassung gesetzt, immer höher erröthete, und eben im Begriff war das Weite zu suchen, als der Eintritt des Domherrn meine Rede, die, nach ihrer künstlichen Einrichtung, einer Schraube ohne Ende nicht unähnlich war, zum Stillstande, und jedes zu bewegte Herz wieder in's Gleichgewicht brachte. Das Gericht erhob sich, um diesen eben so unerwarteten als vornehmen Beisitzer zu bewillkommen. Ich lief ihm entgegen, umarmte ihn mit der vertraulichsten Anmaßung, nannte ihn einmal über das andere meinen Freund, meinen Erretter, und – »Kommen Sie,« rief ich mit angstvoller Stimme, »und wenden Sie die unbeschreibliche Gefahr ab, die in diesem Augenblicke über mir – noch weit mehr über Ihrer geheiligten Religion schwebt. Der freundschaftliche Unterricht, edler Mann, durch den Sie mich an Sich fesselten – die Würde Ihres Standes, die Sie nicht um nichts in den Purpur der Könige kleidet, – der Glaube, die Liebe und Hoffnung, die Sie vor aller Welt bekennen – fordern Sie durch mich auf, Ihr Ansehn zu behaupten – Ihre Gewalt zu zeigen!« – Der Mann sah mich während dieses Ausfalls mit stummem Erstaunen an, und setzte sich in der größten Verlegenheit auf den Sessel, den ich in voraus für ihn mit dem meinen zugleich hatte herbei schaffen lassen. Der stolze Trotz auf dem Gesichte des Propstes – die gelbsüchtige Erwartung, die sich in den Augen des Prokurators malte – in den Runzeln der Tante herum irrte, und das Gemisch, Gott weiß welcher Empfindungen, auf den Rosenwangen der Nichte – verdienten wohl eine eigene Schilderung – Aber da müßte ich erst Zeit dazu – müßte Dir nichts wichtigeres zu erzählen, und diesen Mittag nicht Gäste zu erwarten haben. – [10] Froh bin ich nur, daß ich das wichtige Dokument meiner gerichtlichen Rede, auf das sich nun alles bezieht, fertig – und so wie ich sie gestern Abends zu Papier brachte, vor mir liegen habe, und sie nur da einzuschalten brauche, wo sie hingehört. Sie ist, wie Du finden wirst, nach einem ungleich häklichern Muster geformt, als ich vorhin – wo es auf weiter nichts ankam als Zeit zu gewinnen – meiner Beredsamkeit unterzulegen für nöthig fand. Man sollte kaum glauben, daß die beiden Modelle, die ich heute so gut benutze, aus einem und demselben Schranke kämen; und doch ist es wahr, nur mit Unterschied. – Jenes lag, mit einem Haufen anderer seines Unwerths, in dem untersten und gangbarsten Fache; dieses hingegen lag ganz einzeln in dem obersten. Es wurde für das non plus ultra der Rhetorik gehalten, und war nur auf die nicht gewöhnlichen Unfälle des menschlichen Lebens berechnet. Wenn das erste gut ist, wie Du gesehen hast, Eduard, die Laufgräben zu öffnen, so läuft man mit diesem hier Sturm. Der Meister, wenn er mit seinen Schülern bis an diese letzte Speiche der Redekunst kam, empfahl es immer mit den nachdrücklichsten Worten. »Ihr glaubt nun wohl, lieben Kinder,« sagte er mit einer feinen Ironie, die selbst, wie Du weißt, einer der stärksten Hebel in der Redekunst ist, »alle menschenmögliche Mittel in der Gewalt zu haben, um Euch in dem Sprachsaale der Welt fortzuhelfen. Aber, Eure Geschicklichkeit unbescholten, reicht sie – figürlich zu reden – bei allem dem nicht weiter, als ungefähr – die Mücken zu verjagen. Das ist nun zwar für das tägliche Leben ganz gut; denn dies unbequeemen Geschöpfe sind aller Orten zu finden. Wie aber, wenn Euch nun einmal – wer kann dafür stehen? – ein Löwe begegnet, oder ein Krokodill auf Euch lauert? Dann möchte Euch leicht Euer Kunststück mehr schaden als nutzen, und Ihr seid sicher verloren, wenn Ihr kein anderes Arkanum im Schubsacke habt, als eins – wider die Mücken.« – Und nun erst gab er uns dieß künstliche Gewebe in die Hand, begleitete unsere Betrachtung mit manchem Fingerzeig – enthüllte uns das versteckte Gerippe, das kraftlos darunter lag, um uns den Reiz der Einkleidung desto fühlbarer zu machen, durch die es allein [11] Leben und Stärke erhielt, und freute sich über unser kindisches Erstaunen.

Sobald sich Ankläger, Zeugen und Richter wieder in den Zirkel gesetzt hatten, trat ich auf –

»Das schönste Eigenthum unbefleckter Seelen,« hub ich mit der heitersten Miene an, die ich auffassen konnte, »das, über alle menschliche Eingriffe erhaben, allen Zufällen trotzt, ist das Gefühl ihrer Unschuld. Es erhöht ihre Freuden und verschönert ihr Glück. Aber erst in Widerwärtigkeiten zeigt es ganz, wie stolz, wie herzerhebend, wie unverletzbar es sei. Dann erst, wenn es den Rechtschaffenen bis vor die Schranken seiner Verfolger, in ihre Kerker, und zu den Strafen ihres ungerechten Urtheils begleitet, entwickelt es die edelsten Vorzüge seiner geistigen Natur. Alle andere menschliche Gefühle können geschwächt, in Schmerz erstickt – sie können vernichtet werden, außer diesem. Die schleichende Bosheit, die Rache des Lasters, kann dem Unschuldigen auflauern – kann ihn fesseln und tödten; aber ihn strafbar zu machen, liegt außer ihrem Gebiete. Der Trost seiner Rechtfertigung geht nicht nur mit ihm über die Gränzen des Lebens; mit unvertilgbaren Zügen läßt er sie selbst in den Herzen derer zurück, die zugleich mit seiner sterblichen Hülle die hohen Ansprüche seiner Seele der Vergessenheit zu überliefern gedachten. Der furchtbare Nachklang seines Rechts übertönt das Geräusch ihrer Geschäfte, durchzittert ihre schlaflosen Nächte, und bietet selbst in dem Freistaate des Schlummers die Rache der Träume wider sie auf. Sie ringen in ihren Festen umsonst nach dem armseligen Gewinn eines betäubenden Augenblicks. Ein qualvolles Leben, ein fortnagendes Gewissen, rächt den Unverletzbaren nur zu schrecklich an dem Verbrechen ihrer Gewalt.

O daß nicht immer der Bedrängte bis an diesen Triumph gelangen kann – nicht immer der Redliche nur unter feindlichen Händen erliegt! O daß der Allsehende, der Herzen und Nieren prüft, einen Theil seiner Sehkraft nicht auch den Wächtern verlieh, die er der Unschuld zum Schutze gesetzt hat, – daß die allgemeine Finsterniß, die unsern Erdball beherrscht, alle Wesen vermischt, und jede Wahrheit verhüllt, nur zu oft auch die Schritte selbst derer [12] mißleitet, die dem edeln Geschäfte ihrer Entdeckung vorstehen – und daß sich ein Fall denken läßt, den man nur nennen darf, um den ganzen Umfang seines Entsetzens zu schildern, den traurigen Fall, meine ich, wenn die Unschuld durch einen Fehlgriff der Gerechtigkeit erschreckt, und, gejagt von ihren Freunden, umsonst nach Beweisen arbeitet sich Ihnen kenntlich zu machen – wenn der Straflose, mit der Schuld äußerer Umstände belastet, schüchtern vor den Schranken edel denkender Richter steht, die ihn umarmen würden, hätte nicht das Schicksal einen zu dichten Nebel über den Abglanz seiner reinen Seele gezogen, wenn er sich verdrängt endlich – beschimpft und verrufen – aus der Verwandtschaft der Herzen verstoßen sieht, die ihm durch Sympathie angehören! In solchen schauderhaften Augenblicken zaget die Unschuld, und erschrickt über sich selbst. Traurigkeit tritt an die Stelle ihres Stolzes. – Ihr Gefühl, das sich minder vor dem Tod entsetzt, der ihre Nerven beschleicht, als vor der Verirrung der Hand, die ihr solchen auflegt, ermattet unter dem Kampfe, und erliegt. In ihrem Unvermögen, die Tugend ihrer Richter von dem Makel eines verfehlten Urtheils zu retten, wendet sie sich zum letztenmale gegen die Betrogenen mit jammernder Liebe, wünscht ihnen aus Großmuth die Fortdauer ihrer Verblendung, und flieht – unverletzt zwar, doch Gott! unter welchen Empfindungen, den Kreis ihrer irrenden Freunde, unbegleitet von mitleidigen Thränen, ungerächt und ohne Triumph.

Dieses, von meinem ersten Gemälde so abstechende Gegenbild, legt Euch, meinen Richtern, die grausame Lage meiner Verhältnisse gegen Euch dar, wie ich sie in ihrem ganzen bedrohenden Umfange fühlte, noch ehe sie mich vor Eure Schranken gebracht, noch ehe sie die Beredsamkeit meines redlichen Anklägers erweckt hat. Wie habe ich nicht in seiner vortrefflichen Rede die männliche Stärke bewundert, mit der er das Unglück eines Lasterhaften zu malen weiß! Er glaubte in diesem Augenblicke mein Gegner zu seyn – aber mein Herz konnte ihn nicht dafür halten. Wohl mir, daß ich seine Schilderung mir gegen über stellen und zergliedern kann, ohne zu erröthen! Sie ist meisterhaft schrecklich – aber sie [13] trifft mich nicht. Sie stellt mich mit den Farben der höchsten Wahrscheinlichkeit als einen Fremdling dar, der das geheiligte Recht der Gastfreundschaft gröblich beleidigte, der sich in dieses fromme Haus einschlich, um der Armuth ihr Eigenthum, der Religion ihre Stützen, und der Kirche ein Bollwerk zu rauben, das sie schon seit Jahrtausenden ihren Feinden so muthig als wirksam entgegen setzt. Sie überliefert mich den Gesetzen als einen Mordbrenner, den die verfolgende Rache des Himmels selbst an dem Orte seiner begangenen Frevelthat – selbst neben der Asche des kostbaren Gebäudes übereilt hat, dessen Vernichtung sein Werk ist. – Dieses ist das widrige Licht, das ein warmer Verehrer der Tugend über eine That verbreitet, die ich umsonst suchen würde in's Läugnen zu stellen. – Wie gedemüthigt vor Gott und Menschen würde ich mich in diesem Augenblick fühlen – wie könnte ich die Blicke des Abscheues ertragen, denen ich bloß stehe – wie vermöchte ich, edle Richter, den gewaltigen Eindruck meiner Anklage auf Eure Gemüther zu vernichten, wenn meine Straffälligkeit so erwiesen bliebe, als sie es jetzt den Mitgliedern Eures hohen Tribunals vorkommen muß! Nur desto stärker gegen mich empört, je aufgeklärter Ihr Verstand, je reiner der Schmuck Ihrer Sitten, je aufrichtiger Ihre Ehrfurcht für Tugend und Religion ist, machen es Ihnen diese herrlichen Eigenschaften nur noch unmöglicher, Ihrem Mitleiden Gehör zu geben. Der Schutz, den Sie der Religion zugeschworen, verdrängt das Erbarmen gegen denjenigen, der die Rechte dieser Religion so grausam verletzte. – Die Gesetze, die Sie handhaben, legen es Ihnen als Pflicht auf, Schande und Strafe über den muthwilligen Uebertreter derselben auszurufen.

Diese Wahrheiten, die ich mir nicht verhehlen kann, was lassen sie mich nun anders erwarten, als mich von den würdigsten meiner Zeitgenossen überführt, verdammt und aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen zu sehen! Und dennoch, ich schwöre es bei dem Eifer, der Euch belebt, seid Ihr, meine Richter, auf dem Wege, in mir einen Mann zu bestrafen, der nicht etwa Euer Mitleiden – ich entsage ihm gern – nein! der Eure ganze Achtung [14] verdient, und sie, nicht als ein Almosen, sondern mit dem Trotze eines guten Gewissens, als eine Schuldigkeit von Euch fordert. Möchte doch das belehrende Beispiel dieser feierlichen Stunde allen und jeden Dienern der Gerechtigkeit bekannt werden! Wenn ein Tribunal wie das Eurige nicht vor der Gefahr des Irrthums geschützt ist – welcher Richter mag es, nach Euch, noch wagen ein Urtheil zu fällen?

Doch wohin verführt mich meine eigene schreckhafte Vorstellung? Verzeiht es einem beängstigten Fremdlinge – verzeiht es mir, daß ich nur einen Augenblick von einer Gefahr träumen konnte, gegen die Euch Eure Kenntnisse, Eure Menschenliebe und Eure Redlichkeit waffnen. – Heil mir! Ich stehe nicht vor so gemeinen Richtern, denen schon das Eingeständniß einer zweideutigen Handlung Beweis genug von der Strafbarkeit dessen ist, der sie beging. So leicht auch die hinreißende Beredsamkeit meines feurigen Anklägers ein minder behutsames Tribunal bis zu diesem Fehlschlusse verleiten könnte – bei Euch wird sie keinen andern Erfolg bewirken, als den, der ihren reinen Absichten am angemessensten ist. Je vollkommener seine fürchterliche Anklage wider mich da steht, desto mehr wird sie Eure prüfende Aufmerksamkeit schärfen, und Eure Großmuth nur desto mehr reizen, das Mangelhafte meiner Vertheidigung zu ersetzen, und den Schwachen und Ungeübten gegen den Stärkern in Schutz zu nehmen. Gegen den Stärkern in Schutz nehmen, sage ich? Bin ich es denn nicht dem Ruhme meines Gegners schuldig, zu glauben, daß er selbst, während der Entwickelung der Triebfedern meiner Handlung, die stufenweise Abnahme seines Widerstandes redlich erkennen, meine Rechtfertigung unterstützen, und gern einem erwarteten Sieg entsagen werde, da er den Feind nicht fand, den er zu erlegen gedachte?

O möchte doch dieser innere Vertrag redlicher Seelen, dieses stillschweigende Einverständniß, das unter uns beiden besteht, zur Ehre der Wahrheit allen ihren Verfechtern voraustreten! Möchte die Welt immer nur so edle Streiter gegen den Irrthum auf dem Platze sehen, die eines solchen Kampfes werth sind!

Meine Rechtfertigung bedarf keines Schmuckes. Sie ergiebt [15] sich aus der einfachen Darstellung meiner Denkungsart, und liegt offen in meiner Geschichte. Ich verließ mein Vaterland, das von einem zwar mächtigen, aber leider ungläubigen Könige beherrscht wird. Ich verließ es mit dem Vorsatze, der alle Reisende leiten sollte, Wahrheit und Weisheit in den Ländern aufzusuchen, in denen in unsern Tagen diese Vorzüge so einheimisch wären, wie sie es vormals in Rom und Griechenland waren. So irrte ich von einem Gebiet in das andere, immer getäuschter in meiner Erwartung, bis ich endlich die glückliche Gegend des Komtats, und in ihm das Ziel meiner Befriedigung erreichte. Welch eine Weide für mein leibliches und geistiges Auge! Mit jedem Fortschritte wuchs mein Erstaunen. Gebahnte Straßen neben grünenden Auen, die mit dem bunten Gemische weidender Herden belebt waren – unabsehliche Flächen mit Saaten geschmückt – Berge mit Reben – Hügel mit fruchtbaren Bäumen bepflanzt – ruhige, freundliche Dörfer – prächtige Städte, mit frohen, glücklichen Menschen besetzt – Liebe und Treue auf allen Gesichtern – und dieses große herrliche Gemälde von einem immer heitern Himmel umwölbt.

Es ist bei dergleichen überraschenden Ansichten einem wohl eingerichteten Herzen natürlich, die Ursachen aufzusuchen, die solche Folgen bewirken. Ich betrat voll von dieser löblichen Neugierde diese Hauptstadt, die ich als die erste Quelle betrachtete, von der aller dieser Segen in das Land floß, und machte es mir zur Pflicht, der ausströmenden Kraft nachzuspüren, die ein so künstliches Triebwerk in immer gleicher Bewegung erhält, und die geheimen Federn zu entdecken, die stark und gespannt genug sind, jedes Rad so abgewogen in Thätigkeit zu erhalten, daß eines in das andere greift, ohne zu reiben, zu stocken, und den Endzweck zu hindern, den das Ganze hervorbringen soll. – Sind es, befragte ich mich, die strengen Gesetze eines Lykurg, oder sind es die philosophischen Grundsätze eines Friedrich, die dieses glückliche Land leiten? Welche Gewalt ist es, die das Wunder seiner Regierung möglich macht? Die Frage ist entschieden, wie man sie aufwirft. Wer kann eine Stunde unter Euch leben, Mitbürger dieses Staates, ohne den mächtigen Genius zu ahnden, der alles dieses bewerkstelligt? den Geist Eurer [16] Religion! Er ist es, unter dessen mächtigem Einflusse Eure Landesverfassung wie ein Felsen unter dem ewigen Tumulte der Wellen unerschüttert da steht. Er löst die verwickelten Grundsätze einer vollkommenen Staatskunst, über welche Monarchen und Weise in ewigem Streite liegen, in die einfachen Pflichten eines gemeinen Tagewerks auf. Der Segen, den Eure Kirche täglich ausspendet, spottet jener rastlosen Sorgen, die oft der klügste Regent vergebens anwendet, um dem Staate starke, geübte und mannhafte Hände zu gewinnen, denen er mit Sicherheit die Handhabung des gemeinen Wohls übertragen kann. Die spröden Faden, aus denen sein Gewebe zusammengesetzt ist, wie ungleich gelinder schmiegen sie sich nach dem Willen auch des schwächsten Kopfes, der die heilige Weihe empfangen hat, als nach dem Sinne eines Mannes, der durch vieljährigen Fleiß, Wachen und Nachdenken sich zur Führung anderer gestärkt glaubt! Ich überblickte mit Erstaunen die einfachen Mittel, die hier der päpstliche Glaube dem Dünkel der Weltweisheit entgegensetzt. Statt die Aufsicht über Ordnung und Gesetze erfahrnen Greisen – statt die Bewachung des Landes thätigen scharfsichtigen Männern übertragen zu finden, sah mein an jenen Anblick verwöhntes Auge hier nur Jünglinge zum Verdammen und Lossprechen berufen, und zu Vätern ihres Landes geweiht. Statt der Betriebsamkeit des Volks – sah ich nur Andacht. Ich ging mehrere Blenden von Heiligen vorbei, mit Anbetern umkniet, ehe ich auf eine Werkstatt stieß, die nicht leer stand. Ich hörte keinen Lärm, welcher Arbeit verkündigte: aber desto mehr Glocken, die zur Anbetung der Heiligen einluden. Ueberall sah ich verlassene Häuser und volle Kirchen. Ich sah ein unbeschäftigtes Volk, das auf langen Wallfahrten nach der Berührung eines Märtyrers ausströmte – sah die Lehrstunden der Kinder unter den Füßen eines wunderthätigen Bildes verlaufen, und die Tage des geschäftigen Alters aufgelöst in heilige Feste. Ich sah in einer Welt, wo ich alles der Vergänglichkeit unterworfen glaubte, ewig brennende Lampen – sah Todtengebeine, die jede Krankheit des Körpers, und heilige Zeichen, die jedes Gebrechen der Seele zertheilten – sah geweihte Tropfen, die ein langes beflecktes Leben verwischten [17] – sah die Hand des sterbenden Geizigen noch in dem Schatze wühlen, den er verlassen mußte, um für den wohlfeilsten Preis, den er erhandeln konnte, unendliche Reichthümer für die Ewigkeit zu erkaufen – sah gerührt, wie die dienstbare Frömmigkeit den Uebergang einer gebrandmarkten Seele in die andere Welt mit unverwelkten Blumen bestreute, und forderte mir, von diesen mir so ungewohnten Ansichten betroffen, wie es ein Blindgeborner seyn würde, der in einem Opernsaale und unter den Wirkungen verborgener Maschinen den Gebrauch seines Gesichts erhielt, lange vergebens Rechenschaft von dem Eindrucke ab, den ich fühlte, ohne den Ausspruch zu wagen, ob das, was mich so mächtig erschütterte, Wahrheit sei oder Täuschung. Wie viel lagen nicht Dinge von unendlicher Wichtigkeit für mich in der Entscheidung dieses erhabenen Zweifels! Sollte ich mich, wie ein Eingeborner dieses glücklichen Landes, bei dem allgemeinen Glauben beruhigen, den ich im Gange fand? Sollte ich mich, mit dem Vertrauen eines Kranken gegen seinen Arzt, der Hülfsmittel bedienen, die Eure geheiligte Religion feil bietet? oder sollte ich erst, ehe ich die Arzeneien verschluckte, ihre geheime Zusammensetzung untersuchen, und ihren Endzweck entwickeln? Ich glaubte mir, als einem Fremden, das letztere erlaubt, und mit der Offenherzigkeit, edle Richter, die ich Euch schuldig bin, gestehe ich, daß ich mit allem dem Mißtrauen, das der Irrthum erzeugt, zur Prüfung jener Grundsätze überging, die Ihr Glücklichen als Erbschaft, ohne nur einen Augenblick an ihrer Rechtmäßigkeit zu zweifeln, von Euren Vorfahren in Besitz nahmt. Ich that in dem Labyrinthe, in das ich eintrat, keinen Schritt, ohne zuvor die Sicherheit des Grunds zu erforschen, und verwickelte mich darüber zuerst in Irrgänge, die mich immer weiter von meinem Ausgange entfernten; und so hätte mich beinahe die redliche Absicht, die Geheimnisse Eurer Religion zu erforschen, in das Unglück gebracht, ihr Widersacher zu werden.

Aus der Masse von Vorzügen, die das Lehrgebäude Eures Glaubens darstellt, beschäftigte indeß keiner mein Erstaunen so sehr, als der Nachlaß Eurer Heiligen, den ich lange nicht und von keiner Seite meiner Vorstellungsart anzupassen vermochte. Er ist [18] unstreitig der größte Reichthum Eures Landes – darüber konnte ich mich nicht täuschen; aber es ward mir schwer, andere Länder für um so viel ärmer zu halten, als sie weniger als das Eurige von diesem Gewinne aus der Beute der Vorzeit besitzen. Ich konnte mein, durch die glänzenden Ueberreste griechischer und römischer Kunst geblendetes Auge lange nicht gewöhnen, an Euren oft unscheinbaren Reliquien Geschmack und Freude zu finden – konnte mich nicht bereden, daß ein Tempel, der auf dem Gerippe eines Heiligen erbaut, oder mit seinen Gebeinen und ehrwürdigen Lumpen behängt ist, darum merkwürdiger als ein Pantheon – erhabener seyn sollte als ein Colisee. Ja, ich gestehe Euch mit Erröthung, daß meine unter den Vorurtheilen meines Vaterlandes gebildete Seele immer widerstrebte, an die ausströmenden Kräfte zu glauben, die Ihr von den Ueberbleibseln Eurer Märtyrer rühmt, und die Eure geweihten Tafeln beweisen. Meine Zweifel verstärkten sich nur, je ernster ich daran arbeitete sie zu heben, und setzten sich sogar einer Gewalt entgegen, der vielleicht noch keine irrende Seele widerstanden hat. Mich hatte die Empfehlung eines frommen Bischofs in die Bekanntschaft eines Eurer Mitbürger, in den Schutz eines erleuchteten Mannes gebracht, dessen geringster Schmuck der königliche Purpur ist, den er trägt. Ungern verschweige ich sein Lob in seiner Gegenwart, und überlasse es Eurem Bewußtseyn, die Ihr ihn näher und länger zu kennen das Glück habt. Er nahm mich auf, als ob ihm das Bedürfniß meiner Seele schon im voraus bekannt, und ihm der Gedanke sichtbar wäre, der über ihr schwebte. Sein erstes Gespräch verbreitete sich lehrreich und freundlich über den Werth frommer Reliquien. Er machte mich zum erstenmale mit den schätzbarsten derselben – mit den drei Blasensteinen der heiligen Klara bekannt, die, beredter und überzeugender als die Zungen der Schriftgelehrten, das größte Geheimniß unsers Glaubens erläutern, indem sie sichtbar alle die Eigenschaften vereinigen, die jeder rechtschaffene Christ der hochgelobten Dreieinigkeit beilegt. Das Visum repertum, das er mir über diese Kleinodien vorlas, erschütterte zwar mein Herz, das aber zu schwergläubig war, um nicht auch hier einen Vorwand zu finden, den Eindruck [19] zu entkräften, den es auf mich zu machen anfing. Mißtrauen gegen die Stimme der Wahrheit ist die natürliche Folge des Irrthums. Ich höre zwar, sagte ich seufzend, das merkwürdige Zeugniß, und fühle das Unwiderstehliche der Folgerungen, die es enthält, in seinem ganzen Umfange; aber wo sind die heiligen Steine, die mir für die Wahrheit desselben bürgen? Wo sind sie? damit ich hingehe und sie anbete, und mit ihnen in der Hand jene stolze eingebildete Wissenschaft zum Schweigen bringe, die unserm Glauben die gebieterischen Sätze eines heidnischen Euklides entgegen stellt. Sind sie, wie es das Ansehn hat, in dem Tumulte der Zeiten verloren gegangen; so bleibt mir nichts übrig, als ihren Verlust zu bejammern, und selbst so lange ihr ehemaliges Daseyn zu bezweifeln, bis sie sich wieder finden, und Gott die Ungleichheit zwischen mir und dem glücklichen Sterblichen aufhebt, der sie sehen, betasten und durchwägen konnte. Meine nächste Pflicht schien mir nun die, nach diesen heiligen Steinen bis an das Ende meiner Tage zu forschen. Ich störte alle Kabinette der Naturgeschichte – alle Sammlungen von Reliquien durch, fand wohl hier und da einen einzelnen Stein, an dessen Gewichte, Selbstständigkeit und einfachem Wesen nicht zu zweifeln war, der aber, wenn ich ihn mit zwei andern von gleichen Eigenschaften zusammen brachte, nie die Probe bestand, nach der ich ausging. – Ich betrat einen andern Weg, auf dem ich nicht ohne die höchste Wahrscheinlichkeit mich den verlornen Kleinodien zu nähern hoffte. – Gern würde ich über diesen eben so fruchtlosen Versuch stillschweigend hinwegeilen, um die jungfräuliche Seele, die ihn veranlaßte, nicht aus ihrer bescheidenen Ruhe zu bringen; aber die höhern Pflichten der Aufrichtigkeit, zu der ich jetzt vor andern aufgerufen bin, macht es mir, theuerste Klara, unmöglich, Ihrer Erröthung zu schonen.

Ich sehe, edle Richter, mit welchem Wohlgefallen sich Eure Blicke nach dieser Freundin Eures Zirkels – nach dieser frommen Mitgenossin Eurer geistigen Vergnügungen, wenden; und Ihr werdet, ich zweifle nicht, die hohe Erwartung, die ich von ihr faßte, durch die glänzenden Eigenschaften mehr als zu gerechtfertigt finden, die uns alle an sie fesseln. Das Glück der Nachbarschaft mit dieser [20] Auserwählten; die herrlichen Psalmen, unter denen mich ihre sonorische Stimme jeden Abend einschlummerte – jeden Morgen erweckte; ihre Unschuld, die aus jeder ihrer Bewegungen, aus jedem Faltenschlag ihrer Kleidung hervorstrahlte; die beispiellose Frömmigkeit ihrer Jugend – alles trug in mir zu der Ueberzeugung bei, daß die Heilige, deren Namen sie führt, deren Glauben sie ererbt hat, deren Tugend sie wieder darstellt – ihr auch wahrscheinlich die Steine zurück gelassen habe, nach deren Entdeckung meine Seele immer heißhungriger ward. Dieser Gedanke, der mächtig genug gewesen wäre, mich bis an den äußersten Pol der Erde zu treiben, um ihm Luft zu machen – wie viel dringender mußte er nicht in der glücklichen Nähe auf mich wirken, in der ich mich mit dem Ziele meiner Hoffnung befand!

In der feierlichen Stille einer hellen Nacht näherte ich mich der Thür dieser Auserkornen ihres Geschlechts – hoch pochte mir das Herz nach der Entdeckung dieses großen Geheimnisses; aber noch war es ihrer nicht werth. Die fromme Aufseherin unserer Jugend versperrte mir, wie ein Seraph, den Eingang, und wies mich als einen Ungeweihten in meine einsame Klause zurück. Dank sei Dir, würdiges Weib! für Deine Strenge, die mir damals so schwer zu ertragen fiel; sie erweckte den Trieb mich aufzurichten, indem sie mich niederschlug, und befeuerte mein Verlangen, mich der Glorie erst würdig zu machen, nach der ich hinstrebte. Das Bild meiner freundlichen Hoffnung schwebte mir vor in der Zerstreuung des Tages, in den Träumen der Nacht, erheiterte meine Einsamkeit, und fesselte mich mit Blumen an die Pflichten meines hohen Berufs. Unter dem Schutze des Purpurs meines edeln Freundes und Begleiters warf ich mich der mächtigen Genoveva zu Füßen, und vereinigte mein Gebet um Aufklärung mit dem Gebete der Gemeinde. Ich wallfahrte nach dem Grabe der Laura – stärkte meine Empfindung in den reinen Dünsten, die aus ihrer Asche emporsteigen – bereicherte mich mit den Erfahrungen ihres Wächters, und suchte auf dem Pfade, auf dem er zu seiner Ueberzeugung gelangt war, die meinige zu erringen. Ich schlich den Heiligen nach, wo ich sie fand, durch das Labyrinth ihrer Legenden [21] – auf dem geschmückten Throne ihrer Altäre – in dem Schauer ihrer Verwesung. Ihre glänzenden Feste konnten kein geweihtes Gebein ihrer Gerippe ausstellen, ich näherte mich ihm mit Ehrfurcht. Erblickte ich die Madonna als Zeichen über einem Wirthshause, so trat ich ein. Entzog sich ein Splitter des heiligen Nicaise meinen feurigen Augen – ich schlich ihm nach, und suchte wenigstens meine Hand daran zu erwärmen. Ich erkaufte mir mächtige Vorbitten bei der hochheiligen Concordia, und errang durch Gold, das zu Ehren ihres Namens geprägt ward, endlich eine der wirksamsten Reliquien, die meinen Uebergang in das Gebiet der Geheimnisse vermittelte, und den Schleier wegzog, hinter dem ich die heiligen Steine versteckt glaubte. Ich triumphirte – aber zu früh! Dürfte ich es wagen, die Holdselige, die meinen mißlungenen Eifer theilnehmend mit ihrem Mitleiden beehrte, aus dem Bezirke ihres Richteramtes in jene trauliche Stunde meiner frommen Untersuchung zurück zu führen; sie würde nicht anstehen, Euch meinen Richtern alle die Empfindungen der Kleinmuth, der Muthlosigkeit und des Kummers zu bezeugen, unter denen ich ihre Schwelle verließ.

Ein unruhiges Herz verfinstert oft den hellsten Verstand; wie viel schwärzer mußte es nicht auf ein Gehirn wirken, das noch durch Vorurtheile, Zweifelsucht und Unglauben umnebelt war! Habt Mitleiden mit mir, Ihr, die Ihr, schon fest in Eurem Glauben, allen Gegenbeweisen, Erfahrungen und Anmaßungen der Leidenschaft trotzen könnt! Der Unmuth über meinen mißlungenen Versuch – statt mich auf die wahre Ursache zurück zu führen – verwickelte mich vielmehr in neue feindselige Fehlschlüsse wider die Wahrheit Eurer Religion. Die Aufwallung meines Bluts verhinderte mich zu begreifen, worauf mich doch die Geschichte der heiligen Klara von Montefalcone hinwies, daß meine Nachforschungen zu voreilig, und es nur auf dem Wege der Zergliederung möglich sei, auf die verborgenen Steine zu treffen. So überzeugt ich auch jetzt bin, daß ihre fromme Namensschwester einst der erstaunten Erde diese verlornen Beweise der Dreieinigkeit wiedergeben, und durch den Nachlaß ihres Todes das Leben krönen [22] werde, das sie jetzt führt, so entfernt war ich damals von dieser trostreichen Aussicht. Ich glaubte in meiner fruchtlosen Bemühung keinen andern Beweis zu finden, als den: daß nicht allein die Legende der verewigten Klara erlogen, sondern alle und jede Verjährungen Eures Glaubens nicht bündiger zu beweisen sein möchten, als die Steine der Klara.

In diesem Aufbrausen eines schwachen Gehirns trat ich vor die herrliche Sammlung der geistreichen Schriften, die den größten Schmuck dieses Hauses ausmachen. Ich spottete ihrer Titel als Prahlereien eines heuchlerischen Stolzes – schalt den Inhalt, den sie ankündigten, als Verirrungen des menschlichen Geistes – entschloß mich das Lehrgebäude niederzuwerfen, das sie aufstellten, und diese Stützen des Glaubens mit dem Uebermuthe eines Heiden dem Pagoden meines Kamins zu opfern.

Aber in diesem Augenblicke schienen alle Heiligen mit Erbarmen auf mich zu blicken – mit Erbarmen gegen ein Herz, das in seinem Drange nach Wahrheit sich bis an diesen Abgrund verlaufen konnte. Ich fühlte daß mein Schutzgeist zurück kam. Meine Wünsche, ohne mich zu verlassen, nahmen jetzt einen richtigern Gang, und meine Empfindungen veredelten sich. Mitten in dem Entsetzen, das mich nun über die häßliche Gestalt ergriff, unter der die That, die ich auszuführen im Sinne hatte, auf die Nachwelt übergehen würde, entdeckte ich neben dem finstern Wege, den ich einschlagen wollte, jene feine Scheidungslinie zwischen Recht und Unrecht, die gemeine Richter so leicht und nur zu oft übersehen. Was ist der Mensch ohne eine höhere Leitung! und wie so nahe gränzt das Laster an die Tugend! Ihr, die Ihr schon längst über das Bewußtseyn der Seele, über die Beruhigung des Gewissens nachgedacht habt – Ihr, die am Feste des heiligen Crispinus mit flammenden Worten Euren Gemeinden so deutlich als mit dem Beispiele Eures Lebens beweist, warum sein Raub, statt ihn auf den Richtplatz zu bringen, ihn unter die Zahl der Seliggesprochenen versetzt hat, mein Herz schmiegt sich an das Eurige, und sucht seine Lossprechung in Euern Lehren. Ihr werdet ohne Mühe begreifen, wie dieselbe That, die mich einige Minuten [23] zuvor als einen Verbrecher würde gebrandmarkt haben, nur durch gute Absicht geleitet, durch fromme Bewegungsgründe geheiliget, sich zu einer unschuldigen, zweckmäßigen und löblichen Handlung umbilden konnte. In dem höchsten Unwillen über mich selbst, nahm ich jetzt die ungerechten Schmähungen zurück, die ich wider Männer auszustoßen mich erfrecht hatte, denen ich die Schuhriemen aufzulösen nicht werth war, und betrachtete sie, wie ich sie immer hätte betrachten sollen, als eine Gesellschaft, die der große Zweck vereinigt hat Gutes zu stiften, und segnete sie als Wohlthäter des menschlichen Geschlechts, die noch Samen über ihre Gräber streuten zu ewigen Ernten. Haben sie nicht, befragte sich meine gerührte Seele, indem ich eine ganze Reihe ihrer unsterblichen Werke umarmte, ihre Nächte mit Nachdenken verwacht, ihr schönes Leben verschrieben, um noch ihren Enkeln den steilen Weg zu erleichtern, der zur Entdeckung der Wahrheit führt? – Und ach! warf ich mir bitter vor, in der Nähe dieser sicheren Wegweiser, hast du deine kostbare Zeit ungenutzt verschlafen, und in dem Augenblicke, da du ihre Hülfe am meisten bedarfst, bist du im Begriff dich auf immer von ihnen zu trennen?

Wohl dem menschlichen Herzen – es hat seine Spannkraft nicht ganz verloren – das noch durch den Gedanken einer unwiederbringlichen Zeit erschüttert wird! Es zieht nun alle seine Kräfte zusammen, und sucht den Werth der verschleuderten Stunden in dem kleinen Zeitraume, der ihm noch übrig bleibt, einzuengen, und den Verlust von Jahren durch den mißlichen Gewinn eines nachfliehenden Augenblicks auszugleichen. – Auch das meinige arbeitete unter einem gleichen Bestreben. Schaudernd sah es in das Vergangene und auf die Sorge, die es vernachlässigte, und blickte wild auf seinen entfernten Abstand vom Ziele; aber in diesem verzweifelnden Kampfe errang es Hoffnung sich seinen Weg zu verkürzen.

Ich erinnerte mich, und nie hat mir mein Gedächtniß einen wichtigern Dienst erwiesen – daß ich in den Büchersälen Eurer Klöster, in den Schatzkammern Eurer Kirchen, Schriften sah, deren Inhalt jeder nachdenkende Mann – auch ohne Untersuchung – [24] schon als klar bewiesen annehmen, und als den lautersten Ausfluß der Wahrheit verehren wird, weil sie die kritische Prüfung, in der jedes menschliche Machwerk seinen Untergang findet, unter höherem Schutz überstanden – ich meine die Probe des Feuers. – Noch vor kurzem hatte ich in dem Schatze, der über den Gräbern zu Saint Denys aufgestellt ist, das berühmte Buch des Thomas a Kempis bewundert, das einzig aus einer reichhaltigen Bibliothek, die in Rauch auf ging, gerettet, und unversehrt aus dem Schutthaufen hervor gezogen wurde. Der fromme Mann, der es mir zum Küssen überreichte, beantwortete mir die Frage, ob denn die Tausende bei diesem Unglück verlornen Bücher nur Irrthum enthalten hätten, mit einer Erklärung, der ich damals den Trost nicht ansah, den sie mir bald in der drangvollsten Stunde meines Lebens gewähren sollte. So hängt oft die Vorsehung die wichtigsten Ereignisse unsers Lebens an unmerkliche Faden, und verbindet uns, ohne daß wir es ahnden, mit der großen Kette, die sie in ihrer Hand hält. So kann vielleicht in den fernsten Zeiten noch sich zu der allgemeinen Harmonie ein Wohlklang aus so schwachen Tönen entwickeln, als jetzt meinem Munde entfallen – so kann die Verhandlung der gegenwärtigen Stunde vielleicht noch Heiden bekehren, und ganze Länder – Gott gebe es! – dem Joche Eures Glaubens unterwerfen.

Es waren, sagte der Mann, viele Werke in dieser verunglückten Sammlung, die wohl noch vortrefflicher waren, als das gerettete; aber man kannte sie, und keine Seele bezweifelte ihren Werth. – Nur Thomas a Kempis war nicht geachtet – und sein Buch von der Nachfolge war unter allen dasjenige, dem man am wenigsten folgte. Seit dem Wunder seiner Erhaltung ist es erst in den Ruf gekommen, den es verdient – erst seitdem ist es allen Religionen ein heiliges Muster geworden. Es hat sich in unzähligen Auflagen verbreitet, und die Vorreden erzählen die Kritik, die es aushielt. – Dieses waren die belehrenden Worte, die jetzt volltönend an die Saiten meiner Seele anschlugen, und mir den einzigen Ausweg zu zeigen schienen, den ich zu nehmen hatte.

Von allen den Lehren, die jene herrlichen Werke enthielten, [25] die vor mir standen, war eine wie die andere meinen Augen verborgen. – Um keiner Unrecht zu thun zweifelte ich an allen. – Meine dringende Abreise – meine Trennung von ihnen, benahm mir die Möglichkeit sie zu erforschen, und in diesem Drucke und Gegendrucke von Wünschen und Zweifeln ermannte ich und entschloß mich, sie der kürzesten Prüfung zu unterwerfen, die mir in meiner Lage auch die willkommenste seyn mußte. In der süßen Hoffnung, sie – die eben so ungesucht, ungelesen und vergessen waren, wie der große Thomas, bald durch das Feuer bewährt wieder zu sehen wie ihn, trennte ich sie aus ihrer Hülle, häufte sie locker in diesem Kamin auf einander, beging die That, die Ihr so strafbar findet, und – o wie pocht mir das Herz! – steckte sie an. Voller Erwartung verfolgten meine Augen jede Wendung der auflodernden Flamme, die sich schnell ausbreitete, und bald über den kostbaren Stoff, den ihr mein gläubiges Zutrauen übergeben hatte, zusammenschlug. Dieser Berg von Gelehrsamkeit senkte sich – jede Minute überlieferte ein kostbares Werk mehr seiner Vernichtung. Sein Inhalt verrauchte, und beizte mir die Augen, ohne das Herz zu erwärmen. Meine Betäubung stieg immer höher – ach! sie ward zum Entsetzen, als ich an der Stelle dieser glänzenden Ueberreste der Vorzeit – endlich nichts mehr als einen gemeinen Aschenhaufen erblickte. – Ist es möglich? rief ich nun aus. So war denn auch nicht Ein Buch unter so vielen, das den unmittelbaren Schutz Gottes oder eines Heiligen verdiente? So gingen sie alle in Rauch auf, ohne mir nur Einen meiner marternden Zweifel zu heben, – nur Eine Wahrheit mir zurück zu lassen, die meinem Herzen Trost, meinem Verstande Nahrung verschafft hätte? Ach! Es bleib mir nichts übrig, als ewige Zweifel, und reuige Thränen über diesen vergeblichen Brand.

Indeß – der Lauterkeit meiner Absicht bewußt, kam es mir nicht von fern ein, daß etwas Straffälliges in meiner Handlung liegen könne. Es gilt den Ersatz dieser Bücher, sagte ich zu mir; und ich errieth nicht eher, unter welchem schwarzen Anstriche auch dem billigsten Gemüthe meine Feuerprobe erscheinen könnte, als bis mich der Eifer der frommen Aufseherin dieser Stiftung nur zu [26] sehr davon überzeugte. Aus der nachtheiligen Vorstellung, unter der ihr meine That erschien, aus dem Hasse, womit sie ihr tugendhaftes Gemüth und die edeln Seelen meiner Richter zur Rache entflammte – sind die traurigen Folgen entstanden, unter denen ich bis zu der Stunde meines Verhörs geseufzet habe. Ihr glaubtet berechtigt zu seyn einen Mann von Ehre – einen Reisenden von unbescholtenem Rufe – einen Unterthan eines großen Monarchen, und einen Eurer Freundschaft empfohlnen Fremdling, als einen Verbrecher zu behandeln – glaubtet es dem Ansehn der Tugend und dem Vortheile Eurer Kirche zuwider, den erbotenen Ersatz anzunehmen. Ein gemeinschaftlicher Irrthum vereinigte die besten, edelsten Herzen zu meiner Bestrafung. Noch jetzt, vortreffliche Richter, nachdem ich Euch die wahren Triebfedern meiner Handlung entwickelt, und die geheimsten Winkel meines Herzens geöffnet habe, muß es Euch – so schwach sind die Kräfte selbst der scharfsichtigsten Menschen der Wahrheit auf die Spur zu kommen – muß es Euch, sage ich, ungewiß bleiben, ob nicht betrügerische Beredsamkeit Eure Beurtheilung zu blenden suche – ob nicht der Mann, der so dreist von seiner Unschuld spricht, in geheim über Eure Leichtgläubigkeit spotte, und ob Ihr nicht einen Verräther Eures Glaubens entlassen würdet, indem Ihr mitleidig meine Fesseln löset. Aber auch diese Fehlschlüsse, wenn es Euer trauriges Loos seyn sollte, ihnen unterzuliegen, würden dennoch der Achtung nichts benehmen, die ich Eurem Amte, Eurer Gewalt, und Eurer Rechtschaffenheit schuldig bin. Ich würde nur mein finsteres Schicksal – den dunkeln Zusammenhang meiner Rechtssache, und den Zufall bejammern, der die Gerechtigkeit so sehr mißzuleiten, und Freunde einer und derselben Wahrheit so weit von einander zu entfernen vermochte. – Dank sei der allmächtigen Hand, die auch diese letzte Decke, die uns noch scheiden konnte, von Euren Augen wegzieht! Der Augenblick ist da, der meiner Rechtfertigung sein glorreiches Siegel aufdrücken – jede Trennung unserer Gemüther aufheben – meine Unschuld durch Eure Freundschaft belohnen, und Eure Tugend von der Furcht eines verfehlten Urtheils befreien wird.

Bitter waren freilich die Stunden, die mich bis an das Fest [27] brachten, das meiner wartet – an das Fest Eurer brüderlichen Umarmung! – Ueberseht noch einmal mit mir die ganze Trauer meines gestrigen Tages, als ich, im Begriff meiner Abreise, ausgeschlossen von aller menschlichen Hülfe – bewacht von Bewaffneten – eingekerkert in eine einsame Wohnung – unter den Zurüstungen eines furchtbaren Gerichts – ach! vielleicht meinem letzten Schlummer entgegen ging. Stellt Euch ... nein! Ihr vermögt es nicht! – das Schrecken der folgenden Nacht vor, als ich mit müden Schritten nach meinem Lager, den Trümmern derer vorbeischlich, deren Stimme ich in Rauch erstickt – deren Daseyn ich in Asche vergraben hatte! Ihre Schatten schienen fürchterlich mich zu umschweben, die Klagen der bedürftigen Seelen, die ich um ihre Tröster betrogen, bestürmten meinen Schlaf, und mein zweifelndes, unbefriedigtes und muthloses Herz vermehrte noch meine innere Marter. – Unter diesen Schrecknissen verging die Nacht – in diesem Wirbel von Unruhe beschlich mich die Morgenröthe meines Gerichtstages. Ernste Blicke in mein Innerstes, wehmüthige Hinsichten auf Euch – waren meine ersten Empfindungen, und jener schon erkaltete Aschenhaufen der erste Gegenstand meiner erwachten Sinne.

Ich blickte noch einmal mit schwermüthigem Herzen in diese Gruft verblichener Wahrheiten, und hätte mit der Vorsehung rechten mögen, daß ihr meine Bekehrung zu unwichtig schien, um dem Feuer seine verzehrende Gewalt zu benehmen, und die Ordnung der Natur zum Vortheil meiner Ueberzeugung zu ändern. – O ihr Unsterblichen, rief ich aus, die ihr uns euren Geist in diesen Schriften zurück ließet! warum beschütztet ihr nicht euer Vermächtniß? – O ihr Heiligen und Verklärten! wie? hielt es denn keiner von euch der Mühe werth seine Legende zu retten? O, möchtest nur Du – vor allen nur Du, selige Klara, dein Visum repertum.. Ein Geräusch gleich einem gewaltigen Winde unterbrach hier den Lauf meiner Worte, und hemmte meine Stimme. – Meine Blicke fuhren nach dem Kamine hin, von wannen es her kam. – Was sah ich! was sträubte mein Haar! Könnte ich euch jetzt um mich her versammeln, daß euer Ohr meine Rede [28] vernähme – ihr stolzen Widersacher jenes großen Geheimnisses, das ihr mit euren Zirkeln zu verspotten – mit eurem Einmal Eins zu vernichten glaubt! Ich sah – hört es, meine Richter und folgt meinem Erstaunen – Ich sah, und ich glaubte ein Schattenspiel der Auferstehung zu sehen – den Staub der Verblichenen sich von dem Herde erheben – sich bewegen – sich ordnen; ich sah die Wahrheiten, die in jenen heiligen Schriften einzeln zerstreut lagen, sich aus ihrer Vernichtung erheben, und sich zu einem Monumente derjenigen bilden, die dem menschlichen Verstande die wichtigste, wie die unerreichbarste ist. In einem schnell vorüber fliegenden Augenblicke war ihrer aller Asche zu einer selbstständigen Säule zusammen gedrängt, die dreiseitig, und wie aus ätherischem Porphyr gehauen, meinem entzückten Auge erschien. Es war die höchste Ueberraschung – ich glaube es mit Grunde, sagen zu können – die einer menschlichen Seele begegnen konnte, und die keine Zeit vermögend seyn wird aus meinem Gedächtnisse zu verlöschen. Aber leider! dauerte diese anstaunungswürdige Erscheinung nur einen Augenblick – die Säule zerfiel als wäre sie nie da gewesen. – Und wer würde mir jetzt glauben, daß es nicht ein Traum, nicht ein Blendwerk der Sinne war – wenn diesem Phänomene nicht unmittelbar ein anderes gefolgt wäre, das wie die Sonne einem sehenden Auge keinen Zweifel erlaubt, und einen Beweis zurückließ, der von jeher für unumstößlich anerkannt wurde, und die unbegreiflichsten Begebenheiten so klar macht wie die gemeinsten Ereignisse – den großen Beweis – meine ich – des Augenscheins?

Es erhob sich jetzt – könnte ich es doch dem Erdkreise ankündigen! – aus dem Staube der vor mir lag – aus dem Chaos jener mystischen Säule, erhob sich jetzt das Phänomen eines glühenden Blattes. In einen Rahm gefaßt, der wie aus Sternen zusammen gesetzt schien, schwebte es über dem Herde, und das milchweiße Licht, das es ausströmte, stärkte mein verklärtes Auge zu dem hohen Genusse seiner Betrachtung. So leuchtete es mir einige selige Stunden. Mein Herz pochte vor Staunen – meine Brust dehnte sich unter dem Drange der Freude – Ach! in welch[29] einem Meere von Empfindungen badete sich nicht meine Seele! In Entzücken und in Anstaunen dieses Wunders verloren, vergaß ich mein Daseyn – vergaß Euch, meine Richter, und die übrige armselige Welt. Und wäre die Thür meines Kerkers auch unverschlossen und der Weg zu Euch frei und offen gewesen – die Selbstgenügsamkeit meines Gefühls würde mir allein schon verwehrt haben, von meiner geweihten Stelle zu weichen, und andere Zeugen meines Glücks zu suchen als Mich. – Nie wurden wohl die stillen Fortschritte der Zeit mit so glänzenden Punkten gemessen, und ihr Uebergang in die Ewigkeit so lieblich bezeichnet, als in diesen gebenedeiten Stunden. – Mit jeder Minute, die mich meinem ernsten Verhöre näher brachte, verlosch ein Stern an dem Rahmen des brennenden Blattes. Es verlosch der letzte daran, und abgekühlt senkte es sich in meine hinstrebenden Hände. Ein Blick aus meinen beseelten Augen, der in der Eil des Blitzes darauf stürzte, war genug. – Er predigte mir die verkannte Wahrheit in ihrem ganzen Umfange, erschütterte und überzeugte mein Herz. Ich hatte nur noch Zeit, das aufgefangene Blatt an meinem Busen zu bergen, als der Augenblick eintrat, der mich vor die Schranken Eures Gerichts zog.

So habe ich Euch denn, meine Richter, durch die Irrgänge meiner Gedanken und Empfindungen bis zu dem letzten Beweise geführt, der zwischen mir und meinem Ankläger entscheiden soll. Dank sei aber zuvor noch der heiligen verewigten Klara! Mein Nachforschen nach ihren Edelgesteinen war nicht umsonst. Das Feuer, das aus den Augen der Geweihten spricht, die ihren Namen führt – das begeisterte Blut, das ich während meiner Rede ihre schönen Wangen durchziehen sah – sagt es Euch laut, meine Richter, daß ich den lange verborgenen Ort entdeckt habe, der jene Kleinodien verwahrt – den unerreichbaren Ort Eurer täglichen Wallfahrten, und den stillen Weg, der dahin führt – den Ihr ehrwürdige Männer dieses Gerichts mir noch lange unter heiligen Betrachtungen nachwandeln werdet, wenn ich schon längst von meiner Entdeckungsreise zurück, meinem Vaterlande wieder gegeben seyn, und nur in Gedanken noch die schattige Gegend umschweben [30] werde, die dem Erdkreis sein größtes Wunder verbirgt. – Mag indeß die Zeit der Erfüllung noch so weit in der Zukunft liegen, wir wollen uns in gläubiger Zuversicht an das schon vollendete Wunder halten, das uns heute zu Theil ward – an das Zeugniß der Wahrheit, das, durch das Feuer bewährt, jede fromme Ungeduld hinhalten – jede Hoffnung beleben – jeden Zweifel an die hochgelobte Dreieinigkeit bei allen denen zerstreuen wird, die meine Aussage hören. – Das Visum repertum der Heiligen, die einst jene wundervollen Steine in ihrem Schooße trug, und seitdem, um nie verloren zu gehen, unter ihren Schwestern bis zu derjenigen forterbte, deren jungfräulicher Schooß sie noch heute verschließt – dieser Beweis ihres ehmaligen und jetzigen Daseyns ist an diesem Tage glänzend und unverletzt aus den verzehrenden Flammen hervor getreten – Seine Wahrheit ist gerettet. Hier, meine Richter, hier ist das heilige Blatt – Fallet nieder und betet an!«

Mit diesen Worten zog ich jenes in ein feines Papier geschlagenes Blatt aus meinem Busen, das ich, wie Du weißt, um es als Beleg zu gebrauchen, aus der Legende der heiligen Klara von Falkenstein und in dem kritischen Augenblicke aus dem Feuer riß, als die Sammlung Pater Martins von Cochim schon lichterloh brannte. Welch einen ungleich wichtigern Dienst leistete es mir jetzt! Ach daß Du nicht bei mir warst, Eduard! und die sonderbaren und verschiedenen Bewegungen nicht mit ansehen konntest, die dieser unerwartete Ausgang meiner Rechtfertigung auf jedes einzelne Mitglied dieses hohen Gerichts hervorbrachte! Der Domherr stürzte mit einem Ungestüm herbei, der nur zu sehr den leidenschaftlichen Antheil verrieth, den er an diesem Wunder nahm. Thränen traten ihm in die Augen, als er die Lieblingsstelle seiner Erbauung in so unversehrtem Drucke, auf diesem an den Rändern versengten Bogen entdeckte. Er benedeite in der Unordnung seines Verstandes alles was ihm in den Mund kam, – das Haus, wo dieses Wunder geschah – die Asche, aus der sich dieser Phönix erhoben hatte – mich, dem die Vorsehung das unverbrennliche Blatt einhändigte – besonders aber sich, der zur Entstehung dieses erstaunlichen Phänomens die erste Gelegenheit [31] gab. – »Nun,« rief er ohne seine Phrasen zu enden, »ist der große Beweis gerettet – die Nachforschungen der Schriftgelehrten werden ... die heiligen Steine liegen ... ja ich hoffe sie noch mit eigenen Augen ...« Doch indem schien er sich zu besinnen, wie anstößig dem guten Klärchen ein Kompliment vorkommen müsse, das auf ihre Sektion gebaut war. Er ließ seinen Enthusiasmus nicht weiter laut werden, hüllte sich in seinen Purpur, und warf sich erschöpft und athemlos auf den Lehnstuhl.

Die innern Rührungen der alten, frommen, erstaunten Bertilia zeigten sich lange nur in den stillen Verzerrungen ihres scheußlichen Gesichts. – »Ich bin,« ergriff sie endlich mit heulender Stimme das Wort, »grau bei Wundern geworden; aber keines – nein! keines hat mächtiger noch mein Herz gerührt. Wie werden meine Nachbarn – wie werden alle die neidischen Weiber im Hospitale – wie wird Stadt und Land über das Heil erstaunen, das diesem Hause, und eben in der Zeit widerfuhr, da es – o ihr Heiligen! der Aufsicht eurer Magd anvertraut war!«

Doch wie mag ich nur einen verlornen Blick an diese Furie wenden, da die Graziengestalt ihrer Nichte dicht neben ihr steht, die mir in der Gruppe meiner Bewunderer doch immer die liebste Figur – aber eben darum auch am schwersten zu zeichnen ist! Ach! es wäre wohl der Mühe werth, wenn ich es nur vermöchte, Dir die mancherlei Schlangengänge ihrer Empfindungen, mit allen den feinen Schatten zu schildern, die auf ihrem Gesichtchen spielten, als sie dasselbe Blatt zu solchen Ehren erhoben sah, bei dem sie ihren Puder verlor. Ein verstohlner Blick ihrer schönen Augen, der über den Sektionsbericht ihrer Namenschwester nach dem Domherrn hingleitete, und die Erröthung auf beiden Gesichtern, die nachfolgte, würden mich, wenn es nicht schon der Epilogus zur Genüge gethan hätte, genau auf die Spur ihrer ersten Lehrstunde gebracht haben. Jene älteren Erinnerungen schienen alle Gewalt aufzubieten, um das frische Andenken ihrer jüngern Erfahrungen aus ihrem Blute zu treiben, oder ich müßte das Farbenspiel ihrer Wangen – müßte den beredten Ausdruck ihres Gefühls nicht verstanden haben, den ich doch deutlich in ihren Mienen zu lesen [32] glaubte. Doch setzte sie – wenn ich recht sah – der schnelle Uebergang des so sehr gedemüthigten Mannes zu der Glorie eines Wunderthäters mehr noch in Verlegenheit als alles übrige. Sie wendete ihre Augen so schüchtern nach mir, als hätte sie ihnen aufgetragen, mir in ihrem Namen das Unrecht abzubitten, dessen sie sich schuldig gegen mich fühlte. – Da sie ihr aber keinen Blick der Vergebung aus den meinigen mitbrachten, so nahm sie ihre Sirenenstimme zu Hülfe. – »Wer hätte das gestern noch denken sollen!« tönte sie mir sonorisch in's Ohr, daß es nicht anders möglich war, der Stimmhammer mußte mir dabei einfallen. Ihr rechter Fuß, über den das Band der unbefleckten Jungfrau gegürtet war, zitterte zugleich als ob er im Fieber läge, und der heilige Nicaise war im Steigen und Fallen. Abscheulich schönes Mädchen! dachte ich, und beinahe glaube ich, sie errieth meine Gedanken: denn so geschickt auch die Wendung war, mit der ihr Blick von mir seitwärts nach ihrer Tante überging, so schien er mir doch zu abgebrochen um ganz natürlich zu seyn. – »Ich sehe im Geiste,« sagte sie mit einem unterdrückten Seufzer zu ihr, »welch einen Segen die Begebenheit dieses Morgens über das Haus meiner Wohlthäterin bringen wird. Von den fernsten Orten her werden Wallfahrten nach dem unverbrennlichen Blatte geschehen, und ach! wie hoch werden nicht Ihre Miethen im Preise steigen! – Aber,« fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, »wohin, ihr Jungfrauen des Himmels! wohin werde ich mich alsdann verstecken, wenn, als Erbin der heiligen Klara, auf mich aller Augen gerichtet sind? – Ach mein Herr!« drehte sie nun wieder ihr Köpfchen zu mir, ergriff meine Hand, und drückte sie vor überströmender frommer Empfindung und im Angesichte des Propstes an ihren schwellenden Busen. Aber kein Mensch gab jetzt etwas auf diesen Vorsitzer meines peinlichen Gerichts. Kalt und ernsthaft stand er mit verschlossnen Lippen vor dem Tische. Der Mann am Protokolle stand lange wie versteinert neben ihm. – Endlich ermannte er sich, und fragte mit leiser Stimme seinen Patron, ob er den Vorgang zu Papiere bringen sollte? Da ihm dieser aber aus übler Laune nicht antwortete – hielt er es länger nicht aus, setzte sich, und that [33] es ungeheißen, indeß der Domherr, dem alles an der Ausbreitung des Wunders gelegen zu seyn schien, die Thür aufriß, und meinen Bastian und meine Wache herbei rief. Eine neue auffallende Scene für einen so ruhigen Beobachter als ich jetzt war. Die beiden Bärmützen, die sich zu nichts geringerm als zu dem schrecklichen Befehle abgerufen glaubten, mich in ihr ehemaliges Gefängniß zu begleiten, stutzten gewaltig, als sie mich nur mit gerührten und freundlichen Gesichtern umringt fanden – trauten ihren Augen und Ohren kaum, als sie die Ehrerbietung sahen – und die süßen Worte hörten, mit denen mich meine Kläger und Richter überhäuften. Der Domherr mußte sie mehr als Einmal erinnern, dem neuen Wunder des unverbrennlichen Blattes zu huldigen, ehe sie begreifen konnten was er wollte, und was es eigentlich mit der schnellen Veränderung meines Zustandes für eine Bewandtniß habe. – Als sie es aber endlich begriffen, so stürzten desto freudigere Thränen von ihren brüderlichen Wangen herab. Der Prologus drückte mir die Hände, der Epilogus küßte mir sie – beide winkten mir ihren Beifall zu, und selbst in ihren nassen Augen flimmerte das lachende Geständniß, daß sie mich für ihren Meister erkannten.

Alles das rührte und belustigte mich wechselweise: doch Bastian, der in der Schwärmerei seiner Jugend und Frömmigkeit den Vorgang wie ein Evangelium glaubte, und sich selig pries einem solchen Herrn zu dienen – Bastian allein kam, ohne es zu wollen, auf die rechte Spur mich aus meiner Fassung zu bringen. »Ach!« sagte er mit schmelzender Stimme, »was wird nicht meine gute Schwester Margot und mein Schwager für Freude haben, wenn sie das hören!« Ich erschrak, wie ein Dieb, der seinen Steckbrief in den Zeitungen liest, bei dieser Erwähnung. – »Gott, Gott!« sagte ich heimlich zu mir, »wie unabsehlich weit hast du dich in diesen sieben Tagen von den unschuldigen Hüttenbewohnern des ehrlichen Caveracs und von dir selbst entfernt! – von einem natürlichen guten Manne – zu einem religiösen Betrüger!« ... Mir war zu Muthe wie einem Juden, der Schinken verkauft. Ich hatte einen Abscheu vor meinem Handel. – Da aber der Vortheil mir – der Nachtheil meinen Feinden zufiel, so fand ich hierin einen [34] doppelten Bewegungsgrund, mich geschwind genug zu beruhigen, und ließ es einstweilen damit gut seyn. – Bastian war inzwischen zur Thüre hinaus gewischt, und stürmte, wie der Diener eines Zahnarztes das Volk zu der Boutique seines Patrons. In wenig Augenblicken waren Zimmer, Vorsaal und Treppe voll von Neugierigen und Andächtigen, die mir alle vorkamen als wären sie dem Tollhause entlaufen. Bei einem solchen Getöse muß man der Wunder besser gewohnt seyn als ich – muß man, glaube ich, ein Geistlicher seyn, um sich nicht bange werden zu lassen. – Während dieses Tumults hatte sich der Propst fortgeschlichen – sein Waffenträger ihm nach. Ich war heilfroh darüber, denn so lange sich dieser Schwarzkünstler noch in meiner Nähe befand, schien mir immer noch etwas im Wege zu stehen. Nun erst ward mir recht leicht um das Herz. Ich sah mit wahrem Entzücken, daß mein Gericht aufgehoben – meine hämischen Ankläger zum Schweigen gebracht – was mir aber mehr als alles dieß den Gewinn meines Prozesses versicherte, ich sah daß die Volksstimme auf meiner Seite war. Eine halbe Stunde hielt ich noch das Anstaunen der Menge – ihre unbesonnenen Fragen, und die ekeln Ausbrüche ihrer Verehrung aus: da ich aber zuletzt dieser albernen Scene höchst müde war, und mich besann, daß ich vor meiner Abreise noch andere wichtige Geschäfte abzuthun hatte, so wendete ich mich mit dem Anstande eines Mannes, dessen Bitten Befehl sind, an den buntscheckigen Haufen, äußerte mein Verlangen, daß man mir nun auch einige Ruhe gönnen möchte, packte mein Zauberblatt wieder ein – und machte ihnen Hoffnung, es nächstens der allgemeinen Andacht öffentlich auszustellen. Diese höfliche Erklärung that ihre Wirkung – und um ganz sicher vor weiterem Anlaufe zu seyn, befahl ich meinen Grenadieren, sich vor das Haus zu stellen – und, bei Strafe der Kassation, keine Seele sich dem Thürklopfer nähern zu lassen.

Sobald ich mich mit meinem Erretter, dem Domherrn, und meinen beiden frommen Nachbarinnen allein sah – mir die Ehre ihrer Gegenwart bei meinem letzten Mittagsmahle ausgebeten, und meinem Bastian eingeschärft hatte, es mit verständiger Rücksicht[35] auf meine vornehmen Gäste zu besorgen, ging ich nun als der obsiegende Theil ohne weitere Umstände an ein Geschäft, das oft selbst bei einem gewonnenen Prozesse noch seine großen Schwierigkeiten hat, ich meine den Ersatz der Schäden und Kosten. Ungeachtet ich gestern mich selbst dazu erbot, fühlte ich mich doch heute verwegen genug mein Wort wieder zurück zu nehmen; so sehr hatten sich seitdem die Umstände geändert. Ich fand es meiner moralischen Denkungsart ganz zuwider, jenes Schlachtvieh, das ich der unreinen Herde der Kasuisten entführt hatte, um es dem Andenken Rousseau's zu opfern, in der Nähe von schwachen Menschen wieder aufzustellen – fand es viel edler, diesen Gewinn meiner Börse einer guten Handlung zu widmen, und machte mir nicht das geringste Bedenken, es auf Kosten der milden Stiftung zu thun. Sonach wendete ich mich an den Domherrn: »Ich begreife, wie weh es den hiesigen gläubigen Seelen thun würde, wenn ich das Dokument der Dreieinigkeit dem Lande entziehen wollte, in welchem es die Vorsehung ausgefertigt hat..« – »Nein bei Leibe,« unterbrach mich der erschrockene Domherr, »das darf nicht geschehen!« – »Zumal da niemand,« fuhr ich fort, »dafür stehen kann, daß nicht das Volk, dem ich die Ausstellung dieses Wunderblattes schon halb und halb versprochen habe, über dessen Verlust in Aufruhr gerathen könne..« – »Freilich, freilich!« schrie der Domherr darein, »es würde alles drunter und drüber gehen.« – »Und doch,« fuhr ich jetzt schon um vieles herzhafter fort, »können mir Ihro Weisheit nicht absprechen, daß mir dieser Schatz ohne Widerrede zusteht, sobald ich den Scheiterhaufen der Kasuisten vergüten soll, der hier nur als ein Vehikel dieses Wunderblatts zu betrachten ist, so wie dem Scheidekünstler das Gold gehört, der das Erz, worin es lag, erkauft hat.« – »Lieber Freund und Gönner,« fiel mir hier der Prälat wieder in das Wort, »sollte denn nicht ein Ausweg zu finden seyn? Ich bitte Sie bei allem was heilig ist, denken Sie doch auf einen Ausweg!« – »Das habe ich schon gethan,« versetzte ich, und schlug ohne Respekt für seinen Purpur meine Arme kreuzweis in einander. »Wäre es mir gegeben mit heiligen Sachen zu wuchern – wäre der Ersatz der Kosten nicht gemeiniglich schon ein halber Beweis [36] unrechter Handlung, und machte es mir nicht eine geheime Freude, diejenigen mit Großmuth zu bestrafen, die mich zu verfolgen gedachten; so würde ich, unter uns gesagt, theuerster Freund, etwas geiziger handeln – würde die verbrannte Sammlung für ihren geringen Ladenpreis wieder herstellen, und mich und mein Vaterland mit einem Blatte bereichern, das einem wohldenkenden Herzen mehr werth seyn muß als alle Bibliotheken der Welt. – Aber ich entsage gern meinem Eigenthume daran ...« – »Das ist schön und groß gedacht,« tönte hier Klärchen – und: »Ach! es fällt mir ein Stein vom Herzen,« krähte die Alte darein, die bis jetzt in ängstlicher Erwartung des Ausgangs von weitem mit ihrer Nichte mir stillschweigend zugehört hatte. – »Dagegen,« fuhr ich sehr anmaßlich fort, »verlange ich die Befreiung von allen niedrigen Unkosten als Bedingung, und nebenbei das Versprechen von Ihnen allen, bei Ihren künftigen Nachforschungen nach jenem großen Geheimnisse des Mannes in Segen zu gedenken, der sich um die dunkle Lehre der Dreieinigkeit vielleicht verdienter gemacht hat, als alle Gottesgelehrten, die bis jetzt, ohne sonderlichen Erfolg, daran gearbeitet haben.«

Der Domherr, in der Freude seines Herzens, bestätigte nicht allein auf das höflichste die Komplimente, die ich mir selbst machte, sondern er dankte mir auch im Namen aller Gemeinden der christlichen Kirche – deren er doch keiner einzigen vorstand – für mein großmüthiges Erbieten. – Er zweifle nicht, sagte er, daß es auch der Legat im Namen des heiligen Vaters thun, und mit dankbarer Freude meine so billigen Bedingungen genehmigen werde. – Er eile jetzt zu ihm, um unser aller Angelegenheit in Ordnung zu bringen; denn mit Kanzlei-Geschäften müsse man einem geistlichen Herrn früh kommen. Er hoffe in einigen Stunden damit fertig zu seyn, und alsdann – hier küßte er mich mit der freundschaftlichsten Wärme – den schriftlichen Erlaß meines Haus- und Stadtarrests und aller Schäden und Unkosten, so viel ihrer auch seyn möchten – gegen ein gutes Glas Wein an meinem Tische auszuwechseln. – Er ging, und, nach einigem Fispern mit ihrer Nichte, verließ auch die alte Bertilia das Zimmer, um, wie sie sagte, in das ihrige [37] beten zu gehen. Klärchen, die sich nun auf einmal mit mir wieder so allein sah als an dem Namenstage ihrer Tante, ward roth bis über die Augen, und wie man nur zu oft, in der Absicht sich aus einer kleinen Verlegenheit zu ziehen, in eine noch größere fällt, so bat sie mich, sie aus der einsamen Stube in die bewußte Bibliothek zu führen, die doch sicher der geheimste und einsamste Winkel im ganzen Hause war. »Sie wolle noch einmal,« gab sie vor, »in meiner Gegenwart den merkwürdigen Platz aufsuchen und bezeichnen, wo die Legende ihrer verklärten Namensschwester, bis zu ihrem Hingange in den Kamin, verweilt hätte.« Ohne mich lange über ihr geschwindes Vergessen des Lokals zu verwundern, reichte ich ihr den Arm. – Sobald wir aber beide vor dem Bücherschranke ankamen, überraschte sie mich – nein, es ist nicht auszusprechen wie? Du könntest Jahre darauf sinnen ohne es zu errathen.

Als wenn sie mir in das Herz geblickt – als wenn sie die ganz unbeschreibliche Erniedrigung gekannt hätte, in der mir ihr Bildniß erschien – unternahm sie, zu meinem Erstaunen, sich aus dieser tiefen Herabsetzung zu erheben, und meinem Menschenverstande zum Trotz alle die gründlichen Versuche umzustoßen, die mir über ihre Heiligkeit, Unschuld und Sittsamkeit die Augen nur zu sehr geöffnet hatten. – »Nun das gestehe ich,« sagte ich bei mir selbst, sobald ich ihre Absicht merkte, »dieser äußerste Grad der Unverschämtheit hat noch gefehlt, um die Mißgestalt ihres Charakters vollends auszumalen!« – Aber es währte nicht lange – solltest Du es glauben Eduard? – so fingen mir an meine gewissen Erfahrungen von ihr problematisch zu werden – meine Versuche kamen mir einseitig, und die Schlüsse, die ich daher folgerte, willkührlich und übereilt vor. – Ich vergebe Dir, wenn Du über diese Nachricht lachst. Ich bin der erste, der eingesteht, daß, nach allem dem, was unter uns vorgegangen, mir von ihr zu Ohren gekommen, und noch heute meinem Geiste so gegenwärtig war als gestern meinen Augen – es etwas höchst unerwartetes sei, daß mich dasselbe Mädchen, so kurz vor meiner Abreise, eines bessern von ihr überzeugen solle. – Aber genug! es gelang ihr. – Das Kind erschien mir heiliger und unbefangener als jemals, und so [38] sehr ich mich Anfangs auch sträubte, trat ich doch zuletzt freiwillig den sublimen Vorstellungen bei, die sich Herr Fez – ein braver, gescheidter Mann, von ihr macht, der sie von Jugend auf in den Augen gehabt, und sie wohl richtiger als ich zu beurtheilen Gelegenheit hatte.

Ich sehe, Du bist nach diesem Geständnisse im Begriff mir Deine Freundschaft aufzukündigen, schiltst mich einen Schwachkopf, und magst nichts weiter mit mir zu thun haben. – Aber warte nur noch einen Augenblick und höre! –

Anstatt das Fach zu bezeichnen, wo die Legende der heiligen Klara kürzlich noch stand, wendete sie sich sogleich, als wir vor den Schrank traten, mit unbeschreiblicher Anmuth nach mir, ohne es anzublicken, und legte mit kindischer Gutherzigkeit ihre beiden Händchen in die meinen. – »Ich habe Sie aus keiner andern Absicht in dieß abgelegene Kabinet gelockt,« sagte sie, »als mein Herz, das mir zu voll ist, ungestört vor Ihnen auszuschütten. – Halten Sie mir meinen kleinen Betrug zu Gute, mein bester Herr! Wie viel,« fuhr sie äußerst gerührt fort, »habe ich Ihnen nicht seit der vergangenen Stunde zu danken! Es haben sich seit meiner Geburt manche gute Menschen meiner angenommen – haben in Unschuld und Tugend für mich gesorgt – mir über vieles Rath und Trost ertheilt, und meinen Verstand erweitert – aber dennoch bin ich bis heute mir selbst immer noch unbekannt geblieben. – Ihnen war es vorbehalten, mir diese Kenntniß zu geben. Sie, mein Herr, sind der erste, der mich über meinen innern Werth belehrt, und mich in meinen eigenen Augen zu einer Würde erhoben hat, mit der ich kaum weiß was ich anfangen soll. Das süße Bewußtseyn, die heiligen Steine in mir zu tragen, die bis jetzt allen menschlichen Nachforschungen entgangen sind – o daß es mich nicht übermüthig und stolz – und nur nicht der Erbschaft meiner höchst seligen Schwester unwürdig mache!« – »Wie? Klärchen!« sagte ich höhnisch: »Hatten Sie denn vor meiner Rede nie einige Ahndung davon? – fühlten nie ein sanftes Drücken in der heiligen Gegend, wo sie liegen?« – »Auch nicht das geringste!« antwortete sie mir mit einer Unbefangenheit, die allerliebst war. – »Hat Sie denn,« [39] fuhr ich schalkhaft fort, und ich dachte sie würde über und über roth werden, »auch Herr Ducliquet nicht auf die Spur gebracht?« – »O!« sagte sie, ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen, »vor einigen Jahren zwar hat mir dieser gute würdige Mann die Lebensgeschichte meiner verklärten Namensschwester zur Erbauung und Nachahmung vorgestellt. – Es war sogar sein erstes Gespräch mit mir. – Aber ich war damals ein Kind – hatte keine Acht darauf, und schlief über seinem Unterricht ein. Lange fand ich keine Gelegenheit, meine Unachtsamkeit wieder gut zu machen. – Vorgestern erst glückte es mir. Erinnern Sie Sich wohl noch, wie begierig ich in einem Buche las, das ich Ihnen nicht sehen ließ? – Jetzt kann ich es Ihnen sagen; aber legen Sie mir es nicht als Stolz aus! Es war die Legende dieser Heiligen – war eben das Blatt, das Gott im Feuer erhalten hat.« – »So?« sagte ich, »aber wie kam es denn, daß Sie das erstemal dabei einschliefen?« – »Weil es sehr spät war,« antwortete Sie. »Sehen Sie – es war Mitternacht..« – »Aber um des Himmels willen, Klärchen,« fiel ich ihr ein, »wie trafen Sie denn so spät mit dem Domherrn zusammen?« – »O,« antwortete sie, »das hängt ganz natürlich an einander. Soll ich es Ihnen erzählen?« – »Wenn ich bitten darf, liebes Kind,« lächelte ich sie an, »so thun Sie es so genau als möglich und mit allen Umständen.« – »Nun gut,« fing sie schwatzhaft an. »Meines Vaters Schwester zu Cavaillon – die Wirthin in dem Propheten, hatte uns hier besucht, und nahm mich mit sich, als sie zurück ging. Wir trafen das ganze Wirthshaus übersetzt an, da wir ankamen. – Es war schon spät, und ich konnte vor Müdigkeit kein Auge mehr aufhalten. – Das gute Weib machte auch alle Anstalt, um mich bald zur Ruhe zu bringen – führte mich in eine große leere Stube, und wies mir ein Bett an. Ich hatte mich noch nicht ganz aus meinen Reisekleidern geworfen – so brachte mein Vetter einen Passagier in dieselbe Kammer. – Es war Herr Ducliquet. – Er erkundigte sich, was das für ein Kind wäre. – Mein Vetter nannte mich, und wünschte uns eine gute Nacht. Der liebe fromme Herr, wie Sie ihn kennen, nahm sogleich Gelegenheit, mir recht viel Erbauliches über meinen Namen [40] und meine Patronin zu sagen. – Aber, wie Kinder sind – ich hörte die Sache nur halb und schlief darüber ein. Bald nachher.. doch das ist eine Geschichte, die weiter hieher nicht gehört..« – »O das thut nichts, Klärchen,« sagte ich: »erzählen Sie nur immer fort – ich könnte Ihnen einen ganzen Tag zuhören.« – »Nun denn, mein Herr,« erwiederte sie, »so ist es Ihre eigene Schuld wenn ich Ihnen lange Weile mache. Ich schlief also, wie Sie wissen – aber es währte nicht lange, so erweckte mich ein Getös von der andern Welt. – Ich fahre schlaftrunken in die Höhe – und sehe – stellen Sie Sich das Erschrecken eines Kindes vor – den Teufel vor meinem Bette.« – »Gott sei bei uns!« unterbrach ich die Schwätzerin. – »Ach! fürchten Sie nichts,« fiel sie mir hastig in's Wort: »Er war es nicht leibhaftig – es war nur ein Komödiant, der ihn den Abend vorgestellt hatte, und jetzt sein Bette suchte – und, was Sie erst recht verwundern wird, mein Herr – es war einer von den Soldaten, die Sie bewacht haben!« – »Unmöglich!« rief ich aus. – »O, verlassen Sie Sich darauf!« versetzte sie: »Sie können ihn selbst darum befragen. Das Schrecken,« fuhr sie fort, »war nicht geringe; aber die Folgen davon waren doch gut. Ich lag die ganze Nacht durch in einem Fieber, und war so in Furcht gesetzt, daß ich den Morgen darauf nicht länger in Cavaillon aufzuhalten war. – Ich weinte so lang und so jämmerlich, daß endlich meine Verwandten sich heraus nahmen, den Herrn Ducliquet, der wieder nach Avignon reiste, um einen Platz für mich in seinem Wagen zu bitten. Er bewilligte ihn auf das gütigste – und dieser Zufall, mein Herr, dieses Schrecken und diese Reise machten mein Glück. – Unterweges examinirte mich der würdige Mann über meine Glaubenslehren, ließ mich ein Morgenlied singen, und meine Stimme gefiel ihm. – Als wir hier ankamen, überlieferte er mich meinem Vater – denn keine Mutter hatte ich mehr – und suchte ihn zu bereden, mich die Noten und das Singen lernen zu lassen. Der hätte es auch gern gethan; aber er war zu arm um etwas auf meine Erziehung verwenden zu können. Da schlug sich der wohlthätige Herr in's Mittel – und, wie manchmal ein geringer Umstand in unser ganzes Leben [41] eingreift, erbot sich nicht allein, mir auf seine Kosten im Singen einen Lehrmeister zu halten, sondern auch in allen andern nützlichen Dingen Sorge für meine Bildung zu tragen. – So kam ich in das Domstift, wo er mich der Aufsicht seiner Haushälterin übergab, die wie eine Mutter für mich gesorgt hat. – Ach! ich wäre gewiß noch in dem Hause dieses guten Herrn, wenn ich nicht selbst mein Glück verscherzt hätte.« – »Wie denn so?« fragte ich lächelnd, und glaubte nun gewiß das Mädchen auf einer Unwahrheit zu ertappen, die ich mir schon vornahm sie recht fühlen zu lassen, aber es war nicht möglich. – »Sehen Sie,« fuhr sie fort, »Herr Ducliquet hatte ausgewirkt, daß die gefährlichen Menschen, die mir so ein Todesschrecken eingejagt hatten, der Folgen wegen, nicht weiter mit lebendigen Personen spielen durften. Da legten sie nun ein Puppenspiel an. – Einmal, da ich ausgeschickt war um Semmel zu holen, ging ich eben vorbei, als sie ein geistliches Stück aufführten. Ich glaubte nicht unrecht zu thun – wendete einige Sous daran und ging hinein. Man wies mich auf die hinterste Bank, wo ich weder etwas hörte noch sah. Gern wäre ich wieder heraus gewesen; aber das war bei dem Gedränge schon nicht mehr möglich. Ich kam neben einem Officier zu sitzen, und saß wie auf Kohlen. – Er hatte die Barmherzigkeit, mir den Arm zu geben und durch das Volk zu helfen, als das Spiel vorbei war. – Aber mein Gott! wie war die Zeit vergangen! Es war ganz dunkel, wie ich zurück kam, und vor Angst hatte ich die Semmel vergessen. – Ach wie theuer mußte ich diesen kindischen Einfall und diese Vergessenheit büßen! Meiner Pflegemutter war das Ragout verdorben, und der Herr, der den Koch nach mir geschickt hatte, mußte hungrig zu Bette gehn. – Meine Entschuldigungen halfen nichts; denn sie waren beide keine Liebhaber vom Schauspiele. – Sie sagten sich von mir los, und ich mußte noch diesen Abend aus ihrem Hause. Was sollte ich anfangen? Seit acht Wochen war ich eine Waise. Es blieb mir nur die einzige Verwandte übrig, zu der ich flüchtete, und die mich mit Erlaubniß des Herrn Propsts aufnahm. Nun geht es mir zwar ganz gut hier – aber was ich kann das kann ich – denn mit meinen schönen Lehrstunden hat es ein Ende.«

[42] Ich ward über die natürliche Erzählung des armen Kindes, die der Sache ein ganz anderes Licht gab, schon etwas nachdenkend. – »Klärchen!« sagte ich, und sah ihr scharf in die Augen, ohne daß ich, Gott weiß, die geringste Verlegenheit darin erblickte, »damals waren Sie ein Kind; das entschuldigt viel: aber wie sind sie denn nachher ...« und ich hielt inne, weil ich selbst nicht recht wußte was ich ihr zuerst vorwerfen sollte. – »Was denn, mein lieber Herr?« fragte sie hastig, und starrte mich dabei mit ihren großen unschuldigen Augen an – und ich fuhr, selbst und allein außer Fassung gesetzt, stotternd fort – »zu den Kreuzen gekommen, die ...« – »Das,« fiel sie mir ganz verwundert in das Wort, »das wissen Sie ja! die malt mir der Herr Propst meistens einen Tag um den an dern.« – »Aber um Gottes Willen,« erwiederte ich und schüttelte den Kopf, »wie mag ein so frommes blühendes Mädchen so etwas erlauben?« – »Wie so?« fragte sie erstaunt: »Es geschieht ja zu meinem Besten, um mich, wie der Herr Propst und meine Tante sagen, die immer dabei steht, vor allem zu bewahren, was mir die Stimme verderben kann; und finden Sie denn nicht, mein Herr, daß es geholfen hat? – Ach, diese heiligen Zeichen – Sie mögen sagen was Sie wollen – sind von erstaunlicher Wirkung.«

Ich sah das Mädchen mit stiller Verwunderung an. Wäre es möglich! dachte ich, faßte Herz – und that ihr noch eine Frage. – Aber die war umsonst – denn sie verstand sie nicht. Ich sann und sann, und konnte so wenig aus diesem sonderbaren Geschöpfe als aus mir selbst klug werden. – »Es ist doch,« sagte ich in stiller Ueberlegung, »nicht so ganz platterdings unmöglich, daß ihr der Propst entweder so etwas weiß macht, oder es auch wohl selbst glaubt – denn was glaubt man nicht alles in dieser Religion! – und daß beide nichts weiter dabei denken, als ein anderes, das Handschuh anzieht um sich vor der Luft zu bewahren. Indeß ... wundershalber will ich sehen, was sie mirdarauf antworten wird!« – »Klärchen,« erwiederte ich mit zunehmendem Interesse an ihren naiven Antworten, setzte mich dabei auf den nächsten Stuhl, und zog sie wieder, wie das letztemal nach Auswechselung [43] unserer Bänder, an meine Kniee, mit denen ich sie traulich umfaßte. – »Nehmen Sie mir nicht übel, Klärchen, daß ich auf eine alte vergessene Geschichte zurück komme. – Gestern, Kind – ich kann nicht ohne Entzücken daran denken – was dachten Sie denn gestern – als ich mir die Erlaubniß des Pater Lessau und Bauny so gut zu Nutze machte?« – »O, da,« antwortete sie, »war mir nicht wohl zu Muthe – das gestehe ich Ihnen. Ich dächte Sie hätten gesehen, wie angst mir um meinen heiligen Nicaise war. – Ich erwartete immer, Sie würden ihn noch in tausend kleine Bißchen zerstückeln.« – »Weiter, liebes Klärchen!« indem ich sie sanft mit meinen Knieen drückte. – »Ja – und als Sie mir,« fuhr sie mit einem Blicke fort, der gar drollig war, »das Kreuz der Cäcilia verlöschten, war mir noch weniger wohl um das Herz; doch verließ ich mich noch auf die Wiederherstellung und auf meinen hübschen Vorrath von geweihter Farbe. – Als Sie aber auch diese verschütteten – nein! ich läugne es nicht – da war ich so toll und böse auf Sie, als ich noch in meinem Leben auf niemanden gewesen bin. Ich dachte gewiß, es wäre nun um meinen Discant geschehen – und ich würde nicht einen Psalmen mehr zur Naht bringen – das Schmählen des Propstes und meiner Tante ungerechnet, das ich voraus sah. Heute mache ich mir freilich weniger daraus, da ich nichts wüßte, was Sie mir nicht durch die heiligen Steine zehnfach ersetzt hätten.«

Diese unbegreiflich unschuldige Erzählung, durch die das liebe Kind, so als wenn es nichts auf sich hätte, meine Einbildungskraft entflammte, und in die reizendste Gegend zurück brachte, die ich wohl behaupten kann in meinem Leben gesehen zu haben, setzte mich erst ganz außer mir, als sie schwieg; denn jetzt sprach die gefährliche Stille, die uns umgab, nur desto vernehmlicher. – Ich sprang wie verwirrt von einem Stuhle auf, und mit dem Gefühl eines Wunderthäters war ich eben im Begriffe, den Riegel an der Kammerthür vorzuschieben – als sie Bastian mit der einfältigen Frage halb öffnete: was für Wein er diesen Mittag aufsetzen solle? – Wie er seinen Kopf so vorstreckte, hätte ich ihm lieber in diesem Augenblicke seinen Abschied gegeben; denn die vermaledeite Aehnlichkeit [44] mit seiner Schwester verjagte mir wieder alle die muthigen Gedanken, die mir Klärchen eingab. Ob ich nun gleich kurz nachher froh war, so kam mir doch jetzt diese Unterbrechung meiner Ideen zu unerwartet, um mir nicht weh zu thun. Ich blickte einige Minuten schweigend gen Himmel – wendete dann mit Ernst und Mitleiden meine Augen gegen das liebliche Mädchen – »Hier ist,« sagte ich heimlich zu mir, »tausend- ja millionenmal mehr als Margot!« und halb betäubt führte ich sie nun in die Stube zurück, wo der Tisch schon gedeckt stand. Ich zog, nachdenkend, die Hände auf den Rücken gelegt, ein paarmal meine Zirkellinie um ihn, ehe ich einen herzdrückenden Seufzer, an dem ich arbeitete, los werden konnte, der aber auch dafür mehr Erleichterung nachließ, als keiner, der bis jetzt in meinem Tagebuche vorkommt; und indem ich mich mit diesem Bogen zur Aufnahme meiner Beichte an einen Nebentisch setzte, fertigte ich auch Bastian ab, der immer noch keine Antwort auf seine ungelegene Frage erhalten hatte. – »Rechne auf die Person, wir sind unser Viere,« sagte ich ihm, »eine Flasche Burgunder, und eben so viel Champagner – kann doch jedes seinem Nachbar abgeben was es daran zu viel hat. – Aber von der besten Sorte,« rief ich ihm nach, »denn wir haben einen Domherrn bei Tische.« – Ich habe, kann ich mit Wahrheit sagen, noch nie in besserer Laune ein berauschendes Getränk bestellt. Indeß nun das arme Kind da mir ungewiß gegen über sitzt – auf jeden Zug meiner Feder schielt, und in meinen Augen vergebens zu lesen sucht was in mir vorgeht, bittet mein gerührtes Herz, so oft ich hinblicke, ihr alle die Beleidigungen ab, die ich ihr anthat, und, empfiehlt in stiller Andacht diese schöne nackende Seele dem Schutze Gottes und aller Heiligen. Ach! nie ist eine, bei dieser namenlosen Einfalt, in einer so verdorbenen Welt als die unsere ist, dieses Schutzes so bedürftig gewesen!

Es ist mir für meine Schreiberei lieb, daß ich noch eine Weile der albernen Gespräche, die ich mit der Zurückkunft des Domherrn erwarte, entübrigt, und unter der stillen Aufsicht Klärchens so gut wie allein bin – denn so habe ich doch noch Zeit die mancherlei wider einander laufenden Gedanken für Dich noch durchzufegen, [45] die von allen Seiten her sich immer mehr anhäufen. – Meine schwankende Denkungsart – laß mich zuerst von der sprechen – die ich mir wohl sonst, nicht ganz ohne Grund, vorwarf – ärgere mich dermalen nicht im geringsten. Ein ehrlicher Mann, wenn er es wirklich seyn will, muß schwanken, sobald sich an dem Objekte über das er nachdenkt, die Farben ändern; und ich kann die klugen Leute vor meiner Sünde nicht leiden, die sich selbst da ihrer Festigkeit rühmen, wo es offenbar ein Fehler ist fest zu seyn. Es ist ein wahres Glück für die praktische Philosophie, daß ich durch meinen Arrest so lange hier aufgehalten wurde, um noch im Zeiten gewisse Vorurtheile zurück zu nehmen, die schon tiefe Wurzeln zu schlagen anfingen, und die ihr so nachtheilig hätten werden können als dem guten Rufe dieses vortrefflichen Mädchens. – Und noch glücklicher trifft es sich, daß ich, Gott Lob! von dem gewöhnlichen Eigensinne spekulirender Köpfe frei bin – denn sonst hätte ich mich gewiß auch jetzt noch nicht aus der Schlußfolge gefunden, die ich einmal glaubte mir bewiesen zu haben. – Die Wahrheit wäre mir entwischt, wo ich ihr am nächsten war, und Du, lieber Eduard, wärest so gut als ich um das Resultat meiner mühsamen Experimente gekommen, das ich Dir dochnun, auf das feinste entwickelt, als die lehrreichste Entdeckung meiner Reise mitbringen kann. Das Vorgeben unserer großen Menschenkenner, daß jedes Mädchen – unschuldig oder nicht – in ihren eigenen Angelegenheiten dem scharfsichtigsten Manne eine Nase drehe – ist aus der Luft gegriffen, wie viele solcher Sentenzen. Versteht nur erst, ihr guten Leute, ein weibliches Herz – ohne Einmischung eures eigenen – zu entfalten, so wird euch auch keins so leicht über seinen Werth oder Unwerth betrügen! – Freilich ist es eine kitzliche Sache damit; das kann ich nicht läugnen, denn mein Beispiel beweist es zu klar. War ich nicht drauf und dran, das schuldloseste Geschöpf zu verdammen, das vielleicht in unserm Welttheile zu finden ist? – und wer hätte mich einer Uebereilung dabei zeihen können? Traten nicht so viele Anzeigen wider sie auf, die mein Urtheil vor jedermann rechtfertigen mußten? – Und doch war ich in Irrthum, und wäre es auch, ohne das letzte zufällige [46] Gespräch mit ihr, immer und ewig geblieben. Das mag wohl nicht selten der Fall bei unsern systematischen Grillen seyn. Wenn wir uns mit vieler Mühe die Augen verkleistert haben, öffnet sie uns ganz unerwartet das Geschwätz eines Kindes. Ist die Schamlosigkeit, die ich der guten Seele, nach der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, vorwarf – ist sie bei ihr wohl etwas anders als der höchste Grad paradiesischer Unschuld? Wie lange hat es nicht gewährt eh' ich das begriffen habe! Nur die Seltenheit der Sache kann mir zu einiger Entschuldigung dienen. Bei den Wilden zwar, sagt man, fänden sich Spuren davon – aber in einem kultivirten Lande! – nach dem Sündenfalle! – ist es das erstaunungswürdigste Phänomen das sich denken läßt. Konnte ich denn nicht gleich vom Anfange Klärchens Betragen aus diesem Gesichtspunkte betrachten? Ach, wie viel geschwinder würde ich alle jene Abweichungen von dem Gewöhnlichen bei ihr enträthselt, und die undankbare Mühe erspart haben, ein so liebenswürdiges Geschöpf – bei beständigem Widerspruche meines Herzens – in meiner Vorstellung so abscheulich tief zu erniedrigen! – Aber unsre liebe, herkömmliche, Europäische Denkungsart – die doch selbst im Grunde nichts anders als Abweichung von der Natur ist – steht uns immer bei metaphysischen Auflösungen im Wege.

Drollig genug, daß ich durch ein vorgebliches Wunder hinter ein wahres gekommen bin! Aber was soll ich nun – da die Sachen bis auf diese Spitze getrieben sind – anfangen? – Auf der einen Seite – fühlt sich das fromme Kind so glücklich in dem Besitze der heiligen Steine; auf der andern habe ich alle hirnlose Köpfe – das heißt alle Einwohner der Stadt – damit erhitzt. – Wird das nicht zu den tollsten Planen und Nachforschungen Gelegenheit geben, über die eine Tugend so leicht zu Grunde gehen kann, die durch weit größere Seltenheiten die Ehrerbietung der Erde verdient? Wirklich, es wird mir ganz bange um das Herz, wenn ich das so recht überlege.

Das reizende Mädchen! wie lieb ist sie mir nicht seit einigen Minuten geworden! Ich kann es nicht ausdrücken wie lieb! Wenn ich so von meinem Bogen auf in die Höhe blicke, und diesen schönen [47] großen Augen begegne, aus denen die ganze Reinigkeit und Energie ihrer Seele wiederstrahlt – so kann ich nicht – nein! wahrlich ich kann mich nicht eines Gedankens erwehren, den mir mein guten Genius gewiß nicht umsonst so warm an das Herz legt. Bei der kleinen Margot ward er schon einmal ziemlich laut bei mir – aber Du weißt, wie flüchtig er damals und wie wenig überdacht er war. Hier aber finde ich ungleich mehr Ursachen ihm nachzuhängen. – Ernstlich, Eduard! Ich kann mir doch an den Fingern abzählen, daß ich über lang oder kurz – wie man sagt, heirathen werde; und wie wird das geschehen, wenn ich nicht zuvorkomme – als auf die gewöhnliche Weise, die so albern als mißlich ist? Hier hätte ich nun einen Gegenstand gefunden, wie ihn nur die begehrlichste Liebe eines Philosophen verlangen kann, und als keiner – ich bin es versichert – mir je wieder so vollkommen aufstoßen wird. Ich mag um ein Mädchen werben wo ich will, wird mir wohl eins seinen Körper und seine Seele so aufrichtig und so befriedigend enthüllen, als es dieß Kind gethan hat? Ach! ich werde nicht besser als andere auf geradewohl einschlagen müssen, und alles das zu spät erfahren, was doch so gut wäre vorher zu wissen. Die seltene Gelegenheit, die ich in diesem Stücke bei Klärchen gefunden – kommt mir nicht wieder. Warum will ich mich also noch bedenken? Besitzt sie denn nicht alles, was ich manchmal in Sommernächten von meiner künftigen Gattin erträumte? Und Gott! im welchem Maße besitzt sie es! Lauterkeit des Herzens – hohe Einfalt eines herrlichen Verstandes – ächte Unschuld – eine nie berührte Stimme – und einen Gliederbau, wie er nicht oft der Natur gelingt. Ihr Herkommen mag freilich nicht vornehm seyn – aber das ist auch das letzte, worauf ein Mann zu sehen hat, der seinen wahren Vortheil versteht. Ihre abergläubische und schwärmerische Religion – o die war ihr während ihres Jungfrauenstandes recht nützlich, und nach der Trauung, denke ich, will ich sie ihr schon mit guter Art aus dem Kopfe bringen. – An die heiligen Steine – mag sie meinetwegen noch eine Weile glauben – die sollen mich an nichts hindern, und ich hoffe noch manche glückliche Stunde mit ihr über ihr gütiges Zutrauen in ihre Schiedsrichter [48] zu lachen. Daß der Propst ihr mit seinen Augen und Händen so nahe gewesen – könnte mir unter jeden andern Umständen anstößig vorkommen – hier wäre es eben so lächerlich, als wenn sich einer dabei aufhalten wollte, daß ein Priester seine Geliebte bei der heiligen Taufe schon vor ihm in den Armen gehabt habe. Ohnehin – wäre es auch nur um der einfältigen Nachfragen wegen der Dreieinigkeitssteine – würde ich das Mädchen eben so wenig ihren vorigen Bekannten unter dem Gesichte lassen – als sie jemals nach Berlin bringen, das auf keine Art dieser Perle werth ist. – Nein, Eduard! fern von euern Vorurtheilen – euern Etiquetten – euerm Neide und euren Sarkasmen – will ich mit Freuden mein Abzugsgeld in die königliche Invaliden-Kasse bezahlen – und in einem weniger sandigen und undankbaren Erdstriche als dem eurigen meiner Einkünfte und meines Lebens in den Armen dieses Engels genießen, ohne mich nur nach euch umzusehen, als in den Zeitungen. Mit meinem runden Charakter, zufriedenen Herzen, und mit der philosophischen Laune, die mich nirgends verläßt, will ich das Ding, das den meisten Leuten so schwer wird, schon möglich machen, und will es in Ruhe erwarten, was Du zu dem Plane meines Glücks sagen wirst, wenn Du mich einmal, wie ich hoffe, in meinem Winkel besuchst.

Da meine Feder – wie gewöhnlich, wenn sie das Herz führt – so voll und so geläufig ist, so will ich Dir ein Projekt mittheilen, das zu gut in meine Absichten paßt, um es nicht so bald als möglich – vielleicht schon morgen – in's Werk zu setzen. – Als ich letzthin von Vauclüse zurück kam, begegnete mir nicht weit von Lille ein Mann, der, den Hut tief in die Augen gedrückt, die Arme in einander geschlagen, trocken und ernst einher schritt. Eine dänische Docke, die traurig ihm nachschlich, und nicht den Muth hatte, einen Sprung in das Feld zu thun, war sein Begleiter. Das letztere fiel mir zuerst auf. Ich denke immer nicht gut von einer Haushaltung, wo ich die Freundschaft zwischen Herrn und Hund gestört finde. Ich erkundigte mich nach diesem Fremden – erst bei einem Bettler, dem er trotzig etwas in den Hut warf, und nachher bei einigen Bauern, denen er nicht dankte, [49] als sie ihn grüßten – und so erfuhr ich gar bald seine Geschichte. Er war ein Graf aus Kopenhagen, welcher dort der Regierung einen Dienst erwies, der ihm durch eine große Geldsumme belohnt wurde. Wie es aber manchmal mit solchen Belohnungen geht sie füllen den Beutel und belasten das Herz. – Es ward ihm zu enge in der Königsstadt. – Er gab es der dicken Luft Schuld und flüchtete sich hieher, wo er in der herrlichen Gegend so laut störte, bis er ein Dörfchen fand – so freundlich und wohl gelegen, als man sonst nur in Kupferstichen zu sehen bekommt. Hier ließ er sich nieder und baute sich an. – Aber was half es? Seine Unruhe ist noch immer dieselbe, und es fehlt ihm auch hier der Athem. – Klärchen könnte ihm begegnen, er sähe sie nicht. Immer in tiefen Gedanken, sprachlos und mürrisch, starrt er die reizensten Gegenstände der Natur an, ohne Gefühl, ohne Genuß: und doch, wie ich Dir schon gesagt habe, ist der Mann reich sein eigener Herr – und machte sich schon in seiner Jugend so verdient um den Staat; denn er verrieth Struensee, der sein Freund war. Sobald er sein Haus gebaut, eingerichtet, und sein Garten in englischem Geschmacke gepflanzt hatte, stand ihm an schon alles wieder zum Verkauf, und er beut es noch aus. Ich kann gewiß einen guten Handel thun, wenn ich es ihm abnehmen und ich zweifle nicht, daß er mir auch seinen armen traurigen Hund überläßt. Was ein unruhiges Gewissen baut, habe ich immer bemerkt, ist gemeiniglich prächtig und schön; es wird nichts gespart, um das Auge zu befriedigen und durch Bequemlichkeit und Anmuth den Sinnen zu schmeicheln – und wenn die Absicht sich schlägt, bekommt es ein anderer um das halbe Geld. Dann kommt es nur darauf an, daß der zweite Besitzer ein zufriedenes Haus mit in den Ankauf bringt, um der Hoffnung habhaft zu werden die dem ersten mißlang, und das, was die Natur und die Künste gewähren, mit freudigem Dank gegen sie zu genießen. Nun kann ich wohl sagen – wenn ich vollends mein Unrecht gegen Klärchen wieder gut mache – daß ich in der Welt Gottes nicht wüßte was ich mir vorwerfen sollte. Es geht mir mit meinem Gewissen wie einem Gesunden mit seinem Magen: ich fühle gar nicht [50] es liegt. Ich habe mich immer in Acht genommen dem Staate wichtige Dienste zu leisten; und die Hypochondrie, die ich mir nur durch mein einfältiges Studieren zuzog, ist Gott sei gelobt! in der heitern Luft dieses Landes verdunstet. – Bei diesen Vorzügen, was für eine allerliebste Wirtschaft kann ich mir nicht einrichten, und welche gute Menschen um mich her versammeln! Da ist mein alter Johann – der schickt sich ganz vortrefflich zu einem Haushofmeister – und die kleine Margot wäre zur Kammerjungfer bei meiner Frau wie gefunden. Nach Klärchen wird sie immer die erste Zierde meines Hauswesens seyn, und es ist mir beinahe nothwendig, daß ich sie mir in die Nähe bringe – denn sonst geht es mir gewiß zeitlebens mit ihr, wie es unserm alten Freunde, dem Major, mit dem Neidnagel an seinem Daumen geht, der ihn noch immer schmerzt so oft das Wetter sich ändert, ob er gleich schon im siebenjährigen Kriege die Hand sammt dem kranken Finger verlor. Nehme ich nun noch – wie ich Willens bin – den Prologus und seinen Bruder in meine Dienste – so habe ich auch ein Theater, und will sicher vergnügter und glücklicher leben, als selbst Voltaire zu Fernay gelebt hat: denn ich hätte, neben allem dem was er besaß – außer seinem Genie – obendrein eine junge liebenswürdige Frau, deren er auf keine Weise werth war, und läge nicht, wie er, mit Monarchen – Schriftstellern und Buchhändlern beständig im Streite. – Herr Fez würde sich gewiß lieber, glaub' ich, todt schlagen lassen, als daß er meine erreurs herausgäbe.

Wie doch oft das ganze Gewebe eines zufriedenen Lebens an dem flatternden Faden eines Augenblicks hängt! Wohl dem, der ihn noch zu fassen weiß, ehe er entwischt. Bester Eduard! Seit ich durch das Leben schlendere – doch schon eine hübsche Zeit! – habe ich noch nicht halb so viel Wohlbehagen empfunden, als in dieser laufenden Stunde. Mein Herz ist weder trotzig noch verzagt – weder gleichgültig noch trunken; – aber es ist gerührt, zum sichersten Beweise, daß es auf der rechten Spur ist. Durch wie manche unmuthige Jahre und manche Irrthümer des Verstandes, theuerster Freund, habe ich mich nicht durcharbeiten müssen, [51] ehe ich an dem großen Rade meines Schicksals den Punkt traf, auf dem alles beruht! Wie froh bin ich, daß ich jene windschiefen Anlagen unserer bürgerlichen Verfassung hinter mir habe, in denen ich so lange den Plan meines Glücks suchte! Mein Gott! wie viel verderben wir nicht Zeit, um richtig sehen zu lernen! Es liegt doch so wenig Belohnendes und dabei so viel Unedles in allen den leidenschaftlichen Blicken, die wir bald in diesen bald in jenen magischen Spiegel thun, in der Hoffnung es werde noch Einer, statt leerer Schatten, uns eine selbstständige Zufriedenheit zurück strahlen – daß es kaum zu begreifen steht, wie sich so mancher vernünftige Mann länger dabei herum treiben kann, als nöthig ist um ihn von der Eitelkeit seines Bestrebens zu überzeugen. Diese Ueberzeugung muß doch gewaltig schwer seyn, da sie, trotz der ewigen Beispiele, so wenig Menschen eher gelingt, als bis ihre Laufbahn geendigt und es zu spät ist. Warum, ich bitte Dich, unterscheiden wir das Glück durch Beinamen? – Giebt es denn, wenn wir philosophisch auf den Grund sehen, mehr als Eine Art? – Häusliches Glück ist auf dieser Welt das einzige, was der Mühe lohnt. – Alle übrige Spielarten sind eben so viele Aftergeburten, die einzeln nirgends hinreichen, und nicht verdienen den Stammnamen zu führen, ehe sie nicht mit jenem auf das genaueste verknüpft sind.

Wollen wir unserm Stolze und unsern leidigen Vorurtheilen nicht das Wort reden, so müssen wir alle über die Zusammensetzung menschlicher Glückseligkeit darin übereinkommen, daß sie in nichts anderm bestehe, als – in einer einfachen Lebensart – einem mäßigen Auskommen – einer leidlichen Gesundheit, und in den Freuden und Folgen einer keuschen Liebe. In meiner Jugend, wo ich mich stark auf die Physik legte, konnte ich es lange nicht ausgrübeln, woher wohl die Temperatur meiner Studierstube käme? ob davon, daß die Wärme hinauszog? oder davon, daß die Kälte herein drang? Nun kann ich es zwar auch jetzt noch nicht auf das schärfste demonstriren; aber so viel habe ich doch gemerkt, daß man wohl thut beides anzunehmen und darnach zu handeln, wenn man frei und gesund athmen will. Denselben Versuch werde [52] ich für das Künftige auch auf mein geistiges Daseyn anwenden – und es müßte nicht gut seyn, wenn ich nicht zuletzt – wo nicht nach der Theorie, doch nach der Erfahrung – den Grad von Behagen herausbringen wollte, der den Organen meiner Seele am angemessensten und zuträglichsten ist. – O Klärchen! Was hätte ich nicht alles in dir verloren, wenn ich nicht, selbst noch auf der letzten Linie, die schon zu unserer ewigen Scheidung gezogen war, schnell umgekehrt wäre – wenn ich mein Endurtheil über dich nicht wieder zurük genommen, und mich nicht zu einer Denkungsart ermannt hätte, die zu deinen ungewöhnlichen Tugenden paßt, und wie ich sie gegen Gott und die Welt verantworten kann! – Dank sei dem ewigen Urheber der Natur, der dich in dem Raume meiner Zeit werden ließ, und das seltenste Geschöpf seiner Hand für einen guten Mann aufhob!

Bastian soll in Gottes Namen die Postpferde wieder aufsagen. Der Reisepaß, den mir der Domherr mitbringen wird, kann noch einige Tage liegen, bis ich meine Angelegenheit mit dem dänischen Grafen und mit Klärchen in Ordnung gebracht habe. Nach Tische will ich mit dem Engel sprechen, und mich ohne weitern Aufschub ihrer lieben, kleinen, schreckhaften Hand versichern. – Es wird eine rührende Scene geben. Sie, die nichts im geringsten von dem Glück ahndet, das ihr bevorsteht – wie wird sie nicht über den schnellen Uebergang aus der Aufsicht einer grämlichen Tante in die Arme ihres Wunderthäters erstaunen! Ihres Wunderthäters? Nun das wollen wir weiter nicht rügen! Ein liebendes Weib, Eduard, ist wie das Reich Gottes. – Trachtet am ersten nach diesem, so wird euch das übrige schon zufallen. Auf die Fortsetzung meiner frohen Gemälde mußt Du nun in Geduld warten, bis die Tafel aufgehoben seyn wird. – Geht es mir selbst doch nicht besser. – Jetzt muß ich dem Domherrn entgegen gehen, den ich die Treppe herauf kommen höre – – –


Mein Abschiedsschmaus ist beinahe vorbei. Ich habe mich von der muntern Gesellschaft, die noch um den Tisch sitzt, weggestohlen, um Dir alles noch frisch aus dem Gedächtnisse zu erzählen, wodurch[53] sich dieses Fest vor andern auszeichnet, und um erst alle Nebendinge bei Seite zu schaffen, ehe ich in der Geschichte meines Herzens den Faden wieder aufnehme.

Daß mir der Domherr meinen Reisepaß und eine Quittung über das unverbrennliche Blatt, nebst der Lossprechung von allen Schäden und Unkosten, mitbrachte, versteht sich. Er übergab mir eins wie das andere im Namen des Legaten, unter wiederholter Versicherung seines Dankes und seiner Ehrerbietung, während Bastian meine Tafel anordnete, und ein so prächtiges Versöhnungsmahl auftrug, als es je eines gegeben hat, und das gewiß der Einweihung eines jeden Wunders würde Ehre gemacht haben. – Du verlangst wohl nicht, daß ich Dir, von der Suppe an bis zum Desert, jede Schüssel beschreibe? – Genug! der Speisewirth hatte sich angegriffen, da er hörte, daß die Gerichte für einen so wichtigen Mann als mich – und zu der Glorie der heiligen Dreifaltigkeitssteine bestimmt wären. Nur über den Wein, den wir tranken, mußt Du mir erlauben ein Wort zu sagen.

Bastian hatte ganz meinen Willen, und, wie ich bald nachher sah, auch den Geschmack meiner Gäste getroffen. Außer einem feurigen Burgunder, mit dem er mich mein Gastmahl eröffnen ließ, durfte ich auch nicht fürchten, wie auf der Hochzeit zu Canaan, mit einem schlechtern zu enden; denn es warteten schon auf einem Nebentische eben so viel andere FlaschenVin de Sillery auf die Auswechselung, die ihnen bevorstand. Ehe noch dieser herrliche Wein an die Reihe kam, empfahl er sich schon, als ein alter guter Bekannter, meinem Gedächtnisse. Er erinnerte michscherzend an die Wirkung, die er den Abend auf mich that, wo ich den ersten Sturm auf Klärchen wagte, den die fromme Tante so unfreundlich abschlug. Eben so ernst aber erinnerte er mich auch an den Augenschein, den er mir damals von der strengen Zucht verschaffte, in der mein Klärchen stand – die mir eine so beruhigende Rücksicht als glückliche Aussicht gewährte, und für die nur Gott unsere gute Alte belohnen kann. Wie viel mag die rechtschaffene Frau nicht Liebhaber vor der Thüre dieses Engels so gut abgewiesen haben wie mich. Ich sehe sie noch in Gedanken mit ihrem Wachsstocke [54] vor mir stehen, und überlege jetzt mit billigerm Gefühle alle die eindringenden Worte, die meine wilde und nach Verdienst bestrafte Leidenschaft so übel aufnahm, ob sie gleich nichts enthielten als Klärchens Lob. Unter diesem Selbstgespräche im Angesichte meiner Flaschen hob ich eine davon in die Höhe, um die gedruckte Etikette zu lesen, die daran war. – Gewiß habe ich nie eine mit mehrerer Achtung gelesen. Denke Dir nur, ich fand auf ihr den Namen einer Frau, die, nicht minder tugendhaft als unsere Bertilia, ihre Nichten auch eben so sorgfältig erzieht – einen Namen, der vor vielen der trefflichsten Schriften steht, wie hier vor dem geistreichsten Getränke – mit Einem Worte, den Namen der ehrwürdigen Genlis, die, wie Du vielleicht nicht weißt – die besten Rebenberge von Sillery im Besitz hat. Wohl dem, der einen guten Ruf vor sich her trägt! – Eine Weinflasche sogar, die uns darauf zurück weist, kann dadurch einem verständigen Manne interessant werden. Als ich nachher bei Tische meiner kleinen Unschuldigen das erste Glas davon weihte, war mir wirklich, als hätte ich es aus dem heiligen Brunnen der Vesta geschöpft, um eine ihrer schönsten Dienerinnen damit zu laben. Doch wenn ich so fortfahre, möchte wohl am Ende meine Erzählung nicht undeutlich verrathen, wie bunt es alleweile in meinem Kopfe aussieht; und doch darf ich mit gutem Gewissen es nicht einmal dem Weine Schuld geben, den ich lobe – denn Du mußt wissen, Eduard, daß, wenn ich eine Gesellschaft bewirthe, welche Aufmerksamkeit verdient, ich bei so vielen Eigenheiten auch die an mir habe, daß ich den Wein kaum koste, den ich meinen Gästen in vollen Gläsern zubringe, weil ich immer gefunden habe, daß der Geist meiner Flaschen geschickter ist als mein eigener, um den ihrigen zu entwickeln, und mir das Spiel des menschlichen Herzens frei zu geben, in dessen Beobachtung ein Kopf wie der meinige ein ungleich größeres Vergnügen findet, als in seiner Berauschung. Der schöne Plan meiner Zukunft, mit dem ich mich zu Tische setzte, erwärmte auch ohnehin mein Blut zur Genüge. – Alles was ich sprach, sah und hörte, und aus meinen Bemerkungen abzog – hatte immer einen geheimen Bezug auf ihn. Zuerst fing ich an für mein Hoftheater zu sorgen. – »Ein so [55] festlicher Tag als der heutige,« wendete ich mich an meinen Nachbar, indem ich ihm zugleich ein Glas Vin de St. George reichte, »sollte alle Feindschaften aufheben – alle Gefangenen los und ledig lassen. – Allen Sündern« – übersetzte ich ihm aus Schiller – »soll vergeben, keine Hölle soll mehr seyn.« – »Das ist recht!« erwiederte mir der Domherr, und stürzte das volle Glas hinunter, das ich ihm geschwind wieder füllte, um ihn nicht lau werden zu lassen. – »Sie sehen,« fuhr ich nach dieser Einleitung fort, »hinter ihrem Stuhle« – er sah sich um und erkannte die Puppenspieler – »ein paar Unglückliche, die ehemals, ich will nicht sagen wie zweckmäßig – mit lebendigen Personen die Hölle – und das Paradies mit Puppen vorstellten, und sich durch beides – wie es voraus zu sehen war – den Haß Euer Hoch-Ehrwürden zuzogen. Wie lange ist es nicht schon her, Klärchen, daß die armen abgesetzten Teufel Ihretwegen im Elende schmachten? Bitten Sie mit mir Ihren würdigen Nachbar, daß er die Strafe aufhebe. Es ist einem Manne in Purpur so anständig, Gnade für Recht ergehen zu lassen..« – Hier schlürfte der Prälat mit stolzem Hinblick auf seinen Mantel das dritte Glas langsam über die Zunge, und ich fuhr schon traulicher fort: – »Ja, bester Freund, thun Sie es mir zu Liebe! Wirken Sie den beiden Brüdern – wäre es auch nur weil sie bei dem heutigen großen Wunder an meinen verschlossenen Thüren auf der Wache standen – ihren Abschied aus! Keiner, der zur Zeit einer heiligen und übernatürlichen Erscheinung auf dem Posten gestanden, sollte nachher noch zu gemeinen Diensten erniedrigt werden, wenn sie auch dem Staate noch so nothwendig wären. Das besagen selbst die kanonischen Rechte, und es schlägt sogar, lieber Herr Domherr, ein wenig in die Immunitäten der Geistlichkeit ein. Für das ehrliche Unterkommen dieser Leute übrigens wollen Wir« – kam mir der Pluralis in geheimer Beziehung auf meine Nachbarin in den Mund – »schon sorgen;« aber ich lenkte eben so geschwind wieder ein: »Ich, theuerster Mann, wollte ich sagen, will schon sorgen, daß ihnen so leicht kein Kind in den Weg kommen soll.« – Der Domherr nahm ein Amtsgesicht an. – »Das wäre wohl alles ganz gut,« antwortete er mit vieler [56] Behutsamkeit: »aber wir müssen die Sache doch erst aus ihrem rechten Gesichtspunkte betrachten. – Das ist meine Art so. Die Leute da – stehen in päpstlichem Solde. – Ihre Bestrafung gehörte zwar wohl in mein Fach, aber nicht ihre Begnadigung.« – »O,« fiel ich ihm ruhig in's Wort, »das Militär des heiligen Vaters – so wie auch ihr Hauptmann, der sie der Armenkasse abkaufte, sollen nicht im mindesten dabei zu kurz kommen. – Seine Auslage – so weit sie nicht schon abverdient ist – bin ich erbötig ihm von meinen eroberten Proceßkosten zu ersetzen: und wenn der Hauptmann sein Handwerk versteht, wird er mit beiden Händen zugreifen; denn ich dächte man sähe den guten Leuten die Schwindsucht so ziemlich schon an, die ihnen ohnehin die Bärmützen bald abnehmen wird.« – »Ja, wenn das ist,« besann sich der geistliche Herr, »so ist mir selbst zu viel daran gelegen, nur freundliche Gesichter in meinem heutigen Zirkel zu sehen, als daß ich nicht gern eine Sache vermitteln sollte, die mir im Grunde ganz gleichgültig ist; ob ich gleich nicht begreife, wodurch sich diese leichtsinnigen, liederlichen Bursche..« – Hier fielen die beiden Brüder dem gestrengen Herrn so demüthig zu Füßen, daß er inne hielt, und nicht das Herz hatte ihr Porträt auszumalen; vielmehr entstand nun, durch sie, ein Streit der Großmuth unter uns beiden; denn der Prälat wies sie mit ihrem feurigen Danke an mich. Da ich aber ohnehin überzeugt war, daß ihr Gefühl sich nicht irre, so verbat ich alle unnöthige Aeußerungen desselben, und, indem ich den Prologus abschickte, um eine der Flaschen mit der vornehmen Aufschrift – den Epilogus aber, um frische Gläser zu holen, drückte ich zugleich meiner heimlichen Braut, voller Vergnügen über dieß erste, für unsere Haushaltung gelungene Geschäft, zärtlich die Hand, und sah im Geiste schon die Lichter auf unserm Theater brennen. – »O, du liebe kleine Unwissende!« richtete ich meine süßen Gedanken an sie, »wie will ich alle schöne Künste zu deiner Unterhaltung und zur Bildung deiner Seele aufbieten! Wie wirst du deine mächtigen blauen Augen aufreißen, wenn ich dir an manchem fröhlichen Abende auf meiner kleinen Bühne die Scenen der großen Welt und die Thorheiten der Höfe zur Schau stelle, wovon du[57] noch keinen – zum Glück für deinen Zeitvertreib – noch keinen Begriff hast; denn wärest du damit schon so bekannt wie ich, würden sie dir nur Langeweile verursachen. – Für geputzte Drathpuppen, und was sonst von Dekorationen dazu nöthig ist, will ich schon sorgen. Habe ich doch meinen Eduard dort, der mir zu Liebe die Lieferung gern über sich nehmen, und darauf Acht haben wird, daß sie auf das getreuste nach der Natur kopirt werden. Es ist eine leichte Sache, daß er sie mir alle Jahre erneuert; so verlör ich selbst – noch so fern vom Hofe – keine Veränderung, die unter den Hauptpersonen vorfällt, und könnte sonach, mit Beihülfe der öffentlichen Blätter, der Illusion und meiner Vorkenntnisse, immer noch mit meinem lieben Vaterlande in einiger Verbindung bleiben. – Das wenige, was allenfalls mir ein Heimweh verursachen könnte, wirst du, bestes Mädchen, mir zehnfach ersetzen. Wie werden mich nur allein deine kindischen Erinnerungen an die vorigen Zeiten ergötzen, wenn – wie ich mir launig ausgedacht habe – derSündenfall unser Theater eröffnen soll, über den du – wie wir alle – deine Semmel vergessen, und aus dem sich – nicht anders als bei uns – alles dein Glück und Unglück entsponnen hat! Das zweitemal sollst du dieses herrliche Stück nicht bloß von der hintersten Bank aus lorgniren – das verspreche ich dir, armes gutes Kind!«

Es ist doch gewiß, Eduard, daß die Hoffnungen der Liebe auch der gemeinsten Sache einen eigenen Reiz geben! Ich glaube, mein Herz hätte noch eine Stunde mit seinem kleinen Abgotte so forttändeln können, ohne es müde zu werden! hätte nicht der belobte Wein, der nun aufgesetzt war, mich an meine Gäste erinnert. Mit allen den verborgenen Kräften, die der Geist der Natur in ihn gelegt hat, stand er freundlich in unserm Kreise, und wurde nun ... Ja freilich, wenn ich mir es bequem machen wollte, dürfte ich Dir jetzt nur in zwei Zeilen sagen, wie viel Flaschen davon getrunken wurden, und Du müßtest wohl damit zufrieden seyn. Mancher andere würde glauben sich an der Präcision zu versündigen, wenn er ein Wort mehr darüber verlöre. In seinem Tagebuche kann er auch wohl Recht haben – das will ich ihm nicht abstreiten.[58] In dem meinigen aber ist es, glaube ich, schon nothwendiger, daß ich die Mühe der Pünktlichkeit, die ich bis jetzt nicht gescheut habe, am wenigsten bei dieser Gelegenheit aus der Acht lasse, und jedes einzelne Glas, das meine Gäste tranken, mit meinen Anmerkungen begleite, um Dir den Stufengang der Empfindungen auf das genaueste zu schildern, die es in ihren Seelen erregte, da es doch sicher und gewiß ist, daß für einen Beobachter auf dem Grund einer Flasche ganz andere Erscheinungen liegen, als in der Nähe des Stöpsels, und daß man sehr übel thun würde, sie unter einander zu mengen. Aus dem Schaume des ersten Glases – wenn ich anders richtig gesehen habe – breitete sich ein Schimmer natürlicher Fröhlichkeit aus, der, nach meinem Urtheile, den beredtesten Dank für die Wohlthaten Gottes enthielt. Klärchen sah dabei allerliebst aus. Das zweite entwickelte zu meinem Vergnügen jene Lebhaftigkeit des Geistes, die uns zu witzigen verwegenen Scherzreden oft herzhafter macht als es gut ist. Der Prälat brachte zuerst eine hervor, die für diejenigen, die den kühnen Schwung davon einsahen, viel Salz hatte. Die fromme Bertilia selbst ward ganz munter darüber; für ihre unschuldige Nichte freilich war das feine Räthsel so gut wie verloren, und mir ward schon angst, wie ich auf eine gute Art dem fröhlichen Drange ihres Bluts einen Ausgang verschaffen sollte, als ihm glücklicher Weise der Epilogus Luft machte. Er reichte ihr zwar nur einen Teller – aber wenn das Gemüth einmal zur Freude gestimmt ist, bedarf es auch nur einer Kleinigkeit um ihr Spiel in Bewegung zu setzen. Es fiel ihr, wie sie uns zur Entschuldigung sagte, seine komische Figur vor ihrem Bette zu Cavaillon, und ihr kindisches Schrecken ein, das ihrem Bedürfnisse zu lachen jetzt ungleich besser zu Statten kam, als damals ihrem Bedürfnisse zu schlafen. Ich kann Dir nicht sagen, Eduard, wie gut ihr diese kleine körperliche Erschütterung stand! Es war das erstemal, daß ich die Perlen ihrer Zähne, wie an eine Schnur gereiht, zu sehen bekam, und es war zu verwundern, wie, nach so vielen Entdeckungen in dem Gebiete ihrer Schönheit, mich diese noch so angenehm überraschen konnte. Diesen hübschen Anblick, dachte ich, willst du dir oft verschaffen; und um ihn mir [59] auch jetzt noch eine Weile zu erhalten – schenkte ich geschwind – Reihe herum noch einmal ein, und gewann dadurch – zwar nicht gerade was ich hoffte – aber dafür einen Anblick von einer – wenn es möglich ist – noch lieblichern Art. – Die funkelnden Augen meines Klärchens und des Domherrn geriethen an einander. – Das alte Mißverständniß des geistlichen Herrn, der bis jetzt noch immer ein wenig vornehm und zurückhaltend gegen seine schöne Nachbarin geblieben war, schien schnell dem holden Gedanken der Vergebung zu weichen. Er schlürfte seinen Wein mit bedächtigerm Hinblick auf das sanfte Spiel der Wellen hinunter, die den heiligen Nicaise höchst malerisch schaukelten, und gerieth dabei, wie es mir vorkam, in jenes gutmüthige Erstaunen, das unserm großen Friedrich so oft in die Augen steigt, wenn er eine beim Antritte seiner Regierung magere und kahle Gegend – angebaut und in blühendem Zustande wieder sieht. Er reichte seiner ehmaligen Pflegetochter die Hand, die, äußerst gerührt, mir sogar die ihrige entzog, die ich zärtlich in der meinen gefangen hielt, um ihm mit beiden für die Wiederkehr seiner väterlichen Liebe dankbar zu schmeicheln.

Es war, wenn Du mir nachrechnen willst, das zwölfte und letzte Glas der einen Bouteille – (hier, mußt Du wissen, ist in allem größer Gemäß als zu Berlin) – das mir zu dieser höchst rührenden Scene verhalf. Gott sei gelobt und gepriesen, daß es nicht auch die letzte Flasche war! In der zweiten, die ich mir zur Fortsetzung meiner stillen Bemerkungen geben ließ, lagen noch ganz andere Erscheinungen verborgen. Der gelüftete Pfropf flog mit einem Knalle – der in der Welt schon manches Mädchen erschreckt hat, und dem Ohre eines Kenners so wohl thut – an die Decke, und der Wein hielt, was sein Herold ankündigte; denn zweimal mußte ich geschwind hinter einander die Flötengläser Reihe herum füllen, um dem tobenden Schaume seinen Willen zu thun, ohne in diesen theuern Minuten Zeit zu haben auf meine Gäste zu achten. Desto mehr überraschten sie mich, als ich meine Flasche neben mich setzte, und mich nach ihnen umsah. Ach, mein Gott! wie hoch waren inzwischen nicht ihre Empfindungen gestiegen! – Ich erstaunte über die unglaubliche Veränderung, die ich antraf. Ist [60] das mein Klärchen, fragte ich still vor mich hin, die so freundlich den unzähligen Küssen zusieht, die der entzückte Prälat ihren Händchen aufdrückt? – Sind das die Augen eines Kindes, das sich gegen seinen Vater entschuldigt? Sind das die Blicke eines beleidigten Wohlthäters, der seiner Pflegetochter verzeiht? Hurtig! sagte ich zu mir selbst, schüttelte meine Bouteille, und füllte auf's neue die Gläser bis an den Rand; und nun sah ich noch deutlicher, wie weit das Geschäft ihrer Versöhnung gediehen war. Sie konnten schon nicht mehr das Glas mit Vergnügen trinken, wenn es nicht unter ihnen ausgewechselt und von den Lippen des andern berührt war. Erst alsdann stürzten sie es – mit buhlerischem Gelächter, sage ich Dir, stürzten sie es hinunter, und der Traum – ach Gott, wie soll ich meine Schamröthe verbergen? – der Traum meiner häuslichen Glückseligkeit war dahin! Die Wiedervereinigten achteten nicht mehr der Augen, die sie belauschten, noch der aufmerksamen Ohren, die ihnen zuhörten. Sie verhandelten ihre Angelegenheiten so offen, daß der Prologus und sein Bruder mich anlächelten, und mir fragend zuwinkten, ob sie nicht recht gehabt hätten? – O, ja! ihr guten Leute, dachte ich, ihr habt nur mehr als zu wahr gesprochen. Und da ich sah, daß der Domherr nicht aufhörte dem lachenden Mädchen in die Ohren zu flüstern – die Perlen ihrer Zähne immer näher betrachtete, und mir sogar für die Sicherheit des Orts bange ward, der die heiligen Steine verwahrte, so fing ich – nicht mehr für mich, das wirst Du mir zutrauen – aber für die armen Puppenspieler fing ich zu fürchten an. Wenn er, sagte ich heimlich zu mir, das Glas noch trinkt, bei dem ich eben im Einschenken war, so bist du um dein gutes Werk, und deine Hofakteurs sind auch noch um ihren Abschied betrogen, wie sie es schon um ihr neues Theater sind. Ich faßte, Herz – zog das Glas zurück, und – »Sie dürfen es wahrlich nicht eher trinken, lieber Mann,« sagte ich, »bis Sie meinen Grenadieren ihre Entlassung zur Stelle gebracht haben. – Alsdann aber trage ich Ihnen auch dafür noch zwei – drei Bouteillen von diesem guten Weine auf, der Ihnen nur desto besser schmecken wird, wenn Ihnen kein anderes Geschäft mehr abzuthun bleibt [61] als Ihr eigenes.« – Diese kurze, unversehene Anrede brachte ihn auf die Beine. – »Gut, gut,« sagte er, »davon will ich bald genug wieder zurück seyn. Hüten Sie mir indeß das Glas, liebes Klärchen, das ich stehen lasse,« – und so küßte er noch einmal ihre Hand, nahm seinen Hut und ging.

Jetzt, dachte ich, wird sich das Mädchen besinnen, und von Scham vor deinen Augen vergehen. – Aber ich dachte nicht klüger als vor drei Stunden, als ich mit ihr in der Bibliothek war. – »Das ist heute,« drehte sie sich zu mir, »ein glücklicher Tag. Der gute würdige Herr! Wir haben uns über das Vergangene besprochen. – Er hat mich tausendmal um Verzeihung gebeten, und wir sind nun bessere Freunde als jemals. Und wissen Sie wohl,« wendete sie sich gegen ihre Tante, »ich ziehe noch diesen Abend zu ihm? – Er verlangt es durchaus. – Wenn Sie also, meine Beste, so gut seyn wollten, mir mein Paket zusammen zu schnüren..« – »Siehst du wohl,« fiel ihr die Tante in's Wort, »daß ich Recht hatte, wenn ich Dir manchmal Behutsamkeit anrieth, und. Dir die Rückkehr Deines alten Freundes wahrsagte? Ich verstehe, Gottlob! den Rummel.« – »Ganz gut!« antwortete ihre unbefangene Nichte: »aber ohne die Vermittlung dieses fremden Herrn,« o, wie gab mir ihr Lob einen Stich in das Herz! »wer weiß, wie lange Ihre Prophezeihung noch außen geblieben wäre!« – »Uebrigens,« fuhr die Alte fort, »wüßte ich nichts was ich lieber zuschnürte als Dein Paket; denn der Propst schien heute grausam aufgebrach über Dich wegzugehn, und ganz sicher müßte ich wieder in das Spital wandern, wenn Du meine einzige Nichte wärest.« – Mit diesen Worten, die ich mit einer Verschämtheit anhörte, die Dir einem Menschen wohl zutrauen darfst, der weder in Berlin noch anderwärts – und auch hier ganz unschuldig, in so ein Haus gekommen, stand das scheußliche Weib auf, wodurch sie meinen Augen gewiß keinen Possen that. Indeß beunruhigte mich ihre Entfernung auf einer andern Seite, da ihre schöne Nichte, die ich von Abscheu nicht mehr ansehn konnte, wieder mit mir allein blieb. Doch mein Freund, der Zufall schlug sich auch dießmal in's Mittel. Indem die Alte zur Thür hinaus trat, war Bastian im Hereintreten [62] – »Herr Fez,« rief er mir zu, »bittet sich die Erlaubniß ...« »Geschwind laß ihn ein,« fiel ich ihm in's Wort; und der wackere Mann näherte sich mit einer tiefen Verbeugung. Wir haben uns immer, wie Du weißt, mit halben Worten verstanden – so auch jetzt. – »Ich habe nicht versäumen wollen, an diesem frohen Tage..« – »Ja wohl, ja wohl, lieber Herr Fez! Glücklicher habe ich in meinem Leben noch keinen..« – »Könnte ich denn nicht, mein Herr, das unverbrennliche..« – »O, das Wunderblatt! das sollen Sie gewiß.. Aber jetzt nehmen Sie nur Platz, lieber Herr Fez, – hier, neben Klärchen – und Sie, liebes Kind, bringen Sie doch dem Herrn das Glas zu, das vor Ihnen steht!« – Ohne sich zu besinnen, reichte sie es ihm, so wie es ihr der Domherr zu hüten gegeben hatte – und mit der sichtbarsten Freude nahm er es aus ihrer Hand. Und ich, Eduard, freue Dich, bekam dabei einen Einfall, der, wenn er auch sonst nichts werth ist, Dich doch wenigstens über meine aufrichtige Verachtung für dieses Geschöpf vollkommen, wie ich hoffe, beruhigen soll. – »Sie haben,« redete ich den Buchhändler an, »immer so viele Achtung und Liebe gegen das fromme Kind gezeigt, das Sie unter Ihren Augen aufwachsen sahen, daß es Ihnen gewiß eine herzliche Freude machen wird, zu erfahren, wie hoch zu Ehren ... Doch, liebe Kleine!« unterbrach ich mich selbst, »es fällt mir schwer auf's Herz, daß ich vor meiner Abreise noch vieles zu berechnen habe. – Sie könnten mir ja wohl die Erzählung abnehmen, die dem Herrn Fez aus Ihrem Munde viel lieblicher klingen wird als aus dem meinigen. Zeigen Sie doch dem wackern Manne den Ort, wo das berühmte Buch stand – und seyn Sie.. trinken Sie aber noch erst jedes ein Glas von meinem freundlichen Weine – ein wenig gefällig gegen seine Neugier. Ich habe – Sie wissen wohl, liebes Klärchen, noch mancherlei kleine Ansprüche an Sie – und kann sie wirklich nur gern an einen Mann abtreten – dem ich so vielen Dank schuldig bin, als dem Herrn Fez. – Hauptsächlich aber, bitte ich Sie, in Erwägung zu ziehen, daß zur Ausbreitung eines Wunders die Freundschaft eines Buchhändlers der sicherste Weg sei.« Meine [63] Vorstellung machte Eindruck bei ihr, wie bei einem Gelehrten. Sie dachte jetzt nur an ihre Legende, stürzte ihren Wein hinunter, und trat voller Begeisterung der wartenden Nachwelt entgegen.

Es ist mir zwar nicht mehr möglich genau nachzukommen, das wie vielste Glas es war, das sie zuletzt trank; aber so viel kann ich, nach der leichten Art, mit der sie mein Vorwort zu Gunsten des Herrn Fez aufnahm, doch berechnen, daß ein Gemisch darin müsse gegohren haben, vor dem schon jedes nicht ganz verlorne Mädchen den stärksten Ekel verrathen würde, ehe sie es an den Mund brächte. Und dieses Geschöpf – rief ich ihr nach, wie sie dem armen Fez den Weg wies – konntest du, durch eine Kette von Sophistereien, deinen besten Wünschen so nahe bringen? konntest – ohne betrunken zu seyn – das Ideal einer würdigen Gattin in ihr entdecken, und hast es bloß einer Flasche Champagner zu danken, daß du deinen Freunden – daß du dir selbst nicht verächtlich, und das Gelächter des ganzen Comtats wirst? Was wäre aus dir geworden, wenn die Heuchlerin deinen schon gefaßten Entschluß errathen – deine Händedrücke besser verstanden, und dir selbst die Gläser eingeschwatzt hätte, die du ihr zutrankst! – O, was für ein armseliges Ding ist es um den menschlichen Verstand! und wie begreiflich wird es mir in dieser Nachmittagsstunde, daß so viele tapfere, gelehrte und würdige Männer von meiner Bekanntschaft – ich müßte ein Ries Papier an ihren Namen verschreiben – das eheliche Eigenthum einer Buhlerin wurden! Arme dänische Docke! du würdest noch einen unfreundlichern Herrn an mir bekommen haben als dein jetziger ist! Und du, mein Johann, und meine gute Margot, in was für eine verstörte Haushaltung hätte euch mein trauriges Geschick bringen können! O, daß ich nie dieser entscheidenden Stunde vergesse! sie jedesmal in meinem Tagebuche nachlese, wenn mich ein frisches unschuldiges Gesicht in solche Lavaterische Trugschlüsse verwickelt, und mir je wieder die Luft ankommt, meine verwegene Hand an eine schreckhafte zu schmieden! Bastian mag mich so oft an seine Schwester erinnern, als ich eine Kammerthür zuriegeln will, und der Prologus und Epilogus mögen so lange meine Leibwache bleiben, als ich noch einer Wache [64] benöthigt bin; und damit ich endlich einsehen lerne, daß Unschuld und Paradies längstens zum Teufel gingen, sollen sie mir von Zeit zu Zeit ihre Knittelverse vordeklamiren, in denen wahrlich mehr Menschenverstand liegt, als in allen Trauungsformeln und hochzeitlichen Reden.

Während daß die Schöne die Verbindlichkeiten, die mir Herr Fez auferlegt hatte, in dem Maße als sie es werth waren erwiederte – mich an meinem stolzen Feinde, dem Probst, rächte, und dem heuchlerischen Domherrn den ersten Unterricht vergalt, den er ihr, wie es der nun klar ausgesponnene Faden seiner Geschichte bewies, in der Kunst zu betrügen gegeben, freute ich mich über das schöne Verhältniß der Belohnungen und Strafen, die hier der Gott meiner Ode, der Zufall, vertheilte, und dankte ihm herzlicher als jemals für das nicht zu berechnende Gute, das er mir, seitdem mein Mund ihn besang, in dem päpstlichen Gebiete erwiesen.

Ich sah nach meiner Uhr. Wenn du heute noch über die Gränze willst, sagte ich mir, so hast du keine Zeit mehr zu verlieren, und ich pfiff meinen Leuten. »Dort, Bastian, neben dem schlafenden Engel, liegt mein Reisepaß. – Trage ihn auf die Post, und bestelle mir sechs tüchtige Pferde, damit ich vom Flecke komme! – Und nun ein Wort mit euch beiden andern – In der Hoffnung, daß ihr ehrliche Bursche seid – vielleicht die letzten, die noch hier sind, und die Gott noch aus diesem Sodom zu retten gedenkt, ehe er es unter Feuer und Schwefel begräbt – will ich euch in meine Dienste nehmen.... Laßt mich ausreden und erspart euern Dank! Nun ist es aber – ohne daß ich weiter mit euch Staat zu machen gesonnen bin – nicht möglich, daß ihr mich in diesen päpstlichen Lumpen begleitet; denn alle Leute müßten glauben, ich hätte den heiligen Vater ärger gelästert, als Doktor Luther, und man führte mich deßwegen als Gefangenen nach der Engelsburg oder nach der Inquisition. Eben so wenig ist es meine Gelegenheit, so lange noch hier zu verweilen, bis eine Livree für euch fertig seyn kann – ich sehe also kein anderes Mittel, als daß ihr euch bei dem ersten besten Schneider in Ordnung bringen [65] laßt, und mir nach Marseille nachkommt.« – »Ach mein gütiger – ach mein großmüthiger Herr!« nahmen hier die beiden Brüder einander das Wort aus dem Munde. »Sollten wir,« fing der Prologus an, »ohne Ihren Schutz nur eine Stunde länger hier bleiben müssen – so ist,« setzte der Epilogus nach, »Ihre gute Absicht so gut wie verloren.« – »Müßt ihr denn beide zugleich sprechen?« fragte ich ungeduldig; und nun schwiegen sie aus Höflichkeit beide, bis ich dem ersten befahl, seinem Range nach fortzufahren. – »Wir haben hier von unsern glücklichen Zeiten her,« nahm er das Wort für seinen Bruder mit, den er treuherzig anblickte, »noch einige Schulden – die würden sicherlich aufwachen, und uns auf's neue in's Gefängniß bringen, wenn unser Abschied bekannt würde; denn wenn der Soldatenstand auch sonst zu nichts gut wäre, so ist er es doch darin, daß man seine bürgerlichen Schulden nicht zu bezahlen braucht, so lange man Uniform trägt. Aber ich wüßte wohl einen Ausweg. Bei dem getauften Juden, mit dem auch Sie einigen Verkehr hatten, stehen seit jener Zeit ein paar ganz neue Anzüge, noch nicht für den halben Werth versetzt. – Wir gedachten sie – aber es kam nicht dazu – bei einem Vorspiele zu gebrauchen. Wenn Sie uns nun – bester Herr, behülflich wären sie einzulösen, so wären wir auf einmal gekleidet, und die Farben würden sich nicht übel zu Ihrer Equipage schicken.« – »Und was wären denn das für Anzüge?« fragte ich. – »Es sind,« antwortete der Narr, »ein paar Masken; die eine für mich, stellt einen Satyr, die andere für meinen Bruder, den Jocus vor.« – »Nein! das ist nichts, ihr guten Leute,« antwortete ich lachend. »Ich reise inkognito – und auch ihr müßt euer voriges Handwerk in meinem Dienste vergessen lernen. Aber ist denn,« mußte ich schreien, weil eben mit allen Glocken in die Vesper geläutet wurde, »keine Trödelbude hier?« – »O, mehr als Eine!« antwortete er. – »Nun!« sagte ich, »so geht denn gleich hin, und stoppelt euch in der Geschwindigkeit etwas zusammen, das einigermaßen zu meinen Farben paßt. – Ein grauer Rock – eine rothe Weste – das ist vor der Hand genug, wenn auch übrigens keine Achselbänder dabei sind.« – Ich gab ihnen Geld zu dem Handel, und [66] die beiden Brüder sprangen fort, als wenn ihnen das Unglück nachsetzte. Jetzt wäre es ein Spaß, dachte ich, wenn ihr Hauptmann Schwierigkeit mit dem Abschiede machte, und ihnen die Verrätherei gegen Klärchen nachtrüge. – Doch damit hat es wohl keine Noth. – Hingegen mag Gott wissen, was ich mir selbst mit meinem guten Werke für eine auf den Hals lade. Der Theatergeist steckt ihnen noch gar zu fest im Kopfe. Ganz gut, daß sie mir die Sonntage, wo ich etwa einmal die Kirche versäume, ihr Paradies und ihre Hölle vorstellen – doch das wird man in der Komödie am Ende so überdrüssig, als in der Predigt. – Wenn aber nun vollends in den Werkeltagen der eine meinen Hofmarschall wie ein Harlekin, der andere wie ein Cato meinen Kammerherrn machen – dieser wie ein Alexander mir vorschneiden – jener mir mit der Laterne des Diogenes leuchten wollte, so hielt ich das, wie ich mich kenne, in der Länge nicht aus. Das klügste wäre wohl, ich dächte in Zeiten darauf, sie in ein Fach zu bringen, wozu sie Genie haben. Eben fällt mir eins bei. – So viel ich weiß, ist noch keine solche Truppe in Berlin gewesen, wie ehemals die Nicolinische zu Braunschweig. Wie wäre es, wenn die beiden Brüder während meiner Reise durch Frankreich eine Anzahl hübscher Kinder zu einer Pantomime anwürben? – Die Kosten wollte ich allenfalls vorstrecken, ohne daß ich viel dabei wagen würde, zumal wenn ich ein Auge darauf hätte, daß die Aktricen etwas für das künftige versprächen. Das könnte wirklich ein Geschenk werden, das schon verlohnte seinem Vaterlande zu machen. – Doch ich vergesse über diesem weit aussehenden Projekt den guten Herrn Fez, Klärchen und ihren Domherrn. – Wären nur meine Pferde da, und meine Leute beisammen! ich wollte gern die Rückkunft jener nicht abwarten, und weiter ihre Namen in meinem Tagebuche nicht nennen, möchte doch aus ihnen werden was wollte. Meine gegenwärtige Lage fängt an mir recht ernsthaft schlecht vorzukommen, und macht mich ungeduldig und wild. – Thue nur einen einzigen Blick her, Eduard, und sprich, ob ich mir unter solchen Aussichten, als mich alleweile umringen, gefallen kann? – Hier vor der Nase ein unterbrochenes Bacchanal, das nächstens wieder angehen wird – [67] dort, hinter der einen Wand das Betzimmer der Alten, die ihre Nichten berechnet, und hinter der andern meine ehrliche Schlafkammer, die schon seit einer Viertelstunde entweiht wird. Wahrlich, ich komme mir vor wie der heilige Antonius unter den Teufeln. – Holla! da kommen doch endlich die Figuren aus der Bibliothek! – Auf das Mädchen ist es mir unmöglich einen Blick zu werfen, aber den armen Fez, der sacht zu meinem Schreibtische herschleicht – muß ich doch wohl zur Kompletirung meiner Akten noch abhören. –

Der gute buckelige Mann! Ich merkte es ihm nur zu sehr an, daß er für alle Höflichkeit, die er mir erwiesen, mehr als zur Genüge bezahlt war. Er drückte mir dreimal hinter einander stillschweigend die Hand, wie man sie in Golconda den Mäklern drückt, die Diamanten verkaufen. – Das war doch gewiß kein schlechtes Gebot, und auch verständlich genug. – Aber nein! meiner Eigenliebe war es zu wenig. Ich hätte gern umständlichere Nachrichten von meiner Zeichnung gehabt – hätte gern gehört, daß sie richtig – ähnlich – von großer Kraft und ein Meisterstück der ewigen Kunst sei. Kommt es Dir nicht wie im Traume vor, als ob diese kostbaren Ausdrücke schon irgendwo einmal Deinen Ohren wohl und weh gethan hätten? Besinne Dich! – Nun? – O Freund! wie kannst Du die Lehrer Deiner Jugend so gänzlich vergessen? Erinnerst Du Dich denn gar nicht mehr unsers gemeinschaftlichen, vermuthlich längst selig verstorbenen Zeichenmeisters, Theodor Sperling? – der immer mit seinem berühmten Verwandten in Anspach prahlte, dessen Namen er zwar – an seinen Talenten aber nicht schwer trug. Man sollte nicht denken, daß man einige zwanzig Jahre hinterher noch Freude haben könne, gelobt zu werden, wie ein Kind – und doch erfuhr ich die Wahrheit davon an mir. Ich ging so lange mit meinen immer näher tretenden Fragen um den blöden lakonischen Mann herum, bis ich ihn endlich auf meinen Stimmhammer brachte, und gewiß erfuhr, daß er ihn gesehn und bewundert hatte, und ruhte nicht eher bis ich ihm alle die süßen Worte entlockte, durch die der gute Sperling mich über mich selbst erhob, indem er Dich niederschlug, wenn mein Pinsel [68] etwas erschuf, das Du nicht erreichen konntest – und das einer Tulipane oder einer Schneeglocke ähnlich sah. – »O,« sagte Herr Fez, »ich – – auf meine Ehre, versichere ich Sie, daß mich zeitlebens kein Kabinetsstück so entzückt hat.« – »Also haben Sie wirklich einige Ähnlichkeit gefunden, lieber Herr Fez?« schmunzelte ich ihm zu. – »Da müßte man,« erwiederte er, »doch mehr als blind seyn, wenn man sich irren könnte. Es ist so viel Leben, Ausdruck, Wärme, Kolorit, und eine so sanfte Haltung in diesem Bilde, daß ich es, ohne Schmeichelei, für eins der schönsten und kräftigsten unsers Jahrhunderts halte.« – »Dieser Ausspruch, würdiger Mann,« antwortete ich, »kann mir von einem solchen Kenner gewiß nicht gleichgültig seyn. Ich wünschte nur, daß alle diejenigen, die mir gern abstreiten möchten, daß ich malen kann, meine Zeichnung mit so guter Laune und so verständigen Augen betrachteten, als Sie, lieber Herr Fez!« – »Ihnen abstreiten, daß Sie malen können?« fragte er voller Verwunderung. »Wäre es möglich, daß es so gefühl- und geschmacklose Menschen gäbe?«

Indem hörten wir den Domherrn auf der Treppe, und der rechtschaffene Mann machte sich aus dem Staube. Ich sah mit Vergnügen von meinem Schreibtische, daß Klärchen eilig das Glas wieder füllte, das ihr Freund ihrer Bewachung empfahl, und fand nach meiner Einsicht in dieser kleinen Handlung so viel reife Ueberlegung und weibliche Klugheit, daß ich ihres künftigen Schicksals wegen ganz außer Sorgen bin. Ich stand, wie der Prälat athemlos hereintrat, einen Augenblick auf, berichtigte in möglichster Eil meine Rechnung mit ihm, die er mir zugleich mit dem Abschiede der beiden Soldaten einhändigte, und begleitete ihn unter seinem beständigen Geschwätz, auf das ich nicht hörte, bis an das Ziel seiner Wünsche – an seinen Stuhl. Er übernahm sein Glas, wie ein Maurer seine Kelle, die er als Zeichen da ließ daß er fortarbeiten wolle, und schlürfte es mit sichtbarem Wohlgeschmack und dem zärtlichsten Hinblicke auf Klärchen hinunter. – O des menschlichen Glücks! Wie hängt es fast immer von unserer Unwissenheit und Einbildung ab! Hätte dem guten Manne nur das mindeste von dem geahndet, was sich Herr Fez in seiner Abwesenheit [69] mit seinem Glase und seiner Geliebten heraus nahm, wie würde es ihm nicht alles verbittert haben, was jetzt seinen Lippen und seiner Vorstellung so süß dünkte! Er hätte darauf geschworen, daß es derselbe Wein sei, den er stehen ließ, fand ihn, auf meine leichtfertige Frage, weder frischer noch matter als er seyn sollte, und behauptete mit der Miene des Kenners, seine Zunge sei fein genug, um immer zu wissen, das wie vielste Glas aus einer Bouteille es sei, das er tränke. Es würde mir, bei dem Bewußtseyn, das mich drückte, schlecht zu Gesichte gestanden haben, über die so zuverlässige Unterscheidungskraft seines Geschmacks zu spotten. Klärchen fand noch weniger Beruf dazu, und war so gefällig mir das Amt seines Mundschenken abzunehmen, da sie sah, daß ich von ihr weg nach meiner Schreiberei schielte. Ich kann also die letzte Seite, der ich noch mächtig bin, ruhig ausschreiben, da nun alles für mich hier abgethan ist. Meine beiden komischen – oder willst Du lieber burlesken Bedienten, sind, leidlich genug gekleidet, vom Trödel zurück, und tragen meine Sachen in den Wagen – und meine sechs Pferde sind auch da. Auf die beiden Bacchanten gebe ich selbst weniger Acht als auf die gelbsüchtige Bertilia, die ihrer schönen Nichte das Nachtpaket gebracht, und sich nun leider Gott erbarm es! nicht weit von mir auf ihren frühern Gerichtsstuhl gestreckt hat, um ihren Rausch zu verschnarchen. Diese Harmonie, wenn es möglich ist, verstärkt noch mehr die Ungeduld, die ich habe, aus diesem Sumpfe an Gottes freie Luft zu kommen. Da es zu spät ist, noch vor Nacht Aix zu erreichen, so soll es meine Abendbeschäftigung seyn, diesem Bogen den Beschluß meines heutigen reichhaltigen Tages in dem Wirthshause noch anzuhängen, wo ich etwa übernachten werde, und mit Dir den Austritt aus dem päpstlichen Gebiete und aus einer Woche zu feiern, die der Anfang des Jahrs höchst niederschlagend für den prahlenden Stolz meiner Tugend eröffnet, und das erste Blatt meines neuen Kalenders gewaltig beschmutzt hat.

Meine einzige, zwar immer leidige Tröstung ist, daß es wohl keinen in der Welt giebt, worin von den zwei und funfzig Wochen die er enthält, nicht Eine wenigstens, so gut wie die meinige, verdienen [70] sollte ausgestrichen zu werden. Wenn ich nur die übrigen im Jahre, wie ich im ganzen Ernst hoffe, nach der Kritik der reinen Vernunft anwende, so denke ich bei Gott und der Welt – bei den Sitten- und Kunstrichtern noch immer Gnade und Erbarmung zu finden.

Fußnoten

1 Messieurs, quand je régarde avec exactitude

L'inconstance du monde et sa vicissitude,

Lorsque je vois, parmi tant d'hommes différents,

Pas une étoile fixe, et tant d'astres errants,

Quand je vois le Césars etc.

Racine – les Plaideurs Act. 3. Sc. 3.

Lambesk
Lambesk.

Hier bin ich nun schon einige Meilen über der Gränze jenes wurmstichigen und von Mönchen durchwühlten Landes, und befinde mich schon um vieles besser. Unter dem Burgfrieden eines Prinzen, der mit Joseph dem Zweiten verwandt ist, werde ich von seinem abgedankten Haushofmeister bewirthet, der mein Vaterland kennt – dem es dort wohl ging – und der es den Reisenden zu vergelten sucht, die daher sind. So klein diese politische und moralische Verbindung auch seyn mag, so kommt sie mir bei meinem Nachtlager doch sehr wohl zu Statten. Ich ward schon meiner fehlerhaften Aussprache wegen, die mein deutsches Vaterland verrieth, und die, sobald sie an die Ohren meines Wirths anschlug, ihn an alle das Gute erinnerte, das er bei uns genoß, auf das freundlichste in seiner Herberge empfangen; und als vollends meine persönlichen Verdienste dazu kamen, und meine Bedienten um den Küchenherd das Wunder sehr theatralisch beschrieben und vorgestellt hatten, von welchem ich eben herkäme, so wußten die Leute im Hause nicht, wie sie mir ehrerbietig genug begegnen sollten. Ich bin mit Wachskerzen umgeben, wie ein Heiliger, dessen Festtag man feiert, die erst der Wirth, dann seine Frau, dann seine Tochter und Magd einzeln auftrugen – um nur oft, und jedes mit eigenen Augen, den großen Mann anzugaffen, der ihrem Hause den Vorzug gegönnt hat, seine ermüdeten Glieder zu bedecken. – Um nichts Menschliches zu verrathen, ging ich mit stillem Ernste in dem erleuchteten Zimmer auf und ab, als ob ich an solche Klarheit gewöhnt wäre, bis sie mir ein Abendessen auftrugen, das eine wahre Coena domini und aus den feinsten Schüsseln zusammen [71] gesetzt war. Wenn ich immer und überall in diesem Nimbus erscheinen könnte, ich wollte keinen Meßmer, keinen Lavater, und keinen von den Herren beneiden, die so glücklich sind unser aller Mißgunst zu erregen. – Jetzt nun, da ich mich wie ein Erzbischof gesättigt, und mich beinahe ein wenig berauscht habe, wie ein gefürsteter Abt – da sich auch meine allzu dienstfertigen Wirthsleute in den unteren Stock zurück gezogen, und meine Bedienten umringt haben, die sich immer, wie ich von weitem höre, einander unterbrechen, um mit dem ehrwürdigen Ansehn ihres Herrn groß zu thun; jetzt könnte ich nun ruhig und lächelnd in das feine schneeweiße Bette steigen, das mir winkt, wenn mich das Versprechen, das ich Dir, lieber Eduard, mit meinem letzten Federstriche zu Avignon gab, nicht mehr als wie billig, munter erhielt. So höre mich denn eben so munter an, und höre noch die letzten Merkwürdigkeiten meines heutigen großen Tages, unter welchen ich glücklich bis an das Tintenfaß gekommen bin, das mir, in Wiener Porcellan, ein zweiköpfiger Adler vorhält.

Als ich mit dem Schwure, keinem Kasuisten, keiner Heiligen und keiner milden Stiftung je wieder so nahe zu kommen, die Gruppe, die ich Dir oben beschrieb, noch um eine Bouteille betrunkener, unter Rousseaus Aufsicht verließ, und ohne Geräusch meinen Hut und Stock aus der Ecke gezogen hatte, wo die fromme Bertilia ihrer verdienten Ruhe genoß, schlich ich stillschweigend meiner Wege, und war schon bis an die Thür gekommen, als der Domherr meinen Abzug bemerkte. Seine Zunge war jedoch zu schwer, ein deutliches Lebewohl auszusprechen; dafür aber schlug er mir so lange seine Kreuze nach, bis ich ihm aus dem Gesichte kam. Klärchen wischte höflich mir nach bis auf den Vorsaal, wo sie mir aus überströmender Dankbarkeit, im Angesicht des heiligen Nicaise, der unverschämt zusah, noch ein paar Küsse aufdrang, die, so Gott will, die letzten seyn sollen, die mir eine Heilige gab. Auf der Treppe hielt mich noch ein anderer widriger Anblick auf. Der schwarzgelbe Prokurator trat mir mit der Verbeugung eines Advokaten entgegen, der, nach einem verlornen Prozesse, seine Expensen sucht, überreichte mir mit der Abschrift seines Protokolls die Beglaubigungs-Urkunde [72] meines gethanen Wunders, und zugleich ein Handbriefchen vom Propst. Es thut mir leid, daß ich es nicht für Dich aufgehoben, und jetzt statt des Originals, das ich wegwarf, Dir nur einen Auszug davon mittheilen kann. Der geschmeidige Mann versicherte mich darin seiner unbegränzten Hochachtung, und bat mich, wenn ich je wieder diese Domaine des heiligen Vaters besuchte, die Freundschaft zu nähren und zu befestigen, die er, als ein unwürdiger Vorsitzender bei meinem Verhör und während meiner triumphirenden Rede, zu mir gefaßt habe. Er nannte mich einen seltenen Mann, der ganz von Gott ausgerüstet sei, das blinde Volk zu regieren – und empfahl sich mir so zudringlich, als hätte er in mir seines Gleichen gefunden. Ich beantwortete im Heruntersteigen seine Höflichkeit mündlich an seinen Boten, bedauerte, daß meine Abreise die Freundschaft, die nur ein Wunder unter uns zu stiften vermocht hätte, so bald unterbräche, daß ich aber, wenn ich Avignon jemals wieder mit einem Fuße beträte, mich seiner Leitung ganz überlassen würde, und dann erst das zu werden hoffte, was er allzu gütig schon bei mir voraussetzte. Unter diesen hingeworfenen Komplimenten gelangte ich die Treppe herunter, bis an die Hausthür – als mir hier noch ein Umstand auf das Herz fiel, der, wenn Du ihn nach Deiner gewöhnlichen Flüchtigkeit, nicht übersehen hast, Dich bis zu dieser Zeile nicht wenig geängstigt, Dir den Odem versetzt, und Deine Lippen und Hände bewegt haben wird, um mich, mit einem jeden Schritte weiter, den ich nach meinem Wagen that, freundschaftlich noch aufzuhalten – als mir nehmlich glücklicher Weise noch beifiel, daß ich, aus allzu großer Eil aus Klärchens Augen zu kommen, – unter Rousseau's Kopfe mein Tagebuch vergessen hatte. Nun wäre es zwar zum Nutzen der Welt vielleicht gut gewesen, wenn es die alte Bertilia beim Auskehren gefunden, und es als unnützes Papier verbraucht hätte – vielleicht aber auch nicht; wer kann das wissen? Für mich wäre es doch immer ein, ich hoffe es zu Gott, unersetzlicher Verlust gewesen – da ich dergleichen Tage, als die acht letzten, nie wieder durchzuleben gedenke, und viel zu vergeßlich bin, als daß ich hätte hoffen können mir die Erinnerung davon, [73] die mir doch für mein ganzes Leben sehr dienlich seyn wird, bis zum Aufschreiben wieder lebendig zu machen. Ich lief nun wie ein Wiesel die Treppe hinauf, das Zimmer hinein, gerade vor den Kamin.

Es war ein Glück, daß die alte Bertilia noch schlief. – »Lassen Sie Sich nicht stören,« sagte ich zu Klärchen, die dem Domherrn auf dem Schooße saß, und mich mit höchster Verwunderung angaffte: »Ich habe hier sonst nichts – als nur unter dem Gypskopfe ein Paket Belege vergessen, die zu meiner Einnahme und Ausgabe gehören, und die ich selbst nicht der Mühe werth achten würde, wenn sie nicht mit Ihrem Strumpfbande umwickelt wären, das mir, mein gutes Klärchen, viel zu lieb ist, um es im Stiche zu lassen; und nun leben Sie wohl, und grüßen Sie Ihre Tante.« – »Was?« stammelte der Domherr, »was sagten Sie da von Klärchens Strumpfbande?« –»Das wird das liebe Kind Zeit genug haben Ihnen selbst zu erklären,« antwortete ich, und schlug die Thür hinter mir zu. – Wer war froher als ich, da ich meine Kriminalakten unter dem Arme, von meinem Schrecken nun wieder zu mir selbst kam! – Non omnis morior, war das wenigste was ich dabei dachte; und wie dankte ich es nicht dem langsamen Epilogus, daß er mir nicht das erstemal schon die Hausthür öffnete, als ich ohne mein Tagebuch davor stand! denn der Anblick, der mich jetzt überraschte, würde mich gewiß ganz um das Bißchen Besinnungskraft gebracht haben, von der einzig seine Rettung noch abhing. Der große Platz vor dem Hause, und so weit ich in die Gassen sehen konnte, war von Menschen gestopft, die in der Nähe und Ferne auf die Knie fielen, und mich um meinen Segen anflehten. Ich richtete mich in meiner Chaise gerade in die Höhe, und warf der betrogenen Menge, wie von der Kanzel, gutmüthig alle die Kreuze wieder zu, die mir der Domherr mit auf den Weg gab. Einige von den Andächtigsten drängten sich vor, um die Pferde abzuspannen und meinen Wagen zu ziehen, und es gelang mir durch nichts anderes, sie von dieser Ausschweifung ihrer Ehrfurcht, die mich schwerlich postmäßig würde gefahren haben, abzuhalten, als daß ich ihnen die offene Hausthür zeigte, und ihnen [74] sagte, daß sie alle meine Wunder unter den Händen des Domherren antreffen würden. Haufenweise strömten sie nun in das Haus, und meine Postillons bekamen Raum ihre Peitschen zu schwenken, und, ohne jemanden umzufahren, vor der Hand wenigstens, ungestört bis an den Buchladen meines Freundes zu kommen. Hier aber mußten sie die Zügel mit Gewalt anziehen; denn der kleine Mann war heraus getreten – schrie und winkte, und hielt uns etwas so Flatterndes entgegen, daß wir alle fürchteten, er möchte die sechs Pferde scheu machen. Es war sein Katalogus, den er mir, wie er sagte, zu weiterer Fortsetzung unserer Freundschaft überreichte, und noch einige abgebrochene Worte seines Entzückens darein gab, die allein schon im Stande gewesen wären, einen sechsspännigen Wagen in seinem Laufe zu hemmen; so überspannt waren sie und so holprig. Ich hatte jetzt nicht Zeit sie ihm anders zu beantworten als mit einem lauten Gelächter, über das er höchst verwundert zurück trat, und mir freien Weg ließ. So weit ich kam, fand ich alle Bürger in Bewegung, wie an dem Frohnleichnamsfeste. Nur den getauften Juden hatte die Revolution meines Wunders nicht von seiner Stelle gebracht. Ich sah ihn, als ich bei seiner Kirche vorbei fuhr, noch an eben dem Pfeiler stehen, an dem ich zuerst seine interessante Bekanntschaft gemacht hatte. So eilig ich auch war, ließ ich doch einen Augenblick halten, und schickte ihm meinen Abschiedsgruß durch den Epilogus zu, der ihm zugleich die verpfändete Maske eigenthümlich abtrat, und noch das Glück hatte, einen kleinen Thaler von ihm heraus zu bekommen. Ich erhielt auf einem Kartenblatte nachstehende Worte, mit Bleistift geschrieben, von ihm: »Ihr heutiges Wunder,« – Du siehst, lieber Eduard, Dohm und seine Anhänger mögen auch sagen was sie wollen, ein Jude bleibt immer ein Jude, – »ist das größte, wovon ich gehört habe, und das einzige, woran ich glaube. Fahren Sie fort, lieber junger Mann, über die Thorheiten Ihrer Zeitgenossen zu spotten. Thun Sie es aber ja, wenn Sie nicht unter Blindgebornen sind, wie hier, lieber heimlich und von weitem, wie ich es selbst hier thue. Das ist der freundschaftliche Rath eines Mannes, der seine Ruhe und Sicherheit liebt.« – Ich bog mich [75] weit aus meinem Wagen hervor, und warf ihm lächelnd eines von meinen Kreuzen zu, das er mit einem schelmischen Kopfnicken beantwortete. Es gab mir, so wenig es war, doch hinlängliche Auskunft über den Werth, den er darauf setzte. O, des ehrlichen Konvertiten! dachte ich, und fuhr weiter.

Avignon lag schon eine große Strecke hinter mir, ehe ich mich ein wenig aus dem Gewirre meiner Ge danken los winden konnte, die, wie sie an einander anstießen, meine Seele mit sich herum trieben. Bald sah ich mit Spott, bald mit Aergerniß und Scham, bald mit innigster Zufriedenheit, auf die Zeit, die hinter mir lag, und auf die Gefahren zurück, denen ich, weniger zur Ehre meiner Klugheit als zur Glorie meines Erretters, des Zufalls, glücklich entging. Einmal überzählte ich hochmüthig die Menge von Erfahrungen, durch die sich, in einer Spanne von acht Tagen, meine Welt- und Menschenkenntniß so unglaublich bereichert hatte. – Ein andermal warf ich mir bitter vor, daß sie der Mühe und der Kosten nicht werth wären. Die unzähligen Abwechselungen meines heutigen Tages – von dem Anfange meines Verhörs an, bis auf den Segen, den ich dem getauften Juden zuwarf, hatten indeß meine Kräfte so erschöpft, daß mir, mitten in meinem Nachdenken, die Augen zufielen. Ich glaube, ich würde in Einem weg, bis vor mein Wirthshaus, geschlafen haben, wenn es, auf der Station, die mich an die Gränze des Comtats brachte, meinen Begleitern beliebt hätte, ohne Zuziehung meiner die Post wechseln, und frische Pferde vorhängen zu lassen. Aber das Nachdenken hatten meine klugen Schauspieler nicht. – »Mein Herr,« rief mir, ich weiß nicht welcher von den beiden Brüdern, in den Wagen, »haben Sie denn nicht Lust auszusteigen?« – »Und warum das?« fragte ich schlaftrunken. – »Hier ist,« antworteten sie, »der letzte Ort in dem Gebiete des Papsts.« – »Desto besser!« gähnte ich, und legte mich in die andere Ecke. – »Aber,« schrien sie fort, »es ist ja Cavaillon, mein Herr.« – »Meinetwegen!« versetzte ich ärgerlich, »was liegt mir daran?« – »Nehmen Sie es nicht ungütig,« erwiederte der unausstehliche Kerl, wir glaubten, es würde Ihnen lieb seyn den Propheten kennen zu lernen.« – »Was denn, zum Henker! für[76] einen Propheten?« fuhr ich jetzt auf. – »Der unser Glück,« unterbrachen sie sich beide, »und unser Unglück gemacht hat. Er liegt nur wenige Schritte hier von der Post.« – Jetzt ermunterte ich mich erst. – »Ihr guten Leute,« sagte ich, indem ich ausstieg, »habt nichts als euer zerstörtes Theater in dem Kopfe. Das müßt ihr euch abgewöhnen, und mir nicht immer damit in den Ohren liegen, zumal wenn ich schlafe. Aber sagt mir einmal – lebt denn der Onkel von Klärchen noch?« – »O, ja wohl,« antworteten sie. – Nun! dachte ich, da du einmal um deinen Schlaf bist, willst du doch wundershalber sehen, was für eine Respektsperson von Verwandten du heute dran und drauf warest dir auf den Hals zu laden – kannst dir auch nebenbei das Bette zeigen lassen, wo dem Mädchen der Teufel zuerst erschien. An fremden Orten nimmt man ja oft wohl noch geringere Merkwürdigkeiten in Augenschein. Habe ich nicht selbst einmal in Erfurt einen Thurm mit Mühe und Gefahr für einen Dukaten erstiegen, weil es zwei Tage vorher der König von Schweden gethan hatte, um die große Susanna zu sehen, vor der, wie mich der Glöckner versicherte, alle Teufel ausreißen. – Und so trat ich denn auch hier, meinen Wegweisern nach in die Garküche des Propheten, und fand an meinem Onkel einen sehr gesprächigen Mann.

Er stämmte seine beiden Hände in die Seite, so bald er den Doktor und den Teufel erkannte. – »Je, meine Herren,« rief er voll von Verwunderung aus, »Sie treten ja da in einem Aufzuge einher, der wahres Wohlleben verkündiget! – Das freut mich von ganzem Herzen; denn ewig werde ich Ihnen danken, daß Sie mir über meine gottlose Nichte die Augen geöffnet haben. Ich ließ mir zwar damals meinen ganzen Kummer nicht gegen Sie merken, meine lieben Herren; aber, ohne jene Nacht, kann ich nun wohl sagen, wo Sie ihr erschienen, wäre einmal mein schönes Vermögen in ihre Hände gefallen. – Aber das ist nun damit vorbei, und ich habe es bereits der Magdalenen-Kirche verschrieben.« – So wenig ich nun auch Ursache hatte mich dieses Geschöpfs anzunehmen, so schien es mir doch ungerecht von ihrem Verwandten, ihr eine Erbschaft zu entziehen, woran sie, bei allen ihren Fehlern, [77] doch immer mehr Anspruch hatte als die heilige Magdalena. Sie kann sich ja wohl auch noch, dachte ich, mit der Zeit bekehren, wie jene, zumal wenn sie nicht mehr nöthig hat der Gnade der Domherren und Pröpste zu leben. Ich nahm mir also vor, ihm den Einfall aus dem Kopfe zu bringen; aber es schlug mir fehl. Als ich mit gehöriger Behutsamkeit des Wunders erwähnte, und ihm erzählte wie der Domherr aus Achtung für ihre Namensschwester sie wieder in das Haus nähme, gerieth der Mann in einen Zorn, den ich weiter nicht zu stillen vermochte. – »Das mag er,« antwortete er mir; »in das meinige soll sie keinen Fuß wieder setzen, so wenig als ihr Verführer. – Wollen Sie sehen, wo das erste Unglück geschehen ist? so kommen Sie!« – Er führte mich nun in die große Stube – zeigte mir das Bette, und mit Thränen im Auge fing er gerührt an – »Hier mein Herr, ist das schönste, beste, unschuldigste Mädchen dem bösen Feinde geopfert worden; aber ohne mein Verschulden. Wie hätte sich eine Christenseele einbilden können, daß ein Kind neben einem Geistlichen, der in der Nacht, von der Reise ermüdet, um eine Herberge bat, so etwas zu besorgen hätte? – ein Kind, das damals noch nicht ... Doch ich will keine Sottise sagen – aber Sie verstehen mich, mein Herr ... O, du barmherziger Gott! was hast du uns für Seelenhirten gegeben! Ich war stolz auf das Mädchen – denn reizender – sehen Sie, und niedlicher gebaut, war weit und breit keine andere zu finden.« – »Ach, ich kenne sie, besser vielleicht als Sie selbst, mein guter Mann,« antwortete ich seufzend. – »Ich habe ganzer acht Tage neben ihr an, gewacht und geschlafen..« – »Und reisen nun – ist es nicht so?« fiel er mir kleinlaut in die Rede, »nach Montpellier?..« – »Nichts weniger,« gab ich mit großen Augen zur Antwort, »ich gehe jetzt nach Marseille, wo ich den Winter über..« – »Nun, da nehmen Sie mir nicht übel,« unterbrach er mich, »da kennen Sie meine Nichte schwerlich besser als ich. Seyn Sie froh, mein guter Herr! Sie sind der erste Passagier, der von dort her zu mir kam – in der Nähe dieser Virtuosin gewohnt hat – und noch so gleichgültig von ihr sprechen, und gar ein gutes Wort für sie einlegen kann.« – »Heilige Cäcilia!« [78] entfuhr mir der Ausruf. – »Ja, ja!« spöttelte er mir zu, »traue nur einer der heiligen Cäcilia und ihrem Kreuze! Sie sehen doch nun wohl, daß meine Nachrichten ächt sind. Ich habe sie von guten Händen. In der That war es der artigste Herr, von dem feinsten Geschmacke, den ich jemals gesehen – ein junger Baron aus der Neumark, der auf Ihrer Route, und fünf Tage, gezwungen war, von den Beschwerden der Reise – Sie wissen wohl – bei mir auszuruhen. Da ich mir nichts anders denken konnte, als daß Sie auch nach Montpellier müßten, so freute ich mich recht meinen Gruß an ihn bestellen zu können – denn vermuthlich ist er noch dort. Alles erinnert mich an ihn, bis auf die Livree sogar, die er eben so gab wie Sie. – Es war ein heller, vortrefflicher Kopf! Hätte er sich nur besser vor meiner Nichte gehütet!« –»Aus der Neumark war er, sagen Sie?« griff ich endlich dem Schwätzer in's Wort, »und er gab,« indem ich den Epilogus bei dem Fittich nahm, »dieselbe Livree?« – »Accurat so,« antwortete der Wirth, »und mit eben solchen Quasten und Knöpfen.« – »Und der Name?« fiel ich ihm ein, »wie war denn sein Name?« »Aussprechen kann ich ihn nicht,« sagte er, »das habe ich schon mehrmalen versucht; zum Glücke aber habe ich mein vorjähriges Rechnungsbuch noch nicht zerrissen, dort können Sie ihn unterm Monat November selbst lesen – Bemühen Sie Sich nur in meine Unterstube.« – Ich ging ihm voller Neugier nach, bis an seinen Schrank, aus dem er mir sein Rechnungsbuch zulangte. Er schlug mir das Blatt auf. Ich las mit Bedauern den Namen eines Mannes, den ich – hier nicht gesucht hätte wie viel er – für Brühen von jungen Hühnern schuldig geworden war, und sah, daß seine beiden Bedienten – vermuthlich bessern Appetits wegen – fünfmal so viel verzehrt hatten als ihr Herr. Das ist, was ich aus seinem Conto herauslas. Sein Name soll übrigens nicht über meine Zunge kommen – darauf kann der junge Herr sich – wenn er ungefähr mein Tagebuch zu sehen bekäme – auf Kavalier-Parole verlassen; und treffe ich ihn, wenn ich durch Montpellier komme, noch an, so könnten wir wohl gar unsere Nachhausereise zusammen machen. – Nicht daß ich etwa wünschte, noch mehr von [79] unserer Nachbarin zu erfahren – von der weiß ich in dieser Zeitlichkeit nun genug. Nein! ich wünschte es bloß, weil der Wirth von ihm rühmt, daß er ein artiger Mann, von dem feinsten Geschmacke, und ein vortrefflicher Kopf sei. – Wahrlich Eigenschaften, die man sich an einem Reisegesellschafter nicht besser wünschen kann! – »Sie haben voriges Jahr eine hübsche Einnahme gehabt, Herr Wirth,« sagte ich, indem ich ihm sein verrätherisches Buch wieder zurück gab. »Ich sehe, Sie sind ein ordentlicher Mann, der sein Vermögen gut zu verwalten weiß: desto weniger, um wieder darauf zu kommen, kann ich es billigen, daß Sie es einer Heiligen vermachen wollen, deren größte Sünde wohl ist, daß sie sich bekehrt hat.«– »Das ist mir –wahrlich, das ist mir zu hoch,« antwortete der Wirth, »und ich wende eine Flasche Wein an Ihre blasenden Postillions, damit sie Ihnen Zeit gönnen es mir zu erklären.« – »O, dazu gehört nur eine Minute, lieber Mann,« erwiederte ich. »Sie können wohl glauben, ich habe nicht das geringste Interesse bei der Sache – und eben so wenig habe ich etwas wider die heilige Magdalena – aber das Aufsehn, das sie überall macht – die Kirchen, die ihr geweiht sind – das Lob, das ihre Wiederkehr von allen Kanzeln erhält, und die Ehre, die man ihren Thränen erweist, – haben, seit ihrem Evangelio – glauben Sie mir – mehr schöne und gute Mädchen um ihre Unschuld gebracht, als alle Domherrn zusammen; und das ist doch, Gott weiß, viel gesagt! Denn, wie das menschliche Herz ist, um eine reuige Sünderin zu werden gleich der heilig belobten Magdalena, denken die meisten, muß ich ja doch erst meine Jugend nützen wie sie. Lieber wollte ich an Ihrer Stelle, Herr Wirth, meinen sauern Erwerb, auf den Fall meines Todes, den Armen schenken.« – »Den Armen, mein Heer?« wiederholte er höhnisch. »In diesem schönen, fruchtbaren, unbebauten Lande, sollte es Arme geben, die Unterstützung verdienten? Sind denn nicht schon genug Spitäler voll von Müssiggängern und Faulen? Mag denn hier wohl eine Seele arbeiten? Findet es nicht jedes bequemer zu betteln – zu stehlen, so lange es jung ist – im Beichtstuhle sich seine Sünden vergeben zu lassen, um neue zu begehen, und sich um eine Stelle in einer milden[80] Stiftung zu bewerben, wenn es altert und krank wird? Dieses Leben führte der Vater, der Sohn setzt es fort, und vererbt es wieder an seine Kinder. – Nein, mein Herr! die hiesigen Armen sollen nichts von mir bekommen. Aber da Sie mir wegen der Magdalena einen Floh in's Ohr gesetzt haben, so kann es wohl seyn, daß ich mein Testament ändere – und ein gutes, frommes und schönes Mädchen an Kindesstatt aufnehme, die einmal einem rechtschaffenen Manne wieder mein erworbenes Vermögen zubringt.« – »Thun Sie das, lieber Onkel!« sagte ich – und Gott sei Dank, daß ihm dieser Ehrentitel auf keine Art zukommt, da er bei verwandten Seelen eben nicht im Gebrauch ist; denn in diesem Falle, Eduard, gäb' ich ihn diesem wackern Manne nicht mehr aus Laune, sondern aus bessern Urkunden sogar, als andere oft vorzeigen können, die ihn stolz von uns fordern. – »Thun Sie das, lieber Onkel,« sagte ich ihm also beim Einsteigen in den Wagen: »bemühen Sie Sich um ein hübsches Kind, das Sie der Verführung Ihrer Domherrn entreißen, und das Ihnen und der Jugend den großen Verlust von Klärchen, wenn es möglich ist, ganz wieder ersetzt. Mir ist es sehr lieb, daß ich wenigstens doch beim Austritte aus diesem Lande Einen ehrlichen Mann habe kennen lernen. – Gott erhalte Sie! Leben Sie wohl!« – Ich faßte noch mit gerührtem Herzen den Segen auf, den er mir nachrief. Von einem so ungeweihten Speisewirthe er auch herkam, hoffe ich doch, soll er mich besser entsündigen als die Kreuze jenes betrunkenen Herrn.

Wie ich vor das Stadtthor kam, bemerke ich erst, daß ich auf einer Insel gewesen war, und begriff nun leichter, wie sich hier – abgesondert vom festen Lande – noch einige Ehrlichkeit erhalten konnte.

Die Brücke über die Dürance kam mir, trotz dem heiligen Nepomuk, der zu ihrem Schutze darauf stand, doch so gefährlich vor, daß ich ausstieg, und mich nicht eher darüber wagte, bis ich meinen Wagen an dem andern Ufer erblickte.

Das Bild der Sonne schwebte nur noch an dem Saume des Horizonts, und ihre gebrochenen Strahlen rötheten die hinschwindende [81] Landschaft. Die Gegend war im Steigen – die Pferde zogen mühsam – und ich schlich voll von Gedanken zu Fuße hinter dem Wagen her. Wie wir den Hügel bald erstiegen hatten, befahl ich meinen Leuten, sachte fortzufahren und die matten Pferde verschnaufen zu lassen, setzte mich an seinem Abhang auf die Wurzeln eines abgestorbenen Oelbaumes, und suchte mir die Empfindungen deutlich zu machen, die meinem Herzen entstiegen. Wie ungleich waren sie jenen, die sich sanft aus ihm ergossen, als ich das freundliche Caverac in seiner gesegneten Flur – als ich in dem sympathetischen Gefühle der Jugend meine geliebte Margot verließ! Unter einem noch schöneren Himmel als dort, wie erschlafft fand ich hier, in dem Müssiggange eines frömmelnden verdorbenen Volks, jede Federkraft der Natur! Welch eine bängliche Ansicht! So weit meine Augen mich trugen, sah ich Standbilder der Heiligen auf rebenlosen nackten Bergen – entdeckte nur verfallene Stege – durchgebrochene Dämme, morschen Götzen mit ruhmlosen Namen zum Schutze überlassen – hörte das Läuten der Abendmetten in den umliegenden einzelnen Dörfern – ohne daß ein Schäfer vor seiner gesättigten Herde, oder ein müder Ackersmann hinter seinem umgelegten Pfluge, dem Aufrufe zur Ruhe nachschlich, – ohne daß ein Winzer, von fröhlichen Kindern begleitet, aus seinem Weingarten hervorbrach. – Großer Gott! rief ich wehmüthig aus, und faltete die Hände, wie lange wird dieser Mißverstand deiner wohlthätigen Absichten, diese Beschimpfung deiner Natur noch dauern! Wie lange wird noch der Bürger seine kostbare Zeit, der Landmann seine nützlichen Kräfte, der Tagelöhner den kleinen Erwerb seiner wenigen übrig gelassenen Arbeitsstunden, an den Putz einer Wachspuppe und das Wohlleben ihrer Götzendiener verschwenden – in seinem Hause das Licht – auf seinem Herde das Feuer ersparen – um durch eine verdienstliche Finsterniß der ewigen Lampe Oel zu verschaffen! Wie lange werden die Sklaven der Andacht das Mark ihrer Söhne gegen ein geweihtes Todtenbein vertauschen, und mit dem Geruche seiner Heiligkeit ihre Schlafkammern verpesten! Wie lange noch, großer barmherziger Gott! werden die Unsinnigen für die baldige Entwicklung ihrer[82] Töchter alle Heiligen anrufen, um ihre ersten Blüthen dem ehelosen Mönche zu opfern, der jedem frühen Gefühl eines erwachten Herzens noch früher entgegen kommt, jede aufkeimende Frucht wie ein Raubthier bewacht, und alle Erstlinge der Natur und des Fleißes als sein Eigenthum ansieht! Durch, ach! wie viele Menschenalter – rief ich mit gepreßter Brust – wird dieser schwere Uebergang zur Wahrheit und Freiheit noch zögern! – Und wie ich so sprach und meine Augen zu Gott erhob, vergüldete die ewige Sonne, zum letztenmal heute, die steinigen Hügel. Ich schrieb noch im Glanze des Abendroths folgende Gedanken in meine Schreibtafel, aus denen Du sehen wirst, daß ich nicht umsonst das Wirthshaus zum Propheten besucht habe – überblickte noch einmal diesen so schönen und so gemißbrauchten Erdstrich – und winkte nach meinem Wagen.


Als hätte die Natur im Bilden

Mit Liebe länger hier verweilt,

So ganz hat diesen Lustgefilden

Sich ihre Schönheit mitgetheilt:

Doch Mönche kamen und zertraten

Den Plan der fröhlichen Natur,

Und auf dem Umkreis ihrer Saaten

Herrscht Gleißnerei und Armuth nur.


Trajan entlockte Fleiß und Leben

Hier diesem Felsen – diesem Hain,

Und Berge luden ihn voll Reben

Zum Jubel guter Fürsten ein.

Ihr Fluren, die ihr freundlich blühtet,

Als Jupiter noch auf euch sah,

Wie traurig liegt ihr, abgehütet

Von päpstlichem Gesindel, da!


O, Land, das nur den faulen Bäuchen

Der Mönche zu Gebote steht,

Und, mit abgöttischen Gebräuchen

Belastet, – schwankt und untergeht!

Ach, warum hat, ruft meine Stimme,

Gott seinen Blick von dir gewandt?

O du, der Hirnwuth und dem Grimme

Der Heiligen verrathnes Land!


[83]

Wo Priesterstolz und Aberglaube

Wie Mehlthau eine Gegend trifft,

Verdorrt die Saat, verwelkt die Traube,

Und aus dem Oelbaum rieselt Gift.

Besangen wohl des Landmanns Lieder

Sein Glück an einem Erntetag

In Argos Thälern, eh die Hyder

Dem Arm des Rächers unterlag?


Hier heißt die Tugend eine Bürde;

Der Weisheit selbst wird hier geflucht,

Die nicht in Klöstern – Menschenwürde,

Nicht Trost am Tisch des Gauklers sucht:

Bei Ihm – der Felsen abzuründen

Verspricht, der Berg' und Thäler gleicht;

Und deinem Mund Erlaß der Sünden

Und deinem Gaum Vergebung reicht.


Wie stürzt nicht der bethörte Haufe

Ihm zu! begafft und überschlägt

Die Waare, die zu gutem Kaufe

Er ihren Sinnen vorgelegt!

Der Mörder packt dann, wie der Zecher,

Ein Sortiment zum andern auf,

Und jener Schutzgott der Verbrecher

Spricht Segen über ihren Kauf.


Und dieser Troß von Himmelserben

Durchwallfahrt dieß verarmte Land –

Spielt seinen Ueberrest von Scherben

Dem Hohenpriester in die Hand,

Vertauscht für unbegriffne Worte

Das Bettelbrod, das er erwirbt,

Und mit dem Schlüssel zu der Pforte

Des Himmels – gähnt er hin, und stirbt.


Ihr Räuber dieses Landes! höret

Der Wahrheit Ruf, die aus mir spricht:

Euch droht, die ihr das Volk bethöret,

Des Volkes blutiges Gericht;

Ich seh' im Kreis von euern Bürgern

Des Aufruhrs schwarze Fahne wehn,

Und eure Schafe – zu den Würgern,

Furcht – zur Verzweiflung übergehn;


[84]

Und seh' erstaunt, wie jede Puppe

Der Andacht in ihr Nichts versinkt;

Wie nicht mehr die geweihte Schnuppe

Der ew'gen Lampe sie umstinkt –

Kein Kuttenträger mehr die Zofe

Der heiligen Maria macht,

Und kein an eines Priesters Hofe

Gebildeter dieß Land bewacht;


Seh' eure Heiligen zerstückeln –

Seh' die Legenden in dem Wind

Zu edlern Stoffen sich entwickeln,

Die eines Gottes würdig sind;

Und seh' entfernt, wie aus dem Staube

Die Tugend ihre Stirn erhebt,

Und neue Hoffnung – neuer Glaube

Und neues Glück dieß Land belebt.


Und dann erst, möge Gott es wollen!

Wird Ordnung und Natur gedeihn;

Die Wüsten werden Früchte zollen,

Die öden Berge – guten Wein:

Gesundes Volk wird, ungesegnet,

Im Schatten seiner Laube ruhn,

Und, ohne daß ihm Gott begegnet,

Doch redlich seine Arbeit thun.


Dann erst entsteigt den Finsternissen

Des Glaubens die versteckte Flur;

Man wird von keinem Wunder wissen,

Als von den Wundern der Natur;

Der Pilger wird sie nur im Reize

Der Unschuld seines Mädchens sehn,

Und manch Kapellchen ohne Kreuze

Wird seiner Andacht offen stehn.


Den 9ten Januar.


Unter dem Heere von Gedanken, die diesen Morgen auf mein Erwachen zu lauern schienen, war Dein Bild, theuerster Eduard, der erste, der mir anflog, so wie es der letzte war, mit dem ich einschlief. Darf es Dich wundern, daß ich mich leichter selbst aus dem Auge verliere, als Dich? Wem könnte ich denn wohl den Verdruß, der mir aufstößt, billiger zurechnen, als dem Anstifter [85] meiner Reise? so wie ich ihm eben so gern das Gute verdanke, das mir begegnet. Nachdem ich Dir meine Verbeugung gemacht hatte, und zu der Musterung Deiner Nachtreter überging, merkte ich es, durch die letzt vergangenen acht Tage gewitzigt, den meisten bald an, daß ich wohl am klügsten thäte, sie lieber gleich vor meinem Bette abzuweisen, ohne mich an ihre zuvorkommenden Mienen zu kehren. Ich suchte mir Einen unter der bunten Gesellschaft aus, der mich mehr als die andern alle befremdete, von dem ich mir jedoch, wo nicht die angenehmste, doch die lehrreichste Unterhaltung versprach; vorausgesetzt, wenn ich Muth genug hätte, ihm bis in den Schlupfwinkel nachzugehen, in den er sich, wie ich ihn in das Auge faßte, zu verkriechen anschickte. Freilich hätte er mir nicht so neu vorkommen sollen, als er mir schien: denn es war der ewige Gegenstand meiner Betrachtungen – mein eignes Selbst. Da ich aber, wie Du nur zu gut weißt, vorige Woche nicht zu mir selbst kam, so wird es begreiflich, wie ich die Veränderungen, die stufenweise mit ihm vorgingen, so wenig bemerken konnte, daß es mir jetzt schwer ward, seine sonst so offene Physiognomie unter den Flecken heraus zu heben, die ihn entstellten. O hätte mich Freund Eduard, seufzte ich, ruhig in dem Winkel sitzen lassen, aus dem ich mit stolzem Wohlbehagen über die übrige Welt hinblickte! Dort lebte ich unter der strengen Aufsicht meiner moralischen Bücher, kannte keine Heilige, keine Kasuisten, und war meiner Tugend gewiß. Dort hätte ich, mit Zufriedenheit meines Beichtvaters, exemplarisch an meiner Hypochondrie verscheiden, und die Rechnung meines Lebens dem obersten Richter vorlegen können, ohne zu erröthen. – Würde ich denn aber auch, warf ich mir auf einmal ein, darum besser gewesen seyn als jetzt? Hätte mir der oberste Richter nicht antworten können: »Du trittst mir zwar unbescholten und mit dem Bettelstolze eines guten Gewissens unter die Augen – du bist unbefleckter als jener Domherr, den eine Reihe schändlicher Thaten verklagt; aber bist du wohl darum viel besser als er? Kannst du dir als Verdienst anrechnen, daß der Zufall den ich gewähren ließ, dich an eine viel kürzere Kette legte als ihn? – dich in den Zirkel eines kränkelnden, reizlosen Lebens [86] einzäunte, und dir nur den geläuterten Nahrungssaft zuflößte, den die gesunde Weide hervorbringt, auf der du geboren warst, und starbst, ohne daß du die Giftpflanzen zu kosten bekamst, die, in einem andern Erdstriche einheimisch, den Einwohnern zur gemeinen Nahrung geworden und mit ihrem Blute vermischt sind?«

Er! dessen Stimme an mein Herz schlägt, bewahre mich vor dem Unverstande, mit Ihm zu rechten! Er mag es wohl besser wissen, als wir selbstsüchtigen Thoren, was wir eigentlich werth sind, und – wie gar nichts unser Antheil an allem dem Guten ist, das aus unserer belobten Freiheit entspringt. O ich erbärmliches Geschöpf! Was ist doch aus meiner Selbstzufriedenheit – was aus den Forderungen geworden, die ich auf die allgemeine Achtung zu machen mich berechtigt glaubte? Eine Spanne Zeit verschlang den Reichthum einer ganzen langen Reihe von Jahren. Jetzt ist es mit der schönen Leichenrede vorbei, die ich manchmal im Namen des ganzen Menschengeschlechts in Gedanken hielt, wenn ich mir eine recht behagliche Stunde machen wollte. Der neue Text, den mir die vergangene Woche unterlegt, ist von einem Gehalte, der mir schwerlich die lange Weile über meinem Grabhügel vertreiben kann. So wirke er denn, rief ich endlich aus, was er vermag, und mache mich wenigstens, so lange ich diesseits des Grabes wandele, duldsam gegen andere Schwächlinge, die mir gleichen, und desto verschämter und andächtiger, wenn ich die Worte jenes großen Menschenkenners in den Mund nehme: »Und führe uns nicht in Versuchung.« – Ich kenne keine, die einen deutlichern Spott auf unsere Geisteskräfte enthielten. Auf wessen Bedürfnisse paßten sie nicht? In dem Sinne der meinigen gesprochen, was wollen sie anders sagen, als: Mache mich nicht zu gesund am Leibe, damit ich nicht kränker am Geiste werde. Führe mir auf meinem geraden Gange keine Heilige und keinen Heuchler entgegen; denn ich bin zu blind, großer Gott! um sie unter ihren Larven zu erkennen, und zu ungeschickt, ihnen solche abzuziehen, ohne mich selbst zu beschmutzen.

Ich schlug meine Augen in die Höhe – eine Bewegung, die wir so gern als ein Zeichen der Andacht anrechnen, da es [87] doch meistens nur ein Hebel ist, durch den wir unsere beunruhigte Seele über ihren eigenen Anblick hinweg zu bringen, und eine andere Richtung zu gewinnen suchen; denn hinter der geringsten unsrer Handlungen steckt Stolz und Betrug. – Mich brachte mein mechanischer Aufblick dießmal nicht höher als in die Region der großen Herren. Mein Wirth war nicht umsonst in Wien gewesen; denn außer seinem Schreibzeuge, das ich Dir schon beschrieb, hatte er auch noch das Bild des Kaisers mitgebracht, die Kopie über dem Eingange seines Gasthofs, das Original aber, wie billig, in seinem Staatszimmer aufgehängt, in das er mich – Du weißt aus welchem Irrthume – logiert hatte. Ich konnte immer Gott danken, daß es nicht das Bild eines Heiligen war; denn wer weiß, wohin das meine Phantasie, die nur ein Brett suchte um fortzuschwimmen, verschlagen hätte! In dem Deutschen Reiche, wohin mich Joseph der Zweite trug, war ich wenigstens zu Hause.

Ich schiffte mit ihm auf gerade wohl fort, von einem der Fürsten zum andern, die es theilweise beherrschen, und mein beklommenes Herz erleichterte und tröstete sich an ihren Höfen. Ich war erkenntlich für ihre freundliche Aufnahme, und außerordentlich billig gegen die Fehler, die ich an ihrer Person oder Regierung bemerkte; denn meine eigene Demüthigung machte es mir unmöglich, sie anders als mit der Art von Mitleiden zu betrachten, die ein Hektikus für seinen Bruder empfindet, der Blut speit. Es wird Dich vielleicht Wunder nehmen, Eduard; aber ich mochte im Verfolg meiner Visiten unsere größern oder kleinern Herren so genau mustern so als ich wollte, ich zählte immer mehrere, unter deren Zepter oder Krummstabe es sich leidlich genug leben ließ, und die, selbstständig, der Ehre, die wir ihnen erzeigen, so ziemlich werth sind, ehe ich Einmal unter zehnen auf einen traf, bei dem man, wenn man ihn auch, wie viele andere Dinge, mit Respekt nennt, es doch so unmöglich findet, einen festen Gedanken zu fassen, wie bei einem Polypen. Da sich der Hauptstock dieses Sumpfgewächses ohne den Inbegriff der kriechenden, schlüpfrigen und wurmstichigen Saugarme nicht denken läßt, die ihn zum Polypen erheben – und hinwiederum diese zu keinem edlern Dienste bestimmt [88] sind, als die unreinen Nahrungssäfte, die sie einschlucken, dem regierenden Klumpen zuzuführen, um sein Pflanzenleben durch die Mechanik des ihrigen zu erhalten; so giebt das Ganze kein unebenes Sinnbild eines solchen Fürsten und seines Hofs. Was kann man mit einem so begabten Zwittergeschöpfe anfangen, als daß man es stehen läßt, so lange Gott will? Denn gesetzt, Du nähmest auch das Lebendigste, was an ihm ist – seine Auswüchse, unter die Scheere, so wird doch für den einen Ast, den Du heute absonderst, morgen ein anderer wachsen, der vielleicht noch häklicher ist, als der erste. Dieses Mittelding von Thier und Pflanze wird, wie die Regenten die ihm gleichen, in unserm kultivirten Vaterlande immer seltener, und bald wird die fortschreitende Zeit den Deutschen Boden ganz davon gereinigt haben. Auf dem Platze, den solche Pigmäen aussaugen, werden sich große, selbständige Bäume erheben, die durch ihren schattigen Umfang alle Schmarotzer- und Wucherpflanzen ersticken, veredelte Früchte tragen, und guten Samen über das Land streuen, das ihren Wachsthum befördert.

Gott segne diese prophetischen Worte! Sie entfließen so leicht einem patriotischen Herzen, und klingen so schön in dem Munde eines Unterthanen des Römischen Reichs, besonders, wenn er sie seinem Oberhaupte in einem Französischen Gasthofe zuruft. Auf alle Weise enthalten sie besser geordnete Empfindungen, als das bittere Gewäsch jenes politischen Geschmeißes, das nicht müde wird, die angebornen Rechte seiner Beherrscher zu benagen, ihren ererbten Stand lächerlich zu machen, und ihren Glanz zu besudeln. Wie oft empört mich die Zudringlichkeit dieser boshaften Tadler, die den Großen der Erde keine Entschuldigung hingehen lassen, selbst die nicht, die in ihrer menschlichen Natur liegt! Wie wollte ein ehrlicher Mann, bei den unaufhörlichen Beschleichungen dieser Weltverbesserer, die sich in ihren Wirbeln immer selbst durchkreuzen und gegen einander anstoßen, nur einen ruhigen Augenblick finden, wenn sie nicht, nach Art der Spinnen, das Gute an sich hätten, daß sie eben so geschwind, als sie anrücken, in ihre Höhlen zurück kriechen, sobald man sie nur von fern mit der Spitze des Fingers berührt? Es giebt kleine Wendungen – ich will Dir einige angeben [89] – die auf solche vorlaute Klüglinge nachdrücklicher wirken, als Bücherverbote. Wenn der eine lange genug über die Anmaßungen der Fürsten, und über die Stelzen, auf denen sie sich über uns erheben, gefaselt – der andere ihre häufigen Mißgriffe bei der Wahl ihrer Staatsdiener aufgezählt – der dritte die Erschlaffung in ihren Regierungsgeschäften auf das genaueste entwickelt hat; wenn jener Schwätzer sich mit gelehrtem Anstande in seinem Lehnstuhl festsetzt, um desto bequemer seine philosophische Hitze an dem kaltherzigen Regententroß zu verblasen; wenn dieser ihren festlichen Müssiggang mit schelen Augen verfolgt, die Backen voll nimmt, um ihr Eigenthum als einen Raub zu verschreien, den ihre ritterlichen Ahnherren an dem gemeinen Wesen begingen, oder wenn er ihnen zumuthet, Rechnungen abzulegen, die durch Gottes Zulassung längst schon geschlossen sind: so ergreift mich die Ungeduld – so schlage ich mich endlich ins Mittel, nehme den einen und nehme den andern bei der Hand, und führe ihn, Treppe auf Treppe ab, in seinen eigenen verschobenen, lächerlichen oder zerrütteten Haushalt zurück, begleite ihn in das Putzzimmer oder Schlafgemach seiner Gebieterin, oder in die Kerkerstube seiner Knechte und Mägde – schlendere mit ihm seinen verfallenen Scheuern oder verwilderten Krautäckern zu, gehe das Inventarium seiner Wäsche durch, frage ihn, wie seine Vorältern zu dem Zehenten kamen, den sie ihm vererbten, und durch welches Recht Er mehr Spielraum einnimmt als ein anderer, der eben so breit ist als er? Den Grämling endlich, der alle Kron- und Erbprinzen zu Mißgeburten menschlicher Thorheit herabwürdigen, seine Beherrscher wählen, oder zu seinem Idol eine Hyder aus den klügsten Köpfen des Volks – den seinigen jedoch mit eingeschlossen – zusammen setzen möchte, dränge und treibe ich durch das Labyrinth seiner Sophismen nach Berlin, zu den Füßen unsers Monarchen. Sein Daseyn ist schon allein die beste Vertheidigung der Erbfolge. Die klügste Wahl hätte nicht väterlicher für uns sorgen können, als hier die Natur, die aus dem Urstoff so mancher lieblosen, stolzen und schwachen Ahnherren endlich einen König destillirt hat, der, gut, selbstständig und groß, alle Herrschertalente vereinigt – der, [90] mit dem feinsten Gefühl begabt, zu jedem Uebel das Gegenmittel zu finden, nie einen stärkern Hebel gebraucht, als die Last erfordert, die er wegschaffen soll. Dieser Brennpunkt, der meine Blicke immer wieder sammelt, wenn sie noch so weit über die Gränze schweifen, vereinigte sie auch dießmal. Ich verlor mich so sehr in Betrachtung dieses merkwürdigen Mannes, daß Kaiser und Reich lange warten mußten, eh' ich auf sie zurück kam.

»Meine gnädigen und hochgebietenden Herren,« beurlaubte ich mich am Ende von der ganzen vornehmen Gesellschaft, »mein langes Ausbleiben beschämt mich; aber das große Vorbild, das ich in Ihren Kreis bringe, wird es entschuldigen. Darf ich Ihnen noch zum Abschied einen wohlgemeinten Rath ertheilen, so suchen Sie nur seine einfachern Tugenden zu erreichen – die glänzenden erlassen wir Ihnen gern – und Tausende mit mir werden aufstehen, und Sie gegen das giftige Gewürme in Schutz nehmen, das Ihre Vorzüge begeifert. Mögen doch Ew. Majestäten und Ew. Durchlauchten durch Verbrechen Ihrer Vorfahren, oder durch Geistesschwäche der unsern, zur Herrschaft über uns gelangt seyn; wir wollen Ihnen den zufälligen Genuß Ihres angeerbten Gewinnstes gönnen, ohne über den ersten Erwerb desselben lange nachzugrübeln – wenn Sie Sich nur als edle Spieler betragen – uns nicht durch das stolze Lächeln der Schadenfreude bei jedem Bissen trockenen Brodes, das wir essen, an den Verlust unseres Fettes erinnern, und nicht den Enkeln zu hart die Ungeschicklichkeit ihrer Vorältern entgelten lassen. Mag es noch so gewiß seyn, daß Ihre geheiligte Person durch eben die kleinen Hülfsmittel an uns zum Ritter ward, die Sie jetzt in unsern profanen Händen für verdächtig und strafwürdig erklären – so wollen wir doch in blindem Gehorsam die moralischen Bollwerke ungestört lassen, hinter denen Sie Ihre Rechte verschanzt haben, und der Politik huldigen, die das Gesetz der Vergeltung an den Galgen geschlagen hat – wenn Sie nur nicht gar zu treu dem Beispiel eines Ihrer Herren Kollegen nachgehen. 1 Durch eine Flasche Wein gewann er das [91] Gebiet seines Nachbars – und sogleich, als weiser Gesetzgeber, verbannte er das begeisternde, Getränk aus seinen eroberten Staaten, versicherte sich der Treue seines Volks – durch Mohnsaft, und vertheilte jedes kraftvolle Männerherz in kleinen Bissen unter ein Heer hungriger Bacchantinnen. Vor solchen politischen Anstalten – meine gnädigsten Herren, bewahre Sie Gott!«

Ich wurde in meiner stattlichen Rede an die großen Herren drollig genug durch eine noch stattlichere unterbrochen, mit der mich mein Wirth hinterrücks anfiel, der, während ich mich mit Kaiser und Reich unterhielt, unbemerkt mit meinem Frühstück eingetreten war, und, sobald er seine Hände frei hatte, sich mit vielem Anstande nach mir zu kehrte. An der Thüre sah ich zugleich einen hagern Kerl, der, bis auf sein ominöses Gesicht in die Draperie eines Scharlachmantels geschlagen, wie die Maske eines Römischen Censors da stand. »Ich habe,« fing der Wirth an, »die ganze Nacht der Vorsehung gedankt, die meinem Hause das Heil widerfahren ließ, einen Mann wie Sie zu bewirthen.« – O ho! dachte ich, dieser Herrenhutische Eingang verspricht nicht viel Gutes für meinen Beutel; aber hierin irrte ich mich. – Immer habe ich gewünscht, den Reisenden, die vor meinem Gasthofe halten, noch ehe ich sie bewillkommne, an das Herz zu reden, und ihnen mit einem großen feierlichen Gedanken gleichsam in die Pferde zu fallen. – Ich spitzte voll Erstaunen die Ohren. – »Was soll man sich bei den Sinnbildern so vieler Wirthshäuser denken, bei dem goldenen Hammel, der silbernen Striegel oder dem Kreuze von Malta? Ich versuchte es im Anfange meiner Wirthschaft mit dem Bilde meiner Frau. – So lange das Bild noch frisch war, that es auch Wirkung. Nach und nach ward es aber bleich – die Gäste blieben aus, und ich war entschlossen, es aufmalen zu lassen. Es ging aber anders: denn eben in dieser Epoche, geschah es, daß mich der Prinz auf einem Besuche, den er seinem großen Vetter [92] in Wien abstattete, als Mundkoch mitnahm, und nach seiner Zurückkunft mit dem Titel seines Haushofmeisters entließ. Auf dieser Reise lernte, ich erst, ich muß es gestehen, den feinen Geschmack der französischen Küche mit dem nahrhaften der Deutschen verbinden. Ich sah Joseph den, Zweiten nicht ohne Nutzen einigemal speisen, und glaubte es dem Andenken dieser belehrenden Reise schuldig, kein ander Bild auszuhängen, als das seinige. Sieben Jahre hängt es nun da; doch fängt es nun auch an unscheinbar und den Leuten gleichgültig zu werden; ich merke es nur zu sehr schon in meiner Wirthschaft. Da flüsterte mir nun meine Frau diese Nacht zu: – ›Andre's! Die Erzählung der fremden Bedienten liegt mir immer im Ohr und läßt mich nicht schlafen. Das Wunder, das ihr Herr gestern gethan hat, wird bald genug Lärm machen; denn so etwas wächst wie ein Schneeball. Weißt du was! der Herr muß gut seyn, da er Wunder thut – und wir brauchen ein neues Schild. – Sein Porträt würde sich unter allen am besten dazu schicken. – Ich dächte, du bätest ihn darum. Unsre Wirthschaft würde sicher dabei gewinnen; denn nagelneuer kann man keinen Heiligen auf treiben – Thue es, lieber Mann, damit uns kein anderer Gasthof zuvorkommt.‹ So sagte meine gute Frau, und gewiß ist es nicht bloß Eigennutz, sondern. Frömmigkeit, die ihr diesen Wunsch abnöthigt. – Schlagen Sie uns solchen nicht ab, würdiger Mann! Nur Eine Stunde – und dieser geschickte Künstler ...« – Hier bewegte sich der Scharlachmantel, und sein Handwerkszeug fiel mir mit Entsetzen in die Augen. Ich fuhr wie aus einem schweren Traum auf, und sah im Spiegel, daß ich so roth war, wie die Draperie des Malers. – Das, dachte ich, soll auch gewiß der einzige Anstrich seyn, den er dir giebt.

»Halten Sie inne,« fiel ich dem Wirth mit äußerstem Verdruß in die Rede, »und verschonen Sie mich mit solchen – Anträgen: ich will das Beiwort, das sie wohl verdienten, verschlucken. Kanonisieren Sie, wen Sie wollen nur mich nicht. Mein so genanntes Wunder, von dem ich gestern bei Ihnen ausruhte, war, deutsch gesprochen, nichts mehr und weniger als eine Posse: das können Sie mir nachreden, ohne mir Unrecht zu thun. Ein Herr wäre [93] wahrlich übel daran, wenn er für alles das stehen müßte, was seine einfältigen Bedienten um den Küchenherd von ihm posaunen.«

Ich ging ernst und mit großen Schritten die Stube auf und ab. Der Wirth schwieg, und ich sah es ihm an, daß er bei jedem hitzigen Worte, das ich ausstieß, immer mehr an meiner Heiligkeit irre ward. Du mußt wohl, dachte ich, ein wenig einlenken. – Sind doch schon klügere Leute durch solche Albernheiten verblüfft und verrückt worden. – »Es thut mir leid,« drehte ich mich gelassener zu ihm, »daß Sie einen geschickten Maler hierher bemüht haben; aber Sie sollen nichts dabei einbüßen. Ich will gern das Mißverständniß bezahlen, in das meine Leute Sie gebracht haben, von den vielen Lichtern und Schüsseln des gestrigen Abends an, bis auf den Fleischergang dieses Herrn. Setzen Sie nur alles auf meine Rechnung. Dafür bitte ich mir aber wiederholt aus, daß Sie allen Reisenden, die Sie über mein Wunder in Avignon dogmatisiren hören, das Verständniß öffnen, und entschuldigen Sie mich aufs beste bei Ihrer lieben Frau. Wenn ich Ihnen beiden etwas rathen soll, so behalten Sie ja das Bild unsers guten Kaisers fernerhin bei. Es wird Ihrem Hause gewiß das meiste noch einbringen. Warum sollte es andern Reisenden nicht gehen wie mir? Es erinnerte mich an die guten Tafeln von Wien – das Wasser kam mir in den Mund, und ich kehrte bei Ihnen ein.« –

Dieses brachte den Mann ganz wieder zu seiner Besinnung. »Sie haben Recht,« sagte er nach einigem Nachdenken; »Wien ist die hohe Schule der Kochkunst, und ein Wirth, der das seinige dort gelernt hat, sollte eigentlich in keinem Lande verderben. – Das Bild des Kaisers – ja – ja – weil der Herr Maler einmal hier ist, so mag er es heute noch auffrischen. Es bleibt doch noch immer das anlockendste Schild.« – »O ganz gewiß,« fiel ich ihm ein: »es erweckt nicht allein große Gedanken, sondern auch lüsterne. Aber ich möchte gern bei Zeiten nach Aix. – Schicken Sie mir meine Bedienten herauf, und sorgen Sie für das Anspannen.«

Ich warf ihm ein Schnippchen nach, und meine Wundergestalt [94] auf einen Stuhl, sobald er sich mit seinem Künstler getrollt hatte. – »So darf man,« sagte ich mit höhnischem Verdrusse, »nur eine Thorheit in der Welt begehen, oder dem dummen Haufen ein Blendwerk vormachen, wenn man wünscht sich modelirt, gemalt oder in Kupfer gestochen zu sehen, den Kirchen, den Wirthshäusern, den Büchersälen zum Schilde zu dienen. Da forschen denn Zeitgenossen und Nachkommen nach dem Ausdruck unsers Geistes – denken, so muß ein großes Genie aussehen, und, um der Larve ihres Vorbildes gleich zu werden, verzerren sie ihre eigenen. Nein, bei Gott! so ein Affengeschlecht als wir Menschen sind! – Und du,« – fuhr ich in meiner Galle gegen das Trio fort, das herein trat, »du Bastian – abergläubischer, dummer Kerl, und ihr beiden elenden Puppenspieler – was zum Teufel gehen euch meine Wunder an? Wenn euch nach der Ehre gelüstet, einem Heiligen zu dienen, so sucht euch einen; denn wahrlich euer Unverstand allein wird mich nicht dazu machen. Erwähnt einer von euch das vermaledeite Avignon noch mit einer Sylbe, so sind wir geschiedene Leute. Ich will dieses Nest durchaus vergessen, und mich nicht bei jedem Bissen Brod und von jedem Esel daran erinnern lassen. Das ist mein letzter Bescheid!«

Sie standen so einfältig und niedergebeugt vor mir, wie Ladendiener vor ihrem Handelsherrn in dem kritischen Augenblicke, wo er ihnen seinen Bankerot ankündiget. Ich sah es ihnen an, daß sie bei meiner Herabwürdigung mehr noch an die ihrige dachten; denn jeder Pinsel, er mag in einer Liverei stecken oder in einem Hofrocke, fürchtet an Werth zu verlieren und in Finsterniß zu versinken, wenn der Nimbus seines Gebieters verlischt. Zwei traten stillschweigend nach meiner Erklärung ab. Nur der Epilogus schien etwas noch auf dem Herzen zu haben, und fing mit seinem gewöhnlichen Anstande an, es auszukramen.

»Unter allen guten Eigenschaften eines Bedienten,« erhob er seine Theaterstimme, »steht wohl die Ehrlichkeit..« »Keine Chrie, Herr Volksredner,« siel ich ihm ins Wort, »die verbitte ich mir. Sage es ohne Umschweife. Was hast du anzubringen – nun?« – »Nun denn nämlich,« stotterte er, »ich bin so glücklich gewesen, [95] eine Entdeckung zu machen.« – »Und die besteht?« – »Ja, mein Gott! wie soll ich Ihnen antworten? Ich darf den Ort nicht nennen – Eigentlich braucht es auch nicht – es steckte ja nur in der Liverei, die Sie dort kauften.« – »Kerl,« fuhr ich ihn an, »das einemal sprichst du wie ein Buch, das andremal noch schlechter – Wo ist denn hier der mindeste Zusammenhang?« – »Sie wollen ja keinen,« versetzte er mit weinerlicher Stimme: »Ihr Verbot hat mich so – so irre gemacht, daß ich für alles in der Welt in diesem Augenblicke nicht auf einer Schaubühne stehen möchte – man würde mich auspfeifen; und doch ist das, was mir geschehen ist, ein wahrer Coup de théatre – Werden Sie nur nicht wieder ungeduldig, mein Herr! – Heute früh, als ich mich in meinen neuen Rock warf – wo muß ich gestern Nachmittags mein Gefühl gehabt haben? – stellen Sie Sich meine Ueberraschung vor, entdeckte ich einen verborgenen Schubsack. – Ja, den wird mir nun freilich niemand streitig machen; wem aber gehören die Sachen, die ich darin fand? Das ist die Frage. Gehören sie Ihnen, der die Liverei bezahlt hat? – dem Bedienten, der sie vor mir trug und verkaufte? – seinem Herrn, der sie anschaffte? – mir, dem sie jetzt auf dem Leibe sitzt? – oder dem unbegreiflichen Trödler, der ...«

Indem blies der Postillion, und ich griff nach meinem Hute. – Das that Wirkung. – Der Schwätzer fuhr nun in die Tasche, und zog seinen Fund hervor, der, in Makulatur geschlagen und mit einem schmutzigen Bande umwickelt, nichts viel wichtigeres als einen Pfefferkuchen erwarten ließ. – »O Sie werden gleich sehen, daß es keiner ist,« antwortete er meiner spöttischen Vermuthung, »wenn Sie noch so lange verziehen wollen, bis ich das Paket aufgeschnürt habe.« – Ich hätte ihm den Gefallen nicht gethan, wenn meine Neugier auch noch so groß gewesen wäre. »Das will ich bei Gelegenheit schon selbst thun,« antwortete ich; »denn dir will ich gewiß keine geben, dein Geschwätz fortzusetzen.« – Und so schob ich das Paket oben zwischen die Weste, und ging. – »Nein, mein Herr,« flüsterte er mir noch auf der Treppe ins Ohr, »es ist wohl ein Bißchen mehr als ein Pfefferkuchen – Bei dem hätte ich mir [96] kein Gewissen gemacht – Es ist eine Schreibtafel – ich habe noch keine von der Schönheit gesehen, und es steckt eine Arabische Handschrift darin, die ich aber weiter nicht untersucht habe.« – »Das will ich glauben,« antwortete ich kurz. – »Aber,« hielt er mich noch auf der letzten Stufe bei dem Aermel, »wem gehört sie denn nun?« – »Wem anders,« fuhr ich ihn an, »als dem Herrn des lüderlichen Burschen, der vor dir in der Liverei steckte. Einer von euch ist wie der andere. Eure Unordnung, eure Plaudereien und eure doppelten Schubsäcke sind den Teufel nicht werth.«

Wie ich an den Wagen kam, stand eine Menge Gaffer darum, die, so früh es auch war, doch vermuthlich schon von meinem Wunder gehört hatten. Ich stieg ein, ohne den Hut abzuziehen oder sie eines freundlichen Blickes zu würdigen. Das ist immer das sicherste Mittel, den Pöbel von falschem Glauben an uns abzubringen, und mehr wünschte ich jetzt nicht. Ein Heiliger wird es bei der frömmsten Seele nicht lange bleiben, wenn er sich ihr als ein Grobian zeigt.


Ich fand jetzt zum erstenmale, und werde es, fürchte ich, öfter finden, daß ich ein paar Bediente an den Puppenspielern zu viel hatte; denn ich wäre gern Bastianen aus meinem Wagen los gewesen, wenn ich nur einen andern unbesetzten Platz für ihn gehabt hätte. So saß er mir hier gegenüber mit seiner freundlichen Miene, in der allerlei Erinnerungen lagen, die mir in diesen Augenblicken eben kein besonderes Vergnügen machten. Ich habe Dir schon von der sprechenden Aehnlichkeit erzählt, die er mit seiner Schwester hat. Wie ich die Augen aufschlug, kam es mir vor, als ob mich Margot ansähe, und mich eben durch eine naive Frage außer Fassung bringen würde. Hätte ich ihr wohl nur die einfache Erkundigung: Wie haben Sie Sich die Zeit über befunden? beantworten können, ohne zu lügen und roth zu werden? Es ist doch eine eigene Sache um das Gewissen; es findet in jedem Kinde seinen gestrengen Richter; und zu welcher grausamen Folter wird ihm nicht der flüchtigste Hinblick auf ein unschuldiges Herz! Ich fühlte meine Brust immer beklemmter; und durch eine Verwechselung [97] des Sinnlichen mit dem Geistigen, die gewöhnlicher ist als man glaubt, schob ich es sehr philosophisch auf das Seelenfieber, das ich mir in Avignon zuzog, ohne eher zu muthmaßen, daß wohl auch eine äußere Ursache daran Schuld seyn könne, als bis ich vor Unruhe mir die Weste aufriß, und nun das Paket, das offenbar meine Hitze vermehrt hatte, heraus fiel.

Es kam mir recht wie gerufen. Meine Brustbeschwerde ließ nach, und die Neugier schaffte mir Zerstreuung. Kaum hatte ich es aus einander, so sah ich mit Erstaunen, in welchem hohen Grad mein Epilogus ehrlich gewesen war, wenn er anders Juwelen besser kennt als das Arabische. Das goldene Schloß an der Schreibtafel war mit Brillanten besetzt, davon sich einer drücken ließ, um es zu öffnen; die Arabische Handschrift aber war nichts mehr und weniger, als ein Deutscher Brief von mehrern Bogen, ohne eine andere Unterschrift, als einen einzelnen Buchstaben: indeß schloß ich doch aus dem Wenigen, was mir das Rütteln des Wagens zu lesen erlaubte, daß er von einem Landjunker herrührte, der – was denkst Du wohl? – den guten Geschmack – Gott weiß aus was für Ursachen – förmlich in Klage nimmt. Es hätte mir vielleicht die Zeit vertreiben können, einen Herren dieses Zeichens über einen solchen Gegenstand schwatzen zu hören; nur stellte ich mir den Spaß nicht groß genug vor, um deßhalb meinen Wagen auf der offenen Landstraße halten zu lassen. Ich schlug also den Brief wieder zusammen bis auf ein andermal: als ich ihn aber an seinen vorigen Ort bringen wollte, schob sich etwas dazwischen, das ich für ein Schnallenfutteral hielt. Die sind doch nicht auch etwa von Brillanten? dachte ich, häkelte den Deckel auf, und Himmel und Hölle! und »Halt – halt, Postillion,« rief ich, »ich muß an die Luft. – Fahrt langsam fort – ich werde nachkommen.« – So sprang ich heraus, blieb an der Straße stehen wie ein Meilenzeiger, und staunte lange vor mich hin, eh' ich bemerkte, daß Bastian neben mir stand und mich ängstlich beobachtete. »Warum,« fragte ich ihn mit hinfälliger Stimme, »bist du nicht sitzen geblieben?« – »Ach, lieber Herr, weil ich glaubte, es sei Ihnen etwas gefährliches zugestoßen.« – »Das ist es auch, Bastian: so [98] ein unerwarteter Anblick – – ich glaubte, der Schlag würde mich rühren. – Da, sieh selbst zu, ob ich recht gesehen habe! Erkennst du ...« – Bastian warf, wie er den Deckel des Futterals zurück zog, funkelnde Augen auf das Mignatur-Gemälde, das er hier erblickte, und schien sich und mich und die ganze Welt darüber zu vergessen. – »Nun?« fragte ich nach einer Weile. – »Ach wunderschön!« rief der junge Bursche. »Ich bin zwar nicht so glücklich, weiter etwas von dem Porträt zu kennen – als das Gesicht; wenn aber alles an der lieben Mamsell so treffend gemalt ist als das, so habe ich in meinem Leben nichts gleicheres gesehen. – Armes Klärchen!« fuhr er lächelnd fort, »der Tag ist schwül – wie behaglich mag es dir vorkommen, so allein zu seyn und dich zu lüften! – Ach wie würdest du zusammenfahren, wenn du wüßtest, daß dich ein Maler belauschte! – Der Schalk! Gewiß hatte er sich neben dir eingemiethet, wie wir, guckte durchs Schlüsselloch, zeichnete, pinselte, ohne Athem zu holen, und hat dich nun – ach Gott und wie? über und über verrathen! – Lieber Herr! sagte ich es denn nicht schon vor acht Tagen, wie ich das schöne Kind zuerst an dem Fenster sah, nichts weiter sah als das Köpfchen – daß es ein Engel wäre? Und kann wohl ein, ich frage Sie auf Ihr Gewissen, ein Cherubin reiner und durchsichtiger glänzen, als diese unvergleichliche Figur?«

Jetzt merkte ich erst, wie unrecht ich that, den feurigen Jüngling mit der ganzen unverhüllten Gestalt dieses Engels bekannt zu machen: denn ob ich gleich noch vor kurzem in meinem Tagebuche dieser Art Kabinets-Malerei das Wort sprach; so setzte ich doch, wie Du weißt, gewisse Bedingungen voraus, unter denen sie allein von Nutzen seyn könne; und diese fielen freilich ganz bei meinem guten Bastian weg. Es ward ihm unglaublich schwer, sich von der schönen Waare zu trennen, die ihm hier, vermuthlich zum erstenmale, zur Schau vorgelegt wurde. Es gehören freilich mehr Jahre und andere Erfahrungen dazu, als die seinigen waren, um über diesen Prunk der Natur gleichgültig hinweg zu gaffen.

»Aber wie konnte Sie das schöne Bild so erschrecken?« fragte Bastian, indem er es mir mit einem Seufzer zurückgab. – »Wie [99] es das konnte?« antwortete ich ziemlich verlegen: »weil ich, wie du schon gehört hast, an nichts, was in Avignon lebt und webt, erinnert seyn will, am wenigsten an ein Geschöpf, das der hohen Schönheit nicht werth ist, mit der es die Natur beschenkt hat.« – »Ach, bei allen den Fehlern des Originals, bei allem, was Sie dem guten Kinde Schuld geben,« antwortete Bastian, »wird doch gewiß jedermann so ein Bild gern sehen; und es ist wohl glücklich, daß Sie gestern der Propheten-Wirth auf die Spur des Eigenthümers gebracht hat! Er wird sich nicht wenig freuen, wenn er es wieder erhält!« – »Ja, ja,« sagte ich, »er hat es theuer genug erkauft, und bezahlt noch daran.« – »Was muß sein Kammerdiener für ein alberner Mensch seyn!« fuhr der meinige listig fort. »Wenn mir so etwas zum Aufheben anvertraut würde, ich wollte gewiß das sorgfältigste Auge darauf haben.« – »O ich kenne deinen Diensteifer,« antwortete ich lächelnd: »aber jetzt hast du Bewegung nöthig; lauf nach dem Wagen und laß ihn halten.«

Nun war ich allein, konnte nun, wie ich so gern thue, meine Empfindungen gegen mich laut werden lassen, konnte nach Belieben mit den Füßen stampfen und in die Luft reden, ohne daß jemanden hinter oder neben mir Angst werden, oder daß er mich fragen durfte: Was fehlt Ihnen? – »Ein heimtückischer Streich!« rief ich, und warf grelle Augen auf die Mignatur. »Abscheulich schönes Geschöpf! wie weit glaubte ich mich schon von dir und deinem Andenken entfernt, während sich dein Bild, großer Gott! an meinem beängsteten Herzen erwärmte, und sich nun auf einmal so reizend und unverschämt meinen Augen darlegt, wie es deine Kasuisten erlauben! Konnte der Zufall,« fragte ich bitter, »keinen andern Boten auftreiben als mich, um das Gemälde dieser heiligen Buhlerin über die Gränze zu bringen?« – Einen Augenblick war ich entschlossen, es an einem Stein zu zermalmen. Die Ehrfurcht für die Kunst allein, die Achtung für fremdes Eigenthum, hielten mich ab. Nun! so will ich denn wenigstens, dachte ich, dieser Kreatur, ob sie gleich sonst nicht verdient die Feder eines rechtlichen Mannes zu beschäftigen, ein Monument setzen, und ihrem Bilde eine Warnung anhängen, die seine blendenden Farben so gut wie vernichten, [100] und den lüsternen Herren, denen es nach mir unter die Hände kommt, die Lust schon benehmen soll, das Original aufzusuchen. Ich hoffe, die keuschen Musen, wenn sie wirklich keusch sind, sollen es mir vergeben, daß ich dem Rücken dieser Heiligen den Stempel ihres Lebens zum Correktiv ihres verführerischen Anblicks aufdrücke. Eine widrige Beschäftigung! ich gestehe es gern: da sie aber nur dahin zielt, den Lieblingen meines Herzens, den jungen Unerfahrnen, denen, wie meinem armen Bastian, die Natur so heftig zusetzt, daß sie darüber alles verhören, was ihnen die Sittlichkeit vorpredigt – die Augen über diesen kasuistischen Kontreband zu öffnen; so ist die Frage, ob in dem ganzen Martial ein einziges so gemeinnütziges Epigramm steht, als das meinige hoffentlich werden soll.

Unter diesem Selbstgespräche setzte ich mich, ohne weiter zu zweifeln, ob ich auch diesen Ehrenplatz verdiene, in den Schatten eines Lorberbaums, der nicht weit von dem Wege stand, spitzte meinen Silberstift und schrieb nun auf die Rückseite des elfenbeinernen Blattes folgende Adresse an die Vorderseite, wobei ich nicht viel andres that, als die Herzensbewegungen meines guten Bastian getreu zu übersetzen, und am Ende ein kurzes Sapienti sat beizufügen:


Ach, welch ein Engel setzt hier mir Herz und Augen in Brand!

Wirft nicht ein Spiegel, wie der, uns den verlorenen Stand

Der Unschuld wieder zurück? Baut dort in schattiger Lage

Nicht noch die Tugend ihr Nest, wie seit dem ersten der Tage,

Als Gott ihr stolzes Gefühl mit einem Kleinod verband,

Für das, der alles genannt, doch keinen Namen erfand?

Dein Aug' in Ehren, doch, Freund, vor der Entscheidung der Frage

Leih' erst dein prüfendes Ohr der tausendzüngigen Sage.

Dieß Wunder Gottes, spricht sie, so weit das Aug' und die Hand

Es zu begreifen vermag, steh' als ein eisernes Pfand,

Gleich andern Wundern der Welt, in Mönchs- und Pfaffenbeschlage,

Und – Doch bedarf es wohl noch, daß ich um Worte mich plage?

Was dir ein Engel verspricht, mit solchen Geistern verwandt, –

Flieh die Erfahrung – versteht sich ohne Glossen am Rand.


Sobald ich die Schöne mit dieser Aufschrift gebrandmarkt und mein Müthchen gekühlt hatte, ward ich ruhig und heiter, wie ein Mann nach einer gethanen mühseligen Pflicht, steckte das Bild in [101] die Schreibtafel, und schwur, es nicht wieder vor meine Augen zu bringen. So gar lange wird es ohnedieß nicht in meiner Verwahrung bleiben: denn schwerlich möchten die Aerzte in Montpellier den rechtmäßigen Eigenthümer vorher entlassen, eh' ich hinkomme, wiewohl er ohnehin dieß Souvenir nicht so gar nöthig haben wird, um sich lebhaft an sein Liebchen zu erinnern.

Während des Hingangs nach meinem Wagen überlegte ich, wie ich die vielen Tage, die ich durch meinen abgekürzten Aufenthalt in Avignon gewonnen hatte, um vieles nützlicher in der Hauptstadt der Provence anwenden wollte, nahm meinen geographischen Wegweiser zu Hülfe, überlas alle die Merkwürdigkeiten, die er mir dort versprach, und freute mich herzlich der guten Gesellschaft, die, seiner Versicherung nach, dort so einheimisch seyn soll, als es in Avignon die schlechte ist. Mit diesen Gedanken beschäftigt, erreichte ich meinen Wagen, und eine Stunde nachher die Stadt.


Ich weiß nicht, lieber Eduard, ob Dir die eigene Gewohnheit bekannt ist, der ich mich fast mechanisch überlasse, wenn ich in einen fremden Ort komme. Ich gehe nämlich, so wie ich aussteige, auf seine Beschauung aus, und zwar aus mancherlei Ursachen. Denn einmal kann man sich den ersten Tag, wo man noch stockfremd auf den Gassen ist, manches erlauben, wozu man schon den zweiten nach seiner Ankunft nicht mehr das Herz hat, und darüber, die niedrigste zwar, aber auch erste Sprosse überhüpft, die doch unsere Leiter, auf der wir empor steigen, so gut zusammen hält als die oberste, und mitgezählt werden muß, wenn man die Höhe richtig bestimmen will. In dieser Rücksicht ist die erste Stunde Deines Eintritts in ein städtisches Getümmel sicher auch die bequemste. Sie ist die einzige, die Deinen Launen und Deinen Schritten noch ihren Gang frei läßt, der einen Tag später, wo wenigstens Dein Wirth und Dein Lohnlakai Notiz von Dir nehmen, um ein gut Theil beschränkter ist. Dein zerzaustes Haar, die ungesalzene Miene, der staubige Ueberrock, die Du von der Reise mitbringst, nöthigen niemand, vor Dir den Hut zu ziehen, oder Dir höflich aus dem Wege zu treten. Du könntest Dich, wenn Du es bedarfst, [102] an der Ecke der Straße barbiren lassen, ohne den Blick eines Vornehmen zu scheuen, der etwa bei Dir vorbei geht, indeß Dich noch oben darein das geheime Bewußtseyn kitzelt, mehr zu seyn, als Du vorstellst, und als die guten Leute glauben, unter die Du Dich gemengt hast. Morgen – wenn Du vielleicht gern mehr vorstellen möchtest als Du bist, ist es mit diesem Kitzel vorbei, und es ist noch die Frage, ob Dir das abgeredte Spiel der großen Welt selbst diese kleine, nicht unbehagliche Empfindung ersetzen würde. Aber schon deßwegen möchte ich nicht von meiner Gewohnheit abgehen, weil mich die Erfahrung gelehrt hat, daß der erste Eindruck, den die Außenseite einer Stadt, so dunkel er auch ist, bei mir zurück läßt, mich doch weit weniger irre führt, als ihre Topographen und besoldeten Trompeter. Ich könnte Dir eine Menge großer und kleiner Städte herzählen, wo ich nichts weiter nöthig hatte, als aus dem Wagen zu steigen, durch den Koth ihrer Gassen zu waden, die Schnörkel an den Giebeln ihrer Häuser zu begaffen, den Drachenköpfen ihrer Dachrinnen auszuweichen, einen Blick auf ihre Markgeschäfte zu werfen, oder einer ihrer geputzten Gesellschaften mit meinen Augen und Ohren auf der Promenade nachzuschleichen, um geschwind mit mir einig zu werden, – weiter zu fahren. Ich könnte Dir ... Doch ich will Dich nicht länger mit meiner Vorklage aufhalten, sondern Dir kurz und gut sagen, daß es mir in dem merkwürdigen Aix gerade so ging.

Meine Uhr stand auf zehn, als ich ankam, und auf zwölf, als ich wieder abfuhr, ungeachtet ich während dieser kurzen Zeit auch eine Klosterkirche besuchte, die außer den Ringmauern lag. Traue einer den Reisebeschreibern! Wie konnten sie es einer einzelnen Gasse wegen, die auf beiden Seiten mit Palästen besetzt, und so breit ist, daß freilich von den Gliedern des Parlaments, die darin wohnen, keines dem andern auf die Finger sehen kann, eine herrliche Stadt nennen, ohne die unzähligen Nebengassen in Anschlag zu bringen, wo der ungleich größere Theil ihrer Einwohner durch schmutzige, verfallene Häuser, wie an einer rostigen Kette, gleichsam an einander geschlossen ist? Alle meine Blicke, die ich neugierig von einem Thore zum andern ausschickte, kamen [103] unbefriedigt und schwermüthig zurück. Ich sah doch in der Welt nichts, als einzelne, scheue Menschen, die es auf meiner offenen Stirne zu lesen schienen, daß meine Verhältnisse unter dem Monde glücklicher wären als die ihrigen, und mir mit ingrimmiger Miene aus dem Wege traten, wenn ich sie anblickte. Ein Kaffeehaus, in das ich eintrat, vereinigte zehn Bürger, die, jeder für sich, ihr Frühstück einschlürften, ohne einen Laut von sich zu geben, und die von eben so maulfaulen Menschen bedient wurden. Ich schlenderte den geräumigen Markt einigemal auf und ab. – Der Ausdruck einer wohl genährten groben Selbstliebe in den Gesichtern der Vornehmen, denen ich begegnete, empörte mein Herz; die schüchterne Darlegung derselben in den Mienen der Geringern, auf die ich stieß, erweckte in demselben ein widriges Mitleiden; und die gefühllose Dummheit auf den Stirnen der Mönche, die hinter ihren Schmerbäuchen hertrabten, verdarb mir vollends meine schöne Morgenstunde. Mein Urtheil war geschwind gefällt, und noch erlebte ich hinterher etwas, das mich wahrlich nicht verführen konnte, es wieder zurück zu nehmen. Ich brachte das eine wie das andere in ein paar Dutzend Zeilen, die ich in mein Memorien-Buch schrieb, und auch Dir zu Deiner Notiz dieser Stadt hersetzen will.


Ihr weises Parlament hält Bürgerschaft und Adel

In gleicher Mäßigkeit und Ruh,

Und dreht hier jeden Kopf, wie der Magnet die Nadel,

Dem Gegenpol der Freude zu.

Gewohntes Beispiel, träger Wille

Gießt Oel auch in des Jünglings Blut,

Und in den Gassen herrscht solch eine Sabbathsstille,

Wie auf dem Markt zu Herrenhut.

Auch fühlt' ich gleich in Einem Vormittage,

So gut als hätt' ich es schon Jahre lang gefühlt,

Wie wenig mir ein Puppenspiel behage,

Wo Harlekin die zweite Rolle spielt.

Indem mich nun der Geist der Langenweile

So vor sich her, gleich einem Kreisel trieb,

Rief mir mein Taschenbuch zum Glück ins Ohr, ich eile

Dem Tempel jetzt vorbei, wo Friedrich eine Zeile,

Und zwar die einzige für einen Tempel, schrieb,

Weil seinem D'Argens hier, dem Feinde

[104] Des Irrthums und der Wahrheit Freunde,

Das letzte Ruheplätzchen blieb.

Welch Auge blickt nicht gern nach einer Myrtenkrone,

Die, sonder Neid, ein Mitgenoß

Der Seligkeit am Helikone

Um seines Freundes Urne schloß! –

Dem Zuruf eines Aschenkruges

Von dieser Seltenheit geh nie mein Stab vorbei!

Doch hier – betrogne Phantasei! –

Fand ich, statt Friedrichs Wort, ein hämisch aberkluges,

Verworrnes Epitaph im Styl der Klerisei,

Das mir bewies, daß nie im Weichbild der Abtei

Ein Feind des Irrthums und Betruges

Zu seiner Ruh gekommen sei.


Noch einige Worte zur bessern Erläuterung dieses Textes. Ich fragte den Minoriten, der mich in seiner Klosterkirche herumführte und den Teppich abnahm, mit dem das marmorne Monument des guten D'Argens bedeckt war: warum man denn die kurzen königlichen Worte mit einem solchen Schwall anderer vertauscht hätte, als ich hier in goldenen Buchstaben vor mir sah? – »Weil wir sie,« antwortete er mit dummer Aufrichtigkeit, »in dem Sinne nicht brauchen konnten, die der König hinein legte. Die Freigebigkeit des königlichen Ketzers trugen wir kein Bedenken zur Verschönerung unserer Kirche zu benutzen; aber seiner heidnischen Inschrift geschah nicht mehr als Recht, da sie auf Befehl unserer Obern wegbleiben mußte.« – »Diese Abweichung,« antwortete ich, »würde sich kein Kloster in Schlesien erlaubt haben.« – »Auch wir nicht,« lachte er laut auf, »wenn wir dem Tyrannen so nahe wären als jene; aber die Entfernung, mein Herr – bedenken Sie nur die Entfernung!« – Ich brauchte wahrlich dieser seiner Erinnerung nicht, und fühlte es in diesem Augenblicke nur zu sehr, wie weit ich von Berlin verschlagen war. Ich hätte mich mit der französischen Aufschrift begnügen sollen: denn bei demhaut et puissant Seigneur, mit dem Nachsatze Chambellan, verzog sich mein Mund doch nur zum Lächeln; die Lateinische hingegen erweckte nichts weiter in mir als Aerger. »Instante morte,« wiederholte ich laut, und drehte mich nach dem Mönch – »Aber, [105] lieber Mann, ist es denn auch so gewiß, als Ihr Latein sagt, daß sich der Marquis noch aus seinem Todbette zu dem Glauben seiner Väter bekehrt hat?« – »O nichts weniger,« fiel der Minorit ein: »das ist nur ein Anstrich, den wir der Sache gaben! Nein, mein Herr, er ist gestorben – Sie werden es hören, wenn Sie nach Toulon kommen – wie er gelebt hat: Erroris inimicus – veritatis amator. Er verlangte hier – in seinem Erbbegräbniß beigesetzt zu werden. – Angemerkt haben wir es auf dem Epitaph – aber wir wußten es zu verhindern: denn was kümmert uns die Asche eines Abtrünnigen, der Judenbriefe geschrieben, und Freund und Anhänger Friedrichs des Großen, oder vielmehr, wie wir das Frederic le grand auf der Inschrift verstehen – des größten Freigeists unseres Jahrhunderts war!« – Dummes Geschöpf! dachte ich, und suchte es ihm noch durch meine Blicke zu verstehen zu geben, als ich die Kirche verließ. – –


Ihr habt doch noch nicht abgepackt? rief ich meinen Leuten entgegen, die an der Thüre des Gasthofs aus mich warteten. – Noch nicht, antworteten sie. – Nun, so laßt in diesem Augenblicke anspannen.

Ich trat unterdeß in das Speisezimmer, und fand die Tafel gedeckt, um die schon einige geistliche Herren in hungriger Erwartung herschritten. Der Wirth war ganz betroffen, als er meinen sonderbaren Befehl hörte, überreichte mir den Küchenzettel, und zählte mir alle seine Weine an den Fingern her; da aber auch das nicht verfangen wollte, fragte er mich, ob ich denn schon bei den Kapuzinern das unüberwindliche Krucifix, die Manufaktur der Macaroni, und die Sammlung von Reliquien bei den Nonnen der Heimsuchung Mariä gesehen hätte, die einzig in ihrer Art wäre? – Kein Reisender würde es so leicht verabsäumen, der nur einen Gran ... »Sollte sich wohl,« unterbrach ich ihn geschwind mit der Gegenfrage, »der zweite Kniegürtel der Mutter Gottes darunter befinden?« – »Kann wohl seyn,« antwortete der Wirth, »denn die Sammlung ist die vollständigste in der ganzen christlichen Welt.« – »Aber warum fragen Sie eben nach dem zweiten?« fiel [106] ein junger Abbé ein. – »Weil der eine,« erwiederte ich, »vorige Woche in Avignon versteigert wurde.« – »Und wer ist denn so glücklich gewesen ihn zu erstehen?« fuhr er mit sichtbarer Neugierde fort. – Daß man es doch nicht lassen kann, auch in unbekannter Gesellschaft, und wäre sie noch so schal, sich eine wichtige Miene zu geben! »Ich, mein Herr,« warf ich mit vornehmer Gleichgültigkeit hin, und zog mir darüber den ganzen Troß auf den Hals. – Der eine wollte wissen, wie hoch er mir zu stehen käme? der andere, aus welchem Stoff er bestände? und ein dritter bat sich die Gefälligkeit aus, ihm solchen zu zeigen. Ich bedauerte unendlich, daß er nicht mehr in meinen Händen sei. Da das kostbare Stück von der Toilette einer Dame herrühre, habe ich für billig gehalten, es wieder an eine zu bringen, die sich aber, wenn die Herren nach Avignon kommen sollten, gewiß ein Vergnügen daraus machen würde, es ihnen vorzulegen. – »Und ihre Adresse, um Vergebung?« riefen zwei zugleich, und einer so hastig als der andere. Wäre die meinige, die Du oben gelesen hast, nicht Deutsch gewesen, und hätte ich es nicht verschworen, mir das Bild wieder unter die Augen zu bringen, wer weiß was ich gethan hätte! Unstreitig etwas ganz überflüssiges – denn kaum daß ich ihnen geantwortet hatte: Es ist eine junge Heilige, Namens Klara, so singen sie alle zugleich an, mir in das Gesicht zu lachen. – »O meine Herren,« stimmte ich mit ein, »wie ich sehe, ist Ihnen das fromme Mädchen so gut bekannt, als mir selbst, und so habe ich Ihnen denn auch weiter nichts zu sagen.« – Sie setzten sich nun mit großer Lustigkeit zu Tische, die ich ihnen von Herzen gönnte, und ich steckte zu einiger Entschädigung des Mittagsmahls, da es doch sehr wahrscheinlich war, daß ich es ungenossen würde bezahlen müssen, das Brod von dem Kouverte ein, das für mich hingelegt war. – »Da thun Sie wohl,« winkte mir der Wirth zu, »denn in Marseille ist es kontreband.« – »Und warum das?« fragte ich. »Weil dieß Produkt unsrer Gegend, wie Sie auch selbst finden werden,« antwortete er, »so vorzüglich gut ist, daß es uns die reichen Marseiller vertheuern würden, wenn die Ausfuhr davon erlaubt wäre. Indeß können Sie doch bei meinem Vetter, dem Wirth im heiligen [107] Geiste,« flüsterte er mir in das Ohr, wie er mich an den Wagen begleitete, »täglich so viel davon bekommen, als Sie nur wollen, wenn es Ihnen einerlei ist, es unter einem andern Namen zu essen.« – »Es wird doch nicht eingesegnet?« sagte ich lächelnd, dankte ihm für die gute Anweisung, die er mir gab, fuhr nun um vieles besser gestimmt durch die leeren Gassen, und hoffentlich zum letztenmale bei dem dummen Minoritenkloster vorbei.


Gott gönne, rief ich noch, der Asche des Verfassers

Der Judenbrief' in klügern Mauern Ruh! –

Und flog nun, wie ein Strom lang' aufgehaltnen Wassers,

Dem lustigen Marseille zu.


Ich flog, wie ich nur erst die Vista erreicht, und die große Handelsstadt und den Spiegel des Meers vor mir liegen hatte, durch das reizendste Land, das sich die schwelgerischte Einbildungskraft nicht schöner zu malen im Stande ist. Schade nur, daß es nicht unter dem Zepter des großen Freigeists steht, wie jene geweihten Zwerge ihn schimpfen! Wie würde Friedrich dieses Feuer der Natur, dieses fruchtbare Klima, diese Weizenfelder und Oelgärten, und die Kräfte dieser bräunlichen lebhaften Menschen benutzen, die jetzt bald von diesem, bald von jenem verdammten Heiligen ihrem Tagewerke entrissen, und, in Processionen zusammen getrieben, aus einem Narrenfeste in das andere zu Grabe gehetzt werden!

Das stärkende Brod, unerachtet ich keinen Brocken davon verstreute, konnte mich doch nicht ganz über die Besorgniß beruhigen, daß ich Marseille nicht zeitig genug erreichen würde, um in dem heiligen Geiste noch einen gedeckten Tisch zu finden. Ich betrog mich zu meinem Vergnügen. In einer Seestadt, wo kein Wind bläst, der nicht den Speisewirthen einen Trupp Ausgehungerter zuführt, finden alle Nationen, zu allen Zeiten des Tags und in jedem Gasthofe, die Einrichtung einer Feenwirthschaft. Unzählige dienstbare Geister nehmen den Ankömmling in Empfang. Immer fertige Gerichte rauchen ihm entgegen, und keiner verläßt den Speisesaal, der nicht in seinem Kauterwälsch Gott für die sinnliche Freude der Sättigung, und für das bängliche Leben, [108] dankt, das er ihm wieder um einen Tag fristete. Um wie viel klüger kam ich mir vor, daß ich mich weder durch den Hunger, noch durch die Tischgesellschaft in Aix hatte verführen, und um den mannigfaltigen physischen und geistigen Genuß betrügen lassen, den mir hier eine neben dem Weltmeere errichtete Tafel – den nur die verschiedenen Sitten, Trachten, Gesichter und Zungen versprachen, die das erste menschliche Bedürfniß freundschaftlich um mich herum an einander reihte!


Das war ein guter Geist! Durch ihn ward ich der Qualen

Des Spleens und Hungers los. In seinen Mittagsstrahlen

Erquickt der Matte sich. Hier trieben Ries' und Zwerg

Und Juden, Türken, Kanibalen,

An Einem Tisch vereint, das Selbsterhaltungs-Werk,

Wie Moses, Mahomet und Petrus es befahlen.

Mir, da Deisten auch nicht mehr als andre zahlen,

Blieb meine Zunge zwar das erste Augenmerk:

Doch lächelnd sammelt' ich zugleich die leeren Schalen

Von Hummern, Matripors, Seeigeln, Admiralen,

Für einen Freund zu Nürenberg.


Ich konnte mich von dem angenehmen Schauspiele dieser Tafelrunde nicht trennen, selbst da meine Rolle dabei gespielt war. Ich blieb noch immer ritterlich daran sitzen, und erlauerte dadurch ein Vergnügen, das ich seit meiner Reise entbehrt, und auf das ich in diesem Augenblicke am wenigsten gerechnet hatte. Denn eben als ich mich in geheim über den blinden Nationalstolz und über das Vorurtheil eines Spaniers lustig machte, der uns allen beweisen wollte, daß die Mandeln zu Cadix weit voller und schmackhafter wären, als die hiesigen – erschienen zwo junge artige Damen mit einem ältlichen Mann an der Seite, warfen fröhlichen Muths ihre Staubmäntel ab, und setzten sich nach der Anweisung der frischen Couverts, die der Wirth für sie hinlegte, in meine Nachbarschaft. Je näher sie mir kamen, desto weißer schien mir ihre Haut, desto glänzender ihre Augen, desto gütiger ihre Blicke zu werden: aber sie entzückten mich erst über alle Maßen, als ich sie gegen einander sprechen hörte; denn sie sprachen – Deutsch. Nun habe ich immer geglaubt, es erfordere schon die allgemeine Achtung gegen das schöne [109] Geschlecht, daß man nie ein paar Mädchen fortschwatzen lasse, in dem Falle, daß man ihre Sprache versteht, ohne sie in Zeiten von diesem Umstande zu benachrichtigen. Ich that es daher auch jetzt. Es standen frische Erbsen vor mir, ich bot sie der mir nächsten mit der Anmerkung an, daß dieses Gericht für Deutsche etwas sehr neues vom Jahre wäre. – »Ganz gewiß,« antwortete sie; »unter vier Monaten würden wir,« Du kannst denken wie ich überrascht wurde, »schwerlich in Berlin welche geschmeckt haben.« – »Wie, meine lieben Nachbarinnen?« fuhr ich lebhaft fort, »Sie sind Berlinerinnen?« – »Das sind wir,« versetzte sie lachend: »wundern Sie Sich darüber?« – »Freilich sollte es mich wundern,« antwortete ich, »daß ich erst ein paar hundert Meilen von Hause so ausgezeichnete Landsmänninnen kennen lerne.« – Hier drehte sie sich lustig nach der andern Seite: »Schwester, der Herr will mir weiß machen, er wäre von Berlin; melde es doch dem Vetter, der versteht sich besser aufs Examiniren, als ich.«

Ich bog mich etwas vorwärts, um den Herrn in das Gesicht zu fassen, und fand die Anspielung seiner schönen Nichte sogleich nur zu deutlich erklärt; denn diese Physiognomie konnte niemanden angehören als einem Visitator, und es fand sich auch nachher, daß ich richtig gesehen hatte. Mir war jedoch jetzt mehr daran gelegen, seiner reizenden Nichte, als ihm, mein Indigenat zu beweisen; ich fing es aber am unrechten Flecke an. Ich nannte ihr alle meine Berliner Freunde und Bekannten; aber leider gehörte keiner davon zu den ihrigen, und von allen den stolzen Namen, mit denen ich das Maul voll nahm, war auch nicht Einer von ihrer Bekanntschaft! Selbst von Dir, lieber Eduard, hatten sie nie gehört, so schön sie auch waren. Ich war trostlos. Indeß schien mir noch nicht alles verloren. – »Nennen Sie mir,« sagte ich, »nur einige Personen aus Ihrem Zirkel; es müßte nicht gut seyn, wenn wir nicht am Ende zusammen treffen sollten.« – Aber da ging es eben so unglücklich. Ich wußte ihr auf keine ihrer höhnischen Fragen, weder wo der Monddoktor wohne, noch wen die alte Sibylle auf dem Johannismarkte geheirathet habe, noch auf andere dergleichen Dinge, womit sie mich in die Enge trieb, den geringsten Bescheid [110] zu geben, und ich sah wohl, daß ich so lange bei ihr für einen Prahler gelten würde, bis ich mich durch andere Umstände legitimirte, die besser zu den ihrigen paßten. Ich erbot mich daher, sie nach Tische auf ihr Zimmer zu begleiten, und mich dem scharfen Examen ihres Herrn Vetters zu unterwerfen. Sie versicherte mich, daß es ihnen lieb seyn würde, setzte bis dahin ihren Verdacht bei Seite, und schwatzte nun von allerei gleichgültigen Dingen, die mir aber gar nicht unwichtig schienen, so lange sie ihr weißes, freies, deutsches Gesichtchen mir zukehrte, in das ich mit wahrer Vaterlandsliebe blickte. Als sich ihr Herr Vetter gesättigt hatte, standen wir alle auf seinen Wink auf; ich bot seinen beiden Nichten den Arm, er schlenderte hinter uns her, und sie hatten nichts dawider, daß ich befahl, uns einige Erfrischungen auf die Stube nachzubringen.

Mein Vorstand bei dem Herrn Vetter war sehr kurz. Nach zwei Worten war er von der Wahrheit meines Vorgebens überzeugt, ich erhielt Ehrenerklärungen von den Damen, und wurde nun mit gegenseitiger Freude für ihren Landsmann erkannt; denn in einer je größern Entfernung von der Heimat man einen Mitbürger findet, desto lieber wird er uns. Es ist, als ob der Gedanke eines gemeinschaftlichen Vaterlandes erst außerhalb desselben Stärke bekäme. Die äußern Verhältnisse, wodurch er dort nur zu leicht geschwächt wird, verlieren ihren Druck durch die Weite des Wegs. Der Abstand der Vornehmen von den Geringern scheint sich von selbst aufzuheben, wo die Abstufungen fehlen, die den Zwischenraum ausfüllen, und man umarmt sich aus patriotischem Gefühl, ohne lange zu fragen, zu welcher Kaste gehört ihr? Es that mir so wohl wieder einmal neben Menschen zu sitzen, die seit ihrer Jugend, wo nicht einerlei Gesellschaft mit mir genossen, doch dieselben Glocken, dieselben Trommeln gehört hatten – den Thiergarten so genau kannten als ich, und, so gut wie ich, gegen Berlin alle andere Städte verachteten, durch die sie gekommen waren. Wir wechselten unsere politischen Bemerkungen, wie unsere eigne Geschichte, auf das traulichste gegen einander aus. Ich wäre, glaube ich, aus Ueberfluß des Herzens im Stande gewesen, ihnen mein [111] geheimes Tagebuch vorzulegen, wenn es die Zeit erlaubt hätte, und sie waren eben so wenig zurückhaltend gegen mich. Vorzüglich machte sie ein Glück schwatzhaft, das ihnen über dem Meere bevorstand. Die Sache hing so zusammen.

Eine Schwester des Herrn Visitators und Tante seiner beiden Bruderstöchter, die – sagte die eine – in ihrer Jugend bildschön war, hatte in dem siebenjährigen Kriege einen französischen Proviant-Bedienten geheirathet, der, nach unglaublichen Abenteuern zu Wasser und zu Lande, sich endlich mit ihr in St. Domingo niederließ, sich dort – fiel hier der Visitator ein – erstaunliches Vermögen erwarb, und auf seinem Todbette es seiner Wittwe vermachte. Durch die Länge der Zeit war das gute Weib nun auch hinfällig geworden. Sie soll, lispelte die andere Nichte, sehr kränkeln, und kann sich fast gar nichts mehr zu gute thun. Ihr vieles Geld kann sie auch nicht mit aus der Welt nehmen. Das bedachte sie, und Gott rührte ihr Herz, daß sie sich noch in Zeiten nach ihren armen Verwandten umsah, und sie mit dem Versprechen zu sich einlud, ihnen ihre Erbschaft zuzuwenden. Der Herr Vetter suchte sogleich, wie er diesen wichtigen Brief erhalten hatte, um Entlassung aus preußischen Diensten an, die er auch auf das allergnädigste erhielt, und reist nun, überflüssig mit Gelde versehen, das ihm seine liebe Schwester von Banquier zu Banquier anwies, mit den beiden einzig übrig gebliebenen Sprößlingen der Familie einem Reichthum entgegen, auf den er, wie er mich heilig versicherte, in seinem ganzen Leben nie rechnen konnte. Indeß verschwört es der gute Mann nicht, wenn er bald genug zum Besitze dieser Glücksgüter gelangen sollte, wieder in seine Vaterstadt zurück zu kehren; denn er stellt sich es doch als einen großen Spaß vor, sich einmal allen den Augen in einem gewissen Anstande zu zeigen, die ihn von Jugend an nur als einen Lump gekannt hätten.

Ich unterdrückte das Lächeln, zu dem mich diese entfernte Hoffnung des ehrlichen Mannes so kurz vor seiner Hinreise, und die treuherzig wichtige Miene, mit der er sie vorbrachte, nur zu sehr reizten. Der Gedanke ist so natürlich, Eduard: es scheint uns ja allen, so viel wir unser sind, auch das größte Glück fast[112] kein Glück mehr, wenn wir es immer entfernt von unserer Heimat genießen, und nicht die Freiheit haben sollen, unsere alten Bekannten und Schulgesellen damit zu blenden. Ich hörte, wie Du aus meiner genauen Wiedererzählung schließen kannst, zum erstenmale einem Visitator mit aufmerksamer Geduld zu; ob ich mich gleich nicht für eben so verbunden hielt, während er sprach, bei seinen gemeinen Gesichtszügen zu verweilen, da ich die Wahl hatte, meine Augen indeß mit zwei andern deutschen Gesichtern zu vergnügen, die freilich nicht