Maria Katharina Stockfleth
Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie /
Das ist: Historischer Kunst- und Tugend-Wandel / In hochteutscher Sprach beschrieben / Und In einer anmuthigen Liebes-Geschicht vorgestellet; Dann Mit neuen Liedern / Melodeyen / und andern Lehr-Sprüchen / auch Historischen Kupffer-Stücken ausgezieret

Erster Theil

Erklärung des Titul-Bildes
Hie steht das schöne drey der netten Charitinnen /
Die Mütter solcher Lust / als Kunst und Tugend bringt.
Hie steht ein Hirten-Bild / ein Bild der Kunst-Hirtinnen /
Die Kinder solcher Lust / wornach Kunst-Tugend ringt.
Sie halten dieses Buch / den Kunst- und Tugend-Wandel /
Weil hier ein Hirte Kunst und Tugend lehren will.
Weil auch nicht anderst soll / als in Kunst- und Tugend-Handel
Anjetzo seyn gesetzt der Künste-Hirten Ziel.
Das allerschönste drey zeigt das auf Cronen-Bande
Damit sie binden sich / und wieder lösen nie.
Es muß die Thorheit nun und Laster gehn zu schanden /
Man ehrt und mehrt und lehrt GOtt / Kunst und Poesie /
Das ist der Ordens-Zweck der Kunst-gekrönten Hirten /
Die an der Pegnitz nun zur Bluhmen-Weide gehn.
GOtt / Kunst und Poesie wird wieder sie bewirthen /
Daß sie auf blossem Feld / doch unter Schirmen / stehn /
Und was uns Dorus hier von allen giebt zu lesen /
Wird man / nach seiner Bitt / so von ihm nehmen an;
Daß / wie er jederzeit gantz eigen ist gewesen /
So bleib er GOtt und Sprach und Künsten zugethan.
[3]
Aus dem Lateinischen
Unter beygefügtem Bildnuß des Edel-würdigsten Dorus.
Bleich wie der Leib von aus: so sieht das Hertz von innen /
Die äussere Gestalt giebt Zeugnuß von den Sinnen.
Ein schönes Angesicht zeigt einen schönen Geist /
So lang die Stirn das Thor des innern Hertzens heist.
Nur schöne Bluhmen sinds / die mit Geruch ergötzen;
Wer will das Sonnen-Gold / ohn durch die Stralen / schätzen?
Nicht anderst wird ein Hertz / das schön von Schönheit strahlt /
Als durch ein schönes Aug / mit Farben abgemahlt.
Auch selbst die schöne Kunst / muß durch gelehrtes lehren!
Der Tugend-Ruhm sich nur / durch Tugend-Wercke / mehren.
Das ist das schöne Kleid / darinn sie prachten kan /
So offt man sie / als schön / durch schöne Werck sieht an.
Was tapffer heissen wil / muß mit den Waffen spielen.
Ein hoher Edel-Muth nach hohen Dingen zielen:
Und wer dann allzuviel nach eitler Ehre trachtt /
Kan je sich rühmen nicht / daß er der Demuth acht.
Wer Kunst und Tugend wählt / die schöne zwey / zu lieben /
Muß in Kunst-Tugend auch erwählen sich zu üben.
Sie zeigt sich durch ein Werck gelehrter Schrifften an:
Da sieht man / wer sie ist / und was sie endlich kan.
Ihr / Dorus / zeigt uns das / durch euer Schönheits-Stralen /
Muß uns ein Pinsel hier ein kluges Hertze mahlen.
Die Schrifften aber sind die Zeugen Euer Kunst /
Die Euch den Ruhm erwirbt / und grosser Herren Gunst.

C.D.L.V.N.

[4]
Nach Stands-Gebühr schuldig-geehrter und geliebter Leser
Nach Stands-Gebühr schuldig-geehrter und geliebter Leser!

Diese neue Lehr- und Schreib-Art / deren ich / in gegenwärtigem Werk / gefolget / ist kein Zweiffel / daß sie vielen verwunderlich / ja! wol gar verwerfflich vorkommen wird. Ich ermahne aber / ja bitte / daß der jenige / welcher ihm / über diß Werck / das Richter-Ampt nehmen will / auch zugleich die nöthige Anmerckungen / eines gerechten Richters / anzunehmen /sich nicht wägere. Diese sind: nicht richten / ohne Verstand; nicht urtheilen / ohne erkündigter Warheit; nicht Recht oder Unrecht sprechen / wieder sein besser Wissen. Alles dreyes wird den Einwurff widerlegen / der die neue Lehr-Art bestreitet. Ist alles / was neu / und vor dem unerhört ist / zu verwerffen / so werden diese unsre Zeiten sich keiner Erfindung rühmen können; da ich doch schwerlich den Ausspruch[5] machen werde / ob solte die Vor- oder Nach-Welt /sonderlich / was die neu-hochgestiegene und recht-verneurte teutsche Dicht-Kunst anbelanget / des Erfindungs-Ruhms würdiger seyn. Es bleibt doch die Warheit: je länger die Welt bestehet / je spitzfindiger werden die Einwohner. Solte aber ein anderer das Widerspiel beglauben wollen / von der Boßheit der Menschen / die sich mehr / als die Weißheit / vermehre /will ich zwar demselben eben wenig widersprechen /ja! viel sicherer beklagen helffen / daß selbige / in Erfindung Laster-hafften Sitten und gleichsam verjüngter Boßheit / mehr neues erdencken / als die fromme Alten ihnen gewünscht: Gleichwohl wird daher meine verneuerte Ersinnung nicht straffbar / sondern desto eher gelitten werden / weil sie neuer Boßheit und Verführung / mit neuer Behutsamkeit / vorzugehen suchet.

Wie der heutige Welt-Wandel mehr in der Laster-als Tugend-Bahn einher gehe / ist an der hellen Sonnen: Das aber ist am verderblichsten / daß die meisten / unter der Tugend-Decke / die Laster verbergen /und doch vor Tugend-gezierte wollen geehret seyn. Ein hoffärtiger Spanier [6] (sagt der hoch-geschätzte Opitz /) will sich erbar grüssen lassen. Ein unverschämter Welscher / freundlich. Ein leichtsinniger Frantzos / behertzt. Ein springerischer Engeländer /hurtig / und ein versoffener Teutscher / lustig und vertreulich. Von Kunst und Weißheit / muß ich gleiches gestehen / und sitzet gemeiniglich mehr Gelehrtigkeit auf der Zungen / als im Hertzen / mehr in der Einbildung / als dem Haupt-Sitz derselben. Der wenigste Theil wird die wahre Kunst umfangen. Die Ursach beyder Fehler ist so bekannt / als bewährt. Viel wolten gerne Weise werden / wann nur der Helicon nicht so hoch zu ersteigen. Andere möchten sich in Tugenden üben / wann nur die Bahn derselben / mit so vieler Verhindernus / nicht verlegt. Dem dritten fehlet Wagen und Anspann / ja wol gar der Führer / der ihn hinzubringe.

In dessen Ersinnung nun / hab ich mir / meines Erachtens / nicht übel gefallen lassen / weil ich sonderlich / mich selbsten / in diesem Krancken-Bett / offt erkennet / theils denen Kunst- und Tugend-begierigen zu dienen / theils meine hochgeliebte Mutter-Sprach zu beehren / dann mir selbsten zu helffen / gegenwärtiges Werck / der Tugend- [7] und Laster-übenden Welt vorzulegen / ob möchte / durch dessen Führung / sich einer / aus allen (dann alle / vor einen / ist wohl zu wünschen / aber nicht zu erwarten) in der Irre zu recht / und in dem wahren Tugend-Wandel / zur Vollkommenheit bringen.

Es hat mir aber / zu solchem meinen Vornehmen /nicht wenig gedienet / diese gegenwärtige Geschichts-Beschreibung / die ich auf mein Vorhaben geschickt befunden / auch um desto lieber angenommen / weil mir wissend / wie die Gemüther dieser Zeit bewandt /daß sie gerne was neues lesen oder hören / sonderlich von solchen Sachen / die / mit selbster Erfahrung / bekräfftiget sind. Lebe demnach der gevesteten Hoffnung / es werde diese leßwürdige Geschicht / nicht bloß eine Historische Wissenschafft / sondern die Kunst- und Sitten-Lehr / dem fleissigen Leser entdecken. Dann dahin zielet alles / was in diesem Werck begriffen / so / daß ich keinen Scheu trage / dasselbeden Kunst- und Tugend-Wandel zu benahmen.

Daß du aber / Gunst-gewogener Leser! mein Vorhaben deutlicher verstehest / und dieser wolgemeinten Arbeit nützlicher [8] geniessest / will ich dir / kürtzlich /den Inhalt des gantzen Wercks / nach dessen beschehener Eintheilung / so wol in der Historischen Beschreibung / als der Sitten-Lehre / entwerffen / damit du desto fertiger / bey einem jeden Absatz / deine Lehr behalten könnest.

Die kürtzeste Verfassung ist / in der Abtheilung der 4. Bücher zu finden / welche den Allgemeinen Enthalt des gantzen Wercks fürtragen / als

Das erste Buch

Erkläret den Eingang Polyphili zu Macarien / das ist /eines Kunst-liebenden zu Kunst und Tugend; erweisend / durch wie viel ungebahnte Wege derselbe wandern müsse / so / daß er von manchem Unglücks-Dorn geritzet werde / ehe er die wahre Glücks-Rosen brechen könne.

Das andere Buch

Erkläret den Fortgang auf dieser Tugend-Bahn / der die Überwindung mancher Widerwertigkeit zum Begleiter erwählen / und sich keine befremdliche Ungedult muß verleiten lassen: sondern in seinem rühmlichen Vorsatz unverruckt verharren / biß er überwunden.

Das dritte Buch

Erkläret den Nachgang / das ist / die Bekrönung / so auf diese Tugend-Eroberung erfolget: Nemlich unverfälschtes Glück / und der Schatz einer wahren Ehre: Deren keines / wie mächtig auch die Unglücks-Wellen wüten / kan ersäuffet noch vertilget werden.

[9] Das vierdte Buch

Erkläret den Ausgang / welcher ist die süsse Freude /und verzuckerte Lieblichkeit der Tugend-Früchte / die wir in der Zufriedenheit und vergnügten Seelen-Ruh empfinden / auch durch keine Bestürmung zerstören lassen / sondern in aller widerstrebenden Unruh / den Sieg des Friedens / das ist / die Vergnügung unsers Verlangens / behalten.

Eine genäuere Unterrichtung wird uns eines jeden Buchs unterschiedener Absatz geben / auf folgende Art:
Des ersten Buchs
erster Absatz

Beschreibet die Ankunfft Polyphili in die Gegend der Insul Soletten: Lehret / wie der Mensch offt / ein Glück zu erlangen / dem Unglück unterworffen werde.

Anderer Absatz

Beschreibet die Zusammenkunfft Polyphili und Philomathi: Lehret / wie uns offt / wider unser Verhoffen /der gütige Himmel zu guten Freunden verhelffe /deren Beförderung wir uns bedienen können: Durch welche auch Gott / als die Ihm gefällige Mittels-Personen / mit uns handele.

Dritter Absatz

Beschreibet die Zeit-kürtzung und das Gespräch der beyden / welches ist von der Ruhe der Einsamkeit: Lehret neben der / wie wir / aus vortrefflicher Leute Reden / unsere Weißheit schöpffen müssen.

[10] Vierdter Absatz

Beschreibet den Abschied Philomathi / mit Versprechung der Wiederkehr / welcher / durch den Vorwitz Polyphili / vergebens war / der ihn / Polyphilum / mit Lebens-Noth / weit von dannen geführt: Lehret / wie wir unser Glück offt selber muthwillig verschertzen.

Fünffter Absatz

Beschreibet das Unglück Philomathi / dessen Traum und Tod: Lehret / zu Seiten Polyphili / wie gemeiniglich / bey grossem Glück / gleiches Unglück erwachse; zu Seiten Philomathi / wie heimliche Mißhandlung / von dem Himmel / öffentlich gestraffet werde.

Sechster Absatz

Beschreibet den Zustand Polyphili / in der verwildeten Einsamkeit / und wie er den Verlust der Insul Soletten hinwieder bereichert: Lehret / daß wir Tugend / mit Müh / gewinnen müssen.

Siebender Absatz

Beschreibet die Wiederkunfft Polyphili auf Soletten /durch Hülff Talypsidami / der ihm den Tod Philomathi verkündet: Lehret / daß dennoch Kunst- und Tugend-liebenden das Glück beförderlich seyn / und sie / nach vieler Widerwertigkeit / endlich begnaden müsse.

Achter Absatz

Beschreibet den Zuspruch Polyphili / mit Talypsidamo / bey Macarien / und deren geführte Reden: Lehret / wie hoch die Tugend zu halten / und die Kunst zu lieben.

[11]
Neundter Absatz

Beschreibet die Ersäuffung Polyphili / und die daher entstandene betrübte Klagen / der erschreckten Macarien / und was sie vor Nacht-Gesicht betrübet: Lehret an Polyphilo / die / der Kunst und Tugend ewig widerstrebende / Unglücks-Bestürmung / von deren bißweilen alle Hoffnung niedergeschlagen wird; an Macarien aber / die selbst nothleidende Tugend.

Zehender Absatz

Beschreibet die Errettung Polyphili / durch Melopharmis geschehen / die ihn zu den versenckten Schloß geführt / und was sich allda ferner mit ihm begeben: Lehret / wie dennoch der gnädige Himmel / ein wachendes Auge habe / auf die Tugend-verliebte / und seine Hülff wol verberge / aber nicht entziehe.

Des andern Buchs
erster Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Tugend-Tempel / und dessen Zierat: Lehret den Unterscheid /der warhafften und verderbten Kunst; desgleichen wie man zu jener gelangen / diese aber meiden solle; gibt Unterricht von der Tugend-Werbung / und wie dieselbe kröne.

Anderer Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Glücks-Tempel / und wie derselbe gebauet / und gezieret gewesen: Lehret die nahe Verwandnus / der Tugend-Kunst / mit dem Glück; bewähret die Ursachen / der Ungleichheit / unter den Menschen; berichtet von dem Glück / daß es nicht ein blinder [12] Zufall; nicht auch ein Sternen-Blick: sondern Gottes so gefälliger Wille und Ordnung sey.

Dritter Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Liebes-Tempel / und wie derselbe gestaltet: Lehret die nöthige Verbündnus / der Tugend-Kunst / des Glücks / und der Liebe; Unterscheidet die falsche / von der warhafften / und zeiget beyder Ursprung.

Vierdter Absatz

Beschreibet / was sich ferner / in dem Liebes-Tempel / mit der Königin und Polyphilo / begeben: Beantwortet etzliche Liebes-Fragen / die ihre Lehr-Puncten selbsten zeigen.

Fünffter Absatz

Beschreibet die endliche Erfüllung / des Verlangens Polyphili / durch den Anblick derer Tafeln geschehen / auf welchen der Name der schönen Macarien geschrieben / und was sich weiter begeben: Lehret / daß endlich das Tugend-Verlangen nicht unvergnügt bleibe / solt es gleich heimlich / und etwas scheinbar geschehen.

Sechster Absatz

Beschreibet die Erlösung Sophoxenien / mit welchem zugleich Kunst und Tugend versencket war: Lehret /wie dieselbe / durch Fleiß und Schweiß / erwachsen /hernach desto frölicher blühe / und ewige Freyheit gewinne.

Siebender Absatz

Beschreibet das Gespräch Melopharmis mit Polyphilo / die ihm den Berg zeiget / hinter welchem die Insul Solette gelegen / die das Hertz Polyphili dermassen zu sich ziehet / daß er sein selber [13] vergisst: Lehret / wie auch die Tugend-geübte offtmals die Bezahlung so begierig fordern / daß sie mehr darüber verlieren / als erhalten.

Achter Absatz

Beschreibet / wie Polyphilus / mit der Königin / und deren Angehörigen / Tafel gehalten / und was sie von der Verbannung dieses Schlosses vor Gespräch erkieset: Lehret / daß Kunst und Tugend / nicht durch des Himmels / sondern der boßhafften Menschen Schuld /erdrucket liege.

Neundter Absatz

Beschreibet den Ausspruch der beyden Weisen / Clyrarchae und Cosmaritis / von der Macht und Ohnmacht der Zauberer; welches Gespräch die Lehr-Puncten selber zeiget.

Des dritten Buchs
erster Absatz

Beschreibet die Ehr-Bekrönung Polyphili / von der Königin / und derer gantzen Hof-Staat geschehen / die auf alle Kunst- und Tugend-Werbung unausbleiblich folget: Welches hier die Lehre selber ist.

Anderer Absatz

Beschreibet die Zeit-Verbringung / der biß daher bekümmerten Macarien / und wie Polyphilus bey derselben ärgerlich verleumdet worden: Lehret den ersten Anstoß / welcher die Tugend-verliebte zu bestreiten pflegt / nemlich / Verleumdung.

Dritter Absatz

Beschreibet die Berathung und Anschläg Polyphili /wie er sicher zu Macarien gelange / dazu [14] ihm ein fremder Ritter / Namens Agapistus / bedienlich: Lehret / wie alles / durch klugen Rath und ernstliche Bemühung / könne gewonnen werden.

Vierdter Absatz

Beschreibet den Abzug Agapisti auf Soletten / und den Nach-Wunsch Polyphili / auch sein Gespräch /mit der Königin / von dem Frauen-Lob: Welches hie an Statt der Lehre stehen kan.

Fünffter Absatz

Beschreibet die Reise-Fahrt Agapisti / und in was Unglück er gerathen / als er Talypsidamum / von der Mörder Banden / zu erledigen suchte: Lehret den andern Anstoß / welcher die Tugend-liebende zu bestreiten pflegt / nemlich / die Verhindernus.

Sechster Absatz

Beschreibet den Schrecken Polyphili / den er / über das unberitten-wiederkehrende Pferd Agapisti / eingenommen / und wie er zum Talypsidamo kommen: Ist eine Lehre von der blinden Glücks-Neigung / welche auch die Tugend-suchende nicht selten begleitet.

Siebender Absatz

Beschreibet die Reden Talypsidami mit Polyphilo und der Königin / auch wie er Macarien gerühmet: Lehret / wie hoch die Tugend-Kunst zu erheben.

Achter Absatz

Beschreibet / wie Talypsidamus sich mit Polyphilo berathen / zur Macarien zu kommen / und was jener /nach seiner Heimkunfft / mit derselben [15] geredt / auch wie ihr Wider-Sinn sich in Liebe verwandelt: Lehret /ob die Tugend anfänglich schwer zu gewinnen / sey doch die endliche Ergebung freywillig / daher wir /mit Polyphilo / nicht ablassen sollen / dieselbe zu erringen.

Neundter Absatz

Beschreibet die Ankunfft Phormenae gen Sophoxenien / und die Schlitten-Fuhr Polyphili / welche so unglückselig / als verhinderlich war: Lehret den dritten und gemeinsten Anstoß der Tugend-verliebten / die Unglückseligkeit.

Zehender Absatz

Beschreibet das elende Leben Agapisti / in der Wildnus / und wie wunderbar er gen Sophoxenien / zum Polyphilo / wiederkommen: Ist eine Lehr / von der Treu und Beständigkeit / auch deren reichen Belohnung.

Des vierdten Buchs
erster Absatz

Beschreibet die andere Fuhr Polyphili auf Soletten /welche ihn zu der lang-verlangten Macarien bringet /deren Gunst-Gewogenheit er gewinnet: Lehret die endliche Vergnügung und Zufriedenheit der Tugend-verlangenden.

Anderer Absatz

Beschreibet / was sich mit Polyphilo und Macarien /über der Mahlzeit / begeben / und wie betrübt er den Abschied genommen / doch aber der Liebes-Früchte /in etwas / genossen: Lehret den Tugend-Genieß / als die lieblichste Frucht / versauerter Arbeit.

[16] Dritter Absatz

Beschreibet / wie Agapistus / dem ruckwendenden Polyphilo / entgegen gefahren / ihn zu empfangen /und wie Atychintida / durch die Liebs-Erzehlung der Phormenen / erzürnet / dem Agapisto Befehl ertheilet / Polyphilum von Macarien abzuwenden / auch wie sich Agapistus / in diesem / verhalten: Lehret den vierdten Anstoß der Tugend-liebenden / nemlich Mißgunst.

Vierdter Absatz

Beschreibet die Erinnerung Polyphili an die Reden seiner Macarien / und deren Bereimung / die ihre Lehr-Puncten selbsten erklären.

Fünffter Absatz

Beschreibet den ereyferten Grimm Polyphili / welchen die Erzehlung Agapisti / von dem / was er mit der Königin geredt / verursachet / und wie er darum von Melopharmis gestrafft / denselben / vor der Königin /verborgen hält: Lehret den fünfften Anstoß der Tugend-verliebten / die Widerwertigkeit: Gibt auch andere Zorn-Straffen.

Sechster Absatz

Beschreibet den Gruß Polyphili / an Macarien / durch ein Brieflein geschehen / und die verwaigerte Antwort / die Agapistum / mit einem andern Gruß-Brief /an Macarien / begleitet / auf Soletten ziehet / dessen vergebliche Wiederkunfft Polyphilum erzürnet / der aber / wieder begütiget / den dritten Brief an Macarien abgehen heisset: Lehret / daß hohe Sachen / mit grosser Müh / zu gewinnen / und die Tugend / einen unermüdeten Fleiß / ja auch ein unerschrockenes Hertz / fordere.

[17] Siebender Absatz

Beschreibet die Beantwortung der Macarien / auf die Briefe Polyphili / und dessen Verwirrung / über die versteckte Wort / auch wie listig er dieselbe wieder beantwortet: Lehret / daß Tugend-Erwerbung / auch bißweilen / eine verführende List zulassen / wann die offne Warheit schädlich oder gefährlich scheinet.

Achter Absatz

Beschreibet die Verleitung Polyphili / zu der Liebe einer andern / Apatilevcheris genannt / und wie schändlich er sich von derselben bethören lassen: Lehret / wie die Tugend-gezierte am erschröcklichsten irren / wann sie Laster / unter dem Tugend-Schein /nehren / und sich unvorsichtig betriegen.

Neundter Absatz

Beschreibet die unversehene Zusammenkunfft Polyphili mit Macarien / die Bereuung seines begangenen Fehlers / und dessen Verbesserung / zusambt der Unterredung dieser beyden / und wie er / ihr seine Gedicht zu übersenden / versprochen: Lehret / wie die Tugend-gezierte / ob sie gleich von einem Fehl übereilet werden / doch nicht in der Laster-Versenckung bleiben / sondern dieselbe zu einer grössern Krafft /Tugend zu gewinnen / gebrauchen / daher solche Verführungen / die jenige auch nicht so bald des Tugend-Ruhms beraubet / ob sie ein- oder mehrmal dawider handeln. Dann ein Fehl ist kein Fehl.

Zehender Absatz

Beschreibet den Widerwillen / der erzürnten Macarien / welchen sie / nach erkundigter fremder Lieb /bey Polyphilo / so mächtig / in ihr / herrschen [18] ließ /daß sie alle Liebe aus ihrem Hertzen verbannete: wiewol sie / durch Zwang und Flehen / wieder versöhnet ward: Lehret die Straffen / so dem Verbrechen folgen / damit ein unbestrafftes Ubel nicht Gelegenheit zu fernerer Mißhandlung gebe.

Eilffter Absatz

Beschreibet die Zeit-gleiche Begrüssung / so zwischen Polyphilo und Macarien schrifftlich geschehen: Lehret die Tugend-Art / welche / in zweyen Gemüthern / einerley Würckung übet; und anders mehr /das in den Briefen / und deren Erklärung selbsten / erörtert wird.

Zwölffter Absatz

Beschreibet die selbste Besuchung / der Macarien /von Polyphilo geschehen / und was sich darinnen begeben / auch wie sie / nach dem / einander zugeschrieben: Ist ein Beweiß / der unvergnüglichen Begierde /menschlichen Verlangens / welches von Tugend-Liebe entzündet ist.

Dreyzehender Absatz

Beschreibet / wie ein anderer / Namens Evsephilistus / um Macarien Gunst sich bemühet / und dieselbe / Polyphilo zu entziehen / gesuchet / auch mit was Bedienungen: Lehret den sechsten Anstoß der Tugend-verliebten / die Verfolgung.

Vierzehen der Absatz

Beschreibet fast einen verliebten Streit / in der Dicht-Kunst / zwischen Polyphilo und der gelehrten Macarien / auch wie sie ihm die Werbung Evsephilisti heimlich zu vernehmen gibt / und wie er dieselbe beantwortet: Lehret / daß je herrlicher die Tugend in uns blühet / je mächtiger [19] erzeige sich die Widerwertigkeit / die / mit einer gefassten Gedult / zu überwinden.

Fünffzehender Absatz

Beschreibet die fernere Bestreitung des Lieb-werbenden Evsephilisti / und wie die getreue Macarie solches Polyphilo offenbaret / oder zu offenbaren zu sich bittet / auch was sie sich berathen: Ist eine Probe wahrer Tugend / die mit glücket / mit unglücket. An Polyphilo aber finden wir den siebenden Anstoß der Tugend-verliebten / die Versuchung.

Sechzehender Absatz

Beschreibet den Blut-Rath Polyphili / so er über Evsephilistum beschlossen / und wie er selbigen der Macarien entdecket / auch wie bestürtzt diese antwortet; Dann endlich / wie sich Polyphilus betrogen: Lehret die anfeindende Laster / in hohen Trübsalen / die mehrentheils / mit der vergifften Süsse / der Verzweiflung / zu locken pflegen.

Siebenzehender Absatz

Beschreibet den Gegen-Rath Agapisti / und wie Polyphilus streit-rüstig auf Soletten ziehet / aber von Macarien / mit der Wider-Rede / seiner nichtigen Einbildung / begütiget und erfreuet wird / in dem sie ihn vor allen / und ewig / erwählet: Lehret die endliche Vergnügung der Tugend / die so widerwertig auch das Glück spiele / dennoch ewig beglücket bleibet / und ohne Ende.


Aus diesem nun / wird dir / Gunst-gewogener Leser! allerkündig seyn / wohin meine Erfindungen / in dieser Tugend-Bahn / gerichtet. Daß aber der Weg bißweilen [20] verworffen / und die Staffel versetzet sind / in dem zu Zeiten zu letzt berühret wird / was zu allererst hätte sollen betretten werden / wirst du nicht einen Erfindungs-Fehl / sondern den Geschichts-Fall benennen / welchen ich unverruckt behalten wollen / der Meynung / es könne die Lehr / so anfangs / so zu letzt / behalten werden.

Betreffend die Namen / die ich in der Geschichts-Erzehlung angezogen / sind dieselbe mehrentheils von den Griechen entliehen / und aus ihren Wörtern zusammen gesetzt / daß sie zugleich die Lehre bewähren / die ich in der Historischen Erzehlung suche. Es sind aber diese:


Macarie / die Geist-besehligte.
Polyphilus / der Viel-Liebende.
Philomathus / der Lieb-Lehrende /
Pistimorus / der Tod-getreue.
Amichanus / der Verwirrte /
Atychintida / die Unglückselige.
Talypsidamus / der Behülffliche.
Melopharmis / die Viel Vermögende.
Cacogretis / die Mißgünstige.
Parrisiastes / der Offenhertzige.
Coßmarites / der Kunst-Lehrende.
Clyrarcha / der Glück-Mehrende.
Erothemitis / die Lieb-Nehrende.
[21]
Pseudologus / der Verleumdende.
Agapistus / der Treu-Liebende.
Psychitrechis / die Tod-gefährliche.
Aphetus / der Hülff-willige.
Gennadas / der Dienstfertige.
Phormena / die Liebhägende.
Servetus / der Verbundene.
Heroarcha / der Großmüthige.
Apatilevcheris / die Verführende.
Evsephilistus / der Einfältige.

Eines jeden Bey-Name wird / geneigter Leser! das Amt benennen / so er führet / und wofür du ihn in dieser Tugend-Bahn bekennen sollest. Die Macarie ist selbsten die Kunst und Tugend / und also das gleichsam aufgesteckte Ziel / welches zu errennen / wirMenschen allesamt / durch den viel-liebenden Polyphilum gedeutet / uns angelegen seyn lassen / da wir dann viel Philomatos / die uns unterrichten / auch Pistimoros und Talypsidamos / die uns in der ersterbenden Kunst Hülff-Hände leisten / gebrauchen / die einen verwirrten Amichanum / oder / wie Polyphilus / eine unglückselige Atychinidam erlösen. Dafern wir aber durch eine viel-vermögende Melopharmis /verstehe die Beforderer und andere Kunst-Helffer /auf den [22] Weißheit-Sitz / durch Sophoxenien gedeutet /gebracht würden / sind wir offt und offt wiederum eines offenhertzigen Parrisiastes / unter denen Kunst-Lehrern / benöthiget / der die Warheit nicht geheim halte. Auch finden sich der verleumdenden Pseudologen / und mißgünstigen Cacogreten / so viel / daß /wofern nicht ein treuliebender Agapistus sich bißweilen findet / die tod-gefährliche Psychitrechis / in ihrem Kunst-Verlust ersterben müste. Gleichwol erwecket noch immerdar / der wach-haltende Himmel /einen hülff-willigen Aphetum / oder Dienst-fertigenGennadam / oder auch lieb-hägende Phormenam / ja bißweilen einen verbundenen Servetum / das ist /einen guten treu-meynenden Freund; ja wohl gar einen großmüthigen Heroarcham / das ist einenmächtigen Beförderer / der unserm Tugend- und Kunst-Verderben zu helffen / der verführenden Apatilevcheris widerstehen / den einfältigen / Evsephilistum aber / mit klugem Rath / abweisen kan. Und das ist kürtzlich der Inhalt dieses Wercks.

Ob nun dem allen so / soltu doch / lieb-geehrter Leser! dich keinen Zweifel verleiten lassen / als wäre die Geschicht erdichtet / [23] und ohne Warheits-Grund. Ja um deßwegen / dieselbe desto verwunderlicher achten / daß sie zwey Kunst- und Tugend-verständige Hertzen / in solcher Vollkommenheit / vorstellet /die / zu diesen Welt-Zeiten / leichter zu suchen / dann zu finden sind. Doch must du einen verständigen Sinn mitbringen / wann du die Historische Warheit erforschen wilt. Die gefährliche Schiffarten / deute durch Unglücks-Wellen; Die offtmalige Lebens-Gefahr /durch grosse Noth; die Versenckuug des Schlosses /durch Unterdruckung der Kunst und Tugend / und was mehr / mit Unmüglichkeits-Farben / angestrichen ist / must du / dem Zeugnus / unsers vorgepriesenen Opitzens / nach / dahin deuten / daß die Poeterey so wenig ohne Farben seyn könne; als der Frühling ohne Blumen. Davor geb ich dir auch dieses / dann in dem ich lehren will / bin ich ein Sitten-Beschreiber /indem mir aber der Fleiß des Nutzens oblieget bin ich ein Geschichts-Erzehler; und wann ich zu belustigen suche / bekenne ich mich einen Poeten. Diese drey wohnen gemeiniglich / in dem schwesterlichen Band der Vereinigung beysammen / oder zum wenigsten in der Verfassung dieser meiner Lust-Besinnung.

[24] So weissest du nun / gunst-geehrter Leser! wohin diese Beschreibung zielet / und was sie vor Warheits-Glauben verdienet; ist derowegen nichts übrig / als daß du wissest / die Reden / so dem Werck / als eine Zierde / beygefüget sind; wie auch etzliche Lieder /seyn mehr zu nutzen und zu belustigen / als der Warheit nachzugehen / eingeführet worden: Sonderlich /wo sichs am füglichsten thun lassen; Wo man von der Einsamkeit geredt / da habe ich / von derselben / mit reden wollen; wo man das Glück gesucht / hab ich mit suchen müssen; wo man von Zaubereyen geredt /hab ich nicht schweigen dörffen; wo man Liebe gesucht / hab ich von Liebe zeugen müssen; und wo man das Weiber-Lob gefordert / hab ich billiche Antwort nicht versagen können. Die Arien sind von einem guten Freunde und der Music wohl-erfahrnen dem Werck hinzu gethan worden / deßwegen ich den Ruhm solcher Erfindungen nicht verdiene / sondern selbigen dem Erfinder / an statt des Dancks überlasse / der Hoffnung mich verlassend / Er werde auch in dem andern / bald künfftigen / und nun schon /nicht zwar von mir / sondern (welches ihn verwunderlich machen wird) einer gekrönten Hirtinnen [25] aus unser Genossenschaft / verfertigten Theil / der bekehrte Schäfer genannt / (welchen ich um seiner viel-herrlichern Erfindung wegen / billich den Schlüssel dieses ersten nenne / als in welchem der begierige Leser / den meinen allererst recht verstehen wird) seine Hülff-Hand ferner nicht entziehen / sondern auch denen darinn befindlichen Gedichten eine liebliche Kling-Art gönnen; welches mit aller Dienstlichkeit um ihn hinwieder zu verschulden; auch besagten andern Theil / diesem ersten / durch offenen Druck /ehistens folgen zu lassen / ich mich unsäumig erweisen werde.

Nun solt ich auch den Gebrauch der Heydnischen Wörter / die zu Zeiten mit eingeschlichen sind / entschuldigen / zu beglauben / daß ich ein Christ sey /der nicht mehr / dann eine einige Gottheit verehre /und auch jederzeit dessen Ehre / als das förderste Ziel / unserer Hirten-Gespielschafft / in allen meinen Ersinnungen führe: Aber weil ich das bey dem verständigen Leser vor unnöthig / bey dem Unverstängen ungültig halte / will ich dißmals mit den schönen Worten des Herrn Ferrante Pallavicino schliessen /daß der Gebrauch Heydnischer Wörter meinen Glauben nicht verdammen solle; sintemal ich auf ihre Art schreibe / und nach meiner Schuldigkeit glaube. Hiemit GOtt befohlen.

[26]
Glück- und Ehren-Zeilen
1. [von Sigmund von Birken]
1.
Wehrter Dorus! eurem Kiel
Ist Macarie verpfändet.
Fama Mund / ist euer Spiel /
Ihr Lob durch die Länder sendet.
Sie wird zu Soletten nicht /
Nicht mehr einsam / können bleiben.
Weil sich schwingt ihr Lobgerücht
In die Welt / durch euer Schreiben:
Wird sie suchen jeder Geist /
Der versteht / was trefflich heist.
Forthin man den Peneus wird
Einen Flüsse-Printzen nennen:
Weil ihn diese Zierde ziert /
Die diß Buch uns machet kennen.
Daß die Gegend Tempe heist /
Prangt mit schöner Tausend-Wonne:
ursacht dieser edler Geist /
Diese schöne Erden-Sonne;
Ihr Blick / ist der warme Stral /
Der Lust-schwängert dieses Thal.
Der so schön von Schönheit schreibt:
Was soll ihm zu Lohne werden:
Er soll werden schön beWeibt.
Daß er himmlisch leb auf Erden:
[27]
Werd ein Engel seine Braut.
Die Macarien sich gleiche /
Soll mit ihme seyn getraut.
Daß der Wunsch sein Ziel erreiche /
Will hierzu ich setzen diß:
Gebt dem Dorus Dorilis!

Zu dienstfreundl. Andenken zugeruffen von Floridan.

2. [von Catharina Margaretha Dobenecker]
II
Preißwürdigster Dorus!
1.
Was will sich der Kunst vergleichen?
Was kan ihren Pracht erreichen?
Was giebt einen solchen Schein?
Wo uns Kunst und Tugend führet /
Alles eitle sich verlieret /
Nichts kan da verdunckelt seyn.
2.
Ihr / mit unsern Blumen-Orden
Seyt der Kunst verschwestert worden /
Strom-weiß sie bey euch erquillt:
Da sie tröpfelt bey den andern /
Die zwar mit den Sinnen wandern /
Noch so hoch / als ihr bezielt.
3.
Solche haben zwar den Willen:
Aber diesen zu erfüllen /
Und die That zu stellen dar /
Hindert / daß sie nicht erwägen
Ihr so grosses Unvermögen /
Das doch zu erwägen war.
[28] 4.
Wann auf Wünschen folgt erlangen /
Auf Begehren das Empfangen /
Wann auf Seufftzen folget Ja:
Wär auch deren Wunsch gestillet /
Ihr Begehren wär erfüllet /
Und die Frucht des Seufftzens da.
5.
Selbst auch ich / (könt ich erreichen
Euren Sinn /) wolt mich vergleichen
Euch und eurem edlen Geist;
Den eur Buch mit Loben führet /
Welches euch mit Ewig zieret /
Und vor alles herrlich preist.
6.
Aber weil das Werden spielet
Nicht so / wie das Wünschen zielet:
Bleibt der Wunsch gleich einem Wind /
Welcher ohne Frucht versteubet /
Und sich in die Lufft verleibet /
Da er endlich gar verschwindt.
7.
Dennoch will ich mich befleissen /
Weil ich Sylvia soll heissen /
In der Künste-Hirten Schaar:
Daß ich mich der Lust vermähle /
Die ich durch Kunst-Tugend wehle.
Und du Himmel mach es wahr.

So wünschet und ehret Sylvia. [29]

3. [von Maria Katharina Stockfleth]
III
Ruhm-Gedicht über den Bekehrten Schäfer
Mein Dorus! die Vernunfft / die Wissenschafft und Gaben /
Die von Macarien so schön geschrieben haben /
Erweisen / daß man Kunst auch bey der Jugend sind /
Und daß die Weißheit sich nicht an das Alter bind.
Die Tugend / welche du in diesem Buch gelehret /
Hat dich / an ihrer Brust / von Wiegen an / ernehret:
Dich / hat die Klugheit selbst / gesetzt in ihren Schoß /
Wer wundert dann? wann du wirst vor den Jahren groß?
Nie keiner / ist so schnell auf dieser Bahn gegangen.
Ein ander höret auf / wie du hast angefangen.
So fahre freudig fort / ereile bald das Ziel /
Das dich / vor deinen Fleiß / mit Ruhm bekrönen wil.
Es setzet Fama dich bereits auf ihren Wagen /
Der dich / den Sternen gleich / wird von der Erden tragen:
Auch rühmet deine Müh / und trefflichen Verstand /
Durch diese wenig Wort / mein ungeübte Hand.
Die nimm gewogen auf / und ob sie schlecht geschrieben /
So weiß ich doch / du läft mein wollen dir belieben /
Das dennoch lobens wehrt. Bleib Dorilis geneigt /
Mein Dorus! ob sie schon Macarie nicht gleicht.

Dieses wenige / setzet ihren Ehrengeneigten Herrn Gesellschaffter / zu schuldigen Ehren / die Schäfferin Dorilis.

4. [von Johann Sechst]
IV
Ist Dorus nicht ein Pegnitz-Hirte:
Wie daß er dann von Peneus singt?
Er thät ja besser / wenn er führte
Im Mund / was unsern Fluß beklingt.
[30]
Doch muß man ihn nicht unentschuldigt lassen.
Die Kundschafft er vom Peneus brachte mit /
Da er geholt / als Dichter vom Parnassen /
Den Lorbeer-Krantz / im Phocischen Gebiet.
Es ist / wie Hellas giebt zu lesen /
Die Dafne / die dem Phöbus floh /
Des Peneus Tochter ja gewesen /
Die ward zum Lorbeer-Baum also.
So gieng er dann / das Laub selbst abzubrechen /
Zum Peneus-Strand: von dem er jetzund schreibt.
Die Pegnitz lernt / durch ihn / vom Peneus sprechen.
Daher viel Lobs ihm billig eigen bleibt.

Seinem vielgeehrten Herrn Gesellschaffter / zu dienstlichsten Ehren / schriebe dieses der Pegnitz-Hirt Alcidor.

5. [von Martin Limburger]
V
M. G.
Dafne fleht dich / Peneus! an /
Sey willfährig deinem Kinde:
Wann es sich so nennen kan /
Unter dieser Runtzel-Rinde;
Die des Föbus Buhler-Kuß
Unverschuldet büssen muß.
Er / der mich noch immer liebt /
Brach jüngst eins von meinen Zweigen.
Bleibe (sprach er /) unbetrübt /
Dann ich gebe diß zu eigen /
(Wirst du schon von mir versehrt /)
Dem / der deinen Vatter ehrt.
[31]
So ein Wunde / sagte ich /
Daraus nur der Danck-Safft rinnet /
Nicht verletzt / ergötzet mich.
Mein Verlust sehr viel gewinnet.
Dieser Mangel macht mich reich /
Zahlet Schuld und Huld zugleich.
Sey nun / Vatter! was du bist /
Zahle / was ich nicht kanzahlen /
Laß den Grieß / darauf du fliest /
Gleich den Tagus-Kieseln mahlen;
Küsse damit diese Hand /
Die dich macht so weit bekandt.
Laß von deines Ehrers Ehr
Die beredte Wellen lallen /
Laß sie mit dir in das Meer /
Bey der Sonnen-Wiege / fallen;
Daß auch in der andern Welt /
Dorus Ruhm werd angemeldt.

Mit diesen schuldigen Ehren-Zeilen hat die Dafne redend gemacht Myrtillus.

6. [von Johann Ludwig Faber]
VI
Uber den neulichst erneurt- und neu erweiterten Christlichen Pegnitz-Schäfer-Orden.
Du steigst noch überhoch / du Teutsch-gesinnter Bund!
Von dir / dein Pegnitz-Fluß ein Pegas-Guß will werden:
Dein Neroberg ist schon ein Pindus Teutscher Erden /
statt Kunst-Göttinnen sich neun Hirten machen kundt /
[32]
Die ihr Apollo führt. (Daß ich mit stillem Mund
Die Nymfen übergeh / als Charites der Herden.)
Es bricht dein Nam hervor mit Zügel-losen Pferden /
Und steht es jetzt um dich / als kaum es besser stund.
Die Donau Damon hört / der Mayn den Dorus fingen /
Und Floridan will fast die gantze Welt bezwingen.
Was wuchert täglich nicht Myrtillens theures Pfund?
Ich weiß nicht / wie ich selbst mit Hoffnung schwanger gehe.
Stinckt schon das Eigen-Lob / doch / warlich! ich gestehe:
Du steigst noch überhoch / du Teutsch-gesinter Bund.

Seinem werthen Herrn Gesellschaffter wolte es zu längst-schuldigen Ehren von der Pegnitz übersenden Ferrando.

7. [von Johann Geuder]
VII
Was ist die Lieb: man kan sie nicht beschreiben:
Die Liebesglut steckt Kiel und Schreiber an:
Wie daß doch er / mein Werther! schreiben kan /
Und gleichwohl so bey seinen Kräfften bleiben:
Man muß ihm nur Macarien verweiben /
Die kühle das / was einen Brand gethan /
Wo anderst mich nicht trügt ein starcker Wahn /
Die Glut werd ihn noch wol zu höhern treiben.
[33]
Soll / gleich und gleich gebunden / lieblich stehn /
So müst es dann nach Hertzens-Wunsch euch gehn.
Ich wünsche Glück! Bin ich gleich ein Poet /
Der öffters dicht: So wird man doch noch sagen:
Macarie hab er davon getragen.
So bin ich dann Poet und auch Prophet.

Rosidan. [34] [35]

Erstes Buch
1. Absatz
Erster Absatz

Beschreibet die Ankunft Polyphili / in die Gegend der Insul Soletten: Lehret / wie der Mensch offt / ein Glück zu erlangen / dem Unglück unterworffen werde.


Eben hatte die liebliche Frühlings-Luft / durch das Gold-strahlende Welt-Auge / die Mutter der Sterblichen wiederum erfreuet / und mit ihrer zerschmeltzenden Hitze / die Eiß-feste Mauren / derer in den Gründen fliessenden Wasser / erweichet; daß der lang-verhaltene Schiff-Raub aller Seiten wieder ersetzet: als der edle Schäffer Polyphilus / nach viel-erlidtener Unglücks-Bestürmung / durch die unbeständige Menschen-Freund- und Feindin / das Glück / mit wenigem Anlachen / in eine ergötzende Gegend versetzet / und dem wild-gefährlichen Meer entnommen / dem sicher-und ruhigem Erden-Schoß anvertrauet wurde. Die Freude der Sicherheit / welche gemeiniglich des überstandenen Unglücks Vergesserin zu [1] seyn pfleget / ließ nicht zu / daß er andere Gedancken fassen konte / als die Schöne und Lieblichkeit gedachten Orts; und wie glücklich er ans Ufer angelendet / zu behertzigen. Es war die Gegend an ihr selbst ergötzlich / als welche auf einmal einen Schutz und Erlustigung gewähren kunte / wegen des / an einer Seiten / durch die Wunder-würckende Natur künstlich erhobenen anmuthigen Berges / welchen der silber-gläntzende Strom / der /durch sein rauschendes Brausen / eine nicht unangenehme Lust erregte / von dem / auf der andern Seiten entlegenen / weit-ebenen Felde entscheidete / in welches / nicht ohne sonderbare Befriedigung / gedachter Polyphilus seine Straalen gehen ließ / und die milde Begnädigung des reichen Himmels stillschweigend bey sich verwunderte. Selbst Flora / gedachte er / muß ihre besondere Meisterstück an diese Matten / deren Reichthum und Lieblichkeit täglich zu vermehren /gewandt haben. Es müssen / sagte er / selbsten die Najaden / in diesen Lieb-rauschenden Strömen / nicht ohne sondere Begierde / ihre stündlich-gewohnte Bade-Lust verüben. Ja / fieng er an / wann ich meinen Augen etwas gewieses trauen darff / halt ich davor /daß der Lieb-durstige Pan / an keinem Ort weniger /als in diesen Lust-tragenden Feldern / seiner Hirten-Freude vergessen: Auch die Busch-liebende Diana wird ihre Wild-treibende Jagt-Begierde / in diesen Baumreichen Wäldern / ohne einige Verlust ihrer Arbeit / und mit völliger Begnügung endigen. Zu dem kam die in der Lufft hell-zwitzrende kleine Vogel-Meng / die auch dem Gehör keine geringe Freudigkeit verursachete: und so viel das Verlangen der übrigen Sinnen und Begierde seyn mochte / konten die mancherley [2] Arten der bund-gefärbten Blumen / und andere Früchte der Erden / diesen Polyphilum in so gehäuffter Meng vergnügen / daß er mit allen Zufriedenheiten / müde zwar von der gefährlichen Reyse / sich in das grüne Thal niederlegte / umb ein wenig seine matte Glieder / mit einer anmuthigen unverhinderten Ruh / welche ihm dieser Ort sattsam gewähren konte /zu erfrischen.

Kaum hatte er sich / wie gedacht / solcher Morpheischen Beherrschung ergeben / daß nicht alsobald der sonst Lügen-liebende Mahler der Nacht / durch seine Lust-schattigte Abbildung anderer gleichfalls erwünschter und annehmlicher Dinge / sein Gemüth /nunmehr von Betrachtung der Gegend befreyet / anderwerts / und auf solche Erwartung richtete / die viel schwerer in Gedancken zu ertragen / als im Werck zu erlangen war. Er führete ihn an den Ufer des Wassers gleiches Weges hinauf / zeigete dessen Bewandschafft / und wunderbaren Fall / der / weil er mehr zu steigen scheinte / allen und jeden / sonderlich aber vor dißmal diesem Fremden-Schäfer / sich über die Kunst der Natur / und göttlichen Allmacht höchlich zu verwundern / Ursach und Gelegenheit genug zur Hand gab. Wie dann auch Polyphilus dem allem / wiewol schlaffend / mit grosser Ergötzlichkeit lang zusahe /und die Herrlichkeit der Geschöpff und Ordnung des Himmels / mit tieffstem Nachsinnen bey sich überlegte. Da er aber voll solcher angenehmen Gedancken /das Liecht seiner weit-strahlenden Augen etwas schärffer / (so traumete ihm) entzündete: Ward er /wieder alles verhoffen / etzlicher hocherhabenen Gebäu / gegen dem Strom stehend / gewahr; kondte doch / weil / wie ihm dauchte / die schimrende [3] Strahlen der Sonnen / durch den Gegenschein des herunter-steigenden hell-gläntzenden Wassers / seine Augen in etwas blendeten / nicht allerdings vernehmen / was ihm zu Gesichte kommen wäre. Deßwegen er dann verursachet / seinem Verlangen die Pflicht-Schulden zu leisten / sich immer näher und näher / durch das Ufer dem Ort zu machte / biß er endlich völlig verstehen konte / was ihm zuvor die Schwäche seines Gesichts versaget. Es war eine zwar kleine / doch sehr anmuthige und wohlgelegene Insul / dermassen gebauet / daß / wann Polyphilus die Bau-Kunst nicht wol verstanden / er fürwahr vor Verwunderung und Nachsinnen erwachen müssen. Das alles aber / und ein jedes dessen / was ihn / wegen dieses köstlichen und künstlichen Gebäues / in die Verwunderung setzete / war Ursach / daß ihn sein Verlangen / diß edle Meisterstuck und Haupt-Werck aller Kunst / eigentlicher zu besehen / aufs näheste zu der Insul hinführete. Und in dem erwachte Er.

Wie es nun mehrentheils geschicht / daß die nichtige Traum-Freude / ihr Bildnüß / auf einen zerbrechlichen Grund setze: Also hatte auch Polyphilus den gäntzlichen Betrug für seinem Gesicht / da er selbige mit wachenden Augen besehen wolte / deswegen er dann voller Betrübnüs / über den Verlust / seines gehabten Gesichts / nicht gnug klagen könte: Seine genossene Traum-Freude aber / auch in der höchsten Betrübnüs / nicht gnug verwundern. Darumb sagte er unverhindert / er müsse bekennen / daß / ob schon das grosse Liecht der Sonnen / den / in der Lufft hangenden / künstlichen Erden-Bau / schon über die 23. mal mit ihren Gold-gläntzenden Stralen [4] bemahlet / seynd er / durch seine Eltern / in das Register der Natur eingenahmet worden / ihn doch niemaln solche sattsame Zeit-Kürtzung oder Lust-Vollbringung / als dazumal /wie er auch nur von einen schattichten und nichts-würckenden Traum geführet wurde / erhoben. Sonderlich / weil er in der festen Einbildung verharrete / es beherrsche das Bild der stillen Ruh / die eingeschlaffenen Sinne nicht allemal mit blosser Phantasey: sondern es werde offtermals dem Menschen / theils die Warheit; theils / seiner gefasten Einbildung und Verlangen nach / in einem / so zu reden / schartichtem Mahlwerck / ein solches Bild / durch das Kind der Nacht abgedrucket und verbracht / als er ihm zu sehen oder auch zu haben gewünschet Diese und dergleichen viel-freudige Gedancken vermochten bey dem Schäfer Polyphilo so viel / daß er / ungeacht seiner grossen Müdigkeit / noch beförchtenden vergeblichen Beginnens / sich also bald entschloß / seinem Traum-Bilde vor diesesmal völligem Warheits-Glauben beyzumessen / und demselben mit wachsamer Behendigkeit nachzustellen / was er durch die schlumrende Müdigkeit nicht erlangen können: Weil ihm sonderlich / weiß nicht / soll ich sagen / die unruhige Einbildung / so offtermals viel zu versprechen pflegt; Oder das so-wollende blinde Glück / so doch eben auch wenig beständig zu halten / gewohnet; eine grosse Hoffnung gemacht / herrliche und wunder-würckende Ding zu erfahren. Darum ihn / weder die Lieblichkeit des Orts / noch die Müdigkeit der Glieder von seinem Vornehmen zu ruck halten kondte / als welche billich folgen musten / wohin sie die Lehr-begierige Vernunfft-Herrschafft führete.

[5] Wie es nun nicht selten zu geschehen pflegt / daß /dem alten Sprichwort nach / der wagende Gewinn /zuvor / wann die blindgeneigte Gunst des unverhofften Glücks unser Vornehmen etwas reicher beseeliget: So traff es auch in diesem Stück allermassen dem Schäfer Polyphilo ein / daß / was ihm der Traum-Schatten angedeutet / er nicht ohne völlige Vergnügung wachend erhalten und gewonnen.

2. Absatz
Anderer Absatz

Beschreibet die Zusammenkunfft Polyphili undPhilomati: Lehret / wie uns offt / wieder unser Verhoffen / der gütige Himmel zu guten Freunden verhelffe / deren Beförderung wir uns bedienen können: Durch welche auch Gott / als die Ihm gefällige Mittels-Personen / mit uns handele.


Wer war froher / als eben Polyphilus? Ich meyne /sein vergnügtes Hertz hätte nicht unrecht ein Himmelreich voll Wonne können benahmet werden / so gar hatte die unerschöpffte Lust dasselbe eingenommen /alsbald er der erhabenen Kunstrühmlichen Insul ansichtig worden. Wie aber die Begierde Menschlichen Hertzens nimmer satt wird / sondern immer fort /mehr und mehr verlanget / also konte auch Polyphilus in dieser Zufriedenheit nicht ruhen / sondern nahm ihm vor / selbsten in die Insul zu kommen / umb desto besser sich darinnen zu besehen / und vielleicht etwas neues zu erlernen. Was ge [6] schicht? Es muste auch das wahr werden / was die alten Heyden geglaubet / daß denen / die den Himmel zu ersteigen gesinnet / selbst Jupiter die Leiter bauen und ansetzen müsse: So gar muste sich alles schicken / was dem Polyphilo in seinem Vornehmen behülfflich seyn kondte. Denn / als er kaum ein wenig am Strand hinauf gangen / so / daß er Gelegenheit suchte / wie er über das Wasser gelangete / siehe! da begegnet ihm ohngefähr einer von den Inwohnern derselben Insul /welcher auch diesen Ort besuchet / seinen ermüdeten und betrübten Gedancken / durch die Lieb-kosende Wald- und Felder-Freude / einige Artzney und Ergötzung beyzubringen.

Polyphilus / der sich alsbald der Hoffnung freuete /er werde von diesem / in allem völligen Bericht erhalten / und nunmehr vernehmen / welcher Theil der Erden ihn aufgenommen / und welches Land seine Sicherheit beschantzet / legte so balden allen Scham auf die Seiten / fassete ein Hertz / und näherte mit höfflicher Freundlichkeit auf ihn zu / umb allergünstige Verzeihung bittende / daß er aus Unwissenheit dieser Ort-Bewandtschafft gezwungen / sich unterwinden dörffe / dessen Namens-Erkandtnüs / und was sonsten denckwürdiges allhier zu behalten / durch ein kurtzes Gespräch zu erforschen.

Philomathus (so bekandte der Antworter seinen Nahmen) nachdem er mit gleich-gebührender Reverentz sein Anbringen aufgenommen / war gar leicht zu erbitten / und hätte ihm nichts bequemers eben anjetzo zu handen kommen können / alldieweiln er ohne das / seine sorgfältige Betrübnüs in etwas zu erfrischen / sich dem Felde / und dessen immerblühenden Ergötzlichkeit ergeben / da sichs dann nicht übel[7] schickete / von dergleichen beliebenden Sachen / nach Gelegenheit der Zeit / zu reden. Wurden also diese beyde / durch beyderseits gefasste Hoffnung / man würde von neuen Dingen hören / bald einig / sich in das grüne Blumen-Thal / welches gerad gegen der Insul über / durch den offt-erwöhnten leiß-rauschenden Fluß / getheilet ward / nieder zu setzen / und ihre Ergötzung / auf begehrte Art zu suchen.

Polyphilus / durch sein unruhiges Verlangen gezwungen / vermochte sich nicht länger zu gedulten /sondern fieng ohne Verzug zum Philomato an / seine biß daher gefährlich-geführte Reiß allen Umbständen nach zu erzehlen / und wie er / wider Wunsch und Hoffen / vor wenig Stunden allhier angelander / auch durch die beschönte Gegend überwunden / an diesem Ufer ausgestiegen: Verlange also nicht mehr / als nur den Nahmen dieses Landes / Wassers / und der vor ihm liegenden Insul zu erlernen / damit er / nach dem / verstehen könne / an welchem Ort der Welt er lebe / und wie fern er von den Seinen entschieden.

Philomathus / ein bescheidener und höfflicher Mann / kont ihm nicht verüblen / daß er seiner begierigen Jugend den Zaum zu weit nachgelassen / und sich ihm vorzureden keinen Scheu getragen / bevor da diese Begierde / so viel er vernommen / einen löblichen und Tugend-erbaulichen Zweck vor sich hatte /welchen zu erreichen / Philomathus / Krafft seiner Geschicklichkeit / und guten Vermögens / Ihm / Polyphilo / wol behülfflich seyn köndte: Derowegen fieng er folgender Gestalt an zu ihm zu reden:

Tugend-begieriger Polyphile! Aus euren bißher geführten Worten hab ich sattsam vernommen / was massen ihr euren Schäfer-stock verlassen / und / [8] umb Kunst und Tugend zu erwerben / euch denen gefährlichen Schiffarten anvertrauet / die euch / eurer gefassten Hoffnung nach / in fremde Land bringen / und unerfahrne Ding lehren köndten. So hab ich auch mit nicht geringem Schrecken die Ungestümm des Meers /so euer Leben bey einem bald-reissendem Härlein furchtsam genug herum gezogen / aus eurer Erzehlung verstanden / habe deßwegen ein schmertzgebührliches Mitleyden: Doch soll das euer Trost seyn / daß eines theils durch solche ausgestandene Lebens-Gefahr /eben ein grosser Theil eures Vornehmens vollbracht worden / wie ihr dann wol wisset / daß Kunst und Tugend nicht im Schlaf erworben / noch weniger der Himmel durch Geigen- und Seiten-Spiel gestürmet werde.

Nun bekenne ich ohne verhelen / daß / wie ich selbsten / in meiner damals noch blühenden Jugend /mir dergleichen Ziel gestecket / und / so viel Menschliches Vermögen zu läst / alles mein Sinnen und Beginnen dahin gerichtet; Auch durch des allwaltenden Himmels-Hülff endlich dahin kommen bin / daß ich /durch Müh und Fleiß / den beperleten Helicon erstiegen / und daselbsten von der gantzen Pindus-Schaar /mit der Tausendfaltigkeit ihrer himmlischen Wissenschafft / bin umzieret worden: Also auch allen denen /die mit gleichmächtiger Begierde entzündet / ihren Namen dem Diamantischen Register einverleiben wollen / zu allen Müglichkeiten / mit Rath und That /verpflichtet bin / auf daß sie / wie sie wünschen und begehren / sonder Abschlag / die felsichte Spitzen /der unergründlichen Weißheit / zu ersteigen / Macht und Gelegenheit haben.

Polyphilus / der diese verguldete Reden / mit [9] sonderbahrer Hertzens-Erfreuung anhörete / belustigte sich allbereit nicht wenig mit dem / was ihm auch die Hoffnung nur versprach / die er / ohne Mißtrauen /aus dem ungeforderten selbst-willigem Bekäntnüs Philomathi / und dessen ohne Verdienst anerbottenen Beförderung / gar leicht schliessen kondte. Derowegen er nicht säumete / sein Vatterland / Eltern / Verwandten / auch sich selbsten / und was er suche / dem Philomatho / als einem seinen mächtigsten Lehrer und Beförderer / zu eröffnen / mit angehengter Bitte /ihme die Beschaffenheit dieses Orts / und dessen Benennung zu ertheilen.

Dieses alles gefiel dem Philomatho so wohl / daß er nicht nur seiner Bitte ein völliges Genügen that /sondern auch mit Mund und Händen ihme treu-meynend versprach / alle Heimlichkeiten derselben Insul /(welches traun gegen einem Frembden ein Grosses Versprechen war) eigentlich und deutlich vorzulegen /so gar / daß / wann es seine Gelegenheit gestatten würde / sich eine weile in diesen Feldern aufzuhalten /sein Leben nicht ohne vergnügliche Freude / auch sein Verlangen voller beliebiger Erfüllung seyn und werden solte. Darum fieng er folgender Gestalt an:

Erkandter Polyphile! Euer Vatterland Brunfile /daß ihr mir allbereit genennet / ist vor dem eine Ernehrerin meiner Kunst-dürfftigen Musen / und meines jungen / etwas frey-begierigen Lebens / eine Nutzbringende Lehrerin gewesen: Deme diese gegenwärtige Insul / mit allen deren beseeligten Innwohnern so viel zu dancken hat / als sie täglich von mir Gutes und Gedeyliches überkommen. Finde mich dahero / ohne einige Widerrede / über mein Vermögen [10] verpflichtet /und solches um desto mehr / weil mir gleichsam /durch ein stilles Gethöne / das hochgelobte und mir hertzlich-ja schuldig-gelobte Brunsile / durch die Ohren / ihre mir tausend-fältig-erwiesene Dienste zuschreyet / und dieselben an euch / als der in diesen Jahren auf gleicher Glücks-Kugel bestehet / zu ersetzen anmahnet. Wisset demnach / treugeliebter Polyphile! daß ihr / meines Erachtens / zu eurem grossen Glück / das viel-grosse Unglück ertragen müssen /sintemal ihr / durch des Meers Ungestümm / in ein solch Land geführet worden / daß ihr selbst erkennen werdet / die Gütigkeit des unsterblichen Himmels habe euch also heissen führen. Dieser Fluß / dem ihr sonderlich für seine Fahrt zu dancken habt / ist der in aller Welt bekandte Peneus-Strand / an sich zwar gering / doch wegen des Einflusses vier schöner Bächlein / grosser Schiffarten fähig genug / wegen dieses beschönten Lust-thales aber / daß er theilet und doppelt / viel grösser / als daß sein belobter Ruhm solte können von sterblichen Zungen ausgesprochen / oder nach Würden beschrieben werden. Der Ort / welcher euch die Sicherheit gönnet / ist das von männiglich viel-gerühmte Thal Tempe; Diese Berge aber / Ossa und Olympus / an der Höhe / allen anderen / so viel Thessalien Berge in sich hält / weit vorzuziehen.

So bin ich / fragte der Schäfer / in Thessalien / und in dem beschreyeten Thal Tempe? So ists / versetzte Philomathus / und da es euch nicht miß-fällig / mir zu folgen / will ich euch diese Lust-bare Gegend / so lang uns die Sonne ihr Liecht gönnen wird / durchführen / und was darinnen sonderlich zu bemercken / erklären. Polyphilus entdeckte sein Verlangen[11] / durch den Danck / und folgte den Schritten Philomathi / biß sie dem Ort nahe kamen / allwo der Bach Eurotas / in besagten Fluß Peneus sich ergiesset / dabey Philomathus erinnerte / wie diß sonder-wunderlich zu bemercken / daß / ob dieser Eurotas völlig in den Peneus-Fluß falle / er dennoch sein Wasser / mit jenem nicht vermenge / so / daß man beyde / an dem Unterscheid der Farben / voneinander kenne. Und / fuhr er weiter fort / ist noch mehr zu verwundern / daß der Fluß Peneus / nach dem er / ohne der Wasser Vermischung /mit dem Bach Eurotas / eine Zeitlang geronnen /gleich als ob es ihm verdrösse, denselben seitwarts stosst / und sich / im Ausfluß / wieder von ihm unvermischt theilet / etc.

Unter währender Rede gieng Philomathus mit dem Schäfer / langst dem Fluß hinab / da dann zu beyden Seiten / an dem Ufer / kleine Myrthen-Gehäge und Lorbeer-Häyne zu sehen waren / so denen beyden /wie anderen vorbeygehenden / mannigfaltigen kühlen Schatten ertheilten. Sonderlich aber / beschönte diesen vor-annehmlichen Ort / daß unter selbigen unterschiedlichen Schatten / unterschiedliche kleine Bächlein ronnen / derer Wässer nicht allein anmuthig zu trincken / sondern auch förderlichst der Gesundheit dienlich zu seyn / von Philomatho bekandt / dem Schäfer Polyphilo aber versucht wurden. Von hinnen verführte sie die Lust zu etzlichen so scheinenden grünen Zelten / und erinnerte Philomathus vor anderen / die vielerley Eyländlein wol zu beobachten / die beydes dem Fluß / und dem Tempe-Thal eine herrliche Verschönerung beybrachten. Die Bäume / so man da sahe / waren von der Wurtzel an / biß an die Gipffel mit Epheu [12] umzogen / so / daß man nichts dann lauter Grün sahe. Auch stund daselbst ein herrlich-schönes Graß / daß gleichfals sich an den Bäumen hinauf zog / übergebogen wieder zu rück fiel / und den gantzen Boden bedeckte: Diß berichtete Philomathus / daß es von den Innwohnern Smilar genennet würde. Je ferner aber Philomathus seinen Fuß setzte /und je weiter der Schäfer Polyphilus folgte / je angenehmer dunckte ihm die Lufft werden / als welche einen lieblichen Geruch / gleichsam eingenebelt / behielt. Der Schäfer daher veranlasset / fragte Philomathum / woher diese Lieblichkeit rühre? Welcher auf ein Wäldlein / dahin sie Schritt vor Schritt gangen /deutend / zur Antwort setzte / daß die umliegende Völcker glauben / dieses Wäldlein sey den Göttern sonder-lieb / und dannenher solches / darinnen zu opffern / vor andern erkiesen / in dem betrüglichen Wahn verharrend / ihre Gelübde werden daselbst gnädiger /als anderwarts / erhöret. Daher / sprach er ferner / die Durchräisende diese Lufft stets wolriechend antreffen werden / weil dieselbe nicht bald ohn einem guten Opffer-Rauchwerck wird zu spüren seyn. Es helffen aber auch dazu die mannigfaltige wolriechende Blumen / deren Purpur diesen wunder-lieblichen Ort / wie ihr selbsten sehet / so reichlich bekleidet / daß ich zweiffele / soll ich dem Opffer / oder ihnen / vor den schönen Geruch Danck bringen.

Das lassen wir die verfechten / sprach Polyphilus /die den Unterscheid des Geruchs lieben / von meinem wenigen Urtheil / soll das Opffer / mit den Blumen /gleichen Preiß erwarten. Wol dem; antwortet Philomathus / so will auch ich keinem einen Vorzug gunnen: Diß Wäldlein aber wird die [13] Unsterblichkeit seines Namens / ja / die Vortrefflichkeit seiner Bewohnung / mehr den Opffern / als Blumen / beyzulegen haben. Dann / wie die Thessalier berichten / ist der Delphische Apollo / nach dem er den Drachen Python erschossen / in diß Thal kommen / sich / auf des grossen Jupiters Befehl / allda zu reinigen: Ist auch von den Lorbeern / welche allhier in grosser Menge stehen / gekrönet worden. Und dafern ihr gäntzlicher Bericht glaubens würdig / hat er / so bald er bekräntzet worden / von eben selbigem Lorbeer-Baume einen Ast genommen / ist mit demselben gen Delphis gezogen / allwo er sich in Besitzung der allenthalben so berühmten Götter-Antwort gesetzet. Zum Beweiß dessen / wird in nechster Insul / denen Ausländern /ein Weyhtisch vorgezeiget / darauf sie bestätigen /daß Apollo sey gekrönet worden / und von dannen den besagten Ast genommen. Ob aber dessen Warheit zweiffelhafft / erwirbet dennoch die alljährige Ankunfft / der jungen Mannschafft von Delphis / in diesen Peneus-Grund / nicht geringen Glauben / in dem sie zu gewisser Zeit / durch einen Hauptmann geführet / hieher gleichsam Wallfahrten / und zu des Apollo Gedächtnus / in diesem Lust-Wald / ein Opffer bringen / auch mit Lorbeer bekrönet / heimkehren / da sie unter Weges viel schöne anmuthige / und dem Apollo zu Ehren verfertigte Lieder singen und erklingen lassen: Daher komts auch / daß alle die / so dieses Thal durchwandern / mit sonderbarer Ehrerbietung / als durch einen dem Apollo gewidmeten Ort / einher gehen / auch keiner einigen Widerstand oder Unglücks-Betreffung darinnen ersiehet.

Diese / des Philomathi Erzehlung verleitete den [14] begierigen Schäfer / daß er das gantze Wäldlein durchsahe / dessen Ende ihm die Insul Soletten völliger zu Gesicht brachte / daher er / des vergangenen vergessend / seine Gedancken / in derselben Beschauung /arbeiten ließ. Alsbald Philomathus diß merckte / fieng er mit folgenden Worten an: Diese zugegen liegende Insul betreffend / welche nicht unbillich / wegen ihrer erscheinenden Lieblichkeit und künstlichen Erbauung dem Thetis-Schloß zu vergleichen / ist die / durch eben diesen Fluß berühmte Solette / und sind deren Innwohner / unter welche Zahl auch ich mich rechne /mehrentheils der Einsamkeit ergeben / so gar / daß sie auch ihre gantze Lebens-Länge / nicht mit Gesellschafft / sondern in einzeler Ruhe zu kürtzen gedencken. Und dörfft ihr euch / geliebter Polyphile! dessen keines weges wundern / weilen auch selbsten die Art dieses Landes / und die aufsteigende Feuchtigkeiten /solche Lufft würcken / die den Menschen / ob er von Natur etwas frisch und Gesellschafft-liebend wäre /dennoch mit solcher Veränderung regieren können /daß er wider sich selbsten zu leben / mit nicht geringer Belustigung / erwehlet.

Polyphilus / voller Wunder / kondte dem sinnlichen Gespräch Philomathi nicht länger mit stillschweigen zuhören / vielweniger umhin / daß er nicht fragen solte / was Art Volcks dann allhier wohnete? Darauf Philomathus antwortete: Wundert euch nicht / Polyphile! Dann eben dem haben wir zu dancken / daß die vornehmste und durch alle Welt berühmte Künstler dieses Orts ernehret und vermehret werden. So werden auch / fragte Polyphilus / an diesem Ort viel vortreffliche Pindus-Ritter anzutreffen seyn / die täglich denen zwar Schweiß-verachteten[15] / doch dabey Himmel-würdigen Musen / ihre gebührende Schuld ablegen? Nein / sagte Philomathus / diese Insul hat nicht mehr / dessen sich die betrübte Pierinnen freuen köndten / als einig das über die Natur steigende Tugend-völlige Muster / aller Weiblichen / und mehr als weiblichen / Vollkommenheiten / die ich zweiffele /ob sie von den Unsterblichen denen Sterblichen zur Beherrscherin / und selbst vom Himmel der Erden zur Tugend-Sonne erkohren / oder sonst mit mehr Menschlichen Gaben am Verstand / Tugend und Schöne sey versehen worden. Zwar / sagte Philomathus ferner / hat diese unsere Insul keinen Mangel an deren Pindischen Gesellschafft / weilen / meines Erachtens / selbst die Princessin des Helicons / mit samt ihren Dienerinnen bey uns wohnet / deren vortrefflicher Name / durch ihre Himmel-würdige Wissenschafft / in kurtzer Zeit / von uns selbst / in den Diamant der Unsterblichkeit wird gepräget werden

Polyphilus / dem dieses von einer Weibs-Person zu hören / unglaublich vorkam / fragte nicht ohne Ursach / was es dann für eine Beschaffenheit mit derselben hätte / und ob sie / an statt einer Göttin / von ihnen geehret werde? Philomatus antwortete: Wir sind allemahl / und von Natur zu wider dem Höllverdammlichen Laster der Abgötterey / doch / so fern sich in einem sterblichen Leib Göttliche Gaben befinden / wegen deren billich alles aus der Menschen-Zahl / in die Himmel-Zinnen erhöhet wird: Werden auch wir keinen Abscheu tragen / die jenige eine Göttin zu grüssen / die wir erkennen / daß mehr himmlisch als irrdisches an ihr hervor leuchte.

[16] Kaum waren diese wenig Wort gesprochen / daß nicht allbereit / die Begierde diese Göttin zu sehen /durch ein brünstiges Verlangen / in dem Hertzen Polyphili / entzündet war / darum sprach er / und fragte ferner: Ob man sich nicht unterstehen dörffte / derselben die Glückseeligkeit abzubitten / daß er mit ihren Strahlen beschönet / und erleuchtender Gegenwart beglücket würde? Das braucht grosse Mühe / antwortete Philomathus / und sonderlich-geneigte Zeit-Gelegenheit / die ihr vor dißmal weniger überkommen / als wol hoffen möget. Dann / fuhr er fort / das meiste /dem sich diese unsre Erden-Göttin ergeben / ist / wie vorgemeldt / die beliebte Einsamkeit / deren angenehme Ketten / sie / mit uns / dermassen gebunden hat /daß / ehe sie ihr selber vergessen / als selbige ändern wird. Darum dißfalls alle Hoffnung mit vergeblicher Erwartung wird bezahlet werden.

Hat einmal die Freud-verzehrende Betrübnüs / das Hertz Polyphili getroffen / so ists / in Warheit / durch diese Wort geschehen. Kan ich dann nicht / sprach er / in dieser frohen Blüth meines Gunst-geneigten Glücks auch diese Blumen brechen / so muß ich freylich erfahren / daß kein Glückes-Stand bey denen Sterblichen zu finden / der nicht aufs wenigste mit einem betrübenden Unfall beflecket sey. Doch drehet sich die Kugel des Glücks nicht anders / weiln / wann selbige ihre Gnaden-Stralen gar zu hoch werffen /oder zu bell wolte scheinen lassen / möchte das Glaß /ehe wirs verhoffen / und wieder unser Versehen / zerbrechen.

Darum will auch ich selbiges mir nicht besser wünschen / oder gnädiger begehren / als es Menschlichem Geschlecht / von dem mild-gütigem Himmel [17] gegönnet ist / damit ich nicht dafür angesehen werde / als wolt ich mehr / dann Menschliche Vermögenheit / fordern.

3. Absatz
Dritter Absatz

Beschreibet die Zeit-Kürtzung und das Gespräch der beyden / welches ist von der Ruhe der Einsamkeit:Lehret / neben der / wie wir / aus vortrefflicher Leute Reden / unser Weißheit schöpffen müssen.


Mit diesen Worten muste sich der betrübte Polyphilus vor dieses mal trösten. Gleichwol aber / damit er solche gefasste Traurigkeit in etwas wenden möchte /fieng er zum Philomato ferner an / von der Einsamkeit zu reden / und ihn zu überweisen / wie er ihm selber so unrecht gethan / in dem er auch sich diesen Ketten gebunden ergeben / die / wie sie männiglich schädlich / also sonderlich ihm nicht zuträglich seyn würden. So sprach aber Polyphilus: Es wundert mich fast sehr / daß das Geschlecht der Menschen einige Einsamkeit zulässet / wie der Schöpffer selbst / dem Geschöpff / alsbald im Anfang / solche nicht gut oder nutzlich zu seyn bekräfftiget. So sehe ich aus den Ursachen / welche sonsten sonderlich diß Gefängnus verlangen / einen solchen Beweiß / der vielmehr wider sich selbsten streiten wird. Der Stiffter solcher Einsamkeit / ist in Warheit nichts anders / als die Betrübnüs. Diese hat freylich die Art / daß sie gern allein ist / damit sie ihren kümmerlichen Gedancken / freyen Paß lassen könne: Aber was folget endlich? Eine Melancholische Verzweifflung[18] / welche das erschrockene Hertz / mit solchen Wellen ersäuffet / daß es nimmer kan errettet werden. Auch hat der verführende Höll-Gott keine listigere Tück / als daß er geängstigten Hertzen die Gesellschafft verhasset / die Einsamkeit aber beliebt mache / damit er ihnen mit seinen feurigen Versuchungs-Pfeiln desto besser könne beykommen: Wann der Schmertz das Hertz drenge / daß es ihm selber nicht helffen könne / auch sonst niemand vorhanden / der es mit Trost erquicke / oder der Angst befreye. Bleibt also das der erste Schluß / daß die Einsamkeit sey ein Fecht-Platz der höllischen Geister / da wir genug wider ihre Macht und List zu kämpffen haben.

Deme setz ich hinzu / daß sie gerad wider die Ordnung der Unsterblichen lauffe / welche die Gesellschafft der Menschen gestifftet / damit einer dem andern dienen und behülfflich seyn könne. Ja: sie laufft schnur-gerad wider die Natur selber / welche mehr nach Gesellschafft und Lust: als Leid und Einsamkeit strebet. Daher die Weltweisen den Menschen ein solches Thier nennen / das sich gern zu dem andern geselle. Und das diß alles übertrifft / habt ihr euch einer solchen Tugend ergeben / die wider alle Tugend streitet / und die schuldige Lieb des Nächsten ausleschet. Wie könnt ihr lieben / dem ihr nicht dienet? Wie könnt ihr dienen / von dem ihr ferne seyt? Sehet an die Wittwen und Wäisen / so lang sie einsam sind /wer ist / der ihnen aufhilfft? Und bleibt ihr in der Einsamkeit / wer besuchet Wittwen und Wäisen? Welches doch der nöthigste und schuldigste Dienst ist. Wolt ihr mehr hören? saget mir die Ursach: Warum euch der Himmel / vor [19] andern Thieren eine redende Zung gegeben? Saget mir / warum euch die Natur /gleich andern Menschen / Affecten und Bewegnussen gegeben? Sollt dann GOtt und die Natur etwas vergebens thun: Ist nicht glaublich. Sehet an die Thiere in den Wäldern / die sich lieben: Sehet an die Vögel unter dem Himmel / da sie in grosser Meng fliegen: Sehet an die Fisch in den Wassern / da sie bey paaren gehen: Hat die Natur diesen unvernünfftigen Thierlein eine solche Begierde eingepflautzet / daß sie die Einsamkeit fliehen: Warum nicht viel mehr den Menschen / welcher das edelste unter allen Geschöpffen ist: Erkennet auch noch zum Uberfluß / was euch die leb-lose Creaturen erinnern: Es rinnen die Wasser zusammen in einen Fluß Die Gewächse der Erden stehen unter einander: Die dicke Wälder rauschen wegen der Gesellschafft der Bäume: Die Lufft hänget dick aneinander: Und an dem Firmament selbsten wincket ein Stern dem andern. Alles / was einen Bestand haben soll / das bemühet sich um einen Gesellen: Hingegen kan nicht bestehen / wer allein stehet. Nehmet ein Exempel an einem Baum / der im Felde vom Wind ausgerissen wird / weil er keinen Schutz hat. Kan auch ein grosses Haus / das aller Drten frey stehet / vor dem Gewalt der Anstösse sicher seyn? Was gibt der Mond vor ein Liecht / wann er ohne der Sonnen ist? Mangel und Noht ist überall. Artig hats David treffen / wann ich aus dem Buch der Offenbahrung etwas anführen darff / welcher sich / da er aus seinem Vatterland in der Einsamkeit herum ziehen muste dem Rohrdommel in der Wüsten verglichen /und einem Käutzlein in den verstohrten Städten. Was ist ein [20] einsamer Mensch anders / als ein Rohr / daß der Unglücks-Wind hin und her wehet: Oder / so er noch etwas mehr ist / ein Anstoß aller deren / die ihn beleidigen / und ihr Spiel mit ihm treiben wollen. Woher mag er sich einiges Schutzes versichern? Er ist allein: Woher mag er einigen Trost nehmen? Er ist allein: Woher mag er auf eine Errettung hoffen? Er ist allein:


Wer Einsamkeit erwählet /
Mit keinem sich vermählet /
Wird überall gequälet.

Gar zu kräfftig wolte Polyphilus seine Sache behaupten / deßwegen ihm zwar Philomathus eine Zeitlang /aber mit grossem Widerwillen zuhörete: Und weil er fürchtete / Polyphilus möchte seiner Gedult mißbrauchen / konte er ihm nicht mehr Freyheit / die Einsamkeit zu verringern / gestatten / sondern fiel ihm / mit diesen Worten / in die Rede:

Verzeihet mir / Polyphile! daß ich eure Red abreissen / und eurer freygelassenen Zungen einen Zaum anlegen muß. Wie dörfft ihr die Frucht-bringende Einsamkeit in meiner Gegenwart so vergeblich / und wider ihre Verdienst schänden? Was für nichtige und untüchtige Gründe führet ihr an / welche in Ewigkeit das nicht erweisen werden / was ihr zu behaupten gedencket. Werde ich euch nicht in allem sattsam widerleget / und alle euren Beweiß kräfftig umgestossen haben / wann ich allem dem / was ihr nach der Länge erzehlet / einig die Laster-führende Boßheit / der jetzt verderbten Welt entgegen setzen werde? Saget mir /trägt die Welt etwas anders bey ihren Rosen / dann Disteln: Ist was mehr an ihren Bäumen / als Rinden: Was beschleust [21] sie sonst in ihren Fässern / als Hefen: Was samlet sie in ihre Scheuren mehr / dann Stroh: Was behält sie in ihren Schätzen / denn Schaum: Gleichwol / sagte Polyphilus / findet man auch Rosen unter den Dornen: Safft und Kraffe innerhalb der Rinden: klares Getränck in den Gefäsen: Korn und Wäitzen auf der Tenne: Gold und Silber in den Schätzen; Und wäre gar unleidentlich geschlossen / weil in dieser Welt viel Anläß und Gelegenheit sind zu denen Lastern / so sey ein jeglicher verderbt. Folget dann das: Wann ein anderer lüget / darff ich auch lügen: Wann ein anderer spielet / darff ich auch spielen: Wann ein anderer ein Unflat ist / soll ich auch ein Unfläter seyn? Nein / Philomathe! man findet noch einen Kern in den Nüssen: Das Marck in Beinen: Die Glut unter der Aschen: eine Traube unter den Schleen: Eine Perlen unter den Kieselsteinen: Ja / unter dem Schaum das Gold. Und halt ich vor gewiß / daß die Unsterbliche noch aller Orten ihr Heyligthum erhalten. Uberall sind Fromme unter den Bösen / Böse unter den Frommen.

Ist wol etwas geredt / versetzte Philomathus / aber wie erkennet man die Frommen unter den Bösen / wie entscheidet man diese von jenen? Schlaget selber in euch / Polyphile! und besinnet den Wandel der Welt; Wie viel sind / die unter der Tugend-Decke unsere Augen mit schändlichen Lastern blenden? Wie viel finden sich / die / mit dem Mantel der Ehren bedeckt /ihren Schalck bergen? Wie viel preisen ihre Frömmigkeit nicht nur mit Worten / sondern auch so gar durch die Werck / und halten die Boßheit heimlich in ihrem Hertzen? Wer vermag den Grund [22] zu erkennen /wann die Farben allbereit geführet sind? Wer kan wissen / wohin sich eine Schlang verkrochen / wann sie im Graß verborgen ligt? Meines Erachtens / wird Menschliche Müglichkeit / in diesem Fall / ihre Schwachheit erkennen. Sehet nun Polyphile / wie weit ihr fehlet / auch nur in diesem. Soltet ihr aber eben das auf das Band der Gesellschafft ziehen / würdet ihr die Grösse eures Fehlers weit besser erkennen. Eine unter den grössesten Glückseeligkeiten dieser Welt /haltet ihr ja das zu seyn / wann ihr gute vertraute Freunde habt / mit denen ihr euch erlustiget / und keine Feinde / vor denen ihr euch fürchtet. Freundschafft ist die Gebärerin der Gesellschafft: Freundschafft ist die Zerstörerin der Einsamkeit. Soll ich nun meinen Vorsatz enden / und mich in Gesellschafft geben / so zeiget mir einen getreuen Freund / darauf ich mich verlassen / und so sicher / als in meiner erwehlten Einsamkeit leben könne. Aber wo ist der? vielleicht nie gebohren / oder überall verlohren. Ich förchte gar sehr / es dörffte mich jene Frag und Antwort betreffen:


Was suchst du Freunde / die es treulich mit dir meynen?
Such unter Tausenden / und zeige mir denn einen.

Viel sind deren zwar / die vorwerts lachen: Viel / die freundlich mit uns reden: viel / die uns tieffe Reverentz erweisen: viel / die miteinander essen / trincken / gehen / stehen / reiten / fahren / sitzen / liegen: Viel bieten einander ihre willige Dienst an: Viel küssen einander Hände und Füsse: Viel suchen einander heim / und klagen in der Noth ihr Leyden; zeugen im Glück ihre Freuden: Welches alles dann einen Schein der waaren Freundschafft führet: Wann wir aber das Hertz besehen / und ihre Werck [23] in der Noht versuchen / finden wir offt und offt / daß viel ein anders die Wort reden / als das Hertz gedencket; viel ein bessers die äusserliche Werck erweisen / als der Will beschlossen. »Dann die vorwärts lächeln / finden wir /daß sie ruckwärts beissen: Die freundlich reden / erfahren wir / daß sie feindlich gesinnet seyn: Die einander tieffe Reverentz erweisen / sehen wir / daß sie vielmehr die Ehre stehlen: Die an einer Tafel essen /und am nächsten beysammen sitzen / erkennen wir /daß ihr Hertz wie fern ist: Die einander ihre willige Dienst anerbieten / müssen wir gestehen / daß sie offtmals lieber einander möchten fressen: Die einander Händ und Füsse küssen / ist zu erweisen / daß sie selbige viel lieber abbeissen möchten; ja! die einander besuchen / erkennen wir offt / daß sie lieber einander begraben / einander verderben / einander ermorden möchten; sich lieber freuen über seiner Noht / als klagen; lieber klagen über sein Glück / als freuen.« Solte mich dieses alles nicht die Einsamkeit vielmehr beliebt: die Gesellschafft aber verhasset machen? Und was soll ich von der Verführung sagen? Es ist wol so / daß Böse unter Frommen; Fromme unter Bösen seyn: Ich gebe zu / daß die Unsterbliche ihr Heyligthum erhalten: Ich gestehe / das nicht folge / wann einer ein Unflat sey / müsse der ander auch dieses Laster erwählen: Aber dennoch darff ich mit Warheit sagen / daß ein Verderbter den gantzen Hauffen anstecke; das Heyligthum durch böse Gesellschafft verwüstet; die Frommen von den Bösen verleitet werden. Und solches desto eher / weil der verführenden Lüste so viel sind / daß ihnen nicht leichtlich Widerstand kan gehalten werden / bevorab [24] wann unsere verderbte Natur / von sich selbst / darzu geneigt ist. Bald muß man / um Ehre zu erhalten / in ein Laster willigen: Bald / um Freundschafft zu erwerben / etwas sündliches begehen: Bald / um Schande zu meyden / etwas wieder Willen billichen. Viel Sachen thut ein Gesellschafft-liebender / die er für sich selbst nicht thäte. Er muß panquetiren / will er nicht für einen Hypocriten gehalten werden: Er muß spielen / will er nicht ein Kärgling seyn: Er muß buhlen / will er nicht für einen Einfalt gescholten werden: Er muß fressen und sauffen / will er nicht für einen Schmal-Hanß angesehen seyn: Er muß die Wollüste nehren und mehren / will er nicht ein Heiligen-Fresser / und für einen solchen ausgeruffen werden / der den Göttern die Füß abbeisse: Er muß mit lachen / will er nicht den Namen eines Sauer-Topffs führen: Er muß auch mit weinen / will er nicht / daß man ihm das Laster der Unbarmhertzigkeit beymesse: Und endlich muß er alles mit halten /was die Gesellschafft beliebet / oder zu halten erwählet. Saget mir nun / Polyphile! ob nicht die von allen denen Lastern befreyete Ruh der Einsamen / um mehr denn tausend Grad / der Tugend-stürmenden Unruh deren Gesellschaffter vorzusetzen / und weit höher zu schätzen sey?

Euren Gründen nach / versetzte Polyphilus / ists freylich so: Aber wann ich der Sach gründlicher nachdencke / finde ich dennoch / daß meine Meynung nicht allerdings verwerfflich. Euer weitläufftiger Beweiß bestehet auf zween Gründen / nemlich / der Boßheit der Menschen / und der verführenden Gesellschafft: Wann aber dieser Schluß richtig ist / wer siehet nicht / Philomathe! daß wir / auf solche [25] Art / diß gantze Welt-Hauß / in weniger / als hundert Jahren /wollen geleeret und ausgestorben haben. Eurem Schluß nach / will ich ebenmässig schliessen / daß auf diesem gantzen Erden-Kräiß / und unter dem gesammten Menschlichen Geschlecht / keine Freundschafft zu halten / keine Gesellschafft zu stifften. Ist aber das? Wo bleibet Liebe / Treue / Aufrichtigkeit /Frommkeit / Gutthat? Ja! wo bleiben alle Tugenden? Wo bleibet Freude / Ehre / Glückseeligkeit? Wo bleibet endlich die Ordnung der Unsterblichen? Alles verrauchet / wie ein Dampff / und wird verzehret / wie ein Nebel. Oder ich will schliessen / daß alle Gesellschafften tadelich / lasterhafft / betrüglich / untreu und voller Untugenden seyn. Ja! daß keine Freundschafft mit dem Band treu-gehertzter Liebe gebunden / noch mit den Fässeln der unverruckten Aufrichtigkeit bestricket. Welches doch / in Warheit / in vieler Ohren zu hart klingen / und manchen treuem Hertzen zu nahe würde geredt seyn. Darum erkennet / Philomate! wie weit ihr fehlet. Und gefällt es euch / will ich mit müglicher Kürtze weisen / wie eure Gründe /die ihr wider mich geführet / euch selber bestreiten und gefangen legen werden. Ihr schliesset dahin / daß man mit Bösen keine Gesellschafft pflegen soll: Ich rathe vielmehr das Wiederspiel. Fragt ihr die Ursach /gebe ich euch zu erkennen / ja! zu beantworten: Ob der allein weise Himmel / welcher eine solche Ordnung gestifftet / daß Gut und Böß beysammen sey /deßwegen das Gute zum Bösen gesellet / daß dieses von jenem verbessert / oder jenes von diesem verführet und vernichtet werde? Wer das Letztere behaupten wolte / würde aus der heiligen Zahl der Unsterblichen / eine verdammte Zahl der Ungerechtigkeit [26] machen: welches / wie es keinem Sterblichen möglich; also auch höchst-schädlich seyn würde. Das Erste aber zu bejahen / heisset uns die Güte des Himmels /und die Gewogenheit der Unsterblichen gegen die Sterbliche selbst. Dann auf dieser Meynung beharre ich fest / daß nicht gnug sey / Tugend lernen; nicht genug / Tugend lieben; nicht genug / Tugend wissen; nicht genug / Tugend besitzen: sondern das einige Tugend-üben besser sey / als alles Besitzen / alles Wissen / alles Lieben / alles Lernen. Wo lässet sich nun die Tugend-Sonne heller blicken / als in der Finsternüs der Laster? Wo mag die Ehren-Blume rühmlicher blühen / als unter den Dornen der Unehr? Ein Tugend-geziertes Gemüt lässet sich nicht verführen zum Bösen: sondern verführet die Bösen zum Guten. Ein Ehren-bereichtes Hertz lässer sich nicht verleiten zur Un-Ehr: sondern leitet die Schande zur Ehr. Ist also euer Schluß / geliebter Philomathe! nicht so kräfftig /als warhafftig das gesagt wird: Wer Tugend liebet /und Ehre verlanget / soll sich der Einsamkeit entziehen / und der Gesellschafft der Menschen ergeben /damit er die Großmütigkeit seines Hertzens erweise /den Lastern zu widerstehen / und die schuldige Gebühr / so ihm sein Vermögen aufleget / in Verbesserung frembder Sitten / ablege. Sehet ihr nun / Philomathe! und verstehet ihr / wohin ich ziele: so werdet ihr auch eben recht verstehen / daß nicht nur die Tugend-begabte ihre Schuldigkeit beobachten / wann sie bemühet sind / sich zu andern zu gesellen: sondern dieselbe auch weitlich übertretten / wann sie sich der Einsamkeit zu ergeben gedencken.

[27] Philomathus wuste nicht wol / wie er dieses beantworten solte; Polyphilus aber / der es ihm am Gesicht ansahe / sagte ferner: Weil ihr dann sehet / Philomathe! daß dieser euer Schluß nichts würcket oder gewinnet / so behertziget ferner meine Gründe / die ich zu erst gesetzet / vielleicht möchtet ihr die Einsamkeit gesegnen / und auf einen andern Sinn gerathen.

Ehe wird die Insul Solette / gab Philomathus zur Antwort / mich nicht mehr ihren Bewohner grüssen; Ehe wird die Tugend-verliebte Göttin das Gefängnüs ihrer Traurigkeit auflösen / als ich den Bund und das Gelübd / welches ich in meinem Hertzen gethan / brechen und entfässeln will. Ihr seyt auch / fuhr er weiter fort / gantz unrecht daran / geliebter Polyphile! in dem ihr / was ich von mir geschlossen / wollet auf die ungezehlte Meng der Sterblichen ziehen. Ist dann ein anderer auch / wie ich / gesinnet? Ich meyne / so mancher Mensch / so mancher Sinn. Mir und euch dienet die Einsamkeit / ja allen Bewohnern dieser Insul /weil sie mit mir und euch / ihr Sinnen in den Schrancken / der Erlernung guter Sitten und Künste / lauffen lassen. Wann darum nichts wäre in allem / das mir ein einsames Leben beliebig machen könte / wäre das genug / weil ich / in solchem Stand / besser und mit unverhindertem Fleiß sinnen / dichten / dencken / und solchen Sachen nachgründen kan / die wegen anderer Unruh und Verhindernus / offtermals menschlichen Gedancken verborgen / und unsern Sinnen zu erreichen unmöglich sind. Wisset ihr nicht / Polyphile! daß die Einsamkeit von den Gelehrtesten und Weisesten jederzeit sey vor eine Lehrerin der Weißheit / vor [28] eine Nehrerin der guten Sitten / ja! endlich gar vor eine Mehrerin aller zugelassenen Erlustigung geschätzt und verehret werden. Was hat Epicurum / Salustium / Lucanum und andere darzu bewogen / daß sie ihnen sonderlich das Garten-Leben gefallen lassen? einig die Einsamkeit / welche ihre Sinnen mit den Gaben der Weißheit zierete. So bin ich leicht zu überreden / daß / wofern der hochgeschätzte Virgilius / die Neapolitanische Felder / Cato sein Sabinum / Cicero sein Tusculanum / Plinius Nepos sein Laurentium / Petrarcha sein verschlossenes Thal / Ficinus sein Berg-Vorwerck / Mirandulanus und Politianus ihr Fesulanam / und Sannazar sein Mergillina nicht gehabt / oder öffters besuchet / wären sie nicht an das Gestirn erhoben / sondern wol in die Vergessenheit vergraben worden.

Als Philomathus so redte / fahe ihn Polyphilus /mit lachenden Geberden / an / und schüttelte den Kopff / anzudeuten / daß diß nicht geantwortet wäre auf seinen Einwurff: Dann / in die Rede zu fallen /verbot ihm seine geziemende Höfligkeit. Weil aber Philomathus noch unter dem Reden solches merckte /fieng er zum Polyphilo an: Was schüttelt ihr den Kopff / Polyphile! Als wann ich unrecht geredt? Die tägliche Erfahrung wird mich bey der Warheit schützen. Je freyer der Muht ist / je fröliger ist er auch in allem / das er sinnet und dichtet. Wo kan aber eine grössere Freyheit gefunden werden / als bey einem einsamen Leben; Ein einsames Leben aber erfordert auch einsame Oerter:


Ein schön begrüntes Thal; die Wald- und Felder-Freude:
Die gleichfals freye Lufft; der wilden Oerter Ruh;
[29]
Und hochgespitzte Berg / die helffen gleich darzu /
Daß unser Sinn sich hebt: und eine bunte Heyde /
Auch der behaarte Pusch / die steuren allem Lende
Und fördern frohe Lust: der Brunnen leiß Gethön
Läst die Gedancken-Post / ohn Zoll und Zinse / gehn /
Wohin sie gehen will: führt sie auf frische Weide:
Gibt Weißheit und Verstand: schafft einen freyen Muth /
Der mehr in einer Stund / als sonst in zehen thut.
Auch wo das schöne Feld trägt Speise / wohl zu leben /
Wo Schatten wirft der Baum / wo weht ein leiser West /
Da dichtet unser Sinn; und wann die Sorge läst
Das Hertze hinter sich / dann kan es sich erheben.

Sehet selbst / Polyphile! auch diesen Ort / und euren eigenen Wandel an / wie gefället euch die Einsamkeit so wol / die ihr doch so hart scheltet. Ich meyne / ihr folget den jenigen / die / wann sie ja in Kriegs-Läufften aufgefordert werden / dem Feinde getrost unter Augen ziehen / und sich ihres Manns nach Vermögen wehren: Nichts desto weniger aber auf den Frieden /als ein Kleinod dessen / und ein Vorbild des künfftigen Lebens / mit sehnlichem Verlangen hoffen. Doch kan und darff ich mich nicht unterstehen / von euren Gedancken und Vorsatz etwas gewisses zu benennen /wofern ich nicht den Namen führen will / daß ich /wie jener von dem Thun des Himmels fragte: also die Hertzens-Erwählung / so menschlichen Augen verborgen ist / kündigen wolte. Was aber meine Person anlanget / gesteh ich gern / daß ich nicht gleich sey jenem Wunder-Fisch / welcher sonst Abides genennet wird. Dieser lebet und nehret sich eine geraume Zeit im Wasser / nach Art der andern gemeinen Fisch: Wann er aber alt wird / steiget er aus dem Wasser /auf das trockne / und machet sich so ferne vom Ufer /daß er solches die Zeit seines Lebens nimmer siehet /nimmer suchet: wohnet auf der Erden / nehret sich[30] von der Erden / und wird einem Erden-Thiere gantz gleich: Daher er dann nicht mehr Abides / sondern Astoitz genannt wird. Gleich so hab ich mich / aus dem trüben Wasser der weltlichen Lust und Unruh /in den sichern Port der Einsamkeit begeben / nach dem ich meine Jahr so hoch geführet: will auch nunmehr bey dieser angenehmen Verharrung bleiben / so lang die Lebens-Göttin meinen Faden nicht reissen wird. Und werdet ihr euch vergebens bemühen / meinen Vorsatz mit euren Widerrath zu bestreiten / massen ich die Zeit meiner Tage mich nie vergnügter oder beseeligter befunden / als weil ich meine Sinnen von der Welt abgerichtet / und allein zu leben erwehlet.

So seyt ihr gewiß / sprach Polyphilus schertzweiß /befreundet mit dem / von welchem ich unlängsten bey Dion im Hadriano gelesen / daß / nach dem er von den Regiments-Ehren entsetzet / in die wilde Felder vertrieben / und allda 7. Jahr lang verharret / nach seinem Tod / ihm dieses Innhalts eine Grab-Schrifft verfertigen lassen:


Hier ligt der Wunder-Mann an diesem Ort begraben /
Der vor so lange Zeit / nur sieben Jahr wolt haben /
Die er mit Glück gelebt: An Jahren war er alt /
Und lebte doch nicht lang: sturb der nicht gar zu bald?

Aber / fuhr Polyphilus weiter fort / wem nutzet ihr in diesem euren Leben; werden auch andere zu euch heraus kommen / und Weißheit holen? Oder seyd ihr allein zu eurem Nutzen gebohren? Was frommet ihr euer Ehre und Nachruhm? Wird selbigen auch die Einöde erheben / oder werden ihn die unbezungte Felder besingen? Vielleicht folget ihr denen einsamen Schwanen / mit welchen (wann die Freyheit der Poeten / nicht etwa ein Gedicht / vor Warheit verkauffet) einsmals die Gesellschafft-liebende Schwalben [31] ein Gefechte angefangen / und ihnen aufgeruckt / daß sie vor den Menschen jederzeit furchtsame Flucht nehmen / und ihrem Schutz sich nicht vertraueten / auch ihre lieb-singende Stimme denen menschlichen Ohren nicht vergönneten: sondern / als die Einsame / fort und fort nur in den Wiesen / Flüssen / Wäldern und Feldern allein lebten / auch gar wenig / und nur vor sich selbst sängen / gleich als schämeten sie sich ihrer röchlenden Stimme: Da hingegen sie in den Städten /Stuben und Kammern / bey den Menschen frey und sicher girren und kirren dörfften / und alles ihr Thun und Verrichtung erzehlen. Welchem Geschwätz die Ruh-begierige Schwanen mit diesen Worten geantwortet: Unsre belobte und beliebte Gesänge zu hören / kommen wol gar die begierige Menschen in unsre Einöde / und verlassen die Stadt: Ihr aber seyd den Leuten auch in ihrem Zelt und Gebäu beschwerlich / und könnet euer unnötiges Schwatzen nit lassen / ob euch noch einmal die Zung beschnitten wäre. Gebet ihr mir auch die Antwort / mein Philomathe! und seyd ihr so gesinnet / will ich euch / mit meinen widrigen Reden / nicht länger verdrießlich seyn.

Dieser Schertz / wiewol er den Philomathum zum Lachen bewegte / mochte doch nicht so höflich vorgebracht seyn / daß er nicht deßwegen Polyphilum straffte / und zu vernehmen gab / wann man von ernstlichen Dingen rede / solle man anderer vergeblichen Unnötigkeiten vergessen: Wäre also sein Begehren / so er ferner einen Einwurff thun wolle / die Einsamkeit zu bestraffen / soll er die noch übrige kurtze Zeit nicht mit andern unnützem Geschwätz verderben.

[32] Polyphilus merckte wol / daß dieser Eyfer nirgend anders herrühre / als aus der Scham / die daher erwachsen / daß er ihm auf seine Gründ nicht antworten können / und hätte solches gern erinnert: aber die gebührende Schamhafftigkeit hielt ihn im Zaum / darum er in folgende Wort heraus brach: Der Einwurff / so noch übrig / ist dieser / daß ich alles / was ihr auf eure Person ziehet / gern zugebe / und gestehe / daß einem Kunst-sinnendem nichts bequemers / als die einsame Oerter; auch liebe ich in diesem Lieben selbst dieselbe: Aber wie werdet ihr / auf solche Art / die Tugend-Göttin dieser Insul / und ihren Vorsatz / der Anklag befreyen? So viel hab ich doch mit meinen Gründen erwiesen / daß sie unbillich und wider die Tugend handele / in dem sie die Einsamkeit erwählet. Und wolt ihr / Philomathe! sie schützen / müsset ihr mir auf das antworten / was ich euch zu allererst entgegen gesetzet.

Gar wol / sagte Philomathus / dann das ihr / Polyphile! gesagt / von der Vorsehung des Schöpffers / ist solches nicht überall gleichgültig / sondern nach Gelegenheit der Zeit und Ort zu ändern. Mit nichten /versetzte Polyphilus dawider / Gottes Schluß bleibet /wie er ist / daß er aber / durch den Widerwillen der Menschen / offt nicht vollbracht / sondern verhindert wird / das ist eben menschlicher Widerwille / der mehr zu schelten / als zu loben. Und daß wir dessen nicht mehr gedencken / was saget ihr von der Hertzens-Betrübnüs / welche eine Ursacherin ist der Einsamkeit / und endlich in eine Verzweifflung stürtzet? Philomathus antwortete: das sey ferne von unserer Göttin! Ja! sagte Polyphilus / so sey auch ferne von ihr die verführende [33] und betrübte Einsamkeit. Und /fuhr er weiter fort / was sagt ihr zu dem / daß ich diß Gefängnüs einen Fecht-Platz der höllischen Geister genennet? Dieses brauchet einen grossen Beweiß /gab Philomathus zur Antwort: und Polyphilus: Nicht so groß / als ihr vermeynet. Möchtet ihr ein wenig in die alten Historien gehen / und euch eines und andern besinnen / würdet ihr die Warheit mit Händen greiffen. Soll ich euch nochmal in das Buch der Offenbahrung führen / so gedencket an die Mutter aller Sterblichen: Wäre Eva nicht allein gewesen / wäre sie nicht von dem Höll Geist verführet worden. Was soll ich von Loth sagen? da er allein war / beschlief er seine Töchter. Was vom Aaron? da er allein war / richtete er das güldene Kalb auf. Was von David? da er allein war / gewann er die Bathseba lieb. Was vom Saul? da er allein war / plagte ihn der Geist; und noch andere mehr / die nur zu erwehnen / euer selber Wissen und Besinnen Verbot gibt. Meynet ihr aber / daß eure Göttin / welche gleichwol auch menschlichen Schwachheiten unterworffen / von dem befreyet? Ich zweiffle sehr. Was wird mir zur Antwort werden /wegen der gebührenden Hülff / so ein Mensch dem andern schuldig? Wer allein ist / wie wird er andern helffen? wie wird ihm von andern geholffen werden? Ein Wandersmann / wann er allein ist / irret leicht /und fället den Mördern in die Händ / dieweil ihm keiner den Weg zeiget.

Das ist wunderlich geschlossen / fieng Philomathus an / und schicket sich nichts weniger auf unsre Göttin. Ihre Einsamkeit müsset ihr nicht so deuten / als wann sie von allen verlassen / sich zu keinem [34] Menschen geselle: Nein / das Gelübd gehet bloß auf den Vorsatz /der unverehlichten Glückseeligkeit / welche sie geredt / und zu halten gesinnet. Ist eben recht / sagte Polyphilus / wird dem nicht geholffen / der allein ist /von einem fremden oder sonst unvertrauten Freund: So wird auch dem nicht geholffen / der allein ist /ohne dem Vertrauten / von seinem vertrauten Freunde. Was ist das geredt? fragte Philomathus: dem Polyphilus antwortete: Die Meynung ist diß / je lieber und näher mir einer ist / je fleissiger und getreuer ist er. Ein Getreuer aber hilfft mit seiner Treu: Der mir aber nicht verbunden / verlässt mich gar. Fällt nun der so keinen Vertrauten hat / wer wird ihm helffen? Der sich aber seines Erwählten getrösten kan / weiß wieder aufzustehen. Weißlich hat daher geredt der Weiseste unter der Sonnen / wann er gesprochen: Es ist je besser zwey denn eines / denn sie geniessen doch ihrer Arbeit wol. Fället ihrer einer / so hilfft ihm sein Gesell auf. Wehe dem! der allein ist; wann er fällt / so ist kein ander da / der ihm aufhelffe. Auch / wenn zwey beyeinander liegen / wärmen sie sich; wie kan ein einzeler warm werden? Einer mag überwältiget werden / aber zween mögen widerstehen; denn eine dreyfache Schnur reisset nicht leicht entzwey. So hat der weise Salomon geschrieben: Was saget ihr darzu?

4. Absatz
Vierter Absatz

Beschreibet den Abschied Philomathi / mit Versprechung der Wiederkehr / welcher / durch den Vorwitz Polyphili / vergebens wart / der ihn /Polyphilum / [35] mit Lebens-Noth / weit von dannen geführt: Lehret / wie wir unser Glück offt selber muthwillig verschertzen.


Philomathus hätte gern geantwortet / aber es begunten sich allgemählig die Strahlen der Sonnen hinter die Berge zu verstecken / und warff die einfallende Nacht ihren Schatten zusehens herein: Derentwegen Philomathus stillschweigen / die grünen Matten verlassen /wieder zu Hause kehren / und von dem Polyphilo Urlaub nehmen muste: doch mit dem Vorbehalten / daß /so bald der morgende Tag diesen Nacht-Teppich wiederum aufdecken würde / wolle er / um ihr angenehmes Gespräch zu vollführen / sich wiederum an diesem Ort antreffen lassen / und ihm / dem Polyphilo /nicht nur gnügliche Antwort / auf seine gethane Einwürff; sondern auch von dieser Insul / und deren Innwohnern / sonderlich aber von der Tugend-Göttin /mehrern Bericht ertheilen.

Polyphilus bedanckte sich garschön / nicht nur wegen der schon-erwiesenen Dienstfertigkeit: sondern auch des beschehenen Versprechens / mit Erbietung /daß er solchen erwünschten und verlangten Gefallen zum Pfand Gunst-geneigter Gewogenheit annehmen /auch mit aller seiner / zwar geringen / doch so willig-als schuldigen Dienst-Vermögenheit wieder ersetzen wolle. Und damit hiessen sie beyde einander wol ruhen. Philomathus suchte seine Insul: Polyphilus aber voller Verlangen / und begierig dasselbe / wovon er zu seiner Betrübnüs gehöret / zu erlangen / kondte nicht den geringsten Schlaff annehmen: Darum er sich / Zeit und Weil zu kürtzen / [36] auch die eingeschlichene Melancholey zu vertreiben / wiederum zu Schiff setzte / in willens / diesen Peneus-Strand völliger zu besehen / und aller Orten seine Beschaffenheit zu erkundigen / auch wo müglich / in die Insul selber zu gelangen: Welch sein Vornehmen dann nicht wenig stärckete / daß die funcklende Nacht-Fackeln / mit samt Cynthia / ihr Silber-Liecht aufgestecket / und die umschattete Finsternüs aller Orten erhellet / daß es sich mehrentheils einem liechten Tag gleichete: Aber alles zu seinem grossen Unglück! Dann / so bald der arme Polyphilus in die höhe gefahren / verlohr er alles Liecht / spürete rauhe Winde / dicke Finsternüs / aufgelauffene Wellen / und das alles in einem Augenblick / so gar / daß er nicht anders klagen kondte / als das gantze Gestirn hätte sich / mit denen Elementen /ihn zu verderben / verschworen. Und ob er wol mit halb-nächtiger Arbeit / und mühsamen Beginnen /sein / von dem Wellenwerffenden Strom / schon halb-ertödtes Leben / endlich errettete: wurde er dennoch /durch der Winde grausames Brausen / mit seiner tieffsten Bestürtzung / nicht nur von dem beliebigen Peneus-Strand / in einen andern gleich unbekandten / ja auch viel unangenehmern Strom verleitet; sondern auch so ferne geführet / daß alle Arbeit und Kräffte vergebens angewendet scheineten / wann er seine vorige Freuden-Geniessung wieder suchen / und / an dem bestimmten Ort / von Philomatho fernern Bericht haben wolte.

Doch dennoch / ob die blosse Unmüglichkeit an der hellen Sonnen war / wolte gleichwol Polyphilus /durch seine erhitzte Begierde und Großmütigkeit des Hertzens / anheut erweisen / daß nichts so schwer und gewaltig sey / welches nicht von unnachlässigem[37] Fleiß / und List-erfundenen Räncken überwältiget werden köndte. Darum er mit Fuß und Händen / auch über sein Vermögen / wider die Winde zu segeln / die auflauffende Wellen zu bestürmen / und an seine verlorne Lust-Insul wieder anzuländen arbeitete: hätte auch bey nahe die Zeit getroffen / wann nicht selbst sein Trotz-begieriger Vorsatz / den Zorn der tollen Wellen / und Grimm der wilden Fluthen immer mehr ereyfert und erhitzet hätte.

Philomathum hatte sein höfliches Versprechen zu ernandter Zeit wieder zu ruck bracht: aber Polyphilum hielt / theils seine Vermessenheit / theils der unnötige Vorwitz / gefangen. Und wie es gemeiniglich zu geschehen pflegt / wo gestern das wankende Glück / mit lachenden Geberden / gespielet / da ziehet es heut /mit voller Grimmigkeit den Gewinn heim: Also muste Polyphilus zum Spiel-Raub werden / und dem verbosten Neid / des widerwertigen Glücks / ein erbärmliches Schau-Spiel anstellen / mit seiner unglückhafften Schiffart. Dann bald ließ es ihm / als aus mitleidender Erbarmung / die verlangende Peneusische Wasserwogen / von dem erhöheten Fluß / in der ferne / sehen: hielt ihn aber dabey / daß er nichts dann die Augen /und diß zwar nur mit Betrübnüs / weiden kondte. Bald gebot es einem wolfügigem Westen / daß er ihn und seine Segel gar auf den ernanten Fluß führete / so gar / daß er / aber mit grossem Hertzenleid / der hefftig-begehrten Insul ansichtig wurde: hielt ihn doch dabey / daß er nicht erlangen kondte / was ihm seine Augen zu erlangen müglich / vorbildeten. Endlich kam er durch des falsch-gewogenen Glücks Regierung so weit / daß [38] er den erwünschten Philomathum / wiewol mit Forcht und Schrecken / ersiehet / und nun gedencket / sein Verlangen zu ergäntzen: Aber es ergriff ihn ein gestrenger Sturm / durch dessen Widerwertigkeit / er in dem feindlichen Gewitter / dermassen verworffen wurde / daß er nicht nur die Insul und Philomathum; sondern so gar auch sein Schiff verlohr /weil es unter ihm zerschmettert / Polyphilo / der mit Wellen bedeckt wurde / den Tod ansagte.

Was thut aber die gütige Vorsehung des Himmels? Ob Polyphilus nicht wuste / wie ihm geschehen / und wo er hinkommen; bleibt er dennoch fest auf einem Schiff-Balcken / darauf er sein so scheinendes noch kurtzes Leben erhielt / auch aller andern Gedancken vergessend / einig sich dahin bearbeitete / wie er / selbiges folgend zu erhalten / ans Land gelangen möchte. Alle arbeit aber war umsonst / und mochte nichts helffen / daß er nicht / den gantzen folgenden Tag durch / (da ich leicht glaube / daß selbsten das Unglück die Sonne aufgestecket / und die Widerwertigkeit das Liecht leuchten lassen /) in Wasser- und Wellen-Gefahr schweben / und gleichsam ertödtet leben muste: biß er endlich durch die mitleydige Hand der Unsterblichen errettet / wieder zu Land kommen / und an einen zwar sichern Port anlendete / aber der bey weitem der Insul Soletten / und deren vermehrten Wald- Feld- und Berg-Freuden nicht zu vergleichen.

Wie schmertzhafft damals seinen Sinnen muß gewesen seyn / kan ein jeder leicht gedencken. Nun /dachte er / ist alles verlohren: nun sehe ich Philomathum nicht wieder: wie dann auch geschehen. Er hebte an / sein Unglück zu beklagen / seine Betrübnüs zu beweinen / seine Schmertzen zu beseufftzen; auch [39] vor grossem Unmuth diese rasende Winde und ergrimmte Wellen / die ihm alles Glück und Nutz-bringende Freude erträncket / durch des Himmels Verderben zu verfluchen. Doch halff es alles nicht / er muste sich in seinem Elend zu frieden geben / und dancken / daß er sein Leben errettet / und wieder auf ein trucknes Land kommen. Da wir Polyphilum eine weil ruhen lassen /und sehen / was Philomathus gethan.

5. Absatz
Fünffter Absatz

Beschreibet das Unglück Philomathi / dessen Traum und Tod: Lehret / zu Seiten Polyphili / wie gemeiniglich / bey grossem Glück / gleiches Unglück erwachse; Zu Seiten Philomathi / wie heimliche Mißhandlung / von dem Himmel / öffentlich gestraffet werde.


Dieser ist / wie wir oben gehört / seinem Versprechen gehorsam / zu bestellter Zeit / und am besagten Ort erschienen / wol versehen und bereit / mit Polyphilo von allerhand denck- und redwürdigen Dingen sich zu besprechen / wann nicht das feindseelige Glück ihre Kugel gedrehet / und eine Hertz-drückende Traurigkeit / zu dessen Verhinderung / gesetzt hätte. Er erwartete des Polyphili inständig / und solches um desto mehr / weil ihm die Ursach seiner Abwesenheit nicht bekandt war. So mochte er auch nicht erfinden / was ihn von dannen weggeführet / oder wohin er sich gewendet. Bald hebte er seine scharff-stralende Augen gen Auf- bald gen Niedergang dieses Flusses / kondte aber sein Warten nicht [40] erwarten. Dieses zwar kunte er leicht schliessen / daß / wie er vernommen / Polyphilus sey ein Jüngling / der viel zu sehen und zu erfahren verlange / als werd er sich dem Wasser vertrauet /und / um ein und anders zu erforschen / weiters geschiffet seyn: Doch / gedacht er im Gegentheil / weiß ich auch / daß er so verständig / ja! so höflich und bescheiden / daß er mich / der ich / wie er weiß / sein bestes müglichsten Fleisses suche / nicht ohne gnugsame Ursach / wird verlassen / oder vergeblich heraus beschieden haben / wann er nicht gewiß wäre entschlossen gewest / gestriges beyden Theilen wolgefälliges Gespräch / anheut / mit gutem Willen und bessern Nutzen / fort zu setzen. Deßwegen er dann noch immer in dem festen Vertrauen ruhete / er werde sich bald einstellen. In dem sich aber Philomathus mit vergeblicher Hoffnung tröstet / auch solche fester zu gründen / sich an den Ort / der sie den vorigen Tag beyde in den Schoß gehalten / mit langweiligen Gedancken nidersetzet / überfällt ihn der süsse Zwang der Ruhe / welche er auch / als einen mächtigen Sorgen-Zwinger / und lebhaffte Cur / für traurhaffte Sinnen / mit fröligem Empfahen / aufnimmt. Aber / O Unglück! nicht so bald hatte der geschwinde Schlaf /seine Augen-Lieder mit verstolener Hand zugeschlossen: das nicht allbereit der viel-deutende Morpheus das liechte Sternen-Thor / dem von Sorgen wachenden Hertzen eröffnete / und ihm viel hundert Traum-und Schatten-Bilder vorstellete. Anderer zugeschweigen / deren keines doch / so viel wir Menschen von ungewissen Sachen urtheilen können / einen Lust- Weg führete / war dieses das allerschröcklichste / daß er Polyphilum ihm zu wider: sich aber selber dem Polyphilo alles böses würckend / erkennte / [41] und das auf solche Art / als wann er / Philomathus / dem Polyphilo / seinem hertzlich geliebten Freund / mit einem Schermesser das Leben zu nehmen; Polyphilus aber /sich davon zu erretten / mit einem scharff-schneidigen Dolchen auf ihn loß / und in den Wanst zu schneiden eilete: Welcher Schnitt dann so gefährlich / daß er das Hertz getroffen / und ihn / Philomathum / Seelen-loß zu seinen Füssen / auf den Boden nidergelegt. Durch welches Schatten-Werck Philomathus / so voller Schrecken / erwachet / als wanns in der Warheit geschehen wäre; auch ihm so fest eingebildet / daß er nicht gesäumet / nach der Wunden zu greiffen / (welches fast lächerlich zu sagen und zu glauben) und ob ihm der Lügen-Mahler / auch Warheit vorgebildet hätte / zu forschen.

Leichtlich war nun dieses zwar widerleget / weil die Erfahrung selbst ein Widriges zeugete; doch dennoch vermochte diß trügliche Bild so viel / daß Philomathus von stund an heim / und von dannen eilete /aus Furcht / es möchte ihm sein Traum / ehe er sichs versehe / erfüllet werden. Wie aber das Glück gemeiniglich zu spielen pflegt / daß / wer seine Tropffen fliehet / müsse gar in seiner Tieffe ersauffen / so ists auch dem guten Philomatho ergangen. Dann so bald er sich in seinen Nachen setzet / und der Insul Soletten zueilet / wird er von so viel tausend widerwertigen Gedancken / die theils durch Furcht / theils durch Mißtrauen / ernehret und gemehret wurden / dergestalt umringet / daß zehen Gifft-verderbende Dolchen /durch Polyphili Faust geführet / ihn nicht so hart und hertzlich hätten verwunden können / oder sein Leben ermorden / als ers ihm selber / durch Kummer und beängstigte Verzweifflung [42] abnagete. Die Ursach dessen werden wir jetzt vernehmen.

Damals / als Polyphilus von dem ungestümmen Meer so hefftig bedränget wurde / reisete ein fremder Ritter / Namens Pistimorus / an dem Ufer desselben vorbey / und hörete sein jämmerlich Klagen / auch /ohne Errettung / Hülff-schreyendes ächtzen / mit nicht geringer Betrübnis an: wurde auch unter andern sonderlich dieser Wort verständiget: Philomathe / Philomathe! was thust du? kan ichs dann / wegen meiner widerwilligen Abwesenheit nicht vergelten / so gebe dir der Himmel deinen Lohn. Solette / du schönste der Jusuln / verrichte an meiner statt / was ich nicht verrichten kan. Dieser / als Frembdling / wuste nicht /was das bedeuten solt / doch in Ansehung der vor Augen schwebenden Todes-Noht / kont er ihm kein andere Gedancken machen / als Philomathus habe diesem Nohtleidendem solch Bedrangnus zugerichtet /und fordere selbiger / mit diesen Worten / die Rach. Erinnert sich derowegen alsobald seiner Pflicht / die er dem ritterlichen Orden zu halten schuldig / (dann er Polyphilum auch vor einen Ritter hielt /) beschleust bey sich / auf Soletten zu zugehen / und den Tod / des nunmehr / von den Wellen / aus seinen Augen / weggerafften Ritters zu rächen / weil er ihn ja nicht von dem Untergang / ohne gleiche Lebens-Gefahr / erretten können. Was geschicht? Mord und Todschlag war die tägliche Speise seines Hertzens / und so lange /biß er gen Soletten gelangete / da er dann alsobald dem Philomatho nachfragte / und die Rach zu üben Gelegenheit suchte.

Nun erkenne ein jeder / was vor Gifft / das boßhafftige [43] Glück / denen einschencke / die ihm widerstreben / und den Tugenden nachgehen. Zu nächst an dem Hause / darinnen Philomathus / mit kümmerlicher Forcht / sein noch geringes Leben kürtzete / nam dieser Ritter seinen Einzug / nicht wissend / daß er so nahe sey bey dem / dessen unschuldiges Blut / seine verdamte Pflicht vergiessen / und seine Hände besudeln würden. Das erste / nach dem er fragte / war Philomathus / darauf er auch alsobald richtige Antwort /aber auch zugleich Gelegenheit zu grossem Unglück /erhielt. Dann / weil er so fleissig nach Philomatho fragte: wie er bißher gelebt? was man von ihm hielt? ob ihm neulichst nichts neues widerfahren? und so fort: gab der einfältige Haußwirth / Namens Amichanus / der ihm nichts Böses einbildete / alsobald / und von allem / völligen Bericht; so gar / daß er ihm auch erzehlte / wie vor wenig Tagen / der gute ehrliche (so waren des Haußwirths Wort) Philomathus / ausser der Insul / an dem Ufer / einen frembden Jüngling / Namens Polyphilum / angetroffen / selbigen dermassen viel vertrauet / daß ihm anjetzo gereue / und er sich deßwegen fast zu todt kräncke: wiewol andere sagen wolten / Er / Philomathus / hätte Noth erlitten / und habe Polyphilus gewaltige Hand an ihn geleget / daß sich Philomathus kaum mit dem kleinen Nachen salviret / ihm entrissen / und also mit solchem Schrecken herein gefahren / der ihn noch / biß auf diese Stund /kräncke / auch wol gar ins Grab legen werde. Doch /fuhr er weiter fort / sind in diesem die Sagen der Gemeine auch nicht allerdings eins: weil andere wollen /entweder Polyphilus / habe dem Philomatho Geld entführet / oder dieser habe jenen / aus erheblicher schändlicher Ursach / verjaget[44] / auch wol gar getödtet; weil er / Polyphilus / ohne einiges Wissen oder Nachrichtung von hinnen geschieden; und wenn man deßwegen den Philomathum bespreche / sey / sein nicht Wissen / die Antwort: Doch schliesse der meiste Theil aus seinem / biß daher geführten / sorglichen Leben / es müsse nicht allerdings / nach dem Recht der Liebe und Tugend ergangen seyn.

Dem Ritter fielen diese Wort / wie lauter Donner- Keil / ins Hertz; bevorab / wann er das klägliche Geschrey Polyphili / neben der Rach-Begier / die er der Insul heimgestellet / bey sich behertzigte. Und obwoln Polyphili Wort so gestalt waren / daß sie viel ehe vor Klag-Wort angesehen; als zur Rach kondten ausgeleget werden: (wie sie dann auch in Warheit nichts anders waren / als hertzliche Senfftzer / die er seinem vertrauten Philomatho zuschickte / und dessen unverhoffte Abwesenheit betraurte) mochte doch der blut-durstige Argwohn und mord-gierige Eyfer / welcher das Hertz dieses frembden Ritters schon längsten besessen / ihm nicht benommen / sondern durch solche Erzehlung immer mehr und mehr gestärcket werden: biß endlich das mord-geneigte Unglück Zeit und Gelegenheit genug an die Hand gab / solche Blut-triefende Gedancken / im Werck zu vollbringen. Wie dann die folgende Nacht / als offt ernannter Ritter sich zur Ruh begeben wolte / und in eine Kammer geführet wurde / welche von deren / darinnen Philomathus seinen Schlaf genommen / durch eine löcherichte baufällige Wand unterschieden war / allerdings geschehen. Dann / da es fast zu Mitternacht war / und Philomatus mit Pistimoro / zu ihrer beyder grossen Unglück / erwachte / fieng Philomathus / seiner Gewonheit nach /mit folgenden Worten / und [45] tief-geholten Senfftzern sich hefftig an zu beklagen / sagende: Ich elender / ich kummerhaffter / ich verderbter Philomathus / was bin ich zu Verlängerung meines Elends noch übrig! warum hat mich nicht mit Polyphilo / meinem Vertrauten / der Mord-Geist weggerissen / an dessen Tod / so er todt ist / ich einig schuldig; so er aber noch übrig / und im Elend / oder der Irre gehet / ich nimmermehr ein ruhig Gewissen / oder einigen freudigen Geist behalten kan! Auf welche Grimm-erweckende Wort Pistimorus / welcher dieselbe alle deutlich vernehmen konte / so entrüstet war / daß er /gleich einer tollen Furien / die Wand einstieß / mit seinem scharff-gespitzten Dolchen auf ihn zurennete /und / ach! das unschuldige Blut / wider Verdienst und Hoffen / durch seine Händ verschüttete / und den Traum Philomathi / an Polyphili statt / erfüllete.

Wie aber auf böse That die Reu / und nach dieser der Plag-Teufel / des sich selbst verdammenden Gewissens / nicht ausbleibet; dieses aber / aus Forcht der verdienten Straf / aller Orten flüchtig gehet / und Menschen-Gesellschafft meydet: Also flohe auch Pistimorus / mit dem noch Blut-rauchenden Dolchen /so eilig er mochte / hinweg / und mit solchem Glück /daß / wann er die Strick des bösen Gewissens / mit gleichfertiger Behendigkeit / fliehen könte; als er den Menschen-Händen entgangen / er sich freylich für nicht unglücklich zu schätzen hätte: alldieweil keiner / derer Innwohner / den Thäter anders erfahren /als daß sie ihn verlohren / und nach dem nicht wieder um gesehen.

Was vor Schrecken und Entsetzen / denen Innwohnern dieser Insul / über solchen unverhofften Todes-Fall / [46] ankommen; weil es hieher nicht viel dienet /auch die Geschichts-Beschreibung / nur mit überflüssiger Unnötigkeit / vermehret; wollen wirs einem jeden zu bedencken heimstellen / und nur dieses hinzu setzen: daß der entleibte Cörper Philomathi / mit gebührender Beyklag / sey der Erden wiedergeben worden / die ihn vor ohngefehr 40. Jahren gegeben hatte. Das war die gröste Klag / daß keiner gewiß wissen konte / aus was Ursachen dieser Mord geschehen; weil sie ihnen nicht einbilden kondten / daß ein Fremder und Unbekandter solche Thaten / ohne sonderbare Erheblichkeit / vollbringen solte: sonderlich machte das ein grosses Nachdencken bey männiglich / daß der Ritter / so streng und genau / nach ihm gefraget.

6. Absatz
Sechster Absatz

Beschreibet den Zustand Polyphili / in der verwilderten Einsamkeit / und wie er den Verlust der Insul Soletten hinwieder bereichert: Lehret / daß wir Tugend / mit Müh / gewinnen müssen.


So schlaffe nun Philomathus in seiner seeligen Ruh. Wir kommen wieder zum Polyphilo / welcher / nach dem er / wie oben gedacht / an dem damahls erlangten sichern Port ausgestiegen / die Zeit mit allerhand betrübten Gedancken zugebracht / sonderlich da ihm sein Hertz in einer steten Creutz-Presse gedrucket worden; meines Erachtens / weil der Tod Philomathi ihn unwissend gepeiniget.

Sein härtestes Anligen war / daß er nicht nach dem Namen der vortrefflichen weiblichen Vollkommenheit geforschet / davon ihm Philomathus so viel wunder-herrliche Ding erzehlet / und / daß sie vor eine Göttin / [47] von denen Solettischen Inwohnern / gehalten werde / bekräfftiget. Tag und Nacht war dieses sein Sinen und Gedencken / wie er der Glückseeligkeit theilhafftig würde / die Insul Soletten / und darinnen seinen allerliebsten Philomathum wieder zu sehen. So viel er aber der darzu behülfflichen Anschläg machte /gleich so viel / ja noch vielmal mehr verdrüßliche Verhindernüssen legte das widerige Glück in den Weg / die dem Polyphilo den Paß verhaueten. Unter andern war diese nicht die geringste / daß / weil er durch das blinde Glück / an diesen Ort geführet worden / und so viel todt-vergifftete Gefahren ausstehen müssen / er nicht nur der Vorsehung des geneigten Himmels / sondern auch sich selbsten zuwider handeln würde / wann er die Gelegenheit dieses Orts nicht auch besehen solte; Deßwegen er dann seinem Glück zu folgen entschlossen / auch dieses Land durcheilete / und dessen Beschaffenheit erkündigte.

Es war ein ungleicher Boden / an hoch-erhabenen Bergen / jähen Klippen / dicken Wäldern / hochgespitzten Eich-Bäumen / springenden Brunnen / Felsen-rinnenden Wassern / getiefften Berg-Hölen / und sumpffigten Morasten / so bereichert / daß Polyphilus leicht verstehen kundte / es sey allhier mehr eine unbewohnte Wildnüs / als ein Wohn-Hauß menschlicher Gesellschafft zu finden. Doch weil ihm dieser Anblick nicht übel gefiel / bevor weil er ein Liebhabber der begünten Wald-Freude war / setzte er sich an eine sonderlich-erhöhte Steinklippe / von dannen er über Wald und Feld schauen / und die Wunder Gottes wol behertzigen kondte.

Die Gelegenheit dieses Orts / und dann die jetzige Beschaffenheit seiner eigenen Person / vermochte [48] ihn leicht an sein / vor dem / mit ruhiger Zufriedenheit /geführtes Schäfer-Leben / dann auch die Rede erinneren / die Philomathus von der Einsamkeit der Solettischen Göttin gethan / und wie jener solch ihr Fürnehmen verthediget / er hingegen bestritten. Und weil er sich / durch eigene Erfahrung / überwunden befand /fieng er an / sein Vornehmen zu bereuen / und seinen Schäfer-stock wiederum zu verlangen. Ach! sagte er /wie hab ich mich die Macht der Begierde so sehr blenden lassen / daß ich die vergnügte Ruh meines Hirten-Lebens / mit der widerwertigen Unruh / in Gesellschafft frembder Völcker / abgewechselt. War ich nicht sicher / in meiner Hütten? vergnügt mit meiner Heerde; seelig in meinen Lust-Gründen frölich bey Gesellschafft der Hirten; frey in den einsamen Feldern; ruhig bey fetter Weyde / und ohne Verfolgung des widerspenstigen Glücks muthig? Was hab ich nun? Verlust an Sicherheit / Mangel an Vergnügung /Betrübnüs an statt der Freude / ein Gefängnüs der Freyheit / Zerstöhrung der Ruhe / und Schaden an allem / was mir / in meinem Hirten-Orden / tausendfältigen Nutzen schaffte. O edles Schäfer-Leben! was hat mich dir entnommen? Die Hoheit / welche sich auf die Begierde zu Kunst und Tugend gründet / ist zwar lobens werth: aber nicht zu lieben. Die Hoheit giebet mir diesen Felß in einer einsamen Wildnüs; Die Tugend-betrübte Gedancken in dem Gefängnüs der Traurigkeit; Die Kunst schencket dem Verlangen einen kläglichen Verlust: daß ich zu frieden wäre /wann mich der Himmel meiner Heerde / mir aber meinen Schäfer stab wieder zugeben würdigte. Folget ihr / die ihr Kunst suchet / eurem Verlangen! mir ist die [49] Bahn zu dornicht. Suchet ihr / die ihr der Tugend folget / eure Zufriedenheit! ich nehme meinen Schäfer-Stecken / und folge meiner Heerde. Ach! aber was sag ich? wie folge ich? die Kunst hat mich verleitet /daß ich nicht mehr folge; die Tugend abgewendet /daß ich nicht mehr folgen kan. Das ist die Strafe der Verlassung / ich habe verachtet / was ich nun nicht haben kan. Warum hielt ich meinen Hirten-Stand so gering / solt ich nicht auch in demselben Künste lernen und Tugenden üben können? Woher sind dann die gelehrte Schäfer? von wannen die Tugend-geehrte Hirten? hat sich der grosse Heerden-Hüter Pan selbsten / und andere derer von den Heyden geehrten Götter mehr / diesen Namen zu führen / geschämet? Was hat Käiser / Könige und andere hohe Personen gezwungen / sich unter die Zahl der Schäfer zu wehlen? ja! was beweget die Kunst-gelehrte und Tugend-geübte ihren Namen dem Schäfer-Register einzuverleiben /so offt sie etwas sinnliches und vortreffliches reden oder schreiben wollen? ich halte / ein gelehrter Schäfer sey höher zu achten / als der Kunst und Tugend in Gesellschafft der Fremden suchet / etc. In diesen Gedancken enthielt sich der verkehrte Schäfer wie lang /gleich als zu seiner Bekehrung: Wann er aber im Gegentheil den Ruhm der Solettischen Kunst-Göttin bey sich überlegte / war ihm alles das / was von Schäfferey ihm beyfiel / Gallen-bitter / so / daß er dennoch seinen Vorsatz rühmen / und demselben zu folgen sich überreden muste. Da fieng er an / die Kunst zu verachten / die in einem geringen Stande leuchte. Die Tugend dorfft er selber verringern / die einen Schäfer zum Wohnhauß erwehlet. Am meisten aber verführete [50] ihn die gegenwertige betrübte Einsamkeit / die ihm auch die sonst angenehme Schäfer-Ruhe dermasfen verhasset machte / daß er dennoch seinen Schluß zu behaupten / und dem Philomatho zu widerstreben /seinen Griffel zur Hand nahm / und nachgesetzte Verse / auf die bey sich führende Tafel / übersetzte /aber auch zugleich seinem Schäfer-Leben gute Nacht sagte.


Das war der angenehme Streit
an jenem Peneus-Strande;
der damals Freud: jetzt aber Leid
erwecket; Schad und Schande:
weil ich verlohren den Gewinn /
den ich zu holen kommen bin.
Die Einsamkeit war mir verhasst;
die ich doch jetzt muß lieben:
bey Tag ohn Ruh / bey Nacht ohn Rast /
mit schmertzlichem Betrüben.
Er / der mein Freund / gab den Bescheid /
daß er erwähl die Einsamkeit.
Nicht Er allein; die Göttin mit
Gesellschafft war verachtet;
ihr Dencken / Thun und alle Tritt /
ihr Reden dahin trachtet:
daß die betrübte Einsamkeit
erfreuen möge ihre Zeit.
Was aber solt vor Freude seyn /
wo selbst das Leid sich nehret?
verdunckelt wird der Glückes Schein /
wann Freude wird verzehret:
Es fället alles / was erfreut /
durch die betrübte Einsamkeit.
Ich selbsten spür es jetzt an mir /
[51]
wollt ich es sonst nicht glauben:
weil ich von Hertzen gerne dir /
Philomathe! ließ rauben /
als dein Begehr / und meinen Scheu /
die Einsamkeit / wie schön sie sey.
Ich finde doch nicht / das gefällt /
noch das mich könnt ergötzen:
drum ich Gesellschafft dieser Welt /
mit Recht / kan höher schätzen /
als alles Leid / in Einsamkeit /
als Einsamkeit / in allem Leid.
Kein Rath ist hier / hier ist kein Werck /
kein Trost und kein Erretter /
Verzweifflung übet ihre Stärck /
durch Unglücks-Sturm und Wetter:
Wer einsam steht / kan nicht bestehn /
wann solche trübe Winde wehn.
Drum weg mit aller Einsamkeit /
Philomathus / den Lieben /
tilgt alles Leid / erwecket Freud /
beglücket das Betrüben:
Ach! wär ich / Liebster! nur bey dir /
nichts wäre dann verdrüßlich mir.
Nun aber muß ich meine Zeit /
mit Kümmernüs / zubringen /
und in verhasster Einsamkeit /
mit Leid und Trauren / singen:
daß / des ich wolte leben frey /
mir wider Willen kommen sey.
Doch will ich seyn zu frieden so /
und die Erlösung hoffen /
die mich wird wieder machen froh /
wann meinen Wunsch getroffen
[52]
das Glück / daß ich dich wieder seh /
Gott gebe / daß es bald gescheh!

Diese und dergleichen Gedichte mehr / die er / von der Einsamkeit / in der Einsamkeit / verfertigte /machten ihm diesen wilden Ort so beliebt / daß er bey sich selbsten gedachte / möcht ich nur einige beliebte Gesellschafft antreffen / wolt ich diese Gegend so bald nicht gesegnen. Aber / was thut die Vorsehung des günstigen Himmels? Da Polyphilus noch weiter dichten will / und allererst / auf diesem Stein-felsichten Gipffel / seiner ruhigen Tag völliger geniessen /hebt er ohngefehr seine Augen / über den Wald / gen Mitternacht / und erblicket / zu seiner hertzlich-verlangten Erfreuung / sein vorgesetztes Ziel / die Insul Soletten / an dem klaren Peneus Strand. Befindet auch / wie er unverhindert / und zu Land / mit trucknem Fuß / an deren Gräntzen gelangen könne / und nunmehr das Götter-Bild der Vollkommenheiten /davon er ihm biß daher wol tausenderley Gedancken gemacht / selber persönlich sehen. Wer damals die Tausendfältigkeit seines erfreuten Hertzens / und das Lust-Spiel seiner Gedancken hätte aussprechen wollen / müste / in Warheit / mit mehr dann hundert Zungen von der Natur seyn bereichert gewesen / so gar war kein Sinn an ihm / der nicht lauter Süssigkeit würckete / lauter Zufriedenheit dichtete. Die stral-werffende Augen ergötzten sich allbereit in Hoffnung / das Tugend-beschönte Bild zu beschauen: die bißher verknüpffte Ohren hoffeten allbereit / durch die klugverständige Reden dieser Erd-Göttinnen / eröffnet / und von ihren Schloß erlediget zu werden. Die Hände freueten sich der Zeit / die sie so hoch erheben würde / daß sie in den Beschluß der Silber-weissen Arme / [53] dieser Tugend-Docken / aufgenommen würden. Es erlustigte sich schon der Geruch / mit dem künfftigen Rosen-Lufft / welcher mit solcher Lieblichkeit / durch die brennende Rubinen / ihrer Honig versüßten Lippen wehen würde / daß / wann Libanus auch alle seine Krafft ausliesse / er dergleichen nicht vermöchte. Und was endlich die süß schmeckende Zunge betrifft / welche allbereit das unvergleichliche Himmel-Brod / mit dem Milch- und Honig-süssem Trauben-Safft / den ihre lieb-trieffende Tugend-Reben häuffig ergiessen / gekostet / war dieselbe um desto mehr befriediget / weil diese Lieblichkeit viel süsser als der Tranck / den sonst die Hebe schencket; weit-lieblicher / dann alle Süssigkeit / die Indien an ihrer Brust gesäuget. Mit einem Wort; weil Polyphilus Soletten siehet / siehet er genug / und verlanget nichts mehr / als völlig dieselbe zu besitzen.

Die Brünstigkeit seines Verlangens und entzündete Begierde / mochte ihm leicht an statt eines schnell-erhitzten Pferdes seyn / das den Wind überholend / seinen Reuter fort rieß / und an das Ziel brachte: Doch gleichwol / weil die Reuterey zu Fuß geschehen muste / und der Weg sehr ungebahnt / voller Dornsträuch und Klippen / auch die Himmel-reichende Berge zu ersteigen / den Schweiß ausjagten; daß die Glieder freywillig gestehen musten / sie könten den Begierden des Gemüths nicht gleich lauffen; muste Polyphilus auch wider seinen Willen die gezwungene Ruhe annehmen / und in einer Baum-Höle zu schlaffen niederligen.

Ohngefehr mochte er noch eine Tag-Reise biß zur Insul haben / so nahe hatte er sein Verlangen erfüllet /wann nicht Sylvanus / mit seinen muthwilligen [54] Satyren / auch ihre Feindseeligkeit an ihm verübet / und den tief-schlaffenden / durch einen Raubbegierigen Löwen / in die Ferne wegtragen / und in eine Höle verbergen lassen. Der gnädige Himmels-Schutz muß den Grimm-fressenden Rachen zugesperret haben /daß nicht der Sinnlose Polyphilus / wider sein selber Wissen / verschlungen worden. Und obschon / wie sehr vermuthlich / dieser Löwen-Raub dem Polyphilo nicht wenig Anstossen wird verursachet haben / war doch die Müdigkeit der Glieder und des Hertzens so groß / daß er auch durch die allerschröcklichste Gefahr nicht kondte erwecket werden. Wiewol ich dem nicht geringen Glauben gebe / es sey durch die allwaltende Versehung / des dem Polyphilo gunst-gewogenen Himmels / geschehen; weiln / wie die Natur-Lehrer bezeugen / die Löwen-Art dieses sonderlich nut begreiffet / daß ihr Grimm / so ungezahmter auch sey / dennoch keinen / der unter der Morpheischen Herrschung gefangen liege / angreiffe / als gedächten sie / (wann ein wildes Thier anders gedencken kan) es wäre dieses entseelte und ohnkräfftige Fleisch ihrer Zertheilung nicht werth.

Dem allen aber sey wie ihm wolle / so hatte vor dieses mal Polyphilus / vor die Gnaden-Errettung /seines Tod-gefährlichen Lebens / der geneigten Himmels-Gunst Ursach genug zu dancken: genug auch über das überstandene Unglück sich zu betrüben / als welcher nun abermal / an seinem Fürnehmen / verhindert / in der irrigen Wildnüs verführet / etwa noch den jungen Löwen / so bald er erwacht / zur Speise / oder sonst den wilden Thieren zum Opfer; dieser Wüsten aber / mehr als gewiß / zum ewigen Tod-Gefangenen werden müsse. Was wird er doch gedencken[55] / wann er erwacht / wohin wird er sich wenden / wie wird er sich daher geführet erkennen: tausendfache Betrübnüs wird sein ermüdetes Hertz in die völlige Verzweifflung stürtzen / daß er den Tag / daran er diß Welt-Liecht gesehen / verfluchet. Zu dem allen komt noch über das / der erschröckliche Traum / welcher seine Sinnen besieget hatte. Dann da er / von dem Löwen geraubet / in die abscheulich-verfinsterte Gruben geschleppet wurde / erschreckete ihn auch inwendig der Geist Philomathi / mit seinem / durch den blutigen Dolch Polyphili / zerspaltenen Hertzen: und in dem er / voller Freuden / auf ihn zueilen wolte / und den Dolch heraus ziehen / muste er mit Betrübnüs er fahren / daß er vom Philomatho gautz feindseelig zu ruck gestossen / und ihm alle Schuld seines unverdienten Todes zugerechnet wurde. Mehr aber schmertzten ihn die Wort / welche der Geist Philomathi / durch einen feurigen Rachen / blitzen ließ: hör /verdammter Polyphile! wie du / durch einen frembden Ubelthäter / meine dir erwiesene Treu / mit meinem Blut bezahlet / so müssen dir diese gifft-gefüllte Schlangen hinwieder dein Leben fressen: und damit warff er aus seinem Busen / bey grosser Meng / in den Schoß Polyphili / die Gifft-aufgelauffene Schlangen /die ihm auf das Hertz / und in das zarte Gesicht / mit so grimmigen Wüten / sprungen / daß Polyphilus von dem grossen Schrecken erwachte. Was wirst du nun /unglückseliger Polyphile! gedencken? Forcht und Zittern / Schrecken und Betrübnüs solte ja freylich dein Hertz in mehr als tausend Stück zersplittern. Must du denn so viel leyden um die Insul Soletten / die du doch noch nicht kennest / ob sie dessen allen würdig ist. Vielleicht will es der Himmel [56] nicht gestatten / daß du dieselbe völlig sehest / und hält dich / durch so mannigfaltige Verhinderung und Widerwärtigkeit /davon zu ruck. Meynest du / daß dieses alles ohngefehr geschehe? Nein / ich glaube vor gewiß / daß /weil du des Himmels Verbot so halßstarrig bestreitest / er dir die Straf zuschicke / damit dir zu erweisen / wie der Sterblichen Macht so gar nicht gegen der Himmel Kräffte bestehen könne. Darum laß ab von deinem Vornehmen / erwähle einen andern Weg / der dir zuträglicher / und von dem Himmel beglückter sey.

Diß waren gerad Polyphili Gedancken / so bald er erwachte / der schmertz-brechende Angst-Schweiß ergoß sich durch die zarte Glieder / ja / den gantzen Leib dergestalt / daß / wann er nit in der verschlossenen Gruben gelegen / er selber sein Haar vor bethauet / und seine Kleider / vom Platz-Regen gewässert oder durchnetzet geglaubet hätte: so gar erfüllte der kalte Perlen-Thau die Stirn / und was um und an ihm war. Ist auch dieses nicht zu verwundern! Dann / welcher die Todes-Angst besinnen wird / die ihm der Schlaf vorgemahlet; welcher sein ängstig Wimmern /und Schmertz-beschwerte Noth / nach dem Schlaf /behertzigen wird / wird eben leicht verstehen / daß der von allen verlaßne und überall geplagte Polyphilus /durch seine Blut-zwingende Hertzens-Angst / wol gar in seinem eigenen Schweiß-Bad ersauffen mögen. Doch / weiln gleichwol das Leben / als der unwitderbringliche Schatz / sehr lieb / also gar / daß wir aller Noth vergessen / werden wir nur dem Tod entrissen: Also machte sich auch Polyphilus behend auf / und suchte nichts mehr / als sein Leben / aus der augenblicklich-beförchtenden Todes-Gefahr [57] zu erledigen /deßwegen er / ohne vorgesetzten Weg und Zweck /aus dem Wald eilete / biß er durch die allmögende Forcht / auf einen lustig-erhobenen geraumen Feld-Platz geführet wurde / und der Wald-Furcht entnommen.

Aber wie? es muste doch waar seyn / daß das wanckende Glück / nicht nur im Wohl-stand / sondern auch in Widerwertigkeit sich leicht ändere / und den es zuvor mit herben Wermuth gekräncket / bald hernach wiederum mit verzuckerten Freuden-Brod erquicke. Dann / als Polyphilus sich ein wenig in dieser Gegend umsahe / befand er / der näheste bey der Insul Soletten zu seyn / und dem Berge / darunter er mit Philomatho geruhet / gleich entgegen.

Keine Betrübnüs kundte nunmehr sein Hertz /wegen der wallenden Freud / mehr bestreiten / bevorab wann er die wunder-reiche Führung des mehr als gnädigen Himmels bey sich überlegte. Hat auch /sprach er bey sich selbsten / mich ein Wind daher geführet / oder ist die Erde / unter mir Schlaffenden /weggeschlichen / oder hat mich ein wildes Thier /durch des Himmels Befehl / daher bracht: (welches ihm etwas glaublich vorkam / in dem er seinen Arm beschädiget befunden / durch einen Biß / der sich einem Löwen-Zahn nicht ungleichete) oder durch wessen Hülff und Geschwindigkeit / hab ich diß mein verlangtes Ziel erlanget? doch sey dem / wie ihm ist /ich dancke dem gütigen Himmel / daß er mich mit einiger Glück-Stralen wieder bescheinen / und meinem Wunsch ein endliches Erfüllen verleihen wollen.

[58]
7. Absatz
Siebender Absatz

Beschreibet die Wiederkunfft Polyphili auf Soletten /durch Talypsidami / der ihm den Tod Philomathi verkündet: Lehret / daß dennoch Kunst- und Tugend-lieben den das Glück beförderlich seyn / und sie / nach vieler Widerwertigkeit / endlich begnaden müsse.


Ob nun wol die damalige Lust des Polyphili sehr groß / und unbeschreiblich / so vermochte doch die Furcht / wegen des erlittenen Angst-Traums so viel /daß / wann er an Philomathum gedachte / sein Hertz allmählig zu sincken anfieng / und seine Freudigkeit zu verlassen. Darzu ihm der zugegen erhobne Berg nicht weniger Ursach gab / in dessen begrünten Thal /er die Stätte kennen kondte / allwo sie das herrliche Gespräch gehalten / und von dannen er / durch die ungestümme Wellen; am meisten aber / durch seinen selbst-eigenen Vorwitz / sey weggeworffen worden. Doch dorffte hie die vergebliche Hoffnung sich gleichwol unterstehen / den Klagen Polyphili einigen nichtigen Trost beyzulegen / als ob er ehistens desselben / was er damals versäumet / ohne Verhindernus /weiter geniessen würde. Dieses nun / sonderlich aber das Gesicht Philomathi / veranlassete ihn darzu / daß er mit voller Begierd / und hefftigem Riß / auf die Insul Soletten zueilete / in willens / seinen Freund Philomathum anzutreffen / der ihm Gelegenheit würcken würde / die Solettische Göttin / die er stetig / in seinen Sinnen / vor ein Wunder der Welt ehrete / mit Augen zu sehen / und mit ehrenfreundlicher Höfligkeit zu begrüssen.

[59] Sein Vornehmen zu befördern / erbot sich die Insul selber / in dem sie eben damals ein Schiff wiederkommen hieß / welches sie in den beschifften Meer-Strom segeln lassen / um allerhand nötige und nutzbare Wahren einzuholen / weiln sich eben derselben Insul Groß-Fest herbey nahete / da man ein und anders gebrauchete. Dieses Schiff / so bald ers am Wasser herauf steigen sahe / und sich der Insul zu nähern / gab er von dem Ufer / mit einem flattrenden weissen Tuch /das Zeichen seines Begehrens. Der Schiff-Patron / ein freundlicher / bescheidener Mann / gab alsobald denen / die das Schiff bedienten / Befehl / auf einem kleinen Kahn ans Land zu stossen / und den Hülff-begehrenden herbey zu bringen: wie auch geschahe.

Polyphilus / so bald er des Schiff-Patrons ansichtig worden / legte seine gebührende Reverentz / mit schuldigem Danck ab / erzehlete auch / auf Begehren / was ihm bißher widerfahren / und wie er nun zum andernmal daher komme / und ein besser Glück hoffe. Der Schiff Patron / welcher von Natur ein schertzhaffter / lustiger Mann war / als er sahe / daß Polyphilus in vielen seines gleichen wäre / fieng erstlich an / ihn um Bekandtschafft anzusprechen / und richtete / nach beyderseits erkundigten Namen / Vatterland und Vorhaben / einen Eyd-befestigten Freundschaffts-Bund mit ihm auf / versprechend / daß er ihn nicht nur zum Philomatho wieder führen / sondern auch zu der Glückseeligkeit verhelffen wolle / die er zu erlangen / so viel Lebens-Gefahr ausgestanden; nemlich den Tugend-Preiß dieser Insul / und aller weiblichen Gaben Vollkommenheit zu sehen / auch wol gar mit ihr zu sprechen: wann nur das Glück gnädiger [60] denn vorhin / seine böse Tück nicht auch an sie legte. Wo aber das / sagte er / so will ich doch meinen Schiff-Leuten befehlen / daß sie nirgend schiffen sollen / als wo mirs / und dem Polyphilo gefällt. Das sagte er aber Schertz-weise / dann sie waren schon am Ufer / und wolten jetzo aussteigen: also war der unmüglichen Gefahr wol zu spotten.

Da sie nun beyde ausgestiegen / und Talypsidamus / (so war der Name des Schiff-Patrons) seinen Befehl gebührender massen ergehen lassen / und alles aufs sicherste verordnet / nötigte er Polyphilum / mit ihm nacher Hause zu gehen / allda um ein und anders weiter zu berathen. Polyphilus entschuldigte sich zwar zu erst / mit Vorwendung der grossen Unhöfflichkeit / die er in diesem Fall begehen würde: aber es mochte seine Entschuldigung vor dieses mal nicht statt finden / besondern er muste / auf instehende Bitt / folgen / weil er wol wuste / daß grosser Herren Bitt / mehrentheils einem Befehl ähnlich seyn. Auch that ers um desto lieber / weil er nunmehr sein unvergnügtes Verlangen zu stillen gedachte. Beyde wurden sie von denen Hauß-Bewohnern aufs höflichste empfangen. Talypsidamus von seiner Liebsten / nach der Lieben Gebrauch: Polyphilus aber nach Landes-Art.

Das erste und beste / so Polyphilus verrichten kundte / war / daß er / so viel ihm zu Gesichte kam /die übertreffliche Schönheit der hochgeführten Gebäu; die Wunder der künstlichen Natur; die geraume Plätz und kostbare Tempel; die fest aufgeworffene Thämme / und was dergleichen mehr / aufs fleissigste und genäueste betrachtete: alles / was er mit Augen sahe /verursachte seinem Hertzen viel Nachdenckens [61] und Wunder / so gar / daß er nicht anders schliessen kundte / als daß hie der alleredelste Ort des Lebens / und ein ergötzliches Wohl der tugend-begierigen Jugend /ja / eine reich-besetzte Tafel der mitteln Jahre müsse vorhanden seyn / auch sehr vermuthlich / daß / wenn an einem Ort der mühseligen Welt / eine Göttin zu leben erwählet / freylich dieser / vor allen zu erkiesen / würdig gewesen. Der einige Wunsch / welchen noch die Hoffnung küssete / war / daß er durch Hülff des Schiff-Patrons erstlich zum Philomatho kommen /hernach die Erden-Göttin grüssen / und nach gebührender Ehr bedienen möchte. Daher ihme alle unnötige Complementen / welche Talypsidamus mit ihm vornahm / alles Essen und Trincken / alle Lust-Bedienungen / ja! auch alle Reden zuwider waren / die nicht von seinem Verlangen zeugeten. Und weil Talypsidamus die Seiten etwas zu lang stimmete / und seine eilig versprochene Hülf / desto längsamer zu befördern scheinete / erkühnte sich Polyphilus / sein Hertzens-Gedancken ihm völlig zu eröffnen / wie er nicht ruhen könne / er habe sich dann / durch Erfüllung seines so lang geführren Verlangens / in eine angenehmere Ruh versetzet.

Das gefiel Talypsidamo nicht übel / derentwegen er ihn auf einen erhöhten Saal in das Ober-Hauß führete / allda mit ihm sicherer zu reden / wie er sein Vornehmen vollbringen könne: wolle auch / weil Philomathus ein verschlagener Kopff wäre / denselben hieher holen lassen / damit er sein Gutachten vernehmen / und zu seinem Besten anwenden könne.

Polyphilus gehet in den Saal: Talypsidamus befihlet / man soll Philomathum holen: wird aber von seiner Liebsten deßwegen höflich verlachet / welche[62] sagte: Ist mir dann müglich / einen Todten aus dem Grab zu ruffen?

Dessen erschrack der Schiff-Patron über die massen / und nach dem er die Art seines Todes verstanden / beförchtet er nicht mehr / als die Ungedult Polyphili / welcher sich über seinen so guten Freund hertzlich betrüben würde. Beschloß derowegen alsobald /ihm solches zu verhelen / verbot auch den Seinigen /nichts davon zu gedencken / biß es mit guter Gelegenheit geschehen köndte.

Indessen Talypsidamus dieses alles verrichtet / und etwas lang verweilet / nimmt Polyphilus erwünschte Gelegenheit / der beschönten Augen-Lust der künstlichen Gemähle / damit dieser Saal gezieret war / sich zu gebrauchen. Und weil er / sonderlich unter den Ovidianischen Lieb-Gedichten / viel befunde / die sattsam erweisen kondten / daß der Pinsel in allem der Feder nachfolge: Hinwiederum die / bey manchem Conterfey / künstlich gesetzte Verse nicht minder erwiesen / wie auch die Feder dem Pinsel alles nachmache: gedacht er bey sich selbsten; wie hätt ich eigentlicher verstehen können / was die Kunstberühmte Mahlerey; ja auch / was die Himmelwürdige Poesis sey? und wie viel diese von jener entschieden / als eben bey diesem Mahl-Werck / da ich ohne Trug sehen kan / daß das edle Mahlen sey die schweigende Poesis; und diese hinwieder sey ein redendes Gemähl und Bild / das da lebe.

Unter so vielen denckwürdigen Stücken aber /deren keines nicht sonderbahrer höchst-fleissiger Betrachtung werth war / leuchtete doch / vor allen / das holdselige und wunder-würdige Bildnüs / deren /davon wir bißher so offt gedacht / und / um welche zu erlangen[63] / der gute Polyphilus so viel erlitten. Die lieb-lächlende Gestalt derselben / die hocherhabene Stirn / die scham-rothe Wangen / der Purpur ihres Mundes / der Marmor des schlancken Halses / und die bräunlichte Augen; ja / welches das allermeiste / die sittsame Geberden / die aufgezogene Lefftzen / die leiß-geschlossene Augenlieder / die ziemende Falten des Mundes / und die keusch-lächlende Wangen; welche doch in dem Bild nicht anders / als nur in dem Bild / zu erkennen waren / verführeten das Hertz Polyphili der gestalt / daß er der Solettischen Göttin allerdings vergaß / und es vor ein blosse Unmüglichkeit hielt / daß auch aus der Himmel Schoß / eine vollkommenere / schönere und mehr bereicherte Tugend entspringen köndte / weil er ihm so nicht anders einbildete / es sey dieses ein Himmels-Kind. Und war das das aller elendeste / daß bey dieser Himmel-Dame nicht bezeichnet war / wer sie wäre: Vielleicht deßwegen / weil ihre gleichsam redende Gestalt gnugsam erwiese / daß sie etwas sonderliches auf dieser Welt seyn müste. Noch mochte Polyphilus / so klug er auch sonst war / nicht verstehen / daß eben diß die Abbildung der Solettischen Würde und Tugend-Göttin wäre; biß endlich Talypsidamus zu ihm kam / und folgender Gestalt zu reden anfieng:

Treu-verbundener Polyphile! die Pflicht / welche /theils mein abgelegter Eyd / theils meine Schuldigkeit / bey euch / und allen Kunst-werbenden Hertzen /erfordert / soll euch versichern / daß alle meine Vermögenheit / euch einig zu dienen / sich nicht wägern soll; und wolte ich von Hertzen wünschen / daß ich einige Gelegenheit schöpffen köndte / darinnen ich mein williges und dienstfertiges Hertz gegen Freunde[64] und Ausländische köndte sehen lassen: so würde ich mich bemühen / wofern die Schwere der Sachen nicht mein Vermögen erdrückte / daß der Will der Müglichkeit gemäß / alles zu ihren und euren Nutzen richtete. Ja! solt ich noch heute die güldene Zeit erleben /daß ich eurem Begehren ein Genügen thun / und euch befriedigen köndte / wolt ich diese Stund seelig / und diesen Tag herrlich preisen. Ihr wisset aber selber /kluger Polyphile! und habts allbereit offt erfahren /daß dem Menschen nicht allemal sey zugelassen /nach seinem Willen zu leben / oder nach seinem Wunsch zu handeln. Sintemal gar offt / wann wir meynen am festesten zu stehen / der Fall sich findet /und wann wir die Glücks-Rosen brechen wollen / die Stachel und Dornen des Unfalls dafür fühlen müssen. Was wollen wir uns dann / geliebter Polyphile! diesem allgemeinen Gesetz entziehen? Vielmehr wird uns dißfalls gebühren / die Unbeständigkeit des Kugel-runden Glücks / auch durch unsern Schaden zu erkennen / und auf Tugend / die da allein fest bestehet / bauen zu lernen. Sehet an / sprach Talypsidamus weiter / diese vor euren Augen hangende Gemähl / so viel ihr deren sehet / werdet ihr aller Orten den Wechsel menschlicher Dinge sehen / die bald eine Sonne erfreuet / bald wieder ein Ungewitter betrübet.

Polyphilus / dem diese Rede frembd vorkam / als die sich auf ihr Vorhaben gar nicht schicken wolte /konte sich länger nit enthalten; sondern fieng zum Talypsidamo solcher Gestalt an: Geehrter Herr! Die Ursach / welche mich durch so unzehlich viel Gefährlichkeit hat hieher geführet / ist eben das / daß ich auf Tugend bauen / und keinem leichtfallendem Glük[65] mehr trauen will. Weiln ich diß alles mit voller Genüge an mir selber / und leider! durch mehr als zu grossen Schaden / erfahren / was ihr mir an diesen Kunst-Gemählen erwiesen / und sonst überreden wollet. Darum verzeihet mir / geehrter Herr! daß ich von mir selber bekennen muß / ich sey in dem gelehrt genug / und begehr jetzt nicht mehr / als einige Mittel / mich mit der Tugend zu bewahren / von euch zu lernen / darum ich nochmalen / durch Himmels Vergeltung bitte / mir völligen Bericht / entweder von diesem hie zugegen leuchtenden Damen-Bild; (die ich glaube / daß sie selbst von der Tugend sey gebildet worden) oder von der Solettischen Göltin zu ertheilen / alsdann ich euch mein ferners Vornehmen / nach Begehren / öffnen will.

Dieses verlegte Talypsidamus mit folgender Rede: Kunst-verlangender Polyphile! ich sehe / daß ihr /wohin meine Rede zielet / nicht allerdings verstanden / wolt auch wünschen / daß ihrs nimmermehr verstehen solltet / weil das Verstehen bey euch ein hertzlich Betrüben verursachen wird. Nun / daß ich eurem Begehren ein sattsames Genügen thue / und euch endlich deren Sorg und Kümmernus / die euer Hertz so lang gefangen gehalten / entbinde / so wisset / Glück-bereichter Polyphile! daß dieses Bild / welches ihr billich von der Tugend selbst gebildet glaubet / sey eben diese unsere Tugend-Dame / die ihr die Solettische Göttin / wir aber Macarien nennen. Und daß ihr wisset / wie meine Gunst-Gewogenheit / euch in allen beförderlich zu seyn / sich sehr bemühe / so ist zwar nicht ohne / daß ich euch / sonder höchst-gefährliche Mühe / nicht zu ihr führen kan / weil sie ihr gantzes Thun der beliebten Einsamkeit ergeben / [66] und nichts /was ihr etwa eine Zerstörerin ihres Vornehmens werden könte / für Augen kommen läst: Doch / so fern ihr nur dero Tugend-Ruhm zu verwundern / und ihren Verstand zu erforschen / sie sprechen wollet / will ich mich eussersten bemühen / ob die nahe Verwandschafft / welche uns mit Freundes-Blut verbunden / so viel richten könne / daß sie euch in ihrem Zimmer / aber nicht anders / als einen Tugend-Wer ber / leiden und aufnehmen möchte.

Polyphilus / vor Freuden halb todt / neigte sich in tieffster Demut vor Talypsidamo / ergriff dessen Hände / küssete dieselbe hertzlich? weil er damals sein denckgeneigtes Gemüt nicht anders bezeugen konte; und preisete sich den / durch viel Unglück /Glückseligsten / und unzehlich Betrübnüs / Erfreutesten / auf dieser gantzen Welt; den Glückseligsten /als dem die unfehlbare Hoffnung sein endliches Verlangen erfüllen / und der / ach! der tausend-verlangten Macarien Glück-gesegneten Anblick verleihen werde: Den Erfreutesten aber / als welchen das Glück schon so hoch erhoben / daß er gewürdiget sey / mit dem in Verbündnüs sich einzulassen / der selbsten der Tugend Verwandter / und der Kunst-Göttin Bluts-Freund sich bekennete. Darum fiel er dem Schiff-Patron um den Hals / bat ihn flehentlich / sein Beförderer in dieser Tugend-Bahn zu seyn; legte auch die rechte Hand / als das Unterpfand des Glaubens / in seine lincke Seiten / unter das Hertz / und schwur ihm bey Treu und Glauben: hätte er einmal Philomathum geliebet / so solte er ihm vor viel tausend Philomathen stehen; Er allein solte seine Dienste beherrschen; Er allein solte sein Hertz in seiner Bothmässigkeit halten. So viel war Polyphilo an Kunst und Tugend gelegen.

[67] Talypsidamus / als er hörte / daß er ihn vor Philomathum erwählen wolte / dachte / jetzt die rechte Zeit zu seyn / desselben schmähligen Tod ihm anzusagen /deßwegen er ihm / auf vorhergehende Wort / diese Antwort gab: Jetzt will ich euch durch eure eigene Wort / entweder fällen / oder vor getreu erkennen. Ihr zeuget / daß ihr mich an statt Philomathi / und vor ihn / lieben wollet: Nun / so erweiset eure Wort im Werck / und vergesset feiner / wokt ihr mein Freund seyn. Dencket aber nicht / daß ich dieses aus feindseligem Hertzen / oder einigem Haß / sage / damit ich ihn etwa verfolge; ach nein! mein freund-gebührliches Mitleiden / theils seines Unglücks / theils eurer Betrübnüs halber machet mich so reden. Drum erschrecket nicht / betrübter Polyphile! daß ich euch verkünden muß: Philomathus / euer Hertzens-Freund / ist todt. Betrübet euch nicht zu sehr / daß ich sagen muß: Er ist durch die Spitze eines Mörders gefallen. Aengstiget eure Seele auch mit dem nicht zu hart / daß ich euch den Argwohn des gemeinen Pöbels hinterbringen muß: Philomathus ist um der Ubelthat willen / die er an Polyphilo erwiesen / elendiglich ermordet worden. Bedencket vielmehr das zum Trost / daß der wachhaltende Himmel und dessen Vorsorg / euch / an Philomathi statt / mich / einen gleich-vertrauten Freund gegeben / ja / der auch mehr euer Wolfahrt fördern mag / als eben Philomathus / durch alle seine Kräffte / verrichten können.

Polyphilus / dem zwar der Tod Philomathi sehr zu Hertzen gieng / und sonderlich deßwegen / daß er auf so grausame Weise / und solcher Ursachen halber /fallen sollen / die er mit nichten vor Warheit erkennen[68] / oder / wo dieselben herrühren möchten / mit seinen Sinnen ergründen köndte: gab sich doch leicht zu friden / weil er durch den Tod Philomathi nichts verlohren / sondern mehr gefunden; ja / weil er Philomathum / nicht seinet wegen / sondern die Macarien zu erhalten / geliebet / hatte er nicht sonderliche Ursachen / sich gar zu ängstiglich zu bekümmern. Doch würckete die Erinnerung des gehabten Traums / den er nunmehr erfüllet wuste / solche Traurigkeit / daß er sein hertzliches Betrüben mit mannigfaltiger Veränderung / und tiefgeholten Seuffzen zu erkennen gab; aber auf solche Art / daß man leicht vernehmen kunte / wo neue Freundschafft in einem Hertzen gestifftet / da vergesse man der alten. Welches er doch mit solcher Höfligkeit verblümen kunte / daß Talypsidamus glauben muste / es schmertzte ihn nichts / dann seine treue Dienste / die er ihm nun nicht wieder vergelten könte: sein Versprechen aber / das er Talypsidamo gethan / zwinge ihn fast so / daß er die Todten todt seyn lassen / der Lebenden aber stets-fertigster Diener seyn und bleiben müsse. Welche und dergleichen viel andere Reden mehr / das Hertz Talypsidami dermassen befeuerten / daß / wie Polyphilus in allem recht geredt / und sich gebührlich gehalten / er ihn je länger je mehr von Hertzen lieb gewann / und / seiner Befreundin Macarien zuzuführen / vor wol-würdig erkandte: auch alsobald um Urlaub bey derselben bitten ließ / daß er mit einem Tugend-begierigen guten Freund / ihre ruhige Einsamkeit zu verstören / sich unterfangen dörffte.

Das Wonhauß Macarie war etwas ferne / darum sich Polyphilus nidersetzte / und seine letzte [69] Treu zu bezeugen / auch sein schmertzliches Mitleiden zu klagen / folgende Leich-Ode auf den Tod Philomathi verfertigte / biß die Gesandtin wieder kam / und ihnen die Erlaubnus / bey Macarien zuzusprechen / ankündete.


Liebster / nach dem Liebsten / du /
O du meiner Freunde Seele!
wie kan ich / in meiner Ruh /
bleiben / weil die Toden-Höle /
mir unwissend / dich vergraben /
wie kan ich nun Freude haben?
Alles stirbet gleich mit dir /
was sonst hat mit mir gelebet;
Hertz und Sinn / und was in mir
meine Wonne sonst erhebet /
ist nun alles mit verdorben /
weil du bist / mein Freund! gestorben.
Ach gestorben? trauter Freund!
und um deines Freundes willen;
Den der Freund-verliebte Feind /
wollen rächen / und erfüllen /
was ich anders ihm vertrauet /
da er meinen Tod geschauet.
Aber wie? er weiß es nicht:
dennoch ist er drum zu loben /
hätt er nur das Rach-Gericht
nicht / mit Unrecht / aufgehoben:
müst ich rühmen seine Klingen /
die mir Hülffe wolte bringen.
Nun ist aber das versehn /
ohne Schuld bist du gestorben:
wie wird / Liebster! mir geschehn?
wird nicht / was ich hab erworben /
[70]
alles / wie ein Wind / verwehen /
weil dir das / durch mich / geschehen?
So verdien ichs! meine Schuld
kan die Strafe nicht verhelen:
aber deine Gnad und Huld
wird mich loß und ledig zehlen;
weil du doch nicht kanst verderben /
ob du schon hast müssen sterben.
Dann was ist das Leben doch /
in dem nichts / als Sterben / lebet?
Nichts: und wär es etwas noch;
selbst der Tod / so vor uns schwebet /
wann wir unsre Augen-Lieder
öffnen / oder schlagen nieder.
Aber nun / nun bist du frey /
in dem Leben / ohne Sterben!
sag / wer dir zu gleichen sey /
der / wie du / nicht könn verderben:
dessen Leib nicht könne krancken /
dessen Freude nicht mehr wancken?
Alles ist hier Eitelkeit:
dort allein ist volle Gnüge /
dort die Freude / hie das Leid /
biß die letzte Todes-Züge /
mit dem Ende / deinem Leben
jenes Lebens Anfang geben.
Drum kanst du zu frieden seyn /
Liebster-bester meiner Freunde!
und das Klagen stellen ein
über mich und deine Feinde /
die / an dich / mich wollen rächen /
meine Noth / durch deine / brechen.
Ich auch selbst will trösten mich /
[71]
und abtrücknen meine Zähren /
weil / was ich gesucht an dich /
GOtt / durch andre / wird gewähren /
die an deine Helffers-Stelle /
ich mir selbsten zugeselle.
Dieses noch nur thut mir weh /
dieses machet mich noch klagen:
daß ich forthin dich nicht seh /
noch dir schuldig Danck kan sagen;
daß ich den erwießnen Willen
nicht hinwieder kan erfüllen.
Aber glaube / meine Schuld
soll mit dir nicht seyn gestorben;
auch nicht deine Freundschaffts-Huld
soll bey mir seyn gantz verdorben:
ich will meinen Danck erweisen /
ewig deinen Ruhm zu preisen.
Nun / so ruhe / Seele! dort /
schlaff / entschlaffner Leib im Grabe /
dencke nicht an diesen Mord /
den ich dir verschuldet habe:
laß Polyphilum im Frieden
seyn von dir / mein Freund! entschieden.
8. Absatz
Achter Absatz

Beschreibet den Zuspruch Polyphili / mitTalypsidamo / bey Macarien / und deren geführte Reden: Lehret / wie hoch die Tugend zu halten / und die Kunst zu lieben.


Eben war das Gedicht verfertiget / als Polyphilus den Gegen-Gruß von Macarien hörte / und / daß sie ihrer Gegenwart Verlangen trüge / [72] vernahm. Tausend Freuden-Fackeln wurden seinem Hertzen / in dem Augenblick / durch diese Wort angezündet / und laß ich mich leicht überreden / wann gleich die gantze Götter-Schaar (ohne deren gedeylichen Segen / keine Kunst noch Tugend / unter den Menschen-Kindern ihren Wachsthum führen kan) ihn selber auf einen güldenen Wagen gen Himmel geholet hätte / und allda den unergründlichen Schatz der himmlischen Tugend-Vermehrungen eröffnet / oder auch gar die Grundfeste der Weißheit zu erfassen vergönstiget / er doch nicht höher hätte können beseeliget werden / als da ihm diese Freuden-Wort gleichsam mit güldnen Buchstaben in sein Hertz geschrieben worden: Macarien wirst du sehen.

Die Erlaubnus war da / an der Begierde fehlete auch nichts / beyde waren sie leicht zu erbitten / ihren Vorsatz völlig ins Werck zu richten. Sie giengen hin /und kamen an den Ort / da die Tugend ihr Zelt aufgeschlagen / und der Verstand seine Wohnung hatte. Der Schiff-Patron gieng vor: Polyphilus folgte nach: aber zu seinem Unglück.

Warest du denn / Tugend-suchender Polyphile! daher kommen / deine Freyheit / das edleste Kleinod menschlicher Glückseeligkeit / um Schöne / zu verkauffen? Ist das dein Ziel gewesen / daß du / an statt der verlangten Tugend-Stralen / durch die Stralen der lieb-winckenden Augen sollest in die Netz / der unauflößlichen Dienstbarkeit / geführet werden? Suchest du das / dadurch du den köstlichen Schatz aller deiner Wolfahrt verlierest? So hätte man damals billich zu dem / durch den ersten Anblick der Macarien / liebgebundenem Polyphilo / und mit Recht sagen können: Der Eingang zu Macarien / war der Eingang [73] ins Gefängnüs der Lieb; Der Fortgang war Entzündung des verliebten Hertzens in einer unsäglichen ja auch unerträglichen Brunst; Der Gruß war nichts anders / als das Wehklagen über seine empfangene Wunden; Der Anblick war eine Beschuldigung der Tugend selber /deren er einig und allein alle Schuld beyzumessen /als welche an ihre statt Bitterkeit der verzehrenden Lieb geschencket habe. So gar war Polyphilus entzündet / daß es nicht viel fehlete / er hätte sein selber vergessen. Wie aber / unglückseliger Polyphile! Kan das dein Tugendgeübtes Hertz / ohne grossem Nachtheil seiner verzuckerten Ruhe / zugeben? Oder ists müglich / daß der Ruhm der Kunst-Begierde / welche vor allen dein Hertz und deine Sinne besieget / sich von fremder und gantz widriger Lust-Liebe aus dem Zelt verjagen lasse? Soll dann die Tugend der Liebe weichen; Kunst und Verstand / dem verblendeten Joch menschlicher Thorheit nachgehen? Polyphile! das ist wider dich selbst gethan. Doch / was hilffts / nunmehr ists geschehen / weil Polyphilus auch selber nicht mehr sein ist. Und müssen wir daher mit starcken Gründen überwiesen werden / wie die allgewaltige Herschafft der Liebe / auch die Tugend selbst / und deren Mit-Herrscherin / unter ihrem Befehl halte / und doch waar sey / daß ihre Bothmässigkeit sich über alles erstrecke: Wie dann Polyphilus selber aus eigner Erfahrung lehret / in nachgesetzten Versen / die er eben damals stillschweigend verfertigte.


Alles übermannt die Liebe: wie sollt ich dasi widerstreben?
Alles steht ihr zu Gebot: drum will ich mich auch ergeben /
Daß ichs nicht alleine sey / der von ihren Banden loß
Leben wolle / fühlen müß manchen harten Wider-stoß.
[74]
Du nur / Liebe! weil dir muß alles zu Gehorsam stehen /
Laß auch sie / die mich bestrickt / unbestriket nicht ausgehen /
Laß sies nicht alleine seyn / die sich deinem Joch entzieh /
und noch stärcker sey / denn du; Liebe / Liebe zwinge sie!
Laß sie nit / wie sie gedenkt / mit der Freyheit Pracht / stolziren;
Laß sie länger nicht also / ohne Fessel / triumphiren /
Hemm auch ihren stoltzen Sinn / beuge das verhärte Hertz /
Daß wir beyd gebunden gleich / fühlen gleiche Liebes-Schmertz.
Dan will ich / sie muß mit mir / dir zu Ehren / dieses fingen:
Daß die Liebe alles könn / mit wie leichter Müh / bezwingen;
Alles überwinden gleich; daß ihr keine Helden-Stärck
Irgend könne widerstehn: darum lieb ich ihre Werck.

Macarie nichts wissend von der so zeitig und unvermuthig erwachsenen Liebe / dachte auf nichts anders /als Kunst-Gespräch und Tugend-lehrende Sitten: Wie dann ihr deren keines / der gnädige Himmel / oder die mildreiche Natur versaget: Polyphilus im Gegentheil dichtete nichts anders / als was sein Hertz immer mehr und mehr quälete. Doch wuste er alle seine Reden so meisterlich zu führen / daß sie zwar innwendig eine heimliche Passion der Macarien leicht eröffnen könten / von aussen aber keinen Schein / ohn der auf Tugend und Verstand gehe / funckeln liessen.

Macarie / welche nicht allein reich an Tugend /sondern auch mächtig am Verstand war / merckte alsobald / wohin die Augen Polyphili spielten / wornach dem Hertzen verlangte / und wohin die Wort zielten: ließ sich doch gegen Polyphilo nichts mercken / entweder ihren Vorsatz der Einsamkeit zu behaupten / oder dem vor genug-geplagten Polyphilo seine Schmertzen zu vermehren. Daher fieng sie an (wie sie dann aller List voll war) bald von der Blindheit der Liebe; bald von der Zufriedenheit der Einsamen; [75] bald von dem Unglück der Verliebten; bald von dem Streit der Tugend / mit der Liebe; bald von der verführenden Schönheit; und wieder bald von der Unbeständigkeit verliebter Hertzen / so herrlich / als verständig zu reden: Welches alles aber / und so viel Wort aus ihrem redsamen Munde fielen / so manchen / ach! ja wol mehr als tausend vergifftete Schmertzen-Stich bekam das / unter dem Liebes- Joch / nunmehr ächtzende und lächzende Hertz Polyphili / biß es endlich / im höchsten Grad seiner unleidentlichen Pein / von der mehr als über-natürlichen Schönheit dieser irrdischen Göttin; dann auch denen lieb- und gunst-würdigen Tugenden / höflichgezierten Sitten / klug-verständigen Reden / und was mehr / den armen Polyphilum zu kräncken gleichsam sich der schönen Macarien verbunden hatte; überwunden und gezwungen wurde / einen tief-geholten Seufstzer / der winckenden Augen-Post zu vertrauen / und gegen ihren Tugend-Stral zu schicken.

Macarie / die diese Entdeckung seiner gefassten Liebe alsobald verstund / hätte gern dem Polyphilo seinen Irrthum auch damals erwiesen / und zugegen gestraffet / wann sie nicht den anwesenden Talypsidamum geförchtet / daß er die Sache mercken möchte; derowegen / damit dem Polyphilo sein Blick nicht unbeantwortet bliebe / bevorab / weil er selber Gelegenheit an die Hand gab / in dem er / von der Einigkeit der Liebe mit der Tugend / redete / und solche behaupten wolte / fieng die Macarie folgender Gestalt an zu ihm zu reden:

Tugend-liebender Polyphile! wann ich eure Gründe / damit ihr bißher erwiesen / wie die Liebe sich mit der Tugend so wol stelle / nach euren Worten[76] / und nicht aus dem Grund erkennen wolte / muß ich gestehen / daß ihr mich leicht überreden könntet. Dann die Farben könt ihr artig führen / ob aber der Grund auch so gut sey / ist / das ich zweifle. Und damit ich euch euren Irrthum desto deutlicher erweise / und eure Gründe / mit grösserer Krafft und leichteter Müh /umstosse / will ich euch in euch selbst führen / und euer Hertz kündigen lassen. Saget mir / der ihr wolt vor Kunst- und Tugend-begierig angesehen werden /hat jemals / so lang ihr Tugend geliebet / und Kunst erwählet / die Liebe ihr Zelt bey euch aufschlagen dörffen? Oder / so mir ein falsches Beyspiel zu führen vergönnet / glaubet ihr wol / wann euer Hertz / etwa mit einer vergeblichen / doch heiß-entzündeten und Hertz-quälenden Liebe eingenommen wäre / oder noch künfftig bestürmet würde / daß ihr einige Tugend-Gedancken / ohne Verhindernus / erfassen köntet? Ich meines theils / glaube in diesem Stück keinem Ja-Wort Es müste dann seyn / daß ihr der Liebe feind / ihrer Macht euch widersetzen / und sie nicht woltet herrschen lassen. Sonst haben wir / in dieser Sach / viel warhaffte Exempel / sonderlich an denen /die ihre Begierden noch nicht allerdings zäumen / besondern zu weilen etwas freyer lauffen lassen. Wie dann insonderheit die leicht-verliebte Jugend in dem Fall hoch zu schelten / die / so bald sie etwas stehet /das ihren trüglichen Augen schön scheinet / ihr Hertz daran hängt / und aller Tugend / und Kunst-Begehrung vergisst: Da sie doch viel eher und mehr diese vor jenes erwählen / und die Schande ihrer Unbeständigkeit nicht so bald öffnen solte. Wie nun dieses das grösseste Laster ist / das erdacht werden kan: als bekenne ich / daß ich / so viel [77] mich betrifft / mein Abscheuen zu bezeugen / mich freywillig der Laster-befreyeten Einsamkeit ergeben / damit ich durch solche Liebes-Blendung nicht Laster vor Tugend nehmen; sondern diese vor jenen erfassen und behalten möchte. Bekenne dannenhero / daß / da mich einige Augen solten verliebter Weise anschauen / oder auch einig Hertz meinetwegen sich in solche Brunst setzen / selbiges in Warheit eine Thorheit begehen / vergebliche Nichtigkeiten hoffen / und ihm einbilden würde.

Polyphilus hatte vor dieses mal seinen Bescheid /mit welchem er vor Lieb nehmen mochte. Talypsidamus aber / der auch nicht ungeschickt war / dachte den Reden etwas nach / und wäre bald auf den Grund kommen / wann nicht Macarie / die klügeste der Frauen / alsbald zu ihm angefangen: verstehet ihr / geehrter Herr Vetter! wohin die Wort zielen? Ohnlängsten hat sich eine meiner liebsten Freundinnen / eben an diesem Ort / mich der vorgesetzten Einsamkeit halber / zu straffen unterfangen / und als eines grossen Versehens beschuldiget / daß ich in dieser frühen Jugend / manchen Jüngling in solche Netz führen würde / die er aufzulösen / ohne mein Behülf / nicht vermöchte. Nun hab ich mich zwar alsobalden in dem entschuldigen können / daß ich an mir nicht finde /was einig Netz bereiten / oder einen solchen Fall würcken könte / weil nicht die Jugend; sondern die Schöne / solches allein vermag / die sich an mir so gar nicht finde. Weil sie aber diesem noch fernere Wider-Rede hielt / und mich auch mit dem Lob der Schönheit krönen wolte / ja! so gar ihre Wort mit Werck erweisen / und mir einen edlen Jüngling nennen / der schon offtermals / ohne mein Vermercken / [78] durch Seufftzen und andere Lieb-bietende / Lieb-bittende Augen und Zungen-Gewerbe / meine Gunst verlanget; hab ich noch von dannenher / das Beyspiel anziehen /und euch / geehrter Herr Vetter! zur Nachricht; diesem edlen und Tugend-werbenden Jüngling aber / zur Lehr und Unterricht / erzehlen wollen.

Beyde / Talypsidamus und Polyphilus / fiengen zugleich an / die Rede zu beantworten; Jener zwar aus Gebühr: Dieser aber aus Angst / die ihm sein Hertz brechen wolte. Er verstund gar bald / was das geredt sey / und wie er je länger je mehr mit Bescheidenheit abgewiesen / unter eines andern Namen den Abschlag annehmen müste. Doch dennoch / ob der Schmertz gedoppelt so groß gewesen / und das Verlangen / dieses alles zu beantworten / nicht mit Fesseln hätte können aufgehalten werden; muste er gleichwol in den Schrancken seiner Jugend gebührenden Schamhafftigkeit / dem ältern dißmal die Antwort überlassen. Viel leicht zu seinem Besten / weil sehr vermuthlich / daß der Mund / in solcher Hertzens-Bedrängnüs / mehr geredt / als der Sinn erwägen können; ja / in beyseyn Talypsidami / mehr verderbet / als genutzet. Fuhr demnach der Schiff-Patron folgender Gestalt fort: Tugend-völlige Macarie! in allem dem / was ihr geredt /kan ich nicht anders zeugen / als daß die entdeckte Warheit / euern Worten Glauben erwerbe. Und ist freylich dem Zweifel sehr unterworffen / ob die Liebe mit der Tugend einigen Bund halte / weil jene auf einer leicht-wanckenden Kugel bestehet. So habt ihr an euch selbsten nicht das geringste Unrecht erwiesen / indem ihr / aller Lieb entfernet / keinem / durch dergleichen betrügliche Thorheit / trauen wollet:[79] worinnen ihr / nicht nur mein / sondern auch jedermänniglichen Lob und Zuspruch verdienen werdet. Gleichwol aber hättet ihr / Kunst-verständige Macarie! auch dieses in euer Rede mit befassen sollen / was ihr vor eine Liebe deutet? So viel ich allen Umständen nach vernehmen kan / ist die Rede von der leicht-stehenden / Leicht-fallenden Liebe / die nit auf Tugend gegründet / sondern mit der verführenden Schönheit vergehet. Was wollen wir aber sagen von der Liebe /so durch Tugend erworben / und dem Verstand ernehret wird? könt ihr euch der auch entziehen? weiß auch diese eine Einsamkeit zu lieben? So könt ich bald schliessen / wird / die Tugend-begabte Macarie / nicht Tugend-begabt seyn / weil sie sich der Einsamkeit ergeben. Sagt mir / Macarie! was hat euch einsam zu leben verursachet? Ihr werdet bekennen: die Tugend. Sagt mir / was würcket die Tugend in eurem Hertzen? die Antwort wird kommen: Liebe. Darff ich weiter fragen: Was nutzet die Liebe / wann sie nicht thätig ist? meines Erachtens / nichts. Nun sehet dann / wie ich euren Tugend-Wandel bestraffen / und eure Einsamkeit schimpfen wolte. Unthätige Liebe ist nichts; Was ist dann eure Tugend? auch nichts. Ist die Tugend nichts; was wird sie vor eine Einsamkeit stifften? Nichts kan doch nichts schaffen. Ist also eure Einsamkeit entweder auch nichts / oder ist sie etwas /ist sie doch nicht von der Tugend. Verzeihet mir /Macarie! daß ich die Warheit so frey bekenne. Erinnert euch / was selbsten die Tugend befiehlet / wann sie ihre reiche Gaben / mit so milder Hand austheilet. Hier dieser Tugend-begüterte Polyphilus / hat / ihrem Befehl zu folgen / aus seinem fernen Vatterlande / und [80] durch so viel Widerwertigkeiten / die er doch alle kräfftig besiegete / sich hieher zu uns / in die Frembde / begeben; und (darff ichs sagen?) bloß darum /daß er euch / Macarien / als das vollkommenste und wunder-belobte Tugend-Bild / sehen und begrüssen möchte. Eurentwegen hat er sich biß in den Tod bemühet / zu Wasser und Land / wie und wo er konte /seine Tugend-begierige Sinnen mit der jenigen zu vergnügen / die er in seinem Hertzen / vor eine Göttin der Sterblichen / und unbegreifflichen Schatz aller Tugenden und himmlischen Sitten / stets verehret /und das sein letztes Ziel seyn lassen / wann er eure Begnädigung durch seinen Gehorsam erhalten / und eure Lust-bringende Gespräch stillschweigend verwundern dörffte. Solte dann / Tugend-liebende Macarie! dieser Polyphilus / will nicht sagen / seiner auch herrlichen Tugenden und lieb-würdigen Sitten wegen; sondern vielmehr um alles das / was er schon um euch erlitten / nicht werth seyn / daß eure Tugendrührende Liebe seine Hoffnung küsse / und das erhitzte Verlangen mit einiger Gunst-Bezeugung / kühle und erfülle? Das wäre ja wider die Tugend selbst. Ich zwar will nicht hoffen / wann Polyphilus / um Tugend zu werben / und Kunst zu erlangen / euch mehrmals zu sprechen begehrt / daß ihr ihm solchen schuldigen Dienst versagen werdet: Dann ehe müstet ihr euer selber vergessen; auch sag ichs nicht aus Antrieb dessen / als wann ich wüste / was Polyphilus gedencket: sondern weil ich die Ursach / die ihn zu uns bracht hat / und seine lob-fähige Begierde gründlich vernommen. Dieses hat mich bewogen / daß ich ihm in allem beförderlich zu seyn / versprochen; ja / ich bekenne frey öffentlich / daß ich diesem Polyphilo / nicht [81] nur mit einem Eyd verbunden bin: sondern durch seine Kunst-und Tugend-Ubungen / die er mir sattsam erwiesen /dermassen verpflichtet / daß ich ihn / als mein eigen Hertz / liebe / und mir von Macarien / kein angenehmer Glück kan bescheret werden / als wann sie /durch ihre Höflichkeit / meinem vertrautem Polyphilo ihre Ehren-vergönte Gesellschafft ertheilen / und ihn /an meine statt / beglücken wird.

Wer die Gedancken der schönen Macarien erreichet / der wird auch die Unergründlichkeit der tausend-vermehrten Freuden Polyphili entdecken / in welchen er um so viel mehr vertieffet wurde / daß dieses alles ohngefähr und wieder sein Hoffen und Wissen geschehen. Deßwegen er Talypsidamum / wär es müglich gewesen / gern in den Himmel gehoben hätte / und diesen Dienst / mit einem ewigen Danck /verschuldet. Was thut aber Polyphilus? was antwortet Macarie: Jener / so bald er die erwünschte Gelegenheit ersiehet / bemühet sich dahin / wie er die Wort Talypsidami / in der That / bekräfftigen möge. Das beste / so er thun konte / war / weil Talypsidamus redete / daß er die Wort / so mit hertzlich-geholten Seufftzern / so mit lieblich-winckenden Blicken / so mit demütig-gebücktem Haupt / und andern Leibs-Bewegungen mehr / nach Art und Beschaffenheit der Sachen / begleitete: dadurch er dann völlig die Warheit zeugen / und den Reden Glauben verdienen kunte: auch wuste er das alles so meisterlich zu spielen / daß ihn offt Macarie mit Furcht ansahe / sich über ihn verwunderte / und seiner Vollkommenheit halber freuete.

Wäre die weibliche gebührende Schamhafftigkeit nit so mächtig gewesen / hätte / in Warheit / Macarie[82] fast gleiche Entzündung klagen müssen. Doch kunte Polyphilus aus ihrer offtmaligen Veränderung schon etwas schliessen / wie künstlich sie auch ihre Passion bergen wolte; daher er dann Ursach bekam / diese leiß-klimmende Funcken / durch seine liebkosende Augen-Stralen / je mehr und mehr zu entzünden / biß sie endlich in eine grosse Flammen-Brunst ausschlugen: die sich aber der Brunst Polyphili noch bey weiten nicht gleichete. Dann diese war durch die Schönheit gefangen / und hatte die Tugend vergessen: was in Macarien brannte / war alles und einig von Tugend erhitzet.

Weil sich aber gleichwol die flammende Brunst nicht bergen ließ / sondern mit grossem Gewalt zu den zarten Wangen der Macarien außschlug / und dieselben mit Purpur bemahlte / so gar / daß sie selber beförchtete / es möchte es nicht allein Polyphilus /sondern auch der Schiff-Patron mercken / gedachte sie alsobald dem Argwohn vorzukommen / und die Liebes-Bewegung mit den Farben der Schamhafftigkeit anzustreichen / als wann diese / nicht jene / ihrer Scham-berötheten Wangen Ursacherin wäre. Beantwortete demnach die Red des Schiff-Patrons folgender Gestalt:

Geehrter Herr Vetter! die Röthe meiner Wangen wird / ausser meinem Bekantnus / zeugen / wie mich eure Wort beschämet. Absonderlich / da ihr kein Bedencken getragen / in Anwesenheit dieses edlen Jünglings / mich auf solche Art zu straffen / daß ich ungewiß bin / soll ich meinen Irrthum bessern / oder vertheidigen. Jenes solte mir freylich obliegen / von wegen eurer / dem ich zu folgen verpflichtet; nicht weniger auch dieses Polyphili / dessen um mich vielfältig-ausgestandene [83] Unglücks-Fälle meine Gunst-Gewogenheit / wie ich vernehme / Befehls-weiß fordern dörfften: Folg ich aber meinem aufgestecktem Ziel /und bleibe in den Schrancken-der ruhmwürdigen Tugend / solt ich billich dieses / vor jenem / erwählen; bevorab / wann ich den unauflößlichen Bund meines gethanen Gelübds besinne / der mich / die Zeit meines Lebens / die erwählte Einsamkeit zu lieben / ohn Unterlaß / und auch anjetzo / mit Schrecken ermahnet. Deßwegen mich weder ihr / geehrter Herr Vetter! noch dieser Tugend-begierige Polyphilus / oder jemand anders / einiges Verbrechens schuldig erkennen wird. Zwar / habt ihr mir nicht ohne Grund erwiesen /daß ein Unterscheid sey / unter der Liebe / so durch Tugend blühet / und der / so mit der Schönheit verdorret; Auch habt ihr über das gnugsam bekräfftiget /wie ich / ohne Verletzung meines Gelübds / selbst in der Einsamkeit / die Tugendentspringende Liebe nicht fliehen könne: wolle ich anders nicht zugeben / daß meine Tugend / oder die daher rührende Einsamkeit /vor nichts / oder / zum wenigsten / vor eine Laster-nehrende Einsamkeit gehalten werde; Dem ich in allen gerne beypflichte: indem ihr aber den Beweiß /oder vielmehr das Beyspiel / von diesem Lob- und Lieb-verdienenden Jüngling / und auf solche Art /nehmen wollen / daß ihr mir zugleich seine Hertzens-Gedancken öffnen / seine brünstige Begierden erzehlen / und mich / das einige Ziel seines Verlangens /mit so beschönten Worten / benennen dörffen / weiß ich traun nicht / ob es Fallstricke sind / meine Freyheit zu fangen / oder ob es eine heimliche Zerstörung meiner ewig-geliebten Einsamkeit seyn solle. Euch zwar / edler Polyphile! hab ich [84] schuldigen Danck zu ersetzen / vor die unverdiente Ehr / so ihr mir in euren Gedancken / aber ohne Grund / beygelegt. Dann gedencket selber / wie ihr mir / und euch / so groß Unrechtthut. Durch was Vortrefflichkeit schätzt ihr mich eine Göttin der Sterblichen? Wisset ihr / was eine Göttin vermag / (wie ihrs zweiffels ohne wissen werdet) wird euch die Sach selbst bald widerlegen. Oder mit was Recht / nennet ihr mich den unbegreifflichen Schatz / aller Tugenden und himmlichen Sitten? Wisset ihr nicht / daß die verderbte Menschen-Art darzu nicht gelangen kan / wann sie gleich noch so hoch beseliget wäre. Drum sehet / wie weit ihr euch selber verführet. Dieses zwar muß ich bekennen / daß ich stets / und mit allem Fleiß dahin getrachtet / wie ich der Tugend nachsetzen / und meinen wenigen Verstand vermehren könte: aber daher folget noch lang nicht / was ihr geschlossen. Ja / besinnet euch / geliebter Polyphile! würdet ihr an euch selbsten nicht das grösseste Unrecht thun / wann ihr mir das zueignet / was euch doch vor allen gebühret. Wollt ihr selber / das ohnmächtige Geschlecht voller Mängel (das weibliche meyn ich) der männlichen Vollkommenheit vorziehen? Ihr werdet nicht allein an euch selbsten /sondern an aller Mannschafft untreu werden. Auch wird mich niemand jemalen / so ehrbegierig befinden / daß ich etwas annehmen solte / des ich mich nit würdig erkenne. Dann das wäre Schand / vor Ehre; Spott / vor Ruhm; und vor Tugend / Laster erkaufft. Darum besinnet euch eines bessern / edlester Polyphile! und verführet durch solche falsch-gefasste Einbildung eure leicht-fallende Jugend nit so sehr / wolt ihr anders / nach diesen den unersetzlichen Schaden /nicht mit grosser Reu wieder verlangen.

[85] Hat einmal Polyphilus fleissige Acht auf die Reden geben / so ists / in Warheit / dißmal geschehen. Furcht und Hoffnung / die ihn in die Mitte gefasset /waren die zweifelhaffte Dolmetscher eines jeden Worts / das aus Macarien Mund fiel. Er aber / Polyphilus selber / halb-froh / halb-betrübt / machte seinem Hertzen solche Verwirrung / daß nicht viel fehlete / es hätten die gehäuffte Schrecken seinen Geist zu ruck gehalten / und ihn in die Ohnmacht versencket: wann nicht die Gegenwart des Schiff-Patrons / seiner Jugend-geziemenden Höflichkeit ein Widriges geboten hätte. Gleichwol war die Angst so mächtig / daß er mit tief-geholtem Seufftzen / auf folgende Art anfieng zu reden:

Tugend-beschönte Macarie! was soll mir der Danck wegen unverdienter Ehr / welcher nicht mir /sondern ihrer Göttlichen Vollkommenheit gebühret. Wird sie mich nun wieder straffen? Nein / alleredelste Macarie! Unverdiente Ehr läst sich noch annehmen: aber unverdiente Straf zu dulten / schmertzet sehr. Hab ich unrecht geredt / indem ich sie eine Göttin der Sterblichen genennet / so bitte ich / erweise sie / welcher dann dieser Ruhm vor ihr gebühre? Hab ich übel gethan / daß ich sie den unbegreifflichen Schatz aller Tugenden bekennet / so gestehe sie mir ein Laster /das ihren Wandel beflecke. Hab ich gefehlet / da ich ihr himmlische Sitten erwiesen / so widerspreche sie mir die Himmel-bescherte Gaben / und behaupte / daß Kunst und Tugend; Höf- und Freundlichkeit / auf der Erden wachse. Wer / meynet sie / Macarie! wird den Sieg erhalten? Ich zwar / bekenne mich dessen unwürdig / und bin vergnügt / wann Macarie meinen / ihr ertheilten / Ruhm erkennen [86] wird / daß er fest gegründet / und nicht auf erdichteter Unwarheit bestehe. Ich bin zu frieden / wann ich ihr einfältig erwiesen / wie mein Irrthum nichts minder / als mit Reu / einigen Schaden verlangen werde. Darff ich / allerschönste Macarie! ohne ihren Verdruß weiter reden / will ich ihr mein Verlangen besser erklären. Dieses hat seine Segel einig nach Kunst und Tugend ausge pannet /welche / wann es wird errennet haben / hab ich volle Genüge. Nun befind ich / daß / wann dir Glückseligkeit mich einmal wieder auf Rosen weiden wolte / ich durch ihre Ehren-vergönnte Gesellschafft / die Stachel aller Glücks-Verhinderung mit leichter Müh fliehen köndte. Ihre verständige Reden / ihre Tugend-gezierte Sitten / vermögen gar wol die Richtschnur meiner Gedancken / ja! meines Lebens Verbesserung zu seyn. Meine Kunst kan sich nehren / aus ihrem Sinn-reichen Gespräch; meine Tugend mehren / aus ihren Lob-würdigen Thaten. Ich sehe / edle Macarie! daß sie dieses widersprechen will / und vor einen höflichen Schertz erkennen: aber sie messe die Warheit mit meinem Verlangen. Kan sie dann eine andere Ursach erfinden / die mich daher geführet? Zum wenigsten glaube sie nur dieses / daß / so bald ich von ihrer Vollkommenheit einigen gewissen Bericht erhalten / diß meine erste Gedancken gewesen: Möchtest du von dem Himmel so hoch begünstiget werden / diese Tugend- verständige Frauen zu sehen / und ihre belobte Reden zu hören / würden sich deine Sinne viel höher erheben / ja dein Beginnen die Glückseligkeit aller Zufriedenheiten auf dem Fuß nach sich ziehen: und in diesen Gedancken beharre ich noch immer fort. Ist derowegen / verlangte Macarie! mein [87] sehnliches Bitten /dem / was dieser / mein vertrauter bester Freund / vorhin an meine Statt und wider mein Verhoffen gebeten / ihrer Tugend-Gebühr nach / gnädiges und Gunst-versprechendes Gehör zu geben / wofern sie mich einiges Glückes werth / und der geringsten Ehren nicht unwerth erkennet: und mit diesem Beschluß / nähert er zu ihren Füssen / und küssete mit gebührender Demut den Saum an ihren Rock / zum Zeichen seiner ernstlichen Bitt und unverfälschten Begehrens. Nach dem aber wandte er sich zum Talypsidamo / sagte selbigem auch hertzlichen Danck / daß er ohngebetten seine Glückseligkeit befördern / und um das werben wollen / welches er / die Zeit seines Lebens / zu begehren / sich nicht hätt erkühnen dörffen: verpflichtete sich auch hinwieder zu aller Dienst-fertigkeit / wie /wo und wann er befehlen würde: Diese That solle nicht nur in einem ewigen Gedächtnus immer grünen /sondern auch hundertfältige Frucht tragen; alles sein Vermögen würde er zu allen Zeiten und in allen Begebenheiten / so willig / als schuldig befinden: und was derselben Complementen mehr waren.

Macarie / die sich indessen eines bessern besonnen / gab / wegen kürtze der Zeit / auch eine kurtze Antwort / weil sie ohne das mit Polyphilo aufgestanden waren / und wieder zu Hauß kehren wolten. Darum sprach sie: Was die Bitte meines Herrn Vettern belanget / ist mir selbe an statt eines Befehls /dem ich schuldigen Gehorsam leisten muß: doch so fern / daß eure Freundschafft / unter der Tugend-Decke nicht ein Laster verberge / oder ausser derselben etwas mehr begehre: da ich dieser Furcht entlediget /kan ich leicht gestatten / daß ihr / um ein gutes Gespräch zu halten / [88] mich öffters besuchet. Polyphilus /dessen hoch erfrenet / bedanckte sich aufs schönste /nahm die Erlaubnus / mit dem Versprechen / sich selbiger ehistens wieder zu bedienen / an / und rathschlagte allbereit / wann er wiederkommen dörffte; nahm Abschied / und gieng mit seinem Führer nach Hause: wiewol Macarie sein Hertz bey ihr behielt.

9. Absatz
Neunter Absatz

Beschreibet die Ersäuffung Polyphili / und die daher entstandene betrübte Klagen / der erschrecktenMacarien / und was sie vor Nacht-Gesicht betrübet:Lehret an Polyphilo / die der Kunst und Tugend ewig widerstrebende Unglücks-Bestürtzung / von deren bißweilen alle Hoffnung niedergeschlagen wird; anMacarien aber / die selbst nothleidende Tugend.


Aber / O des unglückseeligen Polyphili! wie unbeständig ist doch die Freude der Menschen / welche verdorret ehe sie erwachsen / und umgerissen wird /ehe sie gegründet. Der Lusthoffende Polyphilus gieng in steten Gedancken / wie er wieder zu Macarien kommen / und etwa sein betrübt Verlangen / durch ihre Freud-erweckende Gegenwart / stillen könte / da ihm das Unglück eben eine neue Gruben bereitete /und die Netz der Verhindernus ausspannete / seine Freuden zu fangen / und seine Hoffnung zu vernichten. Dann / so bald er mit Talypsidamo ins Haus trat /befand er sich / mit einer grossen Meng gewapneter Soldaten umringet / die [89] ihn gefangen nehmen / und in die Verschliessung führen wolten. Ein Schwerd vermochte nicht wider so viel zu streiten / und anderer Hülff hatte sich der verlassene Polyphilus / in der Fremde / nicht zu getrösten: Darum muste er sich ihrem Willen / in gezwungener Gedult ergeben. Talypsidamus / wiewol ihm die Sache unbillich vorkam / dorffte doch / vermög seiner Pflicht / nichts wider die Gemeine vornehmen; so war er auch nicht mächtig genug / dem Aufruhr allein zu widerstehen: Doch nahm er sich des Polyphili so viel an / als er vermochte / und forschete die Ursach / mit dem Verbrechen / welches Polyphilum in die Gefängnus werffen solte. Da er nun vernahm / daß die Innwohner der Insul / diesen Polyphilum / vor den fremden Ritter ansahen / welcher den Philomathum / unschuldiger weise / ermordet: sprach er selber Polyphilo zu / daß er sich zu frieden geben / ihrem Befehl nach kommen / und sich auf seine gerechte Sache verlassen solle: versprach ihm auch seine Hülff in allem / und tröstete ihn mit der Versicherung / daß er morgen wieder loß seyn solle. Polyphilus / mit tausenderley Widerwertigkeit geschlagen / dachte alsobalden an den Traum / welchen er vom Philomatho gehabt; an dessen Wort / und an die vergifftete Schlangen / die ihn ins Hertz gestochen / und das Gesicht zerrissen: schloß alsbald dahin / daß dieses die Erfüllung dessen seyn müste. Da er aber der Schlangen gedachte / überfiel ihn eine Forcht / die der Todes-Angst nicht unähnlich war / dadurch er gleichsam sich zum Tode verdammet beförchtete. Forcht und Eyfer rathschlagten miteinander / wie dieser Noth abzukommen. Ins Gefängnus zu gehen / war seiner Großmütigkeit [90] viel zu wider; auch gedachte er / was wird Macarie sagen /wann Polyphilus gefangen ligt? Unter der Rott böser Buben geführet zu werden / verdirbet meine Ehr bey männiglich. In Forcht des Todes zu leben / ist ärger /als stündlich zu sterben: darum war das der letzte Schluß: lieber ehrlich gestorben / als schändlich gelebt. Was geschicht? In sein Schwerd zu fallen / wolte die Gelegenheit nicht leiden / dann die Hüter waren da. Durch ihren Grimm zu sterben / war wieder kein Ruhm. Dann er den Namen nicht führen mochte / als hätte er seine Ehr beschützen wollen gegen denen /die keine Ehre hatten / oder selbige seiner Spitzen gewürdiget: so wär es wieder schändlich gewesen /wann er durch ihre Schärffe hätte fallen sollen. Möchte Talypsidamus sein Unglück mit seinem Leben enden / wäre diß der grösseste Dienst gewesen / den jemals ihre Freundschafft erfordert: doch wolte auch dieses nicht angehen. Darum nahm er ihm vor / weil er sonderlich der Macarien schuldig war / sein Leben entweder mit Ehre zu retten / oder auch ohne Schand zu enden / er wolle sich in das Wasser stürtzen / sey es ihm gnädig / wolle er dem Himmel dancken / ersäuffe es ihn dann / sey er schon zu frieden / wann nur Macarie wisse / daß er ihrentwegen auch seines Lebens nicht geschonet. Der Schluß ist gemacht: Polyphili Arglistigkeit vermochte auch leicht alles nach Begehren zu vollbringen / sonderlich aber diente hierzu das Haus des Schiff-Patrons / von welchem die / so aus und eingehen musten / eine Bruck über das schnell-rauschende Wasser führete / da sich keiner ohne Verlust des Lebens hinein wagen dörffte. Wie machts aber Polyphilus[91] / daß er vor das Hauß heraus komt / ehe er von der grimmigen Rott angegriffen wird? Er wincket dem Schiff-Patron / und bittet /durch die Pflicht ihres Verbündnüs / daß / so er ihm einmal getreu sey gewesen / er dißmal bey den Soldaten auswürcken möge / sie sollen ihm / auf sein Wort / nur biß auf die Brucken erlauben / allda er in geheim etwas von Macarien mit ihm reden wolle / das er befürchte / es möchte allhier nicht verborgen bleiben. Versprach darneben bey Treu und Glauben / daß er mit keinem Fuß die Flucht nehmen / oder nur selbige gedencken wolle; weil ihm ohne das auch unmüglich wäre / ohne Schiff von dieser Insul hinweg zu kommen.

Talypsidamus / sich nichts böses beförchtend /trauete allem dem / und gedachte / Polyphilus würde sich bey Macarien / seiner Gefängnus halber entschuldigen lassen / beredete derowegen die Soldaten / daß sie / auf seinen Glauben / Polyphilum / so weit er begehrte / mit ihm hinaus liessen. Als nun Polyphilus einen gelegenen Ort ersehen / steht er still / und fängt folgender Gestalt an: Treu-geliebter und hertzvertrauter Freund! die Menge der Gutthaten / so ihr mir unverdient erwiesen / kräncket mich freylich jetzo / daß ichs nicht aller Seiten wieder ersetzen kan. Ich weiß doch wol / daß ich sterben muß / und ist ungewiß / ob ich euch / viel weniger Macarien / wieder sehe. Darum / so bitte ich euch / durch aller Götter Erhörung / ja! ich befehle euch / Krafft unsrer Eydverbundenen Pflicht / daß ihr / nach meinem unschuldigen Tod / den die Götter / durch ihre gerechte Rach erweisen werden / bey meiner / ach meiner! ja meiner hertzgeliebten Macarien / ein treuer Zeuge seyd meines Hertzens / welches sie / durch ihre Schönheit / Tugend [92] und Verstand / so fest gebunden hält / daß / so bald diese Seele von meinem Leib scheidet / sie dorten / auf ihrem Schoß / den Ort der Ruhe nehmen wird / und nach meinem Tod geniessen / das ich in diesem Leben / so viel ich mich auch bemühet / nicht erhalten können. Zeuget auch / Vertrauter meines Hertzens! daß mein Geist / nach diesen Tagen / sie zwar offtmals schröcken wird: so bald sie aber ihres Polyphili sich erinnert / und seine ihrentwegen erlittene Noht / ja gar erwählten grimmigen Tod behertziget / sie ihn wieder zu seiner Hölen weisen / und sanfft wird schlaffen machen / so gar begehr ich nichts mehr von ihr / als daß sie meiner gedencke. Ihr aber lebet wol / mit ihr / und rächet meinen Tod /wollt ihr anders sicher leben. Saget ihr auch an / daß ich ihr in diesen meinen letzten Zügen / mehr dann tausend Seufftzer zuschicke / und mehrmals küsse /als ich lebendig hätte hoffen dörffen. Grüsset sie /lebet wol! Mit welchen Worten er sich im Wasser ersäuffte.

Talypsidamus voller Schrecken / wuste nicht / was er machen / wie er helffen / wo er rathen könte. Die erzürnte Soldaten drungen mit grosser Macht auf ihn zu / und forderten ihren Gefangenen: Der aber hub an sich zu verschweren und verfluchen / daß er unschuldig wäre an diesem Tod / und daß er nichts davon gewust. Verschaffte derowegen alsbald / daß ihrer etzliche zu Schiff sitzen / ihm nachsetzen / und den todten Cörper aus den Wellen hervor ziehen solten. Es mochte auch der Innwohner Grimm und Zorn nicht so groß seyn / daß sie nicht alsobald zum Mitleiden bewegt / ihre That bereueten: aber Talypsidamus beweinte seinen Polyphilum / und kunte sich nicht trösten.

[93] Die geschwinde Fluth der durchdringenden Wellen bedeckten den Polyphilum / daß man ihn nicht mehr sahe / und ob ihn der Schiff-Patron 3. gantzer Tag lang suchen ließ / konte er ihn doch nicht erlangen. Deßwegen er hoch bestürtzt / sich wol wunderte über die Künheit Polyphili / und wie er / seine Ehre zu retten / den Tod nicht gefürchtet: aber auch wegen der frechen That / und daß er so einen guten Freund verlohren / sich hertzlich bekümmerte.

Der Abschied / den er von ihm genommen / nötigte den Schiff-Patron / daß er zur Macarien gehen / und seine Pflicht beobachten muste. Diese / so bald sie erfuhr / was da geschehen / und wie sie Ursach wäre an dem allein; ja! daß er sie hertzlich geliebt / und dessen noch nichts genossen / fieng sie bitterlich an zu weinen. Es häufften die Zähren die Erinnerung seiner erlittenen Noht / es mehrete den Schmertzen die Erkantnus seiner Gedult / alles / was er geredt und gehandelt / vergrösserte die Angst Macarie / und ihres Hertzens Betrübnus. Deßwegen sie dann auch die Gesellschafft dieses Schiff-Patrons nicht länger begehrte / sondern ihn mit höflichen Worten / welche einige nötige Geschäffts-Verrichtung vorwandten / wieder heim eilen hieß. Es waren aber ihre Verrichtung nichts anders / dann bethränte Klagen / und klagbaffte Thränen / damit sie den unschuldigen Tod Polyphili /in ihrer Einsamkeit unverhindert / begleiten könte. Der Schiff-Patron merckte bald / wohin das Hertz der Macarien zielte / derohalben er auch ihr nicht länger verhinderlich / sondern vielmehr beförderlich zu seyn sich befleissete / indem er derselben die letzte Wort Polyphili / mit dem darinnen begriffenen letzten Willen anzeigete / auf Bitt und Befehl Polyphili selbst.

[94] Macarie / der ein jedes Wort / wie scharff-schneidi ge Schwerter / durchs Hertz drunge / konte sich dennoch gegen Talypsidamo so unbeweglich stellen / daß er nicht einige Veränderung an ihr mercken konte /bevorab / weil sie / durch solche Wort / aus dem vorigen Traur-Netz heraus gerissen / und in ergrimte Zornstrick / so lang sie ihres Herrn Vettern Gegenwart scheuen muste / geworffen würde. Was / sagte sie / und mit was recht / nennet er mich seine / ja seine Macarien: Durch was Dünckel will er mich seinen Geist schröcken lassen? Aus was Verdienst erwählet er meinen Schoß / zu seiner Seelen Ruhe? In allem hat er warlich weit gefehlet und wird er dessen /auch nicht des Geringsten / keinmal gewürdiget werden. Ich bin und bleibe mein eigen / und keines andern. Sein Schröck-Geist kan auch in seiner Grufft verbleiben: so ist ihm die Erde ein würdiger Schoß /da sein Leib; der Himmel aber / wie ich wünsche und hoffe / da seine Seele ruhe. Sehet indessen / geehrter Herr Vetter! was dieser unter der Tugend-Decke gesuchet? verstehet ihr nun / wie er seine Laster-Tück mit der Tugend verblümen / und mit der Kunst-Begierde decken können? haltet mich nicht für so unklug / daß ich nicht wisse / wie trüglich die Jugend sey / und wie sie nach solchen Tugenden gemeiniglich zu streben pflege / die einem Laster am allergleichsten seyn.

Der Schiff-Patron / der dieses alles mit Verdruß anhörte; dieweil er gedachte: es wäre das Hertz Macarie diesen Worten gleich: hielt vergebliche Wider-Rede /und bemühete sich sehr / diese übelgefasste Einbildung der Macarien zu benehmen / mit Vorwendung /daß alles / was Polyphilus gethan / [95] sey aus Liebe gegen Kunst und Tugend geschehen. Und das erwieß er nach solcher Länge / daß Macarie einen viel grössern Verdruß über das bekam / das sie gerne hörete /als vorher Talypsidamus über ihren widrigen Reden erlitten. Dochgefiel ihr diß wol / daß sie aus seiner unnöthigen Bemühung gewiß seyn konte / er habe nicht verstanden / daß sie / in diesem allen / seiner Freundschafft mehr / denn der Warheit beygepflichtet: wiewol auch dem Schiff-Patron in diesem Fall nicht wenig Unrecht geschahe / als welcher so gesinnet war / daß sie ihre Gegen-Gunst ihm nicht bergen dörffen. Aber Macarie war furchtsamer und vorsichtiger /als nöthig war.

Endlich gehet Talypsidamus wieder fort / Macarie /die immer heimliche Sorge vor Polyphili ertödeten Cörper trug / fragte: ob der Cörper Polyphili gefunden / oder noch gesuchet werde? Und da sie von dem Letzten das Ja-Wort erhielt / sprach sie ferner: Nun denn / geliebter Herr Vetter! so thut euren Pflichten gemäß / weil ihr ihn so hertzlich geliebt / und seine Kunst und Tugend noch immerdar sehr vertheidiget /versehet ihn / wann er gefunden wird / mit einem ehrlichen Begräbnus. Mit diesem Versprechen scheidete er hinweg / und ließ Macarien allein.

Diese / nach dem sie die Thür verriegelt / und alle Eingäng verschlossen hatte / so gar / daß sie sich nun / allein zu seyn / versichern konte / fieng / mit höchstschmertzlichen Senfftzern / und heiß-quällenden Thränen / ihre Kümmernus / und die Widerwertigkeit des falschen Glücks / durch den unversehenen und schmäligen Tod Polyphili / hertzlich und schmertzlich an zu beklagen und zu beweinen / weil sie sich in der grössesten [96] Anfechtung befandte / so jemals der erzürnte Himmel denen Sterblichen zur Straf / und die ergrimmten Götter denen Ubelthätern /zur gerechten Rach / zu schicken können. Wer ihre Gestalt gesehen / konte in Warheit nicht sagen / daß diß Macarie sey. Die erhellende Augen-Sonne / welche vor dem das Hertz Polyphili / mit ihrer Stral-werffenden Hitze / so hoch entzündet / sahe man jetzo durch den rauhen Dunst der Hertz-quälenden Seufftzer verfinstert / und durch den feuchten Augen-Schweiß / gleich einem dickfallenden Regen / verdunckelt / daß sie fast nicht mehr scheinen konte. Das Purpur-Feld ihrer Wangen / das vor dem / durch die Mannigfaltigkeit ihrer Wunder-belibten Blumen / das Hertz Polyphili in die höchste Verwunderung geführt / war nunmehr durch die rauhe Winde der bleichen Kümmernus gantz verdorret / daß es kaum wieder konte ersrischet werden. Die Blut-gefärbte Corallen ihres gelehrten Mundes / mit denen beröhteten Lefftzen / die vor dem / durch ihre erhabene Pracht /den Polyphilum zur freywilligen Dienstbarkeit bereden konten / waren jetzo / durch die Gedult zwingende Ohnmächtigkeiten dermassen verstummet / daß /wofern der kummerhafte Schmertz nicht / mit voller Gewalt / das Hertz durch den Mund heraus geworffen / und also das Schloß zerbrochen / sie folgende Rede / an Polyphilum / nicht hätte vollbringen können.

So beklagte sie aber den Tod Polyphili: Ach! daß mich die Gunst des Himmels so hoch geliebet hätte /daß ich entweder gleiche Straffen mit ausgestanden /oder ja keine Gelegenheit irgend überkommen / Strafe zu verdienen! Bist du denn / ertödteter Polyphile! zu deinem und meinem Tod hieher [97] kommen? Woltestu Tugend suchen / und dein Leben verlieren? Ach das ist der unendliche Schmertzen / der mich in die Gruben legen wird / wie er dich in den Strom geworffen. Ach! warum hab ich dir / deine wohl-gemeynte Gunst nicht besser belohnet? Warum hab ich dem treuen Hertzen Polyphili nicht bessern Glauben geben? Polyphile! dein Blick / dadurch du mich von deiner Pein verständigtest / wird mir jetzo ein lauterer Gifft / der meine Seele tödtet / und meine Krafft verzehret. Wird mich nicht hinführo dein Geist schröcken? Ja / komm her Polyphile! unschuldiger Polyphile / komm her! Siehe! da ist die Stätte / da ist der Schoß / den du zu deiner Ruhe begehret. Würdige mich / Polyphile! deine Treu im Tod dir zu vergelten / die ich in deinem Leben dir versaget. Komm / Polyphile! Siehe! da ist mein Mund / den du / in deinen letzten Zügen / zu küssen begehrtest. Siehe! da ist mein Hertz / dem du so viel tausend Seufftzer zuschicktest. Siehe! da sind meine Hände: ach! daß sie dich aus den Wellen könten hervor ziehen / wie sie dich hinein gestürtzet haben! Was wilt du mehr? Polyphile! mich selbsten? Siehe! da bin ich / bitte die Götter / daß sie gerechte Rach an mir verüben / und mich neben dir in den Sternen-Saal setzen / will ich aller Welt gern entnommen seyn. Dann nunmehr ängstiget mich doch dein Tod. Ich arm-selige Macarie / soll ich noch Macarie heissen? Wie ist dann das Gefängnus meiner Besehligungen so hart verriegelt? Ich trostlose Macarie / soll ich noch Macarie heissen! wie ist dann der Wandel meines Lebens dem Namen so hart zuwider? Polyphile / Polyphile! du machest mich sterben / wie ich an deinem Tod Ursacherin [98] gewesen. Nun so fahr ich dir nach / reiche mir deine Hand / Polyphile! daß ich dir nachfahre. Aber du wilt nicht / Polyphile! warum? daß ich dich ertödtet? Ertödte mich wieder / so will ich den Göttern das Versühn-Opffer an meinem Leibe bezahlen.

Als Macarie sich so schmertzlich ängstigte / über fiel sie eine krafftlose Ohnmacht / darinnen sie so lang verharrte / biß sie in einen angenehmen Schlaf gerieth / und im Traum den Polyphilum vor sich stehend befand / sie mit freundlichen Worten bittend /sie wolle ihm das Kleinod ihrer Tugend-geziemenden Gegen Gunst nicht länger verhalten: Darauf sie aber nicht ein Wort antwortete / sondern mit Stillschweigen / sein Begehren widersprach / und obwol Polyphilus noch ferner anhielt / mochte er doch nichts erhalten / biß er endlich / mit betrübten Hertzen und weinenden Augen / von ihr scheiden muste.

Bald darauf erschien ihr ein ander Bild / das auf sie zunahete / und eine Tafel überreichete / darauf der Name Polyphili in Wachs gedrucket war / welche Macarie annahm / und an die Sonnen setzte / biß das Wachs zerschmoltzen: worüber der / so die Tafel überreichet / mit einem Schwerdt erstochen.

Bald nach dem befand sie sich in einer Hölen /unter den wilden Thieren / deren jedes einen Theil vom Polyphilo im Rachen hielt / und daran nagte /konte doch selbiges nicht verschlingen: Derowegen sie / wider ihren Willen / den Raub fallen liessen /und mit grossem Ungestümm auf Macarien zudrungen / sie anfielen / und bald hin / bald her schleppeten / vermochten ihr doch nichts zu schaden.

Diesen Schrecken vermehrete ein ander Gesicht /weil sie in einem engen Schrancken zwey junge Ritter [99] auf den Todt kämpffen sahe / deren keiner den andern erlegen konte; und weil sie von denen Umstehenden vernahm / daß diese an statt der Tugend und der Liebe fechteten / wolte sie der Tugend zu Hülff kommen / wurde aber durch die Geschwindigkeit der Liebe / zu samt der Tugend / auf den Boden nieder gelegt.

Nach dem sahe sie ein Gesicht / das erschröcklich anzusehen war / voller Eyfer / mit aufgesperrtem Rachen / und Feur-wetzenden Zähnen / das sie doch nicht recht vernehmen konte / ob es einem Menschen /oder sonst einem Thier gleich sahe. Und als dieses verschwunden / wurde sie zweyer schwartz-bekleideten Jungfrauen gewahr / die stätig ihre Augen / so mit Thränen flossen / trückneten / bald auch / als aus Verzweifflung / die Hände ineinander schlugen / und sich kläglich geberdeten. Denen folgte ein kleiner Knab unbekleidet / welcher sich sonder-frölich stellete / und bald diesen / bald jenen anlachete: alle aber / die angelachet wurden / fiengen kläglich an zu weinen. Nach selbigen folgete eine gantze Schaar Lust-tantzender Göttinnen / die mit erhobener Stimm ihre Hertzens-froh besungen / und nichts unter liessen /was zur Vermehrung ihrer angefangenen Lust dienen mochte. Diese Schaar zog einen Gefangenen nach /mit Fesseln und Ketten so wol verwahret / daß er /ohne groß Geklapper und Geräusch / nicht vorbey gehen mochte. Sieben waren der Wächter und Kriegs-Knechte um ihn her. Und dieser war die Ursach ihres Freuden-Spiels. Sie setzten ihn auf einen erhabnen Thron / und verwahreten die Ketten aller Orten mit festen Schlössern / und kam ein jede der Göttinnen /und übete ihre Rache. Endlich trat auf der kleine[100] Knabe / und zog aus seiner Brust / wunderbahrer Weiß / ein Siegel / darinnen das Bildnus Macarie stunde; Darauf ihm eine der Göttinnen etliche verguldete Pfeil darreichte / die er mit solcher Geschwindigkeit / auf den Gefangenen zuwarff / daß man nicht erkennen kunte / wohin er getroffen. Der Gefangene aber fiel todt darnider.

Macarie erwachte über den Schrecken / konte sich doch / wegen der starcken Ohnmacht / nicht erheben /bleibet demnach noch länger in der Ruhe. Indessen kommt die berühmte Zauberin Melopharmis / welche der Macarien sonderlich gewogen war / und dannenhero auch dem Polyphilo / als welche / durch ihre viel-vermögende Kunst / ihrer beyder Hertzens-Wunsch schon wuste. Diese gedachte der Macarien eine Freud wieder zu machen / und von der beschmertzten Angst zu erlösen / darum sie folgende Wort mit verständlichen Buchstaben auf den Tisch mahlete / dabey sie schlieff / auf daß / wann sie erwachte / dieselben alsbald ins Gesicht fassen könte. Die Wort aber waren diese: Betrübte Macarie! die Götter haben deine Seufftzer erhöret: dein Polyphilus ist nicht tod: deine Tugend hat ihn nicht gestürtzet; sondern erhalten. Du aber laß ihn geniessen dessen /das er um dich erlitten. Und ob du seiner noch so bald nicht ansichtig wirst / laß dich nichts bekümmern. Ehre seine Kunst in deinem Hertzen: liebe seine Liebe auch abwesend: vergiß nicht seiner letzten Wort: ich habe ihn an fremde Ort geführet / da er sich deiner wird würdig machen: und du wirst selber noch dir zu wider leben. So bald die Wort geschrieben waren /machet sich Melopharmis durch ihre [101] Zauber-Kunst wieder hinweg / aber mit solchem Geräusch / daß Macarie völlig davon erwachet / und dem Gethön nachsiehet / aber nichts ersehen kan.

So bald mochte der Schlaf die Augen nicht erlassen haben / daß sie von dieser Schrifft nicht wieder gefüllet wurden. Die Erinnerung ihrer viel-deutenden Träume / der Schrecken über diese unerwartete Schrifft /und der Schmertzen / so sie noch immerdar gefangen hielt / verwirreten sie dermassen / daß sie selber nicht bey ihr gedencken konte / was sie deneken solte. So bald sie aber die erste Wort gelesen / und / wie die Götter ihre Senfftzer erhöret / vernommen / sagte sie alsobald: gewiß ist die Schaar der Unsterblichen hie zugegen gewesen: gewiß ist diß durch ihre eigene Hand geschrieben. Grosse Freude erquickte das Hertz / und die Begierde / was gewisses zu erfahren /verkürtzete die Schrifft dermassen / daß sie in unglaublicher Eil durchgelesen war. Es belustigte sie dieselbe auch so sehr / daß sie wiederum von vorne anfieng: aber die Schrifft verschwand für ihren Augen / welches sie noch mehr stärckete in ihrer Einbildung / daß dieses ein sonder-gnädiges Himmel-Geschicke seyn müsse. Nichts fiel ihr ungelegener / als daß sie nicht mit grösserm Nachsinnen die Wort gelesen / doch blieb ihr dieses in frischem Gedächtnüs /daß sie vernommen / Polyphilus lebe und liebe / dem sie auch allerdings mit einer Gegen Liebe begegnen solle. Welche Erinnerung sie in diese Wort heraus zu brechen bewogen.

Wie kan ich dir / günstiger Himmel! in dieser meiner sterblichen Schwachheit nach Verdienst und Gebühr dancksagen / daß du mich durch deine milde Beschützung / in meiner höchsten Bedrangnus / so [102] wunderbarlich erquickest. Darff ich dir Glauben beymessen / in allem dem / was ich mit deinem Finger bezeichnet funden; wie ich dann dir allermassen den Glauben schuldig bin; so verspreche ich dir noch einmal ein ewig Gelubd / daß dieser Tag / vor ein Denck- und Danck-Fest / die Zeit meines Lebens /von mir soll geheiliget bleiben. Ein Denckmal will ich setzen an diese Stätte / da ich von so grossen Schmertzen erlöset / und all mein Kummer sich geendiget. Ein Danck-mal soll jene Stätte tragen / da der lebende Polyphilus meiner zum erstenmal ansichtig worden / und mich / so uns der Himmel begnädiget /noch mehr sehen / und erfreuen wird. Du nur Polyphile! wo du gehest / wo du stehest / da begleite dich die Hut und Wach der Unsterblichen / und führe dich / durch einen sichern Weg / biß du wieder ohne Anstoß zu mir kommest / um Kunst und Tugend zu vermehren: ich will deiner warten.

Dieses alles / was wir bißher von Macarien erzehlet und vernommen / war aus keinem andern Grund / als aus Mitleiden / gegen dem Polyphilo / geredt und gethan / als welcher / durch die falsch-gefasste Hoffnung / Tugend und Kunst bey Macarien zu erwerben /sein Leben einbüssen müssen: Wiewol die Gedancken Polyphili weiter giengen / der ihm wol gar einbilden dorffte / (wie er denn einen hohen Sinn führete / der ihm offt mehr durch das blinde Glück / als nach seinen Würden / oder Vermögen / sein Begehren gewährete /) mit Macarien in solche Verträulichkett zu kommen / daß ihrer beyder Hertz ein Wollen und ein Beginnen dichte / ja! daß man gar sagen müsse: Polyphilus und Macarie [103] sind eins: welches doch noch weit im Felde war / und eher zu wünschen / als zu hoffen.

10. Absatz
Zehender Absatz

Beschreibet die Errettung Polyphili / durchMelopharmis geschehen / die ihn zu dem versenckten Schloß geführt / und was sich allda ferner mit ihm begeben: Lehret / wie dennoch der gnädige Himmel ein wachendes Auge habe auf die Tugend-verliebte /und seine Hülff wol verberge / aber nicht entziehe.


Nun müssen wir wieder zum Polyphilo kommen / und besehen / wie es selbigem ergangen. Alle und jede hielten ihn vor todt / und konte die Tieffe des Wassers / und die brausende Wellen nichts anders zeugen / als daß sie Polyphilum verschlungen: welches über das bekräfftiget wurde / weil der ertränckte Polyphilus / oder dessen entseelter Cörper / nicht konte gefunden werden; daher sie alle schliessen wolten / er wäre von einem Meer-Thier verschlungen / oder an einem Anstoß im Wasser hangen bliebe. Aber wie weit ein anders und bessers hatte die Vorsehung des gütigen Himmels beschlossen. Es muste dannoch waar seyn / daß die ergrimmete Boßheit der Menschen / mit aller ihrer List und Gewalt / nicht erdrucken könne / was die Erhaltung der allgewaltigen Götter / durch ihre Begnädigung / erauicken will. Denn /da sich Polyphilus / sein Leben zu verderben / und sich aller Welt Schande zu entbinden / mit völliger Verzweifflung ins Wasser stürtzete / kam er auf den Weg / selbiges / mit desto [104] grösserer Glückseeligkeit und berühmter Ehre / zu erhalten.

Melopharmis / davon wir allbereit oben gehöret /und deren Kunst-kündige Zauberey / war dem Polyphilo so geneigt / daß sie ihn unversehrt / und mit unglaublicher Behendigkeit / durch den Strom / bey etzlichen Feld-Weges weit / wegführete / biß er in die Tieffe versencket / an ein herrlich-schönes Schloß anstieß / in welchem die Innwohner / auch unter dem Wasser / ohne Furcht der Ersäuffung / leben / ja! ohne Verhinderung der Fluten / aus- und eingehen konten.

Polyphilus / der nicht wuste / wie ihm bißher geschehen / wegen des erschröcklichen Sausens und Brausens der Wellen / wurde von Hertzen froh / daß er einen solchen Ort erlanget / da er ohne Todes-Forcht Athem holen / und frische Lufft schöpffen dorffte. Ausser dem / daß er nicht wuste / wie er / unversehrt seines Leibs und Lebens / daher gerathen war / wunderte er sich noch so sehr / wie ein so herrlich Schloß in ein Wasser gebauet / und die Menschen / ohne Verletzung / daselbst leben könten.

Es war aber dieses Schloß vor dem / durch eben der Melopharmis Zauberey / von dem Meer verschlungen / und unter die Tieffe versencket worden / aus Ursach / weil dieser Melopharmis einiger noch unerwachsener Sohn / von diesem Schloß / durch Untreu eines alten Weibs / Cacogretis genannt / in das Meer gestürtzet worden. Diese blutschuldige That nun zu rächen / hatte sie nicht allein das alte Weib mit Gifft ertödtet / sondern auch diß köstlicherbaute Schloß /durch ihre Zauber-Kunst / versincken heissen / so lang / biß ein edler Jüngling / diese Unschuld bezahlte / und sie wieder einen Sohn bekommen hätte.

[105] Polyphilus / dem der Ort nicht übel gefiel / beschloß bey sich / vollends hinein zu gehen / und die Burg zu besehen. So bald er aber an das innere Thor gelangete / ward er etzlicher geharnischter Männer gewar / die ihm den Fortgang verwehreten / und ob er wol demühtig und inständig anhielt / mit Bezeugung /daß er kein Gemüt einigen zu beschädigen / oder auch anzufeinden hätte; ja mit dem / daß er gantz Wehrloß / auch keine Mannschafft nach sich führete / seine Wort gnüglich bekräfftigte: war doch alles vergebens / und hätte Polyphilus / glaub ich wol / ehe den Grimm aller erzürnten Götter begütigen / als den groben Unverstand dieser Soldaten zwingen können. Derowegen dann endlich Melopharmis gezwungen wurde / mit Behülff ihrer Zauber-Kunst / dem Polyphilo offene Thür zu machen / und ihn unvermerckt /durch die verblendete Wach / ohne Verhindernus / in das Schloß hinein zu führen.

Sieben Thor muste er durchbrechen / biß er in den Vorhof gelangete. Die aufgeworffene Thämme / und hoch-geführte Wälle / mit den fest-verwahrten Mauern / Thürnen / und was sonst dem Feind zum Schrecken aufgeführet war / gab alles gnügliche Ursach /sich theils über die Kunst-reiche Erfindung / theils über die mehr als Menschliche Verrichtung / am meisten aber über die Güte des Himmels zu verwundern /welche den menschlichen Verstand so hoch begabet /daß er nicht mehr menschliches / sondern Göttliches gedencke und erfinde: Wie dann in Warheit diese Burg mit allem Recht eine Himmel-Veste hätte können benahmet werden. So war auch an der Zierde und Schöne kein Fehl / daß sie nicht einem jrrdischen Paradeiß hätte sollen gleich [106] geachtet seyn; so gar war alles auf das herrlichste und köstlichste zugerichtet: sonderlich rauscheten im Vorhof die Blätter-gezierte Bäume / die Lust-springende Brunnen / mit denen lebendigen Wassern / aufs lieblichste. Allerhand Arten der Vögel flatterten durch die Laub-dicke Büsche /und erwecketen mit ihrer erhellenden Stimm eine solche Anmutigkeit / daß ihm Polyphilus gefallen ließ /unter ein erbautes Linden-Zelt seinen Sitz zu nehmen / und dieser Lufft- und Wald-Music ein wenig zuzuhören.

Ohren und Augen hatten genug / daß sie sehen und hören konten / so viel artige Lust-Spiel erregte das himmlische Geflügel. Bald nahm eine ihren Flug mit geschwinder Behendigkeit durch das gestemmte Wasser / und fiel als ertruncken wieder hernieder / so bald es aber auf den Boden fiel / ward es alsbald wieder lebendig. Bald wanderten sie alle / so viel ihrer da zugegen waren / durch die ausgespante Lufft / hielten an einem Ort beysammen / und erhebten dermassen ihre verliebte Stimm / daß der widerhallende Echo / aller Orten / seine verschwatzte Zunge / in diesem Vorhof hören ließ. Bald setzte sich ein jede wieder auf die erhöhete Aeste / und sonderlich nahm die muntre Nachtigal ihren Ort auf der Linden ein / darunter Polyphilus ruhete: gerad aber gegen ihm / versteckte sich eine seufftzende Turtel-Taube in eine verdorrete Hecken /aus welcher sie doch bald wieder herfür kam / und sich auf einen andern dürren Zweig setzte / auch mit heiserer Stimm anfieng zu girren / weil sie ihre Buhlschafft verlohren.

Dieses verursachte Polyphilum / daß er / aber / ach mit Schmertzen! an seine Macarien gedachte / wünschete nicht mehr / als daß sie wissen möchte / daß [107] er lebe: wiewol er keine Hoffnung hatte / dieselbe wieder zu sehen / bevorab / weil er gewiß glaubete / er werde seine noch übrige Lebens-Zeit / mit grossem Kummer / in dieser Vestung enden. Tausendmal schauete er das girrende und betrübte Täublein an /und so offt er sie anschauete / so offt zog Macarie seine Gedancken zu ihr. Die Nachtigal aber / so voller Freundlichkeit über ihn auf das lieblichste kitterte /hielt gleichsam der klagenden Turtel-Tauben das Widerspiel / dermassen / daß Polyphilus diesen erfreulichen lieb-vollen Streit / zu einem Zeichen deutete /dadurch sein / und seiner Macarien / so betrübter / so erfreuter Zustand vorgebildet würde. Deren Ursachen halber / und weil der Ort und die Zeit nicht wenige Gelegenheit schencketen / nahm Polyphilus seine Tafel / und verfertigte folgendes Gedicht:


Wer sich einander hertzlich gibt /
Der liebt den / der ihn wieder liebt /
Und kan sich sonst an nichts erlaben:
Das Turtel-Täublein fleucht und girrt /
Wann sie nicht bald sieht ihren Wirth /
Und in gewollter Zeit kan haben.
Die Nachtigal zwittert und kittert in Lüfften /
erfreuet / verneuet / was altet mit Leid /
verstecket / bedecket die Wintrende Zeit /
gibt fröligen Lentzen in grünenden Klüfften:
Doch läst sie bald und bald auch Klage-Lieder klingen /
die keusche Nachtigal kan mannigfaltig singen.
Wie sitzest du von aller Freud /
in der betrübten Einsamkeit /
und auf verdorrte Bäum und Hecken?
Daß du must unbepaaret seyn /
Du frommes Turtel Täubelein /
macht dir den Leid-erfüllten Schrecken.
Was / klingende Nachtigal! klinget dein Wallen /
dein Honig-versüssetes Kehlen-Gethön?
[108]
Laß / Fröliche! seelige Seelig bestehn /
Laß füllen den Willen das liebe Gefallen /
Laß deine frohe Stimm nicht Leid und Trauren kittern:
Laß den beschönten Klang nicht als erfreulich zwittern.
Die Turtel-Taub den klaren Fluß /
so offt sie dürstend trincken muß /
betrübt zuvor / mit ihren Füssen:
nichts soll erhellen ihre Noth /
die ihrer Buhlschafft bittrer Tod /
doch kan / durch keine Lust / versüssen.
Die muntere Nachtigal suchet hingegen
die quellende Wellen / die wellende Quell:
verlanget die Felsen-abrinnende Fäll /
wo keine bepfützete Wasser sich regen:
Doch kan sie meisterlich die hellen Augen trüben /
wann sie benetzet sind / durch das betrübte Lieben.

In diesen Gedancken saß Polyphilus wie lange / und sahe nach dem Unterscheid der Gedicht / bald die Turtel-Taube / bald die Nachtigal an / deren jene den Schmertzen mehrete / diese aber linderte: biß er endlich von Leid und Freud bestritten / folgendes Sonnet / auf die Gleichheit seines betrübten Zustandes /und der Turtel-Tauben klagen / verfertigte / dieses Inhalts:


So sag / Frau Nachtigal! was dir von mir gebühre?
Sag / Turtel-Täubelein! was schröcket deinen Sinn?
der auch mich schröcket jetzt? dieweil ich gleich so bin
verlassen und allein; dieweil ich eben führe
den Dienst der Einsamkeit / und nichts als Trauren spüre /
weil ich sie nicht mehr seh; ja / ja / ich bin / wie du /
betrübt und voller Noht; ich habe keine Ruh /
weil ich in Unruh bin. Dann was ich jetzt berühre /
ist doch die Liebste nicht. Drum wehl ich deine Zeit /
drum lieb ich deine Werck / in dieser Einsamkeit.
Du aber / Nachtigal! du tröstest das Betrüben /
er freuest meine Noht / versprichst mir ihre Gunst /
die mich hieß sterben heut; vermöchte deine Kunst
mich wiedergeben ihr: wollt ich dich ewig lieben.
[109]

Nun / sprach er bey sich selbsten / als er das Gedicht verfertiget / wolte ich / daß meine allerliebste Macarie diese Wort lesen solte / damit sie gewiß wissen könte / wo und wie ich lebte. Indessen er aber noch andere geheime Gespräch mehr erkiesete / siehet er ohngefehr einen jungen Knaben / durch den Hof / zum Wasser eilen / allwo er / seiner Gewonheit nach / mit sprützen / rinnen / und dergleichen Kinder-Beliebungen mehr / seine Zeit verderbte.

Polyphilus / der daher schliessen konte / daß noch mehr lebende Menschen vorhanden seyn würden /floh das Gesicht des Knabens / aus Forcht / er möchte durch ihn verrathen / von den Inwohnern wieder hinaus gestossen / und endlich ersäuffet werden: Zuvor /weil er wider Wissen und Willen der bestellten Wächter herein gangen. Aber es gieng dem Polyphilo / wie denen / die die Tropffen fliehen wollen / und in den Platz-Regen gerathen / dann da er von dieser Linden hinweg / unter etliche Feigen-Bäume sich verkriechen will / fällt er einer erbarn alten Matron in die Hände /welche eben damals Frucht von diesen Bäumen suchete.

Wie sehr Polyphilus erschrocken / kan männiglich leicht ermessen / doch weil er keinen bessern Rath damals erfinden konte / als seine Unschuld zu bezeugen / und / wie er daher gerathen / zu eröffnen / nähert er mit schuldiger Ehrerbietung auf die Matron zu /und weil er sahe / daß sie an Jahren und Verstand mit gutem Recht seine Mutter seyn und heissen könne /auch durch diesen Ehren-Titul viel zu erwerben sey /wol wuste / fieng er mit folgenden Worten an sie zu grüssen: Edle Matron / und meiner noch frühen Jugend / wolwürdige / vielgeehrte Mutter! [110] die unvermuthete Ankunfft eines fremden Gastes erschröcke sie nicht so gar; auch mißfalle ihr die so wollende Versehung der allweisen Göttlichen Regierung nicht so sehr / daß sie mir einige Ungnad erweisen / oder von ihren Augen verstossen wolle: sondern sie begnädige mich vielmehr / meine kurtze Rede anzuhören / wird sie bald vernehmen / wie das feindselige Glück mich /an statt eines Ballen / gebrauche / und wider mein Wissen und Willen / bald hie bald dort hin werffe. Auch wundere sie sich darüber / daß ich Frembder und Unbekandter / an diesen Ort / der unter den Wassern verborgen / mit solchen Mauren beschantzet /und so starcker und scharffer Wacht versehen / ohne Lebens-Noht und unverhindert gelangen können. Ich /meines Theils / wie ich selber nicht weiß / durch wen / oder auf was Art ich daher geführet worden /glaube vor gewiß / es sey durch die allwaltende Vorsehung des gnädigen Himmels / und zwar / entweder mir selbsten / oder doch einem dieses Orts / wo nicht beyden / zum Besten geschehen. Doch ist diß alles ungewiß: solte aber meine geringe Jugend / durch ihren schwachen Arm / diesem Lust-gebährenden Ort / einigen angenehmen Dienst erweisen können /würde ich solchen mit dem Namen eines erwünschten und verlangten Glücks bezeugen. Unterdessen bitte ich / so es müglich / mich unter ihrem Schutz zu behalten / und / ist mir der Himmel gewogen / ihrer Freund schafft theilhafftig zu machen.

Mit diesen Worten bückte er sich auf die Erden /erwieß ihr seine schuldige Demut / und nahm daher Ursach ihre Hände zu küssen: welches alles dann /dem Polyphilo guten Willen erwecken / und die Gunst dieser verständigen Matron dergestalt erwerben [111] konnte / daß sie auf folgende Art antwortete:

Geehrter Freund! freylich wundert mich nicht wenig / wie ihr an diesen verborgenen und gefährlichen Ort lebendig gelangen können. Haben dann die Wasser ihre sonst gewöhnliche Natur ausgezogen? Sind unsre Mauren und fest-geführte Wälle eingefallen? haben die Wach-haltende geschlaffen / oder sind sie unsehend worden? Jenes ist nicht glaublich; dieses sehen wir anders vor Augen / und das Letzte darff ich nicht hoffen. Wie seyd ihr dann zu uns herein kommen? Eurem Vorgeben nach / wisset ihr selber nicht wie / welches mir doch so grossen Zweifel macht /daß ichs vor unmüglich halte. Soltet ihr von der wollenden Vorsehung des allwaltenden Himmels daher geführet seyn / möchte freylich solches nicht umsonst geschehen: und hätten wir uns sämtliche dessen hertzlich zu erfreuen / wann unsre bedrangte Gefängnus /durch etwa euern Arm solte aufgelöset werden. Ich muß bekennen / daß dieses etwas neues und ungewohntes ist / ja! über die Vermögenheit menschlichen Beginnens. Auch ist / die die Zeit unsrer Verbannung / kein Lebendiger / ausser euch / zu uns kommen. Dörfft ihr derowegen nicht bitten / euch in unsre Freundschafft aufzunehmen / so fern ihr mir alle Umstände erzehlen und bekennen werdet / durch was Geleit ihr zu uns kommen. Versichert euch / daß ihr /von diesem gantzen Hause / allen Willen und Ehre zu erwarten habt.

Polyphilus / dem dieses willige Anerbieten nicht wenig Freude verursachete / bekandte allerdings frey heraus / wie er aus seinem Vatterland Brunsile / durch die Widerwertigkeit des Glücks / zu der Insul [112] Soletten gerathen / allda mit einem / Namens Philomathus /Freundschafft aufgerichtet; welche ihm aber das neidische Glück mißgönnet / deßwegen ihn durch der Wellen Macht an einen unbekanten wilden Ort geführet /und nicht ehe wieder hinbracht / biß er / Philomathus / durch ein Schwert eines unbekandten Ritters gestorben. An dessen statt ihm aber die Gunst des gewogenen Himmels einen andern Freund bescheret /welcher ihm dermassen hülffreiche Hand geleistet /daß / wann er nicht durch einen betrübten Fall von ihm getrennet worden / er sein Verlangen / das einig nach Kunst und Tugend stehe / mit leichter Müh erfüllen können. Darauf fragte die Matron: was das vor ein betrübter Fall gewesen? Ach! sprach Polyphilus /es ehret und nehret die Insul Solette eine Göttin der Tugend / die sie Macarien nennen / bey dieser wurde mir gestattet ein- und auszugehen / und meine Tugend-Ubungen zu stärcken: wie aber das mißgönstige Glück durch ihre Blindheit immer wider dieselbe streitet / also hat selbiges auch seine Waffen wider mich gerichtet / und / da ich das erstemal bey gedachter Tugend-beliebten Macarien gewesen / und nun wieder zu vorgedachtem meinem Eyd-vertraute Freunde heimkehrete / mich dermassen vertrieben / daß keine Hoffnung mehr ist / sie zu sehen / viel weniger zu sprechen. Dann / weil ich ein Fremdling / wurde ich von den Innwohnern der Insul / vor den Mörder Philomathi angesehen / deßwegen sie mich fangen /und in Verhafft legen wolten. Die Schmach / so ichbeförchtete / vermochte mich dahin / daß ich lieber mein Leben / als meine Ehre zu verlieren suchete. Deßwegen ich / ehe gewaltige Hand angeleget wurde /mich ins Wasser [113] stürtzete / meinen Ruhm der Macarien durch meinen Tod zu erweisen. So bald ich aber im Wasser versencket / von denen hoch-steigenden Wellen überfallen wurde / ward ich gleichsam bey einem Seil durch die Fluth gezogen / welche als gewölbet mich umschlossen / daß das Wasser nicht auf mich zudringen konte / biß ich an diesem Schloß angestossen / mein Leben zu erretten / herein kommen bin / unwissend und wider Willen deren bestellten Wächter.

Die Matron vor Freuden gantz entzücket / vermochte kaum die Zeit zu erwarten / daß Polyphilus ausgeredt / so voll ward sie des Verlangens ihrer Entbindung / da sie den Namen Macarien nennen hörte. Sie fiel Polyphilo um den Halß hertzete und küssete ihn / mit diesen Worten: so seyd ihr gewiß Polyphilus / unser Erretter! und indem machte sie ein solch Freuden-Geschrey / daß so viel deren verborgen lagen / alle / aus dem Schloß hervor / in diesen Hof kamen / um zu vernehmen / warum diese Matron so freudig sich behägte.

Polyphilus / gantz erstaunend / konte mit all seinen Sinnen nicht erreichen / wie es doch ewig komme /daß diese unbekandte seinen Namen wuste / ehe er selben offenbaret. Und wiewol ihm allerhand Gedancken beyfielen / wolte doch die Gelegenheit der Zeit nicht gestatten / daß er eyferiger und sinnlicher der Sachen nachdencken könte / weil er genug zu schaffen hatte / daß er einem jeden mit gleicher Reverentz und schuldigem Gruß begegnete. Das Knäblein / so noch immerfort bey dem Brunnen gespielet / war der erste /der auf die Matron zulief / und die Ursach ihrer freudigen Geberden forschete. Dieser war der Sohn Melopharmis / so vom Schloß ins Wasser gestürtzet[114] / und dasselbe nach sich gezogen. Es wusten aber die Innwohner nicht / daß sie von der Zauberin in solch Elend gestürtzet: sondern waren in der ungegründeten Meynung / es wäre diß die Rach der Götter: deßwegen sie dann das Kind hochhielten / wie aus der Antwort dieser Matron zu sehen / in dem sie auf sein Begehren / mit folgenden Worten / ihm die Ursach ihres Jubels eröffnete: Lieber Sohn / ich erfreue mich /wegen dieses fremden Gastes / der kommen ist / dich deiner betrübten Mutter / mich aber / mit alle den Meinigen / dem Liecht der Sonnen wieder zu geben. Und nach diesem fieng sie mit erhobner Stimm / doch ein wenig von Polyphilo abgewand / zu den übrigen allen an: Liebe Getreue! der Gehorsam / den ihr mir /ohne Widerrede / auch in diesem meinem Fluch erwiesen / wird heut der gnädige Himmel / an euch allen vergelten. Ihr ehret mich / und habt mich bißher / als eure Königin / geehret / wiewol mein Reich /mit samt der Cron / im Wasser versencket gewesen /und ich billiger euch dienen / als durch welche ihr in diß Elend gerathen / dann beherschen sollen. Nun wisset / daß der barmhertzige Himmel mein Flehen erhöret / und mich mit den Stralen seiner Gnaden hinwieder bescheinen werde. In kurtzen werden wir / aus dem finstern Wasser / wieder an das Liecht der Welt gebracht werden. Da versprech ich euch / daß ihr aller deren Dienste / so ihr mir biß daher / in so gehäuffter Meng / erwiesen / aufs reichste geniessen sollet: wofern ihr mir noch diesen letzten Gehorsam leisten /und meinem Befehl nachkommen werdet / daß ihr allermassen / wie ich euch gebiete und führe / stillschweigend folget / und was ich mit diesem unsern Erretter / dem ihr jetzt alle mit Königlicher Ehre begegnen sollet / rede [115] oder verrichte / wol zu Ohren und zu Hertzen nehmet / der Zungen aber ein Strick anleget / und sie nicht aus unbedacht fahren lasset / wolt ihr anders mich / mit euch / nicht in das ewige Verderben stürtzen. Sehet! da steht unser Polyphilus /von dem die zwo Tafeln in unserm Tempel reden / er hat sich kunt gethan / in dem er Macarien / so auch auf den Tafeln benennet wird / genannt: und die allmächtige Hand des Himmels hat ihn wunderlich und unversehrt durch das Wasser zu uns herbracht; zu uns: ja! unserer Erlösung.

Es waren aber diese Tafeln von der Zauberin Melopharmis aus Ertz gemacht / und zugleich mit Versenckung des Schlosses / durch ihre viel-vermögende Kunst / in den Tempel versetzet / mit folgender Schrifft: Wann das Gelübd der Einsamkeit wird durch Polyphilum aufgehoben seyn / wird das Wasser wieder geben was es verschlungen; und wann die Mutter ihren Sohn überkommt / wird Macarie unter einem fremden Joch gefangen liegen.

So bald Polyphilus von einer Tafel höret / darauf der Name Macarien mit Polyphilo stunde / eilete er mit grossem Verlangen selbige zu sehen. Dann mehr wuste er noch nicht davon. Es erinnerte ihn aber die Matron / daß seinem Verlangen kein Genugen geschehen könne / er habe sich denn zuvor mit dem Himmel versöhnet / daß er würdig werde in diese Tempel zu gehen. Dann / sagte sie / der Tempel / darinnen diese beyde Tafeln verwahret sind / ist der dritte / und können wir zu dem nicht gelangen / wir gehen denn zuvor durch den ersten und andern / deren jeder von uns heilig gehalten wird.

[116] Die Begierde / so Polyphilum nach dem Tempel zog / vermochte dißfals so viel / daß wenig fehlete / er hätte sein selbst vergessen / und sich aus der Zahl der sündlichen Menschen geschlossen; weil er mit kurtzen Worten antwortete: Er wäre ihm nichts böses bewust /also hätte er auch keine Ursach sich mit dem Himmel zu versöhnen. Darauf fieng die Matron an: so seyd ihr gewiß allein unter den Sterblichen / der seinen Wandel ohne Verbrechen führe. Sehet / wie ihr euch selbst bethöret. In dem Augenblick habt ihr die gerechte Götter erzürnet / indem ihr / als ihr Geschöpff / euch eurem Schöpffer gleich achten / und euch allen menschlichen Gebrechen entziehen wollet. Soll ich euch weiter führen? Sagt mir / was hat euch in den Fluß gesturtzet? So viel ich aus eurer Erzehlung schliessen kan / ists in Warheit nicht einig die Rettung der Ehr / nicht auch allein die großmütige Tugend / viel weniger die vorsichtige Kunst: sondern allen Umständen nach / die verführende Liebe / deren grösseste Kunst / und endlicher Lohn ist / daß sie ihre Getreue in die Verzweifflung versencke.

Das alles aber / obs schon wol getroffen war / sagte die Matron doch nicht / als wann sies gewiß gewust /sondern / weil sie den Innhalt der Wort / so auf der Tafel bezeichnet stunden / durch die Erzehlung Polyphili erkläret / nunmehr leicht fassen konte; sich auch beförchten muste / wann Polyphilus von nicht-ziemender Liebe eingenommen / und sich / durch diese Tempel zu gehen / unterfienge / alle ihre Hoffnung zu stäuben würde; weiln kein solcher in den Tempel der Tugend gehen dörffte. Auch war das keine unnötige Furcht / weil gleichwol Polyphilus / durch die wunderthätige Hand der Gnad-reichenden [117] Götter / in denen wilden und gefährlichen Fluthen / so mächtig erhalten / und sicher geführet worden: ob er auch deren Güte davor gedancket: darum sprach sie ferner: bedencket auch begieriger Polyphile! die Barmhertzigkeit / die ihr heute durch des Himmels Gunst billich zu rühmen habt. Dencket an die Hülff und gnädige Errettung / dadurch eure Seele aus den Strömen gerissen / und an einen sichern Ort geführet. Dencket auch an die Herrlichkeit / die euch sonderlich vor allen Sterblichen gegönnet / daß ihr unser Erretter /und unser König werden sollet: habt ihr einmal der Güte des HErrn davor gedanckt? warum werdet ihr so bekümmert / und was zeigen die Wasser-rinnende Augen? Was will die geschwinde Traurigkeit? hab ich etwan euer Hertz mit Warheit getroffen? Oder / quälet euer Gewissen die Schärffe meiner getreuen Erinnerung? Freuet euch vielmehr / daß ich / auf diese Art /eure gierige Jugend im Zaum gehalten / und uns /mehr aber euch selbsten / vom Verderben errettet. Bedencket auch dabey / wie ein groß Versöhn-Opfser ihr denen Himmel herrschenden Göttern zu bezahlen schuldig seyd.

So es müglich wäre / daß alle Menschen jetzund Polyphilum hätten ansehen können / würden sie ein eigentliches Bild wahrer Reu / und ein Beyspiel eines erschrockenen Hertzens gesehen haben. So gar hatte der Wort-Donner dieser straffenden Matron / die Begierde Polyphili zerschmettert / daß er nur auf die Versöhnung / aber keiner Tafeln mehr gedachte. Dann so bald / als er von dem schuldigen Danck / vor die Wunder-gütige Errettung / hörete / so bald fiel ihm auch sein Versprechen bey / daß er [118] dem Himmel gethan / da er den Schluß gemacht / sich / durch das Wasser / von der bevorstehenden Schand / zu erretten: Wann ihm nemlich dasselbe gnädig sey / wolle er dem Himmel dancken. Diese Erinnerung machte ihm sein Hertz so zerknirscht / daß er sich anfangs scheuete / seine Seele gen Himmel zu erheben / sonderlich /weil es nicht vor sich selbst / sondern aus Antrieb /und gleichsam den Befehl eines andern thate. Doch dennoch / weil er vor Augen sahe / daß die Vorsehung der Unsterblichen etwas sonderliches über ihn beschlossen / auch die Begierde / vorgedachte Tafeln zu sehen / und was sie von ihm und Macarien zeugeten /zu erkennen / allmählich wiederum zu glimmen anfieng / erhub er seine Stimme / und antwortete der Matron folgender Gestalt:

Die Scham / so ihr mir durch eure Erinnerung eingejaget; der Schrecken / welcher mich die Ungnade und den ergrimmten Zorn des vorgetreuen Himmels fürchten heifset; und welches das allermeiste ist / ja! das allerschröcklichste / meine übermachte unverantwortliche Boßheit / hat mich so zerschlagen / daß ich nicht weiß / was ich reden / wie ich mich verantworten soll. Mein verdienter Lohn wäre / daß mich der erzürnte Himmel mit einem Feuer-Stral auf dieser Stell verzehren ließ: und an euch / ihr anwesende Freunde und Freundinnen / hätte ich verdienet / durch euer Schwerdt hingerichtet zu werden / indent der jenige /von welchem ihr eure Errettung hoffet / euch in viel grössere Noth gesetzet hätte. Was soll ich thun? Soll ich an der Güte des Himmels verzweiffeln? so geniesset ihr nicht der Dienste / die euch der gnädige Himmel / durch meinen Arm / zu geniessen vergünstiget /ja! versprochen. Soll ich mich eurer [119] Macht ergeben /und nach Verdienst züchtigen lassen; wie könnet ihr mir denn eure Errettung trauen? Soll ich in meinem Befehl fortgehen / und / worzu ich hieher geführet bin / vollenden / so schröcket mich die Furcht / daß ich mich unwürdig darzu gemacht / indem ich mein Werck nicht durch des Himmels Mit-Würckung angefangen / sondern durch eigene Krafft vollbringen wollen. Was hab ich doch gethan / daß ich nun verzweiffelt fragen muß / was soll ich thun? Bist du denn / erzürnter Himmel! nicht mehr zu begnädigen? Seyd ihr denn / ihr meine Freunde! nicht wieder zu begütigen? Die Stralen eurer Freundlichkeit zeugen so / daß ihr mir alles vergeben: Ey / so wird mir auch die Güte des geneigten Himmels mein Verbrechen nicht zurechnen. Rehmet an / ihr Allgewaltige! die Bezahlung des / in meiner Todes-Noht / euch gethanen Gelübds. Ich erkenne / daß ich durch euren Schutz bin vor den Wasser-Strömen sicher; durch euren Arm / vor der Gefahr behütet; durch eure Gnad / bey meinem nunmehr erhaltenen Leben erhalten worden. Ich erkenne es / und erkenne es mit Danck; ja so lange meine Zunge die Hertzens-Gedancken / so hier / so dort / erklären wird / so lang soll sie mit einem ewigen Danck mein Gelübde bezahlen. Darum / so seyd mir gnädig / ihr Barmhertzige! schencket mir die Versöhnung / durch das Geheimnus eures verborgenen Raths / den ihr durch mich wollet erfüllet haben. Machet mich tüchtig / in eurem Willen zu wandeln / und führet meine Werck / wenn ich in euren Diensten stehe. Gedencket auch nicht / wann ich / durch meiner Jugend-Begierde / euch um Macarien; das Wunder-schöne Götter-Kind; den Ausbund aller himmlischen Vollkommenheiten; [120] den unermäßlichen Schatz aller beliebten und belobten Tugend-Verrichtungen; ja / um Macarien erzürnet habe; gedencket nicht daran / sondern verleihet / daß / worauf diese Gefangene so sehnlich warten / sie bald erwarten mögen.

Diese Red Polyphili erweckte allen denen / so da zugegen waren / sonderlich aber Atychintidœ / so hieß die Matron / ein solches Nachdencken / daß sie noch einmal zu Polyphilo anfieng: Wir wollen nicht zweiffeln / bestürtzter Polyphile! daß die mild-gütige Götter eure Bekantnus angenommen / und euren Fehler gnädigst vergeben: so habt ihr auch an uns nicht zu zweiflen / weil auch wir Menschen sind / und stündlich / wegen unserer vielfältigen Mißhandlung /straffens würdig: doch gleichwol / weil ich aus dem Beschluß eurer Rede vernommen / wie ihr die Macarien mit so beschönten Worten verehret / daß dergleichen keinem Menschen / sondern allein denen / die in dem Himmel herschen / zukommt / kan ich nicht anders schliessen / als daß ihr solches aus dem Affect der Liebe / die ohne Tugend regieret / geredt. Zwar will ich nicht widersprechen / daß sie etwas sonderliches sey unter den Menschen / auch will ich gern gestehen / daß sie ein köstlicher Schatz voller herrlichen Tugenden / ja! ich will zugeben / daß sie ein Ausbund aller weiblichen Vollkommenheiten sey: und das zwar nach Gebühr / dieweil es das Ansehen hat / als solte auch ihre Hand nicht ferne von unser Errettung stehen; aber doch folget da lange nicht her / daß sie ein Götter-Kind / daß sie ein Ausbund himmlischer Vollkommenheiten / mit Recht und Verstand / könne genennet werden: sondern das folget / meinem Erachten nach / daß Polyphilus vor dißmal ohne Verstand [121] und Tugend geredt / und die begütigte Götter wieder aufs neu erzürnen können. Wisset ihr / Polylus! warum ich euch so scharff erinnere? höret mir ein wenig zu /werdet ihr die Ursach bald vernehmen.

So viel ich durch die Erzehlung meiner Vor-Eltern bin verständiget worden / haben einsmals die Sterbliche wider den grossen Götter-Rath Klage geführt: wie sie ihre Gaben / so gar ungleich / ausgetheilet / und diesen zum Herrn / jenen aber zum Knecht gemacht; diesen zu hohen Ehren / jenen aber in tiefste Verachtung gesetzet; diesen mit reichen Gütern / jenen aber mit Hunger-quälender Armuth beschencket: da doch offt der geringe wol mehr verdiene / als der Mächtige; offt der Knecht würdiger / denn der Herr; der Arme verständiger / als der Reiche / oder / da ja zum wenigsten / einer so gut / als der ander. Dieser Klag nun zu begegnen / hat die Weißheit der Götter es also verordnet / daß männiglich seine Beschwernus andeuten /und ein Gewisses benennen solle / was er zu klagen hätte. Da hat sichs funden / daß der gantze Welt-Hauf sich in drey Theil entschieden / deren jeder wider den andern Klage geführet. Der erste war der jenige / welcher die Kunst und Tugend zum Führer hatte: Dieser wurde verklagt von dem andern / welcher dem Glücks-Führer folgete: Und dieses andere wiederum vom dritten / welcher der Liebe gehorsamen muste. Die Klagen waren diese: Die Glücks-Diener beschwehrten sich ihrer Unbeständigkeit / wie alles bey ihnen so eitel wäre: Da hingegen die Tugend-Werber alles beständigen Segens zu geniessen / der nicht vergehe. Die der Liebe dieneten / klagten über die Beständigkeit ihres Kummers und hertzlichen Betrübens: Da hingegen [122] die Glücks Freunde offt und offt erfreuet und getröstet: Sie aber im unvergänglichen Jammer braten müsten: und diese alle beyde wurden endlich von dem Tugend-Orden beschuldiget / wie sie ihr eigen Glück mit Füssen stosseten / und sich freywillig in ihren Jammer setzeten. Die Antwort wurde den dreyen: daß ein jedweder seines Glücks oder Unglücks eigene Ursach sey. Mit welchem Schluß und Bescheid sie zu frieden seyn musten. Damit aber nach dem denen Sterblichen keine Gelegenheit bleibe / einige Klag mehr über die ungleiche Austheilung der Güter / wider die Gerechtigkeit des Himmels zu führen / haben sie einmühtig beschlossen / denen dreyen Sonnen klar zu zeigen / wie sie sich verhalten / und ihren Wandel so anstellen möchten / daß sie allerseits zu frieden / keiner über des andern Vorzug klagen könte. Dieses solte geschehen durch Erbauung dreyer Tempel / deren jeder seinem Theil zeige und lehre /wie er auch des Segens könne geniessen / mit welchem der andere vor ihm beglücket. Die Verrichtung wurde von dem gantzen Götter-Schluß dreyen Göttinnen gegeben / denen sich nemlich diese 3. unterschiedene Partheyen selber zugeeignet hatten / der Pallas /der Fortuna und der Venus. Diese drey nun sind Urheberin dieser Tempel / die ihr / edler Polyphilus! vor euren Augen sehet / und hat ein jede ihren müglichsten Fleiß / so wol an dem Grund-Bau / als der Auszierung gelegt / ja / alles so vollkommen und herrlich darinnen geordnet / daß / wer Kunst- Tugend- Glück-und Lieb-begierig ist / sich darinnen dergestalt ersehen kan / daß / so fern er dem nachkommet / hinfort kein Unfall mehr seinen Wandel trüben kan. Sie haben auch / wie ihr im Eingang [123] sehen werdet / einem jeglichen Tempel seinen besondern Namen gegeben: den ersten genennet den Tempel der Tugend; welchen aber wir Menschen der Pallas widmen; den andern /den Tempel des Glücks / welchen wir auch der Fortun heiligen; den dritten / den Tempel der Liebe / in welchem wir der Venus opfern. Noch über das ist diß Verbot hinzu gesetzet / daß keiner in den Liebes-Tempel gehe / er sey dann zuvor in dem Glücks-Tempel gewesen; keiner auch in diesen gelassen werde / er habe dann den Tugend-Tempel durchsehen: zu allen dreyen aber männiglich der Zutritt verschlossen sey /der sich nicht zuvor mit den Göttern versöhnet / oder sonst ein Leben ohne Tadel führe. In dem ich nun dieses ersinne / und eure Wort ingleichen behertzige /finde ich / daß ihr von der Macarien in solche Strick geführet seyd / welche die Tugend binden / und alle Laster lösen. Ist dem also / werdet ihr diese heilige Stätte nicht betretten / und wird an eure Statt uns Hülffschreyenden ein anderer Erlöser gegeben werden. Lasset ihr aber solche Gedancken fahren / und liebet nur den Verstand und die Tugend Macarien /werdet ihr eures Verlangens / nach allem Wunsch /theilhafftig werden. Aber / das sag ich / teuschet uns nicht / und gehet nicht in euer Verderben / habt ihr nicht gnädige Götter / so folget mir nicht in den Tempel / dann es ist besser den alten Zorn ertragen / als aufs neue vermehren.

Polyphilus / der sich über diese Erzehlung höchlich verwunderte / sahe doch bald / daß es ein Gedicht der Heyden / und keine Warheit sey. Dann es gar nicht glaublich / daß die Götter Tempel bauen / oder den Menschen in solchem Fall Gehör geben würden: [124] Weil er aber ohne das wuste / daß hohe Sachen glücklich zu führen / die gnädige Hülff des all-vermögenden gewaltigen Himmels höchst-nöthig sey: auch in heilige Tempel zu gehen / mit allem Recht eine Vorbereitung und Versöhnung erfordere; ja! weil er über das sahe /wann er diesem nicht allerdings Glauben beymesse /und ihren Willen sich gehorsam erzeigte / er bey denen fest-glaubigen Besitzern dieses Orts nichts ausrichten könte / und also die beyde / von ihm und seiner Macarien / zeugende Tafel nicht zu sehen bekäme / fieng er folgender Gestalt an: Edle / verständige Matron! diese beschehene Erzehlung / wegen Erbauung dieses Schlosses / hab ich mit grosser Verwunderung / und nicht wenigerm Belieben angehöret / und glaube gar leicht / daß dem allem so sey / sonderlich /da ich / so weit es meine noch junge Jahre gestattet /zum Theil selber erfahren / daß das Geschlecht der Menschen / mehrentheils von diesen dreyen Regenten ist geführet worden / und noch immerdar geführet wird. Ja / wann ich bekennen muß / bin ich selber mit unter dem Glücks-Fahnen / biß auf diese Stund / und klage nicht mehr / als daß ich die Standhafftigkeit nicht / wie die Tugendbegabte / haben und halten soll. Ja / es ist diß das letzte Ziel meiner so mannigfaltig erlittenen Gefahr / daß ich Tugend erwerben / und nach Kunst mich bearbeiten will. Daß ich aber ihrem Zeugnus nach / alleredleste Matron! auch unter die Liebes-Werber mich soll schreiben lassen / geschicht mir so fern Unrecht / als die Liebe von der Tugend entschieden Wie könte ich doch zugleich Tugend und Laster nehren / würde ich nicht das eine mit dem andern verderben? Zwar / was sie von Macarien / der Schönsten und [125] Edelsten auf dieser Welt / gedacht /ists freylich nicht ohne / daß ich sie von Hertzen liebe / ja so gar / daß ehe diese Seele aus meinem nichtigen Leibe scheiden wird / ehe ich ihrer vergesse: aber diese Liebe bindet nicht die Tugend: sondern die Laster; und löset nicht die Laster / sondern die Tugend. Denn was ich in ihr liebe / das ist Tugend; was ich an ihr rühme / das ist Verstand; und was ich an ihr verwundere / das ist Schönheit. Aber unkeusche Liebe wird nicht ehe bey mir angehen / biß ich meiner selber vergesse / ja! biß Macarie sich aller Tugend eussert. Sehe ich derohalben nicht / was mich hindern solte /daß ich nicht in den Tempel gehen dörffte / bevor da ich mich nunmehr mit dem Himmel / wie ich hoffe und glaube / versöhnet.

Diese Rede vermochte so viel bey der Matron und allen Umstehenden / daß sie ihn mit grossen Pomp und Herrlichkeit / wie es bey ihnen gebräuchlich war /zu den ersten Tempel hinein führeten / und was darinnen zu sehen war / eigentlich und deutlich erkläreten Weil man aber nicht ohne Opffer eingehen dorffte /wurde solches alsobald bereitet. Indessen / und weil andere Sachen mehr / den Eingang zu zieren / bestellet wurden / auch Polyphilus / dem fast sehr hungerte / ein wenig Speise zu sich nahm / gerieth ein alter Mann / Namens Parrisiastes / zu ihm / der ihm von allen Sachen / und des Schlosses Beschaffenheit gute Nachricht gab; und weil Polyphilus aus der Rede der Atychintidœ vernommen / daß diß herrliche Gebäu versencket worden / auch etwa / dem Zeugnus der Tafel nach / durch seinen Arm solt wieder errettet werden: forschete er von diesem Alten die Ursach /und wie es zugangen. Dieser gab zur [126] Antwort: Dieses Schloß ist die Welt berühmte Vestung Sophoxenie; darinnen diese Matron / mit welcher ihr Gespräch gehalten / ihren Herrn verlohren / und ein ewig Gelübd der Einsamkeit geschworen: Diese ist eine Königin vieler Länder / welche sie auch alle glücklich und wol regieret / ohne daß / vor wenig Jahren / eine nichts-werthe Frau unter ihren Schutz / ja so gar auch unter ihr Dach kommen / und ihrer Bewahrung sich vertrauet / deren sie biß an ihr End alles Gutes / erwiesen. Wie es aber zu geschehen pflegt / wann uns das Glück so hoch heht / daß wir stoltz worden: Stoltz aber und Hoffart / Mißgunst und Verachtung / ja alle Laster nach sich ziehet: Gleich so ist diese zu der höchsten Gnad / aber zu ihrem Unglück / erhoben worden / daß sie täglich bey der Königin aus- und eingehen / auch alle Heimlichkeiten mit wissen muste. Nun geschahe / daß eine berühmte Zauberin / Namens Melopharmis / die auch nach der Königlichen Gunst trachtete / ihren einigen noch unerwachsenen Sohn /dieser Königin zu eigen verehrete / in Hoffnung / es werde / durch diß Mittel / auch sie in Gnaden erhalten werden. Dieses mercket die Alte / und dencket / deme allen vorzukommen / nimmt das Kind / und wirffts durchs Fenster in diesen Fluß: Und dieser ists / welcher vor der Königin stund / und stets in ihrem Schoß ruhet. So bald das Kind herunter gestossen / übete der gerechte Himmel verdiente Rache / ertödete die Mörderin / (dann sie gedachte das Kind umzubringen) und versenckete diese Vestung / mit allem dem / was drinnen war / entweder dem Kind zum Besten / daß es beym Leben erhalten würde / oder uns allen zur Straffe / die wir solch Unglück [127] nicht verhütet: wiewol wir an dem allen unschuldig. Was uns in dem Augenblick vor Schrecken und Todesfurcht überfallen / kan meine erstaunende Zunge nicht aussprechen: kein Trost war übrig / als daß wir dennoch lebten / auch den Knaben beym Leben erhalten / und daher die Hoffnung schöpfseten / es werde sich der Grimm des ereyferten Himmels legen / und weil der lebe / um dessen Willen wir verderbet / werden auch wir wieder mit ihm leben. Diese Hoffnung stärckete nicht wenig / daß wir lang hernach / da wir den Gottesdienst verrichteten / in dem dritten Tempel / (welches nur alljährlich weymal geschicht) zwo Tafeln funden / darauf die Zeit unserer Erlösung in Ertz gegraben: wie ihr dann von der Königin zuvor selber verstanden. Nun leben wir noch immer in Gedult / und erwarten der Zeit mit Verlangen.

Als Polyphilus dieses nach der Länge angehöret /gedachte er / von der Tafel / ein mehrers und gewissers zu vernehmen / deßwegen er fragte / was denn auf den Tafeln geschrieben stünde? Und da ihm Parrisiastes antworten wolte / kam eben die Schaar deren /die ihn in den Tempel begleiten wolten / deßwegen sie beyde daran verhindert / aufstehen und forteilen musten.

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1. Absatz
Erster Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Tugend-Tempel / und dessen Zierrath: Lehret den Unterscheid / der warhafften und verderbten Kunst; deßgleichen wie man zu jener gelangen / diese aber meiden solle; giebt Unterricht von der Tugend-Werbung / und wie dieselbe kröne.


Prächtig war alles / und aufs köstlichste angeordnet; Atychintida trug ihren Königlichen Schmuck / und wurde von vieren / mit schwartzen Sammet bekleideten / auf ihrem Thron daher getragen. Vor ihr giengen / die die Fackeln trugen / und zu vörderst führete ein ansehliger Mann / den gantzen Hof-Staat. Hinter dem Thron waren zween / mit rothem Sammet beleget / unter einem eben so herrlichen Himmel / welche sich zu dem Polyphilo näherten / und ihn in die Mitte fasseten / auch allein würdig preiseten / in des Königes Stätte zu sitzen; deine folgeten auf den Fuß zween andere mit blauem Sammet gezierte Männer / welche grosse [129] güldene Ketten trugen / und daher giengen / als wenn sie schwere Sachen ersinneten Nach diesen ward der Knabe / das Kind Melopharmis / von 4. jungen Edelleuten / auf einem Sessel getragen / deme eine weh-klagende Weibs-Person nach folgete /schwartz bekleidet / und als die Leid tragen / sich geberdend: Diese gieng an statt seiner Mutter. Nach dem folgte der übrige Comitat von Manns- und Weibs-Personen / so prächtig / als köstlich / bekleidet.

Was Polyphilus muß gedacht haben / möcht ich wol wissen: ohne Zweifel hat ihn nichts mehr gekümmert / als daß er dieser Königin / die er vor geringer angesehen / nicht Königliche Ehr erwiesen: Deßwegen er sich dann gegen seinen beyden Führern / aufs höflichste entschuldigte / und sein Versehen / mit der Unwissenheit / beschönte. Das Verlangen aber / was aus diesem noch endlich werden würde / war so groß /daß es sich kaum zäumen ließ. Auch wuste er sich darein nicht zu schicken / warum keiner deren / die ihn führeten / und vorher mit ihm geredt / als sie ihn in die Mitte fasseten / nun auf ein einig Wort nicht antworten wolten / sondern alles mit Wincken der Augen / und geneigtem Haupt bejaheten. Doch ward er dessen bald hernach verständiget. Dann da sie vor die Thür des ersten Tempels kamen / stieg der / so den Proceß führete / auf einen / neben dem Tempel /aufgeworffenen Thamm / und gebot / aus Königlichem Befehl / daß keiner seine Zunge lösen / oder einig Wort herfür bringen solle; ausser Polyphilum /und den / dem es die Königin befehle. Darauf stieg Atychintida von ihrem Thron / nahm Polyphilum bey der Hand / und führet ihn in den Tempel / Polyphilus aber entschuldigte sich / wegen seines [130] begangenen Irrthums / und daß er nicht gewust / mit welcher er sich zu reden unterfangen. Fieng derowegen an / sie nach Königlicher Würde zu benahmen / das sie aber durchaus nicht gestatten wolte / und / bey Verlust ihrer Königlichen Gnade / verbote.

Als sie nun in den Tempel kamen / zeigete ihm die Königin allerhand schöne und künstliche Gemähl /die man mit grösserm Recht ein Wunder der Natur hätte nennen können / als eines Menschen Hände-Werck. Was die Augen sahen / das preisete das Hertz herrlich: Das Schöneste / so im Eingang zu sehen war / waren die / auf beyden Seiten völliger Grosse /aufgerichtete zwölff / aus Marmorstein künstlich-gearbeitete Bilder / deren jedes eine Tugend bedeutete /und auf einem Felsen gegründet / mit dem rechten Fuß das Laster zu Boden trat / welches in geringerer Grösse aus Erden gebrannt war. Polyphilus fragte die Königin / was diß bedeute; welche berichtete: Es zeigen diese Bildnus / daß / welcher Mensch / in diesem Tempel / um etwas wichtiges zu erhalten / gehen wolle / der müsse alle Schand-begierige Laster zu Boden geleget / und einig der Tugend sich ergeben haben: sonsten werde er / von dem Drachen / welcher zu nächst an der Thür stund / greulich und erschröcklich anzusehen / verschlungen.

Polyphilus erschrack / wegen dieser Wort / über die Massen sehr / weil er / wegen seiner Liebe gegen Macarien / nicht allerdings ein gut Gewissen hatte: Doch gieng er behertzt fort / und gedachte / was wird dir ein lebloses Bild thun / das mit Menschen-Händen gemachet ist. Weiler aber eben diß / wiewol mit besserer Bescheidenheit / auch der Königin trauete / und damit zu vernehmen gab / daß er nicht verstünde / [131] was das alles bedeute / sonderlich / da die Augen mehr zu sehen hatten / als das Hertz betrachten konte / winckete die Königin denen zweyen blau-bekleideten / die ihm in der Procession nachgiengen / und gab Befehl /daß sie dieses alles / aus dem Grund / erklären / und dem Polyphilo die Tugend-Geheimnus eröffnen solten. Deren einer / Namens Coßmarites / nach abgelegter schuldiger Reverentz / den Polyphilum zur Seiten führete / und mit solchen Worten anredete.

Kunst- und Tugend-verlangender Polyphile! Was ich von euch gehöret / ist mir alles Ursach zu wundern. Euer Zustand / euer Leben / euer Wandel / eure Gedancken / euer Wünschen und Wollen; mehr aber eure Tugend ist wundern werth. Das Glück aber / das euch / auch mitten in eurem Unglück / beseliget hat /kan nicht gnug gerühmet werden / darum ihrs besser mit Stillschweigen verehret / und dem gütigen Himmel / in eurem Hertzen / davor dancket. So viel mir meine Kunst vertrauet / sehe ich aus euren Augen /was ihr für Noht ausgestanden / und auch / was ihr vor Freud genossen; ja wol gar / was ihr vor Freud verlanget.

Die Kunst- und Tugend-Begierde hat euch freylich / aus eurem Vatterland / in die Fremde geführet: Das Unglück hat euch auch lange daran gehindert: doch hat endlich das günstige Glück euer Verlangen vergnüget / daß ihr zu der Vollkommenheit aller Tugenden / der edlen Macarien / kommen: aber wie habt ihr dieses Glücks mißbrauchet? Ich schweige jetzt /damit ich euch nicht beschäme; Euer Hertz aber wird reden / da ich schweige. Doch wisset / daß ihr durch eure Unbeständigkeit / die Götter erzürnet / daß sie euch von ihr gerissen / und / auf wunder bahre [132] Weiß /hieher zu uns bracht; eines theils wol darum / daß ihr den Fluch / der diß unser Hause getroffen / wegnehmen sollet: am allermeisten aber / daß ihr in diesem Tugend-Tempel lernet / wie ihr euch in eurem so grossen Glück verhalten; und in dem Glücks-Tempel sehet / wie ihr recht-beständig lieben; im Tempel der Liebe aber erfahret / wie ihr künfftig bey Macarien /die ausser Tugend nichts würcket / eure Pflicht besser in acht nehmen / und euer Hertz nicht so leicht sollet /von der vergänglichen Schöne / bezwingen lassen. So höret mir nun zu / ich will euch weisen / das ihr hie zu lernen nie gehoffet: Sehet an diese 12. Tugenden /welche als triumphirende / denen anfeindenden Lastern / auf den Halß tretten / und ihre Macht dämpffen: Folget diesen / wolt ihr anders nicht / an statt des Sieges / den Verlust klagen. Dieser Drach aber / und der gegen über stehende erhabne Thron / sind die Belohnung / theils deren / die überwinden / theils deren /die überwunden werden. Dieser Drach deutet die Unglückseligkeit / so auf alle Laster folget: Der Thron aber ist das reiche Himmel-Glück / dadurch die Triumphirende Scepter und Cron erhalten / das ist / aller Freud und Lust geniessen können.

Polyphilus sahe dieses alles / mit tieffen Nachsinnen / an / und setzte sich alsobald zum Exempel / wie er so übel gehandelt / indem er sich durch die Schönheit Macarie verführen lassen; sprach auch zum Coßmarite: Verständiger und geliebter Freund! Dieses /und was ihr vor / von meinen Sinnen und Beginnen /gesagt / machet / daß ich in mich schlagen / meinen Fehl bereuen / und mich in dieser Stund bessern muß. Dancke Gott und euch / daß ich auf den [133] rechten Weg wieder kommen / davon ich so lange bin irregangen. Weg mit Macarien! soll Macarie meine Tugend verzehren? soll ich mich durch sie in die Laster stürtzen? Nein / mit nichten. Ich folge der Tugend-Bahn / und lasse mich davon nicht treiben / biß ich das Ziel der höchsten Glückseligkeit erlanget.

Diese Red gefiel Coßmarites sehr wol / merckte doch alsobald wiederum die Unbeständigkeit Polyphili / und gedachte heimlich bey sich / wiewol der Macarien groß Unrecht geschehe / wolle er ihm doch nicht / in diesem Fall / Wider-Rede halten / ob er vielleicht / noch ferner und mehr / in seinem guten Vornehmen könte gestärcket / und von der verzehrenden Liebes-Brunst abgehalten werden. Deßwegen führete er ihn weiter mit sich / in die Mitte des Tempels /allwo Polyphilus einer grossen Meng Manns- und Weibs-Personen wahr nahm / die / gleich wann sie lebten / unter sich von geheimen Dingen rathschlagten. Es waren zwey Jüngling / die um einen Crantz lauffen wolten / deren jeder den Preiß begehrete. Beyde hatten sie ein Ziel; beyde auch einen Weg /ohne daß einer auf der Rechten / der ander auf der lincken Seiten seinen Lauf vollendete. Jener trat auf die Bahn / wurde aber alsobald im Eingang von einer höllischen Furien angefallen / welche zwey Feuer-speiende Hund an einer Ketten führete / und selbige auf ihn loß ließ. Dieser / welcher auch den Lauf angefangen / wurde von dreyen grimmigen Thieren / die Polyphilus nicht erkennen konte / was vor Art sie waren / wegen ihrer erschröcklichen Grausamkeit /verhindert. Beyde rissen sich aber endlich loß / und da sie ihren Fuß weiter setzten / wurdë sie von einer freundlichen / freudigen [134] Jungfrauen empfangen / die einen grossen Comitat mit sich führete / dessen halber Theil hertzlich erfreuet / die übrigen aber schmertzlich betrübet waren. Diesen / der die lincke Seiten erwählet / übergab die Jungfrau / als einen angenehmen Gast / dreyen andern Weibs-Personen / welche ihn auf das herrlichste tractirten / und grosse Ehr erwiesen /endlich aber in eine finstere Höle stürtzeten / allwo drey Schröck-Geister ihr Haupt erhebten / deren erster sich sehen ließ mit einer langen Peitschen / der andere neigte das Haupt zur Erden / und der dritte rauffte die Haar aus: Und da Polyphilus seine Augen höher erhebte / wurde er noch anderer zweyer Höll-Geister gewahr / denen dieser armselige Jüngling / als ein Gefangener / übergeben wurde / welche ihn auch / mit Ketten und Fesseln wol verwahret / in ein ewiges Gefängnus führeten. Der andere / welchen die rechte Seite verehrete / wurde etzlichen Dienern bergeben /die / an der Tracht und Kleidung / denen Henckers-Knechten nicht ungleich waren. Diese trieben ihren Muthwillen mit ihm / und führeten ihn bald hie / bald dort hin / nach ihres Hertzens-Dünckel. Und da er sich endlich / mit grosser Müh / diesen entzog / gerieth er unter einen viel grössern Hauffen ansehliger und betagter Männer / die doch / in ihren Sinnen und Beginnen / eine merckliche Kindheit spüren liessen. Diese nahmen den Jüngling / einer nach dem andern /und wolt ein jeder Meister an ihm werden. Einer zehlte ihm die Sylben / so viel er redte / auf den Fingern vor. Der ander riß ihm seinen Mund auf / und wolte grosse Wort holen. Wieder einer wolte ihm sein Gehirn auskehren / und die Weißheit verbergen. Ein anderer zwang ihn / daß er [135] über die Natur schreyen muste. Und diesem folgte einer mit einer steinern Tafel / die er ihm vorhielt: das doch Polyphilus nicht verstehen konte was er wolle. Zu letzt kamen noch 3. andere / deren erster ihn gen Himmel sehen / und die Sterne zehlen hieß; Der andere zeigete ihm die Erd-Kugel / solche abzumessen; und der dritte brachte ein Glaß / das er ihm vor die Augen hielt / die er doch zuschliessen muste. Als diese ihr Spiel biß zum Ende mit ihm verführet / stellet er seinen Fuß / weiter zu lauffen / aber es verhindert den Lauf eine schön-gezierte und lieblich-winckende erbare Matron / die ihn umfieng / und mit welcher er sich / als liebte er sie /besprach / auch nicht wenig ergötzte. Und da er am frölichsten mit ihr schertzen wolte / kam eine andere /gleich einer Höll-Göttin / die ihm diese Lieb sehr verbitterte / deßwegen er sich eilig fortmachte / seinen Crantz zu errennen. Er erlitte aber mitten im Lauf grossen Anstoß / und das zwar zu dreyen malen / so gar /daß er auf die Erden darnieder fiel / und sich nicht wieder erheben konte.

Polyphilus sahe dieses alles mit grosser Verwunderung an / und verlangte nichts mehr / als die Deutung dessen zu erkundigen / deßwegen er dem Coßmarite mit sehnlicher Bitte und freundlichen Worten anlag /solche zu ertheilen. Welcher / wegen der Königin Befehl / seiner Bitte gar geschwind Folge leistete / und mit diesen Worten anfieng: Edler Polyphile! Das ihr hie sehet / und von mir begehret / ist ein köstlich Ding: aber auch überaus gefährlich / so gar / daß jenes mich wol reitzet / euch alles / nach der Länge /zu erklären; dieses aber mich abschröcket / weil mir euer Hepl und Glück vor alles gehet.

[136] Das nahm Polyphilum so sehr Wunder / daß er gezwungen wurde / die Ursach zu fragen; welche ihm auch Cosmarites mit solchen Worten beylegte: das mich anmahnet und abschröcket / ist dieses / daß /wann ich euch dieses lehren / und ihrs begreiffen werdet / werdet ihr mit grossem Verstand und herrlichem Glück begütert werden: wo aber das nicht / werdet ihr der Unglückseligste und Allerverachteste auf dieser Welt mit Recht genennet werden / der allen Plagen und Straffen / die Zeit seines Lebens / unterworffen. Glaubet mir / Polyphile! die Erklärung dieses Geheimnüsses / ist gleich dem vildeutigem Rätzel des Blut-würgenden Sphingis; welcher selbiges verstunde / der gieng frey aus / und wurde der Klügeste genennet / welcher es aber nicht treffen konte / wurde von dem grimmigen Thier erwürget. Diß Treffen und Verstehen aber gehet / nicht so wol den Verstand an /als die Nachfolge; denn es lehret diß Geheimnüs ingleichen / was in diesem Leben gut oder böse ist; ja auch / was nicht gut / oder nit böse ist. Wollt ihr nun /Polyphile! mit diesem Versprechen / zuhören / will ich euch völlig weisen / das ihr nach dem wissen sollet; wie ihr / mit leichter Müh / zu der höchsten Glücks-Zinnen gelangen / und über alle Sterblichkeit steigen möget.

Polyphilus gantz erfreuet / versprach mit Mund und Händen / daß er fleissig aufmercken / und / so viel ihm müglich / folgen wolte / sonderlich / weil ihn die Furcht / eines so grossen Verlusts / zwinge die Hoffnung aber / eines noch viel grössern Nutzens / stärckete. Darauf fieng Coßmarites diß Geheimnus / auf folgende Art / an zu erklären.

Diese zwey Jüngling deuten das gantze menschliche [137] Geschlecht / darinnen keiner anzutreffen / der nicht gern hoch steigen / und über andere scheinen wolte. Es haben aber die allweise Götter die Ordnung gemacht / daß nicht anders / als durch Kunst und Tugend / Ehr erworben / und die beständige Glückseligkeit erlanget werde. Diese nun ist der Krantz / um welchen die beyde lauffen; der Weg ist das menschliche Leben. Beyde lauffen sie auf einem Weg / in einem Leben; beyde haben sie auch ein Ziel / die vergnügliche Glückseligkeit; aber nicht haben sie einerley Art zu rennen. Dann dieser / zur Rechten / verlanget die Kunst / dieser aber / zur Lincken / die Tugend. Und damit wird angedeutet / daß kein anderer Weg /ausser diesem / zu der höchsten Glückseligkeit führe. Daß aber der Kunst-verlangende / im ersten Lauff /von der höllischen Furien verhindert wird / bedeutet den Betrug / den wir / auch in unsern frühen Jahren /leider! erfahren müssen / da wir durch viel Um- und Irr-Wege / theils durch der Lehrer Unwissenheit /theils durch ihren Muthwillen und Geld-Geitz / lang genug aufgehalten / und verhindert werden. Dieser Betrug lässet den Irrthum und die Unwissenheit / welche durch die beyde Hunde zu verstehen / auf uns loß / so alle Menschen anfallen / jedoch nicht alle gleich sehr verwunden. Und das kommt daher / weil die milde Natur einem viel / dem andern hingegen weniger Gaben geben / daß er nicht so bald verstehen kan / was ihm fehlet. Gleich so gehets auch dem / der die Tugend errennen will / welchen die grimmige Thier aufhalten / diese sind die ungezähmte Begierde /die nichtige Einbildung / und dann die verderbende Wollust. Diese halten alle Jugend gefangen / und lassen sie / durch ihre falsche [138] Versüssung / nicht zu der Warheit gelangen / biß sie endlich ihren verfälschten Schein / durch ihre Grimmigkeit / erkennen / und sich aus ihrer Gewalt reissen: wiewol solches nicht allen /ja dem wenigsten Theil gelinget / weil die Meisten in diesen Lastern ersauffen / und zu dem Erkäntnus der wahren Seligkeit nicht gelangen. Die aber ihre Sinnen höher schwingen / und ihre Jugend erretten / fallen nach dem dieser leicht-flüchtigen Jungfrauen in die Händ / durch welche das Glück zu verstehen / und werden von solcher in so viel Widerwertigkeit versencket / daß sie gleich denen / die um sie stehen /bald lachen / mehr aber / weinen müssen. Diese beherschet sie wie lange. Dann / weil sie keinen Grund der wahren Freude haben / wird ihre Freudigkeit /nach dem Wechsel des Glücks / bald hin / bald her /geworffen / so gar / daß sie endlich in allen Jammer fallen. Wie wir denn allhie sehen / daß der Tugend-werbende Jüngling / erstens zwar / als ein angenehmer Gast / denen dreyen Weibs-Personen anvertrauet wird / und aufs beste von ihnen bedienet / endlich aber / mit grossem Schrecken / in eine finstere Höle gestürtzet. Durch diese 3. Jungfrauen sind zu verstehen / die Hoffart / Schwelgerey / und Unkeuschheit /welche zwar süß blühen / aber bittere Frucht tragen /und endlich in das Verderben stürtzen; da die drey Schröck-Geister / verstehe / die Straffe / so durch die Peitsche gedeutet; die Betrübnus / so das Haupt hängen lässet; und der Jammer / soldie Haar ausrauffet; das Hertz quälen / und ihn seine vorige Zeiten wieder zu verlangen / Ursach geben. Noch ist dieses nicht gnug / sondern / weil er auch über das den beyden Höll-Geistern / welche sind die erbärmliche Klage /und die [139] Verzweifflung / als gefangen übergeben wird / wird er mit Angst und Kummer gebunden / in das Gefängnus der ewigen Unglückseligkeit geworffen. Polyphile! merckt dieses / und lasst euch nicht verführen / sonst werdet auch ihr mit leyden und dulten müssen.

Lasset uns nun auch den Kunst-gierigen besehen /wer / meynet ihr seyn diese Henckers-Knechte / welche die Jugend plagen? Ich verstehe dadurch alle die /so sich / das Lehr-Amt zuführen / unterstehen / und doch selber nicht wissen / was sie andere lehren sollen. Dahero es dann kommet / daß wir Menschen mehr lernen / als daß wir geniessen können / damit wir etwas zu vergessen haben. Ihr werdet selber wissen / Polyphile! wie viel ihr unnötiges Dings lernen müssen. Sind solche Lehrer nicht billich denen Henckers-Buben zu vergleichen / indem sie die liebe Jugend an die Stricke des Verderbens knüpffen / und mit dem Seil der Unwissenheit erwürgen. Wol dern /der mit diesem Jüngling bey Zeiten ihren Banden sich entreisset / und sich Verständigere lehren lässet. Sehet ihr / Polyphilus! den Hauffen dieser betagten Männer? Glaubet ihr / daß sie viel von sich halten / und aller Wissenschafft sich kündig bekennen? So scheints von aussen: aber sehet ihr nicht / was diese mit dem Jüngling verführen? so viel deren zu gegen / so mannigfaltia ist auch ihre Kunst / und will ein jeder Meister an ihm werden. Der eine ist ein Wort-Erzwinger / der will ihm lehren / die Sylben messen / und in Reime schliessen Der andere ist ein Redner / und befiylt /daß er seine Rede mit Pomp und Pracht führen soll. Der dritte will einen Disputirer aus ihm machen. Der vierte einen Sänger. [140] Der fünffte einen Rechenmeister. Und diese letzten fordern gar Unmüglichkeiten; Dann diesem soll er den Himmels-Lauf verstehen / da er doch nie im Himmel gestiegen; jenem soll er den Erd-Cräiß abmessen / da er selbigen doch nie gesehen; und dem dritten soll er gar mit seiner blinden und schwachen Vernunfft himmlische Ding ergreiffen /das keinem Sterblichen vergönstiget. Sagt mir nun /Polyphile! ist das nicht eine Marter und Pestilentz der Jugend? Wann ich hundert Jahr zu lernen hätte / und in einem jedweden Stück einen besondern Lehrer /glaub ich dennoch nicht / daß ich alles diß mit Rutzen vollbringen würde: oder wann ich einen stählern Kopf / und unvergeßliches Gedachtnüs hätt / zweiffele ich gleichwol / ob ich alles behalten könte. Ich sage nicht ohne Ursach / alles: dann viel / viel ist darunter /ja alles / was ich anjetzo benennet / ist theils nützlich / theils lieblich; kein einiges aber nöthig. Darum mercket das / Kunst-begieriger Polyphile! daß nicht einen gelehrten Mann mache / Dichten und Verse schreiben können; nicht einen verständigen Mann mache / eine prächtige Rede führen können; nicht einen klugen Mann mache / von der Eitelkeit der Welt disputiren können: und so fort an: sondern / daß dieses alles / oder auch wol eines / einem gelehrten / verständigen und klugen Mann wol anstehe / und ihn beliebter: nicht aber berühmter oder geschickter mache. So sollen wir auch einen Unterscheid in dem allen machen / und solche Sachen erwählen / die zu unserm Beruf dienen.

Das will ich gestehen / daß wir bißweilen / ohne diese Mittel / unser Ampt schwerlicher versehen können. Aber das ist am härtesten zu straffen / daß dergleichen [141] Leute ihnen gewiß einbilden / sie haben die Wissenschafft allein / oder sie besitzen die rechte Weißheit / und belustigen sich mit solchem falschen Wahn aus dermassen sehr. Wie ihr dann sehet / Polyphile! daß dieser Jüngling / nun er meynet / den Himmel zu erstiegen haben / mit dieser lieb-winckenden Matron / dadurch die verfälschte Weißheit angedeutet wird / auf das schönste schertzet / biß die Höll-Göttin / verstehe die Thorheit / durch Entdeckung ihres Fehlers / die Süssigkeit mit ernster Reu verbittert. Wann sie dann zu solchem Erkäntnus gelangen / wollen sie den Tempel der Weißheit mit gantzer Gewalt bestürmen / fehlen aber allenthalben: gerad wie dieser Jüngling unterschiedlichmal angestossen / biß er endlich gar danieder gefallen. Es sind aber die Stein des Anstossens sonderlich Ehr- Geld- und Gunst-Begierde / welche die drey grössesten Verhindernussen / mit gutem Recht / können genennet werden. Denn da sind ihrer viel / die nicht um Wissenschafft / sondern um Geld; nicht um Tugend / sondern um Ehre; nicht um Kunst / sondern um Gunst studieren; und auch also nach ihrem Verdienst keine Kunst / keine Tugend /keine Wissenschafft erwerben / und ewig verderben müssen. Merckt auch diß / Polyphile! daß ihr nicht mit ihnen verderbet.

Was hätte den Wunsch Polyphili besser befriedigen können / als dieser Unterricht? Darum er / so freudig /als vergnügt / dem Coßmariti Danck sagte / und / dieses alles in gute Obacht zu nehmen / versprach. Weil aber nicht weit von diesem / noch etwas mehr zu sehen war / bat er Coßmaritem / daß er ihn auch dorthin führen / und dasselbe erklären wolle. Und weil er bißhero bloß von der Untugend und verfälschten[142] Weißheit gehöret / fragte er: ob nicht auch die rechte Weißheit und wahre Tugend in diesem Tempel gelehret werde? Darauf ihn Coßmarites in den Tempel besser hinauf führte / und ein anders Bilder-Werck sehen ließ.

Es hielt ihren Stral alsobald ein erhabner felsichter und unbewohnter Bühel auf / zu dessen Eingang eine enge Thür / und ungebahnter / jäh-gefährlicher / rauher Weg führete / welcher mehr eine Verhindernus zu nennen war; daß man entweder gar nicht / oder doch je schwerlich / und mit grosser Müh dahin gelangen konte. Hinter diesem scheinete ein Hügel herfür / welcher / an der Höhe / diesen Bühl weit übertraff / und noch gefährlicher anzusehen war; massen die enge Bahn / so da hinan führete / alle die / so sie betretten würden / herab zu stürtzen bedrohete. Menschlichen Augen scheinete das eine blosse Unmüglichkeit zu seyn / daß ein Fuß ohne Wancken / und ein Hertz ohne Zittern / so wol auf dem abwarts-gehenden Hügel / als eben diesem eng-geschlossenen Pfad stehen oder gehen könne. Auf demselben war noch überdas ein Lufft-erhöhtes / Wolcken-steigendes Felsen-Werck zu sehen / so hoch und erschröcklich / daß Polyphilus nicht wuste / solte ers vor ein Wunder der Natur rechnen / oder ein Meisterstück menschlicher Weißheit heissen / so gar war Sinn und Augen verblendet / daß / wenn er nicht / im zuruck-sehen / sich im Tempel befunden / er in Warheit davor gehalten /als stiegen die Sterbliche allhier gen Himmel. Wie ihn dann auch die Gefährligkeit des Weges / und so scheinende Unmüglichkeit / durch diesen Felsen / die Himmel-Oerter zu besteigen / fast in nicht geringe Betrübnus setzete / daß er zum Coßmarite anfieng: [143] Was doch die Unsterbliche beweget / denen Sterblichen /an ihrer verlangten Glückseligkeit / selbsten verhinderlich zu seyn; dem aber Coßmarites nichts wieder versetzte / ohne daß er noch ferner zusehen / und alles wol beobachten solle: wolle er ihm nach dem alles erklären.

Kaum hatte Coßmarites seine wenig Wort vollbracht / als Polyphilus / mitten auf dem rauhen Felsen / zweyer ansehligen und holdseligen Frauen gewahr wurde / von starcken Leibern / erwachsener Grösse / völliger Schöne / und anzusehen / als wären sie sonderlich in allem / von der Gunst des Glücks /bereichert / und mit ewigen Wohl-seyn versehen. Auch zeugete ihre Einigkeit und Gleichheit nicht wenig / daß sie mit dem Schwesterlichen Bund der Blut-Freundschafft einander verpflichtet. Und da Polyphilus auf ihre Geberden schauete / befand er / daß sie mit geschwinder Behendigkeit / und als die etwas sonderliches verlangeten / oder auch einem wincketen / die Hände ausschlugen / und ihre Freudigkeit bezeugeten. In diesem Zusehen setzeten sie ihren Fuß etwas förder / und ersahen hinter dem Felsen / ein kleines / doch / mit allerhand Lieblichkeiten / geziertes Wäldlein. Die Bäume / derer noch zarte Gipffel fort und fort einer den andern übersteigen wolte / und jener vor diesem sich höher düncken ließ / waren so wol mit Augen-erfreulicher Grüne bezogen / als auch von Schatten-reicher Dicke umgeben / daß ein jeder gar leicht einem Lust-bringenden Zelt konte verglichen / ja vor ein Wohn-Hause aller Ergötzung geschätzet werden.

Polyphilus kam alsobald auf die Gedancken / als wohneten hie die Göttinnen / und wäre diß die [144] Hütte /darinnen sie sich verbergeten / wann sie das Aug der Sterblichen fliehen wolten. Vor dem Wäldlein war ein ebener Plan / der wegen seiner begrünten Schöne /und Mannigfaltigkeit der Bundgefärbten Blumen /einem gegründeten Wiesen-Thal nicht unähnlich schiene / bevorab / weil die durchschimrende Liechter des Himmels / als ob das Tempel-Dach aufgehoben /ihre Stralen in die durchbrochene Fenster herein warff / daß alles erhellet / und keine Liechts-Verhindernus konte geklaget werden. Da sie aber / dieser Ergötzlichkeit völliger zu geniessen / etwas näher hinzu tratten / wurden sie in der Mitte dieser begrünten Wiesen / eines künstlich-erhobenen Grotten-Wercks ansichtig / auf die Art und Ründe der alten Heydnischen Tempel gebauet; von welchen doch Polyphilus nichts gewisses schliessen konte / wovor es eigentlich zu halten. Sie höreten eine liebliche Music von Lauten und andern Instrumentalischen Saiten-spielen / die sie dermassen belustigte / daß Polyphilus in seinem Sinn nicht anders dencken konte / als daß die Göttinnen dieses Orts ihre Lust-Vollbringungen angestellt. Und da er gleichsam erschrocken / dem allem stillstehend zuhörete / vernahm er bald darauf eine hoch-singende Stimm / die mit folgendem Gedicht / die Ehre und Vergnüglichkeit der bereichten Tugend-Kunst besunge:


Wer sich der Kunst vertrauet /
und nur die Tugend liebt:
Wer bloß auf Weißheit bauet /
und keine Laster übt:
Der kan beglücket leben /
kan bleiben wol vergnügt:
Weil / was ihm wird gegeben /
Er volle Gnüge kriegt.
[145]
2. Kein Leid kan ihn betrüben /
nicht schröcken eine Noth:
Und was er mag verüben /
hilfft ihm der grosse Gott.
Es kan in seinen Thaten
auch nicht ein Irrthum seyn;
Dann alles muß gerathen /
und treffen eben ein.
3. Will er nach Ehre streben /
die Kunst ist Ehren werth /
die Tugend wird erheben /
wer eyfrig sie begehrt.
Dann / ohne Tugend / Ehre
ist nur ein blosser Dunst /
und das den Ruhm verkehre /
ist Weißheit / ohne Kunst.
4. Will er sich dann bereichen /
die Tugend selbst ist Gold:
Dem sich nicht darff vergleichen
das / dem die Welt ist hold:
Es ist / wie nichts / zu achten
für dem / was Tugend bringt /
wer dieser nach wird trachten /
nach wahrem Reichthum ringt.
5. Will man sich sonst beglücken /
die Tugend selig macht /
dann allen falschen Tücken
hält selbsten sie die Wacht:
Daß sie nicht können schröcken
ein so geziertes Hertz /
noch seine Lust verstöcken /
in Unglücks-vollen Schmertz.
6. Und was ihm auch beliebet /
[146]
und was ihm auch gefällt;
Das alles Tugend giebet /
das alles Kunst bestellt:
Er hat / was er verlanget /
wer Kunst und Tugend hat /
nur diese rühmlich pranget /
und hilfft mit Raht und That.
7. Sie will und muß uns lieben /
wann unsre Sonne scheint:
Und ob wir uns betrüben /
ist sie doch immer Freund
Sie tröstet / in dem Leiden /
verbindet unsere Noht:
Und wann wir sollen scheiden /
versüsset sie den Tod.
8. Sie pflegt nicht / wie man pfleget /
zu trauen Menschen-Gunst:
Die ihre Hoffnung leget
nur einig auf die Kunst:
So lange die bestehet /
so lange steht sie mit:
Weil diese nicht vergehet /
weicht auch sie keinen Schritt.
9. Drum darff sie nichts nicht achten
die falsch-verblümte Gunst:
Ihr Dichten und ihr Trachten /
ist treue Liebes-Brunst:
Es kan ihr nichtes schaden
Macht / List und aller Neid /
Gott hält sie selbst in Gnaden /
biß zu der Ewigkeit.
10. Und ob das Glücke wütet /
und sich ihr widerstellt:
[147]
Wird dennoch sie behütet /
und alles Leid gefällt:
Der Tugend-Ruhm besieget /
die Kunst behält das Feld /
so offt das Unglück krieget /
und seine Pfeile stellt.
11. Drum / wer will Glücke bauen /
der baue diesen Grund /
der nicht wird umgehauen /
biß in die letzte Stund:
So kan er sicher leben /
so lang er lebt allhier /
und dort wird ihm Gott geben
den Segen für und für.

Nach vollbrachtem Gesang / verlangte Polyphilus nichts mehr / als daß er diß Lust Hauß näher sehen könte. Deßwegen er / mit voller Hertzens Begierde /und freudigem Gang / dem Fuß Coßmaritis folgete /welcher je länger je näher zu der Grotten fortgieng. Da sie nun fast die Thür erreichet / und den Eingang suchen wolten / finden sie aussen vor derselben eine schöne und dabey erbare Matron / mittler Jahre / welche doch mehr zum Alter / als der Jugend geneiget. Das Scheinbarste / so sie zierete / und unter andern lobwürdigen Geberden hervor leuchtete / war die Beständigkeit ihres Gesichts / das sich durch keinen Anblick verändern ließ / und wurde selbige um so viel vermehret / weil sie in einer erbarn ungefärbten Kleidung / ohne bund-gewürckte und wild-verzierte Vergänglichkeiten / zu sehen.

Sie setzte ihren Fuß auf einen viereckichten Stein /der unbeweglich war / und wurden ihre beyde Seiten geschlossen / von zweyen andern Jungfrauen / die wegen [148] ihrer jungen Jahre / nicht unbillich ihre Töchter hätten können genennet werden.

Als nun Polyphilus über diesem unverhofften Anblick nicht wenig bestürtzet / und voller Wunder war /vermehret seine Gedancken ein Jüngling / der / mit erhitztem Lauff / durch die Wiesen / auf diese Matron zueilet / und sich ihr vertrauet; von welcher er auch in das Grotten-Zelt gelassen / und / so viel Polyphilus von ferne verstehen konte / von denen / die darinnen künstlich spielten / mit grossem Jauchtzen / empfangen wurde. Darob Polyphilus fast erstaunet / gleichwol vermochte die erhitzte Begierde bey ihm so viel /daß er sich nicht scheuete / diesem Jüngling nachzufolgen / obschon der Eingang so eng / daß er ihn vor der Thür stehen / und den Zutritt nicht weiter fördern hieß. Deßwegen er seinen Augen desto grössere Freyheit zuließ / weil die Füß / mit den Stricken der Verhindernus / gebunden waren.

So bald er aber durch die Thür schauete / ward er eines grossen Hauffens gezierter und höflicher Weibs-Personen gewahr / die den eingelassenen Jüngling umfangen hielten / und aufs schönste und lieblichste beehreten. Eine jede wolte ihm einen besondern Schmück anlegen. Bald kam eine / die ihn mit Geschencken verehren; bald wieder eine / die ihn mit allerhand Ergötzlichkeit belustigen; bald eine / die ihn mit Ehren krönen; und endlich / wieder andere / die ihn bald mit diesen / bald jenen Freud und Lieblichkeiten beglücken wolten: und da er von allen endlich einen Theil angenommen / huben sie ihn sämtliche auf ihre Schultern / und trugen ihn mit jauchtzender Freudigkeit / zu einer andern erbarn und etwas wohl-betagten Matron / die im letztern Theil [149] dieses Lust-Zelts auf einem erhabenen Thron saß / mit einer kostbaren Cron gezieret / welche von Gold und herrlichen Edelgesteinen dermassen gläntzete / daß sie Polyphilo leichtlich das Gesicht geblendet / wann er nicht mehr auf die erbare Kleidung derselden / und die freudige Geberden / als eben diesen wunder-künstlichen Zierath acht geben. Der Jüngling buckete sich in aller Demut gegen dem Thron / deßgleichen thaten auch die Jungfrauen / und nach dem ein jede dieser Matron die Hände geküsset / übergaben sie ihr den Jüngling /welchen sie mit einem Lorbeer krönte / und auf ihren Thron erhebete.

Als diß Polyphilus nach der Länge angesehen /konte er sich nicht länger erhalten: sondern fragte Coßmaritem / mit angehängter Bitt / daß er ihm die Bedeutung dessen allen nicht verhelen wolle / daß ihm sein Hertz etwas neues und nutzliches zu erfahren verspreche. Coßmarites versetzte hingegen / daß eben diß die wahre Kunst und Tugend deute. Setzeten derowegen ihren Fuß etwas wieder zuruck / und fieng Coßmarites folgender Gestalt an: Kunst- und Tugend-begieriger Polyphile! Dieser Bergichte Felsen ist der Ort / da Kunst und Tugend wohnet / welche mit gleich-beschwerter Müh und Gefährlschkeit erlanget /als diese felsichte Höhe bestiegen wird. Daß er aber so unbewohnt / und mehr einer grauen Wildnus sich gleichet / als einer so herrlichen Wohnung / ist die enge Strasse / so da hinan führet / Ursacherin / die nicht viel betretten noch durchwandern können / oder vielmehr wollen. Viel werden verhindert durch die Himmel-reichende Höhe; verstehe / die eingebildete Unmüglichkeit; Viel durch die gefährliche Klippen /da sich nicht wenig an [150] den Stein der Verzweiflung stossen; der grösseste Theil aber bleibet dahinden /wegen des rauhen und ungebahnten Weges / weil ohne Schweiß kein Preiß erlanget werden kan / auch keiner ohne Kriegen sieget. Daß aber unter den dreyen Berg-Felsen je einer höher / und dem Himmel näher ist / zeiget den Unterschied der Wanderer / deren etzliche wol einen guten Eingang machen / aber bald müd werden / und sich mit dem Vorschmack der wahren Tugend und Kunst lieber verwahren / als diese saure Arbeit / sie völlig zu erlangen / ausstehen wollen: Daher bleiben sie auf diesem nidrigen Hügel /und vermögen nicht von der Erden gen Himmel zu gelangen. Die aber / welche auch den andern Berg überkommen / sind die / welche zwar die Lieblichkeit der Weißheit etwas völliger kosten / auch selbige ferner zu erlangen bemühet sind: weiln aber der letzte Felsen so hoch / daß er nicht nur den Willen / sondern auch eine besondere Krafft und Macht / seinen Lauff zu vollbringen / erfordert: werden sie / wie die erste /durch Ungedult und Trägheit; also / an diesem Ort /durch Ohnmacht und versagte eusserliche Hülf und Mittel / auch mitten in dem Lauff / zu ruck gehalten. Welche aber theils der Vorsatz ihres Verlangens / die Begierde der Liebe / der unablässige Fleiß / die viel-vermögende Arbeit / die Großmütigkeit des Hertzens / und unüberwindlicher Zwang ihres gesetzten Ziels; theils auch die gütige Natur / das günstige Glück / und der gnädige Himmel / so weit geführet hat / daß sie / ohne Verhindernus / den dritten Felsen erstiegen / und Tugend und Weißheit erlanget / die können wir freylich denen unsterblichen Göttern nicht ungleich schätzen.

[151] Das alles gefiel Polyphtlo über die massen wol /und konte er diese artige Vorbildung nicht gnug verwundern / hätte auch / so es ihm zugelassen worden /selber seine Kräffte versuchet / ob er diese Berge zu besteigen mächtig wäre: aber Coßmarites / der solche seine Gedancken bald verstehen konte / antwortete ihm: begieriger Polyphile! es würde euch gar eine schlechte Mühe seyn / diese durch Menschen-Hände verfertigte Berg Felsen zu gewinnen / auch würde auf eine so schlechte That / eben schlechtes Lob folgen: aber dahin bemühet euch / daß ihr die wahre Kunst-und Tugend-Bahn durchwandern / und die hohe Pindus-Spitzen / welche bloß allhier in einem Bild gezeiget werden / ersteigen und gewinnen möget. Dann daher wird ein Ruhm erfolgen / welcher biß gen Himmel steigen / und mit der Ewigkeit in die Wette leben wird. Ihr sehet / Polyphile! in der Mitte jenes erhöheten Felsen zwo Weibs-Personen / die euch gleichsam wincken / und bitten / zu ihnen zu kommen: aber diese begehren euch die Begierde / Kunst und Tugend zu verlangen / entweder einzupflantzen / oder zu vermehren. Verlanget ihr zu wissen / wie sie benamet sind? Die eine wird begrüsset / die Mässigkeit / die andere nennet man / die Gedult. Und diese wollen euch und allen Kunst-begierigen lehren / daß ohne ihre Hülffe und Vorgang / keiner zu der wahren Weißheit gelangen könne. Ein mässiges Hertz dencket auf etwas Gutes: und Gedult überwindet alles. Darum erkennen wir aus ihren sorgfältigen Geberden / daß sie gleichsam die hinaneilende trösten und stärcken / daß sie ihren Fleiß durch keinen Schweiß sollen verrucken lassen: es werde geschehen / daß sie in kurtzer Zeit auf einen lustigern [152] und ruhigern Weg gelangen / da sie die süssen Früchte ihrer sauren Arbeit schon geniessen werden.

In dem Coßmarites dieses redte / hub Polyphilus seine Augen gegen dem Felß / und da er in acht nahm / daß zu dem dritten und höchsten kein solcher Weg führete / als zu dem ersten und andern: fragte er /wie man dann dahin gelange / weil er keine Bahn ersehen könne / so dahin führe? Das ists eben / antwortete Coßmarites / daß ich zuvor gesagt / es könne keiner unter denen Sterblichen ohne Vorgang und Hülff der Mässigkeit und Gedult zu der rechten Weißheit und wahren Tugend gelangen: so bald sich aber eins dieselbe führen lässet / und ihnen Folge leisten will /steigen sie selber dem Hülff-bittenden entgegen / fassen ihn in die Mitte / und heben ihn zu sich auf den Felsen: allwo der Lustbare / gebahnte / ebene und sichere Weg ist / welchen wir insgemein die Tugend- Bahn nennen. Diesen zeigen sie ihm / und dessen Hertz und Sinnen-erfreuende Lieblichkeit: Heissen ihn auch etwas ruhen / verstärcken seine schwache Krafft / und versprechen ihm / daß er nunmehr mit einem frölichen Gruß die Weißheit küssen / und der unerschöpflichen Freude eines friedlichen Lebens geniessen solle. Die Zusage wird auch im Werck erfüllet / dann das will der Lust-Weg / welcher / durch die Wiesen / zu dem Grotten-Werck führet / darinnen die Tugenden und die wahre Glückseligkeit wohnet. Hie ist das Wohn-Hauß aller Freuden.

Was zeiget aber / fragte Polyphilus / diese Matron /die ihren Fuß auf den geeckten Stein setzet / und / wie es scheinet / der Thür hütet? Sind nicht diese / so sie begleiten / ihre Töchter? so ists / gab Coßmarites [153] zur Antwort. Die Matron ist die so langverlangte / wahre und unverfälschte Wissenschafft / und diese ihre beyde Töchter / sind Warheit und Verstand. Daß sie aber auf einem vier-geeckten Stein ruhet / Bedeutet /daß der Weg sicher / und der Ort ohne Veränderung /ja auch die Gaben / so sie verehret / keinen wanckelbaren Glücks-Fällen unterworffen seyn.

Was für Gaben? fragte Polyphilus: dem Coßmarites antwortete: Friede des Gewissens / Ruhe des Gemüths / und Sattsamkeit des Verlangens. Dann so bald wir / fuhr er weiter fort / durch die Wissenschafft / zur Erkäntnüs der Warheit kommen / wird unser Verstand dermassen erleuchtet / daß wir gewiß wissen / es könne uns die Zeit unsers Lebens kein Unfall treffen / keine Unruh betrüben. Sicherheit / Vergnüglichkeit / Zufriedenheit ist an allen Orten. Und daß sie aussen vor der Thür stehet / hat nicht die Bedeutung / als wann sie den Eingang verwahre: Dann dieser stehet männiglich offen / weil keiner hieher gelanget / als der da hineinzugehen sich würdig gemacht; sondern daß sie die Ankommende / ehe sie völlig hinein gelassen werden / heilige / weyhe / und von allem Irrthum / den sie vorher in sich gesoffen /reinige / und also / gleichsam geschmückt / zum Zelt einlasse: allwo er von den frölichen Jungfrauen empfangen / und verehret wird: wie ihr dann / an diesem Jüngling / das Beyspiel / mit sehenden Augen / erfahren.

Wer sind aber diese? fieng Polyphilus an: darauf Coßmarites antwortete: Diese sind eben die völlige Weißheit / mit ihren Schwestern / denen übrigen Tugenden / welche ihn verehren / und zu der Crönung führen. Die Matron aber / welche / im letztern [154] Theil dieses Lust Zelts / den Jüngling krönet / ist die Glückseligkeit / die gibt ihm das köstliche Kleinod /der ewig ruhigen Freude / und preiset seinen Sieg /den er durch so viel Tugend-Ubungen erhalten / vergönnet ihm auch seines so lang gesuchten Ziels / nun endlich / erfreulich zu geniessen / und weiset ihm /aus was Gefahr er errettet / und in welche Sicherheit und beständige Ruh er versetzet worden. Und auf solche Art wird Kunst und Tugend erworben / welchem /wann auch ihr nachkommen werdet / wie ihr / so viel ich hoffe / Willens seyd / wird dieser Jüngling / selbsten den Polyphilum deuten: weil ihr diesem gleich mit Ehre / Freude und Glückseligkeit / nach erhaltenem Sieg / werdet bekrönet werden. Und so viel / beschloß Coßmarites / ist / euch zu erklären / auch zu zeigen / Königlicher Befehl / dem ich nach Vermögen Folge geleistet / und mich gehorsam erwiesen: beobachtet auch ihr eure Pflicht / so werde ich mich freuen / daß ich nicht vergeblich und ohne Furcht gelehret habe: und mit diesem verließ er Polyphilum / und verfügte sich wieder zu der Königin / berichtende / daß ihr Befehl sorglich und aufs fleissigste verrichtet.

Diese / welche indessen mit ihrem gantzen Comitat / der Göttin Pallas geopffert / trat zum Polyphilo /und ermahnete ihn / daß er der Göttin / welcher dieser Tempel heilig / wäre Danck schuldig / vor die Eröffnung solcher verborgenen Nutzbarkeiten; diesen nun solte er auf dem nächsten Altar / ehe er weiter geführet werde / bezahlen: deßwegen ihm dann / der Melopharmis kleiner Sohn ein Faß voll Rauchwerck darreichete / durch welches er seinen Danck aufopfferte: wiewol die unersättliche Begierde Polyphili mehr auf die Tafeln / so in dem andern Temrel [155] zu sehen / als an das Opffer dachte. Gleichwol aber / daß die Anwesende ihn nicht mit dem Laster des Undancks beschuldigen möchten / fieng er folgender Gestalt an: Soll sich mein Danck / denen Herrlichkeiten / so dieser Tempel in sich verborgen hält / allerdings gleichen / so will ich die Schwachheit meines Vermögens alsobald der Unmüglichkeit halber beschulden. Denn wie können himmlische Gaben mit menschlichem Danck verglichen werden: Doch nehmet an / ihr gnädige Götter! und sonderlich / du Kunst-herrschende Pallas! den schuldigen Danck / wie ihn eines Sterblichen Zunge in dieser Unvermögenheit aussprechen kan; nimm an zur Vergeltung die Folge / so ich dir mit Hertz und Mund / in allem dem / was du meinen Augen eröffnet / verspreche. Du nur / weil meine schwache Hand / ohne dein Walten / nichts würcken und vollbringen kan / stärcke mich in meinem Fürnehmen /daß ich mein Gelübd halten und bezahlen könne: so soll dir diese Stätte / von meinem Danck und Vergeltung ein ewiges Denckmal seyn und bleiben: auch diese Anwesende werden ein Danckmal aufrichten /und wird Kunst und Tugend selber dich / zu ihrer Beherrscherin / erwählen / und alle Sterbliche deiner Macht gehorchen.

Nach verrichtetem Opffer / berieff die Königin Coßmaritem wieder / beneben obgedachtem seinem Geferten / welcher Clyrarcha genennet wurde / und redete mit ihnen heimlich: der Innhalt aber ihrer Rede war dieser: Es gab die Königin Befehl / daß / wie Coßmarites Polyphilum den Tempel der Kunst und Tugend durchgeführt / und was darinnen zu sehen /erklärt: so solte Clyrarcha ihm auch [156] den Tempel des Glücks eröffnen / und nichts verhelen / was zur Verbesserung seines künfftigen Lebens diene: sondern ihm allerdings weisen / wie er die vielfache verderbliche Glücks-Stösse / mit den Waffen der Gedult / bestreiten / und / durch bessern Verstand / gewinnen könne.

Nach ertheiltem Befehl / fassete die Königin Polyphilum wieder bey der Hand / und wolte ihn in den andern Tempel führen: Da sie aber ihren Fuß von dem felsichten Gebürg gegen Nidergang lencketen / und Polyphilus seine Augen noch einst ruckwerts warff /ward er etzlicher zierlicher Gemähl und Sinnbilder /an denen Marmor-Seulen / darauf das Tempel-Dach ruhete / und an den Wänden aufgeführet waren / ansichtig / und da er / nach erbetener Erlaubnus / näher hinzu trat / fand er auf der rechten Seiten / gegen dem Mittag das Kunst-verdeckte Bildnus des Delphischen Apollo / welcher in Jünglings-Gestalt / auf einem Dreyfuß / mit einer / von 12. Edelgesteinen / gläntzenden Cron / gantz nackend / mit 4. Ohren / und gleich so viel Händen zusehen / welche eine Leyer gefasset hielten / die mit 4. Säiten bezogen / deren jede von einer Hand besonders gerühret wurde. Sein Haar gläntzete / wie die aufgeworffene Sonnen-Stralen /und sein Antlitz war entbrant vor Zorn / der Mund lief / als schäumete er vor Eyfer. Und da sich Polyphilus fast sehr über diese Figur verwunderte / also / daß er selbige mit tieffem Nachsinnen ansahe / trat die Königin zu ihm / mit diesen Worten: Ich glaube / Polyphile! ihr wollet heute von einem schwachen Werckzeug unterwiesen werden. Verstehet ihr nicht /was dieses Wunder-gebährende Gemähl in sich halte? Es ist der Künste-Gott Apollo / [157] und deutet in dieser Figur die gesunde Vernunfft / den besten und vortrefflichsten Theil des Menschen. Dieselbe gehet das Vermögen der vernünfftigen Seelen durch / als die 5. äusserliche / mit samt den 4. innerlichen Sinnen. Setzet sich zu einem Liecht dem Leibe / zum Raht der That /zur Führerin der Folge: also / daß sie mit Recht / die Verleiterin zum Guten / die Zuruckhalterin vom Bösen / die Verzehrerin der Laster / die Stiffterin der Tugend / die Vertreiberin der Unwissenheit benahmet wird. Und dieses zeigen die Edelgesteine / so an der Cron hervor leuchten. Weiln aber diese Wercke grosse Müh und nicht geringe Arbeit gebrauchen / ist er mit mehr dann einem Ohr und nicht wenigern Händen versehen / alldieweil junge Leut / ehe sie die Weißheit begreiffen / viel hören / viel schreiben / viel thun und verrichten müssen / ja in den 4. Zeiten menschlichen Lebens / Kindheit / Jugend / Mannheit und Alter /sich nicht satt hören / oder auch genug lernen können. Der Dreyfuß aber zeiget / daß nichts so verborgen sey / welches von der scharff-sinnigen Vernunfft nit endlich entdecket werde. Was zeiget aber das zornige Gesicht? fragte Polyphilus; welches die Königin erklärete / daß dadurch der Eyfer zu verstehen / welchen alle die / so / auf der Weißheit-Bahn zu wandeln /verlangten / müsten bey sich spüren lassen. Das /sagte die Königin / lernet von einem unerfahrnen Weib.

Polyphilus / dem die Wangen durch diese Wort gleichsam befeuert wurden / verfälschte den Hochmuth dieser Königin mit einer Schertz-Rede: doch mochte er seinen Grimm nicht so starck bergen / vielweniger diese Schmach so gedultig ertragen / daß er[158] nicht / da ihm die Königin auch die übrige Bildnussen erklären wolte / sein widriges Begehren / durch Vorwendung / nutzlichere Sachen zu erkunden / mercklich anzeigte; in welchem ihm auch die Königin nicht widersprach / sondern seinem Willen vor dißmal die begehrte Freyheit zuließ.

Gleichwol aber / damit die Ungedult Polyphili /den köstlichen Zierath des Tempels nicht verdeckte /war nechst bey gedachtem Bildnüs / die gantze Seite durch gezieret mit denen dem Apollo zugeeigneten neun Musen / deren jede in einem besondern Habit und auf andere Art gebildet / so gar / daß sich keine der andern gleichen / sondern eine jedwede von der andern wol unterschieden werden konte. Alles hie völlig auszudrucken / erfordert mehr Zeit / als uns vergönstiget: doch können wir das sagen; köstlich und künstlich war alles / dergestalt / daß wir zweiffeln / sollen wir in diesem Zierath ein Wunderwerck der Götter suchen / oder eine Kunst der Sterblichen preisen. Auf der lincken Seiten gegen Mitternacht /waren die sämptliche Tugenden / durch allerhand nachdenckliche Sinnbilder gemahlet / die großmächtige Tapfferkeit / durch den Schild des Laster-siegenden Herculis / darauf er selber auch gebildet. Die beliebte Mässigkeit / durch einen wilden Feigenbaum /welcher auch die unbändige Thier zäumen kan. Die begüterte Freygebigkeit / durch das Frucht-Horn. Die unverruckte Gedult / durch einen Amboß / darauf gehämmert wurde. Die getreue Liebe / durch den Salamander / welcher im Feuer lebet. Die belobte Beständigkeit / durch einen Falcken / welcher einen Demant-Ring umfasset. Die entdeckte Warheit / durch ein unbekleidetes Jungfräulein / welche in der [159] lincken Hand die Sonnen / in der rechten ein eröffnetes Buch / und einen Palm-Zweig führet / und mit dem rechten Fuß die Welt-Kugel betretten. Die Aufrichtigkeit / durch den Pfirsing-Baum / dessen Blätter der Lungen / und die Frucht sich dem Hertzen gleichet. Die Hoffnung /so nach Nutz und Ehren strebet / durch ein Feuer-farbes Kleid der Purpurnen Morgenröthe / in der rechten eine blühende Granaten-Stauden / und in der Lincken den Ancker haltend; ohne Zweifel durch dieses den Nutzen in Gefahr / durch jenen die Frucht der Tugend bedeutend. Und nach vielen andern / die / wegen ihrer Vielheit / zu beschreiben / die Unmüglichkeit verbietet / beschloß endlich das Bildnus der Gerechtigkeit diese Wunder-Gemähl / und war selbige gebildet durch einen dreyfachen Hügel. Auf dem Rechten war ein Schwert zu sehen / samt der Waag-Schalen / auf dem Lincken ein grünender Oel-Zweig / und auf dem Mittlern ein Königliche Jungfrau / mit einer Cron auf dem Haupt / in ein gantz gulden Stück gekleidet / und am Halse eine guldene Ketten tragend / welche an statt des Kleinods ein Aug führete / das verbunden war. Von der rechten Hand gieng eine Flamm / und die lincke beschwerete ein blutiges Hertz; dadurch anzudeuten / daß sie kein Feuer und Stahl / kein Blut und Tod achte: sondern / wie die Flamme / gen Himmel steige / und ihr Hertz / durch die Unsterbliche /von allem anfeindenden Ubel reinigen lasse. Gegen Morgen waren die lebhaffte Bildnussen der sieben Weisen aus Griechenland zu sehen / deren jeder seinen gewohnten Red- und Lebens-Spruch bey sich hielte / und dem Tempel eine nicht geringe Beschönung gab. Gegen Nidergang zeigeten sich die sieben[160] Künste / in ihrer gewöhnlichen Bildung / die von denen beyden Welt berühmten Platone und Socrate in die Mitte gefasset waren: auch war der über alle Weißheit erhabne Kunst-verständige Aristoteles / in Lebens-Grösse / und aufs eigentlichste abgebildet /doch also / als musterte er die sieben / welche sich seinem Gebot stelleten.

2. Absatz
Anderer Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Glücks-Tempel / und wie derselbe gebauet / und gezieret gewesen: Lehret die nahe Verwandnus / der Tugend-Kunst / mit dem Glück; bewähret die Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen; berichtet von dem Glück / daß es nicht ein blinder Zufall; nicht auch ein Sternen-Blick: sondern Gottes so gefälliger Wille und Ordnung sey.


Wir kommen aber wieder zu unserm Polyphilo. Dieser wurde / seinem sehnlichen Verlangen nach / von dannen in den Glücks-Tempel geführet. So bald er die Schwelle betretten / verführete die Mannichfaltigkeit der Dinge / so ihm von ferne ins Gesicht fielen / die Augen dermassen / daß das wundrende Gemüth seinen Füssen den Vortritt verwehrete. Er nahm ihm vor / alles viel eigentlicher / und mit guter Weil zu besehen: darum er stracks im Eingang stille stund /und das Gerüst besahe / so über der Thür inwendig aufgemacht war. Dieses zeigete den sonst bekanten Eunomium / zugenahmet [161] Locrinus / mit seiner Zittern / darauf eine Saite gesprungen / an dessen Stelle sich eine Zitschrende Heuschreck gesetzet / die das Maul aufsperrete. Lachen und Dencken überfiel Polyphilum auf einmal / weil er nicht verstehen kunte /was das in sich hätte. Darum die Königin / welche sein Verlangen bald merckete / Clyrarcham ihm zugesellete / mit dem Befehl / die Geheimnus / so in diesem Tempel verschlossen / Polyphilo zu eröffnen. Dieser fieng nach abgelegtem Gruß / seine Red mit solchen Worten an:

Viel beglückter Polyphile! der Reichthum eures Glücks ist so groß / daß er nicht leicht wird ergründet werden: Ihr aber mißbrauchet der Gütigkeit des gewogenen Himmels. Verzeihet mir / Polyphile! daß ich euch so anrede. Meine Pflicht leidets nicht anders. Ihr wisset / wie ein zerbrechliches Ding sey das Glück /und wie bald es erdrucke / den es gehoben. Darum ändert euren Wandel / wollt ihr nicht / daß sich euer Glück ändern soll. Wann ich Zweiffel trüge / ihr verstündet nicht / wohin ich ziele / wollt ich mich bemühen / mit grösserer Höflichkeit meine Rede zu entschuldigen: aber der Scham / welchen das beschuldigte Gewissen zeiget / lehret sattsam / daß ihr verstehet / wohin meine Rede gehe. So nehmet nun meine Lehre an zu eurem Nutzen / und lernet hin für o /nicht durch den falschen Wahn der Liebe das Glück zu verringern: sondern durch die beständige Treu dasselbe zu stärcken / auf daß es euch immer anlachen möge. Das nöthigste aber / so ihr zu behalten habt /ist die Liebe gegen Kunst und Tugend: die ihr in dem ersten Tempel erkannt / und zu gewinnen gelobet. Ohne diese kan kein Glück bestehen / und kein Zufall wol gerathen. [162] So kan auch im Gegentheil ohne Glück die Tugend nicht herrlich scheinen / vielweniger die Kunst sich erheben / dann jenes ist die Nehrerin dieser / diese die Mehrerin jenes. Daher kompts auch /daß die Weißheit der Götter diesen Tempel alsobald an den Tugend-Tempel gebauet / ja / das will dieses Sinnbild / welche die alte Histori zeiget / da dieser Eunomius / weil er sehr lieblich spielen kunte / einsmals / zu Delphis / mit dem Regino in die Wette gespielet. Als ihm aber mitten in dem Gesang die Säite gesprungen / und nicht weiter fortspielen können / hat sich die Heuschrecke auf den Haiß seiner Zittern gesetzet / und dermassen fortgesungen / daß Eunomius das Feld erhalten / und den Preiß gewonnen hat. Dieses ist zum Gleichnus gesetzet / das Verbündnus der Tugend mit dem Glück anzudeuten / daß offtermals wir Sterbliche unsern Fuß zuruck ziehen müssten /und das vorgesetzte Ziel nicht erlangen könten / wann nicht / wo alle Hülff versieget / das Glück den Thon führete / und durch unverhoffte Fälle offt mehr richtete / als wir begehren.

Kaum hatte Clyrarcha diese Rede vollendet / daß nicht also bald Polyphilus sich erinnerte / wie er eben diß noch vor kurtzer Zeit / an seinem eigenen Leib erfahren / deßwegen er dann des Clyrarcha Wort / mit einem einstimmenden Ja-Wort bekräfftigte. Als aber Clyrarcha auch daher anfieng zu erweisen / da offtermals durch einen Unglücks-Riß ein grosses Glück erhalten werde / fiel Polyphilus in die höchste Betrübnus. Denn da ward ihm sein gantzes Hertz voll der Gedancken von Macarien / und was er um sie erlitten; so gar / daß nicht viel [163] fehlete / er hätte gewünschet /daß ihm der Himmel diß Glück / Kunst und Tugend zu lernen / mißgönnet / und dagegen vor dem Unglück behütet / daß ihn von seiner allerliebsten Macarien geschieden.

Clyrarcha merckete gar bald die Bewegnus Polyphili / und / wie er mitleidiges Hertzens war / bedaurete er seine Schmertzen / gedachte ihm auch wieder einen freudigen Muth zu machen / derohalben er ihn von der Verlängerung des Unglücks / und daher entspringenden Nutzen viel vorsagte / zu behaupten /daß je mehr die Unglücks-Zeiten verlängert / und die wiederkommende Glücks-Stunden verzögert würden /je mehr werde auch die Ankunfft des Verlangens erfreuet und begütert.

Unter dieser Rede aber giengen sie allgemach zum Tempel ein / da dann Polyphilus einer grossen Menge künstlich-aufgeführter Gerüst / Altär / Thrön / Sessel und Sitz gewahr wurde / die alle mit Herrlichkeit bekleidet / von gewissen Personen eingenommen und gefüllet waren. Und weil der Tempel / ungleich dem ersten / in zwey Theil unterschieden war / deren jener mit eisernen Schrancken verschlossen: Dieser aber gantz offen stunde / sahe er / auf dem befreyeten Plan / allerhand Arten der Menschen / grosse / kleine / gelehrte / ungelehrte / Gewaltige und Bettler /Alte und Junge / die er doch von fernen nicht anders /als aus dem Unterschied der Kleidung erkennen konte. Da er aber dem Ort näher kam / befand er etzliche unterschiedene Häuflein der Menschen / die theils weineten / theils lacheten. Ein jedweder Hauffen wurde von einem / der sich denen Unsterblichen nicht übel gleichete / bedecket. Und als Polyphilus dieses alles nach der Länge angesehen / fragte er endlich[164] Clyrarcham / wer diese wären? welcher dagegen versetzte / daß hierdurch die Handthierungen und Gewerbe / mit denen mancherley Sorten und Arten der Menschen / vorgebildet würden / deren jede ihren eigenen Glücks-Gott verehrete / der sie schützen und erhalten solle. Daher ist dieser Thron / sprach Clyrarcha / welcher dem Jupiter geheiliget wird / der ein Gott aller Götter ist. Ja / daher ist dieses Faß / welches zu der Seiten aufgerichtet ward / und allerhand reiche Güter in sich hielte / Ehre / Reichthum / Gewalt / Macht /Kunst / Gunst / und dergleichen; aus diesem reichet er dem einen viel / dem andern wenig. Weil er aber allein alles nicht verwalten kan / oder will / hat er ihm mehr Götter zugesellet / und einem jeden seine sonderbare Verrichtungen gegeben: Daher diese / so den andern Thron begleiten / dem Gott Marti dienen / und um Glück zu denen Kriegen anflehen. Jene aber / die den Vulcanum verehren / wollen auch / daß ihre Handthierung glücklich fortgehe. Deßgleichen die Anbeter des Neptuni. Nach diesem führete er ihn zur lincken Seiten / allwo auch etzliche deren mithelffenden Göttinnen zu sehen / unter denen die erste war Juno / die Verwalterin der Eheschafften und Gebährenden; Auch Venus / die die Bitterkeit der Liebe versüsset; mit der Dianen und andern / die allhier sammetlich zu erzehlen / die grosse Meng verwehret. Das ist Meldens werth / daß der Sterblichen so ein mercksamer Unterscheid war / nicht nur in der Kleidung /sondern auch in ihren Geberden / indem der eine Theil lachte / der ander weinete. Diese / sagte Clyrarcha /und deutet auf die Weinenden / sind die / so im Unglück vergraben / über die Unbarmhertzigkeit der[165] Götter klagen: Jene aber / zeigend die Lachende / sind die / welche sich in ihrem Glücks-Stande freuen / und der Gunst des Himmels dancken.

Aber woher ist der Unterschied / fragte Polyphilus /was beweget die Götter / daß sie diesen mit Glück /jenen aber mit Unglück belegen / da wir doch alle Menschen sind? Sind wir Menschen / so sind wir ja gleich / woher komts dann / daß etzliche arm / etzliche weiß / etzliche gelehrt; andere alber / andere wie der verständig sind? Was ist die Ursach / daß es nicht einem Menschen gehet / wie dem andern / warum soll jener in Freuden / dieser aber in Trauren leben: warum einer in Sammet / der ander im groben Kittel einher gehen: warum einer mit niedlichen Speisen ernchret / ein anderer mit Wasser und Brod gesättiget werden? Oder / warum wird mancher zu den höchsten Ehren erhoben / mancher hingegen verachtet und vor nichts gehalten? Oder / warum hat mancher an allem einen Uberfluß / mancher aber allenthalben Mangel? Woher komts / daß ihrer viel / was sie wünschen / erhalten / was sie dencken / verrichten / was sie beschliessen / vollenden: da hingegen andern vielen all ihr Rathen und Thaten zu ruck / und nicht für sich gehet? Meines Erachtens kan man nicht anders schliessen / als daß dieses der Götter Schuld / und die Klag der Sterblichen nicht unrecht sey. Deme Clyrarcha unverhindert antwortete / daß dem nicht so sey /wie er rede / und die Götter ausser aller Schuld wären / auch bloß die Menschen / ihr eigen Glück und Unglück / Reichthum und Armut / Ehr und Schand /Ansehen und Verachtung / Kunst und Unwissenheit /Tugend und Laster erwähleten / und sich selbsten verführeten. [166] Welches aber Polyphilo nicht eingehen wolte / dieweil er behauptete / daß mancher / an Reichthum / Ehre / Macht und Gunst / einem vorgezogen würde / der doch / aller Zeugnus nach / viel fürsichtiger gehe in allem was er handele; viel muthiger und behertzter verrichte / was ihm zu verrichten obliege; viel freundlicher sich stelle gegen denen / damit er umgehe; viel gedultiger sey in seinem Leiden; viel mässiger in seinem Glück; viel ansehnlicher von Person; viel geschwinder im Rath; viel verständiger in Anschlägen; und so fort an: habe dennoch das Glück nicht / daß er sein Werck so wol verrichte / als jener; fehle doch viel / daß er so beliebt sey / als der ander; und komme nie darzu / worzu ihn seine Geschicklichkeit billich erheben solte. Wir sehens / fuhr Polyphilus weiter fort / bey mancher Regierung / so lang dieser / zum Exempel / die Herrschafft führet / lebet alles in erwünschter Ruhe / der Fried wächst gleichsam auf der Erden / und die Gerechtigkeit blühet immer: Wann ein anderer kommt / ist aller Orten Krieg und Kriegs-Geschrey / alle Aempter sind voller Unruhe /Aufruhr und Empörung findet man allenthalben: da doch dieser viel weißlicher regieret / als jener / dem /so zu sagen / das Glück selber Stadthalter gewesen. Oder / wollt ihr / Clyrarcha! die Handlungen und Gewerb ansehen / so werdet ihr finden / daß bey manchem alles gesegnet / und reichlich zunehme; bey einem andern hingegen / ob er schon täglich / ja fast stundlich rennet und lauffet / dennoch nichts erspriessen will: es ist kein Glück und Segen bey ihm: die Anschläg werden zu Wasser: die Arheit hat keinen Fortgang: es ist kein Verschluß der Wahren mehr: es geräth nicht / wie zuvor / und / mit einem Wort /[167] scheinet alles vergebens zu seyn / was man vor Müh und Arbeit angewendet. Solte diß dann die Schuld der Menschen seyn? ist nicht zu glauben.

Wäre Clyrarcha nicht noch klüger gewesen / als Polyphilus / hätte er in Warheit stillschweigen müssen: gleichwol vermochte die Rede so viel / daß Clyrarcha den rechten Grund entdecken / und mit unverfälschter Warheit völlig heraus gehen muste / da er sprach: Geliebter Polyphile! Wann ich mich nicht vor einen Glücks-Verständigen grüssen ließ / möchte es gar leicht geschehen / daß ich eure Rede unbeantwortet fassen / und euch gewonnen geben müsste. Nun aber erfordert mein Amt ein anders / und mein besser Wissen gibt mir Befehl / euch aus diesem Irrthum zu führen. Mercket demnach / daß ihr sehr weit fehlet /indem ihr / aus der ungleichen Theilung der Güter denen gerechten Göttern einige Unbillichkeit beyzumessen / euch unterstehet. Zwar ists nicht ohne / daß /so fern wir die Austheilung an sich selber besehen /selbige denen Göttern billich zugeschrieben wird: aber daher einige Ungerechtigkeit zu schliessen / ist unrecht. Wisset / Poyphile! daß der Weißheit Rath im Himmel nichts ohne erhebliche Ursachen / ja nicht das geringste / vergeblich thue. Solten ihr die Ursach dieser Theilung der Güter wissen / würdet ihr euch nicht das geringste wundern lassen. Einmal ists gewiß / daß wir ein Geschöpff der Unsterblichen sind. Hat dann nicht der Schöpffer Macht mit uns zu thun /was ihm gefällt? Eben das ist endlich eine Ursach /warum Er diesen auf einen Käiserlichen Stul: jenen in einen Vieh-Stall setze; warum Er den an eine Königliche Tafel: einen andern hinter den Pflug hebe; warum Er manchen in ein reiches [168] Haußhalten / in ein grosses Gewerb / und dergleichen: manchen hingegen in eine arme und nidrige Bauren-Hütte / unter ein Stroh-Dach verstecke / daß Er erweise / Er sey der Schöpffer / und wir sein Geschöpff.

Daß ihr aber den Einwurff gethan / warum es deme nach Wunsch / dem andern aber wider Willen gehe; warum der viel glücklicher in seiner Verrichtung / als jener / welcher doch nicht so verständig; warum mancher darzu gelange / wohin er nie gedacht; ein anderer hingegen darnach gerennet und geloffen / und doch nichts erlanget: hat wider seine sonderbare Ursach. Ists nicht so / wann ihr euer Werck allemal nach Wunsch und Begehren vollführetet / und eben durch die Mittel euer Ziel erlangetet / durch welche ihr dasselbe bestritten / würdet ihr nicht den Gewinn euch zuschreiben / und euren Anschlägen / eurer Klugheit /eurer Tapfferkeit den Preiß geben? Durch eure Macht wäre / zum Exempel / der Feind geschlagen; durch eure Spitzfindigkeit der Reichthum erworben; durch eure Kunst die Gunst erlanget; durch euer Ansehen die Ehre erhalten; durch eure Vorsichtigkeit das Gut erworben / und so fort an. Daß aber diß nicht geschehe / weiset eben die Weißheit der Götter durch ein gerades Widerspiel. Denn da machen sie andere mehr eben so künstlich, so starck / so mächtig / so ansehlig / so beredt / lassen sie eben den Weg gehen / eben die Mittel gebrauchen: und doch nichts wenigers / als eben das Ziel erreichen: an statt des Siegs einen Verlust; an statt des Reichthums / Armuth; an statt des Gutes / Schaden; an statt der Gunst / Ungunst; an statt der Ehre / Schande / und dergleichen. Aus welchem allen ihr sattsam schliessen möget / daß der Raht der allweisen [169] Götter / auf keiner Ungerechtigkeit bestehe / noch die That / einiger Unbilligkeit wegen könne beklaget werden. Was anlanget die Ungleichheit der Menschen / daß mancher hoch / mancher nidrig; einer schön / und wieder einer ungestalt; ein anderer reich / der dritte arm; viel aber angesehen / viel wieder verächtlich gehalten werden: Darauf kan ich nicht besser und gründlicher antworten / als daß dieses der Will sey und die Ordnung derer allein Weisen Götter. Diesen aber erkennen wir an unsern eigenen Leibern / daran etzliche Glieder stärcker / etzliche schwächer; wiederum etzliche ehrlicher / die wir nicht verdecken dörffen; etzliche unehrlicher / so uns die Scham verbergen heisset. Auch sind etliche / die uns wol / etliche / die uns übel anstehen. Wiederum finden sich / die nutzlich; andere aber / die nicht gar zu nöthig zu seyn scheinen: Wäre es nun nicht eine thörichte Frag / wann man zu wissen begehrte / warum Gott ein Glied zum Kopff gemacht hätte / eines zum Arm / eines zur Brust / eines zum Fuß / und wieder eins / weiß nicht zu was; wer einen wenigen Verstand hat / würde da antworten / die Nohtdurfft und Gestalt des Menschen erfordere es also. Dann / wo würde die Gestalt bleiben / wann ein Mensch aus lauter Köpffen / lauter Armen / lauter Brüsten / und lauter Füssen zusammen gesetzet wäre? womit würde er gehen und stehen / wann er eine lautere Brust wäre? worinnen würde er sein Eingeweid tragen / wann er lauter Arm wäre? womit würde er fassen und zulangen / wann er lauter Köpff wäre? womit würde er dencken und rathen / wann er lauter Füß wäre? nicht nur die Gestalt zergienge / sondern es würde auch die Nohtdurfft grosse Noht leiden und ausstehen. Wir [170] könnens gar leicht / so wir andere Gleichnüs wollen daher ziehen /an den übrigen Creaturen sehen. Wie schön stehet es /wann ein hoher Berg neben einem tieffen Thal stehet; wie artig übersteiget ein Hauß das ander; wie stattlich schimmern die Thürne vor den nidrigen Gebäuen hervor: die Blumen in den Wiesen zeigen das mit ihrer Ungleichheit; die Bäume in den Wäldern rühmen die Mannigfaltigkeit; auch die Blätter selbst weichen ein ander. Im Feld wächset die Frucht in ungemessener Höhe / es überschreitet je eine Aher die andere. Sehen wir auf die Hände des Kunstlers / immer ist eines herrlicher und schoner gearbeitet / als das ander. Das liebliche Gethon der Orgel / ist von dem Unterscheid der Pfeiffen. Die beste Kunst in einem Gemähl ist /wann der Schatten wol geworffen wird / wann dunckel und hell neben einander stehet schwartz und weiß füglich vermenget ist. Grad so ists auch mit dem menschlichen Geschlecht / und denen Ständen: wann Käiser / König / Fürst / Burger / Bauer und Knecht beysammen seyn / hat ein jedes seinen Schutz und Hülf. Wie würde das Geschlecht erhalten / ernehret und regieret werden / wann eitel Käiser / eitel Könige / eitel Fürsten / eitel Herren wären? müssen nicht andere seyn / die säen und erndten: andere / die hacken und graben: andere / die dreschen und arbeiten: andere / die handeln und wandeln: andere / die herschen und dienen? Ja es würde viel ehe gar kein Käiser / gar kein König / gar kein Fürst / gar kein Herr seyn / ehe sie alle Herren wären. Denn wo wäre der Knecht / der Bauer / der Unterthan? kan auch ein Herr seyn / der keinen Knecht hat; oder mag ein Edelmann seyn / der keinen Bauern hat; ein Fürst / ein König /ein Käiser / [171] ohne Unterthanen? wo kein Unterthan /kein Bauer / kein Knecht ist / da kan auch kein Käiser / kein König / kein Fürst / kein Edelmann / kein Herr / erdacht oder gemacht werden. Sehet ihr demnach / mein Polyphile! wie weißlich die Ordnung der Götter solches alles gerichtet / daß / zur Nohtdurfft des Herrn / der Knecht: zur Nohtdurfft des Knechts /der Herr seinen Beruf halte. Unterthanen / Bürger /Bauren / Knechte / ernehren / verpflegen / arbeiten und frönen ihren Oberherren / Käiser / Königen / Fürsten und Herren / die mit mehrerer Weißheit begabet /und höhere Gewalt haben / führen / regieren / versorgen / beschützen / vertheidigen und verwahren ihre Unterthanen. Und auf solche Art wird das menschliche Geschlecht erhalten.

Diese Rede gefiel Polyphilo so wohl / daß er die Freudigkeit seines Hertzens / durch die gleichsam hupffende Geberden seiner Hände und Rede / genugsam zu vernehmen gab / indem er die Weißheit und Verstand Clyrarchæ / mit so gezierten Worten / erbebte / daß nicht viel fehle / würde er ihm auch die andern Sachen so mächtig erklären / wolle er seinen Dienst mit einem ewigen Danck versetzen. Gleichwol aber / fuhr Polyphilus weiter fort / habt ihr mir noch nicht allen Zweiffel benommen. Die Ungleichheit der Menschen habt ihr zwar erwiesen / daß ohne grossen Schaden und Mangel an allem / nicht anders seyn könne / und muß ich in diesem Fall billich die Weißheit der Götter preisen: aber werdet ihr mich auch dessen verständigen / und die Gerechtigkeit des Himmels in dem vertheidigen / daß eben dieser oder jener ein Bauer / dieser oder jener ein Herr seyn soll / will ich euch nach dem nicht mehr bemühen. [172] Keiner klaget darüber / daß ein Herr und Knecht / ein Fürst und Unterthan sey: sondern das ist die gemeinste Frag; warum eben der zu solchen Ehren erhöhet / und dieser hingegen in den Stanb geleget? warum eben die Person ein Käiser / der Mensch ein König / der Mann ein Fürst erwählet worden: und der Bauer hingegen zum Bauern / der Knecht zum Knecht / der Unterthan zum Unterthan? Ich selber meines theils dörfft wol fragen: Warum bin eben ich in diesen Stand gesetzet / da ich eben so leicht hätte einen Käiser / einen König einen Fürsten geben können? Oder / warum bin auch ich nicht so reich / so ansehlich / so herelich / als ein anderer? Oder / warum muß eben ich so viel Unglück und Widerwertigkeit ertragen? könte es nicht ein anderer an meiner Statt seyn? Wann wir alle so schliessen wolten / versetzte Clyrarcha / würden wir entweder alle Käiser / alle Könige / alle Fürsten seyn / und die Ungleichheit mit der Ordnung aufheben / oder würden selber nicht wissen / was wir seyn möchten. Dencket ihr nicht / Polyphile! daß ein anderer auch so gedenckt / wie ihr gedencket. Glaubet ihr nicht / daß ein jedweder gern ein Käiser / ein jedweder gern ein König / ein jedweder gern ein Herr seyn möchte. Würde wol einer seyn / der begehrte einen Bauern zu geben? Nein / die Arbeit ist zu schwer. Solten sich unter hundert wol zween finden / die lieber dienen /als herschen wolten? Nein / die Freyheit ist zu lieb. Solte aus dem gantzen menschlichen Geschecht wol einer seyn / der lieber betteln / und kümmerlich / als in Vollem / leben wolte? Nein / die Schande ist groß /und der Kummer schmertzlich. Darum so haben wir lauter Herren / wer ist aber unser Knecht? Lauter Edelleut; [173] welcher ist aber unser Bauer? Lauter Käiser; wer ist aber der Unterthan? Den ersten Grad verlangt ein jeder / den andern nicht einer. So sehet ihr nun selbsten bald / was die Antwort seyn wird: nemlich /denen Unsterblichen hat es so gefallen / daß du / mit deinem Bauern und Knecht-Stand / mit deiner Armuth und Wenigkeit / die Ordnung / welche sie unter den Menschen gestifftet / zieren solt: gerad wie ein anderer mit seiner Cron / seinem Serpter / seiner Ehr / seiner Macht / seiner Herrlichkeit / und in seinem Stande. So hat es dem Himmel beliebet / daß du / an dem grossen Gemähl dieser Welt / der Schatten; auf dem weiten Erdboden / ein Thal; unter der Menschen-Orgel / die kleinste Pfeiffe seyest. Einen Beweiß dessen können wir nehmen an denen leblosen Creaturen.

Sehen wir die Tausendfältigkeit der Sternen / so übertrifft je einer den andern; besehen wir die Planeten in ihrem Lauff / ließ sichs gleichfalls fragen; warum der Mond nicht gleich der Sonnen stehe? warum sein Silber-Blincken sich denen Gold-Stralen nicht gleiche? Es ließ sich eben auch fragen; warum eben die Venus so hell und klar: Saturnus hingegen bleyfarbig und dunckel? Warum eben Mars röhtlicht und flammend: Jupiter aber so hell und scheinbar gläntzete? Oder / so wir die blossen Sternen besehen /warum hat eben der / und kein anderer / bey der Sonnen sollen der nächste seyn? warum eben der / und kein anderer / den Mond begleiten? Oder / warum ist nicht der Abend Stern der Morgen-Stern; warum dieser hinwieder nicht so klar / schön und subtil / als andere; warum / dem Liecht und der Würckung nach /nicht gleich der Sonnen[174] / oder selbst die Sonne? was wollen wir antworten? anders nichts / als daß es die freye Götter geordnet / wie sie gewolt. Kommen wir der Erden näher / und besehen die Vogel-Schaar in den Lüfften / finden wir eben das wiederum. Aus was Verhindernus ist die scheußliche Fledermaus nicht ein Adler die heßliche Nacht-Eule ein Papagey; der ungestallte Widhopff ein bundgefärbter Pfau worden? warum sollen jene den Menschen zum Schaden / diese zum Nutzen dienen? warum hat eben der Vogel müssen eine kleine Lerch / dieser ein wenig grösser / als die Trostel / und ein anderer wieder grösser / als ein Krammets-Vogel seyn? warum ist nicht der Zaun könig eine wilde Taube; der Sperling ein Schwan; die Schwalbe ein Geyer worden? Warum hat eben der Rab müssen ein Rab seyn / die Krahe ein Krahe / der Specht ein Specht? keine andere Ursach ist / als es ihrem Schöpffer also gefallen. Auf der Erden gehets gerad so zu / das Thier ist ein Esel / ein anders ein Ochs / und wieder eins ein Cameel. Kein grösserer Unterscheid ist / als unter einer Maus und einem Elephanten / unter einem Schaf und Wolf / unter einem Hasen und einer Sau: Darum eins freylich wol fragen solte / warum eben der Esel ein Esel; die Sau ein Sau; der Ochs ein Ochs; der Wolff ein Wolff; der Elephant ein Elephant; das Lamm ein Lamm; das Cameel ein Cameel sey? warum dieses nicht in so hohem Werth gehalten / als das andere? der Esel nicht gleich dem Pferd; der Ochs nicht gleich dem Hirsch; eine Kröt nicht gleich einem Reh; eine Schlang nicht gleich einem Elephanten; eine Mucke nicht gleich einem Cameel? Oder / warum eben dieses zum Sack tragen [175] verworffen / und jenes einen edlen Ritter führe? warum dieses für die Raben geworffen / und jenes auf Königliche / Fürstliche Tafeln gesetzet werde? Es heisst endlich wiederum / daß das der Unsterblichen Satz und Willkühr sey / die auch Esel und Ochsen / Mucken und Kröten / unter diesen Geschöpffen haben wollen.

Solten wir unsere Gedancken auch in die Wasser führen / würde die erste Frag seyn / warum ist diß ein Leviathen / warum ein grosser Wallsisch / und nicht ein Meer-Spinne / oder ein Krebs? warum haben eben diese / als Hecht / Karpffen / Grundel / und dergleichen / so hoch müssen gewürdiget seyn / daß sie / als lieblich und anmuthig anzuschauen / auf vornehmer Herren Tafel verordnet sind: andere hingegen einen Eckel und Abschen gebähren / so gar / daß man sie nicht berühren / will geschweigen kosten / oder zur Nahrung gebrauchen möge? Was schliessen wir nun? Eben das / was wir schon so offt geschlossen. Alles kommt von ihrem Schöpffer / der eins deßwegen so mächtig / so groß / so starck / so schön / so werth zu achten geordnet / damit die Ordnung hiedurch gezieret: und das andere / so schwach / so klein / so ohnmächtig / so widrig und ungestalt / damit auch diß die Ordnung helffe erfüllen / oder / zum wenigsten / das andere zieren.

Nach vollendeter Rede zog Clyrarcha einen Zettel hervor / darauf folgende Verse geschrieben / die er Polyphilo zu lesen gab.


Ist nicht die gemeinste Klage /
Glück! von deiner Grausamkeit?
die du allen doch bereit
bist / mit Segen / ohne Plage /
[176]
stets zu dienen: wann nur sie
selbsten dich verjagten nie.
Bald kommt dieser naß bethränet /
klaget / was du hast gethan /
wollest ihn nicht sehen an:
bald ein andrer mehr erwehnet /
wie du ihm zu wider stehst /
nicht auf seinen Nutzen sehst.
Kommt der dritte / hör ich sagen:
wie dein gantz verboßter Neid /
seine Lebens-lange Zeit /
nur mit Schmertzen wollen plagen /
und ein immerwährend Leid /
setzen zu der seltnen Freud.
Gar der Vierte kommt / mit pochen /
düncket ihm / zu seyn nicht recht /
daß er eben worden Knecht /
weil er / gleich so gern / gerochen /
wo die Herren-Kuch aufgeht /
und die Füll an allen steht.
Dieser / spricht der fünffte wieder /
hat mehr Reichthum / Ehr und Pracht;
ich hingegen bin veracht /
werde nur gedrücket nieder:
keiner / keiner bringet Danck /
was sie bringen / ist nur Zanck.
Was ist nun davon zu schliessen?
wilt du tragen / Glück! die Schuld?
oder klagen die Gedult
derer / die zwar viel geniessen:
aber nicht zu frieden seyn /
mit dem / was du schenckest ein.
Also scheints / der Menschen Hertze
[177]
lässet sich vergnügen nicht
ob man ihm gleich viel verspricht /
das die Glück- und Ehren-Kertze /
wenn er friedlich leb allhier /
solle funckeln für und für.
Dann / wer bist du? sag mir / Glücke!
bist du nur / was man dich nennt;
bist du / wie man dich erkennt /
plump; ein Fall / der bald zu rücke /
wiederum bald vor sich fällt /
ohngefehr / und unbestellt?
Nein / es ist der gut / mit guten /
böß / mit bösen / gleichen kan /
dieser schaffet alles an:
Das Verbrechen / mit der Ruthen /
mit der Cron / die fromme That /
wechseln / geben Werck und Rath.
Aber wer? das Sternen-Blincken /
daß die Welt / mit uns / regiert;
und in seinem Lauff umführt;
fromment schadet dieses Wincken /
unsern Worten / Wercken nun /
daß wir so und solches thun?
Nein / es ist ein höhers Wesen /
das auch selbst die Sternen führt /
und den Himmels-Lauf regiert:
Dadurch alle wir genesen;
dadurch wir / so groß und klein /
mit und beyeinander seyn.
Gott ist / der das heisst geschehen /
was uns fället öffters zu /
der schafft / daß in einem Nu /
wir bald Glück / bald Unglück / sehen:
[178]
keiner sonst / nur der allein /
soll und muß das Glücke seyn.

Polyphilus / der wegen erlernter Weißheit sehr erfreuet ward / danckete dem Clyrarcha höflich / daß er ihn aus einem so grossen und sündlichen Fehler errettet / und die rechte Warheit eröffnet; versprach auch ingleichen / daß er hinfuro allen Neid und Mißgunst aus seinem Hertzen tilgen wolte / weil er sehe / daß eine unverantwortliche Sünde sey / wenn wir Menschen diesem ein Glück mißgönnen / welchem es von den Göttern gegönnet und gegeben werde; ja eben so viel sey / als wolten wir die Gerichte des Himmels meistern / den Schluß der Unsterblichen verwerffen /und die Güte der gnädigen. Götter bestraffen. Da aber Clyrarcha merckete / daß seine Lehr wol angewendet würde / und er grössern Danck zu erwarten / führete er Polyphilum bey der Hand / biß zu den verschlossenen Schrancken / allwo er sein Haupt entblössen / die Schuh auflösen und ablegen / auch einen besondern Habit anziehen / und sich bereiten muste / als der / in das Heyligthum / und zu den reinen Göttern / zu gehen / gesinnet. Und da er allerdings bereit / durch eine eröffnete Thür / mit Clyrarcha eingieng / muste er auf den Knien anbeten / und / aus Clyrarchæ Befehl / seinen Zutritt entschuldigen: Diß alles aber deutete / daß dieser Ort heilig sey / und über menschliche Würdigkeit. Nach vollendetem Gebete / richtete Clyrarcha sich und Polyphilum auf: und weil Polyphilo auferleget war / seine Augen nicht empor zu heben /biß ihn Clyrarcha erlauben würde / muste er / mit halb-verdecktem Gesicht / seinem Führer / durch den Chor / folgen / da er dann zu allerletzt / als seine Augen entdeckt wurden / [179] eines nackenden Weibs / in der rechten Hand habend ein Segel / in der lincken das Frucht-Horn; sitzend auf einer geflügelten Kugel /die in der Lufft schwebete; mit verbundenen Augen /und ohne Füsse / ansichtig wurde; und da er sie etwas genauer betrachtete / wurde er gewahr / daß zur rechten / über ihrem Haupt / welches hinter der Stirn gantz kahl und unbehaaret war / eine Flamme ausgieng; zur Lincken aber ein Wasser brausete: das sich beydes für sich warff / auf den gegen über gesetzten viereckigten Stein / welcher auch einen Jüngling / mit Flügeln am Hut und Füssen / trug / der sich offt und offt vor dem Weibe neigete.

Clyrarcha winckete dem Polyphilo / daß er wo! acht geben solle: welcher dann so fleissig aufmerckete / daß keiner Erinnerung von nöthen gewesen. Endlich führete er ihn / mit verdecktem Angesicht / wieder zu ruck / und da sie ein wenig / zu der rechten Seiten / abgetretten / und Clyrarcha / dem Polyphilo / das Gesicht wieder aufdeckte / fielen ihm viel hell gläntzende Feuer-funcklende Stern in die Augen / daß er gleichsam verblendet nicht wissen konte / ob er in einem jrrdischen Tempel / oder unter der Gesellschafft der Götter im Himmel wäre. Da er aber durch gemählige Abwendung des Gesichts / seine Augen mit einem duncklern Anblick wiederum gestärcket / fasset er das vorige Bild wieder zu Gesicht / und befindet /daß es eine Adlers-Gestalt fürtrage / welcher in freyer Lufft schwebete / mit ausgespannten Flügeln; wiewol nicht ohne entliehene Hülff. Dann er von einem ziehenden Magnet so wunder-künstlich gehalten wurde /daß er / vielleicht nicht ohne sonderbahre Bedeutung /sich gegen Mitternacht wandte / und durch die suncklende Sterne den offnen Ort bestrahlte[180] / allwo die Götter denen Sterblichen ihre Gaben austheileten. Nichts mehr verlangete Polyphilus / als daß er mit Clyrarcha sich befragen dörffte / wie diese Sternen zu nennen und zu erkennen wären: welches aber vor dißmal mehr zu wünschen / als zu hoffen war. Gleichwol erkannte er aus dem Stand derselben / und deren Lauff / welcher sich dem sonst ordentlichen Himmels-Lauf nicht übel gleichete / daß der Pol-Stern / oder Angel-Punct der Welt / sammt seinen rings um ihn her glimmenden Asterismen / als da sind / der kleine und grosse Beer / der Cepheus / und sein Gemahl Cassiopeja / der Drache / der Hüter / die Cron / der Hercules / der Geyer / der Schwan / die gebundene Andromeda / mit ihrem geehlichten Perseus / der Erichtonius / die Coma Berenices / der Serpentarius /der Adler / Ganymedes / der Delphin / Pegasus / der Drey-Angel / und was wir sonst mehr im Norderbusen zerstreuet / durch die darzu gewidmete bekante Instrument des Himmel-Circkels augenscheinlich zu erkennen haben / den Kopff eingenommen. Nach dieser Betrachtung ließ Polyphilus seine Augen in den Schweiff des Adlers herunter fallen / allwo er vieler anderer Sternlein gewahr wurde / die er doch / wegen ihres thumbaren Glantzes / und weil sie / eusserlichem Ansehen nach / sehr tieff versteckt waren / nicht völlig erkennen konte / wer sie wären. Allem Düncken nach aber / schloß er dahin / es müsten diese seyn / welche / weil sie zu nächst bey dem Gegen-Angel-Punct stehen / uns / die wir solchen mit dem Gesicht nicht erlangen können / verborgen bleiben; indem wir auf diesem Punct der Erd-Kugel uns befinden / allwo /wann wir unsre Augen gegen dem mitternächtischen[181] uns in etwas erhöheten Angel-Punct erheben / der sichtbare Sternen-Lauf sich in die quär richtet / und daher etzliche Asterismen uns verbirget / nahmentlich / den Krannich / den Indianer / den Pfau / den Paradiß-Vogel / den mittagischen Drey-Angel / das Bienlein / den Chameleon / den fliegenden Fisch /sonsten Meer-Schwalbe genannt / den Dorado / sonsten Chrysophrys / die Wasser-Schlange / und Americanische Gans / mit dem Phœnix. Und als Polyphilus auch diese nach der Länge beschauet / warff er seine Augen / auf den rechten Flügel / gen Aufgang und durch die Brust / auf den lincken / gegen den Abend; in beyden fand er samt der Brust / die übrige ihm in etwas bekandtere Himmel-Liechter / Sonn / Mond /und alle Planeten / mit denen himmlischen Zeichen /und andern Fix-Sternen / so viel selbiger / ausser denen oberzehlten / den gewölbten Himmel / als ihre sonst gewohnte Lauf-Bahn / zieren und gläntzend machen.

Und da auch diß Gesicht seine Gnüge hatte / führete Clyrarcha den Polyphilum wieder / mit verdecktem Gesicht / auf eine erhöhete Bühn / allwo er nicht irrdische / sondern himmlische; nicht menschliche / sondern göttliche Geheimnus sahe / in solcher Herrlichkeit / daß sie menschlichen Sinnen zu erreichen / auch unser schwachen Zungen auszusprechen / eine blosse Unmüglichkeit seyn. Er war an dem Ort / da die Freude und Lieblichkeit selbsten ihr Zelt aufgeschlagen /und die Herrlichkeit ihren Sitz genommen hatte; seine Augen wurden gleichsam verblendet durch den verguldeten Anblick; sein Gehör ward / so zu reden / betaubet / durch die klingende Lieblichkeit: auch vermochte der lust-trieffende Balsam dieser [182] himmlischen Freudigkeit dem Geruch eine solche Ergötzung zu erwecken / daß Polyphilus / mit voller Zufriedenheit /sich die Zeit seines Lebens an allem niemals so vergnügt befunden. Mit einem Wort: wer die Schöne und Lieblichkeit der über menschliche Vernunfft steigenden tausend-beglückten Himmel-Freude beschreiben wird / der wird auch die Vollkommenheit dieses Orts / welcher billich der ander Himmel zu benamsen war / erklären konnen. Doch dennvch / ob uns die Unmüglichkeit von dem / dessen wir uns jetzt unterfangen / freylich zuruck halten solte / und verwehren /daß wir uns nicht vergeblich bemüheten / indem wir solches zu beschreiben gesinnet / daß denen menschlichen Schwachheiten / von den Unsterblichen selber /wegen ihrer Unwürdigkeit verboten / oder vielmehr versaget: wollen wir gleichwol / nicht wie wir sollen /sondern / als wir können / und nur das melden / was eigentlich Polyphilus mit Augen gesehen / und mit seiner Vernunfft begreiffen können.

Es waren etzliche verguldete Bogen / deren je einer kleiner als der ander / künstlich und artlich aneinander gefüget / so / daß Polyphilus das Meisterstuck nicht ablernen konte. Der geraumeste stund vorn an /und folgte je ein Kleinerer dem Grösseren nach / biß sie endlich einen entfernten Ort beschlossen. Um die Bogen war ein Purpur geführet / inwendig aber so voller Sternlein / daß ihr helles Liecht / wann es auf das Gold und den Purpur fiel / einen solchen Glantz von sich gab / der mehr zu verwundern / als zu beschreiben. Näher / als auf sieben Schritt / dorffte Polyphilus diesem Heiligthum nicht kommen / deßwegen er dann von Clyrarcha so gestellet wurde / [183] daß er seine Augen von ferne / und durch den ersten weitgespannten Bogen / gerad auf den hindersten und letzten Theil werffen konte / wiewol das Blincken der Sternen nicht geringe Verhinderung würckete / alles genau und eigentlich zu besehen: Gleichwol wurde ihn sein Gesicht / durch die beharrliche Beschauung je länger / je mehr gestärcket / daß er endlich einer Hand wahr nahm / von welcher die Himmels-Kugel /an deren ein Aug gläntzete / in einer Kette herab hieng / und sich auf einen Balcken lehnete: über welchen ein Scepter / mit einem Schwert und Creutz zusammen geschlossen / schwebete / darauf der Finger deutete. Dieses alles sahe Polyphilus mit tieffen Nachsinnen an / mehr aber verwunderte er sich über den unbeschreiblich-schönen Gold- und Purpur-Glantz / deßgleichen er selbst bey sich gestehen muste / daß ihm die Zeit seines Lebens nicht zu Gesichte kommen: und wiewol er sich gerne länger in diesem Gesicht erlustiget hätte / wolte doch die vollbrachte Zeit der Erlaubnus keinen fernern Verzug gestatten; deßwegen er / durch den winckenden Befehl Clyrarchœ / diese Herrlichkeit verlassen / und ihn mit wiederbelegtem Antlitz den Weg folgen muste / den sie zuvor eingegangen waren.

Der Abtrit Polyphili verursachete den klingenden Säiten das Stillschweigen: gleich ob sie deßwegen sich betrübt niderlegten. Clyrarcha über diesem unverhofften Verlust erschrocken / wandte sich mit Polyphilo behende gegen den Bogen / und entdeckte das Gesicht Polyphili; dessen die Säiten gleichsam wieder erfreuet / mit einer erhobenen Stimm folgende Wort erklingen liessen:


[184]
Wie seelig ist der Mann /
der mit seinem Glück zu frieden /
nicht achtet /
ob er von der Freud geschieden /
betrachtet /
daß wiederkehren kan /
nach Plagen
und Klagen /
ein ewiges Wohl:
nach Regen /
der Segen
erfreuen uns soll.
2. Drum halte festen Muth /
Ob das Unglück dich verletzet;
betrübet:
wird es doch / mit Glück / versetzet /
und giebet /
das unverletzte Gut;
die Sonne /
die Wonne /
verbindet den Schmertz:
Was drücket /
erquicket
hinwieder das Hertz.
3. Gott selbsten hält die Wach /
setzt dem Kummer Ziel und Masse /
dein Bestes
suchend in der Mittel-Strasse;
Er läst es
gerathen / in der Sach;
nach Willen /
erfüllen /
was unser Wunsch will:
[185]
drum sollen
und wollen
wir halten Ihm still.
4. Und ob die Unglücks-Macht
länger wolte uns bestreiten
und schrecken /
wird uns Gottes Stab doch leiten
und Stecken
uns nehmen wol in acht:
uns führen /
regieren /
in sicheren Schutz /
und wissen /
wir müssen
ihm bieten den Trutz.
5. Drum sey zu frieden der /
welcher / wann das Glück ihm blühet /
sich hütet:
der auch / der sein Unglück siehet /
nicht wütet;
dann Gott / der grosse HErr /
wird geben
das Leben
in glücklicher Ruh /
wird scheiden
das Leiden /
Glück bringen herzu.
6. Das haltet alle vest /
wer sich will dem Glück vertrauen /
gedencke /
daß er muß auf Tugend bauen /
und lencke /
was sich lencken lässt;
[186]
Das Sinnen
Beginnen
auf Tugend und Kunst:
Wir werden
auf Erden
vertilgen den Dunst.
7. Es werden keine Tück
bey dem Glück hinfort mehr stehen:
der Segen /
wird nach deinem Wunsch ausgehen /
dein Pflegen:
Polyphile! das Glück /
wird krönen
beschönen /
dein seeliges Haar /
dich ehren /
vermehren:
es werde so wahr!

Diesem Gesang höreten die beyde / Clyrarcha und Polyphilus / theils erfreuet / wegen der Lieblichkeit /theils / wegen des Innhalts / verwunderend zu / biß die Saiten ohne die singende Stimm / auf vorige Art wieder angestimmet wurden: welche dem Clyrarcha eine Anzeigung waren / daß nunmehr nichts weiter zu erwarten / deßwegen er Polyphilum wieder verdecket heraus führete. Und als sie nächst zu der Thür kamen / an den Ort / da sie sich / vor dem / geheiliget / muste Polyphilus / und mit ihm Clyrarcha /gleich wie vor / auf den Knien anbeten / und vor die Gaben dancken. Nach vollendetem Gebet / führete ihn Clyrarcha / ruckwerts zu den Schrancken hinaus / entdeckte sein Gesicht / fieng wieder an zu reden / nahm den Habit von ihm / und gebot / daß er seine Schuh[187] wieder anlegen / und sein Haupt bedecken solle: In wärendem Werck / hielt noch immerdar / die Herrlichkeit der dreyen Gesichter / und das Verlangen / solche zu verstehen / das Hertz Polyphili gefangen / der sich nicht drein schicken konte / warum er von einem zum andern / mit verdeckten Augen / gehen müssen: warum Clyrarcha / und er selber auch / nicht / wie vor / ein Wort reden dörffen: warum ihm dieses alles zu sehen / aber nicht zu verstehen vergönstiget? Es war Polyphilo gerad zu Sinn / als wann er von einem Traum erwachete. Er sahe bald hinter sich: konte aber nicht mehr sehen / was er gesehen. Bald warff er seine Augen auf Clyrarcham / als wolte er fragen / wie ihm dann geschehen wäre; bald auch auf die Königin / und dessen Anhang / als wolte er ihnen von neuen Dingen sagen. Jetzt sahe er / mit einem tief-geholten Seufftzer / über sich / gen Himmel; jetz / mit dem gebuckten Kopff / unter sich / auf die Erden: so gar / daß Clyrarcha / und alle Anwesende leichtlich muthmassen könten / er stehe in tiefsten Gedancken / und höchster Verwunderung. Aus welchen Ursachen dann Clyrarcha ihn bey der Hand nahm / und also anredete:

Ich schliesse aus euren Geberden / mein Polyphile! daß ihr / voller Wunder / denen Geheimnüssen / die euch / von der Gunst der gnädigen Götter / zu besehen / verwilliget worden / mit Fleiß nachdencket: und gefällt mir wol / lobe auch eure Begierde / wiewol sie / unmligliche Dinge zu gewinnen / vergebens arbeiten. Wisset aber / daß / was ihr gesehen und erfahren / nicht ein nichtiger Menschen-Tand; besondern Göttliche Geheimnussen seyn / welche wann ihr verstehen werdet / werdet ihr eben leicht und gewiß [188] wissen / was das Glück / das so viel Namen führet / und /von denen Sterblichen / bald einem umlauffenden Rad / bald denen aufgeloffenen Wellen / bald einem gewaltigen Ungestümm / bald einem saussenden und brausenden Wirbel-Wind / bald einer verkürtzten Flamme / bald einem Gebrechlichen Glaß / und wieder bald einem rückgängigen Krebs; ingleichen einem runden Ballen / einer gedreheten Kugel / einem ab-und zulauffenden Bach / und dergleichen verglichen wird / an und vor sich selbst eigentlich sey / und was dadurch endlich zu verstehen.

Da Polyphilus das hörte / wurde sein Verlangen dermassen angeflammet / daß er den Clyrarcham / um der Götter willen / ersuchete / ihm solche Offenbahrung und herrliche Wissenschafft nicht zu verhelen: darauf er dann von Clyrarcha bey der Hand hinter den Schrancken hinauf geführet wurde / biß sie zu einer Tafel gelangeten / darauf alles das / was Polyphilus in den Schrancken gesehen / menschlichen Augen nach /künstlich und prächtig abgemahlet war. Als aber Polyphilus sein Gesicht dieser Tafel gleichen wolte /fehltete nicht viel / er hätte bitterlich weinen mögen /über die Unvermögenheit der Menschen; so überaus groß war der Unterschied / zwischen einem Gemähl /und der Sach selber. Nun / sprach er / sehe ich allererst / was wir Menschen sind, Vor dem hätte ich dieses Gemähl vor ein Meisterstuck und Kunst-Werck der arbeitsamen Natur gehalten / und mich mercklich darüber verwundert: jetzt aber sehe ich die Nichtigkeit der Menschen / welche / wann sie denen unsterblichen Göttern nachahmen wollen / sie eine lautere Thorheit begehen / und nichts als blosse Phantasey würcken.

[189] Diß redete Polyphilus bey sich heimlich / weil er beförchtete / er möchte Clyrarcham / mit Eröffnung der Warheit / erzürnen: welches auch zugleich verursachete / daß er solch Gespräch nicht weiter führen / besondern bald abkürtzen muste / weil Clyrarcha anfieng die Tafel zu erklären / indem er sprach: Verstehet nun / Polyphile! was ihr bißher nicht verstehen können / und so brünstig zu verstehen verlanget. Ihr werdet noch wissen was ich euch in dem offenen Plan / bey der Austheilung der Göttlichen Guter /unter das menschliche Geschlecht / vom Jupiter / vom Marte / vom Vulcano und Neptuno: deßgleichen von den Göttinnen gesagt: dieses alles zeiget diese Tafel. Die drey unterschiedene Gesichter aber / so ihr in den Schrancken gesehen / und allhier wieder findet / zeigen die Gewalt des Glücks / das alle Welt regieret /und sich von keinem binden oder überwinden lässet.

Wie schreiben dann die Historien / fieng Polyphilus an / daß der dapffere Held von Pella / das Glück in seiner Macht und Gewalt gehabt? Darauf Clyrarcha antwortete / daß eben dessen Unwarheit / durch diß dritte Gesicht / entdecket werde. Dann / fuhr er fort /es haben die alte Heyden / welche aus Mangel der Göttlichen Offenbahrung / unsrer Wissenschafft sich nicht freuen können / das / was einem Menschen in dieser Welt Gutes oder Böses zufällt / das Glück genennet / und selbiges vor eine Göttin verehret / gerad auf solche Art / wie ihr sie in den Schrancken gebildet gefunden. Dieser haben sie die Herrschafft und Ober Herrlichkeit / über den gantzen Erd-Kräiß / beygemessen / auch in allen Ständen und Gewerben ihr allein die Botmässigkeit vertrauet / [190] und fest geglaubet /sie leite das Hertz zu gutem Rath / den Willen zum glücklichen Wercke / und ertheile alle Mittel / das vorgesetzte Ziel zu erreichen. Sie führe die Winde auf dem Meer / denen Schiffarten zum Besten: Sie schärffe die Schwerter / und stärcke den Arm im fechten /den Sieg zu erhalten. Sie ordne die Gesetz / und segne den Frieden in der Stadt / das gemeine Wesen in gute Ruh zu setzen. Sie verknüpffe die Hertzen in der Liebe / und löse die Bande der Betrübnus / die Hertzen der Menschen zu erfreuen. Sie mehre das Gewerb / und erweitere die Handlung / daß keiner umsonst arbeiten dörffe. Sie versüsse die bittere Schmertzen / und tilge Haß und Feindschafft; ja / sie begleite allen Handel und Wandel / alles Sinnen und Beginnen / alles Wollen und Wünschen / alles Rathen und Thaten der Menschen; und das zwar / wem sie geneiget: sonsten spanne sie die Verhindernus aller Orten aus / daß / ohne ihr Anlachen / nichts / unter den Menschen / könne vollbracht werden. Daher glaubten sie einmal / sie wäre nackend / damit sie /ohne Verhindernus / bald hie / bald dort / hinfliehen könne / zu dessen Behülff / sie sich auch der geflügelten Kugel gebrauche; durch welche sie aber zugleich die Unbeständigkeit derselben bedeuten wollen; als welche ihre Gunst / mit einem leicht gewandtem Blat / wende; ihre Gnade / wie ein zerbrechliches Glaß / breche; ihre Gewogenheit Kugelrund umdrehe / und bald Nutzen / bald Schaden bringe; bald Ehre / bald Schande; bald Gewinn / bald Verlust; bald Freude / bald Leid. Wie dann überdas das Segel in der rechten Hand zeiget / daß sie alles / nach dem Winde und ihrem Dünckel / drehen könne / auch das Frucht-Horn / welches Geld / Ehren-[191] Titul / Cron und Scepter auswirfft / und gleichsam in der Lufft schwebend ausstreuet / nicht / nach Verdienst / lohne oder begabe / sondern offt dem aller-unwerthesten und ungeschicksten mehr gebe / als dem allerweisesten / der solches doch aus Gebühr fordern könte. Dannenhero sie auch selbiges / nicht ohne Ursach / mit verbundenen Augen gemahlet / als welche nicht sehe / wem sie ihre Gaben mittheile / sondern plumper / unversehener Weise / wen sie antreffe / darreiche / was sie ertappe. Dahin gehet auch die Flamme / so sich zu ihrer Rechten erhebet / und das Wasser / welches sich zu ihrer Lincken ergeust / die Erhöhung / und den Fall der Ehren / samt den andern Gaben / anzudeuten. Wiewol aus dem / daß sich beydes gegen dem geeckichten Stein lencket / darauf das geflügelte Bild stehet / welches den Mercurium vorstellet / kan geschlossen werden / daß sie dadurch bedeuten wollen /es sey besser / auf Kunst und Tugend sich zu verlassen / die fest und unbeweglich stehe / als auf das wanckende Glück: Gleichwol heimlich dabey lehren /daß eins dem andern die Hand bieten müsse. Dieses haben die Heyden geglaubet.

Andere / wie weiland die Chaldeer / und noch heutiges Tags etliche Sternseher / die / ob sie nicht gar die Warheit erreichet / dennoch derselben näher kommen sind / haben des glücklichen und unglücklichen Fort- oder Ruckgangs Ursach / denen Sternen zugeschrieben; wie denn / noch diesen Tag / ihrer nicht wenig sind / die gewiß davor halten / so die Geburt des Menschen / in einem guten Zeichen oder Planeten / geschehe / müsse der Mensch die Länge seines Lebens / gleich mit der Länge seiner Glückseligkeit /abmessen: widriges Falls / so einer / in einem nicht so guten Zeichen[192] / diese Welt zum ersten gesehen /müsse er die Länge seines Lebens / mit der Länge seiner Unglückseligkeit abkürtzen. Ja diß nicht allein /sondern sie glauben auch / indem sie nicht wissen /was sie glauben sollen / daß ein jedweder Mensch /auch in einer jedweden Action / einen sonderlichen Stern zum Führer und Regierer habe; wie aus dem /vielleicht euch / wie mir / bekannten Sprichwort zu schliessen / da sie / wenn ein Werck wol ist vollendet worden / oder auch einem andern sein Werck und Vornehmen von statten gehet / sagen: Der Mensch hat in dem und dem einen sonderlichen Stern; gerad wie wir im widrigen Glück sprechen: ist das nicht ein Unstern? Ich habe kein Glück und Stern mehr. Daher auch das folget / daß ein jeder Mensch einen besondern / und in einer jedweden unglücklichen Verrichtung / einen besondern Unstern mit sich führe. Aber woher nehmen sie den Beweiß? Etwa aus der unzählbaren Meng der Sternen? wäre wunderlich geschlossen: weil / auf solche Art / auch der Sand am Meer /eine Ursach unserer Glück- oder Unglückseligkeit seyn müsste. Oder etwa / weil es eine Creatur Gottes? wäre wieder ungereimt geschlossen / weil / durch solchen Schluß / alle Gräßlein auf dem Feld eine Krafft und Gewalt / in unserm Glück oder Unglück / haben müsten. Oder vielleicht / weil sie es so glauben; als welche die Sternen vor etwas Göttliches und übermenschliches halten: zugleich aber auch mercken /daß die Glücks-Waltung ausser der Menschen Macht erhöhet; und also entweder diese von jener / oder jene von dieser herführen wollen. Das wäre vielleicht /ihrem Sinn nach / richtiger geschlossen: aber nicht aus dem Grund der Warheit. Und das deutet [193] dieser Adler / mit seinem bestirnten Haupt und Flügeln.

Gleichwol aber / fieng Polyphilus an / sind wir /aus etlicher nahmhaffter und glaubwürdiger Geschicht-Schreiber Zeugnus / gewiß / daß die Welt-berühmte Sternseher / offtermals aus denen Geburts-Zei chen / viel gewisse / so wol Glücks-als Unglücks-Fälle / zuvor gesehen und verkündet / die auf ernante Zeit / und mit solchen Umständen / wie sie berichtet /erfolget. Zum Exempel könte ich Käiser Augustum anführen / von dem der wohl-beglaubte Svetonius meldet / daß / der damalige berühmte Astrologus Theogenes / seine Geburts-Stund durchgesehen / und alsobald darauf / mit grosser Geschwindigkeit / aufgesprungen / und für ihm niedergefallen / als der / ob er schon / der Zeit / noch eine Privat-Person / dennoch /in kurtzen / zu den Käyserlichen Würden werde erhoben werden: Wie dann Augustus / nach dem der Ausgang seine Wahrsagung bekräfftiget / dieses für so bekannt annahm / daß er / sich auf sein Glück verlassend / seinen Geburts-Bericht männiglich sehen / und eine silberne Müntz / mit dem Zeichen des Steinbocks / darinnen er gebohren / schlagen lassen. Wie ihr / mein Clyrarcha! diese Histori selber wissen werdet.

Freylich wol / antwortete Clyrarcha / weiß ichs /und habs gelesen: aber / fuhr er weiter fort / meynet ihr / Polyphile! daß diß etwas gewisses / und an allen Orten / verursache: oder daß daher folge / man solle den Sternen-Blick / oder die himmlische Geburts-Zeichen / zu einer allregierenden Beherrscherin / oder wol gar Göttin / setzen. Meines Erachtens heisset das närrisch / oder / daß ich gelinder rede / kindisch [194] geschlossen. Machet das Zeichen des Steinbocks aus einem jedweden / der darinn gebohren wird / einen Käiser in der Welt? Oder folget das / wann einer im Zeichen des Widers gebohren / entweder reich / oder klug und verständig wird / so werden gewiß alle die /welche / in diesem Zeichen / an des Tages-Liecht kommen / reich / gelehrt und geschickt. So ist / ohne Zweifel / Mopsus im Ochsen gebohren. Saget mir /Polyphile! so es euch nicht mißfället / was für einem Zeichen seyd ihr eure Geburt schuldig? Schertzweiß antwortete Polyphilus / dem Stier: dagegen Clyrarcha versetzte; so werdet ihr gewiß gerne stossen? Nein /sagte Polyphilus / ich bin in der Jungfrau gebohren: darauf Clyrarcha die Antwort gab: deßwegen liebet ihr eure Macarien so sehr? und seyd den Jungfrauen so feind / weil ihr deren überdrüssig worden: welcher nichtige Schertz / in Warheit / den Polyphilum so beschämete / daß die Röte zu den Wangen ausschlug; die er doch entschuldigen konte / als entstehe sie nicht aus Schuld / sondern wegen der geziemenden Zucht und Höfligkeit. Indessen führete Clyrarcha seinen Diseurs weiter fort / sprechende: was schliessen wir denn endlich hieraus? Mit wenig Worten viel zu fassen / nehme ich dem Sternen-Blick nicht alles; gebe ihm auch nicht alles. Ich gestehe / daß solche Kräffte in dem Gestirn bißweilen gefunden werden: wie denn diese letzte Figur / welche das eigentliche Wesen des Glücks erkläret / mit vielen Sternlein gezieret ist; doch nur so fern / als es von den Unsterblichen regieret und geführet wird. Dann eben das / was es ist /und was es vermag / das hat es denen zu dancken /ohne deren Krafft nichts im Himmel und auf Erden ist.

[195] Sehet ihr demnach / geliebter Polyphile! was das Glücke sey / und wie es zu tituliren? Nemlich / die Hand der allgewaltigen Götter / welche ihr in diesem Heiligthum / die Himmel-Kugel / mit dem hell-gläntzendem Auge / an der Ketten halten sehet: dadurch ihr verstehen solt / daß allein sie / und kein anderer /durch ihre-Vorsorg und Allwissenheit / Himmel und Erden / ja alles / was darinnen ist / schützen und erhalten; wie der Balcken lehret: auch das Gute belohnen / und alle Boßheit straffen; das ihr bey dem Scepter und Schwert zu behalten: endlich auch alles Glück und Unglück schicken; wie das Creutz lehret / und der deutende Finger erweiset. Lernet und behaltet demnach / geliebter Polyphile! dieses zu letzt / daß / wann man einen Menschen / in irdischen Dingen / und auf dieser Welt / glück- oder unglückselig heisset / es nicht den Verstand habe / als wäre ihm / zum Exempel / die Ehre / der Reichthum die Hülff und Errettung / ohngefehr und ohn einiges höhers oder nidrigers Wesens Ordnung / Wissen und Willen / plumper / allerdings zufälliger Weiß zu handen kommen; oder auch wol vor einem andern / der es doch besser würdig / mehr benötiget / und eben so / ja auch wol nützlicher angewendet: vielweniger ist das die Meynung; daß / zum Exempel / der Käiser ein Käiser / der König ein König / der Fürst ein Fürst / der Edelmann ein Edelmann / der Burger ein Burger / der Bauer ein Bauer / der Knecht ein Knecht sey; oder / daß dieser reich / jener arm; dieser erhöhet / jener erdrücket; dieser ansehnlich / jener verachtet; dieser selig / jener unselig; oder auch einer witzig / der ander alber; einer verständig / der ander thöricht; einer klug / der ander ein Narr; einer gelehrt / [196] der ander ungelehrt; einer geschickt / der ander ungeschickt sey; rühre von der Würckung der Sternen / oder / daß einer in dem und dem Zeichen gebohren; vielminder / daß er einen so wollenden / so führenden / so schickenden Glücks-oder Unglücks-Stern mit sich führe / oder auch in allem seinem Gewerb / Rath und Vornehmen sich führen lasse: sondern / das ist der rechte Verstand: »das freye ungebundene Wesen der Unsterblichen /welches über alles lediglich herschet / und HErr ist /habe / nach seinem allein weisen Rath und Willen /auch so beschloßnen Wohlgefallen / es entweder also geschehen lassen / wie ihm der Mensch / in diesem oder jenem zu handeln und zu wandeln / vorgenommen / worauf er gezielet / wornach er getrachtet / und wohin er seine Gedancken gerichtet: habe ihm auch entweder solche Hertzens-Neigung / solche Gemüths-Begierde / und Leibs-Beschaffenheit von Mutterleib /oder sonst / durch sonderliche Auferziehung / durch allerhand zufällige Ubungen / ja auch wol durch sonst zugelassene Gesellschafft / mitgetheilet / die ihn in seinem Vornehmen gestärcket / und nicht geringen Anlaß / diß oder jenes zu verlangen / und wieder ein anders zu meyden oder zu fliehen / an die Hand / und ins Hertz geben: oder es haben die allgewaltige Götter / Krafft ihres freyen Wesens und Willens / auch bloß darum / weil es ihnen / nach ihrem Rath und Schluß / so gefallen / (wie sie dann in allem / sonderlich / was menschliche Sinnen und Beginnen anlanget / welches von deren Macht regieret / von deren Weißheit geführet / und / durch ihre Gnad / erhalten wird / freye Hand haben / zu schaffen / zurathen und zu thun / was sie wollen) mancher Menschen [197] Hertzen / so / und solche Gedancken eingegeben; Zu der oder jener Zeit / dieses oder das anzufangen; auf so und solche Art fort zu führen; an dem und dem Ort; bey diesen oder jenen Helffern und Zusehern; mit den und den Mitteln zu vollenden; auch anderst nichts beschlossen / als lediglich bey denen Gedancken zu seyn / und das Werck von den Hindernussen zu erleichtern; auch das Vornehmen in der und der Sache /an dem und dem Ort / bey den und den Leuten / durch die und die Mittel / immerfort zu stärcken: hingegen bey keinem andern solch Gedancken würcken / oder obschon das; doch nicht selbige der Verhindernus befreyen / oder sonst befördern und gedeyen zu lassen /biß diß oder jenes jrrdisches Gut / jenem unwissend; dieser oder jener Verlust diesem / wider sein Verhoffen / worden: ja auch so und solche Ehr / Reichthum /Gewalt / Herrlichkeit dem gegeben / der entweder gar nicht darnach gestrebet; und dem nit gegeben / der sichs so sauer darum werden lassen: oder auch wol dem geschencket / ja wohl mehr / als geschencket /dem nur etwa davon geträumet / und ein wenig sich darnach bemühet; diesem aber gantz entzogen / der Tag und Nacht / stündlich und Augenblicklich / darnach gerennet und geloffen / Hitz und Frost / Hunger und Durst / darum ausgestanden / so gar / daß er Blut schwitzen mögen: und das alles würcken die Götter /aus einem blossen Willen und Wolgefallen.«

Clyrarcha wolte weiter fort reden / aber die Sonne /welche ihren Schein zu ruck holete / und die einfallende Nacht drohete / hieß ihn schliessen / und von dem Polyphilo den gebührlichen Danck annehmen: [198] welcher sich auch nicht säumete / solchen in aller Demut abzulegen / mit angehengtem Versprechen / daß er seine Lehr in seinem Leben / üben / und / ihm zum Nutz und Frommen / anwenden wolle: nach welchem Versprechen / ihn Clyrarcha verließ / und zur Königin wiederkehrte / mit Vermelden / daß er ihren Befehl /nach Müglichkeit / verrichtet.

Polyphilus / da er sich frey und allein befande: und diesen Tempel / gleich wie den ersten / mit künstlichen und nachdencklichen Bildnussen / umzieret ersahe / gedachte er / dem Unheil / das ihm in dem Tugend-Tempel begegnet / in dem Tempel des Glücks /auch mit besserm Glück / vorzukommen / damit er nicht widerum / von der Königin beschämet werde /wann er auch diese Bildnus / als den Zierrath des Tempels / besichtigen oder verwundern würde. Deßwegen riß er sich von ihnen weg / zu dem nächsten Ort / der ihm ein Bild zu Gesichte brachte / und da er nahe hinzu kam / befand er / daß allerhand liebliche und nützliche Historien / mit Muscheln und kleinen Steinlein / und zwar so künstlich / an der Wand / eingeleget waren / daß ers mehr vor einen Beweiß menschlicher Unmügligkeit / als Kunst und Weißheit bekennen muste.

Unter andern stund die Geschichte des Triumphirenden Sesostris / welcher sich / wie bekannt / auf einem Wagen / von 4. Königen / so er durch seine Macht und Glück überwunden / ziehen ließ / deren einer / ruckwerts auf das umlauffende Rad gesehen /und sich dabey der Ründe des Glücks getröstet / welches sie so hoch wieder erheben könne / als es sie gestürtzet / und diesen so tief stürtzen / als hoch es ihn erhoben. Die Erklärung wurde mit diesen Worten drunter bezeichnet:


[199]
Das Glück ist Kugel-rund / und wie das Rad am Wagen /
Wer sich dem trauen will / der darff hernach nicht fragen /
wordurch er sey gestürtzt: drum / Mensch! besinne dich /
und traue nicht dem Glück: es dreht sich wunderlich.

Auch ist diese Geschicht nicht zu vergessen / welche die wunder-beglückte Errettung / dem Jupiter / durch seine Mutter Opis oder Rhea / geschehen / vorstellet. Dann / weil sein Vatter Saturnus / als er vom Oraculo vernommen / daß ihn einer seiner Söhne vom Reich verstossen werde / alle Kinder / so ihm gedachte Opis gebohren / bald nach der Geburt fraß; hat die List seines Weibs ihm einen Stein in Windeln gewickelt / an statt des Kindes zu fressen geben: ihren Sohn aber in die Insul Cretam denen Corybantern zu erziehen zugeschickt / der auch hernach Saturnum verstossen. Der Lehr-Punct war in folgenden Versen hinzu gesetzt:


Bißweilen lachet wol ein unversehnes Glück;
Doch / daß es bald hernach viel härter könne weinen;
Das Glük ist nit getreu: drum solt / du Mensch! nit meynen /
Daß / wenn es dich anlach / nicht berge lose Tück.

Besser hinauf war die Geschicht zu sehen / wie die Nimfen Erato / Pemfredo / und Dino / dem Perseus Flügel und Tasche geliehen / durch derer Hülff / er der Medusen das Haupt abgeschlagen / und endlich die Andromeden / der stoltzen Cassiopeen Tochter /von dem grausamen Meer-Wunder erlöset: und diese Geschicht war mit solchen Worten unterschrieben:


Das ist gelungen dir / mein Perseus! wer wills wagen?
Wer will dir folgen nach? man müst eh weiter fragen;
Ob auch das Glücke mir / wie dir / gewogen wär?
Ich zweiffle: weil die Welt anjetz nicht trauet mehr.

An der andern Seite war zu sehen / wie die Syrinx /[200] als sie für dem Pan geflohen / der sie so mächtig liebte / in die Pfeiffen / so Mercurius nachmals gebrauchet; andere Fluß-Nimfen aber / von dem erzürnten Achelous in die Chinadischen Inseln verwandelt worden: mit dieser Unterschrifft:


So gehts / wann man sich will dem Glücke widersetzen /
Das bald erfreuen kan / und wieder bald verletzen:
Halt / was dir nutzen kan; fleuch / was dir schädlich ist;
Alsdann auf dieser Welt / du voller Glücke bist.

Nächst diesem war die allen-bekante Histori des reichen Königs Midœ / welcher / als er vom Bacho erhalten / daß / was er wünsche / erfüllet würde / alles zu Gold werde / begehret / was er anrühre: Da er aber seinen Unverstand erkennet / daß er bald durch Hunger sterben werde / und deßwegen vom Bacho / seines Wunsches wiederum entnommen zu seyn / begehrte; auch den Befehl erhalten / er solle sich in dem Fluß bey Smyrna / Pactolus genannt / abwaschen / und / als er diesem gefolget / gedachten Fluß auch vergüldet; ja noch über das / den Hirten-Gott Pan / dem Göttlichen Apollini vorgesetzet / und also seine Thorheit in vielen erwiesen; habe ihm Apollo / aus ergrimten Zorn /Esel-Ohren an die Stirn gesetzet / dadurch seinen groben Unverstand zu zeichnen: Die Wort beschlossen das Bilder-Werck:


Viel Menschen gleichen sich hie diesem Unverstand /
Und wollen grösser Glück / im grossen Glück / erschnappen /
Bekommen aber auch des Midœ Cron und Kappen /
ein Horn: versteh die Straf / das Unglük und die Schand.

Als Polyphilus diese / und andere mehr / die wegen der Menge nicht zu erzehlen sind / fast über die Zeit ansahe; Die andere Anwesende aber nicht wusten /daß ihm die Königin solches gerne zuließ / als die lieber wolte / daß man in den Liebes-Tempel / bey [201] der Nacht / und mit Kertzen gehe: vielleicht weil sie meynte / das Werck der Liebe sey am besten im Finstern zu üben; trat der Vorgänger dem Polyphilo entgegen / mit winckenden Augen / er solle sich dem Willen der Königin nicht zu lang entziehen / sondern sich ihr wieder stellen: deme Polyphilus alsobald /wiewol mit Unwillen / Folge leistete. Da er aber der Königin näher kam / ihren Befehl zu erwarten / fieng sie an: habt ihr / Polyphile! alles gesehen? darauf er kaum zu antworten wuste / weil er beförchtete / daß /so er wider die Warheit rede / sie ihn unrecht befinden; so er aber dieselbe bekenne / er den Führer / welchen er zuvor schon / durch diese Wort / erschröcket sahe / in einige Ungnade bey derselben setzen möchte. Dann Polyphilus leicht erkante / daß es diesem Führer gangen / wie sonst andern Dienern mehr / die offt wider der Herren Willen viel befehlen / und durch ihren zu zeitigen Vorwitz das verrichten / so ihnen nicht befohlen: solte es auch ihrem Herrn zu noch so grossem Nachtheil gereichen: darum er / auf beyden Seiten sich nicht zu verreden / die Frage der Königin /mit keinem Ja / auch mit keinem Nein beantwortete; sondern / so viel ihm zu Gesicht kommen wäre / bekannte gesehen zu haben. Darauf die Königin weiter anfieng / und mit der Hand auf eine Tafel deutete / so zur rechten Seiten / an der Seulen hieng / fragende: ob er auch diese gesehen? Und als sie das Widerspiel vernahm / führete sie ihn bey der Hand dahin / ihm dieselbe zu erklären.

Es war der reiche Lydier König Croesus / sitzend auf einem Holtzhauffen / als solte er verbrannt werden / weil er / auf allen Seiten / von denen darzu bestellten[202] / angezündet würde. Gegen über stunden etliche Manns-Personen / unter denen einer eine Cron auf seinem Haupt trug; Uber ihn aber waren die Wort geschrieben: O Solon / Solon! Unter dem Gemähl stunden diese Verse:


Ich war in meinem Sinn / der Gröste in der Welt /
Der Seligste darzu: doch hört ich von dem Weisen /
Daß keiner selig sich in dieser Welt soll preisen /
Er sehe dann den Tod: der Schluß hat mich gefällt.

Atychintida / so bald sie Polyphilo dieses Bild gezeiget / fieng sie zu ihm an / ob ihm diese Geschicht kündig wäre; wo nicht / wolle sie ihm selbe hinterbringen. Polyphilus / der lieber / weiß nicht was / gethan hätte / muste dennoch dem Dünckel dieser Frauen etwas zu sehen / und / wiewol er alle Wissenschafft dessen hatte / sich dennoch unwissend bekennen: wiewol er lang im Zweiffel hieng / wie er antworten solte; doch / weil er wuste / daß man denen schwachen Weibs-Volck offtmals mehr / als sich gebühre / nachgeben müsse / und kein Gewinn oder Ehre sey / wann man an ihnen Ritter würde / verhelete er endlich die Warheit / mit dem Vorgeben / daß er nicht wisse / was das sey.

Wann ich die Ursach besinne / warum Polyphilus das gethan / finde ich gerad keine. Ists aus Höflichkeit geschehen / hätte er die Warheit je mit besserer Höflichkeit bekennen können. Hat er sich wollen einfältig dardurch stellen / was darff er dann mit seinem eigenen Wolgefallen zancken? Oder hat ers gethan / ihre Kunst-rühmende Einbildung zu stärcken / so ist wieder geschehen / was ihm selber gefallen. Doch sey dem wie ihm wolle / dißmal muste er sich von einem Weib lehren lassen. Dann so fieng Atychintida an:[203] Weil ihr nicht wisset / Polyphile! was diß vor eine Geschicht / noch weniger / was dessen Innhalt ist / so höret mir fleissig zu / will ich euch beydes völlig weisen. Dieser / so auf dem Holtz sitzet / ist Croesus /ein König der Lydier / welcher so reich und mächtig gewesen / daß ihm nicht nur keiner gleich / sondern auch zum Sprichwort worden / wann man einen reichen Mann nennen / oder sonst einen mächtigen Schatz beschreiben will / daß man sage: reicher / als Croesus. Von diesem melden die Historien / daß er einsmals einen von den sieben Weisen in Griechenland / nemlich den Solon / einen verständigen / gelehrten Mann / zu sich beruffen lassen / und gefraget: ob er wol irgend einen Mann erkannt / der glückseliger wäre / dann er? darauf ihm die Antwort worden: daß man keinen vor dem Tod glückselig nennen könne. Darüber der König damals zwar etwas erzürnet: nicht lang aber hernach / als er von dem Perser König Cyro / mit welchem er viel gekrieget / überwunden / zum Feuer verdammet wurde / mit heller Stimme / in beyseyn des Königs Cyri / und anderer /auf dem Holtzhauffen / wiederholet / und selber bekräfftiget / mit diesen / über ihn bezeichneten Worten. Als aber Cyrus auf solch Geschrey fragen ließ / was er damit wolle / und wer der Solon sey / nach dem er so ängstig seufftze / und dabey vernahm / was ich jetzt erzehlt / auch wie er sich nun allerdings darzu bekenne: hat er auch in sich geschlagen / beförchtend / es möchte ihm ein andermal nicht besser gehen / und Crœsum nicht nur vom Feur-Verdamnus loß gesprochen / sondern auch die Zeit seines Lebens / in Herrlichkeit und grossen Ehren gehalten / auch an seinem Hof ernehret. Daß also der weise Solon [204] mit einer Rede zween Könige unterrichtet / den einen zu seinem Leben / den andern zu seinem Besten. Das ist die Geschicht.

Was Polyphilus dißmals gedachte / wird der leicht schliessen können / der mit Polyphilo / diese Geschicht wissend / selbige auch hie wiederholen muß: sein müglichster Fleiß war dahin gerichtet / daß er die Deutung nicht hören dörffte; darum er / nach vollendeter Erzehlung / als fiel es ihm jetzt erst bey / daß er vor dem die Geschicht gelesen / erwähnte. Atychintida merckte fast / was Polyphili Verdruß nicht bergen konte; schloß doch dahin / als verlange ihn so hefftig nach den Tafeln / im letzten Tempel / welche ihm den Namen Macarie zu erkennen geben würden: daher sie dann bewogen / weil / ohne das / das Liecht der Sonnen verdunckelt war / die Kertzen in dem Liebes-Tempel anzuzünden / damit sie / durch die finstere Nacht / an ihrem Werck / nicht verhindert würden. Der Befehl wurde aufs schleunigste verrichtet / indessen führete Atychintida mit Polyphilo andere / und zwar angenehmere Discursen / von seiner Macarien /zu deren er nun bald / mit solcher Geschicklichkeit /wieder gelangen werde / deren weder Apollo / noch der Himmel / etwas versage. Fragte auch / was es doch vor eine Beschaffenheit hätte mit Macarien / und wie sie von denen Sterblichen geehret werde; weil sie nicht anders schliessen könne / es müsse dieselbe etwas sonderliches unter den Menschen / oder wol gar Göttliches seyn / indem / um ihrent willen / der er zürnte Himmel / diesem Schloß wieder geneigt worden: welches alles Polyphilus so beantwortete / daß er nicht zu viel / auch nicht zu wenig geredt vermeynete; biß der durchdringende Glantz [205] deren hell-schimrenden Kertzen / welche die Teppiche / damit der Tempel der Liebe bedecket war / gleichsam feurig machten /völlig berichtete / daß alles nach Befehl verrichtet und bereitet wäre.

3. Absatz
Dritter Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Liebes-Tempel / und wie derselbe gestaltet: Lehret die nöthige Verbündnus / der Tugend-Kunst / des Glücks und der Liebe; unterscheidet die Falsche / von der Warhafften / und zeiget beyder Ursprung.


Polyphilus / dem sein Hertz in tausend Sprüngen gieng / wäre lieber unbegleitet / als mit einem Gesellen eingegangen / damit er nur geschwind die Tafeln gesehen: dann er ihm leicht einbilden kunte / man würde dieses zu letzt sparen / und ihm vorher von andern Dingen reden: aber er muste sich dißmal befehlen lassen / und im Gehorsam bleiben. Die Königin /welche wol wuste / daß die Liebes-Geheimnüs von niemand besser / als denen Weibs-Personen könten erkläret werden; auch über das / aus der Rede Polyphili von Macarien / schliessen wolte / als wäre er sonderlich denen Jungfräulichen Unterredungen gewogen: winckete einer herrlich bekleideten Damen /welche fast den letzten Ort in diesem Comitat ausfüllete / doch vor andern klug und verständig zu seyn schiene / und gesellete solche dem Polyphilo zu / daß sie ihn durch den Liebes-Tempel führe.

Polyphilus / und zugleich mit ihm die Dame / [206] entschuldigten sich beyderseits gar höflich: jener zwar /daß er nie kein Glück zu einiger Jungfer gehabt / auch mit denselben nicht wisse umzugehen / deßwegen er sich einiger Schand-Erwerbung / auch dieses Orts /beförchte: diese hingegen / wie gern sie auch mit Polyphilo fortgangen wäre / bemäntelte doch ihre Schamhafftigkeit / mit der gebührenden Jungfräulichen Zucht / die ihr widerriethe / einen jungen Gesellen mit ihr allein zu führen. Doch / wie es öffters zu geschehen pflegt / ob die Ursachen mächtig und wichtig genug wären / etwas abzulehnen / mögen sie gleichwol / wann der Will fertig / und das Hertz gefangen ist / mit den geringsten / auch wol gar falschen Widerreden umgestossen und übermannet werden: wie dann bey dieser Dame / der schuldige Gehorsam /königlichem Befehl nachzuleben / gar bald alle Jungfräuliche Zucht und Gebühr erdruckete: Polyphilus aber blieb beständig in seinem / wider die Jungfern /gefassten Haß und Widerwillen.

Der Schluß war gemacht / keine Ausred wolte helffen / sie musten miteinander daran. Das erste / darum die Jungfer Polyphilum fragte / war von seiner Liebsten / bey der sie sich höchlich zu entschuldigen hätte / damit sie keinen Haß verdiene / dorfft ihm auch wol gar ansinnen / ihr den Namen seiner Liebsten zu eröffnen / und ob er sie hertzlich liebe? Welches aber Polyphilus so artig zu beantworten wuste /daß sie ihn zu frieden ließ / und leicht merckete / daß er einen Verdruß an dergleichen Reden hätte. Dann Polyphilus fieng an von der Beschaffenheit dieses dritten Tempels zu fragen: und als sie ihm einen grossen Umschweiff machte / und in viel Vergeblichkeiten [207] aufhielt / kamen sie endlich / mit langsamen Fuß /zu dem Tempel.

Alles das aber / was die Königin / und zugleich die Jungfer auf ihr Befehl / in Verlängerung der sonst unnützlichen Reden vornahmen / geschahe bloß darum /auf daß Polyphilus nicht zu früh in den Tempel gelangete / sondern die finstere Nacht mit hinein brächte; dann zu letzt erinnerte sich allererst die Königin / daß die Entbindung ihres Fluchs bey der Nacht künfftig und zu gewarten sey.

Jetzt gehen sie zum Tempel ein / welcher Circkelrund / und in zimlicher Höhe aufgeführet war. Rings umher stunden gefrorne Crystallen-Seulen / welche von der grün-bekleideten Erden / biß an die Decke reicheten / und mit ihren durchsichtigen Glantze /welcher sich denen angezündeten Liechtern gleichsam entgegen setzte / einen nicht geringen / sondern Wunderherrlichen Schein gaben / der das gantze Zimmer erleuchtete. Es war auch gleich denen vorigen Tempeln / über dem Eingang / die Herrschafft der Liebe gebildet / deren zwey andere Weibs-Personen zur Seiten gestellet / von derer ersten sie bedienet / von der andern bekrönet wurde.

Diese drey / fieng Polyphilus an / werden gewiß Tugend / Glück und Liebe bedeuten? Ja / anwortete Erothemitis / so war der Jungfer Name / aber ihr vergesset der Kunst / welches doch das vornehmste Stück ist in der Liebe: dagegen Polyphilus versetzte /daß nur ihrer drey wären: Ja / sagte Erothemitis / aber das Tugend-Bild bedeutet zugleich die Kunst / daher ihr sehet / daß sie in der Rechten ein verguldtes Buch / in der Lincken einen Maß-Stab hält. Ists euch /fuhr Erotbemitis weiter fort / [208] nicht verdrüßlich / Polyphile! will ich euch weiter berichten / was wir sonsten davon zu halten pflegen / da ihr dann eure Gedancken mir wieder eröffnen könt / und mich / so ich in einem oder andern unrecht verfahren solte / eines bessern unterweisen.

Diß höfliche Anbringen vermochte bey Polyphilo so viel / daß er nicht nur allen vorigen Widersinn fallen ließ / besondern fast gar die Freundlichkeit dieser Damen / und ihre demütige Sittsamkeit lieb gewann /doch nicht anders / als es das Gefängnus / mit welchem ihm seine gehertzte Macarie bestricket / zuließ: darum sprach er: Edle und Tugend-völlige Dame! auf welch Wort sie ihm alsobald Einrede hielt / sagend: nicht heiß ich Dame / sondern Erothemitis: Polyphilus aber fuhr fort: solt ich das Glück von ihrer erkanten Gunst zu hoffen / oder auch zu erwarten haben /würde ich mich schon vor den bekennen dörffen / welcher in dem Glücks-Tempel nicht allein die Glück-Fälle erlernet / sondern auch selbsten sey damit gesegnet worden: bitte derowegen / so ich anderst bitten darff / sie wolle mich / ihrer angebornen Freundlichkeit nach / ihres Berichts würdigen. Auf welche Wort Erothemitis folgendes versetzte: das thue ich / so willig als schuldig. Ihr seyd / edler Polyphile! den Tugend- und Glücks-Tempel durchgangen / wisset auch / was diese beyde Jungfrauen geben und nehmen / was ihre Verrichtungen seyn / und wie weit sich ihr Dienst erstrecke. Die Kunst nehret die Tugend /die Tugend nehret das Glück / das Glück führet die Liebe: jenes habt ihr gelernet: aber das Letzte ist noch übrig / daß ihrs wisset / und ohne diesem / ist jenes /als gestorben. Lernet demnach an dem / daß Kunst und Tugend der Liebe dienet[209] / wie ihr all euer Wissen / Sinnen und Beginnen / dahin richten sollet / daß ihr vernünfftig liebet: und an dem / daß das Glück die Liebe krönet / wie ihr glücklich lieben sollet. Die Zeit leidet es nicht / daß ich alles nach der Länge / aus den beyden ersten Tempeln wieder herfür suchen / und euch zeigen solte / wie ihr aller Orten / das alles / was ihr gesehen / auf die Liebe wenden köntet / damit sie vernünfftig und glücklich zu nennen. Darum behaltet das wenige / vor viel:


Wer nicht klug ist und verständig /
Der macht keine Liebe bändig.

Und wiederum:

Wer im lieben nicht beglücket
Der wird bald bald unterdrücket.

Nach diesem giengen sie weiter fort / und ersahen /bald im Eingang / eine nackete und unbekleidete Weibs-Person / die in der einen Hand einen Angel / in der andern einen Strick hielt / und auf dem Haupt mit einer Cron / von Lilien / gezieret war. Gegen dieser stund ein andere / mit röthlichen Wangen / lieblichen Augen / und Gold-gleichem Haar / bekleidet mit Scharlach / und allerhand köstlichen Steinen gezieret /ihren Krantz in der Hand führend / und mit der Lincken auf eine verschlossene Tulipan zeigend.

Ungefragt fieng Erothemitis an: Diese beyde / edler Polyphile! bedeuten die Schönheit; diese zwar / zeigend die nackende / die eusserliche: Diese aber / zeigend die bekleidete / die innerliche. Beyde / fieng sie weiter an / sind der Liebe Urheber / und kan ohne sie / kein Liebe entweder entstehen / oder auch dauren. Deßwegen sie von der Weißheit des Himmels / in den Eingang versetzet worden. Doch ist das Behaltens werth / daß / wie unter beyden ein grosser [210] Unter schied / also auch unter der Liebe / so von dieser herrühret / und unter jener / so von der andern ihre Geburt hat. Eine ist beständig: die andere wancket gar leicht; eine ist hertzlich / die andere hat ihre Wohnung im Gesicht; eine ist getreu; die andere ligt unter einem falschen Schein verdeckt / und gleisset schön von aussen. Ihr werdet / mein Polyphile! selber wol verstehen / wohin ich ziele. Sehet an die Unbekleidete /mercket auf ihren Angel und Strick: Diese ist die nichtige Schönheit / so uns eusserlich verführet / und offtermals in die Stricke des Unglücks / ja gar der Verzweifflung gefangen nimmt: Dann welcher die Schönheit in dem Leibe / in denen umschweiffenden Augen / gebleichten Haaren / gemahlten Wangen suchen will / der findet eusserlich eine schnöde Vergänglichkeit / ein zerbrechliches Gut / einen stündlichen Raub / einen Blitz / der zugleich leuchtet und vergehet: innwendig aber Wanckelmuth und Betrug. Ja / ich glaube nicht / daß eine Zunge so beredt / ein Verstand so klug / einige menschliche Gedancken so beleuchtet sind / daß sie solten alles Unheil erzehlen /verstehen und durchdencken können / welches die eitele Schönheit mit sich zu bringen / und nach sich zu ziehen pflegt. Wann man mich fragte / was die äusserliche Schönheit wäre / wolt ich sagen / daß sie sey eine gewaltsame Tyranney / dadurch man sich / mit der Freyheit Verlust / willig und wissentlich der Knechtschafft unterwürffig machet. Oder ich wolt sagen / sie wäre eine selbstschadende Zauber-Kunst /welche durch die Augen-Stralen das Hertz anflamme /den Verstand verrucke / und den Menschen sein selbst Vergessen mache. Wiewol ich sie einem spitzigen Berg nicht übel vergleichen [211] könte / welcher auf allen Seiten mit Dornen verwildet / mit Hecken verwahret /mit Steinen verleget / zu oberst mit Wermuth bewachsen / und mit Weiden (dadurch ich die Reu deuten wolte) gleichsam umsetzet. Oder ich vergliche sie mit einer Wiesen / die zwar mit vielen bunten Blumen gezieret; aber den gifftigen Schlangen und Ungezieffer eine Enthaltung gebe. So hör ich wol / sprach Polyphilus / soll man dieser Schönheit nicht trauen? Nicht nur nicht trauen / antwortete Erothemitis / sondern sich von ihr auch nicht verführen lassen / dann sie nicht nur gantz vergängliche / sondern auch nichtige und boßhaffte Gaben führet / die äusserlich zwar herrlich scheinen / aber inwendig heßlich gestalt seyn. Dann es ist mit selbiger bewand / wie vor Zeiten mit denen Egyptischen Tempeln / die an sich selber kostbar und prächtig erbauet waren / daß das Aug gnug daran zu sehen / und das Hertz zu verwundern hatte; würde man aber einen Gott darinnen gesuchet haben /würde man / an statt seiner / viel eher und mehr einen stinckenden Bock / eine schändliche Katz / oder einen wilden Affen gefunden haben: gerad so ists mit der angeschmückten Schönheit / die herrlich gleisset /heßlich aber gestalt ist. Und daß ich endlich die lautere Warheit nicht verhele / möcht ich wol fragen / was dann die Schönheit wäre? dörfft ich mir selber antworten / sagte ich in Warheit: daß sie lauter nichts sey: besondern in der blossen Einbildung der Menschen bestehe / welche ihnen diß oder jenes für schön einbilden. Beliebt euch / Polyphile! so leset diese Verse / darinnen ihr / was von äusserlicher Schönheit zu halten / völlig vernehmen werdet. Und damit übergab sie ihm einen Zettel / darauf folgendes Gedicht geschrieben stund:


[212]
Was ist die Schönheit doch / die unser Hertz so binden /
und gantz bestricken kan? wie und wo soll ichs finden?
Sie ist wohl in der Welt: doch sag mir eins / wo gehts?
Sie ist zu treffen an: doch frag ich auch / wo stehts?
Nichts überall will mir alsdann zur Antwort werden;
Der eine sagt mir leicht: sie muß doch auf der Erden
und bey den allen seyn / die von ihr sind bestrickt /
der ander preiset sie / und die damit beglückt.
Bald findet sich der Dritt / und rühmet ihre Würde:
Der Vierdte folget dem / und klaget ihre Bürde:
Den allen aber ich entgegen / spreche frey:
Daß sie doch lauter nichts / und minder als nichts sey.
Ja! wär sie etwas noch / wie wilt du sie dann nennen?
Ein angenehmes Gifft? das muß ich zwar bekennen:
Sie hat der Titul viel / die zum Verderben geht /
und allen insgesammt / zu einem Fall-strick / steht.
Sie ist die Sonnen-Kertz / die doch gantz finster leuchtet;
Ein bittrer Wermuth-Thau / der unser Hertz befeuchtet;
Ein ziehender Magnet; ein Spiegel voller List;
Ein scharffer Stral / der / uns zu fällen / ist gerüst;
Ein Zunder böser Lüst; ein Fall und Gang zur Höllen /
der Hoffart Kummer-Rath / der Uppigkeit Gesellen;
ein Zwang der Hurerey / und Ursach aller Noht /
der Jugend eine Pein / dem Alter gar der Tod.
Ein Auszug aller Scham / der Tugenden Verderber /
der Laster Schutz und schirm / ein lauter Schand-Erwerber:
und daß ich endlich doch der Warheit pflichte bey /
so glaub ich dennoch nicht / daß diß die Schönheit sey.
Es ist der Menschen Schuld / die lassen sich bethören /
durch solchen falschen Schein: weil eilig / wann sie hören /
von einem Damen-Bild; weil eilig / wann sie sehn /
was ihnen wolgefällt; sie schon in Fesseln gehn.
Dann kan der Buhler nit die Schönheit gnug beschreiben /
die seinen Sinn besiegt; muß Tag und Nacht vertreiben
mit ihrer Gaben Lob: Er fängt von oben an
biß unten wieder zu: Er rühmt / so viel er kan /
der schönen Glieder Pracht: Wie alles sey gestaltet /
das alles er beschreibt. Und was er denckt und waltet /
ist nur auf sie gericht. Sie einig ist sein Ziel /
davon er redt und schreibt / so viel er immer will.
[213]
Das jrrdische Gestirn / die leichten Augenblicke /
seyn ihre starcke Kunst / damit sie ihm entzücke
der matten Sinnen Rest. der glatten Stirnen Zier /
ist Amors sein Magnet / der ihn stets rückt zu ihr.
Das Haar / das schöne Haar / sind ihre starcke Binden /
damit sie Hertz und Sinn kan meisterlich umwinden.
Die Wangen sind Berill / die Lippen ein Rubin /
die ihn zu ihrer Gunst / auch wider Willen / ziehn.
Das Kin ist Perlen-Art / der Halß / von Alabaster /
die Kehle Chrisolith / der Brust erhobnes Pflaster
ist gleich dem Marmor-Stein / die Finger Carniol /
von Helffenbein die Arm; obgleich ein schwartzer Kol
sich denen gleichen könt: so werden sie verführet
von ihrem eignen Wahn / alsbald sie sind berühret /
durch hören oder sehn / die Liebe Schönheit weist /
so bald sie nimmt und gibt der Seelen ihren Geist.
Sie sind nicht / wer sie sind / dann wer sie gerne wären /
das können sie nicht seyn: sie wechseln mit den Ehren
die Schand / verlassen sich / und ziehen jene für
vergiß mein nicht / vergist auch seiner selbst für ihr.
Noch ist es nicht genug / von aussen seyn gepriesen /
und durch der Glieder-Pracht: es muß auch seyn erwiesen /
daß / was von Geist und Blut / durch Mund und Nase dringt
auch sein verführtes Hertz / zur heissen Liebe zwingt.
Da rencht der Athem süß / wie starcke Biesen-Blumen /
an ihr ist / was uns schickt Panchea und Idumen /
was sag ich? müssen doch / die Blumen selbst gestehn /
sie sey noch tausendmal so schön / als tausend schön.
Bald muß der Lippen-Thau dem Honigseim sich gleichen /
der offt wol Speichel ist: Kein Nectar kan erreichen /
die süsse Süssigkeit. Der durchgedrungne Schweiß
muß seyn ein Perlen-Thau / und ohne weiß seyn weiß.
Der heisse Seufftzer-Rauch muß gar gen Himmel steigen /
und ohne grosse Macht / die Macht der Sternen neigen /
bethränt sie dann / mit Leid / der Wangen Purpur-Feld /
so hat sich deren Glantz Chrystallen zugesellt.
Und was thut endlich nicht der Liebe blindes Wesen /
die / was nur ihr gefällt / vor Schönheit will erlesen /
offt aber übel zahlt: drum hüte sich / wer kan /
vor falsch-geführtem Schein: sonst kommt er übel an.

[214] So bald Polyphilus diß Gedicht gelesen / welches ihn sehr vergnügte / fieng Erothemitis auch von der wahrhafften und lobwürdigen Schönheit an / mit diesen Worten: Ihr wisset nun / Polyphile! daß dieser abwelckenden vergänglichen Schöne nicht zu trauen; so hoffe ich auch / ihr werdet selbe hinfüro vor keine Hertzen-Zwingerin erkennen: sondern / so ihr euer Hertz durch einige Liebe wollet entzünden lassen /der wahren und beständigen Schöne viel lieber gehorsamen / als dieser Verführerin. Wisset demnach auch das / daß diese Bekleidete sey die Zierde / so auf die Tugend gegründet / und den Verstand zum Erhalter hat. Diese sollet ihr erkennen / ehe dann ihr euch ihr zu folgen verwilliget. Nach dem Erkantnus dörfft ihr trauen. Zwar ist nicht weniger auch das zu behalten /wo diese Tugend-Zierde verborgen ligt / daß daselbst auch die Tugend-Wercke äusserlich zieren / und das Verborgene / theils an den Geberden / theils auch an der schönen Gestalt / zu erkennen. Und ist so fern die Schönheit des Leibs ein Fürfechter der Tugend-Blüth / und eine Herberg einer grössern Schönheit: Dann Höflichkeit / Freundlichkeit / die wir durch die Zucht-lächlende Wangen / geziemte Falten des Mundes / liebliches Blincken der Augen / und andere Kenn-Zeichen mehr / messen / sind Früchte der Tugend: Diese aber machen eine schöne Gestalt: wie wir hie zugegen an dem Bilde sehen. Auch gibts die Tulipan / darauf sie deutet / welche / ob sie gleich verschlossen / dennoch ihr bundgefärbte Zierde aussenher gläntzen läst.

Wollt ihr demnach / edler Polyphile! wissen und verstehen / was schön ist / so müst ihr die Augen der Vernunfft zu Raht nehmen / und ihr die unbändige[215] Begierde der Liebe / wie das Pferd dem Zaum / den Bogen dem Schützen / das Schiff dem Steur-Ruder /den Werckzeug endlich dem Meister unterwürffig machen. Dann wie die Vernunfft ohne Lieb unvollkommen ist: also ist die Liebe / ohne der Vernunfft-Be herrschung / nichts / dann ein unbesonnenes verderbtes Beginnen. Wo sich aber die Vernunfft mit der Liebe durch diesen Gehorsam vermählet / da werden sie gleichsam miteinander erhitzet / in einem Streich auf die Schönheit zu zueilen / die ihnen auch in beständiger Vergnüglichkeit / tausend Befriedigung schencket / und mit einem ewigen Wohl-seyn beglücket.

Kaum hatte Erothemitis diß Wort geredt / als Polyphilum seine Gedancken schon nach Macarien gezogen. Wie kan doch / dachte er heimlich bey sich selber / etwas besser auf mich und mein Macarien gesagt werden? Freylich / allerschönste Macarie! bist du innen und aussen schön. Dein Verstand würcket freudige Geberden / deine Tugend gebieret die Freundlichkeit / daher deine lieb-winckende Augen / deine scham-beröhtete Wangen / und dein lächlender Mund / in solcher Herrlichkeit / pranget. Was kan auch mich artiger treffen? der ich / so bald ich von deiner Tugend gehöret / freylich nur durch Tugend bin entzündet worden / und hernach durch deine erleuchtende Schöne gestärcket / in dem / daß ich die blinde Begierde meiner straff-würdigen Liebe / unter dem Gehorsam meiner Vernunfft hälte. Ach / daß du doch / allerliebstes Kind! hie zugegen wärest / daß diese Erothemitis an dir die Werck zeigen könte / wie sie mir jetzo die Kunst gewiesen: Aber das daren Polyphili Gedancken: die Reden lauteten [216] viel anderst; dann / weil er wuste / daß / bey dem Jungfern-Volck /viel zu erhalten sey / wann man ihnen / ohne Aufhören / die Posaune des Lobs blase / nahm er diese Gelegenheit auch damals in acht / und rühmete ihren Verstand und Weißheit dermassen / daß er nie geglaubet / in einer Weibs-Person / die von männiglich vor gering-verständig gehalten würden / dergleichen zu finden.

Indessen führete sie ihn weiter / da zunächst etliche Weibs-Personen nacheinander stunden / deren erste gestaltet / als eine Jungfrau / in der ersten Blüth ihrer mannbaren Jahre / mit aufgeheiterter Stirn / und röthlichten Wangen / bunt gekleidet / in der Hand habend ein Zettel / mit dieser Inschrifft: die Jugend. Dieser folgte eine andere Weibs-Person mit lebhafftem Angesicht / starcken Gliedmassen / umhüllet mit einem zarten Schleyer / und an der Gütel tragend / den Namen der Gesundheit. Nach dieser war zu sehen ein stoltzes Weib in Königlichen Kleidern / güldenen Ketten / allerhand kostbaren Edelgesteinen / Perlen /Cronen / und d. g. nächst einem vollen Geld-Kasten /die ihren Namen / mit den güldenen Buchstaben / in der Hand fassete: der Reichthum. Nach allem dem erschien ein Jüngling / mit einem Fucker in der Hand /auch mit Würffeln / Karten / Bretspiel / Lauten / Geigen und andern Musicalischen Instrumenten / die vor ihm auf dem Tisch lagen / wol versehen / und dieser war der Müssiggang. Zu letzt zeigete sich das Liebes-Kind / mit einem Bogen / Köcher und Pfeilen / und schertzte mit der Abbildung der Schönheit. Von diesen begehrte Polyphilus auch Bericht: welchen ihm Erothemitis / mit folgenden Worten / ertheilte.

[217] Edler Polyphile! die Liebe / dadurch das menschliche Hertz brennet / wird theils durch andere / theils durch uns selbst entzündet. Die jetzt erklärte Bildnussen der Schönheit / können mit allem Recht die Waffen genennet werden / so uns von aussen bestreiten: aber / was wir hie sehen / das würcket unser eigen Schuld. Die Jugend / Gesundheit / Reichthum und der Müssiggang können / nicht unrecht / das Stamm-Register derselben genennet werden / weil sie durch diese bescheret / ernehret und vermehret wird. Je frischer die Jugend / je stärcker die Lieb. Was solt auf einem dürren Baum wohlschmäckende Frucht wachsen; oder mag auch eine dürre Wiese Graß tragen? Liebe erfordert frische Hertzen / und einen freudigen Muht: der ist in einem Alten nicht zu finden. Liebe ist brünstig: wo mag man aber eine Brunst finden in einem kalten Hertzen: Aber die Jugend brennet in einem steten Feuer. Und das will diß erste Bild / daß die Liebe der Jugend / nicht aber dem Alter / wol anstehe. Und trag ich keinen Zweifel zusagen / daß ein Alter gar nicht lieben könne / oder ja gefährlich. Ja ich zeuge selber wider einen Alten / der über die Liebe klagen wolte / daß er falsche Zeugnus wider sich selber führe. Dann ein Alter hasset mehr / als er liebet; ist nicht verbuhlet / sondern vernarret; nicht ein Frauen-Diener / sondern ein Todtengräber / und vielmehr unlustig / als wollustig zu nennen. Einig die Jugend stehet in frischem Flor. Ein Alter soll mehr folgen der Glocken / die zum Hauß ausleutet / als der winckenden Jungfrauen zum eingehen. Was Lusts erreget der Alte / kan er auch die Lauten rühren? die Hände sind zu steiff; kan er auf Violen [218] streichen? die Finger sind zu matt; kan er auch bewegliche Gesänge dichten? das Gedächtnus ist verlohren. Kan er auch die Gassen auf und nieder rennen? die Füsse wancken: Aber die Jugend dichtet / singet / spielet / und stifftet alle Lust. Was hat der Alte / das ihn beliebt mache? wo sind die hochgespitzte Schuh? Er müste darauf den Halß brechen: wo die Gold-gezierte gelbliche Haarlocken / die die Glatzen bedecken? sie sind verlohren. Wo das Hütlein mit den Galantery Bändlein? Es ist vergessen. Wo der köstliche gespitzte Kragen? er ist zerrissen. Wo die performirte Handschuh? sie sind zu theuer. Wo die allamode Kleidung / welche der Liebsten Farben fürtragen? sie ist ihm verdächtig. Wo ein Politischer Rock? er stehet ihm nicht an. Wo ein verguldeter Degen? er ist verrostet; und in Summa / was der Liebsten soll einen Lust erwecken / das ist nicht da. Wie solt denn ein solcher lieben? oder wie solt er von andern können geliebet werden? meines theils muß ich selber bekennen / daß ich lieber vor einem solchen weit lauffen / als nur ein wenig stehen wolte. Zwar ists nicht ohne / daß bißweilen einem Alten der Bart gestutzet / und das Maul gewässert wird / durch etwa einen freundlichen Blick: aber wer da aufbauet / der leeret seinen Beutel / und fällt endlich in den Koht. Und solte ja dem Alten sein Lieben ein wenig von statten gehen / so hats doch keinen rechtschaffenen Ausgang. Dann entweder wird er verspottet / von seiner Liebsten / oder sie wird betrogen. So fern sie in sein Begehren williget / ists in Warheit übel angeleget: wofern sie aber bey ihm thut / was man einem Alten billich thun soll / wird er sich betrogen befinden / und sie wird [219] ihm die Federn rupffen: wo ist aber alsdann eine warme Liebe?

Das ist / gedachte Polyphilus / ein artlicher Discurs / von einer Jungfer / und wünschte / dergleichen mehr zu hören; aus welchen Ursachen er dann ihre Rede mit diesen beantwortete: Verständige Jungfrau! so viel ich vernehme / seyd ihr denen Alten gewiß nicht gewogen? Nein / sprach sie / ein Polyphilus ist mir lieber / als tausend solcher. Darauf er mit lachendem Mund antwortete: wie aber / wann Polyphili Haut schon verkaufft wäre? Aber verzeihet mir /sprach er ferner / daß ich einige Frag thun darff: warum verwerffet ihr die Alten / aus solchen Ursachen / die doch in Warheit auch manche Jungfer und Jung-Gesellen / deren Jahr noch blühen / würden verwerfflich machen? Wie mancher tapfferer Liebs-Werber wird von dem Hochmuth einer stoltzen Damen verworffen? Wie viel abgeführte Damen / die nirgend schöner / als in ihrem eigenen Spiegel; nirgend beliebter / als in ihrem falschen Dünckel sind / werden hinwieder mit gleicher Müntz bezahlet? Vieler Kundschafft wird von vielen begehret / nicht Liebe zu suchen / welche bey dergleichen auch übel angeleget würde / sondern sich mit ihrer Verachtung nur zu erlustigen. Und solche / wie klug sie auch sind / mercken doch nicht / daß ihr solche Höflichkeit / mehr der Ergötzung / als Liebe wegen / erzeiget werde: Das bleibet gewiß / wie sie durch ihr tägliches Aufnehmen / und tägliches Verstossen andere schertzen / also werden sie wiederum geschertzet. Geschicht das nun an der grünenden Jugend / was wollen wir dem verdorrten Alter vor Ubel haben.

[220] Das laß ich / sprach Erothemitis / eine jedwede vor sich verantworten / mir ists zu widerlegen zu schwer. Wir wollen in unserm Werck weiter gehen / damit uns die Zeit nicht zu wenig werde. Diß ander Bild / welches / wie die Schrifft weiset / die Gesundheit ist; dann auch das dritte / der Reichthum / mit dem Vierdten / dem Müssiggang / stifften die Liebe: nicht zwar /als eigentliche Werckmeister / sondern als die vornehmste Urheber. Dann kein Krancker wird sich leichtlich verlieben / viel weniger der da bettelt / auch der nicht / welcher zu schaffen hat. Wiewol man auch / im krancken Leibe gesunde Liebe findet; aber erhalten / nicht erworben: auch unter den Armen liebet einer den andern / aber nicht brünstig / sondern verruckt. Und die Arbeitsame pflegen ihrer Lust; aber mit offtmaliger Verhindernus. Mit dem schertzet diß Liebes-Kind am allerliebsten und besten / der / durch keine Mattigkeit der Glieder / an der Gegen-Liebe verhindert; durch keinen Mangel an Geld / von der Lust-Vollbringung abgehalten: durch keine wichtige Geschäffts-Verhindernussen / von der offtmaligen Besuchung verrucket wird. Und das ist der Stamm und Ursprung der Liebe: die aber / so die Liebes-Lust üben wollen / sollen sich erinnern / bey der Jugend /ihrer Künheit / daß sie nicht durch einen Abschlag sich schrecken lassen; bey der Gesundheit / ihrer Verharrung / daß sie beständig lieben; bey dem Müssiggang / ihrer schuldigen Pflicht; und bey dem Reichthumb / daß er an Geschencken nichts erspare.

Polyphilus nahm alles wohl in acht / und da sie ferner giengen / daß sie gegen dem Liebes-Knaben stunden / sagte Erothemitis / daß / wer so weit gelange /schon bestricket liege / und von dem Knaben / [221] der Hoffnung zugeschicket würde: welche gerad gegen über auf einer Marmor-Seulen zu sehen / in Gestalt einer holdseligen Jungfrauen / welche mit einem Blumen-Crantz gekrönet / grün bekleidet / und den Liebes-Knaben in den Armen haltend / von ihrer Brust säugete: ohne Zweiffel deutet diese / sprach Polyphilus / daß die Hoffnung die Lieb nehre / und / vor ihre Betrübnüsse / den Trost zurichte. Ja / sagte Erothemitis / wann diese nicht manche Begierde stillete / manche Furcht dämpffete / und in mancher Widerwertigkeit tröstete / müsten ihrer viel / unter dem Liebes-Joch / vergehen. So lang aber diese die Mühe mindert / die Gefahr besieget / die Arbeit überwindet / die Schwachheit verstärcket / die Krafft verneuert / im Trauer-Stand ergötzet: so lang kan auch unser Hertz sich beglücket schätzen. Wie aber / sagte Polyphilus /wann diß alles versieget? So sehet ihr / antwortete Erothemitis / dort die Gedult. Diese war / durch ein weinendes Weib / gebildet / sitzend in den Dornen /schlecht bekleidet / und ein Joch auf dem Halse tragend / um welches sie die Arm geschlungen. Dieser /erinnerte Erothemitis weiter / gleichen sich alle die /so ohne Hoffnung leben / welches Leben ist der Tod.

Polyphilus / dem ein jedwedes dieser Wort / gleich einem Donnerschlag / das Hertz rührete / indem ihm eben damit seine Hoffnung / die er auf Macarien gesetzt / und zugleich die Gedult / so er in dieser Verleitung tragen muste / erkläret wurde / nahm seine Tafel / stellet sich / als wolt er diß aufzeichnen / setzete aber folgende Beschreibung seiner Hoffnung und Gedult / zu seinem Trost.


[222]
Alles ist an Gottes Segen
Und an seiner Gnad gelegen:
Die ist über Geld und Gut:
Wer auf Gott die Hoffnung setzet /
kan behalten unverletzet
einen freyen Helden-Muht.
2. Meinem Gott will ich vertrauen /
und allein auf Tugend bauen /
die da bleibet und besteht;
Ich will treu-beständig lieben /
und mich über nichts betrüben /
es mag gehen / wie es geht.
3. Gott / der mich bißher ernehret /
und so manches Glück bescheret /
ist und bleibet ewig mein:
Der so wunderlich regieret /
der mich liebet / der mich führet /
wird hinfort mein Helffer seyn.
4. Viel bemühen sich um Sachen /
die nur Sorg und Unruh machen /
auch gar unbeständig seyn:
Ich begehr nach dem zu ringen /
das Vergnügen könne bringen /
ohne falsch-verblümten Schein.
5. Hoffnung muß das Hertz erquicken /
was ich wünsche / wird sich schicken /
wann es anders Gott gefällt:
Meine Liebe / Leib und Leben /
und mich / hab ich Gott ergeben /
Ihm ist alles heimgestellt.
6. Er weiß schon / nach seinem Willen /
mein Verlangen zu erfüllen /
es hat alles seine Zeit:
[223]
Ich hab ihm nichts vorzuschreiben /
freyen / oder frey zu bleiben /
wann Er will / bin ich bereit.
7. Soll ich länger einsam leben /
will ich Gott nicht widerstreben /
ich verlasse mich auf Ihn:
Ihm ich folge / der mich führet /
weil ich nie kein Creutz gespüret /
wann ich Ihm gefolget bin.

Unter währender Verfertigung / oder vielmehr Nachahmung / dieses sonst bekandten Gedichts / giengen sie etzliche Schritt fort / und da sie sich zur rechten Seiten / gegen den Morgen stelleten / ersahen sie ein Kind / das entblöset / geflügelt / an Augen und Ohren verbunden / und mit Bogen und Pfeilen gewapnet /einen Feuer-Köcher in der Hand führete. Hinter selbigem vernahmen sie noch zwey andere Gesichter / zu beyden Seiten / wiewol sie diese / wegen der Weite /nicht erkennen konten. Da sie aber näher hinzu tratten / befanden sie / auf der Rechten / eine weiß-bekleidete Weibs-Person / welche in der Rechten hatte ein Siegel / und mit der Lincken auf einen Hund deutete / der zu ihren Füssen lag: Auf der andern Seiten ersahen sie einen Jüngling / mit entblöster Stirn /daran die Wort zu lesen:


Ich bin bereit:

und eröffnetem Hertzen / darinnen er / mit dem Finger / diese Wort zeigete:
In Freud und Leid:

Dann endlich mit einem groben Kittel bekleidet / an dessen eusserstem Brem / diese Wort verworffen:
Zu jeder Zeit,

Polyphilus mochte wol etwas erachten / wohin [224] diese Figur zielte / aber der völlige Verstand war ihm verschlossen. Deßwegen er der Jungfer winckete / denselben zu ertheilen / welche folgender Gestalt fortfuhr: Diß Kind bedeutet die Liebe / und ist die Erklärung desselben mancherley. Dann wie ein Unterschied ist unter der keuschen und unkeuschen Liebe: also müssen wir solche in diesem Bild beobachten. Was die nicht-ziemende Liebe betrifft / können wir / durch die Kindheit dieses Knabens / den wenigen Verstand der Verliebten erkennen / welcher denen kindischen Entschliessungen am allergleichesten ist. Die Blösse /weiset den Verlust zeitlicher Güter / welche / mit dem Wachsthum der Liebe / immer mehr und mehr verringert werden und verwelcken. Die Flügel zeigen die Unbeständigkeit der Verliebten / die ihren Sinn bald hin bald her / bald aus und ein fliehen lassen / daß allerdings wahr sey / was jener Poet gesungen:


Wies einem Tanben-hauß sonst öffters pflegt zu gehen /
So lassen diese Sinn das Aus und Ein geschehen.

Die verbundene Augen und Ohren zeigen theils die Verstockung der Sinnen; daß es wiederum bey manchem / mit jenem Poeten heisset:


Kein Sinn der ist an mir / der unverrücket blieb /
Ich sey / ich hör / ich riech / ich schmäck / ich fühle Lieb:

Theils / daß die Liebe ein blinder Führer sey / und gar leicht in die Gruben stürtze / so ihr folgen / auch keine Hülff-Bitte erhöre noch errette: sondern sie den Schmertzen quälen lasse / welchen die brennende Kertzen / in ihnen angezündet. Und diß ist das verzehrende Gifft / die Verblendung der Sinne / die Verwirrung des Verstandes / die Zerrüttung des Gemüths / die Schul der Sünden / die Vergessenheit [225] des Guten / die Wurtzel des Bösen. Die Mörderin der Tugend / und Ernehrerin der Laster. Die Befehdung der Ehre / und Erwerberin der Schande. Das Ende der Hoffnung / und Anfang der Verzweifflung. Die Seuche des Alters / und Anstoß der Jugend: die wir sonst / in gemein / die Liebe nennen. Welche völlig zu beschreiben / vor der Menge ihrer Laster-Namen /die Unmüglichkeit nicht gestattet. Jener Poet zwar hat keinen Fleiß gesparet / wann er sie in folgendem Gedichte / auf die Frag:


Sag doch / was ist die Liebe:

mit dieser Antwort vorstellet:
Ein Band vereinter Hertzen.
Ein übersüsses Gifft.
Ein angenehmer Schmertzen.
Ein Pfeil / der leichtlich trifft.
Ein Werck / so Menschen mehret.
Ein frischer freyer Muht.
Ein Spiel / das sich verkehret.
Ein angefeurtes Blut.
Ein Last / die leicht zu tragen.
Ein angenehmes Kind.
Ein Trauren nach behagen.
Ein Strick / der Freyer bind.
Ein blind-verfinstert Wesen.
Ein helle Freuden-Nacht.
Ein Buch / mit Lust zu lesen.
Ein schön und schneller Pracht.
Ein Marck / die Reu zu kauffen.
Ein kluger Unverstand.
Ein Weg / der schnell zu lauffen.
Ein spaterloschner Brand.

Fast auf gleichem Schlag / versetzte Polyphilus / [226] hab auch ich mir einsten gefallen lassen / ihre Würde zu beschreiben / da ich / die Zeit zu kürtzen / mich fragte / mir antwortete:


Was ist die Liebe? Nichts: wie kan sie uns denn quälen?
sie muß ja etwas seyn: was denn? ey / ohn verhelen /
sag ich: sie alles ist: wer ist vergnügt mit ihr?
sie ist es / und doch nicht: das ist unmüglich schier /
Ich weiß es / was sie ist: was dann? es ist das Prangen
der hochgezierten Zierd. Es ist ein bloß Verlangen /
nach dem / das man nicht siht. Bekommt mans zu Gesicht /
so ist es eine Furcht / die will / und darff doch nicht.
Ein stets unruher Geist / ein hoffen und ein harren /
ein Ertz-Betriegerin / der Klugen mehr / als Narren.
Ein bitter-süsses Kraut / ein wunder Hertzens-Dieb /
das ist das süsse Thun / das sonsten heist die Lieb.
Und wo sind Wörter gnug / sie völlig zu beschreiben?
wo diese Dichter-Kunst / die dennoch reich / wolt bleiben?
da mich die grosse Meng / gantz arm / an Worten macht /
indem sie selber mich / mit ihrem Lob / verlacht.
Weint sie / so wein ich mit. Wo soll ich Seufftzer nehmen /
die dieses Hertzens-Weh / und unerhörte Grämen /
zur Gnüge sprechen aus? Es ist ein Seelen-Tod /
vergraben in der Grufft / der falschen Hoffnung-Spott.
Sie ist ein Schaden-froh; ein Band betrübter Hertzen /
die Mutter des Betrugs; ein angenehmer Schmertzen /
Zerrüttung des Gemüths; ein Pfeil / der immer trifft /
ein Spiel / das sich verkehrt / ein Zucker-süsses Gifft.
Die Quell des Unverstands; die Wurtzel alles Bösen.
ein bindender Gewalt / der leicht nicht ist zu lösen.
ein Herold falscher Lust; ein Dienst in Tyranney;
Ein Myrrhen-bittres Froh; ein Kugel-rundes Frey.
Ein voller Laster-Wind; ein Trauren nach Behagen /
nach Lachen ein Geheul; vor jauchtzen / nach verzagen.
Ein bald-gewandtes Blat / ein Gallen-süsser Safft /
ein Jubel ohne Lust / ein Rathschluß ohne Krafft.
Ein helle Finsternuß / ein dunckel-helles Wesen /
ein Schlaff / doch ohne Schlaff; ein Buch / das offt zu lesen /
am meisten bey der Nacht / und unsrer Sinnen Liecht /
wann die Gedancken-Post die süsse Ruhe bricht.
[227]
Was mehr? sie ist ein Marck / die bittre Reu zu kauffen.
Ein ungebahnter Weg / ohn Ende durch zu lauffen:
ein Stachel überall / und eine Dornen-Bahn.
ein Stein-besätes Land / da man stöst immer an.
Ein stets-erneutes Leid / ein Sorgen-Werck der Schwachen /
dem Narren eine Lust / dem Klugen Schmertzen-Sachen /
Ein Bläßlein voller Winds / so hinfleucht / wie ein Rauch
und wann man es ergreifft / zergeht es / wie ein Hauch.
Ein Kummer-voller Trost ist sie / und eine Bürde /
bald leicht / bald wid schwer; bald schand / bald eine Würde /
ein Lust-gestohlner Traum / und eine Schmertzen-Wach /
ja! daß ichs kurtz beschließ / ein lauters Weh und Ach.

Erothemitis hörete diesem eine Weile zu / und ließ ihr die Erzehlung nicht übel gefallen: doch merckete sie leicht / daß Polyphili Mund und Hertz nicht zusammen stimme / sondern in der höchsten Brunst der Liebe / dieselbe zu schelten suche / damit er nicht /durch deren Lob / oder Vertheidigung / vor verliebt angesehen werde. Deßwegen sie ihm auch diese Freyheit gerne zuließ / und seine Rede in allem billichte /ja so gar verstärckete / daß sie bejahete / es können die Laster einer verderbten Liebe nicht gnugsam gescholten werden / ob schon alle die Nahmen / damit wir sonsten das Böse zu benennen pflegen / auf einmal zusammen gehäuffet / und dieser geschändeten Lust aufgeleget würden. Darum / sprach sie ferner /ist das alles / obs etwas geredt / noch lang nicht gnug / was ihr auch geredt. Ich meines Theils könte hinzusetzen / daß sie sey eine Eitelkeit / die belustige; eine Belustigung / die entfliehe; eine Flucht / die betrübe; eine Betrübnuß / die erfreue; eine Freude / die verführe; eine Verführung / die verderbe; ein Verderben / das erquicke; eine Erquickung / die ertöde; ein Tod / der da lebe / und ein Leben / das immer sterbe. Andere / die noch weiter sinnen / haben sie schon [228] vor dem eine Bemüssigung der Müssigen / einen Irrthum der Irrenden / einen Traum der Traumenden / und eine Wach der Wachenden genennet / vielleicht die Unendlichkeit ihres Nahmens dadurch an zudeuten. Je länger ich sinne / je mehr mir beyfällt: Ich nennete sie vielmehr eine Wache der Träumenden / und einen Traum der Wachenden. Ja ich setzte hinzu / daß sie vor eine Hoffnung / die Betrüge; vor einen Wahn / der im Zweiffel stehe; vor eine Ruh / die ermüdet; vor einen Verdruß / der uns beliebet; vor eine Bezauberung / die verstellet; vor einen Irrgarten / der verwirret; vor einen Frieden / daraus Krieg entstehen; und vor eine Treu / die wie leicht in Untreu verstellet werden kan / zu halten. Sehen wir die mancherley Sorten der Menschen an / so kan sie einem unsichtbaren Soldaten nicht übel verglichen werden / der die Männer mit dem Pfeil / die Weiber mit dem Brand / die Thier mit dem Bogen bestreitet. Sie kan nicht unrecht einem freygebigen Geitzhalse verglichen werden / als die reichlich giebet / mit Wucher wieder einzunehmen. Einem sehend-blinden / der durch die leiblichen Augen / die Augen des Verstands verlieret Einem betrüglichen Hoffmann / der alle / die sich anmelden /mit falscher Hoffnung zur Gedult weiset: Einem einfältigen Klügling / der sich einer Blödigkeit anmasset / seine Meuchel-List auszuwürcken: Einem verrähterischen Fuchsschwäntzer / der mit guten Worten böse Werck auswürcket: Und endlich / einem gefährlichen Artzt / welcher die Narren klug / die Klugen zu Narren machet.

Polyphilus hörete dieser sinnlichen Rede eine gute Weil zu / und verwunderte sich über den Verstand Erothemitis / welche diese Benahmungen [229] dergestalt nach einander hervor brachte / daß tausend geschworen hätten / sie hätte darauf studieret: wie dann auch wol glaublich war. Da sie aber noch weiter reden wolte / fiel ihr Polyphilus in die Wort / mit Vermelden / daß er zur Gnüge verstanden / was diese schandhaffte Liebe vor Gifft bey sich führe: verlange also auch zu erfahren / was dann die lobwürdige Liebe vor Ehren-Titul führe / und wie diß Bild auf jene zu ziehen.

Diese betreffend / versetzte Erothemitis / ist sie so hoch zu rühmen / als jene zu schänden: so hoch zu erheben / als jene zu stürtzen: so mächtig zu lieben / als jene zu hassen: ja / so eiferig und brünstig zu verlangen / als jene zu fliehen. Es wird aber auch selbige durch die Kindheit gedeutet / weil sie nicht nur die Jugend erfrischet / sondern so gar auch das Alter verjünget / und gleich denen holdselig-beliebten Kindern /bey männiglich angenehm machet. Die Blösse zeiget die natürliche Schönheit / welche keiner Bedeckung benöthiget / weil sie keinen Mangel zu verbergen: oder auch / daß unter den Verliebten / nichts heimlich soll gehalten werden / sondern einer dem andern /auch die allerinnerste Hertzens-Gedancken eröffnen. Die Flügel bemercken die hohen Gedancken / die sich offt über alle Himmel / ja / wol gar über tausenderley Unmüglichkeiten schwingen: Die Blindheit / einen solchen Sinn / der von allen andern abgewendet / der Geliebten sich allein traue / und durch keine fremde Schönheit / sich blenden lasse: Der Brand oder Feuer-Köcher entzündet die liebliche und löbliche Gedancken / welche auf nichts anderst gerichtet / als Verstand und Tugend. Der Waffen aber gebrauchet sich die Liebe [230] wider ihre Verächter / als die / wegen ihres Hochmuths und Widerwillens billich zu straffen /indem sie sich der gebührlichen und fast nötigen Lust entziehen / bloß darum / daß sie bey männiglich ein lieb-befreytes Leben rühmen können: Oder auch wider ihre Beschuldiger / die sie bald einer Tyranney /bald wider / als unbeständig / auch wol gar eines Betrugs anklagen: welche sie in Warheit nicht so gar ungestraffet ausgehen lässt. Diese ist einig die belobte und ruhmwürdige Lieb / welche von der Vernunfft regieret / ihren Fuß auf den Grund der innerlichen Schönheit gesetzet / die nicht mit den Zähnen wurmstichig / mit den Haaren greiß / mit der Stirn geruntzet / mit den Wangen bleich / mit den Augen trieffend / mit den Kräfften schwach / und mit dem Alter krafftloß wird: sondern je frischer / je länger sie dauret; je gesünder / je matter das Hertz; je schöner / je verruntzelter der Leib. Sie ist lieblich / von Anfang /biß zu End: ohne End herrlich / nützlich und mächtig zu allen Zeiten. Sie achtet nicht den Reichthum: sie fürchtet nicht die Armuth: sie ehret keinen König; verachtet nicht den Geringern / befördert das Gute /hintertreibet das Böse; verdienet keine Straff / und förchtet doch keinen Tod. Sie ist beständig / und lässet sich nicht vertreiben / sie scheuet kein Feuer / und förchtet nicht die Wasser. Sie achtet keinen Degen /und fliehet nicht die wilden Thier. Ihren Vorsatz kan weder die Hoffnung bessers Glücks / noch einiger Verlust der Wolfahrt zerstören. Was andere meyden /das verachtet sie; und was andern schwer düncket /das ist ihr Kinderspiel. Sie schwimmet durch die Tieffe des Meers / segelt im Ungewitter / achtet nicht der Lebens-Gefahr / und [231] bestreitet die Fluthen. Sie gewinnet die Felsen / durchsuchet die Wildnussen / und klettert über alle Berge; und diß alles aus einem Muth der Tugend und Verlangen der Künste. Sie ist eine Dienstbarkeit / aber so frey und angenehm / daß ihr alle Freyheit aufzuopffern / weil allein in ihr ein freyes Leben zu finden. Sie herschet über alle Furcht und Noht; erhält ihre Freyheit unbeleidiget. Daher sie auch nur von edlen Gemüthern / und nicht mit Aufwarten / Flehen / Weinen und Fußfallen will bedienet werden. Dann sie beherrschet nicht Knechtische Hertzen. Sie wird geführet von der Vernunfft / welche denen äusserlichen Sinnen / sonderlich den Augen /als denen unachtsamen und verführten Thürhütern /welche zum öfftern allerhand falsche Meinungen zu dem Gemüthe einlassen / einen Zaum anleget / den Muth bricht / und durch ihren Verstand von der äusserlichen Schöne / auf die innerliche / welche allein der Ursprung ist derselben / leitet. Sie hält die Begierde gefangen / und gestattet der Liebe freyen Paß: weil diese auf die Schönheit / jene aber auf die Wollust gegründet. Sie hat allenthalben Ober-Hand / allen zu gebieten / niemand zu dienen. Was sie bestricken will /kan sie mit der Schärffe einen freyen Entschliessung von sich stossen / und was ihr entgehen will / kan sie mit dem Zaum der Vernunfft anhalten. Sie hält dem Glücke die Waag / und gebietet dem Ungestümm der Zeiten. Sie bereichert den Segen / und verwehret den Schaden. Sie pflantzet den Frieden / und rottet aus die Uneinigkeit. Sie vergnüget die Sinne / und leeret die Begierde. Sie machet verständig / und verbindet die Thorheit. Sie ist nutzlich / und bringet kein Verderben. Sie tröstet [232] im Leiden / und vermehret die Freud. Sie lachet der Sorgen / und widerstehet dem Unglück. Sie bindet die Hertzen / und stürtzet den Widerwillen. Sie machet reich / und vertreibet die Armuth. Ja / was soll ich mehr sagen? Sie ist eine Gebährerin des Guten / eine Zerstörerin des Bösen. Dem Leidenden ein Trost; dem Freudigen eine Liebe: dem Schwachen eine Starcke / und dem Starcken eine Freude. Dem Hungerigen eine Ersättigung / und dem Ersättigten eine Lust. Eine Ergötzung der Betrübten / den frölichen Gewissen eine Ruh. Und mit einem Wort / eine solche Liebe / da zwey Hertzen / durch Vernunfft und Tugend / verbunden sind / ist ein Himmelreich voll Freuden und Vergnügung. Da ist kein Leid / weil kein Schaden vorhanden. Kein Mangel / weil sie gnug haben / wann sie sich haben. Kein Verlangen / weil sie mit ihnen selber vergnüget. Keine Forcht / weil sie sicher lieben. Keine Unruh / weil sie sich nicht verstören lassen. Kein Mißtrauen / weil sie einerley Hertz / in zweyen Leibern / tragen. Kein Wandel /weil sie auf dem unbeweglichen Tugend-Felsen bestehen. Keine Feindschafft / weil ihr Hertz einig / und mit dem Band der Liebe verknüpffet ist. Auch kein Mißtrauen / weil all ihr Sinnen ein Sinnen / ihr Wollen ein Wollen / ihr Wünschen ein Wünschen / ihr Reden ein Reden / ihr Thaten ein Thaten ist. Kürtzer zu fassen / diese Liebe / so aus der Zufriedenheit und Einigkeit gewürcket / ist das Band und Pfand einer glückseligen Ehe. Diese kan nicht anderst bestehen /als wann die Zuneigung / so wol an einem / als anderm Theil / sich aus der Tugend / nach der Tugend sehnet. Ziehet man aber ein Band / mit gleichen Kräfften / an beyden Enden / wie mag es [233] härter gebunden und verknüpffet werden? das ists geredt / Verstand und Tugend ist die innerliche Schönheit / welche einen derselben Liebhaber / mit solcher Vergnüglichkeit / in die Liebe führet / daß er getreu und beständig / nicht nur erfreuter Weise lieben kan / sondern auch in Ewigkeit nicht wancken / solten gleich alle Unglück und Widerwertigkeit auf ihn zustürmen. Nicht durch Mangel an Geld und Gut: dann ihre Liebe ist nicht darauf gebauet. Nicht durch Verlust der Ehren / dann ihre Liebe hat solche nie verlanget /viel weniger gehoffet. Nicht durch die hinfallende Schönheit: dann diese achtet sie nicht. Auch nicht durch Mangel anderer Gegen-Liebe / die auch auf solche äusserliche Eitelkeiten gebauet: dann dadurch wird sie viel mehr gestärcket / weil ihre Werbung bloß eine solche Gegen-Gunst verlanget / die ausser Gold und Ehr / auch vergänglicher Schönheit / einig durch Tugend und Verstand erworben / und erhalten wird. Und das darum / weil sie weiß / daß ein solche Neigung / so das Laster des Geitzes oder der Ehrsucht zu sich ziehet / nachgehender Zeit mercklich pflege zu erkalten; deßgleichen auch die Brunst / welche durch die geschmückte Schönheit entzündet: diese aber /welche sich auf die Schönheit des Verstands / und den Reichthum der Tugend beziehe / werde mit zuwachsenden Jahren / auch vielmehr zu-als abnehmen. Wo aber die Liebe nicht aus dieser Wurtzel entsprossen /da ist der Ehstand mehr eine Viehische Wollust / und ein beharrlicher Verdruß / als ein alltägliches Wohlleben der Verliebten zu nennen. Hingegen / wann selbige auf diesen Grund erbauet ist / da ist / biß in die Grube / Fried und Glück / auch unter denen / die ungleiches Alters / [234] ja ungleicher Stände sind. Es kan das erbleichte Alter die Tugend nicht schänden / viel minder die graue Haar den Verstand zernichten. Und ist die blosse Unmüglichkeit / daß die Person nicht angenehm und lieblich sey / welche mit solchen Gaben gezieret / die dem einig gefallen / der sie lieben soll. Ja /es ist unmüglich / daß die Person nicht auch im höchsten Alter schön sey / und lieb-würdig / welche die Tugend zieret / und der Verstand krönet / oder zum wenigsten so schön / daß man sie nicht heßlich nen nen könne. Und muß auf solche Art auch die aller älteste der Jüngste lieben / wann er anderst Tugend liebt. Dann gleichwie ein Mensch / der einen Verstand hat / nicht das Gemähl / sondern die Kunst; nicht die Pflantze / sondern die Frucht; nicht die Blume / sondern den Geruch; nicht die Nuß / sondern den Kern / und den Spiegel wegen des Gegen-Bildes liebet und hoch hält: also auch der Verstand- und Tugend-liebende / will er anderst diesen herrlichen Namen nicht verlieren / rühmet und liebet / so wol in einer äusserlich schönen / als nicht so schönen; nicht die Gestalt / nicht das Gemähl / nicht den Spiegel: sondern die verborgene Schönheit des Gemüths / und in dem Gemüth die Schönheit dessen / von dem sie hergerühret / nemlich / die Frucht der Tugend / und den Kern des Verstands. Und so beschaffene Liebe /ist die rechte treue und beständige Liebe; die eyfert nicht / suchet nicht eigenen Nutzen / treibet nicht Muthwillen / ist nicht verführisch / dultet alles / ist freundlich / erträglich / wolthätig / sanfftmütig / nicht murrisch / nicht frech / nicht unersättlich / und mit einem Wort / eine beständige Gefälligkeit: wie im Gegen-Satz die Liebe anderer zufälligen und hinfälligen [235] Sachen / eine beständige Mißfälligkeit mit gutem Recht kan genennet werden.

Was hätte Polyphilum mehr befriedigen können /als dieser Unterricht? mit Verwunderung sahe er die Erothemitis an / weil er solche Weißheit nicht in ihr gesuchet: hätte auch gern länger zugehöret / wann sie nicht der Zeit vor dißmal gehorsamen müssen / welche wider ihr Verhoffen dahin floß. Deßwegen dann Erothemitis selbst abbrechen / und folgend / aber mit kurtzen Worten / die zwey andere Bildnussen zu erklären folgender Art fortfahren muste: Wann wir nun /edler Polyphile! diß Kind / durch die rechtschaffene tugend-werbende Liebe / deuten / und durch unsre Begierde verlangen / wird solcher unser Gewinn / von der Treu und Beständigkeit aller Orten begleitet: welches diese Bildnussen anzeigen / durch welche zu der Rechten die Treu / zu der Lincken aber die Beständigkeit vorgezeiget wird. Dann die weisse Kleidung /deutet ein aufrichtiges Hertz; das Siegel / ist das Zeichen der Geheimnus und Verschwiegenheit; der Hund / welcher nach dem Zeugnus der Natur-kündiger / das getreueste Thier ist / die unverruckte Beharrlichkeit und treue Aufsicht. Der Jüngling aber zur Lincken bewähret die grünende Tugend / die er mit entblöster Stirn bekennet / und in einem eröffneten Hertzen zeiget / auch endlich durch den groben Kittel / in der That erweiset / wie die Inschrifften selber lehren / und ich nicht völliger anjetzo erklären kan /mit welchem Wort sie Abschied nahm / und nach empfangenem Gegen-Danck / sich wieder zu der Königin verfügte.

[236]
4. Absatz
Vierter Absatz

Beschreibet / was sich ferner / in dem Liebes-Tempel / mit der Königin und Polyphilo /begeben: beantwortet etzliche Liebes-Fragen / die ihre Lehr-Puncten selbsten zeigen.


Polyphilus / der nicht wuste / was er dabey gedenken solle / daß sie ihn schon verlasse / da er doch / vor seinen Augen / noch viel zu sehen hätte / vergaß bald alles dessen / und gedachte seinen Vortheil zu ersehen / der Tafeln / die von Macarien etwas neues melden würden / ansichtig zu werden: aber vergebens. Dann da er kaum auf den Weg getretten / der ihn dorthin geführet hätte / wurde er von der Königin zu ruck geruffen / und erinnert / daß er diesen Weg noch nicht gehen dörffe / er habe dann ein mehrers gesehen. Deßwegen sie ihn selber / was noch übrig / kürtzer zu zeigen / mit sich / in den untern Theil des Tempels führete.

Im Durchgehen / ward er an den Teppichen / damit dieser Tempel umhänget / etzlicher schöner Historien gewahr / die mit Gold und Perlen so künstlich gebildet waren / daß Polyphilus leicht ermessen konte / es müsten die liebhabende Göttinnen ihr Meisterstück daran verbracht haben. Unter andern vielen waren mercklich zu vernehmen die Liebes-Geschicht des schönen Jünglings Narcissi / welcher von fast allen Nimfen / wegen seiner Schöne; sonderlich aber der Echo geliebet / die / weil sie seiner nicht geniessen können / von grossen Schmertzen / in einen nichtigen Widerhall verwandelt: Er aber / durch seine eigene Liebe / die ihm die Schöne seines [237] Antlitzes / in einem Brunnen / auf der Jagt / erwecket / zur Straff gleichsam versieget / biß sich endlich die andern Nimfen über ihn erbarmet / und ihn in eine Blume verwandelt. Diesem folgte die Liebs-Geschicht Adonis / des Königs in Cypern Sohn / dessen schöne Gestalt von der verliebten Venus so brünstig verlanget worden / daß /nachdem er noch in der Blüte seiner Jahre / auf der Jagt / von einem wilden Schwein zerrissen wurde / sie ihn nicht nur hertzlich und schmertzlich beweinet; sondern auch / ihr beklagtes Mitleiden zu bezeugen /in eine Purpur-Blum verwandelt / und ihm zu Ehren /jährliche Trauer-Fest halten lassen. Uber das war die Histori der schönen Helena zu sehen / allermassen wie sie Homerus beschrieben; dann die Verwandlungen und Liebes-Geschichte / wie sie / nach der Länge / vom Ovidio erzehlet werden: die allhier zu wiederholen mehr verdrüßlich / als annehmlich ist.

Endlich kamen sie / hinter einer Deck / in eine Höle / da anfangs nichts / denn ein lauters Wasser zu sehen war / welches sich gegen ihnen / wie ein Berg auflehnete / daß sie trucken hindurch giengen. Von dannen befunden sie sich in einer fast kühlen Grotte /allwo drey Bildnussen aufgehänget waren / die so schön / daß Polyphilus dergleichen nicht bald gesehen. Diese zeigte ihm die Königin / mit Vermelden /daß er von selbigen die Liebes-Kunst lernen werde. Daß / sprach sie / diese drey sind die / in aller Welt berühmteste / Liebhaberinnen gewesen / und haben männiglich / mit ihrer Kunst / verführet: dazu ihre schöne und wolgebildete Gestalt des gantzen Leibes /nicht wenig geholffen / indem sie / wie ihr sehet /nicht nur von schönem Angesicht sind / sondern auch einer herrlichen [238] Statur / breiter Stirn / hoher Brust /kleiner weichen und länglichten Hände / damit sie über das künstlich und lieblich kunten auf Saiten spielen / und anmuhtig singen: waren zierlich gekleidet / verschmitzt in Lieben / und lustig in Geberden. Von diesen dreyen berichten die Historien / daß sie nie keiner gesehen / der sie nicht geliebet / auch nie keiner geliebet / der sie verlassen. Wer sich einmal in sie verliebt / muste aus dem freyen Willen einen Zwang der Nohtwendigkeit machen. Daher rühret /daß ihnen / nach ihrem Tode / viel Seulen sind gesetzet / und herrliche Gedächtnussen aufgerichtet worden. Diese erste (sprach Atychintida / und deutete mit dem Finger auf das fördere Bild) welche Lamia geheissen / hat gelebt zur Zeit des Königs Antigoni / dessen Sohn Demetrius sie hertzlich und brünstig geliebt; ja sich dermassen in ihrer Lieb vertieffet / daß er mehr einem Narren als einem Buhlen gleich war. Diese andere / Namens Layda / war bürtig aus der Insul Bithrita / so an Griechen-Land stöst / eines Hohenpriesters / in der Kirchen Apollinis / zu Delphis / Tochter. Diese lebte zu den Zeiten des berühmten Königs Pyrrhi / der sie auch übernatürlich geliebt / und in allen Feldschlachten mit herum geführet. Von dieser schreiben die Historien / was man sonst niemaln von einigem Weibsbilde gelesen / nemlich / daß sie keinem Mann / der ihr gedienet / habe jemaln Lieb erzeiget: hernach auch / daß sie niemals von einigem Mann /der sie erkennet / und seine eintzele Lust mit ihr vollbracht / sey gehasset worden. Die dritte / Flora genannt / war aus der Stadt Nola / in Campania / bürtig / von des Fabii Metelli Geschlecht / so die erste Burgermeister zu Rom / und gewaltige Herren [239] gewest. Sie hat gelebt zur Zeit des ersten Kriegs in Africa / als der Burgermeister Mamillus / vor der Stadt Carthago lag. Derselbe verzehrte mehr Geld mit Flora / dann gegen seinen Feinden in Africa.

Als Atychintida dieses erwähnte / streckte sie ihre Hand aus / nach der ersten Tafel / und zog hinter derselben ein aufgerolltes Papier herhor / darauf folgende Wort verfasset / die sie Polyphilo zu lesen gab:


Demetrius gab seiner Liebsten / Lamia / folgende Fragen zu beantworten:

I. Durch was Mittel man am allerleichtesten ein Weib gewinnen könne:
II. Aus was Ursachen sich die Liebe / unter zweyen Personen / am ersten zerschlage:
III. Was das Hertz eines Verliebten am meisten kümmere:

Lamia beantwortet dieselben also:

I. Nicht ehe wird ein Weibes-Bild gewonnen / als wann man sie treulich meynt; viel um sie leidet; und bescheiden ist in seinem Reden.

II. Die Liebe erkaltet nicht eher / als wann der Liebhaber zu brünstig ist im Lieben; und die Liebhaberin zu unverschämt im Begehren.

III. Nichts mehr kümmert das Hertz eines Verliebten / als wann er nicht kan erlangen / was er begehret; und daß er förchtet / er verliere das jenige / was er geneust.


Indessen Polyphilus diß durchsah / zog die Königin /unter dem andern Bild / noch einen Zettel hervor /welchen Polyphilus dieses Innhalts befand:


Layda wurde gefragt von Pyrrho:

I. Wie man eine rechte Lieb erkenne:
[240] II. Ob man zwey auf einmal lieben könne:
III. Wie man eine Geliebte gewinne / die sich nicht wolle erbitten lassen:

Darauf antwortete dieselbe:

I. Eine rechte Liebe wird erkennet / durch ein / bey dem Liebhaber / unruhiges Hertz; unvergnügtes Verlangen; immerfürchtende Hoffnung; Verachtung aller Gefahr und Hindernus; Leiden; Gedult; Verschwiegenheit; und endlich das betrübte Scheiden.


Da Polyphilus diß lase / fehlte nicht viel / seine Thränen hätten die Schrifft genetzet / weil er eben an Macarien gedachte / und deßwegen mit tieffen Seufftzern anfieng: Ach wol freylich! dann zu der Zeit verstummet / der Mund / und musten die Augen reden / durch der gehäufften Zähren Flut: das Hertz aber leiden / in der Pein der erhitzten Seufftzer. Inzwischen laß Polyphilus ferner:


II. Zwey auf einmal zu lieben / ist nichts unmügliches / eine in Augen; die ander im Hertzen.

Dessen hätte Polyphilus gerne eine deutlichere Erklärung gehabt: allein die Königin entschuldigte sich / daß es ein gefährlich Werck sey / welches sie nicht gern auf sich nehme. Doch so viel sie ihr zu behaupten getraue / glaube sie / daß man eine / wegen der äusserlichen Schönheit lieben könne; welches hie die Augen-Liebe genennet: eine andere aber / wegen der innerlichen / welche mit der Hertzens- Liebe geliebet werde.

III. Die dritte Frag: wie man eine Widersinnige gewinne?


Wurde beantwortet:


Daß sie mit Gedult zu erwarten; und nicht zu [241] verlassen; viel weniger halßstarrig zu bestreiten: weil dergleichen Gemüther zart im Lieben; grimmig aber im Hassen seyn.


Als auch dieses verlesen / reichete die Königin den dritten dar / dieses Innhalts: Flora solte errathen:


I. Womit die Bitterkeit der Liebe zu versüssen:

Sie rieth: Mit Hoffnung und Gedult.

II. Was das beste Mittel sey / wider den Anfall der Lieb:

Sie rieth: Die Gelegenheit meyden.

III. Wodurch die Liebe am sichersten ernehret / am reichlichsten vermehret / und am erträglichsten geehret werde:

Sie rieth: Wann man die gar zu grosse Gemeinschafft fliehet. Dann / je weniger das Auge geniesset / je mehr dem Hertzen verlanget; und doch ohne verzehrende Qual.

IV. Welches die stärckeste Liebe sey:

Sie rieth: Die auf der Gleichheit bestehet.


Darüber fieng Polyphilus an: alles glaub ich / und alles will ich billichen / aber diß letzte zu glauben /wird mich niemals ein Mensch überreden / viel weniger zu billichen. Ich sage vielmehr aus dem Grund /den mir Erothemitis gewiesen / daß die stärckeste Liebe auf der Ungleichheit bestehe. Dann die Jugend ist in ihrer Jugend unbedacht / und gebens die gemeinste Exempel / daß sie nicht so wol durch die innerliche Tugend-als äusserliche Gestalts-Schönheit zur Liebe bewogen werde: welches bey der Ungleich heit nicht zu beförchten. Dann ein Wittwer / zum Exempel / der eine Jungfrau liebet / wird / in Warheit /nicht so wol auf blosse Schönheit / als Tugend [242] und Verstand sehen / daß er ihm eine erwerbe / die seinem Hause wohl fürstehe. Eine Wittwe / welche entweder durch gehabte gute Ehe / in eine Forcht; oder böse / in eine Vorsichtigkeit wird gebracht seyn / dencket hinwieder entweder ihren Freuden-Stand fortzusetzen /oder auch ihren Unglücks-Stand zu verbessern; und daher lässet sie sich keine äusserliche Lust und Schöne verführen / sondern erwählet die Tugend und den Verstand. Ist nun ein Theil wol gegründet / und mit solchen Gaben versehen / wird auch der andere durch diesen verbessert / und zu der rechtschaffenen Tugend-Liebe geführet werden: diese aber ist die beständigste.

Polyphilus hätte gern sein und seiner Macarien eigen Exempel angeführet / welches den grössesten Beweiß geben können / aber es wolte sich nicht schicken. Atychintida aber / die Königin / als sie Polyphilum so reden hörte / und merckte / daß er denen Witwen / vor den Jungfern / gewogen wäre / fieng sie an: So wollet ihr / Polyphile! gewiß behaupten / daß die Ehe und Liebe viel sicherer und bequemer mit denen Witwen / als Jungfräulichen Geschlecht / anzufangen und einzugehen / welches doch / wider aller Gelehrten und Weisen Spruch und Aussag / geredt wäre.

Und wann es / fieng Polyphilus an / wider der gantzen Welt Schluß lieffe / wäre mir doch leichter demselben zu widersprechen / und umzustossen / als die Warheit zu läugnen. Besehet selber / fuhr er fort /Holdseligste Königin! was Flecken der Liebe / so die Jugend führet / anhangen: und was vor Seulen die Neigung unterstützen / welche in der Ungleichheit der Liebenden / entweder der ältere zu dem Jüngern / [243] oder dieser zu jenem trägt. Wann nichts wäre / als einig der vorgesetzte Beweiß / wolte ich durch den gnug behaupten. Ich setze aber hinzu / daß eine solche Liebe / so auf der Ungleichheit bestehet / viel brünstiger und mehr befestet ist / als welche die Gleichheit trifft. Dann das ist je wahr / eine Liebe ohne Furcht /ist keine Liebe. Wann das Hertz brennet / und darff sich nach seinem Gefallen löschen / wird es bald erkaltet: wo aber immer ein Füncklein hangen bleibet /da glimmet die Liebe von neuem. Gar zu grosse Gemeinschafft gebieret Verachtung: Gleichheit aber ist die Ernehrerin der Gemeinschafft: daher komts eben /daß die in der Gleichheit lieben / offt in grosse Verachtung / und dannenhero auch in feindseligen Haß gerathen: wo aber die Sinne etwas solches lieben / das sie höher achten / als sich selbst / das lieben sie nicht nur allein / sondern ehren auch dasselbe; und indem sie es ehren / müssen sie sich auch vor dem fürchten. Und die Furcht ist gar eine angenehme liebreiche Furcht. Nun schließ ich so: was ich fürchten muß /daß muß ich nothwendig lieben; solls anders eine angenehme Furcht genennet werden: was ich ehren muß / muß ich wieder nothwendig lieben: weil diß müssen nicht gezwungen / sondern freywillig erwählet ist Was ich aber mit Ehr und Furcht liebe / das darff ich mir nicht zu gemein machen / sondern solt gleich die Liebe auf den höchsten Grad tretten wollen / wird sie alsbald von der Furcht zu ruck gehalten. Mache ich mich nicht zu gemein / hab ich keine Verachtung /weder auf dieser / noch auf jener Seite zu förchten: und ohne Verachtung ist kein Haß. Endlich folget /daß / weil die Liebe / in der Furcht / nie gesättiget wird / kan sie auch [244] nie erleschen / sondern blühet und brennet immer fort / und kan doch nicht verblühen. Das aber ist die brünstige / beständige Liebe.

Nun müssen wir das auf eine Witwe / zum Exempel / ziehen / werden wir alles mit hellen Augen sehen. Diese / so fern sie von einem / der sich ihr nicht gleichet / das ist / von einem jüngern geliebet wird / hat sie ihren Liebhaber / nicht nur in die Liebe / sondern auch in die Furcht geführet. Denn ihr höhers Alter ist von dem jüngern billich zu ehren: ihre vollkommenere Tugend-Verrichtungen sind von der unvollkommenen Jugend gebührlich zu verwundern: ihr geübter Verstand / und besser erfahrne Hauß-Bestellung / auch / in vielen Glücks- und Unglücks-Ständen / schon probirte Klugheit und Frömmigkeit /ist schuldiger massen / von der noch unerfahrnen Jugend / hochzuhalten: ich rede aber von einer verständigen erbarn Matron / die nicht lebendig tod ist. Wie nun diß alles der Geliebten bey ihrem Liebenden ein Ansehen / theils dem Liebenden gegen der Geliebten eine Forcht gebieret; also wird die Liebe / oberzehlter massen / immer fort und fort gestärcket bey dem Liebenden: Die Geliebte aber / indem sie mercket / daß ihr die gebührende Ehr nicht geraubet / sondern durch ihre Tugend bedienet / durch ihren Verstand hoch und werth gehalten werde / muß / mit einer gleich-gültigen Gegen-Liebe / diese Liebe stärcken: mit Ehre / die sie dem Liebenden / als ihrem Haupt / schuldig ist: mit Furcht / daß die Bescheidenheit nicht in Widerwillen und Verdruß verwandelt werde: mit Liebe / als welchem sie ihr Hertz vertrauet. Und das ist dann eine rechtbrünstige Liebe. Uber das kommet noch hinzu das Vertrauen / welches keine geringe Entzündung würcket. [245] Dann wann beyderseits / die Tugend geehret und der Verstand geliebet wird / können sie sich auch beyderseits auf solche Tugend und Verstand verlassen. Welches Vertrauen dann nichts anders ist / als die Zufriedenheit / so die immerglimmende Liebe würcket.

Atychintida hörte diesem Gespräch / nicht ohne sondere Belustigung zu / weil sie aber gantz Widersinnes war / gedachte sie / ihn zu fragen / und sprach: So folget / Polyphile! daß der Liebende der Geliebten Diener seyn müsse: da doch die Götter selbsten / eine widrige Ordnung gemacht. Der Dienst / fieng Polyphilus an / ist gar angenehm / und so beschaffen / daß er mehr einer Herrschafft gleiche. Zwar / fuhr er weiter fort / billige ich nicht / daß manche / durch die nichtige Liebe / sich so weit führen lassen / daß sie dienen / da sie herrschen sollten: gleichwol aber kan ich das auch nicht vor Unrecht erkennen / daß der /welcher mit höherm Verstand und herrlichern Tugenden bereichert ist / herrsche über den / der dessen Mangel trägt. Doch ist dieser Dienst nicht hinderlich der Oberherrlichkeit so ein Mann in seinem Hause haben soll / sondern viel mehr beförderlich. Er ist auch kein Dienst zu nennen: sondern eine Folge; und wird die Geliebte / Krafft ihrer Tugend / den Befehl und die Herrschafft so führen / daß sie mehr eine freundliche Erinnerung / als ein Befehl / zu nennen. Daher ich erst neulichst / nicht ohne freywilliges Gutheissen / folgendes Sonnet gelesen / so ein Tugend-verliebter / an dergleichen Geliebten / abgehen lassen / die ihn einen Herrn genennet:


Wie schickt sich aber das? Soll ich noch Herre heissen /
da ich nur Knecht will seyn? nicht so / der treue Dienst
verbleibet eigen mir: und wie du herrlich schienst /
[246]
als ich mich dir ergab; so kan auch keiner reissen
Die Herrlichkeit von dir: du must nun ewig gleissen /
auf deinem Herrschaffts-Thron: ich dir zu Füssen stehn /
und leben deiner Gnad: in allen Dingen sehn /
auf das / was du befiehlst: doch wilt du dich befleissen
zuletzt der treuen Dienst / mit einem Herren-Lohn
mir zu erwiedern selbst: wilt du die Ehren-Cron
mir willig setzen auf: so / daß ich soll befehlen /
und du willt folgen mir: so liebe wieder mich /
wie ich dich brünstig lieb; doch nein / ich bitte dich /
du wollest / Herrscherin! mich deinen Knecht erwählen.

Auf diß fieng die Königin an: das ist wol etwas geredt: aber gleichwol meyne ich / daß / so fern ein Liebhabender Jüngling selbst auch mit Verstand und Tugend begabet ist / es besser sey / eine in allen noch unerfahrne Jungfrau zu lieben / die er gleich einem Wachs / nach seinem Sinn und Willen / richten und ziehen kan: als eine Wittwe / deren gefasste Gewonheit / ihr entweder gar nicht abzubringen / oder ja mit gedoppelter Mühe. Gedoppelter / sage ich: indem sie nemlich einmal die ihm mißfällige Sitten / so sie bey ihrem vorigen Liebsten gewohnet / lassen: hernach aber sich gleichsam verneuen / und diese hingegen annehmen muß. Dann sehr schwerlich ists zu glauben und zu hoffen / daß der Sinn / des Gegenwärtigen /sich gleiche mit dem / was der erste gewolt. Muß also dieser entweder seine Sinnen ändern / und sich in der Liebsten Sinn schicken; welches mehr als ein Knechtisches Joch wäre: oder muß sich mit ihrer Veränderung plagen; welches allerhand Widerwertigkeit würcket: oder muß im steten Wider-Sinn leben / da lauter Unruh / aber kein Fried zu hoffen.

Polyphilus stellte sich / als wüste er nicht viel zu antworten / fieng aber bald darauf an; Verständige[247] Königin! was anlanget einen verständigen Jüngling /ist solches eher zu wünschen / als zu hoffen. Wie kan ein Verstand seyn / da keine Erfahrenheit ist? Zwar will ich solchen nicht gar läugnen: aber doch bleibet das geschlossen / daß eine verständige Witwe / die selber alles schon erfahren / vor verständiger zu halten sey / als ein unerfahrner Jüngling. Doch sey es / es werden dergleichen gefunden / solte ein solcher nicht besser thun / daß er seinen Verstand mit der Tugend der Liebsten stärcke und mehre / als denselben an einem Unverstand verderbe. Wie viel sind dessen Exempel / daß auf solche Art / auch ein verständiger Mann verdorben? Und solte ja seine Zucht wohl anschlagen / ists doch sicherer / wo keiner solchen Zucht von nöthen. So bleibet das in alle Ewigkeit wahr / wo Tugend zu Tugend / Verstand zu Verstand kommen; oder wo beydes verdoppelt wird / da wird der Hauffen desto grösser. Man möchte einwerffen /daß man auch verständige und Tugendsame Jungfern finde: das ich nicht läugne / aber eine Wittwe ist / in diesem Fall / vorzuziehen / und nicht so gefährlich zu erwarten. Was sie aber / Holdselige Königin! zu letzt angehänget / daß eine Wittwe ihre Gewonheit nicht leicht ablege / und was sie bey ihrem Liebsten erlernet / nicht bald vergesse; darauf darff ich nicht antworten / wann ich diesen Grund vor-gebauet habe /daß sie verständig und Tugendhafft sey: von keiner andern gilt der Schuß. Dann hat sie einen Tugend-verständigen vor dem geliebet / wird sie auch keinen andern Wandel führen: fehlet es dann / daß sie von einem Unwürdigen ist beherrschet worden / weiß ich dennoch / daß die Tugend eine solche Art hat / die sich von keiner Macht zum Bösen [248] zwingen / oder auch / durch Befehl / verleiten lässet. Mit einem Wort / ist und bleibet das geschlossen / eine Tugend-gezierte und verständige Wittwe ist weit höher und besser zu schätzen / dann ein gantz Jungfräuliches Geschlecht / das nur zur Uppigkeit und vergänglichen Lust geneigt / nicht auf Tugend und Verstand ihren Sinn richtet / sondern das liebet / was sie nach diesem härter betrüben kan.

Atychintida hielte dem allen starcke Widerrede /führete die beförchtende schädliche Zufälle an / und versetzte / daß / wann gleich alles / was Polyphilus von der Tugend erwiesen / in güldener Warheit bleibe / dennoch viel Ungemach bey einer Wittwe zu erwarten; dann einmal / so fern dieselbe gutes Vermögens / entweder von sich selbst / oder ihrem vorigen Liebsten / wäre so viel Hochmuth zu fürchten / als Pfenning in dem Kasten: wäre sie dann widriges Falls in das Register der Dürfftigen gezeichnet / dörffte man sich auch geringer Freude versichern. Zu deme noch das allergrösseste käme / die Menge der unerzogenen Kinder / so etwa vorhanden wären / diese verursachten Zanck / wegen der Zucht / Haß wegen der Eintheilung der Güter / Widerwillen wegen der abgeneigten Liebe / und so fort an. Daher endlich folgete /daß / so fern eine solche Widerwertigkeit entstünde /beyder Hertzen abgewendet / und an fremde Ort gelencket werde; theils sie / die ohne Zweiffel von ihrer erstgeführten glücklichen Ehe viel rühmen würde /und jenen diesem vorziehen; welches dann die Wurtzel ist der Uneinigkeit; theils auch er selbsten / wann er mercket / daß ihr Hertz noch mehr an dem Verstorbenen / als ihm hänge / werde er auch gleichsam mit verführet / daß er seine Sinnen anderwerts [249] lencke /und aus den Schrancken der gebührenden Zucht trette.

Polyphilus / fast erhitzet / führete kurtze / aber strenge Wort / sprechend: wann ich so schliessen wolte / will ich bald erweisen / daß nicht nur keine Witwe / sondern gar kein Weibsbild / sie sey Jungfrau / oder was sie wolle / zu heyrathen. Dann ist sie reich / so will sie herrschen / ist sie arm / so wächst der Mangel; ist sie schön / wird sie verführet; ist sie heßlich / ist alle Freude todt. Aber das heisset nicht von einem verständigen Tugend-Paar geschlossen. Anlangend auch die Kinder / wird hoffentlich die Frucht nach dem Stamm gerathen / daß sie mehr erfreuen / als betrüben. So achtet auch ein Tugend-liebendes Hertz keinen Vortheil oder Reichthum: sondern ist zu frieden / wann er seine Geliebten / die ihm mit gebührender Ehr begegnen / und vor ihren Schutz annehmen und halten / mit seiner Hand nehre / und mit seinem Arm bewahre. Hat sie demnach / Holdselige Königin! in diesem Fall / gar unrecht geschlossen; dann Reichthum achtet ein Tugend-begieriger so viel /als nichts.

Atychintida erkennete den Fehler / fieng gleichwol wieder an / einen andern / und / ihrer Meynung nach /viel kräfftigern Beweiß anzuführen / aus dem / daß solche Personen / welche beyderseits / einer dem andern / die Ehre und Zierde der Jungfräulichen Keuschheit zubringen / auch einander fester und vergnüglicher lieben / als da solches eines theils fehle. Hingegen / versetzte Polyphilus / weiß ich bey der Wittwe /was ich habe / und daß ich nicht betrogen werde. Daher ich vielmehr / auf meiner Seiten / so schliessen wolte. Dann wofern ein zweifelhafter [250] Gedancke dem Liebenden entstehen solte / der ihn / wegen seiner Geliebten / biß dahin verwahreten Keuschheit / in Mißtrauen setzen würde / wo wird die Liebe bleiben? welcher aber eine Wittwe liebet / ist dieser Forcht gäntzlich befreyet. Auch wäre allhie nöthig / die Gemüther der Menschen zu unterscheiden / deren etzliche zu der Jungfräulichen Ehre geneigt / etzliche aber mehr selbiger zuwider erkannt werden. Meinen Theil betreffend / halt ichs mit dem letzten / und widerspreche dem Schluß / daß die Liebe mit der Jungfrauschafft am glückseligsten blühe. Dennoch aber / führete Atychintida weiter an / müstet ihr / geliebter Polyphile! in steter Forcht schweben / sie liebe euch nicht von gantzem Hertzen / weil zu besorgen / daß die Erinnerung und das Gedächtnus ihres vorigen Liebsten / noch immer eine Gluth / in ihrem Hertzen / entzünde / dadurch sie mehr gegen ihm / als euch selber brennete. Diß beantwortete Polyphilus / daß sie gegen einem Verstorbenen möge brennen lassen / was sie wolle /weil ihme der keinen Schaden könne thun: auch / fuhr er weiter fort / wäre sie darum zu loben / als deren Hertz nicht alsobald vergesse / was die Augen verlassen: ja desto eiferiger zu lieben / weil man sich / auf solche Art / einer getreuen Liebe bey ihr versichern könne. Und / fieng er endlich an / wann sie gleich /Holdseligste Königin! tausend widrige Ursachen anführete / wolt ich auf tausend antworten / und tausend wieder entgegen setzen / die / was sie zu verwerffen gedächte / bekräfftigen könten. Dieser Grund bleibet unverruckt: besser und sicherer ist eine Wittwe / als Jungfer zu lieben / von der man / so wol im Leben und Wandel / als in der Liebe / damit sie schon zuvor geliebet / gewissen Beweiß und [251] unverfälschte Zeugnus haben kan. Darauf Atychintida antwortete: Nun /so bleibet in eurem Vorsatz / und so fern ihr diß Gespräch / nicht bloß in den Wind gerichtet / sondern es etwa in dem Werck zu erweisen gedencket / so verleihen die Götter / daß euer Beweiß / dem ich nunmehr selbst beypflichten muß / auch allerdings erfüllet werde / damit ihr nach diesem nicht bereuen dörffet /daß ihr anjetzo / bey einer Wittwe / der Wittwen Lob so hoch erhebet / und euch selbsten so tieff darein verliebet.

Dieser Schertz Atychintidœ / weil er / in dem Hertzen Polyphili / einen lautern Ernst traff / vermochte ihm leicht die Röthe auszutreiben / ob er gleich / mit höflichem Gegen-Schertz / sein Gespräch / allein der Königin zu Ehren und Gefallen geführet / gar artlich bekräfftigen konte / als hätte ers vor das grösseste Unrecht bekennen müssen / wann er / in Beyseyn ihrer / der Wittwen Vorzug hätte sollen erdrücken lassen. Wie aber ein Schertz den andern reitzet / als fieng die Königin an: so seh ich wol / haben wir alle beyde ein anders geredt / ein anders gedacht / weil ein jeder wider sich selbst geredt / dem andern zu Gefallen. Welches Polyphilus so muste geschehen lassen und zugeben / damit er nicht schuldig würde / an der Liebe einer Wittwen / die doch heimlich solte gehalten werden.

Weil derowegen Polyphilus / nur mit Wincken /nicht mit Worten / ihren Schluß billichte / und also keine Ursach gab weiter zu reden / fieng sie an: Nun habt ihr / Polyphile! so viel gesehen / als menschlichen Augen allhier zu besichtigen / erlaubet / werdet auch mit meiner und der Meinigen bißher erzeigten Gunst vergnüget seyn: weil wir aber euch Polyphilum[252] nennen / das ist / vor den halten / durch welchen die erzürnte Götter sich wieder mit uns vereinigen / und diß Gefängnus wenden werden / so neiget eure Gunst nicht von uns / sondern verdienet den Danck / welchen der geneigte Himmel euch / vor andern / zu verdienen / vergünstiget. Jetzt ist die Stunde vorhanden /da entweder wir wieder erlöset / oder aufs neue und ewig werden verdammt bleiben / und ihr mit uns. Darum so folget mir / Polyphile! unser Trost! wir wollen denen Unsterblichen Opffer bringen / und ihren Dienst verrichten.

Mit welchen Worten sie Polyphilum wieder ausführete / da sie eingangen waren / biß mitten in den Glücks-Tempel / allwo zwey grosse Seulen aufgerichtet / in deren Mitte ein Kasten / an zweyen eisernen Ketten / herab hieng / welcher das Schloß des Gefängnüsses behielt. Und als Polyphilus / gerad gegen über / eines Altars gewahr wurde / darauf sie opffern könten / sprach er zur Königin daß diß ein bequemer Ort wäre / zu dem Opffer / allda sie es vollbringen wolten: welchem dann die Königin einstimmete / und ihr Vorhaben mit grosser Andacht vollbrachte.

5. Absatz
Fünffter Absatz

Beschreibet die endliche Erfüllung / des VerlangensPolyphili / durch den Anblick derer Tafeln geschehen / auf welchen der Name der schönenMacarien geschrieben / und was sich weiter begeben: Lehret / daß endlich das Tugend-Verlangen nicht unvergnügt bleibe / [253] solt es gleich heimlich und etwas scheinbar geschehen.


Nach verrichtetem Opffer / führete die Königin Polyphilum zur lincken Seiten hinter ein Gerüst / und zeigete ihm die so langverlangte Tafeln / darauf der tausend schöne Name Macarie in Ertz gegraben war: so bald Polyphilus denselben erblickete / schlug ihn /weiß nicht / soll ich sagen / die unerschöpffte Freude /oder das schmertzliche Verlangen / gleich einem Donner-Keil / ins Hertz / daß er / sein selber vergessend /auf die Erden niderfiel und / als wolt er anbeten / sich geberdete. Er empfieng den Namen Macarie / mit so offt wiederholtem Kuß / daß endlich die Königin verursachet wurde / ihn zu erinnern / daß er die Ehre / so allein denen Unsterblichen gebühre / nicht einem Menschen beylege / und die Götter erzürne: aber es mochte alles nicht helffen / ob der Mund und die Augen gefangen gehalten würden / hatte doch das Hertz seinen freyen Paß / welches in der erhitzten Seufftzer-Glut dermassen brannte / daß der aufgehende Rauch alle Sinnen dämpffete / so gar war nichts empfindliches mehr an Polyphilo.

Da ihm aber die ausgesandte Boten seiner Gedancken / von Macarien wieder zu ruck kamen / und sein Hertz mit guter Hoffnung trösteten / ermunterte er sich wieder / und weil er allererst erkennete / was er gethan / überfiel ihm eine so furchtsame Schamhafftigkeit / daß er die Königin nicht ansehen dorffte: welche / da sie solches merckete / ihn selber anredete / und seines Verbrechens halber straffete. Nach dem / befahl sie ihm die Schrifft zu lesen / die wir oben [254] schon gesetzt / und da er vernahm / daß das Gelübd der Einsamkeit / durch Polyphilum / solt aufgehoben werden / und Macarie / unter einem fremden Joch / gefangen liegen / fehlete nicht viel / er wäre vor Furcht und Freuden fast gar gestorben: die Freude gebahr die Zerstörung der Einsamkeit; aber diß Gefängnus Macarie konte er nicht alsobald errathen / das ihm dann keinen geringen Schrecken erweckete / sonderlich / weil es ein fremdes Joch genennet wurde. Doch tröstete ihn die Königin / daß / nicht ohne erhebliche Ursachen / eben die beyde Namen zusammen gesetzet wären. Mehr aber stärckete die Freud Polyphili / daß nunmehr die Zeit der Erlösung vorhanden: also auch er die Einsamkeit zerstören werde. Hätte Polyphilus gewust / daß sie in dem Hertzen Macarie schon zerstöret gewesen / würde er noch fröher worden seyn. Er stund vor den Tafeln / sahe sie bald hinten und bald fornen an / gedachte hin und her / und kunte doch nichts gewisses finden. Kein grösser Glück hätte man ihm wünschen können / als daß er Zeit genug gehabt /deme allen sinnlicher nachzuforschen / darum sprach er bey sich selbst:

Ach! du beglückter / und doch dabey auch unglückseliger Polyphile! solt du denn von den Göttern nimmermehr / mit einer unbefleckten Freud / verehret werden? muß dann das Glück mich / mit weinenden Augen / anlachen? wie habt ihr mich / ihr unsterbliche Götter! auf einmal so hoch erhebet / und aber auch so tieff gestürtzet / daß ich nicht wissen kan / soll ich dancken oder klagen? Ach! du allerherrlichster Name Macarie! Macarie meine Lust / und meine Ergötzungen! wärest du nicht tieffer in mein Hertz gegraben /als dich dieses Ertz / O das beglückte [255] Ertz! in sich hält / du wärest schon längsten / durch die innerlich-weinende Sinnen / und denen Thränen-Tropfen weggeflösset und ausgetilget worden. Nun aber bist du in den innersten Grund meiner Seelen / ach meiner Seele! und unglücklich verliebten Hertzens versencket / da dich keine Fluth erfassen / noch ein Feuer verzehren kan. Laß dich doch / allersüssester Name! noch tausendmal hertzen / ehe du unter ein fremdes Joch gefangen werdest. Aber was sag ich? ein fremdes Joch? nicht das Joch Polyphili? Ey / so müsse meine Seele sterben / und mein Hertz ehe zerstücket werden / als daß du mir entnommen werdest. O ihr erzürnte Götter! womit hab ichs verschuldet / daß ihr mich verderben wollet? Gefället es euch / so lasset dennoch diesen meinen letzten Wunsch nicht erfüllet bleiben / daß ich eher sterbe / als Macarien / Ach! meine Macarien! die allerschönste Macarien! unter einem fremden Joch müsse sehen gefangen liegen. Wie? soltet ihr / ihr meine Augen! dem Jammer zu sehen können? Wie soltest du / du meine Zunge! gefangen bleiben / daß du nicht über billich-verdiente Rach schriest? Wie soltet ihr / ihr meine Hände! feyren können / denselben aus ihrem Schoß zu reissen /der ihn unwürdig inn haben würde? Du / mein gekräncktes Hertz! müssetest ja vor Eyfer zerspringen /und vor Schmach verschmachten. Nein / ihr barmhertzige Götter! die ihr mich so offt beglücket / werdet mich in dieser Unglücks-Fluth nicht ersäuffen lassen! Nein / ihr gerechte Götter! die ihr eure Gaben mit Billichkeit austheilet / werdet meinen sauren Schweiß /und gefährliche Bemühungen / nicht so gar unbelohnet lassen; sondern wo nicht mehr gönnen / doch dieses herrlichen Namens [256] mich würdigen / daß ich ein Liebhaber der hundert-beschönten Macarien / ach! Macarien! gewesen sey / und daß ich mich nicht gewaigert / ihrentwegen dem Tod mich zu ergeben. Aber / was klag ich? Habt ihr doch / ihr gnädige Götter! mir schon mehr gegeben / als ich gebeten / als ich gehoffet / als ich verdienet habe. Habt ihr doch durch mich beschlossen / das Gelübd der Einsamkeit aufzuheben: ihr deutet aber ja die Einsamkeit der einsamen Macarien? Habt ihr doch durch meinen Arm / das Gefängnus dieser Verbanneten aufzulösen / beschlossen: so habt ihr auch ja die Schönste unter den Weibern /meine ewig-geliebte Macarien / in mein Joch gefangen gelegt? solt ich das wissen / wolt ich euch / durch die Auflösung dieses Gelübds / ein ewig Gelübd von neuem geloben: doch sey es / ich traue eurer Güte /die wird mich nicht verlassen.

Das waren dißmals die Gedancken Polyphili / die er aber / wegen der anwesenden Königin / nicht gar deutlich / sondern mehrentheils halb-gebrochen / hervor bringen muste. Was geschicht? Eben da er die letzten Wort ausgesprochen / und weiter reden will /erklinget hinter ihm eine Stimme / wie ihm deuchte /vieler hochsingenden Göttinnen / die ihn mit solcher Verwunderung erschröcketen / daß er / mit grosser Behendigkeit / sich gegen dem Klang wendete / und aller Reden und Gedancken vergaß / sonderlich / da er den Namen Macarien klingen hörete. Es wurde aber folgendes Lied gesungen:


Macarie! du theurer Nam /
wie bist du doch so mächtig!
Du machest die Begierde zahm /
und selbst die Kunst verdächtig:
[257]
es kan dir niemand widerstehn /
es muß nach deinem Willen gehn /
und wär es noch so prächtig.
2. Macarie! du Tugend Cron!
von jedermann gepriesen:
nimm / werthes Kind! nimm deinen Sohn /
der jüngsthin Dir erwiesen /
was er gelitten hat um Dich /
und wie er liebe brünstiglich /
Dich will er nur erkiesen.
3. Macarie! trau wieder ihm /
wie er sich Dir vertrauet:
Sein Muth / sein Hertz / und gantzer Sinn
auf Dich alleine schauet:
auf Dich und Deine Wunder Kunst
hat er sein Hertz / und seine Gunst
von Anfang her gebauet.
4. So laß ihm nun den reichen Lohn /
die Gegen-Gunst erlangen:
daß er die edle Tugend-Cron /
Macarien umfangen /
und sich mit Ihr ergötzen könn /
daß Sie ihm ihre Liebe gönn /
und stille sein Verlangen.
5. Polyphile! sey gutes Muths /
der Himmel wird dir gönnen:
Macarie! dir schencken Guts /
daß du wirst bald / bald können /
dich / Ihre Freud / sie deine Lust /
und was mehr werden wird bewust /
mit allen Freuden nennen.
6. Darzu nun wünschen alle wir /
was selbsten dir geliebet:
[258]
Polyphilum und seine Zier /
die ihm der Himmel giebet:
Macarien / das liebe Kind /
dem Götter / Menschen gnädig sind /
hinfort nichts mehr betrübet.

Mit was Tausendfältigkeit der Freuden / Polyphilus /durch diesen Gesang / sey überschwemmet worden /ist ehe zu gedencken / als auszusprechen. Darum wir uns nichts unmügliches unterfangen wollen. Die Königin aber / und andere Anwesende wurden so hoch bestürtzet / daß sie nicht wusten / was sie glauben solten / bevorab / da sie dergleichen / in diesem Tempel / nie befunden / und also nicht wusten / was es wäre / oder woher es rührete: aller Schluß gieng einmüthig dahin / daß die Unsterbliche den Himmel verlassen / und zu ihrer Erlösung / an diesen Ort / sich versamlet: welcher Wahn sie doch hefftig betrog /dann diß alles / die viel-vermögende Kunst / der Zauberin Melopharmis / zu Wege richtete. Polyphilus indessen verlangte nichts mehr / als die Erlösung des Gefängnusses / die auch ihn wieder an die Sonnen /und vielleicht zu seiner Macarien bringen würde.

6. Absatz
Sechster Absatz

Beschreibet die Erlösung Sophoxenien / mit welchem zugleich Kunst und Tugend versencket war: Lehret /wie dieselbe / durch Fleiß und Schweiß / erwachsen /hernach desto fröliger blühe / und ewige Freyheit gewinne.


Aber wie es gehet / daß uns offt das betrügliche Glück eine Freude erblicken lässt / [259] aber nicht alsobald erlangen / eben so spielete es auch dißmal mit dem unglückseligen Polyphilo. Die Zeit der Erlösung war da / was Atychintida in dem Tempel zu zeigen wuste / war alles erfüllet; ja / die Götter selbsten hatten / ihrer Meynung nach / das Werck befördert: aber die Unwissenheit / durch was Mittel diese Befreyung geschehen solte / wolte sie an ihrem Glück hindern. Polyphilus fragte die Königin: diese fragte wieder Polyphilum. Auch wusten die beyde Weisen / Coßmarites und Clyrarcha / keinen andern Rath zu geben / als daß man opffern solte: andere schlossen dahin / Polyphilus solte dencken / und was ihm beyfallen würde /das solte gelten. Aber die Sach war gefährlich: einer sahe den andern an / und konte keiner helffen.

Wer zuvor das freud-hupffende Hertz Polyphili hätte völlig mercken können / der würde jetzt auch die wehklagende Sinnen ausdrucken. Die Augen waren geschlossen / als welche sich schämeten / daß das Hertz nicht einen Rath beschliessen könne. Die Ohren waren gleichsam verstopfft / als die nicht hören möchten / was andere vor unnütze Mittel vorschlugen. Der Mund war verstummet / als der nicht reden konte / weil das Hertz nichts vermochte zu ersinnen: das Haupt war geneigt / und hätte nicht viel gefehlt /Polyphilus wäre gar versuncken / so hart drucketen ihn die bald frölige / bald betrübende Zufälle / welche ihn / durch ihre widerwertige Bewegnussen / gar leicht hätten in Verzweifflung stürtzen sollen.

Was geschicht? da aller Rath und Hülff erloschen /kommt Melopharmis / aber unsichtbar / und führet Polyphilum in den Tempel hinauf / eben an den Ort /wo die Jungfrau ihn verlassen / und er von [260] der Königin zu ruck geruffen worden. Polyphilus / fast sehr erschrocken / fühlete / daß er fortgezogen wurde / folgete doch gern / weil er gedachte / vielleicht haben die Götter deine Seufftzer erhöret / daß du innen werden wirst / wie du die Erlösung beförderst. Und da er an den Ort kam / sahe er hinter ihm / an einer Seulen /eine schwartze Tafel / darauf etzliche Wort mehr verworffen / als geschrieben. Die Königin erschrack über dem Ansehen / weil sie niemals dieser Tafeln gewahr worden: daher zu schliessen / daß Melopharmis dieselbe entweder verborgen gehalten / oder allererst an den Ort aufgehänget: doch machte es ihnen allen eine solche Hoffnung / daß die Königin / ihrer Authorität vergessend / mit viel geschwinderem Gang / dahin eilete / als sie sonst gewohnt war / und dem Polyphilo zuvor kam; aber nichts lesen oder verstehen konte: auch waren die beyde Weisen nicht weniger begierig solche zu sehen / konten aber eben so wenig verstehen / als die Königin. Deßwegen sie dem Polyphilo zu wincken verursachet / dem solche allein zu lesen und zu begreiffen / vergönstiget / daher er dieser Wort verständiget wurde: Polyphile: suche das Schloß zur Lincken / und die Schrifft zur Rechten / dann wirst du wissen / was dir verborgen: aber schweig. Darauf sahe er zur Rechten / und wurde einer Ertzinnen Pforten gewahr: und zur Lincken / da war in einer Mauern ein Kästlein zu sehen / welches er / nach dem er denen Anwesenden / durch das Wincken der Augen und Hände / ein Stillschweigen geboten / eröffnete / und einen Schlüssel fand: mit dem gieng er zur Rechten /durch die Pforten / und kam in einen köstlichem Saal /von grosser Läng und Breite / auch hohen und hellen[261] Fenstern / unter denen in der Mitte eins eröffnet / die andern aber verschlossen waren. Der Boden war an sich selbst Crystalline / und mit allerhand Arten / berühmter Steine / dermassen eingefüget / daß er im ersten Anschauen sich fast scheuete / und nicht auftretten wolte. Umher war die Zierde / mit allerhand kunstreichen Gemählen / vermehret / die Polyphilus /nicht ohne sonderbare Ergötzung / ansahe / biß er endlich zu dem eröffneten Fenster gelangete; unter diesem wurde er eines Kästleins / künstlich verfertiget / gewahr / zu dem er diesen Schlüssel / welchen er in der Hand trug / sich nicht übel zu schicken / errieth / und daher denselben zu versuchen / veranlasset wurd. Er befunde / wie ers ersonnen / und da er das Kästlein eröffnete / ersahe er einen Zettel / den er alsobald vor die Schrifft hielt / so ihm auf der Tafel benennet war; in welchem Sinn er sich auch nicht verführet befand. Dann so bald er denselben eröffnet /wurde er folgender Wort verständiget: Gib mir / mein Kind / Polyphile! durch das Opffer / so du mir schuldig bist / und heilige diese Stätte / da die Ubelthat verrichtet ist / die du zu versöhnen bist / von mir /durch die Fluthen geführet worden.

Polyphilus voller Schrecken / wuste nicht / was er anfangen solte / weil er beförchtete / daß / so er das Kind erwürgen werde / um dessen Leben zu erhalten /gleichwol diß Schloß versencket worden / wie er vernommen hatte; auch sein Leben das Ende nehmen möchte: doch gedachte er hinwieder / ich will dem Befehl folgen / und sehen / was geschiehet. Gieng darauf zur Thür wieder hinaus / fragte nach dem Kind / und führete es bey der Hand in den Saal: [262] welches / so bald es die Stätte / da es hinaus geworffen worden / ersahe / mit kläglichen Worten anfieng nach seiner Mutter zu seufftzen / weil es dieselbe noch kennete. Ist dann / sprach es / meine Mutter nicht hier /daß sie das Fenster zuschiebe / damit ich nicht wieder hinaus geworffen werde: Darauf fieng Polyphilus an /zu dem Kind: Lieber Sohn! deine Mutter wirst du jetzo sehen und erfreuen / du wirst mit mir leben / und diß gantze Hauß wird mit uns erfreuet werden: Darum so komm / und laß uns den Göttern opffern / an dieser Stätte / daß wir sie heiligen / so werden wir erlöset werden. Und als Polyphilus solches sagte / nahm er den Knaben auf beyde Arm / hielt ihn gegen dem Fenster / und schrie mit heller Stimme: Melopharmis /Melopharmis! ich gebe dir wieder das Kind / das du von meiner Hand gefordert: gib auch uns wieder / was wir verlohren / da du uns verfluchet. Auf welche Wort / ein so strenger Donner-knall / in den Saal /über dem Haupt Polyphili weg schlug / daß er vor Schrecken das Kind aus den Armen fallen ließ / und zu ruck wiche. Durch den Knall aber hörete er die Wort: Opffere auf dem grossen Altar / und eile! Deßwegen er ungesäumet wieder in den Liebes-Tempel /mit dem Kinde / gieng / und nach dem grossen Altar fragte / welcher ihm gezeiget wurde.

Er muste durch ein Thor / in eine finstere Höle gehen / die / wegen eines aufsteigenden Schweflichten Dampffs / fast erhitzet / zu beyden Seiten / ein Knallen und Brausen / gleichsam eines aufkochenden Wassers / vortrug / daß ihm kein geringe Furcht verursachete / bevor / weil er nicht wuste / was diß Gethöne wäre; da er aber ein wenig fortgieng / fiel ein Liecht [263] von oben in die Höle / das auf den Altar leuchtete / und da er näher hinzu kam / und vor den Altar trat / befand er / daß alles zum Opffer zugerichtet und bereitet war / deßwegen er den gantzen Hauffen um sich herum stellete / den Knaben aber auf den Altar setzete / und folgender Gestalt anfieng: Seyd mir gnädig / ihr erzürnte Götter! weil ich Unwürdiger diese Stunde mit euch zu reden / mich unterwinden darff; seyd mir barmhertzig / wie ihr mir immer barmhertzig seyd / und lasset euren Grimm fahren / den ihr über diß Hauß ergehen lassen! Diese Stunde sey die Versöhn-Stunde / und diese Zeit / so wir heiligen / heilige auch mit jene Zeit / die eine Boßheit der Menschen sündig gemacht hat! Erhöret mich / ihr hülffwalltende Götter! und übet eure Stärcke / durch meinen schwachen Arm! Ihr aber / ihr Anwesende! begütiget den Himmel mit Andacht und Heiligkeit! Und darauf wandt er sich um / gegen das Kind / fassete das Messer in die eine Hand / mit der andern den Schopff des Knabens / sprechend: und du / liebes Kind! dein Leben zu erhalten / ist diß Gefängnus verhänget; aber dasselbe zu erlösen / solt du dein Leben lassen. Nun so seyd vergnüget / ihr so wollende Götter! durch diesen Schnitt / den ich mit Zittern vollbringe / und begnadet uns mit dem Liecht der Sonnen! Ehe Polyphilus ausredete / und indem er zuschneiden wolte /brach / als aus einer finstern Wolcken / mit einem erschröcklichen Donner und Feuerstralendem Blitz / die Mutter des Knabens herfür / risse ihr Kind aus der Hand Polyphili / zündete den Ort an mit Feuer / welches aus der finstern Höle / mit grosser Gewalt herfür brach / und machete denen Anwesenden / durch ihre Zauber-Kunst / solche [264] Verblendungen / daß sie alle nichts anders / als das End ihres Lebens erwarteten /biß sie / durch Würckung der Zauberin / in eine süsse Ruh fielen / und als Todte sich zur Erden neigten. Indessen brachte Melopharmis ihre Mithelfferin in die Höle / die alle / mit sonderlichen Ceremonien / um und durch das Schloß giengen / und gleichsam mit harten Bedrohungen / den Wassern den Fall ankündeten / welche dann auf einmal / mit grosser Macht und Ungestümm / darnieder fielen / und das Schloß entdecketen.

Polyphilus / der / neben seinen Beyschläffern / von dem erschröcklichen Knallen erwecket / und / durch die zugefallene Forcht / nicht wenig erschrecket ward / stund behende auf / suchte den Ausgang von der Höle / durch den Weg / der ihm den Eingang gezeiget. Und als er in dem schwermütigen Schrecken /gleichsam geflügelt / durchgieng / kam er durch den Liebes-Tempel / wiederum in den Saal / allwo er /von den Donner-Worten / unterrichtet / durch das Versöhn-Opffer / die Entbindung des Gefängnüsses erlernet-Alle / die mit ihm waren / folgeten ihm; und wurde ein jedes deren / am ersten aber Polyphilus /von Melopharmis / so da / mit ihrem Sohn / zugegen war / Glückwünschend empfangen: Polyphilus aber /durch die Hand Melopharmis / bekrönet / die ihm /zum Siegs-Preiß / seine verlangte Macarien versprach Die andern grüssete die Entbindung des Gefängnus /durch den Mund Melopharmis / welche / mit Eröffnung des Fensters / an dem Saal / einem jeden / das helle Sonnen-Liecht wieder zuerblicken / unverhinderte Gewalt gab.

Alles war da mit höchster Freud entzündet / so gar / daß die innerliche Bewegung / mit vollen Strömen[265] / den Danck zu dem Mund ausgoß / und den Ruhm Melopharmis / wegen der Erledigung / in ihren Schoß niderlegte. Je hertzlicher aber die Freude war der Freyheit / je schmertzlicher war das Verlangen bey Polyphilo nach Macarien / welches verursachete /daß er Melopharmis auf folgende Art anredete:

Wüste ich doch / alleredelste Matron! wie ich sie nach Würden preisen / und nach Gebühr verehren solte / wolt ich alle Müglichkeit / dero allergütigste Hülff mit gebührendem Danck zu krönen / versuchen: allein ich erkenne / daß himmlische Gaben / nicht mit menschlicher Vergeltung zu empfahen. Derentwegen /so lasset euch günstig gefallen / die Bereitschafft des geneigten Willens / vor dem zerbrechlichen Werck /anzunehmen. Erkennet auch daher / daß unsere Zunge stumm / und unsere Hand laß wird / euren Ruhm zu preisen / und eure Ehr zu bedienen / weil diese Werck nicht irrdisch / sondern durch der gnädigen Götter allwalltende Wunder so seyn geführet worden: daher wir freywillig bekennen / daß sie würdiger mit dem Hertzen / als welches mehr göttlich ist / verwundert / dann mit einiger eusserlicher Dancks-Bezeugung verringert werden. Gleichwol aber / weil wir Menschen / unter den Menschen / menschlich handeln müssen / und allein dem Himmel himmlische Ehr gebühret: so seyd vergnüget / alleredleste Melopharmis! mit dem / was ihr sehet / und wisset / das wir euch zur Erwiederung /des grossen Guts thun / und thun können. Euch nemlich wollen wir ehren / als unsre Helfferin; Euch wollen wir dienen / als unsrer Beherrscherin / und das versprechen wir sämtliche / mit einem einhelligen Ja.

[266] Wer nie gesehen / daß Polyphilus / mehr aus Brunst der Liebe gegen Macarien / und vom Eyfer des quälenden Verlangens gereitzet / geredt / der muß es in Warheit aus diesen schmeichlenden Worten erkennen / die den Verstand Polyphili verwehen / und seinem besser Wissen eine verfälschte Unwissenheit andichten. Solte Polyphilus eine Zauberin denen Göttern vergleichen? Solte er den augenscheinlichen Betrug denen allwalltenden göttlichen Wundern gleich schätzen? Polyphile! das ist wider dich selbsten: aber so viel vermochte die erhitzte Liebe / daß Polyphilus alles gethan / könte er nur seine Macarien / die schönste der Frauen / wieder zu sehen bekommen. Dann die veste Hoffnung verführete seine Gedancken / es werde ihm Melopharmis / durch dero gewaltigen Befehl gleichwol dieses alles so wunder-glücklich verrichtet worden / ihrer Zusag nach / auch zu seinem Verlangen / und eben mit dem Glück / verhelffen: daher er sie wohl gar / wär es müglich gewesen / an das gestirnte Dach erhoben / damit sie vor ihm herleuchten /und den Weg zeigen könte / der ihn zu der verlohrnen Macarien führe.

Wie nun Melopharmis / durch ihre vielvermögende Kunst / auch nicht unklug war: also sahe sie bald /wohin die Wort Polyphili zielten / und was das Hertz verlangte / darum sie ohne weitläufftige Beantwortung / sein Begehren zu erfüllen / sich der Ehren zwar bedanckte / dieselbe aber alle zu ruck / und auf Polyphilum lehnete / als der allein würdig gewesen / diese Verbannung zu entbinden / deßwegen sie die Anwesende erinnerte / ihme / Polyphilo / gebührende Reverentz zu erweisen / und nach Verdienst zu bedienen.

[267]
7. Absatz
Siebender Absatz

Beschreibet das Gespräch Melopharmis mitPolyphilo / die ihm den Berg zeiget / hinter welchem die Insul Solette gelegen / die das Hertz Polyphili dermassen zu sich ziehet / daß er sein selber vergisst: Lehret / wie auch die Tugendgeübte / offtmals die Bezahlung so begierig fordern / daß sie mehr darüber verlieren / als erhalten.


Als das geschehen / wurde er von dem Saal / bey der Hand Melopharmis / in den obern Theil des Schlosses geführet / von dannen ihm die Gelegenheit des Orts /und ein herrlicher Anblick der Berge / Felder und Wälder / samt etzlichen aufsteigenden Kunst-Wassern / gezeiget wurde.

Atychintida indessen bestellete den Schmuck / und andere Geschenck / so Polyphilo solten verehret werden; gab auch Befehl / daß die Tafel bereitet würde /Speise zu nehmen: deßwegen sie alle / und ein jeder zu seiner Verrichtung gieng / Polyphilum aber mit Melopharmis allein liessen. Da sich nun diese beyde allein befunden / fieng Melopharmis an / alles / nach der Länge / dem erfreuten Polyphilo zu erzehlen / wie diß alles durch ihre Kunst verwaltet / und er / durch die sondere Neigung des Himmels / auf diese Art / sey erhalten worden. Nun aber sey es an dem / daß er seinen Wunsch erfüllen / und sein Verlangen erhalten solle / wann er nur selber / durch etwa freywilligem Vorwitz / seinen Weg nicht verfehlen / oder den Gewinn verlieren würde. Dann / sprach [268] sie ferner / hebet eure Augen gegen Morgen / und mercket jenen hoch gespitzten Berg / welcher die Insul bedecket / da eure Freude lebet / daß wir sie nicht sehen können. Habt aber das zur Warnung / daß ihr nicht ehe dahin eilet /biß ihr beruffen werdet / sonst werdet ihr Freude suchen / und Betrübnus finden. Indessen trauet meinem Versprechen / und lebet versichert / daß ich mehr / als mütterlich / vor euch sorge / und ohne euer suchen /einer gelegenen Zeit befehlen werde / die euch ziehen heisse. Wisset auch / daß ich eurer liebsten Macarien Sinn und Gedancken vollkommen verstehe / so gar /daß ihr an ihrer Gunst nicht zweiffeln dörffet. Und darff ich künfftige Ding zuvor melden / versichere ich euch alles dessen / was ihr bißher an Macarien verlanget / und in dem Tempel von ihr verstanden habt.

Mit was hertzlichem Froh / Polyphilus diesem Gespräch muß zugehöret haben / kan der leicht ermessen / welcher mit ihm unter gleichem Joch gearbeitet /oder noch arbeiten wird. Tausend Freuden spielten in seinem Hertzen / und himmlische Zufriedenheit küssete das Verlangen. Auch fehlete nicht viel / er wäre über der ungehofften Freud erstummet / weil er kein Wort hervor bringen kunte / besondern / mit unverruckten Augen / die Berg-Spitze / und die darüber schwebende bläulichte Wolcken / bestrahlete / als wolte er dieselbe durchsehen. Und da er eine immerhelle entflammete Schöne / über dem Ort vernahm /allwo / nach Melopharmis Aussag / die Insul Solette der schönen Macarien den Sitz gönnete / dachte er bey sich in seinem Hertzen: Du bist ja freylich / allerschönste Macarie! selbst die Sonne / selbst die Sternen / selbsten der Glantz / der deine Nähe / [269] auch deine Ferne / erleuchte: Warum doch hat dich deine Würde nicht / vor der Zeit / in das Wolcken-Zelt versetzet / daß du / meine Sonne! mir von jener Höhe scheinen / und die Finsternus meines seufftzenden Hertzens erhellen köntest. Ach! du gütiger Himmel! und ach! ihr feurige Zinnen! zeuget von mir; flüchtige Wolcken eilet / ja! eilet / und saget ihr an / daß ich noch übrig sey / ihre Tugend zu verwundern / und ihren Verstand zu ehren. Gehet doch / ihr geflügelte Wellen! und verrichtet den treuen Dienst. Und ihr Melopharmis (fieng er mit heller Simm an /) alleredleste Melopharmis! nehmet mich an / meine Mutter! euren Sohn / und helffet mir / so fern ihr Kunst und Tugend liebet / die ihr liebet / zu Kunst und Tugend.

Diß beantwortete die Zauberin mit verneinen / und versetzte / daß er eine blosse Unmüglichkeit suche /darum er dißmal das Stück der Weißheit beobachten /und sich in die Zeit schicken müsse. Das weiß ich wol / sagte Polyphilus / daß sich in die Zeit schicken /sey ein Theil der grösten Weißheit / aber ich will in diesem Fall lieber die Thorheit wählen / mit Liebe und Vergnügung meiner Begierde / als in der Schwermütigkeit des ängstigen Verlangens / mit Weißheit leben.

Das ist wol recht / versetzte Melopharmis / ein offenbahrer Beweiß / daß die Gewalt der Liebe auch die Klügesten zu Narren / und die Tugendherrschende zu Laster-Dienern mache. Was redet ihr / Polyphile! wisset ihr auch / was ihr redt? wann ich nicht zuvor wüste / daß eure verdammliche Liebe / mehr auf die Wollust / als Tugend gegründet wäre / könte ich daher leicht schliessen / was eure [270] Sinne vor ein Ziel aufgesteckt. Wolt ihr Weißheit verlassen / und Liebe nehmen? wolt ihr Thorheit erwählen / und die Tugend gesegnen? So bleibet ihr thöricht in der Liebe / und Lasterhafft in eurem Begehren. Thörichte Liebe aber ist ein Verderben / und ein Lasterhafftes Begehren würcket viel Unglück. Drum besinnet euch eines bessern / und leget euren Begierden das Gebiß der Mässigkeit / auf daß ihr / durch gleiches / gleiches Gewinnen / das ist / Tugend / durch Tugend / erwerben könnet. Versichert euch / Polyphile! solte die Tugend-liebende Macarie / eines solchen Wortes / auch nur von ferne / verständiget werden / es würde alle eure Bemuhung in die Lufft gebauet / und euer Verlangen in den Wind vergraben seyn.

Polyphilus / dem diese Straff-Rede sehr zu Hertzen gieng / als welche er unverdient dulten muste / fieng mit hochgeführten Reden und betheurten Worten /sein besseres Hertz und Sinnen an zu entschuldigen /mit Vermelden / daß keine Liebe in ihm herrsche / die nicht auf Tugend gegründet; und keine Begierde bey ihm zu finden / die nicht jederzeit dem Verstand sich unterwerffe. Daß ich aber / fieng er ferner an / die Thorheit zu wählen / erkieset / mit Liebe / vor der Weißheit / ohne Liebe: hat keinen solchen Verstand /wie ihr deutet. Ich halte gäntzlich davor / daß selbsten die Weißheit / ohne Liebe / eine Thorheit sey / und die Thorheit / mit Liebe / eine vollkommene Weißheit. Ich verstehe aber eine solche Liebe / damit ich Macarien / die Schönste der Schönen / Liebe. Welche ihr / traun! mit dem grössesten Unrecht / verdammlich / und auf Wollust gegründet / schätzet / weil sie einig und allein / die Tugend / [271] als ihre Urheberin /und den Verstand / der verstandigen Macarien / als ihre Ernehrerin / umfähet. Ist demnach die verdammliche Wollust so ferne von meiner Liebe: als weit der Himmel von der Erden / die Laster von der Tugend /und von der Thorheit die Weißheit entschieden. Die Brunst aber meines Verlangens / welche mich / diese Wort zu führen / verleitet / ist gleicher Gestalt / auf die lob-würdige Tugend-Bahn getretten / da sie mit schmertzlichen Suchen / die Vollkommenheit der Liebe / durch die Beständigkeit der Tugend / zu errennen / sich bemühet. Und wird das alles um so viel mehr gestärcket / durch die gefasste Hoffnung / es werde / durch ihren Anblick / meine Tugend vermehret / und meine geringe Kunst durch ihre Begleitung /mercklich vergrössert werden. Das ist die Entzündung meiner Begierde.

Das alles zwar war künstlich genug verdrehet /doch mochte es nicht so viel ausrichten / daß Polyphilus / auf Beantwortung Melopharmis / nicht gestehen muste / er hätte sich dißmal die erhitzte Begierden zu weit verführen lassen: welches er dann / gebührender Bescheidenheit halber / nicht lang wägerte / sonderlich / weil er gedachte / Melopharmis würde ihm von allem weitern Bericht ertheilen / deßwegen er dißmal die Warheit / mit einer schmeichlenden Höflichkeit /überziehen / und / ihm zu grössern Nutzen / einen kleinen Schaden leiden muste. Auch Melopharmis /weil sie besser wuste / wohin sein Hertz ziele / und wie seine Begierden leicht ausser den Tugend-Schrancken schreiten würden / hielt ihm solchen Fehler gern zu gut / mit angehengter Warnung / daß er sich / nach dem / besser vorsehen / und dem Mund nicht gestatten solte zu reden / wann das Hertz nicht gleiche Ersinnungen führe.

[272]

Indessen fielen die Augen Polyphili / welche biß daher die Furcht der Schamhafftigkeit etwas verschlossen gehalten / wieder auf die Berges-Spitz / die ihn von seiner Macarien scheidete / und seinen Stral aufhielt / daß er die verborgene Insul nicht ersehen konte. Da er aber eben diß / mit einem hertzlichen Seufftzer heimlich beklagte / fieng Melopharmis / die seine Unruh alsobald merckete / an ihn zu trösten /mit Vermelden / wie die schöne Macarie / durch ihre Eröffnung schon wisse / daß Polyphilus noch lebe /und anjetzo / in vester Hoffnung / und täglicher Erwartung / sich seiner bald-künfftigen Gegenwart tröste; auch ihn / Polyphilum / so von Hertzen liebe /daß / wofern sie nicht / durch besondere glaubwürdige Eröffnung / von seinem Leben und Wohl-seyn / wäre verständiget worden / sie schon längsten ihre betrübte Seele dem Leibe entzogen / und ihn zu suchen ausgehen lassen.

Als Polyphilus das hörete / fieng er mit heller Stimm an: Ach! warum soll ich denn das Hertz / die liebe Seele / nicht alsobald sehen / daß ich sie völlig erfreue / und durch ihre Freude / auch die Wunden meiner Betrübnus verbinde? das hat seine sonderliche Ursachen / versetzte Melopharmis / die ihr vor dißmal nicht wissen dörffet. Seyd aber zu frieden mit dem gütigen Himmel / der euch über Verdienst begnädiget /und lebet in dem Vertrauen / daß ihr sie wieder sehen werdet.

Was solte der gute Polyphilus thun / er muste diese Erinnerung / als einen ernstlichen Befehl / verehren /und sich mit süsser Hoffnung künfftiger Befriedigung vergnügen: gleichwol aber / wie der Liebenden Gemüther von steter Unruh beherrschet / [273] und von allen zufallenden Sinnen / gleich einer ewig-lauffenden Kugel / umgedrehet werden: Also war alles das / was die Augen Polyphili füllete / eine Erinnerung seiner geliebten Macarien / welche sich jederzeit so sehr verstärckete / daß ihm unmüglich war / seinen Mund zu verschliessen / und der Zungen das Stillschweigen zu gebieten. Alles / was er hörte / was er sahe / da preisete der Mund seine Macarien / so gar / daß er auch die anwesende Königin / und andere die Polyphilo zu dienen / wieder herauf kommen waren / nicht scheuete / und Melopharmis gezwungen wurde / ihn zur Seite zu führen / und seines Fehlers halber zu unterrichten. Aber Polyphilus hätte ehe sein selber vergessen können / als ihrer nicht gedencken. Darum gab ihm Melopharmis den Rath / weil ihm ja unmüglich sey von ihr zu schweigen / und aber diese Sach vor allen heimlich müsse gehalten werden: als solle er sie / im fremden Namen / nennen / und sonderlich /wann Atychintida / die Königin / ihn ihrentwegen besprechen würde / damit er / auf solche Art / ihre geschöpffte Muthmassungen derselben benehmen / und die vermeinte Gewißheit / so ihr die Tafeln in dem Liebes-Tempel / auch sein zum öfftern unbedachte Bekäntnüs / gestärcket / zweiffelhafft machen könne.

Das gefiel Polyphilo nicht übel / und gedachte er alsobald / welcher Nam würdig seyn möchte / der Würdigsten auf der Erden zuzueignen. Es wolte aber /in dem zweiffelhafften Beginnen / ihm keiner so bald beyfallen / sonderlich weil die Furcht / es möchte ein ausgeziertes Wort den Verstand entdecken / und Macarien bekennen / der Würde widerstrebte / und diß Tugend-Bild geringer zu benahmen [274] anmahnete: die Würden hingegen von der Furcht sich nicht wolten erdrucken lassen. Dann Polyphilus lieber leiden / als seiner nie gnug gepriesenen Macarien Himmel-würdigen Ruhm verkleinern wolte.

Voll solcher Gedancken / nähert er sich wieder zu der Königin / welche eben einen Zettel / in der Hand /den Augen vorzeigte / darinnen folgendes Gedicht verfasset / welches ein unglückseliger Liebhaber /einer ihrer hochmüthigen Hof-Dienerin / die sich nicht wolte erbitten lassen / seine Betrübnus zu beklagen /aufgesetzt.


Soll ich / wie andre thun / dir einen Namen geben?
Du hertz-geliebtes Kind! soll ich mit Mühe streben /
nach dem / wie ich dich nenn? weiß unter tausend ich
nicht einen / der mit recht / mein Schätzgen! treffe dich.
Versagen kan ichs nicht: sonst wär ich kein Poete /
wann ich / was andre thun / nicht gleicher Massen thäte /
es fordert unsre Schuld / wir wollen / oder nicht /
es heischet unser Nam ein schönes Nam-Gedicht.
Das sieht man überall: wer Flemmings liebe Sachen /
und Opitzs Göttlich Werck ihm nur bekant wird machen /
wird finden diesen Dienst. Ich glaub / so manches Bild /
als jener angesehn / hat er die Schuld erfüllt.
Dann / daher kommt uns das / daß wir so hänffig lesen /
in seiner Verse-Spiel / das liebe Jungfern-Wesen /
die bald Amene heisst / und bald Ambrosie /
bald Anemone auch / und bald Adelfie.
Bald Albie / mit samt Arethnien / der Schönen /
und bald Anthropine / die Asteris verhöhnen
dort in den Sternen will: und Athanasie
auch mit der Basilen / selbst die Basilnie /
bald liebt er Balthien: vergisst nicht der Chrysillen /
die ihm die Liebste war / nach seiner Chrysosillen /
nach Chrysoglossen auch: die Desiderie
verlangt er mehr und mehr: wie die Dorinnie.
Die ihn mit Liebe kränckt / nennt er die Dulkamare /
und Dolorosen die / so ihm zuwider ware /
[275]
und wie er jene liebt / die er Dulzissen nennt
hat er Dulziaden durch gleiche Gunst erkennt.
Wie nett beschreibt er doch die wilden Eromisen /
mit samt Echthrothymen / die er pflag zu erkiesen
für allen: eh er liebt die lieb Esthonien /
und eh er kennte die beredt Eulalien.
Jetzt Eurokrate kommt / der folgt die Eromanthe /
nach welcher er nicht lang Erofolen erkannte /
die zwar nicht viel gefiel. Drum er Euchastrien
an ihre statt erwählt / und die Euphrasien.
Nach der gefiel ihm wohl Filene / Flotate /
nach der er Fidelien um ihre Treue bate /
so offt verwechselt er die liebe Namen-Lust /
als offt er einen Schatz von neuem suchen must.
Er blieb bey einem nicht: wo seine Lieb auf Rosen
und nicht in Dornen stund / die hieß er Gratiosen /
und Julianen die / so er vor andern liebt /
wiewol Kalopsiche auch nichts vergeblich übt.
Die weisse Kandie / die redliche Kandore
erwarten ihn sehr offt / vor ihrem Garten-Thore /
und Konstantine steht auf einem Felsen-Stein /
die keusche Kastulan will nicht mehr Jungfer seyn.
Leukardie folgt jetzt / die er guthertzig preisste /
und Lithokardie / die unbarmhertzig weiste
der Livien die Thür: Miranda wundert sich /
wie Metrofebe gläntzt / und wie du / Flemming! dich /
verführen lässest so / von deiner Misosillen /
läst Maritaten stehn / umfängest die Melillen /
weil sie ist Honigsüß; wie zur Neapalen
du könnest gehen fort / und lassen traurig stehn
die Neanisken hier: folgst deinem Dünckel-wahne /
und denckest nicht daran / wie offt dich Osculane
mit Hertzens-Lust gehertzt: nimmst die Polypfien
die doch so untren ist / an statt Porthenien.
Was meinst du / sagt hierzu / die rothe Purpurelle /
was denckt Panomfe doch? was dichtet ihr Geselle /
die kluge Pasarist? solt noch wohl günstig seyn /
Palinerothe dir / nun du bist so gemein?
Gedenckst du nicht daran / was dorten die Sperathe /
die du nun untreu heisst / dir / werther Flemming! thate /
[276]
das keine Freundin thut? doch nahmst du Salvien /
die helffen konte dir / mit sammt der Svavien.
Das sind ja Namen gnug: noch hat er kein Genügen;
gen Himmel ist er gar mit seiner Kunst gestiegen /
und hat auf Erden bracht das Kind Siderien /
und die noch höher ist / auch Theodosien.
Sie stiegen wieder auf: Tharmantie / die Schöne /
kommt nach an ihre Statt: und daß ihn bald bekröne
Volinie blau-braun / lässt er Timokriten /
die doch so freundlich war: nimmt an Valerien.
Heisst diese wieder gehn / ergiebt sich Valerosen /
die mit Velozien muß um die Liebe losen /
noch war sies nicht allein / weil seine Zimbrit
sie jagte aus dem Feld! und die Zinezie /
die einem andern war / der frommen Zelodienen
nicht schaden konte mehr: doch dorfft er sich erkühnen /
wohl tausend mehr so viel / wie sich es schicken wolt /
zu nennen / denen nur sein Sinn und Hertz war hold.
Hat Flemming das gethan / die Cron der teutschen Zeiten /
der fremden Länder Ehr / dem ich / ach! noch bey weiten
nicht zu vergleichen bin: was wird denn meine Pflicht /
erfordern dir zu thun / zu der mein Hertze spricht:
Daß du seyst mit ihm eins? wie kan ich dich doch nennen /
daß ich nicht fehl und irr? wie muß ich dich bekennen /
Freund- oder Feindin mein? ich zweifle sehr daran /
ob ich / wie dir gebührt / dich so benennen kan.
Zwar sind der Namen viel / wann aber / was sie deuten /
wir eigentlich besehn / muß ich doch überschreiten
der Warheit gleiches Ziel: es gehet je nicht an /
bey dir / was Flemming hat den Seinigen gethan.
Dann solt ich / Liebste! dich heut heissen Anemonen /
du würdest Morgen schon mein wieder nicht verschonen;
Amene wär dein Nam / wann du nur liebtest mich /
du hiesst Ambrosie / wann ich nur kennte dich.
Dein Silber-weisser Glantz könt Albien dich tauffen /
mit Asteris köntst du wohl in die Wette lauffen /
verkriechen müste sich die schöne Basilen /
wann einmal möchtest du in Gnaden mich ansehn.
Wie mich nach dir verlangt / so köntst du wohlwohl heissen
die Desiderie / und wie du mich thust speisen
[277]
mit bitter-süssem Kraut: könt ich benahmen dich
die Dulkamara mein: und wann du einmal mich
erfreuen woltest nur / so wärst du die Dulzisse /
von der mich keine Noht / kein Unfall wieder risse /
doch / weil dus nimmer thust / so solt und must du seyn
die Dolorosa selbst / die mir macht grosse Pein.
Sonst / weil du bist beredt / so köntest du wol führen
den Namen mit der That; du köntest alsbald spüren /
daß die Eulalie dir / Schatz! gewichen sey /
und daß Fidelie mir geben deine Treu /
Wenn du so heissen wolltst. Du wärest die Filene
und Filotate mit: die Liebliche / die Schöne:
Wann nur das theure Wort / Kandora / dir gefiel /
ich meyne / deine Treu: nun weist du / was ich will.
So wolt ich tauffen dich / wann du nur selber woltest;
so solt ich tauffen dich / und du mit Recht auch soltest
dich wägern keinmal nicht / doch wie du untreu bist /
so auch dir nicht gar viel um diese Namen ist.
Ach wenn ich denck an dich / O seelge Rosimunde!
wie du mir deine Treu / aus deines Hertzens Grunde /
von Anfang offenbahrt: heissts freylich weh und ach!
gar selten / selten kommt uns etwas bessers nach.
Drum weiß ich anderst dich / auch besser nicht zu nennen /
wann ich die Warheit soll / mit trucknem Mund / bekennen /
als meine Delite / die mich verderben will /
und tilgen aus durch sich: mein Tod der ist ihr Ziel.

Die lächlenden Geberden der Königin / deren sie sich / unter dem Lesen / vernehmen ließ / verursachete Polyphilum zu forschen / warum sie doch so heimlich lache / es müsse gewiß was besonders darinnen seyn? worauf ihm die Königin das Papier darreichte / mit der Antwort / daß sie die Thorheit der Verliebten verlache.

Polyphylus / so bald er den ersten Vers erblickte /gedacht alsobald / es geschehe diß / aus besonderer Fügung / des so wollenden Himmels / bekandte sich dannenher schuldig / dieses Namens sich zu bedienen / [278] als welcher von dem Himmel selber / mit Macarien zu wechseln / verordnet sey. Deßwegen er die Königin über die Thorheit der Verliebten immer lachen ließ / er aber verlachte / im Gegentheil / die Thorheit ihres Gelächters.

Die Deutung aber / des Namens Delitee / wolte dem furchtsamen Polyphilo fast ein Schrecken einjagen / daß er ihm die Gedancken machte / es werde / in diesem letzten Versen / der Untergang seiner Liebe /mit seinem höchsten Verderben / angekündet / und sey sie von dem vorsehenden Himmel Delitee genennet worden / daß / wie ihre Liebe allbereit erloschen; also auch seine flammende Brunst / durch die Kälte ihrer Widerwertigkeit / aber zugleich mit seinem Leben / erleschen würde. Wiewol die Erinnerung dessen / was Melopharmis versprochen / viel ein anders zeugete / und dieses ausleschen oder vertilgen auf die Schmertzen und Furcht seines Hertzens / in der brennenden Liebes-Pein deutete. Dessen er noch mehr versichert wurde / weil Atychintida Schertz-weiß anfieng: Diesem gehet es vielleicht nicht besser / als es euch ergangen / edler Polyphile! mit Macarien: dem Melopharmis antwortete: mit nichten / Polyphilus wird nicht vertilget werden / sondern seine Liebe wird feuriger brennen / wann Macarie die Glut der schmertzhafften Bekümmernus ausleschen wird. Darauf Polyphilus / als entrüstet / anfieng / weil ihm diese Wort erwünschte Gelegenheit zur Hand gaben: von was vor einer Macarien saget ihr / die mir meine Schmertzen leschen werde? Kan man auch Schmertzen tilgen / wo keine Schmertzen sind? Ich weiß nicht / was ich sagen soll. Zwar muß ich gestehen /daß ich / in dem [279] Tempel der Liebe / viel von Macarien gehöret / und noch mehr gesehen. Ich muß bekennen / daß / da ich von Macarien gehöret / mir der Name so wol gefallen / daß ich ihn vor andern gepriesen / ich muß auch das sagen / daß / da ich sie gesehen / mein Hertz erschrocken / meine Augen geblendet / und mein Mund erstummet ist: aber daher folget nicht / daß entweder sie meinem Hertzen Leid erreget / oder ich ihre Erlösung hoffe. Was mich dort gefangen hält / ist Tugend; und was ich an ihr rühme /ist Kunst; was ich verwundere / ist Verstand: Sie aber mit einer solchen Lieb zu suchen / die mir Schmertzen verursache / ist so ferne / als meine Unwürdigkeit von ihrer Würde / und ihre Gedancken / von meinem Beginnen. Durch jenes darff ich mich dessen auch nicht einmal unterstehen; durch dieses warnet mich ihr Vorsatz der Einsamkeit vor vergeblicher Arbeit. Aber ohne Liebe / rühm ich sie; ohne Liebe verlang ich sie: weil sie werth ist zu rühmen / und würdig zu verlangen: so fern auch die Tugend Liebe verdienet / kan ich ihr auch diese nicht versagen / aber mit dem Beding /daß meine Liebste Delitee / nicht etwa über Verkehrung der Sinnen / und betrügliche Untreu klagen dörffe.

Kaum war das Wort ausgeredt / als Atychintida anfieng: Habt ihr denn auch / edler Polyphile! eine Deliteen: Ja / sprach er / eine Deliten; sie fragte weiter: die ihr hertzlich liebt? die ich hertzlich liebe: antwortete Polyphilus; und Atychintida: die ihr einig liebt? Ja! sprach wider Polyphilus / die ich einig liebe / und die ich biß daher / unter dem Namen der Tugend-gezierten Macarien / geehret. Wie wird dann / fragte die Königin ferner / die Weissagung / auf den Tafeln verfasset / erfüllet werden? [280] die ist / versetzte Polyphilus /nunmehr schon erfüllet / weil ich die Erlösung erworben; was aber das wolle / daß nunmehr das Gelübd der Einsamkeit / durch mich solle aufgehoben werden / kan ich nicht anderst / denn durch das fremde Joch deuten / darunter Macarie wird gefangen liegen /weil / mir solches zuzuschreiben / eine Vermessenheit / und wider den offenen Verstand der Wort gehandelt wäre. Darum erkenne ich mich vor die Ursach dieser Befreyung / mit welcher vielleicht die Gelübds-Bedingung / in gleicher Zeit und Länge bestehen sollen: aber den Zerstörer ihrer Einsamkeit wird man Polyphilum nicht ehe nennen / biß Macarie selbsten Delite heisset / oder in dieselbe verwandelt wird. Dann diese / und sonst keine / beherschet meine Freyheit.

8. Absatz
Achter Absatz

Beschreibet / wie Polyphilus / mit der Königin / und deren Angehörigen / Tafel gehalten / und was sie von der Verbauung dieses Schlosses / vor Gespräch erkieset: Lehret / daß Kunst und Tugend / nicht durch des Himmels / sondern der boßhafften Menschen Schuld erdrucket liege.


Atychintida wolte weiter reden / allein die Tafel war bereit / deßwegen sie abbrechen / und wieder hinab steigen musten. Polyphilus ließ seine Augen nochmal über den Berg gehen / und schickete der schönen Macarien einen hertzlichen Seufftzer. Indem er aber den Berg bey sich betrachtete / und dessen unermäßliche Höhe bewegte / [281] die alle andere bey weitem überstieg /und also befand / daß dieses etwas sonderliches / und denckwürdiges war / fragte er Melopharmis; ob er nicht vor andern einen besondern Namen führete / die ihm im Fortgehen antwortete / daß er in gemein der Mohren-Berg genennet würde / aber selber nicht wisse / aus was Ursachen. Darauf Polyphilus / mit lachendem Schertz / anfieng; vielleicht / weil / hie zu Lande / so viel der weissen Mohren gefunden werden / die sich der Sonnen-Hitze etwas näher hinzu machen müssen / damit ihr zarter Leib / und dessen gläntzende Schöne / die Augen der Sterblichen nicht verdunckele. Aber das war ein nichliger Schertz.

Atychintida hörete das alles / aber mit tauben Ohren an / weil ihr Hertz voll Verwunderung war /und sich nicht besinnen kunte / wo hin die Reden Polyphili zu deuten. Polyphilus hergegen freuete sich heimlich / daß er die Königin so artlich betrogen /und war bedacht / wie er ferner klüglich handele /weil er sahe / daß die Heimlichkeit hoch vonnöthen wäre / solte anderst das geschwätzige Gerücht / seine Macarien nicht bekandt machen.

Beyde giengen sie in tieffen Gedancken / biß zur Tafel / da alles aufs herlichste bereitet / und reichlich zugerichtet war. Polyphilus solte den obern Sitz nehmen / und den Königlichen Thron bekleiden; aber seine Bescheidenheit beugete vor dißmal das Recht /und muste / nach lang-verübter Höflichkeit / Atychintida ihren Sitz / unter einem Purpur-Himmel; Melopharmis aber nächst zu ihr / auf einem Sessel / mit rothem Scharlach bekleidet / nehmen: auf der andern Seiten dienete Polyphilus der Königin auf einem mit grünen Sammet verdecktem Stul; und [282] schloß seine lincke Seiten Coßmarites; deme sich gegen über setzte Clyrarcha / mit den andern Anwesenden die die Tafel fülleten.

So bald aber mochte die Königin nicht Gelegenheit haben / daß sie ferner von Deliten fragte / als Polyphilus / von ihm selber / heimlich zu lachen anfieng /und / auf der Königin Begehren / versetzte: wie er sich nicht ohne Ursach verwundern müsse / daß ihm der Verfasser dieses Gedichts / seiner Liebsten Namen beraubet / das er in Warheit / solt er nur die Person wissen / nicht wol leiden würde / sondern einen Kampff anfangen. Und diß wuste er mit solcher Höflichkeit anzubringen / daß jedermänniglich seinen Schertz wol verstehen konte.

Die Königin aber war damit nicht zu frieden / sondern dorffte das völlige Werck zu forschen sich unterwinden / darauf doch Polyphilus nichts anders antwortete / als daß Liebes-Sachen geheime Sachen seyen / die die Zahl von dreyen / so wohl in dem Wissen / als in den Wercken hasse. Und weil Melopharmis sahe / daß gleichwol die Königin nicht ruhen wolte / und zu beförchten / Polyphilus könte sich nicht so leicht auf etwas bedencken / fieng sie ein ander Gespräch an / und gab Gelegenheit / von der Erledigung ihres Gefängnusses zu reden / mit Erinnern / daß rühmlicher wäre / anjetzo davon zu reden /und den Himmel dadurch zu preisen / als andere Unnötigkeiten zu forschen. Dessen Polyphilus nicht wenig erfreuet wurde.

Die Rede aber der Zauberin Melopharmis war diese: Welt-seeligste Königin! Es wissen E.M. wohl /in was harter Bedrangnus sie die Zeit gestecket / wel che mir mein Kind / durch die Boßheit der [283] neidischen Cacogretis geraubet. Und zeuget die Freude / so uns allesammt erfüllet / daß sie gleichsam aus der Finsternus an das Liecht / und aus der Todes-Furcht in das sichere Leben versetzet: welches / wie es allein durch der Götter Macht geschehen / also ist dieselbe billich zu preisen / mit Verwunderung zu verehren / und mit müglichstem Danck zu erkennen. Lasset uns demnach gefallen / und gebe E. M. gnädigen Befehl / daß die Hochweisse den Göttlichen Wundern nachdencken /und ihre Begnädigung mit erklären vorlegen. Dessen weiß ich / wird auch Polyphilus / sich mehr freuen /als aller andern Lust / und wird ein jeder / nicht ohne besondere Hertzens-Erquickung / zuhören.

Wiewohl nun Polyphilus bald merckte / daß Melopharmis dieses / zu ihrer geheimen Lust / und der Weisen zu spotten begehret; weil er nicht unwissend /daß diß alles durch kein Wunder des Himmels / viel weniger einige Begnädigung der Unsterblichen: sondern durch die trügliche Kunst der Zauberey geschehen; wägerte sich doch nicht / gab alsobald seinen Beyfall / weil er eben auch merckte / daß Melopharmis diß alles / zu seinem Besten geredt. Der Wille Polyphili war bey der Königin ein Befehl / dem zu schuldiger Danckbarkeit männiglich gehorsamen muste. Atychintida fieng selber alsobald an zu erzehlen / wie sie sich so gar nicht besinnen könne / durch was Mittel / und auf welche Art sie sey erlöset worden / so gar hätte der donnernde Blitz ihr Hertz erschrecket in der Höle / daß sie nicht bey ihr selbst geblieben. Polyphilus erinnerte / wie ihm ein Donnerschlag das Kind aus dem Arm gerissen / und wie alles mit erschrecklichem Krachen hergangen. [284] Unter den beyden Weisen aber entstund ein Streit / wie die langwürige Verbannung müsse zugangen seyn; deren jener / Clyrarcha / die Allmacht der allein Vermögenden unsterblichen Götter: Dieser / Coßmarites / auch die List und Boßheit eines Menschen / die durch die Natur viel erlernet / daher setzen wolten. Und als sie eine geraume Zeit / nicht ohne Beliebung der Zuhörenden / gestritten / fieng endlich Melopharmis an /die Sach zu schlichten / mit diesen Worten:

Wann ich meine unverständige Meinung darff hören lassen / pflichte ich allermassen dem Clyrarcha bey / dann keines Menschen Hand diese Werck vollführen / und selbsten die Natur dem allen nicht beystimmen kan. Solte wohl / fuhr sie ferner fort / eines Menschen Hand eine solche Burg versetzen / und in die tieffe Wasser versetzen / und unversehrt versetzen / und in einem Augenblick versetzen / als wir wissen / daß dieses Hauß versencket worden? solte wol eines Menschen Hand / den Grund abreissen / die Erde unter dem Wasser ausgraben / und ein so grosses Gebäu in der Lufft halten können? solte wohl eines Menschen Hand / die Wasser stemmen / ohne einen aufgeworffenen Thamm / über ein Hauß führen / ohne fallende Tropffen / und wieder ableiten /daß nichts schade? wer einen wenigen Verstand hat /wird auch das erkennen. Drum lasset uns die Wunder der gewaltigen Götter in diesem preisen / und nicht aufs neue Zorn verdienen / wann wir menschliche Ohnmacht / denen Göttlichen Kräfften vergleichen /und / der Natur mülich zu seyn / bejahen wollen / was gerad wider dieselbe streitet.

Coßmarites widersetzte sich diesem mit grossem[285] Eyfer / vielleicht weil er es nicht rühmlich hielt / von einem Weib besieget zu werden. Er führete aus allen Historien Zeugnus an / die sattsam erwiesen / daß mehrmals Menschen-Witz viel erfunden / und wunderbare Ding verführet. Sonderlich erinnerte er / was er beym Philostrato gelesen / welcher vom Apollonio zeuget / daß selbiger / bey den Indianern / zwey Fässer / wunderbarer Art / gefunden / deren eins den Regen / das andere die Wind beschloß. Wann sichs nun zugetragen / daß das Land zu dürre worden /habe das Regen-Faß gantz Indien / mit Thau / benetzen können / wann es eröffnet worden: sey es aber geschehen / daß der Regen sich über nöthig vermehret /haben sie mit dem Faß / auch den Regen gleichsam verschliessen können. Das andere hat / nach dem Willen der Menschen / die Winde ausgelassen / daß die Lufft gesäubert und gereiniget worden / auch / zu beliebiger Zeit / wiederum zu ruck gezogen / und sich verschlossen. Diß Zeugnus bekräfftigte er / noch zum Uberfluß / mit folgendem / daß er beym Olao gelesen / sich erinnerte / wie vor dem die Finländer /denen Schiff-Bedienten / wann sie widrigen Wind erlitten / die Winde zu kauffen geben / in dreyen Knotten / mit der Unterrichtung / daß / wann sie den ersten lösen würden / solten sie gelinde Lufft hoffen; der andere würde etwas hefftiger: aber der dritte stürmend und wütend brausen. Welches auch die jenige / mit nicht geringen Schaden / erfahren / so diese Müglichkeit verlachet / und die Knotten zur Versuchung geöffnet. So erzehlet / fuhr Coßmarites fort / gedachter Zeuge / von einer Hünen-Tochter / Namens Hagberta / daß sie / durch ihre Kunst / sich selbst verändern /und nach ihrem Gefallen / in tausend Arten verwandeln [286] können. Wunderbahre Ding werden von derselben gelesen / namentlich / daß sie an dem gewölckigten Himmel weit und breit sey daher gefahren; bald wieder / als ein ohnmächtiger Mensch / herab gefallen / aber zugleich den Himmel mit ihr niedergerissen; bald habe sie die Erden aufgehänget / und über den Himmel geworffen / bald unter den Wassern ersäufft; bald habe sie die Brunnen verhärtet / die Berge zerschmeltzet / die Schiff in die Lufft erhöhet / und auf dem Winde gesegelt / selbsten die Götter bestürmet /das Gestirn zerstöret / und die verfinsterte Tieffen erleuchtet. Wie deren noch vielmehr gedachter Verfasser in seinem Buch bezeichnet. Ist nun dieses erfahren / oder vielmehr erwiesen worden / was sollen wir auch bey uns zweiffeln? Ich schliesse nicht unbillich dahin / daß noch heut zu Tage solche Künste unter den Menschen gefunden werden.

Melopharmis / als welche / auf solche Art / bald sollen verrathen werden / fieng / mit einem lautern Nein / die Rede an zu beantworten / und weil die zeitige Furcht ihr Hertz und böß Gewissen schröckete /winckete sie dem Polyphilo / er solte ihr beystehen /und sie schützen. Dieser / da er sahe / daß der Discurs männiglich wol gefiel / fieng er folgender Gestalt an: Ich habe / mit nicht geringer Belustigung / eurem Gegen-Streit eine Weile zugehöret / und wolte wünschen / daß mein Verstand sich so hoch erhebte / die Sache beyzulegen / aber die noch frühe Jugend entschuldiget ihre Unwissenheit. Daß ich aber / meiner Gewonheit nach / rede / damit ich lerne / und lehre /auf daß ich unterrichtet werde / will ich meine Meynung vor dißmal euch / Melopharmis! nicht weniger auch denen andern Anwesenden zu richten und zu[287] verbessern geben. Ist demnach kein Zweiffel / sie habe in allem recht geredt / alleredelste Melopharmis! weil man gestehen muß / daß solche über- und widernatürliche Werck / nicht durch natürliche Mittel / sondern entweder / durch die himmlische / oder auch höllische Herrscher der Natur / verrichtet werden: wollen wir nicht gestehen / daß die Natur wider sich selbst streite. Ihr aber auch / verständiger Coßmarites! könnet euch / meines Erachtens / auf gleiches Recht verlassen / weil ihr in allem dem / was ihr geredt / nichts unmügliches behauptet: aber in dem Fall ists beyderseits gefehlet / daß keiner das dritte / dadurch solche Werck verrichtet werden / getroffen.

Anlangend die Erzehlung der Geschicht / halt ich davor / daß sie freylich wunderns werth sind / wann sie warhafftig sind: das aber stehet noch in grossem Zweifel. Sintemal keine grössere Unwarheit verkauffet wird / als von den Verwandlungen und Wunder-Wercken der Welt. Sehet an den Liebes-Poeten /was Wunder-Dinge erzehlet er in seinem Verwandlungs-Buch / und mit solchen Umständen / daß mancher ein Eyd auf die Warheit schweren solte? Wie weitläufftig beschreibet er den Riesen-Krieg / die die Berge zusammen getragen / den Himmel zu stürmen? wie scheinbar redet er von der Circe und Medea: Auch des Diomedis Gesellen / welche in Vögel verwandelt / lange Zeit hernach / um den Tempel Diomedis / geflogen: deßgleichen von der Gesellschafft Ulyssis / durch die Circe in wilde Thiere verwandelt; auch dem Gottlosen Lycaon / in einen Wolff; der Daphne / in einen Lorbeer-Baum; der Syringa / in ein Rohr; denen Heliaden / in Bäume; der Calisto / in einen Beeren; und [288] nach dem / mit ihrem Sohn Arcas /in Gestirn; der Coronida / in eine Krähe; der Ocyrhoe / in ein Pferd; dem Blatto / in einen Stein / wie auch Aglauros; ja! dem Jupiter selbst / in einen Ochsen verwandelt / und andern mehr? darff ich weiter gehen / wer solte nicht glauben / daß gewißlich Phaeton von seinem Vatter Apollo begehret / die Sonne an dem Himmel-Dach einen Tag herum zuführen / das ihm der Vatter vergönnet / aber mit der Warnung /daß er herunter fallen würde / wie hernach geschehen? Wer solte nicht glauben / daß gewißlich Cadmus seine Diener / Wasser zu dem Heyligthum zu holen /abgefertiget welche von einer Schlangen / bey einem Brunnen / im Walde / allesamt umbracht; deßwegen Cadmus entrüstet / und die Schlange / in deren Gestalt der Drachen-König verborgen war / mit Macht erleget / auch / nachdem / dessen Reich eingenommen: Und als er / Cadmus / die Zäne des Drachen /nach dem Rath der Pallas / ausgesäet / ein hauffen rüstige Männer aus der Erden gewachsen / die sich untereinander erwürget? Wer solte nicht glauben / daß gewiß Acteon die Dianam badend gefunden / welche ihn in einen Hirschen verwandelt / daß er hernach von seinen eigenen Hunden zerrissen worden; Oder was er vom Narcisso erzehlt / der sich selber / wegen seiner Schöne / die ihm der Brunnen entdeckt / lieb gewonnen; oder auch vom Bacho / und seinem Freuden-Spiel / wie er / mit Epheu gezieret / von Mann- und Weibs-Personen / mit Trummeln und Pfeiffen / sey umher geführet worden? Wer solte nicht glauben /daß die unglückselige Flucht der Leid gebährenden Thisbe / vor der blutigen Löwin / gewiß geschehen /da sie ihr Gewand verlassen / welches von [289] der Löwin zerrissen und beschmieret / dem getreuen Pyramo den Tod verursachete / Pyramus aber der gleich-getreuen Thisben; Und was dergleichen Gedicht unzehlig viel mehr sind? Das alles aber verursachet der geschwinde Aberglaube / und die hefftige Begierde / in uns Menschen / etwas neues zu hören / etwas hohes zu verwundern. Denn so ist unser Natur beschaffen / daß wir alle gerne Wunder hören / und neue unerhörte Dinge forschen. Daher es kommt / daß nicht nur die Gemeine und Ungelehrte / sondern auch die Hoch-verständige / ihre grösseste Beliebung an dergleichen Wunder-Gedichten gehabt / und ihnen solche Unmüglichkeiten / als müglich / vorgebildet / damit sie ja was neues hätten. Könnet ihr derowegen aus dem nichts gewisses schliessen / mein Coßmarites!

Gleichwol aber / weil annoch die tägliche Erfahrung vieler Wunder-Dinge gleiches bezeuget / können wirs auch nicht gäntzlich verneinen / bevorab da wir das Beyspiel vor unsern Augen haben. Melopharmis schreitet alsobald zu der gewaltigen Macht des Himmels; welches / wenn ich sagen darff / was ich dencke / auch gefehlet ist; und tritt in diesem Stuck Coßmarites näher zur Warheit / indem er der Boßheit der Menschen einen Theil dieser Verrichtungen zuschreibet. Dann daß die Unsterblichen wider sich selbst streiten solten / ist nicht glaublich; auch wird sich der Himmel nicht selber stürmen; vielweniger die Erde über sich erhöhen / und was dergleichen mehr. Folget demnach von sich selbst / daß diß ein Werck der bösen Geister / welche mehrentheils durch ihre Werckzeug / als dero Diener und Dienerinnen arbeiten / und uns theils warhafftige Verstellungen [290] erwecken / theils auch mit nichtiger Blendung betrügen. Welches letztere mit allem Recht von Hagberta / der Hünen Tochter / davon ihr uns erzehlet / kan gesprochen werden / und vielleicht auch von der Verbannung dieses Schlosses. Zwar läugne ich nicht / was ihr vor behauptet / daß solcher Dinge viel / natürlicher Weise / zugehen / bevorab / da ich glaube / es sey eine heimlich-verdeckte Kunst / in der Natur /welche / so wir erkundigen solten / wie dann die Weißheit der Menschen immer weiter geht / freylich viel wunderbare und seltzame Ding würden gesehen und gehöret werden / die / unter tausenden / nicht einer / vor menschlich oder natürlich halten wird. Daher ists / daß Aristoteles / der hochgepreiste Naturkündiger / ein gantzes Buch / von den verborgenen Wundern der Natur geschrieben: wann anderst Theophrastus nicht billiger desselben Verfasser von vielen benennet wird. Was soll ich sagen von Plinio / der in allen seinen Schrifften / sonderlich im andern Buch seiner Natur-Geschicht / viel herrliche Wunder bezeichnet. Was vom Proclo / Augustino / Alberto magno / Fracastorio und Ficino / die alle einhellig dahin schliessen? Ich sehe / daß ihnen meine Wort nicht übel gefallen / so lasst uns nur ein einiges aus dem Plinio vernehmen / der selbsten von der Natur /sie zu erkundigen / geschaffen zu seyn scheinet. Er berichtet aber / im andern Buch / seiner Natur-Geschichte / von einem harten Felsen / welcher in ungeheurer Grösse / bey Harpasa / einem Städtlein in Asia / stehen soll / dieser Art / daß / so man ihn mit einem Finger berühre / er sich bewegen lasse / als ein kleiner Stein: da man aber / mit gantzem Leib und grosser Gewalt / ihn waltzen will / widersetze [291] er sich gleichsam / und werde unbeweglich. Deßgleichen schreibet er von zweyen Bergen / bey dem Indischen Fluß / deren einer die Natur hat / daß er alles Eisen an sich ziehe; der andere / daß er kein Eisen leyde: daher die so ihre Schuh mit Nägeln verwahret / von jenem nicht herunter / zu diesem nicht hinauf kommen können. So lesen wir auch von einem Brunnen / zu Dodona / einer Stadt in Chaonia / welcher dem Jupiter geheiliget / daß er gantz kalt / und die angezündete Fackeln / so man darein tunckt / auslesche: aber / welches ja wunderbahr / die ausgeleschte / so sie hinzu gehalten werden / wieder anzünde. Gleiches ist bekandt /von einem andern auch gantz kalten Brunnen / in Illyrien / so man ein Kleid / auch in der Höhe / über ihn hält / dasselbe zur Stund anzündet. Und wer weiß nicht / was der hochteutsche Held / Herr Opitz / im 4ten Buch seiner Poetischen Wälder / von Wunder-Wassern merckliches erzehlet / da sein geliebter Buchner angefangen / daß sonderlich / die Macht des Höchsten / die gütige Natur / sich an der See / den Flüssen und Quellen ausgelassen / und ihr bestes Meisterstück erwiesen. Da er bald drunter setzt: in Boetien sollen zwey Flüß seyn / deren einer alle Schaaff / so daraus trincken / schwartz / der andere weiß mache. In der Stadt Garamant soll der Brunnen Dubris / des Tages / zehenmal Eißkalt / und des Nachts / zehenmal siedend heiß seyn. In der Larinensischen Gegend / sind zwey Brunnen / nahe beysammen / von denen der eine alles in sich schluckt / der ander alles auswirfft. Welcher aus dem Clitorischen Brunnen trinckt / soll auch den Wein nur nicht riechen können. In Teno ist ein Quell / dessen Wasser sich unter keinen Wein mischen läst.

[292] Darauf fieng Atychintida an: Ach! daß alle Wasser dieser Art wären! ich möchts wohl leiden / sagte Polyphilus / und fuhr weiter fort: selbst auch unser belobtes Teutschland hält einen solchen Brunnen in sich /daß / wann jemand eine Henne hinein stecket / die er mit Recht überkommen / sollen ihr die Federn stracks gebrühet werden und abgehen: Hat er sie aber mit Unrecht / bleibt sie / wie sie zuvor gewesen. Von den Reise-Leuten / aus Italien / bin ich öffters berichtet worden / daß allda zwey Brunnen vorhanden / in deren einem ein Hund stracks sterben / in dem andern bald widerumb lebendig werden soll. In Schottland soll sich gar ein Wasser in Stein verwandeln: welches der hochgeschätzte Opitz / an etlichen in Zips / mit eigenen Augen gesehen zu haben / zeuget. Deßgleichen auch von einer Pfütze bey Thorda / in Siebenbürgen /welche / ob sie zwar von unglaublicher Tieffe / dennoch keinen Menschen untersincken lässt / er könne schwimmen oder nicht. Und daß wir von dem Wasser / auf andere Wunder der Natur kommen / ist bekandt / daß zur Schelnitz / etzliche Meilen von Caschau / das Eisen / durch eine Quelle / innerhalb wenig Stunden Inschlit / und dieser hinwieder in Kupffer verwandelt werde. Was soll ich sagen von dem Demant / welchen die Griechen ἀ;ἄ;δ;α;μ;α;ς genennet / weil er sich weder vom Eisen / noch mit Feuer / bewegen lasse: und doch ists erwiesen / daß er durch ein warmes Bocks-Blut erweichet werde. Solten wir diesem den Magnet entgegen halten / würden wir wiederum / in beyden / eine unglaubliche Wunder- Krafft befinden. Denn so der Demant bey einem Eisen ligt / wird er ihm solches nicht nehmen lassen / und da es von dem Magnet ergriffen[293] / wirds hinwiderum der Demant erfassen und wegreissen. Daß wir aber nicht nur von den entseelten Creaturen hören / wollen wir mit wenigen an den Wunder-Fisch gedencken /welchen die Griechen ὲ;χ;ε;ν;η;ὶ;ς, die Lateiner Remora nennen / und von welchem der viel-belobte Aristoteles / in seinem andern Buch der Thier-Geschichte /deßgleichen Plinius / solche Dinge schreiben / die nicht nur von den Alten erzehlet und aufgeschrieben /sondern auch von ihnen selbsten / und andern / zu der Zeit / lebenden Menschen mehr / augenscheinlich wahrgenommen werden. Es soll nemlich dieser Echeneis / ein kleines Fischlein / etwa einen halben Schuh lang / einer grosser Schnecken nicht ungleich seyn. Doch dennoch / so er sich auch an die grösseste Schiff / die / mit gewaltigem Lauf / durch das Meer eilen / und sonsten von keiner Verhindernus könten aufgehalten werden / anhänge / bleibe selbiges in dem Augenblick ruhen / und könne weder durch die zwingende Winde / noch die treibende Wellen / vielweniger die ausgespannte Segel fortgeführet werden. Und ist das das allerwunderwürdigste / daß ein solche ungeheure Last / ein so mächtiger Flug / eine so geflügelte Geschwindigkeit / nicht durch Zuruckhalten /nicht auch durch Widerstreben: sondern einig und allein durch das Anhängen / eines so geringen Fischleins / kan aufgehalten werden. Wann die Exempel unglaublichen Dingen sonst Warheit erwerben / kan ich auch dieses mit dem Schaden Antonii bekräfftigen. Dann als dieser wider Augustum / bey der Stadt Actis / zu Wasser kriegete / und selbsten / auf dem Admiral-Schiff / um sein Heer herum eilete / und sie zum Streit anmahnete / hat dieser Fisch solch sein Schiff gehalten / daß [294] ers nicht von der Stell bringen können / auch gezwungen worden / in ein anders zu tretten. Welche Versäumnus dann verursachet / daß Antonius / in verwirrter Ordnung / von der Käiserlichen Armada / eilfertig überfallen / und biß auf das Haupt geschlagen worden. Aber daß wir uns nicht länger aufhalten / wollen wir auch die vernünfftige Creaturen besehen / und wie viel diese Wunder-würdige Sachen verrichtet / anhören. Jener H. Vatter schreibet / daß er viel gekennet / die gantz anderst /als andere Menschen / geartet gewesen / auch so gar wunderbar / und von ihnen allen vor etwas sonderliches gehalten / alldieweil sie seltzam / und in kleiner Meng angetroffen werden. Sie haben / spricht er / an ihren eigenen Leibern solche Dinge vollbracht / die kein anderer nachthun / auch schwerlich glauben wird / wann mans ihm erzehlt. Dann etliche haben die Ohren am Kopff bewegen können / wie ein Pferd oder Camel: auch so gar bißweilen eins allein / bißweilen beyde zusammen. Andere haben ihr Haar / ohne Bewegung des Haupts / so weit es bewachsen / auf die Stirn hervor bracht / und / nach ihrer Beliebung / wieder zu ruck gezogen. Andere haben / was sie zerkeuet und verschlucket / in unglaublicher Menge / ohne grosse Bemühung / wieder gantz und unzerkeuet hervor bracht / und / welches das grösseste / ein jedes Stuck /in seiner Art / absonderlich. Andere (welches mir zwar die gebührende Schamhafftigkeit zu erzehlen verwehren sollte; aber die Warheit zu bekennen erheischet /) haben nach Lust und Liebe / mit ihren Winden spielen können / in solcher Meng und Ungleichheit / daß sie so gar auch ein Liedlein blasen können. Auch finden sich / die schwitzen können / wann [295] sie wollen; weinen und Zähren vergiessen / wann ihnen beliebet: auch wohl gar ohne Empfindung seyn. Wie dann gedachter Vatter / von einem Priester / mit Nahmen Restitutus, meldet / welcher / womit er nur wollte / sich sinnloß machen konte / und gleich als ertödtet danieder legen / so gar / daß er nicht gefühlet / ob man ihn stosse oder pfropffe / auch einesmals / da man ihn mit Feuer versucht / ohne Empfindung sich weidlich brennen lassen: Auch hat man keinen Athem an ihm gespüret. Was wollen wir von der Himmels-Kugel Archimedis und Possidonii sagen / davon der Römische Redner / im ersten Buch seiner Tusculanischen Fragen / und andern / von der Götter-Natur berichtet / daß sie alle Bewegungen der himmlischen Circul / aufs eigentlichste und deutlichste vorgeleget? Wer solte wol gedencken / daß dieses ein Werck menschlicher Müglichkeit gewesen? wie es doch in Warheit gewesen. So schreibet Albertus von zweyen Knaben in Teutschland / vor deren einem alle verschlossene und verriegelte Thor und Thüren / zur lincken Seiten / freywillig aufgangen / so offt er über die Gassen / vor den Häussern hergeloffen: vor dem andern aber / zur rechten. Unter welches Wunder / eben der Erzehler / mit ausdrücklichen Worten setzet / daß diß nicht anderst / als der verborgenen Krafft und den verdeckten Wunder-Würckungen der Natur / die ihnen beyden / in ihrer Geburt mitgetheilet sey /könne beygemessen werden. Wiewol ich / in dem Fall / selber noch in grossem Zweiffel stehe / und mir nichts Gewisses zu bejahen oder zu verneinen unterfangen darff. Das aber zeuge ich frey / und habe mich deßwegen / in Erzehlung solcher Wunder-Dinge /gern etwas aufgehalten / daß ich erweisen möchte /[296] wieviel in der Natur verborgen / das wir Sterbliche noch nicht ergründet / und wann es ergründet wird /wir alsobald auf ein Göttlich Wander oder teuflische Blendung rathen / da doch offtmals die reiche Natur /und hoch-steigende Menschen-Weißheit / so durch Fleiß / so ohngefehr / solches zu erkennen oder zu richten gestattet.

Nun kan ich mit dem Grund der Warheit schliessen: haben jene Menschen / durch natürliche Mittel /das und das verrichten können: warum nicht noch zu unsrer Zeit? haben die und die Thier solche Art und Krafft gehabt: warum nicht auch andere / die wir nicht erkennet? haben diese oder jene Geschöpffe / oder entseelte Cörper / so oder solche Würckungen in sich gehabt / warum nicht noch anjetzo? Ist aber das / wie es denn warhafftig ist / was wollen wir das neue Erkantnus desselben / ein Wunder oder Unmüglichkeit schätzen. Was meynet ihr wol / Melopharmis! wann uns die Krafft des Magnets nicht so bekandt wäre /sondern allererst heut erfunden / und von dem Erfinder zu etwas neues / uns unwissend / gebrauchet würde / was würden wir anderst / als ein unerhörtes Wunder / und verblendete Unmüglichkeit schliessen. Gleicher Gestalt steckt noch manche verborgene Krafft in den Kräutern und andern Gewächsen der Erden / damit die / so sie erkennen / viel wunderbare Ding verführen. Was höret man von der Spring-Wurtzel / die auch die vesteste Schlösser eröffnet? was von der Waffen-Salbe / die an dem gegenwärtigen unempfindlichem Gewehr / den Beschädigten abwesend heilet? Was von andern / die hie nach der Läng zu erzehlen / so verdrüßlich / als unnötig ist.

[297] So haltet ihr / Polyphile! fieng Melopharmis an /gantz und gar darvor / daß alles natürlich geschehe /und selbst auch die Versenckung dieses Schlosses /durch menchliche Müglichkeit / sey gewürcket worden? Deme Polyphilus widersetzte: Ich glaube wol /daß der Eyfer / der erzürnten Götter / ihre Rach verübet / wie ich selbsten auch / in meinen hochgeliebten Vatterland / dessen ein Exempel weiß / an einem herrlichen Schloß / das / durch das gerechte Gericht / des unsterblichen Gottes / wegen seiner verruchten und übermachten Boßheit / biß in diese Stunde / versencket ist und bleibet: an dessen statt aber ein unergründlicher Brunnen gesehen wird / der von den Benachbarten / ins gemein / der Dilsgraben benahmet / welchen ich selbsten mit meinen Augen gesehen; so hab ich mir auch von einem Daucher / nicht ohne Glauben / erzehlen lassen / daß an einem andern Ort dergleichen noch zu finden / indem er / selbiges zu besehen / unter das Wasser gefahren / aber an die Thurn-Spitze angestossen / und seinen Leib gefährlich durchbohret: welches Mahl ich auch gesehen. Uber das weiß ich von dem Heinrichs-Berg / und habs selbst erfahren / daß eine Jungfrau / zu gewissen Jahrs-Zeiten / aus einer Hölen / sich hervor thut / und über die Verbannung / dadurch sie / mit ihrem Hauß und Leuten / auch einem unerschöpfflichem Schatz versencket / klaget / auch die Errettung hoffet / biß auf heutigen Tag. Aber daher läst sich nicht schliessen / daß / weil es Gottes Straffe / also könne es nicht natürlich / nicht auch durch andere Mittel / geschehen. Ich gebe euch / edle Melopharmis! und verständiger Coßmarites! in allem Recht: allein ihr müsset auch mich meines Rechts geniessen lassen. [298] Wolt ihr dann nicht / so antwortet mir auf das / was ich euch / wider die Natur / und Gottes Ordnung geschehen zu seyn /erweisen will. Was glaubet ihr von den höllischen Geistern / denen Tausend-Künstlern / und ihrem verdammten Anhang / dadurch sie ihre Macht üben?

Melopharmis erschrack über diesen Worten / als schlüge sie ein Donner ins Hertz / darum sie auch verstummete: gleichwol sich so stellen konte / als wäre ihr die Frag zu schwer; Coßmarites aber hielt starcke Wider-Rede / und erwieß / daß auch die böse Geister nicht anderst / als durch natürliche Mittel schaden und helffen könten. Dann / sagte er / gleich wie die Hoch-Verständige und Wunder-Gelehrte ihre natürliche Wunder-Würckungen / nicht anderst / als durch ordentliche besondere Mittel / verrichten können: also die unverständige / so sie dergleichen Werck verrichten / werden sie / von den Kunst-verständigen Geisten / in dem allen / unterwiesen / wie sie durch das Kraut / zum Exempel / die Kranckheit; durch den Stein / die Blendung; durch das Thier / die Verführung; und wieder ein anders / durch ein anders / verrichten können. Archimedes kan mir solches / mit seiner Kunst / erweisen / welcher auch die schwerste Last / mit den geringsten Kräfften / bewegen konte. Als nun geschahe / daß der König Hieron solches nicht glauben wolte / und er seine Wissenschafft zu Werck richtete / hat er ein ungeheures Schiff / voller Last und Schwere / mit ruhiger Hand fort getrieben /aber durch Hülff eines vielseitigen Instruments /gleich als gieng es auf dem stillen Meer: gleich so verständiget / der Kunst-vermögende Geist / seine Werckzeug / aller deren Mittel / [299] dadurch sie Wunder thun / und uns betrügen können.

Das / versetzte Polyphilus / will ich nicht läugnen /daß nicht auch diese sich solcher Mittel gebrauchen /und habe es nie geläugnet / so fern ich glaube / daß auch die Zauberer warhaffte Werck vorstellen / und die Augen nicht allemal mit angefärbter Nichtigkeit verblenden: aber das habe ich zeigen wollen / ob nicht auch die Verbannung dieses Schlosses / von der wir nun erlöset / eine blosse Blendung gewesen. Sehen wir die Mannigfaltigkeit der Geschichte an / muß ich von mir selbst bekennen / daß mein Sinn / in zweiffelhaffter Antwort / das Stillschweigen erwählet / und nichts gewisses schliessen mag. Viel ist durch Zauber-Kunst verrichtet worden / an deren Gewißheit man nicht zweiffeln können: Viel aber auch / ja das meiste / hat Augen und Ohren heßlich betrogen. Dorthin können gerechnet werden / die mancherley Bildnussen / aus Holtz / Eisen und anderer Materi verfertiget / die ohne äusserliche Hülff und Bewegung sich zu bewegen / fort zu gehen / ja auch zu reden / und /auf gegebene Frag / zu antworten unterstanden. Nicht weniger auch die Offenbahrungen heimlicher verdeckter Sachen / als da sind / die Erkundigung eines geheimen Diebstals / die Erfindung eines verborgenen Schatzes / und die Wissenschafft dessen / was über so viel Meilen geschehen ist. Hieher gehören auch die Weissagungen von künfftigen Dingen / der gewisse Schluß in zweiffelhafften Sachen / und die Beherschung des Glücks in Gefährlichkeit. Das alles aber /wie es durch keine natürliche Mittel / in Ungewißheit kan vollbracht werden: also auch / in Gewißheit nicht[300] bestehen / durch falsch-geführte Würckungen. Sondern die vielmächtige Geister wissen und können /Krafft ihrer beywohnenden Geschwindigkeit / und erlernten Wissenschafft aller natürlichen Geheimnussen / dann auch aus geübter Erfahrung in allen Dingen / alle / auch die uns unbekanteste und wundervolle Arten / aller Gewächs und Geschöpff / so gar auch /deren Gleich- und Ungleichheit / und wie die aller widrigste vereiniget / die Vereinigte können getrennet werden / daher sie nachmals seltzame und Wunder-bereichte / uns unmüglich-scheinende Werck verüben / so durch sich selbst / so durch andere. Und daß die Unmüglichkeit vor unsern Augen desto scheinbarer sey / geben sie vor / als müsten sie auf gewisse Art bekleidet seyn / ziehen viel Linien / bilden viel Figuren / machen nicht weniger Mercker / erdencken besondere Wort und Red-Sprüch / deren Gewalt sie alles zuschreiben / was sie aus einer fremden Krafft verrichten; da doch alles offenbahr ist / daß in dem Kleid / in der Linien / in dem Bilde / in dem Merckmal / in denen Worten / und so fort an / nicht ein Füncklein einiger Natürlichkeit stecken könne. Und doch sehen wir die warhaffte Werck vor Augen / ohne den geringsten Betrug. Wer hats nicht erfahren / daß denen / der Zauber-Kunst Ergebenen / alles offen stehe / und kein Schloß vor ihnen vest genug verwahret bleibe? Wer hat nicht gelesen / daß sie ihre Gegenwart im Augenblick uns entziehen / und ehe wirs verhoffen / davon schwinden können / als wären sie nie gewest? wie ich das mit dem Exempel Apollonii Tyanei bekräfftigen könte / der gleiches / in Gegenwart des Käisers Domitiani / gethan. Ob aber das alles in seinem Werth beruhet / machen doch / im [301] Gegentheil / andere betrügliche Verblendungen / mich sehr zweiffeln / und solches um desto mehr / weil deren Gewißheit durch den endlichen Betrug zum öfftern erwiesen worden. Ein einiges Exempel anzuführen /lesen wir bey dem Philostrato / daß eine Zauberin /von grosser Schönheit / sich gestellet / als liebe sie Menippum / einen Jüngling von gleicher Schöne / und verlange dessen Ehe. Als nun der Hochzeit-Tag heran nahete / habe die Zauberin ein herrliches Mahl / mit den köstlichsten Tranck und Speisen / in Gold und Silber / bereitet / und auftragen lassen. Nun wurde auch Apollonius auf das Mahl gebeten: weil aber dessen Augen nicht mochten verblendet werden / als welcher selbsten der Kunst erfahren / hat er alsobald die schändliche Betrügerey / denen Anwesenden / entdecket / sagende: ihr sehet des Tantali Garten / welche /nach dem Zeugnus Homeri / etwas zu seyn scheineten / da sie doch in der Warheit nichts waren: dann was ihr sehet / ist nicht hier. Ohne Zweiffel ist diese Zauberin aus der Zahl deren gewesen / die sonsten den Polter-Geistern verglichen werden / und beschrieben / daß sie nicht nur der bösen Lust sehr nachhängen / sondern auch grosse Begierde tragen / Menschen-Fleisch zu fressen / zu dessen Erlangung / sie die Erwehlte / mit versüsseter Lust / reitzen / und hernach verschlingen. Als nun Apollonius seine Wort geendet / ist aller Vorrath auf einmal verschwunden /und der gäntzliche Betrug vor ihren Augen gewesen. Sie aber / die Zauberin / hat bekannt / daß sie Menippum / wann sie ihn vorher mit Wollust gemästet / hernach fressen wollen / weil ihre gewohnte Speise sey die junge Mannschafft / wann sie zu ihrem vollkommenen Blut gelanget. [302] Was soll ich von andern Verblendungen sagen / deren Menge so groß / daß sie noch täglich beobachtet wird? Wie vielmals hab ich mich selber verführen lassen / indem ich gewiß geglaubet / es sey allem dem so / wie und was ich sehe; Habe aber befunden / daß ich eine Maus vor einen Elephanten / ein bekandtes Burger-Hauß / vor ein Schloß / einen meiner besten Freund / vor weiß nicht was angesehen? Selbsten hab ich gesehen / daß /durch solche Verblendung / eine Weibs-Person geglaubet / sie gehe im Wasser / die doch auf den trockenem Pflaster stund. Selbst hab ichs gehöret / daß bey hellem Sonnen-Schein die Silber-klare Wolcken gedonnert / und der geläuterte Himmel geblitzet. Selbst hab ich auch geschauet / daß ihrer etzliche um das Leben zu schencken gebeten / denen der Galgen in die Lufft gebauet war / aber nur vor ihren Augen; und mit einem Wort / es ist nichts so wunderbahr /daß die Geschwindigkeit nicht verzaubern könne /was ists? daß sie auch Todten erwecken / darauf eines schwören solte / sie wären gestorben und erstanden. Wie dessen einen Beweiß Philostratus ertheilet. Dann als Apollonius einer Toden Bahr / darauf eine verstorbene Jungfrau heraus getragen wurde / begegnete / hat er sich gestellet / als sage er ihr etwas leis in die Ohren / darauf der Todte erwachet / und zu voriger Gesundheit gelanget. Gleiches lesen wir von Hercule und Asclepiade / einem berühmten Artzt / zur Zeit des Käyser Pompeii Magni: Deren jener Alcestem; dieser einen andern Menschen vom Tod erwecket / und aus dem Grab hervor gezogen: daß aber diß nicht warhafftig geschehen könne durch Zauberey / erweiset die Beschaffenheit der Seelen. Ist sie sterblich? kan sie /so sie einmal [303] gestorben / nicht in eben der Beschaffenheit wieder leben. Ist sie unsterblich? wie sie ist /so ist sie auch über alles menschliche und natürliche Vermögen / und keiner Creatur unterworffen; denn sie ist geistlich / himmlisch / und erwartet der Götter Befehl / daher folgen muß / daß solche Verrichtungen nicht besser / als Nichtigkeit und ein verführtes Wesen zu benennen. Nun könt ich gleicher Gestalt schliessen / daß auch unsre Augen / die Zeit der Verbauung / gehalten worden / daß sie nicht sehen können / was sie sehen sollen.

Als Polyphilus so verständlich geredt / und alle Anwesende mit sonderlichem Eyfer aufmercketen /schlug Melopharmiz die Furchtans Hertz / die sich aber bald in einen Haß verkehrete / daß sie wunschete / sie hätte Polyphilum / vor die Errettung / ersäuffet: Deßwegen sie ihn auch mit schlechter Lieblichkeit anschauete / daß Polyphilus leicht verstehen möchte /es sey Zeit zu schweigen; darum er seine Rede endigte / mit den Worten / daß diß sein Bedencken sey /wiewol er sich gerne eines bessern unterrichten lasse. Darauf Melopharmis anfieng: und mit Recht / weil die Sach selber ein bessers zeuget / und die Rache der erzürneten Götter / wegen meines Sohnes / augen scheinlich erweiset / daß diese Versenckung keine Blendung / sondern ein Straff-Werck des ergrimmten Himmels gewesen. Deme Polyphilus nichts mehr entgegen setzen möchte / weil er gedachte / es mag gewesen seyn was es wolle / ich dancke dem / der mich beym Leben errettet / daß ich wieder zu Macarien kommen kan. Auch Atychintida / die nach der Weiber Art aus allem gar zu bald eine Sünde drehen konte /fieng an zu erweisen / daß die [304] Götter gar leicht könten aufs neue erzürnet werden / wann man ihre Wunder denen verdammten Zaubereyen gleich schätzen / und ihre Gnad / nicht mit besserm Danck / versetzen wolle. Darum ihr beliebiger sey / von andern Dingen Gespräch zu halten. In zwischen Atychintida diese Wort endigte / bestellte Melopharmis nachgesetztes Lied / zur Bewährung ihrer Warheit / mit Hülff der Musicalischen Instrumenten / abzusingen / welche sie ohnlängsten / von Polyphilo selbsten verfertiget /überkommen / und in solche Gesang Weise versetzen lassen:


Wie will doch das Menschen-Hertze
forschen / was dem Himmel gleicht?
Kan dann unsre Sinnen-Kertze
funckeln / wann das Liecht erbleicht?
Nein / wir können nicht verstehen /
was der Himmel heist geschehen.
2. Er ist dort: wir hie auf Erden /
zwischen uns das Wolcken-Zelt /
das nicht kan entdecket werden /
ohne / wann es Gott gefällt:
aber Gott kan leicht entdecken /
was auf Erden wir verstecken.
3. Wunderbahr sind deine Wercke /
wunderbahr Rath / Krafft und Geist:
Die die schwache Menschen Stärcke
unverwundert bleiben heisst /
weil wir wissend das nicht wissen /
was die wundre Himmel schliessen.
4. Nur von ferne; nur im Spiegel
sehen wir / was dort geschicht:
biß das neue Gnaden-Siegel
öffnet Gottes Angesicht /
[305]
das wir dorten werden schauen /
hie dem Wort der Zusag trauen.
5. Was will dann der Menschen Rathen
rathen jener Ewigkeit?
wer? wer will der Götter Thaten
wissen in der Sterblichkeit?
Alle wir bekennen müssen /
daß wir das nicht können wissen.
6. Drum / O Mensch! bleib bey der Erden /
daß du nicht stosst oben an;
Sonsten wirst du fallend werden /
daß dir niemand helffen kan.
Wer sich will zu hohe schwingen /
pfleget sich zu Fall zu bringen.
7. Götter-Rath ist wie die Flammen /
die von ferne wärmen fein:
kommen sie zu nah dem Stammen /
wird er bald verzehret seyn:
Gleich so muß es dem ergehen /
der des Himmels Schluß will sehen.
8. Weit von Göttern / weit vom Blitzen /
weit vom Donner / weit vom Schlag:
Laß die Himmel / Himmel sitzen /
dencke nicht den Wundern nach /
die du doch nicht wirst erdencken /
dich nur tieffer drein versencken.
9. Jener Vatter hats erfahren / (Augustinus)
der das grosse Wellen-Meer
solt erschöpffen und bewahren
in der Gruben; das war schwer:
Eben schwer kont er ersinnen
Thun der Götter und Göttinnen.
10. Auch hat der bekennen müssen / (Jearus)
[306]
eben was vor ihm bekannt /
der die Sonnen wolte grüssen /
dahin er den Flug gewandt:
sich gestürtzet in die Tieffen /
da die wilden Fluthen lieffen.
11. Fiel nicht auch der Thurn ingleichen /
dessen Spitzen aufgeführt / (zu Babylon)
daß sie kont das Dach erreichen /
da man an den Himmel rührt?
Aber wie? Er muste sincken /
durch der Donner mächtig wincken.
12. Allen wird es so ergehen /
die sich schwingen Himmel an:
Die Geheimnus zu verstehen /
die man nicht verstehen kan:
Alles muß zur Tieffe neigen /
was den Himmel will ersteigen.
13. Drum / so lege Zaum und Zügel /
Mensche! deinem Sinn und Witz:
Drucke das verschloßne Siegel
der Vernunfft erhöhtem Sitz:
Laß in duncklen Himmel-Dingen /
deine Kräffte nicht verringen.
14. Glaube / was du nicht verstehest /
hoffe / was du siehest nicht:
Wo du stehest / wo du gehest /
dencke / was man sonsten spricht:
Gott / der uns bißher geführet /
diß und alles das regieret.
15. Ich will bleiben in den Schrancken /
tretten auf die Einfalt-Bahn /
und mein Hertz mit den Gedancken
weiter nicht mehr lassen an:
[307]
Dann das / was es weiß geschehen /
nur im Glauben solle sehen.
16. So wird Gott in seinem Wesen;
Himmel / Himmel bleiben fort /
und der Mensche seyn genesen /
wann er kommet an den Ort /
da er alles wird verstehen /
was der Himmel heisst geschehen.
17. Unser Wissen ist verstücket /
unser Leben Unverstand /
jenes mit der Kunst beglücket /
die den Himmel selbst erkannt:
Hie wir suchen / dort wir finden /
was wir können nicht ergründen.
9. Absatz
Neunter Absatz

Beschreibet den Ausspruch der beyden Weisen /Clyrarchä und Coßmarites / von der Macht und Ohn-Macht der Zauberer; welches Gespräch dieLehr-Puncten selber zeiget.


Nach vollbrachtem Gesang erinnerte sich die Königin hinwieder an Polyphili Reden / und weil dieselbe von der Vermögenheit der Zauberer einen Zweiffel verursachet / gab sie dem Clyrarcha Befehl / als der biß daher still geschwiegen / sein Bedencken zu eröffnen /wie hoch er meyne / daß sich solche Krafft erstrecke.

Clyrarcha erschrack zu erst gar sehr / daß er in so grosser Gefährlichkeit reden solle / weil er um das Thun Melopharmis wuste / und in ihrem Gesicht den Grimm der erzürnten Boßheit wahrgenommen: [308] Doch weil er der Tugend gemäß erfunde / die Warheit durch keine Furcht unterdrucken zu lassen / und Polyphilum zu seinem sichern Schutz setzte / fieng er folgender Gestalt an: Durchleuchtigste Königin! Ihrem Befehl zu gehorsamen zwinget mich mein Beruff / und die Warheit zu schützen / ermahnet mich mein bessers Wissen / darum ich / mit kurtzen Worten / den Ausspruch des verständigen Polyphili gut heissen und bekräfftigen muß. Nicht zwar nehm ich mir das zu behaupten / was er von der Versenckung dieses Schlosses / und dem Fluch / der uns troffen hat / zweiffelhafft gesprochen / denn darinn können wir nichts gewisses schliessen / und ist uns genug / daß wir davon erlöset / ob wir gleich nicht wissen / wie wir erlöset /oder wovon wir erlöset: weil wir gleichwol das wissen / daß wir von einem grossen Fluch und elendem Gefängnus erlöset worden: davor wir mehr dem Erlöser dancken / als eyferig nachgründen sollen: sondern das will ich gehorsamlich / und so viel mir wissend /erweisen / daß die Zauber-Kunst eine mächtige Kunst / und wunderthätig ist. Weiln aber Polyphilus allbereit die Exempel angeführet / daß es verdrüßlich scheinet / dieselbe mit mehrem zu häuffen / will ich bloß die Dinge / so ihre Krafft vermag / anzeigen /neben denen dabey gesetzten Gründen / auf welche ihre Kunst gebauet. Zweyerley aber haben wir sonderlich in acht zu nehmen / eines ist / daß der Geist / von sich selbst / aus einem Ort in den andern / und solches / mit unglaublicher Behendigkeit / sich verfügen kan / so gar / daß er in einer Stund die gantze Welt durchwandelt. Das andere ist / daß er gleicher Gestalt / und mit nicht viel geringer Geschwindigkeit /auch andere Cörper von [309] Stell zu Stell tragen kan: den Beweiß können wir von denen heiligen Geistern und Engeln im Himmel nehmen. Dann wie jene durch natürliche Krafft die Himmels-Kugel drehen können: also können auch diese / durch eben die Krafft / andere Cörper bewegen. Diese Bewegungen aber / welches wieder wol zu behalten / geschehen entweder ohne Mittel / von dem Höll-Geist selber: oder durch Mittel / von andern / and aus fremder Würckung. Jenes betrifft die Bewegung der Cörper; dieses / was auf solche Bewegung letzlich erfolget. Kan derowegen /in dem ersten Grad / der mächtige Höll-Gott viel thun / das wir nicht glauben / das wir nicht begreiffen können / und also nothwendig vor ein Wunder halten müssen. Da vermag er / zum Exempel / Feuer vom Himmel zu werffen / das alles verzehre / was es betrifft. Da vermag er grausame / brausende Winde zu erregen / die alles ausreissen / und zu boden stossen. Da vermag er die allererschröcklichste Wetter / mit Donner / Hagel und Blitz / so auf der Erden / so in dem Meer / anzurichten / daß die Schiff mit Wellen bedecket / und in die Tieffe versencket werden. Da vermag er ein grosses Erdbeben / durch ein saussendes Brausen / in den getiefften Hölen / zu befördern /und die Berge zu zerreissen / auch alles / was auf und unter der Erden ist / zu erschröcken: dessen ihr / edler Polyphile! vor ein Exempel geben / mit den beyden Wind- und Regen-Vässern. Und diß ist dem Menschen zum Schrecken. Zum Betrug kan er mit gleicher Macht / Menschen / Vieh / und alle andere Sachen /gar gesch wind an fremde weit entlegene Oerter führen. Welches bekräfftiget wird mit dem / daß wir zum öfftern feurige Schlangen / Drachen / auch wol [310] Menschen / in der Lufft schweben sehen. Und daß / dem Zeugnus Alberti nach / einsmals Ochsen und Kälber geregnet / welches traun nicht anderst / als durch des Geistes List und Betrug geschehen. Dieses Betrugs machet sich auch theilhafftig / daß er gegenwärtige Dinge mit grosser Behendigkeit / und ehe man sichs versiehet / wegnehmen / und anderswo hinführen kan / daß wir nicht anderst sagen können / als es sey verschwunden. Wie ich von eben dem Apollonio gelesen / davon ihr vor erzehlet / daß er vor dem Käiser Domitiano verschwunden. Und welches fast mit dem eintrifft / kan er auch gegenwärtige Ding unsichtbar machen / wie vom Gyge / Plato und Cicero erzehlet: wanns anderst wahr ist / was sie erzehlen. Uber das ists kund / daß er auch die unbeseelten Bilder und Götzen gehend und redend machen kan / in dem er nemlich selbsten in ihnen redet / selbsten sie fortführet. Dergleichen ich wiederum von Apollonio gelesen / daß / da er beym Jarcha und dem Brachmann gespeiset / haben sich steinerne dreyfüssige Tisch /Bänck / Leuchter und andere Geschirr von sich selbst beweget / und ertzene Mundschencken / die Becher /im Cräiß herumgeführet / auch mit gewisser Maß /das Wasser / unter den Wein gemischt / und einem jedweden zu trincken dargereichet. Von den Bäumen /Pflantzen und Thieren können wir eben das sagen /daß sie auf menschliche Art / reden und Gespräch halten: auch was die unvernünfftige Thier belanget / bewegen sie sich selbsten auf wunderbahre Weiß / und verrichten solche Sachen / die ohne reiffen Verstand und bereichte Vernunfft nicht können vollbracht werden. Sehen wir andere Wunder an / müssen wir bekennen / daß die Macht des Geistes / [311] aus einer Kugel / eine Flamme / und ein groß Feuer hervor bringen kan / das weit und breit gläntze. Wie wir beym Plinio / von Servio Tullio lesen / daß ihm / da er geschlaffen / eine helle Flamme / aus seinem Haupt / schiene; und von L. Martio / in Spannten / da er die Rache / wider die Mörder der Scipionen / dem Volck einrieth / daß er gantz gebrennet. Auch ist dieses nicht genug / weil er auch die Wasser theilen /stemmen / und zu ruck treiben kan / so gar / daß man nicht anderst meynet / als der Fluß fliesse wider sich selbst. Wie auch dieses Plinius / zu seiner Zeit geschehen / verkündiget. So ist ihm nicht verwehrt / allerhand Gestalten an sich zu nehmen / und dieselbe dermassen zu verändern / daß er bald einem Menschen / bald einem Löwen / bald einem Engel / bald einer gantz sinnlosen Creatur sich gleiche. Und dieses kan er nicht nur an sich selbsten / sondern auch an allen andern Sachen / Gold / Edelgestein / Speise /Feld / Wälder / Thier und Menschen / daß er ihnen /auf wunderbare Weiß / allerhand Gestalten andichte /und jenes in diß / dieses wieder in jenes verwandele. Weiln er aber / fast in allen / freye Macht hat / kan er aus der Erden auch vielfältige Dünst und Dämpffe hervor bringen / ja! wohl gar die Feuchtigkeiten / in dem Menschen / entweder mehren / oder verringern; die Gliedmassen trennen / und wieder zusammen fügen / was nicht zusammen gehöret; die natürliche Hitz rauben / und also grosse Kranckheiten verursachen / wie in denen offenbahr zu sehen / die von dem bösen Geist besessen. So kan er auch die innwendige Sinnlichkeiten also bewegen / daß sie ihnen die vergangene Dinge vormahlen / so doch nicht gewesen; die Gegenwärtige einbilden / so doch nicht [312] seyn; die Zukünfftige hoffen / so aber auch nicht seyn werden. Er kan die äusserliche Sinnen bethören / so wol in den Wachenden / als Schlaffenden. Den Wachenden zwar / das sie gedencken / sie hören / das sie doch nicht hören / und sehen / das sie doch nicht sehen /und thun / das sie doch nicht thun / und leiden / das sie doch nicht leiden. Den Schlaffenden / indem er ihnen zukünfftige Ding / als Gegenwärtige vorstellet /sonderlich in denen Begebenheiten / die er / als künfftige muthmasset. Daher kommts / daß wir so offt durch die Träum verführet / denen wir doch so grossen Glauben geben. Und scheue ich nicht zu sagen /daß die Träum-Deutungen / mit andern dergleichen Weissagungen / als dem Vogel-Geschrey / der Erweckung der Todten / dem Entgegen-Lauf der Thier / und dergleichen / ihren Ursprung aus diesen künstlichen Verstellungen und Blendung zu erst genommen. Wie wir davon viel herrliche Exempel beym Valerio maximo; von Cicerone aber / in seinem Buch / von den Weissagungen / völligern Bericht haben. Es stärcket diese meine Gedancken / daß der Höll-Geist auch die äusserlichen Sinne gantz verstellen und verführen kan / indem er entweder von aussenher allerhand sichtbare Wunder und Wunderwürdige Ding vorstellet / deren sich doch nichts in der That befindet: oder auch von innen die Empfindlichkeit dermassen beweget / daß sie die äusserliche Sinne zugleich mit verwirren / damit sie von dem / was sie sehen / hören oder thun / keine richtige Verständnüs haben sollen. Und auf solche Art / können diese böse Geister / auch endlich allerhand Bewegungen zur Liebe / oder Haß; Furcht oder Vertrauen; Trost oder Verzweifflung / in dem Menschen [313] erregen. Wie deren Exempel alle Geschicht-Bücher voll sind. Das kan der Geist ohne Mittel. Durch Mittel kan er eben das / und vielleicht ein mehrers / oder ja zum wenigsten / unsern Augen viel verdecktere und unmüglichere Werck vollbringen. Denn da sind in vielen Steinen / Wassern / Kräutern /Säfften / Holtz / Thieren / auch in der Erd / und dem menschlichen Leib / viel unbekandte / verborgene /aber doch natürliche Kräffte / durch deren Hülf und Gebrauch / solche Sachen geführet werden / die wir eine Unmüglichkeit und über-natürliches Wunder achten / weil es etwas neues und ungewohntes ist /auch die Art / wie es / und wodurch es geschehen /uns gantz unbekandt und verborgen. Zu dere Behuf haben die Zauberer / durch welche der Meister nicht selten würcket / ihre gewisse Kräuter / damit sie das oder das zu Werck richten. Deren etzliche Plinius benennet und schreibet / daß sie glauben / mit dem Kraut Aethiopide / könne man die Flüß und Wasser trocknen; oder / da sie verschlossen / mit einem Uberwurff eröffnen: mit einem andern könne man ein gantz Heer erschröcken und in die Flucht jagen / wann mans unter sie werffe. So findet man beym Democrito eine Artzney / durch dessen Hülff nicht nur schöne; sondern auch fromme und glückselige Leute gebohren werden. Auch ist zu verwundern / was sie in gemein von dem Kraut / welches bey ihnen Verbenaca heisset / vorgeben; daß / wer selbiges recht gebrauche /alles glücklich verrichte / alle Kranckheiten vertreibe /getreue Freund erwerbe / und allem Ubel wehren könne. So ist das über alle Wunder / was beym Aulo Gellio und Plinio zu lesen / wie hoch die Zauberer den Camaleon halten / welchen sie vom [314] Democrito empfangen / dem Obersten der Zauberer. Welches alles hie zu wiederholen unvonnöthen / darum ich schliessen / und mit dem Ende meiner Rede / auch der Macht des bösen Geistes / ein Ende setzen will.

Polyphilus merckte auf alle Wort mit scharffem Nachdencken / und befand viel / das er gern widersprochen hätte / allein die Boßheit Melopharmis hieß ihn still seyn. Als aber Atychintida ihn fragte / wie ihm das alles gefalle? muste er / aus Zwang der Höfligkeit / dem Clyrarcha / mit gleicher Einstimmung /begegnen / und seine Rede billigen / wie er zuvor Polyphili Reden gut geheissen: gleichwol führete er mit an / möchte ich nun auch hören / was dann der Zauber-Geist nicht vermöchte? welches Coßmarites am besten bewähren wird / als welcher mehr der Natur /dann der Zauberey geneigt ist. Die Rede erfreuete Coßmaritem / und zugleich auch die Königin / so gar / daß diese geschwinden Befehl gab / jener ohne Verzug gehorsamte / in diese Wort heraus zubrechen:

Durchleuchtigste Königin! und auch ihr / edler Polyphile! viel haben wir bißher vernommen / von der verzaubrenden Macht / und ist nicht ohne / daß sich dieselbe weit erstrecke: werden wir aber auch die Ohnmacht hören / wird sich jene mercklich verlieren; weil ich was auch andere sagen / dennoch gewiß bin /daß diese Kunst nichts / ohne entweder natürliche Mittel / oder nichtige Verblendungen / ausrichten kan. Daß ich aber auch die Ordnung Clyrarchæ halte / und erst erweise / was ihm ohne Mittel / hernach durch Mittel unmüglich: setz ich zu förderst / daß er keines Wegs / er sausse und brausse [315] auch / wie er wolle / die Welt zerstören und einbrechen könne; dann er selbsten ist ein Theil dieser Welt; ein Theil aber hat nicht Macht über das alles / wessen Theil es ist. Nach dem kan er oben so wen ig die Ordnung Gottes in dieser Welt ändern; dann selbige ist das Gute selber / das ihm nicht zu Gebot stehet: Eben so wenig die Haupt-Theil der Welt versetzen / daß er aus Morgen /Abend; und aus diesem wieder jenes; aus Mittag /Mitternacht; und hinwider aus Mitternacht / Mittag mache. Eben so wenig kan er den Himmel aufhalten /und seinen gewohnten Lauf verhindern / oder auch still stehen heissen. Eben so wenig kan er ein Element von einem Ort an den andern tragen: ja! viel weniger kan er machen / daß an einem Ort nichts sey / weil damit die Zusammenfügung / dadurch alle Theil des Himmels / mit der Erden aneinander hängen / getrennet / und also auch ihre Führung und Regierung aufgehoben würde. Und weil diese Geister eine abgemessene Bewegungs-Krafft an sich haben / dadurch sie in den Schrancken vieler Unmüglichkeiten bleiben müssen / können sie eben so wenig / einen jedweden Leib / oder ein jedwedes Ding / an einen jedweden Ort tragen / und mit gleicher Behendigkeit / als sie wollen / will geschweigen in dem Augenblick. Dann die Geschwindigkeit der Geister unter sich selbst ist ungleich / und hat dieser mehr / jener weniger Hurtigkeit überkommen. Auch können sie eben so wenig machen / daß zwey Cörper zugleich an einem Ort /oder ein Leib zugleich an zweyen Orten sey / oder daß ein Leib den andern unversehrt durchdringe: Eben so wenig dasselbe bewegen / von dem Ort / wann er nicht zu nächst dabey ist / dann der Beweger und das[316] Bewegte müssen nothwendig beysammen seyn. Endlich auch kan er / eben so wenig / einen Leib von hinnen / an einen andern Ort führen / daß er ihn nicht durch die Mittel-Bahn führe; und mit einem Wort /nichts warhafftig thun / von dem allen / was der allein mächtige. Himmel seiner Krafft vorbehalten. Dannenhero folget / daß er auch durch Mittel / in deren Gebrauch er sonst mächtig ist / dennoch nicht alles thun und verrichten kan. Dann er kan kein selbst-ständiges / oder auch zufälliges Wesen hervor bringen /weil er ein Geist ist / der keine leibliche materi / unmittelbar / verwechseln kan / daraus ein cörperliches Wesen entstehe. Er kan nichts aus nichts erschaffen /dann etwas aus nichts zu erwecken / ist denen unsterblichen und unendlich-mächtigen Himmels-Göttern allein eigen. Zu dem kan die Würckung / durch natürliche Mittel / mit nichts nicht umgehen / auch in nichts sich nicht gründen. Was soll ich von Verwandelung anderer Dinge sagen? Er kan nicht alles aus allem machen / sondern bindet / was sich binden lässet / und scheidet / was sich scheiden lässet: obs uns verborgen / und daher Wunderhafft scheinet. Er kan nicht durch eine jede Ursach / auch eine jede Würckung üben: nicht / durch ihm gefälliges Werckzeug /alle Ding gewinnen. Und ob er die gehörige Mittel brauchet zu dem wollenden Werck / kan er doch nicht / ohne vorgehende gebührende Verwandlung und Verneurung / von neuem / ein selbstständiges Wesen / das dem vorigen ungleich sey / auswürcken: viel minder in kurtzer Zeit / oder einem Augenblick. Er kan nicht / ob schon durch natürliche Mittel / alle natürliche Dinge / in alle andere / nach seinem Gefallen / verwechseln; Ursach / weil ihm die [317] Mittel fehlen. Er kan nicht vollkommene / warhaffte Thier / ohne Saamen / gebären: sondern / da er / aus Steinen oder Holtz / Pferd und Löwen wachsen / oder aus den Wolcken Ochsen und Kälber regnen lassen / sind entweder solche von andern Orten hergeführet / oder ein nichtiger Betrug gewesen. Gleich so kan er auch /durch den Saamen / kein Thier / alsobald in vollkommener Höhe und Dicke: noch weniger über die gebührende natürliche Grösse; oder auch darunter bilden: sondern er muß der Natur ihren Lauf lassen / die er nimmermehr zwingen wird / wider sich selbst zu handeln. Muß er also / in allem / die Ordnung mit halten /wie es die Natur erfordert; darum er nicht das Letztere einführen kan / ohne das Erste / kein Hinter und Vörder machen / ohne das Mittel / kein Nidriges / ohne die Höhe / und diese hinwieder nicht / ohne die Tieffe. Die Todten aber lebendig zu machen / ist ihm so unmüglich / daß nichts unmüglichers seyn könne / und ist alles das / was er in diesem erwiesen / oder noch erweiset / eine blosse Nichtigkeit / und nichtige Verblendung. Darum / daß ich viel mit wenigen fasse / er kan nicht verwehren / daß nicht ein jeder thue / was ihm zu thun / die sonst ordentliche Mittel zulassen /und was ihm zu thun gefället / wann ihm sonst nichts mangelt / das Verhindernus verursache. Er / der Geist / selbsten / und alle / die ihm anhangen / vermögen mit all ihrer Kunst / wie hoch sie selbige auch rühmen und ihnen einbilden / nichts mehr / als was natürliche Müglichkeiten zulassen / oder verzaubrende Verblendungen dichten können: welches alles aber / weil es im höchsten Grad der Vollkommenheit stehet / und sie tausend verborgene Heimlichkeiten wissen / davon wir nie gehöret[318] / als halten wir solches / aus unsrer Unwissenheit / vor Wunder / und wol gar Unmüglichkeiten / darinnen wir dann weit fehlen. Und diß ist meine Meynung.

Alle billichten diese Rede / ausser Melopharmis /die heimlich bey ihr gedachte / im Werck zu erweisen / was sie mit Worten nicht widersprechen dorffte: und weil ein jeder aufzustehen verlangte / erhebte sich Atychintida von ihrem Thron / und mit ihr alle / die zur Tafel sassen. Nach vollbrachter Dancksagung wurde Polyphilus in das Königliche Zimmer / durch die Königin und Melopharmis begleitet / gegen welche er sich mit solcher Freundlichkeit geberden konte / daß Atychintidæ Gnade immer mehr und mehr gestärcket / Melopharmis Gunst aber leicht wieder erworben wurde; wiewol nicht ohne starcken Verweiß und harter Bedrohung.

[319]
Drittes Buch
1. Absatz
Erster Absatz

Beschreibet die Ehr-Bekrönung Polyphili / von der Königin / und derer gantzen Hof-Staat geschehen / die auf alle Kunst- und Tugend-Werbung /unaußbleiblich folget: welches hier die Lehre selber ist.


Da sie in das Zimmer gelangeten / wurde Polyphilus auf einen künstlich-erhabenen Thron gesetzet / von dessen Rechten / etzliche köstlich-bekleidete Sessel /einen Craiß schlossen / biß zur Lincken / darauf sich die andere Anwesende niederliessen. Atychintida aber beschloß die Rechten Polyphili; Melopharmis die Lincken. Und da Polyphilus mit Verlangen erwartete /was geschehen werde; wurde mit etzlichen Violinen folgender Thon erhoben / und die nachgesetzte Strophen / mit einer erhellenden Stimm abgesungen / die dem Polyphilo verkündigten / was künfftig wäre.


Stimmet die Säiten mit lieblichen klingen /
stimmet / was immer jetzt stimmen sich läst:
Daß wir die Freude der Freyheit besingen /
stimmet und klinget und singet das Best.
Lasset Polyphilo klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
[320]
2. Dencket / bedencket das Peinliche Leiden /
dencket / bedencket die schröckende Noth /
Da wir das liebliche Sonnen-Liecht meiden
musten / erwählen den lebenden Tod:
Lasset derhalben jetzt klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
3. Alles war allen und aller verdorben /
Tugend / Kunst / Weißheit und Liebe mit Glück:
Dieses hat alles hinwieder erworben
unsers Polyphili Götter-Geschick:
Lasset derhalben jetzt klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
4. Dieser / sonst keiner / war darzu erwählet /
daß er dem Himmel bezahle die Schuld:
Die er / mit seiner Ersäuffung / vermählet /
jener erbarmenden Göttlichen Huld:
Lasset derhalben erklingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
5. Komm her / Polyphile! sitze / besitze
diesen bescepterten Königes Thron:
Komm her / Polyphile! schütze / beschütze
diese / der Weißheit und Tugend-Kunst Cron:
Lasset auch ferner uns klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
6. Bringt Geschencke / damit ihr verehret
diesen / der Ehrens verehrens ist werth:
mehret die Gaben dem / der euch vermehret /
gebet / was er ihm zu geben begehrt /
Lasset zu Ehren erklingen und singen /
Säiten und Lieder last singen und klingen.

Nach geendigtem Säitenspiel / fieng Atychintida folgender Gestalt an: Alleredlester Polyphile! der schuldige Danck / damit wir allesamt euch verpflichtet[321] leben / solte mich nicht nur von meinem Thron / sondern / so es müglich wäre / meiner Königlichen Würden zu vergessen / gar vor eure Füsse legen. Dann daß ich eine Königin bin / habt ihr wieder erworben /und daß ich wieder ein Mensch bin / hab ich eurer Würde zu dancken. Womit soll ich aber unvergleichliche Wolthaten vergelten? Was kan ich geben / das ihr nicht / als eurer Hoheit unwürdig / verwerffet? Ruhm gebieret eure Tugend; Liebe erheischet die Kunst / deren der gnädige Himmel alles gegeben. Mit irrdischen Gaben himmlische Verdienst zu verehren /heisset / Koht vor Gold bezahlet. Menschlichen Danck an Göttliche Hülf zu setzen / heisset / die Erde dem Himmel gleichen / und die Ehre mit Schande mehren. Ach daß doch die Unsterbliche / denen wir vor so mannigfaltige Gaben Preiß geben / auch dieses verliehen hätten / daß wir euren Ruhm nach Würden erheben / eure Kunst nach Gebühr rühmen / und euren Verdienst mit würdigem Danck versetzen könten! Aber der Danck wird anjetzo die Unmüglichkeit mehr entschuldigen / als sich selbst erheben müssen. Nun dann so seyd zu frieden / Tugend-bereichter Polyphile! mit dem / was wir können / weil wir doch nicht können / was wir wollen; und schätzet die Werck /aus dem Willen / so werdet ihr / durch den Willen /die Schwachheit der Wercke bekennen. Diese Seele /die durch euren Arm lebet / soll euch / weil ich lebe /ehren; und dieser Leib / der durch eure Errettung übrig ist / soll euch / so lang er ührig ist / dienen: was diese Augen sehen / da soll das Hertz Polyphilum / ja den edlen Polyphilum / preisen: was diese Ohren hören / da soll mein gantzer Sinn Polyphilum / [322] ach! den edlen Polyphilum / erheben. Was diese Zunge redet / da soll mein Mund Polyphili Lob vermehren /oder so es nicht zu vermehren ist / stärcken: und so es nicht zu stärcken / bewähren. Alles das / was ich bin /und was um und bey mir ist / soll sich willig / ja schuldig erkennen / euch / unsern Erlöser / zu preisen / unsern Freund zu lieben / und unsern Herrscher zu bedienen. So nehmet hin / ruhmwürdiger Polyphile! meine Hand / die euch ewige Dienste verspricht; nehmet mit der Hand das Hertz / das mich / in solcher Demut / vor euch niderlegt; und / wie ihr sehet / daß alle diese / mit tieffster Ehrerbietung / nur euch zu dienen begehren: also nehmet auch deren Willfährigkeit an / und befehlet / worinnen sie gehorsamen sollen. Daß ich aber nicht blosse Wort führe: sondern den Schluß meines Hertzens / im Werck erfülle / so nehmet an das Zeichen unsers Gehorsams /und erkennet die Demut / durch diß Geschenck /damit ich euer Haupt umwinde / als den Sieger / und euren Leib ziere / als den Tugend-Beherrscher / den Danck aber preise dieser Kuß; mit welchen Worten /sie ihm einen Hut auf das Haupt setzete / und einen Ring an den Finger / dem Mund aber einen Kuß gab /Ehre / Freude und Danck dadurch zu deuten.

Nach dem wurde eine grosse Meng köstlicher Kleinodien und Edelgesteine herzu bracht / auch allerhand Arten der Ringe / güldene Ketten / und was sonsten zum Geschenck tüchtig erkandt wird / welches die Königin / mit diesen Worten / dem Polyphilo darreichte: und diese Wenigkeiten nehmet an zur Bezeugung verdienter Ehr / die wir nicht anderst / als mit dergleichen Gaben krönen können / und erweiset [323] uns /so wir bitten dörffen / die grosse Gunst / bey uns zu bleiben / biß euch das Glück / wohin ihr verlanget /mit vollen Freuden führe. Hat uns aber der Himmel so hoch begnädiget / daß wir unsre Zeiten / durch eure Beywohnung / ewig beglücken können / bitten wir aufs schönste / unsere Freud / durch die Abreisen /nicht zu verstören / dann wollen wir mit immerwährender Bedienung erweisen / wie willig wir seyn zu vergelten / was uns menschliche Unvermögenheit zu erwiedern versaget.

Nach diesem wandt sie sich gegen Melopharmis /mit diesen Worten: Ihr aber / Melopharmis! um derent willen wir dieses alles leiden müssen / werdet vergnüget seyn mit dem / was Polyphili Hand wiedergeben / und werdet die erzürnte Götter vor uns bitten helffen / daß sie / durch eure Befriedigung / auch ihren Zorn ablegen / und uns hinführo in Gnaden ansehen mögen: so sollt ihr vergewissert leben / daß ihr nicht allein unter unserm Schutz sicher ruhen / sondern in höchster Gnad / neben mir und meinem Thron sitzen werdet / und mehr geniessen / als die verdammte Cacogretis hoffen dörffen. Zum Zeugnus dessen /nehmet auch ihr diß Geschenck von meiner Hand /und verwahret es zum Zeichen meiner Gnad und eurer Ehr: Bittet auch von mir / so ichs habe / soll es euch werden. Und euer Sohn / den ich / mit eurem Willen /auch meinen Sohn nennen kan / soll durch euch /seine Lebens-Mutter / meine Brust saugen / und meine Vorsorg schmäcken / so will ich eurer beiden pflegen.

Ehre genug vor einen Schäfer / und überflüssig vor eine Zauberin. Diese hatte / was sie gesuchet: Polyphilus aber beantwortete die Red der Königin [324] folgender Gestalt: Hochseligste Königin! die Freude / so E.M. also reden heisset / entschuldiget / vor dißmal /den grossen Fehler / den sie durch die ungeziemte Demut begehet. Ich soll dienen / sie herrschen. Daß sie aber mir diese Ehre zuschreibet / halt ich vor eine hohe Gnad / welche / nicht mit Gegen-Gnade / sondern mit Demut zu erkennen. Mein ist / die Gnade zu nehmen / E.M. aber zu geben. So wolle sich / bitte ich / E.M. bedencken / daß sie dero Freudigkeit zu viel nachgeben / indem sie ihr Leben / in meine Errettung / und ihre Seele / in meine Hände setzet: welches Lob ich nicht verdiene / noch annehme: will sie aber meiner Schwachheit auch etwas zuschreiben / so gebe sie ihr den Ruhm / daß mich / vor andern / die Gütigkeit der Unsterblichen / solche Erlösung zu vollbringen / erwählet. Das aber verdienet nicht mir / sondern fordert vielmehr von mir Danck / welchen E.M. mit so vollen Strömen / auf mich ausgegossen. Auch ist die Ehre / so mich zieret / nicht mein / sondern dessen / der mich durch sich geehret: welchem nach ich den Hut mit dem Ring aufnehme. Den Kuß halt ich vor ein angenehmes Zeichen / E.M. hohen Gnad / befinde mich auch dadurch / gegen derselben / in tiefster Unterthänigkeit / zu allem Gehorsam verpflichtet. Und weil mir viel mehr obliegen will / die sondere Ehr / mit einem ewigen Danck zu ersetzen / als geb ich lieber diese Seele / diesen Leib / und was ich vermag / dann daß ich jenes nehmen / oder begehren solte. Anlangend diese hochgeschätzte Gaben / nehm ich zwar nach Schuldigkeit / zum Zeichen unverdienter Gnade an / allein mit dem Beding / daß ich selbige / mit unterthänigsten Danck / hinwider E.M. zu meinem / und nicht so wohl meinem / als [325] der / durch meine Schwachheit / erworbenen Freuden-Gedächtnüs / darreichen / und dem gütigen Himmel zum ewigen Danck-Mal allhier nidersetzen darff. Dann diesem allein gebühret der Lohn / was hie erworben. Ich bin zu frieden mit dem / wann ich mich E.M. Gnade versichern / und das erhalten kan / daß sie mich / mit einem seligen Wunsch / von hinnen lassen.

Atychintida antwortete / daß sie nicht gestatten wurde / weder die Abreise so zeitig zu fördern / noch die Geschenck hinter sich zu lassen; allein Polyphilus ließ sich nicht überreden / weil sein Hertz den Leib nach sich zog: biß Melopharmis / nach abgelegtem Danck / gegen der Königin / anfieng: Polyphilus wird schon bleiben müssen / wann wir ihn nicht lassen. Das Geschenck aber hat er billich zu Gottes Ehr geordnet / dahin es auch muß gewendet werden: Doch solt ihr / edler Polyphile! diesen Stein mit euch führen / dessen ihr möchtet benöthiget seyn / wann ihr zu Deliteen kommet / um etwas von eurem Siegs-Preiß mit zubringen. Das sagte sie zwar mit lachendem Munde: aber Polyphilus konte den lautern Ernst bald greiffen.

Nach dem nun dieses verrichtet / und die Königin ihren Schatz wieder in Verwahrung nahm / damit Melopharmis Rath / und Polyphili Wille erfüllet würde: wurden dem Polyphilo zu sondern Ehren / nachfolgende Gesetz mit Einstimmung vier hell-klingenden Lauten / und einer hochsingenden Menschen-Stimme /abgespielet / weil er noch auf dem Thron saß:


Solten nicht unsere Sinnen sich freuen /
solte nicht alles / was freuen sich kan /
[326]
Heute mit Wonne die Hertzen verneuen /
heute / da Freude die Ehre stellt an:
Solten nicht unsere Lauten erklingen /
und dem Erretter zu Ehren eins singen.
2. Das will die sonsten gebührende Pflichte /
das fordert selbsten der schuldige Danck:
dem zu gehorchen / die rechte Gerichte
wählen / erwählen den willigen Zwang /
Daß jetzund unsere Lauten erklingen /
und dem Erretter zu Ehren eins singen.
3. Drum so / Polyphile! bleibe beschönet /
wie du dich selbsten beschönet heut hast:
Und wie die Crone des Sieges dich krönet /
weil du erdrücket die drückende Last:
Also auch sollen die Lauten jetzt klingen /
und wir Polyphili Ehre besingen.
4. Nicht wir alleine: wer Tugend verstehet
und wer die Schätze der Weißheit erkannt /
der muß dich loben: weil keines vergehet /
beydes bewähret die mächtige Hand:
Deren zu Ehren wir dieses jetzt singen /
deren zum Ruhme die Lauten erklingen.
5. Auch zeugen deine lobwürdige Sitten
deiner Bescheidenheit höfliche Werck /
daß deine Tugend die Würde beschritten /
die deine Ehre mit Lobe verstärck.
Drum auch so sollen die Lauten jetzt klingen /
und dir zu Ehren die Ehre besingen.
6. Unser Gefängnus / das du hast entbunden /
gibt dir ingleichen den würdigen Preiß /
weil es hat feinen Erretter gefunden /
nun es den Helffer / Polyphilum / weiß:
[327]
Drum auch so sollen die Lauten erklingen /
und dem Erretter zu Ehren diß singen.
7. Selbsten die Freude / so in uns sich hebet /
fället hinwieder / zu dienen dir / hin;
weil durch Polyphili Leben / was lebet /
lebet und stirbet / im gleichen Gewinn;
Drum auch so sollen die Lauten erklingen /
und dir / Polyphile! dieses jetzt singen.
8. Ja / ja! so wirst du von allen beehret /
Liebster der Lieben! von allen gerühmt:
ich / wir und alle / die alle vermehret /
deinen Ruhm mehren mit Ehre verblühmt:
Lassen die klingende Lauten erklingen /
weil wir dir dieses zu Ehren jetzt singen.
9. Nun dann so lebe im glücklichen Leben /
ehre die Ehre / so heute dich ehrt.
Gott wird gedoppelt dir wieder das geben /
was du durch deine Erlösung beschert.
Unsere Saiten das wünschen und klingen /
weil sie Polyphili Ehre besingen.

Nach vollendetem Gesang / giengen sie wieder heraus in den Saal / und verderbten die Zeit mit allerhand kurtzweiligen Gespräch: sonderlich muste die verborgene Macarie / unter dem Namen der Deliteen viel leiden. Von der wir nun auch etwas melden müssen / ehe wir mit Polyphilo weiter gehen.

2. Absatz
Anderer Absatz

Beschreibet die Zeit-Verbringung / der biß daher bekümmerten Macarien / und wie Polyphilus bey derselben ärgerlich verleumdet worden: Lehret den ersten [328] Anstoß / welcher die Tugend-Verliebte zu bestreiten pflegt / nemlich / Verleumdung.


Diese schwebete zwischen Furcht und Hoffnung / und kämpffete immer fort mit der bestreitenden Liebe /weil sie das angenehme Joch der Einsamkeit / so sie gar vor ein Kleinod der Freyheit halten dorffte / mit der Liebes-Tyranney nicht verwechseln wolte. Bald gedachte sie an die spielende Augen Polyphili / bald an das seufftzende Hertz / und wieder bald an die zwingende Freundlichkeit / so sie in die Bestrickung geführet. Wann sie seine höfliche Bezeugungen bey sich überlegte / gedachte sie alsobald / er ist würdig /daß er geliebt werde. Erinnerte sich denn das schöne Hertz seiner heimlichen Pein / und wie viel er um sie erlitten / wurde sie in ihr selbst überzeuget / daß er ihre Liebe aus Schuldigkeit fordere: doch hielt mehrmaln das Gelübd der Einsamkeit ihren Willen starck zuruck / und die Forcht / so alle Liebe mit sich ziehet / verursachte ingleichen keine geringe Enthaltung. Jetzt betrachtete sie die Eigenschafft der Liebe / was sie aber darinnen fand / das verstärckete die Einsamkeit. Jetzt die Unbeständigkeit derselben / die auf einem zerbrechlichen Grund bestehe / und falle / wenn man sie am beständigsten achtet. Jetzt die Grausamkeit derselben / die zwar anfänglich süß locke / aber nachmals mit Bitterkeit speise. Und wann sie sahe /daß eitel Betrug / Pein / Widerwertigkeit / Elend /Verachtung / in der Liebe sey / hätten tausend Seufftzer Polyphili nicht so viel vermocht / daß sie die Einsamkeit gesegnet. Bald fielen ihr die Gedancken [329] bey /daß die Liebe / wegen der Wollust / lasterhafft; wegen des Neids / verhässig; wegen der Forcht / schmertzhafft; wegen der Lust / verführisch / und wegen der anklebenden Widerwertigkeit schädlich sey / welches Dencken auch sie widerwärtig machte. Bald hielt sie das freye Leben in der Einsamkeit entgegen der Dienstbarkeit / in der Liebe / und erwählte ihr den köstlichen Schatz der Freyheit. Ach! sprach sie bey sich selbst / in was Vergnüglichkeit leb ich doch: solt ich nun dem Verlangen dienen? mit nichten. In was Zufriedenheit bin ich versetzt: solt ich nun Unruh suchen? mit nichten. Wie wol ist meinem Hertzen / in ungebundener Freyheit: soll ich mich muthwillig unter ein Joch begeben? In Ewigkeit nicht. Weiß ich doch /daß die Liebe sey eine Dienstbarkeit; weiß ich doch /daß die Liebe sey eine Unruh / und nichts als Schmertzen nach sich ziehe: Warum soll ich mich selbsten verderben: Wer liebet / muß Leid vor Freude / Pein vor Erquickung / Hoffnung vor Trost / erwählen. Eine Freud wird dem Liebenden mit tausend Schmertzen versaltzen / eine Erquickung mit noch so viel Schrecken verbittert / ein Trost mit hundertfältiger Verzweifflung vernichtet. Warum solt ich mich dann so versehen? Noch mehr wurden diese Gedancken vermehret / wann sie die Person Polyphili gegen die ihre rechnete. Seine flüchtige Jugend erweckete in ihr Zweiffel an allem. Seine Reden wolten blosse Höflichkeit heissen / seine Geberden dorffte sie eine angeborne Freundlichkeit nennen / seine Seufftzer einen nichtigen Schertz grüssen / und all sein Thun ohne Nachdruck urtheilen. Gleichwol / wann sie hinwieder an die Träume / an die Schrifft / an die wunderbare[330] / und / so zu reden / selbst von Gott versehene Zusammenkunfft sich erinnerte / mochte sie sich der Liebes-Gedancken nicht gar entschlagen. Da mahleten ihr die zarten Sinne das Bild Polyphili vor die Augen; da stelleten ihr die verwirrete Gedancken die Wort Polyphili vor das Gedächtnus; da rieff das gefangene Hertz die lieb-winckende Augen Polyphili wieder zu sich / daß sie bey sich gedachte: ich muß dich doch lieben / allerschönster Polyphile! Ach! warum hab ich dich gesehen? bist du dann / mich durch deine Freundlichkeit zu fangen / daher kommen? Was werdet ihr / ihr unsterbliche Götter! über mich beschliessen / wann ich euch mein Gelübd nicht bezahle? was werden meine Bekandte sagen / wann sie vernehmen /daß Macarie verliebt ist? wie ists müglich / daß ich in einem Augenblick so verkehrt worden? Ach! edler Polyphile! sind eure Strick so starck / daß sie mich auch in Abwesenheit halten / so muß ich freylich erfahren /daß die Liebe an keinen Ort gebunden / und die Hertzen der Verliebten / mit dem Leib / nicht gleiche Wege gehen. In diesen und dergleichen Gedancken verbrachte die mehr bekümmerte / als verliebte Macarie / die Zeit ihrer Einsamkeit / und begleitete mit solcher Liebes-Klage den gleich lieb-verwundeten Polyphilum / entweder ihre Schmertzen zu verbinden /oder durch die verliebte Gedancken-Post dem schmertzgebährenden Hertzen Polyphili einen vermeinten Trost in seiner einsamen Betrübnus / durch solche Erinnerungs-Seufftzer / zu übersenden.

Wann sie nun in solchen Gedancken / als in der leid-brennenden Liebes-Flammen / so gar entzündet war / daß das Hertz nicht Wort gnug bilden konte /[331] damit sie ihre widerwillige / und aber auch unvermeidliche Liebes-Neigung beklage oder bewähre /nahm sie die Kunst-klingende Lauten / als eine gewaltige Trösterin verliebter Sinnen / in ihre gelehrte Hände / und spielte darauf / so lieblich / als künstlich. Und wann sie mit solcher unhezüngten Sängerin / in der einsamen Ruhe / gleichsam Gespräch hielt / und der Freude ihres Trostes / nicht ohne Erwählung des Gegensatzes / zuhörte / wiederholte sie zum öfftern /die lieb-zeigende Antwort / mit nachgesetzten Sing-Reimen / die sie mit erhellender Stimm / auf solche Art / abzusingen pflegte:


Soll ich dennoch meinen Sinn
lencken hin
in die bitter-süsse Freud:
Können so geschwinde wancken
die Gedancken /
von der frommen Einsamkeit?
2. Ach! das strenge Liebes-Joch
stellet noch
stetig meinen Augen für /
Was ich vor Gefahr und Plagen /
hab ertragen /
als ich vor gedienet ihr.
3. Besser ist es einsam seyn /
als dem Schein
die Vergnügung setzen nach:
Und sich unter solche zehlen /
die erwählen
kleine Lust und grosse Klag.
4. Aber wenn gleich mein Gemüth
dieses sieht /
sind ich dennoch keine Macht /
[332]
der Gewalt zu wiederstreben /
und zu geben
aller Liebe gute Nacht.
5. Ob ich mich schon tausendmal
aus der Zahl
der Verliebten schliessen will:
nimmt doch / Liebster! dein Verlangen /
mich gefangen
und verrucket solches Ziel.
6. Deine Fessel stärcker sind?
liebes Kind!
als Verstand und guter Rath:
ich muß das bestraffte Lieben
dennoch üben /
alles Wehren ist zu spat.

Wann sie nun mit dergleichen Klag-Worten / in der hefftigsten Brunst sich befand / vermochte doch ein eimger Gedancke / der die Widerwertigkeit der Liebe erzehlte / oder / von der beförchtenden Unbeständigkeit Polyphili / einen Einwurff that / so viel Zweiffel zu erwecken / daß sie von neuem alle Liebs-Bewe gung / als eine Bezauberung der Sinne / aus ihrem Hertzen verbannete. Sie dorffte wohl sagen / daß sie lieber sterben wolle / als eine solche Kranckheit erwählen / welche den gesunden Verstand raube. Sie dorffte wol fragen / wer sie zwingen werde / aus der Sicherheit sich muthwillig in Gefahr zu stürtzen / und ihr Vertrauen auf die blinde Liebes-Neigung zu setzen? Und wann sie an Polyphilum und seine Schmertzen gedachte / fiel ihr dabey ein / daß eben solche Beunruhigung gemeiniglich bey der blinden Jugend sich finde / die aber mit der Zeit / und reiffem Nach dencken leichtlich gestillet / und beherrschet [333] werden könne / wann man sonderlich sich mit andern nutzlichern Sachen beschäfftige / und seinen freyen Willen der richtigen Vernunfft zu gehorsam stelle. Dann /sprach sie in ihrem Hertzen / was ists / das Polyphilus liebet? und durch was befindet er sich so hoch betrübet? Was ists / das auch ich liebe? und woher rühren die durchdringende Schmertzen meiner Seelen? Antworte ich aus Polyphili Mund / so ifts die Tugend /die er in mir zu lieben zeuget: aber solte diese Schmertzen erregen? Ist nicht glaublich. Tugend kan auch geliebet werden ohne mich. Soll ich durch mein eigen Zeugnus reden? Liebe ich an Polyphilo eben das: aber was schmertzet mich dann? O ich thörichte! wie hab ich mich so grob versehen? viel Jahr hab ich nach Tugend gesirebet; aber in einem Augenblick allen Gewinn verlohren. Lange Zeit hab ich Verstand gesuchet: aber in einer Stunde bin ich dessen allen beraubet: und auch du / Polyphile! findest das Böse / in dem du Gutes suchest / erwählest Laster vor Tugend /Thorheit vor Weißheit / und bekennest dich selbst nicht dein mächtig. O Liebe! wer wird dich nach Beschaffenheit beschreiben? Polyphilus liebet Tugend /und erwählet die Laster: Macarie liebet Verstand /und erwählet Thorheit. Was sag ich? Ach! was soll ich sagen? nicht Tugend / nicht Verstand: sondern beyde lieben sie einen reinen Staub / und eine saubere Asche / in ein zartes Häutlein gewickelt / welches doch inwendig / nicht ohne Abschen / zu sehen / wie herrlich es auch aussenher scheine. Schönheit lieben sie / das ist / eine eingebildete Betrüglichkeit / und eine betrügliche Vergänglichkeit / und eine vergängliche Nichtigkeit. [334] Nun erst erkenne ich deine Gewalt /O Liebe! O Liebe! nun erst erkenne ich deine Gewalt.

In diesen Gedancken konte sich die schmertzhaffte Macarie wie lange aufhalten / so gar / daß sie offt eine innerliche Süssigkeit bey ihr empfand / dadurch sie gleichsam Polyphilus / als gegenwärtig / umfassete /und aufs lieblichste hertzete: so war auch Polyphilo offt zu Sinne / wann er sonderlich an seine Macarien gedachte. Es ward aber gemeiniglich diese Süssigkeit / nach der Empfindung / zum Wermuth / in dem sie / mit tieffern Nachsinnen / ihr Beginnen bereuete; sonderlich / wann sie an die verfälschte Welt-Art gedachte / und wie es so gefährlich sey / einen Freund mit Liebe zu erwählen / da man offtermals mehr Feindschafft erwerbe / und Anlaß zu vielen Lastern überkomme; welches sie dann offtermals in solche kümmerliche Gedancken setzete / daß sie Zeit und Weil zu kürtzen / auch ihr von der Liebe befreyetes Leben zu bezeugen / vielleicht auch ihr Hertz / aus solche Art / in dem Vorsatz der Einsamkeit zu verwahren / etzliche schöne Gedicht verfertigte / von denen wir eins hieher setzen wollen / folgendes Innhalts:


Wiewol ich offt und viel mich pflege zu bedencken /
was doch das beste sey? Ob ich mich solle lencken /
als wie die meisten thun / zu dieser Erden-Freud?
so geht doch allemal der Schluß zur Einsamkeit.
Dann was gedencken wir doch in der Welt zu finden /
die voller Müh und Angst / die voller Schand und Sünden /
und gantz verderbet ist? was suchen wir da Ruh /
wo nichts als Unruh ist? wir lauffen diesen zu /
Die voller Lust und Freud auf breitem Wege rennen /
zur Höllen-Pforten hin / und nimmermehr er kennen
die schmale Tugend-Bahn; viel besser ists / allein
auf djesem engen Weg in Himmel gehen ein /
[335]
als in Gesellschafft stehn der Laster-vollen Hertzen /
die zum verdienten Lohn habn den verdammten Schmertzen;
Bedencke doch mit mir / wer Kunst und Tugend liebt /
was diese schnöde Welt vor kalte Freude gibt;
und was man doch in ihr soll für Gesellschafft suchen?
Die meinsten höret man / an statt des Betens / fluchen /
da muß die Heucheley an statt der Tugend seyn /
und ist die Gottesfurcht offt nur ein falscher Schein.
Da muß man Haß und Neid / an statt der Liebe / schauen /
und wie sich niemand Gott will / ohne Geld / vertrauen /
so lang das Glücke lacht / hat jederman viel Freund /
im Fall es aber wanckt: so sind sie lauter Feind.
Und da man einen vor pflegt tief-gebuckt zu grüssen /
will man hernach von ihm nichts hören oder wissen.
Geht man mit Alten um / so wünschen sie allein /
daß sie um etzlich Jahr noch möchten jünger seyn /
nicht etwa Guts zu thun: nein / sondern reich zu werden.
Garwenig sehnen sich mit Seufftzen nach der Erden /
und fragen nach dem Tod: der doch ist nimmer weit.
Fährt man den Jungen zu / so find man Eitelkeit.
Der suchet seinen Ruhm in prächtigen Bekleiden /
und jener wirbt um Ehr durch Streit und anders Leiden /
es hoffet dieser / groß zu werden durch die Kunst /
ein andrer setzt das Glück auf seiner Liebsten Gunst.
Viel macht das spiel en reich / ein Theil ergötzt das Trinkt /
und keiner glaubt / daß bald der Tod ihm könne wincken
vor Gottes Richter-Stul. Will man bey Hohen seyn /
so höret man sie nur von ihrem Adel-Schein;
von ihrer Ahnen Zahl / und dem Geschlechte sagen;
deßwegen sie nach Gott und Himmel wenig fragen.
Geringe klagen auch / sie werden nichts geacht;
und dennoch sind sie nicht auf Tugend Kunst bedacht /
die alles übertrifft. Gesellt man sich zu Reichen /
so meynen sie so bald / ein jeder müsse weichen
vor ihrem schnöden Geld: es ist der theure Koht
bey ihnen mehr geacht / als aller Dinge Gott.
Die Armen höret man stets über Mangel schreyen /
doch pflegen wenig sich auf Tugend-Glück zu freuen /
wo lauter Uberfluß. Der Krancke sucht allein
Gesundbeit seinem Leib / und wieder starck zu seyn.
[336]
Vom Tod und Grabe will nicht gern ein jeder hören;
Gesunde lassen sich von Wollust gantz bethören.
Wer solte / frag ich dann erwählen solche Freud /
die in Gesellschafft ist? Und nicht der Einsamkeit
ergeben Hertz und Sinn? Ich laß ein jeden wählen /
was ihm belieben mag; doch hoff ich nicht zu fehlen /
wann ich Gefallen trag an Einsamkeit und Ruh:
Darum ich sicher bin / und andern sehe zu /
die Tag und Nacht bemüht sind in den schnöden Sachen;
ich lern / an dessen statt / die Eitelkeit verlachen /
und gleich gesinnt zu seyn / in Glück- und Unglücks-stand /
zu bleiben in Gedult / wann uns der Götter Hand
schickt Leid und Kummer zu; ich lerne stets vernichten /
Geld / Ehr und Lust der Welt / und meinen Sinn zu richten
hinauf und über uns / wo wohnet unser Gott;
ich halte stetig mich bereitet / wann der Tod
wird bey mir klopffen an / ihn freudig zu empfangen /
und gern zu folgen nach; dann da werd ich gelangen /
zur hochbeglückten Schaar / wo tausend Lust und Freud
in Ewigkeit wird seyn: Hier bleibt die Eitelkeit.

Wie es nun gemeiniglich zu geschehen pflegt / daß wir dessen am wenigsten geniessen / was wir sehr verlangen: Gleich so gieng es der schönen Macarien /daß sie je länger je mehr in die Liebe versencket wurde: biß bald hernach das Unglück / Polyphili Freud zu verstören / wiederum zu wüten anfieng. Denn da das vielzüngige Gerücht / die Ersäuffung Polyphili / in die benachbarte Ort getragen / und unterschiedliche Bedencken von den Ursachen erwecket /haben deren nicht wenig / weiß nicht durch was Verständnus / den Tod Polyphili seiner allerliebsten Macarien zugeschrieben. Dessen dann nicht lang hernach das gantze Land voll worden / und das offenbahre Geschrey aller Orten erschollen / Macarie sey Ursach an dem Tod Polyphili. Das war die erste Abwendung. Diesem folgte ein anders / das noch [337] viel mächtiger war. Dann weil Polyphilus denen Einwohnern der Insul / durch die vermeinte Schuld an dem Tod Philomatbi verhasset war / und sonderlich denen / die des ertödeten Vertrauteste waren / namen sie aller Orten Gelegenheit / die Ehre Polyphili zuschänden / und seine Unschuld zu beschulden.

Nun begab sichs / daß einer aus denselben / Namens Pseudologus / in unvermutheter Begebenheit /mit Macarien Gesprach hielt / und unter andern von Polyphilo / dem Mörder Philomathi / solche Wort führete / die dem aufrichtigen Hertzen / der getreuen Macarien / nicht wenig Schrecken verursacheten. Denn die beste Tugend / so an Polyphilo zu rühmen /wäre Falschheit: sagte der falsche Pseudologus; und das köstlichste Werck / so ihn berühmt mache / sey Betrug. Und solches wuste er durch die verzweiffelte Ersäuffung so meisterlich zu erweisen / daß Macarie /auch wider ihren Willen / seinen Worten Glauben geben muste.

Was nun Macarie muß gedacht haben / kan ein jeder leicht schliessen. Weg mit Polyphilo; das war der erste Wunsch: Alle Liebe wurde aus ihrem Hertzen vertrieben / und der Haß wider Polyphilum wurtzelte so tieff / daß sie seiner gantz vergaß / und nichts mehr wünschete / als daß sie ihn nimmer sehe. So viel brachte der verlogene Pseudologus zu wegen. Wann sie aber die Manigfaltigkeit des umschweiffenden Geschwätzes betrachtete / hätte sie gar wünschen mögen / daß sie Polyphilum nie gesehen. Weil sie nicht wenig bekümmerte / daß sie ohne Ursach und Verdienst / solche Wort hören / und von ihr solte reden lassen. Alles halff darzu / daß die Liebe in Macarien vertrocknete. Wiewol sie hernach [338] bekennen müssen / daß die Zeit / da sie Polyphili vergessen wollen / an statt der Liebe / eine solche Furcht ihr Hertz beherrschet / die sie selbst nicht erdencken können / wem sie zu gleichen. Da wir aber das Urtheil fällen solten / würde der Schluß / auf eine verborgene Liebe hinaus gehen.

Die übrige Zeit verbrachte Macarie / in ihrer erwählten Einsamkeit / mit Seufftzen und Beten. Forschete auch / nach Gelegenheit der Zeit / in den Wundern der Unsterblichen / und wie diese Welt / von dem allwaltenden Himmel / so weißlich regiert werde: überlegte dagegen die Boßheit der Menschen / bey sich / darzu dann Polyphili Beruff nicht wenig Beförderung gab: preisete sich auch seelig / daß sie von der grossen Gefahr / darein sie sich bald gestürtzet / so zeitig erlöset worden / und nahm ihr für / nunmehr sich / durch keine Verführung / von ihrem Vorsatz /abwenden zu lassen / sondern alle Lust nach Müglichkeit zu meiden / weil sie ohne das erkenne / daß alles ein falsches Wesen und vergängliches Werck sey / und die Betrübnus auf dem Fuß nach sich ziehe. Auch verstärckete diesen Vorsatz nicht wenig die Betrachtung der Eitelkeit / beneben welcher / aus folgendem schönen Gedicht / (das sie / gleich dem Vorgehenden / selbsten verfertiget /) wird zu erkennen seyn / wie weit sie ihre Gedancken von aller Liebes-Lust entwehnet / und auf Tugend ihre Begierde gegründet. So aber hat sie geschrieben:


Wir Sterbliche lassen uns leichtlich betrügen
des schmeichlenden Gückes holdselige Blicke:
Und sehen nicht dessen betrügliche Tücke /
biß daß wir mit Schmertzen darunter erliegen /
[339]
und endlich erkennen / daß alle die Freude /
auf die wir gehoffet / nur Kummer und Leide /
verdrüßliche Reu
und Hertzenleid sey.
Zwar pfleget sich alles vergänglich zu zeigen:
bald zieren die Blumen die grünende Matten /
es geben die Bäume beliebigen Schatten:
Doch alles der traurige Winter kan neigen /
der machet die Berge / die Bäume begrauen /
beraubet und blöset die Hügel und Auen.
und giebet vor Klee /
nur Kälte und Schnee.
Bißweilen beginnet der Himmel zu lachen /
und frölich die güldene Sonne zu zeigen /
doch eilig muß selbige wieder sich neigen /
man höret die Wolcken vom Donner erkrachen /
die leuchtende Blitze / die rollende Winde /
der glatschende Regen verjaget geschwinde /
die Hirten im Feld /
und schröcken die Welt.
Das Meer ist zu Zeiten gantz ruhig und eben;
die schuppichte Fische sich spielend erweisen;
die fichtenen Häuser gantz sicher bald reissen:
bald pflegen sich brausend die Wellen zu heben /
es stürmen die Winde noch selbige Stunde /
und stürtzen die wanckende Segel zu Grunde;
So lohnet mit Weh
die grimmige See.
Dieweil wir dann nirgend Beständigkeit finden;
so wähl ich die Tugend die nimmer erlieget /
und lache des Glückes; dann der sich betrüget /
der meynet demselben die Flügel zu binden;
[340]
Es führet gleich einem umlauffenden Rade /
bald unten im Schrecken / bald oben in Gnade:
hier alles vergeht /
die Tugend besteht.
3. Absatz
Dritter Absatz

Beschreibet die Berathung und Anschläg Polyphili /wie er sicher zu Macarien gelange / dazu ihm ein frembder Ritter / Namens Agapistus / bedienlich:Lehret / wie alles / durch klugen Rath / und Bemühung könne gewonnen werden.


Nun müssen wir wieder zum Polyphilo kommen /dem wir eine traurige Post bringen würden / so wir den Befehl hätten / was wir wissen / zu eröffnen. Dieser lebte / wegen der Zusag Melopharmis / in höchst-freudigem Verlangen; und wünschete nicht mehr / als die Zeit seiner Erfreuung zu sehen. Deßwegen waren ihm alle Lust-Spiel mehr verdrüßlich / als angenehm /biß die erwünschte Stund kam / da ihm Melopharmis Erlaubnus gab / seinen Abzug zu nehmen. Hie solten wir melden / was Polyphilus die Weil bey Hof gethan / und womit er die Zeit verbracht: aber seine eilige Fahrt auf Soletten heisset uns mit eilen / und dieses mit Stillschweigen vorbey gehen. Doch wollen wir das anhängen / daß er die meiste Zeit mit Dichten und Beschreibung seiner unglückseligen Liebe verderbet /darinnen er eine Linderung der Schmertzen suchte /aber eine schmertzhaffte Vermehrung fand. Wie aus diesen nachgesetzten Versen zu sehen / die er kurtz vor der Verkündigung Melopharmis / im [341] höchsten Kummer und betrübten Verlangen aufgesetzt / dieses Lauts:


Ich lieb und liebe nicht: ich hasse / was ich lieben /
und liebe wieder das / was ich solt hassen mehr:
ich rühme meine Schand / und schände meine Ehr:
betrübe meine Freud: erfreue mein Betrüben:
ich übe / was ich kan / und kan doch nichts verüben:
mein Hertze geb ich hin / und halt es doch bey mir:
ich leb und lebe nicht / so lang ich bleibe hier /
da ich doch jetzt nicht bin: es haben mich vertrieben
die mich gehalten hier: ich bleibe gleichwol nicht /
so lang ich bleibe noch: ich spreche / wenn man spricht /
daß ich nicht sprechen soll: und klage / ohne Klagen /
da nichts zu klagen ist: mein Hertz in mir ist todt /
und doch gestorben nie: ich bin in grosser Noht /
doch ohne Noht dabey: dahin ich bin geschlagen /
fühlt keiner keinen Schlag / auch keiner keine Plagen /
da sie am grösten sind: ich fühl nicht / was ich fühl /
und thu nicht / was ich thu: ich hör und sehe viel /
und weiß doch niemals nichts: was soll ich noch viel sagen?
es ist ein elend Ding / wann man da ist verliebt /
wo bald das Leid erfreut / die Freude bald betrübt.

Nun ists an dem / daß Polyphilus / seinen Schmertzen zu verbinden / den Anblick der schönen Macarien suchet / und sich allbereit mit tausendfältiger Ergötzung / die ihm seine hoffende Sinnen vormahleten /erfrischet. Alles Dencken war einig dahin gerichtet /wie er sicher auf Soletten komme. Deßwegen er Melopharmis / von allem Bericht einzuholen / ersuchte /diese wiederbrachte ihm / daß er näher bey der Insul sey / dann er vermeyne / so gar / daß ihn ein schnelles Pferd / in wenig Stunden / dahin führen könne / und er noch heuterlangen / was er so lang zu erlangen verlanget.

Wer war erfreuter / als Polyphilus: Die Fülle seines Hertzens ergoß sich / auf wunder-viele Weiß / [342] durch den jauchzenden Mund / mit den frohen Gedancken: jetzt wirst du bey Macarien seyn! Es war auch die verneuerte Lust so vollkommen / daß er aller Furcht und Betrübnus auf einmal vergaß / und sein gantzes Hertz in frölicher Empfindung weidete. Aber Melopharmis /welche in diesem Fall vorsichtiger wandelte / hielt ihn von seiner Begierde / durch die Erinnerung dessen /was er bey den Inwohnern der Solettischen Insul zu beförchten / zu ruck / daß Polyphilus sich eines bessern besinnen / und sich nach der Erlösung nicht wiederum in freywillige Gefängnus stürtzen wolle / weiln allerdings zu beförchten / so er sich deren gewaltigen Hand wieder untergeben würde / es möchte auch noch anjetzo / die Rach-Begierde / ein blutiges Schwerdt zu sehen erwählen. Auch / fuhr sie ferner fort / ists vonnöthen / daß ihr vorher wisset / wie Macarie gesinnet? ob ihr nicht / durch eure Gegenwart / mehr Zorn als Gunst / erwerbet / und besser sey / sie nicht wieder sehen / als durch ihren Anblick eure Schmertzen mehren / und etwan / durch ihre Widerwertigkeit /mit Spott zu ruck getrieben werden?

Das sagte Melopharmis bloß / Polyphilum zu schröcken / damit er der Freudigkeit seines Gemüths nicht zu viel traue / und einen Fehl begehe / da die Vorsichtigkeit höchstnöthig. Aber Polyphilus / den die höchste Noth gar leicht einen geschwinden Rath ertheilen kunte / war fertig / dem Ubel vorzukommen / und sich seiner Freyheit / durch einen Gruß-Brief an Talypsidamum / zu versichern / als der ihm von allem gewisse Nachricht übersenden / und seine Reise mit einem sichern Geleit schützen würde. Der Anschlag gefiel der Melopharmis [343] nicht übel / die ihn ermahnte / solchen eylfertig ins Werck zu richten /und sich an seinem Glück nicht ferner zu hindern: sonderlich / weil er auf solche Art beydes Talypsidamum / zusamt der leid-förchtenden Macarien höchlich uns hertzlich erfreuen würde. Aber es brauchte bey Polyphilo keiner Ermahnung / so eilig nahm er die Feder zur Hand / und verfertigte folgenden Gruß an Talypsidamum:


Treu-verbundener Talypsidame!


Ich bin gewiß / daß euch / durch diese Zeilen / der Name Polyphili / in viel widrige Gedancken setzen wird / so gar / daß Furcht / Zweifel und Hoffnung /mit der zufälligen Freud / in eurem Hertzen / einander kräfftig bestreiten werden. Die Furcht wird erwecken die Einbildung einer mördlichen Rach / so ich / an denen Solettischen Inwohnern zu verüben / durch die Unschuld meiner erlittenen Noht / und ihre unbilliche Gewalt / Fug und Recht hätte; auch über das von dem geneigten Glück in so hoch beseeliget bin / daß ich /an statt des Verderbens / die Erhaltung grosser Ehr und Macht / beneben einem herrlichen Sieg / in Königlicher Hoheit / erworben / dessen ich mich nicht weniger / gegen der Solettischen an mir verübten Boßheit zu gebrauchen / Gelegenheit zur Hand nehmen könte. Doch wird diese Furcht / von dem [344] Zweifel / so ihr an mein Leben setzet / gewaltig erdrücket werden / weil die blosse Unmüglichkeit / beneben denen ersäuffenden Wellen / euren Augen viel ehr die Gewißheit meines Todes / als einige Hoffnung des Lebens vorstellen wird; bevorab / da das Herz viel lieber und sicherern Glauben gibt dem / was die Augen gesehen / als dem jenigen / was es / durch anderer Erzehlung / vernommen. Da ihr aber / Liebster und bester meiner Freunde! den theuren Schatz unserer Gewogenheit / und das geliebte Hertz euresPolyphili besinnen werdet / wie die mächtige Würckung eures Verlangens / eine bevestete Hoffnung; die Hoffnung aber eine selige Freud erwecken dadurch ihr / mit der verlangten Macarien / deren Tugend und Vollkommenheit / ich noch immer fort / ja je länger je mehr in meinem Hertzen ehre / meiner Zaghafftigkeit / durch ein sicheres Geleit / ein Hertz machen / und meinen Füssen / die ihren Lauf / mit brünstiger Begierde / auf euch zu richten / die freye Bahn eröffnen / daß ich ohne Verhinderung hin und wieder ziehen dörffe. Meine Macarie aber / ach! die edle und unschätzbare Macarie! die ich billich die meine nenne / weil ich ihre Tugend zu er wählen / und ihrem Verstand nachzuahmen / keine [345] Gefährlichkeit entschuldige / keine Betrübnus ausschlage / dafern ich nur / um Tugend zu werben / und Kunst zu erlernen /die Herrlichkeit ihrer vollkommenen Würde / hinwider zu sehen / und gegenwärtig zu grüssen / beseeliget werde; Diese meine Macarie wird mir / Krafft ihrer angebohrnen Gütigkeit / den Zutritt und die Bedienung ihrer Hoheit / in der Tieffe meiner Demut nicht versagen / sondern mildiglich gestatten / daß der Tugendverliebte Polyphilus anjetzo geniesse / dessen ihn das feindselige Glück / vor dem / nicht theilhafftig machen wollen. Sie wird an das Versprechen ihrer Gewogenheit gedencken / und durch die damalige Erlaubnus / daß Polyphilus / als ein Tugend-Werber /sie ferner zu besuchen / bemächtiget wäre / meinem Zutritt den Weg nicht verschliessen / sonderlich / da sie versichert leben wird / daß ich ihre Tugend ewig ehren / und ihren Verstand mit einem immergrünenden Lob bekrönen will: in welcher angenehmen Bemühung ich dieselbe auch jetzo mit einem schönen und lieben Gruß / durch euren Mund verehre / und mein Verlangen / sie mit nechsten zu sehen / ankünden lasse. Werde ich nun diese Freyheit erhalten /wird nicht allein alle Rach / so zwar mein Hertz beschlossen hatte / durch die Sicherheit [346] meiner Befreyung erleschen / sondern ihr könnet auch ohne Furcht /die Hoffnung mich zu sehen / und meine wunderthätige Errettung / von mir selber mündlich / zuerfahren /durch die unerschöpffte Freude / in eurem Hertzen verstärcken / daß euer Polyphilus lebe / und euren Bericht mit nechsten erwarte / auch diß mit eigener Hand an euch geschrieben / damit zu erweisen / daß er / biß er sterbe / bleiben werde

Euer Eyd-Verbundener und

getreuer

Polyphilus.


Die Schrifft war verfertiget: wo aber ist der Uberträger? Die Heimlichkeit ist nicht jederman zu vertrauen / und wünschete sonderlich Polyphilus / daß weder Talypsidamus / noch Macarie / von dem allen ein mehrers verständiget würde / biß er selber gegenwärtig / den gantzen Handel vollkommen erklären könte. Der Ursachen er mit Melopharmis Rath pflegte / wem diese Schrifft zu überbringen unschädlich vertrauet würde.

Es begab sich aber / daß eben damals ein fremder Ritter / Namens Agapistus / dieselbe Strassen reisete /und auf Soletten seinen Fortzug nahm. Dieser hatte vorlängst viel wunderbahre Erzehlung / von dem Schloß / das Polyphilus erlöset / vernommen / deßwegen er verursachet / dasselbe durch gewissere Nachricht zu erforschen / und seine Einkehr in [347] solches zu nehmen; weil ohne dem / das Liecht der Sonnen / welches seine Stralen allgemach / den Himmel / mit einer Purpurnen Abendröthe / bemahlen ließ / ihn erinnerte / daß er die Insul Soletten nicht mehr sehen werde /wofern er sich der gefährlichen Verführung / in nächtlicher Finsternus / nicht getrauen wolte. Er folgte der Warnung / und kam vor das Thor / willens / die Racht allda zu verharren: wie auch allerdings geschahe. Denn / nachdem er bey Atychintida angemeldet / und sich des Ritterlichen Ordens bekennet / wurde er alsobald / in Begleitung etzlicher Soldaten / durch die Thor zum Schloß ein / und für die Königin gebracht: wie solches der Ritter-Gebrauch mit sich bringet. Agapistus nahm alsobald Gelegenheit in gehorsamer Demut / die Hand zu küssen: Atychintida versicherte ihn hingegen ihrer Gnade / legte auch ingleichen den Danck ab / daß er / unter ihrem Schutz / das Nacht-Lager suchen wollen: dagegen Agapistus versetzte /daß er die grosse Künheit / deren er sich dißfalls gebrauchet / allergehorsamst zu entschuldigen hätte /auch um gnädige Vergebung seiner begangenen Grobheit zu bitten: und was dergleichen Höflichkeiten mehr waren.

Als nun / nach abgelegtem schuldigen Gruß und Danck / die Königin den fremden Ritter / mit einem Sitz verehrete / und ferner zu fragen anfieng / woher er käme / und wohin er gedächte / auch dagegen vernahm / wie er gen Soletten eilete / ward sie hoch erfreuet wegen Polyphili / der zum wenigsten Gelegenheit überkommen würde / die Macarien mit einem Gruß zu erfreuen / und den Danck zu übersenden / vor die mithelffende Hand / welche / samt Polyphilo[348] / die Erlösung erworben. Deßwegen sie / vergessend ihrer Königlichen Würden / vor grosser Freud / eilig aufstund / Agapistum denen Anwesenden / nach gebührender Ehre zu bedienen / Befehl gab / und mit flüchtigem Lauf zum Polyphilo kam.

Dieser rathschlagte noch immer fort mit Melopharmis / konte aber nichts errathen. Und da sie die Königin / mit solcher Geschwindigkeit / auf sie zu eilen vernahmen / wurden sie dermassen erschräcket / daß Melopharmis derselben entgegen und zu Fussen fiel /mit der furchtsamen Stimme: Glück sey mit euch und uns / allerdurchleuchtigste Königin! und treffe kein Unfall unsre Freude! deßgleichen Polyphilus / der durch die ungewohnte Eilfertigkeit nicht weniger böses beförchtete / beugete sich / in aller Demut /gegen der Königin / bittende um die Eröffnung ihres Schreckens. Darauf die Königin anfieng: keines Schreckens / sondern einer grossen Freude / die euch /Polyphile! mit uns betrifft. Es ist ein fremder Ritter bey uns ankommen / der morgen auf Soletten gedencket / durch welchen wir bey Macarien / eurer Mithelfferin / den schuldigen Dank ablegen können.

Wie freudiglich Polyphilus erschrocken / kan jederman leicht schliessen; die Begierde mit dem Ritter zu reden / zog ihn der wiederkehrenden Königin / auf dem Fusse nach / deßgleichen auch Melopharmis /und da sie in das Zimmer kamen / bewegte der erste Anblick dieser beyder edlen Jüngling / deren jeder sich selbsten / in des andern Augen sehen konte / die Hertzen dermassen / daß / gleich wie Agapistus / also auch Polyphilus / mit hohem Vertrauen / und hertzbrünstiger Liebe entzündet ward / und ein jeder [349] nichts mehr verlangte / als mit dem andern in genauere Verbindnus zu tretten. Dieses verstärcketen nicht wenig die höfliche Reden / so sie gegeneinander mit so gezierten Worten führeten / daß beyderseits ein kluger Verstand / und eine gelehrte Zung gar leicht zu verstehen war. Sonderlich drehete Polyphilus seine Wort dergestalt / daß sich Agapistus höchlich verwunderte /wie er sein Begehren mit so verdeckter Entbergung ihm wissend machen könne. Und da Polyphilus / nach lang-gepflogener Unterredung allein bey Agapisto zu seyn / wünschete / auch so bald Gelegenheit suchete /mit Vorwenden / daß er ihm die ergötzende Gegend /wie sie ihm von Melopharmis sey gezeiget worden /gleichermassen vorlegen wolle führete er den Ritter /mit sich / auf die Zinne des Schlosses / von dannen Polyphilus seine Augen auf den Mohren Berg konte spielen lassen / und zeigte ihm / neben diesem / alles was das Gesicht erfüllen / und das Hertz erfreuen konte.

Als sie aber durch vielfältiges Gespräch fast bekandt wurden / und Polyphilus das gantze Hertz Agapisti zu kennen meynete / fieng er mit diesen Worten an / ihn zu besprechen: Edler Ritter! die Aufrichtigkeit eures Gemüths / so ich aus euren vertrauten Reden / und sittsamer Bescheidenheit ohnschwer schliessen kan / beweget mich dermassen / daß ich nichts mehr / dann eure Freundschafft verlange /nichts hefftiger / als eure Gewogenheit / wünsche. Zwar darff ich mich nicht zehlen unter den Ritterlichen Orden / weil ich ein Schäfer / und meine Begierde nicht so wohl die Waffen / als Tugend liebet: doch dennoch / weil mich mein freyes Gemüth gleich so fertig in einen Sattel / als hinter das Pult hebet / allwo die [350] Kunst durch Tugend / und Tugend durch Kunst erworben wird: hoffe ich / ihr werdet euch meiner Bitte nicht widersetzen / angesehen / die Pindus-Ritter selbsten denen Waffen-trägern zum öfftern nit nur gleich geschätzt / sondern wohl gar so ferne vorgezogen werden / als weit die Kunst der Gewalt / und die Tugend der Grausamkeit vorgehet. Wolt ihr demnach / edler Ritter! auch unter die gerechnet seyn /welche den Ritters-Adel zugleich durch Kunst und Waffen erwerben / oder durch Tugend erhalten: werdet ihr auch mich zu eurem Freund aufnehmen / wann ihr mich erkennet / daß ich meinen Willen in allen zu üben / und mein Glück / da es von nöthen / so wohl auf gewaltige Art / eines Blut-erzwingenden Gewehrs / als gelinde List der Tugend / zu schützen bereit sey: deßgleichen ich auch von euch mir verspreche.

Diese Red entzündete das Hertz Agapisti mit einer solchen Freudigkeit daß er mit höchster Ehrerbietung / sich gegen Polyphilo neigte / und sich selig schätzte / daß ihn die Glück-gönnende Versehung der Unsterblichen / zu seinem bessern Nutzen / daher geführet. Dann / sprach er / edler Polyphile! euer Begehren / soll nicht minder von mir durch den willigen Gehorsam beehret werden / als rühmlich es ist. Und muß die Ungleichheit unsers Standes / das Band der Freundschafft / so ihr durch euren ersten Gruß / in meinem Hertzen / gebunden / so wenig lösen / als gewiß ich mit euch in gleichem Glück und Willen stehe. Seyd ihr ein Schäfer? ich auch. Liebet ihr Tugend? ich auch Suchet ihr Kunst und Geschicklichkeit? ich auch. Was eure Begierde erwählet / das verlanget mein Wunsch: und was euer Wunsch [351] verlanget / das trifft die Wahl meines Begehrens. Ihr ehret mich vor einen Ritter / und ich selber lasse mich gern davor ehren / allein diese Ehre ist eine Beförderung meiner sichern Reise / die ich um Kunst und Tugend zu erlangen einig angetretten; darum ich mich / mit euch / unter die Pindus-Ritter schreibe / und meinen Kampff nicht so wohl durch Waffen / als die belobte Tugend-Ubungen zu führen suche. Daß ich aber eben dieses / unter einem fremden Namen / zu suchen mich erkühne / zwinget mich die Feindseligkeit der Kunst-hassenden Menschen / bey welchen die Liebe der Tugend so gar erloschen / daß sie nicht nur selber ihre Gedancken lieber zu der weltlichen Eitelkeit lencken /sondern auch andern / deren Sinn sich ihnen nicht gleichet / an ihren Vorhaben verhinderlich zu seyn /sich eussersten bemühen. Dieses eurer Verschwiegenheit zu vertrauen / veranlasset mich das Begehren meiner Freundschafft / die ich hiemit übberreiche /und euch als den Liebsten meiner Lieben / in mein Hertz aufaufnehme / mich schuldig erkennend / euch zu gehorsamen / und eurem Willen zu folgen. Mit diesen Worten / überreichte er dem Polyphilo die Hand: Dieser hingegen empfieng ihn mit einem Kuß / welcher beyder Hertzen dergestalt meinander fügete / daß ihr eines Wünschen / eines Wollen / eins Begehren /mit dem theuren Eyd der Treu und Beständigkeit / den Freundschaffts-Bund / zusamt der Verpflichtung aller Dienst und Müglichkeiten / aufrichtete / und vest verwahrete.

Die Gedancken Polyphili waren sehr bemühet /dem klugen-Beginnen Agapisti nachzuforschen / und was sie erfunden / das stärckete immer mehr [352] und mehr das Vertrauen: bevorab / da er Agapistum gleiches Standes mit ihm erkannte. Alsbald gedachte er / ihm zu eröffnen / was bißher geschehen / und wie er in den Tempeln sey unterwiesen worden / welches auch seinen Wunsch befriedigen könne: allem die finstere Nacht / und bereitete Tafel / endigte das Gespräch /und forderte sie beyde / das Abendmal zu nehmen. Deßwegen sie / in Begleitung etzlicher Hof-Diener /herunter steigen / und wiederum zur Königin eingehen musten.

Der gantze anwesende Hof-Comitat empfieng den fremden Ritter / nach Landes-Gebrauch / und da die gebührende Höflichkeiten vollbracht / wurden sie in der Ordnung / wie oben gedacht / zur Tafel gesetzt /ohne daß Agapistus den Sitz Melopharmis einnahm /und also gerad gegen Polyphilo über / der die lincke Seiten der Königin beschloß. Unter währendem Mahl fieng die Königin an / dem fremden Ritter / alles nach der Länge zu erzehlen / was Polyphilus verrichtet /und aus wie grosser Bedranguns er sie erlöset: welches sie mit so beschönten Worten ausdrücken konte /daß Agapistus leicht verstehen mochte / es geschehe diß / den Ruhm Polyphili zu mehren / und ihre schuldige Danckbarkeit zu erweisen. Polyphilus hingegen /dem diese Gelegenheit nicht erwünschter kommen können / fieng / mit höflicher Widerrede / sich vielmehr verpflichtet zu seyn / an zu bekennen / in dem er durch solche Hülff / ihm selbsten den grösten Nutzen erworben / da er durch die Tempel / von denen hoch-verständigen Kunst- und Sitten-Lehrern sey geführet worden: welches er gleichfals mit solchen Worten heraus streichen konte / daß Agapistus leicht verstehen [353] mochte / es sey diß der Sitz und eine Wohnung seines Verlangens / und könne er an keinem Ort besser / denn allhier / vergnüget werden. Daher trieb ihn auch die Begierde / als er vernahm / mitten unter den Weisen zu seyn / und die Hoffnung / er werde gleicher Ehr und Unterricht mit Polyphilo theilhafftig werden /daß er sein Vornehmen völlig eröffnete / wie ers dem Polyphilo in Geheim vertrauet hatte. Fieng auch an /seine Wort zu bekräfftigen mit dem / daß er jetzo Willens gewesen / die Solettische Tugend-Göttin zu grüssen / davon er viel Wunder und herrliche Ding vernommen / die ihm zu glauben / ohne die selbst-bewährte Erfahrung / unmüglich wären.

Drey Hertzen wurden auf einmal / und durch diß eine Wort / gleich als von einem Donner erschröcket. Die Königin wegen des fremden Ritters / den sie beförchtete / dem Polyphilo verhässig zu werden; Melopharmis wegen Polyphili / in dem sie das Feuer des Eyfers scheuete: Polyphilus aber / wegen der Königin / deren Verdacht er nicht entgehen würde / als wäre das geheime Gespräch / so er mit dem Ritter gehalten / bloß auf Macarien / und ihre Würden gerichtet gewesen. Deßwegen die Königin / deren Furcht die grösseste war / weil sie gleichwol eine heimliche Wissenschafft um die Liebe Polyphili hatte / folgender Gestalt anfieng: Edler Ritter! Es wundert mich / daß auch ihr / wie andere mehr / euch von dem nichtigen Geschwätz unverständiger Richter so bethören lasset /daß ihr die jenige eine Göttin heisset / an deren ihr doch das nicht finden werdet / was ihr suchet. Wisset ihr / was menschliche Schwachheit vermag / so werdet ihr ingleichen / eurem gesunden Verstand nach /schliessen / was diese / davon ihr redet / [354] in ihrem Wandel verübe / weil auch sie unter die Zahl der Sterblichen gehöret. Meines Erachtens / ists eine blosse Einbildung der Menschen / die ihrer Freyheit / in den Ruhm dessen / was sie lieben / mehr gestatten /als sie wissen / daß die Würde erfordere. Darum ich /in Warheit / unnöthig achte / so ihr / keiner andern Geschäffte halber Soletten zu sehen / verlanget / daß ihr euer Reise ferner fortsetzet. Wolt ihr Kunst und Tugend sehen oder lernen / könnt ihr dieselbe / mit besserm Ruhm und mehrerm Nutzen / bey den Göttern / als Menschen finden. In dem ich für allen diesen Polyphilum rühmen muß / der nicht auf Soletten /sondern sich zu unsern Tempeln genähert / die von den Unsterblichen selber erbauet / menschliche Unwissenheit zu unterweisen: wie er dann die Erfahrung allbereit mit eigenen Worten bezeuget. Verlanget ihr nun / edler Ritter! gleiches Glücks zu geniessen / wird euch nichts abgeschlagen seyn / und stehet euch frey bey uns aufzuhalten / so lang euch beliebet: aber mit dem Beding / daß ihr eure nichtige Hoffnung / nicht mehr auf die Solettische Göttin setzet / und derselben Unvollkommenheit unserer Himmels-Würde vorziehet.

Jetzt solte eins das erzürnte Hertz Polyphili abbilden / er müste gewiß eine Gluth voll Eyfers / und einen Feuer-Ofen voll erzürnter Hitze mahlen / so gar mochten die feurige Wangen / die blau-gefärbte Lefftzen / der eyfrende Mund / die brünstige Augen / und das erbitterte Hertz / nicht ruhen / daß es die Ehre seiner tausend-schönen Macarien / in seinem Beyseyn solte schänden lassen. Nein / sprach er / Königin / sie thut unrecht / in dem sie Agapistum von [355] dem Weg seiner Wolfahrt abhalten will. Ich selbsten habe das Glück erlangt / den Preiß der Insul Soletten zu sehen /und die Vollkommenheit dieser Wunder-bereichten Tugend-Göttin zu erkennen / und wundere mich noch jetzo über deren Vortrefflichkeit / die unter den Menschen himmlisch / und in dieser Welt Göttlich zu nennen. Deßwegen ich euch / mein Freund! Krafft unserer Treue dahin zu eilen / ermahne / und spreche / daß ihr / ohne hohe Verwunderung / nicht wiederkehren werdet.

Was hätte Atychintida darum geben / daß sie stillgeschwiegen? Nichts schmertzete sie mehr / als daß sie Zorn verdienet / da sie Gunst erwerben wollen /deßwegen sie auch / voller Betrübnus / nach dem ihrem Mund das Stillschweigen gebot. Melopharmis aber / die nicht wenig über den Gegen-Satz Polyphili erschrack / und eben auch wenig wuste / was sie dencken solte / fieng doch ungesäumt an / dem Polyphilo seinen Fehler zu zeigen / und die Königin zu schützen / in dem / daß sie alles das / die Solettische Göttin nit zu verachten / geredt / sondern aus tragender Furcht / es möchte / wie ihrer viel / Agapistus Tugend suchen / und Laster finden / weil sonderlich auch der Ruhm dieselbe ziere / daß ihre unvergleichliche Schönheit / alle die / so sie erblicken / in die Gefängnus der Liebe werffe / und ihrer Freyheit beraube. Ja freylich / fieng Atychintida an / habe ich in dem Verstand geredt / weil ich wol weiß / daß sie der Ausbund und der Kern aller Tugend: aber auch zugleich ein reicher Schatz vollkommener Schöne ist / der so bald gefället / als er die Augen gewinnet: Darum habe ich Agapistum / allda Tugend zu suchen[356] / ermahnen wollen / wo er dieselbe / ohne der beförchtenden Gefahr der Liebe / finden könne.

Polyphilus / dem sein gefasster Zorn dennoch nicht weichen wolte / fieng dagegen an: ob sich viel verlieben / hat doch diese Tugend-gezierte Göttin das Hertz / daß sie nicht wieder liebe. Doch dem sey / wie ihm wolle / ihr / Agapiste! habt freyen Willen zu thun / was ihr wollet. Mit welchen Worten Polyphilus aufstund / und mit gezwungener Freundlichkeit Urlaub nahm / in heimlichem Grimm aber auf sein Zimmer zueilete.

Melopharmis folgete ihm auf dem Fuß nach / und da sie allein waren / straffete sie den Zorn Polyphili mit solchen Worten / daß die Forcht alle Boßheit leicht verjagte / und er zufrieden seyn muste / daß ihm nur Melopharmis die Gelegenheit / seiner Macarien zu geniessen / nicht wiederwillig verderbte. Es trieb auch der schmertzhaffte Kummer die furchtsame Königin hernach / welche Polyphilo / mit höchster Betheurung ihrer Unschuld / den Zorn zu entnehmen /sich bemühete; wie dann geschahe / so bald sie die rechte Ursach / warum sie das geredt / entdeckete: ohne / daß Polyphilus versetzte / warum er auf Agapistum einen Eyser setzen solle / wegen dieser Göttin /die er doch nicht weiter liebe / als was er ihrer Tugend schuldig sey / daher eben der Zorn entstanden. Ja! fuhr er fort / wann er von meiner Deliteen etwas solches erwähnet / hätte michs zu einem Mißtrauen verführen sollen: allein dieser wegen lasset ihn ziehen /wohin ihm beliebet.

Das aber alles sagte Polyphilus / ihren Argwohn wegen Macarien zu verhüten / und sein Begehren / in Begrüssung Talypsidami / zu befördern: [357] welches auch Melopharmis so bald merckete / daß sie von Stund an Gelegenheit suchte / mit der Königin allein zu reden /und dem fremden Ritter / die Erlaubnus der Abreise zu erbitten.

Es schickte sich aber eben / daß Agapistus auch herzu kam / um zu vernehmen / was die Ursach wäre /daß Polyphilus so zeitig aufgestanden; dessen Gegenwart / die Königin / samt Melopharmis / den Abtritt zu nehmen verursachete.

Agapistus / dem die plötzliche Röte im Gesicht Polyphili einen Argwohn einiges Widerwillens erwecket / fieng mit freundlichen Geberden den Polyphilum an zu fragen / was ihm widriges vorkommen? welcher antwortete / daß er sich eben ereyfern müssen / über die Unbillichkeit der Königin / welche das / was sie nie gesehen oder erkennet / verachten dörffen. Glaubet mir / fieng er weiter an / treu-verbundener Agapiste! werdet ihr die Solettische Göttin sehen / so werdet ihr himmlische Würden / Göttliche Gaben / und die Vollkommenheit der Tugenden selber sehen /darum lasset euch den Weg nicht dauren: Kommet aber wieder zu uns / und bekräfftiget die Warheit meiner Wort / mit eurem Zeugnus / dessen ich gewiß bin / daß es nicht fehlen wird. Eins aber ist euch noth / daß ihr Gelegenheit überkommet / sie zu sehen / welches schwerlich geschehen wird / wo ihr nicht einen vertrauten Freund gewinnet / der euch den Zutritt eröffne. Nun daß ihr sehet / was die erste Frucht unsers Verbündnusses seyn sol / will ich euch an Talypsidamum / meinen Eyd-verdundenen Freund schicken / und für euch bitten / daß er euch / wie mir /die Gelegenheit erwerbe / die Göttin zu sehen. Ihr müsset aber meinen Dienst mit [358] keiner Untren versetzen / sondern allerdings reden / wie ich euch vertraue / und schweigen / was mir schaden kan. Talypsidamus / zusamt der Göttin / leben der gewissen Meynung / ich sey todt / und haben mich die Wellen ersäufft: darum dörfft ihr wol sagen / ich lebe; ihr dörfft gestehen / daß ihr mit mir geredt; ihr dörfft eröffnen /daß ich so nahe sey / daß mich noch der Abend zu ihr führen könne: aber / wo ich sey / wie ich lebe / und auf was Weise ich errettet worden / verschweiget biß zur andrer Zeit / und bejahet nichts von allen dem /was die Konigin von meinen Verrichtungen / und ich von den Tempeln erzehlet. Mit dem Beding will ich euch diesen Brief an Talypsidamum überreichen und bitten / daß ihr unverwaigerte Antwort an diesen Ort bringet; auch Talypsidamo nichts anders antwortet /als daß die Pflicht / damit ihr mir verbunden / euch Verbot gebe / den Ort zu eröffnen / biß ich selber zugegen.

Das alles gefiel Agapisto so wohl / daß er allem dem zu gehorsamen / mit Mund und Händen versprach / auch die Widerkehr auf folgenden Tag zusagte: bedanckte sich ingleichen / daß er ihn zu seinen treuen Botschaffter erwählet / und durch diß Mittel /des grossen Glücks theilhafftig mache / die von allen gepriesene Tugend-Göttin gegenwärtig zu grüssen /ihn versichrende / daß er alles nach seinem Begehren beobachten / und mit solcher Sorgfalt verrichten wolle / wie ers selbsten thun würde / wann er im Gegentheil sein / Agapisti / Vertrauen bedienen würde.

Klüglich war / in Warheit / alles diß angefangen /und hätte sichs nicht füglicher anstellen lassen / als daß dieser Seiten Verschwiegenheit / die Unwissenheit [359] jenes theils nicht verständigen dorffte: jenes Erforschung aber / dieses Unwissenheit / gleich behütet / nicht erkündigen kunte. Nur das war noch verhinderlich / daß Agapistus wieder der Königin Zulaß nicht abziehen dörffte / wolt er anderst den Namen eines undanckbaren Gastes verwehren. Selbst auch Polyphilus bauete vor / daß / ob Agapistus / Polyphilo zu Gefallen / der Königin zuwider handeln wolte /er doch ihren Beyfall erwartete; deßwegen sie beyde rathschlagten / wie sie ihr Vornehmen zu Werck richten möchten. Dann / gedachte Polyphilus / widerstrebet Agapisius der Königin Befehl / darff er nicht künlich widerkehren / und erhalt ich keine Antwort Auch hätte Polyphilus gerne gesehen / daß Agapistus / nach dem / völlig an dem Hof der Königin bliebe / damit er theils Weißheit erlernen / theils auch um und bey ihm seyn könte / so lang ihn sein Glück oder Unglück allda zu halten gesinnet.

Da sie nun beyde in diesen Gedancken bemühet waren / und aber keinen tüchtigen Rath erfinden konten / kam Melopharmis / und verkündigte Polyphilo heimlich / daß sie mit der Königin / wegen der Abreise Agapisti geredt / und sie dahin bewogen / daß sie /um Polyphilum zu befriedigen / Agapistum nicht nur gerne ziehen lassen / sondern gar ziehen heissen werde / und / mit einem ansehligen Geleit / biß auf Soletten führen / damit er desto gewisser widerkehre: wolte nun Polyphilus ihm den Brief trauen / könte die Abreise morgen / mit dem frühesten / geschehen; er soll aber alles wohl bestellen / daß nicht jrgend eine Schalckheit / unter der Treu / verhorgen liege.

Polyphilus dessen hoch erfreuet / antwortete / daß[360] der Brief schon vertrauet / und die Abrede allerdings klüglich und vorsichtig geschlossen sey; bedanckte sich auch der gehabten Mühe / und bat ferner / seinem Begehren behülfflich zu seyn / und setzte hinzu / wie ers vor eine grosse Gunst erkenne / daß Atychintida so willfährig sey / hoffe doch / sie werde nicht wissen / was er suche: selbiges auch ferner zu verhüten /bitte er / das Geleit / vor dißmal / innen zu behalten /weil es mehr hinderlich / als förderlich seyn würde. Nach eurem Willen / antwortete Melopharmis / ich wills wieder berichten: und damit nahm sie Urlaub von ihnen / wünschte dem Agapisto eine glückselige Reise / und hieß sie beyde wol ruhen. Indessen quälete noch immer fort die Furcht der Boßheit Polyphili /der Königin Hertze so gar / daß sie auf alle Mittel und Weg bedacht war / wie sie seinen Grimm wenden könne. Es fiel ihr aber bey / daß Polyphilus ein sonderer Liebhaber der Nacht-Musie sey / darum sie folgendes Gedicht verfertigte / und an die ergötzliche Faden der Lauten knüpffen ließ / auch von denen Saiten-Zwingern / vor seinem Zimmer / im folgenden Thon /in die Lufft opffern.


Wie wunderlich ist doch des Himmels Schluß?
der nicht pflegt / wie der Mensch / zu schliessen:
was uns gefällt / ist offtmals ihm Verdruß /
gesegnet / das wir möchten grüssen;
was hefftig wir begehren /
das will er nicht gewähren /
wie wunderlich ist doch darum des Himmels-Schluß?
der / für verlangtes Wohl / nichts schicket als Verdruß.
2. Wie viele wünschen offt zu haben das /
was sie annoch nicht haben können?
wie viele wollen wieder / weiß nicht was /
das doch der Himmel nicht will gönnen?
[361]
viel wollen gerne lieben /
und keiner sich betrüben /
da doch die Lieb in Leid / selbst nach des Himmels-Schluß /
der anderst schliesst / als wir / erhalten werden muß.
3. Wie viele rühmen auch der Freyheit Schatz /
und wählen doch im Joch zu leben?
verschertzen ihre Macht auf einen Satz /
die sich der Liebes-Macht ergeben /
und ihre Freyheit hassen /
vor Liebe / Leid anfassen /
weil in dem Liebes-Joch der wundre Himmels-Schluß /
gleich Leid und Freud beschliesst / Ergötzung und Verdruß.
4. Drum mercket alle diß / wer hertzlich liebt /
wird schmertzlich sich auch stets betrüben:
denn diesen Schluß der Himmel selber gibt /
daß nicht der Wunsch soll stets verüben /
mit gutem Glück / sein Dichten /
noch in dem Werck verrichten.
Drum ist sehr wunderlich der wunder Himmels-Schluß /
der / für verlangtes Wohl / offt schicket nur Verdruß.
4. Absatz
Vierter Absatz

Beschreibet den Abzug Agapisti auf Soletten / und den Nach-Wunsch Polyphili / auch sein Gespräch mit der Königin von dem Frauen-Lob: Welches hie an statt der Lehre stehen kan.


Der Gesang gefiel Polyphilo so wohl / daß er eben darüber entschlieff. Es war fast Mitternacht / da sich Polyphilus mit dem Ritter niederlegte / welcher / von der Reise ermüdet / alsbald einschlieff / Polyphilum aber die Sorge bewachen ließ. Der ihm schon tausend Gedancken machte / was Talypsidamus antworten /und was Macarie sagen werde / wann sie wieder vom Polyphilo höre.

[362] So bald kont es nicht tagen / daß Polyphilus den schlaffenden Ritter mit einem gezwungenen hefftigen Nieser nicht aufweckete / und ihn an die Abreise erinnerte: wiewohl er hernach / als Agapistus darüber erwachte / sich höchlich zu entschuldigen anfieng / vorgebend / als wäre ihm / solchen aufzuhalten / wegen der plötzlichen Ubereilung / auch sonderlich im halben Schlaf / nicht müglich gewesen. Das that er aber alles / damit Agapistus wieder Antwort geben / und den Schlaff vollend brechen muste: darum er ihm einen fröligen Morgen wünschete / und gleich als ohngefähr aufsahe / und / des Tages wahrnehmend /ferner fortfuhr: ists doch schon helle / wie hat mich heute die muntere Morgenröthe in der Ruhe erschlichen: welche Wort Agapisto gnugsam verständigten /daß er auf und fort solte. Stunden sie also beyde zugleich auf / und bereitete Agapistus die Reise / Polyphilus aber erinnerte ihn nochmal an die Reden / so er öffnen und bergen solte.

Es war noch sehr frühe / da sich Agapistus aufmachte / daß er von der Königin / und andern / die ihm zugesprochen / nicht Urlaub nehmen konte / deßwegen er Polyphilo die Verrichtung auftrug / welcher ihn auch / mit der Zusage / wegreisen ließ / und eine glückliche Hin- und Wiederkunfft nachwünschete.

Nun reitet Agapistus auf Soletten zu: Polyphilus eilete auf die Höhe / und sahe ihm sehnlich nach / wiewol er lieber mit ihm geritten wäre. Ach! dachte er /du glückhaffter Agapistus! wiewol wirst du empfangen werden / wegen des Namens Polyphili? wie seelig bist du doch / der du das ohne grosse Müh erhalten kanst / das ich mit so unzehliger Gefahr noch nie erlangen können? Ach! wär ich doch [363] jetzo nicht Polyphilus / so könte das verboßte Glück seine Tyranney an mir nicht verüben. O unglückseliger Polyphile! das deine Augen erfreuen solte / dessen freuen sich die fremde. Wie ist doch meinem Hertzen so weh? Allerschönste Macarie! wie lebt sie? dencket sie auch ihres Polyphili noch? sie liebet mich ja? weil ich sie liebe. Sie hoffet meine Gegenwart / weil sie weiß / daß ich nicht todt bin. So heisset mich zwar Melopharmis glauben: aber / allerliebstes Hertz! warum bin ich so ferne geführet? warum so weit entschieden? daß deine Abwesenheit mehre die Schmertzen meines Verlangens / und die so scheinende Unmüglichkeit / dich wieder zu sehen / mich folgend ins Verderben stürtze. Aber was klage ich / da ich glaube / daß ihr mich gleicher-Weise liebet? So muß ich auch glauben / daß ihr eben die Mühe und Arbeit für mich ausstehet / die ich jetzt eurenthalben gedulte. Ach! Allerliebste! vielleicht will die Liebe / daß ich den Schmertzen erstatte / den ihr jetzt leidet / dieweil ihr so weit von mir entschieden / durch die Bekümmernus / welche von gleicher Entzündung eures Abwesens in mir wütet. Ach! wolte Gott! daß ich könte mein Hertz in meinen Händen haben / wie es in dem Schoß der Liebsten ruhet / so weiß ich / würde meine Krafft sich verstärcken / und mein Verlangen ruhig werden. Ach! wolte Gott! daß ich meine Macarien so wohl mit leiblichen Augen sehen könte / als lebhafftig sie Tag und Nacht für den Augen meiner Gedancken stehet. Ja! wolte Gott! daß ich ihr Bildnus so eigentlich meinen Sinnen vorstellen / und in meine Seele drucken könte / als sie / ach! der seelige Agapistus / mit seinen Augen sehen wird / so wolt ich mich / biß ich ihrer wieder geniessen [364] könte / an dem Nahmen Macarien begnügen lassen.

Unter dieser Klag-Rede verlohr Polyphilus Agapistum / welchen der Weg hinter einem Busch auf den Wald zuführete / daß er ihn nicht mehr sehen konte /und deßwegen anfieng: Nun / so begleite dich tausendfaches Glück / daß dich keine Irrwege verführen /und komm mit erwünschter Verrichtung wieder! Der Himmel sey dir gnädig / und unter dem Schutz der begleitenden Geisterlein müssest du sicher reisen! Ihr auch / ihr unsterbliche Götter! deren Gnad mir meinen Wunsch erfüllen wird / und das Verhängnus meiner Unseeligkeit / aus mitleidender Erbarmung / enden /gebet sicher Geleit dem jenigen / der meine Freud zu wählen / und meine Schmertzen zu lindern ausgereiset ist! Lasset ihn mit fröligem Muth mein Antlitz wieder sehen!

Indem Polyphilus dergleichen Seufftzer mehr hervor brachte / kam Melopharmis / und hörte sein kläglich Beginnen / gedachte derowegen ihn zu trösten /darum sie / durch ihre tausend-listige Kunst / folgendes Lied / in der Lufft / nahe bey Polyphilo / lieblich und verständlich singen ließ:


Wol dem! der sich allezeit
kan zu Frieden geben /
Und so wohl in Freud als Leid /
gleich gesinnet leben;
Der vest an der Demut hält /
wann das Glück ihm blühet;
dem nicht bald der Muht entfällt /
wann er Unglück siehet.
2. Der das liebt / was ihn auch liebt /
nicht fürcht / was ihn hasset:
[365]
und wann ihn der Neid betrübt /
die Gedult anfasset;
Auch denckt / daß sich selbst der Neid
eher wird verzehren /
als dem Glück der Herrlichkeit /
im geringsten wehren.
3. Der da seine Freunde / Freund;
Feinde / Feind lässt bleiben;
und doch sich an keinem meint
feindlichen zu reiben:
tröstet sich der rechten Sach /
und läst Gott stets walten /
welcher allem Ungemach
wird die Wage halten.
4. Der den ehrt / der Ehren werth /
keinen nicht verachtet:
sich an andrer Glück nicht kehrt /
und nach dem nicht trachtet /
was ihm auch nicht werden soll;
sich zu Frieden giebet /
ob er wird des Schadens voll /
der ihn sehr betrübet.
5. Der an allem / da man kan
zweiffeln / Zweiffel träget;
und ist Hoffnung noch woran /
sie nicht bald ableget:
Der sein Thun fein klüglich richt /
sich in allem hütet:
Und verliert das Hertze nicht /
wann das Unglück wütet.
6. Der gesinnt in keiner Noht
noch Gefahr zu scheiden /
und will rühmlich selbst den Tod
lieber / als Spott / leiden:
[366]
Weil er weiß / daß / wer da will
schöne Rosen brechen /
muß er drum nicht achten viel /
daß die Dornen stechen.
7. Dessen Mund nicht Honig fasst /
Gallen trägt im Hertzen;
Mündlich liebt / und hertzlich hasst /
kan betrüglich schertzen:
Sondern Willens / seinen Geist
lieber aufzugeben:
als bey dem seyn / der ihn heisst
ohne Warheit leben.
8. Und ob schon der Neider Mund
seinen Namen schmähet;
wird es doch bald werden kunt /
eh ein Jahr vergehet /
wie / man ihm / ohn alle Schuld /
viel hat zugeschrieben /
wann er ewig in Gedult
ist beständig blieben.
9. Der mit Gott die Tugend fasst
und ihm zugesellet;
alles das hinwider hasst /
was der Welt gefället:
Machet / daß man allezeit
an ihm sieht und spüret /
daß er nichts als Redlichkeit
in dem Schilde führet.
10. Den wird endlich auch ins Grab
dieser Ruhm begleiten /
daß er stets gelebet hab
ehrlich bey den Leuten /
und das ist der schöne Danck /
[367]
der nach diesem Leben /
seines guten Namens klang
stets von sich wird geben.
11. Was will man dann trauren viel /
wann es nicht so gehet;
Wie in unserm Sinn das Ziel
aufgerichtet stehet:
Wann der Regen geht vorbey /
muß die Sonne scheinen:
gleich so Freude mancherley
folget nach dem Weinen.

Polyphilus erschrack über die unverhoffte Begebenheit / merckte doch mit grossem Fleiß auf / was die Wort berichten würden / weil er ihm alsobald den[368] Glauben machte / als würde ihm durch des Himmels Schickung etwas neues bedeutet werden. Sein einiger Wunsch war / daß er die Tafel mit dem Griffel bey Handen gehabt hätte / ob er nur etzlicher Wort können mächtig werden zu bebalten: welchen Wunsch ihm aber Melopharmis erfüllete / und / nach geendigtem Lied / einen Zettel vor ihm mederfallen ließ / darauf es völlig versetzet war. Dessen er höchlich erfreuet / denselben behende aufhebte / und ihn zum öfftern durchlase: wurde auch dermassen damit getröstet / daß er ihm gefallen ließ / den Nach-Wunsch mit dem Gegen-Satz / auf seine Person zu ziehen / und sich / in seiner betrübten Verweilung folgender Art zu trösten:

[369] [368]Nach-Wunsch.
Das ich könte jederzeit
mich zu frieden geben /
Und so wohl in Freud / als Leid /
gleich gesinnet leben:
Hielt ich nur die Demut fest /
wann das Glück mir blühet /
wie mich gleich das Hertz verläst /
wann es Unglück siehet.
2. Könt ich lieben / was mich liebt /
was mich hasset / hassen:
Könt ich / wann ich bin betrübt /
die Gedult anfassen:
Weiß ich / würde selbst der Neid /
eher sich verzehren /
als der frohen Herrlichkeit /
meines Glückes wehren.
3. Könt ich meine Freunde / Freund:
Feinde / Feind seyn lassen:
[368][370]
meynen / wer mich wieder meynt /
wer mir feind / nicht hassen:
Weiß ich / meine rechte Sach
würde GOtt so walten /
daß ich allem Ungemach /
könt die Wage halten
4. Könt ich gleich zu frieden seyn /
was das Glücke schencket /
Trost im Leiden / oder Pein /
und was sonst mich kräncket:
wollt ich mich an andrer Glück
nicht so mercklich kehren:
sondern dencken / dieser Blick
wird auch mich verehren.
5. Könt ich zweifflen / wo man kan
sonsten Zweiffel tragen:
Wann mich Unglück greiffet an /
hoffen / nicht verzagen:
Wolt ich meine Wort und Werck
alle dahin richten /
daß nicht meine Hertzens-Stärck
Unglück könn vernichten.
6. Könt es seyn / daß / wer da will
schöne Rosen brechen /
fühle nicht der Dornen viel /
die wie mächtig stechen:
Wolt ich auch in keiner Noht
keinem Unglück scheiden:
Wolte selber selbst den Tod
lieber / als Spott / leiden.
7. Könt ich Honig in dem Mund
bergen / Gall im Hertzen:
Gleich auf einmal seyn gesund
wieder kranck zum schertzen:
[370][372]
Wolt ich warhafft meinen Geist /
lieber nicht aufgeben /
als bey der seyn / die mich heist
so vergnüget leben.
8. Könt ich / wann der Neider Mund
meinen Namen schmähet /
aller Orten machen kunt /
wie die Warheit stehet:
Weiß ich / würd ich ohne Schuld
öffters sein beschuldet:
Doch so / daß ich mit Gedult /
alles auch erduldet.
9. Könt ich hassen alles das /
was der Welt gefället /
und der Tugend rechte Maß
fassen / die sich stellet /
wie sie ist / so weiß ich wohl /
sollt man an mir spüren
Redlichkeit / und was ich soll
in dem Schilde führen.
[372] [369]Gegen-Satz. 1
Weil ich halt die Demut vest /
wenn das Glück mir blühet:
Weil mich auch der Muht nicht läst /
wann er Unglück siehet;
So kan ich zu jeder Zeit /
mich zu frieden geben:
Und so wohl in Freud / als Leid /
gleich vergnüget leben.
2. Ja! weil selbst der blasse Neid
sich noch wird verzehren:
Und mir meine Herrlichkeit /
können nicht verwehren:
Will ich lieben / was mich liebt /
was mich hasset / hassen:
Und bloß / wann ich bin betrübt /
die Gedult anfassen.
3. Auch weil meine rechte Sach
selber Gott wird walten:
[369][371]
Und in allem Ungemach /
gleiche Wage halten:
Kan ich meine Freunde / Freund /
Feinde / Feind seyn lassen /
und so lang die Sonne scheint /
keinen Nebel hassen.
4. Weil ich mich an andrer Glück
nicht gar mercklich kehre:
Sondern meinen Sternen-Blick
mehr / als ihren / ehre:
Kan ich auch zu frieden seyn
mit dem / was ich habe:
Sey gleich Freude / oder Pein /
ists doch Gottes Gabe.
5. Weil ich meine Wort und Werck
alle dahin richte /
daß kein Unglück meine Stärck /
noch mein Hertz vernichte:
Darff ich zweiffeln / wo man kan
sonsten Zweiffel tragen /
kan ich / wann mich greiffet an
Unglück / nicht verzagen.
6. Weil ich weiß / daß / wer da will
schöne Rosen brechen /
müsse das nicht achten viel /
wann die Dornen stechen:
Will auch ich in keiner Noth
keinem Unglück scheiden /
lieber leiden selbst den Tod /
als die Liebste meyden.
7. Weil ich Willens / meinen Geist /
lieber aufzugeben:
als von der seyn / die mich heist
ohne sie jetzt leben:
[371][373]
Wird man Gall in meinem Mund
finden / und im Hertzen /
gegen dem / der sich gesund
macht / durch meinen Schmertzen.
8. Weil ich auch bin ohne Schuld /
offtermals beschuldet:
Weil ich alles mit Gedult
biß daher erdultet:
Werd ich / wann der Neider Mund
meinen Namen schmähet /
selbst die Warheit machen kunt /
eh ein Jahr vergehet.
9. Ja auch / weil ich bin gewiß /
daß ich nicht betrüge:
Und mein Hertz durch keinen Riß
reisse / noch sich biege:
Kan ich sagen / daß ich haß /
was der Welt gefället /
und nur einig liebe das /
was die Tugend stellet.
10. Ey so wird mich auch ins Grab
dieser Ruhm begleiten /
daß ich stets gelebet hab
ehrlich mit den Leuten:
Das wird seyn der schöne Danck /
der nach diesem Leben
einen guten Namens-Klang
stets von sich wird geben.
11. Ists so? was dann traur ich viel /
daß es nicht so gehet /
wie in meinem Sinn das Ziel
aufgerichtet stehet:
Wer weiß / wie es nachmals geht /
Lachen folgt dem Weinen:
Wann der Regen wird verweht /
muß die Sonne scheinen.
[373]

[374] [372]Wol zehenmal sang Polyphilus diesen Nach Wunsch /zehenmal wiederholte er den Gegen-Satz / und ergötzte sich mit der selbst-gemachten Freud wie sehr / biß Melopharmis ihm ansagte / daß Atychintida / in ihrem Zimmer / auf ihn warte / und mit ihm Gespräch zu halten / begehre.

Das erste / so er in seinem Eingang / nach abgelegtem Gruß / erwähnte / war der Befehl Agapisti / welchen er / wegen der gebührenden Empfehlung / in den Schutz Gottes / nicht weniger auch schuldiger Dancksagung / vor erwiesene hohe Gnad / vor seiner Abreise / ihm / an seine statt / zu vollbringen / anvertrauet /beneben dem Entschluß der Entschuldigung / [372] [374]daß er /ohne derselben demütiges Besprechen / so früh weg eilen dörffen / es haben seine nothwendige Geschäfft den Verzug nicht gestattet: doch werde er / so ihn keine Widerwertigkeit zu ruck halte / morgendes Tages wieder da seyn / und seinen Gehorsam sorglicher beobachten. Und dann / antwortete Atychintida /mit lachendem Munde / werden wir auch ein Zeugnus von der Tugend-Damen hören / durch deren Bestraffung ich euch so hoch erzürnet. Freylich ein Zeugnus /wiederbrachte Polyphilus / weiln die Vollkommenheit ihrer Würde / ohne Lob / nicht kan beschauet / viel weniger / ohne Preiß / betrachtet werden. Diese Rede verursachete die Königin Polyphilum weiter zu versuchen / und eigentlicher nach Macarien zu fragen /darum sie ihn folgender Gestalt anredete:

Tugend-verständiger Polyphile! ich kan euch nicht bergen / daß mir gestriges Gespräch / zusamt dem Lobe / das ihr der Tugend-Göttin beygelegt / einen grossen Zweifel / und nicht geringes Nach dencken verursachet / sintemal ihr durch euer Zeugnus einem Weibs-Bild mehr zugeeignet / als die Weibliche Schwachheiten ertragen / und / eurer Rede nach / die weibliche Vollkommenheit / männliche Würden / weit übersteigen wird. Wann ich nun den Unterschied zwischen beyden Geschlechten behertzige / kan ich nicht finden / daß müglich sey / eine solche Tugend bey dem Geschlecht voller Mängel anzutreffen / die der völligen Mannschafft vorzuziehen sey: daß ihr demnach nicht anderst / als ohne Grund geredt. Verzeihet mir / Polyphile! daß ich euch dessen erinnen darff /und glaubet nicht / als sey es aus Widersinn oder Verachtung der viel-beschönten Macarien geredt / [374] sondern euren Unterricht in diesem Zweiffel einzuholen. Würdiget mich demnach desselben / so will ich hinfüro auch immerdar der Macarien die Posaune des Lobs blasen.

Diß Begehren gefiel Polyphilo nicht übel / weil er dadurch Gelegenheit überkam / an seine Macarien zu gedencken / und deren Ruhm zu vermehren. Deßwegen er den Einwurff Atychintidœ mit solchen Worten widerlegte: Holdselige Königin! Ich lasse mich leicht überreden / daß mein gestriges Gespräch ihr einige Gedancken erwecket / und einen zweifelhafften Schluß verursachet / weil ich mich nicht gescheuet /den edlen Ritter Agapistum zu ermahnen / seinen Weg fortzusetzen / und die Tugend-Göttin / um Tugend zu erwerben / selbsten gegenwärtig / auch vielleicht nicht ohne hohe Verwunderung / zu grüssen und zu sehen. Es scheinet freylich / als wolle ich das Geschlecht voller Mangel der mannbaren Vollkommenheit vorsetzen: allein / wann wir Macarien ohne Mangel erkennen / wird sich der Schein verlieren. Zwar ists so / daß sie die Natur / in das Register der weiblichen Beschaffenheiten eingenahmet / aber so wir den Verstand erwegen / welcher über die Natur sich erhebet / werden wir augenscheinlich erkennen /daß weder weibliches noch männliches Vermögen; sondern allein die Himmel-bescherte Weißheit / in dem weiblichen Leibe / herrsche / deren sich keine /in dieser Sterblichkeit / zu gleichen erkühnen wird. So kan ich auch von andern ruhmwürdigen Damen / nicht ohne sondern Nachtheil der Ehre / so allein dem männlichen Blut gehöret / mit Warheit sagen / daß /ob sie sich schon der Macarien nicht in allen gleichen / dennoch in vielen auch nicht [375] nachgeben / oder ja zum wenigsten eben den Ruhm verdienen / welchen mancher dapfferer Held / durch sein Streiten / man cher Hoch-verständiger / durch seine Kunst / mancher Tugend geübter / durch seine lobwürdige Verrichtungen / nicht erlangen können. Ja! ich scheue mich nicht / von dem gantzen weiblichen Geschlecht / so fern es von dem gütigen Himmel mit Tugend begnadet ist / zu bejahen / daß sie entweder mehr Lob verdienen / als wir / oder ja zum wenigsten gleicher Ehre würdig sind. Ein guter Baum wird erkannt an seinen Früchten: Wer wird nicht gestehen / daß wir uns denen faulen Bäumen gleichen / die keine Früchte bringen? die Weiber aber sind der Welt ersprießlich. Ich geschweige / daß viel löbliche Königinnen / und mehr als männliche Heldinnen / vor Zeiten gewesen /und noch jetzo seyn / deren Ruhm mit aller Ewigkeit /in die Wette lebet. So bleibet das ewig wahr / daß der Stamm höher zu schätzen / als die Frucht: Woher sind aber die großmütige Helden und verständige Männer gebohren und erzogen? der Mütterliche Stamm hat solche Knotten gewonnen / die Weibliche Wurtzel sprosset mit solcher Frucht / und ihre Brüste tropffen von der Milch / die ihre Sinnen behertzt; die Hand führet die Zucht / darinnen sie die Sorgfalt der Mutter verstärcket machet. Was rühmet sich nun der Fluß wider die Quelle? Was erheben sich die Blumen wider das Feld / oder die Aehren wider den Acker / in welchem sie erwachsen? Ich lasse mich leicht überreden / daß eben dieser Ursach halber auch die Länder in Weibs-Gestalt abgebildet werden / weil sie / gleich jenen / aller Völcker Ernehrerinnen und Vermehrerinnen sind. Dann wer ist unter allen Männern / der solche weibliche [376] Ankunfft / oder der ersten Mutter Nahrung abredig seyn kan? meines Erachtens kein einiger.

Die Königin lachete deß / und versetzte dagegen /daß nicht folge / wann die Frucht schön sey / müsse sich der Stamm selbiger gleichen; weil auch / von einem faulen Baum / bißweilen ein Apffel falle / und ein verdorrter Ast / nicht selten schöne Frucht zeige. Wer wird sagen / sprach sie / daß sich die Dornen den Rosen gleichen / ob sie dieselbe schon tragen? Wer wird das Stroh den Körnern / der Blum den Stengel vorziehen?

Gleichwol widerlegte Polyphilus / kan die Blum nicht ohne dem Stengel / noch die Körner ohne das Stroh aufwachsen / und haben die Rosen ihre Schöne und Lieblichkeit den Dornen zu dancken. Auch / fuhr er weiter fort / müssen wir den Ruhm und Vorzug der Weiber / nicht einig in diesem / suchen / wir wollen auf ihre Verwaltungen sehen / daher ich leicht schliessen kan / daß durch der Weiber Hände die gantze Welt regieret werde. Worinnen bestehen die weltliche Regimenter? Meines Wissens ist derselben Grund /die Kunst des Haußhaltens / daß alles im erbaulichem Wesen gehalten werde. Das aber ist der Weiber Verrichtung. Ein gantzes Land behält in sich viel Städte /die Städte beschliessen viel Dörffer / die Dörffer bestehen aus vielen Haußhalten: Diese aber bestehen /nicht in der Männer / sondern der Weiber Händen. Ein wohlbestelltes Hauß gleichet sich nicht übel einer gäntzen Herrschafft / darinnen die Regentin das Scepter / die Kinder die Leibeigenschafft / und Knecht und Mägd gleichsam die Burgerliche Schuld und Rechte führen. Aus deren Beschluß entstehet nochmals ein Regiment: ohne [377] deren Menge wird ehe eine Einöde zu finden / als eine Herrschafft anzutreffen seyn. Wie hoch ist demnach abermal das weibliche Geschlecht zu rühmen?

Die Königin wolte sich auch diesem widersetzen /mit Vorwenden / daß im Gegentheil mehr schädliche und unnütze Hauß-Regentinnen / als nützliche und löbliche anzutreffen: aber Polyphilus widerlegte sie gar leicht / in dem er zu verstehen gab / daß unter dem Männer-Weitzen auch viel unnützes / und mit ihrem Gewächs / öffter mehr Unkraut aufgehe / als gute Frucht: Zu dem rede er von solchen / die sich der ruhm-würdigen Macarien zu gleichen bemüheten. Und fieng er ferner an: Was wollen wir endlich von dem Verstand der Weiber sagen / welcher in Warheit nicht minder aller Unterrichtung und Belernung fähig / als bey den Männern? Ja! es scheinet / daß man ihnen das studieren nicht zulassen wolle / damit sie die Männer nicht übertreffen sollen / weil solches den Verstand erhöhet / dessen sie bereit gnugsam haben / wie dann hierdurch stillschweigend gestanden wird.

Nein / fieng Atychintida an / sondern weil sie von Natur nicht darzu geschickt und tüchtig sind. Mit nichten / versetzte Polyphilus / denn es gebens die Exempla / daß ihrer viel von der Natur gleichsam zum studieren gewidmet sind: wie dieses Madam des Roches / de Gournai / Juliana Moret / Jacobina d'Avignon / Giustina Freddi / Vittoria Colonna / Lucretia Boccalini / Angela Zacco / Michaele Tœrabotta / und andere / mit ihrem Exempel / bezeugen: sonderlich daß von Jacobina d' Avignon wunderhafftes gesagt wird / daß sie 14. Sprachen erlernet / und zu Lyon /im 14. Jahr ihres [378] Alters / zum öfftern / aus der Welt-Weißheit disputiret. Ebenmässig lesen wir in dem Buch der Offenbahrung / von der Königin Saba / aus Reich Arabien / daß sie / mit hohem Verstand begabet / sey kommen die Weißheit Salomonis zu forschen. Auch melden die Historien / von einer / Namens Aspasia / welche des unvergleichlichen Redners und mächtigen Käisers Periclis / Lehrerin gewesen. Von Aganica schreibet Plutarchus / daß sie in der Stern-Kunst wundermächtig sey erfahren gewesen. Und wie herrliche Wissenschafft erzehlet Athenœus von Callistrata Leßbia: Cicero aber von Cornelia / der Grachen Mutter / daß sie ihre Kinder in der Red- Kunst unterwiesen / und hoch gebracht. Nicht weniger von Cornelia / Käisers Pompeji Gemahl / Plutarchus; und Diodorus Siculus von Daphne / der Tiresiœ Tochter / die solche Verß geschrieben / daß auch Homerus sich nicht gescheuet / in seinen Gedichten / viel von ihr zu entlehnen? Was soll ich melden / von der Beredsamkeit der Tochter Hortensii / deren Appianus und Quintilianus mit grossem Ruhm gedencken? Was von Lœlia / C. Gracchi Tochter / davon Cicero: was von Olympia / davon Gyraldus: was von Hippias / der Wirthin Lycurgi / davon Plutarchus meldet? Ja! was von Diotima / davon Socrates selber gestehet / daß sie ihm / in vielen / eine Lehrerin gewesen: wiewol er der obgedachten Aspasten auch nicht wenig zu dancken habe. Die Zeit würde mir zu kurtz werden / wann ich alle nach der Läng erzehlen wolte / die in zierlichen Reden / klugen Anschlägen / scharffsinnigem disputiren / nützlichen Rathschlägen und anderer wohlgegründeter Weißheit / denen Manns-[379] Personen offt und offt den Ruhm genommen: sonderlich / da ich auf die Dicht- und Verse-Kunst / nicht nur unsrer Teutschen: sondern auch anderer ausländischer Sprachen gehen wolte. Es würde mir Hildegardis de Pingua / ihre commentarios über die Natur-kündigung vorlegen /die ich billich mit hohem Lob krönen müste. Es würde mir eine andere dieses Namens / so zu Zeiten Bernhardi gelebt / ihre geübte Wissenschafft in Göttlichen Dingen entdecken / die ich nicht weniger rühmen / ja wol gar verwundern müste. Es würde mir Martia Proba / die in allen Wissenschafften hoch gestiegene Königin in Britannien / ihre Gesetz vorlegen / die sie selbsten aufs klügeste geordnet / so gar /daß sie auch den Namen von ihr überkommen / und Martianœ Leges sind genennet worden. Es würde mir Theano Metapontina / des Pythagorœ Ehegemahl /ihren Ruhm zu erklären geben / daß sie die erste gewesen / so unter den Weibern der Welt-Weißheit nachgedacht / und dieselbe gelehret. Ja! es würde mir von Arete / der Mutter Aristippi des jüngern / ihr Sohn gezeiget werden / mit dem Befehl / daß ich erklären solle / warum er μ;η;τ;ρ;ο;δ;ί;δ;α;κ sey zugenahmet worden; nemlich / weil ihn seine Mutter in Künsten und Sprachen selbst unterwiesen. Endlich würde auch Eudochia / die Tochter Theodosii / mir ihr Lob verbreiten / das / wegen ihrer hohen Wissenschafft / bey fast allen Scribenten zu lesen. Und daß ich viel mit wenigen fasse / wissen wir / durch die Historische Erklärungen / daß die verständige Alten /allen Fleiß dahin / gerichtet / wie ihre Töchter und Weiber in allerhand Künsten und Sprachen unterrichtet würden: zu dessen Beförderung sie absonderliche[380] Lehrer / zu Hauß bestellten / die ihrer Mannschafft beraubet waren: auch wol gar in öffentliche Schulen geschickt / oder sonst von ihren Vättern und Ehemännern unterwiesen wurden: wie dessen Claudianus /Plinius / Halicarnassœus / deßgleichen Plutarchus /und andere / hin und wieder warhaffte Zeugnus setzen. Diß Beginnen ist auch mit so glücklichem Fortgang beseeliget worden / daß / wie angeführte Autores melden / nicht wenig deren Weiber / öffentliche Reden / vor dem Volck gehalten; öffentlich von den schweresten und wichtigsten Sachen geschwinde Schlüß gemacht; öffentlich allerhand Wissenschafften und Sprachen gelehret; die Sprüche der Weisen erkläret / und die Gründe der Weißheit selbsten andern eröffnet.

Atychintida wunderte sich dessen: weil ihr aber das Frauen-Lob nicht übel gefiel / gedachte sie Polyphilo fernere Anlaß zu geben / sprechend: Wie sagen dann die Medici / daß das weibliche Geschlecht / weil es kalter und feuchter Natur ist / welche traun keine grosse Spitzfindigkeit erwirbt / sondern vielmehr stümpffet; selbiges auch nicht zu hohem Verstand oder hurtiger Wissenschafft gelangen könne: dem ich so fern beypflichte / als ich selbst erfahren / daß auch diese /so vor andern etwas sonderliches seyn wollen / zwar wohl ein wenig von gemeinen Dingen / mit solchen Schlüssen geredt / die sie täglich hören: allein / da es zum Treffen kommen / hat sich die Unvermögenheit /in höhern Dingen / selbst willig bekennet / daß sie selbsten gestehen müssen / sie können nicht mehr begreiffen / als was die Kräffte des Gedächtnus erleiden / weil sie der Kräffte des Verstandes sich / in solchen Sachen / nicht zu rühmen hätten.

[381] Eben das / erinnerte Polyphilus hinwider / können wir von allen sagen / die in einer Sache nicht recht unterrichtet seyn / oder auch / wegen Mangel des Verstandes / nicht völlig können unterrichtet werden. Es ist ein Unterscheid unter den Gemühtern / deren eins /so wohl bey männlichen als weiblichen Geschlecht /immer fähiger ist / als das andere / und so beschaffen / daß wir nicht mit den Medicis aus Feuchtigkeit und Kälte / sondern der Ordnung Gottes schliessen sollen / der diesem mehr / jenem weniger; diesem hohen / jenem nidrigen Verstand gegeben.

Aber doch / versetzte die Königin hinwieder / ists sehr gefährlich mit der Weiber-Kunst / weil sie gemeiniglich mehr schadet / als nutzet / und gewiß ist /daß gelährteste Weiber / auch die klügeste Verderberinnen ihrer Zucht und Keuschheit seyn: Wann anderst in solchen Wercken / die Klugheit sich nicht mehr einer verderbten Thorheit gleichet. Das ist etwas / sagte Polyphilus / und hat das Laster schon vorlängst die Gemüther der jenigen beherrschet / die ihre erlernte Kunst / ohne Kunst gebrauchet / und den erworbenen Verstand unverständig geschändet /indem sie ihren Sinn mehr auf nichtige Schand-als erbare Nutzbarkeiten gerichtet. Daher erzehlet Epictetus / daß / zu seinen Zeiten / die Römischen Frauen /ihre meiste Zeit / mit des Platonis Schrifften / von der Gemeinschafft / zugebracht / weil in selben der gemeine Gebrauch; wie aller andern Sachen / also auch der Weiber / gelehret wird. Allein wann dieser Schluß gelten soll / kan ich gleiches / mit leichter Müh / auch von dem männlichen Geschlecht erweisen / und wird der leicht-verliebte Oyidus / [382] das Heer führen. Ich rühme den berühmten Gebrauch der Wissenschafft /und mein Lob zieret die Tugend; schändet hingegen allen verderblichen Mißbrauch / dessen sich nicht weniger alle Dinge / als die Frauen / so mit Kunst und Tugend begabet / theilhafftig machen.

Darauf fieng Atychintida an: Was antwortet ihr aber darauf? daß zu beföchten / wann die weibliche Schwachheit durch Kunst verstärcket wird / werde auch ingleichen ihre List / damit sie das Männer-Volck betrügen / nichtweniger vergrössert / so gar /daß sie nach dem nicht beherrschet / nicht gezwungen / nicht begütiget / werden / und die klägliche Verwandelung angehet / daß Mann und Weib mit Rock und Hosen tauschen.

Polyphilus muste eben lachen / so wohl gefiel ihm der Einwurff: aber dennoch hielt er dem entgegen /daß dieses / gleich dem vorigen / nur ein Mißbrauch /und der bösen Weiber Art sey; auch dieser Schluß vielmehr behaubte / daß dieselbe in guten und nützlichen Dingen sollen unterwiesen werden / damit sie ihre ungezähmte Erfindungen nicht eher nach dem Bösen / als Guten lencken / oder auch in ihrer gefassten Thorheit verharren: zumalen aller Orten wahr ist und bleibet / daß die Kunst unsern Verstand läutert /und die Tugend das Hertz reiniget von aller bösen Lust und Begierde / daß / wo Verstand ist / alle weibliche Boßheit weichet / und wo Tugend wohnet / alle Untugenden vertrieben / und die weibliche Schwachheit selber männliche Kräffte gebiehret. Ja! wann ich sagen darff / was ich dencke / und was die Warheit zu bekennen erfordert / glaub ich vor gewiß / daß eben der Unverstand[383] / und die verwehrte Kunst eine Ursacherin sey / an dem verderbten Lob des weiblichen Geschlechts / welches / traun! dafern es / gleich dem männlichen / mit Fleiß unterrichtet / und in der Weißheit / durch Kunst und Tugend / fortgeführet würde /nicht selten dieses so weit übersteigen solte / als es sich jetzund / durch jenes / muß unterdrücken lassen. Dann allein die Kunst gibt Weißheit / und Tugend erwecket belobte Sitren / sie übe sich bey männlichem oder weiblichem Geschlecht.

In dem Polyphilus so redete / fiel ihm die Weltberühmte unvergleichliche Schurmännin bey / die er /als ein Wunder der Natur / in seinen Sinnen ehrete /darum er auch diesen seinen Ausspruch / mit selbiger / zu behaubten / in folgende Wort heraus brach: Was zeugen diese unsere Zeiten von der Belgischen Minerven / Jungfrau Anna Maria Schurmännin? die wir billich den gelährtesten und verständigsten Männern / wo nicht vorziehen / doch so gleich schätzen /daß wir zweiffeln müssen / ob solte die Gleichheit nicht mehr den Vorzug verdienen. Selbsten der Name erweiset / daß in ihr die weibliche Unvermögenheit mit männlichen Kräfften sey verwechselt worden /drum nennet sie sich recht Schur-männin: allen denen / die das gebährende Frauen-Lob nicht nach Würden krönen wollen / mit sich selbsten zu erweisen / wie sie ihren männlichen Verstand / in Unterdrückung des weiblichen Ruhms / selbsten / nicht ohne grossen Nachtheil ihrer Ehre / verderben: Klüglich hat sie / in Warheit / das Frauen-Lob behaubtet /in dem sie sich denen / die solches angefeindet / mit dem bekannten Sprichwort widersetzet[384] / und gleichsam schamroth gemacht: υολλοὶ μαθηαί κρείτουες διδασκἀλων: auch jenes alten Poeten / welcher spricht:


Vos etenim juvenes animos geniris muliebres: illa virago viri.


Welches sie angeführet / daß diese / deren Ursachen halber / entweder eine boßhaffte Mißgunst / oder vielmehr eine schändliche Furcht beschwere / in dem sie hören / und hören müssen / es übersteige die Wissenschafft der Weiber / die Männer-Kunst / und übertreffe der Jünger an Kunst und Geschicklichkeit den Meister.

Atychintida muste vor dißmal dem Polyphilo Beyfall geben / dann sie dem nicht widersprechen dorffte /was an der hellen Sonnen war. Da nun Polyphilus merckte / daß er gewonnen hätte / machte ihn die Begierde des Siegs / sein fast selbst vergessen / in dem er noch höher Lob zu verdienen / die Ehre / so ihn billicher allen Weibern vorsetzen solte / mit folgenden Worten / freywillig nachsetzte: Wann nicht selbsten das gantze menschliche Geschlecht / ja! vielmehr die Ordnung der unsterblichen Götter / einmütig bekennte / daß das Weibliche dem Männlichen / an den Gütern des Verstandes / nicht nur gleich geschätzt / sondern auch weit überlegen sey / würden die Gesetze nicht beglauben / daß jenes / in dem Zwölfften; dieses aber allererst in dem vierzehenden Jahre das Vogtbare Alter treffe. Sey demnach das der letzte Schluß / daß die Weiber denen Männern / an allem / bey weiten vorzuziehen / weil sie züchtiger / schamhaffter / mitleidiger / getreuer / liebreicher / gottseliger / demütiger und gedultiger sind; ja auch / [385] was die Güter des Leibes anbetrifft / schöner / zärtlicher / sittlicher und freundlicher / die mit allem Recht jrrdische Göttinnen / und eingefleischte Engel zu nennen: wie wir das selbsten stillschweigend gestehen / in dem wir ihnen mit so sorgfältiger Bemühung aufwarten / tieffer Demut gehorsamen / wachsamer Behendigkeit nachgehen / und brünstigem Verlangen um ihre Huld und Gnade werben / welches alles ein Zeichen ihrer hohen Würde / und ein offenbarer Beweiß unsrer Unwürdigkeit ist / die von jener bereichert / erhalten und vermehret werden muß.

Wann dem allen so / sprach Atychintida / warum ehret man dann unsern Ruhm nicht auch in Schrifften? Das ist des Neides Schuld / versetzte Polyphilus / der sie zu der Knechtischen Hauß-Arbeit verstofsen darinnen sie gleichsam mit ihren Sinnen gefangen bleiben müssen / daß sie sich nicht höher schwingen / noch die himmlische Wissenschafften ersteigen können. Auch bauen sie ihnen das Gefängnus selber / wann sie sich so verstossen lassen: welchem sie zu wider / mit allem Recht sagen könten / was dorten der Löw / dem ein Löwen-Mörder vorgezeiget wurde / (so anderst ein Gedicht den Warheits-Glauben verdienet) soll geantwortet haben: Wann wir Löwen mahlen könten / solten mehr Männer von den Löwen getödtet / auf den Tafeln zu sehen seyn. Mit diesem hatte ihr Gespräch ein Ende; damm Polyphilus Urlaub nahm / und sich in sein Zimmer verfügte /allda er nidergesetzt / folgendes Gedicht / den weiblichen Würden zu Ehren verfertigte:


Es wundert mich fast sehr / warumb man nicht will achten /
der Weiber schönes Thun / gleich ob / was sie auch machten /
[386]
verdiene keinen Ruhm: da doch die Weiber-List
offt einen Mann bethört / der noch so witzig ist.
Sind sie nicht / wie wir sind / mit allem gleich bereichet?
wer ist dann / der auch sie / in allem / uns nicht gleichet?
Sind nit der Sinnen fünff: Verstand und Witz / und Will?
der Mann und Weib erhebt / und beyde heisset still /
still und zufrieden seyn / mit dem / was Gott bescheret /
der einig ihren Witz / Verstand und Sinn ernehret /
ernehret und vermehrt? was will man wieder Recht /
zum Herren setzen den / der selber besser Knecht /
auch offt wohl minder ist? weil man bey diesen findet /
was ihn erdrucket nur / und was ihn überwindet /
an Kunst- und Tugend-Ruhm / das herrschet in dem Sinn
der weiblichen Vernunfft / die träget den Gewinn.
Drum ob Papyrius auch tausend der Gesetze
setzt wider dieses Volck / und ob Huartus schätze
sie noch so ungeschickt: so weiß ich doch gewiß /
daß recht geschlossen sey / was ich / mit Warheit / schließ.
Ihr seyt es / schönes Volck! daß einig nur zu loben;
Ihr seyt es / liebes Volck! das einig steht erhoben /
an jenem Himmel-Dach / da einig und allein
eur hochgeführter Glantz verdeckt der Sternen-Schein.
5. Absatz
Fünffter Absatz

Beschreibet / die Reise-Fahrt Agapisti / und in was Unglück er gerathen / als er Talypsidamum / von der Mörder-Banden / zu erledigen suchte: Lehret den andern Anstoß / welcher die Tugend-liebende zu bestreiten pflegt / nemlich / die Verhindernus.


Nun müssen wir wieder zu Agapisto kommen / und sehen / wie es dem auf seiner Reiß ergangen. Diesen führete eiliger die Begierde / und das Verlangen Macarien zu sehen / als s ein flüchtiges Pferd fort. Und da er den Wald / mit [387] schnellem Lauf / ruckwarts gelegt / und sich im freyen Felde befand / doch so / daß er zwischen dem Gebüsch / nit ferne vor sich sehen konte: erschröckt ihn ohngefehr ein erbärmlich Geschrey / das kläglich anzuhören / und mehr durch Seufftzen und Heulen / als verständlicher Stimm / zu vernehmen war. Agapistus daher bewogen / gab seinem Pferd die Sporen / und eilete / mit nachgelassenem Zügel / dem Geschrey behende nach / und da er näher herzu kam / traff er hinter der Hecken ein Weib an / die sich jämmerlich behegte / und so bald sie den Ritter ersahe / gleich als erfreuet auffuhr / und mit kläglichen Geberden / für des Pferdes Füsse waltzete /bittend um Hülff.

Die Wasser-rinnende Augen / die zerstreuete Haar /so sie nicht allein im höchsten Bedrangnus verwirret /sondern auch so gar ausgerauffet / daß sie einen grossen Zopff in ihren Händen trug; ja auch / die in einander geschlagene Hände selber / mit dem hertzlichen und schmertzlichen ächtzen / vermochte das mitleidige Hertz Agapisti dermassen zu erweichen / daß er /seines Verlangens vergessend / dem Pferd den Zaum anhielt / um zu vernehmen / was ihr gebreche. Diese fieng mit beweinten Worten an: Wer du auch bist /edler Ritter! so leiste die Pflicht deinem Schild und Waffen / und laß deine Lantzen die Erlösung bringen dem / der unschuldig unter den Mördern gefangen /durch jenen Wald geführet wird.

Agapistus sich seiner Schuld / die ihm diese Rüstung auflegte / erinnerend / wäre leicht zu erbitten gewest / wann nicht der Befehl Polyphili ihn mehr auf Soletten zu eilen vermahnet hätte. Darum er in zweiffelhaffter Entschliessung nach dem Namen dessen /den er zu erretten / gebeten wurde / fragte: [388] Dagegen ihm die Hülff-bittende versetzte: Ach! daß ich den belobten Na men mit solcher Betrübnus nicht nennen solte! Edler Ritter! so du Tugend liebst / wirst du zu Hülff kommen dem / darunter die Tugend gedrucket wird. Die Noht leidet keinen Verzug / weiter zu bitten; drum eile / ehe der Mörder Hand den Unschuldig-Gefangenen gar entführet. Es sey dir genug / daß dich Gott zu seiner Entbindung / und deiner Bekrönung daher geführet. Eine lautere Furcht besiegete das Hertz Agapasti / nicht weniger der Eyfer / damit er sich selbst / und das Glück beklagte / das ihn in solche Gefährlichkeit / und Verlust entweder seiner Ehre / oder Glücks gesetzet. Denn er gedachte / laß ich mich erbitten / werde ich an Polyphilo untreu: soll ich dann das Leben nicht retten / dessen / der den Tod nicht verschuldet / leidet meine Ehre und Tugend-Liebe noht. Doch mochte das Versprechen / so er Polyphilo gethan / sich so mächtig erzeigen / daß er den Dienst des Bekandten / der Hülff eines Fremden vorsetzte; deßwegen er sich gegen der Hülff-begehrenden höchlich entschuldigte / mit Vorwenden / daß er anjetzo nicht sein eigen / sondern in fremden Verrichtungen bemühet / ihrer Bitte nicht gehorsamen könte.

Die Wort des Ritters legten die Leid-klagende / mit Versinckung der Krafft / auf die Erden: aber das wachsame Hertz / und der erzwingende Schrecken /stieß im Niederfall / mit einem bekümmerten Seufftzer / den Namen Talypsidami / durch den Mund heraus / daß sie ihrer vergessend / gleich als mit sich selber redend / diß ihr letztes Wort / und zwar halb gebrochen / ausgoß: Ach Talypsidame! so must du sterben! Ach! so übet ihr gerechten Götter gebührende[389] Rach / um Macarien willen / die durch den Verlust Talypsidami auch sterben muß: und mit diesen Worten endigte die Halb-Todte ihr Leben.

Nun dencke eins / in was Schrecken und Forcht Agapistus gewesen / nicht viel fehlete / daß er gleiches erlitten / und die Schuld dieses unschuldigen Tods / durch sein eigen Schwerdt / an seinem Leben gerächet: Die Hertzens-Bekümmernus stürtzete ihn vom Pferd / und warff ihn auf die Verstorbene / die er hin und wider schüttelte; aber die Ohnmacht war so starck / daß er nichts / denn den Tod mercken konte. Gleichwol gab ihm die verharrende Wärm noch eine Hoffnung / darum er sie mit Balsam bestriche / konte aber nichts richten. Nun / gedachte er / bist du Mörder an dieser Seele / und an der Seele Talypsidami ingleichen. Ach Talypsidame! bist du ja Talypsidamus /dem ich den Brief überreichen soll? Wie werden die Ertödtete Brief annehmen? O Unglück! muß ich durch die Treu / so ich dir erweisen wollen / mein Polyphile! nun selbst an dir treuloß werden? Ach! warum habt ihr mir / ihr unsterbliche Götter! diese unglückhaffte Reise / zu meinem Verderben / aufgelegt? Was thu ich nun? Ach! ich Verzweiffelter! was thu ich nun? soll ich Talypsidamo nachsetzen? und diesen Tod /durch die Errettung seines Lebens / vergleichen? Ja /das soll ich thun. Ach! so verhindert den Fortzug der Rauber / ihr gewaltige Götter! daß ich antreffe / den ich suche / und verleihet / daß ich entweder / mit meinem Sieg / den Tod dieser Matron / an jener Mörder Leben / räche / oder durch den Verlust meines todt-schuldigen Lebens / das Leben erhalte / dem ichs zu erhalten schuldig bin.

[390] Mit diesen Worten erstieg Agapistus widerum sein Pferd / und erhub sich / mit schnellem Lauf / von der Matron / dem Walde zu / den gefangenen Talypsidamum zu erjagen. Aber das Unglück ward immer grösser / die Mannigfaltigkeit der Irrwege / verführeten das Gemüth Agapisti dermassen / daß er unwissend /wohin er sich wenden solte / aufs neue zu klagen anfieng. Die hochdringende Noth erlitte keinen Verzug /und doch verursachete die zweiffelhaffte Furcht eitel Verhindernus biß er endlich / weiß nicht / soll ich sagen / aus gefasstem Eyfer / oder so wollender Fügung des Himmels / sich zur lincken Hand / in den Wald schlug / und mit erhitztem Sporen-Streich denselben durchjagte.

Das Ende des Waldes beschloß der vorbey fliessende Peneus-Fluß / an dessen Ufer er die Mörder mit Talypsidamo antraff! die sich zu Schiff setzeten / und Talypsidamum allbereit in die Ketten gelegt hatten. Wie es aber gemeiniglich zu geschehen pflegt / daß die Wercke der Boßheit eine gewaltige Furcht nach sich ziehen; als traff auch diß die Mörder dermassen /daß die / so allbereit zu Schiff waren / die Grausamkeit des erhitzten und verfolgenden Agapisti beförchtend / vom Land stiessen / und zweyen von der verdamten Rott zu ruck / dem Agapisto zur Rach / überliessen / die er auch mit solchem Grimm verbrachte /daß er einen mit seiner Lantzen / vom Ufer / ins Wasser stürtzete / und ersäuffte / dem andern mit dem Schwerdt / durch das Haupt / biß auf die Brust / einen solchen Streich gab / daß er / halber zerspaltet / tod darmeder fiel.

Talypsidamus / dem seine harte Bedrangnus / nicht so sehr schmertzete / als daß er Agapisto die [391] grosse Treu nicht danckbarlich vergelten solte / fieng in den Banden / die Untreu der Mörder / gegen ihre Mitgesellen / an zu schelten / mit Vermahnen / daß sie solche Unbillichkeit nicht unvergolten liessen / sondern wieder anlendeten / und billiche Rach verübeten. Das alles aber / sagte er zu seinem und Agapisti Besten; denn er gedachte / so sie aussteigen würden / wolle er das Schiff entführen / Agapistus aber würde sein Schwert schon zu gebrauchen wissen / wann sie dann erlägt wären / wolle er den schuldigen Danck / gegen dem fremden Ritter / ablegen.

Aber wie viel ein anders hatte die Widerwertigkeit des Glücks beschlossen! Untreu verlangte keine Rach / und spotteten sie vielmehr Talypsidami / als der nicht wüste / daß der erste Beding ihrer Gesellschafft wäre / wer sich erretten könne / der möge sein Bestes suchen / wie er wolle. Ja! fieng der andere an /(den ich glaube / daß selbst die Boßheit gebohren /und die Laster gesäuget haben /) wann ich mein Leben / durch seinen Tod / hätte erretten können /wolt ich ihn selber erwürget haben.

Da nun Talypsidamus sahe / daß er nichts richte /gab er mit den Händen und dem Haupt das Danck-Zeichen dem getreuen Agapisto: Agapistus hingegen schrie mit lauter Stimm: Polyphilus! Polyphilus! und zeigete den Brief / winckete ihm auch / wie er nach Soletten gewolt habe / und diesen Brief ihm zu bringen. Da solte eins die Tausendfältigkeit der Gedancken Talypsidami gesehen haben / die der Name Polyphili verursachete. Bald gedachte er / gewiß hat dieser Ritter dich an den Tod Polyphili erinnern wollen / um deßwillen du diese Naht / und ohne Zweifel auch den Tod erleiden must: [392] doch tröstete ihn sein gutes Gewissen / daß er unschuldig sey an jenem Tod. Bald gedachte er / wann er sonderlich den Brief erwägte /Polyphilus lebe noch / und habe diß an ihn geschrieben: in welchem Sinn ihn nicht wenig die Erinnerung stärckte / so offtermals Macarie gethan / daß sie nicht glaube / daß Polyphilus todt sey. Bald gedachte er hinwieder / vielleicht ist dieses selbsten Polyphilus /dessen Arm mich zu erretten / verlanget / doch widerlegte ihn / in diesem Fall / die Ungleichheit der Grösse / denn Agapistus kleinerer statur war. Mit einem Wort: was einen Zweifel erwecken konte / das verderbte die Hoffnung / und womit die Hoffnung tröstete / das verbitterte der Zweifel / biß er Agapistum aus den Augen verlohren / nunmehr seine Gedancken zum sterben bereitete / weil er den Schluß selbsten anhörete / daß er die Treue / so er an ihnen / gegen ihren Mitgesellen / begehret / mit seinem Tod erweisen solle.

Was macht nun Agapistus? Auf Soletten zu reisen /ist vergeblich: Talypsidamum zu erlösen / unmüglich / wieder zu ruck zu gehen / verdächtig: unverrichteter Sachen zum Polyphilo wieder zu kommen /schändlich / bevor ab da er die einige Ursach ist / daß Talypsidamus nicht errettet worden / weil er der Bitte des Weibes nicht alsobald gehorchet: so bekümmert ihn nicht wenig die Furcht / des unschuldigen Todes /dieser Verstorbenen / mehr aber / daß er nicht wissen konte / wer sie wäre? Vielleicht / dachte er / ist sie gar Talypsidami Vertraute / daß ich Mann und Weib auf einmal erwürget: welche Furcht ihn desto hefftiger schröckete / je mehr sie sich der Warheit gleichete. Darum er endlich bey sich selbsten den Schluß machte / sich ins Wasser zu stürtzen[393] / und das viele unschuldige Blut / durch seine Ersäuffung / zu büssen.

Aber nun erkenne ein jeder die Vorsehung des gütigen Himmels. Agapistus voller Verzweiflung / wendet sein Pferd / und führet dasselbe etzliche Schritt vom Ufer / dem Walde zu / befiehlet sich der gnädigen Hand der Götter / und rennet im vollen Streich /aber mit verbundenen Augen / (ohne Zweifel / daß er den Augenblick seines Todes nicht warnehme /) auf den Strom zu / Willens / sich mit dem Pferd zu ersäuffen: als eben die vertraute Talypsidami / so er nimmer / lebendig zu sehen / gehoffet / aus ihrer tödlichen Ohnmacht / wieder zu sich selbst kommen /und mit vollem Eyfer / dem Ritt Agapasti nachgefolget; die / so bald sie sein Vornehmen erkennete / mit erhobener Stimm anfieng zu schreyen / daß Agapistus bewogen wurde / das Pferd / mitten im Lauf / aufzuhalten / und zu sehen / wer sein begehre. Drey Schritt mochte er noch zum Wasser gehabt haben / da er sein Gesicht entdeckete. Die Furcht aber des bösen Gewissens / stessete ihn alsbald ans Hertz / daß er bereuete / was er / in verzweiffelter Gefahr / zu vollbringen /beschlossen hatte. Auch tröstete ihn / in seinem Leiden / der Anblick deren / die er vor ertödtet gehalten; wiewol ihn die Scham so sehr schröckete / daß er sich scheuete / sie kühnlich anzusehen / bloß darum / daß er nicht alsobald Hülff-reiche Hand geleistet / deßwegen er sich geschwind vom Pferd / zu ihren Füssen legte / und um aller-günstigste Verzeihung bat / seines vorigen Fehlers; denn er bekennen müsse / daß er dem unschuldigen Talypsidamo / den unverdienten Tod verursache: wann anderst das eine billiche Ursach zu grüssen / die nicht verwehret / was sie verwehren kan und soll.

[394]

Psychitrechis / so war des Weibes Name / achtete nicht der Bitte oder Entschuldigung: sondern fragte alsobald nach ihrem Talypsidamo / und da sie vernahm / wie er auf jenem Schiff fortgeführet würde /welches zur rechten Seiten / ein wenig vom Ufer / in die Höhe segelte / erdachte sie den eiligen Rath / Agapistus soll am Ufer hinauf reiten / zu sehen / was es vor ein Ende nehmen würde.

Der Anschlag gefiel nicht übel / sonderlich / da sie wider den Strom schiffeten / daß Agapisti flüchtiges Pferd sich immer fort der Schiffart gleich halten konte / auch war der beyliegende Wald sehr bequem /seine Begleitung / wider Wissen der Mörder / gantz heimlich und unvermerckt zu vollbringen. Was geschicht? Es muß doch wahr bleiben / daß die gnädige Götter ein wachendes Auge auf die Sterblichen haben / und denen / so sich ihrer Macht vertrauen /nach erlittenem Unglück / dennoch hinwider mächtige Hülff und starcken Trost bescheren. Dann als Agapistus in höchster Betrübnus an dem Ufer hinan reitet /seine Augen aber immerfort auf den Fluß / neben Talypsidamo / schiffen lässet / geschichts / daß sein Pferd an einem Stock stosset / und strauchelt / so gar /daß es sich / mit einem gefährlichen Fall / zur Erden neiget / und Agapistum ins Gras niederleget: aber zu sein / und Talypsidami / grossem Glück. Dann ungeacht er frisch und ohne Verletzung wiederum aufgestanden / ersiehet er an dem Ufer / eben da er sich wieder zu Pferd setzen will / einen kleinen Nachen angebunden / mit allem dem / wessen die Fahrt benötiget / wol versehen.

Agapistus / dem der unverhoffte Fund / gar leicht /ein Zeichen göttlicher Vorsehung seyn möchte / [395] hänget sein Pferd an den Baum / und löset das Schiff /mit sich selbsten / vom Lande / eilet auch / so viel müglich / auf Talypsidamum zu / nichts mehr verlangend / als entweder das Leben Talypsidami zu erhalten / oder sein eigenes zu verderben.

Die Mörder / da sie Agapistum / mit Schwert und Waffen zu Schiff sahen / und auf sie zu eilen / wurden so voller Furcht / daß sie die Segel / mit grosser Behendigkeit / wandten / und gleich einem Pfeil / in unglaublicher Geschwindigkeit / widerkehreten / woher sie kommen / und mit dem Fluß / der Tiefe zufuhren. Agapistus setzete / mit gleichfertiger Ubereilung /nach / mochte sie aber nicht erlangen / weil er der Schiffarten ungewohnt / nicht wuste / wo der Vortheil zu treffen. Gleichwol vermochte seine Verfolgung so viel / daß er dem Talypsidamo das Leben rettete. Dann der Augenblick / da sie des Agapisti wahrgenommen / solte Talypsidamum / dem sie nunmehr alles genommen / was er mit sich führete / über Bord werffen: an welchem sie damals verhindert wurden /weil die Errettung ihres gefährlichen Lebens nicht zu ließ / ein unschuldiges Leben zu ertödten. Wie nun Talypsidamus muß erfreuet worden seyn / kan der leicht schliessen / der sein Leben liebet; und wurde die Freude um desto mächtiger / daß er Agapistum immer hefftiger arbeiten / und ihnen nach setzen sahe.

Psychitrechis stund am Ufer / und sahe dein traurigen Spiel mit Entsetzen zu / welches desto erschröcklicher zu sehen war / weil es doch endlich Leib und Leben kosten würde. Doch blieb sie an dem Ort in betrüglicher Hoffnung / sie werde die wieder sehen /welche gleich dem Blitz vor sie weg / und endlich gar[396] aus ihren Augen fort fuhren. Da sie aber eine zimliche Weil vergeblich harrete / fiel ihr endlich / unter tausend klagenden Gedancken / das Pferd Agapisti bey /wo doch solches hin kommen. Sie gieng an dem Ufer hinauf / und fand den Zügel an einem Baum gebunden / das Pferd aber sahe sie von ferne in den Wald sprengen / daher sie schliessen konte / daß es sich abgerissen / und vielleicht wieder zu Hauß kehre. Das hatten aber die Wellen verursachet / die mit solchem Saussen und Brausen / in dem sich das grosse Schiff auf dem wanckenden Wasser gewandt / aus Ufer geschlagen / daß daher das Pferd erschröckt / und ohne vorgesetzten Weg / die Flucht genommen.

Psychitrechis / wiewol sie in neue Furcht dadurch gesetzt wurde / weil sie ihr leicht einbilden mochte /daß / wann das Pferd seinen Reuter nicht wieder mit sich bringe / die Bekannte dieses Ritters in grossen Schrecken gerathen wurden: ward doch die vorige Betrübnus so gehäufft / daß fast unmüglich war / ihrem Hertzen den Kummer zu vermehren: darum sie mit weinenden Augen / und seufftzenden Hertzen / den Zügel ablösete / und als eine betrübte Beute / mit sich nahm / auch widerkehrte an den Ort / da sie / mit Heulen und Klagen / ihres allerliebsten Talypsidami wartete. Den sie aber lange nicht erwarten konte.

Dann da die Mörder / in der Flucht / furchtsam fort eileten; Agapistus aber / in der Verfolgung / erbittert nachsetzte / und sie doch nicht erreichen konte /schütteten die erzürnten Götter / ihren gerechten Eyfer / über den Fluß / mit erschröcklichem Wetter /und wütenden Winden / aus / entweder ihre wunderbare Hülf denen Nohtleidenden zu erweisen / oder[397] dem Agapisto den verdienten Lohn / seiner Saumseligkeit halber / auf diese Art / zu versetzen. Die stürmende Winde erhebten die Wasser-Wogen / mit solcher Grausamkeit / daß die wanckende Segel / augenblickliche Todes-Noth droheten. Die Furcht aber / so aller Hertzen schröckete / erhäuffte sich dermassen /daß ich nicht weiß / ob mehr die Schiffe / von dem brausenden Wüten der Wellen / als ihre bestürmete Sinnen / die zitternde Glieder / in dieser Lebens-Gefahr / versencket. So offt der donnernde Himmel seine blitzende Stralen auf sie zuwarff / so offt schlug ihnen die Erinnerung ihrer verübten Boßheit / gleich einem Knall / ins Hertz; Agapistum aber traff die Härtigkeit seines Mitleidens / und der Verzug seiner Hülff: beyderseits ward die Noht so groß / daß jene nicht mehr einige Flucht / dieser eben so wenige Verfolgung suchete; besondern ein jeder bemühet war / sein Leben zu erretten.

Wie aber eine Widerwertigkeit die andere gebiehret; also war es nicht genug / daß Agapistus tödliche Furcht erlitten / sondern er muste dem Glük / auch nach diesem / ein Lust-Spiel werden / welches ihn so nahe zum Talypsidamo brachte / daß er ihm von Polyphilo den Gruß zuschreyete / aber in einem Augenblick / durch den Sturm und Wellen / dermassen wegführete / daß er weder die Mörder / noch den Gefangenen sehen konte. Es erfasste ihn ein widriger Wind / und führete sein Schifflein in einen andern Strom / auch so ferne / daß er nicht die geringste Hoffnung / Talypsidamum wieder zu sehen / schöpffen konte. So bald Agapistus entführet / legten sich die Winde / und ward der Fluß stille. Talypsidamus /der sich seines Erretters nicht mehr trösten [398] konte /und aber sein Leben nunmehr um desto lieber erhalten hätte / weil er von Polyphilo gehört / daß er noch lebe / gedachte die Mörder / mit bittender Demut / zu gewinnen / daß sie ihm sein Leben schencketen. Wiewol ihm solches schwer dünckete / und der Großmütigkeit seines Hertzens fast zuwider: doch vermochte die Liebe Polyphili so viel / daß er vor dißmal die Noth der Tugend vorsetzte / und folgender Gestalt anfieng:

Sehet ihr dann nicht die drohende Straf der erzürnten Götter / die keinen unverdienten Tod an mich will verüben lassen. Kan euch meine klagende Stimme nicht erweichen / so errette mein armseliges Leben die donnernde Hand der Unsterblichen. Meynet ihr / dafern euch nach meinem Tod verlanget / und denselben wider Recht / und ohne mein Verbrechen / befördert /daß die gerechte Vergeltung des beleidigten Himmels / mein Leben / nicht / an eurem Tod / wieder suchen wird? Diese Wellen werden euch verschlingen /ehe ihr wieder zu Land kommet: Diese Wasser müssen euch ersäuffen / wie ihr meine Seele in meinem Blut ersäuffen werdet. Die Erfahrung / und der Schrecken / welchen euch das jetzt verstrichene Gewitter / vielleicht meiner Unschuld wegen / erreget /zeuget frey / daß ihr diese Ubelthat / nicht ohne Rach der gewaltigen Götter / vollbringen werdet. Sehet mich auch vor den an / der sich eben nicht zu sterben; sondern durch eure Hand zu sterben scheuet / die ihr vielleicht gerechte Rach / wegen der ermordeten Gesellschaffter / an mir zu üben / vermeynet / und meinem Ruhm / nach diesem Leben / eine Schande beyleget.

In dem Talypsidamus so redete / und ferner [399] reden will / auch bey nahe das felsichte Hertz der blutgierigen Mörder erweichet / siehet er mit gleichsam geflügelten Winden / das schönste seiner Schiffe daher fahren / welches er nachzufolgen / bey seiner Abreise /verordnet. Die Mörder wurden dessen nicht so schleunig gewahr / auch nicht ehe innen / biß sie sich gefangen befunden / weil sie das Gesicht auf Talypsidamum gewandt / und sich ruckwerts bemächtigen liessen. Auch halff der Fortgang ihres Schiffs / welches sonderlich / vor andern / die Wasser / mit solcher Schärffe / durchschnitte / daß es kein geringes Brausen verursachete / dem unvermerckten Zutritt des andern / obwohl grössern / nicht wenig. So bald sie nun hinzu kamen / wurden sie des gefangenen Talypsidami / in den Ketten / gewahr / darüber sie in solche Bestürtzung fielen / daß sie nicht wusten / was sie dencken solten; bevorab / da sie der vesten Einbildung lebten / sie würden ihren Herrn bey dem grossen Meer / (dahin gedachte Talypsidamus) antreffen. Es wurde aber diese Bestürtzung bald / in einen hefftigen Grimm / verwandelt / daß sie / mit Ungestümm / auf das Schiff fielen / die Räuber gefangen nahmen / und ihren Herrn entfesselten. Welcher Befehl gab / in die Höhe zu segeln / der gäntzlichen Hoffnung / er werde seine Psychitrechin an dem Ufer antreffen / da er vor dem so schnell vorbey gefahren: wie auch allerdings geschahe.

Diese / nach dem sie den Wechsel vernahm / vergaß sie bald ihres Leids / und gedachte auf die Rach /so mit gültigem Recht an denen Strassen-Räubern und Mord-Kindern müsse vollbracht werden: allein das mitleidige Hertz Talypsidami vergaß aller Rach /wegen der Freud der Erlösung.

[400] Gleichwol / daß solche böse That nicht unbestraffet bliebe / legte er sie sämtlich in die Ketten / und befahl den Schiff-Bedienten / daß sie wohl verwahret / und dem Agapisto zur Rach aufgehoben würden. Nach dem bedanckte sich Talypsidamus gegen die Seine /wegen des treuen Diensis / versprach denselben mit einem herrlichen Entgelt zu versetzen / und ihre Treue im ewigen Gedächtnus zu behalten. Erinnerte auch dabey / daß sie nichts davon aussagen solten / weil die Mannigfaltigkeit der Reden / so daher entstehen würden / eben so leicht zu seiner Schand / als Ehre gereichen möchte. Die Bediente nahmen das alles in völligem Gehorsam auf / und entschuldigten sich wegen des unverdienten Dancks / massen solches ihre Pflicht gewesen / deme sie / ohne Vergeltung / schuldige Folge leisten müsten.

Ob nun Talypsidamus / wegen der ausgestandenen Gefahr / nicht wenig ermüdet worden / setzte er dennoch seine Reise fort / damit sein erlittenes Unglück /durch die Wiederkehr / nicht kündig würde. Weil er sich aber nicht mehr allein zu Land trauete / und Psychitrechis / seine Geliebte / zu Schiff nicht fahren konte; schickete er selbe wieder zu ruck / in Begleitung zweyer gerüsteten Diener / weil sie / ohne dem /nur das grosse Meer zu besehen / die gefährliche Reiß auf sich genommen: er aber setzte sich zu Schiff / mit dem Versprechen / daß er sie mit ehistem wieder sehen werde.

Vor dem Abzug / erinnerte er sie an Agapistum / so derselbe kommen werde / daß sie ihn nach Würden bedienen lasse / und biß zu seiner Widerkunfft aufhalte: da er aber nicht erscheinen solte / solle sie forschen / so viel müglich / von wannen er gewesen /und [401] wohin er kommen / und da sie seine Bekandte erkundige denselben alsobalden Bericht thun / daß er hoffentlich noch lebe / damit sie / das leere Pferd /nicht in längerer Furcht betrübe. Allein das war alles vergebens bestellt / dann sie so wenig Agapistum / als seine Bekandte erfahren / auch ehe ihren geliebten Talypsidamum / dann deren einen wieder gesehen.

Nun wollen wir Talypsidamum schiffen: Psychitrechin aber wieder zu ruck gehen lassen / deren jedes mit gutem Friede dahin gelanget / wohin sie begehrt / wann nicht die Leidtragende Furcht / beyden Hertzen / den Tod Agapisti / und dann den Schrecken seiner Bekandten / mit gar zu betrübter Einbildung /aufgebürdet / welche sie ohne Unterlaß / gleich einer heimlichen Gefahr / des Tages in Gedancken / des Nachts im Schlaf verstörete / und mit höchst-betrübter Traurigkeit belegte: vielleicht nicht ohne Ursach. Dann der viel-geplagte Agapistus / durch die Widerwertigkeit der gewaltigen Winde dermassen verführet wurde / daß er selbsten nicht wuste / wohin er kommen. Doch beglückte ihn endlich der begütigte Himmel / mit einer wenigen Sicherheit / daß er ans Land stieß / und sein Leben von der Gefahr des ersäuffenden Wassers befreyete. Aber / was sag ich / befreyete? die kümmerliche Nahrung / die ihm die bittere Wurtzeln / und das ungekochte Fleisch der wilden Thier darreichte / war dem Tod viel gleicher / dann dem Leben. Auch der nächtliche Schrecken / die Furcht vor den reissenden Thieren / die ewige Plag der peinlichen Geister / verursacheten ihm mehr den Tod zu wünschen / als das Leben ferner zu erhalten. Ja! es überfiel die Tausendfaltigkeit seiner Bedrangnus / das enthertzte Hertz dieses unseeligen [402] Agapisti / offtermals so sehr / daß er das Meer der Untreu beschuldigte / und alle Wellen vor verdammlich anklagte /nicht / weil sie ihn daher geführet / sondern daß sie ihn / sein elendes Leben zu verlängern / nicht ersäuffet hätten. Aber es halff das alles nicht: Agapistus solte lernen / was Unbarmhertzigkeit / deren er sich gegen die Hülff-schreyende zu viel gebrauchet / vor Lohn verdiene / und wie er hinführo mitleidiger seyn solte. So lassen wir ihn nun in seiner Marter-Schule /und sehen / was indessen Polyphilus gethan.

6. Absatz
Sechster Absatz

Beschreibet den Schrecken Polyphili / den er über das unberitten-widerkehrende Pferd Agapisti eingenommen / und wie er zum Talypsidamo kommen: Ist eine Lehre / von der blinden Glücks-Neigung / welche auch die Tugend-suchende nicht selten begleitet.


Dieser verlangte seinen Agapistum zu sehen / deßwegen er folgendes Tages / da er seine Widerkunfft hoffete / fast alle Stunde / auf die Zinne des Schlosses sich erhebte / doch aber sein Verlangen nicht erwarten kunte / daher er in tausend-fache widrige Gedancken gerieth / und bald an Agapisti Treue / bald an Talypsidami Gunst / bald wieder an Macarien Gnade zweiffelte. Und mit dieser Furcht kümmerte er sein Hertz /biß in den dritten Tag / da er / in seinem Zimmer / die Unglückseligkeit seiner Liebe wehmütig beklagte /auch die Götter um mitleidige Erbarmung anflehete /als einer der [403] Hof-Diener / mit erhitztem Gang / ihm die Ankunfft Agapisti / den er an dem Pferd erkenne /ansagte: deßwegen Polyphilus fast erfreuet / doch heimlich erschröckt / ihm geschwind entgegen eilete /um zu vernehmen / was die Antwort seyn würde.

Ach! aber unglückseliger Polyphile! welche Angst wird dein Hertz klemmen / wann du nicht Agapistum / sondern einen fremden das Pferd wirst herzu bringen sehen. Polyphilus hoffete Freude / aber so bald er den Reuter vernahm / ersäuffete die zufallende Furcht sein Gemüth / mit tausend Betrübnus / welche um desto häuffiger vermehret wurden / als er erfuhr /daß dieser Reuter nichts von dem Ritter wisse. Die erhitzte Begierde Polyphili konte nicht warten / biß er völlig zu ihm kam / da er schon gefragt hatte / was Agapistus mache? dann es bethörete ihn die Hoffnung / als hätte Agapistus ihm gefallen lassen / bey Talypsidamo zu bleiben / und deßwegen diesen Botschaffter zu ruck gesendet / daß er ihm die Nachfolge verkündigen solte. Aber die erhitzte Frag / überkam eine kalte Antwort / weil der vermeynte Botschaffter /keinen Agapistum gesehen zu haben / sich bekandte.

Wer bist du denn / sprach Polyphilus / und wie kommst du zu dem Pferd? Ich bin / versetzte der Antworter / ein Bauer / aus dem nächsten Dorfs / und habe in dem Wald / da ich Holtz gehauet / diß Pferd /ohne Reuter und Zügel angetroffen / kan nicht wissen / woher es kommen / oder wohin es gehöret / doch hab ich wol gesehen / daß es müsse von nichts schlechtes herkommen / deßwegen ich selbiges daher bringen wollen / zu vernehmen / ob es nicht daher gehöre?

[404] Ach! du erschlagenes Hertz Polyphili / und / O ihr Leid-erweckende Wort! die ihr den armseligen Polyphilum / gleich einem Donner / danider schlaget! daß müglich wäre / die bethränte Wort Polyphili alle zu bezeichnen / und die rauchende Senfftzer zu zehlen /damit er den Tod Agapisti beklagte / so würde ein jeder / die Schmertzen / seiner inwendigen Angst /leicht ermessen können. Er konte nichts gewissers /als den Tod Agapisti schliessen. Darum fiel er dem Pferd um den Halß / und druckete dasselbe hertzlich /stellete sich auch / aus Zwang der grossen Schmertzen / als wolt er mit demselben reden / und fragen; wo es seinen Herrn gelassen: aber keiner mochte ihm antworten. Er druckete seinen Mund auf den Sattel / den Sitz zu küssen / welchen der getreue Agapistus innen gehabt. Ach! sprach er / von hinnen hat dich ja das mörderische Schwerdt / oder ein ander verdammt Gewehr / weggerissen. Ach! daß mich doch in meinem höchsten Unglück diß Glück beseeligen solte / daß meiner Hand die Rach zu üben unverwehret bliebe! Ach! daß ich den Blut-Hund sehen und bekommen solte / der dich / du treues Hertz! du liebes Hertz! du verlangtes Hertz! mir / mit solchem Grimm / entnommen / gewißlich solte meine Faust / diß Blut / an deinem Leibe / bezahlen.

Diß klägliche Beginnen Polyphili verursachete den anwesenden Diener / daß er der Melopharmis / die er wuste / daß sie ihm lieb war / diß eilig eröffnete / und ihn zu trösten / herunter zu kommen / ersuchete / welche ihn auch / mitten unter der Klag / antraff / und wiewohl sie sich hart hielt / dennoch durch die klägliche Geberden / des gar zu bitterlich weinenden Polyphili / dermassen bewogen worden / daß sie gleiche[405] Klage führete / biß sie endlich Polyphilum / solcher Gestalt / anredete: hoch-betrübter Polyphile! wer die treue Freundschafft und das Hertz-Verbündnus ansiebet / das euch / und eure Seufftzer dem Agapisto nachziehet / der muß freylich bekennen / daß euer Zähren nicht ohne Billichkeit fliessen / und eure Klagen / mit allem Recht / geführet werden. Was hilffts aber / mein Polyphile! daß ihr die tief-geschlagene Wunden eures Hertzens / immer mehr erweitert? könnet ihr ihn / mit eurer Klag-Stimme / wieder zuruck ruffen? Es ist doch alles vergebens. Drum trücknet eure Zähren / und vergesset des Jammers / der vielleicht euch ohne Noth drucket. Wisset ihr dann gewiß / daß er tod ist? kan ihm nicht sonst ein Unfall begegnet seyn / der ihn vom Pferd gesetzet / aber doch dabey nicht alsobald ertödet? Kan ihm nicht das Pferd entrissen seyn / da ers etwa an einen Strauch gebunden / welches mir / wegen des verlohrnen Zügels / gar glaubhafft vorkommet. Wer weiß / ob ihr ihn nicht heut sehet. Und solte ja der grimmige Tod ihn geraffet habn / ist ihm das wiederfahren / was wir insgesamt täglich zu er warten. Darum gebet euch zu frieden /geliebter Polyphile! und hütet euch / daß ihr durch euer all zu vieles Grämen / die bald beleidigte Götter nicht zu hoch erzürnet / und durch Bestraffung ihrer Ungnade / um diesen wenigen Verlust / eurer Macarien / nicht beraubet werdet. Hat auch / auf diese Art /der Zutritt / eurem verlangen / nicht können entschlossen werden / so glaubet mir / daß ich noch tausend Mittel habe / euch vielleicht auch morgen den schönen Händen / der hochverlangten Macarien / zu vertrauen.

Polyphilus konte leicht schliessen / daß diß ein[406] Trost / und nichts mehr sey deswegen er auch denselben keines Glaubens / noch einiger gewissen Hoffnung würdigte. Gleichwol aber wurde sein Hertz in etwas erleichtert / wie er den Namen der schönen Macarien nennen hörte / der jederzeit alle verdunckelte Sinnen / mit einem erfreulichen Liecht / erhellen / und die mächtigste Betrübnussen / mit seiner Anmuthigkeit / lindern und versüssen konte. Deßwegen gab er Befehl / daß das Pferd wohl in acht genommen / und fleissig versehen werde: dem Uberbringer aber /wurde / neben einer ansehligen Verehrung / gebührender Danck gesaget; und Polyphilus kehrete mit Melopharmis wieder in sein Zimmer.

Alsbald Polyphilus hinein kam / steurete er sich auf das Ruhe-Bett / vor grosser Müdigkeit / und schloß die Augen / daß er den Schlaf sehe: aber die Angst ließ ihn nicht ruhen / deßwegen er Melopharmis anflehete / daß sie bey ihm bleibe / und mit ihm von Agapisto rede; dann in seinem Andencken gedachte er eine heimliche Erquickung zu finden. Selbst auch Polyphilus gab alsobald Gelegenheit an die Hand / wie ihr doch düncke / wohin der Brief an Talypsidamum müsse kommen seyn? Was man gedencken werde /dafern ein fremdes Auge denselben lesen / und ein unwissendes Hertz dessen allen werde verständiget seyn? darauf Melopharmis antwortete; daß sie so gewiß sey / daß Agapistus denselben in keine andere Gewalt kommen lassen / als gewiß ihm die Treue und Aufrichtigkeit desselben bekannt sey. Wann ich nur /sprach Polyphilus / gewiß wissen solte / wo ihn das Pferd abgesetzt / oder wo er das Pferd verlassen /könte man ihn suchen / ob er vielleicht unter die Mörder gerathen / die ihn so hart verwundet[407] / daß er Krafftloß sich nicht wieder erheben können. Diß bekräfftigte Melopharmis / daß mans ohne dem thun könne / weil er / dem Zeugnus des Bauern nach / nicht weit von hinnen seyn müsse; und könne geschehen seyn / daß er auf der Ruck-Reise begriffen / den Brief schon an gehörigen Ort gebracht. Deßwegen sie beyde behend aufstunden / und die Königin / welche über dieser betrübten Post / mit ihrem gantzen Hof-Staat /nicht wenig bekümmert wurde / um Curirer ansprachen / die den Entleibten suchen möchten.

Ein jeder erbot sich willig und schuldig / und wolte einer vor dem andern den Ruhm verdienen / daß er mit dem Fund Agapisti dem Polyphilo Freud erwecke. Daher setzten sich alle die junge Edelleut / so zu Hof waren / auf ihre Roß / und ritten je zwey / den Wald durch und durch / so ferne / daß sie biß auf die Gräntze / der Insul Soletten / gelangeten / aber nichts funden.

Da die nun etzliche Tage vergeblich gesuchet / traff endlich das Glück zweyen / deren einer Aphetus / der andere Gennadas benamet / daß sie an den Ort geriethen / allwo Agapistus / den einen Mörder ins Wasser gestossen / den andern aber / mit dem Schwerdt / erwürget: dessen Leichnam Talypsidamus / in seinem Blut / liegen lassen / und nicht verscharret / vielleicht / verdienten Lohn nach / denen Raben zur Speise. Aphetus war der erste / der ihn sahe / und so bald er dessen gewahr wurde / gedachte er / es wäre Agapistus / deßwegen er hochbetrübt an#eng: Ach! ich Unseeliger! soll ich mit dem grossen Unglück beglücket werden / Agapisti Tod Polyphilo zu verkünden? soll ich dich / edler Ritter! hie in [408] deinem Blut antreffen? mit diesen Worten ritten sie etwas geschwinder und näher hinzu. Die Kleidung gleichete sich nicht der Rüstung Agapisti / daher sie zum ersten zweiffelten: doch zeugete der ertödete Cörper / und die Blut-besprengte Erde / daß daselbsten ein Würgen geschehen sey: daher Gennadas / welcher behertzter war / vom Pferd herunter stieg / und den todten Cörper auf den Rucken umwandte / weil er auf das Gesicht gelegt war / um etwa aus demselben zu erkennen / wer er wäre. Allein der scharff-geführte Streich / so das gantze Haupt zerspalten / ließ keine Erkantnus zu / ohne daß sie / aus dem erwachsenen Bart / leicht ermessen konten / es müste dieses ein anderer / und nicht Agapistus seyn.

Aphetus schloß aus dem Ansehen der Kleidung die rechte Warheit / und muthmassete / daß dieser / welchen er für einen Mörder hielt / vom Agapisto / durch die Nohtwehr / sey erleget worden / nicht wissend /wie es ihm hernach ergangen. Vielleicht / stimmete Gennadas darzu / sind ihrer mehr gewesen / die hernach den edlen Ritter umbracht: dem Aphetus widerlegte / wann das geschehen / würden sie das Pferd nicht aus Handen gelassen haben / welches ihre grösseste Beute würde gewesen seyn.

Indem sie aber in solcher Ungewißheit kämpffeten /und ein jeder seine Meynung vor gültiger wolt gehalten haben: siehe! da kommt Talypsidamus / mit seinem Schiff / von der Höhe / wieder zu ruck gefahren /weil ihn das Verlangen / zu wissen / wie es um Agapistum stehe / nicht längern Verzug gestattete. Aphetus und Gennadas sehen der Schiffart zu / und tretten /um solche eigentlicher zu betrachten / näher zum Ufer / so gar / daß Talypsidamus sie von [409] ferne ersahe / und sich alsbald erinnerte des Orts / wo er den fremden Ritter zum ersten / als seinen Erretter gesehen. Machte ihm derowegen die gewisse Einbildung /er werde unter denen seyn / die ihm so sehnlich nachsehen. Darum er Befehl gab / die Segel zu wenden /und auf sie zu fahren. Da er nun näher hinzu kam /und erkannte / daß Agapistus nicht darunter sey / wolt er vorbey fahren: allein Gennadas ruffete mit freundlichem Bucken / und höflicher Reverentz dem Schiff-Patron / um ein einiges zu fragen. Talypsidamus dorffte / Krafft seiner Bescheidenheit / dem Bittenden solches nicht versagen; viewohl er doch nicht recht trauete / weil ihm sonderlich der Ort verdächtig vorkam / daß er beförchtete / es möchten auch diese nichts gutes würcken: darum er nicht gar ans Land stossen / sondern das Schiff so ferne stehen ließ / als die Hin- und Wider-Rede leiden mochte.

Gennadas bat zu erst um günstige Verzeihung / daß er den Lauf des eilenden Schiffs / durch sein unhöfliches Begehren / hätte hindern dörffen: erwähnte dabey die Ursach / was ihn darzu verleitet / nemlich / sprach er / dieser ertödtete Cörper / den wir allhier angetroffen / unwissend / wer er ist / oder wie er zu Fall kommen. Zwar / fieng er ferner an / sind wir ausgeschickt von Polyphilo / unserem Erretter / Agapistum / seinen geliebten Freund / zu suchen / den er an Talypsidamum / einen Einwohner der Solettischen Insul / mit einer Schrifft / abgefertiget: an dessen Statt ein blosses Pferd / ohne Zügel / zu ruck kommen; aber Agapistum / den edlen Ritter dahinden gelassen / daß wir nicht wissen / wo er hinkommen / und wiees ihm gehe. Nun sind wir zu erst [410] erschrocken / da wir diesen Cörper / in der Ferne gesehen / vermeynende / es wäre der Leib Agapisti; aber so zeugen die Kleider / und seine Gestalt viel ein widerigers. Und ob wir schliessen könten / weil wir uns Agapistum nicht anderst /als gestorben einbilden / es sey dieser / welcher /allem Ansehen nach / sich einem Mörder gleichet /durch das Schwert Agapisti gefallen / indem er etwa seinen Tod gesuchet / so heisset uns doch die Ungewißheit / in zweiffelhafften Dingen / nichts gewisses schliessen: Daher wir veranlasset worden / euch /Hochgeehrter Herr! in eurer Fahrt zu hindern / ob wir etwa einige Gewißheit / durch euren Bericht / erhalten könten / weil wir nicht zweiffeln / ihr werdet eure Schiff / täglich / durch diese Wasser / segeln lassen.

Kaum konte Talypsidamus vor hertzlicher Freude erwarten / daß sich das Schiff anlendete / und wäre er / wann es müglich gewesen / alsobald auf das erste Wort / über das Wasser geflogen / so verlangte ihm mit den Fremden / die er auch vor Ritter ehrete / ferner Gespräch zu halten. Doch antwortete er kein Wort / sondern gab Befehl / das Schiff alsobald ans Ufer zu führen. Da er nun ausgetretten war / buckete er sich / in tieffer Demut / gegen die beyde / mit wiederholter Frag / ob er ihren Worten gewissen Glauben geben dörffe? Und da er das Ja-Wort / mit einer Betheurung / erhielt / fiel er ihnen beyden um den Halß /hertzete und küssete sie / als die Freunde / seines Freundes Polyphili. Diese erschracken über die Freundlichkeit / und die Thränen / so aus den Augen Talypsidami drungen / führeten sie in die höchste Verwunderung / daß sie nichts zu antworten wusten. Talypsidamus aber / der einen nach dem andern [411] umhalsete / widerholte zum öfftern die verlangte Frag: lebet Polyphilus? und empfieng allemal die erfreuliche Antwort: ja / Polyphilus lebet. Er fuhr weiter fort: hat er diesen Ritter / den ihr Agapistum nennet / zum Talypsidamo geschickt? das ihm mit gleicher Einstimmung bekräfftiget wurde. Hat er / der Liebste aller Lieben / fieng er weiter an / hat der Getreue / der lebende; O herrliches Wort! der lebende Polyphilus /an Talypsidamum geschrieben? Und da er auch auf diß das Ja-Wort erhielt / fieng er an: Ach! so flehe ich euch / durch aller Götter Gnad / und durch das Leben Polyphili selber / daß ihr mich hin zu ihm führet / daß er von mir erfahre / was ihr zu forschen ausgesendet worden / nemlich / daß Agapistus / der Freund Polyphili lebe. Eilet und saget ihm an / daß ich komme /und vom Agapisto völligen Bericht ertheilen werde.

Wer war fröher / als Aphetus und Gennadas; sie hätten gewünschet / daß sie zur Stund bey Polyphilo hätten seyn können / und die Herrlichkeit der erworbenen Freude eröffnen. Aller Verzug war ihnen zuwider / darum Talypsidamus sein Schiff heimfahren hieß / Aphetus aber sein Pferd / dem Talypsidamo darreichete / und sich hinter Gennadas aufsetzete: welches wiewohl Talypsidamus nicht annehmen wollte / dennoch endlich / um die Verhindernus zu hindern / das Verlangen nach Polyphilo / der sonst-geziemenden Höfflichkeit vorsetzete. Unter Wegens schlug sich sonderlich Gennadas / mit allerhand Gedancken /und kam nicht unbillich auf den Sinn / als wäre diß Talypsidamus; welches er daher schliessen wollte /daß er so fleissig nach demselben gefraget: dorffte sich aber nicht erkühnen / die Warheit [412] von ihm zu erforschen. Er hingegen Talypsidamus fragte / wo dann Polyphilus lebte / wie er lebte / und wie lang er bey ihnen sey: auf welches alles er völligen Bericht erhielt / so gar / daß er die Zeit seiner Ersäuffung / dieser nicht unrecht gleichete / die die Ankunfft / durch ihrer Zeugnus / bewährete.

Unter währendem Gespräch / kamen sie biß zum Schloß. Gennadas schrie alsbald der Wacht zu: Agapistus lebet / die darob sehr erfreuet wurde: Talypsidamum aber führete Aphetus / biß vor das Zimmer /darinnen Polyphilus / mit schmertzlichen Worten /seine betrübte Zeit zubrachte: Und da Aphetus sehr eilete / die Freude zu verkünden / daß es das Ansehen hatte / als wolte er dem Gennadas vorkommen / traf diesen der Eyfer / daß er ihn mit erhobener Stimm /den Stillstand gebot / wolte er sein Freund seyn. Ein jeder wolte den Danck verdienen / und die Freude dem Polyphilo verkünden: Darum sie nach gebührender Anmeldung / beyde zugleich anfiengen: Freude dem Polyphilo / und unserm gantzen Hause! Agapistus lebet / und ist nicht todt.

Alles Leid Polyphili fiel auf einmal hin / und alle Klagen hatten ein Ende / so gar / daß Polyphilus vor grosser Begierde anfieng / ob dann Agapistus komme? dagegen Gennadas versetzte: Nein / edler Polyphile! er wird aber mit ehistem kommen. Polyphilus fuhr weiter fort: Habt ihr ihn gesehen? Oder woher seyd ihr seines Lebens kündig worden? Darauf Aphetus antwortete: Wir haben ihn zwar nicht gesehen; aber die Gewißheit haben wir von einem Schiffmann / der uns am Ufer begegnet / und nach erkundigtem unserm Werben / die gewisse Verstzrechung dermassen bevestiget / daß er selbsten mündlich [413] mit Polyphilo / den er seinen getreuen Freund genennet /zu sprechen begehrt: deßwegen ich ihn auf mein Pferd gehoben / und daher bracht habe. Gefällt es nun euch / edler Polyphile! ihn eurer Rede zu würdigen /wartet er dessen vor der Thür / bereit von allen / was Agapisto zu Handen gestossen / ausführlichen Bericht zu geben / welchen er uns bißher verhalten.

Polyphilum trieb die Begierde / den fremden Gast zu sehen / den er alsbald vor einen des Talypsidami Schiff-Bedienten hielt / zum Zimmer hinaus; und da er die Thür öffnete / fiel ihm die Gegenwart / des so verlangten Hertz-Vertrauten Talypsidami zugleich in die Augen und das Hertz / so gar / daß er sein selbsten vergessend / mit vollem Lauf auf ihn zueilete /und mit hertzlichem Froh empfieng. Die Unaussprechlichkeit der Freude schloß den Mund / und öffnete das Hertz / welches sich / durch die heisse Thränen-Bäche / so häuffig ergoß / daß die benetzte Wangen Polyphili / auch das Antlitz Talypsidami bewässerten / durch beyderseits Freud-erweckendes Hertzen und Umfangen. Sie lagen einander an der Brust / und die Arm umschrancketen die Leiber / welche sie so hart zusammen drucketen / daß es scheinte / als wolten sie aus zweyen eins machen. Beyde waren sie erstummet / und konte keins dem andern ein Wort zureden / so gar hatte sie die hertzliche und unvermuthete Freude entzucket. Der Kuß muste dißmal das Beste thun / und die tief-geholte Seufftzer musten die Gedancken des Hertzens erklären. Bald verliessen sie einander / als wolten sie reden: aber so bald die Augen Polyphili Talypsidamum bestralten / und Talypsidamus hinwieder [414] Polyphilum ansahe / fielen sie einander aufs neue an / biß sie / im höchsten Grad /der tausend-verzuckerten Süssigkeit / gleich als erstarret / gegeneinander stunden / und die Hertzen /durch das seuffzende ächtzen / reden liessen / da der Mund nicht Wort gnug finden konte.

Wäre es doch müglich / die Tausendfaltigkeit / der Wunder-gebährenden Freud / dieser beyder vertrauten Freunde / ja mehr dann Freunde / auszusprechen / gewißlich würde diß gantze Buch die Beschreibung nicht fassen können / und meine Feder drüber stumpff werden. Wer sie in seinem Hertzen heimlich bey sich forschen will / der kan / etzlicher Massen / die Unergründlichkeit erkennen / wann er zu ruck gehet / und beyder Verlangen ansiehet / welches das Hertz Polyphili / mit der Begierde / Talypsidamum zu sehen; und wiederum diesen / gegen jenen entzündet. Denn so wird er leicht erkennen / daß diese Freud / sey die Erfüllung des schmertzlichen Begehrens / und zugleich eine Unterdrückung alles Kummers / aller Furcht / so gar / daß Polyphilus / samt Talypsidamo /nun die Freude selbsten ist.

Die Anwesende beyde von Adel konten sich über den unverhofften Fall / und allzugrosse Liebe / nicht gnug verwundern / daher sie auch bald diesen / bald jenen; ja sich selbsten untereinander ansahen. Sie wünscheten nicht mehr / als daß sie nur ein Wort hören möchten / wer der Fremde wäre: allein die Zunge lag in den Ketten der Vergnügung gefangen /und der Mund wuste nicht Wort gnug zu bilden / die die Unaussprechlichkeit dieser herrlichen Befriedigung erzehle. Da sie nun eine zimliche Weile einander umfangen hielten / und das Hertz allmählich zu ruhen [415] anfieng: selbst auch die aufgedruckte Lefftzen ermüdet; die angesetzte Wangen beröhtet; die geschlossene Händ ohnkräfftig und laß wurden: ja! alle inwendige Krafft / durch die hefftige Entzündung /ihrer Liebe sich verlieren wolte: fieng endlich der gantz-erfreute Polyphilus / mehr aber / wegen des beygefügten Seufftzers / mit dem Hertzen / als dem Mund / diese gebrochene Wort an zu reden: Ach! Ach Talypsidame! Ach du treues Hertz! Ach du schönes Hertz! Ach! allerliebster Talypsidame! deßgleichen that Talypsidamus auch gegen Polyphilo.

Aphetus war der erste / der den Namen Talypsidami nennen hörete / daher er verursachet wurde / weil nun gewiß war / daß diß Talypsidamus seyn müsse /die Melopharmis daher zu führen / damit auch die /der unerschöpfften Freud mit geniesse. Gennadas aber wolte diesen Dienst / mit der Königin Danck / ihm vergelten lassen; deßwegen jener zu Melopharmis; dieser aber zu Atychintida eilete / und die Gegenwart Talypsidami / mit allem dem / was sie gesehen und erfahren / verkündigten.

Da nun Polyphilus mit Talypsidamo allein war /fieng dieser an: Ach Polyphile! mein Freund! wie hat uns das Wunder-würckende Glück / durch so viel Unglück / erfreuen wollen? Meine Seele ist genesen /nun sie Polyphilum siehet / und mein Hertz ist voll alles Guten / nun ich dich / du mein ander Hertz! lebend weiß. Sag mir nun / mein Freund! was hat dein Leben erhalten? hast du dich ersäuffet / daß du lebest? O ihr wunderthätige Götter! wie habt ihr mich / durch eine vergebliche Furcht / in solchen Schrecken gesetzt? daß ich Polyphilum / den [416] Liebsten meiner Lieben; Polyphilum / den Getreuesten meiner Getreuen /vor todt gehalten / der da lebet. Leber? ja! so sehe ich. Ey so freue dich / du erschrockenes Hertz Talypsidami! und verjage die Traurigkeit der furchtsamen Einbildung / mit der freuderweckenden Gewißheit / aus deinem betrübten Hertzen: löse auf das Gefängnus /der kümmerlichen Gedancken / und laß deine Sinne /in der Sicherheit / der ergötzenden Freude / wandeln. Dann weil Polyphilus lebt / so ist aller Kummer todt; so lebet alle Freud. Und in diesen Worten umfieng er noch einmal / mit küssendem Munde / die Wangen Polyphili: Polyphilus hingegen beklagte / daß er die unermessene Freud nicht aussprechen könne / die ihm seine Gegenwart erwecket. Ach! sagte er / daß ich doch die Herrlichkeit / meines erlangten Trosts / so völlig durch den Mund ausschütten könte / als mächtig sie in meinem Hertzen ihren Glantz ausbreitet. Talypsidame! mein Freund! mein Trost! Ach Talypsidame! werde ich nicht den verschlossenen Schatz meiner Vollkommenheit / ja die Vollkommenheit meines Trostes nennen / wann ich das theure Hertz Talypsidami nenne? Der Verlust eurer Gegenwart war das Verderben meines Trosts / und der Untergang meines Glücks: nun ich aber euch sehe / aller-verlangtester Talypsidame! nun stehet Trost und Glück in froher Blüht. Ey so sey dir Danck / du günstiges Glück! und ihr gnädige Götter! seyd von Hertzen gepriesen. Jetzt erst muß ich erkennen / daß das viel-grosse Unglück /so ich Zeit her erlitten / durch seine Widerwertigkeit /mir die Bahn / zu grösserm Glück / bereitet. Wie hättet ihr mich einmal so hoch erfreuen können / wann ich nicht zu [417] erst gleich so viel betrübet worden. Aber nun / nun dancke ich eurer Güte / und eure Gnade will ich rühmen / so lang mein Hertz mit dem Hertzen Talypsidami verbunden bleibet / das ist / ewiglich.

Unter dieser Rede / trat Melopharmis herzu / deren Gegenwart / die geschlossene Hände Poliphili und Talypsidami trennete / und da sie / mit grosser Höflichkeit / den fremden Gast empfangen / und die Bezeugung ihrer Freude / mit vielen Worten / bekräfftiget / fieng Polyphilus mit erhabner Stimm an: Diß ist Talypsidamus / nach dem ich mich so hefftig gesehnet. Weil aber Melopharmis die ankommende Königin beförchtete / daß sie ihr Gespräch verhindern werde / und sie / nach dem / nicht so gute Gelegenheit / von Macarien zu reden / hoffen dörffte / fieng sie an: Liebste Freunde! verderbet die Zeit nicht / so euch der Himmel zu geheimen Sachen vergönnet / mit unnötigen Worten / die ihr auch / in anderer Beyseyn /wechseln könnet. Es wird unsre Gesellschafft durch die Gegenwart Atychintidœ bald zerstöret / und das Gespräch / darauf alle Freude Polyphili gegründet ist /verhindert werden. Darum lasset das die erste Frag seyn: Was machet die schöne Macarie? wie lebt sie? dencket sie ihres getreuen Polyphili? noch wie helffen wir dem Polyphilo wieder zu ihr? Und durch was Mittel kan seine Reise befördert werden? kan er auch /vor dem Grimm der Solettischen Inwohner / sicher hin und her kommen? dann diß ist Noth zu berathen.

Polyphilus stimmete der Rede / durch die gleichwinckende Augen / gar leichtlich bey: daß Talypsidamus auch seines Hertzens Begierde nicht übel vernehmen konte: deßwegen er / beyden zu Willen / [418] folgenden Bericht ertheilte: Die schöne Macarie lebt; und lebt in dem Verlangen nach Polyphilo; welches sie stets Dencken machet an Polyphilum: darum beyden wird geholfsen seyn / wann Polyphilus mit mir auf Soletten zureiset / von deren Innwohner Grimm er sich nicht zu beförchten.

Die Ankunfft der Königin machte Talypsidamum so kurtz antworten / weil er die bedrangte Noth Polyphili erkennete / daß ihr nicht ehe abzuhelffen: wie dann auch Polyphilus / durch diese wenige Reden /mehr getröstet wurde / als wann ihm Melopharmis ein gantz Buch voll / von Hoffnung und Zufriedenheit /vorgeschrieben hätte. Sie stelleten sich nunmehr / die Königin zu empfangen / und nahm Talypsidamus Gelegenheit / nach Landes Art / derselben Hände zu küssen. Da er aber / mit vielen Worten / seine Ankunfft entschuldigen / und die Ursach / mit einer höflichen Demut versetzen wolte / so / daß die Königin ihr Verlangen nicht länger bergen konte / fiel sie ihm / mit diesen Worten / in die Rede: Edler Herr! eure Gegenwart / die uns billich an und vor sich selbst hoch erfreuet / ist uns gleichwol wegen des Verlangens Polyphili / nicht minder auch der Erkundigung / wie es dem edlen Ritter Agapisto ergangen / um desto mehr erfreuter / daß wir euch nicht als einen Unbekandten und Fremden; besondern gleich einem werthen und angenehmen Freund aufnehmen / auch wünschen / mit der Vermögenheit begütert zu seyn / daß wir euch / so viel wir schuldig / dienen und ehren können. Habt ihr demnach keine Ursach / weder einige Unhöflichkeit zu beschönen / noch um gnädige Vergebung / eurer Künheit / zu werben. Da ihr aber eurer ruhmwürdigen [419] Höflichkeit / in diesem Fall / etwas zugeben wollet /und die sonst-gewohnte Bedingung eures vermeinten Verbrechens mit einiger Entschuldigung abgleichen /so nehmet / bitte ich / die Ursach deren / von der Erzehlung / wie ihr wisset / das Agapisto geschehen /und vergewissert uns / ob er lebe: so werdet ihr uns allen / mit Erweckung höchster Freud / einen angenehmen Dienst thun / welchen ich mit gnädigem Willen / Polyphilus / mit fertiger Gunst / und diese andere / mit schuldiger Aufwartung / nach Müglichkeit /erwidern werden.

Talypsidamus war so fertig / als willig: Polyphilus aber / der leicht sahe / daß sichs nicht schicken werde / wann die Königin so lang im Vorgemach stehen solle / hieß ihn noch eine Weile ruhen / und nötigte die Königin / mit gebührender Demut / sein Zimmer zu würdigen / und allda einen Sitz zu nehmen /um desto füglicher mit Talypsidamo zu sprechen /weil auch / ohne das / Talypsidamus / von der Reise /würde ermüdet seyn. Aber Atychintida antwortete: Mein Polyphile! ihr wisset wohl / daß ich euer Zimmer gern besuche / allein vor dißmal werde ich eurem Begehren nicht willfahren können / daß die Zeit / so uns zur Tafel fordert / allbereit vorhanden: so halt ich für gut / fieng Melopharmis an / daß wirs gar versparen / biß dahin / weil wir uns / die weil / mit dem Wort trösten können / daß wir gewiß sind / er lebe.

7. Absatz
Siebender Absatz

Beschreibet die Reden Talypsidami mit Polyphilo und der Königin / auch wie [420] er Macarien gerühmet:Lehret / wie hoch die Tugend-Kunst zu erheben.


Was hätte dem Polyphilo erwünschter kommen können / dann alsobald die Königin drein willigte / nahm er Gelegenheit / Talypsidamum zur Seite zu führen /mit Vorwenden / als wolle er ihm sein Zimmer sehen lassen / allda seiner Gelegenheit zu pflegen. So bald sie hinein kamen / fragte er wieder von Macarien: was sie auf die letzten Wort / so er ihr durch seinen Mund / nach dem damals vermeinten Tod / verstandigen lassen / geantwortet / und wie sie ihr solche gefallen lassen: ob sie auch annoch in der Meynung verharre / als solte Polyphilus tod seyn. Deme allen Talypsidamus / mehr aus der Liebe der Freundschafft /als der Warheit antwortete / so gar / daß ihm Polyphilus nichts gewissers / als die Gewogenheit der schönen Macarien einbildete / welche er sonderlich daher behaupten wolte / daß sie ihr seinen Tod nicht gewiß machen könte / daher eine Hoffnung zu schliessen /die die Gegenwart Polyphili / in dem Hertzen der Macarien / verlange.

Aber es gieng Polyphilo in diesem Schluß / wie es gemeiniglich den Verliebten zu gehen pfleget / die aus einem nichtigen Wort mehr erzwingen / als das Recht und die Warheit zulässet. Es vermochte aber diese Einbildung so viel bey ihm / daß er dem Talypsidamo mit hefftigem Flehen anlag / ihn Gelegenheit zu erwerben / daß er / ohne längere Verhindernuß / sein Verlangen erfüllen und die Liebe deren / die ihm sein Hertz gantz bestricket / durch seine Gegenwart / endlich gewinnen könne. So öffentlich [421] dorffte Polyphilus reden / weil sich nun nichts mehr verbergen ließ.

Talypsidamus wurde über die Wort erfreuet / und solches um desto mehr / weil er ihm nie nichts solches eingebildet / sondern das Verlangen Polyphili allemal / mit der Tugend / der vollkommenen Macarien /abgemessen: das er aber jetzt erfuhr / wie es sich weiter / und biß auf das Hertz erstrecke. Da verstund Talypsidamus allererst / was ihn für ein Schmertz quäle / und in was Angst / sein verliebtes Hertz brenne. Darum er / ihn zu trösten / von der Stund an / auf Mittel und Wege bedacht zu seyn / ihm / durch die Treue ihrer Freundschafft / versprach / wie er / ohne längern Verzug / seinen Wunsch erfüllen möchte. In dem kam Melopharmis und nötigte sie zur Tafel: deren sie folgeten / biß in den Saal / da sie von den Anwesenden / abermal höflich und aufs schönste empfangen wurden.

Die Königin nahm mit Polyphilo ihren gewohnten Sitz: Talypsidamus aber bekleidete die Stell Agapisti / nach welchen / die übrige / in ihrer richtigen Ordnung / die Tafel beschlossen. Die erste Rede war /dem Begehren Atychintidœ nach / von Agapisto / die Talypsidamus mit solchen Worten anfieng und redete: Durchleuchtigste Königin! mein schuldiger Gehorsam erinnert mich billich / an den gnädigen Befehl / dem sie mir / vor der Tafel / ertheilet / daß ich / so viel mir wissend / vom Agapisto gründlichen Bericht geben solle: Wann demnach solches schuldiger massen zu vollbringen / dero Gnaden nicht unbeliebig / oder zu wider lauffen wird / will ich meinen Gehorsam durch die völlige Eröffnung / zu deren Gebot stellen.

[422] Atychintida winckete / noch unter der Rede / und ein jeder hörete / mit aufmerckendem Fleiß / zu /darum er ohne Absatz / mit diesen Worten fortfuhr: Es war eben Zeit / daß / ehe die völlige Kälte die Flüsse verschloß / und den Schiffarten den Stillstand gebot / ich auch meine Segel / noch einst aufwarff /um etwas Vorrath auf den dürfftigen Winter einzuholen. Nun verlangte mein Weib / die viel-beschriene Gräntze / des grossen Meers / zu besehen / deßwegen sie mir öffters anlag / solches zu erlauben / und sie mit zu führen / so lang / daß ichs nicht mehr verwaigern konte. Weil aber ihre Natur / mit dem Wasser ewige Feindschafft hält / indem sie / ohne Verletzung ihrer Gesundheit / auf demselben nicht fahren oder bleiben kan: als habe ich den Weg zu Land befördert / meine Schiffe aber zu Wasser gehen lassen. Nun geschichts / da wir etwa eine halbe Tag-Reise vollbracht / daß wir im Wald unter einen Hauffen mordgieriger Rauber fallen / die uns nicht nur alles mitgeführten Geldes / sondern auch unser selber beraubten / in dem sie mich gefangen mitführeten / mein Weib aber / mit vielen Streichen / halb-tod liegen liessen. Ich zwar / widersetzte mich / so viel mir müglich / aber einem / wider so viel zu streiten / war wenig müglich. Wie nun die Hülff der allsehenden /gnädigen Götter / denen unschuldig bedrangten / niemals aussen bleibet / also muß auch ich dieselbe /noch jetzo / an dem edlen Ritter Agapisto rühmen /und erkennen. Dann eben / als ich fortgeführet wurde / und meine Liebste / in höchster Bekümmernus / an der Hecken liegen bleibet / allda mit Weinen und Klagen / ihr schmertzhafftes Leben vollend zu enden / kommt ein Ritter mit eiligem Flug und erhitztem [423] Lauf auf sie zu / dann der Weg führete ihn an der Hecken vorbey. So bald sie ihn ersiehet / fällt sie / mit Heulen und Schreyen / vor ihm nider / um die Errettung ihres Herrn bittend. Der Ritter aber entschuldiget sich / daß er nicht sein mächtig / sondern dißmal in fremden Diensten sey / deren Beförderung / die keinen Verzug leide / ihn zwinge / die Bitte zu versagen. Darüber das Weib in die Ohnmacht / aber mit diesen Worten / fällt: Ach Talypsidame! so must du sterben! und was sie etwan ferner für ein kläglich Geschrey geführet. Der Ritter / theils wegen der tödlichen Ohnmacht / theils wegen des Namens Talypsidami erschrocken / suchet alsobald / wie er der Nothleidenden wieder aufhelffe / aber vergebens. Deßwegen er sich wieder zu Pferd setzet / und mich zu suchen auf dem Wald zueilet. Es hatten mich die Mörder schon in das Schiff bracht / und waren auch sie / ausser zweyen / darinnen / welche der Ritter noch zu Land antraff. Die andere aber / so zu Schiff waren / stiessen vom Land / und verliessen diese beyde der Hand Agapisti / welcher den einen / mit seiner Lantzen / ins Wasser stürtzete / den andern / auf einem Streich / mit dem Schwerdt / danider legte. Und dieser ists / den meine Begleiter gesehen. In meiner grössesten Noht /erfreuete ich mich gleichwol der Gnade des Himmels /der mir einen solchen treuen Erretter zugeschickt. Und weil ich ihm mündlich nicht dancken konte / bezeugte ich meine Gebühr / mit Wincken der Hände und offt-geneigtem Haupt. Das wunderte mich am meisten /wie ein Fremder und Unbekandter sich meinet wegen / in solche Gefahr geben wollen: Doch gieng mein Schluß auf die gebührende ritterliche Pflicht. Dahero ich gleiches [424] theils nichts mehr bereuete / als daß ich nicht wissen solte / wer er / und von wannen er wäre. Da ich ihm aber / ohne Unterlaß / einen Danck-schuldigen Gruß zuschickete / und er mir sehnlich nachsahe / ziehet er ohngefehr einen Brief hervor / und zeiget mir denselben / wincket auch auf die Gegend Soletten / und schreyet mit lauter Stimm /und gedoppelte Wiederholung / den Namen Polyphili. In was Vielfaltigkeit / der zweiffelhafften Gedancken /ich dadurch gesetzt worden / kan ich nicht aussprechen. Dann sich dieselben mit der augenscheinlichen Todes-Furcht / je länger je mehr mehreten. Wir waren einen zimlichen Weg / gegen den Strom / aufgefahren / als ich sahe / daß Agapistus sein Pferd / zu ruck / dem Wald zu wandte / daraus ich nicht anderst schliessen konte / als daß er wieder ruckwerts reisen werde / deßwegen ich ihm tausend Glück nachbetete. Allein / da ich gedachte / jetzt wirst du ihn zum letzten mal sehen / weil er zum Wald hinein reiten wird /erfuhr ich / ach! aber mit was Schrecken! daß er ein Tuch um die Augen gebunden / und seinem Pferd die Sporen angesetzt / mit vollem Lauf auf den Fluß / und in das Wasser zu sprengen; daß also nicht der Wald /sondern die wilde Fluthen / mir seine Gegenwart geraubet: wann nicht durch sonderliche Vorsehung des günstigen Himmels / eben damals mein Weib / aus der tödlichen Ohnmacht erwachet / ihn gefolget / und in dem Zu-Ritt geschryen hätte. Meinem Beduncken nach / solte eben das Pferd den letzten Satz ins Wasser thun / als er dem Geschrey eines Weibs gehorchen muste. Ohne Zweifel wird ihn damaln / sein eigen Gewissen / der vorgesetzten Boßheit halber / bey sich selbst verklaget; oder auch mein Weib [425] gebührend bestraffet und erinnert haben / daß er auf vernünfftigere Mittel bedacht sey / die mit seinem Leben / auch das meine erhalten / und nicht so schändlich verderben. Es geschach aber / daß wir gegen den Strom / nicht ferne vom Ufer schiffeten / welches Agapistum veranlassete / daß er am Ufer hinauf ritte / mich zu begleiten / und zu vernehmen / wie es endlich mir gehen werde. Er hielt sich im Walde / daß unser keins seiner gewahr nahm: biß er ohngefehr / an dem Ufer ein leeres Schifflein angebunden ersiehet / das ihm / seiner Einbildung nach / das Glück selbsten / zu meiner Errettung bereitet. Alsbald löset er solches vom Ufer /setzet sich drein / und eilet / mit müglicher Geschwindigkeit / auf uns zu.

Die Mörder wurden / durch die unverhoffte Ankunfft / sehr erschröcket / ich aber mächtig erfreuet. Die schröckende Furcht schlug sie alsobald in die Flucht / daß sie sich wandten / und mit dem Fluß / in unglaublicher Geschwindigkeit / abwerts fuhren. Ich muste mitfahren / ihr Leben zu erretten / und meines zu verderben: der Ritter folgete gleich-erhitzt nach /konte sie doch nicht errennen: wiewol er mir so nahe kam / daß er mir den Gruß von Polyphilo zuschreyen konte. Aber / O Unglück! es entstund ein grausames Gewitter / welches einen Wind schickete / der das Schiff Agapisti anfassete / und mit erschröcklichem Wüten / auf den wanckenden Wellen fort führete / daß weder ich / noch die Mörder / ihn mehr sehen konten. Da nun die Winde sich legten / und ich mir nichts anders / als den gewissen Tod einbildete: siehe! da kommt mein Schiff / daß ich mir hatte folgen heissen /dessen Ankunfft mich errettet; meine Feinde aber gefangen gelegt: die ich auch noch dem Agapisto [426] aufhebe / daß er seine gerechte Rach an ihnen verübe. Die Freude meiner Sicherheit verlangte / mein Weib / aus ihrer kümmerlichen Noth zu erretten / deßwegen ich /so viel müglich / dem Ort zueilete / wo ich sie mit Agapisto vernommen / auch wieder weinend und heulend antraff / die sich aber / durch meine befreyete Gegenwart / bald tröstete; Alsbald fragte sie um Agapistum / und zeigte mir den Zügel von seines Pferdes Zaum / mit Vermelden / daß sie selbigen an einem Baum gefunden / von dem sich das Pferd gerissen /und mit vollem Wüten / den Wald eingelauffen. Unsre grösseste Sorg war / wo Agapistus seyn möchte /darum wir endlich Rath wurden / mein Weib widerum zu ruck zu senden / mit dem Befehl / daß sie Agapistum mit etzlichen Schiffen suchen lasse; ich aber meine Reise fort zusetzen / von deren ich eben jetzo wieder zu ruck komme. Nun weiß ich zwar nicht gewiß / lebe doch der gäntzlichen Hoffnung / ich werde ihn / so ich zu Hauß komme / antreffen. Dann ich vergewissert bin / daß er lebet / weil sich der Wind alsobald geleget / nachdem er von uns gerissen worden. Und so viel ist mir bewust.

Die Verwunderung / zusammt der anklebenden Furcht / erhebte sich damals dergestalt / in aller anwesenden Hertzen / daß die Freude nicht anderst / als unter dem Wachsthum der Dornen aufgehen / und auf dem Acker der Sorgen-vollen Besaamung wachsen konte. Aller Seiten verursachete der Trost Talypsidami Freude; die Erzehlung / Schrecken; die Ungewißheit / Forcht. Polyphilus aber / der seine Gedancken /mit der Versprechung / Macarien zu grüssen / nehrete / mochte leicht überredt seyn / daß er glaubete /was er gern glauben wolte / darum er alle [427] Sorgen niederlegte / und sein Glück der Zeit vertraute / die ihn /durch den Anblick seiner hertzlichverlangten Macarien / erfreuen werde.

Atychintida / wie sie gewohnt war / männiglich die Wolthat zu erklären / welche die Danckbarkeit / so ihre Erlösung dem Polyphilo schuldig / gebührend rühmen muste / fieng hinwider zum Talypsidamo an: Edler Herr! eure Erzehlung / die uns nicht weniger Mitleiden in der Noth / als Erfreuung nach derselben erwecket / zwinget mich / daß ich gleiches an unserm hochgelobten Polyphilo bekennen muß / welchen /wie ihr selber gesehen / die Fluthen ersäuffet haben /und die Wellen bedecket / aber meines Erachtens darum / daß die leblosen Creaturen dessen Ehre retten / und Leben verlängerten / welchen die beseelte Menschen / ohne Schuld / in Schande setzen / und den Tod / unbillicher Weise auflegen wolten. Denn / so sind die gerechte Gericht der gerechten Götter. Wunderns ist das alles werth / und um desto mehr / weil /durch solche seine Errettung / auch unsere sich genahet / die wir / was wir sind / diesem Polyphilo / unserm Eretter / alles zu dancken haben / und auch ewig dancken wollen. Deßwegen will ich auch noch jetzo eben das / und allen / die zu uns kommen werden /solches erzehlen und rühmen / dafern ich weiß / daß es euch nicht mißfället anzuhören: und nach dem fieng sie an / alles / was wir bißher gehöret / und in solcher Ordnung / wie sichs mit Polyphilo begeben /zu erzehlen / und zwar mit so belobten Worten / daß die Schamhafftigkeit offtmals dem Polyphilo die Röthe austrieb. Zu letzt aber hieng sie an / was doch Talypsidamus / der nun beyderseits die Begebenheit /so wohl Polyphili / als Agapisti verstanden / [428] daß alles / was sie erlitten / um Macarien zu sehen / erlitten sey; was er doch schliesse / ob Macarie würdig sey / daß solche edle Jüngling / ihrentwegen den Tod nicht scheueten / und alles Unglück nicht verachteten.

Was hätte Polyphilo angenehmer können gefraget werden / als welcher wuste / daß Talypsidamus / ein verständiger und beredter Mann / die Ehre der noch nie gnug gepriesenen Macarien / dergestalt ausbreiten werde / daß er sich heimlich darüber freuen würde: deßwegen auch eben das Begehren / durch Polyphili Beystimmung / an Talypsidamo wiederholet wurde. Dieser / wiewol er nichts liebers und angenehmers ihm zu verrichten / wünschen können / scheuete sich dennoch / aus beytragender Forcht / es möchten seine / ob schon sonst wol-geübte / Reden / an dem Himmel-würdigen Ruhm / der mehr Göttlichen / als Menschlichen Macarien / und deren hoch-geschätzten Zierde / versiegen / und ihre Krafft verlieren / weil er wol wuste / daß / dafern er sie menschlich gelobt /kaum der Anfang ihrer Würde werde berühret seyn: himmlische Gaben aber / mit menschlichen Worten gleichen / eben so unmüglich / als göttliche Herrlichkeit / mit jrrdischer Nichtigkeit abmessen. Gleichwol muste er dem Gebot Atychintidœ folgen / welches er auch dißfalls seine gefasste Forcht gar gerne beherrschen ließ / und folgender Gestalt anfieng:

Durchleuchtigste Königin! dafern ich nicht versichert wäre / daß E. M. Gnade sich würde befriedigen lassen mit dem / was meine Müglichkeit vermag / und mehr die Himmel-steigende Würde der unschätzbaren / ja! unvergleichlichen Macarien / aus [429] dem vernehmen / daß ich meine Schwachheit / in der Unmüglichkeit / ihr Lob auszusprechen / oder / wie sie ist /völlig zu beschreiben / freywillig bekenne: würde mich / in Warheit! die Gefährlichkeit meines Beginnens / von dem zu ruck halten / das mir mein Gehorsam / gegen E. M. durch den gnädigen Befehl / ohne Abschlag / zu vollbringen / aufleget. Zwar solte mich auch das nicht wenig abhalten / daßlich / in Erhebung dieser unaussprechlichen Hoheit / mich keiner gründlicher und besserer Wort gebrauchen kan / als daß ich sie / unter allen / in der Welt lebenden Damen / die schönste / die höflichste / die verständigste nenne; damit ich / ohne Zweifel / bey vielen mehr Haß / als Gunst / verdienen werde: doch stärcket mich die Warheit in dem allen / die mir den Grund / mit dem Lob-und Lieb-würdigen Namen / der allerschönsten / alleredlesten Macarien / zeiget / darauf ich meine Wort setzen / und meine Entschuldigung gründen könne. Wo soll ich aber Wort genug finden / ihre Tugend zu beschreiben / ihre Schönheit vorzustellen / ihren Verstand zu bilden? Werde ich nicht die güldene Sonne /mit schwartzen Kohlen / und den silber-hellen Mond /mit bleicher Dinten mahlen / wann meine unwürdige Reden / ihre vollkommene Würde nach befindlicher Beschaffenheit preisen / und nach Würde erheben wollen / die viel sicherer mit Verwunderung und Stillschweigen zu verehren ist. Werde ich auch den geringesten Schatten derselben erweisen können? Ach nein! ich bekenne / daß meine Vernunfft / vor Verwunderung / stumpff / und meine Zung / ohne derselben Regierung / zu schwach wird. Ich möchte mir wol wünschen / daß ich könte / was ich wolte; und darff ich die Warheit bekennen / möcht ich Polyphilum[430] /als welcher den Augenschein / mit der Erfahrenheit /eingenommen / zum helffenden Zeugen haben; ich weiß / er würde bekennen / daß / wer die Glückseligkeit erlanget / die Schönheit der allerschönsten Macarien gegenwärtig zu verwundern / ihre verständige Reden anzuhören / und ihre holdselige Tugenden zu erkundigen / nichts mehr verlange / ja so gar / aus dem Zwang der mächtigen Versüfsung / verlangen müsse / als mit den gütigen Strahlen ihrer Gewogenheit beleuchtet; mit dem Glantz ihrer Schönheit beehret / und mit dem Ruhm ihrer Tugend beseeliget zu werden / so mächtig erhebet der Pracht ihrer Trefflichkeit die verwunderende Hertzen / daß sie sich gleich gefangen bekennen müssen. Daher ich die Frag E. M. mit diesem Gegen-Satz beantworten muß: Macarie ist würdig / daß sie alle Welt ehre / alle Welt liebe / alle Welt lobe; und hat Polyphilus / samt Agapisto /wegen der / ihrentwegen / überstandenen Todes-Gefahr / sich mehr seelig / als unseelig zu schätzen / die gewürdiget sind / durch diese Tugend-Beherrscherin /unter die gezehlet zu werden / welche / ihr Leben um Tugend zu verlieren / rühmlicher erachtet / als ohne Tugend tödlich zu erhalten.

Die Königin / wegen des gar zu grossen Lobs fast unwillig / versetzte; ist sie denn kein Mensch / daß sie auch Gebrechen habe? Darauf Talypsidamus antwortete: Dem Leibe nach / ist sie freylich unter die Sterbliche zu zehlen / aber die Beschaffenheit desselben ist etwas sonderliches vor andern / und die Seele ist gantz himmlisch / weil sie nichts als himmlische Tugend wählet / und Göttlichen Verstand gewinnet. Ja! es zeigen sich eben diese etzlicher massen durch [431] die Schönheit des ausgezierten Leibes / welcher an Macarien / dem sonst-gewohnten Sprichwort nach / aber ohne Sprichwort / und mit Warheit / ein Für-Fechter der Blühte der Tugend / und eine Herberg einer viel-grössern Schönheit / kan genennet werden. Dann diese ist nicht / wie bey andern / eine Bezauberung der Gemüther / Verführung der Jugend / und Beraubung der Freyheit. Nein / sondern was die Hertzen bindet / durch den äusserlichen Schein / das würcket die innerliche Tugend; und was die Gemüther verführet / durch heimliche Macht / das gebiehret die offenbahre Kunst; die Freyheit aber verlieret sich in den angenehmen Banden ihrer Verständigkeit / davon wir billich rühmen können / daß ihr Gott und der Himmel nichts versaget. Je mehr ich ihr nachsinne / je mehr finde ich / daß ich verwundere / so gar hat die bereichte Natur / oder viel mehr der wunderthätige Himmel / selbst auch die äusserliche Glieder / an ihrem zarten Leib / der innerlichen Schönheit gantz gleich gebildet. Die hoch-erhabne Stirn / zeuget die Aufrichtigkeit des Gemüths. Die bräunlichte Farbe / behauptet die Beständigkeit ihrer Sinne. Die lieb-winckende Augen / zeugen von der Demut ihres Hertzens. Die eingezogene Lefftzen / erweisen den Schatz ihrer Treue. Die röthlichte Wangen / bewähren den Ruhm der Schamhafftigkeit. Und die sondere Gestalt des gantzen lieb-würdigen Gesichts / mahlet die Keuschheit / mit lebendigen Farben / auf die zarte Haut / so das durchseelte Fleisch bedecket. Solt ich meine Betrachtung ferner auf die andere lob-fähige Leibes-Glieder richten / würde der schlancke Halß / eine behertzte Geschwindigkeit / nicht weniger auch die Großmütigkeit ihrer [432] Tugend-werbenden Gedancken fürtragen; ihre gewölbete Brüste / die mit eingezogener Zucht / nach Gelegenheit der vorfallenden Reden /bald steigen / bald fallen / in dem sie durch Höflichkeit erfreuet / durch Laster-Reden aber betrübet werden / deuten die Liebe der innerlichen Begierde / so sich allen Lastern widersetzet. Und endlich können die gar zu schöne Hände / die sich keinem trauen werden / der ihrer nicht würdig / keinem hingegen versaget / der ihrer bedürfftig ist / die fleissige Verwaltung der Gerechtigkeit / zusamt dem gütigen Willen / erweisen; und mit einem Wort / wer sie seldsten siehet /die verständige Reden ihres Mundes anhöret / die Zucht-strahlende Augen ihrer Freundlichkeit beschauet / das Kleid ihres Hertzens / und die Decke der Seelen / verstehe die zarte Haut / betrachtet / auch die Wollen-weiche Hände zu küssen / und zu drucken beglücket wird / der wird allererst gestehen / daß die drey Zierde / Tugend / Verstand / und Schönheit / die hoch-gezierte Macarien / so innen / so aussen / gleich als mit einer dreyfachen Cron gezieret / mit dreyfachen Farben gemahlet / und mit dreyerley Gaben verehret haben / daß sie nun und immer fort / in dreysacher Vollkommenheit / bey Göttern und Menschen die Kunst- und Tugend-beschönte Macarie soll und muß genennet werden: die würdig ist / daß ihrentwegen nicht nur Polyphilus den Tod nicht fliehe; nicht nur Agapistus alles Unglück ausstehe: sondern die gantze Welt sich seelig / und von den Göttern für sonderlich beglückt zu schätzen hat / wann sie / um ihrent Willen zu leiden / gewürdiget wird.

Talypsidamus wolte weiter fort fahren / allein die gute Königin plagte der Mißgunst ein wenig / die [433] viel lieber sich selber hätte loben hören / als / in ihrer Gegenwart / fremdes Lob so hoch erheben lassen: doch wuste sie die Reden Talypsidami / mit solcher List /abzukürtzen / daß das Laster ihres Eyfers wohl verborgen bliebe / in dem sie mit lachendem Mund anfieng: Ihr / edler Herr! soltet bald machen / daß ich selber diese Tugend-Docke zu sehen / verlangete. Und damit erhuben sie sich von der Tafel: wiewohl Atychintida noch anhängte / wann er wieder abreisen würde / und zu der belobten Macarien gelange / soll er den gebührenden Danck / vor ihre Mit-Hülfe /deren sie / in der Erlösung / genossen / neben einem schönen Gruß / in ihrem und der gantzen Hof-Gesellschafft Namen ablegen: Mit diesem Versprechen nahm Talypsidamus Abschied / und versetzte / daß er künfftigen Morgen / mit frühem Tage / ziehen müsse /wegen etzlicher nothwendiger Geschäffte / die ihm zu verrichten obliegen. Bedanckte sich auch der hohen Gnad / und versprach dieselbe / mit fleissiger Nachforschung / wo Agapistus seyn möge / zu erwiedern /auch mit ehistem zu berichten / so bald er einige gewisse Nachricht erhalten.

Polyphilus / dem sein Hertz vor Freuden im Leibe hupffete / wegen des herrlichen Lobs / das Talypsidamus seiner allerwürdigsten Macarien gegeben: weil er zuvor merckte / daß die Königin eine kleine Eyfersucht getroffen: führete denselben mit sich in sein Zimmer / daß er die nächtliche Ruhe bey ihm nehme /wiewol er ihn mehr der Unterredung halber / als des Schlafs wegen begehrte. Deßgleichen giengen auch die übrige ein jeder zu seiner Ruhe / ohne daß Melopharmis Polyphilum / und seinen Geferten begleitete.

[434]
8. Absatz
Achter Absatz

Beschreibet / wie Talypsidamus sich mit Polyphilo berathen / zur Macarien zu kommen / und was jener /nach seiner Heimkunfft / mit derselben geredt / auch wie ihr Wider-Sinn sich in Liebe verwandelt:Lehret / ob die Tugend anfänglich schwer zu gewinnen / sey doch die endliche Ergebung freywillig / daher wir / mit Polyphilo / nicht ablassen sollen / dieselbe zu erringen.


Da sie nun alle drey allein versamlet / und unverhinderte Freyheit zu reden hatten / war die erste Frag Polyphili / ob Talypsidamus noch kein Mittel erdacht /wie er zu Macarien komme? legte auch zugleich einen schönen Danck ab / an statt Macarie / wegen des ertheilten Lobs / ihn versicherend / daß zu seiner Zeit /von ihm / sein Ruhm wieder soll gepriesen / diß aber /was er gethan / bey Macarien / zu seiner grossen Beförderung / rühmlich erzehlet werden. Talypsidamus erwähnte / wie ihm das Gespräch über der Tafel nicht zugelassen / daß er darauf bedacht gewesen / wie gern er auch gewolt: allein / es werde nicht viel rathens bedörffen / Polyphilus solle morgen mit ihm / alsdann er sie sehen / und seine Schmertzen verbinden könne.

Polyphilus war fertig / und glaube ich wohl / daß er noch den Abend lieber / als den andern Morgen fortgezogen wäre: allein die vorsichtige Melopharmis verwehrete ihm beydes. Dann / sprach sie / [435] so ihr nicht mit gewaltiger Hand / oder sonst heimlicher List / oder ja zum wenigsten / mit einem sichern Geleit kommet / ist zu beförchten / daß der letzte Haß greulicher und gefährlicher werde / denn der erste. Darum folget meinem Rath / und lasset euch in diesem Fall mehr die sichere Vorsichtigkeit / als gefährliche Ubereilung führen / lasset Talypsidamum ziehen / und den Weg bereiten / ihr könnet des andern Tages nachfolgen / und mit solcher Gelegenheit / daß ihr kein Ubel förchten / und keine Gefahr scheuen dörffet / trauet meinem Rath / und versichert euch meiner Hülff / ihr sollet Macarien sehen / ehe die Sonne zweymal ihr Liecht / hinter den Bergen / erhebet.

Talypsidamo gefiel der Rath nicht übel / zumaln weil er wuste / daß das Hertz der einsamen Macarien gantz anderst war / als er Polyphilo vorgesagt / deßwegen er selbsten auch der Rede Melopharmis beystimmete / und es vor rathsamer erkante / daß seine Ankunfft der Macarien vorher entdecket würde. Der Inwohner Grimm aber belangend / fuhr Talypsidamus weiter fort / ist derselbe nicht füglicher zu zäumen /als wann Polyphilus sich stellte / gleich wäre er in der Königin Befehl ausgesandt / da er nicht vor Polyphilum / sondern als ein Königlicher Gesandter wird bedienet werden. Ja / sagte Melopharmis / das wird sich noch besser schicken / wann er mit blinder Botschafft an euch selbsten / als den Herrn der Insul / abgefertiget wird / da er aller Seiten sicher / und ohne Anstoß wird aus- und eingehen können.

Der Schluß ward gemacht / und beyderseits mit dem Wunsch / einer glücklichen Ruhe bestättiget /[436] auch sonst fröligem Wohl-seyn bekräfftiget / biß die seelige Zeit heran nahe / daß sie sich wieder sprechen und sehen werden. Mit welcher Empfehlung Melopharmis ihre Ruhestatt suchete: Polyphilus aber dem Talypsidamo allerhand Bewerbung auftrug / die er bey Macarien ablegen solle: sonderlich die Erzehlung / welche er selbsten von der Königin vernommen / was er um Macarien erlitten. Das ihm Talypsidamus versprach / mit erwähnen / wie er den folgenden Tag nach seiner Abreise ihn gewiß erwarten wolle. Darüber entschlieffen sie beyde.

Polyphilus war die gantze Nacht bey seiner Macarien / und wäre zu wünschen gewesen / daß er mit wachendem Auge die Freude genossen / so ihm das betrügliche Nacht-Bild vorgemahlet. So bald sich nun die Morgenröthe zeigete / war Talypsidamus früh auf / und eilete mit grossem Verlangen auf Soletten zu / nach dem er vom Polyphilo / neben dem gebührenden Abschied / nochmalige Unterrichtung erhalten / wie er bey Macarien reden solle. Es war aber der gantze Inhalt dessen / bloß auf dem Verlangen der Kunst und Tugend gegründet / dann von Liebe dorffte Polyphilus so viel sagen / als wenig er wuste / daß sie verlange.

Talypsidamus reitet indessen auf Soletten zu / dann ihm die Königin eins von den besten Pferden gegeben / das ihn unverzüglich fort trage. Polyphilus erstieg / nach seiner Gewonheit / die Zinne des Schlosses / und sahe ihm sehnlich nach / begleitete auch seinen Ritt mit dem hertzlichen Wunsch / daß ihm der gnädige Himmel geneigter seyn wolle / als dem unglückhafften Agapisto / damit er endlich / nach so lang-erdulteter Unglücks-Bestürmung / seinen[437] Wunsch erfüllet / und sein Verlangen gesättiget wisse. Vor dißmal hatte auch Polyphilus gnädige Götter / die ihm seiner Bitt gewähreten.

So bald Talypsidamus zu Hauß kam / war sein erstes Begehren / der Macarien zu verkünden / was diß daher wunderbahres sich begeben: deßwegen er /durch einen seiner Diener / um den Zuspruch / bey ihr anhalten ließ / welchen er auch mit leichter Müh erhielt. Als er nun dieselbe mündlich grüssete / und seinen unhöflichen Zutritt höflich entschuldigte / fieng er nach der Länge an alles / was biß daher mit Polyphilo geschehen / und auf solche Art an zu erzehlen / daß sie leicht mercken konte / Polyphili Hertz und Augen zielen einig und allein auf ihre Gewogenheit / sonderlich / wann sie der Erzehlung Talypsidami / so er aus der Königin Mund / den beyden Tafeln in dem Liebes-Tempel wiederholete / die Schrifft entgegen hielt /welche / ihrer Meynung nach / die Wunder-würckende Hand / der allmächtigen Götter / ihre damalige Betrübnus zu lindern / auf den Tisch gemahlet.

Die erlittene Noht Polyphili / die ohne fremden Beweiß / sein getreues Hertz entdeckete; dann die bewegliche Erzehlung der traurigen Begebenheiten / so um ihrentwillen auch der gantz fremde Agapistus ausgestanden / vermochte das Hertz der vor widersinnigen Macarien dermassen zu ändern / daß sie nicht nur leicht gestattete / sondern auch schmertzlich verlangte / den treuen Liebhaber hinwieder zu sehen. Es war die Begierde so groß / daß sie sich nicht bergen ließ /besondern ehe Talypsidamus von der Ankunfft Polyphili etwas meldete / mit diesen Worten ausbrach: So ist Polyphilus noch vorhanden? [438] wird er nicht zu uns kommen? Er wird kommen / sagte Talypsidamus /und so uns der Himmel gnädig ist, wird er morgen bey uns seyn. Auf welche Wort Macarie mit fast fröligern Geberden spielte / als vorhin / so gar / daß Talypsidamus nicht wenig mit erfreuet wurde / da er ihr Verlangen und geneigtes Hertz / gegen dem Polyphilo / erkennete.

Nun aber sehe ein jeder / was lieb-wanckende Gemüther sich auch in denen vermeinten weiblichen Vollkommenheiten / befinden. In Warheit! wer die Gedancken der einsamen Macarien / mit denen jetzt-verliebten Begierden überlegen wird / muß willig gestehen / daß sie / in diesem Fall / sich von der Zahl der weiblichen Unbeständigkeit nicht ausschliessen könne / welche mit dem beweglichen Schilff / das sich bald vor dem Ost- bald vor dem West- bald vor dem Sud- bald hinwieder vor dem Nord-Wind beuget und neiget / getreue Gesellschafft hält. Jetzt könte man recht und mit Warheit sagen / es sey / durch eine mächtige Zauberey / das Hertz / der sonst-beständigen Macarien / so weit verführet / daß die Erblickung des Gegenwärtigen / ja auch nur die Hoffnung des Zukünfftigen / eine flüchtige Vergessenheit alles dessen / was sie vor dem / in ihrem Sinn / hart und fest beschlossen / derselben wider Verhoffen geschencket. Wolte doch Macarie einsam bleiben: wolte sie doch nicht mehr an Polyphilum gedencken: wolte sie doch keinen mehr lieben: wie ist sie dann so leicht verkehrt? Oder / hat sie ihrer selber vergessen? Jetzt solte Atychintida zugegen seyn / würde sie gewißlich dem hochgeführten Lob dieser Tugend-Damen / das Laster der wanckenden Unbeständigkeit / vielleicht mit kräfftigern Beweiß / entgegensetzen[439] / als damals Talypsidamus die Warheit behaupten konte. Dann ich lasse den Himmel selbst bekennen / so gleich alle Tugenden in einer Damen blühen / und die Beständigkeit entwurtzelt / ob nicht alle Tugend-Blumen ihres edlen Geruchs entsetzet sind:

Aber / weg mit der Beschuldigung! die immerblühende Tugend / der beständigen Macarien / hat ihren Safft noch nicht verlohren / viel weniger ist sie ihres Geruchs entsetzet / so lang sie unentwurtzelt bleibt. Wird nicht auch ein tief-gewurtzelter Baum von dem Gewalt der Winde beweget; fällt nicht ingleichen auch offt eine safftige Blum / auf der Wiesen? Warum solte dann die mächtige Liebe Polyphili das Tugend-beständige Hertz der Macarien nicht bewegen; warum solte das seufftzende Verlangen / und die bittende Bemühung / nicht auch diese Tugend-Blum fallend /oder ja sinckend machen? Doch / was sag ich? Macarie / die Tugend-Herrschende / ist so ferne von der Unbeständigkeit / als diese von der Tugend. Solte das den Namen eines unbeständigen Gemüths verschulden / wann ich durch mächtigere / nützlichere / und mehr erhebliche Ursachen gezwungen / ein anders /oder wol gar ein wideriges / ausser dem erwähle / daß ich vor dem / ob wol auch mit reiffem Verstand / und gebührender Ersinnung / dennoch aber mit nicht so gnüglichem / vollkommenem und begeistertem Nachdencken / mir vorgenommen? Nein: es sind ja die letzte und folgende Gedancken vernünfftiger / dann die ersten: Wie offt gereuet uns morgen / was wir heut beschlossen? So muß man dem folgenden Tage seinen gebührenden Kuhm geben / daß er den Verstand [440] erweitere: weil wir morgen klüger sind / und wann alle Verwechßlungen / mit dem Laster der Unbeständigkeit / solten beschuldet werden / wolt ich leicht schliessen / daß die Götter selbsten offt wider ihren Schluß handelten / und dem Himmel offtmals gereue /was er beschlossen. Wie viel mehr sind wir Menschen zu beschönen / die nicht wissen / was künfftig ist /und uns daher / offt in dem Gegenwärtigen / verführen lassen / das uns gereue. Sehen wir nun den Zwang der Liebe an / darinnen Macarie gefangen lieget / werden wir finden / daß Kunst und Tugend / deren Würckung an sich selbst rühmlich / den ersten Grund derselben geleget / daher alles das / in gleicher Beständigkeit /mit der Tugend stehet / was Macarie / in ihrem Sinn /verbannet oder erwählet. Ja selbsten die Beständigkeit heisset sie nach Polyphilo verlangen / weil sie weiß /daß durch seine Liebe fest stehen werde das Verbündnus / welches die Gegenwart Polyphili aufrichten wird.

9. Absatz
Neunter Absatz

Beschreibet die Ankunfft Phormenä genSophoxenien / und die Schlitten-fuhr Polyphili /welche so unglückselig / als verhinderlich war:Lehret / den Dritten und gemeinsten Anstoß der Tugend-Verliebten / die Unglückseligkeit.


So lassen wir nun die schöne Macarie mit Talypsidamo in gleichem Verlangen ruhen / und vernehmen /was sich indessen mit Polyphilo begeben / und wie dieser seine Reise befördert. Der Raht Melopharmis /war dazumal [441] noch der beste / deßwegen auch die Königin / um sicher Geleit / begrüsset wurde.

Es schickte sich aber eben / daß Phormena / eine Befreundte der Königin / von der Freude ihrer Erlösung Bericht erhalten / und selbiger mit zu geniessen /eben damals / als Talypsidamus abgereiset war /dahin kam / und die Königin grüssete. Die Freude / so aus beyder Gegenwart entstund / war sehr groß. Für allen aber danckete Phormena dem Polyphilo wegen der Königin / und gewan ihn fast lieb / theils seiner Schönheit halber / theils auch / wegen der grossen Ehr / die ihm seine glückliche Verrichtungen erworben. Polyphilus stellte sich hinwieder nicht unfreundlich / doch so viel die Treue / mit welcher ihn seine Liebe gegen Macarien verbunden / zuließ.

Allerhand Lust-Spiel und anmuthige Zeit Kürtzungen erdachte Melopharmis / samt der Königin / damit sie ihre geliebte Phormenam bedienen möchten. Nun begab sichs / daß dieselbe bey Atychintida / in ihrem Zimmer / allein war / daher die Königin Ursach bekam / mit Phormena / von Macarien zu reden / und zu erzehlen / was sich ihrentwegen / die Zeit / begeben und zugetragen. Am allerfleissigsten aber wiederholte sie das Lob / so ihr Talypsidamus beygelegt /und mit solchen Worten / daß Phormena / vor grosser Begierde / dieselbe zu sehen / allen Scham zuruck warff / und die Königin um Hülff und Beförderung ansprach / daß sie zu der Inful gelange Darauf Atychintidœ alsobald die Bitte Polyphili beyfiel / deren durch diß Mittel konte gedienet werden. Deßwegen sie Phormenam zur Ruh wieß / biß sie mit Polyphilo geredt / und erfahren[442] / ob er noch gesinnet sey / seine Reise auf Soletten fort zu setzen / mit deren auch ihre könne befördert werden.

Eben aber kam Polyphilus / seine Bitt zu wiederholen / da ihn die Königin / mit diesen Worten / empfieng: Edler Polyphile! dafern ihr eure Reise auf Soletten / um Talypsidamum zu besuchen / anstellen wollet / will ich euch Phormenam / meine Befreundte /zur Begleiterin vertrauen / welche Verlangen trägt /die Tugend-gezierte Macarien zu sehen. Dessen sich Polyphilus / als einer begehrten Auftrag / schuldig bedanckte / mit Versprechen / daß er sie unbeleidiget hin und wieder bringen wolle. Nunmehr war keines Raths mehr Noht / wie er seine Reise sicher anstellen möchte / weil er Phormenam / an statt der Königin selber / führe. Der Schluß stund noch zu erwarten /durch was Gelegenheit sie Belieben trage / ihre Reise zu vollziehen. Es war aber eben die Erde mit tieffem Schnee bedecket / (so lang war Polyphilus von seiner Macarien entfernet /) daß die Schlitten-Fuhr am füglichsten und lustigsten zu seyn scheinete / zuvor / da die Insul nicht ferne von dem Schloß entlegen / so /daß es sich nicht übel einer erwählten Spatzier-Fuhr gleichen konte. Der Schluß ward gemacht / der Schlitten / auf Befehl Polyphili / mit seinem Zugehörigen bereitet / und Phormena zur Reise gerüstet. Polyphilus eilete auch auf sein Zimmer zu / daß er / wessen er möchte benöthiget seyn / allerdings zusammen ordnete; und wiewohl er keine Zeit-Versaumnus zuließ /mochte doch die mächtige Freud / die in ihm der hoffende Anblick seiner Macarien erweckete / das Hertz Polyphili dergestalt bezwingen / daß er / alle Geschäffte [443] verhinderend / der beglückten Zeit / die ihm die Gegenwart der Macarien schencken werde / mit folgendem Gedicht / seinen gebührenden Danck ablegte:


O tausend-liebe Zeit / und tausend noch darüber /
und widerum so viel! was könte mir doch lieber
und angenehmer seyn: als du / du schöne Zeit /
die einig mich ergötzt / die häuffig mich erfreut.
O lieb-beliebte Zeit! wie soll ich dirs vergelten /
was du mir jetzo bringst: wann jene gleich bestellten
Schiff in Arabien / mit Centner-schwerem Gold /
und Perlen angefüllt / dem alle Welt ist hold:
Wär dieses lieber doch: was lieber? auch wohl besser /
weil jenes bald vergeht; diß aber immer grösser
durch veste Treue wird; drum Zeit ich dancke dir /
und preise deine Gunst / die du erweisest mir.

Eben setzte er das Gedicht zu Papier / als ihm Melopharmis die Post brachte / daß der Schlitten bereit /und Phormena / in dem untern Saal / auf ihren Führer warte. Deßwegen sie ihn eilen hieß / Abschied nahm /und mit folgenden Worten / Glück zu seiner Reise wünschete: Freud-hoffender Polyphile! Euer Hertz /weiß ich / ist mehr bey Macarien / als euch selbsten. Nun so verleihe der gnädige Himmel / daß ihr sie /nach eurem Wunsch / antreffen und grüssen möget. Besinnet euch aber in allem / und mercket auf eure Wort / daß ihr die Gunst des leicht-erzürneten Hertzens nicht verderbet / in dem ihr dieselbe zu hefftig suchen wollet. Versichert euch / daß ihr angenehm / ja erwünscht kommen / und mit eurer Gegenwart / die Betrübnus / so die schöne Macarie / durch euer Abseyn erlitten / erfreulich verwechseln werdet. Mit diesem Schluß eilete Polyphilus zum Schlitten.

Die gebührende Hoflichkeit aber befahl ihm / [444] nicht weniger / auch von der Königin Urlaub zu nehmen /ja! den gantzen Hoff-Staat indessen der Gunst des Himmels zu befehlen / mit dem Versprechen / daß er sie bald wieder sehen wolle. Ein jedweder / sonderlich Atychintida / wünscheten ihm allen Segen / und begleiteten ihrer etzliche Polyphilum / biß zum Schlitten: die übrige blieben in dem Dienst der Königin /welche sich / mit Clyrarcha und Cosmarite / auch andern deren vornehmsten Hofbedienten ins Fenster legten / und der Fahrt Polyphili betrübt nachsahen: Vielleicht weil ihnen das Hertz ein Unglück vordeutete. Melopharmis / die getteue Beförderin des Verlangens Polyphili / gab ihm auch das Geleit / und halff ihm so gar auf den Schlitten / bittend noch zu letzt / um einen schöner Gruß / an Macarien. Alle und jede / die ihm zusahen / scheineten / seinen Wunsch / mit der selbst-willigen Zuruffung alles Glücks / zu befördern. Er selber Polyphilus / gantz erfreuet / bildete ihm nichts anderst / als die gewisse Erlangung seiner / ach! so schmertzlich verlangten Macarien ein / deßwegen er voller Erfreuung / gleich im Aufsitzen; wie er dann fertig war in seinen Gedichten / folgende Wort / zu denen umstehenden / und mit lachendem Munde /auch schertzhafften Geberden anstimmete:


Der Schlitten ist bereit / das Pferd ist angespannt:
ich soll / ich soll / wohin? zu meinem Liebe rennen;
ach! sollt ich / wie ich wollt / der Vogel Künste können /
ich hätte längsten schon den schnellen Flug gewandt
nach dem verlangten Ort; an jenem Penus-Strand /
da ich zum erstenmal sie habe lernen kennen /
da sie hinwieder auch mir einen Blick wird gönnen /
so bald ich sie erseh / das theure Liebes-Pfand /
dadurch sie mich zu erst möcht ihren Diener nennen /
dadurch ich anfieng auch in heisser Lieb zu brennen /
[445]
der Augen heisse Strahl wird wieder mir bekannt /
mit noch so süsser Lust / in dem beliebten Land /
da sein geschärfftes Stahl / durch die gespannte Sennen
der Wind-geschwinde Knab / dort von der Himmels Tennen /
auf seiner Mutter Rath / zu mir hat hergesandt /
ich hoffe auch zu ihr; was soll ich nicht bekennen?
frisch auf; ich fahre fort / die Liebste zu errennen.

Ach aber / unglückseliger Polyphile! wie übel fährest du fort. Freylich war in deinem Hertzen die unverruckte Hoffnung / Macarien zu errennen: aber in dem Hertzen Melopharmis war der Eyfer noch nicht gar erloschen / der sich ihr verschworen hatte / ihren Schrecken / an dir / diese Stunde / zu rächen / den deine unbedachtsame Zunge / wegen der Erledigung /dieses Schlosses / bey der Tafel / ihr verursachet. Melopharmis zwar liebte Polyphilum hertzlich / und war in allen seinen Begehren behülfflich / aber Polyphilus hatte eine wenige Straffe verdienet / nicht so wohl zur Rache / als daß er hinführo / seiner freygelassenen Zunge / besser den Zaum legen / und seinen nichts-fürchtenden Geist fleissiger in der Zucht halten lerne. Kurtz davon zu reden: als Polyphilus sich auf den Schlitten hebte / und die Seile zur Hand fassete auch /der Gewonheit nach / mit denselben das Pferd anmahnete / ihn fort zu führen: Siehe! da erschrickt dasselbe von dem Schall des Geleuts / damit es umhänget war /dermassen / daß es / mit vollem Lauff und erhitztem Eyfer / durch das Thor / einen zimlichen Weg / von dem Schloß / ohne Aufhalten / wegstreichet: und wiewohl Polyphilus / mit aller Macht / anhielt / so gar /daß auch die Seile zerrissen / trieb dennoch die gewaltige Bezauberung Melopharmis / den Grimm des flüchligen Pferds so ergrimmet fort / daß Polyphilus[446] vom Schlitten gestürtzet / einen zimlichen Weg geschleiffet wurde: der Schlitten aber / durch offtmaliges Anschlagen / zu Trümmern zerstückt / und das Pferd /gleich dem Wind / durch den Schrecken / in die Flucht gejaget wurde / biß es an einem Pfal hangend /nicht weiter reissen konte. Ob nun dieser Fall gefährlich gnug war / verhütete doch Melopharmis / Krafft der Liebe / die sie gegen Polyphilo trug / daß ihm kein grosser Schade / an seinem Leib / geschehe: wiewohl er in dem herabstürtzen / seinen Arm beschädigte / doch ohne Gefahr des Verderbens.

Die gantze Hofhaltung / und zum Schein auch Melopharmis / wurden sehr erschröckt / über das unverhoffte Unglück. Ein jeder lieff Polyphilo zu / ihn zu trösten. Und als die Königin das Blut vernahm / fieng sie wehmütig an zu klagen / beförchtende / es möchte der Schaden gefährlich / und seiner Vollkommenheit schädlich seyn. Daher sie alsobald den Wund-Artzt holen / und befehlen ließ / müglichsten Fleiß anzuwenden / daß Polyphilus wieder zu voriger Gesundheit gelange.

Was soll ich aber von Polyphilo selber sagen? dieser hätte vor Eyfer bersten mögen / nicht so wohl wegen seiner Beschädigung / als der Schand / die er ihm noch so groß einbildete / dann des Verlusts halber / daß er seine Macarien nicht sehe. Was solt er aber machen? die Gedult war der beste Trost / und die Hoffnung bessers Glücks / beseeligte den Schrecken des Unglücks. Melopharmis / die sich gantz unschuldig stellen kunte / war die nächste bey ihm / und als sie sahe / wie Polyphilus so hoch betrübet war / gereuete ihr die That so fern / daß sie ihm diese Widerwertigkeit / morgendes Tags / zu ändern und [447] zu verbessern versprach. Am allermeisten beleidiget das erzürnte Hertz Polyphili die Klag der Königin und deren Diener / die bald seinen schädlichen Fall / bald seine schöne Kleidung / bald den grossen Verlust an allem / was er bey sich führete / bedaureten: dessen er doch weniger denn nichts achtete / möcht er nur seiner allerschönsten Macarien geniessen.

Dieses Glück beseeligte sein Unglück annoch / daß er Phormenam / die er zu führen gesinnet war / nicht zu sich genommen / welche gar gewiß ihr Leben einbüssen müssen. Voller Eyfer und Bekümmernus /theils auch aus Scham / für denen Anwesenden / eilete Polyphilus in sein Zimmer / beklagende das allzugrosse Unglück / so seine gehoffte Freud / gleich einer Blumen / gefället / und den Vorsatz seiner Ergötzlichkeit / mit den Stricken der Verhindernus / allzuviel gebunden. Er gieng in demselben auf und nieder / und zeigete bald zornige / bald klägliche Geberden / das grösseste / so ihn druckte / war die Erianerung / der so viel erlittenen Noth / und wie ihm nie das Glück günstig gewesen / so offt er seine Macarien zu sehen begehret. Daher er schliessen wolte / daß vielleicht die widerstrebende Götter / durch eben diese vielfaltige Verhindernussen / ihm zeigen wollen / wie er entweder bey Macarien unangenehm / oder ja / zu seinem grössern Schaden / willkommen seyn würde. Gleichwol vermochte die erhitzte Gluth der Liebe so viel /daß nichts fehlete / er hätte / wieder aller Götter Willen / Macarien zu sehen erwählet: deßwegen er mit brünstiger Begierde diese Schmertzen Wort offt und offt hören ließ:


Ach! so kan es dann nicht seyn / daß ich dich noch heute sehe
und vor deinen Augen stehe?
[448]
Ey so nimm die Seufftzer an / küsse die geschwinde Boten
die dir kommen von dem Todten /
der in dir gestorben ist / in dir auch wird wieder leben /
wann du dich hinwieder gibst / wie er sich dir hat ergeben.

Atychintida / samt Melopharmis / war stätig bey ihm /und hatte gnug zu trösten: Polyphilus hingegen konte sich nicht gnug entschuldigen / wegen seines Verbrechens gegen der Phormena / die er gen Soletten führen wollen / nun aber / wider ihren Wunsch und Willen /ja / das noch viel mehr / erschrocken und bekümmert /zu Hauß lassen müsse; Doch beschönte er solchen seinen Fehler / theils mit der Unschuld / theils mit der Zusage / daß er / morgendes Tages / reichlich ersetzen wolle / was ihm anheut die Widerwertigkeit des verboßten Glücks / wider Verdienst und Billichkeit / entzogen.

Wo bleibet aber das Pferd mit dem Schlitten / wer holet selbiges wider nach Hauß? da solten wir billich erkennen / daß offtermals wir Menschen ein Unglück leiden / und ein Leid ertragen müssen / damit wir desto grösser erfreuet und beglücket werden. Dann /als das reissige Roß / wie gemeldt / am Pfal behangen blieben / kommet eben Agapistus (O der seeligen Ankunfft!) aus seiner Wildnus / nächst zu dem Schloß /nicht wissend / daß er so nahe sey / bey denen / die er so lang und schmertzlich gesuchet. Die Vielfaltigkeit seiner erlittenen Gefahr heisset uns hier etwas still stehen / und seinen Jammer erzehlen / welchen er die Zeit erlitten.

10. Absatz
Zehender Absatz

Beschreibet das elende Leben Agapisti / in der Wildnuß / und wie wunderbahr [449] er gen Sophoxenien /zum Polyphilo / wieder kommen: ist eine Lehr / von der Treu und Beständigkeit / auch deren reichen Belohnung.


Er war / wie wir oben gehört / in der erschröckenden Wildnuß / von allen verlassen / und wuste keinen Rath noch Trost. Seine ermüdete Seele speisete er mit Angst und Betrübnus; und die matte Glieder erhielt das ungekochte Fleisch der wilden Thiere / kümmerlich / dann er auch dessen keinen Uberfluß hatte. Weil er aber diese so schwere Last nicht länger ertragen konte / fasset er einsmals den Sinn / die Bedrangnus seines bekümmerten Lebens / mit dem Tod / zu enden / und dem Polyphilo / weil er ja seinen Leib nicht mehr stellen könne / doch den Geist zuzuschicken / der berichten werde / wie treulich er sich in seiner Botschafft verhalten. Als er nun / in diesen Gedancken / sehr bemühet / und den selbst-erwählten Tod nicht so bald / ohne verschulden / zu Werck richten kan / ersiehet er von ferne einen alten Greisen /übernatürlicher Länge / und schröcklich anzusehen /aus dem dick-finstern Wald / gemählich auf ihn zu gehen. Agapistus / über den unverhofften Anblick /nicht wenig erschrocken / stehet behend auf / als wolte er die Flucht nehmen / die ihm aber / von dem Alten verwehret wird / daß er keinen Fuß von der Stell setzen kan. Was geschicht? Agapistus erwartet /was geschehen werde / der Alte erweiset / was geschehen solle. Dann da er zu nächst beym Agapisto war /bietet er ihm die Hand / mit freundlichen Anlachen /und folgenden liebreichen Worten: Mein Sohn! es schröcke dich keine Forcht / [450] wegen meiner Ankunfft /wiewol dieselbe dieses Orts nicht zu hoffen / viel weniger zu erwarten gewesen. Es haben sich die begütigte Götter über dich erbarmet / und deine wehklagende Seufftzer gnädig erhöret. Dusolt nicht sterben: aber Polyphilum must du verlassen / soll dich anderst nicht alles Glück verlassen. Du weist selbsten / und hasts schmertzlich gnug erfahren / wie bitter der Anfang eurer Freundschafft gewesen / so gar / daß sie /biß zum Ende / nicht wird versüsset werden: darum solt du dein besser gedencken / und dich mehr / denn einen Fremden lieben. Wirst du nun diß versprechen /und halten / so folge mir auf dem Wege / den ich dich führen will / daß du lebest.

Agapistius hätte sich selbsten lieber als bald erwürget / ehe er auch nur gesagt hätte / daß er Polyphilum verlassen wolle: will geschweigen / daß er einen sochen Schluß in seinem Hertzen machen / oder zu Werck richten solle. Er gedachte alsobald / sehe ich dich / verlangter Polyphile! durch des Glückes Neid /nicht wieder / und muß dich verlassen / wird doch dieser Ruhm der Nach-Welt kündig werden / daß ich mein Leben nicht verschonet / um einen getreuen Freund aufzugeben / und für rühmlicher gehalten /durch die Trennung der Seele von dem Leib / das Band der Liebe zu knüpffen / als durch dieses Eröffnung / jene Fessel zu bewahren. Darum beantwortete er die Rede des Alten also: So der Name eines Sohns vätterliche Gunst verdienet / und kindlichem Gehorsam fordert / darff ich mich / durch eure Anrede / euch meinen Vatter zu nennen / wohl erkühnen / wie ihr mich euren Sohn. Wolte auch wünschen / daß euer Vortrag so gestaltet wäre / daß die [451] kindlich-gebührende Pflicht / ihre Folge / im schuldigen Gehorsam /darbieten könte: aber Polyphilum / das theure Hertz zu verlassen / ist ein solcher Befehl / der mir / mich selber verlassen / heisst / weil / wann ich Polyphilum nenne / nenn ich den andern Agapistum / mein ander Hertz / meine andere Seele / ja den andern Ich. Wird also dieses Begehren / es sey eine Bitte / oder ein Befehl / eben so wenig zu hören und zu bedienen müglich seyn / als unmüglich ist / daß Agapistus sein selber vergesse / sich selber verlasse. Wolt ihr aber /mein Vatter! eurem Sohn einige freudige Hülffe erweisen / so befördert / bitte ich / nicht so wohl die Länge meines Lebens / als den sehnlichen Wunsch /Polyphilum zu sehen / ohne dem mein Leben todt ist /und führet mich dahin / wo das angenehme Liecht seiner Augen / die Finsternus meines betrübten Hertzens / gegenwärtig erleuchten kan.

Die Rede Agapisti / verursachete dem Alten / theils Wunder / theils Zorn. Wunder zwar / weil er eine solche Beständigkeit bey keinem Menschen gehoffet: Zorn aber / weil er eben die Tugend selber / in einem solchen Fall / des Lasters beschuldigte / welches dem Hertzen Agapisti / eine endliche Verzweifflung zu bringen / und ihn / ohne Verdienst / ins Verderben stürtzen würde. Daher er bewogen / etwas schärffer an ihn zu setzen / und mit viel unfreundlichern Worten die Verlassung Polyphili zu befehlen / wolle er anderst nicht den verbitterten Grimm / aller himmlischen und höllischen Götter / noch diese Stunde / kosten. Aber vergebens; wann gleich / die verfinsterte Höll selber / ihren Rachen gegen ihn aufgesperret /und der blitzende Himmel / durch seinen Donner / ihn hinunter zu stossen gedrohet / hätte er [452] dennoch die Treue seiner Beständigkeit / nicht mit versencken lassen: solche Liebe schloß das Hertz Agapisti an das Hertz Polyphili. Was geschicht? Da der Alte alles vergeblich erkannte / und weder mit guten noch bösen Worten etwas erhalten konte / ward er sehr erzürnt /und berief in einer unbekannten Sprach etliche höllische Furien / und andere Plage-Geister / die den armseligen Agapistum dermassen anfeindeten / daß der Schrecken und die Schmertzen nicht auszusprechen sind.

Wie aber die gnädige Götter / noch immerdar ein wachendes Aug haben / auf die Gerechtigkeit: gleich so muste dieses / auch dem unschuldigen Agapisto /zum Trost / ja zur Hülf kommen. Denn da er in der höchsten Bedrangnus / dem gerechten Himmel / durch einen hertzlichen und ängstigen Seufftzer / seine Noth klagte / siehe! da kommet mit einem feurigen Strahl /eine Stimm aus der Wolcken / sprechend: Philomathe! ruhe! Darauf der Alte mit allen andern Geistern als bald verschwunden / und Agapistus allein gelassen worden.

Wer der Alte gewesen / ist unschwer zu schliessen /nemlich der Geist Philomathi / der die Rache an Polyphilo / wegen der Hut Melopharmis / nicht vollbringen können / darum er den Freund desselben angefasset. Das wuste aber Agapistus nicht / weil ihm Polyphilus nie erzehlet / was sich mit Philomatho zugetragen. Daher ihm allerhand Gedancken über diesem Namen entstunden / die ihm doch nichts gewisses bedeuten kunten. Die Freude des Friedens forderte den Danck / vor die Erlösung / welchen gebührend abzulegen / Agapistus auf seine Knie nieder fiel / und die Augen / gegen den Ort des [453] Himmels wendete / daher die Erlösungs-Wort erklungen / denen er folgende Danck-Rede entgegen setzte: O ihr gnädige / ihr gütige / ihr barmhertzige Götter! O ihr allwissende / allsehende / allmächtige Götter! Und du / du Wunder-bereichter Himmel! daß ich doch / wie ich schuldig bin / euch gnug dancken könte / für die gnädige Errettung / so ihr diese Stund / meiner harten Bedrangnus /wunderthätig erwiesen! daß ich gnug rühmen könte die Allmacht / so mit einem Wort / alle grausame Geister / aufleinmal vertrieben: Ich wolte mein Hertz dichten / und meine Zunge rühmen lassen ewiglich. Aber die Unmüglichkeit dessen / gibt mir Verbot /daß ich mich keiner gefährlichen Vergeblichkeit unterwinde / oder das verlange / was menschlicher Schwachheit zu erlangen / die Vollkommenheit des Himmels selber versaget. Darum nehmet an / so viel ich vermag / und lasset euch gefallen / daß ich gerne wolte / wann ich könte; mässet den unendlichen Danck / aus dem Will / welcher auch die übermenschliche Vermögenheit zu erfassen sich bemühet. Sehet da / ihr allsehende Götter! sehet mein Hertze / daß ich euch traue; sehet meinen Leib / den ich zum Danck-Opffer bringe; sehet mich selbsten / der ich mich gantz und gar / eurer Macht und eurem Willen / zu eigen gebe. Was sag ich? Bin ich doch vor euer / und nicht mein: wie kan ich dann etwas geben / das nicht mein ist? doch ist das Leben mein / und stehet in mei ner Gewalt / mich euch / durch ein gefälliges Opffer /selber zu opffern: Nun so seyd vergnüget mit meinem Willen / und nehmet die Seele zu euch / diesen Leib aber lasset nach meinem Tod zum angenehmen Geruch werden / biß er verrauchet / sich selbst der Lufft vertrane / die ihn [454] hinauf zu euch führe. Polyphilum aber tröstet / und lasset ihn das Glück / so mich verlassen / empfangen / wie ich sein Unglück auf mich lade / und mit diesem Ende meines Lebens / und meines Glücks durch eure Begnädigung / endige. Ihr aber / ihr betrübte Seufftzer! bleibet hie / und kommet nicht zu Polyphilo / damit ihr sein Hertz nicht erschröcket: Wolt ihr aber wider meinen Willen gehen /so sagt ihm / daß er wol lebe / und sich darauf verlasse / daß meine Seele / auch in dem Sternen-Saal vor ihn wachen / und die Güte des Himmels bitten wird / daß sie ihn / in allem / beglücke. Ach ja! gütiger Himmel! erhöre meine Bitt / und beglücke Polyphilum / mit einem seeligen Leben / mich aber / mit einem endlichen Tod.

Nach vollendeter Rede / saß Agapistus fast schwerlich auf den Knien / als welche ihm / vor Müdigkeit /den Fall droheten. Gleichwol wolt er sich nicht erheben / sondern sahe den Himmel als erstummet an /ließ das Hertz inwendig reden / welches in voller Verzweifflung arbeitete. Da er aber kein Zeichen vom Himmel erwarten konte / welches sein Hertz verlangte / gibt ihm / ach! der verdammliche Mord-Geist / die verzweiffelte Gedancken in den Sinn / er solle den Göttern das Opffer / an seinem Leibe bezahlen / wie er versprochen / dessen sie in der Still erwarteten. Darum er behende aufstund / sein Schwerdt / dadurch er den Mörder gefället / in die Erden setzet / daß die Spitze seine Brust traff / und noch einmal: aber ach! wie kläglich? gen Himmel schauet / daß die Thränen die Wangen netzten / und endlich mit diesen Worten: O ihr Götter! seyd mir gnädig! sich mächtig auf das Schwert druckete / daß dasselbe in zwey Stuck zerbrach.

[455] Da sehe eins die Begnädigung des Gunst-gewogenen Himmels! auch die Schärffe des Schwerts muß sich stumpffen / und die Klinge zerspringen / daß sie nicht schneiden könne / ehe der Gerechte erliege. Agapistus fiel danieder / als erstorben / und merckete nicht / daß das Schwert zerstücket war / sondern bildete ihm fest ein / er wäre durchstochen / daß er sterbe: so wenig wusten seine ertödete Sinne / von seinem Leben.

Als er nun / eine geraume Zeit / in der Ohnmacht gelegen / kommt er endlich weder zu Sinnen / fühlet nach der Wunden / befindet sich aber unversehrt. Und weil er aus allem / die gnädige Vorsehung der allwaltenden Götter / gar leicht erkennen konte / schlug er in sich / mit Schrecken / bereuete sein Vornehmen /fiel wieder auf seine Knie / und flehete die Götter an /daß sie ihm sein Verbrechen nicht sträfflich zu rechnen wolten. Unter dem Gebet / fielen ihm die verzuckerte Gedancken bey: vielleicht wollen die Götter dein Leben fristen / und habens dißmal erhalten / daß du wieder zu Polyphilo kommest; daher er sich freudiger geberdete / als vorhin (wie ihm dann allemal der Name Polyphili / eine kräfftige Verstärckung war / in allem Leid) und gleichsam einen innwendigen Trost und Zufriedenheit fühlete / die ihm diese Wort gen Himmel schicken hieß: habt ihr mich erhalten / O ihr gnädige Götter! daß ihr mich wieder zu Polyphilo führet: Ach! so führet mich / ihr barmhertzige! durch euren Arm / daß ich meine Seele erfreue / durch seinen Anblick. Ihr wisset ja / ihr Allwissende! wo Polyphilus ist: Ach! so führet mich dahin / daß ich auch wisse / wo meine Freude lebet. Ihr sehet ja / ihr Allsehende! wie sich mein Hertz [456] sehnet nach dem / das sich gleich nach meinem neiget: Ach! so führet doch die beyde Hertzen zusammen / daß sie sich selber sehen mögen. Ihr könnet / ihr Allmächtige! mich diese Stunde führen / das ich finde / was ich so hefftig suche: Ach! wollet doch auch / ihr Gnädige / ihr Gütige / ihr Barmhertzige! was ihr könnet / damit ich nicht zweifeln müsse / an der Macht / der ich mich auf euren Willen gäntzlich verlasse / und hoffe / ich werde noch diese Stunde mit meinem Freund / Ach! dem gehertzen Polyphilo / euch den Danck bringen /vor die gnädige Hülffe.

Hat einmal das Gebet viel vermocht / so hats / in Warheit! diß vermocht. Kaum waren die-Wort ausgesprochen / als Agapistus merckte / daß er aufgehoben wurde / und mit unglaublicher Geschwindigkeit / über den Wald weggeführet: wiewol nicht ohne Anstoß /sonderlich schnitten die rauhen Winde / und der erkältete Frost ihn zimlich ins Gesicht.

Von was er geführet worden / weiß ich nicht /konts auch Agapistus selber nicht mercken: doch ist vermuthlich / daß ihn die gewaltige Hand der Götter geführet / die er angeruffen. Er wurde nahe bey dem Schloß / auf einen ebenen Weg / im Walde / niedergesetzt / mit dem Befehl: gehe ferner! so bald er zur Erden kam / fiel er nieder anzubeten / und danckete dem / der ihn geführet / biß er durch das Geleut der Schellen erschrocken / sich eilig erhebte / zu sehen /was daher komme. Es wurde aber / wieder Verhoffen /gantz still / doch ließ Agapistus nicht ab / sondern folgete dem vorigen Hall / sonderlich / weil ihn der Weg dahin führete. Und da er etwas für sich kam /fand er das Pferd Polyphili mit dem Schlitten / der zerbrochen war. Agapistus erkannte alsobald dasselbe[457] / und sahe / daß diß Pferd war / darauf er gen Soletten reisen wollen. Was er muß gedacht haben / ist leicht zu gedencken. Nicht viel fehlete / er hätte das Pferd umhalset und geküsset / so erfreuete ihn dessen Aublick. Doch schlug die Forcht zugleich in sein Hertz / weil er leicht errathen möchte / das Pferd komme vom Hof Atychintidœ / es möchte Polyphilus zu Schaden kommen seyn / welcher ohne Zweifel eine Spatzier-Fuhr angestellet; wie er ihm dann sonderlich das Schlitten fahren gefallen ließ. Das alles veranlassete Agapistum / desto mehr auf das Schloß zuzueilen / weil er nunmehr erkennete / daß diß der Weg sey / welcher auf Soletten führe: das ihn noch mehr in seiner Furcht stärckete / in dem er gedachte / vielleicht hat Polyphilus wollen zur Macarien fahren /und ist durch des Pferdes Unbändigkeit / wie es dann von Natur wild war / abgesetzet worden. Wiederum fiel ihm bey: Polyphilus sey allbereit bey Macarien: welcher Wahn daher entstund / daß das Pferd auf das Schloß zugewandt / als wanns von Soletten herkomme: doch / dacht er / kans am Pfahl / daran es behängt blieben / sich umgekehret haben / wie dann der Pferde gemeiner Gebrauch ist / daß sie sich nach der Krippen sehnen. In diesen zweiffelhafften Gedancken entschliesst er sich endlich / nicht auf Soletten / sondern Sophoxenien zuzugehen / und das Pferd mit sich zu führen / in Hoffnung / dafern er nicht Polyphilum selbst antreffe / werde er doch gewissen Bericht erhalten / wie es um ihn stehe?

So kommt nun Agapistus zu dem Schloß: tausend Segen begrüsseten den ersten Anblick / und mit vollen Freuden / eilete er auf das Thor zu. Eben [458] wolten die Gesandten ausgehen / das Pferd zu holen / da sie Agapistum mit dem Pferd kommen sahen. Wer war der erste / welcher dem Polyphilo die Zukunfft Agapisti verkündigte? Alle lieffen sie zugleich / und mit mehr als zehen Zungen wurden die Wort gesprochen: Polyphilc! Agapistus ist kommen / und hat das Pferd bracht.

Freude und Verlangen / Agapistum zu sehen / erhebte Polyphilum von seinem Sitz / daß er / aller Betrübnus vergessend / ihm / mit erhitztem Gang / entgegen lief / und freudiglich empfieng. Da solte eins die Hertzlichkeit / der tausend versüßten Umhalsung /dieser beyder edlen Jünglinge / und mehr als getreuesten Freunde / beschauet haben. Agapistus bethränete die Wangen Polyphili / Polyphilus die Wangen Agapisti. Möchte doch nur Polyphilus alsbald wissen /wie es Agapisto ergangen / daß er die Tausendfältigkeit seiner Freude / mit der Bedaurung / des treuen Freundes Agapisti / in etwas verringern könte. Was soll ich viel sagen? Wenn ich gleich Hertzen und Küssen / Drücken und Umfangen daher setze / kan ich doch dennoch nicht innerliche Hertzens Bewegungen ausdrucken / die mit solcher Brunst in ihnen beyden feuerte / daß die äusserliche Bezeugungen der innerlichen Gluth mehr ein Vorspiel / als Abdruck zu nennen war. Ach Polyphile! fieng Agapistus an / verlangter Polyphile! wie hat mich das Unglück von dir ziehen heissen? Ach Agapiste! wie / versetzte Polyphilus / allerliebster Agapiste / wie lang hat dich das Unglück von mir gerissen? Sag doch / Agapiste! wie ist dirs gangen? die jämmerliche Gestalt zeiget nichts Gutes. Wie so / sprach Agapistus / seh ich so elend? Es fehlet [459] mir nichts / nun ich Polyphilum habe: und ich habe alles / antwortete Polyphilus / nun ich Agapistum wieder habe. Solche / und dergleichen Wort viel mehr / führeten sie gegeneinander / biß sie in Polyphili Zimmer kamen / da Agapistus alles erzehlete /wie es ihm gangen / und hinwieder vernahm / was sich mit Talypsidamo und Polyphilo / die Zeit / zugetragen.

Melopharmis / samt der Königin / kamen alsobald Agapistum zu grüssen: und war alles in höchsten Freuden. Das Hertz Polyphili aber bedaurete das Unglück Agapisti / welches er um seinet Willen erlitten /verwunderte aber auch dabey / die Treue desselben /der sich / durch keine Noth / von ihm abwenden lassen: daher Polyphilus ihn noch so sehr liebete.

Wir wollen uns jetzt nicht aufhalten mit dem / was Agapistus mit Polyphilo / dann auch mit der Königin / und sonsten über Tafel / geredt / weil das meiste die Erzehlung war / seiner ausgestandenen Gefahr /die er so scheinbar vorlegen konte / daß sie alle zum Weinen und Mitleiden beweget wurden. Nach dem /und sonderlich über der Tafel / fieng die Königin mit Polyphilo an zu schertzen / wegen der Schlitten-Fuhr /deren Verhindernus / die Ankunfft Agapisti verursachet. Aber Polyphili Sinn war nicht zum Schertz gerichtet / als welcher bloß darauf bedacht war / wie er morgen glückhaffter fahre. Deßwegen er noch den Abend / ein ander Pferd wählete / und alles bestellete / daß er mit frühem Tage fortfahren könne.

[460]
Viertes Buch
1. Absatz
Erster Absatz

Beschreibet die andere Fuhr Polyphili auf Soletten /welche ihn zu der langverlangten Macarien bringet /deren Gunst-Gewogenheit er gewinnet: Lehret die endliche Vergnügung und Zufriedenheit der Tugend-Verlangenden.


Es hatte Polyphilus eine mühselige Nacht / nicht wegen seiner Betrübnus / sondern der Schmertzen /die ihm der beschädigte Arm erregete. Und wurde der Schaden so gefährlich / daß er den Arm nicht beugen konte / daher er abermal beförchtete / er möchte an der Reise verhindert werden. Aber es hieß beym Polyphilo / der Liebsten wegen ein Glied gewaget. Der innerliche Schmertzen war hefftiger und mächtiger /dann der äusserliche: darum er jenen / vor diesen / zu verbinden / sich früh aufsetzte / Phormenam zu sich nahm / und / mit gutem Glück / auf Soletten gelangete. So bald er des Peneus-Flusses ansichtig wurde /und in das Schiff trat / welches Talypsidamus / schon den vorigen Tag / ihn einzuholen / am [461] Ufer warten lassen / fragte der / von heisser Liebe / fast fein Vergessener / die Sprachlose Creaturen / um Macarien /was sie mache? wie sie lebe? mit folgendem Reim-Schluß:


Du Perlen-gleicher Fluß! ihr silber-weisse Wellen!
und du verlangtes Schif; auch ihr / ihr offne Schwellen!
ich komm / ach lasst mich ein! was macht sie / Meine! doch?
Ach! sagt es / treue mir: was macht sie? Lebt sie noch?
Sie / die mein Leben ist; was frag ich? solt sie sterben?
Sie / meines Todes Tod / O weh! ich müst verderben /
und nicht seyn / der ich bin: weil ich nicht selbsten mein /
besondern gäntzlich ihr / wie sie wird meine seyn.

Talypsidamus wartete allbereit bey der Bruck / da Polyphilus aussteigen muste / und empfieng sie beyde /mit grosser Höflichkeit / führete sie auch in den Saal /allda ihrer Gelegenheit zu pflegen. Im ersten Eintritt /sahe Polyphilus das Bild Macarien; mit was Erfreuung / kan männiglich gedencken. Hätte er die anwesende Phormenam nit gescheuet / weiß ich gewiß /daß er das entseelte Bild / mehr dann tausendmal gehertzet / weil es Macarien Bild war. Er gieng offt und offt zum Fenster / und sahe das Hauß Macarien an /weil er nicht ruhen konte / biß er sie sehe. Doch muste er seine Begierde / durch die Erwartung / zäumen /deßwegen er sich mit allerhand Gedichten tröstete /und seine Zeit kürtzete. Es ward aber Macarien angesagt / daß eine Gesandtin der Königin von Sophoxenien / sie zu begrüssen / ankommen: darum sie dieselbe / mit demütiger Bedienung / zu sich bat.

Nun wird Polyphili Wunsch erfüllet / nun gehet die Freude an / darauf er so lang vergebens gehoffet. Phormena geht vor / damit es einen Schein Königlicher Würde hatte; Polyphilus folget mit [462] Talypsidamo hernach. Jetzt möcht ich wünschen / daß ich Wort gnug hätte / die Unaussprechlichkeit der Freude zu beschreiben / die sich in dem Hertzen Polyphili / nicht weniger auch bey Macarien / erhebte. Es mehrete sich dieselbe um desto mehr / so viel sich die Liebe mehrete / die durch die Schönheit / der tausend-beschönten Macarien / verstärcket wurde. Gleichwol trug Polyphilus eine wenige Furcht bey sich / wegen deß / daß Macarie wuste / er komme nicht mehr Tugend / sondern Liebe zu werben. Und Macarie / wann sie Polyphilum erblickte / beröthete gemeiniglich ihre Wangen und schämete sich / daß sie ihre Freyheit verlohren. Phormena aber / nach dem sie aufs höflichste /von Macarien / empfangen / und / durch ihre verständige Reden / begrüsset worden / verwunderte sich über himmlischen Verstand / in einem Weibe / und englische Schönheit / in einem Menschen; so gar /daß sie allen Scham beyseits legte / und zum Polyphilo anfieng: Edler Polyphile! nun wundere ich mich nicht mehr / daß ihr Macarien so hertzlich liebt / weil ihr die Schönheit selber liebt.

Polyphilus erschrack über diese Wort / daß er kein Wort antworten konte: Macarie aber wurde beschämet / daß sie ihre Augen nicht aufhebte. Welches / als Talypsidamus vernahm / fieng er an: Eure Geberden /Tugend-völlige Macarie! und euer Schrecken / edler Polyphile! zeuget gnug / wie ihr gleiche Sinne führet /darum ich für gut ansehe / daß Macarie alleine sey /damit sie ihre Schamhafftigkeit wieder oblegen: Polyphilus aber bey ihr bleibe / damit er durch ihren Zuspruch / in seinem Schrecken getröstet werde. Ich will Phormenam mit [463] mir führen / und ihr / was sonsten hie denckwürdiges zu sehen / zeigen.

Artig kam der Schertz / auf den Wunsch Polyphili /der allbereit / durch die lieb-winckende Augen der lächlenden Macarien / verstanden / daß / so er allein bey ihr seyn würde / werde sein Vorhaben glücklich von statten gehen. Macarie aber / die diesen Schertz mit einem Gegen-Schertz versetzen muste / fieng an: so wolt ihr gewiß / geehrter Herr Vetter! mit einer schönen Frauen / allein wandern / und vermeynet / es sey Polyphilus / wie ihr / gesinnet? diß gefiel der Phormena so wohl / daß sie gleich schertzhafft anfieng: Edler Talypsidame! ist die Mißgunst auch bey denen Tugend-begüterten so groß? Aus dem allen aber / obs ein lauterer Schertz war / machte doch Talypsidamus einen Ernst / und dem Polyphilo eine Freud. Denn als Phormena kaum das Wort ausgeredt /sprang Talypsidamus / mit lachendem Mund / auf von seinem Stul / fassete Phormenam bey der Hand / und eilete der Thür zu / sprechende: Was die Mißgunst verwehren will / muß man desto eher befördern.

Polyphilus und Macarie wolten / gebührender Höflichkeit nach / mit folgen / allein Talypsidamus verwahrete die Thür / und hieß sie drinnen bleiben / versprach auch / Phormenam bald wieder zu bringen /die er zu seiner Liebsten Psychitrechin führete / welche allerhand lustige Gespräch ersinnete / damit sie die Zeit kürtzeten. Das alles that Talypsidamus dem Polyphilo zu Gefallen / daß er Gelegenheit überkomme / mit Macarien allein zu reden. Da nun Polyphilus dieselbe überkam / dachte er / jetzt ists Zeit / allen Scham abzulegen / und deine Hertzens-Gedancken zu öffnen.

[464] So sehe nun ein jedweder Polyphilum an / wird er sehen und erkennen / was treue Liebe ist / und wie mächtig dieselbe / auch die allerdapfferste Hertzen /zwingen und gewinnen könne. Ohne Verzug / fiel Polyphilus seiner verlangten Macarien zu Füssen / küssete den Rock / und lag wie lang an der Stelle / da er ihre Schuh / mit seinem Mund / drucken konte. Macarie / durch die allzugrosse Demut bewogen / hebte Polyphilum selbst auf / welcher die Gelegenheit in acht nahm / im aufheben / ihre / ach! wie zarte und schöne Hände zu küssen: darüber Macarie sich fast etwas widerwillig stellete / und ihn zu straffen anfieng / daß er wider die Tugend handele / und sie nicht sehen könne / daß sein Begehren ein löbliches Ziel aufgestellt / massen solche Geberden / sich vielmehr einer verliebten Thorheit / als klugen Ersinnung / gleicheten. Darauf Polyphilus folgender Gestalt anfieng: Ach! allerschönste / allerliebste / und aller-verlangteste Macarie! ich muß freylich gestehen / daß diese Geberden weiter / den auf Tugend-Liebe sehen / weil sie mehr / der übermächtigen Schönheit Macarien zu Gehorsam / mich auf den Boden gelegt haben. Was soll ich nicht bekennen? Schönste der Schönen / und der Lieben Liebste! Ihre Tugend hat mich dieselbe verlangend / aber ihre Schönheit / gar liebend gemacht; Dann in dem sich jene Wunder-würdig erwiesen /habe ich sie billich in meinem Hertzen geehret. Nach dem sich aber diese mächtig erzeiget / hab ich sie /von der Stund an / da ich sie erblicket / vor die Beherrscherin / meiner armen Verliebten / und biß daher betrübten Seelen / angenommen und bekennet / nichts mehr wünschende / alß daß bey einer so unbeschreiblichen Schönheit / ein [465] lieb-fähiges Hertz möchte gefunden werden / daß sich denen angenehmen Banden der Gunst-Gewogenheit nicht entziehe. Verzeihet mir / Tugend-begabte Macarie! daß ich offenhertzig reden / und noch weiter reden darff. Ihr wisset / liebstes Hertz! wie ich / durch den Ruhm eurer Tugend gezwungen / zu euch kommen bin / bloß denselben /neben andern / zu rühmen und zu verwundern.

Nach dem ich aber erfahren / daß ihre Hertz-zwingende Schönheit / mit der belobten Tugend / im gleichen Grad bestehe / habe ich mich / wider Verhoffen /vor den bekennen müssen / der sich seelig schätze /dafern er mit der Hoffnung / auch der geringsten Gegen-Gunst / beglücket würde. Wie mir nun solche in etwas erkläret wurde / durch die Erlaubnus / ihre Kunst- und Tugend-Schulsferner zu besuchen: als habe ich / schon damals / mich vor hoch-beglückt gehalten / daß ich von dem Himmel gewürdiget sey / in der angenehmen Brunst / gegen Macarien / mich zu bemühen. Es verbitterte aber die erwachsene Freud /mein damaliges Unglück / das mich durch die Fluthen von Macarien scheidete: weil mir der hochgepriesene Ruhm / dieser Göttin / ernsten Befehl gab / mein Leben / entweder mit Ehren / zu erhalten / oder zu verderben. Was mich nun biß daher für ein Schmertzen gedrucket / wird niemand glauben / er verstehe dann / die Brunst des Verlangens / nach dem / das unser Hertz gefangen hält. Doch bin ich zum öfftern getröstet / theils durch ihr Andencken / theils durch die Erinnerung / ihres so wunder-süssen Namens /von dem ich durch die Tafeln / in dem Tempel der Liebe (wie sie allbereit von Talypsidamo wird vernommen haben) bin verständiget worden / daß [466] ich das Gelübd ihrer Einsamkeit / Ach! wolle der Himmel! durch mich / aufheben solle. Wie ich nun alles das /vor ein Zeichen künfftiges Glücks / und der Versehung des gütigen Himmels halte / als zweifle ich nicht / allerschönste / allerholdseligste Macarie! sie werde sich über mich erbarmen / und mich / wo nicht mehr / doch ihren Diener / sterben lassen / der ohne sie nicht leben wird / noch leben kan / so lang er lebet. Und mit diesen Worten / nahm er noch einmal die Freyheit / ihre beschönte Hand zu küssen.

Macarie / halb-gewonnen / hätte lieber gleichstimmige / als wider-sinnige Wort geführet / doch muste sie ihrer weiblich-gebührenden Zucht und Höflichkeit / vor dißmal / Folge leisten / und anders reden /als sie gedachte. Daher sie die Rede Polyphili auf solche Art beantwortete: Mein Polyphile! wann ich euer Hertz / diesen Worten und Geberden gleichen darff /hab ich mehr Ursach / über euch zu klagen / dann zu lieben. Gedencket doch der Künheit / die ihr begehet /da ihr das Gelübd / der ewigen Einsamkeit / bey mir geredt wisset / und gleichwol mich mit solcher Rede besprechen dörffet. Meynet ihr / daß ich meiner vergessen habe / daß ich nicht wisse / wer Macarie sey? Ist das das Ziel eures Verlangens / so habt ihr euch /in Warheit! sehr bethöret / wann ihr die geringste Gefahr / mich zu erlangen / ausgestanden. Zwar bin ich Danck schuldig / so fern ich vernehme / daß ihr meine wenige Tugend zu suchen / so viel erlitten / da aber die End-Ursach auf die Liebe fallen solte / würde sich der Danck / in eine Straff / und die Bemühung / in Haß verkehren: weil Liebe zu erwählen / von mir so ferne ist / als der Himmel von der Erden. Anlangend meine Schönheit[467] / dadurch ihr euch gefangen bekennet; ist mir unwissend / wo dieselbe muß Stricke überkommen haben / damit sie euch gebunden: massen ich ihr kein Geld / um eins einzukauffen / traue. Isis also / meines Erachtens / eine blosse Einbildung. Und was die Tafeln / in dem Tempel der Liebe / von meinem Namen / und Auflösung des Gelübds / sollen gezeuget haben / das erkenne ich vor einen nichtigen Betrug / der falsche Furcht und Hoffnung / bey euch /und mir würcken will. Werdet ihr euch demnach eines bessern besinnen / edler Polyphile! und meiner mit solchen Worten schonen / die nicht nur meinem Vorsatz der Einsamkeit / sondern auch eurem Tugend-Ruhm höchst-nachtheilig seyn würden.

Wie hoch Polyphilus / über diese Antwort betrübet worden / kan männiglich daher leicht schliessen / daß Polyphilus das Hertz der Macarien / den Worten gleich hielt / darum weiß ich nicht / ob die mächtige Kümmernus oder die noch unerdämpffte Hoffnung /nachgesetzte Antwort / durch seinen Mund heraus gegossen / so bald Macarie das Wort erwähnte / er solle ihrer schonen. So sprach aber Polyphilus:


Wie spricht sie? schone mein! ach! harte Schmertzen-Wort!
So soll ich / Liebste! nicht hinwider Liebster heissen?
So will sie / Schönste! gar das Hertze von mir reissen /
das vor nicht in mir ist? Soll der beliebte Ort /
da meine Seele liebt / nun werden mir zum Mord?
Ach! daß ich nie gelebt! so könt ich jetzt nicht sterben:
Ach! wär ich nie gewest! so könt ich nicht verderben:
Nun aber ists umsonst / ich muß / ach! ich muß fort /
warum? weil ich / ach schmertz! derselden soll verschonen
die mein doch schonet nit; die mich heisst selber wohnen
an einem andern Ort / und von ihr ferne seyn.
[468]
O mit was Hertzen-Weh! das hemmet meine Freuden /
das bindet meine Lust / und löset auf mein Leiden.
Das mehret meinen Schmertz / das häuffet meine Pein:
doch aber / schönster Schatz! sie schone / bitt ich / mein /
und weise mich nicht ab / wann meine treue Sinne
sich trauen ihrer Gunst: damit ich wieder könne
ihr selber schonen auch; und nicht der falsche Schein
bey andern gelte mehr / als will die Warheit leiden /
so will ich frölich jetzt / hinwider von ihr scheiden.

Muste doch Macarie sich erbitten lassen / wolte sie anderst das Laster der Unbarmhestzigkeit nicht üben. Darum sie die Wort Polyphili mit einem freundlichen Blick beantwortete / und nichts mehr widersetzte / als daß Polyphilus / mit der Zeit / sich schon besser bedencken werde.

Da hatte Polyphilus einen Trost / deßwegen er / so schön und höflich er kunte / sich zu ihr nahete / und seine lincke Hand in ihre Rechte / den rechten Arm aber / um ihren zarten Leib schlug / und die Vergnügung seines Verlangens / mit einem beseufftzeten Andruck bezeugete. Macarie / wie sie aller Freundlichkeit voll war / lächelte darüber heimlich / doch so /daß die Beröthung der Wangen / die inwendige Scham / alsbald entdeckte: welche dem Polyphilo Anlaß gab / zu fernerm liebreitzendem Schertz / so gar / daß er / aber mit grosser Höflichkeit / den Purpur ihrer Wangen berührte / und als die Liebhabende pflegen / aufs freundlichste spielete.

Nun solte eins die Freud-gebährende Ersinnungen des hundert-beglückten Polyphili erzehlen / er müste ein Himmelreich voller Herrlichkeit / und ein ewiges Wohl bewähren Ach! du seeliges Hertz! wie ruhest du sicher in den Gunst-winckenden Augen / deiner allerschönsten Macarien: Ach! ihr vergnügte [469] Sinne / wie werdet ihr so truncken von der Lust / die die Freundlichkeit / der allersüssesten Macarien einschencket? Und ach! du nunmehr gantz himmlische Seele / wie leuchtest du in der Klarheit des schönen Hertzens /deiner geliebten Macarien: daß es doch müglich wäre / die Mannigfaltigkeit deiner seeligen Vergnügung auszusprechen / und das Lust-herrschende Hertz / das nunmehr in dem Schoß Macarien ruhet /mit gleich-lieblichen Farben abzumahlen / daß alle Welt in dir ein Schau-Spiel sehe / ja ein Muster völliger Zufriedenheit: glaube mir / Polyphile! ich wolte deinen Ruhm nicht ersterben lassen. Nun aber ist das menschlicher Schwachheit versaget / darum ichs sicherer / mit meinem Hertzen besinnen / als mit der ungelehrten Zung verringern will.

Was thut aber Polyphilus ferner mit Macarien? So solte der fragen / der nicht weiß / was verliebte Hertzen zu thun pflegen. Besser wäre gefraget: was hätte Polyphilus gerne gethan? darauf wir antworten könten: er hätte gern recht geliebet / und / die trockne Warheit zu bekennen / die Befriedigung seines Wunsches / mit einem Kuß versiegelt. Allein die Schamhafftigkeit / der gar zu züchtigen Macarien / verleitete das Hertz Polyphili zu einer Furcht / daß er nicht wagen dorffte / was er so hertzlich verlangte. Es gieng dem guten Polyphilo / wie es allen Verliebten ins gemein zu gehen pflegt / die auch in der höchsten Vergnügung dennoch unvergnügt bleiben. Der erste Schluß seiner Begierde verlangte bloß Macarien zu sehen / und als er das erlanget / folgte der Wunsch ihrer Gewogenheit / diesen empfieng die Freude ihrer Gunst: nun [470] will er gar auch die Früchte lesen / da er doch nie gepflantzet oder gesäet / und wer weiß /wann er auch diß überkommen / ob er nicht noch mehr verlange.

Aber / war Polyphilus hitzig im Begehren / war Macarie desto kälter im gewähren / die / so bald sie merckete / daß die Brunst bey Polyphilo überhand nehmen wolte / fieng sie mit grossem Verstand an /seinen Fehler zu straffen / und ihn zu erinnern / daß er ihre Freundlichkeit / durch keine Liebe deuten solle /die ihr Hertz besiege / und den Vorsatz der Einsamkeit zerstöre: besondern / weil er Tugend liebe / und Kunst suche / ja vielmehr mit beyden allbereit so bereichert sey / daß er deßwegen zu lieben und zu ehren / wolle sie bekennen / daß sie seine Liebe wieder lieben / und sein Gedächtnus ehren müsse / wie er bezeuge / daß auch ihr Andencken / in seinem Hertzen / verwahret bleibe. Aber / sprach sie ferner / so ihr euch einige Einbildung einer solchen Gewogenheit machet / die euch vor meinen Liebsten erkenne / betrüget ihr euch gar sehr: weil ich ausser dem / der meine Seele / mit sich / gen Himmel genommen / und an deren statt sein Gedächtnus / meiner Einsamkeit zum Trost / mir hinterlassen / keinen mehr erwählen kan / noch will; sondern die Treue halten / dem ich sie zu halten / durch mein Versprechen / schuldig bin.

Das war ein Anstoß / welcher die Ruhe Polyphili verstörete / der keine solche Wort mehr von Macarien gehoffet hätte: als der ihm / der Liebenden Art nach /allbereit die eheliche Gunst und Treue / von Macarien / versprochen hatte. Darum er sich müglichsten Fleisses dahin bemühete / daß er die betrübte Einsamkeit derselben verhasset; die Freude aber / in Gesellschafft / beliebig mache. Fieng demnach [471] die Rede der Macarien auf solche Art an zu beantworten:

Allerschönstes Hertz! derselben Schluß / die Zeit ihres Lebens / in dem Gefängnus der betrübten Einsamkeit zu verschliessen / wird hoffentlich so steiff nicht verfasset seyn / daß er nicht zu reiffern Bedacht ausgestellet / und mit besser Besinnen / könne geendet werden. Sagt mir / Tugend-verständige Macarie! was veranlasset sie zu solchem Vorsatz? Ist es ein Mißfallen ob dem Welt-Wesen / so kan solches / in anderer Begebenheit / mit Wohlgefallen / erstattet werden. Ist es / die Sünde zu vermeiden / so wird sie in der Einsamkeit mehr versuchet werden / als sie in der Gesellschafft zu fürchten. Dann das glaube sie vor gewiß / daß sie nie weniger allein ist / als wenn sie allein ist. Oder / ist ihr Vorsatz / denen Unsterblichen zu dienen / so kan sie solches / unter dem Hauffen andächtiger Anbeter / mit viel hefftigern Geist / verrichten. Massen auch solches den Göttern angenehmer ist / als welche die Gesellschafft der Menschen / zu ihrer Ehr-Beförderung gestifftet. Ich will glauben / ihr Vorsatz sey wolgemeint / und sie sey entschlossen /sich denen Göttern aufzuopffern / und die Zeit ihres Lebens / mit deren Lob und Dienst / zuzubringen: welcheslich selber loben muß / als daß keiner mißsprechen kan: solte sie nicht aber gleiches auch in der Welt / und unter der Gesellschafft der Menschen leisten können / ja so gar auch mit grösserm Nutzen /und dem Himmel selbst wohlgefälligern Dienst / in dem sie auch andere zu gleichen Tugenden / mit Worten und guten Exempeln / ermahnen wird. Betreffend die Pflicht / damit sie sich denen Verstorbenen annoch verbunden meynet[472] / ist solche mehr eine selbst- erwählte Bedunckung / und grosser Schaden / als ein gebührender Zwang / den ich hoffe derselbe / so nunmehr in der erfüllten Lust der Himmel vergnügten Freuden lebet / nicht begehren wird / daß man seiner erwarte / weil das eine Unvollkommenheit / seiner himmlischen Zufriedenheit / erdichtet wäre / die einig ruhet in der vollkommenen Freude / und sich nicht sehnet nach dem / was er verlassen / sondern vielmehr sich freuet / wegen deß / was er gefunden. Und wann er gleich (das doch nicht glaublich) ein sehnlich Verlangen trüge / das ihrem Hertzen den Zwang der Einsamkeit aufbürden könte / weiß ich doch / daß er sich hoch betrüben würde / dafern sie verlassen / ihre Zuflucht nicht zu ihm gen Himmel nehmen könte / in dieser Welt aber keinen Trost finden. Dann den Himmel zu ersteigen / stehet nicht in unsrer Macht. Das ist doch der sicherste Schluß / daß / die der himmlischen Freude geniessen / nicht wollen / daß ihnen auf Erden / sey durch was es wolle / irrdische Freude gebauet werde / sonderlich durch ein Gelübd der Einsamkeit / weil sie dorten nicht mehr freyen / noch sich freyen lassen. Endlich ist auch das zu bedencken /schönstes und liebstes Hertz! daß das Gelübd der Keuschheit / welches die Einsamkeit erfordert / ein solches Joch sey / das vielen zu schwer / ja den wenigsten zu ertragen vergünstiget ist. Denn ob wir Tugend lieben / müssen wir doch bekennen / daß wir Menschen sind: ist nun Macarie auch unter die Menschen-Zahl zu rechnen / wird sie auch deren Gebrechlichkeit mit unterworffen seyn. Verzeihet mir / Tugend-reiche Macarie! daß ich euch so bespreche / die ich billiger eine Göttin / [473] wegen der Tugend / und einen himmlischen Schatz aller Keuschheit nenne /und nennen solte / wann mir nicht wissend wäre / wie so offt menschliche Schwachheit / denen anfeindenden Lastern / nicht widerstehen kan / ob gleich Hertz und Sinn mit der beliebigen Tugend wol verwahret. Darum sollen wir unsere Schwachheit und wandelbahres Thun / benebens den Leibs-Kräfften / wohl prüfen / bevor man sich einer solchen Dienstbarkeit ergiebet / in welcher alle Reu zu spat eingewendet wird. Und daß ich viel mit wenigen fasse / es ist keine Tugend / die nicht mächtiger / nützlicher und herrlicher / ausser dem Zwang der Einsamkeit / freywillig /als in demselbigen gezwungen kan beliebet und geübet werden. Ja! ich kan erweisen / daß auch viel / der allernutzlichsten / in derselben vergessen werden / als der Gehorsam gegen die Eltern / dem man sich in der Einsamkeit entziehet / oder wo das nicht / doch zum wenigsten der Dienst / den wir unserm Nechsten zu leisten schuldig / weil wir nicht allein uns / sondern auch andern behülfflich zu seyn / gebohren. Darum wir uns nicht aus der Welt winden / und eine gezwungene Widerwertigkeit mit der Gottseligkeit bemänteln / oder den Ehrgeitz in der Demut suchen sollen.

Aus diesem Gespräch konte Macarie leicht schliessen / dafeen sie sich dem entgegen setzen werde /werde der Eyfer Polyphili noch hefftiger / und also ein Anfang werden eines neuen Streits / aber kein Ende seines Verlangens; deßwegen sie / voller List / mit diesem Schertz / seine Rede beantwortete: Edler Polyphile! ihr saget mir / was ihr wollet / werde ich doch meine Einsamkeit nicht ändern / es sey dann / [474] daß ich von grosser Schönheit verführet werde. Das war ein Schertz / aber in den Sinnen Polyphili / erweckete er so ein ernstlich Nachdencken / daß er nicht wuste /was er glauben / was er dencken / was er antworten solte. Wie verwirret er damals in seinem Gemüth gewesen / zeugen gnugsam nach gesetzte Verse / die er eben damals / weil die schöne Macarie / um etwas ihrer Dienerin zu befehlen / alsbald nach diesen Worten / aus dem Zimmer gieng / und ihn / mit dem Versprechen der nächsten Wiederkunfft / allein ließ /wehmütig verfertigte:


Ist das der letzte Schluß? Ach! aber / ach! mich Armen!
sie will / und will doch nicht / sich über mich erbarmen /
so sehr ich flehe auch; halb ja / halb wieder nein /
soll / seh ich / ihre Gunst / und ihr Versprechen seyn.
Das ist die Frauen-List / das sind die klugen Sinne
das rechte Meisterstuck / dadurch sie mich gewinne /
und führe zu dem Netz; sich dem ergeben bald /
der leichtlich ist verliebt / macht manche Liebe kalt.
Doch aber nicht bey mir: ich will dir / Schatz! versprechen /
daß mein getreues Hertz soll keine Liebe brechen /
die nicht beständig ist: ich bleibe / wie ich bin /
und gebe meine Pflicht / mit samt dem Hertzen hin
in deine Gegen-Gunst: laß aber auch mein Lieben
nicht gar vergeblich seyn: erfreue mein Betrüben
mit einem frohen ja / laß fahren alles nein /
so will hinwieder ich dein Knecht und Diener seyn /
wie du bist mein Befehl; dir will ich mich ergeben /
dir meiner Herrscherin / und dir zu Willen leben /
in allem / was du wilt / dein Sinn / Gebot und Rath /
dein Wünschen / Wort und Will / sol bleiben meine That.
Drum sag mir / liebes Kind! willt du noch mehr alleine /
und einsam bleiben fort / willt du / wie ich der deine /
hinwieder meine seyn? Gib / Liebste! kurtz Bericht /
ob ich hinwieder sey dein Liebster / oder nicht?
Sie spricht: ich ändre nicht / was ich mir vorgenommen /
die Einsamkeit soll nicht aus meinem Sinne kommen /
[475]
es müste denn geschehn / daß eine schöne Pracht /
die eitle Einsamkeit mir hätte schwartz gemacht.
Ach wessen! wessen ach! Es ist ja nicht die meine /
die sonsten gar nichts ist: weil ich gantz heßlich scheine
von Sorgen blaß und bleich: wie kan ich schöne seyn /
da meine Krafft verzehrt die heisse Liebes-Pein?
Drum ist mir doppelt weh! entweder ich muß darben /
wo nicht ein andrer gar die eingebundne Garben /
von meinem Acker trägt: und was ich heut aussä /
muß ich beförchten gleich / daß es der Wind verweh:
Dann schöne bin ich nicht: und soll sie das verführen /
so wird man einen kaum wohl unter tausend spüren /
der ihrer Schönheit gleich / durch Schönheit das gewinn /
daß sie ihm ihre Treu zum Pfande gebe hin.
Es wäre / Schönste: dann / daß sie ihn wallte zieren /
mit ihrer hohen Pracht / und hin zum Spiegel führen /
darinnen sie nur sich / und keinen andern seh /
und das viel schöne Bild / an dessen Stätte steh /
den sie hat wollen sehn; es müsse den bestrahlen
ihr helles Angesicht / und seine Lippen mahlen /
ihr Rosen-rother Mund / der hie will schön bestehn /
und von dir Schönheit selbst mit seiner Schöne gehn /
Ists nun so / wie gesagt? dann kan auch ich schön heissen /
und durch entliehnen Pracht / die Strick und Bande reissen
der eitlen Einsamkeit: nun weiß ich / wer er ist /
der dich verführen wird / weil du so schöne bist.

So vergeblich konte sich Polyphilus trösten / und mit einer nichtigen Hoffnung. Indeß kam Macarie wieder herein / die er mit sonderbahrer Freundlichkeit empfieng / wie auch Macarie / ingleichen nicht unfreundlich / den Danck versetzte. Als nun Polyphilus wieder anfangen wollte / seine Schmertzen zu erklären / und um die Eröffnung dieser verdeckten Rede zu bitten /daß er wisse / wessen Schönheit sie verführen werde /ihre Einsamkeit zu ändern / kamen eben Talypsidamus und Phormena herwieder / deren Gegenwart ihn der Antwort beraubte:

[476] Zugleich Macarie und Polyphilus giengen ihnen entgegen / sie zu empfangen / Macarie Phormenam /und Talypsidamum Polyphilus / welcher / mit höflichem Schertz / dem Polyphilo / wegen erlangter Beute / Glück wünschete / aber die Antwort überkam / daß er / Polyphilus / wohl gekrieget / aber unglücklich gesieget / so gar / daß er mehr verlohren /als gewonnen. Er deutete aber den Schatz seiner Freyheit / den nunmehr Macarie / aber ohne Gegen-Geschenck / ihm gantz geraubet. Dagegen Talypsidamus mit lachendem Mund versetzte: seyd zu frieden / Polyphile! Ein gut Ding will Weile haben. Ihr wisset ja /daß die weibliche Hoheit will gebeten seyn: und was versäuret wird im Anfang / schmecket im End desto süsser. So spieleten Talypsidamus und Polyphilus. Phormena aber redete mit Macarien bald von diesem /bald von jenem / welches alles hier zu erzehlen / eine Unnöthigkeit / ja Unmüglichkeit ist. Darum wir nur das melden wollen / daß sich Macarie in allem verständig und beredt erwiesen / dermassen / daß Phormena sich über dieselbe wundern / Talypsidamus erfreuen: aber Polyphilus betrüben muste: Dann so offt sie eine Rede vollendete / oder einen Schertz führete /so offt wurde das Hertz Polyphili mit getroffen / und der schmertzhaffte Kummer seiner unvergnügten Liebe vermehret. Das wolt ich wünschen / daß ich die Augen Polyphili und die verliebte Blicke / so er seiner Macarien zuschickete / eigentlich abbilden könte: ingleichen auch das Wincken der beschämten Macarien / die durch Polyphili Schmertzen bewogen / öffters freundlich spielte / und ihren lieb-winckenden Strahl / gegen Polyphili beseuffzte [477] Blicke sendete: so würden wir gewißlich bey Macarien ein Wunder der versüßten Lust / und ein Bild schmertzhaffter Verwirrung bey Polyphilo sehen. Weil aber das zu wünschen / nicht zu erwarten steht / wollen wirs Polyphilo und seiner geliebten Macarien allein wissen lassen /und ferner sehen / was über der Tafel sich begeben.

2. Absatz
Anderer Absatz

Beschreibet / was sich mit Polyphilo und Macarien /über der Mahlzeit / begeben / und wie betrübt / er den Abschied genommen / doch aber der Liebes-Früchte /in etwas / genossen: Lehret den Tugend-Genieß / als die lieblichste Frucht / versauerter Arbeit.


Es hatte Macarie Phormenam / Talypsidamum und Polyphilum zu sich gebeten / daß sie Abend-Mahlzeit mit ihr halten möchten / welche nunmehr bereitet war. Sie setzten sich zu Tisch / und wurde Phormena / als die Gesandte der Königin / der obern Stell gewürdiget / nächst deren Polyphilus den Sitz nehmen solte: allein er wolte lieber / um seine Ehr / Liebe kauffen /deßwegen er sich / mit sonderlicher Höflichkeit / in den Sitz Talypsidami / diesen aber in seinen erhebte /weil jener nächst bey Macarien war. Talypsidamus ließ auch gerne geschehen / was er wuste / daß Polyphilus / nicht ohne Ursach suche. Macarie war bemühet einen jedweden mit Speiß und Tranek zu bedienen: dem aber Polyphilus widerstrebte / als welcher schuldiger sey / dem Frauen-Zimmer aufzuwarten[478] /dafern er nur wisse / daß seine Bemühungen angenehm seyn würden. Die Höflichkeit der Macarien bestritte die Schuldigkeit Polyphili: Diese widersetzte sich jener / daher ein angenehmer Streit entstund / der den Polyphilum veranlasste / die schöne Hände der bemüheten Macarien / von den Tisch-Bedienungen zu ruck zu halten / und in den seinen / mit gleichsam nöthigem Gefängnus / zu verwahren. Weil sich Macarie vor dißmal nicht anderst wolte zäumen lassen. Aber wie? die geschlossene Hände derer beyden versagten /nicht weniger dem Polyphilo / wie der Macarien / den Dienst der Aufwartung. Da hieß es / wie viel hilffts /wenn wir einen guten Freund haben: Talypsidamus verrichtete / was Polyphilus nunmehr nicht weiter verlangte / und gab also gute Gelegenheit / nicht allein der Ruhe / sondern auch / daß Polyphilus die zarte Hände / seiner allerschönsten Macarien / so lang das Mahl währete / in den seinen beschlossen hielt /ohne / wann sie selbsten Speise nehmen wolten / das selten geschahe. Deßgleichen war Polyphilus gnug gesättiget / da er die Hände seiner Liebsten hatte / und derer Schönheit geniessen konte. Ach! wie hertzlich druckete er dieselbe / und so offt ers druckete / spielte die keusche Macarie / mit ihren verliebten Blicken /zur Seiten / auf Polyphilum / als wolte sie ihn freundlich straffen: aber Polyphilus bestrahlte sie hinwieder / mit solcher Demut / daß sie leicht verstehen mochte / er bitte um günstige Vergebung.

Jetzt lerne ein jedweder Verliebter / an Polyphilo /wie er der Geliebten Gunst erlangen könne. Seine Bitte vermochte nicht so viel / als die stumme Hände /welche / weil sie nicht abliessen / besondern [479] öffters den Fehl zu begehen sich / wider ihre Bestraffung /unterwunden / muste sich endlich / die so lang verborgene Gegen-Liebe der gefangenen Macarien / durch das Gegen-Zeichen / den Händen entdecken / in dem sie dem vorgehenden liebreichen Drücken Polyphili gleichfertig / aber wie züchtig und höflich? antwortete.

Da solte eins die Freude Polyphili geschätzt haben. Aller Reichthum / der gantzen Welt / wäre wie nichts / gegen diesen Gewinn gewesen / so gar wurden alle seine Geberden freudiger / daß sich Phormena / wie sie hernach bekannt / nicht gnug wundern können / über die unverhoffte Veränderung / als die nicht wuste / auf welchen Grund dieselbe gebauet. Es blieb nicht allein bey dem / sondern es folgten der Zeichen so viel hernach / daß Polyphilus / seiner Gewonheit nach / wieder mehr begehrte / sonderlich / da er versichert war / daß sie ihn liebe. Was begehrt er dann? Folgendes Gedicht wirds bekennen / daß er in seinem Sinn der Macarien zur Antwort versetzte / da sie ihn zum Essen nöthigte / und öffters zutrincken wolte:


Sie nöthiget / mein Schatz! mich höflich / das zu essen /
wornach mich hungert nit; sie schencket mir voll ein
deß ich hab keinen Durst: und den versüßten Wein /
mit dem beliebten Brod / will sie so gar vergessen /
den ich / auf ihrem Mund / zu kosten kommen bin:
Sie nehme / Liebste! nur diß alles wieder hinr
und gebe jenes mir: dann will ich freudig pressen
den angenehmen Safft / durch ihre Lefftzen-Röhr
biß auf das Hertz hinein; dann will ich mehr und mehr
das süsse Zucker-Brod / mit ihrem Honig nässen /
und beydes / liebster Schatz! von Hertzen kosten gern /
wann sie mir einen Kuß / vor alles / wird gewährn.

So dorffte Polyphilus dencken: aber nicht reden / [480] das dorfft er wünschen / aber nicht begehren: sondern zu frieden seyn mit dem / was er hatte. Talypsidamus fieng auch allerhand schöne Diseursen an / deme Phormena antwortete / und weil er wuste / daß er Polyphilum nicht höher erfreuen könte / als wann er /von der Lieb rede / fieng er an / obwohl die Menschen / nach diesem Leben einander auch lieben würden / wie anjetzo: Und als Phormena das Ja-Wort gab / auch dabey erinnerte / daß sie / in der himmlischen Lieb / viel mächtiger lieben würden / fragte Talypsidamus Macarien: ob sie dieses auch glaube? welche versetzte: warum solt ich das nicht glauben / da ichs schon jetzo bey mir befinde. Dann in der Gewißheit / da ich glaube / daß mich die Seele liebet / welche mein Hertz annoch gefangen hält / lieb ich dieselbe gleich so beständig hinwieder / daß auch die Abw senheit mich nicht trennen kan / von s inem Andencken. So bin ich versichert / dafern auch meine Seele /jener folgen wird / wird diese Liebe / nicht nur gleich-kräfftig / sondern viel mächtiger werden / und sich so thätig erweisen / daß ich in diesem / meinem Erwählten / selbsten die Götter / und alle Auserwehlte lieben werde.

Wohin diese Wort zielten / konte Polyphilus bald mercken / darum er sich / mit folgender Antwort / bemühete / ihr diesen Irrthum zu benehmen / der sie / in der Liebe / ihres vorigen Liebsten / zu weit verführet. Darum sprach er: So meynet sie / Kunstverständige Macarie! sie werde / in jenem Leben / mehr lieben /den / daran ihr Hertz / in dieser Welt / gebunden war /als andere / die sie in dieser Sterblichkeit nicht geliebet? Nein / Macarie! sie irret weit / und glaubet das Widerspiel. Dann da sie die [481] Beschaffenheit / der Verklärten / in jenem Leben / besinnen wird / wird sie erfahren / daß die Auserwählte sämtlich / in dem höchsten Grad der Liebe / bestehen / deren nichts zugethan / nichts abgebrochen wird: wollen wir anderst / denen himmlischen Vollkommenheiten / nicht eine Unvollkommenheit andichten. Gleichwol / fieng Macarie an / hat die Seele solche Wirckungen / daß sie sich mehr neige gegen dem / welchem sie sich vertrauet / und von dem sie erkannt ist / als daß sie sich dem Fremden ergeben solle. Zu dem sind so vereinigte Seelen / nicht zwey / sondern eins / welchem Grad der Lieb nichts zu vergleichen ist / und ruhet das Hertz mehr allda / wo es liebet / als da es wohnet. Darum die Liebe / welche das Hertz mit sich nimmt /und die Treue versiegelt / unzweiffelbar kräfftiger und gültiger seyn muß / als die / so bloß eine Liebe / und nichts mehr ist.

Alle verwunderten sich / der Sinnlichkeit / dieser hoch-verständigen Macarien; Polyphilus aber entsatzte sich darob / weil er sich fast überwunden bekennen müssen / wann er nicht noch die Ausrede gefunden /daß wir / in himmlischen Dingen / unsrer Vernunfft ein Gebiß legen müssen / daher er ihren Einwurff /auf solche Art / widerlegte: Hochverständige Macarie! menschlicher Beschaffenheit nach zu reden / ists freylich so / wie sie zeuget: allein / das würcket die jrdische / nicht himmlische Liebe. In dieser Liebe / damit wir Menschen lieben / ist immer fort noch eine anklebende Unvollkommenheit / so entweder die Furcht /oder das Mißtrauen gebiehret / daher wir uns nicht so wol allen / als einem ergeben / und mit dem unser Hertz verbinden / daß wir eine Seele sind / die die Sterbliche [482] Mann und Weib nennen: aber weil im Himmel / die Herrlichkeit der Liebe / so vollkommen / daß kein Haß / kein Neid / keine Furcht / noch einiger andrer Flecken dieselbe besudeln kan / werden wir untereinander auch ein Hertz seyn / und uns allen trauen / wie einem / weil wir von keinem nichts böses zu fürchten / und von allen gleiche Liebe zu hoffen /ja zu geniessen haben. Und diese Vollkommenheit der Liebe / bestehet eben auf dem Grund / der völligen Erkäntnus / welche uns alle gleiche Vertraute gebähren wird. Daher werden wir den Fremden lieben / wie den Vatter / weil uns jener mit vätterlicher Liebe liebet / wie der Vatter. Den Unbefreundeten / wie den Sohn / weil die söhnliche Liebe / die Liebe dessen /nicht wird übersteigen. Und die Befreundin / wird sich gleichen der Mutter / diese hinwieder dem / dem wir mit nichts verbunden sind: weil ein Band der Liebe die Hertzen insgesamt binden wird / und so vereinigen / daß sie in dem höchsten Grad der Freundschafft nicht haben / das sie mehr oder weniger lieben solten. Wird demnach / die so treu-liebende Macarie /mich als denn eben so hertzlieb umfahen / als sie in ihrem Sinn die Seele des Verstorbenen heget: es wird ihr die Liebe Polyphili eben so angenehm seyn / als die Liebe dessen / darauf sie hoffet / ob sie gleich jetzo das nicht verstehen will.

Männiglich merckete gar bald / wohin dieser Schluß gerichtet war / sonderlich Talypsidamus / der mit gleichem Schertz anfieng: So muß Macarie Polyphilum auch jetzo lieben / damit sie nach dem erfahren könne / ob der Schluß Polyphili richtig? Darüber sie sämtlich anfiengen zu lachen: Polyphilus [483] aber wünschete / daß der Schertz wahr würde. Und weil Macarie in solchen Sachen / die den weiblichen Verstand übersteigen / sich gern überwinden ließ / und dem Polyphilo freywillig den Sieg gönnete / mochte sie nichts antworten / wiewol sie das alles mit guten Gründen hätte widerlegen können / darum sie / nach geendigter Mahlzeit / aufstunden / und sonsten andere Ergötzlichkeiten suchten.

Talypsidamus war ein Liebhaber der Musie / deßwegen er zu dem Instrument eilete / welches / auf einem andern Tisch / gegen der Tafel über / stund /und allerhand anmuthige Gesänger spielte. Und weil Polyphilus leicht schliessen konte / es werde die Kunst-erfahrne Macarie / sich dessen erfreulicher Ergötzung / in ihrer betrübten Einsamkeit / gebrauchen /verlangte er / deren zarte Finger / wie künstlich sie die klingende Saiten erzwingen würden / zu sehen / allein er vermochte nichts erlangen. Da sie nun alle um den spielenden Talypsidamum herum stunden / und Polyphilus neben dem Instrument / auf den Tisch sahe /wird er eines Buchs gewahr / das er zur Hand nahm /und eröffnete. Er befand die Poetische Wälder / des teutschen Helden Opitii / mit denen Macarie ihre Zeit zu kürtzen pflegte. Und weil er / eben im Aufthun /das 24ste Gedicht im 4ten Buch erblickte / darinnen die Poetin / Veronica Gambara / ihres Liebsten Augen anredet / als sie ihn küsset / ward er dermassen betrübet / daß er / mit seufftzenden Worten / die Glückseligkeit desselben / durch sein verbittertes Unglück /beklagte. Ach! fieng er an / du glückseliger Adonis! (dann so hieß der Poetin Liebster) wie bist du / durch deine Liebste / biß an die Sternen erhoben / ich aber in die unterste Hölle verstossen [484] worden. Sind das nicht herrliche Wort / damit dich deine Freundin gepriesen / und gleichsam um diesen Kuß gebeten? wie gern wolte ich die Meine selber bitten / selber preisen / und nie keinen Danck von ihr begehren. Ach! ihr wunderbare Götter! wie theilet ihr das Glück so ungleich / womit hat Adonis mehr Beseeligung verdienet / dann ich? habe ich nit so treu geliebet / als er? oder hab ich zu brünstig geliebet? Ey so kühlet die Brunst meines Verlangens / mit der Erfüllung / will ich gern gleiche Strafe leyden. Ach! soltest du /schönste Macarie! einmal soiche Wort / ja nur ein solches mir gönnen / glaube mir / ich wolte an der Vermehrung deines Ruhms ewig arbeiten / und dich nicht nur dem Firmament / nicht nur einem hellen Glantz /und güldenen Strahlen gleichen; wie diese Liebhaberin ihren Adonem: sondern gar der Sonnen / die alle Welt erleuchtet / und dem Glantz / der durch die Himmel dringet / dann ein solcher ist deine Tugend.

Als Polyphilus / wegen dieses Wunsches / sich etwas lang aufhielt / und in dem Buch / ferner suchete / auch Macarie / an seinen Augen / die inwendige Veränderung erkennete / trat sie hinzu / fragende /was Polyphilum so bestürtzt mache / und nach dem sie sein Anliegen vernommen / zwang sie die Liebe /zu einer Erbarmung / daß sie sich dem Willen Polyphill nicht entzogen hätte / möchte er nur selber das Hertz fassen / und seinen Wunsch zu Werck richten. Dann so verständig war Macarie wohl / daß sie wuste / ein Kuß könne viel erhalten / viel versöhnen und stillen / aber nichts schaden / darum sie auch deren Bäurischen Grobheit / mancher Weibs-Bilder /sich nicht theilhafftig machen wolte / denen man[485] mehr / mit Zanck und Widerwillen / einen Hauch anwehen / und an statt des Mundes / offt die Nasen /oder Ohren / ja! wie jener / das Genick abstehlen muß / als mit züchtiger Höflichkeit und höflicher Zucht / einen holdseligen Mund-Druck verehren. Macarie wuste wohl / daß der Kuß gleichsam das aufgedruckte Siegel eines lieb- und treu-beflissenen Willens / und ein Pfand künfftiger Vereinigung sey / dadurch sich die Seelen in sich selber verwirren / und im Geist zusammen fliessen. Sie wuste / daß diß der beste Liebes-Zeuge und Bürge / ein Stiffter und Auffenthalt der Lust / und endlich der überbleibende Trost sey / der sich in die Seelen wickle / und das Hertz mit freudiger Hoffnung versüsse. Sie wuste /daß diß zwar die stumme / aber allervernehmlichste Sprache sey / des verliebten Hertzens / und die allerschnelleste Frag und Antwort / deren / die durch solchen süssen Lippen-Biß / gleichsam von einem Odem leben. Ja! sie wuste / daß dieses Zucker-Brod die endliche Verbindung aller Schmertzen Polyphili / ihr aber selbsten ein Zeichen seiner brünstigen Zuneigung und der getreuen Liebe seyn würde. Gleichwol dorffte sich Polyphilus nicht erkühnen / diese Blumen zu brechen / oder das Zucker-Brod zu kosten. Er suchte allerhand Gelegenheit / wie er mit Macarien allein reden möchte / darum er sich / mit derselben / etwas ferne vom Talypsidamo / der mit Phormena ins Gespräch gerathen / auf die Banck niederließ / und voriges Gespräch wieder anfieng.

Da er nun die Gelegenheit gewonnen / sein Vorhaben gäntzlich zu entdecken / wie er nicht ruhen noch leben könne / wofern er nicht wisse / daß er mit Macarien leben / und bey Macarien ruhen solle / auch [486] so gar das Versprechen ihrer Treu und Beständigkeit forderte / fieng Macarie etwas offenhertzig an: Geliebter Polyphile! glaubet / daß ich euch liebe / und von Anfang / da ich euch gesehen / gleichfertig geliebet; versichert euch auch / daß ich euch hinfort lieben will: allein eine solche Liebe zu erwählen / die das Band der Ehe verknüpffe / ist mir nicht nutz / und euch schädlich. Denn ich bleibe doch in den Schrancken meiner erwählten Einsamkeit / und ihr müstet mich dauren / wann ihr euch so verstecken soltet. Wollet ihr Dienstbarkeit erwählen / da ihr den edlen Schatz der Freyheit halten könnet? wie werdet ihr euch selbsten betrügen. Saget mir doch / was beweget euch zu solchem schädlichen Vornehmen? welche Erwählung erwählet / bey euch / den Dienst / vor Freyheit? Ihre Tugend / fieng Polyphilus an / Tugend-bereichte Macarie! ihre Kunst und Verstand / Kunst-verständige Macarie! ihre Schönheit und höfliche Sitten / allerschönste Macarie! von denen männiglich zeugen und bekennen muß / daß ihr keine / in dieser Welt / zu gleichen.

Das ist Einbildung / versetzte Macarie / und ein nichtiger Schertz. Nein / sagte Polyphilus / was andere zeugen / kan bey mir keine Einbildung seyn / und was ich selber erfahren / kan bey andern kein nichtiger Schertz heissen. Darauf Macarie hinwider antwortete: Das ist seine Höflichkeit / ich muß sehen / daß er nur zum Schertzen ist hieher kommen. Aber Polyphilus widerlegte: Wie könte mich meine Höflichkeit in solche Schmertzen versencken? wie könte der Schertz so ernstliche Wort / durch das ächtzende Verlangen meines Hertzens / führen? wie könte ich / ohne noth zwingende Ursach / in einem [487] so hefftigen Begehren /arbeiten? Was begehret ihr dann? fragte Macarie. Darauf Polyphilus: Ach! daß sie mich liebe / und mein Hertz mit dem ihren vermähle! Macarie antwortete: Darff ich wieder etwas von euch begehren / so bitte ich / wann ich sterbe / daß ihr meine Seele mit einer Leich-Oden begleitet / dadurch ihr euer Hertz vermählen könnet. Dann das solt ihr wissen / daß meine Gedancken sich mehr nach dem Grab / als dem Braut-Bett sehnen / und meine Ohren lieber ein Todten-Gedicht / als Hochzeit-Lieder hören wollen. Darum ihr ein anders Begehren thun wollet / dann dieses ist nicht in meinem Vermögen / euch zu gewähren. Ach! sagte Polyphilus / ists dann nicht müglich / daß ich ihre Gunst ehlich gewinne / so liebe sie mich / bitte ich / dennoch in ihrem Hertzen / und vergönne mir den freyen Zutritt / ihrer Würde zu dienen /vielleicht möchte der gnädige Himmel ihren Sinn ändern / und den Vorsatz der Einsamkeit verwechseln. Das will ich thun / antwortete Macarie / doch so fern es, ohne Beleidigung eurer Liebsten / geschehen kan. Meiner Liebsten / fragte Polyphilus? Ach! wie solt ich eine Liebste / ausser Macarien / erwählen! wie könt ich meine Seele einer höhern Würde vermählen? Das ist unmüglich / und wird man ehe Polyphilum nicht mehr nennen / ehe man eine Liebste Polyphili / ohne der allerwürdigsten Macarien / nennen wird. Darauf Macarie / mit lachendem Munde / anfieng / weiß ich doch / daß ihr Atychintidam / die Königin / liebet. Dessen Polyphilus eben auch lachen muste. Da er aber merckete / daß mit dem Schertz Macarien / auch ein Ernst unterlauffe / fieng er an sich hoch zu verfluchen / daß er keine Liebe / noch einige [488] Bezeugung der Gewogenheit / sich / gegen derselben / vernehmen lassen / sondern was er thun müssen / fordere den Danck / den er ihr / vor ihr Gutthaten / mit Billigkeit bezahle. Dann / sprach er / was solte mich verleiten /ein altes Weib zu lieben? Die Schönheit? sie ist in Warheit verruntzelt. Die Tugend? sie hat sich mächtig verblühet. Den Verstand? Er ist mercklich gewichen. Die Lieblichkeit? Sie ist offtermals sehr versauert /und so gestaltet / daß sie mehr Haß / als Liebe gebiehret. Nein / liebste Macarie! sie einig / und sonst keine / soll das Hertz Polyphili besiegen / so gar / daß ob ich gleich / das Glück / von dem widerwilligen Himmel / nicht erbitten könte / ihrer völlig zu geniessen / ich mich dennoch verpflichten will / so lang sie lebet / ein gleich-einsames Leben zu wählen / und ihrer zu gedencken / auch meine Ehr-Bedienung offtmals gegenwärtig zu bezeugen. Da sie aber sterben solte / mich gleicher weise nicht wägern / ihre Seele zu begleiten / und ihren Leib / ertödtet / meinem beyzulegen / weil er / in seinem Leben / dessen nicht geniessen können.

Macarie bedanckte sich seiner Gunst / wiewohl sie noch immer bemühet war / auf allerhand Art und Weise seinen Vorsatz zu wenden / biß Talypsidamus und Phormena mit dem Ende ihres Geschwätzes /auch das Gespräch Polypbili mit Macarien endeten /und zu Hause gehen wolten: wie sie auch Abschied nahmen / und morgendes Tages / vor der Abreise /wieder zuzusprechen verhiessen. Phormena war die erste / deren folgte Talypsidamus / Polyphilus beschloß den Reihen / und nachdem er / mit gar sehnlichen / ja bethränten Worten / von Macarien abscheidete / konte sich das erbarmende Hertz [489] der mitleidigen Macarien nicht halten / sondern entdeckte abermal die Treue ihrer Gewogenheit / durch einen harten Druck der Hand Polyphiii; und weil das Liecht / so vor ihnen hergetragen wurde / mit Phormena / etwas ferne kommen / so / daß es Polyphilum / durch den Anblick Macarien nicht mehr beschämen konte / erkühnete er sich / aber mit zittrendem Hertzen / auf den Klee ihrer Lippen zu eilen / und den Verliebten Honig zu samlen. Bald hätt ers auch gewonnen / weil sich Macarie deß nicht versehen: allein seine Langsamkeit verstärckete die Schamhafftigkeit der Macarien / daß sie sich dißmal seinem Begehren noch entzog. Doch war das zu loben / daß er sich nicht alsobald schröcken ließ / sondern seiner Künheit / zum andernmal / Raum gab / mit diesen vorgesetzten Worten: Ach! unbeweglicher Grund meines Lebens! will sie mich also in dem Feuer der Liebe / ohne einige Labung brennen lassen / und Abschied geben? Ein einiges bitte ich / damit mein Hertz ihrer Gegen-Liebe in etwas vergewissert lebe / mir zu gewähren / nemlich den verzuckerten Lippen-Thau / von ihrem durchsüssetem Munde / zu nehmen / und in dem erfüllet er die Wort mit Werck / wiewohl nicht ohne schamhaffte Beröthung der allerzüchtigsten Macarien.

Wie Polyphilo muß zu Sinn gewesen seyn / kan ein jeder leicht gedencken. Nun bist du ja mein / allerschönste Macarie! das war der erste Schluß. Nun liebst du mich ja von Hertzen / allerliebste Macarie! das war der Nachsatz. Und nun bin ich versichert /daß du mir nichts mehr versagen wirst / allerwehrteste Macarie! das war der endliche Trost. Wir wollen Polyphilum selber fragen / wie mächtig die [490] Freude seines Hertzens gewesen / weil ers am allerbesten bewähren kan. Die Antwort gibt er uns im nachgesetzten Sonnet / welches er eben damals / in den freudigen Gedancken / die ihn / von Macarien / ins Hauß Talypsidami / führeten / verfertigte:


O tausend-liebe Lust! du süsse Seelen-Speiß!
erfreuest Marck und Bein / jetzt bin ich gantz genesen /
weil ich den Zucker-Safft / von ihrem Mund / gelesen /
ich bin nun selbst die Freud! Ach! auf die wundre weiß
ist meiner Seelen wohl / die den verlangten Preiß
vor ihre Treue nimmt. Es ist noch nie gewesen /
der sich mir gleichen könt / der das versüßte Wesen
so süß genossen hätt auf diesem Erden-Cräiß.
Und wird auch keiner seyn / der dessen wird geniessen /
und seine Bitterkeit mit solchem Safft versüssen /
als du mir / liebes Kind! auf deinem Rosen-Mund
mit angenehmer Lust / zu stillen mein Verlangen /
zu holen meinen Raub in denen zarten Wangen /
und was ich sonst begehrt / anheute hast vergunt.

Nun gehen die beyde / Macarie und Polyphilus / zur Ruhe / dieser zwar / in der Behausung Talypsidami /Macarie aber / in ihrem gewohnlichen Gemach. Was will Polyphilus? schlaffen. Was Macarie: ruhen. Wann sie könten. Freylich wohl! Solte Polyphilum Macarie ruhen: Macarie Polyphilum schlaffen lassen? das wäre wider die Eigenschafft und anklebende Seuch der Liebe. Nein Polyphilus muste erfahren /daß denen Liebenden die Nacht zum Tag / und der Tag zur Nacht werde / so gar kam kein Schlaf in seine Augen. Er sandte die Boten seiner Gedancken zu Macarien / und weil dieselbe / den Befehl Polyphili / für der Thür Macarie / durch offtmaliges Anklopffen und Erinnerung / sorglich verrichteten / konte auch diese /der nächtlichen Ruhe / nicht mächtig werden / indem[491] sie gnug zu beantworten hatte / wann sie sich des Begehrens Polyphili erinnerte. Beyde vertrieben sie die Nacht / mit Sorgen und Dencken / und wurden nicht wenig erfreuet / daß sie das Tag-Liecht wieder erblickten / welches sie beyde / aus dem Bett / erhebte /und wieder zusammen brachte.

Es war noch sehr früh / als Polyphilus wieder zu Macarien kam / die ihn / nach abgelegtem Gruß / als balden fragte / wie er die Nacht geschlaffen? Darauf er antwortete: in der Gesellschafft meiner geliebten Macarien. Deme Macarie widersetzte: wie das seyn könne / da doch sie so weit entschieden gewesen? Das Polyphilus beantwortete: Wann sie gleich / verlangtes Hertz! nun noch so weit von mir gerissen / bin ich doch bey ihr / weil ich mich / nach dem edlesten Theil meiner Vollkommenheit / sehne / der bey ihr wohnet /und in ihrem Hertzen ruhet. So wohl! sprach Macarie / so hab ich / die Warheit zu bekennen / diese Nacht in eurer Gesellschafft gewachet: welche Wort /wie sie einen Kuß verdienet hatten / also wurden sie auch damit bezahlet.

Nicht unbillich solte sich eins wundern / wo Polyphilus so bald ein Hertz genommen / und wie bey Macarien so geschwinde die Liebe erwachsen? Nicht nur der Kuß wurde Polyphilo vergönnt / sondern er dorffte seine Macarien auch wol in seinen Schoß setzen. So viel vermochte der einige Kuß / den er gestern gewaget / daß er ihn billig vor den Stiffter ihrer Freundschafft zu achten. Viel liebliche und schöne Gespräch verführeten sie untereinander / allein so künstlich und freundlich Polyphilus seine Reden drehen mochte / kont er doch das Hertz der beständigen Macarien nicht erweichen / daß sie ihm die Versprechung [492] künfftiger Ehe gethan hätte. Da sie nun lang und viel geredt / auch Polyphilus seine Schmertzen so verbunden / daß ich meyne / er könne zu frieden seyn / kommt Phormena mit Talypsidamo / Abschied zu nehmen von Macarien / deßgleich auch Polyphilus thun solte. Aber / wie wird er können? Ists müglich /daß er die Hände verlasse / die er so freudiglich umschlossen hält? Ists müglich / daß er die Augen verschliesse / die in der Klarheit seiner Macarien so hell gläntzen? Ists müglich / daß er den Zucker-Mund seiner tausend-versüßten Macarien gesegne? Wie wird die unerschöpffte Freud / in eine verzehrende / ja wohl gar ertödtende Traurigkeit / verwechselt werden? Haben dich dann / unglückseliger Polyphile! die zarten Hände erfreuet / daß sie dich betrüben wolten? haben dich / ach! betrübter Polyphile! die helle Augen begläntzet / daß sie den Glückes-Schein in deinem Hertzen verfinstern wolten? Hat dich / O elender Polyphile! der versüßte Mund so hoch erhebet / daß er dich wieder stürtzen könne? Ach! wie weh wird deiner Seelen werden in diesem peinlichen Leiden. Ich höre dich schon klagen / wie du geklaget hast:


Ade / du hartes Wort! so soll ich / Liebste! scheiden!
so muß ich / Schatz! von dir? Ade / du hartes Wort!
kans denn nicht anderst seyn? so soll ich / Schönste! fort /
so muß ich / Werthe! dich / und deine Gegend meyden?
So kan ich länger nicht / Ach! meine Augen weyden
in deiner schönen Pracht? soll dann die Lieblichkeit /
Ach! zartes / süsses Kind! nicht nur / Ach! nur noch heut
vergösiet seyn? Ach Schmertz! was werd ich müssen leiden
wann ich dich nicht mehr seh? Furcht / Sorge / Angst und Noth /
Betrübnus / Kummer / Schmertz / wird seyn mein täglich Brod.
Dein Safft wird mir zur Gall; die Hände Fessel werden /
[493]
zu hämmen meine Lust / zu binden meine Freud /
dein süsser Lippen-Thau gibt lauter Bitterkeit /
es wird mir jetzt zu eng der Craiß der gantzen Erden.

Doch was hilffts / und solte ihn auch der Himmel gedrücket haben / muste doch der Wille Phormenä geschehen / die wieder zur Königin eilete. Die Thränen /die Seufftzer / die Klag-Wort / und das Hertzerzwingende ächtzen Polyphili / solte eins gezehlet haben /und das theure Versprechen / seiner Treu und Beständigkeit aufgeschrieben / wir würden Gelegenheit gnug zu wundern überkommen / doch mochte das alles nichts helffen / es muste geschieden seyn. Macarie begleitete ihn / mit ihren Augen / so fern sie konte / aber ihre Seufftzer und Gedancken führeten ihn gar nach Hause / blieben auch / als die treue Geferten / stets um und bey ihm: Deßgleichen thaten auch die Gedancken Polyphili. Wie Polyphilus muß gefahren seyn /kan man leicht gedencken. Je weiter der Schlitten seinen Leib wegführete / je hefftiger sein Hertz wieder zuruck eilete / so gar / daß er nichts redete / nichts gedachte / als von seiner Macarien / die ihm Hertz und Sinne eingenommen.

3. Absatz
Dritter Absatz

Beschreibet / wie Agapistus / dem ruckwendendenPolyphilo / entgegen gefahren / ihn zu empfangen /und wie Atychintida / durch die Liebs-Erzehlung derPhormenä / erzürnet / dem Agapisto Befehl ertheilet /Polyphilum von Macarien abzuwenden / auch wie sich Agapistus / in diesem / verhalten? Lehret [494] den vierdten Anstoß der Tugend-liebenden / nemlichMißgunst.


So lassen wir nun Polyphilum in seinen bekümmerten Gedancken fahren / und eilen / vor ihm hin / zum Agapisto / zu sehen / was der machet. Er verbrachte seine Zeit / in der Gesellschafft der Königin / und Erwartung Polyphili. Alle Stund wurden ihm zu lang /weil er Polyphilum nicht sahe / doch vergönnete er ihm gern die Zeit seiner Verweilung / weil er wohl errathen konte / es würde Polyphilo wohl gehen. Er hatte auch von Atychintida / wiewol ungewiß / vernommen / daß Polyphilus Macarien liebe / und stärckete ihn nicht wenig / in dieser Einbildung / seine belobte und beliebte Reden / die er / nie ohne sondern Eyfer / von Macarien geführet. Diese Gedancken beredeten Agapistum / daß er ihm fürnahm / Polyphilo entgegen / und auf Soletten zuzueilen / damit er aus der Gegenwart Polyphili und Macarien erkenne / ob ihm Polyphilus seine Lieb verhälet. Setzete sich derohalben auch zu Schlitten / und nahm den Sohn Melopharmis mit sich / vorgebend / er wolle ein wenig spatzieren fahren. Die Königin war leicht überredt /weil sie ihr nicht einbildete / daß Agapistus auf Soletten zuzufahren entschlossen: Erinnerte doch / daß sich Agapistus wohl in acht nehme / damit er keinen Schaden leide / sonderlich / weil er das verfluchte Pferd (so waren der Königin Wort) wieder angeschirrt /welches so wohl Polyphilum / als eben Agapistum selbsten zu Fall gebracht. Aber Agapistus war etwas verwegen / und wolte heut erweisen / daß er wohl ein Pferd bendigen könne / [495] dielleicht Polyphilum zu sch mpffen: Allein er muste gleiche Widerwertigkeit erfahren / dann ob er morgens früh sich aufmachte / und Polyphilum gar wohl hätte bey Macarien antreffen können / verhinderte ihn doch / das ungezähmte Roß /so sehr / daß er den gantzen Tag / mit seiner Fuhr /vertragen muste / die er in zwo Stunden hätte verrichten können. Denn er auch nicht den halben Weg auf Soletten hinter sich gelegt / als ihm Polyphilus mit Phormena entgegen kam.

Den Kuß / damit sie einander zu empfangen gewohnet / verwehrete die Furcht / es möchten / wenn sie abstiegen / und sich hertzten / die Pferde durchgehen / bevor da das Roß Agapisti erschröcklich schnaubete / und mächtig wütete. Darum Agapistus /den Gruß / mit folgenden Worten erklingen ließ: Glück zu Polyphilo / und Freude seinen Gedancken! deme Polyphilus / die Antwort / mit einem Gegen-Gruß / versetzte. Und Agapistus: was macht Macarie: wie lebt Talypsidamus? Ist Psychitrechis noch gesund? Polyphilus: sie leben alle wol / und lassen Agapistum grüssen / tragen Verlangen / ihn mit nächsten zu sehen. Auch Talypsidamus und Psychitrechis /überschicken Agapisto den schuldigen Danck / vor seine beschehene Hülff und Errettung: wünschen / mit nächsten Gelegenheit zu haben / selbigen gegenwärtig abzulegen / und mit angenehmer Bedienung / zu erwidern. Sind auch sehr bekümmert / daß er / durch ihre Befreyung / in so schwere Bedrangnus gerathen /dafür sie sich ewig verpflichtet bekennen. Denn (das wir jetzt erinnern müssen) es hatte Polyphilus / so bald er zu Talypsidamo / und seiner vertrauten Psychitrechis kommen[496] / den gantzen Handel / was sich mit Agapisto begeben / erzehlet / deßwegen sie theils erschrocken / theils erfreuet / Agapistum zu sehen wünscheten / auch Polyphilum ersuchten / einer gelegenen Zeit zu befehlen / die ihn auf Soletten bringe; Das er mit einem Ja-Wort versprochen.

Agapistus / nachdem er alles das von Polyphilo vernommen / bedanckte sich des guten Willens / und bekräfftigte den Wunsch / mit seinem Verlangen; das er aber dißmal nicht erfüllen konte / darum er wieder zu ruck / und mit Polyphilo / gen Sophoxenien / fahren muste. So bald sie dahin kommen / und abgestiegen waren / führete Polyphilus Phormenam / die Gesandtin / zur Atychintida / mit schuldigem Gehorsam /die sondere Gnad zu erwidern versprechende / die ihn zu den Führer Phormenœ erwählet. Die Königin konte der Zeit kaum erwarten / daß Polyphilus ausgeredt / alsbald sie anfieng / Polyphilum und Phormenam um Macarien zu fragen / deren Polyphilus antwortete / den Bericht wolle er der Phormena überlassen / die in allem / die Warheit bekennen werde: und damit nahm er Urlaub / und eilete zum Agapisto / der allbereit / in seinem Zimmer / Polyphilum erwartete.

Wir wollen aber erst melden / was Phormena mit der Königin geredt. Der Anfang ihrer Rede / war das Lob Macarie / und das Ende war Wunder. Sie erzehlete alles das / was sich begeben / und wie sie sich /über die Herrlichkeit Macarien / nicht gnug wundern könne. Sie berichtete die verständige Reden / die sie so wohl in weltlichen / als himmlischen Dingen geführet. Sie preisete ihre Höflichkeit und Zucht; auch die Wunder-schöne Sitten / [497] die sie / aus der Menschen Zahl / in den Himmel versetze / und der Welt zum Wunder-Bild vorstelle. Mit einem Wort / die hochgezierte Macarie / sey die einige / deren vor allen Kunst-und Tugend-liebenden Damen / so viel deren unter der Sonnen leben / mit Recht / der Name einer Göttin und Beherscherin der Kunst und Tugend / gegeben werde. Polyphilus aber / fieng Phormena ferner an /ist allein bey Macarien gewesen / und so viel ich mercken kan / muß er sie hertzlich lieben / weil er seine Pein / auch in meiner Gegenwart / nicht verbergen können: so hat sich / im Gegentheil / Macarie nicht unfreundlich geberdet / so gar / daß sie ihm vergönnet / die gantze Tisch-Zeit / ihrer beliebenden Hände zu geniessen / und ist das liebwinckende Augenspiel /ein offener Zeuge / eines Gunst-brennenden Hertzens /gewesen.

Diese Rede machte die Königin voller Eyfer / voller Mißgunst; dieses zwar wegen des Ruhms Macarien / jenes aber wegen Polyphili / den sie vielleicht selber gern geliebet hätte. Doch ließ sie sich gegen Phormenam nichtsmercken / beschloß aber / die Verhindernus dieser Liebe / dergestalt zu befördern / daß Polyphilus Macarien nicht mehr sehen solle. Ach! elender Polyphile! soll deine Freud so bald zerstöret /und deine Ruh so zeitig vernichtet werden? Soll Polyphilus Macarien nicht mehr sehen / so muß er sterben: was will Atychintida dann lieben? Solte sie nicht zu frieden seyn / daß er bey ihr wohne / und sich täglich mit ihm erlustigen könne? Aber das war der Neid /welcher solche Wurtzeln / in ihrem verboßtem Sinn /gewonnen / daß er nicht konte ausgerottet werden: wofern er sich nicht selber noch verzehren wird.

[498] So lassen wir sie nun in ihrer heimlichen Boßheit /und sehen / was Polyphilus und Agapistus gethan. Dieses Frag und jenes Antwort / war von Macarien. Polyphilus erzehlte alles / wie es ergangen / und was er genossen / auch / wie er nicht zweiffele / es werde /nach dieser Zeit / sein Wunsch also erfüllet werden /daß er sich / in dem Schoß seiner hertzgeliebten Macarien / wisse / wie er sie allbereit in dem Seinen ruhen lassen.

Nun wuste Agapistus / was Polyphilum nach Soletten gezogen / deßwegen er sich mit ihm freuete / und nichts mehr wünschete / als daß seinen Wunsch die Götter beseeligen / und durch keine Verhindernus / zu ruck halten wollen. Erbot sich auch willig in allem zu dienen / und dem Polyphilo in seinem Vornehmen /behülfflich zu seyn. Dessen sich Polyphilus bedanckte / und nichts mehr begehrte / als daß er stets mit ihm von Macarien reden wolle / dann er darinnen eine Linderung seiner Pein / und eine Versüssung seiner verbitterten Schmertzen suchete: allein er verstärckete vielmehr seine Noth / und erregte / durch solche betrügliche Freud / dem Hertzen / desto brünstiger Verlangen / das hernach nicht anderst / als in eine hefftige Passion konte verwandelt werden. Gleichwol erwählte er ihm die Erinnerung seiner Macarien / solte auch sein Hertz / vor Verlangen / bersten. Darum Agapistus allerhand Fragen ersinnete / allerhand Liebs-Geschicht erzehlte / und auf Macarien deutete / bloß Polyphilum / den der Schmertzen des grossen Verlusts /in die höchste Bekümmernus / versenckete / zu trösten. Sie blieben auch in dieser angenehmen Unterredung / biß die Königin Agapistum zu sich fordern[499] ließ / da er Polyphilum allein lassen muste / und hören / was deren Befehl seyn würde.

Diese / nachdem sie den Gruß Agapisti / mit gnädigem Danck / angenommen / fieng sie folgender Gestalt an: Edler Agapiste! die Aufrichtigkeit eures Gemüths / so ihr uns / in vielen / erwiesen / zwinget mich eurer Verschwiegenheit etwas zu vertrauen / daß ich keinem andern trauen darff. Ich weiß / daß ihr Polyphilum hertzlich liebt / und er ist werth / daß er geliebet werde / darum werdet ihr auch für se ne Wolthat sorgen. Ich vernehme / daß Polyphilus Macarien liebe / und um ihre Gunst zu bitten / diese Reise verrichtet / die er auch unschwer erhalten. Nun sehe ich /und erkenne / daß / wann Polyphilus in diesem Beginnen fort fähret / wird er sich / in diesen noch jungen Jahren / alles Glücks und künfftigen Ehr entziehen. Deßwegen bitte ich euch / durch die Liebe Polyphili /ihr wollet / Krafft dessen / daß ihr viel bey ihm vermöget / sein Glück befördern / und ihn warnen / vor dem künfftigen Unglück: widriges Falls ich gezwungen werde / weil ich schuldig bin / sein Bestes zu befördern / dasselbe mit Gewalt zu verwehren / was mein geneigtes Hertz / mit heimlichen Verbot / widerrathen wollen. Bemuhet euch / Agapiste! so viel ihr könnet / saget aber nicht / daß ich solches gebeten /oder vielmehr befohlen / sondern versuchet eure Kräffte / mit freundlicher Erinnerung / dafern solche auch etwas richten werden / sollet ihr an der reichen Vergeltung nicht zweiflen: besondern euch versichert halten / daß ich diesen Dienst / mit Königlicher Gnade / versetzen werde.

Agapistus konte kaum ein Wort antworten / so erschröckte ihn die Rede der Königin / denn er gedachte[500] / folge ich diesem Befehl / so verdiene ich bey Polyphilo Feindschaft / erhalt ich aber jenen Freund /werde ich bey der Königin / mit Polyphilo / in gleichem Haß bestehen. Doch gieng ihm die Freundschafft Polyphili für alles. Daher er die Rede der Konigin / mit diesen Worten / beantwortete: Durchleuchtigste Königin! die Mannigfaltigkeit der Guts-Erzeigung / so mich zu deren Gehorsam verbinden / solte mich billich zwingen / in allem / dero Befehl unwidersprechlich zu folgen: allein in einer solchen Sach / die den besten meiner Freunde einen unersätzlichen Schaden / und E. M. keinen Nutzen bringet / wird mich das Verbindnus der Treue / so ich mit Polyphilo aufgerichtet / allerdings entschuldigen / wann ich nicht Folge leiste. Dann so viel ich von Macarien gehöret /hat sich Polyphilus / den Seeligsten / unter dem Sonnen-Liecht / zu schätzen / dafern er ihrer Gewogenheit geniessen kan / dann er eine solche Dame liebet / die männiglich / wegen ihrer Tugend und Verstand / lieben muß. Darum ich E. M. vor Polyphilum bitte / dafern sie ihm einen Gnaden-Blick des Glückes gönnen will / sie wolle seinen Vorsatz / mit ihrem Widerwillen / nicht hindern / sondern / so viel möglich / befördern / weil wir allesamt durch Polyphilum beglücket und erfreuet leben werden.

Mit was ergrimmten Eyfer Atychintida diese Vertheidigung Polyphili anhörete / geben folgende Wort gnug zu erkennen / da sie anfieng: So habt ihr euch auch dem Polyphilo verschworen / sein Verderben zu befördern? Wie dörffet ihr euch unterstehen / die Treu / damit ihr euch ihm verbunden bekennet / so hoch gegen mir zu rühmen / die ich doch erfahre / daß sie mehr ein blosser Schein ist / und eine [501] falsche angestrichene Heucheley / in dem ihr mehr zu seinem Verderben / als Bestem / zu helffen geneigt seyd. Fordert das die Pflicht eures Versprechens / daß / dafern ihr Polyphilum / von einem Unglück / befreyen könnet / ihr euch dessen entziehet? Aber / ihr haltet das vor kein Unglück? Sehet an / den Stand Polyphili /bedencket seine Jugend / behertziget sein Gemüth /und was künfftig aus ihm werden könne / das stellet euch vor die Augen. Um wieviel kan er seine Kunst verstärcken / wann er bey uns bleibt / und unsre Tempel fleissig durchsuchet? Um wieviel kan er seine Tugend vermehren / wann er noch andere Länder und fremder Völcker Sitten und Gebräuche durchsiehet? Um wie viel kan er seine Ehr / seinen Ruhm / seinen Namen erheben / und aller Orten kündig machen /wann er seine Kunst / die sich kaum angefangen / verstärcket / und seine Tugend / die in der ersten Blüt ist / zu völligem Wachsthum kommen lässet? Bleibt er aber in der Liebe Macarien / so bleibt er in einer unvollkommenen Weißheit / unvollkommenen Tugend / unvollkommenen Ehre. Welchen unwiederbringlichen Schaden / er nachmals / mit Thränen / beklagen wird. Zwar ist er ausser aller Schuld / dann seine Jugend lässt ihm das nicht bedencken / aber die mitteln Jahre / werden dem Alter / die spate Reu kläglich zu beweinen geben. Ihr wisset wohl / Agapiste! daß Polyphilus einen hohen Sinn / und Ehr-begieriges Gemüth hat / das nicht leiden kan / noch sich drucken lassen. Ihr wisset / daß er aller Orten gerne geehret /und andern vorgezogen ist: welches er auch wol erhalten könte: allein / wann er in der Solettischen Finsternus verborgen ligt / wer wird ihn erheben / und wer wird ihn ehren / [502] wann er die zuwachsende Jahre /nicht gleich auch / mit dem Wachsthum der Weißheit und Tugend / beehret. Darum seyd nochmaln gebetten / edler Agapiste! um der Ehr / und des Glücks Polyphili willen / ihn von diesem Vorsatz abzulencken /und seinen Wolstand besser zu beobachten: Ich verspreche euch / daß nicht nur Atychintida / sondern Polyphilus selbst / euren Dienst / mit grossem Danck /erkennen werden.

Was solte Agapistus thun? Er sahe / daß er nichts richten würde / und wurde ihm die Versuchung zu schwer / darum er alsobald bey sich gedachte / er wolle es dem Polyphilo offenbahren / wie es ihm die Königin vertrauet; seyn die Gründe warhafftig / werde Polyphilus sich schon besser besinnen / sey es aber /aus falschem Hertzen / geredt / behalte er doch freyen Willen / zu folgen / oder zu widerstreben: deßwegen versprach er der Königin / weil die Sache so gestaltet wäre / wolle er freylich alles versuchen / was zu Verbesserung seines Vornehmens taugen würde. Bat auch um gnädige Verzeihung / daß er sich vorher so widerwillig erzeiget / weil solches die schuldige Pflicht / so ihn Polyphilo verbunden / erheischet. Nach dem redeten sie ferner von andern Begebenheiten / die wir hie nicht erzehlen wollen / sondern sehen / was indessen Polyphilus in seinem Zimmer gethan.

4. Absatz
Vierter Absatz

Beschreibet die Erinnerung Polyphili an die Reden seiner Macarien / und deren Bereimung / die ihreLehr-Puncten selbsten erklären.


[503] Der fuhlete die Versuchungen der Einsamkeit. Dann so bald er allein war / trugen ihm seine Sinnen das Bild der hertzlich-geliebten Macarien für / in deren Beschauung er sich heimlich freuete. Er rief allen denen Gedancken / die er auf Soletten geschickt / wieder zu rück die ihm die meiste Reden der verständigen Macarien wieder zu Sinn brachten. Der traurige Kummer / welcher sein Hertz schröckete / setzte ihn nieder / folgendes Gedicht / weiß nicht / soll ich sagen /zu seinem Trost / oder Vermehrung seiner Betrübnus / zu verfertigen / dieses Innhalts:


Sonst sagt man Sprichworts-Weiß: je mehr wir des geniessen /
was unser Hertz begehrt / je mehr will es verdriessen /
wenn mans entbehren soll: nicht haben / kräncket sehr /
das aber / was man hat / verlassen / noch viel mehr.
Mir trifft es eben ein; ich muß / ach Schmertz! verlassen /
das / was ich vor gehabt; ich kan nicht mehr umfassen /
die meine Liebe ist / drum bin ich so betrübt /
daß ich nicht üben kan / was ich zuvor geübt.
Es ist mir eben jetzt / als wie / wann einem träumet
von lieber guter Zeit / und alles doch versäumet /
was er wohl haben könt: so offt ich nur erwach /
ist mein beliebter Traum / ein eitles Weh und Ach.
Ich schlaff offt ohne Schlaff / dann mitten in dem Wachen
ist mir / als wenn ich schlieff; von allen denen Sachen /
die wir geredt / gethan / ist übrig nur ein Schein /
der mir bald Freud erweckt / bald wieder schwere Pein.
Jetzt denck ich an die Wort / und höfliche Geberden /
jetzt an den zarten Mund / der von mir sollte werden
mit Hertzens-Luft gehertzt; jetzt an die schöne Hand /
die ich so offt gedruckt / wie / Liebste! dir bekannt.
Jetzt fällt mir wieder bey das süsse Augen-spielen /
O meiner Augen Weid! und wie wir / Liebste! fielen
einander in das Hertz: daher das Senfftzen kam /
O offt ich deinen Strahl bey mir zu Hertzen nahm.
[504]
Jetzt denck ich an die Stund / da wir / ach! mit was Freuden
und tausend-froher Luft / bevor wir konten scheiden /
einander fassten an / und druckten Mund auf Mund /
da ich / gleichwie du mir / dir einen Kuß macht kund.
Nur einen? Noch wohl zwey / und wieder zwey darüber /
wie du / Hertzliebste! weisst; was konte mir doch lieber /
und mehr erwünschter seyn? nun aber hats ein End /
weil das verführte Glück / mich hat von dir getrennt.
Und daher leid ich Noth / daher sind meine Schmertzen /
daß ich abwesend bin / und dich nicht mehr kan hertzen /
wie vor dem ist geschehn! doch tröstet mich dabey /
daß / Liebste! deine Thür mir nicht verschlossen sey.

Kaum war dieses geendet / als sich sein Hertz / der Antwort erinnerte / da sie sprach: das ist seine Höfflichkeit / ich sehe / daß er / nur zum schertzen / ist hieher kommen: darüber er folgende Wort führete:


Das ist seine Höflichkeit / spricht sie:weil er nur zu schertzen /
wie ich sehe / kommen ist. Dann wir wissen / daß nicht sey /
was er saget und bekennt / ob ers gleich ohn allen Scheu
an mir preiset und erhebt. Ich seh / daß es nicht von Hertzen /
nicht mit Warheit sey geredt Ob die falschen Ehren-Kertzen
öffters glimmen fort und fort / muß doch mancher grosse Schand /
leiden durch sein eigen Lob / wann er nicht zuvor erkannt /
was der leichte Glaube bring / und mit was begabten Schmertzen /
mancher glaubet / dem er doch leinen Glauben geben sollt /
wann er ihm auch tausend Erd / auf die Warheit schweren wollt
So spricht sie: was ich gedencke / will ich wieder nicht verhelen /
wann ich anderst reden darf: welcher unter uns hat Recht
richtestu nach deinem Sist? bin ich ein getreuer Knecht /
der nichts wünschet / der nichts will: als sich deiner Gunst befehlen /
der mit dem vergnüget ist / wann er dich nur darff erwählen /
dich zu seiner Herrscherin / und in deinen Diensten stehn /
wann er nur / und wo er kan: und auf deine Warte sehn /
in dem allen / was er thut: der dich unter die will zehlen /
[505]
da noch nichts gezehlet ist: die durch ihrer Schönheit Pracht /
seine Freyheit / seine Lust / haben in das Netz gebracht.
Richtest du nach deinem Sinn? nennest du das Höflichkeiten?
was mir ist ein gantzer Ernst / und die Warheit selber weist /
die nit anderst kan und will / als daß sie dich schöne heist?
hast du warlich weit gefehlt: soltest du mich nit verleiten /
wüst ich nit / wohin ich solt: wem ich meine Traurigkeiten
klagen dörffte; wen ich könt / mir zu helffen / ruffen an /
wann ich / Liebste! dich nicht hätt? Ach! es wär um mich gethan.
Ach! es wär / Ach! aus mit mir! wer doch könte mir bereiten
das / was du mir geben kanst? drum / mein Liebgen! glaube nicht /
daß es nur sey Höflichkeit / wann die Warheit: Schönste! spricht.

Der Schluß dieses vorigen machte dem folgenden den Anfang / weil ihm auch die Wort beyfielen / daß sie gesagt: Er müste mich dauren / wann er sich so verstecken solt: welches er mit solchen Worten widerlegte:


Sie ist unrecht daran / in dem sie mich bedauret /
da ich mich mehr erfreu / wann sie nur selber nicht /
durch ihren Wider-Sinn in mir die Freude bricht.
So ist es je umsonst / daß sie mich jetzt betrauret.
Dann was ich haben will / das kan sie / Reiche! geben /
und gibt sies? fehlt mir nichts: ich habe alles dann /
wann ich sie selber nur / Hertzliebste! haben kan /
weil sie mir alles ist; was mich kan bald erheben /
und wieder fällen bald: bald freudiglich ergötzen /
bald wieder machen bang: bald reich / bald wieder arm:
bald frölig / bald betrübt: drum sie sich nur erbarm /
Hertzliebste! über mich / so bin ich reich zu schätzen.
Und will sie dann was mehr / und will sie was bedauren?
So bitt ich / sie bedaur nur meine heisse Pein /
und daß sie nicht / wie ich / will gleich-gesinnet seyn;
Dann das ist daurens werth: das helffe sie betrauren.
Sie spricht: es sey mein Schad: ich aber möchte wissen /
[506]
warum? Sie schweiget still: die Ursach ist bekannt /
weil sie nicht lieben mag; weil sie das theure Pfand /
mit gleich-verliebter Treu / zu halten nicht beflissen.

Kaum war auch dieses verfertiget / als er sich erinnerte / daß sie ihn um ein Leich-Oden ersuchet / wenn sie sterben werde: welche Bitte er folgender Gestalt verehrete:


Die Liebste sprach mich an / ein traurig Sterb-Gedichte /
durch meine schlechte Reim / ihr dann zu setzen auf /
wann sie der bittre Tod / aus diesem Lebens-Lauf /
versetzet in das Grab. Warum? die treue Pflichte /
so ich ihr schuldig bin / und was ich sonst verrichte /
soll ich vielleicht auch dann / mit gleich getreuer Hand
erweisen ihr zu letzt? wie ich sie offt genannt
die Allerliebste mein: also auch nicht vernichte