Hermann von Pückler-Muskau
Briefe eines Verstorbenen

Erster Theil

Vorwort des Herausgebers
[5] Vorwort des Herausgebers.

Die Briefe, welche wir dem Publikum hiermit übergeben, haben das Eigenthümliche, daß sie, mit sehr geringer und unwesentlicher Ausnahme, zu ihrer Zeit wirklich so geschrieben wurden, wie man sie hier findet.

Man kann sich daher leicht denken, daß sie früher auch zu nichts weniger als zur [5] Publizität bestimmt waren. Der Schreiber gehört jedoch nunmehr zu den Seligen, wodurch viele Rücksichten wegfallen, und da seine Briefe, nebst einigen interessanten Nachrichten, wenigstens eine reelle Individualität aussprechen, und mit eben so ungeschminkter Freimüthigkeit als vollständiger Partheilosigkeit geschrieben sind – glaubten wir, bei dem nicht zu häufigen Daseyn dieser Elemente in unsrer Literatur, einen Beitrag solcher Art nicht überflüssig.

Der Verstorbene hatte, wie ich gestehen muß, das Unglück, während seines Lebens Alles anders anzufangen als andere Leute, weßhalb ihm auch wenig gelang. Viele seiner Bekannten hielten ihn aber für einkünstliches Original, und daran thaten sie ihm Unrecht. Niemand war aufrichtiger in seinen Sonderbarkeiten, und schien es vielleicht weniger, Niemand natürlicher, [6] da wo Alle Absicht zu sehen glaubten.

Dieses ungünstige Geschick verfolgt gewissermaßen auch jetzt noch die Erscheinung seiner Briefe, indem besondre Umstände, die hier nicht erläutert werden können, uns nöthigen, das Werk, gegen alle Gewohnheit, mit den beiden letzten Theilen zu beginnen, die nun zu den ersten werden müssen. Erhalten diese indeß Beifall, so hoffen wir ihnen bald jene »nachfolgend vorangehen« lassen zu können, und man wird sie wenigstens eben so selbständig finden. 1 Zur Bequemlichkeit der [7] Leser haben wir jedem Brief eine kurze Inhaltsanzeige beigefügt, so wie einige Noten ad modum Minelli im Ganzen vertheilt, derentwegen wir gebührend um Verzeihung und Nachsicht bitten.

B... den 30. Oktober 1829

Fußnoten

1 Wir geben hierdurch zugleich etwanigen Recensenten von vorn herein eine artige Gelegenheit, ihren Witz leuchten zu lassen. Sie könnten z.B. sagen: dies Werk muß man ohne Zweifel originell nennen, denn es ist vorläufig, nur mit zwei Beinen in die Welt gesprungen – der Kopf soll erst nächste Messe nachfolgen.

Inhaltsverzeichnis des ersten Theils
[8] Inhaltsverzeichnis des ersten Theils.

Fünf und zwanzigster Brief.


Seite 1

Abreise von London. Cheltenham. Comfort in England. Trinkquelle. Promenaden. Wie die Themse entspringt. Vergleiche. Lakintonhill. Das Dorf im Walde. Altrömische Villa. Theegarten. Alleen. Der Bade-Ceremonienmeister. Schlachtfelder vor Tewksbury. Worcester. Cathedrale. König Johann. Der Templer. Rangordnung auf Prinz Arthurs Grabmal. Annehmlichkeit des Reisens. Nebelbild. Das Thal von Llangollen. Der Kirchhof und seine Aussicht. Bergfrühstück. Die berühmten Jungfern. Besuch bei ihnen. Begegnung bei Pont-y-Glyn. Das hohe Gebürge. Vergleich mit dem Schlesischen. Die Straße. Der Stein-Bischof. Die Unermüdliche. Scherz und Ernst. Penrhyn Castle. Die Schieferbrüche. Wie es da zugeht. Betrachtungen einer fromm gemüthlichen Seele aus Sandomir oder Sandomich.


[9] Sechs und zwanzigster Brief.


Seite 64

Wilde Fahrt. See von Llangberris. Lachs-Hunde. Unwetter. Schutz in der alten Burg. Hütte und ihre Bewohner. Ersteigung des Snowdon. Berg-Pony und Bergschaafe. Der verschleierte Gipfel und mein Doppelgänger. Libation unter der Säule. Felsenweg. Aussichten. Region der Raubvögel. Rückfahrt auf dem See. Schloß von Caernarvon. Edward's Geburt. List des Königs. Ursprung des englischen Wappenmotto's. Contrast in der Ruine. Der Adlerthurm, Seebad. Billard von Metall und Dampfkellner. Wetter und Essen. Caernarvon's Hebe. Auszug aus der Lammszeitung. Promenaden um die Stadt-Bad in Bangor. Beaumaris. Das Schloß. Craig-y-Don. Meerenge von Anglesea. Die Kettenbrücke über das Meer gespannt.


Sieben und zwanzigster Brief.


Seite 95

Raubfliegen. Vorschlag zu einer Parkanlage. Plasnewyd. Die Cromlechs. Transport in Japan. Druiden-Cottage. Neues Kaleidoscop. Abschweifende Erklärungen. Reise ins Innere des Gebürges. Carrs. See von Idwal. Uebergang am Fuß des Trivaen. Der Walliser Führer. Mühsames Steigen. Die rothe Beleuchtung. Das Steinthal. Die Adler. Böse Passage. Bergsümpfe. Die Rasenalp. Capel Cerrig. Thal von Gwynnant. Elysium. Dinasemris, der Felsen Merlin's. Bestandene Gefahr auf demselben. [10] Verdächtiger Spuck. Die Area. Anmuthiger Gasthof in Bethgellert. Der blinde Harfner und sein blinder Hund. Gellert der treue Gefährte Llewellin's, und sein tragisches Ende. Die Teufelsbrücke. Tan-y-Bwlk. Schöner Park daselbst. Ausgetrocknetes Meer. Der Riesendamm. Tremadoc. Erinnerungen an Sand, Schmutz und Vaterland. Abendphantasie. Philosophische Brocken. Der Besitzer v. Penrhyn Castle. Weg am Penman Mawr. Schloß zu Conway mit 32 Thürmen. Die Villa Contentment. Das Closet der Königin. Der Fisch Place. Hookes mit 41 Söhnen. Die Manie des Gothischen. Achtbare Engländer.


Acht und zwanzigster Brief.


Seite 138

Vie de Chàteau. Kirche v. St. Asaph. Das Tabernakel. Aechter Glaube. Denbigh Castle. Kasino in den Ruinen. Wettkampf und Chor der Harfner. Romantisches Thal. Die liebliche Fanny. Ihre Dairy und Aviary. Vogel-Paradies. Spazierritt und phantastische Gegend. Kurzer Aufenthalt in Craig-y- Don. Zeitungsstelle. Fisch-Diné. Glückliche Lage der mittlern Classen. Vorurtheile über England. Die Insel Anglesea. Parismines. Ueber Gewinnung des Kupfers. Neue Erfindung. Holyhead. Der Leuchtthurm. Grauenhafte Felswände und flugübende See-Möven. Die Schwebebrücke. Stürmische Ueberfahrt nach [11] Irland. Erste Eindrücke daselbst. Früchte- und Blumen-Ausstellung. Die Erstern werden verzehrt. Gang in der Stadt und Besichtigung verschiedener Merkwürdigkeiten. Palais des Vice-Königs und neugothische Capelle. Universität. Mein Cicerone. Orgel der Armada. Archimedes Brennspiegel. Portraits v. Swift und Burke. Die Schlacht von Navarin. Der Phönix-Park. Charakteristisches vom Volke. Lady B.... Was in England Charakter heißt. Der Liffey. W... Park. Reizender Eingang. The three rocks. Schöne Aussicht. Die halbnackte Bäuerin. Hölzerne Capuziner. Der Dandy. Gemächliche Einrichtungen englischer Aristokratie. Besuch auf dem Lande. Erste entrevúe mit Lady M.... Mißgeschick auf einem Spazierritt. Noch etwas über die Muse Irlands.


Neun und zwanzigster Brief.


Seite 177

Reise zu Pferd nach der Grafschaft Wicklow. Bray. Studenten-Einrichtung. Frömmigkeit der Engländer. Kilruddery. Glen of the Downs. Pavillon und Tiger-Thal von Duvan. Der Riese. The devil's glen. Schaurige Schlucht. Kühleborn. Ländliches Mahl in Rosanna. Die Touristen. Avondale, ein Eden im Mondschein, Avoca Inn. Die Begegnung der Wässer. Schloß Howard. Schönes Portrait der Maria Stuart. Bark von Bally-Arthur. Das Aha. Mein Pferd als blinde Kuh. Shelton [12] Abbey. Der Neger Portier. Verlust meines Taschenbuchs. Was ein Gentleman ist. Das Thal von Glenmalure. Einfahrt in die Bleiwerke. Die Militär-Straße. Sonne hinter schwarzen Wolkenmassen. Die sieben Kirchen, Das Epheuthor. Geheimnißvolle Thürme ohne Eingang. Der schwarze See des heil. Kavin. Der Riese Fian Mac Comhal, und die verliebte Königstochter. Ihr tragisches Ende und des Heiligen zu weit getriebene Enthaltsamkeit. Irländische Toilette. Walter Scott und Moore im Munde des Landmanns. Morast und Irrlichter. Eine Nacht auf Stroh. Neblige Haide. Erster Sonnenblick über dem See und Thal von Luggelaw. Romantische Einsamkeit. Das Felsenbild. Der Park von P..... Intoleranz, Frömmelei und Sonntag. Der Zuckerhut. Reiche Gegend. Ruhe am Bache. Lord Byron.


Dreißigster Brief.


Seite 200

Häusliches. Die Messe zu Donnybrok. Das Liebes paar. Powerscourt. Der Dargle und the lovers leap. Der Wasserfall. Gallopade mit dem Führer hinter mir. Der Mond leuchtet zu Haus. Gasthofleben zu Bray, mit Schilderung einiger englischer Sitten. Der Großherzog von W.. Vortheile der Beschränktheit. Betriebsamkeit der Bettler. Kingston. Der Hafenbau. Maschinerien. Das Gespensterschiff. Geschmackloses Monument, dem König errichtet. Schöne Straße nach Dublin. Englische Reiter und vortreffliche Bajazzi. Der Meerpolypen-Tanz.


[13] Ein und dreißigster Brief.


Seite 216

Der junge Geistliche. Reise mit ihm nach dem Westen. Eigenthümliches Land. Aufenthalt beim Capitän B... Leben ächter Irländer. Sie sind nicht überstudirt. Gottesdienst in Tuam. Racecourse in Gallway. Aehnlichkeit des irländischen Volks mit den Wilden. Die Stadt Gallway. Mangel an Lecture daselbst. Das Wettrennen. Unglück des einen Reiters. Gleichgültigkeit des Publikums dabei. Die schöne Afrikanerin. Der Badeort Athenrye, gleich einem polnischen Dorfe. Das Schloß König Johanns. Die Abtei. Volks-Eskorte. Whiskey. Prag und Carlsbad böhmische Dörfer. Esel eine Merkwürdigkeit. Castle Hacket. Die Feenkönigin. Sie holt sich einen Liebhaber. Prachtvoller Sonnenuntergang. Wastemper heißt. Cong. Irländischer Witz. Das Pigeonhole. Unterirdischer Fluß. Meg Merrilis. Erleuchtete Felsengewölbe. Verzauberte Forellen unter der Erde. Der See Corrib mit 365 Inseln. Die Kloster-Ruine. Irländische Art die Todten zu begraben. Güte des alten Hauptmanns.


Zwei und dreißigster Brief.


Seite 250

Hors d'oeuvre. Abentheuer mit der Zigeunerin. Wie man der Seele beikömmt. Mehr über die schöne Afrikanerin. Pistolenschließen. Blaue und schwarze Augen. Wie der Teufel Sonntags angezogen ist. Herr L.... Die stupide Wuth der Orangemänner. Schön erdachte künstliche [14] Wasserparthieen. Gemälde-Gallerie zu M.. B... Petrus mit einer scharlachrothen Perrücke von Rubens. Winterlandschaft v. Ruisdael. Herrlicher Jude von Rembrandt. Irländische Jagdpferde. Abreise mit dem Briefpostkarren. Der gefällige Irländer. Oede Gegend. Armuth und Lustigkeit des Volkes. Sichere Offenbarung. Die Croßbones. Geschichte derselben. The punchbowl. Park des Lord Gort. Meine Postpferde wünschen da zu bleiben. Irisches Postwesen überhaupt.


Drei und dreißigster Brief.


Seite 284

Limmerick. Alterthümlicher Charakter dieser Stadt. Katholiken und Protestanten. Deputation und Anerbietung des Liberator-Ordens. Ein Vetter O'Con nels. Die Cathedrale. Man macht mich zu Napoleons Sohn. Ich substituire meinen Kammerdiener und ziehe mich zurück. Unterhaltung in der Diligence. Der Shannon gleicht einem amerikanischen Fluß. Neue Industrie der Bettler in Lisdowel. Zwölf Regenbogen an einem Tage. Killarney. Beschiffung des Sees im Sturm. Der Dandy und der Fabrikant. Einige Gefahr zu ertrinken. Die Insel Inisfallen. O'Donnohue's weißes Pferd. Sein Geisterleben und seine Geschichte. Der alte Bootsmann und sein Abentheuer. Modejournal der Hölle. Abtei von Mucruß. Der große Taxusbaum. Urtel der Priesterschaft. Wasserfall O'Sullivan's. Das junge Sonntagskind. Die Wette. Anrede an Ross Castle. Zwei Engländer zuviel. Der Ritter [15] von der Schlucht. Der Narrenfelsen. Fanferluche. Park von Brandon Castle. Ein Bugleman. Das Adler-Nest und Coleman's Sprung. Das Diner. Frischer Lachs an Arbutusstöcken geröstet. Heimfahrt. Schwermüthige Gedanken. Nächtliche Taufceremonie mit Branntwein. Die Julie-Insel. Reise nach Kenmare. Shileila-Kampf. Ritt bei Nacht nach Glengariff. Seltsamer Weg. Der kluge Pony. Reizende Bay von Glengariff. Park des Obristen W. ein Muster. Die Familie des Besitzers. Lord B...'s Jagdschloß. Unwetter. Unheimliche Stimmung. Felsenkessel, Sturm, Beschwörung, Erscheinung des ...

[16]
25. Brief
[1] Fünf und zwanzigster Brief.

Cheltenham, den 12. Juli 1828.


Meine theure Julie! 1


Um zwei Uhr in der Nacht verließ ich London, diesmal recht krank, und sehr widrig gestimmt, in Harmonie mit dem Wetter, das, ganz à l'anglaise, stürmte, wie auf der See, und goß, wie mit Kannen. Als aber gegen acht Uhr der Himmel sich aufklärte, ich beim sanften und raschen Rollen des Wagens ein wenig geschlummert hatte, und durch den Regen erfrischt, nun alles smaragd grün glänzte, und ein herrlicher Duft von den Wiesen und Blumen in das offene Wagenfenster drang – da ward Dein von Sorgen gedrückter, grämlicher Freund wieder auf einige Augenblicke das harmlose, in Gott und der schönen Welt vergnügte Kind. Reisen ist in der That in England äusserst ergötzlich – könnte ich nur Deine Freude daran sehen, sie selbst in [1] Deiner Begleitung verdoppelt fühlen! Obgleich es auch später noch mitunter regnete, wovon ich übrigens im zugemachten Wagen nicht viel empfinde, so war doch, bei linder Luft, der Tag sehr angenehm. Der erste Theil des Landes, durch welches unser Weg führte, strotzte von üppiger Vegetation, gleich dem schönsten Park; der folgende bot unabsehbare Kornfelder, und zwar hier ohne Hecken dar, welches eine Seltenheit in England ist; und der letzte glich fast den reichen Ebnen der Lombardei. Ich kam bei mehreren großen Besitzungen vorbei, die ich aber des ungewissen Wetters und der gemessnen Zeit wegen unbesucht ließ. Es ist auch nun, nach meinen langen Park- und Garten-Jagden durch halb England, nicht leicht mehr in dieser Hinsicht etwas Neues für mich aufzufinden. In Cirencester besah ich eine schöne und sehr alte gothische Kirche mit einigen leidlich erhaltenen bunten Glasfenstern, und merkwürdig barokkem altem Schnitzwerk. Es ist Jammerschade, daß sämmtliche gothische Kirchen in England, ohne Ausnahme, durch geschmacklose, moderne Grabsteine und Monumente verunstaltet sind.

Spät Abends erreichte ich Cheltenham, einen allerliebsten Badeort, von einer Eleganz, die auf dem Continent nicht angetroffen wird. Schon die reiche Gaserleuchtung, und die, alle wie neu aussehenden Villaartigen Häuser, jedes mit seinem Blumengärtchen umgeben, stimmen das Gemüth fröhlich und behaglich. Auch komme ich in diesen Stunden, wo das Tageslicht mit dem künstlichen streitet, überall am [2] liebsten an. Wie ich in den fast prächtig zu nennenden Gasthof eintrat, und auf schneeweißer Steintreppe, die ein Geländer von Goldbronce zierte, über frisch glänzende Teppiche, von zwei Dienern vorgeleuchtet, nach mei ner Stube ging, gab ich mich dem Gefühle des Comforts recht con amore hin, das man nur in England vollkommen kennen lernt. In dieser Hinsicht ist daher auch für einen Mysantropen, wie ich bin, das hiesige Land ganz geeignet, weil alles, was nichts mit dem Gesellschaftlichen zu thun hat, alles, was man für Geld sich verschafft, vortrefflich und vollständig ist, und man es isolirt genießen kann, ohne daß sich ein Anderer um uns bekümmert 2. Sorgenlos und unbefangen von Geschäften, mit Dir hier zu reisen, wäre das süßeste Vergnügen für mich – wie sehr entbehre ich Dich überall, und muß Dich wohl innig lieb haben, Du Gute, weil ich, wenn es mir übel geht, stets einen Trost darin finde, daß Du dem Moment wenigstens entgehst, und dagegen wenn ich etwas sehe oder fühle, das mich freut, auch immer, gleich einemVorwurf, das peinliche Gefühl mit empfinden muß, dies Alles ohne Dich zu genießen! Eine größere Masse mannichfaltigen Lebensgenusses kann man aber gewiß in England auffinden, als es bei uns möglich ist. Nicht umsonst haben hier lange Zeit weise Institutionen gewaltet, und was den Menschenfreund vielleicht am [3] meisten beruhigt und erfreut, ist der Anblick so allgemein größern Wohlseyns und würdigerer Lebensverhältnisse. Was man bei uns Wohlhabenheit nennt, findet man hier als das Nothwendige angesehen, und durch alle Klassen verbreitet. Daraus entsteht, bis auf die kleinsten Details, ein Streben nach Zierlichkeit, eine sorgsame Eleganz und Reinlichkeit, mit einem Wort: ein Trachten nach dem Schönen neben dem Nützlichen, das unsern geringern Klassen noch ganz unbekannt ist. Ich glaube, ich schrieb Dir schon einmal von Birmingham, daß, als ich eben dort war, die Londoner Oppositions-Blätter von einer in Birmingham herrschenden Hungersnoth unter den Fabrikarbeitern berichteten. Diese bestand in der Wirklichkeit darin, daß die Leute, statt drei oder vier Mahlzeiten, mit Thee, kaltem Fleisch, Butterbrod, Beefstakes oder Braten, sich nun eine Weile vielleicht mit einer oder zwei, und blos mit Fleisch und Kartoffeln begnügen mußten. Es war aber zugleich Erndtezeit, und der Mangel an Arbeitern hierbei so groß, daß fast jeder Preis dafür bezahlt wurde. Demohngeachtet versicherte man mich, die Fabrikarbeiter würden eher alle Maschinen demoliren, ja wirklich Hungers sterben, ehe sie sich entschlössen, eine Sense in die Hand zu nehmen, oder Garben zu binden. So verwöhnt und eigensinnig, durch allgemeines Wohlleben und Sicherheit des Verdienstes (wenn man diesen nur ernstlich aufzusuchen Lust hat) ist das englische gemeine Volk, und man kann sich, nach dem Gesagten, abstrahieren, was von den [4] häufigen Artikeln solcher Art in den Zeitungen eigentlich zu halten ist.


Den 13ten.


Heute früh besuchte ich einen Theil der öffentlichen Promenaden, welche ich indeß unter meiner Erwartung fand, und trank den Brunnen, der mit Carlsbad Aehnlichkeit hat, mich aber sehr erhitzte. Die Doktoren sagen hier, wie bei uns: man müsse ihn früh trinken, sonst verliere er einen großen Theil seiner Kraft. Das Spaßhafte ist aber, daß hier früh, in ihrem Sinne, gerade da anfängt, wo es bei uns aufhört, nämlich um zehn Uhr. Das Wetter ist leider nicht günstig, jetzt kalt und stürmisch, nachdem wir früher, ziemlich lange für England, große Hitze gehabt hatten. Zur Reise ist es aber nicht so übel, und ich fühle mich dabei mindestens weit heiterer als in London, freue mich auch lebhaft auf die schönen Gegenden in Wales, denen ich entgegen reise. Sey also wenigstens in Gedanken bei mir, und laß unsere Geister Hand in Hand über Land und Meer gleiten, zusammen von den Bergen hinab schauen, und der Thäler stille Heimlichkeit genießen; denn an der Schönheit Gottes herrlicher Natur erfreuen sich die Geister gewiß durch alle Welten, in Formen so unendlich verschieden, als die Unendlichkeit selbst grenzenlos ist.

Ich führe Dich zuerst zu den sieben Quellen der Themse, die eine Stunde von Cheltenham entspringen. In einer Fly, (kleine Art Landau, nur mit einem [5] Pferde bespannt) auf deren Verdeck ich saß, um die schönen Aussichten von einem höhern Standpunkte zu betrachten, hatte ich diese Excursion unternommen. Nach langem Steigen sieht man endlich, auf einsamer Bergwiese, unter ein Paar Erlen, eine sumpfige Gruppe kleiner Quellchen, die, so weit der Blick sie verfolgen kann, als ein unbedeutendes Bächlein hinab rieseln. Dies ist der bescheidne Anfang der stolzen Themse. Es ward mir ganz poetisch zu Muthe, als ich mir dachte, wie ich erst vor einigen Stunden dasselbe Wasser, nur wenige Meilen davon, mit tausend Schiffen bedeckt sah, und wie dort der glorreiche Strom, obgleich sein Lauf nur so kurz ist, dennoch vielleicht mehr Schiffe, mehr Schätze und mehr Menschen das Jahr über auf seinem Rücken trage, als irgend einer seiner colossalen Brüder; wie an seinen Ufern die Hauptstadt der Welt liege, und wie von ihnen aus allmächtiger Handel vier Welttheile beherrsche! – Mit respektvoller Verwunderung blickte ich auf die plätschernden Wasserperlen hin, und verglich sie bald mit Napoleon, der, in Ajaccio incognito geboren, kurz darauf alle Throne der Erde erzittern machte – bald mit der Schneelawine, die unter der Zehe eines Sperlings sich ablöst, und fünf Minuten nachher ein Dorf begräbt – oder mit Rothschild, dessen Vater Bänder verkaufte, und ohne den heute keine Macht in Europa Krieg führen zu können scheint.

Mein Wagenlenker, der zugleich ein beglaubigter Cheltenhamer Cicerone war, brachte mich von hier[6] auf einen hohen Berg, Lakintonhill genannt, wo eine berühmte Vûe ist, nebst der Zugabe eines freundlichen Gasthofs zur Bewirthung der Besuchenden. Im Schutz einer Rosenlaube geborgen 3, schweifte mein Blick siebenzig englische Meilen weit in das Land hinein, eine reiche Ebne mit mehreren Städten und Dörfern überschauend, unter denen die Cathedrale von Gloucester den stattlichsten Aussichtspunkt bildet. Hinter ihr thürmen sich zwei Bergreihen übereinander, die von Malvern und von Wales. So schön alles war, erweckten doch die fernen, blauen, in Duft verschwimmenden Berge nur sehnsüchtiges Heimweh in mir. Wie gern wäre ich, unter Fortunato's Wünschhütlein, an Deine Seite geflogen! Bisher hatten sich schwarze Wolken am Himmel gejagt, gerade als ich die Aussicht verließ, erschien nekkend die Sonne. Sie leuchtete mir durch einen schönen Buchenwald zu dem reizenden Landsitz des Herrn Todd, der mitten im Waldesdunkel in Gestalt eines freundlichen Dörfchens angelegt worden ist – lauter Hütten Strohdächer und Moos-Gallerien. Auf grünem Rasenplatz in der Mitte, steht die ehrwürdige Dorflinde, mit der Bank von drei Etagen für eben so viel Generationen, nicht weit davon auf verwittertem Stamme eine Sonnenuhr, und am Bergsaume nach dem Thale zu ein ländlicher Ruhesitz mit einer [7] Kuppel von Haidekraut, deren Ribben zierlich von Wurzeln geflochten sind. Oft wird bei Festen das Ganze mit Immergrün und Blumen geschmückt, und Abends mit bunten Lampen erleuchtet. In dem daneben liegenden Park, den manche schöne Parthieen auszeichnen, findet man die Ruinen einer römischen Villa, die erst vor acht Jahren zufällig entdeckt wurde, und zwar durch das plötzliche Einsinken eines Baumes. Einige Bäder sind noch wohl erhalten, so wie zwei Mosaik-Böden, die aber nur eine ziemlich grobe Arbeit darbieten, und mit pompejischen Ausgrabungen keinen Vergleich aushalten. Die Wände sind zum Theil noch mit zwei Zoll dickem, roth und blau gefärbten Stuck bekleidet, und die Heizröhren von Ziegeln erbaut, deren Qualität und Dauer unübertreffbar ist. Eine Viertelstunde davon verfolgt man deutlich die alte römische Straße, die auch noch zum Theil benutzt wird, und sich von den englischen Wegen dadurch hauptsächlich unterscheidet, daß sie, gleich einer norddeutschen Chaussee, in schnurgerader Linie geführt ist. Hoffentlich aber war der Geschmack der Römer zu gut, um sie auch mit unabsehbaren Reihen lombardischer Pappeln einzufassen, wie es bei jenen der Fall ist, deren doppelte Monotonie deßhalb eine wahre Marter für den armen Reisenden wird. Welcher Unterschied mit einer englischen Landstraße, die man in sanften Biegungen um die Berge windet, tiefe Thäler vermeidet und alte Bäume schont, statt, um der fixen Idee der geraden Linie zu folgen, sie [8] mit sechsfach größern Kosten durch dick und dünne, durch Berge und Abgründe mit Gewalt zu führen.

Auf dem Rückwege nach Cheltenham kam ich durch ein großes Dorf, wo ich einen sogenannten Theegarten zum erstenmal besuchte. Die Art, wie hier ein geringer Raum zu hundert kleinen Nischen, Bänken, und pittoresken, oft abentheuerlichen, Sitzen unter Blumen und Bäumen benutzt wird, ist merkwürdig genug, und bildet einen seltsamen Contrast mit dem Phlegma der bunten Menge, welche die Scene, nicht sowohl belebt, als staffirt.

Da es noch ziemlich früh war, als ich die Stadt wieder erreichte, so benutzte ich den schönen Abend, um einige andere Brunnen zu besuchen, wobei ich gewahr wurde, daß ich heute früh nur auf den unbedeutendsten gestoßen war. Diese Anlagen sind ungemein glänzend, vielfach mit Marmor, aber noch mehr mit Blumen, Gewächshäusern und schönen Pflanzungen geschmückt. Die Spekulationen in England steigern sich enorm, sobald eine Sache Mode wird, und dies ist hier so sehr der Fall, daß sich binnen fünfzehn Jahren in der Nähe der Stadt der Preis einer Acre Landes von vierzig auf tausend Guineen erhöht hat. Die für das Publikum bestimmten Vergnügungsörter sind hier, und ich glaube mit Recht, ganz verschieden von Garten- und Park-Anlagen eines Privatmannes behandelt. Breite Promenaden, Schatten und abgesonderte Plätze werden mehr, als Aussichten und ein großartiges, landschaftliches Ganze, bezweckt. Die Art, Alleen zu pflanzen, gefällt [9] mir. Es wird nämlich ein fünf Fuß breiter Streifen Landes längs des Weges rigolt, und dicht aneinander ein Gemisch verschiedener Bäume und Sträucher hineingepflanzt. Die am besten wachsenden Bäume läßt man später in die Höhe gehen, und die andern hält man als unregelmäßigen, niedrigen Unterbusch unter der Scheere, welches den Aussichten, zwischen der Krone der hohen Bäume und dem Gesträuch, eine schönere Einfassung giebt, das Ganze voller und üppiger macht, und den Vortheil gewährt, daß man, wo die Gegend uninteressant ist, die Laubwand von unten bis oben dicht zuwachsen lassen kann.


Worcester, den 14ten.


Entre la poire et le fromage erhielt ich gestern den schon zweimal abgelehnten Besuch des hiesigen Ceremonienmeisters, des Herrn, welcher die Honneurs des Bades macht, und in den englischen Badeörtern eine bedeutende Autorität über die Gesellschaft ausübt, wogegen er mit sonst ganz antienglischer Zuvorkommenheit und Wortschwall die Fremden begrüßt, und für ihre Unterhaltung zu sorgen sucht. Ein solcher Engländer hat in der Regel übles Spiel und erinnert stark an den Martin der Fabel, welcher die Caressen des Schosshundes nachmachen wollte. Ich konnte den meinigen nicht eher los werden, als bis er einige Bouteillen Claret bei mir ausgeschlürft, und alles Dessert, was das Haus lieferte, gekostet hatte. Dann empfahl er sich endlich, mir noch das Versprechen [10] abnehmend, den morgenden Ball ja gewiß mit meiner Gegenwart zu beehren. Da mir aber jetzt wenig an Gesellschaft und neuen Bekanntschaften liegt, so machte ich ihm faux bond, und verließ am frühen Morgen Cheltenham. Die Gegend bleibt fortwährend im hohen Grade lieblich, voller Wiesengründe und tief grüner Baumgruppen, mit immer deutlicher werdenden Ansichten der den Horizont bekränzenden Berge. Fast alle Stationen passirt man eine ansehnliche Stadt, der nie ihre hoch hinausragende gothische Kirche fehlt. Besonders reizend erschien mir die Lage der Stadt Tewksbury. Nichts kann friedlicher, idyllischer seyn, und dennoch sind alle diese blühenden Fluren blutige Schlachtfelder aus den Zeiten der unzähligen englischen Bürgerkriege, woher sie auch noch jetzt die im Laufe der Jahrhunderte so unpassend gewordenen Namen von Blutstätte, Mordfeld, Knochenacker etc. führen.

Worcester, wo ich Dir jetzt schreibe, die Hauptstadt der Grafschaft, bietet außer ihrer prächtigen Cathedrale, nicht viel Merkwürdiges dar. Die wenigen, in dieser Kirche noch übrig gebliebenen alten Glasmalereien sind mit neuen ergänzt, welche sehr hart gegen das Weiche, und doch Glühende, der alten Farben abstechen. In der Mitte des Schiffes liegt King John begraben, sein Conterfei in Stein gehauen auf dem Steinsarge. Es ist das älteste Grabmonument eines englischen Königs in Großbrittanien. Man öffnete den Sarg vor einigen Jahren und fand das Gerippe noch wohl erhalten, und [11] ganz so gekleidet, wie der König auf dem Sarge abgebildet ist. Bei Berührung der Luft zerfiel die Kleidung in Staub, das Schwert war aber vorher schon in Rost aufgegangen, und nur der Griff noch zu erkennen. Ein anderes höchst merkwürdiges Monument ist das eines Templers aus dem Jahr 1220 mit der normännischen Inschrift: Ici aist syr guilleaume de harcourt fys robert de harcourt et de Isabel de camvile. Die Figur des Ritters (beiläufig gesagt in einem ganz andern Costüme als des Grafen Brühl Templer in Berlin) ist vortrefflich gearbeitet, und liegt mit einer Natürlichkeit, einem Abandon da, welcher eine antike Statue nicht verunzieren würde. Die Kleidung besteht aus Stiefeln oder Strümpfen, wie man es nennen will, von cotte de maille, mit goldenen Sporen darüber; das Knie ist nackend, und über dem Knie geht wieder cotte de maille an, die dengan zen Körper und auch den Kopf so einschließt, daß nur das Gesicht frei bleibt. Ueber diesem Panzerhemde trägt die Figur ein langes rothes Faltengewand bis über die Wade herabhängend, und über dieses an einem schwarzen Bandelier ein langes Schwert in rother Scheide. Am linken Arme hängt ein schmaler spitzer Schild mit dem Familienwappen, nicht dem Templerkreuz, darauf eingegraben. Dieses befindet sich nur am Sarge. Die ganze Figur ist, wie Du aus meiner Beschreibung inne wirst, bemalt, und die Farben immer von Zeit zu Zeit aufgefrischt worden. Als größte Sehenswürdigkeit wird dem Fremden zuletzt[12] das Grabmahl des Prinzen Arthur gezeigt, dessen vielverschlungene Steinverzierungen wirklich der künstlichsten Drechslerarbeit gleichkommen. Auf der einen Seite der Kapelle sind fünf Reihen kleine Portrait-Figuren über einander angebracht. Die Rangordnung ist folgende: Unten Aebtissinen; auf ihnen Bischöfe; über diesen Könige; dann Heilige, und ganz oben Engel. Quant à moi, qui ne suis encore ni saint, ni ange, souffrez, que je vous quitte pour mon diner.


Llangollen, den 15ten.


Wenn ich die Ehre hätte der ewige Jude zu seyn, (und Geld muß dieser doch wenigstens ad libitum haben) so würde ich ohne Zweifel einen großen Theil meiner Unsterblichkeit auf der Landstraße zubringen, und dies namentlich in England. It is so delightful für Jemand, der fühlt und denkt wie ich. Für's erste stört und genirt mich keine menschliche Seele; ich bin, wo ich gut bezahle, überall der Erste (den herrschsüchtigen Menschenkindern immer ein angenehmes Gefühl) und habe nur mit freundlichen Gesichtern, und Leuten zu verkehren, die voll Eifer sind, mir zu dienen. Fortwährende Bewegung, ohne Uebermüdung, erhält den Körper gesund, und die stete Veränderung in schöner freier Natur, hat dieselbe stärkende Wirkung auf den Geist. Dazu, gestehe ich, geht es mir zum Theil wie dem Doctor Johnson, der behauptete: das größte menschliche Glück sey, in einer guten englischen Postchaise mit einem schönen [13] Weibe rasch auf einer guten englischen Chaussee, zu fahren. Auch für mich ist es eine der angenehmsten Empfindungen, in einem bequemen Wagen dahin zu rollen, und mich gemächlich darin auszustrecken, während mein Auge sich an den, wie in der laterna magica, immer wechselnden Bildern ergötzt. Nachdem sie verschieden sind, erregen sie meine Fantasie bald ernst, bald heiter, tragisch oder komisch, und mit großem Vergnügen male ich dann in mir selbst die gegebenen Skizzen aus; und welche gigantische, launige, seltsame Gestalten nehmen sie dann oft mit Blitzesschnelle an, gleich Wolkenbildern vor meinem Geiste auf- und nieder wogend! Findet sich jedoch die Fantasie einmal träge, so lese und schlafe ich Gottlob mit gleicher Leichtigkeit im Wagen. Meine Packerei ist keine Plackerei, um mit dem Capuziner zu reden, sondern so vortrefflich eingerichtet (durch lange Erfahrung), daß ich ohne Embarras, und ohne meinen Dienern das Leben zu sauer zu machen, stets im Augenblick das Verlangte erhalten kann. Zuweilen, wenn das Wetter gut und die Gegend schön ist, spaziere ich auch wohl meilenweit zu Fuße, enfin ich erlange ich hier allein vollkommene Freiheit – und als letztes endlich darf ich den Genuß, über alles dies meiner Herzensfreundin in einer Ruhestunde zu schreiben, auch nicht gering anschlagen. Doch nun zur Sache! Ich fuhr die Nacht durch, nachdem ich am Abend noch ein seltsames Spiel am Himmel erlebt hatte. Auf der Höhe eines Berges glaubte ich vor mir ein riesenmäßiges schwarzes [14] Gebirge, und am Fuß desselben einen unermeßlichen See zu erblicken. Es dauerte lange, ehe ich mich überzeugen konnte, daß ich nur eine optische Täuschung, durch Nebel und verschiedene Wolkenschichten gebildet, vor mir hatte. Der obere Himmel war nämlich lichtgrau und ohne Schattirung, gegen ihn aber lag eine ganz schwarze Wolkenmasse in Form des wildesten Gebirges, deren obere Linie, kühn gezeichnet, vielfach auf und nieder stieg, während die untere durch eine Nebelschicht völlig horizontal abgeschnitten war. Dieser Nebel nun schien ein auf beiden Seiten unabsehbares silberweißes Wasserbecken zu bilden, und da an ihm, unmittelbar zu meinen Füßen, sich der grüne Vorgrund, ein bewaldetes, sonniges Wiesenland anschloß, so erreichte die Täuschung wirklich einen seltenen Grad! Nur nach und nach, wie ich den Berg hinabfuhr, verschwand das zauberartige Bild in der Luft. Die schönste Wirklichkeit erwartete mich dagegen heute früh in Wales. Der Traum der Wolken schien mir im voraus die Herrlichkeit des Thales von Llangollen verkünden haben zu wollen, eine Gegend, die nach meinem Urtheil alle Schönheiten der Rheinländer weit übertrifft, und dabei eine ganz besondere Originalität in den ungewöhnlich geformten Spitzen und jähen Abhängen der Berge ausspricht. Ein reißender Fluß, die Dee, windet sich in tausend fantastischen Krümmungen, die dichtes Laubholz überschattet, durch den Wiesengrund, woraus schroff auf beiden Seiten hohe Berge empor steigen, die bald mit uralten [15] Ruinen, bald mit modernen Landhäusern, zuweilen auch mit Fabrikstädtchen, deren thurmhohe Feueressen dicken Rauch emporwirbeln, oder auch mit grotesken, einsam stehenden Felsengruppen, gekrönt sind. Die Vegetation ist durchgängig reich, und Berg und Thal voll hoher Bäume, deren mannigfache Farbenschattirungen so unendlich viel zur Anmuth und dem Malerischen einer Landschaft beitragen. In dieser üppigen Natur erhebt sich, mit um so grandioserem Effekt, eine einzige lange, schwarze, kahle Bergwand, nur mit dichtem, dunklem Haidekraut bedeckt, die sich geraume Zeit längs der Straße hinzieht. Diese prächtige Straße, von London bis Holy Head (200 Meilen) 4 so eben wie ein Parquet, führt hier an der Seite der linken Bergkette entlang, ohngefähr in der Mitte ihrer Höhe, und allen ihren Krümmungen folgend, so daß, während man im scharfen Trabe und Gallop dahin fährt, fast jede Minute sich die Ansicht völlig umwandelt, und man, ohne seinen Sitz zu verändern, abwechselnd das Thal bald vor sich, bald seitwärts, bald rückwärts übersieht. An einem Ort führt eine Wasserleitung aus 25 schlanken Steinbogen, ein Werk, das den Römern Ehre gemacht haben würde, mitten durch das Thal und über den [16] Dee, so einen zweiten Fluß, 120 Fuß über dem andern, hinströmen lassend. Das Bergstädtchen Llangollen gewährt nach einigen Stunden ein köstliches Ruheplätzchen, und ist mit Recht seiner lieblichen Gegend wegen so häufig besucht. Die schönste Aussicht hat man vom Kirchhofe, neben dem Gasthaus, wo ich vor einer halben Stunde, auf ein Grabmonument geklettert, stand, und mich, mit herzlicher Frömmigkeit, glückselig des schönen Anblicks freute. Unter mir blühte ein terrassenförmiges Gärtchen mit Wein, Jelänger-jelieber, Rosen und hundert bunten Blumen, die wie zum Bade bis an den Rand des schäumenden Flusses hinabstiegen; rechts verfolgte mein Blick die emsig murmelnden gekräuselten Wellen zwischen dicht herabhängendem Gebüsch; vor mir erhob sich eine doppelte Waldregion, durch Wiesenflächen mit weidenden Kühen abgetheilt, und über alles hoch oben die kahle conische Spitze eines vielleicht ehemaligen Vulkans, den jetzt die düstern Ruinen der uralten welschen Burg Castel Dinas Bran, zu deutsch: die Krähen-Veste, wie eine Mauerkrone, decken; links zerstreuen sich die steinernen Häuser des Städtchens im Thal, und neben einer malerischen Brücke bildet der Fluß hier einen ansehnlichen Wasserfall; dicht hinter diesen angelehnt aber stellen sich, gleich Riesenwächtern, drei große Bergkolosse majestätisch vor, und verschließen dem Auge alle fernern Geheimnisse der wunderbaren Gegend. Erlaube nun, daß ich – vom Romantischen zum vielleicht weniger feinen, aber doch auch keineswegs [17] zu verachtenden Sinnengenuß zurückkehrend – mich nach inwärts wende, das heißt, nach der Stube, wo mein durch die Bergluft ungemein vermehrter Appetit, mit nicht geringem Wohlbehagen, auf dem schön geblümten irländischen Damasttuch, dampfenden Kaffee, frische Perlhuhneier, dunkelgelbe Gebirgsbutter, dicken Rahm, Toast, Muffins, 5 und zuletzt zwei eben gefangene Forellen mit zierlichen rothen Fleckchen er blickt – ein Frühstück, das Walter Scott's Helden in den high lands nicht besser von diesem großen Maler menschlicher Nothdurft erhalten könnten. Je dévore déjà un oeuf – adieu.


Bangor, Abends.


Der Regen, der mich von London, mit kurzen Intervallen, stets begleitet hat, blieb mir auch heute treu, doch scheint sich nun das Wetter zum Guten ändern zu wollen. Ich habe indeß allerlei zu erzählen und einen interessanten Tag zu beschreiben. Also, noch zur rechten Zeit, ehe ich Llangollen verließ, fielen mir die beiden berühmten Jungfern (gewiß die berühmtesten in Europa) ein, welche in diesen Bergen nun bereits über ein halbes Jahrhundert hausen, [18] von denen ich schon einst als Kind, und jetzt wiederum in London viel erzählen hörte. Du hast gewiß auch durch Deinen Vater Kunde von ihnen vernommen. Sinon, voilà leur histoire. Vor 56 Jahren kam es zwei vornehmen, jungen, hübschen und fashionablen Damen in London, Lady Elleonor Buttler und der Tochter des eben verstorbenen Lord Ponsonby, in ihre Köpfchen, die Männer zu hassen, nur sich zu lieben und zu leben, und von Stunde an, als Zweisiedler in eine Einsiedelei zu ziehen. Der Entschluß wurde sofort ausgeführt, und nie haben beide Damen seit dieser Zeit auch nur eine Nacht ausser ihrer Cottage geschlafen. Dagegen reist kein Mensch nach Wales, der präsentabel ist, ohne sich einen Brief oder Empfehlung an sie mitgeben zu lassen, und wie man behauptet, interessirt sie »scandal« noch heute eben so sehr, wie damals, als sie noch in der Welt lebten, und ihre Neugierde, Alles, was in dieser vorgeht, zu hören, soll sich ebenfalls gleich frisch erhalten haben. Ich hatte von mehreren Damen zwar Complimente für sie, aber keinen Brief, den ich zu verlangen vergessen, und schickte daher nur meine Karte, entschlossen, wenn sie meinen Besuch ablehnten, wie man mich befürchten machen wollte, die Cottage zu erstürmen. Rang öffnete aber hier leicht die Thüren, und ich erhielt sofort eine gracieuse Einladung zu einem zweiten Frühstück. In einer Viertelstunde langte ich in der reizendsten Umgebung, durch einen netten pleasure ground fahrend, bei einem kleinen geschmackvollen gothischen Häuschen [19] an, gerade der Krähenveste gegenüber, auf die mehrere Aussichten durch das Laub hoher Bäume gehauen waren. Ich stieg aus, und wurde schon an der Treppe von beiden Damen empfangen. Glücklicherweise war ich bereits gehörig auf ihre Sonderbarkeiten vorbereitet, sonst hätte ich schwerlich gute contenance erhalten. Denke Dir also zwei Damen, wovon die älteste, Lady Elleonor, ein kleines rüstiges Mädchen, nun anfängt, ein wenig ihre Jahre zu fühlen, da sie eben 83 alt geworden ist; die andere aber, eine große imponirende Gestalt, sich noch ganz jugendlich dünkt, da das hübsche Kind erst 74 zählt. Beide trugen ihr, noch recht volles Haar schlicht herabgekämmt und gepudert, einen runden Mannshut, ein Männerhalstuch und Weste, statt derinexpressibles 6 aber einen kurzen jupon, nebst Stiefeln. Das Ganze bedeckte ein Kleid aus blauem Tuch von ganz besonderem Schnitt, die Mitte zwischen einem Männer-Ueberrock und einem weiblichen Reithabit haltend. Ueber dieses trug aber Lady Elleonor noch Erstens: den grand cordon des Ludwigsordens über den Leib, zweitens: denselben Orden um den Hals, drittens: abermals ditto das kleine Kreuz desselben im Knopfloch, et pour comble de gloire eine silberne Lilie von beinahe [20] natürlicher Größe als Stern – alles, wie sie sagte, Geschenke der Bourbon'schen Familie. So weit war das Ganze in der That höchst lächerlich, aber nun denke Dir auch beide Damen wieder mit der angenehmen aisance, und dem Tone der großen Welt de l'ancien régime, verbindlich und unterhaltend ohne alle Affectation, französisch wenigstens eben so gut sprechend, als irgend eine vornehme Engländerin meiner Bekanntschaft, und dabei von jenem wesentlich höflichen, unbefangenen, und ich möchte sagen, naiv heitern Wesen der guten Gesellschaft damaliger Zeit, das in unserm ernsten, industriellen Jahrhunderte des Geschäftslebens fast ganz zu Grabe getragen worden zu seyn scheint, und mich bei diesen gutmüthigen Alten wahrhaft rührend ansprach. Auch konnte ich nicht ohne lebhafte Theilnahme die ununterbrochene und doch so ganz natürlich erscheinende zarte Rücksicht bemerken, mit der die Jüngere ihre schon etwas infirmere ältere Freundin behandelte, und jedem ihrer kleinen Bedürfnisse sorgsam zuvor kam. Dergleichen liegt mehr in der Art, wie es gethan wird, in scheinbar unbedeutenden Dingen, entgeht aber dem Gefühlvollen nicht.

Ich debütirte damit, ihnen zu sagen, daß ich mich glücklich schätzte, ein Compliment an sie ausrichten zu können, das mein Großvater, der vor 50 Jahren ihnen aufzuwarten die Ehre gehabt hätte, mir an dieschönen Einsiedlerinnen aufgetragen habe. Diese hatten nun zwar seitdem ihre Schönheit, aber keineswegs ihr gutes Gedächtniß verloren, erinnerten sich[21] des G.... C... sehr wohl, brachten sogar ein altes Andenken von ihm hervor, und wunderten sich nur, daß ein so junger Mann bereits gestorben sey! Nicht nur die ehrwürdigen Jungfern, auch ihr Häuschen war voller Interesse, ja mitunter enthielt es wahre Schätze. Keine merkwürdige Person fast, seit dem vergangenen halben Jahrhunderte, die ihnen nicht ein Portrait, oder andere Curiosa und Antiquitäten als Erinnerung zugeschickt hätte. Diese Sammlung, eine wohl garnirte Bibliothek, eine reizende Gegend, ein sorgenfreies, stets gleiches Leben, und innige Freund- und Gemeinschaft unter sich – dies sind alle ihre Lebensgüter; aber nach ihrem kräftigen Alter und ihrem heitern Gemüth zu schließen, müssen sie nicht so übel gewählt haben. –

Unter unbändigem Regen hatte ich die guten alten Damen besucht, und unter demselben Platzregen ging jetzt die Reise weiter, zuerst bei der Ruine einer alten Abtei vorüber, und dann bei dem einstigen Palast Owen Glendower's, dessen Du Dich aus Shakespeare, und meinen Vorlesungen in M..... erinnerst. Die Mannigfaltigkeit der Gegend ist außerordentlich; zuweilen ist man von einem wahren Getümmel von Bergen aller Formen umringt, dann glaubt man sich, das Land weit überblickend, fast wieder in der Ebne, bis man von neuem in eine dunkle enge Waldstraße eingeschlossen wird. Weiterhin treibt der Fluß ruhig eine friedliche Mühle, und gleich darauf braußt er im Abgrunde über Felsenblöcke, und bildet in der Tiefe einen prachtvollen [22] Wasserfall. Gerade an dieser Stelle, der Caskade von Pont-Y-Glyn gegenüber, begegnete ich einer sehr eleganten englischen Droschke (die sehr verbesserte Ausgabe des Wiener Originals) mit vier hübschen Pferden bespannt, aber mit einem noch hübscheren Mädchen darin, die von einer zwar älteren, aber auch nicht übel aussehenden Frau begleitet war. Wir hielten beide zur Besichtigung des Wasserfalles an, und während unsere Wagen so gegenüber standen, schielte das Mädchen neugierig nach mir herüber, was ich bemerkte, und lachte. Dies erschreckte die scheue Engländerin, sie ward über und über roth, und konnte doch gleich nachher, in jugendlicher Lustigkeit, sich selbst des Lachens nicht über die Pantomimen enthalten, welche ich, im Wagen, vor der Begleiterin versteckt, ihr adressirte. Der Kampf, in den sie darüber mit sich selbst gerieth, machte die Scene noch komischer. In diesem Moment fielen meine Augen auf einen Haufen eben von mir gesammelter schöner Bergblumen, und ich schrieb schnell auf ein ausgerissenes Blatt meines Portefeuille folgende Worte: »F... M.... empfiehlt sich den unbekannten Damen respektvoll und bittet um Erlaubniß, ihnen zwei eben gepflückte Sträußer Gebirgsblumen zu senden; er sollicitirt als Gegengeschenk um die Namen der liebenswürdigen Reisenden, die ihm sein guter Stern bei Pont-Y-Glyn begegnen ließ.« – Dies befahl ich meinem Kammerdiener zu übergeben. Es wurde, wie ich hinter dem herabgezogenen Rouleau sah, mit satyrischem Lächeln von der ältern Dame, mit Erröthen [23] von der Jüngern aufgenommen. Die Antwort lautete: »Sehr verbunden; aber die unbekannten Damen müssen incognito bleiben .... vielleicht – sehen wir uns in London wieder.«

Hierauf erfolgte das Zeichen zur Abfahrt, und dahin eilten wir, nur noch ein Paar ungewisse Blicke tauschend, nach ganz verschiedenen Weltgegenden hin. War das nicht der Anfang einer artigen kleinen Avantüre? wäre ich noch ein Mensch, der seinen Launen nachgeben kann, ich hätte sogleich umkehren lassen und das Mädchen verfolgt bis ..... doch nichts weiter davon! sie kam mir aber lange nicht aus den Gedanken, denn sie war zu hübsch, um sie so schnell zu vergessen. Auf der nächsten Station erkundigte ich mich nach ihr, aber niemand wollte sie kennen. Ich blieb also allein mit dem Ueberrest meiner Blumen, und schmollte ein wenig, bis neue Gegenstände wieder meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Denn das Thal von Llangollen ist nur die Vorrede zu der eigentlichen Epopöe – dem höhern Gebirge von Wales. Nachdem man hinter dem erwähnten Wasserfall, eine halbe Stunde lang in einer fast unbedeutenden, nur durch wenige Hügel unterbrochenen, Ebene gefahren ist, tritt man nicht weit von Cernioge mawr inn mit einem Mal in das Allerheiligste – ein mächtig ergreifender Anblick! Ungeheure schwarze Felsen bilden rund umher das erhabenste Amphitheater, dessen gezackte und zerrissene Zinnen in den Wolken zu schwimmen scheinen. Unter einer achthundert Fuß tief niedersteigenden Felsenwand, [24] bahnt der Fluß sich seinen schwierigen Weg, von Abgrund zu Abgrund hinabstürzend. Vor uns lag eine perspektivische Ansicht über einander wogender Berge, die endlos schien. Ich war so entzückt, daß ich mir durch lauten Ausruf Luft machen mußte. Und dabei kann man die herrliche Straße nimmer genug loben, welche, nie jähling steigend oder sinkend, alle die belles horreurs dieser Bergwelt so gemächlich betrachten läßt. Sie ist, wo sie nicht von Felsen geschützt wird, durchgängig mit niedrigen Mauern eingeschlossen, und in gleichen Distanzen sind ebenfalls zierlich gemauerte Nischen angebracht, in denen die Steine zur Ausbesserung aufgeschichtet sind, was weit geordneter aussieht, als die freiliegenden Steinhaufen an unsern Landstraßen.

Das Gebirge von Wales hat einen sehr eigenthümlichen Charakter, der schwer mit andern zu vergleichen ist. Seine Höhe ist ohngefähr der des Riesengebirges gleich, es erscheint aber unendlich grandiöser in Form, ist weit reicher an Bergspitzen, und diese besser gruppiert. Auch die Vegetation ist mannigfaltiger an Pflanzenarten, obgleich nicht so zahlreich an Bäumen überhaupt, und es hat Flüsse und Seen, die dem Riesengebirge ganz abgehen. Es fehlen ihm also die majestätischen, geschlossenen Wälder der Heimath Rübezahls, und an einigen Stellen desselben hat auch der Anbau des Menschen die Mittelstraße bereits überschritten, die meiner Ansicht nach, zu einer vollendet schönen Landschaft gehört; dagegen ist die höhere Region, von Capel Cerrig bis einige Meilen [25] von Bangor, so wild und schroff, als man es sich nur wünschen kann, und weite Strecken roth und gelb blühender Haiden, nebst Farrenkräutern und andern Pflanzen, die in unserm härtern Clima nicht fortkommen, bekränzen die Felsen, und ersetzen die Bäume, welche in dieser Höhe nicht mehr gedeihen. Die größte Mannichfaltigkeit des Gemäldes bewirken aber die colossalen, wilden und seltsamen Formen der Berge selbst. Einige sehen wirklich Wolken weit ähnlicher, als festen Massen. So ist unter andern der Trivaen mit so sonderbar geformten Basaltsäulen auf seiner Spitze bedeckt, daß alle Reisende überzeugt sind, Menschen da oben zu seh'n, die eben den Berg erstiegen, und nun in die weite Aussicht hineinschauen – es sind aber nur die Berggeister, die Merlin auf ewige Zeiten dahin gebannt.

Geschmackvoll fand ich es, daß sämmtliche Chaussee-Häuser so ganz im Charakter der Gegend gehalten waren; aus rohem röthlichen Bruchstein erbaut, mit Schiefer gedeckt, von einfacher, schwerer Architektur und mit eisernen Thoren versehn, deren Gitterwerk die sich kreuzenden Strahlen zweier Sonnen nachahmt. Der Postboy zeigte mir die Ueberreste eines alten Druidenschlosses, wohin, wie ich in meinem Buche nachlese, Caractacus nach seiner Niederlage bei Caer Caredoc retirirte. – Die welsche Sprache klingt selbst wie Krähengekrächze. Beinahe alle Namen fangen mit C an, welches mit einem Krach-Laut ausgesprochen wird, den eine fremde Kehle nicht nachahmen kann. Diese Ruine ist jetzt in zwei bis drei bewohnte [26] Hütten verwandelt, und ihre Lage nicht eben ausgezeichnet. Bemerkenswerther schien mir weiterhin ein Felsen, der in der Gestalt eines Bischofs mit Krummstab und Mitra sich darstellte, als stiege er eben aus einer Höhle, um den erstaunten Heiden das Christenthum zu predigen. Woher kömmt es wohl, daß, wenn die Natur so spielt, es eine fast erhabne Wirkung macht, und wenn es die Kunst nachahmen will, dieß immer lächerlich erscheint?

Ein kleines Tormento im Gebirge sind die vielen Kinder, welche, wie Gnomen kommend und verschwindend, den Wagen mit unbegreiflicher Beharrlichkeit bettelnd begleiten. Ermüdet von dieser Zudringlichkeit hatte ich mir bestimmt vorgenommen, Keinem etwas mehr zu geben, weil man sonst darauf rechnen kann, gar nicht mehr von ihnen verlassen zu werden; aber eines dieser kleinen Mädchen bezwang dennoch alle meine Entschlüsse durch ihre Ausdauer. Gewiß eine deutsche Meile lief sie im scharfen Trabe Berg auf Berg ab, nur manchmal durch Fußwege abkürzend, mich aber nie aus den Augen lassend, neben mir her, wobei sie unaufhörlich denselben jammervoll klagenden Ton, gleich einer Seemöve, ausstieß, der mir zuletzt so unerträglich wurde, daß ich mich gefangen gab, und der nicht zu ermüdenden Lauferin meine Ruhe mit einem Schilling abkaufte. Der unheilbringende Ton war mir aber, wie der Tik Tak einer Uhr, die man fortwährend zu hören gewohnt ist, so im Ohre geblieben, daß ich ihn den ganzen Tag nicht los werden konnte.


[27] Den 16ten.


Ich habe vortrefflich ausgeschlafen, und sitze nun im Gasthof am Meere, von der Reise ausruhend, und ergötze mich an den Schiffen, die auf allen Seiten die klare Fluth durchziehen. Nach der Landseite zu ragt eine Burg, von schwarzem Marmor aufgebaut, aus den uralten Eichenkronen hervor. Mit diesem Schloß werde ich meine Ausflüge beginnen, und überhaupt hier, wo ich mich sehr gut aufgehoben sehe, mein Hauptquartier aufschlagen. Auch fand ich hier ganz unerwartet einen unterhaltenden Landsmann. Du kennst den geistreichen A..., der so mager ist, und doch so stattliche Waden besitzt, so elegant gekleidet und doch so sparsam, so gutmüthig und doch so sarkastisch, so englisch und doch so deutsch erscheint. Kurz A.... frühstückte zum zweitenmal guten Appetits mit mir, und erzählte dabei die lustigsten Dinge. Er kam von S...., über welches er sich ohngefähr so vernehmen ließ:


Scherz und Ernst.


Sie wissen, lieber Freund, sagte er, daß man in Wien Jedem, der ein gebacknes Hendel essen, undNB. bezahlen kann, den Titel Euer Gnaden ertheilt – in S..... nennt man dagegen Jeden, der einen ganzen Rock trägt, in dubio, Herr .... Rath, oder noch besser, Herr Geheimer Rath, unbekümmert ob es ein wirklicher, oder nicht wirklicher (also blos scheinbarer, fantasmagorischer) ein halber, d.h. ein pensionirter, ein ganzer, nämlich voll bezahlter, oder [28] ein völlig unbefruchteter, eine titulaire Null sey. Sonderbar verschieden sind dabei die Attribute und die Functionen dieses geheimnißvollen Raths-Wesens. Bald führt seinen Namen ein invalider Staatsmann in der Residenz, dem man aus Ehrfurcht für seine Altersschwäche, und zur Belohnung eines glücklich erlebten Jubiläums, eben den gelben Greifen umgehangen hat; oder ein nicht allzuthätiger, aber desto mehr von sich eingenommener Ober-Präsident in der Provinz, dem seine Verdienste bei der Durchreise eines fremden Souverains, endlich zu Ehre und Orden verhelfen; hier ist es die rüstige Stütze der Finanzen, oder selbst der oder dierara avis, ein einflußreicher Mann nahe am Throne und dennoch ein bescheidener Mann voller Verdienst; dort aber schon wieder eine blos vegetirende Excellenz, die kein anderes Geschäft kennt als von Haus zu Haus gehend, veraltete Späße und Namenverdrehungen aufzutischen, die seit einem halben Jahrhundert das Privilegium haben, die crême de la bonne société in der Hauptstadt zu entzücken. Jetzt wird abermals ein genialer Mann daraus, der als Dichter und Mensch erfreut, und nie einen andern als den geraden Steg betritt – weiterhin repräsentirt es ein zwar weniger glänzendes, aber desto mehr umfassendes Genie, welches, obgleich der Themis eigen, auch eben so gut unter den Sternen, sowohl des Himmels als des Theaters, Bescheid weiß. Endlich verwandelt sich dieser Proteus gar in einen Cameralisten, berühmten Schaafzüchter und Oekonomen, der seine Felder – und späterhin [29] in einen Doktor, der die Kirchhöfe düngt; auch bei der unüberwindlichen Landwehr ist er zu finden, und Post 7, wie Lotterie, ja Garderobe selbst, vermögen nicht ohne ihn zu bestehen. Der Hof-Philosoph, der Hof-Theologe, der Hof-Jakobiner, alle bieten sich am Ende die Hand als geheime Räthe – sie sind es, waren es oder werden es seyn – kurz kein Land scheint in dieser Hinsicht mehr berathen, und zugleich geheimer! denn so bescheiden sind diese zahllosen Räthe – daß sie oft nichts geheimer halten, als ihr Talent.

Aber eine wahre Freude ist es dagegen, zu sehen, mit welcher unbefangenen, ja rührenden Bonhomie sie sich selbst unter einander Titel geben und Ehre erzeigen, jeder dem andern sein Prädikat noch um eine Stufe höher schraubend, zur Dankbarkeit aber, wie sich von selbst versteht, dasselbe wiederum von ihm erwartend. Die verschiedenen Zusätze und Wendungen, die das arme Wort »geboren«, dabei erleiden muß, blieben gewiß jedem Fremden, der hier die deutsche Sprache erlernen wollte, ein mystisches Räthsel. Ohne mich in dieses Labyrinth weiter hinein zu begeben, erwähne ich blos, daß »geboren« allein, auch der Bettler auf der Straße nicht mehr [30] seyn will, und »Edelgeboren« eine empfindliche Beleidigung für die unteren, so wie »Wohlgeboren« für die obern, auch nicht adlichen, Staatsbeamten zu werden anfängt. Ich für meine Person schrieb hier stets an meinen Schneider: Hochwohlgeborner Herr. Es war dies allerdings ein berühmter Mann, ein Nachkomme des bekannten Freundes Robinson Crusoës, der durch den kühnen und unnachahmlichen Schnitt seiner Uniformen eine welthistorische Wichtigkeit erlangt hat. Er war also auf alle Weise wenigstens des Verdienstadels würdig. 8

Um in solcher willkührlichen Titelertheilung und Empfangung nicht genirt zu seyn, ist es hier auch so vortheilhaft eingerichtet, daß bei der größten Rangsucht doch eine wirkliche bindende Rang-Ordnung gar nicht existirt, weder bei Hofe, noch durch die Geburt bestimmt, oder durch gesetzwerdende Meinung und Gewohnheit in der Nation begründet. Zu weilen ist es Geburt, öfter das Amt, bald Verdienst, bald Gunst, bald auch nur unwiderstehliche Impertinenz, welche den Vorrang gewährt, wie es Zufall und Umstände fügen. Dies gibt nun zu besondern Anomalieen Anlaß, die einem alten Edelmanne, wie ich bin, einen Baron von Tunderdendronk, [31] qui ne scaurait compter le nombre de ses ànes, wie jener P........ General sagte – gar nicht in den Kopf wollen. Klagen, Sorgen und Noth haben deshalb auch kein Ende in der Gesellschaft; nur eine gewisse lustige und vortreffliche alte Dame weiß einzig und allein, fast überall, und bei jeder Gelegenheit, den ersten Rang zu behaupten – weil sie mit vielem Geist viele körperliche Kräfte und persönliche Tapferkeit verbindet, und durch diese vereinten Eigenschaften bald mit Witz, bald mit göttlicher Grobheit, bald auch, wenn nichts anders helfen will, mit einem derben Fauststoß, bei Hof und andern Festen sich als die Erste gerirt, und die Erste bleibt. Ich weiß unter andern von guter Hand, daß die Gräfin Kakerlack bei einem der Höfe (denn es gibt deren Mehrere hier) sich durch eine Hof-Cabale zurück gesetzt fühlte, und auf den Rath ihres Freundes, des Starostes von Pückling, sich direkt an den stets gerechten und billigen Regenten wandte, und offiziell um die Bestimmung ihres Ranges bat. Man ertheilte ihr hierauf auch diesen, unmittelbar nach der Fürstin Bona, welche (hier einmal der Verdien ste ihres seligen Mannes wegen) den ersten inne hat – und der Großwürdenträger, Fürst Weise, brachte ihr selbst diese Ordre, aber, sagte er, »Liebste Gräfin, der Baronin Stolz müssen sie doch den Rang lassen, denn was wollen Sie mit Ihrer schlanken Taille gegendie ausrichten? ein einziger Ellenbogenstoß, und Sie sind lahm auf ewig! Also lassen Sie die immer vorgehn, denn Sie wissen, [32] die Polizei selbst fürchtet sich vor der, seit der famosen Einladung, die sie vor einigen Jahren an dieselbe ergehen ließ.«

Der Kraft muß Alles weichen, und dieß beweiset auch wie schwierig es ist, bloß dem Verdienste, ohne allgemein ausgesprochene Regel, den Vorrang zuzugestehen; denn Verdienst ist ja so relativ! Wenn der General, der Minister groß sind, wer kann läugnen, daß auch der vortreffliche Koch, die liebenswürdige Operntänzerin ein großes Verdienst besitzen? Dieß haben ja, wie uns die Geschichte lehrt, selbst Monarchen und Staaten stets anerkannt. So muß z.B. in England, wo in der Regel nur Adelstitel Rang gewähren (beiläufig gesagt wohl der sicherste, und dem Königthume gemäßeste Anhalt 9) der große Feldmarschall und Premier-Minister Wellington, dem kleinen, zwar bekannten, aber keineswegs berühmten, Herzoge von St. Albans nachgehen, weil dieser junge Mann ein älterer Herzog ist, d.h. das Verdienst seiner Ahnfrau, der Schauspielerin Nell Gwynn, Maitresse Carls des II. – älter ist, folglich das Prioritäts-Recht ausübt, vor dem spätern Verdienste des Herzogs von Wellington.

In der hiesigen Hauptstadt ist es anders. Man [33] ist in der Regel an zu schlechtes Essen gewöhnt, um einen guten Koch sehr hoch anzuschlagen, und ist neuerlich allgemein zu tugendhaft geworden, um Maitressen zu halten. Von Verdienstschätzung ist auch nicht sonderlich mehr die Rede. 10 Was eigentlich und hauptsächlich jetzt hier Rang und Ansehen giebt, ist: Diener zu seyn, des Staates oder Hofes, n'importe lequel, et comment. Beati possidentes – denn auch hier waltet das gute deutsche Sprichwort: Wem Gott das Amt giebt, dem giebt er auch Verstand! Die Bureaukratie ist an die Stelle der Aristokratie getreten, und wird vielleicht bald auch eben so erblich werden. Schon jetzt kann selbst das Gouvernement keinen seiner Beamten mehr ohne Urtheil und Recht entlassen, die Stelle im Staatsdienst, die jeder inne hat, wird für sein möglichst bestbegründetes Eigenthum angesehen, und es ist nicht zu verwundern, daß überall Beamtete diese Einrichtung bis in den Himmel erheben. Sonderbar, daß [34] demohngeachtet alle Staaten mit einer freien Verfassung, wo nämlich als Princip angenommen ist, daß die Nation, und kein bevorrechteter Stand, selbst nicht der ihrer Diener, die Hauptsache sey, einem ganz andern Systeme folgen. 11 Der nicht dienende Bürgerstand ist auf andere Weise in seiner Unbeachtetheit glücklich. Er genießt seine Wohlhabenheit con amore, und als Salz des Lebens führt er Prozesse, wozu ihm die Justiz gern allen erdenklichen Vorschub leistet. Auch der Kaufmann, sowohl christlichen als vorchristlichen Glaubens findet sein Conto und wenn er es anzufangen weiß, auch nützliche Protektion – ja recht viel Geld zu besitzen, ist beinahe so viel werth als wirklicher Geheimerrath zu seyn, und die reichen Banquiers, wenn sie ein gutes Haus machen, werden zu den privilegirten Ständen gerechnet, auch manchmal dafür in den Adelstand erhoben.

[35] So behelfen sich denn viele auf's Beste; nur mit dem armen Adel, besonders dem alten, (insofern er nicht auch in den sichern Hafen der Bureaukratie eingelaufen ist) sieht es kläglich aus! Ohne Geld und freien Grundbesitz, seine Adels-Titel ins Unendliche vervielfältigend, und seine Stammgüter ins Unendliche theilend, ohne Antheil an der Gesetzgebung als den, welcher ihm in einer ständischen Schule vergönnt wird, wo man ihn zur graduellen Ausbildung einstweilen nach Quinta gesetzt hat, von seinen früher innegehabten Stiftern und Pfründen schon längst abgelöst, 12 von den Behörden mehr als billig gehudelt, ja oft wegen seiner so schlecht soutenirten Ansprüche nicht nur ausgelacht, sondern auch angefeindet und verfolgt, hat er, als Corporation, sein Ansehen beim Volke gänzlich verloren, und es bleibt ihm kaum eine andere wesentliche Eigenschaft mehr übrig, als die, zur einzigen Pflanzschule für Kammerherrn [36] bei den verschiedenen respectiven Höfen der Hauptstadt zu dienen; immer noch ohne Zweifel ein beneidenswerthes Loos. –

Diese letztere Wahrheit wird auch gebührend von Vielen erkannt, und manches Geistreiche darüber, besonders von einer berühmten Schriftstellerin als Vorfechterin, ausgesprochen, die seit geraumer Zeit mit ihrem Gemahl in einer Art gemeinschaftlichen Romanenwettlauf begriffen war, welcher jede Leipziger Messe dem erfreuten Publikum zwei bis drei dergleichen Produkte, zu eben so viel Bänden das Stück, zu liefern pflegte. Das Merkwürdigste dabei war, daß die Werke des Mannes von der überschwänglichen Zartheit einer weiblichen Feder, die der Frau hingegen von etwas schwerfälliger männlicher Vielwisserei herzurühren schienen, ein Blei, das selbst die alchymistische Hand eines liebenswürdigen und geistreichen Prinzen nicht in Gold verwandeln konnte. Beide Schriften, besonders die erstern, haben indeß ihre vogue erlebt, bis endlich die anmuthig anzusehenden, und naiv kindlichen Nordlandshelden des edlen Ritters, die sich mit Zärtlichkeit duellirten, und mit klaren blauen Augen dem todtgestochenen Freunde den Friedenskuß aufdrückten, eben so wie seine wunderbaren Rosse, die über Felsenzacken gallopirten und durch Meere ihren Herren nachschwammen, ohngeachtet aller dieser wundervollen Gaben, Walter Scotts unbehosten Bergschotten weichen mußten.

Die poetischen Kammerjunker und gelehrten Theezirkel der gnädigen Frau waren bereits schon lange[37] vorher, als ein wenig ausgetrocknet, verlassen worden. Ein solcher Theezirkel war es bekanntlich auch, in dem Ahasverus, wie wir in den Memoiren des Teufels lasen, nach so langer rastloser Wanderung zum erstenmal Ruhe fand, und selig entschlief. Seitdem sind die dicken Bände der berühmten Schriftstellerin zu schmalen Erzählungen eingeschwunden, liebliche Ephemeren, die zwar nur einen Tag lebten, aber dafür sich auch nur an Höfen, in Kammern, unter Prinzen, Hofdamen und Fräuleins, Kammerherrn, Kammerjunkern und auch Hofkammerlakayen (denn nichts was dem Hofe angehört, ist gering zu schätzen) bewegen. Sogar spukende Kammern kamen neulich zum Vorschein; die Geister, welche erschienen, waren aber so matt, so sehr ausgemergelten Hofschranzen ähnlich, avec un tel air de famille, daß sie höchstens an eine Gänsehaut erinnerten, ohne sie jedoch zu erregen. Die Pikanteste von allen war ohne Zweifel diejenige, welche einst die Gesellschaft der Hauptstadt persiflirte, in der die arme Viola eine verdächtige Rolle spielte, und eine vornehme Dame auftrat die jene für große Summen an eine hohe Person verkauft haben sollte. Diese Geschichte war mit Recht eine moralische zu nennen, denn sie erweckte bei jedem Gutgearteten, der sie damals las, gewiß gerechten Abscheu vor Verläumdung und leichtsinniger Verdammung. Böswillige aber ergötzten sich auf andere Art daran – und so blieb das Ganze nicht ohne Werth, ein Meisterstück aber könnte man es nennen, wollte man es gegen alle die Mittelalterlichen, [38] Tugend- und Jammervollen, Christlichen und Zotenreißenden, Italiänisirenden und Deutschthümelnden etc. Erzählungen halten, welche die Bedürfnisse unserer Journal- und Almanachs-Literatur jetzt Miriadenweise hervorrufen, und von denen man zum Theil nicht einmal mit Schiller sagen kann, daß sich darin: »wenn sich das Laster besp .... die Tugend zu Tische setze.« Es kömmt hier weder zu dem einen noch dem andern, sondern von Anfang bis zu Ende leidet man nur an dem geistigen Pendant einer sogenannten Ekel-Cur. Nachdem vergebens nach allen Seiten gezielt worden ist, brennt zuletzt das Ganze dennoch ohne Explosion von der Pfanne, und weit entfernt, sich zu Tische zu setzen, bleibt der unglückliche Leser für lange Zeit von aller Nahrung degoutirt. 13

[39] Doch auf die gelehrte und liebenswürdige Dame zurückzukommen, von der eben die Rede war, so spielte zu der Zeit, als ich in den dortigen Regionen verweilte, um die Wintersonne ihres Hof- und Schriftglanzes, ein seltsamer Insektenschwarm, in der großen Welt eine Cotterie genannt – welche, soviel ich weiß, noch jetzt als Grundsatz aufstellt (wer hätte heut zu Tage nicht Grundsätze!): daß der Adel wirklich von einer andern Sorte Blut, als andere Menschen, durchströmt werde, und nur höchstens im Wege der Impfung ein gemeiner Baum noch veredelt werden möge, z.B. durch natürliche Kinder großer Herren u.s.w. Dieser Adel bleibe also vor allem rein und abgeschlossen, lehrt sie, er entehre sich weder durch Industrie noch gemeinnützige Spekulationen, welches eine gewisse Frau von Tonne, in einer sehr gehaltreichen Schrift, als einen Hauptgrund des Verfalles des Adels im Lande aufführt. Etwas schriftstellern und künstlern (auch für Geld, ja selbst für bürgerliches Geld) bleibt jedoch dem Adel erlaubt, wie man überhaupt Künstlern eine Mittelstufe zwischen Adelichen und Bürgerlichen gestattet. Konstitutioneller, hoher Adel und repräsentative Verfassung ist dagegen keineswegs nach dem Geschmack dieser Parthei, aus dem sehr natürlichen Grunde, weil unter solchen fatalen Umständen ihr eigner Adel, dessen Alter sie selbst allein genau kennen, und dessen verschuldeter Landbesitz sich in tausend kleine Antheile bis zur mikroskopischen Unentdeckbarkeit versplittert hat – zu dem schrecklichen [40] Loose verdammt seyn würde, in der Kammer der Gemeinen (wo noch?) Platz nehmen zu müssen. Wer kann es ihnen daher verdenken, wenn sie in solcher Lage die Kammer des Prinzen vorziehen, besonders wenn sie Herren darinnen werden können – doch das verhüte Gott! Hoffentlich bleiben siehier immer nur titulaire, nicht wirkliche geheime Räthe und Kammerherren.


(Die Fortsetzung ein andresmal)


Abends.


Ich konnte es doch nicht so lange aushalten, in der Stube sitzen zu bleiben; das Schloß vor meinen Fenstern lockte zu mächtig! Ich bestieg also gleich nach A....s Abreise einen Bergklepper, und ritt wohlgemuth darauf zu. Dieses merkwürdige Gebäude ist von einem in jeder Hinsicht steinreichen Manne aufgeführt; denn seine, eine Stunde weiter im Gebürge liegenden Steinbrüche, bringen ihm jährlich 40,000 L. St. Er hat an einer der vorteilhaftesten Stellen, am Ufer des Meeres, einen weitläuftigen Park angelegt, und die sonderbare, aber meisterhaft ausgeführte, Idee gehabt, alle Gebäude darin in dem altsächsischen Style zu erbauen. Man schreibt diese Architektur fälschlich in England den Angelsachsen zu, da sie doch von den sächsischen deutschen Kaisern herrührt, und gewiß keines dieser vielfachen Monumente älter ist. Schon die den Park umgebende, wohl eine deutsche Meile fortlaufende [41] hohe Mauer, erhält dadurch ein seltsames Ansehen, daß in ihrer obern Schicht 3 bis 4 Fuß hohe, aufrecht stehende, unegale, spitzige Schieferstücke eingemauert sind, eine zugleich sehr zweckmäßige Vorrichtung. Bei jedem Eingang droht ein thurmartiges Fort mit Fallgittern u.s.w. dem Eindringenden (kein übles Symbol für die Illiberalität der modernen Engländer, die ihre Gärten und Besitzthümer strenger, als wir unsere Wohnstuben, verschließen) dann muß der Besucher noch eine Zugbrücke passiren, ehe er den dunklen Thorweg der imponirenden Burg betritt. Der schwarze, nur roh bearbeitete, Marmor von der Insel Anglesea, aus dem die großen Massen bestehen, harmonirt wunderbar mit dem majestätischen Charakter der Gegend. Bis in die kleinsten Details, selbst die Stuben der Bedienten, und noch geringere Plätze nicht ausgenommen, ist mit genauer Sorgfalt alles reiner old Saxon style. Im Eßsaal fand ich eine Nachahmung des Dir früher beschriebenen Schlosses Wilhelms des Eroberers zu Rochester. Was damals nur ein großer Monarch ausführen konnte, realisirt jetzt als Spielwerk, nur noch größer, schöner und kostbarer, ein simpler Landgentleman, dessen Vater vielleicht mit Käsehandel anfing. So ändern sich die Zeiten! Der Grundplan des Gebäudes, den mir der gefällige Architekt vorlegte, gab Gelegenheit zu einigen häuslichen Informationen, die ich Dir hier mittheile, weil fast alle englische größere Landhäuser so eingerichtet sind, und sie, wie so vieles, die Zweckmäßigkeit englischer [42] Gebäude darthun. Die Dienerschaft hält sich nie im Vorzimmer, hier die Halle genannt, auf, welche immer wie die Ouverture bei einer Oper, den Charakter des Ganzen anzudeuten sucht. Sie ist gewöhnlich mit Gemälden oder Statuen geschmückt, und dient, wie die elegante Treppe und alle übrigen Zimmer, nur zum beliebigen Aufenthalte der Familie und Gäste, welche sich lieber manchmal selbst bedienen, als immer einen solchen dienenden Geist hinter ihren Fußstapfen wissen wollen. Die Bedienten sind daher alle in einer entfernteren großen Stube (gewöhnlich im rez-de chaussée) versammelt, wo sie auch zusammen, ohne Ausnahme, männliche und weibliche, zu gleicher Zeit essen, und wo alle Klingeln aus dem Hause ebenfalls aboutiren. Diese hängen in einer Reihe nummerirt an der Wand, so daß man sogleich sehen kann, von woher geklingelt wird; an jeder ist noch eine Art Pendulum angebracht, das sich 10 Minuten lang, nachdem die Klingel schweigt, noch fortbewegt, um den Saumseligen an seine Pflicht zu erinnern! 14 Das weibliche Personal hat gleichfalls ein großes Versammlungszimmer, worin es, wenn nichts anderes vorkömmt, näht, strickt und spinnt. Daneben befindet sich ein Behältniß zum reinigen der Glaswaaren [43] und des Porzellains, welches den Mädchen obliegt. Jede von diesen, so wie die männlichen Diener, haben im obersten Stock ihre besondere Schlafzelle. Nur die Ausgeberin (housekeeper) und der Haushofmeister(butler) bewohnen unten ein eignes Quartier. Unmittelbar an das der Ausgeberin anstoßend ist die Kaffeeküche und die Vorrathskammer für Alles, was zum Frühstück nöthig ist, welche, in England wichtige, Mahlzeit speciell zu ihrem Departement gehört. Auf der andern Seite ist ihr Waschetablissement, mit einem kleinen Hofe verbunden; es besteht aus 3 Piecen, die erste zum Waschen, die zweite zum Plätten, die dritte bedeutend hohe, welche mit Dampf geheizt wird, zum Trocknen bei schlechtem Wetter. Neben des Haushofmeisters Logis befindet sich seine pantry, ein geräumiges feuerfestes Zimmer mit rund umher laufenden Schränken, wo das Silber aufbewahrt wird, das er auch hier putzt, so wie die zur Tafel nöthigen Glas- und Porzellainwaaren, die ihm, sobald sie von den Mädchen rein gemacht sind, welches alles sehr pünktlich geschieht, sogleich wieder abgeliefert werden müssen. Aus der pantry führt eine verschlossene Treppe in die Bier- und Weinkeller, welche der butler ebenfalls unter sich hat.

Ein sehr romantischer Weg brachte mich, erst durch den Park, dann am Saum eines schön bewaldeten Bergstroms hin, in einer Stunde nach dem Schieferbruch, der 6 Meilen vom Schloß im Gebürge liegt. Aus den Dir bereits genannten Einkünften kannst Du Dir denken, welch' ein bedeutendes Werk dies ist.[44] Fünf bis sechs hohe Terrassen von großem Umfang steigen an den Bergen empor, und auf ihnen wimmelt alles von Menschen, Maschinen, Prozessionen von hundert aneinander gehängten, schnell auf Eisenbahnen hinrollenden Wagen, Lasten heraufziehenden Krahnen, Wasserleitungen, und so weiter. Ich brauchte ziemlich lange, um das Ganze nur flüchtig zu besehen. Um zu einem entfernteren Theile des Werks zu gelangen, wo man eben die Felsen mit Pulver sprengte, was ich zu sehen wünschte, mußte ich mich auf einem der kleinen Eisenwagen, die zum Transport des Schiefers dienen, durch eine pechschwarze, nur vier Fuß hohe und vierhundert Schritt lange, durch den Felsen gehauene Galerie auf dem Leibe liegend fahren lassen. Dies geschah vermittelst einer Winde. Es ist eine höchst fatale Empfindung, sich durch diese schmale Schlucht mit tausend unregelmäßigen Zacken, welche man, am Eingange wenigstens, deutlich sieht, bei ägyptischer Finsterniß mit großer Schnelle durchreißen zu lassen, welches Fremde auch gewöhnlich ablehnen. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß wenn man, ohngeachtet der beruhigenden Versicherung des Führers, der zuerst voraus fährt, nun dennoch an irgend eine dieser Zacken anstieße, man auch ohnfehlbar ohne Kopf an der andern Seite ankäme. Nach Passirung dieser Gallerie mußte ich noch auf einem, nur zwei Fuß breiten Wege ohne Geländer, am Abgrunde hinwandern, bis ich durch die zweite niedrige Höhle endlich zu dem gewünschten, in der That schaudervoll prächtigen Ort, [45] gelangte. Hier schien man sich schon in der Unterwelt zu befinden! Die mehrere hundert Fuß hohen, spiegelglatten, abgesprengten Schieferwände ließen vom blauen Himmel kaum so viel noch sehen, um Tag von Dämmerung unterscheiden zu können. Der Boden, auf dem wir standen, war gleichfalls abgesprengter Felsen, und in der Mitte bereits ein tiefer Spalt, von ohngefähr sechs bis acht Fuß Breite, schon weiter herunter gearbeitet. Ueber dieser Schlucht amüsirten sich einige Kinder der Steinarbeiter, halsbrechende Sätze zu machen, um ein paar Pence dafür zu verdienen; an den Felsenwänden aber hingen überall Bergleute, gleich schwarzen Vögeln mit ihren langen Eisen pickend, und Schieferblöcke mit Geprassel herunter werfend. Doch jetzt schien das ganze Gebürge zu wanken, lauter Warnungsruf erschallte von mehreren Seiten, die Pulvermine sprang. – Ein großer Felsen löste sich nun von hoch oben langsam und majestätisch ab, stürzte gewaltig in die Tiefe, und während Staub und abspringende Steinstückchen die Luft gleich dickem Rauch verfinsterten, hallte der Donner im wilden Echo rings um uns wider. Diese, fast täglich an verschiedenen Orten des Steinbruchs nothwendigen, Operationen sind so gefährlich, daß, nach der eignen Versicherung des Direktors, man bei dem ganzen Werk im Durchschnitt jährlich auf 150Verwundete und 7 bis 8 Todte rechnet! Ein zu diesem Behuf eignes bestimmtes Hospital nimmt die Blessirten auf, und ich selbst begegnete beim Herreiten, ohne es zu wissen, [46] der Leiche eines vorgestern Gebliebenen, car c'est comme une bataille. Die Leute waren so aufgeputzt und mit Bergblumen geschmückt, daß ich die Prozession im Anfang für eine Hochzeit hielt, und fast erschrak, als auf meine Frage, wo der Bräutigam sey, einer der Begleiter schweigend auf den nachfolgenden Sarg wieß. Nach der Aeußerung des Direktors ist jedoch die Hälfte der Unglücksfälle der Apathie der Arbeiter selbst zuzuschreiben, die, obgleich jedesmal gewarnt, dennoch in der Regel zu sorglos sind, um sich bei der Explosion zur rechten Zeit und weit genug zu entfernen, und da der Schiefer sich oft in platten messerscharfen Stücken ablöst, so ist ein unbedeutendes, in weite Ferne geschleudertes Stück der Art hinlänglich, dem Manne, den es trifft, die Hand, ein Bein oder gar den Kopf rein abzuschneiden, welcher letztere Fall, wie ich hörte, einmal wirklich vorkam. Da wir selbst von dem Foyer nicht zu weit entfernt standen, so benutzte ich den Wink, und machte wieder linksum, durch die höllische Gallerie, um mir die friedlicheren Arbeiten zu besehen. Diese haben vielfaches Interesse. So kann z.B. Papier nicht zierlicher und schneller beschnitten werden, als hier die Schiefertafeln, und kein Kienblock kann leichter und netter spalten, als die Steinplatten, die der Arbeiter mit geringer Mühe durch einen einzigen Schlag des Meißels in Scheiben wie die dünnste Pappe, und von 3 bis 4 Fuß im Durchmesser, zertheilt. Der rohe Stein kömmt aus den eben beschriebenen Regionen sämmtlich auf wahren Pariser Rutschbergen zum [47] Verarbeiten herab, und wie dort bringt die Kraft der herabrollenden beladenen Wagen auch die leeren wieder hinauf. Die Eisenbahnen sind hier nicht, wie gewöhnlich, concav, sondern convex, und die Wagenräder entsprechend.


Den 17ten.


Der Tag ging mit Ruhen, Schreiben und Lesen hin, und bietet daher wenig Stoff dar; ehe ich mich zu Bette lege, muß ich aber doch, der süßen Gewohnheit folgend, noch ein wenig mit Dir plaudern. Ich dachte eben an die Heimath und unsern verehrten Freund L..., der jetzt wieder umher reist, mir aber neulich ein ganzes Heft seiner älteren Bemerkungen zusendete. Soll ich Dir eine Echantillon davon mittheilen? – also höre:


Betrachtungen einer frommgemüthlichen Seele aus Sandomir oder Sandomich 15


1., Als die Sächsischen Postillone auf meine Kosten vielen Schnaps getrunken hatten etc.


Wie viel besser ist es doch bei uns, als überall in der Fremde! Freilich erlebt man dort manches Merkwürdige. Zum Beispiel ist es gewiß ein sonderbarer Umstand (und doch kann ich nach vielfältiger Erfahrung [48] nicht mehr daran zweifeln) daß, wenn hier die Pferde müde und faul sind (was leider nur zu oft statt findet), nur der Postillon Schnaps zu trinken braucht, um jene wieder sichtbar zu erheitern und muthig zu machen. Die Weisheit der Natur und ihre verborgenen Kräfte sind unergründlich! – Das eben erwähnte Phänomen erklärt sich indeß vielleicht aus der bekannten Erfahrung, daß Wein in den Fässern zu gähren anfängt, wenn der Weinstock blüht 16. Auf der letzten Station vor Torgau bekam mein Begleiter, der Gardelieutenant Graf S... aus Potsdam, bei dem das Reich der Gnade noch gar nicht zum Durchbruch gekommen ist, und der sich deßhalb auch noch jeden Augenblick über weltliche Dinge so unnütz ereifert – Händel mit unserm Postillon, und ward so böse, daß er ihn, mit dem Stocke drohend, einen sächsischen Hund nannte. »O Jeses nein, mein gnädger Herr Leutnant« erwiederte dieser recht albern, »da erren Se sich, mer sind ja schon seit mehr als zehn Jahren Preißische Hunde.« Man sieht doch, daß es den Leuten hier noch ganz an unsrer nationalen Bildung fehlt.


2., Nach meinem schickungsreichen Unglücksfall am 6ten Juli 1827.


Vier Wochen lang konnte ich nicht schreiben! dankbar und tiefgerührt ergreife ich heute zum erstenmale [49] wieder die Feder, um die merkwürdige Schickung aufzuzeichnen, die ich erlebte! Als ich vorigen Monat nach M.... reiste, ward ich, grade wie der Fremde in den Kleinstädtern, immediat vor dem sogenannten Chausseehause schrecklich umgeworfen, und brach den rechten Arm. Mein erster Ausruf – ich gestehe es zu meiner Beschämung – war ein garstiger Fluch! mein zweiter aber schon Dank, brünstiger Dank dem Schöpfer, daß ich nur den Arm und nicht den Hals gebrochen hatte! Bei solchen Gelegenheiten erkennt man deutlich die unergründlichen Wege, und die schützende, uns immer zur rechten Zeit Hilfe bringende Hand der Vorsehung. Hing nicht mein Leben an einem Haare, und wollte mir Gott nicht hier eindringlich beweisen, daß es nur von ihm abhing, meine Augen auf ewig zu schließen, oder mein junges Leben noch zu schonen, das vielleicht, denn was ist Gott unmöglich! noch zu großen und wichtigen Dingen bestimmt ist? Ja ihr Philosophen, innig und jubilierend fühle ich es: Nur der Glaube macht selig!


3., Als ich bei Torgau beinahe in der Elbe ersoff etc.


Gewiß ist es, daß man nicht eher ins Wasser gehen sollte, als bis man schwimmen kann, wie schon ein griechischer Weiser sehr richtig bemerkt hat. Ich war so unvorsichtig, mich ohne diese Kenntniß gestern zu baden (denn von dem rebellischen Turnen und Leibesübungen dieser Art hielt ich mich immer fern) und wäre, da ich einen Krampf in der Wade bekam, [50] und darüber etwas die Contenance verlor, vielleicht jetzt schon ein Todter, ohne einen Mann, den der Himmel wiederum grade um diese Zeit herbeiführen mußte, mich zu retten. Könnte ich gegen so viele Beweise speciellen Schutzes blind seyn! – Die ganze Elbe ist mir dennoch seitdem etwas zuwider geworden. Ich bekämpfe dies aber als ein tadelnswerthes Gefühl, da man bedenken muß, von welchem Nutzen dieser Fluß doch für so viele unserer Mitbrüder ist 17. Obgleich die Bemerkung, glaube ich, schon früher gemacht worden ist, so bleibt es doch nicht weniger beachtungswerth, daß man bei großen Städten fast immer auch einen Fluß findet; – aber so weise, so gnädig hat es die gütige Vorsehung überall zu unserm Nutzen eingerichtet, wir Menschen erkennen es nur zu selten! Ja für alle hat die Natur wie eine gütige Mutter gesorgt! Der Biene gab sie ihren Stachel, dem Biber seinen Schwanz, dem Löwen seine Kraft, dem Esel die Geduld, dem Menschen aber seinen hohen Verstand, und wo dieser, nebst der trügerischen Vernunft nicht ausreicht, himmlische Offenbarung. O wie dankbar fühle ich mich immer, wenn ich dies recht bedenke, ich, der ohnedem für so viele geistige und körperliche Vorzüge mehr als viele meiner Mitmenschen zu danken habe. – Möge ich es nie vergessen! Amen.


[51] 4., Als ich dem Juden Abraham meinen schon zweimal prolongirten Wechsel, mit alterum tantum endlich bezahlen mußte.


Es hat mich der Zweifel beunruhigt, ob die Juden wirklich bis an der Welt Ende bestehen, und so wie jetzt, vom Fluche getroffen, zerstreut, und gedrückt auf Erden leben, und uns deßhalb fortwährend so sehr werden prellen müssen!

Doch, ist dieser Zweifel nicht schon Sünde, da es so in vielen heiligen Büchern steht? Ueberdies geht ja von unserm Lande, wo von jeher die größte Aufklärung herrschte, auch jetzo wiederum die Bekehrung dieser unglücklichen Verirrten aus. Ach hier drängt mich ein neuer banger Zweifel! Werden auch gewiß einst alle Bewohner der Erde Christen heißen? Es ist zwar so verkündet, aber neulich stieß ich bei meinen gelehrten Studien auf eine Berechnung, die mir zu meinem wahren Schrecken zeigte, daß es überhaupt unter 800 Millionen Menschen bis jetzt nur noch etwas über 200 Millionen gibt, welche sich nach dem wahren Namen nennen. Hoffentlich werden indeß die braven Bibelgesellschaften das Ihrige thun und nicht ermüden. Den Engländern muß es aber doch noch nicht rechter Ernst damit seyn, da sie in Indien fast noch keinen Einzigen bekehrt haben. Die mögen wohl, wie gewöhnlich, nur politische Zwecke damit verbinden 18. Uebrigens las ich neulich von einem Missionair [52] daselbst, daß ihm ein Hindu recht frech geantwortet habe: Ich lasse mich nicht eher von Euch zum [53] Christen bekehren, bis Ihr Euch von mir nicht auch zum Hindu habt bekehren lassen – denn ich glaube [54] an die Wahrheit meiner Religion, Ihr an die Wahrheit der Eurigen. Was Einem recht ist, ist dem Andern billig – und einzelne Fabeln und Mißbräuche mag es vielleicht in beiden geben, der Geist aber wird wohl aus seiner Familie seyn. Das sind noch recht schlechte Aussichten 19! Ich selbst, der, ohne mich deshalb rühmen zu wollen, bereits in meiner Vaterstadt [55] einen alten Juden, mit dessen Handel es nicht mehr recht fort wollte, zur Taufe vermochte, wofür er noch jetzt eine Pension von mir erhält – suchte auch mein Scherflein zu der Sinneswandelung eineswirklichen Indiers beizutragen, der nach vielen wunderbaren Schicksalen bis in unsere hyperboräischen Gegenden verschlagen worden war, woselbst die Herrnhuter sich lange, und dennoch vergebens, mit seiner Bekehrung bemüht hatten. Er hörte mir recht geduldig zu, und ich muß gestehen, ich bewunderte, von der Wichtigkeit des Gegenstandes hingerissen, meine eigne Beredtsamkeit. Aber was war der ganze Erfolg? Er sah mich lächelnd an, nahm mein Almosen, schüttelte mit dem Kopf, wie eine Pagode, und ließ mich ohne alle weitere Antwort stehen!


P.S. Eben erhalte ich zu meinem großen Schrecken die Nachricht, daß der von mir bekehrte Jude gestorben, und auf dem Todbette, aus Gewissensbissen – (sollte man so etwas für möglich halten!) wieder ein Jude geworden ist!


5., Als ich vom Begräbniß der Madame R... zurückkam.


Vor einigen Tagen begab sich hier eine höchst merkwürdige Geschichte! Es sind erst kürzlich zehn Jahre verflossen, daß ein hübsches, und was mehr sagen will, auch ein frommes Mädchen in einem hiesigen Conditorladen angestellt war. Obgleich vielen Versuchungen [56] bei ihrem süßen Metier ausgesetzt (denn nicht alle junge Leute, die den Conditorladen besuchen, besitzen meine Sittsamkeit) wollte sie doch auf Niemand hören, und fand ihre Freude blos in der Frömmigkeit. Sie versäumte keine Betstunde beim Präsidenten S... oder andere, wo sie nur zu einer solchen Zutritt erlangen konnte, und ging vor allen jeden Sonntag, wenigstens einmal, in die Kirche.Eines Sonntags jedoch (es war Martini, wenn ich nicht irre) vergaß sie dieser Pflicht, und blieb, sich mit weltlichem Putze beschäftigend, zu Hause. Da nahte sich ihr die Nemesis in Gestalt eines jungen Mannes, dem sie schon längst heimlich geneigt war, und der an jenem verhängnißvollen Tage es wahrscheinlich sehr weit in ihrer Gunst brachte, denn kurze Zeit darauf heirathete er sie. Im Anfang lebten sie sehr glücklich, und bekamen mehrere Kinder. Nach und nach jedoch ließ, in den Zerstreuungen der Ehe ihre Frömmigkeit bedeutend nach. Die Unglückliche schien ihre weltlichen Pflichten als Gattin und Mutter zu lieb zu gewinnen, und von nun an dem Genusse der Betstunden und der Lektüre heiliger Bücher sogar vorzuziehen, aber die Folgen ihres Leichtsinns zeigten sich bald. Ihren Mann traf vielfaches, wie man versichert, sonst unverschuldetes Unglück, einige ihrer Kinder starben, die Familie verfiel in Armuth, und der Mann hierüber zuletzt in die tiefste Melancholie. Letzten Sonntag aber, grade am zehnten Jahrestag jenes erwähnten Sonntags, wo das unglückliche Mädchen nicht in die Kirche ging, [57] hat ihr Mann, in einem Anfall von Wahnsinn, sich und seine Frau grausam ermordet! hier erkenne man, wie die gerechte göttliche Strafe langsam, aber desto sicherer ihr Opfer findet. – Ich enthalte mich aller strengen Betrachtungen, aber wer durch dieses warnende Beispiel nicht gewitzigt wird, nicht einsieht wie strafbar und gefährlich es ist, den regelmäßigen Besuch der Kirche auch nur einmal aus Leichtsinn zu versäumen – den bedaure ich! er kann nur durch Schaden klug werden, und wohl ihm, wenn er es noch diesseits wird! –


6., Als ich meinen letzten Korb in D.. bekam.


Ich bin sehr unglücklich in der Liebe, eine Sache, die schwer zu begreifen ist, aber dennoch bleibt es wahr, daß mir schon wieder einer meiner wohl angelegtesten Pläne mißlungen ist!

Seit lange schon liebte ich Fräulein M.. mit allem Feuer meines ungestümen Charakters. Ich wagte zwar nicht, es ihr zu sagen, aber meine Blicke, die ich stundenlang schmachtend auf sie heftete, sprachen zu deutlich, um nicht verstanden zu werden. Demohngeachtet hatte ich meiner Angebeteten noch kaum mehr als ein spöttisches Lächeln abgewinnen können, als endlich eine wichtige Epoche, nämlich ihr achtzehnter Geburtstag eintrat. Ich beschloß durch eine ausgezeichnete Galanterie jetzt ihr Herz zu bestürmen, was ich mir um so eher, und mit gutem Gewissen erlauben durfte, da ich nie andre als redliche Absichten [58] hege. Ich dachte nun lange nach, was ich wohl wählen sollte. Rosenstöcke und alle botanischen Geschenke, wie Früchte u.s.w. sind so alltäglich, Putz durfte es nicht seyn, denn dies würde einer indirekten Andeutung geglichen haben, daß ich sie für eitel halte, noch weniger hätte ich ihr mögen etwas Kostbares anbieten, um sie nicht für interessirt zu erklären, ein frommes Gesang- oder Erbauungsbüchlein wagte ich nicht zu wählen, um nicht sündlich bei irdischen Zwecken Heiliges zu profaniren – nein, nur etwas Gefühlvolles und zugleich zart auf unsre Verhältnisse Anspielendes mußte es seyn. – Da fiel mir plötzlich, wie ein Blitz in dunkler Nacht, der Gedanke ein, daß die Zeit der frischen Häringe herannahe. Dies Wort elektrisirte mich, und mit der gewöhnlichen Schnelligkeit meiner Conceptionen, gewahrte ich im Augenblick, was hier alles verborgen liege. Sogleich schickte ich eine Staffette nach Berlin, um dort, wo alles Neue bekanntlich stets zuerst zu finden ist, wo möglich noch vor der jährlichen Annonce in den zwei löschpapiernen Zeitungen, besagte Geschöpfe Gottes zu erhalten. Alles ging nach Wunsch – beide lagen vor mir, ehe wenige Tage vergingen. Ich ließ sie nun noch, statt der Petersilie, auf einigen liebevollen Blättern des Clauren'schen Vergißmeinnichts (die nie verblühen) anrichten, und überdachte nochmals, was ihre stumme Sprache (nämlich der Häringe) außerdem noch alles auszudrücken fähig sey.

Es wäre vielleicht zu weit hergeholt, wenn ich es geltend machen wollte, wie Häring an Hymen erinnere, [59] und beide Worte offenbar eine etymologische Verwandtschaft haben, weil sie beide mit einem großen H anfangen und auch das kleine n in beiden vorkömmt – aber deutlicher schon sprach der Umstand: daß sieein Paar waren – die Haupt-Pointe aus, auf die es abgesehen war. Die blaue Farbe, die an den Himmel erinnert, bedeutete unsre beiderseitige Sanftmuth, und die starke Einsalzung die Schärfe unsres Verstandes und attischen Witzes. Die unverwelkbaren Blätter schrieen, so zu sagen: Vergiß mein nicht! und spielten zugleich sehr deutlich auf die nie versiegende Wonne an, die wir empfinden würden, wenn wir uns erst ganz besäßen! Was aber, glaube ich, der Sache die Krone aufsetzte, war ohne Zweifel das artige Wortspiel, welches im Namen selbst liegt. Hering – her-Ring! deutlicher und zugleich delikater (in jeder Bedeutung des Ausdrucks, denn frisch eingesalzene Heringe sind in Preußen und Sachsen eine Delikatesse) konnte ich meine Liebe, und meine redlichen Absichten unmöglich erklären. Um jedoch ganz sicher zu seyn, gehörig verstanden zu werden, legte ich oben darauf noch eine, auf chinesisches Reispapier zierlich gemalte und ausgeschnittene Rose, in deren Blättern ich mit schüchterner Hand folgende kleine Erstlinge meiner Muse verbarg:


Wem ist's so wohlig auf dem Grund,
Wer wird in blauer Fluth gesund?
Der Hering.
[60]
Die Fluth sind Deine blauen Augen,
O laß hinab in sie mich tauchen
Als Hering.
Ach, so erhöre doch mein Fleh'n,
Laß Schönste, ach laß es gescheh'n –
Gib her-Ring!

Wer sollte glauben, daß Alles dennoch umsonst war! In schlichter Prosa antwortete mir die Frau Mutter ganz ungebunden und kurz: ihre Tochter bedaure sehr, von jeher eine idyosinkratische Abneigung gegen Heringe empfunden zu haben, so daß sie selbst die letzten Theaterstücke des berühmten Willibald Alexis nicht mehr sehen konnte, seitdem sie in Erfahrung gebracht, daß der Verfasser nur Hering heiße. Sie sende mir daher meine Fische nebst begleitender Poesie mit vielem Danke für die gute Meinung, in beifolgendem Korbe ergebenst zurück.

Glücklicherweise tröstet die Frömmigkeit ein wahrhaft von ihr ergriffenes Gemüth über Alles, aber ich mußte wohl zwei Stunden in der Bibel lesen, ehe ich wieder hinlängliche Geduld und Fassung erhielt – und obgleich der Wallfisch, welcher Jonas verschlang, und mit dem ich mich heute unterhielt, sehr groß war, so verschwand er doch jeden Augenblick in meiner Phantasie vor dem verhängnißvollen Herings-Paar.

In meinem Aerger (den ich leider immer noch nicht ganz besiegt habe) muß ich aber den erwähnten [61] beiden Löschpapiernen nun auch etwas abgeben. Sie sollten doch in ihren Annoncen sich nicht nur richtiger Orthographie befleißigen, sondern auch auf den Sinn einige Rücksicht nehmen. Von den schmähligen Wurstbällen, Wisotzki, und Jungfern Stechen, will ich nichts sagen, aber in einer Sammlung vaterländischer Merkwürdigkeiten, die ein Berliner Freund von mir angelegt hat, finde ich von besagten Zeitungen einige Blätter mit folgenden zwei Todes-Anzeigen von demselben unglücklichen Vater; und einer dritten, ältern Ankündigung zu einem Concert.


1) Heute nahm der liebe Gott, auf seiner Durchreise durch Teltow, meinen jüngsten Sohn Fritz, an den Zähnen zu sich.

2) (Einen Monat später.) Heute nahm der liebe Gott schon wieder meine Tochter Agnese zur ewigen Seligkeit zu sich.

3) Montag wird im hiesigen Schauspielhause ein Concert gegeben. Der Ertrag der Einnahme ist zur Grundlage eines Unterstüt zungs-Fonds unsrer im Kampfe für das Vaterland gebliebenen Landsleute bestimmt.


Nun frage ich Jeden, ob das nicht den Tod lächerlich machen heißt, gewiß eine schwere Sünde, auch wenn sie absichtslos begangen wird.


Soweit vor der Hand unser Freund L..


Aber die Nacht wird blässer – schon dämmert das neue Licht. Ich sage also wie das Lied von Moore: [62] Es ist schon Tag, d'rum gute Nacht. Ich sende Dir diesen langen Brief, den ein Bekannter morgen früh mit nach London nimmt, durch unsre Gesandtschaft, und schließe mit einem herzlichen Kuß, der, wohl eingesiegelt, hoffentlich die P.... Douanen unangefochten passiren wird, und wenn ich zaubern könnte, sich für jeden unberufenen Leser in einen derben Nasenstüber verwandeln müßte.


Dein treuer L..

Fußnoten

1 Dieser Name ist ein fingierter, weil wir nicht autorisirt sind, den wahren herzusetzen. So haben wir auch einige andere Namenbezeichnungen und Andeutungen gesellschaftlicher Verhältnisse maskieren zu müssen geglaubt.

A.d.H.

2 Du wenigstens weißt, daß diese Stimmung nicht in Egoismus begründet ist.

3 Es ist eine der großen Schönheiten Englands, daß man dort, selbst den ganzen Winter hindurch, fast bei allen Wohnungen die üppig blühendsten Lauben und Ranken gefüllter Monats-Rosen antrifft.

4 Wo andere Meilen nicht ausdrücklich benannt sind, ist immer von englischen die Rede, deren bekanntlich vier und eine halbe auf die deutsche Meile gehen.

A.d.H.

5 Eine Art lockerer Semmel mit croquanter Rinde, die heiß mit Butter gegessen wird.

A.d.H.

6 Die »Unaussprechlichen« wird dieses Kleidungsstück in England genannt, wo eine Frau der guten Gesellschaft zwar wohl häufig Mann und Kinder verläßt, um mit einem Liebhaber davon zu laufen, oder doch zu decent ist, um das Wort »Beinkleider« öffentlich nennen hören zu können.

7 Die Post soll übrigens in jenem Reiche durchausExtra-Post seyn, und Manche es sehr bedauern, daß sie nicht noch einen größern Theil der Staatsmaschine fährt, um dem jubilarischen Stillstand einen neuen Anstoß zu geben.

A.d.H.

8 Ich kenne übrigens Züge von diesem Künstler, die manchem industriellen Edelmann unserer Zeit zur Ehre gereichen wurden, z.B. der, daß er seine Rechnungen nur alle fünf Jahre einschickt, und der großmüthigste Gläubiger aller Isolani's der Armee ist.

Avis aux lecteurs!

9 NB. wenn der Adel darnach beschaffen, d.h. wahrer National-Adel ist, so wie ihn England zum Theil besitzt, oder auch wie ihn Grävell in seinem Regenten gut definirt.

A.d.H.

10 Hier meint mein seliger Freund ohne Zweifel nur, in der Schätzung gewisser Beamten, die aus guten Gründen die Mittelmäßigkeit über alles lieben – denn nirgends geht von höchster Stelle wohl edlere Würdigung des Verdienstes aus, als gerade dort, wenn ich anders den gemeinten Ort richtig deute. Das ganze Land sah davon erst kürzlich ein allgemein erfreuendes Beispiel in der zarten Auszeichnung des verehrten Staatsmannes, der, an der höchsten Stelle stehend, bewiesen, daß er auch die höchsten Ansprüche darauf hat. Giebt es Einen, der noch an dem Letztern zweifelt – so ist es gewiß nur er selbst.

A.d.H.

11 Wenn ich nicht gewiß wüßte, daß mein Freund diese Stelle anno 1828 geschrieben hätte, so würde ich sie für eine Reminiscenz aus der Antritts-Rede des Präsidenten Jackson halten. Dieser will gar, daß die sämmtlichen Beamten der vereinigten Staaten (mit wenigen Ausnahmen) gleich dem Präsidenten, alle fünf Jahre Andern Platz machen sollten. Eheu jam satis! Was würden unsere Regierungs-Räthe zu einer solchen Wirthschaft sagen! Ganze General-Commissionen könnte davon, im eigentlichsten Sinne des Worts, der Schlag rühren! denn, wer weiß, wenn in 5 Jahren es an die Renovirung ginge, ob man ihre Beibehaltung überhaupt noch der Mühe, ich wollte sagen, des Geldes, was sie kosten, werth finden würde.

A.d.H.

12 Ablösen, reguliren, separieren – welcher Guts- und auch bäuerliche Besitzer in jenem aufgeklärten Lande kennt nicht die eigentliche Bedeutung dieser Worte! Schön und liberal, obgleich den Knoten etwas gewaltsam durchhauend, war die Idee des Gesetzes, aber wie wird es ausgeführt! Hierüber wäre ein Buch zu schreiben, und sollte geschrieben werden. Die Ausführung dieses Geschäfts ist nämlich vollkommen von der Art, wie ein gewisser Herr von Wanze als Pächter verkleidet den wohlhabenden Bauern zu A... auf ihrer Kirmeß das Pharao lehrte. Ihr setzt Euer Geld, sagte er, ich theile die Karten rechts und links. Was links fällt, gewinne ich, was rechts fällt, verliert ihr.

A.d.H.

13 Der Billigkeit gemäß, muß man jedoch zugeben, daß der Ausnahmen von dieser Schilderung auch viele sind. Wenn z.B. Goethe nicht verschmäht »einen Mann von 40 Jahren« unter die Unmündigen zu schicken, wenn Tiek sich unserer mit einer ganz ächten Novelle erbarmt, L. Schefer, in seltsam sich durchkreuzenden Blitzen, Herz und Geist zu berühren weiß, Kruse eine Criminal-Geschichte anmuthig macht, oder irgend eine Therese, Friederike etc., die, sonst so undurchdringlichen, Geheimnisse weiblicher Herzen enthüllt (der Verdienste anderer Haupterzähler, der Kürze wegen, gar nicht einmal zu erwähnen) so sieht man wohl, daß einige Hand-Arbeiter gar gute und vollständige Waare liefern könnten – wenn nicht bereits die ganze Fabrik durch das Maschinen-Wesen verdorben wäre.

A.d.H.

14 Diese Penduln können also von einem spitzfindigen Bedienten, je nachdem sie längere oder kürzere Zeit nachschwingen, zugleich als ein Thermo- oder Hygeometer der Geduld ihrer respektiven Herrschaften benutzt werden.

A.d.H.

15 Die Einwohner selbst können nicht ganz genau angeben, welche Endung die eigentlich richtige sey.

16 NB. nicht zu vergessen: unsern gelehrten Professor Blindemann zu fragen, was er von dieser Auslegung hält?

17 Unter anderen auch für die Elbschiffahrtscommissarien, die ihre Arbeit eben so schön beendet, und Alle Orden dafür bekommen haben. Ob mir Gott wohl auch einen Orden bescheeren wird?

18 Um dem Scherz ein ernstes Wort hinzuzufügen, möchte ich hier fragen: »Wer ehrt nicht die menschenfreundlichen Motive, welche die Bibelgesellschaften hervorbrachten, und Missionarien versenden? aber – sind diese beiden, selbst wenn nicht, wie leider so oft geschieht, der schändlichste Mißbrauch damit getrieben wird, auch die rechten Mittel zum Zweck? Der Erfolg lehrt uns fast überall das Gegentheil. Man bedenke, daß Gott selbst das Christenthum erst zumzweiten Bunde sendete, der erste war rein aufirdisches Interesse und despotische Gewalt basirt.

Ich möchte daher fast sagen, wenn ich mich nicht fürchtete zu spaßhaft zu erscheinen, daß man erst damit anfangen müßte, die Wilden zu Juden zu bekehren, ehe man sie zu Christen machte. Dies würde auch mit dem Interesse des Handels, diesem wichtigen Hebel, absonderlich gut übereinstimmen. Man civilisirte sie dann vielleicht mit Schachern weit schneller, als durch Paulus Briefe an die Corinther.

Dies könnte uns als Fingerzeig dienen, und die Naturgemäßheit solchen Verfahrens wird auch überall durch Erfahrung bestätigt, wo derselbe Gang zu gehen ist. Menschen, die so wenig civilisirt sind, als z.B. die noch fast thierischen Bewohner Afrika's, zu Christen machen zu wollen – scheint mir fast eben so unvernünftig, als den Affen europäische Sprachmeister zu schicken. Auf dieser Stufe der Cultur sind eben nur Interesse und Gewalt, der eine wohlthätige Gewohnheit folgt, anwendbar, und in dieser Hinsicht möchten (einmal angenommen, daß wir Beruf und Recht haben, weniger Civilisirte zu unsrer Civilisation, auch ohne ihren Willen, empor zu heben) selbst die Bekehrungen mit dem Schwerdte nicht so unzweckmäßig als die durch Bibelgesellschaften seyn, immer vorausgesetzt, daß sie ohne Grausamkeit, und aus wahrhaft guter Absicht bewerkstelligt würden A1. Der andere Weg, nämlich: durch ihr eignes augenblickliches Interesse auf die Wilden zu wirken, kann nur durch Handel erreicht werden, und scheint der gerechteste und mildeste von allen, würde aber doch auch von einem gewissen Zwang begleitet werden müssen, um schnelle und dauernde Resultate herbeizuführen. Das Schlimmste bei den Bemühungen, das Christenthum voreilig einzuführen, ist aber ohne Zweifel, daß die Wilden sobald sie mit Christen in Collision kommen, gewahr werden müssen, daß diese selbst fast in allen Dingen, diese Lehre der Liebe fortwährend, sowohl unter sich als gegen sie selbst entgegenhandeln, Gouvernements, Corporationen und Einzelne. Ihr einfacher Verstand, der durch höhere Cultur noch nicht rektificirt ist, kann dies ohnmöglich zusammenreimen, und da sie überdem, wie Kinder, bei der neuen Lehre hauptsächlich nur die Mythe ins Auge fassen, so ist es ihnen nicht sehr zu verdenken, wenn die Liberalen oder Freidenker unter ihnen ausrufen, Fabel für Fabel, Morden für Morden, Sclaven verkaufen für Sclaven verkaufen – wo ist der Unterschied?« Hätten die christlichen Mächte ernstlich den Sclavenhandel abgeschafft, und zugleich die, zur Schande Europa's, noch immer bestehenden Raubnester an Afrika's Küsten vernichtet, England aber, statteinen einzelnen Reisenden nach dem andern (die sich noch obendrein durch ihre englisch-christliche Arroganz, ohne die Mittel sie durchzuführen, dort nur verächtlich und lächerlich machen) von den Einwohnern umbringen, oder am Clima sterben zu lassen – eine sich Respekt verschaffende, und durch vorgängigen Aufenthalt an der Küste schon abgehärtete, Expedition ins Innere geschickt, die mit Würde und mit wohlthätiger Gewalt, dem Handel eine menschlichere Richtung zu geben, und die entgegenstehenden Hindernisse, wenn auch zum Theil durch die Macht der Waffen, zu zerstören gesucht hätte – so würde gewiß ein großer Theil Afrika's jetzt unendlich mehr civilisirt seyn, als durch hundertjährige Missionen und Bibelsendungen zu erreichen möglich seyn wird. Einige werden hier sagen: A quoi bon tout cela? Andere die Frage aufwerfen, wer uns das Recht gebe, uns ungerufen in die Angelegenheiten Fremder zu mischen? Die Antwort hierauf würde zu weit führen; was mich betrifft, gestehe ich, den Grundsatz der Jesuiten in so weit zu theilen, daß ich annehme: Ein edler Zweck, das heißt: ein zum Besten Anderer gefaßter Plan, der zugleich mit der Kraft ihn auszuführen verbunden ist, heiligt auf den hohen Standpunkten der Menschheit alle, redlich in demselben Sinn angewandte Mittel, in sofern sie sich nur auf offene Gewalt beziehen – denn Verrath und Unredlichkeit kann nie zum Guten führen.

A.d.H.

19 Kotzebue in seiner neuesten Reise um die Welt gibt uns ein ergreifendes Gemälde von dem Unwesen der englischen Missionaire auf Otahaiti und den Sandwichs-Inseln. Als man, fügt er hinzu, den, für das Glück seines neu geschaffenen Reichs zu früh verstorbenen, König Tameamea zur Annahme der christlichen Religion bewegen wollte, erwiderte er, auf die Statuten seines Cultus hinweisend: Dies sind unsre Götter, die ich seit meiner Kindheit zu verehren gelehrt wurde. Ob ich Recht oder Unrecht daran thue, weiß ich nicht; aber ich folge meinem Glauben, der nicht schlecht seyn kann, da er mir vorschreibt,keine Ungerechtigkeit zu begehen.

A.d.H.

A1 Man kann läugnen, daß Carl des Großen und der Spanier Heidenbekehrungen den meisten Erfolg hatten, nur Schade, daß die Spanier, eigentlich bessere Christen, als sie waren, erst zu einem neuen Heidenthume zwangen.

26. Brief
[63] Sechs und zwanzigster Brief.

Caernarvon, den 19ten July 1828.


Geliebte Freundin!


Todtmüde komme ich eben von der Ersteigung des großen Snowdon zurück, des höchsten Berges in England, Schottland und Wales, was freilich nicht allzuviel sagen will. Vergönne mir also Ruhe bis morgen, wo ich Dir meine Fata treulich erzählen werde. Indessen gute Nacht für heute.


Den 20sten.


Nachdem ich das Paquet für Dich Mr. S. übergeben und auf das sorgsamste empfohlen, verließ ich vor der Hand Bangor, so schnell, als vier Postpferde mich davon führen konnten. Unterwegs besah ich einige Eisengußwerke, die ich jedoch übergehe, da ich nichts Neues darinnen bemerkte. Ich befand mich etwas unwohl, als ich im Gasthof zu Caernarvon anlangte, wo ein bildschönes Mädchen mit langen schwarzen Haaren, die Tochter des Wirths, der abwesend war, sehr anmuthig die Honneurs machte. –

[64] Den andern Morgen um 9 Uhr setzte ich mich, bei ziemlich versprechender Witterung, auf einen char-à-banc mit zwei inländischen Pferden bespannt, die ein kleiner Junge führte, welcher kein Wort englisch verstand. Wie toll jagte er im train de chasse über schmale Seitenwege durch die felsige Gegend. All mein Rufen war vergebens, und schien ganz entgegengesetzt von ihm interpretirt zu werden, so daß wir die neun Meilen bis zum See von Llanberris in weniger als einer halben Stunde, über Stock und Stein, zurücklegten. Ich begreife jetzt noch kaum, wie Wagen und Pferde es ausgehalten haben. An den Fischerhütten, die hier zerstreut und einsam liegen, erwartete mich ein sanfteres Fuhrwerk, nämlich ein nettes Boot, auf welchem ich mich mit zwei rüstigen Bergbewohnern einschiffte. Der Snowdon lag jetzt vor uns, hatte aber leider, wie die Leute es nannten, seine Nachtmütze über den Kopf gezogen, während die umgebenden niederen Berge im hellsten Sonnenscheine glänzten. Er ist zwar nur gegen viertausend Fuß hoch, erscheint aber deßwegen weit ansehnlicher, weil er seine ganze Höhe ohne Absatz vom Seeufer hinansteigt, während andere Berge dieses Ranges ihre Spitze gewöhnlich erst von einer schon hohen Basis erheben. Die Ueberfahrt bis zu dem kleinen Gasthofe am Fuße des Snowdon ist drei Meilen lang, und da der Wind heftig wehte, ging es sehr langsam und schwankend vorwärts. Das Wasser des Sees ist so schwarz als Tinte, die Berge kahl und mit Steinen besäet, nur mit wenigen grünen [65] Alpenabhängen abwechselnd. Hie und da sieht man am Fuß einige niedrige Bäume, aber das Ganze ist wild und düster. Ohnfern der kleinen Kirche von Llanberris ist der sogenannte Heiligenbrunnen, den eine einzige ungeheure Forelle bewohnt, die seit Jahrhunderten den Fremden gezeigt wird. Oft läßt sie sich jedoch nicht herauflocken, und es wird für ein glückliches Zeichen angesehen, wenn man sie schnell erblickt. Als ein Feind aller Orakel ließ ich sie unbesucht. Man erzählte mir auch von einer sonderbaren Amazone, die, mit Riesenstärke begabt, hier lange eine wildes Männerleben geführt, und von großen Bienen, welche die Walliser so hoch schätzen, daß sie annehmen, sie seyen im Paradiese geboren.

Man fängt hier viele und vortreffliche Lachse. Die Art des Fanges aber ist originell, denn sie werden mit besonders dazu abgerichteten kleinen Hunden gehetzt, die sie aus dem Schlamm herausholen, in dem sie sich zu gewissen Zeiten verkriechen.

Ich besorgte mir im Wirthshaus schnell einen Führer und Pony (ein kleines Gebirgspferd), und eilte, mich auf den Weg zu machen, immer noch hoffend, daß die drohenden Wolken sich nach Mittag vertheilen würden. Leider aber geschah das Gegentheil – es wurde immer schwärzer und schwärzer, und ehe ich noch eine halbe Stunde lang, vor meinem Pony, den der Führer am Zaume leitete, hinangeklettert war, hüllte schon ein dunkler Mantel Berge, Thäler und uns ein, und ein derber Regen strömte auf [66] uns herab, gegen den mein Schirm mich nicht lange schützte. Wir flüchteten endlich in die Ruine einer alten Burg, und nachdem ich mühsam eine verfallene Wendeltreppe erstiegen, gelangte ich auf den Ueberrest eines Söllers, wo ich unter Epheuranken ein gutes Obdach fand. Alles um mich her sah aber melancholisch aus. Die zerbröckelten Mauern, der Wind, der klagend durch sie hinrauschte, der monotone Fall des Regens, und die so unangenehm getäuschte Hoffnung, stimmten mich ganz traurig – ich dachte seufzend, wie mir nichts, auch das Kleinste nicht, wie ich es wünsche, gelingt, wie Alles, was ich unternehme, das Ansehen des Unzeitgemäßen und Sonderlingartigen annimmt, so daß ich überall wie hier, was Andere bei Sonnenschein vollbringen, in Regen und Sturm durcharbeiten muß. Ungeduldig verließ ich das alte Gemäuer, und steuerte wieder bergan. Das Wetter wurde aber nun so fürchterlich, und der sich erhebende Sturm selbst so gefährlich, daß wir von neuem in einer elenden verfallenen Hütte Schutz suchen mußten. In dem räuchrigen Innern spann stillschweigend eine alte Frau, und einige halbnackte Kinder kauten, auf dem Boden liegend, an trocknen Brodrinden. Mein Eintreten schien von der ganzen Familie kaum bemerkt zu werden, wenigstens änderte es nichts in ihren Beschäftigungen. Einen Augenblick starrten mich die Kinder ohne Neugierde an, und fielen dann wieder in die Apathie des Elends zurück. Ich setzte mich auf den runden Tisch, das einzige Möbel im Hause, und gab ebenfalls meinen [67] Gedanken Audienz, die nicht die erfreulichsten waren. Da indessen der Sturm immer ärger wüthete, rieth mir der Führer ernstlich umzukehren. Es wäre ohne Zweifel auch das vernünftigste gewesen, um so mehr, da wir noch nicht den dritten Theil unseres Weges zurückgelegt hatten. Da ich mir aber schon früh vorgenommen, Deine Gesundheit, gute Julie, auf der Spitze des Snowdon in Champagner zu trinken, den ich zu diesem Behuf von Caernarvon mitgenommen, so schien es mir von übler Vorbedeutung, dies aufzugeben. Mit der Heiterkeit also, die ein fester Entschluß bei großen und kleinen Angelegenheiten immer gibt, sagte ich dem Führer lachend: und wenn es statt Wasser Steine regnen sollte, ich drehe nicht eher um, bis ich Snowdon's Gipfel gesehen, und hiemit bestieg ich meinen Pony. Der armen Frau ließ ich ein Geschenk zurück, das sie jedoch nur mit geringer Theilnahme empfing. Der Weg war äußerst beschwerlich geworden, da er fortwährend über lose und glatte Steine, die der Regen abspühlte, oder über sehr schlüpfrigen Rasen ging. Ich bewunderte, wie mein kleines thätiges Thier, nur mit glatten englischen Eisen ohne Griffe beschlagen, so sicher auf diesem Boden fortschritt.

Es wurde indeß bald so schneidend kalt, daß ich, ganz durchnäßt, wie ich war, das Reiten nicht länger aushalten konnte. Ich bin jedoch auch das Klettern so wenig mehr gewohnt, daß mich einigemal die Mattigkeit fast übermannte, stets aber hörte ich [68] dann, wie der Ritter in des weiland Spieß zwölf schlafenden Jungfrauen die encourangirenden Glöckchen, ermahnend das mä-mä der Bergschnucken ertönen, die zu Hunderten hier auf den magern Grasflecken weiden. Ich unterließ dann nie, mich des lieben Schäfchens in der Heimath zu erinnern, und rüstig weiter zu schreiten, bis ich wirklich mich nach einer Stunde ganz erholt hatte, und frischer zu fühlen anfing, als beim Ausmarsch. Aussichten entschädigten mich nicht, denn von Wolken ganz umschleiert, konnte ich kaum 20 Schritt weit vor mich sehen, und in diesem geheimnißvollen clair obscur erreichte ich auch den ersehnten Gipfel, zu dem man über einen schmalen Felsenkamm gelangt. Ein Steinhaufen, in dessen Mitte eine hölzerne Säule steht, ist als Wahrzeichen aufgerichtet. Ich glaubte hier der Erscheinung meines Doppelgängers zu begegnen, als ein junger Mann aus dem Nebel hervortrat, der mir selbst völlig glich, NB. wie ich aussah, als ich vor 16 Jahren in den Schweizer-Alpen umherirrte. Er trug, wie auch ich damals, ein leichtes Ränzchen auf dem Rücken, den Alpenstock in der Hand, und einen soliden, für Bergreisen klassischen Anzug, der allerdings einen so großen Kontrast mit meinen Londner Promenadestiefeln, steifer Halsbinde und engem frockcoat abgab, als seine Jugendfrische mit meinem, in der Stadt vergelbten, Gesichte. Er sah aus, wie der junge Natursohn, ich wie der ci devant jeune homme. Er hatte von der andern Seite den Berg erstiegen, und frug mich nur, [69] ohne sich aufzuhalten, angelegentlich, wie weit der Gasthof, und wie der Weg beschaffen sey? Sobald ich ihm meine Nachrichten mitgetheilt, eilte er singend und trällernd die Felsen hinab, und entschwand bald meinen Blicken. Ich kritzelte unterdeß meinen Namen, neben tausend andern, auf einen großen Stein, und ergriff dann das Kuhhorn, welches mir der Gastwirth als Trinkgeschirr mitgegeben hatte, und befahl meinem Führer, den Stöpsel der Champagnerflasche zu lösen. Sie mußte ungewöhnlich viel fixe Luft enthalten, denn der Pfropf flog höher, als die Säule unter der wir standen, und Du kannst daher, ohne Münchhausen etwas abzuborgen, mit gutem Gewissen versichern, daß, als ich am 17. Juli Deine Gesundheit trank, der Champagnerstöpsel gegen 4000 Fuß hoch über die Meeresfläche geflogen sey. Sowie das Kuhhorn überschäumend gefüllt war, rief ich mit Stentorstimme in die Dunkelheit hinein: Hoch lebe Julie mit neunmal neun (nach englischer Manier). Dreimal leerte ich darauf den animalischen Becher, und wahrlich, durstig und erschöpft, wie ich Ursach hatte zu seyn, hat mir nie in meinem Leben Champagner besser geschmeckt. Nach vollendeter Libation aber betete ich von Herzen. Es waren nicht Worte – aber innige Gefühle, unter denen der Wunsch lebhaft hervortrat, daß es doch Gottes Wille seyn möge, es Dir auf Erden gut ergehen zu lassen, und dann auch mir – if possible – und siehe! ein zierliches Lamm kam durch die Wolkenschleier heran geklettert, und die Nebel theilten [70] sich, und vor uns lag, in zuckenden Sonnenblitzen, einen Moment lang klar die vergoldete Erde. Doch nur zu bald schloß sich der Vorhang wieder – ein Bild meines Schicksals! Das Schöne und Wünschenswerthe, die vergoldete Erde erscheint nur zuweilen, gleich Irrlichtern vor mir; – so bald ich sie ergreifen will, verschwindet alles wie ein Traum.

Da nun keine Hoffnung mehr war, daß in den höchsten und allerhöchsten Regionen sich das Wetter heute bleibend aufklären würde, so mußten wir den Rückweg antreten. Ich fand mich jetzt so gestärkt, daß ich nicht nur keine Müdigkeit mehr spürte, sondern sogar das seit vielen Jahren nicht mehr gekannte Gefühl wieder empfand, wo das Gehen und Laufen, statt eine Mühe zu seyn, an sich selbst ein elastisches Vergnügen gewährt. Ich sprang also, gleich meinem vorher begegneten Jünglingsbilde, die Felsen und nassen Binsenabhänge so schnell hinab, daß ich einen Theil des Weges, der mir herauf anderthalb Stunden gekostet hatte, in wenig Minuten zurücklegte. Hier trat ich auch endlich aus den umgebenden Wolken wieder hinaus, und, war schon die Aussicht weniger prachtvoll, als sie auf dem Gipfel seyn mag, so gewährte sie dennoch einen großen Genuß. Ich mochte mich immer noch dritthalb tausend Fuß über dem Meere befinden, welches sich ohne Grenzen vor mir ausbreitete. In seinem Busen überschaute ich, wie auf einem Relief, die Insel Anglesea, und in den sich überall kreuzenden Schluchten [71] des Gebirges in meiner Nähe, zählte ich gegen zwanzig kleinere Seen, manche dunkel, manche so hell von der Sonne beschienen, daß die Augen ihren Spiegelglanz kaum ertragen konnten. Unterdessen war der Führer auch herabgekommen, da ich aber das Terrain nun vollkommen gut allein beurtheilen konnte, der Abend schön war, und ich noch keiner Müdigkeit Raum gab – so ließ ich ihn und sein verständiges Pferdchen auf der graden Straße allein zu Hause wandern, und beschloß mir meinen einsamen Rückweg über die schönsten Punkte selbst auszusuchen, et bien m'en prit – denn seit der Schweiz erinnere ich mich keines reizenderen Spazierganges. Ich folgte einem Felsenriß, längs des wilden Passes von Llanberris, berühmt aus den Kriegen der Engländer und Welschen, und wo die Letzteren, unter ihrem großen Fürsten Llewellyn, oft den Untergang der fremden Eindringlinge, vielleicht von derselben Stelle, wo ich jetzt stand, betrachten konnten. Die jählingen Felsenwände, die an vielen Orten fast senkrecht nach dem Passe abfallen, sind eine gute Uebung gegen den Schwindel. Ich erstieg nach und nach mehrere ziemlich bedenkliche Spitzen dieser Art, und fand in dem leichten Schauder, den die Gefahr einflößte, nur einen Genuß mehr. L'emotion du danger plait à l'homme, sagt Frau von Staël. Ganz allein war ich übrigens nicht. Die erwähnten Bergschafe, weit kleiner als die gewöhnlichen, wild und behende wie Gemsen, schreckten oft vor mir nach Art der Rehe, und stürzten sich auf [72] ihrer Flucht über Abhänge hinab, wo ihnen so leicht niemand folgen würde. Die Wolle dieser Thiere ist die gröbste, aber ihr Fleisch dagegen das zarteste und wohlschmeckendste, das es gibt. Auch legen die Londner Gourmands einen großen Werth darauf, und behaupten, daß, wer nicht Hammelfleisch vom Snowdon gegessen, gar keinen Begriff davon habe, welches Ideal ein Schöpsenbraten zu erreichen im Stande sey.

Ein anderes Mal kam ich fast in Collision mit einem großen Raubvogel, der, langsam mit ausgebreiteten Flügeln schwebend, den Blick so emsig nach der Tiefe gerichtet hatte, und so wenig darauf rechnen mochte, auf der unzugänglichen Felsenkuppe meine Bekanntschaft zu machen, daß er mich nicht eher bemerkte, bis ich ihn fast mit Händen greifen konnte. Jetzte schnellte er zwar, wie ein Pfeil, hinweg, verließ aber den Gegenstand seiner unterirdischen Forschungen keineswegs, und lange sah ich ihn noch, gleich einem Punkte, im blauen Aether schiffen, bis die Sonne hinter den hervorspringenden Bergen herabsank. Ich suchte nun in möglichst grader Linie zu der Hütte hinab zu kommen, in der ich früher einen Augenblick verweilt hatte. Nicht weit davon melkte ein Mädchen ihre Kühe, deren frische Milch mir sehr willkommen war, und bei der ich auch meinen Führer wieder antraf. Dies machte ich mir dankbar zu Nutzen, um den Nest des Weges, in meinen Mantel gehüllt, auf dem sichern Pony recht wohlthuend auszuruhen. Nachdem ich mich im Gasthof [73] umgezogen, eine Vorsicht, die man bei Bergreisen nicht versäumen darf, schiffte ich mich von neuem auf den, jetzt vom Abendrothe herrlich glühenden See ein. Die Luft war mild und lau geworden, Fische sprangen oft freudig in die Höhe, und Reiher umkreisten in zierlichen Bogen die Schilfgestade, während hie und da ein Feuer an den Bergen aufflackerte, und der dumpfe Donner gesprengter Felsen aus den entfernten Steinbrüchen herüber tönte.

Lange stand schon des Mondes Sichel am dunkeln Himmel, als mich die schwarz gelockte Hebe wieder in Caernarvon empfing. –


Den 21sten.


Ich war doch ein wenig von den letzten vier und zwanzig Stunden angegriffen, und begnügte mich daher heute mit einem Gange nach dem berühmten, hier liegenden Schlosse, welches von Eduard I., dem Eroberer von Wales, erbaut und von Cromwell zerstört, jetzt eine der schönsten Ruinen in England bildet. Das Einzige, was ich dabei bedaure, ist, daß es so nahe an der Stadt und nicht einsam im Gebürge steht. Die äußern Mauern, obwohl verfallen, bilden doch noch eine ununterbrochene Linie, welche ohngefähr drei Morgen Landes umschließt. Der innere, mit Gras bewachsene, mit Schutt und Disteln jetzt gefüllte Raum ist nahe an 800 Schritt [74] lang. Sieben Thürme, schlank und vest gebaut, von verschiedener Form und Größe, umgeben ihn. Einer derselben ist noch zugänglich, und ich erstieg auf einer hinfälligen Treppe von 140 Stufen seine Plattform, wo man eine imposante Aussicht auf Meer, Gebürge und Stadt hat. Beim Hinabgehen zeigte man mir die Rudera eines gewölbten Zimmers, in welchem, der Tradition nach, Eduard II., der erste Prinz von Wales, geboren ward. Die Welschen hatten nämlich, eingedenk der Bedrückungen englischer Hauptleute, in früheren Zeiten partieller und momentaner Eroberungen, dem Könige fest erklärt, daß sie nur einem Statthalter, der ein Prinz ihrer eignen Nation sey, Folge leisten wollten. Sofort ließ Eduard, mitten im Winter, seine Gemahlin Eleonore herbeiholen, um heimlich ihre Niederkunft in Caernarvon Castle abzuwarten. Sie gebar einen Prinzen, worauf der König die Edlen und Vornehmsten des Landes zusammenberief, und sie feierlich frug: ob sie sich der Regierung eines jungen Prinzen unterwerfen wollten, der in Wales geboren sey, und kein Wort englisch sprechen könne? Als sie dies freudig und erstaunt bejahten, präsentirte er ihnen seinen eignen, eben gebornen Sohn, indem er in gebrochenem Welsch ausrief: Eich Dyn, d.h. dies ist Euer Mann! – welche Worte später in »Ich Dien« dem Motto des englischen Wappens, corrumpirt worden sind.

Ueber dem großen Hauptthore steht noch Eduards steinernes Bild, mit der Krone auf dem Haupt, und[75] einem gezückten Dolch in der Rechten, als wolle er nach sechs Jahrhunderten noch die Steintrümmer seines Schlosses bewachen. Ueber Entweihung hatte er auch heute mit Recht zu klagen, denn, inmitten der Ruine, machte auf dem grünen Platze ein Kameel, nebst Affen in rothem Tressenrocke, seine Kunststücke, und jubelnd stand eine zerlumpte Menge umher, sich des jämmerlichen Contrastes nicht bewußt, den sie mit den ernsten Ueberresten der sie umgebenden Vergangenheit bildete.

Der Thurm, in welchem der Prinz geboren ward, heißt der Eagletower (Adlerthurm), aber nicht von ihm rührt diese Benennung her, sondern von vier colossalen Adlern, welche die Spitze krönten, und von denen noch einer vorhanden ist. Man hält ihn für einen römischen, denn Caernarvon steht auf dem Grunde des alten Segontium, das .... doch ich versteige mich zu weit, und war auf gutem Wege in den Ton eines Reisebeschreibers von Profession zu fallen, der ennuyiren zu dürfen glaubt, wenn er unterrichtet – obgleich er den Unterricht selbst, gewöhnlich erst durch mühsames Nachlesen der Lokalbücher erlangt. Je n'ai pas cette prétention, vous la scavez, je laisse errer ma plume, unbekümmert, wo sie mich hinführt.

Der Marquis von Anglesea hat kürzlich hier ein Seebad angelegt, das von einer Dampfmaschine dirigirt wird, und sehr elegant eingerichtet ist. Ich benutzte es beim Rückweg vom Schlosse, und bemerkte [76] in den Erholungszimmern ein Billard von Metall, auf Stein gesetzt. Accurater kann man sich keines wünschen, ob die Dampfmaschine auch die Parthien markirt, vergaß ich zu fragen. Unmöglich wäre es nicht in einem Lande, wo kürzlich Jemand ganz im Ernste vorschlug, Dampfkellner in den Caffeehäusern einzuführen, und wo es eben nicht viel anders hergehen würde, wenn eine Dampfmaschine mit 80 Pferde-Kraft auf dem Throne säße.

Liebe Julie, einem Reisenden muß es erlaubt seyn, oft und viel vom Wetter und vom Essen zu sprechen! Haben doch die Romane des berühmten, einst Unbekannten, oder einst berühmten Unbekannten, einen nicht unansehnlichen Theil ihrer Reize den meisterhaften Schilderungen dieser Art zu danken. Wem läuft nicht das Wasser im Munde zusammen, wenn er Dalgetti, den Soldaten der Fortuna, essen sieht, und noch unbezwinglicher bei Tisch, als in der Schlacht findet? Es ist wirklich gar kein Scherz, wenn ich Dir versichere, daß ich, bei meinem reizbaren Nervensystem, wenn ich in Folge einer kleinen Indigestion den Appetit verloren hatte, oft nur zwei Stunden im Unbekannten zu lesen brauchte, um mich vollkommen wieder hergestellt zu fühlen. Heute bedurfte ich jedoch dieser Stimulanz in keiner Art. Es war hinlänglich, den vortrefflichen frischen Seefisch, nebst den berüchtigtenmountain mutton (Berghammel) auf dem Tische dampfen zu sehen, um mit Heißhunger darüber herzufallen, denn ein Seebad und die Besteigung des Snowdon wirkt noch stärker als Walter Scott.

[77] Mein schwarzes Mädchen, die mich, da ich heute der einzige Gast im Hause war, selbst bediente, wurde zuletzt ungeduldig, mich immer wieder auf besagten Hammel zurückkommen zu sehen, und äußerte mürrisch, ich thäte nichts, als essen, wenn ich nicht herumliefe. Sie selbst war weit ätherischerer Natur, und hatte, seit ich hier bin, bereits meine portative Romanenbibliothek zur Hälfte ausgelesen; jedesmal, wenn ich sie wieder sah, präsentierte sie mir einen geistig verschlungenen Band, und bat so sehnsüchtig um einen andern, daß ich ein weniger weiches Herz hätte haben müssen, um es ihr abzuschlagen. Auf diese Weise begegnete sich unser beiderseitiger Appetit, der meine nach dem realen, der ihrige nach dem idealen, auf die unschuldigste Weise.


Den 22sten.


Von Bangor hat man mir heute ein großes Paket nachgeschickt, in dem ich vergebens Nachrichten von Dir suchte, aber herzlich über einen Brief von L. lachen mußte, der mir in Verzweiflung schreibt, wie übel es ihm ergangen sey. Er hat nämlich, wie er meldet, seine Betrachtungen, deren Anfang ich Dir mittheilte, in Fragmenten drucken lassen, und eine gewisse Parthei, die sich zu wund fühlt, um nicht übersüsceptibel zu seyn, y a entendû malice. Sie hat sogleich in der Lamm's Zeitung einen wüthenden [78] Artikel gegen ihn einrücken lassen, und der arme L., der seine Leute kennt, fürchtet jetzt offenbar beim Examen durchzufallen. Da die gegen ihn gerichtete Philippika nicht lang ist, und überdem die Zeit gut charakterisirt, ich auch heute Ruhetag habe, so schreibe ich Dir, mit einigen Abkürzungen, die Hauptsache ab.


Ueber die Betrachtungen einer gemüthlichen Seele aus Sandomir. Eine Rede vom Herrn von Frömmel, Adjutanten Seiner Durchlaucht des Fürsten von ....... Gesprochen im adlichen frommen Conventikel beiderlei Geschlechts zu A... Heilige Geiststraße Nr. 33 am 4ten Mai 1828; und hier besonders abgedruckt aus den Sammlungen für ächte Christen.


Hoch- und Hochwohlgeborne, fromme Brüder und Schwestern!


Mit Recht sagt unser Heiland: Es gibt viel Wölfe in Schafspelzen! Ein solcher ist aber Träger vorliegenden Schafpelzes, der ungenannte Verfasser der Betrachtungen etc. sonder allen Zweifel. Es ist nicht schwer zu entziffern, daß unter der Maske von Frömmigkeit und einer fast an Albernheit gränzenden Simplicität hier mit höhnischem Spott dieselbe verderbende Schlange zischt, welche einst unsere fromme Mutter Eva verführte, und seitdem unsere heilige Religion unablässig mit ihrem Geifer besprützt, nur sinnend, wie sie Thron und Kirche untergrabe. Wir [79] jedoch wollen unsrer (allerdings leider etwas zu leichtgläubigen) Stammmutter nicht gleichen, sondern Satelliten des Teufels mit Feuer und Schwert ausrotten, wo wir sie finden. Ja, meine Freunde und Ihr meine Freundinnen, Ihr wißt es – der Teufel ist und lebt – nicht wie die ungläubige Rotte sagt: in uns, als Teufel der Leidenschaften, der Eitelkeit, des Hasses, der Sünde – nein, persönlich schleicht er herum auf der Erde, wie ein brüllender Löwe, mit Bockshorn und Pferdeschweif, und pestilentialischem Gestank, wo er sich zu erkennen giebt – wer nicht so an den Teufel glaubt, glaubt auch nicht an Jesus ... 1; doch warum ereifere ich mich, hier ist ja [80] kein Vernünftler, hier kein Verständiger der Welt, hier sind wir ja Alle nur einfältige Christuslämmer, eine Heerde und ein Hirt.

Doch ist Warnung stets vonnöthen, und d'rum rufe ich heute Allarm! Wir haben bis jetzt zwar nur Bruchstücke jener giftigen Betrachtungen erhalten, und wissen noch nicht ganz, wo der Verfasser eigentlich damit hinaus will, aber auf uns ist es gemünzt, daran bleibt kein Zweifel, und Gottlob! finden wir ja auch schon in dem Vorhandenen genug, ihn als Gottlosen anzuklagen! Ist es nicht offenbar, daß er frevelnd der Vorsicht und ihrer Allmacht spottet?

Wir hoffen, wir bitten daher gläubig und inbrünstig, daß diese Allmacht auch ihre Rache selbst übernehmen, und jener gemüthlichen Seele schon hier einen Vorschmack von dem geben möge, was sie ohnfehlbar einst in den ewigen Flammen erwartet! und der allliebende Gott thue dies bald und schrecklich, damit kein reines Schaf unsrer Heerde vorher noch verführt werde von diesem Unreinen, und selbst[81] schmählich zu Falle komme. Gewiß Freunde und Freundinnen, ein Feind, ein Vampyr, ein Atheist schrieb diese Worte. Nichts ist ihm heilig, und nicht allein die ewige Vorsicht, ja selbst unsern Heiland greift der Frevler mit verfänglichen Ausdrücken an! der Verruchte!


Das süße Lamm für ihn gestorben

Rührt sein verstocktes Herze nicht!

Drum mit der Seele die verdorben

O Herr! halt' schleunig Strafgericht! 2


O, meine Brüder und Schwestern! schrecklich wird – wir rechnen mit Zuversicht darauf, – das Loos eines solchen am jüngsten Tage seyn, wenn die Leiber auferstehen, und sein irdisches Ohr zum erstenmal wieder hört, um den Donner der Posaunen zu vernehmen, die ihm ewige Verdammniß ankündigen. Da ist kein Erbarmen! da wird seyn Heulen und Zähnklappern! aber hieran sollen wir uns ein Beispiel nehmen, auch unerbittlich seyn wie jenes Strafgericht!

Wir glauben kaum, daß nach allen unsern christlichen Bemühungen, in unsrer so wahrhaft, ich sage es mit Stolz, wahrhaft christlichen Stadt, wo alles angewendet wird, das Gift der Toleranz und des verruchten Selbstdenkens zu vernichten – denn wie kann der elende Wurm, Mensch genannt, seine Gedanken an das Göttliche legen wollen, seine Vernunft, die [82] er ja nur von Gott hat, Gottes eigner, specieller Offenbarung entgegenstellen wollen? der Unsinn ist zu offenbar! – ich sage, wir hätten kaum geglaubt, daß es auch bei uns noch solche Menschen geben könnte, die es wagen, unbekümmert um fremde Autorität, bei Erforschung der Wahrheit ihren eignen Weg zu gehen, Freidenker und Heiden, die aber nur wieder auftauchen, weil die Behörden, (selbst unsre sonst doch thätige Censur an der Spitze) noch viel zu nachsichtig gegen das größte aller Verbrechen, religiösen Unglauben, sind. Eine moderate Inquisition wäre vielleicht deßhalb wohlthätig mit dem neuen Gebetbuch einzuführen gewesen, um die Rechtgläubigen zu beschützen, diese wahren Christen, diese einzigen bevorrechteten Lieblinge Gottes, die unbedenklich glauben, was Fürst und Kirche befiehlt, ohne zu klügeln noch zu deuten. Nur solche auch können für Staat und Kirche wahren Werth haben, hinweg mit allen Uebrigen! Sie seyen verdammt, wie alle ungetauften Kinder der Juden und Heiden. – O könnten wir für immer aus unsern Annalen jene schamlose Zeit ausmerzen, wo ein Philosoph (und nicht einmal ein Ideologe, sondern ein praktischer) auf einem deutschen Throne saß, und – Christen, werdet ihr einst es glauben – den Namen des Großen erhielt! Das Mildeste was wir jetzt, zum Gnadenreiche der Frömmigkeit unter blutigen Thränen zurückgekehrt, über ihn zu sagen vermögen, ist: Gott sey seiner armen Seele gnädig! Lange werden aber die Frommen und ihre heilige Legion noch kämpfen müssen, ehe die [83] Saat, die dieser große!!! Mann gesäet, gänzlich zertreten, ehe die letzte Spur jener elenden Vernunft, der er huldigte, gänzlich ausgerottet seyn wird. Doch verzweifelt deßhalb nicht, meine Brüder in Christo; einem so edlen Eifer als dem unsrigen ist nichts unmöglich, und weltlicher Lohn erwartet Euch in vielfacher Gestalt schon jetzt, von den erhabnen Quellen, an denen wir selbst täglich schöpfen – einst aber noch größere Glorie im Palast des Herrn. Nur hütet Euch vor dem Vernünfteln in jeder Gestalt, glaubet – nicht nach eigner Forschung – sondern wie es Euch vorgeschrieben ist, und vor allem hütet Euch vor Duldung! Liebet Euern Heiland, nicht nur über Alles, sondern auch einzig und allein. Wer aber nicht für ihn ist, ist wider ihn, und mit einem Solchen habt kein Erbarmen. Ihn verfolgt rastlos, kann es nicht offen geschehen, so untergrabt ihn mit böser Nachrede, heimlicher Verläumdung, ja scheut die gröbsten Lügen nicht, vorausgesetzt, daß ihr sie sicher und im Verborgnen ausbreiten könnt, denn hier heiligt der Zweck alle Mittel. – Ach! wären wir doch stets in der wahren Communion-Stimmung, um nimmer in unserm Eifer zu erkalten! Nur weil sie weder warm noch kalt sind, haben jene Philosophen die Toleranz – diese Tugend der Heiden – gepredigt. Wir haben gesehen, wohin sie uns gebracht, als der wahnsinnige Freiheitsschwindel die Canaille ergriff, und allgemeine Anarchie die Throne, die Kirche, unsern alten Adel, und alles Ehrwürdige über den Haufen zu werfen drohte – darum fort mit jedem Gedanken an verderbliche [84] Duldung gegen anders Denkende. Christus sagt zwar selbst: Segnet, die Euch fluchen, und weiter: wenn ihr einen Backenstreich auf die eine Backe erhaltet, so reicht die andere hin – doch hierüber habe ich meine eignen Gedanken. – Stellen dieser Art müssen durchaus anders zu verstehen seyn, denn wie wären sie mit den unerläßlichsten Gesetzen unsres Standes zu vereinigen? Gebietet uns nicht die Ehre unsres Standes, und unsrer Uniform, einen Menschen, der es wagen sollte, sich thätlich an uns zu vergreifen, sofort und ohne Zaudern niederzustechen – ja, ich weiß nicht, ob ich selbst, der Liebling des Prinzen, mich nach einer öffentlich erhaltnen Ohrfeige bei Hofe und allerhöchsten Orts blicken lassen dürfte? Höchst wahrscheinlich daher meinte unser Heiland diese Vorschrift auch nur mit Einschränkung – mit einem Wort, für das gemeine Volk, bei dem es auch gewiß verdienstlich ist, wenn es auf eine Backe geohrfeigt, statt der Erbitterung Raum zu geben, sofort die andere hinreicht. Man bedenke übrigens, daß Christus selbst, bei seiner Menschwerdung, nicht nur ein adeliches, sondern sogar ein königliches Geschlecht sich aussuchte. Wer beweist uns auch, daß die Jünger wirklich so gemeiner Extraction waren, als man sich vorstellt, und nicht ebenfalls vielleicht alte, blos herabgekommene, jüdische Edelleute gewesen seyn können? Die Sache ist ja ohnedem in so manches historische Dunkel gehüllt – und sagt nicht Christus auch andern Orts: Meine Sendung ist nicht um Frieden, sondern das Schwert zu bringen! Diese beiden Reden [85] würden sich ja zu widersprechen scheinen, wenn man nicht annähme, daß einer Classe nur die Duldung, der andern aber der Kampf vorgeschrieben sey! Ist aber dies eben nicht die uralte Bestimmung des Adels? ehemals mit den Waffen, heut zu Tag mit Wort und Feder! – Darum also kämpfet, meine Brüder und Schwestern, gegen die Gottlosen! Gürtet das Schwert der Zeiten um, und streitet für den Heiland, mit Bibel und Jakob Böhme, mit Kammerherrnschlüssel und Hofmarschallsstab, mit Gebetbuch und Unterrock. Glaubt mir, meine theuren Genossen, schon erndten wir die Früchte unsers heiligen Eifers, schon fangen wir an, auf ehernem Boden zu stehen! Immer mehr beugt man sich vor unserm heimlichen Einfluß, und unser festes Zusammenhalten, die reiche Unterstützung, die wir den Unsrigen zufließen lassen, wenn ihre Arbeit im Weinberge des Herrn es verdient, manche Gunst von oben, deren Vertheiler wir sind, vor Allem aber die unerbittliche Frömmigkeit, die man an uns kennt – halten selbst die Kühneren in Schranken, und legen die Furchtsamen haufenweise zu unsern Füßen.

Wo aber dennoch ein Antichrist uns anzutasten wagt, und jeder, der dieses thut, ist ein solcher, da – ich rufe es Euch nochmals zu – da wachet, da kämpfet, vernichtet, und ruhet nicht eher, bis Euer Schlachtopfer gefallen sey. Es ist ja Alles doch nur um der Liebe willen, der letzte Versuch an einem armen Verirrten, um ihn Jesum Christum wo möglich noch erkennen zu lehren. Amen!

[86] Der adelichen Gemeinde in Christo ist es vielleicht angenehm, und ihre Herzen rührend, wenn ich ihnen in hochgeehrtem Auftrage hiermit melde, daß wir in diesem laufenden Monat abermals so glücklich gewesen sind, 7½ verdammte Seelen zu dem allein seligmachenden Glauben hinzuführen, was uns, im Ganzen, nicht mehr als 100 Rthlr. baar, und drei Anstellungen gekostet hat. Da wir weltliche Rechnungen über dieses Geschäft ablegen, so ist der Kürze wegen beliebt worden, Kinder unter 12 Jahren als halbe Seelen aufzuführen 3. Und so segne denn der Himmel ferner unser frommes Bemühen, und den uneigennützigen Eifer, mit dem die Neubekehrten in Jesu Schoos eingezogen sind. Amen!

Noch kündige ich an, daß nächsten Sonntag Abends, wiederum um 8 Uhr, in demselben Lokal bei Fräulein S..., Versammlung bei verschlossenen Thüren und im Dunkeln gehalten werden wird, um, durch keine äußern Gegenstände zerstreut, den heiligen, süß durchschauernden Gefühlen hingebender Liebe, gänzlich freien Lauf lassen zu können. Wir hoffen auf eine reichliche Gemeinde, besonders auch von Seiten [87] des zarteren Geschlechts, dem unser Conventikel ohnehin bereits so viel verdankt! ......

So weit war ich in der Lecture gekommen, als die kleine Elisa mit meinem Frühstück erschien, und mir, nach dem langen Schlafen, wie sie sagte, einen schalkhaft freundlichen guten Morgen bot. Sie kam aus der Kirche – war sich einer hübschen Toilette bewußt – und hatte es mit einem Fremden zu thun – alles Dinge, die Weiber sehr weich stimmen. Sie schien daher fast betreten, als ich ihr meine Abreise auf morgen früh ankündigte, tröstete sich jedoch, sobald ich ihr meine Bibliothek zurückzulassen, und in einer Woche noch einmal so viel Bücher selbst mitzubringen versprach.

Nachmittag besah ich, von ihr geführt, die Stadt-Promenaden, von denen die eine, sehr romantisch, auf einem großen Felsen angelegt ist. Wir sahen von hier aus den Snowdon in fast durchsichtiger Klarheit, ohne daß nur ein Wölkchen seine Reinheit getrübt hätte, und ich konnte nicht umhin, mich ein wenig zu ärgern, so ganz den rechten Tag bei ihm verfehlt zu haben.

Nach diesen idyllischen Spaziergängen beschloß wieder »tender moutton« den Tag, von dem ich bedaure, Dir nichts Interessanteres melden zu können. Doch fällt mir eben noch eine ziemlich seltsame Anekdote bei, die mir der Wirth heute erzählte. Am 5ten August des Jahres 1820 verunglückte die hiesige Fähre bei Nacht, und von 26 Personen ward nur ein Mann gerettet. Grade 37 Jahre vorher hatte die Fähre[88] dasselbe Schicksal, wobei von 69 Personen ebenfalls nur ein Mann mit dem Leben davonkam. Ein höchst sonderbares Zusammentreffen ist es aber, daß bei beiden Fällen der Name der einzelnen geretteten Person, Hugh Williams war.


Bangor, den 22sten.


Auch Bangor ist ein Badeort, d.h. es steht Jedem frei, daselbst in's Meer zu springen. Die künstlichen Anstalten aber sind blos auf die Privatwanne einer alten Frau reducirt, welche in einer elenden Hütte am Ufer wohnt, und, wenn die Bestellung eine Stunde vorher gemacht wird, Seewasser auf ihrem Herde in Töpfen wärmt, beim Baden selbst aber sans façon den Fremden auszieht, abtrocknet und wiederum anzieht, wenn er keinen eignen Diener zu diesem Behuf mitbringt. Nachdem ich, zufällig eintretend, ein solches Bad, pour la rareté du fait, genommen, miethete ich eine kleine Gondel, um mich über den Meeresarm, welcher Anglesea und Wales trennt, nach Beaumaris schiffen zu lassen. Hier befindet sich ein andres von Eduard I. erbautes und von Cromwell zerstörtes Schloß, das einst noch größer als das in Caernar von war, (denn es bedeckt noch jetzt 5 Morgen Landes) aber als Ruine weniger pittoresk erscheint, da es alle seine Thürme verloren hat. Um es genau zu besehen, muß man auf den schmalen, und sehr hohen, [89] verfallenen Mauern entlang gehen, die durch nichts geschützt sind. Der Knabe mit den Schlüsseln lief zwar wie ein Eichhörnchen darauf hin, der Barbier aus der Stadt aber, der sich mir beim Debarkiren als Führer angeboten, und mich bis hierher gebracht hatte, ließ mich nach den ersten Schritten im Stich. Diese Ruine liegt in dem Park des Herrn Bulkley, welcher sehr unpassend ein Tenniscourt (Ballspiel) darin angelegt hat. Von seinem Wohnhause hat man eine sehr gerühmte Aussicht, die jedoch von einer andern, welche man anderthalb Stunden weiter, bei einer einfachen aber zierlichen Cottage, Craigg-Y-Don genannt, antrifft, weit überboten wird. Diese letztere Besitzung ist ein wahres Juwel, einer von den wenigen gesegneten Oertern, die fast nichts mehr zu wünschen übrig lassen. Sie liegt zwischen dicht bebuschten Felsen, hart am Meer. Nicht zu groß, aber gleich einem Boudoir auf geputzt, mit dem frischesten Rasen und dem Blumenschmelz aller Farben umgeben, das ganze Haus mit seinem Strohdach und Veranda von rankenden Monatsrosen und blauen Winden überzogen – bildet sie so, zwischen Wald und Felsen hervorlauschend, einen unbeschreiblich lieblichen Contrast mit der erhabenen Gegend. Labyrinthische Fußwege winden sich nach allen Richtungen durch das dunkle und kühle Gebüsch, mannigfach den großen Aussichtsschatz theilend, welchen die glücklichste Lage darbietet. Denn unter und vor Dir hast Du den tief blau gefärbten Meeresarm, dessen Brandung schäumend an den spitzen Felsen nagt, auf welchen [90] Du stehst, während weiter hin auf dem ebnen Spiegel hundert Fischerbarken und Schiffe durch einander wimmeln, unter denen Du, besonders hervorstechend, den vor Anker liegenden Cutter des Besitzers, und zwei Dampfboote gewahr wirst, von denen das eine in weiter Ferne, mit einer ausgebreiteten schwarzen Wolke segelt, das zweite, ganz nahe, nur eine schmale weiße Säule gerade empor in die Luft haucht. Auf der rechten Seite siehst Du eine tiefe Bucht sich in das Land hineinziehen, die einen Archipel von kleinen Inseln aller Art und Formen bildet; manche belaubt, andere kahl, und glatt von den Wellen geschliffen, einige mit Hütten bebaut, andere wie spitzige Thürme hervorragend. Wendest Du nun Dein Auge wieder zurück zum Meeresarm, diesen auf derselben Seite weiter verfolgend, wie er sich allmählich verengt, so erblickst Du mit Staunen die Aussicht durch eine stupende Kettenbrücke geschlossen, jenes Riesenwerk, das man mit Recht das achte Wunder der Welt nennt, und welches, der Natur trotz bietend, zwei von ihr durch Meeresfluthen getrennte Länder wieder vereinigt hat. Ich werde gleich Gelegenheit haben, sie Dir näher zu beschreiben, von hier sieht sie aus, als sey sie von Spinnen in die Luft gewebt. Hast Du bei diesem abentheuerlichen Anblick menschlichen Wirkens eine Zeit lang verweilt, so stellt sich, Dir gegenüber, eins der mannichfaltigsten und größten Schauspiele der Natur dar – die ganze Kette des Gebirges von Wales, das hier unmittelbar aus dem Wasser emporsteigt, – hell und nahe genug, [91] um Wälder, Dörfer und Schluchten deutlich zu unterscheiden, und in einer Länge von zehn deutschen Meilen sich ausbreitet. – In allen Schattirungen gruppiren sich die Berge, manche sind noch von Wolken bedeckt, manche glänzen frei in der Sonne, andere strecken blaue Hörner noch über die Wolken hervor, und Dörfer, Städte, weiße Kirchen, schmucke Landhäuser und Schlösser werden in den Falten der Abhänge sichtbar, während blinkende Streiflichter auf den grünen Matten spielen. Der Ruhe bedürftig wendest Du Dich endlich dem Norden, der Dir links liegt, zu. Hier zerstreut Dich nichts mehr. Der weite Ocean allein fließt da mit dem Himmel zusammen. Nur kurze Zeit verfolgst Du noch seitwärts die zurückweichenden, waldigen Ufer von Anglesea, wo hohe Nußbäume und Eichen mit ihren weiten Aesten über das Meer hinhängen, dann bist Du mit Himmel und Wasser allein, höchstens glaubst Du in neblicher Ferne die Segel eines Dreideckers zu unterscheiden, oder ein Wolkenbild malt Dir phantastische Gestalten vor.

Nach einer genußreich hier verlebten Stunde ritt ich, meinen in Beaumaris gemietheten Klepper nach Kräften anstrengend, der großen Brücke zu. Der beste Gesichtspunkt ist unten auf dem Sandgestade, bei einigen Fischerhütten, ohngefähr 100 Schritte von ihr entfernt. Je mehr, je genauer man sie betrachtet, je mehr staunt man, und glaubt zuweilen das Ganze nur im Traume zu sehen, aus Filagranarbeit [92] von einer Fee in die Luft gehangen, ja die Phantasie erschöpft sich nicht an Bildern; und als jetzt eine Diligence mit vier Pferden rasch über den 100 Fuß hohen und 600 Fuß weit gespannten Bogen fuhr, halb von dem Kettengewebe verborgen, an dem die Brücke hängt, so schienen es eben nur einige im Netze flatternde Lerchen zu seyn. Nicht anders sahen die Menschen aus, welche überall in den Ketten saßen, die jetzt zum erstenmal ihren neuen Oehlanstrich erhielten, denn das ganze Werk wurde erst kürzlich vollendet. Wer das Berliner Schloß kennt, dem wird es einen anschaulichen Begriff von den enormen Dimensionen dieser Brücke geben, wenn er hört, daß dieses bequem unter dem Hauptbogen zwischen dem Wasser und dem Belag stehen könnte, und doch halten die Ketten den letztern so fest, daß man auch bei dem schnellsten Fahren, welches keineswegs verboten ist, und bei der schwersten Last, keine Bebung wahrnimmt. Die Brücke ist oben in drei Wege getheilt, der eine für das Hin-, der andere für das Zurückfahren, die Mitte für die Fußgänger. Die Bohlen ruhen auf einem eisernen Gitter, so daß sie leicht, wenn schadhaft, abgenommen und ersetzt werden, nie aber durch ihr Brechen eine Gefahr besorgen lassen können. Alle drei Jahre erhält sämtliches Eisen einen neuen Oehlanstrich, um den Rost zu verhindern. Der Baumeister, der sich hier einen langen Ruhm gegründet haben wird, heißt Telford.

[93] Sur ce, n'ayant plus rien à dire, schließe ich meinen Bericht, und wünsche Dir, meine theure Julie, Alles Glück und Segen, dessen Du werth bist, et c'est beaucoup dire.


Immer Dein treuster L....

Fußnoten

1 Wer dennoch daran zweifeln sollte, dem können wir auf Treu und Glauben versichern, dem bösen Feindeselbst schon so begegnet zu seyn, ja einem der verdienstvollsten Mitglieder unserer heiligen Gesellschaft, einer hohen Dame, die wir hier nur mit dem Namen Sexaginta bezeichnen wollen, erschien er auf noch weit schändlichere Weise. Sie stand damals auch schon einem frommen Conventikel vor, gemeinschaftlich mit dem würdigen Hrn. Lieutenant Grafen v. N..... und hatte es eben mit siegender Rede durchgesetzt, daß die Gemeinde sich einstimmig verpflichtete, nie heidnische Kunstausdrücke, als z.B. der Gott Amor und die Göttin Venus zu gebrauchen, sondern, wo der Gegenstand nicht ganz zu umgehen sey, doch jener unreinen Dämonen, eingedenk unserer christlichen Pflicht, nur als des Götzen Amor, der Götzin Venus u.s.w. zu erwähnen. Dies mochte Satan auf die empfindlichste Stelle getroffen haben. Racheschnaubend suchte er nun die Taube zu verderben, und erschien ihr zuerst, mit verruchter List, in der Gestalt des Herrn Lieutenants selbst, mit gleißnerischen Worten suchend sie zu bethören – doch die Frömmigkeit siegte, und bald mußte er sich decouvrieren, in aller seiner Schmach. So triumphiren zuletzt immer die Gerechten! Sexaginta aber wußte seitdem, daß es Dinge gibt, von denen sich manche unsrer sogenannten Weisen nichts träumen lassen, und konnte, frömmer als der Dichter, ausrufen: Der Teufel, er ist kein leerer Wahn!

Anm. des Redacteurs der Lammzeitung.

2 Altes Gesangbuch.

3 Dieser Gebrauch, Seelen zu theilen, der Triumph politischer Chymie, entstand, glaube ich, auf dem Wiener Congreß, wo der König von D......k einem berühmten Diplomaten, der ihm versicherte, »que S.M. avait gagnée tous les coeurs« so richtig antwortete:oui, mais pas une àme! pas mème la moitié d'une àme.

A.d.H.

27. Brief
[94] Sieben und zwanzigster Brief.

Bangor, den 23sten Juli 1828.


Chère et bonne.


Eine kleine Unannehmlichkeit dieser sonst so reich begabten Landschaft sind die Wirkungen der Ebbe und Fluth, welche erstere einen bedeutenden Theil des Tages hindurch eine große Strecke des Menai, wie der hiesige Meerarm genannt wird, austrocknet, und nur schlammigen Sand zurückläßt. Wahrscheinlich sind diesem Umstande auch die über alle Vorstellung hartnäckigen Fliegenschwärme zuzuschreiben, die zu Tausenden, gleich Bienen schwärmend und auf Raub ausgehend, Menschen und Vieh attaquiren, und ihr Opfer nicht leicht wieder loslassen. Man reitet vergebens, was das Pferd laufen kann. Der Schwarm, in einen Klumpen geballt, wie eine macedonischer Phalanx, fliegt mit, und zerstreut sich über seine Beute, sobald man wieder anhält, nur dem Todtschlagen weichend. Ja selbst in ein Haus hineinzutreten, hilft nicht immer. Denn ich habe es auf Spaziergängen einigemal erlebt, daß diese Fliegen, wenn sie einen einmal angenommen haben, geduldig [95] draußen warten, bis man wieder herauskömmt. Das einzige Mittel ist, eine Stelle aufzusuchen, wo ein starker Zugwind weht, den sie nicht vertragen können. Dies wissen auch die an den Bergufern weidenden Kühe recht wohl, die man immer an solchen Stellen einsam ruhen und wiederkauen sieht. Ich betrachtete heute lange ein solches Thier, wie es auf einer ganz isolirten Felsenspitze, die Contoure schroff sich gegen die Luft abzeichnend, stand – unbeweglich, bis auf die leise Arbeit seiner Kinnladen, und nur zuweilen mit dem Schwanz sich an die Seite schlagend. Wie schön, dachte ich mir, könnte ein Künstler ein solches Bild kolossal und zum Apis erhoben, und auch mit dem Mechanismus dieser einfachen Bewegungen versehen, nachahmen, und welche Acquisition wäre dies für einen deutsch-englischen Park in der Heimath! z.B. in Cassel, dem Herkules gegenüber, oder gar in Wörlitz auf dem feuerspeienden Berge weidend. Gewiß eine verdienstvolle Idee, die Du fruchtbar zu machen suchen mußt. Erinnerst Du Dich noch Elemens Brentano, als ihm und dem genialen, liebenswürdigen Schinkel der Graf L.. die Aussicht von seinem Jagdschlosse zeigte, von wo man eine anmuthige aber flache Waldgegend übersieht, und nun zu den beiden Herren gewandt, der Graf diese etwas einfältig fragte, auf welche Art wohl hier eine recht große Verschönerung anzubringen sey? Brentano verfiel in tiefes Sinnen, und nach einiger Zeit sagte er langsam, den erwartungsvoll zuhörenden Gönner mit seinen kuriosen Augen ernsthaft anstarrend: [96] »Wie wäre es, Herr Graf, wenn Sie ein Gebürge aus Brettern aufführen, und dasselbe mit blauer Oelfarbe anstreichen ließen?« – Solches aber, wenn auch nicht so grell und handgreiflich, geschieht im lieben Vaterlande noch täglich, selbst ohngeachtet des neuen Berliner Gartenvereins.

Geliebte Julie, willst Du mit mir nach dem Park des Marquis Anglesea, Plas Newyd, auf Anglesea fahren? die Phantasie-Pferde sind schnell angespannt.

Wir passiren wieder die Riesenbrücke, folgen eine kurze Zeit der Chaussee nach Irland, und sehen schon von weitem die Säule emporragen, welche das dankbare Vaterland dem General Paget, damals Lord Urbridge, jetzt Marquis von Anglesea und Vicekönig von Irland, statt seinem in Waterloo gelassenen Beine hier aufgesetzt hat. Eine halbe Stunde weiter öffnet sich das Parkthor von Plas Newyd. Das merkwürdigste hier sind einige Cromlech's, deren eigentliche Bedeutung unbekannt ist, die man aber für Grabmäler der Druiden hält. Es sind ungeheure Steine, gewöhnlich nur drei bis vier, die eine Art rohen Thorweg bilden. Es gibt deren von so kolossaler Größe, daß man kaum begreift, wie man sie ohne die komplizirtesten mechanischen Hülfsmittel bewegen, und in solche Höhe hinaufbringen konnte. Der menschlichen hohen Krafft, von unumschränktem Willen oder Fanatismus angeregt, ist indessen gar Vieles möglich. Las ich doch einst, daß ein Schiffs-Capitaine, der an den Ufern Japans hinfuhr, über die sich daselbst hinziehende Bergkette zwei Junken der größten [97] Art, nicht viel kleiner als unsre Fregatten, durch Tausende von Menschen zu Lande transportiren sah.

Die hiesigen Cromlech's, welche nicht zu den größten gehören, haben wahrscheinlich Anlaß zu dem Gedanken gegeben, an einer passenden Stelle, wo man unter andern eine schöne Ansicht des Snowdon hat, eine Druiden-Cottage zu bauen. Es ist aber ein seltsames Ding daraus geworden, mit alterthümlichen und modernen Gegenständen, wie ein Chaos, angefüllt. In den kleinen, dunkeln Piecen war auf artige Weise Licht durch Spiegelthüren hereingebracht, die in andern Zimmern wiederum dazu dienten, die vortheilhaftesten Parthieen der Landschaft, wie unter Rahmen und Glas, zu fassen. Im Fenster des Salons stand überdies ein großer Guckkasten, eine Camera obscura und ein Kaleidoscop neuerer Art, welches nicht, wie die alten, gefüllt wird, sondern dem jeder Gegenstand, auf den man es hält, sobald man es nur bewegt, zum nie aufhörenden Veränderungsspiele dient. Blumen machen besonders durch den sich ewig verschieden brechenden Glanz ihrer Farben einen wunderbaren Effekt. Solltest Du ein ähnliches wünschen, so kann ich Dir es von London aus leicht senden lassen. Es kostet 8 Guineen. Das Schloß und die übrigen Anlagen bieten gar nichts Erwähnungswerthes dar, werden auch selten vom Eigenthümer besucht, dessen Hauptsitz in England liegt.


[98] Den 23sten.


Heute erhielt ich mit großer Freude einen langen Brief von Dir. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Es freut mich, daß Du L....'s Scherze nicht mißdeutest, und ihn nicht mit Frömmel für einen Gottlosen hältst. Er macht sich wohl zuvörderst nur über den Köhlerglauben jener Menschen lustig, die sich von dem Unaussprechlichen, dem Wesen aller Dinge, das wir nur ahnen, nicht begreifen können, ein sonderbares Mittelding von menschlichem Herrn, Schulmeister und dienendem Schutzgeiste bilden, sich stets am Kinder-Gängelbande von ihm geleitet glauben, und Alles was sie sehen und hören, und sie irgend angeht, immer für eine, blos auf ihre Wenigkeit sich beziehende, Handlung Gottes halten; wenn sie aber gar z.B. in's Wasser fallen, oder das große Loos gewinnen, dann Gottes Finger unwidersprechlich darin erkennen, und wenn sie einer Gefahr entgehen, Gott so dafür danken, als habe eine fremde Kraft die Gefahr, Gott aber nur wie ein sorgsam herbeieilender Wächter, durch schnelles Eingreifen die Errettung gebracht. Sie möchten doch bedenken, daß von wo die Rettung kömmt, [99] auch die Gefahr sich herschreibt, wo der Genuß auch die Qual, wo das Leben auch der Tod. Das Ganze ist eben Weltleben, und kann nicht nach Willkühr, sondern nur nach unwandelbaren Gesetzen gegeben und geordnet seyn. – Solche kleinliche Ansichten, als die gerügten, ziehen die Idee der Allmacht zu unsrer Gebrechlichkeit herab. Danken sollen wir für alles Seyn der ewigen Liebe, wäre es auch ohne Worte, – und kein Gebet vielleicht kann mehr als dieses: in Entzücken verstummende Dankgefühl – vom Menschen dargebracht, der Gottheit würdig seyn; – kindisch aber ist es, alle jene alltäglichen und äußern einzelnen Begebenheiten, wie Glücks- und Unglücksfälle, Reichthum, Armuth, Sterben u.s.w., die den Naturgesetzen unterthan sind, oder von uns selbst, nach dem Maaßstab unsrer Kräfte herbeigeführt werden, immer einer ganz besondern, und der Himmel weiß überdieß, wie unnützen! Erziehung unsrer lieben Individuen durch die Allmacht zuzuschreiben.

Ferner aber spottet er über die Christen – die es ganz und gar nicht sind, und darunter, sagt er, stehen als Nummer Eins, nicht sogenannte Atheisten (überhaupt eine sinnlose Benennung), nicht einmal wahre Fanatiker, sondern jene heillose Race der modernen Frömmler, die entweder nervenüberreizte Schwächlinge, 2 oder Heuchler der gottlosesten Art[100] sind von Jesus erhabener Reinheit entfernter als der Dalai Lama. Sie sind die wahren Pharisäer, und zugleich Händler in der Kirche, die Christus heute noch zum Tempel hinausjagen würde, und die, wenn er unter andrem Namen wieder erschiene, zuerst rufen würden: Kreuziget ihn! 3

In allem diesen muß ich selbst L... ziemlich beistimmen, wenn auch bei dem Gegenstand der ersten Bemerkungen des vorliegenden Briefes jede Ansicht nur Hypothese bleiben, und in der Wahrheit Alles viel anders seyn muß, als wir es überhaupt zu ergründen fähig sind. Hätten wir es wissen können, und sollen, so würde der Schöpfer unsres Daseyns [101] auch dies uns offenbart, und zwar so unbezweifelt offenbart haben, als wir es mit Bestimmtheit wissen, daß wir fühlen, denken und sind. Was uns nöthig war, ist uns imInnern offenbart, und dies haben von jeher die größten Geister der Erde in mehr oder minder erleuchteten Worten ausgesprochen.

Daß die Menschheit nicht wie eine willenlose Maschine stille zu stehen, oder im Kreise sich ewig umzudrehen brauche, sondern weiter schreite, und aus sich selbst fort werde, bis sie einst ihren möglichen Lebenscyclus geendigt, und ihre höchste Perfektibilität erreicht hat, daran zweifle ich keinen Augenblick.Meine Hypothese würde dabei nur die seyn, daß die Erde, gleich dem einmal vom Stapel gelassenen Schiffe, unter dem Schutz und Zwange unwandelbarer Naturgesetze, nun ihrer eignen Mannschaft überlassen bleibe. Wir selbst machen hinfort unser Leben (so weit es vom Menschen und nicht von jenen Gesetzen abhängt) so wie unsre Geschichte, im Großen wie im Kleinen, durch unsre eigene moralische Kraft oder Schwäche. Keine besonders eingreifende Macht ist meines Erachtens anzunehmen, die z.B. Napoleon einen harten Winter in Rußland schickt, um ihn zu stürzen, sondern Napoleon stürzt an dem fehlerhaften Prinzip, das ihn selbst leitet, und welches auf die Länge, an dieser oder jener scheinbaren Ursache, immer untergehen muß. Das Naturereigniß tritt, in Bezug auf ihn, nur zufällig ein, an sich aber ohne Zweifel in der nothwendigen Folge der Gesetze, denen es unterworfen ist, wenn diese Gesetze [102] uns gleich unbekannt sind. Aus eben dem Grunde wird es dem Guten, Fleißigen, Sparsamen, Klugen etc. in der Regel der liebe Gott gut gehen, und vieles was er wünscht, gelingen lassen, dem Thoren und Bösen aber, der sich in Krieg mit der Welt setzt, wird es nicht so gut ergehen. Dem, der die Hand im Eise liegen läßt, wird sie der liebe Gott höchst wahrscheinlich erfrieren, und dem, der sie in's Feuer hält, verbrennen lassen, es müßte denn der unverbrennbare Spanier seyn. Die zu Schiffe gehen, werden zuweilen vom lieben Gott die Schickung des Ertrinkens zugetheilt erhalten, wer aber nie das Land verläßt, den wird der liebe Gott auch gewiß nie im Meere umkommen lassen. Daher heißt es auch mit Recht: Hilf Dir selbst, und Gott wird Dir helfen. Die Wahrheit ist, daß Gott uns schon von vornherein geholfen hat. – Das Werk des Meisters ist vollendet, und, so weit es beabsichtigt war, vollkommen. Es braucht daher keiner fernern extraordinairen Nachhülfe und Corrigirung von oben. In unsre eignen Hände ist für jetzt die weitere Entwicklung gelegt. Wir können gut und böse, klug und thöricht seyn, nicht immer vielleicht wie es die Individuen frei wollen möchten, aber wie sie die vorhergehende Menschheit herangebildet. Tugend und Sünde, Klugheit und Thorheit sind ja überhaupt blos Worte, die ihre Bedeutung hier erst durch die menschliche Gesellschaft erhalten, und ohne sie gänzlich verlieren würden. Der Begriff des Guten und Bösen entwickelt sich offenbarnur in Bezug [103] auf Andere, denn der Mensch, welcher nie einen Mitmenschen sah, kann weder gut noch böse handeln, ja wohl kaum so fühlen und denken – er besitzt allerdings die Fähigkeit dazu, und dies begründet seine höhere geistige Natur, aber nur durch ihm gleichartige Mitgeschöpfe kann diese in Wirksamkeit treten, wie Feuer erst entsteht, oder sichtbar wird, wo brennbare Materie vorhanden ist. Der Begriff des Klugen und Thörichten entsteht dagegen schon früher, und auch in Bezug auf unser eignes Individuum allein, denn auch der einzelne Mensch, im Conflikt mit der sogenannten todten Natur, kann thöricht sich schaden, oder das Gegebne mit Klugheit benutzen, und dies an sich gewahr werden. Gut seyn heißt also in jeder Beziehung nichts andres als:andre Menschen lieben und sich ihren Gesetzen unterwerfen – böse aber: sich nicht an diese Gesetze kehren, das Wohl Andrer für wenig oder nichts achten, und bei seinen Handlungen nur die eigne momentane Gratifikation vor Augen haben. Klug seyn heißt dagegen nur seinen eignen Vortheil am geschicktesten zu bewahren wissen – thöricht, ihn zu vernachlässigen, oder falsch zu beurtheilen. Wir sehen also sehr bald, daß gut und klug, böse und thöricht, in höchster Potenz, fast synonym werden, denn wer gut ist, wird in der Regel seinen Mitmenschen gefallen, von ihnen wieder geliebt werden müssen, folglich auch klug, für sich den wahrsten Vortheil erlangen, der Böse dagegen mit ihnen in ewigen Streit gerathen, indem er zuletzt [104] den Kürzeren ziehen, folglich Schaden haben muß. Hat sich aber das Moralprinzip noch höher herangebildet, so wird der einzelne tugendhafte Mensch sich zwar ein eignes Gesetz stellen, dem er folgt, unbekümmert um Vortheil, Gefahr oder Meinung Anderer. Aber die Grundlage dieses Gesetzes wird immer das seyn, was ich eben geschildert, Berücksichtigung des Wohlseyns der Mitmenschen und daraus abgezogene Pflicht, die von nun an dem selbst vorgezeichneten Wege consequent folgt. Aber auch dann gibt die innere Ueberzeugung, diese Pflicht erfüllt zu haben, dem geistigen Menschen größere Befriedigung als alle irdischen Güter ihm gewähren könnten, und es bleibt daher, in einer wie der andern Beziehung, und in jedem Stande der Bildung, wahr: daß es zugleich die höchste Klugheit ist, gut, die größte Thorheit, böse zu seyn.

Aber freilich treten hier, durch das Gewirr des Lebens, noch vielfache Nüancen ein. Man kann, für das Irdische oder Aeußere, sehr wohl durch größere Klugheit den Schein erlangen, ohne Realität. Man kann andere Menschen täuschen, und ihnen sogar glauben machen, man thue ihnen wohl, verdiene ihre Achtung und ihren Dank, wenn man sie doch nur zu Werkzeugen seines eigenen Vortheils benutzt, und ihren bittersten Schaden herbeiführt. Thorheit bringt nur zu oft die entgegengesetzte Wirkung hervor, nämlich Andere Böses und üble Motive voraussetzen zu lassen, wo das Gegentheil statt findet. Aus diesem folgt ganz natürlich die, auch [105] durch die Erfahrung, überall begründete, wenn gleich schmerzliche Wahrheit: daß in denirdischen Verhältnissen es dem Individuo noch gewisseren Schaden bringt, thöricht, als bös und schlecht zu seyn. Die äußern Folgen des Letztern können durch Klugheit aufgehalten, ja ganz abgewendet werden, nichts aber wendet die Folgen der Thorheit ab, die fortwährend gegen sich selbst arbeitet. Das Bedürfniß und die Erfindung positiver Religionen mögen dieser Erkenntniß, und der daraus folgenden Unzulänglichkeit der blos irdischen Strafgesetze größtentheils ihre Entstehung verdanken, namentlich die Lehre der künftigen Strafen und Belohnungen eines Allwissenden, gegen den die Klugheit nicht mehr ausreicht, und von dem der Thörichte Mitleiden und Compensation erwartet, denn wahrlich der Gute und Kluge braucht keinen weitern Lohn – er findet ihn schon reich und überschwenglich in sich selbst. Wer würde nicht ohne Bedenken Alles hingeben, um die Seligkeit zu genießen, vollkommen zu seyn! Es könnte vielleicht eine Zeit kommen, wo alle Staats-Religionen und Kirchen zu Grabe getragen würden, Poesie und Liebe aber, deren Blüthe diewahre Religion, wie Tugend ihre Frucht ist – müssen ewig den menschlichen Geist beherrschen, in ihrer heiligen Dreieinigkeit: der Anbetung Gottes als der Ursach alles Seyns, der Bewunderung der Natur als seines hohen Werks, und der Liebe zu den Menschen als unserer Brüder. Und das allein ist ja Christus Lehre – von Keinem reiner, inniger, einfacher und doch [106] tiefer ausgesprochen, wenn auch den Formen und den Voraussetzungen seiner Zeit gemäß – und darum ist er auch der Kern geworden, an dem sich die Frucht der Zeiten ansetzt, der wahre Vermittler, dessen Lehre einst, wie wir hoffen müssen, Christenthum in Wahrheit, nicht blos dem Namen nach werden wird. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

(Hier befindet sich eine Lücke in dem brieflichen Tagebuche, welches erst mit dem 28sten wieder beginnt.)


Capel Cerrig spät Abends, den 28sten Juli.


Da das Wetter sich aufklärte, und die Freunde, die ich erwartete, nicht kamen, so beeilte ich mich, die ersten Sonnenblicke zu benutzen, um noch tiefer in das Gebürge einzudringen, und fuhr daher gegen sieben Uhr Abends, ohne Diener, und nur mit einiger Wäsche, nebst einem Wechselanzug in meinem leichten Mantelsacke, versehen – in einem irländischen Carr, mit einem Pferde bespannt, dem Bergpasse von Capel Cerrig zu. Diese Wagen bestehen aus einem offnen Kasten, der auf zwei Rädern steht, auf vier horizontalen Federn ruht, und zwei einander gegenüberliegende Sitzbänke enthält, wo vier Personen bequem Platz finden. Von hinten steigt man ein, da die Thüre zwischen den Rädern angebracht ist; das Ganze ist sehr leicht und bequem.

[107] Der Moment war außerordentlich günstig. Fast eine Woche langer Regen hatte alle Wasserfälle, Flüsse und Bäche so angeschwellt, daß sie sich in ihrer größten Schönheit zeigten, Bäume und Gras hatten ihr saftiges Grün angelegt, und die Luft war rein und durchsichtig wie Crystall geworden. Ich bewunderte die reichen Massen farbiger Bergblumen und Eriken, welche in den Felsenspalten wucherten, und bedauerte, zu wenig von der Botanik zu verstehen, um sie noch mehr als mit den Augen genießen zu können. Bald indeß erreichte ich die ernsteren Regionen, wo von Blumen nur noch wenig, von Bäumen gar nicht mehr die Rede ist. An dem Wasserfall von Idwal stieg ich aus, um einen kleinen See zu besichtigen, der sich nicht übel für den Eingang des Hades passen würde.

Die trostlose Oede und Wildheit des tiefen Felsenkessels ist wahrhaft Schauder erregend. Ich hatte gelesen, daß es möglich sey, von hier über den Trivaen (der Berg mit den Basaltsäulen, von den ich Dir geschrieben), und die ihn umgebenden Felsen in gerader Linie nach Cavel Cerrig zu gelangen, die Passage war aber als sehr schwierig, jedoch auch äußerst schön geschildert. Da nun eben ein Schafhirte von den Bergen herabkam, so fühlte ich große Versuchung, mit dem Führer, den mir der Zufall so gefällig bot, diese Tour zu versuchen. Ich ließ ihm meinen Wunsch durch den Postillon verdollmetschen, er meinte aber, es sey nun schon zu spät, und das Hinuntersteigen auf der andern Seite bei Nacht zu [108] gefährlich; auf weiteres Dringen äußerte er jedoch, wenn ich ihm rüstig folgen könne, so glaube er, daß wir, bei dem zu erwartenden Mondscheine, wohl in zwei Stunden den Weg zurücklegen könnten, es gäbe aber sehr mißliche Oerter zu passiren. Ich hatte auf dem Snowdon meine Kraft zu gut wieder kennen gelernt, um mich davor zu fürchten, machte daher alles richtig, und befahl nur zur Vorsicht dem Postillon, eine Stunde auf mich zu warten, im Fall ich doch unverrichteter Sache zurückkehren müßte, und dann erst weiter auf der Landstraße nach Capel Cerrig zu fahren.

Wir mußten nun gleich von Anfang an sehr steil, über sumpfigen Boden und zwischen enormen, einzeln zerstreuten Felsenblöcken, aufwärts klettern. Es mochte ungefähr halb acht Uhr seyn. Von irgend einem gebahnten Fußwege war keine Spur, der Trivaen erhob seine grotesken Gipfel, wie eine crenelirte Mauer, vor uns, und nirgends war abzusehen, wie wir da hinüber kommen sollten. Hier thaten uns indeß die Bergschnucken wahre Liebesdienste, denn sie zeigten, vor uns klimmend, dem selbst oft ungewissen Führer, häufig die gangbarsten Stellen an. Nach einer Viertelstunde sehr ermüdenden Steigens, mit manchem schwindelnden Blick in die Tiefe, wogegen man aber bald gleichgültig wird, kamen wir auf ein kleines, nur aus einem Sumpfe bestehendes, Plateau, wodurch wir, bis an die Kniee in den weichen Moor sinkend, waden mußten. Hier war eine schöne Aussicht auf das Meer, die [109] Insel Mann, und das am Horizont dämmernde Irland. Gleich hinter dem Sumpf erwartete uns wieder ganz anderer Boden, nämlich eine vielfach gefurchte, schräg liegende, compakte Steinwand, an der wir mit Füßen und Händen hinankriechen mußten. Die Sonne war schon hinter einen seitwärts stehenden hohen Berg gesunken, und röthete jetzt die ganze wilde Gegend, wie die Wand an der wir hingen, mit dunkelrother feuriger Gluth, einer der wunderbarsten Effekte, die ich je vom Sonnenlicht gesehen. Es glich einer Theaterdekoration der Hölle. Jetzt ging es noch durch einen angeschwollenen Bergstrom, über den eingestürzte Blöcke eine natürliche Brücke geformt hatten, und dann abermals an nackten Felsen, ohne alle Beimischung von Erde, hinan, bis wir endlich den hohen Kamm erreichten, der so lange vor uns gestanden, und wo ich das Ende aller Beschwerlichkeit erwartete. Ich war daher nicht wenig betreten, als ich von neuem eine andere bergtiefe Schlucht vor mir sah, in die wir erst hinab, und dann wieder hinauf mußten, denn auf der, den kürzeren Weg zeigenden, halbmondförmigen Kante des Kammes hätte kein menschlicher Fuß lange haften können. Wir hatten nun die frühere Aussicht nach dem Meere hin ganz verloren, und sahen dagegen landeinwärts, wo das Gebürge von Wales in seiner ganzen Breite, Gipfel an Gipfel sich reihend, vor uns lag – einsam, schweigend und gewaltig! Das sterile Thal unter uns war mit nichts als umhergeschleuderten Riesensteinen angefüllt, und wahrlich: [110] die Revolution, die einst hier mit Felsen wie mit Bällen gespielt, muß ein Schauspiel für Götter gewesen seyn! Während ich, in Betrachtungen verloren, dieses Chaos anstaunte, hörte ich nahe über mir einen gellenden, mehrmals wiederholten Schrei, und sah, aufblickend, zwei majestätische Adler mit ausgebreiteten Schwingen über uns schweben, eine Seltenheit in diesen Gebürgen. Willkommen meine treuen Wappenvögel! rief ich, hier, wo es nur harte Felsen, aber keine falschen Menschenherzen gibt – wollt ihr mich wie der Vogel Rock in ein Diamantenthal entführen, oder Kunde aus der lieben fernen Heimath bringen? die Thiere schienen mit ihrem fortwährenden Rufe antworten zu wollen, leider aber bin ich in der Vögelsprache noch nicht hinlänglich bewandert, und so verließen sie mich, immer höher und höher kreisend, bis sie zwischen den Säulen des Trivaen verschwanden. Diese wiederholten Attentionen der Raubthiere für mich, sehe ich als ein gutes Zeichen an.

Es war höchst unbequem, daß ich mit meinem Führer nicht mehr als mit den Adlern sprechen konnte, denn er verstand kein Wort englich. Wir mußten uns daher nur durch Zeichen verständlich machen. Auf diese Weise zeigte er jetzt, nachdem wir eine Weile verhältnißmäßig ganz bequem hinabgestiegen waren, mit der Hand auf den Ort, wohin wir nun unsere Schritte lenken sollten. Hier waren wir an die »böse Passage« gelangt. Diese bestand nämlich in einer ganz steilen Wand, von gewiß nicht [111] weniger als 600 Fuß Tiefe, und über dieser einen fast eben so steilen Erdabhang, vom Regen abgewaschen und mit kleinen losen Steinen besäet. Ueber den letztern sollten wir, wohl 1500 Schritt lang, hinwegschreiten. Ich hätte dieses Unternehmen früher für unausführbar gehalten, von der Nothwendigkeit gezwungen, fand ich es jedoch, nach den ersten ängstlichen Schritten, ganz leicht. Es sah allerdings halsbrechend aus, aber die vielen Steine und die feuchte weiche Erde gaben einen festern Tritt als sie erwarten ließen. Ueberhaupt klingen diese Dinge auch in einer nicht übertriebenen Beschreibung immer etwas gefährlicher, als sie wirklich sind. Es ist ganz wahr, daß ein Fehltritt hier ohne Rettung Verderben brächte, aber man hütet sich eben schon vor einem solchen. So müßte man auch im Wasser ertrinken – wenn man zu schwimmen aufhörte. Wer also gehen kann, und einen festen Kopf hat, kann dergleichen ganz ohne Gefahr unternehmen.

Die Dämmerung fing nun an einzutreten, undeutlicher wurden die Berge, und unter uns lagen, wie ein Paar dampfende Suppenterrinen, die Nebel aushauchenden Seen von Capel Cerrig und Bethgellert. Wir hatten den höchsten Punkt erreicht, und eilten so viel wir konnten, nach dem ersten der genannten Seen hinab. Noch einmal durchwateten wir einen Sumpf, und kletterten wieder über Felsen hinunter, bis wir an den, am wenigsten schwierig aussehenden, und dennoch ermüdendsten Theil des Weges ankamen, eine glatte und feste Rasenalp, [112] sehr steil, und mit einem Steinuntergrund, der an manchen Stellen in weiten Platten zu Tage kam. Auf diesem abschüssigen Boden mußten wir oft ganze Stellen mehr hinabgleiten als steigen, und die Anstrengung wurde zuletzt so schmerzhaft in den Knieen, daß sowohl der Führer als ich, in der Dämmerung einigemal fielen, ohne uns jedoch Schaden zu thun. Die hohen umstehenden Berge hatten den Mond bisher verdeckt, der nun groß und blutroth über ihre Wellenlinien heraufstieg. Bald darauf verloren wir ihn jedoch wieder, und erst nahe am Ziel sahen wir ihn von neuem, jetzt goldgelb, klein und klar, sich im stillen Gewässer des See's spiegeln, an dessen Ufer unser Gasthof liegt. Der letzte Theil des Weges wurde auf ebener Landstraße zurückgelegt, und bot, im Vergleich mit dem vergangenen, eine solche Bequemlichkeit dar, daß ich darauf hätte gehend schlafen können. Es war, als wenn ich willenlose Schritte machte, von einem Uhrwerk fortgetrieben, wie die Kinderspielwerke, welche aufgezogen, unaufhaltsam auf dem Tische umherfahren. In 1¾ Stunden hatten wir die Tour vollbracht, und ganz stolz auf diese That, zog ich in Capel Cerrig ein, dessen Wirth kaum glauben wollte, daß wir den Weg in so kurzer Zeit bei Nacht zurückgelegt. Ich hatte mich in den letzten Jahren so verweichlicht, daß ich mich fast alt geworden glaubte, aber der heutige Tag bewies mir zu meiner Freude, daß ich nur Anlaß brauche, um Geist und Körper wieder frischkräftig zu fühlen, Gefahr und Beschwerde zeigten sich ohnedem immer als [113] das mir am besten zusagende Element, wenn die Umstände mir beides bescheerten.

Mein post boy war noch nicht mit dem Wagen angekommen, und ich mußte daher für den nöthigen Umzug die Garderobe des dicken Wirthes benutzen, indessen Kleidern ich seltsam genug aussehen mag, während ich, am Kamin die meinigen trocknend, Dir hier abwechselnd schreibe, und meinen Abendthee verzehre. Morgen soll ich schon um 4 Uhr aus den Federn, um – rathe was – aufzusuchen: Merlins des Zauberers Felsen, wo er dem König Vortigern die Geschichte der kommenden Zeiten prophezeihte, und wo seine Wunderschätze, der goldne Thron, das diamantne Schwerdt noch heut zu Tage in verborgenen Höhlen begraben liegen. Da gäbe es noch eine neue, weit sichere Spekulation für die Bergwerksunternehmer in London und Elberfeld!


Bethgellert, den 29sten früh.


Bewundere, liebste Julie, mit mir die Thäler Merlin's, sie sind in der That bezaubernd – aber an seinen Felsen, an Dinas Emris, werde ich gedenken! Doch laß mich in der Ordnung erzählen.

Ich stand also, obgleich erst um 1 Uhr zu Bett gegangen, pünktlich um 4 Uhr auf, und in 10 Minuten war ich reisefertig, denn sobald man Diener und Luxus abgestreift, geht alles leichter und schneller[114] von statten. Das gute Wetter hatte sich bereits wieder in den gewöhnlichen Nebel dieser Gebirge verwandelt, und mein Regenschirm, den ich gestern als Alpenstock gebraucht, that mir heute, als Obdach, gute Dienste im offenen Wagen, so wie mein alter 15jähriger Mantel, die geehrte Reliquie, in dem ich die Franken mitbekriegen half, und den aus hohem Luftballon ich einst mit allen übrigen Ballast hinabwerfen mußte, um die Luftfahrt nicht im Wasser zu enden.

Im Anfang war die Straße ziemlich todt und uninteressant, bis wir an den Fuß des Snowdon kamen, der, obgleich eine Wolke unter ihm uns beregnete, sein Haupt doch zu derselben Zeit großmüthig enthüllte. Er sieht an dieser Stelle besonders majestätisch aus, da er sich fast senkrecht aus dem tiefen Thal von Gwynnant erhebt, das hier seinen Anfang nimmt. Dieses reich bewässerte Thal verbindet die blühendste Vegetation mit den erhabensten Ansichten. Die höchsten Berge von Wales gruppiren sich um dasselbe in mannigfaltigen Formen und Farben. Der Fluß, welcher es durchströmt, bildet in seinem Lauf zwei Seen, die nur wenig Breite, aber desto mehr Tiefe haben, denn das Thal ist durchgehends eng, welches die Größe der Kolossen darum her desto mehr hervorhebt. In dem üppigsten Theile desselben besitzt ein Kaufmann aus Chester einen Park, den er nicht mit Unrecht »das Elysium« benannt hat. An einem hohen, dicht mit Wald bedeckten Bergrücken, aus dessen dunklem Grün vielfache, in seltsamen Gestalten [115] wetteifernde Felsen hervortreten, steht über dem Bergstrom auf lichter Wiese die anspruchlose, freundliche Villa. Vor ihr breitet sich in der Tiefe der See aus, und hinter diesem schließt Merlins, ganz isolirt dastehender, Wunderfelsen scheinbar das Thal, welches hier eine jählinge Biegung macht. Doppelt unvergeßlich bleibt mir Dinas Emris, einmal wegen seiner romantischen Schönheit, und zweitens, weil ich auf ihm wörtlich zwischen Leben und Tod hing. Obgleich nicht höher als 4 – 500 Fuß, wird er doch nur von einer Seite als ganz zugänglich angesehen. Ich hatte einen kleinen Knaben als Führer mitgenommen, der aber, an Ort und Stelle angekommen, seiner Sache nicht recht sicher schien. Der Weg, den er durch das Eichengestrüpp nahm, schien mir gleich vom Anfang an, wegen seiner ungemeinen Steilheit verdächtig, indessen beruhigte er meine Besorgniß in gebrochenem Englisch, und ich konnte nichts andres thun, als der kleinen Gemse, so gut als möglich, folgen. Merlin schien uns zu zürnen, es hatte sich ein heftiger Wind erhoben, und die Sonne, die uns einen Augenblick angeglänzt, lagerte sich hinter schwarze Wolken, das lange nasse Gras aber, welches über die Steinblöcke hing, machte das Klettern sehr gefährlich. Den barfußen kleinen Jungen focht dies indeß nicht sehr an, desto mehr meine von gestern noch etwas steifen Glieder. Je höher wir uns empor arbeiteten, je steiler wurden die Felsen, oft war es nur, mit Hülfe der aus den Spalten wachsenden Sträucher, und den Blick hinter [116] sich beßtens vermeidend, möglich, sich hinaufzuschwingen. Endlich bemerkte ich, daß der Knabe selbst ganz unschlüssig ward, und, auf dem Bauche kriechend, sich bald nach der, bald nach jener Richtung ängstlich umsah. Wir wandten uns nun noch durch einige Spalten rechts und links, und standen dann plötzlich auf der Spitze einer glatten hohen Wand, mit kaum so viel Raum, um den Fuß darauf zu setzen, und über uns nichts, als eine ähnliche Felsmauer, blos mit einzelnen Grasbüscheln bewachsen, welche zum Gipfel führte, den sie überall zu umziehen schien.

Der Anblick war entmuthigend, das Kind fing an zu weinen, und ich überlegte mit klopfendem Herzen, was zu thun sey. Gern, ich gestehe es, wäre ich wieder zurückgeklettert, und hätte Merlins Felsen allen Hexen und Gnomen überlassen, wenn ich es für möglich gehalten hätte, ohne Schwindel da wieder hinunter zu kommen, wo wir heraufgestiegen, oder nur denselben Weg wieder aufzufinden. Vor uns war keine Aussicht weiter zu gelangen, als die Mauer auf gut Glück zu eskaladiren. Der Knabe, als der Leichtere und Gewandtere, mußte also voran, ich folgte ihm auf dem Fuße, und an die Grasbüschel als einzige Stütze uns haltend, Hände und Füße wie Klauen in jede kleine Fuge einschlagend, erstiegen wir so, zwischen Himmel und Erde hängend, glücklich die halsbrechende Zinne. Ich war gänzlich erschöpft, als ich oben ankam, und fast ohnmächtig. [117] Ein Kühnerer mag über mich spotten, aber wenn ein Grasbüschel, eine Wurzel in meiner Hand jetzt zu wanken schien, und loszureißen drohte, ehe ich mich noch daran hinaufgeschwungen, fühlte ich, was Entsetzen heißt. Als ich nun, tiefathmend, auf dem Rasen lag, erblickte ich eine große schwarze Eidechse, mir gegenüber gelagert, die mich höhnisch anzublinzeln schien – als sey sie der boshafte Zauberer selbst im Morgennegligé. Ich ließ sie indeß gern gewähren, und war guter Dinge, so wohlfeilen Kaufs davon gekommen zu seyn, obgleich ich dem kleinen »Imp,« der mich, wie ein neckender Berggeist, in die Gefahr gebracht, mit allen Schrecknissen drohte, wenn er nicht zur Rückkehr den rechten Weg ausfindig mache. Während seiner Abwesenheit besah ich die Ueberreste der Area, wie sie hier genannt wird, die demolirten Mauern, wo


»Prophetic Merlin sat, when to the British King

Te changes long to come, auspiciously he told.«


In dem Steinhaufen wühlte ich umher, in die verfallnen Gewölbe kroch ich – aber auch mir blieben, gleich andern guten Leuten, die Schätze verborgen! Ohne Zweifel war der rechte Moment noch nicht gekommen – dafür aber erschien frohlockend der Knabe, und rühmte die Schönheit des endlich aufgefundenen Weges. War dieser nun auch nicht ganz so eben und leicht wie der der Sünde, so gehörte er doch wenigstens nicht zu den inaccessiblen, wie der frühere. Merlins Ungnade verfolgte uns aber noch ferner in strömenden Regengüssen, die mich hier in [118] Bethgellert wieder zwingen, den Kamin zur Trockenanstalt zu benutzen. Gar anmuthig ist der unter hohen Bäumen völlig versteckte Gasthof, in dem ich ruhe. Nur vor meinem Fenster grünt eine frischgemähte Wiese, und dahinter brüstet sich ein ungethümer Berg, von oben bis unten mit hochrother Erica bedeckt, die, ohngeachtet des Streifregens und des bedeckten Himmels, wie das Morgenroth leuchtet. Indeß man mein Mittagsessen bereitet (denn ich esse heute, wie Suwaroff, früh 8 Uhr zu Mittag) spielt ein Harfner, bescheidnes Ueberbleibsel der welschen Barden, originelle Weisen auf seinem uralten Instrument. Er ist blind, und auch sein Hund ist blind, der unermüdlich aufwartend neben ihm auf den Hinterbeinen steht, bis man seinem Herrn ein Stück Geld und ihm ein Stückchen Brod gespendet. Beth Gellert heißt Gellerts Grab, denn Bett und Grab wird poetisch in der welschen Sprache durch dasselbe Wort ausgedrückt. Daß hier nicht von dem deutschen Prosaiker die Rede ist, hat Dein Scharfsinn ohne Zweifel schon errathen, es handelt sich ganz im Gegentheil nur um die Ruhestätte eines Windhundes, dessen Geschichte aber so rührend ist, daß ich sie Dir erzählen will, sobald mein déjeuné dinatoire wieder abgetragen seyn wird, denn die Angst auf dem behexten Felsen hat mich verzweifelt hungrig gemacht.


[119] Après diné


Die versprochene Geschichte also ist folgende:


Llewellin der Große, Prinz über Wales, hatte einen Lieblingshund, mit Namen Gellert, ein Schrecken der Wölfe, aber die Freude seines Herrn. Als Llewellin sich indeß später mit einer jungen und schönen Gemahlin vermählte, trat der Hund, wie billig, in den Hintergrund, blieb jedoch, wenn auch weniger geliebt, mit Hundestreue (car les hommes ne sont pas si bêtes!) seinem Herrn stets mit gleicher Anhänglichkeit ergeben. Llewellin's innigste Wünsche wurden erhört, und ein holder Knabe krönte sein eheliches Glück. Ueberall mußte nun dem überseligen Vater der Säugling folgen, dessen Wiege immer neben seinem eignen Lager aufgeschlagen stand. Einst hatte, auf einer Jagdstreiferei im wilden Gebirge, die Fürstin, durch Unpäßlichkeit verhindert, ihren Gemahl nicht begleiten können, dennoch durfte sein Sohn, von einer Amme gewartet, ihn nicht verlassen. Man hatte in einer schlechten Hütte übernachtet, und früh auf die Jagd ausziehend, übergab Llewellin den Knaben auf die wenigen Stunden der Amme und der Wache seines treuen Gellert, keine Gefahr für ihn, in dem tiefen Frieden, der damals im Lande herrschte, besorgend. Die Amme, von gleicher Sicherheit bethört, benutzte schnell die Freiheit, ihren nahen Liebhaber zu sehen, nur der Hund folgte streng gehorsam seiner Pflicht. Er war dadurch des Knaben Retter – denn ein [120] Wolf, die Einsamkeit des Hauses bemerkend, hatte sich herangeschlichen, und mochte schon das schlafende Kind als sichere Beute ansehen, als Gellert hervorsprang, und nach langem Kampfe, selbst schwer verwundet, den Feind bezwang und tödtete. Im Blute schwimmend, legte er sich zu der Wiege Füßen, abwechselnd des Knaben zarte Händchen und seine eignen Wunden leckend. In diesem Augenblicke kehrt Llewellin, noch mit dem Jagdspieß in der Hand, zurück, tritt in das Zimmer, und sieht mit Entsetzen die Stube, seinen Sohn mit Blut bedeckt, und den Hund über die Wiege gebeugt. Von Schreck und Zorn bethört, glaubt er, dieser habe sein Kind gemordet, und wüthend stößt er ihm den widergehackten Spies in die treue Brust. Die Augen klagend auf seinen Herrn gerichtet, und in letzter Unterwürfigkeit noch einmal liebkosend mit dem Schweife wedelnd, verschied mit einem herzzerreißenden Schmerzensschrei das arme Thier – und kaum war sein letzter Seufzer verhallt, als Llewellin den getödteten Wolf, ausgestreckt am Boden, und seinen Sohn, sanft lächelnd, in der Wiege erblickte. Der Sage nach, verfolgte seitdem des treuen Gellert's Schmerzenslaut den betrübten Fürsten bei Tag und Nacht, so daß er zu seinem Andenken ein Monument erbaute, auf dessen Platz noch jetzt eine alte gothische Kirche steht, und wo er lange strenge Bußübungen verrichtete. Später wollte er sogar seine neue Burg auf dem nahen Merlin's Felsen aufführen lassen, aber nimmer konnte er sie zu Stande bringen. Was [121] am Tage gebaut war, fand man in der Nacht wieder in die Erde gesunken – nie erlaubte, damals und seitdem, der neidische Zauberer, durch fremde Behausung seinen Wohnplatz zu entweihen.

Die Sonne scheint wieder, denn hier dauert der April das ganze Jahr, et je pars. Adieu.


Caernarvon, den 30sten.


Während meines Diner's in Bethgellert hatte ich den Harfner fleißig aufspielen lassen, und mich, wie ein Kind, mit seinem Hunde amüsirt, dem das Stehen auf zwei Beinen so zur andern Natur geworden war, daß er noch besser wie der gerupfte Hahn, als Platonischer Mensch hätte figuriren können. Die vollkommene Aisance seiner Stellung und sein ernstes Gesicht dabei, hatten etwas so Lächerliches, daß man ihm nur in Gedanken einen Unterrock überzuziehen, und eine Tabaksdose in die Pfote zu geben gebraucht hätte, um darauf zu schwören, es sey eine alte blinde Dame. Wie dieser Hund dem heroischen Gellert, so mögen auch die modernen Welschen den alten gleichen. Ohne die Energie und Betriebsamkeit der Engländer, noch weniger von dem Feuer der Irländer beseelt, vegetiren sie arm und im Verborgenen zwischen Beiden. Die Einfachheit der Berge aber ist ihnen geblieben, und sie sind weder so grob, noch prellen sie so unverschämt wie die Schweizer. Point d'argent, point de Suisse ist hier noch nicht anwendbar. [122] Im Gegentheil lebt man so wohlfeil, daß bankerotte Engländer häufig hier ihre Lebenstage beschließen, wo sie freie Jagd, den Gebrauch eines Pony, nebst guter Kost und Wohnung, für 50 Guineen des Jahres finden können.

Die Umgebung von Bethgellert ist die letzte Fortsetzung des herrlichen Thales, welches ich Dir beschrieben, und das in diesem Augenblicke durch hundert Wasserfälle belebt wird, die in allen Bergschluchten sich, weiß und schäumend wie Milch, herabstürzen. Eine halbe Stunde hinter dem Dorfe treten die Felsen so eng zusammen, daß kaum noch Platz für Strom und Weg neben einander übrig bleibt. Hier wölbt sich die Teufelsbrücke, und schließt das Thal, oder vielmehr die Schlucht, in die es läuft. Von nun an nähert man sich wiederum dem Meere, und die Gegend nimmt eine Zeit lang einen lachenden Charakter an. In zwei Stunden erreichte ich das von den Touristen so viel besuchte Thal von Tan-y-bwlch (Tannibulck), dessen Hauptmerkwürdigkeit ein schöner Park ist, auf zwei felsigen mit Hochwald bewachsenen Bergen ausgebreitet, zwischen welchen ein reißender Bach strömt, der mannichfaltige Cascaden bildet. Die Promenade in dieser Anlage ist vortrefflich geführt, um in gehöriger Gradation und Abwechslung auf die verschiedenen Aussichtspunkte zu gelangen, wo bald in der Ferne eine Insel im Meere, dann ein naher Abgrund mit dem schäumenden Wasserfall, jetzt ein entfernter Pik, oder später eine einsame Felsenpartie unter der Nacht uralter Eichen sichtbar wird. [123] Ich wanderte über eine Stunde lang auf diesen Gängen, war aber sehr verwundert, das Ganze in solchem Grade vernachlässigt zu finden, daß ich an den meisten Stellen im hohen Grase waten, und mich durch die verwachsenen Pflanzungen durcharbeiten mußte. Auch das Wohnhaus schien verfallen. Später erfuhr ich, daß der Besitzer sein Vermögen in London im Spiel eingebüßt! Da ich fürchtete, zu viel Zeit zu verlieren, gab ich den Besuch von Festinoig und seiner berühmten Wasserfälle auf, nahm einen frischen sociable 4 und Pferde beim Wirth, und machte mich nach dem 10 Meilen entfernten Tremadoc auf, eine sehr belohnende Fahrt, obgleich der Weg der schlechteste war, den ich noch in Groß-Britannien angetroffen. Einige Meilen führt er im Meere fort, nämlich in einem Theil desselben, welchen ein reicher Particulier, Hr. Maddocks, durch einen ungeheuern Damm abgeschnitten, und dadurch ein fruchtbares Terrain von der Größe eines Ritterguts, gewonnen hat. Von diesem Damme, welcher 20 Fuß hoch und zwei Meilen lang ist, genießt man eine der prächtigsten Aussichten. Das abgeschnittene Becken formt einen fast regelmäßigen Halbzirkel, dessen Wände von dem ganzen Amphitheater des Gebirges gebildet zu seyn scheinen. Hier hat der Kunstfleiß des Menschen den Schleier vom Meeresboden hinweg gezogen, und statt der Schiffe zieht der Pflug seine Furchen durch die weite Fläche – aber links deckt noch der unermeßliche Ocean [124] alle Geheimnisse seiner nie ergründeten Tiefe mit schäumenden Wasserbergen zu. Die Küste endet für das Auge in geringer Ferne mit einem kühnen Felsenvorsprung, auf dem die Ruine des alten Schlosses Harlech mit fünf verfallenen Thürmen über die Fluthen hinaushängt. Vorn, am Ende des Dammes, öffnet sich dagegen ein freundlich stilles Thal, unter hohen Bergen gelagert, mit einem kleinen, aber belebten Hafen, neben welchem Tremadoc sich an die Felsen schmiegt.

Uebrigens würdest Du, Herzens-Julie, Dich schwerlich entschließen können, über diesen Damm zu fahren, da seine Beschaffenheit sich eigentlich nur für Fußgänger eignet. Er ist, wie schon erwähnt, 20 Fuß hoch aus roh übereinander gethürmten, spitzen und kantigen Schieferblöcken steil aufgeführt, und oben nur 4 Ellen breit, ohne irgend etwas, das einer Lehne ähnlich sähe. Mit Wuth stürmt auf der einen Seite die Brandung gegen ihn, und scheuten davor die Pferde, so stürzte man ohnfehlbar in die gleich Piken aufgerichteten Schieferspitzen. Die Bergpferde allein können solche Pfade sicher passiren, da sie die Gefahr zu beurtheilen scheinen, und mit ihr vertraut sind. Demohngeachtet sieht man hier selten einen Wagen; nur eine Eisenbahn für Steinkarren führt über den Damm, welche das Fahren mit anderm Fuhrwerk noch bedeutend erschwert.

Tremadoc selbst steht auf früher durch eine gleiche Operation gewonnenem Meeresgrund. Es ist auffallend, wie ähnlich dieser, erst seit einigen Jahrhunderten [125] Land gewordene, Strich auf die kurze Distanz den nördlichen Sandgegenden Deutschlands ist, welche vielleicht auch zum Theil kaum über ein Jahrtausend vom Meere frei wurden. Das Städtchen selbst und seine Einwohner, als wenn gleicher Boden auch gleichen Menschencharakter hervorbrächte, war eben so vollkommen den traurigen Oertern jener Länder verwandt. Oede und vernachlässigt, schmutzig, die Menschen schlecht gekleidet, der Gasthof nicht besser als ein schlesischer, und nicht weniger unreinlich, und um nichts fehlen zu lassen, auch die Postpferde, welche ich bestellte – auf dem Felde, so daß ich sie erst nach anderthalb Stunden erlangen konnte. Wie sie endlich kamen, entsprach ihr Aussehen, der schlechte Zustand der Geschirre, wie die Tracht des Postillons, eben so treu dem angeführten Modell. Dies gilt jedoch nur von diesem, der See abgewonnenen, Distrikt; sobald man eine halbe Stunde weiter gefahren ist, und die umgebenden Höhen wieder erreicht, ändert sich die Gegend von Neuem zum Fruchtbaren und Schönen um. Sie hatte freilich das Wilde und Gigantische der frühern verloren, aber nach dem langen Aufenthalt in den Felsenmassen that mir dieser Anblick wohl, da überdem heute der heiterste und klarste Abend die Landschaft beleuchtete. Die Sonne glänzte so golden auf den smaragdfarbigen Wiesen, bebuschte Hügel lagerten sich so friedlich, wie zur Ruhe, um ein cristallhelles Flüßchen, und einzelne Hütten hingen so einladend an ihren schattigen Abhängen, daß man sich gleich für immer dort hätte niederlassen mögen! [126] Ich war dem Wagen zu Fuß vorangegangen, und überließ mich, unter einem hohen Nußbaum, auf weichem Moose ruhend, mit Wonne meinen Träumereien. Wie sprühende Funken blitzte das Abendlicht durch die dichtbelaubten Zweige, und hundert kleine freudig wimmelnde Insekten spielten in den rothen Strahlen, während im Wipfel der laue Wind in Melodieen säuselte, die dem Eingeweihten verständlich sind, der ihnen mit süßem Entzücken lauscht. – Der Wagen kam – noch einmal warf ich den sehnsüchtigen Blick auf das tiefblaue Meer, noch einmal sog ich den Duft der Bergblumen in mich – dann zogen die Pferde den Zögernden rasch in das flache Land hinab.

Von nun an hörte alles Romantische des Weges in einer wohlbebauten Gegend gänzlich auf, bis sich in der Abenddämmerung die Thürme von Caernar- von Castle über den Waldspitzen zeigten. Hier gedenke ich nun einige Tage auszuruhen, nachdem ich an dem heutigen, von 4 Uhr früh bis Abends 10 Uhr, theils zu Wagen, theils zu Fuß, 72 englische Meilen zurückgelegt habe.


Den 1sten August.


Diesen Morgen erhielt ich Briefe von Dir, die mich traurig stimmen! Ja wohl hast Du Recht – eine harte Prüfung des Schicksals war es, die das heiterste und ruhigste Glück, das vollkommenste Einverständniß[127] stören, und die am besten in der Welt zusammenpassenden Gemüther – beide noch obendrein im behaglichen Schooße ihrer beiderseitigen Steckenpferde – wie ein Sturm das friedliche Meer aufregen, von einander reißen, ja auf eine Zeit fast geistig zerstören mußte, den einen Theil zu rastloser Wanderung, den andern zu trostarmer Einsamkeit, beide zu Kummer, Sorge, Schmerz und Sehnsucht verurtheilend! Aber war der Sturm nicht vielleicht unumgänglich nöthig für die Meerbewohner, wäre die nie bewegte Luft ihnen nicht vielleicht noch verderblicher geworden? Lasse uns also nicht übermäßig trauern, nichts Vergangenes bereuen, was immer eitel ist – nur vorwärts zum Bessern laß uns streben, und auch im schlimmsten Falle nicht uns selbst verlieren! Wie oft aber sind die eingebildeten Uebel, die schwersten zu ertragen! welche brennende Schmerzen erregt gekränkte Eitelkeit, welche peinigende Scham-Begriffe falscher Ehre. Es geht mir nicht besser, und oft möchte ich mir beinah Falstaffs Philosophie über dieses Capitel wünschen. Die Natur hat mir indessen ein anderes kostbares Geschenk verliehen, was ich Dir mittheilen zu können, mich glücklich schätzen würde. Ich finde in jeder Lage schnell, und fast instinktmäßig, die gute Seite derselben auf, und genieße diese mit einer Frische des Gefühls, einer kindlichen Weihnachtsfreude an Kleinigkeiten, die gewiß bei mir nie veralten wird. Und wo wäre nicht auf die Länge Gutes dem Uebeln überwiegend beigemischt? Diese Ueberzeugung aber ist der Grundstein meiner [128] Frömmigkeit. Unendlich sind die Gaben Gottes, und man könnte fast sagen: es ist nicht zu verantworten, wenn wir nicht glücklich sind. – Wie sehr wir es wirklich selbst in der Gewalt haben, kann jeder sehen, wenn er auf sein vergangenes Leben zurückblickt, und sich da überzeugen muß, wie er fast alles Uebele so leicht hätte zum Guten wenden können. Wie ich Dir früher und oft sagte: Wir machen unser Schicksal selbst – aber freilich uns selbst haben wir nicht gemacht, und da liegt eine weite, unbekannte Vergangenheit, über die jedoch sich den Kopf zu zerbrechen zu nichts führen würde. Es thue nur jeder sein Möglichstes, mit frischem Muthe die äussern Dinge dieser Welt ohne Ausnahme leicht anzusehen, weil die Dinge dieser Welt wirklich leicht wiegen, im Guten wie im Schlimmen. Eine bessere Waffe giebt es nicht, nur muß man deßhalb die Hände nicht in den Schooß legen. Dein weiblicher Fehler, gute Julie, ist bei üblen Zeiten, mit einer schwachen Art Frömmigkeit, Dich auf den lieben Gott und seine Hülfe als Deus ex machina allein zu verlassen. Damit aber geht man, wenn diese Hülfe endlich doch ausbleibt, sicher zu Grunde. Doch kann Beides, frommes Hoffen und rüstiges Thun sehr wohl mit einander bestehen, und kein Zweifel sogar, daß dann das erste das zweite gar sehr erleichtert; denn ist auch jene Art Frömmigkeit, wie sie die Welt gewöhnlich versteht, jene sichere Zuversicht auf irdischen besondern Schutz von oben, jenes Bitten um Güter oder gegen Uebel, nur eine Selbsttäuschung – so ist es doch [129] eine wohlthätige, ja in unsrer Natur vielleicht begründete, wie wir deren so vielen unterworfen sind, und die ohnedem, wenn wir wahrhaft an sie glauben, auch für uns zur individuellen Wahrheit werden. Es scheint, unsre Natur habe das Vermögen, da wo die Wirklichkeit nicht mehr ausreicht, uns eineeingebildete selbst gemachte, als helfende Stütze, schaffen zu können. So giebt fromme Zuversicht auf speziellen Schutz, selbst in jeder Form des Aberglaubens, Mut. Wer mit der Ueberzeugung in die Schlacht geht: durch einen Talisman feuerfest zu seyn, – der kehrt sich an die Kugeln nicht mehr; höher aber noch wirkt der Enthusiasmus für Ideen, die unser Ich gebietend über die Außenwelt stellen, und so begeistert sah man oft religiöse Schwärmer die unerträglichsten körperlichen Schmerzen an sich mit wahrer Wunderkraft vernichten. So bilden sich auch Leidende und Gedrückte beseligende Hoffnungen einer künftigen Glückseligkeit, die sie schon hier entschädigt – alles Wirkungen des mächtigen Triebes der individuellen Selbsterhaltung im weitesten Sinne, der das oben erwähnte Vermögen unsrer Natur in Anwendung bringt, sobald er es gebraucht – daher endlich beischwachen Charakteren die, zwar an sich ganz nutzlosen, aber sie doch beruhigenden Bekehrungen auf dem Todbette. Jeder muß am Ende diesem Bedürfniß in einer oder der andern Form seinen Tribut bezahlen, d.h. jeder macht sich seinen irdischen Gott, und dies ist auch eine sich immer wiederholende Menschwerdung Gottes. Die Vorstellung des alliebenden [130] Vaters ist im Allgemeinen gewiß die schönste dieser Bildungen, über die hinaus wir auch menschlich nicht weiter steigern können, und man muß es gestehen, die bloße Idee des zum Unbegreiflichen, Unnennbaren, höchsten Prinzips aller Dinge Vergeistigten, so zu sagen Verflüchtigten, erwärmt das fühlende, seiner Schwachheit sich bewußte, Menschenherz nicht mehr mit derselben Innigkeit. Uebrigens scheint mir oft Alles was den Menschen und die Natur ausmacht, nur auf zwei Haupt-Elemente sich zurückführen zu lassen: Liebe und Furcht, die man auch Göttliches und Irdisches nennen könnte. Alle Gedanken, Gefühle, Leidenschaften und Handlungen entstehen hieraus, entweder aus dem einen, oder der Mischung beider Prinzipien. Liebe ist die göttliche Ursach aller Dinge, Furcht scheint die irdische Erhalterin. Die Worte: »Ihr sollt Gott lieben und fürchten, müßte man nur so erklären, oder sie würden keinen Sinn haben – denn ungemischte Liebekann nicht fürchten, weil sie das Gegentheil von allem Egoismus ist, ja sie wird, wo sie wahrhaft uns beseelt, eins mit Gott und dem Weltall, und wirhaben Momente, wo wir dieses fühlen.«

Wenn ich den Maßstab jenes ausgesprochenen Satzes an alle menschliche Handlungen lege, finde ich ihn überall bestätigt. Liebe befruchtet, Furcht erhält, und zerstört – auch in der ganzen Natur sehe ich das Prinzip der Selbsterhaltung oder Furcht (es ist eins und dasselbe) auf das, was wir in der menschlichen Moral böse nennen müssen, nämlich: auf die[131] Vernichtung einer andern Individualität, gegründet. Ein Geschlecht lebt immer von der Zerstörung des andern, Leben entsteht nur durch Tod, bis in alle Ewigkeit der Erscheinung, welche grade auf diese Art Einheit im fortwährenden Wechsel bleibt.

Es ist auch der Bemerkung werth, daß diese Furcht, obgleich uns Allen zu unserm irdischen Bestehen so unumgänglich nöthig, dennoch, selbst hier, von unserm göttlichen Theile so sehr gering geschätzt wird, daß fast kein mögliches Verbrechen uns so tiefeVerachtung einflößt als Feigheit. Nichts bezwingt dagegen die Furcht besser, als eine große Idee, die aus dem Reiche der Liebe entsprießt. Auch Andere reißt man, so beseelt, dann mit sich fort, und ganze Völker werden davon, sich aufopfernd, ergriffen, wenn gleich nichts Irdisches ganz rein von Beimischung des niedrigeren Prinzips sich erhalten kann. Furcht also wird, in der Zeit und im Raume, Liebeist, und kennt keine Zeit noch Raum. Die Liebe ist unendlich und selig, die Furcht stirbt eines ewigen Todes. Die Liebe ist Gott, die Furcht ist der Teufel – und ihm gehört bekanntlich die Erde zur größern Hälfte.


K . . . . Park, den 2ten August.


Bei meiner Rückkehr nach Bangor machte ich gestern die Bekanntschaft des Besitzers von Peurhyn Castle (dem schwarzen Sachsenschloß, das ich Dir beschrieben), ein Mann, der in der Bauleidenschaft mir wahlverwandt ist. Schon 7 Jahr wird an dem Schloß [132] gearbeitet, wozu jährlich 20 000 L. St. ausgesetzt sind, und noch vier Jahre mehr vielleicht wird es bis zur Vollendung brauchen. Während dieser Zeit lebt der reiche Mann mit seiner Familie in einer höchst unansehnlichen gemietheten Cottage in der Nähe, mit wenig Leuten umgehend, aber sich wöchentlich einmal an der Besichtigung seiner Feenburg weidend, die er, an so einfaches Leben gewöhnt, wahrscheinlich nie zu bewohnen sich entschließen können wird. Es schien ihm viel Freude zu machen, mir Alles zu zeigen und zu erklären, und ich empfand nicht weniger Vergnügen bei seinem Enthusiasmus, der dem sonst kalten Manne wohl anstand.

Um einer Einladung zu folgen, die ich in London erhalten, und die mir seitdem dringend wiederholt worden war, reiste ich heute früh hieher. Die Straße führt zuerst in der fruchtbaren Aue, zwischen der See und dem Fuß des Gebirges hin, zuweilen mit einer sich plötzlich öffnenden Bergschlucht, und reißenden Waldbächen, die eilig dem Meere zueilen. Am Penman Mawrs verengt sich aber der in den Felsen gesprengte Weg zu einem schwierigen Paß, dessen linke Seite, 500 Fuß hoch, senkrecht und überhängend zu den Wellen hinabsinkt. Eine sehr nothwendige Mauerbrüstung schützt die Wagen. Ich saß auf meiner Imperiale, einen Platz, den ich bei gutem Wetter häufig einnehme, und genoß hier die weite Seeaussicht in völliger Freiheit. Der Wind sauste dazu durch alle Töne, und mit Mühe erhielt ich meinen Mantel. Nach einer Stunde erreichte ich Conway, dessen Lage [133] eine der reizendsten ist. Hier befindet sich das größte jener festen Schlösser, die alle Eduard gebaut und Cromwell zerstört hat. Es ist zugleich das, welches durch Umgebung wie eigne Schönheit, am romantischsten erscheint.

Die Umfangsmauern, obwohl verfallen, stehen noch sämmtlich, mit allen ihren Thürmen, deren man bis 32 zählt. Die ganze neuere Stadt, ein seltsames aber nicht unmalerisches Gemisch von Altem und Neuem, findet Platz im Bezirk dieser Mauern. Seit Kurzem hat man über den Fluß Conway, an dessen Felsenufern das Schloß steht, eine Kettenbrücke, mit Pfeilern in Gestalt gothischer Thürme, gebaut, die das Grandiose und Fremde des Anblicks noch vermehrt. Die Umgegend ist herrlich, bewaldete Berge stehen den Ruinen gegenüber, und noch höhere ragen über sie hervor. Mehrere Landhäuser zieren die Abhänge, unter andern eine allerliebste Villa, die eben zum Verkauf ausgeboten ist, und den verführerischen Namen »Zufriedenheit« (Contentment) führt. In dem Schloß sieht man noch die imposanten Rudera der Banquethalle mit zwei haushohen Kaminen, und die königlichen Zimmer. Im Closet der Königin wird ein ziemlich gut erhaltner und schön gearbeiteter Betaltar, so wie ein prachtvolles Orielwindow bewundert. Auch in der Stadt befinden sich sehr merkwürdige alte Gebäude, mit wunderbaren, phantastischen Holzhieroglyphen. Das eine dieser Häuser wurde, wie ein Grabstein in der Kirche besagt, von einem gewissen Hookes im 14ten Jahrhundert erbaut, welcher der [134] ein und vierzigste Sohn seines Vaters war, in der Christenheit ein seltnes Beispiel! Ein großes Windelkind, von einem Storche getragen, und in altem Eichenholz geschnitzt, war daher auch so oft wie möglich als Zierrat auf den Wänden angebracht. In gastronomischer Hinsicht ist Conway ebenfalls preiswürdig. Es giebt hier einen Fisch, dessen eben so zartes, als festes Fleisch äusserst wohlschmeckend ist. Er heißt Place (Platz) ein recht passender Name, als rief er: Platz für mich, der besser ist als ihr übrigen! Auch wünschte ich ihm öfter den Ehrenplatz an meinem Tische einräumen zu können. – Noch bei guter Zeit verließ ich Conway, über die Kettenbrücke fahrend, der das zerstörte Schloß zum ehrwürdigen Stützpunkte dient. Die ungeheuren Ketten verlieren sich so abenteuerlich in den felsenfesten Thürmen, daß man das Neue kaum bemerken würde, wenn nicht unglücklicherweise gegenüber ein Chausseehaus, ebenfalls in der Form einer diminutiven Burg, aufgebaut worden wäre, das sich wie der Harlekin der großen ausnimmt. Je mehr man sich St. Asaph nähert, je milder wird der Anblick des Landes. In einer fast nicht zu übersehenden halbrunden Bucht bespült das ruhige Meer fruchtbare Felder und Fluren, reichlich mit Städten und Dörfern untermengt. Alle Landbesitzer scheinen hier dem gothischen Geschmack zu huldigen. Diese Manier war so weit getrieben, daß selbst eine Schenke an der Straße mit Fallthoren, Schießscharten und Créneaur versehen war, obgleich es keine andere Besatzung als Hühner und Gänse zu schützen gab. Hier wäre [135] Don Quixotte zu entschuldigen gewesen, und der Wirth thäte gar nicht übel, wenn er den Ritter von der traurigen Gestalt mit eingelegter Lanze und Barbierbecken, zum Aushängeschild erwählte.

Weiter hin schien ein ganzer Bergrücken mit einer gothischen Stadt bedeckt. Es machte von weitem einen so auffallenden Effekt, daß ich mich verleiten ließ auszusteigen, und den beschwerlichen Weg hinanzuklimmen. Lächerlich und verdrießlich war es zugleich, als ich fand, daß der Kern der Spielerei nur ein kleines sich durch nichts auszeichnendes Haus war, das Uebrige aber bloß verschiedene, auf den Berg und Felsenabhängen errichtete Mauern, die bald Thürme, bald Dächer, bald Zinnen von großen Dimensionen, halb im Walde versteckt, nachahmten, von nahen aber nur dazu dienten, eine Menge Frucht- und Küchengärten einzuschließen. Ein Glückspilz, ein durch Zufall reich gewordener Shop Keeper, hatte diese harmlose Raubveste, wie man mir sagte, vor zwei Jahren erbaut; eine wahre Satyre auf den herrschenden Geschmack!

Gegen Abend langte ich bei meinem guten Obristen an, einem ächten Engländer im besten Sinne des Worts, der mich mit seiner liebenswürdigen Familie auf das freundlichste empfing. Diese wohlhabenden (bei uns würde man sie sehr reich nennen) und angesehenen Gutsbesitzer, die sich nicht in London zu ängstlich zur Fashion drängen, aber die Liebe ihrer Nachbarn und Untergebnen zu erwerben suchen; deren Gastfreundschaft nicht bloße Ostentation, und[136] deren Sitten weder exclusive noch ausländisch sind, sondern die in einer civilisirten und durch Reichthum verschönten Häuslichkeit ihren Genuß, in strenger Rechtlichkeit ihre Würde finden – bilden die wahrhaft respektabelste Klasse der Engländer. In der großen Welt Londons spielen sie zwar nur eine unbedeutende, in der Menschheit aber gewiß eine ehrwürdige Rolle. Leider ist jedoch in England die Uebermacht und Arroganz der Aristokratie, und über dieser noch die der Mode, so herrschend und gewaltig, daß selbst solche Familien wie die hier geschilderten, wenn sie mein Lob läsen, sich wahrscheinlich weniger dadurch geschmeichelt fühlen würden, als wenn ich sie unter denen, die den Ton angeben, aufführen könnte. Wie weit hierin die Schwäche bei den würdigsten Leuten in England geht, kann man kaum glauben, ohne es erfahren und alle Klassen der Gesellschaft davon auf die lächerlichste Weise angesteckt gesehen zu haben. Doch ich habe Dir aus dem Foyer der europäischen Aristokratie über dieses Capitel genug geschrieben, und will mich daher hier nicht wiederholen. Ueberhaupt ist es wohl Zeit, diesen Brief zu schließen, da ich ohnedem fürchte, unsre Correspondenz könnte Dir am Ende zu lang vorkommen – denn wenn auch das Herz nicht ermüdet, der Kopf macht andere Ansprüche. Indessen weiß ich, wie viel ich Deiner Nachsicht in dieser Hinsicht zumuthen darf. –


Dein ewig treu ergebener L..

Fußnoten

1 Diese und ähnliche Stellen sind ausgelassen, da sie sich blos auf Familienverhältnisse beziehen, und gar kein Interesse für die Leser haben können.

A.d.H.

2 Herrlich sagt Jean Paul irgendwo von Solchen: »Ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen blos aus Niedrigkeit, öfters mit den englischen Pferdeschwänzen verglichen, die auch immer gen Himmel stehen, blos weil man ihre Sehnen durchschnitten.«

3 Man irrt sich sehr, wenn man glaubt, daß hier blos Stoff zum Lächerlichen, und zu einiger Indignation der Vernunft vorhanden sey. Der Bund der Frommen ist nicht ohne Gefahr für die Freisinnigen. Hier gährt Jesuitenmasse, die unter den Protestanten Gestalt gewinnen will, weil der Katholicismus zu aufgeklärt für sie wird. Dieselben Grundsätze, denen Jene ihre Macht verdankten, leiten auch sie, derselbe esprit de corps herrscht unter ihnen, eine geregelte Organisation bildet sich, und statt des Aquetta gebrauchen sie mit Erfolg den, oft noch zehnmal giftigeren, bösen Leumund, wie so manches Mittel der Finsterniß, daß einer geheimen Verbrüderung unbemerkt zu gebrauchen leicht ist. Mehr aber wird Deutschland von solchen Heiligen zu leiden haben, als von den Freiheit träumenden Studiosen auf der Wartburg!

4 Eine Art viersitziger, leichter Calesche, ohne Verdeck.

28. Brief
[137] Acht und zwanzigster Brief.

K . . . Park, den 4ten August 1828.


Meine theuerste Freundin!


Ich befinde mich hier sehr wohl. Man lebt auf comfortable Weise, die Gesellschaft ist herzlich, la chère excellente und die Freiheit, wie überall hier auf dem Lande, vollkommen. Gestern machte ich auf einem unermüdlichen Pferde meines Wirths einen sehr angenehmen Spazierritt von einigen zwanzig Meilen, denn bei den guten Pferden und Wegen verschwinden hier die Distancen. Ich muß Dir davon erzählen.

Zuerst ritt ich nach der kleinen Stadt St. Asaph, um die dortige Cathedrale zu besehen, die ein großes Fenster von moderner Glasmalerei ziert. Viele Wappen waren sehr gut ausgeführt, und man hatte überhaupt den Fehler vermieden, Gegenstände darstellen zu wollen, die sich für die Glasmalerei nicht passen, welche grelle Farbenmassen und keine verschwimmenden Nuancen verlangt. Um mich in der Gegend besser zu orientiren, bestieg ich den Thurm. Dort bemerkte ich in der Entfernung von ohngefähr 12 Meilen [138] ein kirchenartiges Gebäude auf der Spitze eines hohen Berges, und frug den Küster, was es bedeute? Er erwiederte in holprigem Englisch: »dies sei das Tabernakel des Königs, und wer sieben Jahre lang sich weder waschen, noch die Nägel abschneiden, oder den Bart scheeren wolle, dem sey es erlaubt, dort zu wohnen, und nach dem siebenten Jahre habe er das Recht nach London zu gehen, wo ihn der König ausstatten und zum Gentleman machen müsse.« Dies tolle Mährchen glaubte der Mann im vollen Ernst und schwur auf seine Wahrheit. Voilà ce que c'est que la foi! Als ich mich später nach dem wirklichen Verlauf der Sache erkundigte, erfuhr ich von dem Ursprung der Geschichte bloß, daß das Haus zum Regierungs-Jubiläum des vorigen Königs von der Provinz oder County gebaut worden sey, und seitdem leer stehe, ein Spaßvogel aber einst am andern Orte eine bedeutende Summe in den Zeitungen ausgeboten, wenn Jemand die erwähnten Bedingungen in einer ihm zugehörigen Höhle erfülle. Das gemeine Volk hat nun jene Feuerprobe mit dem »Tabernakel« des guten Königs Georgs III. in Verbindung gesetzt.

Ich bin den Thurm jetzt wieder herabgestiegen, und am Fuße sanfter Hügel hin, kannst Du mich weiter gallopiren sehen, bis ich einen felsigen einzeln stehenden Berg erreiche, auf dem die Ruinen von Denbigh Castle stehen. An den Seiten des Berges klammern sich ringsum die baufälligen Häuser und Hütten des ärmlichen Städtchens an, und mit Mühe gelangt[139] man durch die engen Gassen zum Gipfel. Ein Herr zeigte mir gütig den Weg, welcher sich mir nachher als der Herrn Stadt-Chirurgus dekouvrirte, und mit vieler Artigkeit die Honneurs der Ruine machte. In ihren Mauern haben sich die Honoratioren ganz romantisch ihr Casino, nebst einem sehr zierlichen Blumengärtchen angelegt, von welchem letztern man eine vortreffliche Aussicht genießt. Der übrige Theil des weitläuftigen Schlosses bietet dagegen nur ein verlassenes Labyrinth von Mauern und Grasplätzen dar, wo die Distel wuchert. Alle drei Jahre wird jedoch auf diesem Platz ein großes Nationalfest gehalten – die Versammlung der welschen Barden. Gleich den ehemaligen Minnesängern Deutschlands kommen hier sämmtliche Harfner aus Wales zum Wettkampf zusammen. Der Sieger gewinnt einen goldnen Becher, und ein gemeinschaftliches Chor von hundert Harfen hallt zu seinem Ruhm in den Ruinen wieder. In drei Monaten sollte die Vereinigung statt finden, zu der man auch den Herzog von Sussex erwartete.

Von hier kam ich, einer Bergschlucht folgend, in ein wunderschönes Thal. Tiefe Waldesnacht umfing mich, Felsen streckten wieder, wie alte Bekannte, grüßend ihre bemoosten Häupter aus den Zweigen, der wilde Fluß schäumte, springend und tanzend durch die Waldblumen, und verborgene, heimlich glänzende Wiesen leuchteten mir wieder mit aller Goldfrische des Gebirges entgegen. Wohl einige Stunden irrte ich in diesen Gründen umher, dann erklomm ich die Höhe auf einem mühsamen Fußpfad, [140] um zu erfahren, wo ich eigentlich sey? Ich stand grade über der Bucht und dem weiten stillen Meer, das die sanften Bergabhänge vor mir näher zu rücken schienen als es wirklich war. Nach einiger Anstrengung entdeckte ich, unter den Baumgruppen der Ebene, auch das Schloß von K... Park, und rasch darauf zutrabend, erreichte ich es noch zur rechten Zeit für die Mittags-Toilette.


Den 5ten.


Mit der lieblichen kleinen Fanny, der jüngsten Tochter des Hauses, die noch nicht out ist, 1 spazierte ich diesen Morgen, als Alle noch schliefen, im Park und Garten umher, wo sie mir ihre dairy (Milchkeller) und ihre aviary (Etablissement für Geflügel) zeigte.

Ich schrieb Dir schon, daß der Milchkeller hier immer eine der Hauptzierden jedes Parkes ausmacht, und von den Kuhställen ganz entfernt, für sich, in der Form eines eleganten Pavillons besteht, mit Fontaine,[141] Marmorwänden und kostbarem Porzellain geschmückt, dessen große und kleine Schalen mit allen Arten der schönsten Milch und Milchprodukten angefüllt werden. Kein besseres Plätzchen als dieses, um sich nach der Ermüdung des Gehens zu erfrischen. Es versteht sich, daß auch ein Blumengärtchen dabei ist, welches der Engländer gern jedem Gebäude beifügt. Hier wetteiferte das Steinreich in Pracht der Farben mit den Blumen. Der Besitzer hat nämlich einen Antheil an bedeutenden Kupferwerken in Anglesea, und kleine Berge dieses golden, roth, blau und grün schillernden Erzes dienten seltnen Steinpflanzen zum prachtvollen Bett.

Das Aviary, sonst wohl Goldfasanen und ausländischen Vögeln gewidmet, war hier bloß wirthschaftlicher Natur, nur für Hühner, Gänse, Pfauen, Tauben und Enten ausschließlich bestimmt, dennoch aber bot es, durch seine ausserordentliche Reinlichkeit und Zweckmäßigkeit, einen sehr angenehmen Anblick dar. Deutsche Wirthinnen hört und staunt! Zweimal des Tages wurden die mit den schönsten Bewässerungs-Anstalten versehenen Höfe und einzelnen Kammern, Taubenschläge und Brütbehälter – zweimal des Tages wurden sie gescheuert – und die Strohbetten der Hühner waren so zierlich, die Sprossen, auf denen sie horsteten, so glatt und blank, die mit Quadern eingefaßten Enten-Pfützen so klare Bassins, das großkörnige Gerstenfutter und der gekochte Reis, gleich dem Pariser Riz au lait, so appetitlich, daß man sich im Paradiese der Vögel zu [142] befinden glaubte. Auch waren diese alle frei wie dort, keinen die Flügel verschnitten, und ein, immediat an ihre Wohnung stoßendes Wäldchen hoher Bäume, diente ihnen zum anmuthigsten Vergnügungsort. Noch wiegten sich die meisten von ihnen behaglich auf den schwankenden Gipfeln, als wir ankamen; kaum erblickten sie aber die kleine rosige Fanny, wie eine wohlthuende Fee mit Leckerbissen in der Schürze ihnen entgegentretend, als sie in brausender Wolke herabeilten, und sich pickend und frohlockend zu ihren Füßen niederließen. Ich fühlte mich idyllisch gerührt, und trieb zu Haus, um noch vor dem Frühstück mich des Feuers meiner Begeisterung zu entledigen. Nun waren aber noch die Kindergärten zu besehen, und ein Haus der Laune, und Gott weiß was alles – kurz wir kamen zu spät und wurden ausgescholten. Mit englischem Pathos rief Miß Fanny:


We de but row –
And we are steered by fate.
Wir rudern wohl –
Jedoch das Schicksal sitzt am Steuer!

mit andern Worten: der Mensch denkt, Gott lenkt ... und ja wohl, dachte ich, der kleine Philosoph hat nur zu Recht! Es kömmt immer anders, wie man sich's vorstellt, selbst bei so wenig bedeutenden Dingen als die Promenade mit einem hübschen Mädchen, und das Warten der Eltern beim Frühstück. –

[143] Der Nachmittag sah mich wieder zu Roß. Ich suchte mir ungebahnte Wege in den wildesten Berggegenden landeinwärts, mehreremal den reißenden Fluß ohne Brücke passirend, und oft in den schönsten und überraschendsten Aussichten schwelgend. Zuweilen begegnete ich einsam arbeitenden Landmädchen, auffallend hübsch in ihrer originellen Tracht, die den Wuchs hervorhebt und den Busen sehr frei zeigt. Sie sind aber dabei schüchtern wie Rehe und züchtig wie Vestalinnen. Alles zeigt die Bergnatur, mein Pferd auch! unermüdlich, wie eine Maschine aus Stahl und Eisen, galoppirt es über die Steine bergauf und bergab, springt mit ungestörter Ruhe über die Heckenthore, welche alle Augenblicke die Feldwege verschließen, und macht mich weit eher müde, als es selbst Müdigkeit fühlt. Das ist die wahre Art, spazieren zu reiten – viele Meilen weit, in Gegenden, die man nie gesehen, wo man nicht weiß, wo man hinkömmt, und sich den Rückweg ebenfalls von einer andern Seite suchen muß. Heute gerieth ich zuletzt in einen Park, wo hölzerne, mit weißer Oelfarbe angestrichene Statüen, seltsam mit der erhabnen Natur kontrastirten. Kein Mensch ließ sich sehen, nur Hunderte von Kaninchen streckten ihre Köpfe aus den durchlöcherten Bergabhängen hervor, oder jagten eilig über den Weg. Allerlei wunderliche Dinge verriethen den Besitzer als einen Sonderling. Am besten nahm sich ein schwarzer Fichtenwald aus, den rund umher ein Ring von glanzfarbigen Malven einfaßte. Ich kam endlich auf einer kahlen Höhe wieder [144] heraus, wie ich hereingekommen war, durch ein von selbst zuschlagendes Fallthor; überall herrschte dieselbe Einsamkeit, und bald war das verwünschte Schloß weit hinter mir.


Bangor, den 8ten.


Ich sollte einige Wochen in K... Park bleiben, aber Du kennst meine Unstetigkeit – bald drückt mich das Einerley, wenn es auch gut ist – ich empfahl mich daher meinen gefälligen Freunden, besuchte noch einen andern Gutsbesitzer, der mich eingeladen, auf einige Stunden, statt Tagen, sah einen Sonnen-Untergang von den Ruinen Conway's, daß eine Place, und traf wieder in meinem Hauptquartier ein, das ich nun aber für immer verlasse. Ich befinde mich übrigens leider nicht recht wohl, meine Brust scheint von den Fatiguen in der letzten Zeit etwas angegriffen, und schmerzt oft recht empfindlich, mais n'importe.


Craig y Don, den 9ten früh.


Erinnerst Du Dich dieses Namens? es ist die schöne Villa, die ich Dir beschrieben, deren liebenswürdigen Besitzer ich seitdem kennen gelernt, und dessen freundlicher Einladung, bei ihm die letzte Nacht in Wales zuzubringen, ich nicht widerstehen konnte.[145] Wegen meiner Brustschmerzen vermochte ich gestern Abend nur kurze Promenaden, mit dem Sohne des Hauses in den lieblichen Gärten zu machen, und der Versuch, einen nahen höheren Berg zu besteigen, bekam mir fast übel, so daß ich nachher bis zum Essen mich mit den Zeitungen amüsiren mußte. In dem langen Wust war ein guter Einfall, den ich Dir citire. Der Artikel sprach von der Thronrede, worin die Worte vorkommen: »dem Speaker wird befohlen, dem Volke zu seiner allgemeinen Glückseligkeit zu gratuliren«. Dies, meint der Berichterstatter, sey doch zu insolent, sich so offenbar über dieses arme Volk lustig zu machen, obgleich es allerdings gegründet sey, daß die Wahrheit von ihm in dergleichen Dingen nie erwartet werden dürfe, denn, fährt er fort, sollte wirklich je ein König oder Minister so wahnsinnig sein, um die reine Wahrheit bei ähnlicher Gelegenheit sprechen zu wollen, so müsse er ja gleich im Anfang der Rede, statt dem gewöhnlichen exordium »Mylords and Gentlemen sagen My knaves and dupes. (Mes fripons et dupes.«)

Unser Wirth ist ein Mitglied des Yacht-Clubs, und ein leidenschaftlicher Freund des Meeres. Daher hätte auch unser Diné jedem Katholiken in der Fastenzeit genügen müssen, denn es bestand nur aus Fischen, vortrefflich auf mannichfache Arten zubereitet. Eine Austerbank, unter den Fenstern, sandte gleichfalls dazu ihre schlüpfrigen, noch Salzwasser feuchten, Bewohner. Zum Dessert aber lieferten die vor [146] dem Hause weidenden Kühe manche Delikatesse und die an den Salon stoßenden Treibhäuser köstliche Früchte.

Thut es nun nicht wohl, sich zu denken, daß Hunderttausende in England eine solche Existenz, einen so behaglichen und soliden Luxus, in ihren friedlichen Häusern froh genießen, freie Könige im Schooße ihrer Häuslichkeit, die ruhig in der Sicherheit ihres unantastbaren Eigenthums leben, Glückliche, die nimmer durch schwere Sendschreiben unhöflicher Behörden belästigt werden, welche bis in die Wohnstube und Schlafkammer Alles regieren wollen, und dem Staate schon einen bedeutenden Dienst erzeigt zu haben glauben, wenn sie am Ende des Jahrs den armen Regierten viele tausend Thaler unnöthiges Porto verursachen konnten, dabei aber auch nicht zufrieden, über den Regierten zu stehen, sich ihnen zugleich entgegen stellen, Richter und Parthei so viel sie können in einer Person vereinigend; – mit einem Worte, Glückliche, die frei von Eingriffen in ihren Beutel, frei von Unwürdigkeiten für ihre Person, frei von unnützen Plackereien ihre Macht fühlen lassen wollender Büreaukraten, frei von der Aussaugung unersättlicher Staatsblutigel sind, und dabei als unumschränkte Herren in ihrem Eigenthume, nur den Gesetzen zu folgen brauchen, die sie selbst mit geben helfen – wenn man dies bedenkt, sage ich, so muß man gestehen, daß England ein gesegnetes Land ist, wenn auch kein vollkommenes. Man kann es den Engländern daher auch nicht so sehr verdenken, wenn sie, [147] des Contrastes mit manchen andern Ländern inne werdend,Fremden, bei aller scheinbaren Höflichkeit und Verbindlichkeit, doch immer fremd bleiben. Ihr ganz gerechtes Selbstgefühl wirkt so mächtig, daß sie unwillkührlich uns für eine geringere Race ansehen, so wie wir z.B., aller deutschen Herzlichkeit ohngeachtet, doch schwer uns mit einem Sandwich-Insulaner ganz verbrüdern könnten. In einigen Jahrhunderten haben wir vielleicht die Rollen gewechselt, aber leider ist es jetzt noch nicht so weit! 2


Holyhead, den 9ten Abends.


Ich habe eine üble Nacht gehabt, heftiges Fieber, schlechtes Wetter und holprige Straßen. Das Letztere, weil ich die große Route verließ, um die berühmtenParis mines auf der Insel Anglesea zu sehen. Diese Insel ist der völlige Gegensatz von Wales, fast völlig flach, kein Baum, nicht einmal Büsche [148] und Hecken, nur Felder an Felder gereiht. Die erwähnten Kupferbergwerke an der Küste sind aber interessant. Ich wurde (vom Obristen H... schon vorher annoncirt) mit Kanonenschüssen empfangen, die wild in den vielfachen Höhlen wiederhallten. Das Erz wird in diesen Höhlen gefördert, die, wo das Tageslicht hereinscheint, in bunten Farben blitzen. Ich sammelte selbst viel schöne Stücke. Die Steine werden nachher klein geschlagen, in Halden, gleich dem Alaunerz, aufgeschüttet und angezündet, worauf die Masse 9 Monat lang brennt. Der Rauch wird zum Theil aufgefangen und setzt sich als Schwefel an. Eine sonderbare Erscheinung ist es für den Layen, daß, während dieses neunmonatlichen Brennens, welches allen Schwefel austreibt, bloß durch die Kraft der Wahlverwandtschaft, die durch das Feuer frei gemacht wird, das reine Kupfer, welches vorher durch den ganzen Stein vertheilt war, sich nachher, in ein Klümpchen zusammengezogen, kompakt in der Mitte zeigt, so daß, wenn man die gebrannten Steine zertrümmert, man in jedem das Kupfer, wie den Kern in einer Nuß, erblickt. Nach dem Brennen wird das Erz, ebenfalls wie Alaun, ausgelaugt oder gewaschen, und das Wasser, welches davon abfließt, in Sümpfen aufgefangen. Das Mehl, was sich in diesen absetzt, enthält 25 – 40 Prozent Kupfer, und das übrig bleibende Wasser ist immer noch so stark geschwängert, daß ein eiserner Schlüssel, den man hineinhält, in wenig Sekunden eine schön rothgelbe Kupferfarbe annimmt. Hierauf[149] wird das Erz mehreremal geschmolzen und zuletzt raffinirt, worauf es in Quadrat-Stücken von 100 Pfund geformt, so verkauft, oder auf Mühlen zu Schiffsplatten verarbeitet wird. Bei dem Gießen, das ein hübsches Schauspiel gewährt, ereignet sich auch ein sonderbarer Umstand. Es fließt nämlich die ganze Masse in eine Sandform, welche in 8 – 10 verschiedene Compartiments, gleich einem für mehrere Thiere bestimmten Eßtroge, abgetheilt ist. Die Separationen erreichen nicht ganz die Höhe der Außenwände, so daß das glühende Erz, welches nur auf dem einen Ende hereinströmt, sobald der Pfropf herausgeschlagen ist, das erste Compartiment füllen muß, ehe es in das zweite übertritt u.s.w. Das Sonderbare ist nun, daß alles wirkliche reine Kupfer, was im Ofen enthalten ist, in diesem ersten Compartiment verbleibt, die andern Fächer aber allein mit Schlacke angefüllt werden, welche nur zum Straßenbau gebraucht werden kann. Der Grund des Phänomens ist folgender: Das Erz hat Eisen bei sich, welches sich im magnetischen Zustande befindet. Dieses hält das Kupfer zusammen, und zwingt es zuerst auszufließen. Da man nun aus Erfahrung ziemlich genau weiß, wie viel reines Kupfer die in einem Ofen geschobne Masse enthalten müsse, so ist die Größe des ersten Compartiments darauf eingerichtet, es gerade fassen zu können. Der Inspektor, ein gescheuter Mann, der aber halb welsch, halb englisch sprach, sagte mir, daß er diese Gußart erst erfunden, welche viele Mühe erspare, weshalb er,[150] auch ein Patent darauf entnommen. Der Vortheil, der daraus entsteht, ist allerdings einleuchtend, da sich, ohne die erwähnten Abtheilungen, das Kupfer, wenn gleich ebenfalls zuerst hinausfließend, doch nachher über die ganze Masse verbreiten, und schwer ablösen muß. Die Russen, welche im Fache der Industrie jetzt nichts versäumen, hatten bereits einen Reisenden hier, um sich das Verfahren ganz zu eigen zu machen, welches auch nicht im Geringsten verheimlicht wurde, wie denn überhaupt die meisten Fabrikherren hierin sehr liberal geworden sind.

Während ich noch am Schmelzofen stand, erschien ein Offizier, um mich zum Bruder des Obristen H., der ebenfalls Obrist ist, und ein in der Nähe stationirtes Husarenregiment commandirt, für diesen Mittag und die Nacht einzuladen. Ich befand mich aber zu ermüdet und unwohl, das Wagniß eines Offizier-Diners in England zu bestehen, wo, in der Provinz wenigstens, der Wein noch mit altenglischem Maaße zugetheilt wird; auch wünschte ich noch diese Nacht mit dem Packetboot nach Irland zu segeln, und lehnte daher die Invitation dankbarlich ab, den Weg nach Holyhead einschlagend, wo ich um 10 Uhr ankam. Mein gewöhnliches Seeunglück erlaubte indeß die Weiterreise nicht, da es so heftig stürmte, daß das Packetboot ohne Reisende abging. Ich bin jedoch nicht unwillig darüber, mich einen Tag hier, in einem ganz comfortablen Gasthofe, ausruhen zu können.


[151] Den 10ten.


So krank und matt ich bin, hat mir doch die Exkursion nach dem neu erbauten, 4 Meilen entfernten Leuchtthurme, ungemein viel Vergnügen gewährt. Obgleich die Oberfläche der Insel Anglesea sehr flach erscheint, so erhebt sie sich doch, am Ufer der irländischen See, in höchst malerischen, abgerissenen Felsenwänden, bedeutend hoch aus den stets brandenden Fluthen. Auf einem solchen, vom Ufer etwas entfernten, einzeln hervorragenden Felsen, steht der Leuchtthurm. Nicht nur senkrecht, sondern unter sich zurückweichend, fallen diese, über alle Beschreibung wilden Gestade, mehrere hundert Fuß tief nach dem Meere hinab, und sehen aus, als seyen sie durch Pulver gesprengt, nicht von der Natur so gebildet. Auf einem dichten Teppich von kurzem gelben Ginster und karmoisinrother Haide, gelangt man bis an den Rand des Abhangs, dann steigt man auf einer roh in den Stein gehauenen Treppe, von 4 bis 500 Stufen, bis zu einem in Stricken hängenden Stege hinab, auf dem man sich, an die Seitennetze anhaltend, über den Abgrund, der beide Felsen trennt, so zu sagen, hinüber schaukelt. Tausende von Seemöven, die hier zu brüten pflegen, umschwebten uns auf allen Seiten, unaufhörlich ihre melancholische Klage durch den Sturm rufend. Die Jungen waren erst kürzlich flügge geworden, und die Alten benutzten wahrscheinlich das ungestüme Wetter zu ihrer Einübung. Man konnte nichts Graziöseres sehen als [152] diese Fluglektionen. Leicht erkannte man die Jüngeren an ihrer grauen Farbe und ihrem noch ungewissen Schwanken, während die Alten, fast ohne einen Flügel zu rühren, minutenlang, bloß vom Sturm gehalten, wie in der Luft versteinert hingen. Die jungen Vögel ruhten auch öfters in den Felsenspalten aus, wurden aber von ihren strengen Aeltern immer schnell wieder zu neuer Arbeit genöthigt.

Der Leuchtthurm ist völlig dem bereits erwähnten in Flamboroughhead an der englischen Ostküste gleich, nur ohne rothe revolving lights. Auch hier war die Nettigkeit der Oehlkeller und die außerordentliche Reinlichkeit der spiegelblanken Lampen bewunderungswerth. Außerdem bemerkte ich eine ingeniöse Art Sturmfenster, die man ohne Mühe und Gefahr des Zerbrechens, auch beim heftigsten Winde, öffnen kann, und eine vertikale Steintreppe, gleich einer gezackten Säge, die viel Raum erspart. Beide Gegenstände lassen sich jedoch ohne Zeichnung nicht ganz anschaulich machen.


Dublin, den 11ten.


Eine widerwärtigere Seefahrt kann man nicht bestehen! Zehn Stunden ward ich, zum Sterben krank, umher geworfen. Die Hitze, der ekelhafte Geruch des Dampfkessels, die Krankheit aller Uebrigen, es war eine affreuse Nacht, ein wahres Carl von Carlsbergsches [153] Bild menschlichen Elends. Bei einer längeren Seereise aguerrirt man sich zuletzt, und vielfacher Genuß wiegt dann die Entbehrungen auf, aber die kurzen Ueberfahrten, welche nur die Schattenseiten zeigen, sind meine wahre Antipathie. Gottlob es ist vorüber, und ich fühle wieder festen Boden unter mir, obgleich es mir noch manchmal scheint, als schwanke Irland ein wenig.


Abends.


Dieses Königreich hat mehr Aehnlichkeit mit Deutschland als mit England. Jene fast überraffinirte Industrie und Kultur in allen Dingen verschwindet hier, leider aber mit ihr auch die englische Reinlichkeit. Häuser und Straßen haben ein beschmutztes Ansehn, obgleich Dublin durch eine Menge prächtiger Palläste und breiter allignirter Straßen geschmückt ist. Das Volk geht zerlumpt; den Leuten von gebildeterem Stande, denen man begegnet, fehlt auch die englische Eleganz, wogegen die Menge glänzender Uniformen, die man in London nie in den Straßen sieht, noch mehr nach dem Continent versetzen. Auch die Umgegend der Stadt hat nicht mehr die gewohnte Frische, der Boden ist vernachlässigter, Gras und Bäume magrer. Die großen Züge der Landschaft aber, die Bay, die fernen Berge von Wicklow, das Vorgebirge von Howth, die amphitheatralischen Häusermassen, die Quais, der Hafen sind schön. So ist wenigstens der [154] erste Eindruck. Uebrigens befinde ich mich, im besten Gasthofe der Hauptstadt, weniger comfortable, als in dem kleinen Städtchen Bangor. Bei aller Größe scheint das Haus still und verlassen, während ich mich erinnere, dort, nur während der Zeit meines Essens, 15 Wagen ankommen gesehen zu haben, die alle abgewiesen werden mußten. Der Zufluß der Fremden ist auf den Hauptstraßen in England so groß, daß Kellner in den Gasthöfen nicht für Geld gemiethet werden, sondern selbst für ihren Platz dem Wirth bis zu 300 Pfd. Sterl. jährlich zahlen müssen. Dennoch ersetzen ihnen die Trinkgelder diese bedeutende Auslage reichlich. In Irland tritt dagegen die Continentalsitte wieder ein. Sobald ich mich ein wenig erfrischt hatte, machte ich eine Promenade durch die Stadt, während der ich bei zwei ziemlich geschmacklosen Monumenten vorbei kam. Das eine stellt Wilhelm von Oranien im römischen Costume zu Pferde vor; mißgestaltet ist Roß und Reiter. Das Pferd hat ein Gebiß im Mund und Hauptgestell am Kopf, aber keine Andeutung der Zügel daran, obgleich die Hand des Königs gerade so ausgestreckt ist, als ob sie sie bahnenmäßig hielte. Soll dies bedeuten, daß Wilhelm keine Zügel brauchte, um John Bull zu reiten? Das andere Monument ist eine colossale Statue Nelsons, auf einer hohen Säule stehend, und in moderne Uniform gekleidet. Hinter ihm hängt ein Tau, das einem Schweife ähnlicher sieht; dabei ist die Stellung ohne Adel, und die Figur zu hoch, um deutlich zu seyn. Später kam [155] ich an ein großes rundes Gebäude, wo das Volk sich drängte, und Wache vor dem Eingang stand. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, daß hier die jährliche Ausstellung von Blumen und Früchten statt finde. Man trug die ersteren zum Theil schon hinweg, als ich eintrat, demohngeachtet sah ich noch viele ausgezeichnet schöne Exemplare. In der Mitte dieser Blumen, die eine Art Tempel bildeten, befand sich ein durch Barrieren verschlossener Raum für die Früchte, welche zwölf daselbst sitzende Richter mit Wohlbehagen und ernster Amtsmiene schmatzend verzehrten, um zu entscheiden, welcher von ihnen die ausgesetzten Preise zukämen. Sie mußten lange unschlüssig gewesen seyn, denn Melonen, Birnen und Aepfelschalen, Ueberbleibsel von Ananas, Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenkerne bildeten Berge auf den danebenstehenden Tischen, und obgleich die Blumen von den Eigenthümern nach und nach alle fortgeschafft wurden, so schien doch keine der Früchte ihren Ausgang aus dem Pomonatempel wieder zu finden.


Den 12ten.


Da ich nichts anderes zu thun wußte (denn alle notablen Bewohner der Stadt sind auf dem Lande) so besah ich eine Menge show places. Zuerst das Schloß, wo der Vicekönig wenn er hier ist, residirt, und dessen ärmliche Staatszimmer, mit groben Bretterdielen, nicht viel Anziehendes darbieten. Schöner[156] ist eine moderne gothische Capelle, deren Aeußeres hohes Alterthum täuschend nachahmt; sie ist inwendig mit herrlichen Glasgemälden aus Italien, im 15ten Seculum gemalt, geschmückt und reich mit Holzschnitzwerk verziert, welches dem alten nichts nachgiebt. Die ganze Kirche wird mit conduits de chaleur geheizt und ein eben so geheizter, mit Teppichen belegter Gang, verbindet sie mit der Wohnung des Lord-Lieutenants.

In den weitläuftigen und schönen Universitätsgebäuden diente mir ein Student als Cicerone. Diese müssen, in dem Bereich der Universität, über ihre gewöhnliche Kleidung, einen schwarzen Mantel, und eine hohe wunderliche Mütze mit Quasseln von ¾ Ellen Länge tragen, was ihnen ein ziemlich groteskes Ansehen gibt. Auf diese Kleidung wird strenger gehalten, als weiland auf Zopf und Puder von den sächsischen Stabsoffizieren.

Der junge Mann führte mich in das Museum, produzirte mir das Modell des Brennspiegels, mit dem Archimedes die römische Flotte verbrannte! die Harfe Ossians 3 – einen ausgestopften indischen Chieftain, mit Tomahac und Wurfspieß, und einige reelle Säulenstücke des Giants Causeway, welche in der That Menschenhände nicht accurater formen könnten, und[157] die klingen, wie englisches Glas. Je vous fais grace du reste.

Im großen Saale, wo die Examina gehalten werden, (der Student kündigte mir diese Bestimmung mit einem leisen Schauder an) steht eine spanische Orgel, die auf der großen Armada erbeutet wurde. Interessanter sind die Portraits von Swift und Burke. Beide Physiognomien entsprechen den bekannten Eigenschaften dieser Männer. Der eine zeigt einen eben so feinen und schalkhaften, als gediegnen Ausdruck; der andere geistreiche und gewaltige, fast grobe, aber doch wohlwollende und ehrliche Züge, den donnernden Redner verkündend, der aufrichtig und ohne Schonung Andrer, für seine Meinung focht, aber nimmer bloß das eigne Interesse mit künstlichem Enthusiasmus übertünchte.

Nachdem ich den Justizpalast, die Douane etc., nebst andern prachtvollen Palästen besehen, und mich nun zu Haus begeben wollte, lockte mich noch die Ankündigung eines Peristrephic Panorama der Schlacht von Navarin. Dies ist ein sehr unterhaltendes Schauspiel, und giebt eine so deutliche Idee von dem »ungelegenen Ereignis« (untoward event) daß man sich fast trösten kann, nicht dabei gewesen zu seyn. Man tritt in ein kleines Theater, und sieht bald einen Vorhang aufgehen, hinter dem sich die Gemälde befinden, welche in einem großen Ganzen die Folge der einzelnen Begebenheiten der Schlacht vorstellen. Die Leinewand hängt nicht platt herab, sondern ist im [158] zurückweichenden Halbzirkel aufgespannt, und wird langsam über Rollen gezogen, so daß sich fast unmerklich die Bilder nach und nach verändern, und man ohne Zwischenraum von Scene zu Scene übergeht, während Jemand die dargestellten Gegenstände laut erklärt, und ferner Kanonendonner, militairische Musik und Schlachtgetöse die Täuschung noch vermehren. Durch panoramaartige Malerei, und durch leises Schwanken desjenigen Theiles des Gemäldes, der die Wellen und Schiffe darstellt, wurde oft die Nachahmung fast der Wirklichkeit gleich.

Die erste Scene zeigt die Bay von Navarin, mit der ganzen türkischen Flotte in Schlachtordnung. Am entgegengesetzten Ende der Bay sieht man, auf hohem Felsen, Alt-Navarin und seine Festung, seitwärts unter Dattelbäumen das Dorf Pylos, und im Vorgrund die Stadt Navarin, nebst Ibrahims Lager, wo Gruppen schöner Pferde und lieblicher, gefangener, griechischer Mädchen, welchen die Soldaten liebkosen, die Augen auf sich ziehen. In weiter Ferne, am Saum des Horizonts erscheint, wie in Duft gehüllt, die Flotte der Alliirten. Indem nun dieses Bild langsam verschwindet, wogt nur noch das offne Meer, dann tritt der Eingang der Bay von Navarin allmählich hervor. Man entdeckt Bewaffnete auf den Felsen, und erblickt endlich die alliirte Flotte, wie sie die Einfahrt forcirt. Durch optischen Betrug erscheint alles in natürlicher Größe, und der Zuschauer ist so gestellt, als befinde er selbst sich an der Türken Stelle in der Bay, und sähe jetzt das Admiralschiff [159] Asia mit vollen Segeln auf sich zueilen. Man bemerkt Codrington auf dem Verdeck, im Gespräch mit dem Capitaine, die andern Schiffe folgen in sich ausbreitender Linie und mit schwellenden Segeln, wie zur Attaque bereit – ein schöner Anblick! Nun kommen auf einander folgend die einzelnen Engagements verschiedener Schiffe, die Explosion eines Feuerschiffs, und das in Grundbohren einiger türkischen Fregatten, endlich der Kampf der Asia mit dem ägyptischen Admiralschiff auf der einen, und dem türkischen auf der andern Seite, welche, wie bekannt, beide nach hartnäckiger Vertheidigung und mehrstündigem Feuer sanken.

Der Schlacht folgten einige Ansichten von Constantinopel, die eine sehr anschauliche Idee von dem asiatischen Treiben gaben.

Abends besuchte ich das Theater, ein recht hübsches Haus mit einem etwas weniger rohen Publikum als in London. Die Schauspieler waren nicht übel, jedoch erhob sich keiner über die Mittelmäßigkeit. Viele Uniformen, mit Damen untermischt, füllten fast die ganze untere Logenreihe, was sich recht elegant ausnahm. Die höhere Gesellschaft besucht aber, wie ich höre, auch hier das Theater nur selten.


[160] Den 13ten.


Da ich die Stadt nun hinlänglich gesehen, begann ich heute meine Spazierritte in der Umgegend, die sich weit schöner entfaltet, als ich bei meiner Ankunft, grade von der unvortheilhaftesten Seite, voraussetzen durfte. Ein Weg mit reizenden Aussichten, erstens auf den Golf, den ein Molo von 3 Meilen Länge durchschneidet, und den, gleich zwei Säulen, die Leuchtthürme von Dublin und Howth schließen; dann auf die bewaldeten Berge von Wicklow, deren einige wie Zuckerhüte sich hoch über die andern erheben, und zuletzt durch eine Allee uralter Rüstern, längs des Canales führend, brachte mich in den Phönixpark, der Prater Dublins, welcher dem Wiener nicht nachsteht weder an Umfang noch schönen Rasenflächen zum Reiten, langen Alleen zum Fahren, und schattigen Spaziergängen. Dem Herzog von Wellington ist hier ein großer, aber schlecht proportionirter, Obelisk errichtet, und der Lord Lieutenant hat, auch im Bezirk des Parks, einen hübschen, von Gärten eingeschlossenen Sommerpalast. Ich fand im Ganzen den Park ziemlich leer, dagegen die Straßen der Stadt, durch welche ich meinen Rückzug nahm, desto belebter von Handel und Wandel. Der Schmutz, die Armuth und die zerlumpte Tracht des gemeinen Mannes übersteigt oft allen Glauben. Dennoch scheinen die Leute stets guter Dinge, und zeigten zuweilen auf offner Straße Anwandlungen von Lustigkeit, die an Verrücktheit gränzen. Gewöhnlich ist der [161] Whisky daran Schuld; so sah ich einen halbnackten Jüngling den Nationaltanz mit der größten Anstrengung auf dem Markte so lange tanzen, bis er gänzlich erschöpft, gleich einem muhamedanischen Derwisch, unter des Volkes Jubel bewußtlos hinfiel. Eine Menge Betteljungen füllen überdies die Straßen, welche, wie Fliegen um einen hersummend, unaufhörlich ihre Dienste anbieten. Ohngeachtet ihrer schreienden Armuth kann man sich doch ganz auf ihre Ehrlichkeit verlassen, und so gedrückt sie von Elend erscheinen, mager und verhungert, so merkt man doch ihren offenen, freundlichen Gesichtern auch keine Melancholie an. Es sind die wohlgezogensten und genügsamsten Straßenjungen von der Welt. Ein solcher Knabe rennt, wie ein regulärer Läufer, viele Stunden neben dem Pferde her, hält es, wenn man absteigt, besorgt jede Commission, und ist mit ein paar Groschen, die man ihm gibt, stets nicht nur zufrieden, sondern noch voller Dankbarkeit, die er mit irländischen Hyperbeln ausdrückt. Geduldiger als seine Nachbarn, durch lange Sclaverei aber etwas erniedrigt, erscheint überhaupt der Irländer. Ich war unter andern Zeuge, daß ein junger Mensch, welcher einen Comödienzettel falsch angeklebt hatte, von dem dazukommenden Schauspieldirektor auf offner Straße geohrfeigt und mißhandelt wurde, ohne daß er sich im Geringsten widersetzte. Jeder Engländer würde sogleich Repressalien gebraucht haben.

Den Abend brachte ich in dem Familienkreise eines alten Bekannten zu, eines Bruders des Lord Lieutenants, [162] der eben auf einige Tage in die Stadt gekommen war. Wir erinnerten uns alter Zeiten, wo ich ihn viel in London gesehen. Er hat ein besonderes Talent, den seligen Kemble nachzuahmen, dem er auch ähnlich sieht, und ich glaube wieder Coriolan und Zenga zu hören.


Den 14ten.


Ein andrer Freund, von noch älterem Datum, besuchte mich diesen Morgen, um mir sein Landhaus zum Aufenthalt anzubieten, Mr. W., dem ich einst in Wien einen Dienst zu erweisen Gelegenheit gehabt. Er hatte mich kaum verlassen, als man mir meldete, Lady B., eine irländische Peereß, und eine der hübschesten Frauen dieses Landes, deren Gesellschaft ich in der letzten Season in der Metropolis sehr cultivirt hatte, halte in ihrem Wagen unten am Hause und wünsche mich zu sprechen. Da ich noch im größten Negligé war, sagte ich dem Kellner, einem wahrenJocrisse, dessen irish blunders mich täglich amüsiren, ich sey nicht angezogen, wie er sähe, würde aber gleich erscheinen. Diesen Zustand meiner Toilette richtete er zwar aus, setzte aber de son chef hinzu, Mylady möge doch lieber heraufkommen. Denke Dir also meine Verwunderung, als er, zurückkehrend, mir meldete, Lady B. habe sehr gelacht und ließe mir sagen: warten wolle sie recht gern, aber Herren-Morgenbesuche auf ihrer Stube zu machen, sey in Irland nicht gebräuchlich. In dieser Antwort zeigte sich ganz der [163] freundlich heitere, niemals kleinlich-difficile Charakter der Irländerinnen, den ich schon früher lieb gewonnen hatte. Eine prude Engländerin würde entrüstet fortgefahren seyn, und vielleicht die Reputation eines jungen Menschen über ein solches qui pro quo ruinirt haben – denn in der englischen Gesellschaft stößt man nicht nur mit Dingen an, die anderwärts ganz das Gegentheil bewirken, sondern das »man sagt« ist im Munde einer einflußreichen Person dort ein zweischneidiges Schwert. He has a bad character 4 ist genug, um einem Fremden hundert Thüren zu verschließen. Durch eigne Beobachtung läßt sich der Engländer weit weniger leiten als man denkt. Immer schließt er sich an eine Parthei an, mit deren Augen er sieht.

Die Villa meines Freundes, den ich Nachmittags besuchte, um bei ihm zu speisen, bot das Ziel für eine sehr anmuthige Promenade. Sie fing mit dem Phönixpark an, und folgte dann dem Laufe des Liffey, desselben Flusses, der durch Dublin fließt, wo er mit seinen schönen Quai's, steinernen und eisernen Brücken, so viel zu der Verschönerung der Stadt beiträgt. Hier dagegen erscheint er ländlich und romantisch, mit den fußbreiten Blättern der Tussilago behangen, von sanften Hügeln und frischem Laubholz [164] eingefaßt. Einen bettelnden Invaliden, den ich antraf, frug ich, wie weit ich noch nach W... habe, und ob der Weg gleich schön bliebe? O! rief er mit irländischer Vaterlandsliebe: Langes Leben Euer Ehren! Nur getrost vorwärts, nichts Schönres habt Ihr noch in dieser Welt gesehen!

Der Eingang zu W... Park ist auch, ohngefähr eine Viertelstunde Wegs weit, wirklich das Reizendste, was man in dieser Art sehen kann. Eine an sich sehr schöne Natur ist durch die Kunst zum höchsten Grade ihrer Empfänglichkeit benutzt, und ohne ihren freien Charakter zu verwischen, eine Mannichfaltigkeit und Reichthum der Vegetation hervorgebracht, die das Auge bezaubern. Buntes Gebüsch und wilde Blumen, der saftigste Rasen und Riesenbäume mit Schlingpflanzen bedeckt, füllen das enge Felsenthal, durch welches sich der Weg mit dem begleitenden Waldbach hinzieht. Fortwährend kleine Wasserfälle bildend, strömt dieser, bald sich unter dem Dickicht verbergend, bald wie geschmolznes Silber im grünen Becken ruhend, oder unter Felsenbogen hinrauschend, die die Natur als Triumphpforten für den wohlthätigen Flußgott des Thales aufgerichtet zu haben scheint. Sobald man indeß den tiefen Grund verläßt, schwindet der Zauber plötzlich. Der Rest entspricht den zu hoch gespannten Erwartungen keineswegs. Arides Gras, krüppliche Bäume, ein unbewegtes, schlammiges Wasser umgeben ein kleines gothisches Schloß, das einer schlechten Theaterdecoration gleicht. In demselben findet [165] man jedoch wieder einiges Interessante, unter andern Gemälde von Werth, und den herzlichsten und besten Wirth, den man sich wünschen kann. Eines originellen pavillon rustique muß ich noch erwähnen, der an einer passenden Stelle im pleasure ground erbaut war. Er ist sechseckig, die drei hintern Seiten dicht und mit rohen Holzästen sehr zierlich in Rosetten aller Formen, ausgelegt; die an dern drei Seiten in durchbrochenen déssins à jour, zwei mit Fenstern, und in der letzten die Thüre; der Boden besteht aus Mosaik von kleinen Flußsteinen! die Decke aus Muscheln, und das Dach ist mit Weizenstroh gedeckt, an dem man die vollen Aehren gelassen hat.


Den 15ten.


Ohngeachtet meine Brust mich fortwährend schmerzt und der Doctor zuweilen bedenkliche Gesichter macht, fahre ich doch in meinen Ausflügen fort, die mir allein wahres Vergnügen gewähren. In der ungeschminkten Natur wird mir wohler als unter den maskirten Menschen.

Von den ohngefähr 4 – 5 Meilen entfernten Bergen hatte ich mir schon lange den einen sehnsüchtig ausersehen, welcher auf seiner Spitze drei einzeln stehende Felsen zeigt, und deßhalb auch, »the three rocks« genannt wird. Die Aussicht von dort mußte sehr schön seyn – ich machte mich also früher wie gewöhnlich auf, um zur rechten Zeit auf dem Gipfel anzulangen. Oefters frug ich in den Dörfern, durch [166] die ich kam, nach dem besten Weg, konnte aber nie genaue Antworten erlangen. Endlich versicherte man mich in einem Hause, das am Fuße des Berges lag, man könne nur hinauf gehen, aber nicht reiten. Dies Erstere wäre bei dem Zustand meiner Brust nicht auszuführen gewesen, da ich aber die Unmöglichkeiten der Leute schon hinlänglich kennen gelernt habe, so folgte ich der angezeigten Richtung ganz getrost zu Pferde, um so mehr, da ich mich auf meine kleine gedungene Stute sehr gut verlassen konnte, und die irländischen Pferde, wie Katzen, über Mauern und Felsen klettern. Eine Zeit lang verfolgte ich einen ziemlich gebahnten Fußsteig, und als dieser aufhörte, das trockne Bette eines Bergwassers, welches mich auch, nach ohngefähr ¾ Stunden, ohne besondere Beschwerde glücklich hinauf geleitete. Ich befand mich nun auf einem großen kahlen Plateau, und sah 1000 Schritt vor mir die drei Felsen, gleich Hexensteinen, ihre Kuppen hervorrecken. Das Ganze schien aber nichts als ein weiter ungangbarer Sumpf. Ich probirte sehr vorsichtig, und fand bald, daß 8 – 10 Zoll tief unter dem Moder überall eine kiesige Unterlage ruhte. Dies hielt auch aus; nach einiger Zeit erreichte ich ganz festen Boden, und stand auf dem höchsten Punkte. Da lag die ersehnte Aussicht endlich vor mir. – Irland, wie eine Landkarte, Dublin, wie ein rauchender Kalkofen in der grünenden Ebne (denn der Steinkohlendampf ließ auch nicht ein Gebäude erkennen) die Bay aber mit ihren Leuchtthürmen, dem kühn sich[167] zeichnenden Vorgebirge Howth, und auf der andern Seite die bis an den Horizont ausgedehnten Berge von Wichlow, glänzten alle im Sonnenschein, so daß ich mich für die kleine Fatigue mehr als belohnt fand. Aber die Scene wurde noch belebter durch eine reizende junge Frau, die ich in dieser Wüste, bei dem bescheidnen Geschäft des Streumachens, entdeckte. Die natürliche Grazie der irländischen Bauerweiber, die oft wahre Schönheiten sind, ist eben so überraschend als ihre Tracht, oder vielmehr ihr Mangel an Tracht, denn ohngeachtet es recht kalt auf diesen Bergen war, bestand doch die ganze Kleidung der jungen Frau vor mir, aus nichts als einem weiten, sehr groben Strohhut, und, wörtlich, zwei oder drei Lappen aus dem gröbsten härnen Zeuge, die ein Strick unter der Brust zusammenhielt, und unter welchen sie die schönsten weißen Glieder mehr als zur Hälfte zur Schau trug. Ihre Unterhaltung war, wie ich schon bei andern bemerkt, heiter, neckend und witzig sogar, dabei ganz unbefangen und gewissermaßen frei, doch würde man sich sehr irren, wenn man sie deshalb auch für leichtfertig hielte. Diese Klasse ist im Gegentheil fast allgemein sehr sittlich in Irland, und besonders auf eine auffallende Weise uninteressirt, so daß, wenn Einzelne ja einmal vom Pfade der Tugend weichen, es gewiß höchst selten aus diesem, bei solchen Dingen unnatürlichen und niedrigen Beweggrunde des Eigennutzes geschieht.

[168] Nachdem ich den Berg, nun mein Pferd führend, so gut es gehen wollte, auf einer andern Seite wieder hinabgeklettert war, und eine große Landstraße erreicht, kam ich bei einem offenstehenden Parkthore vorbei, (denn auch hierin gleicht Irland dem Continent, wo ein Besitzer solcher Anlagen, vom König bis zum Landedelmann, am Genusse des Publikums seine eigne Freude vermehrt) und ritt hinein. Ich gab aber die Untersuchung bald auf, als ich zwei riesenmäßige Capuciner mit Kreuz und Kutte, aus angemalten Brettern geschnitten, am Scheidewege stehen sah, deren jeder ein Buch von sich abhielt, auf dem mit großen Buchstaben geschrieben war: Weg zur Fasanerie, Weg zur Abtei. Dieser schlechte Geschmack ist hier sonst ziemlich selten.

In der Stadt begegnete ich einem Londner Dandy, der mich anrief, denn ich erkannte ihn nicht, herzlich darüber lachte, uns in such a horrid place mit einander zu sehen, eine Weile über die Dubliner Gesellschaft fortsatyrisirte, und am Ende damit schloß, mir zu eröffnen, daß er, durch den Credit seiner Familie, eben eine Directorstelle hier bekommen, die ihm zwar über 2000 L. St. einbringe, auch nichts zu thun gebe, aber doch zwinge, pro forma eine Zeit lang des Jahres diesen chokanten Aufenthalt zu wählen. So, und noch viel reichlicher, wird mit Sinecuren ohne Zahl überall in England für die jüngeren Söhne der Aristokratie gesorgt – ich glaube aber, der Krug wird auch hier nicht ewig zu [169] Wasser gehen, ohne zu brechen, obgleich man gestehen muß, daß diese Fehler in der englischen Constitution, gegen die Willkür anderer Staaten gehalten, immer nur Wolken am reinen Himmel bleiben, versteht sich, Irland ganz ausgenommen, das fast in jeder Hinsicht stiefmütterlich behandelt zu werden scheint, und doch fast den stärksten Beitrag zur Größe und der Macht des englischen Adels geben muß, ohne dafür einen einzigen Vortheil, wie England deren so viele, zurück zu erhalten.


Den 18ten.


Deine Briefe bleiben immer noch so trübe, gute Julie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Du siehst also, daß weniger das, was wirklich geschieht, als Deine älter werdende, daher sorgenvollere und hypochondrischere Ansicht Schuld an diesem Trübsinne sind. Aber freilich; dieses ist gerade mehr als alles, ein unabwendbares Uebel! Man ist nicht mehr derselbe, der man war, und es bleibt der ewige Irrthum in der Welt: daß man glaubt, man könne noch sich durch Kraftanstrengung helfen, wo die Kraft nicht mehr da ist – eben so wenig wie wieder [170] jung werden und aussehen! Auch ich fange schon an dies zu spüren, doch nur da, wo mir die Ketten der Welt angelegt sind – bin ich mit meinem Gott und der Natur allein, so kann selbst der dunkelste Horizont des Lebens meine innere Sonne noch nicht verfinstern.

Ich frühstückte heute auf dem Lande bei einer sehr gefeierten jungen Dame, mit der schon erwähnten Lady B. Der Hausherr gab Migraine vor, und ich mußte daher allein mit den Damen einen langen Spaziergang in den Anlagen machen. Als wir jedoch an das Gartenthor kamen, welches uns in die schönste Wildparthie führen sollte, war es verschlossen, und kein Schlüssel zu bekommen, da nach Versicherung des alten Gärtners, die Kammerjungfer der gnädigen Frau hereingegangen und ihn abgezogen habe. Ein Diener mußte über die Mauer springen, um die Schuldige aufzusuchen, kam aber unverrichteter Sache zurück. Nun ließ ich eine Leiter bringen, und vermochte die lachenden Weiber hinüber zu klettern, wobei sie sich sehr ungeschickt anstellten, aber doch allerliebst ausnahmen. Nach einer Viertelstunde begegneten wir dem unglücklichen Kammermädchen, und zwar, da sie sich sicher glaubte – nicht allein, man kann sich denken, in wessen Gesellschaft. – Eine stumme häusliche Scene erfolgte, und zu gutmüthig, um zu lachen, that es mir von Herzen leid, durch meine Leiter solches Unglück angerichtet zu haben. Ich refüsirte das Diné, und eilte in die Stadt zurück, um Lady M... zu[171] besuchen, an welche ich einen Brief mitgebracht und die mir schon früher eine artige Einladung gesendet, die ich jedoch nicht annehmen konnte. Ich war sehr begierig auf diese Bekanntschaft, da ich sie als Schriftstellerin sehr hoch stelle, fand sie jedoch ganz anders, als ich sie mir gedacht. Es ist eine kleine frivole, aufgeweckte Frau, die ohngefähr zwischen 30 und 40 Jahre alt zu seyn scheint, nicht hübsch, nicht häßlich, jedoch nicht ohne Prätention für das Erste, und mit wirklich schönen, ausdrucksvollen Augen. Sie weiß nichts von fausse honte und Verlegenheit, ihre Manieren sind aber nicht die feinsten, und affectiren eine Aisance und Leichtigkeit der großen Welt, der doch die Ruhe und Natürlichkeit fehlt. Sie hat die ächt englische Schwäche: mit vornehmen Bekanntschaften zu prahlen und für sehr recherchiert scheinen zu wollen – in zu hohem Grade für eine Frau von so ausgezeichnetem Geist, und wird durchaus nicht gewahr, wie sehr sie sich dadurch selbst unterschätzt. Uebrigens ist sie nicht schwer kennen zu lernen, da sie sich, mit mehr Lebhaftigkeit als gutem Geschmack, von Anfang an ganz offen hingibt, und namentlich ihre Liberalität wie ihren Unglauben, letzterer etwas von der veralteten Schule des Helvetius und Condillac, bei jeder Gelegenheit auskramt. In ihren Schriften ist sie weit behutsamer und würdiger als in ihrer Unterhaltung, die Satyre der letzteren ist aber eben so beißend und gewandt als ihre Feder, und auch eben so wenig gewissenhaft, was die strenge Wahrheit betrifft. Du [172] kannst Dir denken, daß mit allen diesen Elementen zwei Stunden sehr angenehm für mich verflossen. Ich hatte Enthusiasmus genug, um ihr einiges Angenehme à propos sagen zu können, und sie behandelte mich mit vieler Zuvorkommenheit, einmal, weil ich einen vornehmen Titel hatte, und dann, weil sie mich stets in der Londner Morning-Post als: auf Almacks tanzend, und bei mehreren Fêten der Tonangeber gegenwärtig, aufgeführt gefunden hatte – ein Umstand, der ihr so wichtig schien, daß sie ihn mehrmals wiederholte.


Den 20sten.


Am gestrigen Abende sollte ich einer Soirée bei Lord C..., dem Chef einer neuen Familie, aber einen der ältesten Wit's von Dublin, beiwohnen, zu dem mich Lady M..., seine Freundin, eingeladen, wurde aber durch eine tragikomische Begebenheit daran verhindert. Ich war, den H... v.L. auf seinem Schlosse zu besuchen (das sich, êntre nous, so wenig wie er und seine Familie der Mühe verlohnte), auf's Land geritten, und es war schon spät geworden, als ich den Rückweg antrat. Um Zeit zu gewinnen, nahm ich meine Direktion querfeld ein à la Seidlitz. Eine Weile ging Alles vortrefflich, bis ich, schon bei anbrechender Dämmerung, an einen sehr breiten Graben kam, dessen vor mir liegendes Ufer bedeutend höher als das entgegengesetzte [173] war, und eine weite Wiese rund umher einschloß. Ich sprang demohngeachtet glücklich in diesen Enclos hinein, als ich aber auf der andern Seite wieder hinaus wollte, refüsirte mein Pferd, und alle Mühe es zum Gehorsam zu bringen, war vergeblich. Ich stieg ab, um es zu führen, dann wieder auf, um den Sprung an einem andern Ort zu versuchen, wendete Güte und Gewalt, alles ohne Erfolg an, bis es endlich, bei einem ungeschickten Versuch mit mir ins sumpfige Wasser fiel, und nur mit Mühe an der inneren niedrigeren Seite wieder zurück kletterte. Jetzt blieb alle Hoffnung verloren, den verzauberten Platz zu verlassen, in dem ich mich, wie in einer Mausefalle, gefangen sah – überdem war es ganz dunkel geworden, ich fühlte mich eben so erhitzt als durchnäßt, und mußte mich endlich entschließen, das Pferd zurück zu lassen, um zu Fuß, tant bien que mal, über den fatalen Graben zu setzen, und wo möglich eine Wohnung und Hilfe aufzusuchen. Der Mond kam glücklicherweise dienstfertig hinter den Wolken hervor, um mir zur höchst nöthigen Leuchte zu dienen. Nur nach einem recht sauren Gange über Aecker und durch hohes nasses Gras, gelangte ich nach einer halben Stunde zu einer erbärmlichen Hütte, in der bereits Alles schlief. Ich tappte hinein (denn verschlossen wird hier kein Haus) ein paar Schweine grunzten unter meinen Füßen – gleich darauf der neben ihnen liegende Wirth. Mit Mühe machte ich ihm mein Anliegen begreiflich, indem ich mit Silbergelde ihm vor den [174] Ohren klimperte. Dieser überall verständliche Klang erweckte ihn besser als mein Rufen, er sprang auf, holte sich noch einen Gefährten, und zurück ging's zu meiner Didone abbandonata. Die Irländer wußten sich zu helfen – sie trugen eine verloren aufgeschlagene Brücke in der Nähe ab, legten sie über den Graben, und so fand ich mich endlich mit dem befreiten Pferde wieder auf festem Wege, kam aber so spät und in einem solchen Zustande zu Hause an, daß ich, der Ruhe bedürftig, es gar nicht ungern hörte, wie Lady M..., die mich abzuholen gekommen, schon seit einer Stunde verdrießlich wieder abgefahren sey. Am andern Morgen trug ich ihr meine Entschuldigungen vor, wo sie mir auch gnädig verzieh, aber versicherte, daß ich viel verloren, da Alles, was noch Vornehmes und Fashionables in der Stadt sey, jener Soirée beigewohnt habe. Ich versicherte mit Aufrichtigkeit, daß ich nur die Entbehrung ihrer Gesellschaft bedauern könne, dafür aber durch ihre Güte entschädigt zu werden hoffte, sobald ich nur die »sentimental Journey« nach der Grafschaft Wicklow gemacht, nach der meine deutsche, romantische Seele inbrünstig verlange, und die ich morgen früh zu Pferde anzutreten gedenke. Die Unterhaltung fing nachher an, sehr heiter zu werden – denn sie liebt das – und endigte zuletzt so läppisch, daß sie mir zurief: finissez! Wenn Sie zurückkommen, werde ich mich Ihrer bloß wie eine ältere Schwester annehmen, und ich ihr lachend antwortete: Das kann ich nicht annehmen – je craindrai [175] le sort d'Abufar. Lady M... gegenüber war das allerdings ein etwas fader Spaß.

Aus Felsen und Bergen erhältst Du die Fortsetzung. Adieu, und möge der Himmel Dich erheitern, und alle Worte meiner Briefe Dir zurufen: Treue Liebe bis in den Tod.


Dein L...

Fußnoten

1 To come out heißt bei den jungen Mädchen in England: in die Welt treten. Die Eltern lassen manche dieses Glück bis ins zwanzigste Jahr und noch länger erwarten. Bis dahin lernen sie die Welt nur aus Romanen kennen, und später geht es auch darnach, wo nicht die Häuslichkeit und Tugend (denn ein solches Ding giebt es zuweilen in England) einen zu festen Grund gelegt haben.

A.d.H.

2 Nichts ist lächerlicher als die häufigen Deklamationen deutscher Schriftsteller über die in England herrschende Armuth, wo es nach ihnen nur einige ungeheuer Reiche und tausend Nothleidende giebt. Grade die außerordentliche Menge wohlhabender Leute desMittelstandes und die Leichtigkeit für den Aermsten, sich nicht nur das Nothwendige, sondern selbst Luxus zu erwerben, wenn er nur ernstlich arbeiten will – macht England selbstständig und glücklich. Den Oppositionsblättern muß man freilich nicht nachbeten.

3 Wahrscheinlich von Macpherson selbst eingesendet.

A.d.H.

4 Sein Charakter heißt im Englischen, wo der Schein mehr gilt als irgendwo, höchst charakteristisch, nicht das Resultat seiner geistigen und moralischen Eigenschaften, sondern sein Ruf, was man von ihm erzählt, auschließlich – in Deutschland– sein Titel, doch nur in der zweiten Bedeutung.

A.d.H.

29. Brief
[176] Neun und zwanzigster Brief.

Gasthof zu Avoka, den 22sten August 1828.


Geliebte Julie!


Gegen Mittag verließ ich Dublin ganz allein, bequem auf meinem guten Gaul etablirt, ließ Wagen und Leute in der Stadt zurück, und sandte einen kleinen Mantelsack mit den nothwendigsten Effekten durch die Diligence voraus. Leider aber muß mit diesem eine Verwechselung vorgegangen seyn, denn obgleich ich seinetwegen den ganzen Tag und die Nacht, in dem nur 20 Meilen von Dublin entfernten Bray verweilte, langte er nicht an, und ich habe daher, um nicht entweder zurückreisen, oder noch länger warten zu müssen, mir einen schottischen Mantel, nebst etwas Wäsche in Bray gekauft, und die Tour ganz auf Studentenweise angetreten. Ich soupirte mit einem jungen Geistlichen von guter Familie, der mich, bei sonst sehr leichtfertigen Reden, durch seine Orthodoxie in Religionssachen lachen machte. Aber so ist die Frömmigkeit der Engländer beschaffen, es ist einePartheisache für sie und zugleich eine Schicklichkeitssitte – und so wie sie im Politischen stets ihrer [177] Parthei, durch dick und dünn, verständig und unverständig, immer gleich unverrückt folgen, weil es ihre Parthei ist, oder einer Gewohnheit immerfort sclavisch sich unterwerfen, weil es so bei ihnen üblich ist – betrachten sie auch die Religion, ohne alle Poesie, ganz aus demselben Gesichtspunkt, gehen Sonntags eben so ohnfehlbar in die Kirche, als sie täglich eine frische Toilette machen, um sich zu Tisch zu setzen, und schätzen den, welcher die Kirche vernachlässigt, fast ebenso gering, als Jemand, der Fisch mit dem Messer ißt. 1

Begleitet von dem jungen Theologen, der eine Zeit lang denselben Weg mit mir verfolgte, verließ ich am andern Morgen Bray schon früh um 5 Uhr. In einer ausgezeichnet schönen Gegend passirten wir Kilruddery, ein neugebautes Schloß des Grafen Meath, im Geschmack der Häuser aus den Zeiten der Königin Elisabeth, welches aber, um einen guten Effect zu machen, größere Massen verlangt hätte. Der Park ist nicht sehr ausgedehnt, lang und schmal, die altfranzösischen Gärten werden gerühmt, wir wurden aber wahrscheinlich unsres bescheidenen Aufzugs wegen, sehr unhöflich abgewiesen, als wir sie zu sehen wünschten. In England ist dies etwas Gewöhnliches,[178] in Irland aber Seltnes, was daher auch keinen vortheilhaften Schluß auf die Humanität des Besitzers machen läßt. Mein Begleiter, der ein Anhänger dergrace efficace ist, d.h. fest überzeugt: daß Gott im Voraus seine Lieblinge für den Himmel, Andere, die ihm weniger gefallen, aber für die Hölle bestimme – zweifelte in seinem Zorne nicht, daß der Besitzer von Kilruddery zu den letztern gehören müsse. »Es ist eine Schande für einen Irländer!« rief er entrüstet, und ich hatte Mühe, ihm die Pflicht der Toleranz begreiflich zu machen. Ein zweiter Park, Bellevûe, einem würdigen alten Gentleman gehörig, öffnete uns bereitwilliger seine Thore. Hier ist über dem glen of the downs, einem tiefen Abgrund, hinter welchen zwei ausgebrannte Vulkane wie spitze Kegel sich erheben, ein Ruhesitz erbaut, der in der Luft zu hängen scheint. Man hatte diesen Pavillon sehr artig mit rothblühender Haide gedeckt. Weniger gut ausgedacht war ein im Vorzimmer, wie lebendig daliegender, ausgestopfter Tiger.

Hier verließ mich mein Reisekaplan, und ich ritt allein weiter nach dem Thal von Dunvan, wo in einem engen romantischen Passe ein Felsen von 80 bis 100 Fuß Höhe steht, der die groben Umrisse eines Menschen darstellt, und daher von den Landleuten, die manche Mährchen von ihm erzählen, der Riese genannt wird. Nicht weit davon findet man die Ruinen eines so ganz mit Epheustämmen überwachsenen Schlosses, daß man nahe davor stehen muß, um es von den umgebenden Bäumen unterscheiden zu können. [179] Am Ende des Thales wendet sich der Pfad, über Wiesen, nach einer bedeutenden Anhöhe, vor der eine der überraschendsten Aussichten sich erschließt. Fast mit Heimwehgefühlen erblickte ich hier wieder, im blauen Dunft über dem Meer, die Berge von Wales.

Nachdem ich mich in einem ländlichen Gasthofe ein wenig mit Milch und Brod erfrischt, setzte ich meinen Weg nach the devil's glen, (der Teufelsschlucht) fort, die ihren Namen mit Recht trägt. Die wilde Naturscene beginnt mit einem gothischen Schloß, dessen von Rauch geschwärzte Mauern aus dem Walde hervorragen, dann vertieft man sich seitwärts in ein Thal, dessen Wände nach und nach immer höher werden, sich immer dichter zusammenziehen, während im dunklen Dickicht der pfeifende Luftzug heftiger, und das Brausen des Stroms immer furchtbarer wird. Mühsam auf dem schlüpfrigen Boden vordringend, und unaufhörlich von den überhängenden Aesten belästigt, sieht man plötzlich den Weg durch eine prachtvolle Cascade geschlossen, die, gleich einem weißen Ungeheuer, über hohe Absätze sich niederstürzt, und in der Tiefe wühlend verschwindet. Ist es nicht der Teufel selbst, so ist es wenigstens Kühleborn.

Zu einer sehr angenehmen Abwechselung dient es, daß auf diese schauervolle Schlucht das liebliche idyllische Thal von Rosanna folgt, wo ich unter dem Schatten hoher Eschen mein Mittagsmahl einnahm. Ich fand noch zwei regulaire englische Touristen hier,[180] die, mit Pflanzenbuch und Gebürgshammer bewaffnet, schon seit Wochen hier hausten, und eben so ordnungsmäßig, als in einem Londoner Caffeehause, ihr reines Tischtuch von dem schmutzigen Tische zum Desert abnehmen ließen, und eine Stunde bei diesem sitzen blieben, obgleich sie dazu, statt Claret, nur elenden Krätzer, und statt reifer Früchte, nichts als gebratne Aepfel bekommen konnten.

Um 7 Uhr stieg ich wieder zu Pferde, und gallopirte 10 Meilen auf der großen Heerstraße fort, bis ich noch vor Sonnenuntergang das wunderherrliche Avondale (Thal des Avon) erreichte. In diesem Paradiese ist wirklich alles Reizende vereinigt. – Ein endlos scheinender Wald, zwei prächtige Flüsse, vielformige pittoreske Felsen, die frischesten Wiesen, alle Arten von Laub- und Nadelhölzern, in höchster Ueppigkeit; fortwährend eine mit jedem Schritt abwechselnde, aber nie geringer erscheinende Natur. Ich hätte, da ich den letzten Theil des Thales bei Mondenschein durchzog, meinen Weg schwer aufgefunden, wenn nicht ein junger Herr, der von der Jagd zurückkam, mit ächt irländischer Gefälligkeit, mich wohl 3 Meilen weit über die difficilsten Stellen zu Fuß begleitet hätte. Die Nacht war äußerst klar und milde, der Himmel so blau wie am Tage, und der Mond glänzend wie Edelstein. Obgleich ich an den Fernaussichten verlor, gewann ich auf der andern Seite vielleicht mehr, durch den magischen Schein, der die Luft durchdrang, durch die dunkler, aber auch phantastischer hervortretende Contoure der Felsen, [181] die gedankenschwangere Stille und süßschauerliche Einsamkeit der Nacht. Um 10 Uhr erreichte ich das Ziel meiner heutigen Reise, Avoca Inn, wo man, mit bescheidnen Ansprüchen, recht leidliche Bewirthung, und sehr freundliche Bedienung findet. Ich traf abermals einen Touristen aus London im Speisezimmer, diesmal ein lustiger und interessanter junger Mann, der in seinem Entzücken über die reizende Gegend völlig mit mir harmonirte, und mit dem ich daher noch eine Stunde beim Abendthee sehr angenehm verplauderte, ehe ich mich hinsetzte, um Dir zu schreiben. Aber nun gute Nacht, denn auf Bergreisen muß man früh aufstehen, und daher nicht allzuspät das Bett aufsuchen.


Roundwood, den 23sten.


Gestern ritt ich 8 deutsche Meilen, heute 9 – und meine Brust befindet sich eben nicht schlechter dabei. Aber Vergnügen thut viel, und ich sah so viel verschiedene Gegenstände, daß mir die paar Tage wie so viel Wochen vorkommen.

Ich hatte gut geschlafen, obgleich das zerbrochene Fenster meiner Kammer nur mit einem Kopfkissen zugestopft war. Dem ärmlichen Nachtlager folgte ein besseres Frühstück, und auch mein Pferd fand ich vortrefflich abgewartet. Ich reise, wie die Araber, im Gallop oder Schritt, dies fatiguirt am wenigsten, [182] und man kommt am weitesten damit. Meine erste Excursion war nach dem berühmten Ort, the meeting of the waters (die Begegnung der Wässer) genannt, wo sich die beiden Flüsse Avonmore und Avonbeg vereinigen, und die malerischeste Gegend zu ihrem Hochzeitsfest gewählt haben. Auf einem Felsen jenseits, steht Castle Howard, mit vielfachen Thürmen und Zinnen; es sind jedoch leider nur eben fertig gewordne – die in der Nähe nicht mehr imponiren. Ich fand im Schloß noch Alles im Schlaf, und ein Diener, im Hemde, zeigte mir die Gemälde, unter denen sich ein herrliches Portrait der Maria Stuart befindet. Dies war gewiß eine sprechende Aehnlichkeit. Es ist offenbar aus ihrer Zeit, und das anziehende, ächtfranzösische Gesicht, mit der feinen Nase, dem reizenden Mund, den schmachtenden Feueraugen, und jenem unnachahmlichen Ausdruck, der, ohne grade entgegen zu kommen, doch etwas so Muth einflößendes hat, und, obgleich nicht ohne weibliche Würde, dennoch, so zu sagen, auf den ersten Blick schon, Vertraulichkeit hervorruft. – Alles überzeugt, daß so nur die Frau aussehen konnte, bei welcher fast Jeder, der mit ihr in nähere Berührung trat, ohngeachtet ihres hohen Ranges, auch sogleich die Rolle eines Liebhabers spielte. Ihre Hände sind wunderschön, und in ihrer Tracht, obgleich im barocken Styl der Zeit, herrscht so viel Harmonie, daß man schnell inne wird, sie habe die Toilettenkunst nicht weniger gut verstanden, als ihre heutigen Landsmänninnen.

[183] Eine vortrefflich unterhaltne Straße führt von hier nach dem entire vale und dem Park von Bally Arthur. Dieses Thal hat das Eigenthümliche, daß die Berge, auf beiden Seiten, so undurchdringlich dicht mit Buchen bewaldet sind, daß kein sichtlicher Zwischenraum der Massen bleibt, und es wirklich scheint, als könne man auf den Baumgipfeln herabsteigen. Ich verließ hier die Straße, und folgte einem Fußsteig, im Dickicht, der mich zu einer sehr schönen Aussicht führte, wo, am Ende der langen Schlucht, die Thürme von Arcklow, wie in Rahm gefaßt, erscheinen. Eine halbe Stunde später endete er aber plötzlich und brachte mich an ein Aha, welches mein Pferd durchaus nicht überspringen wollte. Da sich die herabgehende Mauer diesseits befand, und der Rasen darunter weich war, so ergriff ich, in der Noth, ein neues Mittel, nämlich, ich verband dem widerspenstigen Thier die Augen, und stieß es rückwärts von der Mauer herab. Der Fall erschreckte das geblendete Pferd ein wenig, that ihm aber, wie ich vorausgesehen, nicht den geringsten Schaden, und ruhig mit der Blindekuhbinde grasend, erwartete es nachher meine Ankunft. Dies Manoeuvre ersparte mir wenigstens 5 Meilen Weg. Der neue Park, in dem ich mich nun befand – denn dieser ganze Theil der Grafschaft ist fast eine fortlaufende Anlage, durch Kunst verschönerter Natur – gehörte zu Shelton Abbey, auch eine moderne »Gothischerey«, die ein altes Kloster vorstellen sollte. Die Herrschaft war schon Jahrelang abwesend, und ein Neger, der im Garten arbeitete, [184] zeigte mir die Zimmer, welche einige sehr interessante, alte Genre-Gemälde enthielten. Der Held des einen ist ein Aeltervater der Familie selbst, die Scene in Italien, und die Tracht wie die dargestellten Sitten, äußerst sonderbar, ja anstößig. Quer über die Wiesen, und durch eine ziemlich tiefe Furth des Flusses, dessen eiskaltes Bad er nicht scheute, führte mich der dienstfertige Neger bis an die Stadt Arcklow, von wo ich auf der Landstraße zum Mittagessen nach Avoca Inn zurückkehrte, nachdem ich vorher noch einen Bergvorsprung bestiegen, von dem man einen Blick in drei vorschiedene Thäler hat, deren ganz entgegengesetzter Charakter eine höchst originelle Ansicht gewährt.

Kaum hatte ich mich in Avoca zu Tisch gesetzt, als man einen Herrn bei mir meldete, der mich zu sprechen wünsche. Ein mir ganz fremder junger Mann trat ein, und überreichte mir eine Brieftasche, in der ich, mit nicht geringer Verwunderung, meine eigne erkannte, die, außer andern wichtigen Papieren, welche ich auf der Reise immer bei mir trage, mein ganzes Reisegeld enthielt. Ich hatte sie in dem Bergpavillon, Gott weiß wie, aus der Brusttasche verloren, ohne es zu bemerken, und mir daher jetzt nicht wenig zu einem so ehrlichen und gefälligen Finder zu gratuliren. In England möchte ich meine Brieftasche schwerlich wieder zu sehen bekommen haben, selbst wenn sie ein Gentleman gefunden hätte, denn dieser hätte sie wahrscheinlich entweder ruhig liegen lassen, oder – behalten. Bei dieser Gelegenheit muß ich [185] doch erwähnen, was der bekannte Ausdruck »Gentleman« eigentlich sagen will, da die Bedeutung, welche man ihm im Lande giebt, die Engländer ungemein gut charakterisiert. Ein Gentleman heißt weder ein Edelmann, noch ein edler Mann, sondern, wenn man es streng betrachtet, 2 nur: ein durch Vermögen, und genaue Bekanntschaft mit den Gebräuchen der guten Gesellschaft unabhängiger Mann. Wer dem Publikum in irgend einer Art dient, oder für dasselbe arbeitet, höhere Staatsdiener und etwa Dichter und Künstler erster Categorie ausgenommen, ist kein, oder höchstens nur zur Hälfte Gentleman. Ich war noch vor kurzem sehr erstaunt, einen bekannten Herrn, den wenigstens alle Pferdeliebhaber im In- und Auslande kennen, der reich ist, mit manchem Herzog und Lord auf vertrautem Fuße steht, und überhaupt recht viel Ansehen genießt, aber dennoch wöchentlich in einer großen Anstalt Pferde verauctionirt, wodurch er dem Publikum gewissermaßen verpflichtet wird – von sich selbst sagen zu hören: »Ich kann nicht begreifen, wie mir der Herzog von B... den Auftrag geben konnte, dem Grafen M... eine Ausforderung zu überreichen, dazu hätte er einen Gentleman wählen müssen – meine Sache ist so etwas nicht.«

Ein wirklich armer Mann, der auch keine Schulden zu machen im Stande ist, kann unter keiner Bedingung [186] ein Gentleman seyn, weil er von Allen der abhängigste ist. Ein reicher Schuft dagegen kann, wenn er eine gute Erziehung hat, solange er seinen Charakter (Ruf) leidlich zu menagiren versteht, 3 sogar für einen perfekt Gentleman gelten. In der exclusiven Gesellschaft London's giebt es noch feinere Nüancen. Wer dort z.B. schüchtern und höflich gegen Damen sich beträgt, statt vertraulich, ohne viele Rücksicht, und mit einer gewissen nonchalance sie zu behandeln, wird den Verdacht erregen, daß er kein Gentleman sey; sollte der Unglückliche aber, bei einem Diné, gar zweimal Suppen verlangen, oder, bei einem großen Frühstück, welches um Mitternacht endet und um 3 Uhr Nachmittags angeht, in einer Abendtoilette erscheinen – so mag er ein Fürst und Millionair seyn, aber ein Gentleman ist er nicht.

Doch zurück von Babylon's Zwang zu der Freiheit der Berge. Das Land, welches ich jetzt durchritt, glich auffallend den flacheren Gegenden der Schweiz, immer allmählig ansteigend, bis ich mich den höchsten Bergen Wicklows gegenüber sah, deren Häupter wieder gleich dem Snowdon, von Wolken verhüllt erschienen. Das Thal von Glenmalure hat den Charakter einer todten Erhabenheit, mit dem das trübe Wetter vortrefflich harmonirte. In der Mitte desselben steht, wie ein verwünschtes Schloß, eine große [187] verlassene und schon baufällige Caserne, weder Baum noch Strauch ist dabei zu sehen, und die Seiten der hohen Berge sind nur mit zerbröckelten Steinen bedeckt. Bloß unterirdisch ist dieses Thal belebt, und selbst dieses Leben bringt Tod. Es befinden sich nämlich große Bleibergwerke hier, deren ungesunde Ausdünstungen man auf den bleichen Gesichtern der Arbeiter wahrnimmt. Ich fuhr, in einen schwarzen Kittel gehüllt, in die Felsenschachten ein – eine düstre schauerliche Fahrt! Die Gänge waren kalt wie Eis, tiefe Dunkelheit herrschte in ihnen und ein schneidender Wind wehte uns mit Grabesdüften entgegen. Von der niedrigen Decke, die zu gekrümmter Stellung zwang, tropfte mit hohlem Klang taktmäßig Wasser herab, und die unerträglichen Stöße des Karrens, den ein Mann langsam über den holperigen Felsenboden hinzog, vollendeten das Bild einer schrecklichen Existenz! Der leidende Zustand meiner Brust erlaubte mir hier keinen längern Aufenthalt, und ich gab daher die weitere Untersuchung auf, froh – »wie ich wieder begrüßte das rosige Licht«.

Ich mußte nun auf einer neu gebauten schönen Militairstraße (denn das Gouvernement ist, mit einem üblen Gewissen, immer in Irland besorgt) über einen der Bergkolossen hinüber, die das Thal verschließen. Die Aussicht von der Höhe war weit und herrlich und doch in einem sehr verschiedenen Charakter von dem bisher Gesehenen, wozu die glücklichste Beleuchtung viel beitrug, indem die Sonne hinter schwarzen Wolken hervorblitzte. Nichts giebt fernen Gegenständen[188] eine größere Klarheit und ein verklärteres Licht. Die Strahlen legten sich in breiten Streifen wie eine Glorie über die vielfach sich durchkreuzenden Bergflächen, und die zwei sugarloafs (Zuckerhüte) standen, alles überragend, dunkelblau in dieser Helle am Horizont. Der Weg, den Berg hinunter, ist so allmählich in Schlangenlinien geführt, daß ich ihn bequem hinabgallopiren konnte. Demohngeachtet war es schon voller Abend, ehe ich in das letzte der, während der heutigen Tagreise zu besuchenden Thäler, das der sieben Kirchen kam. Hier stand, vor mehr als tausend Jahren (sic fabula docet) eine große Stadt mit sieben Kirchen, welche die Dänen zerstörten. Noch ist ein schönes Thor fast ganz erhalten, obgleich ihm der Schlußstein fehlt, den aber die Zeit durch einen dicken Epheustamm ersetzt hat, welcher die ganze Wölbung zusammenhält. Sieben einzeln stehende Ruinen sind, dem Volksglauben nach, die Ueberbleibsel der heiligen Kirchen, welche dem Thale den Namen geben. Nur eine davon trägt diesen Charakter unzweifelhaft, und ist merkwürdig durch einen der höchsten jener seltsamen mysterieusen Thürme, ohne Thür und Fenster, welche man bei vielen Klosterruinen in Irland antrifft, und deren eigentliche Bestimmung noch immer unbekannt geblieben ist. Weiterhin ruhen, im tieferen Grunde und heiliger Stille zwei dunkle Seen, berühmt durch die Abentheuer des heiligen Kavin. Die Felsen sind hier ungewöhnlich steil, und an manchen Orten wie Treppenstufen geformt. In dem einen ist eine schmale und tiefe Spalte, die ganz [189] einem gewaltsam gemachten Einschnitte gleicht. Die Sage erzählt, daß der junge Riese Fian Mac Comhal – als seine Cameraden befürchteten, er sey noch zu schwach zu dem Kriege, in den sie eben verwickelt waren – um ihnen einen Probe seiner Kraft zu geben, mit seinem Schwerte diesen Felsen spaltete, und so jedem ferneren Zweifel ein Ende machte. Weiter hin entdeckt man in einem, jenseits über dem See bangenden Felsen, gleich einem schwarzen Loch im Gestein, die Höhle St. Kavins. Hier verbarg sich der Heilige vor der ihn verfolgenden Liebe der schönen Königstochter Cathelin, und lebte lange, in tiefster Einsamkeit von Wurzeln und Kräutern. In einer verhängnißvollen Stunde entdeckte jedoch die von der Leidenschaft umhergetriebene Schöne den Flüchtling, und überraschte ihn, im Dunkel der Nacht, auf seinem Mooslager. Mit süßen Küssen erweckte sie den ungalanten Heiligen, welcher, seine Tugend verloren sehend, sich kurz entschloß, und Cathelin über Bord warf, wo in den kalten Fluthen des Sees Liebe und Leben sie zugleich verließ. Doch fühlte der Mann Gottes nachher ein menschliches Rühren, und legte einen Zauber über die Gewässer, daß fortan Niemand mehr sein Leben in ihnen verlieren solle, welche Beschwörung noch heut zu Tage in Kraft geblieben ist, wie mein Cicerone bezeugte. Dieser Cicerone war ein hübscher, wie gewöhnlich halb nackter Knabe von eilf Jahren, und seine Kleidung ein erwähnungswerther Echantillon irländischer Toilette. Er trug den Leibrock eines erwachsenen Mannes, dem, außer [190] verschiedenen transparenten Stellen, anderthalb Aermel und der eine Rockschoß fehlten, während der andere, wie ein Cometenschweif, hinter ihm auf der Erde schleppte. Halstuch, Weste und Hemde waren als gänzlich unnütz beseitigt. Dagegen nahmen sich die Rudera von ein paar rothen Plüschhosen recht stattlich aus, obgleich weiter unten nur barfuße Beine daraus hervorguckten. Diese Gestalt über die Felsen, wie ein Eichhörnchen klettern zu sehen, und dabei von Tommy 4 Moore und Walter Scott singen zu hören, war gewiß charakteristisch. Als er mich nach der Höhle führte, wo die Passage etwas glitscherich war, rief er: O, das geht sehr gut, hier habe ich Walter Scott auch hingebracht, der mit seinem lahmen Fuß auf die schlimmsten Stellen hinkletterte. Der konnte gar nicht weg davon kommen – und nun recitirte er schnell vier Verse, die Scott oder Moore, ich erinnere mich nicht mehr welcher, auf die Höhle gedichtet. Diese Menschen hier passen so vortrefflich zu dem wilden, mit Ruinen des Erdbodens, wie seiner Bewohner, bedeckten Lande, daß, ohne sie, gewiß das Ganze einen großen Theil seiner romantischen Wirkung verlieren würde.

Um zur Nachtruhe in einen leidlichen Gasthof zu gelangen, mußte ich von hier aus, bei Mondschein, noch zehn Meilen über ein endlosen Torfmoor reiten,[191] den gewöhnlichen Aufenthalt allerlei Spuck's, von dem mich jedoch nur einige einsame Irrlichter, vorbeigleitend, mit ihrer Gegenwart beehrten.

Als ich im Dorfe ankam, waren beide Gasthöfe schon von Touristen besetzt, und ich erhielt nur mit großer Mühe ein kleines Vorzimmer eingeräumt, wo ich auf Stroh schlafen werde. Thee, Butter, Toast und Eier sind aber vortrefflich, und der Hunger würzt überdem das Mahl. Ich kann Dir nicht sagen, wie angenehm mir dieses Leben ist! Mit allen Entbehrungen fühle ich mich doch wahrlich hundert Mal mehr à mon aise, als encombrirt und belästigt von tausend unnöthigen Bequemlichkeiten. Ich bin frei wie der Vogel in der Luft, und das ist ein hoher Genuß. Uebrigens Ehre dem Ehre gebührt. Wenig Menschen würden nach solchen Fatiguen sich mit religiöser Ordnung alle Abend hinsetzen, um Dir so langen Rapport von den Tagesbegebenheiten abzustatten. Erfreut es Dich nur, so bin ich hundertfach belohnt. –


Bray, den 24ten.


Gall behauptet, wie Du Dich erinnern wirst, als er in Paris meinen Schädel untersuchte, daß ich ein sehr hervorstehendes Organ der Theosophie habe. Demohngeachtet halten mich Viele für einen argen Ketzer – aber Gall hat Recht – wenn anders Religiösität[192] in Liebe, und im aufrichtigen Streben nach Wahrheit besteht. In einer solchen frommen, frohen Stimmung, begrüßte ich betend und dankend den frischen Morgen, und die innere Heiterkeit durchdrang wohlthuend den häßlichen, feuchten Nebel, der mich umgab, denn das Wetter war herzlich schlecht. Auch der Weg war öde und traurig, aber Geduld! Sonne und Schönheit brachte dennoch der Abend. – Für jetzt war nur dürre Haide und Torfmoor um mich, so weit das Auge reichte, und ein Sturm pfiff stoßweise darüber hin, und trieb nasse Nebelwolken vor sich her, die, wenn ich in ihren Bereich kam, mich wie ein starker Regen durchnäßten. Nur schwache kurze Sonnenblicke gaben momentane Hoffnung, bis, gegen Mittag, sich die Wolken theilten, und grade als ich auf der Bergspitze über den prächtigen See und Thal von Luggenlaw anlangte, die Sonne die Gegend vor mir herrlich vergoldete, obgleich die Häupter der Berge noch alle verschleiert blieben. Auch dieses Thal gehört einem reichen Besitzer, der einen reizenden Park daraus gemacht hat. Es ist originell gestaltet, und ich will versuchen, Dir eine anschauliche Idee davon zu geben. Es bildet einen fast regelmäßigen länglich ovalen Kessel. Die erste Hälfte des Grundes vor Dir füllt, bis dicht an den Fuß der Berge, Wasser; die zweite ist eine mit Baumgruppen bedeckte Wiesenfläche, durch die ein Bergstrom sich mäandrisch schlängelt, und in deren Mitte, an einen einzeln stehenden Felsen gelehnt, sich eine elegante shooting lodge (Jagdhaus) zeigt. Die das Thal [193] umgebenden Berge sind sehr hoch und steil, und steigen überall, glatt und ohne Absatz, von der wie planirt erscheinenden Fläche empor. Links sind es nackte Felsen, von imponirender Gestalt, nur hie und da mit rother und gelber Erika bewachsen, die andern drei Seiten aber mit dichten und mannigfaltigen Pflanzungen bedeckt, deren Laub bis in den See hinabhängt. Wo der erwähnte Bergstrom sich, auf glänzend grünem Grasgrunde, in den See ergießt, bildet er einen breiten Wasserfall. Es ist wohl ein schöner Fleck Erde – einsam und abgeschlossen, der Wald voll Wild, der See voll Fische, und die Natur voll Poesie.

Da die Jagdzeit noch nicht eingetreten ist, war die Herrschaft abwesend, und die Frau des Inspectors, eine noch hübsche, wiewohl etwas passirte Frau, mit schönen weißen Händen, und Manieren über ihrem Stand (wahrscheinlich hatte sie hier eine Versorgung erhalten) besorgte mir auf meine Bitte Frühstück, während mich ihr lebhafter kleiner Sohn vorher im Thal umherführte. Ein schöner Windhund, der so leicht wie ein vom Wind entführtes Blatt über den Boden glitt, und dann in unbändigen Sätzen sich der gegebenen Freiheit freute, begleitete uns. Wir erklimmten (nicht ohne Schmerzen meiner kranken Brust, car je ne vaux plus rien à pied) eine etwa 400 Fuß hohe Felsenplatte, von der man das Thal ganz übersieht. Gegenüber erblickt man ein seltsames Naturspiel, ein ganz regelmäßig in Stein geformtes ungeheures Gesicht, das finster [194] und verdrießlich auf den See herabschaut. Die Augenbraunen und der Bart werden auf das deutlichste durch Moos und Haide gebildet, und die dicken Backen, wie die tiefen Augen, durch Felsenspalten täuschend nachgeahmt. Der Mund steht offen, wenn man aber ein Stück weiter geht, schließt er sich, ohne doch sonst die Züge zu verändern. Einen so lebendigen Berggeist zu besitzen, ist wirklich eine besondere Prärogative. Dieser sieht aber, wie gesagt, recht verdrießlich in die Tiefe, und scheint mit seinem offnen Munde nach dem See herabzurufen: Ihr Menschengezücht! laßt mir mein Thal, meine Fische, mein Wild, meine Felsen und Bäume in Ruh, oder ich begrabe Euch Pygmäen alle unter ihren Trümmern! – Es hilft aber nichts, der Ruf der Geister ist ohnmächtig geworden, seit der Menschen eigner Geist erwacht – in Stein gebannt bleibt Rübezahls Antlitz, und seine Stimme verhallt im spielenden Winde, der ehrerbietungslos seine buschichten Augenbraunen schüttelt, und ihm die Wellen des Sees, wie spottend, entgegenkräuselt.

Ein Intervalle von 10 Meilen uninteressanter Gegend, lag zwischen diesem Spaziergang und meiner Ankunft vor den Thoren des Parks von P..., einem der größten und schönsten in Irland. Aber – es war Sonntag! der Herr ein Frömmler, und folglich das Thor verschlossen. – An diesem Tage sollte, nach ihm, ein Frommer seine Wohnung höchstens für eine dumpfige Kirche verlassen, aber keiner sich in Gottes eignem wunderherrlichen Tempel erfreuen. Dieser Sünde wollte der Herr v. P... [195] keinen Vorschub leisten, und hatte daher, bei augenblicklicher Verabschiedung, die Oeffnung seiner Pforten verpönt. Ich versuchte, durch meine frühere Dir bekannte Avantüre in England gewitzigt, nicht einmal durch ein Geschenk den Eingang zu erzwingen, sondern verfolgte meinen Weg längs der Mauer, über die ich zuweilen sehnsüchtig nach dem großen Wasserfall und der bezauberten Gegend verstohlene Blicke warf. Du lieber Gott, dachte ich, wie verschieden wirst Du angebetet! die Einen braten Dir ihren Nächsten, die Andern machen Dich zum Apis, diese glauben Dich partheiischer und ungerechter noch als den Teufel selbst, und Jene denken: mehr als Alle zu leisten, wenn sie Deine schöne Lebensgabe sich und andern verderben und entziehen! O Herr von P...! Du wirst diese Zeilen nicht lesen, aber es wäre gut, wenn du es thätest, und sie beherzigtest. Gar mancher arme Mann, der die Woche lang schwitzt, um dir sein Pachtgeld abzuzahlen, würde am Sonntag froh in deinem schönen Parke seyn, und des Herrn Güte segnen, der ihm doch nicht Alles, selbst den Anblick seiner Herrlichkeit, entzieht, dies würde am Ende auch dich erfreuen, aber – du selbst bist wohl gar nicht zugegen, und sendest deine frommen Befehle blos von weitem? du bist vielleicht, wie so viele deiner Collegen, auch einer jener Absentees, die durch heißhungrige und erbarmungslose Beamten das Volk von den letzten Lumpen entblößen, die letzte Kartoffel ihm rauben lassen, um in London, Paris oder Italien, Maitressen und Charlatans [196] zu bereichern? 5 Dann freilich – kann deine Religion nicht weiter gehn, als den Sonntag und die Ceremonieen deiner Priester heilig zu halten.

Von hier bis Bray prunkt eine üppige Cultur, voller Landhäuser und Gärten der reichen Städter. Der Weg führte nahe am Fuß des großen Sugar Loaf's vorbei, dessen weißgrauer, nackter Felsenkegel von aller Vegetation entblößt ist. Ich sah einige Reisende, die ihn eben erstiegen hatten, wie Schachfiguren darauf umher spazieren, und beneidete sie um die erhabne Aussicht, denn der Tag war herrlich, und der Himmel völlig klar geworden. An einer einsamen Stelle lagerte ich mich gegen Abend, unter Feldblumen am Bache hin, und träumte, Gott dankend, in die schöne Welt hinein; wie ein fahrender Ritter mein zahmes Thier neben mir grasen lassend. Ich dachte viel an Dich und vergangne Zeiten, ließ Lebende herankommen und Todte auferstehen, und blickte, wie im Spiegel, über das geschwundene Leben hin – manchmal wehmüthig, manchmal auch heiter lächelnd – denn durch alle Thorheiten und Eitelkeiten dieser Welt, durch Irrthum und Fehler zog sich doch ein reiner Silberfaden hin, noch stark genug für lange auszuhalten – kindlich liebendes Gefühl, [197] und hohe Empfänglichkeit für Freuden, die Gottes Güte Jedem erreichbar läßt.

Bei guter Zeit traf ich in Bray wieder ein, wo auch der Mantelsack sich endlich eingefunden hatte. Manches, was er enthielt, war nach der langen Entbehrung nicht zu verachten, unter andern lieferte er mir den interessantesten Tischgefährten, Lord Byron. Eben betrachte ich seine beiden Portraits, zwei mir geschenkte Handzeichnungen, die ich dem Giaour und dem Don Juan beigeheftet habe. Gleich Napoleon, erscheint er mager, wild und leidend, wo er noch strebte; fett geworden und lächelnd, als er erreicht hatte. Aber inbeiden so verschiednen Gesichtern, zeigt sich doch schon der tief vom Schicksal aufgewühlte, tiefer noch empfindende, und doch dabei höhnende, verachtende, vornehme Geist, der diese Züge belebte.

Lachen muß ich immer über die Engländer, die diesen ihren zweiten Dichter (denn nach Shakspeare gebührt gewiß ihm die Palme), so jämmerlich spießbürgerlich beurtheilen, weil er ihre Pedanterie verspottete, sich ihren Krähwinkelsitten nicht fügen, ihren kalten Aberglauben nicht theilen wollte, ihre Nüchternheit ihm ekelhaft war, und er sich über ihren Hochmuth und ihre Heuchelei beklagte. Viele machen schon ein Kreuz, wenn sie nur von ihm sprechen, und selbst die Frauen, obgleich ihre Wangen von Enthusiasmus glühen, wenn sie ihn lesen, nehmen öffentlich heftig Parthei gegen den heimlichen Liebling, oft zu Gunsten der gemeinen Seele eines Weibes, die nie würdig war, Lord Byrons Schuhriemen aufzulösen,[198] und deren kleinlicher Rache es dennoch leicht wurde, ihn in der englischen Gesellschaft zu Grunde zu richten 6! Es war der anerkennenden Deutschen, es war unsers Patriarchen würdig, durch ein gewichtiges und tiefes Wort diesem Heroen, der Europa angehört, der englischen Schandsäule gegenüber, eine dauernde deutsche Ehrenpforte zu errichten.

Könnte ich Dir auch heute, mit seinen unsterblichen Worten, ein Farewell, aber kein letztes, ja hoffentlich kein langes, nur ein gleich inniges zurufen!So gedenke mein.


Dein treuer L...

Fußnoten

1 Gemeine Engländer führen das breite Messer gleich einer Gabel zum Munde. Die Gebildeteren dagegen halten solches für eine wahre Sünde gegen den heiligen Geist, und kreuzigen sich innerlich, wenn sie z.B. einen deutschen Gesandten so essen sehen. Es ist hinlänglich, ihnen die ganze Nation zu verleiden.

2 (Denn im Allgemeinen wird freilich jeder anständig erscheinende Mann ein Gentleman genannt.)

A.d.H.

3 Von Moralität ist dabei nicht die Rede, sondern nur von Scandal.

A.d.H.

4 So nennen ihn die Irländer am liebsten, stolz auf seine Landsmannschaft.

A.d.H.

5 Das ist keineswegs Uebertreibung, ich habe hier aktenkundige Dinge vernommen, und Elend gesehen, das nie während der Leibeigenschaft in Deutschland erhört worden ist, und in den Ländern der Sclaverei kaum seines Gleichen finden möchte.

6 Daß wir diesem Verhältniß auch die Vernichtuug von Byron's Memoiren verdanken mußten, ist gewiß ein bitter empfundenes Unglück, und man kann kaum begreifen, wie sein edler Freund, Thomas Moore, eine solche Treulosigkeit am Dichter, und einen solchen Raub am Publikum, bei sich selbst verantworten mag.

A.d.H.

30. Brief
[199] Dreißigster Brief.

Dublin, den 29sten August 1828.


Liebe und Gute!


Die vergangenen Tage brachte ich mit Schmerzen und Fieber im Bette zu, heute erst kann ich Deine Briefe beantworten. Des geistvollen V... Schreiben hat mir freilich geschmeichelt, obgleich der Enthusiasmus, den ihm meine kleinen Schöpfungen eingeflößt, nur in seiner dichterischen Seele entstanden ist, die sich mit der Phantasie schon ein Ideal als wirklich hinmalte, was erst entstehen soll. Verlange aber meine Rückkunft nicht, bevor sie möglich ist, und glaube mir: wo man nicht ist, da wird man gewöhnlich hingewünscht, ist man aber da, so ist man bald dennoch Vielen zu viel.

Ich ritt heute zum erstenmal wieder aus, um mir die Messe in Donnybrook, nahe bei Dublin, zu besehen, welche als eine Art Volksfest betrachtet wird. Nichts in der That kann nationaler seyn! Die Armseligkeit, der Schmutz und der tobende Lärm waren überall eben so groß, als die Freude und Lustigkeit, mit der die wohlfeilsten Vergnügungen genossen wurden. [200] Ich sah Speisen und Getränke unter Jubel verschlingen, die mich zwangen, schnell hinweg zu blicken, um meines Ekels Herr zu werden. Hitze und Staub, Gedränge und Gestank, il faut le dire, machten den Aufenthalt für längere Zeit fast unerträglich. Dies focht aber die Eingebornen nicht an. Viele hundert Zelte waren aufgeschlagen, alle zerlumpt wie der größte Theil der Menschen, und statt Fahnen, nur mit bunten Lappen behangen. Manche begnügten sich mit einem bloßen Kreuz, oder Reifen; einer hatte sogar, als Wahrzeichen, eine todte, halb verfaulte Katze oben darauf gestellt! Die niedrigste Sorte von Possenreißern trieben dazwischen, auf Brettertheatern und in abgetragner Flitterkleidung, ihr saures Handwerk, bis zur Erschöpfung in der furchtbaren Hitze tanzend und grimassirend. Ein Drittheil des Publikums lag, oder taumelte betrunken umher, die andern aßen, schrieen oder kämpften. Die Weiber ritten häufig, zu zwei bis drei auf einem Esel sitzend, umher, bahnten sich mit Mühe ihren Weg durch die Foule, rauchten dabei behaglich Cigarren und agacirten ihre Liebhaber. Am lächerlichsten nahmen sich zwei Bettler zu Pferde aus, deren Gleichen ich blos am Rio della Plata einheimisch glaubte. Das Pferd, auf dem sie ohne Sattel saßen, und das sie mit einem Bindfaden regierten, schien durch seine elende Gestalt für sie mit betteln zu wollen.

Als ich den Markt verließ, nahm ein stark betrunknes Liebespaar denselben Weg. Es ergötzte mich, ihr Benehmen zu beobachten. Beide waren grundhäßlich, [201] behandelten sich jedoch mit großer Zärtlichkeit und vielen Egards, der Liebhaber deployirte sogar etwas Chevalereskes. Nichts konnte galanter und zugleich verdienstlicher seyn, als seine wiederholten Bemühungen, die Schöne vor dem Falle zu bewahren, obgleich er seine eigne Balance zu behaupten nicht wenig Schwierigkeit fand. Aus seinen grazieusen Demonstrationen und ihrem frohen Gelächter, konnte ich entnehmen, daß er sich zugleich nach Kräften bemühte, sie gut zu unterhalten, und was ihre Antworten betraf, so wurden diese, ohngeachtet der exaltirten Stimmung, mit einer Coquetterie, und innigen Vertraulichkeit gegeben, die einer Hübscheren gewiß allerliebst angestanden haben würden. Der Wahrheit zu Ehren, muß ich zugleich bezeugen, daß von englischer Brutalität keine Spur in ihrem Benehmen zu entdecken war – eher glichen sie Franzosen, zeigten aber bei eben so viel Lustigkeit mehr Humor und Gutmüthigkeit, welche beide wahre Nationalzüge der Irländer sind, die durch Potheen (der beste, aber auf illicite Weise gefertigte, Branntwein) stets verdoppelt werden.

Tadle mich nicht über die gemeinen Bilder, die ich Dir vorführe. Sie sind der Natur näher verwandt als die übertünchten Wachspuppen unsrer Salons.


[202] Bray, den 30sten.


Um den Park von Powerscourt zu sehen, den mir neulich der Sonntag verschloß, bin ich heute hierher zurückgekehrt. Nicht leicht wird die Natur größere Hülfsquellen vereinigen, als sie hier mit freigebiger Hand gespendet, und ihre Gaben sind mit Verstand benutzt worden.

Die erste Hauptparthie heißt der Dargle, eine sehr tiefe und enge Schlucht, die mit hohen Bäumen bewachsen ist. Im Grunde rauscht ein voller und reißender Fluß. Der Weg führt oben an der rechten Seite hin, und von hier taucht der Blick tief in die grünen Abgründe, aus denen manchmal das Wasser plötzlich hervorglänzt, oder eine kühne Felsengruppe hervortritt. Drei größere Berge ragen über die Schlucht empor, und scheinen, obgleich ziemlich weit entfernt, in unmittelbarer Nähe, da man ihren Fuß nicht sieht. Sie waren heute Abend von der, ganz italiänischen, Sonne tief rosenroth gefärbt, und contrastirten prächtig mit dem Saftgrün der Eichen.

Später öffnet sich, bei einer Felsenzinne, the lovers leap (des Liebenden Sprung) genannt, die Schlucht in mehrere Thäler, welche durch verschiedene niedrige Hügelreihen gebildet werden, in einiger Entfernung aber von den höchsten Bergen der Gegend umschlossen sind. In der Mitte dieser Landschaft erscheint, auf einem sanften Abhange, und am Saume des Waldes, das Schloß, mit Blumenanlagen zierlich umgeben. Von hier bis zu dem großen Wasserfall, [203] führt der Weg, 5 Meilen lang, durch stets wechselnde Ansichten, die mehr dem freien Lande als einem Parke gleichen. Endlich erreicht man einen Wald, und hört schon von weitem das Rauschen des Falles, ehe man ihn noch sieht. Er ist nur nach vorhergegangenem Regenwetter bedeutend, aber dann auch herrlich. Die hohen Felsenwände sind an beiden Seiten dicht mit Gebüsch bewachsen, durch deren buntes Laub er sich hervorstürzt, und sein Becken umgibt eine duftende Wiese. An diese schließen sich alte ehrwürdige Eichen an, unter deren Schatten man ein dem Charakter der Gegend angemessenes, Haus aufgeführt hat, wo man Erfrischungen erhält, daher es auch zum gewöhnlichen Ziel der hierher gemachten Landparthieen dient. Grüne Fußsteige führen nun von hier noch weiter in die Wildniß des Gebürges, da es aber schon dunkel war, mußte ich auf den Rückweg denken. Herwärts hatte ich die weite Strecke größtentheils im Gallop zurückgelegt, und um mich nicht unnütz aufzuhalten, den zwölfjährigen zerlumpten Knaben, der mich führte, hinter mir auf's Pferd genommen, unbekümmert um die Verwunderung der Vorübergehenden, die nicht wußten, was sie aus dieser seltsamen Cavalkade machen sollten. In der Nacht konnte ich dagegen nur langsam auf dem steinigen Wege reiten, bis der Mond orangenfarben über den Bergen heraufstieg, und sich in den Nachtnebeln, wie eine große Papierlaterne, zu schaukeln schien. Um 11 Uhr erst gelangte ich, ermüdet und hungrig, im gastlichen Hause zu Bray wieder an.


[204] Den 31sten.


Der ländliche Aufenthalt hier ist so angenehm, daß ich den heutigen Sonntag noch daselbst verbrachte. Dieses Gasthofleben gibt zur Beobachtung der mittlern Classen gute Gelegenheit, da jeder sich hier gibt, wie er ist, und so zu sagen, allein zu seyn glaubt. Ich habe schon erwähnt, daß die Engländer dieser Classen (ich fasse unter dem Namen hier die englisch gebildeten Einwohner aller drei Königreiche zusammen) auf Reisen, im gemeinschaftlichen Gastzimmer, Coffeeroom genannt, ihren Tag zuzubringen pflegen, wenn sie sich nicht außerhalb des Hauses befinden. Abends wird dies Coffeeroom mit Lampen erleuchtet, und nur auf Verlangen, den an einzelnen kleinen Tischen sitzenden Herren besondere Lichter gebracht. Es hat mich oft gewundert, daß in einem Lande, wo Luxus und raffinirte Lebensbedürfnisse so allgemein sind, dennoch, selbst in den ersten Gasthäusern der Provinz (auch in London größtentheils), überall Talglichter gebrannt werden. Wachskerzen sind ein extraordinairer Luxus, und wer sie verlangt, wird zwar mit verdoppelter Höflichkeit behandelt, ihm aber auch durchgehends mit doppelter Kreide angeschrieben.

Es hat etwas Belustigendes, die große Einförmigkeit zu betrachten, mit der sich Alle, wie aus einer Fabrik hervorgegangen, betragen, was besonders bei ihrem Essen sichtbar wird. An einzelnen Tischen placirt, Keiner die mindeste Notiz vom Andern nehmend, scheinen sie doch Alle dieselben Manieren, und auch[205] denselben gastronomischen Geschmack zu haben. Niemand genießt Suppe, die ohne besondere Vorausbestellung gar nicht zu haben ist, (der Grund, warum mich mein alter sächsischer Bedienter verließ, welcher behauptete, in solcher Barbarei, ohne Suppe! nicht länger existiren zu können). Ein großer Braten wird gewöhnlich von Einem zum Andern gebracht, um sich beliebig davon abzuschneiden, und zugleich im Wasser gekochte Kartoffeln, und andres eben so zubereitetes Gemüse, nebst einer plat de ménage voll Essenzen, auf den Tisch gelegt, dazu Bier eingeschenkt, und damit hat in der Regel die Hauptmahlzeit ein Ende; nur die Luxuriösen essen vorher noch Fisch. Aber nun folgt die wesentliche zweite Station. Das Tischtuch wird abgenommen, reines Besteck aufgelegt, Wein und ein frisches Glas gebracht, nebst ein Paar elenden Aepfeln oder Birnen, mit steinharten Schiffbiscuits, und jetzt erst scheint sich der Tafelnde recht bequem festzusetzen. Seine Miene nimmt den Ausdruck der Behaglichkeit an, und scheinbar in tiefes Sinnen verloren, hinten übergelegt, und unverrückt vor sich hinstarrend, läßt er von Zeit zu Zeit einen Schluck aus seinem Glase bedächtig hinabgleiten, die Todtenstille nur unterbrechend, indem er gelegentlich eins der Felsenbiscuits mühsam zermalmt. Ist der Wein vollendet, so folgt noch eine dritte Station: die des Verdauens. Hier hört alle Bewegung auf, der Gesättigte verfällt in eine Art magnetischen Schlafs, den blos die offnen Augen vom wirklichen unterscheiden. Nachdem so ohngefähr eine halbe oder [206] ganze Stunde verflossen ist, fährt er plötzlich auf, und schreit wie besessen! Waiter! my slippers (Kellner! meine Pantoffeln) und ein Licht ergreifend wandelt er gravitätisch aus dem Zimmer, um den Pantoffeln und der Ruhe entgegen zu gehen. Diese Farce von fünf bis sechs Personen auf einmal vor sich abspielen zu sehen, hat mich oft besser wie eine Puppencomödie unterhalten, und ich muß hinzufügen, daß, mit Ausnahme der Pantoffeln, die Scene sich in den ersten Clubs der Hauptstadt auch von Vornehmeren ziemlich eben so abspielt. Lesen sah ich beinahe nie einen Engländer bei Tisch, und ich weiß nicht, ob sie es nicht für eine Unschicklichkeit oder gar eine Gottlosigkeit ansehen, wie z.B. am Sonntag zu singen oder zu tanzen. Vielleicht ist es auch nur eine Regel der Diätetik, die mit der Zeit zu einem Gesetz geworden ist, welches sie keine Lebhaftigkeit des Geistes zu übertreten nöthigt.

Engländer, die nicht zur Aristokratie gehören, oder sehr reich sind, reisen fast immer ohne Bedienten, mit der Mail oder Stagecoach (königliche oder Privatdiligencen), worauf man schon in den Gasthöfen eingerichtet ist. Derjenige, welcher dort die Fremden bedient, und ihnen die Stiefeln putzt, hat selbst den allgemeinen Namen »Stiefeln« (boots). Stiefeln ist es also, der die Pantoffeln bringt, ausziehen hilft, und sich dann empfiehlt, indem er fragt, um welche Zeit man, nicht den Caffee, wie er in Deutschland fragen würde, sondern das kochende Rasirwasser befiehlt. Sehr pünktlich erscheint er zur bestimmten [207] Stunde damit, und bringt zugleich die rein geputzten Sachen. Der Reisende pflegt dann schnell seine Toilette zu machen, verrichtet noch einige nöthige Geschäfte, und eilt hierauf seinem lieben Coffeeroom von neuem zu, wo alle Ingredienzien des Frühstücks reichlich auf seinen Tisch gepflanzt werden. Zu dieser Mahlzeit scheint er mehr Lebendigkeit mitzubringen, als zu der spätern, auch mehr Appetit, glaube ich, denn die Quantität der Theekübel, die Masse von Butterbrod, Eyern und kaltem Fleisch, die er verschlingt, erwecken stillen Neid in der Brust, oder vielmehr dem Magen, des weniger capablen Fremden. Hier ist es ihm auch nicht nur erlaubt, sondern sogar durch die Gewohnheit (sein Evangelium) geboten, zu lesen. Bei jeder Tasse Thee entrollt er eine, auf unendliches Papier gedruckte, Zeitung von der Größe eines Tischtuches. – Keine Speech, keine Crim Con, keine Mordgeschichte, vom accident maker in London verfertigt 1, wird überschlagen. Wie Jener, der lieber an einer Indigestion sterben wollte, als etwas einmal bezahltes ungenossen lassen, so denkt auch der systematische Engländer, daß er einer einmal begonnenen Zeitung keinen Buchstaben erlassen [208] darf, weßhalb auch sein Frühstück mehrere Stunden dauert, und die sechste oder siebente Tasse kalt getrunken wird. Ich habe gesehen, daß diese glorreiche Mahlzeit so lange hingezogen wurde, daß sie endlich mit dem Diné zusammenfloß, und Du wirst mir kaum glauben wollen, wenn ich Dich versichere, daß sogar ein leichtes Soupé um Mitternacht folgte, ohne daß die Gesellschaft unterdeß den Tisch verlassen hatte. Hierbei waren jedoch Mehrere versammelt, und ich muß überhaupt bemerken, daß, wenn dies der Fall ist, sich ein ganz anderes Bild darstellt, indem dann der Wein die Gesellschaft, statt sie in lethargisches Sinnen verfallen zu lassen, oft mehr als zu gesprächig macht. Etwas Aehnliches fiel auch heute vor. Fünf oder sechs Reisende ließen sich es wohl seyn, und nachdem sie des Guten zu viel gethan hatten, entstand ein heftiger Streit unter ihnen, der nach langem Lärm, sehr seltsam, damit endete, daß sie Alle auf den Kellner losstürzten, und diesen zur Thüre hinaus warfen. Hierauf wurde auch der Wirth noch gezwungen hereinzukommen, und für den ganz unschuldigen Menschen um Verzeihung zu bitten. Keiner der an den andern Tischen allein Essenden, nahm die mindeste Notiz von dieser Störung; sondern starrte eben so gelassen wie bisher vor sich hin. Einer jedoch, der sein Diné sehr spät begonnen, gab bald darauf selbst eine neue Scene zum Besten. Er war mit dem ihm überbrachten mutton unzufrieden, und befahl daher dem Waiter, der Köchin zu sagen, sie sey a damned bitch (eine verdammte Hündin). [209] Die Irländerin verlor über eine so ehrenrührige Beleidigung allen Respekt, riß sich aus den Armen der sie, noch an der Saalthür, vergebens zurückhaltenden Gefährtinnen los, stürzte mit untergestemmten Händen auf den Beleidiger zu, und überschüttete ihn nun mit einer solchen Fluth ächt nationaler Benennungen, daß dieser vor der empörten virago erblassend, das Feld räumte. Noch einmal so laut als gewöhnlich: my Slippers! brüllend, eilte er, ohne ferneren Versuch, der Köchin die Spitze zu bieten, schleunigst seiner Schlafstube im dritten Stocke zu; denn Du weißt, daß, wie im Colombier, die Nachtlager sich hier stets unter dem Dache befinden.

Als der verstorbene Großherzog von W... in England war, bekam er auch Lust, allein und incognito mit der Stage zu reisen, um diese Art Leben kennen zu lernen. Es amüsirte ihn sehr; am nächsten Morgen war er aber nicht wenig verwundert, als ihm derboots, nonchalamment, mit den Worten die Stiefeln brachte: Ich hoffe, daß Euere Königl. Hoheit recht wohl geschlafen haben! Er glaubte indeß, vielleicht falsch verstanden zu haben, und setzte seine Reise, auf der Imperiale sitzend, fort. Den nächsten Morgen dieselbe Titulatur. Nun frug er genauer nach, und es fand sich, daß im Innern seines Mantels eine Carte, mit seinem wahren Namen und Stand, angeheftet war, die das Incognito vernichtete. Was ihm aber ohne Zweifel dabei am meisten auffiel, war, daß man so wenig darauf achtete, ob ein deutscher Souverain auf der Diligence sitze oder nicht. [210] Der gemeine Mann in England giebt auf Rang überhaupt wenig, auf fremden gar nichts. Nur die mittlere Klasse ist hierin sclavisch, und prahlt gern mit einem fremden Nobleman, weil sie ihrer eignen stolzen Aristokraten nicht habhaft werden kann. Der englische Edelmann selbst aber hält sich, auch der Geringste ihrer Lords, im Grunde des Herzens für mehr als den König von Frankreich.

Uebrigens ist diese Art zu reisen für Jemand, der nicht blos Ortsveränderung beabsichtigt, oder sich durch größere Ehrfurcht der Gastwirthe und Kellner geschmeichelt fühlt, gewiß die, welche der gewöhnlichen Art, die große Tour zu machen, vorzuziehen wäre, da die verminderte Bequemlichkeit durch so viel Lehrreiches und Angenehmes aufgewogen wird, daß man bei dem Tausche hundertfach gewinnen muß.


Dublin, den 1sten September.


Meinen Rückweg von Bray nahm ich diesmal über Kingston, längs der Küste auf einem rauhen, aber sehr romantischen Wege. Eine Unzahl von Bettlern stand an der Straße, denen es jedoch nicht an Betriebsamkeit fehlte, denn eine alte Frau unter andern sammelte emsig etwas weißen Sand auf der Straße, der von einer Wagenladung durch die Bretter gefallen war. Warum konnte man der Armen nicht eine Stunde lang die Schätze unsres Sand-Golkonda's [211] öffnen! In Ermangelung beglückte ich sie mit einigen Pence, von denen ich immer eine Ladung in einer meiner Rocktaschen führe, um sie, wie Körner an die Hühner, zu vertheilen, denn hier bettelt Alles.

Kingston ist ein größtentheils aus Landhäusern der Reichen bestehendes Städtchen, wo auch der Lord Lieutenant zuweilen residirt. Seit der König Irland besuchte, ist ein Hafen hier errichtet, an dem fortwährend gebaut wird. Wegen der Seichtigkeit der Dubliner Bay ist er von bedeutendem Nutzen, dient aber jetzt hauptsächlich als ein Mittel, den armen Klassen Arbeit zu verschaffen. Die vielen ingenieusen Erfindungen, die man hier angewendet sieht, die vierfach neben einander hinlaufenden Eisenbahnen, wo ein Pferd die größten Lasten zieht, die Kettenwinden, womit die ungeheuern Blöcke wie kleine Quader gehandhabt und in die Dämme eingemauert werden, und anderes der Art mehr – sind ungemein lehrreich und interessant. Es lagen bereits verschiedene große Schiffe in dem noch unvollendeten Hafen, wo sie doch schon hinlängliche Tiefe und Schutz finden. Unter ihnen fiel mir ein ganz schwarzes, abgetakeltes auf, das wie ein Gespenst einsam dastand. Ganz geheuer war es auch nicht darauf – denn es enthielt, wie man mir berichtete, die nach Botany Bay bestimmten Gefangenen: das Transportschiff, welches sie von hier abführen sollte, war auch bereits angekommen. Für die Missethäter ist diese Transportation keine harte Strafe, (die Seekrankheit abgerechnet) [212] und macht davon zwei Drittheil wenigstens, von Neuem zu brauchbaren Staatsbürgern. Jede Regierung könnte sich, nach ihren lokalen Hülfsquellen, eine Art Botany Bay verschaffen – aber es wird wohl noch lange dauern, ehe das Princip der Rache aus den Gesetzen, und aus der Religion, ausgemerzt seyn wird.

Man hat dem König wegen seiner denkwürdigen (d.h. wegen ihrer Erfolglosigkeit denkwürdigen) Reise nach Irland, am Eingang des Hafens ein Monument gesetzt, das mit der gewöhnlichen Geschmacklosigkeit, die in Großbritannien fast auf allen öffentlichen Bauten wie ein Fluch zu ruhen scheint, entworfen und ausgeführt ist. Es zeigt einen kurzen, lächerlichen Knüppel von Obelisk, der auf die Kante eines natürlichen Felsens dergestalt auf vier Kugeln gesetzt ist, daß es aussieht, als müßte jeder Windstoß ihn in die See rollen. Man kann sich nicht enthalten, zu wünschen, daß dies je eher je lieber geschehen möchte. Wie ein Kelchdeckel ist oben die Königskrone über die Spitze gestülpt, und das Ganze, gegen die grandiosen Dimensionen des Hafens und der umgebenden Gebäude, so klein und mesquin, daß man es wohl als die Spielerei eines Privatmannes, aber gewiß nicht für ein National-Monument ansehen kann. Vielleicht war der Architekt ein mauvais plaisant, und gebrauchte es nur satyrisch. Als Epigramm ist es dann auch zu loben.

Die Straße von hier nach Dublin ist prächtig und stets mit Wagen und Reitern bedeckt. Es wunderte[213] mich, sie nicht arrosirt zu finden, was die Landstraßen in der Nähe von London so angenehm macht. Wahrscheinlich geschieht es nur, wenn der Vicekönig hier ist. Heute war der Staub in dem Gewühl und Gedränge fast unerträglich, und alle Bäume wie mit Kalk überzogen.

Als ich in Dublin ankam, war grade Sitzung der katholischen Association, und ich stieg daher vor dem Hause ab. Leider war aber weder Shiel noch Oconnel gegenwärtig, so daß die Versammlung gar nichts Anziehendes darbot. Hitze und übler Geruch (car l'humanité catholique pue autant qu'une autre) vertrieben mich daher schon nach wenigen Minuten.

Abends amüsirte ich mich besser in den Vorstellungen andrer Charlatans, nämlich einer Gesellschaft sogenannter englischer Reiter, die hier zu Hause sind. Herr Adam, in seiner Art wirklich: le prémier des hommes, dirigirte die »Akademie«, welche diesen Namen besser wie manche andere verdiente. Man sah mit Vergnügen gegen zwanzig elegant gekleidete junge Leute, fast alle mit gleicher Geschicklichkeit agiren, und durch die künstliche Verwirrung, Mannichfaltigkeit, Schwierigkeit und reißende Schnelle ihrer Bewegungen das Auge oft, gleich einem Chaos, mit Dissonanzen betäuben, die sich im Augenblick darauf in die anmuthigste Harmonie auflösen. Noch ergötzlicher waren zwei unnachahmliche Clowns (Bajazzi), deren Glieder keinen Dienst einer Marionette versagten.

[214] Der Eine wurde überdies vortrefflich von seinem scheckigen Esel unterstützt, welcher in der Präcision seiner Kunststücke selbst die edlen Rosse beschämte, und der Andere brachte, vermöge eines eigenthümlichen, selbst erfundenen Instruments, eine so ächt narrenhafte Musik zu Wege, daß schon die unerhörten Töne, an und für sich, unwiderstehliches Lachen erregten. Ein pas de deux der beiden Clowns, mit Füßen und Händen getanzt, die ersteren aber in der Luft pas machend, während die Körper auf den Händen gingen, schloß das Schauspiel. Hier schien die menschliche Form zu verschwinden und grausend zugleich, wie eine Hofmannische Darstellung, kam das Ganze dem bewilderten 2 Zuschauer, wie der Tanz zweier toll gewordenen Meer-Polypen vor.


(Hier fehlen einige Blätter der Correspondenz.)

Fußnoten

1 Die Zeitungs-Redaktionen besolden dichterische Talente, welche, wenn sich keine wirklichen Mordgeschichten und schreckliche Zufälle ereignen, solche für das immer darnach neugierige Publikum erfinden müssen. Diese Künstler nennt man: accident makers (Verfertiger von Unglücksfällen).

A.d.H.

2 Bewildert ist ein neues aus dem Englischen entnommenes Wort, mit dem ich mir die Freiheit nehme, die deutsche Sprache zu bereichern.

31. Brief
[215] Ein und dreißigster Brief.

B....m im Westen Irlands,

den 5ten September 1828.


Gute Julie.


Du machst mich lachen mit Deiner Dankbarkeit für mein fleißiges Schreiben. – Erkennst Du nicht, daß es keinen größeren Genuß für mich geben kann? Nach den ersten Worten schon fühle ich mich wie zu Hause, und Trost und Kraft erfüllt mich von Neuem. So wie ich immer gesund zu werden pflegte, wenn ich einen Arzt konsultirt hatte, ehe ich noch seine Medizin nahm, so brauche ich auch nur mit der Feder in der Hand am Schreibtische die Worte »Liebe Julie« zu zeichnen, um meine Seele gesunder zu fühlen. Du bist übrigens in jeder Hinsicht der bessere Arzt, denn statt Medizin, ernährst Du mich mit Honig. Gare aux flatteurs! Vous me gâtez.

Erinnerst Du Dich noch des jungen Geistlichen aus Bray, der den lieben Gott zum größten Tyrannen aller Wesen machte, selbst aber ein herzensguter Mensch ist, qui n'y entende pas malice? Nun dieser hat mich so herzlich gebeten, ihn zu seinem [216] Vater in Connaught zu begleiten, der, wie er sagt, ein eben so gastfreier als wohlhabender Mann ist, daß ich nachgegeben habe, et m'y voilà. Dieser wilde Theil Irlands, welchen Fremde nie, Einheimische selten besuchen, steht in so üblem Renommée, daß ein Sprichwort sagt: Go to hell and Connaught (geh zur Hölle und Connaught). Der Entschluß wäre also der Ueberlegung werth gewesen. – Was aber Andere abschreckt, reizt mich oft an, und grade da finde ich oft die beste Ausbeute, und Alles verspricht sie mir diesmal reichlich, wenigstens was das Ungewöhnliche betrifft.

Gestern Abends, nach dem Diné, setzten wir uns in meinen Wagen, und verließen die Metropolis. Der Weg, welchen wir zurücklegen sollten, betrug grade 101 Meile. In England wäre dies bald abgethan gewesen – hier ist der Zustand der Posten nicht derselbe, und wir brauchten über 24 Stunden dazu.

Die hiesige Landschaft gleicht auffallend den wendischen Gegenden der Nieder-Lausitz, wo mein Unglücksstern mich auch einmal hinverschlug, blos mit Ausnahme des vielen Waldes, der, einige dürre Kiefern abgerechnet, hier überall nur gewesen zu seyn scheint. Brücher und Torfmoore bedecken jetzt unabsehbare Strecken, und das alte tausendjährige Eichenholz, welches in der Tiefe dort gefunden wird, hat einen hohen Preis für zierliche Meuble-Arbeiten; man macht sogar Tabaksdosen und Damenparüren [217] davon. Der übrige Boden ist sandig oder naß. Die Felder stehen mager auf dem trocknen Lande, dagegen gedeiht die Bruchwirthschaft, welche man hier aus dem Fundamente versteht, vortrefflich. Man planirt die Brüche zuvörderst, indem man das vorragende Terrain zu Torfziegeln verarbeitet, dann geht das Brennen und die Bestellung mit Früchten erst an. Alle Moore scheinen außerordentlich tief. Haidekorn, Kartoffeln und Hafer werden am meisten gebaut. Die Hütten der Einwohner sind über alle Beschreibung jämmerlich, und das Ansehen der ganzen flachen Gegend in hohem Grade dürftig, bis man sich dem Gute meines Freundes nähert, wo die Natur freundlicher wird, und am Horizont blaue Berge winken, die der Sitz vieler Mährchen und Wunder sind.

Capt. B., mein Wirth, ist einer der Notablen seiner Grafschaft, sein Haus aber nicht besser als das eines mittelmäßig begüterten, deutschen Edelmanns. Mit der englischen Eleganz und dem englischen Luxus ist es hier aus. Wachs ist unbekannt, so wie Claret und Champagner. Man trinkt Sherry und Portwein, vor Allem aber Whisky-Punsch, bekömmt detestablen Caffee, aber eine recht nährende und kräftige Hausmannskost. Das Haus selbst ist nicht überreinlich, die geringe Dienerschaft zwar respektabel durch Dienstalter, Eifer und Ergebenheit, aber von etwas ungewaschenem und bäurischem Ansehen.

Aus meinen Fenstern dringe ich in alle Geheimnisse der Oekonomie, die jedoch hier zu bescheiden ist,[218] um, wie in Norddeutschland, auch ihren Misthaufen als Haupt point de vûe auszulegen. Der Regen (denn leider regnet es) läuft ganz lustig unter den Fenstern durch, und bildet einige romantische Wasserfälle vom Fensterbrett auf den Boden, wo ein alter Teppich die Fluthen durstig aufnimmt. Die Meublen wackeln etwas, ich habe aber Tische genug (eine große Angelegenheit bei meinen vielen Sachen) und das Bett scheint wenigstens geräumig und hart genug. Im Kamin brennt, oder glüht vielmehr, vortrefflicher Torf, der außer der Wärme, die er verleiht, auch, gleich dem Vesuv, wenn er ausbricht, alle Gegenstände mit einer feinen Asche überzieht. Alles das ist nicht glänzend – aber wie hoch werden jene Kleinigkeiten aufgewogen, durch die patriarchalische Gastfreiheit, und die heitre, ungezwungene Freundlichkeit der Familie! Es ist als wäre mein Besuch eine erzeigte Gunst, für die sich mir Alle, wie für einen wesentlichen Dienst, verpflichtet zu fühlen scheinen.


Den 6ten.


Mein Wirth gefällt mir sehr wohl. Er ist 72 Jahr alt, und noch rüstig wie 50, muß einst ein sehr schönes Aeußere gehabt haben, und seine Männlichkeit bewiesen 12 Söhne und 7 Töchter, alle von derselben Frau, die ebenfalls noch lebt, jetzt aber unwohl ist, weßhalb ich sie noch nicht sah. Einige der [219] Söhne und Töchter sind nun auch längst verheirathet, und der Alte sieht zwölfjährige Enkel mit seiner jüngsten vierzehnjährigen Tochter spielen. Ein großer Theil seiner Familie ist jetzt hier, was den Aufenthalt ziemlich geräuschvoll macht. Dies wird noch durch das musikalische Talent der Töchter vermehrt, die sich täglich auf einem schrecklich verstimmten Instrumente hören lassen, ohne daß dieser Umstand sie im Geringsten stört 1. Die Männer sprechen in der Regel nur von Jagd und Reiten, und sind etwas unwissend. Ein Landjunker aus der Nachbarschaft z.B. suchte heute lange unverdrossen, wiewohl vergeblich, die vereinigten Staaten auf der Charte von Europa, bis ihm endlich sein Schwager den glücklichen Gedanken eingab, sein Heil auf der großen Weltcharte zu probiren. Die amerikanischen Freistaaten wurden deßhalb gesucht, weil der alte Herr mir zeigen wollte, wo er den Grundstein zu Hallifax und B... town, welche letztere nach seinem Namen benannt ist, im amerikanischen Kriege gelegt. Er kommandirte damals 700 Mann, und erinnert sich gern an diese Zeit seiner Jugend und Wichtigkeit. Die scrupuleuse und ritterliche Höflichkeit seines Benehmens, die stets bereitwillige Aufopferung seiner Bequemlichkeit für Andere, zeigt [220] ebenfalls die Erziehung einer längst vergangenen Zeit an, und bekundet eigentlich sein Alter sichrer noch als sein Aussehen.

Unsre Vergnügungen für die nächsten Tage sind nun folgendermaßen arrangirt. Morgen gehen wir in die Kirche, übermorgen nach der Stadt Gallway, um ein Pferderennen zu besehen, wo die armen Thiere nicht nur eine deutsche Meile laufen, sondern während diesem Rennen auch noch verschiedene Mauern überspringen müssen. Sie werden von Gentlemen geritten. Den Abend darauf ist Ball, wo man mir den Anblick aller Schönheiten der Umgegend verspricht. Aufrichtig gesagt, so gerührt ich von der mir bewiesenen Güte bin, so wird mir doch bei der Aussicht auf einen sehr langen Aufenthalt im Hause etwas bange, ich würde aber die herzlichen Menschen tief bekümmern, wenn ich mir davon etwas merken ließe. Je m'exécute donc de bonne grace.


Den 7ten.


Die Sitten sind hier noch so alterthümlich, daß jeden Tag der Hausherr meine Gesundheit ausbringt, und wir keine Servietten bei Tisch haben, statt deren Schnupftuch oder Tischtuchzipfel aushelfen müssen.

Vier Stunden des Vormittags brachten wir in der nahe liegenden Stadt Tuam in der Kirche zu, und sahen vier Geistliche vom Erzbischof ordiniren. [221] Der englische protestantische Gottesdienst ist von dem unsrigen sehr verschieden, und ein sonderbares Gemisch katholischer Ceremonien und reformirter Einfachheit. Bilder an der Wand werden nicht geduldet, wohl aber an den Fenstern; die Tracht der Priester, selbst des Erzbischofs, besteht blos aus einem weißen Chorhemde, dagegen der Sitz des letztern wie ein Thron gebaut, mit violettem Sammt ausgeschlagen, und durch eine Erzbischofs-Krone geschmückt, der Kanzel prunkend gegenüber steht. Die Predigt wird abgelesen, und dauert sehr lang. Am ermüdensten ist aber, vor und nachher, die endlose Herlesung veralteter, zum Theil sich ganz widersprechender Gebete, deren Refrain zuweilen, vom Chor aus, singend wiederholt wird, und an denen man einen wahren Cursus der englischen Geschichte machen kann. Heinrich des Achten Kirchen-Revolution, Elisabeth's Politik, und Cromwell's puritanische Uebertreibungen, reichen sich durcheinander die Hand, während gewisse Lieblingsphrasen alle Augenblicke wiederholt werden, worunter manche Stelle mehr kriechende Sklaven, die sich vor einem Tyrannen des Südens in den Staub werfen, charakterisiren, als der christlichen Würde gemäß sind. Man hatte sonderbarer Weise das Evangelium, die Austreibung der bösen Geister in einer Heerde Schweine betreffend, gewählt, und nachdem dies eine Stunde lang auseinander gesetzt war, wurden die vier Priester ordiniert. Der alte Erzbischof, welcher den Ruf strenger Orthodoxie hat, besaß viel Anstand, und eine schöne [222] sonore Stimme; dagegen mißfiel mir das Benehmen der jungen Theologen in hohem Grade. Es war widerlich heuchelnd. Fortwährend rieben sie sich die Augen mit dem Schnupftuch, hielten es in Zerknirschung vor sich, als zerflößen sie in Thränen, antworteten nur mit erstickter Stimme – kurz, Herrnhuter hätten es nicht besser machen können. La grâce n'y etait pas, gewiß von keiner Art.

Eine der sonderbarsten Sitten ist, daß Jeder, wenn er, beim Kommen oder Gehen, sein Gebet spricht, sich damit in einen Winkel oder doch gegen die Wand kehrt, als ob er etwas Unschickliches unternähme, das man nicht sehen dürfte.

Ich muß es gerade heraussagen – ich begreife nicht, wie ein denkender Mensch durch einen solchen Gottesdienst erbaut werden kann. Und doch, wie schön und erhaben könnte dieser sein! wenn nur der Sektengeist bei uns verbannt würde; wenn wir ferner, das Lächerliche zweckloser Ceremonien beseitigend, doch auch nicht einen abstrakten Kultus verlangen wollten, der die Sinne ganz ausschließen soll, eine Unmöglichkeit bei den sinnlichen Menschen! Warum sollen wir nicht, um das höchste Wesen zu verehren, alle unsre besten Kräfte, von ihm verliehen, zu einem solchen Zwecke anwenden, warum nicht Kunst jeder Art, in ihren höchsten Leistungen, dazu benutzen, um Gott das Herrlichste zu widmen, was menschliche Fähigkeiten vermögen? Freilich denke ich mir hier eine Gemeinde, deren Frömmigkeit, gleich weit [223] entfernt von niedrigem Sklavensinn, wie arrogantem Dünkel, nur des Allvaters Größe und unendliche Liebe, die Wunder seiner Welt preisen will, nicht den Haß der Intoleranz in die ihm gewidmeten Mauern mitbringt, und deren Lehren nur den Glauben verlangen, zu dem die Offenbarung seines Innern einen Jeden fähig macht. Vor meiner Phantasie schweben hier nicht mehr getrennte Kirchen für Juden und fünfzig Sorten Christen 2, sondern wahre Tempel Gottes und der Menschen, deren Pforten zu jeder Zeit, und Jedem offen stehen, welcher sinnliche und geistige Stärkung am Heiligen und Himmlischen bedarf, wenn das Irdische ihn drückt, oder Glück und Wohlsein sein Herz mit Dank erfüllt.


Gallway, den 8ten.


Wir kamen sehr spät auf dem race course an, und sahen heute nicht viel davon. Höchst merkwürdig war mir aber der Anblick des hiesigen Volkslebens. In vieler Hinsicht ist diese Nation wirklich noch den Wilden zu vergleichen. Der durchgängige Mangel an gehöriger Bekleidung beim gemeinen Mann, selbst an Festtagen wie dem heutigen; ihre gänzliche Unfähigkeit [224] dem »Todtenwasser« (dem Branntwein) zu widerstehen, so lange sie einen Pfennig in der Tasche haben, um sich ihn zu verschaffen; ihre wilden, jeden Augenblick ausbrechenden Streitigkeiten und regelmäßigen Nationalkämpfe mit dem Shileila, einer mörderischen Stockwaffe, die jeder unter seinen Lumpen verborgen hält, woran oft Hunderte in einem Moment Theil nehmen, bis mehrere von ihnen verwundet oder todt auf dem Schlachtfelde zurückbleiben; das furchtbare Kriegsgeschrei, welches sie bei solchen Gelegenheiten erheben; die Rachsucht, mit der eine Beleidigung Jahre lang von ganzen Gemeinden nachgetragen und forvererbt wird; auf der andern Seite wiederum die unbefangene frohe Sorglosigkeit, die nie an den nächsten Tag denkt; ihre harmlose, alle Noth vergessende Lustigkeit; die gutmüthige Gastfreiheit, die unbedenklich das letzte theilt; die Vertraulichkeit mit dem Fremden, der sich ihnen einmal genähert, wie die natürliche Leichtigkeit der Rede, die ihnen immer zu Gebote steht; – alles sind Züge eines nur halb civilisirten Volks.

Hunderte von Betrunkenen begleiteten unsern Wagen, als wir vom Racecourse nach der Stadt fuhren und mehr als zehnmal entstand Schlägerei unter ihnen. Wir fanden bei der Menge von Gästen nur mit Mühe ein elendes Unterkommen, aber doch ein gutes und sehr reichliches Mittagsessen.

Gallway ist in früheren Zeiten hauptsächlich von den Spaniern angebaut worden, und einige Nachkommen [225] jener alten Familie existiren noch, so wie mehrere sehr sehenswerthe Häuser aus dieser Epoche. Charakteristisch schien es mir, daß in dieser Stadt von 40,000 Einwohnern, auch nicht ein einziger Buchladen oder eine Leihbibliothek zu finden war. Die Vorstädte, wie alle Dörfer, durch die unser Weg führte, waren von einer Beschaffenheit, der ich nichts bisher Gesehenes gleichstellen kann. Schweineställe sind Palläste dagegen, und oft sah ich zahlreiche Gruppen von Kindern (denn die Fruchtbarkeit des irländischen Volks scheint seinem Elend gleich zu seyn) nackt, wie sie Gott geschaffen, sich mit den Enten im Straßenkoth glückselig herumwühlen.


Athenrye den 10ten früh.


Ich schreibe Dir diesen Morgen aus dem Hause einer der liebenswürdigsten Frauen, die ich in meinem Leben gesehen, und zwar einer Afrikanerin, die behauptet, eine geborne Fräulein H... zu seyn. Que dites vous de cela? Doch davon nachher. Vor der Hand mußt Du mich zum Racecourse zurück begleiten, wo das Rennen mit dem Mauerspringen eben seinen Anfang nimmt, ein merkwürdiges Schauspiel in seiner Art, und für eine halb wilde Nation recht passend. Ich gestehe, daß es meine Erwartung weit übertraf, und mich in ungemeiner Spannung erhielt, nur mußte man Mitleid und Menschlichkeit dabei zu Hause lassen, wie Du aus dem Erfolg abnehmen [226] kannst. Die Rennbahn geht in einem gedehnten Kreise. Auf der linken Seite beginnt der Lauf, auf der rechten gegenüber ist das Ziel. Dazwischen sind auf den beiden entgegengesetzten Punkten der Kreislinie, d.h. die, welche in der Mitte zwischen dem Auslauf und Ziele liegen, Mauern aus gesprengten Feldsteinen ohne Kalk aufgeführt, 5 Fuß hoch und 9 Fuß breit. Die Bahn, welche 2 englische Meilen beträgt, wird anderthalbmal durchlaufen. Du siehst also aus den vorigen Angaben, daß dabei die erste Mauer zweimal, die andere nur einmal, in jedem Rennen übersprungen werden muß 3. Viele Pferde concurriren, um aber zu siegen, muß dasselbe Pferd in zwei Rennen gewonnen haben, daher dieses oft drei, vier, ja fünfmal wiederholt werden muß, wenn jedesmal ein anderes zuerst ankömmt. Heute wurde es viermal durchlaufen, so daß der Gewinner, in der Zeit von noch nicht 2 Stunden, die Intervallen mitgerechnet, 12 englische Meilen angestrengt laufen, [227] und 12mal die hohe Mauer überspringen mußte, eine Fatigue, von der man bei uns kaum glauben würde, daß sie ein Pferd auszuhalten im Stande sey. Sechs Gentlemen, wie Jokeys sehr elegant in farbige seidene Jacken und Kappen, lederne Beinkleider und Stolpenstiefel gekleidet, ritten das race. Ich hatte ein vortreffliches Jagdpferd von dem Sohne meines Wirths erhalten, und konnte daher, die Bahn kreuzend, sehr gut folgen, um bei jedem Sprunge gegenwärtig zu seyn.

Man interessirt sich bei solchen Gelegenheiten immer für einen besondern »favourite.« Der meine, und der des ganzen Publikums, war ein außerordentlich schöner Dunkelfuchs, Gamecock genannt, den ein Herr in Gelb ritt, ein hübscher junger Mann, von einer angesehenen Familie, und ein vortrefflicher Reiter. Das Pferd, welches mir, nach diesem, am besten gefiel, hieß Rosina, eine dunkelbraune Stute, von einem Cousin des Capitän B... geritten, ein schlechter Reiter, in Himmelblau. Das dritte Pferd an Güte, nach meinem Urtheil, Killarney, war ein starker, aber ziemlich unansehnlicher, Wallach, von einem jungen Manne geritten, der mehr Anlage, als schon vollendete Reiterkunst, verrieth. Sein Anzug war Cramoisi. Der vierte Gentleman, vielleicht der Gewandteste unter den Reitern, aber etwas kraftlos, ritt ein sich nicht besonders auszeichnendes braunes Pferd, und war selbst auch braun angezogen. Die zwei Uebrigen verdienen keine [228] Erwähnung, da sie gleich im Anfang sich hor du jeu setzten. Beim ersten Sprung nämlich stürzten sie schon Beide, der eine sich bedeutend am Kopfe beschädigend, der andere mit einer leichtern Contusion wegkommend, aber doch eben so unfähig gemacht, weiter zu reiten. Gamecock, der, mit Furie anlaufend, und kaum von seinem Reiter zu dirigiren, mit ungeheuern Sätzen über die Mauer mehr flog als sprang, gewann das erste Rennen mit Leichtigkeit. Ihm folgte die leerlaufende Rosina, welche ihren Reiter abgeworfen hatte, und die folgenden Sätze, mit großer Grazie auf ihre eigene Hand vollführte. Gamecock war nun so entschiedener favourite, daß man 5 zu 1 für ihn parirte. Es kam indes ganz anders, und sehr tragisch. Nachdem im zweiten Rennen dieses herrliche Pferd wieder die andern Beiden (denn 5 waren, wie Du gelesen hast, schon beseitigt) weit hinter sich zurückgelassen, und die ersten zwei Sprünge auf das brillanteste zurückgelegt hatte, trat es bei dem dritten auf ein Steinstück, was eins der vorigen ungeschickteren Pferde beim Stürzen abgesprengt hatte,und welches nicht erlaubt worden war, aus der Bahn zu nehmen – und fiel so gewaltig, daß es mit dem Reiter sich überschlug, und beide noch bewegungslos dalagen, als die anderen Concurrenten herankamen, welche, ohne auf den Gefallenen die mindeste Rücksicht zu nehmen, ihre Sprünge glücklich bewerkstelligten. Gamecock raffte sich nach einigen Sekunden wieder auf, der Reiter aber erlangte seine [229] Besinnung nicht wieder, und wurde vom gegenwärtigen Chirurgus für hoffnungslos erklärt, da Brustknochen und Schädel zerschmettert waren. Sein alter Vater, der dabei stand, als das Unglück geschah, fiel ohnmächtig auf den Boden, und seine Schwester warf sich über den zitternden, aber bewußtlosen Körper, dem der Schaum auf dem Munde stand, mit herzzerbrechendem Wehklagen hin. Dagegen war die allgemeine Theilnahme sehr gering. Nachdem man schnell den armen jungen Mann mehrmals zur Ader gelassen, so daß er auf dem Rasen ganz in seinem Blute schwamm, schaffte man ihn weg, und das race begann von Neuem zu der bestimmten Zeit, als wenn nichts vorgefallen wäre. Der braune Mann war im vorigen Rennen der erste gewesen, und hoffte jetzt den entscheidenden und letzten Lauf zu beginnen. Es war, was die Engländer ein hartes race nennen. Beide, Pferde und Reiter, machten ihre Sache vortrefflich, liefen und sprangen fast wie in Reih und Glied. Nur um einen Viertelspferdekopf kam endlich Killarney am Ziele vor. Es mußte also noch einmal gerannt werden. Dieser letzte Contest war natürlich der interessanteste, da nun einer von beiden das Ganze gewinnen mußte, und gab Gelegenheit zu großen Wetten, die im Anfang al pari standen. Zweimal schien der Sieg entschieden und endigte dennoch entgegengesetzt. Beim ersten Sprung waren beide Pferde nebeneinander. Ehe sie aber an den zweiten kamen, sah man, daß das braune matt wurde, und Killarney so viel Terrain gewann, daß [230] er, mehr als hundert Schritt vor dem andern, zum zweiten Sprung an die Mauer kam. Hier aber, gegen alle Erwartung, refüsirte er zu springen, weil der Reiter ihn nicht hinlänglich in seiner Gewalt hatte. Ehe er zum Gehorsam gebracht werden konnte, wurde er vom Braunen erreicht. Dieser machte seinen Sprung glücklich, und nun alle Kräfte anstrengend, kam er so weit vor, daß ihm der Sieg jetzt sicher schien. Die Wetten standen 10 zu 1. Die letzte Mauer drohte indeß noch – und ward ihm auch in der That verderblich. Das schon matte Pferd, im schnellen Rennen seine letzten Kräfte erschöpfend, versuchte zwar willig den Satz, konnte ihn aber nicht mehr effektuiren, und die Mauer halb einbrechend, kollerte es, blutig gestoßen über und über, den Reiter unter seiner Last so begrabend, daß er nicht fähig war, es wieder zu besteigen. Der Reiter Killarney's hatte, während dies vorging, seinen widerspenstigen Gaul endlich bezwungen, vollendete, unter dem Zujauchzen der Menge, beide sich folgende Sprünge, und ritt dann im Schritt, ganz gemächlich und ohne fernern Rival, dem Ziele zu. Dort fand ich ihn aber so erschöpft, daß er kaum sprechen konnte.

Während den Zwischenräumen der verschiedenen früheren Rennen, war ich mehreren Damen und Herren vorgestellt worden, die mich alle sehr gastfrei auf ihre Landsitze einluden. Ich folgte aber lieber dem Sohne meines Wirths, der mir versprach, mir die Schönste aller Schönen zu zeigen, wenn ich mich seiner Leitung überlassen wolle, und mich nicht [231] scheue, noch 10 Meilen im Dunkeln zu reiten. Unterwegs erzählte er mir, daß die Bewußte Mistriß L..., heiße, die Tochter des ehemaligen holländischen Gouverneurs von ... sey, und sich jetzt in dem einsamen Flecken Athenrye, der gesunden Luft wegen aufhalte, da sie, vom Clima angegriffen, an der Brust leide.

Um 10 Uhr kamen wir erst an, und überraschten sie in ihrem kleinen Häuschen (denn der Ort ist elend) beim Thee.

Ich möchte Dir dieses liebenswürdige Geschöpf beschreiben, so daß Du sie vor Dir zu sehen glaubtest, überzeugt, daß Du sie, gleich mir, beim ersten Blicke lieben würdest. Ich fühle aber, daß hier Beschreibung nicht ausreicht. – Alles an ihr ist Herz und Seele, unddas beschreibt sich nicht! Sie war höchst einfach, ganz schwarz gekleidet, das Kleid bis an den Hals geschlossen, aber dennoch zeichnete es die schönsten Formen. Ihre Gestalt war schlank und äußerst jugendlich, voll milder Grazie, und dennoch nicht ohne Lebhaftigkeit, noch Feuer in ihren Bewegungen. Ihr Teint braun, rein und klar, und von einer sanften Glätte, wie Marmor. Schönere und glänzendere schwarze Augen, und blendend weißere Zähne sah ich nie. Auch der Mund, mit der engelgleichen Kindlichkeit ihres Lächelns, war bezaubernd.

Ihr feiner, ungezwungener Anstand, die spielend geübte Grazie heiteren und witzigen Gesprächs, waren [232] von der köstlichen Art, die angeboren ist, und daher eben so sicher in Paris, wie in Peking, in der Stadt, wie auf dem Dorfe, gefallen muß. Die größte Erfahrung könnte nicht mehr Gewandtheit geben, und kein Mädchen von 15 Jahren lieblicher erröthen, und freudiger scherzen. Demohngeachtet war ihr Leben das Einfachste gewesen, und ihre Jugend mehr noch die unverblühbare der Seele, als die des Körpers, denn sie war Mutter von vier Kindern, den Dreißigen ziemlich nahe, und eben jetzt erst, kaum von einer ihr Leben bedrohenden Brustkrankheit genesen. Aber das Feuer aller ihrer Bewegungen, die blitzesschnelle Lebhaftigkeit ihrer Unterhaltung, waren ganz jugendlich frisch, und rissen jugendlich hin, indem sie zugleich der innern Sanftmuth ihres Wesens einen unwiderstehlichen Reiz gaben. Man fühlte, daß diese Natur unter einer heißeren und glücklicheren Sonne, auf einem üppigeren Flecke der Erde, als unsere Nebelländer es sind, geboren war! Auch empfand sie selbst die wehmüthigste Sehnsucht nach dieser Heimath, und Schmerz verbreitete sich augenblicklich über alle ihre Züge, als sie erwähnte, daß sie wohl nie jene linde, von Wohlgerüchen geschwängerte Luft, wieder einathmen würde. Ich war zu sehr in ihrem Anblicke verloren, um an leibliche Nahrung zu denken, wenn sie nicht selbst, mit aller gütigen Emsigkeit einer Hausfrau, Anstalt gemacht hätte, uns in ihrer kleinen Hütte, so gut es sich thun ließ, zu bewirthen. Man deckte nun einen Tisch in derselben Stube, so daß das [233] frugale Mahl die Unterhaltung nicht abbrach, und es war lange nach Mitternacht, als wir schieden, um unsre Betten aufzusuchen. Erst als ich schon in dem meinigen lag, erfuhr ich, daß, bei der Unmöglichkeit, in dem elenden, nur aus wenigen Hütten bestehenden Orte ein Bett aufzutreiben, die herzensgute und ganz ceremonielose Frau mir ihr eignes abgetreten, und sich bei ihrer ältesten Tochter einquartirt habe. Mit welchen Gefühlen ich nach dieser Nachricht endlich einschlief, magst Du Dir denken! –

Ueber ihre Familie, deren Namen mir so sehr auffallen mußte, konnte Mistriß L... mir selbst nicht viel mittheilen. Im zwölften Jahre hatte sie Herr L..., damals Hauptmann in der englischen Armee, in ... geheirathet. Gleich darauf war ihr Vater gestorben, und sie mit ihrem Gemahl nach Irland geschifft, welches sie seitdem nie verlassen. Sie hatte wohl gehört, daß sie Verwandte in Deutschland habe, aber nie mit ihnen correspondirt, bis sie vor drei Jahren einen Geschäftsbrief von einem Vetter aus A... erhielt, mit der Ankündigung, daß der Bruder ihres Vaters gestorben, und sie zur Universalerbin eingesetzt habe. Die Gleichgültigkeit des afrikanischen Naturkindes war so weit gegangen, daß sie diesen holländisch geschriebenen Brief nicht nur bis jetzt unbeantwortet gelassen, sondern, wie sie erzählte, auch nur zum Theil entziffern können, da sie die Sprache in so langer Zeit fast vergessen habe. Ich kenne den Mann ja nicht, setzte sie entschuldigend [234] hinzu, und die Erbschaftssache habe ich meinen Gemahl abmachen lassen.

Der Badeort Athenrye (die Quelle ist von der Art wie Salzbrunnen in Schlesien) gehört auch zu den Originalitäten Irlands. Ich habe Dir schon gesagt, daß kein Dorf in Pohlen von elenderem Ansehen gedacht werden kann. Dabei liegt der Hüttenhaufen auf einer ganz kahlen Anhöhe im Torfmoor, ohne Baum und Strauch, ohne Gasthof, ohne irgend eine Bequemlichkeit, nur von den zerlumptesten Bettlern, außer den wenigen Badegästen, bewohnt, welche letztere Alles mitbringen, was sie brauchen, und ihren Unterhalt bis auf die geringsten Lebensmittel, fortwährend von dem 12 Meilen entfernten Gallway herbei holen lassen müssen. Einst war es anders, und noch betrachtet man mit Wehmuth am äußersten Ende des jammervollen Oertchens die stolzen Ruinen einer bessern Zeit. Hier stand eine reiche Abtei, jetzt mit Epheu durchwachsen, und über den freiliegenden Altären und Grabsteinen sind die Gewölbe eingestürzt, die einst das Heiligthum schützten. Weiterhin sieht man noch die 10 Fuß dicken Mauern des Schlosses König Johann's, der seinen Gerichtshof hier hielt, wenn er nach Irland herüber kam.

Ich besuchte diese Ruinen in sehr zahlreicher Begleitung. Ich sage nicht zu viel, wenn ich Dir versichere, daß aus der ganzen Gegend wenigstens über 200 halb nackte Individuen, zum Drittheil Kinder,[235] sich um meinen nachgekommenen Wagen schon seit dem Frühesten nichtsthuend versammelt hatten, und nun unter Vivatgeschrei mich alle bettelnd umringten, und Mann für Mann durch die Ruinen, über Trümmern und Kratzbeeren, treulich begleiteten. Die sonderbarsten Complimente erschallten zuweilen einzeln aus der Menge heraus, einige riefen sogar: Es lebe der König! Als ich bei der Zurückkunft ein Paar Hände voll Kupfer unter sie warf, lag bald, von alt und jung, die Hälfte im Straßenkoth, sich blutig schlagend, während die andern schnell in die Brannteweinschenke liefen, um das Gewonnene sogleich zu vertrinken.

Das ist Irland! vom Gouvernement vernachlässigt oder bedrückt, von der stupiden Intoleranz des englischen Priesterthums erniedrigt, von seinen reichen Landbesitzern verlassen, und von Armuth und Whiskeygift zum Aufenthalt nackter Elenden gestempelt! –

Ich habe schon erwähnt, daß auch bei den gebildeten Classen der Provinz die Unwissenheit für unsere Erziehungsbegriffe beispiellos erscheint. Ich will es noch nicht als solche aufführen, daß z.B. heute beim Frühstück vom Magnetismus gesprochen wurde, und Niemand je das Geringste davon gehört hatte. Du wirst übrigens nicht zweifeln, daß ich mich gern erbot, Mistriß L..., deren Lebhaftigkeit bei der Beschreibung gleich Feuer fing, darin Unterricht zu geben – aber stärker ist es schon, daß in B...m, unter einer Gesellschaft von 20 Personen, Niemand wußte, daß es Oerter wie Carlsbad und Prag in [236] der Welt gebe. Die Auskunft, daß sie in Böhmen lägen, half auch nichts, da ihnen Böhmen eben so unbekannt war, denn alles, ausser Großbrittannien und Paris, waren für sie böhmische Dörfer. »Wo sind Sie denn eigentlich her?« frug mich Einer. »Aus Brobdignac«, sagte ich im Scherz. »Ah, liegt das am Meer? Haben Sie da auch Whiskey?« frug ein Anderer. Ja der öfters erwähnte Sohn meines Wirths erkundigte sich sogar einmal ganz angelegentlich bei mir, als wir eben auf einem Spazierritte einigen Eseln begegneten, ob es auch bei uns solche Thiere gäbe? »Ach, mehr als zu viel!« erwiderte ich seufzend.


B...m, den 12ten.


Gestern kehrten wir hierher zurück, mit Mühe uns von der schönen Afrikanerin losreißend, die uns indeß bald nachzukommen versprochen hat, und heute benutzte ich die Muße, um einen Spazierritt nach Castle Hacket zu machen, einen einzeln in der Gegend stehenden Berg, der, nach des Volkes Meinung, ein Lieblingsaufenthalt der Feen, the good people, wie man sie in Irland nennt, seyn soll. Kein Volk ist poetischer und mit reicherer Phantasie begabt. – Ein alter Mann, der die Aufsicht über die Waldungen von Castle Hacket hat, und in dem Rufe steht, mehr als Andere von dem good people zu wissen, erzählte uns den Verlust seines Sohnes ganz im Ton einer Romanze. »Ich wußte es«, sagte er, »schon vier Tage [237] vorher, daß er sterben würde, denn als ich an jenem Abend in der Dämmerung nach Hause ging, sah ich sie in wilder Jagd über die Ebene dahin stürmen. Ihre rothen Gewänder flatterten im Winde, und die Seen gefroren bei ihrem Nahen zu Eis, Mauern und Bäume aber bogen sich vor ihnen zur Erde, und über die Spuren des Dickichts ritten sie hin, wie über grünes Gras. Voran sprengte die Königin auf weißem hirschartigem Roß, und neben ihr sah ich mit Schaudern meinen Sohn, dem sie zulächelte und ihm schön that, während er, wie im Fieber, sie mit Sehnsucht anblickte, bis Alle auf Castle Hacket verschwanden. Da wußte ich, daß es um ihn geschehen sey! – Denselben Tag noch legte er sich, den dritten trug ich ihn schon zu Grabe. Keinen schöneren, keinen besseren Jungen gab's in Connemara – drum hat auch die Königin sich ihn erwählt.« –

Der Alte schien so unbefangen, und so fest von der Wahrheit seiner Erzählung überzeugt, daß es nur kränkend hätte für ihn seyn können, den geringsten Zweifel daran zu äussern. Dagegen erwiderte er unsere Fragen nach weiteren Details mit großer Bereitwilligkeit, und ich behalte mir also noch vor, Dir die genaueste Toilette der Feenkönigin zu Deinem nächsten Maskenball ausführlicher zu liefern.

Am Fuße dieses nicht geheuren Berges ist ein hübscher Landsitz, und der Berg selbst, bis an seine Spitze, mit jungen, gut wachsenden Pflanzungen bedeckt. Auf dem steinigen Gipfel steht eine künstliche Art Ruine, [238] blos von losen Steinen aufgeschachtet, die sehr mühsam, und wegen der leicht abrollenden Steine, nicht ohne Gefahr zu erklettern ist. Die Aussicht ist aber des Versuches wert. Von zwei Seiten irrt das Auge fast schrankenlos über die unermeßliche Ebene – auf den andern beiden schließt den HorizontLog Corrib, ein 30 Meilen langer See, dem die Hügel der Grafschaft Clare, und weiter hin das düstere, romantisch geformte Gebürge von Connemara zum Hintergrunde dienen. In der Mitte des Sees wendet dieser sich, gleich einem Flusse, in das Innere des Gebürges, wo das Wasser sich in einem engen Bergpasse nur nach und nach zwischen den höchsten Spitzen verliert, die gleichsam eine Pforte bilden, um es aufzunehmen. Grade hier ging die Sonne unter, und die Natur, die meine Liebe zu ihr gar oft vergilt, zeigte mir diesen Abend eines ihrer wunderbarsten Schauspiele. Schwarze Wolken hingen über den Bergen, und der ganze Himmel war umzogen. Nur da, wo die Sonne jetzt eben hinter dem dunklen Schleier hervortrat, erfüllte sie die ganze Bergschlucht mit überirdischem Lichtglanz. Der See funkelte unter ihr wie glühend Erz, die Berge aber erschienen, wie durchsichtig, im stahlblauen Schimmer, dem Brillantfeuer ähnlich. Einzelne, flockige Rosenwölkchen zogen langsam in dieser Licht- und Feuerszene, gleich weidenden Himmelsschäfchen, über die Berge hin, während zu beiden Seiten des geöffneten Himmels, dichter Regen, in der Ferne sichtbar, herab strömte und wie einen Vorhang bildete, der rundum jeden Blick in die übrige[239] Welt verschloß. Dies ist die Pracht, welche sich die Natur allein vorbehalten hat, und die selbst Claude's Pinsel nicht nachahmen könnte.

Den Heimweg entlang erzählte mir mein junger Begleiter unaufhörlich von Mistriß L..., die er, wie ich wohl sah, nicht ungestraft, wie die Mücke das Licht, so lange umspielt hatte. Nie, sagte er unter andern, bemerkte ich, bei aller ihrer Lebhaftigkeit, auch nur einen Augenblick, üble Laune oder Ungeduld an ihr – nie hatte eine Frau ein besseres »temper.« Dieses Wort ist, eben so wie gentle, unübersetzbar – nur eine Nation, die das Wort comfort erfinden konnte, war zugleich fähig, temper zu erdenken – denn temper ist in der That im Geistigen, was comfort im Materiellen. Es ist der behaglichste Zustand der Seele, und das größte Glück, sowohl für die, welche es besitzen, als für die, welche es an Andern genießen. Vollkommen wird es vielleicht nur beim Weibe gefunden, weil es mehr duldender, als thätiger Natur ist. Dennoch muß man es von bloßer Apathie sehr unterscheiden, welche Andere entweder langweilt, oder Aerger und Zorn nur vermehrt, während temper Alles beruhigt und mildert. Es ist ein ächt frommes, liebendes und heitres Prinzip, mild und kühlend wie ein wolkenloser Maitag. Mitgentleness im Charakter, comfort im Hause und temper in seiner Frau, ist die irdische Seligkeit eines Mannes erschöpft. Temper, in höchster Potenz, ist ohne Zweifel eine der seltensten Eigenschaften – die Folge einer vollendeten Harmonie (Gleichgewichts)[240] der intellectuellen Kräfte, die vollständigste Gesundheit der Seele. Große und hervorstechende einzelne Eigenschaften können daher nicht damit verbunden seyn, denn, wo eine Kraft hervortritt, hört das Gleichgewicht auf. Man kann also hinreißen, leidenschaftliche Liebe, Bewunderung, Achtung einflößen, ohne deßhalb temper zu haben, –vollkommen liebenswürdig auf die Dauer aber wird man nur durch seinen Besitz. Das Wahrnehmen der Harmonie in allen Dingen wirkt wohlthätig auf den Geist; – des Grundes oft sich unbewußt, wird die Seele doch immer dadurch erfreut, welcher ihrer Sinne es auch sey, der ihr dieß Gefühl zuführt. Eine solche Person also, die mit temper begabt ist, gewährt uns beständigen Genuß, ohne je unsern Neid zu erregen, noch andere zu heftige Empfindungen zu erwecken. Wir stärken uns an ihrer Ruhe, beleben uns an ihrer stets gleichen Heiterkeit, trösten uns an ihrer Resignation, fühlen den Zorn schwinden vor ihrer liebenden Geduld, und werden am Ende besser und froher am Geister-Klange ihrer Harmonie.

Wie viel Worte, gute Julie, wirst Du sagen, umeins zu beschreiben, und dennoch habe ich nur unvollkommen ausgedrückt, was – temper – sey.


[241] Den 13ten.


Die schöne Aussicht des gestrigen Abends lockte mich, heute von nahem zu sehen, was ich dort nur von ferne geschaut. Mein gefälliger Freund arrangierte zu diesem Endzweck schnell unsere Equipage, einen kleinen char à banc, den wir tandem (d.h. ein Pferd vor das andere gespannt) mit Postpferden fuhren. Wir beschlossen: den See Corrib, Cong und seine Tropfsteinhöhlen in Augenschein zu nehmen, und um die Zeit aufs Beste zu benutzen, erst in der Nacht wieder zurückzukehren. Nach vier Stunden scharfen Trabens, und einigen kleinen Unglücksfällen, die dem gebrechlichen Fuhrwerk zustießen, erreichten wir das, einige zwanzig Meilen entfernte, Cong, wo wir zuvörderst in dem elenden Gasthof ein mitgebrachtes Frühstück von irländisch zubereitetem Hummer 4, wie die Chinesen, mit Hölzchen verzehrten, da keine Messer und Gabeln zu haben waren, und uns dann sogleich nach den Höhlen auf den Weg machten, wie gewöhnlich von einem halbnackten Gefolge begleitet. Jeder von diesem suchte irgend einen Dienst zu thun; bückte man sich nach einem Stein, so rissen sich zehn darum, ihn aufzuheben, und baten dann um ein Trinkgeld; war eine Thür zu öffnen, so stürzten zwanzig darauf zu, und erwarteten gleichfalls Belohnung. Später, als ich schon alle meine Münze ausgetheilt hatte, kam noch Einer, der behauptete, [242] mir, ich weiß nicht mehr welche Kleinigkeit, gezeigt zu haben. Ich wies ihn unwillig ab, und sagte, meine Börse sey leer. O, rief er:A gentleman's purse can never be empty! (eines Gentleman's Börse kann nie leer seyn) keine üble Antwort – denn unter der Form eines Compliments verbarg sie einen boshaften Doppelsinn; es hieß: Du siehst zu sehr wie ein Gentleman aus, um nicht Geld zu haben; bist du aber so ungenereus keins zu geben, so bist du auch kein Gentleman mehr; hast du aber wirklich nichts, so bist du's noch weniger. Die Menge fühlte dies, und lachte, bis ich mich loskaufte.

Doch zurück zur Höhle, dem pigeon hole (Taubenloch), einer seltsamen Naturerscheinung. Sie liegt mitten im Felde, in einer baumlosen, öden Flur, die, obgleich flach, mit einer eigen geformten Art Kalkfelsen bedeckt ist, zwischen denen die wenige Erde mühsam zu Wiesen- und Feldflächen benutzt wird. Diese Felsen sind so glatt, als wären sie polirt, und gleichen regelmäßig aufgekasteten, und halb bearbeiteten Steinen, die man zu irgend einem colossalen Bau hier zusammengebracht hätte. In diesem Steinfelde, ohngefähr eine Viertelstunde vom See Corrib öffnet sich nun die Höhle, wie ein weiter dunkler Brunnen, in den dreißig bis vierzig rohe, in den Stein gehauene, Stufen zu dem Flusse hinabführen, der hier unterirdisch strömt, sich eine lange Zeit durch wunderlich gestaltete Felsengewölbe seinen Weg bahnt, dann nur ans Licht tritt, um eine Mühle zu [243] treiben, gleich darauf sich aber zum zweitenmale in den Bauch der Erde vergräbt, und später wiederum als ein breiter, kristallheller, und tiefdurchsichtiger Strom zum Vorschein kommt, der sich in die Gewässer des Sees ergießt.

Unfern der Höhle, vor der wir jetzt standen, wohnt eine »Donna del Lago«, welche die Berechtigung, Fremden das Pigeon hole zu zeigen, dem Gutsherrn mit 4 Pf. Sterl. jährlich bezahlen muß. Sie paßte vortrefflich zu der Hüterin eines solchen Eingangs in die Unterwelt, und die ganze Scene konnte nicht besser, wie die Engländer sagen »in character« seyn. Wir waren schon im Dunkeln die Stufen hinabgeklommen, und hörten des Flusses Rauschen, ohne ihn noch zu sehen, als die riesengroße, hagere Alte, einen scharlachrothen Mantel um sich geworfen, mit langen, flatternden weißen Haaren und zwei lodernden Feuerbränden in den Händen, herabkam – das leibhaftige Original zu W. Scotts Meg Merrilis. Es war ein merkwürdiger Anblick, wie ihre hin und her schwankenden Fackeln die Wellen des Stroms, die hohen, von Stalaktiten gezackten Gewölbe und die blassen zerlumpten Gestalten unter ihnen grell erleuchteten, jetzt aber die Alte, unter Reden, welche wie eine Beschwörungsformel klangen, in den Fluß brennende Strohbündel warf, die, schnell dahinschwimmend, immer neue Grotten, immer groteskere Formen enthüllten, bis sie endlich, gleich kleinen Lichtern, nach hundert Windungen, in der Ferne verschwanden. Wir folgten ihnen, über die schlüpfrigen Steine kletternd, [244] so weit wir konnten, und entdeckten zuweilen große Forellen in dem eiskalten Wasser, welche das Eigenthümliche haben sollen, daß, welche Lockspeise man ihnen auch biete, doch noch nie ein Versuch sie zu fangen gelungen sei. Das Volk hält sie daher für verzaubert.

Wenn man aus der Dunkelheit wieder an die Stelle zurückkehrt, wo das Tageslicht schwach, wie in einen Schacht, hineinbricht, sieht man Epheu und Schlingpflanzen in höchst malerischen Festons und Guirlanden über die Felsen herabhängen. Hier halten die wilden Tauben in großer Menge ihre Nachtruhe, wovon sich die Benennung der Höhle herschreibt. Der Aberglaube des Volks erlaubt keinem Jäger, sie an diesem Orte zu beunruhigen, weßhalb sie auch ohne Furcht sind, wie in einem Taubenschlage.

Aus diesen düstern Regionen, wo Alles beschränkt und eingeschlossen ist, wandelten wir nun dem weiten meerartigen See zu, wo Alles sich ins Unendliche zu verlieren scheint. Die majestätische Wassermasse des Corrib füllt ein Becken von zwölf deutschen Meilen Länge und in der größten Ausdehnung drei deutschen Meilen Breite. Ein sonderbares Zusammentreffen ist es zu nennen, daß der See gerade so viel Inseln, als das Jahr Tage, zählt, nämlich 365. So behaupten wenigstens die Einwohner, gezählt habe ich sie nicht. Auf zwei Seiten begränzt ihn das hohe Gebürge von Connamara, auf den andern verschwimmen seine Gewässer fast mit der Plaine. Die Einfahrt, den Bergen[245] gegenüber, war daher ungleich schöner als die Rückkehr. Im Ganzen soll die Schifffahrt auf diesem See, wegen der vielen Klippen und Inseln, wie den oft plötzlich sich erhebenden Stürmen sehr gefährlich seyn, und erst kürzlich meldeten uns die Zeitungen, daß ein Marktschiff, auf welchem Fleischer sich mit ihren Hammeln eingeschifft, mit Menschen und Thieren ein Raub der erzürnten Seenixe geworden sey. Wir hatten einen sehr stillen, aber nicht immer heitern Tag. Als wir wieder gelandet, ließ ich meinen Begleiter vorausgehen, um die nöthigen Bestellungen zu machen, und besah noch, bei Sonnenuntergang, die am Ufer liegenden Ruinen einer Abtei, die einige schöne Ueberreste alter Baukunst und Sculptur darbot. Irland wimmelt von Ruinen alter Schlösser und Klöster, mehr als irgend eine andere Gegend Europa's, wiewohl diese Ueberbleibsel keine so ungeheuren Massen darbieten als z.B. in England. Diesealten Ruinen (denn leider findet man hier auch gar viel neue) werden vom Volk überall als Kirchhöfe benutzt, eine poetische Idee, die, glaube ich, nur diesem Volke eigen ist. Da man nirgends darin, wie in den englischen Kirchen, geschmacklose moderne Monumente aufstellt, sondern nur die Erde aufreißt, oder höchstens einen Stein auf das Grab legt, so wird durch diesen Gebrauch das ergreifende Bild irdischer Vergänglichkeit nur erhöht, nicht entweiht. Was aber den Eindruck oft bis zum Grausenhaften steigert, ist die wenige Rücksicht, welche die spätern Todtengräber auf die früher Begrabnen [246] nehmen, deren Gerippe sie, sobald der Platz fehlt, ohne Umstände herauswerfen. Daher sind alle diese Ruinen mehr oder weniger mit Haufen von wild untereinander gewürfelten Schädeln und Gebeinen angefüllt, die nur zuweilen theilweise von den Kindern, als Spielwerk, in Pyramiden oder andere Formen aufgestellt werden. Ich erstieg, über solche Steine und Knochen mich emporarbeitend, ein verfallnes Gemach des zweiten Stockes, und weidete mich an dem fremdartigen romantischen Gemälde. Zu meiner Linken war die Mauer hinabgesunken, und öffnete dem Blick die schöne Landschaft, die den See umgiebt, mit hellgrünem Vorgrunde, dem Gebürge in der Ferne, und seitwärts dem Schlosse und den hohen Bäumen des Parkes der Macnamara's, welche hier residiren. Vor mir stand noch ganz wohlerhalten ein vortrefflich gearbeitetes, wie mit point d'Alençon eingefaßtes Fenster; über ihm hingen, unzugänglich auf der freistehenden Mauer, ganze Trauben schwarzblauer Brombeeren von den üppig wuchernden Sträuchern herab. Rechts, wo die Wand des Gemachs ganz intackt geblieben war, sah man eine niedrige, mit der Hand leicht zu erreichende Nische, in der sich sonst wahrscheinlich ein Heiliger befunden, jetzt aber nur ein Todtenschädel stand, mit den leeren Augenhöhlen gerade auf die schöne Aussicht gerichtet, die sich ihm gegenüber ausbreitete, als erfreue ihr Glanz und frisches Leben selbst den Todten noch. Indem auch ich derselben Richtung von Neuem folgte, entdeckte ich, dicht über dem Boden, ein bisher übersehenes [247] Gitterfenster, das einen weiten Keller erleuchtete, und sah in diesem nun eine unermeßliche Anhäufung von Gebeinen, alle auf die erwähnte Weise in mannichfaltige Formen geordnet. Die sonnige Landschaft oben, die dunkeln Knochenhaufen unten, wo die Jugend mit dem Tode gespielt – es war ein Blick in Leben und Grab zugleich, die Freude des einen wie die theilnahmlose Ruhe des zweiten versinnlichend; tröstend aber vergoldeten die rosenfarbnen Strahlen der untergehenden Sonne Lebende und Todte, gleich Boten einer schönern Welt. –

Unsere Rückfahrt in der schwarzen Nacht bei fortwährendem Regen war schwierig und unangenehm. Wir brachen nochmals eine Feder am Wagen, und hatten allerhand anderes Ungemach auszustehen. Als wir endlich nach Mitternacht in B... anlangten, fanden wir, zu meinem wahren Schrecken, den guten alten Capitain mit der ganzen Familie noch auf, um uns mit dem Essen zu erwarten. Die überhäuften Attentionen, und die große Herzensgüte dieser Leute beschämt mich täglich, und ich bewundere oft, wie ihre leidenschaftliche Gastfreiheit, auch nie durch die geringste Spur von Ostentation verunstaltet wird.

Damit mein Brief nicht zu stark werde, und zuviel Porto koste (denn gewöhnlich muß ich für diese volumineusen Packete einige L. St. bis an die englische Grenze bezahlen) schließe ich ihn, noch vor meiner Abreise von B...m. Du weißt mich hier wenigstens[248] gut aufgehoben, und der Pflege von Leuten übergeben, die Dein Herz haben, wenn sie Dir auch an Geist und Bildung nicht gleich kommen. Der Himmel segne und behüte Dich!


Dein treuster L...

Fußnoten

1 Ich habe oft zu bemerken Gelegenheit gahabt, daß die Musik-Liebhaberei in ganz England nur Modefache ist. Es gibt keine Nation in Europa, die Musik besser bezahlt, und sie weniger versteht und genießt.

2 Caraccioli schon pflegte darüber zu klagen, daß es in England sechzig christliche Secten und nur eine Sauce (geschmolzene Butter) gäbe.

3 Ist Dir diese Beschreibung vielleicht noch nicht deutlich genug, so denke Dir nur einen gedrückten Kreis mit den darauf markirten vier Weltgegenden. Im Westen ist eine Säule, wo die Pferde auslaufen, im Norden eine Mauer, über die sie springen müssen. Hierauf passiren sie zum erstenmal die Zielsäule im Osten, ohne sich dabei aufzuhalten, und finden eien andere Mauer im Süden. Haben sie diese zurückgelegt, so kommen sie zum zweitenmal bei ihrem Auslaufspunkt vorbei, überspringen abermals die Mauer im Norden, und endigen nun erst am Ziel, nachdem sie drei Meilen gelaufen, und dreimal über Mauern gesprungen sind.

4 Ein vortreffliches Gericht! das Recept mündlich.

32. Brief
[249] Zwei und dreißigster Brief.

B...m, den 14. Sept. 1828


Geliebte Freundin!


All' Dein Belehren hilft nichts, gute Julie, – Deine Rede ist schön, Deine Gründe mögen triftig seyn, aber ich glaube einmal das Gegentheil, und Glaube ist, wie Du weißt, ein Ding, das nicht nur Berge versetzt, sondern sich auch oft welche aufbaut, über die es nicht mehr hinwegsehen kann. Deßwegen hilft auch in der Welt alles Bekehren, es mag seyn in welcher Hinsicht es wolle, nicht eher, als bis der entgegengesetzte Glaube schon wankend geworden ist. Vorher sprich mit der Weisheit Plato's, und handle mit der Reinheit Jesu – Jeder bleibt dennoch bei seinem Glauben, auf den Vernunft und Verstand in der Regel den wenigsten Einfluß haben. 1 Wer die Menschen plötzlich ändern will, ehe sie selbst Lust haben: eine neue Facette zum Abschleifen der Weltgeschichte zuzukehren, wird stets, entweder als ein Narr [250] zu Hause geschickt, oder als ein Märtyrer gesteinigt und gekreuzigt werden. Die Geschichte lehrt dies auf jeder Seite. Was hier auf das Allgemeine Anwendung findet, ist aber auch der Fall mit dem Einzelnen, und nach alle dem – parlez moi raison, si vous l'osez. Doch muß ich eins im Ernste sagen. Wer einmal zu freimüthig geboren ist, und selbst die allgemeine Meinung wenig achtet, wenn sie nur eine gemeine ist – der bleibe ja sein ganzes Leben so. Die Folgen einer solchen Denkungsart, und die Anseindungen, denen sie aussetzt, werden nur dann schmerzlich empfunden, und zuletzt gefährlich, wenn man, schwach geworden, aufhört selbständig zu seyn, und statt, wie bisher, fremde Meinung zu verachten, sich davor zu fürchten anfängt. So etwas merkt die Menge schnell, und verfolgt dann erst mit Consequenz das vor ihr laufende Wild, über das sie früher, so lange es ihr Stand hielt, und keck in die Augen sah, nur erfolglose Glossen zu machen wagte. Für die Welt gibt es überhaupt keine bessere Lehre als: Bouche riante et front d'airain, et vous passez partout. Wir Deutsche sind fast immer zu ernst, wie zu timide, und nur im Stande momentane Efforts gegen diese Fehler zu machen, bei welchen Versuchen wir überdies auch das Ziel leicht über schießen. Aus diesem Grunde hauptsächlich lieben wir wohl so die Zurückgezogenheit, und verkehren am liebsten blos mit unserer Phantasie, als treuer Gesellschafterin – souveraine Herren im Reiche der Luft, – wie Frau v. Staël sagt. Die große Welt, wie sie ist, gefällt [251] uns nicht, und eben so wenig verstehen wir dieser Welt zu gefallen. Drum wählen wir lieber – Zurückgezogenheit, und in dieser Freiheit!

Wir erlebten heute ein sonderbares Eintreffen von Prophezeihungen. Miß Kitty, die artigste der Töchter meines Wirths, hatte gestern auf unserm Spaziergang sich von Zigeunern wahrsagen lassen, und ich selbst hörte mit an, wie die Frau ihr, unter vielen andern gewöhnlichen Dingen, ankündigte: »daß sie auf ihrer Hut seyn möchte, denn ehe vier und zwanzig Stunden vergingen, würde in ihre Fenster geschossen werden, und dann ihres Bleibens nicht lange mehr in B...m seyn«. Wir fanden die Prophezeihung etwas bedenklich, und theilten sie daher mit, als wir zu Haus kamen, wurden aber darüber nur geneckt und ausgelacht. Den andern Morgen, ziemlich früh, entstand indeß wirklich Allarm über zwei Schüsse, die man hörte, und Miß Kitty stürzte sich, halb angezogen und fast ohnmächtig vor Schreck, die Treppen herunter, worauf Alles hinzu lief, um zu untersuchen, was es denn eigentlich gäbe. Es fand sich nun, daß zwei der jüngeren Brüder Kitty's, welche sich zum Besuch bei Mistriß M... befanden, ganz unerwartet heut früh zurückgekommen waren, um ihre Schwester ebenfalls dorthin abzuholen, wobei sie, obgleich ganz unbekannt mit der Vorhersagung der Zigeunerin, den albernen Spaß gemacht hatten, zwei Schlüsselbüchsen vor dem Fenster abzufeuern, dies aber noch dazu so ungeschickt ausgeführt, daß einige Glasscheiben beschädigt wurden. [252] Sie erhielten eine derbe Merkuriale, und fuhren dann mit Kitty ab, so daß Alles pünktlich eintraf, wie die Alte es, der Himmel weiß, auf welche Weise, in den Linien der Hand gelesen.


Den 15ten.


Ich war gestern ein wenig hypochondrisch, meine Seele war matt – mais j'ai pris medecine, elle a operée, und die Seele ist wieder kurirt worden. Ich bin von neuem heiter und daher von viel menschenfreundlicheren Gesinnungen, tugendhaft überdies,faute d'occasion de pêcher, und lustig, indem ich über mich selbst lache, faute de trouver quelque chose de plus ridicule.

Unterdessen hat sich die Scene hier geändert. Die schöne Afrikanerin ist angekommen – und wir haben schon einen gemeinschaftlichen Spazierritt, zehn Personen stark, unternommen, wobei uns der alte Hauptmann seine Bruchkulturen und Bewässerungen, mit der Liebhaberei eines Jünglings, zeigte. Er war von seinen Kartoffelbeeten nicht weniger entzückt, als ich von meiner Begleiterin. In der trostlosesten Gegend auf ein gut wachsendes Knollenfeld hinweisend, rief er mit Enthusiasmus: Ist das nicht ein prachtvoller Anblick? und gewiß kam es ihm nicht in den Sinn, daß wir an andere Dinge denken könnten, und ihm nur aus Höflichkeit [253] beipflichteten. Ich warb nachher einige Bauern für meinen Colonisations-Plan an. Sie drängen sich Alle zum Auswandern, aber leider haben sie auch nicht einen Heller darauf zu verwenden. Uebrigens kann man ihnen leicht alles besser versprechen, als sie es hier haben, wo ein Mensch von einem halben Morgen Land leben muß, und wenn er noch so gern auswärts arbeiten will, doch keine Arbeit findet. Die Wohlhabendsten wohnen in Gebäuden, die unsern Bauern als Stall zu schlecht dünken würden. Ich besuchte ein solches, und fand es aufgeführt aus Mauern von ungesprengten Feldsteinen, mit Moos ausgestopft, und einem Dach von Stangen, das halb mit Stroh, halb mit Rasen belegt war. Der Boden bestand aus der blanken Erde, und eine Stubendecke unter dem erwähnten, halb durchsichtigen Dach, gab es nicht. Schornsteine schienen hier auch unnütze Luxusartikel. Der Rauch ging vom freistehenden Heerde zu den Fensterlöchern heraus, woran ihn keine Glasscheiben verhinderten. Ein niedriger Verschlag rechts theilte die Schlafstelle der Familie ab, die alle zusammen ruhen – ein anderer links, begränzte Schwein und Kuh. So stand das Häuschen mitten im Felde, ohne Garten, noch irgend eine Bequemlichkeit – und dies nannten Alle eine vortreffliche Wohnung.

Als wir zu Hause kamen, waren unserm hübschen Gast beinahe die Hände, mitten im Sommer, erfroren. Sie waren wirklich völlig weiß, und gefühllos geworden, und wir mußten sie mehr als eine Viertelstunde[254] reiben, ehe wieder Blut und Leben in sie zurück kam.C'est le sang africain. Recht behaglich befindet sie sich nur an der Gluthitze des Torf-Kamins, wo wir Anderen halb gebraten werden, und nicht eher auch gelangt sie zu aller ihrer kindlichen Ausgelassenheit, die selbst mich zuweilen mit ansteckt. Sie scheint es wirklich ein wenig auf mich abgesehn zu haben, und diesen lieblichen Neckereien ist schwer zu widerstehen. Wenn sie ihre rabenschwarzen Haare von einander scheitelt, und mit den dunkelblauen Feueraugen so durchdringend blickt, als könnte sie Einem in der Seele lesen; dann sie schalkhaft niederschlägt, als habe sie nur zu wohl die stumme Sprache der gegenüberstehenden verstanden, und wenige Momente nachher, in holder Verwirrung, durch einen zärtlichen Streifblick, wie mit elektrischen Funken das Herz berührt – so ist es nicht immer leicht, seine Fassung zu behalten, und gleich wieder Possen mit zu treiben, wenn ihre bewegliche Kindernatur, schon den Augenblick darauf, vor Lachen ersticken will, entweder über das ernsthafte komische Gesicht, was man ihrer Behauptung nach mache, oder irgend eine andere Thorheit, die ihr eben ins Köpfchen gekommen ist. Ja liebe Julie, es ist ein verführerisches Spiel, das sehe ich wohl ein – aber das Gift ist zu süß!

[255]

Den 16ten.


Mein Freund James fängt an, etwas eifersüchtig auf mich zu werden, und unterhält mich nicht mehr so viel von den reizenden Eigenschaften der Mistriß L... und ihrem temper. Ich gebe ihr jetzt Unterricht im Pistolenschießen. Als sie das erstemal losdrückte, erschrack sie so kindisch, daß sie mir fast ohnmächtig in die Arme sank, und bitterlich zu weinen anfing. James kam in diesem kritischen Augenblick hinzu, und schien nichts weniger als erbaut davon zu seyn. Ich gab ihm indeß schnell die Pistole in die Hand, proponirte eine kleine Wette zur Unterhaltung unsrer Freundin, bis sie sich wieder vom gehabten Schreck erholt haben würde. Der arme James konnte aber nichts treffen, während ich, mit eingeübter Sicherheit, ein ziemlich leserliches H auf die Scheibe zeichnete – denn ihr Name ist Henriette – »Harriet« wie sie hier genannt wird. Besser ans Feuer gewöhnt – schoß sie nachher selbst recht gut, und beschämte die jungen Männer, welche sich alle ziemlich ungeschickt dabei anstellten.

Nachher ritten wir aus, sie und ich, Miß Kitty und einer ihrer Brüder. Wir waren ein wenig voraus, und sprachen von englischer Literatur. Sie erwähnte eines bekannten anmuthigen Liedes von Moore, wo der Dichter abwechselnd sich bald für die schwarzen, bald für die blauen Augen erklärt, und frug mich neckend, welcher Art ich denn den Vorzug gäbe? Ach, rief ich, den blauen unter schwarzem [256] Haar, denn diese vereinigen das südlich blitzende Feuer der einen, mit der süßen Milde der andern. – O nonsense! lachte sie, Sie haben das Lied ja ganz vergessen – der Dichter gibt den Augen den Vorzug, die, von welcher Farbe sie auch seyen, ihn am zärtlichsten anblicken ... Nun dann, erwiederte ich, ist Alles, was ich wünsche, daß Sie derselben Meinung sein mögen. Wie so? frug sie zerstreut. Daß Sie die Augen lieben möchten, welche sie mit der größten Zärtlichkeit anblicken – ich ergriff zugleich ihre Hand, und wollte ihr noch mehr zuflüstern, als sie, wie eine kleine Hexe, die sie ist, lachend und scherzend und mit ganz unnöthigem Geschrei Miß Kitty um Hülfe rief, weil ihr Pferd, wie sie behauptete, hätte durchgehen wollen. –

Als ich mich nachher, nur einen Augenblick, wieder allein neben ihr befand, sagte sie, tief Athem schöpfend, mit leiser Stimme zu mir: Now I declare, You are a great rogue and never more I'll be alone with you. 2

O Afrika! deine Töchter, sehe ich wohl, verstehen die Coquetterie eben so gut als die Schönen Europa's. –

Abends hatten wir viel Scherz mit Henriettens fünfzehnjähriger Tochter, auch ein hübsches frisches Mädchen, doch mit der Mutter nicht zu vergleichen. Die Kreuzung mit dem englischen Blut hatte diesmal[257] nicht vortheilhaft gewirkt, und das Feuer des Prometheus sich wieder in Kieselstein verborgen.

Wir durchsuchten ihr album, oder sketchbook, wo wir unter den Stellen, die sie aus verschiedenen Büchern abgeschrieben, auch folgendes irländische Gedicht fanden, das sie gewiß mit großer Unschuld excerpirt hatte, aber jetzt viel darüber leiden mußte. Es lautete folgendermaßen:


... And pray, how was the devil drest?
Oh! he was in his Sundays best,
His coat was black, and his breeches steelblue
And a hole behind, that his tail went through.
And over the hill and over the dale
He rambled far over the plain,
And backwards and forwards he switched his tail
As a gentleman switches his cane 3

Alle, selbst die Mädchen, mußten herzlich über den balanzirenden Teufel lachen – denn es waren unschuldige Naturkinder, und keine prûde unter ihnen, die Sittenlosigkeit, keine Neufromme, die gottlosen Spott darin auffand. Eine Frau aus dem Conventikel [258] würde freilich die Augen gen Himmel verdreht, und die Stube verlassen haben, entweder – um ihrem Amant ein Rendezvous im Thiergarten zu geben, oder einer guten Freundin die Ehre abzuschneiden, dennsolche Dinge sind unschuldig!


Den 17ten.


Heute langte Herr L... hier an. Wie sonderbar sind doch die Güter dieser Welt vertheilt! das schönste lieblichste Weib mußte die Beute des widerwärtigsten Menschen werden, der den Reichthum ihrer Natur weder zu erwiedern fähig ist, noch zu schätzen versteht! Ein häßlicher, alter, in Galle getauchter Pedant, in Allem gerade der Antipode seiner Frau. Seine Conversation verdarb zum erstenmal die Heiterkeit, ja ich möchte sagen, die Unschuld unsres bisherigen Lebens. Er ist ein heftiger Orangeman (beiläufig gesagt, ist auch Orange seine natürliche Farbe) und es war zu vermuthen, daß ein Charakter seiner Art, sich auch auf der Seite des Unrechts und der Partheiwuth befinden würde, aber mit welchen Grundsätzen! Da dies zugleich eine Probe davon giebt, wie hoch hier der Partheigeist gestiegen, und wie er sich öffentlich zu äußern nicht schämt, will ich Dir die Quintessenz seiner Reden mittheilen.

»Ich habe«, sagte er, »meinem König dreißig Jahr lang in fast allen Welttheilen gedient, und [259] bedarf der Ruhe. Dennoch ist mein sehnlichster Wunsch, um dessen Erfüllung ich Gott täglich bitte, eine ›sound rebellion‹ (eine gründliche Rebellion) in Irland zu erleben. Dann soll mein Dienst denselben Tag wieder angehen, und sollte ich auch mein eignes Leben darin mit verlieren, ich gebe es gern hin, wenn mit meinem Blute zugleich das von fünf Millionen Katholiken fließt – Rebellion – dahin will ich sie haben, da erwarte ich sie, und dahin muß man sie führen, um auf einmal mit ihnen zu enden; denn ohne die gänzliche Vernichtung dieser Race kann es keine Ruhe mehr in Irland geben, und nur eine offene Rebellion und eine englische Armee, die sie zerdrückt, kann dies Resultat herbeiführen.«

Sollte man einen so boshaften Narren nicht einsperren – und seine Frau einem Andern geben? qu'en dites vous, Julie?

Die jugendlichen Seelen der Söhne meines Wirths wurden gleich mir empört, und bestritten männlich solche diabolischen Grundsätze, erbosten aber den wahnsinnigen Orangemen nur immer mehr, bis endlich Alles schwieg, und Mehrere einzeln vom Tisch aufstanden, um dem widrigen Gespräch ganz zu entgehen.


[260] Den 18ten.


Glücklicherweise hat Herrn L...'s Visite nur einen Tag gedauert, und wir sind wieder – unter uns. Die gewonnene Freiheit wurde sogleich benutzt, um eine zwanzig Meilen weite Exkursion nach Mount B... zu machen, dem schönen Besitzthum eines Landedelmanns, und spät in der Nacht erst fuhren wir wieder zurück, wo mir in meinem Reisewagen Henriettens Gesellschaft, welche die kalte Luft nicht vertragen konnte, zu Theil wurde – mais honny soit qui mal y pense. Der Park in Mount B... bietet ein wahres Studium für die sinnreiche Anlegung großer Wasserparthien an, denen gehörige Bedeutung und Natürlichkeit zu geben, so schwer ist. Man muß, für die Details, die Formen der Natur studiren, die Hauptsache ist aber, nie die ganze Wassermasse übersehen zu lassen, und das Wasser muß sich auch sichtlich nach und nach, und wo möglich an mehreren Stellen zugleich, verlieren, um der Phantasie gehörigen Spielraum zu geben – die wahre Kunst bei allen landschaftlichen Anlagen.

Der Hausherr, welcher reich ist, besitzt auch eine recht zahlreiche Bildergalerie mit einigen vortrefflichen Gemälden. Unter andern eine Winterlandschaft von Ruisdael, die einzige dieser Art, die ich mich erinnere von diesem Meister gesehen zu haben. Der Ausdruck der kalten, nebligen Luft und des knisternden Schnees waren so treu, daß man fast Frostschauer zu empfinden glaubte, wenigstens das flackernde[261] Kamin darunter mit doppelter Behaglichkeit anblickte. Ein schöner und unzweifelhafter Rubens, den Fischzug Petri vorstellend, zeichnete sich durch eine Seltsamkeit aus. Der in ein grünes Gewand gekleidete Petrus trägt nämlich eine scharlach rothe Perücke, und dennoch stört sie den Totaleindruck nicht. Sie wirkt wie eine Glorie, das Licht um sich vertheilend. Es scheint ein Kunststück des Malers, vielleicht in Folge eines Scherzes unternommen, pour prouver la difficulté vaincûe. Eine sehr fleißige Landschaft auf Holz, von unbekannter Hand, befand sich früher in der Privatsammlung Karl des I., dessen Chiffre und Namen, mit der Krone darüber, man auf der Rückseite noch deutlich eingebrannt sieht. Als den Juwel der ganzen Sammlung betrachte ich aber ein Gemälde Rembrandt's, wie man glaubt, das Portrait eines asiatischen Juden, aber zugleich das Ideal eines Solchen darstellend. Die Wirklichkeit dieser Augen, und das Sengende ihres Blickes, ist fast erschreckend; das Unheimliche und doch Erhabne des Ganzen wird noch durch die nachgedunkelte Schwärze des übrigen Bildes vermehrt, aus welchem der glühäugige Kopf, mit dem satanisch lächelnden Munde, wie aus ägyptischer Nacht scheuchend herausschaut. 4 Nach dem Frühstück produzierte man mehrere Jagd- und Rennpferde, wo wir uns mit Reiterexerzitien vor [262] den Damen sehen ließen. Die hiesigen Jagdpferde sind vielleicht nicht ganz so schnell als die besten englischen, aber unübertreffbare Springer, wozu man sie von Jugend auf anhält. Sie nahen sich einer Mauer mit der größten Ruhe, und setzen während des Sprungs mit den Vorder- und Hinterfüßen, gleich den Hunden, auf. Ist noch ein Graben auf der andern Seite, so überspringen sie auch diesen, indem sie sich auf der Höhe der Mauer, oder des Walls, einen neuen élan geben. Man läßt ihnen dabei in der Regel nicht viel Luft mit dem Zügel, und thut überhaupt am besten, einem gut dressirten Pferde dieser Art so wenig Hilfe als möglich zu geben, sondern nur mit steter leichter Anlegung an den Zügel, ihm die Sache ganz selbst zu überlassen.

Ich weiß nicht ob diese Reitdetails sehr unterrichtend für Dich seyn werden, aber da meine Briefe an Dich zugleich mein Tagebuch sind (denn wo sollte ich die Zeit zu dem andern noch hernehmen) so mußt Du Dir gefallen lassen, von Allem unterhalten zu werden, was Dir, oder auch mir selbst, Interesse zu gewähren im Stande ist.


Gallway, den 19ten Abends.


Du weißt, meine Entschlüsse sind oft sehr plötzlicher Natur – Du pflegst sie meine Pistolenschüsse zu nennen. Einen solchen habe ich eben ausgeführt. [263] Ich fürchtete mich vor Capua's Verweichlichung, und vor Afrikanischer Sklaverei. J'aime à effleurer les choses, mais pas les approfondir. Ich bin also, wichtige Nachrichten vorschützend, geflohen. Daß ich nicht ohne Rührung von so herzlichen Freunden, von so reizenden Freundinnen, mich losreißen konnte, magst Du Dir wohl denken, es geschah aber mit Standhaftigkeit. Da ich auf die Postpferde, die aus der nahen Stadt erst geholt werden mußten, nicht warten mochte, so ritt ich mit James, der mich, glaube ich, recht vergnügt begleitete, zum letztenmal auf dem Doctor, seinem vortrefflichen Jagdpferde, nach Tuam, meinem Kammerdiener die Sorge für das Uebrige überlassend. In Tuam wollte ich mit der Mail weiter reisen, es war aber nicht ihr Tag, und kein andres Fuhrwerk nach Gallway zu bekommen, als die ordinaire Briefpost, ein bloßer auf zwei Rädern stehender, offner Karren, mit einem Pferde bespannt, und Platz für zwei Passagiere, ausser dem Kutscher. Ich besann mich nicht lange, sondern sprang, James zum letztenmal die Hand drückend, herzhaft in das gebrechliche Vehikel, und clopin clopant rasselte der alte Gaul damit über die Straße. Der andere Passagier war ein junger, rüstiger Mann, in ziemlich eleganter Kleidung, mit dem ich bald in eine interessante Unterhaltung, über die Sehenswürdigkeiten seines Vaterlandes, und den Charakter seiner Landsleute, gerieth. Von der Herzlichkeit und Dienstfertigkeit dieser, gab er mir sogleich selbst einen Beweis. Ich war sehr leicht angezogen, dabei warm vom Reiten, [264] so daß mir der kalte Wind sehr beschwerlich wurde. Ich bot also dem Kutscher ein Trinkgeld, für Ueberlassung seines Mantels. Dieser erschien aber bei näherer Besichtigung so furchtbar schmutzig und ekelhaft, daß ich mich nicht entschließen konnte, mich desselben zu bedienen. Sogleich zog der junge Mann seinen stattlichen, weiten Reiseüberrock aus, und zwang mich beinah ihn umzunehmen, indem er mit dem größten Eifer versicherte, daß er sich nie verkälte, und die Nacht im Wasser schlafen könne, wenn es seyn müsse – den Ueberrock selbst aber nur angezogen, weil er nicht gewußt, wo er ihn lassen solle. Wir wurden, durch diese freundliche Hilfe von seiner Seite, schnell bekannter, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, und die Zeit verging uns, unter mancherlei Geplauder, weit geschwinder, als ich hoffen durfte – denn die Distanz war sechs deutsche Meilen, der Weg sehr holpricht, die Equipage die schlechteste, der Sitz unbequem, die Gegend einförmig und kahl. Kein Hügel, kein Baum, nur ein Netz von Mauern über das Ganze gezogen. Jedes Feld ist auf diese Art eingefaßt, die Mauer nur von Feldsteinen, ohne Kalk, aufgesetzt, aber doch so, daß sie sich, ohne gewaltsames Einstoßen, gut halten können. Viele Ruinen alter Schlösser, wurden zwar auch in dieser Gegend sichtbar, konnten aber in so flacher, öder Flur, ohne auch nur einen unterbrechenden Strauch, keinen romantischen Effekt hervorbringen. Ueberall aber fanden wir das zerlumpte, Kartoffeln essende Volk gleich lustig und vergnügt. Es bettelt [265] zwar beständig, aber unter Lachen, mit Laune, Witz und drolligen Worten, ohne Zudringlichkeit, wie ohne rancune, wenn es nichts erhält. Auffallend ist gewiß, bei dieser großen Armuth, die eben so große Ehrlichkeit dieser Menschen – vielleicht entsteht eben eine aus der andern – denn der Luxus macht erst begehrlich, und der Arme entbehrt das Nothwendige oft leichter, als der Reiche das Ueberflüssige.

Wir sahen eine Menge Arbeiter, an der Chaussee auf den Steinhaufen sitzend, wo sie die Steine zerschlugen und à mesure daß diese Arbeit fortschritt, erhöhte sich ihr Sitz. Mein Reisegefährte sagte: das sind Eroberer – sie zertrümmern nur, und steigen, doch durch Zerstörung. Indem stieß unser Kutscher in sein Horn, ein Zeichen der Briefpost, dem, wie bei uns, ausgewichen werden muß; der Ton kam aber so schwierig heraus, und klang so jämmerlich, daß alles darüber lachte. Ein hübscher, wie Glück und Freude aussehender, obgleich fast nackter zwölfjähriger Knabe, der auf einem der Steinhaufen, auch hämmernd, saß, jauchzte vor Muthwillen auf, und rief dem sich vergebens ärgernden Kutscher nach: »Oho Freund! Eure Trompete muß den Schnupfen bekommen haben, sie ist ja so heiser, wie meine alte Großmutter. Curirt sie schnell mit einem Glase Potheen, oder sie stirbt Euch an der Auszehrung, noch ehe Ihr Gallway erreicht.« Ein schallendes Gelächter aller Arbeiter folgte als Chorus. »Sehen Sie, das ist unser Volk«, rief mein Begleiter: »Hungern und Lachen – das ist ihr Loos. Glauben Sie, daß bei der [266] Menge der Arbeiter und der Seltenheit der Arbeit, keiner von diesen so viel verdient, um sich satt zu essen? Demohngeachtet wird jeder noch etwas erübrigen, um es seinem Priester zu geben, und wenn sie in seine Hütte kommen, wird er die letzte Kartoffel mit ihnen theilen, und einen Scherz dazu machen.«

Jetzt näherten wir uns Gallway's Hügeln, über denen die Sonne prachtvoll unterging. Nie kann ich dieses Schauspiel unbewegt ansehen – immer entzückt es mich, und läßt ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit, mit der Gewißheit in mir zurück, daßdiese Sprache, die Gott selbst zu uns redet, nicht lügen kann – wenn Menschenoffenbarung auch nur Stückwerk wäre, von Jedem anders verstanden, und nur zu oft von List und Eigennutz gemißbraucht.

Wir stiegen in demselben Gasthofe ab, den ich beim Pferderennen kennen gelernt, und um meinem jungen Freunde auch eine Artigkeit zu erweisen, lud ich ihn ein, mit mir zu Abend zu essen. Spät erst schieden wir, wahrscheinlich auf immer, aber grade solche Bekanntschaften liebe ich – sie lassen nicht Zeit zur Verstellung; unbekannt mit den Verhältnissen, sieht jeder, und schätzt am andern: nur den Menschen. Was jeder vom andern an guter Meinung erlangt, hat er sich dann wenigstens selbst zu verdanken.


[267] Den 20sten früh.


Ich hatte gehofft, mein Wagen würde während der Nacht anlangen, er ist aber bis jetzt noch nicht hier, und ich benutzte daher die Muße, um die alterthümliche Stadt noch genauer zu besehen, als es mir das erste mal möglich war. Sehr nützlich ist mir dabei die Anleitung einer alten Chronik gewesen, deren Fragmente ich zufällig in einem Gewürzladen entdeckte, wo ich mich nach den cross bones (die gekreuzten Knochen) erkundigte. Es steht nämlich in einem abgelegenen Winkel hier ein uraltes Haus, über dessen Thüre man, in recht guter Arbeit, einen Totenkopf über zwei gekreuzten Knochen, in schwarzem Marmor ausgehauen, sieht. Dieses Haus nennt man »the cross bones«, und Folgendes erzählt von ihm die tragische Geschichte.

Im 15. Jahrhundert ward James Lynch, ein Mann von alter Familie und großem Reichthum, für seine Lebenszeit zum Maire von Gallway erwählt, damals eine Würde, die fast der eines Souverains an Einfluß und Macht gleich kam. Er war besonders angesehen und verehrt wegen seiner unerschütterlichen Gerechtigkeitsliebe, aber auch wegen seiner Herablassung und milden Sitten. Doch beliebter noch, ja das Idol der Bürger, wie ihrer schönen Frauen, war sein Sohn, der Chronik nach, einer der ausgezeichnetsten jungen Männer seiner Zeit. Mit vollendeter Schönheit, und dem edelsten [268] Anstand des Körpers, verband er jene stets heitere Laune, jene immer überlegene Familiarität, die unterjocht, indem sie zu schmeicheln scheint – und die verbindliche Grazie der Manieren, welche, ohne Anstrengung, blos durch die Lieblichkeit ihrer eignen Erscheinung, alle Herzen erobert. Auf der andern Seite gewann ihm seine oft erprobte Vaterlandsliebe, seine edle Freigebigkeit, seine romantische Tapferkeit, und eine für jene Jahrhunderte seltene Bildung, wie die höchste Meisterschaft in allen Waffenübungen, die Dauer einer Hochachtung, welche sein erstes Erscheinen, unwillkührlich gebot. Soviel Licht war indessen nicht ohne Schatten. – Tiefe, glühende Leidenschaften, Hochmut, Eifersucht auf jedes rivalisirende Verdienst, und ein wilder Hang zum schönen Geschlecht, den keine Schranke aufhielt, machten alle seine Vorzüge zu eben so viel Gefahren für ihn selbst und Andere. Oft hatte sein strenger Vater, obgleich stolz auf einen solchen Sohn und Erben, Ursache zu bitterem Tadel, und noch ängstlicherer Besorgniß für die Zukunft, doch unwiderstehlich, selbst für ihn, schien die Liebenswürdigkeit des eben so schnell bereuenden, als fehlenden Jünglings, der dem Vater wenigstens, stets gleiche Liebe und Unterwürfigkeit zeigte. Nach dem ersten Zorn erschienen ihm daher, wie jedem Andern, die gerügten Mängel nur als leichte Flecken in der Sonne. Noch mehr beruhigte ihn aber bald darauf die eben so heftige als zärtliche Neigung, welche sein Sohn für Anna Blake, die Tochter seines besten Freundes, [269] und ein in jeder Hinsicht liebenswerthes Mädchen faßte – von dieser Verbindung die Erfüllung aller seiner sehnlichsten Wünsche mit Zuversicht erwartend. Doch die dunkeln Schicksalsmächte hatten es anders beschlossen!

Während der junge Lynch mehr Schwierigkeiten fand, das Herz seiner neuen Geliebten zu rühren, als er bisher anzutreffen gewohnt gewesen war, sah sich sein Vater zu einer nicht länger aufzuschiebenden Handelsreise nach Cadix genöthigt, denn der Adel Gallway's hatte, gleich dem anderer bedeutender Seestädte des Mittelalters, von jeher, den Handel im Großen, als kein eines Edelmann's unwürdiges Geschäft betrachtet. Gallway war aber damals so mächtig und weit bekannt, daß die Chronik erzählt, ein arabischer Kaufmann, der aus dem Orient lange nach diesen Küsten gehandelt, habe einst um Auskunft gebeten, in welchem Theile von Gallway Irland läge?

Nachdem James Lynch, für die Zeit seiner Abwesenheit, das Ruder des Staats in sichere Hände gelegt, und alles zur weiten Reise bereitet, segnete er mit überwallendem Vaterherzen seinen Sohn, wünschte seinem jetzigen Streben das beste Gedeihen – und segelte wohlgemuth seiner Bestimmung zu. Ueberall krönte der beste Erfolg jede seiner Unternehmungen. Einen großen Theil trugen hierzu die freundschaftlichen Dienste eines spanischen Kaufmann's, mit Namen Gomez bei, welcher dadurch in dem edlen Herzen des Maire's von Gallway die lebhafteste Dankbarkeit [270] erweckte. Auch Gomez hatte einen Sohn, der, gleich Edward Lynch, der Abgott seiner Familie und der Liebling der Stadt war, jedoch im Charakter, wie im Aeußern, von Jenem gänzlich verschieden. Schön waren Beyde, doch Edward mehr dem Apollo, Gonzalvo mehr dem Johannes zu vergleichen. Der Eine erschien wie ein Felsen mit Blumen bekränzt, der andere wie ein duftender Rosenhügel, vom Sturme bedroht. Heidnische Tugenden schmückten Jenen, christliche Demuth diesen. Die üppige Gestalt verrieth mehr Weichheit als Thatkraft, die schmachtenden dunkelblauen Augen mehr Sehnsucht und Liebe, als Kühnheit und Stolz; sanfte Melancholie überschattete sein Gesicht, und ein Zug wollüstigen Leidens zuckte um den schwellenden Mund, den nur selten ein halb verschämtes Lächeln umspielte, wie eine laue Welle über Korallen und Perlen gleitet. Diesen Formen entsprechend war auch sein Inneres, liebend und duldend, von ernster und schwermüthiger Heiterkeit; stets mehr nach innen als außen gewandt, zog er Einsamkeit dem Geräusch und Gewühl der Menschen vor, schloß sich aber mit der tiefsten Innigkeit denjenigen an, welche ihm Wohlwollen und Freundschaft bewiesen. So war er im Innersten seines Gemüths von einem Feuer erwärmt, das, gleich dem eines Vulkans, der für verheerenden Ausbruch zu tief liegt, nur der darüber gebreiteten Erde größere Fruchtbarkeit verleiht, und sie schöner als jeden andern Ort in zartes Grün und brennende Blumenfarben [271] kleidet. – Verführerisch, und leicht zu verführen – war es ein Wunder, daß solch ein Jüngling selbst Edward Lynch unwillkührlich die Palme aus der Hand wand? Nichts von dem jedoch ahnete Edward's Vater. Voll Dankbarkeit für seinen Freund, voll Wohlgefallens an dessen hoffnungsvollem Sohn, beschloß er für Letzteren dem alten Gomez seine Tochter anzubieten. Der Antrag war zu schmeichelhaft, um ihn von der Hand gewiesen zu sehen. Bald kamen die Väter überein, und es ward bestimmt, daß Gonzalvo sogleich seinen Gönner nach Irlands Küsten begleiten, und, wenn die Neigung der jungen Leute dem gefaßten Plan entspräche, die Verbindung beider mit der Edwards zu gleicher Zeit statt finden, dann aber das vereinte Paar nach Spanien zurückkehren sollte. Der 19jährige Gomez selbst folgte dem ehrwürdigen Freunde seines Vaters mit Freuden. Sein frisches, romantisches Gemüth genoß im Voraus, still entzückt, die mannichfaltigen Szenen fremder Länder, die er zu sehen, die Wunder des Meers, die er zu betrachten, das neue Leben ihm unbekannter Völker, dem er sich anzuschließen im Begriff stand, und sein warmes Herz umfing schon mit Liebe das Mädchen, von deren Reizen der Vater, vielleicht keine ganz unpartheiische Beschreibung gemacht.

Jeder Augenblick der langen Seefahrt, die damals mit größeren Gefahren verbunden war, und mehr Zeit erforderte, als es jetzt der Fall ist, vermehrte die Vertraulichkeit und gegenseitige Zuneigung der [272] Reisenden, und als sie endlich Gallways Hafen erblickten, glaubte der alte Lynch nicht nur, daß ihm Gott auf dieser Reise einen zweiten Sohn geschenkt, sondern rechnete auch mit Zuversicht darauf, daß die nie sich verläugnende Sanftmuth und Milde des liebenswürdigen Jünglings, den heilsamsten Einfluß auf die wilderen und dunkleren Eigenschaften seines Eduards ausüben würden.

Diese Hoffnung schien auch durchgängig in Erfüllung zu gehen.

Edward, der in Gomez Alles fand, was ihm fehlte, fühlte dadurch seine eigne Natur wie vervollständigt, und da er ihn überdieß, nach den Eröffnungen des Vaters, schon als seinen Bruder ansah, gewann ihre Freundschaft bald das Ansehn der innigsten und unzertrennlichsten Neigung.

Doch schon nach wenig Monden trübten in Edwards Seele unangenehme Empfindungen diese frühere Harmonie, Gonzalvo war unterdeß der Gemahl seiner Schwester geworden, hatte aber seine Rückreise auf unbestimmte Zeit verschoben. Alles trug ihn auf den Händen, jeder beeiferte sich, ihm zuvorkommende Liebe zu zeigen. Edward schien sich nicht so glücklich – zum erstenmal vernachlässigt, konnte er sich nicht verbergen, in seiner allgemeinen Popularität einen gefährlichen Nebenbuhler gefunden zu haben – was ihn aber weit mehr erschütterte, sein Herz eben so sehr verwundete, als es seiner Eitelkeit, vielleicht dem mächtigsten seiner Gefühle –, unerträgliche, [273] und rastlose Qualen bereitete, war die Bemerkung, die jeden Tag einen neuen Zuwachs erhielt: daß Anna, die er als die Seine ansah, obgleich sie dies zu erklären noch immer zögerte – daß seine Anna, seit der Ankunft des schönen Fremden, immer kälter gegen ihn geworden, – ja schien es ihm nicht, als habe er selbst schon in unbewachten Augenblicken ihr seelenvolles Auge gedankenschwer auf Gomez holden Zügen ruhen, und ihre vorher blassen Wangen dann in sanfter Röthe erblühen sehen, – traf abersein Blick den ihrigen in solchen Momenten, dann war das Rosenrot sogleich zur Fieberglut geworden. Ja gewiß, ihr ganzes Benehmen war verändert! Unregelmäßig, launig, ohne Ruhe, bald von tiefer Schwermut ergriffen, bald sich mit Wildheit ausgelassener Lustigkeit hingebend, schien sie von dem besonnenen, klaren, stets gleich freundlichen Mädchen, das sie früher war, nur noch die äußern Züge beibehalten zu haben. Alles verrieth dem scharfsehenden Auge der Eifersucht, daß eine tiefe Leidenschaft sie ergriffen, und für wen konnte sie glühen – als für Gomez? Für ihn, der allein, er mochte kommen oder gehen, den Saiten ihrer Seele die veränderte Stimmung gab.

Ein alter Weiser sagt: Liebe ist zum größten Theil dem Hasse näher verwandt, als der Zuneigung – und in Edwards Busen zeigte sich jetzt die Wahrheit dieses Ausspruchs. Sein einziger Genuß war fortan, der Geliebten, die er allein für schuldig hielt, wehe zu thun. Wo die Gelegenheit sich darbot, [274] suchte er sie zu demüthigen, sie in Verlegenheit zu setzen, mit wegwerfendem Stolze zu kränken, oder mit tiefbeleidigenden Vorwürfen zu überhäufen, bis – der geheimen Schuld sich bewußt – Scham und Empörung die Aermste überwältigten, und sie in Thränenströme ausbrach, deren Anblick allein ihm eine Labung gab, wie sie den Verdammten während ihrer Qualen zu Theil werden mag. Doch keine wohlthuende Versöhnung folgte auf diese Scenen, und löste, wie bei Liebenden, die Dissonanz in selige Harmonie auf – jede derselben steigerte nur immer mehr seine Wuth, bis zum Rande der Verzweiflung. Als er aber nun auch in dem, der Verstellung so wenig fähigen Gomez, dasselbe Feuer auflodern sah, das in Anna's Augen brannte, als er seine Schwester schon vernachläßigt, sich selbst aber, wie er meinte, von einer im Busen genährten Schlange verrathen fand – da erreichte sein Zustand jenen Grad menschlicher Gebrechlichkeit, von dem nur der Allwissende entscheidet, ob er schon Wahnsinn, oder noch der Zurechnung fähig sey.

An demselben Abend, wo der Argwohn Edward ruhelos von seinem Lager in die Nacht hinaustrieb, scheint es, daß die Liebenden, vielleicht zum erstenmal, eine heimliche Zusammenkunft gehabt. – Der spätern Aussage Edwards nach, erblickte er, selbst hinter einen Pfeiler verborgen, mit schüchternen Schritten Gomez, in seinen Mantel gehüllt, aus dem Blake'schen Hause schleichen – aus einer wohlbekannten Seitenpforte, die zu Anna's Zimmern [275] führte. – Bei dieser schrecklichen Gewißheit nahm die Hölle Besitz von seiner Seele. Seine Augen starrten aus ihren Höhlen, Furien wühlten in seinem Busen, das Blut tobte zersprengend gegen seine Pulse, und wie ein Verschmachteter lechzt nach einem Trunke kühlenden Wassers, so lechzte sein ganzes Wesen nach dem Blute der Rache. Einem reißenden Tiger gleich, stürzte er auf den unglücklichen Jüngling zu, der, ihn erkennend, vergebens entfloh. In wenig Augenblicken war er erreicht, und hundertmal seinen Dolch, mit der Schnelle des Blitzes, in dem zuckenden Körper begrabend, zerfleischte der Rasende mit satanischer Wut die Reize, welche ihm die Geliebte, und die Ruhe des Lebens geraubt. Nur als der Mond jetzt hell hinter einer schwarzen Wolke hervortrat, und jählings das gräßliche Schauspiel erleuchtete, die entstellte Masse vor ihm, kaum noch einen Zug des gemordeten Freundes mehr an sich trug, und ein Strom schon gerinnenden Blutes ihn, den Todten, und die Erde um sie her bedeckte – da erwachte er mit furchtbarem Entsetzen, wie aus einem höllischen Traume. Doch die That war geschehen, und das Gericht begann.

Dem Instinkt der Selbsterhaltung folgend, rannte er, gleich Cain, fliehend in den nahen Wald – wie lange er dort umhergeirrt, war nachher seiner Erinnerung entschwunden, Angst, Verzweiflung, Liebe, Reue, und Wahnsinn zuletzt, mochten, als soviel schauderhafte Begleiter, ihn verfolgt, und endlich der Besinnung beraubt haben, in lindernder Vergessenheit [276] die Schrecken des Vergangenen eine Zeit lang verscheuchend – denn unerträgliche Leiden der Seele, wie des Körpers, heilt die liebende Natur, durch Ohnmacht oder Tod.

Unterdessen war in der Stadt der Mord bereits entdeckt, und das grausenerregende Ende des sanften Jünglings, der, ein Fremder, sich ihrer Gastfreundschaft vertraut, von allen Klassen mit Schmerz und Empörung vernommen worden. Man hatte einen Dolch neben dem herabgefallenen Samtbarret des Spaniers, in Blut getaucht, gefunden, und nicht weit davon einen Hut, mit einer Agraffe aus Edelsteinen und mit bunten Federn geschmückt, auch die frische Spur eines Menschen ausgemittelt, der in der Richtung des Waldes seine Rettung gesucht zu haben schien. Der Hut wurde sogleich für den des jungen Lynch erkannt, und da er selbst nirgends aufzufinden war, fing man auch für sein Leben zu fürchten an,ihn mit dem Freunde zugleich ermordet glaubend. Der bestürzte Vater bestieg sein Pferd, und von dem Rache rufenden Volke begleitet, schwur er: daß nichts den Mörder retten solle, müßte er ihn auch selbst am Galgen aufknüpfen. – Man denke sich, erst das Freudejauchzen, dann den Schauder der Menge, und die Gefühle des Vaters, als man bei Tages Anbruch Edward Lynch, unter einem Baume gesunken, lebend, und obgleich voll Blut, doch, wie es schien, ohne gefährliche Verletzung, auffand – gleich darauf [277] aber ihn selbst, seines Vaters Knie umfassend, sich als den Mörder Gonzalvo's anklagen, und seine Bestrafung dringend verlangen hörte.

Gefesselt ward er zurückgebracht, und in voller Sitzung des Magistrats, von seinem eignen Vater, zum Tode verurtheilt. Aber das Volk wollte seinen Liebling nicht verlieren. Wie die Wogen des vom Sturm erregten Meeres erfüllte es Markt und Straßen, die Schuld des Sohnes über der grausamen Gerechtigkeit des Vaters vergessend, mit drohendem Toben verlangte es die Oeffnung des Gefängnisses, und die Begnadigung des Verbrechers. Nur mit Mühe konnten in der darauffolgenden Nacht, durch verdoppelte Wachen, die immer erhitzter werdenden Empörer vom gewaltsamen Einbruch zurück gehalten werden. Gegen Morgen aber meldete man dem Maire, daß bald aller Widerstand vergeblich seyn würde, da auch ein Theil der Soldaten sich auf des Volkes Seite geschlagen, nur die fremden Söldner noch aushielten, und Alles mit wüthendem Geschrei des jungen Mannes Auslieferung augenblicklich verlange. Da faßte der unerschütterliche Mann einen Entschluß, den Viele unmenschlich nennen werden, dessen furchtbare Selbstüberwindung aber gewiß zu den seltensten Beispielen stoischer Festigkeit gehört. Von einem Priester begleitet, begab er sich durch einen geheimen Gang in das Gefängniß seines Sohnes, und als dieser, mit neu erwachter Lebenslust, ihm zu Füßen sank, und durch die Theilnahme [278] seiner Mitbürger wieder erhoben, zagend frug, ob er ihm Gnade und Verzeihung bringe? erwiderte mit fester Stimme der alte Mann: Nein, mein Sohn, auf dieser Welt gibt es keine Gnade mehr für Dich – Dein Leben ist unwiederbringlich dem Gesetz verfallen, und mit Aufgang der Sonne mußt Du sterben! Ich habe zwei und zwanzig Jahre für Deine irdische Glückseligkeit gebetet, doch das ist vorüber – richte Deine Gedanken nur noch auf die Ewigkeit, und ist dort noch Hoffnung, so laß uns jetzt gemeinschaftlich die Allmacht anflehen, um Gnade für Dich jenseits – dann aber hoffe ich, wird mein Sohn, obgleich er nicht seines Vaters würdig leben konnte, wenigstens seiner würdig zu sterben wissen. Bei diesen Worten erwachte noch einmal des einst kühnen Jünglings edler Stolz, und mit heldenmäßiger Resignation ergab er sich, nach kurzem Gebet, in des Vaters erbarmungslosen Willen.

Als das Volk, und der größte Theil der Krieger in seine Reihen gemischt, unter immer wilder werdenden Drohungen sich eben anschickte, das Haus zu stürmen, erschien in dem hohen Bogenfenster des Gefängnisses James Lynch, seinen Sohn mit um den Hals geschlungenen Strick an seiner Seite, vor der erstaunten Menge. »Ich habe geschworen«, rief er, »daß Gonzalvo's Mörder sterben müsse, und sollte ich selbst das Amt des Henkers an ihm verrichten. Die Vorsicht nimmt mich beim Wort, und Ihr, bethörtes Volk! lernt von dem unglücklichsten [279] der Väter, daß nichts den Gang des Gesetzes aufhalten darf, und selbst die Bande der Natur vor ihm sich lösen müssen.« Während dieser Worte hatte er die Schlinge an einen aus der Mauer ragenden, eisernen Bolzen befestigt, und jetzt, schnell seinen Sohn hinausstoßend, vollendete er die grause That. – Nicht eher verließ er seinen Platz, bis das letzte konvulsivische Zucken des bejammernswerthen Opfers die Gewißheit seines Todes gab. –

Wie vom Donner gerührt hatte das vorher tobende Volk in leichenähnlicher Stille dem entsetzlichen Schauspiele zugesehen, und betäubt schlich dann ein jeder schweigend seiner Wohnung zu. Der Maire von Gallway aber entsagte von demselben Augenblick an allen seinen Aemtern und Geschäften, und niemand, außer den Mitgliedern seiner Familie, hat ihn je wieder gesehen, noch verließ er sein Haus, bis man ihn zu Grabe trug. Anna Blake starb im Kloster, beide Familien verschwanden endlich, im Lauf der Zeiten, von der Erde, aber immer noch zeigen die Knochen und der Totenschädel die Stelle an, wo einst so Gräßliches geschah.


[280] Limmerick, den 21sten.


Um 10 Uhr langte endlich mein Wagen an, und ich verließ sogleich Galway. Solange die Gegend eintönig blieb, brachte ich meine Zeit mit Lesen hin. Bei Gort wird aber das Land wieder interessanter und ein Fluß strömt unweit davon, der sich, wie bei Cong, mehrmals in die Erde verliert. Einer der tiefsten Kessel, die er bildet, wird von den Einwohnern »the punch bowl« genannt. Um solche Bowlen zu füllen, bedürfte man noch größerer Fässer als das Heidelberger. Man beginnt nun sich den Bergen von Clare zu nähern, und die Natur bekleidet sich immer mehr mit ihren malerischen Gewändern. Ein schöner Park, dem Lord Gort gehörig, überraschte mich durch eine prachtvolle Scene. Er schließt sich nämlich an einen weiten See mit dreizehn schön bewaldeten Inseln an, die, mit dem Gebürge im Hintergrunde, und der nirgends ganz zu übersehenden Wassermasse davor, eine grandiose Wirkung hervorbringen. Eins der elenden Postpferde schien mein Wohlgefallen an diesem Orte so sehr zu theilen, daß es nicht mehr davon wegzubringen war. Nach vielen vergeblichen Versuchen, es aus der gefaßten Position zu treiben, wobei der Postillon immer versicherte, es sei nur dieser Fleck, den es so liebe, hätten wir es einmal darüber hinweg, so ginge es wie der leibhaftige Teufel – mußten wir es endlich ausspannen, da es auch zu schlagen und das morsche Geschirr zu zerreißen begann. Gegen [281] das irländische Postwesen sind die weiland sächsischen Posteinrichtungen noch vortrefflich zu nennen. Blutende Skelette, überall gedrückt, und aufgezogen, verhungert und über das Greisenalter hinaus, werden an vermodertem Geschirr vor Deinen Wagen gespannt, und wenn Du den mit wenigen Lumpen bekleideten Postillon frägst, ob er glaube, daß solche Thiere nur eine Meile, geschweige denn eine Station von zwölf oder fünfzehn, mit dem schweren Wagen und Gepäck fortkommen könnten, so erwidert er sehr ernsthaft: »Eine bessere Equipage gäbe es in ganz England nicht, und er werde Dich in weniger als nichts an den Ort Deiner Bestimmung bringen. Kaum hast Du aber zwanzig Schritte zurückgelegt, so ist schon etwas zerrissen, ein Pferd wird stätig, und das andere fällt wohl gar ermattet hin; aber das dekontenanciert ihn nicht im Geringsten, er hat immer eine vortreffliche Ausflucht bei der Hand, und am letzten Ende, wenn nichts mehr hilft, erklärt er sich für behext.«

So ging es auch heute, wo wir im Park von Gort wahrscheinlich hätten übernachten müssen, wenn uns nicht sehr gastfreundlich vom Schlosse aus Hülfe und Vorspann geschickt worden wäre. Demohngeachtet hatte der Aufenthalt so lange gedauert, daß ich erst um zehn Uhr abends in Limmerick anlangte. James Lynch hat meinen Brief so dick gemacht, daß ich ihn absenden muß, ehe seine Korpulenz impayable wird. Vor vierzehn Tagen wirst Du schwerlich wieder [282] Nachricht von mir bekommen, da ich gesonnen bin, mich in die wildesten Gegenden zu vertiefen, die des Fremden Fuß kaum noch betreten hat. Bete also für eine glückliche Reise, und vor Allem – liebe mich immer mit gleicher Zärtlichkeit.


Dein treuer L...

Fußnoten

1 Höchstens nimmt der Bekehrte den Namen an, statt der That.

2 Beim Himmel, Sie sind ein rechter Spitzbube und nie will ich mit Ihnen mehr allein seyn.

3 Die Uebersetzung würde ohngefähr so lauten:

... Und bitte, was hatte der Teufel an?

Oh! er war sonntäglich angethan,

An Rock und Hosen des Feuers Spur

Und hinten ein Loch, wo der Schwanz durchfuhr.

Und über das Thal und der Berge Kranz,

Verfolgt man so seine Fährte,

Und vorwärts und rückwärts balanzirt' er den Schwanz

Wie ein Gentleman spielt mit der Gerte.

Ob diese Toilette die richtige ist, wird Frau von Seraginta beurtheilen können.

4 Wenn einer der Rothschilde so aussähe, würde er gewiß König von Jerusalem, und Salomo's Thron stünde nicht mehr leer.

33. Brief
[283] Drei und dreißigster Brief.

Limmerick, den 22sten Septbr. 1828.


Liebe Entfernte!


Limmerick ist die dritte Stadt in Irland, und von einer Art, wie ich Städte liebe – alt und ehrwürdig, mit gothischen Kirchen, bemosten Schloßruinen geziert; mit dunkeln, engen Straßen, und kuriosen Häusern aus verschiedenen Zeitaltern; einem weiten Fluß, der sie der ganzen Länge nach durchströmt, und über den mehrere alterthümliche Brücken führen; endlich wohl belebten Marktplätzen, und einer freundlichen Umgebung. Eine solche Stadt hat für mich etwas Aehnliches mit einem natürlichen Walde, dessen dunkle Schatten auch, bald hohe, bald niedrige, vielfach gestaltete Baumgassen darbieten, und oft ein Laubdach, gleich einer gothischen Kirche, bilden. Dagegen gleichen moderne regelmäßige Städte mehr einem verschnittenen französischen Garten. Jedenfalls sagen sie meinem romantischen Geschmacke weniger zu.

[284] Ich war nicht wohl, und kehrte daher, nach einem kleinen Spaziergang in den Straßen, bald wieder nach meinem Gasthof zurück. Hier fand ich einen katholischen Kirchendiener auf mich warten, der mir ankündigte: man habe so eben mit den Glocken für mich geläutet, sobald man nur meine Ankunft erfahren. Er erbat sich dafür zehn Schilling. Je l'envoyai promener, bald darauf ließ sich ein Protestant bei mir melden. Ich frug was er wolle. Blos Your royal Highness (denn mit Titeln ist man hier freigebig, sobald jemand mit Extrapost und vier Pferden ankömmt) warnen, vor den Impositionen der Katholiken, die auf eine schamlose Weise Fremde behelligen, und ich bitte Euer Hoheit, ihnen ja nichts zu geben; – zugleich nehme ich mir jedoch die Freiheit, um eine kleine Beisteuer für das protestantische Armenhaus zu ersuchen. »Go to the d..... Protestants and Catholics«, rief ich entrüstet, und warf meine Thüre zu. Es war aber schon eine andere, förmliche Deputation der Katholiken davor, aus dem französischen Consul (einem Irländer), ferner einem Verwandten und Namensvetter O'Connells und noch einigen andern bestehend, die mich haranguierten und mir sogar den Liberator-Orden ertheilen wollten. Ich hatte alle Mühe, diesem und einer Einladung zum Mittagessen in ihrem Club zu entgehen, mußte aber nachgeben, mich wenigstens von zweien aus ihrer Mitte durch die Stadt begleiten zu lassen, um mir die Merkwürdigkeiten derselben zu zeigen.

[285] Ich ließ mich also gutwillig zuerst nach der Cathedrale bringen, ein sehr altes Gebäude, mehr im Stil einer Festung als einer Kirche, eben so solide als roh aufgeführt, aber imposant durch seine Massen. Im Innern bewunderte ich fünfhundert Jahre alte, wunderschön gearbeitete Sitze, von bogwood (Sumpfholz) geschnitzt, das durch das Alter schwarz wie Ebenholz geworden war. Die reichen Verzierungen bestanden aus köstlichen Arabesken und höchst charakteristischen Masken, die bei jedem Sitze verschieden waren. Das Grab der Thomond's, Könige von Ulster und Limmerick, obgleich verstümmelt und durch moderne Zusätze geschändet, ist dennoch ein interessantes Monument geblieben. Abkömmlinge des Geschlechts existiren noch jetzt, deren Chef den Titel eines Marquis von Thomond führt, ein Name, den Du in meinen Briefen aus London zuweilen erwähnt gefunden haben wirst, denn der Besitzer desselben gab dort gute Dinés. Man findet überhaupt in Irland sehr alte Häuser, die stolz darauf sind, ihre Familie nie durch eine Mésaillance entweiht zu haben, was, des Geldes wegen, der englische und französische Adel so häufig that, weshalb auch reines stiftsfähiges Blut, wie es in Deutschland hieß, dort gar nicht zu finden ist. Die französischen Großen nannten solche Heirathen scherzweise, aber nicht sehr schmeichelhaft für die Braut: »mettre du fumier sur ses terres,« und gar mancher englische Lord dankt gleichfalls solchem »Fumier« den jetzigen Glanz seiner Familie.

[286] Als wir die Kirche verließen, um den Felsen am Shannon zu besehen, auf dem der Traktat von Limmerick mit den Engländern, nach der Schlacht von Boyne, unterzeichnet, aber von diesen nicht zum Besten gehalten wurde – hatte sich ein ungeheures Gefolge von Volk um uns versammelt, das wie eine Lawine noch immer mehr anwuchs, uns aber mit eben so viel Bescheidenheit als Enthusiasmus folgte. Plötzlich rief man: »Es lebe Napoleon und Marschall ......!«

Mein Gott, frug ich, für wen hält man mich denn eigentlich hier? als ganz anspruchsloser Fremder begreife ich gar nicht, weshalb man mir so viel Ehre anzuthun scheint. War Ihr Herr Vater, erwiederte O'Connell, nicht der Fürst von ...? Nichts weniger, versicherte ich, mein Vater war zwar ein etwas älterer Edelmann, aber lange nicht so berühmt. Dann müssen Sie verzeihen, fuhr Herr O'Connell ungläubig fort, aufrichtig gesagt, hält man Sie für einen natürlichen Sohn Napoleons, da dessen Vorliebe für Ihre Frau Mutter bekannt ist. Sie scherzen, sagte ich lachend, ich bin wenigstens zehn Jahre zu alt, um der Sohn des großen Kaisers und der schönen Fürstin zu seyn. Er schüttelte aber mit dem Kopf, und unter wiederholtem Vivatrufen erreichte ich endlich meine Wohnung, die ich von nun an verschloß, und heute nicht mehr verließ. Das Volk nahm aber geduldig Posto vor meinen Fenstern und zerstreute sich erst mit einbrechender Dunkelheit.

[287] Trallee, den 23sten.


Diesen Morgen empfing mich wieder der Ruf: »Long life to Napoléon and to Your honour!«, und während mein Wagen, mit meinem Kammerdiener darin, den man diesmal für Napoleons Sohn nahm, unter Vivatgeschrei abfuhr, schlich ich mich heimlich mit dem Hausknecht, der meinen Nachtsack trug, zur Hinterthür hinaus, um einen Platz auf der Diligence zu nehmen, die mich nach dem See von Killarney bringen sollte. Meine Leute hatten Befehl, mich in Cashel zu erwarten, wo ich in 14 Tagen sie einzuholen denke.

In meinem jetzigen einfachen Aufzug fiel es keinem Menschen mehr ein, mir mit Ehrenbezeugungen beschwerlich zu fallen, und ich konnte nicht umhin, bei Gelegenheit dieser offenbaren Farce darüber zu philosophiren, daß aller Ehrgeiz doch auch nur zu einer verdeckten führt. Gewiß von allen Träumen dieses Lebens ist dieses der schattenartigste! Liebe befriedigt zuweilen, Wissenschaft beruhigt, Kunst erfreut, aber Ehrgeiz – Ehrgeiz gibt nur den qualvollen Genuß eines Hungers, den nichts stillen kann, oder gleicht der Jagd nach einem Phantom, das immer unerreichbar bleibt.

Nach einer Viertelstunde war ich ganz bequem in meiner Diligence etablirt. Außer den Passagieren auf der Imperiale, bestand die Gesellschaft aus einer dicken jovialen Frau, einer andern, sehr magern, einer[288] dritten, recht hübsch und wohlproportionierten, und einem Magisterartig aussehenden Herrn, mit langem Gesicht und noch längerer Nase. Ich saß im Fond zwischen den zwei schmächtigen Damen, und unterhielt mich mit der korpulenten, die sehr gesprächig war. Sie erzählte unter andern, als ich eben ein Fenster herunter ließ, wie sie neulich auch in diesem Wagen gefahren, und beinahe seekrank darin geworden wäre, denn eine ihr gegenübersitzende kränkliche Dame hätte durchaus nicht zugeben wollen, daß man ein Fenster öffne. Sie habe sich aber nicht abschrecken lassen, und nach einer Viertelstunde Zuredens sei es ihr auch gelungen, die Dame zu vermögen, einen Zoll breit Luft hereinzulassen, eine Viertelstunde später einen andern Zoll, dann wieder einen, und so habe sie endlich das ganze Fenster heruntermanövrirt. Vortrefflich, sagte ich, das ist gerade die Art, wie Weiber alles zu erlangen wissen – ersteinen Zoll, und dann so viel als deren zu haben sind. Ein französischer Geistlicher erzählt hiervon auch eine sehr erbauliche Geschichte. (Der Mann mit der langen Nase verzog hier sein Gesicht wie ein Satyr.) Wie verschieden agiren aber in gleichen Lagen die Männer! fuhr ich fort. Ein englischer Schriftsteller in seinem Handbuch für Reisende, empfiehlt: wenn in der Mail Jemand darauf bestehen sollte, alle Fenster zuzuhalten, solle man sich ja in kein pourparler mit dieser Person einlassen, sondern sofort, wie durch Ungeschicklichkeit ein Fenster einschlagen, dann um[289] Verzeihung bitten, und sich ruhig der hereindringenden Kühle erfreuen.

Die Ruinen von Adair erregten jetzt unsere Aufmerksamkeit, und unterbrachen die Conversation. Später gewährte der Shannon einen imposanten Anblick. Er ist an manchen Stellen, gleich einem amerikanischen Fluß, bis über neun Meilen breit, und seine Ufer herrlich bewachsen. In Lisdowel, einem kleinen Ort, wo wir Mittag machten, versammelten sich, wie gewöhnlich, hundert Bettler um den Wagen; was mir aber neu vorkam, waren kleine Holzschalen an langen Stäben, die sie, wie Klingelbeutel, in den Wagen hereinreichten, um auf diese Art bequemer zu den sollicitirten Pence's zu gelangen. Ein andrer Bettler hatte sich an der Straße ein Schilderhaus von losen Steinen erbaut, in welchem er für immer zu bivouakieren schien.

Ich muß schließen, da die Mail in wenig Stunden wieder abfährt, und ich einiger Ruhe bedürftig bin. Morgen mehr.

Killarney, den 24sten.


An dem heutigen Tage sah ich nach und nach zwölf Regenbogen, ein übles Omen für die Beständigkeit des Wetters, aber für mich nehme ich es als ein gutes an. Es verspricht mir eine bunte Reise.

[290] Die bisherige Gesellschaft war einzeln, da und dort, wie reife Früchte abgefallen, und ich befand mich mit einem irländischen Gentleman, einem Fabrikanten aus dem Norden, allein, als ich in dem freundlichen Killarney ankam, wo der unaufhörliche Besuch englischer Touristen, den Gasthöfen auch beinahe englische Eleganz – und Preise verliehen hat. Wir erkundigten uns sogleich nach Booten und der besten Art den See zu sehen, erhielten aber zur Antwort, daß es bei diesem Sturme unmöglich sei, ihn zu beschiffen; kein Boot könnte heute auf dem See »leben«, wie sich die Schiffer ausdrückten. Ein englischer Dandy indessen, der sich uns während dem Frühstück angeschlossen hatte, ridicülisirte diese Betheuerungen, und da ich, wie Du weißt, auch nicht sehr an Unmöglichkeiten glaube, so überstimmten wir den Fabrikanten, welcher sehr wenig Lust zu der Fahrt bezeigte, und embarkirten uns, malgré vent et marée, bei Roß Castle, einer alten Ruine, nicht weit von Killarney.

Wir hatten ein excellentes Fahrzeug, einen alten, charakteristisch aussehenden, eisgrauen Steuermann, und vier tüchtige Ruderer. Der Himmel aber war wie zerrissen – an wenigen Orten nur blau, an andern grau in grau schattirt, an den meisten aber rabenschwarz, und Wolken aller Formen tummelten sich darin umher, von Zeit zu Zeit durch einen Regenbogen gefärbt, oder durch ein fahles Sonnenlicht erleuchtet. Die hohen Berge dämmerten kaum durch die trüben Schleier, auf dem See aber war alles [291] Nacht. Die schwarzen Wellen wühlten geschäftig unter sich, hie und da nur kräuselte sich blendend weißer Schaum auf ihrem Rücken. Da die Wogen fast so hoch gingen wie im Meere, bekam ich eine leichte Anwandlung von Seekrankheit. Der Fabrikant erblaßte vor der Gefahr, der junge Engländer aber, stolz auf seine Amphibiennatur, lachte uns beide aus. Der Sturm pfiff indessen so laut, daß wir uns kaum verstehen konnten und als ich den alten Steuermann fragte, wohin wir zuerst fahren würden, antwortete er: Nach der Abtei, wenn wir anders hinkommen! Dies klang nicht sehr encourageant, auch tanzte unser Boot (das einzige auf dem See, denn selbst die Fischer hatten sich nicht herausgewagt) so schrecklich auf und nieder, ohne doch mit aller Anstrengung der Ruderer avancieren zu können, daß der Fabrikant an Weib, Kind und Fabrik zu denken anfing, und peremptorisch die Rückfahrt verlangte, da er nicht die Absicht habe, auf einer Erholungsreise sein Leben zu verlieren. Der Dandy wollte sich dagegen vor Lachen ausschütten, versicherte, er sei ein Mitglied des Yacht-Clubs und habe ganz andere Dinge erlebt, wobei er den Ruderern, die ebenfalls lieber zu Haus gewesen wären, Geld über Geld versprach, um auszuhalten. Was mich betraf, so folgte ich der Maxime des Generals Yermoloff: »weder zu rasch noch zu furchtsam«, mischte mich gar nicht in den Streit, sondern erwartete, dicht in meinen Mantel gehüllt, ruhig den Ausgang. Ich genoß übrigens, wie es schien, allein die Schönheit der Scene, da den einen meiner Begleiter die Furcht [292] daran verhinderte, den andern sein Wohlgefallen an sich selbst. Eine Weile kämpften wir noch gegen die Strömung der Wellen, auf denen wir, wie Wasservögel, in Sturm und Dunkelheit dahinflutheten, bis uns, aus einer gegenüberliegenden Bergschlucht, so heftige Windstöße faßten, daß es nun selbst dem Mitgliede des Yacht-Clubs zu bedenklich ward, und er den Bitten des Steuermanns nachgab, mit dem Winde zurückzurudern, und an einer Insel anzulegen, bis der Sturm etwas nachließe, was gewöhnlich gegen Mittag der Fall sey.

Dies traf auch ein, und nachdem wir einige Stunden auf der Insel Inisfallen, einem lieblichen Eilande, mit schönen Baumgruppen und Ruinen, campirt, waren wir im Stande, unsre Fahrt gemächlicher fortzusetzen. Alle Inseln dieses Sees, bis auf die kleinste, nur ein paar Ellen lange, welche die Maus genannt wird, sind dicht mit Arbutus und anderm Immergrün bewachsen, welche hier wild gedeihen, und deren Blüthen und Früchte Winter und Sommer in bunten Farben prangen. Viele dieser kleinen Eilande bieten eben so seltsame Formen dar, als ihre Namen eigenthümlich sind. Meistens sind sie nach O'Donnohue benannt. Hier ist es O'Donnohues white horse (weißes Roß), an dessen Felsenhufen sich die Brandung bricht, dort seinelibrary (Bibliothek), weiterhin sein pigeon house, oder sein flower garden (Taubenschlag und Blumengarten) u.s.w. Doch Du weißt vielleicht nicht, wie der See von Killarney entstand? Also höre!

[293] O'Donnohue war der mächtigste Chieftain eines Clan's, der hier, wo jetzt der See seine Wellen rollt, eine große und reiche Stadt bewohnte. Alles war dort im Ueberfluß – nur Wasser fehlte – und die Sage ging, daß selbst der einzige kleine Brunnen, den die Stadt besaß, nur das Geschenk eines mächtigen Zauberers sey, der ihn einst, auf Bitten einer schönen Jungfrau, hervorgerufen, aber dabei streng gewarnt: daß man nie vergessen möge, ihn jeden Abend mit einem großen silbernen Deckel zu schließen, den er zu diesem Ende zurücklasse. Die seltsame Form und Verzierungen desselben schienen die wunderbare Sage zu bestätigen – auch wurde der uralte Gebrauch nie vernachläßigt.

O'Donnohue aber, ein mächtiger und unerschrockener Krieger (vielleicht auch, wie Talbot, ein Ungläubiger) machte sich über dieses Mährchen, wie er es nannte, nur lustig, und eines Tages, als er beim wilden Gelage vom viel genossenen Weine mehr als gewöhnlich erhitzt war, befahl er, zum Schrecken aller Anwesenden, den silbernen Brunnendeckel in sein Haus zu bringen, wo er, wie er spottend meinte, eine vortreffliche Badewanne für ihn abgeben solle. Vergebens blieben alle Vorstellungen. – O'Donnohue war gewohnt, sich Gehorsam zu verschaffen, und als mit Wehklagen die geängstigten Diener endlich das schwere Gefäß herbeischleppten, rief er lachend: »Seyd unbesorgt, die Kühle der Nacht wird dem Wasser gar gut bekommen, und morgen werdet ihr Alle es[294] frischer finden!« Aber die, welche dem silbernen Deckel zunächst standen, wandten sich mit Grausen davon, denn es deuchte ihnen, als bewegten sich die verworrenen Charaktere darauf, wie ein Knäuel in einander sich verschlingender Würmer, und ein schauerlicher Laut schien klagend daraus hervorzutönen, wie einst aus dem Coloß zu Theben. Voll Sorge legten sich Alle zur Ruhe, nur Einer floh in das nahe Gebürge. Als nun der Morgen anbrach, und dieser Mann wieder hinab in das Thal blickte – da rieb er sich vergebens die Augen, und glaubte noch zu träumen – Stadt und Land waren verschwunden, die reichen Fluren nicht mehr vorhanden, und der kleine Brunnen, aus der Erde Klüften schwellend fort und fort, hatte einen unabsehbaren See geboren. – Geschehen war, was O'Donnohue prophezeiht: Kühler war in einer Nacht für Alle das Wasser geworden, und das letzte Bad hatte ihm die neue Wanne bereitet.

Nur bei ganz hellem klaren Wetter haben, wie die Fischer behaupten, Manche noch jetzt auf des Sees »tiefunterstem Grunde« Paläste und Thürme, wie durch Glas, schimmern gesehen, aber viele schon erblickten, wenn ein Sturm dem Ausbruch nahe war, O'Donnohue's riesige Gestalt, auf weißem schnaubendem Roß auf den Wogen reitend, oder in gespenstiger Gondel mit der Schnelle des Falken über die Wasser gleiten.

Einer unsrer Bootsleute, ein Mann von ohngefähr fünfzig Jahren, mit langem, schwarzen Haar, das der[295] Wind um seine Schläfe trieb, von ernstem und stillem, aber phantastischem Ansehen, wurde mir von den andern verstohlen mit dem Finger gezeigt, indem sie mir zuflüsterten: der ist ihm begegnet. –

Du kannst denken, daß ich mich schnell mit ihm in ein Gespräch einließ, und ihn zutraulich zu machen suchte, da ich weiß, daß diese Leute, wo sie Unglauben und Neckerei voraussetzen, hartnäckig schweigen. Im Anfang war auch er zurückhaltend, bald aber geriet er in Feuer, und nun schwor er bei St. Patrick und der Jungfrau, daß, was er erzähle, die reinste Wahrheit sei. Seiner Aussage nach, begegnete er O'Donnohue bei einbrechender Dämmerung, kurz vor dem Wüthen eines der fürchterlichsten Stürme, den er je erlebt. Er hatte sich beim Fischen verspätet, den ganzen Tag war der Regen schon in Strömen herabgeflossen, es war schneidend kalt, und ohne seine Whiskey bottle hätte er es kaum länger aushalten können. Auch war lange bereits kein lebendiges Wesen mehr auf dem ganzen See zu sehen gewesen. Mit einemmal segelte, wie aus den Wolken gefallen, ein Boot auf ihn zu, die Ruder arbeiteten mit Blitzesschnelle, und doch war kein Ruderer dabei zu erblicken, hinten aber saß unbeweglich ein riesengroßer Mann. Sein Anzug war scharlachrot und gold, und auf dem Kopf trug er einen dreieckigen Hut mit breiter Tresse. So flog das Geisterboot heran. Paddy sah mit starrem Blick darauf hin – als aber jetzt die lange Gestalt ihm fast gegenüber [296] saß, und aus dem rothen Mantel zwei große schwarze Augen wie Kohlen ihn anbrannten – da fiel ihm die Brannteweinflasche aus der Hand, und er kam nicht eher wieder zu sich, als bis die unsanften Caressen seiner Ehehälfte ihn weckten, die, voller Zorn, ihn einen Trunkenbold über den andern schalt, und sich einbilden mochte, der Whiskey habe ihn so zugerichtet – aber Paddy wußte es besser! –

Ist es nicht sonderbar, daß das eben beschriebene Costüme so gut mit unserem deutschen Teufel im vorigen Jahrhundert übereinstimmt, der jetzt wieder so beliebt ist? Vom Freischützen hatte Paddy aber doch gewiß noch nichts gehört. Fast scheint es, als hätte die Hölle auch ihr Mode-Journal. Sehr belustigend war mir des Alten Reue und Angst nach der Erzählung. Er tadelte sich mehrmals laut darüber, bekreuzte sich und wiederholte beständig: »O'Donnohue habe, obgleich schrecklich, doch ganz wie ein ächter Gentleman ausgesehen, denn,« setzte er, sich schüchtern umsehend, hinzu, »ein ›perfekt Gentleman‹ ist er immer gewesen, ist es jetzt, und wird es immer bleiben.« Die jüngeren Bootsleute waren nicht ganz so starkgläubig, und schienen nicht übel Lust zu haben, den Geisterseher ein wenig zu necken, dessen Ernst und Zorn ihnen aber doch sogleich wieder imponirte. Einer dieser Menschen war ein wahres Modell für einen jungen Herkules. Mit aller Lustigkeit eines ganz kerngesunden Körpers, trieb er unaufhörlich Possen, und arbeitete dabei für Drei.

[297] Wir landeten nun bei der Abtei von Muckruß, in dem Park des Herrn Herbert gelegen, aber dennoch reichlich mit Schädeln und Gerippen ausgestattet. Die Ruinen sind von bedeutendem Umfang, und voll interessanter Einzelheiten. So steht z.B. im Klosterhofe einer der größten Taxusbäume, die es vielleicht in der Welt gibt, denn er überragt nicht nur alle Gebäude, sondern beschattet und verdunkelt mit seinen Aesten den ganzen Hof, wie ein darüber gespanntes Zelt. Im zweiten Stockwerk bemerkte ich einen Kamin, an dem zwei Epheustämme, einer auf jeder Seite, die schönste regelmäßige Verzierung bildeten, während ihre Blätter die darüber stehende Feueresse so dicht umlaubten, daß sie einem Baume glich. Unser Führer erzählte uns hier ein merkwürdiges Beispiel von der unumschränkten Gewalt der katholischen Priester über das hiesige gemeine Volk. Zwei Partheien, die Moynihan's, und die O'Donnohue's genannt, waren schon seit einem halben Jahrhundert in permanenter Fehde begriffen. Wo sie sich daher in gehöriger Anzahl begegneten, entstand sogleich ein Shillelahkampf, bei welchem manches Leben verloren ging. Da es nun, seit dem Bestehen der katholischen Association, das Interesse der Priester erheischt, Friede und Eintracht unter ihrer Herde zu Stande zu bringen, so verordneten sie voriges Jahr, bei der letzten Schlägerei dieser Art, als Strafe für alle Theile: daß die Moynihan's zwölf Meilen nordwärts marschieren, und dort ein Bußgebet verrichten; die O'Donnohue's dasselbe südwärts ausführen; [298] sämtliche theilnehmende Zuschauer aber sechs Meilen nach andern Orten wallfahrten sollten; im Wiederbetretungsfalle jedoch würde die doppelte Strafe eintreten. Alles wurde mit religiöser Genauigkeit befolgt, und der Krieg hatte seitdem ein Ende.

Nach einer Stunde erreichten wir am jenseitigen Ufer des See's, an einer dicht bewaldeten Küste, den Wasserfall O'Sullivan's, der, vom Regen angeschwellt, doppelt reich erschien. Die Ueppigkeit der Bäume und rankenden Pflanzen, die ihn malerisch überhängen, so wie die Höhle, in der man gegenüber trockenen Fußes die schäumend stürzenden Wasser betrachtet, vermehren das Originelle der Scene. Hier gibt es herrliche einsame Promenaden, die auf der andern Seite des Bergrückens zu einem, von der ganzen Welt abgeschiedenen, mitten im tiefen Walde liegenden Dorfe führen. Da aber die Sonne noch immer mit den Wolken kämpfte, und wir uns hinlänglich durchnäßt (vom Himmel und vom See, dessen Wellen uns mehr als einmal übergossen hatten) und ermüdet fühlten, so beschlossen wir, für heute die Tour zu beschließen, und über die freundliche Villa der Lady Kenmare zurückzukehren.

Als wir noch ungefähr vier Meilen zu schiffen hatten, erbot sich der hübsche junge Mann, welcher beiläufig gesagt, ohngeachtet seiner athletischen Gestalt, im Gesicht eine merkwürdige Aehnlichkeit mit der berühmten Mamsell Sontag hatte – uns, wenn wir drei Schilling mit ihm wetten wollten, in einer halben[299] Stunde zu Haus zu bringen. Der alte Geisterseher wollte nicht daran, sich einer solchen Anstrengung zu unterziehen, das junge Sonntagskind versicherte aber, für ihn mitrudern zu wollen. Wir nahmen daher die Wette an, und flogen von nun an, wie ein Pfeil, über den See. Nie sah ich eine größere Darlegung von Kraft und Ausdauer, unter fortwährendem Singen, Possen und Scherzen. Demohngeachtet gewannen die Ruderer ihre Wette nur um eine halbe Minute, erhielten aber von uns mehr als das Doppelte des Betrags, was sie, in großer Freude, alle noch dieselbe Nacht zu vertrinken versprachen. Zu guter Letzt hielten sie eine drollige, schon darauf eingerichtete, Conversation mit dem Echo der Mauern von Roß Castle, dessen Antwort immer einen scherzhaften Sinn hatte, z.B.: shall we have to night a good bed? (werden wir diese Nacht ein gutes Bett bekommen? Antwort: bad (schlecht) u.s.w.


Den 25sten.


Unglücklicherweise kamen heute zwei mir bekannte Engländer hier an, die sich sogleich zu uns gesellten, was mich um mein liebes Incognito brachte, denn obgleich ich kein großer Herr bin, finde ich doch eben so viel Vergnügen daran. Als Unbekannter entgeht[300] man immer etwas gêne mehr, und gewinnt etwas mehr Freiheit, man sey auch noch so unbedeutend. Da ich es jedoch diesmal nicht ändern konnte, so richtete ich es wenigstens so ein, daß ich die Hälfte der heutigen Tour mit meinem ehrlichen Fabrikanten zu Lande machte, und die drei Engländer vor der Hand allein auf dem Boote fahren ließ. Es war dasselbe, welches wir gestern gehabt, und dort auf heute gleich wieder gemiethet hatten.

Der Pony, der mir zu Theil wurde, hatte den hochklingenden Namen: Ritter von der Schlucht (Knight of the gap), war aber ein ausgearteter Ritter, den nur Schläge und Sporen in Bewegung setzen konnten. Ehe wir an die große Schlucht kamen, von der er seinen Namen führt, hatten wir von einem Hügel in der Ebene eine sehr schöne Ansicht des Gebürges, in welcher Berge, Wasser und Bäume so glücklich vertheilt erschienen, daß die wohlthuendste Harmonie daraus entstand. Desto wilder und einförmiger ist die lange Schlucht – im Geschmacke von Wales, doch weniger grandios. An einer Stelle derselben hat sich vor mehreren Jahren ein großes Felsstück losgerissen, und ist, in zwei Hälften geborsten, mitten über den Weg gestürzt. Ein Mann kam auf den Einfall, diese Felsenstücke zu einer Einsiedelei auszuhöhlen, blieb jedoch dieser neuen Wohnung nur drei Monate getreu, weshalb sie jetzt von dem energisch sich ausdrückenden Volke, nach ihm »the madmans rock« (der Narren Felsen) genannt wird. Ein [301] paar tausend Schritt weiter fanden wir eine alte Frau, kauernd am Wege liegen, deren Anblick alles übertraf, was man der Art in Mährchen erfunden. Nie sah ich etwas Abscheuerregenderes! Man erzählte mir, sie sey schon 110 Jahre alt, und habe alle ihre Kinder und Enkel überlebt. Obgleich in intellectueller Hinsicht gänzlich zum Thier geworden, hatte sie doch alle ihre Sinne noch leidlich erhalten. Ihre Gestalt sah aber weder Thier noch Menschen mehr, sondern nur einem wieder ausgegrabenen und von Neuem belebten Leichnam ähnlich. Als wir vorbei ritten, stieß sie ein klägliches Gewimmer aus, und schien dann zufrieden, als wir ihr einiges Geld hinwarfen, griff aber nicht darnach, sondern verfiel sogleich wieder in Stumpfsinn und Apathie. Alle Furchen ihres grünen Gesichts waren mit schwarzem Schmutze angefüllt, die Augen schienen zu eitern, die Lippen waren weißlich blau – enfin Fanferluche muß ein Engel dagegen gewesen seyn.

Bei Brandon Castle, einer bewohnbar gemachten Ruine mit einem hohen Thurm und einigen vernachlässigten Parkanlagen, durch deren Wasserpartieen uns die Führer (denn die Pferde wurden hier zurück geschickt) auf dem Rücken hindurch trugen, stießen wir wieder mit dem Boote zusammen. Es kam à point nommé, grade um die verdeckende Landspitze hergesegelt, als wir das Ufer erreichten, und war, ausser den Engländern, noch mit dem besten Bugleman von Killarney bemannt. Diese Künstler blasen eine Art[302] Alpenhorn mit viel Geschicklichkeit, und rufen dadurch an manchen Stellen herrliche Echo's hervor. Im Verfolg unsers Wegs passirten wir einen Brückenbogen, wo, bei angeschwollenem Wasser, zuweilen Boote verunglückt sind. Unser Bugleman erzählte, daß er selbst schon zweimal hier umgeschlagen, und das letztemal beinahe ertrunken sei. Er wollte daher auch heute landen, und die bedenkliche Stelle, den Felsen entlang, klettern; der alte Steuermann gab es aber nicht zu, und meinte, wenn die fremden Herren im Schiff blieben, gezieme es ihm auch, mit zu ersaufen. Es ging aber alles ganz gefahrlos ab.

Schön, und von imposanter Form ist der Felsen,the Eagle's nest (Adlernest) genannt, wo auch fast immer Adler horsten. Nicht weit davon sieht man Coleman's Sprung, zwei weit von einander aus dem Wasser ragende Felsen, auf denen die Spuren von Füßen, 3 – 4 Zoll tief, deutlich eingegraben sind. Solche Sprünge und Fußstapfen wiederholen sich fast in allen Gebürgen.

Unser Schiff war voll Victualien zu einem brillanten Diné (Engländer pflegen so etwas nicht leicht zu vergessen), und als wir eine höchst romantisch gelegene Cottage unter hohen Kastanien erspähten, beschloßen wir hier zu landen, und Mittag zu machen. Wir würden dort auch ein sehr angenehmes Mahl gehalten haben, wenn es nicht der Dandy, durch seine Affectation, Mangel an allem Sinn für die Schönheit der umgebenden Natur, und ungütiger Persiflage [303] des, freilich weniger abgeschliffenen, aber vielleicht doch werthvolleren Irländers, verdorben hätte. Er gab ihm den Spottnamen des Schauspielers Liston (der besonders in dummen Rollen glänzt) und machte den armen Teufel, ohne daß er es merkte, eine so burleske Rolle spielen, daß ich zwar selbst zuweilen wider Willen lachen mußte, aber das Ganze dennoch völlig hors de Saison, und von schlechtem Geschmack fand. Es ist aber möglich, daß der Irländer sich nur dumm stellte, und der pfiffigste war, wenigstens sprach er dem Essen und Trinken, während die andern lachten, mit so unermüdlicher Beharrlichkeit zu, daß wenig für Jene übrig blieb. Ich kann nicht leugnen, daß ich ihn darin gut unterstützte, besonders fand ich, daß der eben gefangene fette Lachs, an Arbutus Stöcken über dem Feuer geröstet, ein ganz vortreffliches Nationalgericht sei.

Bei des Mondes Silberschein fuhren wir langsam zurück, während des Bugleman's Horn Echo nach Echo aus dem Schlafe rief. Es war eine entzückende Nacht, und von Gedanken zu Gedanken, gerieth ich in eine Stimmung, wo ich auch hätte Geister sehen können! Die Menschen neben mir, kamen mir blos wie Puppen vor; nur die Natur, die Milde und Pracht, die mich umgab, erschien mir als wirklich. – Woher, dachte ich, kommt es, daß deinem liebenden Herzen doch die Geselligkeit fehlt, daß die Menschen im allgemeinen dir nur so wenig gelten! Ist deine Seele noch zu klein für die Verhältnisse der geistigen [304] Welt, noch zu nah mit Pflanzen und Thieren verwandt, oder hast du die hiesigen Formen schon in früherem Daseyn ausgewachsen, und fühlst dich unbehaglich in dem zu engen Gewande? Wenn dann auf dem stillen See der melancholische Klang des Bugleman-Hornes wieder in leisen Tönen über den Wellen zitterte, und meinen Phantasieen, wie durch unsichtbare Geisterstimme, die Worte einer fremden Sprache gab – da war mir's oft wie Göthe's Fischer zu Muthe, und als sollte ich jetzt sanft hinabgleiten, um O'Donnohue in seinen Korallengrotten aufzusuchen.

Ehe wir landeten, fand noch eine eigenthümliche Zeremonie statt. Die Bootsleute, der junge »Sontag« an ihrer Spitze, welcher mich wegen eines reichlicher von mir erhaltenen Trinkgeldes immer »seinen Gentleman« nannte, baten um Erlaubniß, an einer kleinen Insel anlegen, und diese nach mir taufen zu dürfen, welches nur bei Mondenschein statt finden könne. Ich mußte mich hierauf auf einen vorragenden Felsen stellen, die sechs Bootsmänner auf ihre Ruder gestützt, bildeten einen Zirkel um mich, und der Alte sagte feierlich eine Beschwörungsformel in einer Art Rhythmus her, was in der wilden Umgebung und Nacht ganz schauerlich klang. Dann brach Sontag einen großen Arbutuszweig ab, und erst mir, dann jedem der im Schiff Sitzenden, einen Büschel reichend, den wir an unsre Hüte befestigten, theilte er die übrigen an seine Cameraden aus, und fragte nun ehrerbietig und ernst, welchen Namen die Insel, [305] mit O'Donnohues Erlaubniß künftig führen solle? Julie, sagte ich mit lauter Stimme, worauf mit donnerndem Hurra dieser Name, obgleich nicht allzucorrekt ausgesprochen, dreimal wiederholt wurde. Nun ergriff ein Dritter, der Poet der Gesellschaft, eine mit Wasser gefüllte Flasche, und hielt eine kurze Anrede in Versen an O'Donnohue, worauf er mit aller Gewalt die Flasche gegen einen aus dem Wasser stehenden Stein warf, daß sie in tausend Atome zerschellte. Zuletzt wurde eine zweite Flasche, aber mit Whiskey gefüllt, auf meine Gesundheit ausgetrunken, und der Insel Julie nochmals ein dreifaches Hurra gebracht. Die Bootsleute hielten diesen fremdklingenden Namen für den meinigen und nannten mich seitdem nicht anders alsMaster Julie, was ich ganz wehmüthig mit anhörte.

Deine Domänen haben sich also um eine Insel auf den romantischen Seen zu Killarney vermehrt – schade nur, daß die nächste Gesellschaft, die an demselben Flecke landet, sie Dir wieder entziehen wird, denn wahrscheinlich tauft man hier, so oft Pathen sich einfinden, da das eigentliche Kind, die Whiskey-Bouteille, immer bei der Hand ist. Einstweilen lege ich indessen diesem Briefe ein Arbutusblatt, vom identischen Zweige, der auf meinem Hute prangte, bei, damit wenigstens etwas von der Insel unbestritten Dein Eigenthum bleibe.


[306] Glengariff, den 26sten.


Beste Julie, Dir heute zu schreiben, ist wirklich ein Effort, der einer Belohnung wert ist, denn ich bin übermäßig ermüdet, und habe, wie mein Vater Napoleon, beständig Kaffee trinken müssen, um wach bleiben zu können 1.

Um neun Uhr früh verließ ich Killarney in einem Carr (Karren) von der schlechtesten Beschaffenheit, und folgte der neuen Chaussee, die längs des mittlern und obern Sees nach der Bay von Kenmare führt. Diese Straße entwickelt mehr Schönheiten, als man auf den Seen selbst findet, da diese den großen Nachtheil haben, an den meisten Stellen nur auf der einen Seite eine malerische Aussicht zu gewähren, auf der andern aber bloß flaches Land darbieten. Hier auf der Straße hingegen, welche am Abhange der Berge durch den Wald führt, bilden sich bei jeder Wendung geschlossenere, und eben deßhalb schönere Gemälde. Ich finde überhaupt, daß Aussichten, vom freien Wasserspiegel aus gesehen, immer [307] verlieren, weil ihnen eine Hauptsache, der Vorgrund, fehlt.

Neben einer hübschen Cascade, und in der reizendsten Wildnis, hat sich, nahe der Straße, ein Kaufmann Garten und Park mit einer ländlichen Villa erbaut. Die Kosten dieser Anlage müssen wenigstens 5 – 6000 L. St. betragen haben, vielleicht weit mehr, dennoch steht der Grund und Boden nur 99 Jahre der Familie des jetzigen Nutznießers zur Disposition; nach dieser Zeit fällt er, mit Allem, was darauf erbaut ist, und was im vollkommen baulichen Zustande übergeben werden muß, den Grundherren, den Lords von Kenmare wieder zu. Kein Deutscher möchte Lust haben, unter solchen Bedingungen sein Vermögen auf Verschönerungs-Anlagen zu verwenden; in England aber, wo fast aller Grund und Boden entweder der Regierung, der Kirche oder der mächtigen Aristokratie gehört und daher sich nur selten Gelegenheit darbietet, solchen frei zu acquirieren; auf der andern Seite aber auch Industrie, durch ein weises Gouvernement, im richtigen Verhältniß neben dem Ackerbau befördert, den Handels- und Mittelstand ebenfalls reich gemacht hat, – kommen dergleichen Contrakte alltäglich vor, und verhindern fast alle Nachtheile des zu großen Landbesitzes, ohne seinen großen Nutzen für den Staat zu schmälern.

Wir stiegen nun immer steiler heran, und befanden uns bald zwischen den kahlen Höhen, denn Pflanzungen werden hier fast immer nur bis zur [308] Mitte der höheren Berge angetroffen; es ist nicht wie in der Schweiz, wo die üppige Vegetation sich überall fast bis an die Schneeregion erstreckt. Doch den Maßstab der Schweiz überhaupt hier anlegen zu wollen, würde unpassend seyn. Beide Länder bieten romantische Schönheiten von ganz verschiedener Art dar, aber beide erwecken Bewunderung und Staunen über die erhabnen Werke der Natur, wenn gleich in der Schweiz vieles noch kolossaler erscheint. Der Weg war so gewunden gebaut, daß wir uns nach einer halben Stunde grade wieder, hoch oben, über der erwähnten Cottage befanden, die mit ihrem grauen, glatten Strohdach, in solcher Tiefe wie ein Mäuschen aussah, das sich im grünen Grase sonnt – denn die Sonne war endlich nach dem langen Kampf unumschränkte Herrin des Himmels geworden. Acht Meilen von Killarney erreicht man den höchsten Punkt der Straße, wo ein einzelnes Wirthshaus liegt. Hier steht man vor der weiten Bergschlucht, die den größten Theil der drei Seen in ihrem Schooße beherbergt, so daß man sie alle mit einem Blick übersieht.

Von nun an sinkt der Weg wieder, durch baumlose aber kühn geformte Berge führend, dem Meere zu. Als ich in Kenmare ankam, konnte ich, denn es war Markt daselbst, kaum das Menschengewühl mit meinem Einspänner durchdringen, besonders der vielen Betrunkenen wegen, die weder ausweichen wollten, noch vielleicht konnten. Der eine fiel, in Folge [309] dieser Weigerung, mit dem Kopf so heftig auf das Pflaster, daß er bewußtlos fortgetragen werden mußte, was je doch, als etwas ganz Gewöhnliches, gar nicht beachtet wurde. Die Hirnschädel der Irländer scheinen überhaupt von einer festern Masse als bei andern Nationen, wahrscheinlich weil sie von Jugend auf an die Schläge des Shileila gewöhnt sind. Während ich im Gasthof zu Mittag aß, hatte ich auch wieder von neuem Gelegenheit, mehreren solchen Kämpfen zuzusehen. Erst ballt sich gewöhnlich ein Haufen, schreiend und lärmend, immer dichter zusammen – dann im Nu schwirren hundert Shileila's in der Luft, und nun hört man die Püffe, welche größtentheils auf den Kopf applizirt werden, wie entferntes Gewehrfeuer bollern und knacken, bis eine Parthei den Sieg errungen hat. Da ich mich hier an der Quelle befand, kaufte ich mir, durch Vermittlung des Wirths, eines der schönsten Exemplare dieser Waffe, noch warm vom Gefecht. Sie ist so hart wie Eisen, und um ja den Zweck nicht zu verfehlen, überdieß am Ende noch mit Blei ausgegossen.

Der berühmte O'Connel residiert jetzt, ohngefähr 30 Meilen von hier, auf seiner einsamen Veste, in der wüstesten Gegend Irlands. Da ich lange gewünscht habe, ihn kennen zu lernen, schickte ich einen Boten, mit der nöthigen Nachfrage, von hier an ihn ab, und beschloß, bis die Antwort eintreffen könne, unterdeß eine Exkursion nach Glengariff Bay zu machen,[310] wohin ich mich auch nach dem Essen sogleich auf machte.

Das Fahren hat nun gänzlich aufgehört, fortan ist nur auf Berg-Pony's, oder zu Fuß, weiter zu kommen. Ein solcher Pony trug mein Gepäck, der Führer und ich gingen daneben her, und war einer von uns müde, so mußte das gute Pferdchen ihn ebenfalls tragen. Die Sonne ging bald unter, aber der Mond schien hell. Die Gegend war nicht ohne Interesse, der Weg aber abscheulich, und führte oft durch Sümpfe und reißende Bäche, ohne Brücke noch Steg. Ueber alle Vorstellung beschwerlich, ward er aber, nach sechs bis acht Meilen, wo wir einen hohen Berg fast perpendikulair hinaufklimmen mußten, nur auf loses und spitzes Gerölle tretend, auf welchem man jeden Augenblick halb so weit herabrutschte, als man vorher hinangeklettert war. Noch schlimmer beinah ging es auf der andern Seite hinab, besonders wenn ein vortretender Berg den Mond auslöschte. Ich konnte vor Müdigkeit nicht weiter gehen, und setzte mich daher auf den Pony. Dieses Thier zeigt wahren Menschenverstand. Bergauf half er sich mit der Nase, und den Zähnen selbst, glaube ich, wie mit einem fünften Beine, und bergunter spann er sich, mit unaufhörlichen Drehungen des Körpers, wie eine Spinne herab. Kam er an einen Sumpf, in dem, statt des Steges, nur von Schritt zu Schritt einige Steine hineingeworfen waren, so kroch er mit der Langsamkeit eines Faulthiers [311] hindurch, immer erst mit dem Fuße probirend, ob der Stein auch ihn und seine Last zu tragen im Stande sey. Die ganze Scene war höchst seltsam. Man sah bei der großen Helle weit um sich her, aber nichts, durchaus nichts als Felsen an Felsen gereiht, von jeder Art und Gestalt, und durch den Mondschein in noch riesenhaftere, abentheuerlichere, scharf sich gegen den Himmel abschneidende Formen gegossen. Kein lebendiges Wesen, und kein Busch war zu entdecken, nur unsre Schatten zogen langsam neben uns hin, kein Laut ertönte, als unsere Stimmen, und zuweilen das ferne Rauschen eines Bergbachs, oder seltner das melancholisch tönende Horn eines Hirten, die in diesen ungemessenen Einöden, welche nur aus Felsen, Moos und Heidekraut bestehen, das frei umherirrende Vieh durch diese Musik zusammenhalten. Einmal nur sahen wir eine solche Kuh, welche, wie die Bergschafe in Wales, die Flüchtigkeit des Wildes angenommen haben, mitten im Wege liegen, aber bei unserer Annäherung, wie ein schwarzer Geist, brausend über die Felsen springen, wo sie bald im Dunkel verschwand.

Eine Stunde vor Glengarriff Bay wird die Landschaft eben so üppig und Park ähnlich, als sie vorher kahl und wild ist. Hier ragen die Felsen in den allerwunderlichsten Formen, aus hesperischen Gebüschen von Arbutus, portugiesischem Lorbeer und andern lieblichen, süß duftenden Sträuchern hervor. Manche dieser Felsen erheben sich, gleich Palästen, [312] glatt wie Marmor, ohne Fugen und Unebenheit, andere bilden spitze Pyramiden, oder lange fortlaufende Mauern. In dem Thalgrunde glänzten einzelne Lichter, und ein leiser Wind bewegte die Kronen hoher Eichen, Eschen und Birken, mit schönem Holly untermischt, dessen hochrothe Beeren selbst im Mondlicht sichtbar wurden. Die prächtige Bay aber schimmerte, von den zitternden Mondesstrahlen durchwebt, schon in der Nähe, und ich glaubte mich wirklich im Paradiese, als ich kurz darauf ihre Ufer erreichte, und mich an der Thür des freundlichsten Gasthauses glücklich angelangt fand. So heiter dieses aber auch aussah – in ihm war dennoch Trauer! Wirth und Wirthin, sehr anständige Leute, kamen mir, in tiefes Schwarz gekleidet, entgegen. Die Schwester der Frau, so erzählten sie mir, auf meine Frage, das schönste Mädchen in Kerry, nur 18 Jahr alt, und bisher das Bild der Gesundheit, war erst gestern an einem Gehirnfieber, oder vielmehr an der Unwissenheit des Dorfarztes, verschieden – in der achttägigen Krankheit aber, wie die arme Frau weinend hinzusetzte, zu 40 Jahren gealtert, so daß Niemand den Leichnam des blühenden Mädchens mehr erkennen wolle, diese holden Züge, welche noch vor so kurzer Zeit der Stolz ihrer Eltern und die Bewunderung aller jungen Männer der Umgegend waren.

Sie ruht neben meiner Schlafstube, gute Julie, nur durch eine Bretterwand von mir geschieden. [313] Vier Schritte von ihr steht der Tisch, an dem ich Dir schreibe. Das ist die Welt! Leben und Tod, Freude und Kummer reichen sich überall die Hand.


Kenmare, den 27sten.


Um 6 Uhr war ich munter, und um 7 Uhr in dem herrlichen Park des C..l W..., Bruder des Lords B...., welcher Familie die ganze Umgegend der Bayen von Bantry und Glengarriff, vielleicht des schönsten Punktes in ganz Irland, gehört. Der Umfang dieser Besitzungen ist fürstlich, wiewohl in pekuniairer Hinsicht nicht so bedeutend, da der größte Theil des Terrains aus Felsen und unbebautem Gebürge besteht, das seine Renten nur in romantischen Schönheiten und prachtvollen Aussichten bezahlt. Mr. W...'s Park ist gewiß eine der gelungensten Schöpfungen dieser Art, und hat des Besitzers Ausdauer und gutem Geschmack allein sein Daseyn zu verdanken. Freilich konnte er auch nirgends einen dankbareren Erdfleck für sein Wirken auffinden, aber selten geschieht es, daß Kunst und Natur sich so vollständig die Hand bieten. Es sei genug, zu sagen, daß die erste sich nur durch die vollständigste Harmonie bemerklich macht, übrigens in der Natur ganz aufgegangen zu sein scheint; – daher kein Baum noch Busch mehr wie ab sichtlich hingepflanzt sich zeigt; die Aussichten nur nach und nach, mit [314] weiser Oekonomie benutzt, sich wie nothwendig darbieten; jeder Weg so geführt ist, daß er gar keine andre Richtung, ohne Zwang, nehmen zu können scheint; der herrlichste Effekt von Wald und Pflanzungen durch geschickte Behandlung, durch Contrastiren der Massen, durch Abhauen einiger, Lichten anderer, Aufputzen, oder Niedrighalten der Aeste, erlangt worden ist – so daß der Blick bald tief in das Walddunkel hinein, bald unter, bald über den Zweigen hingezogen, und jede mögliche Varietät im Gebiet des Schönen hervorgebracht wird, ohne doch irgend wo diese Schönheit nackt vorzulegen, sondern immer verschleiert genug, um der Einbildungskraft ihren nöthigen Spielraum zu lassen; – denn ein vollkommner Park, oder mit andern Worten: eine durch Kunst idealisierte Gegend soll gleich einem guten Buche, wenigstens eben so viel neue Gedanken und Gefühle erwecken, als es ausspricht.

Das Wohnhaus, durch einzelne Bäume und Gruppen malerisch unterbrochen, und nicht eher sichtbar, als bis man eine ihm gegenüber liegende Anhöhe erreicht, wo es auf einmal aus den Waldmassen, mit Epheu, wilden Wein und Rosen überrankt, hervorbricht – ist ebenfalls von dem Besitzer nach eignen Plänen erbaut. Es ist weniger im gothischen, als in einem alterthümlichpittoresken, eigenthümlichen Style aufgeführt, den ein feiner Takt sich ganz der Gegend gemäß ausdachte. Auch die Ausführung ist vortrefflich, denn es ahmt wahres Alterthum täuschend[315] nach. Die Zierrathen sind so sparsam und passend angebracht, das Ganze so wohnlich und zweckmäßig gehalten, und dem, scheinbar ältesten Theile, das Ansehn von Vernachlässigung und Unbewohntheit so gut gegeben, daß ich wenigstens vollkommen der Absicht des Erbauers entsprach, indem ich die Gebäude, für jetzt erst wieder bewohnbar gemachte, und, soweit als es unsere Gewohnheiten verlangen, modernisierte Ueberreste einer alten Abtey ansah. Die Rückseite des Wohnhauses nehmen Pflanzenhäuser, und ein höchst nett gehaltner, umschlossener Blumengarten ein, die beide mit den Zimmern zusammenhängen, so daß man fortwährend unter Blumen, tropischen Gewächsen und reifenden Früchten lebt, ohne deßhalb das Haus verlassen zu dürfen. Auch das Clima ist das günstigste, was man sich für Vegetation wünschen kann; feucht, und so warm, daß nicht nur, wie in England, Azalien, Rhododendron und alle Sorten Immergrün, sondern selbst Camelien, in einer vortheilhaften Lage, hier im Freien durchgewintert werden können. Daturen, Granaten, Magnolien, Lyriodendron etc. erreichen die größte Schönheit, und die letztern drei werden nie bedeckt. Die Gegend bietet große Ferne, außerordentliche Varietät, und dennoch ein am Horizont von Bergkolossen wohlgeschlossenes Ganze dar. Die Bayen von Bantry und Glengarriff zeigen ein Meer im Kleinen, dessen Küsten, sich durch und übereinander schiebend, die Leere des großen Oceans nie erblicken lassen; landeinwärts aber scheint das wogende Gebürge [316] fast ohne Ende. Die kleinere Bay von Glengarriff, welche sich vor dem Wohnhause ausbreitet, hat neun Meilen, die andere fünfzig im Umfang. Unter den dem Park grade gegenüber liegenden Bergen ragt wieder ein Zuckerhut hervor, und an seinem Fuß erstreckt sich ein schmales Vorgebürge bis mitten in die Bay, wo ein verlassenes Fort malerisch seine Spitze bezeichnet. Der Park selbst nimmt die ganze eine Seite der Bay ein, und begränzt an seinem schmalen Ende die von Bantry, wo das Schloß des Lord B.. am jenseitigen Ufer den Hauptaussichtspunkt bildet. Nur zur Hälfte vollendet und bepflanzt, ist die ganze Anlage überhaupt erst seit 40 Jahren aus dem Nichts hervorgerufen worden. Ein solches Wirken verdient auch seine Kronen, und der würdige Mann, der mit nur geringen Mitteln, aber großem Talent, und gleich großer Ausdauer, es schuf, sollte den irländischen Grundbesitzern, die ihre Schätze im Ausland vergeuden, als ein hoch zu ehrendes Muster aufgestellt werden! Auch hörte ich mit wahrer Genugthuung, daß, auf seinen und Lord B...s Domainen, Partheihaß unbekannt ist. Beide sind Protestanten, alle ihre Unterthanen, oder Tenants, Catholiken; demohngeachtet ist die freiwillig anerkannte Autorität der Herren über sie grenzenlos, ja Mr. W... lebt wie ein Patriarch unter ihnen, wie ich von den gemeinen Leuten selbst erfuhr, und schlichtet alle ihre Streitigkeiten, ohne daß Rechtsverdrehern ein Heller in diesen abgeschiedenen Bergen zugewendet zu werden braucht.

[317] Daß ich wünschen mußte, einen so braven Mann kennen zu lernen, magst Du voraussetzen. Es war daher eine wahre Gunst des Schicksals, daß ich ihm, seine Arbeiter inspizierend, im Parke begegnete. Unser Gespräch nahm bald eine interessante, für mich höchst lehrreiche Wendung. Eine Einladung, mit ihm und seiner Familie zu frühstücken, schlug ich nicht ab, und fand in seiner Gemahlin eine flüchtige Bekannte aus dem Londner Trouble. Sie nahm das unerwartete Wiedersehen herzlich auf und präsentierte mir zwei Töchter von 18 und 17 Jahren, die noch nicht »brought out« waren, denn wie ich Dir schon neulich schrieb, während man in England die Pferde (sans comparaison) zu früh ausbringt, nämlich im zweiten Jahr schon Wette laufen läßt, müssen die armen Mädchen fast alt werden, ehe man ihnen das Gängelband löst, um sie in die böse Welt zu lançiren.

Die Familie erschöpfte alle Artigkeit und Freundschaft an mir, und da mich die Damen so leidenschaftlich für schöne Natur eingenommen sahen, baten sie mich dringend, einige Tage hier zu bleiben, um so manche Merkwürdigkeit, namentlich den berühmten Wasserfall und Aussicht von Hungryhill, mit ihnen zu besuchen. Es war mir unmöglich, jetzt mich länger aufzuhalten, da ich mich bei H. O'Connell angesagt, gewiß aber werde ich auf meiner Weiterreise nach Cork von einer so lieben Einladung Gebrauch machen, denn solche Gesellschaft gehört nicht zu denen, die ich scheue.

[318] Ich begnügte mich also, vor der Hand, mit der ganzen Familie eine lange Spazierfahrt zu machen, erst der Bay entlang, um eine Generalansicht des Parks und Schlosses zu gewinnen, dann nach einem Waldrevier, in der Direktion meines Rückwegs gelegen, wo Lord B. eine shoting lodge (Jagdhaus) besitzt. Dies ist eine Gegend wie für einen Roman erfunden! Was die abgeschiedenste Einsamkeit, die schönste Vegetation, das frischeste Wiesengrün, von Bergen und Felsen umschlossen, Thäler, an deren Seiten sich zuweilen 1000 Fuß hohe, steile Wände erheben, dick bewaldete Schluchten, ein über Felsenblöcke rauschender Fluß mit malerischen Brücken von Aesten und Stämmen, Sonndurchglänzte Haine, in denen die kühlen Wellen Tausende von Waldblumen mit ihrer stets klaren Fluth erfrischen, zutraulich gewöhntes Wild, horstende Adler, und buntgefiederte Singvögel – alles durch die süßeste Heimlichkeit dem Dichterherzen lieb gemacht – was solche Elemente bieten mögen, ist hier in reichem Maße vereint, um mit einer gleichgestimmten Seele alle Glückseligkeit genießen zu können, der diese Erde fähig ist. Mit wehmüthigem Schmerz verließ ich diese reizende Phantasie unsrer lieben Mutter Erde, und riß mich nur mit Mühe los, als wir am ländlichen Thore ankamen, wo Führer und Pony schon meiner harrten. So wie ich Abschied von den neuen Freunden genommen, und dem lieblichen Thale den Rücken gekehrt, umzog sich auch der Himmel, und nahm, bei dem Eintritt in das schauerliche Steinreich, das ich Dir [319] gestern beschrieb, die Farbe an, die zu meiner Stimmung, wie zur Umgebung, am besten paßte. Ich wünschte, noch des langsamen Reitens vom vorigen Tage her überdrüssig, zu gehen, als ich aber, der Nässe wegen, meine hohen Ueberschuhe verlangte, fand es sich, daß der Führer einen derselben verloren, ein häusliches Unglück, das wichtig genug für mich war, um es hier zu erwähnen, denn, wie man zu sagen pflegt: »ohne Bacchus friert Venus,« so wird auch eine romantische Gegend weit besser mit trockenen Füßen als mit nassen genossen. Ich beschloß daher den Mann zurückzuschicken, um, wo möglich, wenigstens für die nächsten Tage, meiner trauernden Gallosche ihre so lange treue Gefährtin wiederzuschaffen, für heute aber den ganzen Weg, durch dick und dünn, zu Fuß zurückzulegen.

Es fing sanft an zu regnen, ein Berg nach dem andern verschleierte sich, und ich wanderte melancholisch, sehnsüchtig nach dem verlornen Paradies, den Regionen zu, wo die Erde, gleich einem Gerippe, nur ihre Knochen erblicken läßt. Unterdessen ward der Regen immer stärker, und einzelne Windstöße verkündeten bald ein ernstliches Unwetter. Ich hatte den hohen Berg zu erklimmen, der inmitten der ersten Wegehälfte von hier aus liegt, und schon kamen mit Ströme Wassers entgegen, die gleich kleinen Caskaden, in allen Bergfurchen herabschossen. Da ich den Luxus so badeartiger Durchnässung im Freien selten genieße, so wadete ich, mit wahrem Wohlbehagen, in [320] dem flüssigen Element umher, mich gewissermaßen in das Seelenvergnügen einer Ente versetzend. Der Beweglichkeit meiner Phantasie ist, wie Du weißt, nichts der Art unmöglich; wie aber das Wetter immer finsterer und wilder ward, nahm auch meine Stimmung allmählich einen immer unheimlicheren, ja ich möchte fast sagen, höhnischen, modern diabolischen Charakter an. Der Aberglaube der Berge umfing mich, ich konnte ihm nicht länger widerstehen, dachte fortan nur an Rübezahl, den böhmischen Jäger, die Fairie's und den Bösen, an Beschwörungsformeln und Erscheinungen, so daß mir immer gespenstiger zu Muth ward, und ich mich zu letzt lautdenkend ausrufen hörte: Warum sollte mir der Teufel nicht eben so gut als andern ehrlichen Leuten erscheinen können? Mit diesen Worten war ich auf der höchsten Spitze des steilen Berges angekommen. Das Unwetter hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht, der Sturm heulte fürchterlich, Wasser goß in Fluthen vom Himmel, und der tiefe Felsenkessel, unter mir, erschien, wie hinter schwarzen Vorhängen nur augenblicklich auftauchend, dann wieder verschwindend in den rollenden Nebeln und der einbrechenden Dämmerung. Da fiel mir jene Beschwörungsformel ein, nach welcher, wenn man sich dreimal laut lachend in einer Kirche um Mitternacht selbst gerufen, eine Erscheinung verheißen wird, die Niemand auszuhalten im Stande seyn soll. Was in einer Kirche um Mitternacht statt findet, dachte ich, mag hier im Aufruhr der Elemente, in der [321] schauerlichen Felsschlucht, bei eintretender Nacht auch geschehen können; – und so, mich fest gegen den Sturm stemmend, den Regenschirm, den ich bisher nur als Stock gebraucht, wie einen Mantel über den Kopf ziehend, und starr in den tiefen Bergkessel hinabschauend, rief ich, von Gespensterschauern ergriffen, der Vorschrift gemäß, mit fremder laut schrillender Stimme meinen vollen Namen: 2


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dann wie verwundert: Wer ruft mich?
– Dumpfes halbersticktes Gelächter. –
Lauter meinen Namen von Neuem:
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erschüttert: Wer ruft mich?
– Wildes Lachen. –
Mit donnernder Stimme meinen Namen zum drittenmal:
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Voll Grausen: Wer ruft mich?

– Augenblickliche Stille – dann ein leises, doch helles und triumphirendes Lachen, welches das Echo spottend wiederholt.


So weit hatte ich die Comödie allein gespielt – aber jedesmal, wenn ich selbst: Wer ruft mich? rief [322] – schien es, als wenn von außen her schwache Blitze den Kessel unter mir durchzuckten, was ich mir nur durch die Windstöße erklären konnte, die der seidnen Decke des Regenschirms, welche ich des Sturms wegen nahe am Gesicht festhalten mußte, eine zitternde Bewegung gaben, und so eine blitzähnliche Wirkung auf das Auge hervorbrachten. Als aber das letzte Lachen kaum verschollen war – schlug sich plötzlich das Dach des Regenschirms um, was mich selbst beinahe umwarf, und ganz der Empfindung glich, als ergriffe mich von hinten eine übermächtige Riesenfaust – es war freilich, ohne Zweifel, nur ein jählinger Windstoß – ich drehte mich indeß nach dem ersten Schreck doch langsam um .... und sah .... nichts, in der That! – Aber wie? regt sich dort nicht etwas um die Ecke? beim Himmel das ist .... mein Erstaunen war wahrlich nicht gering, als ich jetzt in der Entfernung von zwanzig Schritten, so weit als ich nothdürftig in Dunkelheit und Regen noch unterscheiden konnte, eine vom Kopf bis zum Fuß schwarz verhüllte Gestalt, mit einer Scharlachmütze auf dem Kopfe, nachläßig, und – ich täuschte mich nicht – hinkend, auf mich zukommen sah ....

Nun liebe Julie, est ce le diable ou moi, qui ecrira le reste? – oder glaubst Du wohl gar, ich amüsire mich, Dir ein Mährchen zu erzählen? point du tout – Dichtung und Wahrheit ist meine Devise. [323] Aber meinen Brief wenigstens hier zu schließen, ist billig. Ich darf hoffen, daß der nächste nicht ganz ohne Ungeduld erwartet wird. Also bis dahin – adieu.


Ganz Dein L.....


Ende des ersten Theils.

Fußnoten

1 Der Maitre d'Hotel, welcher neulich auch über Napoleons Leben Memoiren herausgegeben, hat den Kaiser von dieser Beschuldigung mit Indignation losgesprochen. Diese Memoiren sind gewiß die schmeichelhaftesten für den großen Mann, denn sie beweisen: qu'il est resté heros, mème pour son valet de chambre!

A.d.H.

2 Jeder braucht hier nur seinen eigenen Namen, wenn er den Versuch zu machen wünscht, einzuschalten.

A.d.H.

Zweiter Theil

Inhaltsverzeichniß des zweiten Theils
[5] Inhaltsverzeichniß des zweiten Theils.

Vier und dreißigster Brief.


Seite 1

Wer Samiel eigentlich war. Rückwanderung nach Kenmare. Ein irländischer Bote. Einladung O'Connels. Ritt nach seinem verwünschten Schlosse. Reise-Abentheuer. Die Brücke der schwarzen Wasser. Letzte Bäume daselbst. Von nun an das Chaos. Schauervolle Küste. Der Weg endet im Meer. Guter Rath theuer. Ein Schmuggler hilft mir aus der Noth. Passierung des Gebirgspasses in schwarzer Nacht. Udolphos Geheimnisse. Derrinane Abbey. Licht. [5] Ein Mann im Schlafrock. O'Connel der große Agitator. Verschiedenes über ihn. Vater Lestrange, sein Beichtvater. O'Connel als Chieftain, seinen Unterthanen Recht sprechend. Seine religiöse Toleranz. Abreise von Derrinane. O'Connel begleitet mich. Neuer Jupiter in Stiergestalt. Dänische Forts. Abschied. Irländische Transportmittel. Liebenswürdigkeit des Volks-Charakters. Nachgeholte Begebenheit. Die Wirthstochter zu Kenmare. Hungryhill und sein majestätischer Wasserfall. Der Adler O'Rourcke's. Der moderne Ganymedes. Seehunde unter meinem Fenster. Ihre Liebe zur Musik. Häuslicher Gottesdienst. Frommes Gespräch über die Sündfluth, den jüngsten Tag und die Apokalypse. Anpreisung der herrlichen Gegend, um hier Hütten zu bauen.


Fünf und dreißigster Brief.


Seite 40

Bienen-Kämme in freier Luft. Egyptischer Lotus. Besuch bei einem Adlerpaar. Ihre romantische Wohnung und ihr seltsamer Instinkt. Der hiesige wilde Jäger. Die Höhlen des Sugarloaf. Spur des Wagens der Geister-Königin. Gefahrvolle Jagden in diesen Bergen. Die Nebel, die Sümpfe und wilden Stiere. Die Bezähmung eines Solchen. Ein Volksmährchen.


[6] Sechs und dreißigster Brief.


Seite 54

Abgötterei mit dem Sonntag in England. Wunderbare Bekehrung eines Protestanten zum Katholicismus. Karrenfahrt. Die Whiteboys. Macroom. Die naive Mama und das verzogene Kind im Gingle. Der starke Dänen-König. Cork. Fahrt auf dem Meer nach Cove. Herrliche Entrée von der Seeseite. Folko's Seeburg. Monkstown. Seltsame Beleuchtung mit zwei vollständigen Regenbogen auf einmal. Das Amphitheater der Stadt Cove. Getäuschte Erwartung auf Fisch. Illuminierte Nachtaussicht. Die Sterne. Abreise in der Mail. Michaelstown und sein Schloß. Novellen-Stoff. Außerordentliches Wetter für Irland. Der Soldat von O'Connels Miliz. Die Galtees. Cahir. Andres Schloß König Johann's. Schöner Park des Lord Glengall. Des Prinzen Equipage in Cashel. Macht der Gewohnheit – Geheimniß aller Erziehung, Clubdiner.


Sieben und dreißigster Brief.


Seite 82

Rock of Cashel, eine der merkwürdigsten Ruinen in Irland. Der Teufelsbiß. Altsächsische Baukunst. Inquisitions-Klingel. S. Patricks Statue und der Thron von Scone. Hore-Abbey und die von Atthassil. Zustand der Katholiken in Tipperari. Lächerlicher Zeitungs-Artikel, mich betreffend. Meine Nothrede.


[7] Acht und dreißigster Brief.


Seit 93.

Ueber die Naturgeschichte des Schwans. Holycroß, und seine Denkmäler. Diné mit 18 Geistlichen. Conversation dabei. Wenden und Irländer. Liste der katholischen und protestantischen Gemeinden in der Diöces Cashel. Curieuse Details, und Bemerkungen darüber. Gutgemeinter Exorcismus. Halsbrechende Jagd. Der wandelnde Sumpf. Pferde-Thaten. Landjunkerleben. Seltsame Parlaments- Rede. Die Burg im Himmel. Potheen-Enthusiasmus. Die Vornehmen in Irland. Gute Regel.


Neun und dreißigster Brief.


Seite 116.

Das Brüderpaar. Materielles Leben. Devils. Die hübsche Wirthin. Der Piper. Die Räuber. Der angeführte Advokat, Auster-Geheimnisse. Johny's Abentheuer in Holycroß. Die Ermordung Baker's. Der Cousin R... Sergeant Scully. Der bewegungslose Hahn. Fitzpatrick und seine Bagpipe.


[8] Vierzigster Brief.


Seite 144.

Der Feengarten. Romantisches Schilderhaus. Rückkehr nach der Stadt. Frau von Sevigné. Lord Byron's Gewitter. Diné beim Lord Lieutenant. Der Marquis von Anglesea. Gottesdienst in der katholischen Kapelle. Unsichtbare Musik. Der heilige Christoph. Vergleich des katholischen und englisch-protestantischen Kultus. Allegorie. Londoner Tagebuch. Unterschied zwischen englischen und deutschen Ansichten. Zwei Normal-Misses. Ihre Geschichte. Allgemeine Bemerkung über die Engländerinnen. Malahide. 700 Jahre alte Möbel. Herzogin von Portsmouth. Karl I. am spanischen Hofe. Howth Castle. Ducrow's lebendige Statuen. Der russische Courier und Pony als alte Frau.


Ein und vierzigster Brief.


Seite 164.

Abend bei Lady M... Ihre Niecen. Seltsame Conversation. Der Gemal. Noch mehr Theologisches. Die Nachtigallen. Alles Korn Europa's. Die Nationalscene. Die häuslichen Tableaus. Das Autor-Boudoir. Die Perlmutter. Der Diminutiv-Napoleon. The Catholic Association. Shiel, Lawleß und Andere. Naives. Ritt ins Gebirge. Sentimentalität eines Dandy.


[9] Zwei und vierzigster Brief.


Seite 192.

B.H. über die Religiosität unsrer Zeit. O'Connel in der Allongen-Perücke. Der Don Quixotte und der Dandy der Association. Sprüchwörter-Spiel bei Lady M... Miß Oneil. Ihr Spiel.

Drei und vierzigster Brief.


Seite 205

Büreau der todten Briefe. 3000 Pf. St. Incognito. Der Arzt. Der Lungenmesser. Die Allerwelts-Sprütze. Weibliche Wetterpropheten. Die Bank. Banknotenmetall. Gymnastik. Stuben-Philosophie. Paradoxen.


Vier und vierzigster Brief.


Seite 235

Gunst Neptuns. Der Traum. Ueberfahrt. Der junge Erbe. Nacht in der Mail. Shrewsbury. Die Tretmühle. Gelbe Sträflinge. Die Kirche. Seltsame alte Häuser. Straßen-Neugierde. Der kleine Schüler. Roß. Der River [10] Wye. Schloß Goderich. Erzwungene Höflichkeit. Die Jakobsleiter. Abwechselnde Ansichten. Drei Grafschaften auf einmal. Wiege Heinrich des V. Groteske Felsen. Ein verunglückter Tourist. Kopf des Druiden. Monmouth. Heinrichs Schloß, jetzt ein Gänsestall. Buchhändler-Familie. Diebstahl. Güte einfacher Naturen. Bunte Feuerblumen. Die Zinnwerke. Tintern Abbey. Epheu- Allee. Die Sturm-Klippe. Erhabne Aussicht. Schloß von Chepstow. Cromwell und Heinrich der VIII. als Landschafts-Verschönerer. Entdeckung.


Fünf und vierzigster Brief.


Seite 260

Der Königsmörder Martin. Des Mädchens Erklärung. Besteuerung der Reisenden. Der Besitzer von Piercefield. Passage des Channel. Menschen und Pferde pèle méle. Recapitulation. Maler und Pinsel. Natur-Gemälde. Das schönste Gebäude. Bristol. Die Feudal-Kirchen. Uninteressirte Frömmigkeit. Des Maire's Equipage. Cook's folly. Lord Clifford's Park. Russische Flottille. Das Dorf-Ideal. Dante's umgekehrte Höllen-Inschrift. Cliston. Das weiß und schwarze Haus. Chirurgen-Empfindlichkeit. Bath. Der König von Bath. Die Abteykirche. Eigenthümliche Ausschmückung. König Jakob's Heldenthat. Der Sonderling Beckford. Der bei Licht gebaute Thurm. Besondre Art spazieren zu reiten. Der Besuch über die Mauer. Gothische Baukunst. Der Weihnachts-Markt. Spaziergänge bei Tag und Nacht. Die Feuersbrunst.


[11] Sechs und vierzigster Brief.


Seite 286

Die Wittwe. Lebendige Todtenköpfe. Angenehmere Reisegesellschaft. Examina. Stonehenge. Unheimliche Begegnung und Unglück. Die Cathedrale. Monumente darin. Der Thurm. Halsbrechendes Hinaufsteigen. Der Habicht auf dem Kreuz, und des Herrn Bischoffs Tauben. His Lordship und seine Beschäftigungen. Frommer Wunsch für's Vaterland. Spiegel der Vergangenheit und Zukunft. Schloß Milton. Die ritterliche Castellanin. Antiken, Gemälde. Tempel, von Holbein erbaut. Talent englischer Damen. Eingangs-List. Langfort Park. Vorzügliche Bilder. Egmont, Alba, Oranien. Thron Kaiser Rudolph's. Doxingmatch. Der wettende Kutscher. Neuenglische Moral der Großen. March of Intellect. Militair-Schule. Deroutirte Fuchsjagd. National-Pflicht. Zum neuen Jahre. London. Die nicht gefundne Hündin. Regenten-Leben. Dom zu Canterbury. Der schwarze Prinz. Farbenpracht. Der Erzbischof. Schadhafter Boiler. Das Fort zu Dover. Kurze Ueberfahrt. Nationelle Ungenirtheit. Frankreichs Lüfte. Die Jettéc. Englische Kinder. Der alte, große Dandy. Anekdoten.


Sieben und vierzigster Brief.


Seite 321

Fränkische Diligence. Der Napoleonische Gardist. Deutsche Prinzen. La Mechanique. Werth der Freiheit. Paris. Revision des Altbekannten. Schlechtns Neue. Théátre de Madame. Der tugendhafte Martin. La charte pour les Caffés. Rossini hat die wilden Thiere gezähmt. Wohlfeilheit in Paris. Burlesker Tod des Fürsten Poniatofsky. [12] Lobenswerthes Ensemble bei den hiesigen Bühnen. Aehrenlese im Museum. Der deplacirte Sphynx. Mephistopheles- Walzer. Himmel und Hölle.


Acht und vierzigster Brief.


Seite 352

Aesthetischer Spaziergang. Einiges über die Familie Napoleons. Spanische Galanterie. Der Henker von Amsterdam. Der Mercure Galant. Wie er sich verflüchtigt. Omnibus. Thierpolizei. Gedanken im Innern einer Dame Blanche. Diavolo. Sing-Nüancen. Pariser Annehmlichkeiten. La Morne. Ablaß. Der Eisbär. Desairs Monument. Getäuschte Hoffnung. Die Ama's. Abschied.

[13]
34. Brief
[1] Vier und dreißigster Brief.

Kenmare, den 28sten September 1828.


Geliebte Freundin!


War es also der Teufel oder nicht? fragst Du. Ma foi, je n'en sais rien. Jedenfalls hatte er in dem erwähnten Augenblick eine sehr recommendable, wenn gleich gefährliche, Gestalt erwählt, nämlich die eines hübschen Mädchens, die in ihrem dunkelbauen, vom Regen noch schwärzer gemachten, langen Mantel eingehüllt, und der rothen Mütze von Kerry auf dem Kopfe, barfuß, und vor Kälte schauernd, bei mir vorbeigehen wollte, als ich sie anhielt, und frug, warum sie hinke, und wie sie in diesem Wetter hier so allein umher irre? Ach, rief sie, in halb verständlichem Patois, auf ihren verbundenen Fuß zeigend, ich gehe blos nach dem nächsten Dorfe, habe mich verspätet, bin bei dem abscheulichen Wetter gefallen, und habe mir recht wehe gethan! Hierbei sah sie ganz schalkhast und lose aus (am Ende war doch etwas nicht ganz Geheures dabei) und zeigte so viel [1] von dem schön gerundeten, verwundeten Bein, daß meine Laune abermals wechselte, et je crois que le diable n'y perdit rien. – Wir theilten von nun an die Beschwerden des Wegs, halfen uns gegenseitig, und fanden endlich im Thal, zuerst besseres Wetter, dann ein erholendes Obdach, und endlich einen labenden Trunk frischer Milch.

Neu gestärkt wanderte ich in der Nacht weiter, und als ich in Kenmare anlangte, hatte ich die vier deutschen Meilen in etwas über sechs Stunden zurückgelegt. Aber ich war auch herzlich müde, und sobald ich in mein Schlafzimmer trat, sprach ich mit Pathos, und Wallenstein: Ich denke einen langen Schlaf zu thun!


Derrinane Abbey, den 29sten.


Dies geschah denn auch, und ich hatte Zeit dazu, denn das Wetter war so abscheulich, daß ich bis 3 Uhr Nachmittags auf besseres wartete, aber leider vergebens. Ich hatte, den Abend vorher, den zu Herrn O'Connel abgeschickten, und unbesonnener Weise, vorausbezahlten Boten, ohne Antwort und mit zerbrochenem Schlüsselbein im Gasthof wieder vorgefunden, denn da er Geld in seiner Tasche gefühlt, so hat er auch dem Whiskey nicht länger widerstehen können, in Folge dessen er mit seinem Pferde in der Nacht einen Felsen herabgestürzt war! [2] Er hatte indeß doch den verständigen Einfall gehabt, einen guten Freund unterwegs weiter zu expediren, und bei meinem Erwachen fand ich daher eine sehr artige Einladung des großen Agitator's glücklich vor.

Ich habe bereits gesagt, daß ich mich erst um drei Uhr auf den Weg machte, und obgleich ich sieben Stunden lang im heftigsten Regen, mit dem Winde im Gesicht, reiten mußte, und in dieser Wüste, wo nicht einmal das Obdach eines Baumes anzutreffen ist, nach der ersten halben Stunde schon kein Faden meiner Kleidung mehr trocken war – so möchte ich doch um vieles nicht den heutigen, so beschwerlichen Tag, in meinem Lebensbuche missen.

Der Anfang war allerdings schwer. Zuerst konnte ich lange keine Pferde bekommen, denn das nach Glengarriff gebrauchte hatte sich den Fuß verstaucht. Endlich erschien ein alter schwarzer Karrengaul, der für mich bestimmt war, und ein katzenartiges Thierchen, das der Führer bestieg. Auch mit meiner Toilette war ich brouillirt. Die entwichene Gallosche war nicht wieder gefunden worden, und der Regenschirm schon auf dem Hexenberge aus seinen Fugen gewichen. Ich ersetzte den ersten durch einen großen Pantoffel des Wirths, den zweiten band ich, so gut es gehen wollte, zusammen, und ihn dann, gleich einem Schilde vorhaltend, die Tuchmütze, mit einem Stücke Wachsleinwand bedeckt, auf dem Kopfe, galoppirte ich, Don Quixotte nicht unähnlich, und obendrein [3] mit einem ächten Sancho Pansa versehen, neuen Abentheuern zu.

Schon eine Viertelmeile von der Stadt machte ein zerstörender Windstoß dem Regenschirm, einst die Zierde New Bondstreets, und der seitdem so manches Ungemach mit mir getragen, ein klagliches Ende! Alle seine Bande lösten sich, und ließen nur ein zerrissenes Stück Tafft, und ein Bündel Fischbein in meiner Hand zurück. Ich gab dem Führer die Reste, undmich fortan dem Wetter sorglos Preis, mit der besten Laune tragend, was nicht zu ändern war.

So lange wir die Bay von Kenmare cotoyirten, ritten wir so schnell als möglich, da der Weg ganz leidlich war. Bald aber wurde es schwieriger. Den Eintritt in das rauhere Gebürge bezeichnete eine hundert Fuß hohe und pittoreske Brücke »the black water's bridge« (Brücke der schwarzen Wasser) genannt. Hier war eine mit Eichen besetzte Schlucht, die letzten Bäume, die ich seitdem gesehen. Ich bemerkte, daß mein Mantelsack, den der Führer auf seinem Pferde vor sich aufgebunden hatte, ebenfalls gänzlich durchnäßt zu werden anfing, und befahl daher dem Manne, sich in einer nahgelegenen Hütte wo möglich eine Decke oder Matte zu verschaffen, um sie darüber zu breiten. Diese Unvorsichtigkeit hatte ich nachher Ursache, recht sehr zu bereuen, denn wahrscheinlich mochte auch ihn der Whiskey dort gefesselt haben, wenigstens bekam ich ihn, obgleich öfters anhaltend, um ihn zu erwarten, erst kurz vor Ende [4] der Reise wieder zu sehen, welches mich später einer großen Verlegenheit aussetzte. Der nun allmählig immer mehr sich verschlimmernde Weg führte größtentheils am Meer, das der Sturm prachtvoll durchwühlte, entlang; bald über öde Moorflächen, bald an Schluchten und tiefen Abgründen hin, oder durch weite chaotische Gefilde, wo die Felsen so phantastisch übereinander geworfen sind, daß man glauben sollte: hier sei es, wo die Giganten den Himmel gestürmt. Zuweilen erscheinen Gebilde, die gleich einem versteinten Spiel der Wolken, Menschen und Thieren ähnliche Figuren aufstellen. Als ganz besonders zierlich fiel mir, mitten in der allgemeinen Wildheit, eine Felsenwand auf, die durch ihre Fugen in vollkommen regelmäßige Quadrate, wie ein Schachbrett, abgetheilt war. Dreierlei Arten Erica, gelbe, hochrothe und violette waren in den Spalten gewachsen, und markirten die scharfen Linien auf das überraschendste.

Nur selten begegnete ich von Zeit zu Zeit einem einsamen zerlumpten Wanderer, und konnte manchmal nicht umbin, daran zu denken, wie leicht es sey, mich in dieser Gegend anzufallen und zu berauben, ohne daß ein Mensch davon Notiz nehmen würde – denn mein ganzes Reisevermögen ruht in der Brusttasche meines Rockes – wie der griechische Weise führte ich omnia mea mit mir. Doch weit entfernt von räuberischen Gedanken, grüßte das gutmüthige, arme Volk mich immer ehrerbietig, obgleich mein Aufzug nichts weniger als imponirend war, und in [5] England keinen Gentleman verrathen haben würde. Mehrmal war ich in großer Ungewißheit, welchen der halb unsichtbaren Stege ich einschlagen sollte, wählte aber glücklicherweise, mich dem Meere stets so nahe als möglich haltend, keinen ganz unrechten, wenn gleich wahrscheinlich nicht immer den nächsten. Indessen die Zeit verging – und wenn ich in langen Intervallen einem menschlichen Wesen wieder begegnete und frug: Wie weit noch zu Mr. O'Connel? so segneten sie zwar immer den Vorsatz dieses Besuchs mit: God bless Your honnour, die Meilenzahl schien sich aber eher zu vermehren als zu vermindern. Dies ward mir erst nachher begreiflich, als ich erfuhr, daß ich dennoch einen, mehrere Meilen abkürzenden, Weg verfehlt, und dadurch einen unnützen Zeitverlust erlitten hatte.

So fing es endlich an zu dunkeln, als ich einen Theil der Küste betrat, der gewiß wenig seines Gleichen hat. Fremde Reisende sind wahrscheinlich noch nie in diesen verlassenen Winkel der Erde verschlagen worden, welcher Eulen und Seemöven mehr als den Menschen angehört, von dessen furchtbarer Wildniß es aber schwer ist, einen genügenden Begriff zu geben. Gewundene, zerrissene, kohlschwarze Felsen, mit tiefen Höhlen, in welche das Meer unaufhörlich donnernd einbricht, und seinen weißen Schaum thurmhoch wieder daraus hervorsprüht, der nachher an vielen Stellen trocknet, und dann vom Winde, wie wollene compacte Flocken aussehend, bis auf die höchsten [6] Punkte des Gebürges geschleudert wird; das klägliche, gellend den Sturm durchtönende Geschrei der ängstlich umherflatternden Seevögel; das unaufhörliche Geheul und Brausen der unterminirenden Wogen, die zuweilen bis an meines Pferdes Huf jählings heranklommen und dann zischend wieder hinabsanken; die trostlose Abgeschiedenheit endlich von aller menschlichen Hülfe; dazu der rastlos fallende Regen, und die einbrechende Nacht auf ungewissem, gänzlich unbekanntem Wege – es fing mir wirklich an unheimlich zu Muthe zu werden – ganz ernstlich – nicht im halben Scherz wie am Tage vorher. Die Sucht nach dem Romantischen wird Dir diesmal wahrscheinlich eben so schlecht bekommen, als dem berühmten Ritter, dachte ich ganz bedenklich, und trieb mein müdes Pferd zu möglichster Eile. Es stolperte jeden Augenblick über die losen Steine, und mit großer Mühe brachte ich es endlich in einen schwerfälligen Trab. Meine Besorgniß vermehrte sich durch die Erinnerung an O'Connels Brief, der mir geschrieben: daß der eigentliche Zugang zu seinem Besitzthum von der Seite von Killarney her statt finde, Wagen jedoch nur zu Wasser ganz heran kommen könnten, der Weg von Kemnare aber der schwierigste sey, und ich daher ja einen sichern Führer mitnehmen möchte, um keinen Unfal! zu erleben. Auch fiel mir, wie es denn geht, wenn man einmal eine Gedankenrichtung angestrengt verfolgt, ein kürzlich gelesenes Volksmährchen von Croker ein, wo es heißt: Kein Land besser als die Küste von Iveragh, [7] »um im Meere zu ersaufen, oder, wenn man das vorziehen sollte, den Hals zu Lande zu brechen!« Noch dacht ich's .... da stutzte plötzlich mein Pferd, und drehte, scheuend, mit einem Satze um, den ich der alten Mähre kaum zugetraut hätte. – Ich befand mich in einer engen Schlucht, es war noch hell genug, mehrere Schritte ganz deutlich vor mir zu sehen, und ich konnte nicht begreifen, was die Ursache dieses panischen Schreckens meines Gaules war. Widerstrebend, und nur durch den gekauften Shileila bezwungen, ging er endlich wieder vorwärts; nach wenigen Schritten sah ich aber schon mit Staunen, daß der hier ziemlich gebahnte Weg mitten im Meer aufhörte, und beinahe glitt mir der Zügel aus der Hand, als eine schäumende Welle, vom Sturm gejagt, jetzt auf mich wie ein Ungeheuer zufuhr, und weit hinein die enge Schlucht mit ihrem weißen Geifer bespritzte. Hier war guter Rath theuer! Schroffe ungangbare Klippen starrten mich auf allen Seiten an, vor mir brauste die See ... es blieb nur der Rückweg offen. Aber war ich verirrt, wie ich vermuthen mußte, so konnte ich, selbst beim Zurückreiten, nicht darauf rechnen, meinen Führer wieder an zutreffen, und wo dann die Nacht zubringen? Außer O'Connel's unfindbarem alten Felsenschloß war auf zwanzig Meilen keine Spur eines Obdaches zu erwarten, ich fieberte jetzt schon vor Nässe und Kälte, gewiß hielt meine Natur den Bivouac einer solchen Nacht nicht aus – ich hatte in der That Ursache, bestürzt zu seyn. Was half jedoch alles Sinnen, ich [8] mußte zurück, das war klar, und zwar so schnell als möglich. Mein Pferd schien dieselben Reflexionen gemacht zu haben, denn, wie mit neuen Kräften begabt, trug es mich, fast gallopirend, davon. Aber, glaubst Du es wohl, eine schwarze Gestalt war abermals bestimmt, mir aus der Verlegenheit zu helfen.Vous direz que c'en est trop – mais ce n'est pas ma faute. Le vrai souvent n'est pas vraisemblable. Kurzum, ich sah eine schwarze Gestalt wie einen undeutlichen Schatten über den Weg gleiten, und sich hinter den Felsen verlieren. Mein Rufen, meine Bitten, meine Versprechungen blieben vergeblich, – war es ein Schmuggler, die an dieser Küste besonders ihr Wesen treiben sollen, oder ein abergläubischer Bauer, der mich ärmsten Revenant für einen Geist ansah? – jedenfalls schien er sich nicht herauswagen zu wollen, und ich verzweifelte fast schon an der gehofften Hülfe – als sein Kopf plötzlich dicht neben mir aus einer Steinspalte hervorlugte. Nun gelang es mir bald, ihn zu beruhigen; auch erklärte er mir das Räthsel des im Meere aufhörenden Weges. Dieser war nämlich nur für die Dauer der Ebbe eingerichtet – um diese Zeit, sagte er, ist die halbe Fluth schon heran, eine Viertelstunde später ist der Durchgang unmöglich, jetzt aber will ich Sie für ein gutes Trinkgeld noch hinüberzubringen versuchen, doch dürfen wir keinen Augenblick verlieren. Mit diesen Worten war er mit einem Satze hinter mir auf dem Pferde, und was es vermochte, eilten wir der, mit jedem Moment höher schwellenden [9] Fluth wieder zu. Es war mir doch ganz sonderbar zu Muthe, als wir uns jetzt in die stürmische See förmlich zu versenken schienen, und durch die weißen Wogen und Felsen, die bei dem matten Zwielicht sich gleich Gespenstern aufrichteten, uns mühsam Bahn brechen mußten. – Auch hatten wir die größte Noth mit dem Pferde; der schwarze Mann kannte aber das Terrain so genau, daß wir, obgleich bis fast unter die Arme im Salzwasser gebadet, unversehrt die gegenüberstehende Küste erreichten. Unglücklicherweise scheute sich hier noch einmal das geängstete Thier vor einer hervorstehenden Klippe, und brach beide morsche Sattelgurten mitten entzwei, so daß der Schade hier nicht mehr zu repariren war. Ich hatte, nach allen ausgestandenen Nöthen, nun noch die angenehme Perspective vor mir, die letzten sechs Meilen, auf losem Sattel balancierend, weiter reiten zu müssen. Der Schwarze hatte mich zwar für die Fortsetzung der Reise bestens instruirt, aber es ward bald so dunkel, daß man kein Merkzeichen mehr erblicken konnte. Der Weg ging, wie mir schien, durch einen weiten Moor, und war anfänglich recht eben. Nach einer halben Stunde holprigen Trabens, nach Möglichkeit die Knie zusammen schließend, um den Sattel nicht zwischen den Beinen zu verlieren, bemerkte ich, daß sich die Straße wieder rechts in das höhere Gebürge wandte, denn das Steigen ward immer steiler und anhaltender. Hier fand ich eine Frau, die bei ihren Schweinen oder Ziegen die Nacht zubrachte. Der Weg theilte sich in zwei Arme, und ich [10] frug, welchen ich einschlagen müsse, um nach Derrinane zu kommen! O! beide führen dahin, sagte sie, der linke ist aber zwei Meilen näher. Natürlich schlug ich diesen ein, überzeugte mich aber bald zu meinem Schaden, daß er nur für Ziegen gangbar sey. Ich verwünschte die alte Hexe und ihre trügerische Auskunft, vergebens mattete sich das Pferd ab, durch die Steinblöcke zu klimmen, und halb stolpernd, balb fallend warf es endlich Sattel und mich zugleich ab. Auch war es nicht möglich, den Sattel allein darauf zu erhalten, er rutschte immer von neuem herunter, und ich mußte mich zuletzt bequemen, ihn selbst auf die Schultern zu laden, und das Pferd dazu zu führen. Bis hierher hatte ich mich noch ziemlich guter Dinge erhalten, der Geist war auch jetzt noch willig, aber das Fleisch fing an schwach zu werden – der Mann am Meere hatte gesagt: sechs Meilen noch, und Sie sind da, und nachdem ich eine halbe Stunde scharf geritten, war die vorher befragte Frau dennoch wieder dabei geblieben, es sey noch sechs Meilen auf dem kürzesten Wege bis Derrinane. Ich fing an zu fürchten, daß dieses gespenstige Bergschloß gar nicht zu erreichen seyn möchte, und ein Kobold mich nur dem andern zuwerfe. Ganz muthlos setzte ich mich auf einen Stein, von Hitze und Frost gleich peinlich durchschauert, als, wie die tröstende Stimme des Engels in der Wüste, ein Ruf meines Führers erschallte, und ich bald darauf den Hufschlug seines Pferdes vernahm. Er hatte einen ganz andern Weg durch das innere Gebürge eingeschlagen, bei dem die Seepassage[11] vermieden ward, und glücklicherweise von der Frau erfahren, welche Direktion ich genommen. Im kostbaren Gefühl der nunmehrigen Sicherheit, vergaß ich alles Schmälen, belud den Rettungsengel mit meinem Sattel und nassen Mantel, übergab ihm das nackte Pferd, und setzte mich auf das seinige, zu möglichstes Eile antreibend. Wir hatten wirklich noch fünf Meilen zu reiten, und zwar, wie mir der Führer sagte, durch einen mit Abgründen eingefaßten Bergpaß – ich kann jedoch nichts weiter über den zurückgelegten Weg berichten. Die Dunkelheit war so groß, daß ich nur mit der äußersten Anstrengung, der Figur des Mannes vor mir, wie einem undeutlichen Schatten, folgen konnte. Ich merkte wohl an dem häufigen Stolpern der Pferde, daß wir uns auf unebnem Boden befanden, ich fühlte, daß es unaufhörlich steil bergauf oder hinunter ging, daß wir zwei Bergströme durch tiefe Furthen passirten – aber das war auch Alles – nur zuweilen ahnete ich mehr, als ich sah, daß eine schroffe Felswand mir zur Seite stand, oder das tiefere Schwarz unter mir verrieth, daß ein jäher Abhang nahe war – das Ganze aber vergegenwärtigte mir so lebhaft Mistriß Anna Radcliffs Romane, daß ich mich beinah für einen ihrer Helden gehalten hätte, der eben im Begriff sey, Udolpho's Geheimnisse zu entdecken. Endlich! endlich – brach heller Lichtschimmer durch das Dunkel – der Weg ward ebner, ein paar Spuren von Hecken wurden sichtbar, und in wenigen Minuten hielten wir vor einem alten Gebäude, das auf [12] dem felsigen Seeufer stand, und freundliche goldne Lichter durch die Nacht strahlte. Es schlug auf dem Thurm grade 11 Uhr, und ich gestehe es, mir ward schon bange für mein Diné, als ich nichts Lebendes, außer am obern Fenster einen Mann im Schlafrocke, erblickte. Bald indeß wurde es geräuschvoller im Haus, ein eleganter Bedienter erschien mit silbernen Leuchtern, und öffnete mir seitwärts eine Thüre, wo ich mit Verwunderung eine Gesellschaft von fünfzehn bis zwanzig Personen an einer langen Tafel, beim Wein und Dessert sitzen sah. Ein schöner großer Mann, von freundlichem Ansehen, kam mir entgegen, entschuldigte sich, daß er so spät mich nicht mehr erwartet hätte, bedauerte meine Reise in so furchtbarem Wetter, prasentirte mich vorläufig seiner Familie, die mehr als die Hälfte der Gesellschaft ausmachte, und führte mich dann in mein Schlafzimmer. Dies war der große O'Connel. – Eine kurze Toilette restaurirte mich schnell, während man unten für meine, allerdings nach solcher Tour nicht zu verschmähende, Beköstigung sorgte.

Als ich wieder in den Saal trat, fand ich noch den größten Theil der Gesellschaft versammelt. Man bewirthete mich sehr gut, und es wäre undankbar, nicht Herrn O'Connels alten Wein zu loben, der in Wahrheit vortrefflich war. Nachdem die Damen uns verlassen hatten, setzte er sich zu mir, und es konnte nicht fehlen, daß Irland der Gegenstand des Gesprächs werden mußte. Sahen Sie schon viele seiner [13] Merkwürdigkeiten? frug er; waren Sie schon im Norden, um dengiants causeway (der Riesensteg) zu bewundern? – »O nein«, erwiderte ich lächelnd, »ehe ich Irlands Riesensteg besuche, wünschte ich zuerst IrlandsRiesen zu sehen«, und damit trank ich ihm und seinem hohen Beginnen von Herzen ein Glas seines guten Clarets zu.

Daniel O'Connel ist wahrlich kein gemeiner Mann, wenn gleich der Mann des Volks. Seine Gewalt in Irland ist so groß, daß es in diesem Augenblick unbedingt nur von ihm abhängen würde, von einem Ende der Insel zum andern, die Fahne der Empörung aufzupflanzen, wenn er nicht viel zu scharfsichtig, viel zu sehr seiner Sache auf gefahrlosere Art sicher wäre, um einen solchen Ausgang herbeiführen zu wollen. Gewiß hat er auf eine merkwürdige Weise, im Angesicht der Regierung, und auf gesetzlichem offenkundigem Wege, geschickt den Moment und die Stimmung der Nation benutzend, sich diese Macht über dieselbe verschafft, welche ohne Armee und Waffen, dennoch der eines Königs gleicht, ja sie gewiß in vielen Dingen noch übertrifft – denn wie wäre es z.B. je Sr. M. Georg dem IV. möglich gewesen, vierzig Tausend seiner treuen Irländer drei Tage vom Whiskey-Trinken abzuhalten, wie es doch O'Connel, bei der denkwürdigen Wahl für Clare, zu bewerkstelligen gewußt hat. Der Enthusiasmus erreichte dort einen solchen Grad, daß das Volk selbst, unter sich, eine Strafe auf das Betrunkenseyn setzte. Diese [14] bestand darin, daß der Delinquent in eine seichte Stelle des Flusses geworfen, und dort zwei Stunden, mit mehrmaligem Untertauchen, festgehalten wurde.

Am andern Tage hatte ich noch mehr Gelegenheit, O'Connel zu beobachten. Im Ganzen übertraf er meine Erwartung. Sein Aeußeres ist einnehmend, und der Ausdruck von geistvoller Güte in seinem Gesicht, mit Entschlossenheit und Klugheit gepaart, äußerst gewinnend. Er hat vielleicht noch mehr Suada, als wahre großartige Beredsamkeit, und man bemerkt oft zuviel Absicht und Manier in seinen Worten, demohngeachtet muß man der Kraft seiner Argumente mit Interesse folgen, an seinem martialischen Anstand Gefallen finden, und oft über seinen Witz lachen. Gewiß ist es, daß er weit eher einem General aus Napoleons Regime, als einem Dubliner Advokaten ähnlich sieht. Diese Aehnlichkeit wird dadurch noch auffallender, daß er vortrefflich französisch spricht, denn er ist in den Jesuiter-Collegien zu Douai und St. Omer erzogen. Seine Familie ist alt, und wahrscheinlich früher sehr bedeutend im Lande gewesen. Seine Freunde behaupten sogar, er stamme von den ehemaligen Königen von Kerry ab, und beim Volke vermehrt dies ohne Zweifel sein Ansehen. Er selbst erzählte mir, nicht ganz ohne Prätention, daß einer seiner Vettern Comte O'Connel und Cordon rouge in Frankreich sey, der andere, Baron in Österreich, General und kaiserlicher Kammerherr, er aber sey der Chef der Familie. Soviel ich sehen [15] konnte, wurde er von den anwesenden Mitgliedern dieser, fast mit religieusem Enthusiasmus verehrt. Er ist jetzt ohngefähr 50 Jahre alt und sehr wohl konservirt, obgleich er eine blonde Perücke trägt. Uebrigens hat er eine ziemlich geräuschvolle Jugend durchlebt. Unter anderm machte ihn ein Duell, schon vor 10 Jahren, gewissermassen berühmt. Die Protestanten hatten gegen ihn, dessen Talente ihnen bereits gefährlich wurden, einen gewissen Desterre, einen Schläger und Bretteur von Profession aufgestellt, der durch alle Gassen Dublins mit einer Jagdpeitsche ritt, um, wie er sagte, diese einmal an des Königs von Kerry Schulter zu legen. Die natürliche Folge war eine Zusammenkunft am nächsten Morgen, wo O'Connel seine Kugel in Desterre's Herz niederlegte, während dessen Schuß ihm nur den Hut durchlöcherte. Dies war sein erster Sieg über die Orangemen, denen so viele wichtigere gefolgt sind, und noch hoffentlich folgen werden. Sein Ehrgeiz schien mir unbegränzt, und sollte er die Emancipation durchsetzen, woran ich nicht zweifle, so wird er damit seine Carriere keineswegs schließen, sondern sie wahrscheinlich dann erst recht beginnen. Uebrigens liegt auch das Uebel in Irland, und überhaupt in der ganzen Verfassung Großbritanniens, zu tief, um durch die große Emancipation der Katholiken gründlich gehoben werden zu können. Doch dies würde mich zu weit führen. Auf O'Connel zurückzukommen, muß ich noch erwähnen, daß er auch von der Natur das für ein Partheihaupt werthvolle Geschenk [16] eines herrlichen Organ's verliehen erhalten hat, verbunden mit einer guten Lunge und einer starken Constitution. Sein Verstand ist scharf und schnell, und seine Kennt nisse, auch außer seinem Fach, nicht unbedeutend. Dabei sind, wie schon gesagt, seine Formen gewinnend und populair, obgleich etwas vom Schauspieler darin bemerkbar ist, und bei einer sichtbaren großen Meinung von sich selbst, zuweilen auch ein wenig, was die Engländer »Vulgarity« nennen, mitunter läuft. Wo wäre ein Gemälde ganz ohne Schatten!

Noch ein andrer interessanter Mann, und ebenfalls ein (wiewohl mehr im Stillen wirkendes) Haupt der Katholiken, war hier gegenwärtig, derselbe Mann, den ich bei meiner Ankunft im Schlafrocke gesehen – Vater Lestrange, ein katholischer Friar, der zugleich O'Connels Beichtvater ist. Er kann als der eigentliche Stifter jener Katholik-Association angesehen werden, über die man in England soviel gespottet hat, und die dennoch, so zu sagen, bloß mit negativen Kräften, durch gewandte Thätigkeit im Verborgenen, durch allmähliche Organisirung und Bildung des Volkes zu einem bestimmten Zweck, 1 [17] eine unumschränkte Autorität über dasselbe erlangt hat, die fast der Hierarchie im Mittelalter gleicht, nur mit dem Unterschiede, daß diese dort für Sclaverei und Dunkel, jene hier für Freiheit und Licht benutzt wird. Es ist auch dies einer der Ausbrüche jener zweiten großen Revolution, welche bloß und allein durch intellektuelle Mittel, ohne irgend eine Beimischung von physischer Gewalt, bewerkstelligt zu werden anfängt, und deren fast einzige, aber unwiderstehliche Waffen, die Rednerbühne und die Druckerpresse sind. Lestrange ist ein Mann von philosophischem Geist, und unerschütterlicher Ruhe. Seine Formen sind die eines vollendeten Weltmanns, der in mannichfachen Geschäften Europa durchreist hat, die Menschen gründlich kennt, und bei aller Sanftmuth doch einen scharfen Zug von großer Schlauheit nicht immer ganz verbergen kann. Ich möchte ihn das Ideal eines wohlmeinenden Jesuiten nennen.

Da O'Connel beschäftigt war, machte ich früh mit dem Friar eine Promenade nach einer wüsten Insel, trocknen Fußes über den, von der Ebbe entblösten, glatten Meersand schreitend. Hier stehen die eigentlichen Ruinen der alten Abtey Derrinane, wovon O'Connels Haus nur ein Appendix ist. Sie soll [18] einst von der Familie wieder hergestellt werden, wahrscheinlich wenn gewisse Hoffnungen erst erfüllt sind.

Als wir zurückkamen, fanden wir O'Connel, wie einen Chieftain, auf der Schloß-Terrasse, von seinen Vasallen und andern Volksgruppen umringt, die sich Verhaltungsbefehle holten, oder denen er Recht sprach. Da er Jurist und Advokat ist, wird ihm dies um so leichter. – Niemand würde es aber auch wagen, gegen seine Entscheidungen zu appelliren. O'Connel und der Papst sind hier gleich infaillible. Prozesse existiren daher nicht in seinem Bereich, und dies dehnt sich nicht bloß auf seine eigenen tenants, sondern, wie ich glaube, auch auf die ganze Umgegend aus. Ich verwunderte mich nachher, sowohl O'Connel als Lestrange in religieuser Hinsicht ohne alle Bigotterie, ja mit sehr philosophischen und toleranten Ansichten zu finden, ohne deshalb aufhören zu wollen, gläubige Katholiken zu seyn! Ich wünschte, ich hätte einige jener wüthenden Imbecilles unter den englischen Protestanten, wie z.B. Herrn L..., hier herzaubern können, welche die Katholiken für so unvernünftig und bigott ausschreien, während sie selbst allein, im wahren Sinne des Worts, dem fanatischen Glauben ihrer politisch-religieusen Parthei anhängen, und im Voraus fest entschlossen sind: vor Vernunft und Menschlichkeit stets ihre langen Ohren zu verschließen.

[19] Im Lauf des Tages sollte eine Parforce-Jagd auf Hasen statt finden, (denn Hr. O'Connel hält eine kleine Meute) die in den Bergen, und an den weiten kahlen Abhängen hin, gewiß ein sehr malerisches Schauspiel abgegeben haben würde; die schlechte Witterung ließ es aber nicht dazu kommen. Mir behagte auch Ruhe, und die böchst interessante Gesellschaft, der ich gar manche lehrreiche Berichtigung verdankte, weit besser.

Kenmare, den 30sten.


Obgleich man mich, mit ächt irländischer Gastfreiheit, dringend einlud, noch eine Woche bis zu einem großen Feste, das bereitet wurde, und zu dem man noch viele Gäste erwartete, hier zu bleiben, glaubte ich doch dies nicht ganz à la lettre nehmen zu dürfen, und sehnte mich auch zu sehr nach Glengariff, um länger, als es für meinen Zweck nöthig war, hier zu verweilen. Ich empfahl mich daher an diesem Morgen der Familie, mit dem aufrichtigsten Danke für ihre freundliche Aufnahme. Herr O'Connel gab mir das Geleite, bis an die Gränze seiner Domainen, und ritt einen schönen großen Schimmel, auf dem er sich noch militarischer als in seinem Hause ausnahm. Der rauhe Weg, obgleich ganz von Vegetation entblöst, bot doch viele erhabne Aussichten dar, theils auf die Felsen landeinwärts, [20] theils auf das Meer voller Klippen und Inseln, von denen einige ganz isolirt, als hohe, spitze Berge aus dem Wasser steil empor steigen. Herr O'Connel machte mich auf eine derselben aufmerksam, und erzählte, daß er vor einigen Jahren einen Ochsen dort hinschiffen und aussetzen ließ, damit er sich auf der guten und ungestörten Weide recht fett mästen möge. Dies Thier nahm aber schon nach einigen Tagen so decidirten Besitz von der Insel, daß es wüthend ward, sobald irgend Jemand den Versuch machte, dort zu landen, und selbst die Fischer, die ihre Netze am Ufer ausstellen wollten, attakirte und verjagte. Oft sah man es, gleich Jupiter in Stiergestalt, mit erhobenem Schweif und feuersprühenden Augen, im wilden Lauf, die Runde seiner Domaine machen, rekognoscirend, ob irgend Einer sich noch zu nahen wage. Der emancipirte Ochse wurde zuletzt so unbequem und gefährlich, daß man ihn totschießen mußte. Dies schien mir eine ganz gute Satyre auf die Freiheitsliebe überhaupt, die mit erlangter Macht gewöhnlich sofort wieder in Herrschsucht ausartet, und die Ideen-Association mußte daher gerade jetzt wider Willen komische Bilder in mir erwecken.

Später kamen wir an eine merkwürdige Ruine, eins der sogenannten »dänischen Forts« an der Küste, die wohl nicht den Dänen, sondern der Vertheidigunggegen die Dänen ihren Ursprung verdanken. Sie sind über tausend Jahr alt, und die untern Mauern, obgleich ohne Mörtel zusammengefügt, [21] dennoch sehr wohl erhalten und fest. Bei einer, von einem angeschwollenen Bergstrom zertrümmerten Brücke, hielt O'Connel an, um mir das letzte Lebewohl zu sagen, und ich konnte nicht umhin, dem Kämpfer für die Rechte seiner Mitbürger zu wünschen, daß, wenn wir einst uns wieder sähen, das Zwangs-Gebäude englischer Intoleranz eben so durch ihn und seine Gehülfen zertrümmert seyn möge, als jene morschen Mauern, durch den sich Bahn brechenden Strom. So schieden wir. 2

Da ich größtentheils denselben Weg wieder zurückkehrte, den ich gekommen, kann ich nicht viel Neues darüber sagen, ausgenommen daß er mich, ohngeachtet der Tag schön war, doppelt so sehr ermüdete als das erstemal – wahrscheinlich weil der Geist sich in geringerer Spannung befand. Nicht weit von Kenmare begegnete ich mehreren Transporten von Steinen, Brettern, Bohlen, Bier und Butter. Alles wurde zu Pferde fortgeschafft. Die Irländer sind sehr ingenieus in Transportmitteln. Ihre vortrefflichen Carrs, mit denen ein Pferd so bequem fünf bis sechs Personen fortbringt, habe ich Dir schon beschrieben – eben so zweckmäßig sind ihre Transportkarren [22] für Heu, Holz etc., wo auch ein Pferd dieselbe Arbeit thut, zu der bei uns drei gebraucht werden. Das Gleichgewicht, in welchem die Last, so zu sagen, balancirt wird, macht dies allein möglich. Ein Karren wird, z.B. mit langem Bauholz, so aufgeladen, daß man das Pferd kaum sehen kann, welches ganz vom Holze eingehüllt ist, dessen Stämme viele Ellen hinter dem Wagen und vor dem Pferde hinausragen. Die Vertheilung des Gewichts auf beiden Seiten ist dadurch so vollkommen hervorgebracht, daß die Stämme nur auf einem Punkte aufliegen, und daher das Pferd nur wenig im Verhältniß zu ziehen hat. Bergauf und herab hilft der Führer leicht nach, durch Heben oder Niederdrücken der Enden, welche die geringste Kraft schon in Bewegung setzt. Eben so werden fünf bis sechs schwere eichne Bohlen auf plattem Sattel über ein Pferd gelegt, das sie, wie eine Balancierstange, ohne große Beschwerde fortträgt, obgleich es unter derselben Last, in einem andern Volumen, z.B. in einer Kiste enthalten, erliegen müßte. Auch um Steine, über dem Sattel hängend, zu transportiren, haben sie eine sinnreiche Vorrichtung, gleich hölzernen Körben, die auf einer dicken Strohunterlage über des Pferdes Rücken befestigt werden.

Die frohe Laune und gutmüthige Höflichkeit der Leute, denen ich begegnete, fand ich sehr einnehmend. Kein Volk, das ich kenne, erscheint in seinen[23] untern Classen weniger egoistisch, und dabei dankbarer für das geringste freundliche Wort, dessen ein Gentleman es würdigt, ohne damit die mindeste Idee von Interesse zu verbinden. Ich wüßte daher auch wirklich kein Land, wo ich lieber ein großer Grundbesitzer seyn möchte, als hier. So wurde ich z.B. mit dem, was ich am andern Orte gethan, und dafür nur Undank geerndtet, und Hinderung aller Art gefunden – mir hier gewiß nicht nur 10 – 12,000 Untergebne auf Leib und Leben zu eigen gemacht, sondern ich würde auch, mit weit geringeren Kosten und Zeit, ein unendlich höheres Resultat gewonnen haben, da hier mit Natur und Menschen alles, überhaupt Ausführbares, zu erreichen ist. Das Volk vereinigt im Allgemeinen, bei aller seiner Rohheit, die Biederkeit und poetische Gemüthlichkeit der Deutschen, mit der Lebhaftigkeit und schnellen Conception der Franzosen, und besitzt als Zugabe, alle Natürlichkeit und Unterwürfigkeit der Italiäner. Man kann mit vollem Recht von ihm sagen, daß es seine Fehler nur andern, seine Tugenden aber allein sich selbst zu verdanken hat. Ich muß in dieser Hinsicht noch eine, an sich unbedeutende, Begebenheit erzählen, die ich früher überging, die aber als ein nationeller Zug doch der Erwähnung verdient.

Als ich vor vier Tagen von Killarney nach Kenmare fuhr, begegneten mir fortwährend Leute, die auf dem Markt im letzten Ort Vieh gekauft hatten, und es jetzt nach Hause trieben. Sie ritten gewöhnlich [24] auf, ebenfalls erst gekauften, Füllen, ohne Zügel, und da Menschen und Vieh sich einander noch fremd waren, so konnten sie ihre Thiere nur schlecht regieren. Wir wurden dadurch mehreremal gezwungen, still zu halten. Dies langweilte mich endlich, und bei der dritten oder vierten Rencontre dieser Art, rief ich den Leuten barsch zu: ich hätte nicht Zeit, ihrer Ungeschicklichkeit wegen, den halben Tag auf der Straße zuzubringen, und befahl, etwas übereilt, dem Kutscher, nur darauf los zu fahren. Sogleich machten zwei Füllen mit ihren Reitern links um, vor dem Wagen hergallopirend, und die ganze Heerde zertheilte sich scheu in die Berge. Meine Raschheit that mir jetzt leid, und ich ließ sogleich wieder anhalten. Es waren im Ganzen vier bis fünf Treiber, die ich so deroutirt hatte, alles rüstige junge Kerle, und der Streich, den ich ihnen gespielt, gewiß einer der unangenehmsten, da voraus zu sehen war, daß sie wenigstens eine halbe Stunde brauchen würden, um ihr zersprengtes Vieh wieder zu sammeln. Deutsche, Engländer oder Franzosen würden einem Reisenden, der mit einem zerlumpten Kutscher, in einem elenden Einspänner fuhr, und ihnen unbesonnen dieß bot, gewiß mit gehöriger Grobheit zugesetzt, und vielleicht gar ihn festzunehmen versucht haben, um den etwaigen Schaden zu ersetzen. Ganz anders war das Betragen dieser guten Leute, witzig und respektvoll zugleich. O murther, o murther! schrie der Eine, während das widerspenstige Füllen noch einen Versuch machte, den Berg hinan zu springen, [25] und ihn beinahe abwarf: God bless Your honour, but every Gentleman in England and Ireland get's out of the way of cattle! O for God's sake stop now, Your honour, stop! (O Mord, Mord! 3) Gott segne Euer Ehren, aber jeder Gentleman in England und Irland geht doch Vieh aus dem Wege! – O um Gotteswillen, haltet an, Euer Ehren, haltet an!) Als ich nun angehalten hatte, und die armen Teufel die größte Mühe gehabt, einen Theil des am weitesten zurück gelaufnen Viehs wieder einzuholen, kamen sie nochmals an meinen Wagen, um mir mit abgezogener Mütze und »Long life to Your honour!« für meine Güte zu danken, worauf sie lustig das Einfangen, und ich meinen Weg fortsetzte. Ich mußte mir selbst gestehen, daß ihr Betragen lobenswerther war als das meine, und verbesserte es, so gut ich konnte, durch ein ansehnliches Trinkgeld.


Den 1sten Oktober früh.


Obgleich peinlich müde, konnte ich gestern Abend doch nicht einschlafen, und frug daher beim Wirth an: ob er irgend ein Buch besitze? Man brachte mir [26] eine alte englische Uebersetzung von Werther's Leiden. Du weißt wie hoch und innig ich unsern Dichterfürsten verehre, und wirst mir es daher kaum glauben wollen, wenn ich Dir sage: daß ich dieses berühmte Buch nie gelesen. – Der Grund möchte auch Vielen sehr kindisch vorkommen. Als ich es nämlich zuerst in die Hände bekam, erweckte mir die Stelle, gleich im Anfang, wo Charlotte dem Buben »die Rotznase wischt« einen solchen Eckel, daß ich nicht weiter lesen konnte, und dieser unangenehme Eindruck blieb mir immer gegenwärtig. Diesmal machte ich mich jedoch ernstlich an die Lectüre, und fand es dabei seltsam, Werther zum erstenmal, in fremder Sprache, mitten in den wüstesten Gebürgen von Irland zu lesen. Ich konnte aber auch hier, aufrichtig gestanden, den veralteten Leiden keinen rechten Geschmack mehr abgewinnen – das viele Butterbrod, die kleinstädtischen, nicht mehr üblichen Sitten und selbst die, (gleich den zu Gassenhauern herabgesunkenen schönen Mozartschen Melodien) jetzt auch Gemeinplätze gewordenen Ideen, die damals neu waren – endlich die unwillkührliche Erinnerung an Potiers köstliche – Parodie – es war mir nicht möglich, in die rechte Communionsstimmung, wie Hr. v. Frömmel sagt, hinein zu kommen. Aber so viel habe ich, Scherz bei Seite, wenigstens eingesehn, daß das Buch einst Furore machen mußte – denn es ist eine ächt deutsche Stimmung, an der Werther untergeht, und deutsche Gemüthlichkeit fing damals eben an, sich in dem zu materiell gewordnen [27] Europa Bahn zu brechen. Freilich durchschritt es Meister, und vielmehr nachher noch Faust mit ganz andern Riesenschritten! Der Werther-Periode sind wir, glaube ich, entwachsen, an dem Faust aber kaum herangekommen, und kein Zeitalter wird, so lange es Menschen gibt, ihm entwachsen können.

In der Tragödie Faust ist wie in Shakspeare des Menschen ganzes Innere abgespiegelt und in der Hauptfigur nur der Menschheit ewiges räthselhaftes Sehnen personificirt, das nach einem unbekannten Etwas rastlos ringt, welches dennoch hier nie erreicht werden kann; daher auch das Drama offenbar nie ein völlig abschließendes Ende haben könnte, wenn es auch noch durch viele Akte ausgedehnt würde. Wie aber eben der edlere Menschengeist hier eine schwindelnde Straße betritt, gleich der Brücke des Koran, so ist er auch auf ihr dem bodenlosen Falle jeden Augenblick näher, als der Thiermensch, der ruhig auf der sichern Ebne – weidet.

Ein Vetter des Herrn O'Connel, der Parforce-Jagden am See von Killarney hält, hatte mir eine solche für morgen versprochen, – ich habe aber eine wahre Antipathie, etwas schon Gesehenes wieder zu besuchen, so lange ich noch Neues vor mir habe, und eine sehr große Veränderung können Hunde und Jäger der mir bereits bekannten Scene doch nicht geben. Dagegen erwarteten mich in Glengariff liebenswerthe Menschen, und gar viel [28] Neues; – ich zog also das Letztere vor, ritt wieder über den Teufelsberg, diesmal bei Tage, und befinde mich seit einer Stunde hier, in einem niedlichen Zimmer etablirt, und alle Pracht der Bay vor meinem Fenster ausgebreitet. Ehe ich Kenmare verließ, wurde meine Eitelkeit noch auf eine empfindliche Probe gesetzt. Die irländische Naivetät der Wirthstochter hatte mich, beim jedesmaligen Zurückkommen nach ihres Vaters Gasthof, so angenehm angesprochen, daß ich mich fast allein mit ihr unterhielt, und dadurch ihre Gunst gewann. Sie hatte ihre Berge nie verlassen, und war so unbekannt mit der Welt, als es nur denkbar ist. Scherzend frug ich sie, ob sie mich wohl nach Cork begleiten wolle? Ach nein, rief sie, da würde ich mich doch fürchten, so weit mit Ihnen zu gehen! sagen Sie mir nur, wer Sie eigentlich sind? daß Sie ein Jude sind, weiß ich schon. – Was, bist Du toll, woher soll ich denn ein Jude seyn? – Nun das werden Sie doch nicht leugnen, haben Sie nicht einen langen schwarzen Bart rund ums Kinn, und fünf bis sechs goldne Ringe an den Fingern? Und waschen Sie sich nicht immer früh eine Stunde lang, und machen Ceremonieen dabei, wie ich sie doch sonst noch nie von einem Christenmenschen gesehn habe! Nicht wahr, gestehen Sie es nur, Sie sind ein Jude? – Mein Depreciren half nichts, sie blieb dabei; endlich meinte sie doch gutmüthig, wenn ich denn durchaus keiner seyn wolle, so wünsche sie mir wenigstens, to become as rich as a Jew (so reich zu werden wie ein [29] Jude, eine englische Redensart). Dies bekräftigte ich gern mit einem christlichen: Amen!


Den 2ten Oktober.


Eben komme ich von einer sechzehnmeiligen Promenade mit C...l W... zurück, nach Hungryhill, einem erhabnen Bergfelsen am Ende von Bantry Bay, merkwürdig durch seinen Wasserfall, und durch Thomas Orourte's Reise nach dem Monde, auf des Adlers Rücken, die von hier aus statt fand, und seitdem in Prosa und Versen so vielfach besungen wurde. Auch in Deutschland ist das amüsante Märchen wiederholt übersetzt worden, wo es Dir vielleicht vorgekommen seyn mag. Der Held der Geschichte ist ein fast immer betrunkener Garde-chasse des Lord B.... der noch lebt, und den mir Mr. W... beim Zuhausefahren, im Gasthofe präsentirte. Er ist jetzt sehr stolz auf seine Berühmtheit, und schien mir, als ich ihn sah, gerade wieder im Begriff, eine Mondreise anzutreten.

Für die Wasserfälle ist der viele Regen dieser Tage sehr vortheilhaft gewesen. Der Fall am Hungryhill verschwindet fast ganz in trocknem Wetter, übertrifft aber, nach heftigen Regengüssen, auf einige Stunden, den Staubbach und Terni. Hungryhill (der Hungerberg) ist gegen 2000 Fuß hoch, und eine fast [30] ganz kahle ungeheure Felsenmasse. Von der Landseite bildet er zwei steile Absätze, zwischen welchen sich, auf dem Plateau, ein See befindet, den man natürlich von unten nicht sieht, wo das Ganze nur die fortlaufende Linie zwei colossaler Terrassen darbietet. Die obere besteht aus ganz kahlem Stein, und wird in der Mitte, durch eine vertikale, wie von der Kunst tief gegrabene Rinne getrennt; die untere Terrasse, obgleich auch ohne sehr sichtbare Unebenheit, ist doch an ihrem Abhang mit Heiden und grobem Grase bedeckt, wo gewöhnlich Hunderte von Ziegen weiden.

In der erwähnten obern Rinne nun, ergießt sich, von der höchsten Spitze des Bergs, die Wassermasse herab, fällt in den, auf dem Absatz befindlichen, See, und stürzt sich dann, diesen überfüllend in vier getrennten Fällen von neuem, in so großen Bogen, auf die Thalwiese nieder, daß die Ziegen ruhig darunter fortweiden können, während die Wasserströme das Wiesenthal in der Tiefe bald auch in einen temporairen See verwandeln.

Da man unten stehend, die Trennung des obern und der unteren Fälle, nebst den zwischen liegenden See, wie schon bemerkt, nicht sehen kann, erscheint dem Auge das Ganze, nur wie ein ungeheurer Sturz, dessen Wirkung alle Beschreibung übersteigt. Obrist W. versicherte mich, bei höchstem Wasserstande die Bogen des Falles so weit abgeschleudert [31] gesehen zu haben, daß, nach seinem eignen Ausdruck, ein Regiment darunter hätte aufmarschirt stehen können, ohne benetzt zu werden, wozu der betäubende Lärm, wie er sagte, nahen Kanonendonner gut dargestellt hätte.

In einer der Schluchten nebenan fand die, in Irlands fabelhafter Geschichte merkwürdige Schlacht, zwischen dem großen O'Sullivan und O'Donnivan, statt, und man zeigt noch die Ueberreste eines uralten Arbutus-Stammes, an welchem, der Sage nach, O'Donnivan aufgehangen wurde. Geld und Kostbarkeiten sind wirklich in diesem Bezirk noch vor kurzem, tief in der Erde vergraben, aufgefunden worden.

Die Adler dieser Gebürge, welche auf ganz unzugänglichen Felsen horsten, spielen eine große Rolle in allen Mährchen des Volks. Sie sind außerordentlich groß und stark, und es ist erwiesen, daß sie zuweilen selbst Kinder rauben. Vor einiger Zeit entführte ein solches Raubthier einen dreijährigen Knaben, und deponierte ihn, weil er ihm doch wahrscheinlich zu schwer ward, fast unversehrt, wenigstens lebend, auf einem Felsenabsatz, wohin man sogleich nachkletterte, und den Knaben glücklich rettete. Der neue Ganymedes – als Corpus delicti – existirt noch im besten Wohlseyn. Ein ähnlicher Fall dieser Art trug sich erst vor wenig Monaten zu. Der Adler nahm ein ganz kleines Mädchen, vor des Vaters Augen, vom Boden auf, und verschwand mit ihm [32] in den Felsen, ohne daß man die geringste Spur von dem armen Kinde mehr hat auffinden können.


Den 3ten.


Col. W..... ist ein eben so großer Parkomane als ich, aber nicht ganz so gourmet, et sa câve s'en ressent un peu. Dagegen verschafft die Jagd, zu Lande und zu Wasser, der Tafel mehrere Delikatessen. Die Berghühner sind unter andern vortrefflich, und die Austerbank im Park liefert tellergroße, und besonders schmackhafte Geschöpfe dieser Art. Uebrigens wimmelt die Bay von Fischen und Seehunden. Ein solcher saß heut früh auf einer hervorragenden Klippe, grade meinem Fenster gegenüber, und schien mit großem Vergnügen und fast tanzender Bewegung, der Musik eines Piper zuzuhören, dessen bagpipe vom nahen Gasthof herüberschallte. Diese Thiere sollen die Musik so leidenschaftlich lieben, daß sie, bei Wasserparthien auf der Bay, den Böten der Musikanten zu 20 bis 30 folgen, und sich auch vom Jäger auf diese Weise überall hinlocken lassen. Es ist wirklich grausam, ihren Kunstsinn so zu mißbrauchen!

Leider regnete es heute den ganzen Tag, so daß ich gezwungen war, zu Haus zu bleiben. Früh wohnte ich dem täglichen Privatgottesdienst der Familie bei, deren weibliches Personal zwar etwas [33] bigott in der Form, aber, wie mir schien, doch auch ächt fromm in der That ist. Wir setzten uns Alle im Kreise bin, dann las die Mutter einen Satz aus dem englischen Prayerbook, die älteste Tochter den nächsten, und so fortdauernd vice versa, Prediger und Küster in der Kirche nachahmend. Hierauf begann die Tochter, welche etwas Verschlossenes und Schwärmerisches hat, ein besonderes, sehr langes Gebet, das wohl eine Viertelstunde dauerte, während welchem alle Anderen (ich natürlich auch) sich schamhaft gegen die Wand kehren, vor ihrem Stuhl auf die Kniee fallen, und das Gesicht in die Hände legen mußten. Die Mutter seufzte und stöhnte, der Hausherr schien ein wenig ennuyiert, die jüngste Tochter (ein allerliebstes Mädchen, die ein gutes Theil mondainer als die älteste gesinnt ist) hatte hie und da Zerstreuungen, der Sohn aber es gar für besser gehalten, sich ganz zu absentiren. Ich, bei dem jeder nach innen gerichtete Gedanke zu jeder Tageszeit ein Gebet zu Gott ist, glaubte, ohne unfromm zu seyn, hier ein wenig nach außen beobachten zu dürfen.

Nachdem die Gesellschaft wieder aufgestanden war, die Kniee abgewischt, und die Röcke heruntergezupft hatte, denn der englische Enthusiasmus vergißt sich nicht so leicht, wurde eine Geschichte aus dem Evangelio von der Mutter gelesen. Man hatte diesmal die Mahlzeit gewählt, wo 6000 Mann mit zwei Fischen und drei Broden, wenn ich nicht irre, gesättigt wurden, und noch gar viel übrig blieb.

[34] Glücklicherweise wurde uns das Mittagsessen nicht mit gleicher Sparsamkeit zugemessen, und die Gottesgaben dabei durch die heiterste Unterhaltung gewürzt. Einmal beging ich jedoch einen unwillkührlichen Verstoß. Ich sprach nämlich scherzend von dem Kometen im Jahre 32, der der Erde oder Erdbahn näher als die bisher bekannten kommen soll, und bemerkte, daß, nach Lalande's Berechnung ein Komet, der sich auf 50,000 Meilen der Erde näherte, eine solche Attraktionskraft auf sie ausüben müßte, daß er die Meeresfluthen bis über die Spitze des Chimborasso ziehen würde. Kommt der zweiunddreißiger uns so nahe, setzte ich hinzu, so ertrinken wir wenigstens alle auf einmal. – »Verzeihen Sie, das ist jedenfalls unmöglich«, erwiderte Mistriß W... sehr ernsthaft, »denn das wäre ja eine zweite Sündfluth und Sie scheinen ganz vergessen zu haben, daß uns in der Bibel versprochen ist, eine zweite Sündfluth solle nicht statt finden, aber zum letztenmal die Erde durch Feuer zerstört werden. – (Il faut avouer, que la faveur n'est pas grande.) Daß diese Zerstörung aber wohl nahe seyn mag«, fuhr sie seufzend fort, »glaube ich selbst, denn die Unterrichtetsten unserer heiligen Männer kommen jetzt darin überein, daß wir uns wahrscheinlich im siebenten Reich der Offenbarung Johannis befinden, in welcher der Welt Ende prophezeit ist, und wo unser Heiland kommen wird, uns zu richten.« Wie sonderbar sind nun die Frommen! Ueber diese Aeußerung geriethen Mutter und Tochter in so heftigen und zuletzt erbitterten [35] Streit, daß ich unwürdiger Laye mich für ihre Versöhnung bemühen mußte. Dieser Streit entspann sich darüber, ob bei der erwähnten Katastrophe die Menschen sofort gerichtet und dann verbrannt, oder erst verbrannt und dann gerichtet werden würden. Die Tochter fragte entrüstet (et je vous jure que je ne brode pas) ob unser Heiland, wenn er käme, mit dem Richten erst warten solle, bis die Welt verbrannt sey? es stünde deutlich in der Schrift: daß er kommen würde zu richten über die Lebenden und die Todten, was nicht möglich sey, wenn vorher Alle schon verbrannt worden wären! Die Welt würde also offenbar erst nachher, wenn Alle gerichtet wären, verbrannt. Die Mutter erklärte dies, eben so heftig, als einen wahren nonsense, Menschen müßten nothwendig erst sterben, ehe sie selig oder verdammt werden könnten, und die angeführte Stelle bezöge sich, wo sie von Lebenden und Todten spräche, nur eines Theils auf die, welche bei der Ankunft des Feuers noch lebten, und andererseits auf die, schon längst vorher im Grabe Liegenden. Sie blieb also dabei:erst verbrannt und dann gerichtet! Beide wünschten nun meine Meinung zu wissen, um sich, durch meinen Beitritt, im Kampfe zu verstärken. Ich wagte zu antworten: daß ich in diesen Details nicht allzugut bewandert wäre, und daß mir ihr Streit fast so vorkäme, als der, bei Madame du Déffant, über den heiligen Dionysius: ob dieser nämlich eine oder sechs Meilen ohne Kopf gegangen sey? worauf Frau von Deffand bekanntlich entschied: dans ces sortes [36] de choses, il n'y a que le premier pas qui coute. Uebrigens hätte ich selbst mich in der Christuslehre immer am meisten an die Vorschriften der Pflichterfüllung, Zuversicht auf Gott, Sanftmuth und Nächstenliebe zu halten gesucht, obgleich es mir leider nur zu selten damit nach Wunsch gelungen – glaubte aber doch, in Folge dessen, unbekümmert darüber seyn zu können, ob wir erst gerichtet und dann verbrannt, oder erst verbrannt, und dann gerichtet würden. Alles was Gott thue, sey jedenfalls wohlgethan. Ich müßte aber gestehen, daß ich mich während meines hiesigen Lebens eben so gut in Gottes Hand, und eben so nahe seiner Macht, betrachte, als nach meinem irdischen Ende, oder selbst nach dem Ende der kleinen Erde, die wir Welt zu nennen pflegen. Das Weltgericht daure, meiner Meinung nach, ewig, gleich dem Weltengeist. – Diese Erklärung versöhnte die Kämpfenden glücklich, – indem sie sie beide gegen mich vereinigte. Doch gelang mir noch zuletzt ein geschickter Rückzug, ohne ganz ihre Gunst zu verlieren.

Gegen Abend hatten wir, zwischen Streifregen, Dämmerung und Sonnenuntergang, noch eine herrliche Beleuchtung. Unser Wasserfall im Park war so angeschwollen, daß er sich auch etwas zu donnern erlaubte, und Gras und Busch hatte sich gar artig mit bunten Sonnenstrahlen illuminirt. Wir spazirten bis in die Nacht umher, sahen den hohen Sugarloaf nach und nach vom Dunkelblau in's Rosa übergehen, und ergötzten uns am klaren Spiegel des Meers, am Hüpfen der Fische auf seiner Oberfläche, [37] und den friedlichen Spielen der Fischottern, bis die grausamen Fischerlichter in der Bay das Fest mit einem allgemeinen Kriegstanz beschlossen.

Alles ist hier schön, selbst die Luft, welche wegen ihrer Salubrität berühmt ist. 4 Insekten plagen die Menschen auch nicht, daß die Bay eine solche Tiefe hat, daß die Ebbe fast nirgends den Boden entblößt, und der stete, sanfte Lustzug des Thals ihnen wahrscheinlich auch nicht behaglich ist. Das Klima bleibt sich fast immer gleich, weder zu warm noch zu kalt, und die Vegetation ist so üppig, daß nur eine Sache mehr, und eine weniger da zu seyn brauchte, um den größten Theil der kahlen Berge, und auch die Felsen, in ihren Zwischenräumen, mit den schönsten Wäldern zu bekleiden, nämlich – Pflanzer undZiegen. Den ersten fehlt es an Geld zur Auslage, oder an der Lust, es hier anzulegen, die zweiten lassen nichts, das nicht doppelte Mauern schützen, aufkommen. Ehemals sollen die meisten dieser Gebirge mit Hochwald bedeckt gewesen seyn, aber die Engländer, welche immer nur daran dachten, so viel Geld als möglich in Irland zu machen, schlugen alles nieder, zum Verkohlen und zum Gebrauch der Eisenhämmer, die seitdem eingehen mußten, deren Rudera man aber noch an mehreren Orten findet. Ein anderer Vorzug dieser Gegend ist, nach meinem Geschmack, ihre Abgeschiedenheit. Ein Wagen kann [38] sie kaum erreichen, und, wenige neugierige Reisende von meiner Art aus genommen, wird keiner versucht, die schwierigen Approschen zu besiegen. Ein gutmüthiges Volk wohnt hier, nicht in Dörfern vereinigt, sondern einzeln im Gebürge zerstreut, und führt, unverdorben vom Gewühl der Städte, ein patriarchalisches Leben. Es ist auch nicht so widerlich arm, als in andern Theilen des Landes. Die Bedürfnisse dieser Leute sind gering; Torf zum Feuern dürfen sie holen, wo es ihnen gutdünkt, Gras für ihre Kühe ebenfalls in den Sümpfen, und Fische zur Nahrung liefert ihnen das Meer, mehr als sie bedürfen. Für den mit Schaffungslust ausgerüsteten Besitzer eröffnet sich hier ein unerschöpfliches Feld. Wäre ich ein Kapitalist, hier ließe ich mich nieder.

Mein freundlicher Wirth sorgt für die schnelle Beförderung dieses Briefes. Der Himmel gebe, daß er, in froher Stimmung geschrieben, auch Dich in froher Stimmung antreffe. Erinnere Dich immer des Wahlspruchs meiner Ahnfrau: Coeur content, grand talent!


Dein treu ergebener L....

Fußnoten

1 Alle katholischen Kinder in Irland werden sorgfältig unterrichtet, und können wenigstens lesen, während die protestantischen oft höchst unwissend sind. Ueberhaupt ist der moralische Ruf der katholischen Geistlichkeit in Irland überall exemplarisch, wie einst der verfolgten Reformirten in Frankreich. Dieunterdrückte Kirche scheint überall die Tugendhafteste zu werden, und die Gründe sind leicht aufzufinden.

A.d.H.

2 Zum Theil ist der Wunsch meines seligen Freundes ja nun schon erfüllt worden, und mit wie Vielem geht noch die Zukunft schwanger!

A.d.H.

3 Ein irländischer Lieblingsschwur.

A.d.H.

4 Bis jetzt wird noch keine Taxe davon erhoben.

A.d.H.

35. Brief
[39] Fünf und dreißigster Brief.

Glengariff, den 4ten Oktober 1828.


Liebe Julie!


Morgen reise ich ab, et bien à regrêt. Ich nehme aber ein liebes Andenken mit mir, eins der wenigendurchaus freundlichen Bilder meiner Lebenswanderung.

Auf meinem Morgenspaziergang fand ich heute so luxurieuse Eriken von den Felsen herabhängen, daßeine Staude derselben zehn Fuß in der Länge maß. Der Gärtner, der mich begleitete, machte mich noch auf eine andere Merkwürdigkeit aufmerksam. An einem verborgenen Ort, nicht weit von der hübschen, ganz ländlichen Dairy, hatten Bienen in freier Luft große Honigkämme, bloß an Brombeerästen hängend, im Dickicht gebaut. Die Schwere des Honigs bog den Strauch bis auf die Erde, und sie arbeiteten noch rüstig darin, als ich sie betrachtete. Die Dairy ist mit Erde und rother, darauf angewachsener, Haide [40] gedeckt, und das Dach von unten in sechs Spitzen ausgeschnitten, was nicht übel aussieht. Ein klarer Quell fließt mitten hindurch, an dessen Ufern der ägyptische Lotus vortrefflich gedeiht, und den Winter auch aushält.

Nachmittags ritt ich mit Col. W... aus, um ein Adlernest zu besehen. Zuerst passirten wir den Bezirk, in welchem Lord B...'s schönes Jagdhaus steht, durchwateten dann dreimal den angeschwollenen Fluß, und erreichten nach einigen Stunden Weges eine wilde Einöde, wo, unter einer senkrechten Felsenwand, zwei einzelne Hütten stehen. Ohngefähr 500 Fuß über diesen, horsten die Adler, in einer mit Epheu überrankten Spalte. Zu der Zeit, wenn sie Junge haben, sieht man sie fleißig mit Hühnern, Hasen, Lämmern u.s.w. angeflogen kommen, um den häuslichen Tisch zu versorgen; ein sonderbarer Instinkt aber ist es, der sie lehrt, nie etwas von den beiden unter ihnen wohnenden Familien zu rauben, und dadurch gleichsam die Gastfreundschaft zu ehren, welche jene ihnen beweisen. Ich bin sehr unzufrieden, daß noch keiner dieser Felsenkönige mir die Attention bewies, sich sehen zu lassen; auch heute waren beide entfernt.

Ueber die Höhlen des Sugarloaf's kehrten wir zurück. Hier gibt es einen wilden Jäger, und kein Tallyho der Menschen darf da erklingen, wo sein Jagdrevier angeht. Sonst stürmt er mit dem ganzen wilden Heer herbei, und reißt in dessen Wirbel die Unvorsichtigen mit sich fort. Bei alle dem ist er [41] von ganz anderer Natur, als sein deutscher Kamerad. Es ist ein Elfenkönig, klein wie Däumling, in Smaragdgrün prächtig gekleidet, und von einem Gefolge begleitet, das auf Pferden, nicht größer wie Ratten, über die Felsen, wie über das Meer, mit Windesschnelle gallopirt. Sugarloaf selbst ist der große Sammelplatz aller irländischen Feen. Die Höhlen sind voller Seemuscheln und phantastischer Steingestaltungen, welche die Neugierde des Besuchers reizen, in denen aber, für alle Schätze der Welt, kein Eingeborner die Nacht zubringen würde. – Von der Spitze des Berges, oder besser Felsen, bis gegen diese Höhlen herab, unterscheidet man bei klarem Wetter ein eignes Naturspiel: zwei gewundene, aber stets in gleicher Weite laufende Rinnen, die in der Ferne vollkommen einem Wagengeleise gleichen. Was könnte dies anders seyn, als die Spur von der Fairy Königin Wagen? worin sie auch mancher alte Bergbewohner bei Sonnen-Auf-oder Untergang in überirdischem Pomp hinauffahren sah, um das Jahresfest mit ihrer Gegenwart zu schmücken. Gewiß wird der Alte bereit seyn, mit jedem beliebigen Schwur die Wahrheit seiner Aussage zu bekräftigen, denn er glaubt daran, und das eben gibt den Mährchen dieses Volks einen so verführerischen Reiz, daß man selbst davon angesteckt wird.

Col. W..., der früher ein leidenschaftlicher Jäger war, kennt Fuß und Gipfel eines jeden Berges im ganzen Distrikt genau, und erzählte mir, chemin faisant, [42] so viel Interessantes davon, daß mein Brief nicht enden würde, wenn ich ein getreues Echo aller dieser Geschichten aus ihm machen wollte. Hier ist die Jagd noch mit Gefahren verbunden, und diese wahrlich keine Kleinigkeit! Mancher verliert sein Leben dabei. Sie sind dreierlei Art: zuerst, mitten in den Felsen von einem jener Winternebel überfallen zu werden, welche hier öfters stattfinden, und fast plötzlich den Wanderer mit dunkler Nacht und eisiger Kälte umfangen, wo ihm dann, wenn er den Ausweg nicht findet, nur die Alternative bevorsteht, das Leben durch Erstarrung (denn oft halten die Nebel ganze Tage und Nächte in den Schluchten fest) oder durch den Sturz in unsichtbare Abgründe zu verlieren. Wollen ihm die Fairy's wohl, so kömmt er irgend wo glücklich wieder an's Licht, wehe aber denen, die sich ihre Ungnade zugezogen haben; – zerschmettert oder erfroren, finden sie sicher die Freunde am nächsten Morgen. Die zweite Gefahr ist von ganz anderer Art. Auf den weiten, unabsehbaren Bergebenen, die, gleich dem Meere, mit dem Horizont zusammenfließen, ohne daß auch nur der kleinste Busch ihre erhabene Einförmigkeit unterbricht, sind weite Sümpfe, welche das verfolgte Wild (die Grouse, eine Art Feld- oder Birkhuhn, den englischen Inseln eigenthümlich) als Lieblingsaufenthalt wählt. Diese Sümpfe sind voll kleiner Erhöhungen, die durch Haidekraut gebildet werden, und, wie so viel Maulwurfshügel, in geringer Entfernung von einander darin vertheilt sind. Nur, indem man von einer dieser [43] Erhöhungen auf die andere springt, kann man den Sumpf passieren. Verfehlt man sie in der Hitze der Jagd, und findet nicht gleich eine andere in der Nähe, so ist man sicher, in dem grundlosen Moraste zu versinken. Das einzige Rettungsmittel bleibt zuletzt noch, schnell die Arme auszubreiten, oder sich mit dem horizontalliegenden Gewehr zu halten, bis endlich Hülfe kommt, oder es Einem gelingt, den nächsten Hügel zu erfassen.

Schlimmer und gefährlicher, als alles dies aber ist es, von einem der fast wild zu nennenden Stiere des Gebürges attaquirt zu werden. In diesem Falle befand sich Herr W.... öfters, entkam jedoch immer glücklich, wiewohl auf verschiedene Weise. Einigemal erschossen er selbst oder seine Begleiter den Bullen, ehe er noch nahe kam, ein anderesmal rettete er sich in einen der eben beschriebenen Sümpfe, wohin das wüthende Thier zwar nicht folgen konnte, ihn aber doch länger als eine Stunde förmlich darin belagerte. Die Geschichte des letzten Anfalls aber schien mir besonders merkwürdig, und beweist, daß ein Mensch, mit Kraft, Muth und Gewandtheit ausgerüstet, wohl jedem andern lebenden Geschöpfe, allein widerstehen mag. Obrist W.... war nur von einem Freunde und einem Eingebornen begleitet, welcher den Hund führte, und mit einem langen weißen Stabe, wie sie hier gebräuchlich sind, versehen war. Des Obristen Freund schoß eine Grouse, und in demselben Moment sahen sie, in der Distanz von ohngefähr [44] achtzig Schritt, einen Stier mit Wuth auf sie zustürzen. W. rief seinem Freunde zu, schnell zu laden, während er den ersten Schuß thue, und legte an, als der Spürer rief: Versprecht ihr mir ein Glas Whiskey extra zu geben, so will ich allein mit dem Stier fertig werden. Indem drückte W. sein Gewehr ab, fehlte aber, sein Freund war noch nicht mit Laden fertig, und kaum hatte er Zeit, dem Manne zuzurufen: Ein Dutzend Flaschen sollst Du haben – als sie diesen Helden der Berge auch schon, in demselben Tempo, mit dem der Stier auf sie zustürzte, ihm selbst entgegenrennen sahen. Im Nu waren beide aneinander. Mit der größten Gewandtheit ergriff der junge Mann eines der Hörner des Bullen, dessen Kopf die Erde streifte, schwenkte sich einen Schritt seitwärts, und denselben Schritt dann während des Sprungs seines Gegners mit Blitzesschnelle wieder zurückthuend, faßte er mit beiden Händen des Bullen Schweif, ohne deshalb seinen weißen Stock fahren zu lassen. Alles dies war mit der Geschwindigkeit des Gedankens verrichtet worden – und nun begann der seltsamste Wettlauf den man je gesehen. Der Stier wandte Alles an, die an seinem Schweif hängende Last abzuschütteln, aber vergebens. Bergauf, bergab, über Felsen und Waldbäche rannte er, wie rasend, umher, doch sein Begleiter, gleich einem Kobold, schwang sich mit ihm über jedes Hinderniß, oft an des Schweifes Spitze mehr in der Luft schwebend, als laufend. In kurzer Zeit ward das Thier von Angst und Rennen ermattet, und sank endlich [45] am Fuße eines weiten Rasenabhanges, grade unter dem Orte, wo Mr. W... und sein Freund erstaunt dem Ausgange entgegensahen, völlig erschöpft und kraftlos nieder. Jetzt aber begann erst seine regelmäßige Strafe, und wahrscheinlich ward dieses Individuum andem Tage für immer von seiner wilden Laune kurirt. Denn nun gebrauchte der Hirt seinen, mit Blei ausgegossenen und mit einer Eisenspitze versehenen Stab, den er zu diesem Ende wohlweislich beibehalten hatte, als Correktionsmittel, und damit den widerspenstigen Bullen fast lebendig gerbend, zwang er ihn, den Berg sich wieder hinanzuschleppen, wo er zuletzt, zu Mr. W... Füßen, die Zunge weit aus dem Halse streckend, zum zweitenmale lechzend niedersank, und in diesem Zustande gänzlicher Machtlosigkeit von ihnen verlassen wurde. Der junge Bauer, den Mr. W... als ein Wunder jugendlicher Kraft und Agilität beschrieb, schien seinerseits nicht im Geringsten von der Jagd ermüdet, noch eitel auf seine That, sondern, ruhig den weggeworfenen Pulversack und die Hundeleine wieder aufsuchend, verlor er kein Wort weiter über das Vergangene, als dem Obristen, indem er vergnügt mit den Augen winkte, zuzurufen: Now Master, don't forget the bottles! (Nun Herr, vergeßt die Flaschen nicht!)

Herrlich muß eine Hetzjagd sich in diesen Felsen ausnehmen! bald auf der Höhe oder an ihren Seiten hinstürmend, bald Fuchs und Hunde über Abgründe[46] setzend, oder Alles plötzlich, wie ein Schattenbild, in der Bergschlucht verschwindend. Col. W... sah einst eine solche auf Hungry-Hill, wo die ganze Meute unter dem Wasserfall durchjagte, ihr Heulen und Bellen mit dem Brausen der Wasser wild vermischend – bis zuletzt Reinecke dasselbe Schicksal hatte, welches drei bis vier Hunde schon vorher betroffen, nämlich, von den glatten Felsen abzuglitschen, und unter der Jäger Gejubel, die unten im Wiesenkessel auf einem vorstehenden Felsen der Jagd bequem zusahen, viele Hundert Fuß zu ihren Füßen herabzustürzen, wo alle seine List und alle seine Noth ein Ende fand.

Soll ich nun noch mehr erzählen?

Wohlan – noch einmal Hexen! sattelt mir den Pony – und dann Valet dem Lande der Mährchen, der Felsen und der seit Jahrtausenden an ihnen nagenden, noch immer ihre weißen Zähne fletschenden, Wogen. –

Sitze dann auf mit mir, Julie! en croupe wie ein irländisches Mädchen, und folge mir schnell durch die Lüfte, zurück nach Iveragh, der Wildniß O'Connel's. Freilich ist es ein Land der Adler und Geyer, stürmen der Wellen und abgerissener Felsen! aber dennoch giebt es dort einen Platz in Ballingskellig-Bay, ohnfern O'Connel's Schloßabtei, wo in alter Zeit mancher Tanz getanzt, und manche Heirath geschlossen wurde. Denn ruhig und lieblich war der einsame Fleck, mit seinem sammtnen Boden, hohe Felswände schützten[47] ihn vor dem Sturm, und glatter Sand, wie Atlas, senkte sich bei der Ebbe nach dem Meere hinab, das in der hellen Mondscheinnacht, gleich dem Reste der Schöpfung, zu schlummern schien, seine kleinsten Wellen nur selten, vom Hauch des Zephyrs berührt, wie im Traume sich regend und kräuselnd.

In einer solchen Nacht war es, daß Maurice Adair, der Piper 1 seinem Dudelsack die einladendsten Töne entlockte, und die Jugend von Iveragh das Fest ihres Heiligen, lustiger als je, mit Tanz und Frohsinn feierte. Maurice war ein schöner und rüstiger junger Bursche – aber blind. Der Aermste hatte nie der Sonne Licht gesehen, und Tag und Nacht war ihm gleich. Seiner Phantasie schwebten aber dennoch undeutliche Bilder von Schönheit und herzbewegenden Reizen vor, wenn sein Ohr die süßen Stimmen der Mädchen vernahm, oder seine Hand einen weichen Schwanenhals fühlte, oder auch, gleich Blumendust, ein rosiger Athem seine Wange berührte. Maurice war verliebt, aber noch ohne Gegenstand – und sein Sehnen wußte sich nur in Melodien zu ergießen, die im einsamen Gesang, oder den Lauten seiner bagpipe 2 gar anmuthig ertönten. Maurice's Musik [48] aber konnte noch weit mehr bewirken. Er hatte in seinem Instrumente einen Ton – der wundervolle Ton genannt, und wie man glaubte, von einem Elfen erst hineingebannt – einen Ton, den gleich Hüons Horn und gewiß von derselben Abstammung, Niemand hören konnte, ohne sogleich seine Tanzlust zur unwiderstehlichen Leidenschaft anwachsen zu fühlen. Wie manches junge Mädchen in der Stadt, das eben ihrem ersten Balle beiwohnt, und keinen solchen Stimulus bedarf, würde doch viel darum geben, im Besitz jenes Tones zu seyn, um die trägen Dandee's zu ermuntern, von denen einer nach dem andern sich wegschleicht, oder auf dem Sopha liegt, dem dolce far niente hingegeben, statt sich mit ihr im Cottillon herumzudrehen. Hier, auf der mondbeglänzten Wiese, bedurften jedoch die aufgeweckten Bauerburschen keines fremden, unwiderstehlichen Reizes. Hinlänglich war die Anregung ihrer eignen Lust, und Maurice, unermüdlich aufspielend, ergötzte sich selbst, in seinen lüsternen Gedanken, an dem, was die andern in der Wirklichkeit, und deshalb vielleicht weniger innig genossen. Doch fing auch er endlich an, sich nach einiger Realität zu sehnen, und da Musikanten nicht nur verliebter, sondern auch durstiger Natur zu seiyn pflegen, irländische Musikanten aber ohne Zweifel beide Bedürfnisse in doppeltem Maße empfinden, so versäumte auch Maurice nicht, die angenehmen Bilder seiner Phantasie gar fleißig mit heißem Whiskeypunsch zu erfrischen. Bald schien es ihm, als drehe sein Kopf sich noch schneller als die [49] wirbelnden Paare, ja ganz Iveragh schaukelte unter seinen Füßen. O, noch ein Glas, Kitty! und einen Kuß dazu, rief er stammelnd – aber Kitty, bange für des Tanzes Ende, wenn der Whiskey die bagpipe des Piper's Händen entrisse, versagte standhaft den Labetrank. Immer heftiger bestand dieser auf seinem Begehren – doch Kitty blieb unerbittlich. »Wer soviel trinkt, braucht nicht zu küssen, und überdem mußt Du spielen«, sagte sie, »damit wir tanzen, und kaum kannst du ja mehr die Finger rühren.« – Ich nicht mehr die Finger rühren? schrie Maurice entrüstet – nun so sollst Du, und ihr Alle, tanzen, bis ihr genug habt, und Euch mehr nach einem Tropfen Wasser sehnt, als ich jetzt nach einem Glase gesegneten Whiskeypunsches! Im Zorne hierauf die bagpipe an sich drückend, erschallte laut und schmetternd – der wunderbare Ton – und augenblicklich, in wildem Getümmel, wirbelte alt und jung durcheinander. Aber sieh! das schlafende Meer selbst erwacht, und hervor kommen Krabben und Seekrebse, eine zierliche Menuet auf dem glatten Sande executirend. Die Meerspinne tanzt vor, unnachahmliche Pas mit ihren langen Beinen vollbringend, und Codfish und Steinbutt, Schellfisch und Sohle balanciren auf ihren Schwänzen mit aller Grazie, die ihnen zu Gebote steht. Seehunde selbst versuchen den neuesten Gallopwalzer, und Austern, ihre Schalen öffnend, gleiten dahin, mit dem Anstand einer Pariserin, die, die Ellenbogen ründend, beide Seiten ihrer Robe zierlich emporhebt. Staunend wurden [50] diese ganz neuen Tänzer tanzend empfangen, unter denen sich Maurice, fortwährend blasend, und nichts von allem gewahrend, schadenfroh mit herumdrehte. Doch, da theilen sich nochmals die Fluthen, und hervorschwebt, in wollüstig reizendem Tanz, die schönste der Meerjungfrauen. – Frisch wie der junge Morgen war ihr Antlitz, ihr langes Haar strömte herab über den schneeweißen Busen, gleich durchsichtigen Wellen, röther blühten die Lippen als des Oceans feurigste Corallen, blendender glänzten die Zähne als seine kostbarsten Perlen. Ihr silbernes Gewand aber schien gewebt aus dem Schaume der Wogen, mit unbekannten Seeblumen geschmückt, reicher, schimmernd in brennenden Farben als Indiens funkelndster Edelstein.

Man sah ihr an, daß Damen, unter wie über dem Wasser, viel Sorge auf ihre Toilette verwenden, besonders wenn sie eine Eroberung beabsichtigen. Der Aussage der Augenzeugen nach, hatte man nie einen verführerischerern, coquetterern Anzug gesehen, als den ihrigen, der so gut Schönes zu enthüllen, und noch viel besser errathen zu lassen wußte. Nur der arme Maurice sah von alle dem nichts, und doch war er es, auf den allein die Seekönigin es abgesehen hatte, denn wenige Augenblicke nur waren vergangen, als in der Verwirrung des Tanzes, ihre Arme ihn sanft umfingen, und eine melodische Stimme in süßen Tönen ihm zurief:


[51]

Mein Reich ist das Meer,

Und prachtvoll mein Schloß

Komm Maurice Adair,

Komm schwing dich auf's Roß.

Das Seepferd, horch! schnaubet,

Und harret auf dich,

Der das Herz mir geraubet,

Nun herrscht über mich!

So komm denn, und eile,

Geschmückt ist der Saal, –

Nicht länger mehr weile –

Und sey mein Gemahl! –


Es scheint, daß Maurice dieser eindringenden Einladung mit nicht weniger Empressement entgegen kam, denn, obgleich seine alte Mutter, die ebenfalls seit einer halben Stunde, wie rasend umherspringen mußte, und schon beide Holzschuhe, nebst mehreren der wesentlichsten Kleidungsstücke verloren hatte – ihren letzten Athem anstrengte, ihm kläglich nachzurufen, doch um Gottes und St. Patricks Willen keinenFisch zu heirathen, – obgleich sie, als letztes Argument, selbst anführte, daß sie ja künftig nicht einmal mehr Stockfisch mit zerlassener Butter essen könne, ohne fürchten zu müssen, vielleicht ihren eignen Enkel zu verspeisen – so war doch Alles umsonst! – »halb zog sie ihn, halb sank er hin« und als der wundervolle Ton verhallte, und alle Tänzer ermattet Luft schöpften, hatte bereits eine hohe Welle, welche während der ganzen Zeit hinter ihnen gestanden (wahrscheinlich das erwähnte Leibroß der Königin) beide verschlungen, und nur ein leises: »Lebewohl [52] Mutter!« das der Wind herübertrug, war der letzte Laut – den man je von Maurice dem Piper vernahm.

Auch mein Brief schließt hiermit, liebe Julie; noch weiß ich nicht, woher ich Dir den nächsten adressiren werde, aber wenn Du meiner gedenkst, so sage Dir nur, daß ich mich nie wohler und froher befand.


Dein ewig treuer L....

Fußnoten

1 Adair wird Adehr, Piper Peiper ausgesprochen.

2 Ausgesprochen: Begpeip, der Dudelsack der Irländer, dem sie jedoch weit complizirtere Eigenschaften zu geben und sanfter Töne zu entlocken wissen, als die Wenden, Polen etc. Dem ihrigen.

A.d.H.

36. Brief
[53] Sechs und dreißigster Brief.

Macroom den 5ten October 1828.


Geliebte Theure!


Das Scheiden ward mir schwer – Du jedoch, die mich ganz wo anders hinwünschest, wirst gewiß sagen, daß ich schon viel zu lange geblieben – und so riß ich mich denn los, von den guten Leuten, und ihrem romantischen Wohnsitz. Es war grade Sonntag, und die alte Dame konnte sich nicht enthalten, ohngeachtet ihrer sichtlichen Herzlichkeit für mich, strafend auszurufen: Aber wie ist es möglich, daß ein guter Mensch, wie Sie, an einem Sonntag eine Reise antreten kann! Du weißt, daß die englischen Protestanten schon von Jakob des I. Zeiten an, wo diese Vergötterung des Sonntags anfing, und bald wüthende Partheisache wurde, jetzt fast allgemein diesen Tag zu einem wahren Todtentage gestempelt haben, an [54] dem Tanz, Musik und Gesang verpönt sind, so daß ganz Fromme selbst die Kanarienvögel verhängen, damit ihnen kein Singlaut in der heiligen Zeit entfahre. Auch darf kein Brot gebacken und kein nützliches Geschäft überhaupt verrichtet werden, – wohl aber mögen Trinken und andere Laster noch üppiger als an Wochentagen blühen, denn niemals liegen die Straßen mehr voller Betrunkenen als am Sonntag, und niemals sind, den Polizeiaussagen nach, gewisse Häuser voller mit Besuchern angefüllt. Viele Engländer halten das Tanzen am Sonntag unbedingt für eine größere Sünde, als blos etwas zu stehlen oder dergleichen, und ich las sogar in einer Geschichte von Whitbygedruckt, daß die dortige einst reiche Abtey habe untergehen müssen, weil die Mönche nicht nur jedes Laster, Mord und Nothzucht nicht ausgenommen, sich erlaubt, sondern ihr verbrecherischer Abt, selbst am heiligen Sonntage habe arbeiten, und den Bau des Klosters fortsetzen lassen.

Von diesem Wahne war denn auch die gute Mistress W.... angesteckt, und es ward mir ziemlich schwer, die begangene Sünde mit der dringendsten Nothwendigkeit zu entschuldigen. Um sie jedoch völlig zu besänftigen, fuhr ich vorher noch mit der ganzen Familie, auf der Bay, zur Kirche nach B...., welche nicht sehr außer meinem Wege lag. Ich erzählte ihnen bei dieser Gelegenheit die seltsame Vision eines der Söhne meines früheren gütigen Wirthes, des Capitains B....., der dadurch zum Uebergang zu [55] der katholischen Kirche vermocht wurde. Er war, wie er mir selbst sagte, ein eben so eifriger Protestant, als Orangeman, und ging eines Tags, in Dublin, in die katholische Kirche, mehr um sich über die dort stattfindenden Ceremonien lustig zu machen, als aus einem an dern Grunde. Dennoch rührte ihn wider Willen die schöne Musik, und als er jetzt den Blick auf den Hochaltar zurückwarf, siehe – da stand der Erlöser selbst leibhaftig vor ihm, mit Engelsmilde das Auge fest auf ihn gerichtet, lächelte ihn freundlich an, winkte mit der Hand, und schwebte dann langsam, ihn fortwährend fest anblickend, zur Kuppel empor, bis er dort, von Engeln getragen, verschwand. Von diesem Augenblick an war B..... überzeugt, ein besonderer Liebling Gottes zu seyn, und wenige Tage darauf trat er zu einer andern allein seligmachenden Kirche über (denn die orthodoxe englisch-protestantische glaubt dieses Privilegium auch zu besitzen). Wie philosophisch urtheilten meine gläubigen Freunde über diese Bekehrung! Ist es möglich, riefen sie, welcher grasse Aberglaube! – gewiß, das war entweder eine Fieberphantasie, oder der Mensch ist ein Heuchler und hatte andere Gründe; entweder ist er toll, oder er erfand das Mährchen nur zu seinem Vortheil.

O Menschen, Menschen! wie recht hat Christus, wenn er sagt: Ihr seht den Splitter im fremden Auge, und den Balken im eignen nicht! Gewiß, es geht uns Allen so, mehr oder weniger, und ich nehme [56] sicherlich Deinen armen Freund nicht von der allgemeinen Regel aus.

Wir trennten uns endlich, nicht ohne gegenseitige Rührung; worauf mich (dessen excentrische Art zu reisen übrigens den jungen Damen sehr gefiel) ein Bergkarren aufnahm, mit einem Gaule bespannt, der keineswegs eine glänzende Apparence hatte. Die bestimmte Tagesreise betrug 30 Meilen, und begann äußerst langsam. Nach einiger Zeit ward das elende Pferd beim Bergsteigen sogar stetig, was mich einigemal zwang, den Wagen zu verlassen, um nicht etwa in irgend einem Abgrund begraben zu werden. Das entetirte Thier mußte nun fortwährend am Zaume geführt werden, oder es weigerte sich einen Schritt weiter zu gehen. Eine ganze Weile trabte der Kutscher rüstig daneben her, konnte es aber am Ende nicht länger aushalten, und der Himmel weiß, was aus uns geworden wäre, wenn wir nicht zum Glück einem Reiter begegnet wären, der einwilligte, sein Pferd statt des unsrigen einzuspannen, mit welchem ich denn Macroom erst spät Abends erreichte. Unterwegs stieß mir nichts Merkwürdiges auf, als der sogenannte Glen, ein langer und tiefer Felsenpaß, in dem, zu der Zeit der Verschwörung der white boy's, Lord B. und Col. W.... von diesen, welche die Höhen besetzt hatten, überfallen wurden, und ihnen nur mit genauer Noth entgingen. Die white boy's hatten ihre Maßregeln sehr gut getroffen, und während der Nacht einen großen Felsblock abgelöst, den [57] sie beim Anmarsch der Truppen plötzlich mitten in den Weg herabrollen ließen, wodurch das gegen sie gesendete Cavallerie-Detachement nicht nur unvermuthet am weitern Vordringen gehindert wurde, sondern sich zugleich, von hinten abgeschnitten, in einer verzweiflungsvollen Lage sah. Sehr viele kamen dabei um, die beiden genannten Gentlemens aber, welche vortreffliche Hunters ritten, entkamen glücklich durch ihre Hülfe, indem sie sich einen fast impractikabeln Weg an den Felsabhängen bahnten, während ein ununterbrochener Kugelregen auf sie herabsauste. Obrist W.... wurde jedoch nur leicht am Arme verwundet, Lord B. blieb ganz unversehrt.

In der überaus wilden Gegend liegt, ohnfern von hier, ein großer See mit einer bebuschten Insel in seiner Mitte. Hier steht eine heilige Capelle, zu der alljährlich große Wallfahrten angestellt werden. Die vorgerückte Tageszeit erlaubte mir jedoch nicht, sie näher zu besichtigen.

Macroom ist ein recht freundlicher Ort, mit einem schönen Schloß, dem Onkel der reizenden Afrikanerin (dem ihres Mannes eigentlich) gehörig. Sie hatte mir einen Brief an ihn mitgegeben, ich machte aber keinen Gebrauch davon, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.

[58]

Cork, den 6ten.


Sehr früh verließ ich Macroom, in einem Gingle, eine Art bedeckter Diligence mit zwei Pferden. Es regnete und stürmte wieder; denn, gute Julie, ich befinde mich überhaupt nicht mehr, wie die Irländer hübsch sagen: »an der Sonnenseite des Lebens«.

Drei Frauenzimmer waren mit mir im Wagen, und ein fünfjähriger großer Bengel, der sich sehr unnütz machte, und von seiner sonst recht hübschen und lebhaften Mama entsetzlich verzogen wurde. Obgleich er eine große Semmel und ein gleiches Stück Kuchen vor sich hatte, an denen er fortwährend speiste, und den Wagen mit Krumen und Brocken anfüllte, wurde doch seine üble Laune bei jeder Gelegenheit rege. Das Geschrei, welches er dann erhob, und das Getrampel seiner Füße, das er oft, ganz unbekümmert, auf den meinigen spielen ließ; die Begütigungen der Mutter und ihr zu Hülferufen des Mannes, der auf der Imperiale saß; dann ihre beständigen Bitten, doch einen Augenblick anzuhalten, weil dem armen Wurme vom Fahren übel geworden sey, oder weil er trinken, oder noch etwas anders thun müsse; zuletzt gar eine sich verbreitende mephytische Luft, welche die Mama selbst zwang die Fenster zu öffnen, die sie bisher, aus Furcht, der Kleine möchte sich ohngeachtet seines Pelzes, erkälten, stets hermetisch zugehalten hatte; – es war eine wahre Geduldsprobe! Auch für sich schien die junge Frau eben so [59] ängstlich als für ihr Kind, denn so oft der Wagen etwas auf die Seite hing, fing sie an zu schreien, und klammerte sich, mir fast um den Hals fallend, mit beiden Händen an mich an. Dies war noch das erträglichste meiner Leiden, und es belustigte mich deshalb, ihre Angst oft ein wenig zu vermehren. In den Zwischenakten erklärte sie mir mit vielem Patriotismus die Merkwürdigkeiten der Gegend, machte mich auf die schönen Ruinen aufmerksam, und erzählte mir ihre Geschichte. Zuletzt zeigte sie mir einen, mitten im Felde stehenden, spitzen und thurmartigen Stein, und sagte, daß diesen ein Dänenkönig von dort über den See geworfen habe, um seine Stärke zu zeigen. Auch ihr Mann mußte von der Imperiale herunter, um diesen Stein zu bewundern, wobei sie ihm spottend verwies, daß die jetzigen Männer, wie er z.B., nur elende Schwächlinge gegen jene Riesen wären. Zugleich übergab sie ihm den Jungen, um ihn bei Seite zu tragen. Der Aermste machte ein langes Gesicht, zog die Nachtmütze über die Ohren und folgte geduldig dem Befehl.

Das Land wird jetzt sehr fruchtbar, voll reicher Feldfluren; hie und da sieht man stattliche Landsitze. Cork selbst liegt in einer tiefen Schlucht, höchst malerisch, am Meer. Es hat ein alterthümliches Ansehn, welches noch origineller durch die Bekleidung vieler Häuser über und über mit schuppenartigen Schieferpanzern wird. Prachtvolle Gebäude sind die beiden neuen Gefängnisse, das der Stadt, und das der Grafschaft, [60] wovon das eine im antiken Geschmack, das andere im gothischen Styl aufgeführt ist, und einer großen Festung ähnlich sieht.

Nachdem ich gefrühstückt und mehrere kleine Häuslichkeiten besorgt hatte, miethete ich ein sogenanntes Wallfischboot (schmal und spitz an beiden Enden, und daher sicherer und schneller als andere) und segelte bei gutem Winde, in der Bay, welche the river of Cork genannt wird, noch Cove, wo ich mir vornahm, zu Mittag zu speisen. Ein Theil dieser, ohngefähr eine Viertelstunde breiten Bucht, bildet für Cork, von der Meerseite, eine der schönsten Entreen in der Welt! Beide Ufer bestehen aus sehr hohen Hügeln, die mit Palästen, Villen, Landhäusern, Parks und Gärten bedeckt sind. Auf jeder Seite bilden sie, in ungleicher Höhe sich erhebend, die reichste, stets abwechselnde Einfassung. Nach und nach tritt dann, in der Mitte des Gemäldes, die Stadt langsam hervor, und endet auf dem höchsten Berge, der den Horizont zugleich schließt, mit der imponirenden Masse der Militairbaracken. So ist der Anblick von der See aus. Nach Cove zu verändert er sich öfters, nachdem die Krümmungen des Canals die Gegenstände anders vorschieben. Die eine dieser Aussichten schloß sich ungemein schön mit einem gothischen Schloß, das auf den, hier weit hervorspringenden Felsen, mit vielem Geschmack von der Stadtcommune erbaut worden ist. Durch die vortreffliche Lage gewinnt es nicht nur an Bedeutung, sondern es erscheint, wenn [61] ich mich so ausdrücken darf, wie natürlich dort, während dergleichen, an andern Orten, so oft nur als ein unangenehmes hors d'oeuvre auffällt. Obwohl ich glaube, daß wir den Engländern in der edlern Baukunst überlegen sind, so fehlen wir doch darin, daß wir bei unsern Gebäuden viel zu wenig die Umgebung und die Landschaft umher berücksichtigen. Diese aber ist es grade, welche größtentheils für den zu wählenden Styl entscheiden sollte.

Die Burg hier schien für irgend einen alten Seehelden bestimmt, denn der Eingang war blos vom Meer aus angebracht. Ein colossales Thor, mit Wappen verziert, in das die Fluthen bis an den Fuß der Treppe drangen, wölbte sich über der schwarzen Oeffnung. Ich dachte mir Folko mit den Geyerflügeln, wie er eben von einem gewonnenen Seetreffen hierher zurückkehrt, und belebte mir das Meer mit Phantasiebildern aus Fouqué's Zauberring.

Wir segelten hierauf mit gutem Winde bei Passage, einem Fischerdorf, und Monkstown vorbei, das seinen Namen (Mönchstadt) von einer, im Wald darüber liegenden, Klosterruine herschreibt. Hier fing der, eine Zeit lang unterbrochene Regen, wieder an, gab aber diesmal Gelegenheit zu einer herrlichen Naturscene. Wir wandten uns, bei der Insel Arboulen, in die enge Bay von Cove, die einen sehr schönen Anblick gewährte, denn ihren Eingang bildet links eine hohe Küste mit Häusern und Gärten, rechts die genannte Berginsel, auf der ein Fort, weitläuftige [62] Marinegebäude und Storehäuser stehen, die das Material für die Seemacht enthalten; vor uns aber, in der Bay selbst, lagen mehrere Linienschiffe und Fregatten der königlichen Flotte, nebst einem zweiten Deportirtenschiff vor Anker, und hinter diesen erhob sich die Stadt Cove, stufenweise am Berge aufgebaut. Indem wir dies alles eben ansichtig wurden, trat, an einem feuergelben Fleck des Himmels hinter uns, die dem Untergehen nahe Sonne unter den regnenden Wolken hervor, während vorn sich ein Regenbogen, so vollständig und tiefgefärbt, als ich ihn nie mich erinnere gesehen zu haben, über den Eingang der Bay spannte, aus dem Meere emporwachsend und wieder in dasselbe herabsinkend, gleich einer Blumenpforte, Himmel und Erde zu verbinden bestimmt. Innerhalb seines riesenhaften Halbkreises erschien das Meer und die Schiffe, die ein Berg in unserm Rücken schon vor der Sonne deckte, ganz schwarz, wogegen die abendlichen Strahlen über das höhere Amphitheater von Cove eine solche Glorie von Licht ergoßen, daß die darin schwebenden Seemöwen wie klares Silber schimmerten, und jedes Fenster in der, den Felsen hinansteigenden, Stadt, wie glitzerndes Gold erglänzte. Dieser unbeschreiblich schöne Anblick hielt nicht nur in derselben Beleuchtung aus, während wir einfuhren, sondern, kurz vor dem Landen, verdoppelte sich der Regenbogen sogar, beide Bögen in gleicher Schönheit der Farben brennend, worauf aber auch beide, als wir noch kaum den Fuß ans Ufer gesetzt, fast im Augenblick verschwanden.

[63] Ich etablirte mich nun sehr vergnügt am Fenster des kleinen Gasthofs, in der Hoffnung, eine vortreffliche Fastenmahlzeit mit den delikatesten frischen Fischen zu machen. Es blieb aber blos beim Fasten, denn auch nicht ein Fisch, noch Auster, oder Muschel war zu bekommen. In den kleinen Fischerorten am Meer begegnet dies häufiger als man glaubt, weil alles Disponible sogleich zum Verkauf in die großen Städte gebracht wird. In dieser Hinsicht war also mein Zweck schlecht erreicht, und ich mußte mich mit den gewöhnlichen, in englischen Gasthäusern unsterblichen »mutton chops« begnügen. Doch ließ ich mir meine Laune dadurch nicht verderben, las ein Paar alte Zeitungen, deren ich lange nicht gesehen, zum kärglichen Mahle, und trat, nach schon eingebrochner Dunkelheit, meinen Rückweg zu Lande an. Ein offner Karren mit Strohsitz war Alles, was ich mir verschaffen konnte; der Wind blies kalt und heftig, und ich war genöthigt, mich dicht in meinen Mantel zu hüllen. Wir cotogirten das Meer in ziemlicher Höhe, und die vielen Lichter der Schiffe und Marinegebäude unter uns, glichen einer reichen Illumination. Fünf flackernde Flammen tanzten wie Irrwische auf dem schwarzen Schiffe der Deportirten, und ein Kanonenschuß, der vom Wachtschiff gefeuert wurde, donnerte dumpftönend durch die Stille der Nacht.

Als diese Aussicht verschwand, wendete ich meine Aufmerksamkeit erst auf den ungemein klaren Sternhimmel. [64] Wer kann lange in die hehre Pracht dieser flimmernden Weltkörper blicken, ohne von den tiefsten und süßesten Gefühlen durchdrungen zu werden! Es sind die Charaktere, mit denen Gott von jeher am deutlichsten mit den Menschenseelen gesprochen hat. Und doch hatte ich der himmlischen Lichter nicht gedacht, so lange noch die irdischen glänzten! aber so geht es immer auf der Erde – erst wo diese uns verläßt, suchen wir den Himmel auf. Sie liegt uns ja auch näher, und ihre Autorität bleibt für uns die mächtigste – grade wie der Bauer mehr von der Person des Amtmanns, als der des Königs, in Zaum gehalten wird; der Soldat sich mehr vor seinem Lieutenant fürchtet, als dem General en chef; der Hofmann mehr dem Günstling, als dem Monarchen die Cour macht, und endlich der Fromme .... doch, wir wollen darüber nicht weiter philosophiren, liebe Julie, denn Dir brauche ich es ja nicht zu wiederholen: qu'il ne faut pas prendre le valet pour le Roi. –


Den 7ten.


Wie ich aus den Zeitungen sehe, trübt sich der politische Himmel immer mehr. O, wäre ich jetzt dort! in jenen von den unsern so verschiedenen Regionen, mitkämpfend in den Reihen der bisherigen Arrieregarde der Civilisation, welche sich nun umdreht, um als Avantgarde sie den Barbaren mit dem Schwerdt in der Faust zuzubringen, und im Lehren immer [65] besser selbst lernend, vielleicht sich bald an die Spitze des ganzen alternden Welttheils stellen wird. Nicht zu berechnende Folgen kann, muß dieser Krieg haben. – Es ist kein gewöhnlicher Türkenkrieg mehr. Alle Zeichen verkünden in ihm den Beginn einer neuen Weltepoche, und sollte auch das europäische Interesse schwerlich jetzt schon eine Hauptcrisis gestatten, so wird es doch der erste der magnetischen Striche seyn (das Baquet bilden die russischen Kanonen) von denen der, seit so vielen Jahrhunderten wie im unbeweglichen Grabe schlummernde Orient, zum Hellsehen zu erwachen bestimmt ist. Wie unermüdlich wird hier Wirkung und Wechselwirkung seyn, und welche Geheimnisse wird der Magnetisirte dem Magnetiseur verrathen!

In Europa aber nimmt Cultur und Politik einen solchen Weg, daß hier der letzte Akt des Drama's unsrer Zeit sich wahrscheinlich nur mit einem allgemeinen commerziellen Kampf gegen England schließen kann, dem stolzen England, dessen Handels-Universal-Monarchie schwereren Tribut von uns erhebt, als aller militairische Druck weiland Napoleons. Gewiß hatte dieser Heros bei seinem Continental-Systeme die richtige Ansicht gefaßt, woran es eigentlich Europa Noth thue. Er glich nur einem zu gewaltsamen Arzte, der vorläufig seinem Patienten Hände und Füße bindet, um ihm die, seiner Meinung nach, heilsame Medizin sofort bongré malgré einzuflößen. Es war daher sehr natürlich, daß sich der Patient, sobald er [66] konnte, losgerissen, und den Arzt zur Thüre hinausgeworfen hat – ob er aber dennoch in der Folge die Cur nicht auf diese oder jene Art von neuem und freiwillig wird wieder anfangen müssen, ist eine andere Frage. England hat uns in der Civilisation vorgeleuchtet, und ist dadurch größer und mächtiger als Alle geworden, aber grade deshalb trägt es auch, nach den unwandelbaren Gesetzen der Natur, die hier Vollkommenheit des Einzelnen nicht gestattet, wieder den Keim früheren Verwelkens in sich. Unverträgliche alte und neue Elemente von gleicher Gewalt, die sich in ihm bekämpfen, müssen es über kurz oder lang von dem Gipfel herabziehen, auf dem es jetzt noch glänzt. Es wird dann, im Laufe der Civilisation, Andern zum Schemel dienen, (ja vielleicht geschah es schon) die nächste Stufe zu erklimmen, nachdem es lange selbst auf der höchsten wohnte, denn alles Irdische hat seine zugemessene Zeit. Ist der Culminationspunkt einmal erreicht, so geht ohnfehlbar die Rückkehr an – und fast scheint es, als sey die Epoche von Waterlow und der Sturz Napoleons ein solcher für England gewesen.

Sonderbar bleibt es immer, daß von jenen Inseln her die mächtigste Quelle der Freiheit und Aufklärung uns zuströmte, und wir dennoch fremde Despotie grade dort zuletzt werden bekämpfen müssen. Diese scheinbare Undankbarkeit herrscht aber fast überall in der Geschichte. Einiges Nachdenken erklärt und rechtfertigt sie.


[67] Michelstown, den 9ten früh.


Um vier Uhr Nachmittags verließ ich gestern Cork, in der Mail, neben dem Kutscher sitzend, dessen vier Pferde ich gelegentlich dirigirte. Bis eine Stunde von der Stadt ist die Gegend pittoresk, nachher schien sie ziemlich uninteressant, auch ward es bald dunkel. Nach einigen Stationen verließen uns die meisten Passagiere, und ich setzte mich in den Wagen, wo mir ein dreistündiges tête à tête mit einer Dame bescheert wurde – leider war sie indessen siebenzig Jahre alt, und eine Puritanerin, aber wie es schien keine Puristin. Diese unangenehme Gesellschaft, so wie die Lobeserhebungen, welche ein früherer Reisegefährte mir von dem neu erbauten gothischen Schlosse zu Michelstown gemacht, bewogen mich, mitten in der Nacht, die Mail zu verlassen, und hier den Morgen zu erwarten. Um 7 Uhr weckte man mich, um das gepriesene Wunderwerk in Augenschein zu nehmen. Ich fand mich aber sehr getäuscht, so wie einige andere Fremde, die derselbe Zweck hierher geführt hatte. Man zeigte uns allerdings einen großen und kostbaren Steinhaufen, der dem Besitzer 50000 Pf. St. aufzuführen gekostet hatte, eine Hauptingredienz war aber dabei vergessen worden, nämlich guter Geschmack. Das Gebäude ist erstens viel zu hoch für seine Ausdehnung, hat nur Confusion im Styl, ohne Varietät, eine schwerfällige Außenlinie, und machte überhaupt einen kleinen Effekt mit großer Masse. Dazu stand es kahl auf dem Rasen, ohne irgend eine [68] malerische Unterbrechung, welche Schlösser im gothischen oder verwandten Styl grade am meisten bedürfen; auch der unansehnliche Park besaß weder eine schöne Baumgruppe, noch eine erwähnungswerthe Aussicht.

Ich habe so viel Worte über dieses manquirte Werk verloren, weil es, des Namens des Besitzers, und der großen Kosten seines Baues wegen, eine gewisse Reputation in Irland hat. Wie unendlich überlegen ist ihm jedoch die, vielleicht mit dem achten Theil dieser Mittel ausgeführte Anlage meines guten Col. W...., welche Niemand kennt.

Die innere Verzierung des Schlosses glich seinem Aeussern; in fünf Minuten hatten wir völlig genug daran, und da man zwar von einer schönen Aussicht auf der Höhe des Thurms sprach, aber den Schlüssel dazu nicht finden konnte, so kehrten wir Alle verdrüßlich in den Gasthof zurück. Hier erzählte mir beim Frühstück einer der Fremden allerlei Interessantes über die hiesige Gegend und Menschen. Lord K..., sagte er, unter anderm, hat selbst und in seiner Familie ungewöhnliche Avantüren erlebt. Er ist jetzt als einer, der eifrigsten Orangemen mehr gefürchtet als geliebt. Sein Vater wurde, erst zwölf Jahr alt, mit der zehnjährigen Erbin alles des jetzt von der Familie besessenen Vermögens vermählt, wobei Hofmeister und Gouvernante die Instruction erhielten, die jungen Eheleute wohl bewachen und vor jedem tête à tête bewahren zu lassen. Indessen, [69] »Somehow or other« wie mein Irländer sagte, kamen sie drei Jahr später dennoch einmal zusammen, und der jetzige Lord war das Resultat dieser kleinen Equipée. In der Folge bekamen sie noch mehrere Kinder, von denen ich, beiläufig gesagt, einen Sohn in Wien kannte. Er war ein ausgezeichnet schöner Mann, und berühmt durch seine bonnes fortunes; damals der erklärte Liebhaber der Herzogin von ..., die er mit so wenig Gêne behandelte, daß, als er mich einst in dem Hotel, wo beide wohnten, zum Frühstück eingeladen hatte, ich die Herzogin allein dort antraf, während er selbst erst später, aus seiner, oder ihrer Schlafstube, ich weiß nicht welcher, im Schlafrock und Pantoffeln eintrat.

Das jüngste Kind des Lords war eins der reizendsten Mädchen in Irland geworden. Sie zählte erst sechzehn Jahr, als sich ein Vetter von mütterlicher Seite, ein verheiratheter Mann, mit Namen F..., ebenfalls in dem Ruf, ein unwiderstehlicher Weiberverführer zu seyn, in sie verliebte, und auch diesen Ruf so glänzend bei ihr bestätigte, daß er sie, die angebetete Tochter des mächtigen Grafen, vermochte – nicht nur ihm ihre Unschuld zu opfern, sondern sogar als förmliche Maitresse nach England zu begleiten, wo er beinahe ein Jahr lang, erst verborgen, mit ihr lebte, zuletzt aber die Effronterie hatte, sie nach einem der besuchtesten Badeörter zu bringen. Hier wurde natürlich ihr Aufenthalt entdeckt, und sie zum zweitenmal, aber diesmal auf Befehl ihres Vaters, [70] entführt und im Norden Englands in sichern Verwahrsam gebracht. F..., vielleicht nur durch den erfahrenen Widerstand der Familie angeregt, beschloß, sie, es koste was es wolle, wieder in seine Gewalt zu bekommen, und da er glaubte, man habe sie auf die väterlichen Besitzungen zurückgebracht, eilte er unverzüglich, durch eine Verkleidung gänzlich entstellt, nach Irland. Hier logirte er sich in demselben Gasthof ein, in dem wir jetzt eben frühstückten, und suchte den Aufenthalt seiner Geliebten zu erspähen. Seine gelegentlichen Erkundigungen, sein ganzes geheimnißvolles Benehmen, und der unglückliche Umstand, daß ein früherer Bekannter von ihm äußerte, er habe nie eine größere Aehnlichkeit gesehen, als zwischen dem Fremden und dem berüchtigten F... statt finde – erweckten den Argwohn des Wirths, welcher sogleich sich aufmachte, um Lord K.... seinen Verdacht mitzutheilen. Dieser empfing die Mittheilung scheinbar ganz gelassen, und empfahl dem Angeber blos die größte Verschwiegenheit. Dann frug er, zu welcher Zeit der bewußte Fremde gewöhnlich aufzustehen pflege, und als er vernahm, daß dies nie vor acht Uhr der Fall sey – entließ er den Wirth mit einem Geschenk, und setzte hinzu, daß er morgen früh um sechs Uhr selbst die Sache untersuchen werde, wo er ihn bäte, seiner allein zu warten. Der Morgen kam, und mit ihm pünktlich der Graf. Ohne weitere Umstände stieg er, in Begleitung des Wirths, die Treppe hinan, und verlangte von des Fremden Diener, ihm augenblicklich [71] das Zimmer seines Herrn zu öffnen; als dieser sich weigerte, brach er selbst die Thüre mit einem kräftigen Fußstoße ein, ging dann zum Bette, wo F..., vom Lärm aufgeschreckt, sich eben aufrichtete, sah ihn fest an, zog, als er an seiner Identität keinen Zweifel mehr hegte, ein Pistol aus der Tasche – und zerschmetterte ganz ruhig dem modernen Don Juan den Kopf, dessen Leichnam ohne einen Laut in das Bett zurücksank. – Die Folge beweist, wie leicht es in England die Gesetze einem Vornehmen und Mächtigen machen, sich ihnen zu entziehen, wenn kein noch Größerer da ist, der ein Interesse hat, Rechenschaft von ihm zu fordern. Lord K.... wurde zwar in Untersuchung gezogen – da er aber Sorge getragen, sich mit den einzigen beiden Zeugen zu arrangiren und sie in Folge dessen zu entfernen, so ward er, wegen Mangel eines Klägers und Beweises, freigesprochen. Für dieselbe Sache darf nun in England Niemand, der einmal »acquitted« (freigesprochen) ist, von neuem in Anspruch genommen werden. Es war daher von diesem Augenblick an, ohngeachtet des ganz offenkundigen Mordes, alle Gefahr einer Bestrafung für den Grafen vorüber. Das junge Mädchen soll bald nachher ganz verschollen oder gestorben seyn, Lord K.... überlebte sie aber lange, im späten Alter noch dafür berüchtigt, die schönsten Maitressen zu haben, von denen er auf jeder seiner Besitzungen Eine hielt. Die Folge dieser Unregelmäßigkeiten war endlich eine Trennung von seiner Gemahlin, und die erbittertesten Streitigkeiten[72] zwischen ihm und ihr, die bis zu seinem Tode dauerten. Unterdessen hatte sein ältester Sohn, der jetzige Earl, sich, gegen des Vaters Willen, noch unmündig, in Sizilien verheirathet, bereits drei Kinder mit seiner jungen Frau gezeugt, und gänzlich von seinem Vaterlande getrennt, als plötzlich eine höchst liebreiche Einladung des alten Lords, die alles Vergangne zu vergeben und zu vergessen versprach, bei ihm eintraf und ihn mit seiner ganzen Familie zur Rückkehr bewog. Kaum angekommen indeß, ward durch seines Vaters Einfluß seine Ehe für ungültig erklärt und cassirt, die Mutter zu Hause geschickt, und über die Kinder, als uneheliche, in England disponirt. Der Sohn scheint sich, wider Erwarten, ohne viele Mühe den Ansichten seines Vaters gefügt zu haben, denn nicht lange darauf heirathete er gleichfalls eine reiche Erbin, und führte, nach des alten Grafen Tode, einen noch erbitterteren Prozeß mit seiner Mutter als jener, um sogleich in den, ihm von ihr verweigerten Besitz ihrer Güter zu treten. Er konnte jedoch seinen Willen hierin nicht durchsetzen, eben so wenig wie sie später den ihrigen, ihn gänzlich zu enterben.

Welches Sittengemälde der Vornehmen des achtzehnten Jahrhunderts!


[73] Cashel, spät Abends.


Der kommunikative Fremde setzte die Reise mit mir bis Cashel fort. Das Wetter war leidlich, d.h. es regnete nicht – und das war in diesem nassen Lande hinlänglich, den guten Freund neben mir einmal über das andere ausrufen zu machen: »What a delightful day! what lovely weather!« 1 Ich zog vor, einen Theil des Wegs zu Fuß zu gehen, wobei ein großer, achtzehnjähriger, comme de raison zerlumpter, Bursche, mir zum Führer diente. Er ging sehr beschwerlich, in einer Art Pantoffeln, und schien an den Füßen verwundet, als ich ihn aber deshalb befragte, antwortete er: »O nein, ich habe blos Schuhe angezogen, weil ich Militair werden will, und ich mich daher sachte daran gewöhnen muß, Schuhe zu tragen. Es geht sich aber so verzweifelt schlecht in den Dingern, daß ich gar nicht fortkommen kann!«

Nach meiner Art, die keine Auskunft verschmäht, oft aber, selbst in der Unterhaltung mit dem Gemeinsten, einige brauchbare Aehren aufliest, erkundigte ich mich bei meinem Führer nach dem jetzigen Zustande der Provinz. »Ja«, sagte er, »hier ist es noch ruhig, aber in Tipperary, wo wir jetzt bald hinkommen werden, besonders weiter hin nach Norden, da wissen sie den Orangemen wohl die Spitze [74] zu bieten. Dort haben uns O'Connel und die Association ordentlich wie Truppen organisirt. Ich gehöre auch dazu, und habe auch zu Hause meine Uniform. Wenn Ihr mich so sähet, würdet Ihr mich kaum wieder kennen; vor drei Wochen waren wir alle dort, über 40000 Mann zusammen, um Revue über uns halten zu lassen. Wir hatten alle grüne Jacken an, die sich jeder anschaffen muß, so gut er kann, und mit der Inschrift auf dem Arm: ›King George and O'Connel.‹ Unsre Offiziere haben wir selbst gewählt; die exerziren uns, und wir können schon marschieren und schwenken wie die Rothröcke. Waffen hatten wir freilich nicht, aber ...... die würden sich auch wohl finden – wenn O'Connel nur wollte. Fahnen hatten wir, und wer sie verließ, oder sich betrank, den warfen wir ins Wasser, bis er wieder nüchtern wurde. So was ist aber selten vorgekommen. Man nennt uns nur O'Connels Miliz.«

Das Gouvernement hat seitdem weislich diese Heerschau verboten, und mein angehender Volkssoldat war wüthend auf Lord K...., der alle seine Tenants (kleine Pächter, die in Irland, fast mehr als Leibeigne, von ihren Lords abhängig sind) welche bei der Revue gegenwärtig gewesen waren, hatte arretiren lassen. »Aber«, fügte er hinzu, »jede Stunde, die sie im Gefängniß sitzen, soll dem Tyrannen bezahlt werden, den wir lieber todt als lebendig sähen. Wären sie hier in Cork nur nicht solche zahme [75] Schaafe! in Tipperary hätten sie ihm längst das Handwerk gelegt. O'Connel kömmt auch nie hier durch, wenn es auch sein nächster Weg ist, denn er kann Lord K....'s Gesicht nicht vor seinen Augen leiden.«

So arbeitet überall der Partheigeist, und so wohl unterrichtet von seinen Affairen ist das bettelnde Volk!

Die Fahrt bis Cahir war von geringem Interesse. Die Straße führt zwar zwischen zwei Bergketten hin, den Galtées und den Knockmildown-Mountains, da aber die weite Ebne, welche sie trennt, nur wenig Bäume und Abwechselung bietet, so sind die Aussichten ohne Reiz. Mein Reisegefährte zeigte mir einen hohen Pik der Galtées, wo man den renomirtesten Sportsman 2 der Gegend mit seinem Hunde und seiner Flinte auf dem höchsten Gipfel begraben hat. Nicht weit davon sind unterirdische Höhlen, voller Stalaktiten, die eine noch unergründete Ausdehnung haben sollen. Sie werden aber nur in der heißesten Jahreszeit besucht, da sie während den übrigen zu sehr mit Wasser angefüllt sind.

In Cahir, dem Lord Glengall gehörig, welchem die Londner Carrikaturen voriges Jahr so übel mitspielten, [76] ist ein sehr schöner Park. Er beginnt mit der imposanten Ruine eines Schlosses König Johanns, auf dessen verfallnem Thurm Lord Glengall jetzt seine Fahne hat aufstecken lassen. Am andern Ende des Parks findet man den Contrast zur Ruine, nämlich eine cottage ornée, in welcher der Besitzer, wenn er hier ist, wohnt. Die Lage dieser Cottage ist so reizend, und gut gewählt, daß sie eine etwas nähere Beschreibung verdient. Der ganze Park wird nämlich, von der Stadt und Johanns-Schloß anfangend, durch ein sehr langes, und verhältnißmäßig nicht breites Thal gebildet, mit einem Flusse, der sich durch die Wiesen windet. Baumgruppen und Wäldchen wechseln auf diesen letztern lieblich miteinander ab, und zwei Wege führen an beiden Seiten den Fluß entlang. Die das Thal einschließenden Bergrücken sind ganz mit Wald bewachsen, in welchem ebenfalls Wege angebracht sind. Gegen das Ende des Parkes, der ohngefähr eine Stunde lang ist, öffnet sich die Schlucht, und erschließt eine schöne Aussicht auf das höhere Galtée-Gebürge. Bevor man aber dahin gelangt, steht, gerade in der Mitte des Thals, ein isolirter langer Hügel auf dem Wiesengrunde. Auf diesen ist die Cottage erbaut, mehr als zwei Drittel derselben vom Walde verborgen, welcher den ganzen Berg bedeckt. In diesen Gebüschen ist der pleasure ground 3 und alle Gärten angebracht, [77] nebst blumenreichen Promenaden, die auf beiden Seiten die schönsten Aussichten des Thales entfalten. Auf den entfernten hohen Bergen werden mehrere Schloß- und Abteiruinen sichtbar, in der Nähe aber ist alles Ruhe, ländliche Stille und freundlicher Blüthen-Schmuck, selbst noch im Winter.

Als ich zum Essen in den Gasthof zurückkehrte, erzählte mir der Wirth, als eine große Neuigkeit, daß in Cashel der Wagen eines fremden Prinzen mit seinen Leuten schon seit 14 Tagen auf ihn warte, der Prinz aber eine geheime Reise, man sage zu O'Connel, angetreten, und daß die ganze Gegend in Aufruhr und voller Neugierde deßhalb sey. Viele meinten, er sey vom Könige von Frankreich mit geheimen Aufträgen an O'Connel geschickt; einige aber hätten ihn selbst schon in Limmerick gesehen, und behaupteten, es sey ein Sohn von Napoleon.

Während der Wirth dieses und noch mehreren Unsinn dieser Art debitirte, ohne zu ahnen, daß er mit der Personnage selbst spräche, die eben auf einem Karren angekommen war, meldete er mir zugleich, daß der zweite Karren, (die einzige Art hier fortzukommen) eben angespannt werde, um mich weiter zu[78] befördern. Ich machte mich also auf, und hatte bald nachher Gelegenheit zu neuen philosophischen Betrachtungen, indem ich an dem Pferde, das mich zog, die wunderbare Macht der Gewohnheit studirte. Es war ein sehr williges und gutes Thier, aber sobald es den Ort erreichte, wo es seit 15 Jahren getränkt wird, hielt es an der bestimmten Stelle plötzlich von selbst an, und Feuer hätte es nicht eher zu einem Schritt weiter vermocht, bis es seinen Trunk Wasser erhalten hatte. Dann bedurfte es keiner weitern Antreibung, dasselbe Manöuvre wiederholte es später, als wir dem Retourkarren begegneten, wo immer angehalten zu werden pflegt, um Nachrichten auszutauschen. Wie plötzlich gelähmt, parirte es auf der Stelle, und ging sogleich von selbst weiter, sobald die Kutscher sich hinter ihm die Hände geschüttelt. Wirklich, dies ist das ganze große Geheimniß der Erziehung bei Menschen und Vieh – Gewohnheit, voilà tout. Die Chinesen sind ein Beispiel davon, und ich erinnere mich, daß mir einmal in London der bekannte Ambassadeur einer großen Nation sehr weitläuftig auseinander setzte, daß diese chinesische Staatsverfassung eigentlich die beste und zweckmäßigste sey, weil dort stets Alles beim Alten bliebe. C'est plus commode pour ceux qui rêgnent, il n'y a pas de doute.

Um sieben Uhr erreichte ich Cashel und passirte vorher den Suir, einen Fluß, der die Blume Irlands genannt wird, denn an seinen Ufern liegen [79] die reichsten Fluren, und die schönsten Landgüter. Ich fand im Gasthofe einen entsetzlichen Trouble, weil eben einer der liberalen Clubbs »Meeting« und folglich auch Diné hatte 4. Man ließ mir kaum Zeit, meine Stube zu betreten, als auch schon der Präsident in propria persona nebst einer Deputation ankam, um mich einzuladen, dem Diné beizuwohnen. Ich bat inständig, mich mit der Ermüdung von der Reise und einem heftigen Kopfweh zu entschuldigen, versprach aber beim Dessert zu erscheinen, weil ich selbst neugierig war, ihr Treiben von nahem zu sehen. Der Clubb hatte einer recht vernünftigen Absicht sein Entstehen zu verdanken, denn er war aus Katholiken und Protestanten zugleich zusammengesetzt, die sich vorgenommen, an der Versöhnung beider Theile zu arbeiten, und zugleich für Erlangung der »Emancipation« nach Kräften mitzuwirken. Als ich eintrat, fand ich ohngefähr 80 – 100 Personen an einer langen Tafel sitzend, die alle aufstanden, während der Präsident mich an die Spitze des Tisches führte. Ich hielt ihnen eine dankende kleine Anrede, worauf auf meine Gesundheit getrunken wurde, was ich erwiederte. Unzählige andere folgten, immer von Reden begleitet. Die Beredsamkeit der Sprechenden [80] war jedoch nicht sehr ausgezeichnet, und dieselben Gemeinplätze wurden fortwährend, nur mit andern Worten, wiederholt. Nach einer halben Stunde nahm ich daher einen günstigen Moment wahr, um mich zu beurlauben. Gestatte mir dasselbe, da ich sehr ermüdet bin. Von Dir habe ich nun schon sehr lange nichts mehr gehört, und finde Deine Briefe erst wieder in Dublin. Bleibe nur gesund, das ist die Hauptsache für Dich – und höre nicht auf, mich zu lieben, denn das ist die Hauptsache für mich. –


Dein treuester L.....

Fußnoten

1 Welcher himmlische Tag, welch' liebliches Wetter!

A.d.H.

2 Sportsman, sport, ist eben so unübersetzbar, wie Gentleman; es heißt keinesweges blos Jäger, sondern einen Mann, der alle Vergnügungen dieser Art, oder auch nur mehrere davon, mit Leidenschaft und Geschick treibt. Boxen, Pferderennen, Entenschießen, Fuchshetzen, Hahnenkämpfe etc., alles ist sport.

A.d.H.

3 Pleasure ground (Vergnügungs-Grund) ist eine von Barrieren eingeschlossene, sorgfältig gepflegte, und mit Blumen geschmückte Partie des Parks, das Mittel zwischen dem Park und den eigentlichen Gärten haltend.

A.d.H.

4 Ohne Diné geschieht nichts irgend Feierliches, in England, es mag nun religieuser, politischer, belletristischer oder irgend anderer Natur seyn, vom königlichen Gastmahl bis zur Henkersmahlzeit herab.

A.d.H.

37. Brief
[81] Sieben und dreißigster Brief.

Cashel, den 10ten October 1828.


Geliebte Gute!


Der »rok of Cashel« mit seiner berühmten, herrlichen Ruine ist einer der größten »Lions« 1 von Irland, und war mir nebst der Abtei von Holycroß, von Walter Scott selbst, als das Sehenswertheste in Irland empfohlen worden. Es ist ein ganz frei stehender Felsen, mitten in der Ebne. Seltsam genug sieht man von dem Kamme einer der fernen Berge ein Stück, von derselben Größe als der Felsen, wie ausgebissen – der Legende nach: ein Biß, [82] den der Teufel that, aus Aerger über eine Seele, die ihm beim Transport nach der Hölle entwischte. Als er hierauf über die Gegend von Cashel flog, spukte er dort das abgebissene Stück wieder aus. Später erbaute darauf M. C'Omack,König und Erzbischof von Cashel sein Schloß mit einer Kapelle, welche beide noch merkwürdig wohl erhalten sind. Mit ihnen vereinigte sich die Kirche und Abtei, welche im 12ten Sec., glaube ich, von Donald O'Bryen hinzugefügt wurde. Das Ganze bildet die prachtvollste Ruine, in der besonders alle Details der altsächsischen Baukunst mit großem Interesse studirt werden können. Dies ist seit einigen Monaten, durch die Bemühungen des Schwiegersohnes des jetzigen Erzbischoffs, Dr. Cotton, noch sehr erleichtert worden, indem dieser erst C'Omack's Kapelle völlig von Schutt, Schmutz und spätern Uebertünchungen hat reinigen, und überhaupt, nicht ohne Kosten, die ganze Ruine besuchbarer machen lassen. Nichts kann fremdartiger, ich möchte sagen, barbarisch-eleganter seyn, als diese barocken, phantastischen, oft aber meisterhaft ausgeführten Zierathen. Viele der im Schutt und unter dem Boden aufgefundenen Sarkophage und Monumente, bieten interessante Räthsel dar. Man möchte glauben, daß die furchtbaren Fratzen, den indischen Göttern gleich, einem früheren Götzendienst angehört haben müßten, wenn man nicht wüßte, daß nur sehr langsam und schwer das Heidenthum dem Christenthum wich, und noch weicht! So besitze ich selbst eine Klingel, die [83] einer meiner Vorfahren aus den Gefängnissen der Inquisition entführte, und auf der die heilige Maria, statt Engeln, von Affen umgeben ist, deren einige die Violine spielen, während andere sich dazu mit Burzelbäumen in den Wolken überschlagen.

Ich besah Alles sehr gründlich, und war noch auf der höchsten accessiblen Thurmspitze, als die Sonne über dem Teufelsbisse unterging. Der Erzbischof hatte die Güte gehabt, mir seinen Bibliothekar zu schicken, um mir die Ruine zu zeigen. Von diesem erfuhr ich, daß der berühmte, oft citirte, in irischer Sprache geschriebene Psalter, der in jedem guide des voyageurs als stehende Merkwürdigkeit Cashels aufgeführt wird, eine bloße Fabel sey, wenigstens hier nie existirt habe. Dies interessirte mich jedoch wenig, aber wahrhaft erschreckt ward ich, als ich hörte, daß die Katholiken mit der Idee umgingen, die Kirche wieder herzustellen und neu auszubauen, wenn sie das Grundstück zu acquiriren im Stande wären. Der Himmel beschütze doch vor diesen Frommen die heilige Ruine!

Auf dem freien Platze vor der Kirche ruht S. Patrick's mütilirte uralte Statue, auf einem Piedestal von Granit. Neben diesen sah man sonst den Krönungssessel, der angeblich aus Portugal hierher gebracht, dann zur Krönung des schottischen Königs Fergus nach Scone gesendet wurde, von wo ihn zuletzt Edward I. nach Westmünster entführte. Dort befindet er sich noch jetzt.

[84] Am Fuße des Rock's of Cashel stehen die ebenfalls sehr sehenswerthen Ruinen von Hore Abbey, die, wie man sagt, früher durch einen unterirdischen Gang mit dem Schloß zusammen hing. Man bewundert hier vorzüglich die schönen Proportionen und vollendeten Zierathen eines großen Fensters, das die Kapelle beleuchtet.


Den 11ten.


Einer der Gentlemen, die ich gestern kennen gelernt, Capt. S...., ein Mann von angesehener Familie und verbindlichem Benehmen, bot mir seine Pferde an, um die Ruinen der Abtei von Athassil und des reichen Earl of Landaff Park und Schloß zu besehen. Die vortrefflichen Hunters brachten uns bald an Ort und Stelle, die Gegenstände blieben aber unter meiner Erwartung. Die Abtei ist zwar an sich eine schöne und weitläuftige Ruine, aber ihre Lage, in einem Sumpfe mitten im bebauten Felde, ohne Baum und Strauch, zu unvortheilhaft, um einen malerischen Effekt machen zu können. Der Park des Lords ist ebenfalls, zwar von außerordentlichem Umfang, nämlich 2800 Acres groß, aber ohne irgend etwas Ausgezeichnetes. Der Baumwuchs ist nicht der beste, Wasser fehlt so gut wie ganz, und das modern gothische, lichtblau angestrichene Schloß schien mir abscheulich. Der Besitzer selbst ist ein, noch im siebzigsten Jahre schöner, und [85] interessanter Mann, der das in Irland so große Verdienst hat, oft in seinem Eigenthum zu residiren. Wir fanden ihn, der in der Welt durch ein in der Fremde polirtes Betragen zu glänzen weiß, hier als ächten Landmann, in Wasserstiefeln und Waterproof-Mantel, im Regen stehen, und seine Arbeiter anweisen, was mir wohl gefiel, und Du erräthst leicht warum. –

Auf dem Rückweg theilte mir Capt. S..... mehrere interessante Details über die wirklich himmelschreiende Unterdrückung mit, unter der die Katholiken hier seufzen, ein Zustand, welcher, die örtlichen Verhältnisse gehörig in Betracht gezogen, härter ist als die Sclaverei, welche die Türken über die Griechen verhängen. Die Katholiken dürfen z.B. ihre Gotteshäuser nicht Kirchen, sondern nur Kapellen nennen, keine Glocken darin haben – an sich unbedeutende, aber in der Meinung entehrende Dinge. Kein Katholik kann bekanntlich im Parlament sitzen, noch General in der Armee, noch Minister des Königs, Richter u.s.w. werden 2. Ihre Priester dürfen keine Ehe einsegnen, wo ein Theil protestantisch ist, und ihre Titel werden vom Gesetz nicht anerkannt. Das Schlimmste aber ist, daß die Katholiken den protestantischen Klerus ungeheuer bezahlen, den ihrigen aber, von dem der Staat keine[86] Notiz nimmt, noch außerdem unterhalten müssen, ein Hauptgrund der bodenlosen Armuth des Volks. Wie unverträglich muß dies schon in einem Lande wie Irland erscheinen, wo mehr als Zweidrittel der Einwohner im Allgemeinen, der katholischen Religion mit dem größten Eifer zugethan sind. Im Süden ist das Verhältniß jedoch noch viel ungleicher. In der Grafschaft Tipperary befinden sich ohngefähr 400000 Katholiken und nur 10000 Protestanten. Demohngeachtet kostet den Einwohnern die protestantische Geistlichkeit jährlich folgende Summen: 1) Der Erzbischof 25000 L. St.; 2) der Dean 4000; 3) für ohngefähr fünfzig Pariches (Pfarren) im Durchschnitt jede 1500 L. St., welche Ausgaben fast alle den Katholiken allein zur Last fallen. Die meisten dieser Pfründner leben gar nicht einmal in Irland, sondern stellen arme Teufel mit 40 – 50 L. St. jährlich hier an (die berühmten Vicar's) die ihre Geschäfte verrichten; eine Sache, die bald abgethan ist, da es hier Gemeinden gibt, die nicht mehr als zehn Mitglieder zählen, ja ineiner Parich gar kein Protestant vorhanden ist – auch keine Kirche, sondern nur eine alte Ruine, wo jährlich die Farce einer Predigt für leere Wände abgespielt wird, und wobei ein gemietheter Katholik den Küsterdienst versieht! Während dem tritt der Geistliche Jahr aus Jahr ein das Londner und Pariser Pflaster, und führt ein so ungeistliches Leben als möglich. So las ich z.B. noch neulich in einer englischen Zeitung selbst, daß ein englischer Geistlicher in Boulogne, eine große [87] Summe im Spiel verloren, darauf Händel bekommen, und seinen Gegner im Duell erschossen habe, weßhalb er genöthigt gewesen sey, den Ort schnell zu verlassen, um sich auf seine Pfründe zurückzuziehen. Selbst die höheren Geistlichen, die wenigstens zum Theil auf ihren Bischofs- und Erzbischofs-Sitzen gegenwärtig seyn müssen, lassen nichts von dem Sündengeld (denn man muß es unter solchen Umständen wohl so nennen) wieder unter die armen Leute kommen, da sie größtentheils nach Kräften sparen, um ihre Familien zu bereichern. Zu diesem Ende ist sogar eine Art Betrug in der englischen Kirche gesetzlich geworden (eben so wie der Verkauf der Stellen durch die, im Besitz des Verleihungsrechts, sich befindenden Adelichen, der öfters ganz öffentlich statt findet, denn umsonst vergeben werden die Pfründen nur im politischen oder Familien-Interesse). Es ist nämlich gestattet, daß diejenigen, welche Kirchengüter benützen, im Voraus, und ehe der Termin zur neuen Verpachtung derselben eintritt, sich ein für allemal mit einem Pauschquantum von den Inhabern bis dahin abfinden lassen dürfen, was natürlich, wenn der Geistliche bald darauf stirbt, seinen Nachfolger um das ihm Gebührende bringt. Kann man sich wundern, daß solche Institutionen schon mehrmals das unglückliche Volk zur Verzweiflung und Empörung brachten! jedesmal indessen sind ihre Ketten nur schärfer angezogen und blutiger ins Fleisch schneidend geworden. Wo man ein schönes Gut, und fruchtbares Land sieht, und sich nach dem[88] Besitzer erkundigt, heißt es gewöhnlich, this is forfeited land (verwirktes Eigenthum), immer einst den Katholiken, jetzt den Protestanten zugehörig. O'Connel sagte mir, daß, noch vor nicht gar langer Zeit, ein Gesetz in Gültigkeit war, des Inhalts: daß kein Katholik in Irland Landeigenthum haben dürfe, und könne ein Protestant bei einem Gerichtshofe beweisen, daß dies dennoch irgendwo der Fall sey, so habe ihm der Richter dieses Eigenthum zuzusprechen. Das einzige Mittel blieben nun Scheinkäufe; demohngeachtet wurden, nach O'Connels Versicherung, Millionen an Werth auf diese Weise in die Hände der Protestanten gebracht. Ist es nicht merkwürdig, daß Protestanten, die von den Katholiken, eben wegen ihrer Habsucht und Intoleranz in einer barbarischen Zeit, abfielen, jetzt in der aufgeklärtesten, in demselben Fehler beharren und dadurch verhältnismäßig eine größere Schuld auf sich laden, als sie früher tragen mußten! Wird denn, möchte man fragen, dieses Religionsungeheuer 3 (Geburt der Despotie und Heuchelei) welches von der Welt so lange mit Blut und Thränen gefüttert werden mußte, nie von erleuchteteren Generationen vernichtet werden? Wahrscheinlich wird man dann auf die jetzigen Zeiten mit eben dem Mitleid blicken, als wir auf das Dunkel des Mittelalters.

[89] Nachmittags besuchte mich der katholische Dean, ein höchst liebenswürdiger Mann, der lange auf dem Continent gelebt, und Caplan des vorigen Pabstes gewesen ist. Seine eben so freie als aufgeklärte Sprache setzte mich in Verwunderung, weil wir immer zu denken pflegen: ein Katholik müsse auch ein Abergläubiger seyn. Er sagte mir unter anderm: Glauben Sie mir, dieses Land ist dem Unglück geweiht. Hier gibt es fast keine Christen mehr, Katholiken und Protestanten haben nur eine und dieselbe Religion – die des Hasses!

Einige Zeit später brachte mir Capt. S. die letzte Zeitung, worin bereits mein Besuch in der beschriebenen Versammlung, und die von mir dort gesagten Worte nebst den übrigen Reden, mit aller der in England üblichen Charlatanerie, drei oder vier Seiten füllten. Um Dir eine Echantillon von diesem Genre zu geben, und zugleich mit meiner eignen Beredtsamkeit gegen Dich ein wenig zu prunken, übersetze ich den Anfang des mich betreffenden Artikels, wo ich in eben dem Ton angepriesen werde, wie ein Wurm-Doctor seinen Pillen oder ein Roßkamm seinen Pferden, nie besessene Eigenschaften andichtet. Höre:

»Sobald man die Ankunft des ... erfahren hatte, begab sich der Präsident mit einer Deputation auf des ... Zimmer, um denselben einzuladen, unser Fest mit seiner Gegenwart zu beehren etc. Bald darauf trat der ... ins Zimmer.« [90] Sein Ansehen ist befehlend und gracieus (commanding and graceful). Er trug einen Schnurrbart, und obgleich von sehr blasser Farbe, ist doch sein Gesicht außerordentlich gefällig und ausdrucksvoll (exceedingly pleasing and expressif). Er nahm seinen Platz am obern Ende der Tafel, und sich gegen die Gesellschaft verneigend, sprach er deutlich, und mit allem gehörigen Pathos (with proper emphasis) aber etwas fremdem Accent, folgende Worte: Gentlemen! Obgleich krank und sehr ermüdet, fühle ich mich doch zu sehr durch Ihre gütige Einladung geschmeichelt, um sie nicht mit Dank anzunehmen, und Ihnen persönlich auszudrücken, welchen lebhaften Antheil ich an Ihrem Bestreben für das Wohl Ihres Vaterlandes nehme. Möge Gott diesen schönen und reichbegabten Theil der Erde segnen, der jedem gefühlvollen Fremden so vielfachen Genuß darbietet, in dem ich aber besonders, mit tiefer Dankbarkeit, die Güte und Gastfreundschaft anerkennen muß, die mir überall zu Theil ward. Möge der Himmel, sage ich, dieses schwergeprüfte Land segnen, wie jeden ächten Irländer, er sey Katholik oder Protestant, der, fern von Partheigeist, nur das Wohlseyn seines Vaterlandes wünscht – ein Wohlseyn, das nur erreichbar seyn kann, durch Friede, Duldung und bürgerliche wie religieuse Freiheit (civil and religious liberty, das große Stichwort der Association). Gentlemen! füllen Sie Ihre Gläser, und erlauben Sie mir, Ihnen einen Toast zu geben. Es lebe der König, und Erin go Bragh! (dies ist das altirische [91] Motto, welches auch auf der Medaille des Liberator-Ordens steht, und bedeutet: »Heil Erin!«

Der Präsident: Gentlemen! Theilen Sie meine Gefühle, und empfangen Sie den Ausdruck des folgenden von mir. Möge unser erlauchter Gast (illustrious guest), auf dessen Wohl wir jetzt unsre Gläser füllen, sollte er je zu uns zurückkehren, uns im Genuß gleicher Gesetze und gleicher Privilegien finden, und im Besitz jenes Landfriedens im Innern, den zu erlangen wir allein uns vereint haben. Dreimal drei. Der ...: – »Ich wiederhole Ihnen meinen Dank für die Ehre, die Sie mir eben durch das Trinken meiner Gesundheit erzeigt haben. Nichts könnte mich glücklicher machen, als selbst noch einmal Augenzeuge von der Erfüllung aller Ihrer und meiner Wünsche, in diesem Lande seyn zu können, das ich wie mein eignes Vaterland liebe, und nur mit innigem Bedauern verlasse etc.

Nun liebe Julie, wie recensirst Du mich – kann ich nicht Gemeinplätze, so gut wie ein anderer, aneinanderreihen, wenn es seyn muß? Der Wahrheit bin ich übrigens in nichts zu nahe getreten. Was aber kein Gemeinplatz ist, wenn er sich auch am Ende jedes meiner Briefe wiederholt, ist die Versicherung meiner zärtlichen Liebe für Dich, mit der ich jetzt bin und ewig seyn werde«


Dein Freund L.....

Fußnoten

1 »Lion« ist ein Modeausdruck, und bedeutet das Erste, Berühmteste, oder das, was grade im Augenblick am meisten en vogue ist. Das entgegenstehende, gemeinere, heißt »tigre«. So nennt man z.B. die jungen Dandee's in ihren Cabriolets, in der Hauptstadt Lions, die kleinen Jungen aber, welche hinten aufstehen, tigres. Auch Stutzer der geringeren Societät werden mit dem letzten Namen bezeichnet.

C'est tout bête comme vous voyez!

A.d.H.

2 Dies ist nun bekanntlich erstritten worden.

A.d.H.

3 Daß hier nur von falscher und Afterreligion die Rede seyn kann, versteht sich wohl von selbst.

A.d.H.

38. Brief
[92] Acht und dreißigster Brief.
Cashel, den 12. October 1828.
Theuerste Freundin!

Warum schreibe ich Dir so gern? Gewiß, weil ich denke, daß es Dir Freude macht, aus der Ferne von mir zu hören – aber auch, weil Du nur mich immer verstandest, und Niemand sonst! dies allein wäre hinreichend, mich auf immer an Dich zu fesseln, denn ich lebe, mitten in der Welt, doch nur mit Dir – so einsam als auf einer wüsten Insel. Tausende von andern Geschöpfen wimmeln zwar um mich her – sprechen kann ich aber nur mit Dir. Versuche ich es mit andern, so bekömmt mir schon die Gewohnheit und Neigung, immer wahr zu seyn, oft theuer zu stehen! oder ich stoße durch etwas anderes an – denn Lebensklugheit wurde meiner Natur eben so bestimmt und unerreichbar versagt, als es dem Schwane, [93] der im Winter auf dem See vor Deinem Fenster schwerfällig hinwatschelt, unmöglich ist, mit den vorbeigleitenden Schlittschuhfahrern Wette zu laufen, aber – seine Zeit kömmt auch, wenn er mit stolz gekrümmtem Halse die Fluthen zertheilt, oder im blauen Aether allein und majestätisch durch die Lüfte schwebt. Dann erst ist er, er selbst.

Doch zurück zu Cashel. Ich benützte heute meines guten Freundes Pferde, die mir täglich zu Gebote stehen, zu einer zweiten Excursion, nach der sechs Meilen entfernten Ruine von Holycroß (heiligen Kreuz) der würdigen Rivalin des Teufels-Felsens. Zuerst belustigten wir uns, querfeldein zu reiten, und einige Mauern zu überspringen, dann gelangten wir auf eine Anhöhe, von der sich der »rock«, wie er hier kurzweg genannt wird, am imponirendsten ausnimmt. Der Kranz entfernter blauer Berge, die sich rund um den, einzeln in der fruchtbaren Ebene stehenden, Felsen lagern, Burg, Abtei und Cathedrale, die, ein großes Ganze bildend, stumm und großartig, von ihm herab die Geschichte auf einander folgender Jahrhunderte, verkünden, und endlich die Stadt am Fuße, so ärmlich, obgleich sie der Sitz zweier Erzbischofe (eines protestantischen und katholischen) ist, die auch eine stumme Sprache spricht, über die jetzige Zeit! erwecken gar mancherlei widersprechende Gefühle. –

[94] Von ganz anderem Charakter ist Holycroß. Cashel steht in einsamer Größe da, Alles Felsen und Steine, Alles kahl und schwarz, – nur hie und da scheint ein verlornes Epheupflänzchen schüchtern an einer Spalte hinanzukriechen. – Holycroß dagegen liegt im Thal, an den Ufern der Suir, in Laubholz begraben, und von solchen wuchernden Epheustämmen umschlungen und umrankt, daß man kaum eine Mauer vor ihnen erblicken kann; und selbst das hohe Kreuz, das letzte, welches der Abtei noch übrig bleibt 1, ist so inbrünstig von ihnen umklammert, als wollten sie es vor jeder profanen Berührung schützen. Im Innern sieht man mehrere prachtvolle gewölbte Decken, das zierliche Monument auf dem Grabe Donough O'Bryens, Königs von Limmerick, der im Anfang des zwölften Jahrhunderts die Abtei erbaute, und einen wunderschön gearbeiteten Steinbaldachin, unter welchem die Leichen der gestorbenen Aebte ausgestellt wurden – sämmtlich so gut erhalten, daß ihnen mit wenig Ausbesserung das Ansehen der Neuheit gegeben werden könnte. Die Aussicht vom Thurme ist sehr freundlich. Man ist hier dem Teufelsbiß ganz nahe, dessen groteske Form freilich zu auffallend war, [95] als daß die Irländer sie nicht hätten zu einer Legende benutzen sollen, sie, die für jede Naturseltenheit ihr Mährchen stets bereit haben.

Wir eilten früher zurück als mir lieb war, da mich der katholische Dean zu einem Diné eingeladen hatte, bei dem ich nicht zu spät eintreffen durfte. Ich sollte den Erzbischof und sechzehn andere Geistliche dort antreffen; kein Laie, außer mir, war zugegen. Das Diné machte übrigens einem Caplane des römischen Pontifex Ehre. »Sie haben wohl niemals einer Mahlzeit beigewohnt«, sagte der Erzbischof zu mir, »wo die Gäste aus lauter Geistlichen bestanden?« Doch, Mylord, erwiederte ich: und was noch mehr ist, ich war selbst vor Kurzem noch eine Art Bischof. »Wie ist das möglich?« rief er verwundert. Ich erklärte ihm, daß ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wir sind also, fuhr ich fort, hier achtzehn Geistliche, ganz unter uns, und dabei kann ich noch versichern, daß ich keinen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten mache, sondern in beiden nur Christen sehe.

Mit großer Freiheit und Partheilosigkeit wurde nachher über religieuse Gegenstände gesprochen, nirgends bemerkte ich die geringste Spur von Bigotterie, noch der widrigen Affectation des Heiligthuens. Beim Dessert gaben sogar mehrere, die gut sangen, Nationallieder zum Besten, deren Inhalt zuweilen [96] nichts weniger als devot war. Als der neben mir Sitzende eine leichte Verwunderung darüber bei mir bemerkte, sagte er mir in's Ohr: Hier vergessen wir jetzt den fremden . . . . . . . . ., den Erzbischof und die Geistlichen – hier bei Tisch sind wir alle Gentlemen, und freuen uns des Lebens. Dieser Mann war der unbestrittene Abkömmling eines alten irischen Königgeschlechts, und obgleich es ihm jetzt keine Auszeichnung mehr verlieh, so war er doch nicht wenig stolz darauf. »Eine seltsame Wohnung habe ich dazu für einen Geistlichen«, sagte er zu mir. »Wenn Sie Irland je wieder besuchen, gönnen Sie mir vielleicht die Ehre, Ihnen die Honneurs davon zu machen. Sie liegt gerade unter dem Teufelsbiß – und eine schönere Aussicht als von diesem Biß bietet ganz Irland nicht.« Er machte nachher noch die Bemerkung, daß, katholisch zu seyn, in diesem Königreich schon für ein Adelsdiplom gelten könne, denn nur neue Familien seyen protestantisch, die Katholiken müßten nothwendig alt seyn, da sie, schon seit der Reformation, keine Proselyten mehr machten. Die Melodien der Lieder, welche man sang, hatten eine auffallende Aehnlichkeit mit denen der Wenden, wie ich überhaupt zwischen beiden Völkern viel gleiche Beziehungen finde. Beide fabriciren und lieben ausschließlich reinen Kornbranntwein (Whiskey), und leben fast allein von Kartoffeln: beider Nationalmusik kennt nur den Dudelsack, sie lieben leidenschaftlich Gesang und Tanz, und doch sind ihre Melodieen stets melancholisch; beide sind unterdrückt durch eine fremde Nation, und sprechen [97] eine immer mehr sich verlierende Sprache, die reich und poetisch ist, ohne daß sie doch eine Literatur in derselben besitzen; beide verehren unter sich noch immer die Abkömmlinge ihrer alten Fürsten, und haben den Grundsatz, daß: was nicht aufgegeben ist, auch noch nicht ganz verloren sey; beide sind abergläubisch, schlau, und in ihren Erzählungen zur Uebertreibung geneigt, revolutionair wo sie können, aber etwas kriechend gegen dicidirte Macht; beide gehen gern zerlumpt, wenn sie sich auch besser kleiden könnten, und endlich sind beide bei elendem Leben, dennoch großer Anstrengung fähig, obgleich sie am liebsten faullenzen, und dabei auch beide gleich fruchtbarer Natur, welches ein wendisches Sprüchwort: den Braten der armen Leute, nennt. Die bessern Eigenschaften besitzen die Irländer allein.

Ich benutzte die heute gemachten Bekanntschaften, um mich noch näher von dem hier herrschenden Verhältniß zwischen Katholiken und Protestanten zu unterrichten, wobei ich alles früher Gehörte völlig bestätigt fand, und noch einige Details mehr erhielt. Unter andern, die offizielle Liste eines Theils der gegenwärtigen Pfarreien und Gemeinden in der Diöces von Cashel, die zu merkwürdig ist, um sie Dir nicht mitzutheilen, wenngleich der Gegenstand zu den trocknen gehört, und fast zu pedantisch für unsere Correspondenz scheinen dürfte.


[98] (das Militär mit eingeschlossen.)


Thurles hat12000Katholiken250Protestanten

Cashel hat11000Katholiken700Protestanten

Clonoughty hat 5142Katholiken 82Protestanten

Cappawhyte hat 2800Katholiken 76Protestanten

Killenaule hat 7040Katholiken514Protestanten

Voherlahan hat 5000Katholiken 25Protestanten

Feathard hat 7600Katholiken400Protestanten

Kilkummin hat 2400Katholiken –Protestanten

Mickarky hat 7000Katholiken 80Protestanten

Golden hat 4000Katholiken120Protestanten

Anacarty hat 4000Katholiken 12Protestanten

Doniskeath hat 5700Katholiken 90Protestanten

Neu Irin hat 4500Katholiken 30Protestanten


Auf 13 Distr. 78182 Katholiken und 2379 Protestanten.


Jeder dieser Distrikte hat nur einen katholischen Pfarrer, aber oft vier bis fünf protestantische Pfründner, so daß im Durchschnitt auf eine protestantische Gemeinde kaum zwanzig Personen kommen. Kilkummin ist eben der angeführte Ort, wo die protestantische Gemeinde gar nicht existirt, und der Gottesdienst, welcher nach dem Gesetz wenigstens einmal im Jahre stattfinden muß, mit Hülfe eines katholischen Küsters in der Ruine abgehalten wird. In einem andern Bezirk, mit Namen Tollamane, wo ebenfalls kein Protestant ist, findet dieselbe Farce statt; nichts destoweniger müssen den abwesenden Pfründnern bei Heller und Pfennig ihre Zehnten und andere Abgaben verabfolgt werden, und nichts wird unerbittlicher eingetrieben als Kirchenrevenüen. Hier [99] findet kein Erbarmen, wenigstens hinsichtlich der Katholiken, statt. Wer den protestantischen Geistlichen den Decem oder die Pacht des Kirchenlandes nicht zahlen kann, sieht unabänderlich seine Kuh und Schwein (Meubles, Betten etc. hat er schon längst nicht mehr) verkaufen, und sich selbst nebst Frau, und gelegentlich ein Dutzend Kindern, (car rien n'eugendre comme les pommes de terre et la misère) auf die Straße gezogen, wo er der Gnade Gottes überlassen bleibt, der die Vögel nährt und die Lilien kleidet. Quelle excellente chose qu'une religion d'etat! So lange dergleichen noch existiren, und nicht, wie in den vereinigten Staaten, Jedem erlaubt ist, Gott auf die ihm beliebige Art zu verehren,ohne deshalb sich im bürgerlichen Leben zurückgesetzt zu sehen – so lange hat auch das Zeitalter der Barbarei noch nicht aufgehört. Einst muß im Staat das Gesetz allein regieren, wie in der Natur. Religion wird Trost im Unglück, und noch höhere Steigerung des Glücks, nach wie vor, gewähren, aber herrschen und regieren darf sie nicht. Nur das Gesetz übe unabänderlichenZwang, überall sonst aber walte unbeschränkteFreiheit. Dies kann der gebildete Theil der Menschheit auf der Stufe fordern, auf welcher er angelangt ist, und die er durch so viel Blut und Jammer erkauft hat. Welcher Wahnsinn, den Menschen vorschreiben zu wollen, was selbst nach ihrem Tode aus ihnen werden, oder was sie darüber glauben sollen? Schlimm genug, daß hier auf Erden die besten Institutionen, selbst die weisesten Gesetze, [100] noch mangelhaft bleiben müssen, man lasse wenigstens die unsichtbare Zukunft Jeden nach seinem eignen Ermessen sich ausbilden. Und doch haben große, kluge und gute Männer sich zu solchem geistigen Despotismus berechtigt geglaubt! Dies aber ist die menschliche Gebrechlichkeit. Derselbe Mensch kann in eilf Dingen erhaben, und im zwölften als ein Idiot erfunden werden! Während so z.B. ein großer Krieger, in Schlachten, die Europa in Staunen versetzten, den Weltenstürmer bezwang – fürchtete er sich heimlich vor einem jungen Elephanten, mit dem er niederkommen zu müssen glaubte, weshalb seine Adjutanten manchen schweren Moment mit ihm zu verleben hatten. Während der Cardinal Richelieu allen Zeiten das Ideal eines großen und klugen Ministers aufstellte, hatte für ihn nur der Glaube Werth, ein großer Dichter zu seyn, und er quälte sich, elende Tragödien zu schreiben, die mit seinem Tode zu Makulatur wurden. Der große Ludwig, den man den absoluten König par excellence nennen könnte, hatte die unbegreifliche Dummheit, nach der Schlacht von Malplaquet, ganz ernsthaft auszurufen: Et Dieu a-t-il donc oublié ce que j'ai fait pour lui? Cromwell, zugleich Schwärmer und der kühnste wie der listigste Betrüger, nachdem er Mord auf Mord, Zerstörung auf Zerstörung gehäuft, fand sein Gewissen beruhigt, als, auf seine Anfrage, ein Priester ihm versicherte, daß, wer einmal sich nur im Zustande der Gnadenverzückung befunden, selig werden müsse, er möge sonst gethan haben was er wolle. »Dann bin ich [101] gerettet«, rief froh der Protector, »denn einmal wenigstens weiß ich es bestimmt, daß ich mich im Zustande der Gnade befunden!« So sind die Menschen, und daher wird mir auch nie eine Menschenautorität imponiren, wenn meine eigene Ansicht ihr, nach reiflichem Nachdenken, so weit es meine Fassungskraft vermag, nicht entspricht – ja wären morgen alle Menschen der entgegengesetzten Meinung, so würde ich doch deshalb die meinige nicht ändern. Gottlob! wir sind alle individuelle Geister, und keine Schaafheerde, die dem Leithammel folgen muß. Und was ist denn allgemeine Meinung? man sollte glauben, sie sey nur ein fortlaufender Irrthum, weil sie fast alle Jahrhunderte sich ändert. Von Ort und Zeit scheint sie allein abzuhängen. Bist Du in Constantinopel geboren, so schwörst Du auf Mohammed, im übrigen Europa auf Christus oder Moses, in Indien auf Brahma. Kamst Du einst, ein Unterthan des Augustus, zur Welt, so warst Du ein Heide, im Mittelalter hieltest Du das Faustrecht für das Recht, und heute verlangst Du die Freiheit der Presse, 2 [102] als eine Sache, ohne die Du nicht mehr existiren zu können glaubst. Du selbst in Deinem kurzen Leben, was denkst und bist Du, als Kind – als Jüngling – als Greis! Herder hat wohl Recht zu sagen: Kein Wassertropfen gleicht dem andern, und Ihr wollt allen Menschen einen Glauben geben! und man könnte hinzusetzen: kein Atom bleibt unverändert, und Ihr wollt die Menschheit stillstehen heißen!

Ehe der Erzbischof sich retirirte, sagte er noch sehr verbindlich zu mir: »Sie sind, wie Sie uns erzählt, ein Bischof, folglich dem Erzbischof Gehorsam schuldig. Ich benutze also diese Autorität zu dem Befehl, morgen wieder mit mir und Ihrem Collegen, dem Bischof von Limmerick, den wir heute erwarten, hier zu speisen, statuire aber keine Entschuldigung.« Ich erwiederte, den Scherz aufnehmend, daß ich gern zugeben müsse, wie es mir nicht gezieme, der Disciplin der Kirche zu widerstehen, und da Euer Gnaden, setzte ich hinzu (Your grace ist der Titel der protestantischen Erzbischöfe in England, den höfliche Leute, aus Courtoisie, auch den katholischen geben, obgleich ihnen, nach dem englischen Gesetz, gar kein Rang zusteht) und der dean die Pflicht so sehr zu versüßen wissen, so submittire ich mich um so lieber.

Den Abend brachte ich noch in der Gesellschaft des ..... zu. Ich habe nur selten protestantische Geistliche so aufrichtig gefunden, als diesen katholischen. Wir kamen bald darin überein, daß man entweder von Hause aus blindlings das glauben und annehmen[103] müsse, was die Kirche vorschreibe, ohne sich im Geringsten in Untersuchungen einzulassen, oder, wenn man dies nicht könne, seine eigene religiöse Ansicht sich ausbilden, als das Resultat individuellen Denkens und individueller Gefühle – was man mit Recht die Religion eines Philosophen nennen möge. Der ..... sprach französisch, was ihm am geläufigsten war, ich citire ihn daher mit seinen eigenen Worten: Heureusement, sagte er, on peut en quelque sorte combiner l'un et l'autre, car au bout du compte, il faut une religion positive au peuple. Et dites surtout, erwiederte ich, qu'il en faut une aux Rois et aux prêtres – car aux uns, elle fournit le »par la grace de Dieu« et aux autres de la puissance, des honneurs et des richesses – le peuple se contenterait peut être de bonnes lois et d'un gouvernement libre.

Ah! unterbrach er mich, vous pensez comme Voltaire:


Les prêtres ne sont pas ce qu'n vain peuple pense.

Et sa crédulité fait toute notre science.


Ma foi, lui dis-je, si tous les prêtres vous ressemblaient, je penserai bien autrement.

[104] Den 13ten Abends.


Ich habe leider meinem freundlichen Amphitryon nicht Wort halten können. Eine Migraine zwang mich, den ganzen Tag das Bett zu hüten. Der Herr Erzbischof ließ mir zwar sagen, daß er mich kuriren wolle, und wenn ich nur festen Glauben mitbrächte, gewiß sey, durch wohl applizirten Exorcismus den Kopfwehteufel auszutreiben – ich mußte ihm aber entgegensetzen, daß dieser Teufel einer der unbezwinglichsten sei, und niemand respectire als die Natur, die ihn sende und abberufe wie sie Lust habe, welches indeß selten vor vier und zwanzig Stunden Leiden statt finde. Ich muß Dich also, beste Julie, diesen Abend auch nur mit wenigen Worten verabschieden.


Den 14ten.


Après la pluie le soleil! der heutige Tag entschädigte mich für den gestrigen. Schon um sieben Uhr saß ich zu Pferde, um mich zum Frühstück auf Capt. S. Landhaus zu begeben, wo das Jagd-Rendezvous für die heutige Hasenhetze bestimmt war. Ich fand sechs bis sieben rüstige Landjunker dort versammelt, die nicht viel denken, aber ein desto heitereres und sorgenloseres Leben führen. Nachdem wir die heterogensten Dinge, Kaffee, Thee, Whiskey, Wein, Eyer, Beefsteaks, Honig, rognons de mouton, Kuchen und Butterbrot, alles untereinander, hatten [105] einnehmen müssen, setzte sich die Gesellschaft auf zwei große Carrs, und nahm ihre Richtung nach den Galtée-Bergen, wo, etwa in der Entfernung von acht Meilen, Hunde und Pferde auf uns warten sollten. Das Wetter war schön, und die Fahrt sehr angenehm; einem Bergrücken entlang, mit der vollen Aussicht der fruchtbaren Ebene, vom Gebürge geschlossen, und reich variirt durch eine Menge Landsitze und Ruinen, die über die ganze Fläche zerstreut lagen. Von diesen Schönheiten profitirte ich jedoch, wie gewöhnlich, allein; die Jäger hatten nur Jagd und Hasen im Kopfe. Man zeigte mir eine Stelle, wo vor zehn Jahren ein merkwürdiges Naturereignis statt fand. Ein hoch liegender Sumpfmoor, wahrscheinlich durch unterirdische Quellen empor getrieben, riß sich vom Boden los, und wanderte, in einer Masse von sechzehn Fuß Höhe und drei bis vier Morgen Ausdehnung, davon. Er ging, nach Maßgabe der Gegenstände, denen er begegnete, im fortwährenden Zickzack, und legte so neun Meilen zurück, ehe er den nahe liegenden Fluß erreichte, in dem er sich nur langsam auflöste und eine Ueberschwemmung desselben veranlaßte. Die Schnelligkeit seines Marsches war ohngefähr zwei Meilen in einer Stunde, aber vernichtend für Alles was er antraf. Häuser wurden bei seiner Berührung sogleich der Erde gleich gemacht, Bäume sämmtlich entwurzelt, die Felder aufgewühlt, und alle Vertiefungen mit Moor angefüllt. Eine unermeßliche Menge Menschen hatten sich gegen das Ende seines Laufs eingefunden, [106] ohne jedoch dem majestätisch verheerenden Natur-Phänomen auch nur den geringsten Widerstand entgegensetzen zu können.

Als wir an der bestimmten Stelle des Jagd-Rendezvous ankamen, waren wohl die Pferde, aber keine Hunde da. Dagegen hatten sich noch mehrere Gentlemen eingefunden, und anstatt Hasen zu jagen, durchzogen wir nun Alle die Felder, in lang ausgedehnter Linie, um, wo möglich die verirrten Hunde aufzusuchen. Von dem Reiten, was hierbei statt fand, macht man sich bei uns kaum einen Begriff. Obgleich die meisten Felder von Mauern umschlossen werden, die drei bis sechs Fuß hoch, und abwechselnd, entweder nur von Feldsteinen lose aufgeschichtet, oder ordentlich mit Kalk gemauert sind, andere aber durch sogenannte Ditches begränzt werden – feste Erdwälle von Lehm und Feldsteinen, die oben spitz zulaufen, fünf bis sieben Fuß Höhe haben und noch mit einem Graben auf der andern Seite, zuweilen auf beiden Seiten, versehen sind – so darf dies alles den Reitern doch kein Hindernis seyn, ihre Linie zu behaupten. Wie außerordentlich die hiesigen Pferde springen, habe ich Dir schon einmal beschrieben, wenn ich nicht irre; ihre Sagacität ist aber auch zu bewundern, mit der sie sogleich eine lose Mauer von einer festen, einen eben aufgeworfenen weichen Wall von einem durch die Zeit gehärteten zu unterscheiden wissen, die losen mit einem Satz überspringen (»clear them,« wie der Kunstausdruck heißt) bei [107] den festen, es sich bequemer machend, oben noch einmal aufsetzen. Alles dies geschieht eben so wohl im schnellsten Rennen, als auch mit der größten Ruhe im Schritt, oder mit einem nur ganz kurzen Anlauf. Einige Herren stürzten, wurden aber nur ausgelacht, denn wer sich nicht den Hals bei solcher Gelegenheit auf der Stelle bricht, darf, statt Beileid, hier nur auf Verspottung rechnen. Andere stiegen bei üblen Stellen ab, und ihre abgerichteten Pferde sprangen, mit herunter hängendem Zügel, noch vor ihnen leer hinüber und erwarteten dann ihre Reiter, ruhig grasend. Ich kann Dir versichern, daß ich gar oft dachte, diesem Beispiel folgen zu müssen, aber Capt. S..., der sein vortreffliches Pferd, welches ich ritt, kannte, und mir immer zur Seite war, encouragirte mich, stets nur ganz sicher dem Thiere zu vertrauen, so daß ich am Ende des Tages eine wahre Reputation unter den foxhunters erhielt. Gewiß ist es, daß man in Irland nur sieht, was Pferde zu leisten im Stande sind, die englischen können es ihnen hierin durchaus nicht gleich thun. Wo ein Mensch hinüber konnte, machte es mein Pferd auch möglich, auf eine oder die andere Manier hinüberspringend, kriechend oder kletternd, selbst durch Sumpfstellen, wo es bis an den Leib hineinsank, arbeitete es sich, ohne die geringste Uebereilung, langsam und bedächtig hindurch, wo ein so lebhaftes und ängstliches, wenn auch noch so kräftiges Thier, bestimmt nicht wieder herausgekommen wäre. Ein solches Schlachtroß im Kriege ist unschätzbar, aber nur Abrichtung von frühester Jugend [108] an, verbunden mit der Güte der Raçe, kann es hervorbringen. Daß aber die, Jahrhunderte fortgesetzte Erziehung, auch bei den Thieren, die angezognen Eigenschaften zuletzt fast zu angeborenen, oder zur andern Natur werden läßt, lehrt die Erfahrung. Ich sah in England Hühnerhunde, die, ohne alle Abrichtung, beim ersten Ausgang, vor den Hühnern so fest standen, als wären sie mit dem Corallenhalsband dressirt worden.

Die Preise dieser vortrefflichen Pferde waren, noch vor einem Jahrzehnt, verhältnißmäßig äußerst mäßig, seit aber die Engländer angefangen haben, sie für ihre eignen Jagden aufzukaufen, hat sich dies ganz verändert, und ein Irländischer Hunter von der Qualität dessen, den ich heute ritt, wird nicht unter einhundert fünfzig bis zweihundert Guineen verkauft; mischt sich Liebhaberei hinein, so gilt er wohl auch vier bis fünfhundert. Auf dem Wettrennen bei Gallway sah ich einen Vollblut-Schimmelhengst, ein berühmtes Jagdpferd, welches Lord Cl... für diesen Preis gekauft hatte. Dieser Hengst hatte jedes Steeplechace gewonnen, die er gelaufen, war eben so leicht als kräftig, schnell wie der Wind, von einem Kinde zu regieren, und bis jetzt ihm noch keine überspringbare Mauer zu hoch, kein Graben zu breit gewesen.

Endlich fanden wir die Hunde, deren Führer sich total betrunken hatten, und endeten unsere Jagd nicht eher, als bei einbrechender Dunkelheit. Es war empfindlich [109] kalt geworden, und das flackernde Kaminfeuer, mit dem gedeckten Tisch davor, leuchtete uns gar angenehm durch die Fenster entgegen, als wir wieder auf Capt. S. Landhause ankamen. Ein ächtes Jagd-und Junggesellenmahl folgte. Auf Eleganz und Prunk war es nicht abgesehen. Gläser, Schüsseln und Bestecke waren von allen Formen und Zeitaltern vereinigt; Einer trank seinen Wein aus Liqueur-, der Andere aus Champagner-, der Durstigste aus Biergläsern; dieser speiste mit des Urgroßvaters Messer und Gabel, Jener mit dem neuen grünen Besteck, das der Bediente wahrscheinlich erst gestern auf dem Casheler Markt eingekauft hatte. Hunde waren dabei ebensoviel im Zimmer als Gäste, bedienen that sich ein jeder selbst, und Essen und Getränk schleppte eine alte Magd und ein plumpfäustiger Reitknecht reichlich herzu. Die Hausmannskost war übrigens gar nicht zu verachten, eben so wenig der Wein, und der ächte, in den Bergen heimlich bereitete »Potheen,« den ich hier zum erstenmal ganz unverfälscht kostete. Um einen Pudding zu zuckern, wurden zwei große Stücke Zucker darüber gehalten, und an einander gerieben, wie die Wilden Feuer zu machen pflegen, indem sie Holz so lange reiben, bis es zu brennen anfängt. Daß dabei ungeheuer getrunken wurde, kann man voraussetzen. Obgleich indeß Mehrere zuletzt nur noch stammelten, beging doch keiner etwas Unanständiges, und die wenigen vom Wein Bezwungenen, erhöhten die Lustigkeit durch manches gute Bonmot und drollige [110] Erzählungen. Einer von ihnen, welcher früher lange in England gelebt hatte, behauptete, Augenzeuge von der letzten Erscheinung Georg des III. im Parlament gewesen zu seyn, die er folgendermaßen erzählte: Bevor der letzte König (hochselige würden wir Deutsche sagen, die selbst im Himmel noch die Seligen ein Titelchen mit einschwärzen lassen) völlig und auf immer von der Geisteskrankheit überwältigt wurde, die ihn nachher so lange unfähig machte, an den Regierungsgeschäften Antheil zu nehmen, trat die Epoche der Eröffnung des Parlaments ein, und der König, welcher zwar bedenkliche Anfälle, aber doch noch mehr lucida intervalla hatte, bestand darauf, das Parlament in Person zu eröffnen, und die übliche Rede selbst abzulesen, welche immer mit den Worten anfängt: Mylords, and Gentlemen of the house of Gommons! Der König schien ganz vernünftig, und die Minister, obgleich nicht wenig besorgt, mußten sich seinem so bestimmt ausgesprochenen Willen fügen. Man mag sich aber ihren Schreck vorstellen, als der König, die Gesellschaft lange und verwirrt fixirend, mit großem Pathos deutlich so anfing: Mylords and woodcocks, with their tails cocked up .... (Mylords und Waldschnepfen, die ihr den Schweif emporreckt) hierauf aber, ohne weitere Zeichen von Gestörtheit, die Ablesung seiner Rede mit dem besten Anstand fortsetzte. Dieser Contrast, fügte der Erzähler hinzu, war das Lächerlichste, und die Mienen der Parlamentsglieder, die nicht wußten, ob sie ihren Ohren trauen durften, oder geträumt hätten, das [111] unterdrückte Lachen Einiger, und das Staunen anderer, die mit offenem Munde stehen blieben, war für den Zuschauer ein höchst amüsantes Schauspiel. Als man, nach dieser Erfahrung, Seine Majestät glücklich zu Hause gebracht, ward keine weitere Probe gestattet, und er bis nach seinem Tode dem Publico nicht mehr gezeigt.

Die große Zuvorkommenheit, ja ich könnte sagen, den Enthusiasmus, mit dem man mich hier aufnimmt, habe ich allein meinem Besuch bei dem »Manne des Volks« zu verdanken, mit dem man mich, blos Neugierigen, in Gott weiß welchem Rapport glaubt. Wo ich durch ein Dorf reite, wird mir ein Hurrah gebracht, und in Cashel ist jeden Tag der Markt, an dem ich wohne, früh schon mit Menschen angefüllt, um mich, sobald ich ausgehe, mit einem gleichen Geschrei zu empfangen. Mehrere drängen sich dabei herzu, und bitten, mir die Hand (verzweifelt derb) schütteln zu dürfen, ganz glücklich, wenn sie dies bewerkstelligt haben.

Sehr spät brachen wir erst von Tisch auf, worauf ich, bei eiskaltem Nebel, mit noch einem Herrn in des Wirths Carr eingepackt wurde, um nach Cashel zurückzukehren. Alles lief mit hinaus, um mir behilflich zu sein. Der eine zog mir ein Paar Filzschuhe über, der andere gab mir einen Pelz um, der dritte band mir einen Foulard um den Hals, jeder wollte wenigstenseinen kleinen Dienst leisten, und mit vielen: God bless his Highness, ward [112] ich endlich entlassen. Der Gentleman neben mir, Mr. O. R., war von Allen der Originellste und auch der Betrunkenste. Von gleich guter Meinung für mich, wie die übrigen, beseelt, wollte er mir stets etwas helfen, indem er das Uebel immer ärger machte; bald knöpfte er mir den Pelz auf, statt zu, riß mir das Tuch ab, statt es fester zuzubinden und fiel mir auf den Schooß, wenn er mir mehr Platz machen wollte. Seine poetische Gemüthlichkeit zeigte sich eben charakteristisch, als wir uns demRock von Cashel näherten. Es war entsetzlich kalt, und der wolkenlose Sternenhimmel blinkte und flimmerte, wie soviel Diamanten; zwischen der Straße aber und dem Rock hatte sich ein dichter Nebel auf die Erde gelagert, der auch die ganze Umgegend verhüllte, sich aber nicht höher, als bis zum Fuß der Ruine, erstreckte. Diese erschien nun, da ihre Basis unsichtbar war, wie auf einer Wolke gebaut, im blauen Aether, mitten unter den Sternen, stehend. Ich hatte schon eine geraume Zeit dies Schauspiel still bewundert, als mein Nachbar, den ich schlafend glaubte, plötzlich laut aufschrie: Ah! there is my glorious rock! look – how grand! and above all! sacred place, where all my ancestors repose, and where I-too shall lie in peace! – (Ha! da ist mein erhabner Felsen! sieh – wie grandios! und erhaben über Alles! heiliger Ort! wo alle meine Vorfahren ruhen, und wo auch ich einst im Frieden liegen werde!) – Nach einer Pause versuchte er, in erhöhter Extase, aufzustehen, worüber er indeß, ohne mich, wahrscheinlich vom Wagen [113] gefallen wäre. Als er festen Fuß gefaßt, nahm er den Hut tief ab und mit einer rührenden, wenn gleich burlesken, Frömmigkeit, rief er mit Thränen im Auge: God bless almighty God, and Glory to-him! (Gott segne den allmächtigen Gott, und Glorie sey ihm!) Ohngeachtet des Unsinns, den die verdoppelnde Kraft des Rausches ohne Zweifel verursachte (Gott segne Gott) so ergriff mich doch auch das innigeGefühl, und diesem wenigstens stimmte ich von ganzer Seele bei.


Den 15ten.


Lord H...., den ich in London gekannt, und der eine schöne Besitzung hier in der Nähe hat, lud mich ein, einige Tage bei ihm zuzubringen, was ich nicht annehmen mochte, aber heute bei ihm zu Mittag speiste. Der gutgehaltene pleasure ground, und das Ausgraben eines Sees, mit dem man eben beschäftigt war, erinnerten mich zu lebhaft an das Schloß, wo Du meine Theure jetzt hausest, um ohne Bewegung darauf blicken zu können. Wann werden wir uns dort wiedersehen, wann wieder unter den drei Linden häuslich mit den Schwänen frühstücken, die uns so zutraulich ihr Futter aus der Hand nahmen, während zahme Tauben die Brosamen auflasen, und der kleine Coco, verwundert und eifersüchtig, die zudringlichen Vögel mit den klugen Augen anblinzelte – ländliches Bild, über das der verknorpelte Weltmann [114] höhnend die Achseln zuckt, das uns aber in aller seiner Einfachheit das Herz bewegt!

Lord H. ist einer von den irländischen Vornehmen, die zwar ihre Revenuen nicht ganz ihrem Vaterlande entziehen, und zuweilen daselbst residiren, aber doch ihren eigenen Vortheil so übel verstehen, daß sie sich mit dem Volk in Opposition setzen, statt sich an seine Spitze zu stellen. Der Erfolg bleibt nicht aus. DerEarl of Landaff, auch ein Protestant, ist geliebt, Lord H.. gehaßt, obgleich er persönlich es mir durchaus nicht zu verdienen scheint. Man erzählte mir zwar viel von seinen, gegen Katholiken ausgeübten, Grausamkeiten, und ich war selbst Zeuge seiner leidenschaftlichen Stimmung in dieser Hinsicht, glaube aber, daß hier, wie so oft in der Welt, eine bloße Aen derung der eigenen Ansicht auch die ganzen Verhältnisse verändern würde. Dies ist eine Hauptregel praktischer Lebensphilosophie, und der Effekt sicher, denn die Objekte sind nur Stoff; wie sie das Subjekt versteht und formt, darauf kömmt alles an. Wie manche Lage kann man auf diese Weise aus schwarz in rosenroth übergehen sehen, sobald man nur durch Willenskraft entweder die schwarze Brille abnimmt, oder die rosenrothe aufsetzt. – Mit welcher Brille wirst Du meinen Brief lesen? – ich höre die Antwort von hier, und küsse Dich dafür. Der Himmel behüte Dich, und erhalte Dir diese Gesinnungen.


Dein treu ergebener L...

Fußnoten

1 Es wurde hier ein Theil des wahren Kreuzes Christi aufbewahrt, der dem Kloster den Namen gab, und auch jedes einzelne Gebäude war deßhalb mit einem hohen Steinkreuze geschmückt, von denen nur eins noch sich erhalten hat.

A.d.H.

2 Ein für sein Land sehr gebildeter Maure, der sich lange in England aufgehalten, sagte zu dem Capt. L..: Ich möchte nie einem so ohnmächtigen Monarchen dienen, als der König von England ist. Welches andre Gefühl gibt es mir, eines Herrn Diener zu sein, dessen Allmacht Gottes Bild auf Erden ist, und auf dessen Wink tausend Köpfe fliegen müssen, wie Spreu vor dem Winde. – Il ne faut donc pas disputer des gouts.

A.d.H.

39. Brief
[115] Neun und dreißigster Brief.

B....., den 17. Octob. 1828.


Liebste Julie!


Seit gestern befinde ich mich zum Besuch in einem hübschen gothischen Schlößlein, am Fuß des Gebürges. Aus einem Fenster sehe ich fruchtbare Fluren, aus dem andern Wald, See und Felsen. Der Hausherr ist Mr. O. R....s Bruder, und, außer seinem Schloß, auch der Besitzer einer sehr hübschen Frau, der ich ein wenig die Cour mache, denn die Herren jagen und trinken mir doch zu viel. Das Familiengut hätte eigentlich meinem drolligen Freunde gebührt, weil er aber stets ein lockerer Zeisig war, der von Jugend auf Whiskeypunsch und gutem Leben ergeben schien, so vermachte der Vater, der die Disposition hatte, das Gut dem jüngsten Sohne. Beide Brüder sind dennoch die beßten Freunde, und die harmlose, gutmüthige Natur des Aeltern findet durchaus keinen Wermuth in dem Wein, den er bei [116] seinem Bruder trinkt; so wie auch auf der andern Seite der Jüngere das Unglück ehrt, und seinen ebenso herzensguten und amüsanten, als alle Abend betrunkenen Senior, es an nichts fehlen läßt. Ein solches Verhältniß macht beiden Ehre, um so mehr, da, bei des Vaters Tode, die Advokaten meinten, daß der Fall sich gar sehr zum Prozesse eigne, Beide haben gewiß eben so klug als gut gethan, ihn zu unterlassen, und die Auster für sich zu behalten, statt sie wie in der Karikatur, vom Advokaten verzehren, und sich selbst mit den beiden Schalen abspeisen zu lassen.

Wir brachten den ganzen Tag mit Spazierengehen in den herrlichen Bergpromenaden, Andere mit Schnepfenschießen, zu, und saßen Abends bis zwei Uhr Morgens beim Mittags-Tisch. Gleich nach aufgestelltem Dessert verließen uns, nach alter Art, die Damen, und nun ging das Weintrinken an. Dann wurde ganz spät der Kaffee bei Tisch gereicht, und ihm folgte, fast auf dem Fuße, ein excitirendes Soupé, aus Devils 1 aller Art, frischen Austern und Pickles bestehend. Diese bildeten das Präludium zum Potheenpunsch, [117] von dem Mancher 12 – 16 große Tumblers zu sich nahm, während O. R... die ganze Gesellschaft mit unerschöpflichem Witz und Narrenspossen, in einem »roar of laughter« erhielt. Ueberdieß mußte jeder ein Lied singen, auch ich ein deutsches, von dem zwar niemand etwas verstand, alle aber höchlichst erbaut waren. Um 2 Uhr retirirte ich mich, die Andern blieben aber noch Alle, und lange konnte ich vor ihrem Lärm und Lachen, in meiner unglücklicherweise grade über ihnen liegenden Stube, nicht einschlafen.


Den 18ten.


Du wirst Dich über das etwas gemeine Leben verwundern, das ich hier führe – und aufrichtig gestanden, ich selbst wundere mich darüber, aber es ist genuine, d.h. bei den Leuten ächt natürlich, und nicht etwas Angenommenes – das hat immer eine Art Reiz, wenigstens für mich. Ueberdem ist die Frau vom Hause wirklich allerliebst, lebhaft und grazieus, wie eine Französin, und einem Füßchen, wie Zephyr, das ich schon oft geküßt, wenn ich ihr, während die andern tafelten, eine kurze Abendvisite machte und mich anstellen durfte, als sey mir der ungewöhnte Punsch ein wenig zu Kopfe gestiegen.

[118] Diesen Morgen hetzten wir Hasen, wobei wieder mancher kühne Sprung gemacht werden mußte, und abends produzirte man uns den berühmtesten Piper Irlands, Keans Fitzpatrick, der König der Piper genannt, den auch His gracious Majésty, King George the fourth, mit seinem Beifall beehrt hat. In der That sind die Melodien, die er seinem sonderbaren Instrumente abgewinnt, oft eben so überraschend als angenehm und seine Fertigkeit, wie der höchst gebildete und noble Anstand des blinden Mannes, eines Virtuosen würdig. Diese Pipers, welche fast Alle blind sind, und sich aus weitem Alterthum herschreiben, fangen jetzt an, immer mehr zusammenzuschmelzen, denn das Alte – muß vergehen.


Den 19ten.


Im Laufe des Tages begegneten wir heute zwei Leuten, von sehr verdächtigem Aeußern, im Walde, die meine Begleiter mir ganz unbefangen als bekannte Räuber designirten, die sich, theils durch List, theils durch die Furcht, die sie einflößen, bis jetzt immer frei zu erhalten gewußt hätten; ein Zeichen mehr, wie mangelhaft das Gouvernement, und ganz verdorben der Zustand der Gesellschaft hier ist, zwei Dinge, wodurch leider Irland charakterisirt wird. Beide Leute, die sich Pächter (farmers) nennen, weil [119] sie ein Stück Kartoffelfeld in Pacht genommen, waren von höchst auffallendem und recht nationalem Ansehen. Der Eine, ein schlanker, etwa 40jähriger, schöner Mann, mit einer wilden, aber imponirenden Physiognomie, stellte, selbst in seinen Lumpen, noch ein höchst pittoreskes Bild dar. Verachtung jeder Gefahr war auf seiner edlen Stirn ausgedrückt, Gleichgültigkeit gegen jede Schande spielte höhnisch um den frechen Mund. Seine Geschichte bestätigte diese Sprache seiner Züge. Er trug drei bis vier Militär-Medaillen, die er als Soldat in Spanien und Frankreich erworben. Wegen vielfach bewiesener Tapferkeit hatte man ihn schon einmal zum Unteroffizier avancirt, wegen lüderlicher Streiche aber wieder degradirt; darauf hatte er zum zweitenmale gedient, sich wieder ausgezeichnet, war aber auch von neuem aus demselben Grunde verabschiedet worden, ohne daß man jedoch im Stande gewesen, ihn eines Kapital-Verbrechens zu überführen. Jetzt hat man ihn im strengsten Verdacht, der Anführer der Räuberbanden zu seyn, welche das Galtée-Gebürge so sehr beunruhigen, und bereits verschiedene Mordthaten begangen haben. Sein Gefährte war äußerlich ganz das Gegentheil – für einen irländischen Farmer selten »wohl gekleidet« d.h. nichts Zerrissenes tragend, 60 Jahre alt, kurz und untersetzt, und im Benehmen fast einem Quäcker ähnlich. In den scheinheiligen Zügen lauschte aber dennoch ein solcher Grad von List und schonungsloser Entschlossenheit, daß er viel furchtbarer noch als der Andere erschien. Vor [120] zwei Jahren wurde dieser Mann der Verfertigung falscher Banknoten angeklagt, und war bereits so gut als überwiesen, als ein geschickter Rabulist, dem er sich vertraute, ihn, gegen das Versprechen einer reichen Belohnung, noch glücklich vom Galgen befreite. Thränen der Dankbarkeit vergießend, steckte er seinem Erretter 50 Pfund in die Hand, ihn schluchzend um die übliche Quittung bittend. Diese wurde ausgestellt, und vergnügt über das gute Geschäft, füllte der Advokat seine Brieftasche. Wie groß war aber sein Aerger, als er, bei näherer Untersuchung, sich überzeugen mußte, das ihn Paddi mit ähnlichen falschen Noten bezahlt, für deren Verfertigung er dem Galgen schon anheim gefallen war. Wenn die Irländer sich auf die schlechte Seite wenden (und zu verwundern ist es, daß sie es nicht Alle thun), so sind sie gefährlicher, als Andere, weil ihre hervorstechenden Eigenschaften, Muth, Leichtsinn und Schlauheit, ihnen mehr als zu behülflich sind, Alles zu wagen, und Vieles mit Erfolg auszuführen.

Während wir beim Soupé unsre Austern verzehrten, die an der westlichen und Südküste Irlands vortrefflich sind, gab uns ein Herr aus dieser Gegend, der selbst Austernzucht auf seinem Gute übt, einige Details über ihre Behandlung und Naturgeschichte, die mir ganz neu waren. Je vous les communique, même au risque de vous ennûyer. Für's Erste mußt Du also wissen: daß dreijährige Austern zum essen die besten sind, weil sie dann erst, völlig [121] ausgewachsen, die gehörige Größe und Korpulenz erreichen; später aber werden sie Coriace. Der geschickte Austernökonom hat Bänke von jedem Alter, und nach Beschaffenheit des Bodens, Austern von verschiedenem Geschmack und Flavour. In den von der Kunst ungestörten Plätzen, wo sich die Austern im Naturzustande vermehren, erreichen sie nie die höchste Vollkommenheit. Auf folgende Art kömmt man ihnen zu Hülfe. Man fischt die Jungen, wenn sie nicht größer sind, als ein Viergroschen-Stück, und säet sie, wie Korn, in eine nicht zu weit vom Ufer entfernte Stelle des Meeres, deren Boden ein weicher Schlamm seyn muß, und die nicht mehr als höchstens 14 Fuß Tiefe haben darf. Nach drei Jahren fischt man sie wieder heraus, und säet dann von Neuem andere aus der Mutterbank. Natürlich hat man mehrere solche Schlammbänke im Gange, um jedes Jahr eine reif gewordene leeren zu können. Es scheint, daß die Austern sehr alt seyn müssen, ehe sie sich vermehren, da in den eben beschriebenen artifiziellen Colonieen nie neue Geburten statt finden. Die Art dieser Geburt ist übrigens sonderbar, ein neues Beispiel der unendlichen Mannichfaltigkeit der Natur. Wahrscheinlich ist die Auster ein Hermaphrodit, da keine Verschiedenheit des Geschlechts bemerkt werden kann, und sie sich nur dadurch fortpflanzt, daß, ausserhalb ihrer Schale, sich 15 – 16 kleine Austern, wie Warzen, bilden, und wenn sie gehörige Consistenz erlangt haben, abfallen. Die Hervorbringung dieser 16 Kinder greift die alte Mama-Auster [122] dergestalt an, daß, wenn man sie nachher aufmacht, nichts wie ein wenig schlammiges Wasser in ihr gefunden wird, und gleich, nachdem die Kleinen abgefallen sind, gräbt sie sich 6 – 7 Zoll unter den Schlamm ein. Hier bringt sie ein ganzes Jahr zu, ehe sie sich genug erholt hat, um von neuem an's Zeugen zu denken. Deshalb kann man in dieser Zeit die Jungen bequem fischen, ohne den Alten zu nahe zu kommen, die ruhig in der Tiefe schlafen oder träumen! Das Fischen der Austern geschieht vermöge eines Instruments, denen ähnlich, mit welchen man Schlamm aus den Flüßen heraufbringt, und beim Säen werden sie in ein Segeltuch geworfen, und, wie schon gesagt, wie Getreide ausgesäet. Sehr alte Mütter werden endlich unfruchtbar, indem ihre Schale eine solche Dicke erreicht, daß Liebe nicht mehr durchdringen kann – grade wie die Menschenherzen.


Cashel, den 20sten.


Nachmittag fuhren wir hierher zurück, nach einigen, recht lustig, wiewohl nicht eben geistig, verlebten Tagen. Um meine intellektuellen Kräfte nicht ganz einschlafen zu lassen, will ich mich bemühen, Dir ein Volksmährchen genießbar zu machen, das mir eine alte Frau in Holycroß erzählt hat.

[123] Johny Curtin war ein armer Schüler, einer dunkeln Sage nach, der Abkömmling eines in alter Zeit hohen und mächtigen Geschlechts, dessen Glanz indeß längst verloschen, dessen Reichthümer verschwunden und dessen Nachkommen, immer tiefer hinabsinkend, seit vielen Jahren, ihres eignen Ursprungs ungewiß, genöthigt gewesen waren, das Handwerk »mit goldnem Boden« zu ergreifen, das zuletzt immer sicher, wenn auch nicht reichlich nährt. Johny's Vater und Mutter aber hatte der Tod hingerafft, ehe er selbst für sich zu sorgen im Stande war, und eine hülflose Waise, lebte er nun allein von der Großmuth seines Verwandten, eines Pächters in der Nähe der Ruinen von Holycroß, wo er jetzt eben auch die Schulferien zubrachte; denn Johny war fleißig und wißbegierig, und der Oheim gutmüthig genug, ihn bei der Arbeit oft zu entbehren, um ihm Zeit zu lassen, auf der Schule zu erlernen, was dort zu erlernen war.

Lernen und Wissen erweitert unsere Existenz, gebiert aber auch manche Sorge, manches nur eingebildete Uebel, das im einfacheren Wirkungskreise unbekannt bleibt. Johny kannte die Geschichte seines Vaterlandes, wußte, wie die alte Größe fast überall gebeugt worden war, und die eigentlichen Fürsten des Bodens Fremdlingen weichen mußten, die, wie Pilze aufgeschossen, den edleren Pflanzen die Nahrung entzogen, bis die unerbittliche Zeit endlich Alles verwandelte, und die, deren Vorfahren Könige [124] waren, zu nichts Besserem als Sklaven gestempelt hatte. Er selbst sah sich in vollem Maße für einen Solchen an, und die geringen Freuden, deren seine Lage fähig war, wurden nur zu oft durch selbstpeinigende Gedanken dieser Art getrübt.

In dieser Stimmung waren die stolzen Ueberreste verhallter Jahrhunderte, die Tipperary's Fluren, gleich einem großen Kirchhof, bedecken, das gewöhnliche Ziel seiner einsamen Wanderungen, und der Lieblingsaufenthalt des schwärmenden Jünglings. Manche Sommernacht brachte er in der verwitterten Kathedrale zu, die auf Cashels Felsen, in nackter Erhabenheit, thront, durchirrte in der Mittagssonne die sumpfigen Wiesen, in die seit acht Jahrhunderten Athassil's Abtei immer tiefer versinkt, oder ruhte im Schatten des Raubschlosses von Golden, dessen zehn Fuß dicke Mauern der Zeit noch trotzten, wie sie so lange manchem Feinde getrotzt. Doch vor Allem theuer waren ihm die prächtigen, von Efeu eingehüllten, Ruinen des Klosters von Holycroß, wo der Fremde noch jetzt das wunderbar erhalt'ne Grab des großen O'Bryan's, Königs von Limmerick, bewundert, und wo auch, im bescheidnen Winkel, Johny's Eltern schliefen. Vor seiner Phantasie aber bevölkerte es sich noch mit andern wunderbaren Gestalten, unter denen die Geister seiner großen Vorfahren, die, wie er oft gehört, ihre Ruhestätte hier gefunden, den ersten Rang einnahmen. Möglich, daß seine Vermuthung ihn nicht betrog, denn, der poetischen [125] Sitte seines Volks gemäß, wird nicht der Platz um die ärmliche Kapelle, in der die Bedrückten jetzt ihren kaum geduldeten Gottesdienst feiern, gewählt, sondern die erhabnen Ruinen ihrer alten Kirchen und Klöster vertreten die Stelle zum Begräbniß für hoch und niedrig, daher sieht man hier den Boden auch überall von aufrecht stehenden Grabsteinen wimmeln, untermischt mit Knochenhaufen und Schädeln, die, um den neuen Ankömmlingen Platz zu machen, sorglos ausgeschaufelt wurden. Hier, in einer Fensternische sitzend, verträumte Johny Stunden auf Stunden, bis die Sonne über dem majestätischen Galtée-Gebirge herabsank, dessen dunkle Riesen allein unverändert jedes Jahrhundert und jede Umwälzung überlebt hatten.

Eines Abends, wo er sich mehr bewegt, als je gefühlt, sehnsüchtig in die Vergangenheit und trostlos in die Zukunft geblickt, und ihm endlich gedäucht, daß immer hörbarer die Geister der Abgeschiednen in seiner Nähe gerauscht – versank er, die Augen noch von wehmüthigen Thränen naß, in einen tiefen Schlummer. Wie lange er geschlafen, wußte er nicht; ob er nachher geträumt, oder wirklich gesehen, was ihm erschienen, blieb ein nie mehr zu enthüllendes Räthsel. Genug, er glaubte mitten in der Nacht zu erwachen, und jeden Raum in der weiten Kirche, bis in die entferntesten Winkel, von einem überirdischen Lichte erleuchtet zu sehen, das mit der Klarheit des Tages den Silberschein des Mondes und [126] den rosigen Schimmer der Abendröthe verband. Vor ihm aber stand ein weibliches Wesen, in ein schlohweißes Gewand, wie eine wallende Wolke, gehüllt, und zwei Augen funkelten ihm aus der Wolke entgegen, gleich Sternen in einer Decembernacht. Eine Stimme, deren Ton Johny nie genügend beschreiben konnte, deren Zaubermelodie aber jeden Nerve zu stärken, jede Furcht zu beschwichtigen, und frohen Lebensmuth, wie Feuer, in jede Ader zu strömen schien, rief ihm freundlich, in sanft verhallenden Tönen zu: »Mein Sohn! weißt Du, wo Du bist?« Wo ich bin –, erwiederte Johny, sich die Augen reibend. Gewiß – in Holycroß. »Weißt Du auch, daß hier im grauen Alterthume Deine Väter herrschten, und alles Land, was Deine Augen oft von jenem Thurme überblickten, einst ihr Eigenthum war?« Ha! ich ahnete es – o! warum konnten sie es nicht besser bewahren, auf daß ihr Enkel nicht heute in Armuth und Sorge sein saures Brot von fremder Gnade betteln müßte. »Johny!« fuhr die Stimme fort, »laß die Vergangenheit ruhen – von Dir allein wird es abhängen, so groß zu werden, als unsre Voreltern waren, wenn Du Muth mit Klugheit verbindest. Dein Glücksstern brachte Dich grade diese Nacht in die Mauern der Abtei, wo ich, die einst hier gebot, jetzt alle hundert Jahre nur einmal noch erscheinen darf. Wisse denn – daß ein unermeßlicher Schatz, unsrer Familie angehörig, hier vergraben liegt, der, wenn Du ihn erhebst, Dich reicher als einen König machen wird. Doch, John Curtin! [127] merke wohl auf, was ich Dir sage, denn ich kam heute zu Deinem Heil, wenn Du es zu nützen verstehst; aber nie siehst Du mich auf dieser Welt wieder. – Du kennst den Hügel über der Abtei, den gesegneten Fleck, wo der Splitter des heiligen Kreuzes bei der Abteiglocke süßem Klange herabfiel, und wo die gute Alte ihrem Sohn begegnete, als er von Jerusalem zurückkam. Du kennst den uralten Taxus-Baum, der dort einsam steht, nahe am Wege, auf der Erhöhung von Erde und Steinen. Dort grabe 6 Fuß weit vom Baum, in der graden Linie des Abteithurms, und grabe 6 Fuß tief. Das Werk muß in der todten Stunde der Nacht vollbracht, und – sey dessen wohl eingedenk! – kein Wort dabei gesprochen werden, oder wehe denen, die es unternahmen!«

Hier schien ein lichter Blitz durch die Kirche zu zucken und ein heiseres Lachen an sein Ohr zu schlagen; Johny fuhr auf wie aus einem Traume, aber tiefe Dunkelheit umfing ihn, und unüberwindliche Schlafsucht drückte ihm von neuem die Augen zu. Als er erwachte, war er nicht wenig erstaunt, sich auf seinem Strohlager bei Dick Cassidy, seinem Vetter, zu finden, ohne alle Erinnerung, wie er zu Hause gekommen. Hatte er wirklich nur geträumt? war Alles bloß ein Gaukelspiel seiner erhitzten Phantasie? – es mußte wohl so seyn, denn der Wahrheit zu Ehren darf man nicht verbergen, daß Johny, ehe er seiner Lieblings-Ruine zuwandelte, bei einem [128] guten Kameraden den Mittag verbracht, und den Whiskey-Punsch nicht geschont hatte, ja Bridget, die Hausmagd, behauptete sogar, sie habe, als Johny so spät zu Hause kam, gleich gemerkt, daß der Potheen-Geist mächtig in ihm sey, und dieser Geist ist Manchem schon nachher in den seltsamsten Variationen und Formen wieder erschienen, wenn er einmal mit ihm in Gemeinschaft getreten. So sprach Johny zu sich selbst, aber die kältere Vernunft mochte anführen, was sie wollte, immer richteten sich seine Schritte nach der Gegend der Abtei, und wenn er den einsamen Taxus-Baum nur von fern erblickte, schlug ihm das Herz stärker, das Blut schoß ihm in die Wangen, und Bilder künftiger Größe gaukelten vor seinem innern Auge, immer bunter und glänzender, umher. Der Dämon der Begehrlichkeit hatte Besitz von seiner Seele genommen. – Er beschloß endlich seinen Verwandten, der ein bedächtiger und verständiger Mann war, zum Vertrauten zu machen, und seinem Ermessen die Sache anheim zu stellen. Wider Vermuthen nahm Dyk die Eröffnung weit gläubiger auf, als Johny gehofft, und Habsucht und Aberglauben, von denen auch der Alte nicht frei war, entschieden beide schnell zur That. Man kam überein, daß der Versuch so schleunig als möglich gemacht, und der Schatz, sobald er gehoben, treulich unter Beide vertheilt werden solle.

Nach einem guten Abendessen, und mehr als einem Glase Blessed Whiskey zur Herzstärkung, machte[129] sich Dyk und Johny auf den Weg. Sie mußten nahe unter den Mauern von Holycroß vorüber, und der Wind, der sich stürmisch zu erheben begann, schüttelte die Aeste der alten Eschen so schaurig, rauschte so hohl und dumpf durch den dicht verschlungenen Efeu und warf mit solcher Gewalt große Steine von den Mauern hinab in ihren Weg, daß beiden immer übler zu Muthe ward. Indeß nahmen sie sich zusammen, und schnell über die Brücke eilend, die hier über den Suir führt, richteten sie ihre Schritte eiligst nach dem angezeigten Baum. Sobald sie ihn erreicht, verlor Dyk keinen Augenblick länger, warf seinen Rock ab, maß sorgfältig die sechs Schritte vom Erdhaufen nach dem Abteithurm, und begann auf's emsigste zu graben. Johny folgte schweigend seinem Beispiel, und nachdem so unter manchem innerlichen Stoßgebet und Zeichen des heiligen Kreuzes, eine Stunde verflossen seyn mochte, fühlte Dyk zuerst seinen Spaten auf etwas Hartes stoßen. Die lose Erde wegschaufelnd, fanden sie, daß ein platter breiter Stein vor ihnen lag. Lange quälten sie sich vergebens, ihn von der Stelle zu bringen, und nur nach unsäglicher Anstrengung gelang es ihnen endlich, denselben ein wenig zu lüften, und dann mit Hilfe eiserner Hebel, die sie vorsichtig mitgenommen, völlig umzukippen. Sie wurden dadurch eine schmale Treppe gewahr, und ermuthigt durch die jetzt gewonnene Ueberzeugung, daß die Erscheinung sie nicht betrogen, zündeten sie ihre Blendlaternen an, und stiegen voller Zuversicht, wenn[130] gleich nicht ohne einigen Schauer, Einer nach dem Andern, langsam hinab. Die Stufen führten in eine lange Gallerie, an deren Ende ein schweres eisernes Thor allem weitern Vordringen ein Ende zu machen schien. Näher kommend, fanden sie jedoch einen goldnen Schlüssel darin stecken, der es auch mit Leichtigkeit aufschloß. Sie schritten nun in dem sich gleich darauf wendenden Gange kühn weiter, und bemerkten bald ein anderes Thor, über dem, in Brusthöhe, ein durchsichtiges Gitter ihre Blicke auf sich zog. Johny erhob die Laterne, um Dyk hindurch sehen zu lassen, doch kaum hatte dieser einen Blick hineingeworfen, als er voller Freuden aufschrie: Hurrah, bei Noonans Geist! wir sind gemachte Leute! – Das letzte Wort schwebte noch auf seinen Lippen, als ein furchtbarer Donner krachend das Gewölbe zusammen brach – ein sausender Wirbelwind schlug die Laterne zu Boden, und Johny, flach auf sein Antlitz stürzend, verlor in unnennbarem Graus Gedächtniß und Besinnung. Als er wieder zu sich kam, lag er unter dem einsamen Taxusbaum und eine hohe Flamme spielte, gleich einem riesigen Irrlicht, auf dem Thurme der Abtei. Eine schwarze Figur schien lustig darin zu tanzen, und stärker erscholl, dicht neben ihm, dasselbe heisere Lachen, das er in der Ruine zu hören geglaubt. Wie er aber, von Schrecken bleich, sich nach seinem Vetter umsah, lag, von der Flamme grell erleuchtet, Dyk, mit umgedrehtem Halse, neben ihm, die blau [131] geschwollnen Züge schauderhaft verzerrt, und die starren Augen fest auf Johny gerichtet.


Herzens Julie, ich fürchte, das materielle Leben dieser Tage hat mich ein wenig dumpfsinnig gemacht, und meine Geschichte trägt die Farbe davon. Sie sieht in der That, wie der Traum einer Indigestion aus. Nach einigem Fasten produzire ich Dir indeß vielleicht eine bessere.

En attendant wünsche ich Dir gute Nacht, und angenehmere Träume als dem armen Johny.


Den 20sten.


Ich hatte die Hospitalität der guten Landjunker hier so oft in Contribution gesetzt, daß ich en conscience sie einmal erwiedern mußte, und lud daher vor meiner Abreise heute Alle zu einem kleinen Fest bei mir ein. Früh gab ich ihnen ein Hahnengefecht, car il faut hurler avec les loups, dann Conzert des großen Piper's, einen Spazierritt auf ihren eignen Pferden, und zuletzt grand festin, grande chair et bon feu. Während unsres Rittes kamen wir an eine Stelle, wo vor drei Jahren ein Magistrat, mit Namen Baker, erschossen wurde. Dies war ein Charakter, vollkommen dem der Iffländischen Amtmänner gleich, nur leider ohne eine, ihm entgegenarbeitende, [132] edle Seele. Den Tag vor seinem Tode hatte er noch zu einem Manne, den er, auf vorgegebnen Verdacht revolutionairer Umtriebe, sechs Wochen in Ketten legen lassen, indem er ihn endlich frei ließ, ganz öffentlich gesagt: Vorigen Monat schickte ich zu Euch und verlangte Euch zu sprechen. Ihr kamt nicht, – dafür habe ich Euch jetzt die kleine Lektion gegeben, die Euch künftig, wie ich hoffe, etwas geschmeidiger machen wird. Ist es nicht der Fall, so sollt Ihr in sechs Wochen baumeln, darauf verlaßt Euch! – Die Grafschaft war nämlich damals, nach einer partiellen Empörung, unter martial law (Kriegsgesetz) gestellt, und den Behörden so lange fast unumschränkte Macht eingeräumt, weshalb sie sich Alles erlauben durften. Die Ursache von Bakers Ermordung war von der Art, daß man ihn kaum bemitleiden kann. Er schuldete einem Milchhändler 5000 L. St., theils für gelieferte Waare, theils für baar hergeliehenes Geld, und hatte versprochen, die Summe zu bezahlen, sobald der Mann seine Tochter verheirathen würde, für welche dieselbe als Ausstattung bestimmt war. Der Fall trat nach einigen Jahren ein, und der Milchhändler bat bescheiden um sein Geld. Da indeß Baker ihn immer mit Ausflüchten hinhielt, und er nichts als vague Versprechungen von ihm erhalten konnte, drohte er endlich mit einer gerichtlichen Klage, und reiste auch nach Cork, um sich deshalb mit einem Rechtsgelehrten zu besprechen. Diese Abwesenheit benutzend, erschien Baker schon des andern Tages in seinem [133] Hause, von einem Detachement Soldaten gefolgt, und frug gleisnerisch die, mit ihrem siebenten Kinde eben schwanger gehende Frau, ob sie etwas von im Hause versteckten Waffen wisse, da eine schwere Anklage gegen ihren Mann gemacht worden sey. Diese versicherte guten Muths, daß so etwas in ihrem Hause gewiß nicht existire, da ihr Mann nie sich dergleichen Umtriebe zu Schulden kommen lassen, wie er ja selbst, als sein alter Bekannter, am besten wissen müsse. Gebt wohl acht, was ihr sagt, rief Baker, denn findet man etwas und ihr habt es verläugnet, so verurtheilt Euch das Gesetz ohne Gnade zur lebenslänglichen Transportation. Die Frau blieb bei ihrer Aussage. »Nun wohlan, auf Eure Gefahr! Soldaten!« befahl er, »durchsucht Haus und Scheune aufs genauste, und bringt mir Rapport, was ihr gefunden.« Man fand nichts – als aber unter Bakers eigner Anführung eine zweite Nachsuchung gehalten ward, brachte Jemand eine geladne Pistole hervor, die angeblich unter dem Stroh versteckt gewesen sein sollte, von der man aber immer vermuthet hat, daß Baker sie selbst dahin praktizierte. Die Frau wurde sogleich fortgeschleppt und durch das Corpus delicti bereits als überführt betrachtet, nach kurzem Prozeß zur Transportation verdammt. Ihr Mann kam wenige Tage darauf zurück und suchte Himmel und Erde für ihre Freiheit zu bewegen. Vergebens flehte er, daß man wenigstens ihn an die Stelle der unglücklichen Frau, einer schwangern Mutter von sechs Kindern, nach Botanybay [134] schicken möge. Er offerirte auch das Geschenk der 500 L. St. Aber Baker blieb unerbittlich, den Verzweifelnden höhnisch erinnernd, »daß er dies Geld ja brauche, die Tochter auszustatten, welche,« setzte er hinzu, »ihm jetzt die Wirthschaft führen könne, wenn er anders, in Folge der eingeleiteten Untersuchung, noch eine Wirthschaft behielte. Für das Reisegeld seiner Frau brauche er aber nicht zu sorgen, denn dies übernähme großmüthig das Gouvernement.« Das Gesetz hatte wirklich seinen Lauf, die arme Frau wurde transportirt und ist vielleicht noch in Port Jackson. Aber die zur Wut gebrachten Menschen, ihr Mann, Bruder und noch zwei andere, rächten ihr trauriges Schicksal kurze Zeit darauf, durch Bakers grausame Ermordung, den sie mitten im freien Felde anfielen, gleich einem Wilde hetzten, und endlich mit mehrern Schüssen langsam erlegten. Alle wurden ergriffen und gehangen.

Solche Schaudergeschichten waren damals in dem unglücklichen Lande alltäglich, und noch jetzt kommen ähnliche vor. Daß aber ein solcher Contrast zwischen England und Irland, unter demselben Gouvernement statt finden, und so lange fortbestehen kann, ist für jeden Menschenfreund wahrhaft betrübend, um so mehr, wenn man bedenkt, daß nur unbezwingliche Bigotterie und frühere Raubsucht, deren Beute man nicht wieder herausgeben will, die Ursache, 6000000 Menschen die Opfer davon sind.

[135] Von meinem Feste sage ich nichts. Es glich den andern, und dauerte mehr als zu lange. Nur zweier Anekdoten will ich erwähnen, aus Venus und Bacchus Reiche entlehnt, weil sie mir bemerkenswerth, und die Sitten gut schildernd erscheinen. Ich bitte im Voraus um Verzeihung, wenn die erste Dir ein wenig zu frei vorkommt, aber man kann ohnmöglich wie Du, so vielen Gelagen in der Provinz beiwohnen, ohne auch einmal etwas Verfängliches zu hören. Uebrigens ist das Ganze eine öffentlich verhandelte Kriminal-Geschichte, und insofern wohl auch einem vertrauten Briefe einzuverleiben.

Man neckte einen der Gäste mit seinen Liebesgeschichten, und Jemand meinte, er wäre wohl auch im Stande, es seinem Cousin R..... nachzuthun. Ich frug, was dieser Cousin gethan, und erhielt folgende Auskunft: Voriges Jahr, sagte mein Berichterstatter, brach der Gentleman, von dem die Rede ist, den Hals auf einer Fuchsjagd, was gewiß manche Tugend gerettet hat und auch vielleicht ihn selbst vor einem schlimmern Tode bewahrt, dem er schon einmal ganz nahe war. Die Sache hat in unsrer Kriminal-Geschichte nicht wenig Aufsehen gemacht, und möchte nicht so leicht einen Nachahmer finden.

M.R., schon berühmt durch vielfache Avantüren, stellte lange vergebens der hübschen Tochter eines Pächters nach, ohne daß es ihm gelingen wollte, sie zu einem Rendezvous zu bringen, oder sonst allein zu treffen. Endlich begegnete er ihr einmal, ohnfern [136] ihres Vaters Haus, wie sie eben zum Brunnen ging, zwei Wasserkannen über die Schultern gehangen, und sie mit beiden Händen haltend, wie es hier die Landmädchen zu thun pflegen. Eine Weile mit ihr scherzend und allerlei zärtliche Possen treibend, benutzte er plötzlich ihre vertheidigungslose Stellung und –enfin, es gelang ihm, halb wenigstens gewiß mit Gewalt, alles von ihr zu verlangen, was sie geben konnte. Von den englischen Gesetzen wird so etwas nicht nach Kaiserin Catharine oder Königin Elisabeth Prinzip beurtheilt, sondern als criminelle Gewaltthätigkeit angesehen, und der Delinquent, wenn er durch Zeugen überführt ist, ohne Weiteres gehangen. M. R.....'s Schreck war also nicht gering, als er, noch das weinende Mädchen tröstend, sich aufrichtete und ihre jüngere Schwester hinter derselben stehen sah, die in der gleichen Absicht Wasser zu holen hergekommen war, und das Ganze mit angesehen zu haben schien. »Oh for shame!« (O der Schande!) rief sie entrüstet, »muß ich das von dir erleben, Schwester! Gleich sollen Vater und Mutter alles erfahren!« – Die arme Maria war bei dieser Drohung mehr todt als lebendig, ihr Liebhaber jedoch wußte, mit seltner Fassung und seltner Thatkraft, der Sache eine ganz unerwartete Wendung zu geben. Scheinbar wüthend zog er sein Messer und stürzte auf die jüngere Schwester zu, als wolle er ihr augenblicklich den Mund für immer versiegeln. Halb ohnmächtig vor Schreck sank diese, um Erbarmen flehend, kraftlos zu seinen Füßen hin. – Hier ward ihr dasselbe [137] Schicksal zu Theil, das einige Minuten früher ihre Schwester betroffen. Beide hielten nun zwar reinen Mund, beide aber zwang einige Zeit nachher die Natur zum Geständniß, denn beide wurden schwanger, und gebaren einen Knaben und ein Mädchen. Die Eltern machten die Sache anhängig, sie war klar – das jüngste der Mädchen überdies erst 13 Jahr alt, und man hielt Hrn. R...... für verloren. Wider alles Vermuthen erklärte ihn indeß die mitleidige Jury (que tant de valeur sans doute avait désarmé) für not guilty (nicht schuldig) weil, auf eingefordertes Gutachten, der Stadtarzt gefällig erklärt hätte: daß der Fall unmöglich sey. Voilà une belle occasion de disputer pour les Jurisconsultes et les médecins. Die mauvais plaisans behaupteten, daß vor diesem Prozeß Mr. R...... den Weibern gefährlich gewesen, nachher aber unwiderstehlich geworden sey.

Nun zur zweiten Erzählung:

Vor ohngefähr zehn Jahren gab Lord L....., der da mals fast für unüberwindlich vis à vis einer Batterie Whiskey-Punsch-Gläser gehalten wurde, ein großes Diné, dessen Hauptzweck effrenirtes Trinken war, eine Mode, die jetzt, im Verhältniß wenigstens, immer mehr abgenommen hat. Es war damals etwas ganz Gewöhnliches, sich mit einem Fasse Wein und einer lustigen Gesellschaft einzuschließen, und das Gemach nicht eher zu verlassen, bis der letzte Tropfen geleert war. Burrington spricht in seinen [138] Memoiren von einer ähnlichen Parthie, die in einem Jagdhause statt fand, wo erst den Tag vorher die Wand mit Mörtel bekleidet worden war, der noch nicht zum Trocknen Zeit gehabt hatte. Hier schloß man sich auf diese Weise mit einer Tonne, eben von Frankreich angekommenen Claret's, ein, und als am Morgen die gegen die Wand getaumelten Mitglieder aus ihrem Rausche erwachten, fanden sie sich so fest mit derselben identificirt, daß sie später davon abgeschnitten werden mußten, einige mit Verlust ihres Haars, andere ihrer Kleider.

Ein Diné in ähnlichem Genre, gab auch Lord L..... Die sehr zahlreiche Gesellschaft ward bald überaus lustig und geräuschvoll, und nachdem die Augen weniger scharf und die Zungen stammelnder geworden waren, hörte Lord L..... mehreremal vom untern Ende der Tafel rufen: O Serjeant Scully! that won't do! Fair play Mr. Scully! (O Sergeant Scully, das geht nicht an! Ehrlich Spiel Herr Scully!) Dieser Scully war Sergeant in dem Milizcorps der Gutsbesitzer, das Lord L..... kommandirte, und sonst als ein sehr determinirter Trinker bekannt. Lord L.... also, der glaubte, er weigere sich sein Glas weiter zu füllen, ward höchst entrüstet, und rief ihm laut über den Tisch zu: Schämt Euch Scully! Euch so nöthigen zu lassen! Allons, gleich füllt Euer Glas! Irland für immer. O Mylord, ertönten hier mehrere klägliche Stimmen, Euer Herrlichkeit sind ganz im Irrthum. Sergeant Scully hat zwei Gläser [139] vor sich stehen, die er beständig füllt, während wir nur eins erhalten; solche Bevortheilung wollen wir aber nicht länger dulden!

Seitdem ist es in ganz Irland zum Sprichwort geworden, wenn einer mehr als alle Andere thut, oder doppelten Vortheil aus einer Sache zieht, zu sagen: Er nimmt sich ein Beispiel an Sergeant Scully.

Als man keine Anekdoten mehr zu erzählen wußte, wurden allerlei Kunststücke und tours de force gemacht, worunter ich Eins noch nie gesehen hatte. Es ist nur ein Experiment mit einem Hahn, das jeder nachmachen kann, aber doch ziemlich sonderbar. Das wildeste und böseste Thier dieser Art wird nämlich sogleich bewegungslos, und vermocht, so lange man will, in totenähnlicher Ruhe auf dem Tische liegen zu bleiben, den Schnabel vor sich hingestreckt und die Augen keinen Augenblick von einer weißen Linie verwendend, die vor ihm hingezeichnet ist. Man thut weiter nichts, als diese grade Linie vorher auf dem Tische mit Kreide zu zeichnen, den Hahn dann mit beiden Händen zu fassen und mit dem Schnabel auf der Linie fortzuschieben. Dann drückt man ihn auf den Tisch auf, und er wird so lange liegen bleiben, ohne sich zu rühren, bis man ihn wieder wegnimmt. Das Experiment kann jedoch nur bei Licht gemacht werden.

Voilà de grandes bagatelles, mais à la gûerre comme à la gûerre.


[140] Den 22sten.


Da Fitzpatrick der Piper, den ich für gestern hatte kommen lassen, noch heute in der Stadt blieb, benutzte ich dies, um ihn während des Frühstücks privatim in meiner Stube spielen zu lassen, und dabei sein Instrument genauer zu betrachten. Es ist, wie Du schon weißt, Irland eigenthümlich, und eine seltsame Mischung alter und neuer Jahrhunderte darin sichtbar. Der ursprüngliche, einfache Dudelsack hat sich in ihm mit der Flöte, der Hoboe, und einzelnen Orgel- und Bassontönen, vermählt. Alles zusammen bildet ein fremdartiges, aber ziemlich vollständiges Concert. Der kleine elegante Blasebalg, der damit verbunden ist, wird vermöge eines seidenen Bandes am linken Arme befestigt, und der, zwischen ihm und dem Sack kommunizirende, Windschlauch, über den Leib gelegt, während die Hände auf einem, mit Löchern, gleich einem Flageolet, versehenen, aufrecht stehenden Rohre spielen, welches das Ende des Instruments bildet, und mit fünf bis sechs andern kürzeren, die einer colossalen Papagenoflöte ähnlich sind, in Verbindung steht. Während des Spiels geht der rechte Arm unaufhörlich vom Körper ab und zu, um den Blasebalg in Athem zu erhalten. Das Oeffnen einer Klappe bringt einen tiefen, summenden Ton hervor, der während dem übrigen Spiel unisono mit fortgeht, und dem Forte-Zug des Piano's ähnlich wirkt. Durch das Agitiren des ganzen Körpers, sowie des vorher beschriebenen Rohres brachte Fitzpatrick [141] Laute hervor, die kein andres Instrument besitzt. Der Anblick des Ganzen, wozu Du Dir den schönen alten Mann mit einem vollen weißen Lockenkopf hinzudenken mußt, ist wirklich sehr originell, so zu sagen: tragikomisch. Seine bagpipe war übrigens besonders prächtig verziert, die Röhren aus Ebenholz mit Silber beschlagen, das Band reich gestickt, und der Sack mit feuerfarbner Seide und silbernen Franzen umgeben.

Ich ließ mir die ältesten irländischen Melodieen aufspielen, wilde Compositionen, die gewöhnlich traurig und melancholisch, wie die Gesänge der slavischen Völker, anfangen, zuletzt aber dennoch in einem Gigg, dem irländischen Nationaltanz, oder einer kriegerischen Musik endigen. Eine dieser Melodieen gab das sehr täuschende fac simile einer Fuchsjagd, und eine andere glaubte ich aus dem Jägerchor im Freischützen entlehnt; sie war aber 500 Jahr älter.Les beaux esprits se rencontrent dans tous les âges.

Nach einiger Zeit hörte der Piper plötzlich auf, und sagte lächelnd, mit vieler Anmuth: Es muß Ihnen schon bekannt seyn, gnädiger Herr, daß die irländische bagpipe nüchtern keinen guten Ton hat – sie verlangt den Abend, oder die Stille der Nacht, heitere Gesellschaft und den lieblichen Duft dampfenden Whiskey-Punsches. Erlauben Sie also, daß ich mich jetzt beurlaube.

[142] Ich belohnte den guten Alten reichlich, der mir immer als ein wahrer Repräsentant irischer Nationalität vorschweben wird.

Mit Fitzpatrick nehme auch ich Abschied von Dir, liebste Julie, um mich nach der langen Tour wieder nach Dublin zurück zu begeben, von wo ich meinen nächsten Brief an Dich abzusenden gedenke.


Dein treuer L...

Fußnoten

1 Diese werden, wie mein seliger Freund oft rühmte, in Irland besonders gut zubereitet, und bestehen aus Geflügel, das man theils trocken, mit Cayenne-Pfeffer grillirt, theils mit einer brennend starken Sauce, en sauté, servirt.

A.d.H. für etwanige Gourmand's unter den Lesern.

40. Brief
[143] Vierzigster Brief.

Dublin, den 24sten Oktober 1828.


Gute, theure Freundin!


Wenn man so lange ein halb wildes Leben geführt, kommt einem die Zahmheit der Stadt ganz sonderbar vor! ich kann mir jetzt beinah das Heimweh der Indianer erklären, von denen selbst die Gebildetesten doch am Ende in ihre Wälder wieder zurücklaufen. Die Freiheit hat einen zu großen Reiz!

Gestern Nachmittag verließ ich Cashel, und nahm in meinem Wagen den Bruder des Capt. S. mit. So lange es Tag war, sahen wir gewiß an zwanzig verschiedene Ruinen, fern und nah, liegen. Eine der schönsten steht am Fuß eines isolirten Hügels, Killough Hill, der Garten Irlands, genannt, weil auf ihm, der Sage nach, alle in Irland einheimische Pflanzen wachsen. Der Grund dieser Fruchtbarkeit ist, daß Killoughhill einst der Sommeraufenthalt der Feenkönigin war, deren Gärten hier prangten. Der [144] überirdisch magnetisirte Boden behält daher noch immer einen Theil seiner wunderbaren Kräfte. Die erwähnte Ruine hat abermals einen jener räthselhaften, schmalen, runden Thürme ohne Oeffnung, die von fern einem, von allen Neunen allein stehen gebliebenen, ungeheuren Königskegel gleichen. Bei einigen wenigen, sieht man zwar die Oeffnung einer Thüre, aber nicht unten, sondern in der Mitte. Kein romantischeres Schilderhaus hätte für die Wache des Feenhügels gewählt werden können. Das Wetter war außerordentlich mild und schön, und der Vollmond so lichtstrahlend, daß ich bequem in meinem Wagen lesen konnte. Demohngeachtet verschliefen wir einen guten Theil der Nacht.

In Dublin fand ich einen Brief von Dir vor. Tausend Dank für alles Liebe und Gute, das er für mich enthält. Aengstige Dich aber nicht zu sehr über die Lage Deiner Freundin. Sage ihr, sie solle handeln wie es die Noth erfordere, abwenden was möglich sei, unvermeidliches Uebel aufschieben, so lange sie könne, aber immer ruhig tragen was da sey. Das wenigstens ist meine Philosophie. Deine Citation aus der Sevigné hat mich sehr amüsirt. Gewiß, diese Briefe sind merkwürdig! durch viele Bände immer das Nämliche, und an sich ziemlich Leere, mit stets neuen Wendungen unterhaltend, ja oft bezaubernd zu sagen; Hof, Stadt und Land mit gleicher Grazie zu schildern, und eine etwas affectirte Liebe gegen die insignifikanteste Person zum Hauptthema [145] des Ganzen zu wählen, ohne dennoch je dadurch zu ermüden – das waren gewiß Aufgaben, die außer ihr, noch niemand hat lösen können. Sie ist nichts weniger als romantisch, war auch im Leben nicht außerordentlich hervorstechend, aber ohne Zweifel das wohlerzogenste Ideal du ton le plus parfait. Gewiß besaß sie auch »temper,« von der Natur gegeben, und durch Kunst veredelt und erhöht. Kunst ist wenigstens überall sichtbar, und wahrscheinlich waren auch ihre Briefe, von denen sie wußte: daß Viele sie mit Begeisterung lasen – wohl eben so sehr für die Gesellschaft als für ihre Tochter berechnet, ja gefeilt, denn die bewunderungswürdige Leichtigkeit ihres Styls verräth eben weit mehr Sorgfalt als das Epanchement des Augenblickes gestattet. Das, was am leichtesten aussieht, ist von jeher am schwersten zu erlangen geworden. Die Schilderung damaliger Sitten thut heut zu Tage das Ihrige für das Interesse der Briefe, ich bezweifle aber, daß ähnliche, jetzt geschrieben, gleichen Succeß haben würden. Man ist zu ernst und geistig dazu geworden. Les jolis riens ne suffissent plus. Das Gemüth auch will erregt, und heftig erregt seyn. Wo ein Gigant, wie Lord Byron auftritt, verschwinden die niedlichen Kleinen.

Eben las ich in seinen Werken (denn noch ging ich nicht aus). Ich stieß auf die Schilderung einer Scene, wie ich selbst in den letzten Tagen deren so häufig ähnliche erlebt. Wie erhaben fand ich meine Gefühle ausgedrückt! Erlaube mir das Bruchstück Dir in [146] einer poetischen Prosa, so gut ich kann, und so wörtlich als möglich, zu übersetzen.


»Der Himmel wandelt sich! – Welch ein Wechsel! O Nacht –

Und Sturm und Finsterniß, wohl seyd ihr wundermächtig!

Doch lieblich Eure Macht – dem Lichte gleich,

Das aus dem dunklen Aug des Weibes bricht. – Weithin

Von Gipfel zu Gipfel, die schmetternden Felsen entlang

Springt der eilende Donner. Nicht die einsame Wolke allein,

Jeder Berg hat eine Zunge gefunden,

Und Jura sendet durch den Nebelvorhang Antwort

Zurück, dem lauten Zuruf der jubelnden Alpen.

Das ist eine Nacht! – o herrliche Nacht!

Du wurdest nicht gesandt für Schlummer. Laß auch mich

Ein Theilnehmer sein an Deiner wilden, fernhin schallenden Freude

Ein Theil vom Sturme – und ein Theil meiner selbst –

Wie der See erleuchtet glänzt – gleich dem phosphorischen Meer!

Und die vollen Regentropfen – wie sie herabtanzen auf seine Wellen!

Und nun wird Alles wieder schwarz – und von neuem

Hallt der Berge Chorus wieder, in lauter Luft,

Als säng' er Triumph übereines jungen Erdbebens Geburt!«


Ist das nicht schön, wahrhaft dichterisch gefühlt! Wie schade, daß wir sogar keine guten Uebersetzungen seiner Werke haben. Nur Göthe vielleicht wäre fähig, ihn genügend wiederzugeben – wenn er nicht leichter und lieber, gleich Herrliches selbst schüfe.


[147] Den 25sten.


Ich machte gestern dem Lord Lieutenant meinen Besuch im Phönixpark, der mich auf heute zu Tische einlud, wo ich eine ziemlich glänzende Gesellschaft antraf. Er ist beliebt in Irland, weil er partheilos verfährt, und die Emancipation zu wünschen scheint. Seine Thaten als Feldherr sind bekannt, Niemand aber repräsentirt auch besser, und ein künstlicher gemachtes falsches Bein als das seine, sah ich auch noch nie. Der Marquis, obgleich nicht mehr jung, ist noch immer sehr schön gewachsen, und das falsche Bein, wie der Fuß, rivalisiren mit dem ächten à s'y méprendre. Nur beim Gehen bemerkt man einige Schwierigkeit. Im Ganzen kenne ich wenig Engländer, die eine so gute Tournure haben, als der jetzige Lord Lieutenant Irlands. Wenn er in der Stadt residirt, wird eine ganz strenge Etikette, wie an einem kleinen Hofe aufrecht erhalten, auf dem Lande aber betrachtet er sich als Privatmann. Macht und Ansehen eines Lord-Lieutenants sind ziemlich groß, da er den König repräsentirt, obgleich sie das Ministerium gehörig beschneidet. Er darf unter andern Baronets machen, und es ist schon in früheren Zeiten vorgekommen, daß Gastwirthen, und noch weniger Qualificirten, diese Ehre zu Theil geworden ist. Hören seine Funktionen auf, so gibt ihm ihre frühere Ausübung keinen fernern erhöhten Rang. Während der Amtsführung beläuft sich die Besoldung des Lord Lieutenants auf 50000 Pfd. St. jährlich, und dem [148] frei gehaltenen Hofstaat, so daß er recht gut seine eigenen Revenüen ökonomisiren kann, was jedoch der jetzige nicht thun soll, dessen Haus ich vortrefflich eingerichtet fand. Er ist auch von einigen interessanten Leuten umgeben, die einen sehr guten Ton mit Genialität verbinden, und der politischen Parthei der Mäßigung und Vernunft anzuhängen scheinen. Man kann unter solchen Umständen fast voraussetzen, daß Lord Anglesea sich nicht lange hier halten wird, auch hörte ich Anspielungen darauf. Da er an der schmerzlichen Krankheit des tic douloureux sehr leidet, empfahl ich ihm H...... das sich so efficace dagegen gezeigt hat, und übergab seinem Hausarzt das Buch, welches davon handelt. Der Marquis sagte lächelnd: »Urlaub wird man mir wohl nicht verweigern«, indem er seinen confidentiellen Sekretär bezeichnend dazu anblickte. Dies bestätigt meine eben geäußerte Vermuthung; es wäre aber gewiß ein großes Unglück für Irland, das zum erstenmal sich des Segens erfreut, einen Statthalter zu besitzen, der die abgeschmackten Religionshändel mit philosophischem Auge betrachtet.

Ehe ich nach dem Phönixpark fuhr, wohnte ich dem Gottesdienst in der katholischen Capelle bei. Es ist dies ein schönes Gebäude. Das Innere, ein großer, ovaler Saal mit einer ringsum laufenden Colonnade jonischer Säulen, einer schönen Kuppel und einem vortrefflichen Hautrelief, in der halben Wölbung der Decke, die sich über dem, am Ende des Saales stehenden [149] Altar befindet. Es stellt des Erlösers Himmelfahrt dar. Vortrefflich ist besonders die Figur und der Ausdruck des Heilands, den man sich so denken muß, wenn auch der Künstler nur aus der Phantasie schuf. Die Katholiken behaupten freilich, wirkliche Portraits von Christus zu besitzen, wie ich auch einmal, in Süddeutschland, eine Sammlung wahrhafter Abbildungen des heiligen Gottes, angekündigt fand.

Der Hauptaltar steht ganz frei, ist von einfach schöner Form, und aus weißem Marmor in Italien verfertigt. Die obere Platte und der Sockel sind von dunklerm Marmor. Die vordere Façade ist in drei Felder getheilt, worauf, im Mittelfelde, das Bild einer Monstranz von Goldbronce, auf den beiden andern, die Basreliefs zweier anbetenden Engel sich befinden. Oben steht, auf der Mitte des Altars, ein prachtvoller Tempel aus kostbaren Steinen und Gold, in dem die wirkliche Monstranz aufbewahrt wird, und neben ihm zwei eben so prächtige Goldleuchter. An beiden Seiten des Altars stehen außerdem noch zwei Gueridons von Bronce, die von Engeln, welche ihre Flügel zusammenschlagen, getragen werden; auf den obern Platten derselben befinden sich die heiligen Oblaten und der Wein. Alle Details sind im besten Geschmack ausgeführt, und die edelste Simplizität überall vorherrschend. Von der Decke hängt an einer schweren silbernen Kette eine antike Lampe von gleichem Metall herab, die fortwährend brennt. Es [150] ist gewiß einer der schönsten katholischen Gebräuche, daß gewisse Kirchen den Gläubigen bei Tag und bei Nacht für das Bedürfniß der Andacht stets offen stehen. In Italien begab ich mich fast nie zur Ruhe, ohne vorher eine solche Kirche besucht und den wunderbaren Effekt betrachtet zu haben, den es hervorbrachte, wenn in der Stille der Nacht die einzelne röthliche Lampe die hohen Gewölbe sparsam und phantastisch erleuchtete. Immer fand ich eine oder die andere betende einsame Gestalt vor einem der Altäre hingeworfen, nur mit ihrem Gott und sich beschäftigt, ohne die mindeste Rücksicht auf das zu nehmen, was um sie her vorging. In einer dieser Kirchen stand das Riesenbild des heiligen Christoph, an den mittelsten Pfeiler gelehnt, und mit dem Kopf an das Gewölbe stoßend; auf seiner Schulter saß das schwere Christuskindlein, und in seiner Hand hielt er als Wanderstab, einen ausgewachsenen Baumstamm, mit frischen grünen Aesten, der monatlich erneuert wurde. Das Licht der hochhängenden Lampe umgab das Kindlein wie mit einer Glorie und warf, wie segnend, einzelne Strahlen herab auf den frommen Riesen.

Wenn ich den hiesigen katholischen Gottesdienst mit dem englisch-protestantischen vergleiche, muß ich dem ersteren unbedingt den Vorzug geben. Mögen gleich einige Ceremonien zu viel, und selbst an's Burleske streifend sein; z.B. das Umherwerfen der Räucherfässer, das fortwährende Anlegen anderer [151] Kleidungsstücke etc., so hat dieser Kultus doch eine Art antiker Größe, welche imponirt und befriedigt. Die Musik war vortrefflich, sehr gute Sänger, und diese, was den Effekt ungemein vermehrte, unsichtbar. Einige Protestanten nennen das zwar eine Bestechung der Sinne, ich kann aber nicht einsehen, warum das Ohren zerreißende Geschrei einer unmusikalischen lutherischen Gemeinde frömmer seyn soll, als die Anhörung guter Musik, von Leuten ausgeführt, die sie auszuführen gelernt haben. 1 Auch die Betrachtung des Inhalts der Predigt war hier ganz zum Vortheil des katholischen Kultus. Während die englisch-protestantische Gemeinde in Tuam, als ich zugegen war, nur von Wundern, Schweinen und bösen Geistern unterhalten wurde, war hier die Lehre nur rein moralisch und praktisch. Der Redner sprach hauptsächlich vom Neid, und sagte, unter anderm sehr treffend: Wollt Ihr wissen, ob Ihr von diesem, der Menschenliebe so nachtheiligen, und das Individuum selbst so erniedrigenden Laster ganz frei seyd, so prüft Euch nur genau, ob Ihr nie, bei der sich immer steigernden Prosperität eines andern, ein unbehagliches Gefühl in Euch entdeckt, oder [152] ob Ihr nie, bei der Nachricht, daß einem Glücklichen etwas mißlang, wie bei diesem oder jenem Unfall Anderer, eine leise Befriedigung gefühlt? Dies ist eine ernste Frage, und Wenige werden sie sich ohne Nutzen vorlegen. –

Die Art, wie Jeder hier für sich still in seinem Gebetbuch liest, während die herrliche Musik den Geist erhebt, und vom irdisch Alltäglichen abzieht, scheint mir auch dem lauten Herleiern und Ablesen der Gebete in jener Kirche weit vorzuziehen. Während dieser Zeit stiller Andacht merkt man nur wenig auf die Ceremonien, Kleiderwechselungen und Räucherungen der Priester am Altar, die Einem fast wie eine häusliche Toilette vorkommen, um die man sich nicht weiter bekümmert. Aber selbst diese letztere kleine Schattenseite mitgenommen, sieht man in der katholischen Kirche doch immer etwas Ganzes, durch Alter und Consequenz Ehrwürdiges – in der englisch-protestantischen dagegen nur unzusammenhängendes Stückwerk. Beide mit der deutschen Kirche (aber diese nur im Sinne unsrer Krug und Paulus) könnten auf drei Individuen verglichen werden, die sich an einem prächtigen Ort befanden, der manchen Genuß, manchen werthvollen Unterricht darbot, aber von Gottes Sonne und seiner herrlichen freien Natur durch eine hohe Mauer geschieden war. Der Erste der drei war mit dem Glanz der Juwelen und des Kerzenlichts zufrieden, und sah nie sehnsüchtig nach den wenigen Spalten der Mauer, die eine Ahnung [153] des Tageslichts hineinließen. Die andern Beiden aber wurden unruhig; sie fühlten, es gäbe noch etwas Besseres und Schöneres außerhalb, und entschloßen sich endlich, die hohe Mauer, es koste, was es wolle, zu übersteigen. Wohlversehen auf lange mit Allem, was sie nöthig zu haben glaubten, begannen sie die große Unternehmung. Viele Gefahr, vieles Ungemach mußten sie ausstehen, – doch endlich erreichten sie glücklich die Höhe. Hier gewahrten sie nun zwar der Sonne glänzendes Gestirn, aber Wolken verbargen es oft, und auch das schöne Grün der Wiesen unter ihnen ward oft unterbrochen durch Unkraut und stachlichtes Gebüsch, wo wilde gefahrvolle Thiere lauschend umherschlichen. Doch nichts konnte den Zweiten der Drei entmuthigen, noch von seinem Vornehmen abschrecken; die innere Geistesstimme besiegte alle Furcht und jeden Zweifel. Wohlgemuth ließ er sich hinab, in die neue Welt, und da er, um ganz ungehindert zu seyn, alles Mitgenommene zurück gelassen hatte, verschwand er, leichten Fußes, bald in dem heiligen Hain. Aber der Dritte – der sitzt noch immer auf der Mauer, zwischen Himmel und Erde, von der mitgebrachten Nahrung zehrend, und sich an dem mitgebrachten Flitter weidend, von dem er sich nicht losreißen kann, obgleich die Strahlen der Sonne, die jetzt ungehindert auf den falschen Tand fallen, ihn schon weit unscheinlicher gemacht. Wie das Thier der Fabel schwankt er zwischen den zwei Heubündeln, ohne zu wissen, welchem er sich gänzlich zuwenden soll. Zurück kann er nicht mehr, [154] vorwärts fehlt ihm der Muth, oben aber erhalten ihn die Fleischtöpfe Canaans 2 – so lange sie dauern werden.


Den 27sten.


Wenn ich nicht Allotria treiben will, d.h. von Dingen reden, die meiner Reise und dem hiesigen Aufenthalt nichts angehen, so macht das Leben in der Welt meine Briefe recht leer. Ich könnte ein Schema in Steindruck dazu anfertigen lassen, mit einigen Ausfüllungen ad libitum, ohngefähr so: »Spät aufgestanden, und verdrießlich. Visiten gegangen, geritten oder gefahren. Dinirt bei Lord, oder Mr ..., gut oder schlecht. Conversation: Gemeinplätze. Abends eine langweilige Gesellschaft, Rout, Ball oder gar Dilettanten-Conzert. NB. Die Ohren thun mir noch davon weh!« In London könnte man ein für allemal noch hinzusetzen: »Die Foule erdrückte mich bald, und die Hitze war ärger wie auf der obersten Bank im russischen Dampfbad. Körperliche Anstrengung war am heutigen Tage = 5 Grad, (eine Fuchsjagd zu 20 gerechnet) geistige Ausbeute = 0. Resultat: Diem perdidi.«

[155] Hier ist es nun nicht ganz so arg; man wird in dieser Jahrszeit nicht stärker fatiguirt, als in einer deutschen großen Stadt, aber immer noch zuviel eingeladen, ohne daß man es füglich ausschlagen kann. Denn wohl mag ich mit dem englischen Dichter ausrufen: »Wie verschieden sind die Gefühle der Gäste in jener Welt, die man die große und heitere nennt! von allen die melancholischeste und langweiligste, wenn man ihre Heiterkeit nicht theilt.«


Den 28sten.


Eben komme ich von einem etwas kleinstädtischen, aber nicht weniger pretentieusen Diné, vom Lande zurück. Einiges war komisch, aber das wenige Lachen muß nur immer mit so viel langer Weile erkauft werden! Das Fest fand bei zwei sehr häßlichen und magern, aber wie man sagt, sehr reichen Misses statt. Ist dies der Fall, so müssen sie zugleich sehr geizig seyn, denn die Mahlzeit war eine wahre Mystification für einen Gourmet, und Haus und Park eben so mesquin. Mein guter Stern brachte mich indeß bei Tische neben Lord P..., einem berühmten politischen Charakter, der seine Partei auf der edlen und guten Seite genommen hat, und stets der Sache der Emancipation treu geblieben ist. Es freute mich sehr, ihn mit den von mir selbst an Ort und Stelle gefaßten Ansichten so übereinstimmend zu finden. [156] Eine seiner Aeußerungen aber frappirte mich ihrer Naivität wegen. Ich bemerkte gegen ihn, daß, nach allem was ich sähe, selbst die Emancipation hier nicht viel helfen könne, denn das eigentliche Uebel bestehe darin, daß der meiste Grund und Boden und alle Reichthümer des Landes einem Adel gehörten, dessen Hauptinteresse ihn immer zwingen würde in England zu leben, hauptsächlich aber in den Summen läge, welche die armen katholischen Irländer jährlich der protestantischen Geistlichkeit opfern müßten So lange dieß nicht geändert würde, könnte auch kein fester und blühender Zustand der Dinge eintreten. »Ja«, erwiderte er, »das zu ändern ist unmöglich; ohne diese Reichthümer würde die englische Geistlichkeit ihr ganzes Ansehen verlieren.« Wie könnte das geschehen, sagte ich lachend, ist es denkbar, daß Tugend, milde Lehre und frommer Eifer im Amte, auch bei einem nur mäßigen Einkommen, den vornehmsten Priester nicht ehrwürdiger machen sollten, als ein übertriebener weltlicher Luxus, oder sollten wirklich 20,000 Pf. St. Revenüen unumgänglich nöthig seyn: to make a Bishop or Archbishop appear decently in society? (einen Bischof oder Erzbischof decent in Gesellschaft zu produciren). »My dear Sir, antwortete Lord Plun ... Such a thing may exist, and maintain itse If abroad – but will never do in old England, where above all, money, and much money is required and necessary, to obtain respectability and consideration. (So etwas könnte vielleicht auf dem Continent existiren und sich erhalten, aber nimmer [157] in England, wo über alles,Geld, und viel Geld nöthig ist, Respectabilität und Hochachtung zu erlangen.« Die Aristokratie kam bei dieser Bemerkung zwar nicht in Consideration, aber wahr ist es, daß auch sie, ohne Geld, bald nichts mehr seyn würde, obgleich sie jetzt, mit nicht geringem Dünkel, in England die adlige Geburt hoch über bloßen Reichthum gestellt hat.

Lady M..., die auch zugegen war, unterhielt wie gewöhnlich die Gesellschaft mit vielem Witz, nachher erzählte sie mir eine spaßhafte Anekdote von den Wirthinnen selbst. Nur die eine derselben, sagte sie, (ich weiß nicht mehr recht ob die größere oder kleinere) besitzt das große Vermögen, die andre kaum ein Drittheil davon; um aber wo möglich beides an den Mann zu bringen, begaben sich die Schwestern vor vielen Jahren schon nach London. Einem fremden Ambassadeur wurde die gute Partie, vielleicht im geheimen Auftrag der Damen selbst, vorgeschlagen, und, wie Fama sagt, soll er seinen Antrag ohne Zaudern gemacht haben. Er wurde mit Verwunderung, aber höchst erfreut angenommen, denn er hatte, ganz unerwartet, die Aermere gewählt und sich schon mehreremal mündlich von ihren Reizen völlig besiegt erklärt. Dies hatte jedoch seinen Grund nur in einem ihm gemachten irrigen Bericht, und ganz kurz vor Thorschluß, ward ihm erst die Wahrheit kund. Entrüstet über das gefährliche qui pro quo, schrieb er sogleich den Damen, daß er sich in seinen [158] Gefühlen geirrt, und nach reiflicher Ueberlegung überzeugt sey, daß nicht die Große, wie er früher geglaubt, sondern nur die Kleine, sein Glück machen könne, um deren Hand er daher hiermit ergebenst bitte. Nach langem Kampf siegte der weibliche Stolz über den conventionellen, und Beide deprecirten die hohe Allianz. Seitdem gehen sie nun zwar noch jeden Winter nach London, geben zu essen und zu trinken, überbieten das Pariser Modejournal in ihren Toiletten, sprechen viel von Landgütern und Bankobligationen, wozu die Eine Klavier hämmert, die Andre ohne Stimme singt – sind aber dennoch bis jetzt ledig geblieben. Ueberhaupt ist es sonderbar, daß man nirgends, auch nur die Hälfte so viel alter Jungfern antrifft, als in England, und sehr häufig sind sie reich. Die übertriebene Eitelkeit auf ihr Geld, die damit nie Größe und Rang genug zu erlangen glaubt, oder die überspannt romanhafte Erziehung der Mädchen, welche durchaus und allein um ihrer selbst Willen geliebt werden wollen (woran z.B. eine Französin sich gar nicht kehrt, weil sie ganz richtig meint: dies werde schon in der Ehe kommen, wenn überhaupt Stoff dazu da wäre; sey aber dies nicht der Fall, würde es doch nicht bleiben, selbst wenn es der Zukünftige jetzt zu fühlen glaube) – sind die Hauptgründe dieser Erscheinung. Die Engländer halten übrigens, als wahre Türken, ihre Mädchen und Weiber so beschränkt in intellectueller Hinsicht als möglich, weil sie glauben, sich dadurch mehr ihren eigenthümlichen Besitz zu verschaffen, [159] und dieß gelingt ihnen auch in der Regel vollkommen. Ein Fremder dient den Engländerinnen wohl zur Unterhaltung und Spielsache, aber flößt ihnen dabei immer auch einige Furcht und Scheu ein. Höchst selten werden sie ihm dasselbe Vertrauen als einem Landsmann schenken. Für einen halben Atheisten oder crassen Baals-Anbeter halten sie nun schon einmal jeden Ausländer ganz gewiß – zuweilen amüsirt sie daher auch das Bekehrungsgeschäft. Von den Lond'ner Exclusiven spreche ich hier nicht – diese geben dasselbe Resultat, als wenn man alle Farben zusammenreibt – wo nemlich zuletzt gar keine mehr übrig bleibt.


Den 29sten.


Das schöne Wetter lockte mich hinaus ins Freie. Ich ritt den ganzen Tag umher, und sah ein Paar merkwürdige Schlösser, Malahide und Howth Castle. Beide haben eine seltne Eigenschaft. Sie sind nämlich seit 900 Jahren immer im Besitz derselben Familien geblieben, was sich, so viel ich weiß, kein einziger Wohnsitz des englischen hohen Adels rühmen kann. Malahide ist auch noch historisch merkwürdig; denn es gehört den Talbots, und selbst des berühmten Feldherrn Rüstung, mit einem Partisanen-Stoß in der Brust, wird noch hier aufbewahrt. Die eine Hälfte des Schlosses ist uralt, die andere von Cromwell zerstört, und nachher im Styl des alten wieder [160] neu aufgebaut worden. In dem ersten Theile zeigte man mir 500 Jahre alte Stühle, ja sogar ein Zimmer, in dem die schwarz eichne, reiche Boiserie, geschnitzte Decke und Boden 700 Jahre zählten. Der neue Schloßtheil enthält mehrere interessante Gemälde. Ein Portrait der Herzogin von Portsmouth war so lieblich, daß ich Carl II. noch im Grabe darum beneidet haben würde, sie einst zur Herzogin erheben zu dürfen, wenn ich mich nicht noch zur rechten Zeit der Predigt des katholischen Geistlichen erinnert hätte. Eine alte Abbildung der Maria Stuart, obgleich in reiferem Alter dargestellt, bestätigte mir dennoch die Aehnlichkeit des, in der Grafschaft Wicklow gesehenen, Bildes dieser unglücklichen und schönen Königin, und mit Interesse betrachtete ich eine Scene am Hofe zu Madrid, mit den Portraits des Königs, gravitätisch im rothen Scharlachrock dasitzend; Carls I. als Kronprinzen, der ziemlich legèrement ein Menuet mit der Infantin tanzt, und des verführerischen Buckingham, der, prächtig gekleidet, eine hübsche Hofdame sehr angelegentlich zu unterhalten scheint.

Howth Castle, der Familie St. Lawrence gehörig, und von Lord Howth bewohnt, (der kein Absentee ist, sondern wohlthätig seine Einkünfte im Lande verzehrt) ist mehr im Laufe der Zeiten modernisirt worden, und zwar nicht glücklich, da ein griechisches Portal sich sonderbar zu den kleinen gothischen Fenstern und hohen Zinnen in Treffle-Form ausnimmt.[161] Auch hier wird das Schwerdt und die Rüstung eines berühmten Vorfahren, mit abenteuerlichem Namen, aufbewahrt. Er hieß Sir Armoricus Trisram, und lieferte, Anno 1000, den Dänen eine Schlacht in dieser Gegend, in der er, glaube ich, auch sein Leben verlor. Die alterthümlichen Ställe waren voll herrlicher Jagdpferde, und Lord Howths Hunde (hounds) werden eben so sehr gerühmt.

Bei meiner Zurückkunft ging ich ins Theater, wo der englische Franconi – Ducrow – die Equilibristerei veredelt, indem er auf bewunderungswürdige Weise bewegliche Statuen darstellt. Dies ist ein wahrer Kunstgenuß, und den sogenannten Tableaux weit vorzuziehen. Du siehst, wenn der Vorhang aufgeht, in der Mitte der Bühne ein unbewegliches Standbild, auf einem hohen Postamente, stehen. Dies ist Ducrow, und kaum begreiflich, wie Tricot so dicht überall anliegen und so täuschend Marmor, hie und da von einer bläulichen Ader unterbrochen, darstellen kann. Ich glaube auch, daß er größtentheils auf der bloßen Haut gemalt war und nur da, wo unsere Sitten keine Nacktheit erlauben, mit Tricot sich geholfen hatte. Ueberdem erschien er zuerst als ruhender Herkules, wo das Löwenfell ihm alle Verlegenheit ersparte. Mit großer Kunst und Präcision ging dann der Mime, allmählig seine Stellung verlassend, in eine andere über, von Gradation zu Gradation, zu immer erhöhter Kraftäusserung fortschreitend, in den Hauptmomenten aber, (wo die berühmtesten Statuen darzustellen waren) plötzlich von neuem, wie [162] zu leblosem Marmor sich versteinernd. Helm, Schwerdt und Schild, das ihm jetzt gereicht wurde, verwandelte ihn im Augenblick in den zornigen Achilleus, Ajax und andere griechische und trojanische Helden. Dann kam der Schleifer, der Diskus-Werfer u.s.w. an die Reihe, immer gleich gelungen und wahr. Er schloß mit den verschiedenen Stellungen des Fechters; zuletzt der meisterhaften Darstellung des Sterbenden. Dieser Mann müßte ein vortreffliches Modell für Maler und Bildhauer abgeben, da er tadellos gewachsen ist, und jede Stellung mit solcher Leichtigkeit annehmen kann. Auch fiel mir ein, wie sehr das nichtssagende Tanzen veredelt werden könnte, wenn man, statt des unsinnigen Hüpfens und Springens, etwas dem eben Beschriebenen Aehnliches, einführte. Es that mir fast weh, später denselben Künstler (denn diesen Namen verdient er durchaus) in der Reitbahn, als chinesischen Zauberer neun Pferde auf einmal reiten, als russischen Courier zwölf auf einmal fahren, und sich endlich, mit einem Pony, der als alte Frau angezogen war, zu Bett legen zu sehen.

Was das Letztere allein betrifft, werde ich übrigens jetzt seinem Beispiele folgen, und sage Dir daher gute Nacht, zugleich Valet für einige Tage, da Morgen früh dieser Brief mit der Post abgeht.


Dein treuster L...

Fußnoten

1 Durch die Einführung der neuen Agende im Königreich Preußen ist z.B. zur Verbesserung, ich möchte fast sagen, Vermenschlichung, der Musik in den Kirchen, sehr viel gethan worden, und der Einfluß auf die Gemeinden überall auch sehr wohlthätig gewesen.

A.d.H.

2 Brauche ich Dir zu erklären, was ich mit den Fleischtöpfen Canaan's meine? – Die so einträglich gemachte Christuslehre, welche hier gewiß noch besser nährt, als weiland die Fleischtöpfe Aegyptens.

41. Brief
[163] Ein und vierzigster Brief.

Dublin, den 30sten Oktober 1828.


Beste Julie!


O welche Vorwürfe! aber drei Briefe auf einmal, das macht Alles wieder gut. Ich habe mich einmal fast satt an heimischen Nachrichten lesen können! und weiß Dir meine Dankbarkeit dafür kaum genug auszudrücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wohl hast Du Recht, daß ein solcher Bundesgenosse wie Du eine große Wohlthat für mich gewesen wäre. Gouvernante Prosa hätte die Poesie besser auf dem Boden erhalten, und der nie alternde [164] Elfen-Knabe, dessen Natur es ist, mit bunten Seifenblasen zu spielen, während er sich auf einer Blume schaukelt, würde, vom weisen Mentor gezügelt, vielleicht, statt der farbigen Kugeln, eine consistentere irdische Frucht zu pflücken versucht und auch wohl erlangt haben. Mais tout ce qui est – est pour le mieux. Dieses Axiom laß uns nie vergessen. Voltaire hat Unrecht darüber zu spotten, und Panglos wirklich recht. Nur diese Ueberzeugung kann über Alles trösten, und was mich betrifft, gestehe ich, daß es die Essenz meiner Religion ist.

Dein Brief Nr. 1 ist die Weisheit und Güte selbst – aber gute Julie, in Hinsicht auf die erste, ist, fürchte ich, Hopfen und Malz an mir verloren. Ich bin zu sehr – wie nenn' ichs doch? ... ein Gefühlsmensch, und solche werden nie weise, d.h. lebensklug. Destomehr wirkt freilich Güte auf mich, nur die Deinige ausgenommen, denn davon ist das Maas schon bei mir so voll, daß auch kein Tropfen mehr in mein Herz kann. Mit diesem vollen Herzen mußt Du Dich nun ein für allemal begnügen – mehr kann Dein armer Freund Dir nicht geben! Ist es aber wohl möglich, daß Du dabei immer noch Befürchtungen Raum geben kannst, als hätten die zwei vergangenen Jahre Abwesenheit mich gegen Dich verändern können! als würde ich in Dir nicht mehr das finden, was ich früher gefunden u.s.w. Weißt Du, wie die Engländer dergleichen nennen? Nonsense. – Daß ich übrigens nichts sehnlicher wünschen [165] würde, als Dich wieder zu sehen, solltest Du unversichert schon einem so unermüdeten Korrespondenten zutrauen, doch vergißt Du ganz, daß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie oft habe ich Dir auch nicht schon gesagt, daß ich für die Welt nicht passe. Meine Mängel, wie meine Vorzüge, ja, selbst die geistigere Natur, die Du an mir finden willst, sind nur so viel Steine des Anstoßes in meinem Wege. Geistig, etwas poetisch, gutmüthig und wahr – macht in der Regel nur unbehülflich und verdrossen in der Alltagsgesellschaft. Gleichmäßig mit allen denen, wie ein englischer Schriftsteller sagt, deren Gefühle und Neigungen ihr Urtheil paralysiren, finde auch ich nie eher als zu spät, wie ich mich mit Klugheit hätte benehmen sollen – »eine kunstlose Disposition,« fährt der Engländer fort, »die übel darauf berechnet ist, mit der Arglist und dem kalten Egoismus der Welt in die Schranken zu treten.« Ich kenne einen mir hundertfach überlegnen berühmten Mann, dem es in dieser Hinsicht doch beinahe eben so geht, und der fortwährend bedauert, aus einem Dichter ein Staatsmann geworden zu sezn. »Ich hätte mein Leben enden sollen, wie ich es angefangen,« sagte er, »unbekannt in der Welt umherstreifend, und mich ungestört an Gottes Herrlichkeit erfreuend – oder von den Menschen fern, in meiner [166] Stube verschlossen, allein mit meinen Büchern, meiner Phantasie und meinem treuen Hunde.« 1


Den 31sten.


Ich verbrachte heute einen sehr angenehmen Abend bei Lady M...n. Die Gesellschaft war nur klein, aber geistreich, und belebt durch die Gegenwart zweier sehr hübschen Freundinnen unsrer Wirthin, die mit der besten italienischen Methode sangen. Ich sprach viel mit Lady M...n über mancherlei Gegenstände, und sie hat Geist und Gefühl genug, um durch ihre Unterhaltung immer lebhaft zu interessieren. Im Ganzen habe ich Dir in meinem früheren Briefe nicht Gutes genug über sie gesagt. Jedenfalls kannte ich an ihr damals noch nicht die liebenswürdige Eigenschaft: zwei so hübsche Busen-Freundinnen zu besitzen.

Die Conversation kam einmal auf ihre Werke, und sie frug mich, wie mir Salv. R... gefiele? den [167] habe ich nicht gelesen, erwiderte ich, weil ich, setzte ich, michtant bien que mal, entschuldigend hinzu. Ihre Fiktionen so liebe, daß ich nichts Geschichtliches von der genialsten Romanen-Dichterin habe lesen mögen. – O das ist auch nur ein Roman, rief sie, lesen Sie ihn in dieser Hinsicht ohne Gewissensbisse. –»Sehr wohl,« dachte ich, »wahrscheinlich eben so wie Ihre Reisebeschreibungen,« hütete mich aber doch, es zu sagen. »Ach,« meinte sie nachher, »glauben Sie mir, nur der Ennui bringt alles Schreiben bei mir zu Wege, unser Menschen-Loos ist so elend in dieser Welt, daß ich es schreibend zu vergessen suche.« (Wahrscheinlich hatte sie der Lord-Lieutenant nicht eingeladen, oder sonst ein Großer ihr faux bond gemacht, denn sie war ganz melancholisch.) »Welches schreckliche Räthsel ist die Welt!« fing sie wieder an; »giebt es einen Gott oder keinen? und wenn er allmächtig ist – und böse wäre! wie furchtbar!« »Aber ums Himmels willen«, sagte ich, »wie kann eine geistreiche Frau wie Sie, nehmen Sie mir es nicht übel, solchen Unsinn sprechen?« – »Ach, ich weiß längst Alles,« fuhr sie fort, »was Sie mir darüber sagen wollen. Gewißheit giebt mir doch kein Mensch!« Diese Unklarheit bei dem scharfsinnigsten Beobachtungsgeiste war mir, selbst an einer Dame (ne vous en fachez point, Julie), beinahe unbegreiflich. Lady M...'s Gemahl, früher Arzt, jetzt Philosoph und unbekannter Schriftsteller, übrigens was man im Französischen un bon homme nennt, dabei Gutschmecker und Wichtigthuer, schenkte mir ein Buch [168] von seiner Arbeit, ein ganz materielles philosophisches System enthaltend, das aber dennoch manchen guten Gedanken enthält, und mehr werth ist, als ich dem Autor eigentlich zugetraut hätte. Die Lektüre desselben hat mich heute die halbe Nacht beschäftigt, ich merkte aber wohl an der Haltlosigkeit des Ganzen, daß entweder Lady M... ein gutes Theil davon selbst gemacht, oder wenigstens durch diese unverdauten Ansichten so irre und ungewiß geworden ist, daß sie sich einbildete, »der liebe Gott könnte zu fällig wohl böse seyn!« Die berühmten Leute sind auch Menschen, das weiß der Himmel! Gelehrte wie Staatsmänner – und fast bei jeder neuen Bekanntschaft dieser Art mahnt es mich an Oxenstjerna, dem sein noch sehr junger Sohn, da er als Gesandter zum Congreß nach Münster reisen sollte, Bedenklichkeiten äusserte, welche Rolle er, so weisen und großen Männern gegenüber, spielen würde. »Ach mein Sohn«, sagte der Vater lächelnd, »ziehe hin in Frieden, und siehe, welche Menschen es sind, die die Welt regieren!«


Den 1sten November.


Les catholiques me font la cour ici. Der E... B... ließ mir heute durch eine Dame sagen, daß ich mich, da ich ihre Kirchenmusik liebe, doch heute in der Kapelle einfinden möge, wo man das [169] Sänger-Personal besonders vollständig gemacht habe; auch werde er selbst fungieren. In der That hörte ich eine herrliche Vokalmusik (hier sind auch weibliche Sänger gestattet), nur von einzelnen Tönen der mächtigen Orgel begleitet. Es war ein hoher Genuß, dieser Sphärengesang, der mit süßer Wonne die Seele füllte und auf den Fittigen der Melodie den Sorgen des Alltäglichen enthob, während die ganze Gemeinde andächtig und betend auf den Knieen lag.

Du wirst am Ende glauben, liebe Julie, daß ich im Begriffe bin, es dem Herzog von C... nachzumachen, und katholisch zu werden. – Nun so ganz ohne Grund kann ich die Ansicht, die dazu verleitet, nicht finden. Der Protestantismus, wie ihn gar viele ausüben, ist eben nicht viel vernünftiger, und bei weitem weniger poetisch und schön, sinnlich gesprochen. Ich glaube aber immer, ein neuer Luther oder gar ein neuer Christus ist nah, und wird uns dann Allen über die Mauer helfen, – dann bedarf es kein Rückwärtsblicken mehr; bis dahin jedoch finden Manche vielleicht – wenigstens mehr Consequenz im katholischen Kultus! Es ist kein halber, sondern ein vollständiger Götzendienst, dessen Stufenleiter der göttlich gemachten Geschöpfe mit den Heiligen aufhört, diesen lieben theilnehmenden Heiligen beiderlei Geschlechtes, die uns so nahe stehen, und unsre menschlichen Wünsche, Regungen und Leidenschaften so gut kennen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [170] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wenn die Priester und Chorjungen, wie ich erwähnt, die Räucherfässer umherwerfen, dem Bischof jeden Augenblick ein anderer gestickter Rock, Kragen oder Tuch umgegeben wird, er selbst vor dem Hochaltar bald fest steht, bald vorwärts, bald rückwärts läuft, sich mit dem Antlitz auf die Erde niederwirft und zuletzt sich mit der Monstranz, wie eine Windfahne, umdreht, und die Augen auf sie, wie auf ein Microskop, geheftet hält etc. – so bin ich vollkommen darauf vorbereitet, nachher von 7000 Mann sprechen zu hören, die mit vier Broten und drei Fischen nicht nur satt gemacht worden, sondern noch so viele Körbe Krumen und Gräten übrig behalten haben – oder vom jüngsten Tage, und Christi Sitz neben Gott dem Vater, wo er Platz nehmen wird, um alle Diejenigen zu ewigen Martern zu verdammen, welche nicht an ihn geglaubt haben. – Wenn aber ein schlichter, sich vernünftig anstellender Mann, mir zäerst von Duldung, Tugend, ewiger Wahrheit und Liebe spricht, dann aber vom Gott der Gerechtigkeit und Liebe und einem seiner edelsten Verkünder auf Erden, dergleichen Mährchen und Atrocitäten, die den gesunden Menschenverstand beleidigen, erzählt, und sie für etwas Heiliges und Göttliches ausgeben will – so wende ich mich mit Widerwillen von solcher Heuchelei oder Thorheit ab. Ein Cagot wird mir hierauf antworten wollen: Euer gesunder Menschenverstand ist kein Maßstab für Gott – worauf ich ihm erwidere: Euer [171] Gott ist aber ein Mensch – und unser Verstand und unsere Vernunft ist, mit der Erkenntniß der äussern Natur, und daraus abstrahirten Erfahrung, eben die einzige wahre und ächte Offenbarung Gottes, deren wir teilhaftig geworden sind, und die Niemand bezweifeln kann. Der Mensch ist allerdings seiner Natur nach dazu bestimmt, sich mit diesen Mitteln durch sich selbst immer weiter fortzubilden, und so war das Christenthum auch eine Folge dieser fortschreitenden Civilisation, wie früher (um bei diesem Zweig der Ausbildung stehen zu bleiben) das mosaische Gesetz, später die Reformation, und ihr zweiter Akt, die französische Revolution; endlich die hieraus allgemeiner erwachsende Denk- und Preßfreiheit, und Alles, was sich jetzt ruhiger, aber desto sicherer, durch diese Letztere bereitet. – Wir finden also überall nur die Resultate derselben allmähligen Civilisation, von der Niemand wissen kann, wo sie stehen bleiben wird, – aber welchen Grad sie auch erreiche, immer kann und soll sie hier nur menschlich seyn, und durch menschliche Mittel befördert werden.


Den 2ten.


Mein letzter und längster Besuch an diesem Morgen galt den lieblichen Mädchen, die ich bei Lady M... kennen gelernt. Ich brachte ihnen italienische[172] Musik mit, die sie sangen wie Nachtigallen, und auch dabei eben so anspruchslos als natürlich blieben. Ihr Vater ist ein hochgeschätzter Arzt, und wie hier die meisten Doktoren von Bedeutung, Baronet oder Sir, ein Titel, der, beiläufig gesagt, in England gar nicht zum Adel gerechnet wird, obgleich sehr alte und angesehene Familien sich darunter befinden, aber auch Creti und Pleti, wie bei unserm niedrigen Adel. Ein solcher Sir wird gewöhnlich nicht bei seinem Familien-, sondern Vornamen genannt, als z.B. Sir Charles, Sir Anthony, wie man in Wien: Graf Tinterle, Fürst Muckerle u.s.w. zu sagen pflegt. Der ärztliche Ritter, von dem ich jetzt spreche, hat diesen Titel für die Anlegung einer sehr guten Badeanstalt erhalten, die sich in seinem Hinterhause befindet, und ist dabei ein interessanter Mann. Noch geistreicher scheint mir seine Frau, die ihrer berühmten Verwandtin in richtigem Takt und Urtheil überlegen ist, und ein großes Nachahmungs-Talent besitzt, mit dessen komischer Anwendung sie selbst ihre eigene Familie nicht immer verschont. Die Töchter, obgleich ganz verschieden, sind doch beide sehr originell, die eine im sanften, die andere im wilden Genre, weßhalb ich sie auch nur: Lady M...s wild Irish girl, zu nennen pflege, alle drei aber zeigen eine charakteristische Nationalität, 2 haben auch Irland nie verlassen.

[173] Abends erzählte mir Lady M..., daß ihr die schlechten, und oft ganz Sinn entstellenden Uebersetzungen ihrer Werke viel Verdruß machten. So habe man in ihren Briefen über Italien, wie sie von den Genuesern sagt: They bought the scorn of all Europe (wörtlich: sie erkauften sich den Hohn des ganzen Europas) fürscorn, corn (Korn) gelesen, und frischweg übersetzt:Genes dans ce temps achetait tout le blé de l'Eu rope. Dies ist ein guter Pendant zu der »Nation der Heid-Schnucken.«


Den 3ten.


Als ich früh aufstand, und ans Fenster trat, bot sich meinen Blicken mitten in den Straßen der Hauptstadt wieder einmal eine ächt irische Scene dar, wie sie sonst nur das Land zu zeigen pflegt. Mir gegenüber saß eine alte Frau, Aepfel verkaufend, und behaglich ihre Cigarre schmauchend. Näher dem Hause machte ein Mann in Lumpen allerlei Kunststücke, unterstützt von seinem Affen. Ein regelmäßiger Kreis, vier bis fünf Mann hoch, war um ihn geschlossen, [174] und bei jedem neuen Spaß ertönte lauter Jubel, mit einem solchen Demonstrieren, Geschrei und Gestikuliren verbunden, daß man schon glaubte, Streit sey entstanden, und auf irgend Jemand würde es bald Prügel regnen. Das neue Angehen des Schauspiels brachte aber jedesmal wieder Todtenstille hervor. Jetzt konnte indeß die Lebhafteste der Gesellschaft sich nicht länger mehr mit bloßem Zuschauen begnügen. Sie muß selbst agieren, und in unbezwinglicher Lustigkeit springt sie in den magischen Kreis, ergreift den erschrockenen Affen, und überbietet ihn in Possen, Sprüngen und Grimassen aller Art, die das verdoppelte Lachen und Jauchzen der erfreuten Menge belohnt. Die Darstellungs-Wuth wirkt aber ansteckend – mehrere gesellen sich zu der ersten Aktrice, die bisherige Ordnung fängt an, sich immer mehr in Wirrwarr zu verkehren, der Künstler, besorgt für die Sicherheit seines Affen, oder um ihn nicht durch übles Beispiel verführen zu lassen, bricht schleunigst auf; seine Retirade gleicht schon einer übereilten Flucht, der ganze Haufe stürzt ihm schreiend nach, jeder will der erste hinter ihm seyn, Einige schimpfen, und verschiedene Shileilas, die die vorige Lust in der Scheide erhielt, werden sichtbar, Andere nehmen die Partei des fliehenden Künstlers, dieser entwischt indessen, und ehe man sich's versieht, endet die Verfolgung in einem allgemeinen Gefecht der Verfolger.

Ein Garçon-Diné bei Lord S..., dem ich nachher beiwohnte, endigte beinahe eben so geräuschvoll,[175] wenn auch nicht so empfindlich, meinen Tag, und hielt mich bis mitten in der Nacht wach. Voilà tout ce que j'ai à vous conter d'aujourdhui.


Den 16ten.


Ich bringe fortwährend mein Leben bei den kleinen Nachtigall-Engeln zu, sehe öfters Lady M... und vermeide, so viel ich kann, die übrige Gesellschaft. Die Mädchen führen ein burleskes Journal, wo sie, mit den extravagantesten Zeichnungen daneben, eine Chronik unsrer täglichen Fata verfassen, die höchst belustigend ist. Nachher singen, schwatzen wir, oder stellen Tableaux dar, wobei die Mutter, mit ihrem Schauspielertalent, uns aufs schönste mit den heterogensten Dingen drappirt. Du würdest wenigstens haben lächeln müssen, wenn Du heute gesehen hättest, wie das wild irish girl sich einen Schnurbart und Favoriten mit Kohle malte, einen Ueberrock ihres Vaters anzog, und Schnupftuch und Stöckchen in der Hand, als meine Karrikatur herein trat, um ihrer Schwester, nach meiner Art, wie sie sagte, die Cour zu machen. Diese Mädchen haben eine unerschöpfliche, gar nicht englische, aber ächt irländische Grazie und Lustigkeit, und man erlaubt mir glücklicherweise, von der in diesen Ländern üblichen Etiquette etwas abgehend, alle Abende hier zuzubringen (sonst darf dies in England nur gebeten [176] geschehen, da Visiten allein Vormittags gestattet sind) welches mir den Aufenthalt in Dublin weit angenehmer macht, als ich hoffen durfte. Um Mitternacht werde ich zwar immer sehr geschmält, viel zu lange geblieben zu seyn, aber dem Unverbesserlichen wird doch jedesmal nachher wieder verziehen.

Nach den Tableaux magnetisirte ich die Aelteste, welche öfters an Kopfweih leidet. Du weißt, daß mir schon oft diese Curen gelungen sind. An der Verwandtschaft des Magnetismus und der Elektrizität zweifelte ich wahrlich nicht, wenn ich mit den Fingerspitzen den Saum ihres Kleides berührte, oder über die äussersten Enden ihrer seidnen Locken strich, die knisternde Funken von sich zu sprühen schienen. Diese Aelteste, affligée de 18. ans hat braune Augen und Haare von einem ganz seltsamen Ausdruck und Beschaffenheit. Die Letztern participiren vom Feurigen, ohne roth zu seyn, und in den ersten ruht eine feuchte Gluth, über die sich gleichfalls oft ein wahrer röthlicher Feuerschein hinzieht, doch immer bleibt es nur Gluth, kein aufflackerndes Flammenblitzen, wie es die funkelnden Augen der kleinen Wilden oft erleuchtet. Denn bei dieser ist alles Flamme, und unter dem mädchenhaften Erröthen bricht oft die Determinirtheit und der Muth eines Knaben hervor. Unvorsichtig und vom Augenblick hingerissen, erlaubt sie sich sogar manchmal zu große Vivacitäten, die [177] aber, durch ihr allerliebstes Naturel und ihre unnachahmliche Grazie, den seltnen Reiz des Mädchens nur vermehren. Als man heute meinen Wagen anmeldete, rief ich seufzend: »Ah! que cette voiture vient mal à propos!« – »Eh bien!« rief sie, noch im Männer-Costume dastehend, wie ein wahrer kleiner Husar: »Envoyez la au diable!« Ein höchst strenger und mißbilligender Blick der Mama, und das Erschrecken der Schwester überzog sogleich alles, was von dem Gesichtchen hinter dem Schnurbart zu sehen war, mit Scharlach über und über. Sie schlug beschämt die Augen nieder, und war dabei so unwiderstehlich hübsch, daß ich ... ja was? gute Julie, fülle Dir die Phrase selbst aus – und damit gute Nacht.


Den 17ten.


Lady M... empfing mich heute früh in ihrem Autorboudoir, wo sie im eleganten Costume, mit einer Feder aus Perlmutter und Gold in der Hand, nicht ohne Coquetterie an ihren Werken schreibt. Sie war mit einem neuem Buch beschäftigt, zu dem sie einen ganz guten Titel erfunden hat: Memoiren von mir und für mich. Sie frug, ob sie »von mir« oder »für mich« zuerst setzen sollte? Ich entschied für das Erste als folgerechter, weil sie erst schreiben [178] müßte, ehe sie für sich geschrieben haben könnte, worüber wir in einen scherzhaften Streit geriethen, indem sie mir meine deutsche Pedanterie vorwarf, und behauptete, daß von jeher bonnet blanc und blanc bonnet einerlei gewesen sey, was ich lachend zugeben mußte. Das von ihr gewählte Motto war: Je n'enseigne pas, je raconte (Montaigne). Sie las mir Einiges vor, was ich vortrefflich fand. Mit der Feder in der Hand wird diese, sonst ziemlich superficiell erscheinende Frau, ein ganz andres Wesen. Man könnte sagen: der Perlmutter-Feder entfallen ächte Perlen, die Mutter bleibt als kalte Schale zurück.

Sie sagte mir, daß sie den Winter nach Paris ginge, und von da nach Deutschland reisen möchte, hatte aber eine große Furcht vor der österreichischen Polizei. Ich rieth ihr Berlin zu wählen. »Werde ich nicht da auch verfolgt werden?« rief sie lebhaft. »Gott bewahre«, tröstete ich, »in Berlin betet man Talente an, nur rathe ich Ihnen wenigstens Eine Ihrer hübschen Freundinnen mitzunehmen, die gut und gern tanzt, damit Sie Beide auf die Hofbälle gebeten werden, und die liebenswürdige militairische Jugend kennen lernen, was der Mühe werth ist, und Ihnen sonst vielleicht nicht zu Teil werden würde.« Hier kam der Mann hinzu und bat mich, sein philosophisches Buch doch in Deutschland übersetzen zu lassen, damit er, nicht bloß als Adjutant seiner Frau, sondern mit eignen Flügeln angeflogen [179] kommen könne. Ich versprach alles was man wollte, machte jedoch bemerklich, daß dermalen ein neues Gebetbuch mehr Glück machen würde, als ein neues philosophisches System, deren wir ohnehin genug hätten.

Abends nahm ich für die jungen Damen, die noch sehr wenig ausgehen dürfen, eine Loge im Pferde-Theater, wohin ich sie begleitete. Ihr naives Vergnügen an den vielfachen Künsten der Rossebändiger war ergötzlich anzusehen. Die kleine Sechzehnjährige verwandte kein Auge von Ducrow's halsbrechenden Manöuvres, und hielt, vor Angst und Begierde zitternd, die ganze Zeit ihre Händchen fest zusammengeballt; die Aeltere betrachtete schon still erröthend die schönen Formen und üppigen Stellungen der gewandten Reiter.

Es war ein wunderschönes Kind bei der Gesellschaft, welches, erst sieben Jahre alt, bereits auf dem Pferde tanzte, eine Menge Rollen mit ungemeiner Grazie spielte, und besonders, als Napoleon angezogen, wo das winzige Mädchen die schroffen Manieren des Kaisers höchst possierlich nachahmte, immer den rauschendsten Beifall einärndtete. Meine jungen Freundinnen wünschten dies Kind von Nahem zu sehen, und ich begab mich daher auf's Theater, wo der kleine Engel eben ausgekleidet wurde, und ganz nackt, wie ein leibhaftiger Amor, vor dem Spiegel stand. Ihre Rolle war für heute ausgespielt, und sobald die neue Toilette beendet war, nahm ich sie auf den Arm, und brachte »l'enfant prodige« wie [180] sie auf dem Zettel genannt wurde, im Triumph herauf. Nach den ersten Liebkosungen ward die Kleine, von uns Allen, die aufmerksamste Zuschauerin des Schauspiels, obgleich man hätte glauben sollen, sie habe täglich genug daran. Nur eine Düte mit Süßigkeiten, die ich ihr präsentirte, konnte sie eine Zeit lang davon abwendig machen, und wir mußten alle über ihr naives und drolliges Benehmen herzlich lachen, als sie, auf Miß S... Schooße sitzend, die Hälfte der Bonbons in ihren Busen schüttete, und dann wieder mit den Sammthändchen darnach langend, der sie Abwehrenden zurief: Let me alone, that is my favourite cake (Laß mich, das ist mein Lieblings-Bonbons). Miß S..., die über die Aeußerung und Beharrlichkeit der Kleinen roth wurde, schob sie endlich mit etwas Uebereilung von sich, so daß das Kind sich an einer hervorstehenden Nadel blutig stach. Wir fürchteten sie würde weinen, aber der Diminutiv-Napoleon wurde nur böse, schlug die Beleidigerin so derb als möglich und rief entrüstet: Fy, for shame! You stung me like a bee! (Pfui schäme Dich, hast mich wie eine Biene gestochen) und damit voltigirte sie auf den Schooß der Schwester, legte ihr Aermchen über das Logenbrett, und sah von neuem mit ungestörter Aufmerksamkeit der Belagerung von Sarogossa zu. Im Entreacte sagte ihr Lady C... (auf das lächerliche qui pro quo in Limmerick anspielend, das ich ihr erzählt hatte) ich sey Napoleons Sohn. Sie sah mich schnell an, fixirte mich eine Weile, und rief dann mit der ernsthaftesten [181] Grandezza: »O! Ich habe selbst Ihren Herrn Vater mehrmals gespielt, und immer außerordentlich Beifall mit ihm erworben.« So natürlich, drollig, und ohne alle Verlegenheit machte die liebliche Kleine unser Aller Eroberung, und wir sahen mit Bedauern das Ende der Vorstellung heranrücken, wo wir sie wieder abliefern mußten. Sie wollte sich nur von mir wieder hinunter tragen lassen, weil ich sie heraufgebracht, und als ich mit ihr hinter den Coulissen ankam, wo alles voller Pferde stand, und ich schon ganz besorgt war, wie ich mich da durchdrängen sollte, schrie sie gleich mit großer Lebhaftigkeit, und ungeduldig auf meinem Arme zappelnd: »Nun fürchtest Du Dich? nur vorwärts, ich werde die Pferde schon in Ordnung halten!« und damit theilte sie rechts und links Klapse auf die Nasen der alten Bekannten aus, die auch folgsam wichen, bis wir hindurch waren. »Jetzt laß mich hinunter!« rief sie, und kaum berührten ihre Füße den Boden, als sie mit der Behendigkeit eines Häschens über den Hintergrund der Bühne floh, und schnell im Getümmel verschwand. – Kinder sind gewiß die anmuthigsten Geschöpfe, wenn sie nicht durch Verziehung verkrüppelt sind, selten aber mag so viel Natürlichkeit auf den Brettern, noch seltener vielleicht auf dem höhern Theater der großen Welt gedeihen.


[182] Den 18ten.


Daß ich O'Connel hier wieder getroffen, vergaß ich Dir zu melden. Ich hörte ihn schon einigemal in der Catholik-Association, dem jetzigen irländischen Nationalparlament, welches ich heute zum zweitenmal besuchte. Man empfing mich, als einen gut gesinnten Fremden, mit Applaudiren, und Hr. O'Connel machte mir sogleich Platz, zwischen sich und einem Lord C.... Der Saal ist nicht zu groß, und eben so unreinlich als der des Unterhauses in England. Auch hier behält jeder den Hut auf dem Kopf, ausgenommen wenn er spricht; auch hier giebt es gute und schlechte Redner, aber allerdings zuweilen noch weniger anständige Sitte als dort. Die Hitze war stickend, und ich mußte demohngeachtet 5 Stunden aushalten, die Debatten waren aber so interessant, daß ich die Unbequemlichkeit kaum bemerkte. O'Connel sprach, ohne Zweifel, am besten. Obgleich vom größten Theile vergöttert, ward er doch auch von Manchen sehr hart bedrängt, und vertheidigte sich mit eben so vieler Mäßigung als Gewandtheit, dagegen er ohne alle Schonung, und meines Erachtens nach, mit zu starken Ausdrücken, die Minister und das englische Gouvernement angriff. Daß viel Intrigue und fest verbundene, im Voraus bestimmte, Parteien, hier so gut wie bei andern Körpern dieser Art herrschen, und daher die Diskussion oft nur Spiegelfechterei bleibt, war leicht zu ersehen; die Führer aber haben wenigstens ihr Handwerk sehr [183] gut einstudirt. Die drei hervorstechendsten Redner sind O'Connel, Shiel und Lawleß, auch Mr. Fin und Mr. Ford sprechen gut und mit vielem persönlichen Anstande. Shiel ist ein Mann von Welt, mit noch mehr Unbefangenheit und Aisance in der Gesellschaft, als O'Connel, aber als Redner erschien er mir viel zu affectirt, zu künstlich, und präparirt in dem, was er sagte, dabei ganz schauspielermäßig, ohne alles wahre Gefühl in der Delivery seiner Rede, wie es die Engländer bezeichnend nennen. Es wundert mich nicht, daß er, ohngeachtet seines nicht unbedeutenden Talents, so viel weniger populair ist, als O'Connel. Beide Männer sind sehr eitel – die Eitelkeit O'Connels ist aber offner, vertrauender und bereits zufriedener gestellt, die von Shiel hingegen peinlich, wund und finster. Der eine ist daher, die eigne Partei betreffend, so zu sagen, in Honig, der Andere in Galle getaucht, und der Letzte, obgleich für dieselbe Sache streitend, sichtlich eifersüchtig auf den Kollegen, den er mit Unrecht zu übersehen glaubt. Herr L...s dagegen ist nur der Don Quixotte der Association. Sein schöner Kopf, sein weißes Haar, sein wilder, aber edler Anstand, und ein herrliches Organ, lassen, wenn er auftritt, Ausserordentliches erwarten, aber bald löst sich die ernst begonnene Rede in die unglaublichsten Extravaganzen, und oft ganz verwirrten Unsinn auf, welcher Freund und Feind mit gleicher Wuth angreift. Man achtet ihn daher wenig, lacht ihn oft aus, wenn er, wie König Lear, raset, unachtsam [184] auf das Publikum, oder was um ihn vorgeht. Die dominirende Partei gebraucht ihn aber, wo nöthig, als Schreier. Heute verflog er sich so sehr, mit unaufhaltsamem Schwunge, daß er plötzlich mitten in der katholischen und archikatholischen Association, die Fahne des Deismus aufpflanzte, vielleicht auch nur um O'Connel Gelegenheit zu geben, ihn mit Indignation zur Ordnung zu rufen, und dabei eine fromme Tirade anbringen zu können; denn auf der Rednerbühne, wie auf dem Böttgerfaß, auf dem Throne, wie auf der Marionettenbude – gehört Klappern zum Handwerk.

Am gewöhnlichen Orte ruhte ich Abends aus. Tableaux waren wieder an der Tagesordnung. Nach einander mußte ich als Brutus, orientalischer Jude, François premier, oder Saladdin erscheinen. Miß J... war als Student von Alkala ein verführerischer Wildfang, und ihre ältere Schwester, als Sklavin des Serails, eine willkommene Gefährtin für Saladdin, und als die schöne Rebekka Walter Scotts auch nicht übel mit dem orientalischen Juden gepaart. Alle diese Metamorphosen bewerkstelligte die Mutter nur mit vier Lichtern, zwei Spiegeln, einigen Shawls, bunten Tüchern, einem am Licht gefärbten Korkstöpsel, einem Schminktopf und verschiedenen Haartouren. Dennoch hätte Talma den Brutus nicht besser drappiren können, und täuschender die Physiognomieen verändern, als diese geringen Mittel es, unter der geschickten Leitung von Lady C..., vermochten. Zuletzt wurden Karrikaturen gezeichnet, und [185] auf meine Bitte versuchte jede Schwester das Portrait der andern zu malen. Beide gelangen sehr gut, und befinden sich bereits in der Gallerie meiner Lebensbilder.


Den 19ten.


Ich sah mich heute zu etwas Unangenehmen genöthigt, was ich schon lange aufgeschoben, und mußte endlich mein großes Mittel anwenden, um meine Abneigung zu besiegen. Du wirst lachen, wenn ich Dir es es nenne, aber mir hilft es, für Großes und Kleines. In der That giebt es wenig Menschen, die nicht zuweilen leichtsinnig, noch öfter schwankend wären. Da es mir nicht besser geht, so habe ich ein eignes Mittel erfunden, mir in Dingen, die mir schwer ankommen, künstlich Entscheidung, und den Halt zu verschaffen, der mir sonst vielleicht fehlen könnte, und den der Mensch einmal durch irgend etwas außerhalb Hingestelltes bedarf 3. Ich gebe nämlich in solchem speziellen Falle ganz feierlich mir selbst mein Ehrenwort darauf, dies oder jenes zu thun, oder zu lassen. Ich bin natürlich sehr vorsichtig[186] damit, und überlege nach Kräften, ehe ich mich dazu entschließe, ist es aber einmal geschehen, und hätte ich mich dann auch geirrt oder übereilt, so halte ich es bestimmt, wäre selbst gewisser Untergang die Folge. Und ich befinde mich sehr wohl und ruhig dabei, einem so unabänderlichen Gesetz unterworfen zu seyn. Könnte ich es brechen, so würde ich, nach dem einmal hineingelegten Sinn, von dem Moment an, alle Achtung für mich selbst verlieren, und welcher denkende Mensch müßte, bei einer solchen Alternative, nicht unbedenklich den Tod vorziehen. Dennsterben ist doch nur eine Naturnothwendigkeit, und folglich nichts Uebles – es scheint uns nur so, in Bezug auf unsre hiesige Existenz, d.h. der Selbsterhaltungstrieb muß den Tod fürchten, die Vernunft aber, die ewig ist, sieht ihn in seiner wahren Gestalt, als einen bloßen Uebergang von einem Zustand zum andern – sich aber von eigner, unbesiegbarer Schwäche überzeugen, ist ein Gefühl, dessen Stachel wenigstens dieses Leben fortwährend verbittern müßte! Daher ist es jedenfalls besser, im Collisionsfall, mit innerm Triumph für diesmal aufzuhören, als im Seelen-Lazareth fortzuvegetiren. Ich werde also keineswegs abhängig durch dieses Wort, sondern grade durch dasselbe bleibe ich unabhängig. So lange meine Ueberzeugung nicht ganz fest steht, wird, wie schon gesagt, die mysterieuse Formel ohnedies nicht ausgesprochen, dann aber darf, für das Heil meiner Seele, keine Veränderung der Ansicht, nichts mehr meinen Willen brechen, als die [187] physische Unmöglichkeit. Indem ich mir aber hierdurch in den äussersten Fällen eine sichere Stütze schaffe, siehst Du ein, daß ich zugleich eine furchtbare Waffe zum Angriff erhalte, wenn ich gezwungen würde, sie anzuwenden, so kleinlich auch das Mittel manchem dünken mag. Ich dagegen finde es schön: daß der Mensch solche Dinge sich aus nichts, oder dem Trivialsten, selbst schaffen kann, nur durch seinen hierin wahrhaft allmächtig zu nennenden Willen!

Ob Du, gute Julie, dies Raisonnement nicht verwegen und tadelnswerth finden wirst, mag ich nicht verbürgen, ja für ein Weib wäre es auch nicht gemacht, und ein ganz kräftiger Geist hätte es vielleicht eben so wenig nöthig. Jeder muß sich aber nach seiner Natur einrichten, und so wie noch Niemand das Geheimniß erfand, ein Rohr wie eine Eiche, oder einen Kohlkopf wie eine Ananas wachsen zu lassen, so werden auch Menschen sich immer, wie das gemeine, aber gute, Sprüchwort sagt: nach ihrer Decke strecken müssen. Wohl dem, der sich nicht mehr zutraut, als er kann! Ohne es übrigens so tragisch zu nehmen, dient das große Mittel auch ganz vortrefflich bei Kleinigkeiten. Z.B. unerträglich lang weilige Gesellschaftspflichten als gelassenes Opfer zu erfüllen – die Faulheit zu besiegen, um eine immer aufgeschobene Arbeit endlich gewaltsam zu erledigen – sich eine wohlthätige Enthaltsamkeit aufzulegen um nachher desto besser zu genießen – und viel, [188] viel dergleichen mehr, wie es das zuweilen erhabne, und noch öfter kindische Leben darbietet.

Nachmittags ritt ich, die Grillen zu vertreiben, weit in das Land hinein, dem Gebürge zu. Nach ohngefähr zwölf Meilen kam ich in eine ganz kahle Gegend wellenliniger Torfmoore ohne Ende, die sich nach allen Richtungen ausdehnten. Man hätte sich hundert Meilen von einer Hauptstadt entfernt geglaubt. Der Eindruck war nicht wild, nicht ganz so öde wie Sandflächen, aber schauerlich leer, einsam und monoton. Eine einzige elende Hütte stand darauf, aber in Ruinen, ohne Bewohner, und wie ein großer Wurm schlängelte sich ein weißer Fußweg an ihr hin, sich mühsam durch das braune Haidekraut windend. Das Ganze war mit ein wenig Schnee gepudert, und der Wind auf den kahlen Höhen eisig kalt. Demohngeachtet zog mich das Melancholische der Scene so an, daß ich nur nothgedrungen mein Pferd wieder rückwärts wendete. Näher an Dublin fand ich auf einer isolirten Bergspitze eine eigne Spielerei ausgeführt, nämlich ein Haus, das in Gestalt eines nachgemachten Felsen gebaut war, so täuschend in der That, daß man es für einen wirklichen ansah, bis man vor dem Eingang stand. Erst bei Mondschein langte ich, mit von der scharfen Luft brennendem Gesicht, in meinem Gasthofe zum Mittagsessen an, zu dem ich Vater Lestrange gebeten hatte, car j'aime les prêtres, comme Voltaire la Bible, malgré tout ce que j'en dis.

[189] Ich fand auch einen Brief von Dir, klage aber, daß Du mir zu wenig Details schreibst! Bedenke doch, daß jede Kleinigkeit von dort mir werth ist. Ob mein Lieblingspferd wohl ist, meine süße Freundin (die Perruche) noch zuweilen meinen Namen ruft, Dein Haustyrann Fancy mehr oder weniger unartig, die Papageyen in good spirits, die neuen Pflanzungen gut gewachsen, die Badegäste fröhlich gewesen sind, alles das hat, ein paar hundert Meilen weit, bedeutendes Interesse. Um aber davon etwas zu erfahren, sehe ich wohl ein, daß ich Dich einmal, wenn auch nur auf einen Tag lang, überraschen muß. Du weißt, ich hasse Scenen und Feierliches, also auch geräuschvollen Empfang, wie alles Abschiednehmen – un beau matin also, wirst Du mich in Deinem Frühstücks-Salon etablirt finden, wo ich Dich scherzend und neckend empfangen will, als sey die lange Reise nur ein Traum gewesen, et toute la vie hélas! est elle autre chose? Ganz im Ernst, man sollte alle solche Dinge weit gleichgültiger und behaglicher nehmen, als man thun zu können glaubt. Ein englischer Dandy diene Dir darin zum Muster. Sein bester Freund und Regimentskamerad ging nach Indien, und als dieser, gerührt von ihm Abschied nehmend, in hoher Bewegung seine beiden Hände ergreifen wollte, um sie zum letztenmal vielleicht zu schütteln, hielt der Incroyable ihm, halb abwehrend, nur die Fingerspitzen hin, indem er lächelnd lispelte: »Sonderbare und höchst fatiguante englische Gewohnheit, [190] sich gegenseitig die Körper zu pumpen, indem man ihre Schwengel auf und ab bewegt!«

Dein Portrait hat mir nicht so viel Freude gemacht als es sollte. Die Züge sind viel zu hart, und müssen erst gesanftet (softed) werden, ehe ich sie als Stellvertreter des Originals gelten lassen kann, dessen Bild übrigens lebhaft genug in meinem Herz lebt, um daß es keines andern zur Auffrischung bei mir bedarf.


Dein ewig treuer L...

Fußnoten

1 Wir möchten fast um Verzeihung bitten, solche und andere verwandte Stellen nicht ganz unterdrückt zu haben. Wer aber so weit gelesen, muß sich doch einigermaßen für oder gegen den Autor interessieren – und in beiden Fällen können diese unbefangenen Urtheile über sich selbst, dem Leser, der das Charakteristische liebt, nicht ganz unwillkommen seyn. Wer sich nur an die Sachen hält, der überschlägt sie ja leicht.

A.d.H.

2 Diese ist in der großen Welt hier sehr selten anzutreffen, da die tyrannischen Erfordernisse englischer Bildung sehr allgemein in den drei Inseln wirken, weßhalb Du auch bemerkst, daß ich gar oft Irländer und Engländer nur unter dem letzten Namen vereinige. Ich sollte sie eigentlich Britten, oder nach der neueren Orthographie, Briten nennen.

3 Selbst Religion und Moralität reichen in dem verwickelten Zustande der menschlichen Gesellschaft nicht für alle Fälle aus – Beweis die conventionelle Ehre, welche oft gegen beide streitet, und deren Gesetze doch von den Besten befolgt werden.

42. Brief
[191] Zwei und vierzigster Brief.

Dublin, den 20sten November 1828.


Geliebte Freundin!


Ich sehe hier oft einen Mann, B... H..., dessen Gesellschaft von hohem Interesse für mich wurde. Er ist, obgleich geistlichen Standes, einer von den wenigen unabhängigen Denkern, die fähig sind, die Tyrannei früherer Eindrücke und alter Gewohnheiten abzuschütteln, und beim Lichte der Vernunft, oder mit andern Worten, der göttlichen Offenbarung, allein zu sehen. Auch seiner Meinung nach ist eine Crisis in dem Gebiete der Religion nicht allzufern. Die religiösen Gebäude, wie sie noch größtentheils bestehen, sagte er heute, sind offenbar die seltsamsten Mißgeburten von Erhabenem und Lächerlichem, von ewiger Wahrheit und dunkler Unwissenheit, von ächter Philosophie und Götzendienst. Je mehr die Menschenlernen, je mehr die Wissenschaft uns die Natur[192] außer uns, und die unsres eigenen Wesens durch ergründete Thatsachen verstehen lehrt, je milder, je moralischer werden unsere Sitten, wie unsere Regierungen. Langsamer folgen die Religionen! Selbst die christliche, obgleich in ihrem Ursprung einer der mächtigsten Schritte, den tiefes Denken und gründliche Erkenntniß des reinsten Herzens gethan, hat doch seitdem, wie uns die Geschichte ihrer Kirche fast auf jeder Seite zeigt, hundertmal die Welt mit Blut getränkt und den wahnwitzigsten Unsinn fortwährend geboren und auch wieder begraben, während Philosophie und Wissenschaft stets, gleich mildernd, fortwirkten, ohne je ähnliche Opfer zu verlangen, noch ähnliche Verstöße zu begehen. Es ist die Frage, ob Newton, als er das Geheimnis der Himmel aufdeckte, die Erfinder des Kompasses und der Buchdruckerkunst, der Menschheit nicht mehr genutzt haben, das heißt, ihre Civilisation mehr befördert, als soviel Stifter von Religionen, die verlangen, daß man zu ihrer Fahne ausschließlich schwöre. Ja, es könnte wohl einmal eine Zeit kommen, wo Religion und Poesie als Schwestern betrachtet würden, und man es eben so lächerlich fände – eine Staatsreligion als eine Staatspoesie zu haben? Wäre ich ein Türke, so würde ich mir sagen: Es ist gewiß unendlich schwer, die Vorurtheile der Kindheit und den Aberglauben früherer Lehre so gänzlich los zu werden, um auch die Ueberzeugung von Millionen mit fester Seele als thöricht anzuerkennen. Demohngeachtet will ich, da ich es eingesehen, [193] kein Türke bleiben. Als Christ aber sage ich: An die reine Lehre will ich mich halten, die meine Vernunft verehren kann, den unpoetischen Märchenwust aber, so wie alle Entstellungen damaliger Zeit, und noch mehr das blutige und gehässige Heidenthum der Nachfolger, will ich den Muth haben, wegzuwerfen, wenn es auch 200,000,000 auf fremde Autorität wirklich im Innersten für heilig annähmen. Aus demselben Prinzip handelte Luther, als er den ersten Schritt der Reform that, aber das Licht, das er damals gereinigt, bedarf wahrlich des Putzens von neuem gar sehr, und Ehre dem Manne der Kirche, der groß genug seyn wird, zu diesem Amte sich berufen zu fühlen, und es ohne Rücksicht und Menschenfurcht auszuführen, wenn gleich viel Zeter über ihn geschrieen werden wird, denn daß er nichts anders erwarten darf, das lehrt ihm zu deutlich die Geschichte. Waren es nicht immer grade die Wenigen nur, die das Bessere und Wahre anerkannten, und die sie verfolgten die Menge? war es etwa die fanatische Heerde, die Sokrates den Giftbecher reichte, oder die, welche Christus kreuzigte, oder die, welche Huß verbrannte, auf deren Seite die Wahrheit stand? Nein, erst nach Jahrhunderten nahm diese Menge selbst der Geopferten Meinung an, und versteinerte sich von Neuem eben so orthodox, für dieselbe als früher dagegen. Das religieuse Bedürfniß ist gewiß eins der stärksten im Menschen, besonders wo noch Gesetze und Institutionen in der Kindheit sind. Wer es sich daher selbst nicht gestalten kann, muß [194] die Form von andern entnehmen. Wenige sind in dem ersten, die Mehrheit stets im andern Falle. Dies erklärt leicht, wie sich die Macht der Kirche und Priester bilden mußte, und daß auf diese Weise Menschen Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang am Gängelbande gleich Kindern geführt werden können. Aber wenn dies gelingen soll, muß das Wissen zugleich zu Gunsten des Glaubens unterdrückt werden. Wo die Forschung frei wird, da verschwindet endlich, wenn gleich langsam, ein Betrug nach dem andern, das Licht erleuchtet zuletzt auch den entferntesten Winkel. Ist ein solches Ziel aber einmal erreicht, so hört auch der Gewissenszwang auf, und ein Jeder verlangt unbeschränktes Feld für seinen Glauben, wie für sein Recht. Freilich absolute Sultane, fette Derwische, und stolze Satrapen fallen dann miteinander zu Boden, wie der todte Satz im edlen Wein! Wie jämmerlich nehmen sich aber, bei der Morgendämmerung einer so herannahenden Zeit, Diejenigen aus, welche die Sonne am Aufgang verhindern zu können glauben, indem sie ihr den Rücken kehren, und ihrem Glanze den veralteten, morschen und wurmstichigen Schirm vorhalten, der selbst dem Mondlichte nicht mehr widerstehen könnte. »Im Trüben zu fischen wird ihnen noch eine Weile dabei gelingen, aber aufhalten können sie das Gestirn des Tages nicht – im Gegentheil, ihre eben so leidenschaftliche als schwache Reaktion, ist der sicherste Vorbote seiner gewissen Annäherung.«

[195] In Vielem muß ich B... H... beistimmen, ob aber seine sanguinischen Hoffnungen sich sobald, oder überhaupt auf dieser Erde realisieren möchten, ist eine andere Frage. Daß jesuitische Grundsätze nicht mehr die Welt regieren werden, und daß Freiheit der Presse, wenn sie erhalten wird, unberechenbare Wunder thut und thun muß – das bin ich wohl überzeugt, aber Menschen werden dennoch Menschen bleiben, und folglich die Mächte der Gewalt und List immer, fürchte ich, allgemeiner herrschen, als die Kraft der Vernunft.

Mit Vater Lestrange besuche ich Vormittags die Gerichtshöfe, um den militairischen O'Connel in der gepuderten Allongenperücke, schwarzem Talar und Bäffchen plaidieren zu sehen, und ging nachher in die Association, um dort den großen Agitator wieder in einer ganz andern Gestalt zu beobachten. Die Sitzung war heute sehr stürmisch. Herr L...s sprach wie ein Verwirrter, und griff selbst O'Connel so stark an, daß dieser fast seine gewohnte Dignität darüber verlor. Er hielt dann zwar eine vortreffliche Gegenrede, haschte jedoch zu sehr nach Witz, der zuweilen auch nicht vom besten Geschmack war. Später sprachen zehne zugleich, der Sekretair rief zur Ordnung, hatte aber nicht Autorität genug, sich Gehorsam zu verschaffen. Kurzum, die Scene ward etwas unschicklich, bis zu letzt ein hübscher junger Mann, mit ungeheuerm Bart und in outrirter Kleidung (der Dandy der Association, wie L...s ihr Don Quixotte), [196] auf einen Tisch sprang, eine fulminante Rede hielt, die großen Applaus erlangte, und so die Ruhe wieder herstellte.

Bei Lady M... aß ich zu Mittag. Sie hatte mich durch ein Billett eingeladen, wie ich deren wohl ein Dutzend während meines Aufenthalts von ihr bekam, und die ich als charakteristisch anführen muß, da ich nie in meinem Leben von einer Dame kalligraphisch schlechter geschriebene und im Styl vernachläßigtere Billets gesehen habe. Offenbar zeigte sich hier die Absichtlichkeit der großen Schriftstellerin, die möglichste insonciance, den vollständigsten abandon im gewöhnlichen Leben zu bekunden, wie die großen Solotänzer in Paris, während dem pantomimischen Theil ihres Auftretens, affektiren, einwärts zu gehen, um den Tänzer von Profession nicht zu verrathen. Bei Tische machte Lady M... mit ihrem schon erwähnten Adjutanten C. Cl. die Hauptfrais alles obligaten Witzes, auch Herr Shiel zeigte sich aimable, und als Mann von Welt. Am amüsantesten aber fand ich Lady M... und ihre Schwester Abends im Sprüchwörterspiel, das beide vortrefflich in französischer Sprache extemporirten. So stellten sie unter andern, Love me, love my dog (Liebst Du mich, so liebst Du meinen Hund), folgendermassen dar. Personen: Lady M..., eine alte Coquette, Lady C. ein irländischer fortune hunter (Glücksjäger), ihre älteste Tochter die französische Kammerjungfer, und die jüngste Tochter ein Garde-Capitaine, Liebhaber [197] der alten Dame. Zuerst sieht man Lady M... mit ihrem Kammermädchen bei der Toilette. Vertraulicher Rath Josephinens, verschiedene lächerliche Toiletten-Geheimnisse betreffend; Jammer der Coquette über die ankommenden Runzeln; endlich Versicherungen der Abigail, daß, bei Abend, dennoch Niemand schöner sey. Als Beweis werden die verschiedenen Anbeter angeführt, und Liebesgeschichten alter Zeiten erzählt. La Comtesse convient de ses conquêtes, und macht mit vieler Laune ein Gemälde ihrer Triumphe. Shut! ruft die Kammerjungfer, j'entends le Capitaine. Dieser, einExclusive, erscheint mit fracas, einen kleinen Hund im Arme haltend, und erklärt nach einigen zärtlichen Complimenten, daß er, genöthigt sich zu seinem Regimente zu begeben, ihr Fidèle zurücklassen wolle, damit die schöne Gräfin nie vergesse, ihm fidêle zu bleiben. Burleske Betheurungen, Schluchzen, Umarmung, Abschied. Kaum ist der Capitaine fort, so erscheint der Irländer, und bringt sogleich einen Heirathskontrakt mit, in dem die Gräfin ihr ganzes Vermögen ihm verschreiben soll. Als guter Weiberkenner behandelt er sie rüde, und doch leidenschaftlich, so daß, nach schwacher Vertheidigung und einer kleinen Scene, beide endlich einig werden. Indem bemerkt der Irländer den fremden Hund, und frägt befremdet, wo dieser her sey? Man stottert verlegen einige Entschuldigungen her. O'Connor Mac Farlane spielt nun den in Wuth gerathenen Eifersüchtigen. Vergebens suchen die Weiber ihn zu beruhigen – er tobt, und besteht auf [198] augenblicklicher Entfernung des Eindringlings. Die Gräfin versucht in Ohnmacht zu fallen, aber Alles ist vergebens; selbst Josephine, die schon vorher, bei Gelegenheit des Ehekontrakts, eine volle Börse hinter dem Rücken ihrer Gebieterin erhielt, nimmt die Parthei des Bramarbas, und dieser, mit der einen Hand seine Dame zurückhaltend, ergreift endlich mit der andern den kleinen Unglücklichen, und wirft ihn zur Thüre hinaus. Aber, wo weh! in demselben Augenblicke kömmt der Capitaine noch einmal zurück, um das vergessene Halsband zu bringen, und Fidêle fliegt in seine Arme. Die erschrockenen Damen ergreifen die Flucht, die Männer messen sich mit den Augen,O'Connor Mac Farlane stößt schreckliche Drohungen aus, aber der Capitaine zieht den Degen, und Bramarbas springt zum Fenster hinaus. Dies Skelet ist mager; aber Lustigkeit, Laune und Witz machten es höchst unterhaltend. Die Unvollkommenheit der Costüme vermehrten das Pikante, denn die Damen z.B. waren nur bis zur Mitte Männer, der Rest blieb Dame, d.h. sie hatten bloß Rock und Weste über ihre Kleider gezogen, und einen Hut aufgesetzt: ihr Degen war eine Reitgerte, und Fidèle ein Muff.

Lady M... erzählte mir nachher viel interessante Details über die berühmte Miß Oneil, die ich, wie Du weißt, für das größte dramatische Talent halte, das ich je zu bewundern Gelegenheit gehabt. Sie sagte, daß diese, von Anfang an, mit dem erhabensten [199] Genie begabte Künstlerin, am hiesigen Theater, wo sie lange spielte, ganz vernachlässigt blieb, ja fast für nichts geachtet wurde! dabei war sie so arm, daß sie, wenn sie, nach angestrengtem Spiel, Abends zu Haus kam, dort nichts zur Erfrischung, als eine Schüssel Kartoffeln fand, und ein elendes Bett, das sie mit drei Geschwistern theilte. Lady M... besuchte sie einmal und fand das arme Mädchen ihre zwei paar alten Strümpfe stopfen, die sie täglich wusch, um darin reinlich auf dem Theater erscheinen zu können. Lady M... verschaffte ihr hierauf allerlei Kleidungsstücke, und nahm sich überhaupt ein wenig ihrer Toilette an, die bisher in allen Stücken, wo sie spielte, ganz vernachlässigt worden war. Seitdem erhielt sie etwas mehr, doch nur geringen Beifall. Um diese Zeit kam zufällig einer der Direktoren der Londoner Theater nach Dublin, sah sie, und engagirte sie, als ein besserer Kenner, sogleich für die Hauptstadt. Hier machte sie schon beim ersten Erscheinen furore, und ward im Augenblick, von einem ungekannten armen Schauspielermädchen, das, ganz England überstralende, erste Gestirn an seinem Theaterhimmel. Noch immer erinnere ich mich mit Entzücken ihrer Darstellungen in London. Nie habe ich seitdem die Rolle der Juliet, von einer andern Schauspielerin, selbst unsern besten, ertragen können. Alles schien mir nur Manier, Affektation, Unnatur. Man mußte sehen, wie in den wenigen Stunden sich das ganze Leben der Shakespear'schen Juliet – so naturwahr vor den Zuschauern abspann. Zuerst erblickte [200] man allein das harmlose, jugendlich fröhliche, unbefangene tändelnde Kind; dann, wie die Liebe erwachte, schien eine neue Sonne über sie aufzugehen, alle ihre Bewegungen wurden üppiger, ihre Miene strahlender, es war die, mit allem Feuer des Südens, sich ganz dem Geliebten hingebende Jungfrau. So erschloß sie sich in der lieblichsten, reichsten Blüthe – aber Sorge und Unglück reifte bald vor unsern Augen die edle Frucht. Imposante Würde, die höchste Zärtlichkeit für den Gemahl, der festeste Entschluß in der Noth, nahm jetzt die Stelle der glühenden Leidenschaft ein, des leichten, genußbegierigen Sinns – und wie ward die Verzweiflung dargestellt, am Ende – als Alles verloren! – Wie furchtbar, wie herzzerreißend, wie wahr, und dennoch immer schön, wußte sie hier bis zum letzten Moment zu steigern! Ihrer Sache gewiß, erlaubte sie sich zuweilen bis an die äußerste Grenze des Darstellungsfähigen zu streifen, was keine Andere hätte wagen dürfen, ohne in das Lächerliche zu fallen. Bei ihr wirkten jedoch grade diese Effekte, wie ein elektrischer Schlag. Ihr Wahnsinn und Sterben in Belvedeira unter andern 1 hatte eine so schaudervolle physische Wahrheit, daß der Anblick kaum zu ertragen war, und doch blieb es immer nur der Seelenschmerz, durch den körperlichen auf's Höchste veranschaulicht, der so mächtig, ja vernichtend auf den Zuschauer wirkte. Ich wenigstens [201] erinnere mich wohl, daß ich mich nach jenem Abend lange keinem sinnlichen Eindruck mehr überlassen konnte 2, und noch den andern Morgen, als ich erwachte, heiße Thränen über Belvedeira's Schicksal vergoß. Ich war allerdings damals sehr jung, aber Viele theilten mein Gefühl, und es war auffallend, daß Deutsche, wie Franzosen und Italiener, gleich enthusiastisch über sie urtheilten, da man sich doch sonst immer erst an das Nationelle etwas gewöhnen muß, um von einem Schauspieler sich ganz befriedigt zu fühlen. Sie hatte aber keine Spur von Manier, es war nur das ächte und edelste Menschenbild, das wieder zum innersten Menschen sprach. Man konnte sie eigentlich nicht schön nennen, obgleich sie eine edle Gestalt, herrliche Schultern und Arme und schönes Haar hatte. Ihr Gesicht besaß aber jenen undefinierbaren tragischen Ausdruck, der beim ersten Anblick die tiefsten Gefühle der Seele aufwühlt. Man glaubt in solchen Zügen die Spur aller Leidenschaften zu lesen, über welche dennoch überirdische Ruhe, wie eine Eisdecke über den Vulkan, gebreitet ist.

Gegen so viel Genie und Talent waren die Dubliner blind geblieben – als aber das Jahr darauf, die berühmte, gefeierte, vergötterte Miß Oneil von London zurückkam, um einige Gastrollen zu geben – [202] war auch sogleich der durch sie verbreitete Zauber so groß, daß nicht nur das ganze Publikum sich wie im Rausch und Taumel befand, sondern mehrere Damen ohnmächtig hinausgetragen werden mußten, und Eine, über den Anblick der Raserei Belvedeira's wirklich närrisch wurde, und im Tollhause starb 3. Wahrlich, bei solchen Erfahrungen wird Einem der Enthusiasmus der Menge fast ekelhaft!

Diese große Schauspielerin zeichnete sich auch immer durch einen höchst liebenswürdigen Charakter aus, und erhielt fortwährend allein ihre Familie, selbst zur Zeit ihrer größten Dürftigkeit. Auf einem kleinen Privattheater in der Provinz war sie zum erstenmal aufgetreten. Dieses sollte geschlossen und dabei noch eine feierliche Vorstellung, von den vorzüglichsten Dilettanten, gegeben werden, deren Ertrag für die Armen der Provinz bestimmt war. Man schrieb an Miß Oneil nach England, und bat sie, die hier zuerst ihre Kräfte versuchte, auch die letzte Darstellung durch ihre, jetzt von allen drei Königreichen bewunderte, Kunst zu verherrlichen; jede Bedingung, die sie mache, werde man eingehen. Miß Oneil erwiderte, daß sie sich ungemein von dem Antrage geschmeichelt und geehrt fühle, aber weit entfernt, eine Belohnung für sich anzunehmen, werde sie mit Freuden[203] eine Gelegenheit ergreifen, der Wiege ihres schwachen Talents den schuldigen Tribut zu bringen. Nur unter dieser Bedingung, und daß es ihr freistehen möge, auch ihren Beitrag für ihre armen Landsleute beifügen zu dürfen, würde sie am bestimmten Tage eintreffen. Augenzeugen haben mich versichert, daß sie nie eine vollendetere Darstellung gesehen, als die von Shakespeare's unsterblichem Meisterstück an diesem Tage. Nie wäre Miß Oneil besser unterstützt worden, und nie habe sie sich selbst mehr übertroffen. Eine eigne Schickung war es, daß sich an demselben Tage ein sehr reicher junger Baronet in sie verliebte, und sie ganz kurze Zeit darauf heirathete. Er beging einen großen Raub am Publikum, aber wer kann ihn deshalb verdammen! Miß Oneil hat jetzt mehrere Kinder, ist noch immer reizend, wie man behauptet, lebt glücklich auf dem Landgute ihres Mannes, hat aber nie mehr, weder eine öffentliche, noch eine Privatbühne betreten.

(Der Schluß dieses Briefes, welcher, wie aus dem Anfang des Folgenden scheint, die Schilderung einiger öffentlichen Feste und Vorfälle dabei enthielt, ist abhanden gekommen.)

Fußnoten

1 In: Venice preserved von Otway.

A.d.H.

2 So erkläre ich mir das Wunder der Speisung der 6000 Mann, besser wie Paulus (ich meine den Consistorialrath).

A.d.H.

3 Ohne Zweifel als Opfer der Nemesis, für den früheren Stumpfsinn der Uebrigen.

A.d.H.

43. Brief
[204] Drei und vierzigster Brief.

Dublin, den 7. Dezember 1828.


Liebe Julie!


Die Schilderungen der public dinners, und der albernen Perfidie des Sir Charles M... haben nun ein Ende, und ich führe Dich dafür zu einem Frühstück auf die Post, wo uns, nebst einer Menge eleganter Damen, der Chef, der es gab, ein sehr gebildeter und artiger Mann, Sir Edward Lee, vorher in den verschiedenen Bureaux herumführte, pour nous faire gagner de l'appetit. In einem derselben, das der »dead Letters« (todten Briefe) genannt, ereignete sich während unsers Daseyns ein sonderbarer Vorfall. Alle Briefe nämlich, auf denen die Adresse ganz unverständlich ist, oder wo die Personen, an die sie gerichtet sind, nicht ausgemittelt werden können, kommen in dieses Bureau, wo sie schon nach vierzehn Tagen aufgemacht, und wenn sie nichts Wichtiges enthalten, verbrannt werden. Mir scheint dies eine ziemlich barbarische Mode, da wohl ein [205] Herz davon zu Grunde gehen könnte, was einem Postoffizianten doch ohne Wichtigkeit schiene. Es ist aber einmal so, und wir fanden drei Leute fleißig mit der Operation beschäftigt. Mehrere von uns ergriffen neugierig einige dieser zum Opfer bestimmten Briefe, und durchblätterten sie, als der Beamte, neben dem ich stand, ein ziemlich starkes Schreiben in die Hand bekam, auf dem sich gar keine Adresse befand, sondern blos der Poststempel einer irländischen Provinzialstadt. Wie groß war aber seine und Aller Verwunderung, als er beim Aufmachen zwar keine Buchstaben, aber 2700 Pf. St. Banknoten in natura darin fand. Dies wenigstens schien Allen wichtig, und es wurde sogleich Ordre gegeben, nach jener Stadt zu schreiben, um die Sache aufzuklären.

Als ich abends meine Nachtigallen besuchen wollte, fand ich sie ausgeflogen, und nur den Herrn Vater zu Hause, mit dem ich mich daher, faute de mieux, wissenschaftlich unterhielt. Er zeigte mir mehrere interessante, neu erfundene Instrumente, unter Andern Eins, das sehr genau den Kraftgrad der Lunge angiebt, und daher zur Erkenntniß schwindsüchtiger Krankheiten unschätzbar seyn soll. Ein vornehmer hiesiger Beamter, erzählte Sir A..., war an unheilbarer Lungensucht im vorigen Jahr von allen Aerzten Dublins aufgegeben worden. Seiner nahen Auflösung selbst entgegensehend, war er im Begriffe, sein Amt aufzugeben, und nach Montpellier abzureisen, um wo möglich den unvermeidlichen Tod noch [206] einige Monate aufzuschieben. Sir A... wurde zuletzt auch noch consultirt, und kam auf den Gedanken, hier seine, eben von London angekommene, Maschine zu versuchen. Kaum traute er seinen Augen, als er bei diesem Experiment fand, daß des Kranken Lunge zwei Grade mehr Kraft zeige als seine eigne, die sich doch ungemein wohl befindet. Man erkannte nun eineLeberkrankheit, mit allen Symptomen des letzten Grades der Schwindsucht, und der Patient war in vier Monaten gänzlich geheilt, mit Beibehaltung seines reichlich besoldeten Amtes, das er aufzuopfern schon im Begriff gewesen war. Eine andere sehr compakte kleine Maschine diente zum Aderlassen und Scarifiziren, als Magenpumpe, Ohrsprütze und Kl... Spr... alles zu gleicher Zeit. Man muß gestehen, daß man das Compendiöse nicht weiter treiben kann! Die übrigen Marter-Instrumente will ich Dir nicht beschreiben, tant pis pour l'humanité, qu'il en faut tant! Anmuthiger erschien mir ein Barometer, durch die Figur einer Dame dargestellt, die, bei Annäherung des schlechten Wetters, ihren Parapluie ergreift, bei starkem Regen ihn aufspannt, und bei beständiger Schönheit der Witterung ihn als Spazierstock gebraucht. Eine Dame als stets wechselnden Wetterpropheten zu gebrauchen! Quelle insolence!


[207] Den 8ten.


Sir A..., der eine Stelle bei der Bank bekleidet, zeigte mir diese am heutigen Morgen. Das Lokal ist schön, und diente ehemals zum Versammlungsort der beiden Häuser des so sehr zurückgewünschten irländischen Parlaments. Am sehenswerthesten ist die Druckerei der Banknoten. Eine prächtige Dampfmaschine treibt das Ganze, und eine zweite kleinere daneben füllt auch die Kessel mit Wasser und die Oefen mit Kohlen, so daß hier für Menschen beinahe nichts zu thun übrig bleibt. Im ersten Zimmer wird die Druckerschwärze bereitet, in den nächsten Sälen erhalten die Banknoten, mit großer Schnelligkeit, ihre verschiedenen Ornamente und Zeichen. Nur ein Mann ist bei jeder Druckmaschine beschäftigt, und während er die leeren Papiere, Eins nach dem Andern, unter den Stempel bringt, markirt sich in einer verschlossenen Büchse daneben die Quantität der bedruckten Noten. Im nächsten Saale werden sie numerirt. Dies geschieht auf einem kleinen Kasten, und die Maschinerie in diesem Behältniß numerirt von selbst, wie durch unsichtbare Hände, von 1 – 100000. Der dabei beschäftigte Arbeiter hat nichts weiter zu thun, als die hervorkommenden Zahlen mit Druckerschwärze zu betupfen und die Noten in gehörige Ordnung zu legen. Das Uebrige verrichtet die Maschine allein.

Jede Note, die nach der Ausgabe wieder zur Bank zurückkehrt, wird sogleich zerrissen, und dann noch[208] sieben Jahre aufgehoben, ehe man sie verbrennt. Bei dieser letzten Operation bildet sich, aus dem Papier und der eigens componirten Druckerschwärze, ein Residuum von Indigo, Kupfer- und dem Papierstoff, welches wie Metall aussieht und glänzend alle Farben des Regenbogens spielt. Natürlich gehören viele Centner Noten zu einem Loth dieser Substanz, von der ich mir ein schönes Stück verschaffte.

Nachher stiegen wir noch auf die, eine Welt im Kleinen bildenden Zinkdächer des großen Gebäudes hinauf, wo wir Trepp auf Trepp ab, gleich dem diable boiteux, zwar in verschiedene andre Häuser hineingehen konnten, uns aber zuletzt selbst so verirrten, daß wir kaum ohne Ariadne's Faden wieder hinausgekommen wären. Ich gelangte deshalb zu spät auf einem großen Diné bei Sir E.L. an, eine Sache, die man in England indeß nicht so übel aufnimmt, als bei uns.


Den 9ten.


Lord Howth hatte mich zu einer Hirschjagd eingeladen, von der ich, so befriedigt als ermüdet, eben zurückgekommen bin. Meine Lectionen in Cashel kamen mir heute gut zu statten, denn Lord Howth ist einer der besten und determinirtesten Reiter in England. Man hatte mir ein sehr gutes Pferd [209] gegeben, und ohngeachtet ich zweimal stürzte, was Lord Howth auch einmal arrivirte, folgte ich ihm so gut auf dem Fuße, daß ich unsrer Cavallerie keine Schande gemacht zu haben glaube. Zuletzt waren von den fünfzig Rothröcken mehr als Zweidrittheil verloren gegangen. Bemerkenswerth erschien mir ein Offizier, der nur noch einen Arm hatte, und dennoch stets unter den ersten war, ohne daß sein vortreffliches Pferd auch nur einen Sprung versagt, oder mankirt hätte.

Von Zeit zu Zeit ist diese Jagd ein hübsches Vergnügen; wie man aber jedes Jahr sechs Monate hindurch, und wöchentlich dreimal, sich dieser, doch sehr geistarmen, Unterhaltung widmen, und sie immer mit gleicher Leidenschaft treiben kann, bleibt mir unbegreiflich. Was überdem die Hirschjagd in England für mich weit weniger angenehm macht, als anderswo, ist, daß die dazu gebrauchten Hirsche nur zahme sind, die man wie Rennpferde völlig dazu trainirt. In einen Kasten gesperrt, werden sie auf den Platz des Jagd-Rendezvous gebracht, und dort erst herausgelassen. Wenn sie einen gehörigen Vorsprung haben, geht die Jagd an, und ehe man sie endigt, werden die Hunde abgerufen, und das Thier wieder im Kasten aufbewahrt. Ist das nicht entsetzlich prosaisch, und kaum durch das Agrément aufgewogen, daß man sich den Hals über einen breiten Graben brechen, oder den Kopf an einer hohen Mauer einstoßen kann?


[210] Den 10ten.


Seit einigen Wochen besuche ich oft die gymnastische Akademie, eine Belustigung, die in Großbritannien und Irland sehr Mode geworden ist. Gewiß, für die Erziehung der Jugend sind diese Uebungen unschätzbar – es ist ein sehr potenzirtes Turnen, aberohne Politik. Wenn man bedenkt, welche Mittel jetzt für physische, wie geistige Erziehung zu Gebote stehen, wie selbst die Mißgestaltetsten, in Eisenschienen gespannt, zu Apollo's umgeschaffen, wie Nasen und Ohren creirt, und täglich in den Zeitungen Erziehungsanstalten angepriesen werden, wo man die gründlichsten Gelehrten in drei Jahren zu bilden verspricht 1, so möchte man gleich selbst wieder ein Kind werden, um auch seinen Theil davon zu bekommen. Es scheint, das Gesetz der Schwerkraft wirke im Moralischen wie im Physischen, und die Kultur (the march of intellect) vermehre sich jetzt in steigender Progression, wie die Schnelligkeit einer fallenden Kugel. Nur noch ein Paar politische Umwälzungen in Europa, gänzliche Vervollkommnung des Dampfwesens für Seele und Körper, und Gott weiß wo wir, selbst ohne die Direktion des Luftballons gefunden zu haben, noch hingelangen? Doch um auf [211] das Gymnasium zurückzukommen, so ist dessen Nützlichkeit wenigstens unbezweifelt. Es kräftigt die Natur so sehr, und verschafft dem Körper solche Gewandtheit, daß man dadurch seine Existenz wahrhaft verdoppelt, und verdreifacht. Selbst im wörtlichen Sinne genommen, ist das wahr, denn ich sah einen jungen Mann, dessen Brust, nach ununterbrochen fortgesetzter dreimonatlicher Uebung, sieben Zoll in ihrer Wölbung zugenommen hatte. Die Muskeln der Arme und Schenkel treten dabei wie hartes Eisen in dreifachem Volumen hervor. Aber auch ältere, ja sechzigjährige Leute, wenn sie gleich nicht dieselben Vortheile erlangen können, sind immer noch im Stande, sich durch mäßige Uebung im Gymnasio sehr bedeutend zu kräftigen. Ich fand täglich Mehrere von diesem Alter, die es sehr gut mit den Jüngern aufnahmen, welche erst kurze Zeit den Unterricht genossen hatten. Es gehört aber einige Ausdauer dazu, denn je älter man ist, je schmerzlicher und ermüdender ist der Anfang. Manche fühlen sich Monate lang davon wie gerädert, oder wie mit einem allgemeinen Rheumatismus behaftet. Ein Franzose dirigirt jetzt das Ganze, nachdem sein Vorgänger sich vor drei Jahren pro patria geopfert hatte. Dieser Mann, mit Namen Beaujeu, wollte zweien Damen (denn auch für weibliche Gymnasten dient die Anstalt) zeigen, wie leicht das Exercitium Nr. 7 sey. Die Stange brach, und er beim Herabfallen das Rückgrat. Schon nach wenigen Stunden starb er, und mit einer Begeisterung, die einer größeren Sache [212] würdig gewesen wäre, stieß er blos die klagenden Worte aus: »Voilà le coup de grâce pour la Gymnastique en Irlande!« Seine Befürchtung ist jedoch nicht in Erfüllung gegangen, denn Herren und Damen sind gymnastischer gesinnt als je.


Den 9ten.


Da ich diese Tage über unwohl war, und nicht ausgehen konnte, so bin ich nicht im Stande, Dir irgend etwas Interessanteres zu melden. Nimm daher mit einigen detachirten Gedanken vorlieb, wie sie die Einsamkeit gebiert, oder laß sie auch, wenn sie Dich langweilen, ungelesen.


Stuben-Philosophie.


Was ist Glück und Unglück? Da mir das erste nicht viel zu Theil ward, so habe ich mir die Frage oft aufgeworfen. Blind und zufällig ist es gewiß nicht, sondern nothwendig und folgerecht, wie alles Andere in der Welt, obgleich die Ursachen desselben nichtimmer von uns abhängen. In wie fern wir aber es wirklich selbst herbeiführen, wäre für Jeden eine sehr heilsame Untersuchung. Glückliche und unglückliche Gelegenheiten bieten sich im Laufe des Lebens wohl Jedem dar, und diese geschickt zu benutzen oder abzuwenden, ist, in der Regel, das, was dem Menschen überhaupt den Ruf eines Glücklichen oder [213] Unglücklichen verschafft, aber man kann doch nicht läugnen, daß bei manchen Menschen, durch das, was wir Zufall nennen, fortwährend die kräftigsten und klügsten Combinationen scheitern, ja es giebt sogar eine gewisse Ahnung, die uns im Voraus, entweder beim Verwickeltsten Zutrauen, oder auch beim anscheinbar leichtesten schon das dunkle Gefühl giebt, daß es dennoch nicht gelingen werde. Manchmal bin ich versucht, zu glauben, daß Glück und Unglück blos eine Art subjectiver Eigenschaften sind, die man mit auf die Welt bringt, wie Gesundheit, Körperstärke, besser organisirtes Gehirn u.s.w. und dessen überwiegender Kraft sich, wo es da ist, die Umstände magnetisch fügen müssen. Wie alle Eigenschaften, kann man auch diese ausbilden oder schlafen lassen, vermehren oder vermindern. Der Wille thut dabei viel – drum sagt man: wagen gewinnt, und Kühnheit gehört zum Glück. Man bemerkt zugleich, daß das Glück in der Regel, wie andere Sinne, mit den Jahren, d.h. mit der Kräftigkeit des Materiellen abnimmt. Es ist dies durchaus nicht immer die Folge von schwächeren oder ungeschickteren geistigen Maßregeln, sondern scheint wirklich das Ergebniß einer geheimnißvollen Fähigkeit an sich zu seyn, die, so lange sie jung und stark ist, das Glück bannt, später aber es nicht mehr zu halten im Stande ist. Beim großen Spiel macht man hierüber sehr gute Studien, und es ist dies zugleich die einzige poetische Seite dieser gefährlichen Leidenschaft, die oft sehr anziehen kann, da nichts ein so treues Bild des Lebens [214] giebt, als das hohe Hazard-Spiel, nichts sogar eine bessere Maßgabe für den Beobachter, um seinen eignen und den Charakter Anderer zu ergründen. Alle Regeln, die im Kampf des Lebens gelten, gelten auch in diesem, und die Einsicht, mit Charakter-Stärke verbunden, ist jedenfalls sicher, wenn nicht zu siegen, doch sich mit Erfolg zu vertheidigen. Ist sie aber mit der Glücksfähigkeit gepaart, so wird ein Spiel-Napoleon daraus, ein Eroberer am Pharao-Tische! Von den filous, qui corrigent la fortune, spreche ich nicht. Aber auch hier bleibt das Gleichniß treu, denn wie oft begegnest Du nicht in der Welt Solchen, die das Glück bannen durch Betrug – beiläufig gesagt, die unglücklichsten aller Spekulanten. Ihre Beschäftigung ist das wahre Wasserschöpfen mit einem Sieb, das Aufsammeln stets leerer Nüsse. Denn was ist Genuß ohne Sicherheit, und wie kann äußeres Glück helfen, wo das innere Gleichgewicht fehlt!


Es giebt Menschen, die, obgleich mit ausgezeichneten Geisteseigenschaften begabt, doch damit nicht in der Welt fortzukommen wissen, wenn sie nicht durch das Schicksal von Hause aus an ihren wahren Platz gestellt worden sind. Mit eignen Kräften wissen sie diesen nie zu erreichen, weil eine zu weibliche Phantasie, in die sich fortwährend fremde Formen eindrücken, sie verhindert, die Wirklichkeit zu sehen, wie [215] sie ist, und sie ewig nur unter schwankenden Bildern leben läßt. Mit Feuer und Geschick beginnen sie zwar ihre Pläne, aber noch schneller verfolgt dieselben ihre Phantasie auf dichterischem Roß, und führt sie ohne Verzug im Traumreiche so glänzend und genügend an das Ziel, daß sie die langsamen Mühseligkeiten des wirklichen Weges nachher nicht mehr überstehen mögen. So lassen sie denn ein Projekt nach dem andern freiwillig fallen, ehe es zur Reife gediehe. Wie Alles in der Welt hat jedoch auch dieser nachtheilige Zustand seine Kehrseite. Er verhindert zwar daran, sein Glück zu machen, wie man es zu nennen pflegt, giebt aber einen unermeßlichen Trost im Unglück, und eine Elastizität des Gemüths, die nichts ganz vernichten kann, denn das Reich Genußspendender Phantasie-Bilder bleibt zu jeder Zeit unerschöpflich. Eine ganze Stadt spanischer Schlösser steht Sterblichen dieser Art immer zu Gebot, und sie genießen mit der Hoffnung, im ewigen Wechsel, unzählige Wirklichkeiten im Voraus. Solche Leute können bei alle dem, für Andere, Besonnenere, mehr Praktische, oft als die größten Hülfsmittel dienen, wenn diese den Enthusiasmus jener zu erregen verstehen. Ihr Scharfsinn enthält dann durch eine positive, sie beherrschende Zuneigung, und daraus entstehendem Zwang, die Ausdauer, welche das eigne Interesse ihnen nicht geben kann, und ihr Eifer ist bleibender für Andere als für sich. Aus demselben Grunde wird, wenn eine höhere Macht sie gleich Anfangs auf des Berges Spitze gestellt, auch [216] Großes von ihnen selbst ausgehen können, denn in diesem Falle ist ihnen der mannigfaltigste großartige Stoff, und mit ihm der Enthusiasmus, dessen sie bedürfen, schon gegeben und fixirt. Es ist auch nichts völlig Neues, Schwankendes, Ungewisses erst zu gründen, das unter ihnen Liegende nur mit künstlerischem Scharfsinn auf's Höchste zu benutzen, zu verbessern, zu erheben, zu verschönern. – Hier wird dann ihr genialer Blick, von tausend ausführenden Köpfen und Händen unterstützt, und durch das innere poetische Auge gekräftigt, von der Höhe, ihrem eigentlichen Element, weiter tragen, als der gewöhnlicher Naturen. – Am Fuße und Rande des Berges aber hilft ihnen die Schärfe dieses Blickes nichts, weil ihr Horizont dort verdeckt ist, und hinauf, zum mühvollen Klimmen, tragen die indolenten Glieder sie nicht, noch können sie den gaukelnden Gestalten widerstehen, die sie unterwegs bald dahin, bald dorthin, von ihrem Pfade verlocken. Sie leben und sterben daher am Berge, ohne je seinen Gipfel zu erreichen, folglich ihrer eignen Kraft ganz inne geworden zu seyn. Bei einem Menschen dieser Art kann man das bekannte Wort umdrehen, und mit Recht sagen: Tel brille au premier rang, qui s'eclipse au second.


[217] So schön und herrlich die Worte Moral und Tugend lauten, praktisch heilsam für das irdische Wohl der menschlichen Gesellschaft wird doch nur die allgemeine klare Erkenntniß derselben als dasNützliche seyn. Wer wirklich einsieht, daß der Sündigende dem Wilden gleicht, welcher den ganzen Baum umhaut, um zu einer einzigen, oft sauren, Frucht zu gelangen, der Tugendhafte aber, wie der verständige Gärtner handelt, der, die Reife abwartend, die süßen Früchte alle pflückt, mit dem frohen Bewußtseyn, daß er deshalb den Baum an keiner folgenden Erndte verhindert habe – dessen Tugend wird wahrscheinlich die sicherste bleiben. Je erleuchteter also die Menschen im Allgemeinen über das sind, was ihnen frommt, desto frommer, d.h. besser und milder müssen auch ihre Sitten, unter und gegeneinander selbst, werden. Dann wird auch bald die Wechselwirkung im wohlthätigen Zirkel gehen – nämlich aufgeklärtere Individuen eine bessere Verfassung und Regierung gründen, und diese wiederum die Aufklärung der Einzelnen vermehren. Kame es nun endlich dahin, daß eine solche vernunftgemäße höhere Erziehung uns von den Chimären unklarer Zeiten gänzlich befreite, Religionszwang unter die Absurditäten verwiese, Liebe und Tugend aber, als eine zur glücklichen Existenz der menschlichen Gesellschaft innern und äußern Nothwendigkeit, klar erkennen ließe, zu gleich aber durch weise und feste politische Institutionen, aus dieser Ueberzeugung entsproßen, auch zur fortwährenden Beibehaltung derselben [218] durch heilsame Gewohnheit, gewissermaßen zwänge – so wäre das Paradies gefunden.

Die bloßen Strafgesetze für hier und dort, ohne diese innere Ueberzeugung, alle weltliche Politik, im Sinne geschickter Gauner; alle Propheten, göttlich-menschliche Extra-Offenbarungen, Himmel, Hölle und Priester werden es aber schwerlich so weit bringen, – ja so lange diese in den Speichen hängen, möchte das Rad der Aufklärung sich nur gar schwierig und langsam umdrehen. 2 Daher arbeiten auch so Viele mit allen Kräften einem solchen Resultat entgegen, ja selbst Protestanten protestiren rückwärts, und Manche möchten sogar eine neue Continental-Sperre etablieren, gegen fremde Lichtstrahlen.

Uebrigens kann man Niemand verdenken, »qu'il prêche pour sa paroisse.« Von einem englischen Erzbischof mit 50000 Lst. Revenuen z.B. zu verlangen, daß er aufgeklärt seyn solle, wäre eben so abgeschmackt, als vom Schach von Persien zu erwarten, daß er sich aus eigner Neigung zum konstitutionellen Monarchen umschaffe. Wenige Individuen werden freiwillig verschmähen, eine reiche und prachtvolle Slinecure zu genießen, bei der nichts weiter [219] von ihnen verlangt wird, als den Leuten ein wenig Staub in die Augen zu streuen, oder ein Despot seyn zu dürfen, der blos nach seiner Laune Millionen dirigirt. Die Sache der menschlichen Gesellschaft ist es aber, es wo möglich so einzurichten, daß wir Alle, auch mit dem besten Willen dazu, eine solche Sinecure weder erlangen, noch solche Despoten werden können.


Sonst, als Kind, geschah es mir oft, daß ich keine Ruhe über das Schicksal Hannibal's finden konnte, oder in Verzweiflung über die Schlacht von Pultava war; heute jammerte ich über Columbus! Wir sind dem geistreichen Amerikaner Washington Irving viel Dank für diese Geschichte schuldig. Es ist ein schöner Tribut, dem großen Seefahrer aus dem Lande dargebracht, das er der civilisirten Welt geschenkt, und das bestimmt scheint, die letzte Station zu seyn, die der Cyklus menschlicher Perfektibilität durchläuft.

Welch ein Mann, dieser erhabne Dulder! der zu groß für seine Zeit, ihr vierzig Jahre lang nur als ein Narr erschien, und den Rest seines Lebens ihrer Feindschaft preis gegeben war, der er auch zuletzt in Noth und Kummer unterliegen mußte! Aber so ist die Welt, und es wäre darüber selbst närrisch zu werden, wenn man sich nur beim Einzelnen aufhielte, und uns Nachdenken nicht bald belehrte: daß [220] für die weise Natur, das Individuum nichts, die Spezies Alles ist. Wir leben für und durch die Menschheit und in ihrem großen Ganzen compensirt sich auch Alles. Dies kann jeden Vernünftigen vollkommen beruhigen, denn jede Saat geht auf, wenn gleich nicht immer für dieselbe Hand, die sie in die Erde legte, doch schlimme wie gute, der Menschheit geht keine verloren. Und was ist der Zweck von Allem? Leben – ewig alt und ewig neu, an dem auch wir immer fort Theil haben. Darum behaupte ich: was ist, kann nur vollkommen und nothwendig seyn, sonst wäre es nicht. Was geschieht, muß geschehen, nicht weil es Willkühr so vorher bestimmt, wie die Fatalisten annehmen, sondern weil die Kette der Folgen nothwendig aus der Kette der Ursachen entspringen muß. Relativ, und in den einzelnen Verhältnissen des Weltall-Lebens entschwindet jedoch diese eiserne Nothwendigkeit dem Auge, und giebt tausend ungewissen Beziehungen Raum, ohne die das ganze Lebensspiel ja gleich zusammenfiele. Es hat dies die größte Aehnlichkeit mit den Werken der Kunst, oder ist vielmehr ihr Vorbild. Lear auf dem Theater, jeder Held, den der wahre Dichter uns vorführt, ergreift uns tief, und vielleicht mehr als er es in der Wirklichkeit thun würde, und doch wissen wir, alles was wir sehen und hören, sey Täuschung. Der Ausdruck: das Theater der Welt, hat einen tiefern Sinn, als man sich gewöhnlich dabei denkt, und Alles was lebt, spielt in Wahrheit: eine göttliche Komödie!

[221] Daß eine gewisse, nöthige Täuschung unser wirkliches Element sey, wenigstens die Bedingung unsres irdischen Lebens, zeigt sich in Allem. Wir sehnen uns nach der Vergangenheit, schwelgen in Bilder der Zukunft und kennen keine Gegenwart. Das einzig Wahre – der Geist – bildet freilich den unsichtbaren Kern, und an ihm bildet sich die bunte Scheinfrucht des Lebens aus. So bleibt es bei Goethe's tiefem Wort »Wahrheit und Dichtung« – Geist und Erscheinung.


Was mich oft und bitter verdrießen kann, ist, die Leute über das elende Leben hier klagen, und die Welt ein Jammerthal nennen zu hören. Dies ist nicht nur die himmelschreiendste Undankbarkeit (menschlich gesprochen) sondern auch die wahre Sünde gegen den heiligen Geist. Ist nicht offenbar Genuß und Wohlseyn durch die ganze Welt der positive Normal-Zustand, Leiden, Böses, Verkrüppeltes nur die negative Schattenseite? Ist nicht das Leben ein ewiges Fest für das gesunde Auge, im Anschauen dessen und seiner Herrlichkeit, man anbetend selig werden kann! Und wäre es nur der tägliche Anblick der Sonne und der mächtigen Sterne Glanz, der Bäume Grünen und Blüthen, und der tausend Blumen Schmelz, der Vögel Jubelgesang und aller Geschöpfe üppige Fülle und reiche Sinnenlust – es wäre schon viel, um sich des Lebens zu freuen – aber welches mehr wunderbare[222] Reich entfaltet in unerschöpflichen Schätzen unser eignes Gemüth, welche Fundgruben öffnet Liebe, Kunst, Wissenschaft, die Beobachtung und die Geschichte unsres eignen Geschlechts, und in der tiefsten Tiefe, das fromme, ahnende Anschauen Gottes und seines Weltalls! Wahrlich, wir wären nicht so undankbar, wenn wir weniger glücklich wären, und Leiden bedürfen wir oft nur zu sehr, um dies recht gewahr zu werden. Man könnte die Disposition dazu unsern sechsten Sinn nennen, durch den wir das Glück erkennen. Wer davon recht überzeugt ist, der wird zwar immer noch zuweilen klagen, gleich andern unbesonnenen Kindern, schneller aber zur Besinnung kommen, denn das innige Gefühl des Glückes: zu leben, ruht wie ein rosiger Grund in seinem Innern, von dem auch die schwärzesten Figuren, welche das Schicksal darauf erscheinen läßt, wie die Adern vom Blute, sanft durchschimmert werden.


Paradoxen meines Freundes B.H.


»Ja gewiß, der Geist waltet in uns, und wir in ihm, und ist ewig, und derselbe, der durch alle Welten waltet – aber das, was wir unsre menschliche Seele nennen, das schaffen wir hier uns selbst. Das scheinbare Doppelwesen in uns, wovon das Eine dem Sinnen-Impuls folgen will, das Andere [223] darüber reflectirt und jenes zurück hält, entsteht schon ganz natürlich aus der, so zu sagen, doppelten Natur und Bestimmung des Menschen, nämlich, indem er zugleich als Individuum, und auch als ein integrirender Theil der Gesellschaft leben soll und muß. Zur letztern Existenz war die Gabe der Sprache nöthig, oder sie konnte gar nicht ins Leben treten, nicht werden. Der einzelne Mensch, isolirt hingestellt, ist durchaus, und bleibt, nichts als das mit dem besten Intellekt begabte Thier; er hat nicht mehr Seele als dieses. Der Versuch kann noch täglich wiederholt werden. So wie dieser Mensch aber gemeinschaftlich mit andern zu leben anfängt, und durch Sprache ein Austausch von Wahrnehmungen möglich wird, erkennt er bald, daß der Einzelne sich zu seinem eignen Besten dem Ganzen, der Gesellschaft, zu der er mitgehört, unterordnen, für deren Bestehen Opfer bringen muß, und hier erst, könnte man sagen, entsteht die Essenz der Seele, das Moralprinzip. Das Gefühl seiner Schwäche und Unwissenheit gebiert zugleich die Religion, das Gefühl Andrer zu bedürfen, die Liebe. Eigennutz und Humanität treten nun in jenen fortwährenden Antagonismus, den man, ich weiß nicht warum, das unerforschliche Räthsel des Lebens nennt, da mir der ausgesprochenen Ansicht gemäß, nichts folgerechter und natürlicher erscheint. Die Aufgabe für den Menschen wird demnach nur seyn, zwischen beiden Polen das gehörige Gleichgewicht herzustellen. Je vollständiger dies erreicht wird, je wohler befindet [224] sich fortan der Mensch, die Familie, der Staat. Das Extrem, auf einer oder der andern Seite, ist nachtheilig. Das Individuum, welches sich egoistisch allein gelten lassen will, unterliegt der Gewalt der Mehrheit – die romanhafte Schwärmerei, welche selbst verhungert um Andere zu ernähren, wird zwar von den Menschen, die jedes ihnen gebrachte Opfer billig bewundern, zuweilen aber auch nur belachen, edel oder närrisch genannt werden, demohngeachtet aber nicht allgemein zu bestehen im Stande seyn, und daher auch nie eine Norm der Nachahmung, eine Pflicht werden können. Märtyrer, die sich für die heilige Zahl drei braten, oder zur Ehre Brama's, die Nägel der einen Hand durch die andere wachsen lassen, gehören zu derselben Klasse, wiewohl zu der niedrigsten Stufe derselben, und erhalten ebenfalls, nach der Beschaffenheit der jedesmaligen Ansicht, die verschiedenen Namen von Heiligen oder Wahnsinnigen, bleiben aber, in jedem Fall, nur Abnormitäten. Nicht daß ich damit in Abrede stellen wollte, daß eine vernunftgemäße Verläugnung und das Opfer seiner selbst zum Besten Anderer, etwas Schönes und Erhabnes seyn könne. Keineswegs, es ist dann allerdings ein schönes, d.h. ein der Menschheit wohlthätiges, Beispiel vom Siege des gesellschaftlichen Prinzips über das individuelle, welches eben so gut vorkommen muß, als sein nur allzuhäufiger Gegensatz in denen, die nur sich im Auge behalten wollen, und so endlich schonungs- und mitleidslose Verbrecher werden, die der Gesellschaft[225] einen ewigen Krieg erklären. Da wir indessen, von Hause aus, uns selbst immer ein wenig näher stehen als der Gesellschaft (weil zu unserm Bestehen das Naturgesetz der Selbsterhaltung das stärkste seyn muß), so sind Egoisten häufiger als Humane, mehr Sünder wie Tugendhafte. Die Ersteren sind die wahrhaft Rohen, die zweiten nur, die Gebildeten (beiläufig eine Lehre für alle Regierungen, die im Dunkeln herrschen wollen). Da aber auch bei dem Gebildetesten immer noch eine rohe Unterlage bleiben muß, gleich wie der bestpolirteste Marmor, wenn er unter der Politur abgebrochen wird, wieder grobes Korn zeigt, so kann auch die Humanität selbst nicht verläugnen, daß sie aus Egoismus hervorgewachsen, ja eigentlich nichts ist, als ein auf die ganze Menschheit ausgedehnter Egoismus. Wo sich dieser Letztere daher, selbst einseitig, d.h. in Bezug auf den Nutzen des Individuums allein, auf eine sehr großartige Weise ausbildet, erzwingen solche Sterbliche, große Männer und Eroberer genannt, die Bewunderung selbst derjenigen, die ihr Verfahren mißbilligen; ja die Erfahrung lehrt uns, daß sie, deren Nichtachtung des Wohles Anderer eine ungeheure Zahl von irdischen Leuten ihren Mitbrüdern aufbürdete, dennoch, weil sie dabei eine sehr große und überwiegende, vom Glück begünstigte, herrschende Kraft an den Tag legten, stets hoch von der durch sie leidenden Menschheit verehrt wurden. Hier zeigt sich also wieder, was ich früher sagte, daß Nothwendigkeit und Furcht die ersten Keime in [226] der menschlichen Gesellschaft sind, daher auch die mächtigsten Hebel in allen Verhältnissen bleiben, und Kraft zuletzt immer am allermeisten imponirt. Alexander und Cäsar erscheinen größer in der Geschichte als Hor. Cocles und Regulus, wenn auch die Geschichten des Letzteren keine Fabeln wären. Uneigennützigkeit, Freundschaft, Nächstenliebe, Großmuth, entwickeln sich in der Regel erst später, und als seltnere Blumen mit feinerem, und schon raffinirterem Duft, eben so wie für die Spekulation sich zuletzt die höchste Kraft nur im Ideal des Guten zeigt, und Aufopferung zuletzt für das Individuum selbst, höchster Genuß wird. Ein anderer, wie mir däucht, schlagender Beweis, daß, was wir Moral nennen, nur aus dem Gesellschaftsleben hervorgehe, ist meines Erachtens, daß wir noch heute kein solches Prinzip, in Bezug auf andere Geschöpfe anzuerkennen scheinen. Wir würden, wenn wir könnten, zum Behuf unsrer Wissenschaft, uns unbedenklich einen Stern zur Inspection herunterlangen, und mit einem Engel in unsrer Gewalt nicht viel Umstände machen, sobald wir ihn nicht mehr zu fürchten hätten. Daß wir mit den Thieren (zum Theil auch noch mit den Negern) ganz als Egoisten umgehen, und schon ein hoher Grad von Cultur dazu gehört, um sie nur nicht unnütz zu quälen, oder leiden zu lassen, liegt am Tage. Ja was noch mehr ist, Menschen unter sich selbst, heben sofort das positive Moralprinzip auf, sobald eine, von ihnen für competent angesehene Macht, das Gesellschaftsverhältniß [227] partiell aufhebt. So wie der Krieg erklärt ist, mordet der tugendhafteste Soldat seinen Mitbruder ex officio, wäre es auch nur im gezwungenen Dienst eines Despoten, den er im Herzen für einen Abschaum der Menschheit ansieht. Oder – der Pabst entbindet, Kraft der Religion der Liebe, von allen Gefühlen der Treue, des Rechts, und der Menschlichkeit. Sofort brennt, sengt, mordet, lügt der Fromme con amore, und stirbt zufrieden undselig, mitten in der Erfüllung seiner Pflicht, und zu Gottes Ehre!

Das Thier, welches nur für sich zu leben bestimmt ist, kennt keine Tugend, und hat daher keine Seele, sagt man mit Recht, dennoch bemerkt man im Hausthiere, ohngeachtet des schwachen Grades seines Denkvermögens, in Folge seiner Erziehung und der Art von Geselligkeit, in der es mit dem Menschen lebt, auch schon eine sehr sichtliche Spur von Moralität, und wie nach und nach ein deutliches Gefühl für Recht und Unrecht bei ihmentsteht. Man sieht es uneigennützige Liebe fühlen, ja sogar Opfer, ohne das Motiv der Furcht, bringen. Kurzum, es fängt an ganz denselben Weg, wie der Mensch, zu gehen, seine Seele beginnt zu tagen, und hätten die Thiere die Facultät der Sprache, so wäre es wohl möglich, daß sie eben so weit wie wir kämen. Da sie uns aber an physischen Kräften überlegen sind, so würde wahrscheinlich der erste Gebrauch, den sie von ihrer neu erlangten Seele machten – unsre Vernichtung seyn.

[228] Das Beste für uns wäre, dahin zu kommen, uns zu sehen wie wir sind, und warum wir so sind – ohne Hypothesen und Ueberschwenglichkeiten – dies ist das einzige Mittel zu wahrer und dauernder Aufklärung, und folglich zum wahren Glück. Hat die deutsche Philosophie nicht einen etwas zu poetischen Weg gewählt, und gleicht sie nicht, statt einem wohlthätig erleuchtenden und erwärmenden Feuer, mehr einer Girandole, die prachtvoll in tausend Glühfunken bis zum Himmel emporsteigt, sich den Sternen zu assimiliren scheint, bald aber unter ihnen in Nichts verschwindet. Wieviel excentrische Systeme dieser Art haben, seit Kant bis Hegel, einen Augenblick dortge glänzt, und sind dann entweder schnell verstorben, oder leben in Stücke geschnitten, wie der Regenwurm, einzeln fortwuchernd weiter. Es ist sehr problematisch, ob sie der Gesellschaft so viel praktischen Nutzen gewährt haben, als die jetzt so sehr geringgeschätzten französischen Philosophen, die sich an's Nächste hielten, und mit ihrem scharfen Operationsmesser für's Erste der positiv existirenden Boa des kirchlichen Aberglaubens den Hauptnerv so ausschnitten, daß sie seitdem nur noch entkräftet umher schleichen kann. Ja, auch der Philosoph soll durch seine Lehren in's Leben eingreifen (der Größte von allen Weisen war eben so praktisch als allgemein verständlich) und Männer, welche auf diese Weise aufklären, stehen gewiß in der Geschichte höher, als die wunderbarsten der erwähnten Feuerwerker.

[229] Der wirkliche und einzige Gegenstand der Philosophie ist ohne Zweifel Erforschung der Wahrheit, NB. solcher Wahrheit, die zu erforschen ist, denn dieses Bestreben kann nur Früchte bringen. Etwas Unerforschliches suchen, heißt leeres Stroh dreschen. Der richtigste Weg, auf welchem man aber zu der auffindbaren Wahrheit gelangen mag, wird, meines Erachtens, heute noch wie zur Zeit des Aristoteles, nur der der Erfahrung und Wissenschaft bleiben. Später kann man wohl dahin gelangen, mit Recht sagen zu dürfen: Weil das Gesetz so ist, muß die Erfahrung meine Folgerung bestätigen, aber nur auf dem Wege früherer Erfahrung hatte man doch erst dieses Gesetz gefunden. Lalande konnte daher sehr wohl a priori behaupten, daß es sich mit den Verhältnissen gewisser Sterne so und nicht anders verhalten müsse, obgleich dem Ansehen nach richtige Beobachtungen das Gegentheil zu beweisen schienen, weil er die unwandelbare Regel schon wußte, aber ohne Newton's fallenden Apfel u.s.w., d.h. ohne die frühere und fortgesetzte Beobachtung einzelner Erscheinungen der Natur, und hierdurch gefundene Wahrheiten, wären die Geheimnisse des Himmels uns noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Soll nun die Philosophie die Wahrheit erforschen, so muß sie es gewiß vor Allen in Bezug auf den Menschen versuchen. Geschichte der Menschheit im weitesten Sinne, und was daraus zum Behuf der Gegenwart und Zukunft abzuleiten ist, wird also [230] immer ihr Hauptvorwurf seyn. Nur in dieser Richtung mag es uns dann fort und fort glücken, aus dem was geschah und ist, zu der Erkenntniß der Ursachen zu kommen, warum die Dinge sich so und nicht anders gestalteten, und von Factum zu Factum zurückgehend, den Grund-Gesetzen uns zu nähern, hieraus aber auch die Norm für die Folge aufzufinden. Muß nun auch die erste Ursache alles Seyns unerforschlich bleiben, so wäre es ja wohl hinlänglich, wenn wir nur klar und deutlich ergründeten, was die Kräfte unsres Wesens ursprünglich waren, was sie schon geworden, und welcher Richtung sie beim fernern Werden nachzustreben haben. Hier wird sich nun vor allem der Gedanke aufdringen, daß nur im Element der Freiheit, bei'm ungehinderten Austausch der Ideen weitere Ausbildung gedeihen kann. Zu diesem Behuf war ohne Zweifel die glücklichste Erfindung, von und für uns, die der Buchdruckerkunst, lebendig geboren, weil die schon hinlänglich gereifte Stimmung der Menschheit sich sogleich des unermeßlichen Hülfsmittels zu den größten Zwecken bedienen konnte. Sie allein hat es seitdem möglich gemacht, jene ungeheure Macht in's Leben zu rufen, der auf die Länge nichts mehr wird widerstehen können: die allgemeine Meinung. Unter dieser verstehe ich nicht: den Wahn Vieler, sondern die Meinung der Besten, die sich, indem sie ein Organ gefunden, zu Allen zu dringen, am Ende Bahn brechen muß, um jeden Wahn zu zerstören. Ohne die Buchdruckerkunst gab es keinen Luther – [231] und hat denn wirklich das Christenthum bis zu dieser Epoche sich Bahn brechen können, hatte es zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, zur Zeit der englischen Maria, die schwangere Weiber verbrennen ließ, welche in den Flammen niederkamen, zur Zeit der Inquisition, horribile dictu! schon die Sitten gemildert, die Menschen barmherziger, sittlicher, liebender gemacht? Ich sehe wenig Spuren davon. Freiheit der Presse war der große Schritt, der uns dem Zwecke allgemeiner Aufklärung in neuern Zeiten unendlich näher gebracht, und den Begebenheiten einen solchen Schwung gegeben hat, daß wir in einem Jahrzehend jetzt mehr erleben, als unsre Vorfahren in einem Jahrhundert. Nur die Masse der Einsicht, die hierdurch endlich herbeigeführt werden muß, kann der Menschheit wahrhaft nützen. Zu jeder Zeit hat es große, vielleicht unübertreffbare, einzelne Menschen gegeben, und obgleich ihre Wirkung auf das Ganze nicht verloren war, konnten sie doch gewöhnlich nur, gleich einem Meteor, eine momentane und partielle Helle verbreiten, die im Laufe der Zeiten schnell wieder verblich. Man nehme nur gleich das höchste Beispiel, Christus, der noch obendrein unter den möglichst günstigsten Umständen erschien, wie unser Gibbon so klar gezeigt hat. Wie viel Millionen nannten und nennen sich nun nach ihm, und wieviel davon sind wahre Christen? Er der freisinnigste und liberalste der Menschen, mußte dem Despotismus, der Verfolgung, der Lüge nun bald Jahrtausende [232] zum Schilde dienen, und einem neuen Heidenthume seinen hohen Namen leihen!

Also nur die Masse der Erkenntniß sage ich, die Intelligenz, welche eine ganze Nation durchdrungen hat, ist im Stande, bleibende, solid und gesund erwachsene Institutionen zu begründen, durch die die Gesammtheit wie der Einzelne besser und glücklicher werden soll. Dahin aber eben strebt jetzt die Welt. Politik in höchster Bedeutung ist die Religion unsrer Tage. Für sie blüht der Enthusiasmus der Menschheit, und soll es neue Kreuzzüge geben, für sie allein werden sie statt finden. Die Vorstellung konstitutioneller Kammern elektrisirt heut zu Tage mehr als die einer regierenden Kirche, und selbst der Ruhm des Kriegers fängt an, vor dem des großen Staatsbürgers zu erbleichen.«

Prüfet Alles, und nur das Beste behaltet!

Aber nun trêve de bavardage. In den Bergen hätte ich Dich nicht mit so viel davon ennuyirt, in den düstern Stadtmauern geht es mir wie Faust in seiner Studierstube. Indessen ein Bischen Feuerluft ist schon fertig. Ich breite den Mantel aus, und von Morgen an, soll wieder frischerer Wind meine Segel schwellen. Doch überall, im Kerker wie unter dem blauen Himmel, bin und bleibe ich ewig


Dein treuer herzergebener L....


P.S, Dies ist mein letzter Brief aus Dublin. Ich habe meinen Wagen einpacken, und nach S.... [233] schicken lassen, meine Engländer verabschiedet, und werde mit einem ehrlichen irländischen Bedienten, unter dem bekannten nom de guerre, jetzt »romantisch« über Bath nach Paris gehen, ohne mich zu übereilen, noch länger als nöthig aufzuhalten. Der Abschied von Freunden und Freundinnen – immer der schwerste – ist schon genommen, und nichts hält mich mehr zurück.

Fußnoten

1 Bildet doch das preußische Landwehr-System auch vollkommene Soldaten zu Roß und zu Fuß in zwei Jahren.

A.d.H.

2 Es ist der Bemerkung werth, daß zu der Zeit, als ewige Höllenstrafen am aufrichtigsten geglaubt wurden, es mit der Moralität am schlechtesten stand, und die Zahl grober Verbrecher gegen jetzt tausendfältig war.

A.d.H.

44. Brief
[234] Vier und vierzigster Brief.

Holyhead, den 15ten December 1828.


Theure und Treue!


Du nanntest mich manchmal kindlich, und kein Lobspruch gilt mir höher. Ja, dem Himmel sey Dank, liebe Julie, Kinder werden wir Beide bleiben, so lange wir athmen, und wenn auch schon hundert Runzeln uns bedeckten. Kinder aber spielen gern, sind zuweilen ein wenig inconsequent und haschen dabei immer nach Freude. C'est là l'essentiel. So mußt Du mich beurtheilen, und nie viel mehr von mir erwarten. Wirf mir also auch nicht vor, daß ich ohne Zweck umherirre – du lieber Himmel! hat doch Parry mit seinem Zweck dreimal vergebens nach dem Nordpool segeln müssen, ohne seinen Zweck zu erreichen, hat doch Napoleon zwanzig Jahre lang Siege auf Siege gehäuft, um zuletzt in St. Helena zu verkümmern, weil er seinen Zweck früher zu gut erreicht hatte! Und was ist überhaupt der Zweck der Menschen? Keiner kann's eigentlich recht genau abgegränzt [235] angeben. Der ostensible ist immer nur ein Theil davon, oft nur das Mittel zum Zweck, und der wahre selbst ändert und motivirt sich gar vielfach im Verfolg desselben. So ging es auch mir. Man hat aber auch Nebenzwecke, und oft werden diese, weil sie besser munden, die Hauptsache. So ging es abermals mir. Au bout du compte bin ich zufrieden, und was kann man mehr erreichen!

Neptun muß mich besonders lieb haben, denn er hält mich jedesmal, wenn er mich in seine Gewalt bekömmt, so lange darin zurück als er kann. Der Wind war uns wieder grade entgegen, und blies mit der erbittertsten Heftigkeit. Auf dem Wasser und auf den hohen Bergen wirkt meine Glücksfähigkeit sehr schwach, denn fast noch nie hatte ich günstigen Wind auf dem Meer, und gar selten einen klaren Himmel, wenn ich ihm so viel tausend Fuß näher kam.

Gestern Abends um eilf Uhr verließ ich Dublin in einer Postchaise, bei einer schönen hellen Mondnacht; die Luft war lau und milde wie im Sommer. Ich rekapitulirte ein wenig die vergangenen zwei Jahre, und ließ alles von Neuem die Revüe passiren. Das Resultat mißfiel mir nicht. Ich habe zwar hie und da geirrt, aber finde mich im Ganzen fester und klarer geworden. Im Einzelnen habe ich auch Einiges gewonnen und gelernt, meine physische Maschine dabei nicht verschlechtert, und endlich im Lebensatlas eine Menge interessanter Erinnerungsbilder niedergelegt. Frischen Muth und Lebenslust aber fühle ich zehnfach [236] gekräftigt gegen den schwächlichen Seelenzustand gehalten, in dem ich Dich verließ, und da dies mehr werth ist, als äußere Dinge, so sah ich, nach vollendetem Selbstverhör, der unbekannten Zukunft heiter entgegen und ergötzte mich sogleich behaglich an der Gegenwart. Diese bestand vor der Hand in dem vollsten Jagen des halbbetrunkenen Postillons; denn einem hohen Meerdamme entlang, im blassen Mondenlicht, gings »hop, hop, hop, dahin im sausenden Gallop«, bis wir einen sehr eleganten Gasthof in Howth erreichten, wo ich die Nacht schlief. Ein schöner, ungeheurer New Foundland Hund leistete mir Abends beim Theetrinken Gesellschaft, und frühstückte am andern Morgen desgleichen mit mir. Ganz weiß, mit einer schwarzen Schnauze, sah das colossale Thier einem Eisbär ganz ähnlich, der (wie im Bär und Bassa) aus Distraktion den schwarzen Kopf eines Landbären aufgesetzt hat. Ich wollte ihn kaufen, er war aber dem Wirth durchaus nicht feil.

In der Nacht hatte ich einen sonderbaren Traum. Ich fand mich in politische Affairen verwickelt, in Folge deren man meiner Person nachstellte, und mein Leben auf alle Weise bedrohte. Zuerst entging ich auf einer großen Jagd mit genauer Noth dem Tode, indem vier bis fünf verkleidete Jäger mich mitten im dichtesten Walde anfielen und ihre Büchsen auf mich abfeuerten, ohne mich jedoch treffen zu können. Nachher versuchte man mich zu vergiften, und schon hatte ich das grüne Pulver, welches mir als [237] Medizin gegeben worden war, verschluckt, als der Herzog von Wellington hereintrat, um mir ganz kaltblütig zu sagen: Es sey nichts von Bedeutung, er habe eben dasselbe bekommen, hier sey das Gegengift. Nach diesem Genuß begann die gewöhnliche Operation der Gegengifte, (wahrscheinlich schon die Anticipation im Traume des morgenden Zustandes auf der See –) in Kurzem ward mir jedoch wohler als je. Alles ging überdem in meinen Geschäften nach Wunsch, ich reiste ab, und war bereits dem Ziele in jeder Hinsicht nahe. Da überfallen mich Räuber, reißen mich aus dem Wagen, und schleppen mich durch Gestrüpp und Ruinen auf eine thurmhohe schmale Mauer, auf der wir hastig fortschreiten, während sie, vom Alter zerbröckelt, unter unsern Füßen zu wanken scheint. Der Marsch will kein Ende finden, und außer der Angst quält mich, wie die Räuber gleichfalls ein nagender Hunger. Sie rufen mir endlich wüthend zu, ich solle ihnen Nahrung schaffen, oder sie würden mich selbst schlachten. In dieser Noth däucht es mir, eine leise Stimme zu hören, die mir zuruft: Weise ihnen jene Thür. Ich blicke auf, und erblicke ein hohes klosterartiges Gebäude, mit Epheu überwachsen, an welches schwarze Tannen sich schmiegen, ohne Fenster noch Thüre, ausgenommen eine verschlossene porte cochère von Bronce, hoch genug um ein Haus hineinzuschieben. Schnell gefaßt, rufe ich nun den Räubern zu: Ihr Narren, was verlangt ihr von mir Nahrung, wenn das große Magazin gerade vor Euch liegt! – Wo? brüllt der [238] Hauptmann? – Oeffnet dieses Thor, erwiederte ich spöttisch. Als würde die ganze Bande es erst jetzt gewahr, stürzt nun Alles darauf los, der Hauptmann voran – doch ehe er es noch berührt, öffnen sich schon schweigend und langsam die ungeheuren Pforten. Ein seltsamer Anblick erschließt sich. Wir sehen in einen tiefen, tiefen Saal hinein, der uns endlos dünkt; in schwindelnder Höhe wölbt sich die Decke; prachtvoll ist alles verziert mit farbigem transparentem Gold, kunstvollen Basreliefs und Gemälden, die alle Leben und Bewegung zu haben scheinen. Auf beiden Seiten aber erstreckt sich an den Wänden hin eine unabsehbare Reihe grimmig aussehender Holzfiguren, mit grob gemalten Gesichtern, in Gold und Stahl gekleidet, Schwert und Lanze gezückt, und auf ausgestopften Pferden reitend. In der Mitte schließt die Perspektive ein schwarzes Riesenroß, das einen Ritter trägt, dreimal größer und dreimal furchtbarer als die übrigen. Vom Scheitel bis zur Zehe ist auch er in schwarzes Eisen gehüllt. – Wie inspirirt rufe ich aus: Ha, Rüdiger, du bist's, ehrwürd'ger Ahnherr, rette mich! Die Worte hallten, wie lauter Donner, hundertfach in den Gewölben wieder, und wir glaubten die Holzfiguren wie ihre Pferdebälge die Augen gräßlich verdrehen zu sehen. Alle schauderten – da plötzlich schleudert der Riese sein furchtbares Schlachtschwert, wie einen Blitz in die Höhe, und schon ist uns sein Roß, in entsetzlichen Sätzen vorwärts springend, ganz nahe, als eine Glocke mit dröhnenden Schlägen ertönt, und der Riese wieder [239] felsenfest vor uns steht. Wir aber, von Grausen überwältigt, flohen insgesammt, so schnell uns unsre Beine tragen wollten. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich nicht zurückblieb. Ich war indeß unter altes Gemäuer gerathen, die Angst machte meine Gebeine zu Blei. Jetzt erblickte ich eine Seitenthüre, und will eben hindurch, als eine gellende Stimme mir dicht in's Ohr schreit: half past seven! (halb acht Uhr). Vor Schreck bin ich im Begriff zu Boden zu sinken, eine starke Hand erfaßt mich – ich schlage betäubt die Augen auf und – mein irländischer Bedienter steht vor mir – blos um zu melden, daß, wenn ich nicht bald aufstünde, das Dampfboot ohnfehlbar ohne mich absegeln werde. Du siehst, Julie, sowie ich mich auf die Reise begebe, stellen sich auch wieder kleine Abentheuer ein, wäre es auch nur im Schlafe.

Auf dem Schiff fand ich die Leute noch beschäftigt, einen schönen, und fast noch mit mehr Ueberflüßigkeiten und Bequemlichkeiten bepackten Wagen, als ich mit mir führe, wenn ich auf diese Art reise, einzuschiffen. Der Kammerdiener und Bediente waren emsig und respektvoll dabei beschäftigt, während ein kleiner Mensch mit einem blonden sorgfältig gekräuselten Lockenkopf, ganz schwarz, aber sehr elegant gekleidet, und ohngefähr zwanzig Jahre alt, mit aller Indolenz eines englischen Fashionable, auf dem Verdeck hin und her schlenkerte, ohne von seinem Eigenthum und der Mühe seiner Leute die geringste Notiz[240] zu nehmen. Wie ich nachher erfuhr, war er eben zu einer Erbschaft in Irland von 20000 Pfd. Sterl. Revenüen gelangt, und nun im Begriff, es unter die Leute zu bringen. Er eilte nach Neapel, und schien so guter Dinge, daß selbst die Seekrankheit seine gute Laune nicht verdarb. Indem ich mit ihm sprach, dachte ich mir, uns Beide innerlich betrachtend: Voilà le commencement et la fin! Einen den die Welt aussendet und zu ihm sagt: Genieße mich – und einen den sie zu Hause schickt, und zu ihm sagt: Verdaue mich. – Der Himmel erhalte mir nur meinen guten Magen dazu! doch diese melancholischen Ansichten entstanden nur aus den qualms des Dampfkessels und der Seekrankheit, und nach einiger Ueberlegung freute ich mich an dem Anblick der hoffnungsreichen Jugend, als wenn ich es selbst wäre, dem sie noch Illusionen machte.

Heute Abend gedenke ich mit der Mail weiter zu gehen, und hoffe, daß ein gutes Diné der Ekelkur ein Ende machen wird, welche die Nachwehen der Ueberfahrt noch zurückgelassen hat.


Shrewsbury, den 16ten Abends.


Es ging mir nicht ganz so wohl als ich erwartete. Das Diné war keineswegs gut, sondern sehr schlecht, und die Folgen der See gaben mir Migraine, mit [241] der ich um Mitternacht abfahren mußte. Glücklicherweise waren wir nur zwei Personen in dem bequemen, viersitzigen Wagen, so daß Jeder eine ganze Seite einnehmen konnte. Ich schlief daher leidlich, und die Luft, wie die sanfte Bewegung, wirkten so wohlthätig, daß gegen sieben Uhr, als ich erwachte, das Kopfweh ziemlich vergangen war. Die Holyhead-Mail muß, allen Aufenthalt mit eingerechnet, zwei deutsche Meilen in der Stunde zurücklegen, daher nie Schritt, meistens Gallop gefahren wird. 1 Zum Frühstück trafen wir schon hier ein, wo ich blieb, um mir die Stadt zu besehen. Ich besuchte zuerst das Schloß, größten Theils ein uraltes Gebäude, von rothen Sandsteinquadern aufgeführt, inwendig aber etwas modernisirt. Die Aussicht von dem alten »Keep,« wo jetzt ein Sommerhäuschen steht, über den Fluß, und eine üppig bewachsene und fruchtbare Gegend, ist sehr freundlich. Nahe dabei ist das Stadtgefängniß, wo ich die armen Teufel in der Tretmühle arbeiten sah. Sie waren alle in gelbes Tuch gekleidet, soviel sächsischen Postillionen ähnlich, deren Phlegma eine gleiche Aufregung manchmal zu gönnen wäre. Von dieser neumodischen Erziehungsanstalt, wanderte [242] ich (mich schnell acht hundert Jahre zurückversetzend) nach den Ueberresten der alten Abtei, von der nur noch die schöne Kirche erhalten und im Gebrauch ist. Die Glasfenster darin sind, wie überall in England, von den verrückten Fanatikern unter Cromwell zerstört, aber hier mit neugemaltem Glas außerordentlich gut restaurirt worden. Der Erbauer dieser Abtei, Roger Montgomery, erster Graf von Shrewsbury, und einer der Feldherren Wilhelm des Eroberers, liegt in der Kirche, unter einem schönen Monumente begraben. Daneben ein Templer, ganz dem in Worcester ähnlich, nur nicht in Farben. Er liegt auch mit überschlagenen Beinen auf dem Steine ausgestreckt, wie jener, welche besondere Stellung eine Eigenthümlichkeit auf den Gräbern der Templer gewesen zu seyn scheint. Der Graf von Shrewsbury baute nicht nur die Abtei und dotirte sie, sondern starb auch selbst als Mönch darin, um seine Sünden zu büßen. So wußte die Elastizität des menschlichen Verstandes der rohen Gewalt der Ritter mit überlegener Schlauheit bald geistlichen Zaum und Gebiß anzulegen.

Die Stadt ist sehr merkwürdig wegen der Menge ihrer alten Privathäuser, alle von der seltsamsten Form und Bauart. Ich blieb oft in den Straßen stehen, um einige auf meiner Schreibtafel abzuzeichnen, was immer eine Menge Volks um mich versammelte, das mir verwundert zusah – und mich nicht selten störte. Die Engländer dürfen sich also [243] nicht so sehr wundern, wenn es ihnen in der Türkei und Aegypten eben so ergeht.


Hereford, den 17ten.


Es ist nicht zu läugnen, daß man, nach einiger Zeit der Entbehrung, den englischen comfort immer mit Vergnügen wieder findet. Abwechselung ist überhaupt die Seele des Lebens, und giebt jedem Dinge,dans son tour, wieder erneuten Werth. Die guten Gasthöfe, die reinlich servirten breakfensts und Dinners, die geräumigen, und sorgfältig gewärmten Betten, die höflichen und gewandten Kellner – fielen mir, nach dem irländischen Mangel, sehr angenehm auf, und versöhnten mich bald mit den höheren Preisen. Um zehn Uhr früh verließ ich Shrewsbury, wiederum mit der Mail, und erreichte Hereford um acht Uhr Abends. Da es nicht kalt war, saß ich außerhalb, und cedirte meinem Bedienten den Platz in der Kutsche. Zwei bis drei unbedeutende Männer, und ein hübscher, aufgeweckter Knabe von eilf Jahren formirten meine Gesellschaft auf der Impériale, wo gewaltig politisirt wurde. Der Knabe war der Sohn wohlhabender Gutsbesitzer, der von seiner hundert Meilen entfernten, Erziehungsanstalt zur Christmaß ganz allein zu Hause reiste. Diese Gewohnheit Kinder so früh schon, auf ihre eignen Kräfte anzuweisen, giebt ihnen gewiß für das folgende [244] Leben die vermehrte Selbständigkeit und Sicherheit, welche die Engländer vor andern Nationen, namentlich den Deutschen, voraushaben. Die Freude und bewegliche Unruhe des Kindes, je mehr es sich dem väterlichen Hause näherte, rührte und ergötzte mich. Es war so etwas Natürliches und Inniges darin, das mich unwillkührlich an meine eigne Kinderjahre erinnerte – dies unschätzbare, und zu seiner Zeit ungeschätzte Glück, das wir nur im Rückblick zu erkennen im Stande sind!


Monmouth, den 18ten.


Gute Julie, heute habe ich wieder einen jener romantischen Tage erlebt, die ich lange entbehrt, einen von den Tagen, deren mannichfache Bilder, wie Feenmährchen in der Kindheit, erfreuen. Der berühmten Scenery des Flusses Wye verdanke ich sie, die, selbst im Winter, auf den Namen einer der schönsten Gegenden Englands Anspruch machen kann.

Ehe ich Hereford verließ, besah ich noch sehr früh die Cathedrale, die, außer einem schönen Portico, nicht viel Sehenswerthes darbietet, hätte aber bald darüber die Mail versäumt, welche in England auf Niemand wartet. Sie war bereits im vollen Trabe, und ich fing sie wörtlich im Fluge auf. Nur für die dreizehn Meilen bis Roß, die wir außerordentlich [245] schnell, obgleich mit vier blinden Pferden, zurücklegten, bediente ich mich des Wagens, dann nahm ich ein Boot, schickte es fünf Meilen voraus nach dem alten Schloß Goderich, und schlug selbst meinen Weg dahin zu Fuß ein. Er führte mich zuerst auf einen hochgelegenen Kirchhof mit prachtvoller Aussicht, dann durch eine üppige Gegend, wie am Luganer See, bis zur Ruine, wo ich das kleine Boot mit zwei Ruderern und meinem Irländer schon vorfand. Ich mußte über den Fluß setzen, der hier ziemlich reißend ist, um zu dem, mit der alten Burg gekrönten, Berg zu gelangen. Das Steigen auf dem schlüpfrigen Rasen war ziemlich beschwerlich. Als ich in den hohen Thorweg trat, nahm mir ein Luftstoß die Mütze vom Kopfe, als wolle der Berggeist mir mehr Respekt für die Schatten der verblichenen Ritter einflößen. Die Ehrfurcht und Bewunderung konnte aber nicht vermehrt werden, mit der ich die dunklen Gänge, die geräumigen Höfe durchirrte, und auf die verfallenen Treppen hinaufkletterte. Im Sommer und Herbst wird der River Wye von Reisenden nicht leer, da aber wahrscheinlich nie ein methodischer Engländer die Reise auch im Winter unternahm, so sind auch die Leute nicht darauf eingerichtet, und ich fand den ganzen Tag lang nirgends weder Führer, noch irgend eine Sorgfalt zum Behuf der Touristen. So war auch die Leiter, welche nöthig ist, um zu der abgebrochenen Treppe des Hauptthurms zu gelangen, nicht vorhanden, sondern bereits in die Winterquartiere gebracht. Mit Hülfe der Bootsleute und meines [246] Dieners, etablirte ich jedoch eine Jakobsleiter, auf deren Rücken ich mich hinaufschwang. Man übersieht von der Zinne eine unermeßliche Strecke Landes, und die Raubritter, wenn es solche hier gab, konnten Reisende von hier schon Meilen weit ankommen sehen. Nachdem ich Alles gehörig durchkrochen hatte, und den Berg auf der andern Seite wieder hinabgestiegen, frühstückte ich behaglich im Boote, während dieses geschäftig von den schnell strömenden Wellen fortgetragen wurde. Das Wetter war schön, die Sonne schien hell, ein sehr seltner Fall in dieser Jahreszeit, und die Luft war so warm, wie an einem angenehmen Aprilstag bei uns. Die Bäume hatten freilich kein Laub, da sie aber ungemein dicht in Aesten, auch mit vielem Immergrün untermischt waren, und das Gras dabei weit grüner und heller glänzte als im Sommer, so verlor die Landschaft durch die Jahreszeit weit weniger als man erwartet hätte. Der Boden ist ungemein fruchtbar, die sanften Hügel von oben bis unten bewachsen, wenig Felder, meistens Wiesen zwischen den Büschen, und jeden Augenblick erscheint ein Thurm, Dorf oder Schloß, welche die fortwährenden Krümmungen des Flusses in den verschiedenartigsten Ansichten zeigen. Eine Zeit lang schwammen wir an den Gränzen dreier Grafschaften hin, Monmouth zur rechten, Hereford zur linken, und Gloucester vor uns. An einer malerischen Stelle, Eisenhämmern gegenüber, deren Flammen auch bei Tage sichtbar waren, erhebt sich ein Landsitz, der halb den neuen Stempel unserer Zeit,[247] halb den des grauen Alterthums trägt – dies ist die Wiege Heinrichs des V., denn hier verbrachte er seine Kindheit unter Aufsicht der Gräfin von Salisbury. Tiefer unten im Thal steht noch dieselbe unansehnliche kleine Kirche, in der er getauft, und seine Pflegerin begraben ward. Agincourt und Falstaff, Mittelalter und Shakespeare wurden lebendig vor meiner Phantasie, bis die noch ältere und größere Natur selbst, mich bald alles Uebrige vergessen ließ. Denn nun gleitete unser Kahn in die Felsenregion hinein, wo der schäumende Fluß, und seine kühnen Umgebungen den imposantesten Charakter annehmen. Es sind verwitterte und zerbröckelte Sandsteinwände, von riesenhaften Dimensionen, alle schroff und perpendikulair abfallend, aus Eichenwäldern hervorstehend, und mit hundertfachen Festons von Epheu überhangen. Die Regen und Stürme vieler Jahrtausende haben die weiche Masse in so phantastische Formen verwaschen und gemodelt, daß man künstliches Menschenwerk zu sehen glaubt. Schlösser und Thürme, Amphitheater und Mauern, Zinnen und Obelisken, äffen den Wanderer, der sich in die Ruinen einer Dämonenstadt versetzt wähnt. Oft lösen sich einzelne dieser Gebilde bei Unwettern ab, und stürzen verheerend, von Felsen zu Felsen abprallend, mit Donnergetöse in die hier unergründliche Tiefe des Stroms. Man zeigte mir die Ueberbleibsel eines dieser Blöcke, und das Monument des armen Portugiesen, den er in seinem Falle begrub. Diese seltsame Felsenformation erstreckt sich, fast acht Meilen [248] weit, bis eine Stunde vor Monmouth, wo sie mit einem einzeln stehenden Colosse schließt, welcher der Kopf des Druiden genannt wird. Von einem gewissen Punkte gesehen, zeigt er nämlich das schöne, antike Profil eines Greises, der in tiefem Schlaf versunken scheint. – Als wir vorbeifuhren, stieg eben der Mond über ihn empor, und gab ihm einen ergreifenden Ausdruck. Wie lange, dachte ich, sind dieses Schläfers Augen schon geschlossen, wie oft mag seitdem der Mond sein bleiches Antlitz bestrahlt, und was mag in uralten Zeiten sein Auge gesehen haben, wenn es je offen stand! Ich zweifelte daran in diesem Augenblick gar nicht, der Glaube war über mich gekommen und hatte mich selig gemacht, denn der heilige Augustin hat ganz recht, wenn er sagt: Eben deswegen glaube ich es, weil es kindisch und unmöglich ist! Ja, es war so, der todte Stein hatte für mich mehr Leben gewonnen, als alle wirklich lebenden Figuren um mich her.

Eine kurze Zeit lang fuhren wir nun zwischen verengten, dicht vom Wasser bis zur Spitze bewaldeten Ufern, hin, bis eine große kahle Felsenplatte sichtbar wurde, der König Arthurs Ebne genannt wird, weil der fabelhafte Held hier sein Lager aufgeschlagen haben soll. Eine halbe Stunde darauf langten wir in Monmouth an, einer kleinen alterthümlichen Stadt, in der Heinrich der V. geboren wurde. Seine hohe Statue prangt auf dem Dache des Rathauses; von dem Schloße aber, in dem er das Licht der Welt [249] zuerst erblickte, ist nur noch ein gothisch verziertes Fenster und ein Hof übrig, in dem Truthühner, Gänse und Enten gemästet werden. Dies paßte freilich besser zum Geburtsort Falstaff's.

Um einen schriftlichen Wegweiser zu kaufen, ging ich in einen Buchladen, wo ich unerwartet die Bekanntschaft einer sehr liebenswürdigen Familie machte. Sie bestand aus dem alten Buchhändler, seiner Frau, und zwei hübschen Töchtern, die unschuldigsten Landmädchen, die mir je vorgekommen. Ich traf sie bei ihrem Abendthee, und der Vater, ein gutmüthiger, aber für einen Engländer seltsam sprachseliger Schwätzer, nahm mich förmlich fest und gefangen, um mir die sonderbarsten Fragen über den Continent und die Politik vorzulegen. Die Töchter, die mich, wahrscheinlich aus Erfahrung, bedauerten, wollten ihn abhalten – ich ließ ihn aber gewähren, und gab mich de bonne grace eine halbe Stunde Preis, wodurch ich die Gewogenheit der ganzen Familie in solchem Grade gewann, daß alle mich auf das dringendste einluden, doch einige Tage hier in der schönen Gegend zu verweilen, und bei ihnen zu wohnen. Als ich endlich ging, wollten sie für das gekaufte Buch durchaus nichts annehmen, und ich mußte es bongré malgré als Geschenk behalten.

Solche schlichte Eroberungen freuen mich, weil ihre Ergebnisse nur vom Herzen kommen können.


[250] Chepstow, den 19ten.


Als ich früh angezogen war, und nach schnell genommenem Frühstück abreisen wollte, bemerkte ich, nicht ohne unangenehme Ueberraschung, daß mir meine Börse und Taschenbuch fehlten, die ich immer bei mir zu tragen pflege. Ich erinnerte mich ganz genau, sie gestern abend, als ich im Coffeeroom, wo ich mich ganz allein befand, gegessen und an Dich geschrieben hatte, vor mir hingelegt zu haben, weil ich aus dem Taschenbuch Noten für meinen Brief entnahm, und die Börse gebrauchte, um die Schiffer zu bezahlen. Ohne Zweifel hatte ich sie dort liegen lassen, und der Kellner sie sich zu Gemüthe geführt. Ich ließ ihn sogleich rufen, rekapitulirte das angegebne Factum, und fragte, ihn scharf dabei ansehend, ob er wirklich nichts gefunden? Der Mensch ward blaß und verlegen, und stammelte, er habe nichts gesehen, als ein einzelnes beschriebenes Blatt Papier, was, wie er glaube, noch unter dem Tische liege. Ich sah nach, und fand es in der That an der bezeichneten Stelle. Alles dies schien mir immer verdächtiger, ich machte daher dem Wirth, einem höchst widrig aussehenden baumlangen Kerl, Vorstellungen, die zugleich einige Drohungen enthielten, er aber antwortete kurz: Er kenne seine Leute, ein Diebstahl sey bei ihm seit dreißig Jahren nicht vorgefallen, mein Vorgeben sey ihm daher höchst auffallend – er werde zwar, wenn ich es wolle, sogleich nach einem Magistrat schicken, alle seine Leute schwören, [251] sein ganzes Haus untersuchen lassen – dann aber, setzte er höhnisch hinzu, vergessen Sie nicht, daß auch Ihre Sachen bis auf die größte Kleinigkeit untersucht werden müssen, und wenn man bei uns nichts findet, Sie die Kosten, und mir Entschädigung bezahlen werden. Qu'al lai-je faire dans cette galère! dachte ich, und sah wohl, das Beste sey, meinen Verlust, von ohngefähr zehn Pfund, zu verschmerzen, und abzuziehen. Ich nahm daher frische Noten aus meinem Mantelsack, bezahlte die ziemlich billige Rechnung, und glaubte bei dem mir herausgegebenen Gelde ganz deutlich einen meiner eignen Sovereigns wieder zu erkennen, der einen kleinen Riß über das allerhöchste Auge Georg des IV. hatte. Ueberzeugt, daß Wirth und Kellner unter eine Decke steckten, schüttelte ich den Staub von meinen Füßen, und hatte, als ich das Haus in einer Postchaise verließ, das Gefühl eines Menschen, der eben einer Räuberhöhle entronnen ist.

Um aber doch künftigen Reisenden einen Dienst zu erzeigen, ließ ich den Wagen, so wie ich um die Ecke war, halten, und ging zu Fuß zu dem gestern erwähnten Buchhändler, ihm mein Mißgeschick mitzutheilen. Das Erstaunen und Bedauern Aller war gleich groß – bald darauf fingen die Töchter indeß an mit der Mutter zu zischeln, machten sich Zeichen, nahmen dann den Vater bei Seite, und nach kurzer Deliberation kam die Jüngste wieder verlegen auf mich zu, und fragte erröthend: ob der eben gehabt [252] Verlust mir nicht vielleicht »a temporary embarrassment« verursachte, und ob ich nicht ein Darlehn von fünf Pfund annehmen wolle, was ich ihnen bei meiner Rückkehr wiedererstatten könne? dabei wollte sie mir die Note gleich in die Hand stecken. – Diese Güte rührte mich wirklich tief – sie hatte etwas so Zartes und Uneigennütziges, daß die größte Wohlthat mir vielleicht, unter andern Umständen, weniger Dank eingeflößt haben würde, als dieser gute Wille. Du kannst denken, wie herzlich ich dankte. Gewiß, sagte ich, würde ich, wenn ich es im geringsten nöthig hätte, nicht zu stolz gewesen seyn, ein so gut gemeintes Darlehn anzunehmen, da dies aber in keiner Art der Fall sey, so würde ich Ihre Großmuth auf eine andere Weise in Anspruch nehmen, und bäte mir daher aus, von jeder der zwei hübschen Monmoutherinnen einen Kuß mit nach dem Continent nehmen zu dürfen. Dies geschah unter vielem Lachen, und mit freundlicher Hingebung, worauf ich, so betrachtet, meinen Wagen wieder aufsuchte. Da ich gestern auf dem Wasser geschifft, zog ich heute den Weg zu Land vor, der ebenfalls immer längs des Flusses nach Chepstow führt. Die Gegend bleibt von derselben Art; reich, dunkelwaldig und wiesengrün, hier aber noch vielfach durch Hochöfen, Zinn- und Eisenwerke belebt, deren Feuer in gelb, roth, blau und grünlichen Farben spielen, und aus thurmhohen Feueressen lodern, wo sie zuweilen ganz die Form großer glühender Blumen annehmen, wenn Feuer und Rauch, von der Atmosphäre niedergedrückt, [253] lange Zeit in dichter unbeweglicher Masse verweilen. Ich stieg aus, um eines der Zinnwerke zu besehen. Es wurde nicht, wie gewöhnlich, von einer Dampfmaschine, sondern von einem ungeheuern haushohen Wasserrade getrieben, das wiederum drei oder vier kleinere in Bewegung setzte. Dieses Rad hatte die Kraft von achtzig Pferden, und die reißende Geschwindigkeit, mit der es sich drehte, der grausende Lärm, der im Moment, wo es angelassen ward, ertönte, die Funken sprühenden Feuerheerde rund umher, wo das Eisen glühte, und die halb nackten schwarzen Figuren dazwischen, die mit Hämmern und Keulen wild handirten, und die rothzischenden Tafeln umherwarfen – es paßte Alles vortrefflich zu einem Bilde der Schmiede Vulkan's.

Die Manipulation beginnt damit, daß geschmiedete Eisenbarren oder Stäbe von einem halben Zoll Dicke und acht Fuß Länge, unter ein selbst agirendes Messer gehalten werden, das sie in fußlange Stücke schneidet, mit einer Grazie und Leichtigkeit, als leisteten sie nicht mehr Widerstand, wie frische Butter. Das abgeschnittene Stück wird sogleich einem andern Arbeiter zugeworfen, der es in ein höllisches Feuer schiebt, wo es in wenigen Augenblicken glühend wird. Er holt es dann mit einer Zange wieder heraus, und wirft es, eine Station weiter, auf den sandigen Boden. Hier hebt es ein Dritter auf, und schiebt es unter eine Walze, die es nach mehrmaligem schnellen Umdrehen in eine viermal größere und eben soviel[254] dünnere Platte verwandelt. Diese Platte geht nun denselben Weg wieder in's Feuer zurück, wird dann von Neuem gewalzt, und so fort, bis sie so dünn wie Papier ist. Nun werden die Platten erst in die ihnen bestimmte definitive Form geschnitten, hierauf geschlagen und gereinigt, welches noch einmal Feuer, nebst gewissen andern Zuthaten, erfordert. Dann kommen sie in ein zweites Haus, wo sie in Vitriol und Sand gewachsen, nachher in das mit Fett flüßig erhaltne Zink getaucht, und zuletzt von Weibern mit Kleie sauber gereinigt und so schön polirt werden, daß man sich darin spiegeln kann. Eine solche Fabrik ist wie eine Welt im Kleinen. Man sieht, hier wie dort, das Höchste und Niedrigste zugleich bestehen, und doch auch den mühsamen Durchgang eines Jeden durch alle Grade, und wie nach und nach das Grobe zum Feinsten wird.

Auf halbem Wege verwandelte sich, wie gestern, die freundliche Gegend, in ernstere Felsen, und da, wo sich ein tiefer Kessel verschieden geformter Berge bildet, erblickten wir in dessen Mittelpunkt, hart über dem silbernen Strome sich erhebend, die berühmte Ruine von Tintern Abbey. Eine vortheilhaftere Lage und imposantere Ueberreste eines weiten, alten Klosters, lassen sich kaum denken, ja der Eintritt in dieselben gleicht ganz einer phantastischen Theaterdekoration. Die große Kirche steht fast noch ganz erhalten, nur einige ihrer Pfeiler und das Dach fehlen. Die Gebäude sind von menschlicher Hand grade so [255] weit unterstützt, als es alle Ruinen seyn sollten – nämlich der unmalerische und das bequeme Besehen derselben verhindernde, Schutt ist aufgeräumt, ohne doch irgend etwas auszubessern, noch angewandte Sorgfalt zu viel bemerken zu lassen. Ein schöner ebner Rosenteppich deckt den Boden, und großblättrige Wucherpflanzen wachsen aus dem Gestein. Die herabgefallnen Zierrathen sind zum Theil wieder zu künstlerischer Unordnung benutzt, und eine vollkommene Doppelallee von dicken Epheustämmen (ich kann es nicht anders nennen) klimmt an den Pfeilern empor, und bildet ein wundervolles Laubdach in der Höhe. Um die Ruine besser zu sichern, hat man ein neues, mit Eisen beschlagnes Eingangsthor im Styl des alten hergestellt, welches plötzlich vor Einem geöffnet, den überraschendsten Eindruck hervorbringt. Man steht, ganz unerwartet, auf einmal in der erwähnten Pfeiler- und Epheuallee, und sieht sie, dreihundert Schritt weit vor sich, perspektivisch zusammentreten und durch ein prächtiges achtzig Fuß hohes und dreißig Fuß breites Fenster geschlossen, hinter dessen durchwundnen Steinzierden man einen spitzen, dichtbewaldeten Berg erblickt, aus dem hie und da schroffe Felsenmassen heraustreten. Oben in der Höhe weht der Wind mit den Epheuguirlanden, und Wolken werden am tiefblauen Himmel sichtbar, die eilend hindurchziehen. Gelangt man in die Mitte der Kirche, wo man das Kreuz übersieht, so bieten die Fenster der Seitenflügel, fast mit dem Mittelfenster von gleicher Größe, ähnlich schöne, und doch sehr [256] [255]verschiedne Aussichten dar, alle aber in dem wilden und erhabnen Styl, der der Ruine zusagt. Die nächste Umgebung der Kirche ist ein üppiger Obstgarten, was im Frühjahr einen reizenden Effekt hervorbringen muß, wenn die alten schwarzen Mauern aus dem duftenden Blüthenmeere emporsteigen. Ein vandalischer Lord und Lord-Lieutenant der Provinz ging, wie ich hörte, mit dem frommen Gedanken um, die Kirche wieder herzustellen. Glücklicherweise nahm ihn der Himmel vor der Ausführung zu sich.

Von Tintern Abbey an steigt die Straße ununterbrochen bis hoch über den Fluß hinan, den man jedoch nie ganz aus den Augen verliert. Die Gegend selbst erreicht den höchsten Grad ihrer Schönheit nach drei oder vier Meilen, bei einer Villa des Herzogs von Beaufort, das Mooshaus genannt; hier sind reizende Anlagen, welche durch wilden Wald und immergrüne Sträucher, bald am Rande tiefer Felsenwände, bald durch die dunkle Höhlen, die die Natur selbst gebildet, oder auf offne Platten heraustretend, in vielfachen Windungen bis zur höchsten Spitze des Gebürges, der Windcliff (Sturmklippe) getauft, führen, wo man eine der größten Aussichten Englands, und zwar im erhabensten Styl, genießt.

Ohngefähr achthundert Fuß tief, zeigt der ziemlich jähe Abhang unter Dir, theils einzeln hervorstehende Felsen, theils eine grüne, bebuschte schroff abfallende Fläche. An ihrem Fuße verfolgt das Auge mehrere Meilen weit den Lauf des Flusses Wye, der links [255] aus einer Wald- und Bergschlucht hervorbricht, sich in einem weiten Bogen nähert, eine Gärten ähnliche grüne Halbinsel, die einen mit Boskets bedeckten Hügel bildet, umfließt; dann rechts an einer ungeheuern Felsmauer, die mit einem Standpunkt fast gleiche Höhe hat, sich schäumend durcharbeitet, und zuletzt bei der, einer verfallnen Stadt ähnlichen, Ruine des Schlosses von Chepstow, sich in den Kanal von Bristol ergießt, wo Alles im Ocean in nebelhafter Ferne verdämmert.

Jenseits des Flusses, vor Dir, erstreckt sich, fast durch die ganze zu übersehende Gegend hin, der scharfe Kamm eines langen Bergrückens, mit dichtem Walde bedeckt, aus dessen Baumgewühl eine fortlaufende, mit Epheu festonirte Felswand malerisch hervorbricht. Ueber diesem Gebürgskamm siehst Du von Neuem Wasser, die 5 Meilen breite Severn, welche von hundert weißen Segeln wimmelt, und an ihren jenseitigen Ufern erblickst Du noch zwei sich übereinander lagernde blaue Hügelreihen voll Fruchtbarkeit und reichem Anbau.

Die Gruppirung dieser Aussicht bildet ein vollendetes Ideal, und ich kenne keine schönere. Unerschöpflich an Details, von unabsehbarem Umfang, und dennoch von so hervorstechenden, grandiosen Hauptzügen, daß dadurch die Verwirrung und Leere, welche ein sehr weit umfassender Horizont gewöhnlich verursacht, gänzlich vermieden wird. Der Park von Piercefield, der von Windcliff bis Chepstow die Felsund [256] Bergrücken einnimmt, ist daher ohne Zweifel einer der herrlichsten in England, wenigstens was seine Lage betrifft. Er besitzt Alles, was die Natur nur geben kann, hohen Wald, prächtige Felsen, den fruchtbarsten Boden, ein mildes günstiges Klima für Vegetationen aller Art, einen reißend strömenden Fluß, das nahe Meer, Einsamkeit, und aus ihrer Ruhe die Aussicht in diese reiche Gegend, die ich geschildert, gehoben vom Anblick einer der erhabensten Burgruinen, welche nur des Malers Pinsel erfinden könnte, ich meine das über dem Fluß hängende, mehr als 6 Morgen Landes bedeckende Schloß von Chepstow, welches nach der Stadt zu den Park begränzt, obgleich es nicht als Eigenthum dazu gehört.

Fast alle Schloßruinen in England verdanken wir Cromwell, so wie die zerstörten Kirchen und Klöster Heinrich dem Achten. Die Erstern wurden mit Feuer und Schwerdt verheert, die andern blos aufgehoben, und dem nagenden Zahne der Zeit, wie dem Eigennutze der Menschen überlassen. Beide Potenzen haben vollkommen gleich gewirkt, und die beiden großen Männer dadurch einen Effekt hervorgebracht, den sie freilich nicht bezweckten, der aber dem gleich ist, den ihre Personen selbst in der Geschichte zurückgelassen, nämlich ein pittoresker. Ich wanderte durch den Park zu Fuß, und ließ den Wagen auf der Landstraße folgen. Erst bei halber Dämmerung erreichte ich die Ruine, was ihren großartigen Eindruck [257] auf mich nur noch vermehrte. Das Schloß hat vier weitläufige Höfe nebst einer Kapelle, und ist zum Theil noch gut erhalten. Hohe Nuß- und Taxus-Bäume, Obstplantagen und schöner Rasen zieren das Innere, wilde Wein- und Schlingpflanzen aller Art bedecken die Mauern. In dem am besten conservirten Theile des Schlosses wohnt eine Frau mit ihrer Familie, die dem Besitzer, dem Herzog von Beaufort, eine Rente für die Erlaubniß zahlt, die Ruine Fremden zu zeigen, welche einen Schilling dafür erlegen müssen. Du siehst, qu'en Angleterre on fait fléche de tout bois, und daß ein dortiger Herzog mit 60000 Pf. St. Einkünfte weder den Heller der Wittwen verschmäht, noch sich scheut, Fremde regelmäßig in Contribution setzen zu lassen. Es giebt zwar leider deutsche Souverainchen, die es nicht anders machen.

Eben sowohl mit meinem durchlebten Tage zufrieden, als müde vom Klettern, und durchnäßt vom Regen, der sich in der letzten Stunde wieder eingestellt hatte, eilte ich in den Gasthof, in mein Negligee, und zum Eßtisch. Da fühlte ich etwas Ungewöhnliches in der Tasche meines Schlafrocks – verwundert brachte ich es heraus, und beschämt betrachtete ich erst – die gestohlen geglaubte Börse nebst Taschenbuch! jetzt erst fiel es mir bei, daß ich sie am vorigen Abend an diesen ungewöhnlichen Ort verwahrt, aus Besorgnis, sie später auf dem Tische zu vergessen. Dies soll mir wenigstens eine Lehre seyn, [258] nicht mehr zu leicht auf den bloßen Schein hin, und auf dieVerlegenheit des Angeklagten zu verdammen, denn bei Menschen von reizbarem Nervensystem und regem Ehrgefühl bringt leicht der bloße Gedanke: daß Andere einen solchen Verdacht haben könnten – dieselben Symptome, wie bei Sündern das Bewußtseyn der Schuld hervor. Meinem guten Herzen wirst Du zutrauen, daß ich sogleich einen Brief an meinen Freund, den Buchhändler, expedierte, um Wirt und Kellner zu disculpiren, und als Schmerzensgeld für den Letzteren zugleich zwei Pfund beilegte, die ich an ihn, mit meiner Bitte um Verzeihung, abzugeben ersuchte. Hierauf schmeckte mir in Wahrheit das Essen noch besser, da ich nach Kräften Uebles wieder gut gemacht.


Dein treuer L...

Fußnoten

1 Unsere Eilkutschen werden nur dann den englischen gleich kommen, wenn einmal die Post ganz frei gegeben wird, dann aber auch eine gleiche Concurrenz von Reisenden angeschafft. Beides steht nicht zu erwarten.

A.d.H.

45. Brief
[259] Fünf und vierzigster Brief.

Bristol, den 20sten Dezember 1828.


Gute Julie!


Ich hoffe, Du folgst mir auf der Karte, was Dir meine Briefe besser versinnlichen wird, wenn Du auch dort keine der schönen Aussichten mit genießen kannst, welche ich sah, die ich Dir aber alle in meinen Lebens- und Erinnerungs-Bildern in getreuer Copie mitbringe.

Ich besuchte früh noch einmal das herrliche Schloß, wo mich diesen Morgen ein blühendes Mädchen herum führte, die einen sehr anmuthigen Contrast mit den verbrannten Thürmen, dem schauerlichen Gefängnisse des Königsmörders Martin, und dem dunklen Burgverließ abgab, in das wir zusammen viele Stufen hinabstiegen. Dann besuchte ich eine Kirche [260] mit besonders zierlichem altsächsischen Portal und einem sehr schön gearbeiteten Taufbecken in demselben Styl. Hier liegt auch der arme Martin begraben. Er war einer der Richter Carl I. und saß 40 Jahre im Schlosse zu Chepstow gefangen, ohne doch je, wie man behauptet, dort seine gute Laune ganz zu verlieren. Nach den ersten Jahren scheint überhaupt seine Haft milder geworden zu seyn, und man ihn auch nach und nach immer etwas besser logirt zu haben, denn Carl II. war nicht grausam. Wenigstens zeigte mir das Mädchen heute früh drei Gemächer, wovon das unterste freilich ein schauderhaftes Loch war, und ciceronisierte dabei in folgenden Worten: »Hier streckte man Martin zuerst hinein, als er noch böse war; da er aber nachher in sich ging, kam er einen Stock höher, und endlich, als er religieus wurde, bekam er das Zimmer mit der schönen Aussicht oben.«

Um zwei Uhr fuhr ich mit einer sehr vollen Stage coach, wo ich, ohngeachtet des heftigen Regens, nur mit Mühe noch einen Platz auf dem Bocke bekam, nach Bristol. Wir passirten den Fluß auf einer schönen Brücke, die zugleich den besten Standpunkt zur Ansicht des Schlosses bietet, welches sich unmittelbar über den, senkrecht nach dem River Wye herabfallenden Felsen erhebt, und besonders dadurch einen so äußerst malerischen Anblick gewährt. Wir behielten dann noch lange den Park von Piercefield und seine Felsenwände, jenseits des Flusses, im Angesicht. Ich[261] sagte zu dem Herrn der Stage, der selbst fuhr, der Besitzer dieses schönen Parks müsse ein glücklicher Mann seyn! »Keineswegs,« erwiderte er, »der arme Teufel ist voller Schulden«, hat eine zahlreiche Familie, und wünscht gar sehr, einen guten Käufer für Piercefield zu finden. Vor drei Monaten war schon Alles richtig mit einem reichen Kaufmann aus Liverpool, der das schöne Gut für seinen jüngsten Sohn bestimmte. Doch ehe noch abgeschlossen wurde, verheirathet sich dieser Sohn heimlich mit einer Schauspielerin, der Vater enterbt ihn, und so wurde der Kauf rückgängig. Das hätte wahrlich Stoff zu einigen moralischen Betrachtungen gegeben! Das Wetter wurde unterdessen immer abscheulicher, und artete zuletzt in einen völligen Sturm aus. Wir hatten ihn zwar im Rücken, dennoch war die Fahrt über den Channel höchst unangenehm. Die vier Pferde, alles Gepäck, und die Passagiere wurden pèle mêle in ein kleines Boot gepackt, so voll und gepreßt, daß man sich kaum darin rühren konnte. Der Posten neben den Pferden war wirklich gefährlich, da sie sich zuweilen vor den Segeln scheuten, besonders wenn diese gewandt wurden. Ein Herr fiel bei einer solchen Gelegenheit, sammt der Kiste, auf der er saß, grade unter sie, wurde aber von den gutmüthigen Thieren nur ein wenig getreten, glücklicherweise aber nicht geschlagen, wie es ihm leicht hätte arrivieren können. Das Boot, heftig vom Sturm getrieben, lag ganz auf einer Seite, und unaufhörlich spritzten die Wellen über, und durchnäßten uns von Kopf bis zu [262] Fuß. Als wir endlich anlangten, war das Debarkiren auch eben so mühsam als schmutzig, und ich verlor dabei, zu meinem großen Mißvergnügen, einen Theil der Werke Lord Byrons. Man sagte mir, daß diese Ueberfahrt, der häufigen Stürme, des seichten Grunds und der vielen Klippen wegen, oft Unglücksfälle herbeiführe. Vor sechs Monaten scheiterte das Schiff mit der Mail, und mehrere Personen verloren das Leben dabei. Wir konnten das gewöhnliche Landungshaus auch diesmal nicht erreichen, und mußten daher an der Küste debarkiren, von wo wir, auf einem Strand von roth- und weißgestreiftem Marmor, bis zum Gasthof zu Fuß gingen. Hier bestiegen wir eine andere Stage oder Landboot, mit zwanzig Personen gefüllt, und fuhren (aber nicht so schnell als mit der Mail) nach Bristol, von dessen gepriesener Lage ich für heute nur die hellen Glaslaternen und wohl versehenen, bunten Läden gewahr wurde.


Bath, den 21sten Abends.


Wenn ich in der Erinnerung aufsuche, was denRiver Wye so schön macht, und vor so vielen andern Flüssen den Vorzug gibt, so finde ich, daß es vorzüglich seine bestimmt gezeichneten Ufer sind, die sich nie in undeutliche Linien verflachen, noch eine nichtssagende Mannichfaltigkeit ohne Charakter darbieten,[263] ferner, daß ihn fast immer Wald, Felsen oder Wiesen, durch Gebäude belebt, selten nur Felder und bebaute Fluren begränzen, denn diese letztern sind zwar eine nützliche Sache, aber nicht malerisch. Die vielen und kühnen Krümmungen machen, daß auch die Ufer sich unaufhörlich verschieben, und so aus denselben Gegenständen hundert verschiedne Schönheiten sich entfalten, wie die Stimme, nach mehreren Seiten gewandt, ein vielfaches Echo hervorruft. Beiläufig gesagt, ist dies auch der Hauptgrund, warum Landschaftsgärtner gekrümmte Wege den graden vorzogen. Diesen Gedanken hatten die Maler; nur die Pinsel machten gewundene Korbzieher daraus, indem sie glaubten, daß ihre imaginaire Schönheitslinie, nicht die verschiedene Ansicht der Landschaft, damit bezweckt werde.

Da die Gegenstände, die sich den River Wye entlang darbieten, fast immer nur wenige in großen Massen sind, so bilden sie schöne Gemälde, weil Gemälde eine kürzere Abgränzung verlangen. Die Natur schafft nach einem Maßstabe, den wir, in seinem Totaleffekt, gar nicht beurtheilen können, dessenhöchste Harmonie uns daher verloren gehen muß – die Kunst also strebt darnach, nur einenTheil derselben als ein für Menschen verständliches Ganze idealisch zu formen, und dies ist meines Erachtens die auch der Landschaftsgärtnerei zum Grunde liegende Idee. Doch die Natur selbst bietet für diesen Zweck oft schon einzeln vollendete Muster [264] dar, einen landschaftlichen Microcosmus, und selten findet man deren in kurzen Räumen mehr vereinigt als auf dieser Fahrt, wo jede neue Wendung des Flusses, so zu sagen, einen neuen Kunst-Genuß darbietet; Pope singt irgendwo schön von dieser Gegend:


Pleas d'Vaga echoes thro 'its winding bounds,

And rapid Severn hoarse applause resounds.


Die deutsche Sprache hat, bei allen ihrem Reichthum, etwas Unbehülfliches für die Uebersetzung, besonders bei Uebertragungen aus der englischen, der dagegen ihre Zusammensetzung aus so vielen Sprachen eine ganz eigenthümliche Leichtigkeit giebt, fremde Gedanken auszudrücken. Mir ist daher auch die erwähnte Strophe fast unübersetzbar erschienen. So oft ich es versuchte, verlor der Gedanke seine Grazie, vielleicht war aber auch meine eigne Unbehülflichkeit daran Schuld.

Daß zwei der schönsten Ruinen in der Welt amRiver Wye liegen, ist ebenfalls kein kleiner Vorzug, und nie wurde es mir klarer als hier, daß Propheten in ihrem Vaterlande nichts gelten, denn wie würden sonst so viel tausend Engländer weit hinwegziehen, um oft über viel geringere Schönheiten in Enthusiasmus zu gerathen, als ihr eignes Vaterland darbietet. Noch eine Frage möchte ich aufwerfen, warum überhaupt Ruinen so viel mehr die menschliche Seele ergreifen, als es kaum die höchsten vollendeten architektonischen Kunstwerke vermögen? Es [265] scheint fast, als ob diese Menschenwerke erst ihre Vollkommenheit erreichten, wenn die Natur sie wieder corrigirt hat – und noch ist es gut, wenn zuletzt der Mensch nochmals eingreift, in den Zeitpunkt, wo die Natur anfängt, seine Spur gänzlich zu verwischen. Eine grandiose und wohl erhaltne Ruine ist darum das schönste Gebäude.

Ich erwähnte schon, daß die Umgegend von Bristol ebenfalls, und mit Recht, einen hohen Ruf hat. An Reichthum, Ueppigkeit der Vegetation und Fruchtbarkeit, kann sie von keiner übertroffen werden, an malerischen Schönheiten gewiß nicht von vielen. C'est comme la terre promise; Alles was man sieht, (und als Gourmand setze ich hinzu) auch alles was man genießt, ist in hoher Vollkommenheit.

Bristol, eine Stadt von 100000 Einwohnern, liegt in einem tiefen Thal; Clifton, das sich am Berge terrassenförmig unmittelbar darüber erhebt, scheint nur ein anderer Theil derselben Stadt. Daß durch diese Lage außerordentliche Effekte hervorgebracht werden müssen, kann man sich leicht vorstellen. Aus dem verworrenen Gewühl der Häusermasse der alten Hauptstadt im Thale ragen drei verwitterte gothische Kirchen empor. Gleich stolzen Ueberresten der Feudal- und Mönchsherrschaft (denn beide gingen, obgleich als feindliche Brüder, Hand in Hand) scheinen sie, im Gefühl der alten Größe, noch ihre greisen Häupter nicht beugen zu wollen vor dem aufgeschoßnen Pflanzendickicht neuerer Zeit. Besonders eine[266] derselben, Radcliffchurch, ist ein ganz wunderbarer Bau; leider hat der Sandstein, aus dem sie aufgeführt ist, so sehr von der Zeit gelitten, daß alle Zierrathen wie angenagt erscheinen. Ich trat während des Orgelspiels hinein, und obgleich ich, mit schuldiger Schicklichkeit, und großer Ehrerbietung, mich nur in eine Ecke stellte, von wo ich das Innere verstohlen überblicken konnte, wollte mir doch die Illiberalität des englisch-protestantischen Cultus dies nicht gönnen, und der Prediger sendete eine alte Frau an mich ab, um mir anzudeuten, daß ich mich setzen müsse. Da man in katholischen Kirchen die Gläubigen nicht so leicht stört, selbst wenn man, ohne alle Rücksicht, nur hineingeht, um die Sehenswürdigkeiten zu betrachten, und sich gar nicht an den Cultus kehrt, so wunderte ich mich mit Recht, daß die englisch-protestantische Frömmigkeit ihrer eignen Schwäche so wenig zutraue, um so zu sagen von einem Hauch schon umgeblasen zu werden – man löste mir aber nachher das Räthsel. Ich hätte für den Sitz bezahlen müssen, und der halbe Schilling war das eigentliche fromme Motiv. Ich hatte indeß schon genug gesehen, und verließ die Mummerei 1, ohne zu bezahlen.

[267] In den Gasthof zurückgekehrt, ließ ich nun schnell eine Postchaise anspannen, setzte mich auf den Bock, (nicht als den höchsten Ehrenplatz, wie der Kaiser von China, sondern als höchster Aussichtsplatz –) und begann meine Excursionen in der Umgegend. Zuerst besah ich die warmen Bäder der Stadt, wo an den Ufern des Severn ein felsiges Thal beginnt, das viel Aehnliches mit dem Plauischen Grunde bei Dresden hat, nur daß die Felsen höher, und die Wassermasse weit reicher ist. Wir begegneten hier dem Maire, in seiner Staatsequipage, prachtvoller als die unsrer Könige auf dem Continent. Sie stach sonderbar mit der einsamen Felsengegend ab. Als sie eben vorbeikam, zeigte mir der Postillon einen entfernten verfallenen Thurm, Cook's Folly genannt, auch eines Maire und reichen